diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:53:34 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:53:34 -0700 |
| commit | 54b183de50ba9c18cd5d2a36156e61d334d8e110 (patch) | |
| tree | 3d39c6f1f627e3334993de155ef7f7bec43ff180 | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 18551-0.txt | 9381 | ||||
| -rw-r--r-- | 18551-0.zip | bin | 0 -> 229623 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 18551-8.txt | 9381 | ||||
| -rw-r--r-- | 18551-8.zip | bin | 0 -> 228229 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 18551-h.zip | bin | 0 -> 243136 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 18551-h/18501-h.htm | 11615 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 |
9 files changed, 30393 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/18551-0.txt b/18551-0.txt new file mode 100644 index 0000000..7007bc7 --- /dev/null +++ b/18551-0.txt @@ -0,0 +1,9381 @@ +Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Wendekreis - Erste Folge + Novellen + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: June 11, 2006 [EBook #18551] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Der Wendekreis + von + Jakob Wassermann + + Erster Band + + + Der unbekannte Gast + Adam Urbas + Golowin + Lukardis + Ungnad + Jost + + + 1920 + S. Fischer / Verlag / Berlin + + + + Erste bis zehnte Auflage + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten + Copyright 1920 S. Fischer, Verlag + + + + +Inhalt + +Der unbekannte Gast ..... 7 +Adam Urbas .............. 45 +Golowin ................. 79 +Lukardis ................ 167 +Ungnad .................. 201 +Jost .................... 293 + + + + +Der unbekannte Gast + + +An die Pforte dieses Werkes, das der Verfasser nicht ohne +verantwortungsvolles Zagen unternimmt, sei eine Geschichte von +hinübergreifender Beziehung gestellt, weniger in sich selber ruhend als +sonst Geschichten schlechthin, doch mit nichten Brevier oder +Verkündigung, nur Brücke, nur Weiser, und so auch Bild und Gespinnst +eher als Vorgang und Ereignis. + + * * * * * + +Ein Schriftsteller in mittlerem, ja vorgerücktem Alter, er werde Mörner +genannt, erfuhr zu einer bestimmten Zeit des letztvergangenen Jahres +eine unerklärliche Veränderung seines seelischen Gleichgewichts. Er +hatte nach längerer Ruhepause eine neue Arbeit begonnen, die seine +Gedanken despotisch beherrschte, und deren Schwierigkeiten ihn nicht nur +nicht abschreckten, sondern alle freien Kräfte in ihm sammelten und +gegen ein lockendes Ziel trieben. + +Auf einmal brachen diese Kräfte. Eines schönen Tages erlahmte der Nerv +des Schaffens. Daß es keine vorübergehende Unlust, keine jener Trübungen +war, die wie Nebel über einer Landschaft und doch im Grunde atmende +Zeugnisse des Lebens sind, spürte Mörner. Es war wie wenn die Feder in +einer Uhr zerbricht, oder noch beunruhigender, wie wenn man eine +Vorratskammer betritt, die man mit Fleiß und Umsicht gefüllt hat, und +sie gänzlich leer findet. + +Schließlich war es ein Verlust wie der Tod eines Wesens. Er sprach in +einem Freundeskreis darüber, mit Zurückhaltung anfangs, da es ihm +widerstrebte, innere Wirrungen zum Gegenstand des Meinungsaustausches zu +machen. Die Verstimmung, unter der er litt, war bereits aufgefallen; +was er nun als ihre Ursache bezeichnete, wollte keinem recht einleuchten +und man hielt es für Hypochondrie eines Zwischenzustandes. Man kannte +seine zweifelsüchtige und häufig schwankende Art; er hatte oft genug das +Schauspiel des Selbstquälers gegeben, der nach jeder abgeschlossenen +Leistung sie zerpflückte und hilflos wie vor dem ersten Beginn in die +Zukunft schaute, alles von Schicksal und Fügung erhoffend, nichts oder +wenig von seinem Talent. Aber seine Hingabe war unbegrenzt, seine Arbeit +ein opfervoller Dienst; dem unermüdlichen und redlichen Bemühen war der +reinste Wille gesellt, die Unbestechlichkeit des Gewissens, die jede +Erleichterung und Versüßung ablehnt. Dazu kam, daß ihm der Erfolg nicht +gefehlt hatte; mißtraute er ihm auch, so war er doch von ihm auf eine +gewisse Lebenshöhe getragen worden; war auch sein Name, sein Werk +umstritten, so genoß er doch die Achtung, ja die verehrende Neigung +Vieler und erhielt nicht selten unzweideutige Beweise davon. + +Die Freunde nahmen also seine sichtliche Verstörung nicht ernst. Dies +reizte seine Ungeduld, und als einer von ihnen mit etwas zu billigem +Trost geendet hatte, sagte Mörner: »Wenn ein Mensch wie ich nicht mehr +an die Wichtigkeit und Notwendigkeit seiner Mission glaubt, ist er +einfach das allerüberflüssigste Geschöpf auf Erden. Wie erst, wenn ihm +die Aufgabe selber entschwindet, wenn er nicht mehr weiß, was er +überhaupt noch soll und das Fertige wie ein umgeblasenes Kartenhaus +hinter ihm liegt? Da wird alle Wirklichkeit ein Gespenstergraus; sein +Geist hat gar nicht Fassungsraum genug für die Tiefe des Abgrunds, der +vor ihm gähnt.« + +Die Freunde stutzten und schwiegen. Einige begriffen nicht recht, was +er meinte, und er fuhr achselzuckend fort: »Mission ist freilich ein +viel zu anspruchsvolles Wort. Man dürfte seinen Ehrgeiz nicht über die +Haltung eines honetten Handwerksmeisters spannen. So war es in früheren +Zeiten. Das Außerordentliche entstand gleichsam durch bescheidenen +Zufall, nicht in priesterhafter Gier und Askese. Was erstrebt man denn, +was ersehnt man denn? Man will das Formlose formen; was die Natur +zerstückelt liegen läßt, zusammenfügen und es der großen Vergeuderin und +Zerstörerin entgegenhalten. Unzulänglich bleibt man dabei immer, aber es +ist wunderbar, so lang das Material gehorcht, und das Auge, und die +Hand. Zerrinnt einem aber der Stein, den man aus dem Bruch schlägt, zu +flüssigem Sand, flattern von der Fackel, die man am großen Weltenfeuer +entzündet hat, statt der Flammen rotgefärbte Papierfetzen empor, so ist +es schlimm, mehr als schlimm, es ist das Ende.« + +Mit jäher Bewegung erhob er sich und ging ohne Gruß. Die Freunde sahen +einander verwundert an. + + * * * * * + +Eine Zeit lang verschanzte er sich in seinem Hause, und niemand konnte +zu ihm gelangen. Dann hieß es, er sei verreist, um in der Stille eines +Landaufenthalts Sammlung zu gewinnen. Aber schon nach ein paar Tagen +kehrte er zurück. Sein Aussehen erregte Besorgnis. Tiefe Gruben hatten +sich in den Wangen gebildet; der Blick war der eines Kranken. Er kam +wieder zu den Freunden und gestand, die Einsamkeit sei ihm Pein. Doch +auch Geselligkeit schien ihn nicht aufmuntern zu können. Man machte ihm +in liebevoll-scherzhafter Weise den Hof, man schmeichelte ihm, man +erwies ihm zarte kleine Ehrungen; umsonst, es war ihm kaum ein Lächeln +abzulocken. Er stellte sich fast jeden Abend ein, wie einer, der vor +sich flieht; er bat, man möge ihn bloß dulden, wenn es zum Ärgsten +komme, werde er trachten, nicht zur Last zu fallen. Was er unter dem +Ärgsten verstand, darüber äußerte er sich nicht; die Hausfrau, die seine +ergebenste Anhängerin war, zog ihn beiseite und beschwor ihn, sich zu +fassen, zu erheben; er mache durchaus den Eindruck eines Menschen, den +ein Phantom zum Narren hält; man sei so viel Befeuerung von ihm gewöhnt, +so viel gesunde, heilsam wirkende Kraft, dies könne doch nicht mit einem +Mal zu nichte werden; ob sie ihm helfen könne, ob er sie des Vertrauens +nicht mehr würdige? Sie sei zu jedem Opfer bereit, sie wie auch alle +andern, die bestürzte Zeugen seiner Verwandlung seien. + +Er schüttelte den Kopf. »Zu helfen ist da nicht,« antwortete er; »es +wäre besser, Sie zerrten mich nicht aus der Dumpfheit heraus. Das letzte +Versteck darf man mir nicht nehmen; gegen Beleuchtung wehrt sich alles +in mir, die Dinge bekommen dadurch ein zu prahlerisches Gesicht. Mein +Fall ist an sich gering; legt ihr ihm Bedeutung bei, so werdet ihr nur +zu Urhebern von neuen Leiden. Was ich an mir erfahre, ist doch bloß die +Folge einer vielfach verschlungenen Kette von Selbsttäuschungen und +Selbstüberschätzungen. Man hat sich zu lange gefallen, man hat sich zu +lange beruhigt, man hat immerfort behaglich im lauen Wasser +geplätschert. Die Erkenntnis ist schmerzlich. Wie wäre einem Menschen zu +helfen, der niemals in einen Spiegel gesehen hat, der bis zu dem Moment, +in dem es geschieht, im Wahn befangen war, er sei schön, er sei +wohlgebildet, er habe angenehme Züge, und plötzlich grinst ihm aus dem +Glas eine abscheuliche Fratze entgegen? Wie wollen Sie dem helfen? Daß +mich ein Phantom zum Narren hält, ist außerdem noch wahr.« Er zögerte +in ungewisser Scham und fuhr fort: »Stellen Sie sich vor, daß ich nicht +allein sein kann, ohne daß mir zumute ist, ein dringlich fordernder +Gläubiger sei hinter mir her und verlange die Bezahlung einer Schuld. +Und zwar ein Gläubiger, dem ich zu Dank verpflichtet bin, der mir große +Dienste geleistet hat, den ich wiederholt, mit guten und schlechten +Gründen, habe vertrösten müssen und der nun, selbst in Bedrängnis, das +langgefristete Darlehen nicht mehr stunden will. Das ist keine Figur, +liebe Freundin, kein Gleichnis für einen beengten Zustand, es ist eine +Realität. Auch okkulter Einfluß kann eine Realität sein. Sie wissen, daß +ich Skeptiker genug bin, um solchen Anfechtungen zu widerstehen. Wer hat +sich nicht schon über meine Trockenheit beklagt, in dieser wie in +anderer Beziehung! Hier scheitern vernünftige Erwägungen an einer +Vision, an der der ganze Organismus teil hat, das furchtbar genaue +Wissen darum, wie es um mich bestellt ist. Leute meines Schlags kennen +ihr eigenes Innere so gut wie die Bureauschreiber ihren +Registrier-Apparat, und wo da die Tugend aufhört und die Sünde beginnt, +ist schwer zu sagen. Die Quelle, die uns nährt, ist zugleich vergiftet, +und wir sterben daran, ohne das Gift zu spüren.« + +»Aber was _wir_ davon spüren, wir Zuschauer und Zuhörer, ist Freude und +erhöhtes Leben,« versetzte die Freundin herzlich und reichte ihm beide +Hände. + +Mörner blickte grübelnd vor sich hin. »Bei alledem, sollte man es +glauben,« sagte er mit einem Rest von Selbstverspottung im Ton, »bei +alledem ist es wie eine letzte Genugtuung, daß er kommt, dieser +Gläubiger, daß er mahnt. Er hält mich also noch für zahlungsfähig, ich +habe also noch Kredit in der Geisterwelt. Sonderbar, daß wir nicht +ärmer werden, wenn wir dort unsere Schulden begleichen, im Gegenteil. +Nur muß man eben zahlen können, und ich kanns nicht. Die Kassen sind +leer bis auf die Neige. So arm darf man nicht werden, oder man hat +miserabel gewirtschaftet.« + +Mörner begab sich wieder zu den übrigen, die harmlos plauderten, die +Hausfrau folgte ihm mit zwiespältigem Gefühl. Die unerbittliche Logik in +der Verwirrung überraschte sie und stimmte sie nachdenklich. Da ging +eine Abrechnung vor sich, hartnäckiger und ernsthafter als dem bloß für +Alltags-Ungemach geschulten Blick erkennbar war. + +Das Gespräch geriet auf die Zeitumstände, und ein junger Lehrer der +Philosophie machte die Bemerkung, in einer Epoche, wo die Wirklichkeit +soviel Stoff produziere wie in der gegenwärtigen, das stürmisch +fließende Schicksal soviel rohes Material ans Ufer schwemme, in einer +solchen Epoche müsse die schaffende Phantasie durch ein automatisch +funktionierendes Ausgleichsgesetz erlahmen; erst spätere Geschlechter +seien wahrscheinlich imstande, das chaotisch Hingeworfene, Strandgut der +Geschichte, zu neuen Bauten zu benutzen. Daher der Verfall der Kunst, +daher das Versagen der Künstler. + +Mörner, der bislang schweigend zugehört hatte, unentschlossenen Anteil +in den Mienen, zuckte plötzlich auf. Es war eine nicht sehr taktvolle +Äußerung im Hinblick auf ihn, das empfanden alle, auch der Sprechende +selbst, der errötend abbrach. Aber sie war nun einmal getan. Mörner +erhob die Hand mit gespreizten Fingern, als wolle er verhüten, daß ihm +ein anderer im Wort zuvorkomme und sagte: »Ach nein, nein, nein. +Unleugbar steht uns die Zeit entgegen, aber nicht wegen der Überfülle +des Geschehens, sondern wegen der Zerstörung der Geister und der +Seelen. Von welchen Flammenausbrüchen genialer Naturen sind vergangene +Umwälzungen begleitet gewesen! Wollt ihr Namen? Sie wimmeln. Jede +Revolution hat Propheten und Gestalter aus ihrem Schoß geboren; einen, +der die Eroica in die brüllende Woge schleuderte, einen, der seinem +grandiosen Schmerz die Hermannsschlacht entriß, einen, der mitten in +gewaltigen Gärungen die Tribüne der #Comedie humaine# errichtete. +Gerufen von der Sehnsucht ihrer Welt, gaben sie ihr Stimme und Bild, +wiesen ihr die Wurzel und den Gipfel ihres Geschicks. Heute aber? War +jemals eine Menschheit so zu Boden getreten? Sagt mir nicht, er sei +vielleicht da, irgendwo unter uns, der glühende Zeuge und wunderbare +Architekt, und ich vermöchte ihn bloß nicht zu sehen und zu hören. Du +und du und Sie und Sie und ich, warum sollten ihn wir nicht ahnen, nicht +kennen? Würden nicht unsere Nerven bei seinem geringsten Hauch +vibrieren? Wäre er nicht Fleisch von unserm Fleisch, Blut von unserm +Blut? wer sollte ihn wissen, wenn nicht wir? Es gibt ihn nicht. Seine +Entstehung schon wird im Keime erstickt. Der Schoß ist unfruchtbar +geworden, es kommt nicht mehr bis zur Kristallbildung; es bleibt beim +Ansatz; in den Elementen ist kein Wille, sich zu ballen; die ruhende +Sehnsucht ist nicht produktiv. War jemals eine Menschheit so zu Boden +getreten? frag ich noch einmal; so müde, so stumpf, so entblättert, so +kurz von Atem und so kühl im Hirn? Spürt ihr es nicht, wie keine +Resonnanz wird? Kein Sinn will mehr aufnehmen; es sei denn die gröbste +Nahrung; nichts ist Besitz, alles Erwerb; nichts Erlebnis, alles Kitzel; +keinem Gemüt prägt sich das Wesen ein, nur die Verzerrung davon; die +Ehrfurcht ist geschwunden, die Überlieferung abgeschnitten, der Glaube +tot, das Wissen ein mörderisches Narkotikum. Kein Zusammenhang und +Zusammenklang, in der Höhe nicht, in der Tiefe nicht, bei den Guten +nicht, bei den Bösen nicht. Hinten versinkt alles in Abgründen, vorne +öffnen sie sich. Panische Flucht nach allen Seiten; Angst, sich zu +verpflichten, Angst vor der Hand, die sich bietet, Angst vor dem +Schmerz, Angst vor der Wahl, Angst vor jeglicher Entscheidung, Angst +sogar vor der Erinnerung an den verlorenen Gott. Und wird euch denn +nicht ebenfalls Angst, wenn ihr die Heraufkommenden betrachtet, diese +Zuchtlosen, ihre Lust an der Raserei, an der Tobsucht des frierenden +Verstandes; ihren Götzendienst vor der Chimäre, den Kultus vor dem +Golem, die grauenvoll ummauerte Isolierung eines jeden, in der er, um +sich und die andern Isolierten zu betäuben, wie ein verrückt gewordener +Anachoret nach Verbrüderung schreit, rachsüchtig und voll Haß in seiner +Wehleidigkeit? Was soll werden? Man kann eine Ruine aufbauen, wenn das +Material noch halbwegs brauchbar ist, aber aus morschem Plankenwerk und +wurmstichigen Brettern ein seetüchtiges Fahrzeug zimmern, das ist +unmöglich. Da habt ihr die Krankheit. Da ist es aufgerollt, das Gemälde +der Katastrophe, meiner und aller derer, die noch gutgläubig oder weil +sie sich der schrecklichen Klarheit eine Weile noch verschließen wollen, +am Werke sind. Morituri te salutant. Es ist kein Cäsar da; grüßt man +also die Blinden und Tauben, die unsere Geschicke lenken? Sie bilden +sich nur ein, zu lenken, sie werden mitgeschleift und mitzerschmettert.« + +Während er so sprach, hatte es Mörner geschienen, daß die Tür +aufgegangen und jemand eingetreten war. Er schaute sich um, bemerkte +aber keinen Hinzugekommenen, auch verriet nichts in den Mienen der +Freunde, daß sie eine gleiche Wahrnehmung gemacht. Die Augen ruhten +groß auf ihm, mit scheuem und betroffenem Ausdruck. Indessen wich das +Unbehagen nicht von ihm, das die verborgene Anwesenheit eines Fremden +verursacht. Sein suchender Blick prüfte die Gesichter. Es war kein neues +darunter; er kannte jedes. Doch dünkte es ihn, im Hintergrund des Raums, +zwischen Flügel und Bücherkasten, wo das Licht sich verlor, sitze eine +Person, die vorher nicht dagewesen war. Er wagte es nicht, sich zu +vergewissern, hielt aber das Gefühl für untrüglich. + +Die wohllautende Stimme eines jungen Mädchens sagte: »Ist denn nicht, +wer schafft, im tiefsten Sinne ohne Zeit? Ist es denn diese eine, nahe, +bestimmte Welt, die ihm notwendig ist, und nicht vielmehr eine +übertragene obere, die sein Traum wahrer macht als die untere? Sie +selbst haben es uns so gelehrt. Nicht in Worten; im Beispiel. Und was +wir so oft mißverstanden und falsch verstanden haben, daß der Dichter +ein entselbsteter Mensch ist, so nannten Sie es ja, der Mensch ohne +Partei, ohne Meinung fast, dem alles Leben zur Speise wird, ist das denn +nicht mehr das Gesetz, dem Sie sich demütig beugen, wie Sie immer getan +haben?« + +Mörner senkte den Kopf, und als er antwortete, war es ihm, als stehe er +nicht der sanften Fragerin Rede, sondern der verborgenen Person, die er +im Zimmer wußte. »Widerstände können wachsen,« sagte er; »es ist +jedesmal ein harter Weg dorthin, in die obere Welt; eines Tages sind die +Schranken unübersteiglich. Die Kraft reicht nicht mehr zu; der Mut ist +nicht mehr da. Werktätigkeit beruht auf Wechselwirkung. Das Leben ist +meine Speise, freilich; wenn aber die Speise faulig wird, wie dann? Wenn +die Augen nicht mehr sehen können, das innere Membran nicht mehr +erzittert, das Bild nicht mehr zu fassen ist, das Gefühl seine +Sicherheit einbüßt? Wie dann? Beide Welten, die obere und die untere +sind mir zu Schemen verblaßt. Ich kann nichts mehr greifen, es bleibt +mir nichts in der Hand, ich bin zur Ohnmacht verurteilt, ich bin ein +Selbst geworden.« + +Er lächelte traurig, zuckte die Achseln und schwieg. Sein Ohr lauschte +in die Richtung, wo der Unsichtbare saß. Der aber verriet seine +Gegenwart durch keinen Laut und keine Bewegung. Als das junge Mädchen +sich zum Flügel setzte und ein Bachsches Präludium zu spielen begann, +schien er seinen Platz zu verändern. + +Mörner wollte die Freunde durch seine Gegenwart nicht länger bedrücken +und entfernte sich still. Durch die mitternächtlich verödeten Straßen +trat er den Heimweg an, doch war ihm nicht wohl zumute bei der Aussicht +auf Alleinsein in seinem Hause. + + * * * * * + +Er hörte Schritte hinter sich, eine Weile schon. Es folgte ihm jemand. + +Die Luft war mild, das Gewölbe bis in die Unendlichkeit umschleiert. In +der Dunkelheit wuchtete Ahnung, die die Seele zusammenpreßte und sie +aufsteigen machte gleich einer artesischen Säule. Er erinnerte sich +solcher Nächte aus seiner Jünglingszeit. Es waren dieselben +flaumsüchtigen Wolken gewesen, damals, in der Stadt seines Elends, +mitten im Herzen Deutschlands, dieselbe bittersüße Feuchtigkeit in der +Atmosphäre, dasselbe heimliche Säuseln und Brodeln in der Erde. Warum +war ihm das Längstvergangene heute nah? Kündigte sich Prüfung an und +neue quälende Überschau? Parade über die Truppen vor der Abdankung? Ein +Laut war wie Vogelruf, genau wie damals aus dem Gebüsch am trüben Fluß, +der die Fabrikwässer führte. Aber damals war es Verheißung gewesen, +heute war es Verzicht; damals Ankunft, heute Abschied; damals hatte +Romantik um die verschlossenen Tore und schwarzen Fenster geschauert, +heute das frostige Wissen. Drei Jahrzehnte vergeblichen Wegs in eine +Sackgasse! + +Er ging langsamer; der ihm folgte, verzögerte ebenfalls den Schritt. Er +ist es, durchfuhr es Mörner, und seine erste Regung war, zu fliehen. +Doch trotzte er ihr; an einer Ecke unter einer Gaslaterne blieb er +stehen. Der andere kam heran, lüpfte den steifen niedern Hut und sagte +leise: »Guten Abend.« + +Es war ein Mann von nicht genau bestimmbarem Alter; Mitte der Dreißig +ungefähr; jugendlich schlank, aber in der Haltung etwas schlaff und im +Gang schleppend. Soviel sich im ungewissen Licht ausnehmen ließ, waren +die Haare blond. Die Kleidung war adrett, obwohl ein wenig abgetragen. +Das bartlose Gesicht war auffallend hager, mit tiefliegenden blauen +Augen und erstaunlich scharfen Kerben um den Mund. Alles in allem war es +ein schönes, zumindest ein schön gewesenes Gesicht, das nichts Vulgäres +an sich hatte. + +»Ich hoffe, Sie nicht zu stören,« sagte der Unbekannte mit +achtungsvoller Artigkeit, die den Mann von Erziehung verriet; »wir haben +den nämlichen Weg, scheint es; darf ich Sie begleiten?« + +Mörner verbeugte sich kühl. Er zürnte sich wegen der Beklommenheit, die +er empfand. Seite an Seite setzten sie den Weg fort. + +Der Unbekannte sagte: »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich nicht +vorstelle; aber ich habe keinen Namen. Ich mache wenigstens schon lange +keinen Gebrauch mehr von ihm. Nur im Notfall nenne ich mich, so oder +so; es gibt ja zwingende Situationen; ich schütze dann einen erfundenen +Namen vor. Ich denke, Sie legen auf diese Formalität kein Gewicht.« + +Immerhin ein merkwürdiger Geselle, dachte Mörner und sah geradeaus auf +das Pflaster. So auch, vor sich hin, erkundigte er sich: »Sie sind fremd +in der Stadt? Seit kurzem erst hier, wenn ich fragen darf?« Er ist es, +dachte er wieder, und mit einer Anwandlung von Haß: wozu die gezierten +Vorbereitungen? weshalb spielt er Verstecken mit mir? was ist seine +Absicht? + +»Ja, ich bin fremd,« gestand der Herr mit seiner leisen, freundlich und +rücksichtsvoll klingenden Stimme; »aber daran bin ich gewöhnt. Ich bin +eigentlich überall fremd. Das heißt, obenhin betrachtet, bin ich fremd, +genau genommen nicht. Ich reise fortwährend, wissen Sie, bin immer wo +anders, ohne festes Domizil. Ich liebe es nicht, Aufenthalt zu nehmen. +Wenn man sich aufhält, entstehen Versäumnisse. Viele Jahre bin ich schon +unterwegs, und es ist manchmal schwer, der Müdigkeit nicht nachzugeben. +Aber wir wollen nicht von mir sprechen. An mir ist nichts interessant. +Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich offen gestehe, daß ich Ihnen +aus reiner Neugier nachgegangen bin. Wären Sie mir entschlüpft, ich +hätte wirklich nicht gewußt, was tun. Ich hätte Sie bestimmt noch heute +Nacht in Ihrer Wohnung aufgesucht, und diese Zudringlichkeit wäre Ihnen +wahrscheinlich sehr unangenehm gewesen.« + +»Sie waren also dort, dort oben bei meinen Freunden?« stammelte Mörner; +»ich habe mich also nicht geirrt ...?« + +Der Unbekannte nickte. »Gewiß, ich war dort,« erwiderte er etwas +beschämt; »es hat mich unwiderstehlich hingezogen. Ich wußte von Ihnen. +Ich hatte irgendwelche Botschaft. Aus tausend Stimmen dringt eine +hervor, vernehmlicher als die andern. Ein Blatt Papier, ein +aufgefangenes Wort, was kann das nicht alles bedeuten. Und zufällig saß +ich Ihnen neulich im Eisenbahncoupé gegenüber, entsinnen Sie sich nicht? +Da erfaßte mich sofort die Neugier, trotzdem ich über das Wichtigste +gleich im Klaren war, und ich blieb unablässig auf Ihren Spuren.« + +In der Tat glaubte sich Mörner zu entsinnen, den Unbekannten während +einer vielstündigen Fahrt im halbdunkeln Abteil gesehen zu haben. Er +wunderte sich, daß ihm das erst jetzt einfiel, denn Gestalt und Gehaben +des Menschen waren ihm ungewöhnlich erschienen, das vollkommen +unbewegliche Sitzen, der intensive Blick, eine gewisse Naivität und +Bescheidenheit in den Mienen, verbunden mit einer schwer definierbaren +lächelnden Undurchdringlichkeit, alle diese Einzelheiten sah er lebhaft +vor sich. Seine Spannung und Unruhe wurde dadurch nicht vermindert. +»Wieso waren Sie sich über das Wichtigste im Klaren?« fragte er und +suchte seine Erregung hinter einem gereizten und mürrischen Ton zu +verbergen. »Bin ich denn so auf den ersten Blick zu ergründen? Nichts +für ungut, aber gegen das Hellsehn hab ich meinen Argwohn; es ist durch +einige Leute von meinem Metier diskreditiert und läuft gewöhnlich auf +Charlatanerie und Mystifikation hinaus.« + +»Ich habe ja auch Ihre _Worte_ gehört,« antwortete der Fremde einfach. +»Daß Sie mißtrauisch sind, begreife ich. Sie kennen mich ja nicht. Ich +habe mir noch kein Recht auf Ihr Zutrauen erworben. Ich bin ein +Namenloser, wie gesagt, ein Niemand; es steht bei Ihnen, mich für einen +Charlatan zu halten. Nur bitte ich Sie, Ihr endgültiges Urteil noch zu +verschieben.« + +Er wich einem Hund aus, der über die Straße lief und fuhr mit derselben +unerheblichen Stimme fort: »Nein, Hellseher bin ich nicht, und daß ich +Sie auf den ersten Blick ergründet habe, behaupte ich auch nicht. Was +mich zu Ihnen getrieben hat, ist neben der Neugier, die mir angeboren +ist, die sonderbare Leidenschaftlichkeit in Ihnen, die sich auf alles in +Ihrem Umkreis unmittelbar überträgt. Sie ist sehr selten, diese Art von +Leidenschaft, diese entselbstete; der Ausdruck stammt ja von Ihnen. Es +hat mich magnetisch angezogen; ich meine das nicht bildlich. Ob ich +wollte oder nicht, ich mußte dorthin, wo Sie waren. Auf dem Meer, mitten +in einer Windstille, bei blauem Himmel, hat man manchmal die deutliche +Empfindung, daß ein furchtbarer Sturm irgendwo hinter dem Horizont +wütet, der das Schiff förmlich in seinen Trichter saugt. So war Ihre +Wirkung auf mich. Die meisten Menschen wissen nichts von ihrer eigenen +Wirkung. Das Leben stumpft sie ab dagegen. Viel notwendiger ist es, die +eigene Kraft kennen zu lernen, als die der andern. Mächtige Seelen +liegen oft faul da und ahnen nichts von dem Magnetismus, der in ihnen +aufgesammelt ist. Ich unterscheide die Menschen danach. Es ist eine +Stufenleiter; von denen, die oben stehen, strahlt die größte Kraft aus, +die Schicksalskraft, die Verantwortlichkeitskraft. Das ist der Kitt, der +bindet. So war wenigstens meine Erfahrung. Das ist auch der Grund, warum +mich Ihre Leidenschaftlichkeit so beschäftigt hat. Worauf sie eigentlich +gerichtet ist, kann ich nicht genau ermessen; ich habe nur zum Teil +verstanden, was Sie dort in dem Haus sagten; ich bin kein sehr +gebildeter Mensch und habe wenig gelesen. Ich hatte die Zeit nicht. Ich +habe mir nur einige Fähigkeiten angeeignet, durch die es mir möglich +geworden ist, – aber lassen wir das, davon erzähl ich Ihnen später, +falls es sich ergibt. Folgende Überlegung war es, die mich berührt hat +wie seit langem nichts. Ich sagte mir: wenn man mit einer solchen Flamme +in der Brust vor der Menschenwelt steht, wie kann es sein, was muß da +geschehen sein, daß die Flamme nicht leuchtet, daß nicht alles in +blendender Helligkeit vor ihr liegt, daß der, der sie besitzt, sich über +Finsternis beklagt und eben dadurch in Gefahr kommt, tatsächlich in +Finsternis zu versinken? Wie geht das zu? Ich sagte mir weiter: +Vielleicht kannst du da Nutzen stiften, es ist dir ja schon manchmal +gelungen; da liegt so eine Seele, sagte ich mir, eine mächtige Seele und +windet sich in Zuckungen; vielleicht kannst du das trübe Medium von der +Netzhaut dieses Menschen lösen, mehr ist vielleicht nicht zu tun; das +Ganze ist eine Erkrankung des Auges; freilich nicht des physischen +Auges; was darf nicht alles Auge heißen bei den Edleren: das Herz ist +selber Auge.« + +Die häufig stockende, wie aus Bescheidenheit unsichere und zögernde Rede +des Fremden drang mit jeder Silbe unhemmbarer in Mörners Inneres. Harte +Schlacken schmolzen, der Krampf lockerte sich. + +Was für ein Mensch ist dies? dachte er zwischen zwei Atemzügen, von +denen der eine noch Qual war, der nächste schon Hoffnung. + + * * * * * + +Sie saßen im Arbeitszimmer des Schriftstellers. Der Unbekannte begann zu +erzählen. Er hatte es gewiß noch nie getan, denn es hatte unverkennbare +Erstmaligkeit. + +Es war viele Jahre her, daß er als Sohn eines reichen Hauses, verwöhnt, +umworben, wie ein Thronfolger umschmeichelt, eines plötzlichen Tages +alles von sich geworfen, alles Überflüssige, wie er sich ausdrückte: +Geld, äußere Würde, gesellschaftliche Stellung, die Freunde, die Frauen, +die Dinge, die Gewöhnungen, den Ehrgeiz, den Namen; alles von sich +abgestreift, bloß um zu leben, um wirklich zu leben. + +Mörner glaubte sich zu erinnern, davon gehört zu haben. Aber die Zeit +hatte den Eindruck des damals Vernommenen und wahrscheinlich Entstellten +verwischt. + +Der Schritt des jungen Mannes hatte Verwunderung und Kopfzerbrechen +erregt. Er verursachte auch vielen Menschen Leiden, die ihm bluts- und +wesensnah waren, aber danach durfte er nicht fragen. Er verzichtete auf +alles, was ihm lieb und unentbehrlich gewesen war und ging den Weg, den +er sich selber bahnen mußte, und der umso schwieriger und mühevoller +war, als es ein bestimmtes Ziel auf ihm nicht gab. Man mußte sehen, +wohin man kam. + +Was er unter »wirklich leben« verstand, das vermochte er weder damals +noch später befriedigend zu erklären. Man hielt ihn deshalb für einen +unklaren Kopf, und selbst diejenigen Leute, die seine herausfordernde +Luxusexistenz verurteilt hatten und seinen Bruch mit der Vergangenheit +im Prinzip billigten, zuckten über die Ausführung die Achseln. Sie +hatten etwas Besonderes, Niedagewesenes erwartet und machten aus ihrer +Enttäuschung keinen Hehl. Sich seinen Verpflichtungen entziehen, die +Schiffe hinter sich verbrennen, das kann schließlich jeder, so sprachen +sie ungefähr; Geld und Gut fortwerfen, schön; in freiwilliger Armut +leben, schön; aber angenommen sogar, daß man nicht zu den ägyptischen +Fleischtöpfen zurückkehrt, wenn einem die Geschichte eines Tages zu bunt +wird, wo ist die Idee? Was für ein Dienst wird der Menschheit damit +geleistet? Was wird bewiesen, wodurch etwas geändert? Verkündet er eine +neue Lehre? Lockt das Beispiel zur Nachahmung? Ist es überhaupt +nachahmenswert? Hat er die Welt um einen fruchtbaren Gedanken +bereichert? Nein, stellten sie fest, es ist unreife Schwärmerei, +bestenfalls eine moderne Donquichoterie; Herrenlaune im Grund, nur +verblüffender als die früheren, und genau besehen ist er derselbe Snob +geblieben, der er war, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß ihm +Übersättigung und Verzweiflung den Antrieb gegeben haben. + +So äußerten sich die meisten. Er aber kümmerte sich nicht darum. Ihre +Reden drangen bald nicht mehr zu ihm. Er schied aus ihrer Mitte. Er +schwand aus ihrem Gesichtskreis. Binnen kurzem war er verschollen. Er +ging in die Tiefen hinunter. Umkehr gab es für ihn keine. + + * * * * * + +Er erzählte, daß er ziemlich lange in der Borinage gelebt, bei den +Bergleuten; damals noch als Müßiggänger und neugieriger Gast. Der +Anblick des Elends hatte ihm diese Rolle unerträglich gemacht. Es hatte +sich eine Gelegenheit zur Überfahrt nach Amerika geboten. Drüben war er +gezwungen, sein Brot zu verdienen. Er griff zum Schwersten, ging unter +die Verlader am Hudson und war gegen Tagelohn angestellt. Er wurde +krank. Genesen, unterrichtete er die Kinder eines polnischen Flüchtlings +im Lesen und Schreiben. + +Er hielt sich in seiner Erzählung bei den selbstverständlichen +Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens nicht auf. Um seine Person war +es ihm ja nicht zu tun. Seine eigenen Leiden kamen nicht bloß nicht in +Frage dabei, sondern er nahm gar keine Notiz von ihnen, sie waren kaum +vorhanden für ihn. + +Er erzählte, immer in dem nämlichen gleichmäßigen Tonfall und ohne die +geringste Eindringlichkeit, daß er sich bei einem großen Grubenunglück +in Pensylvanien an den Rettungsaktionen beteiligt habe und wochenlang in +den Schächten gewesen sei; wochenlang in der Gesellschaft verwaister +Kinder, verwitweter Frauen, dann daß es ihn immer weiter getrieben wie +einen, der unstillbaren Durst hat und bei jedem Trunk nur noch durstiger +wird. Daß er das Leben der Metallarbeiter kennengelernt habe, berichtete +er, und das der Maschinenbauer, und das der Eisenbahnarbeiter, und das +in den Schlachthäusern, den Konservenfabriken, Spinnereien, Sägewerken +und Druckereien. Daß er mit Fischern gelebt, mit Holzfällern, mit +Kleinbürgern, mit Beamten, mit Kellnern, mit Defraudanten, mit +Bar-Tänzern, mit Negern, mit Farmern, mit Journalisten. Daß er Diener +eines Sekten-Oberhaupts gewesen, Schreiber bei einem Börsenmakler, Agent +für ein Annoncenbureau. Daß er in einer Besserungsanstalt und in einem +Zuchthaus war, nicht als unbeteiligter Besucher, sondern als Sträfling, +indem er sich mittels gefälschter Papiere für einen andern ausgegeben. +Daß er wochenlang in den unterirdischen Kanälen von Neuyork genächtigt; +in den Opiumhöhlen von Chicago gelebt und unter den Auswanderern auf +Ellis-Island als Lazarettgehilfe gedient. Daß er ein Jahr darauf mit +einer Goldsucher-Expedition nach Alaska gegangen sei; von dort nach +Japan; von dort nach China. Daß er von Peking aus ins Innere, den Fluß +entlang, gewandert sei, und mit einem tibetanischen Lama nach Madjura, +der heiligen Siedlung mit dem Lilienteich und den Türmen aus +Götterbildern; immer unter den Menschen, dicht bei den Menschen, immer +einsam, dicht bei sich, von Tag zu Tag einsamer, von Tag zu Tag +reicher, beladen mit Reichtümern, und immer noch durstig. Er erzählte +weiter. Das alles war erst Untermalung; Figur und Umriß zeigten sich +später. + +Er sprach von Schiffen und Dschunken; vom Himmel, vom Meer; von Wäldern +und Gärten; von Tempeln und Festen; von Städten und Wüsteneien; von +Heiligen und von Verbrechern; von religiöser Versunkenheit und +weltlicher Mühsal; von Aufruhr und Unterdrückung, von innigem Werkfleiß +und liebender Tat. Vom Schicksal und abermals vom Schicksal, seinem +Wechsel, seinem Grauen, seiner Herrlichkeit, seiner in alle Seelen +gewirkten Vielfältigkeit. + +Er hatte erkannt; vom Erkennen war er voll. Er hatte Kräfte in sich +geschlürft mit Begierde. Er hatte die Bindungen und Verflechtungen des +Menschheitskörpers sehen gelernt wie man die Lagerungen der Muskeln und +Adern an einem hautlosen Leib wahrnimmt. Er war vertraut mit dem Fühlen +und Denken aller Verlorenen, Irrenden, Geplagten und Duldenden an allen +Enden und Ecken der Erde. Er kannte die Lasterhaften, die Mörder, die +Diebe, die Hehler, die Geknechteten, die Einfältigen, die Erglühten, die +stummen Unverdrossenen. Für ihn zogen sich Fäden von der Küste des +indischen Ozeans bis zu den Palästen europäischer Metropolen. Alles war +ein einziger, bebender, heißer Leib; alles wie die verschlungenen Zweige +eines ungeheuren Baums. Er drückte dergleichen nicht aus, dazu war er +nicht imstande, aber es lag in seinem Aug und Wesen. + +Er war, vom Osten her, durch den Krieg gegangen, unangefochten, +bewillkommt, von schonender Luft und schonenden Händen umgeben, und wo +er war, schien er für die andern von jeher gewesen zu sein. Er hatte die +Schlachtfelder durchzogen, die Brandstätten, das blutbesudelte Land, +hüben und drüben, das zermalmte, seufzende Land. Er war Zeuge geworden +von Plünderung und Metzelei, Hunger und Haß, Wahnsinn und Lüge, +Bestialität und Verzweiflung. Aber auch von verborgenem Heldentum und +dem kleinen Glück der Genügsamen, von Opferdienst und Wundern der +Vollbringung. Er wurde nicht müde; er durfte es nicht werden, denn er +sah noch kein Ziel. + +Was mag das Ziel sein? ging es Mörner durch den Sinn, indes er lauschte +und mitlebte; in dem unendlichen Zirkel der Bilder und Vorstellungen +dachte er plötzlich an Buddhas Wiese, an die seligen Gefilde der letzten +Entäußerung, des letzten Wissens, des letzten Friedens, der letzten +Inkarnation, Höhenscheide zwischen irdischer und himmlischer Welt. + +Wußte er nicht, wohin er ging, der überaus Seltsame? Darüber war kein +Zweifel, daß er sich übernatürliche Fähigkeiten angeeignet hatte, das +heißt, von denen aus betrachtet, die noch nicht an die Natur reichen: Er +hatte sie erworben, weil sein Einsatz übermenschlich war, das heißt, von +denen aus betrachtet, die noch nicht ans Menschliche reichen. + + * * * * * + +»Ich durfte mir keinen Zweck setzen, so wie ich mich nicht binden +durfte,« sagte der Unbekannte; »im Zweck liegt schon das Übel; der Zweck +hat die Welt so ins Fieber gebracht. Nein, ich durfte mich niemals +binden, sonst hätte ich den Zusammenhang verloren. Ich mußte immer +wieder Abschied nehmen, immer wieder brechen, sonst hätte ich mich +versäumt und die wichtige Stunde. Die wichtige Stunde ist die nach der +Überwindung und dem Entschluß. Da ist die Kraft ohne Maß und Grenzen.« + +Die Stimme blieb gleich nüchtern, gleich karg, gleich unbetont; gleich +höflich die Haltung, sparsam die Gebärde. Oft spielte ein Lächeln um die +Lippen, die ungealtert waren, indes sich andere Teile des Gesichts +eigentümlich verwittert zeigten, besonders die Stirn und die +Schläfengruben; auch das Haar war an manchen Stellen silbrig angegraut. +Das scheue Lächeln schien die Versicherung zu enthalten, daß die Distanz +nicht überschritten werden würde, die der Andere vorschrieb. Der +unerhobene Ton aber, die zarte, rücksichtsvolle Bemühung um das +äußerlich Konventionelle und Gestattete verlieh den Worten eine +vollkommene Durchsichtigkeit, und Gestalt um Gestalt, Vorgang um Vorgang +entfalteten sich so rein, als lägen Schall und Stimme nicht mehr +vermittelnd dazwischen. + +»Ich liebe die Dinge,« sagte die höfliche Stimme; »ich liebe sie +manchmal bis zur Unvergeßbarkeit; sie sind oft wie Laternen über dem +Schicksal des einzelnen Menschen aufgehängt. Ich weiß nicht, ob das eine +Schwäche von mir ist, aber ich kann mich dem nicht entziehen. Ich bin +mit einem Mann gegangen, in einer kleinen Stadt, und es war Abend. Er +hatte Furcht, allein zu gehen, weil die Frau während seiner langen +Abwesenheit wieder geheiratet hatte und ihn für tot hielt. Er hatte +Furcht, wollte aber zu seinen Kindern, und ich bin mit ihm gegangen. Das +Haus lag in einer Gasse gegen den Fluß und hatte ein schiefes Dach. +Rechter Hand im Flur war ein Backofen, davor kniete eine Magd, von +schwacher Glut beschienen, und schob mit einer Stange die fertigen Brote +von den heißen Ziegeln. An der Treppe oben stand das Weib des Mannes; +sie ahnte noch nichts und trällerte ein Lied. Zu ihren Füßen spielten +zwei Kätzchen. Draußen war es feucht, das Pflaster glänzte, man hörte +den Fluß rauschen, und bisweilen ging ein Mensch an dem offenen Tor +vorüber, gebückt und eilig. Der Mann neben mir zog in seiner +Gemütserregung ein blaues, zerrissenes, wie ein Schachbrett mit +Quadraten bedecktes Tuch aus der Manteltasche und trocknete sich die +Stirn damit. Das Tuch war mir in dem Augenblick etwas unbeschreiblich +Teures; es läßt sich wirklich nicht erklären, warum, aber alles war in +ihm drin, der ganze Mensch.« + +Er senkte ein paar Sekunden lang den Kopf und fuhr fort: »So ist es mit +Schachteln, die bei armen Dienstboten in der Kommode liegen und mit +Erinnerungszeichen gefüllt sind; und mit geborstenen Steintreppen an den +Toren; und mit Photographien an den Wänden; mit einer Kerze, die nachts +irgendwo an einem Fenster brennt, und mit dem Brett, das der Tischler in +der Werkstatt hobelt. Mit den Fußspuren im Weg ist es so und mit den +Brücken über die Flüsse, aber besonders mit allem, was durch +Menschenhände geht und auf Menschen Einfluß hat. Ich habe den Ring am +Finger einer gestorbenen Frau gesehen; von wie vielem der wußte! Auf +einer Straße, durch die ich ging, lag ein zerrissener Vorhang, den man +aus einem ausgeraubten Haus geworfen hatte; wieviel Leben daran klebte! +An die Dinge geben sich ja die Menschen hin, sie sperren ihre Seelen in +sie hinein; sie sind ihr Besitz; und wenn nicht Besitz, dann das Ziel +ihrer Sehnsucht. In einer andern Stadt fand ich in einer kalten +Winternacht einen acht- oder neunjährigen Knaben halberfroren auf einer +Bank. Ich trug ihn zu einem nahegelegenen Spital, dort wurde er der +Lumpen entkleidet, die ihm am Leibe klebten, und es wurde ihm heiße +Milch eingeflößt, da er nicht bloß erfroren, sondern auch bis auf die +Knochen verhungert war. Nachdem man den Körper notdürftig von Schmutz +und Unrat gesäubert hatte, steckte man ihn ins Bett. Er lag bewußtlos, +und ich blieb die Nacht über bei ihm, man hatte es mir erlaubt. Als er +nun die Augen aufschlug und man ihn fragte, wer er sei und woher er +komme, vermochte er nicht zu antworten. Er sah beständig die weißen +Kissen an, tastete beständig mit der Hand über das weiße Linnen, das ihn +bedeckte, und in seinen Mienen war ein so maßloses Staunen, eine so +maßlose freudige Bestürzung, daß man sofort begriff, er war Zeit seines +Lebens nie in einem Bett gelegen, und erst recht nicht in einem solchen +Bett. Er glaubte allen Ernstes, daß er sich im Jenseits befand, und das +einzige, was er sprechen konnte, war: so weiß; so sauber; so weiß; und +wieder, andächtig, ungläubig, völlig verzückt: so weiß; Herr Jesus, so +weiß.« + +Der Unbekannte hielt inne und sann mit abgelöster Heiterkeit im Gesicht +vor sich hin. Dann sprach er: »In der nämlichen Stadt fügte es sich, daß +ich mich eines brustkranken Mädchens annehmen sollte, das im Laden einer +Friseurin bedienstet war. Ein Kind von sechzehn Jahren, ich erinnere +mich noch des Namens; Angelika hieß sie. Ihre Herrin hatte sie aus dem +Waisenhaus genommen, sie war ein Findling; ein munteres und zärtliches +Geschöpf, von allen wohlgelitten und ungemein geschickt in den +Verrichtungen, die man sie gelehrt hatte. Die Herrin sah aber bald, daß +das Übel rapid wuchs; der Arzt, den sie zu Rate zog, gab ihr wenig +Hoffnung und empfahl ihr, das Mädchen schleunig in eine Heilanstalt zu +bringen. Sie versuchte es, doch es war umsonst; die Behörden wiesen sie +ab, die humanitären Vereine wiesen sie ab, die reichen Leute, bei denen +sie Hilfe suchte, wiesen sie gleichfalls ab. Sie war eine robuste Frau, +nichts weniger als gefühlsselig, aber sie liebte das Mädchen wie ein +eigenes Kind, und die Aussichtslosigkeit, eine Pflegestätte für sie zu +finden, erbitterte sie. Angelika indessen ahnte nichts davon, daß ihr +Geschick ein so nahes Todesurteil über sie verhängt hatte. Sie lachte +und scherzte den ganzen Tag, und besonders war sie darauf versessen, +sich zu schmücken. In diesem Punkt war sie geradezu erfinderisch; ihre +billigen Gewänder sahen aus wie frisch aus dem Magazin; die kleinen +Geschenke, die sie von den Damen erhielt, Bänder, ein Stückchen Stoff, +eine silberne Nadel, eine Halskrause, waren Kostbarkeiten für sie, und +sie wußte sie anmutig und geschmackvoll zu verwenden. Aber ich will +Ihnen erzählen, wie ich dazu kam, mit eigenen Augen zu sehen, wie +glühend diese jungen Hände die Dinge umklammerten, die ihr Ausdruck und +Abbild des Lebens waren. Es ist eine unbedeutende Begebenheit, im großen +Ring betrachtet, aber sie hat mir viel zu denken gegeben. Die Friseurin +hatte noch ein zweites Lehrmädchen, und diese war nach und nach +eifersüchtig auf die jüngere und hübschere Kollegin geworden. Als nun +eines Tages Angelika zu einem gewöhnlichen Kundenbesuch ihr schönstes +Kleid angezogen hatte, und mit glücklichem Lächeln vor ihr stand, sagte +sie zu ihr; wozu richtest du dich so her und gibst die paar Groschen, +die du verdienst, für Plunder aus? Trachte lieber, daß du gesund wirst, +damit unsere Frau nicht so viel Scherereien deinetwegen hat; es steht +nicht zum besten mit dir, das wissen alle, bloß du nicht; also merk dirs +und werde nicht gar so übermütig. Die Worte erschreckten Angelika, und +sie fing an zu begreifen, was ihr drohte. Sie büßte ihren Frohsinn nach +und nach ein, obwohl ihre kräftige und unbefangene Natur sich immer +wieder geltend machte, selbst dann noch, als sie bettlägerig wurde und +mit jedem Tag mehr verfiel. Es war mir endlich gelungen, in einem Asyl +weit draußen vor der Stadt einen Unterschlupf für sie zu finden, +richtiger ausgedrückt, ich hatte einige schwerbewegliche Personen +aufgesucht, und diese ihrerseits hatten wieder einigen widerwilligen +Funktionären eine Zusage abgerungen, die aus freien Stücken zu geben +ihre Pflicht und ihr aufgetragenes Amt gewesen wäre. Kurz, Angelika +sollte in Pflege kommen, und ich beeilte mich, es der Frau zu melden. Es +war an dem Tage gerade ein blutiger Aufruhr in der Stadt, Soldaten und +Arbeiter zogen durch die Straßen; aus vielen Häusern wurde geschossen. +Am schlimmsten ging es in dem Viertel zu, wo die Friseurin wohnte; ich +konnte mir durch die Massen Volks kaum einen Weg bahnen. Der Laden war +geschlossen, ich stieg ins erste Stockwerk hinauf, wo sich die Wohnung +befand, doch es war niemand zu sehen. Ich wußte, wo Angelikas Kammer +war, ich hatte sie schon einmal besucht und mit ihr gesprochen. Ich +klopfte; es blieb still. Ich dachte, das Kind schlafe vielleicht, +obgleich dies bei dem wilden Lärm, der von der Straße heraufschallte, +sonderbar anzunehmen war. Als ich leise die Tür öffnete, sah ich, daß +sie nicht im Bett lag. Sie hatte sich erhoben; im langen weißen Hemd und +barfuß stand sie vor dem Spiegel, der in den Schrank eingelassen war; +die schwarzen Haare flossen bis zu den Hüften; auf dem Kopf trug sie +einen breitrandigen Hut mit zwei grauen Federn; um die Taille, über das +Hemd, hatte sie ein blauseidenes Band zur Masche geknüpft, und um den +stengelfeinen Hals eine Korallenkette gelegt. Ich trat in das ärmliche +Gemach; es bedurfte nur meines Vorsatzes dazu, daß sie mich weder sah +noch hörte; außerdem war sie viel zu hingenommen von ihrer Beschäftigung +und das Geknall und Geschrei von draußen zu heftig, als daß sie auf +mich hätte aufmerksam werden können. Ich setzte mich also in eine dunkle +Ecke. Ich konnte ihr Gesicht nur im Spiegel sehen, das totblasse, aber +von Begierde, von unbezwinglicher Lebensbegierde über und über bebende +Gesicht. Auf dem Tisch neben ihr lagen ihre Schätze, ein Haufen bunter +Bänder, ein paar wertlose Broschen und Spangen, ein Nähzeug und eine +Schale mit Winterblumen. Auf einem wackligen Stuhl davor standen ein +Paar gelbe neue Stiefletten und über der Lehne hingen Blusen, ein +Ledergürtel und ein grüner Schal. Das alles betrachtete sie mit +fließenden Blicken, bald sich selbst im Spiegel, bald die geliebten +Gegenstände. Die Sachen, nennt man es; ja, jeder hat seine Sachen, und +mit ihnen schützt er sich und schmückt er sich; sie täuschen ihm Fülle +vor, oder Freude; die Habseligkeiten; auch ein merkwürdiges Wort. Sie +griff nach Blumen in der Schale und probierte, ob sie zum Blau der +Schleife paßten; sie nickte ihrem Spiegelbild zu, vertraut, verträumt, +aufmunternd; sie spielte mit ihm und forderte es heraus, sie bog den +Kopf zur Seite und gab sich eine graziöse Haltung, und besonderes +Vergnügen bereitete ihr das Wippen der grauen Federn. Währenddem wurde +der Tumult auf der Straße immer ärger; sie vernahm es nicht. Draußen +schlugen sie eine jahrhundertalte Ordnung in Trümmer, sie genoß, was sie +als Reichtum empfand. Sie beugte sich zu den Stiefelchen herab und sagte +schalkhaft-liebkosend: ihr armen Schuhe, wer wird euch spazieren tragen, +wenn ich gestorben bin? Sie richtete sich wieder empor, schaute lange +und äußerst gespannt in den Spiegel, seufzte herzlich und sagte leise +vor sich hin: ach Gott, nie wird ein Mann bei mir schlafen. Es war +Klage, aber voller Unschuld, so daß es beinahe heiter klang und ich mich +zu lächeln nicht enthalten konnte. Doch schlich ich mich nach einer +Weile hinweg. Mehr durfte ich von dem Geheimnis nicht rauben; ich hatte +mir schon zuviel angemaßt. Den Menschen bei sich selbst erlauschen, geht +nicht an; man verrät ihn und verrät sich. Alles war Spiegelung gewesen; +der wirkliche Spiegel hatte mir Angelikas Gesicht gezeigt der andere +ihre Welt, weit zurück bis zu den Ahnen und Urahnen, die sie +hinausgestoßen hatten, als Letzte, in ein ungenügendes Stück Leben.« + + * * * * * + +Die Zeit war ohne Marke; wie lange das Schweigen gedauert hatte, konnte +Mörner nicht ermessen, als die höfliche Stimme wieder begann: »Ich +möchte Ihnen die verschlossenen Tore aufschließen; bedenk ichs recht, so +hab ich zu vielen die Schlüssel. Damit man erfahre, damit man erlebe, +muß man vieles gesehen haben, und doch ist Sehen und Erleben zweierlei, +und Leiden und Erleben ist zweierlei. Die Tat macht es nicht, und der +Wille nicht und die Ergriffenheit nicht. Jedes einzeln kann zu etwas +dienen, und doch ist der glockenhafte Widerhall nicht da, der die Sinne +löst und zum Schwingen bringt. In der Wissenschaft, glaube ich gehört zu +haben, werden jetzt mehr und mehr alle Phänomene der Natur auf die +Wellenbewegung zurückgeführt. Meiner Ansicht nach kann man auch die +sinnliche Welt in das Gesetz der Wellenbewegung einbeziehen. Es ist +vielleicht dieselbe Kraft, nicht einmal wesentlich modifiziert, die das +Licht erzeugt und zwischen zwei Menschen Haß oder Liebe hervorbringt; +dieselbe, die ein Gestirn aus seiner Bahn reißt und die Katastrophe +einer Familie oder eines Volkes bedingt. Wir haben keinen Einblick, wir +können es wahrscheinlich nie ergründen, aber wenn der Geist rein ist, +glaubt man oft, man kann es ahnen und fassen. Der nämliche Stoff flutet +durch sämtliche Seelen, und wenn das Gemüt rein ist, kann man sie ahnen +und fassen. Oft ist mir, als wär ich der andere, der mich anschaut; oft, +als wär ich in vielen drin und die Unruhe käme von der Zerstückelung. +Oft ist mir, als rollte alles Geschehen in seinen Anfang zurück, und was +Tod und Untergang scheint, wenn ich die Augen schließe, ist wie neu, +wenn ich sie dann aufschlage. Oft ist auch alles wie Wiederkehr, und das +macht eigentlich am meisten verzagt; dann wäre ja keine Rettung und kein +Hinauf. Ich hörte einmal die Geschichte von einem reichen Patrizier im +alten Rom, Valerius Asiaticus; der besaß einen so herrlichen +Hügelgarten, daß er den Neid des Kaisers Claudius erweckte, der ihn auf +unbewiesene Verleumdungen hin zum Tod verurteilte. Da man ihn die +Todesart wählen ließ, entschied er sich für die Verbrennung. An dem dazu +bestimmten Tag nahm er seine gewohnten Leibesübungen vor, badete, ging +zu Tisch und öffnete sich die Adern. Aber die Liebe zu seinen Pflanzen +war so groß, daß er in der letzten Stunde den aufgeschichteten +Scheiterhaufen nach einer anderen Stelle schaffen ließ, damit Flammen +und Rauch das Laubdach der Bäume nicht beschädigen sollten. Genau das +Gleiche, Zug für Zug, hat sich unter der Regierung der letzten Kaiserin +in China begeben, und ich habe den Mann gesehen, der das Gleiche erlitt; +ich war dabei, als er auf den Holzstoß stieg. Aber das ist vielleicht +aus zu grober Materie; Ereignis gegen Ereignis, eins der Schatten vom +andern; was besagen sie beide? Die lüsterne Phantasie nascht davon, und +es entsteht Irrtum und Dunkel. Man muß immer zum Geringen niedersteigen, +dann ist die Falte auf einer Stirn und die Windung in einem Ohr beredt +genug, und wo man geht und steht, umdröhnt einen der Lärm des Bluts, +der Wünsche, Begierden, Träume und Gedanken in allen wie das +Hämmergestampf in einer Maschinenhalle. Ohne Aufhören ist es, ohne +Stille; Rad wetzt sich an Rad, Hebel stößt Hebel. Ich bin einmal mit +einer Kolonne von Arbeitslosen marschiert, Männern und Frauen; wie es +hinter den Schädeln raste! Mir war als sausten Knüttel auf mich herab, +und doch waren die Leute ganz stumm. Ich bin einmal auf einem Schiff +gewesen, das auf eine Mine stieß; die Passagiere stürzten auf Deck, und +die Todesangst in den Gesichtern kann ich nicht vergessen. Sie waren +aufgerissen bis in die verborgensten Fasern. Schamlos werden die +Menschen da; Zucht fällt ab wie Tünche, das Gehütetste geben sie preis, +und nur Mütter und Tiere verlieren sich nicht ganz. Ich bin einmal in +Litauen oben mit drei Wucherern in einem Postwagen gefahren. Sie +sprachen wenig, und das Wenige mit Vorsicht; aber ihre Augen und ihr +Lachen und ihre Gebärden erzählten von zugrundegerichteten Existenzen, +von Bitten und Flehen, das an ihrer Unempfindlichkeit abgeprallt war; +jeder schleppte ein Netz, worin die Ausgesogenen wehrlos zappelten; und +es war, als zeigten sie einander ihre Beute. Ich folgte ihnen heimlich; +es ließ mir keine Ruhe, von ihnen viel zu wissen; ich sah Drohbriefe und +Pfandscheine und verfallenes Gut und ausgeräumte Stuben, und den +Leichtsinn der Opfer, die Verzweiflung von einem, der Wechsel gefälscht +und von einem der Geld unterschlagen und von einem, der sein Erbe +verschleudert hatte. Die drei Wucherer waren wie Pirschgänger; sie +brachten Menschen in Rudeln zu Fall; sie häuften Reichtümer an, ohne sie +zu genießen, ohne sich daran zu freuen, ihr einziges Ergötzen war die +Qual und Wut des in die Enge getriebenen Menschenwildes; als ich in +einer Nachtstunde einen allein in seinem Zimmer sitzen sah, durch das +Fenster von der Straße aus konnte ich ihn sehen, da erschrak ich, denn +das Gesicht sah aus wie das eines versteinerten, grauenhaft traurigen +Affen.« + +Der Unbekannte bedeckte hastig die Augen mit der Hand und lächelte +enigmatisch. »Um ihn war ein Geruch von Schicksalen wie von Miasmen,« +fuhr er fort; »doch ein jedes Schicksal hat seinen bestimmten Geruch, +seine bestimmte Schwere, seine Flugkraft, seine Intensität, seine +angeborene Gewalt. Es wächst oder welkt wie die Pflanze; es zieht +anderes Schicksal an oder stößt es ab, je nachdem. Es ist über den +Menschen, eine Weile oder ein Jahrtausend, je nachdem, dann in den +Menschen. Sie verhalten sich zu ihm wie mehr oder minder elektrische +Körper zum Blitz. Das Unausdenkbare, sobald es ausgedacht werden kann, +geschieht es schon oder ist geschehen; aber der es erleiden muß, dem ist +es Rätsel und Grauen. Ich war in Böhmen auf einem Gut, dessen Besitzer +seit kurzem geistesgestört war, und zwar aus folgender Ursache. Es war +ein reicher Edelmann, ohne Familie und ohne Freunde, ein menschenscheuer +Sonderling. Die einzige Person, der er vertraute, war sein Diener, mit +dem er fünfundzwanzig Jahre auf dem Schloß gehaust hatte, der für seine +Bedürfnisse sorgte, seine Launen kannte und ihm in allem demütig ergeben +war. Eines Tages wurde der alte Baron von Todesahnungen geplagt; +vielleicht ängstigte ihn die völlige Einsamkeit zum erstenmal; er rief +den Diener zu sich in die Stube und sagte ihm, daß er wahrscheinlich +bald sterben müsse, und daß er, um ihn für seine Treue und +Anhänglichkeit zu belohnen, sich entschlossen habe, ihm den großen +Meierhof zu schenken, der an den Schloßpark grenzte. Er möge für den +nächsten Morgen den Notar bestellen, damit die Schenkung rechtsgültig +festgelegt werde. Der Diener starrte eine Weile stumpf vor sich hin. +Während des ganzen Vierteljahrhunderts nämlich, das er mit seinem Herrn +verbracht, hatte er nie eine Gemütsbewegung an ihm bemerkt, nie eine +Gabe von ihm empfangen, nie ein mildes Wort von ihm gehört. Er fängt an +zu stottern; er verfärbt sich, plötzlich stürzt er vor dem Baron auf die +Knie, schluchzt vor Zerknirschung und sagt, er sei der Gnade des Herrn +unwürdig; er müsse sich eines gräßlichen Vorhabens anklagen, das er +dreimal in Tat umsetzen gewollt; dreimal habe er den Plan gefaßt, den +Herrn umzubringen; dreimal sei er des Nachts unter dem Bett des Herrn +gelegen, um ihn im Schlaf zu erwürgen; dreimal habe ihn ein Zufall daran +gehindert: einmal der Hahnenschrei; einmal das Schlagen der Pendeluhr; +das letztemal, in voriger Nacht erst, das Trompetensignal einer durch +die Dorfstraße ziehenden Militärabteilung. Der Baron wußte nichts zu +antworten. Er hieß den Diener gehen. Er verabschiedete ihn noch an +demselben Tag. Das nachträgliche Entsetzen über die dreimalige nicht +gewußte Gefahr, unter Mörderhand zu enden, umnachtete seinen Geist.« + +Der Unbekannte hatte einen Ausdruck in den Augen, als schaue er in ein +Gewühl, das fern und tief unten war. »Aber ist das nicht auch zu grob, +zu tatsächlich, zu zufällig?« fragte er gedankenvoll; »ich greife es +heraus, weil es sich herausdrängt. Ich bin zu erfüllt davon. Es haftet +auch an der Haut. Und immer ist es aneinandergereiht wie die Käfer auf +einem Pappendeckel. Man will beweisen, was man spricht. Ich sehe immer +das Exempel. Ich sehe so viele, die ihren Mörder neben sich haben; sie +füttern ihn förmlich auf und drücken ihm die Waffe in die Hand. Oft ist +es ihr eigener Schatten, der sie mordet, oft ihr Bild in einem Bruder, +einer Geliebten, einem Freund. Keiner weiß etwas vom Bruder, von der +Geliebten, vom Freund, und es ist wunderlich amüsant, zu erfahren, was +er zu wissen vorgibt. Mißverständnisse geben ihnen den stärksten Halt. +Es ist überhaupt wunderlich amüsant alles, finden Sie nicht? Immer +sehen, immer hören, jede Stunde ausschöpfen, jedes Herz aushorchen! Was +hätte ich drum gegeben, wenn ich jenen Diener noch auf dem Gut getroffen +hätte! Die fünfundzwanzig Jahre Gehorsam in Schweigen und Haß, was muß +da in seinem Gesicht zu lesen gewesen sein! Ich habe ihn lange Zeit +gesucht; leider umsonst.« + +Er beugte sich vor; die schöngeformten Hände machten eine zaghafte +Geste. »Diener! daß es solche gibt!« fuhr er fort; »daß es Knechte gibt, +und Türsteher; solche, die Kohlensäcke auf dem Rücken tragen; +Schiffszieher; solche, die in Schwefelgruben steigen; solche, die +Kloaken säubern; solche, die Bleidämpfe einatmen. Jeder mit seinem ganz +besondern Sinn. Einer hat nicht dieselben Finger wie der andere; in +zweien sind nicht zwei gleiche Gedanken, und jeder läßt sich die Last +aufbürden und schleppt und schleppt. Warum nur? Man kann nicht fertig +werden, darüber nachzudenken. Millionen Sklaven keuchen unter der Kette; +tausend rebellieren und reißen sich los, und schon zwängen sich tausend +neue an ihre Stelle. So mutlos und wundgerieben ist aber keiner, daß er +nicht ein Weib bei sich hätte und Kinder mit ihr zeugte, die auch wieder +an die Kette geschmiedet werden. Da schwillt das Leiden immer höher. In +manchen Ländern steht es bereits so, daß die Kinder mit einem alten +finstern Herzen auf die Welt kommen. Ich habe mich davon überzeugt. Ich +habe folgendes erlebt. Man geht nichts ahnend hin, und aus dem Erdboden +heraus strecken sich einem Kinderarme entgegen, lauter magere Kinderarme +wie ein Feld von Strohhalmen; die Fäustchen sind krampfhaft geschlossen, +die zarten Gelenke sind rhachitisch. Es ist äußerst merkwürdig: man kann +meilenweit wandern, zwischen Fabrikschloten und flammenden Essen, und +sie strecken sich einem unabsehbar entgegen, lauter magere Kinderarme, +wie Strohhalme, oder wie kleine geschälte Zweige. Manche brechen, manche +wachsen, jedenfalls sind es zahllose, und sie versperren einem den Weg. +Was sagen Sie dazu? Meinen Sie nicht, daß Ihre Ansicht, die Zeit sei +Ihnen entgegen, doch falsch ist? Ist sie nicht geradezu für Sie? +Geradezu wie für Sie gemacht? Ist sie nicht wie ein verdorrter Acker, +der Bewässerung verlangt, Licht und Wärme? Denken Sie nur an die +zahllosen Kinderarme. Sie können sich niederbeugen, die +zusammengekrampften Fäustchen öffnen, die frierenden Hände ergreifen. +Ich fürchte, das klingt sentimental, aber ich halte es Ihnen als +Notwendigkeit vor. Es ist, als schaute man in ein vergiftetes Bassin, wo +viele kleine Fische vor dem Krepieren noch ein bißchen zucken. Das +einzige Mittel, sie zu retten, ist, neue Quellen und Zuflüsse +hineinleiten. Sie sagen, das Werk lasse sich nicht schaffen, weil die +Geister und Seelen zerstört sind. Zum Teil ist das ja richtig. Aber war +die Auslese der Brauchbaren nicht immer sehr gering? Steht und fällt +nicht jedes Werk mit dem einen Hirn, in dem es geboren wird? Und +brauchen Sie denn die Menschen? Genügt nicht das Schauspiel von Aufstieg +und Sturz, das sie Ihnen bieten? Ist denn der große Lebensteppich +zerfetzt oder verbrannt? Sind seine Farben verblaßt? Ist er minder bunt +gewirkt als vor zehn, vor hundert, vor tausend Jahren?« + +Der Unbekannte schien in einiger Erregung. Der Ton seiner Fragen war +dringlich; er hatte die Hände ausgestreckt und sich noch weiter +vorgebeugt. »Es scheint mir nicht. Sehen Sie doch hin. Die Paare treten +zum Tanz an, der Wein wird ausgeschenkt, die Musik spielt. Es ist ein +Haus mit vielen Stockwerken; in dem einen ist Fröhlichkeit, im andern +Traurigkeit. Es ist eine Zauberhöhle mit schimmerndem Gestein. Man +braucht nicht einmal Aladdins Wunderlampe; die dienenden Geister +gehorchen dem, der den Weg gefunden hat. Wozu Gericht? Wozu Verdammung? +Nicht einmal urteilen darf man. Zerstörte Geister und Seelen, was heißt +das? Ist das eigene Auge und die eigene Seele unzerstört, so ist die +Welt unzerstört. Gäbe es eine Hölle wirklich und wären alle ihre +Verdammten losgelassen, um aus purer Raserei die Welt zu vernichten, und +es fände sich nur ein einziger unter ihnen, der beim Ruf der Erlösung +sehnsüchtig stutzt, so würde es sich verlohnen, sie von neuem +aufzubauen. Das ist meine Ansicht. Schlagen Sie die Augen empor! Fassen +Sie doch, wie ein Kind es tut, das Ungeheure, das Süße, das +Schmerzliche, das Blühende, den ungeheuren, überflutenden Reichtum. +Freilich ist eines not, wie es auch geschrieben steht. Es steht +geschrieben: Von der Neigung zu geliebten Personen mußt du so frei sein, +daß du, soviel dich anbelangt, ohne alle menschliche Verbindung zu sein +wünschest; umso näher kommt der Mensch Gott, je weiter er sich von allem +irdischen Trost entfernt. Aber das ist eine harte Aufgabe. Geöffnet sein +und im ehernen Panzer; leicht sein und schwer beladen; den Baum hegen, +der die seltenen Früchte trägt, und sie nicht für sich pflücken dürfen. +Trotzdem ist es köstlich, zu wandeln und die Luft der Erde zu atmen, +wenn man die Botschaft versteht, die einem geworden ist.« + + * * * * * + +Mörner wollte die Hand des Unbekannten ergreifen, doch der Stuhl, auf +dem er gesessen, war leer. Seine Brust hob sich mit einer Sturmwelle, er +wußte nicht, ob in freudigem, ob in wehem Gefühl. Fragen quollen ihm auf +die Lippen, die er an sich selbst richtete, aus einer Morgendämmerung +des Herzens heraus: wo gräbst du? wo wächst du? wo wirkst du? wo ist +dein Feld? wo ist dein Weg? Aber ehe er sie bedenken konnte, waren sie +von einer geisterhaft-entfernten Stimme beantwortet, und er glaubte +einen Arm zu gewahren, der ihm eine goldhäutige, strahlende Frucht +zeigte. Der Tag rauschte über das Firmament, und er begrüßte ihn. Er war +an der Wende angelangt, wo der Ausgleich ist zwischen Finsterem und +Hellem, über welchen der Bogen sich wölbt, an den die Sternbilder +geheftet sind, Inbegriff allen Schicksals. + + + + +Adam Urbas + + +Unter den Aufzeichnungen des kürzlich verstorbenen +Reichsgerichtspräsidenten Diesterweg, eines scharfsinnigen und +geistreichen Kriminalisten vom Schlage des großen Anselm Feuerbach, +befand sich auch die folgende. + +An einem Oktoberabend, zu später Stunde, kam der Bauer Adam Urbas aus +Aha, einem Dorf des südlichen Frankens zwischen Altmühl und Hahnenkamm, +auf die Gendarmeriestation in Gunzenhausen und erstattete die Anzeige, +daß er an eben diesem Tag seinem achtzehnjährigen Sohn Simon den Hals +abgeschnitten habe. Er liege tot in der Kammer zu Hause. Das Messer, mit +dem er die Tat verübt, trug er bei sich und überreichte es. Es war noch +blutig. + +Die Selbstbezichtigung, in ruhigem Ton und mit äußerst knappen Worten +vorgebracht, wurde protokolliert. Auf alle weiteren Fragen des +Kommissärs verweigerte er die Antwort. Der Lokalaugenschein, der noch in +derselben Nacht vorgenommen wurde, bestätigte seine Angaben. Man traf +ein vor Entsetzen und Jammer halbwahnsinniges Weib und bestürzte Knechte +und Mägde. + +Adam Urbas wurde ins Gefängnis nach Ansbach gebracht. + +Als ziemlich junger Richter war ich einige Wochen zuvor in diese +Kreishauptstadt versetzt worden, und meinem lebhaften Ehrgeiz war es +willkommen, daß man mich mit der Voruntersuchung betraute. + +Der Fall schien von Anfang sonnenklar. Ein anscheinend beschränkter und +in allen Vorurteilen seiner Kaste befangener Bauer hatte seinen +entarteten Sprößling, von dem er nur Schande und Unheil erfahren hatte, +kurzerhand aus dem Weg geräumt, sowohl um ein Strafgericht zu +vollziehen, als auch um noch größerem Übel, das im Entstehen war, +vorzubeugen. + +Nach den übereinstimmenden Aussagen der Zeugen war der junge Urbas ein +völlig verlottertes Individuum gewesen, arbeitsscheuer Herumtreiber, +ständiger Gast in allen Wirtshäusern und auf allen Jahrmärkten der +Gegend. Für seinen müßiggängerischen und anstößigen Wandel hatte er viel +Geld gebraucht, und was ihm die gefügige Mutter, die er einzuschüchtern +verstand, nicht gab oder geben konnte, hatte er sich auf andere Weise zu +verschaffen gewußt. So hatte er im August beim Getreidehändler Kohn in +Weißenburg auf eigene Faust achthundert Mark für gelieferte Gerste +abgeholt und das Geld unterschlagen und verpraßt. In Nördlingen hatte er +sich mit einem verrufenen Frauenzimmer eingelassen, das von ihm +schwanger zu sein behauptete; eines Tages hatte er die Person an einen +entlegenen Ort gelockt und zu erwürgen versucht. Durch ihr Geschrei +waren zufällig vorbeikommende Leute alarmiert worden, und so war sie ihm +entronnen. Über diese Angelegenheit war die Untersuchung noch im Gange, +als Adam Urbas den gerichtlichen Maßnahmen zuvorkam. + +Auch aus der Knabenzeit Simons wurden Züge und Begebenheiten berichtet, +die seinen Charakter in das übelste Licht rückten. Nichts entstammte +dem Übermut, was er verübte, es war immer voller Tücke und +Abgefeimtheit. So hatte sich z. B. die Großmagd sechs neue Leinenhemden +in der Stadt gekauft; freudig zeigte sie die Erwerbung dem übrigen +Gesinde und der Bäuerin; es wurde zur Vesper gerufen, und sie legte die +blütenweiße Wäsche auf den Tisch in der Tenne. Als sie zurückkam, waren +die Hemden mit Wagenschmiere derart besudelt, daß keines mehr brauchbar +war. Daß Simon die Büberei begangen, bezweifelte niemand, aber bewiesen +werden konnte es nicht, so wenig wie die Sache mit dem Fuhrmann Scharf. +Der hatte seinen mit Mehlsäcken beladenen Wagen vor dem Krug halten +lassen; als er weiterfahren wollte, rann das Mehl in weichen Bächen auf +die Straße; zehn oder zwölf Säcke waren heimlich aufgeschnitten worden. +Das ist der Simon Urbas gewesen und kein anderer, hieß es; bewiesen +werden konnte es nicht. + +Zur Heuchelei und Hinterlist gesellten sich später Frechheit und +Gewalttätigkeit, und alle Gutmeinenden waren darüber einig, daß da ein +Menschenunkraut emporwuchs, so hoch, daß keine Schere mehr hinanreichte, +es zu stutzen und kein Spaten stark genug war, es auszujäten. Ich hätte +auf die Fülle des gebotenen Materials verzichten können. Da war kein +Problem, keine Verworrenheit, keine Tiefe; alles war eindeutig, platt +und roh, zumindest, was den Ermordeten betraf. + +Der letzte Akt des dörflichen Schauerdramas hatte sich am Gunzenhauser +Kirchweihsonntag abgespielt. Zwei Bauern aus Windsbach hatten sich im +Wirtshaus zu Aha darüber unterhalten, daß gegen Simon Urbas ein +Verhaftsbefehl erlassen worden sei. Adam Urbas saß unbemerkt von ihnen +am Nebentisch. Die anderen Gäste und der Wirt schielten ängstlich nach +ihm hin, denn aus der Art, wie er das Glas absetzte und vom Stuhl +aufstand, war zu schließen, daß er von der Nördlinger Geschichte noch +nichts wußte. Die Schandtaten Simons wurden ihm nämlich so lang wie +möglich verhehlt. Es war seine außerordentliche Schweigsamkeit, seine +achtunggebietende Haltung und nicht zuletzt seine große Beliebtheit in +der Gemeinde und in der ganzen Gegend, die einen schonenden Wall um ihn +errichteten. Durch all die Jahre hatte auch die Bäuerin die schlimmsten +Nachrichten aufzufangen und in ihrer Wirkung auf Urbas zu mildern +gewußt. Aber wenn man annahm, daß er deshalb in Unwissenheit oder nur in +halber, in freiwilliger Unwissenheit lebte, so täuschte man sich. Er +verstand es eben, seine Umgebung über das, was er sah und in ihm +vorging, im Zweifel zu lassen. + +Die Bäuerin hatte das drohende Unglück beim Buttern von einer +schwatzhaften Magd erfahren. Als Urbas nach Hause kam, stellte sie sich +ans Fenster, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Da ging, es war +schon gegen Abend, der Ziegelarbeiter Franz Schieferer am Haus vorbei +und rief ihr zu, der Simon sei drüben in Gunzenhausen im Hirschen; er +traktierte die Manns- und Weibsleute und werfe mit Geld herum, daß es +nur so klappre; aber, fügte er lachend hinzu, denn er war stark +angeheitert, man werde den Vogel bald auf Numero Sicher haben, die +Gendarmen seien schon unterwegs. Dem war freilich nicht so, wie sich +später erwies; auch das mit dem Verhaftsbefehl war vorläufig leeres +Gerücht. + +Das ganze Gesinde war zur Kirchweih gegangen. Die Bäuerin ließ sich auf +die Wandbank nieder; Urbas wanderte mit schweren Schritten in der Stube +auf und ab. Da hörte man von der Straße herein schlürfendes Gehen, dann +wurde an der Haustürklinke gerüttelt. Fäuste polterten wider das +massive Holz, dazu erschallten Flüche. Die Bäuerin sprang auf und wollte +hinaus; Urbas hob den Zeigefinger, nichts weiter; sie verharrte auf der +Stelle. Nun zeigte sich Simons Gesicht am Fenster, von Trunkenheit +gerötet, mit Augen voller Bosheit. Die Bäuerin schrie auf und winkte ihm +zu, er solle weggehen. Er verschwand wieder, eine Weile blieb es ruhig, +dann war auf der Tenne Lärm. Er war durch die Tür auf der Hofseite ins +Haus gelangt. Im Dunkeln stieß er gegen das Gerät; man vernahm einen +Sturz; die Bäuerin riß die Stubentür auf und im hinauslohenden +Lampenschein gewahrte sie, wie sich der betrunkene Mensch mühsam vom +Boden aufrichtete. Die Arme gegen die beiden in der Stube reckend, drang +eine gräulich lästernde Rede aus seinem Mund; vielleicht war dieser +Augenblick entscheidend für Urbas. Die Bäuerin sagte aus, daß sie ihn +vom Kopf bis zu den Füßen habe zittern sehen. Simon hatte sich indessen +zu seiner Kammer getastet; er schlug dröhnend die Tür hinter sich zu, +dann war es wieder still. Urbas schaute in die finstere Tenne hinaus, +die Bäuerin stand hinter ihm, das Gesicht in die Schürze gepreßt. Das +dauerte so an fünf Minuten. Hierauf verließ Urbas die Stube und ging +hinüber in die Kammer. Die Bäuerin versicherte, daß sie geahnt und +gespürt habe, was kommen würde, daß ihr aber die Glieder wie gefroren +gewesen seien und sie während der ganzen Zeit ihrer Sinne nicht mächtig +war. Ob Simon so berauscht gewesen, daß er gleich, nachdem er sich auf +die Bettstatt geworfen, in Schlaf verfiel, oder ob sie noch miteinander +geredet, Vater und Sohn, ließ sich deshalb nicht ermitteln. Einmal sagte +sie, es sei alles still geblieben, dann wieder, sie hätten miteinander +geredet, und zwar ziemlich lange; die beiden Türen waren aber +geschlossen gewesen, und da sie nach ihrer Behauptung im Ofenwinkel +gesessen war, konnte, wie durch mehrmaligen Versuch erwiesen wurde, der +Schall von bloßem Sprechen unmöglich zu ihr gedrungen sein. Auch ihre +Angaben, wie lange Urbas in der Kammer geweilt, waren auffallend +unsicher; bald sagte sie, es könne nur eine Viertelstunde, bald, es +müßte mehr als eine Stunde gewesen sein. Das Mordmesser hatte nicht +Urbas gehört, sondern dem Sohn; ob es dieser bei sich getragen oder ob +es in der Kammer gelegen, war ebenfalls nicht zu ermitteln. Hierüber +verweigerte Urbas jede Auskunft, und so wichtig der Umstand war, er +konnte vorerst nicht ins Klare gebracht werden. + +Ich gestehe, daß mir alle diese Vorgänge trotz ihrer Unheimlichkeit +zunächst wenig Interesse einflößten. Sie waren als Begleiterscheinung +eines solchen Verbrechens typisch. Der Vater ein unbeugsamer Starrkopf, +beleidigt in seinem bäuerlichen Ehrgefühl, in echt bäuerlichem Dünkel +keine Instanz über sich anerkennend, der Sohn ein Lump, dessen +vorzeitiges und gewaltsames Ende man kaum recht bedauern konnte; die +Mutter haltlos zwischen beiden schwankend; es war die übliche +Konstellation, und die Gerechtigkeit konnte ihren Lauf nehmen, ohne daß +sie auf hemmende Dunkelheiten stieß. + +Nach und nach aber, bei genauem Einblick in die Vergangenheit und die +Art des Adam Urbas, wurde meine Aufmerksamkeit nachhaltiger gefesselt. +Es war als gingest du an einer Mauer entlang, die aussieht wie alle +andern Mauern in der Welt; plötzlich gewahrst du, erst kaum bemerkbar, +dann immer deutlicher, gewisse Zeichen und Runen, die zu prüfen ein +Etwas dich zwingt; du kommst nicht mehr los, du beginnst Gruppe um +Gruppe zu entziffern, und schließlich wird dir eine unerwartete +Mitteilung über das verschlossene Gebiet, das hinter dieser Mauer liegt. + +Die Urbassche Ehe war dreizehn Jahre kinderlos gewesen. Die Frau hatte +es als unabwendbares Schicksal getragen, der Mann aber hatte sich +aufgelehnt gegen den Spruch der Natur. Er war der Letzte eines uralten +Bauerngeschlechts; in fränkischen Chroniken des vierzehnten Jahrhunderts +schon werden die Urbas genannt. Ihn dünkte es wie Schmach, daß er keinen +Leibeserben haben sollte. Wozu war das Schaffen und Sparen, Säen und +Ernten? Wozu das Haus mit den gefüllten Truhen, das Vieh im Stall, das +Getreide in der Scheune, wozu Acker und Wiese, Mühle, Fluß und Wald? + +Er äußerte sich nicht; gegen sein Weib nicht, gegen andere Menschen +nicht. Er verzog keine Miene, wenn die andeutende Rede darauf fiel. Kein +hartes Wort das Jahr über, keine Erkundigung. + +Aber einmal im Monat geschah es, daß er den Blick auf der Frau ruhen +ließ. Es ging höhere Gewalt aus von dem Blick. Er wurde dabei nicht von +einer bestimmten Absicht gelenkt; es gewann Macht über ihn und brach +hervor. Auf dem Feld konnte es sein: er hörte auf, die Garbe zu binden +und schaute sie an; beim Abendessen: er ließ den Löffel in die Schüssel +fallen und schaute sie an; in der Nacht: die Bäuerin erwachte, er lag +da, auf den Arm gestützt und schaute sie an. Auf dem Platz vor der +Kirche: sie stand im Gespräch mit andern Weibern, plötzlich verstummte +sie, denn er stand drei Schritte vor ihr und schaute sie an. Ohne Zorn, +ohne Drohung, ohne Vorwurf, nur prüfend, aus umbuschten Augen still und +lang. + +Einmal im Monat geschah es und war mit Sicherheit zu erwarten. Anfangs +ging es der Bäuerin nicht nah. Sie hielt es für eine Schrulle. Sie gab +sich keine Rechenschaft, worauf es abzielte. Sie lachte; sie zwang sich +zu einem muntern Wort. Später duckte sie sich, flüchtete mit Sinn und +Auge; aber es kamen Stunden und schließlich Tage, wo sie in Grübeleien +verfiel und die Frage, die sie an den Bauern nicht zu richten wagte, an +seinen geisternden Schatten richtete. + +Können Menschen nicht miteinander reden? grübelte sie; wozu hat einer +die Zunge im Maul, daß er nicht sagt, was er begehrt? Sie beschloß, den +Mann anzuhalten. Doch wenn es so weit war und sie vor ihn hintrat, +entfiel ihr der Mut. Verschuldung wuchs, um Aufschluß drängte eine +Stimme, Aufschluß kam nicht, sie fühlte sich nicht schuldig, etwas war +schuldig, aber das Etwas war in ihr. + +Das wechselnde Tun während der lebendigen Jahreszeiten zwang die Tage +immer wieder ins gleiche, aber für eine immer kürzer werdende Spanne. +Die Angst vor des Bauern Blick, der auf sie eindrang, so oft das +Blutzeugnis die Schuld vergrößerte, lähmte die Gedanken. Vom November +bis zum Februar rückten die Steine und Balken des Hauses gefährlich +aneinander, in den Stuben war schwerere Luft, der Himmel klebte an den +Fensterscheiben, der Abend war ein nasser Sack um den Leib, das Linnen +schleifte bleich über die Diele, die Kühe lagen in rosigem Dampf, und +durch die Schneeschlucht heran zum Stall schwankte durch Irisringe +breitgängig, die Laterne in der Hand, die hochschwangere Magd. + +Alles war Leib, alles war Angst. Achtundzwanzig Tage und Nächte waren +ohne Einschnitt; Urbas saß am Ofen, die Pfeife zwischen den Zähnen; ging +ins Wirtshaus und kehrte am Abend zurück; saß wieder am Ofen und +studierte die Zeitung; erhob sich, wenn der Topf mit Kraut und Klößen +hereingetragen wurde; sprach das Gebet; hörte still zu, wenn die andern +redeten, und nichts Heimliches war in seinen Mienen, kein Groll, der +sich sammelte, nur Schweigen. + +Dann aber kam die Stunde. Die Bäuerin spürte es schon in jeder Ader; die +Haare fingen an zu knistern. Eine Tür ging auf, und er stand da; am +Morgen, am späten Abend; war es nicht in der Stube, so war es in der +Tenne; stand da mit dem unerforschlichen Blick. Kein Räuspern, kein +Aufzucken, kein Wort, nur der Blick: warum nicht? warum alle und du +nicht? warum liegt dein Acker brach? + +Zwölf Jahre waren so verflossen, da hatte die Kraft der Frau ein Ende. +Ihr Gemüt umdüsterte sich. In den Nächten wälzte sie sich schlaflos. +Durch die Finsternis brannten die Augen des Bauern, auch wenn er +schlief. Hörte sie bei Tag seinen Schritt, so verkroch sie sich in einen +Winkel der Scheune und kauerte zitternd, bis von allen Seiten das Rufen +nach ihr erschallte. Die Zügel der Wirtschaft waren gelockert, das +Gesinde wurde lässiger. + +Sie versagte sich ihm. Ihr graute vor seiner Umarmung. Ergab sie sich +nicht, so hatte er nichts zu fordern, schien es ihr in der Verdunkelung +ihrer Sinne. Sie wurde kalt an Haut und Blut; das Weib in ihr erstarrte. +Da aber fing Urbas an, um sie zu werben. Es war wie nie zuvor. Sie hatte +es nie kennen gelernt. Nicht mit Worten warb er, vielmehr in einem +scheuen Dienst. Es lag oft etwas Beklommenes darin, als habe sie sich +versteckt, und er müsse sie finden; als suche er und könne sie nicht +finden. Er glich einem Tier, das leidet. Ein Jahr lang oder noch länger +währte dies, und in der Zeit verlor sich die Angst der Bäuerin, denn +sie merkte, daß sie nicht bloß eine an ihn hingeworfene Kreatur in +seinen Augen war, der man zu fressen gibt und die man karessiert, wenn +sie geschuftet hat, und einen Fußtritt verabreicht, wenn sie nicht +leistet, was man von ihr verlangt, sondern daß sie noch was anderes für +ihn bedeutete, der Ehrung und der Befragung Würdiges. Sie wandte sich +ihm mit bereitwilligerem Herzen wieder zu; einen Monat darauf wurde sie +schwanger. + +Als dies keinem Zweifel mehr unterlag, verwandelte sich ihr Wesen +vollends. Mit jungen Schritten eilte sie durchs Haus, trieb die Säumigen +heiter zur Arbeit, legte selbst überall Hand an, gesprächig, hell, +aufgeblättert. Staunen war um sie. Auch Urbas wunderte sich. Sie mochte +ihm, was bevorstand, nicht geradezu ankündigen; sie wünschte eine Form, +in der es festlich und wie ein Geschenk wirken sollte. Am Gründonnerstag +legte sie das Staatskleid an, dazu die langen schwarzen Kopfschleifen +mit den silbernen Spangen, dann rief sie Urbas in die obere Stube, wo +die Glasschränke standen mit dem alten Silber und Porzellan, +Jahrhunderterbe. Gewichtig setzte sie sich in den Lehnstuhl, faltete die +Hände über dem Leib und sagte, was zu sagen war, kurz und simpel. + +Durch Urbas mächtigen Körper ging ein Ruck. Als sie von dieser Stunde +sprach, neunzehn Jahre später sich dieses Geständnisses entsann und wie +Urbas sich dabei verhalten, war ihr noch immer die Erschütterung +anzumerken, die sie damals gespürt. Sein erdbraunes Gesicht wurde rot +wie Mohn. Er stieß eine dröhnende Lache aus. Darnach rann ihm die Nässe +aus den Augen. Er trat auf sie zu und schlug sie so derb auf die +Schulter, daß sie schrie. Bestürzt, sie könne nicht als Liebkosung +nehmen, was so gemeint war, tätschelte er ihr den Rücken, zärtlich, +andächtig und ließ dazu ein melodisches Gebrumm in der Kehle orgeln. + +Auf sein strenges Geheiß mußte sie sich pflegen. Er ging heimlich zum +Doktor und bat um Weisungen. Damit die zwei Arme nicht fehlten, heuerte +er noch eine Magd. Er überwachte sie; er räumte ihr aus dem Weg, was sie +beim Schreiten hinderte. Als die Kinderwäsche genäht wurde, saß er +bisweilen mit runden Augen daneben und wiegte den schweren Schädel. + +Alles verlief der Natur gemäß, auch die Stunde am Ausgang der neun +Monate. Lange hielt Urbas das Neugeborene in der Hand, lange betrachtete +er das trübselig-ungestalte Ding. Auf seiner Stirn wetterte es freudig +und sorgenvoll. + +Simon wuchs auf wie alle andern Bauernkinder; es wurde ihm nichts +leichter gemacht. Keine Kenntnis durfte ihm davon werden, wie lang man +auf ihn gewartet hatte und mit welcher Ungeduld. Was er seinen Leuten +wert war, mußte sich aus seiner Brauchbarkeit ergeben. Frühe Launen +zerschellten an der festgefügten Ordnung; frühe Krankheiten waren die +Probe, die zu bestehen war: taugst du oder taugst du nicht? Allerdings, +wer scharf zusah, konnte dann an Urbas eine unruhige Gespanntheit +wahrnehmen, als behorche er den innersten Blutgang im Leib des Knaben. + +Das Behorchen blieb in seinen Zügen. Es grub sich faltenmäßig ein. +Schien es, wie wenn er nicht beachte, was Simon tat und sprach, so war +es falscher Schein. Niemand in seiner Umgebung konnte ermessen, mit +welcher Genauigkeit er in diesem Punkte sah. Ich erfuhr es. Ich erfuhr +es in einer Weise, die weder zu vergessen, noch eigentlich mitteilbar +ist. Es wären dazu andere Behelfe nötig, als sie mir zur Verfügung +stehen. + +Eine fast erhabene Vorstellung von dem Verhältnis zwischen Vater und +Sohn war mit seinem Wesen verschmolzen. Er fühlte sich als Bauer, d. h. +er fühlte sich als König. Die Erde war seine Erde. Der Knecht war sein +Knecht. Wetter wurde für ihn gemacht, und für den Acker, und für die +Ernte. Er war Herr über das Land; sein Auge grenzte es ab bis zu dem +Stein, der von altersher unverrückt stand; kein Halm, der nicht in +seinem Namen aufschoß. Eigentum war das Heiligste von allem, und +Eigentum war des Herrn bedürftig, daß er es wachsam und unerbittlich +verwalte, bis auf den Pfennig, bis auf das Saatkorn. Der Sohn übernahm +es vom Vater, der Vater gab es dem Sohn, durch alle Zeiten hindurch; so +war die Ordnung der Dinge, anders war die Welt nicht zu verstehn. + +Aber das heißt vorgreifen, und ich will den Faden behalten. + +Die förmlichen Verhöre, die ich mit Urbas vorzunehmen verpflichtet war, +führten zu keinem nennenswerten Ergebnis. Die Antworten waren immer +dieselben, und sie jedesmal wiederholen zu sollen, schien ihm +verwunderlich und lästig zu sein. Er beschränkte sich auf die Tatsache; +erklären wollte er nichts. Sich zu verteidigen verschmähte er, auch von +einem Rechtsbeistand wollte er nichts wissen, und meinen Belehrungen und +Ratschlägen setzte er eine obstinate Gleichgiltigkeit entgegen. Als ich +ihm nahelegte, daß er durch eine freimütige Darstellung der Beweggründe +seines Verbrechens eine bedeutende Strafmilderung erzielen könne, +antwortete er lakonisch: »Es ist nicht an dem.« Ich entschloß mich, auf +die fruchtlosen Inquisitionen zu verzichten, zumal die Zeugenaussagen +und alles, was mir über die Person des Ermordeten wie über die des +Angeklagten selbst bekannt geworden war, eine lückenlose Motivenkette +geschaffen hatten. + +Dennoch gab es zwei Momente der Ungewißheit, die aufzuhellen noch nicht +gelungen war. Das eine war das Gutachten des Gerichtsarztes über den +Leichenbefund am Tatort. Die Lage des Körpers zeigte nämlich nicht das +geringste Merkmal von verübter Gewalt, weder an der Art wie die +Gliederstarre eingetreten war, noch an den Kleidern, noch am +Gesichtsausdruck. Wäre nicht die Selbstbeschuldigung des Bauern gewesen, +so hätte sich der Beweis des Mordes schwer erbringen lassen. Das zweite +knüpfte sich an das unbestrittene Faktum, daß das Messer dem Simon Urbas +gehört hatte. Der Bauer behauptete, es sei im Hosengürtel Simons +gesteckt, und er habe es einfach herausgezogen; auch zu dieser Angabe +verstand er sich erst nach häufigem, ernstlichem Drängen. Sie trug das +Gepräge der Unwahrscheinlichkeit an sich, und am nächsten Tag widerrief +er sie auch und sagte, das Messer sei aufgeklappt auf dem Tisch gelegen; +Simon habe in der Frühe noch Brot damit geschnitten. Als ich ihm mein +Erstaunen über diese Veränderung einer wichtigen Aussage nicht +verhehlte, blickte er scheu zu Boden. Es war das einzige Mal, daß ich +etwas wie Verwirrung an ihm zu beobachten glaubte. + +Den beharrlich schweigenden Mund zum Reden zu bringen, wurde zwangvoller +Trieb für mich. Fast ununterbrochen waren meine Gedanken mit dem +Menschen beschäftigt; die Deutlichkeit der Erscheinung, die +Hartnäckigkeit, mit der sie mich verfolgte, beunruhigte und quälte mich. +Immer wieder rief mir eine Stimme zu: der Mann ist kein Mörder; das ist +der Mann nicht, der hingeht und einem andern den Hals abschneidet wie +man ein Huhn schlachtet; dem eigenen Sohn mit Abscheu erregender +Brutalität zum Henker wird. Doch hatte er es ja gestanden. Was war +vorgegangen? Auf die Frage nach der Dauer seines Aufenthalts in der +Kammer hatte er stets geschwiegen oder höchstens die Achseln gezuckt; +erst beim letzten Verhör waren ihm, beinahe wider Willen, die Worte +entschlüpft, er schätze, es könne eine halbe Stunde gewesen sein. Was +war in dieser halben Stunde vorgegangen? Er gewahrte mein Nachdenken, +und sein Gesicht verfinsterte sich. + +Ich sah, den eigentümlichen Zustand meiner Unruhe und Ungeduld zu +beenden, keinen andern Weg, als den Bezirk der Beruflichkeit zu +verlassen und ihm gegenüberzutreten, Mensch gegen Mensch. Ein gewisses +Vertrauen glaubte ich mir bei ihm erworben zu haben; so oft ich mich +bemüht gezeigt hatte, Heikles zart zu behandeln, glaubte ich eine +dankbare Regung in ihm verspürt zu haben. Zögern machte mich nur noch +die Erwägung, ob sich nicht der angeborene Argwohn gegen den Zudringling +aus der fremden Sphäre wenden würde, ob es nicht an den Mitteln zu +natürlicher Verständigung von vornherein mangle. Aber darüber halfen mir +Bild und Gestalt hinweg; Adam Urbas war ja kein Bauer gewöhnlicher +Sorte; er gehörte zu unserer Bauern-Aristokratie, seine bloße Haltung +zeugte von Scharfsinn und Noblesse, und so hoffte ich, daß ich den Weg +zu ihm nicht vergeblich bahnte. Ich überlegte nicht länger; eines Abends +im Dezember war es, als ich in das Gefängnisgebäude ging und mir die +Zelle aufsperren ließ, in der sich Urbas befand. + +Ich hatte ihm Vergünstigungen für die Haft erwirkt. Es war ein +wohnlicher Raum, anständig möbliert mit Waschtisch, Bett und Spiegel, +behaglich warm. Er saß bei der Lampe und hatte die Bibel vor sich +aufgeschlagen. Ich grüßte, zog den Mantel aus, hing ihn an den Türhaken +und setzte mich Urbas gegenüber an den Tisch. + +Sein Anblick frappierte mich jedesmal aufs neue; auch jetzt. Er war +massig wie ein Stier. Sein Kopf hatte die Rundheit der eingeborenen +fränkischen Brachycephalen, doch wies der Schädel, besonders die Bildung +an den Schläfen, Merkmale alter Zucht auf; die Knochen waren dort +auffallend dünn, die Haut bläulichgelb und fast durchscheinend. Der Mund +war weitgeschnitten, mit festverpreßten schmalen Lippen, die Nase +gebogen, mit starkem Sattel; das Gesicht, an das eines alten +Schauspielers erinnernd, war sorgfältig rasiert, die Hände waren die +eines Riesen. Die träglidrigen Augen öffneten sich selten; dann aber +hatte der Blick eine überraschende Durchdringungskraft, so daß es auch +mir nicht leicht war, ihn auszuhalten. + +Um das Gespräch einzuleiten, sagte ich, ich hätte schon lange das +Bedürfnis empfunden, ihn aufzusuchen. Ich käme aber nicht in meiner +Amtseigenschaft, sondern, wenn er wolle, als Freund, dem ein Besuch +zufällig erlaubt sei. Im Grunde sei er mein Schutzbefohlener, und ich +trüge die Verantwortung für sein Wohlergehen. + +Er blickte mich schweigend an. Nach geraumer Weile sagte er: »Sehr gütig +von Ihnen.« + +Ich wehrte ab. »So möchte ich es nicht aufgefaßt haben,« sagte ich +ungefähr; »ich wünschte, Sie sollen mir jetzt nicht mißtrauen. Dem +Richter mißtraut man, unwillkürlich. Sie denken sich: Kommt er nicht als +Beamter, um seine Akten vollzuschreiben, so kommt er doch als +Neugieriger, um zu schnüffeln. Weder das eine, noch das andere ist meine +Absicht. Die Akten sind so gut wie geschlossen; wir stehen vor der +Verhandlung. Zur Neugier ist für mich wenig Anlaß; es ist mir ja alles +bekannt, will mir scheinen. Warum ich gekommen bin, weiß ich selbst +nicht genau. Ich mußte. Es war wie Pflicht.« + +Wieder antwortete Urbas lange nicht. Endlich sagte er: »Ich glaube +Ihnen.« + +Ich griff das Wort auf. »Wenn Sie mir glauben,« erwiderte ich, »dann +können wir uns ja über das Geschehene wie zwei gute Bekannte in Ruhe +unterhalten.« + +Urbas dachte nach. Hierauf sagte er: »Wozu soll ich denn reden? Schlimm +genug, daß es hat geschehen müssen.« + +»Das ist eben die Frage,« warf ich ein; »hat es geschehen müssen? +müssen?« + +Er hob den Kopf, aber die Lider blieben gesenkt. »Daran zu zweifeln, +wäre die pure Vermessenheit,« sagte er. + +»Es gibt nicht nur einen Zweifel,« beharrte ich, »sondern die +menschliche Gesellschaft verwirft Ihre Tat und verabscheut sie. Wollte +jeder in einem solchen Fall nach eigenem Gutdünken entscheiden, so wäre +des Schreckens kein Ende, so lebten wir wie unter reißenden Bestien. Wie +Sie sich vor sich selbst und Ihrem höchsten Richter verantworten werden, +weiß ich nicht. Uns Menschen sind Sie die Verantwortung noch schuldig.« + +Urbas schüttelte den Kopf. »Was kann das Reden hinzutun oder wegtun?« +murmelte er gleichgiltig. + +»Zwischen Ihnen und uns muß reiner Tisch werden,« sagte ich; »so lange +Sie sich trotzig verschließen, bleibt alles ein wüster Graus.« + +»Wenn einer aber nicht die Worte hat?« + +»Hat er sie nicht oder verweigert er sie nur aus Hoffart und aus Trotz?« +entgegnete ich; »prüfen Sie sich.« + +Er sagte: »Die Zunge ist schwer; ich bins nicht gewohnt.« + +Seine Stirn furchte sich. Ich sah, daß ich nicht weiter in ihn dringen +durfte. Ich wartete. Endlich murrte es aus seiner Brust: »Ich hab ihn +gemacht.« Sein Blick bohrte nach unten. »Wenn ich ihn gemacht habe, darf +ich ihn dann nicht auch vertilgen?« fragte er mit einem seltsamen, +listigbösen Ausdruck. »Das mögt Ihr Leute bestreiten, soviel Ihr wollt: +den einer gemacht hat, den darf er auch wieder vertilgen, wenns nur zum +Unheil war, daß er kam. Ich hab ihn mir geholt; herausgegraben aus +seiner Mutter Schoß. Andere Weiber tragen die Frucht neun Monate. Von +der kann man sagen, sie hat sie dreizehn Jahre getragen. Ich hab ihn von +ihr verlangt; ich hab ihn vom Herrgott verlangt. Ich hab ihn mir +zurechtgerichtet, bevor er noch da war. So und so, dacht ich, wirst du +mir werden. Wie ein Stück Lehm, das einer aus dem Erdreich schneidet und +bastelt daran und knetet es nach seinem Sinn. Auf einmal hat er nichts +als eitel Dreck in der Hand. Da schmeißt ers wieder hin, von wo ers +hergenommen hat.« + +Der listigböse Zug verstärkte sich. Er musterte mich durch einen Spalt +zwischen den Lidern. »Daß es zum Unheil war, hat sich erst nach und nach +erwiesen,« sagte ich. + +Er unterbrach mich mit einer herrischen Gebärde. »Von Anbeginn mißraten. +Mißratenes Blut; ich hab es mit meiner Nase gerochen. Andere, von +schlechterer Herkunft, wachsen auf, ohne daß man ihrer viel achtet und +mißraten doch nicht. Biegen sie sich am Anfang krumm, so biegt sie die +Zeit wieder grade. Bei ihm wurde das Krumme immer krummer. Da sah ich, +es wird großes Leid entstehn. Und so wars. Jeder Tag ein Sandkorn davon, +zuletzt ein Berg. Da bin ich gestanden und habe mich gefragt: was will +das werden? Hat mans an einer Stelle fortgeschaufelt, wars an der +andern doppelt so hoch; hat mans angegriffen, ists zwischen den Fingern +zerronnen. Es war keine Hilfe.« + +»Aber können nicht auch schadhafte Keime durch eine sorgfältige Pflege +zum Gedeihen geführt werden?« hielt ich ihm entgegen. »Haben Sie sein +Gewissen zu wecken versucht? Haben Sie ihn in ernstliche Zucht +genommen?« + +Urbas hob zum erstenmal die schweren Lider, und in seinen Augen war +etwas Verstörtes. »Herr,« erwiderte er jäh, »das Element kann einer +nicht bewältigen. Schaffts das Auge nicht, so schaffts auch das Maul +nicht, hab ich mir gesagt. Schaffts das Beispiel nicht, so schaffts auch +der Prügel nicht. In dem Punkt, den Sie meinen, hat die Bäuerin ihre +Schuldigkeit getan. Eine Weibsperson versteht das besser. Wenn er nicht +hat spüren können, daß meine Stimme auch dabei war, was war dann an ihm +nutze? Wenn er nicht hat hören können, was ich ihn ohne mein Reden habe +vernehmen lassen, wär auch des Propheten Wort nur leerer Schall für ihn +gewesen. So hab ich mir gesagt. Ich bin vorangegangen, er hätte +nachgehen können; ich bin ihm nachgegangen, er hätte sich umdrehn +können. Er hat mich nicht gesehen, er hat mich nicht gehört. Mich +widerts, daß ich einen Menschen soll packen und ihm ins Ohr schreien: +Mensch, sei ordentlich. Was soll das frommen, wenns ihm nicht in der Art +liegt? Verzieht einer seine Fratze zum Hohn, während andere beten, so +ist er eine verlorene Kreatur. Zucht schlägt an, wo nicht an der Wurzel +der Wurm schon nagt.« + +»Wußten Sie denn das ganz genau?« fragte ich, und wie ich vermute, nicht +ohne Schüchternheit, denn seine Worte, seine Stimme hatten finstere +Wucht, »waren Sie denn von Ihrer eigenen Unfehlbarkeit so fest +überzeugt?« + +Er streckte den Arm über den Tisch und antwortete schweratmend: »Wenn +mein Fleisch und Blut wider mich aufsteht, so kann ich nicht mit ihm +rechten wie mit einem Händler, der mich betrügt. Wenn der Same, den ich +ausgestreut, mir als Schlangenbrut entgegenzüngelt, so kann ich nicht +wie ein Schulmeister mit dem Bakel dreinfahren. Das hat kein Verhältnis, +das hat keine Menschenwürde. Wenn einer Böses wirkt und Aberböses, auf +den man die Zukunft gebaut, unabänderlich Böses, bis Haus und Hof im +Schlamm ersticken, was soll man da tun? Soll man ihm die Knochen anders +renken, ein anderes Hirn und Herz einblasen?« + +Sein Gesicht, in seiner ganzen Mächtigkeit, bebte und flammte. Derselbe +Mann, der sich so lange, ein Lebensalter vielleicht, der mitteilenden +Rede enthalten, riß vor meinen Augen sein Inneres auf und hatte Worte, +Bilder, Töne, die mich verstummen machten und fast mit Angst erfüllten. +Doch ich hatte plötzlich den unabweisbaren Eindruck, daß er nur +scheinbar mit mir redete, nur scheinbar sich an mich wendete; daß er in +Wirklichkeit sich eines abwesenden Bedrängers zu erwehren suchte, der +nicht erst seit heute ihm mit Fragen und Vorwürfen zusetzte. Mir wollte +es scheinen, als wäre alles, was er gegen mich äußerte, schon als +feuriggärender Stoff in ihm angesammelt gewesen und nun quölle es aus +ihm heraus, schleudre sich hervor; er konnte es nicht hemmen, und +während dies Gewaltige, gewaltig Unterdrückte redete, schien er selbst +in Grimm und Qual und noch immer stumm zu lauschen. + +Übrigens klang seine Stimme ruhiger, als er mit eckigen +Kinnladenbewegungen, den Kopf gesenkt, fortfuhr: »Es könnte wer fragen: +wann hast du angefangen, alles zu wissen und wann hast du aufgehört, zu +hoffen? So frage er den Aussätzigen: wann hat deine Haut zu schwären +angefangen? Er hat es am ersten Tag gewußt, natürlicherweise, aber den +Aussatz hat er erst geglaubt, wie es ihn ins Siechenbett gezwungen. Bin +gelegen, Nacht für Nacht; hab gesonnen und gesonnen. Hab mich +durchforscht, hab ihn durchforscht. Hab dies erwogen, hab jens erwogen. +Hab zugesehen und zugesehen, wie der Aussatz um sich gefressen hat. Hab +mir den Geist zermartert, wie das Übel zu fassen wäre. Zucht! Zucht +kommt immer um den Schritt zu spät, den die Unzucht voraus hat. Das +Rohr, mit dem ich seinen Rücken zerbläut, wär mir in der Faust +zerbrochen, und die Narben auf dem Fleisch hätten ihn bloß verhärtet. +Hätt’ ich ihm Regeln vorsagen sollen? Was für Regeln? welche sind +erprobt? Hätt’ ich ihn an Ketten legen sollen wie einen Hund? Alles, was +ich an ihm angepackt, war doch mein. Ich der Baum, er der Zweig; ich der +Docht, er das Licht; ich das Erdreich, er der Quell. Wie soll denn der +Baum zum Zweig reden? es rinnt ja der nämliche Saft durch. Und der Docht +zum Licht? er nährt es ja. Und der Boden zum Wasser? es kommt ja aus +ihm. Schön; aber woher kommt die Schlechtigkeit? Sie ist da und breitet +sich aus wie das Feuer in dürrem Holz; aber woher kommt sie? Und was das +für ein unbarmherziges Gestaffel hat: erst die kleine Lüge, dann die +große; erst den Pfennig stiebitzt, dann den Taler; erst das Tier +malträtiert, dann den Menschen; erst Tagdieberei, dann Ehrabschneiderei; +erst ein Hansguckindieluft, dann ein Hurentreiber. Kein Respekt, kein +Glauben, keine Redlichkeit, keine Liebe. Woher ist das alles gekommen? +Aus mir? Es ist wohl schließlich an dem. Und da hab ich mich gefragt: +wo, Urbas, und wann ist dein sterblich Teil oder dein unsterbliches so +von der Hölle versengt worden, daß du solchen Stank und Unrat in die +Welt gesetzt hast? Ist denn der Mensch nichts als ein geiler Schleim, +daß er nur wieder geilen Schleim hervorbringt?« + +Er sah mich mit seinem großen Blick an wie ein Lastenschlepper, der +unter der schweren Bürde keucht. Es entstand eine Stille. Er wischte +sich mit dem Rockärmel die Feuchtigkeit von der Stirn. Ich begriff seine +Erschütterung und sie teilte sich mir mit, aber mein in Zwiespalt +geratenes Gefühl zieh ihn der Überheblichkeit, und ich konnte mich nicht +enthalten, es zu äußern. »Ein solches Maß von Verantwortung sich +zuzuschreiben, geht meines Erachtens weit über das hinaus, was einem +Menschen verstattet ist,« bemerkte ich; ȟbernimmt man sich in dem, wozu +man sich verpflichtet wähnt, so vergreift man sich auch in seinen +Rechten. Sie berufen sich in allen Stücken auf sich allein; als Mann und +Vater nur auf sich selbst. Wie steht dann aber die Mutter da, die doch +den gleichen Anspruch auf den Sohn hat, den stärkeren sogar? Die wird +Ihre Gründe nicht billigen und gewiß nicht die Tat, für die Sie alle +Bande der Familie zerreißen mußten.« + +»Darüber läßt sich nicht disputieren,« antwortete Urbas hart; »das geht +dorthin, wo das Denken aufhört. Ob sie meine Gründe billigt, weiß ich +nicht. Sie hat verspielt, und ich hab verspielt. Ist bei ihr der Kummer +groß, so ist bei mir die Verdammnis noch größer. Bleibt ihr nichts vom +Leben übrig, so ist mirs schon vergällt seit Jahr und Tag. Freilich ist +sie mehr zu bedauern. Wars doch als gäb ihr Leib ungern die Frucht her +und sträube sich ahndungsvoll gegen meine eitle Torheit und Ungeduld. +Man muß nur die Natur recht verstehn, aber man versteht sie mit nichten +und wills besser machen und rennt wie ein Bock wider die verriegelte +Tür. Es sollte kein Weib ein einziges Kind haben, da steht zuviel +drauf. Meine Mutter hatte neun; davon sind allerdings sieben gestorben; +meine Ahn sechzehn, und auch von denen sind acht früh mit Tod +abgegangen. Solches Sterben hat nichts Bitteres. Von den Körnern bei der +Aussaat gehen auch nicht alle auf. Ein einziges Kind soll man nicht +haben; damit nimmt man sich zuviel vor, wie beim Lotteriespiel. Da ist +kein Ausgleich, da schlägt die Flamme auf einen zurück und wird Qualm. +Einer Mutter bangt vielleicht, und ihr Gemüt fällt in Finsternis, wenn +ihr Eins und Alles verworfen ist vor Gott und Menschen; aber sie ist +drin gefangen für Zeit und Ewigkeit, und träte er mit der aufgehobenen +Hacke vor sie hin, sein Leben gälte ihr mehr als ihres. Kein Gut, kein +Böse mehr; das Blut schreit lauter. Ich derweil! Vater, hats mich +angerufen. Was ist das, Vater? hab ich mich gefragt und hab nach dem +Ursinn geforscht. Wär ich zur Magd ins Bett gegangen und hätte mit ihr +einen Sohn gezeugt, der hätte mich auch Vater genannt. Wärs dasselbe +gewesen? Es wäre nicht dasselbe gewesen. Vielleicht wär der der +Geratene, der Ehrfürchtige, der Gewünschte gewesen. Warum nicht ihn +gezeugt, warum den Mißratenen? Aber da steht das Gesetz dagegen auf, und +das Gesetz ist heilig. Und wär dann das Weib noch mein Weib gewesen? Ich +will einmal sagen: der Mann reicht weiter hinauf und hinunter denn das +Weib. Ich will auch dieses sagen: der Vater ist tiefer in der Schuld +denn die Mutter. Die Mutter sitzt am Rocksaum unseres Herrn, und er mag +ihr nichts zuleide tun. Nach dem Vater wird gefragt, er muß Rechenschaft +ablegen. Mitteninne steht er in der Geschlechterkette; die obern deuten +auf ihn, und die untern deuten auf ihn. Er darf sich nicht gefallen in +der Zärtlichkeit und Liebkosung, denn aus den Augen des Sohnes schaut +ihn die Gemeinde an, schaut ihn der Kaiser an, schauen ihn die +Altvordern an und alle, die nachher sind bis ins vierte und fünfte +Glied. Der Sohn ist ihm verliehen als ein Pfand, will ich einmal sagen, +daß er es der Welt zurückgeben soll, wenn die Zeit reif ist. Weh dem, +der mit leeren Händen kommt und sprechen muß: ich habs verwirkt.« + +Er schaute starr in die Luft, erhob sich vom Stuhl und wiederholte laut: +»Ich habs verwirkt.« Dann setzte er sich wieder. + +Ich wagte nicht die Versunkenheit zu stören, in die er fiel. Auch suchte +ich in meinen Gedanken einen Weg, der weiter führte. Von Minute zu +Minute war ich meiner Sache sicherer geworden, aber ich hatte Furcht. +Eine solche Sicherheit war in mir, daß Vorgänge, die sich bis jetzt auf +bloße Vermutungen und Kombinationen gestützt hatten, die Leuchtkraft des +Erlebten gewannen, und in einer seherischen Glut fügte sich Bild an +Bild. Zweifellos trug hiezu das Fluidum des Menschen bei, der mir +gegenübersaß, und daher auch die Furcht. Ich habe trotz einer langen +Laufbahn als ausübender Jurist und Richter, oder vielleicht durch sie, +die Übertragbarkeit außerordentlicher Seelenzustände zu oft erfahren, um +sie hier zu leugnen, wo ich plötzlich eine Fähigkeit zu entfalten +vermochte, die ihr entwuchs. Es war etwas Grandioses um den Mann; seines +Geheimnisses mich zu bemächtigen, dünkte mich fast unerlaubt; ich +zauderte; ich fand das Wort nicht; schließlich aber unterbrach ich das +tiefe Schweigen, beugte mich weit über den Tisch und fragte: »Sie sind +in die Kammer hinübergegangen, um ein Ende zu machen?« + +Er antwortete nicht. Die aufeinander gepreßten Lippen schienen sich der +Rede wieder verweigern zu wollen. Doch für mich barst diese hartnäckige +Stirn; sie öffnete sich wie ein Buch, und ich konnte in dem Raum +dahinter lesen. »Sie waren zweimal in der Kammer,« sagte ich plötzlich +aufs Geradewohl, oder vielleicht ist das falsch: aufs Geradewohl, +vielleicht geschah es unter der brennenden Eingebung und Vision des +Augenblicks; »zweimal; als Sie sie das erste Mal verließen, lebte Simon +noch. Als Sie das zweite Mal hineingingen, lag er schon als Leiche auf +dem Bett.« + +Ich hatte nie gedacht, daß das Gesicht dieses Bauern, das von Natur +braun war wie gebeiztes Holz, so weiß werden könne. Das Weiße quoll +förmlich aus den Poren heraus und überzog die Haut mit einem Schimmer +wie von nassem Kalk. Er stierte mich mit weiten Augen an, seine Backen +schlotterten, und mit beiden Händen griff er an den Hals. Nun gab es +keine Unschlüssigkeit mehr für mich; ich zwang mich zu angemessener Ruhe +und fuhr fort: »Sie sind zu ihm gegangen, um ihm Geld zu bringen. Sie +hatten an dem Sonntag kein Geld im Hause und liehen sich unmittelbar +nach Tisch zweitausend Mark von Ihrem Nachbarn Stephan Buchner aus. Ist +es nicht so? Das Geld sollte dazu dienen, daß sich Simon auf der Stelle +davonmachte. Er sollte nach einer Hafenstadt, am selben Abend noch, und +von dort nach Amerika. Ist es nicht so? Sie boten ihm das Geld, Sie +entwickelten ihm Ihren Plan, und Sie erwarteten, daß er ohne Zögern +gehorchen würde. Aber er gehorchte nicht nur nicht, sondern er schlug +auch das Geld aus. Sie fragten ihn, da begann er zu sprechen. Zuerst +war, was er vorbrachte, wirr und faselnd, denn er war noch benebelt von +dem Trinkgelage, dann aber wurde seine Rede klar, Ihnen jedenfalls +furchtbar klar. Sie standen vor ihm und schwiegen. Sie nahmen nicht +einmal Anstoß daran, daß er auf der Bettstatt liegen blieb und in die +Luft hinein sprach; denn Sie fühlten, daß er nicht den Mut gehabt hätte, +zu sprechen, wenn er Ihnen ins Gesicht hätte schauen müssen. Sie haben +zugehört, nur zugehört, und aus dem Zuhören entstand alles übrige. +Verhält es sich so oder nicht?« + +Urbas ließ den angstvollen Blick nicht eine Sekunde lang von mir. »Da +müssen Sie wohl als ein verzauberter Geist im Hause gewesen sein,« +stammelte er verstört. + +»Nein,« erwiderte ich; »es sind einfache Schlußfolgerungen aus +Tatsachen. Die unscheinbarsten Tatsachen hinterlassen oft die +eindringlichsten Spuren. Denken Sie nicht an Zauberei und Blendwerk. +Eines Menschen Tun und Treiben wirkt nach allen Richtungen hin mit +sonderbarer Gesetzmäßigkeit. Es ist, als schleudre man einen Stein ins +Wasser; die Ringe breiten sich aus und vergehen, aber die Bewegung kann +noch gemessen werden, auch wo das Auge längst nichts mehr gewahrt. In +dem Betracht kann wirklich keiner entrinnen; jeder Schritt nach jeder +Seite, was er mit dem Finger faßt und mit dem Atem behaucht, knüpft ihn +fester in das Netz. Ich besitze eine Zeugenschaft, der ich anfangs wenig +Wert beilegte; im Lauf der Zeit erst begriff ich ihre Wichtigkeit. Es +gibt da einen Eichstädter Maler namens Kießling, Freund und Zechkumpan +von Simon; ein verbummelter Kerl, eine verkommene Existenz; aber nicht +ohne derbe Aufrichtigkeit. Der wußte mancherlei zu erzählen. Wie Sie +sich erinnern werden, verschwand im vorigen Winter in Ihrem Haus eine +von den alten schönbemalten Porzellankannen. Sie, wie auch die Bäuerin, +dachten nicht anders, als daß Simon sie sich angeeignet und beim Händler +in der Stadt verklopft habe, denn es war ein wertvolles Stück; die +Bäuerin äußerte sogar den Verdacht, Kießling habe bei dem Diebstahl +seine Hand als Hehler im Spiel. Daß Simon die Kanne genommen, ist +richtig; ebenso, daß Kießling daran interessiert war; er hätte wohl den +Beuteanteil nicht verschmäht, wenn er es auch jetzt in Abrede stellt. +Aber so weit kam es gar nicht. Simon zertrümmerte die Kanne vor den +Augen seines Freundes. Sie waren in dessen Bude beisammen, drüben an der +Pleinfelder Chaussee; Simon hatte die Kanne gebracht, Kießling nahm sie, +beschaute sie, prüfte sie und wollte eben seine Anerkennung kundgeben, +als Simon sie ihm wieder entriß und mit aller Kraft gegen den Fußboden +schmetterte, wo sie natürlich in hundert Scherben zerbrach. Der andere +machte ihm zornige Vorwürfe, aber Simon, nachdem er eine Weile finster +vor sich hingebrütet, rief plötzlich aus: ich möcht ihm einmal einen +rechten Tort antun, so daß ers spürt bis in die Eingeweide hinein. +Kießling wußte nicht gleich, auf wen der Ausbruch gemünzt war; seine +Bekanntschaft mit Simon war damals noch neu; später wurde ihm dann die +Sache klar. Er sagte, er habe nie einen jungen Menschen gesehen, der +einen solchen Haß gegen seinen Vater gehegt hätte. Von Zeit zu Zeit +wiederholten sich die Anfälle, ähnlich jenem ersten; eine ohnmächtige +Erbitterung kam über ihn, ein Trieb, zu zerstören; zu anderer Zeit +wieder war es eine krankhafte Freudlosigkeit, ein melancholisches +Hindämmern und stilles Glosen. Oft schien es nicht Haß zu sein, sondern +Furcht; oft nicht Furcht, sondern etwas viel Unergründlicheres. Eine +Äußerung, die auch von dritten Personen bezeugt ist, war die: möcht ihm +einmal alles ins Gesicht sagen können, dann würde mir wohl. Was konnte +er damit gemeint haben? Abgesehen von Kießling, schildern ihn auch sonst +Leute, die ihn kannten, nicht als schlecht; es sind meist Leute, denen +man ein unbefangenes Urteil zutrauen darf. Sie bezeichnen ihn als +schwachen, leicht verführbaren Charakter, als einen Menschen ohne +Verwurzelung gleichsam; ausschweifend wie einer, der sich betäuben will, +arbeitsscheu wie einer, der fortwährend auf der Flucht ist und verfolgt +wird, lasterhaft aus innerer Öde, aber keineswegs schlecht. So beurteile +auch ich ihn jetzt. Aber von wem fühlte er sich eigentlich verfolgt? wem +hat er getrotzt? was war zu betäuben? Ich glaube, wir beide, Urbas, wir +wissen es. Wenn auch die ganze Welt darüber sich den Kopf zerbricht, wir +wissen es. Bis zu jenem Abend in der Kammer haben Sie es nicht gewußt. +Dort haben Sie es erfahren.« + +Er atmete auf; sein Gesicht zuckte wie von inneren Stößen; er schien +etwas sagen zu wollen, aber er vermochte es nicht. Doch die Lichter und +Schatten in diesem kantigen, kraftvoll bewegten und wahrhaftigen Antlitz +hatten ihre eigene Beredsamkeit; das düstere Staunen, der fast +abergläubische Schrecken über die plötzliche Enthüllung dessen, was er +für sein unantastbares, ewig verwahrtes Geheimnis gehalten, war von ihm +gewichen, aber da er das Geheimnis nicht mehr zu schützen hatte, war +auch das Gemüt der schweren Last entledigt; daher dies tiefe Aufatmen, +das mich bewegte. Ich fand mich verpflichtet, ihm noch über die letzten +Hemmnisse zu helfen, und ich sagte: »Erwägt man es genau, so sind die +Menschen weit übler daran als die Tiere. Die Tiere können einander nicht +mißverstehen. Die Menschen mißverstehen einander im Blut wie im Geist; +der Bruder den Bruder, der Freund den Freund, der Vater den Sohn. Jeder +steckt in seinem Mißverstehen wie in einem schwarzen Kellerloch, aber +eine wunderliche Verblendung macht, daß er es für eine hellerleuchtete +Wohnstube hält. Und wenn er meint, daß der Herrgott selber sich um ihn +bemüht und ihn zu seinem Sprachrohr auserwählt, so zeigt sichs am Ende, +daß es bloß der Teufel war. Dreizehn Jahre lang war Ihr ganzes Trachten +auf einen Sohn gerichtet, und wie er dann da war, haben sie achtzehn +Jahre lang gebraucht, um dahinter zu kommen, was es mit ihm für eine +Bewandtnis hatte; und da wars zu spät. Ists also nicht kläglich bestellt +um die menschliche Vernunft und Weisheit? Wozu noch fernerhin sich +verstecken, Urbas? Welchen Zweck soll es haben, sich eines Verbrechens +anzuschuldigen, das Sie nicht begangen haben? sich Mörder zu nennen an +dem, der sich selbst den letzten Weg gewiesen hat? Wozu das frevle Spiel +mit der irdischen Gerechtigkeit? wozu, Mann, wozu?« + +»Das will ich Ihnen einbekennen, wozu,« sagte Urbas, »weil nun meine +Partie doch ganz und gar verloren ist. Ich will es Ihnen einbekennen, +aber haben Sie Geduld mit mir; es fällt mir schwer.« Seine Blicke +suchten innen; seine Finger bewegten sich, als suchten auch sie: das +einschränkendste und unbedingteste Wort, die verläßlichste Übermittlung. +Er begann stockend: »Es ist wahr, ich bin hinüber zu ihm, um ihm das +Geld zu geben. An Amerika hab ich nicht gedacht; nur möglichst schnell +fort mit ihm, dacht ich, und möglichst weit, damit einem wenigstens der +Gendarm im Haus erspart wird. Ich bin hinübergegangen, und weils finster +in der Kammer war, hab ich erst die Kerze anzünden müssen, und da ist er +auf seinem Bett gelegen und hat mich angeschaut. Es ist wahr, er hat das +Geld nicht genommen; er hat das Gesicht zur Wand gedreht und die Zähne +geknirscht und gesagt, ihm könne das nicht mehr nützen. Ich bin vor der +Bettstatt gestanden und spreche zu ihm: steh auf, wenn dein Vater vor +dir steht. Da dreht er das Gesicht wieder zu mir, und weil eitel Spott +und Hohn drin geschrieben ist, schwillt mir der Zorn, und ich sage: steh +auf, wenn dein Vater vor dir steht. Er aber spricht: warum soll ich denn +aufstehen, da Ihr mich niedergeworfen habt? Die Fäuste ballen sich mir +wie von selber, und ich frage: wie denn? wie soll ich dich denn +niedergeworfen haben, du Luder? Da kommt es aus seinem Mund hervor: Ihr. +Weiter nichts. Ihr, sagt er. Ich blick ihn an, und er blickt mich an, +und eine Zeit vergeht so, dann wieder: Ihr. Darin war soviel Gift und +Wut und Geifer und solch ein verkrampftes, rabenböses Grollen, daß mir +der Speichel im Munde bitter wird. Was denn, Ihr? ruf ich ihn an; was +denn, Ihr? O Ihr, spricht er hinter den Zähnen hervor, Ihr seid mir auf +der Brust gehockt, mein Lebenlang. Da schwieg ich. Ihr habt gut vor mir +stehn und blitzen mit Euren Augen, fährt er fort; soll denn das nicht +endlich aufhören, daß Ihr mich anschaut mit Euren Augen? So ists immer +mit Euch gewesen; anschaun, anschaun, und kein Wort. Hinterm Tische +sitzen und alles von einem wissen, und kein Wort. Weit habt Ihr mich +gebracht mit Eurem Anschaun und Anschaun. Warum habt Ihr mich nicht +genommen und zu mir geredet? Niemals ein einziges Wort geredet? Da _muß_ +einen ja die Verzweiflung packen. Wie soll er denn da nicht zu den +Menschern und zu den Saufbrüdern laufen? Die reden doch, die lachen +doch, die haben doch ein gutes Wort für einen, die sagen Hü und Hott, +und man weiß, wie man mit ihnen dran ist. Ihr aber, hab ich gewußt, wie +ich mit Euch dran bin? Er liegt wieder auf der Lauer, dacht ich; er hat +was gegen dich vor, dacht ich. Ein Büblein war ich noch, ist mir schon +der Bissen im Hals steckengeblieben, wenn Ihr zur Tür hereingetreten +seid. Hundertmal und hundertmal hab ich zu Euch hingewollt, aber die +Angst vor Euch hat mirs verwehrt. Was hab ich denn verbrochen? dacht +ich, und wie ich dann was angestellt, war mir wohl und hab wenigstens +gewußt, warum, und so hat mirs nie Ruh gelassen, bis ich nicht was +Heilloses getan und den Leuten die Galle aufgeregt. Ja, ich bin +schlecht, aber ich weiß nicht, ob ichs von Geburt bin; ja, ich bin zum +Lumpenkerl geworden, aber Ihr braucht Euch deshalb nicht wie der heilige +Geist vor mir aufpflanzen, sondern solltet nachprüfen, was Ihr an mir +gefehlt habt. Denn es hätte sein können, daß ich Euch hochgeehrt hätte, +wies in den zehn Geboten steht und kirre gewesen wäre wie ein Star. Das +hätte sein können, weils in mir war und bloß herausgetrieben worden ist. +Bin ein Hundsfott geworden, und das Leben ist mir leid, und die Menscher +und die Saufbrüder sind mir leid, und es freut mich nicht mehr. Dieses +spricht er, und noch einiges, ich habs vergessen, und wälzt sich auf der +Bettstatt; und knirscht mit den Zähnen; und flennt; und lacht ingrimmig; +und kehrt sich wieder zur Wand; und schweigt. Ich denke mir: Urbas, die +Seele da ist hin, aber deine vielleicht auch. Worte hatt ich keine. Es +war eben so; was hätts gefruchtet, meinen Schöpfer anzuwinseln? Worte +hatt ich keine. Ich geh hinaus. Im Hofe schreit ich bis zum Zaun. Es ist +alles so friedlich wie in Frühjahrsnächten, wenn die Wurzeln in der Erde +ihren Saft spinnen. Ich schaue zu den Sternen hinauf, aber das kann mir +nicht dienen. Ich mache die Stalltür auf und schnuppre die saure, warme +Luft, und einer von den Ochsen hebt den Kopf, indes er mit den Zähnen +mahlt. Da überläufts mich schauerlich, und ich denke: du mußt zurück in +die Kammer, und wenn du gleich keine Worte findest, irgendwas muß sein. +Nun bin ich zurückgegangen, und wie ich eingetreten war, ist er bereits +in seinem Blut gelegen. Da bin ich dann eine lange Weile gestanden, +dann hab ich mir gesagt: wenn dem so ist, so bist du der Mörder; hat er +die Schuld bei dir gut, so mußt du sie bezahlen. Das ist es, was ich +einzubekennen habe.« + +Er kreuzte beide Hände über der offenen Bibel, und mit leiserer Stimme +und sonderbar umschattetem Blick fuhr er fort: »Ich habe einen Traum +gehabt, den will ich Ihnen noch erzählen. Es war in der Nacht, bevor +sich das ereignet hat. Der Knecht tritt in die Stube und spricht: Bauer, +die Gäule sind eingeschirrt, wir wollen fahren. Ich geh hinaus, es liegt +tiefer Schnee, die Pferde stehn am Wagen, und ich fahre. Mit eins +verlieren wir die Straße, und die Gäule waten im Schnee bis an den +Bauch. Da seh ich auf einmal den Hof hinter mir brennen und das +Schneefeld ist rot beschienen. Die Gäule fangen an zu laufen und ziehn +mich an der Leine mit, daß mir der Atem ausgeht. Ich kann die Leine +nicht loslassen, sie ist um die Hand herumgeschlungen, und wie wir gegen +die Altmühl herunterkommen, dort bei der Eisenbahnbrücke, wo das Wasser +sechzig Ellen breit ist und mehr als zehn tief, da rennen die Gäule noch +toller, und die Brandlohe bedeckt den ganzen Himmel. Der Fluß ist +zugefroren, die Gäule drauf zu, und ich denke mir in meiner Angst: wirds +die Pferde samt dem Fuhrwerk tragen? Die Gäule, schwere Ackergäule, +sausen das Ufer hinunter, aber das Eis hält. Da steht der Simon am +andern Ufer, und weil die Tiere auf der gefrornen Bahn weiterrennen, +schrei ich zu ihm hinüber: Hilf, Simon. Und er: ich muß heimgehen, der +Stall brennt, das Haus brennt. Und ich, ich kann mich nicht auf den +Wagen schwingen, die Gäule schleifen mich bereits, schrei in der +höchsten Not: Hilf, Simon, lös’ mich vom Riemen los. Und er: müßt Euch +selber vom Riemen lösen, uns zweie trägt das Eis nicht. Da ruf ich ihm +zu: alles ist dein, die Gäule und das Fuhrwerk, hilf um Gotteswillen. +Nun kehrt er um, und wie er umkehrt, stehen die Gäule still; aber wie er +den ersten Schritt tut, kracht das Eis, und wie er das hantige Pferd am +Zügel faßt, bricht das Eis, und Fuhrwerk und Gäule und ich samt dem +Simon versinken im Wasser. Und im Versinken bin ich aufgewacht.« + +Er verstummte. Er erwartete keine Einrede mehr, ich hatte auch keine +mehr. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie sein Aussehen im Verlauf +weniger Minuten um Jahre älter wurde, das Kinn spitz, die Augen stumpf, +der Hals dünn, die Hände welk, die Haltung kraftlos. Der fordernde, +hadernde, gewaltige Mann, der mir gegenüber gesessen, war auf einmal ein +hinfälliger Greis. Als ich mich verabschiedete, sah er nicht empor, +schien es kaum zu merken. Das Schweigen, in das sein ganzes früheres +Leben eingehüllt gewesen, breitete sich wieder über ihn, +undurchdringlich und in den Tod fließend. Denn am andern Morgen, wo er +enthaftet werden sollte, fand ihn der Wärter am Fensterkreuz erhängt. + + + + +Golowin + + +Der halbe Mai war mit der Reise von Tula in den Kaukasus vergangen. Am +siebzehnten kam Maria von Krüdener in Kislawodsk an, wo sie Nachrichten +von ihrem Gatten zu finden hoffte. Er war bei Ausbruch der Revolution an +die englisch-russische Front nach Persien geflüchtet. Seit fünf Monaten +hatte sie kein Lebenszeichen von ihm. + +Unfern von Kislawodsk war die Besitzung seines Bruders, des Marschalls. +Ihm hatte Alexander Botschaft senden gewollt, wenn die andern Wege der +Mitteilung versperrt waren. + +Mit ihren vier Kindern und drei Dienerinnen bezog sie Wohnung im +Palasthotel. Das jüngste Kind lag noch an der Brust; sie nährte es +selbst. Es war drei Monate nach der Trennung von Alexander geboren; +hätte sie vorher nicht begriffen, was ein Pfand bedeutet, jetzt wußte +sie es. + +Beklemmend stand das ungeheure Gebirge da. Sie konnte nicht schwelgen in +seinem Anblick, es war zu sehr Mauer, und Mauer hinter Mauer bis zum +ewigen Schnee hinauf. Wie sollte man da entrinnen? Schlimm, was gewesen +war; das Blut hatte sich noch nicht beruhigt. In der ersten Nacht +träumte sie, Fäuste, ein Gewirr von Fäusten strecke sich ihr entgegen, +und jede Faust hatte Mörderaugen. Die Schnittwunde am Arm ließ die Szene +im Eisenbahnwagen nicht vergessen, als tierisch betrunkene Soldaten das +Coupefenster zerschmetterten; acht Menschen waren in dem Abteil +eingepfercht und Berge von Gepäckstücken, alles Hab und Gut, das man aus +Tula hatte fortschaffen können. Die Kinder schrien auf, als zwei Kerle +schnaubend an der Türe rissen und andere johlend nachdrängten; Dymow war +in einen Waggon nebenan gegangen, um ein Fleckchen zu finden, wo er +endlich eine Stunde schlafen konnte. Maria hatte den ersten Hieb +aufgefangen und war blutend unter die Leute getreten. Sie wichen zurück, +zu ihrer eigenen Überraschung, und senkten scheu die Augen, als ströme +eine Magie von ihr aus. Es war ihr selbst so zumute; sie glaubte an eine +in ihr verborgene Magie. + +Dennoch wäre sie ohne Dymow verloren gewesen. Iwan Dymow hatte als +Schreiber bei Gericht gedient; einfacher Mensch aus dem Volk, hatte ihn +die Revolution hinaufgehoben, er hatte Macht erlangt, die er aber nicht +mißbrauchte. Als Gutsherrin hatte ihm Maria, schon Jahre vorher, +menschliches Wohlwollen bezeigt und während einer Krankheit seinem Weibe +Hilfe geleistet. Sie dachte nicht mehr an ihn, aber in der Stunde der +Gefahr kam er von selbst. Er besorgte Pässe, bestach den Soldatenrat, +wußte den Argwohn der Bauern abzulenken, denen die Herrin eine wichtige +Geisel war, räumte alle Schwierigkeiten für die Reise hinweg, machte den +Spion, den Aufpasser, den Lastenschlepper, den Bürgen, mit immer +gleicher schweigender Ehrerbietung gegen Maria. Als er sich in +Kislawodsk von ihr verabschiedete, fragte sie bewegt, arm an Worten +sogar sie, womit sie ihm danken könne, sie fühle sich tief in seiner +Schuld. Er antwortete: »Ich werde mich glücklich schätzen, Maria +Jakowlewna, wenn Sie mir manchmal schreiben, wie es Ihnen und den +Kinderchen weiter ergangen ist.« + +War dies nicht auch Teil und Frucht jener Magie? + +Als Dame der ersten Gesellschaft, Frau eines Offiziers, Trägerin eines +großen Namens wurde sie von den Gästen des Hotels mit Freuden begrüßt +und mit Auszeichnung behandelt, obwohl man wußte, daß sie von deutscher +Herkunft war und Russin erst seit ihrer Heirat. + +Nun war sie wieder, nach langer Enthaltung, unter den Menschen ihrer +Sphäre, in der Region von Heiterkeit und umgrenzter Übereinkunft, die +ihr früher so gemäß und erwünscht gewesen war. Aber sie merkte bald, daß +nur noch eine äußerliche Zugehörigkeit bestand, und daß die Jahre, die +sie auf dem Gut verbracht, erst mit Alexander und dann allein, und wenn +auch allein, so doch noch unter seinem Gesetz und seiner Führung, sie an +ein anderes Maß und eine andere Benützung der Zeit gewöhnt hatten. Auch +konnte hier niemand in seinem Bereich verbleiben; die Elemente waren +bedenklich gemischt, und dies zu verhindern war unmöglich, weil +gemeinsames Schicksal alle zueinander trieb. Das Haus, der ganze Ort, +ehemals ein Treffpunkt der Aristokratie und Schauplatz des erlesensten +Luxus, glich einer Insel der Schiffbrüchigen und beherbergte lauter +Flüchtlinge mit ihrer letzten Habe und letzten Hoffnung, Großfürsten und +Kammerherren neben Spekulanten und Journalisten, Frauen der exklusivsten +Moskauer und Petersburger Kreise neben Koketten und Kleinbürgerinnen, +die im Krieg zu Reichtum gelangt waren. Sie waren der Hölle entronnen, +aber sie wußten, daß ihnen bloß eine Galgenfrist geschenkt war. Sie +zitterten vor der Zukunft, aber sie praßten und feierten Feste. Sie +hörten von Hinrichtungen ihrer Väter, ihrer Brüder, ihrer Freunde, aber +sie betäubten sich im Hasard und tanzten Tango und Onestep. + +Einen verläßlichen Mann zu finden, den sie mit einem Brief auf das Gut +des Marschalls schicken konnte, war Marias Bemühung sogleich. Zu ihrer +Freude erfuhr sie, daß Josef Menasse in Kislawodsk sei; er hatte von ihr +ebenfalls gehört und kam, sich zu ihrer Verfügung zu stellen. Er war +Prokurist eines großen Odessaer Bankhauses, mit welchem Alexander von +Krüdener geschäftliche Verbindung gehabt hatte. Da sie sich erinnerte, +aus Alexanders Mund hie und da das Lob von Menasses Redlichkeit +vernommen zu haben, war ihr Vertrauen sogleich unbedingt und auch in der +Folge nicht zu erschüttern. In lebhaften Ausbrüchen klagte er ihr sein +Unglück; einer wichtigen Transaktion halber war er vor mehreren Wochen +hergekommen; am Tage, wo er hätte abreisen sollen, fuhren keine Züge +mehr und jeder Versuch, den Ort zu verlassen, hieß das Leben gefährden. +Maria hörte ihm teilnehmend zu, und erst als er sich erschöpft hatte, +sprach sie von ihrer Angelegenheit. Er überlegte, sagte, er werde +Umschau halten, und drei Stunden später erschien er mit einer +Tscherkessin, die er trocken und kategorisch als die zu dem Zweck +taugliche Person empfahl. + +Der Marschall hatte seinerzeit die Heirat des jüngeren Bruders +mißbilligt. Es war zum Bruch zwischen den Brüdern gekommen, der +Marschall zeigte sich unversöhnlich und hatte sich starr geweigert, +Maria zu sehen. Man meldete ihm die Geburt der Kinder, er nahm keine +Notiz davon. Alexander hatte es ertragen ohne zu murren und ließ auch in +Maria keinen Unmut Wurzel fassen, denn er beugte sich vor dem Bruder +als einem überlegenen Charakter, dessen Handlungen und Entschlüsse er +von seiner Kritik ausschaltete. Er beugte sich, damit war alles gesagt +und auch in Maria jeder Widerspruch erstickt. Bei Ausbruch des Krieges +hatte der Marschall in einem Privatschreiben an den Zaren seine Ämter +und Würden niedergelegt, da nach seiner Überzeugung der Krieg gegen +Deutschland zum Verhängnis für Rußland werden mußte. Er hatte im +japanischen Krieg glänzende Leistungen vollbracht, und schon deshalb war +dieser Schritt keiner üblen Deutung ausgesetzt. Nun lebte er in +äußerster Zurückgezogenheit und beschäftigte sich, leidenschaftlicher +Hegelianer, mit profunden philosophischen Studien. + +Wie sich Menschen gegen sie verhielten, war Maria gleichgültig, wenn sie +ihrerseits an ihnen Freude haben oder sie ehren konnte. Würde stand ihr +über den täuschenden Einflüsterungen der Sympathie. Dazu hatte Alexander +sie erzogen. In vielen Gesprächen vieler Nächte hatte er ihr bewiesen, +daß das Prinzip der Vergeltung die Quelle alles Bösen sei. In der +Befolgung seiner Lehre war sie zu der ihr eigentümlichen geistigen +Konstanz gelangt. Der Brief an den Marschall war ein Meisterstück +unbefangener Werbung. + +So wartete sie, wartete auf Alexanders Wort und Weisung von dorther und +ahnte doch die Vergeblichkeit schon. Um sich zu zerstreuen, begann sie +den ältesten Sohn, den siebenjährigen Mitja, zu unterrichten, fand sich +aber unzureichend, das Bedürfnis des Knaben heftiger als sie vermutet +und suchte einen Lehrer für ihn. Ein Moskauer Bekannter nannte ihr einen +Studenten, Jefim Leontowitsch Tatjanow, der in einem geringen Wirtshaus +vor der Stadt wohnte. Sie ließ ihn kommen und engagierte ihn. Er war im +Gefolge eines Industriellen als Sekretär oder dergleichen gereist; +unterwegs war der Mann und die meisten seiner Leute von einer +herumziehenden Bande von Soldaten ermordet worden; nun saß Jefim +Leontowitsch völlig mittellos in diesem Ort des Überflusses. Maria +behandelte ihn mit Rücksicht und mit Achtung; dies schien ihm neu zu +sein, und seine Dankbarkeit hatte etwas Kindliches. Er kam nicht nur zu +den ausbedungenen Stunden, sondern widmete seinem Schüler alle freie +Zeit; auch die beiden Kleinen, Fedja und Aljoscha zog er durch seine +einfache Güte an sich. + +Eines Morgens war Aljoscha, der Mutter im Korridor vorauseilend, in der +Hast in ein falsches Zimmer gerannt. Maria folgte ihm lachend; er stand +bei einer majestätisch gewachsenen Dame, die ihr entgegentrat und ihr +die Hand reichte. Es war die Fürstin Nelidow. Maria geriet in +Verlegenheit, ihres Lachens halber, denn die Fürstin war in tiefer +Trauer, und die Ursache war Maria bereits bekannt. Ihr Sohn, der +dreiundzwanzigjährige Fürst Grigorji, Offizier in der kaiserlichen +Marine, hatte sich vor wenigen Tagen bei einem Ausflug im Gebirge +erschossen. + +Die Fürstin, eine Frau Mitte der Vierzig, war noch sehr schön. Sie gab +sich Maria gegenüber herzlich. Sie kannte Alexander von Krüdener von der +Zeit her, wo er im Ministerium gewesen war und sprach mit Wärme von ihm. +»Ihre Gegenwart tut mir wohl,« sagte die Fürstin, »ich hoffe, wir werden +uns häufig sehen.« Sie schlang ihren Arm um Aljoscha und streichelte ihm +das Haar. »Heute abend feiern wir das Totenmahl für Grigorji,« fuhr sie +fort; »kommen Sie doch; kommen Sie zu mir.« + +Maria empfand Mitleid; nicht nur mit der Fürstin und ihrem besonderen +Schicksal; das Mitleid mit allen diesen Menschen überflutete ihr Herz. +Namentlich den Frauen galt ihr bedauerndes Gefühl; die sorglosen und +glänzenden Wesen, bestimmt, sich zu schmücken, sich zu freuen, schienen +ihr verloren. + +Sie wollte gehen, aber die Fürstin hielt sie noch zurück. So schickte +sie Aljoscha hinaus. Die Fürstin erzählte: »Hören Sie, was sich begeben +hat. Es ist eine Person hier, sie wohnt im Hause, eine gewisse Lisaweta +Petrowna. Sie behauptet mit Grigorji verheiratet gewesen zu sein. Kurz +vor seiner Abreise aus Sebastopol, behauptet sie, sei sie ihm angetraut +worden. Sie hat keinerlei Dokumente, keine Bestätigungen, keinen Brief; +die Papiere habe man ihr gestohlen, redet sie sich aus. Sie hat sich mir +zu Füßen geworfen, hat mir die Hände geküßt und mich Mutter genannt. Den +ganzen Tag sitzt sie oben in ihrem Zimmer und weint und schluchzt. Dann +schickt sie wieder den Kellner mit Zettelchen: Erbarmen Sie sich, +Fürstin, erbarmen Sie sich Ihrer Lisaweta Petrowna, erbarmen Sie sich. +Ich kenne sie nicht. Ich weiß nichts von ihr. Grigorji hat nie mit einer +Silbe ihrer erwähnt. Wir haben sie vorher nie gesehen. Ihre Angaben zu +prüfen ist unmöglich. Was soll man da tun? Erbarmen, wie denn erbarmen? +Wahrscheinlich hat sie kein Geld; nun, man wird ihre Rechnung bezahlen. +Gestern spielte sich eine abscheuliche Szene ab. Sie kommt herein, setzt +sich zu den andern und fängt an zu weinen. Meine Nichte Jelena steht auf +und nennt sie eine Lügnerin. Lisaweta Petrowna ballt die Fäuste, wirft +sich auf den Boden und verfällt in einen Schreikrampf. Man mußte sie mit +Gewalt aus dem Zimmer schaffen. Heute früh hat man sie ohnmächtig auf +Grigorjis Grab gefunden. Sie hat einen Selbstmordversuch gemacht, so +heißt es. Jelena meint, es sei simuliert. Jelena ist außer sich, das +arme Kind. Was soll man da sagen, was soll man tun?« + +Maria beschloß sogleich, diese Lisaweta Petrowna zu besuchen, aber sie +äußerte nichts von ihrem Vorsatz, sondern lenkte das Gespräch auf den +jungen Fürsten und fragte nach Einzelheiten seines Lebens, ohne Neugier, +mit einem zarten Durchblickenlassen des gemeinsamen Gefühls der Mütter. +Die Fürstin willfahrte dankbar; es bedeutete Linderung für sie, indes +Maria aus wenigen mitgeteilten Zügen ein Bild gewann. Sie saß still und +aufmerksam vor der Fürstin, rauchte eine Zigarette und sah, und sah. Die +Gabe des inneren Gesichts wurde manchmal Last, und doch schien es ihr +wunderbar, viel zu wissen von den Menschen. Als sie sich verabschiedete, +sagte die Fürstin: »Mir ist als seien wir seit Jahren befreundet.« Maria +lächelte. + +Im Verlauf des Tages erlangten die beunruhigenden Gerüchte Gestalt, und +zwar drohendste. Kislawodsk war von den Revolutionstruppen umzingelt. +Mitja sagte mit dem stolzen Trotz, der an seinen Vater erinnerte: »Nicht +wahr, Mama, wir werden unser Leben so teuer wie möglich verkaufen?« Sie +erwiderte: »Ja, mein tapferer Liebling.« – »Schade, daß Iwan Dymow nicht +mehr bei uns ist,« seufzte er. Aber sie tröstete ihn. »Erstens bist du +ja selbst ein Held, und dann vergißt du, daß wir Jefim Leontowitsch +haben.« Mitja schaute den Studenten prüfend an, dieser errötete und +sagte mit einem Blick scheuer Ergebenheit auf Maria: »Sie haben nur zu +befehlen. Befehlen Sie, und ich gehorche.« Es lag ein Ernst und eine +Festigkeit in den Worten, die Maria veranlaßten, ihm die Hand +hinzustrecken, die er demütig mit den Lippen berührte. + +Was sollte mir zustoßen können, dachte sie, da gute Menschen um mich +sind? + +Als sie sich am Abend den Nelidowschen Gemächern näherte, drang ihr +Gelächter, Johlen, Pfropfenknallen, Gläserklirren entgegen. Eine +Streichmusik spielte eine brutal-wilde russische Melodie. Sie öffnete +die Tür zum Salon; zehn oder zwölf junge Männer, Anverwandte der +Familie, saßen um eine Tafel, zechten, sangen, rauchten; bisweilen erhob +sich der eine oder andere und warf den Musikanten Rubelscheine zu. Maria +ging in das nächste Zimmer; hier befanden sich einige ältere Herren und +Damen, aber auch ein junges, etwa achtzehnjähriges Mädchen von +blendender Schönheit. Sie hatte kurzes gelocktes Haar, eine Haut von +opalisierender Blässe und gelbliche, große, unsehende, strenge Augen. +Fasziniert blieb Maria stehen. Da wurde sie von der Fürstin Nelidow +gerufen, die in ihrem Schlafzimmer allein saß. »Ich habe auf Sie +gewartet,« sagte sie, als Maria eintrat; »setzen Sie sich zu mir, +sprechen Sie; ich höre Ihre Stimme gern.« + +Vom Salon herüber, wo so expressiv das Totenmahl gehalten wurde, tönte +ein klagender Chorgesang. + +In ihrem Bestreben, den abgeirrten, in Trauer verirrten Sinn der Fürstin +zu erwecken, kam sich Maria wie jemand vor, der sich in einem fremden +finstern Raum zurechtzufinden sucht. Die Fürstin schaute sie beständig +an, aber nur nach und nach belebte Verstehen den Blick. Maria erzählte +von der Einsamkeit der letzten Monate auf dem Gut, von Wanjas Geburt und +wie sich während der Schmerzensnacht die Sehnsucht nach Alexander zur +Gestalt verdichtet habe, so täuschend, daß sie jeden Schrei erstickt +habe, um ihm nicht zu mißfallen. Bei allem was sie getan und gedacht, +sei er unsichtbar richtend gegenwärtig gewesen. Sie erzählte von ihrem +Verkehr mit den Bauern; von dem Geist der Widersetzlichkeit und der +Feindschaft, der plötzlich in alle gefahren sei; auch die Sanftesten und +Verständigsten hätten versagt. Eines Tages hatten sie ihr Besitzrecht an +dem Wald verkündet; der Wald sollte abgeforstet und verkauft werden. Sie +habe unterhandelt; vergebens; ihnen ins Gewissen geredet; vergebens; da +sei sie allein mit den Ältesten in den Wald gegangen, wo die schlimmsten +Aufrührer schon begonnen hatten, die Stämme zu fällen. Einem von diesen +habe sie das Beil entrissen und ihm zugerufen: keinen Schlag mehr! Sie +habe ihnen vorgestellt, was für eine Sünde sie begingen; wie sie sich an +Heiligem vergriffen, an Lebendigem und wie sie das Gedächtnis ihres +Herrn schändeten, der gerecht und gütig gegen sie gewesen sei. Viele +hätten gemurrt, viele hätten aber geschwiegen und zur Erde geblickt. Sie +habe ihnen gesagt, ein Baum sei eine Kreatur Gottes wie jeder von ihnen, +und dieses seien junge Bäume, in Liebe gepflanzt und gehegt, zur +Nutznießung bestimmt für ihre Kinder und Kindeskinder und noch nicht +reif für die Axt. Ob sie Gottes Kreaturen verschachern wollten um +elendes Geld? Dann sollten sie doch auch sie selber verschachern, dann +wollte sie ihre Herrin nicht mehr sein, und sie werde nicht vom Platze +weichen, ehe sie ihr nicht in die Hand gelobt, daß sie den Wald würden +unversehrt lassen oder sie müßten sie selber niederschlagen. Darnach +hätten sie sich beraten, und die Ältesten seien zu ihr gekommen und +hätten ihr in die Hand gelobt, dem Wald solle kein Fäserchen gekrümmt +werden und sie bäten sie um Vergebung ihrer Sünde. So habe sie damals +den Wald gerettet; ob er jedoch heute noch stehe, das getraue sie sich +nicht zu sagen. + +Die Fürstin nahm Marias Hand und drückte sie. »In diesem Land leben, +heißt jede Stunde dem tückischsten Ungefähr ausgeliefert sein«, sagte +sie; »oder ist das überhaupt die Eigenschaft des Lebens und wir wußten +es nur bisher nicht, wir Begünstigten? Mir ist jetzt manchmal so bang. +Ich persönlich habe ja nicht mehr viel zu verlieren, aber mir ist so +bang um alle, die ich sehe, bang um das Volk, um die ganze Menschheit, +wenn auch die Mehrzahl nichts als Böses schafft.« + +»Es kommt wahrscheinlich auf die Mehrzahl nicht an,« erwiderte Maria; +»es kommt immer bloß auf den Einzelnen an, glaube ich. Der Einzelne ist +oft wie der wundertätige Tropfen Medizin, der einen vergifteten +Organismus heilt. Immer geht von Einem das Licht aus. In Tula mußte ich +mit meinen Kindern Quartier im Hotel nehmen; der Zug nach dem Süden fuhr +nur zweimal in der Woche. Gleich in der ersten Nacht war Alarm. Das +Hotel war von Soldaten besetzt worden, und alsbald wurde der Befehl +ausgegeben, alles Bargeld sei unverzüglich abzuliefern, niemand dürfe +das Zimmer verlassen, um acht Uhr morgens werde eine scharfe Nachsuchung +sein und jeder, bei dem dann noch irgend eine Summe sich finde, werde +standrechtlich erschossen. Bedenken Sie meine Lage; ich hatte +achtzigtausend Rubel am Leibe verborgen, alles was ich hatte flüssig +machen können; wenn man es mir nahm, war ich samt den Kindern so gut wie +verloren. Meine Dienerinnen und den treuen Begleiter hatte man von mir +entfernt, vor dem Zimmer stand eine Wache, das Geld im Zimmer zu +verstecken, war aussichtslos, ich wußte ja wie gründlich diese Leute zu +verfahren pflegten, es blieb also nichts übrig, als abzuwarten, was mit +mir geschehen würde, denn das Geld freiwillig herzugeben, daran dachte +ich keinen Augenblick. Von drei Uhr nachts bis halb zehn Uhr morgens +ging ich unaufhörlich im Zimmer auf und ab; Furcht empfand ich keine; in +meiner Absicht wankend wurde ich nicht; eine klare Vorstellung von dem, +was meiner harrte, war ebenfalls nicht in mir; fest stand einzig und +allein, daß ich mich und meine vier Knaben aus dieser Gefahr zu retten +habe, daß das meine Pflicht sei und daß es auch gelingen werde. Um neun +Uhr betraten drei Soldaten, ein Unteroffizier und ein Weib das Zimmer +der Kinder nebenan. Die Knaben wurden aus dem Schlaf gezerrt, die Möbel, +die Betten, die Dielen, die Wände, die Vorhänge, die Koffer aufs +genaueste durchsucht. Ich ging hinein. Ich sah mir die Leute an. +Finstere Gesichter, unmenschliche Stirnen, da schien keine Hoffnung. +Einer wies mich barsch hinaus; einer folgte mir ein paar Schritte, um +die Tür zu schließen. Wie ich den Kopf zurückwende, ist es mir, als sei +in den Augen dieses Menschen ein Etwas, ein gewisser Schimmer, etwas +unnennbar Fernes von Weicherem als bei den andern. Er hatte rote, kurze, +borstige Haare, die Haut besät mit Sommersprossen, und hinter seinen +wulstigen Lippen waren Zahnlücken und schwarze Zähne. Aber mich +durchbebt es; in der Eingebung eines Moments winke ich ihm. Stumm tritt +er näher. Ich reiße die Knöpfe des Kleides auf, nehme das Paket mit den +achtzig Scheinen heraus und gebe es ihm in die Hand. »Fünf Menschenleben +sind in deiner Hand,« sage ich zu ihm, »jetzt mache was du willst.« Ohne +mit der Wimper zu zucken, steckt er das Paket in die Rocktasche und +verschwindet. Die andern kommen gleich darauf in mein Zimmer. Wie +drüben wird alles um und um gewühlt, Wäsche, Kleider, Schuhe, jede +Ritze, jede Schublade untersucht. Dann bleibt das Weib allein bei mir, +ich muß mich entkleiden. Auch das ging vorüber, und sie entfernt sich. +Eine Viertelstunde danach, das Herz hatte mir die ganze Zeit bis in die +Fingerspitzen geschlagen, erscheint der rothaarige Soldat im Zimmer, +horcht eine Sekunde, zieht das unversehrte Rubelpaket aus der Tasche und +überreicht es mir schweigend. Ich stammle ein paar Worte, fassungslose, +dankverwirrte; ich frage, was ich für ihn tun könne; ihm Geld anzubieten +hatte etwas Unsinniges, da er mir ja achtzigtausend Rubel schenkte. Er +schüttelt den Kopf und sagt: »Machen Sie sich keine Gedanken darüber, +Mütterchen. Es ist leider so, daß wir in Blut und Sünde stecken bis an +den Hals. Vielleicht läßt mir Gott jetzt ein wenigs nach. Vielleicht +legt er das auf die andere Schale.« Damit geht er. Und ich, es ist ein +Zustand von Scham, in dem ich mich befinde, als hätte ich mich an dem +Menschen vergangen durch die Angst und die Zweifel vorher.« + +Während der letzten Worte noch war die schöne junge Person eingetreten. +Sie ging auf die Fürstin zu und sagte mit einer Stimme wie aus Glas und +zitternd vor Zorn: »Stepan Fedorowitsch erzählt eben, daß er diese +Lisaweta Petrowna von Petersburg her kenne. Sie sei in einem Kabarett +als Coupletsängerin gewesen und im übrigen, nun, das kann man sich ja +denken. Sie sehen also, Tante, daß Sie einer Betrügerin zum Opfer +gefallen sind und daß es nur lächerlich wäre, sich weiter um sie zu +kümmern.« + +»Meine Nichte Jelena,« stellte die Fürstin vor und nannte auch Marias +Namen. Diese lächelte in schweigendem Wohlgefallen an der Erscheinung +der jungen Fürstin. + +»Sie ist ohne Kopeke, das elende Frauenzimmer,« fuhr Jelena erbittert +fort; »der Hoteldirektor hat bereits gestern gedroht, sie auszulogieren. +Und was die Komödie an Grigorjis Grab betrifft, die darauf berechnet +war, Sie, Tante, hinters Licht zu führen, so hat die Kugel nur die Haut +gestreift, am linken Arm; sehr vorsichtig. Pfui, was für eine +unappetitliche Geschichte!« + +»Aber wenn nur ein Fünkchen Wahrheit darin ist, müssen Sie Nachsicht +haben, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. + +Jelena erbleichte. »Wie kann sie es wagen!« rief sie und schüttelte sich +vor Widerwillen; »abgesehen davon, daß sie für ihre verleumderische +Erfindung auch nicht den Schatten von Beweis aufbringen kann, bestehen +auch innere Gründe, ja innere Gründe, –« sie preßte die Lippen zusammen +und stand noch schlanker, in noch angespannterer Haltung da als bisher; +»darf man es geschehen lassen, daß sie Grigorjis Bild besudelt? Was +verlangen Sie? Warum ergreifen Sie Partei?« + +»Ich ergreife nicht Partei,« entgegnete Maria, die plötzlich den +unbestimmten Eindruck hatte, als sei Schuld und Verstellung in dem +jungen Mädchen, »ich wollte nur verhüten, daß Sie vorschnell urteilen. +Seien Sie mir nicht böse.« Sie erhob sich und ging. + +Vor ihrem Zimmer schritt Menasse auf und ab. »Das Hotel ist umstellt und +bewacht,« redete er sie sogleich an, »vor den Ausgängen stehen lauter +bis an die Zähne bewaffnete Kerle. Es ist bei Todesstrafe verboten, nach +Anbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Auf wessen Befehl, weiß +vorläufig niemand. Ob man uns schützen will oder die Mäusefalle nur +zuklappt, damit keiner entrinnt, weiß niemand. Die Sache wird ernst, es +geht an den Kragen.« + +Er öffnete eigenmächtig die Tür ihres Zimmers und zögernd wurde er +durch eine Erinnerung an gute Manieren bewogen, ihr den Vortritt zu +geben. »Passen Sie auf,« begann er wieder mit seiner komischen +Vertraulichkeit, »zu warten, bis man uns an die Mauer stellt und die +Hirnschale kaput schießt, ist Blödsinn. Wer sich nicht aus dem Staub +macht, hat sich selber zuzuschreiben die Folgen. Ich habe einen Plan. +Sie gefallen mir, die Kinderchen dauern mich, Ihren Mann verehre ich, +das ist ein Gentleman durch und durch, und wenn ich mich seiner Familie +nicht annähme in der Not, wäre es eine Gemeinheit von mir. Ich habe +einen Plan, wie gesagt. Die Vorbereitungen sind bereits getroffen. +Allerdings wird die Geschichte viel Geld kosten, aber wo’s ums Leben +geht, hört sich die Billigkeit auf.« + +Er schaute sich unruhig um, hastete zur Tür, lugte durch einen Spalt +hinaus, kam wieder auf Maria zu und fuhr mit heiser gedämpfter Stimme +fort, es werde so gottlos viel Geld kosten, daß nur eine ganze Kompagnie +dafür aufkommen könne. Er habe bereits einige Leute ins Auge gefaßt, an +denen ihm gleichfalls gelegen sei, Leute, um die es gleichfalls schade +wäre; er habe ihnen von seiner Absicht gesprochen, und sie hätten ihm +Blanko-Vollmacht erteilt. Ob Maria sich anschließen wolle? Ob sie bereit +sei, sich seinen Anordnungen blindlings zu fügen? Nur bei strammer +Disziplin sei Gelingen möglich. Er habe alles genau überlegt; das Wagnis +sei groß, aber alles sei besser als sich hier abschlachten zu lassen und +in Gottes Hand stehe man schließlich überall. + +Er war klein, beweglich wie ein Gliedermann, ein bißchen schief +gewachsen, mit Augen, die fast ohne Wimpern und Brauen waren, +stutzerhaft gekleidet als käme er frisch aus dem Modemagazin und von +dem Gefühl seiner zentralen Wichtigkeit durchdrungen. + +»Gut, Herr Menasse,« sagte Maria nach kurzem Besinnen, »ich will mich +Ihnen anvertrauen. Wir sind acht Menschen, wie Sie wissen; auch meine +drei Dienerinnen müssen mit. Das ist die Bedingung, die ich meinerseits +zu stellen habe.« + +Menasse zuckte die Achseln. Das erhöhe für sie nur die Spesen, bemerkte +er geschäftlich. Mehr als sechzig nehme er nicht an. Jetzt seien es +siebenundvierzig Personen. Erforderlich an Kapital sei ungefähr eine +halbe Million Rubel, es könnten aber Umstände eintreten, durch welche +die Summe bedeutend vergrößert würde. »Vor allem ist notwendig zu +schweigen,« schloß er; »es werden sich in den nächsten Stunden ereignen +schlimme Dinge, aber verhalten Sie sich still und rühren Sie sich nicht, +bis ich Ihnen wissen lasse, was Sie zu tun haben. Von heute ab bin ich +Ihr General; da heißt es Subordination, und zwar auf den Wink. Gute +Nacht.« + +Maria sah ihm verwundert nach, wie er aus dem Zimmer schoß, säbelbeinig, +kurzhalsig, stiernackig, geladen mit Energien. Sie trat aufatmend ans +offene Fenster. Der beinah volle Mond schwamm in einem Meer von Frieden. +Schwarze Körper, wölbten sich die Hügel und Berge hinan zu den +feierlichen Riesen, deren Konturen im bläulichen Äther zitterten. Tauige +Feuchtigkeit lag in der Atmosphäre, alles Dunkel strebte nach dem +Silberlicht, die Brust der Erde, mit stummen Seufzern, hob sich gegen +die unerreichbaren Regionen. Maria hätte beten mögen, freudige Inbrunst +war in ihr, aber das Haus mit all den angstvoll pochenden Herzen, mit +all der menschlichen Verworrenheit und Finsternis, streckte Arme nach +ihr, und ihr war als sinke sie zurück. Eine Uhr schlug zwölf, da +klopfte es leise an die Tür; ohne zu erschrecken rief Maria; die Fürstin +Nelidow trat ein. Sie trug einen Schleier über den Haaren; so leise wie +sie geklopft, ging sie auf Maria zu, mit bittender Gebärde, fast wie +eine Untergebene. Ob sie störe? Wolle sich Maria Jakowlewna zur Ruhe +begeben, so werde sie gleich wieder gehen. Für sie selbst sei in diesen +Tagen an Schlaf kaum zu denken. Sie legte beide gefalteten Hände zart +auf Marias Schultern. + +Nein, sie störe durchaus nicht, antwortete Maria, auch ihr sei Schlaf +ein lästiges Vorhaben, ihr Inneres sei lauter Aufruhr und Widerklang von +vielen Stimmen. Sie setzten sich. Die elektrische Lampe auf einem +Ecktisch ließ den Raum im Dämmer. + +Es sei eine Art Neugier, von der sie herübergetrieben worden, sagte die +Fürstin; sie habe über alles nachgedacht, was Maria gesprochen, sie habe +sich gar nicht davon loszureißen vermocht. »Was ist das für eine Kraft +in Ihnen? und woher kommt sie? Wie ist es möglich, daß Sie, eine Fremde +in unserm Land, alle Verhältnisse überschauen, unseren Menschen +gegenübertreten als seien Sie eingeflochten in generationenalte +Beziehungen? Sie haben Blick und Schritt einer Wurzelnden, und es ist +nicht einmal Ihre Erde. Es ist Ihnen gegeben, die Sprache der Bauern zu +reden, Sie greifen in das dumpfe Gemüt eines vertierten Soldaten, und +Sie haben mit keinem von ihnen wirklich gelebt. Ich erzähle Ihnen von +Grigorji wie einer leiblichen Schwester, und ich bin Ihnen vorher +vielleicht zweimal flüchtig begegnet. Was sind Sie eigentlich für eine +Frau? Was ist denn das Sonderbare an Ihnen? Können Sie es erklären? Oder +bin ich zudringlich, wenn ich darum bitte?« + +»Nein, nein,« wehrte Maria lächelnd ab, »Sie überraschen mich nur –« + +Ȇberraschen? Weshalb? Finden Sie denn, daß ich verpflichtet bin, in +meinen Schmerz eingehüllt zu bleiben? Sie haben ihn mir noch tiefer ins +Bewußtsein gedrückt, aber zugleich haben Sie das Selbstsüchtige daran +gelockert. Wir schulden uns selbst nicht so viele Tränen wie uns die +Umgebung dadurch abpreßt, daß sie sich zur Teilnahme berechtigt glaubt. +Das Teuerste wird einem genommen, aber es zieht einen nach sich; Trauer +ist oft nur eine feinste Form von Heuchelei, und nie hungert die Seele +so nach Aufschwung wie mitten im Gram um einen unwiederbringlichen +Verlust. Ich sehe Ihnen an, daß Sie mich verstehen.« + +»Ich bewundere Ihren Mut, Fürstin. Das ist es eben, was mich überrascht +hat.« + +»Mut ist das letzte. Das letzte vor dem Ende, Maria Jakowlewna. Und wir +sind ja am Ende. Aber wollen Sie nicht meine Fragen beantworten? Können +Sie es? Sie lächeln; dieses Lächeln läßt mich hoffen.« + +Maria, die verschränkten Hände im Schoß, beugte sich vor. »Sie haben +erwähnt, daß Sie sich an Alexander von Krüdener gut erinnerten,« sagte +sie. »Die Zeit, von der Sie sprachen, liegt ja ziemlich lange zurück. +Was für einen Eindruck haben Sie von ihm behalten? Ich meine in tieferm +Sinn, nicht gesellschaftlich.« + +Die Fürstin überlegte. »Es ist schwer,« gestand sie zögernd, »ich weiß +zu viel von ihm. Wir Angehörige der obersten Schicht wissen zu viel +voneinander, um das reine Bild einer Persönlichkeit bewahren zu können. +Er kam mir sehr geschlossen vor. Unbeugsam, unbiegsam. Er ist Balte, +nicht wahr? Alle Balten sind starr. Er hatte vollendete Formen, jene +Tadellosigkeit bis ins Mark, die wie Wohlgeruch wirkt. Viele junge +Mädchen waren damals verliebt in ihn, aber auf neutral Gestimmte wirkte +er ein wenig erkältend, wie jemand, der lange einsam gewesen ist, +äußerlich oder innerlich, und über die Wege zu den Menschen nicht mehr +orientiert ist. Stimmt das?« + +Maria nickte. »Es stimmt wie eine Silhouette an der Wand. Es stimmt und +ist doch nichts. Unbeugsam, unbiegsam; darin liegt etwas vom Wesen. Er +hat mich gebogen; nicht gebeugt: gebogen. Ich hätte brechen können, dann +war ich eben nicht die, die er brauchte. Ich kam aus einer Welt ohne +feste Umrisse; man gehörte nicht zum Adel, man gehörte nicht zum +Bürgertum, man hing gesetzlos dazwischen. Ich war in Deutschland +geboren, aber in Österreich erzogen; die eigentümliche staatliche und +soziale Luft dort bedingt ein gewisses Schwanken von selbst. Ich +forderte durch mein Tun und Lassen zum Widerspruch heraus; ich war immer +anders als andere, immer auf dem Kriegsfuß mit allen. Um mich zu finden +oder etwas außer mir, das ich packen konnte, ging ich auf allen Seiten +in die Irre, schlug allem Herkommen ins Gesicht, wurde ganz wild, ganz +entfesselt, überwarf mich mit meiner Familie und den meisten Freunden, +war von Freiheitsideen besessen und in Gefahr, mich in Schwarmgeisterei +und Libertinage zu verlieren. Da traf ich Alexander. Es war der +kritische Moment. Ich war häßlich verstrickt mit meinen neunzehn Jahren, +das Sinnliche ist ja immer der Anzeiger vom Grad der Zerfallenheit; +entfesselt und verstrickt, wie sonderbar, daß man es in einem sein kann. +Aber es war ja die Zeit, wo man alles halb war, mit keiner Sache Aug in +Aug stand, und beharrte man auf einem Weg, so war man fast verfemt. Wir +sprachen uns nie, Alexander und ich. Er war mit einer offiziellen +Mission beauftragt und erschien bisweilen, sehr unterschieden von +Männern, die ich kannte, in der Gesellschaft. Daß ich seine +Aufmerksamkeit erregte, daß er mich beobachtete, spürte ich natürlich; +war ich auch meines Magnetismus sicher, der seine war noch stärker und +hatte doch nicht die Kraft, mich gleich aus meinen Ketten zu reißen. Der +Entschluß, mich in sein Leben hinüberzunehmen, traf ihn selber +unerwartet. Ich werde mich hüten, Sie mit den Einzelheiten einer +Liebesgeschichte zu langweilen; wichtig ist nur, daß wir uns heirateten +und daß jeder von uns beiden wußte, sein ganzes Schicksal kam dabei in +Frage. Was für Monate, Fürstin, was für Jahre! Wir traten uns gegenüber +wie zwei Duellanten, wie zwei Ringkämpfer. Er verriet es mir einmal: +hätte ihm nicht eine unvergeßbare Erleuchtung den Kern in mir offenbart, +er hätte mich am Anfang schon wieder nach Hause geschickt; denn ich war +zuchtlos, haltlos, voller falscher Begriffe, voller Vorurteile in bezug +auf Liebe und Ehe und Mann und Weib und Gott und Mensch. Du hast das +ganze Europa in dir, sagte er immer, und ich verstand lange nicht, was +er meinte. Ich leistete Widerstand auch hier, ich setzte ihm das +entgegen, was ich meine Persönlichkeit hieß, dieses Treibhauspflänzchen, +das er Blatt für Blatt und Faser für Faser zerrupfte, daß nichts mehr +davon übrig blieb als Beschämung und Trotz, immer noch Trotz. Und er +suchte den Kern; unermüdlich, unablässig, Tag und Nacht, mit einer +leidenschaftlichen Geduld, mit einem tiefen Wissen. Er grub mich aus mir +heraus; er riß mich auseinander, um mich neu zu machen. Es tat weh; ich +versichere Ihnen, Fürstin, es gab Tage, Wochen, wo ich zwischen Liebe +und Haß erstickt und zertreten niederbrach. Und er, hinter mir her wie +mit einer Geisterpeitsche: du mußt durch, mußt es durchleiden und wenns +dich verbrennt; besser, wir gehn ehrlich mit- und aneinander zugrunde als +ein Sterben an dreißig Jahren Mißverständnis und heimlichen Wunden. Und +endlich wuchs ich ihm zu, aus meinen Trümmern; endlich fand er mich, +gewann er mich. Es war um die Zeit, wo ich zum erstenmal schwanger war, +nach fünf Jahren; daß auch er nicht unverwandelt blieb, ist +selbstverständlich; hätte ich ihm nichts zu geben vermocht, so hätte ich +ihm ja nichts sein können, und kluge Verträge gehören zum Sieg. Doch war +ich sein Geschöpf und fühlte mich so. Er zog sich damals vom +öffentlichen Leben zurück, wir gingen auf das Gut und begannen zu +arbeiten. Jedes Ziel war gemeinsam. In Meinungen und Handlungen trafen +wir uns immer an demselben Endpunkt. Wir lasen die gleichen Bücher, +dachten die gleichen Gedanken, fällten die gleichen Urteile. Er verzieh +sich keine Nachlässigkeit, seine Strenge gegen sich hatte etwas +Mönchisches. Unmöglich ihn um eines Vorteils willen zu bewegen, das +kleinste Recht auf seine Seite zu bringen, wenn es auf der andern war; +eher hätte man Granit schmelzen können. Was er für seine Pflicht, für +seine Lebensaufgabe hielt, war nichts Begrenztes, sondern ein +ununterbrochen anschwellender Strom, und seine Hingabe war die äußerste, +er verlangte von sich das äußerste und verlangte es von mir. Ich habe +von Natur aus einen Hang zur Trägheit und Beschaulichkeit; den trieb er +mir gründlich aus; manchmal weinte ich vor Zorn und Mitleid mit mir +selbst, wenn er mir zuviel zumutete; aber es war dann doch das Richtige, +und hatte ich mich bezwungen, so konnte er durch ein gütiges Wort allen +Groll vergessen machen. Nur nicht sich verwöhnen, nur nicht sich +verzärteln, nur nicht Gefühle hinverschwenden, wo man sich entscheiden +muß, sagte er; und so verhielt er sich gegen die Welt, gegen seine +Kinder, gegen die Untergebenen. Er entkräftete jeden Einwand durch +Beispiel. In ihm lebte eine große Idee seines Volkes, eine große Idee +von Herrschaft, die durch Dienst entsteht, durch Gehorsam und Ehrung des +Brauches. Für ihn war der Zar eine göttliche Person wie für den +einfachsten Bauern. Dieses Rußland, dieses russische Volk war ihm der +heilige Nährboden der Menschheit, der Schoß der Zukunft, die +Vorratskammer der Welt. Ich spreche von ihm, ich spreche von mir. Es gab +da kein Anderssein mehr. Er und ich, wir verschmolzen gemeinsam in +dieses Mystische, von dem Kraft ausging. Wir haben es gelebt. Ich wußte, +wenn er eine Handvoll Ackererde aufhob, daß er damit das Ganze wog und +prüfte, sein Land, mit dem Himmel darüber und den Menschen darauf. Ich +wußte, wenn er unter seine Bauern trat, um Recht zu sprechen, daß er es +im Gefühl der höchsten Verantwortung tat, als meißle er den Spruch in +die Ewigkeit. Riefen sie ihn zu Hilfe, so kam er, ob es sich auch ums +Geringste handelte; Schlittenfahrten durch die brennendkalte Winternacht +waren nichts Seltenes. Sie durften ihn fordern. Dabei war er der Herr; +er verstand es, Herr zu sein. Ich war die Herrin; er machte mich zur +Herrin. Ich begriff es nach und nach. Herrin und Mutter, das galt ihm +fast eins, Mutter von vielen, und so sagen sie auch Mütterchen zur +Herrin. Das ist schön und schreibt einem den Weg vor. Wenn Sie das +bedenken, Fürstin, erscheint Ihnen dann nicht alles ganz einfach?« + +»Ich verstehe, ich verstehe,« murmelte die Fürstin; »einfach, ja. Das +Wunderbare ist schließlich immer einfach. Ich verstehe die Entwicklung, +verstehe Ihr Herz, aber, #après tout#, sind Sie denn nicht vollkommen +enttäuscht? War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es so steht? wo wir +ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?« + +»Ich bin nicht enttäuscht,« antwortete Maria; »der Weg geht weiter. Ich +bin auch nicht ohne den Herrn, welche Bedeutung immer Sie dem Wort +geben.« + +Die Fürstin fragte: »Seit wann ist Ihr Gatte von Ihnen fort?« + +»Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich den letzten Brief.« + +»Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja ein beklommener +Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem solchen Verhältnis.« + +»Es gehört zum Weg,« sagte Maria. »Ich weiß, daß er mit mir im Raum ist, +kommt es da auf die Ferne an? Schließ ich die Augen nur eine kurze Zeit, +so seh ich ihn, hör ich ihn, muß lächeln über gewisse Eigenheiten beim +Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, berate mich mit +ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.« + +Die Fürstin entgegnete: »Sie haben Phantasie, Maria Jakowlewna. Ich will +Ihr Gefühl nicht verkleinern; alles, was Sie sagen, flößt mir +Hochachtung ein und bestätigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar +wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie beruhigend, mit Ihnen +zu plaudern, ja bloß dazusitzen und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir +eines. Ich glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, daß sie Ihnen +die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das Schicksal eines so +geliebten Menschen überwinden hilft; aber fühlen Sie sich nicht auch +befreit? Erwidern Sie noch nichts, einen Augenblick noch; es ist so +heikel; die Worte sind schwer zu finden; ich möchte nicht in den +Verdacht kommen, daß ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren will +–« + +»Sie können alles sagen, ich werde es bestimmt nicht mißverstehen,« warf +Maria freundlich ein. + +Die Fürstin fuhr fort: »In Ihnen ist viel Leidenschaft. Sie sind sicher +die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet bin. Dabei aber auch +die unnahbarste. Ich meine das in einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu +gelangen, allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gefäß zu schließen und +sich den Schritt ins Unbekannte für immer zu verbieten? Wie erreicht man +diese Unerschütterlichkeit? Frauen sind entsetzlich preisgegebene Wesen. +Man gibt sich entweder hin oder man hält sich zurück; im einen wie im +andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum betrogen. Und da ist +nun eine, die sich ein so festes Haus gezimmert hat, daß der Teufel +keinen Platz darin findet. Man rüttelt an Tür und Mauern, um die Stelle +zu entdecken, wo es brüchig ist. Weil man doch selber in einer Ruine +wohnt und der Neid einen quält. Sagen Sie mir also: war es nicht ein +unerträglicher Despotismus? Zuweilen nur, zuweilen –? Sind Sie nicht +jetzt in Ihrem verborgensten Innern irgendwie erlöst oder bloß +erleichtert? Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe? +War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle die Jahre, und +haben Sie nicht heute die Empfindung, das Leben steht möglicherweise mit +einem kostbaren Geschenk an der Pforte und Sie dürfen es ohne große +Skrupel nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das Geschenk nehmen. +Ich meine: ist Ihr Gemüt und Geist so bis zum Rand ausgefüllt von diesem +einen Menschen und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, daß +es darüber hinaus keine Regung mehr für Sie gibt, keine Verlockung, +keine Versuchung? Sie sind ja Weib durch und durch; an Ihnen blüht und +leuchtet ja alles. Wär ich ein Mann, was würde ich nicht aufs Spiel +setzen, um Sie zu gewinnen. Sie erröten; wie schön, wie rührend! Wie ein +junges Mädchen. Aber antworten Sie, antworten Sie mir.« + +Maria spürte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte sie: »Vier +Kinder, Fürstin. Neben all dem, wie nannten Sie es? dem +Unerschütterlichen, vier Kinder. Haben Sie meine Kinder gesehen?« + +Die Fürstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme, die dem schwarzen +Kleid weiß entflossen, auf den Tisch gelegt und Maria, zu spät beschämt +von ihrer mütterlichen Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den +Gedanken: auch ich war Mutter. Sie stützte den Kopf in die Hand, und +nach einer Weile begann sie: »Das war ein egoistisches Wort, Fürstin. +Ich bin von einem Glücksgeleise aufs andere ausgewichen. Vielleicht aus +Feigheit. Ihre Frage war wie ein plötzliches Feuer. Sie hat mich +geblendet. Die Wahrheit? Wüßt ich sie nur. Mich dünkt, sie liegt in der +Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit. Die freie Wahl war +mir allerdings geraubt, aber ich hatte nicht das kleinste Bedürfnis und +den kleinsten Anlaß, noch einmal zu wählen. Meine Wahl war ja +unwiderruflich gewesen. Sie sagten, daß der Teufel in meinem Haus keinen +Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun muß ich sehr kühn sein, +sträflich kühn vielleicht: ich habe ja mein göttliches Teil gewählt. Ich +leugne nicht, daß Versuchung für mich entstehen kann; wer ist gegen +Versuchung gefeit? Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich +noch einmal wählen müßte, dann müßte ich den ganzen Kreis bis zum andern +Pol gegangen sein. Das Göttliche kann man nicht zweimal wählen, und in +seiner Nähe herumpfuschen und -experimentieren kann man auch nicht. Dazu +hat es zuviel Unerbittlichkeit. Müßte ich noch einmal wählen, dann müßte +es geradezu der Teufel sein. In Versuchung führen könnte mich nur der +Teufel. Aber so weit kommt es hoffentlich nicht.« Sie lachte. + +Die Fürstin erhob sich und umarmte sie schweigend. War es, daß sie keine +Einwände mehr hatte, oder daß sie sich geschlagen fand durch die +unerwartete Wildheit von Marias Argument, sie ließ sich keine Zweifel +anmerken. Ehe sie ging, sagte sie: »Freilich, freilich«; und wieder +bekümmerten Tones: »Freilich. All das Beinahe und Ungefähr, das +Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens verwässert unser Schicksal; +es macht uns müde vor der Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am +wichtigsten, am Augenblick lügen wir uns vorbei.« Dann, mit +Herzlichkeit: »Ich möchte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna. Schicken +Sie mir Ihr Bild sobald wie möglich, es wird mir als Amulett dienen. Wer +weiß, ob uns nicht die nächste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr +Bild, so hab ich etwas, das mich schützt.« + +Maria versprach es. + +Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das Haus, vom Dach bis in +den Keller, glich einem Akkumulator, in dem sich Angst aufsammelt. Über +die Korridore hasteten Schritte. Maria wußte von Liebesbeziehungen, die +sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht länger dauerten als der +Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie hin und naschen in Verzweiflung +Verbotenes, um nicht fühlen zu müssen, dachte Maria, halb +geringschätzig, halb mitleidig. Aber auch andere Schritte waren, +Botenschritte, Verräterschritte, Spionenschritte, Wächterschritte. +Durch die geöffneten Fenster drangen Luftwellen bald kühl, bald warm; +gegen Morgen wurde es kalt, und Maria schlief endlich ein und schlief +bis Mittag. Das Schreien des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia, +die Pflegerin, trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die +linnenweiß Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht +entzogen hatte. Wanja ließ nicht mit sich spaßen; er krallte die dicken +Fäustchen in seiner Mutter Fleisch und schnappte zu wie ein böser +kleiner Fisch. + +Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum Abend an Heftigkeit +zunahm und sich beständig näherte. Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen +von Bestürzung und bat Maria, daß sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer +der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst. Maria rechnete auf +Nachricht von Menasse. Um bereit zu sein, wies sie Litwina und Arina, +die beiden jungen Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, worüber die +Knaben jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges +vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Grübeln darüber machte sie +zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und ging hinunter. Dann kehrte sie +zurück, durchwühlte eine Schachtel nach einer Photographie, schrieb +ihren Namen darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit +zur Fürstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige, das sie vergessen +hatte. + +In den Gesellschaftsräumen herrschte das gewöhnliche lärmende Treiben. +Alle diese der Heimat und nun auch der Freiheit beraubten Männer und +Frauen trugen eine herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige +Gesichter zeigten das Bewußtsein der Gefahr. In einer Gruppe wurde +lachend erzählt, daß man bereits in den Straßen der Stadt kämpfe, daß in +einem der Höfe des Hotels Tote und Verwundete lägen. Sie hatten Blut +genug gesehen, waren an das Entsetzen gewöhnt; es handelte sich nur noch +um ihren eigenen Untergang, den sie mit frivoler Neugier fast +erwarteten. In einen Wiener Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack +eines Maschinengewehrs von draußen. Man sah Soldaten an den Fenstern +vorbeirennen. Maria fielen finster blickende Gestalten auf, erst drei +oder vier, dann fünfzehn oder zwanzig, die sich in der Halle und den +Speisesälen herumtrieben. Man gab sich Mühe, nicht auf sie zu achten; +man scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden. In +abgerissenen oder doch alltäglichen Gewändern stachen sie drohend von +der Toilettenpracht, den Fräcken und strahlenden Hemdbrüsten ab; sie +stellten sich den Kellnern in den Weg, die mit Sektkübeln liefen, +postierten sich unverschämt neben Klubsessel, in denen vornehme +Kavaliere ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden +durch. Maria dachte: es ist Zeit, daß Menasse sich meldet. Ein gellender +Pfiff wurde hörbar, gleich darauf, da die Kapelle im Speisesaal Pause +hatte, eine fremdartige Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria trat +ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und sagte, im großen Saal +finde eine armenische Hochzeit statt, sie möge doch hingehen, es sei +äußerst interessant. Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer +fünfzehn Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich +mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft hatte sich auf einmal +verändert. Ein alter Herr redete mit gerungenen Händen auf mehrere Damen +ein. Maria vernahm, wie eine flüsterte: »Und mein Schmuck? meine +Perlen?« Der alte Herr sagte: »Es handelt sich ums nackte Leben.« Vor +dem Billardzimmer standen ein paar junge Mädchen, blaß, verzagt, die +Augen aufgerissen. Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria: +»Unbeschreiblich, welchen Prunk die Armenier bei solchen Anlässen zu +entfalten wissen, Sie werden sich selbst überzeugen; ganz märchenhaft.« + +Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden. Namentlich machte +sich Stepan Nelidow bemerkbar, der in unangenehmer Weise, als wäre er in +einem Zirkus, seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor der +Tür des großen Saals, war die Basis eines zylinderförmigen Schachtes, +der bis zum Dach des siebenstöckigen Gebäudes reichte. In jedem +Stockwerk trat eine kreisrunde Galerie heraus, die gegen den Schacht hin +durch ein geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten Etagen +sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur nächsthöheren Etage. +Während Maria hinaufblickte, spürte sie, daß sich irgendwo dort oben +etwas ereignete, was auch sie anging. Sie hörte, von ganz oben, lautes +Reden und dann gelächterähnliche Schreie, dann war es wieder eine Weile +still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit den Armeniern im Saal +zugewandt, so begann es von neuem. + +Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und zwei dumpfe Trommeln, +war aus einem getragenen Tempo in ein munteres übergegangen. Ein +Jüngling und ein Mädchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und +Drehungen, anfangs gemessen, schäferhaft lieblich, steigerten sich, von +der Musik rhythmisch unterstützt, zur Ausgelassenheit. Der hohe weite +lichtgebadete Raum war durchlodert von den intensiven Farben gold- und +silbergestickter Gewänder, blau, gelb, grün, rot in stärksten Tönungen; +aus heißem Dunst leuchteten unvergleichlich schöne Frauengesichter und +solche von bleichen, schwarzbärtigen Männern, die majestätisch saßen und +blickten. Nun sah man auch drüben einen zarten Reigen von +spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen, die sich bogen und dehnten, +und als die betäubende Musik aufhörte, stimmten sie einen feierlichen +Gesang an. Freudig erregt von den Bildern und Klängen einer abgerückten +Welt, stand Maria lächelnd auf der Schwelle, bedrückt nur von dem Gefühl +ihrer eigenen Fremdheit und ungewünschten Gegenwart, da vernahm sie +abermals die häßlichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch +näherten; sie trat zurück in die Mitte des Schachtes und sah empor. Über +die dritte Treppe lief mit erschreckender Geschwindigkeit, so daß es +aussah, als müsse sie jede Sekunde in die Tiefe stürzen, ein +Frauenzimmer herab. Die Haare flatterten aufgelöst um den Kopf, das +Gesicht zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie kam +zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Geländer fest und rannte +weiter zur zweiten Stiege. Maria wußte sofort, daß dies Lisaweta +Petrowna war, zu der sie hatte gehen gewollt, und nun wußte sie auch, +was für ein Vergessen sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie +zur Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun auf der ersten +Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit fest. Sie schaute sich um, +stürmisch atmend; hinter ihr kam ein junges Mädchen herab, in dem Maria +die Fürstin Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen +rechtfertigte keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der andern; sie +ging eher bedächtig, Stufe um Stufe, und ihre Züge, obwohl verfinstert +und anscheinend zu einem bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich +einen Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria war ein paar +Stufen hinaufgeschritten, die Flüchtende flog ihr entgegen, hielt inne, +glaubte sich vor einer neuen Feindin, stieß einen der Schreie aus, die +so gelächterähnlich geklungen hatten, taumelte und wäre gefallen, wenn +Maria nicht auf sie zugesprungen und sie aufgefangen hätte. Das Mädchen +griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab, kniete vor +ihr. Mittlerweile hatte auch die Fürstin Jelena die Stelle erreicht, wo +dies vor sich ging. Sie blieb einige Stufen oberhalb stehen, der +Ausdruck von Widerwillen verstärkte sich in ihrem wunderbar feinen und +klaren Gesicht und sie stieß hervor: »Anrühren solchen Unflat? +Anrühren?« Ein Schauder überrann ihre Glieder. + +Das Mädchen drückte das Gesicht wimmernd in Marias Kleid. »Sie will mich +umbringen,« heulte sie dumpf in den Stoff, in Marias Körper. Die +Zuschauer vor der Tür hatten sich verwundert zur Treppe gedrängt. Stepan +Nelidow stand mit verschränkten Armen und spöttischem Lächeln an die +Mauer gelehnt. + +»Wozu, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria, zur jungen Fürstin +emporgewandt, »wozu dies?« Der einfache gütige Ton brachte eine +sichtliche Wirkung auf die Fürstin hervor. Sie senkte den Kopf, ihre +kurzen, gelockten Haare fielen weich über die Wangen, und so verharrte +sie regungslos. + +»Kommen Sie mit mir, Lisaweta,« redete Maria der noch immer Knienden zu; +»niemand wird Ihnen etwas zuleide tun.« Sie richtete die Willenlose auf, +lieh ihr den Arm zur Stütze und führte sie durch ein Spalier von Gaffern +in den Korridor und dann weiter zum Lift, in den sie sie sanft +hineinschob. Oben angelangt, mußte sie die verfallen vor sich hin +Brütende mit Gewalt von ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr +jauchzend mit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden. Jefim +sagte, es seien drei Männer gekommen und hätten ohne ein Wort zu äußern, +die zwei großen und fünf kleineren Gepäckstücke nach und nach +fortgetragen. Die Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern, +oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen, +Necessaires, Körbe lagen noch in den Zimmern herum. Indes Maria mit +Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit einem Zettel und verschwand +wieder. Auf dem Zettel stand: »Unverzüglich zu befolgen: verlassen Sie +nach Empfang dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die Tür neben den +Küchenlokalitäten. Dort wird jemand stehen und Sie an einen bestimmten +Ort führen, wo Sie eine, möglicherweise zwei Nächte zuzubringen haben +werden. Der Betreffende ist zuverlässig. Säumen Sie nicht länger als +eine halbe Stunde, sonst stehe ich für nichts. Die Koffer sind +untergebracht, Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.« + +Trotz der kritischen Situation war Maria still amüsiert. Mein General +ist streng, dachte sie und half die Knaben fertig ankleiden. Eine Menge +Gegenstände waren einzupacken. Arina und Litwina rannten durch die +Zimmer. Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen. Maria hätte +sich gerne noch von der Fürstin Nelidow verabschiedet; es war keine Zeit +mehr. Lisaweta Petrowna hatte sich in die Sofaecke gekauert und +beobachtete mit den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging. +Plötzlich sprang sie auf und faltete die Hände gegen Maria. »Nehmen Sie +mich mit,« flehte sie verstört. Maria antwortete: »Wir haben nur noch +Minuten vor uns; wie geht das denn, so wie Sie sind?« Sie trug einen +Kimono und an den Füßen blauseidene Pantöffelchen. »Um keinen Preis mehr +will ich in mein Zimmer gehn,« sagte sie hilflos. Die Knaben, voll +Ungeduld, drängten Maria stumm. Arina belud Jefim Leontowitsch mit den +Handtaschen. Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen +immer viel Gefühl für fremde Leiden bezeigte, sagte zu seiner Mutter: +»Die Frau kann ja einen von deinen Mänteln anziehen; wir haben ja +hundert Mäntel.« Auf einen Wink Marias brachte Litwina einen Mantel; und +Lisaweta hüllte sich darein. »Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich +lassen?« fragte Maria, und jene erwiderte: »Nur fort, nur fort.« + +Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten Wanja, Arina, +Litwina und Lisaweta traten auf den Korridor. Maria folgte als Letzte. +Auf einmal stand Jelena Nelidow vor ihr. »Sie gehen?« murmelte sie +finster verwundert, »gehen? Und diese dort, diesen Abschaum machen Sie +zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr gewähren Sie Freundschaft, der +Schamlosen?« + +»Ich sehe nur eine Unglückliche, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. »Ich +weiß nichts von ihr als das. Kann ich eine Unglückliche, die zu mir +flieht, wegstoßen, ich, die selber flieht?« + +Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar beschwichtigend auf +die junge Fürstin. Ihr Gesicht zog sich zusammen wie im Krampf. +Plötzlich riß sie mit zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem +Kleid und drückte sie in Marias Hand. »Ich will nicht schuldiger werden +als ich schon bin,« sprach sie wie geblendet, wie gegen eine Wand; +»geben Sie ihr das; machen Sie es zu Geld für sie, sie ist arm; ich habe +keins, aber verraten Sie mich nicht.« + +Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum Dank zwang. Der +Boden brannte. Fedja war umgekehrt, um zu spähen, wo sie blieb. Jelena +ging ein paar Schritte an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias +Arm und hauchte mit wehem Kinderlaut: »Ich habe Angst; ich habe solche +Angst,« ihre seltsam gelben Augen öffneten sich überweit; »ich habe +grenzenlose Angst,« wiederholte sie, »und vielleicht aus Angst bin ich +schlecht.« + +»Liebe, Sie Liebe,« sagte Maria leise und zärtlich. Die junge Fürstin +bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam zurück, während +Maria schweren Herzens die Treppe hinunterstieg. + +An der von Menasse bezeichneten Tür stand ein Soldat mit Sturmhaube und +aufgepflanztem Bajonett. Er begab sich schweigend an die Spitze der +Karawane. Es ging durch einen schmalen Hof, dann die Straße entlang, +über die ein Feuerschein bebte. Zur Linken, in der Höhe des Tals, +brannten Häuser; die Funken, so fern, daß sie goldner Stickerei glichen, +stoben gegen den Mond. Gestreckten Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja +und Aljoscha blieben bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein +sorglicher Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm ihm +trotz seines Sträubens eine der Ledertaschen ab. Der Soldat bog in eine +Seitengasse bergan. Die Häuser wurden armseliger. Er zögerte, sah sich +um, schien sich orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet. +Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu und sie sprachen +leise miteinander. Das Krachen eines großen Geschützes erschütterte die +Nacht. Aljoscha begann plötzlich zu weinen. Maria ergriff ihn bei der +Hand. Sie gelangten zu den letzten Häusern der Stadt, in die Nähe des +Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein Stück zurück. +Lisaweta, die in ihren Pantöffelchen Mühe zu gehen hatte, lehnte sich an +eine Hausmauer. Vom untern Ende der Gasse her schallte der Schritt +einer Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief Maria und +die übrigen. Sie traten in ein baufälliges Haus, das nur aus einem +Erdgeschoß bestand und völlig unbewohnt schien. Mit dem Gewehrkolben +stieß der Soldat eine Tür auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand. +Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert, so niedrig, daß man mit +den Köpfen an die Decke stieß, mit feuchten, verschimmelten, grünlichen +Wänden und ohne alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier +müßten sie bleiben, sagte der Soldat, dürften sich nicht rühren, die +geschlossenen Fensterläden nicht öffnen, wenn ihnen das Leben lieb sei. +Maria fragte, im Finstern, ob er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er +wisse es nicht, er kenne nicht einmal den Namen; er wisse bloß, daß eine +Anzahl Menschen heute nacht in Häusern rings um den Bahnhof versteckt +worden seien, damit sie fortgeschafft werden könnten, wenn sich die +Gelegenheit bot. Das sei alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anzünden +dürfte, wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte Maria. +Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben müssen, zehn Personen +in einem so dumpfen Loch? Das könne er nicht sagen. Noch einmal empfahl +er, daß sie durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann +entfernte er sich. + +Eine Weile waren alle still und verfielen in trübe Betrachtungen. +Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter getastet und schmiegte sein +Gesicht hinein. Sie spürte, daß es vor Beängstigung zuckte. »Wir müssen +Licht haben,« sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich, +hinauszuschleichen und den Aufpasser zu machen. Bei verdächtiger +Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladen pochen, dann mußte das +Licht ausgeblasen werden. Es dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze +gefunden hatte. Als sie brannte, wurden rasch Decken und Mäntel auf den +von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer Hast richtete +jeder eine Ruhestatt für sich; die Knaben, kaum hingelegt, in ihren +Kleidern, schliefen schon. + +Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem zwischen die Arme +gewühlten Kopf sah man nur die in Eile aufgesteckten wirren braunen +Haare. Über ihre starken Hüften lief bisweilen ein Beben. Während sie +Wanja stillte, ließ Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann, als +Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die Kerze verlöscht hatte, +bat sie Litwina, daß sie Jefim Leontowitsch hereinhole, damit auch er +ruhen könne. Aber Jefim ließ sagen, er finde es notwendig, daß einer +Wache halte, er werde sich vor der Tür auf seinen Mantel legen. + +In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie hörte die kräftigen Atemzüge der +drei Knaben; jeden erkannte sie an Laut und Tempo des Atems; sogar das +dünne, sprudelnde Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die +Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu ihrer Rechten +ertönte ein schwerer Seufzer. »Können Sie nicht schlafen, Lisaweta +Petrowna?« fragte sie flüsternd. + +Die Angeredete bewegte sich und rückte näher. »Wer sind Sie eigentlich?« +fragte sie ebenfalls flüsternd. »Sie haben mich aufgelesen, +mitgenommen ... aus welchem Grund? Wer sind Sie?« + +»Bedeutet Ihnen der Name etwas, so mögen Sie ihn wissen,« antwortete +Maria und sagte, wie sie hieß. Dann war wieder eine Weile Schweigen, +dann wieder ein Seufzer wie unter drückender Bürde. + +»Was ist Ihnen?« flüsterte Maria; »erleichtern Sie Ihr Herz, sprechen +Sie.« + +»O großer Gott!« murmelte die andere. + +»Wir sind in der Finsternis und können einander nicht sehen,« fuhr Maria +zu flüstern fort; »alle schlafen, wir sind so gut wie allein. Sprechen +Sie.« + +»Jelena Nikolajewna möchte mich am liebsten mit dem Stiefelabsatz +zertreten,« sagte die Stimme bitter; »dabei weiß sie alles. Niemand +außer ihr weiß es. Grigorji hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts könnte +sie mich morden und weiß doch alles. O mein Gott!« + +»Ist es denn wahr, daß Fürst Grigorji die Ehe mit Ihnen geschlossen +hat?« fragte Maria. + +»Fragen Sie doch nicht,« kam es gequält zurück. »Ja, ja, der Pope hat +uns zusammengetan, damals in Sebastopol, als ich das Schiff verließ. Als +schon alles zu Ende war, hat uns der Pope getraut. Ich weiß nicht, ob es +anfechtbar ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umstände +schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich nur annähernd +etwas ähnliches ausdenken. Ja, als ich das Schiff verließ, wurden wir +getraut.« + +»Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?« + +Lisaweta antwortete nicht. »Ich kann hier nicht bleiben,« sagte sie nach +einer Weile klagend; »ich muß wieder fort. Ich will zurück und meine +Sachen holen. Was soll ich denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich, +wo soll ich dann hingehn? Zu wem denn?« + +»Daß ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckstück aus Diamanten für +Sie gegeben,« sagte Maria, und indem sie es sagte, bereute sie es, als +füge sie der unsichtbaren andern eine Beleidigung zu; »vielleicht +wünschte man, daß Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man +dadurch etwas Begangenes gutmachen.« + +Lisaweta verstand. »Vor die Füße werf ich ihrs,« brach sie aus, ohne die +Stimme merklich zu erheben; »und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich +durch ein Almosen dafür entschädigen, daß sie mir glühende Nadeln ins +Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und Schande. Wenn Sie +keine Gelegenheit mehr haben, es ihr zurückzugeben, so schenken Sie es +einem Bettelweib. An Demütigungen ists jetzt genug.« + +Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen. Die Atemzüge der +Schläfer wurden tiefer. Plötzlich flüsterte Lisaweta: »Hören Sie? Können +Sie mich hören?« + +»Ich höre Sie gut,« erwiderte Maria. + +»Ich will Ihnen vom Schiff erzählen. Rücken Sie näher, damit uns niemand +belauscht.« + +Maria rückte näher. + +»Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem Petersburger +Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste Klasse von Lokal, ich verdiente +auch nur gerade soviel, um nicht zu verhungern. Die Sache war nämlich +die, daß ich ein anständiges Mädchen war. Es ist möglich, daß Sie jetzt +skeptisch lächeln, aber trotz meiner fünfundzwanzig Jahre hatte ich noch +keinen Liebhaber gehabt. Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme +und lüsterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tagsüber +hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein Mittagessen. Grigorji +war auf Urlaub; in Gesellschaft von Kameraden kam er hin; wir sahen uns +und liebten uns. Wir liebten uns so, – wie soll ich es nur beschreiben? +Es war ein unaufhörliches Gewitter im Blut. Den Tag, wo der Urlaub zu +Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil. Worte wurden nicht +gewechselt; wir empfanden wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan +nach, den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines Abends teilte +er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede irr. Es war so furchtbar, daß +meine Zunge wie gelähmt war. Aber sein Wille mußte auch meiner werden. +Trennung war das Ärgste. Auf die Rückkehr warten und sich das Herz +absorgen, ob er noch lebte oder nicht, ärger war auch das nicht, was er +tun wollte. Wenigstens schien es mir so, und ich sagte ja. Hören Sie +mich?« + +»Ich höre Sie gut,« flüsterte Maria. + +»Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs schmuggeln. Mich in +seiner Kabine verbergen, den Dienst verrichten wie alle andern und die +übrige Zeit bei mir sein. Was das hieß, wußte ich ungefähr. Daß auf die +Entdeckung der sofortige Tod stand, für ihn und für mich, wußte ich. +Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten. Wozu so viele +Worte, ich war bereit, trotz allem. Die Hauptschwierigkeit war, daß der +Bursche ins Geheimnis gezogen werden mußte. Ohne einen Dritten, der +Vorschub und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er könne es +mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem Geld, und immer +von neuem, und doch mußte man immerfort zittern, daß er sich nicht +verschnappte oder bösartig wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die +Leute alle bösartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten. In +Grigorjis Reisesack, mit Wäsche und Kleidern zum Ersticken umhüllt, trug +mich Pjotr vom Boot in die Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel +Raum war, daß ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn +Monate.« + +Maria schlug unwillkürlich die Hände zusammen, Lisaweta Petrowna aber +fuhr fort: »Vierzehn Monate eingesperrt, entweder angstvoll allein oder +Leib an Leib auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate in +Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer winzigen dumpfen +Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit und Bewegungslosigkeit +verurteilt, zur ununterbrochenen, fürchterlichen Angst, er und ich.« + +Maria lauschte mit weiten Augen stumm. + +»Es durfte nicht auffallen, daß die Kabine stets abgesperrt war; schon +dafür zu sorgen, war nervenzerrüttend. Die vielen Schritte, Schritte der +Wachen, Offiziere; die Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr, +das eiserne Klirren beständig in dem schwimmenden Ungetüm, das Gerassel +oben, das Anschlagen des Wassers draußen; die Nächte, o die Nächte +voller Angst! Küsse und Umarmungen und Angst! Lust und zärtliche Worte +und Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert immer +wieder. Einmal bei einer Inspektion mußte ich in den Wandschrank +schlüpfen, der so schmal war, daß ich wochenlang nachher an Bruststechen +litt. Am Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am +Wahnsinn. Er mußte auf Deck; er mußte Dienst tun, was sonst? Er mußte +sich schleppen, das Fieber aus sich herauspressen mit Gewalt, oder wir +hatten keine Wahl als uns miteinander in die See zu stürzen. In den +dienstfreien Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen Armen und +horchte und horchte, auch ich horchte und horchte; wir mußten einander +umarmen, sonst hatten wir kaum Platz, und oft wenn er müde war, trat er +mir ein Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager auf dem +Boden oder ich saß an der Lucke und starrte aufs finstre Meer. Ihn +quälte der Gedanke, was geschehen sollte, wenn das Schiff ins Feuer kam +und er verwundet wurde oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Kräften, aber +in einem so verdunkelten Gemüt ist keine große Kraft. Er klagte mich an, +daß ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes dagegen als +verzweifelte Küsse? Wir verfluchten die Sekunde, die uns das Bewußtsein +wiedergab. Kalter Schweiß bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu +mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte uns täglich +mehr. Er gestand mir, daß er alles rot sähe, auf Deck und im Raum. Er +glaubte, bei seinen Vorgesetzten Argwohn zu spüren. Von seiner früheren +Heiterkeit war nichts mehr übrig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er +getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man schlägt, aber +deutlich erkannte ich, daß in seinen Augen neben der Liebe auch Haß war. +Bei jedem Knacken in der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Geräusch +machte ihn zittern. Einmal fuhr er gräßlich schreiend aus dem Schlaf. +Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es müsse ein Ende werden. Was +für ein Ende? fragte er, und in krankhafter Erregung drängte er mich +solange, bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun. Du +bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott und den Menschen zu +meinem Weib machen, auch wenn wir uns dann nicht wiedersehen sollten. +Und so kam es, genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser Hölle, +und wenn ich allein war, lag ich da und biß die Zähne in die Finger. Die +Zeit war wie hinweggewischt; ich hörte sie sausen wie ein Rad; manchmal +wieder schien sie mir schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene +schwarze Fahne. Das Ärgste war, daß Pjotr frech wurde. Er fühlte sich in +der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mit dem Menschen. Das Essen, +das er jeden Tag heimlich für mich brachte, konnte ich nicht mehr +genießen. Er stand dabei und stierte mich an. Er bettelte, schließlich +drohte er. Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu müssen, indessen +erfuhr ich bald, daß Pjotr auch gegen ihn unverschämt wurde. Eines +Abends stürzte Grigorji schreckensbleich zu mir und stammelte, es sei +kein Zweifel, daß alles verraten worden sei, der und der habe seinen +Gruß nicht erwidert, in der Messe habe man getuschelt, er spüre es, wir +seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte ihn aus und +überzeugte mich, daß es Wahnvorstellungen waren; aber die hafteten nun +in seinem Geist, und er war von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch, +die schrecklichsten, vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in +den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam und aus tiefer +Betäubung erwachte, daran habe ich keine Erinnerung. Auch daran eine +ferne nur, daß mich Pjotr in eine elende Herberge schleppte und nicht +dorthin, wo ihm Grigorji angegeben hatte, daß er mich führen sollte; und +daß er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte und ein wehrloses +Opfer zu finden hoffte; und daß ich mich mit aller mir verbliebenen +Kraft gegen ihn verteidigte, mit Worten und Gründen erst, mit Bitten und +Tränen, mit Hilferufen, das keiner hörte als sei das Haus ausgestorben, +und daß mir dann die Welt schwarz wurde im Ekel vor dem Menschen und in +seinem Fuseldunst und seiner Tollwut, und daß dann Grigorji +hereinstürzte, der alle Gasthäuser am Hafen nach mir durchsucht hatte, +bis er endlich meine Spur fand, und daß er das betrunkene Schwein +niederschlug, und daß er vor mir kniete, schluchzend, unaufhaltsam +schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wofür Verzeihung? und daß am +andern Morgen der Pope kam, ich habe es ja schon erzählt, und die +Nottrauung vornahm, denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und daß +mir dann Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr faßlich +und ist ausgeronnen, als hätte es eine andere gelebt. Ich bin ja auch +nicht mehr dieselbe geworden wie vorher. Es wundert mich nur, daß ichs +berichten kann; Sie saugen die Dinge förmlich aus einem heraus, wie geht +das denn zu? Nun muß ich aber fort, es ist Zeit.« + +Auffallend war es Maria, daß die Erzählung Lisaweta Petrownas immer +langsamer geworden war, zuletzt entstand fast nach jedem dritten Wort +eine Pause; auch war die Stimme allmählich so leise geworden, daß Maria +nur mit Anstrengung verstehen konnte. »Sie wollen fort?« fragte sie, +»wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie wüßten nicht wohin.« + +»Nein, ich weiß nicht wohin; gleichviel, ich muß fort.« + +»Wie sind Sie denn überhaupt nach Kislawodsk gekommen? Sind Sie mit ihm +gekommen, mit Fürst Grigorji?« + +»O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung daß wir uns nicht +mehr sehen würden. Hab ich das nicht erzählt? Als er von mir wegging, +wußte ich, daß er nicht aufs Schiff zurückkehrte, wußte, daß er in den +Kaukasus fuhr. Er seinerseits wußte, daß ich nach Kiew reisen wollte, wo +meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist. Er ließ mir Geld, aber +das hab ich meinem Schwager gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich +wußte, welchen Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm, +ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von Jelena Nikolajewna. +Möglich, daß sie glaubte, ich könne ihn retten. Wie mußte es um ihn +stehen, daß Jelena Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu spät. Ich +hätte ihn gewiß nicht retten können, wir waren viel weiter voneinander +geschieden, als wenn wir uns nie gekannt hätten; freilich, daß er so ins +Nichts geschwunden war, ohne Gruß und Zeichen, das war hart. Jetzt will +ich aber gehen, es ist Zeit.« + +Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterläden. Lisaweta +erhob sich. Maria sagte, sie möge doch den Mantel behalten, der Morgen +sei kalt und vielleicht finde sie im Hotel nicht Einlaß. Doch sie lehnte +es stumm ab; plötzlich schien sie von finsterm Trotz erfüllt; ihre +Gebärden waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls +erhob, erschüttert und von schwesterlicher Hinneigung durchglüht zu ihr +hintrat, um ihr in das dämmernd fahle Gesicht zu schauen, da wandte sie +sich hinweg und war aus der Tür, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken +konnte. Sie stand regungslos, kalt und heiß im Innern; ihr war als sei +ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede die Luft noch über +Schlünden. Sie seufzte, beinahe wie jene geseufzt hatte, bang und +gedemütigt, dann fiel ihr Blick auf die schlafenden Kinder, und es +überströmte sie ein Gefühl unermeßlichen Reichtums. Jedes war Abbild +eines Teuersten, jedes lebendiges, geprägtes Gut; sie seufzte wieder, +aber dieser Seufzer hatte andern Klang. + +Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch die Augen +zugemacht, als es heftig an die Tür klopfte und auf der Schwelle Jefim +Leontowitsch und der Soldat erschienen. Dieser sagte, alle müßten +sogleich zum Bahnhof, der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die +Kinder wurden aufgeweckt, rasch waren die Großen und Kleinen +marschfertig, zehn Minuten später war man unter Führung des Soldaten auf +der menschenleeren Straße. Es ging an der Station vorüber, ziemlich weit +hinaus. Die Luft war neblig und kühl. Maria forderte Jefim durch einen +Blick auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke ihm für +seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich von ihm trennen zu +müssen; aber sie hoffe, das Leben werde sie später einmal wieder +zusammenbringen, und sie freue sich darauf, ihm dann ihren Dank besser +zeigen zu können. + +»Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna,« antwortete er, »und warum +wollen Sie, daß ich mich von Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe +ich in dem Bündel da,« er wies auf einen Linnensack, den er mit dem +andern Gepäck trug; »warum sollt ich hier bleiben, da ich doch ebensogut +irgendwo sonst sein kann? Sie fliehen von hier, also lassen Sie mich +auch fliehen. Belästigt Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den +Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein Fremder; es +werden ja viele Fremde in Ihrer Nähe sein. Darf ich mir auch nicht +anmaßen, daß ich ein nennenswerter Schutz für Sie bin, so hätte ich doch +keine Rast mehr im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umständen verlassen +müßte. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert, daß ich Ihnen +nicht beschwerlich fallen werde.« + +Dagegen gab es keinen Widerspruch. »Nicht einmal eine Hand hab ich frei, +um Ihre zu drücken,« sagte sie mit ihrem gewinnenden Lachen. »Sie sind +wirklich ein seltsamer Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich +soviel Anhänglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.« + +»Ich kenne Sie besser als Sie glauben,« entgegnete er und wurde rot. +»Ich denke viel über Sie nach.« + +Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom Bahngleise herüber. +»Das ist Menasse,« sagte Maria, »schön, daß er da ist.« + +Das Winken Menasses bedeutete, daß man sich sputen möge. »Guten Morgen, +Herr General,« begrüßte ihn Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so spät +käme, alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit +Unpünktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden. Er hüpfte +gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens herum, der zwischen +die Wagen eines Güterzugs gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht +verhängt; drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war bemüht, sich +einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit einem alten Herrn, der seine +Koffer um sich herumgestellt hatte; blies eine Dame an, die eine +Auskunft von ihm begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die +Verwirrung; warf eine Schachtel in den Korridor, riß im Eifer seinen +flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit durch die Luft; betonte +zehnmal in höchster Fistel, daß er unbedingten Gehorsam erwarte, und daß +er einfach die Hände in den Schoß lege und alle ihrem Schicksal +überlassen werde, wenn man nicht Disziplin halte. »Wer ist der hier?« +fuhr er Maria grob an und deutete mit dem Ellbogen auf Jefim +Leontowitsch. Maria sagte gelassen und mit einem treuherzigen Ausdruck +ihrer kurzsichtigen Augen: »Herr Menasse, ich würde mich glücklich +schätzen, wenn Sie nicht so schreien würden. Sie erreichen, bei mir +wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen wir uns +auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge Mann gehört zu meiner +Gesellschaft, ich bürge für sein Wohlverhalten und für Ihre Auslagen; im +übrigen: seien wir Freunde, Herr Menasse.« Sie reichte ihm lächelnd die +Hand, in die er, einigermaßen verdutzt, die seine flüchtig legte; dann +schoß er davon. + +Um fünf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn Uhr setzte sich der +Zug in Bewegung; nach Westen, durch das Gebirge, gegen das Meer. Die +Fahrt war nicht schneller als mit einer Kutsche. Das Durcheinander +ordnete sich allmählich. Menasse wurde nicht müde, Ruhe zu gebieten. Ein +Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden Kinder. Wenn der Zug +hielt, stürzte er erregt ans Fenster, lugte durch einen Spalt hinaus, +alle schwiegen gespannt, dennoch streckte er den Arm steif zurück wie +ein Dirigent, der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der +Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie aus +Tula; einen ungarischen Baron; den Grafen und die Gräfin Duchorski aus +Petersburg, einen Bankdirektor aus Kiew, zwei ältere Damen, die im +Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde heiß. Wenn die Kinder zu essen +verlangten, ging es erst an ein langwieriges Suchen unter den +Gepäckstücken. Wenn Wanja die Brust bekam, bildeten Litwina und Arina +eine Mauer. Um vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke. +Eine Zeitlang war Stille, dann hörte man Menasses Fistel erbittert. +Mitja kam und berichtete: »Es sind Männer draußen, die befehlen, daß +alle aussteigen müssen.« Die Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt +sich so. Der Zug war von einer streifenden Bande, dreißig bis vierzig +Leute, zum Stehen gebracht worden. Der Anführer forderte Menasses +Papiere. Menasse weigerte sich tollkühn. Drohung mit Gewalt machte ihn +nicht gefügiger. Erst als jene Hand an ihn legten, besann er sich. Er +hatte sämtliche Pässe bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem +Führer zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen gestiegen und +trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald zeigte, wollten sie die +bequeme Fahrgelegenheit für sich haben. Die Überfallenen fügten sich +widerspruchslos, nur einige Frauen jammerten. Die Gräfin Duchorski +stand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in dem Haufen +von Gepäck, der den blühenden Wiesenhang bedeckte. Menasse redete +leidenschaftlich auf den finster blickenden Anführer der Bande ein. Der +Mensch schüttelte zu allem den Kopf. Den Salonwagen dürfe niemand mehr +betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug. Um Gotteswillen, so solle +man hier zurückbleiben, im Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg? +Ja, das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden habe. +Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit. Menasse, in einer +Haltung wie Jago gegen Othello, schmeichelte; umsonst; pochte, in einer +Haltung wie Marquis Posa gegen Philipp, doch immer krähend, auf +menschliche Gefühle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig und +mit kunstloser Würde. Ihre Argumente waren um nichts zwingender als +diejenigen Menasses, aber schon nach den ersten Worten hörte ihr der +Mann, dem Anschein nach ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu, +obgleich er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse +Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters; eine gewisse +Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie sagte: Du weißt doch; erinnere +dich doch; so und so, es wird doch darüber kein Mißverständnis zwischen +uns geben; ganz trocken alles, wie wenn sie über Mais oder Kartoffeln +redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist, daß man tut, was sie +gebietet. Der Mann hatte Respekt. Sie erlangte, zusammen mit dem +Geldangebot Menasses, die Erlaubnis, daß sich die Flüchtlingsgesellschaft +in zwei leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte: »Sie sind +eine tüchtige Frau; #à la bonne heure,# das haben Sie gut gemacht. +Immerhin, bei dieser Art von Transport werden wir nichts zu lachen +haben.« Und er fing bereits wieder an, zu kommandieren. Nach einer +Stunde waren alle untergebracht, das Gepäck verstaut, die Türen der +Viehwägen verschlossen und von außen abgesperrt sowie zur Sicherheit +plombiert; der Zug rollte weiter. + +Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier Nächte. Mit Maria +eingepfercht waren siebenundzwanzig Menschen, darunter zwölf Kinder; +eingepfercht in einen finstern Raum, in welchem es übel roch; +hingekauert auf mangelhafte Lagerstätten, Kranke und Alte; fast ohne +Schlaf die Nächte, ohne genügende Nahrung die Tage; belästigt von +widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst und den andern zur Pein +machten. Das Rattern der Räder wurde mörderischer Lärm; das stundenlange +Halten in Stationen mörderische Stille; die auf das Dach des Kerkers +niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige, die im Fieber +lagen, stöhnten, und ein ungewohnter Laut rief entsetzte Schreie hervor. +Dicht an Maria gepreßt lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder +dem andern bisweilen über das Gesicht, prüfend, ob sie schlummerten, ob +die Haut nicht heiß sei, dankbar für ihre Geduld und Ruhe, zugleich in +Sorge darüber. Oft sprach sie zu ihnen; oft auch wandte sie sich an +Jefim Leontowitsch; Wanja hielt sie meist an der Brust, wusch das +Gesichtchen und die Hände mit kölnischem Wasser, tröstete Litwina, die +an Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anfälle hatte, rief +hie und da ein Wort, eine Frage über die Köpfe der Leidensgefährten und +stritt mit dem rechthaberischen Menasse über die Nähe des Ziels, der +kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer. + +Endlich eines frühen Morgens, in einer Haltestation, öffnete die +mitleidige Hand eines Zugbediensteten die Tür. Der hereinquellende +Lufthauch war wie Neugeburt, das Schauspiel, das sich bot, unerhört. +Tief unten dehnte sich die See, blau, als könne man tausend Jahre blauen +Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten üppig bewachsenen Kuppen des +Gebirges, Gärten, Weingelände, Pinien, Bäume voll Orangen. Niemand +redete; kein Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie +verdorrt; das blühende Land, das Gestade, das schöne Meer ließ sie +schaudern. Die Tür blieb offen, vielleicht in der Annahme, daß die Zone +der Gefahr überschritten war; aber einige Stationen vor der Stadt wurde +Menasse berichtet, daß diese seit zwei Tagen in den Händen der Matrosen +sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde von Flüchtlingen als +gefürchteter Name genannt. + +Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen +vermochte. Wieder außerhalb des Bahnhofs verließen alle den Wagen und +wurden nach Anbruch der Dunkelheit möglichst heimlich in einen Gasthof +am Rande der Stadt geführt. Den Kranken konnte kein Beistand geleistet +werden; sie mußten zu Fuß gehen. In den Straßen herrschte Tumult; vom +Meer her tönten Schüsse. + +Der rechteckige Raum, in den sämtliche Zimmer des Gasthofs mündeten, +glich bald einem Koffermagazin. Träger polterten die Treppe herauf und +warfen immer neue Gepäckstücke in den Wirrwarr. Arme griffen +durcheinander; jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren auf eine +Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein Hündchen trippelte +winselnd um Menschenfüße, die es beschnupperte. Der Bankdirektor, an die +Mauer gelehnt, rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit +einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte seinen Kneifer +verloren und man sah seinen verzweifelt verrenkten Körper wie zwischen +Felsen auftauchen und verschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal; +die Träger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen. +Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein anderer hatte erfahren, ein +deutsches Schiff kreuze auf dem Meer draußen. Der Streit um die Zimmer, +deren nur elf zur Verfügung standen, wurde lärmend. Jefim Leontowitschs +Stimme rief von einer Schwelle her: »Maria Jakowlewna, kommen Sie +schnell; ich habe ein Zimmer für Sie besetzt.« Da Maria keinen Durchgang +fand, kletterte sie über die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim +aufgepflanzt und fauchte: »Was fällt Ihnen ein, zu schreien, Herr? Wenn +Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen stopfen den Mund. Wir sind gerannt +dem Tiger direkt in die Zähne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll +helfen, und da schreit er!« Maria sagte ruhig zu Jefim: »Man müßte +versuchen, unsere dreißig Kolli aus dem Haufen herauszufischen!« Er +nickte und sah besorgt umher. »Wo sind die Kinder?« fragte er. + +Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit hastigerem Schritt +vor den beiden andern, von denen er sich auch in Kleidung und Gehaben +unterschied. Er trug blendendweiße Leinenhosen und eine Jacke von +elegantem Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung +gebieterisch, und zwar in einer brutalen und lässigen Art. Ihm zur Seite +watschelte beflissen der Wirt, ein feister Tartar mit einem Gesicht wie +aus Butter. Der Matrose stutzte beim Anblick des Gewühls und der Menge +von Koffern; es war in der spärlichen Beleuchtung zweier +Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild. »Was sind das +für Leute?« wandte er sich fragend an den Wirt, »was geht hier vor?« Der +Wirt suchte mit furchtsamen Augen Menasse. Dieser zwängte sich heran und +gab sich eine Miene der Autorität. »Woher? Wohin?« fragte der Matrose +barsch und verächtlich. Menasse stotterte. Der Matrose unterbrach ihn: +»Es kann natürlich keine Rede davon sein, daß ihr eure Reise fortsetzt. +Das Gepäck ist beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verfügt.« Ohne die +mehr mimischen als artikulierten Einwände Menasses zu beachten, wandte +er sich wieder an den Wirt. »Ein Zimmer für mich«; und als der Wirt +ratlos den fetten Körper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig: +»Ein Zimmer für Golowin; hast du nicht gehört, du Schwein?« Vor Furcht +seiner Stimme kaum mächtig, erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien +vergeben; Väterchen könne sich ja selbst überzeugen; die vielen Menschen +da; er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die Fenster +seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingestürzt; das Loch wage er +Väterchen Igor Semjonowitsch nicht anzubieten; nebenan bei Alexei +Davidowitsch sei noch ein Staatszimmer zu haben, prächtig, mit +Teppichen, auf Ehre, mit schönen Teppichen und Bilderchen an der Wand. +Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und wäre froh +gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin antwortete barsch: »Kein langes +Geschwätz, du schmutziger Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht. +Habe nicht Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe das +Zimmer ist für mich. Punktum.« Und er deutete gegen die Tür, auf deren +Schwelle Maria stand. »Verzeihung,« redete Maria ihn an, »es ist das +letzte für mich und meine Kinder übriggebliebene Zimmer. Wir sind sieben +Menschen, Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine furchtbare +Reise liegt hinter uns. Wäre es nicht billig und großmütig, wenn Sie für +diese Nacht mit der Dachkammer vorlieb nähmen, da Sie sich schon nicht +anderweitig umsehen wollen? Ich weiß nicht genau, zu wem ich spreche; +aber jedenfalls doch zu einem Mann.« + +Golowin schien überrascht. Er hob unmutig die Brauen. »Die Suada ist von +euresgleichen unzertrennlich,« murmelte er. »Honig, um meinesgleichen +die Kehle einzuschmieren, habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete +Kuli braucht nur einmal die Fäuste zu zeigen, so wird an seine Großmut +appelliert. Es ist eine neue Weltordnung, Madame. Wer sind Sie? worauf +berufen Sie sich?« + +Diese für einen Matrosen sehr ungewöhnliche Ausdrucksweise überraschte +nun wieder Maria. Sie bedurfte, um sich einzustellen, ihrer ganzen +Geistesgegenwart. »Ich bin Maria Jakowlewna von Krüdener,« entgegnete +sie mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt, der sich +schützend neben sie gestellt hatte; »mein Mann, Gutsbesitzer im +Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier, ist ins Ausland geflohen, und +ich bin im Begriff, dasselbe zu tun. Ich kann also Ihnen gegenüber keine +Erwartungen, sondern nur Befürchtungen hegen. Sie haben Recht, die Not +macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung muß zunächst an Frauen und +Kindern ausprobiert werden. Litwina, Arina! wir ziehen in die +Dachkammer.« + +Golowin schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Sie täuschen sich, Madame,« +sagte er und steckte beide Hände in die Hosentaschen, »Sie täuschen +sich. Ich bin unempfindlich gegen die Künste des höheren Tons. Ob +Dachkammer, ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie und +Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht aburteilen, und da +Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht offen zuzugeben, können +Sie sich ja ungefähr denken, was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen +darin kurzen Prozeß zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel. +Bleiben Sie also immerhin in der Beletage, wenn Sie Wert darauf legen; +auch die andern Herrschaften will ich nicht weiter stören. Niemand wird +natürlich das Haus verlassen; im übrigen ist Ihnen jede Freiheit +unverwehrt bis morgen.« Dies sprach er ironisch gegen den Kreis +erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt hatte. Menasse +machte Schwimmbewegungen mit den Armen, um sich die Herzudrängenden vom +Leibe zu halten und sich in seiner Bedeutsamkeit gewissermaßen zu +isolieren; er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm zu verstehen +geben, daß das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch zwischen ihnen +beiden gewechselt werden müsse und er zuversichtlich auf eine Einigung +rechne. Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte, +fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: »Hübscher Junge; schade um ihn; +er wird Mühe haben, sich mit alldem zu befreunden. Du sollst später +einer der Unsern werden, mein Junge, was?« Zum erstenmal überlief Maria +ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der stolzen Entrüstung +des Achtjährigen, den Heldengefühle beseelen, erwiderte: »Niemals, ich +werde immer auf Papas Seite sein.« Golowin lachte. »Gute Zucht, Madame,« +sagte er und sah Maria an. »Gute Zucht und gutes Blut,« antwortete sie. +Er verbeugte sich spöttisch, ohne den Blick von ihr zu lassen, einen +scharfen, grausamen, unaufhaltsamen Blick, der kalt prüfte und mehr und +mehr einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick eine Weile +aus, und erst als sie der Verwunderung der Zuschauer inne wurde, glitt +ihr Auge zu Boden. Golowin wurde von seinen Begleitern angerufen und +wandte sich zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen +aufgetaucht, die einen sich sträubenden Menschen zwischen sich +schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion denunziert worden +war; man wollte bemerkt haben, daß er von einem Fenster der Küche aus +Signale gegeben hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den +Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen Befehl zu, und +sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt, zu dem der Koch in seiner Angst +flüchten gewollt und den er mit Gebärden anflehte, erhob jammernden +Einspruch, der ungehört verhallte. Menasse hatte indessen mit dem Grafen +Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und näherte sich nun Golowin. +Er zupfte ihn am Ärmel und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an, +ohne sich durch die finstere Geringschätzung des andern irremachen zu +lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins, statt ihn bedenklich zu +stimmen, erhöhte seinen Mut. Das ihm geläufige Schema auch hier als +praktisch betrachtend, nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt für +Verhandlungen dienen könne. Da legte ihm Golowin die Hand auf die +Schulter und sagte zu dem ihm zunächst stehenden Matrosen: »Was meinst +du, Maxim Maximowitsch, was das komische Insekt da will? Er will mich +kaufen? Möchtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert bin? Vielleicht +gefriert ihm die geschwätzige Zunge, wenn er meinen Preis erfährt.« +Menasse gab Zeichen äußerster Bestürzung von sich. Das war neu; ein +Faktum, das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend die +Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen, blieb aber vor +der Treppe unschlüssig stehen. + +All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten Vorgänge +hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen. Sie trat ins Zimmer, wo +Jewgenia und Arina die Lagerstätten für die Kinder bereiteten. Litwina +trug das Handgepäck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und nahm den +ungebärdig schreienden Wanja an die Brust. Mitja stand vor ihr, der +Anerkennung bedürftig, denn es waren Zweifel in ihm, ob er sich gut +benommen habe. »Du warst lieb und tapfer, mein Sohn«, sagte sie, worauf +er sogleich das Gespräch ablenkte und sich erkundigte, wo Jefim die +Nacht verbringen solle. Jefim schnitt für Fedja und Aljoscha Brot ab und +winkte Mitja, daß er schweige. Maria antwortete nicht. Sie war +zerstreut. Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins in Anspruch +genommen. Seine Manier, seine Geste, seine stechenden, bald farblosen, +bald metallisch glitzernden Augen, die hagere rasche Gestalt, der dünne +rasche Mund mit kleinen, dichten weißen Zähnen, die rasche Rede, die +Stimme, die mit befremdlicher Virtuosität durch alle Register lief, es +wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und das Ganze nicht. +Plötzlich ging die Tür auf, und er trat ein. + +Kälte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja hörte auf zu trinken, +als sei die Milch versiegt und zappelte erbost. Sie schob das Tuch, sich +vor Blicken zu schützen, bis an den Hals und sah Golowin fragend an. + +»Ich wünsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna,« sagte er förmlich, »einige +Worte unter vier Augen zu sprechen.« + +Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um. Da er schwieg und +wartete, drehte sie den Kopf mit stummem Geheiß zu Jewgenia, die Arina +und Litwina zunickte. Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei +Knaben zu sich. Alle verließen das Zimmer. Marias Blick behielt den +fragenden Ausdruck. + +Golowin sagte: »Ihr jüdischer Mittelsmann hat mich für eine Art +Straßenräuber gehalten, dem man Lösegeld anbietet. Ich vermute, Sie +wissen davon. Wäre er weniger lächerlich, so hätte ich ihn heute noch +ans Wirtshausschild hängen lassen.« + +»Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich weiß nicht, was er unternommen +hat,« erwiderte Maria kühl. + +»Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar. Die +Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist es freilich, den +ahnungslosen Hebräer ins Treffen zu schicken. Sie hätten es verhindern +müssen. Haben Sie mich so schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf? +Warum haben Sie selber denn die Gelegenheit versäumt, das Terrain zu +sondieren? Ich hatte es erwartet. Daß ich statt dessen zu Ihnen kommen +muß, gibt kein Plus in Ihrer Rechnung.« + +Maria überlegte erregt: wohin zielt das alles? + +Er ging ein paarmal auf und ab, Hände in den Hosentaschen. Seine Stimme +wurde glatter und heller, als er fortfuhr: »Bin vor der Treppe gestanden +und habe gegrübelt: was ist das für ein Gesicht? was ist das für eine +Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu, daß du es nicht +kennst? Na, da beschloß ich, Avancen zu machen. Es freut Sie nicht, wie? +Ich bin mir natürlich bewußt, daß meine Person eben das repräsentiert, +was Sie mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da. Komme +trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach Waffenstillstand +aussieht.« + +»Was ist es für ein Vorschlag?« fragte Maria unbefangen. + +Sein rotes, muskulöses, von Wettern gegerbtes Gesicht zeigte +Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes Tempo gestimmt +war, entfachte die langsame Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er +stieß die Worte hervor, die einen Klang von Brutalität hatten: »Ich +habe mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begnügt; ich denke, Sie +werden mich dafür entschädigen.« + +»Entschädigen? in welcher Weise? was meinen Sie damit?« + +»Ich meine, daß Sie mich da oben besuchen sollen.« + +»Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.« + +Er verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich meine, daß Sie mir heute nacht die +Ehre Ihres Besuchs erweisen,« wiederholte er in bösem Ton. + +Maria lächelte belustigt. + +»Es liegt mir daran,« fuhr er fort und streckte das Kinn vor; »es liegt +mir viel daran, ich werde Ihnen schon erklären, warum. Ich habe mirs in +den Kopf gesetzt, und mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den +Kopf gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht erst.« + +Maria lächelte. In dieses Lächeln gehüllt, war sie von oben bis unten +Dame. »Sie überschätzen mein Interesse an fremden Zwangsideen,« sagte +sie leicht; »ich will es durchaus nicht versuchen.« + +Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze. »Bleibt es bei der +Antwort?« fragte er mit unerwartetem Ausdruck von Neugier. + +Sie nickte. Wanja begann zu weinen. »Geben Sie doch den Balg weg,« +herrschte er sie an, »er stört mich.« Maria klopfte Wanja den Rücken, +und er wurde still. Golowin sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig +unter Wanjas Kissen. + +Nach einer Pause fing er an: »Gut, stellen wir uns auf den Boden der +gesellschaftlichen Form. Was haben Sie zu fürchten?« + +»Nur meine Meinung von mir selbst.« + +»Sonst nichts?« + +»Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben, deren ich mich +später vielleicht zu schämen hätte. Wie sie auch verläuft, ich müßte sie +vor einem rechtfertigen, der Rechenschaft von mir verlangen darf.« + +»Unsinn,« murrte Golowin; »das klingt ja so als wollte ich die +Geschichte von #boule de suif# mit Ihnen aufführen. Knallerbsen werf ich +nicht. Bin nicht lustig genug dazu.« Er bemerkte ihr aufblitzendes +Erstaunen über das literarische Zitat, ging aber mit einer Grimasse +darüber hinweg. »Ihre Bedenken sind schwächlich,« sagte er; »außerdem +nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der Ihnen Schlupflöcher +nach allen Seiten läßt. Ich verhandle mit Ihnen über Ihr Schicksal und +das Ihrer Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zurück, so ist +es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren Sie nur, was ein +vernünftig erwägender Mensch riskieren muß.« + +»Weshalb denn eine nächtliche Verhandlung in der Dachkammer?« fragte +Maria kopfschüttelnd. »Nennen Sie Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen +sagen, ob sie annehmbar sind.« + +Er lachte. »Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem Plan,« +erwiderte er spöttisch. »Da hätte ich mich ja ebensogut mit dem eifrigen +Israeliten aufs Feilschen einlassen können. Aber das liegt nicht im +Plan. Der Preis, von dem hier die Rede ist, kann nicht mit Münze bezahlt +werden. Chance ist Chance, Madame. Es wäre ja geschmacklos, wollte ich +vor Ihnen den Attila mimen; aber ich bin nun einmal der Diktator der +Stadt, und alle die Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem +Behälter. So stehen die Dinge. Andrerseits weiß ich, daß eine solche +Affäre wie die zwischen uns beiden zart anzufassen ist, und wenn Sie die +Pression, die ich auf Sie ausübe, unanständig finden, bin ich bereit, +ein Versprechen zu leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um +Breite eines Haares näherzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit für +wünschbar halten. An dieses Wort will ich mich binden, dürfen Sie mich +binden. Weigern Sie sich noch immer, so haben Sie die Folgen selbst zu +tragen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. »Ich warte, +Maria Jakowlewna,« sagte er; »von jetzt an in einer Stunde werde ich auf +Sie warten. Zögern Sie nicht zu lange; die Nacht ist kurz.« + +Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die Klinke in der Hand +hielt, wandte er noch einmal das Gesicht zurück und sagte, wieder mit +gestrecktem Kinn: »Ich bin ein waghalsiger Spieler, aber auch ein +ehrlicher. Meine Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf +ziemlich schwachen Füßen. Es ist möglich, daß ich morgen in aller Frühe +mit meinen Leuten werde abziehen müssen. Deutsche Truppen sind gemeldet. +Vielleicht haben wir dann gar nicht mehr die Zeit, euch den Prozeß zu +machen, und Sie kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal nach, +was für ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt so unvorsichtig +aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es lohnt sich.« + +Er verschwand. + +Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein. Alle legten sich +gleich hin und verzehrten nur ein paar Bissen zum Nachtessen, halb +schlafend schon. Jefim hatte eine Liegestätte unter der Treppe gefunden. +Auch Maria warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte. +Menasse bat noch um eine Unterredung. Er ließ sich nicht abweisen. Er +wollte erfahren, was sie mit Golowin gesprochen habe. Auch die andern +draußen seien aufs äußerste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen +gefallen, als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen. +Maria fühlte sich erschöpft; sie vertröstete ihn auf den nächsten +Morgen. Er sagte, nur sie könne das Unheil abwenden; Graf Duchorski +lasse ihr seine unbegrenzte Verehrung wissen; die Herren samt und +sonders erwarteten geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia drängte den +Schwatzhaften endlich über die Schwelle. + +Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug, geschah es wie +auf Befehl. Ihre Gedanken waren im Nu gesammelt und klar. Der Raum war +voll Mondlicht. Sie sah auf die Uhr; es war halb zwölf, sie hatte also +drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete ihr Haar, +brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche ein Spitzentuch und +nahm es um die Schultern, dann verließ sie auf Zehen das Zimmer. Sie +stieg die enge Holztreppe empor; der Treppe gegenüber war eine Tür. +Während sie überlegte, öffnete sich die Tür, und Golowin stand vor ihr. + +Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein Licht drinnen war, +verharrte sie betroffen. Doch lag die Kammer auf der Mondseite, und der +Mond erzeugte solche Helligkeit, daß jede Bodenritze und jedes +Spinngewebe erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel +breiter als die Fensteröffnung, nicht viel länger als die eiserne +Bettstelle. Außer dieser war nur noch ein Tisch und ein Stuhl vorhanden. +Die Wandbretter hatten zum Teil ihre Befestigung verloren und hingen +schief und morsch. In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah über +niedrige, mondglänzende Dächer bis zum Hafen hinaus, dessen Fläche +ebenfalls im Mond schimmerte. + +»Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anzünden, obwohl nur +noch ein Stümpchen da ist,« sagte Golowin; »ich meinerseits ziehe die +natürliche Beleuchtung vor. Die ganze Zeit, während ich hier geduldig +auf Sie gewartet habe, hat es mich beschäftigt, mir Ihr Gesicht im +Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung, nicht wahr? Ich bin +sicher ein heimlicher Romantiker; außen ein wenig ruppig, aber innen +Romantiker, ganz sicher.« Er lachte. + +Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne. Er sagte: +»Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist höchstens für mich zum Balanzieren +praktikabel. Ich muß Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten; #I know, that’s +a funny misfortune,# aber alles ist nun einmal aufs Heikle zugespitzt, +wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung nicht aufhalten. Bitte +nehmen Sie Platz.« + +Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, spürte daß sie errötete, +fröstelte unter einem kühlen Luftzug vom Fenster her, zog das +Spitzentuch fester, schaute Golowin schweigend an. Ihre großen dunklen +Augen, denen die Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh, +glänzten feucht. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie in ihrer mutigen +und offenen Art; »ich werde das Gefühl nicht los, als ob Sie in einer +Verkleidung steckten. Sind Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind +Sie?« + +Er hatte sich nachlässig auf die Tischkante gesetzt und die Arme +verschränkt. »Also #curriculum vitae#?« antwortete er lachend. +»Verkleidung? Nein. Ein bißchen buntscheckig, ja. Oder zwiebelähnlich, +mit vielen Schalen.« Er räusperte sich und heftete den Blick ins Freie. +»Ich sehe ein, daß es unartig wäre, Ihre Wißbegier nicht zu +befriedigen,« begann er; »ich will knapp sein wie ein Lexikon. Geboren +in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem Einschlag im Blut; Mutter: +Engländerin, Pastorentochter. Alter: sechsunddreißig. Erzogen in der +Kadettenschule. Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. Müßig +herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der Eltern völlig +mittellos. Eines Tages die Kräfte zusammengerafft; Elektrotechnik +studiert; gehungert; nach Schweden gegangen, nach Norwegen. Mich +anheuern lassen auf einem Walfischfänger; zwei Winter im grönländischen +Eis verbracht. Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden. Nach Island +gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizitätswerk gebaut. Geheiratet; +Tochter eines Rheeders; mit ihr nach London gereist; höllisch betrogen +worden von ihr; kurzen Prozeß gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf, bei +Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer Dampfwäscherei gearbeitet; +auf einem Kohlendock in Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei +der #Illinois railway company#; als Zeichner und Ingenieur in San +Franzisko. Große Affäre: die beiden Töchter eines Holzmagnaten verführt; +von gedungenen Strolchen beinah erschlagen worden; sechs Monate Spital. +Nach Paris gegangen; Reporter für Newyork-Herald geworden; im Jahre 12 +nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen beigetreten; im +Jahre 14 Einberufung zur Marine; Vertrauensmann der Besatzung geworden; +den Umsturz mitherbeigeführt, und nun,« er verbeugte sich bizarr, »der +Auszeichnung gewürdigt, meinem verehrten Gast diesen Steckbrief +überliefern zu dürfen.« + +»Viel in wenig Worten,« sagte Maria lächelnd. + +»Braucht es mehr? Die Ereignisse geben ja doch nicht den Inhalt. Fast +jedes Leben, meines auch, ist eine unordentlich gepackte Kiste, und wenn +man sie ausräumt, haben die meisten Dinge längst nicht mehr den Wert, +den sie beim Einpacken hatten. Ich bin kein Freund von Ausräumen. Lieber +noch ein paar Nägel in den Deckel.« + +»Sie laufen sich selber voraus, Sie laufen mit sich selber um die +Wette,« bemerkte Maria. + +»Ja, das sagen Sie so, ob Sie aber das richtige Bild davon haben, möchte +ich bezweifeln,« antwortete er. »Eigentlich war kein Tag der Rast. So +eine Stunde wie die jetzige, wo man spricht und sich zurückbesinnt, hat +es eigentlich nie gegeben, denken Sie. Man war wie auf einem Schiff, das +mit vollen Segeln vorm Sturm rennt. Bö auf Bö; da ein Leck, dort ein +Leck; alle Mann an die Pumpen; zuletzt immer ein verzweifelter Sprung +von der Takelage ins Rettungsboot. In so einem nüchternen Taumel; in so +einer betrunkenen Entschlossenheit; mit dem Zittern bis in die Rippen; +und niedergetrampelt wurde jeder, der im Weg stand. Ja, so war es.« + +»Immerhin haben Sie ein Stück der Welt mit Appetit verspeist,« sagte +Maria und zeigte ihre herrlichen Zähne. + +»Das ist wahr,« erwiderte er und nickte. »Sie ist mir nichts schuldig +geblieben, die Welt, ich ihr auch nichts. Ich habe sie kennen gelernt +von unten bis oben, die brüchigen Fundamente, die verfaulten +Schanzwerke, die verrostete Maschinerie, die rissige Verschalung, die +schadhaften Ankertaue, wie gesagt: vom Kiel bis in die Raaen. Und was +die Bemannung betrifft: kranke Gehirne, ein tollwütiges Fieberwesen, +eine bestialische Raserei der Untiefe zu. Es war ein Riesenspaß, Maria +Jakowlewna, eine Labung fürs Gemüt. Es gab Zeiten, wo ich +quietschvergnügt gewissermaßen neben dem hochgespannten Dampfkessel +hockte und mir an den Fingern ausrechnen konnte, wie lang es noch dauern +würde, bis der ganze pomphafte Plunder mit ungeheuerm Krach in die Luft +flog. Eigentlich waren das die schönsten Momente. Ich habe etwas von +einem Propheten in mir, oder wenigstens von einem Diagnostiker. Das kam +mir auch beim Dienst auf dem Kriegsschiff zustatten. Einen schöneren +Explosionsherd konnte man sich im verwegensten Traum nicht ausmalen; ein +Faß Dynamit mit der Lunte am Spund ist ein Spielzeug dagegen. Lehrreich, +zu beobachten, wie unwiderstehlich es die Mäuse zum Speck in der Falle +zieht. Ich hielt mich kunstvoll am Rande, immer zwischen Beförderung und +Disziplinarverfahren; sie konnten mir nicht beikommen, auch nicht mit +dem Köder der Rangerhöhung; warum hätte ich den schnappen sollen? Ich +fühlte mich auf der Pulvertonne am richtigen Platz. Ich vermochte meinen +Leuten den Tag vorauszusagen, an dem die Mine springen würde; und an +genau dem Tag haben wir den Kapitän, die Offiziere, die Maats und was +immer Epauletten und Sterne trug in die Feuerungslöcher befördert; eine +zu schnell funktionierende Hölle, leider, wenn man bedenkt, was für eine +lange Hölle sie andern bereitet hatten.« + +Er sprach völlig ruhig, beinahe heiter, in einem flüssigen Plauderton, +wie von einer Sportleistung, auch mit der dazu gehörigen halbironischen +Prahlerei. Er zündete eine Zigarette an, und beim Aufflammen des +Streichholzes erschien Maria sein Gesicht kindlich harmlos. Mit ruhenden +Händen im Schoß saß sie da und fand keine Worte. + +»Famos, wie ihre Hände sich im Mondlicht ausnehmen,« sagte Golowin; »wie +weißer Bernstein.« + +Sie fuhr zusammen. »Sie haben meine Gegenwart gewünscht, um mit mir zu +verhandeln,« sagte sie mit verzogener Stirn; »das war die Abmachung. Ich +habe mich Ihrer Laune gefügt, weil ich schließlich von Ihrer Laune +abhänge, und nicht nur ich allein. Kommen wir also zur Sache.« + +»Es wundert mich, daß Sie damit solche Eile haben,« antwortete er mit +einem kichernden Ton. »Seien Sie doch froh, wenn ich meine Zunge +spazieren führe. Am Zweck, den ich verfolge, sollte Ihnen wenig gelegen +sein. Oder sind Sie so naiv, daß Sie glauben, es gehe um die Schale und +nicht um die Nuß? Sind Sie wirklich da heraufgekommen in der Meinung, +wir würden eine unverfängliche diplomatische Schachpartie spielen?« + +Maria, beunruhigt, stand auf. »Ich dachte, um Knallerbsen zu werfen, +seien Sie nicht lustig genug.« + +»Es muß ja nicht #boule de suif# sein,« entgegnete er zynisch, »es kann +ja, beispielsweise, auch Maß für Maß sein. Das ist dann schon minder +lustig. Es hängt meistens von der Frau ab, ob es lustig ist oder nicht.« + +Maria sagte verletzt, und ihre dunkelsonore Stimme bebte: »Es besteht +keine Gemeinschaft zwischen uns. Sie sind ein Liebhaber von Späßen, ich +bin zu spaßen nicht aufgelegt. Sie tanzen um einen Weltbrand einen +Freudentanz; so suchen Sie sich wenigstens nicht einen Partner aus, +dessen Lebensglück in den Trümmern liegt. Was ist Ihre Absicht?« + +Er näherte sich rasch, die flachen Hände aufgehoben. »Vor allem: nehmen +Sie wieder Platz. Nicht diese Miene! Zucken Sie nicht zurück, ich rühre +Sie nicht an. Bei Gott, ich rühre Sie nicht an. Ist Ihnen kalt? Wollen +Sie meinen Mantel haben? Nein, nein, bleiben Sie sitzen, ich lasse ihn +am Nagel; kann mir denken, daß Ihnen vor solchem Mantel widert. Das +bißchen Zimperlichkeit halt ich zugut. Und nun merken Sie auf.« + +Er zog den dreibeinigen Stuhl heran, flink und plump in den Bewegungen, +und setzte sich auf den äußersten Rand, um des Gleichgewichts sicher zu +sein. Er legte die Hände um seine Knie, beugte sich vor, streckte das +Kinn. Alles hatte eine gewisse Anmut, eine plumpe Geschmeidigkeit, +kraftvolle Zierlichkeit. »Seit zweieinhalb Jahren habe ich nicht in das +Gesicht einer Frau gesehen,« begann er und lächelte knabenhaft; »habe +ich nicht die Luft geatmet, die um eine Frau ist, nicht die Bezauberung +verspürt, die davon ausgeht, wie eine Frau die Hände regt, die Lider +hebt und senkt, die Lippen öffnet und schließt. Ich habe Kohlenrauch +gerochen, Kohlenstaub in die Lungen gepumpt und mit Salzluft mühsam +wieder ausgespült, die gräuliche Atmosphäre in Schlafsälen, den heißen +Ölgestank im Maschinenraum geschmeckt; ich habe Zähne fletschen gesehen, +Flüche murmeln gehört, allen Unrat der Menschennatur sich über mich +ausgießen lassen, die eingequetschte, wimmernde, wütende, brüllende Qual +eines riesigen Kerkers mitgelebt, und ich bin hungrig. Nicht in der +Weise hungrig, wie Sie zu fürchten scheinen. Man hat seine Erziehung, +man hat seine Erfahrung, man ist kein Geier. Nicht hungrig wie einer, +der aus Mangel an Nahrung krepiert, an Nahrung überhaupt. Wenns weiter +nichts wäre! Der Tisch für die andern ist reichlich gedeckt. Ich bin +hungrig wie ein Mann, den eine Fiebererscheinung in Trance versetzt hat. +Wir hatten mal in Boston eine spiritistische Sitzung. Es kam, im blauen +Licht, ein weibliches Gespenst herein. Sah ungefähr aus wie Sie, Maria +Jakowlewna; wunderbar sehen Sie aus, wie Sie da sitzen und mir zuhören. +Na, ich ging entschlossen auf das Gespenst los, ohne mich um die +hysterischen Entsetzenskrämpfe der verzückten Gesellschaft zu kümmern, +griff mit Armen darnach, und siehe da, es war ein warmer, weicher +Menschenleib. Ich entsinne mich, es war ein unvergeßliches Wohlsein in +mir, als ich den warmen, weichen Weiberleib hatte. Der Gespensterunfug +nahm gar nichts weg von dem Wohlsein, im Gegenteil, es war so diabolisch +verboten, daß es mir göttlich behagte. Man muß nur mit Armen zugreifen, +wenn es um einen gespenstert. Und es gespenstert schon lange um mich.« + +Er lächelte abermals; strich mit der Hand über die dünnen, +schlichtliegenden Haare; sah alt aus, verbraucht, zerwühlt, plötzlich +wieder straff, elastisch, jugendlich und fuhr nach einigem Besinnen +fort: »Sprechen wir ein wenig von der Fieber-Erscheinung und davon, wie +sie entstanden ist. Denken Sie sich also hunderte von Männern, +primitiven Männern, denken Sie sie monatelang an einem und demselben +Ort; hunderte, doch in ihrer Gesamtheit absolut einsam auf dem Ozean; +durch die militärische Knute in Atem gehalten, durch harten Dienst +niedergezwungen; in ihren Trieben und Instinkten vollständig geknebelt. +Überlegen Sie sich einen Augenblick, was daraus erwächst. Ich bin ein +Mensch, der das Grauen nicht kennt und auch den Ekel nicht. Ich nehme +alles von der einfachsten Seite; es ist da, also hat es da zu sein. Aber +wenn man so buchstäblich in den Miasmen watet, die aus den Seelen +dunsten, das reißt an den Nerven. Es gibt bei Männern einen Zustand der +Entbehrung, der stillen, stumpfen, folternden Begierde, der macht alles +zu Gift und Brand in ihnen. Gefehlt, wollte man meinen, daß die +aufreibende Arbeit, die körperliche Erschöpfung dem entgegenwirkt; die +vergiften und verbrennen nur noch mehr, bis das ganze Individuum ein +von tobsüchtigen Bordellbildern geschütteltes Ding ist mit zwei +Existenzen, jede tierisch genug: die wirkliche, graue, trostlose und die +in der Bruthitze der Erinnerungen und der Wünsche. Ich habe nie an die +friedlichen Robinsons geglaubt; ist so ein Bursche gesund und ein +ehrliches Mannsbild mit seinem Geschlecht im Leibe, so muß er ja +komplett verrückt werden. Oder es stirbt ein Stück Leben in ihm ab. Ich +trete zum Beispiel in einen Schlafraum und sehe mir die Schläfer einzeln +an. Da ist einer, liegt in Schweiß gebadet, mit dicht aneinander +gerückten Falten auf der Stirn. Jede von den Falten ist eine mit +Ausschweifungen gefüllte Grube. Er hält sich schadlos, der Kerl; er +dichtet; er lebt sich aus in seinem lasterhaften Schlaf; kein Hirn eines +abgefeimten Erotikers ist je auf solche Möglichkeiten verfallen. Ein +anderer windet sich wie in Krämpfen der Pubertät; er ist leichenblaß und +trinkt seine eigenen Lippen. Ein anderer sieht aus, als klettre er an +einer Felswand hinauf, angespannt wie ein Seil, lüstern wie ein Affe. +Sie keuchen, schlagen mit gekrallten Fingern um sich, grinsen gierig, +flüstern einen Namen, umklammern etwas in der Luft, sind vollständig +aufgerissen, in einem Chaos glühender Visionen. Noch ein Beispiel. Ich +sitze unter ihnen; dienstfreier Abend; man redet; sie werfen sich ihre +Schlagworte zu; Anspielung auf Anspielung; grobes Geschütz, daß einem +die Ohren sausen; eh mans recht weiß, ist der Siedepunkt erreicht: die +Augen kochen, die Zungen wirbeln, das kaum Ausdenkbare wird gesagt, +geschrieen, schamlos hingemalt, sie wälzen sich in einer heißen Pfütze, +übersteigern sich, neiden einander das frechste Bild, den unflätigsten +Ausdruck, und man sieht dabei, wie es sie über alle Begriffe martert. +Und man beobachtet zwei, die sich einander mit verdeckten Blicken +messen, Mann gegen Mann als wärs Mann gegen Weib; stumm und irr faseln +sie vom Fleisch und von Lust; sie verstehen sich vortrefflich, die zwei +in ihrer Entzündung, und sie sind nicht die einzigen. Jag ich Ihnen +Schauder ein? Das ist nicht der Zweck. Ich tünche bloß den schwarzen +Untergrund für mein Lichtgewebe. Hat man sich vollgesogen mit dem +Irdischen der untersten Abgründe, so werden die Himmelsgestalten so weiß +und so zart wie nur Lilien in Pestsümpfen. Man muß aber zu den Seraphim +entschlossen sein. Es muß einem gelingen, die Poren gegen die Ansteckung +zu verstopfen. Zu früh nachgeben, das heiß ich ein Kalb im Mutterleib +schlachten. Ein Mönch ist unter Umständen ein geriebener Genüßling, wenn +er zum Feinschmecker von Illusionen wird. Vielleicht war der heilige +Antonius der größte Liebeskünstler der Welt. Ein brennenderes +Aphrodisiakum kann ich mir nicht vorstellen als die Qualen von +freiwillig Enthaltsamen. Das geht über ein Fest auf dem Blocksberg. Aber +ich bin kein Voyeur, durchaus nicht. Ich bin nur für kluge Steigerung, +überhaupt für Steigerung. Dort in dem Satanskessel, auf dem Schiff, hab +ich mein Verlangen gezüchtet; habe es sorgsam gepflegt, wie man ein Tier +mästet, das eine delikate Mahlzeit zu werden verspricht. Und wonach hat +mich eigentlich verlangt? Schwer zu sagen. Nach einer bestimmten Glätte +der Haut; nach einer bestimmten Rundung der Fessel; einer bestimmten +Modellierung des Handgelenks; einer bestimmten Transparenz der Äderung +an den Schläfen; einem bestimmten Gang und Schritt und Blick. Ist das +etwas? Umschreibt das etwas? Es ist eine Angelegenheit des Geruchs, des +Spürsinns, der Epidermis, der Nerven-Elektrizität. Deutlicher: ich will +eine Ebenbürtige haben, eine sinnlich Ebenbürtige. Kurz und gut, Maria +Jakowlewna, Sie sind es, die ich haben will.« + +Marias Auge fiel auf einen Skorpion, der, von Fingerslänge, an einem +Brett ihr gegenüber unbeweglich hing, zierlich in der Gliederung, zart +umgrenzt, ohne Schatten, wie eine japanische Zeichnung. Indem sie das +Tier anschaute, ward ihr leichter zumut; in einem losgelösten Teil ihrer +Seele freute sie sich am Zarten und Zierlichen und vergaß das Giftige +und Gefährliche; dieses wußte sie ja nur, sie hatte es nie erfahren. Sie +heftete den Blick in Golowins Gesicht und sagte in zutraulichem Ton: +»Ist es nicht sonderbar? seit Sie das Wort ausgesprochen haben, bin ich +vollkommen ruhig. Es ist nun nichts Unbekanntes mehr zwischen uns. Ich +habe sogar ein Gefühl von Sympathie für Sie. Das eine Wort, dieses +vernunftlose, rohe, gewalttätige Wort hat es bewirkt. Plötzlich bin ich +die unvergleichlich Stärkere von uns beiden.« + +»Verstehe nicht,« murmelte Golowin ziemlich außer Fassung. + +»Sie sagen, Sie wollen mich haben,« fuhr Maria in demselben zutraulichen +Ton fort; »ich antworte Ihnen: schön, hier bin ich; bitte.« + +Golowin starrte sie sprachlos an. + +Sie sagte heiter: »Kann man denn einen Menschen so ohne weiters haben? +so nach Gelüst und Gelegenheit? wie man einen Apfel vom Baum holt, auch +aus einem fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach, weil man +Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist sie sonst nichts als der +Bissen? als die Beute? als das Vergnügen einer Stunde? Wenn Sie dieser +Ansicht sind, – bitte.« + +Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mit abgewendetem Gesicht +dort stehen. Der Mond beleuchtete nur noch ein kleines Stück der Wand. + +»Meinen Sie im Ernst, Sie hätten mich dann gewonnen?« fuhr Maria fort. +»Vielleicht hätten Sie mich zerstört, sicher beschimpft, unerhört +erniedrigt, aber gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren +Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Krüdener, und nicht vielmehr +eine seelenlose Hülse von mir? Ob man lebendige Menschen in Feuerlöcher +wirft oder sie zu Opfern einer Zufallsbegegnung macht, läuft auf +dasselbe hinaus. Haben, was für ein gemeines Wort! was heißt denn haben, +wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen ist, halb +Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.« + +Golowin schwieg noch immer. + +»Die Rechnung ist für mich nicht sehr kompliziert,« sagte Maria; »ich +soll das Zahlungsmittel abgeben für die Freiheit, wahrscheinlich auch +für das Leben von etlichen fünfzig Menschen, darunter meine Kinder und +ich selbst. Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir +offenbar nichts anders übrig, als in den elenden Kaufvertrag zu +willigen. Schön. Es ist nichts Besonderes, nichts Erschütterndes im +Vergleich mit den großen Ereignissen. Es ist ein Schicksal, mit dem man +sich abzufinden hat. Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt. +Aber soll sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der Sie +gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir leid. Es ist eine +uralte und furchtbar gewöhnliche Weltordnung, das.« + +Ohne sich vom Fenster zu rühren, antwortete Golowin mit dumpfer Stimme: +»Sie mißverstehen mich mit Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie müssen +als Weib unrüttelbar fixiert sein, daß Sie Selbstverständlichkeiten mit +einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten. Ich habe meine Augen +im Kopf und meine Witterung in der Nase. Kann sein, daß die Bussole da +drin ein bißchen an Richtung verloren hat; die Nadel schießt verzweifelt +nach links und rechts, als stünde sie überm magnetischen Pol. Daß Sie um +und um und bis in die letzte Faser fixiert sind, habe ich trotzdem +gespürt, und das war ja der Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir +entgegensteht. Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir. Dieses +Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm stellen. Aber ich rieche +ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.« + +Durch Marias Körper lief ein Schrecken wie nie zuvor. + +Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: »Sie reden von ihm mit +jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen wie er es gutheißt und befiehlt. +Aber Sie würden jetzt nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon +gelungen wäre, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft, aber +mich können Sie nicht wegdrängen, und er kann Ihnen bald nicht mehr +helfen, seine Arme werden lahm.« + +»Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch,« sagte Maria. + +»Haben Sie mich für einen bübischen Schänder genommen, für einen +Dutzendhallunken? Ich kenne die Wege, die zu den verborgenen Flammen +führen. Wer sagt Ihnen, daß ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten +verzichten will? auf die Entzückungen der Allmählichkeit? auf die +Überraschungen und kleinen süßen bittern Süßigkeiten, die einen Leib mit +einem Leib befreunden? Aber vielleicht bin ich imstande, vielleicht maß +ich mir an, die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden zu +pressen, die von der Faulheit und dem Mangel an Schwung in so öde Länge +gezogen wird, daß die Ermattung und die Erfüllung nicht mehr Ähnlichkeit +miteinander haben wie ein Schiff, das vom Stapel läuft mit einem Wrack +auf einer Sandbank.« + +»Es ist möglich, daß Sie dazu imstande sind,« sagte Maria, »aber Sie +können nicht einen Stoff in einen andern Stoff verwandeln, Sie können +nicht das Gesetz eines Lebens umstoßen.« + +Golowin lachte spöttisch. »Käme auf den Versuch an. Es ist eine Frage +der Magie.« + +Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo er stand. + +»Sie sprechen von Zufallsbegegnung,« fuhr er fort. »Ich meinerseits +glaube nicht an solchen Zufall. Sind Sie so fest davon überzeugt, daß +Sie bloß eine Verkettung unbestimmbarer Umstände in diese Stadt, in +dieses Haus gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein +Beschluß? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir hätten auch +zufällig auf eine entlegene Insel verschlagen werden können, um wieder +von Robinsonaden zu reden. Wieviel Tage hätten Sie sich Frist gegeben +bis zur Hochzeit? Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang hätte, +einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann gegenüber, Ihr Blut +geschwiegen, falls ich sogar aus Schlauheit oder Berechnung unterlassen +hätte, es zu schüren? Würden Sie einen Triumph darin erblicken, eines +Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige zu bleiben? Treue; +was ist Treue? Eine Übereinkunft, durch die man Entbehrungen +legitimiert, die Machtprobe eines Besitzenden, das Gitter gegen den +Einbruch der Ausgestoßenen, ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte +Hand.« + +»Ich weiß mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen,« antwortete +Maria; »es hängt doch alles davon ab, ob der Funke, den man schlägt, +Feuer gibt oder nicht.« + +»Gewiß,« pflichtete Golowin bei und näherte sich wieder; er trat in den +dunkelgewordenen Teil des Raums und lehnte sich an die Bretterwand; +»gewiß. Wir in unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt. +Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, drüben in Übersee. Das sind +Leute, die sich auf die Methoden verstehen. Es ist eine ererbte Kunst, +von Jahrtausenden her. Sie lächeln über unsere Finten und Schliche, sie +machen sich lustig über unsere Vierschrötigkeit und Dickhäutigkeit, sie +zucken die Achseln über das, was wir unglückliche Liebe nennen. So wie +man dort im Osten ein ausgebildetes System hat, das den Schwächsten +befähigt, einen Athleten zu bändigen und auf die Knie zu bringen, +verleiht eine langwirkende Überlieferung dem mit Erkenntnis Begabten die +Macht, auch in das widerspenstigste Material körperliche Liebe zu +pflanzen. Körperliche Liebe, also Liebe überhaupt, wenn man absieht von +der europäischen Unzucht, die Dinge der Natur ins Blümerante und +Schöngeistige zu verdrehn. Erinnern Sie sich an die berühmte +Skandalgeschichte von der Entführung der Miß Holywood in Neuyork? Sie +war eine Schönheit ersten Ranges, umworben von der männlichen Blüte des +Landes, unnahbar, von makellosem Ruf. Eines Tages war sie verschwunden; +spurlos, rätselhaft. Man setzt für ihre Auffindung Prämien von +schwindelnder Höhe aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am +Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt in einem der +schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt. Man verhaftet eine Anzahl +Chinesen, der eigentlich Schuldige ist entwischt. Die junge Dame bringt +man in das Haus ihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie +steht nicht Rede; sie kann sich dem früheren Leben nicht mehr bequemen, +sie leidet unter Ausbrüchen von Wut und krankhafter Depression, die +Ärzte vermögen nichts über sie, die früheren Freunde nichts, und während +man alle Hebel zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine +Verbindung mit dem Entführer herzustellen; plötzlich ist sie zum zweiten +Mal verschwunden, und wie sie in einem hinterlassenen Brief mitteilt, +ist es ihr freiwilliger Entschluß gewesen, zu dem Chinesen +zurückzukehren. Die amerikanische Gesellschaft war natürlich außer sich, +denn was gibt es in ihren Augen Verächtlicheres als einen Chinaman? Mich +beschäftigte die Sache ungemein. Da ich keinerlei Kasten- und +Rassendünkel kenne, scheute ich mich nicht, meine chinesischen +Beziehungen dahin auszunützen, daß ich über den mysteriösen Fall, der +durchaus kein vereinzelter war, wie ich später erfuhr, verschiedene +Aufschlüsse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen sind sehr +zurückhaltend, außerdem behaupten sie, es gäbe auf diesem Gebiet +zwischen ihren und unsern Anschauungen keine Verständigung. Es fehlen +die Vokabeln schon, behaupten sie. Aber das Glück wollte, daß ich auf +einen prachtvollen Lehrmeister stieß, einen Burschen so fein wie +Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. Hören Sie auch zu? Ich +sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie werden nichts wissen wollen von +dieser Weisheit und Feinheit, die in ein Labyrinth führt. Und was +fruchtet sie mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth sträuben? Es +weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander Ding als unsre +Miniaturleidenschaften und gestatteten Gefühle. Bei dieser Mischung von +Gelehrsamkeit und narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, daß der +Mensch von der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden muß. Wer +von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der größte Verbrecher nicht. +Dostojewski; aber die Angst bleibt auch bei ihm. Mein Chinese +entwickelte unter anderm eine ganze Philosophie der sinnlichen +Beeinflussungen und Übertragungen. Die Herrschaft über das lebendige +Instrument ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell, +aber unsere Frauen verlieren schon im ersten Stadium die +Widerstandskraft. Je höher gezüchtet eine ist, je wehrloser ergibt sie +sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis einer solchen Frau gelesen; +die erstaunlichste Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und +kühn. Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors in +Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen war. Sie +sprach von dem Glück des Grauens, von der Wonne der Verlöschung, und daß +sie keine Gewissensbisse darüber empfinde, die Seele, diesen lügenhaften +Frieden der Seele, hingegeben zu haben, für die Flammen, die sie +umprasselten und dem Augenblick des Todes den der Auferstehung des +Fleisches folgen ließen. Das klingt wie Wahnwitz und ist in der Tat +vielleicht eine Form der Hysterie. Überdies soll sie vor ein paar Jahren +in einer Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener rechter +Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber reizte mich, es mit der +Praxis zu versuchen, und die Erfolge waren nicht übel; die Schule +bewährte sich. Freilich fehlte das letzte Geheimnis; was hätte ich +gegeben um das letzte Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu +seicht; der europäische Mensch ist nicht eng genug; etwas Ähnliches sagt +schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte die Probe bei vielen +an. Die Wildesten wurden zahm; wie Würmer so zahm wurden sie. So +eigentümlich entseelt waren sie nach kurzer Zeit, als hätte man aus +ihrem Gehirn gewisse Bewußtseinskomplexe mit dem Messer entfernt. Man +wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein, man umschlingt sie +unbemerkt, die wunderbaren Körperchen, bemächtigt sich ihrer, indem man +den Sklaven macht, den unhörbaren Schatten, das unentbehrliche andre +Ich, das verachtete und verstoßene Teil, die böse lockende Chimäre. Und +so zieht man das Menschlein an sich, bis es nicht mehr entschlüpfen +kann. Es gibt da Zärtlichkeiten wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die +Spitze jedes Fingers, jede Stelle der Haut, die Höhle unter der Achsel, +das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Zärtlichkeit dressiert, +und dankt. Jedes Glied an dem geliebten Leib dankt. Jedes ist +hingeschmolzen in seine besondere Lust, jedes erwacht für sich als wie +ein jauchzendes williges Tierchen, ein Flammentierchen und was man in +Armen hält, ist ein Wesen ohne Scham und Lüge, ohne Geist und ohne +Angst, unergründlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna,« seine Stimme, +die zuletzt ein Flüstern geworden war, erhob sich und klang durch den +Kontrast wie ein Schreien, »wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz +packe, gehört es mir, so oder so. Lassen wir die Erzählungen, die +Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor hunderttausend Jahren war. Ja, +ich reiße Ihre Brust auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr, +keine Gestalt, kein Gelöbnis, kein Bild, innen ist nur Liebe. Ich will +drin verbrennen und verdorren, wenn es sein muß, aber geben Sie mir +Liebe.« + +Der Mond war untergegangen. Es war völlig finster geworden. Maria erhob +sich, tastete sich zum Tisch und griff nach der Kerze. Sie fand +Zündhölzer daneben und machte Licht. Besorgt sah sie, daß das Stümpchen +nicht lange brennen würde. »Liebe,« murmelte sie, »Liebe.« + +»Warum töten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen?« fragte Golowin +zu ihr hinüber. + +»Ich verscharre nur den Leichnam, getötet haben Sie es,« antwortete sie +ernst. »Ein Leben lang.« + +»Moral, flaue Moral,« sagte er achselzuckend; »der Hieb ist zu matt, ich +pariere ihn nicht.« + +Maria begann mit jener tiefen Stimme einer Märchenerzählerin, die alles, +was sie sagte, durch den bloßen Klang versinnlichte: »Auf dem Gut hörte +ich eine Geschichte von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide +waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab sich Petruschka auf die +Wanderschaft und blieb viele Jahre fort. Als er heimkehrte, brachte er +einen Sack voll Gold mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka +gierig. Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing an, ein +stolzes Schloß zu bauen. Nikituschka läßt sich den Weg erklären, macht +sich auf, kommt aber nach einer Zeit müde zurück. Ich habe mich verirrt, +sagt er. Da begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen, in +den der Stollen führt und sagt: in den Stollen mußt du hinunter und +viele Jahre graben. Es dauert nicht lange, da erscheint Nikituschka +abermals unverrichteter Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre +unter der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das ist +einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben, sagt Petruschka, +du siehst ja, daß ich mir da ein Schloß baue; wovon soll ich die +Bauleute entlohnen? Hilf auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem +Gold.« + +Sie schwieg. + +»Der Hieb ist nicht stärker geworden,« sagte Golowin lächelnd; +»Petruschka hätte teilen sollen, als er mit dem Gold zurückkam.« + +»Was hätte es Nikituschka genützt?« erwiderte Maria mit Eifer; »er hätte +seinen Anteil verschwendet und wäre so arm gewesen wie zuvor.« + +»Besser zu verschwenden als mühselig zu graben,« beharrte Golowin, noch +immer lächelnd und sah sie aus den Augenwinkeln an. + +»Der Verschwender ist ein Dieb,« sagte Maria; »man muß im Stollen +gewesen sein; man muß gegraben haben.« + +»Man muß, man muß,« spottete Golowin, und der Blick aus den Augenwinkeln +wurde funkelnd; »hab ich etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?« + +»Nicht Gold gefördert, nicht Petruschkas Gold,« wehrte Maria mit +erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick als seine Worte; »wenn +Petruschka fragt: was hast du im Stollen gemacht, so werden Sie ihm +antworten müssen: was dich kränkt, was dein Gemüt vergiftet, was dir +Leiden bereitet, dir und deinen Brüdern. Petruschka hat gebaut.« + +Golowin entgegnete nichts. Er drückte den Hinterkopf an die Bretterwand, +fuhr fort zu lächeln, fuhr fort, sie aus den Augenwinkeln zu betrachten. +Eine eigene Unruhe bemächtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende +und sie allmählich ganz einhüllende seltsame Scham. Ihr wäre am liebsten +gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu verschwinden. Es ging so +weit, daß sie sich ärgerte und sich innerlich Vorwürfe machte, die Kerze +angezündet zu haben. Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den +Ohren und im Nacken heiß; sie konnte sich diesen Zustand durchaus nicht +erklären. Plötzlich fragte er, ohne sich zu rühren, in die Luft hinein: +»Glauben Sie an das Ende?« + +»An welches Ende?« + +»Nicht bloß an das Ende von Maria Krüdener und Igor Golowin, das ist ja +gewiß. An das Ende von Rußland und Europa meine ich, an das Ende von +Eisenbahn und Telegraph, von Zeitungen und Büchern, von Kunst und +Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an das Ende der +Menschheit, an das Ende von allem. Glauben Sie daran?« + +Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete sie leise: »Ich +glaube nicht daran. Ich glaube an das ewige Leben.« + +»Glauben Sie an die Wiederkehr?« fragte Golowin, und sein Lächeln +verdämmerte in den Schatten, die der flackernde Kerzenschein in sein +Gesicht warf. + +»Was verstehen Sie unter Wiederkehr?« + +»Nichts kehrt wieder,« sprach er, ohne die Frage zu beachten, »und doch +schreit jeder Atemzug im Menschen nach Wiederkehr. Nichts kann noch +einmal sein, was gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste +Verlangen im Menschen, daß es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist das +Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht überwindet, ist man +der Narr des Schicksals. Auch für Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie +wieder, was einmal Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis +gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.« + +Mit geschlossenen Augen schüttelte Maria den Kopf und sagte: »Ich weiß +es so fest wie daß die Sonne aufgehn wird: er kehrt wieder.« + +»Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gefühl; die spricht aus Ihnen. +Sie haben das Unglück gehabt, eine glückliche Ehe zu finden, sonst wären +Sie ein Weib gewesen, mit dem man auf die Barrikaden gehen könnte. +Schade, wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenne erniedrigt +wird. Alles was edel und flugkräftig an Ihnen war, hat die Ehe in eine +Kapsel gepreßt, und Sie wagen sich nicht zu rühren aus Angst, das +Gehäuse zu sprengen. Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen +angebracht, Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen; +wozu Sie aber hätten steigen können, wenn man Ihnen die Menschenfreiheit +nicht geraubt hätte, davor verschließen Sie sich. Frauen wie Sie müßten +in ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe zerstört sie. Es +ist als hätte man Sand in ein kostbares Uhrwerk geschüttet. Wenn dann +der große Feind kommt, ist es zu spät. Der große Feind, der große +Abrechnungskommissär, der Unbestechliche.« + +Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer Innigkeit, der +Golowin betroffen machte. + +»Glauben Sie auch nicht an den großen Feind?« fragte er verdeckten +Tones. + +Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und antwortete nicht. + +»Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht?« fuhr er lauernd +und seltsam spöttisch fort; »sicherlich. Sie haben ja Phantasie. Ist er +nicht einnehmend? berauschend? verführerisch? Sieht er nicht aus wie ein +echter Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse? nicht +eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte und Erforschte und +Erlebte, eingedrungen aus Wollust? Die Welt ist voll von ihm. Er fegt +den angesammelten Kehricht weg.« + +»Ja, die Welt ist voll von ihm,« sagte Maria; »er schreit Gerechtigkeit +– und mordet; er schwärmt von Bruderliebe – und mordet; er trieft von +Mitleid – und mordet; er faselt von Fortschritt und Erneuerung – und +mordet; er küßt und umarmt – und mordet. Er kennt kein Erbarmen in +seiner – Liebe.« Sie blickte ihm noch immer in die grün funkelnden +Augen. Die Kerze verlosch zischend. + +Es entstand ein langes Schweigen. Maria fühlte Schwäche in den Knien, +ging zu der Bettstelle und ließ sich auf die Kante nieder. Daß Golowin +sich nicht rührte, war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor +dem Fenster, die erste Ankündigung des Tages. Sie wagte nicht +hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer geschnürt. + +Auf einmal kam seine Stimme: »Sie sind so reich, daß Sie eine Nacht aus +Ihrem Leben ausstreichen können. Für Sie nicht gelebt, für mich +hundertfach gelebt. Ich spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es +kann die nächste sein. Ist es die nächste nicht, so wird es eine andre +sein. Ich kann warten.« + +Maria antwortete zwanghaft, als würde ihr die Rede von einem +unsichtbaren Dritten diktiert: »Es kann keine sein.« + +Er sagte: »Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir können uns +vergleichen ohne Rücksicht auf die kriegführenden Parteien. Es läge eine +gewisse Größe darin. Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht, +das viele andere überflüssig macht.« + +»Ich gehöre nicht mir. Kein Haar an mir ist mein Eigentum,« entgegnete +Maria. + +Er sagte: »Sie fühlen sehr genau die Feigheit in diesem Argument. +Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar ist?« + +»Auf die Frage möchte ich lieber nicht antworten.« + +»Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht die Gegenwart, ist +zwischen Ja und Nein kaum mehr zum Besinnen Platz.« + +»Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit.« Sie +bedeckte die Augen mit der Hand. + +Er sagte: »Wenn Sie Ihre Lippen auf meine drückten, könnt ich mir +einbilden, ich sei wieder Knabe und finge von vorn an. Wiederkehr, +Wiederkehr. Fürchten Sie nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle. +Ich will ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch können Sie mir nicht +verwehren zu träumen. Ich träume, daß ich Ihre Hand halte. Daß ich sie +nur mit meinen Fingerspitzen streife. Sie vergessen, daß Sie Mutter, +Gattin, Dame, Herrin sind, alle diese verruchten Würden einer überlebten +Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin eingeschlossen, daran +geklammert meine, mit Blut, Hirn, Trieb, Seele. Was können Sie dagegen +tun? Still, wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein, und +du öffnest dich wie ein Kelch ...« + +Maria hörte zu, außen und innen Eis, doch von etwas Lauem durchflutet, +das betäubte. Er hatte sie nicht angerührt, trotzdem fühlte sie ihre +Hand wie in einem Schraubstock. Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das +Blut wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte zu sprechen +und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt. Mitjas ernste Augen +blickten sie an. Ihr Körper war ihr fremd, und sie fürchtete ihn. Das +Bild einer Uhr erschien ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht +weiterrücken wollten. Sie schaute gegen das Fenster. »Es wird Tag,« +murmelte sie. Von der Straße schallten eilige Schritte herauf. Gut, daß +die Menschen erwachen, fuhr es ihr durch den Kopf. + +Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhr Golowin fort: »Ja, es +wird Tag. Schluß des ersten Aktes. Vorhang. Die Länge der Zwischenpause +ist nicht bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich meiner +in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht brechen, die ich über Sie +erlangt habe? Sie werden sich in Pflichten stürzen, Sie werden Aufgaben +zu lösen trachten, Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das +Eingestürzte aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde immer ich +sein, da nützt kein Sträuben und kein Tun.« + +Sie konnte jetzt in der Dämmerung sein Gesicht wahrnehmen. Es glich +einem fleckig grauen Tuch. Sie fand keine Widerrede. Inmitten ihrer +bedrückten Versunkenheit wunderte sie sich über seine Haltung, die etwas +Lockeres, beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte plötzlich ein +langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf wie ein Wachthund. Er +trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife heraus und erwiderte das Signal. +Gleich darauf hörte man von der Richtung des Meeres her Geschützdonner. + +»Gut,« sagte Golowin, »man schnallt das eiserne Stirnband wieder um.« Er +nahm den Mantel vom Haken und warf ihn über die Schulter. »Ihre Straße +ist frei, Maria Jakowlewna,« fügte er mit einer Verbeugung hinzu. + +Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr. + +»Zwei Worte noch,« sagte er, an der Tür stehen bleibend; »das eine: +prägen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren Stern darum, daß unsere +Wege sich nie mehr kreuzen.« + +»Nein; unsere Wege dürfen sich nie mehr kreuzen,« erwiderte sie. + +»Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das Sie den Frieden +Ihrer Seele wieder gewinnen können, außer es kommt noch einmal zur +Entscheidung zwischen uns. Und das steht dahin.« + +Maria lauschte seinen starken Schritten nach, als er gegangen war. Sie +drückte die flachen Hände gegen die Brust und hob das Gesicht, das +bleich war, mit fromm-erschlossener Miene zur Höhe. + +Als sie in das untere Stockwerk kam, waren alle bereits auf den Beinen +und rüsteten sich zu neuer Reise. In der Freude über den Abzug der +Matrosen achtete man ihrer gar nicht. Menasse unterhandelte bereits mit +einem Schiffer, der eine Barke zur Überfahrt zu vermieten hatte. Sie +aber fühlte die Wahrheit der Worte Golowins: die Straße war frei, aber +das Ziel des Wegs war unkenntlich verdunkelt. + + + + +Lukardis + + +Im Verlauf der schleichenden Revolution, von der das russische Reich +während des vorletzten Jahrzehnts heimgesucht war, kam es eines Tages zu +einem Straßenkampf in Moskau. Den unmittelbaren Anlaß hatte die +Verschickung von fünfunddreißig Studenten und Studentinnen gegeben, die +das Jubiläum eines verehrten Lehrers, welcher der Polizei verdächtig +geworden war, in überschwenglicher Weise gefeiert und die Feier durch +heimliche Zusammenkünfte vorbereitet hatten. Einige der angesehensten +Familien der Stadt wurden durch die grausame Maßregel betroffen, und die +Trauer und Entrüstung so vieler bis dahin ruhiger Bürger erregte eine +gefährlichere Stimmung als es die Aufwiegelung der politisch Tätigen +vermocht hätte. + +Unter den mit tückischer Eile Deportierten befand sich auch ein junges +Mädchen namens Anna Pawlowna Nadinsky. Es lebte in Moskau ein Bruder von +ihr, Eugen, oder wie es im Russischen heißt, Jewgen Pawlowitsch, +Offizier bei einem Dragonerregiment, ein schöner stolzer Mensch von +dreiundzwanzig Jahren, dem man eine rühmliche Laufbahn vorhersagte. +Eugen Pawlowitsch Nadinsky liebte seine Schwester, sie war die +vertraute Freundin in allen Angelegenheiten seines Lebens gewesen. Als +er sie nun verloren sah, für sich wie für die Welt verloren, der +Erniedrigung und den Entbehrungen preisgegeben, welche der jahrelange +Aufenthalt in Sibirien mit sich bringen mußte, war sein Schmerz so groß, +das Gerechtigkeitsgefühl in ihm so tief beleidigt, daß die Fundamente +seines Daseins wankten, und er eine Ordnung nicht mehr anerkennen +wollte, der er sich bis zu dieser Stunde bereitwillig gefügt hatte. Es +geschah fast von selbst und zu seinem eigenen Erstaunen, daß er, als das +Regiment wenige Tage nach jenem Gewaltstreich der Polizei zur +Beschwichtigung der in der Stadt ausgebrochenen Revolte unter die Waffen +treten und in die Straßen reiten mußte, plötzlich die Spitze des von ihm +geführten Zuges verließ, von seinem Pferd sprang und gegen eine aus +Pflastersteinen, Balken, Karren, Körben und allerlei Hausrat +zusammengesetzte Barrikade eilte, wobei er den Verteidigern lebhafte +Zeichen gab, welche sie nicht mißverstehen konnten, zumal ja Überläufer +aus den Reihen der Soldateska, auch während des Kampfes, nicht selten +waren. Kaum aber war Nadinsky auf der Höhe der Barrikade angelangt, die +er übersteigen wollte, um sich gegen die wahren Feinde seines Vaterlands +zu wenden, als ihn aus den Dutzenden wider ihn gerichteten Gewehren der +Dragoner zwei Schüsse trafen. Von der andern Seite der Barrikade +streckten sich ihm Hände entgegen, Augen strahlten ihn begeistert an, es +war wie ein Dank und stillte die letzten Zweifel, die ihn noch +beunruhigen mochten; auch sein Name wurde gerufen; einige kannten ihn +also, und der Jubel in ihren Stimmen belohnte ihn noch in dem Gefühl der +Todesschwäche. Er kehrte sich um, zog den Revolver aus dem Gürtel und +feuerte gegen die Anstürmenden, denen sein empörtes Herz die +Kameradschaft gekündigt hatte, dann stürzte er auf die Brust, und die +Finger seiner rechten Hand krampften sich in das Strohgeflecht eines +zwischen Bretter geklemmten Stuhls. + +Sogleich ergriffen ihn zwei junge Leute und trugen den Bewußtlosen auf +die steinerne Treppe eines Haustors. In großer Eile öffneten sie +Nadinskys Rock und Hemd, rissen Streifen aus dem Hemd, verbanden die +Wunden, die stark bluteten, und sahen sich dann hilfesuchend um. Da +erblickten sie den Wagen eines Grünzeughändlers; der Besitzer war +verschwunden; das magere kleine Pferd stand an der Deichsel wie +gefroren. Rasch entschlossen betteten sie den Offizier mitten in Gemüse +und Salat und deckten ihn mit Blättern zu. Der eine von ihnen kehrte zum +Kampfplatz zurück, der andere nahm das Roß beim Zügel und führte es die +Straße hinunter, dann durch mehrere Nebenstraßen, schließlich auf einen +freien Platz, wo die Universitätsklinik war. Er fuhr in das geräumige +Tor und ging in das Zimmer eines Assistenten, der alsbald Auftrag gab, +den Verwundeten in einen der Krankensäle zu schaffen. Die Verletzungen +waren schwer. Eine Kugel hatte zwar nur den Hals gestreift, die andere +jedoch hatte unterhalb des Schulterblattes die Lunge getroffen, steckte +noch im Körper und mußte durch eine Operation herausgenommen werden. +Erst am dritten Tage erwachte Nadinsky aus fieberhafter Ohnmacht und +wußte lange Zeit nicht, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war. + +Nun hatte aber die Polizei durch einen ihrer zahlreichen Spione in +Erfahrung gebracht, wo sich der junge Offizier befand, von dessen +Desertion ganz Moskau sprach. Es erschien ein Isprawnik in der Klinik, +um den todkranken Mann zu verhaften. Er wurde an Nadinskys Lager +geführt und trotzdem er sich von der Gefährlichkeit seines Zustandes +überzeugen konnte, beharrte er auf seinem Verlangen und pochte auf den +schriftlichen Befehl. Indes der Assistenzarzt noch mit ihm zu +unterhandeln versuchte, trat der Professor hinzu, warf einen schnellen +Blick auf Nadinskys apathisches Gesicht, in welchem ein Zug von +Knabenhaftigkeit Sympathie und Rührung erweckte und sagte: »Wenn man ihn +jetzt von hier wegbringt, wird er in der ersten Viertelstunde sterben. +Es ist vorteilhafter für die Polizei, zu warten.« Der Isprawnik wurde +unschlüssig. Er war noch Neuling und wenig verhärtet; überdies hatte er +in der Fülle der ihm obliegenden Geschäfte und Aufträge den Kopf +verloren. Er überlegte eine Weile und erklärte sich hierauf damit +einverstanden, den Offizier noch so lange in der Klinik zu lassen, bis +seine Kräfte den Transport erlauben würden. + +Damit waren einige Tage für Nadinsky gewonnen; in diesen Tagen wuchs die +Teilnahme des Professors für ihn zusehends, und er trug Sorge, sein +Interesse auch andern Personen einzuflößen. Es meldeten sich Freunde, +die ihm zur Flucht verhelfen wollten; eines Morgens wurde er in ein +Zimmer gebracht, worin außer ihm niemand lag. Am selben Abend besuchte +ihn ein junger Mensch, der die Absicht hatte, ihn, als Krankenwärterin +verkleidet, nach Sokolnikin, einen Park in der Nähe von Moskau, zu +schaffen, was bei seiner Schwäche und seiner noch immer fieberhaften +Verfassung ein Wagnis auf Leben und Tod bedeutete. Nadinsky war jedoch +bereit, ihm zu folgen, denn blieb er, so war ihm der Tod oder das +Schlimmere, ewige Kerkerhaft im entlegensten Sibirien, gewiß. So fuhr er +also in tiefer Nacht, bei Schnee und Kälte, es war Mitte des Monats +März, nach Sokolnikin und wohnte in der Villa eines Gelehrten, der bei +der Polizei für unverdächtig galt. Es dauerte aber nur vierundzwanzig +Stunden, da kamen wieder Boten, die sich als Spaziergänger unauffällig +dem Haus genähert hatten, in dessen Mansarde der kranke Nadinsky lag, +und meldeten, daß die Polizei neuerdings auf seine Spur geraten und daß +für die folgende Nacht seine Verhaftung befohlen sei. Es blieb also +nichts übrig als einen anderen Zufluchtsort für ihn ausfindig zu machen. +Der Haushalt des Gelehrten, eines Deutschen von Geburt, wurde von seiner +Schwester Anastasia Karlowna geführt, einer ebenso beherzten wie +gutmütigen Frau, die seit mehr als vierzig Jahren in Moskau lebte und +nicht nur in der Gesellschaft einflußreiche und wohlwollende Bekannte +hatte, sondern auch bei vielen Leuten im Volk sehr beliebt war. Sie +hatte dem jungen Offizier Speise und Trank gebracht, ihn gepflegt und +seine Anwesenheit klug zu verbergen gewußt. Nun sorgte sie zunächst für +eine neue Verkleidung, und als es dämmerte, brachte sie ihn mit Hilfe +eines Menschen, der ihr ganz fremd war, sich aber zu diesem Dienst +angeboten hatte, im Gewand eines einfachen Arbeiters zu der Familie +eines Drechslers in die Vorstadt. Dort blieb er nur eine Nacht, am +Morgen weigerte sich der Mann, der Argwohn geschöpft hatte und für sich +und die Seinen begründete Furcht empfand, den Flüchtling länger zu +beherbergen. Fünf Tage lang wurde Nadinsky auf diese Weise von Haus zu +Haus geschleppt, von dem des Drechslers in die Wohnung einer +Fuhrmannswitwe, dann in die eines Maurers, dann zu einem Gärtner, +schließlich zu einem Laboranten. Immer merkten die Leute nach wenigen +Stunden, wem sie ein Asyl gewährt hatten, die Angst vor der Polizei +überwog das Mitleid und verstockte sie gegen die Beredsamkeit +Anastasias, die in ihrem Eifer keineswegs erlahmte. Sie war die Nächte +über bei Nadinsky, denn er konnte sich nicht selbst überlassen bleiben; +man mußte ihn ankleiden, waschen und zweimal täglich die Wunden +verbinden, deren Heilung bei der unregelmäßigen und aufregenden +Lebensweise nur langsam vonstatten ging. Als nun auch der Laborant, den +sie mit Geld und vielen Worten bestochen hatten, den aufgezwungenen Gast +fortzubringen befahl, verzweifelte Anastasia Karlowna daran, Nadinsky +retten zu können. Die Freunde, die ihr bisher beigestanden, vermochten +nichts mehr zu tun, die Polizei war auf ihren Spuren, jeder fernere +Schritt mußte sie ins Verderben ziehen, auch sie selbst fühlte sich +bedrohlich überwacht. Zum letztenmal versuchte sie den Laboranten durch +Bitten und Flehen zu erweichen; nur noch eine einzige Nacht möge er +christliche Nachsicht üben, das Leben ihres Bruders – denn sie gab +Nadinsky für ihren Bruder aus – stehe auf dem Spiel; umsonst, sie +schürte bloß das Mißtrauen des Mannes und alles, was sie erreichte, war, +daß er ihr drei Stunden Frist gab; wenn nach Verlauf dieser Zeit +Nadinsky nicht aus dem Haus geschafft sei, werde er die Anzeige machen. + +Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr mußte also Anastasia +eine Stätte für ihren Schützling gefunden haben. Sie irrte eine Weile +durch die Straßen, ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber +immer vor den Türen wieder um, weil sie überall eine abschlägige Antwort +oder gar Verrat fürchtete. Da verfiel sie in ihrer Bedrängnis auf den +Gedanken, Nadinsky in eines jener Häuser zu bringen, in denen an +Liebespaare Zimmer vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig, +einen Paß vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege haben +konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, den sie am +Morgen zu ihm geführt hatte, dann konnte er zur Grenze gelangen. Um den +kühnen Plan durchzuführen, mußte sie aber eine Helferin haben, ein +Geschöpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, verschwiegen und klug +war. Sie ließ alle jungen Damen, die sie kannte, an ihrem inneren Auge +vorübergehen, aber keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich +zu nehmen. Unter den Revolutionärinnen hatte Anastasia keine Bekannte, +auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, die möglicherweise +den Nachspähungen der Polizei ausgesetzt war; an eine Angehörige der +untern Klasse oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, war +nicht zu denken, es mußte eine Dame oder ein Fräulein aus der +Gesellschaft sein. + +Sie war ermüdet von den Anstrengungen der letzten Tage, und mehr um zu +rasten als um eine Erfrischung zu nehmen, ging sie in eine kleine +Konditorei an der Straße, trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein +dämmeriges Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen +saßen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in ihre Nähe, ohne +sie zu beachten, merkte aber dann, daß die eine, die ältere Dame, sie +fixierte und mit freundlichem Nicken herübergrüßte. Da erkannte sie die +Frau; es war Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten +Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, ein etwa +neunzehnjähriges Mädchen von nicht gewöhnlicher Schönheit. Kaum hatte +Anastasia einen Blick auf sie geworfen, so sagte sie sich: Die muß es +vollbringen und keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals +Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast noch ein Kind gewesen +war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, sie hatte sich oft mit ihr +beschäftigt, oft mit ihr gesprochen; sie erinnerte sich, daß das damals +dreizehnjährige Geschöpf ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie +es nur Menschen tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere +Kraft in sich verschließen; was für eine Eigenschaft oder Kraft es war, +hatte sie nie ergründen können, soviel sie auch darüber gegrübelt hatte. +Die Mutter war eine ziemlich einfältige Frau, fromm, apathisch und +harmlos, sogar ihres Gebrechens nur dumpf bewußt. + +Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, nachdem sie die +Generalin durch Mienen und Gesten nach ihrem Befinden gefragt, leise mit +Lukardis Nikolajewna zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf +ihren Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte, +senkte sie bescheiden die Augen und störte das Gespräch durch kein +Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia spürte die Verwegenheit ihres +Vorhabens mit beklommenem Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie +mußte sich kurz fassen; sie mußte in wenigen Sätzen alles sagen, das +Außerordentliche verlangen, Lukardis innerstes Menschengefühl aufrühren +und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall alles vereiteln, +Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis wußte wenig von den +revolutionären Umtrieben; sie ahnte vieles, hatte jedoch weder Einblick +noch Urteil; sie lebte in einer Sphäre sanfter Träume, mit der +Erinnerung an Puppen und der Gegenwart hübscher Schmuckkästchen, mit dem +Echo der neckischen Galanterien verheirateter Herren und der +vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte doch, wie ein junges +Waldtier, das fernes Jagdgetöse vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut, +Schmerz und Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; es gab +Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe empfand, eine +grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den Bezirk heuchlerischer Stille, +in dem sich ihr Dasein formte, zu verlassen. Aber sie fürchtete die +Welt, sie fürchtete die Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand, +die ihr gereicht wurde, ihr war, als ob alles trübe, ja schmutzig sei, +was außerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, sie hörte Leute auf der +Gasse nie ohne Schauder reden, sie vermochte keine Zeitung zu lesen, +ohne daß sie neben dem Wilden und Rätselhaften, als welches sich ihr das +Leben, das Draußen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes und +Befleckendes fühlte, selbst die meisten Bücher, ein Vers, ein +Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen schrecklichen, nicht zu +besiegenden Eindruck. + +Regungslos hörte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht färbte und +entfärbte sich wieder. Da war keine Lockung, kein Prickeln des +Unbekannten, keine mädchenhafte Lüsternheit und ungestandene +Aufregungslust; nichts anderes vernahm sie als den Ruf zur Pflicht. +Nichts anderes las sie in den harten Zügen Anastasia Karlownas. Sie +brauchte nicht einmal einen Entschluß zu fassen; was sie zu tun hatte, +stand sogleich und unabänderlich fest. Sie war Braut. Seit sechs Wochen +war sie mit einem Petersburger Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch +Kussin, verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, daß +sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten Schicksal +entgegengehe, auch sie selbst fühlte sich glücklich. Wenn es etwas gab, +das sie irre machen konnte, war es der Gedanke an ihn, dem sie mit +schwesterlichem Gefühl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies +spüren mochte, eine Andeutung fallen ließ, um sie darüber zu beruhigen, +runzelte sie die Stirn und erwiderte, sie bedürfe des Zuspruchs nicht, +ihr Bräutigam werde niemals die Meinung hegen, daß sie etwas Schlechtes +oder Häßliches begangen habe. + +»Sie sind also dazu entschlossen?« fragte Anastasia leise, indem sie den +Blick ihrer grauen Augen auf die Hand des Mädchens heftete. + +»Ich bin dazu entschlossen,« antwortete Lukardis ebenso leise, ohne die +Lider zu erheben. »Es ist nur noch eine Schwierigkeit –« + +»Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen ist?« fiel +ihr Anastasia rasch und mit einem fanatischen Ton der Stimme ins Wort. + +»Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nächte vom Hause +wegzubleiben?« fragte Lukardis, die Finger ihrer weißen Hände +verschränkend. + +Anastasia starrte düster sinnend auf einen Kuchenteller. + +»Nur das eine ist möglich,« fuhr Lukardis flüsternd fort, »ganz in der +Stille zu verschwinden, der Mutter einen Brief zu schreiben –« + +»Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit bitten und +versprechen, bei der Rückkehr alles zu sagen. Aber auch Sie selbst +müssen schweigen, Lukardis Nikolajewna,« setzte sie fast drohend hinzu. +»Sie müssen schweigen, als ob Sie es nie gelebt hätten.« + +Lukardis nickte bloß. Ihre Augen waren jetzt weit geöffnet und blickten +geradeaus. Anastasia schärfte ihr aufs genaueste ein, wie sie sich zu +kleiden und wie sie sich zu betragen habe und nachdem sie ihr noch +gesagt hatte, wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht +sie an das ernste Gespräch, das trotz seiner Gewichtigkeit kaum eine +Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden an, um Lukardis zum +Lächeln zu bringen und in der Generalin keinen Argwohn keimen zu +lassen, erhob sich dann erleichterten Herzens und verabschiedete sich. + +Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet. Er lag in +dem armseligen Zimmer des Laboranten auf dem Sofa, und nachdem er sie +angehört hatte, drückte er ihr die Hand und sagte: »Mein Leben ist so +vieler Umstände nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist ein +verlorenes Leben.« Anastasia verwies ihm diese Worte; sie entgegnete, +daß sie sich bessern Dank erhofft habe, als so mutlose Redensarten zu +hören, und fing an, den Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky +seufzte. »Was solls auch« sagte er mit müder Stimme, »mir ist nun alles +anders, Auge, Hand und Gefühl. Wie von Gespenstern bin ich umgeben, ich +empfinde gar nicht den Abschluß gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter +auf dem Gut. Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals +genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild von mir. Sie +weiß nicht, daß sie mich nie wiedersehen wird, sie weiß es durchaus +nicht, trotzdem weint sie über dem Bild. Aber ich, ich fühle nichts. Mir +ist alles so wesenlos geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.« + +Anastasia hielt diese Reden für einen Ausdruck des Fiebers und +schüttelte unwillig den Kopf. Eine Weile, nachdem es dunkel geworden +war, fuhr ein Wagen am Toreingang vor. Anastasia hatte einen hübschen +Anzug für Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen, +besah ihn jetzt noch einmal prüfend und geleitete ihn dann hinunter. Im +Wagen saß Lukardis Nikolajewna Schmoll, tief verschleiert. Anastasia +reichte ihr ein Paket mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, daß sie ihn +am zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer gewissen Stelle +des Bahnhofs erwarten und daß sie sich bis dahin einen Auslandspaß für +ihn verschafft haben werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse, +winkte grüßend ins Fenster und der Wagen fuhr davon. + +Schweigend saßen Lukardis und Nadinsky nebeneinander. Die Situation war +zu ungewöhnlich, zu drohend, zu schicksalsvoll, als daß sie Verlegenheit +hätten empfinden können. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel, sah +Lukardis, daß Nadinsky die Augen geschlossen hatte und daß sein Gesicht +bleich war. Er hatte ihr die Hand gegeben, als er sich neben sie gesetzt +hatte, das war alles. Sie ihrerseits fand, daß seine Nähe sie nicht +schreckte und daß sie schweigen durfte. + +Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen Gasse. Nadinsky +mußte alle Kraft zusammennehmen, als sie ausstiegen. Er reichte seiner +Begleiterin den Arm, doch führte sie ihn mehr als er sie. Er forderte +zwei Zimmer. Man war beflissen, ihm gefällig zu sein. Er schleppte sich +mit Mühe die Treppe hinauf, bewahrte mit Mühe die Haltung des Lebemanns, +den ein flüchtiges Abenteuer beschäftigt. Dem Gebrauch des Hauses +entsprechend, wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung +überwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetreßten Livree, hatte +boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein unveränderliches, abgeschmackt +einladendes Lächeln auf den dicken Lippen und war demütig. Lukardis +spürte, wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog. Er deckte den +Tisch, blieb hündisch lauschend stehen, während Nadinsky mit erschöpfter +Gleichgültigkeit die Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein +messender Blick schien zu verlangen, daß die beiden auch wirklich waren, +was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt; sie hatte ein +dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sich nicht geben, wie sie +sonst war; die kindliche Unschuld, von der ihre Miene sonst strahlte, +mußte sich in Leichtfertigkeit verwandeln; sie mußte gesprächig sein, +Koketterie zeigen, mußte lachen, mußte den Arm um Nadinskys Schultern +legen und sich bisweilen auf seinen Schoß setzen, sie mußte +passionierte, übermütige, verführerische Gebärden haben; was sie nie +beobachtet, nie zu sehen gewünscht, nie anders als schaudernd bedacht, +nur durch flüchtige Worte und flüchtige Bilder mit abgewandtem Ohr und +Auge erfahren, das mußte sie tun, um jenen Menschen zu täuschen, der mit +Tellern, Schüsseln, Gläsern und Flaschen hereinkam, den Sekt in den +Eiskübel stellte, die Speisen servierte und dann schweigend, lächelnd, +hinter niederträchtig gesenkten Lidern spähend auf Befehle harrte. Sie +mußte es um der üppigen Lichter, der bunten Polster, der spiegelnden +Wände willen tun, um dieses Hauses willen, dessen lügenhafter Prunk ihre +Gedanken in Aufruhr versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen +Zweifel an der Echtheit und Natürlichkeit ihres Benehmens erregen; alles +mußte wie von ungefähr sein, raffiniert und durchsichtig, ohne Zaudern +und ohne Hast; sie mußte von den Speisen essen, sie mußte Wein und +Champagner trinken, sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der +Diener draußen war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken, aber das +volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte. Des Genusses geistiger +Getränke durchaus ungewohnt, ward ihr bang und schwer zumut, und es +kostete sie immer größere Anstrengung, die Rolle durchzuführen, die sie +mit solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft der Kellner +das Zimmer verließ, erhob sie sich; in ihrem Gesicht löste sich die +furchtbare Spannung, um einem Ausdruck der Verstörtheit und der +angstvollen Erinnerung Platz zu machen, denn ihr war, als seien viele +Jahre verflossen, seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky +schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick an, suchte sie +wie hinter Masken, beklagte sie stumm, klagte sich selbst mit einer +Gebärde an und es wurde ihm nicht leicht, das studierte Lächeln wieder +auf seine Lippen zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser +zurückkehrte. + +Als der Tisch abgetragen war, kam eine Magd, die ein weißes Häubchen auf +dem Kopf trug; sie war jung und sah alt aus, ihr Gesicht war fahl vom +beständigen Leben im Lampenlicht und in schlecht gelüfteten Räumen. Sie +hatte Wasser zu bringen, das Feuer im Ofen zu nähren und nach den +Wünschen des Paares zu fragen; sie redete mit süßlicher Stimme, aber +ihre Züge waren versteinert vor Haß gegen die obere Welt, gegen die, die +da kamen, um verächtlichen, eiligen Genüssen zu fröhnen. Die Knie +wankten Lukardis, wenn sie den Blick auf die Person richten mußte, und +sie schämte sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses und ihrer +Schultern. Endlich war auch diese Prüfung vorüber und sie konnte die Tür +zusperren; sie waren allein. Von einer Turmuhr schlug es zehn Uhr. Die +aushallenden Klänge vibrierten durch das Gemach. Nadinsky ging ins +andere Zimmer zu dem Doppelbett, über welches ein blauseidener Baldachin +gespannt war; er fiel kraftlos darauf nieder. Erst nachdem er eine +Viertelstunde geruht, konnte ihm Lukardis beim Auskleiden helfen. Die +Decke bis an die Brust gezogen lag er mit nacktem Oberkörper da. Es ist +ein Mensch, sagte sich Lukardis, der plötzlich die Tränen in die Augen +stiegen, und mit einer Art von Schrecken erinnerte sie sich an das +rotwangige Antlitz Alexander Michailowitschs, ihres Verlobten. Sie +wusch Nadinskys Wunden und erneuerte den Verband. Nadinsky spürte die +zarte Hand wie man in einem Halbtraum Wohlgerüche spürt; zu danken war +er nicht fähig; er fürchtete ihr Auge, er fürchtete sie zu beleidigen +durch einen Blick des Dankes, er wünschte, sie möchte ihn nur als Leib +ansehen, als Gegenstand ohne Gesicht und ohne Gefühl. Und so wie sie, +halb entsetzt und halb erbarmend dachte: ein Mensch, so dachte er, halb +beseligt und halb in Angst um sie: ein Wesen. + +Er schlief ein. Lukardis setzte sich in einen Sessel und rührte sich +nicht. Sie hatte in ihrem Täschchen ein Buch mitgenommen, aber sie +wußte, daß sie nicht würde lesen können. Sie versuchte, an ihre Mutter, +an ihren Vater, an ihre Freundinnen, an den letzten Ball, an die Oper zu +denken, die sie zuletzt gehört, aber sie konnte nicht denken, alles +verschwamm, alles enteilte. Sie hörte Nadinskys tiefe Atemzüge, sie sah +sein blasses, hübsches, von Schmerzen ermüdetes Gesicht, aber auch er, +den sie pflegen und bewachen sollte, war ihren Gedanken kaum erreichbar. +Ihr schien, daß von ihrem Platz bis zu seinem Bett ein Weg von vielen +Meilen sei. Sie lauschte. Sie vernahm Kichern auf der Treppe und +schlürfende Schritte im Flur. Stimmen, Frauen- und Männerstimmen, +drangen gedämpft durch die Wände, auch von oben herunter und von unten +herauf. Gläser klirrten, dann wurde ein Klavier gespielt. Es war ein +Walzer. Eine Saite des Instruments mußte gerissen sein, denn immer, wenn +eine gewisse Stelle kam, entstand ein Loch in der Melodie wie die +Zahnlücke im Mund eines Lachenden. Von irgendwoher schallte Geschrei, +dann schwieg das Klavier, und an der Mauer zur Linken raschelte es. Dann +war ein Seufzen, bei dem Lukardis das Blut in den Adern gerann. Sie roch +den aufgespeicherten Parfüm aus verschlossenen Zimmern, sie hörte das +Rauschen von Gewändern und wie man Türen öffnete und wieder schloß. Die +Laute riefen Bilder hervor, sie konnte sich ihnen nicht entziehen, sie +zitterte, und zitternd mußte sie schauen. So hatte sie die Welt nie +verstanden, so das Leben nicht geglaubt. Begegnungen im Finstern, Hände, +die einander fremd waren und einander dennoch hielten, ein Taumeln gegen +jäh erhellte Spiegel, Übereinkommen in Worten ohne Scham, das Unbekannte +entschleiert, das Geheimnisvolle leer, die Weihe besudelt, die +heimlichen Schätze der Phantasie entwertet, ach, sie griff an ihr +Gesicht, wurde der Schminke auf den Wangen inne und ihr Herz füllte sich +mit Grauen. + +Nadinsky schlug die Augen auf und stöhnte. Sie schritt den meilenlangen +Weg bis zu ihm und reichte ihm ein Glas Wasser. Als sie seine Stirn +fühlte und sie heiß fand, legte sie ein feuchtes Tuch darüber. Da +erwachte er völlig und fing an zu sprechen. Er redete in kurzen Sätzen, +sprach vom Hospital, vom Professor und von Anastasia Karlowna. Lukardis +ließ zaghafte Worte in die Pausen fallen. »Morgen werde ich mich kräftig +genug fühlen, um das Haus zu verlassen,« sagte er. Sie entgegnete: »Das +ist unmöglich, Sie haben noch Fieber und Anastasia Karlowna erwartet Sie +erst übermorgen früh um sieben Uhr.« Die sanft gesprochenen Worte +durchleuchteten ihm ihr Gemüt, ihre bisher ungetrübte Jugend, ihre +reinen und starken Sinne, aber er gewahrte nicht, daß sie fast beständig +zitterte. Jetzt wurde das Klavier wieder gespielt, von einer andern +Hand, roh, tumultuarisch und trunken, und während der ganzen Dauer des +Spiels sahen Nadinsky und Lukardis einander gepeinigt in die Augen. Es +war Mitternacht vorüber, und auf einmal wurde drunten dumpf gegen das +Tor gepocht. Eine Glocke erschallte mit frechem Lärm. Nadinsky richtete +sich halb empor. Seine Finger krampften sich zusammen, sein Blick war +voll düsterer Erwartung. Lukardis stand auf und lauschte ohne Atem. Das +Klavier schwieg. Es währte lange, bis das Tor geöffnet wurde. Schon +hörten sie Schritte auf der Treppe, schauten entgeistert beide auf die +Türklinke, harrten auf das Klopfen an die Tür, das ihr fürchterliches +Los entscheiden mußte, und wirklich drangen Stimmen in hastiger +Wechselrede bis zu ihnen. Aber dann wurde es still, und ihre Pulse +begannen wieder regelmäßig zu schlagen. In diesen drei oder vier Minuten +fühlten sie sich sonderbar vereint, ihre Kraft und ihre Furcht war gegen +ein gemeinsames Ziel gerichtet, es war ihnen, als würden sie von einem +Sturmwind in die Luft gehoben und Brust an Brust gegeneinander +geschleudert, so daß sie sich mit den Armen umfassen mußten, um einer +dem andern Hilfe zu gewähren beim drohenden Sturz. Lukardis vergaß sich +selbst und Nadinsky vergaß sich selbst, er spürte nur die Angstglut in +ihr, Verlust alles Glückes, Schande und Elend, sie aber ergab sich +seinem Geschick, mutig und jetzt erst ahnend, wofür er sein Leben in die +Schanze geworfen hatte. + +Indessen übermannte den Fiebernden der Schlaf von neuem. Doch konnte er +festen Schlummer nicht finden, solange die grellen elektrischen Flammen +ihn blendeten. Aus Rücksicht für Lukardis enthielt er sich, den Wunsch +nach Dunkelheit zu äußern, aber an der unruhigen Bewegung seiner Lider +merkte sie, was ihn störte. So löschte sie die Lichter und zündete im +Nebenzimmer eine Kerze an. Auch sie war müde, die späte Stunde wirkte +wie ein lähmendes Gift auf sie, und sie sah sich nach einer Lagerstatt +um. In diesem Raum war kein Bett, nur eine Ottomane; ihr ekelte vor dem +Plüsch, mit dem das Möbelstück bezogen war. Ihr ekelte auch vor den +Stühlen und vor dem Teppich. Bei der Schwelle zu Nadinskys Zimmer rollte +sie den Teppich auf, warf ihren Pelzmantel auf den Boden und legte sich +hin. Die Kerze ließ sie brennen. Aber so war sie dem Haus näher als +vordem, hörte sie abgeteilt die bisher verschwommenen Geräusche, einen +Ruf, ein Gelächter, ein einzelnes Wort, aber sie hörte auch, wie der +Schnee an die Fensterscheiben schlug, und das milde Knistern beruhigte +sie; sie hörte die Atemzüge Nadinskys, und dies mahnte sie an ihre +Verantwortung. Jeder Atemzug knüpfte sie fester an sein Geschick. Die +Wichtigkeiten ihres früheren Lebens wurden bedeutungslos, was sie dort +getan, gewollt, gewesen, dünkte ihr kindisches Tändeln. Sehnsüchtig +blickte sie zurück wie vom Bord eines Schiffes auf die versinkende +Heimat. Sie schlief und schlief gleichwohl nicht. Nadinsky sprach ihr +Trost und Mut zu, das war geträumt; er röchelte in einem Fiebertraum, +das war Wachen. Im Traum war sie über ihn gebeugt und behütete ihn; im +Wachen war sie an den Boden gekettet und vernahm den mänadischen Schrei +eines Weibes. Als der Morgen graute, sah sie eine Ratte über den Teppich +laufen. Das Tier schien phantastisch groß, daß es sich bewegte, war +gespensterhaft; sie richtete sich kniend auf und suchte den Himmel +zwischen den Spalten der Vorhänge. Sie gewahrte nur etwas Graues oben +und weiter unten ein Fenster, aus welchem ein knochiges Gesicht lugte. +Eine Sekunde zermalmender Hoffnungslosigkeit; sie schlich, nein, +flüchtete zu Nadinskys Lager. Sein rechter Arm hing schlaff herab, +Schweiß perlte auf seiner Stirn. Sein Anblick war ihr erschreckend +fremdartig; schmerzlicher Haß loderte in ihrer Brust. Doch gab es auf +der Welt keinen andern Menschen mehr, den sie so anblicken konnte; sie +hatte viel von ihm zu fordern, ja alles, ohne ihn blieb ihr nichts übrig +in der Welt als dieses Haus. + +Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange sie in den Zimmern +bleiben wollten; es war nicht gebräuchlich, sie länger als eine Nacht zu +benutzen. Anastasias Plan war gewesen, daß sie sich über Mittag +einschließen und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie wünschten auch +die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck sollten sie dem +Diener und dem Stubenmädchen ein Goldstück geben. Aber man brauchte +frisches Wasser für die Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung. +Es mußte auffallen, wenn sie zu früh läuteten, und wie sollten sie das +Verweilen über den ganzen Tag rechtfertigen? Nadinsky war mit offenen +Augen wortlos dagelegen, jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er +bat sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei +Goldstücke seien zu wenig, meinte er, man müsse fünfzig Rubel geben; +Lukardis erwiderte, das verschwenderische Übermaß werde Verdacht +erregen, und man müsse gewärtigen, daß der Eigentümer käme, um zu +spionieren. Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war ihr +Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches gewesen. Sie +verhandelten beide mit äußerster Kälte, doch ihre Stimmen klangen +erstickt. Eine Bemerkung Lukardis über das gemeine Gesicht des +Aufwärters veranlaßte Nadinsky, ihr, spöttischer als er beabsichtigte, +zu entgegnen, sie habe gewiß allzu behütet gelebt, wie in Wolle, und von +denen, die da unten hausten, in Schmutz und bösem Wetter, könne keiner +ihr Gefallen finden. Es war ein Empörungsversuch gegen das Joch der +Dankbarkeit, das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sich +herauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Zügen wechseln zu lassen. +Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab ihm recht, und er war entwaffnet. +Ihre Sanftmut rührte ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur +Grausamkeit an. Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie für +achtundvierzig Stunden als Gefährtin an seine Seite gezwungen hatte, er +fand sich schuldig an der Erniedrigung, unter der sie litt und zürnte +ihr deshalb. Ihm war, als hätte sie, ehe sie ihn getroffen, nur weiße +Gewänder getragen und von ihren schönen Lippen hallten nur leere Worte +nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verwöhnten Klasse. Jetzt erst +wurde er zum wahren Rebellen, jetzt, in ihrer Nähe; seine Verborgenheit +und seine Flucht kamen ihm schimpflich vor, und er hielt es für +wahrscheinlich, daß ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum +sagte er plötzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen; er wolle +sich zeigen, es läge ihm nichts daran, ja es sei seine Pflicht, das Los +so vieler Gerichteter zu teilen, die mehr erreicht und mehr gewagt +hätten als er. Wem könne er noch nützen, nachdem er über die Grenze +geflohen? Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner unglücklichen +Schwester nicht. + +Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine Gründe konnte sie +nennen, nur mädchenhafte Argumente finden. Aber als er verstockt blieb, +nahm sie einen gebieterischen Ton an und sah aus wie eine junge Königin. +Plötzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte gehört. Sie hob den +Zeigefinger der rechten Hand und preßte ihn auf ihren Mund. An der Tür +stand jemand und lauschte. Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und +Nadinsky senkte den Kopf. Da entschloß sich Lukardis zu dem, was nötig +war. Sie schritt auf den Zehen zur Tür, schob den Riegel auf, eilte +dann gegen das Bett zurück, schlüpfte schnell unter die Decke neben +Nadinsky, zog die Decke bis an ihren Hals, griff nach dem Knopf der +elektrischen Klingel, der an einer langen Schnur zu ihren Häuptern +herabhing und läutete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der Tür +klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der Tür stehenbleibend, +mit nornenhafter Düsterkeit Nadinskys Befehl, frisches Wasser zu bringen +und den Kellner zu rufen, damit man das Frühstück bestellen könne. Sie +holte zwei Krüge voll frischen Wassers und dann kam der Aufwärter. Sein +lauernder Blick durchmaß den Raum und auch den andern, soweit er ihn +erspähen konnte, und es war Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit +denen sie im Bett lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen +geeignet war. Sie schloß die Augen, denn diesen Menschen zu sehen war +ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die Fünfzigrubelnote wieder genommen und +gab sie jenem. »Zwanzig sind für das Mädchen, dreißig für dich,« sagte +er in einem bemeistert lässigen Ton, »wir wollen noch bis morgen früh +bleiben, wenn es geht.« Der Aufwärter verbeugte sich fast bis zur Erde; +ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet. Auch die Magd, die +Kohlen in den Ofen warf, kam herzu und wollte Nadinsky die Hand küssen. +Er wehrte sie ab. »Wenn es den Herrschaften gefällt, ist sicher nichts +einzuwenden,« sagte der Kellner mit einer katzenhaften Gebärde und +blinzelte. Nadinsky verlangte ein Frühstück. Es dauerte eine +Viertelstunde, bis der Tee mit allem Zubehör gebracht wurde. Indessen +lag Lukardis wie auf glühendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas, +das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gefühl, aus Kummer und Furcht +gemischt, und ihr Antlitz überzog sich mit tödlicher Blässe. Nadinsky +rührte sich nicht, ihre Empfindung teilte sich ihm mit, er begriff ihre +Qual und vermied es, die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufwärter hatte +den Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und entfernte +sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte Lukardis die Decke +weg und erhob sich wie vor Feuer flüchtend. Sie verriegelte die Tür und +öffnete ein Fenster. Ihr Haar hatte sich gelöst, sie ließ es ruhig +hängen, denn es bedeckte ihre entblößten Schultern. Eine Stunde früher +hätte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen mögen, doch seit sie neben +ihm gelegen, hüllenlos trotz aller Hüllen, preisgegeben ohne Maß, +empörten Blutes, seiner Gnade völlig überwiesen, war es nicht mehr von +Belang, daß die Haare von ihrem Haupt herabhingen. + +Als das Zimmer von frischer Luft erfüllt war, schloß sie das Fenster und +sagte zu Nadinsky, es sei notwendig, den Verband zu wechseln. Schweigend +entledigte er sich des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis +unkundiges Auge konnte es feststellen, daß die Heilung der Wunde +beträchtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein Fieber mehr. +Lukardis war schon gewandter als gestern im Legen und Knüpfen der Binde, +und nachdem sie die Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und +Brot. Er wünschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte. Sie +selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie dem Körper wegen +seines Hungers. Im Hause war es sonderbar still. Auf der Straße rollten +Wagen und schrien Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis +begab sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus, um kein +Geräusch zu machen und ging stundenlang auf und ab, wobei sie in beiden +Händen Strähnen ihres Haares hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann. +Manchmal betrachtete sie die Bilder an den Wänden, ohne sie wirklich zu +sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan zwischen ihren Knien +hielt. Neben der Tür hing ein anderes: ein deutscher Student mit einem +Ränzel auf dem Rücken schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen +Fenster ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen schaut. In den großen +Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegenüberliegenden +Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer endlosen Folge von Räumen; in +allen Räumen war die Leda in ihrer häßlich fetten Nacktheit und der +sentimentale Student und viele, viele Male das Bett mit dem +schlummernden Nadinsky und darüber ein Bild des Kaisers Nikolaus, viele +Male bis in dämmernde Ferne. Oft stand sie auch am Fenster und sah die +Wagen und die Kinder, den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter trüben +Fensterscheiben und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male +wiederholte bis in dämmernde Ferne. Wo war die Welt hingeschwunden? Wo +war alles, was sie geliebt, mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie +selbst, Lukardis, die in einem zierlichen Mädchenboudoir gelebt? Wo +Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte und immer +lächelte? Und wo war das glänzende Moskau mit den verlockenden Auslagen +seiner Läden, den freundlichen Bekannten, die man überall traf, den +eleganten Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt +hingeschwunden? Sie sah nur den Mann, der in den vielen Räumen vieler +Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich, in vielen Spiegeln die Wunde +auf der weißen Haut, und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert +folgen mußte. + +Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch lange, wie lange, +konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky erwachte. Er setzte sich +aufrecht, und sie näherte sich ihm zögernd. Mit unerwarteter +Entschiedenheit sagte er, sie müsse gehen, wenn die Dunkelheit +eingebrochen sei, er fühle sich jetzt kräftig genug, um allein zu +bleiben und werde dem Kellner zu verstehen geben, daß sie in der Nacht +zurückkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand mehr darum +kümmern. Lukardis schüttelte den Kopf. Sie antwortete, es geschehe +ebensowohl um ihret-, als um seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde +sei erst im Beginn des Vernarbens und müsse mindestens noch zweimal +gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging und ihn darnach ein +Unglück traf, würde sie nie wieder schuldlos atmen können. Nadinsky +schaute forschend in ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so daß +sie ihm die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide. Es war +wie eine beglückende, aber unheilvolle Verwandlung, die jeder in des +andern Augen erlitt. Da trat Lukardis klopfenden Herzens vor einen der +Spiegel und steckte ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten +dabei. Wenn er ihr jetzt befohlen hätte, zu gehen, hätte sie +wahrscheinlich keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing er an, zu +klagen, daß er nicht den ehrlichen Tod im Kampf gestorben; was wolle er +in den fremden Ländern, ewig wandernd, ewig den nagenden Gram um die +gequälten Brüder in der Seele und mit der Sorge um das bloße Leben? Denn +er sei nicht reich, habe viele Schulden und das mütterliche Gut sei in +Gläubigerhänden. Durch so viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis +still vor dem Spiegel stehen und schaute ihr übernächtiges Gesicht an. +Er fuhr fort und schmähte seine Tat; er habe nicht gewußt, was er auf +sich genommen, es sei ein Trieb gewesen, kein Entschluß; so seien Helden +nicht beschaffen, daß sie sich dem Ungefähr auslieferten, um zermalmt zu +werden. Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihm in +diese Kloake der großen Stadt geflohen, habe sie in klarer Erkenntnis +gehandelt oder nicht vielmehr sich hinreißen lassen durch ein Gefühl, +dem Mitleid nachgegeben, dem Reiz des Absonderlichen, der Verführung +einer schwärmerischen Freundin? Sei sie nicht erschüttert und +durchwühlt, von medusischen Visionen aller Kraft beraubt? »So sind wir +alle,« rief er zum Schluß und warf sich in die Kissen zurück, +»Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler der Phantasie, Opfer des +Augenblicks, Getäuschte unserer Taten.« + +Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines Bettes. Ruhig und +fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr Auge leugnete seine Worte, im +Ausdruck ihrer Züge war eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die +göttliche Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines Herzens zu +Hilfe käme. Ein Strahl von Glück flog über Nadinskys Stirne, und sein +zweifelsüchtiger Geist beugte sich beschämt. Unbeirrbare Zuversicht +strömte von ihr aus und trug ihn über Stunde und Raum hinweg. Es +dunkelte und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu sprechen. +Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die Komödie wieder spielen +mußten, die das Haus forderte, machte Lukardis Licht, zog die Gardinen +zu und ging ins zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte. +Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht in die Ärmel +seines Rocks zu schlüpfen imstande war. Wie am Abend vorher wurde das +Diner serviert; wie am Abend vorher bediente der Aufwärter in +silberbetreßter Livree, noch demütiger, noch abgeschmackter lächelnd, +noch wachsamer hinter seiner heimtückischen Grimasse. Unlustig aßen sie +und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre Hände waren bewegt, +lautlos gehorsame Geister huschten sie hin und her, den Augen des +Spions Harmlosigkeit vorlügend. Lukardis spielte ihren Part heute +schlecht; ihr Lachen klang gekünstelter, ihr Getändel weniger glaubhaft. +Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer Pause, wo +sie allein waren, zuflüsterte, sie wollten streiten. Er erfand den Namen +einer Gräfin und behauptete, das Perlenkollier, das die Gräfin Schuilow +beim letzten Jour der Fürstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen. +Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene an und beharrte auf +seiner Meinung. Eine glühende Röte überzog Lukardis Wangen, denn diese +Heuchelei innerhalb der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle +Furcht vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte den +Sekt in die Gläser, und seine Miene zeigte ein albernes Bedauern, als +sei er nur an täubchenhaftes Girren gewöhnt. Zum Schluß erhob sich +Nadinsky unmutig und herrschte den Kellner an, er möge abräumen. +Lukardis bittender Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue +er sein Ungestüm und schritt mit ausgestreckten Händen auf sie zu. Der +Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls auf und schmiegte nun +den Kopf an seine Schulter, aber nur, um ihm zuzuraunen, er dürfe nicht +vergessen, für den nächsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky +nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag, der Wagen sollte +um die sechste Morgenstunde am Tor sein. Der Mensch verbeugte sich +schweigend und wollte gehen. + +Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. Ein zweiter, ein +dritter Schrei folgte. Lukardis faltete erschrocken die Hände, und +Nadinsky blickte unruhig zur Tür. Der Kellner hatte die Tür geöffnet; er +trug eine metallne Platte und hielt die Tür offen. Ein halbnacktes +Frauenzimmer stürzte vorüber. »Die Tür schließen,« hauchte Lukardis wie +entseelt. Da krachte ein Schuß. Das schauerliche Brüllen eines Mannes +erfüllte das ganze Haus. Nadinsky schob den Aufwärter über die Schwelle +und schlug die Tür zu. Ein paar Minuten lang blieb es still, dann gings +treppauf, treppab in schnellen, bestürzten Schritten. Stimmen murmelten, +eine befehlende Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von +oben. Darnach kam ein so herzzerreißendes Schluchzen, daß Lukardis +händeringend zur Ottomane lief und sich, das Gesicht vergrabend, darauf +niederwarf. Auch auf der Straße schien es nun lebendig zu werden. Es +wurde ans Tor gepoltert. Man hörte deutlich die Stimme eines Polizisten. +Im Flur tönten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen würde. Der Diener +kam herein; mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Nadinsky und +sagte: »Ich bitte Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die +Dame, sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur passiert. Eure +Exzellenz werden nicht mehr gestört werden.« Darauf verschwand er. +Nadinsky trat zu Lukardis, setzte sich neben sie und streichelte mit +bebenden Händen ihr Haar. Zusammenschauernd bei seiner Berührung, erhob +sie den Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von ihr und +war des Lebens überdrüssig. Sturm rüttelte an den Fenstern und +plötzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder das Klavier, derselbe Walzer +wie gestern mit derselben zahnlückigen Melodie. Aber lag nur ein Tag +dazwischen? nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem +verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und Stimmungen des +Daseins vorübergetragen, Lust und Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung +und Enttäuschung, Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies schon +das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eine unendliche, geheimnisvolle +Nacht? Nadinsky war es zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er +die Barrikade erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue +Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen getreten +sei, als ob die frühere Existenz mit allen ihren Beziehungen von ihm +losgelöst sei und als ob er in dieses Haus gekommen wäre, um sein +eigentliches Schicksal auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft +geschieden, ja ohne Brücken dahin und dorthin. + +Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer Weile kam +Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur im Speisezimmer brannten die +Lampen. In den Spiegeln dehnten sich die Räume grau und unbestimmt. +Lukardis sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch voll, +und nachdem Nadinsky sich entblößt, wusch sie die Wunde. Während sie aus +ihrer Handtasche das frische Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und +als Nadinsky verbunden war, bat er, sie möge ihm vorlesen. Sie setzte +sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren Lermontows +Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie gelesen, da fielen ihre Arme +schlaff nieder, der Kopf sank zur Seite und der Schlaf überwältigte sie. +So ohne Widerstand und Übergang entschlummern Kinder; Nadinsky hütete +sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen an ihrem Antlitz, und es +war ihm, als müsse sein eigenes Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks +teilnehmen, welchem ihre Züge unterworfen waren. Wunderbarer Friede kam +in sein Gemüt. Er streckte die Glieder und atmete wie in der Luft eines +Gartens. Nun regten sich ihre Lippen. Sie flüsterte, sie lächelte +zärtlich, die Hände ballten sich und das Buch fiel von ihrem Schoß auf +den Teppich. Sie erschrak, öffnete die Augen, ein entsetzter Blick flog +durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie weiter. Doch nun schien +die Gewalt des Schlafes immer größer zu werden, der Oberkörper verlor +das Gleichgewicht, sie wäre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht +in seinen Armen aufgefangen hätte; er umschlang ihre Schultern und legte +die Schläferin vorsichtig quer über sein Bett. Ihre Beine blieben auf +dem Sessel liegen, ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme +waren über dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich in starken +Rhythmen. Allmählich fühlte sich Nadinsky beschwert, das Blut in den +Schenkeln stockte und er hatte Mühe, so regungslos zu bleiben wie am +Anfang. Er ließ sich langsam auf die Kissen zurückfallen, schob die +Hände unter die Decke und unter den Rücken des Mädchens und versuchte, +die Schlummernde auf diese Art zu stützen. So gelang es ihm, sich +Erleichterung zu schaffen; einmal trugen die Arme, einmal die Schenkel +und Knie die Last. Dabei empfand er eine glühende Freudigkeit, nicht +nur, weil er ihr die Sorgfalt und Mühe vergelten konnte, sondern auch, +weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als Kreatur, so unbedingt in +seiner Hut. Oftmals betrachtete er sie, gedankenvoll entzückt, und ihr +Leben, ihr Schlaf, ihr unbewußtes Dasein, die Gliederung des +Menschenkörpers, an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen das +Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglückendes Gefühl der +wiedergewonnenen Herzenskraft. + +Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel einer auf der Straße +vorübermarschierenden Militärpatrouille sie erweckte. Nadinsky hatte +sich eben zum Sitzen aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem +sich eine dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen heiter +strahlen zu wollen, dann hüllten sie sich in Schleier der Scham; sie +stieß einen hellen, kleinen Schrei aus, sprang empor, und ihr Gesicht +war wie mit Blut übergossen. Sie drückte die Hände gegen die Brust und +sah stumm vor sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als +Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgültige Worte ab, +erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. Sie antwortete +zerstreut, und ihre Miene war bald scheu und ängstlich, bald dankbar und +heimlich fragend. Zum letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde +Nadinskys, und während sie es tat, hatte sie Mühe, ihre Fassung zu +bewahren; die Welt draußen erschien ihr wie der aufgesperrte Rachen +eines Tieres. Die Uhr zeigte ein Viertel vor sechs, sie mußten ihre +Vorbereitungen treffen. Nadinsky war immer stiller und stiller geworden; +als er angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr blaß. +Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, ihm +gegenüber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel an und die Handtasche +stand zu ihren Füßen. So warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken, +bis es Zeit war, daß sie gehen konnten. + +Endlich vernahmen sie von der Straße her das Knattern von Wagenrädern, +und bald darauf klopfte es an die Tür. Der Kellner trat ein, diesmal +ohne Livree; er trug einen verschmierten Schlafrock, die Haare hingen +ihm in öligen Bündeln über die Stirn und sein Gesicht war mürrisch und +böse. Er präsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, gab auch gleich das +Fahrgeld für den Kutscher, dann gingen sie hinab. Zwei Eimer voll +Kehricht standen am Fuß der Treppe, und auf der Torschwelle lag ein +schwarzer Hund, der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch +war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den langen Weg. + +In einem der inneren Räume des Bahnhofs stand Anastasia Karlowna an +einer Säule. Sie begrüßte die beiden und fragte nach Nadinskys Befinden. +Dann übergab sie ihm den Paß und einen Koffer, der die notwendigen +Gegenstände für die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, und +Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus, +schritt auf Lukardis zu und reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare +Schwäche im Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das +Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere Hand, die linke mit +seiner linken, und die vier Hände lagen beieinander wie Glieder einer +geschmiedeten Kette. So verharrten sie einen Augenblick und erschienen +sich selbst als Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte +warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem Gang zum Waggon +zurück und klomm die Treppe hinauf. Er trat ans Fenster, in dessen +schwarzer Umrahmung und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein +kreideweißer Fleck. Nun ertönte die Pfeife, und langsam rollte der Zug +aus der Halle. + +Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in Tränen aufgelöst. +Die Frau hatte nicht gewagt, ihrem Gatten von dem Brief der Tochter +Mitteilung zu machen und ihm deren Verschwinden durch mühevolle Listen +verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung zwischen +Lukardis und der Mutter, eine Szene, bei der die taubstumme Frau in der +erregtesten und flehendsten Weise gestikulierte, während das Mädchen nur +den Kopf schüttelte und mit keinem Laut, keiner Gebärde sonst +antwortete. Allmählich wurde die Generalin von einer heftigen Sorge um +Lukardis ergriffen, die sich in Bestürzung verwandelte, als Lukardis +sich beharrlich weigerte, den Staatsrat Kussin zu sehen, der für einige +Tage nach Moskau gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht, +sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die Verlobung +mußte gelöst werden, und beflissener noch als zuvor wich Lukardis den +Menschen aus, den Freunden, den Fremden, der Mutter, dem Vater, den +Schwestern. Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die +Ärzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die Generalin +mit ihr nach Paris, später ans bretonische Meer. Eines Nachts +überraschte die Mutter sie, wie sie auf den Fliesen der Terrasse ihres +Zimmers lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit +weitgeöffneten, unbeschreiblich strahlenden Augen in den gestirnten +Himmel schaute. Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer +grenzenlosen, den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit. + +Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, er lebe auf einer +Farm im westlichen Kanada. Niemals hat Lukardis seinen Namen erfahren, +niemals er den ihren. + + + + +Ungnad + + +Länger als zwölf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen Erasmus Ungnad +und Gräfin Marietta Giese, und Georg Ulrich Castellanis boshafte +Bemerkung, es sei bald an der Zeit, sie in die Galerie berühmter +Liebespaare einzureihen, zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung +unter manchen Freunden an, vom Mißfallen anderer zu schweigen. Doch die +Freunde hatten so wenig Einfluß darauf wie die Familie, die Rücksicht +auf die Karriere so wenig wie der Gedanke an persönliches Behagen. Im +Grunde stand man vor einem Rätsel. Erasmus war nichts weniger als ein +Toggenburg; Ausharren war sonst seine Stärke nicht; Marietta nichts +weniger als ein Käthchen, im Gegenteil, eine Frau von Welt, ein +überlegener Charakter. + +In gewissen Zeitabständen erfolgte ein Bruch. Beiden schien es jedesmal +damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen Auseinandersetzungen, +brieflich oder mündlich, verständigten sie sich, daß es für das Wohl des +andern wünschenswert und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen und +daß es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil diene, wenn es in Frieden +und Herzlichkeit geschähe. Sie gaben einander in aller Form frei; zwei +Monate darauf war gewöhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus +Schwester Francine wußte in solchen Fällen keine triftigere Erklärung, +als daß sie Marietta eine dämonische Natur nannte. Drei Jahrhunderte +zurück, und sie hätte sie in ihrer Erbitterung öffentlich der Hexerei +angeklagt. + +Nach seiner Rückkunft aus Japan im Jahre 12 schien die Loslösung +nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen vielbeneideten +Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, der Minister des Äußern, großer +Herr damals, Leuchte der Diplomatie, der er für seinen Teil und für +seinen Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich für alle Zeiten, zu +einem Triumph unter den europäischen Mächten verholfen hatte, hielt +große Stücke auf ihn und war dem gräflich Ungnad’schen Hause außerdem +wohlgesinnt. Diese mächtige Hand eröffnete ihm die glänzendsten +Aussichten; er war zunächst zu einer hervorragenden Stellung bei der +Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten winkte in nicht +allzuweiter Ferne. Francine schwamm in Hoffnung und entfaltete alle ihre +Kräfte, um eine vorteilhafte Heirat zustande zu bringen. Der Moment war +so günstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den Vordergrund +gerückt. Das eine betraf eine junge Baroneß Spielberg, die von Seite +ihrer Mutter, einer Amerikanerin, enormen Reichtum zu erwarten hatte; +das andere die zweitälteste Tochter der Rienburg-Rhedas, Komteß +Sebastiane, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, anziehend und, wie Francine +erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus unter Graf Rienburg-Rheda +Legationssekretär gewesen war, in ihn verliebt. Zudem gehörten die +Rienburg-Rhedas zum begütertsten Adel des Landes; sie verfügten über +soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Häusern, Schlössern, +Wäldern, Wässern, ererbtem und erheiratetem Besitz, in hundertjährigen +Traditionen gefestigt wie die Hausmacht der großen Dynasten. + +Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus’ Schuld am Mißlingen war nicht +zu durchschauen. Im einen Fall hatte er sich nicht entscheiden können, +im andern hatte er sich überhaupt nicht vorgewagt, so daß man es +wenigstens mit der Familie nicht verdorben hatte und niemand +bloßgestellt war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten und +ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen in ihr erregt, um +sie immer wieder zu enttäuschen, bis sie in einem Zustand hysterischer +Überreizung erklärt hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei +Rienburg-Rhedas war er eine Woche lang zu Gast auf dem südmährischen +Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall den Grafen hin, und er, den +Unglücks- und Todesfälle in eine lächerliche Panik versetzten, reiste +unverrichteter Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf die +Versöhnung mit Marietta. + +Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. Es war zu +befürchten, daß der Minister seine Hand von ihm abzog. Oft schon war +seine Laufbahn durch diese Frau gefährdet gewesen. Francine erinnerte +ihn daran, wie sie eines Tages plötzlich in Petersburg erschienen sei +und ihm Verdrießlichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf bei der +Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm die Worte ins Gedächtnis, +die ihm vor drei Jahren seine Tante, die kluge Terese Klingenberg +geschrieben: daß ein Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen +Preis seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten dürfe; entweder +müsse alles so verschleiert sein, daß die Neugierde niemals dahinter +kommen könne, oder es müsse eine klare Eindeutigkeit walten, so oder so; +nichts sei geeigneter, die Öffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu +verstimmen als ostensible Herzenspassionen. + +Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. Sie +erschöpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. Sie zitierte Urteile, +Prophezeiungen, Meinungen seiner nächsten Freunde über ihn und +hauptsächlich über Marietta. Sogar der unbeträchtliche Ferry Sponeck +mußte herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu Erasmus, aus +der Sorge um ihn. Er war der Letzte des Geschlechts; sie fühlte sich für +ihn verantwortlich. Sein Vermögen war gering. Sie hatte in den letzten +Jahren versucht, es durch Börsenspekulationen zu vermehren; da sie gut +beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, war ihr dies gelungen. +Aber wenn sie auch Millionen gewonnen hätte, was hätten ihr die +gefruchtet; das Glück, das sie für ihn im Auge hatte, war ein höheres. +Der in ihr aufgehäufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, mit +denen sie Erasmus zu Leibe rückte, eindringliche Schärfe. Mit +Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, entwarf sie, durch Haß +befeuert, ein Bild von Marietta, das in der Verzerrung noch Züge der +Wahrheit hatte und abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie; +eitel; seelenlos; durch Lektüre verbildet; im Bestreben, die große Dame +zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt herausfordernd; mit zur +Schau getragener Freiheit nah daran, für eine Abenteuerin zu gelten; +unergründlich egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen +gefährlich sinnlich; längst über die erste Jugend hinaus, auch über die +zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, sie auf +Händen getragen hatte und unglücklich und vereinsamt war, geistig und +körperlich ein Krüppel. + +Francine war kühn. Sie mußte auf verletzende Vergleichung gefaßt sein. +Sie selbst war ja in heikler Situation. Ihr Schicksal als Weib hatte sie +von unbehüteten Jahren an andere Wege geführt als die üblichen und +gebilligten. Nur durch ihre Zähigkeit und Klugheit hatte sie dann doch +Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft behauptet. +Dunkles Schicksal, das in einem von ihr selbst nie ganz begriffenen +Gegensatz zu ihrem Wesen stand. + +Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine Person zielte, +pflichtete er ihr bei. Über Marietta schwieg er. Er empfand Francines +Zärtlichkeit; ihr Ungestüm belästigte ihn. Sie verlangte Versprechungen, +er weigerte sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich, +und das Ergebnis von Francines Bemühungen war, daß er zu Marietta auf +ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging sie zum Minister. Sie vertraute +sich ihm ohne Rückhalt an, und die Art, wie er ihr lauschte, ließ die +herzliche Zuneigung für Erasmus erkennen. Er würdigte die Schwierigkeit; +ihn zu entfernen, hielt er für notwendig wie sie; der Londoner Posten +kam augenblicklich noch nicht in Betracht, dagegen bot sich die +Möglichkeit, ihn nach Indien zu schicken; es fand dort eine +Jubiläums-Feierlichkeit statt; die englische Regierung und der Vizekönig +hatten die Mächte zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden +später war Erasmus für die Mission ernannt. Ein Telegramm rief ihn von +Eichfurth zurück, zehn Tage darauf lief das Schiff aus dem Triester +Hafen. Francine glaubte ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene +Monat war Gewinn. Erasmus war dreiunddreißig, Marietta Giese +fünfunddreißig; der Zauber mußte binnen kurzem brechen; was die Vernunft +nicht erreichte, würde die Zeit bewirken. Wenn es auch noch Kämpfe +kostete, Francine war gerüstet. Indes gelang es ihren hartnäckigen +Bemühungen, daß man Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe dort +beendet war, unmittelbar nach London befahl. + + * * * * * + +Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten Jahr im +diplomatischen Dienst. Der Weg war der herkömmliche und vorgeschriebene +gewesen; die Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington, Tokio; +und nun London. Er hatte viel gesehen, viel gehört; nach seiner Meinung +viel erlebt. Er kannte das Inwendige der politischen Maschinerie. Er +hatte gelernt, wie die Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei +den markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge. Die +repräsentativen Pflichten erfüllte er mit genügender Würde. +Verantwortung war ihm aufgebürdet; er wußte um die Last, seine Haltung +deutete sie an. Geschlechteralte Zucht machte ihn zum Vorbild für +Unsichere. Die Gebärde verriet, daß er in seine Rolle hineingeboren war. +Selbstverständliches Tun und Sein, darauf kam es an; das gelegentliche +Nachdenken darüber war Verzierung, die man sich in Mußestunden +gestattete. In der Führung der Geschäfte von unbedingter Verläßlichkeit, +gewissenhaft wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank, war +er überall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung und der +Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein, von seinem Geist oder +seinem Genie zu sprechen, aber seine Ritterlichkeit und Freundestreue +hatten schwärmerische Lobredner. + +Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn; die Jahre trugen +ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen Element keine Trübung, nur +über das Äußere und Betriebmäßige war zuweilen ein Schleier von Unmut +gebreitet. Aber der Strom floß breit und gefällig dahin. Dem vorwärts- +wie dem zurückschauenden Blick boten sich dieselben Bilder: geschmückter +Weg, umfriedetes Revier, Fülle der Verlockungen, Menge der Dienenden, +erschlossene Welt. In Stunden der Träumerei flammte in seinem sonst +trägen Gedächtnis auf, was ihm erworbenes und in Sicherheit gebrachtes +Lebensgut war: ein marokkanischer Himmel, rot vor Bläue; prunkvolle +Aufzüge, veranstaltet von exotischen Fürsten; feierliche Empfänge; +illuminierte Säle; militärische Paraden; Frauen, die um Liebe warben; +fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch mitgebracht, das +er in wenigen Exemplaren für seine Freunde drucken ließ. Es wurde damals +als die feinste Blüte aristokratischer Lebensauffassung und +Betrachtungsweise bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie +Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv und aus erster Hand, +oft ein bißchen einfältig sogar, wie eine Fibel einfältig ist. In der +Mischung von Bescheidenheit, Wißbegier und unschuldiger Philosophie +drückte sich Ungnads Wesen sehr liebenswürdig aus. Es waren Fahrten +darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf Flüssen, in der Nacht, +auf Booten mit Lampions behängt, Schauspiele und Wanderungen, Tempel und +Gärten; von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein Hauch; +hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen von Blumen, Farben von +Blumen, Gerüche von Blumen; ein umgewandeltes Sinnliches, ließ es das +sinnlich Gebannte seiner Natur erraten, auch wieviel Trägheit in seiner +Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem Genießen. + +Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des Krieges entfalteten alle +Berückungen seiner Welt. Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtum +und die Üppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich zur Strahlung +verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden Kern, begnadet und Gnaden +spendend. Die Künste der Nationen vereinigten sich, der herrschenden +Kaste zu huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit gesättigt. Feuer des +Übermuts lag in den Gemütern, das Ungewöhnliche war Nahrung für den +Gewöhnlichsten, Nüchterne wurden auf lichtverklärte Höhe gehoben und +sahen den Horizont wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob +alles in atemloser Bestürzung auseinander, und über das rubenshaft +glühende Gemälde fiel schwarzer Flor, um es auf immer zu verdecken. + +Was darnach kam, war trockne Amtsausübung in vorgeschobenen Bezirken, +eroberten Provinzen, umrasselt von Waffenlärm. Man hatte Mühe, den Kopf +obenzuhalten. Das Geschrei aus den Lagern hüben und drüben lähmte; der +Haß verunreinigte wie Schmutz, der kleben bleibt und sich in die Poren +frißt; die Guirlanden waren weggerissen; die Blöße der Leiber stierte +einen an; Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau wankte; die +kaum merkbare Allmählichkeit, mit der die Existenz ins Enge und +Sorgenhafte geriet, war entnervend; und so der beständige wütende Sturm, +der die Blätter vom Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln +ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General regierte. Man +war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen, wie die Partie stand. Die Not +der Länder schrie, des eigenen vor allen; man überredete sich zur Demut, +suchte Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre, verwob +persönliches Geschick willig mit dem Ganzen, hoffte, fürchtete, wartete, +Jahr für Jahr, wartete auf Schlimmes und war doch nicht im entferntesten +vorbereitet, in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die Zeit +dann wirklich machte. + +Im August des Jahres 18 wurde er mit dem preußischen Oberst Grimm nach +Armenien entsendet, um Bericht über die Zustände zu erstatten, die der +feindlichen Propaganda Nahrung gaben. Türkische Offiziere und Beamte +begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was vertuscht werden +konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein künstliches Schaugepränge +vorgeführt, Blendwerk; zuletzt offenbarte sich das Grauen. Auf der +Heimreise, man hatte schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus +vom Schiff aus an Francine: »Es war schön, als der Katholikos in +Echtmiadzin unsere Abordnung empfing. Ich habe nie so herrliche Gobelins +gesehen und so prunkvolle goldene Gefäße. Der Katholikos war in Gold und +Purpur gehüllt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt war, +blendete die Augen durch die Pracht seiner Gewänder. Vor den +Bogenfenstern des riesigen Saals sah man die schneebedeckten Gipfel des +Taurus, und alle überragte der mächtige Arrarat. Da schauderte es einen; +Arrarat; beim bloßen Namen überlief es einen. Aber auf dem Schloßhof +unten stand eine tausendköpfige Menge, und von ihr stieg ein +eigentümliches winselndes Brausen empor. Erst glaubten wir, die Leute +seien zum Gottesdienst gekommen, der dann stattfinden sollte; aber der +Katholikos wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst Grimm +gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen Sie Ihrem Kaiser, daß +sie hungern. Die türkischen Herren hinter uns duckten sich, und ich +schaute, während das eigentümliche winselnde Brausen fortdauerte, in den +Schnee des Arrarat hinüber. Am nächsten Tag sind wir durch die glühenden +Täler zum Meer geritten, an Ruinen vorbei und über Schlachtfelder. +Wüste und Weinland grenzen dicht aneinander, manchmal kauert ein mit +Fetzen bedeckter Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die Küste +kamen, lag der Ozean märchenhaft blau, aber die Luft war verpestet durch +zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen, nackt und in Kleidern, +viele bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Männer, Weiber und Kinder. +Die türkischen Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den +Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins Meer getrieben. +Ich dachte mir: die grandiose Natur, und der Mensch eine Bestie, die sie +schändet. Der Himmel und das Meer in ihrer Schönheit waren Lüge.« + +Er hatte sich mit Oberst Grimm während der langen Reise ziemlich +angefreundet; der Oberst war ein stiller, vernünftiger Mann; weit +trätabler als seine preußischen Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in +Budapest von ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte +von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen und verludert; +stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm den militärischen Gruß zu +geben, frech ins Gesicht. Der Oberst sah ihn an, seine Stirn rötete +sich, er machte Miene, auf ihn zuzugehen, besann sich plötzlich, senkte +vor Erasmus den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller +Selbstbeherrschung von etwas Gleichgiltigem. + +Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Gedächtnis, während er allein +die Reise fortsetzte. + +Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man wußte nicht, wie man sich +seiner erwehren sollte. Man befand sich auf einer gewissen Höhe, +unangreifbar, unerreichbar. Man genoß verbrieften Schutz von altersher. +Die Sicherungen waren bewährt und tragfähig gewesen bis jetzt. Man war +gewohnt, viel Raum um sich zu haben. Raum feite, Raum trennte. Die +andern, die Leute, bewegten sich weit draußen. War doch schon ihr +respektvolles Aufmerken bisweilen lästig. Man konnte unbeschränkt +verfügen: über bezahlte Menschen, über die Stunden, über die Dinge. Die +Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die Hand, die unter ihnen wählte. +Und das Gesetz, das durch die stummen Jahrhunderte geheiligt war, +schrieb das Maß vor. + +Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte wurden +angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz erstreckten, auf +unentbehrliche Schattierungen, auf ehrwürdigste Institutionen, auf +auserlesene Formen, auf Auserlesenheit überhaupt, unleugbare, weil durch +das Blut bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die Würde. +Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war so hämisch, so +erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln herum, ein feiges +Gespenst. + +Man saß aufrecht und hielt sich bereit. + + * * * * * + +Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt. Es handelte sich +wieder um eine Rienburg-Rheda, um die dritte Tochter, die inzwischen +herangewachsene zwanzigjährige Pauline. Es waren im ganzen vier +Schwestern. Die älteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr früh mit +dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie lebte seit einigen +Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei der Mutter, unbekannt aus welcher +Ursache. Es hieß, eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er +in der Trunkenheit zwei Tänzerinnen in die Wohnung mitgebracht hatte. +Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod einen Grafen Dettingen +geehelicht, Husarenrittmeister, der bei Luck gefallen war. Sie war +Mutter von zwei Kindern geworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline +und Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt. + +Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen sorgfältig +vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren hin- und hergereist, um die +Stimmung auszukundschaften, unverpflichtende Anfragen waren gestellt, +Briefe waren geschrieben worden, deren Taktik an Musterstücken +verflossener Kabinettsdiplomatie geschult war, und allmählich +entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit. Ehe noch Erasmus aus +Konstantinopel zurückgekehrt war, hatte sie schon die Einladung der +Gräfin Rienburg für ihn in Händen. Von Tag zu Tag unruhiger wartete sie +auf seine Antwort, denn es verkündigten sich verhängnisvolle Ereignisse, +und der politische Himmel war schwarz verhängt wie ein Sarkophag. + +An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt, erfuhr sie, daß +Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen sei. Das konnte nichts +anderes bedeuten, als daß sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls +erwartete. Ohne langes Besinnen verfaßte sie eine ungestüme Epistel, in +welcher sie Marietta auseinandersetzte, daß Erasmus’ Zukunft auf dem +Spiel stehe; daß er zu lange schon seine besten Kräfte und besten Jahre +damit vergeude, die Ketten abzuschütteln, die sie um ihn geschlungen; +daß er allmählich in das Alter trete, in dem man aufhöre, für die Frauen +mitzuzählen; daß er jetzt im Begriff sei, eine glänzende Verbindung +einzugehen, und daß die Familie, um kein Mittel unversucht zu lassen, +sich an ihre Einsicht und oft bewiesene Geistesstärke wende, die ihr +zweifellos den Weg aus dem Dilemma zeigen würden. + +Zum Glück las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte, ihrer Cousine Nora +Klingenberg vor, die ihr solchen Schritt entschieden widerriet. »Soll +denn das alte Spiel wieder von vorne beginnen?« rief Francine erregt +aus; »Bruch, Versöhnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig zu +meiden und gerührtes in die Arme-Sinken. Es ist nicht länger zu +ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen, man wird zum Gelächter +der Welt.« Nora Klingenberg hielt der Entrüsteten vor, daß sie mit ihren +Vergewaltigungsmethoden das Übel verschlimmere; da käme Erasmus erst +recht aus dem Schwanken und Zaudern nicht heraus. Je verführerischer man +ihm den Köder bereite, je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das +Zugreifen; je mehr man ihn überrede, je stütziger werde er. Sie solle es +listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie erbot sich, zu +Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen, als Frau zur Frau. +Dadurch erwachse vielleicht Verständigung. Francine umarmte sie und +sagte, sie sei ein Engel. »Laß dir nicht von ihr imponieren,« warnte +sie; »vergiß nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout bei +Castellanis über den Mund gefahren ist, als darüber debattiert wurde, ob +die Lehndorffs oder die Klingenbergs älter seien. Ich versichere dir, +ihr Großvater Johann Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er +Statthalter gewesen ist; und die Zinsen müssen hoch gewesen sein, Georg +Ulrich behauptet, nie unter zwölf Perzent.« + +Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen von dem Besuch +zurück. Sie berichtete, Marietta sei kühl gewesen, spöttisch, glatt, +ausweichend, habe sie beständig abzulenken gewußt; habe sie einmal, als +sie sich einen Anlauf genommen, sonderbar lächelnd angeblickt, und +nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im Grunde nichts +geredet. Sie mache mit einem, was sie wolle, es sei nicht gegen sie +aufzukommen; wenn man noch beim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon, +und jeder Satz habe zehn Facetten. Im übrigen sei sie hübsch wie nur je; +als seien fünfzehn Jahre spurlos an ihr vorübergegangen; bestrickend und +anmutig, das reine Wunder. + +Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend fing sie an zu +schimpfen wie ein Marktweib. Drohte, höhnte; stieß Gegenstände aus dem +Weg; schwor, daß sie die gefährliche Komödiantin vernichten wolle, +vergoß Tränen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich +vergebliche Mühe, sie zu besänftigen. + + * * * * * + +Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus ältesten Freunden. Er war +in jeder Beziehung steckengeblieben, sowohl was seine Laufbahn als auch +was seine Entwicklung betraf. Trotzdem vielfache Einflüsse für ihn +gewirkt hatten, war er in einem der für unfähige Hochtories +vorbehaltenen Präsidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging auf keine +Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande, orthographisch richtig zu +schreiben. Erasmus erlaubte sich kein Urteil darüber, ob er wirklich so +dumm war, wie alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner +vollkommenen Diskretion. + +Mit Männern konnte er sich im allgemeinen schwer verstehen. Sie vermaßen +sich an ihm. Sie wollten in ihn eindringen und bedachten nicht, daß das +verletzt. Männer im allgemeinen wußten wenig von dem Grad der +Verletzlichkeit eines Menschen. Ferry Sponeck hingegen verpflichtete nie +und insistierte nie. Manchmal plapperte er und erzählte Klatsch; indem +er seine Nichtigkeiten von sich gab, stimmte er vertrauensvoll; es kam +einen plötzlich die Lust zu Eröffnungen an, ja zu Bekenntnissen oft; man +wurde mitteilsam, gerade gegen ihn, der so kindlich erstaunte Augen +machte, bei ganz verkehrten Anlässen bedauernd den Kopf wiegte und sich +dann und wann zu einer albernen Zwischenbemerkung aufraffte. Man war +eigentlich mit sich allein und wurde doch durch Menschenaugen aus sich +hervorgelockt. Man geriet ins Sprechen, Drückendes wich, wenigstens für +die Stunde, Vergangenes ordnete sich. Man hatte keine Taktlosigkeiten zu +besorgen, keine neugierigen Fragen, nicht die klugen Aperçus und +beunruhigenden Haarspaltereien, die an den Leuten von Geist so +verdrießlich waren. + +Schon am Tage nach seiner Rückkunft sagte er sich bei Ferry Sponeck an, +der in einem kleinen alten Palais in einer kleinen alten Gasse wohnte. +Langsam und versonnen ging Erasmus hin. Er spürte das Unheil in der +Luft. Vor vielen Jahren, in Sizilien, hatte er am Abend vor dem großen +Erdbeben dieselbe andauernde Qual in allen Nerven empfunden. Er +erinnerte sich, daß er dann, ins Hotel zurückgekehrt, einen Weinkrampf +gehabt hatte. + +Seine Erregung wuchs, als er Ferry Sponeck bei der Lampe gegenübersaß. +Dieser braute Kaffee in einer kupfernen Maschine und blies bisweilen in +die Spiritusflamme, wobei er die Backen voll Luft pumpte und aussah wie +der Boreas auf alten Bildern. + +»Drüben im Ministerium geht alles drunter und drüber,« sagte Erasmus. +»Sie transportieren Aktenschränke auf den Dachboden und lassen +Telegramme unbeantwortet liegen.« + +Ferry Sponeck seufzte. + +Erasmus schaute grübelnd vor sich hin. »Ich verschließe mich der +Tatsache nicht, wie die meisten unter uns, daß wir leichtsinnig +gewirtschaftet haben,« sagte er mit seiner trägen und verschleierten +Kopfstimme; »wir hatten keine Führer; keiner war der Herr. Manche haben +das Unglück kommen sehen und haben gespottet. Die Schuld ist groß, und +der Unverstand, und die Blindheit. Aber offene Rebellion, das darf nicht +sein. Wenn das eintritt, geht die Welt unter. Rebellion ist Satans Werk. +Rebellion heißt, daß Christus verleugnet und ans Kreuz geschlagen wird. +Alle zweitausend Jahre, hab ich einmal gelesen, schlagen sie ihn ans +Kreuz, und jetzt ist bald die Zeit.« + +Ferry Sponeck nickte. Der Kaffee schäumte braun unter der Glaskuppel, +und er drehte bedächtig den Hahn auf. Der kochende Strahl rann schwarz +in die goldene Tasse. + +Erasmus sagte: »Die murren, werden täglich mehr. Noch wagen sie einen +nicht anzuschauen, aber hinterrücks zücken sie das Messer. Sie tragen +das Messer aufgeklappt in der Tasche; morgen werden sie auf einen +losgehen. Hast du auch manchmal ein Klirren im Ohr wie von zerbrochenen +Fensterscheiben? Es dringt bis in den Schlaf. Und dann hört man +Geschrei, fernes Geschrei.« + +»Du denkst zuviel nach, Mumu,« tadelte Ferry Sponeck liebevoll; bei +intimen Anlässen nannte er Erasmus Mumu, wie man ihn als Kind gerufen. +»Bist du denn ein Gelehrter, daß du fortwährend denken mußt? Wir könnens +nicht ändern, wir beide, wir müssens geschehen lassen.« + +Erasmus sprach stockend weiter: »Ich bin einmal von Corfu nach Athen mit +einem alten Segelschiff gefahren, da sind nachts die Ratten über meine +Bettdecke gerannt. Es war grausig, und der morsche Kasten ist auch bei +der nächsten Fahrt gesunken.« Seine Stimme wurde leiser, und er rieb +nervös die Finger aneinander. »Gefürchtet hab ich mich nicht, aber +Ratten, das wirst du zugeben, das ist das Ekligste auf der Welt. Im +Finstern verlassen sie sich auf ihre scharfen Zähne; im Finstern sind +sie frech. Sie selber sind geschützt, natürlich; durch ihre Zahl sind +sie geschützt, durch den Unrat und durch das Grausen.« Er machte eine +Pause und lächelte kränklich und hochmütig. »Einschüchtern darf man sich +nicht lassen. Keine Schwäche zeigen. Wir, wir haben die Religion; davon +wissen sie freilich nichts, die Ratten; und das, was man Ehre nennt, +haben wir. Ehre, das ist wie eine diamantene Kugel. Das Ungnadsche +Wappen hat eine schöne Devise: #fort et modeste.# Ehestens wird das +nicht mehr viel bedeuten. Ehestens vielleicht werden sie das Wappen +zerschlagen. Zerschlagen mögen sie es immerhin; besudeln sollen sie es +nicht. In dem Glauben kann mich keiner wankend machen, daß alle +Legitimität von Gott stammt.« + +Ferry Sponeck nickte andächtig. Erasmus erhob sich lässig auf den langen +Beinen und wiederholte mit einer Art Verbohrtheit: »Damit steh und fall +ich, daß alle Legitimität von Gott stammt.« + + * * * * * + +Als ihm Francine von der Einladung der Gräfin Rienburg-Rheda berichtete, +erklärte sich Erasmus zu ihrer Freude bereit, sie anzunehmen. Er wußte, +worum es sich handelte; er wußte, daß Francine nur auf das eine Ziel +hindrängte, und er enttäuschte sie nicht einmal durch ein Kopfschütteln +oder das obstinate Lächeln, das er bei solchen Gelegenheiten hatte. Die +Stadt machte ihn elend, er sehnte sich nach Stille und Landschaft. »Ist +es aus zwischen dir und Marietta?« fragte Francine halb drohend, halb +ängstlich. Er antwortete: »Es ist schon lange aus.« Darauf Francine, +entzückt: »Seht ihr euch gar nicht mehr?« Er, kühl und gezwungen: »Ach +ja, wir sehen uns, aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im +Juni getroffen.« Francine verbreitete sich nun ausführlich über den +Charakter der Komteß Pauline, und daß eine Ehe zwischen ihr und Erasmus +der Gipfel des Wünschbaren sei. Er hörte still zu und sagte dann: »Es +ist möglich, daß du recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.« +Francine nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und nötigte ihn, an die +Gräfin zu telegraphieren, daß er an dem und dem Tag kommen würde. + +Um gefällig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen ihm die +Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte er gewissenhaft. +Man würde unbekannte Leute treffen; er stellte sich solche der +abstoßendsten Art vor; geschwätzige Personen, zudringliche Personen. +Verpflichtungen würden entstehen; diesen oder jenen würde man verletzen +und sich wieder um ihn bemühen müssen; Zwang würde ausgeübt werden; Lärm +würde sein; irgendeiner würde da sein, der Türen warf oder des morgens +um fünf Uhr nach der Scheibe schoß, oder mit unendlichem Gerede einen +Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer zu packen, +Nachrichten zu dirigieren; das alles häufte sich zu einem Gebirge, und +er verschob den Termin. Francine ereiferte sich, er wich zurück. Er +sagte, man bedürfe seiner im Amt. Sie erwiderte, man bedürfe seiner mit +nichten; bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er sich +fernhalte. Er gab es ermüdet zu, bat aber für die Reise um eine Woche +Frist. Sie feilschte um zwei Tage und verlangte, daß er am Sonntag +reise. Er willigte ein. Am Samstag abend erhielt er eine Karte von +Marietta, die ihn ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er +erschrak. Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz +verschollen heimlich damit gerechnet. Daß es eintraf, war Erschütterung. +Er erklärte Francine, daß eine wichtige ministerielle Sitzung ihn +verhindere, früher als Mittwoch zu reisen. Francine starrte ihn +sprachlos an. Aber da er ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt +nicht weiter hinauszuschieben, mußte sie sich zufrieden geben. + + * * * * * + +Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs, Erasmus unter +denen, die hinten standen, denn vermöge seiner Länge konnte er über die +Köpfe schauen. + +In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorstädten herein, ein +schwarzer, breiter, klebrig fließender, stummer Menschenstrom. Sie kamen +zur Verkündigung der Republik. Die Straße war ausgefüllt bis an die +Häusermauern. Aus der nachmittägig-nebligen Ferne, die wie bodenlose +Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte sich schattenhaft in Leiber +und Gesichter, schwoll durch Zufluß aus Nebengassen, wälzte sich drohend +ruhig vorüber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus, Schritt für +Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der vor dem großen Platz die +Straße verengerte, und der die gestauten Massen langsam verschlang. Eine +Stunde verging, und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser +Tiefe glich, wälzte sich das Ungeheure her, das nicht eine Summe +zählbarer Einzelner war, sondern ein Element für sich, zu einem Willen +verschmolzen, kroch und wogte vorüber, spürbar-, sichtbar-wirklich, +fortbewegt durch einen gewaltigen und äußerst zu fürchtenden Trieb, bis +es der dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen ähnlich, gierig +schluckte. + +Die Herren rührten sich nicht. Mattes Erstaunen würgte ihre Kehlen. +Einer sagte vor sich hin: »Das ist das Ende.« + +Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem Freunde Ferry Sponeck +in dessen Wohnung. Sie vermieden es, über das Gesehene zu sprechen. Sie +erstickten es in sich. Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts +zu tun; sie stießen es wieder weg und gruben es zu. + +Sie aßen schweigend und lauschten auf Geräusche von der Straße. Aber +diese Straße der alten Paläste war still; sie lag noch in einem +vergangenen Jahrhundert und träumte. Sie war wie von einem verstaubten +Seiden-Gespinnst überzogen. + +Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls für ein paar Wochen nach +Rienburg gehen; die Gräfin habe ihn mehrmals aufgefordert, übrigens sei +er ja als Vetter der Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte +und schien seinen Entschluß zu billigen. Ihn freue es nicht besonders, +daß er hin solle, sagte er dann, aber Francine lasse ihm keine Ruhe, und +so habe er nachgegeben. Gegen Francine aufzukommen, sei schwer, nicht +bloß wegen ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem, +sondern auch, weil man sie schonen müsse. + +Er hielt inne, um zu ergründen, ob Ferry Sponeck ihn richtig verstehe. +In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe, wenn du willst, ich bin +vernagelt, wenn du willst. In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das +war genau, was Erasmus wünschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses +Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute hielten. Er +wollte sich das Verworrene und Traurige in Francines Leben zurechtlegen; +er hatte es mit Worten noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuhörer, +und zwar einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich +bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry zu erkennen +gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort: + +Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden; damals, als das +Niemehrgutzumachende mit dem italienischen Sänger passierte, sei sie +achtzehn Jahre alt gewesen, der Verführer sechsundvierzig, noch dazu +verheiratet und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle Konsequenzen +gezogen; nicht bloß in ihre schwierige Lage sich gefügt und dem die +Treue bewahrt, der ihre Zukunft vernichtet, sondern auch in den +Enttäuschungen, Demütigungen und Kämpfen ihren großen Charakter +gestählt. Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht, sich +eine neue Position zu schaffen und außerdem noch soviel Kraft erübrigt, +ihm, dem jüngeren Bruder, eine tätige und hilfreiche Freundin zu sein. +Das müsse man bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der +habe keinen Begriff von Unerschrockenheit und Würde. + +Ferry Sponeck mußte den Begriff haben, denn er blickte Erasmus +zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile: »Ich habe oft darüber +nachgedacht, warum es so kommen mußte, bei ihrem Stolz, ihrem Bewußtsein +davon, was sie dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu +dem Resultat gelangt, daß das, was ihr zum Verhängnis geworden ist, ein +Ungnadsches Verhängnis überhaupt ist. In jedem Ungnadschen Leben, habe +ich herausgefunden, ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger +Moment, wo die Sinnlichkeit ein für allemal über ihn entscheidet. Es +fängt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudrücken wovon; zum +Beispiel, man geht über eine Brücke und sieht, wie ein Weib sich über +das Geländer beugt und sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist +irgendein anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen +Moment geschieht, beeinflußt und durchdringt das ganze Leben, wie wenn +ein bestimmtes Aroma aus einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie +wenn ein winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem mit +Flüssigkeit gefüllten Becken für immer den Geschmack gibt. Man kommt +nicht mehr los. Das Winzige entscheidet. Man kommt von dem Aroma und dem +Geschmack nicht mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.« + +Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an. Das ging weit über +seine Welt. »Jaja,« murmelte er; »schon; natürlich; so was ist schlimm, +armer Kerl, sehr schlimm.« + + * * * * * + +Es gab ein tiefes und gehütetes Geheimnis im Leben der Gräfin Marietta +Giese. Es war dieses Geheimnis ebensosehr eine Quelle von Glück und +Kraft als von Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es sie +mit Zweifeln quälte; aber immer war sie seiner Herr. Die vor der Welt +verschwiegene Bürde ist oft Reichtum; Besitz, der vor fremden Augen +bewahrt werden muß, oft Pein. + +Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wußte es nicht. Sie hatte +den Knaben während des Jahres zur Welt gebracht, in welchem Erasmus in +Japan war. Ihre Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein +einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen worden, das war ihre +Freundin Helene von Gravenreuth; in einem Dresdner Sanatorium hatte sie +das Kind geboren; auf Schloß Gravenreuth lebte der kleine Wolf in +sicherer Hut. + +Es war keine Zufallsfrucht. Sie hatte das Kind mit ihrem Willen +empfangen. Während sie es getragen, war sie sich völlig klar darüber +gewesen, was sie auf sich nahm. Sie mußte es durchsetzen gegen die Welt; +es vorbereiten auf ein ungesichertes Schicksal. Hatte sie es doch der +Welt abgerungen und vom Schicksal ertrotzt. Solche sind von Anfang an +belastet. Erasmus war der Mann nicht, den ein Kind inniger an die +Geliebte bindet. Ihr gegenüber war ein Kind seine Furcht und sein +Aberglauben stets gewesen. Der Grund davon hätte ihr schmeicheln dürfen, +wenn er nicht im dunkleren Teil der Seele Beleidigung geworden wäre. Die +Frau in ihr war spät erwacht. Sie mußte etwas haben wider ihn und für +sich; und für ihn und wider die Gesellschaft. Sie hatte ein Pfand +gebraucht und eine Bestätigung. Es kam nicht darauf an, daß er es +erfuhr; vielleicht würde er es niemals erfahren; mit Empfindsamkeiten +rechnete sie nicht; zärtliche Rührung war weder ihre noch seine Sache. +Ihr diente es. Sie wurde befestigt. Und über Pfand und Bestätigung +hinaus war es auch Bild, noch dazu ein schönes, lebendiges. Die Väter +waren ihr ohnehin Ziel des Spottes. An Vatergefühle glaubte sie wenig. +Und ihm ein Kind präsentieren, das außerhalb der Ehe gezeugt war, das +hieß alle patriarchalischen Vorurteile in ihm wachrufen, sie wußte es, +und seine ängstlichsten Bedenken gegen die Mutter kehren. Anlaß genug zu +schweigen. + +Hatte sie doch auch Freiheit und Liebe ertrotzt. Nie durfte er ahnen, +daß und wie sehr es Kampf war. Sie hatte sich losgerissen von Fesseln, +und die Haut blutete; für ihn mußte es sein, als hätte sie sich einen +Kranz vom Haar genommen, der zu welken beginnt. Was sie verachtete, war +ihm ehrwürdig; worunter sie seufzte, war ihm von heiliger Bedeutung. +Immer sein Zagen, sein Zurückhalten; sein Warnen, sein Nichtbegreifen, +wenn sie vorwärts wollte; wieviel List war da nötig; wieviel Geistes- +und Herzensgut zerstäubte; wieviel Erklügelung forderte es, ihn so zu +führen, daß er zu führen im Wahn blieb. Voneinandergehen: Ungewißheit; +Wiederkommen: Hangen und Bangen; Getrenntsein: das Nichts; Zusammensein: +Druck seiner Hypochondrie. Leidenschaft lohte auf, schwelte und +verglomm. War das noch Leidenschaft, wenn einer so lange mißtraute, bis +er wehrlos wurde? und sich dann schemenhaft entzog? Marietta schlug den +Funken, wärmte den Freund mit Blick und Atem, prägte sich ihm ein, die +Stunde ihm ein, die Liebkosung, das bindende Wort. Alles hing davon ab, +daß er nicht vergaß, daß er immer wieder zu ihr fand und sie sich finden +ließ, nicht mit zu leichter Mühe, nicht mit zu schwerer. Er: stets im +Begriff, einem Joch zu entschlüpfen, dem die Sanktion fehlte, das +Gewesene zu leugnen; sie: in Ruhe, in scheinbarer, die Wagschalen +sorgsam in der Gleichlage haltend, gespannt, geduldig, heiter, +geschmückt, in Hader mit ihrer Kaste, die soziale Tyrannei geistig +überwindend, im Gefühl ihr verfallen, und so, mit einer Existenz am +Rande der Gesellschaft, am Rand des Möglichen und Anerkannten, in +unaufhörlicher Schwebe. + +Sie hatte lange gezögert, ob sie ihn rufen solle. Beim Abschied hatten +sie einander feierlicher als sonst entsagt. Sie nannte das die Erklärung +des Desinteressements. Es war notwendig zu seiner Gewissensentlastung +und damit die Pläne, die andere mit ihm vorhatten, nicht seine +allenfallsigen Entschließungen hemmen konnten. Ihr blieb nichts übrig, +als zu warten. Die Jahre untergruben auch in ihr langsam das Vertrauen +zu der Macht, die bisher jedes Hindernis besiegt hatte. Der Spiegel +wurde zum Memento. Der Spiegel betrog nicht, noch war er zu betrügen. + + * * * * * + +Sie ließ früh die Lichter anzünden. Da sie sich seit dem Morgen +unpäßlich gefühlt hatte, legte sie sich auf die Chaiselongue und ergab +sich dem Vorüberrinnen der Stunden. Den November hatte sie von jeher +gehaßt. Sie war überzeugt, daß es der Monat sei, in dem sie sterben +würde. Der alte Diener, der aussah wie ein Kalmück, huschte auf dem +Teppich hin und her, um den Teetisch zu richten. Das kostbare Geschirr +klirrte melodisch. Sie war in ein rosafarbenes Teegewand gekleidet, mit +breiten Valencienner Spitzen an den weitoffenen Ärmeln. Die Farbe +brachte das Leuchtende ihrer Haut zur Geltung wie auch das tiefe Goldrot +der Überfülle ihres Haares. + +Die Glocke läutete; nun kam er. Den zaghaft und fast lautlos +Eintretenden begrüßte sie mit zartest-unbefangenem Lächeln, +entschuldigte sich, daß sie lag, reichte ihm die Hand, die er ergeben an +die Lippen führte. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann stammelte +er allerlei, um zu rechtfertigen, daß er sich nicht selbst gemeldet. Sie +wunderte sich und schnitt die kläglichen Versuche sanft ab. Indes +brachte der Kalmück den Tee, und man hatte Beschäftigung. Marietta +übernahm die Leitung des Gesprächs. Ihr Instinkt gebot ihr, viel zu +sprechen. Sie erzählte ein paar lustige Episoden aus Eichfurth, +schilderte ein Diner, bei dem sie gewesen, einen nächtlichen Gang in der +erregten Stadt, eine Begegnung mit einem der gestürzten Minister, den +Eindruck der Lektüre von Barbusse’ #l’enfer,# die Verabschiedung einer +unverschämt gewordenen Zofe, alles leicht, pointiert, schmiegsam. Sie +ließ die Stimme spielen. Sie erfuhr es wie eine Botschaft, daß die +Stimme noch ihre sinnliche Magie besaß. + +Zuerst dünkte ihm, er hätte die Stimme nie gehört. Jetzt erkannte er sie +wieder. Der Klang; diese Pausen, diese Einschiebsel, diese Raschheit, +diese Belebtheit. Er war zu schwerfällig, im gleichen Tempo mitzugehen; +er blieb gewöhnlich im Erwägen und Verstehen um einen Schritt zurück, +auch um zwei oder drei; manchmal wartete sie gutmütig, bis er +nachgekommen war, manchmal auch nicht, dann ergötzte sie seine +Verwirrung und sein galanter Eifer. Es bereitete ihr Genugtuung, ihn +völlig ahnungslos zu wissen über die Absichten, die sie verfolgte, ihn +raten zu lassen, im Kreis herumzulocken und durch Kapriolen zu +beunruhigen. Zuweilen zuckten ihre Lippen in verhaltenem Mutwillen, aber +hinter dem Mutwillen war Traurigkeit, und das gab dem Ausdruck Reiz und +Wechsel. + +Ohne Übergang sagte sie plötzlich: »Es ist keine üble Idee von Francine, +dich zu Rienburgs auf Werbung zu schicken. Ich bin ganz einverstanden +damit. Der Versuch vor sechs Jahren mit Sebastiane ist ja im Anlauf +steckengeblieben, und du hast dir nichts vergeben und nichts verdorben. +Wie alle früheren Heiratsprojekte verfehlt waren, so auch dies. +Sebastiane wäre nicht die richtige gewesen. Pauline ist vielleicht die +richtige.« + +Sie sah mit lächelnd-gleitendem Blick an ihm herab, der betreten vor +sich hinschaute, und fuhr fort: »Ich kenne ja die Familie gut, wie du +weißt. Lix war eine Zeitlang in mich verliebt, war hinter mir her wie +mein Schatten, und ich half ihr bei ihrer etwas verstiegenen +Korrespondenz. In der unglücklichen Ehe mit Heinrich Lerchenfeld ist sie +dann Theosophin geworden, was ein jämmerlicher Trost für eine elegante +junge Frau ist. Ich sage, Pauline ist vielleicht die rechte, weil wir ja +noch die kleine Aglaia haben, und es wäre immerhin zu bedenken, ob sie +nicht vorzuziehen ist. Ich habe neulich mit Georg Ulrich Castellani +darüber gesprochen; nur um ihn auszuholen, denn er ist ja gescheit wie +der Tag, und weil er viel mit Rienburgs zusammen ist; er wird auch mit +dir zugleich dort sein, wie ich dir im Vertrauen mitteilen kann. Leider +ist der Altersunterschied zwischen dir und Aglaia etwas zu groß; +zweiundzwanzig Jahre, das ist fast unmoralisch. Außerdem ist sie ein +Wildfang; du würdest Mühe mit ihr haben. Geht denn das? Kannst du Mühe +aufwenden? eine Widerspenstige zähmen? Das ist nichts für dich. Pauline +ist die stillere; ein wenig melusinenhaft; das hast du ja gern. Sie gibt +Rätsel auf, aber die Rätsel sind leicht zu raten. Sie hält sie freilich +für unlösbar; das ist nur eine Chance mehr für dich; es beschäftigt sie. +Du brauchst eine Frau, die dich restlos anbetet; ich meine nicht +adoriert; adorieren ist zu glatt und zu seicht; nein, geradezu anbetet, +in Staunen verloren. Und nicht etwa aus Stupidität, sondern aus +Phantasie. Heiratest du eine Person ohne Phantasie, so läufst du Gefahr, +daß sie sich und dich nach drei Wochen zu Tode langweilt. Oder sie +stellt Ansprüche, und das würde dich deine Nerven kosten. In deine +Hintergründe ist schwer zu dringen; es braucht dazu ein bißchen Geist +und viel Geduld. Stifte nur keine Verwirrung. Verliebe dich nicht in +beide zugleich, oder mach dir nicht selber Opposition, indem du eine +gegen die andere ausspielst und dann bei allen zweien verspielst. Sei +kühl, aber sträube dich auch nicht gegen eine ehrliche Neigung; halt +dein Herz nicht zu fest und laß deine Augen nicht zu gierig sein.« + +Erasmus hatte sein spleeniges Lächeln, als er zögernd erwiderte: »Deine +Fürsorge ist wirklich bezaubernd, Mariette. Leider ist sie nicht +genügend motiviert. Ich leugne nicht, daß die Verbindung mit Rienburgs +ihre Vorteile hat, aber du weißt doch, du sagst es selbst, wie wenig ich +mich für die Ehe eigne. Leuchtet mir auch das Nützliche und Förderliche +ein, wenn es dann ums Ja oder Nein geht, scheint es mir vollkommen +töricht, daß ich ja oder nein sagen soll. Warum rücken einem die Leute +so nah mit ihrem Verlangen nach dem Ja oder Nein? Es ist lästig, sich +entscheiden zu müssen. Ich will mich nicht entscheiden.« + +»Du willst dich nicht entscheiden,« wiederholte Marietta leise, mit +einem unhörbar bittern Unterton; »das begreife ich. Du willst, daß für +dich entschieden wird, und möglichst zu deiner Bequemlichkeit. Du rührst +nicht hin; alles soll sein wie Blumen unter Glas. Du kannst aber nicht +außerhalb von Ja und Nein leben. Hast du noch nie darüber nachgedacht, +was für ein mörderisches Ding das Vielleicht ist, und was für ein +unredliches das Nochnicht? Du eignest dich für die Ehe nicht mehr und +nicht minder als jeder verwöhnte und egoistische Mann in deinen Jahren. +Man darf sich nicht kostbarer fühlen als die Welt einen wertet, sonst +wird man gleich ein bißchen lächerlich. Was riskierst du? Höchstens, +eine Frau unglücklich zu machen. Fällt das so schwer ins Gewicht? Ist es +so verführerisch, als bisweilen eingeladener, bisweilen übergangener, +mäßig interessanter Sonderling in einer öden Wohnung zu hausen, mit +Köchinnen, die rappelköpfig sind, und Dienern, die einem die Wäsche +auftragen und die Zigaretten stehlen? Weshalb die Skrupel? Worauf +wartest du?« + +Mit einer Betroffenheit, die seinem Gesicht einen kargen und betrübten +Ausdruck verlieh, antwortete Erasmus: »Keineswegs konnte ich darauf +gefaßt sein, gerade in dir einen so eifrigen Anwalt für meine +Verheiratung zu finden. Es ist mir neu –« + +Marietta wandte sich ihm mit großem Blick zu. »Ja, siehst du, Lieber,« +sagte sie langsam und freundlich, »ich muß nun auch daran denken, mein +Leben unter Dach und Fach zu bringen. Für so naiv wirst du mich doch +nicht halten, daß ich dir aus reiner Selbstlosigkeit zurede. Als ich +ein Kind war, hing zu Hause ein Bild; die Verlassene hieß es. Diese Dame +blickt von einem Felsen an der Küste sehnsüchtig aufs Meer hinaus; es +standen auch die Worte kummervoll und tränenleer darauf. Ich konnte das +Bild nie anschauen, ohne mich über die dumme Gans zu ärgern. Daß ich +solche tragische Figur abgebe, wirst du mir doch nicht zumuten. +Kummervoll und tränenleer; nein, ich danke. Ich bin für Erledigungen.« + +»Ich verstehe nicht,« murmelte Erasmus, »wir sind jedesmal +übereingekommen –« + +»Laß das, bitte,« unterbrach sie ihn scharf und hob den Kopf ein wenig. +Ihre Augen schimmerten wie dunkle Opale. + +»Aber wie meinst du das: dein Leben unter Dach und Fach bringen?« + +»Sehr einfach: ich will heiraten; ich auch.« + +Erasmus staunte starr, mit eckig emporgezogenen Brauen. »Heiraten? Du? +Wen denn, um Gotteswillen?« + +Die Anrufung Gottes und die zwei bestürzten Zirkumflexe auf seiner Stirn +brachten Marietta zum Lachen. Er zuckte zusammen. Er liebte dieses +Lachen an ihr, das den Mund einer aufgeschnittenen Frucht ähnlich machte +und sie zwanzigjährig erscheinen ließ. Es enthielt Erinnerung an Reiz +und Liebkosung, Halbvergessenes, Halbentschwundenes, Unvergeßbares, +heimlichstes Wunder des Geschlechts. Innere Unruhe zwang ihn äußerlich +zur Unbeweglichkeit; er schaute sie an wie eine Frau, der man zum +erstenmal begegnet, von der man aber berückende Wissenschaft hat. + +Es war ein vollendeter, trivialer kleiner Roman. Das Triviale daran bot +die Gewähr; von den Finessen war sie satt. Als sie im Sommer mit Helene +Gravenreuth in Bern gewesen, habe sie einen jungen Holländer +kennengelernt, reich, luxuriös, durch und durch lebendig, mit +exzellenten Manieren, und dieser Holländer nun, den Namen bitte sie +vorläufig verschweigen zu dürfen, habe sich mit äußerster +Entschlossenheit in sie verliebt. Sie sei ihm nicht gerade +entgegengekommen, habe ihn aber auch nicht entmutigt, und als sie mit +Helene nach Pontresina gefahren, sei er eines Tages dort erschienen, man +habe gemeinsame Ausflüge gemacht, Bridgepartien arrangiert, und so +weiter, wie es eben zu gehen pflege. Dann sei man abgereist, er habe ihr +geschrieben, an Helene geschrieben, immer stürmischer, immer offener, +und jetzt habe ihn Helene nach Gravenreuth zu Gast gebeten, nachdem sie +vorher bei ihr angefragt, ob sie gleichfalls kommen wolle. Er sei +wahrscheinlich schon dort; sie werde übermorgen von Eichfurth aus +hinfahren. Da Gravenreuth und Rienburg nicht viel mehr als zwei +Wegstunden auseinander lägen, sei es eine reizende Fügung, meinte sie +zum Schluß ihres Berichts, daß sie sich über den Fortgang der +beiderseitigen Verlobungs- und Versorgungsaktionen jeden Tag +kameradschaftlich aussprechen könnten, wenn sie Lust dazu verspüren +sollten. + +Ja, es sei merkwürdig, gab Erasmus zu. Dann schwieg er. Marietta schwieg +ebenfalls. Sie ließ ihre Fußspitze kreisen, und Erasmus sah dem Spiel +des Fußes zu. Sie blickte an die Decke, und ihre vollen, +leidenschaftlich gewölbten Lippen öffneten sich zu einem schimmernden +Spalt. Auf einmal sprang sie auf und ging im Zimmer umher. Ging ohne +Hast, wie nach einem vorgefaßten Rhythmus, und ihre Gestalt hob sich +wiegend ab von überlegt gestimmtem Hintergrund. Mit lässiger Hand +berührte sie bald eine Vase, bald ein Stück Stoff, ohne die Hand zu +heben, im Gleiten nur. + +Er kannte genau die Art, wie sie beim Gehen den Fuß aufsetzte, bewußt, +ihn leicht und kräftig aufzusetzen, so daß die Gelenke entlastet wurden +und die Hüfte nur unmerklich zitterte. Der straff gehaltene Oberkörper +folgte der Bewegung nur insoweit, als er dadurch nichts an Maß, aber +auch nichts an Freiheit verlor. Es war ein bedachtes und gefeiltes +Schreiten. Sie schritt, als schmecke ihr das Gehen, als trüge sie sich +in eigentümlicher Weise selber. Jede Veränderung einer Linie an ihrem +Körper umschloß den Keim zu einer Gebärde, die er kannte und die ihm +vertraut war seit vielen Jahren. Viele seiner Stunden kamen wieder, +während sie so ging und schöne Gegenstände an rührte, viele seiner +Gedanken, Wunsch und Erfüllung. + +»Und du? Du liebst ihn?« fragte er scheu. + +»Bah, Liebe,« antwortete sie; »es geht nicht um Liebe. Es geht um Halt, +es geht um Dauer. Ich bin manchmal müde, weißt du. Es ist so gut, bei +einem zu ruhen. Davon zu träumen, ist schon gut. Wir sind alle ein wenig +an die letzten Barrièren gehetzt, nicht bloß ich und du. Aufatmen, +ausatmen, o!« Sie blieb stehn und schaute zu einem Bild an der Wand +empor, ohne es zu sehen. »Was ich tue, ist mir klar,« fuhr sie mit +tiefsonorer Stimme fort, in der sich Blut und Natur verriet; »wenn man +mit meinen Erfahrungen eine neue Ehe schließt, gibt es keine Illusionen +mehr. Mit achtzehn Jahren ist es ein Sprung in die Finsternis; ich habe +ihn getan. Kommt man mit halbwegs heilen Gliedern davon, so hat man +höchstens gelernt, daß man einen langen Löffel haben muß, um mit dem +Teufel eine Mahlzeit zu halten, aber das Abenteuer lockt, und der süße +Tag verspricht. Wir sind leichtgläubige Geschöpfe. Heute ... ich will +froh sein, wenn der, dem ich mich überlasse, mir mit der Achtung +begegnet, die eine anständig erworbene Invalidität verdient.« + +Erasmus sagte: »Wir haben manches zusammen erlebt, in langer Zeit, und +daß es zu Ende sein soll, kann ich mir nicht vorstellen.« + +»Sonderbar, daß du mir nie und durch nichts fremder wirst, aber auch nie +und durch nichts vertrauter,« sagte Marietta, indem sie sich auf den +Rundstuhl vor dem Flügel setzte und den Deckel öffnete; »du warst +eigentlich immer der, der kommt und der, der geht; nie der, der bleibt. +Du kannst nicht Aug in Auge sein. Du fürchtest den Blick, der dich +fordert. Warum nur?« Sie schlug ein paar Akkorde an, sehr leise, und +sprach weiter: »Wir haben manches zusammen erlebt, gewiß; doch nicht so +zusammen, wie du glaubst,« sie neigte das Haupt tiefer; »oft in unsern +schönsten Zeiten, und es waren schöne Zeiten, ich will nicht undankbar +sein, hatte ich das Gefühl: du hast ihn sich selber gestohlen, und er +trägt dir den Diebstahl nach. Ja, er hadert, sagte ich mir, er sammelt +Ressentiments, und eines Tags wird er mit der großen Liste kommen und +abrechnen. Da ists doch vielleicht besser, vorher ein Ende zu machen; +meinst du nicht?« + +Erasmus erhob sich und wollte zu ihr hin. Sie streckte abwehrend die +Arme aus. + + * * * * * + +Vierundzwanzig Stunden später war Erasmus in entlegener Welt, ein +Hinbefohlener, um Glück zu suchen. Die Freude, mit der er aufgenommen +wurde, bedrückte ihn, da er das Programm zu spüren glaubte, und er gab +sich spröder noch, als ihm zu Sinn war; doch nicht lange. Die arglosen +Gespräche schlossen ihn auf, die unbefangene Nähe der heitern Frauen. An +viel Gemeinsames konnte angeknüpft werden. Der leichte Zwang zur +Geselligkeit überschritt liebenswürdige Formen nicht, der Tag teilte +sich natürlich ein, die kleinen Pflichten fielen nicht lästig. Am Abend +versammelten sich alle in dem entzückenden Speisesaal im +Mariatheresiastil; das Souper hatte festliches Gepräge. Auf der Tafel +und auf sechs Konsolen brannten Kerzen in silbernen Kandelabern. Die +Gräfin nahm ihre Vorliebe für Kerzenlicht zum Anlaß einer Philippika +gegen die Zudringlichkeit moderner Beleuchtung, die delikate Farben +wirkungslos und zarthäutige Frauen schlecht aussehend mache. Graf +Castellani, mit seiner Meinung stets zu ihren Diensten, stimmte ihr bei, +Hofmann, der er war. + +Am andern Morgen sagte er zu Erasmus, als sie nach dem Frühstück durch +den Park gingen: »Die gute Gräfin denkt, wenn sie fünfundzwanzig Kerzen +brennen läßt, hat sie schon achtzehntes Jahrhundert im Hause. Als ob +achtzehntes Jahrhundert bloß ein niedlicher Illuminationsscherz wäre. +Heute sind alle so. Leere Prätensionen. Eine herzlich angenehme Frau, +aber ohne Tournüre. Viel guter Wille; der Zuschnitt pitoyabel.« + +Georg Ulrich Castellani war etwas vereinsamt hier. Er machte sich nichts +aus Frauen. Als Mitglieder der Gesellschaft und vernunftbegabte +Individuen konnte er sie im zureichenden Fall achten, im unzureichenden +verbarg er die Geringschätzung hinter seiner ziselierten Artigkeit; als +Geschlechtswesen waren sie nicht vorhanden für ihn. Er hatte sich darauf +eingerichtet, den ganzen Winter auf dem Gut zu bleiben; er empfand sich, +in historischer Weise, durchaus als Emigrant. Er war der nächste Freund +des gefallenen Dettingen gewesen; Sebastiane begegnete ihm mit scheuer +Verehrung. Es hieß, er benutze die ländliche Muße zur Niederschrift +seiner Memoiren, die Hauptbeschäftigung der großen Aristokraten nach dem +Herbst des Jahres 18; in ihm war sicherlich Überfülle des Stoffes, da +er, obwohl erst sechsundvierzig, in alle bedeutenden Welthändel von +Algeciras bis Brest-Litowsk tätig eingegriffen hatte. + +Polyxene sagte zur Erasmus: »Man erfährt durch ihn Dinge, die in keinem +Buch zu lesen sind. Wenn er spricht, ist er unwiderstehlich; wenn er +schweigt, ist etwas Schauerliches um ihn. Er hat die Aura des +Verhängnisses.« + +Erasmus, belehrungsdurstig, wollte wissen, was das sei, die Aura des +Verhängnisses. Sie belehrte ihn gern. + +Aglaia wagte es, Georg Ulrich zu verspotten, als sie mit Erasmus über +ihn sprach. Sie ahmte nach, wie er schamhaft die langwimprigen Lider +senkte, sobald er einen seiner vergifteten Redepfeile abschoß. Sie +erzählte, daß er in Paris eines Tages seinen Diener auf die Straße +geschickt habe, damit er einen Kommissionär heraufhole; als dieser vor +ihm stand, habe er bloß gefragt, wo der nächste Friseurladen sei und ihn +nach geschehener Auskunft gnädig entlohnt. + +Keine der Frauen ließ Erasmus merken, daß sein Besuch einem Zweck gelte; +keine schien davon zu wissen. Infolgedessen gewann er Freiheit und faßte +den Zweck selber ins Auge. Nicht so sehr mit dem nüchternen Gedanken, +sich zu binden, als vielmehr mit dem schmeichelnden, zu erobern. Aber +hier fing schon die Mißlichkeit an. Da vier anmutige und besondere +Geschöpfe ihre Lockfäden um ihn spannen, vergaß er, daß mindestens zwei +von ihnen seiner Wahl nicht anheimgestellt waren. Aber sein Wunsch im +allgemeinen wurde rege. Wohl wußte er, daß das gefährlich war und daß es +ihn aus der Bahn des Ersprießlichen lockte; aber er ließ es geschehen, +daß das Nützliche zurücktrat gegen das Wohlige, und indem er sich der +ihm auferlegten Vorschrift leichtsinnig entschlug, wuchsen Mut und +Unternehmungsgeist in ihm. Es war so läßlich betäubend, das alles, so +von der Zeit entfernt, in der Mischung von Spiel und Ernst seiner Art +gemäß, und es entfalteten sich deshalb auch die anziehendsten Seiten +seiner Natur. + +Kaum aber wurden die fünf Damen, die ja im Grunde fünf Verschworene +waren, seiner Empfänglichkeit inne, so trugen sie Sorge, daß die +günstige Entwicklung tunlich gefördert werde. Jedoch sehr heimlich; von +einer Unterredung zwischen zweien oder dreien oder im Plenum blieb auf +keinem Gesicht eine Spur haften. Sie wußten zu genau, daß eine +Unvorsichtigkeit viel verderben konnte. Pauline verhielt sich bei den +Beratungen passiv, wurde auch nur hinzugezogen, wenn es sich darum +handelte, ihr notwendige Verhaltungsmaßregeln einzuschärfen oder sie +wegen begangener Ungeschicklichkeiten zur Rede zu stellen. Aber um ihr +behilflich zu sein, mußten sich alle einem gewissen Plan fügen, der +darin bestand, Pauline vorzuschieben und sie der Gelegenheiten möglichst +wenig zu berauben. + +Das klang in der Theorie selbstverständlich und schien ohne weiteres +befolgbar. In der Praxis war dabei mit der Gegenpartei zu rechnen. Zum +Beispiel fand es Polyxene beschwerlich, daß sie auf die Gesellschaft von +Erasmus verzichten solle, sobald Pauline am Horizont sichtbar wurde. Sie +sagte, ein wenig beleidigend, sie sei froh, sich mit einem vernünftigen +Menschen unterhalten zu können; ihm auszuweichen, wenn er sie suche, +dazu erblicke sie keinen Anlaß. Sebastiane wieder erklärte es unter +ihrer Würde, daß sie Vorschub leisten solle, wo es doch nicht einmal +feststehe, ob eine sympathische Beziehung vorhanden und ob Erasmus +gewillt sei, sich mit Pauline soviel zu beschäftigen, wie man annehme. +Aber ehe Erasmus gekommen war, hatte sie sich am eifrigsten für den +Heiratsplan eingesetzt und der jüngeren Schwester vortreffliche +Ratschläge gegeben. Pauline selbst hatte sich am meisten über Aglaia zu +beklagen, die sich, wie sie äußerte, in jedes Gespräch dränge, sich mit +ihrer agassanten Koketterie lästig mache und es anscheinend nicht +ertragen könne, wenn man sie fünf Minuten lang unbeachtet ließ. Aglaia +lachte zu den Anschuldigungen und antwortete schnippisch, jeder könne +sich sein Vergnügen verschaffen, wo er wolle, und wem sie im Wege sei, +der möge ihr den Rang ablaufen, das Aschenbrödel abzugeben, habe sie +keine Lust. Die Gräfin beschwichtigte die erregten Gemüter, appellierte +an Polyxenes Stolz, an Sebastianes Vernunft, an Aglaias gutes Herz, doch +dauerhaft war der Frieden nicht, den sie mit Aufwand vieler Worte +stiftete. + +Erasmus ahnte nichts von den Streitigkeiten, deren Ursache er war und +denen er in fühlloser Unschuld täglich neue Nahrung gab. Er überließ +sich dem Antrieb und der Stunde, der augenblicklichen Neigung und +Verführung, nahm, was ihm entgegengebracht wurde und forschte nicht, was +hinter den Wänden vorging und sich hinter den klaren Stirnen verbarg. + +Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die über ihr Wesen gebreitet +war. Sie hatte den überschmalen Kopf der untergehenden Familien, auch +Schultern und Hände waren überschmal. Sie ging, wie die Engländerinnen +gehen, mit dem vollaufgesetzten Fuß und etwas rückenden Schenkeln. In +den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe, welche sinnliche +Unruhe erzeugt; die Nasenflügel witterten beständig wie bei einem +äugenden Wild. Sie sprach mit Bitterkeit von ihrem zerstörten Leben und +andeutend von den Tröstungen astraler Wissenschaft. Erasmus hörte +gewinnend aufmerksam zu; seine spärlichen Einwürfe galten mehr ihrem +Blick, ihrem Mund, ihrem Hals, ihrer dunklen Stimme, dem stummen +Fieberhaften, verheißend Glühenden ihres Innern als ihrer Rede. + +Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die Blasse, mit dem +winzigen Haupt und der graziösen Haltung, die so ausgeglichen war; und +klug; und ein bißchen trocken und mißtrauisch. Er hatte sie für +temperamentlos gehalten, bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen +aus dem Dorf zugelaufenen großen Hund, der ihren Buley angefallen und +sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit an der Schnauze packte, +mit der andern Hand beim Hinterlauf, und als es ihr gelungen war, ihn +wegzureißen und zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er führte sie zum +Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war schweigsam. Er +bedauerte plötzlich seine Flucht vor sechs Jahren, und sie spürte, daß +etwas dergleichen in ihm vorging, denn sie lächelte verstohlen in ihrem +nachstürmenden Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles weiß und +verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als Mutter war sie ihm +unnahbarer als ihre Schwestern. Sie hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein +vierjähriges; die standen neben ihr wie Wächter; und unerklärlich, um +die Kinder beneidete sie Erasmus, als wäre er selbst eine Frau, eine +unfruchtbare, im Widerpart zur beglückten, und sie schien ihm höher +dadurch und reiner, geborgener jedenfalls und den Begierden entrückter. + +Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mit jungen Mädchen +gemacht; man kam mit ihnen ermüdend oft auf einen toten Punkt und ließ +sich aus Kümmernis der Langeweile, aus Gutmütigkeit oder auch aus +Bosheit zu einem törichten und übereilten Wort hinreißen, in dem man +dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit, keine Unbefangenheit, +kein Maß, nur die plumpeste Zielstrebigkeit und Fallschwere. Warum fiel +ihm so häufig der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mußte lachen; +was war denn das, ein Nebelhuhn? + +Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen. Man hatte ihn +vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson. Ein hervorstechender Zug +seines Charakters war, daß er einem fremden Willensdiktat gegenüber in +die Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte man ihm einen +Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum Stumpfsinn davon eingenommen, was +nicht hinderte, daß er ihn schließlich unausgeführt ließ; nur mußte er +zuerst beschließen, ihn nicht auszuführen, dann war alles im Geleise. + +Hier war er unschlüssig; bald gefangen, bald abgestoßen; bald neugierig, +bald argwöhnisch. Komtesse Pauline hatte üppig entwickelte Formen, im +Gesicht etwas Porzellanhaftes, Augen von fast unpassender +Durchsichtigkeit. Sie war bedächtig, meist in sich verloren. Wenn er mit +ihr sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare dufteten +wie eine frische Weizengarbe. Sie war verspätet; die beklommene +Lässigkeit des ersten Erwachens war noch in ihr, oder jetzt erst. Sie +ging jede Woche zur Beichte, und in ihrem Zimmer stand ein kleiner +Hausaltar, vor dem sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald darüber +im Klaren zu sein, daß sie mit ihrem vollen, unenttäuschten jungen +Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheit für ihn. Es war +zu plan und zu ernsthaft; eh man sich recht besann, war man in der +Schlinge. Er legte sich auf die Lauer und spähte auf den belagerten Weg. +Vor Überfällen hatte er heillose Angst. Doch ließ er sich dann wieder +anlocken und einlullen von dem schwebenden, fragenden, zwingenden Gefühl +und flüchtete in der Not etwa zu der schlüpfrigen Eidechse Aglaia. + +Deren Siebzehnjährigkeit war wie eine sprudelnde Fontäne, lärmend und +erfrischend, ein unhemmbares Quellen. Sie gehörte zu denen, die schon +als Kind alles sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin, +Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles Böse. Sie sagte +Dinge, die einen abgebrühten Lebemann zum Erröten brachten und hegte +noch die zärtlichsten Empfindungen für ihre Puppen. Sie war ruhelos, +naschhaft, ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte, +spielte aus Lebensüberschuß Komödie, hatte bisweilen Gesten und +Bewegungen wie die wilden Negerinnen der Tropen, die an Nacktheit +gewöhnt sind, weinte und lachte über ein Nichts und war der Despot im +Hause. Erasmus ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie +verabredet. + +An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus im oberen +Korridor. Sie sagte zu ihm: »Wenn Sie mit mir kommen, will ich Ihnen +etwas zeigen.« Sie hatte von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit +gehabt, der den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem +übrigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft mit Erasmus +verkehrten. Sie führte ihn durch ein paar unbewohnte Räume in den +Ahnensaal, dessen Wände von Gemälden bedeckt waren, deutete auf das Bild +einer kühnblickenden, reichgeschmückten Dame und sagte: »Das ist meine +Ur-Urgroßmutter, der ich ähnlich sehen soll, eine Polin. Es heißt, daß +sie mehr als ein Dutzend Liebhaber gehabt hat, und so viele Abenteuer +außerdem, daß Ludwig der Fünfzehnte manchmal den russischen Gesandten +gefragt haben soll: was gibt es Neues von der Fürstin Barbara +Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie den Aufständischen +vorangeritten und von der ersten Kugel ins Herz getroffen worden. So muß +eine Edeldame leben, und so muß sie sterben, finden Sie nicht?« + +Dieses »Edeldame,« wie sie es sagte, hatte Gesang. + +Erasmus hielt es für gut, sich in seiner Antwort weise zu beschränken. +Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt, als daß es als Ideal +aufgestellt werden könnte, zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber +anlange; auch gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten +ungebührlich zu übertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er +beurteilen könne, nicht so expansiv, auch werte man die Frauen nach +einem andern Maßstab. Es gehe alles in die Enge, und man werde Mühe +haben, man werde froh sein, sich in der Enge zu behaupten. + +Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugehört und ihn mit funkelnden Augen erst +unwillig, dann schalkhaft von oben bis unten gemustert hatte, rief sie +aus: »Erasmus, die Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgroßmutter +Barbara der Angstschweiß ausbricht.« + +Er schaute etwas blöde hin und schüttelte ärgerlich den Kopf. Hierauf +sah er das Mädchen an, das auf Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen +Unverschämtheit vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam +das Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er näherte sich ihr, +und Aglaia lachte. Sie verschränkte die Hände im Nacken und straffte +sich. Er warf einen hastigen Blick nach der Tür und küßte sie rasch auf +den Mund. Sie schloß eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch +viel leiser, und lief davon. + + * * * * * + +Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen erlaubt, durch +stille Vereinbarung zugestanden, und man erwartete es sogar. Vor der +wich er feig zurück, aber ohne sich zu entziehen und ohne zu verzichten. +Die andern waren ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter +allen Vieren richtete er Verwirrung an. + +Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verführer. Er war voller Gewissen +und Rechtschaffenheit. Er verführte durch seine Weise, zu sein, die +keine ränkevolle und unternehmende Weise war, noch weniger eine +lasterhafte, nur eine biegsame und empfängliche. Er verführte durch +Verführbarkeit; weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam +wandelten; weil er der ergebenste Zuhörer war und der bereitwilligste +Beistimmer; weil er mit der Miene des Kameraden und Freundes halb +schüchterne, halb kühne Versprechungen gab, die nichts mehr mit +Kameradschaft und Freundschaft gemein hatten; weil er das besaß, was Lix +Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen nannte. + +Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht geheuer zumut. Er +hatte sich zu vieler Vorstellungen zu erwehren; zu vieles mischte sich +an Bild und Lockung. Es hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu lösen +und dem nächsten sich hinzugeben. Es beschäftigte, die Gebiete +abzugrenzen, die Worte zu wägen, die übernommenen Verbindlichkeiten +nicht zu verwechseln. Beziehungen knüpften sich ins Unentwirrbare. Eine +geflüsterte Frage verstrickte; Tausch von Blicken enthüllte ein +Komplott; Lächeln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt, +körperliche Nähe voll Heimlichkeit; die Gebärde wurde zur Verräterin; +jedes Augenpaar bewachte ein anderes, haßte die Huldigung, den Glanz, +den Wetteifer des andern, und er mußte darauf bedacht sein, zu glätten +und vor allem, daß in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand. + +Sebastiane beugte sich über ihn mit einer gefüllten Fruchtschale; alle +konnten zusehen; man war bei Tisch. Unhörbarer Alarm dennoch: mußte sie +so dicht an ihn heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter +ihrer bloßen Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst, der nach +vollkommener Reinheit lechzt. Er wußte nicht, wo er einmal das Wort +vernommen: junge Witwenschaft ist ein Bad. + +Aglaias Kuß hatte ihn lüstern gemacht. Er träumte von ihren kostbar +dünnen Gelenken. Der Ausspruch der Frühentschlossenen wollte ihm nicht +aus dem Sinn: ich werde mich niemals verkaufen, ich werde mich +verschenken. Und ihre Augen, dünkte ihn, hatten hinzugefügt: heute +nacht, wenn du willst. + +Mit Polyxene saß er am Kaminfeuer im Salon, und sie las ihm mit +sehnsüchtiger Stimme aus einem Buch über Metempsychose vor. Sein Blick +hing an ihren Händen, die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt +umdrehte, glaubte er die elfenbeinkühlen Finger knisternd an seiner Haut +zu spüren. Er erzählte von einer Begegnung und einem Gespräch mit einem +Brahmanen in Benares, und sie lauschte mit geneigtem Kopf, während +Reflexe des Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und lächelte eigen +zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten und was sie +sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht. + +Mit Pauline ging er am Fluß entlang; plötzlich gewahrten sie im Gebüsch +neben dem Weg ein umschlungenes Paar, schamlos, blind und taub. Es war +außerordentlich peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte +weiter verließ sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr +gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand sie abzulenken, +und indem er redete, schien ihm, daß sie sich vertrauensvoll an ihn +drängte, unbewußt, wie ein junges Tier. Da erschrak er und wurde +ängstlich; nahm seine Worte in acht, fühlte sich als Sünder und geriet +doch ins Netz. + +In einer Stimmung zwischen Selbstvorwürfen und Überschwang setzte er +sich in der Nacht hin, um an Marietta zu schreiben. Es wurde nichts +daraus. Er fing dreimal an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal, +weil er inne wurde, daß er in seinen Eröffnungen zu weit ging; einmal, +weil er mit Erstaunen bemerkte, daß er ihr eifersüchtige Vorhaltungen +machte und einen Zustand seines Innern schilderte, von dem er erst +erfuhr, als er ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und +vollständig unzusammenhängende Epistel entstand, die wohl seine +Verfassung am getreuesten, aber auch am unerquicklichsten malte. Da ging +er unzufrieden zu Bett, und um einschlafen zu können, zählte er von eins +bis tausend und in die graue Unendlichkeit weiter. + +Am andern Tag traf ein Telegramm von Ferry Sponeck ein, welches lautete: +Komme morgen mit meinem Freund Eugen Sparre. Nun wußte jedoch niemand, +weder die Gräfin, noch eine der Töchter, wer Eugen Sparre war; sie +wunderten sich und rieten hin und her. Erst Georg Ulrich Castellani +konnte sie aufklären, als beim Mittagessen davon gesprochen wurde. Er +lachte unter seinem gewölbten Schnurrbart, der den Mund wie ein +schwarzseidener Vorhang bedeckte, und sagte: »Sparre, ach ja, ich +erinnere mich, Ferry hat mir von ihm erzählt. Er ist ein junger +Mediziner oder angehender Arzt, der in einem herausfordernden Gegensatz +zur gesamten bisherigen Wissenschaft steht und seine eigenen, ich weiß +nicht ob bewährten oder fragwürdigen, wahrscheinlich aber fragwürdigen +Methoden verfolgt. Ferry hat ein unsinniges Penchant für ihn, seit er im +Sommer an einer Neuralgie gelitten und ihn dieser, wie war der Name? +Sparre? und ihn dieser Sparre, wie er Stein und Bein schwört, +vollständig geheilt hat. Man muß Ferry seine kleinen Bêtisen nachsehen. +Manchmal greift er über sein Ressort, aber es ist harmlos. Das Harmlose +kränkt einen nicht.« + +Die Damen zeigten Interesse für den unbekannten Sparre; Aglaia sagte, +vielleicht habe er auch für die Pferdekuren etwas Neues erfunden; der +Falb fresse seit gestern nicht, und sie wolle Herrn Sparre um eine +Ordination bitten. Worauf die Gräfin verweisend bemerkte, man habe +schaffenden Menschen mit Respekt zu begegnen; daß einer Sparre heiße, +sei noch kein Grund, sich über ihn lustig zu machen, im übrigen sei ja +Ferry Sponeck alt genug, um zu wissen, wen er zu seinen Freunden bringen +dürfe. + +Während des Nachtischs kam der Verwalter und berichtete über Unruhen, +die in einigen Dörfern der Umgegend ausgebrochen seien. Eine bewaffnete +Bande habe in vergangener Nacht die Försterei des Fürsten Colalto +überfallen. + +Castellanis Gesicht verdüsterte sich, und er sagte: »Bien, man wird +schießen.« + +»Und Sie, Erasmus?« fragte Sebastiane, den Arm um die Schulter ihres +ältesten Mädchens legend, »werden Sie uns verteidigen?« + +Er antwortete: »Ich wollte, ich wäre so beredt, Sie darüber beruhigen zu +können.« + +Die Gräfin und Georg Ulrich Castellani begannen ihre gewohnte Partie +Piquet zu spielen. + + * * * * * + +Das Wunderliche der Paarung von Ferry Sponeck und Eugen Sparre blieb +auch nach der Ankunft der beiden bestehen. Man lernte in diesem Sparre +einen ungefähr sechsundzwanzigjährigen, brünetten, untersetzten, nicht +ohne Sorgfalt gekleideten, äußerst wortkargen Menschen mit +zurückhaltenden Manieren und angenehmen, schauspielerhaft markanten +Zügen kennen, von dem nicht erfindlich war, was ihn an die Person des +Grafen Sponeck fesselte. Ferry Sponecks ihn rühmende Reden ließ er +gleichmütig über sich ergehen und bat die Zuhörer durch einen kühlen +Blick um Entschuldigung, man wußte nicht, ob für sich oder seinen +Gönner. Manchmal hatten diese Lobpreisungen allerdings einen Ton, wie +wenn einer eine Jagdtrophäe oder eine klug erhandelte Antiquität +vorweist; doch hegte Ferry Sponeck wie fast alle ungebildeten und +gutherzigen Aristokraten eine grenzenlose, mit Aberglauben gemengte +Bewunderung für Leute der Wissenschaft. Es hatte den Anschein, als +betrachte er Eugen Sparre als seinen Leibarzt; er richtete alberne +Fragen an ihn, betreffend die Hygiene, die Gefahren der Ansteckung, die +Grundsätze der Prophylaxis und war bemüht, ihn zur Gesprächigkeit zu +ermuntern; dabei blickte er so ergeben zu ihm auf und hing so +ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, daß sein Betragen zum Spott aller +wurde. + +Als die Gräfin mit jener um ein Gran zu nachdrücklichen Herzlichkeit, +mit der man Fremdheit und soziale Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre +ihrer Freude versicherte, ihn bei sich begrüßen zu dürfen, erwiderte er, +er müsse die Verantwortung dafür dem Herrn Grafen aufbürden, der den +Aufenthalt und die Gastlichkeit auf Rienburg so verlockend geschildert +habe, daß er nicht widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht +zu stören, fügte er hinzu, ohne zu merken, daß diese Bescheidenheitsfloskel +eine Grobheit und eine Selbstdemütigung enthielt, er habe eine +angefangene Arbeit mitgenommen, der er den größten Teil des Tages widmen +müsse. + +Seine tiefe Stimme hatte übrigens dieselbe orgelnde Resonnanz wie die +Georg Ulrich Castellanis. + +Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht mit den +beobachtenden Augen sich gegenüber zu haben. Auch die andern fühlten +sich gedrückt, und die Unterhaltung floß spärlich, obschon die Gräfin +beflissen war, sie in heitern Gang zu bringen. Man hatte auch neue +Nachrichten über Plünderungen und Revolten, und was Sponeck von den +Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wußte, war ebenfalls nicht +dazu angetan, die Fröhlichkeit zu erhöhen. Auch unter den vier +Schwestern herrschte gereizte Stimmung; Pauline saß mit gesenkten Lidern +und nippte bloß von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen +aufeinandergepreßt; Polyxene lächelte bisweilen wehmütig-entsagend; nur +Sebastiane schien unberührt, und infolge der über ihre Züge gebreiteten +Klarheit und kräftigen Ruhe war sie die schönste. Nach dem schwarzen +Kaffee ging Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine Frage: ob +es ein Zerwürfnis gegeben hätte? + +Er war umwölkt; in einer heißen Spannung. Diese vier wunderbaren +Gestalten, in einem verzauberten Ring um ihn, stürzten ihn in süße +Verzweiflung. Die ihn rief, der nahte er sich pagenhaft; mit der er +Blick in Blick stand, an die vergab er sich. Er hätte alle vier in eine +schmelzen mögen und die an sich reißen; und doch gelüstete ihn nach den +Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und Dauer und Kunst +und Selbstvergessenheit; sublimiert bis ins Traumgleiche, gesteigert bis +zum Schmerz. Verhieß Lix eine strömende Passion aus lang verschüttet +gewesener Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zärtlichkeit, die +auszudenken war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer +jungfräulichen Seele, erfüllt von beinahe schauerlichen Ahnungen der +Wollust, und Aglaia die hinreißende Bizarrerie einer zugleich spröden +und leidenschaftlichen Natur. Vereinigung quälender Geister; und hinter +ihnen, über ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die Herrin war, +ausgestattet mit heimlicherer und größerer Gewalt des Rufes und der +Mahnung, halb Verlorene, halb Verstoßene. + +»Wir alle sind sehr unvernünftig,« sagte Sebastiane, ohne auf seine +Erkundigung zu antworten. Sie schaute ihn freimütig an und setzte leise +hinzu: »Soll uns nicht warnen, was draußen in der Welt vorgeht? Wir +benehmen uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.« + +Erasmus verfärbte sich und murmelte: »Sie haben vielleicht recht. +Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter geht vorüber. Man denkt, man +muß alles zusammenraffen, was noch da ist an Glück und Genuß. Das #après +nous le deluge# ist früher ein lustiges Wort gewesen, jetzt hat es einen +lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist es ein Verbrechen, so zu denken, +Sie haben recht.« + +»Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was uns unfähig macht, +einander zu helfen,« erwiderte sie mit festem Ton. + +»Also muß man sein Blut und Herz zum Schweigen bringen?« fragte er und +stand hingebungsvoll dienend vor ihr. + +Sie riß eine Azaleenblüte vom Strauch und zerrupfte sie. »Ich glaube, +Sie müssen redlich handeln,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen. Er +nahm ihre feine weiße Hand und preßte seine Lippen darauf, entzückter +als vorher, weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den +dämmerigen Gang näherte sich Aglaia; sie sang mit leiser Stimme und ihre +Augen blitzten vermessen. + +Den Nachmittag über schrieb er Briefe und ließ sich zum Tee +entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die Briefe ins Dorf zu +tragen, begann es heftig zu regnen; er schickte einen der Diener und +blieb in seinem Zimmer. Aus dem untern Stockwerk tönte Klavierspiel, und +zwar sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehört. Es mußte Sparre +sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war etwas Finsteres um den +Namen und um den Mann. Es gab jetzt viele solche, man hatte früher nicht +auf sie geachtet, jetzt nötigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach, +warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und entsann sich, daß er +einstmals in der Mandschurei ein chinesisches Schnitzwerk mit +höhnisch-bösen Zügen gesehen, eine Gottheit des Verderbens, alle Tücke +verhalten, der Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn +Sparre, nun wußte er es, obwohl der Götze abstoßend häßlich gewesen, +dieser dagegen hübsch und wohlgestaltet zu heißen war. Aber etwas war +gemeinsam. + +Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne auf das +Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf er mit Lix zusammen. Sie war +strahlend in ihrem Kleid aus dunkelgrüner Libertyseide und der +Perlenschnur um den Hals. »Schade, daß Sie nicht da waren,« redete sie +ihn an, »er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.« Erasmus lachte im +Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und erwiderte, er liebe +Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre an ihnen vorüber, im Cutaway, +nicht im Smoking wie die übrigen Herren, und verbeugte sich zeremoniös. + +Auf dem mit schwarz und weißen Platten gepflasterten Flur ging Pauline +mit dem Katecheten auf und ab, der zum Abendessen geladen war. Die +Gräfin schien unruhig; sie erzählte Erasmus, der Postmeister sei vor +einer Stunde dagewesen, um mitzuteilen, daß die Telegraphen- und +Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Während sie noch sprach, +trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, und sagte, der Nordhimmel +sei von starker Brandglut überzogen. Alle eilten an die Fenster des +Speisesaals; gesättigter Purpurschein quoll über den Horizont empor. + +Wo mag das Feuer wüten? fragte man einander beklommen. Es wurden die +Dörfer und Landsitze aufgezählt, die in der Richtung lagen. Erasmus +drehte sich hastig um. Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der +Katechet. Sebastiane schüttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth liege +mehr nach links, dem Wald zu, eher könne es der Elmhof sein, dort +befinde sich eine Branntweinbrennerei. Ferry Sponeck erkundigte sich mit +gepreßter Stimme, ob das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft +stellen könne; die Gräfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und dem +Bürgermeister darüber gesprochen; beide seien der Meinung, daß +verläßliche Leute kaum aufzutreiben seien, doch sei vorläufig nichts zu +fürchten. + +Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte, mußten die Fenster +geschlossen werden. Die Gräfin zog Erasmus beiseite. Lächelnd, doch mit +schnell und scharf prüfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gerücht, +welches man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, daß Gräfin Giese +gegenwärtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er davon wisse? Ja, er +wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, es habe sich so gefügt; der +lächelnde Blick der Gräfin verwirrte ihn, er lächelte gleichfalls, +jedoch ohne Freiheit und wollte eine hastige Versicherung geben, aber +die Gräfin ersparte ihm dies feinfühlend, indem sie ihm freundlich +zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann nahm sie seinen +Arm, und man ging zu Tisch. + + * * * * * + +Die allgemeine Laune wurde munterer während des Essens. Die zerstreuten +Gespräche verstummten aber nach und nach, und alle hörten Georg Ulrich +Castellani zu, der heute seinen glänzenden Tag hatte, wie die Gräfin +sagte. + +Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft im Rauchzimmer um +den Kamin niedergelassen hatte, war Castellani zu einem seiner +Lieblingsthemen gelangt, der Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des +Fünften. + +Er sagte: »Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen wie eine dunkle +Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren Vorhang aus Goldbrokat. Es +klingt ja ein wenig ridikül, daß einem ein Autokrat aus dem sechzehnten +Jahrhundert, längst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll +und näher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; aber es ist +so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in solchem Ausmaß von der +Geschichte nicht mehr wiederholte Verkörperung absoluten Herrschertums. +Das sagt sich so: absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es +bedeutet #pur et simple# einen Gipfel der Welt, eine Kulmination der +Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der Hand gegeben hat, war +genau genommen die, in der der Untergangs- und Auflösungsprozeß Europas +begonnen hat. Man ist sich darüber nicht genügend klar. Es ist ja auch +kein Wunder, denn was für horrible Karrikatur haben die bestallten und +die andern Historienschreiber aus ihm gemacht! Einen boshaften +Phlegmatiker; einen reizbaren Kränkling; einen feigen Despoten. In +Wirklichkeit war er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann. +Natürlicherweise; der absolute Herrscher muß vollkommen einsam sein, +anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche Tiefe der Dissimulation! Die +Dissimulation entstand bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der +menschlichen Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. In +seiner Einsamkeit und seiner Höhe erschien ihm alles sehr klein und sehr +wandelbar und sehr relativ; Worte, Verträge, Leidenschaften, Miseren, +Not und Tod, alles sehr illusorisch. Daher auch seine profunde +Menschenverachtung. Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind +Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher auch sein Respekt +vor der Kunst; denn da trat ihm ein Absolutes entgegen gleich ihm +selbst. Wie mysterios er war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort +mit langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser erschloß.) Er +konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, schon als Kind nicht. Da +gibt es eine Anekdote, wie einer der gefangenen Kurfürsten, ich glaube, +der Landgraf von Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund +die Lippen verzieht, so daß es aussah, als ob er lachte, in Wirklichkeit +war ihm ganz anders zumut, und wie dann der Kaiser in seinem +brabantischen Deutsch drohend vor sich hinmurmelt: wart, ick will dir +lacken lehr. Welche tenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich +ging die Sonne nicht unter, und er haßte den Sonnenschein. Ihm war die +größte Machtgewalt verliehen, die je ein Sterblicher besaß, und er +suchte Zuflucht in einem Kloster strengster Observanz. Auch Gott +gegenüber dissimulierte er. Auch Gott war seinem unvergleichlich +mysteriosen Geist nur eine Form. Worüber er am meisten grübelte, war die +Versuchung Christi. Das quälte ihn, das begriff er nicht. Raum und Zeit +waren ihm Gespenster; und das war begründet in den maßlosen Erfüllungen +dieses Lebens, die maßlosen Ekel in ihm erregten. So erklärt sich auch +sein beständiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; und seine +kuriose Liebhaberei für Uhren, die alle, soviel deren auch waren, auf +dem Zifferblatt übereinstimmen mußten. Dissimulation. Freilich, sein +Vater trug ja als Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige +Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die Länder, und damit +sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte sie ein Uhrwerk an die Stelle +des Herzens. Das mußte Einfluß auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische +Umbiegung der Seele von der Majestätisierung in die Mechanisierung, +d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild einer neuen Zeit. Ja, +die Uhr war vielleicht sein Idol und sein Menetekel. Und doch war er der +Bewahrer; Bewahrer des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom +heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn hätte die Kirche längst +aufgehört zu existieren. Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt, +Jahrhunderte lang.« + +»Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen und Marterwerkzeugen,« +ließ sich eine Stimme vernehmen, in der Klangfarbe so wenig +unterschieden von der des Grafen, daß die andern des schneidenden +Widerspruchs zuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet +gewesen, da er, während Georg Ulrich gesprochen, den Blick unauffällig +auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas aus der Reihe gerückt, zwischen +Lix und Ferry Sponeck saß, mit einem spöttisch-düstern Lächeln um den +Mund. Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte ihn +nicht, auch nicht die ängstlich an ihm hängenden Augen Sponecks; kühl +fuhr er fort: »Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt um den Preis +von hunderttausenden verbrannten Ketzern und hunderttausenden +unschuldiger Mädchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; und +um den Preis von hunderttausenden erschlagener und gemordeter Inkas und +Azteken, und von hunderttausenden durch Alkohol und Syphilis im Namen +des Kreuzes vergifteter Indianer;« der Katechet rückte auf seinem Stuhl, +die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung gegen Pauline und Aglaia +hin, wobei letztere den Kopf aufwarf und Sparre neugierig musterte. Aber +der schien es nicht zu bemerken. »Ich will auch gleich sagen,« sprach er +weiter, »daß es eine von den Jesuiten erfundene und böswillig +verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht hat, die Syphilis +sei aus Amerika gekommen. Es geschah wahrscheinlich zur höheren Ehre +Gottes. Sie ist aus dem Orient gekommen, lange bevor die frommen +Straßenräuber Cortez und Pizarro die blühenden Reiche dort drüben in +bluttriefende Wüsteneien verwandelten. Aber wozu das alles,« unterbrach +er sich achselzuckend, »Sie, Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich. +Ich freilich verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch +nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. Im Gegenteil, +sie ist mir die Mutter des Übels, der fluchwürdigen Verschleierungen, +deren sich die großen Herren bedient haben, um ihre kleinen Zwecke +durchzusetzen, des systematischen Volksbetrugs und der politischen +Brunnenvergiftung.« + +Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als wolle er sich der +frostigen Betroffenheit entziehen, die rings um ihn die Gesichter +zeigten. + +»Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos stichhaltig,« +antwortete nach einer Pause Georg Ulrich Castellani mit ausgesuchter +Artigkeit, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und eigentümlich +triumphierend aussah. »Aber ich wollte ja nicht Zustände und Fakten +kritisieren, das steht außer meiner Kompetenz, sondern eine Figur, die +meine Fantasie enflammiert, dem Verständnis näher rücken. Daß eine +gewisse liberale Phraseologie, oder auch eine radikale, wenn Sie wollen, +es läuft im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur gegen +diese Figur in Bewegung setzen muß, gebe ich Ihnen gerne zu. Heutzutage +liegt das auf der Hand und erfordert auch geringen Mut. Blutbäder sind +etwas unendlich Schreckliches; selbstverständlich. Aber sind sie durch +die Volksbeglücker verhindert worden? Haben die Robespierre und die +Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger Blutschuld auf dem +Gewissen als die Dschingischan, die Attila, die Napoleon und Friedrich? +Wir wollen hier doch nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es +geschieht uns weh genug, daß es unserer Welt an großen Herren fehlt, von +großen Männern nicht zu reden. Ein unabwendbarer Prozeß; das Urgestein +ist zerrieben; was übrig bleibt, ist Schlamm und Kot. Wohin führen die +Ausschweifungen des Gefühls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns hält +die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; spielt die Zahl +und die Modalität des Sterbens letzten Endes eine Rolle? Dieser Planet +ist nun einmal ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergnügen darin +finden, die Massengräber zu durchwühlen, so macht es den andern Freude, +vor den ehrwürdigen Monumenten ihre Andacht zu verrichten.« + +»Ich möchte niemanden in dieser Freude stören,« sagte Sparre trocken. + +»In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles sein +konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis mehr für die Menschen,« +fuhr Castellani fort, »Majestät, gesalbte Majestät, das war die oberste +Spitze der Welt, das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der +zufällige Repräsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht darf +ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines meiner Vorfahren +illustrieren; vielleicht kann ich damit unserer Diskussion die Schärfe +nehmen, was den Damen nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte +fast zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig +vergröbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon. +Sonderbarerweise schlägt sie ebenfalls in das von Herrn Sparre so +verpönte Kapitel der Dissimulation. Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am +Hofe Ludwigs des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich, +wurde vom König mit einem Auftrag von höchster Importanz zum Kaiser +Leopold nach Wien geschickt. Er trifft eines späten Abends ein, kleidet +sich um, sendet seinen Jäger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft +melden zu lassen und folgt ihm in kürzester Zeit nach. Man teilt ihm +mit, daß die Majestät ihn erwartet. Man führt ihn durch halbfinstere +Korridore und eine Reihe ganz finsterer Gemächer, vor einer Tür bleibt +der Lakai stehen und heißt ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in +den er tritt, mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze +darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem Tisch, mit dem Rücken +angelehnt, die Arme verschränkt, in nachlässiger Haltung und ziemlich +verdrossen, steht ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der +Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener Kämmerer, in +der Meinung überhaupt, es sei die Antichambre, wo er sich befindet, +fängt an auf und abzuschreiten, wobei seine Gebärden und sein +Mienenspiel schlecht bemeisterte Ungeduld ausdrücken. Der Mann am Tisch +mit den verschränkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein +Aufundabschreiten nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf, +bleibt ernsthaft und vollkommen still. So vergeht eine Viertelstunde, +eine halbe Stunde, endlich wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich +etwas brüsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, ob der +Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. Da antwortet der Mann +ruhig: »Der Kaiser bin ich.« Der Gesandte stürzt wie vom Blitz getroffen +auf die Knie nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von +seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser muß seine Leute rufen, die +ihn laben und wieder zur Besinnung bringen müssen. Das war die Glorie, +die Wirkung des Unbeschreiblichen, das Geheimnis.« + +Sparre lächelte gezwungen. Er antwortete: »Auf die Gefahr, es völlig mit +Ihnen zu verderben, gestehe ich, daß ich da weder Glorie, noch Geheimnis +erblicken kann. Ich sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und +verächtlichen Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit und +den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts von herzlosen, unwissenden, +weltfremden und menschenfeindlichen Drahtpuppen auf dem Thron. Edle +Rassetiere im besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mißbraucht, um +zwischen den Nationen Zwietracht zu säen und dabei ihr Schäfchen ins +Trockene zu bringen, Schmeichler und Dunkelmänner zu hohen Ämtern zu +befördern und redlichen Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der +Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und Lüge –« + +Erasmus erhob sich. »Ich glaube, wir brechen das überflüssige Gespräch +ab,« sagte er scharf. + +»Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale zu reichen,« +wandte sich Castellani mit heiterem Gesicht an ihn. + +»Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor,« sagte die Gräfin +verbindlich. + +Sparre war ebenfalls aufgestanden. »Mich dünkt, dazu fehlt momentan die +nötige Empfänglichkeit, Frau Gräfin,« erwiderte er mit steifer +Verbeugung. + +Die Gräfin drehte sich zu Lix und spottete kaum hörbar: »Gaffen hat er +sich bis jetzt genug geleistet.« + +Ferry Sponeck fuhr sich unglücklich durch die Haare, denn er merkte +endlich, daß etwas nicht stimmte. »Sag mir doch, Mumu,« raunte er +Erasmus zu, »was hat es denn eigentlich gegeben?« + +Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane, die neben Erasmus +stand, horchte auf; dies Geräusch zu dieser Stunde war ungewöhnlich. +Auch die andern lauschten. Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage: +»Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? Offene Rebellion +ist Satans Werk, hab ich dir gesagt. Hast gerade du uns den Satan ins +Haus führen müssen?« + +Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den Stuhl der Gräfin +gestellt und ihr im Herabbeugen ein paar Worte ins Ohr geflüstert. Die +Gräfin sprang mit verändertem, erblaßtem Gesicht empor. Als die Töchter +sie erschrocken umdrängten, sagte sie: »Frau von Gravenreuth ist +angekommen, und ... und Gräfin Giese. Sie sind geflüchtet. Das Schloß +brennt.« + +»Gott sei uns gnädig,« murmelte der Katechet. + +Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach in Tränen aus. +Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte ihn wieder hin. Die Gräfin +stürzte in den Flur. Erasmus, weiß wie Papier im Gesicht, wollte ihr +nach, blieb aber vor der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging +auf und ab und murmelte von Zeit zu Zeit: #»nom de Dieu; nom de Dieu,«# +Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. Sponecks Krawattenschleife +hatte sich gelöst, und er bemühte sich mit verstörten Mienen, sie wieder +zu binden. + + * * * * * + +Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben Uhr war eine Bande +von zwölf Mann in das Schloß gedrungen und hatte Geld und Lebensmittel +verlangt. Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe Geldes und +zwei Säcke Mehl abgeliefert, und sie waren bereits im Begriff, +weiterzuziehen, als einige von ihnen im Hof mit dem Kutscher in Streit +gerieten. Tumult entstand, fünf Minuten später lohten Flammen aus dem +Dach des Stallgebäudes. Was sich dann weiter begeben hatte, wie sie mit +rasch zusammengerafften Habseligkeiten auf den Bauernwagen gelangt +waren, woher der Wagen mit den zwei Pferden mitten im strömenden Regen +gekommen und wer ihn gebracht, vermochten die Flüchtlinge nicht zu +sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das brennende Schloß hinter sich, +davongefahren, so schnell die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein +sechzehnjähriger Bauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta +Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf die Haut +durchnäßt, mit klebenden Gewändern, triefenden Haaren, wie +Schiffbrüchige. + +Marietta mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Sie fieberte und war +keines Wortes mächtig. Man schickte um den Arzt ins Dorf. Der Katechet +erbot sich, im Dorf junge Leute aufzubringen, die bereit wären, das Haus +zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene und einfache Dame von +fünfzig Jahren, hatte auch in dieser Lage ihre Haltung nicht eingebüßt. +Als sie umgekleidet war und für Wolfs Nachtlager gesorgt hatte, +erstattete sie genaueren Bericht. Sie äußerte Angst um Marietta. Lix und +Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. Die Gräfin war beschäftigt, +Anweisungen wegen der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und +fand Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter vier +Augen zu wechseln: »Hatten Sie nicht noch einen Gast, Baronin?« fragte +er vorsichtigen Tons; »Marietta sprach davon –« Frau von Gravenreuth +antwortete: »Ja, Herr van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern +telegraphisch abgerufen worden. Manche haben einen guten Stern.« Sie sah +Erasmus forschend an. »Und wer ist der Knabe?« fragte Erasmus weiter. +Sie erwiderte: »Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner +Geburt in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie war meine +beste Freundin. Es ist ein schönes Kind, nicht wahr?« Wieder sah sie ihn +mit ihren forschenden, glanzlosen Augen an; »ich hoffe nur, daß diese +Eindrücke seine junge Seele nicht verdunkeln,« fügte sie hinzu, »meine +wird sich nie mehr von ihnen befreien können.« Erasmus nahm ihre Hand, +führte sie an die Lippen und sagte: »Ich empfinde tief mit Ihnen, bis +ins Innerste, und das ist kein leeres Wort. Ich kenne die Größe der +Katastrophe.« + +Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht zurück, der Doktor +könne nicht kommen, da er selbst an Grippe schwer erkrankt sei. Gleich +darauf erschien Sebastiane und sagte, Gräfin Marietta befinde sich sehr +schlecht, das Fieber steige zusehends, auch klage sie über heftige +Kopfschmerzen. Die Gräfin sprach zu Helene Gravenreuth: »Ich bin ratlos; +der nächste größere Ort ist über eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn +ich auch bei solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend +jemand schicken könnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt mitten in +der Nacht herüberkommt.« + +Frau von Gravenreuth antwortete: »Unmöglich kann man sie noch +stundenlang ohne ärztliche Hilfe lassen –« + +Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. »Wenn ich mir erlauben darf, +meine Dienste anzubieten, Frau Gräfin,« sagte er mit seiner +verschlossenen Höflichkeit, »so glaube ich, den hiesigen Kollegen +ersetzen zu können.« + +Die Gräfin machte eine freudige Bewegung und sagte zu Frau von +Gravenreuth, die aufatmete und Sparre dankbar anschaute: »Herr Sparre +ist ein geistreicher junger Mediziner von der neuesten Schule;« dann zu +Sparre: »Es fügt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Güte haben +wollen –« + +Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum mächtig, auf Ferry Sponeck +zugegangen. Er packte ihn am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden +Ungestüm in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit +drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden Lippen und +Augenlidern: »Hör mich an, Ferry. Das mußt du verhindern. Um jeden +Preis verhindern, sonst sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da +du schon die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, so +erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, daß er in +Mariettas Zimmer geht, verstehst du? Nicht zu ertragen der Gedanke, daß +er sie anrührt, daß er ... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin, +sprich mit ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. Als +Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem Vorsatz beharrt, sag +ihm, daß ich ihn einfach niederknallen werde. Ohne Umstände, verstehst +du? Spute dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Daß er über die Geschichte +gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. Vielleicht +erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf er an ihr Bett. Eher mag +sie sterben.« + +Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehört. Doch er hatte +begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand sah, begriff er die Gefahr. +»Beruhige dich, Mumu, es wird gemacht,« sagte er, ging ins Zimmer +zurück, bemerkte, daß Sparre sich eben von den Damen entfernte und mit +Sebastiane zur Tür schritt. Er folgte ihm. Draußen rief er: »Sparre! auf +ein Wort,« und er verschwand mit ihm im dunklen Teil des Flurs. +Sebastiane ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre würde +nachkommen. + +Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl einem der Diener, ihm +Mantel und Hut aus seinem Zimmer zu holen, rief den alten Niklas und +erklärte ihm, daß er selbst zum Arzt nach Grünau fahren wolle, man möge +den Kutschierwagen anspannen lassen. »Herr Graf können nicht allein +fahren,« wendete Niklas bestürzt ein, »es ist Mitternacht, die Straße +stockfinster und grundlos, außerdem –« Erasmus schüttelte ungeduldig +den Kopf. »Ich fürchte mich nicht,« schnitt er die Rede des Alten ab, +»wenn niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, muß +ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. Machen Sie nur kein +Aufsehen, die Gräfin braucht zunächst nichts zu wissen.« + +Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und Erasmus traten auf den Hof +und ins Stallgebäude. Man weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut +war, die Pferde dem Unwetter preisgeben zu müssen. Ein junger +Stallbursche, von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, war +willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten die beiden flinken +Tiere vor dem leichten Wagen über die Chaussee, in eine Finsternis +hinein, die ein schwarzer Schwamm war. Im Norden stand noch immer +Brandröte. + +Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze umgeschlagen, +die ihm der Kutscher gegeben. Bäume flogen vorüber, Telegraphenstangen, +Häuser, Brücken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; die Hufe +der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus ins Nasse. Über ihre +nickenden schwarzen Köpfe hinaus starrte Erasmus auf die von den +Wagenlaternen schwach beleuchtete Straße und in den matten Lichtkegel, +durch den der Regen in glitzernden Strähnen fuhr. Bei jeder Weggabelung +zog er die Zügel an und wechselte ein Wort mit seinem Begleiter, der +schlaftrunken döste. + +Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, fiebergequält in den +Kissen; der vertraute Körper litt; Lix und Sebastiane huschten bisweilen +lautlos durch das Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das +Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hämisch-aufmerksames Gesicht; +Inbegriff des Hassenswerten. Woher dieser Haß, der seinem Gemüt sonst +unbekannt war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll in +die Nacht hinausträumen; und Aglaia mit wissend und trotzig funkelnden +Augen ihn messen; und wieder Marietta, von Schmerzen bedrängt, sterbend +vielleicht; und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles gerann +zu Nebel. Wie müde man wurde. Schön und schlank war der Knabe ... + +Die ersten Häuser der kleinen Landstadt tauchten auf. + +Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer zurück. Marietta +phantasierte. Man hatte sie in feuchte Tücher gewickelt. Sparres +unerklärliche Weigerung, die Behandlung zu übernehmen, gleich nachdem er +sich dazu angeboten, hatte auf alle wie neues häßliches Unheil gewirkt. +Er hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen und durch Ferry Sponeck die +Absage geschickt. Ferry Sponeck beschwichtigte die entrüstete Gräfin, so +gut er konnte; schließlich gab er sein Wort, daß Sparre ohne Schuld sei; +es hätten sich Umstände ereignet, durch die er gezwungen worden sei, zu +verzichten. Die Gräfin erwiderte unwillig, sie verstehe keine Silbe. Da +sagte Georg Ulrich Castellani malitiös: »Unser Freund Erasmus hat seine +#bête noire# entdeckt, das wird es wohl sein.« + +Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rückte nur langsam ins Licht +und völlig offenbar wurde er erst, als sich herausstellte, daß Erasmus +heimlich und trotz Sturm und Unsicherheit der Wege nach Grünau gefahren +sei, um den Arzt zu holen. + +Graf Castellani sagte: »Mir fällt da die Geschichte von einem Marquis de +Surêsne ein, der den größten Widerwillen gegen Jakobiner und +Sansculotten hegte, obwohl er nie im Leben einen dieser Leute gesehen +hatte. Eines Tages wurde er in der Nähe seines Schlosses in der +Normandie von Räubern angefallen; auf sein Geschrei kam ihm ein des +Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete ihn mit fabelhafter Bravour. +Der Marquis erschöpfte sich in Danksagungen, als es sich aber später +erwies, daß sein Lebensretter einer der Führer der von ihm so sehr +verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hängte sich auf; +denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem erklärten Feind des +Menschengeschlechts verdanken. Es ist absurd, gewiß, aber es hat +Charakter. Ich liebe solche Absurditäten; ich sammle sie, wie andre +Leute Münzen oder Stockgriffe sammeln.« + +Jedoch die Gräfin war sichtlich verstimmt. + + * * * * * + +Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor Schmidthammer für +den Rest der Nacht am Krankenbett. Erasmus vermochte einige Stunden zu +schlafen. Als er sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die +Fenster öffnete, wunderte er sich über den wolkenlosen Himmel und die +wasserhelle Bläue der Luft. + +Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverändert hoch, aber +die Kranke liege jetzt still, mit starren Augen, wie bewußtlos. Frau von +Gravenreuth sei bei ihr. + +Der Morgen war so nüchtern, so glasig; der ganze Tag blieb so; der +Sonnenschein so lügnerisch, die Dinge so deutlich, so kalt; der Fuß +klebte im Schreiten. Erasmus frühstückte mit Sponeck allein; die Damen +schliefen noch. Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt, +heute abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station gewesen, um +sich nach den Zügen zu erkundigen; er sei außer sich, da er erfahren +habe, der Eisenbahnverkehr sei für die Dauer von drei Tagen +eingestellt. Furchtsam hielt Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus +gerichtet. + +»Das ist höchst fatal,« murmelte Erasmus. + +»Er wird das Zimmer nicht verlassen,« tröstete Ferry Sponeck; »er wird +Unpäßlichkeit vorschützen und die Mahlzeiten oben nehmen.« + +»Es ist trotzdem fatal,« beharrte Erasmus. + +Nach wenigen Stunden fühlte er sich derart im Hause, als seien Türen +offen, die hätten geschlossen und andere geschlossen, die hätten offen +sein sollen. Er grübelte darüber nach wie er es anstellen könnte, zu +Marietta zu gelangen. Durch alle Wände sickerten Wehelaute aus ihrem +Mund. + +Die Gräfin begrüßte ihn kühl. Er fand es notwendig, ihr Aufklärungen zu +geben. Er wurde beredt. »Sie müssen es verstehen, Gräfin,« sagte er. +»Der Mann peitscht mir das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das +er spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Spüren Sie es nicht +auch? Sehn Sie nicht, daß sich in diesem Gesicht alles Böse +zusammengeballt hat, der ganze Jammer, unter dem wir keuchen, die +Anmaßung der gottlosen Kreatur, der Zynismus, der unsere Altäre besudelt +und den Purpur mit Füßen tritt –?« + +»Der? gerade der?« rief die Gräfin, halb belustigt, halb entsetzt; »Sie +übertreiben, Erasmus, Sie übertreiben ungeheuerlich.« + +»Ich übertreibe so wenig, daß alles, was ich nicht auszudrücken vermag, +mir noch zehnmal schrecklicher, noch zehnmal beweiskräftiger erscheint. +Wir sind die Opfer dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es +steckt mir in den Nerven, und hätten wir mehr Witterung für dergleichen +Subjekte, so wäre es nicht so weit mit uns gekommen, daß wir wie +Schlachttiere unsern Hals hinhalten müssen. Er ist nicht bloß ein +Exponent, er ist eine Inkarnation, glauben Sie mir, und daß er hier in +unserer Mitte aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals. +Sie müssen es begreifen, daß mir der Gedanke unfaßbar gewesen ist, ihn +an das Lager einer Frau treten zu lassen, wenn auch als Arzt, was ändert +das? bleibt er nicht Sparre, derselbe Sparre? mit seiner ganzen +Wissenschaft Sparre? einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch +immer nahe steht. Sie müssen das begreifen.« + +»Ich begreife, Erasmus, einigermaßen wenigstens,« antwortete die Gräfin, +milder gestimmt; »aber, lieber Freund, begreifen auch Sie: die Situation +ist unmöglich. Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die +jungen Mädchen, – unmöglich. Auf irgendeine Manier müssen wir aus diesem +Wirbel heraus. Irgend etwas muß beschlossen, muß getan werden.« + +Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink war nicht +mißzuverstehen. »Ich bitte Sie, Gräfin, gönnen Sie mir Zeit,« flehte er; +»vierundzwanzig Stunden Zeit, oder zwei Tage vielleicht. Ich bin völlig +bouleversiert. Ich bin zu keiner vernünftigen Überlegung fähig.« + +Die Gräfin lachte. »Nun, nun,« besänftigte sie den Erregten, »machen Sie +keine blutgierige Tigerin aus mir. Zwei Tage, natürlich, weshalb nicht; +fassen Sie sich. Zur Desparation ist noch kein Anlaß. Mut, armer +Freund.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, doch mit ungewichenem +Mißtrauen noch in den Fältchen um die Augen. + +An dieses Gespräch schloß sich eines mit Pauline und ein Gang durch den +Park mit Aglaia. + +Pauline saß lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne es recht zu wollen, +trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte noch; er lächelte abwesend und +schal. Die Freundlichkeit, mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie +hob den Blick zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das +Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerknüllte es in der +Faust. »Ich denke fortwährend an Gräfin Marietta,« sagte sie; »sie war +unbeschreiblich schön, als sie gestern naß und elend im Flur stand. So +habe ich mir immer eingebildet, daß Märtyrerinnen aussehen müssen.« Sie +stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden, unsteten schuldigen +Blick wieder aus. »Darf man sich dem Neid hingeben?« fragte sie; »es ist +Todsünde, ich weiß es, aber ich beneide Gräfin Marietta, ich beneide sie +über alles Maß, über alle Worte, bis ins Geheimste meiner Seele beneide +ich sie.« + +»Warum, Pauline?« fragte Erasmus betroffen, »warum beneiden Sie +Marietta?« + +»Ich weiß es nicht,« flüsterte das junge Mädchen; »ich kann es nicht +sagen. Aber wenn ein Wunder geschähe, und ich könnte von jetzt an bis +zum Abend Marietta sein, und ich müßte zum Entgelt dafür in der Nacht +sterben, nicht eine Sekunde lang würd ich mich besinnen.« + +»Wie sonderbar,« sagte Erasmus kopfschüttelnd. Ihm war zumut, als habe +sie ihm mit ihren Worten die Glieder an den Leib geschnürt. Sie übte, +während er auf sie niederschaute, auf das nordisch gelbe Haar, die +samtene Wange, die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, quälende Macht +über ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer banalen +Ausflucht verließ er sie. + +Aglaia kam eben über die Treppe herunter. Sie forderte ihn auf, sie ins +Freie zu begleiten. »Ich habe Sie gesucht,« sagte sie. + +Im Hörkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus schaute bisweilen +zurück und verzögerte den Schritt, als ob er Wichtiges verabsäume, wenn +er sich zu weit entfernte. + +»Sicher wünschen Sie uns alle miteinander dorthin, wo der Pfeffer +wächst,« begann Aglaia mit ihrer rauhen, aber hellen Stimme, »wir sind +Ihnen unsagbar lästig, und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man +hat ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat ist mißglückt. +Povero! Ich möchte Ihnen so gern aus der Patsche helfen, da ich uns +schon nicht helfen kann. Wie machen wir denn das?« + +»Sie dürfen nicht so sprechen, Aglaia,« bat Erasmus. + +»Nichts da, ich will reden, wie mir ums Herz ist,« entgegnete Aglaia; +»das ganze Arrangement hat mir ohnehin nie recht gefallen; je besser ich +Sie kennengelernt habe, je weniger. Nun hat sich aber Pauline innerlich +engagiert, und bei ihrer Veranlagung ist das kein kleines Unglück. Daß +das Unglück viel größer wäre, wenn sie Ihre Frau würde, kann man ihr +vielleicht sagen, aber sie wird es nicht einsehen. Unterbrechen Sie mich +nicht, Erasmus, ich hab mirs in den Kopf gesetzt, Ihnen die Leviten zu +lesen und will es auch tun. Es ist sträflicher Leichtsinn, daß Sie +überhaupt ans Heiraten denken. Ist es Ihnen denn ernst damit? Gott +bewahre. Sie machen es wie die Indianer auf dem Kriegspfad; Sie stecken +sich bunte Federn auf den Schopf, bemalen sich das Gesicht, dann +schleichen Sie sich durch die Wälder, um ein bißchen zu wegelagern. Und +wehe der Squaw, die Sie in Ihren Wigwam führen. Was da geschieht; #je +vois ça d’ici.# Wenn sie meine Freundin wäre, würde ich sie auf den +Knien beschwören, sichs dreimal zu überlegen, und noch dreimal, und dann +erst recht davonzulaufen. Womit ich nicht gesagt haben will, Erasmus,« +sie blieb stehen und sah ihn mit einer Mischung von Schelmerei und +fließendem Gefühl an, »daß ich Ihre Vorzüge nicht kenne. Sie sind nur +nicht der Felsen, auf den ich bauen möchte.« + +»Es erstaunt mich, Aglaia,« antwortete Erasmus befangen, »daß Sie sich +so urteilen getrauen; so dezidiert, so ... kühn. Wo haben Sie das her? +Soviel Kenntnis, kleine Aglaia, wo nehmen Sie die her?« + +Sie sagte spöttisch: »Keine Geringschätzung gegen die Jahre, Erasmus. +Solange es grauhaarige Dummköpfe gibt, darf es auch siebzehnjährige +Komtessen mit gesundem Menschenverstand geben. Zwei Augen im Kopf sind +zu allerlei nütze, und meine zwei Augen verraten mir, daß Sie jedes Herz +lieblos zerzupfen, daß sich Ihnen schenkt. Es tut Ihnen leid, aber Sie +können nicht anders.« + +Erasmus nickte melancholisch. »Wenn es nur nicht so schwer wäre, +Aglaia,« erwiderte er mit seiner verdeckten Stimme; »man weiß nie das +Richtige. Kommt es einem mal so vor, als hätte man sich zum Richtigen +entschlossen, so machen einen die Leute durch ihre Reden wieder irre. +Man liebt jemand, schön; aber weiß man denn, wie lang es dauert? Und die +Betreffende bildet sich ein, es dauert ewig. Weiß man denn, was es mit +der Betreffenden auf sich hat? ob sie sich nicht selber täuscht? ob es +nicht ein Unrecht ist, wenn man sie glauben macht, sie sei einem so viel +wie sie sein möchte? Das sind furchtbare Verantwortungen. Über einem ist +ein Gesetz; das Gesetz muß man erfüllen; wenn aber der Augenblick da +ist, wo es Ernst wird, traut man sich nicht, den Schritt zu tun, weil +man Angst hat; die Verantwortung ist zu groß. Es gibt bestimmte Zeichen, +aber vielleicht deutet man sie falsch. Geschehenes kann man nicht +rückgängig machen. Ich darf mich nicht betrügen lassen von meinen +Sinnen. Ich darf mir nicht genug sein. Ich bin bloß einer aus der Mitte +heraus und bin Rechenschaft schuldig. Es darf mir kein Zweifel +übrigbleiben. Wenn ich so einen Entschluß fasse, muß ich das Bewußtsein +haben: Gott will es. Kann ichs noch unterlassen, so heißt das so viel +wie Gott will es noch nicht. Man muß sich in acht nehmen und darf nicht +vorwitzig sein.« Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn und sah +kränklich aus. + +Aglaia faltete die Hände und blickte mit drolliger Verzweiflung gen +Himmel. »O Erasmus,« seufzte sie, »Sie zerreißen mir das Herz. Und da +gibt es Menschen, die einem harmlosen jungen Mädchen zumuten, Hoffnungen +auf Sie zu setzen. Es muß ja jammervoll in Ihnen aussehen. Das ist +schlimmer als die zehn ägyptischen Plagen. Nein; um Himmelswillen, +niemals! Passen Sie auf, Erasmus,« fuhr sie zutraulich fort, »ich bin +kein trockener Zunder, der beim ersten Funken Feuer fängt. Ich glaube, +ich bin in Sie verliebt. Warum soll ichs leugnen? Ich glaube, ich könnte +sogar Tollheiten für Sie begehen; nicht ganz große Tollheiten, gemäßigte +nur. Ziehen Sie daraus keine Konsequenzen, bitte; lassen Sie es ein Wort +sein wie guten Morgen. Jetzt, wo es eingestanden ist, ist ja Spiel und +Zauberei davon weg. Und sehen Sie, wie hübsch, daß ichs gefunden habe, +bei Spiel und Zauberei müßt es auch bleiben. Das andere, das muß +schauerlich sein mit Ihnen. Nur eine Komödiantin oder eine Heilige +könnte es aushalten.« + +Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene hinüber. Er hatte sein +spleeniges Lächeln um den Mund. Spiel und Zauberei, ja, das war einmal, +dachte er, das darf nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das +Zifferblatt der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegene da +gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte sich nicht +ganz, wollte ihm scheinen. + +Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten gelangt. +Sebastiane saß in der Sonne auf einem Gartenstuhl, vor ihr spielten ihre +beiden Mädchen im Sand, und der siebenjährige Wolf sah ihnen zu. Als er +Erasmus und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand +entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick Sebastianes +streifte das Gesicht Erasmus und das des Knaben. »Merkwürdig, wie +ähnlich er Ihnen sieht,« sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend. + +Während Aglaia ins Haus ging, ließ sich Erasmus auf einem zweiten Stuhl +nieder, und im spärlich fließenden Gespräch mit Sebastiane, die von der +halbverwachten Nacht müde war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf +den Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine Hände, seine Füße, +sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich entfernten Zweig ein +Eichhörnchen erspähte und auf Zehenspitzen, am Bord des Rasens, +hinschlich, erhob sich Erasmus und folgte ihm. Er redete ihn höflich an +wie einen Erwachsenen. Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen +der Bäume kenne; die Namen der späten Blumen, die noch blühten. Die +Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche und beherzte Art zu +antworten; der groß vertrauensvolle Blick; das Oval des Gesichts. Er +nahm ihn an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte über sich +selbst; er hatte sich nie mit Kindern beschäftigt, noch sich zu ihnen +hingezogen gefühlt; die Empfindung für Sebastianes Kinder hatte ihnen +nur in der Vereinigung mit der schönen Mutter gegolten. + +Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der seinen spürte, dünkte +er sich alt. Er erschien sich wie ein Baum, belastet mit Jahren, +beladen mit der Erinnerung an viele Wetter, viele stürmische Tage und +Nächte, Frost und Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt +nicht weit über seine Hüfte reichend, erschien ihm wie ein Schößling, +zart und kräftig, anschmiegend und edel, an ihm empor-, einer +unbekannten und zu fürchtenden Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten +Wege waren ihm plötzlich verhaßt; die weiße Front des Herrenhauses war +eine Gefängnismauer; »möchtest du mit mir zum Fluß gehen, Wolf?« fragte +er. Der Knabe bejahte erfreut. + +»Erzählen Sie mir eine Geschichte,« bat der Knabe. + +Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Fluß gelangt waren, der +dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, setzte er sich auf einen +moosigen Stein, legte den Arm um des Knaben Schulter, lächelte verlegen +und fing an: »Es ist kein Märchen, was ich dir erzählen will, es ist +eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. Am +Hof des Vizekönigs, Vizekönig nennt man den Stellvertreter des Königs +von England dort, mußt du wissen, am Hof des Vizekönigs also lebte unter +vielen andern Fürsten und Radschas ein bengalischer Fürst namens Lal +Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut litt, trotzdem er +reich und mächtig war, auch schön und klug. Solche Schwermut, weißt du, +ist für die Seele und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und +krankhafte Schwäche für den Körper; wer davon heimgesucht wird, der hat +an nichts in der Welt mehr Freude. So war das mit Lal Sarkar und wurde +mit der Zeit immer ärger. Die Ärzte wußten so wenig Rat wie die Freunde; +eines Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und sagte, er +solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama reisen, dort würde er +Heilung finden. Der Dalailama ist der oberste Priester der indischen +und chinesischen Welt, so wie der heilige Vater in Rom Herr über die +Christenheit ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheißen, rüstete +eine Karawane aus und reiste über das hohe Gebirge des Himalaya nach der +Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf kehrte er zurück, und zwar als ein ganz +anderer Mann, heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die +Verwandlung, daß auch am Hof des Vizekönigs, wo ich um diese Zeit +eintraf, das größte Erstaunen darüber herrschte. Wenn man sich aber +erkundigte, erfuhr man nicht viel mehr, als daß eben Lal Sarkar in Lhasa +gewesen sei. Mir ließ es keine Ruhe, und ich wußte es anzustellen, daß +ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends in sein Haus +eingeladen wurde. Das war nun wirklich wie ein Märchen, weißt du, dieser +Palast mit seinen Springbrunnen und vergoldeten Säulen und Bassins mit +Fischen und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei ihm, und +als wir ins Gespräch gekommen waren, fragte ich ihn nach dem, worüber +sich alle Europäer den Kopf zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt, +als er wie ein Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt +hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und feurig. Ich fragte +ihn also und fragte auch, ob ein Fremder wie ich wissen dürfe, wie das +vor sich gegangen und was mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewiß dürfe +ich es wissen, es sei nichts zu verheimlichen. »Ich habe den Dalailama +gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.« – »Das ist +alles?« fragte ich, »nur in sein Angesicht geschaut?« – »Ja,« antwortet +er, »nur das.« Und als ich verwundert, vielleicht auch ungläubig +schwieg, sagte er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon +vergessen: »Der Dalailama ist ein Knabe. Zwölf Jahre ungefähr, älter +nicht. Er sitzt auf einem Thron und lächelt. Sein Gesicht ist das +schönste Menschengesicht auf Erden, so schön, wie man es sich nicht +einmal im Traum vorstellen kann. Seine Stirn ist wie ein geschliffener +Edelstein und göttliche Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen +eine Güte aus, daß es jeden, auch den verhärtetsten Unhold bis ins Herz +trifft und er nicht anders kann als auf die Knie sinken. Sein Lächeln +genügt, damit aller Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge +aufhört. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, ist es, als sei +er fünftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, aber man küßt seine Hand und +weint. Vor Glück weint man. Er ist ein Knabe, aber er ist mächtiger als +Armeen und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Könige und Kaiser der +Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn anschaute, wurde +ich von meiner Schwermut geheilt.« So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das +ist meine Geschichte.« + +»Es ist eine herrliche Geschichte!« rief Wolf mit hingerissenem +Ausdruck, »die mußt du mir noch öfter erzählen.« In seinem begeisterten +Eifer dutzte er Erasmus plötzlich, und dieser ließ es sich gern +gefallen. + + * * * * * + +Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und sagte, Marietta +wolle ihn sprechen; sie fühle sich besser, obschon man fürchten müsse, +daß es ein trügerisches Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch +geäußert, sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei. + +Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war Bedauern über den +Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. Ein Tag hatte das Werk von zehn +Jahren verrichtet. Dämmerschwäche nietete den Leib in die Kissen und +Tücher. Heiße Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben. +In den Augen war gelbfahles Licht. Um das Haupt zu entlasten, waren die +Haare gelöst, und über das weiße Linnen floß die kupfrige Flut, +unvergangene Schönheit. + +Sie so hingeworfen und zerstört zu erblicken, war schlimm. Schlimmer der +Verlust; seine stumme Absage. Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem +Innern. Nichts, was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen +sein. Erinnerung an Zärtlichkeit war Scham; was ihm dieser Körper +geschenkt, was er ihm geraubt: Sünde. Da lag eine gefährdete Kreatur, +arm, entschmückt; nicht Weib, nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes, +nicht Teil seines Lebens mehr. + +Er flüsterte ihren Namen. Sie lächelte und erhob matt die Hand. + +Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. Marietta winkte ihm, er +setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie sagte: »Hör mich an, Erasmus. +Man weiß nicht, was einem zustoßen kann. Ich werde jedenfalls von bösen +Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfährst jetzt, was du erfahren +mußt. Hast du Wolf gesehen?« Er nickte; er erbleichte. »Wolf ist mein +Kind. Wolf ist dein Sohn.« + +Regungslos starrte er Marietta an. + +Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand auf die seine, die +nichts von der Berührung wußte: »Ich habe viel darüber nachgedacht, wie +du es aufnehmen wirst. Muß ich erklären, warum ich es vor dir +geheimgehalten habe? Prüfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. Es +ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, vor dem graute mir +immer. Es war gut, daß etwas zwischen uns war, das uns trennte, wenn wir +vereint waren und uns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich hätte +sonst manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, der für +dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, wenn du mir starbst. Du +bist mir sehr oft gestorben und ich mußte dasitzen und mein Herz in der +Hand halten und auf deine Auferstehung warten.« + +Noch immer regungslos, mit geschnürter Kehle, starrte er Marietta an. + +Sie berichtete mit wenig Worten, erschöpft schon, wann sie das Kind +empfangen, wann und wo sie es geboren, wie sie die Verhehlung +bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse Einzelheiten, an die +beweisenden Daten, sprach von ihrem Glück, von inneren Kämpfen, von +Angst um die Zukunft des Kindes, schwieg, schloß die Augen, wartete auf +ein Wort von ihm, aber es kam keines. Er saß regungslos und starrte sie +an. Es war eine unbezweifelbare, sogar eine heilige Wahrheit in ihrer +Stimme, in ihrem Blick, in ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit +nicht, er bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie +stand wie mit einem glühenden Schlüssel vor der Pforte des unbekannten +finstern Raums, von dem Marietta gesprochen, und fand keinen Einlaß. + +»Das Kind ist wohlgeraten,« sagte Marietta leise; »du wirst nicht nur in +seinem Äußern viel von dir erkennen. Ich verlange kein Gelöbnis von dir. +Dazu war alles zu schwebend zwischen uns. Du mußt ja auch erst mit dir +selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. Denke nach, +Erasmus. Jetzt geh; ich bin müde.« + +Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des Herzens. Angst, +Gewissensangst, Frieren des Blutes, bittere Unlust, Gefühl der +Einsamkeit, Selbstmißtrauen. Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich +er aus. Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. Im Haus +wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder Stunde. Doktor Schmidthammer +hatte eine Lungenentzündung konstatiert. Während des Soupers herrschte +die gedrückteste Stimmung. Die Gräfin saß da wie ohne Maske, alt und ein +wenig böse. Selbst Aglaias Miene war ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er +fürchtete sich vor den schönen Gesichtern. Er fürchtete sich vor dem +Blick heimlichen Einverständnisses, der ihn möglicherweise treffen +konnte, vor dem enttäuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, dem +mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte Tun, die verspielte Zeit, +die verspielten Worte. Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der +seekrank ist, nach festem Boden unter den Füßen. Nach Sicherheit, nach +Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung durch Umstände +und abgenötigten Beschluß, sondern nach der, die von oben kommt und +unwiderruflich, unwidersprechlich ist. + +Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von der Gesellschaft. Er +wollte allein sein. Im untern Flur ging er noch eine Weile auf und ab. +Bisweilen blieb er stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den +Wänden, Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit war +künstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein beunruhigtes Herz. Da kam +Frau von Gravenreuth die Treppe herunter; sie führte Wolf an der Hand +und redete mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus, +während der Knabe weiterging: »Er ist so erregt heute, wollte nichts +essen; ich weiß nicht, was ich mit ihm beginnen soll. Ich habe ihm +versprochen, noch ein wenig ins Freie mit ihm zu gehen.« + +Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mädchengesicht war ein +Lächeln, welches ausdrückte: wir kennen uns, wir sind Freunde; dazu +Zweifel, Zurückhaltung und ein suchender Blick. + +Das unerwartete Gegenüberstehen war Hölle für Erasmus. Er konnte sich +nicht entsinnen, je Quälenderes empfunden zu haben. Es ertönte das Wort, +das er selbst gesprochen, füllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum: +alle Legitimität stammt von Gott. Es schlug ihn in den Nacken; es war +ein flammender Pfahl, der ihn schlug. Enthielt es Wahrheit, so gab es +nichts daran zu mäkeln; war es Irrtum, so saß man am Wendepunkt und +verkrampfte sich ins Arge. + +Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in seinem Leben, fremd +hervorgetreten aus der Fremdheit, Geschöpf der Leidenschaft, +ungewünschtes, ungewußtes, unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand, +das hegenswerte, wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung und +Nachfolge. + +Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel hervorgeschossen und auf +Wolf zu. Der Knabe beugte sich nieder, um ihn zu packen; das Tier, in +spielgieriger Laune, entwich fauchend, kam zurück, sprang an den Beinen +des Knaben empor und drängte den Lachenden gegen die Wand. Ein kleiner +Schrei; Sturz eines Gefäßes; ein Klirren; die etruskische Vase, die auf +einem Säulenpostament neben der Tür des Musikzimmers gestanden, war +heruntergefallen und lag in Trümmern. Aus dem Speisesaal kamen die +Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher, flüchtete zur Herrin; +die Gräfin kniete mit bedauerndem Gesicht nieder, um die kostbaren +Scherben zu sammeln; Wolf war blaß geworden, sein Mund verzog sich zum +Weinen, und mit unwillkürlicher Bewegung griff er nach Erasmus Hand. +Erasmus, ebenso unwillkürlich, umfaßte die Hand des Knaben mit +tröstendem Druck, und die Betrübnis, die sich in seinen Mienen malte, +war kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene Vase. Doch +blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich zu dem Knaben niederbeugte +und eine formelhafte Beschwichtigung flüsterte. Schwere aber lastete nun +auf allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor herein Eugen +Sparre kam, der am Spätnachmittag fortgegangen war und jetzt +zurückkehrte. + +Erasmus entriß sich. In seinem Zimmer nahm er eine der theologischen +Schriften zur Hand, die er stets mit sich führte. Aber er konnte seinen +Geist nicht zur Lektüre sammeln. Es wurde spät, und er saß noch immer +mit aufgestütztem Kopf, grauem, umrißlosem Denken nachhängend. +Schließlich überwältigte ihn der Schlummer, im Sitzen. Es klopfte an der +Tür; er hörte es nicht. Es klopfte abermals; er schrak empor; rief, halb +im Traum. + +Es war wie Traum, als Sparre eintrat. + + * * * * * + +Die anfängliche Empörung Eugen Sparres hatte nicht lange gedauert, +obwohl Ferry Sponeck täppisch wie ein Bauer gewesen war. Da er die +Abneigung des Grafen Ungnad deutlich gespürt hatte, war ihm dessen +Verhalten nicht einmal so rätselhaft wie seinem Botschafter, um so +weniger, als sich Sponeck bemüßigt glaubte, zur Entschuldigung des +Freundes auf eine zarte Beziehung zwischen ihm und der Kranken +hinzuweisen. Was für Dickhäuter diese Menschen doch sind, dachte Sparre; +als ob dadurch der Schimpf harmloser würde. + +Man könne vorläufig nichts Rechtes unternehmen, faselte Ferry Sponeck, +der nicht wußte, wessen Partei er ergreifen sollte und zwischen der +alten Anhänglichkeit an Erasmus und der bewundernden Dämonenfurcht +schwankte, die ihn zu Sparre zog; Erasmus sei in einer kritischen +Verfassung, jammervoll sei ihm zumut; ob Sparre an ritterliche +Austragung denke? doch wohl kaum? Wenn ja, wolle er mit Georg Ulrich +Castellani beraten; jedenfalls sei er, Ferry Sponeck, in einer +verteufelten Zwickmühle. Sparre lachte. Nein, daran denke er nicht; er +gebe Satisfaktion auf die ihm angemessene Art und wünsche sie zu +erhalten, wie es sich für gesittete Menschen zieme. Er fühle sich so +wenig beleidigt, wie wenn er im Wald über eine Baumwurzel gestolpert +wäre; »man war achtlos,« sagte er, »das nächste Mal wird man aufpassen. +Mit Ehrenkränkung hat das nichts zu tun.« Worauf ihn Ferry Sponeck +kopfschüttelnd für einen unmäßig interessanten Mann erklärte. + +Sparre durchschaute den schlechten Schauspieler und hatte Nachsicht. +Unbekannt mit einer Welt, in die ihn der Sturm verschlagen, die seine +eigene aufwühlte, in die er wie zu einer bergenden Insel geflohen, nicht +aus Schrecken über den Sturm, sondern weil er zur Vollendung einer +wissenschaftlichen Schrift die Gelegenheit mit Freude ergriffen hatte, +die ihm eine vorübergehende Ruhestatt zu bieten versprach, fühlte er +stärker noch als unter dem ersten Eindruck das Erstaunen über alles, was +ihn umgab. + +Diese Menschen waren ihm wie alte Gemälde. Tod war über sie +hinweggegangen; Leben in seinem Sinn hatten sie nicht. Etwas wie goldner +Staub hing an ihnen, Gefesselte eines prunkenden Rahmens, verjährte +Ehrwürdigkeit. Sie sprachen, und ihre Worte waren nicht die der +Lebendigen; sie scherzten, und ihr Lächeln war bedungen, ihr Lachen +klang aus der Erde. Alles an ihnen war bedungen, gekettet, befohlen und +vorgesetzt; ihr traurigster Ernst war noch Spiel, Schattenspiel hinter +der Eisdecke. Sie waren einer glitzernden Lüge von Herrschaft +hingegeben, und sie wußten um die Lüge, lange schon, aber jeder +schmeichelte dem andern die Lüge weg. Sie glichen den Schwerkranken, +denen man Gesundheit einredet, mit leichter Mühe, weil ihre Seele +getrübt ist; die in jede Gebärde, in jeden Hauch ein Übermaß von +Hoffnung und Sorglosigkeit legen und nur die Täuschung wollen, sonst +nichts. Diese Stuben, diese Gänge, die glänzenden und alten Dinge, es +war ein Mausoleum, ausgeschaltet aus der Zeit, ohne Blut, ohne Kraft, +ohne Farbe. Menschenruf verstummte; ein summender Schall war, worauf sie +ängstlich lauschten; Menschenforderung galt ihnen für Unbill; sie +wohnten noch in der alten Form, sie hielten noch die abgeschnittenen +Zügel in ihren Händen, lächelnd, indes der Wagen still stand und die +Pferde entführt waren. + +Die anmutigen Frauen; wie gelassen sie dem Abgrund zuschritten, dessen +Phosphoreszenz sie über seine verschlingende Gewalt betrog. In einer +Sehnsucht schmolzen sie, die keine Erfüllung mehr finden konnte, aber +sie ahnten vom Unmöglichen nichts. Noch trieben sie Neckerei hinter der +Maske; noch gefielen sie sich in ihrem tändelnden Idiom aus verwehten +Epochen; nur kein Aufwachen, flehten ihre Mienen, nur kein rauhes +Berühren. Die glatten Glieder wohlig hingeschmiegt an gespenstische +Bilder; schwelgend in den pikanten Verfeinerungen, die ihre Fantasie +noch schenkte, wo doch das Wirkliche bereits hinter der Wand aufbrüllte; +sich als Letzte spürend, aber nicht als Vergangene, als Entrückte, aber +nicht als Verlorene. + +Eugen Sparre sah mit den Augen eines Forschers und eines Kindes. Die +Regionen und die Jahre, aus denen er kam, hatten ihn in der Strenge der +Betrachtung geübt. Empfundenes und Geschautes nicht zu verfälschen war +sein innerstes Amt. Schmucklos war alles in ihm, an ihm und die Bahn +hinter ihm. Unverwöhnt und unerweicht, besaß er die Kraft, Leiden zu +überwinden und zu erkennen. Das Durchlebte war ihm oft wie giftiger +Rauch. Er hatte gegen jede Art von Bedrückung getrotzt, jede Art von +Erniedrigung erfahren. Er hatte die Ellbogen gespreizt und sie zu +eisernen Balken gemacht, um nicht zu Brei zerquetscht zu werden. +Hinaufgeklommen an den schlüpfrigen Quadern des Riesenbaus, von dem auf +halbem oder Viertelweg die Schwächlinge und Übergierigen abgestürzt +waren, um sich unten die Schädel zu zertrümmern, hatte er mit kühlem +Kopf seinen Platz erobert, der Pflicht, die er gewählt, die ihn gewählt, +unerschütterlich gehorsam und schicksalkennend wie nur diejenigen sind, +deren Herzschlag der Herzschlag des Jahrhunderts und des Volkes ist. Er +hatte ungeachtet seiner Jugend zu den Propheten der großen Wandlung +gehört; er hatte sie errechnet, sie war ihm Ergebnis logischer Erwägung, +und mitten in der Taifunwelle war er leidenschaftslos geblieben, +Beobachter, Arzt. Er war heiter geblieben, ohne aufrührerische Gelüste, +dem Element vertrauend, es liebend beinahe, in jeder Verwüstung eine +höhere Ordnung vorauswissend, denn alles war Notwendigkeit, Geballtes, +Gerafftes, Gefügtes, Wüten von Lebenskeimen gegen Todeskeime, +Erneuerungsraserei des fiebernden Menschheitsleibes, Wiedergeburt aus +Agonie, Qual und Wahnsinn der sterblichen Einzelnen im unsterblichen +Ganzen. + +Von allen, die auf Rienburg um ihn waren, hatte Graf Erasmus Ungnad +seine Aufmerksamkeit am meisten gefesselt. Der erste Anblick des +gespannten, leidenden, hochmütigen, geschliffenen Gesichts hatte ihn als +Erscheinung berührt. In einem Nu hatte er so scharf wie den andern sich +selbst erfaßt, eben sein Anderssein und Andersmüssen, das völlige +Widerbild, wie Pol gegen Pol. Und Sonderbares war geschehen: er hatte +Schmerz verspürt. Da war Figur; ja, Figur, wie die Sage sie gibt; +umschlossene und einsame Gestalt; heimatlose Gestalt; in finster +gewordenem Raum mit einer Haltung schreitend, als sei noch Licht die +Fülle; müde wie einer, der Schätze getragen hat; ungegenwärtig, +verfangen, versponnen, tragisch hinabgehend, von sterbenden Illusionen +begleitet, der irrende traurige Ritter; der Adlige. Das war er, der +adlige Mann, Überbleibsel und Anachronismus, der, dem auch Gott nur eine +Form ist, wie Graf Castellani gesagt hatte, der es nicht nahm, nicht +wollte, daß sein Reich aufgehört hatte zu sein und der von der Zeit +nichts zurückbehalten hatte als die Jahre, geschäftige Symbole, doch +leer und sinnlos. + +Die Erschütterung wirkte fort in Eugen Sparre. Sie war derart, daß sie +auch durch die beleidigende Feindseligkeit des Grafen nicht vermindert +wurde und gab ihm so viel zu denken, daß er seine Arbeit darüber vergaß. +Die persönlichen Verhältnisse Ungnads flößten ihm, jenem Allgemeinen +gegenüber, nur geringe Teilnahme ein; trotzdem horchte er bei den +Andeutungen Ferry Sponecks auf. Sponeck hielt sich in dem Fall nicht zur +Verschwiegenheit verbunden; was alle Welt wußte, konnte auch Sparre +wissen; für Sparre war es Bestätigung, die den Charakter noch tiefer +erleuchtete. Er erblickte Verborgenes, und was seinem Auge entging, +vervollständigte die Kombination. Diese Geschicke ließen sich +wunderlich leicht entziffern; ihre Hieroglyphen bedurften nicht einmal +der Geduld. So zuckte für ihn greller Schein um die Szene im Flur, als +er ins Haus trat und alle um die zerbrochene Vase herumstanden. +Sekundenkurzes Schauen genügte; haften blieb in Blick und Gedächtnis der +mädchenhaft zarte Knabe neben dem überschlanken Erasmus Ungnad, das +Gebeugte und Zerquälte an ihm, das zitternd Aufgestörte im Wesen des +Kindes, die unverkennbare Ähnlichkeit in der Gesichtsbildung beider, +etwas Unsagbares von Verkettung. + +Als Erasmus verschwunden war, las Baronin Polyxene die Scherben auf; +Ferry Sponeck kniete ebenfalls hin, um ihr zu helfen. Da sagte Sparre, +man möge ihm die Stücke überlassen; wenn er Klebestoff bekommen könne, +getraue er sich, die Vase wieder zusammenzusetzen; er habe dergleichen +schon oft versucht, und mit Glück. Die Beschädigungen waren in der Tat +nur geringfügig; die beiden Henkel und ein Teil des oberen Randes waren +abgebrochen, ferner war in der Ausbauchung ein rundes Loch. Man sah ihn +verwundert an; Ferry Sponeck nickte eifrig und versicherte: »Ja, darauf +versteht er sich, er hat auch mir einmal eine Sevreschale geleimt, er +ist überhaupt ein Tausendkünstler.« Die beflissene Fürsprache erweckte +Heiterkeit, auch bei Sparre selbst, Niklas wurde gerufen, der nach einer +Weile ein Töpfchen mit Leim brachte, Sparre packte die Vase samt den +Scherben in ein Tuch und begab sich damit in sein Zimmer. + +Er hatte von dem Zweck seines Beginnens keine deutliche Vorstellung. Es +war ihm ein in das Kleid einer Parabel gehüllter Scherz; eine Mitteilung +von ungewisser Tragweite und unbestimmtem Inhalt. Während er mit +Sorgfalt die Bruchstellen aneinanderfügte, kleine Splitter mit +geschickter Hand einpaßte, lächelte er häufig. Als er nach zweistündiger +Arbeit fertig war, ging er zum Fenster; Ungnads Zimmer lag dem seinen +schräg gegenüber, wie er wußte. Er sah noch Licht bei ihm. Da nahm er +die Vase vorsichtig in die Hand, prüfte das Werk noch einmal, überzeugte +sich von der Haltbarkeit der zusammengesetzten Teile und verließ das +Zimmer. + + * * * * * + +Erasmus fuhr auf. »Was wollen Sie?« stotterte er, »was bedeutet das?« Er +starrte auf das tönerne Gefäß. + +Sparre stellte die Vase auf den Tisch. »Wenn man morgen die Bruchlinien +abfeilt, wird der Schaden kaum mehr bemerkbar sein,« sagte er. + +»Aber was soll es denn heißen?« murmelte Erasmus. Er hatte sich erhoben, +stand frostig da, stirnrunzelnd, abweisend. + +»Ich hatte den Eindruck, als sei Ihnen der kleine Unfall nah gegangen,« +sagte Sparre; »ich weiß selbst kaum, warum ich mich verpflichtet fühlte, +ihn wieder gutzumachen. Vielleicht wollte ich damit auch eine mir +geschehene Widerwärtigkeit aus der Welt schaffen. So etwas ist störend, +wenn es auch mein Gleichgewicht nicht beeinträchtigen kann. Wo der Hieb +nicht trifft, ist keine Wunde. Da Sie mich als Arzt für einen Menschen +verpönt haben, habe ich mich begnügt, Arzt bei einem Ding zu sein. Das +Ding ist leidlich geheilt, wie Sie sehen.« + +Die Stimme klang fast hohl, in ihrer Baßtiefe schleifend. + +»Ich verstehe nicht,« stieß Erasmus hervor; »Sie wollen sich über mich +mokieren, scheint mir ...« + +Sparre blickte zu Boden. »Merkwürdig, daß Sie es nicht verstehen,« sagte +er wie im Selbstgespräch. »Gibt Ihnen denn das keinen Fingerzeig, daß +ich, der Mensch, den Sie hassen oder glauben hassen zu müssen, der +Mensch Ihrer Abkehr und Ihres Grauens, dem Sie die unverdiente Ehre +einer entscheidenden Funktion zuweisen, daß dieser selbe Mensch etwas +Zerbrochenes für Sie wieder ganz gemacht hat?« + +Erasmus stutzte. Vor Unwillen rötete sich seine Stirn. »Für mich ganz +gemacht? Für mich? Wirklich, Sie erlauben sich ungebührlichen Spaß, Herr +Doktor Sparre ...« + +Sparre schlug langsam den Blick auf. »Ich möchte gern in anderm Ton mit +Ihnen sprechen, Graf Ungnad,« sagte er verhalten. »Sie gehen im +Wesentlichen fehl. Ihre Voraussetzungen sind falsch. Ich sah eine Not. +Als der Krug da herunterstürzte, sah ich eine Menge Zerschmettertes +liegen. War der Knabe eigentlich schuld und sein Spiel mit dem Tier? Er +fühlte sich aber schuldig, und als Sie seine Hand faßten, hatte ich den +Eindruck, als ob Sie sich für seine Schuld mitverantwortlich fühlten. +Aber Sie haben es doch nicht gewagt, für ihn einzustehen. Was liegt an +diesem altertümlichen Kram, Graf Ungnad? Wenn ihn das Aufräumweib vor +mir auf den Kehricht wirft, schau ich nicht einmal darnach hin. Es +entspricht auch nicht meiner Überzeugung, daß man Zersplittertes wieder +kitten soll. In diesem Fall habe ich mich entschlossen, die Überzeugung +zu verleugnen. Ich dachte, es sei gut, es sei nützlich. Ich dachte, ich +könne Ihnen damit etwas beweisen. Verstehen Sie mich noch immer nicht?« + +In der Tat, Erasmus begriff nichts. Sein Gesicht zeigte +Ausdruckslosigkeit und erbittertes Unbehagen. Die Unterlippe stülpte +sich; die Handfläche rieb sich an der Lehne des Stuhls. + +»Also will ich klarer sein,« fuhr Sparre etwas gedrückt fort, denn er +hatte flüssigere Verständigung erwartet; »ich habe etwas über mich +vermocht, was meiner Natur und Lebensrichtung diametral entgegen ist. +Ich habe etwas versucht, wozu ich mich bisher habe nie gewinnen können, +das geistig Geschiedene zu überbrücken, dem, was streng und unbedingt +jenseitig für mich ist, mich zu nähern. Ist es hoffnungslos? Diese +Tonvase, ich stelle sie her wie einen Markstein, an dem wir uns treffen +können, Sie von Ihrer Seite, ich von meiner. Es ist ein Augenblick, der +nie wiederkehrt, nie wiederkehren kann. Die Wahrheit, die mich jetzt +antreibt und erfüllt, ist sicher nur eine einmalige Flamme. Vielleicht +ist dabei etwas in mir von dem geheimnisvollen Verwandlungsinstinkt der +Insekten. Vielleicht kann ich den analogen Prozeß in Ihnen +beschleunigen. Entziehen Sie sich nicht. Sich auflehnen gegen den Gang +der Sterne ist kein Heroismus, das Unabänderliche verfluchen keine +Frommheit. Wenn ich Ihnen entgegenkomme, bis zu dem mühsam geleimten +Krug auf dem Tisch da, so seien Sie nicht taub für mein #qui vive;# Sie +wissen ja, die Posten haben scharfe Ordre. Ich verlange ja nicht +Kameradschaft; ich habe nur erfaßt, was mir, was uns dienen kann. Es +gibt verschiedenerlei Tugenden, Graf Ungnad, verschiedenerlei Mut und +verschiedenerlei Feigheit, verschiedenerlei Grausamkeit und +verschiedenerlei Güte. Ich und die meinen, wir können nutzen, was Sie +und die Ihren im Lauf der Jahrhunderte an Erntegut in die Scheunen +gebracht haben, an blutgehärtetem Stahl und geraffter Muskel und +geweihter Lehre und dem Glauben daran und an Erfahrung, die durch die +Geschlechter veredelt ist, an geschmolzenem und gemünztem Gold des +Lebens. Es ist der Tag vielleicht nicht fern, wo wir zugreifen und +dankbar quittieren, wenn wir uns vom ersten Rausch und Anprall erholt +haben. Denn sonst sind wir auf unserer Seite so verloren wie Sie auf +Ihrer; ein Rachen wird uns schlucken, der keinen Unterschied macht +zwischen mehr oder weniger fein gemahlenem Korn. Und Sie, lockern Sie +die zu straff gezogenen Schrauben. Geben Sie nach. Werfen Sie das +Zerbrochene, auch wenn es kostbar, auch wenn es noch so meisterhaft +gekittet ist, auf den Kehricht. Alte Form muß sterben. Und Gesetze +sterben wie Formen und wie Menschen. Dagegen ist keine Hilfe als das +Leben.« + +Er stand noch eine Weile und schaute über Erasmus hinweg, der sich nicht +rührte. Dann verließ er mit zeremoniöser Verbeugung den Raum. + +Erasmus rührte sich noch immer nicht. Suada haben diese Leute, dachte +er, und senkte in peinlicher Benommenheit den Kopf. Aber die +Benommenheit wuchs und wuchs. Er fing an auf und ab zu gehen. Es schien +ihm, als zerspalte sich der Boden unter seinen Schritten. Einmal seufzte +er und lauschte, weil ihn dünkte, das Seufzen käme aus der Mauer. Wenn +man die Schwere der Niederlage mildern könnte, ging es ihm, scheinbar +zusammenhanglos, durch den Sinn. Und darauf wieder: ich weiß, daß sie +sterben wird; heute nacht wird sie sterben, ich weiß es. »Erlöse uns von +dem Übel,« murmelte er vor sich hin, das Taschentuch an die Lippen +pressend, »und führe uns nicht in Versuchung.« + +Abermals lauschte er. Es war still im Hause, und doch lag in den Ohren +weitentferntes, gräßliches Geschrei. Jemand ging im Korridor vorüber. Er +öffnete die Tür; es war finster. Der Schlaf der Bewohner wälzte sich +her, zu schwarzem Schlamm gestockt. Er zündete eine Kerze an und ging, +die Flamme mit der Rechten schützend, den Flur entlang. Auf einmal +prallte er zurück. Auf der Schwelle einer Tür stand eine Frau. Sie +hatte die Hände vors Gesicht gelegt; so stand sie, gegen das Zimmer +gewandt, in dem eine umhüllte Lampe brannte. + +Es war Helene Gravenreuth. Sie drehte sich um, ließ matt die Arme +fallen. »Schlimm steht es,« hauchte sie. + +Er schwieg. + +»Kommen Sie herein,« sagte sie, »hier schläft Wolf; die Pflegerin hat +mich eben jetzt bei Marietta abgelöst. Aber leise, bitte, das Kind +schläft spinnwebdünn heute.« + +Er trat ein. Er ging zum Bett des Knaben, nachdem er die Kerze verlöscht +und weggestellt hatte. Er flüsterte: »Es ist alles so sonderbar, +Baronin, so sehr sonderbar.« Seine Wangen wurden fahl, plötzlich kniete +er nieder und betete. + +Frau von Gravenreuth schloß die Tür. »Ich war nicht vorbereitet,« sagte +sie mit erstickter Stimme, als Erasmus sich erhob, »bin es noch immer +nicht. Was wird werden, Graf?« + +Erasmus setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sie +wissen ja, weshalb ich hierhergekommen bin,« sagte er. + +Sie nickte. »Ich weiß,« erwiderte sie. »Sie wollten um eine der +Komtessen werben, Sie wollten heiraten.« + +Er fuhr fort: »Nun wird es anders kommen. Nicht eine Frau werd ich +heimbringen, sondern einen Sohn.« + +»Aber wie soll es werden, Graf Erasmus, mit diesem Sohn?« fragte Frau +von Gravenreuth mit bleichen Lippen. + +Erasmus begegnete ihrem zaghaften Blick und antwortete: »Es muß in Liebe +werden und im Gesetz, denk ich.« + +Ein Geräusch ließ beide zusammenfahren. Wolf war erwacht. Er hatte sich +aufgerichtet und schaute mit den tauhaft strahlenden Augen herüber, mit +denen Kinder den Schlummer verlassen. Frau von Gravenreuth streckte die +Arme aus, als beschwöre sie ihn; Erasmus trat neben ihr an das Bett. + +»Erzähl mir vom Dalailama,« sagte die helle Glockenstimme des Knaben. + + + + +Jost + + +Der Gebieter des Himmels ließ sein Donnerwort ergehen, und wie glänzend +gefiederte Schwäne im Sturm eilten die gehorsamen Heerscharen vor seinen +unvergänglichen Thron. Da erlas der Herr den Erzengel Michael und sprach +zu ihm: + +Ich bin irre am Geschlecht der Menschen. Nie hat solcher Kummer die Erde +gefüllt; Klage und Anklage erhebt sich maßlos. Schwer ist es, zu wissen, +ob sie allesamt Verlorene sind, schwer zu erkennen, ob in allen der +Funke erloschen ist, der ihnen als Teil der Göttlichkeit in die Brust +gehaucht ward. Ich will eine Probe machen. Geh hinab zu ihnen, du +scharfäugiger Spürer, und suche unter den Verstockten den +Verstocktesten, unter den Umschlossenen den Umschlossensten. Nicht um +den Übeltäter geht es, merke wohl; um den Gleichgiltigen geht es. Den +Unscheinbaren, der in der Trägheit verhärtet ist, sollst du suchen in +seinem umfriedeten Bezirk; den, dessen Linke nicht weiß, was die Rechte +tut. Und wenn du zurückkehrst und sprechen kannst: ich habe ihn +erweicht, ich habe ihm die Binde von den Augen gerissen, und er vermag +zu sehen, dann soll ihnen noch einmal Gnade gewährt sein und Aufschub +des letzten Gerichts. + +Der Engel senkte stumm das Haupt, und während ihn gewaltige +Posaunenschälle umdröhnten, verließ er in seiner großen Schönheit die +erhabene Region, um den Befehl des Herrn zu vollziehen. + + * * * * * + +In einer Wirtsstube saßen beim trüben Licht mehrere Beamte der Stadt, +Notabilitäten in ihrer Art, um einen Tisch. Bis auf einen armselig +aussehenden Menschen, der in der Nähe des Ofens kauerte und zu schlafen +schien, waren sie die einzigen Gäste. Da sie ihn kannten, auch seiner +nicht achteten, brauchten sie sich im Gespräch keinen Zwang +aufzuerlegen. Er hieß Jost und war ein Kleinbürger, dem Anschein nach +ein Agent oder Vermittler, der an gewissen Abenden kam, um dem Wirt +Lieferungsgeschäfte anzutragen. + +Die Unterhaltung drehte sich um die Trostlosigkeiten des Alltags. +Verärgerung lag jedem im Gemüt, Lebensangst den meisten. Still verhielt +sich nur einer, nicht weil er weiser oder zufriedener, sondern weil er +bequemer war. Auch dann nahm er nur stummen Anteil, als der trübseligen +Gegenwart die glänzende Vergangenheit entgegengehalten wurde, in deren +schwachem Widerschein sie sich ihrer Sorgen entledigten. Die Welt, war +sie auch zum Erbarmen zugerichtet, einstmals hatte sie ihnen eine +festliche Zeit gegeben, und unter diesem Einstmals verstanden sie den +Krieg, zumindest seinen Anfang. Da war auch dem Abseitigen unerwartet +Macht zugefallen, sofern er nur mit dem allgemeinen Strom geschwommen +war, und wie erst, wenn er sich mit seiner Person für das Ziel erklärt +hatte. Macht, Bewegung, Wechsel der Geschehnisse; es klang schon jetzt +nicht anders als wie es schönfärbende Fibeln den Späteren melden. Auch +die sich tätigen Dabeiseins nicht rühmen konnten, ergingen sich breit +im Nachgenuß martialischer Erinnerungen. Was Blut und Not und Tod; +erlogene Gespenster. Die triumphierende Wahrheit war dort, wo man Ehre +gewonnen, wo man sich eingesetzt und gespürt hatte. + +Postoffizial Erbegast, als beredtester Schwärmer, sprach davon, wie man +Raum gehabt, im Westen, Osten, Süden, überall Raum, Weite, Luft, +Landschaft, Freiheit. Raum und Gelegenheit. Quartier in Schlössern, +Fahrten ins Unbekannte, neue Städte, neue Menschen, neue Dinge, zwischen +Morgen und Abend keine Langeweile. Wenn man da erzählen wollte! Wie es +wohltat, sich der Fülle zu erinnern. Er wandte sich lebhaft und +herausfordernd an den Schweigsamen, Rechnungsrat Siebold, und ermunterte +ihn zur Zustimmung. Mit bloßem Kopfnicken wollte er sich nicht abspeisen +lassen. Der Schweigsame ist nicht beliebt, wenn Geister erglühen. +Siebold sollte laut bestätigen, da er es doch aus Erfahrung zu tun +imstande war, daß man Unvergleichliches gesehen und erlebt habe. Oder +sei an ihm die Herrlichkeit spurlos vorübergegangen? + +Ungern sah sich Siebold in die Mitte der Aufmerksamkeit versetzt. Er +liebte es nicht, sich mit Gewesenem zu beschäftigen. Ihm lag der +gestrige Tag schon fern. Unter den fragenden Blicken der Tischgenossen +stiegen wohl Bilder aus entlegenen Gehirnschächten empor, aber es +gestaltete sich keines. In den Jahren, er zählte die Jahre nicht, waren +sie ihm abhanden gekommen, kaum daß er sie noch als eigenen Besitz +erkannte. Blasse Farben, schattenhafte Figuren, verhallte Worte. Was +berührte einen daran? Man war ein anderer. Jahre! Was ist nicht ein +einziges an Gedehntheit! Zudem war er nur vier Monate draußen gewesen; +kleiner Fähnrich, freudlos wie tausende. Man hatte ihn darnach in ein +Proviantlager geschickt, und als er dort erkrankt, war er auf seinen +Platz im Amt zurückgekehrt, wie wenn die Zwischenzeit ein unergiebiger +Ferienausflug gewesen wäre. + +Es dünkte ihn aber, daß ihn Offizial Erbegast sticheln wollte. Auch die +übrigen betrachteten ihn mit ironischen Blicken, als trauten sie ihm +besondere Erlebnisse nicht zu und hegten nicht einmal die Erwartung, daß +er sich zu solchen bekenne. Das verdroß ihn. Sein bedrohtes +Selbstbewußtsein richtete sich wehrhaft auf. Er begriff die +Notwendigkeit, den spöttischen Zweiflern Achtung abzuringen und forschte +in seinem Gedächtnis. Nicht vergeblich; die verkniffene Miene erhellte +sich; ein Vorfall fiel ihm ein, bei dem er handelnd mitgewirkt. Da er +sich der Einzelheiten nur ungenau entsann, dauerte es geraume Weile, ehe +seine Erzählung in verständlichen Fluß kam. Doch die Zuhörer zeigten +Geduld, und so hatte er Muße, der schwerfälligen Erinnerung den Verlauf +abzuzwingen. + +Die Geschichte war in keiner Weise ungewöhnlich. In einem galizischen +Dorf waren sieben Menschen unter dem Verdacht der Spionage eingebracht +worden. Die Beschuldigung lautete, sie hätten dem Feind durch das +Dachfenster des Gemeindehauses, in welchem sie zusammengepfercht +gefunden worden waren, Lichtsignale gegeben. Siebold hatte das Protokoll +aufgenommen. Nur einem unter ihnen, einem riesenhaft gewachsenen +Burschen, hatte das Verbrechen nachgewiesen werden können; bei den +andern sprachen gewichtige Umstände dafür, daß sie die Opfer böswilliger +Angeberei waren. Trotzdem hatte der Hauptmann alle Sieben nach einem +summarischen Verhör kurzerhand zum Tod verurteilt: drei Juden, ein +siebzehnjähriges polnisches Mädchen, einen zwölfjährigen Knaben, einen +sechsundsiebzigjährigen Greis, und den Rädelsführer der Bande, eben +jenen Riesen. + +Ein Tropfen im Meer der Ereignisse; ein paar vernichtete Leben mehr +neben den Millionen. Die Welt hatte wohl kaum eine Kunde davon erhalten. +Auch jetzt, wo es die Merkmale der Verjährung und der erfahrenen +Häufigkeit trug, konnte solches Standgericht kein tieferes Interesse +erregen als eines, das aus Höflichkeit dem Erzähler gebührt. Mochte auch +der eine oder der andere die Willkür empfinden, die dabei gewaltet und +dem in halben Andeutungen Worte verleihen, so wurden die schüchternen +Einschiebsel leicht mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit abgetan. Für +zarte Gemüter war die Zeit nicht geschaffen; die Moral bürgerlichen +Lebens, das humane Gesetz, hatte da keine Giltigkeit mehr, wo man sich +täglich seiner Haut wehren mußte. Wer auf seinem Posten stand und der +Vorschrift genügte, war entlastet. »Die Gegner haben es genau so +gehalten,« wurde gesagt; »weil wir in der Patsche sitzen, spuckt man uns +ins Gesicht, und sogar im Lande selbst entblödet man sich nicht, Leuten, +die ihre Pflicht erfüllt haben und als Helden gefeiert würden, wenn das +Glück bei uns geblieben wäre, soviel wie möglich am Zeug zu flicken.« +Jawohl, bemerkte hierzu der Offizial bissig, die Menschen seien eben +Schweine und von ihrer schweinischen Natur könne man nichts Besseres +erwarten. + +Nach diesem Intermezzo nahm Siebold den Faden wieder auf. Da er nun zu +sprechen begonnen hatte, wollte er seine Sache auch bis zum Ende führen. +Das Wort hatte ihm Hilfe geleistet und Bild um Bild aufgefrischt; er +wunderte sich selbst über die wiederbauende Fähigkeit der Erinnerung und +gefiel sich in seiner Rolle des Mitrichters über Schicksale. Er +verweilte. Er ging in der Schilderung zum Kleinen und Intimen; mit +behaglicher Ausführlichkeit beschrieb er die traurige Gegend, das +verwahrloste Dorf, die Armut der Menschen, sogar das regnichte Wetter, +das geherrscht hatte. Dann erzählte er von der jungen Polin; wie trotzig +sie alle angeschaut mit ihren schwarzen Augen; er hatte den Namen +gewußt; er hatte ihn vergessen. Er besann sich und fand ihn. Katinka war +der Name gewesen. Als wohne dem Namen Leuchtkraft inne, wurde +gegenwärtig, wie sie stolz und wild die Antworten verweigert, auch als +man ihr den Revolver vor die Stirn gehalten; auch als man ihr +versprochen, den Knaben, ihren Bruder, zu schonen. Immer wieder betonte +er die teuflische Halsstarrigkeit des Mädchens, schließlich mit +Einschaltung eines lasziven Witzes, der, wie billig, belacht wurde. +»Glauben Sie, meine Herren, sie hätte die Zähne voneinandergetan? Um +keinen Preis. Eher noch die Beine, scheint mir.« + +Als der Spruch gefällt war, hatten sich alle, mit Ausnahme der Katinka +und des Riesen auf die Knie geworfen. Die Juden vor dem Hauptmann, das +Bürschchen vor ihm. Das Bürschchen hatte seine Beine umschlungen und +jämmerlich geschluchzt, bis es die Schwester angeschrieen und weggerissen. +Der alte Mann hatte ihm fortwährend die Hände geküßt und unverständliche +Worte gelallt. In die größte Verzweiflung waren aber die drei Juden +geraten. Mit gellenden Anrufungen Gottes hatten sie ihre Unschuld +beteuert, sich die Haare gerauft und an den Kaftanen gezerrt. Einer, mit +fuchsrotem Bart und käseweißem Gesicht, hatte sich äußerst demütig +betragen; als aber der Hauptmann, dem das Unwesen zu lärmend wurde, den +Befehl erteilte, die Gesellschaft abzuführen, war es gerade dieser, der +die Arme gegen ihn streckte und eine alttestamentarisch-gräuliche +Verfluchung ausstieß. + +Eine gespenstische Idylle, gerahmt in Selbstzufriedenheit, beschloß die +Darstellung: nächtlicher Regensturm; Siebold auf Runde; an den Ästen von +sieben Pappeln neben der Chaussee sieben Leichen, schwankend im Wind, +unheimliche Kleiderbündel, unheimliche Gerippe, schief, schlapp, +verbogen wie die Vogelscheuchen, und in der schwarzen Ebene ein +klagend-verklingender Ruf. + +Da dem Offizial die Düsterkeit des Gemäldes nichts anzuhaben vermochte, +weniger aus Herzenshärte, als weil seine Einbildungskraft, wie übrigens +bei alle diesen, das Entscheidende nicht zu fassen vermochte, schreckte +er vor der zynischen Erkundigung nicht zurück, ob denn die wilde Katinka +ihre vermeldeten Beine nicht hätte nützlich gebrauchen wollen oder +können. Im selben Augenblick erhob sich der schlafende Kleinbürger oder +Agent Jost mit störendem Geräusch. Er trat an den Tisch der Herren, +schüttelte sich raschelnd, feixte verlegen, und während er irgendwelche +Laute vor sich hinmummelte, betrachtete er einen um den andern; zuletzt +blieben seine Augen, zwei kleine, glitzerige Messingscheibchen wie bei +Katzen, auf Siebolds Gesicht haften, mit einem so neugierigen und +boshaften Ausdruck, daß es dieser als Belästigung empfand und ihn +stirnrunzelnd musterte. Ein Unbehagen blieb. + +Doch war seine Haltung aufrecht und seine Stimmung geläutert, als er +durch die abendlich finstern Gassen seinem Heim zuwanderte. Ein +zurückgedrängtes Stück seiner inneren Person war an dem Abend zu neuem +Wertbewußtsein erwacht. Er folgerte daraus, daß dem geistig und sozial +entwickelten Menschen Gedankenmitteilung und Gespräch mit +Gleichgearteten zu einer Vermehrung des Kräftevorrats verhelfe. Man +müsse sich zu erkennen geben, war die Lehre, die er daraus zog; man +dürfe sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Zufällig hatte er +eine abgebrochene Brücke wieder geschlagen, vernachlässigtes Lebensgut +in Sicherheit gebracht; und siehe, er befand sich wohl dabei. Die +Färbung der Existenz war intensiver, der Schritt gewichtiger, der Blick +bedeutender. Er blieb stehen, sog Luft in die Lunge, nahm eine Zigarre +aus dem Behältnis und zündete sie an. + +Das Ziel des Weges stand nicht im Einklang mit seiner Gehobenheit. +Sechzehn Quadratmeter Raum und vier Betten: das eheliche Schlafgemach. +Im Vorgefühl umfing ihn schon die trübe Enge. Die beiden Kinder, die +sich von Zeit zu Zeit auf dem Lager wälzten und im Traum redeten. +Kleider und Wäsche auf den Stühlen; Schuhe auf dem Boden; die Vorhänge +über den Fenstern morsch; oval gerahmte Familienphotographien an den +Wänden, deren Tünche zu bröckeln begann; die Decke vom Schlafdunst +vieler Nächte geräuchert. Als sicher war anzunehmen, daß die Frau +erwachen würde; mit den steifgeflochtenen Zöpfen würde sie sich +aufrichten, blaß, vergrämt, verdrossen; würde fragen, wo er gewesen, +warum er so spät kam; würde ihn mit ihren häuslichen Miseren quälen: +etwa daß sie beim Händler kein Gemüse, beim Kaufmann keinen Zucker +bekommen; daß weder Kohle, noch Holz, weder Brot noch Mehl im Hause sei; +daß das ältere Töchterchen über Halsschmerzen geklagt und wahrscheinlich +Fieber habe. Es wollte ihn bedünken, als gehe dies alles wider die +Würde. Man war Beamter mit Machtbefugnissen. Es war ein Zwiespalt +zwischen seiner Stellung im öffentlichen und im privaten Leben; +unversöhnlicher Konflikt. Der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung +genoß Ehren; er wollte es nicht verkennen, noch mißachten. Menschen +zitterten vor ihm. Menschenwohl und -wehe war in seine Hand gegeben. Der +Gatte, der Vater war zur Geringfügigkeit verdammt, niedergezwungen auf +die Straße der Vielen. + +Er schob es fort. Es gelüstete ihn nach Aufmunterungen. Neulich hatte er +auf demselben Weg ein Mädchen getroffen und war mit ihr gegangen. +Ungeachtet ihres niedrigen Gewerbes, das zu verabscheuen er als Mann von +makellosem Ruf und geachteter Position verpflichtet war, hatte sie ihm +gefallen. Es gibt Heimlichkeiten in der Lebensführung, durch die man nur +etwas aufs Spiel setzt, wenn sie aufhören, Heimlichkeiten zu sein, also +wenn man unvorsichtig ist, wenn man Spuren hinterläßt, wenn man die +Grenze nicht respektiert. Sabine Jäger war ihr Name. Ihre Haare waren +gelb wie frisches Holz, eine anziehende Besonderheit; sie hatte +Temperament und war verhältnismäßig noch unverdorben. Als sie davon +gesprochen hatte, ihn wieder zu treffen, hatte er sich nicht ablehnend +verhalten. In selbstbetrügerischer Zerstreutheit lenkte er den Schritt +nach der Richtung, wo sie wohnte. + +Da drang ein Gruß an sein Ohr. Betroffen drehte er sich um und erkannte +den Agenten Jost, der ihm gefolgt war. + + * * * * * + +Er trug ein gelbes Mäntelchen, das kaum bis zu den Hüften reichte. In +die schlottrigen Ärmel hatte er die Hände wie in einen Muff gesteckt. So +trippelte er vorüber. Aber plötzlich zögerte er, wartete, bis Siebold +herankam und sagte mit einer dünnen, hohen, quietschenden Stimme, es +freue ihn, den Herrn Rechnungsrat noch getroffen zu haben; er habe nicht +gewußt, daß der Herr Rechnungsrat in dieser Gegend zu Hause sei. + +Zwischen Herablassung und Mißlaune brummte Siebold ein paar leere +Worte, und jener machte Anstalten, weiterzugehen. Wieder trippelte er, +wieder hielt er inne. »Weit ists,« seufzte er, zog die Hände aus dem +Ärmelmuff und griff nach dem lächerlich flachen Melonenhut mit +ausgefransten Rändern, den ein Windstoß zu entführen drohte; »man läuft +sich die Füße wund, Tag für Tag. Ist mir nicht an der Wiege gesungen +worden, daß es mir so ergehen soll. Darf ich mich Ihnen anschließen, +Herr Rechnungsrat? Nur bis zur Ecke da droben, da ist meine Gasse; +hinter der Atlantik-Bar. Schönes Lokal, die Atlantik-Bar, wie? Schöne +Leute; immerfort Musik. Wer doch auch einmal lustig sein könnte; ei ja!« + +Siebold wußte nicht recht, wie er sich zu benehmen habe. Von dem +hergelaufenen, verlotterten Menschen angesprochen zu werden, verletzte +sein Standesgefühl. Er kannte ihn kaum. Andererseits waren die Zeiten +derart, daß man sich hochmütiger Regungen versehen mußte. Er verbarg +seinen Ärger, als Jost mit unterwürfiger Zutraulichkeit an seiner Seite +weiterging und hatte eine steif zurückhaltende Miene. + +Mit der pfeifenden Stimme und vom schnellen Gehen atemlos fuhr Jost +fort: »Da kenn ich einen, der ist dort angestellt als Wagenrufer. Ein +alter Mann. Vor zwei Jahren hatte er noch ein Speditionsgeschäft und +eine Villa. Vor zwei Jahren hat er noch in seinem Garten Rosen +gezüchtet. Und jetzt ruft er die Wagen, vielleicht für solche, die +früher Kratzfüße vor ihm gemacht haben.« Ein asthmatischer Husten +unterbrach ihn. »Angst und bang wird einem, Herr Rechnungsrat,« +quietschte er dann, »angst und bang. Das Schicksal ist wie ein Wolf. +Tückisch schleicht es her und fällt einen an. Hab drei Kinder zu +versorgen; acht Jahre das älteste. Ein Mädchen; ein gutes Kind; eine +Seele wie Gold. Eveline heißt sie. Poetischer Name, wie? Nun, das ist +der einzige Luxus, den sich die Armen leisten können. Ruft man sie, ruft +man Eveline, so wird einem gleich ganz wohl. Sie verkauft Schuhbänder +auf den Straßen, Schuhbänder aus Papierstoff; billig und schlecht. +Vorige Woche komm ich gegen Abend heim, hängt mir das Fünfjährige am +Stiegengeländer, außen am Geländer, unter sich den Abgrund, hängt und +zappelt und schreit. Noch zehn Sekunden, Herr, und die Muskelchen haben +keine Kraft mehr. Was sagen Sie dazu? Freilich, die armen Würmer sind +sich selber überlassen. Die Mutter ist tot. Hin und wieder beaufsichtigt +sie das Töchterchen vom Tapezierer nebenan. Aber darauf ist nicht mehr +lang zu rechnen. Mit seinen vierzehn Jahren ist das Menschlein bereits +schwanger. Der Vater ein Saufbold, der Bruder im Zuchthaus, nicht das +Stück Brot zum Fressen, kaum ein Hemd auf dem Leibe, und trotzdem juckt +sie das Fleisch. Und wenn man über die Stiegen geht, stolpert man über +knochenkranke Kinder, und an den Türen steht ausgemergeltes Volk, und +oben ist Elend, und unten ist Elend, und in der Mitte ist Elend. Hab ich +da nicht recht, kann einem nicht angst und bang werden?« + +Siebold räusperte sich. »Es lebt sich schwer heutzutage,« gab er +widerwillig zur Antwort. Die Geschwätzigkeit des einfältigen Menschen, +die unliebsame Begleitung vor allem, erregten seine Ungeduld, und er +suchte nach einem Vorwand, sich loszumachen. + +»Das ganze Leben ist ein finsterer Keller,« fing das Männchen mit seiner +weinerlichen Stimme wieder an; »wenn ich mir so die Leute betrachte, mit +denen ich zu tun habe, da wird mir, ich weiß nicht wie. Reden, reden, +reden. Geschäfte; und was für Geschäfte! Wenn zwei beisammen stehn und +wispern, so heißt das gewöhnlich, daß einem dritten die Gurgel +zugedrückt wird. Ich komme zu ihnen in ihre Häuser; ob fein, ob nicht +fein, ganz gleich, es liegt wie Unrat und Spülicht überall. Auf Tischen +und Stühlen, in Schränken und Betten, überall Unrat und Spülicht. Ich +glaube, irgendein Stern da droben, ein von Gott verfluchter, hat in +irgendeiner Nacht all seinen Unrat und Spülicht auf uns +heruntergeschüttet. Dem ist nicht beizukommen, nicht mit Wasser, nicht +mit Feuer; Unrat und Spülicht, das klebt in alle Ewigkeit. Nun, wirds +bald, sag ich, was redet ihr denn? was sinnt ihr? was macht ihr für +Grimassen? was grinst und lacht ihr und laßt euch von einem Alten, der +Rosen gezüchtet hat, eure Karossen rufen, wo doch das ganze Leben ein +finsterer Keller ist? Heda, was werft ihr denn euern Jammer auf einen +Haufen, daß man hineinstürzt und drin erstickt? Und ist der Zorn +verraucht, so möcht ich mich am liebsten hinschmeißen und heulen, vom +Morgen bis zum Abend, nichts als heulen. Zu denken: so ein Kind, eine +vierzehnjährige Schwangere. Zu denken! Herrgott! Das halt ich nicht aus. +Das raubt mir den Schlaf in der Nacht; ich liege und liege, und auf +einmal seh ich dann den Weg nach Golgatha. Den großen, fürchterlichen, +schmerzensreichen Weg nach Golgatha.« + +Siebold blieb stehen. Er schleuderte den Zigarrenstummel fort und fragte +streng: »Zu welchem Zweck erzählen Sie mir eigentlich das alles? Das ist +doch der reine Blödsinn, mein Bester.« + +Die schroffe Zurechtweisung beschämte den Kleinen sichtlich. »Es ist +wahr, Herr Rechnungsrat, es ist lauter Blödsinn,« erwiderte er +schüchtern. »Ich bin eben ein blödsinniger Mensch. Das sagen viele. Ich +habe selbst am meisten drunter zu leiden. Es geht bei mir bis zu fixen +Ideen. Zum Beispiel, Sie werden es kaum für möglich halten, zum Beispiel +hab ich heut abend die Wörter gezählt, die in Ihrer Geschichte +vorgekommen sind. Sollte man sowas glauben? Achthundertneunundachtzig +Wörter, alles in allem, genau gezählt. Hab mich schlafend gestellt und +dabei gezählt. Ich höre, versteh auch den Sinn, zugleich arbeitet das +Hirn wie eine Additionsmaschine, klapp, klapp. Kann mir nicht helfen, +muß zählen. Achthundertneunundachtzig Wörter, ein ganzer +Zeitungsartikel. War aber auch sehr spannend, Herr Rechnungsrat; +wirklich, mein Kompliment, eine spannende Geschichte. Aber in der Nacht, +wenn ich liege und in die Finsternis stiere, dann marschieren die +sämtlichen Wörter an meine Bettstatt, stellen sich der Reihe nach auf +wie die Zinnsoldaten, und da begreif ich erst die Meinung, da wird mir +alles erst klar, und da seh ich dann den Weg nach Golgatha, wie gesagt. +Ein schlimmer Zustand. Es ist kein Spaß, wenn man jede Nacht und jede +Nacht auf den Weg nach Golgatha geschleppt wird. Ich muß einmal zum +Doktor. Ich muß mich einmal untersuchen lassen.« + +Siebold überlief es kalt. Die Reden und das Gebaren des lumpenhaften +Menschen beunruhigten ihn allgemach. Daß er es mit einem Verrückten zu +tun hatte, stand fest. Entschlossen, sich von der unangenehmen +Gesellschaft zu befreien, murmelte er bei der nächsten Straßenabzweigung +einen mürrischen Gruß und entfernte sich rasch. + + * * * * * + +Glückliche Organisation befähigte ihn, leicht zu vergessen. Ist ein Mann +aus Neigung wie aus Eignung Beamter, so bilden die täglichen +Obliegenheiten seine Schutzwache. Berufsgewalt erhöht ihn. + +Menschen mußten warten, bis er geruhte, sie zu empfangen und anzuhören. +Auch wenn es ihm beliebte, nichts weiter zu sein als launenhaft, +lustlos, ungewillt ihre Gesichter zu sehen, sie mußten trotzdem warten. +Das machte die Bedeutung des in gewiesenem Bereich absolut regierenden +Beamten aus: daß sie warten mußten. + +Sie froren im Korridor, und in seinem Büro barst der Ofen vor Hitze. +Akten häuften sich mit Inhalt von unbestrittener Tragweite. Sie +verrieten dem kundigen Auge wirtschaftliche Schwäche, törichte Bemühung, +gesetzesfeindliche Ausflucht, verbrecherische Verschleierung. Sie +eröffneten den Blick in die Schlupfwinkel der Existenzen; sie boten die +Handhabe, Säumige zu zitieren, daß sie kommen mußten und dastehen wie +ertappte Diebe. Aufsässigkeit war vergeblich. Der Akt machte sie +zuschanden. Einspruch prallte ab. Der Akt redete. Der Akt beugte sie. + +Es drang aber aus dem Vergessenen herauf bisweilen eine quietschende +Stimme. Es zeigte sich auch, selbstverständlich nur in der Einbildung, +das gelbe Mäntelchen mit den in muffartigen Ärmeln geborgenen Händen. Er +schüttelte zu solchen Erscheinungen, die zwei-dreimal während des Tages +auftauchten, den Kopf, denn er war es nicht gewöhnt, Dinge zu sehen, die +nicht gegenwärtig waren, und eine Stimme zu vernehmen, ohne daß ein +Sprechender zu erblicken war. Es war eine Unzuträglichkeit, doch nicht +groß zu achten. Immerhin mied er das Stammlokal. Einer neuen Begegnung +mit dem aufdringlichen Schwätzer auszuweichen, dünkte ihm ratsam. Es gab +andere Zufluchtsstätten. Vor allem war er in diesen Tagen in intimere +Beziehung zu Sabine Jäger getreten, und die Abende waren von dem +Zusammensein mit ihr beansprucht. + +Da geschah es, daß er einen Brief mit der Post erhielt; auf dem +eingeschlossenen Blatt stand nichts weiter als der Satz: Der Weg nach +Golgatha ist lang. Er starrte eine Weile darauf nieder, schien sich zu +besinnen, dann zerriß er den Wisch und warf ihn ins Feuer. Verwegene +Anrempelung; so ein Bursche müßte festgenommen und bestraft werden. + +Zwei Tage später reichte ihm seine Frau eine offene Karte, die der +Postbote soeben gebracht hatte, und fragte erstaunt, was es damit für +eine Bewandtnis habe. Er las: Die Zinnsoldaten ziehen jede Nacht zur +Parade auf. + +Er versuchte zu lachen. Die Frau beharrte auf ihrer Frage, da sie ein +Geheimnis vermutete, eine chiffrierte Mitteilung. Zornröte stieg in sein +Gesicht. Er antwortete, er kenne den Schreiber; es sei ein Wahnsinniger, +aber von der harmlosen Art, der sich einen albernen Scherz mit ihm +erlaube; er werde dem Narren das Handwerk legen. + +Am selben Nachmittag gewahrte er auf dem Heimweg vom Amt Jost in seinem +gelben Mäntelchen vor einer Branntweinbudike. Er zog sogleich den +Melonenhut und grüßte devot. Siebold schaute geradeaus, ohne den Gruß zu +erwidern. Doch bemerkte er, daß ihm Jost folgte. Unwillkürlich +beschleunigte er seinen Schritt. Das Zwergentrippeln näherte sich +trotzdem. Erregung packte ihn, deren er sich schämte. Jäh blieb er +stehen. + +»Schlechtes Wetter, Herr Rechnungsrat,« sagte Jost kleinlaut; »wenn es +schon im November so ist, wie soll man da durch den Winter kommen? Hab +bereits alles, was beweglich ist, ins Pfandhaus getragen.« + +»Ich empfehle Ihnen, sich zu trollen, sonst laß’ ich Sie auf der Stelle +verhaften,« knirschte Siebold erbittert; »verschonen Sie mich, in des +Teufels Namen, mit Ihren unverschämten Vertraulichkeiten.« + +Aber als er darauf den Kleinen anschaute, erblaßte er. Jost hatte die +Augen auf ihn gerichtet, die zwei Messingplättchen hinter zuckenden +Lidern, und in diesen Augen war etwas, was er noch an keinem Menschen +wahrgenommen: eine unfaßbare, geradezu unsinnige Qual verbunden mit +einer ebenso unfaßbaren, ebenso unsinnigen Bosheit. Vielleicht kam es +ihm nur wie Bosheit vor; jedenfalls fuhr ihm ein befremdlicher Schrecken +in die Glieder. Schwerfällig ging er weiter, verwundert, in hemmendem +Nebel, in heimlicher, hemmender Sorge, die wie eine nachschleifende +Kette klirrte. + + * * * * * + +Es wurde so, daß er von dem Tage an keinen Gang durch die Straßen tun +konnte, ohne daß er den Gelbmantel nicht mindestens einmal erblickte. +Zwar redete ihn Jost nicht mehr an; aber daß er in der großen Stadt, +unter Tausenden von Menschen jederzeit darauf gefaßt sein mußte, gerade +diesem zu begegnen, immer wieder diesem, brachte ihn nach und nach aus +dem Gleichgewicht. + +In schäbigem Aufzug, schlotterig trippelnd, die Hände in den +Mantelärmeln, mumienhaft eingeschrumpft, in bekümmerter Eile oder auch +in gleich bekümmerter Gedankenversponnenheit tauchte er unerwartet an +einer Ecke auf; unter den Bäumen einer Allee; in der Mitte einer Straße. +Bald stand er vor einer Ladenauslage und betrachtete mit blöden Mienen +die Waren, den Melonenhut in die Augen gedrückt; bald kauerte er auf dem +Prellstein vor einem Torweg. Manchmal marschierte er auf dem +gegenüberliegenden Gehsteig in der nämlichen Richtung, überschritt die +Straße und verschwand plötzlich; manchmal schoß er unmittelbar auf +Siebold zu und wich erst in der letzten Sekunde zur Seite. Stets hatte +er den Kopf gesenkt und die Augen niedergeschlagen: bescheiden, +verängstigt, gehetzt; und eingehüllt in jene unfaßbare und unsinnige +Qual und Bosheit. + +Eines Morgens, als Siebold seine Wohnung verließ, die in einem +Hintertrakt gelegen war, und durch den mit einem Gärtchen verzierten Hof +schritt, gewahrte er ihn am Flurfenster im zweiten Stock des vorderen +Hauses. Er hatte beide Ellbogen auf das Sims gestützt, das Fenster war +offen, den Kopf hielt er zwischen den Händen, der Melonenhut saß diesmal +ganz im Nacken, so daß das sorgfältig gescheitelte und ölig verklebte +Grauhaar sichtbar wurde, und in dieser Haltung starrte er regungslos in +die Luft. In Siebold kochte berserkerhafter Ingrimm auf; er rief den +Hauspfleger; unartikuliert redend, deutete er mit dem Schirm in die +Höhe, brachte endlich die Frage hervor, was das Individuum da oben zu +suchen habe, und während der Hausmeister hinaufging, wartete er +wutbebend an der Stiege. Alsbald schlich Jost an ihm vorbei, vom +schimpfenden Hauswart verfolgt, gedrückt, still und hastig. Siebold +eilte ihm nach, wurde eines Polizisten ansichtig, trat auf ihn zu, +nannte seinen Namen und Titel, wies, abermals mit dem Schirm, auf den +sich entfernenden Gelbmantel, sagte zu dem Schutzmann, er möge ein Auge +auf den Strolch haben, es sei vermutlich ein Einschleicher, er selbst +beobachte ihn schon lange und habe Grund, ihn für ein gemeingefährliches +Subjekt zu halten. Der Schutzmann, über seine schäumende Gereiztheit +erstaunt, versprach, den Verdächtigen zu stellen, falls er sich wieder +in der Gegend zeige. + +Siebold glaubte, sich Ruhe verschafft zu haben. Zwar blieb eine +ahnungsvolle Verwirrung in seinem Innern bestehen, eine gewisse +Zerstreutheit und Erregbarkeit, deren er nicht Herr zu werden vermochte, +aber da sich der Mensch in den nächsten Tagen nicht blicken ließ, atmete +er auf. Als er jedoch am dritten oder vierten Tag in sein Amtszimmer kam +und sich an das Schreibpult setzte, lag da ein großer Bogen Papier; an +jeder Ecke war mit Rotstift ein Kreuz gezeichnet; in der Mitte befanden +sich drei Kreuze, und unter diesen stand, ebenfalls mit Rotstift +geschrieben: + + Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan, + Und was sie weisen, das ist Gram und Scham, + Und der sie aufgericht und hingestellt, + Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt. + +Er wußte zuerst nicht, was das sein solle. Verse; was hieß denn das? Er +dachte an einen Schabernack der Kollegen, runzelte die Stirn, schaute +hinter sich, blätterte in einem Faszikel, nahm den Bogen wieder zur +Hand, studierte die Schriftzüge, verfärbte sich, spürte etwas wie +Lähmung in den Händen, eine Glutwelle im Kopf; sprang auf, fuhr den +Schreiber an, wer das Zeug auf seinen Tisch praktiziert habe, geriet +außer sich, als der versicherte, von nichts zu wissen, rief mit heiserer +Stimme den Amtsdiener, deutete auf den beschriebenen und bemalten Bogen, +drohte, eine Disziplinaruntersuchung anhängig zu machen, und als einige +Beamte aus den benachbarten Räumen, über den Auftritt bestürzt, +herbeigerannt waren, wollte er ihnen erklären, was ihm widerfahren, daß +Unfug gegen ihn verübt werde, aber er kam ins Stottern, und auf einmal +schwieg er, wischte sich den Schweiß von der Stirn, begab sich auf +seinen Platz zurück und versank in sonderbares Brüten. Die Herren +zuckten die Achseln und warfen einander bedenkliche Blicke zu. + +Den Parteien erwuchs Übles von seiner verdüsterten Gemütsverfassung. Die +geringen Leute harrten stundenlang vergebens auf den Aufruf. Auch an den +folgenden Tagen. Zeitbedrängte standen sich die Zehen in den Stiefeln +wund. Schuldbewußte verzagten. Die zur Amtshandlung Vorgelassenen wurden +in messerscharfe Inquisition genommen. Mutmaßliche Fehlangaben stießen +auf ätzenden Hohn. Strafausfertigungen wimmelten. Den Korridor füllte +Murren. Der Gewaltige selbst aber saß und befahl. Saß und verschanzte +sich gegen die Stimme, die eine Stimme. Machte sich blind gegen das +Gesicht, das eine Gesicht. Bemühte sich, den Worten eines läppischen +Verses zu entrinnen. Wußte, was die Stimme verlangte, während er das +schwindsüchtige Weib anschrie, das die Quote nicht zahlen konnte und zur +Pfändung verurteilt war. Erboste sich um so mehr. Unnachgiebigkeit war +zu erweisen, Unerbittlichkeit. Kam er nach Hause, so fühlte er sich +erschöpft. + +Am Sonntag um die Dämmerungsstunde hatte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa +gelegt und war eingeschlafen. Die Frau saß am Fenster und nähte, die +zwei Kinder hatten sich in die Ecke gedrückt und blätterten in einem +halbzerfetzten Bilderbuch. Die Stille wurde von einem gräßlichen Schrei +unterbrochen. Siebold fuhr empor; in seinem Gesicht war weißer +Schrecken; es war wie zerfetzt von Schrecken. Die Frau stürzte hin, +packte ihn; »Mann, Mann,« rief sie; die hagere Gestalt, abgehärmt Teil +für Teil, war der Wucht der Befürchtung kaum gewachsen; die Kinder +standen zitternd hinter ihr, den Vater mit verzehrend großen Blicken +betrachtend. + +Der war entwirklicht. Er hatte nicht selber geschrien. Einer in ihm +hatte geschrien. Überlegte er es genauer, so war es nicht einer gewesen, +sondern mehr als zehn. Sie waren schreiend an ihm vorübergestürmt, in +einem violett-feurigen Ring. Sie hatten sich zu dem Schrei in ihm +vereinigt, daß er aufwachen solle. Er begriff sonst nichts, äußerte auch +dieses nicht. Es erschien ihm erniedrigend, er hatte es noch nie erlebt, +es widerstritt dem Rang und der Regel. Unfreundlich wies er die Frau ab, +nachdem er sich gefaßt, wusch das Gesicht in kaltem Wasser, zog den +guten Rock an, ging fort. + +Er war mit Sabine Jäger verabredet, suchte aber erst das Stammwirtshaus +auf, um zu Abend zu essen. Gerade dorthin wollte er, wo er +möglicherweise den Gelbmantel treffen konnte. Dorthin, jawohl, um sich +nicht der Feigheit bezichtigen zu müssen. Vielleicht wurde eine +Entscheidung dadurch herbeigeführt. Vielleicht machte er den Hallunken +dingfest. Vielleicht holte er sich Rat bei den Freunden und berichtete +ihnen, was für Streiche ihm der Kerl spielte. Er nahm sich einen +bestimmten scheltenden und entrüsteten Ton vor, in welchem er die +Anmaßung und Übergeschnapptheit des Menschen darlegen wollte, aber als +es so weit war, als er in der wohlwollenden Runde saß, brachte er keine +Silbe aus der Kehle, ja, wenn er bloß daran dachte, fing sein Herz an zu +klopfen. Er fand den Eingang nicht, er fand das Wesen nicht, er fand den +Dolus nicht, alles war verwischt, dumm, kindisch, unfaßbar. Es wurde ihm +gesagt, daß er schlecht aussehe, schlaffe Wangen und trübe Augen habe; +er gab zu, sich krank zu fühlen; es war ein Anlaß, sich bald zu +verabschieden. Der Offizial stülpte hinter ihm die Stirn in Falten und +meinte, mit dem gehe es bergab, der werde es nicht mehr lange treiben. + +Mit großer Hast eilte er durch die Straßen. Nebengassen glichen +Schlünden, geschlossene Tore und Fenster waren wie für die Ewigkeit +verriegelt. Das verhohlene angenehme Grauen, mit dem der unbescholtene +Bürger, Staatsbeamte, Ehegatte zu einer Prostituierten geht, täuschte +ihn über anderes Grauen, das in innerste Zellen entwichen war. Die Jäger +bewohnte in einem uralten Vorstadthaus mit vielen Höfen und Durchgängen, +vertretenen Stiegen, steinern kalten Fluren im letzten der Höfe zwei +Zimmer im Erdgeschoß. Deckchen, Kissen, bunte Stoffe und eine schummerig +umhüllte Lampe überschminkten die Dürftigkeit. + +Das Mädchen empfing ihn im grünen Schlafrock und zeigte über sein Kommen +Freude. Sie plauderten von Abstand zu Abstand, leer, hölzern, zweckhaft; +der Regen plätscherte draußen. Siebold dünkte sich leidlich in +Sicherheit; was noch an Unruhe in ihm trieb, versprach die Lust abzutun, +er wurde deshalb wortkarg und verlangend. Doch hatten sie sich nicht +sobald auf das vorbereitete Lager begeben, als er mit erstarrendem Auge +an die Mauer blickte und die erstarrende Hand hinstreckte. Es war ein +Karton mit Reißnägeln angeheftet, darauf gemalt zwei schwarze +Schmetterlinge links und rechts, in der Mitte eine rote Flamme, und +darunter war in lapidaren, fast wie in alten Mönchsschriften kunstvoll +ausgeführten Lettern zu lesen: + + Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan, + Und was sie weisen, das ist Gram und Scham, + Und der sie aufgericht und hingestellt, + Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt; + Und immer neue baut er Tag und Nacht + Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht. + +»Wo hast dus her?« fragte er mit bebender Kinnlade und kraftloser +Lippe, »wo hast dus her?« Und sie, erschrocken über sein Aussehen, +unbefangen wegen der Frage: »Einer hat mirs geschenkt.« Er umklammerte +ihren Arm, daß sie schmerzlich stöhnte. »Wer? wer hats geschenkt? wer?« + +Da erschallte vom Hof herein ein klagendes Rufen, nicht sonderlich laut, +aber mit durchdringend hoher Stimme. »O, Golgatha!« riefs, und wieder, +langgedehnt: »o, Golgatha!« Wie er die Stimme kannte! Er sprang auf, +tastete nach den Kleidern, fiel entkräftet auf einen Stuhl und murmelte +ohne Atem, die Hosen halb über den Beinen: »Er hat mich dahier ausfindig +gemacht; das gibt Unheil; ich muß ihn erwischen; ich muß ihn erwürgen.« +In verstörter Eile kleidete er sich vollends an, Sabine war um ihn +bemüht, lauschte zugleich, denn das wehe »o Golgatha!« tönte, obzwar +ferner und schwächer, noch immer herein. Während er den Kragen +befestigte und die Krawatte band, kam es wie geistesabwesend aus seinem +Mund: »Weiß nicht, was er will. Immer hinter mir her, früh und spät +hinter mir her; weiß nicht, was er von mir will. In meinem Leben hab ich +nichts Schlechtes getan. Wie ein Detektiv auf der Lauer und hinter mir +her. Das darf nicht geduldet werden. So einen muß man einsperren. Ins +Irrenhaus gehört so einer.« + +Die Jäger betrachtete ihn scheu und mißtrauisch, war froh, daß er sie +verließ, riegelte die Tür auf, als er fertig war, und bekreuzte sich, +als er grußlos hinausstürzte. + +Der Hof war finster. Das Rufen hatte aufgehört. Er suchte. Es war +niemand da. Er stand und ging mit vorgeneigtem Rumpf; die Augen irrten +durch die nasse Dunkelheit. + +Er suchte den geheimnisvollen Verfolger. Violett-feurige Ringe drehten +sich wieder. Er wankte durch die Torwege, pochte an ein Fenster, und +eine Alte kam, das Tor zu öffnen. »Haben Sie keinen gesehen?« fragte er; +»ist nicht einer fortgegangen, ein Kleiner mit gelbem Mantel?« Nichts +gesehen, keinen gesehen, war die Antwort. + +Auf der Straße machte er ein paar Schritte, dann mußte er nach einer +Stütze tasten. Er lehnte sich an die Mauer. Brodeln war in der Luft, der +Erdboden bog sich und gab nach wie Gummi. Was war denn? was geschah +denn? »Ich habe doch in meinem ganzen Leben nichts verbrochen,« murmelte +er grübelnd und verdüstert; »meine Hände sind rein, niemand kann mir +etwas vorwerfen, ich habe kein unrechtes Gut erworben, habe keinen +Menschen unterdrückt; war fleißig, pünktlich, solid, nüchtern, +anständig; was will der Schuft von mir? was will er mit seinem Golgatha +und seinen blödsinnigen Verschen?« + +Da hörte er sich selbst, zu seinem Entsetzen, wie wenn seine Zunge +andern Pfad liefe als sein Denken, hörte er sich selbst in einer monoton +und schülerhaft deklamierenden Weise sprechen: + + »Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan, + Und was sie weisen, das ist Gram und Scham, + Und der sie aufgericht und hingestellt, + Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.« + +Der Verstand, wo war der Verstand? Es mußte doch ein Verstand drinnen +sein. Und dann das noch: + + »Und immer neue baut er Tag und Nacht + Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.« + +Ja, was denn? wie denn? warum denn? Wegen dem schwindsüchtigen Weib am +Ende? Es war seltsam, daß ihm dies einfiel; er wußte nicht, was er +daraus machen sollte. Langsam ging er weiter, im Regen, ohne den Schirm +aufzuspannen, nicht in sich gekehrt, nicht nach außen gekehrt, doch +horchend, unablässig horchend. Auf das Rätsel horchend. Was sich mit ihm +ereignete, war Rätsel. Wie er den Verfolger im Hof gesucht hatte, so +suchte er jetzt die Lösung des Rätsels, oder bloß die Natur davon. Er +schleppte etwas, und wußte nicht, warum es so schwer war, noch warum es +ihm aufgebürdet war, noch was für ein Ding es überhaupt war. »Man hat +Frau und Kinder, man muß sich zusammennehmen,« sagte er auf einmal laut +und fühlte sich ein wenig erleichtert, vielleicht unter dem Einfluß +grellen Lichts, das ihn traf. Es war die Bogenlampe vor der +Atlantik-Bar. Musik und Gelächter schallten heraus, Automobile und Wagen +standen in langer Reihe. Er wagte kaum hinzuschauen, ging etwas rascher, +und nach einigen hundert Schritten bemerkte er eine ziemlich große +Menschenansammlung. Laut redende und heftig gestikulierende Gruppen +hatten einen eleganten Fiaker umringt und offenbar den Lenker vom Bock +gerissen, denn die Pferde, denen anzusehen war, daß sie im raschesten +Lauf aufgehalten worden, standen allein, und aus den Stimmen hob sich +die rohbrüllende des Kutschers am vernehmlichsten hervor. Dem Gespräch +zweier Burschen entnahm Siebold, was sich zugetragen hatte. + +Es befand sich in diesem Teil der Straße eine kommunale +Kartoffelverkaufsstelle, die natürlich während der Nacht geschlossen +war, vor der jedoch in Erwartung des Morgens zahlreiche Leute aus dem +Volk postiert waren, Weiber, alte Männer, halbwüchsige Kinder. Einige +kauerten auf der Erde, hatten eine Decke, eine Kapuze, einen Unterrock +zum Schutz gegen Regen und Nachtkälte über den Kopf gezogen und +schliefen. Plötzlich war jener Fiaker herangerast, ein offenes Gefährt, +und darin lehnte blasiert ein Herrchen, vielleicht neunzehn, vielleicht +zwanzig Jahre alt, die Spuren der Ausschweifung in den Zügen, die Finger +voller Ringe, Brillantnadel im Schlips, mit Lackschuhen, gebügelter +Hose, Spazierstöckchen, Glacéhandschuhen, die ganze Welt in der Tasche, +doch sie verachtend. Die bis auf den Fahrdamm hockende und stehende +Menge in der Dunkelheit zu spät gewahrend, hatte der Kutscher geschrien; +Angstlaute antworteten, Weiber flüchteten überstürzt; aber der Wagen +fuhr zu nah am Rinnstein; ein Kind war vom Hinterrad erfaßt worden und +lag bewußtlos da. + +Für Siebold war es Gelegenheit, dem zu entrinnen, für eine Weile, was +ihn peinigte; daß er ihm zulief, ahnte er nicht. Er drängte sich durch +die Menschen und gelangte in den freien Raum, der sich um den Kutscher, +den Fahrgast und das auf dem Pflaster liegende Opfer des Unglücks +gebildet hatte. An der Seite des Kindes, das mit bläulich-fahlem Gesicht +hingestreckt lag, ein wenig blutigen Schaum vor den Lippen, die offenen, +blonden Haare von Kot besudelt, kniete Jost, und kein Scharfsinn war +nötig, um zu erkennen, daß er der Vater des Kindes war. Er redete, doch +im wüsten Gezänk verhallten seine Worte. Mit dem Taschentuch wischte er +bisweilen das Blut vom Munde des Mädchens, strich mit der Hand über +Stirn und Wange der Leblosen, erwiderte nichts auf die Fragen und +Ratschläge der Umstehenden, war eingewühlt und hingegeben in den +Schmerz. + +Jemand sprach vom Transport ins Spital; ein anderer sagte, alle +Spitäler seien überfüllt. Ein Weib meldete, die Rettungsgesellschaft +habe wissen lassen, daß augenblicklich kein Wagen zur Verfügung stehe, +in einer Stunde erst, worauf unwilliges Murren hörbar wurde. Ein Mann +trat in den Kreis, der sich als Arzt auswies, beugte sich nieder, legte +das Ohr an die Brust des Kindes, sprach mit Jost. In den lärmenden +Streit zwischen dem Kutscher und der erregten Menge hatte ein Polizist +vermittelnd eingegriffen, es gelang ihm, die Ruhe herzustellen. Das +Herrchen, von drohenden, feindseligen Blicken gemustert, stand blaß und +lässig da, verbarg die Angst vor der Wut und dem Hohn der Leute unter +einer hochmütig-teilnahmslosen Miene, zupfte am Schnurrbärtchen, ahmte +in seiner Haltung aristokratische Art nach, was die Hohlheit, die freche +Neuheit seiner Umstände erst recht zum Vorschein brachte. + +»Gott kann das nicht zulassen,« hörte man nun den Gelbmantel sagen, oder +vielmehr Siebold hörte es, da er sich unter unbesiegbarem Zwang dicht +herangedrängt hatte; »immerfort rinnt Blut aus der Seele,« sprach er wie +ein Betäubter; »Gott kann mir das nicht antun. Man muß die Tropfen von +dem Blut zählen, damit sie alle wieder zurückgegeben werden. Ich will +sie alle wieder haben. Die Seele braucht das Blut. Wo ist das Körbchen? +Meine Eveline hat ein Körbchen gehabt. Wo ist das Körbchen?« + +Neugierig und mitleidig starrten die Männer und Weiber auf ihn nieder. +Ihre übernächtigten, von vielfacher Bedrängnis gemeißelten Gesichter +gaben Andacht kund; finstere Gedrungenheit der Erfahrung des Übels war +in ihnen, die gelernte Geduld, der Rost des Elends. Einer hatte das +Körbchen gebracht, ein zerfetztes Strohgeflecht mit beschmutztem blauen +Band. Indessen regte sich das Kind, und Jost sagte, er wolle es nach +Hause tragen, er wolle auch zu seinen andern Kindern heim, er wolle es +auf den Arm nehmen. Da schien es Siebold unter demselben unbesieglichen +Zwang, als müsse er Hilfe anbieten; es trieb ihn hierzu unter trotzigen +und bösen Vorbehalten. Es war die Hoffnung, sich loskaufen zu können; er +wollte sagen können: mein Lieber, ich bin da, du siehst also, daß du mir +unrecht getan hast und mich künftig in Frieden lassen sollst; ein +Mißverständnis, du siehst nun selbst, ein Irrtum. + +So beugte er sich nieder, um die Hand des Kindes zu befühlen. Sie war +überraschend kalt und vermittelte eine Empfindung von der Grenzwelt. +Jost schaute in sein Gesicht, und hatte einen Ausdruck, als fände er es +selbstverständlich, ihn hier zu sehen. Seine Wangen hatten Furchen, die +Messerschnitten glichen; die Lider waren wie verklebt, die Hände mit +Straßenkot bedeckt, Mantel, Beinkleider, Schuhe, sogar der Melonenhut, +in den Nacken geschoben wie damals am Treppenfenster, mit Kot überzogen. +Er hob das Kind empor. Man hätte ihm die Kraft nicht zugetraut. Es +schlang die Arme um seinen Hals. Siebold, wie mit Stricken angebunden, +blieb ihm zur Seite, er, dem die Nähe des Menschen Pest gewesen. Ein Bub +eilte nach und ließ Geldscheine flattern. Der Herr, der Fahrgast, hatte +sich in letzter Minute zu einer Spende entschlossen. Jost schüttelte den +Kopf. Er begleite ihn und werde ihm zu Hause das Geld geben, sagte +Siebold, nahm dem Knaben die Scheine ab und steckte sie in die Tasche. +»Das Körbchen!« rief Jost bänglich, und ein Weib holte es herbei. +Siebold nahm auch das Körbchen. Der Schutzmann hielt sie noch einmal auf +und verlangte Josts Adresse. + +Nach und nach verloren sich diejenigen, die aus Zeitvertreib oder +Vorliebe für traurige Zwischenfälle mitgegangen waren, und Siebold war +mit Jost und der Leidenslast, die dieser trug, allein. Es herrschte in +seinem Geist welkes Erstaunen über sein Tun. Es war als trete ein +Fremdes aus ihm heraus und er gehe zwiefach; der zweite blieb dahinten. +Jeder Schritt erniedrigte ihn um eine neue Stufe. In seiner kränklichen +Stummheit redete er zu dem stummen Begleiter: du siehst, wozu ich bereit +bin; du siehst, wie ich mich herablasse. Dann spürte er, daß ihn stärker +als alles andere die Begierde nach der Lösung des Rätsels unterjocht +hatte; schwarze, giftige, fressende, brennende Ungeduld, den Grund +unerhörter Vergewaltigung und Beleidigung zu erfahren, der Kühnheit, mit +der in die Schranke der Persönlichkeit eingebrochen, gewährleistete +Würde verletzt, Sicherheit und Ruhe zerstört worden war eines Trägers +von Verantwortungen, eines Funktionärs mit Befugnissen, die über das +Gemeine erhoben und gegen das Ordnungslose feiten. Aber der +hartnäckigere Aufruhr war bei dem, der hinten blieb und mit dem die +Bindung zerfiel. + +Da es heftiger regnete, spannte er den Schirm auf und hielt ihn im Gehen +über Jost und das Kind. Dem schwachen Menschen wurde die Bürde zu +schwer; sein Schwanken verriet es, der keuchende Atem. Siebold sah sich +um, als erwarte er Beistand von wo; daß er selbst ihn leisten konnte und +schließlich mußte, dawider bäumte er sich auf, bis eine Bewegung Josts +ihn dringend anrief. Er umfaßte das Kind; die feuchten, besudelten Haare +streiften sein Gesicht; der Kopf fiel wie gebrochen sogleich über seine +Schulter; die Ärmchen hingen steif und mager herunter. Robust wie er +war, fand er die Last federleicht. Er reichte Jost Schirm und Körbchen, +dann setzten sie den Weg fort. Plötzlich gellte Jost in die Nacht +hinaus: »Das darf Gott nicht zulassen,« mit einem gemarterten, +rebellischen Ton. + +Er fängt schon wieder mit seinem Geschwätz an, dachte Siebold. Das Kind +in seinen Armen regte sich; er fühlte die Glieder, die kleine Brust, die +engen Lenden, geschmiegt an seinen Leib, und es war ihm zum Schaudern +neu. Keines der eigenen war so dicht an ihm gewesen, in Krankheit nicht, +in Zärtlichkeit nicht, keines hatte so elfenhaft, so hingeschwunden an +ihm geruht. In seiner Kehle war es wund; er war so außer seinem Kreis, +daß er wie in Behexung durch ein aufgesperrtes Tor ging, wie taub und +blind hinter Jost über Treppen und abermals Treppen, höher, immer höher, +an Türen vorbei, höher und immer höher, als sei es ein Turm, und endlich +beklommen um sich blickte, als sie in ein dumpfiges Gemach gekommen +waren und Jost einen Kerzenstumpf anzündete. + +Zwei Kinder lagen schlafend auf einer Matratze. Daneben stand ein Bett +ohne Überzug, bloß Decke und Strohsack im Gestell. Die Fenster waren +unverhängt. Man sah Schlöte gleich kolossalen Fingern aufragen, mit +Blitzableitern wie schwarze Strahlen. An den kahlgrauen Wänden hingen +gedruckte Bilder aus Zeitschriften, Berge, Schlösser, Feldherren, +Fürsten; auf dem Boden lag eine verbogene Kindertrompete, auf dem Tisch +ein Ranft altbackenes Brot, eine angebissene Rübe und eine Schachtel mit +Lottonummern. + +Wie komm ich daher? dachte Siebold, und wie komm ich wieder fort? Jost +hatte ihm das Kind abgenommen. Er entkleidete es. Er war behutsam mit +Rücksicht auf die Schlafenden. Er flüsterte: »Der Doktor hat +versprochen, morgen früh seinen Kollegen von der Bezirkskrankenkasse zu +schicken. Wenns nur wahr ist. Ich soll einstweilen kalte Umschläge +machen. Gewiß, gewiß. Soll geschehen. Im Krug ist Wasser. Gewiß, gewiß, +soll geschehen, du davongelaufene kleine Seele. Und das Blut abwaschen, +den Dreck abwaschen. Soll geschehen, soll alles geschehen.« + +Die Worte wurden im Hauch hervorgestoßen, entlockt vom Irrsinn der +Sorge. Dabei manipulierte er, warf Kleidchen, Schuhe, Strümpfe, +Unterröckchen, Hemd beiseite, holte den Krug, riß einen vom Gebrauch +schwarz gewordenen Fetzen vom Nagel, immer an Siebold vorübertrippelnd, +der sogleich die Geldscheine auf den Tisch gelegt hatte und dann nutzlos +stehen blieb. Die Kammer mußte auf der einen Seite eine sehr dünne, bloß +gegipste Wand haben, denn aus dem danebenbefindlichen Raum war +ununterbrochen ein schmerzliches Ächzen zu hören, welchem Siebold +furchtsam und erregt lauschte, während Jost den Körper des Kindes mit +allerbedächtigster Zartheit in die rauhe Wolldecke hüllte, das angenäßte +Tuch über die Stirn breitete und darnach mit gefalteten Händen vor der +Bettstatt niederkniete. + +Bei dem Anblick des nackten Kinderkörpers war es Siebold durch den Sinn +gegangen: ein Fisch; und es war eine eigene, frierende, bettelnde +Wollust dabei gewesen. Die Vorstellung des weißen, zuckenden +Fischleibes, dessen verglaste Augen im letzten Brechen nach dem +heimischen Element lechzen, hatte Ähnlichkeit mit dem Emporlodern eines +Lichtes in einer Grube. + +Er horchte auf das Ächzen hinter der Wand, das sich aus raschen +Zuflüssen der Qual verstärkte. + +Jost sprach: »Es ist nur ein weniges. Geringen Platz braucht die kleine +Seele in der großen Welt. Wen hast du denn inkommodiert? Wem Luft und +Wasser und Speise weggenommen? Wer hat dich bemerkt? Wem fehlt sein +Teil, wenn du unter ihnen herumgehst mit deinen zierlichen Füßchen? Sie +können dich in die Ecken stoßen, das ist ihnen erlaubt. Sie können +sagen: marsch, aus den Augen, Kreatur. Jawohl, das ist ihnen erlaubt. +Aber dein Leben ist ein ebensolches Leben wie das von jedem von ihnen; +dein Blut ein ebensolches Blut. Sie geben dir nichts, du nimmst ihnen +nichts. Du willst bloß da sein, ganz bescheiden da sein.« + +Siebold hatte gehen gewollt, aber Art und Rede des Menschen machten ihn +unschlüssig. Da war etwas, daß man aufmerken mußte. Auch das +schreckliche Ächzen hinter der Wand hielt ihn fest. So setzte er sich +auf einen Stuhl neben dem Tisch, ohne Willen. Alles gestaltete sich mehr +wie ein geballter Vorgang im Fieber, an dem er mit einem entlegenen und +bisher unbekannten Stück seines Wesens Teil hatte. + +»Da faßt man hin und nennts bei Namen,« fuhr Jost fort, »und das, was +man nicht nennen und nicht fassen kann, rinnt aus. Das Köstliche rinnt +und rinnt. Hunderttausend Jahre vielleicht waren nötig, daß es hat +entstehen können. Ur-Ur-Urväter haben Ur-Ur-Urenkeln Tröpfchen um +Tröpfchen, Fäserchen um Fäserchen übermacht, haben geschaffen und +gebaut, gepflügt und geerntet, gedarbt und gewirkt, einer am andern, von +Mutters und von Vaters Seite bis ins hundertste Glied zurück, daß es hat +werden können, das Fünkchen in der Brust. Auf einmal kommt was daher +gerollt, ein Rad, kommt gerollt und gerollt, weil ein Laffe mit einem +Monokel im Gesicht zu seinen Dämchen und Spießgesellen will, und die +Brust soll zerdrückt sein, das Herzlein zerschmettert, das Fünkchen +ausgelöscht? Ist denn das möglich? Darf das zugelassen werden? Kann man +das aushalten?« + +Ein Aufkreischen drang durch die Wand, und Jost nickte. »So ist es,« +sagte er. »Zwei Fingerbreit Mauer dazwischen. Drüben will eins zum +Leben, hüben will eins zum Tod. Und sie fassens nicht. Keiner faßts, das +eine nicht, das andere nicht. Die Vierzehnjährige gebiert, die +Achtjährige will schon wieder heim in den Schoß der mächtigen Mutter. +Hören Sie? hören Sie?« + +Er wandte Siebold das Gesicht zu. Zum erstenmal redete er ihn an. Beide +lauschten. Das tierhafte Röcheln des in Wehen sich windenden Weibes war +nicht mehr zu mißkennen, der inbrünstige, gewürgte, rasende Schrei auf +einem Folterbrett. Die zwei schlafenden Kinder regten sich; Jost trat zu +ihnen und beschwichtigte sie. + +Er geriet nun in eine fahrige, kummervolle Geschäftigkeit. Lief hin und +her, stieß eine Lade zu, rührte Gegenstände an, aber bei einem +neuerlichen Schrei blieb er stehen und sagte: »Hören Sie, Mann? +Begreifen Sie, was wir tun? Begreifen Sie, was gelitten wird auf der +Erde immerzu? Was die unerbittliche Natur uns leiden macht und dann der +Mensch? Was die Dämonen uns leiden machen und die Träume? Was das +Fleisch uns leiden macht und der Geist? Während wir im Wirtshaus sitzen, +wird gelitten. Während wir Akten vollschreiben, wird gelitten. Während +wir unsere Notdurft stillen und unsere Geilheit letzen, wird gelitten. +Überall, oben und unten, bei den Herren und bei den Knechten, in der +Finsternis und im Licht, überall wird gelitten. Begreifen Sie, was wir +treiben allesamt? was wir wert sind allesamt? Begreifen Sie?« + +Er sprach mit geweiteten Augen, in denen es phosphoreszierte, mit +hackenden Zähnen und schlaffen, schaufelnden Lippen und bohrte die +Fäuste in die Taschen des blut- und kotbesudelten Mäntelchens. »Und wenn +es schon geschieht, und das Rad zerquetscht das lebendige Herz, warum +kommt dann der Laffe mit dem Monokel nicht und leckt mit seiner Zunge +das Blut von den Pflastersteinen weg? Soll es hineindorren in die +Steine, hinüberdorren ins Jenseits? Warum kommt er nicht und ruft: ich, +ich, ich –? Und wenn es schon geschieht, und das Kind drüben muß in +seinem frühen Jammer Mutter werden, warum kommt der Lump nicht, der es +geschwängert hat, warum kommt die Bestie nicht und fällt auf die Erde +vor Schreck und Angst und Mitleid, weil er sehen kann, wie das +Dingelchen sich krümmt und wie es seufzt und wimmert, warum kommt er +nicht und ruft: ich, ich, ich –? Warum sprechen sie nicht: verzeiht, wir +haben nicht gewußt, was wir tun –? Was ist das für eine Ordnung in der +Welt, daß sie sich verstecken dürfen und sich anstellen, als wüßten sie +von nichts? O Menschen, Menschen, Menschen! Sie wissen nicht, was sie +tun, das ist es. So soll ihnen auch nicht verziehen werden. Nein und +abernein, verziehen nicht. Komm her, du Laffe, und drück deine +Lasterlippen auf die Steine; komm her, du Bestie, und vernimm und schau. +Wer da handelt, muß auch wissen. Ums Wissen gehts. Nichts da, die +Verantwortung abwälzen. Nichts da, sich auf Gesetze und Vorschriften +ausreden. Blind magst du sein, du Menschenhund, du Menschenfloh, du +Menschennichts, aber wissen sollst du, wissen, was du tust, und +niederstürzen und mitwimmern, und rufen, daß es an die Enden der Welt +schallt: ich, ich, ich!« + +Das Licht auf dem Kerzenstumpf flackerte nur noch ganz trüb, so daß bloß +der nächste Umkreis auf dem Tisch matte Helligkeit erhielt. Die Schlöte +vor den Fenstern türmten sich um so strenger in den Wolkenhimmel. Es +entstand Stille von einer Eindringlichkeit, die jede Fiber spannte. Eine +hautlose, unendlich verschuldete Wachsamkeit war in Ohr und Hirn. + +Es saß hier nicht mehr der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung mit +Namen so und so. Es saß hier einer, der keinen Namen mehr hatte und +dessen stählerne Hüllen abzuschmelzen begannen. Es war nicht mehr das +Mansardenloch eines Ausgestoßenen; nicht mehr der Tisch mit der +qualmenden Kerze: es war ein Raum unter den Sternen. Es floß nicht mehr +Zeit; Zeit war dahin. Erde war dahin. + +Und wie sich nun der Mensch ohne Namen aus dem Zusammenhang gehoben sah, +rührten ihn von unten her Hände an. Hände von Vergangenen, Hände von +Gerichteten. Sie strebten verlangend zu ihm empor; Hände eines Knaben; +Hände eines Greises; Hände eines Mädchens; Hände von Männern. Die einen +waren gefaltet, die andern wie in der Abwehr; die einen flehten, die +andern drohten; die einen beteuerten, die andern waren gerungen. + +Zuerst fragte sich der so Bedrängte, was sie von ihm begehrten; doch wie +der Umriß nahm auch ihre stumme Sprache an Verständlichkeit zu, und wie +sie von schattenhafter Verwesung sich in Körperhaftigkeit wandelten, +wurde die Forderung so klar, Klage, Vorwurf, Anspruch und Gericht so +unzweifelhaft wie Schall und Fall von Worten. Bangten sie nach Dingen, +die sie hatten verlassen müssen? Wollten sie eine Schuld bezahlen, die +unberichtigt geblieben war? Gewährten sie eine Liebkosung, die sie +verweigert hatten? Gaben sie ein Versprechen? Erbaten sie ein Geschenk? +Leisteten sie einen Schwur? Wiesen sie einen Weg? Winkten sie einem +Freund? Schrieben sie? gruben sie? ruhten sie? hasteten sie? Alles +dies, und vieles noch. Hände sind Geschöpfe und spiegeln jegliches Sein. + +Die Paare vermehrten sich, und zu den vergangenen gesellten sich die +gegenwärtigen, die er gesehen und doch nicht gesehen im Ablauf der Tage, +die zu ihm gesprochen, ohne daß er es vernommen, die geplagten, die +beladenen. Wirrsal und Gewühl, Fülle der Gesichte. Hart, dürr und +vergilbt die einen, unschuldig und feingliedrig die andern; diese mit +dicken Adern und geschwellten Muskeln, jene zag und zitternd; krank und +müde die, voll Nerv und Entschluß die andern. Schwielige, blasse, +rosige, geballte, geflachte, behaarte, glatte, kleine und große, näher, +immer näher, beredter, immer beredter, und der, dessen Name aufgehört +hatte, zu sein, spürte, daß sie nicht ablassen würden, ehe er selbst +nicht aufgehört hatte, zu sein. So mußte er um Gnade bitten, um eine +Frist, um ein Bedenken; erschüttert an den Rand der Stunde und des +wachen Wissens gerückt, ward er inne, daß nach solcher Vision der +Mensch, mit zerspaltener Brust, dem irdischen Tag verloren war. + +Auf einmal war ein Leuchten in der Stube. Von wo es kam, war noch nicht +zu unterscheiden. Jost stammelte und reckte die Arme in die Richtung der +Bettstatt. Das Kind erhob sich langsam. Es schälte sich aus der Decke +und trat nackt und aufrecht vor die Männer. Um seine Lippen hing ein +Lächeln. Die weiße Haut erglühte von inwendig. Was sie erglühen machte, +war das Herz, und die Schauenden gewahrten bald nur noch das Herz: einen +funkelnden, pulsenden Rubin, in die Dunkelheit gelagert wie eine Figur +auf einem gemalten Kirchenfenster. + +Jost brach in die Knie. Mit den Händen tastete er rückwärts, als suche +er alle die vielen Hände dort zum Schutz. »O Kind!« rief er +schluchzend, »o Mensch! Wohin gehst du mit dem Flammenjuwel in deiner +Brust? Sag es nur, sag es uns, sag es aller Menschheit, daß der rote +heiße Kern nur einmal da ist, die leuchtende Frucht nur einmal reif +wird. Für einen nur ein einziges Mal. Sag es, was es heißt: ein einziges +Mal. Sie wissen nicht, was es bedeutet: ein einziges Mal! Sprich, du +Gotteswesen! sprich, süßer Geist!« + +Aber das Kind lächelte bloß. Lächelte und verging. + + * * * * * + +Zum hohen Gebieter, vor den ewigen Thron, trat Michael, der Erzengel, in +den Morgen der rauschenden Sphären und sprach: + +»Ich habe die Seele des Gleichgiltigen gewonnen, Herr.« + + +_Schluß_ + + + + + +Werke von Jakob Wassermann + + +Die Juden von Zirndorf +Roman +20. Auflage + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs +Roman +22. Auflage + +Der Moloch Roman +Neubearbeitete Ausgabe 10. Auflage + +Der niegeküßte Mund +Erzählungen +63. Auflage + +Alexander in Babylon +Roman +Neubearbeitete Ausgabe 8. Auflage + +Die Schwestern +Drei Novellen +6. Auflage + +Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens +Roman +17. Auflage + +Die Masken Erwin Reiners +Roman +11. Auflage + +Der goldene Spiegel +Erzählungen in einem Rahmen +14. Auflage + +Faustina +Ein Gespräch über die Liebe +3. Auflage + +Die ungleichen Schalen +Fünf einaktige Dramen + +Der Mann von vierzig Jahren +Roman +14. Auflage + +Deutsche Charaktere und Begebenheiten +Mit elf Abbildungen +4. Auflage + +Das Gänsemännchen +Roman +66. Auflage + +Christian Wahnschaffe +Roman in zwei Bänden +34. Auflage + + +Die Juden von Zirndorf + +Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen Glaubensgenossen und über das +Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere und zutreffendere Dinge +gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die besten Eigenschaften des +jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst verkörpert, vor allem der +kritisch skeptische Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem +verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als +sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen +Vorspiel des Romans, welches eine mit dem Erscheinen des merkwürdigen +Messias Sabbatai Zewi verknüpfte Judenverfolgung im siebzehnten +Jahrhundert behandelt, eine glänzende poetische Leistung gelungen ist. + (Neue Zürcher Zeitung) + + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs + +Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der +Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die +alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal, +ihr Frauenschicksal, erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. – +Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so +interessanter und tiefsinniger Roman erschienen. + (Die Zukunft) + + +Alexander in Babylon + +Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders +Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt, +dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit +ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr +ein Prosaepos als ein Roman; es gehört zu unsern schönsten deutschen +Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen zu +werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt. + (Neue Freie Presse, Wien) + + +Der Moloch + +Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die psychologische und gestaltende +Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten, +lebensvollen Gemälde gestaltet hat. + (Berner Bund) + + +Die Schwestern + +Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen unglücklichen +Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, ein Wahn den +Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem Dasein gerufen +hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die +tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen. Eine holde Schwärmerei +ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder +Traum, von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt. + (Hannoverscher Kurier) + + +Die Masken Erwin Reiners + +Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen +Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles +Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen +Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal +unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine +Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman, +die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten. + (Westermanns Monatshefte) + + +Caspar Hauser + +Ein Denkmal ist aufgerichtet über ein längst eingesunkenes Grab; ein +altes, verharschtes Geheimnis funkelt wieder im Licht. Die Geschichte +Caspar Hausers wird neu erzählt, das zauberische Knäuel dieses eigenartigen +Schicksals entwirrt ... Jakob Wassermanns Caspar-Hauser-Roman hat +monumentalen Stil ... Ein Beispiel deutscher Erzählungskunst, Vorbild +eines großen Romans ist hier geboten. Und vor allem ein bleibendes. + (Der Tag, Berlin) + + +Der goldene Spiegel + +Von Franziskas goldenem Spiegel wird berichtet: »Seine Scheibe, wie +tief, und seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. Sie +ist matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und Männer, Tiere, +Schiffe und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, Ritter und Knechte, +Bürger und Bauern, Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher, +Sonderlinge und Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder, +der Zufall, der Traum und das Wunder, alles das ist in ihr.« Wirklich, +so groß ist die Fülle auch dieses Buches. Es entstand aus der Lust am +Erfinden, am Phantasieren, am Gestalten. + (Die Zeit, Wien) + + +Das Gänsemännchen + +Das Werk ist vermöge weitausgreifender Lebensfülle, breiter, umfassender +Gesellschaftsschilderung, des Hineinspielens politischer und kultureller +Zeitgeschehnisse ein wahrhafter Roman. Im Rahmen der Leidens- und +Werdegeschichte eines deutschen Musikgenius entrollt die Dichtung auch +Deutschlands Seele, Deutschlands Nervenzustand, Deutschlands +Kulturströmungen. Tief und voll aus dem Menschlichen ist die Dichtung +geschöpft. + (Wiener Abendpost) + + +Christian Wahnschaffe + +Die echte große Dichtung sucht nicht die Aktualität, sie ist aktuell. +Wassermann zeigt uns in seinem Roman den Zusammenbruch der geistigen, +sittlichen und ästhetischen Kultur des Kapitalismus. Er malt diese +Kultur in den verlockendsten Farben und läßt uns den Wurm sehen, der in +ihr nagt. Sein Held wird erst das Opfer, dann der Richter der liebeleer +gewordenen Welt, und darnach der Verkünder einer neuen Zukunft. Das Buch +ist hinreißend durch Geist, Abenteuer und Verlockung: es dringt in das +Letzte der Seelen und verwandelt sie und uns. + + +Druck der E. Gundlach Aktiengesellschaft in Bielefeld + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1920 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. +Abweichend vom gedruckten Buch wurde die zweite Titelseite entfernt. +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +p 010: [Fehlende Letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung +p 019: damals hatten Romantik -> hatte +p 040: [Komma ergänzt] solche die Kloaken säubern; -> solche, die +p 053: [Vereinheitlicht] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er +p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem +p 063: [Fehlende Letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich +p 063: [Punkt ergänzt] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand. +p 064: [Komma entfernt] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte +p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling +p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie +p 094: entgegenete Maria -> entgegnete +p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta +p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji +p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein +p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer +p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte +p 188: was nöitg war -> was nötig war +p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky +p 217: [Leerzeichen ergänzt] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir +p 220: empfehle es sich fogar -> sogar +p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene +p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen +p 264: [Trennung] Leder-Kapuze -> Lederkapuze +p 265: Mir fällt da ... in -> ein +p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem +p 270: [Anführungszeichen ergänzt] Wie machen wir denn das?« +p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im +p 279/280: [Trennung] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht +p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen +p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen +p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen + +Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei +folgenden Wörtern: + +p 058: Gleichgiltigkeit +p 120: Lucke +p 143: Monreal +p 301: hinmummelte +p 148: darnach + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1920 by S. Fischer. The printed book’s second title +page has been removed. The table below lists all corrections applied to +the original text. + +p 010: [missing letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung +p 019: damals hatten Romantik -> hatte +p 040: [added comma] solche die Kloaken säubern; -> solche, die +p 053: [unified] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er +p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem +p 063: [missing letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich +p 063: [added period] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand. +p 064: [removed comma] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte +p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling +p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie +p 094: entgegenete Maria -> entgegnete +p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta +p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji +p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein +p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer +p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte +p 188: was nöitg war -> was nötig war +p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky +p 217: [added blank] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir +p 220: empfehle es sich fogar -> sogar +p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene +p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen +p 264: [hyphenation] Leder-Kapuze -> Lederkapuze +p 265: Mir fällt da ... in -> ein +p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem +p 270: [added quote] Wie machen wir denn das?« +p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im +p 279/280: [hyphenation] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht +p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen +p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen +p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen + +The original spelling has been maintained throughout the book, +particularly for the following words: + +p 058: Gleichgiltigkeit +p 120: Lucke +p 143: Monreal +p 301: hinmummelte +p 148: darnach + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE *** + +***** This file should be named 18551-0.txt or 18551-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/5/5/18551/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/18551-0.zip b/18551-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b522a25 --- /dev/null +++ b/18551-0.zip diff --git a/18551-8.txt b/18551-8.txt new file mode 100644 index 0000000..867caa7 --- /dev/null +++ b/18551-8.txt @@ -0,0 +1,9381 @@ +Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Wendekreis - Erste Folge + Novellen + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: June 11, 2006 [EBook #18551] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Der Wendekreis + von + Jakob Wassermann + + Erster Band + + + Der unbekannte Gast + Adam Urbas + Golowin + Lukardis + Ungnad + Jost + + + 1920 + S. Fischer / Verlag / Berlin + + + + Erste bis zehnte Auflage + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten + Copyright 1920 S. Fischer, Verlag + + + + +Inhalt + +Der unbekannte Gast ..... 7 +Adam Urbas .............. 45 +Golowin ................. 79 +Lukardis ................ 167 +Ungnad .................. 201 +Jost .................... 293 + + + + +Der unbekannte Gast + + +An die Pforte dieses Werkes, das der Verfasser nicht ohne +verantwortungsvolles Zagen unternimmt, sei eine Geschichte von +hinübergreifender Beziehung gestellt, weniger in sich selber ruhend als +sonst Geschichten schlechthin, doch mit nichten Brevier oder +Verkündigung, nur Brücke, nur Weiser, und so auch Bild und Gespinnst +eher als Vorgang und Ereignis. + + * * * * * + +Ein Schriftsteller in mittlerem, ja vorgerücktem Alter, er werde Mörner +genannt, erfuhr zu einer bestimmten Zeit des letztvergangenen Jahres +eine unerklärliche Veränderung seines seelischen Gleichgewichts. Er +hatte nach längerer Ruhepause eine neue Arbeit begonnen, die seine +Gedanken despotisch beherrschte, und deren Schwierigkeiten ihn nicht nur +nicht abschreckten, sondern alle freien Kräfte in ihm sammelten und +gegen ein lockendes Ziel trieben. + +Auf einmal brachen diese Kräfte. Eines schönen Tages erlahmte der Nerv +des Schaffens. Daß es keine vorübergehende Unlust, keine jener Trübungen +war, die wie Nebel über einer Landschaft und doch im Grunde atmende +Zeugnisse des Lebens sind, spürte Mörner. Es war wie wenn die Feder in +einer Uhr zerbricht, oder noch beunruhigender, wie wenn man eine +Vorratskammer betritt, die man mit Fleiß und Umsicht gefüllt hat, und +sie gänzlich leer findet. + +Schließlich war es ein Verlust wie der Tod eines Wesens. Er sprach in +einem Freundeskreis darüber, mit Zurückhaltung anfangs, da es ihm +widerstrebte, innere Wirrungen zum Gegenstand des Meinungsaustausches zu +machen. Die Verstimmung, unter der er litt, war bereits aufgefallen; +was er nun als ihre Ursache bezeichnete, wollte keinem recht einleuchten +und man hielt es für Hypochondrie eines Zwischenzustandes. Man kannte +seine zweifelsüchtige und häufig schwankende Art; er hatte oft genug das +Schauspiel des Selbstquälers gegeben, der nach jeder abgeschlossenen +Leistung sie zerpflückte und hilflos wie vor dem ersten Beginn in die +Zukunft schaute, alles von Schicksal und Fügung erhoffend, nichts oder +wenig von seinem Talent. Aber seine Hingabe war unbegrenzt, seine Arbeit +ein opfervoller Dienst; dem unermüdlichen und redlichen Bemühen war der +reinste Wille gesellt, die Unbestechlichkeit des Gewissens, die jede +Erleichterung und Versüßung ablehnt. Dazu kam, daß ihm der Erfolg nicht +gefehlt hatte; mißtraute er ihm auch, so war er doch von ihm auf eine +gewisse Lebenshöhe getragen worden; war auch sein Name, sein Werk +umstritten, so genoß er doch die Achtung, ja die verehrende Neigung +Vieler und erhielt nicht selten unzweideutige Beweise davon. + +Die Freunde nahmen also seine sichtliche Verstörung nicht ernst. Dies +reizte seine Ungeduld, und als einer von ihnen mit etwas zu billigem +Trost geendet hatte, sagte Mörner: »Wenn ein Mensch wie ich nicht mehr +an die Wichtigkeit und Notwendigkeit seiner Mission glaubt, ist er +einfach das allerüberflüssigste Geschöpf auf Erden. Wie erst, wenn ihm +die Aufgabe selber entschwindet, wenn er nicht mehr weiß, was er +überhaupt noch soll und das Fertige wie ein umgeblasenes Kartenhaus +hinter ihm liegt? Da wird alle Wirklichkeit ein Gespenstergraus; sein +Geist hat gar nicht Fassungsraum genug für die Tiefe des Abgrunds, der +vor ihm gähnt.« + +Die Freunde stutzten und schwiegen. Einige begriffen nicht recht, was +er meinte, und er fuhr achselzuckend fort: »Mission ist freilich ein +viel zu anspruchsvolles Wort. Man dürfte seinen Ehrgeiz nicht über die +Haltung eines honetten Handwerksmeisters spannen. So war es in früheren +Zeiten. Das Außerordentliche entstand gleichsam durch bescheidenen +Zufall, nicht in priesterhafter Gier und Askese. Was erstrebt man denn, +was ersehnt man denn? Man will das Formlose formen; was die Natur +zerstückelt liegen läßt, zusammenfügen und es der großen Vergeuderin und +Zerstörerin entgegenhalten. Unzulänglich bleibt man dabei immer, aber es +ist wunderbar, so lang das Material gehorcht, und das Auge, und die +Hand. Zerrinnt einem aber der Stein, den man aus dem Bruch schlägt, zu +flüssigem Sand, flattern von der Fackel, die man am großen Weltenfeuer +entzündet hat, statt der Flammen rotgefärbte Papierfetzen empor, so ist +es schlimm, mehr als schlimm, es ist das Ende.« + +Mit jäher Bewegung erhob er sich und ging ohne Gruß. Die Freunde sahen +einander verwundert an. + + * * * * * + +Eine Zeit lang verschanzte er sich in seinem Hause, und niemand konnte +zu ihm gelangen. Dann hieß es, er sei verreist, um in der Stille eines +Landaufenthalts Sammlung zu gewinnen. Aber schon nach ein paar Tagen +kehrte er zurück. Sein Aussehen erregte Besorgnis. Tiefe Gruben hatten +sich in den Wangen gebildet; der Blick war der eines Kranken. Er kam +wieder zu den Freunden und gestand, die Einsamkeit sei ihm Pein. Doch +auch Geselligkeit schien ihn nicht aufmuntern zu können. Man machte ihm +in liebevoll-scherzhafter Weise den Hof, man schmeichelte ihm, man +erwies ihm zarte kleine Ehrungen; umsonst, es war ihm kaum ein Lächeln +abzulocken. Er stellte sich fast jeden Abend ein, wie einer, der vor +sich flieht; er bat, man möge ihn bloß dulden, wenn es zum Ärgsten +komme, werde er trachten, nicht zur Last zu fallen. Was er unter dem +Ärgsten verstand, darüber äußerte er sich nicht; die Hausfrau, die seine +ergebenste Anhängerin war, zog ihn beiseite und beschwor ihn, sich zu +fassen, zu erheben; er mache durchaus den Eindruck eines Menschen, den +ein Phantom zum Narren hält; man sei so viel Befeuerung von ihm gewöhnt, +so viel gesunde, heilsam wirkende Kraft, dies könne doch nicht mit einem +Mal zu nichte werden; ob sie ihm helfen könne, ob er sie des Vertrauens +nicht mehr würdige? Sie sei zu jedem Opfer bereit, sie wie auch alle +andern, die bestürzte Zeugen seiner Verwandlung seien. + +Er schüttelte den Kopf. »Zu helfen ist da nicht,« antwortete er; »es +wäre besser, Sie zerrten mich nicht aus der Dumpfheit heraus. Das letzte +Versteck darf man mir nicht nehmen; gegen Beleuchtung wehrt sich alles +in mir, die Dinge bekommen dadurch ein zu prahlerisches Gesicht. Mein +Fall ist an sich gering; legt ihr ihm Bedeutung bei, so werdet ihr nur +zu Urhebern von neuen Leiden. Was ich an mir erfahre, ist doch bloß die +Folge einer vielfach verschlungenen Kette von Selbsttäuschungen und +Selbstüberschätzungen. Man hat sich zu lange gefallen, man hat sich zu +lange beruhigt, man hat immerfort behaglich im lauen Wasser +geplätschert. Die Erkenntnis ist schmerzlich. Wie wäre einem Menschen zu +helfen, der niemals in einen Spiegel gesehen hat, der bis zu dem Moment, +in dem es geschieht, im Wahn befangen war, er sei schön, er sei +wohlgebildet, er habe angenehme Züge, und plötzlich grinst ihm aus dem +Glas eine abscheuliche Fratze entgegen? Wie wollen Sie dem helfen? Daß +mich ein Phantom zum Narren hält, ist außerdem noch wahr.« Er zögerte +in ungewisser Scham und fuhr fort: »Stellen Sie sich vor, daß ich nicht +allein sein kann, ohne daß mir zumute ist, ein dringlich fordernder +Gläubiger sei hinter mir her und verlange die Bezahlung einer Schuld. +Und zwar ein Gläubiger, dem ich zu Dank verpflichtet bin, der mir große +Dienste geleistet hat, den ich wiederholt, mit guten und schlechten +Gründen, habe vertrösten müssen und der nun, selbst in Bedrängnis, das +langgefristete Darlehen nicht mehr stunden will. Das ist keine Figur, +liebe Freundin, kein Gleichnis für einen beengten Zustand, es ist eine +Realität. Auch okkulter Einfluß kann eine Realität sein. Sie wissen, daß +ich Skeptiker genug bin, um solchen Anfechtungen zu widerstehen. Wer hat +sich nicht schon über meine Trockenheit beklagt, in dieser wie in +anderer Beziehung! Hier scheitern vernünftige Erwägungen an einer +Vision, an der der ganze Organismus teil hat, das furchtbar genaue +Wissen darum, wie es um mich bestellt ist. Leute meines Schlags kennen +ihr eigenes Innere so gut wie die Bureauschreiber ihren +Registrier-Apparat, und wo da die Tugend aufhört und die Sünde beginnt, +ist schwer zu sagen. Die Quelle, die uns nährt, ist zugleich vergiftet, +und wir sterben daran, ohne das Gift zu spüren.« + +»Aber was _wir_ davon spüren, wir Zuschauer und Zuhörer, ist Freude und +erhöhtes Leben,« versetzte die Freundin herzlich und reichte ihm beide +Hände. + +Mörner blickte grübelnd vor sich hin. »Bei alledem, sollte man es +glauben,« sagte er mit einem Rest von Selbstverspottung im Ton, »bei +alledem ist es wie eine letzte Genugtuung, daß er kommt, dieser +Gläubiger, daß er mahnt. Er hält mich also noch für zahlungsfähig, ich +habe also noch Kredit in der Geisterwelt. Sonderbar, daß wir nicht +ärmer werden, wenn wir dort unsere Schulden begleichen, im Gegenteil. +Nur muß man eben zahlen können, und ich kanns nicht. Die Kassen sind +leer bis auf die Neige. So arm darf man nicht werden, oder man hat +miserabel gewirtschaftet.« + +Mörner begab sich wieder zu den übrigen, die harmlos plauderten, die +Hausfrau folgte ihm mit zwiespältigem Gefühl. Die unerbittliche Logik in +der Verwirrung überraschte sie und stimmte sie nachdenklich. Da ging +eine Abrechnung vor sich, hartnäckiger und ernsthafter als dem bloß für +Alltags-Ungemach geschulten Blick erkennbar war. + +Das Gespräch geriet auf die Zeitumstände, und ein junger Lehrer der +Philosophie machte die Bemerkung, in einer Epoche, wo die Wirklichkeit +soviel Stoff produziere wie in der gegenwärtigen, das stürmisch +fließende Schicksal soviel rohes Material ans Ufer schwemme, in einer +solchen Epoche müsse die schaffende Phantasie durch ein automatisch +funktionierendes Ausgleichsgesetz erlahmen; erst spätere Geschlechter +seien wahrscheinlich imstande, das chaotisch Hingeworfene, Strandgut der +Geschichte, zu neuen Bauten zu benutzen. Daher der Verfall der Kunst, +daher das Versagen der Künstler. + +Mörner, der bislang schweigend zugehört hatte, unentschlossenen Anteil +in den Mienen, zuckte plötzlich auf. Es war eine nicht sehr taktvolle +Äußerung im Hinblick auf ihn, das empfanden alle, auch der Sprechende +selbst, der errötend abbrach. Aber sie war nun einmal getan. Mörner +erhob die Hand mit gespreizten Fingern, als wolle er verhüten, daß ihm +ein anderer im Wort zuvorkomme und sagte: »Ach nein, nein, nein. +Unleugbar steht uns die Zeit entgegen, aber nicht wegen der Überfülle +des Geschehens, sondern wegen der Zerstörung der Geister und der +Seelen. Von welchen Flammenausbrüchen genialer Naturen sind vergangene +Umwälzungen begleitet gewesen! Wollt ihr Namen? Sie wimmeln. Jede +Revolution hat Propheten und Gestalter aus ihrem Schoß geboren; einen, +der die Eroica in die brüllende Woge schleuderte, einen, der seinem +grandiosen Schmerz die Hermannsschlacht entriß, einen, der mitten in +gewaltigen Gärungen die Tribüne der #Comedie humaine# errichtete. +Gerufen von der Sehnsucht ihrer Welt, gaben sie ihr Stimme und Bild, +wiesen ihr die Wurzel und den Gipfel ihres Geschicks. Heute aber? War +jemals eine Menschheit so zu Boden getreten? Sagt mir nicht, er sei +vielleicht da, irgendwo unter uns, der glühende Zeuge und wunderbare +Architekt, und ich vermöchte ihn bloß nicht zu sehen und zu hören. Du +und du und Sie und Sie und ich, warum sollten ihn wir nicht ahnen, nicht +kennen? Würden nicht unsere Nerven bei seinem geringsten Hauch +vibrieren? Wäre er nicht Fleisch von unserm Fleisch, Blut von unserm +Blut? wer sollte ihn wissen, wenn nicht wir? Es gibt ihn nicht. Seine +Entstehung schon wird im Keime erstickt. Der Schoß ist unfruchtbar +geworden, es kommt nicht mehr bis zur Kristallbildung; es bleibt beim +Ansatz; in den Elementen ist kein Wille, sich zu ballen; die ruhende +Sehnsucht ist nicht produktiv. War jemals eine Menschheit so zu Boden +getreten? frag ich noch einmal; so müde, so stumpf, so entblättert, so +kurz von Atem und so kühl im Hirn? Spürt ihr es nicht, wie keine +Resonnanz wird? Kein Sinn will mehr aufnehmen; es sei denn die gröbste +Nahrung; nichts ist Besitz, alles Erwerb; nichts Erlebnis, alles Kitzel; +keinem Gemüt prägt sich das Wesen ein, nur die Verzerrung davon; die +Ehrfurcht ist geschwunden, die Überlieferung abgeschnitten, der Glaube +tot, das Wissen ein mörderisches Narkotikum. Kein Zusammenhang und +Zusammenklang, in der Höhe nicht, in der Tiefe nicht, bei den Guten +nicht, bei den Bösen nicht. Hinten versinkt alles in Abgründen, vorne +öffnen sie sich. Panische Flucht nach allen Seiten; Angst, sich zu +verpflichten, Angst vor der Hand, die sich bietet, Angst vor dem +Schmerz, Angst vor der Wahl, Angst vor jeglicher Entscheidung, Angst +sogar vor der Erinnerung an den verlorenen Gott. Und wird euch denn +nicht ebenfalls Angst, wenn ihr die Heraufkommenden betrachtet, diese +Zuchtlosen, ihre Lust an der Raserei, an der Tobsucht des frierenden +Verstandes; ihren Götzendienst vor der Chimäre, den Kultus vor dem +Golem, die grauenvoll ummauerte Isolierung eines jeden, in der er, um +sich und die andern Isolierten zu betäuben, wie ein verrückt gewordener +Anachoret nach Verbrüderung schreit, rachsüchtig und voll Haß in seiner +Wehleidigkeit? Was soll werden? Man kann eine Ruine aufbauen, wenn das +Material noch halbwegs brauchbar ist, aber aus morschem Plankenwerk und +wurmstichigen Brettern ein seetüchtiges Fahrzeug zimmern, das ist +unmöglich. Da habt ihr die Krankheit. Da ist es aufgerollt, das Gemälde +der Katastrophe, meiner und aller derer, die noch gutgläubig oder weil +sie sich der schrecklichen Klarheit eine Weile noch verschließen wollen, +am Werke sind. Morituri te salutant. Es ist kein Cäsar da; grüßt man +also die Blinden und Tauben, die unsere Geschicke lenken? Sie bilden +sich nur ein, zu lenken, sie werden mitgeschleift und mitzerschmettert.« + +Während er so sprach, hatte es Mörner geschienen, daß die Tür +aufgegangen und jemand eingetreten war. Er schaute sich um, bemerkte +aber keinen Hinzugekommenen, auch verriet nichts in den Mienen der +Freunde, daß sie eine gleiche Wahrnehmung gemacht. Die Augen ruhten +groß auf ihm, mit scheuem und betroffenem Ausdruck. Indessen wich das +Unbehagen nicht von ihm, das die verborgene Anwesenheit eines Fremden +verursacht. Sein suchender Blick prüfte die Gesichter. Es war kein neues +darunter; er kannte jedes. Doch dünkte es ihn, im Hintergrund des Raums, +zwischen Flügel und Bücherkasten, wo das Licht sich verlor, sitze eine +Person, die vorher nicht dagewesen war. Er wagte es nicht, sich zu +vergewissern, hielt aber das Gefühl für untrüglich. + +Die wohllautende Stimme eines jungen Mädchens sagte: »Ist denn nicht, +wer schafft, im tiefsten Sinne ohne Zeit? Ist es denn diese eine, nahe, +bestimmte Welt, die ihm notwendig ist, und nicht vielmehr eine +übertragene obere, die sein Traum wahrer macht als die untere? Sie +selbst haben es uns so gelehrt. Nicht in Worten; im Beispiel. Und was +wir so oft mißverstanden und falsch verstanden haben, daß der Dichter +ein entselbsteter Mensch ist, so nannten Sie es ja, der Mensch ohne +Partei, ohne Meinung fast, dem alles Leben zur Speise wird, ist das denn +nicht mehr das Gesetz, dem Sie sich demütig beugen, wie Sie immer getan +haben?« + +Mörner senkte den Kopf, und als er antwortete, war es ihm, als stehe er +nicht der sanften Fragerin Rede, sondern der verborgenen Person, die er +im Zimmer wußte. »Widerstände können wachsen,« sagte er; »es ist +jedesmal ein harter Weg dorthin, in die obere Welt; eines Tages sind die +Schranken unübersteiglich. Die Kraft reicht nicht mehr zu; der Mut ist +nicht mehr da. Werktätigkeit beruht auf Wechselwirkung. Das Leben ist +meine Speise, freilich; wenn aber die Speise faulig wird, wie dann? Wenn +die Augen nicht mehr sehen können, das innere Membran nicht mehr +erzittert, das Bild nicht mehr zu fassen ist, das Gefühl seine +Sicherheit einbüßt? Wie dann? Beide Welten, die obere und die untere +sind mir zu Schemen verblaßt. Ich kann nichts mehr greifen, es bleibt +mir nichts in der Hand, ich bin zur Ohnmacht verurteilt, ich bin ein +Selbst geworden.« + +Er lächelte traurig, zuckte die Achseln und schwieg. Sein Ohr lauschte +in die Richtung, wo der Unsichtbare saß. Der aber verriet seine +Gegenwart durch keinen Laut und keine Bewegung. Als das junge Mädchen +sich zum Flügel setzte und ein Bachsches Präludium zu spielen begann, +schien er seinen Platz zu verändern. + +Mörner wollte die Freunde durch seine Gegenwart nicht länger bedrücken +und entfernte sich still. Durch die mitternächtlich verödeten Straßen +trat er den Heimweg an, doch war ihm nicht wohl zumute bei der Aussicht +auf Alleinsein in seinem Hause. + + * * * * * + +Er hörte Schritte hinter sich, eine Weile schon. Es folgte ihm jemand. + +Die Luft war mild, das Gewölbe bis in die Unendlichkeit umschleiert. In +der Dunkelheit wuchtete Ahnung, die die Seele zusammenpreßte und sie +aufsteigen machte gleich einer artesischen Säule. Er erinnerte sich +solcher Nächte aus seiner Jünglingszeit. Es waren dieselben +flaumsüchtigen Wolken gewesen, damals, in der Stadt seines Elends, +mitten im Herzen Deutschlands, dieselbe bittersüße Feuchtigkeit in der +Atmosphäre, dasselbe heimliche Säuseln und Brodeln in der Erde. Warum +war ihm das Längstvergangene heute nah? Kündigte sich Prüfung an und +neue quälende Überschau? Parade über die Truppen vor der Abdankung? Ein +Laut war wie Vogelruf, genau wie damals aus dem Gebüsch am trüben Fluß, +der die Fabrikwässer führte. Aber damals war es Verheißung gewesen, +heute war es Verzicht; damals Ankunft, heute Abschied; damals hatte +Romantik um die verschlossenen Tore und schwarzen Fenster geschauert, +heute das frostige Wissen. Drei Jahrzehnte vergeblichen Wegs in eine +Sackgasse! + +Er ging langsamer; der ihm folgte, verzögerte ebenfalls den Schritt. Er +ist es, durchfuhr es Mörner, und seine erste Regung war, zu fliehen. +Doch trotzte er ihr; an einer Ecke unter einer Gaslaterne blieb er +stehen. Der andere kam heran, lüpfte den steifen niedern Hut und sagte +leise: »Guten Abend.« + +Es war ein Mann von nicht genau bestimmbarem Alter; Mitte der Dreißig +ungefähr; jugendlich schlank, aber in der Haltung etwas schlaff und im +Gang schleppend. Soviel sich im ungewissen Licht ausnehmen ließ, waren +die Haare blond. Die Kleidung war adrett, obwohl ein wenig abgetragen. +Das bartlose Gesicht war auffallend hager, mit tiefliegenden blauen +Augen und erstaunlich scharfen Kerben um den Mund. Alles in allem war es +ein schönes, zumindest ein schön gewesenes Gesicht, das nichts Vulgäres +an sich hatte. + +»Ich hoffe, Sie nicht zu stören,« sagte der Unbekannte mit +achtungsvoller Artigkeit, die den Mann von Erziehung verriet; »wir haben +den nämlichen Weg, scheint es; darf ich Sie begleiten?« + +Mörner verbeugte sich kühl. Er zürnte sich wegen der Beklommenheit, die +er empfand. Seite an Seite setzten sie den Weg fort. + +Der Unbekannte sagte: »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich nicht +vorstelle; aber ich habe keinen Namen. Ich mache wenigstens schon lange +keinen Gebrauch mehr von ihm. Nur im Notfall nenne ich mich, so oder +so; es gibt ja zwingende Situationen; ich schütze dann einen erfundenen +Namen vor. Ich denke, Sie legen auf diese Formalität kein Gewicht.« + +Immerhin ein merkwürdiger Geselle, dachte Mörner und sah geradeaus auf +das Pflaster. So auch, vor sich hin, erkundigte er sich: »Sie sind fremd +in der Stadt? Seit kurzem erst hier, wenn ich fragen darf?« Er ist es, +dachte er wieder, und mit einer Anwandlung von Haß: wozu die gezierten +Vorbereitungen? weshalb spielt er Verstecken mit mir? was ist seine +Absicht? + +»Ja, ich bin fremd,« gestand der Herr mit seiner leisen, freundlich und +rücksichtsvoll klingenden Stimme; »aber daran bin ich gewöhnt. Ich bin +eigentlich überall fremd. Das heißt, obenhin betrachtet, bin ich fremd, +genau genommen nicht. Ich reise fortwährend, wissen Sie, bin immer wo +anders, ohne festes Domizil. Ich liebe es nicht, Aufenthalt zu nehmen. +Wenn man sich aufhält, entstehen Versäumnisse. Viele Jahre bin ich schon +unterwegs, und es ist manchmal schwer, der Müdigkeit nicht nachzugeben. +Aber wir wollen nicht von mir sprechen. An mir ist nichts interessant. +Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich offen gestehe, daß ich Ihnen +aus reiner Neugier nachgegangen bin. Wären Sie mir entschlüpft, ich +hätte wirklich nicht gewußt, was tun. Ich hätte Sie bestimmt noch heute +Nacht in Ihrer Wohnung aufgesucht, und diese Zudringlichkeit wäre Ihnen +wahrscheinlich sehr unangenehm gewesen.« + +»Sie waren also dort, dort oben bei meinen Freunden?« stammelte Mörner; +»ich habe mich also nicht geirrt ...?« + +Der Unbekannte nickte. »Gewiß, ich war dort,« erwiderte er etwas +beschämt; »es hat mich unwiderstehlich hingezogen. Ich wußte von Ihnen. +Ich hatte irgendwelche Botschaft. Aus tausend Stimmen dringt eine +hervor, vernehmlicher als die andern. Ein Blatt Papier, ein +aufgefangenes Wort, was kann das nicht alles bedeuten. Und zufällig saß +ich Ihnen neulich im Eisenbahncoupé gegenüber, entsinnen Sie sich nicht? +Da erfaßte mich sofort die Neugier, trotzdem ich über das Wichtigste +gleich im Klaren war, und ich blieb unablässig auf Ihren Spuren.« + +In der Tat glaubte sich Mörner zu entsinnen, den Unbekannten während +einer vielstündigen Fahrt im halbdunkeln Abteil gesehen zu haben. Er +wunderte sich, daß ihm das erst jetzt einfiel, denn Gestalt und Gehaben +des Menschen waren ihm ungewöhnlich erschienen, das vollkommen +unbewegliche Sitzen, der intensive Blick, eine gewisse Naivität und +Bescheidenheit in den Mienen, verbunden mit einer schwer definierbaren +lächelnden Undurchdringlichkeit, alle diese Einzelheiten sah er lebhaft +vor sich. Seine Spannung und Unruhe wurde dadurch nicht vermindert. +»Wieso waren Sie sich über das Wichtigste im Klaren?« fragte er und +suchte seine Erregung hinter einem gereizten und mürrischen Ton zu +verbergen. »Bin ich denn so auf den ersten Blick zu ergründen? Nichts +für ungut, aber gegen das Hellsehn hab ich meinen Argwohn; es ist durch +einige Leute von meinem Metier diskreditiert und läuft gewöhnlich auf +Charlatanerie und Mystifikation hinaus.« + +»Ich habe ja auch Ihre _Worte_ gehört,« antwortete der Fremde einfach. +»Daß Sie mißtrauisch sind, begreife ich. Sie kennen mich ja nicht. Ich +habe mir noch kein Recht auf Ihr Zutrauen erworben. Ich bin ein +Namenloser, wie gesagt, ein Niemand; es steht bei Ihnen, mich für einen +Charlatan zu halten. Nur bitte ich Sie, Ihr endgültiges Urteil noch zu +verschieben.« + +Er wich einem Hund aus, der über die Straße lief und fuhr mit derselben +unerheblichen Stimme fort: »Nein, Hellseher bin ich nicht, und daß ich +Sie auf den ersten Blick ergründet habe, behaupte ich auch nicht. Was +mich zu Ihnen getrieben hat, ist neben der Neugier, die mir angeboren +ist, die sonderbare Leidenschaftlichkeit in Ihnen, die sich auf alles in +Ihrem Umkreis unmittelbar überträgt. Sie ist sehr selten, diese Art von +Leidenschaft, diese entselbstete; der Ausdruck stammt ja von Ihnen. Es +hat mich magnetisch angezogen; ich meine das nicht bildlich. Ob ich +wollte oder nicht, ich mußte dorthin, wo Sie waren. Auf dem Meer, mitten +in einer Windstille, bei blauem Himmel, hat man manchmal die deutliche +Empfindung, daß ein furchtbarer Sturm irgendwo hinter dem Horizont +wütet, der das Schiff förmlich in seinen Trichter saugt. So war Ihre +Wirkung auf mich. Die meisten Menschen wissen nichts von ihrer eigenen +Wirkung. Das Leben stumpft sie ab dagegen. Viel notwendiger ist es, die +eigene Kraft kennen zu lernen, als die der andern. Mächtige Seelen +liegen oft faul da und ahnen nichts von dem Magnetismus, der in ihnen +aufgesammelt ist. Ich unterscheide die Menschen danach. Es ist eine +Stufenleiter; von denen, die oben stehen, strahlt die größte Kraft aus, +die Schicksalskraft, die Verantwortlichkeitskraft. Das ist der Kitt, der +bindet. So war wenigstens meine Erfahrung. Das ist auch der Grund, warum +mich Ihre Leidenschaftlichkeit so beschäftigt hat. Worauf sie eigentlich +gerichtet ist, kann ich nicht genau ermessen; ich habe nur zum Teil +verstanden, was Sie dort in dem Haus sagten; ich bin kein sehr +gebildeter Mensch und habe wenig gelesen. Ich hatte die Zeit nicht. Ich +habe mir nur einige Fähigkeiten angeeignet, durch die es mir möglich +geworden ist, - aber lassen wir das, davon erzähl ich Ihnen später, +falls es sich ergibt. Folgende Überlegung war es, die mich berührt hat +wie seit langem nichts. Ich sagte mir: wenn man mit einer solchen Flamme +in der Brust vor der Menschenwelt steht, wie kann es sein, was muß da +geschehen sein, daß die Flamme nicht leuchtet, daß nicht alles in +blendender Helligkeit vor ihr liegt, daß der, der sie besitzt, sich über +Finsternis beklagt und eben dadurch in Gefahr kommt, tatsächlich in +Finsternis zu versinken? Wie geht das zu? Ich sagte mir weiter: +Vielleicht kannst du da Nutzen stiften, es ist dir ja schon manchmal +gelungen; da liegt so eine Seele, sagte ich mir, eine mächtige Seele und +windet sich in Zuckungen; vielleicht kannst du das trübe Medium von der +Netzhaut dieses Menschen lösen, mehr ist vielleicht nicht zu tun; das +Ganze ist eine Erkrankung des Auges; freilich nicht des physischen +Auges; was darf nicht alles Auge heißen bei den Edleren: das Herz ist +selber Auge.« + +Die häufig stockende, wie aus Bescheidenheit unsichere und zögernde Rede +des Fremden drang mit jeder Silbe unhemmbarer in Mörners Inneres. Harte +Schlacken schmolzen, der Krampf lockerte sich. + +Was für ein Mensch ist dies? dachte er zwischen zwei Atemzügen, von +denen der eine noch Qual war, der nächste schon Hoffnung. + + * * * * * + +Sie saßen im Arbeitszimmer des Schriftstellers. Der Unbekannte begann zu +erzählen. Er hatte es gewiß noch nie getan, denn es hatte unverkennbare +Erstmaligkeit. + +Es war viele Jahre her, daß er als Sohn eines reichen Hauses, verwöhnt, +umworben, wie ein Thronfolger umschmeichelt, eines plötzlichen Tages +alles von sich geworfen, alles Überflüssige, wie er sich ausdrückte: +Geld, äußere Würde, gesellschaftliche Stellung, die Freunde, die Frauen, +die Dinge, die Gewöhnungen, den Ehrgeiz, den Namen; alles von sich +abgestreift, bloß um zu leben, um wirklich zu leben. + +Mörner glaubte sich zu erinnern, davon gehört zu haben. Aber die Zeit +hatte den Eindruck des damals Vernommenen und wahrscheinlich Entstellten +verwischt. + +Der Schritt des jungen Mannes hatte Verwunderung und Kopfzerbrechen +erregt. Er verursachte auch vielen Menschen Leiden, die ihm bluts- und +wesensnah waren, aber danach durfte er nicht fragen. Er verzichtete auf +alles, was ihm lieb und unentbehrlich gewesen war und ging den Weg, den +er sich selber bahnen mußte, und der umso schwieriger und mühevoller +war, als es ein bestimmtes Ziel auf ihm nicht gab. Man mußte sehen, +wohin man kam. + +Was er unter »wirklich leben« verstand, das vermochte er weder damals +noch später befriedigend zu erklären. Man hielt ihn deshalb für einen +unklaren Kopf, und selbst diejenigen Leute, die seine herausfordernde +Luxusexistenz verurteilt hatten und seinen Bruch mit der Vergangenheit +im Prinzip billigten, zuckten über die Ausführung die Achseln. Sie +hatten etwas Besonderes, Niedagewesenes erwartet und machten aus ihrer +Enttäuschung keinen Hehl. Sich seinen Verpflichtungen entziehen, die +Schiffe hinter sich verbrennen, das kann schließlich jeder, so sprachen +sie ungefähr; Geld und Gut fortwerfen, schön; in freiwilliger Armut +leben, schön; aber angenommen sogar, daß man nicht zu den ägyptischen +Fleischtöpfen zurückkehrt, wenn einem die Geschichte eines Tages zu bunt +wird, wo ist die Idee? Was für ein Dienst wird der Menschheit damit +geleistet? Was wird bewiesen, wodurch etwas geändert? Verkündet er eine +neue Lehre? Lockt das Beispiel zur Nachahmung? Ist es überhaupt +nachahmenswert? Hat er die Welt um einen fruchtbaren Gedanken +bereichert? Nein, stellten sie fest, es ist unreife Schwärmerei, +bestenfalls eine moderne Donquichoterie; Herrenlaune im Grund, nur +verblüffender als die früheren, und genau besehen ist er derselbe Snob +geblieben, der er war, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß ihm +Übersättigung und Verzweiflung den Antrieb gegeben haben. + +So äußerten sich die meisten. Er aber kümmerte sich nicht darum. Ihre +Reden drangen bald nicht mehr zu ihm. Er schied aus ihrer Mitte. Er +schwand aus ihrem Gesichtskreis. Binnen kurzem war er verschollen. Er +ging in die Tiefen hinunter. Umkehr gab es für ihn keine. + + * * * * * + +Er erzählte, daß er ziemlich lange in der Borinage gelebt, bei den +Bergleuten; damals noch als Müßiggänger und neugieriger Gast. Der +Anblick des Elends hatte ihm diese Rolle unerträglich gemacht. Es hatte +sich eine Gelegenheit zur Überfahrt nach Amerika geboten. Drüben war er +gezwungen, sein Brot zu verdienen. Er griff zum Schwersten, ging unter +die Verlader am Hudson und war gegen Tagelohn angestellt. Er wurde +krank. Genesen, unterrichtete er die Kinder eines polnischen Flüchtlings +im Lesen und Schreiben. + +Er hielt sich in seiner Erzählung bei den selbstverständlichen +Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens nicht auf. Um seine Person war +es ihm ja nicht zu tun. Seine eigenen Leiden kamen nicht bloß nicht in +Frage dabei, sondern er nahm gar keine Notiz von ihnen, sie waren kaum +vorhanden für ihn. + +Er erzählte, immer in dem nämlichen gleichmäßigen Tonfall und ohne die +geringste Eindringlichkeit, daß er sich bei einem großen Grubenunglück +in Pensylvanien an den Rettungsaktionen beteiligt habe und wochenlang in +den Schächten gewesen sei; wochenlang in der Gesellschaft verwaister +Kinder, verwitweter Frauen, dann daß es ihn immer weiter getrieben wie +einen, der unstillbaren Durst hat und bei jedem Trunk nur noch durstiger +wird. Daß er das Leben der Metallarbeiter kennengelernt habe, berichtete +er, und das der Maschinenbauer, und das der Eisenbahnarbeiter, und das +in den Schlachthäusern, den Konservenfabriken, Spinnereien, Sägewerken +und Druckereien. Daß er mit Fischern gelebt, mit Holzfällern, mit +Kleinbürgern, mit Beamten, mit Kellnern, mit Defraudanten, mit +Bar-Tänzern, mit Negern, mit Farmern, mit Journalisten. Daß er Diener +eines Sekten-Oberhaupts gewesen, Schreiber bei einem Börsenmakler, Agent +für ein Annoncenbureau. Daß er in einer Besserungsanstalt und in einem +Zuchthaus war, nicht als unbeteiligter Besucher, sondern als Sträfling, +indem er sich mittels gefälschter Papiere für einen andern ausgegeben. +Daß er wochenlang in den unterirdischen Kanälen von Neuyork genächtigt; +in den Opiumhöhlen von Chicago gelebt und unter den Auswanderern auf +Ellis-Island als Lazarettgehilfe gedient. Daß er ein Jahr darauf mit +einer Goldsucher-Expedition nach Alaska gegangen sei; von dort nach +Japan; von dort nach China. Daß er von Peking aus ins Innere, den Fluß +entlang, gewandert sei, und mit einem tibetanischen Lama nach Madjura, +der heiligen Siedlung mit dem Lilienteich und den Türmen aus +Götterbildern; immer unter den Menschen, dicht bei den Menschen, immer +einsam, dicht bei sich, von Tag zu Tag einsamer, von Tag zu Tag +reicher, beladen mit Reichtümern, und immer noch durstig. Er erzählte +weiter. Das alles war erst Untermalung; Figur und Umriß zeigten sich +später. + +Er sprach von Schiffen und Dschunken; vom Himmel, vom Meer; von Wäldern +und Gärten; von Tempeln und Festen; von Städten und Wüsteneien; von +Heiligen und von Verbrechern; von religiöser Versunkenheit und +weltlicher Mühsal; von Aufruhr und Unterdrückung, von innigem Werkfleiß +und liebender Tat. Vom Schicksal und abermals vom Schicksal, seinem +Wechsel, seinem Grauen, seiner Herrlichkeit, seiner in alle Seelen +gewirkten Vielfältigkeit. + +Er hatte erkannt; vom Erkennen war er voll. Er hatte Kräfte in sich +geschlürft mit Begierde. Er hatte die Bindungen und Verflechtungen des +Menschheitskörpers sehen gelernt wie man die Lagerungen der Muskeln und +Adern an einem hautlosen Leib wahrnimmt. Er war vertraut mit dem Fühlen +und Denken aller Verlorenen, Irrenden, Geplagten und Duldenden an allen +Enden und Ecken der Erde. Er kannte die Lasterhaften, die Mörder, die +Diebe, die Hehler, die Geknechteten, die Einfältigen, die Erglühten, die +stummen Unverdrossenen. Für ihn zogen sich Fäden von der Küste des +indischen Ozeans bis zu den Palästen europäischer Metropolen. Alles war +ein einziger, bebender, heißer Leib; alles wie die verschlungenen Zweige +eines ungeheuren Baums. Er drückte dergleichen nicht aus, dazu war er +nicht imstande, aber es lag in seinem Aug und Wesen. + +Er war, vom Osten her, durch den Krieg gegangen, unangefochten, +bewillkommt, von schonender Luft und schonenden Händen umgeben, und wo +er war, schien er für die andern von jeher gewesen zu sein. Er hatte die +Schlachtfelder durchzogen, die Brandstätten, das blutbesudelte Land, +hüben und drüben, das zermalmte, seufzende Land. Er war Zeuge geworden +von Plünderung und Metzelei, Hunger und Haß, Wahnsinn und Lüge, +Bestialität und Verzweiflung. Aber auch von verborgenem Heldentum und +dem kleinen Glück der Genügsamen, von Opferdienst und Wundern der +Vollbringung. Er wurde nicht müde; er durfte es nicht werden, denn er +sah noch kein Ziel. + +Was mag das Ziel sein? ging es Mörner durch den Sinn, indes er lauschte +und mitlebte; in dem unendlichen Zirkel der Bilder und Vorstellungen +dachte er plötzlich an Buddhas Wiese, an die seligen Gefilde der letzten +Entäußerung, des letzten Wissens, des letzten Friedens, der letzten +Inkarnation, Höhenscheide zwischen irdischer und himmlischer Welt. + +Wußte er nicht, wohin er ging, der überaus Seltsame? Darüber war kein +Zweifel, daß er sich übernatürliche Fähigkeiten angeeignet hatte, das +heißt, von denen aus betrachtet, die noch nicht an die Natur reichen: Er +hatte sie erworben, weil sein Einsatz übermenschlich war, das heißt, von +denen aus betrachtet, die noch nicht ans Menschliche reichen. + + * * * * * + +»Ich durfte mir keinen Zweck setzen, so wie ich mich nicht binden +durfte,« sagte der Unbekannte; »im Zweck liegt schon das Übel; der Zweck +hat die Welt so ins Fieber gebracht. Nein, ich durfte mich niemals +binden, sonst hätte ich den Zusammenhang verloren. Ich mußte immer +wieder Abschied nehmen, immer wieder brechen, sonst hätte ich mich +versäumt und die wichtige Stunde. Die wichtige Stunde ist die nach der +Überwindung und dem Entschluß. Da ist die Kraft ohne Maß und Grenzen.« + +Die Stimme blieb gleich nüchtern, gleich karg, gleich unbetont; gleich +höflich die Haltung, sparsam die Gebärde. Oft spielte ein Lächeln um die +Lippen, die ungealtert waren, indes sich andere Teile des Gesichts +eigentümlich verwittert zeigten, besonders die Stirn und die +Schläfengruben; auch das Haar war an manchen Stellen silbrig angegraut. +Das scheue Lächeln schien die Versicherung zu enthalten, daß die Distanz +nicht überschritten werden würde, die der Andere vorschrieb. Der +unerhobene Ton aber, die zarte, rücksichtsvolle Bemühung um das +äußerlich Konventionelle und Gestattete verlieh den Worten eine +vollkommene Durchsichtigkeit, und Gestalt um Gestalt, Vorgang um Vorgang +entfalteten sich so rein, als lägen Schall und Stimme nicht mehr +vermittelnd dazwischen. + +»Ich liebe die Dinge,« sagte die höfliche Stimme; »ich liebe sie +manchmal bis zur Unvergeßbarkeit; sie sind oft wie Laternen über dem +Schicksal des einzelnen Menschen aufgehängt. Ich weiß nicht, ob das eine +Schwäche von mir ist, aber ich kann mich dem nicht entziehen. Ich bin +mit einem Mann gegangen, in einer kleinen Stadt, und es war Abend. Er +hatte Furcht, allein zu gehen, weil die Frau während seiner langen +Abwesenheit wieder geheiratet hatte und ihn für tot hielt. Er hatte +Furcht, wollte aber zu seinen Kindern, und ich bin mit ihm gegangen. Das +Haus lag in einer Gasse gegen den Fluß und hatte ein schiefes Dach. +Rechter Hand im Flur war ein Backofen, davor kniete eine Magd, von +schwacher Glut beschienen, und schob mit einer Stange die fertigen Brote +von den heißen Ziegeln. An der Treppe oben stand das Weib des Mannes; +sie ahnte noch nichts und trällerte ein Lied. Zu ihren Füßen spielten +zwei Kätzchen. Draußen war es feucht, das Pflaster glänzte, man hörte +den Fluß rauschen, und bisweilen ging ein Mensch an dem offenen Tor +vorüber, gebückt und eilig. Der Mann neben mir zog in seiner +Gemütserregung ein blaues, zerrissenes, wie ein Schachbrett mit +Quadraten bedecktes Tuch aus der Manteltasche und trocknete sich die +Stirn damit. Das Tuch war mir in dem Augenblick etwas unbeschreiblich +Teures; es läßt sich wirklich nicht erklären, warum, aber alles war in +ihm drin, der ganze Mensch.« + +Er senkte ein paar Sekunden lang den Kopf und fuhr fort: »So ist es mit +Schachteln, die bei armen Dienstboten in der Kommode liegen und mit +Erinnerungszeichen gefüllt sind; und mit geborstenen Steintreppen an den +Toren; und mit Photographien an den Wänden; mit einer Kerze, die nachts +irgendwo an einem Fenster brennt, und mit dem Brett, das der Tischler in +der Werkstatt hobelt. Mit den Fußspuren im Weg ist es so und mit den +Brücken über die Flüsse, aber besonders mit allem, was durch +Menschenhände geht und auf Menschen Einfluß hat. Ich habe den Ring am +Finger einer gestorbenen Frau gesehen; von wie vielem der wußte! Auf +einer Straße, durch die ich ging, lag ein zerrissener Vorhang, den man +aus einem ausgeraubten Haus geworfen hatte; wieviel Leben daran klebte! +An die Dinge geben sich ja die Menschen hin, sie sperren ihre Seelen in +sie hinein; sie sind ihr Besitz; und wenn nicht Besitz, dann das Ziel +ihrer Sehnsucht. In einer andern Stadt fand ich in einer kalten +Winternacht einen acht- oder neunjährigen Knaben halberfroren auf einer +Bank. Ich trug ihn zu einem nahegelegenen Spital, dort wurde er der +Lumpen entkleidet, die ihm am Leibe klebten, und es wurde ihm heiße +Milch eingeflößt, da er nicht bloß erfroren, sondern auch bis auf die +Knochen verhungert war. Nachdem man den Körper notdürftig von Schmutz +und Unrat gesäubert hatte, steckte man ihn ins Bett. Er lag bewußtlos, +und ich blieb die Nacht über bei ihm, man hatte es mir erlaubt. Als er +nun die Augen aufschlug und man ihn fragte, wer er sei und woher er +komme, vermochte er nicht zu antworten. Er sah beständig die weißen +Kissen an, tastete beständig mit der Hand über das weiße Linnen, das ihn +bedeckte, und in seinen Mienen war ein so maßloses Staunen, eine so +maßlose freudige Bestürzung, daß man sofort begriff, er war Zeit seines +Lebens nie in einem Bett gelegen, und erst recht nicht in einem solchen +Bett. Er glaubte allen Ernstes, daß er sich im Jenseits befand, und das +einzige, was er sprechen konnte, war: so weiß; so sauber; so weiß; und +wieder, andächtig, ungläubig, völlig verzückt: so weiß; Herr Jesus, so +weiß.« + +Der Unbekannte hielt inne und sann mit abgelöster Heiterkeit im Gesicht +vor sich hin. Dann sprach er: »In der nämlichen Stadt fügte es sich, daß +ich mich eines brustkranken Mädchens annehmen sollte, das im Laden einer +Friseurin bedienstet war. Ein Kind von sechzehn Jahren, ich erinnere +mich noch des Namens; Angelika hieß sie. Ihre Herrin hatte sie aus dem +Waisenhaus genommen, sie war ein Findling; ein munteres und zärtliches +Geschöpf, von allen wohlgelitten und ungemein geschickt in den +Verrichtungen, die man sie gelehrt hatte. Die Herrin sah aber bald, daß +das Übel rapid wuchs; der Arzt, den sie zu Rate zog, gab ihr wenig +Hoffnung und empfahl ihr, das Mädchen schleunig in eine Heilanstalt zu +bringen. Sie versuchte es, doch es war umsonst; die Behörden wiesen sie +ab, die humanitären Vereine wiesen sie ab, die reichen Leute, bei denen +sie Hilfe suchte, wiesen sie gleichfalls ab. Sie war eine robuste Frau, +nichts weniger als gefühlsselig, aber sie liebte das Mädchen wie ein +eigenes Kind, und die Aussichtslosigkeit, eine Pflegestätte für sie zu +finden, erbitterte sie. Angelika indessen ahnte nichts davon, daß ihr +Geschick ein so nahes Todesurteil über sie verhängt hatte. Sie lachte +und scherzte den ganzen Tag, und besonders war sie darauf versessen, +sich zu schmücken. In diesem Punkt war sie geradezu erfinderisch; ihre +billigen Gewänder sahen aus wie frisch aus dem Magazin; die kleinen +Geschenke, die sie von den Damen erhielt, Bänder, ein Stückchen Stoff, +eine silberne Nadel, eine Halskrause, waren Kostbarkeiten für sie, und +sie wußte sie anmutig und geschmackvoll zu verwenden. Aber ich will +Ihnen erzählen, wie ich dazu kam, mit eigenen Augen zu sehen, wie +glühend diese jungen Hände die Dinge umklammerten, die ihr Ausdruck und +Abbild des Lebens waren. Es ist eine unbedeutende Begebenheit, im großen +Ring betrachtet, aber sie hat mir viel zu denken gegeben. Die Friseurin +hatte noch ein zweites Lehrmädchen, und diese war nach und nach +eifersüchtig auf die jüngere und hübschere Kollegin geworden. Als nun +eines Tages Angelika zu einem gewöhnlichen Kundenbesuch ihr schönstes +Kleid angezogen hatte, und mit glücklichem Lächeln vor ihr stand, sagte +sie zu ihr; wozu richtest du dich so her und gibst die paar Groschen, +die du verdienst, für Plunder aus? Trachte lieber, daß du gesund wirst, +damit unsere Frau nicht so viel Scherereien deinetwegen hat; es steht +nicht zum besten mit dir, das wissen alle, bloß du nicht; also merk dirs +und werde nicht gar so übermütig. Die Worte erschreckten Angelika, und +sie fing an zu begreifen, was ihr drohte. Sie büßte ihren Frohsinn nach +und nach ein, obwohl ihre kräftige und unbefangene Natur sich immer +wieder geltend machte, selbst dann noch, als sie bettlägerig wurde und +mit jedem Tag mehr verfiel. Es war mir endlich gelungen, in einem Asyl +weit draußen vor der Stadt einen Unterschlupf für sie zu finden, +richtiger ausgedrückt, ich hatte einige schwerbewegliche Personen +aufgesucht, und diese ihrerseits hatten wieder einigen widerwilligen +Funktionären eine Zusage abgerungen, die aus freien Stücken zu geben +ihre Pflicht und ihr aufgetragenes Amt gewesen wäre. Kurz, Angelika +sollte in Pflege kommen, und ich beeilte mich, es der Frau zu melden. Es +war an dem Tage gerade ein blutiger Aufruhr in der Stadt, Soldaten und +Arbeiter zogen durch die Straßen; aus vielen Häusern wurde geschossen. +Am schlimmsten ging es in dem Viertel zu, wo die Friseurin wohnte; ich +konnte mir durch die Massen Volks kaum einen Weg bahnen. Der Laden war +geschlossen, ich stieg ins erste Stockwerk hinauf, wo sich die Wohnung +befand, doch es war niemand zu sehen. Ich wußte, wo Angelikas Kammer +war, ich hatte sie schon einmal besucht und mit ihr gesprochen. Ich +klopfte; es blieb still. Ich dachte, das Kind schlafe vielleicht, +obgleich dies bei dem wilden Lärm, der von der Straße heraufschallte, +sonderbar anzunehmen war. Als ich leise die Tür öffnete, sah ich, daß +sie nicht im Bett lag. Sie hatte sich erhoben; im langen weißen Hemd und +barfuß stand sie vor dem Spiegel, der in den Schrank eingelassen war; +die schwarzen Haare flossen bis zu den Hüften; auf dem Kopf trug sie +einen breitrandigen Hut mit zwei grauen Federn; um die Taille, über das +Hemd, hatte sie ein blauseidenes Band zur Masche geknüpft, und um den +stengelfeinen Hals eine Korallenkette gelegt. Ich trat in das ärmliche +Gemach; es bedurfte nur meines Vorsatzes dazu, daß sie mich weder sah +noch hörte; außerdem war sie viel zu hingenommen von ihrer Beschäftigung +und das Geknall und Geschrei von draußen zu heftig, als daß sie auf +mich hätte aufmerksam werden können. Ich setzte mich also in eine dunkle +Ecke. Ich konnte ihr Gesicht nur im Spiegel sehen, das totblasse, aber +von Begierde, von unbezwinglicher Lebensbegierde über und über bebende +Gesicht. Auf dem Tisch neben ihr lagen ihre Schätze, ein Haufen bunter +Bänder, ein paar wertlose Broschen und Spangen, ein Nähzeug und eine +Schale mit Winterblumen. Auf einem wackligen Stuhl davor standen ein +Paar gelbe neue Stiefletten und über der Lehne hingen Blusen, ein +Ledergürtel und ein grüner Schal. Das alles betrachtete sie mit +fließenden Blicken, bald sich selbst im Spiegel, bald die geliebten +Gegenstände. Die Sachen, nennt man es; ja, jeder hat seine Sachen, und +mit ihnen schützt er sich und schmückt er sich; sie täuschen ihm Fülle +vor, oder Freude; die Habseligkeiten; auch ein merkwürdiges Wort. Sie +griff nach Blumen in der Schale und probierte, ob sie zum Blau der +Schleife paßten; sie nickte ihrem Spiegelbild zu, vertraut, verträumt, +aufmunternd; sie spielte mit ihm und forderte es heraus, sie bog den +Kopf zur Seite und gab sich eine graziöse Haltung, und besonderes +Vergnügen bereitete ihr das Wippen der grauen Federn. Währenddem wurde +der Tumult auf der Straße immer ärger; sie vernahm es nicht. Draußen +schlugen sie eine jahrhundertalte Ordnung in Trümmer, sie genoß, was sie +als Reichtum empfand. Sie beugte sich zu den Stiefelchen herab und sagte +schalkhaft-liebkosend: ihr armen Schuhe, wer wird euch spazieren tragen, +wenn ich gestorben bin? Sie richtete sich wieder empor, schaute lange +und äußerst gespannt in den Spiegel, seufzte herzlich und sagte leise +vor sich hin: ach Gott, nie wird ein Mann bei mir schlafen. Es war +Klage, aber voller Unschuld, so daß es beinahe heiter klang und ich mich +zu lächeln nicht enthalten konnte. Doch schlich ich mich nach einer +Weile hinweg. Mehr durfte ich von dem Geheimnis nicht rauben; ich hatte +mir schon zuviel angemaßt. Den Menschen bei sich selbst erlauschen, geht +nicht an; man verrät ihn und verrät sich. Alles war Spiegelung gewesen; +der wirkliche Spiegel hatte mir Angelikas Gesicht gezeigt der andere +ihre Welt, weit zurück bis zu den Ahnen und Urahnen, die sie +hinausgestoßen hatten, als Letzte, in ein ungenügendes Stück Leben.« + + * * * * * + +Die Zeit war ohne Marke; wie lange das Schweigen gedauert hatte, konnte +Mörner nicht ermessen, als die höfliche Stimme wieder begann: »Ich +möchte Ihnen die verschlossenen Tore aufschließen; bedenk ichs recht, so +hab ich zu vielen die Schlüssel. Damit man erfahre, damit man erlebe, +muß man vieles gesehen haben, und doch ist Sehen und Erleben zweierlei, +und Leiden und Erleben ist zweierlei. Die Tat macht es nicht, und der +Wille nicht und die Ergriffenheit nicht. Jedes einzeln kann zu etwas +dienen, und doch ist der glockenhafte Widerhall nicht da, der die Sinne +löst und zum Schwingen bringt. In der Wissenschaft, glaube ich gehört zu +haben, werden jetzt mehr und mehr alle Phänomene der Natur auf die +Wellenbewegung zurückgeführt. Meiner Ansicht nach kann man auch die +sinnliche Welt in das Gesetz der Wellenbewegung einbeziehen. Es ist +vielleicht dieselbe Kraft, nicht einmal wesentlich modifiziert, die das +Licht erzeugt und zwischen zwei Menschen Haß oder Liebe hervorbringt; +dieselbe, die ein Gestirn aus seiner Bahn reißt und die Katastrophe +einer Familie oder eines Volkes bedingt. Wir haben keinen Einblick, wir +können es wahrscheinlich nie ergründen, aber wenn der Geist rein ist, +glaubt man oft, man kann es ahnen und fassen. Der nämliche Stoff flutet +durch sämtliche Seelen, und wenn das Gemüt rein ist, kann man sie ahnen +und fassen. Oft ist mir, als wär ich der andere, der mich anschaut; oft, +als wär ich in vielen drin und die Unruhe käme von der Zerstückelung. +Oft ist mir, als rollte alles Geschehen in seinen Anfang zurück, und was +Tod und Untergang scheint, wenn ich die Augen schließe, ist wie neu, +wenn ich sie dann aufschlage. Oft ist auch alles wie Wiederkehr, und das +macht eigentlich am meisten verzagt; dann wäre ja keine Rettung und kein +Hinauf. Ich hörte einmal die Geschichte von einem reichen Patrizier im +alten Rom, Valerius Asiaticus; der besaß einen so herrlichen +Hügelgarten, daß er den Neid des Kaisers Claudius erweckte, der ihn auf +unbewiesene Verleumdungen hin zum Tod verurteilte. Da man ihn die +Todesart wählen ließ, entschied er sich für die Verbrennung. An dem dazu +bestimmten Tag nahm er seine gewohnten Leibesübungen vor, badete, ging +zu Tisch und öffnete sich die Adern. Aber die Liebe zu seinen Pflanzen +war so groß, daß er in der letzten Stunde den aufgeschichteten +Scheiterhaufen nach einer anderen Stelle schaffen ließ, damit Flammen +und Rauch das Laubdach der Bäume nicht beschädigen sollten. Genau das +Gleiche, Zug für Zug, hat sich unter der Regierung der letzten Kaiserin +in China begeben, und ich habe den Mann gesehen, der das Gleiche erlitt; +ich war dabei, als er auf den Holzstoß stieg. Aber das ist vielleicht +aus zu grober Materie; Ereignis gegen Ereignis, eins der Schatten vom +andern; was besagen sie beide? Die lüsterne Phantasie nascht davon, und +es entsteht Irrtum und Dunkel. Man muß immer zum Geringen niedersteigen, +dann ist die Falte auf einer Stirn und die Windung in einem Ohr beredt +genug, und wo man geht und steht, umdröhnt einen der Lärm des Bluts, +der Wünsche, Begierden, Träume und Gedanken in allen wie das +Hämmergestampf in einer Maschinenhalle. Ohne Aufhören ist es, ohne +Stille; Rad wetzt sich an Rad, Hebel stößt Hebel. Ich bin einmal mit +einer Kolonne von Arbeitslosen marschiert, Männern und Frauen; wie es +hinter den Schädeln raste! Mir war als sausten Knüttel auf mich herab, +und doch waren die Leute ganz stumm. Ich bin einmal auf einem Schiff +gewesen, das auf eine Mine stieß; die Passagiere stürzten auf Deck, und +die Todesangst in den Gesichtern kann ich nicht vergessen. Sie waren +aufgerissen bis in die verborgensten Fasern. Schamlos werden die +Menschen da; Zucht fällt ab wie Tünche, das Gehütetste geben sie preis, +und nur Mütter und Tiere verlieren sich nicht ganz. Ich bin einmal in +Litauen oben mit drei Wucherern in einem Postwagen gefahren. Sie +sprachen wenig, und das Wenige mit Vorsicht; aber ihre Augen und ihr +Lachen und ihre Gebärden erzählten von zugrundegerichteten Existenzen, +von Bitten und Flehen, das an ihrer Unempfindlichkeit abgeprallt war; +jeder schleppte ein Netz, worin die Ausgesogenen wehrlos zappelten; und +es war, als zeigten sie einander ihre Beute. Ich folgte ihnen heimlich; +es ließ mir keine Ruhe, von ihnen viel zu wissen; ich sah Drohbriefe und +Pfandscheine und verfallenes Gut und ausgeräumte Stuben, und den +Leichtsinn der Opfer, die Verzweiflung von einem, der Wechsel gefälscht +und von einem der Geld unterschlagen und von einem, der sein Erbe +verschleudert hatte. Die drei Wucherer waren wie Pirschgänger; sie +brachten Menschen in Rudeln zu Fall; sie häuften Reichtümer an, ohne sie +zu genießen, ohne sich daran zu freuen, ihr einziges Ergötzen war die +Qual und Wut des in die Enge getriebenen Menschenwildes; als ich in +einer Nachtstunde einen allein in seinem Zimmer sitzen sah, durch das +Fenster von der Straße aus konnte ich ihn sehen, da erschrak ich, denn +das Gesicht sah aus wie das eines versteinerten, grauenhaft traurigen +Affen.« + +Der Unbekannte bedeckte hastig die Augen mit der Hand und lächelte +enigmatisch. »Um ihn war ein Geruch von Schicksalen wie von Miasmen,« +fuhr er fort; »doch ein jedes Schicksal hat seinen bestimmten Geruch, +seine bestimmte Schwere, seine Flugkraft, seine Intensität, seine +angeborene Gewalt. Es wächst oder welkt wie die Pflanze; es zieht +anderes Schicksal an oder stößt es ab, je nachdem. Es ist über den +Menschen, eine Weile oder ein Jahrtausend, je nachdem, dann in den +Menschen. Sie verhalten sich zu ihm wie mehr oder minder elektrische +Körper zum Blitz. Das Unausdenkbare, sobald es ausgedacht werden kann, +geschieht es schon oder ist geschehen; aber der es erleiden muß, dem ist +es Rätsel und Grauen. Ich war in Böhmen auf einem Gut, dessen Besitzer +seit kurzem geistesgestört war, und zwar aus folgender Ursache. Es war +ein reicher Edelmann, ohne Familie und ohne Freunde, ein menschenscheuer +Sonderling. Die einzige Person, der er vertraute, war sein Diener, mit +dem er fünfundzwanzig Jahre auf dem Schloß gehaust hatte, der für seine +Bedürfnisse sorgte, seine Launen kannte und ihm in allem demütig ergeben +war. Eines Tages wurde der alte Baron von Todesahnungen geplagt; +vielleicht ängstigte ihn die völlige Einsamkeit zum erstenmal; er rief +den Diener zu sich in die Stube und sagte ihm, daß er wahrscheinlich +bald sterben müsse, und daß er, um ihn für seine Treue und +Anhänglichkeit zu belohnen, sich entschlossen habe, ihm den großen +Meierhof zu schenken, der an den Schloßpark grenzte. Er möge für den +nächsten Morgen den Notar bestellen, damit die Schenkung rechtsgültig +festgelegt werde. Der Diener starrte eine Weile stumpf vor sich hin. +Während des ganzen Vierteljahrhunderts nämlich, das er mit seinem Herrn +verbracht, hatte er nie eine Gemütsbewegung an ihm bemerkt, nie eine +Gabe von ihm empfangen, nie ein mildes Wort von ihm gehört. Er fängt an +zu stottern; er verfärbt sich, plötzlich stürzt er vor dem Baron auf die +Knie, schluchzt vor Zerknirschung und sagt, er sei der Gnade des Herrn +unwürdig; er müsse sich eines gräßlichen Vorhabens anklagen, das er +dreimal in Tat umsetzen gewollt; dreimal habe er den Plan gefaßt, den +Herrn umzubringen; dreimal sei er des Nachts unter dem Bett des Herrn +gelegen, um ihn im Schlaf zu erwürgen; dreimal habe ihn ein Zufall daran +gehindert: einmal der Hahnenschrei; einmal das Schlagen der Pendeluhr; +das letztemal, in voriger Nacht erst, das Trompetensignal einer durch +die Dorfstraße ziehenden Militärabteilung. Der Baron wußte nichts zu +antworten. Er hieß den Diener gehen. Er verabschiedete ihn noch an +demselben Tag. Das nachträgliche Entsetzen über die dreimalige nicht +gewußte Gefahr, unter Mörderhand zu enden, umnachtete seinen Geist.« + +Der Unbekannte hatte einen Ausdruck in den Augen, als schaue er in ein +Gewühl, das fern und tief unten war. »Aber ist das nicht auch zu grob, +zu tatsächlich, zu zufällig?« fragte er gedankenvoll; »ich greife es +heraus, weil es sich herausdrängt. Ich bin zu erfüllt davon. Es haftet +auch an der Haut. Und immer ist es aneinandergereiht wie die Käfer auf +einem Pappendeckel. Man will beweisen, was man spricht. Ich sehe immer +das Exempel. Ich sehe so viele, die ihren Mörder neben sich haben; sie +füttern ihn förmlich auf und drücken ihm die Waffe in die Hand. Oft ist +es ihr eigener Schatten, der sie mordet, oft ihr Bild in einem Bruder, +einer Geliebten, einem Freund. Keiner weiß etwas vom Bruder, von der +Geliebten, vom Freund, und es ist wunderlich amüsant, zu erfahren, was +er zu wissen vorgibt. Mißverständnisse geben ihnen den stärksten Halt. +Es ist überhaupt wunderlich amüsant alles, finden Sie nicht? Immer +sehen, immer hören, jede Stunde ausschöpfen, jedes Herz aushorchen! Was +hätte ich drum gegeben, wenn ich jenen Diener noch auf dem Gut getroffen +hätte! Die fünfundzwanzig Jahre Gehorsam in Schweigen und Haß, was muß +da in seinem Gesicht zu lesen gewesen sein! Ich habe ihn lange Zeit +gesucht; leider umsonst.« + +Er beugte sich vor; die schöngeformten Hände machten eine zaghafte +Geste. »Diener! daß es solche gibt!« fuhr er fort; »daß es Knechte gibt, +und Türsteher; solche, die Kohlensäcke auf dem Rücken tragen; +Schiffszieher; solche, die in Schwefelgruben steigen; solche, die +Kloaken säubern; solche, die Bleidämpfe einatmen. Jeder mit seinem ganz +besondern Sinn. Einer hat nicht dieselben Finger wie der andere; in +zweien sind nicht zwei gleiche Gedanken, und jeder läßt sich die Last +aufbürden und schleppt und schleppt. Warum nur? Man kann nicht fertig +werden, darüber nachzudenken. Millionen Sklaven keuchen unter der Kette; +tausend rebellieren und reißen sich los, und schon zwängen sich tausend +neue an ihre Stelle. So mutlos und wundgerieben ist aber keiner, daß er +nicht ein Weib bei sich hätte und Kinder mit ihr zeugte, die auch wieder +an die Kette geschmiedet werden. Da schwillt das Leiden immer höher. In +manchen Ländern steht es bereits so, daß die Kinder mit einem alten +finstern Herzen auf die Welt kommen. Ich habe mich davon überzeugt. Ich +habe folgendes erlebt. Man geht nichts ahnend hin, und aus dem Erdboden +heraus strecken sich einem Kinderarme entgegen, lauter magere Kinderarme +wie ein Feld von Strohhalmen; die Fäustchen sind krampfhaft geschlossen, +die zarten Gelenke sind rhachitisch. Es ist äußerst merkwürdig: man kann +meilenweit wandern, zwischen Fabrikschloten und flammenden Essen, und +sie strecken sich einem unabsehbar entgegen, lauter magere Kinderarme, +wie Strohhalme, oder wie kleine geschälte Zweige. Manche brechen, manche +wachsen, jedenfalls sind es zahllose, und sie versperren einem den Weg. +Was sagen Sie dazu? Meinen Sie nicht, daß Ihre Ansicht, die Zeit sei +Ihnen entgegen, doch falsch ist? Ist sie nicht geradezu für Sie? +Geradezu wie für Sie gemacht? Ist sie nicht wie ein verdorrter Acker, +der Bewässerung verlangt, Licht und Wärme? Denken Sie nur an die +zahllosen Kinderarme. Sie können sich niederbeugen, die +zusammengekrampften Fäustchen öffnen, die frierenden Hände ergreifen. +Ich fürchte, das klingt sentimental, aber ich halte es Ihnen als +Notwendigkeit vor. Es ist, als schaute man in ein vergiftetes Bassin, wo +viele kleine Fische vor dem Krepieren noch ein bißchen zucken. Das +einzige Mittel, sie zu retten, ist, neue Quellen und Zuflüsse +hineinleiten. Sie sagen, das Werk lasse sich nicht schaffen, weil die +Geister und Seelen zerstört sind. Zum Teil ist das ja richtig. Aber war +die Auslese der Brauchbaren nicht immer sehr gering? Steht und fällt +nicht jedes Werk mit dem einen Hirn, in dem es geboren wird? Und +brauchen Sie denn die Menschen? Genügt nicht das Schauspiel von Aufstieg +und Sturz, das sie Ihnen bieten? Ist denn der große Lebensteppich +zerfetzt oder verbrannt? Sind seine Farben verblaßt? Ist er minder bunt +gewirkt als vor zehn, vor hundert, vor tausend Jahren?« + +Der Unbekannte schien in einiger Erregung. Der Ton seiner Fragen war +dringlich; er hatte die Hände ausgestreckt und sich noch weiter +vorgebeugt. »Es scheint mir nicht. Sehen Sie doch hin. Die Paare treten +zum Tanz an, der Wein wird ausgeschenkt, die Musik spielt. Es ist ein +Haus mit vielen Stockwerken; in dem einen ist Fröhlichkeit, im andern +Traurigkeit. Es ist eine Zauberhöhle mit schimmerndem Gestein. Man +braucht nicht einmal Aladdins Wunderlampe; die dienenden Geister +gehorchen dem, der den Weg gefunden hat. Wozu Gericht? Wozu Verdammung? +Nicht einmal urteilen darf man. Zerstörte Geister und Seelen, was heißt +das? Ist das eigene Auge und die eigene Seele unzerstört, so ist die +Welt unzerstört. Gäbe es eine Hölle wirklich und wären alle ihre +Verdammten losgelassen, um aus purer Raserei die Welt zu vernichten, und +es fände sich nur ein einziger unter ihnen, der beim Ruf der Erlösung +sehnsüchtig stutzt, so würde es sich verlohnen, sie von neuem +aufzubauen. Das ist meine Ansicht. Schlagen Sie die Augen empor! Fassen +Sie doch, wie ein Kind es tut, das Ungeheure, das Süße, das +Schmerzliche, das Blühende, den ungeheuren, überflutenden Reichtum. +Freilich ist eines not, wie es auch geschrieben steht. Es steht +geschrieben: Von der Neigung zu geliebten Personen mußt du so frei sein, +daß du, soviel dich anbelangt, ohne alle menschliche Verbindung zu sein +wünschest; umso näher kommt der Mensch Gott, je weiter er sich von allem +irdischen Trost entfernt. Aber das ist eine harte Aufgabe. Geöffnet sein +und im ehernen Panzer; leicht sein und schwer beladen; den Baum hegen, +der die seltenen Früchte trägt, und sie nicht für sich pflücken dürfen. +Trotzdem ist es köstlich, zu wandeln und die Luft der Erde zu atmen, +wenn man die Botschaft versteht, die einem geworden ist.« + + * * * * * + +Mörner wollte die Hand des Unbekannten ergreifen, doch der Stuhl, auf +dem er gesessen, war leer. Seine Brust hob sich mit einer Sturmwelle, er +wußte nicht, ob in freudigem, ob in wehem Gefühl. Fragen quollen ihm auf +die Lippen, die er an sich selbst richtete, aus einer Morgendämmerung +des Herzens heraus: wo gräbst du? wo wächst du? wo wirkst du? wo ist +dein Feld? wo ist dein Weg? Aber ehe er sie bedenken konnte, waren sie +von einer geisterhaft-entfernten Stimme beantwortet, und er glaubte +einen Arm zu gewahren, der ihm eine goldhäutige, strahlende Frucht +zeigte. Der Tag rauschte über das Firmament, und er begrüßte ihn. Er war +an der Wende angelangt, wo der Ausgleich ist zwischen Finsterem und +Hellem, über welchen der Bogen sich wölbt, an den die Sternbilder +geheftet sind, Inbegriff allen Schicksals. + + + + +Adam Urbas + + +Unter den Aufzeichnungen des kürzlich verstorbenen +Reichsgerichtspräsidenten Diesterweg, eines scharfsinnigen und +geistreichen Kriminalisten vom Schlage des großen Anselm Feuerbach, +befand sich auch die folgende. + +An einem Oktoberabend, zu später Stunde, kam der Bauer Adam Urbas aus +Aha, einem Dorf des südlichen Frankens zwischen Altmühl und Hahnenkamm, +auf die Gendarmeriestation in Gunzenhausen und erstattete die Anzeige, +daß er an eben diesem Tag seinem achtzehnjährigen Sohn Simon den Hals +abgeschnitten habe. Er liege tot in der Kammer zu Hause. Das Messer, mit +dem er die Tat verübt, trug er bei sich und überreichte es. Es war noch +blutig. + +Die Selbstbezichtigung, in ruhigem Ton und mit äußerst knappen Worten +vorgebracht, wurde protokolliert. Auf alle weiteren Fragen des +Kommissärs verweigerte er die Antwort. Der Lokalaugenschein, der noch in +derselben Nacht vorgenommen wurde, bestätigte seine Angaben. Man traf +ein vor Entsetzen und Jammer halbwahnsinniges Weib und bestürzte Knechte +und Mägde. + +Adam Urbas wurde ins Gefängnis nach Ansbach gebracht. + +Als ziemlich junger Richter war ich einige Wochen zuvor in diese +Kreishauptstadt versetzt worden, und meinem lebhaften Ehrgeiz war es +willkommen, daß man mich mit der Voruntersuchung betraute. + +Der Fall schien von Anfang sonnenklar. Ein anscheinend beschränkter und +in allen Vorurteilen seiner Kaste befangener Bauer hatte seinen +entarteten Sprößling, von dem er nur Schande und Unheil erfahren hatte, +kurzerhand aus dem Weg geräumt, sowohl um ein Strafgericht zu +vollziehen, als auch um noch größerem Übel, das im Entstehen war, +vorzubeugen. + +Nach den übereinstimmenden Aussagen der Zeugen war der junge Urbas ein +völlig verlottertes Individuum gewesen, arbeitsscheuer Herumtreiber, +ständiger Gast in allen Wirtshäusern und auf allen Jahrmärkten der +Gegend. Für seinen müßiggängerischen und anstößigen Wandel hatte er viel +Geld gebraucht, und was ihm die gefügige Mutter, die er einzuschüchtern +verstand, nicht gab oder geben konnte, hatte er sich auf andere Weise zu +verschaffen gewußt. So hatte er im August beim Getreidehändler Kohn in +Weißenburg auf eigene Faust achthundert Mark für gelieferte Gerste +abgeholt und das Geld unterschlagen und verpraßt. In Nördlingen hatte er +sich mit einem verrufenen Frauenzimmer eingelassen, das von ihm +schwanger zu sein behauptete; eines Tages hatte er die Person an einen +entlegenen Ort gelockt und zu erwürgen versucht. Durch ihr Geschrei +waren zufällig vorbeikommende Leute alarmiert worden, und so war sie ihm +entronnen. Über diese Angelegenheit war die Untersuchung noch im Gange, +als Adam Urbas den gerichtlichen Maßnahmen zuvorkam. + +Auch aus der Knabenzeit Simons wurden Züge und Begebenheiten berichtet, +die seinen Charakter in das übelste Licht rückten. Nichts entstammte +dem Übermut, was er verübte, es war immer voller Tücke und +Abgefeimtheit. So hatte sich z. B. die Großmagd sechs neue Leinenhemden +in der Stadt gekauft; freudig zeigte sie die Erwerbung dem übrigen +Gesinde und der Bäuerin; es wurde zur Vesper gerufen, und sie legte die +blütenweiße Wäsche auf den Tisch in der Tenne. Als sie zurückkam, waren +die Hemden mit Wagenschmiere derart besudelt, daß keines mehr brauchbar +war. Daß Simon die Büberei begangen, bezweifelte niemand, aber bewiesen +werden konnte es nicht, so wenig wie die Sache mit dem Fuhrmann Scharf. +Der hatte seinen mit Mehlsäcken beladenen Wagen vor dem Krug halten +lassen; als er weiterfahren wollte, rann das Mehl in weichen Bächen auf +die Straße; zehn oder zwölf Säcke waren heimlich aufgeschnitten worden. +Das ist der Simon Urbas gewesen und kein anderer, hieß es; bewiesen +werden konnte es nicht. + +Zur Heuchelei und Hinterlist gesellten sich später Frechheit und +Gewalttätigkeit, und alle Gutmeinenden waren darüber einig, daß da ein +Menschenunkraut emporwuchs, so hoch, daß keine Schere mehr hinanreichte, +es zu stutzen und kein Spaten stark genug war, es auszujäten. Ich hätte +auf die Fülle des gebotenen Materials verzichten können. Da war kein +Problem, keine Verworrenheit, keine Tiefe; alles war eindeutig, platt +und roh, zumindest, was den Ermordeten betraf. + +Der letzte Akt des dörflichen Schauerdramas hatte sich am Gunzenhauser +Kirchweihsonntag abgespielt. Zwei Bauern aus Windsbach hatten sich im +Wirtshaus zu Aha darüber unterhalten, daß gegen Simon Urbas ein +Verhaftsbefehl erlassen worden sei. Adam Urbas saß unbemerkt von ihnen +am Nebentisch. Die anderen Gäste und der Wirt schielten ängstlich nach +ihm hin, denn aus der Art, wie er das Glas absetzte und vom Stuhl +aufstand, war zu schließen, daß er von der Nördlinger Geschichte noch +nichts wußte. Die Schandtaten Simons wurden ihm nämlich so lang wie +möglich verhehlt. Es war seine außerordentliche Schweigsamkeit, seine +achtunggebietende Haltung und nicht zuletzt seine große Beliebtheit in +der Gemeinde und in der ganzen Gegend, die einen schonenden Wall um ihn +errichteten. Durch all die Jahre hatte auch die Bäuerin die schlimmsten +Nachrichten aufzufangen und in ihrer Wirkung auf Urbas zu mildern +gewußt. Aber wenn man annahm, daß er deshalb in Unwissenheit oder nur in +halber, in freiwilliger Unwissenheit lebte, so täuschte man sich. Er +verstand es eben, seine Umgebung über das, was er sah und in ihm +vorging, im Zweifel zu lassen. + +Die Bäuerin hatte das drohende Unglück beim Buttern von einer +schwatzhaften Magd erfahren. Als Urbas nach Hause kam, stellte sie sich +ans Fenster, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Da ging, es war +schon gegen Abend, der Ziegelarbeiter Franz Schieferer am Haus vorbei +und rief ihr zu, der Simon sei drüben in Gunzenhausen im Hirschen; er +traktierte die Manns- und Weibsleute und werfe mit Geld herum, daß es +nur so klappre; aber, fügte er lachend hinzu, denn er war stark +angeheitert, man werde den Vogel bald auf Numero Sicher haben, die +Gendarmen seien schon unterwegs. Dem war freilich nicht so, wie sich +später erwies; auch das mit dem Verhaftsbefehl war vorläufig leeres +Gerücht. + +Das ganze Gesinde war zur Kirchweih gegangen. Die Bäuerin ließ sich auf +die Wandbank nieder; Urbas wanderte mit schweren Schritten in der Stube +auf und ab. Da hörte man von der Straße herein schlürfendes Gehen, dann +wurde an der Haustürklinke gerüttelt. Fäuste polterten wider das +massive Holz, dazu erschallten Flüche. Die Bäuerin sprang auf und wollte +hinaus; Urbas hob den Zeigefinger, nichts weiter; sie verharrte auf der +Stelle. Nun zeigte sich Simons Gesicht am Fenster, von Trunkenheit +gerötet, mit Augen voller Bosheit. Die Bäuerin schrie auf und winkte ihm +zu, er solle weggehen. Er verschwand wieder, eine Weile blieb es ruhig, +dann war auf der Tenne Lärm. Er war durch die Tür auf der Hofseite ins +Haus gelangt. Im Dunkeln stieß er gegen das Gerät; man vernahm einen +Sturz; die Bäuerin riß die Stubentür auf und im hinauslohenden +Lampenschein gewahrte sie, wie sich der betrunkene Mensch mühsam vom +Boden aufrichtete. Die Arme gegen die beiden in der Stube reckend, drang +eine gräulich lästernde Rede aus seinem Mund; vielleicht war dieser +Augenblick entscheidend für Urbas. Die Bäuerin sagte aus, daß sie ihn +vom Kopf bis zu den Füßen habe zittern sehen. Simon hatte sich indessen +zu seiner Kammer getastet; er schlug dröhnend die Tür hinter sich zu, +dann war es wieder still. Urbas schaute in die finstere Tenne hinaus, +die Bäuerin stand hinter ihm, das Gesicht in die Schürze gepreßt. Das +dauerte so an fünf Minuten. Hierauf verließ Urbas die Stube und ging +hinüber in die Kammer. Die Bäuerin versicherte, daß sie geahnt und +gespürt habe, was kommen würde, daß ihr aber die Glieder wie gefroren +gewesen seien und sie während der ganzen Zeit ihrer Sinne nicht mächtig +war. Ob Simon so berauscht gewesen, daß er gleich, nachdem er sich auf +die Bettstatt geworfen, in Schlaf verfiel, oder ob sie noch miteinander +geredet, Vater und Sohn, ließ sich deshalb nicht ermitteln. Einmal sagte +sie, es sei alles still geblieben, dann wieder, sie hätten miteinander +geredet, und zwar ziemlich lange; die beiden Türen waren aber +geschlossen gewesen, und da sie nach ihrer Behauptung im Ofenwinkel +gesessen war, konnte, wie durch mehrmaligen Versuch erwiesen wurde, der +Schall von bloßem Sprechen unmöglich zu ihr gedrungen sein. Auch ihre +Angaben, wie lange Urbas in der Kammer geweilt, waren auffallend +unsicher; bald sagte sie, es könne nur eine Viertelstunde, bald, es +müßte mehr als eine Stunde gewesen sein. Das Mordmesser hatte nicht +Urbas gehört, sondern dem Sohn; ob es dieser bei sich getragen oder ob +es in der Kammer gelegen, war ebenfalls nicht zu ermitteln. Hierüber +verweigerte Urbas jede Auskunft, und so wichtig der Umstand war, er +konnte vorerst nicht ins Klare gebracht werden. + +Ich gestehe, daß mir alle diese Vorgänge trotz ihrer Unheimlichkeit +zunächst wenig Interesse einflößten. Sie waren als Begleiterscheinung +eines solchen Verbrechens typisch. Der Vater ein unbeugsamer Starrkopf, +beleidigt in seinem bäuerlichen Ehrgefühl, in echt bäuerlichem Dünkel +keine Instanz über sich anerkennend, der Sohn ein Lump, dessen +vorzeitiges und gewaltsames Ende man kaum recht bedauern konnte; die +Mutter haltlos zwischen beiden schwankend; es war die übliche +Konstellation, und die Gerechtigkeit konnte ihren Lauf nehmen, ohne daß +sie auf hemmende Dunkelheiten stieß. + +Nach und nach aber, bei genauem Einblick in die Vergangenheit und die +Art des Adam Urbas, wurde meine Aufmerksamkeit nachhaltiger gefesselt. +Es war als gingest du an einer Mauer entlang, die aussieht wie alle +andern Mauern in der Welt; plötzlich gewahrst du, erst kaum bemerkbar, +dann immer deutlicher, gewisse Zeichen und Runen, die zu prüfen ein +Etwas dich zwingt; du kommst nicht mehr los, du beginnst Gruppe um +Gruppe zu entziffern, und schließlich wird dir eine unerwartete +Mitteilung über das verschlossene Gebiet, das hinter dieser Mauer liegt. + +Die Urbassche Ehe war dreizehn Jahre kinderlos gewesen. Die Frau hatte +es als unabwendbares Schicksal getragen, der Mann aber hatte sich +aufgelehnt gegen den Spruch der Natur. Er war der Letzte eines uralten +Bauerngeschlechts; in fränkischen Chroniken des vierzehnten Jahrhunderts +schon werden die Urbas genannt. Ihn dünkte es wie Schmach, daß er keinen +Leibeserben haben sollte. Wozu war das Schaffen und Sparen, Säen und +Ernten? Wozu das Haus mit den gefüllten Truhen, das Vieh im Stall, das +Getreide in der Scheune, wozu Acker und Wiese, Mühle, Fluß und Wald? + +Er äußerte sich nicht; gegen sein Weib nicht, gegen andere Menschen +nicht. Er verzog keine Miene, wenn die andeutende Rede darauf fiel. Kein +hartes Wort das Jahr über, keine Erkundigung. + +Aber einmal im Monat geschah es, daß er den Blick auf der Frau ruhen +ließ. Es ging höhere Gewalt aus von dem Blick. Er wurde dabei nicht von +einer bestimmten Absicht gelenkt; es gewann Macht über ihn und brach +hervor. Auf dem Feld konnte es sein: er hörte auf, die Garbe zu binden +und schaute sie an; beim Abendessen: er ließ den Löffel in die Schüssel +fallen und schaute sie an; in der Nacht: die Bäuerin erwachte, er lag +da, auf den Arm gestützt und schaute sie an. Auf dem Platz vor der +Kirche: sie stand im Gespräch mit andern Weibern, plötzlich verstummte +sie, denn er stand drei Schritte vor ihr und schaute sie an. Ohne Zorn, +ohne Drohung, ohne Vorwurf, nur prüfend, aus umbuschten Augen still und +lang. + +Einmal im Monat geschah es und war mit Sicherheit zu erwarten. Anfangs +ging es der Bäuerin nicht nah. Sie hielt es für eine Schrulle. Sie gab +sich keine Rechenschaft, worauf es abzielte. Sie lachte; sie zwang sich +zu einem muntern Wort. Später duckte sie sich, flüchtete mit Sinn und +Auge; aber es kamen Stunden und schließlich Tage, wo sie in Grübeleien +verfiel und die Frage, die sie an den Bauern nicht zu richten wagte, an +seinen geisternden Schatten richtete. + +Können Menschen nicht miteinander reden? grübelte sie; wozu hat einer +die Zunge im Maul, daß er nicht sagt, was er begehrt? Sie beschloß, den +Mann anzuhalten. Doch wenn es so weit war und sie vor ihn hintrat, +entfiel ihr der Mut. Verschuldung wuchs, um Aufschluß drängte eine +Stimme, Aufschluß kam nicht, sie fühlte sich nicht schuldig, etwas war +schuldig, aber das Etwas war in ihr. + +Das wechselnde Tun während der lebendigen Jahreszeiten zwang die Tage +immer wieder ins gleiche, aber für eine immer kürzer werdende Spanne. +Die Angst vor des Bauern Blick, der auf sie eindrang, so oft das +Blutzeugnis die Schuld vergrößerte, lähmte die Gedanken. Vom November +bis zum Februar rückten die Steine und Balken des Hauses gefährlich +aneinander, in den Stuben war schwerere Luft, der Himmel klebte an den +Fensterscheiben, der Abend war ein nasser Sack um den Leib, das Linnen +schleifte bleich über die Diele, die Kühe lagen in rosigem Dampf, und +durch die Schneeschlucht heran zum Stall schwankte durch Irisringe +breitgängig, die Laterne in der Hand, die hochschwangere Magd. + +Alles war Leib, alles war Angst. Achtundzwanzig Tage und Nächte waren +ohne Einschnitt; Urbas saß am Ofen, die Pfeife zwischen den Zähnen; ging +ins Wirtshaus und kehrte am Abend zurück; saß wieder am Ofen und +studierte die Zeitung; erhob sich, wenn der Topf mit Kraut und Klößen +hereingetragen wurde; sprach das Gebet; hörte still zu, wenn die andern +redeten, und nichts Heimliches war in seinen Mienen, kein Groll, der +sich sammelte, nur Schweigen. + +Dann aber kam die Stunde. Die Bäuerin spürte es schon in jeder Ader; die +Haare fingen an zu knistern. Eine Tür ging auf, und er stand da; am +Morgen, am späten Abend; war es nicht in der Stube, so war es in der +Tenne; stand da mit dem unerforschlichen Blick. Kein Räuspern, kein +Aufzucken, kein Wort, nur der Blick: warum nicht? warum alle und du +nicht? warum liegt dein Acker brach? + +Zwölf Jahre waren so verflossen, da hatte die Kraft der Frau ein Ende. +Ihr Gemüt umdüsterte sich. In den Nächten wälzte sie sich schlaflos. +Durch die Finsternis brannten die Augen des Bauern, auch wenn er +schlief. Hörte sie bei Tag seinen Schritt, so verkroch sie sich in einen +Winkel der Scheune und kauerte zitternd, bis von allen Seiten das Rufen +nach ihr erschallte. Die Zügel der Wirtschaft waren gelockert, das +Gesinde wurde lässiger. + +Sie versagte sich ihm. Ihr graute vor seiner Umarmung. Ergab sie sich +nicht, so hatte er nichts zu fordern, schien es ihr in der Verdunkelung +ihrer Sinne. Sie wurde kalt an Haut und Blut; das Weib in ihr erstarrte. +Da aber fing Urbas an, um sie zu werben. Es war wie nie zuvor. Sie hatte +es nie kennen gelernt. Nicht mit Worten warb er, vielmehr in einem +scheuen Dienst. Es lag oft etwas Beklommenes darin, als habe sie sich +versteckt, und er müsse sie finden; als suche er und könne sie nicht +finden. Er glich einem Tier, das leidet. Ein Jahr lang oder noch länger +währte dies, und in der Zeit verlor sich die Angst der Bäuerin, denn +sie merkte, daß sie nicht bloß eine an ihn hingeworfene Kreatur in +seinen Augen war, der man zu fressen gibt und die man karessiert, wenn +sie geschuftet hat, und einen Fußtritt verabreicht, wenn sie nicht +leistet, was man von ihr verlangt, sondern daß sie noch was anderes für +ihn bedeutete, der Ehrung und der Befragung Würdiges. Sie wandte sich +ihm mit bereitwilligerem Herzen wieder zu; einen Monat darauf wurde sie +schwanger. + +Als dies keinem Zweifel mehr unterlag, verwandelte sich ihr Wesen +vollends. Mit jungen Schritten eilte sie durchs Haus, trieb die Säumigen +heiter zur Arbeit, legte selbst überall Hand an, gesprächig, hell, +aufgeblättert. Staunen war um sie. Auch Urbas wunderte sich. Sie mochte +ihm, was bevorstand, nicht geradezu ankündigen; sie wünschte eine Form, +in der es festlich und wie ein Geschenk wirken sollte. Am Gründonnerstag +legte sie das Staatskleid an, dazu die langen schwarzen Kopfschleifen +mit den silbernen Spangen, dann rief sie Urbas in die obere Stube, wo +die Glasschränke standen mit dem alten Silber und Porzellan, +Jahrhunderterbe. Gewichtig setzte sie sich in den Lehnstuhl, faltete die +Hände über dem Leib und sagte, was zu sagen war, kurz und simpel. + +Durch Urbas mächtigen Körper ging ein Ruck. Als sie von dieser Stunde +sprach, neunzehn Jahre später sich dieses Geständnisses entsann und wie +Urbas sich dabei verhalten, war ihr noch immer die Erschütterung +anzumerken, die sie damals gespürt. Sein erdbraunes Gesicht wurde rot +wie Mohn. Er stieß eine dröhnende Lache aus. Darnach rann ihm die Nässe +aus den Augen. Er trat auf sie zu und schlug sie so derb auf die +Schulter, daß sie schrie. Bestürzt, sie könne nicht als Liebkosung +nehmen, was so gemeint war, tätschelte er ihr den Rücken, zärtlich, +andächtig und ließ dazu ein melodisches Gebrumm in der Kehle orgeln. + +Auf sein strenges Geheiß mußte sie sich pflegen. Er ging heimlich zum +Doktor und bat um Weisungen. Damit die zwei Arme nicht fehlten, heuerte +er noch eine Magd. Er überwachte sie; er räumte ihr aus dem Weg, was sie +beim Schreiten hinderte. Als die Kinderwäsche genäht wurde, saß er +bisweilen mit runden Augen daneben und wiegte den schweren Schädel. + +Alles verlief der Natur gemäß, auch die Stunde am Ausgang der neun +Monate. Lange hielt Urbas das Neugeborene in der Hand, lange betrachtete +er das trübselig-ungestalte Ding. Auf seiner Stirn wetterte es freudig +und sorgenvoll. + +Simon wuchs auf wie alle andern Bauernkinder; es wurde ihm nichts +leichter gemacht. Keine Kenntnis durfte ihm davon werden, wie lang man +auf ihn gewartet hatte und mit welcher Ungeduld. Was er seinen Leuten +wert war, mußte sich aus seiner Brauchbarkeit ergeben. Frühe Launen +zerschellten an der festgefügten Ordnung; frühe Krankheiten waren die +Probe, die zu bestehen war: taugst du oder taugst du nicht? Allerdings, +wer scharf zusah, konnte dann an Urbas eine unruhige Gespanntheit +wahrnehmen, als behorche er den innersten Blutgang im Leib des Knaben. + +Das Behorchen blieb in seinen Zügen. Es grub sich faltenmäßig ein. +Schien es, wie wenn er nicht beachte, was Simon tat und sprach, so war +es falscher Schein. Niemand in seiner Umgebung konnte ermessen, mit +welcher Genauigkeit er in diesem Punkte sah. Ich erfuhr es. Ich erfuhr +es in einer Weise, die weder zu vergessen, noch eigentlich mitteilbar +ist. Es wären dazu andere Behelfe nötig, als sie mir zur Verfügung +stehen. + +Eine fast erhabene Vorstellung von dem Verhältnis zwischen Vater und +Sohn war mit seinem Wesen verschmolzen. Er fühlte sich als Bauer, d. h. +er fühlte sich als König. Die Erde war seine Erde. Der Knecht war sein +Knecht. Wetter wurde für ihn gemacht, und für den Acker, und für die +Ernte. Er war Herr über das Land; sein Auge grenzte es ab bis zu dem +Stein, der von altersher unverrückt stand; kein Halm, der nicht in +seinem Namen aufschoß. Eigentum war das Heiligste von allem, und +Eigentum war des Herrn bedürftig, daß er es wachsam und unerbittlich +verwalte, bis auf den Pfennig, bis auf das Saatkorn. Der Sohn übernahm +es vom Vater, der Vater gab es dem Sohn, durch alle Zeiten hindurch; so +war die Ordnung der Dinge, anders war die Welt nicht zu verstehn. + +Aber das heißt vorgreifen, und ich will den Faden behalten. + +Die förmlichen Verhöre, die ich mit Urbas vorzunehmen verpflichtet war, +führten zu keinem nennenswerten Ergebnis. Die Antworten waren immer +dieselben, und sie jedesmal wiederholen zu sollen, schien ihm +verwunderlich und lästig zu sein. Er beschränkte sich auf die Tatsache; +erklären wollte er nichts. Sich zu verteidigen verschmähte er, auch von +einem Rechtsbeistand wollte er nichts wissen, und meinen Belehrungen und +Ratschlägen setzte er eine obstinate Gleichgiltigkeit entgegen. Als ich +ihm nahelegte, daß er durch eine freimütige Darstellung der Beweggründe +seines Verbrechens eine bedeutende Strafmilderung erzielen könne, +antwortete er lakonisch: »Es ist nicht an dem.« Ich entschloß mich, auf +die fruchtlosen Inquisitionen zu verzichten, zumal die Zeugenaussagen +und alles, was mir über die Person des Ermordeten wie über die des +Angeklagten selbst bekannt geworden war, eine lückenlose Motivenkette +geschaffen hatten. + +Dennoch gab es zwei Momente der Ungewißheit, die aufzuhellen noch nicht +gelungen war. Das eine war das Gutachten des Gerichtsarztes über den +Leichenbefund am Tatort. Die Lage des Körpers zeigte nämlich nicht das +geringste Merkmal von verübter Gewalt, weder an der Art wie die +Gliederstarre eingetreten war, noch an den Kleidern, noch am +Gesichtsausdruck. Wäre nicht die Selbstbeschuldigung des Bauern gewesen, +so hätte sich der Beweis des Mordes schwer erbringen lassen. Das zweite +knüpfte sich an das unbestrittene Faktum, daß das Messer dem Simon Urbas +gehört hatte. Der Bauer behauptete, es sei im Hosengürtel Simons +gesteckt, und er habe es einfach herausgezogen; auch zu dieser Angabe +verstand er sich erst nach häufigem, ernstlichem Drängen. Sie trug das +Gepräge der Unwahrscheinlichkeit an sich, und am nächsten Tag widerrief +er sie auch und sagte, das Messer sei aufgeklappt auf dem Tisch gelegen; +Simon habe in der Frühe noch Brot damit geschnitten. Als ich ihm mein +Erstaunen über diese Veränderung einer wichtigen Aussage nicht +verhehlte, blickte er scheu zu Boden. Es war das einzige Mal, daß ich +etwas wie Verwirrung an ihm zu beobachten glaubte. + +Den beharrlich schweigenden Mund zum Reden zu bringen, wurde zwangvoller +Trieb für mich. Fast ununterbrochen waren meine Gedanken mit dem +Menschen beschäftigt; die Deutlichkeit der Erscheinung, die +Hartnäckigkeit, mit der sie mich verfolgte, beunruhigte und quälte mich. +Immer wieder rief mir eine Stimme zu: der Mann ist kein Mörder; das ist +der Mann nicht, der hingeht und einem andern den Hals abschneidet wie +man ein Huhn schlachtet; dem eigenen Sohn mit Abscheu erregender +Brutalität zum Henker wird. Doch hatte er es ja gestanden. Was war +vorgegangen? Auf die Frage nach der Dauer seines Aufenthalts in der +Kammer hatte er stets geschwiegen oder höchstens die Achseln gezuckt; +erst beim letzten Verhör waren ihm, beinahe wider Willen, die Worte +entschlüpft, er schätze, es könne eine halbe Stunde gewesen sein. Was +war in dieser halben Stunde vorgegangen? Er gewahrte mein Nachdenken, +und sein Gesicht verfinsterte sich. + +Ich sah, den eigentümlichen Zustand meiner Unruhe und Ungeduld zu +beenden, keinen andern Weg, als den Bezirk der Beruflichkeit zu +verlassen und ihm gegenüberzutreten, Mensch gegen Mensch. Ein gewisses +Vertrauen glaubte ich mir bei ihm erworben zu haben; so oft ich mich +bemüht gezeigt hatte, Heikles zart zu behandeln, glaubte ich eine +dankbare Regung in ihm verspürt zu haben. Zögern machte mich nur noch +die Erwägung, ob sich nicht der angeborene Argwohn gegen den Zudringling +aus der fremden Sphäre wenden würde, ob es nicht an den Mitteln zu +natürlicher Verständigung von vornherein mangle. Aber darüber halfen mir +Bild und Gestalt hinweg; Adam Urbas war ja kein Bauer gewöhnlicher +Sorte; er gehörte zu unserer Bauern-Aristokratie, seine bloße Haltung +zeugte von Scharfsinn und Noblesse, und so hoffte ich, daß ich den Weg +zu ihm nicht vergeblich bahnte. Ich überlegte nicht länger; eines Abends +im Dezember war es, als ich in das Gefängnisgebäude ging und mir die +Zelle aufsperren ließ, in der sich Urbas befand. + +Ich hatte ihm Vergünstigungen für die Haft erwirkt. Es war ein +wohnlicher Raum, anständig möbliert mit Waschtisch, Bett und Spiegel, +behaglich warm. Er saß bei der Lampe und hatte die Bibel vor sich +aufgeschlagen. Ich grüßte, zog den Mantel aus, hing ihn an den Türhaken +und setzte mich Urbas gegenüber an den Tisch. + +Sein Anblick frappierte mich jedesmal aufs neue; auch jetzt. Er war +massig wie ein Stier. Sein Kopf hatte die Rundheit der eingeborenen +fränkischen Brachycephalen, doch wies der Schädel, besonders die Bildung +an den Schläfen, Merkmale alter Zucht auf; die Knochen waren dort +auffallend dünn, die Haut bläulichgelb und fast durchscheinend. Der Mund +war weitgeschnitten, mit festverpreßten schmalen Lippen, die Nase +gebogen, mit starkem Sattel; das Gesicht, an das eines alten +Schauspielers erinnernd, war sorgfältig rasiert, die Hände waren die +eines Riesen. Die träglidrigen Augen öffneten sich selten; dann aber +hatte der Blick eine überraschende Durchdringungskraft, so daß es auch +mir nicht leicht war, ihn auszuhalten. + +Um das Gespräch einzuleiten, sagte ich, ich hätte schon lange das +Bedürfnis empfunden, ihn aufzusuchen. Ich käme aber nicht in meiner +Amtseigenschaft, sondern, wenn er wolle, als Freund, dem ein Besuch +zufällig erlaubt sei. Im Grunde sei er mein Schutzbefohlener, und ich +trüge die Verantwortung für sein Wohlergehen. + +Er blickte mich schweigend an. Nach geraumer Weile sagte er: »Sehr gütig +von Ihnen.« + +Ich wehrte ab. »So möchte ich es nicht aufgefaßt haben,« sagte ich +ungefähr; »ich wünschte, Sie sollen mir jetzt nicht mißtrauen. Dem +Richter mißtraut man, unwillkürlich. Sie denken sich: Kommt er nicht als +Beamter, um seine Akten vollzuschreiben, so kommt er doch als +Neugieriger, um zu schnüffeln. Weder das eine, noch das andere ist meine +Absicht. Die Akten sind so gut wie geschlossen; wir stehen vor der +Verhandlung. Zur Neugier ist für mich wenig Anlaß; es ist mir ja alles +bekannt, will mir scheinen. Warum ich gekommen bin, weiß ich selbst +nicht genau. Ich mußte. Es war wie Pflicht.« + +Wieder antwortete Urbas lange nicht. Endlich sagte er: »Ich glaube +Ihnen.« + +Ich griff das Wort auf. »Wenn Sie mir glauben,« erwiderte ich, »dann +können wir uns ja über das Geschehene wie zwei gute Bekannte in Ruhe +unterhalten.« + +Urbas dachte nach. Hierauf sagte er: »Wozu soll ich denn reden? Schlimm +genug, daß es hat geschehen müssen.« + +»Das ist eben die Frage,« warf ich ein; »hat es geschehen müssen? +müssen?« + +Er hob den Kopf, aber die Lider blieben gesenkt. »Daran zu zweifeln, +wäre die pure Vermessenheit,« sagte er. + +»Es gibt nicht nur einen Zweifel,« beharrte ich, »sondern die +menschliche Gesellschaft verwirft Ihre Tat und verabscheut sie. Wollte +jeder in einem solchen Fall nach eigenem Gutdünken entscheiden, so wäre +des Schreckens kein Ende, so lebten wir wie unter reißenden Bestien. Wie +Sie sich vor sich selbst und Ihrem höchsten Richter verantworten werden, +weiß ich nicht. Uns Menschen sind Sie die Verantwortung noch schuldig.« + +Urbas schüttelte den Kopf. »Was kann das Reden hinzutun oder wegtun?« +murmelte er gleichgiltig. + +»Zwischen Ihnen und uns muß reiner Tisch werden,« sagte ich; »so lange +Sie sich trotzig verschließen, bleibt alles ein wüster Graus.« + +»Wenn einer aber nicht die Worte hat?« + +»Hat er sie nicht oder verweigert er sie nur aus Hoffart und aus Trotz?« +entgegnete ich; »prüfen Sie sich.« + +Er sagte: »Die Zunge ist schwer; ich bins nicht gewohnt.« + +Seine Stirn furchte sich. Ich sah, daß ich nicht weiter in ihn dringen +durfte. Ich wartete. Endlich murrte es aus seiner Brust: »Ich hab ihn +gemacht.« Sein Blick bohrte nach unten. »Wenn ich ihn gemacht habe, darf +ich ihn dann nicht auch vertilgen?« fragte er mit einem seltsamen, +listigbösen Ausdruck. »Das mögt Ihr Leute bestreiten, soviel Ihr wollt: +den einer gemacht hat, den darf er auch wieder vertilgen, wenns nur zum +Unheil war, daß er kam. Ich hab ihn mir geholt; herausgegraben aus +seiner Mutter Schoß. Andere Weiber tragen die Frucht neun Monate. Von +der kann man sagen, sie hat sie dreizehn Jahre getragen. Ich hab ihn von +ihr verlangt; ich hab ihn vom Herrgott verlangt. Ich hab ihn mir +zurechtgerichtet, bevor er noch da war. So und so, dacht ich, wirst du +mir werden. Wie ein Stück Lehm, das einer aus dem Erdreich schneidet und +bastelt daran und knetet es nach seinem Sinn. Auf einmal hat er nichts +als eitel Dreck in der Hand. Da schmeißt ers wieder hin, von wo ers +hergenommen hat.« + +Der listigböse Zug verstärkte sich. Er musterte mich durch einen Spalt +zwischen den Lidern. »Daß es zum Unheil war, hat sich erst nach und nach +erwiesen,« sagte ich. + +Er unterbrach mich mit einer herrischen Gebärde. »Von Anbeginn mißraten. +Mißratenes Blut; ich hab es mit meiner Nase gerochen. Andere, von +schlechterer Herkunft, wachsen auf, ohne daß man ihrer viel achtet und +mißraten doch nicht. Biegen sie sich am Anfang krumm, so biegt sie die +Zeit wieder grade. Bei ihm wurde das Krumme immer krummer. Da sah ich, +es wird großes Leid entstehn. Und so wars. Jeder Tag ein Sandkorn davon, +zuletzt ein Berg. Da bin ich gestanden und habe mich gefragt: was will +das werden? Hat mans an einer Stelle fortgeschaufelt, wars an der +andern doppelt so hoch; hat mans angegriffen, ists zwischen den Fingern +zerronnen. Es war keine Hilfe.« + +»Aber können nicht auch schadhafte Keime durch eine sorgfältige Pflege +zum Gedeihen geführt werden?« hielt ich ihm entgegen. »Haben Sie sein +Gewissen zu wecken versucht? Haben Sie ihn in ernstliche Zucht +genommen?« + +Urbas hob zum erstenmal die schweren Lider, und in seinen Augen war +etwas Verstörtes. »Herr,« erwiderte er jäh, »das Element kann einer +nicht bewältigen. Schaffts das Auge nicht, so schaffts auch das Maul +nicht, hab ich mir gesagt. Schaffts das Beispiel nicht, so schaffts auch +der Prügel nicht. In dem Punkt, den Sie meinen, hat die Bäuerin ihre +Schuldigkeit getan. Eine Weibsperson versteht das besser. Wenn er nicht +hat spüren können, daß meine Stimme auch dabei war, was war dann an ihm +nutze? Wenn er nicht hat hören können, was ich ihn ohne mein Reden habe +vernehmen lassen, wär auch des Propheten Wort nur leerer Schall für ihn +gewesen. So hab ich mir gesagt. Ich bin vorangegangen, er hätte +nachgehen können; ich bin ihm nachgegangen, er hätte sich umdrehn +können. Er hat mich nicht gesehen, er hat mich nicht gehört. Mich +widerts, daß ich einen Menschen soll packen und ihm ins Ohr schreien: +Mensch, sei ordentlich. Was soll das frommen, wenns ihm nicht in der Art +liegt? Verzieht einer seine Fratze zum Hohn, während andere beten, so +ist er eine verlorene Kreatur. Zucht schlägt an, wo nicht an der Wurzel +der Wurm schon nagt.« + +»Wußten Sie denn das ganz genau?« fragte ich, und wie ich vermute, nicht +ohne Schüchternheit, denn seine Worte, seine Stimme hatten finstere +Wucht, »waren Sie denn von Ihrer eigenen Unfehlbarkeit so fest +überzeugt?« + +Er streckte den Arm über den Tisch und antwortete schweratmend: »Wenn +mein Fleisch und Blut wider mich aufsteht, so kann ich nicht mit ihm +rechten wie mit einem Händler, der mich betrügt. Wenn der Same, den ich +ausgestreut, mir als Schlangenbrut entgegenzüngelt, so kann ich nicht +wie ein Schulmeister mit dem Bakel dreinfahren. Das hat kein Verhältnis, +das hat keine Menschenwürde. Wenn einer Böses wirkt und Aberböses, auf +den man die Zukunft gebaut, unabänderlich Böses, bis Haus und Hof im +Schlamm ersticken, was soll man da tun? Soll man ihm die Knochen anders +renken, ein anderes Hirn und Herz einblasen?« + +Sein Gesicht, in seiner ganzen Mächtigkeit, bebte und flammte. Derselbe +Mann, der sich so lange, ein Lebensalter vielleicht, der mitteilenden +Rede enthalten, riß vor meinen Augen sein Inneres auf und hatte Worte, +Bilder, Töne, die mich verstummen machten und fast mit Angst erfüllten. +Doch ich hatte plötzlich den unabweisbaren Eindruck, daß er nur +scheinbar mit mir redete, nur scheinbar sich an mich wendete; daß er in +Wirklichkeit sich eines abwesenden Bedrängers zu erwehren suchte, der +nicht erst seit heute ihm mit Fragen und Vorwürfen zusetzte. Mir wollte +es scheinen, als wäre alles, was er gegen mich äußerte, schon als +feuriggärender Stoff in ihm angesammelt gewesen und nun quölle es aus +ihm heraus, schleudre sich hervor; er konnte es nicht hemmen, und +während dies Gewaltige, gewaltig Unterdrückte redete, schien er selbst +in Grimm und Qual und noch immer stumm zu lauschen. + +Übrigens klang seine Stimme ruhiger, als er mit eckigen +Kinnladenbewegungen, den Kopf gesenkt, fortfuhr: »Es könnte wer fragen: +wann hast du angefangen, alles zu wissen und wann hast du aufgehört, zu +hoffen? So frage er den Aussätzigen: wann hat deine Haut zu schwären +angefangen? Er hat es am ersten Tag gewußt, natürlicherweise, aber den +Aussatz hat er erst geglaubt, wie es ihn ins Siechenbett gezwungen. Bin +gelegen, Nacht für Nacht; hab gesonnen und gesonnen. Hab mich +durchforscht, hab ihn durchforscht. Hab dies erwogen, hab jens erwogen. +Hab zugesehen und zugesehen, wie der Aussatz um sich gefressen hat. Hab +mir den Geist zermartert, wie das Übel zu fassen wäre. Zucht! Zucht +kommt immer um den Schritt zu spät, den die Unzucht voraus hat. Das +Rohr, mit dem ich seinen Rücken zerbläut, wär mir in der Faust +zerbrochen, und die Narben auf dem Fleisch hätten ihn bloß verhärtet. +Hätt' ich ihm Regeln vorsagen sollen? Was für Regeln? welche sind +erprobt? Hätt' ich ihn an Ketten legen sollen wie einen Hund? Alles, was +ich an ihm angepackt, war doch mein. Ich der Baum, er der Zweig; ich der +Docht, er das Licht; ich das Erdreich, er der Quell. Wie soll denn der +Baum zum Zweig reden? es rinnt ja der nämliche Saft durch. Und der Docht +zum Licht? er nährt es ja. Und der Boden zum Wasser? es kommt ja aus +ihm. Schön; aber woher kommt die Schlechtigkeit? Sie ist da und breitet +sich aus wie das Feuer in dürrem Holz; aber woher kommt sie? Und was das +für ein unbarmherziges Gestaffel hat: erst die kleine Lüge, dann die +große; erst den Pfennig stiebitzt, dann den Taler; erst das Tier +malträtiert, dann den Menschen; erst Tagdieberei, dann Ehrabschneiderei; +erst ein Hansguckindieluft, dann ein Hurentreiber. Kein Respekt, kein +Glauben, keine Redlichkeit, keine Liebe. Woher ist das alles gekommen? +Aus mir? Es ist wohl schließlich an dem. Und da hab ich mich gefragt: +wo, Urbas, und wann ist dein sterblich Teil oder dein unsterbliches so +von der Hölle versengt worden, daß du solchen Stank und Unrat in die +Welt gesetzt hast? Ist denn der Mensch nichts als ein geiler Schleim, +daß er nur wieder geilen Schleim hervorbringt?« + +Er sah mich mit seinem großen Blick an wie ein Lastenschlepper, der +unter der schweren Bürde keucht. Es entstand eine Stille. Er wischte +sich mit dem Rockärmel die Feuchtigkeit von der Stirn. Ich begriff seine +Erschütterung und sie teilte sich mir mit, aber mein in Zwiespalt +geratenes Gefühl zieh ihn der Überheblichkeit, und ich konnte mich nicht +enthalten, es zu äußern. »Ein solches Maß von Verantwortung sich +zuzuschreiben, geht meines Erachtens weit über das hinaus, was einem +Menschen verstattet ist,« bemerkte ich; »übernimmt man sich in dem, wozu +man sich verpflichtet wähnt, so vergreift man sich auch in seinen +Rechten. Sie berufen sich in allen Stücken auf sich allein; als Mann und +Vater nur auf sich selbst. Wie steht dann aber die Mutter da, die doch +den gleichen Anspruch auf den Sohn hat, den stärkeren sogar? Die wird +Ihre Gründe nicht billigen und gewiß nicht die Tat, für die Sie alle +Bande der Familie zerreißen mußten.« + +»Darüber läßt sich nicht disputieren,« antwortete Urbas hart; »das geht +dorthin, wo das Denken aufhört. Ob sie meine Gründe billigt, weiß ich +nicht. Sie hat verspielt, und ich hab verspielt. Ist bei ihr der Kummer +groß, so ist bei mir die Verdammnis noch größer. Bleibt ihr nichts vom +Leben übrig, so ist mirs schon vergällt seit Jahr und Tag. Freilich ist +sie mehr zu bedauern. Wars doch als gäb ihr Leib ungern die Frucht her +und sträube sich ahndungsvoll gegen meine eitle Torheit und Ungeduld. +Man muß nur die Natur recht verstehn, aber man versteht sie mit nichten +und wills besser machen und rennt wie ein Bock wider die verriegelte +Tür. Es sollte kein Weib ein einziges Kind haben, da steht zuviel +drauf. Meine Mutter hatte neun; davon sind allerdings sieben gestorben; +meine Ahn sechzehn, und auch von denen sind acht früh mit Tod +abgegangen. Solches Sterben hat nichts Bitteres. Von den Körnern bei der +Aussaat gehen auch nicht alle auf. Ein einziges Kind soll man nicht +haben; damit nimmt man sich zuviel vor, wie beim Lotteriespiel. Da ist +kein Ausgleich, da schlägt die Flamme auf einen zurück und wird Qualm. +Einer Mutter bangt vielleicht, und ihr Gemüt fällt in Finsternis, wenn +ihr Eins und Alles verworfen ist vor Gott und Menschen; aber sie ist +drin gefangen für Zeit und Ewigkeit, und träte er mit der aufgehobenen +Hacke vor sie hin, sein Leben gälte ihr mehr als ihres. Kein Gut, kein +Böse mehr; das Blut schreit lauter. Ich derweil! Vater, hats mich +angerufen. Was ist das, Vater? hab ich mich gefragt und hab nach dem +Ursinn geforscht. Wär ich zur Magd ins Bett gegangen und hätte mit ihr +einen Sohn gezeugt, der hätte mich auch Vater genannt. Wärs dasselbe +gewesen? Es wäre nicht dasselbe gewesen. Vielleicht wär der der +Geratene, der Ehrfürchtige, der Gewünschte gewesen. Warum nicht ihn +gezeugt, warum den Mißratenen? Aber da steht das Gesetz dagegen auf, und +das Gesetz ist heilig. Und wär dann das Weib noch mein Weib gewesen? Ich +will einmal sagen: der Mann reicht weiter hinauf und hinunter denn das +Weib. Ich will auch dieses sagen: der Vater ist tiefer in der Schuld +denn die Mutter. Die Mutter sitzt am Rocksaum unseres Herrn, und er mag +ihr nichts zuleide tun. Nach dem Vater wird gefragt, er muß Rechenschaft +ablegen. Mitteninne steht er in der Geschlechterkette; die obern deuten +auf ihn, und die untern deuten auf ihn. Er darf sich nicht gefallen in +der Zärtlichkeit und Liebkosung, denn aus den Augen des Sohnes schaut +ihn die Gemeinde an, schaut ihn der Kaiser an, schauen ihn die +Altvordern an und alle, die nachher sind bis ins vierte und fünfte +Glied. Der Sohn ist ihm verliehen als ein Pfand, will ich einmal sagen, +daß er es der Welt zurückgeben soll, wenn die Zeit reif ist. Weh dem, +der mit leeren Händen kommt und sprechen muß: ich habs verwirkt.« + +Er schaute starr in die Luft, erhob sich vom Stuhl und wiederholte laut: +»Ich habs verwirkt.« Dann setzte er sich wieder. + +Ich wagte nicht die Versunkenheit zu stören, in die er fiel. Auch suchte +ich in meinen Gedanken einen Weg, der weiter führte. Von Minute zu +Minute war ich meiner Sache sicherer geworden, aber ich hatte Furcht. +Eine solche Sicherheit war in mir, daß Vorgänge, die sich bis jetzt auf +bloße Vermutungen und Kombinationen gestützt hatten, die Leuchtkraft des +Erlebten gewannen, und in einer seherischen Glut fügte sich Bild an +Bild. Zweifellos trug hiezu das Fluidum des Menschen bei, der mir +gegenübersaß, und daher auch die Furcht. Ich habe trotz einer langen +Laufbahn als ausübender Jurist und Richter, oder vielleicht durch sie, +die Übertragbarkeit außerordentlicher Seelenzustände zu oft erfahren, um +sie hier zu leugnen, wo ich plötzlich eine Fähigkeit zu entfalten +vermochte, die ihr entwuchs. Es war etwas Grandioses um den Mann; seines +Geheimnisses mich zu bemächtigen, dünkte mich fast unerlaubt; ich +zauderte; ich fand das Wort nicht; schließlich aber unterbrach ich das +tiefe Schweigen, beugte mich weit über den Tisch und fragte: »Sie sind +in die Kammer hinübergegangen, um ein Ende zu machen?« + +Er antwortete nicht. Die aufeinander gepreßten Lippen schienen sich der +Rede wieder verweigern zu wollen. Doch für mich barst diese hartnäckige +Stirn; sie öffnete sich wie ein Buch, und ich konnte in dem Raum +dahinter lesen. »Sie waren zweimal in der Kammer,« sagte ich plötzlich +aufs Geradewohl, oder vielleicht ist das falsch: aufs Geradewohl, +vielleicht geschah es unter der brennenden Eingebung und Vision des +Augenblicks; »zweimal; als Sie sie das erste Mal verließen, lebte Simon +noch. Als Sie das zweite Mal hineingingen, lag er schon als Leiche auf +dem Bett.« + +Ich hatte nie gedacht, daß das Gesicht dieses Bauern, das von Natur +braun war wie gebeiztes Holz, so weiß werden könne. Das Weiße quoll +förmlich aus den Poren heraus und überzog die Haut mit einem Schimmer +wie von nassem Kalk. Er stierte mich mit weiten Augen an, seine Backen +schlotterten, und mit beiden Händen griff er an den Hals. Nun gab es +keine Unschlüssigkeit mehr für mich; ich zwang mich zu angemessener Ruhe +und fuhr fort: »Sie sind zu ihm gegangen, um ihm Geld zu bringen. Sie +hatten an dem Sonntag kein Geld im Hause und liehen sich unmittelbar +nach Tisch zweitausend Mark von Ihrem Nachbarn Stephan Buchner aus. Ist +es nicht so? Das Geld sollte dazu dienen, daß sich Simon auf der Stelle +davonmachte. Er sollte nach einer Hafenstadt, am selben Abend noch, und +von dort nach Amerika. Ist es nicht so? Sie boten ihm das Geld, Sie +entwickelten ihm Ihren Plan, und Sie erwarteten, daß er ohne Zögern +gehorchen würde. Aber er gehorchte nicht nur nicht, sondern er schlug +auch das Geld aus. Sie fragten ihn, da begann er zu sprechen. Zuerst +war, was er vorbrachte, wirr und faselnd, denn er war noch benebelt von +dem Trinkgelage, dann aber wurde seine Rede klar, Ihnen jedenfalls +furchtbar klar. Sie standen vor ihm und schwiegen. Sie nahmen nicht +einmal Anstoß daran, daß er auf der Bettstatt liegen blieb und in die +Luft hinein sprach; denn Sie fühlten, daß er nicht den Mut gehabt hätte, +zu sprechen, wenn er Ihnen ins Gesicht hätte schauen müssen. Sie haben +zugehört, nur zugehört, und aus dem Zuhören entstand alles übrige. +Verhält es sich so oder nicht?« + +Urbas ließ den angstvollen Blick nicht eine Sekunde lang von mir. »Da +müssen Sie wohl als ein verzauberter Geist im Hause gewesen sein,« +stammelte er verstört. + +»Nein,« erwiderte ich; »es sind einfache Schlußfolgerungen aus +Tatsachen. Die unscheinbarsten Tatsachen hinterlassen oft die +eindringlichsten Spuren. Denken Sie nicht an Zauberei und Blendwerk. +Eines Menschen Tun und Treiben wirkt nach allen Richtungen hin mit +sonderbarer Gesetzmäßigkeit. Es ist, als schleudre man einen Stein ins +Wasser; die Ringe breiten sich aus und vergehen, aber die Bewegung kann +noch gemessen werden, auch wo das Auge längst nichts mehr gewahrt. In +dem Betracht kann wirklich keiner entrinnen; jeder Schritt nach jeder +Seite, was er mit dem Finger faßt und mit dem Atem behaucht, knüpft ihn +fester in das Netz. Ich besitze eine Zeugenschaft, der ich anfangs wenig +Wert beilegte; im Lauf der Zeit erst begriff ich ihre Wichtigkeit. Es +gibt da einen Eichstädter Maler namens Kießling, Freund und Zechkumpan +von Simon; ein verbummelter Kerl, eine verkommene Existenz; aber nicht +ohne derbe Aufrichtigkeit. Der wußte mancherlei zu erzählen. Wie Sie +sich erinnern werden, verschwand im vorigen Winter in Ihrem Haus eine +von den alten schönbemalten Porzellankannen. Sie, wie auch die Bäuerin, +dachten nicht anders, als daß Simon sie sich angeeignet und beim Händler +in der Stadt verklopft habe, denn es war ein wertvolles Stück; die +Bäuerin äußerte sogar den Verdacht, Kießling habe bei dem Diebstahl +seine Hand als Hehler im Spiel. Daß Simon die Kanne genommen, ist +richtig; ebenso, daß Kießling daran interessiert war; er hätte wohl den +Beuteanteil nicht verschmäht, wenn er es auch jetzt in Abrede stellt. +Aber so weit kam es gar nicht. Simon zertrümmerte die Kanne vor den +Augen seines Freundes. Sie waren in dessen Bude beisammen, drüben an der +Pleinfelder Chaussee; Simon hatte die Kanne gebracht, Kießling nahm sie, +beschaute sie, prüfte sie und wollte eben seine Anerkennung kundgeben, +als Simon sie ihm wieder entriß und mit aller Kraft gegen den Fußboden +schmetterte, wo sie natürlich in hundert Scherben zerbrach. Der andere +machte ihm zornige Vorwürfe, aber Simon, nachdem er eine Weile finster +vor sich hingebrütet, rief plötzlich aus: ich möcht ihm einmal einen +rechten Tort antun, so daß ers spürt bis in die Eingeweide hinein. +Kießling wußte nicht gleich, auf wen der Ausbruch gemünzt war; seine +Bekanntschaft mit Simon war damals noch neu; später wurde ihm dann die +Sache klar. Er sagte, er habe nie einen jungen Menschen gesehen, der +einen solchen Haß gegen seinen Vater gehegt hätte. Von Zeit zu Zeit +wiederholten sich die Anfälle, ähnlich jenem ersten; eine ohnmächtige +Erbitterung kam über ihn, ein Trieb, zu zerstören; zu anderer Zeit +wieder war es eine krankhafte Freudlosigkeit, ein melancholisches +Hindämmern und stilles Glosen. Oft schien es nicht Haß zu sein, sondern +Furcht; oft nicht Furcht, sondern etwas viel Unergründlicheres. Eine +Äußerung, die auch von dritten Personen bezeugt ist, war die: möcht ihm +einmal alles ins Gesicht sagen können, dann würde mir wohl. Was konnte +er damit gemeint haben? Abgesehen von Kießling, schildern ihn auch sonst +Leute, die ihn kannten, nicht als schlecht; es sind meist Leute, denen +man ein unbefangenes Urteil zutrauen darf. Sie bezeichnen ihn als +schwachen, leicht verführbaren Charakter, als einen Menschen ohne +Verwurzelung gleichsam; ausschweifend wie einer, der sich betäuben will, +arbeitsscheu wie einer, der fortwährend auf der Flucht ist und verfolgt +wird, lasterhaft aus innerer Öde, aber keineswegs schlecht. So beurteile +auch ich ihn jetzt. Aber von wem fühlte er sich eigentlich verfolgt? wem +hat er getrotzt? was war zu betäuben? Ich glaube, wir beide, Urbas, wir +wissen es. Wenn auch die ganze Welt darüber sich den Kopf zerbricht, wir +wissen es. Bis zu jenem Abend in der Kammer haben Sie es nicht gewußt. +Dort haben Sie es erfahren.« + +Er atmete auf; sein Gesicht zuckte wie von inneren Stößen; er schien +etwas sagen zu wollen, aber er vermochte es nicht. Doch die Lichter und +Schatten in diesem kantigen, kraftvoll bewegten und wahrhaftigen Antlitz +hatten ihre eigene Beredsamkeit; das düstere Staunen, der fast +abergläubische Schrecken über die plötzliche Enthüllung dessen, was er +für sein unantastbares, ewig verwahrtes Geheimnis gehalten, war von ihm +gewichen, aber da er das Geheimnis nicht mehr zu schützen hatte, war +auch das Gemüt der schweren Last entledigt; daher dies tiefe Aufatmen, +das mich bewegte. Ich fand mich verpflichtet, ihm noch über die letzten +Hemmnisse zu helfen, und ich sagte: »Erwägt man es genau, so sind die +Menschen weit übler daran als die Tiere. Die Tiere können einander nicht +mißverstehen. Die Menschen mißverstehen einander im Blut wie im Geist; +der Bruder den Bruder, der Freund den Freund, der Vater den Sohn. Jeder +steckt in seinem Mißverstehen wie in einem schwarzen Kellerloch, aber +eine wunderliche Verblendung macht, daß er es für eine hellerleuchtete +Wohnstube hält. Und wenn er meint, daß der Herrgott selber sich um ihn +bemüht und ihn zu seinem Sprachrohr auserwählt, so zeigt sichs am Ende, +daß es bloß der Teufel war. Dreizehn Jahre lang war Ihr ganzes Trachten +auf einen Sohn gerichtet, und wie er dann da war, haben sie achtzehn +Jahre lang gebraucht, um dahinter zu kommen, was es mit ihm für eine +Bewandtnis hatte; und da wars zu spät. Ists also nicht kläglich bestellt +um die menschliche Vernunft und Weisheit? Wozu noch fernerhin sich +verstecken, Urbas? Welchen Zweck soll es haben, sich eines Verbrechens +anzuschuldigen, das Sie nicht begangen haben? sich Mörder zu nennen an +dem, der sich selbst den letzten Weg gewiesen hat? Wozu das frevle Spiel +mit der irdischen Gerechtigkeit? wozu, Mann, wozu?« + +»Das will ich Ihnen einbekennen, wozu,« sagte Urbas, »weil nun meine +Partie doch ganz und gar verloren ist. Ich will es Ihnen einbekennen, +aber haben Sie Geduld mit mir; es fällt mir schwer.« Seine Blicke +suchten innen; seine Finger bewegten sich, als suchten auch sie: das +einschränkendste und unbedingteste Wort, die verläßlichste Übermittlung. +Er begann stockend: »Es ist wahr, ich bin hinüber zu ihm, um ihm das +Geld zu geben. An Amerika hab ich nicht gedacht; nur möglichst schnell +fort mit ihm, dacht ich, und möglichst weit, damit einem wenigstens der +Gendarm im Haus erspart wird. Ich bin hinübergegangen, und weils finster +in der Kammer war, hab ich erst die Kerze anzünden müssen, und da ist er +auf seinem Bett gelegen und hat mich angeschaut. Es ist wahr, er hat das +Geld nicht genommen; er hat das Gesicht zur Wand gedreht und die Zähne +geknirscht und gesagt, ihm könne das nicht mehr nützen. Ich bin vor der +Bettstatt gestanden und spreche zu ihm: steh auf, wenn dein Vater vor +dir steht. Da dreht er das Gesicht wieder zu mir, und weil eitel Spott +und Hohn drin geschrieben ist, schwillt mir der Zorn, und ich sage: steh +auf, wenn dein Vater vor dir steht. Er aber spricht: warum soll ich denn +aufstehen, da Ihr mich niedergeworfen habt? Die Fäuste ballen sich mir +wie von selber, und ich frage: wie denn? wie soll ich dich denn +niedergeworfen haben, du Luder? Da kommt es aus seinem Mund hervor: Ihr. +Weiter nichts. Ihr, sagt er. Ich blick ihn an, und er blickt mich an, +und eine Zeit vergeht so, dann wieder: Ihr. Darin war soviel Gift und +Wut und Geifer und solch ein verkrampftes, rabenböses Grollen, daß mir +der Speichel im Munde bitter wird. Was denn, Ihr? ruf ich ihn an; was +denn, Ihr? O Ihr, spricht er hinter den Zähnen hervor, Ihr seid mir auf +der Brust gehockt, mein Lebenlang. Da schwieg ich. Ihr habt gut vor mir +stehn und blitzen mit Euren Augen, fährt er fort; soll denn das nicht +endlich aufhören, daß Ihr mich anschaut mit Euren Augen? So ists immer +mit Euch gewesen; anschaun, anschaun, und kein Wort. Hinterm Tische +sitzen und alles von einem wissen, und kein Wort. Weit habt Ihr mich +gebracht mit Eurem Anschaun und Anschaun. Warum habt Ihr mich nicht +genommen und zu mir geredet? Niemals ein einziges Wort geredet? Da _muß_ +einen ja die Verzweiflung packen. Wie soll er denn da nicht zu den +Menschern und zu den Saufbrüdern laufen? Die reden doch, die lachen +doch, die haben doch ein gutes Wort für einen, die sagen Hü und Hott, +und man weiß, wie man mit ihnen dran ist. Ihr aber, hab ich gewußt, wie +ich mit Euch dran bin? Er liegt wieder auf der Lauer, dacht ich; er hat +was gegen dich vor, dacht ich. Ein Büblein war ich noch, ist mir schon +der Bissen im Hals steckengeblieben, wenn Ihr zur Tür hereingetreten +seid. Hundertmal und hundertmal hab ich zu Euch hingewollt, aber die +Angst vor Euch hat mirs verwehrt. Was hab ich denn verbrochen? dacht +ich, und wie ich dann was angestellt, war mir wohl und hab wenigstens +gewußt, warum, und so hat mirs nie Ruh gelassen, bis ich nicht was +Heilloses getan und den Leuten die Galle aufgeregt. Ja, ich bin +schlecht, aber ich weiß nicht, ob ichs von Geburt bin; ja, ich bin zum +Lumpenkerl geworden, aber Ihr braucht Euch deshalb nicht wie der heilige +Geist vor mir aufpflanzen, sondern solltet nachprüfen, was Ihr an mir +gefehlt habt. Denn es hätte sein können, daß ich Euch hochgeehrt hätte, +wies in den zehn Geboten steht und kirre gewesen wäre wie ein Star. Das +hätte sein können, weils in mir war und bloß herausgetrieben worden ist. +Bin ein Hundsfott geworden, und das Leben ist mir leid, und die Menscher +und die Saufbrüder sind mir leid, und es freut mich nicht mehr. Dieses +spricht er, und noch einiges, ich habs vergessen, und wälzt sich auf der +Bettstatt; und knirscht mit den Zähnen; und flennt; und lacht ingrimmig; +und kehrt sich wieder zur Wand; und schweigt. Ich denke mir: Urbas, die +Seele da ist hin, aber deine vielleicht auch. Worte hatt ich keine. Es +war eben so; was hätts gefruchtet, meinen Schöpfer anzuwinseln? Worte +hatt ich keine. Ich geh hinaus. Im Hofe schreit ich bis zum Zaun. Es ist +alles so friedlich wie in Frühjahrsnächten, wenn die Wurzeln in der Erde +ihren Saft spinnen. Ich schaue zu den Sternen hinauf, aber das kann mir +nicht dienen. Ich mache die Stalltür auf und schnuppre die saure, warme +Luft, und einer von den Ochsen hebt den Kopf, indes er mit den Zähnen +mahlt. Da überläufts mich schauerlich, und ich denke: du mußt zurück in +die Kammer, und wenn du gleich keine Worte findest, irgendwas muß sein. +Nun bin ich zurückgegangen, und wie ich eingetreten war, ist er bereits +in seinem Blut gelegen. Da bin ich dann eine lange Weile gestanden, +dann hab ich mir gesagt: wenn dem so ist, so bist du der Mörder; hat er +die Schuld bei dir gut, so mußt du sie bezahlen. Das ist es, was ich +einzubekennen habe.« + +Er kreuzte beide Hände über der offenen Bibel, und mit leiserer Stimme +und sonderbar umschattetem Blick fuhr er fort: »Ich habe einen Traum +gehabt, den will ich Ihnen noch erzählen. Es war in der Nacht, bevor +sich das ereignet hat. Der Knecht tritt in die Stube und spricht: Bauer, +die Gäule sind eingeschirrt, wir wollen fahren. Ich geh hinaus, es liegt +tiefer Schnee, die Pferde stehn am Wagen, und ich fahre. Mit eins +verlieren wir die Straße, und die Gäule waten im Schnee bis an den +Bauch. Da seh ich auf einmal den Hof hinter mir brennen und das +Schneefeld ist rot beschienen. Die Gäule fangen an zu laufen und ziehn +mich an der Leine mit, daß mir der Atem ausgeht. Ich kann die Leine +nicht loslassen, sie ist um die Hand herumgeschlungen, und wie wir gegen +die Altmühl herunterkommen, dort bei der Eisenbahnbrücke, wo das Wasser +sechzig Ellen breit ist und mehr als zehn tief, da rennen die Gäule noch +toller, und die Brandlohe bedeckt den ganzen Himmel. Der Fluß ist +zugefroren, die Gäule drauf zu, und ich denke mir in meiner Angst: wirds +die Pferde samt dem Fuhrwerk tragen? Die Gäule, schwere Ackergäule, +sausen das Ufer hinunter, aber das Eis hält. Da steht der Simon am +andern Ufer, und weil die Tiere auf der gefrornen Bahn weiterrennen, +schrei ich zu ihm hinüber: Hilf, Simon. Und er: ich muß heimgehen, der +Stall brennt, das Haus brennt. Und ich, ich kann mich nicht auf den +Wagen schwingen, die Gäule schleifen mich bereits, schrei in der +höchsten Not: Hilf, Simon, lös' mich vom Riemen los. Und er: müßt Euch +selber vom Riemen lösen, uns zweie trägt das Eis nicht. Da ruf ich ihm +zu: alles ist dein, die Gäule und das Fuhrwerk, hilf um Gotteswillen. +Nun kehrt er um, und wie er umkehrt, stehen die Gäule still; aber wie er +den ersten Schritt tut, kracht das Eis, und wie er das hantige Pferd am +Zügel faßt, bricht das Eis, und Fuhrwerk und Gäule und ich samt dem +Simon versinken im Wasser. Und im Versinken bin ich aufgewacht.« + +Er verstummte. Er erwartete keine Einrede mehr, ich hatte auch keine +mehr. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie sein Aussehen im Verlauf +weniger Minuten um Jahre älter wurde, das Kinn spitz, die Augen stumpf, +der Hals dünn, die Hände welk, die Haltung kraftlos. Der fordernde, +hadernde, gewaltige Mann, der mir gegenüber gesessen, war auf einmal ein +hinfälliger Greis. Als ich mich verabschiedete, sah er nicht empor, +schien es kaum zu merken. Das Schweigen, in das sein ganzes früheres +Leben eingehüllt gewesen, breitete sich wieder über ihn, +undurchdringlich und in den Tod fließend. Denn am andern Morgen, wo er +enthaftet werden sollte, fand ihn der Wärter am Fensterkreuz erhängt. + + + + +Golowin + + +Der halbe Mai war mit der Reise von Tula in den Kaukasus vergangen. Am +siebzehnten kam Maria von Krüdener in Kislawodsk an, wo sie Nachrichten +von ihrem Gatten zu finden hoffte. Er war bei Ausbruch der Revolution an +die englisch-russische Front nach Persien geflüchtet. Seit fünf Monaten +hatte sie kein Lebenszeichen von ihm. + +Unfern von Kislawodsk war die Besitzung seines Bruders, des Marschalls. +Ihm hatte Alexander Botschaft senden gewollt, wenn die andern Wege der +Mitteilung versperrt waren. + +Mit ihren vier Kindern und drei Dienerinnen bezog sie Wohnung im +Palasthotel. Das jüngste Kind lag noch an der Brust; sie nährte es +selbst. Es war drei Monate nach der Trennung von Alexander geboren; +hätte sie vorher nicht begriffen, was ein Pfand bedeutet, jetzt wußte +sie es. + +Beklemmend stand das ungeheure Gebirge da. Sie konnte nicht schwelgen in +seinem Anblick, es war zu sehr Mauer, und Mauer hinter Mauer bis zum +ewigen Schnee hinauf. Wie sollte man da entrinnen? Schlimm, was gewesen +war; das Blut hatte sich noch nicht beruhigt. In der ersten Nacht +träumte sie, Fäuste, ein Gewirr von Fäusten strecke sich ihr entgegen, +und jede Faust hatte Mörderaugen. Die Schnittwunde am Arm ließ die Szene +im Eisenbahnwagen nicht vergessen, als tierisch betrunkene Soldaten das +Coupefenster zerschmetterten; acht Menschen waren in dem Abteil +eingepfercht und Berge von Gepäckstücken, alles Hab und Gut, das man aus +Tula hatte fortschaffen können. Die Kinder schrien auf, als zwei Kerle +schnaubend an der Türe rissen und andere johlend nachdrängten; Dymow war +in einen Waggon nebenan gegangen, um ein Fleckchen zu finden, wo er +endlich eine Stunde schlafen konnte. Maria hatte den ersten Hieb +aufgefangen und war blutend unter die Leute getreten. Sie wichen zurück, +zu ihrer eigenen Überraschung, und senkten scheu die Augen, als ströme +eine Magie von ihr aus. Es war ihr selbst so zumute; sie glaubte an eine +in ihr verborgene Magie. + +Dennoch wäre sie ohne Dymow verloren gewesen. Iwan Dymow hatte als +Schreiber bei Gericht gedient; einfacher Mensch aus dem Volk, hatte ihn +die Revolution hinaufgehoben, er hatte Macht erlangt, die er aber nicht +mißbrauchte. Als Gutsherrin hatte ihm Maria, schon Jahre vorher, +menschliches Wohlwollen bezeigt und während einer Krankheit seinem Weibe +Hilfe geleistet. Sie dachte nicht mehr an ihn, aber in der Stunde der +Gefahr kam er von selbst. Er besorgte Pässe, bestach den Soldatenrat, +wußte den Argwohn der Bauern abzulenken, denen die Herrin eine wichtige +Geisel war, räumte alle Schwierigkeiten für die Reise hinweg, machte den +Spion, den Aufpasser, den Lastenschlepper, den Bürgen, mit immer +gleicher schweigender Ehrerbietung gegen Maria. Als er sich in +Kislawodsk von ihr verabschiedete, fragte sie bewegt, arm an Worten +sogar sie, womit sie ihm danken könne, sie fühle sich tief in seiner +Schuld. Er antwortete: »Ich werde mich glücklich schätzen, Maria +Jakowlewna, wenn Sie mir manchmal schreiben, wie es Ihnen und den +Kinderchen weiter ergangen ist.« + +War dies nicht auch Teil und Frucht jener Magie? + +Als Dame der ersten Gesellschaft, Frau eines Offiziers, Trägerin eines +großen Namens wurde sie von den Gästen des Hotels mit Freuden begrüßt +und mit Auszeichnung behandelt, obwohl man wußte, daß sie von deutscher +Herkunft war und Russin erst seit ihrer Heirat. + +Nun war sie wieder, nach langer Enthaltung, unter den Menschen ihrer +Sphäre, in der Region von Heiterkeit und umgrenzter Übereinkunft, die +ihr früher so gemäß und erwünscht gewesen war. Aber sie merkte bald, daß +nur noch eine äußerliche Zugehörigkeit bestand, und daß die Jahre, die +sie auf dem Gut verbracht, erst mit Alexander und dann allein, und wenn +auch allein, so doch noch unter seinem Gesetz und seiner Führung, sie an +ein anderes Maß und eine andere Benützung der Zeit gewöhnt hatten. Auch +konnte hier niemand in seinem Bereich verbleiben; die Elemente waren +bedenklich gemischt, und dies zu verhindern war unmöglich, weil +gemeinsames Schicksal alle zueinander trieb. Das Haus, der ganze Ort, +ehemals ein Treffpunkt der Aristokratie und Schauplatz des erlesensten +Luxus, glich einer Insel der Schiffbrüchigen und beherbergte lauter +Flüchtlinge mit ihrer letzten Habe und letzten Hoffnung, Großfürsten und +Kammerherren neben Spekulanten und Journalisten, Frauen der exklusivsten +Moskauer und Petersburger Kreise neben Koketten und Kleinbürgerinnen, +die im Krieg zu Reichtum gelangt waren. Sie waren der Hölle entronnen, +aber sie wußten, daß ihnen bloß eine Galgenfrist geschenkt war. Sie +zitterten vor der Zukunft, aber sie praßten und feierten Feste. Sie +hörten von Hinrichtungen ihrer Väter, ihrer Brüder, ihrer Freunde, aber +sie betäubten sich im Hasard und tanzten Tango und Onestep. + +Einen verläßlichen Mann zu finden, den sie mit einem Brief auf das Gut +des Marschalls schicken konnte, war Marias Bemühung sogleich. Zu ihrer +Freude erfuhr sie, daß Josef Menasse in Kislawodsk sei; er hatte von ihr +ebenfalls gehört und kam, sich zu ihrer Verfügung zu stellen. Er war +Prokurist eines großen Odessaer Bankhauses, mit welchem Alexander von +Krüdener geschäftliche Verbindung gehabt hatte. Da sie sich erinnerte, +aus Alexanders Mund hie und da das Lob von Menasses Redlichkeit +vernommen zu haben, war ihr Vertrauen sogleich unbedingt und auch in der +Folge nicht zu erschüttern. In lebhaften Ausbrüchen klagte er ihr sein +Unglück; einer wichtigen Transaktion halber war er vor mehreren Wochen +hergekommen; am Tage, wo er hätte abreisen sollen, fuhren keine Züge +mehr und jeder Versuch, den Ort zu verlassen, hieß das Leben gefährden. +Maria hörte ihm teilnehmend zu, und erst als er sich erschöpft hatte, +sprach sie von ihrer Angelegenheit. Er überlegte, sagte, er werde +Umschau halten, und drei Stunden später erschien er mit einer +Tscherkessin, die er trocken und kategorisch als die zu dem Zweck +taugliche Person empfahl. + +Der Marschall hatte seinerzeit die Heirat des jüngeren Bruders +mißbilligt. Es war zum Bruch zwischen den Brüdern gekommen, der +Marschall zeigte sich unversöhnlich und hatte sich starr geweigert, +Maria zu sehen. Man meldete ihm die Geburt der Kinder, er nahm keine +Notiz davon. Alexander hatte es ertragen ohne zu murren und ließ auch in +Maria keinen Unmut Wurzel fassen, denn er beugte sich vor dem Bruder +als einem überlegenen Charakter, dessen Handlungen und Entschlüsse er +von seiner Kritik ausschaltete. Er beugte sich, damit war alles gesagt +und auch in Maria jeder Widerspruch erstickt. Bei Ausbruch des Krieges +hatte der Marschall in einem Privatschreiben an den Zaren seine Ämter +und Würden niedergelegt, da nach seiner Überzeugung der Krieg gegen +Deutschland zum Verhängnis für Rußland werden mußte. Er hatte im +japanischen Krieg glänzende Leistungen vollbracht, und schon deshalb war +dieser Schritt keiner üblen Deutung ausgesetzt. Nun lebte er in +äußerster Zurückgezogenheit und beschäftigte sich, leidenschaftlicher +Hegelianer, mit profunden philosophischen Studien. + +Wie sich Menschen gegen sie verhielten, war Maria gleichgültig, wenn sie +ihrerseits an ihnen Freude haben oder sie ehren konnte. Würde stand ihr +über den täuschenden Einflüsterungen der Sympathie. Dazu hatte Alexander +sie erzogen. In vielen Gesprächen vieler Nächte hatte er ihr bewiesen, +daß das Prinzip der Vergeltung die Quelle alles Bösen sei. In der +Befolgung seiner Lehre war sie zu der ihr eigentümlichen geistigen +Konstanz gelangt. Der Brief an den Marschall war ein Meisterstück +unbefangener Werbung. + +So wartete sie, wartete auf Alexanders Wort und Weisung von dorther und +ahnte doch die Vergeblichkeit schon. Um sich zu zerstreuen, begann sie +den ältesten Sohn, den siebenjährigen Mitja, zu unterrichten, fand sich +aber unzureichend, das Bedürfnis des Knaben heftiger als sie vermutet +und suchte einen Lehrer für ihn. Ein Moskauer Bekannter nannte ihr einen +Studenten, Jefim Leontowitsch Tatjanow, der in einem geringen Wirtshaus +vor der Stadt wohnte. Sie ließ ihn kommen und engagierte ihn. Er war im +Gefolge eines Industriellen als Sekretär oder dergleichen gereist; +unterwegs war der Mann und die meisten seiner Leute von einer +herumziehenden Bande von Soldaten ermordet worden; nun saß Jefim +Leontowitsch völlig mittellos in diesem Ort des Überflusses. Maria +behandelte ihn mit Rücksicht und mit Achtung; dies schien ihm neu zu +sein, und seine Dankbarkeit hatte etwas Kindliches. Er kam nicht nur zu +den ausbedungenen Stunden, sondern widmete seinem Schüler alle freie +Zeit; auch die beiden Kleinen, Fedja und Aljoscha zog er durch seine +einfache Güte an sich. + +Eines Morgens war Aljoscha, der Mutter im Korridor vorauseilend, in der +Hast in ein falsches Zimmer gerannt. Maria folgte ihm lachend; er stand +bei einer majestätisch gewachsenen Dame, die ihr entgegentrat und ihr +die Hand reichte. Es war die Fürstin Nelidow. Maria geriet in +Verlegenheit, ihres Lachens halber, denn die Fürstin war in tiefer +Trauer, und die Ursache war Maria bereits bekannt. Ihr Sohn, der +dreiundzwanzigjährige Fürst Grigorji, Offizier in der kaiserlichen +Marine, hatte sich vor wenigen Tagen bei einem Ausflug im Gebirge +erschossen. + +Die Fürstin, eine Frau Mitte der Vierzig, war noch sehr schön. Sie gab +sich Maria gegenüber herzlich. Sie kannte Alexander von Krüdener von der +Zeit her, wo er im Ministerium gewesen war und sprach mit Wärme von ihm. +»Ihre Gegenwart tut mir wohl,« sagte die Fürstin, »ich hoffe, wir werden +uns häufig sehen.« Sie schlang ihren Arm um Aljoscha und streichelte ihm +das Haar. »Heute abend feiern wir das Totenmahl für Grigorji,« fuhr sie +fort; »kommen Sie doch; kommen Sie zu mir.« + +Maria empfand Mitleid; nicht nur mit der Fürstin und ihrem besonderen +Schicksal; das Mitleid mit allen diesen Menschen überflutete ihr Herz. +Namentlich den Frauen galt ihr bedauerndes Gefühl; die sorglosen und +glänzenden Wesen, bestimmt, sich zu schmücken, sich zu freuen, schienen +ihr verloren. + +Sie wollte gehen, aber die Fürstin hielt sie noch zurück. So schickte +sie Aljoscha hinaus. Die Fürstin erzählte: »Hören Sie, was sich begeben +hat. Es ist eine Person hier, sie wohnt im Hause, eine gewisse Lisaweta +Petrowna. Sie behauptet mit Grigorji verheiratet gewesen zu sein. Kurz +vor seiner Abreise aus Sebastopol, behauptet sie, sei sie ihm angetraut +worden. Sie hat keinerlei Dokumente, keine Bestätigungen, keinen Brief; +die Papiere habe man ihr gestohlen, redet sie sich aus. Sie hat sich mir +zu Füßen geworfen, hat mir die Hände geküßt und mich Mutter genannt. Den +ganzen Tag sitzt sie oben in ihrem Zimmer und weint und schluchzt. Dann +schickt sie wieder den Kellner mit Zettelchen: Erbarmen Sie sich, +Fürstin, erbarmen Sie sich Ihrer Lisaweta Petrowna, erbarmen Sie sich. +Ich kenne sie nicht. Ich weiß nichts von ihr. Grigorji hat nie mit einer +Silbe ihrer erwähnt. Wir haben sie vorher nie gesehen. Ihre Angaben zu +prüfen ist unmöglich. Was soll man da tun? Erbarmen, wie denn erbarmen? +Wahrscheinlich hat sie kein Geld; nun, man wird ihre Rechnung bezahlen. +Gestern spielte sich eine abscheuliche Szene ab. Sie kommt herein, setzt +sich zu den andern und fängt an zu weinen. Meine Nichte Jelena steht auf +und nennt sie eine Lügnerin. Lisaweta Petrowna ballt die Fäuste, wirft +sich auf den Boden und verfällt in einen Schreikrampf. Man mußte sie mit +Gewalt aus dem Zimmer schaffen. Heute früh hat man sie ohnmächtig auf +Grigorjis Grab gefunden. Sie hat einen Selbstmordversuch gemacht, so +heißt es. Jelena meint, es sei simuliert. Jelena ist außer sich, das +arme Kind. Was soll man da sagen, was soll man tun?« + +Maria beschloß sogleich, diese Lisaweta Petrowna zu besuchen, aber sie +äußerte nichts von ihrem Vorsatz, sondern lenkte das Gespräch auf den +jungen Fürsten und fragte nach Einzelheiten seines Lebens, ohne Neugier, +mit einem zarten Durchblickenlassen des gemeinsamen Gefühls der Mütter. +Die Fürstin willfahrte dankbar; es bedeutete Linderung für sie, indes +Maria aus wenigen mitgeteilten Zügen ein Bild gewann. Sie saß still und +aufmerksam vor der Fürstin, rauchte eine Zigarette und sah, und sah. Die +Gabe des inneren Gesichts wurde manchmal Last, und doch schien es ihr +wunderbar, viel zu wissen von den Menschen. Als sie sich verabschiedete, +sagte die Fürstin: »Mir ist als seien wir seit Jahren befreundet.« Maria +lächelte. + +Im Verlauf des Tages erlangten die beunruhigenden Gerüchte Gestalt, und +zwar drohendste. Kislawodsk war von den Revolutionstruppen umzingelt. +Mitja sagte mit dem stolzen Trotz, der an seinen Vater erinnerte: »Nicht +wahr, Mama, wir werden unser Leben so teuer wie möglich verkaufen?« Sie +erwiderte: »Ja, mein tapferer Liebling.« - »Schade, daß Iwan Dymow nicht +mehr bei uns ist,« seufzte er. Aber sie tröstete ihn. »Erstens bist du +ja selbst ein Held, und dann vergißt du, daß wir Jefim Leontowitsch +haben.« Mitja schaute den Studenten prüfend an, dieser errötete und +sagte mit einem Blick scheuer Ergebenheit auf Maria: »Sie haben nur zu +befehlen. Befehlen Sie, und ich gehorche.« Es lag ein Ernst und eine +Festigkeit in den Worten, die Maria veranlaßten, ihm die Hand +hinzustrecken, die er demütig mit den Lippen berührte. + +Was sollte mir zustoßen können, dachte sie, da gute Menschen um mich +sind? + +Als sie sich am Abend den Nelidowschen Gemächern näherte, drang ihr +Gelächter, Johlen, Pfropfenknallen, Gläserklirren entgegen. Eine +Streichmusik spielte eine brutal-wilde russische Melodie. Sie öffnete +die Tür zum Salon; zehn oder zwölf junge Männer, Anverwandte der +Familie, saßen um eine Tafel, zechten, sangen, rauchten; bisweilen erhob +sich der eine oder andere und warf den Musikanten Rubelscheine zu. Maria +ging in das nächste Zimmer; hier befanden sich einige ältere Herren und +Damen, aber auch ein junges, etwa achtzehnjähriges Mädchen von +blendender Schönheit. Sie hatte kurzes gelocktes Haar, eine Haut von +opalisierender Blässe und gelbliche, große, unsehende, strenge Augen. +Fasziniert blieb Maria stehen. Da wurde sie von der Fürstin Nelidow +gerufen, die in ihrem Schlafzimmer allein saß. »Ich habe auf Sie +gewartet,« sagte sie, als Maria eintrat; »setzen Sie sich zu mir, +sprechen Sie; ich höre Ihre Stimme gern.« + +Vom Salon herüber, wo so expressiv das Totenmahl gehalten wurde, tönte +ein klagender Chorgesang. + +In ihrem Bestreben, den abgeirrten, in Trauer verirrten Sinn der Fürstin +zu erwecken, kam sich Maria wie jemand vor, der sich in einem fremden +finstern Raum zurechtzufinden sucht. Die Fürstin schaute sie beständig +an, aber nur nach und nach belebte Verstehen den Blick. Maria erzählte +von der Einsamkeit der letzten Monate auf dem Gut, von Wanjas Geburt und +wie sich während der Schmerzensnacht die Sehnsucht nach Alexander zur +Gestalt verdichtet habe, so täuschend, daß sie jeden Schrei erstickt +habe, um ihm nicht zu mißfallen. Bei allem was sie getan und gedacht, +sei er unsichtbar richtend gegenwärtig gewesen. Sie erzählte von ihrem +Verkehr mit den Bauern; von dem Geist der Widersetzlichkeit und der +Feindschaft, der plötzlich in alle gefahren sei; auch die Sanftesten und +Verständigsten hätten versagt. Eines Tages hatten sie ihr Besitzrecht an +dem Wald verkündet; der Wald sollte abgeforstet und verkauft werden. Sie +habe unterhandelt; vergebens; ihnen ins Gewissen geredet; vergebens; da +sei sie allein mit den Ältesten in den Wald gegangen, wo die schlimmsten +Aufrührer schon begonnen hatten, die Stämme zu fällen. Einem von diesen +habe sie das Beil entrissen und ihm zugerufen: keinen Schlag mehr! Sie +habe ihnen vorgestellt, was für eine Sünde sie begingen; wie sie sich an +Heiligem vergriffen, an Lebendigem und wie sie das Gedächtnis ihres +Herrn schändeten, der gerecht und gütig gegen sie gewesen sei. Viele +hätten gemurrt, viele hätten aber geschwiegen und zur Erde geblickt. Sie +habe ihnen gesagt, ein Baum sei eine Kreatur Gottes wie jeder von ihnen, +und dieses seien junge Bäume, in Liebe gepflanzt und gehegt, zur +Nutznießung bestimmt für ihre Kinder und Kindeskinder und noch nicht +reif für die Axt. Ob sie Gottes Kreaturen verschachern wollten um +elendes Geld? Dann sollten sie doch auch sie selber verschachern, dann +wollte sie ihre Herrin nicht mehr sein, und sie werde nicht vom Platze +weichen, ehe sie ihr nicht in die Hand gelobt, daß sie den Wald würden +unversehrt lassen oder sie müßten sie selber niederschlagen. Darnach +hätten sie sich beraten, und die Ältesten seien zu ihr gekommen und +hätten ihr in die Hand gelobt, dem Wald solle kein Fäserchen gekrümmt +werden und sie bäten sie um Vergebung ihrer Sünde. So habe sie damals +den Wald gerettet; ob er jedoch heute noch stehe, das getraue sie sich +nicht zu sagen. + +Die Fürstin nahm Marias Hand und drückte sie. »In diesem Land leben, +heißt jede Stunde dem tückischsten Ungefähr ausgeliefert sein«, sagte +sie; »oder ist das überhaupt die Eigenschaft des Lebens und wir wußten +es nur bisher nicht, wir Begünstigten? Mir ist jetzt manchmal so bang. +Ich persönlich habe ja nicht mehr viel zu verlieren, aber mir ist so +bang um alle, die ich sehe, bang um das Volk, um die ganze Menschheit, +wenn auch die Mehrzahl nichts als Böses schafft.« + +»Es kommt wahrscheinlich auf die Mehrzahl nicht an,« erwiderte Maria; +»es kommt immer bloß auf den Einzelnen an, glaube ich. Der Einzelne ist +oft wie der wundertätige Tropfen Medizin, der einen vergifteten +Organismus heilt. Immer geht von Einem das Licht aus. In Tula mußte ich +mit meinen Kindern Quartier im Hotel nehmen; der Zug nach dem Süden fuhr +nur zweimal in der Woche. Gleich in der ersten Nacht war Alarm. Das +Hotel war von Soldaten besetzt worden, und alsbald wurde der Befehl +ausgegeben, alles Bargeld sei unverzüglich abzuliefern, niemand dürfe +das Zimmer verlassen, um acht Uhr morgens werde eine scharfe Nachsuchung +sein und jeder, bei dem dann noch irgend eine Summe sich finde, werde +standrechtlich erschossen. Bedenken Sie meine Lage; ich hatte +achtzigtausend Rubel am Leibe verborgen, alles was ich hatte flüssig +machen können; wenn man es mir nahm, war ich samt den Kindern so gut wie +verloren. Meine Dienerinnen und den treuen Begleiter hatte man von mir +entfernt, vor dem Zimmer stand eine Wache, das Geld im Zimmer zu +verstecken, war aussichtslos, ich wußte ja wie gründlich diese Leute zu +verfahren pflegten, es blieb also nichts übrig, als abzuwarten, was mit +mir geschehen würde, denn das Geld freiwillig herzugeben, daran dachte +ich keinen Augenblick. Von drei Uhr nachts bis halb zehn Uhr morgens +ging ich unaufhörlich im Zimmer auf und ab; Furcht empfand ich keine; in +meiner Absicht wankend wurde ich nicht; eine klare Vorstellung von dem, +was meiner harrte, war ebenfalls nicht in mir; fest stand einzig und +allein, daß ich mich und meine vier Knaben aus dieser Gefahr zu retten +habe, daß das meine Pflicht sei und daß es auch gelingen werde. Um neun +Uhr betraten drei Soldaten, ein Unteroffizier und ein Weib das Zimmer +der Kinder nebenan. Die Knaben wurden aus dem Schlaf gezerrt, die Möbel, +die Betten, die Dielen, die Wände, die Vorhänge, die Koffer aufs +genaueste durchsucht. Ich ging hinein. Ich sah mir die Leute an. +Finstere Gesichter, unmenschliche Stirnen, da schien keine Hoffnung. +Einer wies mich barsch hinaus; einer folgte mir ein paar Schritte, um +die Tür zu schließen. Wie ich den Kopf zurückwende, ist es mir, als sei +in den Augen dieses Menschen ein Etwas, ein gewisser Schimmer, etwas +unnennbar Fernes von Weicherem als bei den andern. Er hatte rote, kurze, +borstige Haare, die Haut besät mit Sommersprossen, und hinter seinen +wulstigen Lippen waren Zahnlücken und schwarze Zähne. Aber mich +durchbebt es; in der Eingebung eines Moments winke ich ihm. Stumm tritt +er näher. Ich reiße die Knöpfe des Kleides auf, nehme das Paket mit den +achtzig Scheinen heraus und gebe es ihm in die Hand. »Fünf Menschenleben +sind in deiner Hand,« sage ich zu ihm, »jetzt mache was du willst.« Ohne +mit der Wimper zu zucken, steckt er das Paket in die Rocktasche und +verschwindet. Die andern kommen gleich darauf in mein Zimmer. Wie +drüben wird alles um und um gewühlt, Wäsche, Kleider, Schuhe, jede +Ritze, jede Schublade untersucht. Dann bleibt das Weib allein bei mir, +ich muß mich entkleiden. Auch das ging vorüber, und sie entfernt sich. +Eine Viertelstunde danach, das Herz hatte mir die ganze Zeit bis in die +Fingerspitzen geschlagen, erscheint der rothaarige Soldat im Zimmer, +horcht eine Sekunde, zieht das unversehrte Rubelpaket aus der Tasche und +überreicht es mir schweigend. Ich stammle ein paar Worte, fassungslose, +dankverwirrte; ich frage, was ich für ihn tun könne; ihm Geld anzubieten +hatte etwas Unsinniges, da er mir ja achtzigtausend Rubel schenkte. Er +schüttelt den Kopf und sagt: »Machen Sie sich keine Gedanken darüber, +Mütterchen. Es ist leider so, daß wir in Blut und Sünde stecken bis an +den Hals. Vielleicht läßt mir Gott jetzt ein wenigs nach. Vielleicht +legt er das auf die andere Schale.« Damit geht er. Und ich, es ist ein +Zustand von Scham, in dem ich mich befinde, als hätte ich mich an dem +Menschen vergangen durch die Angst und die Zweifel vorher.« + +Während der letzten Worte noch war die schöne junge Person eingetreten. +Sie ging auf die Fürstin zu und sagte mit einer Stimme wie aus Glas und +zitternd vor Zorn: »Stepan Fedorowitsch erzählt eben, daß er diese +Lisaweta Petrowna von Petersburg her kenne. Sie sei in einem Kabarett +als Coupletsängerin gewesen und im übrigen, nun, das kann man sich ja +denken. Sie sehen also, Tante, daß Sie einer Betrügerin zum Opfer +gefallen sind und daß es nur lächerlich wäre, sich weiter um sie zu +kümmern.« + +»Meine Nichte Jelena,« stellte die Fürstin vor und nannte auch Marias +Namen. Diese lächelte in schweigendem Wohlgefallen an der Erscheinung +der jungen Fürstin. + +»Sie ist ohne Kopeke, das elende Frauenzimmer,« fuhr Jelena erbittert +fort; »der Hoteldirektor hat bereits gestern gedroht, sie auszulogieren. +Und was die Komödie an Grigorjis Grab betrifft, die darauf berechnet +war, Sie, Tante, hinters Licht zu führen, so hat die Kugel nur die Haut +gestreift, am linken Arm; sehr vorsichtig. Pfui, was für eine +unappetitliche Geschichte!« + +»Aber wenn nur ein Fünkchen Wahrheit darin ist, müssen Sie Nachsicht +haben, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. + +Jelena erbleichte. »Wie kann sie es wagen!« rief sie und schüttelte sich +vor Widerwillen; »abgesehen davon, daß sie für ihre verleumderische +Erfindung auch nicht den Schatten von Beweis aufbringen kann, bestehen +auch innere Gründe, ja innere Gründe, -« sie preßte die Lippen zusammen +und stand noch schlanker, in noch angespannterer Haltung da als bisher; +»darf man es geschehen lassen, daß sie Grigorjis Bild besudelt? Was +verlangen Sie? Warum ergreifen Sie Partei?« + +»Ich ergreife nicht Partei,« entgegnete Maria, die plötzlich den +unbestimmten Eindruck hatte, als sei Schuld und Verstellung in dem +jungen Mädchen, »ich wollte nur verhüten, daß Sie vorschnell urteilen. +Seien Sie mir nicht böse.« Sie erhob sich und ging. + +Vor ihrem Zimmer schritt Menasse auf und ab. »Das Hotel ist umstellt und +bewacht,« redete er sie sogleich an, »vor den Ausgängen stehen lauter +bis an die Zähne bewaffnete Kerle. Es ist bei Todesstrafe verboten, nach +Anbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Auf wessen Befehl, weiß +vorläufig niemand. Ob man uns schützen will oder die Mäusefalle nur +zuklappt, damit keiner entrinnt, weiß niemand. Die Sache wird ernst, es +geht an den Kragen.« + +Er öffnete eigenmächtig die Tür ihres Zimmers und zögernd wurde er +durch eine Erinnerung an gute Manieren bewogen, ihr den Vortritt zu +geben. »Passen Sie auf,« begann er wieder mit seiner komischen +Vertraulichkeit, »zu warten, bis man uns an die Mauer stellt und die +Hirnschale kaput schießt, ist Blödsinn. Wer sich nicht aus dem Staub +macht, hat sich selber zuzuschreiben die Folgen. Ich habe einen Plan. +Sie gefallen mir, die Kinderchen dauern mich, Ihren Mann verehre ich, +das ist ein Gentleman durch und durch, und wenn ich mich seiner Familie +nicht annähme in der Not, wäre es eine Gemeinheit von mir. Ich habe +einen Plan, wie gesagt. Die Vorbereitungen sind bereits getroffen. +Allerdings wird die Geschichte viel Geld kosten, aber wo's ums Leben +geht, hört sich die Billigkeit auf.« + +Er schaute sich unruhig um, hastete zur Tür, lugte durch einen Spalt +hinaus, kam wieder auf Maria zu und fuhr mit heiser gedämpfter Stimme +fort, es werde so gottlos viel Geld kosten, daß nur eine ganze Kompagnie +dafür aufkommen könne. Er habe bereits einige Leute ins Auge gefaßt, an +denen ihm gleichfalls gelegen sei, Leute, um die es gleichfalls schade +wäre; er habe ihnen von seiner Absicht gesprochen, und sie hätten ihm +Blanko-Vollmacht erteilt. Ob Maria sich anschließen wolle? Ob sie bereit +sei, sich seinen Anordnungen blindlings zu fügen? Nur bei strammer +Disziplin sei Gelingen möglich. Er habe alles genau überlegt; das Wagnis +sei groß, aber alles sei besser als sich hier abschlachten zu lassen und +in Gottes Hand stehe man schließlich überall. + +Er war klein, beweglich wie ein Gliedermann, ein bißchen schief +gewachsen, mit Augen, die fast ohne Wimpern und Brauen waren, +stutzerhaft gekleidet als käme er frisch aus dem Modemagazin und von +dem Gefühl seiner zentralen Wichtigkeit durchdrungen. + +»Gut, Herr Menasse,« sagte Maria nach kurzem Besinnen, »ich will mich +Ihnen anvertrauen. Wir sind acht Menschen, wie Sie wissen; auch meine +drei Dienerinnen müssen mit. Das ist die Bedingung, die ich meinerseits +zu stellen habe.« + +Menasse zuckte die Achseln. Das erhöhe für sie nur die Spesen, bemerkte +er geschäftlich. Mehr als sechzig nehme er nicht an. Jetzt seien es +siebenundvierzig Personen. Erforderlich an Kapital sei ungefähr eine +halbe Million Rubel, es könnten aber Umstände eintreten, durch welche +die Summe bedeutend vergrößert würde. »Vor allem ist notwendig zu +schweigen,« schloß er; »es werden sich in den nächsten Stunden ereignen +schlimme Dinge, aber verhalten Sie sich still und rühren Sie sich nicht, +bis ich Ihnen wissen lasse, was Sie zu tun haben. Von heute ab bin ich +Ihr General; da heißt es Subordination, und zwar auf den Wink. Gute +Nacht.« + +Maria sah ihm verwundert nach, wie er aus dem Zimmer schoß, säbelbeinig, +kurzhalsig, stiernackig, geladen mit Energien. Sie trat aufatmend ans +offene Fenster. Der beinah volle Mond schwamm in einem Meer von Frieden. +Schwarze Körper, wölbten sich die Hügel und Berge hinan zu den +feierlichen Riesen, deren Konturen im bläulichen Äther zitterten. Tauige +Feuchtigkeit lag in der Atmosphäre, alles Dunkel strebte nach dem +Silberlicht, die Brust der Erde, mit stummen Seufzern, hob sich gegen +die unerreichbaren Regionen. Maria hätte beten mögen, freudige Inbrunst +war in ihr, aber das Haus mit all den angstvoll pochenden Herzen, mit +all der menschlichen Verworrenheit und Finsternis, streckte Arme nach +ihr, und ihr war als sinke sie zurück. Eine Uhr schlug zwölf, da +klopfte es leise an die Tür; ohne zu erschrecken rief Maria; die Fürstin +Nelidow trat ein. Sie trug einen Schleier über den Haaren; so leise wie +sie geklopft, ging sie auf Maria zu, mit bittender Gebärde, fast wie +eine Untergebene. Ob sie störe? Wolle sich Maria Jakowlewna zur Ruhe +begeben, so werde sie gleich wieder gehen. Für sie selbst sei in diesen +Tagen an Schlaf kaum zu denken. Sie legte beide gefalteten Hände zart +auf Marias Schultern. + +Nein, sie störe durchaus nicht, antwortete Maria, auch ihr sei Schlaf +ein lästiges Vorhaben, ihr Inneres sei lauter Aufruhr und Widerklang von +vielen Stimmen. Sie setzten sich. Die elektrische Lampe auf einem +Ecktisch ließ den Raum im Dämmer. + +Es sei eine Art Neugier, von der sie herübergetrieben worden, sagte die +Fürstin; sie habe über alles nachgedacht, was Maria gesprochen, sie habe +sich gar nicht davon loszureißen vermocht. »Was ist das für eine Kraft +in Ihnen? und woher kommt sie? Wie ist es möglich, daß Sie, eine Fremde +in unserm Land, alle Verhältnisse überschauen, unseren Menschen +gegenübertreten als seien Sie eingeflochten in generationenalte +Beziehungen? Sie haben Blick und Schritt einer Wurzelnden, und es ist +nicht einmal Ihre Erde. Es ist Ihnen gegeben, die Sprache der Bauern zu +reden, Sie greifen in das dumpfe Gemüt eines vertierten Soldaten, und +Sie haben mit keinem von ihnen wirklich gelebt. Ich erzähle Ihnen von +Grigorji wie einer leiblichen Schwester, und ich bin Ihnen vorher +vielleicht zweimal flüchtig begegnet. Was sind Sie eigentlich für eine +Frau? Was ist denn das Sonderbare an Ihnen? Können Sie es erklären? Oder +bin ich zudringlich, wenn ich darum bitte?« + +»Nein, nein,« wehrte Maria lächelnd ab, »Sie überraschen mich nur -« + +»Überraschen? Weshalb? Finden Sie denn, daß ich verpflichtet bin, in +meinen Schmerz eingehüllt zu bleiben? Sie haben ihn mir noch tiefer ins +Bewußtsein gedrückt, aber zugleich haben Sie das Selbstsüchtige daran +gelockert. Wir schulden uns selbst nicht so viele Tränen wie uns die +Umgebung dadurch abpreßt, daß sie sich zur Teilnahme berechtigt glaubt. +Das Teuerste wird einem genommen, aber es zieht einen nach sich; Trauer +ist oft nur eine feinste Form von Heuchelei, und nie hungert die Seele +so nach Aufschwung wie mitten im Gram um einen unwiederbringlichen +Verlust. Ich sehe Ihnen an, daß Sie mich verstehen.« + +»Ich bewundere Ihren Mut, Fürstin. Das ist es eben, was mich überrascht +hat.« + +»Mut ist das letzte. Das letzte vor dem Ende, Maria Jakowlewna. Und wir +sind ja am Ende. Aber wollen Sie nicht meine Fragen beantworten? Können +Sie es? Sie lächeln; dieses Lächeln läßt mich hoffen.« + +Maria, die verschränkten Hände im Schoß, beugte sich vor. »Sie haben +erwähnt, daß Sie sich an Alexander von Krüdener gut erinnerten,« sagte +sie. »Die Zeit, von der Sie sprachen, liegt ja ziemlich lange zurück. +Was für einen Eindruck haben Sie von ihm behalten? Ich meine in tieferm +Sinn, nicht gesellschaftlich.« + +Die Fürstin überlegte. »Es ist schwer,« gestand sie zögernd, »ich weiß +zu viel von ihm. Wir Angehörige der obersten Schicht wissen zu viel +voneinander, um das reine Bild einer Persönlichkeit bewahren zu können. +Er kam mir sehr geschlossen vor. Unbeugsam, unbiegsam. Er ist Balte, +nicht wahr? Alle Balten sind starr. Er hatte vollendete Formen, jene +Tadellosigkeit bis ins Mark, die wie Wohlgeruch wirkt. Viele junge +Mädchen waren damals verliebt in ihn, aber auf neutral Gestimmte wirkte +er ein wenig erkältend, wie jemand, der lange einsam gewesen ist, +äußerlich oder innerlich, und über die Wege zu den Menschen nicht mehr +orientiert ist. Stimmt das?« + +Maria nickte. »Es stimmt wie eine Silhouette an der Wand. Es stimmt und +ist doch nichts. Unbeugsam, unbiegsam; darin liegt etwas vom Wesen. Er +hat mich gebogen; nicht gebeugt: gebogen. Ich hätte brechen können, dann +war ich eben nicht die, die er brauchte. Ich kam aus einer Welt ohne +feste Umrisse; man gehörte nicht zum Adel, man gehörte nicht zum +Bürgertum, man hing gesetzlos dazwischen. Ich war in Deutschland +geboren, aber in Österreich erzogen; die eigentümliche staatliche und +soziale Luft dort bedingt ein gewisses Schwanken von selbst. Ich +forderte durch mein Tun und Lassen zum Widerspruch heraus; ich war immer +anders als andere, immer auf dem Kriegsfuß mit allen. Um mich zu finden +oder etwas außer mir, das ich packen konnte, ging ich auf allen Seiten +in die Irre, schlug allem Herkommen ins Gesicht, wurde ganz wild, ganz +entfesselt, überwarf mich mit meiner Familie und den meisten Freunden, +war von Freiheitsideen besessen und in Gefahr, mich in Schwarmgeisterei +und Libertinage zu verlieren. Da traf ich Alexander. Es war der +kritische Moment. Ich war häßlich verstrickt mit meinen neunzehn Jahren, +das Sinnliche ist ja immer der Anzeiger vom Grad der Zerfallenheit; +entfesselt und verstrickt, wie sonderbar, daß man es in einem sein kann. +Aber es war ja die Zeit, wo man alles halb war, mit keiner Sache Aug in +Aug stand, und beharrte man auf einem Weg, so war man fast verfemt. Wir +sprachen uns nie, Alexander und ich. Er war mit einer offiziellen +Mission beauftragt und erschien bisweilen, sehr unterschieden von +Männern, die ich kannte, in der Gesellschaft. Daß ich seine +Aufmerksamkeit erregte, daß er mich beobachtete, spürte ich natürlich; +war ich auch meines Magnetismus sicher, der seine war noch stärker und +hatte doch nicht die Kraft, mich gleich aus meinen Ketten zu reißen. Der +Entschluß, mich in sein Leben hinüberzunehmen, traf ihn selber +unerwartet. Ich werde mich hüten, Sie mit den Einzelheiten einer +Liebesgeschichte zu langweilen; wichtig ist nur, daß wir uns heirateten +und daß jeder von uns beiden wußte, sein ganzes Schicksal kam dabei in +Frage. Was für Monate, Fürstin, was für Jahre! Wir traten uns gegenüber +wie zwei Duellanten, wie zwei Ringkämpfer. Er verriet es mir einmal: +hätte ihm nicht eine unvergeßbare Erleuchtung den Kern in mir offenbart, +er hätte mich am Anfang schon wieder nach Hause geschickt; denn ich war +zuchtlos, haltlos, voller falscher Begriffe, voller Vorurteile in bezug +auf Liebe und Ehe und Mann und Weib und Gott und Mensch. Du hast das +ganze Europa in dir, sagte er immer, und ich verstand lange nicht, was +er meinte. Ich leistete Widerstand auch hier, ich setzte ihm das +entgegen, was ich meine Persönlichkeit hieß, dieses Treibhauspflänzchen, +das er Blatt für Blatt und Faser für Faser zerrupfte, daß nichts mehr +davon übrig blieb als Beschämung und Trotz, immer noch Trotz. Und er +suchte den Kern; unermüdlich, unablässig, Tag und Nacht, mit einer +leidenschaftlichen Geduld, mit einem tiefen Wissen. Er grub mich aus mir +heraus; er riß mich auseinander, um mich neu zu machen. Es tat weh; ich +versichere Ihnen, Fürstin, es gab Tage, Wochen, wo ich zwischen Liebe +und Haß erstickt und zertreten niederbrach. Und er, hinter mir her wie +mit einer Geisterpeitsche: du mußt durch, mußt es durchleiden und wenns +dich verbrennt; besser, wir gehn ehrlich mit- und aneinander zugrunde als +ein Sterben an dreißig Jahren Mißverständnis und heimlichen Wunden. Und +endlich wuchs ich ihm zu, aus meinen Trümmern; endlich fand er mich, +gewann er mich. Es war um die Zeit, wo ich zum erstenmal schwanger war, +nach fünf Jahren; daß auch er nicht unverwandelt blieb, ist +selbstverständlich; hätte ich ihm nichts zu geben vermocht, so hätte ich +ihm ja nichts sein können, und kluge Verträge gehören zum Sieg. Doch war +ich sein Geschöpf und fühlte mich so. Er zog sich damals vom +öffentlichen Leben zurück, wir gingen auf das Gut und begannen zu +arbeiten. Jedes Ziel war gemeinsam. In Meinungen und Handlungen trafen +wir uns immer an demselben Endpunkt. Wir lasen die gleichen Bücher, +dachten die gleichen Gedanken, fällten die gleichen Urteile. Er verzieh +sich keine Nachlässigkeit, seine Strenge gegen sich hatte etwas +Mönchisches. Unmöglich ihn um eines Vorteils willen zu bewegen, das +kleinste Recht auf seine Seite zu bringen, wenn es auf der andern war; +eher hätte man Granit schmelzen können. Was er für seine Pflicht, für +seine Lebensaufgabe hielt, war nichts Begrenztes, sondern ein +ununterbrochen anschwellender Strom, und seine Hingabe war die äußerste, +er verlangte von sich das äußerste und verlangte es von mir. Ich habe +von Natur aus einen Hang zur Trägheit und Beschaulichkeit; den trieb er +mir gründlich aus; manchmal weinte ich vor Zorn und Mitleid mit mir +selbst, wenn er mir zuviel zumutete; aber es war dann doch das Richtige, +und hatte ich mich bezwungen, so konnte er durch ein gütiges Wort allen +Groll vergessen machen. Nur nicht sich verwöhnen, nur nicht sich +verzärteln, nur nicht Gefühle hinverschwenden, wo man sich entscheiden +muß, sagte er; und so verhielt er sich gegen die Welt, gegen seine +Kinder, gegen die Untergebenen. Er entkräftete jeden Einwand durch +Beispiel. In ihm lebte eine große Idee seines Volkes, eine große Idee +von Herrschaft, die durch Dienst entsteht, durch Gehorsam und Ehrung des +Brauches. Für ihn war der Zar eine göttliche Person wie für den +einfachsten Bauern. Dieses Rußland, dieses russische Volk war ihm der +heilige Nährboden der Menschheit, der Schoß der Zukunft, die +Vorratskammer der Welt. Ich spreche von ihm, ich spreche von mir. Es gab +da kein Anderssein mehr. Er und ich, wir verschmolzen gemeinsam in +dieses Mystische, von dem Kraft ausging. Wir haben es gelebt. Ich wußte, +wenn er eine Handvoll Ackererde aufhob, daß er damit das Ganze wog und +prüfte, sein Land, mit dem Himmel darüber und den Menschen darauf. Ich +wußte, wenn er unter seine Bauern trat, um Recht zu sprechen, daß er es +im Gefühl der höchsten Verantwortung tat, als meißle er den Spruch in +die Ewigkeit. Riefen sie ihn zu Hilfe, so kam er, ob es sich auch ums +Geringste handelte; Schlittenfahrten durch die brennendkalte Winternacht +waren nichts Seltenes. Sie durften ihn fordern. Dabei war er der Herr; +er verstand es, Herr zu sein. Ich war die Herrin; er machte mich zur +Herrin. Ich begriff es nach und nach. Herrin und Mutter, das galt ihm +fast eins, Mutter von vielen, und so sagen sie auch Mütterchen zur +Herrin. Das ist schön und schreibt einem den Weg vor. Wenn Sie das +bedenken, Fürstin, erscheint Ihnen dann nicht alles ganz einfach?« + +»Ich verstehe, ich verstehe,« murmelte die Fürstin; »einfach, ja. Das +Wunderbare ist schließlich immer einfach. Ich verstehe die Entwicklung, +verstehe Ihr Herz, aber, #après tout#, sind Sie denn nicht vollkommen +enttäuscht? War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es so steht? wo wir +ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?« + +»Ich bin nicht enttäuscht,« antwortete Maria; »der Weg geht weiter. Ich +bin auch nicht ohne den Herrn, welche Bedeutung immer Sie dem Wort +geben.« + +Die Fürstin fragte: »Seit wann ist Ihr Gatte von Ihnen fort?« + +»Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich den letzten Brief.« + +»Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja ein beklommener +Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem solchen Verhältnis.« + +»Es gehört zum Weg,« sagte Maria. »Ich weiß, daß er mit mir im Raum ist, +kommt es da auf die Ferne an? Schließ ich die Augen nur eine kurze Zeit, +so seh ich ihn, hör ich ihn, muß lächeln über gewisse Eigenheiten beim +Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, berate mich mit +ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.« + +Die Fürstin entgegnete: »Sie haben Phantasie, Maria Jakowlewna. Ich will +Ihr Gefühl nicht verkleinern; alles, was Sie sagen, flößt mir +Hochachtung ein und bestätigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar +wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie beruhigend, mit Ihnen +zu plaudern, ja bloß dazusitzen und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir +eines. Ich glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, daß sie Ihnen +die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das Schicksal eines so +geliebten Menschen überwinden hilft; aber fühlen Sie sich nicht auch +befreit? Erwidern Sie noch nichts, einen Augenblick noch; es ist so +heikel; die Worte sind schwer zu finden; ich möchte nicht in den +Verdacht kommen, daß ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren will +-« + +»Sie können alles sagen, ich werde es bestimmt nicht mißverstehen,« warf +Maria freundlich ein. + +Die Fürstin fuhr fort: »In Ihnen ist viel Leidenschaft. Sie sind sicher +die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet bin. Dabei aber auch +die unnahbarste. Ich meine das in einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu +gelangen, allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gefäß zu schließen und +sich den Schritt ins Unbekannte für immer zu verbieten? Wie erreicht man +diese Unerschütterlichkeit? Frauen sind entsetzlich preisgegebene Wesen. +Man gibt sich entweder hin oder man hält sich zurück; im einen wie im +andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum betrogen. Und da ist +nun eine, die sich ein so festes Haus gezimmert hat, daß der Teufel +keinen Platz darin findet. Man rüttelt an Tür und Mauern, um die Stelle +zu entdecken, wo es brüchig ist. Weil man doch selber in einer Ruine +wohnt und der Neid einen quält. Sagen Sie mir also: war es nicht ein +unerträglicher Despotismus? Zuweilen nur, zuweilen -? Sind Sie nicht +jetzt in Ihrem verborgensten Innern irgendwie erlöst oder bloß +erleichtert? Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe? +War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle die Jahre, und +haben Sie nicht heute die Empfindung, das Leben steht möglicherweise mit +einem kostbaren Geschenk an der Pforte und Sie dürfen es ohne große +Skrupel nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das Geschenk nehmen. +Ich meine: ist Ihr Gemüt und Geist so bis zum Rand ausgefüllt von diesem +einen Menschen und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, daß +es darüber hinaus keine Regung mehr für Sie gibt, keine Verlockung, +keine Versuchung? Sie sind ja Weib durch und durch; an Ihnen blüht und +leuchtet ja alles. Wär ich ein Mann, was würde ich nicht aufs Spiel +setzen, um Sie zu gewinnen. Sie erröten; wie schön, wie rührend! Wie ein +junges Mädchen. Aber antworten Sie, antworten Sie mir.« + +Maria spürte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte sie: »Vier +Kinder, Fürstin. Neben all dem, wie nannten Sie es? dem +Unerschütterlichen, vier Kinder. Haben Sie meine Kinder gesehen?« + +Die Fürstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme, die dem schwarzen +Kleid weiß entflossen, auf den Tisch gelegt und Maria, zu spät beschämt +von ihrer mütterlichen Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den +Gedanken: auch ich war Mutter. Sie stützte den Kopf in die Hand, und +nach einer Weile begann sie: »Das war ein egoistisches Wort, Fürstin. +Ich bin von einem Glücksgeleise aufs andere ausgewichen. Vielleicht aus +Feigheit. Ihre Frage war wie ein plötzliches Feuer. Sie hat mich +geblendet. Die Wahrheit? Wüßt ich sie nur. Mich dünkt, sie liegt in der +Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit. Die freie Wahl war +mir allerdings geraubt, aber ich hatte nicht das kleinste Bedürfnis und +den kleinsten Anlaß, noch einmal zu wählen. Meine Wahl war ja +unwiderruflich gewesen. Sie sagten, daß der Teufel in meinem Haus keinen +Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun muß ich sehr kühn sein, +sträflich kühn vielleicht: ich habe ja mein göttliches Teil gewählt. Ich +leugne nicht, daß Versuchung für mich entstehen kann; wer ist gegen +Versuchung gefeit? Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich +noch einmal wählen müßte, dann müßte ich den ganzen Kreis bis zum andern +Pol gegangen sein. Das Göttliche kann man nicht zweimal wählen, und in +seiner Nähe herumpfuschen und -experimentieren kann man auch nicht. Dazu +hat es zuviel Unerbittlichkeit. Müßte ich noch einmal wählen, dann müßte +es geradezu der Teufel sein. In Versuchung führen könnte mich nur der +Teufel. Aber so weit kommt es hoffentlich nicht.« Sie lachte. + +Die Fürstin erhob sich und umarmte sie schweigend. War es, daß sie keine +Einwände mehr hatte, oder daß sie sich geschlagen fand durch die +unerwartete Wildheit von Marias Argument, sie ließ sich keine Zweifel +anmerken. Ehe sie ging, sagte sie: »Freilich, freilich«; und wieder +bekümmerten Tones: »Freilich. All das Beinahe und Ungefähr, das +Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens verwässert unser Schicksal; +es macht uns müde vor der Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am +wichtigsten, am Augenblick lügen wir uns vorbei.« Dann, mit +Herzlichkeit: »Ich möchte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna. Schicken +Sie mir Ihr Bild sobald wie möglich, es wird mir als Amulett dienen. Wer +weiß, ob uns nicht die nächste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr +Bild, so hab ich etwas, das mich schützt.« + +Maria versprach es. + +Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das Haus, vom Dach bis in +den Keller, glich einem Akkumulator, in dem sich Angst aufsammelt. Über +die Korridore hasteten Schritte. Maria wußte von Liebesbeziehungen, die +sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht länger dauerten als der +Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie hin und naschen in Verzweiflung +Verbotenes, um nicht fühlen zu müssen, dachte Maria, halb +geringschätzig, halb mitleidig. Aber auch andere Schritte waren, +Botenschritte, Verräterschritte, Spionenschritte, Wächterschritte. +Durch die geöffneten Fenster drangen Luftwellen bald kühl, bald warm; +gegen Morgen wurde es kalt, und Maria schlief endlich ein und schlief +bis Mittag. Das Schreien des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia, +die Pflegerin, trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die +linnenweiß Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht +entzogen hatte. Wanja ließ nicht mit sich spaßen; er krallte die dicken +Fäustchen in seiner Mutter Fleisch und schnappte zu wie ein böser +kleiner Fisch. + +Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum Abend an Heftigkeit +zunahm und sich beständig näherte. Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen +von Bestürzung und bat Maria, daß sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer +der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst. Maria rechnete auf +Nachricht von Menasse. Um bereit zu sein, wies sie Litwina und Arina, +die beiden jungen Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, worüber die +Knaben jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges +vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Grübeln darüber machte sie +zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und ging hinunter. Dann kehrte sie +zurück, durchwühlte eine Schachtel nach einer Photographie, schrieb +ihren Namen darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit +zur Fürstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige, das sie vergessen +hatte. + +In den Gesellschaftsräumen herrschte das gewöhnliche lärmende Treiben. +Alle diese der Heimat und nun auch der Freiheit beraubten Männer und +Frauen trugen eine herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige +Gesichter zeigten das Bewußtsein der Gefahr. In einer Gruppe wurde +lachend erzählt, daß man bereits in den Straßen der Stadt kämpfe, daß in +einem der Höfe des Hotels Tote und Verwundete lägen. Sie hatten Blut +genug gesehen, waren an das Entsetzen gewöhnt; es handelte sich nur noch +um ihren eigenen Untergang, den sie mit frivoler Neugier fast +erwarteten. In einen Wiener Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack +eines Maschinengewehrs von draußen. Man sah Soldaten an den Fenstern +vorbeirennen. Maria fielen finster blickende Gestalten auf, erst drei +oder vier, dann fünfzehn oder zwanzig, die sich in der Halle und den +Speisesälen herumtrieben. Man gab sich Mühe, nicht auf sie zu achten; +man scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden. In +abgerissenen oder doch alltäglichen Gewändern stachen sie drohend von +der Toilettenpracht, den Fräcken und strahlenden Hemdbrüsten ab; sie +stellten sich den Kellnern in den Weg, die mit Sektkübeln liefen, +postierten sich unverschämt neben Klubsessel, in denen vornehme +Kavaliere ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden +durch. Maria dachte: es ist Zeit, daß Menasse sich meldet. Ein gellender +Pfiff wurde hörbar, gleich darauf, da die Kapelle im Speisesaal Pause +hatte, eine fremdartige Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria trat +ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und sagte, im großen Saal +finde eine armenische Hochzeit statt, sie möge doch hingehen, es sei +äußerst interessant. Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer +fünfzehn Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich +mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft hatte sich auf einmal +verändert. Ein alter Herr redete mit gerungenen Händen auf mehrere Damen +ein. Maria vernahm, wie eine flüsterte: »Und mein Schmuck? meine +Perlen?« Der alte Herr sagte: »Es handelt sich ums nackte Leben.« Vor +dem Billardzimmer standen ein paar junge Mädchen, blaß, verzagt, die +Augen aufgerissen. Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria: +»Unbeschreiblich, welchen Prunk die Armenier bei solchen Anlässen zu +entfalten wissen, Sie werden sich selbst überzeugen; ganz märchenhaft.« + +Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden. Namentlich machte +sich Stepan Nelidow bemerkbar, der in unangenehmer Weise, als wäre er in +einem Zirkus, seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor der +Tür des großen Saals, war die Basis eines zylinderförmigen Schachtes, +der bis zum Dach des siebenstöckigen Gebäudes reichte. In jedem +Stockwerk trat eine kreisrunde Galerie heraus, die gegen den Schacht hin +durch ein geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten Etagen +sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur nächsthöheren Etage. +Während Maria hinaufblickte, spürte sie, daß sich irgendwo dort oben +etwas ereignete, was auch sie anging. Sie hörte, von ganz oben, lautes +Reden und dann gelächterähnliche Schreie, dann war es wieder eine Weile +still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit den Armeniern im Saal +zugewandt, so begann es von neuem. + +Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und zwei dumpfe Trommeln, +war aus einem getragenen Tempo in ein munteres übergegangen. Ein +Jüngling und ein Mädchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und +Drehungen, anfangs gemessen, schäferhaft lieblich, steigerten sich, von +der Musik rhythmisch unterstützt, zur Ausgelassenheit. Der hohe weite +lichtgebadete Raum war durchlodert von den intensiven Farben gold- und +silbergestickter Gewänder, blau, gelb, grün, rot in stärksten Tönungen; +aus heißem Dunst leuchteten unvergleichlich schöne Frauengesichter und +solche von bleichen, schwarzbärtigen Männern, die majestätisch saßen und +blickten. Nun sah man auch drüben einen zarten Reigen von +spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen, die sich bogen und dehnten, +und als die betäubende Musik aufhörte, stimmten sie einen feierlichen +Gesang an. Freudig erregt von den Bildern und Klängen einer abgerückten +Welt, stand Maria lächelnd auf der Schwelle, bedrückt nur von dem Gefühl +ihrer eigenen Fremdheit und ungewünschten Gegenwart, da vernahm sie +abermals die häßlichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch +näherten; sie trat zurück in die Mitte des Schachtes und sah empor. Über +die dritte Treppe lief mit erschreckender Geschwindigkeit, so daß es +aussah, als müsse sie jede Sekunde in die Tiefe stürzen, ein +Frauenzimmer herab. Die Haare flatterten aufgelöst um den Kopf, das +Gesicht zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie kam +zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Geländer fest und rannte +weiter zur zweiten Stiege. Maria wußte sofort, daß dies Lisaweta +Petrowna war, zu der sie hatte gehen gewollt, und nun wußte sie auch, +was für ein Vergessen sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie +zur Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun auf der ersten +Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit fest. Sie schaute sich um, +stürmisch atmend; hinter ihr kam ein junges Mädchen herab, in dem Maria +die Fürstin Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen +rechtfertigte keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der andern; sie +ging eher bedächtig, Stufe um Stufe, und ihre Züge, obwohl verfinstert +und anscheinend zu einem bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich +einen Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria war ein paar +Stufen hinaufgeschritten, die Flüchtende flog ihr entgegen, hielt inne, +glaubte sich vor einer neuen Feindin, stieß einen der Schreie aus, die +so gelächterähnlich geklungen hatten, taumelte und wäre gefallen, wenn +Maria nicht auf sie zugesprungen und sie aufgefangen hätte. Das Mädchen +griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab, kniete vor +ihr. Mittlerweile hatte auch die Fürstin Jelena die Stelle erreicht, wo +dies vor sich ging. Sie blieb einige Stufen oberhalb stehen, der +Ausdruck von Widerwillen verstärkte sich in ihrem wunderbar feinen und +klaren Gesicht und sie stieß hervor: »Anrühren solchen Unflat? +Anrühren?« Ein Schauder überrann ihre Glieder. + +Das Mädchen drückte das Gesicht wimmernd in Marias Kleid. »Sie will mich +umbringen,« heulte sie dumpf in den Stoff, in Marias Körper. Die +Zuschauer vor der Tür hatten sich verwundert zur Treppe gedrängt. Stepan +Nelidow stand mit verschränkten Armen und spöttischem Lächeln an die +Mauer gelehnt. + +»Wozu, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria, zur jungen Fürstin +emporgewandt, »wozu dies?« Der einfache gütige Ton brachte eine +sichtliche Wirkung auf die Fürstin hervor. Sie senkte den Kopf, ihre +kurzen, gelockten Haare fielen weich über die Wangen, und so verharrte +sie regungslos. + +»Kommen Sie mit mir, Lisaweta,« redete Maria der noch immer Knienden zu; +»niemand wird Ihnen etwas zuleide tun.« Sie richtete die Willenlose auf, +lieh ihr den Arm zur Stütze und führte sie durch ein Spalier von Gaffern +in den Korridor und dann weiter zum Lift, in den sie sie sanft +hineinschob. Oben angelangt, mußte sie die verfallen vor sich hin +Brütende mit Gewalt von ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr +jauchzend mit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden. Jefim +sagte, es seien drei Männer gekommen und hätten ohne ein Wort zu äußern, +die zwei großen und fünf kleineren Gepäckstücke nach und nach +fortgetragen. Die Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern, +oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen, +Necessaires, Körbe lagen noch in den Zimmern herum. Indes Maria mit +Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit einem Zettel und verschwand +wieder. Auf dem Zettel stand: »Unverzüglich zu befolgen: verlassen Sie +nach Empfang dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die Tür neben den +Küchenlokalitäten. Dort wird jemand stehen und Sie an einen bestimmten +Ort führen, wo Sie eine, möglicherweise zwei Nächte zuzubringen haben +werden. Der Betreffende ist zuverlässig. Säumen Sie nicht länger als +eine halbe Stunde, sonst stehe ich für nichts. Die Koffer sind +untergebracht, Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.« + +Trotz der kritischen Situation war Maria still amüsiert. Mein General +ist streng, dachte sie und half die Knaben fertig ankleiden. Eine Menge +Gegenstände waren einzupacken. Arina und Litwina rannten durch die +Zimmer. Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen. Maria hätte +sich gerne noch von der Fürstin Nelidow verabschiedet; es war keine Zeit +mehr. Lisaweta Petrowna hatte sich in die Sofaecke gekauert und +beobachtete mit den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging. +Plötzlich sprang sie auf und faltete die Hände gegen Maria. »Nehmen Sie +mich mit,« flehte sie verstört. Maria antwortete: »Wir haben nur noch +Minuten vor uns; wie geht das denn, so wie Sie sind?« Sie trug einen +Kimono und an den Füßen blauseidene Pantöffelchen. »Um keinen Preis mehr +will ich in mein Zimmer gehn,« sagte sie hilflos. Die Knaben, voll +Ungeduld, drängten Maria stumm. Arina belud Jefim Leontowitsch mit den +Handtaschen. Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen +immer viel Gefühl für fremde Leiden bezeigte, sagte zu seiner Mutter: +»Die Frau kann ja einen von deinen Mänteln anziehen; wir haben ja +hundert Mäntel.« Auf einen Wink Marias brachte Litwina einen Mantel; und +Lisaweta hüllte sich darein. »Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich +lassen?« fragte Maria, und jene erwiderte: »Nur fort, nur fort.« + +Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten Wanja, Arina, +Litwina und Lisaweta traten auf den Korridor. Maria folgte als Letzte. +Auf einmal stand Jelena Nelidow vor ihr. »Sie gehen?« murmelte sie +finster verwundert, »gehen? Und diese dort, diesen Abschaum machen Sie +zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr gewähren Sie Freundschaft, der +Schamlosen?« + +»Ich sehe nur eine Unglückliche, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. »Ich +weiß nichts von ihr als das. Kann ich eine Unglückliche, die zu mir +flieht, wegstoßen, ich, die selber flieht?« + +Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar beschwichtigend auf +die junge Fürstin. Ihr Gesicht zog sich zusammen wie im Krampf. +Plötzlich riß sie mit zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem +Kleid und drückte sie in Marias Hand. »Ich will nicht schuldiger werden +als ich schon bin,« sprach sie wie geblendet, wie gegen eine Wand; +»geben Sie ihr das; machen Sie es zu Geld für sie, sie ist arm; ich habe +keins, aber verraten Sie mich nicht.« + +Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum Dank zwang. Der +Boden brannte. Fedja war umgekehrt, um zu spähen, wo sie blieb. Jelena +ging ein paar Schritte an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias +Arm und hauchte mit wehem Kinderlaut: »Ich habe Angst; ich habe solche +Angst,« ihre seltsam gelben Augen öffneten sich überweit; »ich habe +grenzenlose Angst,« wiederholte sie, »und vielleicht aus Angst bin ich +schlecht.« + +»Liebe, Sie Liebe,« sagte Maria leise und zärtlich. Die junge Fürstin +bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam zurück, während +Maria schweren Herzens die Treppe hinunterstieg. + +An der von Menasse bezeichneten Tür stand ein Soldat mit Sturmhaube und +aufgepflanztem Bajonett. Er begab sich schweigend an die Spitze der +Karawane. Es ging durch einen schmalen Hof, dann die Straße entlang, +über die ein Feuerschein bebte. Zur Linken, in der Höhe des Tals, +brannten Häuser; die Funken, so fern, daß sie goldner Stickerei glichen, +stoben gegen den Mond. Gestreckten Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja +und Aljoscha blieben bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein +sorglicher Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm ihm +trotz seines Sträubens eine der Ledertaschen ab. Der Soldat bog in eine +Seitengasse bergan. Die Häuser wurden armseliger. Er zögerte, sah sich +um, schien sich orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet. +Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu und sie sprachen +leise miteinander. Das Krachen eines großen Geschützes erschütterte die +Nacht. Aljoscha begann plötzlich zu weinen. Maria ergriff ihn bei der +Hand. Sie gelangten zu den letzten Häusern der Stadt, in die Nähe des +Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein Stück zurück. +Lisaweta, die in ihren Pantöffelchen Mühe zu gehen hatte, lehnte sich an +eine Hausmauer. Vom untern Ende der Gasse her schallte der Schritt +einer Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief Maria und +die übrigen. Sie traten in ein baufälliges Haus, das nur aus einem +Erdgeschoß bestand und völlig unbewohnt schien. Mit dem Gewehrkolben +stieß der Soldat eine Tür auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand. +Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert, so niedrig, daß man mit +den Köpfen an die Decke stieß, mit feuchten, verschimmelten, grünlichen +Wänden und ohne alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier +müßten sie bleiben, sagte der Soldat, dürften sich nicht rühren, die +geschlossenen Fensterläden nicht öffnen, wenn ihnen das Leben lieb sei. +Maria fragte, im Finstern, ob er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er +wisse es nicht, er kenne nicht einmal den Namen; er wisse bloß, daß eine +Anzahl Menschen heute nacht in Häusern rings um den Bahnhof versteckt +worden seien, damit sie fortgeschafft werden könnten, wenn sich die +Gelegenheit bot. Das sei alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anzünden +dürfte, wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte Maria. +Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben müssen, zehn Personen +in einem so dumpfen Loch? Das könne er nicht sagen. Noch einmal empfahl +er, daß sie durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann +entfernte er sich. + +Eine Weile waren alle still und verfielen in trübe Betrachtungen. +Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter getastet und schmiegte sein +Gesicht hinein. Sie spürte, daß es vor Beängstigung zuckte. »Wir müssen +Licht haben,« sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich, +hinauszuschleichen und den Aufpasser zu machen. Bei verdächtiger +Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladen pochen, dann mußte das +Licht ausgeblasen werden. Es dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze +gefunden hatte. Als sie brannte, wurden rasch Decken und Mäntel auf den +von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer Hast richtete +jeder eine Ruhestatt für sich; die Knaben, kaum hingelegt, in ihren +Kleidern, schliefen schon. + +Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem zwischen die Arme +gewühlten Kopf sah man nur die in Eile aufgesteckten wirren braunen +Haare. Über ihre starken Hüften lief bisweilen ein Beben. Während sie +Wanja stillte, ließ Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann, als +Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die Kerze verlöscht hatte, +bat sie Litwina, daß sie Jefim Leontowitsch hereinhole, damit auch er +ruhen könne. Aber Jefim ließ sagen, er finde es notwendig, daß einer +Wache halte, er werde sich vor der Tür auf seinen Mantel legen. + +In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie hörte die kräftigen Atemzüge der +drei Knaben; jeden erkannte sie an Laut und Tempo des Atems; sogar das +dünne, sprudelnde Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die +Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu ihrer Rechten +ertönte ein schwerer Seufzer. »Können Sie nicht schlafen, Lisaweta +Petrowna?« fragte sie flüsternd. + +Die Angeredete bewegte sich und rückte näher. »Wer sind Sie eigentlich?« +fragte sie ebenfalls flüsternd. »Sie haben mich aufgelesen, +mitgenommen ... aus welchem Grund? Wer sind Sie?« + +»Bedeutet Ihnen der Name etwas, so mögen Sie ihn wissen,« antwortete +Maria und sagte, wie sie hieß. Dann war wieder eine Weile Schweigen, +dann wieder ein Seufzer wie unter drückender Bürde. + +»Was ist Ihnen?« flüsterte Maria; »erleichtern Sie Ihr Herz, sprechen +Sie.« + +»O großer Gott!« murmelte die andere. + +»Wir sind in der Finsternis und können einander nicht sehen,« fuhr Maria +zu flüstern fort; »alle schlafen, wir sind so gut wie allein. Sprechen +Sie.« + +»Jelena Nikolajewna möchte mich am liebsten mit dem Stiefelabsatz +zertreten,« sagte die Stimme bitter; »dabei weiß sie alles. Niemand +außer ihr weiß es. Grigorji hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts könnte +sie mich morden und weiß doch alles. O mein Gott!« + +»Ist es denn wahr, daß Fürst Grigorji die Ehe mit Ihnen geschlossen +hat?« fragte Maria. + +»Fragen Sie doch nicht,« kam es gequält zurück. »Ja, ja, der Pope hat +uns zusammengetan, damals in Sebastopol, als ich das Schiff verließ. Als +schon alles zu Ende war, hat uns der Pope getraut. Ich weiß nicht, ob es +anfechtbar ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umstände +schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich nur annähernd +etwas ähnliches ausdenken. Ja, als ich das Schiff verließ, wurden wir +getraut.« + +»Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?« + +Lisaweta antwortete nicht. »Ich kann hier nicht bleiben,« sagte sie nach +einer Weile klagend; »ich muß wieder fort. Ich will zurück und meine +Sachen holen. Was soll ich denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich, +wo soll ich dann hingehn? Zu wem denn?« + +»Daß ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckstück aus Diamanten für +Sie gegeben,« sagte Maria, und indem sie es sagte, bereute sie es, als +füge sie der unsichtbaren andern eine Beleidigung zu; »vielleicht +wünschte man, daß Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man +dadurch etwas Begangenes gutmachen.« + +Lisaweta verstand. »Vor die Füße werf ich ihrs,« brach sie aus, ohne die +Stimme merklich zu erheben; »und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich +durch ein Almosen dafür entschädigen, daß sie mir glühende Nadeln ins +Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und Schande. Wenn Sie +keine Gelegenheit mehr haben, es ihr zurückzugeben, so schenken Sie es +einem Bettelweib. An Demütigungen ists jetzt genug.« + +Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen. Die Atemzüge der +Schläfer wurden tiefer. Plötzlich flüsterte Lisaweta: »Hören Sie? Können +Sie mich hören?« + +»Ich höre Sie gut,« erwiderte Maria. + +»Ich will Ihnen vom Schiff erzählen. Rücken Sie näher, damit uns niemand +belauscht.« + +Maria rückte näher. + +»Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem Petersburger +Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste Klasse von Lokal, ich verdiente +auch nur gerade soviel, um nicht zu verhungern. Die Sache war nämlich +die, daß ich ein anständiges Mädchen war. Es ist möglich, daß Sie jetzt +skeptisch lächeln, aber trotz meiner fünfundzwanzig Jahre hatte ich noch +keinen Liebhaber gehabt. Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme +und lüsterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tagsüber +hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein Mittagessen. Grigorji +war auf Urlaub; in Gesellschaft von Kameraden kam er hin; wir sahen uns +und liebten uns. Wir liebten uns so, - wie soll ich es nur beschreiben? +Es war ein unaufhörliches Gewitter im Blut. Den Tag, wo der Urlaub zu +Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil. Worte wurden nicht +gewechselt; wir empfanden wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan +nach, den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines Abends teilte +er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede irr. Es war so furchtbar, daß +meine Zunge wie gelähmt war. Aber sein Wille mußte auch meiner werden. +Trennung war das Ärgste. Auf die Rückkehr warten und sich das Herz +absorgen, ob er noch lebte oder nicht, ärger war auch das nicht, was er +tun wollte. Wenigstens schien es mir so, und ich sagte ja. Hören Sie +mich?« + +»Ich höre Sie gut,« flüsterte Maria. + +»Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs schmuggeln. Mich in +seiner Kabine verbergen, den Dienst verrichten wie alle andern und die +übrige Zeit bei mir sein. Was das hieß, wußte ich ungefähr. Daß auf die +Entdeckung der sofortige Tod stand, für ihn und für mich, wußte ich. +Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten. Wozu so viele +Worte, ich war bereit, trotz allem. Die Hauptschwierigkeit war, daß der +Bursche ins Geheimnis gezogen werden mußte. Ohne einen Dritten, der +Vorschub und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er könne es +mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem Geld, und immer +von neuem, und doch mußte man immerfort zittern, daß er sich nicht +verschnappte oder bösartig wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die +Leute alle bösartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten. In +Grigorjis Reisesack, mit Wäsche und Kleidern zum Ersticken umhüllt, trug +mich Pjotr vom Boot in die Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel +Raum war, daß ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn +Monate.« + +Maria schlug unwillkürlich die Hände zusammen, Lisaweta Petrowna aber +fuhr fort: »Vierzehn Monate eingesperrt, entweder angstvoll allein oder +Leib an Leib auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate in +Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer winzigen dumpfen +Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit und Bewegungslosigkeit +verurteilt, zur ununterbrochenen, fürchterlichen Angst, er und ich.« + +Maria lauschte mit weiten Augen stumm. + +»Es durfte nicht auffallen, daß die Kabine stets abgesperrt war; schon +dafür zu sorgen, war nervenzerrüttend. Die vielen Schritte, Schritte der +Wachen, Offiziere; die Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr, +das eiserne Klirren beständig in dem schwimmenden Ungetüm, das Gerassel +oben, das Anschlagen des Wassers draußen; die Nächte, o die Nächte +voller Angst! Küsse und Umarmungen und Angst! Lust und zärtliche Worte +und Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert immer +wieder. Einmal bei einer Inspektion mußte ich in den Wandschrank +schlüpfen, der so schmal war, daß ich wochenlang nachher an Bruststechen +litt. Am Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am +Wahnsinn. Er mußte auf Deck; er mußte Dienst tun, was sonst? Er mußte +sich schleppen, das Fieber aus sich herauspressen mit Gewalt, oder wir +hatten keine Wahl als uns miteinander in die See zu stürzen. In den +dienstfreien Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen Armen und +horchte und horchte, auch ich horchte und horchte; wir mußten einander +umarmen, sonst hatten wir kaum Platz, und oft wenn er müde war, trat er +mir ein Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager auf dem +Boden oder ich saß an der Lucke und starrte aufs finstre Meer. Ihn +quälte der Gedanke, was geschehen sollte, wenn das Schiff ins Feuer kam +und er verwundet wurde oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Kräften, aber +in einem so verdunkelten Gemüt ist keine große Kraft. Er klagte mich an, +daß ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes dagegen als +verzweifelte Küsse? Wir verfluchten die Sekunde, die uns das Bewußtsein +wiedergab. Kalter Schweiß bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu +mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte uns täglich +mehr. Er gestand mir, daß er alles rot sähe, auf Deck und im Raum. Er +glaubte, bei seinen Vorgesetzten Argwohn zu spüren. Von seiner früheren +Heiterkeit war nichts mehr übrig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er +getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man schlägt, aber +deutlich erkannte ich, daß in seinen Augen neben der Liebe auch Haß war. +Bei jedem Knacken in der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Geräusch +machte ihn zittern. Einmal fuhr er gräßlich schreiend aus dem Schlaf. +Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es müsse ein Ende werden. Was +für ein Ende? fragte er, und in krankhafter Erregung drängte er mich +solange, bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun. Du +bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott und den Menschen zu +meinem Weib machen, auch wenn wir uns dann nicht wiedersehen sollten. +Und so kam es, genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser Hölle, +und wenn ich allein war, lag ich da und biß die Zähne in die Finger. Die +Zeit war wie hinweggewischt; ich hörte sie sausen wie ein Rad; manchmal +wieder schien sie mir schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene +schwarze Fahne. Das Ärgste war, daß Pjotr frech wurde. Er fühlte sich in +der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mit dem Menschen. Das Essen, +das er jeden Tag heimlich für mich brachte, konnte ich nicht mehr +genießen. Er stand dabei und stierte mich an. Er bettelte, schließlich +drohte er. Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu müssen, indessen +erfuhr ich bald, daß Pjotr auch gegen ihn unverschämt wurde. Eines +Abends stürzte Grigorji schreckensbleich zu mir und stammelte, es sei +kein Zweifel, daß alles verraten worden sei, der und der habe seinen +Gruß nicht erwidert, in der Messe habe man getuschelt, er spüre es, wir +seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte ihn aus und +überzeugte mich, daß es Wahnvorstellungen waren; aber die hafteten nun +in seinem Geist, und er war von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch, +die schrecklichsten, vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in +den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam und aus tiefer +Betäubung erwachte, daran habe ich keine Erinnerung. Auch daran eine +ferne nur, daß mich Pjotr in eine elende Herberge schleppte und nicht +dorthin, wo ihm Grigorji angegeben hatte, daß er mich führen sollte; und +daß er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte und ein wehrloses +Opfer zu finden hoffte; und daß ich mich mit aller mir verbliebenen +Kraft gegen ihn verteidigte, mit Worten und Gründen erst, mit Bitten und +Tränen, mit Hilferufen, das keiner hörte als sei das Haus ausgestorben, +und daß mir dann die Welt schwarz wurde im Ekel vor dem Menschen und in +seinem Fuseldunst und seiner Tollwut, und daß dann Grigorji +hereinstürzte, der alle Gasthäuser am Hafen nach mir durchsucht hatte, +bis er endlich meine Spur fand, und daß er das betrunkene Schwein +niederschlug, und daß er vor mir kniete, schluchzend, unaufhaltsam +schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wofür Verzeihung? und daß am +andern Morgen der Pope kam, ich habe es ja schon erzählt, und die +Nottrauung vornahm, denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und daß +mir dann Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr faßlich +und ist ausgeronnen, als hätte es eine andere gelebt. Ich bin ja auch +nicht mehr dieselbe geworden wie vorher. Es wundert mich nur, daß ichs +berichten kann; Sie saugen die Dinge förmlich aus einem heraus, wie geht +das denn zu? Nun muß ich aber fort, es ist Zeit.« + +Auffallend war es Maria, daß die Erzählung Lisaweta Petrownas immer +langsamer geworden war, zuletzt entstand fast nach jedem dritten Wort +eine Pause; auch war die Stimme allmählich so leise geworden, daß Maria +nur mit Anstrengung verstehen konnte. »Sie wollen fort?« fragte sie, +»wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie wüßten nicht wohin.« + +»Nein, ich weiß nicht wohin; gleichviel, ich muß fort.« + +»Wie sind Sie denn überhaupt nach Kislawodsk gekommen? Sind Sie mit ihm +gekommen, mit Fürst Grigorji?« + +»O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung daß wir uns nicht +mehr sehen würden. Hab ich das nicht erzählt? Als er von mir wegging, +wußte ich, daß er nicht aufs Schiff zurückkehrte, wußte, daß er in den +Kaukasus fuhr. Er seinerseits wußte, daß ich nach Kiew reisen wollte, wo +meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist. Er ließ mir Geld, aber +das hab ich meinem Schwager gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich +wußte, welchen Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm, +ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von Jelena Nikolajewna. +Möglich, daß sie glaubte, ich könne ihn retten. Wie mußte es um ihn +stehen, daß Jelena Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu spät. Ich +hätte ihn gewiß nicht retten können, wir waren viel weiter voneinander +geschieden, als wenn wir uns nie gekannt hätten; freilich, daß er so ins +Nichts geschwunden war, ohne Gruß und Zeichen, das war hart. Jetzt will +ich aber gehen, es ist Zeit.« + +Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterläden. Lisaweta +erhob sich. Maria sagte, sie möge doch den Mantel behalten, der Morgen +sei kalt und vielleicht finde sie im Hotel nicht Einlaß. Doch sie lehnte +es stumm ab; plötzlich schien sie von finsterm Trotz erfüllt; ihre +Gebärden waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls +erhob, erschüttert und von schwesterlicher Hinneigung durchglüht zu ihr +hintrat, um ihr in das dämmernd fahle Gesicht zu schauen, da wandte sie +sich hinweg und war aus der Tür, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken +konnte. Sie stand regungslos, kalt und heiß im Innern; ihr war als sei +ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede die Luft noch über +Schlünden. Sie seufzte, beinahe wie jene geseufzt hatte, bang und +gedemütigt, dann fiel ihr Blick auf die schlafenden Kinder, und es +überströmte sie ein Gefühl unermeßlichen Reichtums. Jedes war Abbild +eines Teuersten, jedes lebendiges, geprägtes Gut; sie seufzte wieder, +aber dieser Seufzer hatte andern Klang. + +Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch die Augen +zugemacht, als es heftig an die Tür klopfte und auf der Schwelle Jefim +Leontowitsch und der Soldat erschienen. Dieser sagte, alle müßten +sogleich zum Bahnhof, der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die +Kinder wurden aufgeweckt, rasch waren die Großen und Kleinen +marschfertig, zehn Minuten später war man unter Führung des Soldaten auf +der menschenleeren Straße. Es ging an der Station vorüber, ziemlich weit +hinaus. Die Luft war neblig und kühl. Maria forderte Jefim durch einen +Blick auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke ihm für +seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich von ihm trennen zu +müssen; aber sie hoffe, das Leben werde sie später einmal wieder +zusammenbringen, und sie freue sich darauf, ihm dann ihren Dank besser +zeigen zu können. + +»Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna,« antwortete er, »und warum +wollen Sie, daß ich mich von Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe +ich in dem Bündel da,« er wies auf einen Linnensack, den er mit dem +andern Gepäck trug; »warum sollt ich hier bleiben, da ich doch ebensogut +irgendwo sonst sein kann? Sie fliehen von hier, also lassen Sie mich +auch fliehen. Belästigt Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den +Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein Fremder; es +werden ja viele Fremde in Ihrer Nähe sein. Darf ich mir auch nicht +anmaßen, daß ich ein nennenswerter Schutz für Sie bin, so hätte ich doch +keine Rast mehr im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umständen verlassen +müßte. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert, daß ich Ihnen +nicht beschwerlich fallen werde.« + +Dagegen gab es keinen Widerspruch. »Nicht einmal eine Hand hab ich frei, +um Ihre zu drücken,« sagte sie mit ihrem gewinnenden Lachen. »Sie sind +wirklich ein seltsamer Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich +soviel Anhänglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.« + +»Ich kenne Sie besser als Sie glauben,« entgegnete er und wurde rot. +»Ich denke viel über Sie nach.« + +Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom Bahngleise herüber. +»Das ist Menasse,« sagte Maria, »schön, daß er da ist.« + +Das Winken Menasses bedeutete, daß man sich sputen möge. »Guten Morgen, +Herr General,« begrüßte ihn Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so spät +käme, alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit +Unpünktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden. Er hüpfte +gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens herum, der zwischen +die Wagen eines Güterzugs gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht +verhängt; drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war bemüht, sich +einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit einem alten Herrn, der seine +Koffer um sich herumgestellt hatte; blies eine Dame an, die eine +Auskunft von ihm begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die +Verwirrung; warf eine Schachtel in den Korridor, riß im Eifer seinen +flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit durch die Luft; betonte +zehnmal in höchster Fistel, daß er unbedingten Gehorsam erwarte, und daß +er einfach die Hände in den Schoß lege und alle ihrem Schicksal +überlassen werde, wenn man nicht Disziplin halte. »Wer ist der hier?« +fuhr er Maria grob an und deutete mit dem Ellbogen auf Jefim +Leontowitsch. Maria sagte gelassen und mit einem treuherzigen Ausdruck +ihrer kurzsichtigen Augen: »Herr Menasse, ich würde mich glücklich +schätzen, wenn Sie nicht so schreien würden. Sie erreichen, bei mir +wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen wir uns +auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge Mann gehört zu meiner +Gesellschaft, ich bürge für sein Wohlverhalten und für Ihre Auslagen; im +übrigen: seien wir Freunde, Herr Menasse.« Sie reichte ihm lächelnd die +Hand, in die er, einigermaßen verdutzt, die seine flüchtig legte; dann +schoß er davon. + +Um fünf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn Uhr setzte sich der +Zug in Bewegung; nach Westen, durch das Gebirge, gegen das Meer. Die +Fahrt war nicht schneller als mit einer Kutsche. Das Durcheinander +ordnete sich allmählich. Menasse wurde nicht müde, Ruhe zu gebieten. Ein +Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden Kinder. Wenn der Zug +hielt, stürzte er erregt ans Fenster, lugte durch einen Spalt hinaus, +alle schwiegen gespannt, dennoch streckte er den Arm steif zurück wie +ein Dirigent, der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der +Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie aus +Tula; einen ungarischen Baron; den Grafen und die Gräfin Duchorski aus +Petersburg, einen Bankdirektor aus Kiew, zwei ältere Damen, die im +Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde heiß. Wenn die Kinder zu essen +verlangten, ging es erst an ein langwieriges Suchen unter den +Gepäckstücken. Wenn Wanja die Brust bekam, bildeten Litwina und Arina +eine Mauer. Um vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke. +Eine Zeitlang war Stille, dann hörte man Menasses Fistel erbittert. +Mitja kam und berichtete: »Es sind Männer draußen, die befehlen, daß +alle aussteigen müssen.« Die Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt +sich so. Der Zug war von einer streifenden Bande, dreißig bis vierzig +Leute, zum Stehen gebracht worden. Der Anführer forderte Menasses +Papiere. Menasse weigerte sich tollkühn. Drohung mit Gewalt machte ihn +nicht gefügiger. Erst als jene Hand an ihn legten, besann er sich. Er +hatte sämtliche Pässe bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem +Führer zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen gestiegen und +trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald zeigte, wollten sie die +bequeme Fahrgelegenheit für sich haben. Die Überfallenen fügten sich +widerspruchslos, nur einige Frauen jammerten. Die Gräfin Duchorski +stand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in dem Haufen +von Gepäck, der den blühenden Wiesenhang bedeckte. Menasse redete +leidenschaftlich auf den finster blickenden Anführer der Bande ein. Der +Mensch schüttelte zu allem den Kopf. Den Salonwagen dürfe niemand mehr +betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug. Um Gotteswillen, so solle +man hier zurückbleiben, im Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg? +Ja, das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden habe. +Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit. Menasse, in einer +Haltung wie Jago gegen Othello, schmeichelte; umsonst; pochte, in einer +Haltung wie Marquis Posa gegen Philipp, doch immer krähend, auf +menschliche Gefühle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig und +mit kunstloser Würde. Ihre Argumente waren um nichts zwingender als +diejenigen Menasses, aber schon nach den ersten Worten hörte ihr der +Mann, dem Anschein nach ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu, +obgleich er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse +Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters; eine gewisse +Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie sagte: Du weißt doch; erinnere +dich doch; so und so, es wird doch darüber kein Mißverständnis zwischen +uns geben; ganz trocken alles, wie wenn sie über Mais oder Kartoffeln +redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist, daß man tut, was sie +gebietet. Der Mann hatte Respekt. Sie erlangte, zusammen mit dem +Geldangebot Menasses, die Erlaubnis, daß sich die Flüchtlingsgesellschaft +in zwei leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte: »Sie sind +eine tüchtige Frau; #à la bonne heure,# das haben Sie gut gemacht. +Immerhin, bei dieser Art von Transport werden wir nichts zu lachen +haben.« Und er fing bereits wieder an, zu kommandieren. Nach einer +Stunde waren alle untergebracht, das Gepäck verstaut, die Türen der +Viehwägen verschlossen und von außen abgesperrt sowie zur Sicherheit +plombiert; der Zug rollte weiter. + +Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier Nächte. Mit Maria +eingepfercht waren siebenundzwanzig Menschen, darunter zwölf Kinder; +eingepfercht in einen finstern Raum, in welchem es übel roch; +hingekauert auf mangelhafte Lagerstätten, Kranke und Alte; fast ohne +Schlaf die Nächte, ohne genügende Nahrung die Tage; belästigt von +widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst und den andern zur Pein +machten. Das Rattern der Räder wurde mörderischer Lärm; das stundenlange +Halten in Stationen mörderische Stille; die auf das Dach des Kerkers +niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige, die im Fieber +lagen, stöhnten, und ein ungewohnter Laut rief entsetzte Schreie hervor. +Dicht an Maria gepreßt lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder +dem andern bisweilen über das Gesicht, prüfend, ob sie schlummerten, ob +die Haut nicht heiß sei, dankbar für ihre Geduld und Ruhe, zugleich in +Sorge darüber. Oft sprach sie zu ihnen; oft auch wandte sie sich an +Jefim Leontowitsch; Wanja hielt sie meist an der Brust, wusch das +Gesichtchen und die Hände mit kölnischem Wasser, tröstete Litwina, die +an Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anfälle hatte, rief +hie und da ein Wort, eine Frage über die Köpfe der Leidensgefährten und +stritt mit dem rechthaberischen Menasse über die Nähe des Ziels, der +kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer. + +Endlich eines frühen Morgens, in einer Haltestation, öffnete die +mitleidige Hand eines Zugbediensteten die Tür. Der hereinquellende +Lufthauch war wie Neugeburt, das Schauspiel, das sich bot, unerhört. +Tief unten dehnte sich die See, blau, als könne man tausend Jahre blauen +Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten üppig bewachsenen Kuppen des +Gebirges, Gärten, Weingelände, Pinien, Bäume voll Orangen. Niemand +redete; kein Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie +verdorrt; das blühende Land, das Gestade, das schöne Meer ließ sie +schaudern. Die Tür blieb offen, vielleicht in der Annahme, daß die Zone +der Gefahr überschritten war; aber einige Stationen vor der Stadt wurde +Menasse berichtet, daß diese seit zwei Tagen in den Händen der Matrosen +sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde von Flüchtlingen als +gefürchteter Name genannt. + +Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen +vermochte. Wieder außerhalb des Bahnhofs verließen alle den Wagen und +wurden nach Anbruch der Dunkelheit möglichst heimlich in einen Gasthof +am Rande der Stadt geführt. Den Kranken konnte kein Beistand geleistet +werden; sie mußten zu Fuß gehen. In den Straßen herrschte Tumult; vom +Meer her tönten Schüsse. + +Der rechteckige Raum, in den sämtliche Zimmer des Gasthofs mündeten, +glich bald einem Koffermagazin. Träger polterten die Treppe herauf und +warfen immer neue Gepäckstücke in den Wirrwarr. Arme griffen +durcheinander; jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren auf eine +Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein Hündchen trippelte +winselnd um Menschenfüße, die es beschnupperte. Der Bankdirektor, an die +Mauer gelehnt, rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit +einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte seinen Kneifer +verloren und man sah seinen verzweifelt verrenkten Körper wie zwischen +Felsen auftauchen und verschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal; +die Träger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen. +Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein anderer hatte erfahren, ein +deutsches Schiff kreuze auf dem Meer draußen. Der Streit um die Zimmer, +deren nur elf zur Verfügung standen, wurde lärmend. Jefim Leontowitschs +Stimme rief von einer Schwelle her: »Maria Jakowlewna, kommen Sie +schnell; ich habe ein Zimmer für Sie besetzt.« Da Maria keinen Durchgang +fand, kletterte sie über die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim +aufgepflanzt und fauchte: »Was fällt Ihnen ein, zu schreien, Herr? Wenn +Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen stopfen den Mund. Wir sind gerannt +dem Tiger direkt in die Zähne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll +helfen, und da schreit er!« Maria sagte ruhig zu Jefim: »Man müßte +versuchen, unsere dreißig Kolli aus dem Haufen herauszufischen!« Er +nickte und sah besorgt umher. »Wo sind die Kinder?« fragte er. + +Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit hastigerem Schritt +vor den beiden andern, von denen er sich auch in Kleidung und Gehaben +unterschied. Er trug blendendweiße Leinenhosen und eine Jacke von +elegantem Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung +gebieterisch, und zwar in einer brutalen und lässigen Art. Ihm zur Seite +watschelte beflissen der Wirt, ein feister Tartar mit einem Gesicht wie +aus Butter. Der Matrose stutzte beim Anblick des Gewühls und der Menge +von Koffern; es war in der spärlichen Beleuchtung zweier +Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild. »Was sind das +für Leute?« wandte er sich fragend an den Wirt, »was geht hier vor?« Der +Wirt suchte mit furchtsamen Augen Menasse. Dieser zwängte sich heran und +gab sich eine Miene der Autorität. »Woher? Wohin?« fragte der Matrose +barsch und verächtlich. Menasse stotterte. Der Matrose unterbrach ihn: +»Es kann natürlich keine Rede davon sein, daß ihr eure Reise fortsetzt. +Das Gepäck ist beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verfügt.« Ohne die +mehr mimischen als artikulierten Einwände Menasses zu beachten, wandte +er sich wieder an den Wirt. »Ein Zimmer für mich«; und als der Wirt +ratlos den fetten Körper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig: +»Ein Zimmer für Golowin; hast du nicht gehört, du Schwein?« Vor Furcht +seiner Stimme kaum mächtig, erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien +vergeben; Väterchen könne sich ja selbst überzeugen; die vielen Menschen +da; er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die Fenster +seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingestürzt; das Loch wage er +Väterchen Igor Semjonowitsch nicht anzubieten; nebenan bei Alexei +Davidowitsch sei noch ein Staatszimmer zu haben, prächtig, mit +Teppichen, auf Ehre, mit schönen Teppichen und Bilderchen an der Wand. +Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und wäre froh +gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin antwortete barsch: »Kein langes +Geschwätz, du schmutziger Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht. +Habe nicht Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe das +Zimmer ist für mich. Punktum.« Und er deutete gegen die Tür, auf deren +Schwelle Maria stand. »Verzeihung,« redete Maria ihn an, »es ist das +letzte für mich und meine Kinder übriggebliebene Zimmer. Wir sind sieben +Menschen, Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine furchtbare +Reise liegt hinter uns. Wäre es nicht billig und großmütig, wenn Sie für +diese Nacht mit der Dachkammer vorlieb nähmen, da Sie sich schon nicht +anderweitig umsehen wollen? Ich weiß nicht genau, zu wem ich spreche; +aber jedenfalls doch zu einem Mann.« + +Golowin schien überrascht. Er hob unmutig die Brauen. »Die Suada ist von +euresgleichen unzertrennlich,« murmelte er. »Honig, um meinesgleichen +die Kehle einzuschmieren, habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete +Kuli braucht nur einmal die Fäuste zu zeigen, so wird an seine Großmut +appelliert. Es ist eine neue Weltordnung, Madame. Wer sind Sie? worauf +berufen Sie sich?« + +Diese für einen Matrosen sehr ungewöhnliche Ausdrucksweise überraschte +nun wieder Maria. Sie bedurfte, um sich einzustellen, ihrer ganzen +Geistesgegenwart. »Ich bin Maria Jakowlewna von Krüdener,« entgegnete +sie mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt, der sich +schützend neben sie gestellt hatte; »mein Mann, Gutsbesitzer im +Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier, ist ins Ausland geflohen, und +ich bin im Begriff, dasselbe zu tun. Ich kann also Ihnen gegenüber keine +Erwartungen, sondern nur Befürchtungen hegen. Sie haben Recht, die Not +macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung muß zunächst an Frauen und +Kindern ausprobiert werden. Litwina, Arina! wir ziehen in die +Dachkammer.« + +Golowin schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Sie täuschen sich, Madame,« +sagte er und steckte beide Hände in die Hosentaschen, »Sie täuschen +sich. Ich bin unempfindlich gegen die Künste des höheren Tons. Ob +Dachkammer, ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie und +Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht aburteilen, und da +Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht offen zuzugeben, können +Sie sich ja ungefähr denken, was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen +darin kurzen Prozeß zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel. +Bleiben Sie also immerhin in der Beletage, wenn Sie Wert darauf legen; +auch die andern Herrschaften will ich nicht weiter stören. Niemand wird +natürlich das Haus verlassen; im übrigen ist Ihnen jede Freiheit +unverwehrt bis morgen.« Dies sprach er ironisch gegen den Kreis +erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt hatte. Menasse +machte Schwimmbewegungen mit den Armen, um sich die Herzudrängenden vom +Leibe zu halten und sich in seiner Bedeutsamkeit gewissermaßen zu +isolieren; er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm zu verstehen +geben, daß das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch zwischen ihnen +beiden gewechselt werden müsse und er zuversichtlich auf eine Einigung +rechne. Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte, +fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: »Hübscher Junge; schade um ihn; +er wird Mühe haben, sich mit alldem zu befreunden. Du sollst später +einer der Unsern werden, mein Junge, was?« Zum erstenmal überlief Maria +ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der stolzen Entrüstung +des Achtjährigen, den Heldengefühle beseelen, erwiderte: »Niemals, ich +werde immer auf Papas Seite sein.« Golowin lachte. »Gute Zucht, Madame,« +sagte er und sah Maria an. »Gute Zucht und gutes Blut,« antwortete sie. +Er verbeugte sich spöttisch, ohne den Blick von ihr zu lassen, einen +scharfen, grausamen, unaufhaltsamen Blick, der kalt prüfte und mehr und +mehr einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick eine Weile +aus, und erst als sie der Verwunderung der Zuschauer inne wurde, glitt +ihr Auge zu Boden. Golowin wurde von seinen Begleitern angerufen und +wandte sich zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen +aufgetaucht, die einen sich sträubenden Menschen zwischen sich +schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion denunziert worden +war; man wollte bemerkt haben, daß er von einem Fenster der Küche aus +Signale gegeben hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den +Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen Befehl zu, und +sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt, zu dem der Koch in seiner Angst +flüchten gewollt und den er mit Gebärden anflehte, erhob jammernden +Einspruch, der ungehört verhallte. Menasse hatte indessen mit dem Grafen +Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und näherte sich nun Golowin. +Er zupfte ihn am Ärmel und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an, +ohne sich durch die finstere Geringschätzung des andern irremachen zu +lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins, statt ihn bedenklich zu +stimmen, erhöhte seinen Mut. Das ihm geläufige Schema auch hier als +praktisch betrachtend, nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt für +Verhandlungen dienen könne. Da legte ihm Golowin die Hand auf die +Schulter und sagte zu dem ihm zunächst stehenden Matrosen: »Was meinst +du, Maxim Maximowitsch, was das komische Insekt da will? Er will mich +kaufen? Möchtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert bin? Vielleicht +gefriert ihm die geschwätzige Zunge, wenn er meinen Preis erfährt.« +Menasse gab Zeichen äußerster Bestürzung von sich. Das war neu; ein +Faktum, das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend die +Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen, blieb aber vor +der Treppe unschlüssig stehen. + +All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten Vorgänge +hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen. Sie trat ins Zimmer, wo +Jewgenia und Arina die Lagerstätten für die Kinder bereiteten. Litwina +trug das Handgepäck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und nahm den +ungebärdig schreienden Wanja an die Brust. Mitja stand vor ihr, der +Anerkennung bedürftig, denn es waren Zweifel in ihm, ob er sich gut +benommen habe. »Du warst lieb und tapfer, mein Sohn«, sagte sie, worauf +er sogleich das Gespräch ablenkte und sich erkundigte, wo Jefim die +Nacht verbringen solle. Jefim schnitt für Fedja und Aljoscha Brot ab und +winkte Mitja, daß er schweige. Maria antwortete nicht. Sie war +zerstreut. Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins in Anspruch +genommen. Seine Manier, seine Geste, seine stechenden, bald farblosen, +bald metallisch glitzernden Augen, die hagere rasche Gestalt, der dünne +rasche Mund mit kleinen, dichten weißen Zähnen, die rasche Rede, die +Stimme, die mit befremdlicher Virtuosität durch alle Register lief, es +wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und das Ganze nicht. +Plötzlich ging die Tür auf, und er trat ein. + +Kälte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja hörte auf zu trinken, +als sei die Milch versiegt und zappelte erbost. Sie schob das Tuch, sich +vor Blicken zu schützen, bis an den Hals und sah Golowin fragend an. + +»Ich wünsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna,« sagte er förmlich, »einige +Worte unter vier Augen zu sprechen.« + +Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um. Da er schwieg und +wartete, drehte sie den Kopf mit stummem Geheiß zu Jewgenia, die Arina +und Litwina zunickte. Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei +Knaben zu sich. Alle verließen das Zimmer. Marias Blick behielt den +fragenden Ausdruck. + +Golowin sagte: »Ihr jüdischer Mittelsmann hat mich für eine Art +Straßenräuber gehalten, dem man Lösegeld anbietet. Ich vermute, Sie +wissen davon. Wäre er weniger lächerlich, so hätte ich ihn heute noch +ans Wirtshausschild hängen lassen.« + +»Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich weiß nicht, was er unternommen +hat,« erwiderte Maria kühl. + +»Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar. Die +Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist es freilich, den +ahnungslosen Hebräer ins Treffen zu schicken. Sie hätten es verhindern +müssen. Haben Sie mich so schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf? +Warum haben Sie selber denn die Gelegenheit versäumt, das Terrain zu +sondieren? Ich hatte es erwartet. Daß ich statt dessen zu Ihnen kommen +muß, gibt kein Plus in Ihrer Rechnung.« + +Maria überlegte erregt: wohin zielt das alles? + +Er ging ein paarmal auf und ab, Hände in den Hosentaschen. Seine Stimme +wurde glatter und heller, als er fortfuhr: »Bin vor der Treppe gestanden +und habe gegrübelt: was ist das für ein Gesicht? was ist das für eine +Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu, daß du es nicht +kennst? Na, da beschloß ich, Avancen zu machen. Es freut Sie nicht, wie? +Ich bin mir natürlich bewußt, daß meine Person eben das repräsentiert, +was Sie mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da. Komme +trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach Waffenstillstand +aussieht.« + +»Was ist es für ein Vorschlag?« fragte Maria unbefangen. + +Sein rotes, muskulöses, von Wettern gegerbtes Gesicht zeigte +Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes Tempo gestimmt +war, entfachte die langsame Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er +stieß die Worte hervor, die einen Klang von Brutalität hatten: »Ich +habe mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begnügt; ich denke, Sie +werden mich dafür entschädigen.« + +»Entschädigen? in welcher Weise? was meinen Sie damit?« + +»Ich meine, daß Sie mich da oben besuchen sollen.« + +»Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.« + +Er verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich meine, daß Sie mir heute nacht die +Ehre Ihres Besuchs erweisen,« wiederholte er in bösem Ton. + +Maria lächelte belustigt. + +»Es liegt mir daran,« fuhr er fort und streckte das Kinn vor; »es liegt +mir viel daran, ich werde Ihnen schon erklären, warum. Ich habe mirs in +den Kopf gesetzt, und mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den +Kopf gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht erst.« + +Maria lächelte. In dieses Lächeln gehüllt, war sie von oben bis unten +Dame. »Sie überschätzen mein Interesse an fremden Zwangsideen,« sagte +sie leicht; »ich will es durchaus nicht versuchen.« + +Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze. »Bleibt es bei der +Antwort?« fragte er mit unerwartetem Ausdruck von Neugier. + +Sie nickte. Wanja begann zu weinen. »Geben Sie doch den Balg weg,« +herrschte er sie an, »er stört mich.« Maria klopfte Wanja den Rücken, +und er wurde still. Golowin sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig +unter Wanjas Kissen. + +Nach einer Pause fing er an: »Gut, stellen wir uns auf den Boden der +gesellschaftlichen Form. Was haben Sie zu fürchten?« + +»Nur meine Meinung von mir selbst.« + +»Sonst nichts?« + +»Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben, deren ich mich +später vielleicht zu schämen hätte. Wie sie auch verläuft, ich müßte sie +vor einem rechtfertigen, der Rechenschaft von mir verlangen darf.« + +»Unsinn,« murrte Golowin; »das klingt ja so als wollte ich die +Geschichte von #boule de suif# mit Ihnen aufführen. Knallerbsen werf ich +nicht. Bin nicht lustig genug dazu.« Er bemerkte ihr aufblitzendes +Erstaunen über das literarische Zitat, ging aber mit einer Grimasse +darüber hinweg. »Ihre Bedenken sind schwächlich,« sagte er; »außerdem +nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der Ihnen Schlupflöcher +nach allen Seiten läßt. Ich verhandle mit Ihnen über Ihr Schicksal und +das Ihrer Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zurück, so ist +es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren Sie nur, was ein +vernünftig erwägender Mensch riskieren muß.« + +»Weshalb denn eine nächtliche Verhandlung in der Dachkammer?« fragte +Maria kopfschüttelnd. »Nennen Sie Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen +sagen, ob sie annehmbar sind.« + +Er lachte. »Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem Plan,« +erwiderte er spöttisch. »Da hätte ich mich ja ebensogut mit dem eifrigen +Israeliten aufs Feilschen einlassen können. Aber das liegt nicht im +Plan. Der Preis, von dem hier die Rede ist, kann nicht mit Münze bezahlt +werden. Chance ist Chance, Madame. Es wäre ja geschmacklos, wollte ich +vor Ihnen den Attila mimen; aber ich bin nun einmal der Diktator der +Stadt, und alle die Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem +Behälter. So stehen die Dinge. Andrerseits weiß ich, daß eine solche +Affäre wie die zwischen uns beiden zart anzufassen ist, und wenn Sie die +Pression, die ich auf Sie ausübe, unanständig finden, bin ich bereit, +ein Versprechen zu leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um +Breite eines Haares näherzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit für +wünschbar halten. An dieses Wort will ich mich binden, dürfen Sie mich +binden. Weigern Sie sich noch immer, so haben Sie die Folgen selbst zu +tragen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. »Ich warte, +Maria Jakowlewna,« sagte er; »von jetzt an in einer Stunde werde ich auf +Sie warten. Zögern Sie nicht zu lange; die Nacht ist kurz.« + +Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die Klinke in der Hand +hielt, wandte er noch einmal das Gesicht zurück und sagte, wieder mit +gestrecktem Kinn: »Ich bin ein waghalsiger Spieler, aber auch ein +ehrlicher. Meine Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf +ziemlich schwachen Füßen. Es ist möglich, daß ich morgen in aller Frühe +mit meinen Leuten werde abziehen müssen. Deutsche Truppen sind gemeldet. +Vielleicht haben wir dann gar nicht mehr die Zeit, euch den Prozeß zu +machen, und Sie kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal nach, +was für ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt so unvorsichtig +aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es lohnt sich.« + +Er verschwand. + +Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein. Alle legten sich +gleich hin und verzehrten nur ein paar Bissen zum Nachtessen, halb +schlafend schon. Jefim hatte eine Liegestätte unter der Treppe gefunden. +Auch Maria warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte. +Menasse bat noch um eine Unterredung. Er ließ sich nicht abweisen. Er +wollte erfahren, was sie mit Golowin gesprochen habe. Auch die andern +draußen seien aufs äußerste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen +gefallen, als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen. +Maria fühlte sich erschöpft; sie vertröstete ihn auf den nächsten +Morgen. Er sagte, nur sie könne das Unheil abwenden; Graf Duchorski +lasse ihr seine unbegrenzte Verehrung wissen; die Herren samt und +sonders erwarteten geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia drängte den +Schwatzhaften endlich über die Schwelle. + +Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug, geschah es wie +auf Befehl. Ihre Gedanken waren im Nu gesammelt und klar. Der Raum war +voll Mondlicht. Sie sah auf die Uhr; es war halb zwölf, sie hatte also +drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete ihr Haar, +brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche ein Spitzentuch und +nahm es um die Schultern, dann verließ sie auf Zehen das Zimmer. Sie +stieg die enge Holztreppe empor; der Treppe gegenüber war eine Tür. +Während sie überlegte, öffnete sich die Tür, und Golowin stand vor ihr. + +Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein Licht drinnen war, +verharrte sie betroffen. Doch lag die Kammer auf der Mondseite, und der +Mond erzeugte solche Helligkeit, daß jede Bodenritze und jedes +Spinngewebe erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel +breiter als die Fensteröffnung, nicht viel länger als die eiserne +Bettstelle. Außer dieser war nur noch ein Tisch und ein Stuhl vorhanden. +Die Wandbretter hatten zum Teil ihre Befestigung verloren und hingen +schief und morsch. In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah über +niedrige, mondglänzende Dächer bis zum Hafen hinaus, dessen Fläche +ebenfalls im Mond schimmerte. + +»Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anzünden, obwohl nur +noch ein Stümpchen da ist,« sagte Golowin; »ich meinerseits ziehe die +natürliche Beleuchtung vor. Die ganze Zeit, während ich hier geduldig +auf Sie gewartet habe, hat es mich beschäftigt, mir Ihr Gesicht im +Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung, nicht wahr? Ich bin +sicher ein heimlicher Romantiker; außen ein wenig ruppig, aber innen +Romantiker, ganz sicher.« Er lachte. + +Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne. Er sagte: +»Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist höchstens für mich zum Balanzieren +praktikabel. Ich muß Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten; #I know, that's +a funny misfortune,# aber alles ist nun einmal aufs Heikle zugespitzt, +wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung nicht aufhalten. Bitte +nehmen Sie Platz.« + +Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, spürte daß sie errötete, +fröstelte unter einem kühlen Luftzug vom Fenster her, zog das +Spitzentuch fester, schaute Golowin schweigend an. Ihre großen dunklen +Augen, denen die Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh, +glänzten feucht. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie in ihrer mutigen +und offenen Art; »ich werde das Gefühl nicht los, als ob Sie in einer +Verkleidung steckten. Sind Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind +Sie?« + +Er hatte sich nachlässig auf die Tischkante gesetzt und die Arme +verschränkt. »Also #curriculum vitae#?« antwortete er lachend. +»Verkleidung? Nein. Ein bißchen buntscheckig, ja. Oder zwiebelähnlich, +mit vielen Schalen.« Er räusperte sich und heftete den Blick ins Freie. +»Ich sehe ein, daß es unartig wäre, Ihre Wißbegier nicht zu +befriedigen,« begann er; »ich will knapp sein wie ein Lexikon. Geboren +in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem Einschlag im Blut; Mutter: +Engländerin, Pastorentochter. Alter: sechsunddreißig. Erzogen in der +Kadettenschule. Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. Müßig +herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der Eltern völlig +mittellos. Eines Tages die Kräfte zusammengerafft; Elektrotechnik +studiert; gehungert; nach Schweden gegangen, nach Norwegen. Mich +anheuern lassen auf einem Walfischfänger; zwei Winter im grönländischen +Eis verbracht. Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden. Nach Island +gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizitätswerk gebaut. Geheiratet; +Tochter eines Rheeders; mit ihr nach London gereist; höllisch betrogen +worden von ihr; kurzen Prozeß gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf, bei +Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer Dampfwäscherei gearbeitet; +auf einem Kohlendock in Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei +der #Illinois railway company#; als Zeichner und Ingenieur in San +Franzisko. Große Affäre: die beiden Töchter eines Holzmagnaten verführt; +von gedungenen Strolchen beinah erschlagen worden; sechs Monate Spital. +Nach Paris gegangen; Reporter für Newyork-Herald geworden; im Jahre 12 +nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen beigetreten; im +Jahre 14 Einberufung zur Marine; Vertrauensmann der Besatzung geworden; +den Umsturz mitherbeigeführt, und nun,« er verbeugte sich bizarr, »der +Auszeichnung gewürdigt, meinem verehrten Gast diesen Steckbrief +überliefern zu dürfen.« + +»Viel in wenig Worten,« sagte Maria lächelnd. + +»Braucht es mehr? Die Ereignisse geben ja doch nicht den Inhalt. Fast +jedes Leben, meines auch, ist eine unordentlich gepackte Kiste, und wenn +man sie ausräumt, haben die meisten Dinge längst nicht mehr den Wert, +den sie beim Einpacken hatten. Ich bin kein Freund von Ausräumen. Lieber +noch ein paar Nägel in den Deckel.« + +»Sie laufen sich selber voraus, Sie laufen mit sich selber um die +Wette,« bemerkte Maria. + +»Ja, das sagen Sie so, ob Sie aber das richtige Bild davon haben, möchte +ich bezweifeln,« antwortete er. »Eigentlich war kein Tag der Rast. So +eine Stunde wie die jetzige, wo man spricht und sich zurückbesinnt, hat +es eigentlich nie gegeben, denken Sie. Man war wie auf einem Schiff, das +mit vollen Segeln vorm Sturm rennt. Bö auf Bö; da ein Leck, dort ein +Leck; alle Mann an die Pumpen; zuletzt immer ein verzweifelter Sprung +von der Takelage ins Rettungsboot. In so einem nüchternen Taumel; in so +einer betrunkenen Entschlossenheit; mit dem Zittern bis in die Rippen; +und niedergetrampelt wurde jeder, der im Weg stand. Ja, so war es.« + +»Immerhin haben Sie ein Stück der Welt mit Appetit verspeist,« sagte +Maria und zeigte ihre herrlichen Zähne. + +»Das ist wahr,« erwiderte er und nickte. »Sie ist mir nichts schuldig +geblieben, die Welt, ich ihr auch nichts. Ich habe sie kennen gelernt +von unten bis oben, die brüchigen Fundamente, die verfaulten +Schanzwerke, die verrostete Maschinerie, die rissige Verschalung, die +schadhaften Ankertaue, wie gesagt: vom Kiel bis in die Raaen. Und was +die Bemannung betrifft: kranke Gehirne, ein tollwütiges Fieberwesen, +eine bestialische Raserei der Untiefe zu. Es war ein Riesenspaß, Maria +Jakowlewna, eine Labung fürs Gemüt. Es gab Zeiten, wo ich +quietschvergnügt gewissermaßen neben dem hochgespannten Dampfkessel +hockte und mir an den Fingern ausrechnen konnte, wie lang es noch dauern +würde, bis der ganze pomphafte Plunder mit ungeheuerm Krach in die Luft +flog. Eigentlich waren das die schönsten Momente. Ich habe etwas von +einem Propheten in mir, oder wenigstens von einem Diagnostiker. Das kam +mir auch beim Dienst auf dem Kriegsschiff zustatten. Einen schöneren +Explosionsherd konnte man sich im verwegensten Traum nicht ausmalen; ein +Faß Dynamit mit der Lunte am Spund ist ein Spielzeug dagegen. Lehrreich, +zu beobachten, wie unwiderstehlich es die Mäuse zum Speck in der Falle +zieht. Ich hielt mich kunstvoll am Rande, immer zwischen Beförderung und +Disziplinarverfahren; sie konnten mir nicht beikommen, auch nicht mit +dem Köder der Rangerhöhung; warum hätte ich den schnappen sollen? Ich +fühlte mich auf der Pulvertonne am richtigen Platz. Ich vermochte meinen +Leuten den Tag vorauszusagen, an dem die Mine springen würde; und an +genau dem Tag haben wir den Kapitän, die Offiziere, die Maats und was +immer Epauletten und Sterne trug in die Feuerungslöcher befördert; eine +zu schnell funktionierende Hölle, leider, wenn man bedenkt, was für eine +lange Hölle sie andern bereitet hatten.« + +Er sprach völlig ruhig, beinahe heiter, in einem flüssigen Plauderton, +wie von einer Sportleistung, auch mit der dazu gehörigen halbironischen +Prahlerei. Er zündete eine Zigarette an, und beim Aufflammen des +Streichholzes erschien Maria sein Gesicht kindlich harmlos. Mit ruhenden +Händen im Schoß saß sie da und fand keine Worte. + +»Famos, wie ihre Hände sich im Mondlicht ausnehmen,« sagte Golowin; »wie +weißer Bernstein.« + +Sie fuhr zusammen. »Sie haben meine Gegenwart gewünscht, um mit mir zu +verhandeln,« sagte sie mit verzogener Stirn; »das war die Abmachung. Ich +habe mich Ihrer Laune gefügt, weil ich schließlich von Ihrer Laune +abhänge, und nicht nur ich allein. Kommen wir also zur Sache.« + +»Es wundert mich, daß Sie damit solche Eile haben,« antwortete er mit +einem kichernden Ton. »Seien Sie doch froh, wenn ich meine Zunge +spazieren führe. Am Zweck, den ich verfolge, sollte Ihnen wenig gelegen +sein. Oder sind Sie so naiv, daß Sie glauben, es gehe um die Schale und +nicht um die Nuß? Sind Sie wirklich da heraufgekommen in der Meinung, +wir würden eine unverfängliche diplomatische Schachpartie spielen?« + +Maria, beunruhigt, stand auf. »Ich dachte, um Knallerbsen zu werfen, +seien Sie nicht lustig genug.« + +»Es muß ja nicht #boule de suif# sein,« entgegnete er zynisch, »es kann +ja, beispielsweise, auch Maß für Maß sein. Das ist dann schon minder +lustig. Es hängt meistens von der Frau ab, ob es lustig ist oder nicht.« + +Maria sagte verletzt, und ihre dunkelsonore Stimme bebte: »Es besteht +keine Gemeinschaft zwischen uns. Sie sind ein Liebhaber von Späßen, ich +bin zu spaßen nicht aufgelegt. Sie tanzen um einen Weltbrand einen +Freudentanz; so suchen Sie sich wenigstens nicht einen Partner aus, +dessen Lebensglück in den Trümmern liegt. Was ist Ihre Absicht?« + +Er näherte sich rasch, die flachen Hände aufgehoben. »Vor allem: nehmen +Sie wieder Platz. Nicht diese Miene! Zucken Sie nicht zurück, ich rühre +Sie nicht an. Bei Gott, ich rühre Sie nicht an. Ist Ihnen kalt? Wollen +Sie meinen Mantel haben? Nein, nein, bleiben Sie sitzen, ich lasse ihn +am Nagel; kann mir denken, daß Ihnen vor solchem Mantel widert. Das +bißchen Zimperlichkeit halt ich zugut. Und nun merken Sie auf.« + +Er zog den dreibeinigen Stuhl heran, flink und plump in den Bewegungen, +und setzte sich auf den äußersten Rand, um des Gleichgewichts sicher zu +sein. Er legte die Hände um seine Knie, beugte sich vor, streckte das +Kinn. Alles hatte eine gewisse Anmut, eine plumpe Geschmeidigkeit, +kraftvolle Zierlichkeit. »Seit zweieinhalb Jahren habe ich nicht in das +Gesicht einer Frau gesehen,« begann er und lächelte knabenhaft; »habe +ich nicht die Luft geatmet, die um eine Frau ist, nicht die Bezauberung +verspürt, die davon ausgeht, wie eine Frau die Hände regt, die Lider +hebt und senkt, die Lippen öffnet und schließt. Ich habe Kohlenrauch +gerochen, Kohlenstaub in die Lungen gepumpt und mit Salzluft mühsam +wieder ausgespült, die gräuliche Atmosphäre in Schlafsälen, den heißen +Ölgestank im Maschinenraum geschmeckt; ich habe Zähne fletschen gesehen, +Flüche murmeln gehört, allen Unrat der Menschennatur sich über mich +ausgießen lassen, die eingequetschte, wimmernde, wütende, brüllende Qual +eines riesigen Kerkers mitgelebt, und ich bin hungrig. Nicht in der +Weise hungrig, wie Sie zu fürchten scheinen. Man hat seine Erziehung, +man hat seine Erfahrung, man ist kein Geier. Nicht hungrig wie einer, +der aus Mangel an Nahrung krepiert, an Nahrung überhaupt. Wenns weiter +nichts wäre! Der Tisch für die andern ist reichlich gedeckt. Ich bin +hungrig wie ein Mann, den eine Fiebererscheinung in Trance versetzt hat. +Wir hatten mal in Boston eine spiritistische Sitzung. Es kam, im blauen +Licht, ein weibliches Gespenst herein. Sah ungefähr aus wie Sie, Maria +Jakowlewna; wunderbar sehen Sie aus, wie Sie da sitzen und mir zuhören. +Na, ich ging entschlossen auf das Gespenst los, ohne mich um die +hysterischen Entsetzenskrämpfe der verzückten Gesellschaft zu kümmern, +griff mit Armen darnach, und siehe da, es war ein warmer, weicher +Menschenleib. Ich entsinne mich, es war ein unvergeßliches Wohlsein in +mir, als ich den warmen, weichen Weiberleib hatte. Der Gespensterunfug +nahm gar nichts weg von dem Wohlsein, im Gegenteil, es war so diabolisch +verboten, daß es mir göttlich behagte. Man muß nur mit Armen zugreifen, +wenn es um einen gespenstert. Und es gespenstert schon lange um mich.« + +Er lächelte abermals; strich mit der Hand über die dünnen, +schlichtliegenden Haare; sah alt aus, verbraucht, zerwühlt, plötzlich +wieder straff, elastisch, jugendlich und fuhr nach einigem Besinnen +fort: »Sprechen wir ein wenig von der Fieber-Erscheinung und davon, wie +sie entstanden ist. Denken Sie sich also hunderte von Männern, +primitiven Männern, denken Sie sie monatelang an einem und demselben +Ort; hunderte, doch in ihrer Gesamtheit absolut einsam auf dem Ozean; +durch die militärische Knute in Atem gehalten, durch harten Dienst +niedergezwungen; in ihren Trieben und Instinkten vollständig geknebelt. +Überlegen Sie sich einen Augenblick, was daraus erwächst. Ich bin ein +Mensch, der das Grauen nicht kennt und auch den Ekel nicht. Ich nehme +alles von der einfachsten Seite; es ist da, also hat es da zu sein. Aber +wenn man so buchstäblich in den Miasmen watet, die aus den Seelen +dunsten, das reißt an den Nerven. Es gibt bei Männern einen Zustand der +Entbehrung, der stillen, stumpfen, folternden Begierde, der macht alles +zu Gift und Brand in ihnen. Gefehlt, wollte man meinen, daß die +aufreibende Arbeit, die körperliche Erschöpfung dem entgegenwirkt; die +vergiften und verbrennen nur noch mehr, bis das ganze Individuum ein +von tobsüchtigen Bordellbildern geschütteltes Ding ist mit zwei +Existenzen, jede tierisch genug: die wirkliche, graue, trostlose und die +in der Bruthitze der Erinnerungen und der Wünsche. Ich habe nie an die +friedlichen Robinsons geglaubt; ist so ein Bursche gesund und ein +ehrliches Mannsbild mit seinem Geschlecht im Leibe, so muß er ja +komplett verrückt werden. Oder es stirbt ein Stück Leben in ihm ab. Ich +trete zum Beispiel in einen Schlafraum und sehe mir die Schläfer einzeln +an. Da ist einer, liegt in Schweiß gebadet, mit dicht aneinander +gerückten Falten auf der Stirn. Jede von den Falten ist eine mit +Ausschweifungen gefüllte Grube. Er hält sich schadlos, der Kerl; er +dichtet; er lebt sich aus in seinem lasterhaften Schlaf; kein Hirn eines +abgefeimten Erotikers ist je auf solche Möglichkeiten verfallen. Ein +anderer windet sich wie in Krämpfen der Pubertät; er ist leichenblaß und +trinkt seine eigenen Lippen. Ein anderer sieht aus, als klettre er an +einer Felswand hinauf, angespannt wie ein Seil, lüstern wie ein Affe. +Sie keuchen, schlagen mit gekrallten Fingern um sich, grinsen gierig, +flüstern einen Namen, umklammern etwas in der Luft, sind vollständig +aufgerissen, in einem Chaos glühender Visionen. Noch ein Beispiel. Ich +sitze unter ihnen; dienstfreier Abend; man redet; sie werfen sich ihre +Schlagworte zu; Anspielung auf Anspielung; grobes Geschütz, daß einem +die Ohren sausen; eh mans recht weiß, ist der Siedepunkt erreicht: die +Augen kochen, die Zungen wirbeln, das kaum Ausdenkbare wird gesagt, +geschrieen, schamlos hingemalt, sie wälzen sich in einer heißen Pfütze, +übersteigern sich, neiden einander das frechste Bild, den unflätigsten +Ausdruck, und man sieht dabei, wie es sie über alle Begriffe martert. +Und man beobachtet zwei, die sich einander mit verdeckten Blicken +messen, Mann gegen Mann als wärs Mann gegen Weib; stumm und irr faseln +sie vom Fleisch und von Lust; sie verstehen sich vortrefflich, die zwei +in ihrer Entzündung, und sie sind nicht die einzigen. Jag ich Ihnen +Schauder ein? Das ist nicht der Zweck. Ich tünche bloß den schwarzen +Untergrund für mein Lichtgewebe. Hat man sich vollgesogen mit dem +Irdischen der untersten Abgründe, so werden die Himmelsgestalten so weiß +und so zart wie nur Lilien in Pestsümpfen. Man muß aber zu den Seraphim +entschlossen sein. Es muß einem gelingen, die Poren gegen die Ansteckung +zu verstopfen. Zu früh nachgeben, das heiß ich ein Kalb im Mutterleib +schlachten. Ein Mönch ist unter Umständen ein geriebener Genüßling, wenn +er zum Feinschmecker von Illusionen wird. Vielleicht war der heilige +Antonius der größte Liebeskünstler der Welt. Ein brennenderes +Aphrodisiakum kann ich mir nicht vorstellen als die Qualen von +freiwillig Enthaltsamen. Das geht über ein Fest auf dem Blocksberg. Aber +ich bin kein Voyeur, durchaus nicht. Ich bin nur für kluge Steigerung, +überhaupt für Steigerung. Dort in dem Satanskessel, auf dem Schiff, hab +ich mein Verlangen gezüchtet; habe es sorgsam gepflegt, wie man ein Tier +mästet, das eine delikate Mahlzeit zu werden verspricht. Und wonach hat +mich eigentlich verlangt? Schwer zu sagen. Nach einer bestimmten Glätte +der Haut; nach einer bestimmten Rundung der Fessel; einer bestimmten +Modellierung des Handgelenks; einer bestimmten Transparenz der Äderung +an den Schläfen; einem bestimmten Gang und Schritt und Blick. Ist das +etwas? Umschreibt das etwas? Es ist eine Angelegenheit des Geruchs, des +Spürsinns, der Epidermis, der Nerven-Elektrizität. Deutlicher: ich will +eine Ebenbürtige haben, eine sinnlich Ebenbürtige. Kurz und gut, Maria +Jakowlewna, Sie sind es, die ich haben will.« + +Marias Auge fiel auf einen Skorpion, der, von Fingerslänge, an einem +Brett ihr gegenüber unbeweglich hing, zierlich in der Gliederung, zart +umgrenzt, ohne Schatten, wie eine japanische Zeichnung. Indem sie das +Tier anschaute, ward ihr leichter zumut; in einem losgelösten Teil ihrer +Seele freute sie sich am Zarten und Zierlichen und vergaß das Giftige +und Gefährliche; dieses wußte sie ja nur, sie hatte es nie erfahren. Sie +heftete den Blick in Golowins Gesicht und sagte in zutraulichem Ton: +»Ist es nicht sonderbar? seit Sie das Wort ausgesprochen haben, bin ich +vollkommen ruhig. Es ist nun nichts Unbekanntes mehr zwischen uns. Ich +habe sogar ein Gefühl von Sympathie für Sie. Das eine Wort, dieses +vernunftlose, rohe, gewalttätige Wort hat es bewirkt. Plötzlich bin ich +die unvergleichlich Stärkere von uns beiden.« + +»Verstehe nicht,« murmelte Golowin ziemlich außer Fassung. + +»Sie sagen, Sie wollen mich haben,« fuhr Maria in demselben zutraulichen +Ton fort; »ich antworte Ihnen: schön, hier bin ich; bitte.« + +Golowin starrte sie sprachlos an. + +Sie sagte heiter: »Kann man denn einen Menschen so ohne weiters haben? +so nach Gelüst und Gelegenheit? wie man einen Apfel vom Baum holt, auch +aus einem fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach, weil man +Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist sie sonst nichts als der +Bissen? als die Beute? als das Vergnügen einer Stunde? Wenn Sie dieser +Ansicht sind, - bitte.« + +Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mit abgewendetem Gesicht +dort stehen. Der Mond beleuchtete nur noch ein kleines Stück der Wand. + +»Meinen Sie im Ernst, Sie hätten mich dann gewonnen?« fuhr Maria fort. +»Vielleicht hätten Sie mich zerstört, sicher beschimpft, unerhört +erniedrigt, aber gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren +Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Krüdener, und nicht vielmehr +eine seelenlose Hülse von mir? Ob man lebendige Menschen in Feuerlöcher +wirft oder sie zu Opfern einer Zufallsbegegnung macht, läuft auf +dasselbe hinaus. Haben, was für ein gemeines Wort! was heißt denn haben, +wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen ist, halb +Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.« + +Golowin schwieg noch immer. + +»Die Rechnung ist für mich nicht sehr kompliziert,« sagte Maria; »ich +soll das Zahlungsmittel abgeben für die Freiheit, wahrscheinlich auch +für das Leben von etlichen fünfzig Menschen, darunter meine Kinder und +ich selbst. Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir +offenbar nichts anders übrig, als in den elenden Kaufvertrag zu +willigen. Schön. Es ist nichts Besonderes, nichts Erschütterndes im +Vergleich mit den großen Ereignissen. Es ist ein Schicksal, mit dem man +sich abzufinden hat. Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt. +Aber soll sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der Sie +gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir leid. Es ist eine +uralte und furchtbar gewöhnliche Weltordnung, das.« + +Ohne sich vom Fenster zu rühren, antwortete Golowin mit dumpfer Stimme: +»Sie mißverstehen mich mit Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie müssen +als Weib unrüttelbar fixiert sein, daß Sie Selbstverständlichkeiten mit +einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten. Ich habe meine Augen +im Kopf und meine Witterung in der Nase. Kann sein, daß die Bussole da +drin ein bißchen an Richtung verloren hat; die Nadel schießt verzweifelt +nach links und rechts, als stünde sie überm magnetischen Pol. Daß Sie um +und um und bis in die letzte Faser fixiert sind, habe ich trotzdem +gespürt, und das war ja der Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir +entgegensteht. Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir. Dieses +Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm stellen. Aber ich rieche +ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.« + +Durch Marias Körper lief ein Schrecken wie nie zuvor. + +Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: »Sie reden von ihm mit +jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen wie er es gutheißt und befiehlt. +Aber Sie würden jetzt nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon +gelungen wäre, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft, aber +mich können Sie nicht wegdrängen, und er kann Ihnen bald nicht mehr +helfen, seine Arme werden lahm.« + +»Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch,« sagte Maria. + +»Haben Sie mich für einen bübischen Schänder genommen, für einen +Dutzendhallunken? Ich kenne die Wege, die zu den verborgenen Flammen +führen. Wer sagt Ihnen, daß ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten +verzichten will? auf die Entzückungen der Allmählichkeit? auf die +Überraschungen und kleinen süßen bittern Süßigkeiten, die einen Leib mit +einem Leib befreunden? Aber vielleicht bin ich imstande, vielleicht maß +ich mir an, die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden zu +pressen, die von der Faulheit und dem Mangel an Schwung in so öde Länge +gezogen wird, daß die Ermattung und die Erfüllung nicht mehr Ähnlichkeit +miteinander haben wie ein Schiff, das vom Stapel läuft mit einem Wrack +auf einer Sandbank.« + +»Es ist möglich, daß Sie dazu imstande sind,« sagte Maria, »aber Sie +können nicht einen Stoff in einen andern Stoff verwandeln, Sie können +nicht das Gesetz eines Lebens umstoßen.« + +Golowin lachte spöttisch. »Käme auf den Versuch an. Es ist eine Frage +der Magie.« + +Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo er stand. + +»Sie sprechen von Zufallsbegegnung,« fuhr er fort. »Ich meinerseits +glaube nicht an solchen Zufall. Sind Sie so fest davon überzeugt, daß +Sie bloß eine Verkettung unbestimmbarer Umstände in diese Stadt, in +dieses Haus gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein +Beschluß? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir hätten auch +zufällig auf eine entlegene Insel verschlagen werden können, um wieder +von Robinsonaden zu reden. Wieviel Tage hätten Sie sich Frist gegeben +bis zur Hochzeit? Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang hätte, +einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann gegenüber, Ihr Blut +geschwiegen, falls ich sogar aus Schlauheit oder Berechnung unterlassen +hätte, es zu schüren? Würden Sie einen Triumph darin erblicken, eines +Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige zu bleiben? Treue; +was ist Treue? Eine Übereinkunft, durch die man Entbehrungen +legitimiert, die Machtprobe eines Besitzenden, das Gitter gegen den +Einbruch der Ausgestoßenen, ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte +Hand.« + +»Ich weiß mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen,« antwortete +Maria; »es hängt doch alles davon ab, ob der Funke, den man schlägt, +Feuer gibt oder nicht.« + +»Gewiß,« pflichtete Golowin bei und näherte sich wieder; er trat in den +dunkelgewordenen Teil des Raums und lehnte sich an die Bretterwand; +»gewiß. Wir in unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt. +Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, drüben in Übersee. Das sind +Leute, die sich auf die Methoden verstehen. Es ist eine ererbte Kunst, +von Jahrtausenden her. Sie lächeln über unsere Finten und Schliche, sie +machen sich lustig über unsere Vierschrötigkeit und Dickhäutigkeit, sie +zucken die Achseln über das, was wir unglückliche Liebe nennen. So wie +man dort im Osten ein ausgebildetes System hat, das den Schwächsten +befähigt, einen Athleten zu bändigen und auf die Knie zu bringen, +verleiht eine langwirkende Überlieferung dem mit Erkenntnis Begabten die +Macht, auch in das widerspenstigste Material körperliche Liebe zu +pflanzen. Körperliche Liebe, also Liebe überhaupt, wenn man absieht von +der europäischen Unzucht, die Dinge der Natur ins Blümerante und +Schöngeistige zu verdrehn. Erinnern Sie sich an die berühmte +Skandalgeschichte von der Entführung der Miß Holywood in Neuyork? Sie +war eine Schönheit ersten Ranges, umworben von der männlichen Blüte des +Landes, unnahbar, von makellosem Ruf. Eines Tages war sie verschwunden; +spurlos, rätselhaft. Man setzt für ihre Auffindung Prämien von +schwindelnder Höhe aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am +Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt in einem der +schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt. Man verhaftet eine Anzahl +Chinesen, der eigentlich Schuldige ist entwischt. Die junge Dame bringt +man in das Haus ihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie +steht nicht Rede; sie kann sich dem früheren Leben nicht mehr bequemen, +sie leidet unter Ausbrüchen von Wut und krankhafter Depression, die +Ärzte vermögen nichts über sie, die früheren Freunde nichts, und während +man alle Hebel zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine +Verbindung mit dem Entführer herzustellen; plötzlich ist sie zum zweiten +Mal verschwunden, und wie sie in einem hinterlassenen Brief mitteilt, +ist es ihr freiwilliger Entschluß gewesen, zu dem Chinesen +zurückzukehren. Die amerikanische Gesellschaft war natürlich außer sich, +denn was gibt es in ihren Augen Verächtlicheres als einen Chinaman? Mich +beschäftigte die Sache ungemein. Da ich keinerlei Kasten- und +Rassendünkel kenne, scheute ich mich nicht, meine chinesischen +Beziehungen dahin auszunützen, daß ich über den mysteriösen Fall, der +durchaus kein vereinzelter war, wie ich später erfuhr, verschiedene +Aufschlüsse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen sind sehr +zurückhaltend, außerdem behaupten sie, es gäbe auf diesem Gebiet +zwischen ihren und unsern Anschauungen keine Verständigung. Es fehlen +die Vokabeln schon, behaupten sie. Aber das Glück wollte, daß ich auf +einen prachtvollen Lehrmeister stieß, einen Burschen so fein wie +Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. Hören Sie auch zu? Ich +sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie werden nichts wissen wollen von +dieser Weisheit und Feinheit, die in ein Labyrinth führt. Und was +fruchtet sie mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth sträuben? Es +weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander Ding als unsre +Miniaturleidenschaften und gestatteten Gefühle. Bei dieser Mischung von +Gelehrsamkeit und narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, daß der +Mensch von der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden muß. Wer +von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der größte Verbrecher nicht. +Dostojewski; aber die Angst bleibt auch bei ihm. Mein Chinese +entwickelte unter anderm eine ganze Philosophie der sinnlichen +Beeinflussungen und Übertragungen. Die Herrschaft über das lebendige +Instrument ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell, +aber unsere Frauen verlieren schon im ersten Stadium die +Widerstandskraft. Je höher gezüchtet eine ist, je wehrloser ergibt sie +sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis einer solchen Frau gelesen; +die erstaunlichste Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und +kühn. Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors in +Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen war. Sie +sprach von dem Glück des Grauens, von der Wonne der Verlöschung, und daß +sie keine Gewissensbisse darüber empfinde, die Seele, diesen lügenhaften +Frieden der Seele, hingegeben zu haben, für die Flammen, die sie +umprasselten und dem Augenblick des Todes den der Auferstehung des +Fleisches folgen ließen. Das klingt wie Wahnwitz und ist in der Tat +vielleicht eine Form der Hysterie. Überdies soll sie vor ein paar Jahren +in einer Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener rechter +Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber reizte mich, es mit der +Praxis zu versuchen, und die Erfolge waren nicht übel; die Schule +bewährte sich. Freilich fehlte das letzte Geheimnis; was hätte ich +gegeben um das letzte Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu +seicht; der europäische Mensch ist nicht eng genug; etwas Ähnliches sagt +schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte die Probe bei vielen +an. Die Wildesten wurden zahm; wie Würmer so zahm wurden sie. So +eigentümlich entseelt waren sie nach kurzer Zeit, als hätte man aus +ihrem Gehirn gewisse Bewußtseinskomplexe mit dem Messer entfernt. Man +wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein, man umschlingt sie +unbemerkt, die wunderbaren Körperchen, bemächtigt sich ihrer, indem man +den Sklaven macht, den unhörbaren Schatten, das unentbehrliche andre +Ich, das verachtete und verstoßene Teil, die böse lockende Chimäre. Und +so zieht man das Menschlein an sich, bis es nicht mehr entschlüpfen +kann. Es gibt da Zärtlichkeiten wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die +Spitze jedes Fingers, jede Stelle der Haut, die Höhle unter der Achsel, +das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Zärtlichkeit dressiert, +und dankt. Jedes Glied an dem geliebten Leib dankt. Jedes ist +hingeschmolzen in seine besondere Lust, jedes erwacht für sich als wie +ein jauchzendes williges Tierchen, ein Flammentierchen und was man in +Armen hält, ist ein Wesen ohne Scham und Lüge, ohne Geist und ohne +Angst, unergründlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna,« seine Stimme, +die zuletzt ein Flüstern geworden war, erhob sich und klang durch den +Kontrast wie ein Schreien, »wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz +packe, gehört es mir, so oder so. Lassen wir die Erzählungen, die +Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor hunderttausend Jahren war. Ja, +ich reiße Ihre Brust auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr, +keine Gestalt, kein Gelöbnis, kein Bild, innen ist nur Liebe. Ich will +drin verbrennen und verdorren, wenn es sein muß, aber geben Sie mir +Liebe.« + +Der Mond war untergegangen. Es war völlig finster geworden. Maria erhob +sich, tastete sich zum Tisch und griff nach der Kerze. Sie fand +Zündhölzer daneben und machte Licht. Besorgt sah sie, daß das Stümpchen +nicht lange brennen würde. »Liebe,« murmelte sie, »Liebe.« + +»Warum töten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen?« fragte Golowin +zu ihr hinüber. + +»Ich verscharre nur den Leichnam, getötet haben Sie es,« antwortete sie +ernst. »Ein Leben lang.« + +»Moral, flaue Moral,« sagte er achselzuckend; »der Hieb ist zu matt, ich +pariere ihn nicht.« + +Maria begann mit jener tiefen Stimme einer Märchenerzählerin, die alles, +was sie sagte, durch den bloßen Klang versinnlichte: »Auf dem Gut hörte +ich eine Geschichte von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide +waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab sich Petruschka auf die +Wanderschaft und blieb viele Jahre fort. Als er heimkehrte, brachte er +einen Sack voll Gold mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka +gierig. Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing an, ein +stolzes Schloß zu bauen. Nikituschka läßt sich den Weg erklären, macht +sich auf, kommt aber nach einer Zeit müde zurück. Ich habe mich verirrt, +sagt er. Da begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen, in +den der Stollen führt und sagt: in den Stollen mußt du hinunter und +viele Jahre graben. Es dauert nicht lange, da erscheint Nikituschka +abermals unverrichteter Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre +unter der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das ist +einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben, sagt Petruschka, +du siehst ja, daß ich mir da ein Schloß baue; wovon soll ich die +Bauleute entlohnen? Hilf auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem +Gold.« + +Sie schwieg. + +»Der Hieb ist nicht stärker geworden,« sagte Golowin lächelnd; +»Petruschka hätte teilen sollen, als er mit dem Gold zurückkam.« + +»Was hätte es Nikituschka genützt?« erwiderte Maria mit Eifer; »er hätte +seinen Anteil verschwendet und wäre so arm gewesen wie zuvor.« + +»Besser zu verschwenden als mühselig zu graben,« beharrte Golowin, noch +immer lächelnd und sah sie aus den Augenwinkeln an. + +»Der Verschwender ist ein Dieb,« sagte Maria; »man muß im Stollen +gewesen sein; man muß gegraben haben.« + +»Man muß, man muß,« spottete Golowin, und der Blick aus den Augenwinkeln +wurde funkelnd; »hab ich etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?« + +»Nicht Gold gefördert, nicht Petruschkas Gold,« wehrte Maria mit +erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick als seine Worte; »wenn +Petruschka fragt: was hast du im Stollen gemacht, so werden Sie ihm +antworten müssen: was dich kränkt, was dein Gemüt vergiftet, was dir +Leiden bereitet, dir und deinen Brüdern. Petruschka hat gebaut.« + +Golowin entgegnete nichts. Er drückte den Hinterkopf an die Bretterwand, +fuhr fort zu lächeln, fuhr fort, sie aus den Augenwinkeln zu betrachten. +Eine eigene Unruhe bemächtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende +und sie allmählich ganz einhüllende seltsame Scham. Ihr wäre am liebsten +gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu verschwinden. Es ging so +weit, daß sie sich ärgerte und sich innerlich Vorwürfe machte, die Kerze +angezündet zu haben. Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den +Ohren und im Nacken heiß; sie konnte sich diesen Zustand durchaus nicht +erklären. Plötzlich fragte er, ohne sich zu rühren, in die Luft hinein: +»Glauben Sie an das Ende?« + +»An welches Ende?« + +»Nicht bloß an das Ende von Maria Krüdener und Igor Golowin, das ist ja +gewiß. An das Ende von Rußland und Europa meine ich, an das Ende von +Eisenbahn und Telegraph, von Zeitungen und Büchern, von Kunst und +Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an das Ende der +Menschheit, an das Ende von allem. Glauben Sie daran?« + +Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete sie leise: »Ich +glaube nicht daran. Ich glaube an das ewige Leben.« + +»Glauben Sie an die Wiederkehr?« fragte Golowin, und sein Lächeln +verdämmerte in den Schatten, die der flackernde Kerzenschein in sein +Gesicht warf. + +»Was verstehen Sie unter Wiederkehr?« + +»Nichts kehrt wieder,« sprach er, ohne die Frage zu beachten, »und doch +schreit jeder Atemzug im Menschen nach Wiederkehr. Nichts kann noch +einmal sein, was gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste +Verlangen im Menschen, daß es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist das +Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht überwindet, ist man +der Narr des Schicksals. Auch für Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie +wieder, was einmal Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis +gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.« + +Mit geschlossenen Augen schüttelte Maria den Kopf und sagte: »Ich weiß +es so fest wie daß die Sonne aufgehn wird: er kehrt wieder.« + +»Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gefühl; die spricht aus Ihnen. +Sie haben das Unglück gehabt, eine glückliche Ehe zu finden, sonst wären +Sie ein Weib gewesen, mit dem man auf die Barrikaden gehen könnte. +Schade, wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenne erniedrigt +wird. Alles was edel und flugkräftig an Ihnen war, hat die Ehe in eine +Kapsel gepreßt, und Sie wagen sich nicht zu rühren aus Angst, das +Gehäuse zu sprengen. Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen +angebracht, Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen; +wozu Sie aber hätten steigen können, wenn man Ihnen die Menschenfreiheit +nicht geraubt hätte, davor verschließen Sie sich. Frauen wie Sie müßten +in ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe zerstört sie. Es +ist als hätte man Sand in ein kostbares Uhrwerk geschüttet. Wenn dann +der große Feind kommt, ist es zu spät. Der große Feind, der große +Abrechnungskommissär, der Unbestechliche.« + +Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer Innigkeit, der +Golowin betroffen machte. + +»Glauben Sie auch nicht an den großen Feind?« fragte er verdeckten +Tones. + +Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und antwortete nicht. + +»Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht?« fuhr er lauernd +und seltsam spöttisch fort; »sicherlich. Sie haben ja Phantasie. Ist er +nicht einnehmend? berauschend? verführerisch? Sieht er nicht aus wie ein +echter Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse? nicht +eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte und Erforschte und +Erlebte, eingedrungen aus Wollust? Die Welt ist voll von ihm. Er fegt +den angesammelten Kehricht weg.« + +»Ja, die Welt ist voll von ihm,« sagte Maria; »er schreit Gerechtigkeit +- und mordet; er schwärmt von Bruderliebe - und mordet; er trieft von +Mitleid - und mordet; er faselt von Fortschritt und Erneuerung - und +mordet; er küßt und umarmt - und mordet. Er kennt kein Erbarmen in +seiner - Liebe.« Sie blickte ihm noch immer in die grün funkelnden +Augen. Die Kerze verlosch zischend. + +Es entstand ein langes Schweigen. Maria fühlte Schwäche in den Knien, +ging zu der Bettstelle und ließ sich auf die Kante nieder. Daß Golowin +sich nicht rührte, war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor +dem Fenster, die erste Ankündigung des Tages. Sie wagte nicht +hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer geschnürt. + +Auf einmal kam seine Stimme: »Sie sind so reich, daß Sie eine Nacht aus +Ihrem Leben ausstreichen können. Für Sie nicht gelebt, für mich +hundertfach gelebt. Ich spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es +kann die nächste sein. Ist es die nächste nicht, so wird es eine andre +sein. Ich kann warten.« + +Maria antwortete zwanghaft, als würde ihr die Rede von einem +unsichtbaren Dritten diktiert: »Es kann keine sein.« + +Er sagte: »Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir können uns +vergleichen ohne Rücksicht auf die kriegführenden Parteien. Es läge eine +gewisse Größe darin. Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht, +das viele andere überflüssig macht.« + +»Ich gehöre nicht mir. Kein Haar an mir ist mein Eigentum,« entgegnete +Maria. + +Er sagte: »Sie fühlen sehr genau die Feigheit in diesem Argument. +Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar ist?« + +»Auf die Frage möchte ich lieber nicht antworten.« + +»Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht die Gegenwart, ist +zwischen Ja und Nein kaum mehr zum Besinnen Platz.« + +»Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit.« Sie +bedeckte die Augen mit der Hand. + +Er sagte: »Wenn Sie Ihre Lippen auf meine drückten, könnt ich mir +einbilden, ich sei wieder Knabe und finge von vorn an. Wiederkehr, +Wiederkehr. Fürchten Sie nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle. +Ich will ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch können Sie mir nicht +verwehren zu träumen. Ich träume, daß ich Ihre Hand halte. Daß ich sie +nur mit meinen Fingerspitzen streife. Sie vergessen, daß Sie Mutter, +Gattin, Dame, Herrin sind, alle diese verruchten Würden einer überlebten +Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin eingeschlossen, daran +geklammert meine, mit Blut, Hirn, Trieb, Seele. Was können Sie dagegen +tun? Still, wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein, und +du öffnest dich wie ein Kelch ...« + +Maria hörte zu, außen und innen Eis, doch von etwas Lauem durchflutet, +das betäubte. Er hatte sie nicht angerührt, trotzdem fühlte sie ihre +Hand wie in einem Schraubstock. Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das +Blut wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte zu sprechen +und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt. Mitjas ernste Augen +blickten sie an. Ihr Körper war ihr fremd, und sie fürchtete ihn. Das +Bild einer Uhr erschien ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht +weiterrücken wollten. Sie schaute gegen das Fenster. »Es wird Tag,« +murmelte sie. Von der Straße schallten eilige Schritte herauf. Gut, daß +die Menschen erwachen, fuhr es ihr durch den Kopf. + +Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhr Golowin fort: »Ja, es +wird Tag. Schluß des ersten Aktes. Vorhang. Die Länge der Zwischenpause +ist nicht bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich meiner +in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht brechen, die ich über Sie +erlangt habe? Sie werden sich in Pflichten stürzen, Sie werden Aufgaben +zu lösen trachten, Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das +Eingestürzte aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde immer ich +sein, da nützt kein Sträuben und kein Tun.« + +Sie konnte jetzt in der Dämmerung sein Gesicht wahrnehmen. Es glich +einem fleckig grauen Tuch. Sie fand keine Widerrede. Inmitten ihrer +bedrückten Versunkenheit wunderte sie sich über seine Haltung, die etwas +Lockeres, beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte plötzlich ein +langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf wie ein Wachthund. Er +trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife heraus und erwiderte das Signal. +Gleich darauf hörte man von der Richtung des Meeres her Geschützdonner. + +»Gut,« sagte Golowin, »man schnallt das eiserne Stirnband wieder um.« Er +nahm den Mantel vom Haken und warf ihn über die Schulter. »Ihre Straße +ist frei, Maria Jakowlewna,« fügte er mit einer Verbeugung hinzu. + +Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr. + +»Zwei Worte noch,« sagte er, an der Tür stehen bleibend; »das eine: +prägen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren Stern darum, daß unsere +Wege sich nie mehr kreuzen.« + +»Nein; unsere Wege dürfen sich nie mehr kreuzen,« erwiderte sie. + +»Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das Sie den Frieden +Ihrer Seele wieder gewinnen können, außer es kommt noch einmal zur +Entscheidung zwischen uns. Und das steht dahin.« + +Maria lauschte seinen starken Schritten nach, als er gegangen war. Sie +drückte die flachen Hände gegen die Brust und hob das Gesicht, das +bleich war, mit fromm-erschlossener Miene zur Höhe. + +Als sie in das untere Stockwerk kam, waren alle bereits auf den Beinen +und rüsteten sich zu neuer Reise. In der Freude über den Abzug der +Matrosen achtete man ihrer gar nicht. Menasse unterhandelte bereits mit +einem Schiffer, der eine Barke zur Überfahrt zu vermieten hatte. Sie +aber fühlte die Wahrheit der Worte Golowins: die Straße war frei, aber +das Ziel des Wegs war unkenntlich verdunkelt. + + + + +Lukardis + + +Im Verlauf der schleichenden Revolution, von der das russische Reich +während des vorletzten Jahrzehnts heimgesucht war, kam es eines Tages zu +einem Straßenkampf in Moskau. Den unmittelbaren Anlaß hatte die +Verschickung von fünfunddreißig Studenten und Studentinnen gegeben, die +das Jubiläum eines verehrten Lehrers, welcher der Polizei verdächtig +geworden war, in überschwenglicher Weise gefeiert und die Feier durch +heimliche Zusammenkünfte vorbereitet hatten. Einige der angesehensten +Familien der Stadt wurden durch die grausame Maßregel betroffen, und die +Trauer und Entrüstung so vieler bis dahin ruhiger Bürger erregte eine +gefährlichere Stimmung als es die Aufwiegelung der politisch Tätigen +vermocht hätte. + +Unter den mit tückischer Eile Deportierten befand sich auch ein junges +Mädchen namens Anna Pawlowna Nadinsky. Es lebte in Moskau ein Bruder von +ihr, Eugen, oder wie es im Russischen heißt, Jewgen Pawlowitsch, +Offizier bei einem Dragonerregiment, ein schöner stolzer Mensch von +dreiundzwanzig Jahren, dem man eine rühmliche Laufbahn vorhersagte. +Eugen Pawlowitsch Nadinsky liebte seine Schwester, sie war die +vertraute Freundin in allen Angelegenheiten seines Lebens gewesen. Als +er sie nun verloren sah, für sich wie für die Welt verloren, der +Erniedrigung und den Entbehrungen preisgegeben, welche der jahrelange +Aufenthalt in Sibirien mit sich bringen mußte, war sein Schmerz so groß, +das Gerechtigkeitsgefühl in ihm so tief beleidigt, daß die Fundamente +seines Daseins wankten, und er eine Ordnung nicht mehr anerkennen +wollte, der er sich bis zu dieser Stunde bereitwillig gefügt hatte. Es +geschah fast von selbst und zu seinem eigenen Erstaunen, daß er, als das +Regiment wenige Tage nach jenem Gewaltstreich der Polizei zur +Beschwichtigung der in der Stadt ausgebrochenen Revolte unter die Waffen +treten und in die Straßen reiten mußte, plötzlich die Spitze des von ihm +geführten Zuges verließ, von seinem Pferd sprang und gegen eine aus +Pflastersteinen, Balken, Karren, Körben und allerlei Hausrat +zusammengesetzte Barrikade eilte, wobei er den Verteidigern lebhafte +Zeichen gab, welche sie nicht mißverstehen konnten, zumal ja Überläufer +aus den Reihen der Soldateska, auch während des Kampfes, nicht selten +waren. Kaum aber war Nadinsky auf der Höhe der Barrikade angelangt, die +er übersteigen wollte, um sich gegen die wahren Feinde seines Vaterlands +zu wenden, als ihn aus den Dutzenden wider ihn gerichteten Gewehren der +Dragoner zwei Schüsse trafen. Von der andern Seite der Barrikade +streckten sich ihm Hände entgegen, Augen strahlten ihn begeistert an, es +war wie ein Dank und stillte die letzten Zweifel, die ihn noch +beunruhigen mochten; auch sein Name wurde gerufen; einige kannten ihn +also, und der Jubel in ihren Stimmen belohnte ihn noch in dem Gefühl der +Todesschwäche. Er kehrte sich um, zog den Revolver aus dem Gürtel und +feuerte gegen die Anstürmenden, denen sein empörtes Herz die +Kameradschaft gekündigt hatte, dann stürzte er auf die Brust, und die +Finger seiner rechten Hand krampften sich in das Strohgeflecht eines +zwischen Bretter geklemmten Stuhls. + +Sogleich ergriffen ihn zwei junge Leute und trugen den Bewußtlosen auf +die steinerne Treppe eines Haustors. In großer Eile öffneten sie +Nadinskys Rock und Hemd, rissen Streifen aus dem Hemd, verbanden die +Wunden, die stark bluteten, und sahen sich dann hilfesuchend um. Da +erblickten sie den Wagen eines Grünzeughändlers; der Besitzer war +verschwunden; das magere kleine Pferd stand an der Deichsel wie +gefroren. Rasch entschlossen betteten sie den Offizier mitten in Gemüse +und Salat und deckten ihn mit Blättern zu. Der eine von ihnen kehrte zum +Kampfplatz zurück, der andere nahm das Roß beim Zügel und führte es die +Straße hinunter, dann durch mehrere Nebenstraßen, schließlich auf einen +freien Platz, wo die Universitätsklinik war. Er fuhr in das geräumige +Tor und ging in das Zimmer eines Assistenten, der alsbald Auftrag gab, +den Verwundeten in einen der Krankensäle zu schaffen. Die Verletzungen +waren schwer. Eine Kugel hatte zwar nur den Hals gestreift, die andere +jedoch hatte unterhalb des Schulterblattes die Lunge getroffen, steckte +noch im Körper und mußte durch eine Operation herausgenommen werden. +Erst am dritten Tage erwachte Nadinsky aus fieberhafter Ohnmacht und +wußte lange Zeit nicht, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war. + +Nun hatte aber die Polizei durch einen ihrer zahlreichen Spione in +Erfahrung gebracht, wo sich der junge Offizier befand, von dessen +Desertion ganz Moskau sprach. Es erschien ein Isprawnik in der Klinik, +um den todkranken Mann zu verhaften. Er wurde an Nadinskys Lager +geführt und trotzdem er sich von der Gefährlichkeit seines Zustandes +überzeugen konnte, beharrte er auf seinem Verlangen und pochte auf den +schriftlichen Befehl. Indes der Assistenzarzt noch mit ihm zu +unterhandeln versuchte, trat der Professor hinzu, warf einen schnellen +Blick auf Nadinskys apathisches Gesicht, in welchem ein Zug von +Knabenhaftigkeit Sympathie und Rührung erweckte und sagte: »Wenn man ihn +jetzt von hier wegbringt, wird er in der ersten Viertelstunde sterben. +Es ist vorteilhafter für die Polizei, zu warten.« Der Isprawnik wurde +unschlüssig. Er war noch Neuling und wenig verhärtet; überdies hatte er +in der Fülle der ihm obliegenden Geschäfte und Aufträge den Kopf +verloren. Er überlegte eine Weile und erklärte sich hierauf damit +einverstanden, den Offizier noch so lange in der Klinik zu lassen, bis +seine Kräfte den Transport erlauben würden. + +Damit waren einige Tage für Nadinsky gewonnen; in diesen Tagen wuchs die +Teilnahme des Professors für ihn zusehends, und er trug Sorge, sein +Interesse auch andern Personen einzuflößen. Es meldeten sich Freunde, +die ihm zur Flucht verhelfen wollten; eines Morgens wurde er in ein +Zimmer gebracht, worin außer ihm niemand lag. Am selben Abend besuchte +ihn ein junger Mensch, der die Absicht hatte, ihn, als Krankenwärterin +verkleidet, nach Sokolnikin, einen Park in der Nähe von Moskau, zu +schaffen, was bei seiner Schwäche und seiner noch immer fieberhaften +Verfassung ein Wagnis auf Leben und Tod bedeutete. Nadinsky war jedoch +bereit, ihm zu folgen, denn blieb er, so war ihm der Tod oder das +Schlimmere, ewige Kerkerhaft im entlegensten Sibirien, gewiß. So fuhr er +also in tiefer Nacht, bei Schnee und Kälte, es war Mitte des Monats +März, nach Sokolnikin und wohnte in der Villa eines Gelehrten, der bei +der Polizei für unverdächtig galt. Es dauerte aber nur vierundzwanzig +Stunden, da kamen wieder Boten, die sich als Spaziergänger unauffällig +dem Haus genähert hatten, in dessen Mansarde der kranke Nadinsky lag, +und meldeten, daß die Polizei neuerdings auf seine Spur geraten und daß +für die folgende Nacht seine Verhaftung befohlen sei. Es blieb also +nichts übrig als einen anderen Zufluchtsort für ihn ausfindig zu machen. +Der Haushalt des Gelehrten, eines Deutschen von Geburt, wurde von seiner +Schwester Anastasia Karlowna geführt, einer ebenso beherzten wie +gutmütigen Frau, die seit mehr als vierzig Jahren in Moskau lebte und +nicht nur in der Gesellschaft einflußreiche und wohlwollende Bekannte +hatte, sondern auch bei vielen Leuten im Volk sehr beliebt war. Sie +hatte dem jungen Offizier Speise und Trank gebracht, ihn gepflegt und +seine Anwesenheit klug zu verbergen gewußt. Nun sorgte sie zunächst für +eine neue Verkleidung, und als es dämmerte, brachte sie ihn mit Hilfe +eines Menschen, der ihr ganz fremd war, sich aber zu diesem Dienst +angeboten hatte, im Gewand eines einfachen Arbeiters zu der Familie +eines Drechslers in die Vorstadt. Dort blieb er nur eine Nacht, am +Morgen weigerte sich der Mann, der Argwohn geschöpft hatte und für sich +und die Seinen begründete Furcht empfand, den Flüchtling länger zu +beherbergen. Fünf Tage lang wurde Nadinsky auf diese Weise von Haus zu +Haus geschleppt, von dem des Drechslers in die Wohnung einer +Fuhrmannswitwe, dann in die eines Maurers, dann zu einem Gärtner, +schließlich zu einem Laboranten. Immer merkten die Leute nach wenigen +Stunden, wem sie ein Asyl gewährt hatten, die Angst vor der Polizei +überwog das Mitleid und verstockte sie gegen die Beredsamkeit +Anastasias, die in ihrem Eifer keineswegs erlahmte. Sie war die Nächte +über bei Nadinsky, denn er konnte sich nicht selbst überlassen bleiben; +man mußte ihn ankleiden, waschen und zweimal täglich die Wunden +verbinden, deren Heilung bei der unregelmäßigen und aufregenden +Lebensweise nur langsam vonstatten ging. Als nun auch der Laborant, den +sie mit Geld und vielen Worten bestochen hatten, den aufgezwungenen Gast +fortzubringen befahl, verzweifelte Anastasia Karlowna daran, Nadinsky +retten zu können. Die Freunde, die ihr bisher beigestanden, vermochten +nichts mehr zu tun, die Polizei war auf ihren Spuren, jeder fernere +Schritt mußte sie ins Verderben ziehen, auch sie selbst fühlte sich +bedrohlich überwacht. Zum letztenmal versuchte sie den Laboranten durch +Bitten und Flehen zu erweichen; nur noch eine einzige Nacht möge er +christliche Nachsicht üben, das Leben ihres Bruders - denn sie gab +Nadinsky für ihren Bruder aus - stehe auf dem Spiel; umsonst, sie +schürte bloß das Mißtrauen des Mannes und alles, was sie erreichte, war, +daß er ihr drei Stunden Frist gab; wenn nach Verlauf dieser Zeit +Nadinsky nicht aus dem Haus geschafft sei, werde er die Anzeige machen. + +Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr mußte also Anastasia +eine Stätte für ihren Schützling gefunden haben. Sie irrte eine Weile +durch die Straßen, ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber +immer vor den Türen wieder um, weil sie überall eine abschlägige Antwort +oder gar Verrat fürchtete. Da verfiel sie in ihrer Bedrängnis auf den +Gedanken, Nadinsky in eines jener Häuser zu bringen, in denen an +Liebespaare Zimmer vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig, +einen Paß vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege haben +konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, den sie am +Morgen zu ihm geführt hatte, dann konnte er zur Grenze gelangen. Um den +kühnen Plan durchzuführen, mußte sie aber eine Helferin haben, ein +Geschöpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, verschwiegen und klug +war. Sie ließ alle jungen Damen, die sie kannte, an ihrem inneren Auge +vorübergehen, aber keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich +zu nehmen. Unter den Revolutionärinnen hatte Anastasia keine Bekannte, +auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, die möglicherweise +den Nachspähungen der Polizei ausgesetzt war; an eine Angehörige der +untern Klasse oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, war +nicht zu denken, es mußte eine Dame oder ein Fräulein aus der +Gesellschaft sein. + +Sie war ermüdet von den Anstrengungen der letzten Tage, und mehr um zu +rasten als um eine Erfrischung zu nehmen, ging sie in eine kleine +Konditorei an der Straße, trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein +dämmeriges Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen +saßen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in ihre Nähe, ohne +sie zu beachten, merkte aber dann, daß die eine, die ältere Dame, sie +fixierte und mit freundlichem Nicken herübergrüßte. Da erkannte sie die +Frau; es war Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten +Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, ein etwa +neunzehnjähriges Mädchen von nicht gewöhnlicher Schönheit. Kaum hatte +Anastasia einen Blick auf sie geworfen, so sagte sie sich: Die muß es +vollbringen und keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals +Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast noch ein Kind gewesen +war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, sie hatte sich oft mit ihr +beschäftigt, oft mit ihr gesprochen; sie erinnerte sich, daß das damals +dreizehnjährige Geschöpf ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie +es nur Menschen tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere +Kraft in sich verschließen; was für eine Eigenschaft oder Kraft es war, +hatte sie nie ergründen können, soviel sie auch darüber gegrübelt hatte. +Die Mutter war eine ziemlich einfältige Frau, fromm, apathisch und +harmlos, sogar ihres Gebrechens nur dumpf bewußt. + +Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, nachdem sie die +Generalin durch Mienen und Gesten nach ihrem Befinden gefragt, leise mit +Lukardis Nikolajewna zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf +ihren Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte, +senkte sie bescheiden die Augen und störte das Gespräch durch kein +Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia spürte die Verwegenheit ihres +Vorhabens mit beklommenem Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie +mußte sich kurz fassen; sie mußte in wenigen Sätzen alles sagen, das +Außerordentliche verlangen, Lukardis innerstes Menschengefühl aufrühren +und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall alles vereiteln, +Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis wußte wenig von den +revolutionären Umtrieben; sie ahnte vieles, hatte jedoch weder Einblick +noch Urteil; sie lebte in einer Sphäre sanfter Träume, mit der +Erinnerung an Puppen und der Gegenwart hübscher Schmuckkästchen, mit dem +Echo der neckischen Galanterien verheirateter Herren und der +vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte doch, wie ein junges +Waldtier, das fernes Jagdgetöse vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut, +Schmerz und Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; es gab +Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe empfand, eine +grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den Bezirk heuchlerischer Stille, +in dem sich ihr Dasein formte, zu verlassen. Aber sie fürchtete die +Welt, sie fürchtete die Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand, +die ihr gereicht wurde, ihr war, als ob alles trübe, ja schmutzig sei, +was außerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, sie hörte Leute auf der +Gasse nie ohne Schauder reden, sie vermochte keine Zeitung zu lesen, +ohne daß sie neben dem Wilden und Rätselhaften, als welches sich ihr das +Leben, das Draußen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes und +Befleckendes fühlte, selbst die meisten Bücher, ein Vers, ein +Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen schrecklichen, nicht zu +besiegenden Eindruck. + +Regungslos hörte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht färbte und +entfärbte sich wieder. Da war keine Lockung, kein Prickeln des +Unbekannten, keine mädchenhafte Lüsternheit und ungestandene +Aufregungslust; nichts anderes vernahm sie als den Ruf zur Pflicht. +Nichts anderes las sie in den harten Zügen Anastasia Karlownas. Sie +brauchte nicht einmal einen Entschluß zu fassen; was sie zu tun hatte, +stand sogleich und unabänderlich fest. Sie war Braut. Seit sechs Wochen +war sie mit einem Petersburger Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch +Kussin, verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, daß +sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten Schicksal +entgegengehe, auch sie selbst fühlte sich glücklich. Wenn es etwas gab, +das sie irre machen konnte, war es der Gedanke an ihn, dem sie mit +schwesterlichem Gefühl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies +spüren mochte, eine Andeutung fallen ließ, um sie darüber zu beruhigen, +runzelte sie die Stirn und erwiderte, sie bedürfe des Zuspruchs nicht, +ihr Bräutigam werde niemals die Meinung hegen, daß sie etwas Schlechtes +oder Häßliches begangen habe. + +»Sie sind also dazu entschlossen?« fragte Anastasia leise, indem sie den +Blick ihrer grauen Augen auf die Hand des Mädchens heftete. + +»Ich bin dazu entschlossen,« antwortete Lukardis ebenso leise, ohne die +Lider zu erheben. »Es ist nur noch eine Schwierigkeit -« + +»Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen ist?« fiel +ihr Anastasia rasch und mit einem fanatischen Ton der Stimme ins Wort. + +»Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nächte vom Hause +wegzubleiben?« fragte Lukardis, die Finger ihrer weißen Hände +verschränkend. + +Anastasia starrte düster sinnend auf einen Kuchenteller. + +»Nur das eine ist möglich,« fuhr Lukardis flüsternd fort, »ganz in der +Stille zu verschwinden, der Mutter einen Brief zu schreiben -« + +»Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit bitten und +versprechen, bei der Rückkehr alles zu sagen. Aber auch Sie selbst +müssen schweigen, Lukardis Nikolajewna,« setzte sie fast drohend hinzu. +»Sie müssen schweigen, als ob Sie es nie gelebt hätten.« + +Lukardis nickte bloß. Ihre Augen waren jetzt weit geöffnet und blickten +geradeaus. Anastasia schärfte ihr aufs genaueste ein, wie sie sich zu +kleiden und wie sie sich zu betragen habe und nachdem sie ihr noch +gesagt hatte, wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht +sie an das ernste Gespräch, das trotz seiner Gewichtigkeit kaum eine +Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden an, um Lukardis zum +Lächeln zu bringen und in der Generalin keinen Argwohn keimen zu +lassen, erhob sich dann erleichterten Herzens und verabschiedete sich. + +Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet. Er lag in +dem armseligen Zimmer des Laboranten auf dem Sofa, und nachdem er sie +angehört hatte, drückte er ihr die Hand und sagte: »Mein Leben ist so +vieler Umstände nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist ein +verlorenes Leben.« Anastasia verwies ihm diese Worte; sie entgegnete, +daß sie sich bessern Dank erhofft habe, als so mutlose Redensarten zu +hören, und fing an, den Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky +seufzte. »Was solls auch« sagte er mit müder Stimme, »mir ist nun alles +anders, Auge, Hand und Gefühl. Wie von Gespenstern bin ich umgeben, ich +empfinde gar nicht den Abschluß gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter +auf dem Gut. Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals +genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild von mir. Sie +weiß nicht, daß sie mich nie wiedersehen wird, sie weiß es durchaus +nicht, trotzdem weint sie über dem Bild. Aber ich, ich fühle nichts. Mir +ist alles so wesenlos geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.« + +Anastasia hielt diese Reden für einen Ausdruck des Fiebers und +schüttelte unwillig den Kopf. Eine Weile, nachdem es dunkel geworden +war, fuhr ein Wagen am Toreingang vor. Anastasia hatte einen hübschen +Anzug für Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen, +besah ihn jetzt noch einmal prüfend und geleitete ihn dann hinunter. Im +Wagen saß Lukardis Nikolajewna Schmoll, tief verschleiert. Anastasia +reichte ihr ein Paket mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, daß sie ihn +am zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer gewissen Stelle +des Bahnhofs erwarten und daß sie sich bis dahin einen Auslandspaß für +ihn verschafft haben werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse, +winkte grüßend ins Fenster und der Wagen fuhr davon. + +Schweigend saßen Lukardis und Nadinsky nebeneinander. Die Situation war +zu ungewöhnlich, zu drohend, zu schicksalsvoll, als daß sie Verlegenheit +hätten empfinden können. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel, sah +Lukardis, daß Nadinsky die Augen geschlossen hatte und daß sein Gesicht +bleich war. Er hatte ihr die Hand gegeben, als er sich neben sie gesetzt +hatte, das war alles. Sie ihrerseits fand, daß seine Nähe sie nicht +schreckte und daß sie schweigen durfte. + +Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen Gasse. Nadinsky +mußte alle Kraft zusammennehmen, als sie ausstiegen. Er reichte seiner +Begleiterin den Arm, doch führte sie ihn mehr als er sie. Er forderte +zwei Zimmer. Man war beflissen, ihm gefällig zu sein. Er schleppte sich +mit Mühe die Treppe hinauf, bewahrte mit Mühe die Haltung des Lebemanns, +den ein flüchtiges Abenteuer beschäftigt. Dem Gebrauch des Hauses +entsprechend, wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung +überwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetreßten Livree, hatte +boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein unveränderliches, abgeschmackt +einladendes Lächeln auf den dicken Lippen und war demütig. Lukardis +spürte, wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog. Er deckte den +Tisch, blieb hündisch lauschend stehen, während Nadinsky mit erschöpfter +Gleichgültigkeit die Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein +messender Blick schien zu verlangen, daß die beiden auch wirklich waren, +was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt; sie hatte ein +dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sich nicht geben, wie sie +sonst war; die kindliche Unschuld, von der ihre Miene sonst strahlte, +mußte sich in Leichtfertigkeit verwandeln; sie mußte gesprächig sein, +Koketterie zeigen, mußte lachen, mußte den Arm um Nadinskys Schultern +legen und sich bisweilen auf seinen Schoß setzen, sie mußte +passionierte, übermütige, verführerische Gebärden haben; was sie nie +beobachtet, nie zu sehen gewünscht, nie anders als schaudernd bedacht, +nur durch flüchtige Worte und flüchtige Bilder mit abgewandtem Ohr und +Auge erfahren, das mußte sie tun, um jenen Menschen zu täuschen, der mit +Tellern, Schüsseln, Gläsern und Flaschen hereinkam, den Sekt in den +Eiskübel stellte, die Speisen servierte und dann schweigend, lächelnd, +hinter niederträchtig gesenkten Lidern spähend auf Befehle harrte. Sie +mußte es um der üppigen Lichter, der bunten Polster, der spiegelnden +Wände willen tun, um dieses Hauses willen, dessen lügenhafter Prunk ihre +Gedanken in Aufruhr versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen +Zweifel an der Echtheit und Natürlichkeit ihres Benehmens erregen; alles +mußte wie von ungefähr sein, raffiniert und durchsichtig, ohne Zaudern +und ohne Hast; sie mußte von den Speisen essen, sie mußte Wein und +Champagner trinken, sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der +Diener draußen war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken, aber das +volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte. Des Genusses geistiger +Getränke durchaus ungewohnt, ward ihr bang und schwer zumut, und es +kostete sie immer größere Anstrengung, die Rolle durchzuführen, die sie +mit solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft der Kellner +das Zimmer verließ, erhob sie sich; in ihrem Gesicht löste sich die +furchtbare Spannung, um einem Ausdruck der Verstörtheit und der +angstvollen Erinnerung Platz zu machen, denn ihr war, als seien viele +Jahre verflossen, seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky +schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick an, suchte sie +wie hinter Masken, beklagte sie stumm, klagte sich selbst mit einer +Gebärde an und es wurde ihm nicht leicht, das studierte Lächeln wieder +auf seine Lippen zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser +zurückkehrte. + +Als der Tisch abgetragen war, kam eine Magd, die ein weißes Häubchen auf +dem Kopf trug; sie war jung und sah alt aus, ihr Gesicht war fahl vom +beständigen Leben im Lampenlicht und in schlecht gelüfteten Räumen. Sie +hatte Wasser zu bringen, das Feuer im Ofen zu nähren und nach den +Wünschen des Paares zu fragen; sie redete mit süßlicher Stimme, aber +ihre Züge waren versteinert vor Haß gegen die obere Welt, gegen die, die +da kamen, um verächtlichen, eiligen Genüssen zu fröhnen. Die Knie +wankten Lukardis, wenn sie den Blick auf die Person richten mußte, und +sie schämte sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses und ihrer +Schultern. Endlich war auch diese Prüfung vorüber und sie konnte die Tür +zusperren; sie waren allein. Von einer Turmuhr schlug es zehn Uhr. Die +aushallenden Klänge vibrierten durch das Gemach. Nadinsky ging ins +andere Zimmer zu dem Doppelbett, über welches ein blauseidener Baldachin +gespannt war; er fiel kraftlos darauf nieder. Erst nachdem er eine +Viertelstunde geruht, konnte ihm Lukardis beim Auskleiden helfen. Die +Decke bis an die Brust gezogen lag er mit nacktem Oberkörper da. Es ist +ein Mensch, sagte sich Lukardis, der plötzlich die Tränen in die Augen +stiegen, und mit einer Art von Schrecken erinnerte sie sich an das +rotwangige Antlitz Alexander Michailowitschs, ihres Verlobten. Sie +wusch Nadinskys Wunden und erneuerte den Verband. Nadinsky spürte die +zarte Hand wie man in einem Halbtraum Wohlgerüche spürt; zu danken war +er nicht fähig; er fürchtete ihr Auge, er fürchtete sie zu beleidigen +durch einen Blick des Dankes, er wünschte, sie möchte ihn nur als Leib +ansehen, als Gegenstand ohne Gesicht und ohne Gefühl. Und so wie sie, +halb entsetzt und halb erbarmend dachte: ein Mensch, so dachte er, halb +beseligt und halb in Angst um sie: ein Wesen. + +Er schlief ein. Lukardis setzte sich in einen Sessel und rührte sich +nicht. Sie hatte in ihrem Täschchen ein Buch mitgenommen, aber sie +wußte, daß sie nicht würde lesen können. Sie versuchte, an ihre Mutter, +an ihren Vater, an ihre Freundinnen, an den letzten Ball, an die Oper zu +denken, die sie zuletzt gehört, aber sie konnte nicht denken, alles +verschwamm, alles enteilte. Sie hörte Nadinskys tiefe Atemzüge, sie sah +sein blasses, hübsches, von Schmerzen ermüdetes Gesicht, aber auch er, +den sie pflegen und bewachen sollte, war ihren Gedanken kaum erreichbar. +Ihr schien, daß von ihrem Platz bis zu seinem Bett ein Weg von vielen +Meilen sei. Sie lauschte. Sie vernahm Kichern auf der Treppe und +schlürfende Schritte im Flur. Stimmen, Frauen- und Männerstimmen, +drangen gedämpft durch die Wände, auch von oben herunter und von unten +herauf. Gläser klirrten, dann wurde ein Klavier gespielt. Es war ein +Walzer. Eine Saite des Instruments mußte gerissen sein, denn immer, wenn +eine gewisse Stelle kam, entstand ein Loch in der Melodie wie die +Zahnlücke im Mund eines Lachenden. Von irgendwoher schallte Geschrei, +dann schwieg das Klavier, und an der Mauer zur Linken raschelte es. Dann +war ein Seufzen, bei dem Lukardis das Blut in den Adern gerann. Sie roch +den aufgespeicherten Parfüm aus verschlossenen Zimmern, sie hörte das +Rauschen von Gewändern und wie man Türen öffnete und wieder schloß. Die +Laute riefen Bilder hervor, sie konnte sich ihnen nicht entziehen, sie +zitterte, und zitternd mußte sie schauen. So hatte sie die Welt nie +verstanden, so das Leben nicht geglaubt. Begegnungen im Finstern, Hände, +die einander fremd waren und einander dennoch hielten, ein Taumeln gegen +jäh erhellte Spiegel, Übereinkommen in Worten ohne Scham, das Unbekannte +entschleiert, das Geheimnisvolle leer, die Weihe besudelt, die +heimlichen Schätze der Phantasie entwertet, ach, sie griff an ihr +Gesicht, wurde der Schminke auf den Wangen inne und ihr Herz füllte sich +mit Grauen. + +Nadinsky schlug die Augen auf und stöhnte. Sie schritt den meilenlangen +Weg bis zu ihm und reichte ihm ein Glas Wasser. Als sie seine Stirn +fühlte und sie heiß fand, legte sie ein feuchtes Tuch darüber. Da +erwachte er völlig und fing an zu sprechen. Er redete in kurzen Sätzen, +sprach vom Hospital, vom Professor und von Anastasia Karlowna. Lukardis +ließ zaghafte Worte in die Pausen fallen. »Morgen werde ich mich kräftig +genug fühlen, um das Haus zu verlassen,« sagte er. Sie entgegnete: »Das +ist unmöglich, Sie haben noch Fieber und Anastasia Karlowna erwartet Sie +erst übermorgen früh um sieben Uhr.« Die sanft gesprochenen Worte +durchleuchteten ihm ihr Gemüt, ihre bisher ungetrübte Jugend, ihre +reinen und starken Sinne, aber er gewahrte nicht, daß sie fast beständig +zitterte. Jetzt wurde das Klavier wieder gespielt, von einer andern +Hand, roh, tumultuarisch und trunken, und während der ganzen Dauer des +Spiels sahen Nadinsky und Lukardis einander gepeinigt in die Augen. Es +war Mitternacht vorüber, und auf einmal wurde drunten dumpf gegen das +Tor gepocht. Eine Glocke erschallte mit frechem Lärm. Nadinsky richtete +sich halb empor. Seine Finger krampften sich zusammen, sein Blick war +voll düsterer Erwartung. Lukardis stand auf und lauschte ohne Atem. Das +Klavier schwieg. Es währte lange, bis das Tor geöffnet wurde. Schon +hörten sie Schritte auf der Treppe, schauten entgeistert beide auf die +Türklinke, harrten auf das Klopfen an die Tür, das ihr fürchterliches +Los entscheiden mußte, und wirklich drangen Stimmen in hastiger +Wechselrede bis zu ihnen. Aber dann wurde es still, und ihre Pulse +begannen wieder regelmäßig zu schlagen. In diesen drei oder vier Minuten +fühlten sie sich sonderbar vereint, ihre Kraft und ihre Furcht war gegen +ein gemeinsames Ziel gerichtet, es war ihnen, als würden sie von einem +Sturmwind in die Luft gehoben und Brust an Brust gegeneinander +geschleudert, so daß sie sich mit den Armen umfassen mußten, um einer +dem andern Hilfe zu gewähren beim drohenden Sturz. Lukardis vergaß sich +selbst und Nadinsky vergaß sich selbst, er spürte nur die Angstglut in +ihr, Verlust alles Glückes, Schande und Elend, sie aber ergab sich +seinem Geschick, mutig und jetzt erst ahnend, wofür er sein Leben in die +Schanze geworfen hatte. + +Indessen übermannte den Fiebernden der Schlaf von neuem. Doch konnte er +festen Schlummer nicht finden, solange die grellen elektrischen Flammen +ihn blendeten. Aus Rücksicht für Lukardis enthielt er sich, den Wunsch +nach Dunkelheit zu äußern, aber an der unruhigen Bewegung seiner Lider +merkte sie, was ihn störte. So löschte sie die Lichter und zündete im +Nebenzimmer eine Kerze an. Auch sie war müde, die späte Stunde wirkte +wie ein lähmendes Gift auf sie, und sie sah sich nach einer Lagerstatt +um. In diesem Raum war kein Bett, nur eine Ottomane; ihr ekelte vor dem +Plüsch, mit dem das Möbelstück bezogen war. Ihr ekelte auch vor den +Stühlen und vor dem Teppich. Bei der Schwelle zu Nadinskys Zimmer rollte +sie den Teppich auf, warf ihren Pelzmantel auf den Boden und legte sich +hin. Die Kerze ließ sie brennen. Aber so war sie dem Haus näher als +vordem, hörte sie abgeteilt die bisher verschwommenen Geräusche, einen +Ruf, ein Gelächter, ein einzelnes Wort, aber sie hörte auch, wie der +Schnee an die Fensterscheiben schlug, und das milde Knistern beruhigte +sie; sie hörte die Atemzüge Nadinskys, und dies mahnte sie an ihre +Verantwortung. Jeder Atemzug knüpfte sie fester an sein Geschick. Die +Wichtigkeiten ihres früheren Lebens wurden bedeutungslos, was sie dort +getan, gewollt, gewesen, dünkte ihr kindisches Tändeln. Sehnsüchtig +blickte sie zurück wie vom Bord eines Schiffes auf die versinkende +Heimat. Sie schlief und schlief gleichwohl nicht. Nadinsky sprach ihr +Trost und Mut zu, das war geträumt; er röchelte in einem Fiebertraum, +das war Wachen. Im Traum war sie über ihn gebeugt und behütete ihn; im +Wachen war sie an den Boden gekettet und vernahm den mänadischen Schrei +eines Weibes. Als der Morgen graute, sah sie eine Ratte über den Teppich +laufen. Das Tier schien phantastisch groß, daß es sich bewegte, war +gespensterhaft; sie richtete sich kniend auf und suchte den Himmel +zwischen den Spalten der Vorhänge. Sie gewahrte nur etwas Graues oben +und weiter unten ein Fenster, aus welchem ein knochiges Gesicht lugte. +Eine Sekunde zermalmender Hoffnungslosigkeit; sie schlich, nein, +flüchtete zu Nadinskys Lager. Sein rechter Arm hing schlaff herab, +Schweiß perlte auf seiner Stirn. Sein Anblick war ihr erschreckend +fremdartig; schmerzlicher Haß loderte in ihrer Brust. Doch gab es auf +der Welt keinen andern Menschen mehr, den sie so anblicken konnte; sie +hatte viel von ihm zu fordern, ja alles, ohne ihn blieb ihr nichts übrig +in der Welt als dieses Haus. + +Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange sie in den Zimmern +bleiben wollten; es war nicht gebräuchlich, sie länger als eine Nacht zu +benutzen. Anastasias Plan war gewesen, daß sie sich über Mittag +einschließen und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie wünschten auch +die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck sollten sie dem +Diener und dem Stubenmädchen ein Goldstück geben. Aber man brauchte +frisches Wasser für die Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung. +Es mußte auffallen, wenn sie zu früh läuteten, und wie sollten sie das +Verweilen über den ganzen Tag rechtfertigen? Nadinsky war mit offenen +Augen wortlos dagelegen, jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er +bat sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei +Goldstücke seien zu wenig, meinte er, man müsse fünfzig Rubel geben; +Lukardis erwiderte, das verschwenderische Übermaß werde Verdacht +erregen, und man müsse gewärtigen, daß der Eigentümer käme, um zu +spionieren. Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war ihr +Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches gewesen. Sie +verhandelten beide mit äußerster Kälte, doch ihre Stimmen klangen +erstickt. Eine Bemerkung Lukardis über das gemeine Gesicht des +Aufwärters veranlaßte Nadinsky, ihr, spöttischer als er beabsichtigte, +zu entgegnen, sie habe gewiß allzu behütet gelebt, wie in Wolle, und von +denen, die da unten hausten, in Schmutz und bösem Wetter, könne keiner +ihr Gefallen finden. Es war ein Empörungsversuch gegen das Joch der +Dankbarkeit, das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sich +herauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Zügen wechseln zu lassen. +Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab ihm recht, und er war entwaffnet. +Ihre Sanftmut rührte ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur +Grausamkeit an. Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie für +achtundvierzig Stunden als Gefährtin an seine Seite gezwungen hatte, er +fand sich schuldig an der Erniedrigung, unter der sie litt und zürnte +ihr deshalb. Ihm war, als hätte sie, ehe sie ihn getroffen, nur weiße +Gewänder getragen und von ihren schönen Lippen hallten nur leere Worte +nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verwöhnten Klasse. Jetzt erst +wurde er zum wahren Rebellen, jetzt, in ihrer Nähe; seine Verborgenheit +und seine Flucht kamen ihm schimpflich vor, und er hielt es für +wahrscheinlich, daß ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum +sagte er plötzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen; er wolle +sich zeigen, es läge ihm nichts daran, ja es sei seine Pflicht, das Los +so vieler Gerichteter zu teilen, die mehr erreicht und mehr gewagt +hätten als er. Wem könne er noch nützen, nachdem er über die Grenze +geflohen? Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner unglücklichen +Schwester nicht. + +Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine Gründe konnte sie +nennen, nur mädchenhafte Argumente finden. Aber als er verstockt blieb, +nahm sie einen gebieterischen Ton an und sah aus wie eine junge Königin. +Plötzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte gehört. Sie hob den +Zeigefinger der rechten Hand und preßte ihn auf ihren Mund. An der Tür +stand jemand und lauschte. Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und +Nadinsky senkte den Kopf. Da entschloß sich Lukardis zu dem, was nötig +war. Sie schritt auf den Zehen zur Tür, schob den Riegel auf, eilte +dann gegen das Bett zurück, schlüpfte schnell unter die Decke neben +Nadinsky, zog die Decke bis an ihren Hals, griff nach dem Knopf der +elektrischen Klingel, der an einer langen Schnur zu ihren Häuptern +herabhing und läutete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der Tür +klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der Tür stehenbleibend, +mit nornenhafter Düsterkeit Nadinskys Befehl, frisches Wasser zu bringen +und den Kellner zu rufen, damit man das Frühstück bestellen könne. Sie +holte zwei Krüge voll frischen Wassers und dann kam der Aufwärter. Sein +lauernder Blick durchmaß den Raum und auch den andern, soweit er ihn +erspähen konnte, und es war Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit +denen sie im Bett lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen +geeignet war. Sie schloß die Augen, denn diesen Menschen zu sehen war +ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die Fünfzigrubelnote wieder genommen und +gab sie jenem. »Zwanzig sind für das Mädchen, dreißig für dich,« sagte +er in einem bemeistert lässigen Ton, »wir wollen noch bis morgen früh +bleiben, wenn es geht.« Der Aufwärter verbeugte sich fast bis zur Erde; +ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet. Auch die Magd, die +Kohlen in den Ofen warf, kam herzu und wollte Nadinsky die Hand küssen. +Er wehrte sie ab. »Wenn es den Herrschaften gefällt, ist sicher nichts +einzuwenden,« sagte der Kellner mit einer katzenhaften Gebärde und +blinzelte. Nadinsky verlangte ein Frühstück. Es dauerte eine +Viertelstunde, bis der Tee mit allem Zubehör gebracht wurde. Indessen +lag Lukardis wie auf glühendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas, +das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gefühl, aus Kummer und Furcht +gemischt, und ihr Antlitz überzog sich mit tödlicher Blässe. Nadinsky +rührte sich nicht, ihre Empfindung teilte sich ihm mit, er begriff ihre +Qual und vermied es, die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufwärter hatte +den Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und entfernte +sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte Lukardis die Decke +weg und erhob sich wie vor Feuer flüchtend. Sie verriegelte die Tür und +öffnete ein Fenster. Ihr Haar hatte sich gelöst, sie ließ es ruhig +hängen, denn es bedeckte ihre entblößten Schultern. Eine Stunde früher +hätte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen mögen, doch seit sie neben +ihm gelegen, hüllenlos trotz aller Hüllen, preisgegeben ohne Maß, +empörten Blutes, seiner Gnade völlig überwiesen, war es nicht mehr von +Belang, daß die Haare von ihrem Haupt herabhingen. + +Als das Zimmer von frischer Luft erfüllt war, schloß sie das Fenster und +sagte zu Nadinsky, es sei notwendig, den Verband zu wechseln. Schweigend +entledigte er sich des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis +unkundiges Auge konnte es feststellen, daß die Heilung der Wunde +beträchtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein Fieber mehr. +Lukardis war schon gewandter als gestern im Legen und Knüpfen der Binde, +und nachdem sie die Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und +Brot. Er wünschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte. Sie +selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie dem Körper wegen +seines Hungers. Im Hause war es sonderbar still. Auf der Straße rollten +Wagen und schrien Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis +begab sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus, um kein +Geräusch zu machen und ging stundenlang auf und ab, wobei sie in beiden +Händen Strähnen ihres Haares hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann. +Manchmal betrachtete sie die Bilder an den Wänden, ohne sie wirklich zu +sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan zwischen ihren Knien +hielt. Neben der Tür hing ein anderes: ein deutscher Student mit einem +Ränzel auf dem Rücken schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen +Fenster ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen schaut. In den großen +Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegenüberliegenden +Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer endlosen Folge von Räumen; in +allen Räumen war die Leda in ihrer häßlich fetten Nacktheit und der +sentimentale Student und viele, viele Male das Bett mit dem +schlummernden Nadinsky und darüber ein Bild des Kaisers Nikolaus, viele +Male bis in dämmernde Ferne. Oft stand sie auch am Fenster und sah die +Wagen und die Kinder, den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter trüben +Fensterscheiben und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male +wiederholte bis in dämmernde Ferne. Wo war die Welt hingeschwunden? Wo +war alles, was sie geliebt, mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie +selbst, Lukardis, die in einem zierlichen Mädchenboudoir gelebt? Wo +Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte und immer +lächelte? Und wo war das glänzende Moskau mit den verlockenden Auslagen +seiner Läden, den freundlichen Bekannten, die man überall traf, den +eleganten Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt +hingeschwunden? Sie sah nur den Mann, der in den vielen Räumen vieler +Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich, in vielen Spiegeln die Wunde +auf der weißen Haut, und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert +folgen mußte. + +Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch lange, wie lange, +konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky erwachte. Er setzte sich +aufrecht, und sie näherte sich ihm zögernd. Mit unerwarteter +Entschiedenheit sagte er, sie müsse gehen, wenn die Dunkelheit +eingebrochen sei, er fühle sich jetzt kräftig genug, um allein zu +bleiben und werde dem Kellner zu verstehen geben, daß sie in der Nacht +zurückkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand mehr darum +kümmern. Lukardis schüttelte den Kopf. Sie antwortete, es geschehe +ebensowohl um ihret-, als um seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde +sei erst im Beginn des Vernarbens und müsse mindestens noch zweimal +gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging und ihn darnach ein +Unglück traf, würde sie nie wieder schuldlos atmen können. Nadinsky +schaute forschend in ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so daß +sie ihm die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide. Es war +wie eine beglückende, aber unheilvolle Verwandlung, die jeder in des +andern Augen erlitt. Da trat Lukardis klopfenden Herzens vor einen der +Spiegel und steckte ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten +dabei. Wenn er ihr jetzt befohlen hätte, zu gehen, hätte sie +wahrscheinlich keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing er an, zu +klagen, daß er nicht den ehrlichen Tod im Kampf gestorben; was wolle er +in den fremden Ländern, ewig wandernd, ewig den nagenden Gram um die +gequälten Brüder in der Seele und mit der Sorge um das bloße Leben? Denn +er sei nicht reich, habe viele Schulden und das mütterliche Gut sei in +Gläubigerhänden. Durch so viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis +still vor dem Spiegel stehen und schaute ihr übernächtiges Gesicht an. +Er fuhr fort und schmähte seine Tat; er habe nicht gewußt, was er auf +sich genommen, es sei ein Trieb gewesen, kein Entschluß; so seien Helden +nicht beschaffen, daß sie sich dem Ungefähr auslieferten, um zermalmt zu +werden. Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihm in +diese Kloake der großen Stadt geflohen, habe sie in klarer Erkenntnis +gehandelt oder nicht vielmehr sich hinreißen lassen durch ein Gefühl, +dem Mitleid nachgegeben, dem Reiz des Absonderlichen, der Verführung +einer schwärmerischen Freundin? Sei sie nicht erschüttert und +durchwühlt, von medusischen Visionen aller Kraft beraubt? »So sind wir +alle,« rief er zum Schluß und warf sich in die Kissen zurück, +»Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler der Phantasie, Opfer des +Augenblicks, Getäuschte unserer Taten.« + +Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines Bettes. Ruhig und +fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr Auge leugnete seine Worte, im +Ausdruck ihrer Züge war eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die +göttliche Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines Herzens zu +Hilfe käme. Ein Strahl von Glück flog über Nadinskys Stirne, und sein +zweifelsüchtiger Geist beugte sich beschämt. Unbeirrbare Zuversicht +strömte von ihr aus und trug ihn über Stunde und Raum hinweg. Es +dunkelte und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu sprechen. +Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die Komödie wieder spielen +mußten, die das Haus forderte, machte Lukardis Licht, zog die Gardinen +zu und ging ins zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte. +Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht in die Ärmel +seines Rocks zu schlüpfen imstande war. Wie am Abend vorher wurde das +Diner serviert; wie am Abend vorher bediente der Aufwärter in +silberbetreßter Livree, noch demütiger, noch abgeschmackter lächelnd, +noch wachsamer hinter seiner heimtückischen Grimasse. Unlustig aßen sie +und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre Hände waren bewegt, +lautlos gehorsame Geister huschten sie hin und her, den Augen des +Spions Harmlosigkeit vorlügend. Lukardis spielte ihren Part heute +schlecht; ihr Lachen klang gekünstelter, ihr Getändel weniger glaubhaft. +Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer Pause, wo +sie allein waren, zuflüsterte, sie wollten streiten. Er erfand den Namen +einer Gräfin und behauptete, das Perlenkollier, das die Gräfin Schuilow +beim letzten Jour der Fürstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen. +Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene an und beharrte auf +seiner Meinung. Eine glühende Röte überzog Lukardis Wangen, denn diese +Heuchelei innerhalb der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle +Furcht vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte den +Sekt in die Gläser, und seine Miene zeigte ein albernes Bedauern, als +sei er nur an täubchenhaftes Girren gewöhnt. Zum Schluß erhob sich +Nadinsky unmutig und herrschte den Kellner an, er möge abräumen. +Lukardis bittender Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue +er sein Ungestüm und schritt mit ausgestreckten Händen auf sie zu. Der +Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls auf und schmiegte nun +den Kopf an seine Schulter, aber nur, um ihm zuzuraunen, er dürfe nicht +vergessen, für den nächsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky +nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag, der Wagen sollte +um die sechste Morgenstunde am Tor sein. Der Mensch verbeugte sich +schweigend und wollte gehen. + +Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. Ein zweiter, ein +dritter Schrei folgte. Lukardis faltete erschrocken die Hände, und +Nadinsky blickte unruhig zur Tür. Der Kellner hatte die Tür geöffnet; er +trug eine metallne Platte und hielt die Tür offen. Ein halbnacktes +Frauenzimmer stürzte vorüber. »Die Tür schließen,« hauchte Lukardis wie +entseelt. Da krachte ein Schuß. Das schauerliche Brüllen eines Mannes +erfüllte das ganze Haus. Nadinsky schob den Aufwärter über die Schwelle +und schlug die Tür zu. Ein paar Minuten lang blieb es still, dann gings +treppauf, treppab in schnellen, bestürzten Schritten. Stimmen murmelten, +eine befehlende Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von +oben. Darnach kam ein so herzzerreißendes Schluchzen, daß Lukardis +händeringend zur Ottomane lief und sich, das Gesicht vergrabend, darauf +niederwarf. Auch auf der Straße schien es nun lebendig zu werden. Es +wurde ans Tor gepoltert. Man hörte deutlich die Stimme eines Polizisten. +Im Flur tönten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen würde. Der Diener +kam herein; mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Nadinsky und +sagte: »Ich bitte Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die +Dame, sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur passiert. Eure +Exzellenz werden nicht mehr gestört werden.« Darauf verschwand er. +Nadinsky trat zu Lukardis, setzte sich neben sie und streichelte mit +bebenden Händen ihr Haar. Zusammenschauernd bei seiner Berührung, erhob +sie den Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von ihr und +war des Lebens überdrüssig. Sturm rüttelte an den Fenstern und +plötzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder das Klavier, derselbe Walzer +wie gestern mit derselben zahnlückigen Melodie. Aber lag nur ein Tag +dazwischen? nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem +verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und Stimmungen des +Daseins vorübergetragen, Lust und Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung +und Enttäuschung, Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies schon +das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eine unendliche, geheimnisvolle +Nacht? Nadinsky war es zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er +die Barrikade erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue +Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen getreten +sei, als ob die frühere Existenz mit allen ihren Beziehungen von ihm +losgelöst sei und als ob er in dieses Haus gekommen wäre, um sein +eigentliches Schicksal auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft +geschieden, ja ohne Brücken dahin und dorthin. + +Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer Weile kam +Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur im Speisezimmer brannten die +Lampen. In den Spiegeln dehnten sich die Räume grau und unbestimmt. +Lukardis sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch voll, +und nachdem Nadinsky sich entblößt, wusch sie die Wunde. Während sie aus +ihrer Handtasche das frische Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und +als Nadinsky verbunden war, bat er, sie möge ihm vorlesen. Sie setzte +sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren Lermontows +Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie gelesen, da fielen ihre Arme +schlaff nieder, der Kopf sank zur Seite und der Schlaf überwältigte sie. +So ohne Widerstand und Übergang entschlummern Kinder; Nadinsky hütete +sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen an ihrem Antlitz, und es +war ihm, als müsse sein eigenes Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks +teilnehmen, welchem ihre Züge unterworfen waren. Wunderbarer Friede kam +in sein Gemüt. Er streckte die Glieder und atmete wie in der Luft eines +Gartens. Nun regten sich ihre Lippen. Sie flüsterte, sie lächelte +zärtlich, die Hände ballten sich und das Buch fiel von ihrem Schoß auf +den Teppich. Sie erschrak, öffnete die Augen, ein entsetzter Blick flog +durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie weiter. Doch nun schien +die Gewalt des Schlafes immer größer zu werden, der Oberkörper verlor +das Gleichgewicht, sie wäre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht +in seinen Armen aufgefangen hätte; er umschlang ihre Schultern und legte +die Schläferin vorsichtig quer über sein Bett. Ihre Beine blieben auf +dem Sessel liegen, ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme +waren über dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich in starken +Rhythmen. Allmählich fühlte sich Nadinsky beschwert, das Blut in den +Schenkeln stockte und er hatte Mühe, so regungslos zu bleiben wie am +Anfang. Er ließ sich langsam auf die Kissen zurückfallen, schob die +Hände unter die Decke und unter den Rücken des Mädchens und versuchte, +die Schlummernde auf diese Art zu stützen. So gelang es ihm, sich +Erleichterung zu schaffen; einmal trugen die Arme, einmal die Schenkel +und Knie die Last. Dabei empfand er eine glühende Freudigkeit, nicht +nur, weil er ihr die Sorgfalt und Mühe vergelten konnte, sondern auch, +weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als Kreatur, so unbedingt in +seiner Hut. Oftmals betrachtete er sie, gedankenvoll entzückt, und ihr +Leben, ihr Schlaf, ihr unbewußtes Dasein, die Gliederung des +Menschenkörpers, an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen das +Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglückendes Gefühl der +wiedergewonnenen Herzenskraft. + +Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel einer auf der Straße +vorübermarschierenden Militärpatrouille sie erweckte. Nadinsky hatte +sich eben zum Sitzen aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem +sich eine dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen heiter +strahlen zu wollen, dann hüllten sie sich in Schleier der Scham; sie +stieß einen hellen, kleinen Schrei aus, sprang empor, und ihr Gesicht +war wie mit Blut übergossen. Sie drückte die Hände gegen die Brust und +sah stumm vor sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als +Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgültige Worte ab, +erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. Sie antwortete +zerstreut, und ihre Miene war bald scheu und ängstlich, bald dankbar und +heimlich fragend. Zum letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde +Nadinskys, und während sie es tat, hatte sie Mühe, ihre Fassung zu +bewahren; die Welt draußen erschien ihr wie der aufgesperrte Rachen +eines Tieres. Die Uhr zeigte ein Viertel vor sechs, sie mußten ihre +Vorbereitungen treffen. Nadinsky war immer stiller und stiller geworden; +als er angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr blaß. +Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, ihm +gegenüber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel an und die Handtasche +stand zu ihren Füßen. So warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken, +bis es Zeit war, daß sie gehen konnten. + +Endlich vernahmen sie von der Straße her das Knattern von Wagenrädern, +und bald darauf klopfte es an die Tür. Der Kellner trat ein, diesmal +ohne Livree; er trug einen verschmierten Schlafrock, die Haare hingen +ihm in öligen Bündeln über die Stirn und sein Gesicht war mürrisch und +böse. Er präsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, gab auch gleich das +Fahrgeld für den Kutscher, dann gingen sie hinab. Zwei Eimer voll +Kehricht standen am Fuß der Treppe, und auf der Torschwelle lag ein +schwarzer Hund, der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch +war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den langen Weg. + +In einem der inneren Räume des Bahnhofs stand Anastasia Karlowna an +einer Säule. Sie begrüßte die beiden und fragte nach Nadinskys Befinden. +Dann übergab sie ihm den Paß und einen Koffer, der die notwendigen +Gegenstände für die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, und +Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus, +schritt auf Lukardis zu und reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare +Schwäche im Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das +Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere Hand, die linke mit +seiner linken, und die vier Hände lagen beieinander wie Glieder einer +geschmiedeten Kette. So verharrten sie einen Augenblick und erschienen +sich selbst als Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte +warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem Gang zum Waggon +zurück und klomm die Treppe hinauf. Er trat ans Fenster, in dessen +schwarzer Umrahmung und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein +kreideweißer Fleck. Nun ertönte die Pfeife, und langsam rollte der Zug +aus der Halle. + +Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in Tränen aufgelöst. +Die Frau hatte nicht gewagt, ihrem Gatten von dem Brief der Tochter +Mitteilung zu machen und ihm deren Verschwinden durch mühevolle Listen +verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung zwischen +Lukardis und der Mutter, eine Szene, bei der die taubstumme Frau in der +erregtesten und flehendsten Weise gestikulierte, während das Mädchen nur +den Kopf schüttelte und mit keinem Laut, keiner Gebärde sonst +antwortete. Allmählich wurde die Generalin von einer heftigen Sorge um +Lukardis ergriffen, die sich in Bestürzung verwandelte, als Lukardis +sich beharrlich weigerte, den Staatsrat Kussin zu sehen, der für einige +Tage nach Moskau gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht, +sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die Verlobung +mußte gelöst werden, und beflissener noch als zuvor wich Lukardis den +Menschen aus, den Freunden, den Fremden, der Mutter, dem Vater, den +Schwestern. Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die +Ärzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die Generalin +mit ihr nach Paris, später ans bretonische Meer. Eines Nachts +überraschte die Mutter sie, wie sie auf den Fliesen der Terrasse ihres +Zimmers lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit +weitgeöffneten, unbeschreiblich strahlenden Augen in den gestirnten +Himmel schaute. Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer +grenzenlosen, den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit. + +Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, er lebe auf einer +Farm im westlichen Kanada. Niemals hat Lukardis seinen Namen erfahren, +niemals er den ihren. + + + + +Ungnad + + +Länger als zwölf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen Erasmus Ungnad +und Gräfin Marietta Giese, und Georg Ulrich Castellanis boshafte +Bemerkung, es sei bald an der Zeit, sie in die Galerie berühmter +Liebespaare einzureihen, zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung +unter manchen Freunden an, vom Mißfallen anderer zu schweigen. Doch die +Freunde hatten so wenig Einfluß darauf wie die Familie, die Rücksicht +auf die Karriere so wenig wie der Gedanke an persönliches Behagen. Im +Grunde stand man vor einem Rätsel. Erasmus war nichts weniger als ein +Toggenburg; Ausharren war sonst seine Stärke nicht; Marietta nichts +weniger als ein Käthchen, im Gegenteil, eine Frau von Welt, ein +überlegener Charakter. + +In gewissen Zeitabständen erfolgte ein Bruch. Beiden schien es jedesmal +damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen Auseinandersetzungen, +brieflich oder mündlich, verständigten sie sich, daß es für das Wohl des +andern wünschenswert und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen und +daß es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil diene, wenn es in Frieden +und Herzlichkeit geschähe. Sie gaben einander in aller Form frei; zwei +Monate darauf war gewöhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus +Schwester Francine wußte in solchen Fällen keine triftigere Erklärung, +als daß sie Marietta eine dämonische Natur nannte. Drei Jahrhunderte +zurück, und sie hätte sie in ihrer Erbitterung öffentlich der Hexerei +angeklagt. + +Nach seiner Rückkunft aus Japan im Jahre 12 schien die Loslösung +nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen vielbeneideten +Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, der Minister des Äußern, großer +Herr damals, Leuchte der Diplomatie, der er für seinen Teil und für +seinen Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich für alle Zeiten, zu +einem Triumph unter den europäischen Mächten verholfen hatte, hielt +große Stücke auf ihn und war dem gräflich Ungnad'schen Hause außerdem +wohlgesinnt. Diese mächtige Hand eröffnete ihm die glänzendsten +Aussichten; er war zunächst zu einer hervorragenden Stellung bei der +Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten winkte in nicht +allzuweiter Ferne. Francine schwamm in Hoffnung und entfaltete alle ihre +Kräfte, um eine vorteilhafte Heirat zustande zu bringen. Der Moment war +so günstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den Vordergrund +gerückt. Das eine betraf eine junge Baroneß Spielberg, die von Seite +ihrer Mutter, einer Amerikanerin, enormen Reichtum zu erwarten hatte; +das andere die zweitälteste Tochter der Rienburg-Rhedas, Komteß +Sebastiane, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, anziehend und, wie Francine +erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus unter Graf Rienburg-Rheda +Legationssekretär gewesen war, in ihn verliebt. Zudem gehörten die +Rienburg-Rhedas zum begütertsten Adel des Landes; sie verfügten über +soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Häusern, Schlössern, +Wäldern, Wässern, ererbtem und erheiratetem Besitz, in hundertjährigen +Traditionen gefestigt wie die Hausmacht der großen Dynasten. + +Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus' Schuld am Mißlingen war nicht +zu durchschauen. Im einen Fall hatte er sich nicht entscheiden können, +im andern hatte er sich überhaupt nicht vorgewagt, so daß man es +wenigstens mit der Familie nicht verdorben hatte und niemand +bloßgestellt war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten und +ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen in ihr erregt, um +sie immer wieder zu enttäuschen, bis sie in einem Zustand hysterischer +Überreizung erklärt hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei +Rienburg-Rhedas war er eine Woche lang zu Gast auf dem südmährischen +Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall den Grafen hin, und er, den +Unglücks- und Todesfälle in eine lächerliche Panik versetzten, reiste +unverrichteter Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf die +Versöhnung mit Marietta. + +Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. Es war zu +befürchten, daß der Minister seine Hand von ihm abzog. Oft schon war +seine Laufbahn durch diese Frau gefährdet gewesen. Francine erinnerte +ihn daran, wie sie eines Tages plötzlich in Petersburg erschienen sei +und ihm Verdrießlichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf bei der +Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm die Worte ins Gedächtnis, +die ihm vor drei Jahren seine Tante, die kluge Terese Klingenberg +geschrieben: daß ein Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen +Preis seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten dürfe; entweder +müsse alles so verschleiert sein, daß die Neugierde niemals dahinter +kommen könne, oder es müsse eine klare Eindeutigkeit walten, so oder so; +nichts sei geeigneter, die Öffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu +verstimmen als ostensible Herzenspassionen. + +Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. Sie +erschöpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. Sie zitierte Urteile, +Prophezeiungen, Meinungen seiner nächsten Freunde über ihn und +hauptsächlich über Marietta. Sogar der unbeträchtliche Ferry Sponeck +mußte herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu Erasmus, aus +der Sorge um ihn. Er war der Letzte des Geschlechts; sie fühlte sich für +ihn verantwortlich. Sein Vermögen war gering. Sie hatte in den letzten +Jahren versucht, es durch Börsenspekulationen zu vermehren; da sie gut +beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, war ihr dies gelungen. +Aber wenn sie auch Millionen gewonnen hätte, was hätten ihr die +gefruchtet; das Glück, das sie für ihn im Auge hatte, war ein höheres. +Der in ihr aufgehäufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, mit +denen sie Erasmus zu Leibe rückte, eindringliche Schärfe. Mit +Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, entwarf sie, durch Haß +befeuert, ein Bild von Marietta, das in der Verzerrung noch Züge der +Wahrheit hatte und abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie; +eitel; seelenlos; durch Lektüre verbildet; im Bestreben, die große Dame +zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt herausfordernd; mit zur +Schau getragener Freiheit nah daran, für eine Abenteuerin zu gelten; +unergründlich egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen +gefährlich sinnlich; längst über die erste Jugend hinaus, auch über die +zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, sie auf +Händen getragen hatte und unglücklich und vereinsamt war, geistig und +körperlich ein Krüppel. + +Francine war kühn. Sie mußte auf verletzende Vergleichung gefaßt sein. +Sie selbst war ja in heikler Situation. Ihr Schicksal als Weib hatte sie +von unbehüteten Jahren an andere Wege geführt als die üblichen und +gebilligten. Nur durch ihre Zähigkeit und Klugheit hatte sie dann doch +Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft behauptet. +Dunkles Schicksal, das in einem von ihr selbst nie ganz begriffenen +Gegensatz zu ihrem Wesen stand. + +Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine Person zielte, +pflichtete er ihr bei. Über Marietta schwieg er. Er empfand Francines +Zärtlichkeit; ihr Ungestüm belästigte ihn. Sie verlangte Versprechungen, +er weigerte sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich, +und das Ergebnis von Francines Bemühungen war, daß er zu Marietta auf +ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging sie zum Minister. Sie vertraute +sich ihm ohne Rückhalt an, und die Art, wie er ihr lauschte, ließ die +herzliche Zuneigung für Erasmus erkennen. Er würdigte die Schwierigkeit; +ihn zu entfernen, hielt er für notwendig wie sie; der Londoner Posten +kam augenblicklich noch nicht in Betracht, dagegen bot sich die +Möglichkeit, ihn nach Indien zu schicken; es fand dort eine +Jubiläums-Feierlichkeit statt; die englische Regierung und der Vizekönig +hatten die Mächte zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden +später war Erasmus für die Mission ernannt. Ein Telegramm rief ihn von +Eichfurth zurück, zehn Tage darauf lief das Schiff aus dem Triester +Hafen. Francine glaubte ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene +Monat war Gewinn. Erasmus war dreiunddreißig, Marietta Giese +fünfunddreißig; der Zauber mußte binnen kurzem brechen; was die Vernunft +nicht erreichte, würde die Zeit bewirken. Wenn es auch noch Kämpfe +kostete, Francine war gerüstet. Indes gelang es ihren hartnäckigen +Bemühungen, daß man Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe dort +beendet war, unmittelbar nach London befahl. + + * * * * * + +Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten Jahr im +diplomatischen Dienst. Der Weg war der herkömmliche und vorgeschriebene +gewesen; die Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington, Tokio; +und nun London. Er hatte viel gesehen, viel gehört; nach seiner Meinung +viel erlebt. Er kannte das Inwendige der politischen Maschinerie. Er +hatte gelernt, wie die Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei +den markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge. Die +repräsentativen Pflichten erfüllte er mit genügender Würde. +Verantwortung war ihm aufgebürdet; er wußte um die Last, seine Haltung +deutete sie an. Geschlechteralte Zucht machte ihn zum Vorbild für +Unsichere. Die Gebärde verriet, daß er in seine Rolle hineingeboren war. +Selbstverständliches Tun und Sein, darauf kam es an; das gelegentliche +Nachdenken darüber war Verzierung, die man sich in Mußestunden +gestattete. In der Führung der Geschäfte von unbedingter Verläßlichkeit, +gewissenhaft wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank, war +er überall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung und der +Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein, von seinem Geist oder +seinem Genie zu sprechen, aber seine Ritterlichkeit und Freundestreue +hatten schwärmerische Lobredner. + +Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn; die Jahre trugen +ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen Element keine Trübung, nur +über das Äußere und Betriebmäßige war zuweilen ein Schleier von Unmut +gebreitet. Aber der Strom floß breit und gefällig dahin. Dem vorwärts- +wie dem zurückschauenden Blick boten sich dieselben Bilder: geschmückter +Weg, umfriedetes Revier, Fülle der Verlockungen, Menge der Dienenden, +erschlossene Welt. In Stunden der Träumerei flammte in seinem sonst +trägen Gedächtnis auf, was ihm erworbenes und in Sicherheit gebrachtes +Lebensgut war: ein marokkanischer Himmel, rot vor Bläue; prunkvolle +Aufzüge, veranstaltet von exotischen Fürsten; feierliche Empfänge; +illuminierte Säle; militärische Paraden; Frauen, die um Liebe warben; +fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch mitgebracht, das +er in wenigen Exemplaren für seine Freunde drucken ließ. Es wurde damals +als die feinste Blüte aristokratischer Lebensauffassung und +Betrachtungsweise bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie +Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv und aus erster Hand, +oft ein bißchen einfältig sogar, wie eine Fibel einfältig ist. In der +Mischung von Bescheidenheit, Wißbegier und unschuldiger Philosophie +drückte sich Ungnads Wesen sehr liebenswürdig aus. Es waren Fahrten +darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf Flüssen, in der Nacht, +auf Booten mit Lampions behängt, Schauspiele und Wanderungen, Tempel und +Gärten; von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein Hauch; +hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen von Blumen, Farben von +Blumen, Gerüche von Blumen; ein umgewandeltes Sinnliches, ließ es das +sinnlich Gebannte seiner Natur erraten, auch wieviel Trägheit in seiner +Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem Genießen. + +Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des Krieges entfalteten alle +Berückungen seiner Welt. Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtum +und die Üppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich zur Strahlung +verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden Kern, begnadet und Gnaden +spendend. Die Künste der Nationen vereinigten sich, der herrschenden +Kaste zu huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit gesättigt. Feuer des +Übermuts lag in den Gemütern, das Ungewöhnliche war Nahrung für den +Gewöhnlichsten, Nüchterne wurden auf lichtverklärte Höhe gehoben und +sahen den Horizont wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob +alles in atemloser Bestürzung auseinander, und über das rubenshaft +glühende Gemälde fiel schwarzer Flor, um es auf immer zu verdecken. + +Was darnach kam, war trockne Amtsausübung in vorgeschobenen Bezirken, +eroberten Provinzen, umrasselt von Waffenlärm. Man hatte Mühe, den Kopf +obenzuhalten. Das Geschrei aus den Lagern hüben und drüben lähmte; der +Haß verunreinigte wie Schmutz, der kleben bleibt und sich in die Poren +frißt; die Guirlanden waren weggerissen; die Blöße der Leiber stierte +einen an; Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau wankte; die +kaum merkbare Allmählichkeit, mit der die Existenz ins Enge und +Sorgenhafte geriet, war entnervend; und so der beständige wütende Sturm, +der die Blätter vom Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln +ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General regierte. Man +war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen, wie die Partie stand. Die Not +der Länder schrie, des eigenen vor allen; man überredete sich zur Demut, +suchte Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre, verwob +persönliches Geschick willig mit dem Ganzen, hoffte, fürchtete, wartete, +Jahr für Jahr, wartete auf Schlimmes und war doch nicht im entferntesten +vorbereitet, in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die Zeit +dann wirklich machte. + +Im August des Jahres 18 wurde er mit dem preußischen Oberst Grimm nach +Armenien entsendet, um Bericht über die Zustände zu erstatten, die der +feindlichen Propaganda Nahrung gaben. Türkische Offiziere und Beamte +begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was vertuscht werden +konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein künstliches Schaugepränge +vorgeführt, Blendwerk; zuletzt offenbarte sich das Grauen. Auf der +Heimreise, man hatte schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus +vom Schiff aus an Francine: »Es war schön, als der Katholikos in +Echtmiadzin unsere Abordnung empfing. Ich habe nie so herrliche Gobelins +gesehen und so prunkvolle goldene Gefäße. Der Katholikos war in Gold und +Purpur gehüllt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt war, +blendete die Augen durch die Pracht seiner Gewänder. Vor den +Bogenfenstern des riesigen Saals sah man die schneebedeckten Gipfel des +Taurus, und alle überragte der mächtige Arrarat. Da schauderte es einen; +Arrarat; beim bloßen Namen überlief es einen. Aber auf dem Schloßhof +unten stand eine tausendköpfige Menge, und von ihr stieg ein +eigentümliches winselndes Brausen empor. Erst glaubten wir, die Leute +seien zum Gottesdienst gekommen, der dann stattfinden sollte; aber der +Katholikos wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst Grimm +gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen Sie Ihrem Kaiser, daß +sie hungern. Die türkischen Herren hinter uns duckten sich, und ich +schaute, während das eigentümliche winselnde Brausen fortdauerte, in den +Schnee des Arrarat hinüber. Am nächsten Tag sind wir durch die glühenden +Täler zum Meer geritten, an Ruinen vorbei und über Schlachtfelder. +Wüste und Weinland grenzen dicht aneinander, manchmal kauert ein mit +Fetzen bedeckter Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die Küste +kamen, lag der Ozean märchenhaft blau, aber die Luft war verpestet durch +zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen, nackt und in Kleidern, +viele bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Männer, Weiber und Kinder. +Die türkischen Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den +Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins Meer getrieben. +Ich dachte mir: die grandiose Natur, und der Mensch eine Bestie, die sie +schändet. Der Himmel und das Meer in ihrer Schönheit waren Lüge.« + +Er hatte sich mit Oberst Grimm während der langen Reise ziemlich +angefreundet; der Oberst war ein stiller, vernünftiger Mann; weit +trätabler als seine preußischen Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in +Budapest von ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte +von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen und verludert; +stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm den militärischen Gruß zu +geben, frech ins Gesicht. Der Oberst sah ihn an, seine Stirn rötete +sich, er machte Miene, auf ihn zuzugehen, besann sich plötzlich, senkte +vor Erasmus den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller +Selbstbeherrschung von etwas Gleichgiltigem. + +Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Gedächtnis, während er allein +die Reise fortsetzte. + +Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man wußte nicht, wie man sich +seiner erwehren sollte. Man befand sich auf einer gewissen Höhe, +unangreifbar, unerreichbar. Man genoß verbrieften Schutz von altersher. +Die Sicherungen waren bewährt und tragfähig gewesen bis jetzt. Man war +gewohnt, viel Raum um sich zu haben. Raum feite, Raum trennte. Die +andern, die Leute, bewegten sich weit draußen. War doch schon ihr +respektvolles Aufmerken bisweilen lästig. Man konnte unbeschränkt +verfügen: über bezahlte Menschen, über die Stunden, über die Dinge. Die +Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die Hand, die unter ihnen wählte. +Und das Gesetz, das durch die stummen Jahrhunderte geheiligt war, +schrieb das Maß vor. + +Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte wurden +angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz erstreckten, auf +unentbehrliche Schattierungen, auf ehrwürdigste Institutionen, auf +auserlesene Formen, auf Auserlesenheit überhaupt, unleugbare, weil durch +das Blut bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die Würde. +Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war so hämisch, so +erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln herum, ein feiges +Gespenst. + +Man saß aufrecht und hielt sich bereit. + + * * * * * + +Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt. Es handelte sich +wieder um eine Rienburg-Rheda, um die dritte Tochter, die inzwischen +herangewachsene zwanzigjährige Pauline. Es waren im ganzen vier +Schwestern. Die älteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr früh mit +dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie lebte seit einigen +Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei der Mutter, unbekannt aus welcher +Ursache. Es hieß, eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er +in der Trunkenheit zwei Tänzerinnen in die Wohnung mitgebracht hatte. +Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod einen Grafen Dettingen +geehelicht, Husarenrittmeister, der bei Luck gefallen war. Sie war +Mutter von zwei Kindern geworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline +und Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt. + +Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen sorgfältig +vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren hin- und hergereist, um die +Stimmung auszukundschaften, unverpflichtende Anfragen waren gestellt, +Briefe waren geschrieben worden, deren Taktik an Musterstücken +verflossener Kabinettsdiplomatie geschult war, und allmählich +entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit. Ehe noch Erasmus aus +Konstantinopel zurückgekehrt war, hatte sie schon die Einladung der +Gräfin Rienburg für ihn in Händen. Von Tag zu Tag unruhiger wartete sie +auf seine Antwort, denn es verkündigten sich verhängnisvolle Ereignisse, +und der politische Himmel war schwarz verhängt wie ein Sarkophag. + +An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt, erfuhr sie, daß +Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen sei. Das konnte nichts +anderes bedeuten, als daß sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls +erwartete. Ohne langes Besinnen verfaßte sie eine ungestüme Epistel, in +welcher sie Marietta auseinandersetzte, daß Erasmus' Zukunft auf dem +Spiel stehe; daß er zu lange schon seine besten Kräfte und besten Jahre +damit vergeude, die Ketten abzuschütteln, die sie um ihn geschlungen; +daß er allmählich in das Alter trete, in dem man aufhöre, für die Frauen +mitzuzählen; daß er jetzt im Begriff sei, eine glänzende Verbindung +einzugehen, und daß die Familie, um kein Mittel unversucht zu lassen, +sich an ihre Einsicht und oft bewiesene Geistesstärke wende, die ihr +zweifellos den Weg aus dem Dilemma zeigen würden. + +Zum Glück las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte, ihrer Cousine Nora +Klingenberg vor, die ihr solchen Schritt entschieden widerriet. »Soll +denn das alte Spiel wieder von vorne beginnen?« rief Francine erregt +aus; »Bruch, Versöhnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig zu +meiden und gerührtes in die Arme-Sinken. Es ist nicht länger zu +ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen, man wird zum Gelächter +der Welt.« Nora Klingenberg hielt der Entrüsteten vor, daß sie mit ihren +Vergewaltigungsmethoden das Übel verschlimmere; da käme Erasmus erst +recht aus dem Schwanken und Zaudern nicht heraus. Je verführerischer man +ihm den Köder bereite, je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das +Zugreifen; je mehr man ihn überrede, je stütziger werde er. Sie solle es +listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie erbot sich, zu +Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen, als Frau zur Frau. +Dadurch erwachse vielleicht Verständigung. Francine umarmte sie und +sagte, sie sei ein Engel. »Laß dir nicht von ihr imponieren,« warnte +sie; »vergiß nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout bei +Castellanis über den Mund gefahren ist, als darüber debattiert wurde, ob +die Lehndorffs oder die Klingenbergs älter seien. Ich versichere dir, +ihr Großvater Johann Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er +Statthalter gewesen ist; und die Zinsen müssen hoch gewesen sein, Georg +Ulrich behauptet, nie unter zwölf Perzent.« + +Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen von dem Besuch +zurück. Sie berichtete, Marietta sei kühl gewesen, spöttisch, glatt, +ausweichend, habe sie beständig abzulenken gewußt; habe sie einmal, als +sie sich einen Anlauf genommen, sonderbar lächelnd angeblickt, und +nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im Grunde nichts +geredet. Sie mache mit einem, was sie wolle, es sei nicht gegen sie +aufzukommen; wenn man noch beim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon, +und jeder Satz habe zehn Facetten. Im übrigen sei sie hübsch wie nur je; +als seien fünfzehn Jahre spurlos an ihr vorübergegangen; bestrickend und +anmutig, das reine Wunder. + +Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend fing sie an zu +schimpfen wie ein Marktweib. Drohte, höhnte; stieß Gegenstände aus dem +Weg; schwor, daß sie die gefährliche Komödiantin vernichten wolle, +vergoß Tränen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich +vergebliche Mühe, sie zu besänftigen. + + * * * * * + +Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus ältesten Freunden. Er war +in jeder Beziehung steckengeblieben, sowohl was seine Laufbahn als auch +was seine Entwicklung betraf. Trotzdem vielfache Einflüsse für ihn +gewirkt hatten, war er in einem der für unfähige Hochtories +vorbehaltenen Präsidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging auf keine +Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande, orthographisch richtig zu +schreiben. Erasmus erlaubte sich kein Urteil darüber, ob er wirklich so +dumm war, wie alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner +vollkommenen Diskretion. + +Mit Männern konnte er sich im allgemeinen schwer verstehen. Sie vermaßen +sich an ihm. Sie wollten in ihn eindringen und bedachten nicht, daß das +verletzt. Männer im allgemeinen wußten wenig von dem Grad der +Verletzlichkeit eines Menschen. Ferry Sponeck hingegen verpflichtete nie +und insistierte nie. Manchmal plapperte er und erzählte Klatsch; indem +er seine Nichtigkeiten von sich gab, stimmte er vertrauensvoll; es kam +einen plötzlich die Lust zu Eröffnungen an, ja zu Bekenntnissen oft; man +wurde mitteilsam, gerade gegen ihn, der so kindlich erstaunte Augen +machte, bei ganz verkehrten Anlässen bedauernd den Kopf wiegte und sich +dann und wann zu einer albernen Zwischenbemerkung aufraffte. Man war +eigentlich mit sich allein und wurde doch durch Menschenaugen aus sich +hervorgelockt. Man geriet ins Sprechen, Drückendes wich, wenigstens für +die Stunde, Vergangenes ordnete sich. Man hatte keine Taktlosigkeiten zu +besorgen, keine neugierigen Fragen, nicht die klugen Aperçus und +beunruhigenden Haarspaltereien, die an den Leuten von Geist so +verdrießlich waren. + +Schon am Tage nach seiner Rückkunft sagte er sich bei Ferry Sponeck an, +der in einem kleinen alten Palais in einer kleinen alten Gasse wohnte. +Langsam und versonnen ging Erasmus hin. Er spürte das Unheil in der +Luft. Vor vielen Jahren, in Sizilien, hatte er am Abend vor dem großen +Erdbeben dieselbe andauernde Qual in allen Nerven empfunden. Er +erinnerte sich, daß er dann, ins Hotel zurückgekehrt, einen Weinkrampf +gehabt hatte. + +Seine Erregung wuchs, als er Ferry Sponeck bei der Lampe gegenübersaß. +Dieser braute Kaffee in einer kupfernen Maschine und blies bisweilen in +die Spiritusflamme, wobei er die Backen voll Luft pumpte und aussah wie +der Boreas auf alten Bildern. + +»Drüben im Ministerium geht alles drunter und drüber,« sagte Erasmus. +»Sie transportieren Aktenschränke auf den Dachboden und lassen +Telegramme unbeantwortet liegen.« + +Ferry Sponeck seufzte. + +Erasmus schaute grübelnd vor sich hin. »Ich verschließe mich der +Tatsache nicht, wie die meisten unter uns, daß wir leichtsinnig +gewirtschaftet haben,« sagte er mit seiner trägen und verschleierten +Kopfstimme; »wir hatten keine Führer; keiner war der Herr. Manche haben +das Unglück kommen sehen und haben gespottet. Die Schuld ist groß, und +der Unverstand, und die Blindheit. Aber offene Rebellion, das darf nicht +sein. Wenn das eintritt, geht die Welt unter. Rebellion ist Satans Werk. +Rebellion heißt, daß Christus verleugnet und ans Kreuz geschlagen wird. +Alle zweitausend Jahre, hab ich einmal gelesen, schlagen sie ihn ans +Kreuz, und jetzt ist bald die Zeit.« + +Ferry Sponeck nickte. Der Kaffee schäumte braun unter der Glaskuppel, +und er drehte bedächtig den Hahn auf. Der kochende Strahl rann schwarz +in die goldene Tasse. + +Erasmus sagte: »Die murren, werden täglich mehr. Noch wagen sie einen +nicht anzuschauen, aber hinterrücks zücken sie das Messer. Sie tragen +das Messer aufgeklappt in der Tasche; morgen werden sie auf einen +losgehen. Hast du auch manchmal ein Klirren im Ohr wie von zerbrochenen +Fensterscheiben? Es dringt bis in den Schlaf. Und dann hört man +Geschrei, fernes Geschrei.« + +»Du denkst zuviel nach, Mumu,« tadelte Ferry Sponeck liebevoll; bei +intimen Anlässen nannte er Erasmus Mumu, wie man ihn als Kind gerufen. +»Bist du denn ein Gelehrter, daß du fortwährend denken mußt? Wir könnens +nicht ändern, wir beide, wir müssens geschehen lassen.« + +Erasmus sprach stockend weiter: »Ich bin einmal von Corfu nach Athen mit +einem alten Segelschiff gefahren, da sind nachts die Ratten über meine +Bettdecke gerannt. Es war grausig, und der morsche Kasten ist auch bei +der nächsten Fahrt gesunken.« Seine Stimme wurde leiser, und er rieb +nervös die Finger aneinander. »Gefürchtet hab ich mich nicht, aber +Ratten, das wirst du zugeben, das ist das Ekligste auf der Welt. Im +Finstern verlassen sie sich auf ihre scharfen Zähne; im Finstern sind +sie frech. Sie selber sind geschützt, natürlich; durch ihre Zahl sind +sie geschützt, durch den Unrat und durch das Grausen.« Er machte eine +Pause und lächelte kränklich und hochmütig. »Einschüchtern darf man sich +nicht lassen. Keine Schwäche zeigen. Wir, wir haben die Religion; davon +wissen sie freilich nichts, die Ratten; und das, was man Ehre nennt, +haben wir. Ehre, das ist wie eine diamantene Kugel. Das Ungnadsche +Wappen hat eine schöne Devise: #fort et modeste.# Ehestens wird das +nicht mehr viel bedeuten. Ehestens vielleicht werden sie das Wappen +zerschlagen. Zerschlagen mögen sie es immerhin; besudeln sollen sie es +nicht. In dem Glauben kann mich keiner wankend machen, daß alle +Legitimität von Gott stammt.« + +Ferry Sponeck nickte andächtig. Erasmus erhob sich lässig auf den langen +Beinen und wiederholte mit einer Art Verbohrtheit: »Damit steh und fall +ich, daß alle Legitimität von Gott stammt.« + + * * * * * + +Als ihm Francine von der Einladung der Gräfin Rienburg-Rheda berichtete, +erklärte sich Erasmus zu ihrer Freude bereit, sie anzunehmen. Er wußte, +worum es sich handelte; er wußte, daß Francine nur auf das eine Ziel +hindrängte, und er enttäuschte sie nicht einmal durch ein Kopfschütteln +oder das obstinate Lächeln, das er bei solchen Gelegenheiten hatte. Die +Stadt machte ihn elend, er sehnte sich nach Stille und Landschaft. »Ist +es aus zwischen dir und Marietta?« fragte Francine halb drohend, halb +ängstlich. Er antwortete: »Es ist schon lange aus.« Darauf Francine, +entzückt: »Seht ihr euch gar nicht mehr?« Er, kühl und gezwungen: »Ach +ja, wir sehen uns, aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im +Juni getroffen.« Francine verbreitete sich nun ausführlich über den +Charakter der Komteß Pauline, und daß eine Ehe zwischen ihr und Erasmus +der Gipfel des Wünschbaren sei. Er hörte still zu und sagte dann: »Es +ist möglich, daß du recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.« +Francine nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und nötigte ihn, an die +Gräfin zu telegraphieren, daß er an dem und dem Tag kommen würde. + +Um gefällig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen ihm die +Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte er gewissenhaft. +Man würde unbekannte Leute treffen; er stellte sich solche der +abstoßendsten Art vor; geschwätzige Personen, zudringliche Personen. +Verpflichtungen würden entstehen; diesen oder jenen würde man verletzen +und sich wieder um ihn bemühen müssen; Zwang würde ausgeübt werden; Lärm +würde sein; irgendeiner würde da sein, der Türen warf oder des morgens +um fünf Uhr nach der Scheibe schoß, oder mit unendlichem Gerede einen +Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer zu packen, +Nachrichten zu dirigieren; das alles häufte sich zu einem Gebirge, und +er verschob den Termin. Francine ereiferte sich, er wich zurück. Er +sagte, man bedürfe seiner im Amt. Sie erwiderte, man bedürfe seiner mit +nichten; bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er sich +fernhalte. Er gab es ermüdet zu, bat aber für die Reise um eine Woche +Frist. Sie feilschte um zwei Tage und verlangte, daß er am Sonntag +reise. Er willigte ein. Am Samstag abend erhielt er eine Karte von +Marietta, die ihn ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er +erschrak. Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz +verschollen heimlich damit gerechnet. Daß es eintraf, war Erschütterung. +Er erklärte Francine, daß eine wichtige ministerielle Sitzung ihn +verhindere, früher als Mittwoch zu reisen. Francine starrte ihn +sprachlos an. Aber da er ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt +nicht weiter hinauszuschieben, mußte sie sich zufrieden geben. + + * * * * * + +Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs, Erasmus unter +denen, die hinten standen, denn vermöge seiner Länge konnte er über die +Köpfe schauen. + +In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorstädten herein, ein +schwarzer, breiter, klebrig fließender, stummer Menschenstrom. Sie kamen +zur Verkündigung der Republik. Die Straße war ausgefüllt bis an die +Häusermauern. Aus der nachmittägig-nebligen Ferne, die wie bodenlose +Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte sich schattenhaft in Leiber +und Gesichter, schwoll durch Zufluß aus Nebengassen, wälzte sich drohend +ruhig vorüber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus, Schritt für +Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der vor dem großen Platz die +Straße verengerte, und der die gestauten Massen langsam verschlang. Eine +Stunde verging, und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser +Tiefe glich, wälzte sich das Ungeheure her, das nicht eine Summe +zählbarer Einzelner war, sondern ein Element für sich, zu einem Willen +verschmolzen, kroch und wogte vorüber, spürbar-, sichtbar-wirklich, +fortbewegt durch einen gewaltigen und äußerst zu fürchtenden Trieb, bis +es der dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen ähnlich, gierig +schluckte. + +Die Herren rührten sich nicht. Mattes Erstaunen würgte ihre Kehlen. +Einer sagte vor sich hin: »Das ist das Ende.« + +Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem Freunde Ferry Sponeck +in dessen Wohnung. Sie vermieden es, über das Gesehene zu sprechen. Sie +erstickten es in sich. Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts +zu tun; sie stießen es wieder weg und gruben es zu. + +Sie aßen schweigend und lauschten auf Geräusche von der Straße. Aber +diese Straße der alten Paläste war still; sie lag noch in einem +vergangenen Jahrhundert und träumte. Sie war wie von einem verstaubten +Seiden-Gespinnst überzogen. + +Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls für ein paar Wochen nach +Rienburg gehen; die Gräfin habe ihn mehrmals aufgefordert, übrigens sei +er ja als Vetter der Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte +und schien seinen Entschluß zu billigen. Ihn freue es nicht besonders, +daß er hin solle, sagte er dann, aber Francine lasse ihm keine Ruhe, und +so habe er nachgegeben. Gegen Francine aufzukommen, sei schwer, nicht +bloß wegen ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem, +sondern auch, weil man sie schonen müsse. + +Er hielt inne, um zu ergründen, ob Ferry Sponeck ihn richtig verstehe. +In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe, wenn du willst, ich bin +vernagelt, wenn du willst. In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das +war genau, was Erasmus wünschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses +Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute hielten. Er +wollte sich das Verworrene und Traurige in Francines Leben zurechtlegen; +er hatte es mit Worten noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuhörer, +und zwar einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich +bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry zu erkennen +gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort: + +Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden; damals, als das +Niemehrgutzumachende mit dem italienischen Sänger passierte, sei sie +achtzehn Jahre alt gewesen, der Verführer sechsundvierzig, noch dazu +verheiratet und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle Konsequenzen +gezogen; nicht bloß in ihre schwierige Lage sich gefügt und dem die +Treue bewahrt, der ihre Zukunft vernichtet, sondern auch in den +Enttäuschungen, Demütigungen und Kämpfen ihren großen Charakter +gestählt. Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht, sich +eine neue Position zu schaffen und außerdem noch soviel Kraft erübrigt, +ihm, dem jüngeren Bruder, eine tätige und hilfreiche Freundin zu sein. +Das müsse man bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der +habe keinen Begriff von Unerschrockenheit und Würde. + +Ferry Sponeck mußte den Begriff haben, denn er blickte Erasmus +zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile: »Ich habe oft darüber +nachgedacht, warum es so kommen mußte, bei ihrem Stolz, ihrem Bewußtsein +davon, was sie dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu +dem Resultat gelangt, daß das, was ihr zum Verhängnis geworden ist, ein +Ungnadsches Verhängnis überhaupt ist. In jedem Ungnadschen Leben, habe +ich herausgefunden, ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger +Moment, wo die Sinnlichkeit ein für allemal über ihn entscheidet. Es +fängt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudrücken wovon; zum +Beispiel, man geht über eine Brücke und sieht, wie ein Weib sich über +das Geländer beugt und sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist +irgendein anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen +Moment geschieht, beeinflußt und durchdringt das ganze Leben, wie wenn +ein bestimmtes Aroma aus einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie +wenn ein winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem mit +Flüssigkeit gefüllten Becken für immer den Geschmack gibt. Man kommt +nicht mehr los. Das Winzige entscheidet. Man kommt von dem Aroma und dem +Geschmack nicht mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.« + +Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an. Das ging weit über +seine Welt. »Jaja,« murmelte er; »schon; natürlich; so was ist schlimm, +armer Kerl, sehr schlimm.« + + * * * * * + +Es gab ein tiefes und gehütetes Geheimnis im Leben der Gräfin Marietta +Giese. Es war dieses Geheimnis ebensosehr eine Quelle von Glück und +Kraft als von Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es sie +mit Zweifeln quälte; aber immer war sie seiner Herr. Die vor der Welt +verschwiegene Bürde ist oft Reichtum; Besitz, der vor fremden Augen +bewahrt werden muß, oft Pein. + +Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wußte es nicht. Sie hatte +den Knaben während des Jahres zur Welt gebracht, in welchem Erasmus in +Japan war. Ihre Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein +einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen worden, das war ihre +Freundin Helene von Gravenreuth; in einem Dresdner Sanatorium hatte sie +das Kind geboren; auf Schloß Gravenreuth lebte der kleine Wolf in +sicherer Hut. + +Es war keine Zufallsfrucht. Sie hatte das Kind mit ihrem Willen +empfangen. Während sie es getragen, war sie sich völlig klar darüber +gewesen, was sie auf sich nahm. Sie mußte es durchsetzen gegen die Welt; +es vorbereiten auf ein ungesichertes Schicksal. Hatte sie es doch der +Welt abgerungen und vom Schicksal ertrotzt. Solche sind von Anfang an +belastet. Erasmus war der Mann nicht, den ein Kind inniger an die +Geliebte bindet. Ihr gegenüber war ein Kind seine Furcht und sein +Aberglauben stets gewesen. Der Grund davon hätte ihr schmeicheln dürfen, +wenn er nicht im dunkleren Teil der Seele Beleidigung geworden wäre. Die +Frau in ihr war spät erwacht. Sie mußte etwas haben wider ihn und für +sich; und für ihn und wider die Gesellschaft. Sie hatte ein Pfand +gebraucht und eine Bestätigung. Es kam nicht darauf an, daß er es +erfuhr; vielleicht würde er es niemals erfahren; mit Empfindsamkeiten +rechnete sie nicht; zärtliche Rührung war weder ihre noch seine Sache. +Ihr diente es. Sie wurde befestigt. Und über Pfand und Bestätigung +hinaus war es auch Bild, noch dazu ein schönes, lebendiges. Die Väter +waren ihr ohnehin Ziel des Spottes. An Vatergefühle glaubte sie wenig. +Und ihm ein Kind präsentieren, das außerhalb der Ehe gezeugt war, das +hieß alle patriarchalischen Vorurteile in ihm wachrufen, sie wußte es, +und seine ängstlichsten Bedenken gegen die Mutter kehren. Anlaß genug zu +schweigen. + +Hatte sie doch auch Freiheit und Liebe ertrotzt. Nie durfte er ahnen, +daß und wie sehr es Kampf war. Sie hatte sich losgerissen von Fesseln, +und die Haut blutete; für ihn mußte es sein, als hätte sie sich einen +Kranz vom Haar genommen, der zu welken beginnt. Was sie verachtete, war +ihm ehrwürdig; worunter sie seufzte, war ihm von heiliger Bedeutung. +Immer sein Zagen, sein Zurückhalten; sein Warnen, sein Nichtbegreifen, +wenn sie vorwärts wollte; wieviel List war da nötig; wieviel Geistes- +und Herzensgut zerstäubte; wieviel Erklügelung forderte es, ihn so zu +führen, daß er zu führen im Wahn blieb. Voneinandergehen: Ungewißheit; +Wiederkommen: Hangen und Bangen; Getrenntsein: das Nichts; Zusammensein: +Druck seiner Hypochondrie. Leidenschaft lohte auf, schwelte und +verglomm. War das noch Leidenschaft, wenn einer so lange mißtraute, bis +er wehrlos wurde? und sich dann schemenhaft entzog? Marietta schlug den +Funken, wärmte den Freund mit Blick und Atem, prägte sich ihm ein, die +Stunde ihm ein, die Liebkosung, das bindende Wort. Alles hing davon ab, +daß er nicht vergaß, daß er immer wieder zu ihr fand und sie sich finden +ließ, nicht mit zu leichter Mühe, nicht mit zu schwerer. Er: stets im +Begriff, einem Joch zu entschlüpfen, dem die Sanktion fehlte, das +Gewesene zu leugnen; sie: in Ruhe, in scheinbarer, die Wagschalen +sorgsam in der Gleichlage haltend, gespannt, geduldig, heiter, +geschmückt, in Hader mit ihrer Kaste, die soziale Tyrannei geistig +überwindend, im Gefühl ihr verfallen, und so, mit einer Existenz am +Rande der Gesellschaft, am Rand des Möglichen und Anerkannten, in +unaufhörlicher Schwebe. + +Sie hatte lange gezögert, ob sie ihn rufen solle. Beim Abschied hatten +sie einander feierlicher als sonst entsagt. Sie nannte das die Erklärung +des Desinteressements. Es war notwendig zu seiner Gewissensentlastung +und damit die Pläne, die andere mit ihm vorhatten, nicht seine +allenfallsigen Entschließungen hemmen konnten. Ihr blieb nichts übrig, +als zu warten. Die Jahre untergruben auch in ihr langsam das Vertrauen +zu der Macht, die bisher jedes Hindernis besiegt hatte. Der Spiegel +wurde zum Memento. Der Spiegel betrog nicht, noch war er zu betrügen. + + * * * * * + +Sie ließ früh die Lichter anzünden. Da sie sich seit dem Morgen +unpäßlich gefühlt hatte, legte sie sich auf die Chaiselongue und ergab +sich dem Vorüberrinnen der Stunden. Den November hatte sie von jeher +gehaßt. Sie war überzeugt, daß es der Monat sei, in dem sie sterben +würde. Der alte Diener, der aussah wie ein Kalmück, huschte auf dem +Teppich hin und her, um den Teetisch zu richten. Das kostbare Geschirr +klirrte melodisch. Sie war in ein rosafarbenes Teegewand gekleidet, mit +breiten Valencienner Spitzen an den weitoffenen Ärmeln. Die Farbe +brachte das Leuchtende ihrer Haut zur Geltung wie auch das tiefe Goldrot +der Überfülle ihres Haares. + +Die Glocke läutete; nun kam er. Den zaghaft und fast lautlos +Eintretenden begrüßte sie mit zartest-unbefangenem Lächeln, +entschuldigte sich, daß sie lag, reichte ihm die Hand, die er ergeben an +die Lippen führte. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann stammelte +er allerlei, um zu rechtfertigen, daß er sich nicht selbst gemeldet. Sie +wunderte sich und schnitt die kläglichen Versuche sanft ab. Indes +brachte der Kalmück den Tee, und man hatte Beschäftigung. Marietta +übernahm die Leitung des Gesprächs. Ihr Instinkt gebot ihr, viel zu +sprechen. Sie erzählte ein paar lustige Episoden aus Eichfurth, +schilderte ein Diner, bei dem sie gewesen, einen nächtlichen Gang in der +erregten Stadt, eine Begegnung mit einem der gestürzten Minister, den +Eindruck der Lektüre von Barbusse' #l'enfer,# die Verabschiedung einer +unverschämt gewordenen Zofe, alles leicht, pointiert, schmiegsam. Sie +ließ die Stimme spielen. Sie erfuhr es wie eine Botschaft, daß die +Stimme noch ihre sinnliche Magie besaß. + +Zuerst dünkte ihm, er hätte die Stimme nie gehört. Jetzt erkannte er sie +wieder. Der Klang; diese Pausen, diese Einschiebsel, diese Raschheit, +diese Belebtheit. Er war zu schwerfällig, im gleichen Tempo mitzugehen; +er blieb gewöhnlich im Erwägen und Verstehen um einen Schritt zurück, +auch um zwei oder drei; manchmal wartete sie gutmütig, bis er +nachgekommen war, manchmal auch nicht, dann ergötzte sie seine +Verwirrung und sein galanter Eifer. Es bereitete ihr Genugtuung, ihn +völlig ahnungslos zu wissen über die Absichten, die sie verfolgte, ihn +raten zu lassen, im Kreis herumzulocken und durch Kapriolen zu +beunruhigen. Zuweilen zuckten ihre Lippen in verhaltenem Mutwillen, aber +hinter dem Mutwillen war Traurigkeit, und das gab dem Ausdruck Reiz und +Wechsel. + +Ohne Übergang sagte sie plötzlich: »Es ist keine üble Idee von Francine, +dich zu Rienburgs auf Werbung zu schicken. Ich bin ganz einverstanden +damit. Der Versuch vor sechs Jahren mit Sebastiane ist ja im Anlauf +steckengeblieben, und du hast dir nichts vergeben und nichts verdorben. +Wie alle früheren Heiratsprojekte verfehlt waren, so auch dies. +Sebastiane wäre nicht die richtige gewesen. Pauline ist vielleicht die +richtige.« + +Sie sah mit lächelnd-gleitendem Blick an ihm herab, der betreten vor +sich hinschaute, und fuhr fort: »Ich kenne ja die Familie gut, wie du +weißt. Lix war eine Zeitlang in mich verliebt, war hinter mir her wie +mein Schatten, und ich half ihr bei ihrer etwas verstiegenen +Korrespondenz. In der unglücklichen Ehe mit Heinrich Lerchenfeld ist sie +dann Theosophin geworden, was ein jämmerlicher Trost für eine elegante +junge Frau ist. Ich sage, Pauline ist vielleicht die rechte, weil wir ja +noch die kleine Aglaia haben, und es wäre immerhin zu bedenken, ob sie +nicht vorzuziehen ist. Ich habe neulich mit Georg Ulrich Castellani +darüber gesprochen; nur um ihn auszuholen, denn er ist ja gescheit wie +der Tag, und weil er viel mit Rienburgs zusammen ist; er wird auch mit +dir zugleich dort sein, wie ich dir im Vertrauen mitteilen kann. Leider +ist der Altersunterschied zwischen dir und Aglaia etwas zu groß; +zweiundzwanzig Jahre, das ist fast unmoralisch. Außerdem ist sie ein +Wildfang; du würdest Mühe mit ihr haben. Geht denn das? Kannst du Mühe +aufwenden? eine Widerspenstige zähmen? Das ist nichts für dich. Pauline +ist die stillere; ein wenig melusinenhaft; das hast du ja gern. Sie gibt +Rätsel auf, aber die Rätsel sind leicht zu raten. Sie hält sie freilich +für unlösbar; das ist nur eine Chance mehr für dich; es beschäftigt sie. +Du brauchst eine Frau, die dich restlos anbetet; ich meine nicht +adoriert; adorieren ist zu glatt und zu seicht; nein, geradezu anbetet, +in Staunen verloren. Und nicht etwa aus Stupidität, sondern aus +Phantasie. Heiratest du eine Person ohne Phantasie, so läufst du Gefahr, +daß sie sich und dich nach drei Wochen zu Tode langweilt. Oder sie +stellt Ansprüche, und das würde dich deine Nerven kosten. In deine +Hintergründe ist schwer zu dringen; es braucht dazu ein bißchen Geist +und viel Geduld. Stifte nur keine Verwirrung. Verliebe dich nicht in +beide zugleich, oder mach dir nicht selber Opposition, indem du eine +gegen die andere ausspielst und dann bei allen zweien verspielst. Sei +kühl, aber sträube dich auch nicht gegen eine ehrliche Neigung; halt +dein Herz nicht zu fest und laß deine Augen nicht zu gierig sein.« + +Erasmus hatte sein spleeniges Lächeln, als er zögernd erwiderte: »Deine +Fürsorge ist wirklich bezaubernd, Mariette. Leider ist sie nicht +genügend motiviert. Ich leugne nicht, daß die Verbindung mit Rienburgs +ihre Vorteile hat, aber du weißt doch, du sagst es selbst, wie wenig ich +mich für die Ehe eigne. Leuchtet mir auch das Nützliche und Förderliche +ein, wenn es dann ums Ja oder Nein geht, scheint es mir vollkommen +töricht, daß ich ja oder nein sagen soll. Warum rücken einem die Leute +so nah mit ihrem Verlangen nach dem Ja oder Nein? Es ist lästig, sich +entscheiden zu müssen. Ich will mich nicht entscheiden.« + +»Du willst dich nicht entscheiden,« wiederholte Marietta leise, mit +einem unhörbar bittern Unterton; »das begreife ich. Du willst, daß für +dich entschieden wird, und möglichst zu deiner Bequemlichkeit. Du rührst +nicht hin; alles soll sein wie Blumen unter Glas. Du kannst aber nicht +außerhalb von Ja und Nein leben. Hast du noch nie darüber nachgedacht, +was für ein mörderisches Ding das Vielleicht ist, und was für ein +unredliches das Nochnicht? Du eignest dich für die Ehe nicht mehr und +nicht minder als jeder verwöhnte und egoistische Mann in deinen Jahren. +Man darf sich nicht kostbarer fühlen als die Welt einen wertet, sonst +wird man gleich ein bißchen lächerlich. Was riskierst du? Höchstens, +eine Frau unglücklich zu machen. Fällt das so schwer ins Gewicht? Ist es +so verführerisch, als bisweilen eingeladener, bisweilen übergangener, +mäßig interessanter Sonderling in einer öden Wohnung zu hausen, mit +Köchinnen, die rappelköpfig sind, und Dienern, die einem die Wäsche +auftragen und die Zigaretten stehlen? Weshalb die Skrupel? Worauf +wartest du?« + +Mit einer Betroffenheit, die seinem Gesicht einen kargen und betrübten +Ausdruck verlieh, antwortete Erasmus: »Keineswegs konnte ich darauf +gefaßt sein, gerade in dir einen so eifrigen Anwalt für meine +Verheiratung zu finden. Es ist mir neu -« + +Marietta wandte sich ihm mit großem Blick zu. »Ja, siehst du, Lieber,« +sagte sie langsam und freundlich, »ich muß nun auch daran denken, mein +Leben unter Dach und Fach zu bringen. Für so naiv wirst du mich doch +nicht halten, daß ich dir aus reiner Selbstlosigkeit zurede. Als ich +ein Kind war, hing zu Hause ein Bild; die Verlassene hieß es. Diese Dame +blickt von einem Felsen an der Küste sehnsüchtig aufs Meer hinaus; es +standen auch die Worte kummervoll und tränenleer darauf. Ich konnte das +Bild nie anschauen, ohne mich über die dumme Gans zu ärgern. Daß ich +solche tragische Figur abgebe, wirst du mir doch nicht zumuten. +Kummervoll und tränenleer; nein, ich danke. Ich bin für Erledigungen.« + +»Ich verstehe nicht,« murmelte Erasmus, »wir sind jedesmal +übereingekommen -« + +»Laß das, bitte,« unterbrach sie ihn scharf und hob den Kopf ein wenig. +Ihre Augen schimmerten wie dunkle Opale. + +»Aber wie meinst du das: dein Leben unter Dach und Fach bringen?« + +»Sehr einfach: ich will heiraten; ich auch.« + +Erasmus staunte starr, mit eckig emporgezogenen Brauen. »Heiraten? Du? +Wen denn, um Gotteswillen?« + +Die Anrufung Gottes und die zwei bestürzten Zirkumflexe auf seiner Stirn +brachten Marietta zum Lachen. Er zuckte zusammen. Er liebte dieses +Lachen an ihr, das den Mund einer aufgeschnittenen Frucht ähnlich machte +und sie zwanzigjährig erscheinen ließ. Es enthielt Erinnerung an Reiz +und Liebkosung, Halbvergessenes, Halbentschwundenes, Unvergeßbares, +heimlichstes Wunder des Geschlechts. Innere Unruhe zwang ihn äußerlich +zur Unbeweglichkeit; er schaute sie an wie eine Frau, der man zum +erstenmal begegnet, von der man aber berückende Wissenschaft hat. + +Es war ein vollendeter, trivialer kleiner Roman. Das Triviale daran bot +die Gewähr; von den Finessen war sie satt. Als sie im Sommer mit Helene +Gravenreuth in Bern gewesen, habe sie einen jungen Holländer +kennengelernt, reich, luxuriös, durch und durch lebendig, mit +exzellenten Manieren, und dieser Holländer nun, den Namen bitte sie +vorläufig verschweigen zu dürfen, habe sich mit äußerster +Entschlossenheit in sie verliebt. Sie sei ihm nicht gerade +entgegengekommen, habe ihn aber auch nicht entmutigt, und als sie mit +Helene nach Pontresina gefahren, sei er eines Tages dort erschienen, man +habe gemeinsame Ausflüge gemacht, Bridgepartien arrangiert, und so +weiter, wie es eben zu gehen pflege. Dann sei man abgereist, er habe ihr +geschrieben, an Helene geschrieben, immer stürmischer, immer offener, +und jetzt habe ihn Helene nach Gravenreuth zu Gast gebeten, nachdem sie +vorher bei ihr angefragt, ob sie gleichfalls kommen wolle. Er sei +wahrscheinlich schon dort; sie werde übermorgen von Eichfurth aus +hinfahren. Da Gravenreuth und Rienburg nicht viel mehr als zwei +Wegstunden auseinander lägen, sei es eine reizende Fügung, meinte sie +zum Schluß ihres Berichts, daß sie sich über den Fortgang der +beiderseitigen Verlobungs- und Versorgungsaktionen jeden Tag +kameradschaftlich aussprechen könnten, wenn sie Lust dazu verspüren +sollten. + +Ja, es sei merkwürdig, gab Erasmus zu. Dann schwieg er. Marietta schwieg +ebenfalls. Sie ließ ihre Fußspitze kreisen, und Erasmus sah dem Spiel +des Fußes zu. Sie blickte an die Decke, und ihre vollen, +leidenschaftlich gewölbten Lippen öffneten sich zu einem schimmernden +Spalt. Auf einmal sprang sie auf und ging im Zimmer umher. Ging ohne +Hast, wie nach einem vorgefaßten Rhythmus, und ihre Gestalt hob sich +wiegend ab von überlegt gestimmtem Hintergrund. Mit lässiger Hand +berührte sie bald eine Vase, bald ein Stück Stoff, ohne die Hand zu +heben, im Gleiten nur. + +Er kannte genau die Art, wie sie beim Gehen den Fuß aufsetzte, bewußt, +ihn leicht und kräftig aufzusetzen, so daß die Gelenke entlastet wurden +und die Hüfte nur unmerklich zitterte. Der straff gehaltene Oberkörper +folgte der Bewegung nur insoweit, als er dadurch nichts an Maß, aber +auch nichts an Freiheit verlor. Es war ein bedachtes und gefeiltes +Schreiten. Sie schritt, als schmecke ihr das Gehen, als trüge sie sich +in eigentümlicher Weise selber. Jede Veränderung einer Linie an ihrem +Körper umschloß den Keim zu einer Gebärde, die er kannte und die ihm +vertraut war seit vielen Jahren. Viele seiner Stunden kamen wieder, +während sie so ging und schöne Gegenstände an rührte, viele seiner +Gedanken, Wunsch und Erfüllung. + +»Und du? Du liebst ihn?« fragte er scheu. + +»Bah, Liebe,« antwortete sie; »es geht nicht um Liebe. Es geht um Halt, +es geht um Dauer. Ich bin manchmal müde, weißt du. Es ist so gut, bei +einem zu ruhen. Davon zu träumen, ist schon gut. Wir sind alle ein wenig +an die letzten Barrièren gehetzt, nicht bloß ich und du. Aufatmen, +ausatmen, o!« Sie blieb stehn und schaute zu einem Bild an der Wand +empor, ohne es zu sehen. »Was ich tue, ist mir klar,« fuhr sie mit +tiefsonorer Stimme fort, in der sich Blut und Natur verriet; »wenn man +mit meinen Erfahrungen eine neue Ehe schließt, gibt es keine Illusionen +mehr. Mit achtzehn Jahren ist es ein Sprung in die Finsternis; ich habe +ihn getan. Kommt man mit halbwegs heilen Gliedern davon, so hat man +höchstens gelernt, daß man einen langen Löffel haben muß, um mit dem +Teufel eine Mahlzeit zu halten, aber das Abenteuer lockt, und der süße +Tag verspricht. Wir sind leichtgläubige Geschöpfe. Heute ... ich will +froh sein, wenn der, dem ich mich überlasse, mir mit der Achtung +begegnet, die eine anständig erworbene Invalidität verdient.« + +Erasmus sagte: »Wir haben manches zusammen erlebt, in langer Zeit, und +daß es zu Ende sein soll, kann ich mir nicht vorstellen.« + +»Sonderbar, daß du mir nie und durch nichts fremder wirst, aber auch nie +und durch nichts vertrauter,« sagte Marietta, indem sie sich auf den +Rundstuhl vor dem Flügel setzte und den Deckel öffnete; »du warst +eigentlich immer der, der kommt und der, der geht; nie der, der bleibt. +Du kannst nicht Aug in Auge sein. Du fürchtest den Blick, der dich +fordert. Warum nur?« Sie schlug ein paar Akkorde an, sehr leise, und +sprach weiter: »Wir haben manches zusammen erlebt, gewiß; doch nicht so +zusammen, wie du glaubst,« sie neigte das Haupt tiefer; »oft in unsern +schönsten Zeiten, und es waren schöne Zeiten, ich will nicht undankbar +sein, hatte ich das Gefühl: du hast ihn sich selber gestohlen, und er +trägt dir den Diebstahl nach. Ja, er hadert, sagte ich mir, er sammelt +Ressentiments, und eines Tags wird er mit der großen Liste kommen und +abrechnen. Da ists doch vielleicht besser, vorher ein Ende zu machen; +meinst du nicht?« + +Erasmus erhob sich und wollte zu ihr hin. Sie streckte abwehrend die +Arme aus. + + * * * * * + +Vierundzwanzig Stunden später war Erasmus in entlegener Welt, ein +Hinbefohlener, um Glück zu suchen. Die Freude, mit der er aufgenommen +wurde, bedrückte ihn, da er das Programm zu spüren glaubte, und er gab +sich spröder noch, als ihm zu Sinn war; doch nicht lange. Die arglosen +Gespräche schlossen ihn auf, die unbefangene Nähe der heitern Frauen. An +viel Gemeinsames konnte angeknüpft werden. Der leichte Zwang zur +Geselligkeit überschritt liebenswürdige Formen nicht, der Tag teilte +sich natürlich ein, die kleinen Pflichten fielen nicht lästig. Am Abend +versammelten sich alle in dem entzückenden Speisesaal im +Mariatheresiastil; das Souper hatte festliches Gepräge. Auf der Tafel +und auf sechs Konsolen brannten Kerzen in silbernen Kandelabern. Die +Gräfin nahm ihre Vorliebe für Kerzenlicht zum Anlaß einer Philippika +gegen die Zudringlichkeit moderner Beleuchtung, die delikate Farben +wirkungslos und zarthäutige Frauen schlecht aussehend mache. Graf +Castellani, mit seiner Meinung stets zu ihren Diensten, stimmte ihr bei, +Hofmann, der er war. + +Am andern Morgen sagte er zu Erasmus, als sie nach dem Frühstück durch +den Park gingen: »Die gute Gräfin denkt, wenn sie fünfundzwanzig Kerzen +brennen läßt, hat sie schon achtzehntes Jahrhundert im Hause. Als ob +achtzehntes Jahrhundert bloß ein niedlicher Illuminationsscherz wäre. +Heute sind alle so. Leere Prätensionen. Eine herzlich angenehme Frau, +aber ohne Tournüre. Viel guter Wille; der Zuschnitt pitoyabel.« + +Georg Ulrich Castellani war etwas vereinsamt hier. Er machte sich nichts +aus Frauen. Als Mitglieder der Gesellschaft und vernunftbegabte +Individuen konnte er sie im zureichenden Fall achten, im unzureichenden +verbarg er die Geringschätzung hinter seiner ziselierten Artigkeit; als +Geschlechtswesen waren sie nicht vorhanden für ihn. Er hatte sich darauf +eingerichtet, den ganzen Winter auf dem Gut zu bleiben; er empfand sich, +in historischer Weise, durchaus als Emigrant. Er war der nächste Freund +des gefallenen Dettingen gewesen; Sebastiane begegnete ihm mit scheuer +Verehrung. Es hieß, er benutze die ländliche Muße zur Niederschrift +seiner Memoiren, die Hauptbeschäftigung der großen Aristokraten nach dem +Herbst des Jahres 18; in ihm war sicherlich Überfülle des Stoffes, da +er, obwohl erst sechsundvierzig, in alle bedeutenden Welthändel von +Algeciras bis Brest-Litowsk tätig eingegriffen hatte. + +Polyxene sagte zur Erasmus: »Man erfährt durch ihn Dinge, die in keinem +Buch zu lesen sind. Wenn er spricht, ist er unwiderstehlich; wenn er +schweigt, ist etwas Schauerliches um ihn. Er hat die Aura des +Verhängnisses.« + +Erasmus, belehrungsdurstig, wollte wissen, was das sei, die Aura des +Verhängnisses. Sie belehrte ihn gern. + +Aglaia wagte es, Georg Ulrich zu verspotten, als sie mit Erasmus über +ihn sprach. Sie ahmte nach, wie er schamhaft die langwimprigen Lider +senkte, sobald er einen seiner vergifteten Redepfeile abschoß. Sie +erzählte, daß er in Paris eines Tages seinen Diener auf die Straße +geschickt habe, damit er einen Kommissionär heraufhole; als dieser vor +ihm stand, habe er bloß gefragt, wo der nächste Friseurladen sei und ihn +nach geschehener Auskunft gnädig entlohnt. + +Keine der Frauen ließ Erasmus merken, daß sein Besuch einem Zweck gelte; +keine schien davon zu wissen. Infolgedessen gewann er Freiheit und faßte +den Zweck selber ins Auge. Nicht so sehr mit dem nüchternen Gedanken, +sich zu binden, als vielmehr mit dem schmeichelnden, zu erobern. Aber +hier fing schon die Mißlichkeit an. Da vier anmutige und besondere +Geschöpfe ihre Lockfäden um ihn spannen, vergaß er, daß mindestens zwei +von ihnen seiner Wahl nicht anheimgestellt waren. Aber sein Wunsch im +allgemeinen wurde rege. Wohl wußte er, daß das gefährlich war und daß es +ihn aus der Bahn des Ersprießlichen lockte; aber er ließ es geschehen, +daß das Nützliche zurücktrat gegen das Wohlige, und indem er sich der +ihm auferlegten Vorschrift leichtsinnig entschlug, wuchsen Mut und +Unternehmungsgeist in ihm. Es war so läßlich betäubend, das alles, so +von der Zeit entfernt, in der Mischung von Spiel und Ernst seiner Art +gemäß, und es entfalteten sich deshalb auch die anziehendsten Seiten +seiner Natur. + +Kaum aber wurden die fünf Damen, die ja im Grunde fünf Verschworene +waren, seiner Empfänglichkeit inne, so trugen sie Sorge, daß die +günstige Entwicklung tunlich gefördert werde. Jedoch sehr heimlich; von +einer Unterredung zwischen zweien oder dreien oder im Plenum blieb auf +keinem Gesicht eine Spur haften. Sie wußten zu genau, daß eine +Unvorsichtigkeit viel verderben konnte. Pauline verhielt sich bei den +Beratungen passiv, wurde auch nur hinzugezogen, wenn es sich darum +handelte, ihr notwendige Verhaltungsmaßregeln einzuschärfen oder sie +wegen begangener Ungeschicklichkeiten zur Rede zu stellen. Aber um ihr +behilflich zu sein, mußten sich alle einem gewissen Plan fügen, der +darin bestand, Pauline vorzuschieben und sie der Gelegenheiten möglichst +wenig zu berauben. + +Das klang in der Theorie selbstverständlich und schien ohne weiteres +befolgbar. In der Praxis war dabei mit der Gegenpartei zu rechnen. Zum +Beispiel fand es Polyxene beschwerlich, daß sie auf die Gesellschaft von +Erasmus verzichten solle, sobald Pauline am Horizont sichtbar wurde. Sie +sagte, ein wenig beleidigend, sie sei froh, sich mit einem vernünftigen +Menschen unterhalten zu können; ihm auszuweichen, wenn er sie suche, +dazu erblicke sie keinen Anlaß. Sebastiane wieder erklärte es unter +ihrer Würde, daß sie Vorschub leisten solle, wo es doch nicht einmal +feststehe, ob eine sympathische Beziehung vorhanden und ob Erasmus +gewillt sei, sich mit Pauline soviel zu beschäftigen, wie man annehme. +Aber ehe Erasmus gekommen war, hatte sie sich am eifrigsten für den +Heiratsplan eingesetzt und der jüngeren Schwester vortreffliche +Ratschläge gegeben. Pauline selbst hatte sich am meisten über Aglaia zu +beklagen, die sich, wie sie äußerte, in jedes Gespräch dränge, sich mit +ihrer agassanten Koketterie lästig mache und es anscheinend nicht +ertragen könne, wenn man sie fünf Minuten lang unbeachtet ließ. Aglaia +lachte zu den Anschuldigungen und antwortete schnippisch, jeder könne +sich sein Vergnügen verschaffen, wo er wolle, und wem sie im Wege sei, +der möge ihr den Rang ablaufen, das Aschenbrödel abzugeben, habe sie +keine Lust. Die Gräfin beschwichtigte die erregten Gemüter, appellierte +an Polyxenes Stolz, an Sebastianes Vernunft, an Aglaias gutes Herz, doch +dauerhaft war der Frieden nicht, den sie mit Aufwand vieler Worte +stiftete. + +Erasmus ahnte nichts von den Streitigkeiten, deren Ursache er war und +denen er in fühlloser Unschuld täglich neue Nahrung gab. Er überließ +sich dem Antrieb und der Stunde, der augenblicklichen Neigung und +Verführung, nahm, was ihm entgegengebracht wurde und forschte nicht, was +hinter den Wänden vorging und sich hinter den klaren Stirnen verbarg. + +Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die über ihr Wesen gebreitet +war. Sie hatte den überschmalen Kopf der untergehenden Familien, auch +Schultern und Hände waren überschmal. Sie ging, wie die Engländerinnen +gehen, mit dem vollaufgesetzten Fuß und etwas rückenden Schenkeln. In +den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe, welche sinnliche +Unruhe erzeugt; die Nasenflügel witterten beständig wie bei einem +äugenden Wild. Sie sprach mit Bitterkeit von ihrem zerstörten Leben und +andeutend von den Tröstungen astraler Wissenschaft. Erasmus hörte +gewinnend aufmerksam zu; seine spärlichen Einwürfe galten mehr ihrem +Blick, ihrem Mund, ihrem Hals, ihrer dunklen Stimme, dem stummen +Fieberhaften, verheißend Glühenden ihres Innern als ihrer Rede. + +Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die Blasse, mit dem +winzigen Haupt und der graziösen Haltung, die so ausgeglichen war; und +klug; und ein bißchen trocken und mißtrauisch. Er hatte sie für +temperamentlos gehalten, bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen +aus dem Dorf zugelaufenen großen Hund, der ihren Buley angefallen und +sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit an der Schnauze packte, +mit der andern Hand beim Hinterlauf, und als es ihr gelungen war, ihn +wegzureißen und zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er führte sie zum +Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war schweigsam. Er +bedauerte plötzlich seine Flucht vor sechs Jahren, und sie spürte, daß +etwas dergleichen in ihm vorging, denn sie lächelte verstohlen in ihrem +nachstürmenden Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles weiß und +verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als Mutter war sie ihm +unnahbarer als ihre Schwestern. Sie hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein +vierjähriges; die standen neben ihr wie Wächter; und unerklärlich, um +die Kinder beneidete sie Erasmus, als wäre er selbst eine Frau, eine +unfruchtbare, im Widerpart zur beglückten, und sie schien ihm höher +dadurch und reiner, geborgener jedenfalls und den Begierden entrückter. + +Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mit jungen Mädchen +gemacht; man kam mit ihnen ermüdend oft auf einen toten Punkt und ließ +sich aus Kümmernis der Langeweile, aus Gutmütigkeit oder auch aus +Bosheit zu einem törichten und übereilten Wort hinreißen, in dem man +dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit, keine Unbefangenheit, +kein Maß, nur die plumpeste Zielstrebigkeit und Fallschwere. Warum fiel +ihm so häufig der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mußte lachen; +was war denn das, ein Nebelhuhn? + +Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen. Man hatte ihn +vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson. Ein hervorstechender Zug +seines Charakters war, daß er einem fremden Willensdiktat gegenüber in +die Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte man ihm einen +Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum Stumpfsinn davon eingenommen, was +nicht hinderte, daß er ihn schließlich unausgeführt ließ; nur mußte er +zuerst beschließen, ihn nicht auszuführen, dann war alles im Geleise. + +Hier war er unschlüssig; bald gefangen, bald abgestoßen; bald neugierig, +bald argwöhnisch. Komtesse Pauline hatte üppig entwickelte Formen, im +Gesicht etwas Porzellanhaftes, Augen von fast unpassender +Durchsichtigkeit. Sie war bedächtig, meist in sich verloren. Wenn er mit +ihr sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare dufteten +wie eine frische Weizengarbe. Sie war verspätet; die beklommene +Lässigkeit des ersten Erwachens war noch in ihr, oder jetzt erst. Sie +ging jede Woche zur Beichte, und in ihrem Zimmer stand ein kleiner +Hausaltar, vor dem sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald darüber +im Klaren zu sein, daß sie mit ihrem vollen, unenttäuschten jungen +Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheit für ihn. Es war +zu plan und zu ernsthaft; eh man sich recht besann, war man in der +Schlinge. Er legte sich auf die Lauer und spähte auf den belagerten Weg. +Vor Überfällen hatte er heillose Angst. Doch ließ er sich dann wieder +anlocken und einlullen von dem schwebenden, fragenden, zwingenden Gefühl +und flüchtete in der Not etwa zu der schlüpfrigen Eidechse Aglaia. + +Deren Siebzehnjährigkeit war wie eine sprudelnde Fontäne, lärmend und +erfrischend, ein unhemmbares Quellen. Sie gehörte zu denen, die schon +als Kind alles sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin, +Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles Böse. Sie sagte +Dinge, die einen abgebrühten Lebemann zum Erröten brachten und hegte +noch die zärtlichsten Empfindungen für ihre Puppen. Sie war ruhelos, +naschhaft, ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte, +spielte aus Lebensüberschuß Komödie, hatte bisweilen Gesten und +Bewegungen wie die wilden Negerinnen der Tropen, die an Nacktheit +gewöhnt sind, weinte und lachte über ein Nichts und war der Despot im +Hause. Erasmus ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie +verabredet. + +An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus im oberen +Korridor. Sie sagte zu ihm: »Wenn Sie mit mir kommen, will ich Ihnen +etwas zeigen.« Sie hatte von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit +gehabt, der den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem +übrigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft mit Erasmus +verkehrten. Sie führte ihn durch ein paar unbewohnte Räume in den +Ahnensaal, dessen Wände von Gemälden bedeckt waren, deutete auf das Bild +einer kühnblickenden, reichgeschmückten Dame und sagte: »Das ist meine +Ur-Urgroßmutter, der ich ähnlich sehen soll, eine Polin. Es heißt, daß +sie mehr als ein Dutzend Liebhaber gehabt hat, und so viele Abenteuer +außerdem, daß Ludwig der Fünfzehnte manchmal den russischen Gesandten +gefragt haben soll: was gibt es Neues von der Fürstin Barbara +Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie den Aufständischen +vorangeritten und von der ersten Kugel ins Herz getroffen worden. So muß +eine Edeldame leben, und so muß sie sterben, finden Sie nicht?« + +Dieses »Edeldame,« wie sie es sagte, hatte Gesang. + +Erasmus hielt es für gut, sich in seiner Antwort weise zu beschränken. +Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt, als daß es als Ideal +aufgestellt werden könnte, zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber +anlange; auch gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten +ungebührlich zu übertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er +beurteilen könne, nicht so expansiv, auch werte man die Frauen nach +einem andern Maßstab. Es gehe alles in die Enge, und man werde Mühe +haben, man werde froh sein, sich in der Enge zu behaupten. + +Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugehört und ihn mit funkelnden Augen erst +unwillig, dann schalkhaft von oben bis unten gemustert hatte, rief sie +aus: »Erasmus, die Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgroßmutter +Barbara der Angstschweiß ausbricht.« + +Er schaute etwas blöde hin und schüttelte ärgerlich den Kopf. Hierauf +sah er das Mädchen an, das auf Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen +Unverschämtheit vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam +das Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er näherte sich ihr, +und Aglaia lachte. Sie verschränkte die Hände im Nacken und straffte +sich. Er warf einen hastigen Blick nach der Tür und küßte sie rasch auf +den Mund. Sie schloß eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch +viel leiser, und lief davon. + + * * * * * + +Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen erlaubt, durch +stille Vereinbarung zugestanden, und man erwartete es sogar. Vor der +wich er feig zurück, aber ohne sich zu entziehen und ohne zu verzichten. +Die andern waren ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter +allen Vieren richtete er Verwirrung an. + +Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verführer. Er war voller Gewissen +und Rechtschaffenheit. Er verführte durch seine Weise, zu sein, die +keine ränkevolle und unternehmende Weise war, noch weniger eine +lasterhafte, nur eine biegsame und empfängliche. Er verführte durch +Verführbarkeit; weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam +wandelten; weil er der ergebenste Zuhörer war und der bereitwilligste +Beistimmer; weil er mit der Miene des Kameraden und Freundes halb +schüchterne, halb kühne Versprechungen gab, die nichts mehr mit +Kameradschaft und Freundschaft gemein hatten; weil er das besaß, was Lix +Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen nannte. + +Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht geheuer zumut. Er +hatte sich zu vieler Vorstellungen zu erwehren; zu vieles mischte sich +an Bild und Lockung. Es hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu lösen +und dem nächsten sich hinzugeben. Es beschäftigte, die Gebiete +abzugrenzen, die Worte zu wägen, die übernommenen Verbindlichkeiten +nicht zu verwechseln. Beziehungen knüpften sich ins Unentwirrbare. Eine +geflüsterte Frage verstrickte; Tausch von Blicken enthüllte ein +Komplott; Lächeln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt, +körperliche Nähe voll Heimlichkeit; die Gebärde wurde zur Verräterin; +jedes Augenpaar bewachte ein anderes, haßte die Huldigung, den Glanz, +den Wetteifer des andern, und er mußte darauf bedacht sein, zu glätten +und vor allem, daß in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand. + +Sebastiane beugte sich über ihn mit einer gefüllten Fruchtschale; alle +konnten zusehen; man war bei Tisch. Unhörbarer Alarm dennoch: mußte sie +so dicht an ihn heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter +ihrer bloßen Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst, der nach +vollkommener Reinheit lechzt. Er wußte nicht, wo er einmal das Wort +vernommen: junge Witwenschaft ist ein Bad. + +Aglaias Kuß hatte ihn lüstern gemacht. Er träumte von ihren kostbar +dünnen Gelenken. Der Ausspruch der Frühentschlossenen wollte ihm nicht +aus dem Sinn: ich werde mich niemals verkaufen, ich werde mich +verschenken. Und ihre Augen, dünkte ihn, hatten hinzugefügt: heute +nacht, wenn du willst. + +Mit Polyxene saß er am Kaminfeuer im Salon, und sie las ihm mit +sehnsüchtiger Stimme aus einem Buch über Metempsychose vor. Sein Blick +hing an ihren Händen, die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt +umdrehte, glaubte er die elfenbeinkühlen Finger knisternd an seiner Haut +zu spüren. Er erzählte von einer Begegnung und einem Gespräch mit einem +Brahmanen in Benares, und sie lauschte mit geneigtem Kopf, während +Reflexe des Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und lächelte eigen +zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten und was sie +sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht. + +Mit Pauline ging er am Fluß entlang; plötzlich gewahrten sie im Gebüsch +neben dem Weg ein umschlungenes Paar, schamlos, blind und taub. Es war +außerordentlich peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte +weiter verließ sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr +gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand sie abzulenken, +und indem er redete, schien ihm, daß sie sich vertrauensvoll an ihn +drängte, unbewußt, wie ein junges Tier. Da erschrak er und wurde +ängstlich; nahm seine Worte in acht, fühlte sich als Sünder und geriet +doch ins Netz. + +In einer Stimmung zwischen Selbstvorwürfen und Überschwang setzte er +sich in der Nacht hin, um an Marietta zu schreiben. Es wurde nichts +daraus. Er fing dreimal an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal, +weil er inne wurde, daß er in seinen Eröffnungen zu weit ging; einmal, +weil er mit Erstaunen bemerkte, daß er ihr eifersüchtige Vorhaltungen +machte und einen Zustand seines Innern schilderte, von dem er erst +erfuhr, als er ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und +vollständig unzusammenhängende Epistel entstand, die wohl seine +Verfassung am getreuesten, aber auch am unerquicklichsten malte. Da ging +er unzufrieden zu Bett, und um einschlafen zu können, zählte er von eins +bis tausend und in die graue Unendlichkeit weiter. + +Am andern Tag traf ein Telegramm von Ferry Sponeck ein, welches lautete: +Komme morgen mit meinem Freund Eugen Sparre. Nun wußte jedoch niemand, +weder die Gräfin, noch eine der Töchter, wer Eugen Sparre war; sie +wunderten sich und rieten hin und her. Erst Georg Ulrich Castellani +konnte sie aufklären, als beim Mittagessen davon gesprochen wurde. Er +lachte unter seinem gewölbten Schnurrbart, der den Mund wie ein +schwarzseidener Vorhang bedeckte, und sagte: »Sparre, ach ja, ich +erinnere mich, Ferry hat mir von ihm erzählt. Er ist ein junger +Mediziner oder angehender Arzt, der in einem herausfordernden Gegensatz +zur gesamten bisherigen Wissenschaft steht und seine eigenen, ich weiß +nicht ob bewährten oder fragwürdigen, wahrscheinlich aber fragwürdigen +Methoden verfolgt. Ferry hat ein unsinniges Penchant für ihn, seit er im +Sommer an einer Neuralgie gelitten und ihn dieser, wie war der Name? +Sparre? und ihn dieser Sparre, wie er Stein und Bein schwört, +vollständig geheilt hat. Man muß Ferry seine kleinen Bêtisen nachsehen. +Manchmal greift er über sein Ressort, aber es ist harmlos. Das Harmlose +kränkt einen nicht.« + +Die Damen zeigten Interesse für den unbekannten Sparre; Aglaia sagte, +vielleicht habe er auch für die Pferdekuren etwas Neues erfunden; der +Falb fresse seit gestern nicht, und sie wolle Herrn Sparre um eine +Ordination bitten. Worauf die Gräfin verweisend bemerkte, man habe +schaffenden Menschen mit Respekt zu begegnen; daß einer Sparre heiße, +sei noch kein Grund, sich über ihn lustig zu machen, im übrigen sei ja +Ferry Sponeck alt genug, um zu wissen, wen er zu seinen Freunden bringen +dürfe. + +Während des Nachtischs kam der Verwalter und berichtete über Unruhen, +die in einigen Dörfern der Umgegend ausgebrochen seien. Eine bewaffnete +Bande habe in vergangener Nacht die Försterei des Fürsten Colalto +überfallen. + +Castellanis Gesicht verdüsterte sich, und er sagte: »Bien, man wird +schießen.« + +»Und Sie, Erasmus?« fragte Sebastiane, den Arm um die Schulter ihres +ältesten Mädchens legend, »werden Sie uns verteidigen?« + +Er antwortete: »Ich wollte, ich wäre so beredt, Sie darüber beruhigen zu +können.« + +Die Gräfin und Georg Ulrich Castellani begannen ihre gewohnte Partie +Piquet zu spielen. + + * * * * * + +Das Wunderliche der Paarung von Ferry Sponeck und Eugen Sparre blieb +auch nach der Ankunft der beiden bestehen. Man lernte in diesem Sparre +einen ungefähr sechsundzwanzigjährigen, brünetten, untersetzten, nicht +ohne Sorgfalt gekleideten, äußerst wortkargen Menschen mit +zurückhaltenden Manieren und angenehmen, schauspielerhaft markanten +Zügen kennen, von dem nicht erfindlich war, was ihn an die Person des +Grafen Sponeck fesselte. Ferry Sponecks ihn rühmende Reden ließ er +gleichmütig über sich ergehen und bat die Zuhörer durch einen kühlen +Blick um Entschuldigung, man wußte nicht, ob für sich oder seinen +Gönner. Manchmal hatten diese Lobpreisungen allerdings einen Ton, wie +wenn einer eine Jagdtrophäe oder eine klug erhandelte Antiquität +vorweist; doch hegte Ferry Sponeck wie fast alle ungebildeten und +gutherzigen Aristokraten eine grenzenlose, mit Aberglauben gemengte +Bewunderung für Leute der Wissenschaft. Es hatte den Anschein, als +betrachte er Eugen Sparre als seinen Leibarzt; er richtete alberne +Fragen an ihn, betreffend die Hygiene, die Gefahren der Ansteckung, die +Grundsätze der Prophylaxis und war bemüht, ihn zur Gesprächigkeit zu +ermuntern; dabei blickte er so ergeben zu ihm auf und hing so +ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, daß sein Betragen zum Spott aller +wurde. + +Als die Gräfin mit jener um ein Gran zu nachdrücklichen Herzlichkeit, +mit der man Fremdheit und soziale Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre +ihrer Freude versicherte, ihn bei sich begrüßen zu dürfen, erwiderte er, +er müsse die Verantwortung dafür dem Herrn Grafen aufbürden, der den +Aufenthalt und die Gastlichkeit auf Rienburg so verlockend geschildert +habe, daß er nicht widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht +zu stören, fügte er hinzu, ohne zu merken, daß diese Bescheidenheitsfloskel +eine Grobheit und eine Selbstdemütigung enthielt, er habe eine +angefangene Arbeit mitgenommen, der er den größten Teil des Tages widmen +müsse. + +Seine tiefe Stimme hatte übrigens dieselbe orgelnde Resonnanz wie die +Georg Ulrich Castellanis. + +Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht mit den +beobachtenden Augen sich gegenüber zu haben. Auch die andern fühlten +sich gedrückt, und die Unterhaltung floß spärlich, obschon die Gräfin +beflissen war, sie in heitern Gang zu bringen. Man hatte auch neue +Nachrichten über Plünderungen und Revolten, und was Sponeck von den +Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wußte, war ebenfalls nicht +dazu angetan, die Fröhlichkeit zu erhöhen. Auch unter den vier +Schwestern herrschte gereizte Stimmung; Pauline saß mit gesenkten Lidern +und nippte bloß von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen +aufeinandergepreßt; Polyxene lächelte bisweilen wehmütig-entsagend; nur +Sebastiane schien unberührt, und infolge der über ihre Züge gebreiteten +Klarheit und kräftigen Ruhe war sie die schönste. Nach dem schwarzen +Kaffee ging Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine Frage: ob +es ein Zerwürfnis gegeben hätte? + +Er war umwölkt; in einer heißen Spannung. Diese vier wunderbaren +Gestalten, in einem verzauberten Ring um ihn, stürzten ihn in süße +Verzweiflung. Die ihn rief, der nahte er sich pagenhaft; mit der er +Blick in Blick stand, an die vergab er sich. Er hätte alle vier in eine +schmelzen mögen und die an sich reißen; und doch gelüstete ihn nach den +Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und Dauer und Kunst +und Selbstvergessenheit; sublimiert bis ins Traumgleiche, gesteigert bis +zum Schmerz. Verhieß Lix eine strömende Passion aus lang verschüttet +gewesener Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zärtlichkeit, die +auszudenken war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer +jungfräulichen Seele, erfüllt von beinahe schauerlichen Ahnungen der +Wollust, und Aglaia die hinreißende Bizarrerie einer zugleich spröden +und leidenschaftlichen Natur. Vereinigung quälender Geister; und hinter +ihnen, über ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die Herrin war, +ausgestattet mit heimlicherer und größerer Gewalt des Rufes und der +Mahnung, halb Verlorene, halb Verstoßene. + +»Wir alle sind sehr unvernünftig,« sagte Sebastiane, ohne auf seine +Erkundigung zu antworten. Sie schaute ihn freimütig an und setzte leise +hinzu: »Soll uns nicht warnen, was draußen in der Welt vorgeht? Wir +benehmen uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.« + +Erasmus verfärbte sich und murmelte: »Sie haben vielleicht recht. +Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter geht vorüber. Man denkt, man +muß alles zusammenraffen, was noch da ist an Glück und Genuß. Das #après +nous le deluge# ist früher ein lustiges Wort gewesen, jetzt hat es einen +lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist es ein Verbrechen, so zu denken, +Sie haben recht.« + +»Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was uns unfähig macht, +einander zu helfen,« erwiderte sie mit festem Ton. + +»Also muß man sein Blut und Herz zum Schweigen bringen?« fragte er und +stand hingebungsvoll dienend vor ihr. + +Sie riß eine Azaleenblüte vom Strauch und zerrupfte sie. »Ich glaube, +Sie müssen redlich handeln,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen. Er +nahm ihre feine weiße Hand und preßte seine Lippen darauf, entzückter +als vorher, weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den +dämmerigen Gang näherte sich Aglaia; sie sang mit leiser Stimme und ihre +Augen blitzten vermessen. + +Den Nachmittag über schrieb er Briefe und ließ sich zum Tee +entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die Briefe ins Dorf zu +tragen, begann es heftig zu regnen; er schickte einen der Diener und +blieb in seinem Zimmer. Aus dem untern Stockwerk tönte Klavierspiel, und +zwar sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehört. Es mußte Sparre +sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war etwas Finsteres um den +Namen und um den Mann. Es gab jetzt viele solche, man hatte früher nicht +auf sie geachtet, jetzt nötigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach, +warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und entsann sich, daß er +einstmals in der Mandschurei ein chinesisches Schnitzwerk mit +höhnisch-bösen Zügen gesehen, eine Gottheit des Verderbens, alle Tücke +verhalten, der Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn +Sparre, nun wußte er es, obwohl der Götze abstoßend häßlich gewesen, +dieser dagegen hübsch und wohlgestaltet zu heißen war. Aber etwas war +gemeinsam. + +Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne auf das +Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf er mit Lix zusammen. Sie war +strahlend in ihrem Kleid aus dunkelgrüner Libertyseide und der +Perlenschnur um den Hals. »Schade, daß Sie nicht da waren,« redete sie +ihn an, »er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.« Erasmus lachte im +Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und erwiderte, er liebe +Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre an ihnen vorüber, im Cutaway, +nicht im Smoking wie die übrigen Herren, und verbeugte sich zeremoniös. + +Auf dem mit schwarz und weißen Platten gepflasterten Flur ging Pauline +mit dem Katecheten auf und ab, der zum Abendessen geladen war. Die +Gräfin schien unruhig; sie erzählte Erasmus, der Postmeister sei vor +einer Stunde dagewesen, um mitzuteilen, daß die Telegraphen- und +Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Während sie noch sprach, +trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, und sagte, der Nordhimmel +sei von starker Brandglut überzogen. Alle eilten an die Fenster des +Speisesaals; gesättigter Purpurschein quoll über den Horizont empor. + +Wo mag das Feuer wüten? fragte man einander beklommen. Es wurden die +Dörfer und Landsitze aufgezählt, die in der Richtung lagen. Erasmus +drehte sich hastig um. Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der +Katechet. Sebastiane schüttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth liege +mehr nach links, dem Wald zu, eher könne es der Elmhof sein, dort +befinde sich eine Branntweinbrennerei. Ferry Sponeck erkundigte sich mit +gepreßter Stimme, ob das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft +stellen könne; die Gräfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und dem +Bürgermeister darüber gesprochen; beide seien der Meinung, daß +verläßliche Leute kaum aufzutreiben seien, doch sei vorläufig nichts zu +fürchten. + +Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte, mußten die Fenster +geschlossen werden. Die Gräfin zog Erasmus beiseite. Lächelnd, doch mit +schnell und scharf prüfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gerücht, +welches man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, daß Gräfin Giese +gegenwärtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er davon wisse? Ja, er +wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, es habe sich so gefügt; der +lächelnde Blick der Gräfin verwirrte ihn, er lächelte gleichfalls, +jedoch ohne Freiheit und wollte eine hastige Versicherung geben, aber +die Gräfin ersparte ihm dies feinfühlend, indem sie ihm freundlich +zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann nahm sie seinen +Arm, und man ging zu Tisch. + + * * * * * + +Die allgemeine Laune wurde munterer während des Essens. Die zerstreuten +Gespräche verstummten aber nach und nach, und alle hörten Georg Ulrich +Castellani zu, der heute seinen glänzenden Tag hatte, wie die Gräfin +sagte. + +Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft im Rauchzimmer um +den Kamin niedergelassen hatte, war Castellani zu einem seiner +Lieblingsthemen gelangt, der Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des +Fünften. + +Er sagte: »Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen wie eine dunkle +Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren Vorhang aus Goldbrokat. Es +klingt ja ein wenig ridikül, daß einem ein Autokrat aus dem sechzehnten +Jahrhundert, längst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll +und näher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; aber es ist +so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in solchem Ausmaß von der +Geschichte nicht mehr wiederholte Verkörperung absoluten Herrschertums. +Das sagt sich so: absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es +bedeutet #pur et simple# einen Gipfel der Welt, eine Kulmination der +Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der Hand gegeben hat, war +genau genommen die, in der der Untergangs- und Auflösungsprozeß Europas +begonnen hat. Man ist sich darüber nicht genügend klar. Es ist ja auch +kein Wunder, denn was für horrible Karrikatur haben die bestallten und +die andern Historienschreiber aus ihm gemacht! Einen boshaften +Phlegmatiker; einen reizbaren Kränkling; einen feigen Despoten. In +Wirklichkeit war er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann. +Natürlicherweise; der absolute Herrscher muß vollkommen einsam sein, +anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche Tiefe der Dissimulation! Die +Dissimulation entstand bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der +menschlichen Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. In +seiner Einsamkeit und seiner Höhe erschien ihm alles sehr klein und sehr +wandelbar und sehr relativ; Worte, Verträge, Leidenschaften, Miseren, +Not und Tod, alles sehr illusorisch. Daher auch seine profunde +Menschenverachtung. Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind +Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher auch sein Respekt +vor der Kunst; denn da trat ihm ein Absolutes entgegen gleich ihm +selbst. Wie mysterios er war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort +mit langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser erschloß.) Er +konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, schon als Kind nicht. Da +gibt es eine Anekdote, wie einer der gefangenen Kurfürsten, ich glaube, +der Landgraf von Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund +die Lippen verzieht, so daß es aussah, als ob er lachte, in Wirklichkeit +war ihm ganz anders zumut, und wie dann der Kaiser in seinem +brabantischen Deutsch drohend vor sich hinmurmelt: wart, ick will dir +lacken lehr. Welche tenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich +ging die Sonne nicht unter, und er haßte den Sonnenschein. Ihm war die +größte Machtgewalt verliehen, die je ein Sterblicher besaß, und er +suchte Zuflucht in einem Kloster strengster Observanz. Auch Gott +gegenüber dissimulierte er. Auch Gott war seinem unvergleichlich +mysteriosen Geist nur eine Form. Worüber er am meisten grübelte, war die +Versuchung Christi. Das quälte ihn, das begriff er nicht. Raum und Zeit +waren ihm Gespenster; und das war begründet in den maßlosen Erfüllungen +dieses Lebens, die maßlosen Ekel in ihm erregten. So erklärt sich auch +sein beständiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; und seine +kuriose Liebhaberei für Uhren, die alle, soviel deren auch waren, auf +dem Zifferblatt übereinstimmen mußten. Dissimulation. Freilich, sein +Vater trug ja als Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige +Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die Länder, und damit +sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte sie ein Uhrwerk an die Stelle +des Herzens. Das mußte Einfluß auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische +Umbiegung der Seele von der Majestätisierung in die Mechanisierung, +d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild einer neuen Zeit. Ja, +die Uhr war vielleicht sein Idol und sein Menetekel. Und doch war er der +Bewahrer; Bewahrer des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom +heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn hätte die Kirche längst +aufgehört zu existieren. Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt, +Jahrhunderte lang.« + +»Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen und Marterwerkzeugen,« +ließ sich eine Stimme vernehmen, in der Klangfarbe so wenig +unterschieden von der des Grafen, daß die andern des schneidenden +Widerspruchs zuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet +gewesen, da er, während Georg Ulrich gesprochen, den Blick unauffällig +auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas aus der Reihe gerückt, zwischen +Lix und Ferry Sponeck saß, mit einem spöttisch-düstern Lächeln um den +Mund. Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte ihn +nicht, auch nicht die ängstlich an ihm hängenden Augen Sponecks; kühl +fuhr er fort: »Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt um den Preis +von hunderttausenden verbrannten Ketzern und hunderttausenden +unschuldiger Mädchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; und +um den Preis von hunderttausenden erschlagener und gemordeter Inkas und +Azteken, und von hunderttausenden durch Alkohol und Syphilis im Namen +des Kreuzes vergifteter Indianer;« der Katechet rückte auf seinem Stuhl, +die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung gegen Pauline und Aglaia +hin, wobei letztere den Kopf aufwarf und Sparre neugierig musterte. Aber +der schien es nicht zu bemerken. »Ich will auch gleich sagen,« sprach er +weiter, »daß es eine von den Jesuiten erfundene und böswillig +verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht hat, die Syphilis +sei aus Amerika gekommen. Es geschah wahrscheinlich zur höheren Ehre +Gottes. Sie ist aus dem Orient gekommen, lange bevor die frommen +Straßenräuber Cortez und Pizarro die blühenden Reiche dort drüben in +bluttriefende Wüsteneien verwandelten. Aber wozu das alles,« unterbrach +er sich achselzuckend, »Sie, Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich. +Ich freilich verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch +nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. Im Gegenteil, +sie ist mir die Mutter des Übels, der fluchwürdigen Verschleierungen, +deren sich die großen Herren bedient haben, um ihre kleinen Zwecke +durchzusetzen, des systematischen Volksbetrugs und der politischen +Brunnenvergiftung.« + +Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als wolle er sich der +frostigen Betroffenheit entziehen, die rings um ihn die Gesichter +zeigten. + +»Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos stichhaltig,« +antwortete nach einer Pause Georg Ulrich Castellani mit ausgesuchter +Artigkeit, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und eigentümlich +triumphierend aussah. »Aber ich wollte ja nicht Zustände und Fakten +kritisieren, das steht außer meiner Kompetenz, sondern eine Figur, die +meine Fantasie enflammiert, dem Verständnis näher rücken. Daß eine +gewisse liberale Phraseologie, oder auch eine radikale, wenn Sie wollen, +es läuft im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur gegen +diese Figur in Bewegung setzen muß, gebe ich Ihnen gerne zu. Heutzutage +liegt das auf der Hand und erfordert auch geringen Mut. Blutbäder sind +etwas unendlich Schreckliches; selbstverständlich. Aber sind sie durch +die Volksbeglücker verhindert worden? Haben die Robespierre und die +Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger Blutschuld auf dem +Gewissen als die Dschingischan, die Attila, die Napoleon und Friedrich? +Wir wollen hier doch nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es +geschieht uns weh genug, daß es unserer Welt an großen Herren fehlt, von +großen Männern nicht zu reden. Ein unabwendbarer Prozeß; das Urgestein +ist zerrieben; was übrig bleibt, ist Schlamm und Kot. Wohin führen die +Ausschweifungen des Gefühls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns hält +die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; spielt die Zahl +und die Modalität des Sterbens letzten Endes eine Rolle? Dieser Planet +ist nun einmal ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergnügen darin +finden, die Massengräber zu durchwühlen, so macht es den andern Freude, +vor den ehrwürdigen Monumenten ihre Andacht zu verrichten.« + +»Ich möchte niemanden in dieser Freude stören,« sagte Sparre trocken. + +»In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles sein +konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis mehr für die Menschen,« +fuhr Castellani fort, »Majestät, gesalbte Majestät, das war die oberste +Spitze der Welt, das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der +zufällige Repräsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht darf +ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines meiner Vorfahren +illustrieren; vielleicht kann ich damit unserer Diskussion die Schärfe +nehmen, was den Damen nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte +fast zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig +vergröbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon. +Sonderbarerweise schlägt sie ebenfalls in das von Herrn Sparre so +verpönte Kapitel der Dissimulation. Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am +Hofe Ludwigs des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich, +wurde vom König mit einem Auftrag von höchster Importanz zum Kaiser +Leopold nach Wien geschickt. Er trifft eines späten Abends ein, kleidet +sich um, sendet seinen Jäger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft +melden zu lassen und folgt ihm in kürzester Zeit nach. Man teilt ihm +mit, daß die Majestät ihn erwartet. Man führt ihn durch halbfinstere +Korridore und eine Reihe ganz finsterer Gemächer, vor einer Tür bleibt +der Lakai stehen und heißt ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in +den er tritt, mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze +darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem Tisch, mit dem Rücken +angelehnt, die Arme verschränkt, in nachlässiger Haltung und ziemlich +verdrossen, steht ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der +Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener Kämmerer, in +der Meinung überhaupt, es sei die Antichambre, wo er sich befindet, +fängt an auf und abzuschreiten, wobei seine Gebärden und sein +Mienenspiel schlecht bemeisterte Ungeduld ausdrücken. Der Mann am Tisch +mit den verschränkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein +Aufundabschreiten nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf, +bleibt ernsthaft und vollkommen still. So vergeht eine Viertelstunde, +eine halbe Stunde, endlich wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich +etwas brüsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, ob der +Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. Da antwortet der Mann +ruhig: »Der Kaiser bin ich.« Der Gesandte stürzt wie vom Blitz getroffen +auf die Knie nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von +seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser muß seine Leute rufen, die +ihn laben und wieder zur Besinnung bringen müssen. Das war die Glorie, +die Wirkung des Unbeschreiblichen, das Geheimnis.« + +Sparre lächelte gezwungen. Er antwortete: »Auf die Gefahr, es völlig mit +Ihnen zu verderben, gestehe ich, daß ich da weder Glorie, noch Geheimnis +erblicken kann. Ich sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und +verächtlichen Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit und +den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts von herzlosen, unwissenden, +weltfremden und menschenfeindlichen Drahtpuppen auf dem Thron. Edle +Rassetiere im besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mißbraucht, um +zwischen den Nationen Zwietracht zu säen und dabei ihr Schäfchen ins +Trockene zu bringen, Schmeichler und Dunkelmänner zu hohen Ämtern zu +befördern und redlichen Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der +Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und Lüge -« + +Erasmus erhob sich. »Ich glaube, wir brechen das überflüssige Gespräch +ab,« sagte er scharf. + +»Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale zu reichen,« +wandte sich Castellani mit heiterem Gesicht an ihn. + +»Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor,« sagte die Gräfin +verbindlich. + +Sparre war ebenfalls aufgestanden. »Mich dünkt, dazu fehlt momentan die +nötige Empfänglichkeit, Frau Gräfin,« erwiderte er mit steifer +Verbeugung. + +Die Gräfin drehte sich zu Lix und spottete kaum hörbar: »Gaffen hat er +sich bis jetzt genug geleistet.« + +Ferry Sponeck fuhr sich unglücklich durch die Haare, denn er merkte +endlich, daß etwas nicht stimmte. »Sag mir doch, Mumu,« raunte er +Erasmus zu, »was hat es denn eigentlich gegeben?« + +Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane, die neben Erasmus +stand, horchte auf; dies Geräusch zu dieser Stunde war ungewöhnlich. +Auch die andern lauschten. Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage: +»Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? Offene Rebellion +ist Satans Werk, hab ich dir gesagt. Hast gerade du uns den Satan ins +Haus führen müssen?« + +Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den Stuhl der Gräfin +gestellt und ihr im Herabbeugen ein paar Worte ins Ohr geflüstert. Die +Gräfin sprang mit verändertem, erblaßtem Gesicht empor. Als die Töchter +sie erschrocken umdrängten, sagte sie: »Frau von Gravenreuth ist +angekommen, und ... und Gräfin Giese. Sie sind geflüchtet. Das Schloß +brennt.« + +»Gott sei uns gnädig,« murmelte der Katechet. + +Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach in Tränen aus. +Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte ihn wieder hin. Die Gräfin +stürzte in den Flur. Erasmus, weiß wie Papier im Gesicht, wollte ihr +nach, blieb aber vor der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging +auf und ab und murmelte von Zeit zu Zeit: #»nom de Dieu; nom de Dieu,«# +Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. Sponecks Krawattenschleife +hatte sich gelöst, und er bemühte sich mit verstörten Mienen, sie wieder +zu binden. + + * * * * * + +Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben Uhr war eine Bande +von zwölf Mann in das Schloß gedrungen und hatte Geld und Lebensmittel +verlangt. Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe Geldes und +zwei Säcke Mehl abgeliefert, und sie waren bereits im Begriff, +weiterzuziehen, als einige von ihnen im Hof mit dem Kutscher in Streit +gerieten. Tumult entstand, fünf Minuten später lohten Flammen aus dem +Dach des Stallgebäudes. Was sich dann weiter begeben hatte, wie sie mit +rasch zusammengerafften Habseligkeiten auf den Bauernwagen gelangt +waren, woher der Wagen mit den zwei Pferden mitten im strömenden Regen +gekommen und wer ihn gebracht, vermochten die Flüchtlinge nicht zu +sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das brennende Schloß hinter sich, +davongefahren, so schnell die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein +sechzehnjähriger Bauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta +Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf die Haut +durchnäßt, mit klebenden Gewändern, triefenden Haaren, wie +Schiffbrüchige. + +Marietta mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Sie fieberte und war +keines Wortes mächtig. Man schickte um den Arzt ins Dorf. Der Katechet +erbot sich, im Dorf junge Leute aufzubringen, die bereit wären, das Haus +zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene und einfache Dame von +fünfzig Jahren, hatte auch in dieser Lage ihre Haltung nicht eingebüßt. +Als sie umgekleidet war und für Wolfs Nachtlager gesorgt hatte, +erstattete sie genaueren Bericht. Sie äußerte Angst um Marietta. Lix und +Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. Die Gräfin war beschäftigt, +Anweisungen wegen der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und +fand Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter vier +Augen zu wechseln: »Hatten Sie nicht noch einen Gast, Baronin?« fragte +er vorsichtigen Tons; »Marietta sprach davon -« Frau von Gravenreuth +antwortete: »Ja, Herr van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern +telegraphisch abgerufen worden. Manche haben einen guten Stern.« Sie sah +Erasmus forschend an. »Und wer ist der Knabe?« fragte Erasmus weiter. +Sie erwiderte: »Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner +Geburt in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie war meine +beste Freundin. Es ist ein schönes Kind, nicht wahr?« Wieder sah sie ihn +mit ihren forschenden, glanzlosen Augen an; »ich hoffe nur, daß diese +Eindrücke seine junge Seele nicht verdunkeln,« fügte sie hinzu, »meine +wird sich nie mehr von ihnen befreien können.« Erasmus nahm ihre Hand, +führte sie an die Lippen und sagte: »Ich empfinde tief mit Ihnen, bis +ins Innerste, und das ist kein leeres Wort. Ich kenne die Größe der +Katastrophe.« + +Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht zurück, der Doktor +könne nicht kommen, da er selbst an Grippe schwer erkrankt sei. Gleich +darauf erschien Sebastiane und sagte, Gräfin Marietta befinde sich sehr +schlecht, das Fieber steige zusehends, auch klage sie über heftige +Kopfschmerzen. Die Gräfin sprach zu Helene Gravenreuth: »Ich bin ratlos; +der nächste größere Ort ist über eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn +ich auch bei solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend +jemand schicken könnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt mitten in +der Nacht herüberkommt.« + +Frau von Gravenreuth antwortete: »Unmöglich kann man sie noch +stundenlang ohne ärztliche Hilfe lassen -« + +Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. »Wenn ich mir erlauben darf, +meine Dienste anzubieten, Frau Gräfin,« sagte er mit seiner +verschlossenen Höflichkeit, »so glaube ich, den hiesigen Kollegen +ersetzen zu können.« + +Die Gräfin machte eine freudige Bewegung und sagte zu Frau von +Gravenreuth, die aufatmete und Sparre dankbar anschaute: »Herr Sparre +ist ein geistreicher junger Mediziner von der neuesten Schule;« dann zu +Sparre: »Es fügt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Güte haben +wollen -« + +Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum mächtig, auf Ferry Sponeck +zugegangen. Er packte ihn am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden +Ungestüm in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit +drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden Lippen und +Augenlidern: »Hör mich an, Ferry. Das mußt du verhindern. Um jeden +Preis verhindern, sonst sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da +du schon die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, so +erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, daß er in +Mariettas Zimmer geht, verstehst du? Nicht zu ertragen der Gedanke, daß +er sie anrührt, daß er ... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin, +sprich mit ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. Als +Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem Vorsatz beharrt, sag +ihm, daß ich ihn einfach niederknallen werde. Ohne Umstände, verstehst +du? Spute dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Daß er über die Geschichte +gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. Vielleicht +erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf er an ihr Bett. Eher mag +sie sterben.« + +Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehört. Doch er hatte +begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand sah, begriff er die Gefahr. +»Beruhige dich, Mumu, es wird gemacht,« sagte er, ging ins Zimmer +zurück, bemerkte, daß Sparre sich eben von den Damen entfernte und mit +Sebastiane zur Tür schritt. Er folgte ihm. Draußen rief er: »Sparre! auf +ein Wort,« und er verschwand mit ihm im dunklen Teil des Flurs. +Sebastiane ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre würde +nachkommen. + +Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl einem der Diener, ihm +Mantel und Hut aus seinem Zimmer zu holen, rief den alten Niklas und +erklärte ihm, daß er selbst zum Arzt nach Grünau fahren wolle, man möge +den Kutschierwagen anspannen lassen. »Herr Graf können nicht allein +fahren,« wendete Niklas bestürzt ein, »es ist Mitternacht, die Straße +stockfinster und grundlos, außerdem -« Erasmus schüttelte ungeduldig +den Kopf. »Ich fürchte mich nicht,« schnitt er die Rede des Alten ab, +»wenn niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, muß +ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. Machen Sie nur kein +Aufsehen, die Gräfin braucht zunächst nichts zu wissen.« + +Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und Erasmus traten auf den Hof +und ins Stallgebäude. Man weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut +war, die Pferde dem Unwetter preisgeben zu müssen. Ein junger +Stallbursche, von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, war +willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten die beiden flinken +Tiere vor dem leichten Wagen über die Chaussee, in eine Finsternis +hinein, die ein schwarzer Schwamm war. Im Norden stand noch immer +Brandröte. + +Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze umgeschlagen, +die ihm der Kutscher gegeben. Bäume flogen vorüber, Telegraphenstangen, +Häuser, Brücken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; die Hufe +der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus ins Nasse. Über ihre +nickenden schwarzen Köpfe hinaus starrte Erasmus auf die von den +Wagenlaternen schwach beleuchtete Straße und in den matten Lichtkegel, +durch den der Regen in glitzernden Strähnen fuhr. Bei jeder Weggabelung +zog er die Zügel an und wechselte ein Wort mit seinem Begleiter, der +schlaftrunken döste. + +Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, fiebergequält in den +Kissen; der vertraute Körper litt; Lix und Sebastiane huschten bisweilen +lautlos durch das Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das +Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hämisch-aufmerksames Gesicht; +Inbegriff des Hassenswerten. Woher dieser Haß, der seinem Gemüt sonst +unbekannt war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll in +die Nacht hinausträumen; und Aglaia mit wissend und trotzig funkelnden +Augen ihn messen; und wieder Marietta, von Schmerzen bedrängt, sterbend +vielleicht; und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles gerann +zu Nebel. Wie müde man wurde. Schön und schlank war der Knabe ... + +Die ersten Häuser der kleinen Landstadt tauchten auf. + +Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer zurück. Marietta +phantasierte. Man hatte sie in feuchte Tücher gewickelt. Sparres +unerklärliche Weigerung, die Behandlung zu übernehmen, gleich nachdem er +sich dazu angeboten, hatte auf alle wie neues häßliches Unheil gewirkt. +Er hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen und durch Ferry Sponeck die +Absage geschickt. Ferry Sponeck beschwichtigte die entrüstete Gräfin, so +gut er konnte; schließlich gab er sein Wort, daß Sparre ohne Schuld sei; +es hätten sich Umstände ereignet, durch die er gezwungen worden sei, zu +verzichten. Die Gräfin erwiderte unwillig, sie verstehe keine Silbe. Da +sagte Georg Ulrich Castellani malitiös: »Unser Freund Erasmus hat seine +#bête noire# entdeckt, das wird es wohl sein.« + +Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rückte nur langsam ins Licht +und völlig offenbar wurde er erst, als sich herausstellte, daß Erasmus +heimlich und trotz Sturm und Unsicherheit der Wege nach Grünau gefahren +sei, um den Arzt zu holen. + +Graf Castellani sagte: »Mir fällt da die Geschichte von einem Marquis de +Surêsne ein, der den größten Widerwillen gegen Jakobiner und +Sansculotten hegte, obwohl er nie im Leben einen dieser Leute gesehen +hatte. Eines Tages wurde er in der Nähe seines Schlosses in der +Normandie von Räubern angefallen; auf sein Geschrei kam ihm ein des +Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete ihn mit fabelhafter Bravour. +Der Marquis erschöpfte sich in Danksagungen, als es sich aber später +erwies, daß sein Lebensretter einer der Führer der von ihm so sehr +verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hängte sich auf; +denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem erklärten Feind des +Menschengeschlechts verdanken. Es ist absurd, gewiß, aber es hat +Charakter. Ich liebe solche Absurditäten; ich sammle sie, wie andre +Leute Münzen oder Stockgriffe sammeln.« + +Jedoch die Gräfin war sichtlich verstimmt. + + * * * * * + +Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor Schmidthammer für +den Rest der Nacht am Krankenbett. Erasmus vermochte einige Stunden zu +schlafen. Als er sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die +Fenster öffnete, wunderte er sich über den wolkenlosen Himmel und die +wasserhelle Bläue der Luft. + +Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverändert hoch, aber +die Kranke liege jetzt still, mit starren Augen, wie bewußtlos. Frau von +Gravenreuth sei bei ihr. + +Der Morgen war so nüchtern, so glasig; der ganze Tag blieb so; der +Sonnenschein so lügnerisch, die Dinge so deutlich, so kalt; der Fuß +klebte im Schreiten. Erasmus frühstückte mit Sponeck allein; die Damen +schliefen noch. Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt, +heute abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station gewesen, um +sich nach den Zügen zu erkundigen; er sei außer sich, da er erfahren +habe, der Eisenbahnverkehr sei für die Dauer von drei Tagen +eingestellt. Furchtsam hielt Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus +gerichtet. + +»Das ist höchst fatal,« murmelte Erasmus. + +»Er wird das Zimmer nicht verlassen,« tröstete Ferry Sponeck; »er wird +Unpäßlichkeit vorschützen und die Mahlzeiten oben nehmen.« + +»Es ist trotzdem fatal,« beharrte Erasmus. + +Nach wenigen Stunden fühlte er sich derart im Hause, als seien Türen +offen, die hätten geschlossen und andere geschlossen, die hätten offen +sein sollen. Er grübelte darüber nach wie er es anstellen könnte, zu +Marietta zu gelangen. Durch alle Wände sickerten Wehelaute aus ihrem +Mund. + +Die Gräfin begrüßte ihn kühl. Er fand es notwendig, ihr Aufklärungen zu +geben. Er wurde beredt. »Sie müssen es verstehen, Gräfin,« sagte er. +»Der Mann peitscht mir das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das +er spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Spüren Sie es nicht +auch? Sehn Sie nicht, daß sich in diesem Gesicht alles Böse +zusammengeballt hat, der ganze Jammer, unter dem wir keuchen, die +Anmaßung der gottlosen Kreatur, der Zynismus, der unsere Altäre besudelt +und den Purpur mit Füßen tritt -?« + +»Der? gerade der?« rief die Gräfin, halb belustigt, halb entsetzt; »Sie +übertreiben, Erasmus, Sie übertreiben ungeheuerlich.« + +»Ich übertreibe so wenig, daß alles, was ich nicht auszudrücken vermag, +mir noch zehnmal schrecklicher, noch zehnmal beweiskräftiger erscheint. +Wir sind die Opfer dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es +steckt mir in den Nerven, und hätten wir mehr Witterung für dergleichen +Subjekte, so wäre es nicht so weit mit uns gekommen, daß wir wie +Schlachttiere unsern Hals hinhalten müssen. Er ist nicht bloß ein +Exponent, er ist eine Inkarnation, glauben Sie mir, und daß er hier in +unserer Mitte aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals. +Sie müssen es begreifen, daß mir der Gedanke unfaßbar gewesen ist, ihn +an das Lager einer Frau treten zu lassen, wenn auch als Arzt, was ändert +das? bleibt er nicht Sparre, derselbe Sparre? mit seiner ganzen +Wissenschaft Sparre? einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch +immer nahe steht. Sie müssen das begreifen.« + +»Ich begreife, Erasmus, einigermaßen wenigstens,« antwortete die Gräfin, +milder gestimmt; »aber, lieber Freund, begreifen auch Sie: die Situation +ist unmöglich. Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die +jungen Mädchen, - unmöglich. Auf irgendeine Manier müssen wir aus diesem +Wirbel heraus. Irgend etwas muß beschlossen, muß getan werden.« + +Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink war nicht +mißzuverstehen. »Ich bitte Sie, Gräfin, gönnen Sie mir Zeit,« flehte er; +»vierundzwanzig Stunden Zeit, oder zwei Tage vielleicht. Ich bin völlig +bouleversiert. Ich bin zu keiner vernünftigen Überlegung fähig.« + +Die Gräfin lachte. »Nun, nun,« besänftigte sie den Erregten, »machen Sie +keine blutgierige Tigerin aus mir. Zwei Tage, natürlich, weshalb nicht; +fassen Sie sich. Zur Desparation ist noch kein Anlaß. Mut, armer +Freund.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, doch mit ungewichenem +Mißtrauen noch in den Fältchen um die Augen. + +An dieses Gespräch schloß sich eines mit Pauline und ein Gang durch den +Park mit Aglaia. + +Pauline saß lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne es recht zu wollen, +trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte noch; er lächelte abwesend und +schal. Die Freundlichkeit, mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie +hob den Blick zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das +Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerknüllte es in der +Faust. »Ich denke fortwährend an Gräfin Marietta,« sagte sie; »sie war +unbeschreiblich schön, als sie gestern naß und elend im Flur stand. So +habe ich mir immer eingebildet, daß Märtyrerinnen aussehen müssen.« Sie +stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden, unsteten schuldigen +Blick wieder aus. »Darf man sich dem Neid hingeben?« fragte sie; »es ist +Todsünde, ich weiß es, aber ich beneide Gräfin Marietta, ich beneide sie +über alles Maß, über alle Worte, bis ins Geheimste meiner Seele beneide +ich sie.« + +»Warum, Pauline?« fragte Erasmus betroffen, »warum beneiden Sie +Marietta?« + +»Ich weiß es nicht,« flüsterte das junge Mädchen; »ich kann es nicht +sagen. Aber wenn ein Wunder geschähe, und ich könnte von jetzt an bis +zum Abend Marietta sein, und ich müßte zum Entgelt dafür in der Nacht +sterben, nicht eine Sekunde lang würd ich mich besinnen.« + +»Wie sonderbar,« sagte Erasmus kopfschüttelnd. Ihm war zumut, als habe +sie ihm mit ihren Worten die Glieder an den Leib geschnürt. Sie übte, +während er auf sie niederschaute, auf das nordisch gelbe Haar, die +samtene Wange, die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, quälende Macht +über ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer banalen +Ausflucht verließ er sie. + +Aglaia kam eben über die Treppe herunter. Sie forderte ihn auf, sie ins +Freie zu begleiten. »Ich habe Sie gesucht,« sagte sie. + +Im Hörkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus schaute bisweilen +zurück und verzögerte den Schritt, als ob er Wichtiges verabsäume, wenn +er sich zu weit entfernte. + +»Sicher wünschen Sie uns alle miteinander dorthin, wo der Pfeffer +wächst,« begann Aglaia mit ihrer rauhen, aber hellen Stimme, »wir sind +Ihnen unsagbar lästig, und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man +hat ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat ist mißglückt. +Povero! Ich möchte Ihnen so gern aus der Patsche helfen, da ich uns +schon nicht helfen kann. Wie machen wir denn das?« + +»Sie dürfen nicht so sprechen, Aglaia,« bat Erasmus. + +»Nichts da, ich will reden, wie mir ums Herz ist,« entgegnete Aglaia; +»das ganze Arrangement hat mir ohnehin nie recht gefallen; je besser ich +Sie kennengelernt habe, je weniger. Nun hat sich aber Pauline innerlich +engagiert, und bei ihrer Veranlagung ist das kein kleines Unglück. Daß +das Unglück viel größer wäre, wenn sie Ihre Frau würde, kann man ihr +vielleicht sagen, aber sie wird es nicht einsehen. Unterbrechen Sie mich +nicht, Erasmus, ich hab mirs in den Kopf gesetzt, Ihnen die Leviten zu +lesen und will es auch tun. Es ist sträflicher Leichtsinn, daß Sie +überhaupt ans Heiraten denken. Ist es Ihnen denn ernst damit? Gott +bewahre. Sie machen es wie die Indianer auf dem Kriegspfad; Sie stecken +sich bunte Federn auf den Schopf, bemalen sich das Gesicht, dann +schleichen Sie sich durch die Wälder, um ein bißchen zu wegelagern. Und +wehe der Squaw, die Sie in Ihren Wigwam führen. Was da geschieht; #je +vois ça d'ici.# Wenn sie meine Freundin wäre, würde ich sie auf den +Knien beschwören, sichs dreimal zu überlegen, und noch dreimal, und dann +erst recht davonzulaufen. Womit ich nicht gesagt haben will, Erasmus,« +sie blieb stehen und sah ihn mit einer Mischung von Schelmerei und +fließendem Gefühl an, »daß ich Ihre Vorzüge nicht kenne. Sie sind nur +nicht der Felsen, auf den ich bauen möchte.« + +»Es erstaunt mich, Aglaia,« antwortete Erasmus befangen, »daß Sie sich +so urteilen getrauen; so dezidiert, so ... kühn. Wo haben Sie das her? +Soviel Kenntnis, kleine Aglaia, wo nehmen Sie die her?« + +Sie sagte spöttisch: »Keine Geringschätzung gegen die Jahre, Erasmus. +Solange es grauhaarige Dummköpfe gibt, darf es auch siebzehnjährige +Komtessen mit gesundem Menschenverstand geben. Zwei Augen im Kopf sind +zu allerlei nütze, und meine zwei Augen verraten mir, daß Sie jedes Herz +lieblos zerzupfen, daß sich Ihnen schenkt. Es tut Ihnen leid, aber Sie +können nicht anders.« + +Erasmus nickte melancholisch. »Wenn es nur nicht so schwer wäre, +Aglaia,« erwiderte er mit seiner verdeckten Stimme; »man weiß nie das +Richtige. Kommt es einem mal so vor, als hätte man sich zum Richtigen +entschlossen, so machen einen die Leute durch ihre Reden wieder irre. +Man liebt jemand, schön; aber weiß man denn, wie lang es dauert? Und die +Betreffende bildet sich ein, es dauert ewig. Weiß man denn, was es mit +der Betreffenden auf sich hat? ob sie sich nicht selber täuscht? ob es +nicht ein Unrecht ist, wenn man sie glauben macht, sie sei einem so viel +wie sie sein möchte? Das sind furchtbare Verantwortungen. Über einem ist +ein Gesetz; das Gesetz muß man erfüllen; wenn aber der Augenblick da +ist, wo es Ernst wird, traut man sich nicht, den Schritt zu tun, weil +man Angst hat; die Verantwortung ist zu groß. Es gibt bestimmte Zeichen, +aber vielleicht deutet man sie falsch. Geschehenes kann man nicht +rückgängig machen. Ich darf mich nicht betrügen lassen von meinen +Sinnen. Ich darf mir nicht genug sein. Ich bin bloß einer aus der Mitte +heraus und bin Rechenschaft schuldig. Es darf mir kein Zweifel +übrigbleiben. Wenn ich so einen Entschluß fasse, muß ich das Bewußtsein +haben: Gott will es. Kann ichs noch unterlassen, so heißt das so viel +wie Gott will es noch nicht. Man muß sich in acht nehmen und darf nicht +vorwitzig sein.« Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn und sah +kränklich aus. + +Aglaia faltete die Hände und blickte mit drolliger Verzweiflung gen +Himmel. »O Erasmus,« seufzte sie, »Sie zerreißen mir das Herz. Und da +gibt es Menschen, die einem harmlosen jungen Mädchen zumuten, Hoffnungen +auf Sie zu setzen. Es muß ja jammervoll in Ihnen aussehen. Das ist +schlimmer als die zehn ägyptischen Plagen. Nein; um Himmelswillen, +niemals! Passen Sie auf, Erasmus,« fuhr sie zutraulich fort, »ich bin +kein trockener Zunder, der beim ersten Funken Feuer fängt. Ich glaube, +ich bin in Sie verliebt. Warum soll ichs leugnen? Ich glaube, ich könnte +sogar Tollheiten für Sie begehen; nicht ganz große Tollheiten, gemäßigte +nur. Ziehen Sie daraus keine Konsequenzen, bitte; lassen Sie es ein Wort +sein wie guten Morgen. Jetzt, wo es eingestanden ist, ist ja Spiel und +Zauberei davon weg. Und sehen Sie, wie hübsch, daß ichs gefunden habe, +bei Spiel und Zauberei müßt es auch bleiben. Das andere, das muß +schauerlich sein mit Ihnen. Nur eine Komödiantin oder eine Heilige +könnte es aushalten.« + +Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene hinüber. Er hatte sein +spleeniges Lächeln um den Mund. Spiel und Zauberei, ja, das war einmal, +dachte er, das darf nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das +Zifferblatt der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegene da +gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte sich nicht +ganz, wollte ihm scheinen. + +Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten gelangt. +Sebastiane saß in der Sonne auf einem Gartenstuhl, vor ihr spielten ihre +beiden Mädchen im Sand, und der siebenjährige Wolf sah ihnen zu. Als er +Erasmus und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand +entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick Sebastianes +streifte das Gesicht Erasmus und das des Knaben. »Merkwürdig, wie +ähnlich er Ihnen sieht,« sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend. + +Während Aglaia ins Haus ging, ließ sich Erasmus auf einem zweiten Stuhl +nieder, und im spärlich fließenden Gespräch mit Sebastiane, die von der +halbverwachten Nacht müde war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf +den Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine Hände, seine Füße, +sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich entfernten Zweig ein +Eichhörnchen erspähte und auf Zehenspitzen, am Bord des Rasens, +hinschlich, erhob sich Erasmus und folgte ihm. Er redete ihn höflich an +wie einen Erwachsenen. Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen +der Bäume kenne; die Namen der späten Blumen, die noch blühten. Die +Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche und beherzte Art zu +antworten; der groß vertrauensvolle Blick; das Oval des Gesichts. Er +nahm ihn an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte über sich +selbst; er hatte sich nie mit Kindern beschäftigt, noch sich zu ihnen +hingezogen gefühlt; die Empfindung für Sebastianes Kinder hatte ihnen +nur in der Vereinigung mit der schönen Mutter gegolten. + +Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der seinen spürte, dünkte +er sich alt. Er erschien sich wie ein Baum, belastet mit Jahren, +beladen mit der Erinnerung an viele Wetter, viele stürmische Tage und +Nächte, Frost und Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt +nicht weit über seine Hüfte reichend, erschien ihm wie ein Schößling, +zart und kräftig, anschmiegend und edel, an ihm empor-, einer +unbekannten und zu fürchtenden Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten +Wege waren ihm plötzlich verhaßt; die weiße Front des Herrenhauses war +eine Gefängnismauer; »möchtest du mit mir zum Fluß gehen, Wolf?« fragte +er. Der Knabe bejahte erfreut. + +»Erzählen Sie mir eine Geschichte,« bat der Knabe. + +Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Fluß gelangt waren, der +dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, setzte er sich auf einen +moosigen Stein, legte den Arm um des Knaben Schulter, lächelte verlegen +und fing an: »Es ist kein Märchen, was ich dir erzählen will, es ist +eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. Am +Hof des Vizekönigs, Vizekönig nennt man den Stellvertreter des Königs +von England dort, mußt du wissen, am Hof des Vizekönigs also lebte unter +vielen andern Fürsten und Radschas ein bengalischer Fürst namens Lal +Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut litt, trotzdem er +reich und mächtig war, auch schön und klug. Solche Schwermut, weißt du, +ist für die Seele und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und +krankhafte Schwäche für den Körper; wer davon heimgesucht wird, der hat +an nichts in der Welt mehr Freude. So war das mit Lal Sarkar und wurde +mit der Zeit immer ärger. Die Ärzte wußten so wenig Rat wie die Freunde; +eines Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und sagte, er +solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama reisen, dort würde er +Heilung finden. Der Dalailama ist der oberste Priester der indischen +und chinesischen Welt, so wie der heilige Vater in Rom Herr über die +Christenheit ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheißen, rüstete +eine Karawane aus und reiste über das hohe Gebirge des Himalaya nach der +Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf kehrte er zurück, und zwar als ein ganz +anderer Mann, heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die +Verwandlung, daß auch am Hof des Vizekönigs, wo ich um diese Zeit +eintraf, das größte Erstaunen darüber herrschte. Wenn man sich aber +erkundigte, erfuhr man nicht viel mehr, als daß eben Lal Sarkar in Lhasa +gewesen sei. Mir ließ es keine Ruhe, und ich wußte es anzustellen, daß +ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends in sein Haus +eingeladen wurde. Das war nun wirklich wie ein Märchen, weißt du, dieser +Palast mit seinen Springbrunnen und vergoldeten Säulen und Bassins mit +Fischen und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei ihm, und +als wir ins Gespräch gekommen waren, fragte ich ihn nach dem, worüber +sich alle Europäer den Kopf zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt, +als er wie ein Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt +hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und feurig. Ich fragte +ihn also und fragte auch, ob ein Fremder wie ich wissen dürfe, wie das +vor sich gegangen und was mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewiß dürfe +ich es wissen, es sei nichts zu verheimlichen. »Ich habe den Dalailama +gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.« - »Das ist +alles?« fragte ich, »nur in sein Angesicht geschaut?« - »Ja,« antwortet +er, »nur das.« Und als ich verwundert, vielleicht auch ungläubig +schwieg, sagte er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon +vergessen: »Der Dalailama ist ein Knabe. Zwölf Jahre ungefähr, älter +nicht. Er sitzt auf einem Thron und lächelt. Sein Gesicht ist das +schönste Menschengesicht auf Erden, so schön, wie man es sich nicht +einmal im Traum vorstellen kann. Seine Stirn ist wie ein geschliffener +Edelstein und göttliche Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen +eine Güte aus, daß es jeden, auch den verhärtetsten Unhold bis ins Herz +trifft und er nicht anders kann als auf die Knie sinken. Sein Lächeln +genügt, damit aller Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge +aufhört. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, ist es, als sei +er fünftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, aber man küßt seine Hand und +weint. Vor Glück weint man. Er ist ein Knabe, aber er ist mächtiger als +Armeen und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Könige und Kaiser der +Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn anschaute, wurde +ich von meiner Schwermut geheilt.« So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das +ist meine Geschichte.« + +»Es ist eine herrliche Geschichte!« rief Wolf mit hingerissenem +Ausdruck, »die mußt du mir noch öfter erzählen.« In seinem begeisterten +Eifer dutzte er Erasmus plötzlich, und dieser ließ es sich gern +gefallen. + + * * * * * + +Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und sagte, Marietta +wolle ihn sprechen; sie fühle sich besser, obschon man fürchten müsse, +daß es ein trügerisches Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch +geäußert, sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei. + +Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war Bedauern über den +Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. Ein Tag hatte das Werk von zehn +Jahren verrichtet. Dämmerschwäche nietete den Leib in die Kissen und +Tücher. Heiße Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben. +In den Augen war gelbfahles Licht. Um das Haupt zu entlasten, waren die +Haare gelöst, und über das weiße Linnen floß die kupfrige Flut, +unvergangene Schönheit. + +Sie so hingeworfen und zerstört zu erblicken, war schlimm. Schlimmer der +Verlust; seine stumme Absage. Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem +Innern. Nichts, was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen +sein. Erinnerung an Zärtlichkeit war Scham; was ihm dieser Körper +geschenkt, was er ihm geraubt: Sünde. Da lag eine gefährdete Kreatur, +arm, entschmückt; nicht Weib, nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes, +nicht Teil seines Lebens mehr. + +Er flüsterte ihren Namen. Sie lächelte und erhob matt die Hand. + +Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. Marietta winkte ihm, er +setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie sagte: »Hör mich an, Erasmus. +Man weiß nicht, was einem zustoßen kann. Ich werde jedenfalls von bösen +Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfährst jetzt, was du erfahren +mußt. Hast du Wolf gesehen?« Er nickte; er erbleichte. »Wolf ist mein +Kind. Wolf ist dein Sohn.« + +Regungslos starrte er Marietta an. + +Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand auf die seine, die +nichts von der Berührung wußte: »Ich habe viel darüber nachgedacht, wie +du es aufnehmen wirst. Muß ich erklären, warum ich es vor dir +geheimgehalten habe? Prüfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. Es +ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, vor dem graute mir +immer. Es war gut, daß etwas zwischen uns war, das uns trennte, wenn wir +vereint waren und uns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich hätte +sonst manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, der für +dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, wenn du mir starbst. Du +bist mir sehr oft gestorben und ich mußte dasitzen und mein Herz in der +Hand halten und auf deine Auferstehung warten.« + +Noch immer regungslos, mit geschnürter Kehle, starrte er Marietta an. + +Sie berichtete mit wenig Worten, erschöpft schon, wann sie das Kind +empfangen, wann und wo sie es geboren, wie sie die Verhehlung +bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse Einzelheiten, an die +beweisenden Daten, sprach von ihrem Glück, von inneren Kämpfen, von +Angst um die Zukunft des Kindes, schwieg, schloß die Augen, wartete auf +ein Wort von ihm, aber es kam keines. Er saß regungslos und starrte sie +an. Es war eine unbezweifelbare, sogar eine heilige Wahrheit in ihrer +Stimme, in ihrem Blick, in ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit +nicht, er bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie +stand wie mit einem glühenden Schlüssel vor der Pforte des unbekannten +finstern Raums, von dem Marietta gesprochen, und fand keinen Einlaß. + +»Das Kind ist wohlgeraten,« sagte Marietta leise; »du wirst nicht nur in +seinem Äußern viel von dir erkennen. Ich verlange kein Gelöbnis von dir. +Dazu war alles zu schwebend zwischen uns. Du mußt ja auch erst mit dir +selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. Denke nach, +Erasmus. Jetzt geh; ich bin müde.« + +Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des Herzens. Angst, +Gewissensangst, Frieren des Blutes, bittere Unlust, Gefühl der +Einsamkeit, Selbstmißtrauen. Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich +er aus. Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. Im Haus +wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder Stunde. Doktor Schmidthammer +hatte eine Lungenentzündung konstatiert. Während des Soupers herrschte +die gedrückteste Stimmung. Die Gräfin saß da wie ohne Maske, alt und ein +wenig böse. Selbst Aglaias Miene war ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er +fürchtete sich vor den schönen Gesichtern. Er fürchtete sich vor dem +Blick heimlichen Einverständnisses, der ihn möglicherweise treffen +konnte, vor dem enttäuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, dem +mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte Tun, die verspielte Zeit, +die verspielten Worte. Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der +seekrank ist, nach festem Boden unter den Füßen. Nach Sicherheit, nach +Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung durch Umstände +und abgenötigten Beschluß, sondern nach der, die von oben kommt und +unwiderruflich, unwidersprechlich ist. + +Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von der Gesellschaft. Er +wollte allein sein. Im untern Flur ging er noch eine Weile auf und ab. +Bisweilen blieb er stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den +Wänden, Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit war +künstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein beunruhigtes Herz. Da kam +Frau von Gravenreuth die Treppe herunter; sie führte Wolf an der Hand +und redete mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus, +während der Knabe weiterging: »Er ist so erregt heute, wollte nichts +essen; ich weiß nicht, was ich mit ihm beginnen soll. Ich habe ihm +versprochen, noch ein wenig ins Freie mit ihm zu gehen.« + +Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mädchengesicht war ein +Lächeln, welches ausdrückte: wir kennen uns, wir sind Freunde; dazu +Zweifel, Zurückhaltung und ein suchender Blick. + +Das unerwartete Gegenüberstehen war Hölle für Erasmus. Er konnte sich +nicht entsinnen, je Quälenderes empfunden zu haben. Es ertönte das Wort, +das er selbst gesprochen, füllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum: +alle Legitimität stammt von Gott. Es schlug ihn in den Nacken; es war +ein flammender Pfahl, der ihn schlug. Enthielt es Wahrheit, so gab es +nichts daran zu mäkeln; war es Irrtum, so saß man am Wendepunkt und +verkrampfte sich ins Arge. + +Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in seinem Leben, fremd +hervorgetreten aus der Fremdheit, Geschöpf der Leidenschaft, +ungewünschtes, ungewußtes, unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand, +das hegenswerte, wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung und +Nachfolge. + +Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel hervorgeschossen und auf +Wolf zu. Der Knabe beugte sich nieder, um ihn zu packen; das Tier, in +spielgieriger Laune, entwich fauchend, kam zurück, sprang an den Beinen +des Knaben empor und drängte den Lachenden gegen die Wand. Ein kleiner +Schrei; Sturz eines Gefäßes; ein Klirren; die etruskische Vase, die auf +einem Säulenpostament neben der Tür des Musikzimmers gestanden, war +heruntergefallen und lag in Trümmern. Aus dem Speisesaal kamen die +Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher, flüchtete zur Herrin; +die Gräfin kniete mit bedauerndem Gesicht nieder, um die kostbaren +Scherben zu sammeln; Wolf war blaß geworden, sein Mund verzog sich zum +Weinen, und mit unwillkürlicher Bewegung griff er nach Erasmus Hand. +Erasmus, ebenso unwillkürlich, umfaßte die Hand des Knaben mit +tröstendem Druck, und die Betrübnis, die sich in seinen Mienen malte, +war kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene Vase. Doch +blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich zu dem Knaben niederbeugte +und eine formelhafte Beschwichtigung flüsterte. Schwere aber lastete nun +auf allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor herein Eugen +Sparre kam, der am Spätnachmittag fortgegangen war und jetzt +zurückkehrte. + +Erasmus entriß sich. In seinem Zimmer nahm er eine der theologischen +Schriften zur Hand, die er stets mit sich führte. Aber er konnte seinen +Geist nicht zur Lektüre sammeln. Es wurde spät, und er saß noch immer +mit aufgestütztem Kopf, grauem, umrißlosem Denken nachhängend. +Schließlich überwältigte ihn der Schlummer, im Sitzen. Es klopfte an der +Tür; er hörte es nicht. Es klopfte abermals; er schrak empor; rief, halb +im Traum. + +Es war wie Traum, als Sparre eintrat. + + * * * * * + +Die anfängliche Empörung Eugen Sparres hatte nicht lange gedauert, +obwohl Ferry Sponeck täppisch wie ein Bauer gewesen war. Da er die +Abneigung des Grafen Ungnad deutlich gespürt hatte, war ihm dessen +Verhalten nicht einmal so rätselhaft wie seinem Botschafter, um so +weniger, als sich Sponeck bemüßigt glaubte, zur Entschuldigung des +Freundes auf eine zarte Beziehung zwischen ihm und der Kranken +hinzuweisen. Was für Dickhäuter diese Menschen doch sind, dachte Sparre; +als ob dadurch der Schimpf harmloser würde. + +Man könne vorläufig nichts Rechtes unternehmen, faselte Ferry Sponeck, +der nicht wußte, wessen Partei er ergreifen sollte und zwischen der +alten Anhänglichkeit an Erasmus und der bewundernden Dämonenfurcht +schwankte, die ihn zu Sparre zog; Erasmus sei in einer kritischen +Verfassung, jammervoll sei ihm zumut; ob Sparre an ritterliche +Austragung denke? doch wohl kaum? Wenn ja, wolle er mit Georg Ulrich +Castellani beraten; jedenfalls sei er, Ferry Sponeck, in einer +verteufelten Zwickmühle. Sparre lachte. Nein, daran denke er nicht; er +gebe Satisfaktion auf die ihm angemessene Art und wünsche sie zu +erhalten, wie es sich für gesittete Menschen zieme. Er fühle sich so +wenig beleidigt, wie wenn er im Wald über eine Baumwurzel gestolpert +wäre; »man war achtlos,« sagte er, »das nächste Mal wird man aufpassen. +Mit Ehrenkränkung hat das nichts zu tun.« Worauf ihn Ferry Sponeck +kopfschüttelnd für einen unmäßig interessanten Mann erklärte. + +Sparre durchschaute den schlechten Schauspieler und hatte Nachsicht. +Unbekannt mit einer Welt, in die ihn der Sturm verschlagen, die seine +eigene aufwühlte, in die er wie zu einer bergenden Insel geflohen, nicht +aus Schrecken über den Sturm, sondern weil er zur Vollendung einer +wissenschaftlichen Schrift die Gelegenheit mit Freude ergriffen hatte, +die ihm eine vorübergehende Ruhestatt zu bieten versprach, fühlte er +stärker noch als unter dem ersten Eindruck das Erstaunen über alles, was +ihn umgab. + +Diese Menschen waren ihm wie alte Gemälde. Tod war über sie +hinweggegangen; Leben in seinem Sinn hatten sie nicht. Etwas wie goldner +Staub hing an ihnen, Gefesselte eines prunkenden Rahmens, verjährte +Ehrwürdigkeit. Sie sprachen, und ihre Worte waren nicht die der +Lebendigen; sie scherzten, und ihr Lächeln war bedungen, ihr Lachen +klang aus der Erde. Alles an ihnen war bedungen, gekettet, befohlen und +vorgesetzt; ihr traurigster Ernst war noch Spiel, Schattenspiel hinter +der Eisdecke. Sie waren einer glitzernden Lüge von Herrschaft +hingegeben, und sie wußten um die Lüge, lange schon, aber jeder +schmeichelte dem andern die Lüge weg. Sie glichen den Schwerkranken, +denen man Gesundheit einredet, mit leichter Mühe, weil ihre Seele +getrübt ist; die in jede Gebärde, in jeden Hauch ein Übermaß von +Hoffnung und Sorglosigkeit legen und nur die Täuschung wollen, sonst +nichts. Diese Stuben, diese Gänge, die glänzenden und alten Dinge, es +war ein Mausoleum, ausgeschaltet aus der Zeit, ohne Blut, ohne Kraft, +ohne Farbe. Menschenruf verstummte; ein summender Schall war, worauf sie +ängstlich lauschten; Menschenforderung galt ihnen für Unbill; sie +wohnten noch in der alten Form, sie hielten noch die abgeschnittenen +Zügel in ihren Händen, lächelnd, indes der Wagen still stand und die +Pferde entführt waren. + +Die anmutigen Frauen; wie gelassen sie dem Abgrund zuschritten, dessen +Phosphoreszenz sie über seine verschlingende Gewalt betrog. In einer +Sehnsucht schmolzen sie, die keine Erfüllung mehr finden konnte, aber +sie ahnten vom Unmöglichen nichts. Noch trieben sie Neckerei hinter der +Maske; noch gefielen sie sich in ihrem tändelnden Idiom aus verwehten +Epochen; nur kein Aufwachen, flehten ihre Mienen, nur kein rauhes +Berühren. Die glatten Glieder wohlig hingeschmiegt an gespenstische +Bilder; schwelgend in den pikanten Verfeinerungen, die ihre Fantasie +noch schenkte, wo doch das Wirkliche bereits hinter der Wand aufbrüllte; +sich als Letzte spürend, aber nicht als Vergangene, als Entrückte, aber +nicht als Verlorene. + +Eugen Sparre sah mit den Augen eines Forschers und eines Kindes. Die +Regionen und die Jahre, aus denen er kam, hatten ihn in der Strenge der +Betrachtung geübt. Empfundenes und Geschautes nicht zu verfälschen war +sein innerstes Amt. Schmucklos war alles in ihm, an ihm und die Bahn +hinter ihm. Unverwöhnt und unerweicht, besaß er die Kraft, Leiden zu +überwinden und zu erkennen. Das Durchlebte war ihm oft wie giftiger +Rauch. Er hatte gegen jede Art von Bedrückung getrotzt, jede Art von +Erniedrigung erfahren. Er hatte die Ellbogen gespreizt und sie zu +eisernen Balken gemacht, um nicht zu Brei zerquetscht zu werden. +Hinaufgeklommen an den schlüpfrigen Quadern des Riesenbaus, von dem auf +halbem oder Viertelweg die Schwächlinge und Übergierigen abgestürzt +waren, um sich unten die Schädel zu zertrümmern, hatte er mit kühlem +Kopf seinen Platz erobert, der Pflicht, die er gewählt, die ihn gewählt, +unerschütterlich gehorsam und schicksalkennend wie nur diejenigen sind, +deren Herzschlag der Herzschlag des Jahrhunderts und des Volkes ist. Er +hatte ungeachtet seiner Jugend zu den Propheten der großen Wandlung +gehört; er hatte sie errechnet, sie war ihm Ergebnis logischer Erwägung, +und mitten in der Taifunwelle war er leidenschaftslos geblieben, +Beobachter, Arzt. Er war heiter geblieben, ohne aufrührerische Gelüste, +dem Element vertrauend, es liebend beinahe, in jeder Verwüstung eine +höhere Ordnung vorauswissend, denn alles war Notwendigkeit, Geballtes, +Gerafftes, Gefügtes, Wüten von Lebenskeimen gegen Todeskeime, +Erneuerungsraserei des fiebernden Menschheitsleibes, Wiedergeburt aus +Agonie, Qual und Wahnsinn der sterblichen Einzelnen im unsterblichen +Ganzen. + +Von allen, die auf Rienburg um ihn waren, hatte Graf Erasmus Ungnad +seine Aufmerksamkeit am meisten gefesselt. Der erste Anblick des +gespannten, leidenden, hochmütigen, geschliffenen Gesichts hatte ihn als +Erscheinung berührt. In einem Nu hatte er so scharf wie den andern sich +selbst erfaßt, eben sein Anderssein und Andersmüssen, das völlige +Widerbild, wie Pol gegen Pol. Und Sonderbares war geschehen: er hatte +Schmerz verspürt. Da war Figur; ja, Figur, wie die Sage sie gibt; +umschlossene und einsame Gestalt; heimatlose Gestalt; in finster +gewordenem Raum mit einer Haltung schreitend, als sei noch Licht die +Fülle; müde wie einer, der Schätze getragen hat; ungegenwärtig, +verfangen, versponnen, tragisch hinabgehend, von sterbenden Illusionen +begleitet, der irrende traurige Ritter; der Adlige. Das war er, der +adlige Mann, Überbleibsel und Anachronismus, der, dem auch Gott nur eine +Form ist, wie Graf Castellani gesagt hatte, der es nicht nahm, nicht +wollte, daß sein Reich aufgehört hatte zu sein und der von der Zeit +nichts zurückbehalten hatte als die Jahre, geschäftige Symbole, doch +leer und sinnlos. + +Die Erschütterung wirkte fort in Eugen Sparre. Sie war derart, daß sie +auch durch die beleidigende Feindseligkeit des Grafen nicht vermindert +wurde und gab ihm so viel zu denken, daß er seine Arbeit darüber vergaß. +Die persönlichen Verhältnisse Ungnads flößten ihm, jenem Allgemeinen +gegenüber, nur geringe Teilnahme ein; trotzdem horchte er bei den +Andeutungen Ferry Sponecks auf. Sponeck hielt sich in dem Fall nicht zur +Verschwiegenheit verbunden; was alle Welt wußte, konnte auch Sparre +wissen; für Sparre war es Bestätigung, die den Charakter noch tiefer +erleuchtete. Er erblickte Verborgenes, und was seinem Auge entging, +vervollständigte die Kombination. Diese Geschicke ließen sich +wunderlich leicht entziffern; ihre Hieroglyphen bedurften nicht einmal +der Geduld. So zuckte für ihn greller Schein um die Szene im Flur, als +er ins Haus trat und alle um die zerbrochene Vase herumstanden. +Sekundenkurzes Schauen genügte; haften blieb in Blick und Gedächtnis der +mädchenhaft zarte Knabe neben dem überschlanken Erasmus Ungnad, das +Gebeugte und Zerquälte an ihm, das zitternd Aufgestörte im Wesen des +Kindes, die unverkennbare Ähnlichkeit in der Gesichtsbildung beider, +etwas Unsagbares von Verkettung. + +Als Erasmus verschwunden war, las Baronin Polyxene die Scherben auf; +Ferry Sponeck kniete ebenfalls hin, um ihr zu helfen. Da sagte Sparre, +man möge ihm die Stücke überlassen; wenn er Klebestoff bekommen könne, +getraue er sich, die Vase wieder zusammenzusetzen; er habe dergleichen +schon oft versucht, und mit Glück. Die Beschädigungen waren in der Tat +nur geringfügig; die beiden Henkel und ein Teil des oberen Randes waren +abgebrochen, ferner war in der Ausbauchung ein rundes Loch. Man sah ihn +verwundert an; Ferry Sponeck nickte eifrig und versicherte: »Ja, darauf +versteht er sich, er hat auch mir einmal eine Sevreschale geleimt, er +ist überhaupt ein Tausendkünstler.« Die beflissene Fürsprache erweckte +Heiterkeit, auch bei Sparre selbst, Niklas wurde gerufen, der nach einer +Weile ein Töpfchen mit Leim brachte, Sparre packte die Vase samt den +Scherben in ein Tuch und begab sich damit in sein Zimmer. + +Er hatte von dem Zweck seines Beginnens keine deutliche Vorstellung. Es +war ihm ein in das Kleid einer Parabel gehüllter Scherz; eine Mitteilung +von ungewisser Tragweite und unbestimmtem Inhalt. Während er mit +Sorgfalt die Bruchstellen aneinanderfügte, kleine Splitter mit +geschickter Hand einpaßte, lächelte er häufig. Als er nach zweistündiger +Arbeit fertig war, ging er zum Fenster; Ungnads Zimmer lag dem seinen +schräg gegenüber, wie er wußte. Er sah noch Licht bei ihm. Da nahm er +die Vase vorsichtig in die Hand, prüfte das Werk noch einmal, überzeugte +sich von der Haltbarkeit der zusammengesetzten Teile und verließ das +Zimmer. + + * * * * * + +Erasmus fuhr auf. »Was wollen Sie?« stotterte er, »was bedeutet das?« Er +starrte auf das tönerne Gefäß. + +Sparre stellte die Vase auf den Tisch. »Wenn man morgen die Bruchlinien +abfeilt, wird der Schaden kaum mehr bemerkbar sein,« sagte er. + +»Aber was soll es denn heißen?« murmelte Erasmus. Er hatte sich erhoben, +stand frostig da, stirnrunzelnd, abweisend. + +»Ich hatte den Eindruck, als sei Ihnen der kleine Unfall nah gegangen,« +sagte Sparre; »ich weiß selbst kaum, warum ich mich verpflichtet fühlte, +ihn wieder gutzumachen. Vielleicht wollte ich damit auch eine mir +geschehene Widerwärtigkeit aus der Welt schaffen. So etwas ist störend, +wenn es auch mein Gleichgewicht nicht beeinträchtigen kann. Wo der Hieb +nicht trifft, ist keine Wunde. Da Sie mich als Arzt für einen Menschen +verpönt haben, habe ich mich begnügt, Arzt bei einem Ding zu sein. Das +Ding ist leidlich geheilt, wie Sie sehen.« + +Die Stimme klang fast hohl, in ihrer Baßtiefe schleifend. + +»Ich verstehe nicht,« stieß Erasmus hervor; »Sie wollen sich über mich +mokieren, scheint mir ...« + +Sparre blickte zu Boden. »Merkwürdig, daß Sie es nicht verstehen,« sagte +er wie im Selbstgespräch. »Gibt Ihnen denn das keinen Fingerzeig, daß +ich, der Mensch, den Sie hassen oder glauben hassen zu müssen, der +Mensch Ihrer Abkehr und Ihres Grauens, dem Sie die unverdiente Ehre +einer entscheidenden Funktion zuweisen, daß dieser selbe Mensch etwas +Zerbrochenes für Sie wieder ganz gemacht hat?« + +Erasmus stutzte. Vor Unwillen rötete sich seine Stirn. »Für mich ganz +gemacht? Für mich? Wirklich, Sie erlauben sich ungebührlichen Spaß, Herr +Doktor Sparre ...« + +Sparre schlug langsam den Blick auf. »Ich möchte gern in anderm Ton mit +Ihnen sprechen, Graf Ungnad,« sagte er verhalten. »Sie gehen im +Wesentlichen fehl. Ihre Voraussetzungen sind falsch. Ich sah eine Not. +Als der Krug da herunterstürzte, sah ich eine Menge Zerschmettertes +liegen. War der Knabe eigentlich schuld und sein Spiel mit dem Tier? Er +fühlte sich aber schuldig, und als Sie seine Hand faßten, hatte ich den +Eindruck, als ob Sie sich für seine Schuld mitverantwortlich fühlten. +Aber Sie haben es doch nicht gewagt, für ihn einzustehen. Was liegt an +diesem altertümlichen Kram, Graf Ungnad? Wenn ihn das Aufräumweib vor +mir auf den Kehricht wirft, schau ich nicht einmal darnach hin. Es +entspricht auch nicht meiner Überzeugung, daß man Zersplittertes wieder +kitten soll. In diesem Fall habe ich mich entschlossen, die Überzeugung +zu verleugnen. Ich dachte, es sei gut, es sei nützlich. Ich dachte, ich +könne Ihnen damit etwas beweisen. Verstehen Sie mich noch immer nicht?« + +In der Tat, Erasmus begriff nichts. Sein Gesicht zeigte +Ausdruckslosigkeit und erbittertes Unbehagen. Die Unterlippe stülpte +sich; die Handfläche rieb sich an der Lehne des Stuhls. + +»Also will ich klarer sein,« fuhr Sparre etwas gedrückt fort, denn er +hatte flüssigere Verständigung erwartet; »ich habe etwas über mich +vermocht, was meiner Natur und Lebensrichtung diametral entgegen ist. +Ich habe etwas versucht, wozu ich mich bisher habe nie gewinnen können, +das geistig Geschiedene zu überbrücken, dem, was streng und unbedingt +jenseitig für mich ist, mich zu nähern. Ist es hoffnungslos? Diese +Tonvase, ich stelle sie her wie einen Markstein, an dem wir uns treffen +können, Sie von Ihrer Seite, ich von meiner. Es ist ein Augenblick, der +nie wiederkehrt, nie wiederkehren kann. Die Wahrheit, die mich jetzt +antreibt und erfüllt, ist sicher nur eine einmalige Flamme. Vielleicht +ist dabei etwas in mir von dem geheimnisvollen Verwandlungsinstinkt der +Insekten. Vielleicht kann ich den analogen Prozeß in Ihnen +beschleunigen. Entziehen Sie sich nicht. Sich auflehnen gegen den Gang +der Sterne ist kein Heroismus, das Unabänderliche verfluchen keine +Frommheit. Wenn ich Ihnen entgegenkomme, bis zu dem mühsam geleimten +Krug auf dem Tisch da, so seien Sie nicht taub für mein #qui vive;# Sie +wissen ja, die Posten haben scharfe Ordre. Ich verlange ja nicht +Kameradschaft; ich habe nur erfaßt, was mir, was uns dienen kann. Es +gibt verschiedenerlei Tugenden, Graf Ungnad, verschiedenerlei Mut und +verschiedenerlei Feigheit, verschiedenerlei Grausamkeit und +verschiedenerlei Güte. Ich und die meinen, wir können nutzen, was Sie +und die Ihren im Lauf der Jahrhunderte an Erntegut in die Scheunen +gebracht haben, an blutgehärtetem Stahl und geraffter Muskel und +geweihter Lehre und dem Glauben daran und an Erfahrung, die durch die +Geschlechter veredelt ist, an geschmolzenem und gemünztem Gold des +Lebens. Es ist der Tag vielleicht nicht fern, wo wir zugreifen und +dankbar quittieren, wenn wir uns vom ersten Rausch und Anprall erholt +haben. Denn sonst sind wir auf unserer Seite so verloren wie Sie auf +Ihrer; ein Rachen wird uns schlucken, der keinen Unterschied macht +zwischen mehr oder weniger fein gemahlenem Korn. Und Sie, lockern Sie +die zu straff gezogenen Schrauben. Geben Sie nach. Werfen Sie das +Zerbrochene, auch wenn es kostbar, auch wenn es noch so meisterhaft +gekittet ist, auf den Kehricht. Alte Form muß sterben. Und Gesetze +sterben wie Formen und wie Menschen. Dagegen ist keine Hilfe als das +Leben.« + +Er stand noch eine Weile und schaute über Erasmus hinweg, der sich nicht +rührte. Dann verließ er mit zeremoniöser Verbeugung den Raum. + +Erasmus rührte sich noch immer nicht. Suada haben diese Leute, dachte +er, und senkte in peinlicher Benommenheit den Kopf. Aber die +Benommenheit wuchs und wuchs. Er fing an auf und ab zu gehen. Es schien +ihm, als zerspalte sich der Boden unter seinen Schritten. Einmal seufzte +er und lauschte, weil ihn dünkte, das Seufzen käme aus der Mauer. Wenn +man die Schwere der Niederlage mildern könnte, ging es ihm, scheinbar +zusammenhanglos, durch den Sinn. Und darauf wieder: ich weiß, daß sie +sterben wird; heute nacht wird sie sterben, ich weiß es. »Erlöse uns von +dem Übel,« murmelte er vor sich hin, das Taschentuch an die Lippen +pressend, »und führe uns nicht in Versuchung.« + +Abermals lauschte er. Es war still im Hause, und doch lag in den Ohren +weitentferntes, gräßliches Geschrei. Jemand ging im Korridor vorüber. Er +öffnete die Tür; es war finster. Der Schlaf der Bewohner wälzte sich +her, zu schwarzem Schlamm gestockt. Er zündete eine Kerze an und ging, +die Flamme mit der Rechten schützend, den Flur entlang. Auf einmal +prallte er zurück. Auf der Schwelle einer Tür stand eine Frau. Sie +hatte die Hände vors Gesicht gelegt; so stand sie, gegen das Zimmer +gewandt, in dem eine umhüllte Lampe brannte. + +Es war Helene Gravenreuth. Sie drehte sich um, ließ matt die Arme +fallen. »Schlimm steht es,« hauchte sie. + +Er schwieg. + +»Kommen Sie herein,« sagte sie, »hier schläft Wolf; die Pflegerin hat +mich eben jetzt bei Marietta abgelöst. Aber leise, bitte, das Kind +schläft spinnwebdünn heute.« + +Er trat ein. Er ging zum Bett des Knaben, nachdem er die Kerze verlöscht +und weggestellt hatte. Er flüsterte: »Es ist alles so sonderbar, +Baronin, so sehr sonderbar.« Seine Wangen wurden fahl, plötzlich kniete +er nieder und betete. + +Frau von Gravenreuth schloß die Tür. »Ich war nicht vorbereitet,« sagte +sie mit erstickter Stimme, als Erasmus sich erhob, »bin es noch immer +nicht. Was wird werden, Graf?« + +Erasmus setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sie +wissen ja, weshalb ich hierhergekommen bin,« sagte er. + +Sie nickte. »Ich weiß,« erwiderte sie. »Sie wollten um eine der +Komtessen werben, Sie wollten heiraten.« + +Er fuhr fort: »Nun wird es anders kommen. Nicht eine Frau werd ich +heimbringen, sondern einen Sohn.« + +»Aber wie soll es werden, Graf Erasmus, mit diesem Sohn?« fragte Frau +von Gravenreuth mit bleichen Lippen. + +Erasmus begegnete ihrem zaghaften Blick und antwortete: »Es muß in Liebe +werden und im Gesetz, denk ich.« + +Ein Geräusch ließ beide zusammenfahren. Wolf war erwacht. Er hatte sich +aufgerichtet und schaute mit den tauhaft strahlenden Augen herüber, mit +denen Kinder den Schlummer verlassen. Frau von Gravenreuth streckte die +Arme aus, als beschwöre sie ihn; Erasmus trat neben ihr an das Bett. + +»Erzähl mir vom Dalailama,« sagte die helle Glockenstimme des Knaben. + + + + +Jost + + +Der Gebieter des Himmels ließ sein Donnerwort ergehen, und wie glänzend +gefiederte Schwäne im Sturm eilten die gehorsamen Heerscharen vor seinen +unvergänglichen Thron. Da erlas der Herr den Erzengel Michael und sprach +zu ihm: + +Ich bin irre am Geschlecht der Menschen. Nie hat solcher Kummer die Erde +gefüllt; Klage und Anklage erhebt sich maßlos. Schwer ist es, zu wissen, +ob sie allesamt Verlorene sind, schwer zu erkennen, ob in allen der +Funke erloschen ist, der ihnen als Teil der Göttlichkeit in die Brust +gehaucht ward. Ich will eine Probe machen. Geh hinab zu ihnen, du +scharfäugiger Spürer, und suche unter den Verstockten den +Verstocktesten, unter den Umschlossenen den Umschlossensten. Nicht um +den Übeltäter geht es, merke wohl; um den Gleichgiltigen geht es. Den +Unscheinbaren, der in der Trägheit verhärtet ist, sollst du suchen in +seinem umfriedeten Bezirk; den, dessen Linke nicht weiß, was die Rechte +tut. Und wenn du zurückkehrst und sprechen kannst: ich habe ihn +erweicht, ich habe ihm die Binde von den Augen gerissen, und er vermag +zu sehen, dann soll ihnen noch einmal Gnade gewährt sein und Aufschub +des letzten Gerichts. + +Der Engel senkte stumm das Haupt, und während ihn gewaltige +Posaunenschälle umdröhnten, verließ er in seiner großen Schönheit die +erhabene Region, um den Befehl des Herrn zu vollziehen. + + * * * * * + +In einer Wirtsstube saßen beim trüben Licht mehrere Beamte der Stadt, +Notabilitäten in ihrer Art, um einen Tisch. Bis auf einen armselig +aussehenden Menschen, der in der Nähe des Ofens kauerte und zu schlafen +schien, waren sie die einzigen Gäste. Da sie ihn kannten, auch seiner +nicht achteten, brauchten sie sich im Gespräch keinen Zwang +aufzuerlegen. Er hieß Jost und war ein Kleinbürger, dem Anschein nach +ein Agent oder Vermittler, der an gewissen Abenden kam, um dem Wirt +Lieferungsgeschäfte anzutragen. + +Die Unterhaltung drehte sich um die Trostlosigkeiten des Alltags. +Verärgerung lag jedem im Gemüt, Lebensangst den meisten. Still verhielt +sich nur einer, nicht weil er weiser oder zufriedener, sondern weil er +bequemer war. Auch dann nahm er nur stummen Anteil, als der trübseligen +Gegenwart die glänzende Vergangenheit entgegengehalten wurde, in deren +schwachem Widerschein sie sich ihrer Sorgen entledigten. Die Welt, war +sie auch zum Erbarmen zugerichtet, einstmals hatte sie ihnen eine +festliche Zeit gegeben, und unter diesem Einstmals verstanden sie den +Krieg, zumindest seinen Anfang. Da war auch dem Abseitigen unerwartet +Macht zugefallen, sofern er nur mit dem allgemeinen Strom geschwommen +war, und wie erst, wenn er sich mit seiner Person für das Ziel erklärt +hatte. Macht, Bewegung, Wechsel der Geschehnisse; es klang schon jetzt +nicht anders als wie es schönfärbende Fibeln den Späteren melden. Auch +die sich tätigen Dabeiseins nicht rühmen konnten, ergingen sich breit +im Nachgenuß martialischer Erinnerungen. Was Blut und Not und Tod; +erlogene Gespenster. Die triumphierende Wahrheit war dort, wo man Ehre +gewonnen, wo man sich eingesetzt und gespürt hatte. + +Postoffizial Erbegast, als beredtester Schwärmer, sprach davon, wie man +Raum gehabt, im Westen, Osten, Süden, überall Raum, Weite, Luft, +Landschaft, Freiheit. Raum und Gelegenheit. Quartier in Schlössern, +Fahrten ins Unbekannte, neue Städte, neue Menschen, neue Dinge, zwischen +Morgen und Abend keine Langeweile. Wenn man da erzählen wollte! Wie es +wohltat, sich der Fülle zu erinnern. Er wandte sich lebhaft und +herausfordernd an den Schweigsamen, Rechnungsrat Siebold, und ermunterte +ihn zur Zustimmung. Mit bloßem Kopfnicken wollte er sich nicht abspeisen +lassen. Der Schweigsame ist nicht beliebt, wenn Geister erglühen. +Siebold sollte laut bestätigen, da er es doch aus Erfahrung zu tun +imstande war, daß man Unvergleichliches gesehen und erlebt habe. Oder +sei an ihm die Herrlichkeit spurlos vorübergegangen? + +Ungern sah sich Siebold in die Mitte der Aufmerksamkeit versetzt. Er +liebte es nicht, sich mit Gewesenem zu beschäftigen. Ihm lag der +gestrige Tag schon fern. Unter den fragenden Blicken der Tischgenossen +stiegen wohl Bilder aus entlegenen Gehirnschächten empor, aber es +gestaltete sich keines. In den Jahren, er zählte die Jahre nicht, waren +sie ihm abhanden gekommen, kaum daß er sie noch als eigenen Besitz +erkannte. Blasse Farben, schattenhafte Figuren, verhallte Worte. Was +berührte einen daran? Man war ein anderer. Jahre! Was ist nicht ein +einziges an Gedehntheit! Zudem war er nur vier Monate draußen gewesen; +kleiner Fähnrich, freudlos wie tausende. Man hatte ihn darnach in ein +Proviantlager geschickt, und als er dort erkrankt, war er auf seinen +Platz im Amt zurückgekehrt, wie wenn die Zwischenzeit ein unergiebiger +Ferienausflug gewesen wäre. + +Es dünkte ihn aber, daß ihn Offizial Erbegast sticheln wollte. Auch die +übrigen betrachteten ihn mit ironischen Blicken, als trauten sie ihm +besondere Erlebnisse nicht zu und hegten nicht einmal die Erwartung, daß +er sich zu solchen bekenne. Das verdroß ihn. Sein bedrohtes +Selbstbewußtsein richtete sich wehrhaft auf. Er begriff die +Notwendigkeit, den spöttischen Zweiflern Achtung abzuringen und forschte +in seinem Gedächtnis. Nicht vergeblich; die verkniffene Miene erhellte +sich; ein Vorfall fiel ihm ein, bei dem er handelnd mitgewirkt. Da er +sich der Einzelheiten nur ungenau entsann, dauerte es geraume Weile, ehe +seine Erzählung in verständlichen Fluß kam. Doch die Zuhörer zeigten +Geduld, und so hatte er Muße, der schwerfälligen Erinnerung den Verlauf +abzuzwingen. + +Die Geschichte war in keiner Weise ungewöhnlich. In einem galizischen +Dorf waren sieben Menschen unter dem Verdacht der Spionage eingebracht +worden. Die Beschuldigung lautete, sie hätten dem Feind durch das +Dachfenster des Gemeindehauses, in welchem sie zusammengepfercht +gefunden worden waren, Lichtsignale gegeben. Siebold hatte das Protokoll +aufgenommen. Nur einem unter ihnen, einem riesenhaft gewachsenen +Burschen, hatte das Verbrechen nachgewiesen werden können; bei den +andern sprachen gewichtige Umstände dafür, daß sie die Opfer böswilliger +Angeberei waren. Trotzdem hatte der Hauptmann alle Sieben nach einem +summarischen Verhör kurzerhand zum Tod verurteilt: drei Juden, ein +siebzehnjähriges polnisches Mädchen, einen zwölfjährigen Knaben, einen +sechsundsiebzigjährigen Greis, und den Rädelsführer der Bande, eben +jenen Riesen. + +Ein Tropfen im Meer der Ereignisse; ein paar vernichtete Leben mehr +neben den Millionen. Die Welt hatte wohl kaum eine Kunde davon erhalten. +Auch jetzt, wo es die Merkmale der Verjährung und der erfahrenen +Häufigkeit trug, konnte solches Standgericht kein tieferes Interesse +erregen als eines, das aus Höflichkeit dem Erzähler gebührt. Mochte auch +der eine oder der andere die Willkür empfinden, die dabei gewaltet und +dem in halben Andeutungen Worte verleihen, so wurden die schüchternen +Einschiebsel leicht mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit abgetan. Für +zarte Gemüter war die Zeit nicht geschaffen; die Moral bürgerlichen +Lebens, das humane Gesetz, hatte da keine Giltigkeit mehr, wo man sich +täglich seiner Haut wehren mußte. Wer auf seinem Posten stand und der +Vorschrift genügte, war entlastet. »Die Gegner haben es genau so +gehalten,« wurde gesagt; »weil wir in der Patsche sitzen, spuckt man uns +ins Gesicht, und sogar im Lande selbst entblödet man sich nicht, Leuten, +die ihre Pflicht erfüllt haben und als Helden gefeiert würden, wenn das +Glück bei uns geblieben wäre, soviel wie möglich am Zeug zu flicken.« +Jawohl, bemerkte hierzu der Offizial bissig, die Menschen seien eben +Schweine und von ihrer schweinischen Natur könne man nichts Besseres +erwarten. + +Nach diesem Intermezzo nahm Siebold den Faden wieder auf. Da er nun zu +sprechen begonnen hatte, wollte er seine Sache auch bis zum Ende führen. +Das Wort hatte ihm Hilfe geleistet und Bild um Bild aufgefrischt; er +wunderte sich selbst über die wiederbauende Fähigkeit der Erinnerung und +gefiel sich in seiner Rolle des Mitrichters über Schicksale. Er +verweilte. Er ging in der Schilderung zum Kleinen und Intimen; mit +behaglicher Ausführlichkeit beschrieb er die traurige Gegend, das +verwahrloste Dorf, die Armut der Menschen, sogar das regnichte Wetter, +das geherrscht hatte. Dann erzählte er von der jungen Polin; wie trotzig +sie alle angeschaut mit ihren schwarzen Augen; er hatte den Namen +gewußt; er hatte ihn vergessen. Er besann sich und fand ihn. Katinka war +der Name gewesen. Als wohne dem Namen Leuchtkraft inne, wurde +gegenwärtig, wie sie stolz und wild die Antworten verweigert, auch als +man ihr den Revolver vor die Stirn gehalten; auch als man ihr +versprochen, den Knaben, ihren Bruder, zu schonen. Immer wieder betonte +er die teuflische Halsstarrigkeit des Mädchens, schließlich mit +Einschaltung eines lasziven Witzes, der, wie billig, belacht wurde. +»Glauben Sie, meine Herren, sie hätte die Zähne voneinandergetan? Um +keinen Preis. Eher noch die Beine, scheint mir.« + +Als der Spruch gefällt war, hatten sich alle, mit Ausnahme der Katinka +und des Riesen auf die Knie geworfen. Die Juden vor dem Hauptmann, das +Bürschchen vor ihm. Das Bürschchen hatte seine Beine umschlungen und +jämmerlich geschluchzt, bis es die Schwester angeschrieen und weggerissen. +Der alte Mann hatte ihm fortwährend die Hände geküßt und unverständliche +Worte gelallt. In die größte Verzweiflung waren aber die drei Juden +geraten. Mit gellenden Anrufungen Gottes hatten sie ihre Unschuld +beteuert, sich die Haare gerauft und an den Kaftanen gezerrt. Einer, mit +fuchsrotem Bart und käseweißem Gesicht, hatte sich äußerst demütig +betragen; als aber der Hauptmann, dem das Unwesen zu lärmend wurde, den +Befehl erteilte, die Gesellschaft abzuführen, war es gerade dieser, der +die Arme gegen ihn streckte und eine alttestamentarisch-gräuliche +Verfluchung ausstieß. + +Eine gespenstische Idylle, gerahmt in Selbstzufriedenheit, beschloß die +Darstellung: nächtlicher Regensturm; Siebold auf Runde; an den Ästen von +sieben Pappeln neben der Chaussee sieben Leichen, schwankend im Wind, +unheimliche Kleiderbündel, unheimliche Gerippe, schief, schlapp, +verbogen wie die Vogelscheuchen, und in der schwarzen Ebene ein +klagend-verklingender Ruf. + +Da dem Offizial die Düsterkeit des Gemäldes nichts anzuhaben vermochte, +weniger aus Herzenshärte, als weil seine Einbildungskraft, wie übrigens +bei alle diesen, das Entscheidende nicht zu fassen vermochte, schreckte +er vor der zynischen Erkundigung nicht zurück, ob denn die wilde Katinka +ihre vermeldeten Beine nicht hätte nützlich gebrauchen wollen oder +können. Im selben Augenblick erhob sich der schlafende Kleinbürger oder +Agent Jost mit störendem Geräusch. Er trat an den Tisch der Herren, +schüttelte sich raschelnd, feixte verlegen, und während er irgendwelche +Laute vor sich hinmummelte, betrachtete er einen um den andern; zuletzt +blieben seine Augen, zwei kleine, glitzerige Messingscheibchen wie bei +Katzen, auf Siebolds Gesicht haften, mit einem so neugierigen und +boshaften Ausdruck, daß es dieser als Belästigung empfand und ihn +stirnrunzelnd musterte. Ein Unbehagen blieb. + +Doch war seine Haltung aufrecht und seine Stimmung geläutert, als er +durch die abendlich finstern Gassen seinem Heim zuwanderte. Ein +zurückgedrängtes Stück seiner inneren Person war an dem Abend zu neuem +Wertbewußtsein erwacht. Er folgerte daraus, daß dem geistig und sozial +entwickelten Menschen Gedankenmitteilung und Gespräch mit +Gleichgearteten zu einer Vermehrung des Kräftevorrats verhelfe. Man +müsse sich zu erkennen geben, war die Lehre, die er daraus zog; man +dürfe sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Zufällig hatte er +eine abgebrochene Brücke wieder geschlagen, vernachlässigtes Lebensgut +in Sicherheit gebracht; und siehe, er befand sich wohl dabei. Die +Färbung der Existenz war intensiver, der Schritt gewichtiger, der Blick +bedeutender. Er blieb stehen, sog Luft in die Lunge, nahm eine Zigarre +aus dem Behältnis und zündete sie an. + +Das Ziel des Weges stand nicht im Einklang mit seiner Gehobenheit. +Sechzehn Quadratmeter Raum und vier Betten: das eheliche Schlafgemach. +Im Vorgefühl umfing ihn schon die trübe Enge. Die beiden Kinder, die +sich von Zeit zu Zeit auf dem Lager wälzten und im Traum redeten. +Kleider und Wäsche auf den Stühlen; Schuhe auf dem Boden; die Vorhänge +über den Fenstern morsch; oval gerahmte Familienphotographien an den +Wänden, deren Tünche zu bröckeln begann; die Decke vom Schlafdunst +vieler Nächte geräuchert. Als sicher war anzunehmen, daß die Frau +erwachen würde; mit den steifgeflochtenen Zöpfen würde sie sich +aufrichten, blaß, vergrämt, verdrossen; würde fragen, wo er gewesen, +warum er so spät kam; würde ihn mit ihren häuslichen Miseren quälen: +etwa daß sie beim Händler kein Gemüse, beim Kaufmann keinen Zucker +bekommen; daß weder Kohle, noch Holz, weder Brot noch Mehl im Hause sei; +daß das ältere Töchterchen über Halsschmerzen geklagt und wahrscheinlich +Fieber habe. Es wollte ihn bedünken, als gehe dies alles wider die +Würde. Man war Beamter mit Machtbefugnissen. Es war ein Zwiespalt +zwischen seiner Stellung im öffentlichen und im privaten Leben; +unversöhnlicher Konflikt. Der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung +genoß Ehren; er wollte es nicht verkennen, noch mißachten. Menschen +zitterten vor ihm. Menschenwohl und -wehe war in seine Hand gegeben. Der +Gatte, der Vater war zur Geringfügigkeit verdammt, niedergezwungen auf +die Straße der Vielen. + +Er schob es fort. Es gelüstete ihn nach Aufmunterungen. Neulich hatte er +auf demselben Weg ein Mädchen getroffen und war mit ihr gegangen. +Ungeachtet ihres niedrigen Gewerbes, das zu verabscheuen er als Mann von +makellosem Ruf und geachteter Position verpflichtet war, hatte sie ihm +gefallen. Es gibt Heimlichkeiten in der Lebensführung, durch die man nur +etwas aufs Spiel setzt, wenn sie aufhören, Heimlichkeiten zu sein, also +wenn man unvorsichtig ist, wenn man Spuren hinterläßt, wenn man die +Grenze nicht respektiert. Sabine Jäger war ihr Name. Ihre Haare waren +gelb wie frisches Holz, eine anziehende Besonderheit; sie hatte +Temperament und war verhältnismäßig noch unverdorben. Als sie davon +gesprochen hatte, ihn wieder zu treffen, hatte er sich nicht ablehnend +verhalten. In selbstbetrügerischer Zerstreutheit lenkte er den Schritt +nach der Richtung, wo sie wohnte. + +Da drang ein Gruß an sein Ohr. Betroffen drehte er sich um und erkannte +den Agenten Jost, der ihm gefolgt war. + + * * * * * + +Er trug ein gelbes Mäntelchen, das kaum bis zu den Hüften reichte. In +die schlottrigen Ärmel hatte er die Hände wie in einen Muff gesteckt. So +trippelte er vorüber. Aber plötzlich zögerte er, wartete, bis Siebold +herankam und sagte mit einer dünnen, hohen, quietschenden Stimme, es +freue ihn, den Herrn Rechnungsrat noch getroffen zu haben; er habe nicht +gewußt, daß der Herr Rechnungsrat in dieser Gegend zu Hause sei. + +Zwischen Herablassung und Mißlaune brummte Siebold ein paar leere +Worte, und jener machte Anstalten, weiterzugehen. Wieder trippelte er, +wieder hielt er inne. »Weit ists,« seufzte er, zog die Hände aus dem +Ärmelmuff und griff nach dem lächerlich flachen Melonenhut mit +ausgefransten Rändern, den ein Windstoß zu entführen drohte; »man läuft +sich die Füße wund, Tag für Tag. Ist mir nicht an der Wiege gesungen +worden, daß es mir so ergehen soll. Darf ich mich Ihnen anschließen, +Herr Rechnungsrat? Nur bis zur Ecke da droben, da ist meine Gasse; +hinter der Atlantik-Bar. Schönes Lokal, die Atlantik-Bar, wie? Schöne +Leute; immerfort Musik. Wer doch auch einmal lustig sein könnte; ei ja!« + +Siebold wußte nicht recht, wie er sich zu benehmen habe. Von dem +hergelaufenen, verlotterten Menschen angesprochen zu werden, verletzte +sein Standesgefühl. Er kannte ihn kaum. Andererseits waren die Zeiten +derart, daß man sich hochmütiger Regungen versehen mußte. Er verbarg +seinen Ärger, als Jost mit unterwürfiger Zutraulichkeit an seiner Seite +weiterging und hatte eine steif zurückhaltende Miene. + +Mit der pfeifenden Stimme und vom schnellen Gehen atemlos fuhr Jost +fort: »Da kenn ich einen, der ist dort angestellt als Wagenrufer. Ein +alter Mann. Vor zwei Jahren hatte er noch ein Speditionsgeschäft und +eine Villa. Vor zwei Jahren hat er noch in seinem Garten Rosen +gezüchtet. Und jetzt ruft er die Wagen, vielleicht für solche, die +früher Kratzfüße vor ihm gemacht haben.« Ein asthmatischer Husten +unterbrach ihn. »Angst und bang wird einem, Herr Rechnungsrat,« +quietschte er dann, »angst und bang. Das Schicksal ist wie ein Wolf. +Tückisch schleicht es her und fällt einen an. Hab drei Kinder zu +versorgen; acht Jahre das älteste. Ein Mädchen; ein gutes Kind; eine +Seele wie Gold. Eveline heißt sie. Poetischer Name, wie? Nun, das ist +der einzige Luxus, den sich die Armen leisten können. Ruft man sie, ruft +man Eveline, so wird einem gleich ganz wohl. Sie verkauft Schuhbänder +auf den Straßen, Schuhbänder aus Papierstoff; billig und schlecht. +Vorige Woche komm ich gegen Abend heim, hängt mir das Fünfjährige am +Stiegengeländer, außen am Geländer, unter sich den Abgrund, hängt und +zappelt und schreit. Noch zehn Sekunden, Herr, und die Muskelchen haben +keine Kraft mehr. Was sagen Sie dazu? Freilich, die armen Würmer sind +sich selber überlassen. Die Mutter ist tot. Hin und wieder beaufsichtigt +sie das Töchterchen vom Tapezierer nebenan. Aber darauf ist nicht mehr +lang zu rechnen. Mit seinen vierzehn Jahren ist das Menschlein bereits +schwanger. Der Vater ein Saufbold, der Bruder im Zuchthaus, nicht das +Stück Brot zum Fressen, kaum ein Hemd auf dem Leibe, und trotzdem juckt +sie das Fleisch. Und wenn man über die Stiegen geht, stolpert man über +knochenkranke Kinder, und an den Türen steht ausgemergeltes Volk, und +oben ist Elend, und unten ist Elend, und in der Mitte ist Elend. Hab ich +da nicht recht, kann einem nicht angst und bang werden?« + +Siebold räusperte sich. »Es lebt sich schwer heutzutage,« gab er +widerwillig zur Antwort. Die Geschwätzigkeit des einfältigen Menschen, +die unliebsame Begleitung vor allem, erregten seine Ungeduld, und er +suchte nach einem Vorwand, sich loszumachen. + +»Das ganze Leben ist ein finsterer Keller,« fing das Männchen mit seiner +weinerlichen Stimme wieder an; »wenn ich mir so die Leute betrachte, mit +denen ich zu tun habe, da wird mir, ich weiß nicht wie. Reden, reden, +reden. Geschäfte; und was für Geschäfte! Wenn zwei beisammen stehn und +wispern, so heißt das gewöhnlich, daß einem dritten die Gurgel +zugedrückt wird. Ich komme zu ihnen in ihre Häuser; ob fein, ob nicht +fein, ganz gleich, es liegt wie Unrat und Spülicht überall. Auf Tischen +und Stühlen, in Schränken und Betten, überall Unrat und Spülicht. Ich +glaube, irgendein Stern da droben, ein von Gott verfluchter, hat in +irgendeiner Nacht all seinen Unrat und Spülicht auf uns +heruntergeschüttet. Dem ist nicht beizukommen, nicht mit Wasser, nicht +mit Feuer; Unrat und Spülicht, das klebt in alle Ewigkeit. Nun, wirds +bald, sag ich, was redet ihr denn? was sinnt ihr? was macht ihr für +Grimassen? was grinst und lacht ihr und laßt euch von einem Alten, der +Rosen gezüchtet hat, eure Karossen rufen, wo doch das ganze Leben ein +finsterer Keller ist? Heda, was werft ihr denn euern Jammer auf einen +Haufen, daß man hineinstürzt und drin erstickt? Und ist der Zorn +verraucht, so möcht ich mich am liebsten hinschmeißen und heulen, vom +Morgen bis zum Abend, nichts als heulen. Zu denken: so ein Kind, eine +vierzehnjährige Schwangere. Zu denken! Herrgott! Das halt ich nicht aus. +Das raubt mir den Schlaf in der Nacht; ich liege und liege, und auf +einmal seh ich dann den Weg nach Golgatha. Den großen, fürchterlichen, +schmerzensreichen Weg nach Golgatha.« + +Siebold blieb stehen. Er schleuderte den Zigarrenstummel fort und fragte +streng: »Zu welchem Zweck erzählen Sie mir eigentlich das alles? Das ist +doch der reine Blödsinn, mein Bester.« + +Die schroffe Zurechtweisung beschämte den Kleinen sichtlich. »Es ist +wahr, Herr Rechnungsrat, es ist lauter Blödsinn,« erwiderte er +schüchtern. »Ich bin eben ein blödsinniger Mensch. Das sagen viele. Ich +habe selbst am meisten drunter zu leiden. Es geht bei mir bis zu fixen +Ideen. Zum Beispiel, Sie werden es kaum für möglich halten, zum Beispiel +hab ich heut abend die Wörter gezählt, die in Ihrer Geschichte +vorgekommen sind. Sollte man sowas glauben? Achthundertneunundachtzig +Wörter, alles in allem, genau gezählt. Hab mich schlafend gestellt und +dabei gezählt. Ich höre, versteh auch den Sinn, zugleich arbeitet das +Hirn wie eine Additionsmaschine, klapp, klapp. Kann mir nicht helfen, +muß zählen. Achthundertneunundachtzig Wörter, ein ganzer +Zeitungsartikel. War aber auch sehr spannend, Herr Rechnungsrat; +wirklich, mein Kompliment, eine spannende Geschichte. Aber in der Nacht, +wenn ich liege und in die Finsternis stiere, dann marschieren die +sämtlichen Wörter an meine Bettstatt, stellen sich der Reihe nach auf +wie die Zinnsoldaten, und da begreif ich erst die Meinung, da wird mir +alles erst klar, und da seh ich dann den Weg nach Golgatha, wie gesagt. +Ein schlimmer Zustand. Es ist kein Spaß, wenn man jede Nacht und jede +Nacht auf den Weg nach Golgatha geschleppt wird. Ich muß einmal zum +Doktor. Ich muß mich einmal untersuchen lassen.« + +Siebold überlief es kalt. Die Reden und das Gebaren des lumpenhaften +Menschen beunruhigten ihn allgemach. Daß er es mit einem Verrückten zu +tun hatte, stand fest. Entschlossen, sich von der unangenehmen +Gesellschaft zu befreien, murmelte er bei der nächsten Straßenabzweigung +einen mürrischen Gruß und entfernte sich rasch. + + * * * * * + +Glückliche Organisation befähigte ihn, leicht zu vergessen. Ist ein Mann +aus Neigung wie aus Eignung Beamter, so bilden die täglichen +Obliegenheiten seine Schutzwache. Berufsgewalt erhöht ihn. + +Menschen mußten warten, bis er geruhte, sie zu empfangen und anzuhören. +Auch wenn es ihm beliebte, nichts weiter zu sein als launenhaft, +lustlos, ungewillt ihre Gesichter zu sehen, sie mußten trotzdem warten. +Das machte die Bedeutung des in gewiesenem Bereich absolut regierenden +Beamten aus: daß sie warten mußten. + +Sie froren im Korridor, und in seinem Büro barst der Ofen vor Hitze. +Akten häuften sich mit Inhalt von unbestrittener Tragweite. Sie +verrieten dem kundigen Auge wirtschaftliche Schwäche, törichte Bemühung, +gesetzesfeindliche Ausflucht, verbrecherische Verschleierung. Sie +eröffneten den Blick in die Schlupfwinkel der Existenzen; sie boten die +Handhabe, Säumige zu zitieren, daß sie kommen mußten und dastehen wie +ertappte Diebe. Aufsässigkeit war vergeblich. Der Akt machte sie +zuschanden. Einspruch prallte ab. Der Akt redete. Der Akt beugte sie. + +Es drang aber aus dem Vergessenen herauf bisweilen eine quietschende +Stimme. Es zeigte sich auch, selbstverständlich nur in der Einbildung, +das gelbe Mäntelchen mit den in muffartigen Ärmeln geborgenen Händen. Er +schüttelte zu solchen Erscheinungen, die zwei-dreimal während des Tages +auftauchten, den Kopf, denn er war es nicht gewöhnt, Dinge zu sehen, die +nicht gegenwärtig waren, und eine Stimme zu vernehmen, ohne daß ein +Sprechender zu erblicken war. Es war eine Unzuträglichkeit, doch nicht +groß zu achten. Immerhin mied er das Stammlokal. Einer neuen Begegnung +mit dem aufdringlichen Schwätzer auszuweichen, dünkte ihm ratsam. Es gab +andere Zufluchtsstätten. Vor allem war er in diesen Tagen in intimere +Beziehung zu Sabine Jäger getreten, und die Abende waren von dem +Zusammensein mit ihr beansprucht. + +Da geschah es, daß er einen Brief mit der Post erhielt; auf dem +eingeschlossenen Blatt stand nichts weiter als der Satz: Der Weg nach +Golgatha ist lang. Er starrte eine Weile darauf nieder, schien sich zu +besinnen, dann zerriß er den Wisch und warf ihn ins Feuer. Verwegene +Anrempelung; so ein Bursche müßte festgenommen und bestraft werden. + +Zwei Tage später reichte ihm seine Frau eine offene Karte, die der +Postbote soeben gebracht hatte, und fragte erstaunt, was es damit für +eine Bewandtnis habe. Er las: Die Zinnsoldaten ziehen jede Nacht zur +Parade auf. + +Er versuchte zu lachen. Die Frau beharrte auf ihrer Frage, da sie ein +Geheimnis vermutete, eine chiffrierte Mitteilung. Zornröte stieg in sein +Gesicht. Er antwortete, er kenne den Schreiber; es sei ein Wahnsinniger, +aber von der harmlosen Art, der sich einen albernen Scherz mit ihm +erlaube; er werde dem Narren das Handwerk legen. + +Am selben Nachmittag gewahrte er auf dem Heimweg vom Amt Jost in seinem +gelben Mäntelchen vor einer Branntweinbudike. Er zog sogleich den +Melonenhut und grüßte devot. Siebold schaute geradeaus, ohne den Gruß zu +erwidern. Doch bemerkte er, daß ihm Jost folgte. Unwillkürlich +beschleunigte er seinen Schritt. Das Zwergentrippeln näherte sich +trotzdem. Erregung packte ihn, deren er sich schämte. Jäh blieb er +stehen. + +»Schlechtes Wetter, Herr Rechnungsrat,« sagte Jost kleinlaut; »wenn es +schon im November so ist, wie soll man da durch den Winter kommen? Hab +bereits alles, was beweglich ist, ins Pfandhaus getragen.« + +»Ich empfehle Ihnen, sich zu trollen, sonst laß' ich Sie auf der Stelle +verhaften,« knirschte Siebold erbittert; »verschonen Sie mich, in des +Teufels Namen, mit Ihren unverschämten Vertraulichkeiten.« + +Aber als er darauf den Kleinen anschaute, erblaßte er. Jost hatte die +Augen auf ihn gerichtet, die zwei Messingplättchen hinter zuckenden +Lidern, und in diesen Augen war etwas, was er noch an keinem Menschen +wahrgenommen: eine unfaßbare, geradezu unsinnige Qual verbunden mit +einer ebenso unfaßbaren, ebenso unsinnigen Bosheit. Vielleicht kam es +ihm nur wie Bosheit vor; jedenfalls fuhr ihm ein befremdlicher Schrecken +in die Glieder. Schwerfällig ging er weiter, verwundert, in hemmendem +Nebel, in heimlicher, hemmender Sorge, die wie eine nachschleifende +Kette klirrte. + + * * * * * + +Es wurde so, daß er von dem Tage an keinen Gang durch die Straßen tun +konnte, ohne daß er den Gelbmantel nicht mindestens einmal erblickte. +Zwar redete ihn Jost nicht mehr an; aber daß er in der großen Stadt, +unter Tausenden von Menschen jederzeit darauf gefaßt sein mußte, gerade +diesem zu begegnen, immer wieder diesem, brachte ihn nach und nach aus +dem Gleichgewicht. + +In schäbigem Aufzug, schlotterig trippelnd, die Hände in den +Mantelärmeln, mumienhaft eingeschrumpft, in bekümmerter Eile oder auch +in gleich bekümmerter Gedankenversponnenheit tauchte er unerwartet an +einer Ecke auf; unter den Bäumen einer Allee; in der Mitte einer Straße. +Bald stand er vor einer Ladenauslage und betrachtete mit blöden Mienen +die Waren, den Melonenhut in die Augen gedrückt; bald kauerte er auf dem +Prellstein vor einem Torweg. Manchmal marschierte er auf dem +gegenüberliegenden Gehsteig in der nämlichen Richtung, überschritt die +Straße und verschwand plötzlich; manchmal schoß er unmittelbar auf +Siebold zu und wich erst in der letzten Sekunde zur Seite. Stets hatte +er den Kopf gesenkt und die Augen niedergeschlagen: bescheiden, +verängstigt, gehetzt; und eingehüllt in jene unfaßbare und unsinnige +Qual und Bosheit. + +Eines Morgens, als Siebold seine Wohnung verließ, die in einem +Hintertrakt gelegen war, und durch den mit einem Gärtchen verzierten Hof +schritt, gewahrte er ihn am Flurfenster im zweiten Stock des vorderen +Hauses. Er hatte beide Ellbogen auf das Sims gestützt, das Fenster war +offen, den Kopf hielt er zwischen den Händen, der Melonenhut saß diesmal +ganz im Nacken, so daß das sorgfältig gescheitelte und ölig verklebte +Grauhaar sichtbar wurde, und in dieser Haltung starrte er regungslos in +die Luft. In Siebold kochte berserkerhafter Ingrimm auf; er rief den +Hauspfleger; unartikuliert redend, deutete er mit dem Schirm in die +Höhe, brachte endlich die Frage hervor, was das Individuum da oben zu +suchen habe, und während der Hausmeister hinaufging, wartete er +wutbebend an der Stiege. Alsbald schlich Jost an ihm vorbei, vom +schimpfenden Hauswart verfolgt, gedrückt, still und hastig. Siebold +eilte ihm nach, wurde eines Polizisten ansichtig, trat auf ihn zu, +nannte seinen Namen und Titel, wies, abermals mit dem Schirm, auf den +sich entfernenden Gelbmantel, sagte zu dem Schutzmann, er möge ein Auge +auf den Strolch haben, es sei vermutlich ein Einschleicher, er selbst +beobachte ihn schon lange und habe Grund, ihn für ein gemeingefährliches +Subjekt zu halten. Der Schutzmann, über seine schäumende Gereiztheit +erstaunt, versprach, den Verdächtigen zu stellen, falls er sich wieder +in der Gegend zeige. + +Siebold glaubte, sich Ruhe verschafft zu haben. Zwar blieb eine +ahnungsvolle Verwirrung in seinem Innern bestehen, eine gewisse +Zerstreutheit und Erregbarkeit, deren er nicht Herr zu werden vermochte, +aber da sich der Mensch in den nächsten Tagen nicht blicken ließ, atmete +er auf. Als er jedoch am dritten oder vierten Tag in sein Amtszimmer kam +und sich an das Schreibpult setzte, lag da ein großer Bogen Papier; an +jeder Ecke war mit Rotstift ein Kreuz gezeichnet; in der Mitte befanden +sich drei Kreuze, und unter diesen stand, ebenfalls mit Rotstift +geschrieben: + + Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan, + Und was sie weisen, das ist Gram und Scham, + Und der sie aufgericht und hingestellt, + Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt. + +Er wußte zuerst nicht, was das sein solle. Verse; was hieß denn das? Er +dachte an einen Schabernack der Kollegen, runzelte die Stirn, schaute +hinter sich, blätterte in einem Faszikel, nahm den Bogen wieder zur +Hand, studierte die Schriftzüge, verfärbte sich, spürte etwas wie +Lähmung in den Händen, eine Glutwelle im Kopf; sprang auf, fuhr den +Schreiber an, wer das Zeug auf seinen Tisch praktiziert habe, geriet +außer sich, als der versicherte, von nichts zu wissen, rief mit heiserer +Stimme den Amtsdiener, deutete auf den beschriebenen und bemalten Bogen, +drohte, eine Disziplinaruntersuchung anhängig zu machen, und als einige +Beamte aus den benachbarten Räumen, über den Auftritt bestürzt, +herbeigerannt waren, wollte er ihnen erklären, was ihm widerfahren, daß +Unfug gegen ihn verübt werde, aber er kam ins Stottern, und auf einmal +schwieg er, wischte sich den Schweiß von der Stirn, begab sich auf +seinen Platz zurück und versank in sonderbares Brüten. Die Herren +zuckten die Achseln und warfen einander bedenkliche Blicke zu. + +Den Parteien erwuchs Übles von seiner verdüsterten Gemütsverfassung. Die +geringen Leute harrten stundenlang vergebens auf den Aufruf. Auch an den +folgenden Tagen. Zeitbedrängte standen sich die Zehen in den Stiefeln +wund. Schuldbewußte verzagten. Die zur Amtshandlung Vorgelassenen wurden +in messerscharfe Inquisition genommen. Mutmaßliche Fehlangaben stießen +auf ätzenden Hohn. Strafausfertigungen wimmelten. Den Korridor füllte +Murren. Der Gewaltige selbst aber saß und befahl. Saß und verschanzte +sich gegen die Stimme, die eine Stimme. Machte sich blind gegen das +Gesicht, das eine Gesicht. Bemühte sich, den Worten eines läppischen +Verses zu entrinnen. Wußte, was die Stimme verlangte, während er das +schwindsüchtige Weib anschrie, das die Quote nicht zahlen konnte und zur +Pfändung verurteilt war. Erboste sich um so mehr. Unnachgiebigkeit war +zu erweisen, Unerbittlichkeit. Kam er nach Hause, so fühlte er sich +erschöpft. + +Am Sonntag um die Dämmerungsstunde hatte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa +gelegt und war eingeschlafen. Die Frau saß am Fenster und nähte, die +zwei Kinder hatten sich in die Ecke gedrückt und blätterten in einem +halbzerfetzten Bilderbuch. Die Stille wurde von einem gräßlichen Schrei +unterbrochen. Siebold fuhr empor; in seinem Gesicht war weißer +Schrecken; es war wie zerfetzt von Schrecken. Die Frau stürzte hin, +packte ihn; »Mann, Mann,« rief sie; die hagere Gestalt, abgehärmt Teil +für Teil, war der Wucht der Befürchtung kaum gewachsen; die Kinder +standen zitternd hinter ihr, den Vater mit verzehrend großen Blicken +betrachtend. + +Der war entwirklicht. Er hatte nicht selber geschrien. Einer in ihm +hatte geschrien. Überlegte er es genauer, so war es nicht einer gewesen, +sondern mehr als zehn. Sie waren schreiend an ihm vorübergestürmt, in +einem violett-feurigen Ring. Sie hatten sich zu dem Schrei in ihm +vereinigt, daß er aufwachen solle. Er begriff sonst nichts, äußerte auch +dieses nicht. Es erschien ihm erniedrigend, er hatte es noch nie erlebt, +es widerstritt dem Rang und der Regel. Unfreundlich wies er die Frau ab, +nachdem er sich gefaßt, wusch das Gesicht in kaltem Wasser, zog den +guten Rock an, ging fort. + +Er war mit Sabine Jäger verabredet, suchte aber erst das Stammwirtshaus +auf, um zu Abend zu essen. Gerade dorthin wollte er, wo er +möglicherweise den Gelbmantel treffen konnte. Dorthin, jawohl, um sich +nicht der Feigheit bezichtigen zu müssen. Vielleicht wurde eine +Entscheidung dadurch herbeigeführt. Vielleicht machte er den Hallunken +dingfest. Vielleicht holte er sich Rat bei den Freunden und berichtete +ihnen, was für Streiche ihm der Kerl spielte. Er nahm sich einen +bestimmten scheltenden und entrüsteten Ton vor, in welchem er die +Anmaßung und Übergeschnapptheit des Menschen darlegen wollte, aber als +es so weit war, als er in der wohlwollenden Runde saß, brachte er keine +Silbe aus der Kehle, ja, wenn er bloß daran dachte, fing sein Herz an zu +klopfen. Er fand den Eingang nicht, er fand das Wesen nicht, er fand den +Dolus nicht, alles war verwischt, dumm, kindisch, unfaßbar. Es wurde ihm +gesagt, daß er schlecht aussehe, schlaffe Wangen und trübe Augen habe; +er gab zu, sich krank zu fühlen; es war ein Anlaß, sich bald zu +verabschieden. Der Offizial stülpte hinter ihm die Stirn in Falten und +meinte, mit dem gehe es bergab, der werde es nicht mehr lange treiben. + +Mit großer Hast eilte er durch die Straßen. Nebengassen glichen +Schlünden, geschlossene Tore und Fenster waren wie für die Ewigkeit +verriegelt. Das verhohlene angenehme Grauen, mit dem der unbescholtene +Bürger, Staatsbeamte, Ehegatte zu einer Prostituierten geht, täuschte +ihn über anderes Grauen, das in innerste Zellen entwichen war. Die Jäger +bewohnte in einem uralten Vorstadthaus mit vielen Höfen und Durchgängen, +vertretenen Stiegen, steinern kalten Fluren im letzten der Höfe zwei +Zimmer im Erdgeschoß. Deckchen, Kissen, bunte Stoffe und eine schummerig +umhüllte Lampe überschminkten die Dürftigkeit. + +Das Mädchen empfing ihn im grünen Schlafrock und zeigte über sein Kommen +Freude. Sie plauderten von Abstand zu Abstand, leer, hölzern, zweckhaft; +der Regen plätscherte draußen. Siebold dünkte sich leidlich in +Sicherheit; was noch an Unruhe in ihm trieb, versprach die Lust abzutun, +er wurde deshalb wortkarg und verlangend. Doch hatten sie sich nicht +sobald auf das vorbereitete Lager begeben, als er mit erstarrendem Auge +an die Mauer blickte und die erstarrende Hand hinstreckte. Es war ein +Karton mit Reißnägeln angeheftet, darauf gemalt zwei schwarze +Schmetterlinge links und rechts, in der Mitte eine rote Flamme, und +darunter war in lapidaren, fast wie in alten Mönchsschriften kunstvoll +ausgeführten Lettern zu lesen: + + Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan, + Und was sie weisen, das ist Gram und Scham, + Und der sie aufgericht und hingestellt, + Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt; + Und immer neue baut er Tag und Nacht + Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht. + +»Wo hast dus her?« fragte er mit bebender Kinnlade und kraftloser +Lippe, »wo hast dus her?« Und sie, erschrocken über sein Aussehen, +unbefangen wegen der Frage: »Einer hat mirs geschenkt.« Er umklammerte +ihren Arm, daß sie schmerzlich stöhnte. »Wer? wer hats geschenkt? wer?« + +Da erschallte vom Hof herein ein klagendes Rufen, nicht sonderlich laut, +aber mit durchdringend hoher Stimme. »O, Golgatha!« riefs, und wieder, +langgedehnt: »o, Golgatha!« Wie er die Stimme kannte! Er sprang auf, +tastete nach den Kleidern, fiel entkräftet auf einen Stuhl und murmelte +ohne Atem, die Hosen halb über den Beinen: »Er hat mich dahier ausfindig +gemacht; das gibt Unheil; ich muß ihn erwischen; ich muß ihn erwürgen.« +In verstörter Eile kleidete er sich vollends an, Sabine war um ihn +bemüht, lauschte zugleich, denn das wehe »o Golgatha!« tönte, obzwar +ferner und schwächer, noch immer herein. Während er den Kragen +befestigte und die Krawatte band, kam es wie geistesabwesend aus seinem +Mund: »Weiß nicht, was er will. Immer hinter mir her, früh und spät +hinter mir her; weiß nicht, was er von mir will. In meinem Leben hab ich +nichts Schlechtes getan. Wie ein Detektiv auf der Lauer und hinter mir +her. Das darf nicht geduldet werden. So einen muß man einsperren. Ins +Irrenhaus gehört so einer.« + +Die Jäger betrachtete ihn scheu und mißtrauisch, war froh, daß er sie +verließ, riegelte die Tür auf, als er fertig war, und bekreuzte sich, +als er grußlos hinausstürzte. + +Der Hof war finster. Das Rufen hatte aufgehört. Er suchte. Es war +niemand da. Er stand und ging mit vorgeneigtem Rumpf; die Augen irrten +durch die nasse Dunkelheit. + +Er suchte den geheimnisvollen Verfolger. Violett-feurige Ringe drehten +sich wieder. Er wankte durch die Torwege, pochte an ein Fenster, und +eine Alte kam, das Tor zu öffnen. »Haben Sie keinen gesehen?« fragte er; +»ist nicht einer fortgegangen, ein Kleiner mit gelbem Mantel?« Nichts +gesehen, keinen gesehen, war die Antwort. + +Auf der Straße machte er ein paar Schritte, dann mußte er nach einer +Stütze tasten. Er lehnte sich an die Mauer. Brodeln war in der Luft, der +Erdboden bog sich und gab nach wie Gummi. Was war denn? was geschah +denn? »Ich habe doch in meinem ganzen Leben nichts verbrochen,« murmelte +er grübelnd und verdüstert; »meine Hände sind rein, niemand kann mir +etwas vorwerfen, ich habe kein unrechtes Gut erworben, habe keinen +Menschen unterdrückt; war fleißig, pünktlich, solid, nüchtern, +anständig; was will der Schuft von mir? was will er mit seinem Golgatha +und seinen blödsinnigen Verschen?« + +Da hörte er sich selbst, zu seinem Entsetzen, wie wenn seine Zunge +andern Pfad liefe als sein Denken, hörte er sich selbst in einer monoton +und schülerhaft deklamierenden Weise sprechen: + + »Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan, + Und was sie weisen, das ist Gram und Scham, + Und der sie aufgericht und hingestellt, + Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.« + +Der Verstand, wo war der Verstand? Es mußte doch ein Verstand drinnen +sein. Und dann das noch: + + »Und immer neue baut er Tag und Nacht + Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.« + +Ja, was denn? wie denn? warum denn? Wegen dem schwindsüchtigen Weib am +Ende? Es war seltsam, daß ihm dies einfiel; er wußte nicht, was er +daraus machen sollte. Langsam ging er weiter, im Regen, ohne den Schirm +aufzuspannen, nicht in sich gekehrt, nicht nach außen gekehrt, doch +horchend, unablässig horchend. Auf das Rätsel horchend. Was sich mit ihm +ereignete, war Rätsel. Wie er den Verfolger im Hof gesucht hatte, so +suchte er jetzt die Lösung des Rätsels, oder bloß die Natur davon. Er +schleppte etwas, und wußte nicht, warum es so schwer war, noch warum es +ihm aufgebürdet war, noch was für ein Ding es überhaupt war. »Man hat +Frau und Kinder, man muß sich zusammennehmen,« sagte er auf einmal laut +und fühlte sich ein wenig erleichtert, vielleicht unter dem Einfluß +grellen Lichts, das ihn traf. Es war die Bogenlampe vor der +Atlantik-Bar. Musik und Gelächter schallten heraus, Automobile und Wagen +standen in langer Reihe. Er wagte kaum hinzuschauen, ging etwas rascher, +und nach einigen hundert Schritten bemerkte er eine ziemlich große +Menschenansammlung. Laut redende und heftig gestikulierende Gruppen +hatten einen eleganten Fiaker umringt und offenbar den Lenker vom Bock +gerissen, denn die Pferde, denen anzusehen war, daß sie im raschesten +Lauf aufgehalten worden, standen allein, und aus den Stimmen hob sich +die rohbrüllende des Kutschers am vernehmlichsten hervor. Dem Gespräch +zweier Burschen entnahm Siebold, was sich zugetragen hatte. + +Es befand sich in diesem Teil der Straße eine kommunale +Kartoffelverkaufsstelle, die natürlich während der Nacht geschlossen +war, vor der jedoch in Erwartung des Morgens zahlreiche Leute aus dem +Volk postiert waren, Weiber, alte Männer, halbwüchsige Kinder. Einige +kauerten auf der Erde, hatten eine Decke, eine Kapuze, einen Unterrock +zum Schutz gegen Regen und Nachtkälte über den Kopf gezogen und +schliefen. Plötzlich war jener Fiaker herangerast, ein offenes Gefährt, +und darin lehnte blasiert ein Herrchen, vielleicht neunzehn, vielleicht +zwanzig Jahre alt, die Spuren der Ausschweifung in den Zügen, die Finger +voller Ringe, Brillantnadel im Schlips, mit Lackschuhen, gebügelter +Hose, Spazierstöckchen, Glacéhandschuhen, die ganze Welt in der Tasche, +doch sie verachtend. Die bis auf den Fahrdamm hockende und stehende +Menge in der Dunkelheit zu spät gewahrend, hatte der Kutscher geschrien; +Angstlaute antworteten, Weiber flüchteten überstürzt; aber der Wagen +fuhr zu nah am Rinnstein; ein Kind war vom Hinterrad erfaßt worden und +lag bewußtlos da. + +Für Siebold war es Gelegenheit, dem zu entrinnen, für eine Weile, was +ihn peinigte; daß er ihm zulief, ahnte er nicht. Er drängte sich durch +die Menschen und gelangte in den freien Raum, der sich um den Kutscher, +den Fahrgast und das auf dem Pflaster liegende Opfer des Unglücks +gebildet hatte. An der Seite des Kindes, das mit bläulich-fahlem Gesicht +hingestreckt lag, ein wenig blutigen Schaum vor den Lippen, die offenen, +blonden Haare von Kot besudelt, kniete Jost, und kein Scharfsinn war +nötig, um zu erkennen, daß er der Vater des Kindes war. Er redete, doch +im wüsten Gezänk verhallten seine Worte. Mit dem Taschentuch wischte er +bisweilen das Blut vom Munde des Mädchens, strich mit der Hand über +Stirn und Wange der Leblosen, erwiderte nichts auf die Fragen und +Ratschläge der Umstehenden, war eingewühlt und hingegeben in den +Schmerz. + +Jemand sprach vom Transport ins Spital; ein anderer sagte, alle +Spitäler seien überfüllt. Ein Weib meldete, die Rettungsgesellschaft +habe wissen lassen, daß augenblicklich kein Wagen zur Verfügung stehe, +in einer Stunde erst, worauf unwilliges Murren hörbar wurde. Ein Mann +trat in den Kreis, der sich als Arzt auswies, beugte sich nieder, legte +das Ohr an die Brust des Kindes, sprach mit Jost. In den lärmenden +Streit zwischen dem Kutscher und der erregten Menge hatte ein Polizist +vermittelnd eingegriffen, es gelang ihm, die Ruhe herzustellen. Das +Herrchen, von drohenden, feindseligen Blicken gemustert, stand blaß und +lässig da, verbarg die Angst vor der Wut und dem Hohn der Leute unter +einer hochmütig-teilnahmslosen Miene, zupfte am Schnurrbärtchen, ahmte +in seiner Haltung aristokratische Art nach, was die Hohlheit, die freche +Neuheit seiner Umstände erst recht zum Vorschein brachte. + +»Gott kann das nicht zulassen,« hörte man nun den Gelbmantel sagen, oder +vielmehr Siebold hörte es, da er sich unter unbesiegbarem Zwang dicht +herangedrängt hatte; »immerfort rinnt Blut aus der Seele,« sprach er wie +ein Betäubter; »Gott kann mir das nicht antun. Man muß die Tropfen von +dem Blut zählen, damit sie alle wieder zurückgegeben werden. Ich will +sie alle wieder haben. Die Seele braucht das Blut. Wo ist das Körbchen? +Meine Eveline hat ein Körbchen gehabt. Wo ist das Körbchen?« + +Neugierig und mitleidig starrten die Männer und Weiber auf ihn nieder. +Ihre übernächtigten, von vielfacher Bedrängnis gemeißelten Gesichter +gaben Andacht kund; finstere Gedrungenheit der Erfahrung des Übels war +in ihnen, die gelernte Geduld, der Rost des Elends. Einer hatte das +Körbchen gebracht, ein zerfetztes Strohgeflecht mit beschmutztem blauen +Band. Indessen regte sich das Kind, und Jost sagte, er wolle es nach +Hause tragen, er wolle auch zu seinen andern Kindern heim, er wolle es +auf den Arm nehmen. Da schien es Siebold unter demselben unbesieglichen +Zwang, als müsse er Hilfe anbieten; es trieb ihn hierzu unter trotzigen +und bösen Vorbehalten. Es war die Hoffnung, sich loskaufen zu können; er +wollte sagen können: mein Lieber, ich bin da, du siehst also, daß du mir +unrecht getan hast und mich künftig in Frieden lassen sollst; ein +Mißverständnis, du siehst nun selbst, ein Irrtum. + +So beugte er sich nieder, um die Hand des Kindes zu befühlen. Sie war +überraschend kalt und vermittelte eine Empfindung von der Grenzwelt. +Jost schaute in sein Gesicht, und hatte einen Ausdruck, als fände er es +selbstverständlich, ihn hier zu sehen. Seine Wangen hatten Furchen, die +Messerschnitten glichen; die Lider waren wie verklebt, die Hände mit +Straßenkot bedeckt, Mantel, Beinkleider, Schuhe, sogar der Melonenhut, +in den Nacken geschoben wie damals am Treppenfenster, mit Kot überzogen. +Er hob das Kind empor. Man hätte ihm die Kraft nicht zugetraut. Es +schlang die Arme um seinen Hals. Siebold, wie mit Stricken angebunden, +blieb ihm zur Seite, er, dem die Nähe des Menschen Pest gewesen. Ein Bub +eilte nach und ließ Geldscheine flattern. Der Herr, der Fahrgast, hatte +sich in letzter Minute zu einer Spende entschlossen. Jost schüttelte den +Kopf. Er begleite ihn und werde ihm zu Hause das Geld geben, sagte +Siebold, nahm dem Knaben die Scheine ab und steckte sie in die Tasche. +»Das Körbchen!« rief Jost bänglich, und ein Weib holte es herbei. +Siebold nahm auch das Körbchen. Der Schutzmann hielt sie noch einmal auf +und verlangte Josts Adresse. + +Nach und nach verloren sich diejenigen, die aus Zeitvertreib oder +Vorliebe für traurige Zwischenfälle mitgegangen waren, und Siebold war +mit Jost und der Leidenslast, die dieser trug, allein. Es herrschte in +seinem Geist welkes Erstaunen über sein Tun. Es war als trete ein +Fremdes aus ihm heraus und er gehe zwiefach; der zweite blieb dahinten. +Jeder Schritt erniedrigte ihn um eine neue Stufe. In seiner kränklichen +Stummheit redete er zu dem stummen Begleiter: du siehst, wozu ich bereit +bin; du siehst, wie ich mich herablasse. Dann spürte er, daß ihn stärker +als alles andere die Begierde nach der Lösung des Rätsels unterjocht +hatte; schwarze, giftige, fressende, brennende Ungeduld, den Grund +unerhörter Vergewaltigung und Beleidigung zu erfahren, der Kühnheit, mit +der in die Schranke der Persönlichkeit eingebrochen, gewährleistete +Würde verletzt, Sicherheit und Ruhe zerstört worden war eines Trägers +von Verantwortungen, eines Funktionärs mit Befugnissen, die über das +Gemeine erhoben und gegen das Ordnungslose feiten. Aber der +hartnäckigere Aufruhr war bei dem, der hinten blieb und mit dem die +Bindung zerfiel. + +Da es heftiger regnete, spannte er den Schirm auf und hielt ihn im Gehen +über Jost und das Kind. Dem schwachen Menschen wurde die Bürde zu +schwer; sein Schwanken verriet es, der keuchende Atem. Siebold sah sich +um, als erwarte er Beistand von wo; daß er selbst ihn leisten konnte und +schließlich mußte, dawider bäumte er sich auf, bis eine Bewegung Josts +ihn dringend anrief. Er umfaßte das Kind; die feuchten, besudelten Haare +streiften sein Gesicht; der Kopf fiel wie gebrochen sogleich über seine +Schulter; die Ärmchen hingen steif und mager herunter. Robust wie er +war, fand er die Last federleicht. Er reichte Jost Schirm und Körbchen, +dann setzten sie den Weg fort. Plötzlich gellte Jost in die Nacht +hinaus: »Das darf Gott nicht zulassen,« mit einem gemarterten, +rebellischen Ton. + +Er fängt schon wieder mit seinem Geschwätz an, dachte Siebold. Das Kind +in seinen Armen regte sich; er fühlte die Glieder, die kleine Brust, die +engen Lenden, geschmiegt an seinen Leib, und es war ihm zum Schaudern +neu. Keines der eigenen war so dicht an ihm gewesen, in Krankheit nicht, +in Zärtlichkeit nicht, keines hatte so elfenhaft, so hingeschwunden an +ihm geruht. In seiner Kehle war es wund; er war so außer seinem Kreis, +daß er wie in Behexung durch ein aufgesperrtes Tor ging, wie taub und +blind hinter Jost über Treppen und abermals Treppen, höher, immer höher, +an Türen vorbei, höher und immer höher, als sei es ein Turm, und endlich +beklommen um sich blickte, als sie in ein dumpfiges Gemach gekommen +waren und Jost einen Kerzenstumpf anzündete. + +Zwei Kinder lagen schlafend auf einer Matratze. Daneben stand ein Bett +ohne Überzug, bloß Decke und Strohsack im Gestell. Die Fenster waren +unverhängt. Man sah Schlöte gleich kolossalen Fingern aufragen, mit +Blitzableitern wie schwarze Strahlen. An den kahlgrauen Wänden hingen +gedruckte Bilder aus Zeitschriften, Berge, Schlösser, Feldherren, +Fürsten; auf dem Boden lag eine verbogene Kindertrompete, auf dem Tisch +ein Ranft altbackenes Brot, eine angebissene Rübe und eine Schachtel mit +Lottonummern. + +Wie komm ich daher? dachte Siebold, und wie komm ich wieder fort? Jost +hatte ihm das Kind abgenommen. Er entkleidete es. Er war behutsam mit +Rücksicht auf die Schlafenden. Er flüsterte: »Der Doktor hat +versprochen, morgen früh seinen Kollegen von der Bezirkskrankenkasse zu +schicken. Wenns nur wahr ist. Ich soll einstweilen kalte Umschläge +machen. Gewiß, gewiß. Soll geschehen. Im Krug ist Wasser. Gewiß, gewiß, +soll geschehen, du davongelaufene kleine Seele. Und das Blut abwaschen, +den Dreck abwaschen. Soll geschehen, soll alles geschehen.« + +Die Worte wurden im Hauch hervorgestoßen, entlockt vom Irrsinn der +Sorge. Dabei manipulierte er, warf Kleidchen, Schuhe, Strümpfe, +Unterröckchen, Hemd beiseite, holte den Krug, riß einen vom Gebrauch +schwarz gewordenen Fetzen vom Nagel, immer an Siebold vorübertrippelnd, +der sogleich die Geldscheine auf den Tisch gelegt hatte und dann nutzlos +stehen blieb. Die Kammer mußte auf der einen Seite eine sehr dünne, bloß +gegipste Wand haben, denn aus dem danebenbefindlichen Raum war +ununterbrochen ein schmerzliches Ächzen zu hören, welchem Siebold +furchtsam und erregt lauschte, während Jost den Körper des Kindes mit +allerbedächtigster Zartheit in die rauhe Wolldecke hüllte, das angenäßte +Tuch über die Stirn breitete und darnach mit gefalteten Händen vor der +Bettstatt niederkniete. + +Bei dem Anblick des nackten Kinderkörpers war es Siebold durch den Sinn +gegangen: ein Fisch; und es war eine eigene, frierende, bettelnde +Wollust dabei gewesen. Die Vorstellung des weißen, zuckenden +Fischleibes, dessen verglaste Augen im letzten Brechen nach dem +heimischen Element lechzen, hatte Ähnlichkeit mit dem Emporlodern eines +Lichtes in einer Grube. + +Er horchte auf das Ächzen hinter der Wand, das sich aus raschen +Zuflüssen der Qual verstärkte. + +Jost sprach: »Es ist nur ein weniges. Geringen Platz braucht die kleine +Seele in der großen Welt. Wen hast du denn inkommodiert? Wem Luft und +Wasser und Speise weggenommen? Wer hat dich bemerkt? Wem fehlt sein +Teil, wenn du unter ihnen herumgehst mit deinen zierlichen Füßchen? Sie +können dich in die Ecken stoßen, das ist ihnen erlaubt. Sie können +sagen: marsch, aus den Augen, Kreatur. Jawohl, das ist ihnen erlaubt. +Aber dein Leben ist ein ebensolches Leben wie das von jedem von ihnen; +dein Blut ein ebensolches Blut. Sie geben dir nichts, du nimmst ihnen +nichts. Du willst bloß da sein, ganz bescheiden da sein.« + +Siebold hatte gehen gewollt, aber Art und Rede des Menschen machten ihn +unschlüssig. Da war etwas, daß man aufmerken mußte. Auch das +schreckliche Ächzen hinter der Wand hielt ihn fest. So setzte er sich +auf einen Stuhl neben dem Tisch, ohne Willen. Alles gestaltete sich mehr +wie ein geballter Vorgang im Fieber, an dem er mit einem entlegenen und +bisher unbekannten Stück seines Wesens Teil hatte. + +»Da faßt man hin und nennts bei Namen,« fuhr Jost fort, »und das, was +man nicht nennen und nicht fassen kann, rinnt aus. Das Köstliche rinnt +und rinnt. Hunderttausend Jahre vielleicht waren nötig, daß es hat +entstehen können. Ur-Ur-Urväter haben Ur-Ur-Urenkeln Tröpfchen um +Tröpfchen, Fäserchen um Fäserchen übermacht, haben geschaffen und +gebaut, gepflügt und geerntet, gedarbt und gewirkt, einer am andern, von +Mutters und von Vaters Seite bis ins hundertste Glied zurück, daß es hat +werden können, das Fünkchen in der Brust. Auf einmal kommt was daher +gerollt, ein Rad, kommt gerollt und gerollt, weil ein Laffe mit einem +Monokel im Gesicht zu seinen Dämchen und Spießgesellen will, und die +Brust soll zerdrückt sein, das Herzlein zerschmettert, das Fünkchen +ausgelöscht? Ist denn das möglich? Darf das zugelassen werden? Kann man +das aushalten?« + +Ein Aufkreischen drang durch die Wand, und Jost nickte. »So ist es,« +sagte er. »Zwei Fingerbreit Mauer dazwischen. Drüben will eins zum +Leben, hüben will eins zum Tod. Und sie fassens nicht. Keiner faßts, das +eine nicht, das andere nicht. Die Vierzehnjährige gebiert, die +Achtjährige will schon wieder heim in den Schoß der mächtigen Mutter. +Hören Sie? hören Sie?« + +Er wandte Siebold das Gesicht zu. Zum erstenmal redete er ihn an. Beide +lauschten. Das tierhafte Röcheln des in Wehen sich windenden Weibes war +nicht mehr zu mißkennen, der inbrünstige, gewürgte, rasende Schrei auf +einem Folterbrett. Die zwei schlafenden Kinder regten sich; Jost trat zu +ihnen und beschwichtigte sie. + +Er geriet nun in eine fahrige, kummervolle Geschäftigkeit. Lief hin und +her, stieß eine Lade zu, rührte Gegenstände an, aber bei einem +neuerlichen Schrei blieb er stehen und sagte: »Hören Sie, Mann? +Begreifen Sie, was wir tun? Begreifen Sie, was gelitten wird auf der +Erde immerzu? Was die unerbittliche Natur uns leiden macht und dann der +Mensch? Was die Dämonen uns leiden machen und die Träume? Was das +Fleisch uns leiden macht und der Geist? Während wir im Wirtshaus sitzen, +wird gelitten. Während wir Akten vollschreiben, wird gelitten. Während +wir unsere Notdurft stillen und unsere Geilheit letzen, wird gelitten. +Überall, oben und unten, bei den Herren und bei den Knechten, in der +Finsternis und im Licht, überall wird gelitten. Begreifen Sie, was wir +treiben allesamt? was wir wert sind allesamt? Begreifen Sie?« + +Er sprach mit geweiteten Augen, in denen es phosphoreszierte, mit +hackenden Zähnen und schlaffen, schaufelnden Lippen und bohrte die +Fäuste in die Taschen des blut- und kotbesudelten Mäntelchens. »Und wenn +es schon geschieht, und das Rad zerquetscht das lebendige Herz, warum +kommt dann der Laffe mit dem Monokel nicht und leckt mit seiner Zunge +das Blut von den Pflastersteinen weg? Soll es hineindorren in die +Steine, hinüberdorren ins Jenseits? Warum kommt er nicht und ruft: ich, +ich, ich -? Und wenn es schon geschieht, und das Kind drüben muß in +seinem frühen Jammer Mutter werden, warum kommt der Lump nicht, der es +geschwängert hat, warum kommt die Bestie nicht und fällt auf die Erde +vor Schreck und Angst und Mitleid, weil er sehen kann, wie das +Dingelchen sich krümmt und wie es seufzt und wimmert, warum kommt er +nicht und ruft: ich, ich, ich -? Warum sprechen sie nicht: verzeiht, wir +haben nicht gewußt, was wir tun -? Was ist das für eine Ordnung in der +Welt, daß sie sich verstecken dürfen und sich anstellen, als wüßten sie +von nichts? O Menschen, Menschen, Menschen! Sie wissen nicht, was sie +tun, das ist es. So soll ihnen auch nicht verziehen werden. Nein und +abernein, verziehen nicht. Komm her, du Laffe, und drück deine +Lasterlippen auf die Steine; komm her, du Bestie, und vernimm und schau. +Wer da handelt, muß auch wissen. Ums Wissen gehts. Nichts da, die +Verantwortung abwälzen. Nichts da, sich auf Gesetze und Vorschriften +ausreden. Blind magst du sein, du Menschenhund, du Menschenfloh, du +Menschennichts, aber wissen sollst du, wissen, was du tust, und +niederstürzen und mitwimmern, und rufen, daß es an die Enden der Welt +schallt: ich, ich, ich!« + +Das Licht auf dem Kerzenstumpf flackerte nur noch ganz trüb, so daß bloß +der nächste Umkreis auf dem Tisch matte Helligkeit erhielt. Die Schlöte +vor den Fenstern türmten sich um so strenger in den Wolkenhimmel. Es +entstand Stille von einer Eindringlichkeit, die jede Fiber spannte. Eine +hautlose, unendlich verschuldete Wachsamkeit war in Ohr und Hirn. + +Es saß hier nicht mehr der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung mit +Namen so und so. Es saß hier einer, der keinen Namen mehr hatte und +dessen stählerne Hüllen abzuschmelzen begannen. Es war nicht mehr das +Mansardenloch eines Ausgestoßenen; nicht mehr der Tisch mit der +qualmenden Kerze: es war ein Raum unter den Sternen. Es floß nicht mehr +Zeit; Zeit war dahin. Erde war dahin. + +Und wie sich nun der Mensch ohne Namen aus dem Zusammenhang gehoben sah, +rührten ihn von unten her Hände an. Hände von Vergangenen, Hände von +Gerichteten. Sie strebten verlangend zu ihm empor; Hände eines Knaben; +Hände eines Greises; Hände eines Mädchens; Hände von Männern. Die einen +waren gefaltet, die andern wie in der Abwehr; die einen flehten, die +andern drohten; die einen beteuerten, die andern waren gerungen. + +Zuerst fragte sich der so Bedrängte, was sie von ihm begehrten; doch wie +der Umriß nahm auch ihre stumme Sprache an Verständlichkeit zu, und wie +sie von schattenhafter Verwesung sich in Körperhaftigkeit wandelten, +wurde die Forderung so klar, Klage, Vorwurf, Anspruch und Gericht so +unzweifelhaft wie Schall und Fall von Worten. Bangten sie nach Dingen, +die sie hatten verlassen müssen? Wollten sie eine Schuld bezahlen, die +unberichtigt geblieben war? Gewährten sie eine Liebkosung, die sie +verweigert hatten? Gaben sie ein Versprechen? Erbaten sie ein Geschenk? +Leisteten sie einen Schwur? Wiesen sie einen Weg? Winkten sie einem +Freund? Schrieben sie? gruben sie? ruhten sie? hasteten sie? Alles +dies, und vieles noch. Hände sind Geschöpfe und spiegeln jegliches Sein. + +Die Paare vermehrten sich, und zu den vergangenen gesellten sich die +gegenwärtigen, die er gesehen und doch nicht gesehen im Ablauf der Tage, +die zu ihm gesprochen, ohne daß er es vernommen, die geplagten, die +beladenen. Wirrsal und Gewühl, Fülle der Gesichte. Hart, dürr und +vergilbt die einen, unschuldig und feingliedrig die andern; diese mit +dicken Adern und geschwellten Muskeln, jene zag und zitternd; krank und +müde die, voll Nerv und Entschluß die andern. Schwielige, blasse, +rosige, geballte, geflachte, behaarte, glatte, kleine und große, näher, +immer näher, beredter, immer beredter, und der, dessen Name aufgehört +hatte, zu sein, spürte, daß sie nicht ablassen würden, ehe er selbst +nicht aufgehört hatte, zu sein. So mußte er um Gnade bitten, um eine +Frist, um ein Bedenken; erschüttert an den Rand der Stunde und des +wachen Wissens gerückt, ward er inne, daß nach solcher Vision der +Mensch, mit zerspaltener Brust, dem irdischen Tag verloren war. + +Auf einmal war ein Leuchten in der Stube. Von wo es kam, war noch nicht +zu unterscheiden. Jost stammelte und reckte die Arme in die Richtung der +Bettstatt. Das Kind erhob sich langsam. Es schälte sich aus der Decke +und trat nackt und aufrecht vor die Männer. Um seine Lippen hing ein +Lächeln. Die weiße Haut erglühte von inwendig. Was sie erglühen machte, +war das Herz, und die Schauenden gewahrten bald nur noch das Herz: einen +funkelnden, pulsenden Rubin, in die Dunkelheit gelagert wie eine Figur +auf einem gemalten Kirchenfenster. + +Jost brach in die Knie. Mit den Händen tastete er rückwärts, als suche +er alle die vielen Hände dort zum Schutz. »O Kind!« rief er +schluchzend, »o Mensch! Wohin gehst du mit dem Flammenjuwel in deiner +Brust? Sag es nur, sag es uns, sag es aller Menschheit, daß der rote +heiße Kern nur einmal da ist, die leuchtende Frucht nur einmal reif +wird. Für einen nur ein einziges Mal. Sag es, was es heißt: ein einziges +Mal. Sie wissen nicht, was es bedeutet: ein einziges Mal! Sprich, du +Gotteswesen! sprich, süßer Geist!« + +Aber das Kind lächelte bloß. Lächelte und verging. + + * * * * * + +Zum hohen Gebieter, vor den ewigen Thron, trat Michael, der Erzengel, in +den Morgen der rauschenden Sphären und sprach: + +»Ich habe die Seele des Gleichgiltigen gewonnen, Herr.« + + +_Schluß_ + + + + + +Werke von Jakob Wassermann + + +Die Juden von Zirndorf +Roman +20. Auflage + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs +Roman +22. Auflage + +Der Moloch Roman +Neubearbeitete Ausgabe 10. Auflage + +Der niegeküßte Mund +Erzählungen +63. Auflage + +Alexander in Babylon +Roman +Neubearbeitete Ausgabe 8. Auflage + +Die Schwestern +Drei Novellen +6. Auflage + +Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens +Roman +17. Auflage + +Die Masken Erwin Reiners +Roman +11. Auflage + +Der goldene Spiegel +Erzählungen in einem Rahmen +14. Auflage + +Faustina +Ein Gespräch über die Liebe +3. Auflage + +Die ungleichen Schalen +Fünf einaktige Dramen + +Der Mann von vierzig Jahren +Roman +14. Auflage + +Deutsche Charaktere und Begebenheiten +Mit elf Abbildungen +4. Auflage + +Das Gänsemännchen +Roman +66. Auflage + +Christian Wahnschaffe +Roman in zwei Bänden +34. Auflage + + +Die Juden von Zirndorf + +Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen Glaubensgenossen und über das +Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere und zutreffendere Dinge +gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die besten Eigenschaften des +jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst verkörpert, vor allem der +kritisch skeptische Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem +verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als +sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen +Vorspiel des Romans, welches eine mit dem Erscheinen des merkwürdigen +Messias Sabbatai Zewi verknüpfte Judenverfolgung im siebzehnten +Jahrhundert behandelt, eine glänzende poetische Leistung gelungen ist. + (Neue Zürcher Zeitung) + + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs + +Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der +Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die +alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal, +ihr Frauenschicksal, erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. - +Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so +interessanter und tiefsinniger Roman erschienen. + (Die Zukunft) + + +Alexander in Babylon + +Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders +Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt, +dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit +ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr +ein Prosaepos als ein Roman; es gehört zu unsern schönsten deutschen +Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen zu +werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt. + (Neue Freie Presse, Wien) + + +Der Moloch + +Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die psychologische und gestaltende +Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten, +lebensvollen Gemälde gestaltet hat. + (Berner Bund) + + +Die Schwestern + +Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen unglücklichen +Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, ein Wahn den +Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem Dasein gerufen +hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die +tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen. Eine holde Schwärmerei +ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder +Traum, von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt. + (Hannoverscher Kurier) + + +Die Masken Erwin Reiners + +Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen +Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles +Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen +Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal +unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine +Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman, +die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten. + (Westermanns Monatshefte) + + +Caspar Hauser + +Ein Denkmal ist aufgerichtet über ein längst eingesunkenes Grab; ein +altes, verharschtes Geheimnis funkelt wieder im Licht. Die Geschichte +Caspar Hausers wird neu erzählt, das zauberische Knäuel dieses eigenartigen +Schicksals entwirrt ... Jakob Wassermanns Caspar-Hauser-Roman hat +monumentalen Stil ... Ein Beispiel deutscher Erzählungskunst, Vorbild +eines großen Romans ist hier geboten. Und vor allem ein bleibendes. + (Der Tag, Berlin) + + +Der goldene Spiegel + +Von Franziskas goldenem Spiegel wird berichtet: »Seine Scheibe, wie +tief, und seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. Sie +ist matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und Männer, Tiere, +Schiffe und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, Ritter und Knechte, +Bürger und Bauern, Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher, +Sonderlinge und Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder, +der Zufall, der Traum und das Wunder, alles das ist in ihr.« Wirklich, +so groß ist die Fülle auch dieses Buches. Es entstand aus der Lust am +Erfinden, am Phantasieren, am Gestalten. + (Die Zeit, Wien) + + +Das Gänsemännchen + +Das Werk ist vermöge weitausgreifender Lebensfülle, breiter, umfassender +Gesellschaftsschilderung, des Hineinspielens politischer und kultureller +Zeitgeschehnisse ein wahrhafter Roman. Im Rahmen der Leidens- und +Werdegeschichte eines deutschen Musikgenius entrollt die Dichtung auch +Deutschlands Seele, Deutschlands Nervenzustand, Deutschlands +Kulturströmungen. Tief und voll aus dem Menschlichen ist die Dichtung +geschöpft. + (Wiener Abendpost) + + +Christian Wahnschaffe + +Die echte große Dichtung sucht nicht die Aktualität, sie ist aktuell. +Wassermann zeigt uns in seinem Roman den Zusammenbruch der geistigen, +sittlichen und ästhetischen Kultur des Kapitalismus. Er malt diese +Kultur in den verlockendsten Farben und läßt uns den Wurm sehen, der in +ihr nagt. Sein Held wird erst das Opfer, dann der Richter der liebeleer +gewordenen Welt, und darnach der Verkünder einer neuen Zukunft. Das Buch +ist hinreißend durch Geist, Abenteuer und Verlockung: es dringt in das +Letzte der Seelen und verwandelt sie und uns. + + +Druck der E. Gundlach Aktiengesellschaft in Bielefeld + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1920 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. +Abweichend vom gedruckten Buch wurde die zweite Titelseite entfernt. +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +p 010: [Fehlende Letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung +p 019: damals hatten Romantik -> hatte +p 040: [Komma ergänzt] solche die Kloaken säubern; -> solche, die +p 053: [Vereinheitlicht] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er +p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem +p 063: [Fehlende Letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich +p 063: [Punkt ergänzt] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand. +p 064: [Komma entfernt] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte +p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling +p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie +p 094: entgegenete Maria -> entgegnete +p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta +p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji +p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein +p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer +p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte +p 188: was nöitg war -> was nötig war +p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky +p 217: [Leerzeichen ergänzt] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir +p 220: empfehle es sich fogar -> sogar +p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene +p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen +p 264: [Trennung] Leder-Kapuze -> Lederkapuze +p 265: Mir fällt da ... in -> ein +p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem +p 270: [Anführungszeichen ergänzt] Wie machen wir denn das?« +p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im +p 279/280: [Trennung] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht +p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen +p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen +p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen + +Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei +folgenden Wörtern: + +p 058: Gleichgiltigkeit +p 120: Lucke +p 143: Monreal +p 301: hinmummelte +p 148: darnach + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1920 by S. Fischer. The printed book's second title +page has been removed. The table below lists all corrections applied to +the original text. + +p 010: [missing letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung +p 019: damals hatten Romantik -> hatte +p 040: [added comma] solche die Kloaken säubern; -> solche, die +p 053: [unified] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er +p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem +p 063: [missing letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich +p 063: [added period] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand. +p 064: [removed comma] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte +p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling +p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie +p 094: entgegenete Maria -> entgegnete +p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta +p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji +p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein +p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer +p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte +p 188: was nöitg war -> was nötig war +p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky +p 217: [added blank] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir +p 220: empfehle es sich fogar -> sogar +p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene +p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen +p 264: [hyphenation] Leder-Kapuze -> Lederkapuze +p 265: Mir fällt da ... in -> ein +p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem +p 270: [added quote] Wie machen wir denn das?« +p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im +p 279/280: [hyphenation] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht +p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen +p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen +p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen + +The original spelling has been maintained throughout the book, +particularly for the following words: + +p 058: Gleichgiltigkeit +p 120: Lucke +p 143: Monreal +p 301: hinmummelte +p 148: darnach + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE *** + +***** This file should be named 18551-8.txt or 18551-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/5/5/18551/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/18551-8.zip b/18551-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7fa62fb --- /dev/null +++ b/18551-8.zip diff --git a/18551-h.zip b/18551-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e6301b6 --- /dev/null +++ b/18551-h.zip diff --git a/18551-h/18501-h.htm b/18551-h/18501-h.htm new file mode 100644 index 0000000..84dfd35 --- /dev/null +++ b/18551-h/18501-h.htm @@ -0,0 +1,11615 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Der Wendekreis I, by Jakob Wassermann + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + a[title].page { + position: absolute; + right: 1%; + font-size: x-small; + color: gray; + display: inline; /* set to "none" to make page numbers disappear */ + } + a[title].page:after { + content: attr(title); + } + + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + div.note { + margin: 4em 10% 0 10%; + padding: 0 0.5em 0 0.5em; + border: 1px dashed black; + background-color: rgb(80%,100%,80%); + font-size: smaller; + } + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + margin-top: 0em; + margin-bottom: 0em; + font-weight: normal; + } + + em.gesperrt { + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + font-style: normal; + } + em.antiqua { + font-family: "Courier New", monospace; + font-size: smaller; + font-style: normal; + } + em.bigletter { + font-size:161.8%; + font-style: normal; + } + + p.copyright { + margin-top: 4em; + margin-bottom: 4em; + font-size: smaller; + text-align: center; + } + p.newquotesection { + margin-top: 2em; + } + p.newsection { + margin-top: 2em; + } + p.newsection:first-letter { + font-size:161.8%; + } + p.newchapter:first-letter { + font-size:161.8%; + } + p.printer { + margin-top: 4em; + text-align: center; + font-size: smaller; + letter-spacing: 0.35ex; + } + p.ende { + text-align: center; + margin-top: 2em; + } + + div.longbreak { + margin-top: 3.5em; + } + + div.titlepage h1 { + font-size: xx-large; + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0ex; + line-height: 140%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 0em; + } + div.titlepage h2 { + font-size: x-large; + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0ex; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 0.5em; + } + div.titlepage h3 { + font-size: medium; + letter-spacing: 0.35ex; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 0em; + } + div.titlepage h4 { + font-size: medium; + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0ex; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 0em; + } + div.titlepage h5 { + font-size: medium; + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0ex; + line-height: 140%; + margin-top: 4em; + margin-bottom: 3em; + } + + div.textbody h2 { + margin-top: 3em; + margin-bottom: 1.5em; + font-size: x-large; + font-style: normal; + letter-spacing: 0.25ex; + padding-left: 0ex; + } + + div.advertisements { + margin-top: 5em; + margin-left:10%; + margin-right:10%; + font-size: smaller; + padding: 0.5em 0.5em 0.5em 0.5em; + background-color: rgb(95%,95%,95%); + } + div.advertisements h1 { + font-weight: normal; + font-size: medium; + font-style: normal; + line-height: 150%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 3em; + } + div.advertisements h2 { + font-weight: normal; + font-size: large; + font-style: normal; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 1em; + } + div.advertisements h3 { + font-weight: normal; + font-size: large; + font-style: normal; + margin-top: 0.75em; + margin-bottom: 0em; + } + div.advertisements p.center { + margin-top: 0em; + text-align: center; + } + + + table {margin-left: auto; margin-right: auto;} + table.toc { + font-size: medium; + width: 50%; + line-height: 160%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + } + table.toc caption { + font-size: x-large; + font-style: normal; + line-height: 200%; + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + } + table.toc td.onpage {text-align: right; } + + a:link { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + } + a:visited { + text-decoration: none; + color: rgb(10%,30%,60%); + } + a:hover { + text-decoration: underline; + } + a:active { + text-decoration: underline; + } + + body{margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + + .center {text-align: center;} + .right {text-align: right;} + + .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i4 {display: block; margin-left: 4em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Wendekreis - Erste Folge + Novellen + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: June 11, 2006 [EBook #18551] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + +<div class="titlepage"> +<!-- <p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a>[Illustration: S. Fischer logo]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a></p> +<h1>Der Wendekreis</h1> + +<h4>von</h4> + +<h2>Jakob Wassermann</h2> + + +<h3>Erster Band</h3> + + +<h4>Der unbekannte Gast<br /> +Adam Urbas<br /> +Golowin<br /> +Lukardis<br /> +Ungnad<br /> +Jost<br /> +</h4> + + +<h5>1920<br /> +S. Fischer / Verlag / Berlin</h5> + +<!-- +<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a></p> +<h1>Der Wendekreis</h1> + +<h4>von</h4> + +<h2>Jakob Wassermann</h2> + + +<h5>1920<br /> +S. Fischer / Verlag / Berlin</h5> +--> + +<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a></p> +<p class="copyright">Erste bis zehnte Auflage<br /> +Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten<br /> +Copyright 1920 S. Fischer, Verlag</p> + +<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p> + +<table class="toc"> +<caption>Inhalt</caption> +<tr><td><a href="#Der_unbekannte_Gast">Der unbekannte Gast</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_7">7</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Adam_Urbas">Adam Urbas</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_45">45</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Golowin">Golowin</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_79">79</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Lukardis">Lukardis</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_167">167</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Ungnad">Ungnad</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_201">201</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Jost">Jost</a></td> +<td class="onpage"><a href="#Page_293">293</a></td></tr> +</table> + +</div> + +<div class="textbody"> +<!-- <p><a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a></p> + + + + +<h2><a name="Der_unbekannte_Gast" id="Der_unbekannte_Gast"></a>Der unbekannte Gast</h2> + + +<p><a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a></p> +<p class="newsection">An die Pforte dieses Werkes, das der Verfasser nicht +ohne verantwortungsvolles Zagen unternimmt, sei eine +Geschichte von hinübergreifender Beziehung gestellt, weniger +in sich selber ruhend als sonst Geschichten schlechthin, +doch mit nichten Brevier oder Verkündigung, nur Brücke, +nur Weiser, und so auch Bild und Gespinnst eher als Vorgang +und Ereignis.</p> + +<div class="longbreak" /> + +<p><a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a></p> +<p class="newsection">Ein Schriftsteller in mittlerem, ja vorgerücktem Alter, +er werde Mörner genannt, erfuhr zu einer bestimmten Zeit +des letztvergangenen Jahres eine unerklärliche Veränderung +seines seelischen Gleichgewichts. Er hatte nach längerer +Ruhepause eine neue Arbeit begonnen, die seine Gedanken +despotisch beherrschte, und deren Schwierigkeiten ihn nicht +nur nicht abschreckten, sondern alle freien Kräfte in ihm +sammelten und gegen ein lockendes Ziel trieben.</p> + +<p>Auf einmal brachen diese Kräfte. Eines schönen Tages +erlahmte der Nerv des Schaffens. Daß es keine vorübergehende +Unlust, keine jener Trübungen war, die wie Nebel +über einer Landschaft und doch im Grunde atmende +Zeugnisse des Lebens sind, spürte Mörner. Es war wie +wenn die Feder in einer Uhr zerbricht, oder noch beunruhigender, +wie wenn man eine Vorratskammer betritt, die +man mit Fleiß und Umsicht gefüllt hat, und sie gänzlich +leer findet.</p> + +<p>Schließlich war es ein Verlust wie der Tod eines Wesens. +Er sprach in einem Freundeskreis darüber, mit Zurückhaltung +anfangs, da es ihm widerstrebte, innere Wirrungen +zum Gegenstand des Meinungsaustausches zu +<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>machen. Die Verstimmung, unter der er litt, war bereits +aufgefallen; was er nun als ihre Ursache bezeichnete, +wollte keinem recht einleuchten und man hielt es für +Hypochondrie eines Zwischenzustandes. Man kannte seine +zweifelsüchtige und häufig schwankende Art; er hatte oft +genug das Schauspiel des Selbstquälers gegeben, der nach +jeder abgeschlossenen Leistung sie zerpflückte und hilflos +wie vor dem ersten Beginn in die Zukunft schaute, alles +von Schicksal und Fügung erhoffend, nichts oder wenig +von seinem Talent. Aber seine Hingabe war unbegrenzt, +seine Arbeit ein opfervoller Dienst; dem unermüdlichen +und redlichen Bemühen war der reinste Wille gesellt, +die Unbestechlichkeit des Gewissens, die jede Erleichterung +und Versüßung ablehnt. Dazu kam, daß ihm der Erfolg +nicht gefehlt hatte; mißtraute er ihm auch, so war er doch +von ihm auf eine gewisse Lebenshöhe getragen worden; +war auch sein Name, sein Werk umstritten, so genoß er +doch die Achtung, ja die verehrende Neigung Vieler und +erhielt nicht selten unzweideutige Beweise davon.</p> + +<p>Die Freunde nahmen also seine sichtliche Verstörung +nicht ernst. Dies reizte seine Ungeduld, und als einer von +ihnen mit etwas zu billigem Trost geendet hatte, sagte +Mörner: »Wenn ein Mensch wie ich nicht mehr an die +Wichtigkeit und Notwendigkeit seiner Mission glaubt, +ist er einfach das allerüberflüssigste Geschöpf auf Erden. +Wie erst, wenn ihm die Aufgabe selber entschwindet, +wenn er nicht mehr weiß, was er überhaupt noch soll und +das Fertige wie ein umgeblasenes Kartenhaus hinter ihm +liegt? Da wird alle Wirklichkeit ein Gespenstergraus; +sein Geist hat gar nicht Fassungsraum genug für die Tiefe +des Abgrunds, der vor ihm gähnt.«</p> + +<p>Die Freunde stutzten und schwiegen. Einige begriffen +<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>nicht recht, was er meinte, und er fuhr achselzuckend fort: +»Mission ist freilich ein viel zu anspruchsvolles Wort. +Man dürfte seinen Ehrgeiz nicht über die Haltung eines +honetten Handwerksmeisters spannen. So war es in +früheren Zeiten. Das Außerordentliche entstand gleichsam +durch bescheidenen Zufall, nicht in priesterhafter Gier und +Askese. Was erstrebt man denn, was ersehnt man denn? +Man will das Formlose formen; was die Natur zerstückelt +liegen läßt, zusammenfügen und es der großen Vergeuderin +und Zerstörerin entgegenhalten. Unzulänglich bleibt man +dabei immer, aber es ist wunderbar, so lang das Material +gehorcht, und das Auge, und die Hand. Zerrinnt einem aber +der Stein, den man aus dem Bruch schlägt, zu flüssigem +Sand, flattern von der Fackel, die man am großen Weltenfeuer +entzündet hat, statt der Flammen rotgefärbte Papierfetzen +empor, so ist es schlimm, mehr als schlimm, es ist +das Ende.«</p> + +<p>Mit jäher Bewegung erhob er sich und ging ohne Gruß. +Die Freunde sahen einander verwundert an.</p> + + +<p class="newsection">Eine Zeit lang verschanzte er sich in seinem Hause, +und niemand konnte zu ihm gelangen. Dann hieß es, +er sei verreist, um in der Stille eines Landaufenthalts +Sammlung zu gewinnen. Aber schon nach ein paar +Tagen kehrte er zurück. Sein Aussehen erregte Besorgnis. +Tiefe Gruben hatten sich in den Wangen gebildet; der +Blick war der eines Kranken. Er kam wieder zu den +Freunden und gestand, die Einsamkeit sei ihm Pein. +Doch auch Geselligkeit schien ihn nicht aufmuntern zu +können. Man machte ihm in liebevoll-scherzhafter Weise +den Hof, man schmeichelte ihm, man erwies ihm zarte +kleine Ehrungen; umsonst, es war ihm kaum ein Lächeln +<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>abzulocken. Er stellte sich fast jeden Abend ein, wie einer, +der vor sich flieht; er bat, man möge ihn bloß dulden, +wenn es zum Ärgsten komme, werde er trachten, nicht zur +Last zu fallen. Was er unter dem Ärgsten verstand, +darüber äußerte er sich nicht; die Hausfrau, die seine ergebenste +Anhängerin war, zog ihn beiseite und beschwor +ihn, sich zu fassen, zu erheben; er mache durchaus den +Eindruck eines Menschen, den ein Phantom zum Narren +hält; man sei so viel Befeuerung von ihm gewöhnt, so viel +gesunde, heilsam wirkende Kraft, dies könne doch nicht +mit einem Mal zu nichte werden; ob sie ihm helfen könne, +ob er sie des Vertrauens nicht mehr würdige? Sie sei +zu jedem Opfer bereit, sie wie auch alle andern, die bestürzte +Zeugen seiner Verwandlung seien.</p> + +<p>Er schüttelte den Kopf. »Zu helfen ist da nicht,« antwortete +er; »es wäre besser, Sie zerrten mich nicht aus der +Dumpfheit heraus. Das letzte Versteck darf man mir nicht +nehmen; gegen Beleuchtung wehrt sich alles in mir, die +Dinge bekommen dadurch ein zu prahlerisches Gesicht. +Mein Fall ist an sich gering; legt ihr ihm Bedeutung bei, +so werdet ihr nur zu Urhebern von neuen Leiden. Was +ich an mir erfahre, ist doch bloß die Folge einer vielfach +verschlungenen Kette von Selbsttäuschungen und Selbstüberschätzungen. +Man hat sich zu lange gefallen, man hat +sich zu lange beruhigt, man hat immerfort behaglich im +lauen Wasser geplätschert. Die Erkenntnis ist schmerzlich. +Wie wäre einem Menschen zu helfen, der niemals in einen +Spiegel gesehen hat, der bis zu dem Moment, in dem es +geschieht, im Wahn befangen war, er sei schön, er sei wohlgebildet, +er habe angenehme Züge, und plötzlich grinst ihm +aus dem Glas eine abscheuliche Fratze entgegen? Wie wollen +Sie dem helfen? Daß mich ein Phantom zum Narren +<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>hält, ist außerdem noch wahr.« Er zögerte in ungewisser +Scham und fuhr fort: »Stellen Sie sich vor, daß ich nicht +allein sein kann, ohne daß mir zumute ist, ein dringlich +fordernder Gläubiger sei hinter mir her und verlange die +Bezahlung einer Schuld. Und zwar ein Gläubiger, dem +ich zu Dank verpflichtet bin, der mir große Dienste geleistet +hat, den ich wiederholt, mit guten und schlechten Gründen, +habe vertrösten müssen und der nun, selbst in Bedrängnis, +das langgefristete Darlehen nicht mehr stunden will. +Das ist keine Figur, liebe Freundin, kein Gleichnis für einen +beengten Zustand, es ist eine Realität. Auch okkulter Einfluß +kann eine Realität sein. Sie wissen, daß ich Skeptiker +genug bin, um solchen Anfechtungen zu widerstehen. +Wer hat sich nicht schon über meine Trockenheit beklagt, +in dieser wie in anderer Beziehung! Hier scheitern vernünftige +Erwägungen an einer Vision, an der der ganze +Organismus teil hat, das furchtbar genaue Wissen darum, +wie es um mich bestellt ist. Leute meines Schlags kennen +ihr eigenes Innere so gut wie die Bureauschreiber ihren +Registrier-Apparat, und wo da die Tugend aufhört und +die Sünde beginnt, ist schwer zu sagen. Die Quelle, die +uns nährt, ist zugleich vergiftet, und wir sterben daran, +ohne das Gift zu spüren.«</p> + +<p>»Aber was <em class="gesperrt">wir</em> davon spüren, wir Zuschauer und +Zuhörer, ist Freude und erhöhtes Leben,« versetzte die +Freundin herzlich und reichte ihm beide Hände.</p> + +<p>Mörner blickte grübelnd vor sich hin. »Bei alledem, +sollte man es glauben,« sagte er mit einem Rest von Selbstverspottung +im Ton, »bei alledem ist es wie eine letzte +Genugtuung, daß er kommt, dieser Gläubiger, daß er +mahnt. Er hält mich also noch für zahlungsfähig, ich +habe also noch Kredit in der Geisterwelt. Sonderbar, +<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>daß wir nicht ärmer werden, wenn wir dort unsere Schulden +begleichen, im Gegenteil. Nur muß man eben zahlen +können, und ich kanns nicht. Die Kassen sind leer bis auf +die Neige. So arm darf man nicht werden, oder man hat +miserabel gewirtschaftet.«</p> + +<p>Mörner begab sich wieder zu den übrigen, die harmlos +plauderten, die Hausfrau folgte ihm mit zwiespältigem +Gefühl. Die unerbittliche Logik in der Verwirrung überraschte +sie und stimmte sie nachdenklich. Da ging eine +Abrechnung vor sich, hartnäckiger und ernsthafter als dem +bloß für Alltags-Ungemach geschulten Blick erkennbar war.</p> + +<p>Das Gespräch geriet auf die Zeitumstände, und ein +junger Lehrer der Philosophie machte die Bemerkung, +in einer Epoche, wo die Wirklichkeit soviel Stoff produziere +wie in der gegenwärtigen, das stürmisch fließende Schicksal +soviel rohes Material ans Ufer schwemme, in einer solchen +Epoche müsse die schaffende Phantasie durch ein automatisch +funktionierendes Ausgleichsgesetz erlahmen; erst +spätere Geschlechter seien wahrscheinlich imstande, das +chaotisch Hingeworfene, Strandgut der Geschichte, zu neuen +Bauten zu benutzen. Daher der Verfall der Kunst, daher +das Versagen der Künstler.</p> + +<p>Mörner, der bislang schweigend zugehört hatte, unentschlossenen +Anteil in den Mienen, zuckte plötzlich auf. +Es war eine nicht sehr taktvolle Äußerung im Hinblick +auf ihn, das empfanden alle, auch der Sprechende selbst, +der errötend abbrach. Aber sie war nun einmal getan. +Mörner erhob die Hand mit gespreizten Fingern, als wolle +er verhüten, daß ihm ein anderer im Wort zuvorkomme +und sagte: »Ach nein, nein, nein. Unleugbar steht uns die +Zeit entgegen, aber nicht wegen der Überfülle des Geschehens, +sondern wegen der Zerstörung der Geister und +<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>der Seelen. Von welchen Flammenausbrüchen genialer +Naturen sind vergangene Umwälzungen begleitet gewesen! +Wollt ihr Namen? Sie wimmeln. Jede Revolution hat +Propheten und Gestalter aus ihrem Schoß geboren; +einen, der die Eroica in die brüllende Woge schleuderte, +einen, der seinem grandiosen Schmerz die Hermannsschlacht +entriß, einen, der mitten in gewaltigen Gärungen die +Tribüne der <em class="antiqua">Comedie humaine</em> errichtete. Gerufen von +der Sehnsucht ihrer Welt, gaben sie ihr Stimme und Bild, +wiesen ihr die Wurzel und den Gipfel ihres Geschicks. +Heute aber? War jemals eine Menschheit so zu Boden +getreten? Sagt mir nicht, er sei vielleicht da, irgendwo +unter uns, der glühende Zeuge und wunderbare Architekt, +und ich vermöchte ihn bloß nicht zu sehen und zu hören. +Du und du und Sie und Sie und ich, warum sollten ihn +wir nicht ahnen, nicht kennen? Würden nicht unsere Nerven +bei seinem geringsten Hauch vibrieren? Wäre er nicht Fleisch +von unserm Fleisch, Blut von unserm Blut? wer sollte +ihn wissen, wenn nicht wir? Es gibt ihn nicht. Seine Entstehung +schon wird im Keime erstickt. Der Schoß ist unfruchtbar +geworden, es kommt nicht mehr bis zur Kristallbildung; +es bleibt beim Ansatz; in den Elementen ist kein +Wille, sich zu ballen; die ruhende Sehnsucht ist nicht produktiv. +War jemals eine Menschheit so zu Boden getreten? +frag ich noch einmal; so müde, so stumpf, so entblättert, +so kurz von Atem und so kühl im Hirn? Spürt ihr es nicht, +wie keine Resonnanz wird? Kein Sinn will mehr aufnehmen; +es sei denn die gröbste Nahrung; nichts ist Besitz, +alles Erwerb; nichts Erlebnis, alles Kitzel; keinem Gemüt +prägt sich das Wesen ein, nur die Verzerrung davon; +die Ehrfurcht ist geschwunden, die Überlieferung abgeschnitten, +der Glaube tot, das Wissen ein mörderisches +<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Narkotikum. Kein Zusammenhang und Zusammenklang, +in der Höhe nicht, in der Tiefe nicht, bei den Guten nicht, +bei den Bösen nicht. Hinten versinkt alles in Abgründen, +vorne öffnen sie sich. Panische Flucht nach allen Seiten; +Angst, sich zu verpflichten, Angst vor der Hand, die sich +bietet, Angst vor dem Schmerz, Angst vor der Wahl, Angst +vor jeglicher Entscheidung, Angst sogar vor der Erinnerung +an den verlorenen Gott. Und wird euch denn nicht ebenfalls +Angst, wenn ihr die Heraufkommenden betrachtet, +diese Zuchtlosen, ihre Lust an der Raserei, an der Tobsucht +des frierenden Verstandes; ihren Götzendienst vor der +Chimäre, den Kultus vor dem Golem, die grauenvoll +ummauerte Isolierung eines jeden, in der er, um sich und +die andern Isolierten zu betäuben, wie ein verrückt gewordener +Anachoret nach Verbrüderung schreit, rachsüchtig +und voll Haß in seiner Wehleidigkeit? Was soll werden? +Man kann eine Ruine aufbauen, wenn das Material +noch halbwegs brauchbar ist, aber aus morschem Plankenwerk +und wurmstichigen Brettern ein seetüchtiges Fahrzeug +zimmern, das ist unmöglich. Da habt ihr die Krankheit. +Da ist es aufgerollt, das Gemälde der Katastrophe, +meiner und aller derer, die noch gutgläubig oder weil sie +sich der schrecklichen Klarheit eine Weile noch verschließen +wollen, am Werke sind. Morituri te salutant. Es ist +kein Cäsar da; grüßt man also die Blinden und Tauben, +die unsere Geschicke lenken? Sie bilden sich nur ein, +zu lenken, sie werden mitgeschleift und mitzerschmettert.«</p> + +<p>Während er so sprach, hatte es Mörner geschienen, daß +die Tür aufgegangen und jemand eingetreten war. Er +schaute sich um, bemerkte aber keinen Hinzugekommenen, +auch verriet nichts in den Mienen der Freunde, daß sie +eine gleiche Wahrnehmung gemacht. Die Augen ruhten +<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>groß auf ihm, mit scheuem und betroffenem Ausdruck. +Indessen wich das Unbehagen nicht von ihm, das die +verborgene Anwesenheit eines Fremden verursacht. Sein +suchender Blick prüfte die Gesichter. Es war kein neues +darunter; er kannte jedes. Doch dünkte es ihn, im Hintergrund +des Raums, zwischen Flügel und Bücherkasten, +wo das Licht sich verlor, sitze eine Person, die vorher nicht +dagewesen war. Er wagte es nicht, sich zu vergewissern, +hielt aber das Gefühl für untrüglich.</p> + +<p>Die wohllautende Stimme eines jungen Mädchens +sagte: »Ist denn nicht, wer schafft, im tiefsten Sinne ohne +Zeit? Ist es denn diese eine, nahe, bestimmte Welt, die +ihm notwendig ist, und nicht vielmehr eine übertragene +obere, die sein Traum wahrer macht als die untere? Sie +selbst haben es uns so gelehrt. Nicht in Worten; im Beispiel. +Und was wir so oft mißverstanden und falsch verstanden +haben, daß der Dichter ein entselbsteter Mensch ist, +so nannten Sie es ja, der Mensch ohne Partei, ohne Meinung +fast, dem alles Leben zur Speise wird, ist das denn nicht +mehr das Gesetz, dem Sie sich demütig beugen, wie Sie +immer getan haben?«</p> + +<p>Mörner senkte den Kopf, und als er antwortete, war es +ihm, als stehe er nicht der sanften Fragerin Rede, sondern +der verborgenen Person, die er im Zimmer wußte. »Widerstände +können wachsen,« sagte er; »es ist jedesmal ein +harter Weg dorthin, in die obere Welt; eines Tages sind +die Schranken unübersteiglich. Die Kraft reicht nicht mehr +zu; der Mut ist nicht mehr da. Werktätigkeit beruht auf +Wechselwirkung. Das Leben ist meine Speise, freilich; +wenn aber die Speise faulig wird, wie dann? Wenn die +Augen nicht mehr sehen können, das innere Membran +nicht mehr erzittert, das Bild nicht mehr zu fassen ist, +<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>das Gefühl seine Sicherheit einbüßt? Wie dann? Beide +Welten, die obere und die untere sind mir zu Schemen verblaßt. +Ich kann nichts mehr greifen, es bleibt mir nichts +in der Hand, ich bin zur Ohnmacht verurteilt, ich bin ein +Selbst geworden.«</p> + +<p>Er lächelte traurig, zuckte die Achseln und schwieg. +Sein Ohr lauschte in die Richtung, wo der Unsichtbare saß. +Der aber verriet seine Gegenwart durch keinen Laut und +keine Bewegung. Als das junge Mädchen sich zum Flügel +setzte und ein Bachsches Präludium zu spielen begann, +schien er seinen Platz zu verändern.</p> + +<p>Mörner wollte die Freunde durch seine Gegenwart nicht +länger bedrücken und entfernte sich still. Durch die mitternächtlich +verödeten Straßen trat er den Heimweg an, +doch war ihm nicht wohl zumute bei der Aussicht auf Alleinsein +in seinem Hause.</p> + + +<p class="newsection">Er hörte Schritte hinter sich, eine Weile schon. Es folgte +ihm jemand.</p> + +<p>Die Luft war mild, das Gewölbe bis in die Unendlichkeit +umschleiert. In der Dunkelheit wuchtete Ahnung, +die die Seele zusammenpreßte und sie aufsteigen machte +gleich einer artesischen Säule. Er erinnerte sich solcher +Nächte aus seiner Jünglingszeit. Es waren dieselben +flaumsüchtigen Wolken gewesen, damals, in der Stadt +seines Elends, mitten im Herzen Deutschlands, dieselbe +bittersüße Feuchtigkeit in der Atmosphäre, dasselbe heimliche +Säuseln und Brodeln in der Erde. Warum war ihm +das Längstvergangene heute nah? Kündigte sich Prüfung +an und neue quälende Überschau? Parade über die +Truppen vor der Abdankung? Ein Laut war wie Vogelruf, +genau wie damals aus dem Gebüsch am trüben Fluß, +<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>der die Fabrikwässer führte. Aber damals war es Verheißung +gewesen, heute war es Verzicht; damals Ankunft, +heute Abschied; damals hatte Romantik um die verschlossenen +Tore und schwarzen Fenster geschauert, heute das +frostige Wissen. Drei Jahrzehnte vergeblichen Wegs in +eine Sackgasse!</p> + +<p>Er ging langsamer; der ihm folgte, verzögerte ebenfalls +den Schritt. Er ist es, durchfuhr es Mörner, und seine +erste Regung war, zu fliehen. Doch trotzte er ihr; an einer +Ecke unter einer Gaslaterne blieb er stehen. Der andere +kam heran, lüpfte den steifen niedern Hut und sagte leise: +»Guten Abend.«</p> + +<p>Es war ein Mann von nicht genau bestimmbarem Alter; +Mitte der Dreißig ungefähr; jugendlich schlank, aber in +der Haltung etwas schlaff und im Gang schleppend. +Soviel sich im ungewissen Licht ausnehmen ließ, waren +die Haare blond. Die Kleidung war adrett, obwohl ein +wenig abgetragen. Das bartlose Gesicht war auffallend +hager, mit tiefliegenden blauen Augen und erstaunlich +scharfen Kerben um den Mund. Alles in allem war es +ein schönes, zumindest ein schön gewesenes Gesicht, das +nichts Vulgäres an sich hatte.</p> + +<p>»Ich hoffe, Sie nicht zu stören,« sagte der Unbekannte +mit achtungsvoller Artigkeit, die den Mann von Erziehung +verriet; »wir haben den nämlichen Weg, scheint es; darf +ich Sie begleiten?«</p> + +<p>Mörner verbeugte sich kühl. Er zürnte sich wegen der +Beklommenheit, die er empfand. Seite an Seite setzten +sie den Weg fort.</p> + +<p>Der Unbekannte sagte: »Ich bitte um Verzeihung, wenn +ich mich nicht vorstelle; aber ich habe keinen Namen. +Ich mache wenigstens schon lange keinen Gebrauch mehr +<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>von ihm. Nur im Notfall nenne ich mich, so oder so; +es gibt ja zwingende Situationen; ich schütze dann einen +erfundenen Namen vor. Ich denke, Sie legen auf diese +Formalität kein Gewicht.«</p> + +<p>Immerhin ein merkwürdiger Geselle, dachte Mörner +und sah geradeaus auf das Pflaster. So auch, vor sich +hin, erkundigte er sich: »Sie sind fremd in der Stadt? +Seit kurzem erst hier, wenn ich fragen darf?« Er ist es, +dachte er wieder, und mit einer Anwandlung von Haß: +wozu die gezierten Vorbereitungen? weshalb spielt er +Verstecken mit mir? was ist seine Absicht?</p> + +<p>»Ja, ich bin fremd,« gestand der Herr mit seiner leisen, +freundlich und rücksichtsvoll klingenden Stimme; »aber +daran bin ich gewöhnt. Ich bin eigentlich überall fremd. +Das heißt, obenhin betrachtet, bin ich fremd, genau genommen +nicht. Ich reise fortwährend, wissen Sie, bin +immer wo anders, ohne festes Domizil. Ich liebe es nicht, +Aufenthalt zu nehmen. Wenn man sich aufhält, entstehen +Versäumnisse. Viele Jahre bin ich schon unterwegs, +und es ist manchmal schwer, der Müdigkeit nicht nachzugeben. +Aber wir wollen nicht von mir sprechen. An mir +ist nichts interessant. Sie werden es mir nicht verübeln, +wenn ich offen gestehe, daß ich Ihnen aus reiner Neugier +nachgegangen bin. Wären Sie mir entschlüpft, ich hätte +wirklich nicht gewußt, was tun. Ich hätte Sie bestimmt +noch heute Nacht in Ihrer Wohnung aufgesucht, und diese +Zudringlichkeit wäre Ihnen wahrscheinlich sehr unangenehm +gewesen.«</p> + +<p>»Sie waren also dort, dort oben bei meinen Freunden?« +stammelte Mörner; »ich habe mich also nicht geirrt ...?«</p> + +<p>Der Unbekannte nickte. »Gewiß, ich war dort,« erwiderte +<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>er etwas beschämt; »es hat mich unwiderstehlich +hingezogen. Ich wußte von Ihnen. Ich hatte irgendwelche +Botschaft. Aus tausend Stimmen dringt eine hervor, +vernehmlicher als die andern. Ein Blatt Papier, ein aufgefangenes +Wort, was kann das nicht alles bedeuten. +Und zufällig saß ich Ihnen neulich im Eisenbahncoupé +gegenüber, entsinnen Sie sich nicht? Da erfaßte mich sofort +die Neugier, trotzdem ich über das Wichtigste gleich im +Klaren war, und ich blieb unablässig auf Ihren Spuren.«</p> + +<p>In der Tat glaubte sich Mörner zu entsinnen, den +Unbekannten während einer vielstündigen Fahrt im halbdunkeln +Abteil gesehen zu haben. Er wunderte sich, daß +ihm das erst jetzt einfiel, denn Gestalt und Gehaben des +Menschen waren ihm ungewöhnlich erschienen, das vollkommen +unbewegliche Sitzen, der intensive Blick, eine +gewisse Naivität und Bescheidenheit in den Mienen, +verbunden mit einer schwer definierbaren lächelnden +Undurchdringlichkeit, alle diese Einzelheiten sah er lebhaft +vor sich. Seine Spannung und Unruhe wurde dadurch +nicht vermindert. »Wieso waren Sie sich über das Wichtigste +im Klaren?« fragte er und suchte seine Erregung hinter +einem gereizten und mürrischen Ton zu verbergen. »Bin +ich denn so auf den ersten Blick zu ergründen? Nichts für +ungut, aber gegen das Hellsehn hab ich meinen Argwohn; +es ist durch einige Leute von meinem Metier diskreditiert +und läuft gewöhnlich auf Charlatanerie und Mystifikation +hinaus.«</p> + +<p>»Ich habe ja auch Ihre <em class="gesperrt">Worte</em> gehört,« antwortete +der Fremde einfach. »Daß Sie mißtrauisch sind, begreife +ich. Sie kennen mich ja nicht. Ich habe mir noch kein Recht +auf Ihr Zutrauen erworben. Ich bin ein Namenloser, +wie gesagt, ein Niemand; es steht bei Ihnen, mich für einen +<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>Charlatan zu halten. Nur bitte ich Sie, Ihr endgültiges +Urteil noch zu verschieben.«</p> + +<p>Er wich einem Hund aus, der über die Straße lief +und fuhr mit derselben unerheblichen Stimme fort: »Nein, +Hellseher bin ich nicht, und daß ich Sie auf den ersten Blick +ergründet habe, behaupte ich auch nicht. Was mich zu +Ihnen getrieben hat, ist neben der Neugier, die mir angeboren +ist, die sonderbare Leidenschaftlichkeit in Ihnen, +die sich auf alles in Ihrem Umkreis unmittelbar überträgt. +Sie ist sehr selten, diese Art von Leidenschaft, diese entselbstete; +der Ausdruck stammt ja von Ihnen. Es hat mich +magnetisch angezogen; ich meine das nicht bildlich. Ob +ich wollte oder nicht, ich mußte dorthin, wo Sie waren. +Auf dem Meer, mitten in einer Windstille, bei blauem +Himmel, hat man manchmal die deutliche Empfindung, +daß ein furchtbarer Sturm irgendwo hinter dem Horizont +wütet, der das Schiff förmlich in seinen Trichter saugt. +So war Ihre Wirkung auf mich. Die meisten Menschen +wissen nichts von ihrer eigenen Wirkung. Das Leben +stumpft sie ab dagegen. Viel notwendiger ist es, die +eigene Kraft kennen zu lernen, als die der andern. Mächtige +Seelen liegen oft faul da und ahnen nichts von dem +Magnetismus, der in ihnen aufgesammelt ist. Ich unterscheide +die Menschen danach. Es ist eine Stufenleiter; +von denen, die oben stehen, strahlt die größte Kraft aus, +die Schicksalskraft, die Verantwortlichkeitskraft. Das ist +der Kitt, der bindet. So war wenigstens meine Erfahrung. +Das ist auch der Grund, warum mich Ihre Leidenschaftlichkeit +so beschäftigt hat. Worauf sie eigentlich gerichtet +ist, kann ich nicht genau ermessen; ich habe nur zum Teil +verstanden, was Sie dort in dem Haus sagten; ich bin kein +sehr gebildeter Mensch und habe wenig gelesen. Ich hatte +<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>die Zeit nicht. Ich habe mir nur einige Fähigkeiten angeeignet, +durch die es mir möglich geworden ist, – aber +lassen wir das, davon erzähl ich Ihnen später, falls es sich +ergibt. Folgende Überlegung war es, die mich berührt hat +wie seit langem nichts. Ich sagte mir: wenn man mit +einer solchen Flamme in der Brust vor der Menschenwelt +steht, wie kann es sein, was muß da geschehen sein, daß +die Flamme nicht leuchtet, daß nicht alles in blendender +Helligkeit vor ihr liegt, daß der, der sie besitzt, sich über +Finsternis beklagt und eben dadurch in Gefahr kommt, +tatsächlich in Finsternis zu versinken? Wie geht das zu? +Ich sagte mir weiter: Vielleicht kannst du da Nutzen stiften, +es ist dir ja schon manchmal gelungen; da liegt so eine +Seele, sagte ich mir, eine mächtige Seele und windet sich +in Zuckungen; vielleicht kannst du das trübe Medium +von der Netzhaut dieses Menschen lösen, mehr ist vielleicht +nicht zu tun; das Ganze ist eine Erkrankung des Auges; +freilich nicht des physischen Auges; was darf nicht alles +Auge heißen bei den Edleren: das Herz ist selber Auge.«</p> + +<p>Die häufig stockende, wie aus Bescheidenheit unsichere +und zögernde Rede des Fremden drang mit jeder Silbe +unhemmbarer in Mörners Inneres. Harte Schlacken +schmolzen, der Krampf lockerte sich.</p> + +<p>Was für ein Mensch ist dies? dachte er zwischen zwei +Atemzügen, von denen der eine noch Qual war, der nächste +schon Hoffnung.</p> + + +<p class="newsection">Sie saßen im Arbeitszimmer des Schriftstellers. Der +Unbekannte begann zu erzählen. Er hatte es gewiß noch +nie getan, denn es hatte unverkennbare Erstmaligkeit.</p> + +<p>Es war viele Jahre her, daß er als Sohn eines reichen +Hauses, verwöhnt, umworben, wie ein Thronfolger umschmeichelt, +<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>eines plötzlichen Tages alles von sich geworfen, +alles Überflüssige, wie er sich ausdrückte: Geld, äußere +Würde, gesellschaftliche Stellung, die Freunde, die Frauen, +die Dinge, die Gewöhnungen, den Ehrgeiz, den Namen; +alles von sich abgestreift, bloß um zu leben, um wirklich +zu leben.</p> + +<p>Mörner glaubte sich zu erinnern, davon gehört zu haben. +Aber die Zeit hatte den Eindruck des damals Vernommenen +und wahrscheinlich Entstellten verwischt.</p> + +<p>Der Schritt des jungen Mannes hatte Verwunderung +und Kopfzerbrechen erregt. Er verursachte auch vielen +Menschen Leiden, die ihm bluts- und wesensnah waren, +aber danach durfte er nicht fragen. Er verzichtete auf alles, +was ihm lieb und unentbehrlich gewesen war und ging den +Weg, den er sich selber bahnen mußte, und der umso schwieriger +und mühevoller war, als es ein bestimmtes Ziel +auf ihm nicht gab. Man mußte sehen, wohin man kam.</p> + +<p>Was er unter »wirklich leben« verstand, das vermochte +er weder damals noch später befriedigend zu erklären. +Man hielt ihn deshalb für einen unklaren Kopf, und selbst +diejenigen Leute, die seine herausfordernde Luxusexistenz +verurteilt hatten und seinen Bruch mit der Vergangenheit +im Prinzip billigten, zuckten über die Ausführung die +Achseln. Sie hatten etwas Besonderes, Niedagewesenes +erwartet und machten aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl. +Sich seinen Verpflichtungen entziehen, die Schiffe hinter +sich verbrennen, das kann schließlich jeder, so sprachen sie +ungefähr; Geld und Gut fortwerfen, schön; in freiwilliger +Armut leben, schön; aber angenommen sogar, daß man +nicht zu den ägyptischen Fleischtöpfen zurückkehrt, wenn +einem die Geschichte eines Tages zu bunt wird, wo ist die +Idee? Was für ein Dienst wird der Menschheit damit +<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>geleistet? Was wird bewiesen, wodurch etwas geändert? +Verkündet er eine neue Lehre? Lockt das Beispiel zur +Nachahmung? Ist es überhaupt nachahmenswert? Hat +er die Welt um einen fruchtbaren Gedanken bereichert? +Nein, stellten sie fest, es ist unreife Schwärmerei, bestenfalls +eine moderne Donquichoterie; Herrenlaune im Grund, +nur verblüffender als die früheren, und genau besehen +ist er derselbe Snob geblieben, der er war, wenn auch nicht +geleugnet werden soll, daß ihm Übersättigung und Verzweiflung +den Antrieb gegeben haben.</p> + +<p>So äußerten sich die meisten. Er aber kümmerte sich +nicht darum. Ihre Reden drangen bald nicht mehr zu +ihm. Er schied aus ihrer Mitte. Er schwand aus ihrem +Gesichtskreis. Binnen kurzem war er verschollen. Er +ging in die Tiefen hinunter. Umkehr gab es für ihn keine.</p> + + +<p class="newsection">Er erzählte, daß er ziemlich lange in der Borinage +gelebt, bei den Bergleuten; damals noch als Müßiggänger +und neugieriger Gast. Der Anblick des Elends hatte ihm +diese Rolle unerträglich gemacht. Es hatte sich eine +Gelegenheit zur Überfahrt nach Amerika geboten. Drüben +war er gezwungen, sein Brot zu verdienen. Er griff zum +Schwersten, ging unter die Verlader am Hudson und war +gegen Tagelohn angestellt. Er wurde krank. Genesen, +unterrichtete er die Kinder eines polnischen Flüchtlings +im Lesen und Schreiben.</p> + +<p>Er hielt sich in seiner Erzählung bei den selbstverständlichen +Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens nicht auf. +Um seine Person war es ihm ja nicht zu tun. Seine eigenen +Leiden kamen nicht bloß nicht in Frage dabei, sondern er +nahm gar keine Notiz von ihnen, sie waren kaum vorhanden +für ihn.</p> + +<p><a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>Er erzählte, immer in dem nämlichen gleichmäßigen +Tonfall und ohne die geringste Eindringlichkeit, daß er sich +bei einem großen Grubenunglück in Pensylvanien an den +Rettungsaktionen beteiligt habe und wochenlang in den +Schächten gewesen sei; wochenlang in der Gesellschaft verwaister +Kinder, verwitweter Frauen, dann daß es ihn +immer weiter getrieben wie einen, der unstillbaren Durst +hat und bei jedem Trunk nur noch durstiger wird. Daß er +das Leben der Metallarbeiter kennengelernt habe, berichtete +er, und das der Maschinenbauer, und das der Eisenbahnarbeiter, +und das in den Schlachthäusern, den Konservenfabriken, +Spinnereien, Sägewerken und Druckereien. +Daß er mit Fischern gelebt, mit Holzfällern, mit Kleinbürgern, +mit Beamten, mit Kellnern, mit Defraudanten, +mit Bar-Tänzern, mit Negern, mit Farmern, mit Journalisten. +Daß er Diener eines Sekten-Oberhaupts gewesen, +Schreiber bei einem Börsenmakler, Agent für ein Annoncenbureau. +Daß er in einer Besserungsanstalt und in +einem Zuchthaus war, nicht als unbeteiligter Besucher, +sondern als Sträfling, indem er sich mittels gefälschter +Papiere für einen andern ausgegeben. Daß er wochenlang +in den unterirdischen Kanälen von Neuyork genächtigt; +in den Opiumhöhlen von Chicago gelebt und unter den +Auswanderern auf Ellis-Island als Lazarettgehilfe gedient. +Daß er ein Jahr darauf mit einer Goldsucher-Expedition +nach Alaska gegangen sei; von dort nach Japan; +von dort nach China. Daß er von Peking aus ins Innere, +den Fluß entlang, gewandert sei, und mit einem tibetanischen +Lama nach Madjura, der heiligen Siedlung mit dem +Lilienteich und den Türmen aus Götterbildern; immer +unter den Menschen, dicht bei den Menschen, immer einsam, +dicht bei sich, von Tag zu Tag einsamer, von Tag zu +<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>Tag reicher, beladen mit Reichtümern, und immer noch +durstig. Er erzählte weiter. Das alles war erst Untermalung; +Figur und Umriß zeigten sich später.</p> + +<p>Er sprach von Schiffen und Dschunken; vom Himmel, +vom Meer; von Wäldern und Gärten; von Tempeln und +Festen; von Städten und Wüsteneien; von Heiligen und +von Verbrechern; von religiöser Versunkenheit und weltlicher +Mühsal; von Aufruhr und Unterdrückung, von +innigem Werkfleiß und liebender Tat. Vom Schicksal +und abermals vom Schicksal, seinem Wechsel, seinem +Grauen, seiner Herrlichkeit, seiner in alle Seelen gewirkten +Vielfältigkeit.</p> + +<p>Er hatte erkannt; vom Erkennen war er voll. Er hatte +Kräfte in sich geschlürft mit Begierde. Er hatte die Bindungen +und Verflechtungen des Menschheitskörpers sehen +gelernt wie man die Lagerungen der Muskeln und Adern +an einem hautlosen Leib wahrnimmt. Er war vertraut +mit dem Fühlen und Denken aller Verlorenen, Irrenden, +Geplagten und Duldenden an allen Enden und Ecken der +Erde. Er kannte die Lasterhaften, die Mörder, die Diebe, +die Hehler, die Geknechteten, die Einfältigen, die Erglühten, +die stummen Unverdrossenen. Für ihn zogen sich Fäden +von der Küste des indischen Ozeans bis zu den Palästen +europäischer Metropolen. Alles war ein einziger, bebender, +heißer Leib; alles wie die verschlungenen Zweige eines +ungeheuren Baums. Er drückte dergleichen nicht aus, +dazu war er nicht imstande, aber es lag in seinem Aug +und Wesen.</p> + +<p>Er war, vom Osten her, durch den Krieg gegangen, +unangefochten, bewillkommt, von schonender Luft und +schonenden Händen umgeben, und wo er war, schien er +für die andern von jeher gewesen zu sein. Er hatte die +<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>Schlachtfelder durchzogen, die Brandstätten, das blutbesudelte +Land, hüben und drüben, das zermalmte, seufzende +Land. Er war Zeuge geworden von Plünderung und +Metzelei, Hunger und Haß, Wahnsinn und Lüge, Bestialität +und Verzweiflung. Aber auch von verborgenem Heldentum +und dem kleinen Glück der Genügsamen, von Opferdienst +und Wundern der Vollbringung. Er wurde nicht +müde; er durfte es nicht werden, denn er sah noch kein +Ziel.</p> + +<p>Was mag das Ziel sein? ging es Mörner durch den Sinn, +indes er lauschte und mitlebte; in dem unendlichen Zirkel +der Bilder und Vorstellungen dachte er plötzlich an Buddhas +Wiese, an die seligen Gefilde der letzten Entäußerung, +des letzten Wissens, des letzten Friedens, der letzten Inkarnation, +Höhenscheide zwischen irdischer und himmlischer +Welt.</p> + +<p>Wußte er nicht, wohin er ging, der überaus Seltsame? +Darüber war kein Zweifel, daß er sich übernatürliche Fähigkeiten +angeeignet hatte, das heißt, von denen aus betrachtet, +die noch nicht an die Natur reichen: Er hatte sie erworben, +weil sein Einsatz übermenschlich war, das heißt, von denen +aus betrachtet, die noch nicht ans Menschliche reichen.</p> + + +<p class="newquotesection">»<em class="bigletter">I</em>ch durfte mir keinen Zweck setzen, so wie ich mich +nicht binden durfte,« sagte der Unbekannte; »im Zweck liegt +schon das Übel; der Zweck hat die Welt so ins Fieber gebracht. +Nein, ich durfte mich niemals binden, sonst hätte +ich den Zusammenhang verloren. Ich mußte immer wieder +Abschied nehmen, immer wieder brechen, sonst hätte ich +mich versäumt und die wichtige Stunde. Die wichtige +Stunde ist die nach der Überwindung und dem Entschluß. +Da ist die Kraft ohne Maß und Grenzen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>Die Stimme blieb gleich nüchtern, gleich karg, gleich +unbetont; gleich höflich die Haltung, sparsam die Gebärde. +Oft spielte ein Lächeln um die Lippen, die ungealtert waren, +indes sich andere Teile des Gesichts eigentümlich verwittert +zeigten, besonders die Stirn und die Schläfengruben; +auch das Haar war an manchen Stellen silbrig angegraut. +Das scheue Lächeln schien die Versicherung zu enthalten, +daß die Distanz nicht überschritten werden würde, die der +Andere vorschrieb. Der unerhobene Ton aber, die zarte, +rücksichtsvolle Bemühung um das äußerlich Konventionelle +und Gestattete verlieh den Worten eine vollkommene +Durchsichtigkeit, und Gestalt um Gestalt, Vorgang um +Vorgang entfalteten sich so rein, als lägen Schall und +Stimme nicht mehr vermittelnd dazwischen.</p> + +<p>»Ich liebe die Dinge,« sagte die höfliche Stimme; +»ich liebe sie manchmal bis zur Unvergeßbarkeit; sie sind +oft wie Laternen über dem Schicksal des einzelnen Menschen +aufgehängt. Ich weiß nicht, ob das eine Schwäche von +mir ist, aber ich kann mich dem nicht entziehen. Ich bin +mit einem Mann gegangen, in einer kleinen Stadt, und es +war Abend. Er hatte Furcht, allein zu gehen, weil die Frau +während seiner langen Abwesenheit wieder geheiratet +hatte und ihn für tot hielt. Er hatte Furcht, wollte aber +zu seinen Kindern, und ich bin mit ihm gegangen. Das +Haus lag in einer Gasse gegen den Fluß und hatte ein +schiefes Dach. Rechter Hand im Flur war ein Backofen, +davor kniete eine Magd, von schwacher Glut beschienen, +und schob mit einer Stange die fertigen Brote von den +heißen Ziegeln. An der Treppe oben stand das Weib +des Mannes; sie ahnte noch nichts und trällerte ein Lied. +Zu ihren Füßen spielten zwei Kätzchen. Draußen war es +feucht, das Pflaster glänzte, man hörte den Fluß rauschen, +<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>und bisweilen ging ein Mensch an dem offenen Tor vorüber, +gebückt und eilig. Der Mann neben mir zog in seiner +Gemütserregung ein blaues, zerrissenes, wie ein Schachbrett +mit Quadraten bedecktes Tuch aus der Manteltasche +und trocknete sich die Stirn damit. Das Tuch war +mir in dem Augenblick etwas unbeschreiblich Teures; +es läßt sich wirklich nicht erklären, warum, aber alles war +in ihm drin, der ganze Mensch.«</p> + +<p>Er senkte ein paar Sekunden lang den Kopf und fuhr +fort: »So ist es mit Schachteln, die bei armen Dienstboten +in der Kommode liegen und mit Erinnerungszeichen +gefüllt sind; und mit geborstenen Steintreppen an den +Toren; und mit Photographien an den Wänden; mit einer +Kerze, die nachts irgendwo an einem Fenster brennt, +und mit dem Brett, das der Tischler in der Werkstatt hobelt. +Mit den Fußspuren im Weg ist es so und mit den Brücken +über die Flüsse, aber besonders mit allem, was durch Menschenhände +geht und auf Menschen Einfluß hat. Ich habe +den Ring am Finger einer gestorbenen Frau gesehen; +von wie vielem der wußte! Auf einer Straße, durch die +ich ging, lag ein zerrissener Vorhang, den man aus einem +ausgeraubten Haus geworfen hatte; wieviel Leben daran +klebte! An die Dinge geben sich ja die Menschen hin, +sie sperren ihre Seelen in sie hinein; sie sind ihr Besitz; +und wenn nicht Besitz, dann das Ziel ihrer Sehnsucht. +In einer andern Stadt fand ich in einer kalten Winternacht +einen acht- oder neunjährigen Knaben halberfroren auf +einer Bank. Ich trug ihn zu einem nahegelegenen Spital, +dort wurde er der Lumpen entkleidet, die ihm am Leibe +klebten, und es wurde ihm heiße Milch eingeflößt, da er +nicht bloß erfroren, sondern auch bis auf die Knochen +verhungert war. Nachdem man den Körper notdürftig +<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>von Schmutz und Unrat gesäubert hatte, steckte man ihn +ins Bett. Er lag bewußtlos, und ich blieb die Nacht +über bei ihm, man hatte es mir erlaubt. Als er nun die +Augen aufschlug und man ihn fragte, wer er sei und woher +er komme, vermochte er nicht zu antworten. Er sah beständig +die weißen Kissen an, tastete beständig mit der Hand +über das weiße Linnen, das ihn bedeckte, und in seinen +Mienen war ein so maßloses Staunen, eine so maßlose +freudige Bestürzung, daß man sofort begriff, er war +Zeit seines Lebens nie in einem Bett gelegen, und erst recht +nicht in einem solchen Bett. Er glaubte allen Ernstes, +daß er sich im Jenseits befand, und das einzige, was er +sprechen konnte, war: so weiß; so sauber; so weiß; und +wieder, andächtig, ungläubig, völlig verzückt: so weiß; +Herr Jesus, so weiß.«</p> + +<p>Der Unbekannte hielt inne und sann mit abgelöster +Heiterkeit im Gesicht vor sich hin. Dann sprach er: »In +der nämlichen Stadt fügte es sich, daß ich mich eines brustkranken +Mädchens annehmen sollte, das im Laden einer +Friseurin bedienstet war. Ein Kind von sechzehn Jahren, +ich erinnere mich noch des Namens; Angelika hieß sie. +Ihre Herrin hatte sie aus dem Waisenhaus genommen, +sie war ein Findling; ein munteres und zärtliches Geschöpf, +von allen wohlgelitten und ungemein geschickt +in den Verrichtungen, die man sie gelehrt hatte. Die Herrin +sah aber bald, daß das Übel rapid wuchs; der Arzt, den +sie zu Rate zog, gab ihr wenig Hoffnung und empfahl ihr, +das Mädchen schleunig in eine Heilanstalt zu bringen. +Sie versuchte es, doch es war umsonst; die Behörden wiesen +sie ab, die humanitären Vereine wiesen sie ab, die reichen +Leute, bei denen sie Hilfe suchte, wiesen sie gleichfalls ab. +Sie war eine robuste Frau, nichts weniger als gefühlsselig, +<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>aber sie liebte das Mädchen wie ein eigenes Kind, und +die Aussichtslosigkeit, eine Pflegestätte für sie zu finden, +erbitterte sie. Angelika indessen ahnte nichts davon, +daß ihr Geschick ein so nahes Todesurteil über sie +verhängt hatte. Sie lachte und scherzte den ganzen +Tag, und besonders war sie darauf versessen, sich zu +schmücken. In diesem Punkt war sie geradezu erfinderisch; +ihre billigen Gewänder sahen aus wie frisch aus dem +Magazin; die kleinen Geschenke, die sie von den Damen +erhielt, Bänder, ein Stückchen Stoff, eine silberne Nadel, +eine Halskrause, waren Kostbarkeiten für sie, und sie +wußte sie anmutig und geschmackvoll zu verwenden. Aber +ich will Ihnen erzählen, wie ich dazu kam, mit eigenen +Augen zu sehen, wie glühend diese jungen Hände die Dinge +umklammerten, die ihr Ausdruck und Abbild des Lebens +waren. Es ist eine unbedeutende Begebenheit, im großen +Ring betrachtet, aber sie hat mir viel zu denken gegeben. +Die Friseurin hatte noch ein zweites Lehrmädchen, und diese +war nach und nach eifersüchtig auf die jüngere und hübschere +Kollegin geworden. Als nun eines Tages Angelika zu +einem gewöhnlichen Kundenbesuch ihr schönstes Kleid +angezogen hatte, und mit glücklichem Lächeln vor ihr stand, +sagte sie zu ihr; wozu richtest du dich so her und gibst die +paar Groschen, die du verdienst, für Plunder aus? Trachte +lieber, daß du gesund wirst, damit unsere Frau nicht so viel +Scherereien deinetwegen hat; es steht nicht zum besten mit +dir, das wissen alle, bloß du nicht; also merk dirs und +werde nicht gar so übermütig. Die Worte erschreckten +Angelika, und sie fing an zu begreifen, was ihr drohte. +Sie büßte ihren Frohsinn nach und nach ein, obwohl ihre +kräftige und unbefangene Natur sich immer wieder geltend +machte, selbst dann noch, als sie bettlägerig wurde und mit +<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>jedem Tag mehr verfiel. Es war mir endlich gelungen, +in einem Asyl weit draußen vor der Stadt einen Unterschlupf +für sie zu finden, richtiger ausgedrückt, ich hatte +einige schwerbewegliche Personen aufgesucht, und diese +ihrerseits hatten wieder einigen widerwilligen Funktionären +eine Zusage abgerungen, die aus freien Stücken zu geben +ihre Pflicht und ihr aufgetragenes Amt gewesen wäre. +Kurz, Angelika sollte in Pflege kommen, und ich beeilte +mich, es der Frau zu melden. Es war an dem Tage gerade +ein blutiger Aufruhr in der Stadt, Soldaten und Arbeiter +zogen durch die Straßen; aus vielen Häusern wurde geschossen. +Am schlimmsten ging es in dem Viertel zu, +wo die Friseurin wohnte; ich konnte mir durch die Massen +Volks kaum einen Weg bahnen. Der Laden war geschlossen, +ich stieg ins erste Stockwerk hinauf, wo sich die Wohnung +befand, doch es war niemand zu sehen. Ich wußte, wo +Angelikas Kammer war, ich hatte sie schon einmal besucht +und mit ihr gesprochen. Ich klopfte; es blieb still. Ich +dachte, das Kind schlafe vielleicht, obgleich dies bei dem +wilden Lärm, der von der Straße heraufschallte, sonderbar +anzunehmen war. Als ich leise die Tür öffnete, +sah ich, daß sie nicht im Bett lag. Sie hatte sich erhoben; +im langen weißen Hemd und barfuß stand sie vor dem +Spiegel, der in den Schrank eingelassen war; die schwarzen +Haare flossen bis zu den Hüften; auf dem Kopf trug sie +einen breitrandigen Hut mit zwei grauen Federn; um die +Taille, über das Hemd, hatte sie ein blauseidenes Band +zur Masche geknüpft, und um den stengelfeinen Hals +eine Korallenkette gelegt. Ich trat in das ärmliche Gemach; +es bedurfte nur meines Vorsatzes dazu, daß sie mich weder +sah noch hörte; außerdem war sie viel zu hingenommen +von ihrer Beschäftigung und das Geknall und Geschrei +<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>von draußen zu heftig, als daß sie auf mich hätte aufmerksam +werden können. Ich setzte mich also in eine dunkle +Ecke. Ich konnte ihr Gesicht nur im Spiegel sehen, das +totblasse, aber von Begierde, von unbezwinglicher Lebensbegierde +über und über bebende Gesicht. Auf dem Tisch +neben ihr lagen ihre Schätze, ein Haufen bunter Bänder, +ein paar wertlose Broschen und Spangen, ein Nähzeug +und eine Schale mit Winterblumen. Auf einem wackligen +Stuhl davor standen ein Paar gelbe neue Stiefletten und +über der Lehne hingen Blusen, ein Ledergürtel und ein +grüner Schal. Das alles betrachtete sie mit fließenden +Blicken, bald sich selbst im Spiegel, bald die geliebten +Gegenstände. Die Sachen, nennt man es; ja, jeder hat +seine Sachen, und mit ihnen schützt er sich und schmückt +er sich; sie täuschen ihm Fülle vor, oder Freude; die Habseligkeiten; +auch ein merkwürdiges Wort. Sie griff nach +Blumen in der Schale und probierte, ob sie zum Blau der +Schleife paßten; sie nickte ihrem Spiegelbild zu, vertraut, +verträumt, aufmunternd; sie spielte mit ihm und forderte +es heraus, sie bog den Kopf zur Seite und gab sich eine +graziöse Haltung, und besonderes Vergnügen bereitete +ihr das Wippen der grauen Federn. Währenddem wurde +der Tumult auf der Straße immer ärger; sie vernahm es +nicht. Draußen schlugen sie eine jahrhundertalte Ordnung +in Trümmer, sie genoß, was sie als Reichtum empfand. +Sie beugte sich zu den Stiefelchen herab und sagte schalkhaft-liebkosend: +ihr armen Schuhe, wer wird euch spazieren +tragen, wenn ich gestorben bin? Sie richtete sich wieder +empor, schaute lange und äußerst gespannt in den Spiegel, +seufzte herzlich und sagte leise vor sich hin: ach Gott, nie +wird ein Mann bei mir schlafen. Es war Klage, aber voller +Unschuld, so daß es beinahe heiter klang und ich mich zu +<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>lächeln nicht enthalten konnte. Doch schlich ich mich nach +einer Weile hinweg. Mehr durfte ich von dem Geheimnis +nicht rauben; ich hatte mir schon zuviel angemaßt. Den +Menschen bei sich selbst erlauschen, geht nicht an; man +verrät ihn und verrät sich. Alles war Spiegelung gewesen; +der wirkliche Spiegel hatte mir Angelikas Gesicht gezeigt +der andere ihre Welt, weit zurück bis zu den Ahnen und +Urahnen, die sie hinausgestoßen hatten, als Letzte, in ein +ungenügendes Stück Leben.«</p> + + +<p class="newsection">Die Zeit war ohne Marke; wie lange das Schweigen +gedauert hatte, konnte Mörner nicht ermessen, als die höfliche +Stimme wieder begann: »Ich möchte Ihnen die +verschlossenen Tore aufschließen; bedenk ichs recht, so hab +ich zu vielen die Schlüssel. Damit man erfahre, damit man +erlebe, muß man vieles gesehen haben, und doch ist Sehen +und Erleben zweierlei, und Leiden und Erleben ist zweierlei. +Die Tat macht es nicht, und der Wille nicht und die Ergriffenheit +nicht. Jedes einzeln kann zu etwas dienen, +und doch ist der glockenhafte Widerhall nicht da, der die +Sinne löst und zum Schwingen bringt. In der Wissenschaft, +glaube ich gehört zu haben, werden jetzt mehr und +mehr alle Phänomene der Natur auf die Wellenbewegung +zurückgeführt. Meiner Ansicht nach kann man auch die +sinnliche Welt in das Gesetz der Wellenbewegung einbeziehen. +Es ist vielleicht dieselbe Kraft, nicht einmal +wesentlich modifiziert, die das Licht erzeugt und zwischen +zwei Menschen Haß oder Liebe hervorbringt; dieselbe, +die ein Gestirn aus seiner Bahn reißt und die Katastrophe +einer Familie oder eines Volkes bedingt. Wir haben keinen +Einblick, wir können es wahrscheinlich nie ergründen, +aber wenn der Geist rein ist, glaubt man oft, man kann es +<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>ahnen und fassen. Der nämliche Stoff flutet durch sämtliche +Seelen, und wenn das Gemüt rein ist, kann man sie +ahnen und fassen. Oft ist mir, als wär ich der andere, der +mich anschaut; oft, als wär ich in vielen drin und die +Unruhe käme von der Zerstückelung. Oft ist mir, als rollte +alles Geschehen in seinen Anfang zurück, und was Tod +und Untergang scheint, wenn ich die Augen schließe, ist +wie neu, wenn ich sie dann aufschlage. Oft ist auch alles +wie Wiederkehr, und das macht eigentlich am meisten verzagt; +dann wäre ja keine Rettung und kein Hinauf. Ich +hörte einmal die Geschichte von einem reichen Patrizier +im alten Rom, Valerius Asiaticus; der besaß einen so +herrlichen Hügelgarten, daß er den Neid des Kaisers +Claudius erweckte, der ihn auf unbewiesene Verleumdungen +hin zum Tod verurteilte. Da man ihn die Todesart wählen +ließ, entschied er sich für die Verbrennung. An dem dazu +bestimmten Tag nahm er seine gewohnten Leibesübungen +vor, badete, ging zu Tisch und öffnete sich die Adern. +Aber die Liebe zu seinen Pflanzen war so groß, daß er +in der letzten Stunde den aufgeschichteten Scheiterhaufen +nach einer anderen Stelle schaffen ließ, damit Flammen und +Rauch das Laubdach der Bäume nicht beschädigen sollten. +Genau das Gleiche, Zug für Zug, hat sich unter der Regierung +der letzten Kaiserin in China begeben, und ich habe +den Mann gesehen, der das Gleiche erlitt; ich war dabei, +als er auf den Holzstoß stieg. Aber das ist vielleicht aus +zu grober Materie; Ereignis gegen Ereignis, eins der +Schatten vom andern; was besagen sie beide? Die lüsterne +Phantasie nascht davon, und es entsteht Irrtum und +Dunkel. Man muß immer zum Geringen niedersteigen, +dann ist die Falte auf einer Stirn und die Windung in +einem Ohr beredt genug, und wo man geht und steht, +<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>umdröhnt einen der Lärm des Bluts, der Wünsche, Begierden, +Träume und Gedanken in allen wie das Hämmergestampf +in einer Maschinenhalle. Ohne Aufhören ist +es, ohne Stille; Rad wetzt sich an Rad, Hebel stößt Hebel. +Ich bin einmal mit einer Kolonne von Arbeitslosen +marschiert, Männern und Frauen; wie es hinter den Schädeln +raste! Mir war als sausten Knüttel auf mich herab, +und doch waren die Leute ganz stumm. Ich bin einmal +auf einem Schiff gewesen, das auf eine Mine stieß; +die Passagiere stürzten auf Deck, und die Todesangst +in den Gesichtern kann ich nicht vergessen. Sie waren aufgerissen +bis in die verborgensten Fasern. Schamlos werden +die Menschen da; Zucht fällt ab wie Tünche, das Gehütetste +geben sie preis, und nur Mütter und Tiere verlieren sich +nicht ganz. Ich bin einmal in Litauen oben mit drei +Wucherern in einem Postwagen gefahren. Sie sprachen +wenig, und das Wenige mit Vorsicht; aber ihre Augen +und ihr Lachen und ihre Gebärden erzählten von zugrundegerichteten +Existenzen, von Bitten und Flehen, das an ihrer +Unempfindlichkeit abgeprallt war; jeder schleppte ein +Netz, worin die Ausgesogenen wehrlos zappelten; und es +war, als zeigten sie einander ihre Beute. Ich folgte ihnen +heimlich; es ließ mir keine Ruhe, von ihnen viel zu wissen; +ich sah Drohbriefe und Pfandscheine und verfallenes Gut +und ausgeräumte Stuben, und den Leichtsinn der Opfer, +die Verzweiflung von einem, der Wechsel gefälscht und +von einem der Geld unterschlagen und von einem, der sein +Erbe verschleudert hatte. Die drei Wucherer waren wie +Pirschgänger; sie brachten Menschen in Rudeln zu Fall; +sie häuften Reichtümer an, ohne sie zu genießen, ohne sich +daran zu freuen, ihr einziges Ergötzen war die Qual und +Wut des in die Enge getriebenen Menschenwildes; als ich +<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>in einer Nachtstunde einen allein in seinem Zimmer sitzen +sah, durch das Fenster von der Straße aus konnte ich ihn +sehen, da erschrak ich, denn das Gesicht sah aus wie das +eines versteinerten, grauenhaft traurigen Affen.«</p> + +<p>Der Unbekannte bedeckte hastig die Augen mit der Hand +und lächelte enigmatisch. »Um ihn war ein Geruch von +Schicksalen wie von Miasmen,« fuhr er fort; »doch ein +jedes Schicksal hat seinen bestimmten Geruch, seine bestimmte +Schwere, seine Flugkraft, seine Intensität, seine +angeborene Gewalt. Es wächst oder welkt wie die Pflanze; +es zieht anderes Schicksal an oder stößt es ab, je nachdem. +Es ist über den Menschen, eine Weile oder ein Jahrtausend, +je nachdem, dann in den Menschen. Sie verhalten sich zu +ihm wie mehr oder minder elektrische Körper zum Blitz. +Das Unausdenkbare, sobald es ausgedacht werden kann, +geschieht es schon oder ist geschehen; aber der es erleiden +muß, dem ist es Rätsel und Grauen. Ich war in Böhmen +auf einem Gut, dessen Besitzer seit kurzem geistesgestört +war, und zwar aus folgender Ursache. Es war ein reicher +Edelmann, ohne Familie und ohne Freunde, ein menschenscheuer +Sonderling. Die einzige Person, der er vertraute, +war sein Diener, mit dem er fünfundzwanzig Jahre auf +dem Schloß gehaust hatte, der für seine Bedürfnisse sorgte, +seine Launen kannte und ihm in allem demütig ergeben +war. Eines Tages wurde der alte Baron von Todesahnungen +geplagt; vielleicht ängstigte ihn die völlige Einsamkeit +zum erstenmal; er rief den Diener zu sich in die +Stube und sagte ihm, daß er wahrscheinlich bald sterben +müsse, und daß er, um ihn für seine Treue und Anhänglichkeit +zu belohnen, sich entschlossen habe, ihm den großen +Meierhof zu schenken, der an den Schloßpark grenzte. +Er möge für den nächsten Morgen den Notar bestellen, +<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>damit die Schenkung rechtsgültig festgelegt werde. Der +Diener starrte eine Weile stumpf vor sich hin. Während +des ganzen Vierteljahrhunderts nämlich, das er mit seinem +Herrn verbracht, hatte er nie eine Gemütsbewegung an +ihm bemerkt, nie eine Gabe von ihm empfangen, nie ein +mildes Wort von ihm gehört. Er fängt an zu stottern; +er verfärbt sich, plötzlich stürzt er vor dem Baron auf die +Knie, schluchzt vor Zerknirschung und sagt, er sei der +Gnade des Herrn unwürdig; er müsse sich eines gräßlichen +Vorhabens anklagen, das er dreimal in Tat umsetzen +gewollt; dreimal habe er den Plan gefaßt, den Herrn +umzubringen; dreimal sei er des Nachts unter dem Bett +des Herrn gelegen, um ihn im Schlaf zu erwürgen; dreimal +habe ihn ein Zufall daran gehindert: einmal der Hahnenschrei; +einmal das Schlagen der Pendeluhr; das letztemal, +in voriger Nacht erst, das Trompetensignal einer durch die +Dorfstraße ziehenden Militärabteilung. Der Baron wußte +nichts zu antworten. Er hieß den Diener gehen. Er verabschiedete +ihn noch an demselben Tag. Das nachträgliche +Entsetzen über die dreimalige nicht gewußte Gefahr, +unter Mörderhand zu enden, umnachtete seinen Geist.«</p> + +<p>Der Unbekannte hatte einen Ausdruck in den Augen, +als schaue er in ein Gewühl, das fern und tief unten war. +»Aber ist das nicht auch zu grob, zu tatsächlich, zu zufällig?« +fragte er gedankenvoll; »ich greife es heraus, +weil es sich herausdrängt. Ich bin zu erfüllt davon. +Es haftet auch an der Haut. Und immer ist es aneinandergereiht +wie die Käfer auf einem Pappendeckel. Man will +beweisen, was man spricht. Ich sehe immer das Exempel. +Ich sehe so viele, die ihren Mörder neben sich haben; +sie füttern ihn förmlich auf und drücken ihm die Waffe +in die Hand. Oft ist es ihr eigener Schatten, der sie mordet, +<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>oft ihr Bild in einem Bruder, einer Geliebten, einem +Freund. Keiner weiß etwas vom Bruder, von der Geliebten, +vom Freund, und es ist wunderlich amüsant, +zu erfahren, was er zu wissen vorgibt. Mißverständnisse +geben ihnen den stärksten Halt. Es ist überhaupt wunderlich +amüsant alles, finden Sie nicht? Immer sehen, immer +hören, jede Stunde ausschöpfen, jedes Herz aushorchen! +Was hätte ich drum gegeben, wenn ich jenen Diener noch +auf dem Gut getroffen hätte! Die fünfundzwanzig Jahre +Gehorsam in Schweigen und Haß, was muß da in seinem +Gesicht zu lesen gewesen sein! Ich habe ihn lange Zeit +gesucht; leider umsonst.«</p> + +<p>Er beugte sich vor; die schöngeformten Hände machten +eine zaghafte Geste. »Diener! daß es solche gibt!« fuhr +er fort; »daß es Knechte gibt, und Türsteher; solche, die +Kohlensäcke auf dem Rücken tragen; Schiffszieher; solche, +die in Schwefelgruben steigen; solche, die Kloaken säubern; +solche, die Bleidämpfe einatmen. Jeder mit seinem ganz +besondern Sinn. Einer hat nicht dieselben Finger wie der +andere; in zweien sind nicht zwei gleiche Gedanken, und +jeder läßt sich die Last aufbürden und schleppt und schleppt. +Warum nur? Man kann nicht fertig werden, darüber +nachzudenken. Millionen Sklaven keuchen unter der +Kette; tausend rebellieren und reißen sich los, und schon +zwängen sich tausend neue an ihre Stelle. So mutlos +und wundgerieben ist aber keiner, daß er nicht ein Weib +bei sich hätte und Kinder mit ihr zeugte, die auch wieder +an die Kette geschmiedet werden. Da schwillt das Leiden +immer höher. In manchen Ländern steht es bereits so, +daß die Kinder mit einem alten finstern Herzen auf die +Welt kommen. Ich habe mich davon überzeugt. Ich habe +folgendes erlebt. Man geht nichts ahnend hin, und aus +<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>dem Erdboden heraus strecken sich einem Kinderarme entgegen, +lauter magere Kinderarme wie ein Feld von Strohhalmen; +die Fäustchen sind krampfhaft geschlossen, die +zarten Gelenke sind rhachitisch. Es ist äußerst merkwürdig: +man kann meilenweit wandern, zwischen Fabrikschloten +und flammenden Essen, und sie strecken sich einem unabsehbar +entgegen, lauter magere Kinderarme, wie Strohhalme, +oder wie kleine geschälte Zweige. Manche brechen, manche +wachsen, jedenfalls sind es zahllose, und sie versperren +einem den Weg. Was sagen Sie dazu? Meinen Sie nicht, +daß Ihre Ansicht, die Zeit sei Ihnen entgegen, doch falsch +ist? Ist sie nicht geradezu für Sie? Geradezu wie für Sie +gemacht? Ist sie nicht wie ein verdorrter Acker, der Bewässerung +verlangt, Licht und Wärme? Denken Sie nur +an die zahllosen Kinderarme. Sie können sich niederbeugen, +die zusammengekrampften Fäustchen öffnen, die frierenden +Hände ergreifen. Ich fürchte, das klingt sentimental, +aber ich halte es Ihnen als Notwendigkeit vor. Es ist, +als schaute man in ein vergiftetes Bassin, wo viele kleine +Fische vor dem Krepieren noch ein bißchen zucken. Das +einzige Mittel, sie zu retten, ist, neue Quellen und Zuflüsse +hineinleiten. Sie sagen, das Werk lasse sich nicht schaffen, +weil die Geister und Seelen zerstört sind. Zum Teil ist +das ja richtig. Aber war die Auslese der Brauchbaren +nicht immer sehr gering? Steht und fällt nicht jedes Werk +mit dem einen Hirn, in dem es geboren wird? Und brauchen +Sie denn die Menschen? Genügt nicht das Schauspiel +von Aufstieg und Sturz, das sie Ihnen bieten? Ist denn +der große Lebensteppich zerfetzt oder verbrannt? Sind +seine Farben verblaßt? Ist er minder bunt gewirkt als vor +zehn, vor hundert, vor tausend Jahren?«</p> + +<p>Der Unbekannte schien in einiger Erregung. Der Ton +<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>seiner Fragen war dringlich; er hatte die Hände ausgestreckt +und sich noch weiter vorgebeugt. »Es scheint mir +nicht. Sehen Sie doch hin. Die Paare treten zum Tanz an, +der Wein wird ausgeschenkt, die Musik spielt. Es ist ein +Haus mit vielen Stockwerken; in dem einen ist Fröhlichkeit, +im andern Traurigkeit. Es ist eine Zauberhöhle mit +schimmerndem Gestein. Man braucht nicht einmal Aladdins +Wunderlampe; die dienenden Geister gehorchen dem, der +den Weg gefunden hat. Wozu Gericht? Wozu Verdammung? +Nicht einmal urteilen darf man. Zerstörte Geister +und Seelen, was heißt das? Ist das eigene Auge und die +eigene Seele unzerstört, so ist die Welt unzerstört. Gäbe es +eine Hölle wirklich und wären alle ihre Verdammten losgelassen, +um aus purer Raserei die Welt zu vernichten, +und es fände sich nur ein einziger unter ihnen, der beim +Ruf der Erlösung sehnsüchtig stutzt, so würde es sich verlohnen, +sie von neuem aufzubauen. Das ist meine Ansicht. +Schlagen Sie die Augen empor! Fassen Sie doch, wie ein +Kind es tut, das Ungeheure, das Süße, das Schmerzliche, +das Blühende, den ungeheuren, überflutenden Reichtum. +Freilich ist eines not, wie es auch geschrieben steht. Es +steht geschrieben: Von der Neigung zu geliebten Personen +mußt du so frei sein, daß du, soviel dich anbelangt, ohne +alle menschliche Verbindung zu sein wünschest; umso +näher kommt der Mensch Gott, je weiter er sich von allem +irdischen Trost entfernt. Aber das ist eine harte Aufgabe. +Geöffnet sein und im ehernen Panzer; leicht sein und +schwer beladen; den Baum hegen, der die seltenen Früchte +trägt, und sie nicht für sich pflücken dürfen. Trotzdem +ist es köstlich, zu wandeln und die Luft der Erde zu atmen, +wenn man die Botschaft versteht, die einem geworden ist.«</p> + + +<p><a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a></p> +<p class="newsection">Mörner wollte die Hand des Unbekannten ergreifen, +doch der Stuhl, auf dem er gesessen, war leer. Seine Brust +hob sich mit einer Sturmwelle, er wußte nicht, ob in freudigem, +ob in wehem Gefühl. Fragen quollen ihm auf die +Lippen, die er an sich selbst richtete, aus einer Morgendämmerung +des Herzens heraus: wo gräbst du? wo wächst +du? wo wirkst du? wo ist dein Feld? wo ist dein Weg? +Aber ehe er sie bedenken konnte, waren sie von einer geisterhaft-entfernten +Stimme beantwortet, und er glaubte +einen Arm zu gewahren, der ihm eine goldhäutige, strahlende +Frucht zeigte. Der Tag rauschte über das Firmament, +und er begrüßte ihn. Er war an der Wende angelangt, +wo der Ausgleich ist zwischen Finsterem und Hellem, +über welchen der Bogen sich wölbt, an den die Sternbilder +geheftet sind, Inbegriff allen Schicksals.</p> + +<!-- <p><a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a></p> + + + + +<h2><a name="Adam_Urbas" id="Adam_Urbas"></a>Adam Urbas</h2> + + +<!-- <p><a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a></p> +<p class="newchapter">Unter den Aufzeichnungen des kürzlich verstorbenen +Reichsgerichtspräsidenten Diesterweg, eines scharfsinnigen +und geistreichen Kriminalisten vom Schlage des großen +Anselm Feuerbach, befand sich auch die folgende.</p> + +<p>An einem Oktoberabend, zu später Stunde, kam der +Bauer Adam Urbas aus Aha, einem Dorf des südlichen +Frankens zwischen Altmühl und Hahnenkamm, auf die +Gendarmeriestation in Gunzenhausen und erstattete die +Anzeige, daß er an eben diesem Tag seinem achtzehnjährigen +Sohn Simon den Hals abgeschnitten habe. Er +liege tot in der Kammer zu Hause. Das Messer, mit dem +er die Tat verübt, trug er bei sich und überreichte es. Es +war noch blutig.</p> + +<p>Die Selbstbezichtigung, in ruhigem Ton und mit äußerst +knappen Worten vorgebracht, wurde protokolliert. Auf +alle weiteren Fragen des Kommissärs verweigerte er die +Antwort. Der Lokalaugenschein, der noch in derselben +Nacht vorgenommen wurde, bestätigte seine Angaben. +Man traf ein vor Entsetzen und Jammer halbwahnsinniges +Weib und bestürzte Knechte und Mägde.</p> + +<p>Adam Urbas wurde ins Gefängnis nach Ansbach +gebracht.</p> + +<p><a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>Als ziemlich junger Richter war ich einige Wochen +zuvor in diese Kreishauptstadt versetzt worden, und meinem +lebhaften Ehrgeiz war es willkommen, daß man mich +mit der Voruntersuchung betraute.</p> + +<p>Der Fall schien von Anfang sonnenklar. Ein anscheinend +beschränkter und in allen Vorurteilen seiner +Kaste befangener Bauer hatte seinen entarteten Sprößling, +von dem er nur Schande und Unheil erfahren hatte, kurzerhand +aus dem Weg geräumt, sowohl um ein Strafgericht +zu vollziehen, als auch um noch größerem Übel, das im +Entstehen war, vorzubeugen.</p> + +<p>Nach den übereinstimmenden Aussagen der Zeugen +war der junge Urbas ein völlig verlottertes Individuum +gewesen, arbeitsscheuer Herumtreiber, ständiger Gast in +allen Wirtshäusern und auf allen Jahrmärkten der Gegend. +Für seinen müßiggängerischen und anstößigen Wandel +hatte er viel Geld gebraucht, und was ihm die gefügige +Mutter, die er einzuschüchtern verstand, nicht gab oder +geben konnte, hatte er sich auf andere Weise zu verschaffen +gewußt. So hatte er im August beim Getreidehändler +Kohn in Weißenburg auf eigene Faust achthundert Mark +für gelieferte Gerste abgeholt und das Geld unterschlagen +und verpraßt. In Nördlingen hatte er sich mit einem verrufenen +Frauenzimmer eingelassen, das von ihm schwanger +zu sein behauptete; eines Tages hatte er die Person an +einen entlegenen Ort gelockt und zu erwürgen versucht. +Durch ihr Geschrei waren zufällig vorbeikommende Leute +alarmiert worden, und so war sie ihm entronnen. Über +diese Angelegenheit war die Untersuchung noch im Gange, +als Adam Urbas den gerichtlichen Maßnahmen zuvorkam.</p> + +<p>Auch aus der Knabenzeit Simons wurden Züge und +Begebenheiten berichtet, die seinen Charakter in das +<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>übelste Licht rückten. Nichts entstammte dem Übermut, +was er verübte, es war immer voller Tücke und Abgefeimtheit. +So hatte sich z. B. die Großmagd sechs neue Leinenhemden +in der Stadt gekauft; freudig zeigte sie die Erwerbung +dem übrigen Gesinde und der Bäuerin; es wurde +zur Vesper gerufen, und sie legte die blütenweiße Wäsche +auf den Tisch in der Tenne. Als sie zurückkam, waren die +Hemden mit Wagenschmiere derart besudelt, daß keines +mehr brauchbar war. Daß Simon die Büberei begangen, +bezweifelte niemand, aber bewiesen werden konnte es nicht, +so wenig wie die Sache mit dem Fuhrmann Scharf. Der hatte +seinen mit Mehlsäcken beladenen Wagen vor dem Krug +halten lassen; als er weiterfahren wollte, rann das Mehl +in weichen Bächen auf die Straße; zehn oder zwölf Säcke +waren heimlich aufgeschnitten worden. Das ist der Simon +Urbas gewesen und kein anderer, hieß es; bewiesen werden +konnte es nicht.</p> + +<p>Zur Heuchelei und Hinterlist gesellten sich später Frechheit +und Gewalttätigkeit, und alle Gutmeinenden waren darüber +einig, daß da ein Menschenunkraut emporwuchs, so hoch, +daß keine Schere mehr hinanreichte, es zu stutzen und kein +Spaten stark genug war, es auszujäten. Ich hätte auf die +Fülle des gebotenen Materials verzichten können. Da war +kein Problem, keine Verworrenheit, keine Tiefe; alles war +eindeutig, platt und roh, zumindest, was den Ermordeten +betraf.</p> + +<p>Der letzte Akt des dörflichen Schauerdramas hatte sich +am Gunzenhauser Kirchweihsonntag abgespielt. Zwei +Bauern aus Windsbach hatten sich im Wirtshaus zu Aha +darüber unterhalten, daß gegen Simon Urbas ein Verhaftsbefehl +erlassen worden sei. Adam Urbas saß unbemerkt +von ihnen am Nebentisch. Die anderen Gäste und der +<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>Wirt schielten ängstlich nach ihm hin, denn aus der Art, +wie er das Glas absetzte und vom Stuhl aufstand, war zu +schließen, daß er von der Nördlinger Geschichte noch nichts +wußte. Die Schandtaten Simons wurden ihm nämlich +so lang wie möglich verhehlt. Es war seine außerordentliche +Schweigsamkeit, seine achtunggebietende Haltung +und nicht zuletzt seine große Beliebtheit in der Gemeinde +und in der ganzen Gegend, die einen schonenden Wall +um ihn errichteten. Durch all die Jahre hatte auch die +Bäuerin die schlimmsten Nachrichten aufzufangen und in +ihrer Wirkung auf Urbas zu mildern gewußt. Aber wenn +man annahm, daß er deshalb in Unwissenheit oder nur in +halber, in freiwilliger Unwissenheit lebte, so täuschte man +sich. Er verstand es eben, seine Umgebung über das, was +er sah und in ihm vorging, im Zweifel zu lassen.</p> + +<p>Die Bäuerin hatte das drohende Unglück beim Buttern +von einer schwatzhaften Magd erfahren. Als Urbas nach +Hause kam, stellte sie sich ans Fenster, um ihm nicht ins +Gesicht sehen zu müssen. Da ging, es war schon gegen +Abend, der Ziegelarbeiter Franz Schieferer am Haus vorbei +und rief ihr zu, der Simon sei drüben in Gunzenhausen +im Hirschen; er traktierte die Manns- und Weibsleute und +werfe mit Geld herum, daß es nur so klappre; aber, +fügte er lachend hinzu, denn er war stark angeheitert, man +werde den Vogel bald auf Numero Sicher haben, die +Gendarmen seien schon unterwegs. Dem war freilich nicht +so, wie sich später erwies; auch das mit dem Verhaftsbefehl +war vorläufig leeres Gerücht.</p> + +<p>Das ganze Gesinde war zur Kirchweih gegangen. Die +Bäuerin ließ sich auf die Wandbank nieder; Urbas wanderte +mit schweren Schritten in der Stube auf und ab. Da hörte +man von der Straße herein schlürfendes Gehen, dann +<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>wurde an der Haustürklinke gerüttelt. Fäuste polterten +wider das massive Holz, dazu erschallten Flüche. Die +Bäuerin sprang auf und wollte hinaus; Urbas hob den +Zeigefinger, nichts weiter; sie verharrte auf der Stelle. +Nun zeigte sich Simons Gesicht am Fenster, von Trunkenheit +gerötet, mit Augen voller Bosheit. Die Bäuerin schrie +auf und winkte ihm zu, er solle weggehen. Er verschwand +wieder, eine Weile blieb es ruhig, dann war auf der Tenne +Lärm. Er war durch die Tür auf der Hofseite ins Haus +gelangt. Im Dunkeln stieß er gegen das Gerät; man vernahm +einen Sturz; die Bäuerin riß die Stubentür auf +und im hinauslohenden Lampenschein gewahrte sie, wie +sich der betrunkene Mensch mühsam vom Boden aufrichtete. +Die Arme gegen die beiden in der Stube reckend, drang eine +gräulich lästernde Rede aus seinem Mund; vielleicht war +dieser Augenblick entscheidend für Urbas. Die Bäuerin +sagte aus, daß sie ihn vom Kopf bis zu den Füßen habe +zittern sehen. Simon hatte sich indessen zu seiner Kammer +getastet; er schlug dröhnend die Tür hinter sich zu, dann +war es wieder still. Urbas schaute in die finstere Tenne +hinaus, die Bäuerin stand hinter ihm, das Gesicht in +die Schürze gepreßt. Das dauerte so an fünf Minuten. +Hierauf verließ Urbas die Stube und ging hinüber in die +Kammer. Die Bäuerin versicherte, daß sie geahnt und +gespürt habe, was kommen würde, daß ihr aber die Glieder +wie gefroren gewesen seien und sie während der ganzen +Zeit ihrer Sinne nicht mächtig war. Ob Simon so berauscht +gewesen, daß er gleich, nachdem er sich auf die Bettstatt +geworfen, in Schlaf verfiel, oder ob sie noch miteinander +geredet, Vater und Sohn, ließ sich deshalb nicht ermitteln. +Einmal sagte sie, es sei alles still geblieben, dann wieder, +sie hätten miteinander geredet, und zwar ziemlich lange; +<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>die beiden Türen waren aber geschlossen gewesen, und da +sie nach ihrer Behauptung im Ofenwinkel gesessen war, +konnte, wie durch mehrmaligen Versuch erwiesen wurde, +der Schall von bloßem Sprechen unmöglich zu ihr gedrungen +sein. Auch ihre Angaben, wie lange Urbas in der +Kammer geweilt, waren auffallend unsicher; bald sagte sie, +es könne nur eine Viertelstunde, bald, es müßte mehr als +eine Stunde gewesen sein. Das Mordmesser hatte nicht +Urbas gehört, sondern dem Sohn; ob es dieser bei sich +getragen oder ob es in der Kammer gelegen, war ebenfalls +nicht zu ermitteln. Hierüber verweigerte Urbas jede Auskunft, +und so wichtig der Umstand war, er konnte vorerst +nicht ins Klare gebracht werden.</p> + +<p>Ich gestehe, daß mir alle diese Vorgänge trotz ihrer +Unheimlichkeit zunächst wenig Interesse einflößten. Sie +waren als Begleiterscheinung eines solchen Verbrechens +typisch. Der Vater ein unbeugsamer Starrkopf, beleidigt +in seinem bäuerlichen Ehrgefühl, in echt bäuerlichem Dünkel +keine Instanz über sich anerkennend, der Sohn ein Lump, +dessen vorzeitiges und gewaltsames Ende man kaum recht +bedauern konnte; die Mutter haltlos zwischen beiden +schwankend; es war die übliche Konstellation, und die +Gerechtigkeit konnte ihren Lauf nehmen, ohne daß sie +auf hemmende Dunkelheiten stieß.</p> + +<p>Nach und nach aber, bei genauem Einblick in die Vergangenheit +und die Art des Adam Urbas, wurde meine Aufmerksamkeit +nachhaltiger gefesselt. Es war als gingest du +an einer Mauer entlang, die aussieht wie alle andern +Mauern in der Welt; plötzlich gewahrst du, erst kaum +bemerkbar, dann immer deutlicher, gewisse Zeichen und +Runen, die zu prüfen ein Etwas dich zwingt; du kommst +nicht mehr los, du beginnst Gruppe um Gruppe zu entziffern, +<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>und schließlich wird dir eine unerwartete Mitteilung +über das verschlossene Gebiet, das hinter dieser +Mauer liegt.</p> + +<p>Die Urbassche Ehe war dreizehn Jahre kinderlos gewesen. +Die Frau hatte es als unabwendbares Schicksal getragen, +der Mann aber hatte sich aufgelehnt gegen den Spruch der +Natur. Er war der Letzte eines uralten Bauerngeschlechts; +in fränkischen Chroniken des vierzehnten Jahrhunderts +schon werden die Urbas genannt. Ihn dünkte es wie +Schmach, daß er keinen Leibeserben haben sollte. Wozu +war das Schaffen und Sparen, Säen und Ernten? Wozu +das Haus mit den gefüllten Truhen, das Vieh im Stall, +das Getreide in der Scheune, wozu Acker und Wiese, Mühle, +Fluß und Wald?</p> + +<p>Er äußerte sich nicht; gegen sein Weib nicht, gegen +andere Menschen nicht. Er verzog keine Miene, wenn die +andeutende Rede darauf fiel. Kein hartes Wort das Jahr +über, keine Erkundigung.</p> + +<p>Aber einmal im Monat geschah es, daß er den Blick auf +der Frau ruhen ließ. Es ging höhere Gewalt aus von dem +Blick. Er wurde dabei nicht von einer bestimmten Absicht +gelenkt; es gewann Macht über ihn und brach hervor. Auf +dem Feld konnte es sein: er hörte auf, die Garbe zu binden +und schaute sie an; beim Abendessen: er ließ den Löffel +in die Schüssel fallen und schaute sie an; in der Nacht: +die Bäuerin erwachte, er lag da, auf den Arm gestützt und +schaute sie an. Auf dem Platz vor der Kirche: sie stand im +Gespräch mit andern Weibern, plötzlich verstummte sie, +denn er stand drei Schritte vor ihr und schaute sie an. +Ohne Zorn, ohne Drohung, ohne Vorwurf, nur prüfend, +aus umbuschten Augen still und lang.</p> + +<p>Einmal im Monat geschah es und war mit Sicherheit +<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>zu erwarten. Anfangs ging es der Bäuerin nicht nah. +Sie hielt es für eine Schrulle. Sie gab sich keine Rechenschaft, +worauf es abzielte. Sie lachte; sie zwang sich zu +einem muntern Wort. Später duckte sie sich, flüchtete mit +Sinn und Auge; aber es kamen Stunden und schließlich +Tage, wo sie in Grübeleien verfiel und die Frage, die sie +an den Bauern nicht zu richten wagte, an seinen geisternden +Schatten richtete.</p> + +<p>Können Menschen nicht miteinander reden? grübelte sie; +wozu hat einer die Zunge im Maul, daß er nicht sagt, was +er begehrt? Sie beschloß, den Mann anzuhalten. Doch +wenn es so weit war und sie vor ihn hintrat, entfiel ihr +der Mut. Verschuldung wuchs, um Aufschluß drängte +eine Stimme, Aufschluß kam nicht, sie fühlte sich nicht +schuldig, etwas war schuldig, aber das Etwas war in ihr.</p> + +<p>Das wechselnde Tun während der lebendigen Jahreszeiten +zwang die Tage immer wieder ins gleiche, aber für +eine immer kürzer werdende Spanne. Die Angst vor des +Bauern Blick, der auf sie eindrang, so oft das Blutzeugnis +die Schuld vergrößerte, lähmte die Gedanken. Vom +November bis zum Februar rückten die Steine und Balken +des Hauses gefährlich aneinander, in den Stuben war +schwerere Luft, der Himmel klebte an den Fensterscheiben, +der Abend war ein nasser Sack um den Leib, das Linnen +schleifte bleich über die Diele, die Kühe lagen in rosigem +Dampf, und durch die Schneeschlucht heran zum Stall +schwankte durch Irisringe breitgängig, die Laterne in der +Hand, die hochschwangere Magd.</p> + +<p>Alles war Leib, alles war Angst. Achtundzwanzig Tage +und Nächte waren ohne Einschnitt; Urbas saß am Ofen, +die Pfeife zwischen den Zähnen; ging ins Wirtshaus und +kehrte am Abend zurück; saß wieder am Ofen und studierte +<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>die Zeitung; erhob sich, wenn der Topf mit Kraut und +Klößen hereingetragen wurde; sprach das Gebet; hörte +still zu, wenn die andern redeten, und nichts Heimliches +war in seinen Mienen, kein Groll, der sich sammelte, nur +Schweigen.</p> + +<p>Dann aber kam die Stunde. Die Bäuerin spürte es +schon in jeder Ader; die Haare fingen an zu knistern. +Eine Tür ging auf, und er stand da; am Morgen, am +späten Abend; war es nicht in der Stube, so war es in der +Tenne; stand da mit dem unerforschlichen Blick. Kein +Räuspern, kein Aufzucken, kein Wort, nur der Blick: +warum nicht? warum alle und du nicht? warum liegt +dein Acker brach?</p> + +<p>Zwölf Jahre waren so verflossen, da hatte die Kraft der +Frau ein Ende. Ihr Gemüt umdüsterte sich. In den Nächten +wälzte sie sich schlaflos. Durch die Finsternis brannten +die Augen des Bauern, auch wenn er schlief. Hörte sie +bei Tag seinen Schritt, so verkroch sie sich in einen Winkel +der Scheune und kauerte zitternd, bis von allen Seiten +das Rufen nach ihr erschallte. Die Zügel der Wirtschaft +waren gelockert, das Gesinde wurde lässiger.</p> + +<p>Sie versagte sich ihm. Ihr graute vor seiner Umarmung. +Ergab sie sich nicht, so hatte er nichts zu fordern, schien es +ihr in der Verdunkelung ihrer Sinne. Sie wurde kalt an +Haut und Blut; das Weib in ihr erstarrte. Da aber fing +Urbas an, um sie zu werben. Es war wie nie zuvor. Sie +hatte es nie kennen gelernt. Nicht mit Worten warb er, +vielmehr in einem scheuen Dienst. Es lag oft etwas Beklommenes +darin, als habe sie sich versteckt, und er müsse +sie finden; als suche er und könne sie nicht finden. Er glich +einem Tier, das leidet. Ein Jahr lang oder noch länger +<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>währte dies, und in der Zeit verlor sich die Angst der +Bäuerin, denn sie merkte, daß sie nicht bloß eine an ihn +hingeworfene Kreatur in seinen Augen war, der man zu +fressen gibt und die man karessiert, wenn sie geschuftet +hat, und einen Fußtritt verabreicht, wenn sie nicht leistet, +was man von ihr verlangt, sondern daß sie noch was +anderes für ihn bedeutete, der Ehrung und der Befragung +Würdiges. Sie wandte sich ihm mit bereitwilligerem +Herzen wieder zu; einen Monat darauf wurde sie schwanger.</p> + +<p>Als dies keinem Zweifel mehr unterlag, verwandelte +sich ihr Wesen vollends. Mit jungen Schritten eilte sie +durchs Haus, trieb die Säumigen heiter zur Arbeit, legte +selbst überall Hand an, gesprächig, hell, aufgeblättert. +Staunen war um sie. Auch Urbas wunderte sich. Sie +mochte ihm, was bevorstand, nicht geradezu ankündigen; +sie wünschte eine Form, in der es festlich und wie ein +Geschenk wirken sollte. Am Gründonnerstag legte sie +das Staatskleid an, dazu die langen schwarzen Kopfschleifen +mit den silbernen Spangen, dann rief sie Urbas +in die obere Stube, wo die Glasschränke standen mit dem +alten Silber und Porzellan, Jahrhunderterbe. Gewichtig +setzte sie sich in den Lehnstuhl, faltete die Hände über dem +Leib und sagte, was zu sagen war, kurz und simpel.</p> + +<p>Durch Urbas mächtigen Körper ging ein Ruck. Als sie +von dieser Stunde sprach, neunzehn Jahre später sich dieses +Geständnisses entsann und wie Urbas sich dabei verhalten, +war ihr noch immer die Erschütterung anzumerken, die sie +damals gespürt. Sein erdbraunes Gesicht wurde rot wie +Mohn. Er stieß eine dröhnende Lache aus. Darnach rann +ihm die Nässe aus den Augen. Er trat auf sie zu und schlug +sie so derb auf die Schulter, daß sie schrie. Bestürzt, sie +könne nicht als Liebkosung nehmen, was so gemeint war, +<a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>tätschelte er ihr den Rücken, zärtlich, andächtig und ließ +dazu ein melodisches Gebrumm in der Kehle orgeln.</p> + +<p>Auf sein strenges Geheiß mußte sie sich pflegen. Er ging +heimlich zum Doktor und bat um Weisungen. Damit die +zwei Arme nicht fehlten, heuerte er noch eine Magd. Er +überwachte sie; er räumte ihr aus dem Weg, was sie beim +Schreiten hinderte. Als die Kinderwäsche genäht wurde, +saß er bisweilen mit runden Augen daneben und wiegte +den schweren Schädel.</p> + +<p>Alles verlief der Natur gemäß, auch die Stunde am +Ausgang der neun Monate. Lange hielt Urbas das Neugeborene +in der Hand, lange betrachtete er das trübselig-ungestalte +Ding. Auf seiner Stirn wetterte es freudig +und sorgenvoll.</p> + +<p>Simon wuchs auf wie alle andern Bauernkinder; es +wurde ihm nichts leichter gemacht. Keine Kenntnis durfte +ihm davon werden, wie lang man auf ihn gewartet hatte +und mit welcher Ungeduld. Was er seinen Leuten wert +war, mußte sich aus seiner Brauchbarkeit ergeben. Frühe +Launen zerschellten an der festgefügten Ordnung; frühe +Krankheiten waren die Probe, die zu bestehen war: taugst +du oder taugst du nicht? Allerdings, wer scharf zusah, +konnte dann an Urbas eine unruhige Gespanntheit wahrnehmen, +als behorche er den innersten Blutgang im Leib +des Knaben.</p> + +<p>Das Behorchen blieb in seinen Zügen. Es grub sich +faltenmäßig ein. Schien es, wie wenn er nicht beachte, +was Simon tat und sprach, so war es falscher Schein. +Niemand in seiner Umgebung konnte ermessen, mit welcher +Genauigkeit er in diesem Punkte sah. Ich erfuhr es. Ich +erfuhr es in einer Weise, die weder zu vergessen, noch eigentlich +<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>mitteilbar ist. Es wären dazu andere Behelfe nötig, +als sie mir zur Verfügung stehen.</p> + +<p>Eine fast erhabene Vorstellung von dem Verhältnis +zwischen Vater und Sohn war mit seinem Wesen verschmolzen. +Er fühlte sich als Bauer, d. h. er fühlte sich als +König. Die Erde war seine Erde. Der Knecht war sein +Knecht. Wetter wurde für ihn gemacht, und für den Acker, +und für die Ernte. Er war Herr über das Land; sein Auge +grenzte es ab bis zu dem Stein, der von altersher unverrückt +stand; kein Halm, der nicht in seinem Namen aufschoß. +Eigentum war das Heiligste von allem, und Eigentum +war des Herrn bedürftig, daß er es wachsam und unerbittlich +verwalte, bis auf den Pfennig, bis auf das +Saatkorn. Der Sohn übernahm es vom Vater, der Vater +gab es dem Sohn, durch alle Zeiten hindurch; so war die +Ordnung der Dinge, anders war die Welt nicht zu verstehn.</p> + +<p>Aber das heißt vorgreifen, und ich will den Faden +behalten.</p> + +<p>Die förmlichen Verhöre, die ich mit Urbas vorzunehmen +verpflichtet war, führten zu keinem nennenswerten Ergebnis. +Die Antworten waren immer dieselben, und sie +jedesmal wiederholen zu sollen, schien ihm verwunderlich +und lästig zu sein. Er beschränkte sich auf die Tatsache; +erklären wollte er nichts. Sich zu verteidigen verschmähte +er, auch von einem Rechtsbeistand wollte er nichts wissen, +und meinen Belehrungen und Ratschlägen setzte er eine +obstinate Gleichgiltigkeit entgegen. Als ich ihm nahelegte, +daß er durch eine freimütige Darstellung der Beweggründe +seines Verbrechens eine bedeutende Strafmilderung +erzielen könne, antwortete er lakonisch: »Es ist nicht +an dem.« Ich entschloß mich, auf die fruchtlosen Inquisitionen +zu verzichten, zumal die Zeugenaussagen und alles, +<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>was mir über die Person des Ermordeten wie über die des +Angeklagten selbst bekannt geworden war, eine lückenlose +Motivenkette geschaffen hatten.</p> + +<p>Dennoch gab es zwei Momente der Ungewißheit, die +aufzuhellen noch nicht gelungen war. Das eine war das +Gutachten des Gerichtsarztes über den Leichenbefund am +Tatort. Die Lage des Körpers zeigte nämlich nicht das +geringste Merkmal von verübter Gewalt, weder an der Art +wie die Gliederstarre eingetreten war, noch an den Kleidern, +noch am Gesichtsausdruck. Wäre nicht die Selbstbeschuldigung +des Bauern gewesen, so hätte sich der Beweis des +Mordes schwer erbringen lassen. Das zweite knüpfte sich +an das unbestrittene Faktum, daß das Messer dem Simon +Urbas gehört hatte. Der Bauer behauptete, es sei im +Hosengürtel Simons gesteckt, und er habe es einfach +herausgezogen; auch zu dieser Angabe verstand er sich erst +nach häufigem, ernstlichem Drängen. Sie trug das Gepräge +der Unwahrscheinlichkeit an sich, und am nächsten Tag +widerrief er sie auch und sagte, das Messer sei aufgeklappt +auf dem Tisch gelegen; Simon habe in der Frühe noch Brot +damit geschnitten. Als ich ihm mein Erstaunen über diese +Veränderung einer wichtigen Aussage nicht verhehlte, +blickte er scheu zu Boden. Es war das einzige Mal, daß +ich etwas wie Verwirrung an ihm zu beobachten glaubte.</p> + +<p>Den beharrlich schweigenden Mund zum Reden zu +bringen, wurde zwangvoller Trieb für mich. Fast ununterbrochen +waren meine Gedanken mit dem Menschen beschäftigt; +die Deutlichkeit der Erscheinung, die Hartnäckigkeit, +mit der sie mich verfolgte, beunruhigte und +quälte mich. Immer wieder rief mir eine Stimme zu: der +Mann ist kein Mörder; das ist der Mann nicht, der hingeht +und einem andern den Hals abschneidet wie man ein Huhn +<a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>schlachtet; dem eigenen Sohn mit Abscheu erregender +Brutalität zum Henker wird. Doch hatte er es ja gestanden. +Was war vorgegangen? Auf die Frage nach der Dauer +seines Aufenthalts in der Kammer hatte er stets geschwiegen +oder höchstens die Achseln gezuckt; erst beim +letzten Verhör waren ihm, beinahe wider Willen, die Worte +entschlüpft, er schätze, es könne eine halbe Stunde gewesen +sein. Was war in dieser halben Stunde vorgegangen? +Er gewahrte mein Nachdenken, und sein Gesicht verfinsterte +sich.</p> + +<p>Ich sah, den eigentümlichen Zustand meiner Unruhe und +Ungeduld zu beenden, keinen andern Weg, als den Bezirk +der Beruflichkeit zu verlassen und ihm gegenüberzutreten, +Mensch gegen Mensch. Ein gewisses Vertrauen glaubte +ich mir bei ihm erworben zu haben; so oft ich mich bemüht +gezeigt hatte, Heikles zart zu behandeln, glaubte ich eine +dankbare Regung in ihm verspürt zu haben. Zögern +machte mich nur noch die Erwägung, ob sich nicht der angeborene +Argwohn gegen den Zudringling aus der fremden +Sphäre wenden würde, ob es nicht an den Mitteln zu +natürlicher Verständigung von vornherein mangle. Aber +darüber halfen mir Bild und Gestalt hinweg; Adam Urbas +war ja kein Bauer gewöhnlicher Sorte; er gehörte zu +unserer Bauern-Aristokratie, seine bloße Haltung zeugte +von Scharfsinn und Noblesse, und so hoffte ich, daß ich +den Weg zu ihm nicht vergeblich bahnte. Ich überlegte nicht +länger; eines Abends im Dezember war es, als ich in das +Gefängnisgebäude ging und mir die Zelle aufsperren ließ, +in der sich Urbas befand.</p> + +<p>Ich hatte ihm Vergünstigungen für die Haft erwirkt. +Es war ein wohnlicher Raum, anständig möbliert mit +Waschtisch, Bett und Spiegel, behaglich warm. Er saß +<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>bei der Lampe und hatte die Bibel vor sich aufgeschlagen. +Ich grüßte, zog den Mantel aus, hing ihn an den Türhaken +und setzte mich Urbas gegenüber an den Tisch.</p> + +<p>Sein Anblick frappierte mich jedesmal aufs neue; auch +jetzt. Er war massig wie ein Stier. Sein Kopf hatte die +Rundheit der eingeborenen fränkischen Brachycephalen, +doch wies der Schädel, besonders die Bildung an den +Schläfen, Merkmale alter Zucht auf; die Knochen waren +dort auffallend dünn, die Haut bläulichgelb und fast durchscheinend. +Der Mund war weitgeschnitten, mit festverpreßten +schmalen Lippen, die Nase gebogen, mit starkem +Sattel; das Gesicht, an das eines alten Schauspielers erinnernd, +war sorgfältig rasiert, die Hände waren die eines +Riesen. Die träglidrigen Augen öffneten sich selten; dann +aber hatte der Blick eine überraschende Durchdringungskraft, +so daß es auch mir nicht leicht war, ihn auszuhalten.</p> + +<p>Um das Gespräch einzuleiten, sagte ich, ich hätte schon +lange das Bedürfnis empfunden, ihn aufzusuchen. Ich +käme aber nicht in meiner Amtseigenschaft, sondern, wenn +er wolle, als Freund, dem ein Besuch zufällig erlaubt sei. +Im Grunde sei er mein Schutzbefohlener, und ich trüge +die Verantwortung für sein Wohlergehen.</p> + +<p>Er blickte mich schweigend an. Nach geraumer Weile +sagte er: »Sehr gütig von Ihnen.«</p> + +<p>Ich wehrte ab. »So möchte ich es nicht aufgefaßt +haben,« sagte ich ungefähr; »ich wünschte, Sie sollen mir +jetzt nicht mißtrauen. Dem Richter mißtraut man, unwillkürlich. +Sie denken sich: Kommt er nicht als Beamter, +um seine Akten vollzuschreiben, so kommt er doch als +Neugieriger, um zu schnüffeln. Weder das eine, noch das +andere ist meine Absicht. Die Akten sind so gut wie geschlossen; +wir stehen vor der Verhandlung. Zur Neugier +<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>ist für mich wenig Anlaß; es ist mir ja alles bekannt, will +mir scheinen. Warum ich gekommen bin, weiß ich selbst +nicht genau. Ich mußte. Es war wie Pflicht.«</p> + +<p>Wieder antwortete Urbas lange nicht. Endlich sagte +er: »Ich glaube Ihnen.«</p> + +<p>Ich griff das Wort auf. »Wenn Sie mir glauben,« +erwiderte ich, »dann können wir uns ja über das Geschehene +wie zwei gute Bekannte in Ruhe unterhalten.«</p> + +<p>Urbas dachte nach. Hierauf sagte er: »Wozu soll ich +denn reden? Schlimm genug, daß es hat geschehen +müssen.«</p> + +<p>»Das ist eben die Frage,« warf ich ein; »hat es geschehen +müssen? müssen?«</p> + +<p>Er hob den Kopf, aber die Lider blieben gesenkt. »Daran +zu zweifeln, wäre die pure Vermessenheit,« sagte er.</p> + +<p>»Es gibt nicht nur einen Zweifel,« beharrte ich, »sondern +die menschliche Gesellschaft verwirft Ihre Tat und verabscheut +sie. Wollte jeder in einem solchen Fall nach eigenem +Gutdünken entscheiden, so wäre des Schreckens kein Ende, +so lebten wir wie unter reißenden Bestien. Wie Sie sich +vor sich selbst und Ihrem höchsten Richter verantworten +werden, weiß ich nicht. Uns Menschen sind Sie die Verantwortung +noch schuldig.«</p> + +<p>Urbas schüttelte den Kopf. »Was kann das Reden +hinzutun oder wegtun?« murmelte er gleichgiltig.</p> + +<p>»Zwischen Ihnen und uns muß reiner Tisch werden,« +sagte ich; »so lange Sie sich trotzig verschließen, bleibt alles +ein wüster Graus.«</p> + +<p>»Wenn einer aber nicht die Worte hat?«</p> + +<p>»Hat er sie nicht oder verweigert er sie nur aus Hoffart +und aus Trotz?« entgegnete ich; »prüfen Sie sich.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>Er sagte: »Die Zunge ist schwer; ich bins nicht gewohnt.«</p> + +<p>Seine Stirn furchte sich. Ich sah, daß ich nicht weiter +in ihn dringen durfte. Ich wartete. Endlich murrte es aus +seiner Brust: »Ich hab ihn gemacht.« Sein Blick bohrte +nach unten. »Wenn ich ihn gemacht habe, darf ich ihn +dann nicht auch vertilgen?« fragte er mit einem seltsamen, +listigbösen Ausdruck. »Das mögt Ihr Leute bestreiten, +soviel Ihr wollt: den einer gemacht hat, den darf er auch +wieder vertilgen, wenns nur zum Unheil war, daß er kam. +Ich hab ihn mir geholt; herausgegraben aus seiner Mutter +Schoß. Andere Weiber tragen die Frucht neun Monate. +Von der kann man sagen, sie hat sie dreizehn Jahre getragen. +Ich hab ihn von ihr verlangt; ich hab ihn vom +Herrgott verlangt. Ich hab ihn mir zurechtgerichtet, bevor +er noch da war. So und so, dacht ich, wirst du mir werden. +Wie ein Stück Lehm, das einer aus dem Erdreich schneidet +und bastelt daran und knetet es nach seinem Sinn. Auf +einmal hat er nichts als eitel Dreck in der Hand. Da +schmeißt ers wieder hin, von wo ers hergenommen hat.«</p> + +<p>Der listigböse Zug verstärkte sich. Er musterte mich +durch einen Spalt zwischen den Lidern. »Daß es zum +Unheil war, hat sich erst nach und nach erwiesen,« sagte ich.</p> + +<p>Er unterbrach mich mit einer herrischen Gebärde. »Von +Anbeginn mißraten. Mißratenes Blut; ich hab es mit +meiner Nase gerochen. Andere, von schlechterer Herkunft, +wachsen auf, ohne daß man ihrer viel achtet und mißraten +doch nicht. Biegen sie sich am Anfang krumm, so biegt sie +die Zeit wieder grade. Bei ihm wurde das Krumme immer +krummer. Da sah ich, es wird großes Leid entstehn. Und +so wars. Jeder Tag ein Sandkorn davon, zuletzt ein Berg. +Da bin ich gestanden und habe mich gefragt: was will +das werden? Hat mans an einer Stelle fortgeschaufelt, +<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>wars an der andern doppelt so hoch; hat mans angegriffen, +ists zwischen den Fingern zerronnen. Es war keine Hilfe.«</p> + +<p>»Aber können nicht auch schadhafte Keime durch eine +sorgfältige Pflege zum Gedeihen geführt werden?« hielt +ich ihm entgegen. »Haben Sie sein Gewissen zu wecken +versucht? Haben Sie ihn in ernstliche Zucht genommen?«</p> + +<p>Urbas hob zum erstenmal die schweren Lider, und in +seinen Augen war etwas Verstörtes. »Herr,« erwiderte +er jäh, »das Element kann einer nicht bewältigen. Schaffts +das Auge nicht, so schaffts auch das Maul nicht, hab ich +mir gesagt. Schaffts das Beispiel nicht, so schaffts auch +der Prügel nicht. In dem Punkt, den Sie meinen, hat die +Bäuerin ihre Schuldigkeit getan. Eine Weibsperson versteht +das besser. Wenn er nicht hat spüren können, daß +meine Stimme auch dabei war, was war dann an ihm +nutze? Wenn er nicht hat hören können, was ich ihn ohne +mein Reden habe vernehmen lassen, wär auch des Propheten +Wort nur leerer Schall für ihn gewesen. So hab ich mir +gesagt. Ich bin vorangegangen, er hätte nachgehen können; +ich bin ihm nachgegangen, er hätte sich umdrehn können. +Er hat mich nicht gesehen, er hat mich nicht gehört. Mich +widerts, daß ich einen Menschen soll packen und ihm ins +Ohr schreien: Mensch, sei ordentlich. Was soll das +frommen, wenns ihm nicht in der Art liegt? Verzieht +einer seine Fratze zum Hohn, während andere beten, so ist +er eine verlorene Kreatur. Zucht schlägt an, wo nicht an +der Wurzel der Wurm schon nagt.«</p> + +<p>»Wußten Sie denn das ganz genau?« fragte ich, +und wie ich vermute, nicht ohne Schüchternheit, denn seine +Worte, seine Stimme hatten finstere Wucht, »waren Sie +denn von Ihrer eigenen Unfehlbarkeit so fest überzeugt?«</p> + +<p>Er streckte den Arm über den Tisch und antwortete +<a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>schweratmend: »Wenn mein Fleisch und Blut wider mich +aufsteht, so kann ich nicht mit ihm rechten wie mit einem +Händler, der mich betrügt. Wenn der Same, den ich ausgestreut, +mir als Schlangenbrut entgegenzüngelt, so kann +ich nicht wie ein Schulmeister mit dem Bakel dreinfahren. +Das hat kein Verhältnis, das hat keine Menschenwürde. +Wenn einer Böses wirkt und Aberböses, auf den man die +Zukunft gebaut, unabänderlich Böses, bis Haus und Hof +im Schlamm ersticken, was soll man da tun? Soll man +ihm die Knochen anders renken, ein anderes Hirn und Herz +einblasen?«</p> + +<p>Sein Gesicht, in seiner ganzen Mächtigkeit, bebte und +flammte. Derselbe Mann, der sich so lange, ein Lebensalter +vielleicht, der mitteilenden Rede enthalten, riß vor +meinen Augen sein Inneres auf und hatte Worte, Bilder, +Töne, die mich verstummen machten und fast mit Angst +erfüllten. Doch ich hatte plötzlich den unabweisbaren +Eindruck, daß er nur scheinbar mit mir redete, nur scheinbar +sich an mich wendete; daß er in Wirklichkeit sich eines +abwesenden Bedrängers zu erwehren suchte, der nicht erst +seit heute ihm mit Fragen und Vorwürfen zusetzte. Mir +wollte es scheinen, als wäre alles, was er gegen mich +äußerte, schon als feuriggärender Stoff in ihm angesammelt +gewesen und nun quölle es aus ihm heraus, +schleudre sich hervor; er konnte es nicht hemmen, und +während dies Gewaltige, gewaltig Unterdrückte redete, +schien er selbst in Grimm und Qual und noch immer +stumm zu lauschen.</p> + +<p>Übrigens klang seine Stimme ruhiger, als er mit eckigen +Kinnladenbewegungen, den Kopf gesenkt, fortfuhr: »Es +könnte wer fragen: wann hast du angefangen, alles zu +wissen und wann hast du aufgehört, zu hoffen? So frage +<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>er den Aussätzigen: wann hat deine Haut zu schwären +angefangen? Er hat es am ersten Tag gewußt, natürlicherweise, +aber den Aussatz hat er erst geglaubt, wie es ihn +ins Siechenbett gezwungen. Bin gelegen, Nacht für Nacht; +hab gesonnen und gesonnen. Hab mich durchforscht, hab +ihn durchforscht. Hab dies erwogen, hab jens erwogen. +Hab zugesehen und zugesehen, wie der Aussatz um sich +gefressen hat. Hab mir den Geist zermartert, wie das +Übel zu fassen wäre. Zucht! Zucht kommt immer um den +Schritt zu spät, den die Unzucht voraus hat. Das Rohr, +mit dem ich seinen Rücken zerbläut, wär mir in der Faust +zerbrochen, und die Narben auf dem Fleisch hätten ihn +bloß verhärtet. Hätt’ ich ihm Regeln vorsagen sollen? +Was für Regeln? welche sind erprobt? Hätt’ ich ihn an +Ketten legen sollen wie einen Hund? Alles, was ich an ihm +angepackt, war doch mein. Ich der Baum, er der Zweig; +ich der Docht, er das Licht; ich das Erdreich, er der Quell. +Wie soll denn der Baum zum Zweig reden? es rinnt ja +der nämliche Saft durch. Und der Docht zum Licht? er +nährt es ja. Und der Boden zum Wasser? es kommt ja +aus ihm. Schön; aber woher kommt die Schlechtigkeit? +Sie ist da und breitet sich aus wie das Feuer in dürrem +Holz; aber woher kommt sie? Und was das für ein unbarmherziges +Gestaffel hat: erst die kleine Lüge, dann die +große; erst den Pfennig stiebitzt, dann den Taler; erst das +Tier malträtiert, dann den Menschen; erst Tagdieberei, +dann Ehrabschneiderei; erst ein Hansguckindieluft, dann +ein Hurentreiber. Kein Respekt, kein Glauben, keine +Redlichkeit, keine Liebe. Woher ist das alles gekommen? +Aus mir? Es ist wohl schließlich an dem. Und da hab ich +mich gefragt: wo, Urbas, und wann ist dein sterblich Teil +oder dein unsterbliches so von der Hölle versengt worden, +<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>daß du solchen Stank und Unrat in die Welt gesetzt hast? +Ist denn der Mensch nichts als ein geiler Schleim, daß +er nur wieder geilen Schleim hervorbringt?«</p> + +<p>Er sah mich mit seinem großen Blick an wie ein Lastenschlepper, +der unter der schweren Bürde keucht. Es entstand +eine Stille. Er wischte sich mit dem Rockärmel die +Feuchtigkeit von der Stirn. Ich begriff seine Erschütterung +und sie teilte sich mir mit, aber mein in Zwiespalt geratenes +Gefühl zieh ihn der Überheblichkeit, und ich konnte mich +nicht enthalten, es zu äußern. »Ein solches Maß von +Verantwortung sich zuzuschreiben, geht meines Erachtens +weit über das hinaus, was einem Menschen verstattet ist,« +bemerkte ich; »übernimmt man sich in dem, wozu man sich +verpflichtet wähnt, so vergreift man sich auch in seinen +Rechten. Sie berufen sich in allen Stücken auf sich allein; +als Mann und Vater nur auf sich selbst. Wie steht dann +aber die Mutter da, die doch den gleichen Anspruch auf den +Sohn hat, den stärkeren sogar? Die wird Ihre Gründe nicht +billigen und gewiß nicht die Tat, für die Sie alle Bande +der Familie zerreißen mußten.«</p> + +<p>»Darüber läßt sich nicht disputieren,« antwortete Urbas +hart; »das geht dorthin, wo das Denken aufhört. Ob sie +meine Gründe billigt, weiß ich nicht. Sie hat verspielt, +und ich hab verspielt. Ist bei ihr der Kummer groß, so ist +bei mir die Verdammnis noch größer. Bleibt ihr nichts +vom Leben übrig, so ist mirs schon vergällt seit Jahr und +Tag. Freilich ist sie mehr zu bedauern. Wars doch als gäb +ihr Leib ungern die Frucht her und sträube sich ahndungsvoll +gegen meine eitle Torheit und Ungeduld. Man muß +nur die Natur recht verstehn, aber man versteht sie mit +nichten und wills besser machen und rennt wie ein Bock +wider die verriegelte Tür. Es sollte kein Weib ein einziges +<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>Kind haben, da steht zuviel drauf. Meine Mutter hatte +neun; davon sind allerdings sieben gestorben; meine Ahn +sechzehn, und auch von denen sind acht früh mit Tod abgegangen. +Solches Sterben hat nichts Bitteres. Von den +Körnern bei der Aussaat gehen auch nicht alle auf. Ein +einziges Kind soll man nicht haben; damit nimmt man +sich zuviel vor, wie beim Lotteriespiel. Da ist kein Ausgleich, +da schlägt die Flamme auf einen zurück und wird +Qualm. Einer Mutter bangt vielleicht, und ihr Gemüt +fällt in Finsternis, wenn ihr Eins und Alles verworfen +ist vor Gott und Menschen; aber sie ist drin gefangen für +Zeit und Ewigkeit, und träte er mit der aufgehobenen +Hacke vor sie hin, sein Leben gälte ihr mehr als ihres. Kein +Gut, kein Böse mehr; das Blut schreit lauter. Ich derweil! +Vater, hats mich angerufen. Was ist das, Vater? hab ich +mich gefragt und hab nach dem Ursinn geforscht. Wär ich +zur Magd ins Bett gegangen und hätte mit ihr einen Sohn +gezeugt, der hätte mich auch Vater genannt. Wärs dasselbe +gewesen? Es wäre nicht dasselbe gewesen. Vielleicht wär +der der Geratene, der Ehrfürchtige, der Gewünschte gewesen. +Warum nicht ihn gezeugt, warum den Mißratenen? Aber +da steht das Gesetz dagegen auf, und das Gesetz ist heilig. +Und wär dann das Weib noch mein Weib gewesen? Ich +will einmal sagen: der Mann reicht weiter hinauf und +hinunter denn das Weib. Ich will auch dieses sagen: der +Vater ist tiefer in der Schuld denn die Mutter. Die Mutter +sitzt am Rocksaum unseres Herrn, und er mag ihr nichts +zuleide tun. Nach dem Vater wird gefragt, er muß Rechenschaft +ablegen. Mitteninne steht er in der Geschlechterkette; +die obern deuten auf ihn, und die untern deuten +auf ihn. Er darf sich nicht gefallen in der Zärtlichkeit und +Liebkosung, denn aus den Augen des Sohnes schaut ihn +<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>die Gemeinde an, schaut ihn der Kaiser an, schauen ihn die +Altvordern an und alle, die nachher sind bis ins vierte und +fünfte Glied. Der Sohn ist ihm verliehen als ein Pfand, +will ich einmal sagen, daß er es der Welt zurückgeben soll, +wenn die Zeit reif ist. Weh dem, der mit leeren Händen +kommt und sprechen muß: ich habs verwirkt.«</p> + +<p>Er schaute starr in die Luft, erhob sich vom Stuhl und +wiederholte laut: »Ich habs verwirkt.« Dann setzte er sich +wieder.</p> + +<p>Ich wagte nicht die Versunkenheit zu stören, in die er +fiel. Auch suchte ich in meinen Gedanken einen Weg, der +weiter führte. Von Minute zu Minute war ich meiner Sache +sicherer geworden, aber ich hatte Furcht. Eine solche Sicherheit +war in mir, daß Vorgänge, die sich bis jetzt auf bloße +Vermutungen und Kombinationen gestützt hatten, die +Leuchtkraft des Erlebten gewannen, und in einer seherischen +Glut fügte sich Bild an Bild. Zweifellos trug hiezu das +Fluidum des Menschen bei, der mir gegenübersaß, und +daher auch die Furcht. Ich habe trotz einer langen Laufbahn +als ausübender Jurist und Richter, oder vielleicht +durch sie, die Übertragbarkeit außerordentlicher Seelenzustände +zu oft erfahren, um sie hier zu leugnen, wo ich +plötzlich eine Fähigkeit zu entfalten vermochte, die ihr entwuchs. +Es war etwas Grandioses um den Mann; seines +Geheimnisses mich zu bemächtigen, dünkte mich fast unerlaubt; +ich zauderte; ich fand das Wort nicht; schließlich +aber unterbrach ich das tiefe Schweigen, beugte mich weit +über den Tisch und fragte: »Sie sind in die Kammer +hinübergegangen, um ein Ende zu machen?«</p> + +<p>Er antwortete nicht. Die aufeinander gepreßten Lippen +schienen sich der Rede wieder verweigern zu wollen. Doch +für mich barst diese hartnäckige Stirn; sie öffnete sich wie +<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>ein Buch, und ich konnte in dem Raum dahinter lesen. +»Sie waren zweimal in der Kammer,« sagte ich plötzlich +aufs Geradewohl, oder vielleicht ist das falsch: aufs +Geradewohl, vielleicht geschah es unter der brennenden +Eingebung und Vision des Augenblicks; »zweimal; als +Sie sie das erste Mal verließen, lebte Simon noch. Als +Sie das zweite Mal hineingingen, lag er schon als Leiche +auf dem Bett.«</p> + +<p>Ich hatte nie gedacht, daß das Gesicht dieses Bauern, +das von Natur braun war wie gebeiztes Holz, so weiß +werden könne. Das Weiße quoll förmlich aus den Poren +heraus und überzog die Haut mit einem Schimmer wie von +nassem Kalk. Er stierte mich mit weiten Augen an, seine +Backen schlotterten, und mit beiden Händen griff er an den +Hals. Nun gab es keine Unschlüssigkeit mehr für mich; +ich zwang mich zu angemessener Ruhe und fuhr fort: »Sie +sind zu ihm gegangen, um ihm Geld zu bringen. Sie +hatten an dem Sonntag kein Geld im Hause und liehen +sich unmittelbar nach Tisch zweitausend Mark von Ihrem +Nachbarn Stephan Buchner aus. Ist es nicht so? Das Geld +sollte dazu dienen, daß sich Simon auf der Stelle davonmachte. +Er sollte nach einer Hafenstadt, am selben Abend +noch, und von dort nach Amerika. Ist es nicht so? Sie +boten ihm das Geld, Sie entwickelten ihm Ihren Plan, +und Sie erwarteten, daß er ohne Zögern gehorchen würde. +Aber er gehorchte nicht nur nicht, sondern er schlug auch +das Geld aus. Sie fragten ihn, da begann er zu sprechen. +Zuerst war, was er vorbrachte, wirr und faselnd, denn er +war noch benebelt von dem Trinkgelage, dann aber wurde +seine Rede klar, Ihnen jedenfalls furchtbar klar. Sie +standen vor ihm und schwiegen. Sie nahmen nicht einmal +Anstoß daran, daß er auf der Bettstatt liegen blieb und in +<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>die Luft hinein sprach; denn Sie fühlten, daß er nicht den +Mut gehabt hätte, zu sprechen, wenn er Ihnen ins Gesicht +hätte schauen müssen. Sie haben zugehört, nur zugehört, +und aus dem Zuhören entstand alles übrige. Verhält es +sich so oder nicht?«</p> + +<p>Urbas ließ den angstvollen Blick nicht eine Sekunde +lang von mir. »Da müssen Sie wohl als ein verzauberter +Geist im Hause gewesen sein,« stammelte er verstört.</p> + +<p>»Nein,« erwiderte ich; »es sind einfache Schlußfolgerungen +aus Tatsachen. Die unscheinbarsten Tatsachen +hinterlassen oft die eindringlichsten Spuren. Denken Sie +nicht an Zauberei und Blendwerk. Eines Menschen Tun +und Treiben wirkt nach allen Richtungen hin mit sonderbarer +Gesetzmäßigkeit. Es ist, als schleudre man einen +Stein ins Wasser; die Ringe breiten sich aus und vergehen, +aber die Bewegung kann noch gemessen werden, auch wo das +Auge längst nichts mehr gewahrt. In dem Betracht kann +wirklich keiner entrinnen; jeder Schritt nach jeder Seite, +was er mit dem Finger faßt und mit dem Atem behaucht, +knüpft ihn fester in das Netz. Ich besitze eine Zeugenschaft, +der ich anfangs wenig Wert beilegte; im Lauf der Zeit +erst begriff ich ihre Wichtigkeit. Es gibt da einen Eichstädter +Maler namens Kießling, Freund und Zechkumpan von +Simon; ein verbummelter Kerl, eine verkommene Existenz; +aber nicht ohne derbe Aufrichtigkeit. Der wußte mancherlei +zu erzählen. Wie Sie sich erinnern werden, verschwand im +vorigen Winter in Ihrem Haus eine von den alten schönbemalten +Porzellankannen. Sie, wie auch die Bäuerin, +dachten nicht anders, als daß Simon sie sich angeeignet +und beim Händler in der Stadt verklopft habe, denn es war +ein wertvolles Stück; die Bäuerin äußerte sogar den Verdacht, +Kießling habe bei dem Diebstahl seine Hand als +<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>Hehler im Spiel. Daß Simon die Kanne genommen, +ist richtig; ebenso, daß Kießling daran interessiert war; +er hätte wohl den Beuteanteil nicht verschmäht, wenn er +es auch jetzt in Abrede stellt. Aber so weit kam es gar nicht. +Simon zertrümmerte die Kanne vor den Augen seines +Freundes. Sie waren in dessen Bude beisammen, drüben +an der Pleinfelder Chaussee; Simon hatte die Kanne +gebracht, Kießling nahm sie, beschaute sie, prüfte sie und +wollte eben seine Anerkennung kundgeben, als Simon +sie ihm wieder entriß und mit aller Kraft gegen den Fußboden +schmetterte, wo sie natürlich in hundert Scherben +zerbrach. Der andere machte ihm zornige Vorwürfe, aber +Simon, nachdem er eine Weile finster vor sich hingebrütet, +rief plötzlich aus: ich möcht ihm einmal einen rechten Tort +antun, so daß ers spürt bis in die Eingeweide hinein. +Kießling wußte nicht gleich, auf wen der Ausbruch gemünzt +war; seine Bekanntschaft mit Simon war damals noch neu; +später wurde ihm dann die Sache klar. Er sagte, er habe +nie einen jungen Menschen gesehen, der einen solchen Haß +gegen seinen Vater gehegt hätte. Von Zeit zu Zeit wiederholten +sich die Anfälle, ähnlich jenem ersten; eine ohnmächtige +Erbitterung kam über ihn, ein Trieb, zu zerstören; +zu anderer Zeit wieder war es eine krankhafte Freudlosigkeit, +ein melancholisches Hindämmern und stilles Glosen. +Oft schien es nicht Haß zu sein, sondern Furcht; oft nicht +Furcht, sondern etwas viel Unergründlicheres. Eine +Äußerung, die auch von dritten Personen bezeugt ist, war +die: möcht ihm einmal alles ins Gesicht sagen können, dann +würde mir wohl. Was konnte er damit gemeint haben? +Abgesehen von Kießling, schildern ihn auch sonst Leute, +die ihn kannten, nicht als schlecht; es sind meist Leute, +denen man ein unbefangenes Urteil zutrauen darf. Sie +<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>bezeichnen ihn als schwachen, leicht verführbaren Charakter, +als einen Menschen ohne Verwurzelung gleichsam; ausschweifend +wie einer, der sich betäuben will, arbeitsscheu +wie einer, der fortwährend auf der Flucht ist und verfolgt +wird, lasterhaft aus innerer Öde, aber keineswegs schlecht. +So beurteile auch ich ihn jetzt. Aber von wem fühlte er +sich eigentlich verfolgt? wem hat er getrotzt? was war zu +betäuben? Ich glaube, wir beide, Urbas, wir wissen es. +Wenn auch die ganze Welt darüber sich den Kopf zerbricht, +wir wissen es. Bis zu jenem Abend in der Kammer haben +Sie es nicht gewußt. Dort haben Sie es erfahren.«</p> + +<p>Er atmete auf; sein Gesicht zuckte wie von inneren +Stößen; er schien etwas sagen zu wollen, aber er vermochte +es nicht. Doch die Lichter und Schatten in diesem +kantigen, kraftvoll bewegten und wahrhaftigen Antlitz +hatten ihre eigene Beredsamkeit; das düstere Staunen, +der fast abergläubische Schrecken über die plötzliche Enthüllung +dessen, was er für sein unantastbares, ewig verwahrtes +Geheimnis gehalten, war von ihm gewichen, aber +da er das Geheimnis nicht mehr zu schützen hatte, war +auch das Gemüt der schweren Last entledigt; daher dies +tiefe Aufatmen, das mich bewegte. Ich fand mich verpflichtet, +ihm noch über die letzten Hemmnisse zu helfen, +und ich sagte: »Erwägt man es genau, so sind die Menschen +weit übler daran als die Tiere. Die Tiere können einander +nicht mißverstehen. Die Menschen mißverstehen einander +im Blut wie im Geist; der Bruder den Bruder, der Freund +den Freund, der Vater den Sohn. Jeder steckt in seinem +Mißverstehen wie in einem schwarzen Kellerloch, aber eine +wunderliche Verblendung macht, daß er es für eine hellerleuchtete +Wohnstube hält. Und wenn er meint, daß der +Herrgott selber sich um ihn bemüht und ihn zu seinem +<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>Sprachrohr auserwählt, so zeigt sichs am Ende, daß es +bloß der Teufel war. Dreizehn Jahre lang war Ihr ganzes +Trachten auf einen Sohn gerichtet, und wie er dann da war, +haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht, um dahinter zu +kommen, was es mit ihm für eine Bewandtnis hatte; +und da wars zu spät. Ists also nicht kläglich bestellt +um die menschliche Vernunft und Weisheit? Wozu noch +fernerhin sich verstecken, Urbas? Welchen Zweck soll es +haben, sich eines Verbrechens anzuschuldigen, das Sie nicht +begangen haben? sich Mörder zu nennen an dem, der sich +selbst den letzten Weg gewiesen hat? Wozu das frevle +Spiel mit der irdischen Gerechtigkeit? wozu, Mann, +wozu?«</p> + +<p>»Das will ich Ihnen einbekennen, wozu,« sagte Urbas, +»weil nun meine Partie doch ganz und gar verloren ist. +Ich will es Ihnen einbekennen, aber haben Sie Geduld +mit mir; es fällt mir schwer.« Seine Blicke suchten innen; +seine Finger bewegten sich, als suchten auch sie: das einschränkendste +und unbedingteste Wort, die verläßlichste +Übermittlung. Er begann stockend: »Es ist wahr, ich bin +hinüber zu ihm, um ihm das Geld zu geben. An Amerika +hab ich nicht gedacht; nur möglichst schnell fort mit ihm, +dacht ich, und möglichst weit, damit einem wenigstens der +Gendarm im Haus erspart wird. Ich bin hinübergegangen, +und weils finster in der Kammer war, hab ich erst die +Kerze anzünden müssen, und da ist er auf seinem Bett +gelegen und hat mich angeschaut. Es ist wahr, er hat das +Geld nicht genommen; er hat das Gesicht zur Wand gedreht +und die Zähne geknirscht und gesagt, ihm könne das nicht +mehr nützen. Ich bin vor der Bettstatt gestanden und +spreche zu ihm: steh auf, wenn dein Vater vor dir steht. +Da dreht er das Gesicht wieder zu mir, und weil eitel +<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>Spott und Hohn drin geschrieben ist, schwillt mir der Zorn, +und ich sage: steh auf, wenn dein Vater vor dir steht. +Er aber spricht: warum soll ich denn aufstehen, da Ihr +mich niedergeworfen habt? Die Fäuste ballen sich mir +wie von selber, und ich frage: wie denn? wie soll ich dich +denn niedergeworfen haben, du Luder? Da kommt es +aus seinem Mund hervor: Ihr. Weiter nichts. Ihr, +sagt er. Ich blick ihn an, und er blickt mich an, und eine +Zeit vergeht so, dann wieder: Ihr. Darin war soviel Gift +und Wut und Geifer und solch ein verkrampftes, rabenböses +Grollen, daß mir der Speichel im Munde bitter +wird. Was denn, Ihr? ruf ich ihn an; was denn, Ihr? +O Ihr, spricht er hinter den Zähnen hervor, Ihr seid mir +auf der Brust gehockt, mein Lebenlang. Da schwieg ich. +Ihr habt gut vor mir stehn und blitzen mit Euren Augen, +fährt er fort; soll denn das nicht endlich aufhören, daß +Ihr mich anschaut mit Euren Augen? So ists immer mit +Euch gewesen; anschaun, anschaun, und kein Wort. Hinterm +Tische sitzen und alles von einem wissen, und kein +Wort. Weit habt Ihr mich gebracht mit Eurem Anschaun +und Anschaun. Warum habt Ihr mich nicht genommen und +zu mir geredet? Niemals ein einziges Wort geredet? Da +<em class="gesperrt">muß</em> einen ja die Verzweiflung packen. Wie soll er denn +da nicht zu den Menschern und zu den Saufbrüdern laufen? +Die reden doch, die lachen doch, die haben doch ein gutes +Wort für einen, die sagen Hü und Hott, und man +weiß, wie man mit ihnen dran ist. Ihr aber, hab ich +gewußt, wie ich mit Euch dran bin? Er liegt wieder auf +der Lauer, dacht ich; er hat was gegen dich vor, dacht ich. +Ein Büblein war ich noch, ist mir schon der Bissen im Hals +steckengeblieben, wenn Ihr zur Tür hereingetreten seid. +Hundertmal und hundertmal hab ich zu Euch hingewollt, +<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>aber die Angst vor Euch hat mirs verwehrt. Was hab ich +denn verbrochen? dacht ich, und wie ich dann was angestellt, +war mir wohl und hab wenigstens gewußt, warum, und +so hat mirs nie Ruh gelassen, bis ich nicht was Heilloses +getan und den Leuten die Galle aufgeregt. Ja, ich bin +schlecht, aber ich weiß nicht, ob ichs von Geburt bin; ja, +ich bin zum Lumpenkerl geworden, aber Ihr braucht +Euch deshalb nicht wie der heilige Geist vor mir aufpflanzen, +sondern solltet nachprüfen, was Ihr an mir +gefehlt habt. Denn es hätte sein können, daß ich Euch +hochgeehrt hätte, wies in den zehn Geboten steht und kirre +gewesen wäre wie ein Star. Das hätte sein können, weils +in mir war und bloß herausgetrieben worden ist. Bin ein +Hundsfott geworden, und das Leben ist mir leid, und die +Menscher und die Saufbrüder sind mir leid, und es freut +mich nicht mehr. Dieses spricht er, und noch einiges, ich +habs vergessen, und wälzt sich auf der Bettstatt; und +knirscht mit den Zähnen; und flennt; und lacht ingrimmig; +und kehrt sich wieder zur Wand; und schweigt. Ich denke +mir: Urbas, die Seele da ist hin, aber deine vielleicht auch. +Worte hatt ich keine. Es war eben so; was hätts gefruchtet, +meinen Schöpfer anzuwinseln? Worte hatt ich keine. +Ich geh hinaus. Im Hofe schreit ich bis zum Zaun. Es +ist alles so friedlich wie in Frühjahrsnächten, wenn die +Wurzeln in der Erde ihren Saft spinnen. Ich schaue zu den +Sternen hinauf, aber das kann mir nicht dienen. Ich mache +die Stalltür auf und schnuppre die saure, warme Luft, +und einer von den Ochsen hebt den Kopf, indes er mit den +Zähnen mahlt. Da überläufts mich schauerlich, und ich +denke: du mußt zurück in die Kammer, und wenn du gleich +keine Worte findest, irgendwas muß sein. Nun bin ich +zurückgegangen, und wie ich eingetreten war, ist er bereits +<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>in seinem Blut gelegen. Da bin ich dann eine lange Weile +gestanden, dann hab ich mir gesagt: wenn dem so ist, +so bist du der Mörder; hat er die Schuld bei dir gut, so +mußt du sie bezahlen. Das ist es, was ich einzubekennen +habe.«</p> + +<p>Er kreuzte beide Hände über der offenen Bibel, und mit +leiserer Stimme und sonderbar umschattetem Blick fuhr +er fort: »Ich habe einen Traum gehabt, den will ich Ihnen +noch erzählen. Es war in der Nacht, bevor sich das ereignet +hat. Der Knecht tritt in die Stube und spricht: Bauer, +die Gäule sind eingeschirrt, wir wollen fahren. Ich geh +hinaus, es liegt tiefer Schnee, die Pferde stehn am Wagen, +und ich fahre. Mit eins verlieren wir die Straße, und die +Gäule waten im Schnee bis an den Bauch. Da seh ich +auf einmal den Hof hinter mir brennen und das Schneefeld +ist rot beschienen. Die Gäule fangen an zu laufen und +ziehn mich an der Leine mit, daß mir der Atem ausgeht. +Ich kann die Leine nicht loslassen, sie ist um die Hand +herumgeschlungen, und wie wir gegen die Altmühl herunterkommen, +dort bei der Eisenbahnbrücke, wo das +Wasser sechzig Ellen breit ist und mehr als zehn tief, da +rennen die Gäule noch toller, und die Brandlohe bedeckt +den ganzen Himmel. Der Fluß ist zugefroren, die Gäule +drauf zu, und ich denke mir in meiner Angst: wirds die +Pferde samt dem Fuhrwerk tragen? Die Gäule, schwere +Ackergäule, sausen das Ufer hinunter, aber das Eis hält. +Da steht der Simon am andern Ufer, und weil die Tiere +auf der gefrornen Bahn weiterrennen, schrei ich zu ihm +hinüber: Hilf, Simon. Und er: ich muß heimgehen, der +Stall brennt, das Haus brennt. Und ich, ich kann mich +nicht auf den Wagen schwingen, die Gäule schleifen mich +bereits, schrei in der höchsten Not: Hilf, Simon, lös’ +<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>mich vom Riemen los. Und er: müßt Euch selber vom +Riemen lösen, uns zweie trägt das Eis nicht. Da ruf ich +ihm zu: alles ist dein, die Gäule und das Fuhrwerk, hilf +um Gotteswillen. Nun kehrt er um, und wie er umkehrt, +stehen die Gäule still; aber wie er den ersten Schritt tut, +kracht das Eis, und wie er das hantige Pferd am Zügel +faßt, bricht das Eis, und Fuhrwerk und Gäule und ich +samt dem Simon versinken im Wasser. Und im Versinken +bin ich aufgewacht.«</p> + +<p>Er verstummte. Er erwartete keine Einrede mehr, ich +hatte auch keine mehr. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie +sein Aussehen im Verlauf weniger Minuten um Jahre +älter wurde, das Kinn spitz, die Augen stumpf, der Hals +dünn, die Hände welk, die Haltung kraftlos. Der fordernde, +hadernde, gewaltige Mann, der mir gegenüber gesessen, +war auf einmal ein hinfälliger Greis. Als ich mich verabschiedete, +sah er nicht empor, schien es kaum zu merken. +Das Schweigen, in das sein ganzes früheres Leben eingehüllt +gewesen, breitete sich wieder über ihn, undurchdringlich +und in den Tod fließend. Denn am andern Morgen, +wo er enthaftet werden sollte, fand ihn der Wärter +am Fensterkreuz erhängt.</p> + +<p><a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a></p> + + + + +<h2><a name="Golowin" id="Golowin"></a>Golowin</h2> + + +<!-- <p><a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a></p> +<p class="newchapter">Der halbe Mai war mit der Reise von Tula in den +Kaukasus vergangen. Am siebzehnten kam Maria von +Krüdener in Kislawodsk an, wo sie Nachrichten von ihrem +Gatten zu finden hoffte. Er war bei Ausbruch der Revolution +an die englisch-russische Front nach Persien geflüchtet. +Seit fünf Monaten hatte sie kein Lebenszeichen von ihm.</p> + +<p>Unfern von Kislawodsk war die Besitzung seines +Bruders, des Marschalls. Ihm hatte Alexander Botschaft +senden gewollt, wenn die andern Wege der Mitteilung +versperrt waren.</p> + +<p>Mit ihren vier Kindern und drei Dienerinnen bezog +sie Wohnung im Palasthotel. Das jüngste Kind lag noch +an der Brust; sie nährte es selbst. Es war drei Monate +nach der Trennung von Alexander geboren; hätte sie vorher +nicht begriffen, was ein Pfand bedeutet, jetzt wußte sie es.</p> + +<p>Beklemmend stand das ungeheure Gebirge da. Sie +konnte nicht schwelgen in seinem Anblick, es war zu sehr +Mauer, und Mauer hinter Mauer bis zum ewigen Schnee +hinauf. Wie sollte man da entrinnen? Schlimm, was +gewesen war; das Blut hatte sich noch nicht beruhigt. +In der ersten Nacht träumte sie, Fäuste, ein Gewirr von +<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>Fäusten strecke sich ihr entgegen, und jede Faust hatte +Mörderaugen. Die Schnittwunde am Arm ließ die Szene +im Eisenbahnwagen nicht vergessen, als tierisch betrunkene +Soldaten das Coupefenster zerschmetterten; acht Menschen +waren in dem Abteil eingepfercht und Berge von Gepäckstücken, +alles Hab und Gut, das man aus Tula hatte fortschaffen +können. Die Kinder schrien auf, als zwei Kerle +schnaubend an der Türe rissen und andere johlend nachdrängten; +Dymow war in einen Waggon nebenan gegangen, +um ein Fleckchen zu finden, wo er endlich eine +Stunde schlafen konnte. Maria hatte den ersten Hieb +aufgefangen und war blutend unter die Leute getreten. +Sie wichen zurück, zu ihrer eigenen Überraschung, und +senkten scheu die Augen, als ströme eine Magie von ihr +aus. Es war ihr selbst so zumute; sie glaubte an eine in +ihr verborgene Magie.</p> + +<p>Dennoch wäre sie ohne Dymow verloren gewesen. +Iwan Dymow hatte als Schreiber bei Gericht gedient; +einfacher Mensch aus dem Volk, hatte ihn die Revolution +hinaufgehoben, er hatte Macht erlangt, die er aber nicht +mißbrauchte. Als Gutsherrin hatte ihm Maria, schon +Jahre vorher, menschliches Wohlwollen bezeigt und während +einer Krankheit seinem Weibe Hilfe geleistet. Sie +dachte nicht mehr an ihn, aber in der Stunde der Gefahr +kam er von selbst. Er besorgte Pässe, bestach den Soldatenrat, +wußte den Argwohn der Bauern abzulenken, denen +die Herrin eine wichtige Geisel war, räumte alle Schwierigkeiten +für die Reise hinweg, machte den Spion, den Aufpasser, +den Lastenschlepper, den Bürgen, mit immer +gleicher schweigender Ehrerbietung gegen Maria. Als er +sich in Kislawodsk von ihr verabschiedete, fragte sie bewegt, +arm an Worten sogar sie, womit sie ihm danken könne, +<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>sie fühle sich tief in seiner Schuld. Er antwortete: »Ich +werde mich glücklich schätzen, Maria Jakowlewna, wenn +Sie mir manchmal schreiben, wie es Ihnen und den +Kinderchen weiter ergangen ist.«</p> + +<p>War dies nicht auch Teil und Frucht jener Magie?</p> + +<p>Als Dame der ersten Gesellschaft, Frau eines Offiziers, +Trägerin eines großen Namens wurde sie von den Gästen +des Hotels mit Freuden begrüßt und mit Auszeichnung +behandelt, obwohl man wußte, daß sie von deutscher Herkunft +war und Russin erst seit ihrer Heirat.</p> + +<p>Nun war sie wieder, nach langer Enthaltung, unter +den Menschen ihrer Sphäre, in der Region von Heiterkeit +und umgrenzter Übereinkunft, die ihr früher so gemäß +und erwünscht gewesen war. Aber sie merkte bald, daß +nur noch eine äußerliche Zugehörigkeit bestand, und daß +die Jahre, die sie auf dem Gut verbracht, erst mit Alexander +und dann allein, und wenn auch allein, so doch noch unter +seinem Gesetz und seiner Führung, sie an ein anderes Maß +und eine andere Benützung der Zeit gewöhnt hatten. Auch +konnte hier niemand in seinem Bereich verbleiben; die +Elemente waren bedenklich gemischt, und dies zu verhindern +war unmöglich, weil gemeinsames Schicksal alle +zueinander trieb. Das Haus, der ganze Ort, ehemals ein +Treffpunkt der Aristokratie und Schauplatz des erlesensten +Luxus, glich einer Insel der Schiffbrüchigen und beherbergte +lauter Flüchtlinge mit ihrer letzten Habe und letzten Hoffnung, +Großfürsten und Kammerherren neben Spekulanten +und Journalisten, Frauen der exklusivsten Moskauer und +Petersburger Kreise neben Koketten und Kleinbürgerinnen, +die im Krieg zu Reichtum gelangt waren. Sie waren der +Hölle entronnen, aber sie wußten, daß ihnen bloß eine +Galgenfrist geschenkt war. Sie zitterten vor der Zukunft, +<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>aber sie praßten und feierten Feste. Sie hörten von Hinrichtungen +ihrer Väter, ihrer Brüder, ihrer Freunde, aber +sie betäubten sich im Hasard und tanzten Tango und +Onestep.</p> + +<p>Einen verläßlichen Mann zu finden, den sie mit einem +Brief auf das Gut des Marschalls schicken konnte, war +Marias Bemühung sogleich. Zu ihrer Freude erfuhr sie, +daß Josef Menasse in Kislawodsk sei; er hatte von ihr +ebenfalls gehört und kam, sich zu ihrer Verfügung zu +stellen. Er war Prokurist eines großen Odessaer Bankhauses, +mit welchem Alexander von Krüdener geschäftliche +Verbindung gehabt hatte. Da sie sich erinnerte, aus Alexanders +Mund hie und da das Lob von Menasses Redlichkeit +vernommen zu haben, war ihr Vertrauen sogleich unbedingt +und auch in der Folge nicht zu erschüttern. In lebhaften +Ausbrüchen klagte er ihr sein Unglück; einer wichtigen +Transaktion halber war er vor mehreren Wochen hergekommen; +am Tage, wo er hätte abreisen sollen, fuhren +keine Züge mehr und jeder Versuch, den Ort zu verlassen, +hieß das Leben gefährden. Maria hörte ihm teilnehmend +zu, und erst als er sich erschöpft hatte, sprach sie von ihrer +Angelegenheit. Er überlegte, sagte, er werde Umschau +halten, und drei Stunden später erschien er mit einer +Tscherkessin, die er trocken und kategorisch als die zu dem +Zweck taugliche Person empfahl.</p> + +<p>Der Marschall hatte seinerzeit die Heirat des jüngeren +Bruders mißbilligt. Es war zum Bruch zwischen den +Brüdern gekommen, der Marschall zeigte sich unversöhnlich +und hatte sich starr geweigert, Maria zu sehen. Man +meldete ihm die Geburt der Kinder, er nahm keine Notiz +davon. Alexander hatte es ertragen ohne zu murren und +ließ auch in Maria keinen Unmut Wurzel fassen, denn er +<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>beugte sich vor dem Bruder als einem überlegenen Charakter, +dessen Handlungen und Entschlüsse er von seiner +Kritik ausschaltete. Er beugte sich, damit war alles gesagt +und auch in Maria jeder Widerspruch erstickt. Bei Ausbruch +des Krieges hatte der Marschall in einem Privatschreiben +an den Zaren seine Ämter und Würden niedergelegt, +da nach seiner Überzeugung der Krieg gegen Deutschland +zum Verhängnis für Rußland werden mußte. Er hatte im +japanischen Krieg glänzende Leistungen vollbracht, und +schon deshalb war dieser Schritt keiner üblen Deutung ausgesetzt. +Nun lebte er in äußerster Zurückgezogenheit und +beschäftigte sich, leidenschaftlicher Hegelianer, mit profunden +philosophischen Studien.</p> + +<p>Wie sich Menschen gegen sie verhielten, war Maria +gleichgültig, wenn sie ihrerseits an ihnen Freude haben +oder sie ehren konnte. Würde stand ihr über den täuschenden +Einflüsterungen der Sympathie. Dazu hatte Alexander +sie erzogen. In vielen Gesprächen vieler Nächte hatte +er ihr bewiesen, daß das Prinzip der Vergeltung die Quelle +alles Bösen sei. In der Befolgung seiner Lehre war sie +zu der ihr eigentümlichen geistigen Konstanz gelangt. Der +Brief an den Marschall war ein Meisterstück unbefangener +Werbung.</p> + +<p>So wartete sie, wartete auf Alexanders Wort und +Weisung von dorther und ahnte doch die Vergeblichkeit +schon. Um sich zu zerstreuen, begann sie den ältesten Sohn, +den siebenjährigen Mitja, zu unterrichten, fand sich aber +unzureichend, das Bedürfnis des Knaben heftiger als sie +vermutet und suchte einen Lehrer für ihn. Ein Moskauer +Bekannter nannte ihr einen Studenten, Jefim Leontowitsch +Tatjanow, der in einem geringen Wirtshaus vor der Stadt +wohnte. Sie ließ ihn kommen und engagierte ihn. Er +<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>war im Gefolge eines Industriellen als Sekretär oder +dergleichen gereist; unterwegs war der Mann und die +meisten seiner Leute von einer herumziehenden Bande +von Soldaten ermordet worden; nun saß Jefim Leontowitsch +völlig mittellos in diesem Ort des Überflusses. +Maria behandelte ihn mit Rücksicht und mit Achtung; +dies schien ihm neu zu sein, und seine Dankbarkeit hatte +etwas Kindliches. Er kam nicht nur zu den ausbedungenen +Stunden, sondern widmete seinem Schüler alle freie +Zeit; auch die beiden Kleinen, Fedja und Aljoscha zog er +durch seine einfache Güte an sich.</p> + +<p>Eines Morgens war Aljoscha, der Mutter im Korridor +vorauseilend, in der Hast in ein falsches Zimmer gerannt. +Maria folgte ihm lachend; er stand bei einer majestätisch +gewachsenen Dame, die ihr entgegentrat und ihr die Hand +reichte. Es war die Fürstin Nelidow. Maria geriet in +Verlegenheit, ihres Lachens halber, denn die Fürstin war +in tiefer Trauer, und die Ursache war Maria bereits bekannt. +Ihr Sohn, der dreiundzwanzigjährige Fürst +Grigorji, Offizier in der kaiserlichen Marine, hatte sich +vor wenigen Tagen bei einem Ausflug im Gebirge erschossen.</p> + +<p>Die Fürstin, eine Frau Mitte der Vierzig, war noch sehr +schön. Sie gab sich Maria gegenüber herzlich. Sie kannte +Alexander von Krüdener von der Zeit her, wo er im +Ministerium gewesen war und sprach mit Wärme von +ihm. »Ihre Gegenwart tut mir wohl,« sagte die Fürstin, +»ich hoffe, wir werden uns häufig sehen.« Sie schlang +ihren Arm um Aljoscha und streichelte ihm das Haar. +»Heute abend feiern wir das Totenmahl für Grigorji,« +fuhr sie fort; »kommen Sie doch; kommen Sie zu mir.«</p> + +<p>Maria empfand Mitleid; nicht nur mit der Fürstin +<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>und ihrem besonderen Schicksal; das Mitleid mit allen +diesen Menschen überflutete ihr Herz. Namentlich den +Frauen galt ihr bedauerndes Gefühl; die sorglosen und +glänzenden Wesen, bestimmt, sich zu schmücken, sich zu +freuen, schienen ihr verloren.</p> + +<p>Sie wollte gehen, aber die Fürstin hielt sie noch zurück. +So schickte sie Aljoscha hinaus. Die Fürstin erzählte: +»Hören Sie, was sich begeben hat. Es ist eine Person hier, +sie wohnt im Hause, eine gewisse Lisaweta Petrowna. +Sie behauptet mit Grigorji verheiratet gewesen zu sein. +Kurz vor seiner Abreise aus Sebastopol, behauptet sie, +sei sie ihm angetraut worden. Sie hat keinerlei Dokumente, +keine Bestätigungen, keinen Brief; die Papiere habe man +ihr gestohlen, redet sie sich aus. Sie hat sich mir zu Füßen +geworfen, hat mir die Hände geküßt und mich Mutter +genannt. Den ganzen Tag sitzt sie oben in ihrem Zimmer +und weint und schluchzt. Dann schickt sie wieder den Kellner +mit Zettelchen: Erbarmen Sie sich, Fürstin, erbarmen Sie +sich Ihrer Lisaweta Petrowna, erbarmen Sie sich. Ich +kenne sie nicht. Ich weiß nichts von ihr. Grigorji hat nie +mit einer Silbe ihrer erwähnt. Wir haben sie vorher nie +gesehen. Ihre Angaben zu prüfen ist unmöglich. Was soll +man da tun? Erbarmen, wie denn erbarmen? Wahrscheinlich +hat sie kein Geld; nun, man wird ihre Rechnung +bezahlen. Gestern spielte sich eine abscheuliche Szene +ab. Sie kommt herein, setzt sich zu den andern und fängt +an zu weinen. Meine Nichte Jelena steht auf und nennt +sie eine Lügnerin. Lisaweta Petrowna ballt die Fäuste, +wirft sich auf den Boden und verfällt in einen Schreikrampf. +Man mußte sie mit Gewalt aus dem Zimmer +schaffen. Heute früh hat man sie ohnmächtig auf Grigorjis +Grab gefunden. Sie hat einen Selbstmordversuch gemacht, +<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>so heißt es. Jelena meint, es sei simuliert. Jelena ist +außer sich, das arme Kind. Was soll man da sagen, +was soll man tun?«</p> + +<p>Maria beschloß sogleich, diese Lisaweta Petrowna zu +besuchen, aber sie äußerte nichts von ihrem Vorsatz, +sondern lenkte das Gespräch auf den jungen Fürsten +und fragte nach Einzelheiten seines Lebens, ohne Neugier, +mit einem zarten Durchblickenlassen des gemeinsamen +Gefühls der Mütter. Die Fürstin willfahrte dankbar; +es bedeutete Linderung für sie, indes Maria aus wenigen +mitgeteilten Zügen ein Bild gewann. Sie saß still und +aufmerksam vor der Fürstin, rauchte eine Zigarette und +sah, und sah. Die Gabe des inneren Gesichts wurde manchmal +Last, und doch schien es ihr wunderbar, viel zu wissen +von den Menschen. Als sie sich verabschiedete, sagte die +Fürstin: »Mir ist als seien wir seit Jahren befreundet.« +Maria lächelte.</p> + +<p>Im Verlauf des Tages erlangten die beunruhigenden +Gerüchte Gestalt, und zwar drohendste. Kislawodsk +war von den Revolutionstruppen umzingelt. Mitja sagte +mit dem stolzen Trotz, der an seinen Vater erinnerte: +»Nicht wahr, Mama, wir werden unser Leben so teuer wie +möglich verkaufen?« Sie erwiderte: »Ja, mein tapferer +Liebling.« – »Schade, daß Iwan Dymow nicht mehr bei +uns ist,« seufzte er. Aber sie tröstete ihn. »Erstens bist +du ja selbst ein Held, und dann vergißt du, daß wir Jefim +Leontowitsch haben.« Mitja schaute den Studenten prüfend +an, dieser errötete und sagte mit einem Blick scheuer +Ergebenheit auf Maria: »Sie haben nur zu befehlen. +Befehlen Sie, und ich gehorche.« Es lag ein Ernst und +eine Festigkeit in den Worten, die Maria veranlaßten, +<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>ihm die Hand hinzustrecken, die er demütig mit den Lippen +berührte.</p> + +<p>Was sollte mir zustoßen können, dachte sie, da gute +Menschen um mich sind?</p> + +<p>Als sie sich am Abend den Nelidowschen Gemächern +näherte, drang ihr Gelächter, Johlen, Pfropfenknallen, +Gläserklirren entgegen. Eine Streichmusik spielte eine +brutal-wilde russische Melodie. Sie öffnete die Tür +zum Salon; zehn oder zwölf junge Männer, Anverwandte +der Familie, saßen um eine Tafel, zechten, sangen, rauchten; +bisweilen erhob sich der eine oder andere und warf den +Musikanten Rubelscheine zu. Maria ging in das nächste +Zimmer; hier befanden sich einige ältere Herren und +Damen, aber auch ein junges, etwa achtzehnjähriges +Mädchen von blendender Schönheit. Sie hatte kurzes +gelocktes Haar, eine Haut von opalisierender Blässe und +gelbliche, große, unsehende, strenge Augen. Fasziniert +blieb Maria stehen. Da wurde sie von der Fürstin Nelidow +gerufen, die in ihrem Schlafzimmer allein saß. »Ich habe +auf Sie gewartet,« sagte sie, als Maria eintrat; »setzen +Sie sich zu mir, sprechen Sie; ich höre Ihre Stimme +gern.«</p> + +<p>Vom Salon herüber, wo so expressiv das Totenmahl +gehalten wurde, tönte ein klagender Chorgesang.</p> + +<p>In ihrem Bestreben, den abgeirrten, in Trauer verirrten +Sinn der Fürstin zu erwecken, kam sich Maria wie jemand +vor, der sich in einem fremden finstern Raum zurechtzufinden +sucht. Die Fürstin schaute sie beständig an, +aber nur nach und nach belebte Verstehen den Blick. Maria +erzählte von der Einsamkeit der letzten Monate auf dem +Gut, von Wanjas Geburt und wie sich während der +Schmerzensnacht die Sehnsucht nach Alexander zur Gestalt +<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>verdichtet habe, so täuschend, daß sie jeden Schrei erstickt +habe, um ihm nicht zu mißfallen. Bei allem was sie +getan und gedacht, sei er unsichtbar richtend gegenwärtig +gewesen. Sie erzählte von ihrem Verkehr mit den Bauern; +von dem Geist der Widersetzlichkeit und der Feindschaft, +der plötzlich in alle gefahren sei; auch die Sanftesten +und Verständigsten hätten versagt. Eines Tages hatten +sie ihr Besitzrecht an dem Wald verkündet; der Wald +sollte abgeforstet und verkauft werden. Sie habe +unterhandelt; vergebens; ihnen ins Gewissen geredet; +vergebens; da sei sie allein mit den Ältesten +in den Wald gegangen, wo die schlimmsten Aufrührer +schon begonnen hatten, die Stämme zu fällen. Einem von +diesen habe sie das Beil entrissen und ihm zugerufen: +keinen Schlag mehr! Sie habe ihnen vorgestellt, was für +eine Sünde sie begingen; wie sie sich an Heiligem vergriffen, +an Lebendigem und wie sie das Gedächtnis ihres Herrn +schändeten, der gerecht und gütig gegen sie gewesen sei. +Viele hätten gemurrt, viele hätten aber geschwiegen und +zur Erde geblickt. Sie habe ihnen gesagt, ein Baum sei +eine Kreatur Gottes wie jeder von ihnen, und dieses seien +junge Bäume, in Liebe gepflanzt und gehegt, zur Nutznießung +bestimmt für ihre Kinder und Kindeskinder und +noch nicht reif für die Axt. Ob sie Gottes Kreaturen verschachern +wollten um elendes Geld? Dann sollten sie +doch auch sie selber verschachern, dann wollte sie ihre +Herrin nicht mehr sein, und sie werde nicht vom Platze +weichen, ehe sie ihr nicht in die Hand gelobt, daß sie den +Wald würden unversehrt lassen oder sie müßten sie selber +niederschlagen. Darnach hätten sie sich beraten, und die +Ältesten seien zu ihr gekommen und hätten ihr in die Hand +gelobt, dem Wald solle kein Fäserchen gekrümmt werden +<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>und sie bäten sie um Vergebung ihrer Sünde. So +habe sie damals den Wald gerettet; ob er jedoch heute noch +stehe, das getraue sie sich nicht zu sagen.</p> + +<p>Die Fürstin nahm Marias Hand und drückte sie. »In +diesem Land leben, heißt jede Stunde dem tückischsten +Ungefähr ausgeliefert sein«, sagte sie; »oder ist das überhaupt +die Eigenschaft des Lebens und wir wußten es nur +bisher nicht, wir Begünstigten? Mir ist jetzt manchmal +so bang. Ich persönlich habe ja nicht mehr viel zu verlieren, +aber mir ist so bang um alle, die ich sehe, bang um +das Volk, um die ganze Menschheit, wenn auch die Mehrzahl +nichts als Böses schafft.«</p> + +<p>»Es kommt wahrscheinlich auf die Mehrzahl nicht an,« +erwiderte Maria; »es kommt immer bloß auf den Einzelnen +an, glaube ich. Der Einzelne ist oft wie der wundertätige +Tropfen Medizin, der einen vergifteten Organismus heilt. +Immer geht von Einem das Licht aus. In Tula mußte +ich mit meinen Kindern Quartier im Hotel nehmen; +der Zug nach dem Süden fuhr nur zweimal in der Woche. +Gleich in der ersten Nacht war Alarm. Das Hotel war von +Soldaten besetzt worden, und alsbald wurde der Befehl +ausgegeben, alles Bargeld sei unverzüglich abzuliefern, +niemand dürfe das Zimmer verlassen, um acht Uhr morgens +werde eine scharfe Nachsuchung sein und jeder, bei dem +dann noch irgend eine Summe sich finde, werde standrechtlich +erschossen. Bedenken Sie meine Lage; ich hatte achtzigtausend +Rubel am Leibe verborgen, alles was ich hatte +flüssig machen können; wenn man es mir nahm, war ich +samt den Kindern so gut wie verloren. Meine Dienerinnen +und den treuen Begleiter hatte man von mir entfernt, +vor dem Zimmer stand eine Wache, das Geld im Zimmer zu +verstecken, war aussichtslos, ich wußte ja wie gründlich +<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>diese Leute zu verfahren pflegten, es blieb also nichts +übrig, als abzuwarten, was mit mir geschehen würde, +denn das Geld freiwillig herzugeben, daran dachte ich +keinen Augenblick. Von drei Uhr nachts bis halb zehn Uhr +morgens ging ich unaufhörlich im Zimmer auf und ab; +Furcht empfand ich keine; in meiner Absicht wankend +wurde ich nicht; eine klare Vorstellung von dem, was +meiner harrte, war ebenfalls nicht in mir; fest stand einzig +und allein, daß ich mich und meine vier Knaben aus dieser +Gefahr zu retten habe, daß das meine Pflicht sei und daß +es auch gelingen werde. Um neun Uhr betraten drei Soldaten, +ein Unteroffizier und ein Weib das Zimmer der +Kinder nebenan. Die Knaben wurden aus dem Schlaf +gezerrt, die Möbel, die Betten, die Dielen, die Wände, +die Vorhänge, die Koffer aufs genaueste durchsucht. Ich +ging hinein. Ich sah mir die Leute an. Finstere Gesichter, +unmenschliche Stirnen, da schien keine Hoffnung. Einer +wies mich barsch hinaus; einer folgte mir ein paar Schritte, +um die Tür zu schließen. Wie ich den Kopf zurückwende, +ist es mir, als sei in den Augen dieses Menschen ein Etwas, +ein gewisser Schimmer, etwas unnennbar Fernes von +Weicherem als bei den andern. Er hatte rote, kurze, borstige +Haare, die Haut besät mit Sommersprossen, und hinter +seinen wulstigen Lippen waren Zahnlücken und schwarze +Zähne. Aber mich durchbebt es; in der Eingebung eines +Moments winke ich ihm. Stumm tritt er näher. Ich reiße +die Knöpfe des Kleides auf, nehme das Paket mit den achtzig +Scheinen heraus und gebe es ihm in die Hand. »Fünf +Menschenleben sind in deiner Hand,« sage ich zu ihm, +»jetzt mache was du willst.« Ohne mit der Wimper zu +zucken, steckt er das Paket in die Rocktasche und verschwindet. +Die andern kommen gleich darauf in mein Zimmer. +<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>Wie drüben wird alles um und um gewühlt, Wäsche, +Kleider, Schuhe, jede Ritze, jede Schublade untersucht. +Dann bleibt das Weib allein bei mir, ich muß mich entkleiden. +Auch das ging vorüber, und sie entfernt sich. +Eine Viertelstunde danach, das Herz hatte mir die ganze +Zeit bis in die Fingerspitzen geschlagen, erscheint der rothaarige +Soldat im Zimmer, horcht eine Sekunde, zieht +das unversehrte Rubelpaket aus der Tasche und überreicht +es mir schweigend. Ich stammle ein paar Worte, fassungslose, +dankverwirrte; ich frage, was ich für ihn tun könne; +ihm Geld anzubieten hatte etwas Unsinniges, da er mir ja +achtzigtausend Rubel schenkte. Er schüttelt den Kopf und +sagt: »Machen Sie sich keine Gedanken darüber, Mütterchen. +Es ist leider so, daß wir in Blut und Sünde stecken +bis an den Hals. Vielleicht läßt mir Gott jetzt ein wenigs +nach. Vielleicht legt er das auf die andere Schale.« Damit +geht er. Und ich, es ist ein Zustand von Scham, in dem ich +mich befinde, als hätte ich mich an dem Menschen vergangen +durch die Angst und die Zweifel vorher.«</p> + +<p>Während der letzten Worte noch war die schöne junge +Person eingetreten. Sie ging auf die Fürstin zu und sagte +mit einer Stimme wie aus Glas und zitternd vor Zorn: +»Stepan Fedorowitsch erzählt eben, daß er diese Lisaweta +Petrowna von Petersburg her kenne. Sie sei in einem +Kabarett als Coupletsängerin gewesen und im übrigen, +nun, das kann man sich ja denken. Sie sehen also, Tante, +daß Sie einer Betrügerin zum Opfer gefallen sind und daß +es nur lächerlich wäre, sich weiter um sie zu kümmern.«</p> + +<p>»Meine Nichte Jelena,« stellte die Fürstin vor und +nannte auch Marias Namen. Diese lächelte in schweigendem +Wohlgefallen an der Erscheinung der jungen Fürstin.</p> + +<p>»Sie ist ohne Kopeke, das elende Frauenzimmer,« +<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>fuhr Jelena erbittert fort; »der Hoteldirektor hat bereits +gestern gedroht, sie auszulogieren. Und was die Komödie +an Grigorjis Grab betrifft, die darauf berechnet war, +Sie, Tante, hinters Licht zu führen, so hat die Kugel nur +die Haut gestreift, am linken Arm; sehr vorsichtig. Pfui, +was für eine unappetitliche Geschichte!«</p> + +<p>»Aber wenn nur ein Fünkchen Wahrheit darin ist, müssen +Sie Nachsicht haben, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria.</p> + +<p>Jelena erbleichte. »Wie kann sie es wagen!« rief sie +und schüttelte sich vor Widerwillen; »abgesehen davon, +daß sie für ihre verleumderische Erfindung auch nicht den +Schatten von Beweis aufbringen kann, bestehen auch +innere Gründe, ja innere Gründe, –« sie preßte die Lippen +zusammen und stand noch schlanker, in noch angespannterer +Haltung da als bisher; »darf man es geschehen lassen, +daß sie Grigorjis Bild besudelt? Was verlangen Sie? +Warum ergreifen Sie Partei?«</p> + +<p>»Ich ergreife nicht Partei,« entgegnete Maria, die plötzlich +den unbestimmten Eindruck hatte, als sei Schuld und +Verstellung in dem jungen Mädchen, »ich wollte nur +verhüten, daß Sie vorschnell urteilen. Seien Sie mir nicht +böse.« Sie erhob sich und ging.</p> + +<p>Vor ihrem Zimmer schritt Menasse auf und ab. »Das +Hotel ist umstellt und bewacht,« redete er sie sogleich an, +»vor den Ausgängen stehen lauter bis an die Zähne bewaffnete +Kerle. Es ist bei Todesstrafe verboten, nach Anbruch +der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Auf wessen +Befehl, weiß vorläufig niemand. Ob man uns schützen +will oder die Mäusefalle nur zuklappt, damit keiner entrinnt, +weiß niemand. Die Sache wird ernst, es geht an +den Kragen.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>Er öffnete eigenmächtig die Tür ihres Zimmers und +zögernd wurde er durch eine Erinnerung an gute Manieren +bewogen, ihr den Vortritt zu geben. »Passen Sie auf,« +begann er wieder mit seiner komischen Vertraulichkeit, +»zu warten, bis man uns an die Mauer stellt und die Hirnschale +kaput schießt, ist Blödsinn. Wer sich nicht aus dem +Staub macht, hat sich selber zuzuschreiben die Folgen. +Ich habe einen Plan. Sie gefallen mir, die Kinderchen +dauern mich, Ihren Mann verehre ich, das ist ein Gentleman +durch und durch, und wenn ich mich seiner Familie nicht +annähme in der Not, wäre es eine Gemeinheit von mir. +Ich habe einen Plan, wie gesagt. Die Vorbereitungen sind +bereits getroffen. Allerdings wird die Geschichte viel +Geld kosten, aber wo’s ums Leben geht, hört sich die Billigkeit +auf.«</p> + +<p>Er schaute sich unruhig um, hastete zur Tür, lugte durch +einen Spalt hinaus, kam wieder auf Maria zu und fuhr mit +heiser gedämpfter Stimme fort, es werde so gottlos viel +Geld kosten, daß nur eine ganze Kompagnie dafür aufkommen +könne. Er habe bereits einige Leute ins Auge +gefaßt, an denen ihm gleichfalls gelegen sei, Leute, um +die es gleichfalls schade wäre; er habe ihnen von seiner +Absicht gesprochen, und sie hätten ihm Blanko-Vollmacht +erteilt. Ob Maria sich anschließen wolle? Ob sie bereit +sei, sich seinen Anordnungen blindlings zu fügen? Nur +bei strammer Disziplin sei Gelingen möglich. Er habe alles +genau überlegt; das Wagnis sei groß, aber alles sei besser +als sich hier abschlachten zu lassen und in Gottes Hand +stehe man schließlich überall.</p> + +<p>Er war klein, beweglich wie ein Gliedermann, ein bißchen +schief gewachsen, mit Augen, die fast ohne Wimpern und +Brauen waren, stutzerhaft gekleidet als käme er frisch aus +<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>dem Modemagazin und von dem Gefühl seiner zentralen +Wichtigkeit durchdrungen.</p> + +<p>»Gut, Herr Menasse,« sagte Maria nach kurzem Besinnen, +»ich will mich Ihnen anvertrauen. Wir sind acht Menschen, +wie Sie wissen; auch meine drei Dienerinnen müssen mit. +Das ist die Bedingung, die ich meinerseits zu stellen +habe.«</p> + +<p>Menasse zuckte die Achseln. Das erhöhe für sie nur +die Spesen, bemerkte er geschäftlich. Mehr als sechzig +nehme er nicht an. Jetzt seien es siebenundvierzig Personen. +Erforderlich an Kapital sei ungefähr eine halbe Million +Rubel, es könnten aber Umstände eintreten, durch welche +die Summe bedeutend vergrößert würde. »Vor allem ist +notwendig zu schweigen,« schloß er; »es werden sich in den +nächsten Stunden ereignen schlimme Dinge, aber verhalten +Sie sich still und rühren Sie sich nicht, bis ich Ihnen wissen +lasse, was Sie zu tun haben. Von heute ab bin ich Ihr +General; da heißt es Subordination, und zwar auf den +Wink. Gute Nacht.«</p> + +<p>Maria sah ihm verwundert nach, wie er aus dem Zimmer +schoß, säbelbeinig, kurzhalsig, stiernackig, geladen mit +Energien. Sie trat aufatmend ans offene Fenster. Der +beinah volle Mond schwamm in einem Meer von Frieden. +Schwarze Körper, wölbten sich die Hügel und Berge hinan +zu den feierlichen Riesen, deren Konturen im bläulichen +Äther zitterten. Tauige Feuchtigkeit lag in der Atmosphäre, +alles Dunkel strebte nach dem Silberlicht, die +Brust der Erde, mit stummen Seufzern, hob sich gegen +die unerreichbaren Regionen. Maria hätte beten mögen, +freudige Inbrunst war in ihr, aber das Haus mit all den +angstvoll pochenden Herzen, mit all der menschlichen Verworrenheit +und Finsternis, streckte Arme nach ihr, und +<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>ihr war als sinke sie zurück. Eine Uhr schlug zwölf, da +klopfte es leise an die Tür; ohne zu erschrecken rief Maria; +die Fürstin Nelidow trat ein. Sie trug einen Schleier +über den Haaren; so leise wie sie geklopft, ging sie auf +Maria zu, mit bittender Gebärde, fast wie eine Untergebene. +Ob sie störe? Wolle sich Maria Jakowlewna zur Ruhe +begeben, so werde sie gleich wieder gehen. Für sie selbst +sei in diesen Tagen an Schlaf kaum zu denken. Sie legte +beide gefalteten Hände zart auf Marias Schultern.</p> + +<p>Nein, sie störe durchaus nicht, antwortete Maria, auch +ihr sei Schlaf ein lästiges Vorhaben, ihr Inneres sei lauter +Aufruhr und Widerklang von vielen Stimmen. Sie +setzten sich. Die elektrische Lampe auf einem Ecktisch +ließ den Raum im Dämmer.</p> + +<p>Es sei eine Art Neugier, von der sie herübergetrieben +worden, sagte die Fürstin; sie habe über alles nachgedacht, +was Maria gesprochen, sie habe sich gar nicht davon loszureißen +vermocht. »Was ist das für eine Kraft in Ihnen? +und woher kommt sie? Wie ist es möglich, daß Sie, eine +Fremde in unserm Land, alle Verhältnisse überschauen, +unseren Menschen gegenübertreten als seien Sie eingeflochten +in generationenalte Beziehungen? Sie haben Blick +und Schritt einer Wurzelnden, und es ist nicht einmal Ihre +Erde. Es ist Ihnen gegeben, die Sprache der Bauern zu +reden, Sie greifen in das dumpfe Gemüt eines vertierten +Soldaten, und Sie haben mit keinem von ihnen wirklich +gelebt. Ich erzähle Ihnen von Grigorji wie einer leiblichen +Schwester, und ich bin Ihnen vorher vielleicht zweimal +flüchtig begegnet. Was sind Sie eigentlich für eine Frau? +Was ist denn das Sonderbare an Ihnen? Können Sie +es erklären? Oder bin ich zudringlich, wenn ich darum +bitte?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>»Nein, nein,« wehrte Maria lächelnd ab, »Sie überraschen +mich nur –«</p> + +<p>»Überraschen? Weshalb? Finden Sie denn, daß ich +verpflichtet bin, in meinen Schmerz eingehüllt zu bleiben? +Sie haben ihn mir noch tiefer ins Bewußtsein gedrückt, +aber zugleich haben Sie das Selbstsüchtige daran gelockert. +Wir schulden uns selbst nicht so viele Tränen wie uns die +Umgebung dadurch abpreßt, daß sie sich zur Teilnahme +berechtigt glaubt. Das Teuerste wird einem genommen, +aber es zieht einen nach sich; Trauer ist oft nur eine feinste +Form von Heuchelei, und nie hungert die Seele so nach Aufschwung +wie mitten im Gram um einen unwiederbringlichen +Verlust. Ich sehe Ihnen an, daß Sie mich verstehen.«</p> + +<p>»Ich bewundere Ihren Mut, Fürstin. Das ist es eben, +was mich überrascht hat.«</p> + +<p>»Mut ist das letzte. Das letzte vor dem Ende, Maria +Jakowlewna. Und wir sind ja am Ende. Aber wollen +Sie nicht meine Fragen beantworten? Können Sie es? +Sie lächeln; dieses Lächeln läßt mich hoffen.«</p> + +<p>Maria, die verschränkten Hände im Schoß, beugte sich +vor. »Sie haben erwähnt, daß Sie sich an Alexander von +Krüdener gut erinnerten,« sagte sie. »Die Zeit, von der Sie +sprachen, liegt ja ziemlich lange zurück. Was für einen +Eindruck haben Sie von ihm behalten? Ich meine in tieferm +Sinn, nicht gesellschaftlich.«</p> + +<p>Die Fürstin überlegte. »Es ist schwer,« gestand sie +zögernd, »ich weiß zu viel von ihm. Wir Angehörige +der obersten Schicht wissen zu viel voneinander, um das reine +Bild einer Persönlichkeit bewahren zu können. Er kam mir +sehr geschlossen vor. Unbeugsam, unbiegsam. Er ist Balte, +nicht wahr? Alle Balten sind starr. Er hatte vollendete +Formen, jene Tadellosigkeit bis ins Mark, die wie Wohlgeruch +<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>wirkt. Viele junge Mädchen waren damals verliebt +in ihn, aber auf neutral Gestimmte wirkte er ein +wenig erkältend, wie jemand, der lange einsam gewesen +ist, äußerlich oder innerlich, und über die Wege zu den +Menschen nicht mehr orientiert ist. Stimmt das?«</p> + +<p>Maria nickte. »Es stimmt wie eine Silhouette an der +Wand. Es stimmt und ist doch nichts. Unbeugsam, unbiegsam; +darin liegt etwas vom Wesen. Er hat mich gebogen; +nicht gebeugt: gebogen. Ich hätte brechen können, dann war +ich eben nicht die, die er brauchte. Ich kam aus einer Welt +ohne feste Umrisse; man gehörte nicht zum Adel, man gehörte +nicht zum Bürgertum, man hing gesetzlos dazwischen. +Ich war in Deutschland geboren, aber in Österreich erzogen; +die eigentümliche staatliche und soziale Luft dort +bedingt ein gewisses Schwanken von selbst. Ich forderte +durch mein Tun und Lassen zum Widerspruch heraus; +ich war immer anders als andere, immer auf dem Kriegsfuß +mit allen. Um mich zu finden oder etwas außer mir, +das ich packen konnte, ging ich auf allen Seiten in die +Irre, schlug allem Herkommen ins Gesicht, wurde ganz +wild, ganz entfesselt, überwarf mich mit meiner Familie +und den meisten Freunden, war von Freiheitsideen besessen +und in Gefahr, mich in Schwarmgeisterei und Libertinage +zu verlieren. Da traf ich Alexander. Es war der kritische +Moment. Ich war häßlich verstrickt mit meinen neunzehn +Jahren, das Sinnliche ist ja immer der Anzeiger vom Grad +der Zerfallenheit; entfesselt und verstrickt, wie sonderbar, +daß man es in einem sein kann. Aber es war ja die Zeit, +wo man alles halb war, mit keiner Sache Aug in Aug stand, +und beharrte man auf einem Weg, so war man fast verfemt. +Wir sprachen uns nie, Alexander und ich. Er war +mit einer offiziellen Mission beauftragt und erschien bisweilen, +<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>sehr unterschieden von Männern, die ich kannte, +in der Gesellschaft. Daß ich seine Aufmerksamkeit erregte, +daß er mich beobachtete, spürte ich natürlich; war ich auch +meines Magnetismus sicher, der seine war noch stärker +und hatte doch nicht die Kraft, mich gleich aus meinen +Ketten zu reißen. Der Entschluß, mich in sein Leben hinüberzunehmen, +traf ihn selber unerwartet. Ich werde mich +hüten, Sie mit den Einzelheiten einer Liebesgeschichte +zu langweilen; wichtig ist nur, daß wir uns heirateten +und daß jeder von uns beiden wußte, sein ganzes Schicksal +kam dabei in Frage. Was für Monate, Fürstin, was für +Jahre! Wir traten uns gegenüber wie zwei Duellanten, +wie zwei Ringkämpfer. Er verriet es mir einmal: hätte +ihm nicht eine unvergeßbare Erleuchtung den Kern in mir +offenbart, er hätte mich am Anfang schon wieder nach +Hause geschickt; denn ich war zuchtlos, haltlos, voller +falscher Begriffe, voller Vorurteile in bezug auf Liebe +und Ehe und Mann und Weib und Gott und Mensch. +Du hast das ganze Europa in dir, sagte er immer, und ich +verstand lange nicht, was er meinte. Ich leistete Widerstand +auch hier, ich setzte ihm das entgegen, was ich meine +Persönlichkeit hieß, dieses Treibhauspflänzchen, das er +Blatt für Blatt und Faser für Faser zerrupfte, daß nichts +mehr davon übrig blieb als Beschämung und Trotz, +immer noch Trotz. Und er suchte den Kern; unermüdlich, +unablässig, Tag und Nacht, mit einer leidenschaftlichen +Geduld, mit einem tiefen Wissen. Er grub mich aus +mir heraus; er riß mich auseinander, um mich neu zu +machen. Es tat weh; ich versichere Ihnen, Fürstin, es gab +Tage, Wochen, wo ich zwischen Liebe und Haß erstickt +und zertreten niederbrach. Und er, hinter mir her wie mit +einer Geisterpeitsche: du mußt durch, mußt es durchleiden +<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>und wenns dich verbrennt; besser, wir gehn ehrlich mit- +und aneinander zugrunde als ein Sterben an dreißig +Jahren Mißverständnis und heimlichen Wunden. Und +endlich wuchs ich ihm zu, aus meinen Trümmern; endlich +fand er mich, gewann er mich. Es war um die Zeit, wo +ich zum erstenmal schwanger war, nach fünf Jahren; +daß auch er nicht unverwandelt blieb, ist selbstverständlich; +hätte ich ihm nichts zu geben vermocht, so hätte ich ihm +ja nichts sein können, und kluge Verträge gehören zum +Sieg. Doch war ich sein Geschöpf und fühlte mich so. +Er zog sich damals vom öffentlichen Leben zurück, +wir gingen auf das Gut und begannen zu arbeiten. Jedes +Ziel war gemeinsam. In Meinungen und Handlungen +trafen wir uns immer an demselben Endpunkt. Wir +lasen die gleichen Bücher, dachten die gleichen Gedanken, +fällten die gleichen Urteile. Er verzieh sich keine Nachlässigkeit, +seine Strenge gegen sich hatte etwas Mönchisches. +Unmöglich ihn um eines Vorteils willen zu bewegen, +das kleinste Recht auf seine Seite zu bringen, wenn es auf +der andern war; eher hätte man Granit schmelzen können. +Was er für seine Pflicht, für seine Lebensaufgabe hielt, +war nichts Begrenztes, sondern ein ununterbrochen anschwellender +Strom, und seine Hingabe war die äußerste, +er verlangte von sich das äußerste und verlangte es von mir. +Ich habe von Natur aus einen Hang zur Trägheit und +Beschaulichkeit; den trieb er mir gründlich aus; manchmal +weinte ich vor Zorn und Mitleid mit mir selbst, wenn er mir +zuviel zumutete; aber es war dann doch das Richtige, +und hatte ich mich bezwungen, so konnte er durch ein gütiges +Wort allen Groll vergessen machen. Nur nicht sich verwöhnen, +nur nicht sich verzärteln, nur nicht Gefühle hinverschwenden, +wo man sich entscheiden muß, sagte er; +<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>und so verhielt er sich gegen die Welt, gegen seine Kinder, +gegen die Untergebenen. Er entkräftete jeden Einwand +durch Beispiel. In ihm lebte eine große Idee seines Volkes, +eine große Idee von Herrschaft, die durch Dienst entsteht, +durch Gehorsam und Ehrung des Brauches. Für ihn war +der Zar eine göttliche Person wie für den einfachsten +Bauern. Dieses Rußland, dieses russische Volk war ihm +der heilige Nährboden der Menschheit, der Schoß der Zukunft, +die Vorratskammer der Welt. Ich spreche von ihm, +ich spreche von mir. Es gab da kein Anderssein mehr. Er +und ich, wir verschmolzen gemeinsam in dieses Mystische, +von dem Kraft ausging. Wir haben es gelebt. Ich wußte, +wenn er eine Handvoll Ackererde aufhob, daß er damit das +Ganze wog und prüfte, sein Land, mit dem Himmel +darüber und den Menschen darauf. Ich wußte, wenn er +unter seine Bauern trat, um Recht zu sprechen, daß er es +im Gefühl der höchsten Verantwortung tat, als meißle +er den Spruch in die Ewigkeit. Riefen sie ihn zu Hilfe, +so kam er, ob es sich auch ums Geringste handelte; Schlittenfahrten +durch die brennendkalte Winternacht waren nichts +Seltenes. Sie durften ihn fordern. Dabei war er der Herr; +er verstand es, Herr zu sein. Ich war die Herrin; er machte +mich zur Herrin. Ich begriff es nach und nach. Herrin +und Mutter, das galt ihm fast eins, Mutter von vielen, +und so sagen sie auch Mütterchen zur Herrin. Das ist schön +und schreibt einem den Weg vor. Wenn Sie das bedenken, +Fürstin, erscheint Ihnen dann nicht alles ganz einfach?«</p> + +<p>»Ich verstehe, ich verstehe,« murmelte die Fürstin; +»einfach, ja. Das Wunderbare ist schließlich immer einfach. +Ich verstehe die Entwicklung, verstehe Ihr Herz, +aber, <em class="antiqua">après tout</em>, sind Sie denn nicht vollkommen enttäuscht? +War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es so +<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>steht? wo wir ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?«</p> + +<p>»Ich bin nicht enttäuscht,« antwortete Maria; »der +Weg geht weiter. Ich bin auch nicht ohne den Herrn, welche +Bedeutung immer Sie dem Wort geben.«</p> + +<p>Die Fürstin fragte: »Seit wann ist Ihr Gatte von +Ihnen fort?«</p> + +<p>»Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich +den letzten Brief.«</p> + +<p>»Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja +ein beklommener Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem +solchen Verhältnis.«</p> + +<p>»Es gehört zum Weg,« sagte Maria. »Ich weiß, daß +er mit mir im Raum ist, kommt es da auf die Ferne an? +Schließ ich die Augen nur eine kurze Zeit, so seh ich ihn, +hör ich ihn, muß lächeln über gewisse Eigenheiten beim +Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, +berate mich mit ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.«</p> + +<p>Die Fürstin entgegnete: »Sie haben Phantasie, Maria +Jakowlewna. Ich will Ihr Gefühl nicht verkleinern; +alles, was Sie sagen, flößt mir Hochachtung ein und +bestätigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar +wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie +beruhigend, mit Ihnen zu plaudern, ja bloß dazusitzen +und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir eines. Ich +glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, daß sie Ihnen +die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das +Schicksal eines so geliebten Menschen überwinden hilft; +aber fühlen Sie sich nicht auch befreit? Erwidern Sie noch +nichts, einen Augenblick noch; es ist so heikel; die Worte +sind schwer zu finden; ich möchte nicht in den Verdacht +<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>kommen, daß ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren +will –«</p> + +<p>»Sie können alles sagen, ich werde es bestimmt nicht +mißverstehen,« warf Maria freundlich ein.</p> + +<p>Die Fürstin fuhr fort: »In Ihnen ist viel Leidenschaft. +Sie sind sicher die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet +bin. Dabei aber auch die unnahbarste. Ich meine das in +einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu gelangen, +allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gefäß zu schließen +und sich den Schritt ins Unbekannte für immer zu verbieten? +Wie erreicht man diese Unerschütterlichkeit? Frauen +sind entsetzlich preisgegebene Wesen. Man gibt sich entweder +hin oder man hält sich zurück; im einen wie im +andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum +betrogen. Und da ist nun eine, die sich ein so festes Haus +gezimmert hat, daß der Teufel keinen Platz darin findet. +Man rüttelt an Tür und Mauern, um die Stelle zu entdecken, +wo es brüchig ist. Weil man doch selber in einer +Ruine wohnt und der Neid einen quält. Sagen Sie mir +also: war es nicht ein unerträglicher Despotismus? Zuweilen +nur, zuweilen –? Sind Sie nicht jetzt in Ihrem +verborgensten Innern irgendwie erlöst oder bloß erleichtert? +Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe? +War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle +die Jahre, und haben Sie nicht heute die Empfindung, das +Leben steht möglicherweise mit einem kostbaren Geschenk +an der Pforte und Sie dürfen es ohne große Skrupel +nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das +Geschenk nehmen. Ich meine: ist Ihr Gemüt und Geist +so bis zum Rand ausgefüllt von diesem einen Menschen +und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, +daß es darüber hinaus keine Regung mehr für Sie gibt, +<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>keine Verlockung, keine Versuchung? Sie sind ja Weib +durch und durch; an Ihnen blüht und leuchtet ja alles. +Wär ich ein Mann, was würde ich nicht aufs Spiel setzen, +um Sie zu gewinnen. Sie erröten; wie schön, wie rührend! +Wie ein junges Mädchen. Aber antworten Sie, antworten +Sie mir.«</p> + +<p>Maria spürte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte +sie: »Vier Kinder, Fürstin. Neben all dem, wie nannten +Sie es? dem Unerschütterlichen, vier Kinder. Haben Sie +meine Kinder gesehen?«</p> + +<p>Die Fürstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme, +die dem schwarzen Kleid weiß entflossen, auf den Tisch +gelegt und Maria, zu spät beschämt von ihrer mütterlichen +Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den Gedanken: +auch ich war Mutter. Sie stützte den Kopf in die Hand, +und nach einer Weile begann sie: »Das war ein egoistisches +Wort, Fürstin. Ich bin von einem Glücksgeleise aufs andere +ausgewichen. Vielleicht aus Feigheit. Ihre Frage war +wie ein plötzliches Feuer. Sie hat mich geblendet. Die +Wahrheit? Wüßt ich sie nur. Mich dünkt, sie liegt in der +Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit. +Die freie Wahl war mir allerdings geraubt, aber ich hatte +nicht das kleinste Bedürfnis und den kleinsten Anlaß, noch +einmal zu wählen. Meine Wahl war ja unwiderruflich +gewesen. Sie sagten, daß der Teufel in meinem Haus +keinen Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun muß +ich sehr kühn sein, sträflich kühn vielleicht: ich habe ja mein +göttliches Teil gewählt. Ich leugne nicht, daß Versuchung +für mich entstehen kann; wer ist gegen Versuchung gefeit? +Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich noch +einmal wählen müßte, dann müßte ich den ganzen Kreis +bis zum andern Pol gegangen sein. Das Göttliche kann +<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>man nicht zweimal wählen, und in seiner Nähe herumpfuschen +und -experimentieren kann man auch nicht. +Dazu hat es zuviel Unerbittlichkeit. Müßte ich noch einmal +wählen, dann müßte es geradezu der Teufel sein. In +Versuchung führen könnte mich nur der Teufel. Aber so +weit kommt es hoffentlich nicht.« Sie lachte.</p> + +<p>Die Fürstin erhob sich und umarmte sie schweigend. +War es, daß sie keine Einwände mehr hatte, oder daß sie +sich geschlagen fand durch die unerwartete Wildheit von +Marias Argument, sie ließ sich keine Zweifel anmerken. +Ehe sie ging, sagte sie: »Freilich, freilich«; und wieder +bekümmerten Tones: »Freilich. All das Beinahe und +Ungefähr, das Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens +verwässert unser Schicksal; es macht uns müde vor der +Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am wichtigsten, +am Augenblick lügen wir uns vorbei.« Dann, mit Herzlichkeit: +»Ich möchte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna. +Schicken Sie mir Ihr Bild sobald wie möglich, es wird +mir als Amulett dienen. Wer weiß, ob uns nicht die +nächste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr Bild, +so hab ich etwas, das mich schützt.«</p> + +<p>Maria versprach es.</p> + +<p>Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das +Haus, vom Dach bis in den Keller, glich einem Akkumulator, +in dem sich Angst aufsammelt. Über die Korridore +hasteten Schritte. Maria wußte von Liebesbeziehungen, +die sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht länger +dauerten als der Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie +hin und naschen in Verzweiflung Verbotenes, um nicht +fühlen zu müssen, dachte Maria, halb geringschätzig, halb +mitleidig. Aber auch andere Schritte waren, Botenschritte, +Verräterschritte, Spionenschritte, Wächterschritte. +<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>Durch die geöffneten Fenster drangen Luftwellen bald +kühl, bald warm; gegen Morgen wurde es kalt, und Maria +schlief endlich ein und schlief bis Mittag. Das Schreien +des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia, die Pflegerin, +trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die linnenweiß +Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht +entzogen hatte. Wanja ließ nicht mit sich spaßen; er +krallte die dicken Fäustchen in seiner Mutter Fleisch und +schnappte zu wie ein böser kleiner Fisch.</p> + +<p>Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum +Abend an Heftigkeit zunahm und sich beständig näherte. +Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen von Bestürzung +und bat Maria, daß sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer +der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst. +Maria rechnete auf Nachricht von Menasse. Um bereit +zu sein, wies sie Litwina und Arina, die beiden jungen +Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, worüber die Knaben +jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges +vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Grübeln +darüber machte sie zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und +ging hinunter. Dann kehrte sie zurück, durchwühlte eine +Schachtel nach einer Photographie, schrieb ihren Namen +darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit +zur Fürstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige, +das sie vergessen hatte.</p> + +<p>In den Gesellschaftsräumen herrschte das gewöhnliche +lärmende Treiben. Alle diese der Heimat und nun auch +der Freiheit beraubten Männer und Frauen trugen eine +herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige +Gesichter zeigten das Bewußtsein der Gefahr. In einer +Gruppe wurde lachend erzählt, daß man bereits in den +Straßen der Stadt kämpfe, daß in einem der Höfe des +<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>Hotels Tote und Verwundete lägen. Sie hatten Blut +genug gesehen, waren an das Entsetzen gewöhnt; es +handelte sich nur noch um ihren eigenen Untergang, den +sie mit frivoler Neugier fast erwarteten. In einen Wiener +Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack eines Maschinengewehrs +von draußen. Man sah Soldaten an den +Fenstern vorbeirennen. Maria fielen finster blickende +Gestalten auf, erst drei oder vier, dann fünfzehn oder +zwanzig, die sich in der Halle und den Speisesälen herumtrieben. +Man gab sich Mühe, nicht auf sie zu achten; man +scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden. +In abgerissenen oder doch alltäglichen Gewändern stachen +sie drohend von der Toilettenpracht, den Fräcken und +strahlenden Hemdbrüsten ab; sie stellten sich den Kellnern +in den Weg, die mit Sektkübeln liefen, postierten sich unverschämt +neben Klubsessel, in denen vornehme Kavaliere +ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden +durch. Maria dachte: es ist Zeit, daß Menasse +sich meldet. Ein gellender Pfiff wurde hörbar, gleich darauf, +da die Kapelle im Speisesaal Pause hatte, eine fremdartige +Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria +trat ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und +sagte, im großen Saal finde eine armenische Hochzeit +statt, sie möge doch hingehen, es sei äußerst interessant. +Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer fünfzehn +Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich +mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft +hatte sich auf einmal verändert. Ein alter Herr redete +mit gerungenen Händen auf mehrere Damen ein. Maria +vernahm, wie eine flüsterte: »Und mein Schmuck? meine +Perlen?« Der alte Herr sagte: »Es handelt sich ums +nackte Leben.« Vor dem Billardzimmer standen ein paar +<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>junge Mädchen, blaß, verzagt, die Augen aufgerissen. +Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria: »Unbeschreiblich, +welchen Prunk die Armenier bei solchen +Anlässen zu entfalten wissen, Sie werden sich selbst überzeugen; +ganz märchenhaft.«</p> + +<p>Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden. +Namentlich machte sich Stepan Nelidow bemerkbar, +der in unangenehmer Weise, als wäre er in einem Zirkus, +seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor +der Tür des großen Saals, war die Basis eines zylinderförmigen +Schachtes, der bis zum Dach des siebenstöckigen +Gebäudes reichte. In jedem Stockwerk trat eine kreisrunde +Galerie heraus, die gegen den Schacht hin durch ein +geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten +Etagen sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur +nächsthöheren Etage. Während Maria hinaufblickte, +spürte sie, daß sich irgendwo dort oben etwas ereignete, +was auch sie anging. Sie hörte, von ganz oben, lautes +Reden und dann gelächterähnliche Schreie, dann war es +wieder eine Weile still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit +den Armeniern im Saal zugewandt, so begann es +von neuem.</p> + +<p>Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und +zwei dumpfe Trommeln, war aus einem getragenen Tempo +in ein munteres übergegangen. Ein Jüngling und ein +Mädchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und +Drehungen, anfangs gemessen, schäferhaft lieblich, +steigerten sich, von der Musik rhythmisch unterstützt, zur +Ausgelassenheit. Der hohe weite lichtgebadete Raum +war durchlodert von den intensiven Farben gold- und +silbergestickter Gewänder, blau, gelb, grün, rot in +stärksten Tönungen; aus heißem Dunst leuchteten unvergleichlich +<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>schöne Frauengesichter und solche von bleichen, +schwarzbärtigen Männern, die majestätisch saßen und +blickten. Nun sah man auch drüben einen zarten +Reigen von spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen, +die sich bogen und dehnten, und als die betäubende Musik +aufhörte, stimmten sie einen feierlichen Gesang an. Freudig +erregt von den Bildern und Klängen einer abgerückten +Welt, stand Maria lächelnd auf der Schwelle, bedrückt +nur von dem Gefühl ihrer eigenen Fremdheit und ungewünschten +Gegenwart, da vernahm sie abermals die +häßlichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch +näherten; sie trat zurück in die Mitte des Schachtes und +sah empor. Über die dritte Treppe lief mit erschreckender +Geschwindigkeit, so daß es aussah, als müsse sie jede +Sekunde in die Tiefe stürzen, ein Frauenzimmer herab. +Die Haare flatterten aufgelöst um den Kopf, das Gesicht +zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie +kam zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Geländer +fest und rannte weiter zur zweiten Stiege. Maria wußte +sofort, daß dies Lisaweta Petrowna war, zu der sie hatte +gehen gewollt, und nun wußte sie auch, was für ein Vergessen +sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie zur +Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun +auf der ersten Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit +fest. Sie schaute sich um, stürmisch atmend; hinter ihr kam +ein junges Mädchen herab, in dem Maria die Fürstin +Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen rechtfertigte +keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der +andern; sie ging eher bedächtig, Stufe um Stufe, und +ihre Züge, obwohl verfinstert und anscheinend zu einem +bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich einen +Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria war +<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>ein paar Stufen hinaufgeschritten, die Flüchtende flog ihr +entgegen, hielt inne, glaubte sich vor einer neuen Feindin, +stieß einen der Schreie aus, die so gelächterähnlich geklungen +hatten, taumelte und wäre gefallen, wenn Maria nicht auf +sie zugesprungen und sie aufgefangen hätte. Das Mädchen +griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab, +kniete vor ihr. Mittlerweile hatte auch die Fürstin Jelena +die Stelle erreicht, wo dies vor sich ging. Sie blieb einige +Stufen oberhalb stehen, der Ausdruck von Widerwillen +verstärkte sich in ihrem wunderbar feinen und klaren Gesicht +und sie stieß hervor: »Anrühren solchen Unflat? Anrühren?« +Ein Schauder überrann ihre Glieder.</p> + +<p>Das Mädchen drückte das Gesicht wimmernd in Marias +Kleid. »Sie will mich umbringen,« heulte sie dumpf in +den Stoff, in Marias Körper. Die Zuschauer vor der +Tür hatten sich verwundert zur Treppe gedrängt. Stepan +Nelidow stand mit verschränkten Armen und spöttischem +Lächeln an die Mauer gelehnt.</p> + +<p>»Wozu, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria, zur jungen +Fürstin emporgewandt, »wozu dies?« Der einfache +gütige Ton brachte eine sichtliche Wirkung auf die Fürstin +hervor. Sie senkte den Kopf, ihre kurzen, gelockten Haare +fielen weich über die Wangen, und so verharrte sie regungslos.</p> + +<p>»Kommen Sie mit mir, Lisaweta,« redete Maria +der noch immer Knienden zu; »niemand wird Ihnen etwas +zuleide tun.« Sie richtete die Willenlose auf, lieh ihr den +Arm zur Stütze und führte sie durch ein Spalier von +Gaffern in den Korridor und dann weiter zum Lift, +in den sie sie sanft hineinschob. Oben angelangt, mußte +sie die verfallen vor sich hin Brütende mit Gewalt von +ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr jauchzend +<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>mit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden. +Jefim sagte, es seien drei Männer gekommen und hätten +ohne ein Wort zu äußern, die zwei großen und fünf +kleineren Gepäckstücke nach und nach fortgetragen. Die +Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern, +oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen, +Necessaires, Körbe lagen noch in den Zimmern herum. +Indes Maria mit Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit +einem Zettel und verschwand wieder. Auf dem Zettel stand: +»Unverzüglich zu befolgen: verlassen Sie nach Empfang +dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die Tür neben den +Küchenlokalitäten. Dort wird jemand stehen und Sie an +einen bestimmten Ort führen, wo Sie eine, möglicherweise +zwei Nächte zuzubringen haben werden. Der Betreffende +ist zuverlässig. Säumen Sie nicht länger als eine halbe +Stunde, sonst stehe ich für nichts. Die Koffer sind untergebracht, +Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.«</p> + +<p>Trotz der kritischen Situation war Maria still amüsiert. +Mein General ist streng, dachte sie und half die Knaben +fertig ankleiden. Eine Menge Gegenstände waren einzupacken. +Arina und Litwina rannten durch die Zimmer. +Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen. +Maria hätte sich gerne noch von der Fürstin Nelidow verabschiedet; +es war keine Zeit mehr. Lisaweta Petrowna +hatte sich in die Sofaecke gekauert und beobachtete mit +den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging. +Plötzlich sprang sie auf und faltete die Hände gegen Maria. +»Nehmen Sie mich mit,« flehte sie verstört. Maria antwortete: +»Wir haben nur noch Minuten vor uns; wie geht +das denn, so wie Sie sind?« Sie trug einen Kimono und +an den Füßen blauseidene Pantöffelchen. »Um keinen Preis +mehr will ich in mein Zimmer gehn,« sagte sie hilflos. +<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>Die Knaben, voll Ungeduld, drängten Maria stumm. +Arina belud Jefim Leontowitsch mit den Handtaschen. +Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen +immer viel Gefühl für fremde Leiden bezeigte, sagte zu +seiner Mutter: »Die Frau kann ja einen von deinen Mänteln +anziehen; wir haben ja hundert Mäntel.« Auf einen Wink +Marias brachte Litwina einen Mantel; und Lisaweta +hüllte sich darein. »Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich +lassen?« fragte Maria, und jene erwiderte: »Nur fort, +nur fort.«</p> + +<p>Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten +Wanja, Arina, Litwina und Lisaweta traten auf den +Korridor. Maria folgte als Letzte. Auf einmal stand +Jelena Nelidow vor ihr. »Sie gehen?« murmelte sie +finster verwundert, »gehen? Und diese dort, diesen Abschaum +machen Sie zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr +gewähren Sie Freundschaft, der Schamlosen?«</p> + +<p>»Ich sehe nur eine Unglückliche, Jelena Nikolajewna,« +sagte Maria. »Ich weiß nichts von ihr als das. Kann ich +eine Unglückliche, die zu mir flieht, wegstoßen, ich, die +selber flieht?«</p> + +<p>Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar +beschwichtigend auf die junge Fürstin. Ihr Gesicht +zog sich zusammen wie im Krampf. Plötzlich riß sie mit +zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem Kleid +und drückte sie in Marias Hand. »Ich will nicht schuldiger +werden als ich schon bin,« sprach sie wie geblendet, wie +gegen eine Wand; »geben Sie ihr das; machen Sie es zu +Geld für sie, sie ist arm; ich habe keins, aber verraten Sie +mich nicht.«</p> + +<p>Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum +Dank zwang. Der Boden brannte. Fedja war umgekehrt, +<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>um zu spähen, wo sie blieb. Jelena ging ein paar Schritte +an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias Arm +und hauchte mit wehem Kinderlaut: »Ich habe Angst; +ich habe solche Angst,« ihre seltsam gelben Augen öffneten +sich überweit; »ich habe grenzenlose Angst,« wiederholte +sie, »und vielleicht aus Angst bin ich schlecht.«</p> + +<p>»Liebe, Sie Liebe,« sagte Maria leise und zärtlich. Die +junge Fürstin bedeckte das Gesicht mit den Händen und +ging langsam zurück, während Maria schweren Herzens die +Treppe hinunterstieg.</p> + +<p>An der von Menasse bezeichneten Tür stand ein Soldat +mit Sturmhaube und aufgepflanztem Bajonett. Er begab +sich schweigend an die Spitze der Karawane. Es ging durch +einen schmalen Hof, dann die Straße entlang, über die ein +Feuerschein bebte. Zur Linken, in der Höhe des Tals, +brannten Häuser; die Funken, so fern, daß sie goldner +Stickerei glichen, stoben gegen den Mond. Gestreckten +Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja und Aljoscha blieben +bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein sorglicher +Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm +ihm trotz seines Sträubens eine der Ledertaschen ab. +Der Soldat bog in eine Seitengasse bergan. Die Häuser +wurden armseliger. Er zögerte, sah sich um, schien sich +orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet. +Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu +und sie sprachen leise miteinander. Das Krachen eines großen +Geschützes erschütterte die Nacht. Aljoscha begann plötzlich +zu weinen. Maria ergriff ihn bei der Hand. Sie gelangten +zu den letzten Häusern der Stadt, in die Nähe +des Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein +Stück zurück. Lisaweta, die in ihren Pantöffelchen Mühe +zu gehen hatte, lehnte sich an eine Hausmauer. Vom +<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>untern Ende der Gasse her schallte der Schritt einer +Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief +Maria und die übrigen. Sie traten in ein baufälliges Haus, +das nur aus einem Erdgeschoß bestand und völlig unbewohnt +schien. Mit dem Gewehrkolben stieß der Soldat +eine Tür auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand. +Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert, +so niedrig, daß man mit den Köpfen an die Decke stieß, +mit feuchten, verschimmelten, grünlichen Wänden und ohne +alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier +müßten sie bleiben, sagte der Soldat, dürften sich nicht +rühren, die geschlossenen Fensterläden nicht öffnen, wenn +ihnen das Leben lieb sei. Maria fragte, im Finstern, ob +er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er wisse es nicht, +er kenne nicht einmal den Namen; er wisse bloß, daß eine +Anzahl Menschen heute nacht in Häusern rings um den +Bahnhof versteckt worden seien, damit sie fortgeschafft +werden könnten, wenn sich die Gelegenheit bot. Das sei +alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anzünden dürfte, +wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte +Maria. Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben +müssen, zehn Personen in einem so dumpfen Loch? Das +könne er nicht sagen. Noch einmal empfahl er, daß sie +durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann +entfernte er sich.</p> + +<p>Eine Weile waren alle still und verfielen in trübe Betrachtungen. +Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter +getastet und schmiegte sein Gesicht hinein. Sie spürte, +daß es vor Beängstigung zuckte. »Wir müssen Licht haben,« +sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich, hinauszuschleichen +und den Aufpasser zu machen. Bei verdächtiger +Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladen +<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>pochen, dann mußte das Licht ausgeblasen werden. Es +dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze gefunden hatte. +Als sie brannte, wurden rasch Decken und Mäntel auf den +von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer +Hast richtete jeder eine Ruhestatt für sich; die Knaben, +kaum hingelegt, in ihren Kleidern, schliefen schon.</p> + +<p>Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem +zwischen die Arme gewühlten Kopf sah man nur die in Eile +aufgesteckten wirren braunen Haare. Über ihre starken +Hüften lief bisweilen ein Beben. Während sie Wanja +stillte, ließ Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann, +als Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die +Kerze verlöscht hatte, bat sie Litwina, daß sie Jefim Leontowitsch +hereinhole, damit auch er ruhen könne. Aber Jefim +ließ sagen, er finde es notwendig, daß einer Wache halte, +er werde sich vor der Tür auf seinen Mantel legen.</p> + +<p>In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie hörte die +kräftigen Atemzüge der drei Knaben; jeden erkannte sie +an Laut und Tempo des Atems; sogar das dünne, sprudelnde +Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die +Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu +ihrer Rechten ertönte ein schwerer Seufzer. »Können Sie +nicht schlafen, Lisaweta Petrowna?« fragte sie flüsternd.</p> + +<p>Die Angeredete bewegte sich und rückte näher. »Wer +sind Sie eigentlich?« fragte sie ebenfalls flüsternd. »Sie +haben mich aufgelesen, mitgenommen ... aus welchem +Grund? Wer sind Sie?«</p> + +<p>»Bedeutet Ihnen der Name etwas, so mögen Sie ihn +wissen,« antwortete Maria und sagte, wie sie hieß. Dann +war wieder eine Weile Schweigen, dann wieder ein Seufzer +wie unter drückender Bürde.</p> + +<p><a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>»Was ist Ihnen?« flüsterte Maria; »erleichtern Sie +Ihr Herz, sprechen Sie.«</p> + +<p>»O großer Gott!« murmelte die andere.</p> + +<p>»Wir sind in der Finsternis und können einander nicht +sehen,« fuhr Maria zu flüstern fort; »alle schlafen, wir +sind so gut wie allein. Sprechen Sie.«</p> + +<p>»Jelena Nikolajewna möchte mich am liebsten mit dem +Stiefelabsatz zertreten,« sagte die Stimme bitter; »dabei +weiß sie alles. Niemand außer ihr weiß es. Grigorji +hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts könnte sie mich +morden und weiß doch alles. O mein Gott!«</p> + +<p>»Ist es denn wahr, daß Fürst Grigorji die Ehe mit +Ihnen geschlossen hat?« fragte Maria.</p> + +<p>»Fragen Sie doch nicht,« kam es gequält zurück. »Ja, +ja, der Pope hat uns zusammengetan, damals in Sebastopol, +als ich das Schiff verließ. Als schon alles zu Ende +war, hat uns der Pope getraut. Ich weiß nicht, ob es anfechtbar +ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umstände +schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich +nur annähernd etwas ähnliches ausdenken. Ja, als ich +das Schiff verließ, wurden wir getraut.«</p> + +<p>»Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?«</p> + +<p>Lisaweta antwortete nicht. »Ich kann hier nicht bleiben,« +sagte sie nach einer Weile klagend; »ich muß wieder fort. +Ich will zurück und meine Sachen holen. Was soll ich +denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich, wo soll ich +dann hingehn? Zu wem denn?«</p> + +<p>»Daß ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckstück +aus Diamanten für Sie gegeben,« sagte Maria, und indem +sie es sagte, bereute sie es, als füge sie der unsichtbaren +andern eine Beleidigung zu; »vielleicht wünschte man, +<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>daß Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man +dadurch etwas Begangenes gutmachen.«</p> + +<p>Lisaweta verstand. »Vor die Füße werf ich ihrs,« +brach sie aus, ohne die Stimme merklich zu erheben; +»und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich durch ein +Almosen dafür entschädigen, daß sie mir glühende Nadeln +ins Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und +Schande. Wenn Sie keine Gelegenheit mehr haben, +es ihr zurückzugeben, so schenken Sie es einem Bettelweib. +An Demütigungen ists jetzt genug.«</p> + +<p>Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen. +Die Atemzüge der Schläfer wurden tiefer. Plötzlich +flüsterte Lisaweta: »Hören Sie? Können Sie mich +hören?«</p> + +<p>»Ich höre Sie gut,« erwiderte Maria.</p> + +<p>»Ich will Ihnen vom Schiff erzählen. Rücken Sie näher, +damit uns niemand belauscht.«</p> + +<p>Maria rückte näher.</p> + +<p>»Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem +Petersburger Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste +Klasse von Lokal, ich verdiente auch nur gerade soviel, +um nicht zu verhungern. Die Sache war nämlich die, +daß ich ein anständiges Mädchen war. Es ist möglich, +daß Sie jetzt skeptisch lächeln, aber trotz meiner fünfundzwanzig +Jahre hatte ich noch keinen Liebhaber gehabt. +Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme und +lüsterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tagsüber +hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein +Mittagessen. Grigorji war auf Urlaub; in Gesellschaft +von Kameraden kam er hin; wir sahen uns und liebten +uns. Wir liebten uns so, – wie soll ich es nur beschreiben? +Es war ein unaufhörliches Gewitter im Blut. Den Tag, +<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>wo der Urlaub zu Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil. +Worte wurden nicht gewechselt; wir empfanden +wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan nach, +den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines +Abends teilte er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede +irr. Es war so furchtbar, daß meine Zunge wie gelähmt +war. Aber sein Wille mußte auch meiner werden. Trennung +war das Ärgste. Auf die Rückkehr warten und sich das +Herz absorgen, ob er noch lebte oder nicht, ärger war auch +das nicht, was er tun wollte. Wenigstens schien es mir +so, und ich sagte ja. Hören Sie mich?«</p> + +<p>»Ich höre Sie gut,« flüsterte Maria.</p> + +<p>»Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs +schmuggeln. Mich in seiner Kabine verbergen, den Dienst +verrichten wie alle andern und die übrige Zeit bei mir sein. +Was das hieß, wußte ich ungefähr. Daß auf die Entdeckung +der sofortige Tod stand, für ihn und für mich, wußte ich. +Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten. +Wozu so viele Worte, ich war bereit, trotz allem. Die +Hauptschwierigkeit war, daß der Bursche ins Geheimnis +gezogen werden mußte. Ohne einen Dritten, der Vorschub +und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er könne +es mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem +Geld, und immer von neuem, und doch mußte man immerfort +zittern, daß er sich nicht verschnappte oder bösartig +wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die Leute alle +bösartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten. +In Grigorjis Reisesack, mit Wäsche und Kleidern zum +Ersticken umhüllt, trug mich Pjotr vom Boot in die +Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel Raum war, +daß ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn +Monate.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>Maria schlug unwillkürlich die Hände zusammen, +Lisaweta Petrowna aber fuhr fort: »Vierzehn Monate +eingesperrt, entweder angstvoll allein oder Leib an Leib +auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate +in Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer +winzigen dumpfen Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit +und Bewegungslosigkeit verurteilt, zur ununterbrochenen, +fürchterlichen Angst, er und ich.«</p> + +<p>Maria lauschte mit weiten Augen stumm.</p> + +<p>»Es durfte nicht auffallen, daß die Kabine stets abgesperrt +war; schon dafür zu sorgen, war nervenzerrüttend. +Die vielen Schritte, Schritte der Wachen, Offiziere; die +Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr, das +eiserne Klirren beständig in dem schwimmenden Ungetüm, +das Gerassel oben, das Anschlagen des Wassers draußen; +die Nächte, o die Nächte voller Angst! Küsse und Umarmungen +und Angst! Lust und zärtliche Worte und +Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert +immer wieder. Einmal bei einer Inspektion mußte +ich in den Wandschrank schlüpfen, der so schmal war, +daß ich wochenlang nachher an Bruststechen litt. Am +Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am +Wahnsinn. Er mußte auf Deck; er mußte Dienst tun, +was sonst? Er mußte sich schleppen, das Fieber aus sich +herauspressen mit Gewalt, oder wir hatten keine Wahl +als uns miteinander in die See zu stürzen. In den dienstfreien +Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen +Armen und horchte und horchte, auch ich horchte und +horchte; wir mußten einander umarmen, sonst hatten wir +kaum Platz, und oft wenn er müde war, trat er mir ein +Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager +auf dem Boden oder ich saß an der Lucke und starrte aufs +<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>finstre Meer. Ihn quälte der Gedanke, was geschehen sollte, +wenn das Schiff ins Feuer kam und er verwundet wurde +oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Kräften, aber in einem so +verdunkelten Gemüt ist keine große Kraft. Er klagte mich +an, daß ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes +dagegen als verzweifelte Küsse? Wir verfluchten die +Sekunde, die uns das Bewußtsein wiedergab. Kalter +Schweiß bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu +mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte +uns täglich mehr. Er gestand mir, daß er alles rot sähe, +auf Deck und im Raum. Er glaubte, bei seinen Vorgesetzten +Argwohn zu spüren. Von seiner früheren Heiterkeit war +nichts mehr übrig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er +getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man +schlägt, aber deutlich erkannte ich, daß in seinen Augen +neben der Liebe auch Haß war. Bei jedem Knacken in +der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Geräusch machte +ihn zittern. Einmal fuhr er gräßlich schreiend aus dem +Schlaf. Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es +müsse ein Ende werden. Was für ein Ende? fragte er, +und in krankhafter Erregung drängte er mich solange, +bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun. +Du bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott +und den Menschen zu meinem Weib machen, auch wenn wir +uns dann nicht wiedersehen sollten. Und so kam es, +genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser Hölle, +und wenn ich allein war, lag ich da und biß die Zähne +in die Finger. Die Zeit war wie hinweggewischt; ich hörte +sie sausen wie ein Rad; manchmal wieder schien sie mir +schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene schwarze +Fahne. Das Ärgste war, daß Pjotr frech wurde. Er fühlte +sich in der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mit +<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>dem Menschen. Das Essen, das er jeden Tag heimlich +für mich brachte, konnte ich nicht mehr genießen. Er stand +dabei und stierte mich an. Er bettelte, schließlich drohte er. +Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu müssen, indessen +erfuhr ich bald, daß Pjotr auch gegen ihn unverschämt +wurde. Eines Abends stürzte Grigorji schreckensbleich +zu mir und stammelte, es sei kein Zweifel, daß alles verraten +worden sei, der und der habe seinen Gruß nicht erwidert, +in der Messe habe man getuschelt, er spüre es, +wir seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte +ihn aus und überzeugte mich, daß es Wahnvorstellungen +waren; aber die hafteten nun in seinem Geist, und er war +von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch, die schrecklichsten, +vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in +den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam +und aus tiefer Betäubung erwachte, daran habe ich keine +Erinnerung. Auch daran eine ferne nur, daß mich Pjotr +in eine elende Herberge schleppte und nicht dorthin, wo +ihm Grigorji angegeben hatte, daß er mich führen sollte; +und daß er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte +und ein wehrloses Opfer zu finden hoffte; und daß ich +mich mit aller mir verbliebenen Kraft gegen ihn verteidigte, +mit Worten und Gründen erst, mit Bitten und Tränen, +mit Hilferufen, das keiner hörte als sei das Haus ausgestorben, +und daß mir dann die Welt schwarz wurde im +Ekel vor dem Menschen und in seinem Fuseldunst und seiner +Tollwut, und daß dann Grigorji hereinstürzte, der alle +Gasthäuser am Hafen nach mir durchsucht hatte, bis er endlich +meine Spur fand, und daß er das betrunkene Schwein +niederschlug, und daß er vor mir kniete, schluchzend, +unaufhaltsam schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wofür +Verzeihung? und daß am andern Morgen der Pope kam, +<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>ich habe es ja schon erzählt, und die Nottrauung vornahm, +denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und daß mir dann +Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr faßlich +und ist ausgeronnen, als hätte es eine andere gelebt. +Ich bin ja auch nicht mehr dieselbe geworden wie vorher. +Es wundert mich nur, daß ichs berichten kann; Sie saugen +die Dinge förmlich aus einem heraus, wie geht das denn +zu? Nun muß ich aber fort, es ist Zeit.«</p> + +<p>Auffallend war es Maria, daß die Erzählung Lisaweta +Petrownas immer langsamer geworden war, zuletzt +entstand fast nach jedem dritten Wort eine Pause; auch +war die Stimme allmählich so leise geworden, daß Maria +nur mit Anstrengung verstehen konnte. »Sie wollen fort?« +fragte sie, »wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie wüßten +nicht wohin.«</p> + +<p>»Nein, ich weiß nicht wohin; gleichviel, ich muß fort.«</p> + +<p>»Wie sind Sie denn überhaupt nach Kislawodsk gekommen? +Sind Sie mit ihm gekommen, mit Fürst +Grigorji?«</p> + +<p>»O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung +daß wir uns nicht mehr sehen würden. Hab ich das nicht +erzählt? Als er von mir wegging, wußte ich, daß er nicht +aufs Schiff zurückkehrte, wußte, daß er in den Kaukasus +fuhr. Er seinerseits wußte, daß ich nach Kiew reisen wollte, +wo meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist. +Er ließ mir Geld, aber das hab ich meinem Schwager +gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich wußte, welchen +Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm, +ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von +Jelena Nikolajewna. Möglich, daß sie glaubte, ich könne +ihn retten. Wie mußte es um ihn stehen, daß Jelena +Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu spät. Ich +<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>hätte ihn gewiß nicht retten können, wir waren viel weiter +voneinander geschieden, als wenn wir uns nie gekannt +hätten; freilich, daß er so ins Nichts geschwunden war, +ohne Gruß und Zeichen, das war hart. Jetzt will ich aber +gehen, es ist Zeit.«</p> + +<p>Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterläden. +Lisaweta erhob sich. Maria sagte, sie möge doch +den Mantel behalten, der Morgen sei kalt und vielleicht finde +sie im Hotel nicht Einlaß. Doch sie lehnte es stumm ab; +plötzlich schien sie von finsterm Trotz erfüllt; ihre Gebärden +waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls +erhob, erschüttert und von schwesterlicher Hinneigung +durchglüht zu ihr hintrat, um ihr in das dämmernd fahle +Gesicht zu schauen, da wandte sie sich hinweg und war aus +der Tür, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken konnte. +Sie stand regungslos, kalt und heiß im Innern; ihr war +als sei ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede +die Luft noch über Schlünden. Sie seufzte, beinahe wie +jene geseufzt hatte, bang und gedemütigt, dann fiel ihr +Blick auf die schlafenden Kinder, und es überströmte +sie ein Gefühl unermeßlichen Reichtums. Jedes war +Abbild eines Teuersten, jedes lebendiges, geprägtes Gut; +sie seufzte wieder, aber dieser Seufzer hatte andern Klang.</p> + +<p>Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch +die Augen zugemacht, als es heftig an die Tür klopfte +und auf der Schwelle Jefim Leontowitsch und der Soldat +erschienen. Dieser sagte, alle müßten sogleich zum Bahnhof, +der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die Kinder +wurden aufgeweckt, rasch waren die Großen und Kleinen +marschfertig, zehn Minuten später war man unter Führung +des Soldaten auf der menschenleeren Straße. Es ging an +der Station vorüber, ziemlich weit hinaus. Die Luft war +<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>neblig und kühl. Maria forderte Jefim durch einen Blick +auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke +ihm für seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich +von ihm trennen zu müssen; aber sie hoffe, das Leben werde +sie später einmal wieder zusammenbringen, und sie freue +sich darauf, ihm dann ihren Dank besser zeigen zu können.</p> + +<p>»Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna,« antwortete +er, »und warum wollen Sie, daß ich mich von +Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe ich in dem +Bündel da,« er wies auf einen Linnensack, den er mit +dem andern Gepäck trug; »warum sollt ich hier bleiben, +da ich doch ebensogut irgendwo sonst sein kann? Sie +fliehen von hier, also lassen Sie mich auch fliehen. Belästigt +Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den +Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein +Fremder; es werden ja viele Fremde in Ihrer Nähe sein. +Darf ich mir auch nicht anmaßen, daß ich ein nennenswerter +Schutz für Sie bin, so hätte ich doch keine Rast mehr +im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umständen verlassen +müßte. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert, +daß ich Ihnen nicht beschwerlich fallen werde.«</p> + +<p>Dagegen gab es keinen Widerspruch. »Nicht einmal +eine Hand hab ich frei, um Ihre zu drücken,« sagte sie mit +ihrem gewinnenden Lachen. »Sie sind wirklich ein seltsamer +Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich +soviel Anhänglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.«</p> + +<p>»Ich kenne Sie besser als Sie glauben,« entgegnete +er und wurde rot. »Ich denke viel über Sie nach.«</p> + +<p>Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom +Bahngleise herüber. »Das ist Menasse,« sagte Maria, +»schön, daß er da ist.«</p> + +<p>Das Winken Menasses bedeutete, daß man sich sputen +<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>möge. »Guten Morgen, Herr General,« begrüßte ihn +Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so spät käme, +alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit +Unpünktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden. +Er hüpfte gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens +herum, der zwischen die Wagen eines Güterzugs +gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht verhängt; +drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war +bemüht, sich einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit +einem alten Herrn, der seine Koffer um sich herumgestellt +hatte; blies eine Dame an, die eine Auskunft von ihm +begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die Verwirrung; +warf eine Schachtel in den Korridor, riß im Eifer +seinen flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit +durch die Luft; betonte zehnmal in höchster Fistel, daß er +unbedingten Gehorsam erwarte, und daß er einfach die +Hände in den Schoß lege und alle ihrem Schicksal überlassen +werde, wenn man nicht Disziplin halte. »Wer ist +der hier?« fuhr er Maria grob an und deutete mit dem +Ellbogen auf Jefim Leontowitsch. Maria sagte gelassen +und mit einem treuherzigen Ausdruck ihrer kurzsichtigen +Augen: »Herr Menasse, ich würde mich glücklich schätzen, +wenn Sie nicht so schreien würden. Sie erreichen, bei mir +wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen +wir uns auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge +Mann gehört zu meiner Gesellschaft, ich bürge für sein +Wohlverhalten und für Ihre Auslagen; im übrigen: +seien wir Freunde, Herr Menasse.« Sie reichte ihm lächelnd +die Hand, in die er, einigermaßen verdutzt, die seine flüchtig +legte; dann schoß er davon.</p> + +<p>Um fünf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn +Uhr setzte sich der Zug in Bewegung; nach Westen, durch +<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>das Gebirge, gegen das Meer. Die Fahrt war nicht schneller +als mit einer Kutsche. Das Durcheinander ordnete sich +allmählich. Menasse wurde nicht müde, Ruhe zu gebieten. +Ein Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden +Kinder. Wenn der Zug hielt, stürzte er erregt ans Fenster, +lugte durch einen Spalt hinaus, alle schwiegen gespannt, +dennoch streckte er den Arm steif zurück wie ein Dirigent, +der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der +Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie +aus Tula; einen ungarischen Baron; +den Grafen und die Gräfin Duchorski aus Petersburg, +einen Bankdirektor aus Kiew, zwei ältere Damen, die im +Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde heiß. Wenn die +Kinder zu essen verlangten, ging es erst an ein langwieriges +Suchen unter den Gepäckstücken. Wenn Wanja die Brust +bekam, bildeten Litwina und Arina eine Mauer. Um +vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke. +Eine Zeitlang war Stille, dann hörte man Menasses Fistel +erbittert. Mitja kam und berichtete: »Es sind Männer +draußen, die befehlen, daß alle aussteigen müssen.« Die +Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt sich so. Der Zug +war von einer streifenden Bande, dreißig bis vierzig Leute, +zum Stehen gebracht worden. Der Anführer forderte +Menasses Papiere. Menasse weigerte sich tollkühn. Drohung +mit Gewalt machte ihn nicht gefügiger. Erst als jene +Hand an ihn legten, besann er sich. Er hatte sämtliche Pässe +bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem Führer +zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen +gestiegen und trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald +zeigte, wollten sie die bequeme Fahrgelegenheit für sich +haben. Die Überfallenen fügten sich widerspruchslos, +nur einige Frauen jammerten. Die Gräfin Duchorski +<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>stand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in +dem Haufen von Gepäck, der den blühenden Wiesenhang +bedeckte. Menasse redete leidenschaftlich auf den finster +blickenden Anführer der Bande ein. Der Mensch schüttelte +zu allem den Kopf. Den Salonwagen dürfe niemand +mehr betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug. +Um Gotteswillen, so solle man hier zurückbleiben, im +Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg? Ja, +das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden +habe. Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit. +Menasse, in einer Haltung wie Jago gegen Othello, +schmeichelte; umsonst; pochte, in einer Haltung wie Marquis +Posa gegen Philipp, doch immer krähend, auf menschliche +Gefühle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig +und mit kunstloser Würde. Ihre Argumente waren um +nichts zwingender als diejenigen Menasses, aber schon nach +den ersten Worten hörte ihr der Mann, dem Anschein nach +ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu, obgleich +er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse +Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters; +eine gewisse Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie +sagte: Du weißt doch; erinnere dich doch; so und so, es +wird doch darüber kein Mißverständnis zwischen uns +geben; ganz trocken alles, wie wenn sie über Mais oder +Kartoffeln redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist, +daß man tut, was sie gebietet. Der Mann hatte Respekt. +Sie erlangte, zusammen mit dem Geldangebot Menasses, +die Erlaubnis, daß sich die Flüchtlingsgesellschaft in zwei +leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte: +»Sie sind eine tüchtige Frau; <em class="antiqua">à la bonne heure,</em> das haben Sie +gut gemacht. Immerhin, bei dieser Art von Transport +werden wir nichts zu lachen haben.« Und er fing bereits +<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>wieder an, zu kommandieren. Nach einer Stunde waren +alle untergebracht, das Gepäck verstaut, die Türen der +Viehwägen verschlossen und von außen abgesperrt sowie +zur Sicherheit plombiert; der Zug rollte weiter.</p> + +<p>Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier +Nächte. Mit Maria eingepfercht waren siebenundzwanzig +Menschen, darunter zwölf Kinder; eingepfercht in einen +finstern Raum, in welchem es übel roch; hingekauert +auf mangelhafte Lagerstätten, Kranke und Alte; fast ohne +Schlaf die Nächte, ohne genügende Nahrung die Tage; +belästigt von widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst +und den andern zur Pein machten. Das Rattern der Räder +wurde mörderischer Lärm; das stundenlange Halten in +Stationen mörderische Stille; die auf das Dach des Kerkers +niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige, +die im Fieber lagen, stöhnten, und ein ungewohnter Laut +rief entsetzte Schreie hervor. Dicht an Maria gepreßt +lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder dem andern +bisweilen über das Gesicht, prüfend, ob sie schlummerten, +ob die Haut nicht heiß sei, dankbar für ihre Geduld und +Ruhe, zugleich in Sorge darüber. Oft sprach sie zu ihnen; +oft auch wandte sie sich an Jefim Leontowitsch; Wanja +hielt sie meist an der Brust, wusch das Gesichtchen und die +Hände mit kölnischem Wasser, tröstete Litwina, die an +Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anfälle +hatte, rief hie und da ein Wort, eine Frage über die Köpfe +der Leidensgefährten und stritt mit dem rechthaberischen +Menasse über die Nähe des Ziels, der kleinen Hafenstadt +am Schwarzen Meer.</p> + +<p>Endlich eines frühen Morgens, in einer Haltestation, +öffnete die mitleidige Hand eines Zugbediensteten die Tür. +Der hereinquellende Lufthauch war wie Neugeburt, das +<a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>Schauspiel, das sich bot, unerhört. Tief unten dehnte sich +die See, blau, als könne man tausend Jahre blauen +Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten üppig bewachsenen +Kuppen des Gebirges, Gärten, Weingelände, +Pinien, Bäume voll Orangen. Niemand redete; kein +Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie verdorrt; +das blühende Land, das Gestade, das schöne Meer +ließ sie schaudern. Die Tür blieb offen, vielleicht in der +Annahme, daß die Zone der Gefahr überschritten war; +aber einige Stationen vor der Stadt wurde Menasse +berichtet, daß diese seit zwei Tagen in den Händen der +Matrosen sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde +von Flüchtlingen als gefürchteter Name genannt.</p> + +<p>Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen +vermochte. Wieder außerhalb des Bahnhofs +verließen alle den Wagen und wurden nach Anbruch der +Dunkelheit möglichst heimlich in einen Gasthof am Rande +der Stadt geführt. Den Kranken konnte kein Beistand +geleistet werden; sie mußten zu Fuß gehen. In den +Straßen herrschte Tumult; vom Meer her tönten Schüsse.</p> + +<p>Der rechteckige Raum, in den sämtliche Zimmer des +Gasthofs mündeten, glich bald einem Koffermagazin. +Träger polterten die Treppe herauf und warfen immer neue +Gepäckstücke in den Wirrwarr. Arme griffen durcheinander; +jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren +auf eine Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein +Hündchen trippelte winselnd um Menschenfüße, die es +beschnupperte. Der Bankdirektor, an die Mauer gelehnt, +rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit +einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte +seinen Kneifer verloren und man sah seinen verzweifelt +verrenkten Körper wie zwischen Felsen auftauchen und +<a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>verschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal; die +Träger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen. +Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein +anderer hatte erfahren, ein deutsches Schiff kreuze auf dem +Meer draußen. Der Streit um die Zimmer, deren nur elf +zur Verfügung standen, wurde lärmend. Jefim Leontowitschs +Stimme rief von einer Schwelle her: »Maria +Jakowlewna, kommen Sie schnell; ich habe ein Zimmer +für Sie besetzt.« Da Maria keinen Durchgang fand, +kletterte sie über die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim +aufgepflanzt und fauchte: »Was fällt Ihnen ein, zu +schreien, Herr? Wenn Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen +stopfen den Mund. Wir sind gerannt dem Tiger direkt +in die Zähne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll +helfen, und da schreit er!« Maria sagte ruhig zu Jefim: +»Man müßte versuchen, unsere dreißig Kolli aus dem +Haufen herauszufischen!« Er nickte und sah besorgt +umher. »Wo sind die Kinder?« fragte er.</p> + +<p>Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit +hastigerem Schritt vor den beiden andern, von denen er +sich auch in Kleidung und Gehaben unterschied. Er trug +blendendweiße Leinenhosen und eine Jacke von elegantem +Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung +gebieterisch, und zwar in einer brutalen und lässigen Art. +Ihm zur Seite watschelte beflissen der Wirt, ein feister +Tartar mit einem Gesicht wie aus Butter. Der Matrose +stutzte beim Anblick des Gewühls und der Menge von +Koffern; es war in der spärlichen Beleuchtung zweier +Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild. +»Was sind das für Leute?« wandte er sich fragend an den +Wirt, »was geht hier vor?« Der Wirt suchte mit furchtsamen +Augen Menasse. Dieser zwängte sich heran und gab sich +<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>eine Miene der Autorität. »Woher? Wohin?« fragte der +Matrose barsch und verächtlich. Menasse stotterte. Der +Matrose unterbrach ihn: »Es kann natürlich keine Rede +davon sein, daß ihr eure Reise fortsetzt. Das Gepäck ist +beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verfügt.« +Ohne die mehr mimischen als artikulierten Einwände +Menasses zu beachten, wandte er sich wieder an den Wirt. +»Ein Zimmer für mich«; und als der Wirt ratlos den +fetten Körper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig: +»Ein Zimmer für Golowin; hast du nicht gehört, +du Schwein?« Vor Furcht seiner Stimme kaum mächtig, +erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien vergeben; Väterchen +könne sich ja selbst überzeugen; die vielen Menschen da; +er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die +Fenster seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingestürzt; +das Loch wage er Väterchen Igor Semjonowitsch nicht +anzubieten; nebenan bei Alexei Davidowitsch sei noch ein +Staatszimmer zu haben, prächtig, mit Teppichen, auf +Ehre, mit schönen Teppichen und Bilderchen an der Wand. +Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und +wäre froh gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin +antwortete barsch: »Kein langes Geschwätz, du schmutziger +Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht. Habe nicht +Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe +das Zimmer ist für mich. Punktum.« Und er deutete gegen +die Tür, auf deren Schwelle Maria stand. »Verzeihung,« +redete Maria ihn an, »es ist das letzte für mich und meine +Kinder übriggebliebene Zimmer. Wir sind sieben Menschen, +Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine +furchtbare Reise liegt hinter uns. Wäre es nicht billig und +großmütig, wenn Sie für diese Nacht mit der Dachkammer +vorlieb nähmen, da Sie sich schon nicht anderweitig umsehen +<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>wollen? Ich weiß nicht genau, zu wem ich spreche; +aber jedenfalls doch zu einem Mann.«</p> + +<p>Golowin schien überrascht. Er hob unmutig die Brauen. +»Die Suada ist von euresgleichen unzertrennlich,« murmelte +er. »Honig, um meinesgleichen die Kehle einzuschmieren, +habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete +Kuli braucht nur einmal die Fäuste zu zeigen, +so wird an seine Großmut appelliert. Es ist eine neue Weltordnung, +Madame. Wer sind Sie? worauf berufen Sie +sich?«</p> + +<p>Diese für einen Matrosen sehr ungewöhnliche Ausdrucksweise +überraschte nun wieder Maria. Sie bedurfte, um +sich einzustellen, ihrer ganzen Geistesgegenwart. »Ich +bin Maria Jakowlewna von Krüdener,« entgegnete sie +mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt, +der sich schützend neben sie gestellt hatte; »mein Mann, +Gutsbesitzer im Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier, +ist ins Ausland geflohen, und ich bin im Begriff, dasselbe +zu tun. Ich kann also Ihnen gegenüber keine Erwartungen, +sondern nur Befürchtungen hegen. Sie haben Recht, +die Not macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung +muß zunächst an Frauen und Kindern ausprobiert werden. +Litwina, Arina! wir ziehen in die Dachkammer.«</p> + +<p>Golowin schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Sie täuschen +sich, Madame,« sagte er und steckte beide Hände in die +Hosentaschen, »Sie täuschen sich. Ich bin unempfindlich +gegen die Künste des höheren Tons. Ob Dachkammer, +ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie +und Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht +aburteilen, und da Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht +offen zuzugeben, können Sie sich ja ungefähr denken, +was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen darin kurzen +<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>Prozeß zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel. +Bleiben Sie also immerhin in der Beletage, +wenn Sie Wert darauf legen; auch die andern Herrschaften +will ich nicht weiter stören. Niemand wird natürlich das +Haus verlassen; im übrigen ist Ihnen jede Freiheit unverwehrt +bis morgen.« Dies sprach er ironisch gegen den Kreis +erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt +hatte. Menasse machte Schwimmbewegungen mit den +Armen, um sich die Herzudrängenden vom Leibe zu halten +und sich in seiner Bedeutsamkeit gewissermaßen zu isolieren; +er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm +zu verstehen geben, daß das letzte Wort in dieser Angelegenheit +noch zwischen ihnen beiden gewechselt werden +müsse und er zuversichtlich auf eine Einigung rechne. +Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte, +fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: »Hübscher +Junge; schade um ihn; er wird Mühe haben, sich mit +alldem zu befreunden. Du sollst später einer der Unsern +werden, mein Junge, was?« Zum erstenmal überlief +Maria ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der +stolzen Entrüstung des Achtjährigen, den Heldengefühle +beseelen, erwiderte: »Niemals, ich werde immer auf +Papas Seite sein.« Golowin lachte. »Gute Zucht, +Madame,« sagte er und sah Maria an. »Gute Zucht und +gutes Blut,« antwortete sie. Er verbeugte sich spöttisch, +ohne den Blick von ihr zu lassen, einen scharfen, grausamen, +unaufhaltsamen Blick, der kalt prüfte und mehr und mehr +einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick +eine Weile aus, und erst als sie der Verwunderung der +Zuschauer inne wurde, glitt ihr Auge zu Boden. Golowin +wurde von seinen Begleitern angerufen und wandte sich +zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen aufgetaucht, +<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>die einen sich sträubenden Menschen zwischen sich +schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion +denunziert worden war; man wollte bemerkt haben, +daß er von einem Fenster der Küche aus Signale gegeben +hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den +Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen +Befehl zu, und sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt, +zu dem der Koch in seiner Angst flüchten gewollt und den +er mit Gebärden anflehte, erhob jammernden Einspruch, +der ungehört verhallte. Menasse hatte indessen mit dem +Grafen Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und +näherte sich nun Golowin. Er zupfte ihn am Ärmel +und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an, ohne +sich durch die finstere Geringschätzung des andern irremachen +zu lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins, +statt ihn bedenklich zu stimmen, erhöhte seinen Mut. +Das ihm geläufige Schema auch hier als praktisch betrachtend, +nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt +für Verhandlungen dienen könne. Da legte ihm Golowin +die Hand auf die Schulter und sagte zu dem ihm zunächst +stehenden Matrosen: »Was meinst du, Maxim Maximowitsch, +was das komische Insekt da will? Er will mich +kaufen? Möchtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert +bin? Vielleicht gefriert ihm die geschwätzige Zunge, +wenn er meinen Preis erfährt.« Menasse gab Zeichen +äußerster Bestürzung von sich. Das war neu; ein Faktum, +das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend +die Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen, +blieb aber vor der Treppe unschlüssig stehen.</p> + +<p>All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten +Vorgänge hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen. +Sie trat ins Zimmer, wo Jewgenia und Arina +<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>die Lagerstätten für die Kinder bereiteten. Litwina trug +das Handgepäck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und +nahm den ungebärdig schreienden Wanja an die Brust. +Mitja stand vor ihr, der Anerkennung bedürftig, denn es +waren Zweifel in ihm, ob er sich gut benommen habe. +»Du warst lieb und tapfer, mein Sohn«, sagte sie, worauf +er sogleich das Gespräch ablenkte und sich erkundigte, +wo Jefim die Nacht verbringen solle. Jefim schnitt für +Fedja und Aljoscha Brot ab und winkte Mitja, daß er +schweige. Maria antwortete nicht. Sie war zerstreut. +Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins +in Anspruch genommen. Seine Manier, seine Geste, +seine stechenden, bald farblosen, bald metallisch glitzernden +Augen, die hagere rasche Gestalt, der dünne rasche Mund mit +kleinen, dichten weißen Zähnen, die rasche Rede, die Stimme, +die mit befremdlicher Virtuosität durch alle Register lief, +es wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und +das Ganze nicht. Plötzlich ging die Tür auf, und er trat ein.</p> + +<p>Kälte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja +hörte auf zu trinken, als sei die Milch versiegt und zappelte +erbost. Sie schob das Tuch, sich vor Blicken zu schützen, +bis an den Hals und sah Golowin fragend an.</p> + +<p>»Ich wünsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna,« sagte +er förmlich, »einige Worte unter vier Augen zu sprechen.«</p> + +<p>Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um. +Da er schwieg und wartete, drehte sie den Kopf mit stummem +Geheiß zu Jewgenia, die Arina und Litwina zunickte. +Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei Knaben zu +sich. Alle verließen das Zimmer. Marias Blick behielt +den fragenden Ausdruck.</p> + +<p>Golowin sagte: »Ihr jüdischer Mittelsmann hat mich +für eine Art Straßenräuber gehalten, dem man Lösegeld +<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>anbietet. Ich vermute, Sie wissen davon. Wäre er weniger +lächerlich, so hätte ich ihn heute noch ans Wirtshausschild +hängen lassen.«</p> + +<p>»Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich weiß nicht, +was er unternommen hat,« erwiderte Maria kühl.</p> + +<p>»Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar. +Die Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist +es freilich, den ahnungslosen Hebräer ins Treffen zu schicken. +Sie hätten es verhindern müssen. Haben Sie mich so +schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf? Warum +haben Sie selber denn die Gelegenheit versäumt, das +Terrain zu sondieren? Ich hatte es erwartet. Daß ich +statt dessen zu Ihnen kommen muß, gibt kein Plus in +Ihrer Rechnung.«</p> + +<p>Maria überlegte erregt: wohin zielt das alles?</p> + +<p>Er ging ein paarmal auf und ab, Hände in den Hosentaschen. +Seine Stimme wurde glatter und heller, als er +fortfuhr: »Bin vor der Treppe gestanden und habe gegrübelt: +was ist das für ein Gesicht? was ist das für eine +Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu, +daß du es nicht kennst? Na, da beschloß ich, Avancen zu +machen. Es freut Sie nicht, wie? Ich bin mir natürlich +bewußt, daß meine Person eben das repräsentiert, was Sie +mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da. +Komme trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach +Waffenstillstand aussieht.«</p> + +<p>»Was ist es für ein Vorschlag?« fragte Maria unbefangen.</p> + +<p>Sein rotes, muskulöses, von Wettern gegerbtes Gesicht +zeigte Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes +Tempo gestimmt war, entfachte die langsame +Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er stieß die Worte +<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>hervor, die einen Klang von Brutalität hatten: »Ich habe +mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begnügt; +ich denke, Sie werden mich dafür entschädigen.«</p> + +<p>»Entschädigen? in welcher Weise? was meinen Sie +damit?«</p> + +<p>»Ich meine, daß Sie mich da oben besuchen sollen.«</p> + +<p>»Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.«</p> + +<p>Er verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich meine, daß Sie +mir heute nacht die Ehre Ihres Besuchs erweisen,« wiederholte +er in bösem Ton.</p> + +<p>Maria lächelte belustigt.</p> + +<p>»Es liegt mir daran,« fuhr er fort und streckte das Kinn +vor; »es liegt mir viel daran, ich werde Ihnen schon erklären, +warum. Ich habe mirs in den Kopf gesetzt, und +mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den Kopf +gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht +erst.«</p> + +<p>Maria lächelte. In dieses Lächeln gehüllt, war sie von +oben bis unten Dame. »Sie überschätzen mein Interesse +an fremden Zwangsideen,« sagte sie leicht; »ich will es +durchaus nicht versuchen.«</p> + +<p>Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze. +»Bleibt es bei der Antwort?« fragte er mit unerwartetem +Ausdruck von Neugier.</p> + +<p>Sie nickte. Wanja begann zu weinen. »Geben Sie doch +den Balg weg,« herrschte er sie an, »er stört mich.« Maria +klopfte Wanja den Rücken, und er wurde still. Golowin +sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig unter Wanjas +Kissen.</p> + +<p>Nach einer Pause fing er an: »Gut, stellen wir uns auf +den Boden der gesellschaftlichen Form. Was haben Sie +zu fürchten?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>»Nur meine Meinung von mir selbst.«</p> + +<p>»Sonst nichts?«</p> + +<p>»Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben, +deren ich mich später vielleicht zu schämen hätte. Wie sie +auch verläuft, ich müßte sie vor einem rechtfertigen, der +Rechenschaft von mir verlangen darf.«</p> + +<p>»Unsinn,« murrte Golowin; »das klingt ja so als wollte +ich die Geschichte von <em class="antiqua">boule de suif</em> mit Ihnen aufführen. +Knallerbsen werf ich nicht. Bin nicht lustig genug dazu.« +Er bemerkte ihr aufblitzendes Erstaunen über das literarische +Zitat, ging aber mit einer Grimasse darüber hinweg. +»Ihre Bedenken sind schwächlich,« sagte er; »außerdem +nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der +Ihnen Schlupflöcher nach allen Seiten läßt. Ich verhandle +mit Ihnen über Ihr Schicksal und das Ihrer +Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zurück, +so ist es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren +Sie nur, was ein vernünftig erwägender Mensch riskieren +muß.«</p> + +<p>»Weshalb denn eine nächtliche Verhandlung in der +Dachkammer?« fragte Maria kopfschüttelnd. »Nennen Sie +Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen sagen, ob sie annehmbar +sind.«</p> + +<p>Er lachte. »Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem +Plan,« erwiderte er spöttisch. »Da hätte ich mich ja +ebensogut mit dem eifrigen Israeliten aufs Feilschen einlassen +können. Aber das liegt nicht im Plan. Der Preis, +von dem hier die Rede ist, kann nicht mit Münze bezahlt +werden. Chance ist Chance, Madame. Es wäre ja geschmacklos, +wollte ich vor Ihnen den Attila mimen; aber +ich bin nun einmal der Diktator der Stadt, und alle die +Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem Behälter. +<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>So stehen die Dinge. Andrerseits weiß ich, daß eine +solche Affäre wie die zwischen uns beiden zart anzufassen +ist, und wenn Sie die Pression, die ich auf Sie ausübe, +unanständig finden, bin ich bereit, ein Versprechen zu +leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um Breite +eines Haares näherzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit +für wünschbar halten. An dieses Wort will ich mich +binden, dürfen Sie mich binden. Weigern Sie sich noch +immer, so haben Sie die Folgen selbst zu tragen.« Er +drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. »Ich +warte, Maria Jakowlewna,« sagte er; »von jetzt an in +einer Stunde werde ich auf Sie warten. Zögern Sie nicht +zu lange; die Nacht ist kurz.«</p> + +<p>Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die +Klinke in der Hand hielt, wandte er noch einmal das Gesicht +zurück und sagte, wieder mit gestrecktem Kinn: »Ich bin +ein waghalsiger Spieler, aber auch ein ehrlicher. Meine +Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf ziemlich +schwachen Füßen. Es ist möglich, daß ich morgen in aller +Frühe mit meinen Leuten werde abziehen müssen. Deutsche +Truppen sind gemeldet. Vielleicht haben wir dann gar +nicht mehr die Zeit, euch den Prozeß zu machen, und Sie +kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal +nach, was für ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt +so unvorsichtig aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es +lohnt sich.«</p> + +<p>Er verschwand.</p> + +<p>Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein. +Alle legten sich gleich hin und verzehrten nur ein paar +Bissen zum Nachtessen, halb schlafend schon. Jefim hatte +eine Liegestätte unter der Treppe gefunden. Auch Maria +warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte. +<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>Menasse bat noch um eine Unterredung. Er ließ sich nicht +abweisen. Er wollte erfahren, was sie mit Golowin +gesprochen habe. Auch die andern draußen seien aufs +äußerste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen gefallen, +als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen. +Maria fühlte sich erschöpft; sie vertröstete ihn auf den +nächsten Morgen. Er sagte, nur sie könne das Unheil +abwenden; Graf Duchorski lasse ihr seine unbegrenzte +Verehrung wissen; die Herren samt und sonders erwarteten +geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia drängte den +Schwatzhaften endlich über die Schwelle.</p> + +<p>Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug, +geschah es wie auf Befehl. Ihre Gedanken waren +im Nu gesammelt und klar. Der Raum war voll Mondlicht. +Sie sah auf die Uhr; es war halb zwölf, sie hatte +also drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete +ihr Haar, brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche +ein Spitzentuch und nahm es um die Schultern, +dann verließ sie auf Zehen das Zimmer. Sie stieg die enge +Holztreppe empor; der Treppe gegenüber war eine Tür. +Während sie überlegte, öffnete sich die Tür, und Golowin +stand vor ihr.</p> + +<p>Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein +Licht drinnen war, verharrte sie betroffen. Doch lag die +Kammer auf der Mondseite, und der Mond erzeugte solche +Helligkeit, daß jede Bodenritze und jedes Spinngewebe +erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel +breiter als die Fensteröffnung, nicht viel länger als die +eiserne Bettstelle. Außer dieser war nur noch ein Tisch und +ein Stuhl vorhanden. Die Wandbretter hatten zum Teil +ihre Befestigung verloren und hingen schief und morsch. +In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah über +<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>niedrige, mondglänzende Dächer bis zum Hafen hinaus, +dessen Fläche ebenfalls im Mond schimmerte.</p> + +<p>»Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anzünden, +obwohl nur noch ein Stümpchen da ist,« sagte +Golowin; »ich meinerseits ziehe die natürliche Beleuchtung +vor. Die ganze Zeit, während ich hier geduldig auf Sie +gewartet habe, hat es mich beschäftigt, mir Ihr Gesicht +im Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung, +nicht wahr? Ich bin sicher ein heimlicher Romantiker; +außen ein wenig ruppig, aber innen Romantiker, ganz +sicher.« Er lachte.</p> + +<p>Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne. +Er sagte: »Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist +höchstens für mich zum Balanzieren praktikabel. Ich muß +Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten; <em class="antiqua">I know, that’s +a funny misfortune,</em> aber alles ist nun einmal aufs Heikle +zugespitzt, wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung +nicht aufhalten. Bitte nehmen Sie Platz.«</p> + +<p>Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, spürte +daß sie errötete, fröstelte unter einem kühlen Luftzug vom +Fenster her, zog das Spitzentuch fester, schaute Golowin +schweigend an. Ihre großen dunklen Augen, denen die +Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh, +glänzten feucht. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie in +ihrer mutigen und offenen Art; »ich werde das Gefühl +nicht los, als ob Sie in einer Verkleidung steckten. Sind +Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind Sie?«</p> + +<p>Er hatte sich nachlässig auf die Tischkante gesetzt und die +Arme verschränkt. »Also <em class="antiqua">curriculum vitae</em>?« antwortete +er lachend. »Verkleidung? Nein. Ein bißchen buntscheckig, +ja. Oder zwiebelähnlich, mit vielen Schalen.« +Er räusperte sich und heftete den Blick ins Freie. »Ich +<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>sehe ein, daß es unartig wäre, Ihre Wißbegier nicht zu +befriedigen,« begann er; »ich will knapp sein wie ein +Lexikon. Geboren in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem +Einschlag im Blut; Mutter: Engländerin, Pastorentochter. +Alter: sechsunddreißig. Erzogen in der Kadettenschule. +Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. Müßig +herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der +Eltern völlig mittellos. Eines Tages die Kräfte zusammengerafft; +Elektrotechnik studiert; gehungert; nach Schweden +gegangen, nach Norwegen. Mich anheuern lassen auf einem +Walfischfänger; zwei Winter im grönländischen Eis verbracht. +Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden. +Nach Island gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizitätswerk +gebaut. Geheiratet; Tochter eines Rheeders; mit ihr +nach London gereist; höllisch betrogen worden von ihr; +kurzen Prozeß gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf, +bei Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer +Dampfwäscherei gearbeitet; auf einem Kohlendock in +Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei der <em class="antiqua">Illinois +railway company</em>; als Zeichner und Ingenieur in San +Franzisko. Große Affäre: die beiden Töchter eines Holzmagnaten +verführt; von gedungenen Strolchen beinah +erschlagen worden; sechs Monate Spital. Nach Paris +gegangen; Reporter für Newyork-Herald geworden; im +Jahre 12 nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen +beigetreten; im Jahre 14 Einberufung zur Marine; +Vertrauensmann der Besatzung geworden; den Umsturz +mitherbeigeführt, und nun,« er verbeugte sich bizarr, +»der Auszeichnung gewürdigt, meinem verehrten Gast +diesen Steckbrief überliefern zu dürfen.«</p> + +<p>»Viel in wenig Worten,« sagte Maria lächelnd.</p> + +<p>»Braucht es mehr? Die Ereignisse geben ja doch nicht +<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>den Inhalt. Fast jedes Leben, meines auch, ist eine unordentlich +gepackte Kiste, und wenn man sie ausräumt, +haben die meisten Dinge längst nicht mehr den Wert, +den sie beim Einpacken hatten. Ich bin kein Freund von +Ausräumen. Lieber noch ein paar Nägel in den Deckel.«</p> + +<p>»Sie laufen sich selber voraus, Sie laufen mit sich selber +um die Wette,« bemerkte Maria.</p> + +<p>»Ja, das sagen Sie so, ob Sie aber das richtige Bild +davon haben, möchte ich bezweifeln,« antwortete er. +»Eigentlich war kein Tag der Rast. So eine Stunde wie die +jetzige, wo man spricht und sich zurückbesinnt, hat es +eigentlich nie gegeben, denken Sie. Man war wie auf einem +Schiff, das mit vollen Segeln vorm Sturm rennt. Bö +auf Bö; da ein Leck, dort ein Leck; alle Mann an die +Pumpen; zuletzt immer ein verzweifelter Sprung von der +Takelage ins Rettungsboot. In so einem nüchternen +Taumel; in so einer betrunkenen Entschlossenheit; mit dem +Zittern bis in die Rippen; und niedergetrampelt wurde +jeder, der im Weg stand. Ja, so war es.«</p> + +<p>»Immerhin haben Sie ein Stück der Welt mit Appetit +verspeist,« sagte Maria und zeigte ihre herrlichen Zähne.</p> + +<p>»Das ist wahr,« erwiderte er und nickte. »Sie ist mir +nichts schuldig geblieben, die Welt, ich ihr auch nichts. +Ich habe sie kennen gelernt von unten bis oben, die brüchigen +Fundamente, die verfaulten Schanzwerke, die verrostete +Maschinerie, die rissige Verschalung, die schadhaften +Ankertaue, wie gesagt: vom Kiel bis in die Raaen. Und +was die Bemannung betrifft: kranke Gehirne, ein tollwütiges +Fieberwesen, eine bestialische Raserei der Untiefe +zu. Es war ein Riesenspaß, Maria Jakowlewna, eine +Labung fürs Gemüt. Es gab Zeiten, wo ich quietschvergnügt +gewissermaßen neben dem hochgespannten +<a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>Dampfkessel hockte und mir an den Fingern ausrechnen +konnte, wie lang es noch dauern würde, bis der ganze +pomphafte Plunder mit ungeheuerm Krach in die Luft +flog. Eigentlich waren das die schönsten Momente. Ich +habe etwas von einem Propheten in mir, oder wenigstens +von einem Diagnostiker. Das kam mir auch beim Dienst +auf dem Kriegsschiff zustatten. Einen schöneren Explosionsherd +konnte man sich im verwegensten Traum +nicht ausmalen; ein Faß Dynamit mit der Lunte am +Spund ist ein Spielzeug dagegen. Lehrreich, zu beobachten, +wie unwiderstehlich es die Mäuse zum Speck +in der Falle zieht. Ich hielt mich kunstvoll am Rande, +immer zwischen Beförderung und Disziplinarverfahren; +sie konnten mir nicht beikommen, auch nicht mit dem Köder +der Rangerhöhung; warum hätte ich den schnappen sollen? +Ich fühlte mich auf der Pulvertonne am richtigen Platz. +Ich vermochte meinen Leuten den Tag vorauszusagen, +an dem die Mine springen würde; und an genau dem Tag +haben wir den Kapitän, die Offiziere, die Maats und was +immer Epauletten und Sterne trug in die Feuerungslöcher +befördert; eine zu schnell funktionierende Hölle, +leider, wenn man bedenkt, was für eine lange Hölle sie +andern bereitet hatten.«</p> + +<p>Er sprach völlig ruhig, beinahe heiter, in einem flüssigen +Plauderton, wie von einer Sportleistung, auch mit der +dazu gehörigen halbironischen Prahlerei. Er zündete eine +Zigarette an, und beim Aufflammen des Streichholzes +erschien Maria sein Gesicht kindlich harmlos. Mit ruhenden +Händen im Schoß saß sie da und fand keine Worte.</p> + +<p>»Famos, wie ihre Hände sich im Mondlicht ausnehmen,« +sagte Golowin; »wie weißer Bernstein.«</p> + +<p>Sie fuhr zusammen. »Sie haben meine Gegenwart +<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>gewünscht, um mit mir zu verhandeln,« sagte sie mit +verzogener Stirn; »das war die Abmachung. Ich habe +mich Ihrer Laune gefügt, weil ich schließlich von Ihrer +Laune abhänge, und nicht nur ich allein. Kommen wir +also zur Sache.«</p> + +<p>»Es wundert mich, daß Sie damit solche Eile haben,« +antwortete er mit einem kichernden Ton. »Seien Sie +doch froh, wenn ich meine Zunge spazieren führe. Am +Zweck, den ich verfolge, sollte Ihnen wenig gelegen sein. +Oder sind Sie so naiv, daß Sie glauben, es gehe um die +Schale und nicht um die Nuß? Sind Sie wirklich da +heraufgekommen in der Meinung, wir würden eine unverfängliche +diplomatische Schachpartie spielen?«</p> + +<p>Maria, beunruhigt, stand auf. »Ich dachte, um Knallerbsen +zu werfen, seien Sie nicht lustig genug.«</p> + +<p>»Es muß ja nicht <em class="antiqua">boule de suif</em> sein,« entgegnete er +zynisch, »es kann ja, beispielsweise, auch Maß für Maß +sein. Das ist dann schon minder lustig. Es hängt meistens +von der Frau ab, ob es lustig ist oder nicht.«</p> + +<p>Maria sagte verletzt, und ihre dunkelsonore Stimme +bebte: »Es besteht keine Gemeinschaft zwischen uns. Sie +sind ein Liebhaber von Späßen, ich bin zu spaßen nicht +aufgelegt. Sie tanzen um einen Weltbrand einen Freudentanz; +so suchen Sie sich wenigstens nicht einen Partner +aus, dessen Lebensglück in den Trümmern liegt. Was ist +Ihre Absicht?«</p> + +<p>Er näherte sich rasch, die flachen Hände aufgehoben. +»Vor allem: nehmen Sie wieder Platz. Nicht diese Miene! +Zucken Sie nicht zurück, ich rühre Sie nicht an. Bei Gott, +ich rühre Sie nicht an. Ist Ihnen kalt? Wollen Sie +meinen Mantel haben? Nein, nein, bleiben Sie sitzen, +ich lasse ihn am Nagel; kann mir denken, daß Ihnen vor +<a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>solchem Mantel widert. Das bißchen Zimperlichkeit halt +ich zugut. Und nun merken Sie auf.«</p> + +<p>Er zog den dreibeinigen Stuhl heran, flink und plump +in den Bewegungen, und setzte sich auf den äußersten +Rand, um des Gleichgewichts sicher zu sein. Er legte die +Hände um seine Knie, beugte sich vor, streckte das Kinn. +Alles hatte eine gewisse Anmut, eine plumpe Geschmeidigkeit, +kraftvolle Zierlichkeit. »Seit zweieinhalb Jahren +habe ich nicht in das Gesicht einer Frau gesehen,« begann +er und lächelte knabenhaft; »habe ich nicht die Luft +geatmet, die um eine Frau ist, nicht die Bezauberung verspürt, +die davon ausgeht, wie eine Frau die Hände regt, +die Lider hebt und senkt, die Lippen öffnet und schließt. +Ich habe Kohlenrauch gerochen, Kohlenstaub in die Lungen +gepumpt und mit Salzluft mühsam wieder ausgespült, +die gräuliche Atmosphäre in Schlafsälen, den heißen +Ölgestank im Maschinenraum geschmeckt; ich habe Zähne +fletschen gesehen, Flüche murmeln gehört, allen Unrat +der Menschennatur sich über mich ausgießen lassen, die +eingequetschte, wimmernde, wütende, brüllende Qual +eines riesigen Kerkers mitgelebt, und ich bin hungrig. +Nicht in der Weise hungrig, wie Sie zu fürchten scheinen. +Man hat seine Erziehung, man hat seine Erfahrung, man +ist kein Geier. Nicht hungrig wie einer, der aus Mangel +an Nahrung krepiert, an Nahrung überhaupt. Wenns +weiter nichts wäre! Der Tisch für die andern ist reichlich +gedeckt. Ich bin hungrig wie ein Mann, den eine Fiebererscheinung +in Trance versetzt hat. Wir hatten mal in +Boston eine spiritistische Sitzung. Es kam, im blauen +Licht, ein weibliches Gespenst herein. Sah ungefähr aus +wie Sie, Maria Jakowlewna; wunderbar sehen Sie aus, +wie Sie da sitzen und mir zuhören. Na, ich ging entschlossen +<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>auf das Gespenst los, ohne mich um die hysterischen Entsetzenskrämpfe +der verzückten Gesellschaft zu kümmern, +griff mit Armen darnach, und siehe da, es war ein warmer, +weicher Menschenleib. Ich entsinne mich, es war ein unvergeßliches +Wohlsein in mir, als ich den warmen, weichen +Weiberleib hatte. Der Gespensterunfug nahm gar nichts +weg von dem Wohlsein, im Gegenteil, es war so diabolisch +verboten, daß es mir göttlich behagte. Man muß nur mit +Armen zugreifen, wenn es um einen gespenstert. Und es +gespenstert schon lange um mich.«</p> + +<p>Er lächelte abermals; strich mit der Hand über die +dünnen, schlichtliegenden Haare; sah alt aus, verbraucht, +zerwühlt, plötzlich wieder straff, elastisch, jugendlich und +fuhr nach einigem Besinnen fort: »Sprechen wir ein wenig +von der Fieber-Erscheinung und davon, wie sie entstanden +ist. Denken Sie sich also hunderte von Männern, primitiven +Männern, denken Sie sie monatelang an einem und +demselben Ort; hunderte, doch in ihrer Gesamtheit absolut +einsam auf dem Ozean; durch die militärische Knute in +Atem gehalten, durch harten Dienst niedergezwungen; in +ihren Trieben und Instinkten vollständig geknebelt. Überlegen +Sie sich einen Augenblick, was daraus erwächst. +Ich bin ein Mensch, der das Grauen nicht kennt und auch +den Ekel nicht. Ich nehme alles von der einfachsten Seite; +es ist da, also hat es da zu sein. Aber wenn man so buchstäblich +in den Miasmen watet, die aus den Seelen dunsten, +das reißt an den Nerven. Es gibt bei Männern einen +Zustand der Entbehrung, der stillen, stumpfen, folternden +Begierde, der macht alles zu Gift und Brand in ihnen. +Gefehlt, wollte man meinen, daß die aufreibende Arbeit, +die körperliche Erschöpfung dem entgegenwirkt; die vergiften +und verbrennen nur noch mehr, bis das ganze +<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>Individuum ein von tobsüchtigen Bordellbildern geschütteltes +Ding ist mit zwei Existenzen, jede tierisch genug: +die wirkliche, graue, trostlose und die in der Bruthitze der +Erinnerungen und der Wünsche. Ich habe nie an die friedlichen +Robinsons geglaubt; ist so ein Bursche gesund und +ein ehrliches Mannsbild mit seinem Geschlecht im Leibe, +so muß er ja komplett verrückt werden. Oder es stirbt +ein Stück Leben in ihm ab. Ich trete zum Beispiel in einen +Schlafraum und sehe mir die Schläfer einzeln an. Da ist +einer, liegt in Schweiß gebadet, mit dicht aneinander +gerückten Falten auf der Stirn. Jede von den Falten ist +eine mit Ausschweifungen gefüllte Grube. Er hält sich +schadlos, der Kerl; er dichtet; er lebt sich aus in seinem +lasterhaften Schlaf; kein Hirn eines abgefeimten Erotikers +ist je auf solche Möglichkeiten verfallen. Ein anderer windet +sich wie in Krämpfen der Pubertät; er ist leichenblaß und +trinkt seine eigenen Lippen. Ein anderer sieht aus, als +klettre er an einer Felswand hinauf, angespannt wie ein +Seil, lüstern wie ein Affe. Sie keuchen, schlagen mit +gekrallten Fingern um sich, grinsen gierig, flüstern einen +Namen, umklammern etwas in der Luft, sind vollständig +aufgerissen, in einem Chaos glühender Visionen. Noch +ein Beispiel. Ich sitze unter ihnen; dienstfreier Abend; +man redet; sie werfen sich ihre Schlagworte zu; Anspielung +auf Anspielung; grobes Geschütz, daß einem die Ohren +sausen; eh mans recht weiß, ist der Siedepunkt erreicht: +die Augen kochen, die Zungen wirbeln, das kaum Ausdenkbare +wird gesagt, geschrieen, schamlos hingemalt, sie +wälzen sich in einer heißen Pfütze, übersteigern sich, neiden +einander das frechste Bild, den unflätigsten Ausdruck, +und man sieht dabei, wie es sie über alle Begriffe martert. +Und man beobachtet zwei, die sich einander mit verdeckten +<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>Blicken messen, Mann gegen Mann als wärs Mann +gegen Weib; stumm und irr faseln sie vom Fleisch und +von Lust; sie verstehen sich vortrefflich, die zwei in ihrer +Entzündung, und sie sind nicht die einzigen. Jag ich +Ihnen Schauder ein? Das ist nicht der Zweck. Ich tünche +bloß den schwarzen Untergrund für mein Lichtgewebe. +Hat man sich vollgesogen mit dem Irdischen der untersten +Abgründe, so werden die Himmelsgestalten so weiß und so +zart wie nur Lilien in Pestsümpfen. Man muß aber zu den +Seraphim entschlossen sein. Es muß einem gelingen, die +Poren gegen die Ansteckung zu verstopfen. Zu früh nachgeben, +das heiß ich ein Kalb im Mutterleib schlachten. +Ein Mönch ist unter Umständen ein geriebener Genüßling, +wenn er zum Feinschmecker von Illusionen wird. Vielleicht +war der heilige Antonius der größte Liebeskünstler der +Welt. Ein brennenderes Aphrodisiakum kann ich mir nicht +vorstellen als die Qualen von freiwillig Enthaltsamen. +Das geht über ein Fest auf dem Blocksberg. Aber ich bin +kein Voyeur, durchaus nicht. Ich bin nur für kluge Steigerung, +überhaupt für Steigerung. Dort in dem Satanskessel, +auf dem Schiff, hab ich mein Verlangen gezüchtet; +habe es sorgsam gepflegt, wie man ein Tier mästet, das +eine delikate Mahlzeit zu werden verspricht. Und wonach +hat mich eigentlich verlangt? Schwer zu sagen. Nach +einer bestimmten Glätte der Haut; nach einer bestimmten +Rundung der Fessel; einer bestimmten Modellierung des +Handgelenks; einer bestimmten Transparenz der Äderung +an den Schläfen; einem bestimmten Gang und Schritt und +Blick. Ist das etwas? Umschreibt das etwas? Es ist eine +Angelegenheit des Geruchs, des Spürsinns, der Epidermis, +der Nerven-Elektrizität. Deutlicher: ich will eine Ebenbürtige +haben, eine sinnlich Ebenbürtige. Kurz und gut, +<a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>Maria Jakowlewna, Sie sind es, die ich haben +will.«</p> + +<p>Marias Auge fiel auf einen Skorpion, der, von Fingerslänge, +an einem Brett ihr gegenüber unbeweglich hing, +zierlich in der Gliederung, zart umgrenzt, ohne Schatten, +wie eine japanische Zeichnung. Indem sie das Tier anschaute, +ward ihr leichter zumut; in einem losgelösten +Teil ihrer Seele freute sie sich am Zarten und Zierlichen +und vergaß das Giftige und Gefährliche; dieses wußte +sie ja nur, sie hatte es nie erfahren. Sie heftete den Blick +in Golowins Gesicht und sagte in zutraulichem Ton: +»Ist es nicht sonderbar? seit Sie das Wort ausgesprochen +haben, bin ich vollkommen ruhig. Es ist nun nichts Unbekanntes +mehr zwischen uns. Ich habe sogar ein Gefühl +von Sympathie für Sie. Das eine Wort, dieses vernunftlose, +rohe, gewalttätige Wort hat es bewirkt. Plötzlich +bin ich die unvergleichlich Stärkere von uns beiden.«</p> + +<p>»Verstehe nicht,« murmelte Golowin ziemlich außer +Fassung.</p> + +<p>»Sie sagen, Sie wollen mich haben,« fuhr Maria in +demselben zutraulichen Ton fort; »ich antworte Ihnen: +schön, hier bin ich; bitte.«</p> + +<p>Golowin starrte sie sprachlos an.</p> + +<p>Sie sagte heiter: »Kann man denn einen Menschen so +ohne weiters haben? so nach Gelüst und Gelegenheit? +wie man einen Apfel vom Baum holt, auch aus einem +fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach, +weil man Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist +sie sonst nichts als der Bissen? als die Beute? als das +Vergnügen einer Stunde? Wenn Sie dieser Ansicht sind, – +bitte.«</p> + +<p>Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mit +<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>abgewendetem Gesicht dort stehen. Der Mond beleuchtete +nur noch ein kleines Stück der Wand.</p> + +<p>»Meinen Sie im Ernst, Sie hätten mich dann gewonnen?« +fuhr Maria fort. »Vielleicht hätten Sie +mich zerstört, sicher beschimpft, unerhört erniedrigt, aber +gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren +Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Krüdener, und +nicht vielmehr eine seelenlose Hülse von mir? Ob man +lebendige Menschen in Feuerlöcher wirft oder sie zu Opfern +einer Zufallsbegegnung macht, läuft auf dasselbe hinaus. +Haben, was für ein gemeines Wort! was heißt denn +haben, wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen +ist, halb Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.«</p> + +<p>Golowin schwieg noch immer.</p> + +<p>»Die Rechnung ist für mich nicht sehr kompliziert,« +sagte Maria; »ich soll das Zahlungsmittel abgeben für die +Freiheit, wahrscheinlich auch für das Leben von etlichen +fünfzig Menschen, darunter meine Kinder und ich selbst. +Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir +offenbar nichts anders übrig, als in den elenden Kaufvertrag +zu willigen. Schön. Es ist nichts Besonderes, nichts +Erschütterndes im Vergleich mit den großen Ereignissen. +Es ist ein Schicksal, mit dem man sich abzufinden hat. +Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt. Aber soll +sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der +Sie gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir +leid. Es ist eine uralte und furchtbar gewöhnliche Weltordnung, +das.«</p> + +<p>Ohne sich vom Fenster zu rühren, antwortete Golowin +mit dumpfer Stimme: »Sie mißverstehen mich mit +Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie müssen als Weib +<a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>unrüttelbar fixiert sein, daß Sie Selbstverständlichkeiten +mit einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten. +Ich habe meine Augen im Kopf und meine Witterung in +der Nase. Kann sein, daß die Bussole da drin ein bißchen +an Richtung verloren hat; die Nadel schießt verzweifelt +nach links und rechts, als stünde sie überm magnetischen +Pol. Daß Sie um und um und bis in die letzte Faser +fixiert sind, habe ich trotzdem gespürt, und das war ja der +Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir entgegensteht. +Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir. +Dieses Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm +stellen. Aber ich rieche ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.«</p> + +<p>Durch Marias Körper lief ein Schrecken wie nie zuvor.</p> + +<p>Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: »Sie +reden von ihm mit jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen +wie er es gutheißt und befiehlt. Aber Sie würden jetzt +nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon gelungen +wäre, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft, +aber mich können Sie nicht wegdrängen, und er kann Ihnen +bald nicht mehr helfen, seine Arme werden lahm.«</p> + +<p>»Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch,« sagte +Maria.</p> + +<p>»Haben Sie mich für einen bübischen Schänder genommen, +für einen Dutzendhallunken? Ich kenne die +Wege, die zu den verborgenen Flammen führen. Wer sagt +Ihnen, daß ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten verzichten +will? auf die Entzückungen der Allmählichkeit? +auf die Überraschungen und kleinen süßen bittern Süßigkeiten, +die einen Leib mit einem Leib befreunden? Aber +vielleicht bin ich imstande, vielleicht maß ich mir an, +die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden +zu pressen, die von der Faulheit und dem Mangel an +<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>Schwung in so öde Länge gezogen wird, daß die Ermattung +und die Erfüllung nicht mehr Ähnlichkeit miteinander +haben wie ein Schiff, das vom Stapel läuft mit einem +Wrack auf einer Sandbank.«</p> + +<p>»Es ist möglich, daß Sie dazu imstande sind,« sagte +Maria, »aber Sie können nicht einen Stoff in einen andern +Stoff verwandeln, Sie können nicht das Gesetz eines +Lebens umstoßen.«</p> + +<p>Golowin lachte spöttisch. »Käme auf den Versuch an. +Es ist eine Frage der Magie.«</p> + +<p>Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo +er stand.</p> + +<p>»Sie sprechen von Zufallsbegegnung,« fuhr er fort. +»Ich meinerseits glaube nicht an solchen Zufall. Sind +Sie so fest davon überzeugt, daß Sie bloß eine Verkettung +unbestimmbarer Umstände in diese Stadt, in dieses Haus +gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein +Beschluß? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir +hätten auch zufällig auf eine entlegene Insel verschlagen +werden können, um wieder von Robinsonaden zu reden. +Wieviel Tage hätten Sie sich Frist gegeben bis zur Hochzeit? +Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang hätte, +einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann +gegenüber, Ihr Blut geschwiegen, falls ich sogar aus +Schlauheit oder Berechnung unterlassen hätte, es zu +schüren? Würden Sie einen Triumph darin erblicken, eines +Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige +zu bleiben? Treue; was ist Treue? Eine Übereinkunft, +durch die man Entbehrungen legitimiert, die Machtprobe +eines Besitzenden, das Gitter gegen den Einbruch der Ausgestoßenen, +ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte +Hand.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>»Ich weiß mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen,« +antwortete Maria; »es hängt doch alles davon +ab, ob der Funke, den man schlägt, Feuer gibt oder nicht.«</p> + +<p>»Gewiß,« pflichtete Golowin bei und näherte sich +wieder; er trat in den dunkelgewordenen Teil des Raums +und lehnte sich an die Bretterwand; »gewiß. Wir in +unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt. +Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, drüben in +Übersee. Das sind Leute, die sich auf die Methoden verstehen. +Es ist eine ererbte Kunst, von Jahrtausenden her. +Sie lächeln über unsere Finten und Schliche, sie machen +sich lustig über unsere Vierschrötigkeit und Dickhäutigkeit, +sie zucken die Achseln über das, was wir unglückliche Liebe +nennen. So wie man dort im Osten ein ausgebildetes +System hat, das den Schwächsten befähigt, einen Athleten +zu bändigen und auf die Knie zu bringen, verleiht eine +langwirkende Überlieferung dem mit Erkenntnis Begabten +die Macht, auch in das widerspenstigste Material körperliche +Liebe zu pflanzen. Körperliche Liebe, also Liebe überhaupt, +wenn man absieht von der europäischen Unzucht, die Dinge +der Natur ins Blümerante und Schöngeistige zu verdrehn. +Erinnern Sie sich an die berühmte Skandalgeschichte von +der Entführung der Miß Holywood in Neuyork? Sie war +eine Schönheit ersten Ranges, umworben von der männlichen +Blüte des Landes, unnahbar, von makellosem Ruf. +Eines Tages war sie verschwunden; spurlos, rätselhaft. +Man setzt für ihre Auffindung Prämien von schwindelnder +Höhe aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am +Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt +in einem der schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt. +Man verhaftet eine Anzahl Chinesen, der eigentlich Schuldige +ist entwischt. Die junge Dame bringt man in das Haus +<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>ihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie steht +nicht Rede; sie kann sich dem früheren Leben nicht mehr +bequemen, sie leidet unter Ausbrüchen von Wut und +krankhafter Depression, die Ärzte vermögen nichts über sie, +die früheren Freunde nichts, und während man alle Hebel +zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine +Verbindung mit dem Entführer herzustellen; plötzlich +ist sie zum zweiten Mal verschwunden, und wie sie in einem +hinterlassenen Brief mitteilt, ist es ihr freiwilliger Entschluß +gewesen, zu dem Chinesen zurückzukehren. Die +amerikanische Gesellschaft war natürlich außer sich, denn +was gibt es in ihren Augen Verächtlicheres als einen +Chinaman? Mich beschäftigte die Sache ungemein. Da ich +keinerlei Kasten- und Rassendünkel kenne, scheute ich +mich nicht, meine chinesischen Beziehungen dahin auszunützen, +daß ich über den mysteriösen Fall, der durchaus +kein vereinzelter war, wie ich später erfuhr, verschiedene +Aufschlüsse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen +sind sehr zurückhaltend, außerdem behaupten sie, es gäbe +auf diesem Gebiet zwischen ihren und unsern Anschauungen +keine Verständigung. Es fehlen die Vokabeln schon, behaupten +sie. Aber das Glück wollte, daß ich auf einen +prachtvollen Lehrmeister stieß, einen Burschen so fein +wie Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. Hören +Sie auch zu? Ich sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie +werden nichts wissen wollen von dieser Weisheit und Feinheit, +die in ein Labyrinth führt. Und was fruchtet sie +mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth sträuben? +Es weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander +Ding als unsre Miniaturleidenschaften und gestatteten +Gefühle. Bei dieser Mischung von Gelehrsamkeit und +narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, daß der Mensch +<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>von der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden muß. +Wer von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der größte +Verbrecher nicht. Dostojewski; aber die Angst bleibt +auch bei ihm. Mein Chinese entwickelte unter anderm eine +ganze Philosophie der sinnlichen Beeinflussungen und +Übertragungen. Die Herrschaft über das lebendige Instrument +ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell, +aber unsere Frauen verlieren schon im ersten +Stadium die Widerstandskraft. Je höher gezüchtet eine ist, +je wehrloser ergibt sie sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis +einer solchen Frau gelesen; die erstaunlichste +Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und kühn. +Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors +in Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen +war. Sie sprach von dem Glück des Grauens, von +der Wonne der Verlöschung, und daß sie keine Gewissensbisse +darüber empfinde, die Seele, diesen lügenhaften +Frieden der Seele, hingegeben zu haben, für die Flammen, +die sie umprasselten und dem Augenblick des Todes den +der Auferstehung des Fleisches folgen ließen. Das klingt +wie Wahnwitz und ist in der Tat vielleicht eine Form der +Hysterie. Überdies soll sie vor ein paar Jahren in einer +Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener +rechter Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber +reizte mich, es mit der Praxis zu versuchen, und die Erfolge +waren nicht übel; die Schule bewährte sich. Freilich fehlte +das letzte Geheimnis; was hätte ich gegeben um das letzte +Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu seicht; +der europäische Mensch ist nicht eng genug; etwas Ähnliches +sagt schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte +die Probe bei vielen an. Die Wildesten wurden zahm; +wie Würmer so zahm wurden sie. So eigentümlich entseelt +<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>waren sie nach kurzer Zeit, als hätte man aus ihrem Gehirn +gewisse Bewußtseinskomplexe mit dem Messer entfernt. +Man wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein, +man umschlingt sie unbemerkt, die wunderbaren Körperchen, +bemächtigt sich ihrer, indem man den Sklaven macht, +den unhörbaren Schatten, das unentbehrliche andre Ich, +das verachtete und verstoßene Teil, die böse lockende +Chimäre. Und so zieht man das Menschlein an sich, bis +es nicht mehr entschlüpfen kann. Es gibt da Zärtlichkeiten +wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die Spitze jedes +Fingers, jede Stelle der Haut, die Höhle unter der Achsel, +das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Zärtlichkeit +dressiert, und dankt. Jedes Glied an dem geliebten +Leib dankt. Jedes ist hingeschmolzen in seine besondere +Lust, jedes erwacht für sich als wie ein jauchzendes williges +Tierchen, ein Flammentierchen und was man in Armen hält, +ist ein Wesen ohne Scham und Lüge, ohne Geist und ohne +Angst, unergründlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna,« +seine Stimme, die zuletzt ein Flüstern geworden +war, erhob sich und klang durch den Kontrast wie ein +Schreien, »wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz +packe, gehört es mir, so oder so. Lassen wir die Erzählungen, +die Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor +hunderttausend Jahren war. Ja, ich reiße Ihre Brust +auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr, keine +Gestalt, kein Gelöbnis, kein Bild, innen ist nur Liebe. +Ich will drin verbrennen und verdorren, wenn es sein muß, +aber geben Sie mir Liebe.«</p> + +<p>Der Mond war untergegangen. Es war völlig finster +geworden. Maria erhob sich, tastete sich zum Tisch und +griff nach der Kerze. Sie fand Zündhölzer daneben +und machte Licht. Besorgt sah sie, daß das Stümpchen +<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>nicht lange brennen würde. »Liebe,« murmelte sie, +»Liebe.«</p> + +<p>»Warum töten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen?« +fragte Golowin zu ihr hinüber.</p> + +<p>»Ich verscharre nur den Leichnam, getötet haben Sie +es,« antwortete sie ernst. »Ein Leben lang.«</p> + +<p>»Moral, flaue Moral,« sagte er achselzuckend; »der +Hieb ist zu matt, ich pariere ihn nicht.«</p> + +<p>Maria begann mit jener tiefen Stimme einer Märchenerzählerin, +die alles, was sie sagte, durch den bloßen Klang +versinnlichte: »Auf dem Gut hörte ich eine Geschichte +von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide +waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab +sich Petruschka auf die Wanderschaft und blieb viele Jahre +fort. Als er heimkehrte, brachte er einen Sack voll Gold +mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka gierig. +Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing +an, ein stolzes Schloß zu bauen. Nikituschka läßt sich +den Weg erklären, macht sich auf, kommt aber nach einer +Zeit müde zurück. Ich habe mich verirrt, sagt er. Da +begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen, +in den der Stollen führt und sagt: in den Stollen mußt +du hinunter und viele Jahre graben. Es dauert nicht +lange, da erscheint Nikituschka abermals unverrichteter +Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre unter +der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das +ist einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben, +sagt Petruschka, du siehst ja, daß ich mir da ein Schloß +baue; wovon soll ich die Bauleute entlohnen? Hilf +auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem Gold.«</p> + +<p>Sie schwieg.</p> + +<p>»Der Hieb ist nicht stärker geworden,« sagte Golowin +<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>lächelnd; »Petruschka hätte teilen sollen, als er mit dem +Gold zurückkam.«</p> + +<p>»Was hätte es Nikituschka genützt?« erwiderte Maria +mit Eifer; »er hätte seinen Anteil verschwendet und wäre +so arm gewesen wie zuvor.«</p> + +<p>»Besser zu verschwenden als mühselig zu graben,« +beharrte Golowin, noch immer lächelnd und sah sie aus den +Augenwinkeln an.</p> + +<p>»Der Verschwender ist ein Dieb,« sagte Maria; »man +muß im Stollen gewesen sein; man muß gegraben haben.«</p> + +<p>»Man muß, man muß,« spottete Golowin, und der +Blick aus den Augenwinkeln wurde funkelnd; »hab ich +etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?«</p> + +<p>»Nicht Gold gefördert, nicht Petruschkas Gold,« wehrte +Maria mit erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick +als seine Worte; »wenn Petruschka fragt: was hast du +im Stollen gemacht, so werden Sie ihm antworten müssen: +was dich kränkt, was dein Gemüt vergiftet, was dir Leiden +bereitet, dir und deinen Brüdern. Petruschka hat gebaut.«</p> + +<p>Golowin entgegnete nichts. Er drückte den Hinterkopf +an die Bretterwand, fuhr fort zu lächeln, fuhr fort, sie +aus den Augenwinkeln zu betrachten. Eine eigene Unruhe +bemächtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende und sie +allmählich ganz einhüllende seltsame Scham. Ihr wäre +am liebsten gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu +verschwinden. Es ging so weit, daß sie sich ärgerte und sich +innerlich Vorwürfe machte, die Kerze angezündet zu haben. +Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den Ohren +und im Nacken heiß; sie konnte sich diesen Zustand durchaus +nicht erklären. Plötzlich fragte er, ohne sich zu rühren, in +die Luft hinein: »Glauben Sie an das Ende?«</p> + +<p>»An welches Ende?«</p> + +<p><a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>»Nicht bloß an das Ende von Maria Krüdener und +Igor Golowin, das ist ja gewiß. An das Ende von Rußland +und Europa meine ich, an das Ende von Eisenbahn +und Telegraph, von Zeitungen und Büchern, von Kunst +und Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an +das Ende der Menschheit, an das Ende von allem. Glauben +Sie daran?«</p> + +<p>Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete +sie leise: »Ich glaube nicht daran. Ich glaube an das +ewige Leben.«</p> + +<p>»Glauben Sie an die Wiederkehr?« fragte Golowin, +und sein Lächeln verdämmerte in den Schatten, die der +flackernde Kerzenschein in sein Gesicht warf.</p> + +<p>»Was verstehen Sie unter Wiederkehr?«</p> + +<p>»Nichts kehrt wieder,« sprach er, ohne die Frage zu +beachten, »und doch schreit jeder Atemzug im Menschen +nach Wiederkehr. Nichts kann noch einmal sein, was +gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste Verlangen im +Menschen, daß es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist +das Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht +überwindet, ist man der Narr des Schicksals. Auch für +Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie wieder, was einmal +Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis +gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.«</p> + +<p>Mit geschlossenen Augen schüttelte Maria den Kopf +und sagte: »Ich weiß es so fest wie daß die Sonne aufgehn +wird: er kehrt wieder.«</p> + +<p>»Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gefühl; die +spricht aus Ihnen. Sie haben das Unglück gehabt, eine +glückliche Ehe zu finden, sonst wären Sie ein Weib gewesen, +mit dem man auf die Barrikaden gehen könnte. Schade, +wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenne +<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>erniedrigt wird. Alles was edel und flugkräftig an Ihnen +war, hat die Ehe in eine Kapsel gepreßt, und Sie wagen +sich nicht zu rühren aus Angst, das Gehäuse zu sprengen. +Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen angebracht, +Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen; +wozu Sie aber hätten steigen können, wenn +man Ihnen die Menschenfreiheit nicht geraubt hätte, +davor verschließen Sie sich. Frauen wie Sie müßten in +ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe +zerstört sie. Es ist als hätte man Sand in ein kostbares +Uhrwerk geschüttet. Wenn dann der große Feind kommt, +ist es zu spät. Der große Feind, der große Abrechnungskommissär, +der Unbestechliche.«</p> + +<p>Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer +Innigkeit, der Golowin betroffen machte.</p> + +<p>»Glauben Sie auch nicht an den großen Feind?« fragte +er verdeckten Tones.</p> + +<p>Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und +antwortete nicht.</p> + +<p>»Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht?« +fuhr er lauernd und seltsam spöttisch fort; »sicherlich. +Sie haben ja Phantasie. Ist er nicht einnehmend? berauschend? +verführerisch? Sieht er nicht aus wie ein echter +Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse? +nicht eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte +und Erforschte und Erlebte, eingedrungen aus Wollust? +Die Welt ist voll von ihm. Er fegt den angesammelten +Kehricht weg.«</p> + +<p>»Ja, die Welt ist voll von ihm,« sagte Maria; »er schreit +Gerechtigkeit – und mordet; er schwärmt von Bruderliebe +– und mordet; er trieft von Mitleid – und mordet; +er faselt von Fortschritt und Erneuerung – und mordet; +<a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>er küßt und umarmt – und mordet. Er kennt kein Erbarmen +in seiner – Liebe.« Sie blickte ihm noch immer +in die grün funkelnden Augen. Die Kerze verlosch zischend.</p> + +<p>Es entstand ein langes Schweigen. Maria fühlte +Schwäche in den Knien, ging zu der Bettstelle und ließ +sich auf die Kante nieder. Daß Golowin sich nicht rührte, +war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor +dem Fenster, die erste Ankündigung des Tages. Sie wagte +nicht hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer +geschnürt.</p> + +<p>Auf einmal kam seine Stimme: »Sie sind so reich, +daß Sie eine Nacht aus Ihrem Leben ausstreichen können. +Für Sie nicht gelebt, für mich hundertfach gelebt. Ich +spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es kann die nächste +sein. Ist es die nächste nicht, so wird es eine andre sein. +Ich kann warten.«</p> + +<p>Maria antwortete zwanghaft, als würde ihr die Rede +von einem unsichtbaren Dritten diktiert: »Es kann keine +sein.«</p> + +<p>Er sagte: »Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir +können uns vergleichen ohne Rücksicht auf die kriegführenden +Parteien. Es läge eine gewisse Größe darin. +Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht, das viele +andere überflüssig macht.«</p> + +<p>»Ich gehöre nicht mir. Kein Haar an mir ist mein +Eigentum,« entgegnete Maria.</p> + +<p>Er sagte: »Sie fühlen sehr genau die Feigheit in diesem +Argument. Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar +ist?«</p> + +<p>»Auf die Frage möchte ich lieber nicht antworten.«</p> + +<p>»Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht die +<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>Gegenwart, ist zwischen Ja und Nein kaum mehr zum +Besinnen Platz.«</p> + +<p>»Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit.« +Sie bedeckte die Augen mit der Hand.</p> + +<p>Er sagte: »Wenn Sie Ihre Lippen auf meine drückten, +könnt ich mir einbilden, ich sei wieder Knabe und finge +von vorn an. Wiederkehr, Wiederkehr. Fürchten Sie +nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle. Ich will +ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch können Sie +mir nicht verwehren zu träumen. Ich träume, daß ich +Ihre Hand halte. Daß ich sie nur mit meinen Fingerspitzen +streife. Sie vergessen, daß Sie Mutter, Gattin, Dame, +Herrin sind, alle diese verruchten Würden einer überlebten +Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin +eingeschlossen, daran geklammert meine, mit Blut, Hirn, +Trieb, Seele. Was können Sie dagegen tun? Still, +wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein, +und du öffnest dich wie ein Kelch ...«</p> + +<p>Maria hörte zu, außen und innen Eis, doch von etwas +Lauem durchflutet, das betäubte. Er hatte sie nicht angerührt, +trotzdem fühlte sie ihre Hand wie in einem Schraubstock. +Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das Blut +wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte +zu sprechen und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt. +Mitjas ernste Augen blickten sie an. Ihr Körper war ihr +fremd, und sie fürchtete ihn. Das Bild einer Uhr erschien +ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht weiterrücken +wollten. Sie schaute gegen das Fenster. »Es wird Tag,« +murmelte sie. Von der Straße schallten eilige Schritte +herauf. Gut, daß die Menschen erwachen, fuhr es ihr +durch den Kopf.</p> + +<p>Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhr +<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>Golowin fort: »Ja, es wird Tag. Schluß des ersten +Aktes. Vorhang. Die Länge der Zwischenpause ist nicht +bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich +meiner in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht +brechen, die ich über Sie erlangt habe? Sie werden sich in +Pflichten stürzen, Sie werden Aufgaben zu lösen trachten, +Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das Eingestürzte +aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde +immer ich sein, da nützt kein Sträuben und kein Tun.«</p> + +<p>Sie konnte jetzt in der Dämmerung sein Gesicht wahrnehmen. +Es glich einem fleckig grauen Tuch. Sie fand +keine Widerrede. Inmitten ihrer bedrückten Versunkenheit +wunderte sie sich über seine Haltung, die etwas Lockeres, +beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte plötzlich ein +langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf +wie ein Wachthund. Er trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife +heraus und erwiderte das Signal. Gleich darauf +hörte man von der Richtung des Meeres her Geschützdonner.</p> + +<p>»Gut,« sagte Golowin, »man schnallt das eiserne +Stirnband wieder um.« Er nahm den Mantel vom Haken +und warf ihn über die Schulter. »Ihre Straße ist frei, +Maria Jakowlewna,« fügte er mit einer Verbeugung +hinzu.</p> + +<p>Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr.</p> + +<p>»Zwei Worte noch,« sagte er, an der Tür stehen bleibend; +»das eine: prägen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren +Stern darum, daß unsere Wege sich nie mehr kreuzen.«</p> + +<p>»Nein; unsere Wege dürfen sich nie mehr kreuzen,« +erwiderte sie.</p> + +<p>»Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das +Sie den Frieden Ihrer Seele wieder gewinnen können, +<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>außer es kommt noch einmal zur Entscheidung zwischen +uns. Und das steht dahin.«</p> + +<p>Maria lauschte seinen starken Schritten nach, als er +gegangen war. Sie drückte die flachen Hände gegen die +Brust und hob das Gesicht, das bleich war, mit fromm-erschlossener +Miene zur Höhe.</p> + +<p>Als sie in das untere Stockwerk kam, waren alle bereits +auf den Beinen und rüsteten sich zu neuer Reise. In der +Freude über den Abzug der Matrosen achtete man ihrer +gar nicht. Menasse unterhandelte bereits mit einem +Schiffer, der eine Barke zur Überfahrt zu vermieten hatte. +Sie aber fühlte die Wahrheit der Worte Golowins: die +Straße war frei, aber das Ziel des Wegs war unkenntlich +verdunkelt.</p> + +<p><a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a></p> + + + + +<h2><a name="Lukardis" id="Lukardis"></a>Lukardis</h2> + + +<!-- <p><a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a></p> +<p class="newchapter">Im Verlauf der schleichenden Revolution, von der das +russische Reich während des vorletzten Jahrzehnts heimgesucht +war, kam es eines Tages zu einem Straßenkampf in Moskau. +Den unmittelbaren Anlaß hatte die Verschickung von +fünfunddreißig Studenten und Studentinnen gegeben, +die das Jubiläum eines verehrten Lehrers, welcher der +Polizei verdächtig geworden war, in überschwenglicher +Weise gefeiert und die Feier durch heimliche Zusammenkünfte +vorbereitet hatten. Einige der angesehensten +Familien der Stadt wurden durch die grausame Maßregel +betroffen, und die Trauer und Entrüstung so vieler bis +dahin ruhiger Bürger erregte eine gefährlichere Stimmung +als es die Aufwiegelung der politisch Tätigen vermocht +hätte.</p> + +<p>Unter den mit tückischer Eile Deportierten befand sich +auch ein junges Mädchen namens Anna Pawlowna +Nadinsky. Es lebte in Moskau ein Bruder von ihr, Eugen, +oder wie es im Russischen heißt, Jewgen Pawlowitsch, +Offizier bei einem Dragonerregiment, ein schöner stolzer +Mensch von dreiundzwanzig Jahren, dem man eine rühmliche +Laufbahn vorhersagte. Eugen Pawlowitsch Nadinsky +<a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>liebte seine Schwester, sie war die vertraute Freundin +in allen Angelegenheiten seines Lebens gewesen. Als er +sie nun verloren sah, für sich wie für die Welt verloren, +der Erniedrigung und den Entbehrungen preisgegeben, +welche der jahrelange Aufenthalt in Sibirien mit sich +bringen mußte, war sein Schmerz so groß, das Gerechtigkeitsgefühl +in ihm so tief beleidigt, daß die Fundamente +seines Daseins wankten, und er eine Ordnung nicht mehr +anerkennen wollte, der er sich bis zu dieser Stunde bereitwillig +gefügt hatte. Es geschah fast von selbst und zu +seinem eigenen Erstaunen, daß er, als das Regiment wenige +Tage nach jenem Gewaltstreich der Polizei zur Beschwichtigung +der in der Stadt ausgebrochenen Revolte unter die +Waffen treten und in die Straßen reiten mußte, plötzlich +die Spitze des von ihm geführten Zuges verließ, von seinem +Pferd sprang und gegen eine aus Pflastersteinen, Balken, +Karren, Körben und allerlei Hausrat zusammengesetzte +Barrikade eilte, wobei er den Verteidigern lebhafte Zeichen +gab, welche sie nicht mißverstehen konnten, zumal ja +Überläufer aus den Reihen der Soldateska, auch während +des Kampfes, nicht selten waren. Kaum aber war Nadinsky +auf der Höhe der Barrikade angelangt, die er übersteigen +wollte, um sich gegen die wahren Feinde seines Vaterlands +zu wenden, als ihn aus den Dutzenden wider ihn gerichteten +Gewehren der Dragoner zwei Schüsse trafen. Von der +andern Seite der Barrikade streckten sich ihm Hände entgegen, +Augen strahlten ihn begeistert an, es war wie ein +Dank und stillte die letzten Zweifel, die ihn noch beunruhigen +mochten; auch sein Name wurde gerufen; einige kannten +ihn also, und der Jubel in ihren Stimmen belohnte ihn +noch in dem Gefühl der Todesschwäche. Er kehrte sich um, +zog den Revolver aus dem Gürtel und feuerte gegen die +<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>Anstürmenden, denen sein empörtes Herz die Kameradschaft +gekündigt hatte, dann stürzte er auf die Brust, +und die Finger seiner rechten Hand krampften sich in das +Strohgeflecht eines zwischen Bretter geklemmten Stuhls.</p> + +<p>Sogleich ergriffen ihn zwei junge Leute und trugen den +Bewußtlosen auf die steinerne Treppe eines Haustors. +In großer Eile öffneten sie Nadinskys Rock und Hemd, +rissen Streifen aus dem Hemd, verbanden die Wunden, +die stark bluteten, und sahen sich dann hilfesuchend um. +Da erblickten sie den Wagen eines Grünzeughändlers; +der Besitzer war verschwunden; das magere kleine Pferd +stand an der Deichsel wie gefroren. Rasch entschlossen +betteten sie den Offizier mitten in Gemüse und Salat +und deckten ihn mit Blättern zu. Der eine von ihnen kehrte +zum Kampfplatz zurück, der andere nahm das Roß beim +Zügel und führte es die Straße hinunter, dann durch +mehrere Nebenstraßen, schließlich auf einen freien Platz, +wo die Universitätsklinik war. Er fuhr in das geräumige +Tor und ging in das Zimmer eines Assistenten, der alsbald +Auftrag gab, den Verwundeten in einen der Krankensäle +zu schaffen. Die Verletzungen waren schwer. Eine Kugel +hatte zwar nur den Hals gestreift, die andere jedoch hatte +unterhalb des Schulterblattes die Lunge getroffen, steckte +noch im Körper und mußte durch eine Operation herausgenommen +werden. Erst am dritten Tage erwachte +Nadinsky aus fieberhafter Ohnmacht und wußte lange +Zeit nicht, wo er sich befand und was mit ihm geschehen +war.</p> + +<p>Nun hatte aber die Polizei durch einen ihrer zahlreichen +Spione in Erfahrung gebracht, wo sich der junge Offizier +befand, von dessen Desertion ganz Moskau sprach. Es +erschien ein Isprawnik in der Klinik, um den todkranken +<a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>Mann zu verhaften. Er wurde an Nadinskys Lager geführt +und trotzdem er sich von der Gefährlichkeit seines Zustandes +überzeugen konnte, beharrte er auf seinem Verlangen +und pochte auf den schriftlichen Befehl. Indes der Assistenzarzt +noch mit ihm zu unterhandeln versuchte, trat der +Professor hinzu, warf einen schnellen Blick auf Nadinskys +apathisches Gesicht, in welchem ein Zug von Knabenhaftigkeit +Sympathie und Rührung erweckte und sagte: +»Wenn man ihn jetzt von hier wegbringt, wird er in der +ersten Viertelstunde sterben. Es ist vorteilhafter für die +Polizei, zu warten.« Der Isprawnik wurde unschlüssig. +Er war noch Neuling und wenig verhärtet; überdies hatte +er in der Fülle der ihm obliegenden Geschäfte und Aufträge +den Kopf verloren. Er überlegte eine Weile und erklärte +sich hierauf damit einverstanden, den Offizier noch so +lange in der Klinik zu lassen, bis seine Kräfte den Transport +erlauben würden.</p> + +<p>Damit waren einige Tage für Nadinsky gewonnen; +in diesen Tagen wuchs die Teilnahme des Professors für +ihn zusehends, und er trug Sorge, sein Interesse auch andern +Personen einzuflößen. Es meldeten sich Freunde, die +ihm zur Flucht verhelfen wollten; eines Morgens wurde +er in ein Zimmer gebracht, worin außer ihm niemand lag. +Am selben Abend besuchte ihn ein junger Mensch, der die +Absicht hatte, ihn, als Krankenwärterin verkleidet, nach +Sokolnikin, einen Park in der Nähe von Moskau, zu +schaffen, was bei seiner Schwäche und seiner noch immer +fieberhaften Verfassung ein Wagnis auf Leben und Tod +bedeutete. Nadinsky war jedoch bereit, ihm zu folgen, +denn blieb er, so war ihm der Tod oder das Schlimmere, +ewige Kerkerhaft im entlegensten Sibirien, gewiß. So +fuhr er also in tiefer Nacht, bei Schnee und Kälte, es war +<a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>Mitte des Monats März, nach Sokolnikin und wohnte in +der Villa eines Gelehrten, der bei der Polizei für unverdächtig +galt. Es dauerte aber nur vierundzwanzig Stunden, +da kamen wieder Boten, die sich als Spaziergänger unauffällig +dem Haus genähert hatten, in dessen Mansarde der +kranke Nadinsky lag, und meldeten, daß die Polizei neuerdings +auf seine Spur geraten und daß für die folgende +Nacht seine Verhaftung befohlen sei. Es blieb also nichts +übrig als einen anderen Zufluchtsort für ihn ausfindig zu +machen. Der Haushalt des Gelehrten, eines Deutschen +von Geburt, wurde von seiner Schwester Anastasia Karlowna +geführt, einer ebenso beherzten wie gutmütigen +Frau, die seit mehr als vierzig Jahren in Moskau lebte +und nicht nur in der Gesellschaft einflußreiche und wohlwollende +Bekannte hatte, sondern auch bei vielen Leuten +im Volk sehr beliebt war. Sie hatte dem jungen Offizier +Speise und Trank gebracht, ihn gepflegt und seine Anwesenheit +klug zu verbergen gewußt. Nun sorgte sie zunächst +für eine neue Verkleidung, und als es dämmerte, brachte +sie ihn mit Hilfe eines Menschen, der ihr ganz fremd war, +sich aber zu diesem Dienst angeboten hatte, im Gewand +eines einfachen Arbeiters zu der Familie eines Drechslers +in die Vorstadt. Dort blieb er nur eine Nacht, am Morgen +weigerte sich der Mann, der Argwohn geschöpft hatte und +für sich und die Seinen begründete Furcht empfand, +den Flüchtling länger zu beherbergen. Fünf Tage lang +wurde Nadinsky auf diese Weise von Haus zu Haus geschleppt, +von dem des Drechslers in die Wohnung einer +Fuhrmannswitwe, dann in die eines Maurers, dann zu +einem Gärtner, schließlich zu einem Laboranten. Immer +merkten die Leute nach wenigen Stunden, wem sie ein +Asyl gewährt hatten, die Angst vor der Polizei überwog +<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>das Mitleid und verstockte sie gegen die Beredsamkeit +Anastasias, die in ihrem Eifer keineswegs erlahmte. Sie +war die Nächte über bei Nadinsky, denn er konnte sich nicht +selbst überlassen bleiben; man mußte ihn ankleiden, +waschen und zweimal täglich die Wunden verbinden, +deren Heilung bei der unregelmäßigen und aufregenden +Lebensweise nur langsam vonstatten ging. Als nun auch +der Laborant, den sie mit Geld und vielen Worten bestochen +hatten, den aufgezwungenen Gast fortzubringen befahl, +verzweifelte Anastasia Karlowna daran, Nadinsky retten +zu können. Die Freunde, die ihr bisher beigestanden, +vermochten nichts mehr zu tun, die Polizei war auf ihren +Spuren, jeder fernere Schritt mußte sie ins Verderben +ziehen, auch sie selbst fühlte sich bedrohlich überwacht. +Zum letztenmal versuchte sie den Laboranten durch Bitten +und Flehen zu erweichen; nur noch eine einzige Nacht +möge er christliche Nachsicht üben, das Leben ihres Bruders +– denn sie gab Nadinsky für ihren Bruder aus – stehe +auf dem Spiel; umsonst, sie schürte bloß das Mißtrauen +des Mannes und alles, was sie erreichte, war, daß er ihr +drei Stunden Frist gab; wenn nach Verlauf dieser Zeit +Nadinsky nicht aus dem Haus geschafft sei, werde er die +Anzeige machen.</p> + +<p>Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr +mußte also Anastasia eine Stätte für ihren Schützling +gefunden haben. Sie irrte eine Weile durch die Straßen, +ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber immer +vor den Türen wieder um, weil sie überall eine abschlägige +Antwort oder gar Verrat fürchtete. Da verfiel sie in ihrer +Bedrängnis auf den Gedanken, Nadinsky in eines jener +Häuser zu bringen, in denen an Liebespaare Zimmer +vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig, einen +<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>Paß vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege +haben konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, +den sie am Morgen zu ihm geführt hatte, dann +konnte er zur Grenze gelangen. Um den kühnen Plan +durchzuführen, mußte sie aber eine Helferin haben, ein +Geschöpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, +verschwiegen und klug war. Sie ließ alle jungen Damen, +die sie kannte, an ihrem inneren Auge vorübergehen, aber +keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich zu nehmen. +Unter den Revolutionärinnen hatte Anastasia keine Bekannte, +auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, +die möglicherweise den Nachspähungen der Polizei +ausgesetzt war; an eine Angehörige der untern Klasse +oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, +war nicht zu denken, es mußte eine Dame oder ein Fräulein +aus der Gesellschaft sein.</p> + +<p>Sie war ermüdet von den Anstrengungen der letzten +Tage, und mehr um zu rasten als um eine Erfrischung zu +nehmen, ging sie in eine kleine Konditorei an der Straße, +trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein dämmeriges +Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen +saßen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in +ihre Nähe, ohne sie zu beachten, merkte aber dann, daß die +eine, die ältere Dame, sie fixierte und mit freundlichem +Nicken herübergrüßte. Da erkannte sie die Frau; es war +Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten +Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, +ein etwa neunzehnjähriges Mädchen von nicht gewöhnlicher +Schönheit. Kaum hatte Anastasia einen Blick auf sie +geworfen, so sagte sie sich: Die muß es vollbringen und +keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals +Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast noch +<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>ein Kind gewesen war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, +sie hatte sich oft mit ihr beschäftigt, oft mit ihr gesprochen; +sie erinnerte sich, daß das damals dreizehnjährige Geschöpf +ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie es nur Menschen +tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere +Kraft in sich verschließen; was für eine Eigenschaft oder +Kraft es war, hatte sie nie ergründen können, soviel sie +auch darüber gegrübelt hatte. Die Mutter war eine ziemlich +einfältige Frau, fromm, apathisch und harmlos, sogar +ihres Gebrechens nur dumpf bewußt.</p> + +<p>Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, +nachdem sie die Generalin durch Mienen und Gesten nach +ihrem Befinden gefragt, leise mit Lukardis Nikolajewna +zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf ihren +Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte, +senkte sie bescheiden die Augen und störte das +Gespräch durch kein Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia +spürte die Verwegenheit ihres Vorhabens mit beklommenem +Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie mußte sich kurz +fassen; sie mußte in wenigen Sätzen alles sagen, das Außerordentliche +verlangen, Lukardis innerstes Menschengefühl +aufrühren und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall +alles vereiteln, Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis +wußte wenig von den revolutionären Umtrieben; sie ahnte +vieles, hatte jedoch weder Einblick noch Urteil; sie lebte in +einer Sphäre sanfter Träume, mit der Erinnerung an +Puppen und der Gegenwart hübscher Schmuckkästchen, +mit dem Echo der neckischen Galanterien verheirateter +Herren und der vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte +doch, wie ein junges Waldtier, das fernes Jagdgetöse +vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut, Schmerz und +Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; es +<a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>gab Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe +empfand, eine grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den +Bezirk heuchlerischer Stille, in dem sich ihr Dasein formte, +zu verlassen. Aber sie fürchtete die Welt, sie fürchtete die +Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand, die ihr +gereicht wurde, ihr war, als ob alles trübe, ja schmutzig +sei, was außerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, +sie hörte Leute auf der Gasse nie ohne Schauder reden, +sie vermochte keine Zeitung zu lesen, ohne daß sie neben dem +Wilden und Rätselhaften, als welches sich ihr das Leben, +das Draußen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes +und Befleckendes fühlte, selbst die meisten Bücher, ein +Vers, ein Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen +schrecklichen, nicht zu besiegenden Eindruck.</p> + +<p>Regungslos hörte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht +färbte und entfärbte sich wieder. Da war keine Lockung, +kein Prickeln des Unbekannten, keine mädchenhafte Lüsternheit +und ungestandene Aufregungslust; nichts anderes +vernahm sie als den Ruf zur Pflicht. Nichts anderes las +sie in den harten Zügen Anastasia Karlownas. Sie +brauchte nicht einmal einen Entschluß zu fassen; was sie +zu tun hatte, stand sogleich und unabänderlich fest. Sie +war Braut. Seit sechs Wochen war sie mit einem Petersburger +Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch Kussin, +verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, +daß sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten +Schicksal entgegengehe, auch sie selbst fühlte sich +glücklich. Wenn es etwas gab, das sie irre machen konnte, +war es der Gedanke an ihn, dem sie mit schwesterlichem +Gefühl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies +spüren mochte, eine Andeutung fallen ließ, um sie darüber +zu beruhigen, runzelte sie die Stirn und erwiderte, sie +<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>bedürfe des Zuspruchs nicht, ihr Bräutigam werde niemals +die Meinung hegen, daß sie etwas Schlechtes oder Häßliches +begangen habe.</p> + +<p>»Sie sind also dazu entschlossen?« fragte Anastasia +leise, indem sie den Blick ihrer grauen Augen auf die +Hand des Mädchens heftete.</p> + +<p>»Ich bin dazu entschlossen,« antwortete Lukardis +ebenso leise, ohne die Lider zu erheben. »Es ist nur noch +eine Schwierigkeit –«</p> + +<p>»Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen +ist?« fiel ihr Anastasia rasch und mit einem +fanatischen Ton der Stimme ins Wort.</p> + +<p>»Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nächte +vom Hause wegzubleiben?« fragte Lukardis, die Finger +ihrer weißen Hände verschränkend.</p> + +<p>Anastasia starrte düster sinnend auf einen Kuchenteller.</p> + +<p>»Nur das eine ist möglich,« fuhr Lukardis flüsternd +fort, »ganz in der Stille zu verschwinden, der Mutter einen +Brief zu schreiben –«</p> + +<p>»Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit +bitten und versprechen, bei der Rückkehr alles zu +sagen. Aber auch Sie selbst müssen schweigen, Lukardis +Nikolajewna,« setzte sie fast drohend hinzu. »Sie müssen +schweigen, als ob Sie es nie gelebt hätten.«</p> + +<p>Lukardis nickte bloß. Ihre Augen waren jetzt weit +geöffnet und blickten geradeaus. Anastasia schärfte ihr +aufs genaueste ein, wie sie sich zu kleiden und wie sie sich +zu betragen habe und nachdem sie ihr noch gesagt hatte, +wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht sie +an das ernste Gespräch, das trotz seiner Gewichtigkeit +kaum eine Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden +an, um Lukardis zum Lächeln zu bringen und in der Generalin +<a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>keinen Argwohn keimen zu lassen, erhob sich dann +erleichterten Herzens und verabschiedete sich.</p> + +<p>Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet. +Er lag in dem armseligen Zimmer des Laboranten +auf dem Sofa, und nachdem er sie angehört hatte, +drückte er ihr die Hand und sagte: »Mein Leben ist so vieler +Umstände nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist +ein verlorenes Leben.« Anastasia verwies ihm diese Worte; +sie entgegnete, daß sie sich bessern Dank erhofft habe, +als so mutlose Redensarten zu hören, und fing an, den +Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky seufzte. +»Was solls auch« sagte er mit müder Stimme, »mir ist +nun alles anders, Auge, Hand und Gefühl. Wie von Gespenstern +bin ich umgeben, ich empfinde gar nicht den Abschluß +gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter auf dem Gut. +Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals +genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild +von mir. Sie weiß nicht, daß sie mich nie wiedersehen wird, +sie weiß es durchaus nicht, trotzdem weint sie über dem +Bild. Aber ich, ich fühle nichts. Mir ist alles so wesenlos +geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.«</p> + +<p>Anastasia hielt diese Reden für einen Ausdruck des +Fiebers und schüttelte unwillig den Kopf. Eine Weile, +nachdem es dunkel geworden war, fuhr ein Wagen am +Toreingang vor. Anastasia hatte einen hübschen Anzug +für Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen, +besah ihn jetzt noch einmal prüfend und geleitete +ihn dann hinunter. Im Wagen saß Lukardis Nikolajewna +Schmoll, tief verschleiert. Anastasia reichte ihr ein Paket +mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, daß sie ihn am +zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer +gewissen Stelle des Bahnhofs erwarten und daß sie sich +<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>bis dahin einen Auslandspaß für ihn verschafft haben +werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse, winkte +grüßend ins Fenster und der Wagen fuhr davon.</p> + +<p>Schweigend saßen Lukardis und Nadinsky nebeneinander. +Die Situation war zu ungewöhnlich, zu drohend, +zu schicksalsvoll, als daß sie Verlegenheit hätten empfinden +können. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel, +sah Lukardis, daß Nadinsky die Augen geschlossen hatte +und daß sein Gesicht bleich war. Er hatte ihr die Hand +gegeben, als er sich neben sie gesetzt hatte, das war alles. +Sie ihrerseits fand, daß seine Nähe sie nicht schreckte +und daß sie schweigen durfte.</p> + +<p>Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen +Gasse. Nadinsky mußte alle Kraft zusammennehmen, als +sie ausstiegen. Er reichte seiner Begleiterin den Arm, doch +führte sie ihn mehr als er sie. Er forderte zwei Zimmer. +Man war beflissen, ihm gefällig zu sein. Er schleppte +sich mit Mühe die Treppe hinauf, bewahrte mit Mühe die +Haltung des Lebemanns, den ein flüchtiges Abenteuer +beschäftigt. Dem Gebrauch des Hauses entsprechend, +wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung +überwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetreßten +Livree, hatte boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein +unveränderliches, abgeschmackt einladendes Lächeln auf +den dicken Lippen und war demütig. Lukardis spürte, +wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog. +Er deckte den Tisch, blieb hündisch lauschend stehen, +während Nadinsky mit erschöpfter Gleichgültigkeit die +Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein messender +Blick schien zu verlangen, daß die beiden auch wirklich +waren, was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt; +sie hatte ein dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sich +<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>nicht geben, wie sie sonst war; die kindliche Unschuld, +von der ihre Miene sonst strahlte, mußte sich in Leichtfertigkeit +verwandeln; sie mußte gesprächig sein, Koketterie +zeigen, mußte lachen, mußte den Arm um Nadinskys +Schultern legen und sich bisweilen auf seinen Schoß +setzen, sie mußte passionierte, übermütige, verführerische +Gebärden haben; was sie nie beobachtet, nie zu sehen gewünscht, +nie anders als schaudernd bedacht, nur durch +flüchtige Worte und flüchtige Bilder mit abgewandtem Ohr +und Auge erfahren, das mußte sie tun, um jenen Menschen +zu täuschen, der mit Tellern, Schüsseln, Gläsern und Flaschen +hereinkam, den Sekt in den Eiskübel stellte, die +Speisen servierte und dann schweigend, lächelnd, hinter +niederträchtig gesenkten Lidern spähend auf Befehle harrte. +Sie mußte es um der üppigen Lichter, der bunten Polster, +der spiegelnden Wände willen tun, um dieses Hauses +willen, dessen lügenhafter Prunk ihre Gedanken in Aufruhr +versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen Zweifel +an der Echtheit und Natürlichkeit ihres Benehmens erregen; +alles mußte wie von ungefähr sein, raffiniert und durchsichtig, +ohne Zaudern und ohne Hast; sie mußte von den +Speisen essen, sie mußte Wein und Champagner trinken, +sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der Diener +draußen war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken, +aber das volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte. +Des Genusses geistiger Getränke durchaus ungewohnt, +ward ihr bang und schwer zumut, und es kostete sie immer +größere Anstrengung, die Rolle durchzuführen, die sie mit +solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft +der Kellner das Zimmer verließ, erhob sie sich; in ihrem +Gesicht löste sich die furchtbare Spannung, um einem Ausdruck +der Verstörtheit und der angstvollen Erinnerung Platz +<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>zu machen, denn ihr war, als seien viele Jahre verflossen, +seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky +schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick +an, suchte sie wie hinter Masken, beklagte sie stumm, +klagte sich selbst mit einer Gebärde an und es wurde ihm +nicht leicht, das studierte Lächeln wieder auf seine Lippen +zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser zurückkehrte.</p> + +<p>Als der Tisch abgetragen war, kam eine Magd, die ein +weißes Häubchen auf dem Kopf trug; sie war jung und +sah alt aus, ihr Gesicht war fahl vom beständigen Leben +im Lampenlicht und in schlecht gelüfteten Räumen. Sie +hatte Wasser zu bringen, das Feuer im Ofen zu nähren +und nach den Wünschen des Paares zu fragen; sie redete +mit süßlicher Stimme, aber ihre Züge waren versteinert +vor Haß gegen die obere Welt, gegen die, die +da kamen, um verächtlichen, eiligen Genüssen zu fröhnen. +Die Knie wankten Lukardis, wenn sie den Blick auf die +Person richten mußte, und sie schämte sich ihrer Füße, +ihrer Hände, ihres Halses und ihrer Schultern. Endlich +war auch diese Prüfung vorüber und sie konnte die Tür +zusperren; sie waren allein. Von einer Turmuhr schlug +es zehn Uhr. Die aushallenden Klänge vibrierten durch +das Gemach. Nadinsky ging ins andere Zimmer zu dem +Doppelbett, über welches ein blauseidener Baldachin +gespannt war; er fiel kraftlos darauf nieder. Erst nachdem +er eine Viertelstunde geruht, konnte ihm Lukardis beim +Auskleiden helfen. Die Decke bis an die Brust gezogen +lag er mit nacktem Oberkörper da. Es ist ein Mensch, +sagte sich Lukardis, der plötzlich die Tränen in die Augen +stiegen, und mit einer Art von Schrecken erinnerte sie sich +an das rotwangige Antlitz Alexander Michailowitschs, +<a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>ihres Verlobten. Sie wusch Nadinskys Wunden und erneuerte +den Verband. Nadinsky spürte die zarte Hand +wie man in einem Halbtraum Wohlgerüche spürt; zu danken +war er nicht fähig; er fürchtete ihr Auge, er fürchtete sie +zu beleidigen durch einen Blick des Dankes, er wünschte, +sie möchte ihn nur als Leib ansehen, als Gegenstand ohne +Gesicht und ohne Gefühl. Und so wie sie, halb entsetzt +und halb erbarmend dachte: ein Mensch, so dachte er, halb +beseligt und halb in Angst um sie: ein Wesen.</p> + +<p>Er schlief ein. Lukardis setzte sich in einen Sessel und +rührte sich nicht. Sie hatte in ihrem Täschchen ein Buch +mitgenommen, aber sie wußte, daß sie nicht würde lesen +können. Sie versuchte, an ihre Mutter, an ihren Vater, +an ihre Freundinnen, an den letzten Ball, an die Oper +zu denken, die sie zuletzt gehört, aber sie konnte nicht denken, +alles verschwamm, alles enteilte. Sie hörte Nadinskys +tiefe Atemzüge, sie sah sein blasses, hübsches, von Schmerzen +ermüdetes Gesicht, aber auch er, den sie pflegen und +bewachen sollte, war ihren Gedanken kaum erreichbar. +Ihr schien, daß von ihrem Platz bis zu seinem Bett ein +Weg von vielen Meilen sei. Sie lauschte. Sie vernahm +Kichern auf der Treppe und schlürfende Schritte im +Flur. Stimmen, Frauen- und Männerstimmen, drangen +gedämpft durch die Wände, auch von oben herunter und +von unten herauf. Gläser klirrten, dann wurde ein Klavier +gespielt. Es war ein Walzer. Eine Saite des Instruments +mußte gerissen sein, denn immer, wenn eine gewisse Stelle +kam, entstand ein Loch in der Melodie wie die Zahnlücke +im Mund eines Lachenden. Von irgendwoher schallte +Geschrei, dann schwieg das Klavier, und an der Mauer zur +Linken raschelte es. Dann war ein Seufzen, bei dem Lukardis +das Blut in den Adern gerann. Sie roch den aufgespeicherten +<a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>Parfüm aus verschlossenen Zimmern, sie +hörte das Rauschen von Gewändern und wie man Türen +öffnete und wieder schloß. Die Laute riefen Bilder hervor, +sie konnte sich ihnen nicht entziehen, sie zitterte, und zitternd +mußte sie schauen. So hatte sie die Welt nie verstanden, +so das Leben nicht geglaubt. Begegnungen im Finstern, +Hände, die einander fremd waren und einander dennoch +hielten, ein Taumeln gegen jäh erhellte Spiegel, Übereinkommen +in Worten ohne Scham, das Unbekannte entschleiert, +das Geheimnisvolle leer, die Weihe besudelt, +die heimlichen Schätze der Phantasie entwertet, ach, sie +griff an ihr Gesicht, wurde der Schminke auf den Wangen +inne und ihr Herz füllte sich mit Grauen.</p> + +<p>Nadinsky schlug die Augen auf und stöhnte. Sie schritt +den meilenlangen Weg bis zu ihm und reichte ihm ein +Glas Wasser. Als sie seine Stirn fühlte und sie heiß fand, +legte sie ein feuchtes Tuch darüber. Da erwachte er völlig +und fing an zu sprechen. Er redete in kurzen Sätzen, +sprach vom Hospital, vom Professor und von Anastasia +Karlowna. Lukardis ließ zaghafte Worte in die Pausen +fallen. »Morgen werde ich mich kräftig genug fühlen, +um das Haus zu verlassen,« sagte er. Sie entgegnete: +»Das ist unmöglich, Sie haben noch Fieber und Anastasia +Karlowna erwartet Sie erst übermorgen früh um sieben +Uhr.« Die sanft gesprochenen Worte durchleuchteten ihm +ihr Gemüt, ihre bisher ungetrübte Jugend, ihre reinen und +starken Sinne, aber er gewahrte nicht, daß sie fast beständig +zitterte. Jetzt wurde das Klavier wieder gespielt, von einer +andern Hand, roh, tumultuarisch und trunken, und während +der ganzen Dauer des Spiels sahen Nadinsky und Lukardis +einander gepeinigt in die Augen. Es war Mitternacht vorüber, +und auf einmal wurde drunten dumpf gegen das +<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>Tor gepocht. Eine Glocke erschallte mit frechem Lärm. +Nadinsky richtete sich halb empor. Seine Finger krampften +sich zusammen, sein Blick war voll düsterer Erwartung. +Lukardis stand auf und lauschte ohne Atem. Das Klavier +schwieg. Es währte lange, bis das Tor geöffnet wurde. +Schon hörten sie Schritte auf der Treppe, schauten entgeistert +beide auf die Türklinke, harrten auf das Klopfen +an die Tür, das ihr fürchterliches Los entscheiden mußte, +und wirklich drangen Stimmen in hastiger Wechselrede +bis zu ihnen. Aber dann wurde es still, und ihre Pulse +begannen wieder regelmäßig zu schlagen. In diesen drei +oder vier Minuten fühlten sie sich sonderbar vereint, +ihre Kraft und ihre Furcht war gegen ein gemeinsames Ziel +gerichtet, es war ihnen, als würden sie von einem Sturmwind +in die Luft gehoben und Brust an Brust gegeneinander +geschleudert, so daß sie sich mit den Armen umfassen +mußten, um einer dem andern Hilfe zu gewähren beim +drohenden Sturz. Lukardis vergaß sich selbst und Nadinsky +vergaß sich selbst, er spürte nur die Angstglut in ihr, Verlust +alles Glückes, Schande und Elend, sie aber ergab sich seinem +Geschick, mutig und jetzt erst ahnend, wofür er sein Leben +in die Schanze geworfen hatte.</p> + +<p>Indessen übermannte den Fiebernden der Schlaf von +neuem. Doch konnte er festen Schlummer nicht finden, +solange die grellen elektrischen Flammen ihn blendeten. +Aus Rücksicht für Lukardis enthielt er sich, den Wunsch +nach Dunkelheit zu äußern, aber an der unruhigen Bewegung +seiner Lider merkte sie, was ihn störte. So löschte sie die +Lichter und zündete im Nebenzimmer eine Kerze an. Auch +sie war müde, die späte Stunde wirkte wie ein lähmendes +Gift auf sie, und sie sah sich nach einer Lagerstatt um. +In diesem Raum war kein Bett, nur eine Ottomane; +<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>ihr ekelte vor dem Plüsch, mit dem das Möbelstück bezogen +war. Ihr ekelte auch vor den Stühlen und vor dem Teppich. +Bei der Schwelle zu Nadinskys Zimmer rollte sie den +Teppich auf, warf ihren Pelzmantel auf den Boden und +legte sich hin. Die Kerze ließ sie brennen. Aber so war +sie dem Haus näher als vordem, hörte sie abgeteilt die bisher +verschwommenen Geräusche, einen Ruf, ein Gelächter, +ein einzelnes Wort, aber sie hörte auch, wie der Schnee an +die Fensterscheiben schlug, und das milde Knistern beruhigte +sie; sie hörte die Atemzüge Nadinskys, und dies mahnte +sie an ihre Verantwortung. Jeder Atemzug knüpfte sie +fester an sein Geschick. Die Wichtigkeiten ihres früheren +Lebens wurden bedeutungslos, was sie dort getan, gewollt, +gewesen, dünkte ihr kindisches Tändeln. Sehnsüchtig +blickte sie zurück wie vom Bord eines Schiffes auf +die versinkende Heimat. Sie schlief und schlief gleichwohl +nicht. Nadinsky sprach ihr Trost und Mut zu, das war +geträumt; er röchelte in einem Fiebertraum, das war +Wachen. Im Traum war sie über ihn gebeugt und behütete +ihn; im Wachen war sie an den Boden gekettet und vernahm +den mänadischen Schrei eines Weibes. Als der +Morgen graute, sah sie eine Ratte über den Teppich laufen. +Das Tier schien phantastisch groß, daß es sich bewegte, +war gespensterhaft; sie richtete sich kniend auf und suchte +den Himmel zwischen den Spalten der Vorhänge. Sie +gewahrte nur etwas Graues oben und weiter unten ein +Fenster, aus welchem ein knochiges Gesicht lugte. Eine +Sekunde zermalmender Hoffnungslosigkeit; sie schlich, +nein, flüchtete zu Nadinskys Lager. Sein rechter Arm +hing schlaff herab, Schweiß perlte auf seiner Stirn. Sein +Anblick war ihr erschreckend fremdartig; schmerzlicher Haß +loderte in ihrer Brust. Doch gab es auf der Welt keinen +<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>andern Menschen mehr, den sie so anblicken konnte; sie +hatte viel von ihm zu fordern, ja alles, ohne ihn blieb +ihr nichts übrig in der Welt als dieses Haus.</p> + +<p>Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange +sie in den Zimmern bleiben wollten; es war nicht gebräuchlich, +sie länger als eine Nacht zu benutzen. Anastasias +Plan war gewesen, daß sie sich über Mittag einschließen +und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie wünschten +auch die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck +sollten sie dem Diener und dem Stubenmädchen ein Goldstück +geben. Aber man brauchte frisches Wasser für die +Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung. +Es mußte auffallen, wenn sie zu früh läuteten, und wie +sollten sie das Verweilen über den ganzen Tag rechtfertigen? +Nadinsky war mit offenen Augen wortlos dagelegen, +jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er bat +sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei +Goldstücke seien zu wenig, meinte er, man müsse fünfzig +Rubel geben; Lukardis erwiderte, das verschwenderische +Übermaß werde Verdacht erregen, und man müsse gewärtigen, +daß der Eigentümer käme, um zu spionieren. +Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war +ihr Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches +gewesen. Sie verhandelten beide mit äußerster Kälte, +doch ihre Stimmen klangen erstickt. Eine Bemerkung +Lukardis über das gemeine Gesicht des Aufwärters veranlaßte +Nadinsky, ihr, spöttischer als er beabsichtigte, +zu entgegnen, sie habe gewiß allzu behütet gelebt, wie in +Wolle, und von denen, die da unten hausten, in Schmutz +und bösem Wetter, könne keiner ihr Gefallen finden. +Es war ein Empörungsversuch gegen das Joch der Dankbarkeit, +das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sich +<a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>herauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Zügen +wechseln zu lassen. Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab +ihm recht, und er war entwaffnet. Ihre Sanftmut rührte +ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur Grausamkeit an. +Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie für achtundvierzig +Stunden als Gefährtin an seine Seite gezwungen +hatte, er fand sich schuldig an der Erniedrigung, +unter der sie litt und zürnte ihr deshalb. Ihm war, als +hätte sie, ehe sie ihn getroffen, nur weiße Gewänder +getragen und von ihren schönen Lippen hallten nur leere +Worte nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verwöhnten +Klasse. Jetzt erst wurde er zum wahren Rebellen, jetzt, +in ihrer Nähe; seine Verborgenheit und seine Flucht kamen +ihm schimpflich vor, und er hielt es für wahrscheinlich, +daß ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum +sagte er plötzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen; +er wolle sich zeigen, es läge ihm nichts daran, +ja es sei seine Pflicht, das Los so vieler Gerichteter zu teilen, +die mehr erreicht und mehr gewagt hätten als er. Wem +könne er noch nützen, nachdem er über die Grenze geflohen? +Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner unglücklichen +Schwester nicht.</p> + +<p>Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine +Gründe konnte sie nennen, nur mädchenhafte Argumente +finden. Aber als er verstockt blieb, nahm sie einen gebieterischen +Ton an und sah aus wie eine junge Königin. +Plötzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte gehört. Sie +hob den Zeigefinger der rechten Hand und preßte ihn auf +ihren Mund. An der Tür stand jemand und lauschte. +Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und Nadinsky senkte +den Kopf. Da entschloß sich Lukardis zu dem, was nötig +war. Sie schritt auf den Zehen zur Tür, schob den Riegel +<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>auf, eilte dann gegen das Bett zurück, schlüpfte schnell +unter die Decke neben Nadinsky, zog die Decke bis an ihren +Hals, griff nach dem Knopf der elektrischen Klingel, +der an einer langen Schnur zu ihren Häuptern herabhing +und läutete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der Tür +klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der Tür +stehenbleibend, mit nornenhafter Düsterkeit Nadinskys +Befehl, frisches Wasser zu bringen und den Kellner zu +rufen, damit man das Frühstück bestellen könne. Sie holte +zwei Krüge voll frischen Wassers und dann kam der Aufwärter. +Sein lauernder Blick durchmaß den Raum und +auch den andern, soweit er ihn erspähen konnte, und es war +Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit denen sie im Bett +lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen geeignet +war. Sie schloß die Augen, denn diesen Menschen zu sehen +war ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die Fünfzigrubelnote +wieder genommen und gab sie jenem. »Zwanzig sind für das +Mädchen, dreißig für dich,« sagte er in einem bemeistert +lässigen Ton, »wir wollen noch bis morgen früh bleiben, +wenn es geht.« Der Aufwärter verbeugte sich fast bis zur +Erde; ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet. +Auch die Magd, die Kohlen in den Ofen warf, kam herzu +und wollte Nadinsky die Hand küssen. Er wehrte sie ab. +»Wenn es den Herrschaften gefällt, ist sicher nichts einzuwenden,« +sagte der Kellner mit einer katzenhaften Gebärde +und blinzelte. Nadinsky verlangte ein Frühstück. +Es dauerte eine Viertelstunde, bis der Tee mit allem +Zubehör gebracht wurde. Indessen lag Lukardis wie auf +glühendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas, +das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gefühl, aus Kummer +und Furcht gemischt, und ihr Antlitz überzog sich mit +tödlicher Blässe. Nadinsky rührte sich nicht, ihre Empfindung +<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>teilte sich ihm mit, er begriff ihre Qual und vermied es, +die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufwärter hatte den +Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und +entfernte sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte +Lukardis die Decke weg und erhob sich wie vor Feuer +flüchtend. Sie verriegelte die Tür und öffnete ein Fenster. +Ihr Haar hatte sich gelöst, sie ließ es ruhig hängen, denn +es bedeckte ihre entblößten Schultern. Eine Stunde früher +hätte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen mögen, doch seit +sie neben ihm gelegen, hüllenlos trotz aller Hüllen, preisgegeben +ohne Maß, empörten Blutes, seiner Gnade völlig +überwiesen, war es nicht mehr von Belang, daß die Haare +von ihrem Haupt herabhingen.</p> + +<p>Als das Zimmer von frischer Luft erfüllt war, schloß +sie das Fenster und sagte zu Nadinsky, es sei notwendig, +den Verband zu wechseln. Schweigend entledigte er sich +des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis unkundiges +Auge konnte es feststellen, daß die Heilung der Wunde +beträchtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein +Fieber mehr. Lukardis war schon gewandter als gestern +im Legen und Knüpfen der Binde, und nachdem sie die +Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und Brot. +Er wünschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte. +Sie selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie +dem Körper wegen seines Hungers. Im Hause war es +sonderbar still. Auf der Straße rollten Wagen und schrien +Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis begab +sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus, +um kein Geräusch zu machen und ging stundenlang auf +und ab, wobei sie in beiden Händen Strähnen ihres Haares +hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann. Manchmal +betrachtete sie die Bilder an den Wänden, ohne sie wirklich +<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>zu sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan +zwischen ihren Knien hielt. Neben der Tür hing ein anderes: +ein deutscher Student mit einem Ränzel auf dem Rücken +schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen Fenster +ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen schaut. In den großen +Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegenüberliegenden +Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer +endlosen Folge von Räumen; in allen Räumen war die +Leda in ihrer häßlich fetten Nacktheit und der sentimentale +Student und viele, viele Male das Bett mit dem schlummernden +Nadinsky und darüber ein Bild des Kaisers +Nikolaus, viele Male bis in dämmernde Ferne. Oft +stand sie auch am Fenster und sah die Wagen und die Kinder, +den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter trüben Fensterscheiben +und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male +wiederholte bis in dämmernde Ferne. Wo war die +Welt hingeschwunden? Wo war alles, was sie geliebt, +mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie selbst, +Lukardis, die in einem zierlichen Mädchenboudoir gelebt? +Wo Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte +und immer lächelte? Und wo war das glänzende Moskau +mit den verlockenden Auslagen seiner Läden, den freundlichen +Bekannten, die man überall traf, den eleganten +Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt hingeschwunden? +Sie sah nur den Mann, der in den vielen +Räumen vieler Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich, +in vielen Spiegeln die Wunde auf der weißen Haut, +und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert folgen mußte.</p> + +<p>Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch +lange, wie lange, konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky +erwachte. Er setzte sich aufrecht, und sie näherte sich ihm +zögernd. Mit unerwarteter Entschiedenheit sagte er, +<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>sie müsse gehen, wenn die Dunkelheit eingebrochen sei, +er fühle sich jetzt kräftig genug, um allein zu bleiben und +werde dem Kellner zu verstehen geben, daß sie in der Nacht +zurückkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand +mehr darum kümmern. Lukardis schüttelte den Kopf. +Sie antwortete, es geschehe ebensowohl um ihret-, als um +seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde sei erst im Beginn +des Vernarbens und müsse mindestens noch zweimal +gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging +und ihn darnach ein Unglück traf, würde sie nie wieder +schuldlos atmen können. Nadinsky schaute forschend in +ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so daß sie ihm +die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide. +Es war wie eine beglückende, aber unheilvolle Verwandlung, +die jeder in des andern Augen erlitt. Da trat Lukardis +klopfenden Herzens vor einen der Spiegel und steckte +ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten dabei. +Wenn er ihr jetzt befohlen hätte, zu gehen, hätte sie wahrscheinlich +keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing +er an, zu klagen, daß er nicht den ehrlichen Tod im Kampf +gestorben; was wolle er in den fremden Ländern, ewig +wandernd, ewig den nagenden Gram um die gequälten +Brüder in der Seele und mit der Sorge um das bloße +Leben? Denn er sei nicht reich, habe viele Schulden und +das mütterliche Gut sei in Gläubigerhänden. Durch so +viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis still vor dem +Spiegel stehen und schaute ihr übernächtiges Gesicht an. +Er fuhr fort und schmähte seine Tat; er habe nicht gewußt, +was er auf sich genommen, es sei ein Trieb gewesen, +kein Entschluß; so seien Helden nicht beschaffen, daß sie +sich dem Ungefähr auslieferten, um zermalmt zu werden. +Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihm +<a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>in diese Kloake der großen Stadt geflohen, habe sie in +klarer Erkenntnis gehandelt oder nicht vielmehr sich hinreißen +lassen durch ein Gefühl, dem Mitleid nachgegeben, +dem Reiz des Absonderlichen, der Verführung einer schwärmerischen +Freundin? Sei sie nicht erschüttert und durchwühlt, +von medusischen Visionen aller Kraft beraubt? +»So sind wir alle,« rief er zum Schluß und warf sich in +die Kissen zurück, »Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler +der Phantasie, Opfer des Augenblicks, Getäuschte unserer +Taten.«</p> + +<p>Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines +Bettes. Ruhig und fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr +Auge leugnete seine Worte, im Ausdruck ihrer Züge war +eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die göttliche +Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines +Herzens zu Hilfe käme. Ein Strahl von Glück flog über +Nadinskys Stirne, und sein zweifelsüchtiger Geist beugte +sich beschämt. Unbeirrbare Zuversicht strömte von ihr aus +und trug ihn über Stunde und Raum hinweg. Es dunkelte +und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu +sprechen. Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die +Komödie wieder spielen mußten, die das Haus forderte, +machte Lukardis Licht, zog die Gardinen zu und ging ins +zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte. +Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht +in die Ärmel seines Rocks zu schlüpfen imstande war. +Wie am Abend vorher wurde das Diner serviert; wie am +Abend vorher bediente der Aufwärter in silberbetreßter +Livree, noch demütiger, noch abgeschmackter lächelnd, noch +wachsamer hinter seiner heimtückischen Grimasse. Unlustig +aßen sie und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre +Hände waren bewegt, lautlos gehorsame Geister huschten +<a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>sie hin und her, den Augen des Spions Harmlosigkeit +vorlügend. Lukardis spielte ihren Part heute schlecht; ihr +Lachen klang gekünstelter, ihr Getändel weniger glaubhaft. +Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer +Pause, wo sie allein waren, zuflüsterte, sie wollten streiten. +Er erfand den Namen einer Gräfin und behauptete, das +Perlenkollier, das die Gräfin Schuilow beim letzten +Jour der Fürstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen. +Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene +an und beharrte auf seiner Meinung. Eine glühende Röte +überzog Lukardis Wangen, denn diese Heuchelei innerhalb +der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle Furcht +vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte +den Sekt in die Gläser, und seine Miene zeigte ein albernes +Bedauern, als sei er nur an täubchenhaftes Girren gewöhnt. +Zum Schluß erhob sich Nadinsky unmutig und herrschte +den Kellner an, er möge abräumen. Lukardis bittender +Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue er +sein Ungestüm und schritt mit ausgestreckten Händen auf +sie zu. Der Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls +auf und schmiegte nun den Kopf an seine Schulter, aber +nur, um ihm zuzuraunen, er dürfe nicht vergessen, für den +nächsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky +nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag, +der Wagen sollte um die sechste Morgenstunde am Tor +sein. Der Mensch verbeugte sich schweigend und wollte gehen.</p> + +<p>Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. +Ein zweiter, ein dritter Schrei folgte. Lukardis faltete +erschrocken die Hände, und Nadinsky blickte unruhig zur +Tür. Der Kellner hatte die Tür geöffnet; er trug eine +metallne Platte und hielt die Tür offen. Ein halbnacktes +Frauenzimmer stürzte vorüber. »Die Tür schließen,« +<a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>hauchte Lukardis wie entseelt. Da krachte ein Schuß. +Das schauerliche Brüllen eines Mannes erfüllte das ganze +Haus. Nadinsky schob den Aufwärter über die Schwelle +und schlug die Tür zu. Ein paar Minuten lang blieb +es still, dann gings treppauf, treppab in schnellen, +bestürzten Schritten. Stimmen murmelten, eine befehlende +Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von +oben. Darnach kam ein so herzzerreißendes Schluchzen, +daß Lukardis händeringend zur Ottomane lief und sich, +das Gesicht vergrabend, darauf niederwarf. Auch auf der +Straße schien es nun lebendig zu werden. Es wurde ans +Tor gepoltert. Man hörte deutlich die Stimme eines +Polizisten. Im Flur tönten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen +würde. Der Diener kam herein; mit zerknirschtem +Gesicht wandte er sich an Nadinsky und sagte: »Ich bitte +Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die Dame, +sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur +passiert. Eure Exzellenz werden nicht mehr gestört werden.« +Darauf verschwand er. Nadinsky trat zu Lukardis, setzte +sich neben sie und streichelte mit bebenden Händen ihr Haar. +Zusammenschauernd bei seiner Berührung, erhob sie den +Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von +ihr und war des Lebens überdrüssig. Sturm rüttelte an +den Fenstern und plötzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder +das Klavier, derselbe Walzer wie gestern mit derselben +zahnlückigen Melodie. Aber lag nur ein Tag dazwischen? +nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem +verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und +Stimmungen des Daseins vorübergetragen, Lust und +Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung und Enttäuschung, +Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies +schon das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eine +<a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>unendliche, geheimnisvolle Nacht? Nadinsky war es +zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er die Barrikade +erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue +Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen +getreten sei, als ob die frühere Existenz mit allen +ihren Beziehungen von ihm losgelöst sei und als ob er +in dieses Haus gekommen wäre, um sein eigentliches Schicksal +auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft +geschieden, ja ohne Brücken dahin und dorthin.</p> + +<p>Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer +Weile kam Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur +im Speisezimmer brannten die Lampen. In den Spiegeln +dehnten sich die Räume grau und unbestimmt. Lukardis +sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch +voll, und nachdem Nadinsky sich entblößt, wusch sie die +Wunde. Während sie aus ihrer Handtasche das frische +Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und als Nadinsky +verbunden war, bat er, sie möge ihm vorlesen. Sie setzte +sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren +Lermontows Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie +gelesen, da fielen ihre Arme schlaff nieder, der Kopf sank +zur Seite und der Schlaf überwältigte sie. So ohne +Widerstand und Übergang entschlummern Kinder; Nadinsky +hütete sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen +an ihrem Antlitz, und es war ihm, als müsse sein eigenes +Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks teilnehmen, +welchem ihre Züge unterworfen waren. Wunderbarer +Friede kam in sein Gemüt. Er streckte die Glieder und +atmete wie in der Luft eines Gartens. Nun regten sich +ihre Lippen. Sie flüsterte, sie lächelte zärtlich, die Hände +ballten sich und das Buch fiel von ihrem Schoß auf den +Teppich. Sie erschrak, öffnete die Augen, ein entsetzter +<a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>Blick flog durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie +weiter. Doch nun schien die Gewalt des Schlafes immer +größer zu werden, der Oberkörper verlor das Gleichgewicht, +sie wäre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht in +seinen Armen aufgefangen hätte; er umschlang ihre +Schultern und legte die Schläferin vorsichtig quer über +sein Bett. Ihre Beine blieben auf dem Sessel liegen, +ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme waren +über dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich +in starken Rhythmen. Allmählich fühlte sich Nadinsky +beschwert, das Blut in den Schenkeln stockte und er hatte +Mühe, so regungslos zu bleiben wie am Anfang. Er ließ +sich langsam auf die Kissen zurückfallen, schob die Hände +unter die Decke und unter den Rücken des Mädchens und +versuchte, die Schlummernde auf diese Art zu stützen. +So gelang es ihm, sich Erleichterung zu schaffen; einmal +trugen die Arme, einmal die Schenkel und Knie die Last. +Dabei empfand er eine glühende Freudigkeit, nicht nur, +weil er ihr die Sorgfalt und Mühe vergelten konnte, +sondern auch, weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als +Kreatur, so unbedingt in seiner Hut. Oftmals betrachtete +er sie, gedankenvoll entzückt, und ihr Leben, ihr Schlaf, +ihr unbewußtes Dasein, die Gliederung des Menschenkörpers, +an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen +das Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglückendes +Gefühl der wiedergewonnenen Herzenskraft.</p> + +<p>Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel +einer auf der Straße vorübermarschierenden Militärpatrouille +sie erweckte. Nadinsky hatte sich eben zum Sitzen +aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem sich eine +dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen +heiter strahlen zu wollen, dann hüllten sie sich in Schleier +<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>der Scham; sie stieß einen hellen, kleinen Schrei aus, +sprang empor, und ihr Gesicht war wie mit Blut übergossen. +Sie drückte die Hände gegen die Brust und sah stumm vor +sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als +Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgültige Worte +ab, erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. +Sie antwortete zerstreut, und ihre Miene war bald scheu +und ängstlich, bald dankbar und heimlich fragend. Zum +letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde Nadinskys, +und während sie es tat, hatte sie Mühe, ihre +Fassung zu bewahren; die Welt draußen erschien ihr wie +der aufgesperrte Rachen eines Tieres. Die Uhr zeigte ein +Viertel vor sechs, sie mußten ihre Vorbereitungen treffen. +Nadinsky war immer stiller und stiller geworden; als er +angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr +blaß. Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, +ihm gegenüber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel +an und die Handtasche stand zu ihren Füßen. So +warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken, bis es Zeit +war, daß sie gehen konnten.</p> + +<p>Endlich vernahmen sie von der Straße her das Knattern +von Wagenrädern, und bald darauf klopfte es an die Tür. +Der Kellner trat ein, diesmal ohne Livree; er trug einen +verschmierten Schlafrock, die Haare hingen ihm in öligen +Bündeln über die Stirn und sein Gesicht war mürrisch +und böse. Er präsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, +gab auch gleich das Fahrgeld für den Kutscher, dann gingen +sie hinab. Zwei Eimer voll Kehricht standen am Fuß der +Treppe, und auf der Torschwelle lag ein schwarzer Hund, +der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch +war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den +langen Weg.</p> + +<p><a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>In einem der inneren Räume des Bahnhofs stand +Anastasia Karlowna an einer Säule. Sie begrüßte die +beiden und fragte nach Nadinskys Befinden. Dann übergab +sie ihm den Paß und einen Koffer, der die notwendigen +Gegenstände für die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, +und Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten +kam er wieder heraus, schritt auf Lukardis zu und +reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare Schwäche im +Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das +Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere +Hand, die linke mit seiner linken, und die vier Hände lagen +beieinander wie Glieder einer geschmiedeten Kette. So verharrten +sie einen Augenblick und erschienen sich selbst als +Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte +warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem +Gang zum Waggon zurück und klomm die Treppe hinauf. +Er trat ans Fenster, in dessen schwarzer Umrahmung +und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein kreideweißer +Fleck. Nun ertönte die Pfeife, und langsam rollte der Zug +aus der Halle.</p> + +<p>Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in +Tränen aufgelöst. Die Frau hatte nicht gewagt, +ihrem Gatten von dem Brief der Tochter Mitteilung zu +machen und ihm deren Verschwinden durch mühevolle +Listen verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung +zwischen Lukardis und der Mutter, eine Szene, +bei der die taubstumme Frau in der erregtesten und flehendsten +Weise gestikulierte, während das Mädchen nur den +Kopf schüttelte und mit keinem Laut, keiner Gebärde sonst +antwortete. Allmählich wurde die Generalin von einer +heftigen Sorge um Lukardis ergriffen, die sich in Bestürzung +verwandelte, als Lukardis sich beharrlich weigerte, den +<a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>Staatsrat Kussin zu sehen, der für einige Tage nach Moskau +gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht, +sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die +Verlobung mußte gelöst werden, und beflissener noch als +zuvor wich Lukardis den Menschen aus, den Freunden, +den Fremden, der Mutter, dem Vater, den Schwestern. +Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die +Ärzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die +Generalin mit ihr nach Paris, später ans bretonische Meer. +Eines Nachts überraschte die Mutter sie, wie sie auf den +Fliesen der Terrasse ihres Zimmers lag, die Hände hinter +dem Kopf verschränkt und mit weitgeöffneten, unbeschreiblich +strahlenden Augen in den gestirnten Himmel schaute. +Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer grenzenlosen, +den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit.</p> + +<p>Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, +er lebe auf einer Farm im westlichen Kanada. Niemals +hat Lukardis seinen Namen erfahren, niemals er den ihren.</p> + +<p><a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a></p> + + + + +<h2><a name="Ungnad" id="Ungnad"></a>Ungnad</h2> + + +<!-- <p><a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a></p> +<p class="newchapter">Länger als zwölf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen +Erasmus Ungnad und Gräfin Marietta Giese, und Georg +Ulrich Castellanis boshafte Bemerkung, es sei bald an der +Zeit, sie in die Galerie berühmter Liebespaare einzureihen, +zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung unter +manchen Freunden an, vom Mißfallen anderer zu schweigen. +Doch die Freunde hatten so wenig Einfluß darauf wie die +Familie, die Rücksicht auf die Karriere so wenig wie der +Gedanke an persönliches Behagen. Im Grunde stand man +vor einem Rätsel. Erasmus war nichts weniger als ein +Toggenburg; Ausharren war sonst seine Stärke nicht; +Marietta nichts weniger als ein Käthchen, im Gegenteil, +eine Frau von Welt, ein überlegener Charakter.</p> + +<p>In gewissen Zeitabständen erfolgte ein Bruch. Beiden +schien es jedesmal damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen +Auseinandersetzungen, brieflich oder mündlich, verständigten +sie sich, daß es für das Wohl des andern wünschenswert +und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen +und daß es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil +diene, wenn es in Frieden und Herzlichkeit geschähe. +Sie gaben einander in aller Form frei; zwei Monate darauf +<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>war gewöhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus +Schwester Francine wußte in solchen Fällen keine +triftigere Erklärung, als daß sie Marietta eine dämonische +Natur nannte. Drei Jahrhunderte zurück, und sie hätte +sie in ihrer Erbitterung öffentlich der Hexerei angeklagt.</p> + +<p>Nach seiner Rückkunft aus Japan im Jahre 12 schien +die Loslösung nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen +vielbeneideten Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, +der Minister des Äußern, großer Herr damals, Leuchte +der Diplomatie, der er für seinen Teil und für seinen +Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich für alle Zeiten, +zu einem Triumph unter den europäischen Mächten verholfen +hatte, hielt große Stücke auf ihn und war dem +gräflich Ungnad’schen Hause außerdem wohlgesinnt. Diese +mächtige Hand eröffnete ihm die glänzendsten Aussichten; +er war zunächst zu einer hervorragenden Stellung bei der +Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten +winkte in nicht allzuweiter Ferne. Francine schwamm in +Hoffnung und entfaltete alle ihre Kräfte, um eine vorteilhafte +Heirat zustande zu bringen. Der Moment war so +günstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den +Vordergrund gerückt. Das eine betraf eine junge Baroneß +Spielberg, die von Seite ihrer Mutter, einer Amerikanerin, +enormen Reichtum zu erwarten hatte; das andere die zweitälteste +Tochter der Rienburg-Rhedas, Komteß Sebastiane, +zweiundzwanzig Jahre alt, schön, anziehend und, wie +Francine erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus +unter Graf Rienburg-Rheda Legationssekretär gewesen +war, in ihn verliebt. Zudem gehörten die Rienburg-Rhedas +zum begütertsten Adel des Landes; sie verfügten über +soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Häusern, +Schlössern, Wäldern, Wässern, ererbtem und erheiratetem +<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>Besitz, in hundertjährigen Traditionen gefestigt wie die +Hausmacht der großen Dynasten.</p> + +<p>Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus’ Schuld am +Mißlingen war nicht zu durchschauen. Im einen Fall hatte +er sich nicht entscheiden können, im andern hatte er sich überhaupt +nicht vorgewagt, so daß man es wenigstens mit der +Familie nicht verdorben hatte und niemand bloßgestellt +war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten +und ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen +in ihr erregt, um sie immer wieder zu enttäuschen, +bis sie in einem Zustand hysterischer Überreizung erklärt +hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei Rienburg-Rhedas +war er eine Woche lang zu Gast auf dem südmährischen +Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall +den Grafen hin, und er, den Unglücks- und Todesfälle +in eine lächerliche Panik versetzten, reiste unverrichteter +Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf +die Versöhnung mit Marietta.</p> + +<p>Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. +Es war zu befürchten, daß der Minister seine Hand von ihm +abzog. Oft schon war seine Laufbahn durch diese Frau +gefährdet gewesen. Francine erinnerte ihn daran, wie sie +eines Tages plötzlich in Petersburg erschienen sei und ihm +Verdrießlichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf +bei der Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm +die Worte ins Gedächtnis, die ihm vor drei Jahren seine +Tante, die kluge Terese Klingenberg geschrieben: daß ein +Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen Preis +seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten dürfe; +entweder müsse alles so verschleiert sein, daß die Neugierde +niemals dahinter kommen könne, oder es müsse eine klare +Eindeutigkeit walten, so oder so; nichts sei geeigneter, die +<a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>Öffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu verstimmen als +ostensible Herzenspassionen.</p> + +<p>Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. +Sie erschöpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. +Sie zitierte Urteile, Prophezeiungen, Meinungen +seiner nächsten Freunde über ihn und hauptsächlich über +Marietta. Sogar der unbeträchtliche Ferry Sponeck mußte +herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu +Erasmus, aus der Sorge um ihn. Er war der Letzte des +Geschlechts; sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Sein +Vermögen war gering. Sie hatte in den letzten Jahren +versucht, es durch Börsenspekulationen zu vermehren; +da sie gut beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, +war ihr dies gelungen. Aber wenn sie auch Millionen +gewonnen hätte, was hätten ihr die gefruchtet; das Glück, +das sie für ihn im Auge hatte, war ein höheres. Der in +ihr aufgehäufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, +mit denen sie Erasmus zu Leibe rückte, eindringliche +Schärfe. Mit Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, +entwarf sie, durch Haß befeuert, ein Bild von Marietta, +das in der Verzerrung noch Züge der Wahrheit hatte und +abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie; eitel; +seelenlos; durch Lektüre verbildet; im Bestreben, die große +Dame zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt +herausfordernd; mit zur Schau getragener Freiheit nah +daran, für eine Abenteuerin zu gelten; unergründlich +egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen gefährlich +sinnlich; längst über die erste Jugend hinaus, auch über die +zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, +sie auf Händen getragen hatte und unglücklich und +vereinsamt war, geistig und körperlich ein Krüppel.</p> + +<p>Francine war kühn. Sie mußte auf verletzende Vergleichung +<a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>gefaßt sein. Sie selbst war ja in heikler Situation. +Ihr Schicksal als Weib hatte sie von unbehüteten Jahren +an andere Wege geführt als die üblichen und gebilligten. +Nur durch ihre Zähigkeit und Klugheit hatte sie dann doch +Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft +behauptet. Dunkles Schicksal, das in einem von ihr +selbst nie ganz begriffenen Gegensatz zu ihrem Wesen stand.</p> + +<p>Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine +Person zielte, pflichtete er ihr bei. Über Marietta schwieg +er. Er empfand Francines Zärtlichkeit; ihr Ungestüm +belästigte ihn. Sie verlangte Versprechungen, er weigerte +sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich, +und das Ergebnis von Francines Bemühungen war, daß +er zu Marietta auf ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging +sie zum Minister. Sie vertraute sich ihm ohne Rückhalt an, +und die Art, wie er ihr lauschte, ließ die herzliche Zuneigung +für Erasmus erkennen. Er würdigte die Schwierigkeit; +ihn zu entfernen, hielt er für notwendig wie sie; der +Londoner Posten kam augenblicklich noch nicht in Betracht, +dagegen bot sich die Möglichkeit, ihn nach Indien zu +schicken; es fand dort eine Jubiläums-Feierlichkeit statt; +die englische Regierung und der Vizekönig hatten die Mächte +zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden +später war Erasmus für die Mission ernannt. Ein Telegramm +rief ihn von Eichfurth zurück, zehn Tage darauf +lief das Schiff aus dem Triester Hafen. Francine glaubte +ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene Monat war +Gewinn. Erasmus war dreiunddreißig, Marietta Giese +fünfunddreißig; der Zauber mußte binnen kurzem brechen; +was die Vernunft nicht erreichte, würde die Zeit bewirken. +Wenn es auch noch Kämpfe kostete, Francine war gerüstet. +Indes gelang es ihren hartnäckigen Bemühungen, daß +<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>man Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe +dort beendet war, unmittelbar nach London befahl.</p> + + +<p class="newsection">Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten +Jahr im diplomatischen Dienst. Der Weg war +der herkömmliche und vorgeschriebene gewesen; die +Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington, +Tokio; und nun London. Er hatte viel gesehen, viel gehört; +nach seiner Meinung viel erlebt. Er kannte das Inwendige +der politischen Maschinerie. Er hatte gelernt, wie die +Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei den +markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge. +Die repräsentativen Pflichten erfüllte er mit genügender +Würde. Verantwortung war ihm aufgebürdet; er wußte +um die Last, seine Haltung deutete sie an. Geschlechteralte +Zucht machte ihn zum Vorbild für Unsichere. Die +Gebärde verriet, daß er in seine Rolle hineingeboren war. +Selbstverständliches Tun und Sein, darauf kam es an; +das gelegentliche Nachdenken darüber war Verzierung, die +man sich in Mußestunden gestattete. In der Führung der +Geschäfte von unbedingter Verläßlichkeit, gewissenhaft +wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank, +war er überall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung +und der Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein, +von seinem Geist oder seinem Genie zu sprechen, aber seine +Ritterlichkeit und Freundestreue hatten schwärmerische +Lobredner.</p> + +<p>Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn; +die Jahre trugen ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen +Element keine Trübung, nur über das Äußere und +Betriebmäßige war zuweilen ein Schleier von Unmut +gebreitet. Aber der Strom floß breit und gefällig dahin. +<a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>Dem vorwärts- wie dem zurückschauenden Blick boten sich +dieselben Bilder: geschmückter Weg, umfriedetes Revier, +Fülle der Verlockungen, Menge der Dienenden, erschlossene +Welt. In Stunden der Träumerei flammte in seinem +sonst trägen Gedächtnis auf, was ihm erworbenes und in +Sicherheit gebrachtes Lebensgut war: ein marokkanischer +Himmel, rot vor Bläue; prunkvolle Aufzüge, veranstaltet +von exotischen Fürsten; feierliche Empfänge; illuminierte +Säle; militärische Paraden; Frauen, die um Liebe warben; +fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch +mitgebracht, das er in wenigen Exemplaren für seine +Freunde drucken ließ. Es wurde damals als die feinste +Blüte aristokratischer Lebensauffassung und Betrachtungsweise +bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie +Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv +und aus erster Hand, oft ein bißchen einfältig sogar, wie +eine Fibel einfältig ist. In der Mischung von Bescheidenheit, +Wißbegier und unschuldiger Philosophie drückte sich +Ungnads Wesen sehr liebenswürdig aus. Es waren Fahrten +darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf +Flüssen, in der Nacht, auf Booten mit Lampions behängt, +Schauspiele und Wanderungen, Tempel und Gärten; +von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein +Hauch; hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen +von Blumen, Farben von Blumen, Gerüche von Blumen; +ein umgewandeltes Sinnliches, ließ es das sinnlich Gebannte +seiner Natur erraten, auch wieviel Trägheit in seiner +Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem +Genießen.</p> + +<p>Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des +Krieges entfalteten alle Berückungen seiner Welt. +Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtum +<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>und die Üppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich +zur Strahlung verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden +Kern, begnadet und Gnaden spendend. Die Künste der +Nationen vereinigten sich, der herrschenden Kaste zu +huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit gesättigt. Feuer +des Übermuts lag in den Gemütern, das Ungewöhnliche +war Nahrung für den Gewöhnlichsten, Nüchterne wurden +auf lichtverklärte Höhe gehoben und sahen den Horizont +wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob +alles in atemloser Bestürzung auseinander, und über das +rubenshaft glühende Gemälde fiel schwarzer Flor, um +es auf immer zu verdecken.</p> + +<p>Was darnach kam, war trockne Amtsausübung in vorgeschobenen +Bezirken, eroberten Provinzen, umrasselt +von Waffenlärm. Man hatte Mühe, den Kopf obenzuhalten. +Das Geschrei aus den Lagern hüben und drüben +lähmte; der Haß verunreinigte wie Schmutz, der kleben +bleibt und sich in die Poren frißt; die Guirlanden waren +weggerissen; die Blöße der Leiber stierte einen an; +Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau +wankte; die kaum merkbare Allmählichkeit, mit der die +Existenz ins Enge und Sorgenhafte geriet, war entnervend; +und so der beständige wütende Sturm, der die Blätter vom +Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln +ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General +regierte. Man war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen, +wie die Partie stand. Die Not der Länder schrie, des +eigenen vor allen; man überredete sich zur Demut, suchte +Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre, +verwob persönliches Geschick willig mit dem Ganzen, +hoffte, fürchtete, wartete, Jahr für Jahr, wartete auf +Schlimmes und war doch nicht im entferntesten vorbereitet, +<a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die +Zeit dann wirklich machte.</p> + +<p>Im August des Jahres 18 wurde er mit dem +preußischen Oberst Grimm nach Armenien entsendet, um +Bericht über die Zustände zu erstatten, die der feindlichen +Propaganda Nahrung gaben. Türkische Offiziere und +Beamte begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was +vertuscht werden konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein +künstliches Schaugepränge vorgeführt, Blendwerk; zuletzt +offenbarte sich das Grauen. Auf der Heimreise, man hatte +schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus +vom Schiff aus an Francine: »Es war schön, als der +Katholikos in Echtmiadzin unsere Abordnung empfing. +Ich habe nie so herrliche Gobelins gesehen und so prunkvolle +goldene Gefäße. Der Katholikos war in Gold und +Purpur gehüllt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt +war, blendete die Augen durch die Pracht seiner +Gewänder. Vor den Bogenfenstern des riesigen Saals +sah man die schneebedeckten Gipfel des Taurus, und alle +überragte der mächtige Arrarat. Da schauderte es einen; +Arrarat; beim bloßen Namen überlief es einen. Aber auf +dem Schloßhof unten stand eine tausendköpfige Menge, und +von ihr stieg ein eigentümliches winselndes Brausen empor. +Erst glaubten wir, die Leute seien zum Gottesdienst gekommen, +der dann stattfinden sollte; aber der Katholikos +wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst +Grimm gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen +Sie Ihrem Kaiser, daß sie hungern. Die türkischen Herren +hinter uns duckten sich, und ich schaute, während das +eigentümliche winselnde Brausen fortdauerte, in den Schnee +des Arrarat hinüber. Am nächsten Tag sind wir durch die +glühenden Täler zum Meer geritten, an Ruinen vorbei +<a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>und über Schlachtfelder. Wüste und Weinland grenzen dicht +aneinander, manchmal kauert ein mit Fetzen bedeckter +Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die Küste kamen, +lag der Ozean märchenhaft blau, aber die Luft war verpestet +durch zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen, +nackt und in Kleidern, viele bis zur Unkenntlichkeit +verstümmelt, Männer, Weiber und Kinder. Die türkischen +Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den +Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins +Meer getrieben. Ich dachte mir: die grandiose Natur, +und der Mensch eine Bestie, die sie schändet. Der Himmel +und das Meer in ihrer Schönheit waren Lüge.«</p> + +<p>Er hatte sich mit Oberst Grimm während der langen +Reise ziemlich angefreundet; der Oberst war ein stiller, +vernünftiger Mann; weit trätabler als seine preußischen +Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in Budapest von +ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte +von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen +und verludert; stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm +den militärischen Gruß zu geben, frech ins Gesicht. Der +Oberst sah ihn an, seine Stirn rötete sich, er machte Miene, +auf ihn zuzugehen, besann sich plötzlich, senkte vor Erasmus +den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller Selbstbeherrschung +von etwas Gleichgiltigem.</p> + +<p>Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Gedächtnis, +während er allein die Reise fortsetzte.</p> + +<p>Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man +wußte nicht, wie man sich seiner erwehren sollte. Man +befand sich auf einer gewissen Höhe, unangreifbar, unerreichbar. +Man genoß verbrieften Schutz von altersher. +Die Sicherungen waren bewährt und tragfähig gewesen +bis jetzt. Man war gewohnt, viel Raum um sich zu haben. +<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>Raum feite, Raum trennte. Die andern, die Leute, bewegten +sich weit draußen. War doch schon ihr respektvolles +Aufmerken bisweilen lästig. Man konnte unbeschränkt +verfügen: über bezahlte Menschen, über die Stunden, über +die Dinge. Die Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die +Hand, die unter ihnen wählte. Und das Gesetz, das durch +die stummen Jahrhunderte geheiligt war, schrieb das +Maß vor.</p> + +<p>Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte +wurden angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz +erstreckten, auf unentbehrliche Schattierungen, auf ehrwürdigste +Institutionen, auf auserlesene Formen, auf +Auserlesenheit überhaupt, unleugbare, weil durch das Blut +bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die Würde. +Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war +so hämisch, so erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln +herum, ein feiges Gespenst.</p> + +<p>Man saß aufrecht und hielt sich bereit.</p> + + +<p class="newsection">Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt. +Es handelte sich wieder um eine Rienburg-Rheda, um die +dritte Tochter, die inzwischen herangewachsene zwanzigjährige +Pauline. Es waren im ganzen vier Schwestern. +Die älteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr früh mit +dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie +lebte seit einigen Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei +der Mutter, unbekannt aus welcher Ursache. Es hieß, +eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er in der +Trunkenheit zwei Tänzerinnen in die Wohnung mitgebracht +hatte. Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod +einen Grafen Dettingen geehelicht, Husarenrittmeister, der +bei Luck gefallen war. Sie war Mutter von zwei Kindern +<a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>geworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline und +Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt.</p> + +<p>Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen +sorgfältig vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren +hin- und hergereist, um die Stimmung auszukundschaften, +unverpflichtende Anfragen waren gestellt, Briefe waren +geschrieben worden, deren Taktik an Musterstücken verflossener +Kabinettsdiplomatie geschult war, und allmählich +entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit. +Ehe noch Erasmus aus Konstantinopel zurückgekehrt +war, hatte sie schon die Einladung der Gräfin Rienburg +für ihn in Händen. Von Tag zu Tag unruhiger wartete +sie auf seine Antwort, denn es verkündigten sich verhängnisvolle +Ereignisse, und der politische Himmel war schwarz +verhängt wie ein Sarkophag.</p> + +<p>An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt, +erfuhr sie, daß Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen +sei. Das konnte nichts anderes bedeuten, als daß +sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls erwartete. +Ohne langes Besinnen verfaßte sie eine ungestüme Epistel, +in welcher sie Marietta auseinandersetzte, daß Erasmus’ +Zukunft auf dem Spiel stehe; daß er zu lange schon seine +besten Kräfte und besten Jahre damit vergeude, die Ketten +abzuschütteln, die sie um ihn geschlungen; daß er allmählich +in das Alter trete, in dem man aufhöre, für die Frauen +mitzuzählen; daß er jetzt im Begriff sei, eine glänzende +Verbindung einzugehen, und daß die Familie, um kein +Mittel unversucht zu lassen, sich an ihre Einsicht und oft +bewiesene Geistesstärke wende, die ihr zweifellos den Weg +aus dem Dilemma zeigen würden.</p> + +<p>Zum Glück las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte, +ihrer Cousine Nora Klingenberg vor, die ihr solchen Schritt +<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>entschieden widerriet. »Soll denn das alte Spiel wieder +von vorne beginnen?« rief Francine erregt aus; »Bruch, +Versöhnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig +zu meiden und gerührtes in die Arme-Sinken. Es ist +nicht länger zu ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen, +man wird zum Gelächter der Welt.« Nora +Klingenberg hielt der Entrüsteten vor, daß sie mit ihren +Vergewaltigungsmethoden das Übel verschlimmere; da +käme Erasmus erst recht aus dem Schwanken und Zaudern +nicht heraus. Je verführerischer man ihm den Köder bereite, +je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das Zugreifen; +je mehr man ihn überrede, je stütziger werde er. Sie solle +es listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie +erbot sich, zu Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen, +als Frau zur Frau. Dadurch erwachse vielleicht Verständigung. +Francine umarmte sie und sagte, sie sei ein +Engel. »Laß dir nicht von ihr imponieren,« warnte sie; +»vergiß nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout +bei Castellanis über den Mund gefahren ist, als darüber +debattiert wurde, ob die Lehndorffs oder die Klingenbergs +älter seien. Ich versichere dir, ihr Großvater Johann +Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er Statthalter +gewesen ist; und die Zinsen müssen hoch gewesen +sein, Georg Ulrich behauptet, nie unter zwölf Perzent.«</p> + +<p>Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen +von dem Besuch zurück. Sie berichtete, Marietta sei kühl +gewesen, spöttisch, glatt, ausweichend, habe sie beständig +abzulenken gewußt; habe sie einmal, als sie sich einen +Anlauf genommen, sonderbar lächelnd angeblickt, und +nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im +Grunde nichts geredet. Sie mache mit einem, was sie +wolle, es sei nicht gegen sie aufzukommen; wenn man noch +<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>beim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon, und jeder Satz +habe zehn Facetten. Im übrigen sei sie hübsch wie nur je; +als seien fünfzehn Jahre spurlos an ihr vorübergegangen; +bestrickend und anmutig, das reine Wunder.</p> + +<p>Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend +fing sie an zu schimpfen wie ein Marktweib. Drohte, +höhnte; stieß Gegenstände aus dem Weg; schwor, daß sie +die gefährliche Komödiantin vernichten wolle, vergoß +Tränen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich +vergebliche Mühe, sie zu besänftigen.</p> + + +<p class="newsection">Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus ältesten +Freunden. Er war in jeder Beziehung steckengeblieben, +sowohl was seine Laufbahn als auch was seine Entwicklung +betraf. Trotzdem vielfache Einflüsse für ihn gewirkt +hatten, war er in einem der für unfähige Hochtories vorbehaltenen +Präsidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging +auf keine Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande, +orthographisch richtig zu schreiben. Erasmus erlaubte +sich kein Urteil darüber, ob er wirklich so dumm war, wie +alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner +vollkommenen Diskretion.</p> + +<p>Mit Männern konnte er sich im allgemeinen schwer +verstehen. Sie vermaßen sich an ihm. Sie wollten in ihn +eindringen und bedachten nicht, daß das verletzt. Männer +im allgemeinen wußten wenig von dem Grad der Verletzlichkeit +eines Menschen. Ferry Sponeck hingegen verpflichtete +nie und insistierte nie. Manchmal plapperte er +und erzählte Klatsch; indem er seine Nichtigkeiten von sich +gab, stimmte er vertrauensvoll; es kam einen plötzlich +die Lust zu Eröffnungen an, ja zu Bekenntnissen oft; +man wurde mitteilsam, gerade gegen ihn, der so kindlich +<a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>erstaunte Augen machte, bei ganz verkehrten Anlässen +bedauernd den Kopf wiegte und sich dann und wann zu +einer albernen Zwischenbemerkung aufraffte. Man war +eigentlich mit sich allein und wurde doch durch Menschenaugen +aus sich hervorgelockt. Man geriet ins Sprechen, +Drückendes wich, wenigstens für die Stunde, Vergangenes +ordnete sich. Man hatte keine Taktlosigkeiten zu besorgen, +keine neugierigen Fragen, nicht die klugen Aperçus und +beunruhigenden Haarspaltereien, die an den Leuten von +Geist so verdrießlich waren.</p> + +<p>Schon am Tage nach seiner Rückkunft sagte er sich +bei Ferry Sponeck an, der in einem kleinen alten Palais +in einer kleinen alten Gasse wohnte. Langsam und versonnen +ging Erasmus hin. Er spürte das Unheil in der +Luft. Vor vielen Jahren, in Sizilien, hatte er am Abend +vor dem großen Erdbeben dieselbe andauernde Qual in +allen Nerven empfunden. Er erinnerte sich, daß er dann, +ins Hotel zurückgekehrt, einen Weinkrampf gehabt hatte.</p> + +<p>Seine Erregung wuchs, als er Ferry Sponeck bei der +Lampe gegenübersaß. Dieser braute Kaffee in einer kupfernen +Maschine und blies bisweilen in die Spiritusflamme, +wobei er die Backen voll Luft pumpte und aussah wie der +Boreas auf alten Bildern.</p> + +<p>»Drüben im Ministerium geht alles drunter und drüber,« +sagte Erasmus. »Sie transportieren Aktenschränke auf +den Dachboden und lassen Telegramme unbeantwortet +liegen.«</p> + +<p>Ferry Sponeck seufzte.</p> + +<p>Erasmus schaute grübelnd vor sich hin. »Ich verschließe +mich der Tatsache nicht, wie die meisten unter uns, +daß wir leichtsinnig gewirtschaftet haben,« sagte er mit +seiner trägen und verschleierten Kopfstimme; »wir hatten keine +<a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>Führer; keiner war der Herr. Manche haben das Unglück +kommen sehen und haben gespottet. Die Schuld ist groß, +und der Unverstand, und die Blindheit. Aber offene +Rebellion, das darf nicht sein. Wenn das eintritt, geht die +Welt unter. Rebellion ist Satans Werk. Rebellion +heißt, daß Christus verleugnet und ans Kreuz geschlagen +wird. Alle zweitausend Jahre, hab ich einmal gelesen, +schlagen sie ihn ans Kreuz, und jetzt ist bald die Zeit.«</p> + +<p>Ferry Sponeck nickte. Der Kaffee schäumte braun unter +der Glaskuppel, und er drehte bedächtig den Hahn auf. +Der kochende Strahl rann schwarz in die goldene Tasse.</p> + +<p>Erasmus sagte: »Die murren, werden täglich mehr. +Noch wagen sie einen nicht anzuschauen, aber hinterrücks +zücken sie das Messer. Sie tragen das Messer aufgeklappt +in der Tasche; morgen werden sie auf einen losgehen. Hast +du auch manchmal ein Klirren im Ohr wie von zerbrochenen +Fensterscheiben? Es dringt bis in den Schlaf. Und dann +hört man Geschrei, fernes Geschrei.«</p> + +<p>»Du denkst zuviel nach, Mumu,« tadelte Ferry Sponeck +liebevoll; bei intimen Anlässen nannte er Erasmus +Mumu, wie man ihn als Kind gerufen. »Bist du denn ein +Gelehrter, daß du fortwährend denken mußt? Wir könnens +nicht ändern, wir beide, wir müssens geschehen lassen.«</p> + +<p>Erasmus sprach stockend weiter: »Ich bin einmal von +Corfu nach Athen mit einem alten Segelschiff gefahren, +da sind nachts die Ratten über meine Bettdecke gerannt. +Es war grausig, und der morsche Kasten ist auch bei der +nächsten Fahrt gesunken.« Seine Stimme wurde leiser, +und er rieb nervös die Finger aneinander. »Gefürchtet +hab ich mich nicht, aber Ratten, das wirst du zugeben, +das ist das Ekligste auf der Welt. Im Finstern verlassen +sie sich auf ihre scharfen Zähne; im Finstern sind sie frech. +<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>Sie selber sind geschützt, natürlich; durch ihre Zahl sind sie +geschützt, durch den Unrat und durch das Grausen.« Er +machte eine Pause und lächelte kränklich und hochmütig. +»Einschüchtern darf man sich nicht lassen. Keine Schwäche +zeigen. Wir, wir haben die Religion; davon wissen sie +freilich nichts, die Ratten; und das, was man Ehre nennt, +haben wir. Ehre, das ist wie eine diamantene Kugel. +Das Ungnadsche Wappen hat eine schöne Devise: <em class="antiqua">fort et +modeste.</em> Ehestens wird das nicht mehr viel bedeuten. +Ehestens vielleicht werden sie das Wappen zerschlagen. +Zerschlagen mögen sie es immerhin; besudeln sollen sie +es nicht. In dem Glauben kann mich keiner wankend +machen, daß alle Legitimität von Gott stammt.«</p> + +<p>Ferry Sponeck nickte andächtig. Erasmus erhob sich +lässig auf den langen Beinen und wiederholte mit einer +Art Verbohrtheit: »Damit steh und fall ich, daß alle +Legitimität von Gott stammt.«</p> + + +<p class="newsection">Als ihm Francine von der Einladung der Gräfin Rienburg-Rheda +berichtete, erklärte sich Erasmus zu ihrer +Freude bereit, sie anzunehmen. Er wußte, worum es sich +handelte; er wußte, daß Francine nur auf das eine Ziel +hindrängte, und er enttäuschte sie nicht einmal durch ein +Kopfschütteln oder das obstinate Lächeln, das er bei solchen +Gelegenheiten hatte. Die Stadt machte ihn elend, er sehnte +sich nach Stille und Landschaft. »Ist es aus zwischen +dir und Marietta?« fragte Francine halb drohend, halb +ängstlich. Er antwortete: »Es ist schon lange aus.« +Darauf Francine, entzückt: »Seht ihr euch gar nicht mehr?« +Er, kühl und gezwungen: »Ach ja, wir sehen uns, +aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im Juni +getroffen.« Francine verbreitete sich nun ausführlich über +<a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>den Charakter der Komteß Pauline, und daß eine Ehe +zwischen ihr und Erasmus der Gipfel des Wünschbaren sei. +Er hörte still zu und sagte dann: »Es ist möglich, daß du +recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.« Francine +nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und nötigte ihn, +an die Gräfin zu telegraphieren, daß er an dem und dem +Tag kommen würde.</p> + +<p>Um gefällig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen +ihm die Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte +er gewissenhaft. Man würde unbekannte Leute +treffen; er stellte sich solche der abstoßendsten Art vor; +geschwätzige Personen, zudringliche Personen. Verpflichtungen +würden entstehen; diesen oder jenen würde man +verletzen und sich wieder um ihn bemühen müssen; Zwang +würde ausgeübt werden; Lärm würde sein; irgendeiner +würde da sein, der Türen warf oder des morgens um fünf +Uhr nach der Scheibe schoß, oder mit unendlichem Gerede +einen Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer +zu packen, Nachrichten zu dirigieren; das alles häufte sich +zu einem Gebirge, und er verschob den Termin. Francine +ereiferte sich, er wich zurück. Er sagte, man bedürfe seiner +im Amt. Sie erwiderte, man bedürfe seiner mit nichten; +bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er +sich fernhalte. Er gab es ermüdet zu, bat aber für die Reise +um eine Woche Frist. Sie feilschte um zwei Tage und +verlangte, daß er am Sonntag reise. Er willigte ein. Am +Samstag abend erhielt er eine Karte von Marietta, die ihn +ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er erschrak. +Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz +verschollen heimlich damit gerechnet. Daß es eintraf, +war Erschütterung. Er erklärte Francine, daß eine wichtige +ministerielle Sitzung ihn verhindere, früher als Mittwoch +<a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>zu reisen. Francine starrte ihn sprachlos an. Aber da er +ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt nicht weiter +hinauszuschieben, mußte sie sich zufrieden geben.</p> + + +<p class="newsection">Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs, +Erasmus unter denen, die hinten standen, denn vermöge +seiner Länge konnte er über die Köpfe schauen.</p> + +<p>In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorstädten +herein, ein schwarzer, breiter, klebrig fließender, +stummer Menschenstrom. Sie kamen zur Verkündigung +der Republik. Die Straße war ausgefüllt bis an die +Häusermauern. Aus der nachmittägig-nebligen Ferne, die +wie bodenlose Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte +sich schattenhaft in Leiber und Gesichter, schwoll durch +Zufluß aus Nebengassen, wälzte sich drohend ruhig +vorüber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus, +Schritt für Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der +vor dem großen Platz die Straße verengerte, und der die +gestauten Massen langsam verschlang. Eine Stunde verging, +und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser +Tiefe glich, wälzte sich das Ungeheure her, das nicht +eine Summe zählbarer Einzelner war, sondern ein Element +für sich, zu einem Willen verschmolzen, kroch und wogte +vorüber, spürbar-, sichtbar-wirklich, fortbewegt durch einen +gewaltigen und äußerst zu fürchtenden Trieb, bis es der +dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen ähnlich, +gierig schluckte.</p> + +<p>Die Herren rührten sich nicht. Mattes Erstaunen würgte +ihre Kehlen. Einer sagte vor sich hin: »Das ist das Ende.«</p> + +<p>Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem +Freunde Ferry Sponeck in dessen Wohnung. Sie vermieden +es, über das Gesehene zu sprechen. Sie erstickten es in sich. +<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts zu tun; +sie stießen es wieder weg und gruben es zu.</p> + +<p>Sie aßen schweigend und lauschten auf Geräusche von +der Straße. Aber diese Straße der alten Paläste war still; +sie lag noch in einem vergangenen Jahrhundert und träumte. +Sie war wie von einem verstaubten Seiden-Gespinnst +überzogen.</p> + +<p>Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls für ein paar +Wochen nach Rienburg gehen; die Gräfin habe ihn mehrmals +aufgefordert, übrigens sei er ja als Vetter der +Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte +und schien seinen Entschluß zu billigen. Ihn freue es nicht +besonders, daß er hin solle, sagte er dann, aber Francine +lasse ihm keine Ruhe, und so habe er nachgegeben. Gegen +Francine aufzukommen, sei schwer, nicht bloß wegen +ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem, +sondern auch, weil man sie schonen müsse.</p> + +<p>Er hielt inne, um zu ergründen, ob Ferry Sponeck ihn +richtig verstehe. In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe, +wenn du willst, ich bin vernagelt, wenn du willst. +In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das war genau, +was Erasmus wünschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses +Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute +hielten. Er wollte sich das Verworrene und Traurige +in Francines Leben zurechtlegen; er hatte es mit Worten +noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuhörer, und zwar +einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich +bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry +zu erkennen gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort:</p> + +<p>Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden; +damals, als das Niemehrgutzumachende mit dem italienischen +Sänger passierte, sei sie achtzehn Jahre alt +<a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a>gewesen, der Verführer sechsundvierzig, noch dazu verheiratet +und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle +Konsequenzen gezogen; nicht bloß in ihre schwierige Lage +sich gefügt und dem die Treue bewahrt, der ihre Zukunft +vernichtet, sondern auch in den Enttäuschungen, Demütigungen +und Kämpfen ihren großen Charakter gestählt. +Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht, +sich eine neue Position zu schaffen und außerdem noch +soviel Kraft erübrigt, ihm, dem jüngeren Bruder, eine +tätige und hilfreiche Freundin zu sein. Das müsse man +bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der habe +keinen Begriff von Unerschrockenheit und Würde.</p> + +<p>Ferry Sponeck mußte den Begriff haben, denn er blickte +Erasmus zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile: +»Ich habe oft darüber nachgedacht, warum es so kommen +mußte, bei ihrem Stolz, ihrem Bewußtsein davon, was sie +dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu +dem Resultat gelangt, daß das, was ihr zum Verhängnis +geworden ist, ein Ungnadsches Verhängnis überhaupt ist. +In jedem Ungnadschen Leben, habe ich herausgefunden, +ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger Moment, +wo die Sinnlichkeit ein für allemal über ihn entscheidet. +Es fängt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudrücken +wovon; zum Beispiel, man geht über eine Brücke +und sieht, wie ein Weib sich über das Geländer beugt und +sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist irgendein +anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen +Moment geschieht, beeinflußt und durchdringt +das ganze Leben, wie wenn ein bestimmtes Aroma aus +einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie wenn ein +winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem +mit Flüssigkeit gefüllten Becken für immer den Geschmack +<a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>gibt. Man kommt nicht mehr los. Das Winzige entscheidet. +Man kommt von dem Aroma und dem Geschmack nicht +mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.«</p> + +<p>Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an. +Das ging weit über seine Welt. »Jaja,« murmelte er; +»schon; natürlich; so was ist schlimm, armer Kerl, sehr +schlimm.«</p> + + +<p class="newsection">Es gab ein tiefes und gehütetes Geheimnis im Leben +der Gräfin Marietta Giese. Es war dieses Geheimnis +ebensosehr eine Quelle von Glück und Kraft als von +Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es +sie mit Zweifeln quälte; aber immer war sie seiner Herr. +Die vor der Welt verschwiegene Bürde ist oft Reichtum; +Besitz, der vor fremden Augen bewahrt werden muß, +oft Pein.</p> + +<p>Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wußte +es nicht. Sie hatte den Knaben während des Jahres zur +Welt gebracht, in welchem Erasmus in Japan war. Ihre +Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein +einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen +worden, das war ihre Freundin Helene von Gravenreuth; +in einem Dresdner Sanatorium hatte sie das Kind +geboren; auf Schloß Gravenreuth lebte der kleine Wolf +in sicherer Hut.</p> + +<p>Es war keine Zufallsfrucht. Sie hatte das Kind mit +ihrem Willen empfangen. Während sie es getragen, war +sie sich völlig klar darüber gewesen, was sie auf sich nahm. +Sie mußte es durchsetzen gegen die Welt; es vorbereiten +auf ein ungesichertes Schicksal. Hatte sie es doch der Welt +abgerungen und vom Schicksal ertrotzt. Solche sind von +Anfang an belastet. Erasmus war der Mann nicht, den +<a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a>ein Kind inniger an die Geliebte bindet. Ihr gegenüber +war ein Kind seine Furcht und sein Aberglauben stets +gewesen. Der Grund davon hätte ihr schmeicheln dürfen, +wenn er nicht im dunkleren Teil der Seele Beleidigung +geworden wäre. Die Frau in ihr war spät erwacht. Sie +mußte etwas haben wider ihn und für sich; und für ihn +und wider die Gesellschaft. Sie hatte ein Pfand gebraucht +und eine Bestätigung. Es kam nicht darauf an, daß er +es erfuhr; vielleicht würde er es niemals erfahren; mit +Empfindsamkeiten rechnete sie nicht; zärtliche Rührung +war weder ihre noch seine Sache. Ihr diente es. Sie wurde +befestigt. Und über Pfand und Bestätigung hinaus war es +auch Bild, noch dazu ein schönes, lebendiges. Die +Väter waren ihr ohnehin Ziel des Spottes. An Vatergefühle +glaubte sie wenig. Und ihm ein Kind präsentieren, +das außerhalb der Ehe gezeugt war, das hieß alle patriarchalischen +Vorurteile in ihm wachrufen, sie wußte es, und +seine ängstlichsten Bedenken gegen die Mutter kehren. +Anlaß genug zu schweigen.</p> + +<p>Hatte sie doch auch Freiheit und Liebe ertrotzt. Nie +durfte er ahnen, daß und wie sehr es Kampf war. Sie hatte +sich losgerissen von Fesseln, und die Haut blutete; für ihn +mußte es sein, als hätte sie sich einen Kranz vom Haar +genommen, der zu welken beginnt. Was sie verachtete, +war ihm ehrwürdig; worunter sie seufzte, war ihm von +heiliger Bedeutung. Immer sein Zagen, sein Zurückhalten; +sein Warnen, sein Nichtbegreifen, wenn sie vorwärts +wollte; wieviel List war da nötig; wieviel Geistes- und +Herzensgut zerstäubte; wieviel Erklügelung forderte es, +ihn so zu führen, daß er zu führen im Wahn blieb. Voneinandergehen: +Ungewißheit; Wiederkommen: Hangen +und Bangen; Getrenntsein: das Nichts; Zusammensein: +<a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>Druck seiner Hypochondrie. Leidenschaft lohte auf, schwelte +und verglomm. War das noch Leidenschaft, wenn einer +so lange mißtraute, bis er wehrlos wurde? und sich dann +schemenhaft entzog? Marietta schlug den Funken, wärmte +den Freund mit Blick und Atem, prägte sich ihm ein, die +Stunde ihm ein, die Liebkosung, das bindende Wort. Alles +hing davon ab, daß er nicht vergaß, daß er immer wieder +zu ihr fand und sie sich finden ließ, nicht mit zu leichter +Mühe, nicht mit zu schwerer. Er: stets im Begriff, einem +Joch zu entschlüpfen, dem die Sanktion fehlte, das +Gewesene zu leugnen; sie: in Ruhe, in scheinbarer, die +Wagschalen sorgsam in der Gleichlage haltend, gespannt, +geduldig, heiter, geschmückt, in Hader mit ihrer Kaste, +die soziale Tyrannei geistig überwindend, im Gefühl ihr +verfallen, und so, mit einer Existenz am Rande der Gesellschaft, +am Rand des Möglichen und Anerkannten, in unaufhörlicher +Schwebe.</p> + +<p>Sie hatte lange gezögert, ob sie ihn rufen solle. Beim +Abschied hatten sie einander feierlicher als sonst entsagt. +Sie nannte das die Erklärung des Desinteressements. +Es war notwendig zu seiner Gewissensentlastung und +damit die Pläne, die andere mit ihm vorhatten, nicht +seine allenfallsigen Entschließungen hemmen konnten. +Ihr blieb nichts übrig, als zu warten. Die Jahre untergruben +auch in ihr langsam das Vertrauen zu der Macht, +die bisher jedes Hindernis besiegt hatte. Der Spiegel +wurde zum Memento. Der Spiegel betrog nicht, noch war +er zu betrügen.</p> + + +<p class="newsection">Sie ließ früh die Lichter anzünden. Da sie sich seit +dem Morgen unpäßlich gefühlt hatte, legte sie sich auf die +Chaiselongue und ergab sich dem Vorüberrinnen der +<a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>Stunden. Den November hatte sie von jeher gehaßt. Sie +war überzeugt, daß es der Monat sei, in dem sie sterben +würde. Der alte Diener, der aussah wie ein Kalmück, +huschte auf dem Teppich hin und her, um den Teetisch zu +richten. Das kostbare Geschirr klirrte melodisch. Sie +war in ein rosafarbenes Teegewand gekleidet, mit breiten +Valencienner Spitzen an den weitoffenen Ärmeln. Die +Farbe brachte das Leuchtende ihrer Haut zur Geltung wie +auch das tiefe Goldrot der Überfülle ihres Haares.</p> + +<p>Die Glocke läutete; nun kam er. Den zaghaft und fast +lautlos Eintretenden begrüßte sie mit zartest-unbefangenem +Lächeln, entschuldigte sich, daß sie lag, reichte ihm die +Hand, die er ergeben an die Lippen führte. Ein paar +Sekunden herrschte Schweigen, dann stammelte er allerlei, +um zu rechtfertigen, daß er sich nicht selbst gemeldet. Sie +wunderte sich und schnitt die kläglichen Versuche sanft ab. +Indes brachte der Kalmück den Tee, und man hatte +Beschäftigung. Marietta übernahm die Leitung des +Gesprächs. Ihr Instinkt gebot ihr, viel zu sprechen. Sie +erzählte ein paar lustige Episoden aus Eichfurth, schilderte +ein Diner, bei dem sie gewesen, einen nächtlichen Gang +in der erregten Stadt, eine Begegnung mit einem der +gestürzten Minister, den Eindruck der Lektüre von Barbusse’ +<em class="antiqua">l’enfer,</em> die Verabschiedung einer unverschämt +gewordenen Zofe, alles leicht, pointiert, schmiegsam. +Sie ließ die Stimme spielen. Sie erfuhr es wie eine Botschaft, +daß die Stimme noch ihre sinnliche Magie besaß.</p> + +<p>Zuerst dünkte ihm, er hätte die Stimme nie gehört. +Jetzt erkannte er sie wieder. Der Klang; diese Pausen, +diese Einschiebsel, diese Raschheit, diese Belebtheit. Er +war zu schwerfällig, im gleichen Tempo mitzugehen; er +blieb gewöhnlich im Erwägen und Verstehen um einen +<a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>Schritt zurück, auch um zwei oder drei; manchmal wartete +sie gutmütig, bis er nachgekommen war, manchmal auch +nicht, dann ergötzte sie seine Verwirrung und sein galanter +Eifer. Es bereitete ihr Genugtuung, ihn völlig ahnungslos +zu wissen über die Absichten, die sie verfolgte, ihn raten +zu lassen, im Kreis herumzulocken und durch Kapriolen +zu beunruhigen. Zuweilen zuckten ihre Lippen in verhaltenem +Mutwillen, aber hinter dem Mutwillen war Traurigkeit, +und das gab dem Ausdruck Reiz und Wechsel.</p> + +<p>Ohne Übergang sagte sie plötzlich: »Es ist keine üble +Idee von Francine, dich zu Rienburgs auf Werbung zu +schicken. Ich bin ganz einverstanden damit. Der Versuch +vor sechs Jahren mit Sebastiane ist ja im Anlauf steckengeblieben, +und du hast dir nichts vergeben und nichts +verdorben. Wie alle früheren Heiratsprojekte verfehlt +waren, so auch dies. Sebastiane wäre nicht die richtige +gewesen. Pauline ist vielleicht die richtige.«</p> + +<p>Sie sah mit lächelnd-gleitendem Blick an ihm herab, +der betreten vor sich hinschaute, und fuhr fort: »Ich kenne +ja die Familie gut, wie du weißt. Lix war eine Zeitlang +in mich verliebt, war hinter mir her wie mein Schatten, +und ich half ihr bei ihrer etwas verstiegenen Korrespondenz. +In der unglücklichen Ehe mit Heinrich Lerchenfeld ist sie +dann Theosophin geworden, was ein jämmerlicher Trost +für eine elegante junge Frau ist. Ich sage, Pauline ist +vielleicht die rechte, weil wir ja noch die kleine Aglaia +haben, und es wäre immerhin zu bedenken, ob sie nicht +vorzuziehen ist. Ich habe neulich mit Georg Ulrich +Castellani darüber gesprochen; nur um ihn auszuholen, +denn er ist ja gescheit wie der Tag, und weil er viel mit +Rienburgs zusammen ist; er wird auch mit dir zugleich dort +sein, wie ich dir im Vertrauen mitteilen kann. Leider ist +<a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>der Altersunterschied zwischen dir und Aglaia etwas zu +groß; zweiundzwanzig Jahre, das ist fast unmoralisch. +Außerdem ist sie ein Wildfang; du würdest Mühe mit ihr +haben. Geht denn das? Kannst du Mühe aufwenden? +eine Widerspenstige zähmen? Das ist nichts für dich. +Pauline ist die stillere; ein wenig melusinenhaft; das hast +du ja gern. Sie gibt Rätsel auf, aber die Rätsel sind leicht +zu raten. Sie hält sie freilich für unlösbar; das ist nur +eine Chance mehr für dich; es beschäftigt sie. Du brauchst +eine Frau, die dich restlos anbetet; ich meine nicht adoriert; +adorieren ist zu glatt und zu seicht; nein, geradezu anbetet, +in Staunen verloren. Und nicht etwa aus Stupidität, +sondern aus Phantasie. Heiratest du eine Person ohne Phantasie, +so läufst du Gefahr, daß sie sich und dich nach drei +Wochen zu Tode langweilt. Oder sie stellt Ansprüche, +und das würde dich deine Nerven kosten. In deine Hintergründe +ist schwer zu dringen; es braucht dazu ein bißchen +Geist und viel Geduld. Stifte nur keine Verwirrung. +Verliebe dich nicht in beide zugleich, oder mach dir nicht +selber Opposition, indem du eine gegen die andere ausspielst +und dann bei allen zweien verspielst. Sei kühl, +aber sträube dich auch nicht gegen eine ehrliche Neigung; +halt dein Herz nicht zu fest und laß deine Augen nicht +zu gierig sein.«</p> + +<p>Erasmus hatte sein spleeniges Lächeln, als er zögernd +erwiderte: »Deine Fürsorge ist wirklich bezaubernd, Mariette. +Leider ist sie nicht genügend motiviert. Ich leugne +nicht, daß die Verbindung mit Rienburgs ihre Vorteile +hat, aber du weißt doch, du sagst es selbst, wie wenig ich +mich für die Ehe eigne. Leuchtet mir auch das Nützliche +und Förderliche ein, wenn es dann ums Ja oder Nein geht, +scheint es mir vollkommen töricht, daß ich ja oder nein +<a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>sagen soll. Warum rücken einem die Leute so nah mit +ihrem Verlangen nach dem Ja oder Nein? Es ist lästig, +sich entscheiden zu müssen. Ich will mich nicht entscheiden.«</p> + +<p>»Du willst dich nicht entscheiden,« wiederholte Marietta +leise, mit einem unhörbar bittern Unterton; »das begreife +ich. Du willst, daß für dich entschieden wird, und möglichst +zu deiner Bequemlichkeit. Du rührst nicht hin; alles soll +sein wie Blumen unter Glas. Du kannst aber nicht außerhalb +von Ja und Nein leben. Hast du noch nie darüber +nachgedacht, was für ein mörderisches Ding das Vielleicht +ist, und was für ein unredliches das Nochnicht? Du +eignest dich für die Ehe nicht mehr und nicht minder als +jeder verwöhnte und egoistische Mann in deinen Jahren. +Man darf sich nicht kostbarer fühlen als die Welt einen +wertet, sonst wird man gleich ein bißchen lächerlich. Was +riskierst du? Höchstens, eine Frau unglücklich zu machen. +Fällt das so schwer ins Gewicht? Ist es so verführerisch, +als bisweilen eingeladener, bisweilen übergangener, mäßig +interessanter Sonderling in einer öden Wohnung zu hausen, +mit Köchinnen, die rappelköpfig sind, und Dienern, die +einem die Wäsche auftragen und die Zigaretten stehlen? +Weshalb die Skrupel? Worauf wartest du?«</p> + +<p>Mit einer Betroffenheit, die seinem Gesicht einen kargen +und betrübten Ausdruck verlieh, antwortete Erasmus: +»Keineswegs konnte ich darauf gefaßt sein, gerade in dir +einen so eifrigen Anwalt für meine Verheiratung zu finden. +Es ist mir neu –«</p> + +<p>Marietta wandte sich ihm mit großem Blick zu. »Ja, +siehst du, Lieber,« sagte sie langsam und freundlich, »ich +muß nun auch daran denken, mein Leben unter Dach und +Fach zu bringen. Für so naiv wirst du mich doch nicht +halten, daß ich dir aus reiner Selbstlosigkeit zurede. Als +<a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a>ich ein Kind war, hing zu Hause ein Bild; die Verlassene +hieß es. Diese Dame blickt von einem Felsen an der Küste +sehnsüchtig aufs Meer hinaus; es standen auch die Worte +kummervoll und tränenleer darauf. Ich konnte das Bild +nie anschauen, ohne mich über die dumme Gans zu ärgern. +Daß ich solche tragische Figur abgebe, wirst du mir doch +nicht zumuten. Kummervoll und tränenleer; nein, ich +danke. Ich bin für Erledigungen.«</p> + +<p>»Ich verstehe nicht,« murmelte Erasmus, »wir sind +jedesmal übereingekommen –«</p> + +<p>»Laß das, bitte,« unterbrach sie ihn scharf und hob den +Kopf ein wenig. Ihre Augen schimmerten wie dunkle Opale.</p> + +<p>»Aber wie meinst du das: dein Leben unter Dach und +Fach bringen?«</p> + +<p>»Sehr einfach: ich will heiraten; ich auch.«</p> + +<p>Erasmus staunte starr, mit eckig emporgezogenen +Brauen. »Heiraten? Du? Wen denn, um Gotteswillen?«</p> + +<p>Die Anrufung Gottes und die zwei bestürzten Zirkumflexe +auf seiner Stirn brachten Marietta zum Lachen. Er +zuckte zusammen. Er liebte dieses Lachen an ihr, das den +Mund einer aufgeschnittenen Frucht ähnlich machte und sie +zwanzigjährig erscheinen ließ. Es enthielt Erinnerung an +Reiz und Liebkosung, Halbvergessenes, Halbentschwundenes, +Unvergeßbares, heimlichstes Wunder des Geschlechts. +Innere Unruhe zwang ihn äußerlich zur Unbeweglichkeit; +er schaute sie an wie eine Frau, der man zum +erstenmal begegnet, von der man aber berückende Wissenschaft +hat.</p> + +<p>Es war ein vollendeter, trivialer kleiner Roman. Das +Triviale daran bot die Gewähr; von den Finessen war sie +satt. Als sie im Sommer mit Helene Gravenreuth in Bern +gewesen, habe sie einen jungen Holländer kennengelernt, +<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>reich, luxuriös, durch und durch lebendig, mit exzellenten +Manieren, und dieser Holländer nun, den Namen bitte +sie vorläufig verschweigen zu dürfen, habe sich mit äußerster +Entschlossenheit in sie verliebt. Sie sei ihm nicht gerade +entgegengekommen, habe ihn aber auch nicht entmutigt, +und als sie mit Helene nach Pontresina gefahren, sei er +eines Tages dort erschienen, man habe gemeinsame Ausflüge +gemacht, Bridgepartien arrangiert, und so weiter, +wie es eben zu gehen pflege. Dann sei man abgereist, +er habe ihr geschrieben, an Helene geschrieben, immer +stürmischer, immer offener, und jetzt habe ihn Helene nach +Gravenreuth zu Gast gebeten, nachdem sie vorher bei +ihr angefragt, ob sie gleichfalls kommen wolle. Er sei +wahrscheinlich schon dort; sie werde übermorgen von +Eichfurth aus hinfahren. Da Gravenreuth und Rienburg +nicht viel mehr als zwei Wegstunden auseinander lägen, +sei es eine reizende Fügung, meinte sie zum Schluß ihres +Berichts, daß sie sich über den Fortgang der beiderseitigen +Verlobungs- und Versorgungsaktionen jeden Tag kameradschaftlich +aussprechen könnten, wenn sie Lust dazu +verspüren sollten.</p> + +<p>Ja, es sei merkwürdig, gab Erasmus zu. Dann schwieg +er. Marietta schwieg ebenfalls. Sie ließ ihre Fußspitze +kreisen, und Erasmus sah dem Spiel des Fußes zu. Sie +blickte an die Decke, und ihre vollen, leidenschaftlich +gewölbten Lippen öffneten sich zu einem schimmernden Spalt. +Auf einmal sprang sie auf und ging im Zimmer umher. +Ging ohne Hast, wie nach einem vorgefaßten Rhythmus, +und ihre Gestalt hob sich wiegend ab von überlegt gestimmtem +Hintergrund. Mit lässiger Hand berührte sie +bald eine Vase, bald ein Stück Stoff, ohne die Hand zu +heben, im Gleiten nur.</p> + +<p><a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>Er kannte genau die Art, wie sie beim Gehen den Fuß +aufsetzte, bewußt, ihn leicht und kräftig aufzusetzen, so daß +die Gelenke entlastet wurden und die Hüfte nur unmerklich +zitterte. Der straff gehaltene Oberkörper folgte +der Bewegung nur insoweit, als er dadurch nichts an Maß, +aber auch nichts an Freiheit verlor. Es war ein bedachtes +und gefeiltes Schreiten. Sie schritt, als schmecke ihr das +Gehen, als trüge sie sich in eigentümlicher Weise selber. +Jede Veränderung einer Linie an ihrem Körper umschloß +den Keim zu einer Gebärde, die er kannte und die ihm vertraut +war seit vielen Jahren. Viele seiner Stunden +kamen wieder, während sie so ging und schöne Gegenstände +an rührte, viele seiner Gedanken, Wunsch und +Erfüllung.</p> + +<p>»Und du? Du liebst ihn?« fragte er scheu.</p> + +<p>»Bah, Liebe,« antwortete sie; »es geht nicht um Liebe. +Es geht um Halt, es geht um Dauer. Ich bin manchmal +müde, weißt du. Es ist so gut, bei einem zu ruhen. Davon +zu träumen, ist schon gut. Wir sind alle ein wenig an die +letzten Barrièren gehetzt, nicht bloß ich und du. Aufatmen, +ausatmen, o!« Sie blieb stehn und schaute zu einem +Bild an der Wand empor, ohne es zu sehen. »Was ich +tue, ist mir klar,« fuhr sie mit tiefsonorer Stimme fort, in +der sich Blut und Natur verriet; »wenn man mit meinen +Erfahrungen eine neue Ehe schließt, gibt es keine Illusionen +mehr. Mit achtzehn Jahren ist es ein Sprung in die +Finsternis; ich habe ihn getan. Kommt man mit halbwegs +heilen Gliedern davon, so hat man höchstens gelernt, daß +man einen langen Löffel haben muß, um mit dem Teufel +eine Mahlzeit zu halten, aber das Abenteuer lockt, und der +süße Tag verspricht. Wir sind leichtgläubige Geschöpfe. +Heute ... ich will froh sein, wenn der, dem ich mich überlasse, +<a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>mir mit der Achtung begegnet, die eine anständig +erworbene Invalidität verdient.«</p> + +<p>Erasmus sagte: »Wir haben manches zusammen erlebt, +in langer Zeit, und daß es zu Ende sein soll, kann ich mir +nicht vorstellen.«</p> + +<p>»Sonderbar, daß du mir nie und durch nichts fremder +wirst, aber auch nie und durch nichts vertrauter,« sagte +Marietta, indem sie sich auf den Rundstuhl vor dem Flügel +setzte und den Deckel öffnete; »du warst eigentlich immer +der, der kommt und der, der geht; nie der, der bleibt. Du +kannst nicht Aug in Auge sein. Du fürchtest den Blick, +der dich fordert. Warum nur?« Sie schlug ein paar +Akkorde an, sehr leise, und sprach weiter: »Wir haben +manches zusammen erlebt, gewiß; doch nicht so zusammen, +wie du glaubst,« sie neigte das Haupt tiefer; »oft in +unsern schönsten Zeiten, und es waren schöne Zeiten, ich +will nicht undankbar sein, hatte ich das Gefühl: du hast +ihn sich selber gestohlen, und er trägt dir den Diebstahl +nach. Ja, er hadert, sagte ich mir, er sammelt Ressentiments, +und eines Tags wird er mit der großen Liste kommen und +abrechnen. Da ists doch vielleicht besser, vorher ein Ende +zu machen; meinst du nicht?«</p> + +<p>Erasmus erhob sich und wollte zu ihr hin. Sie streckte +abwehrend die Arme aus.</p> + + +<p class="newsection">Vierundzwanzig Stunden später war Erasmus in entlegener +Welt, ein Hinbefohlener, um Glück zu suchen. +Die Freude, mit der er aufgenommen wurde, bedrückte ihn, +da er das Programm zu spüren glaubte, und er gab sich +spröder noch, als ihm zu Sinn war; doch nicht lange. Die +arglosen Gespräche schlossen ihn auf, die unbefangene +Nähe der heitern Frauen. An viel Gemeinsames konnte +<a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a>angeknüpft werden. Der leichte Zwang zur Geselligkeit +überschritt liebenswürdige Formen nicht, der Tag teilte +sich natürlich ein, die kleinen Pflichten fielen nicht lästig. +Am Abend versammelten sich alle in dem entzückenden +Speisesaal im Mariatheresiastil; das Souper hatte festliches +Gepräge. Auf der Tafel und auf sechs Konsolen brannten +Kerzen in silbernen Kandelabern. Die Gräfin nahm ihre +Vorliebe für Kerzenlicht zum Anlaß einer Philippika +gegen die Zudringlichkeit moderner Beleuchtung, die +delikate Farben wirkungslos und zarthäutige Frauen schlecht +aussehend mache. Graf Castellani, mit seiner Meinung +stets zu ihren Diensten, stimmte ihr bei, Hofmann, der +er war.</p> + +<p>Am andern Morgen sagte er zu Erasmus, als sie nach +dem Frühstück durch den Park gingen: »Die gute Gräfin +denkt, wenn sie fünfundzwanzig Kerzen brennen läßt, +hat sie schon achtzehntes Jahrhundert im Hause. Als ob +achtzehntes Jahrhundert bloß ein niedlicher Illuminationsscherz +wäre. Heute sind alle so. Leere Prätensionen. +Eine herzlich angenehme Frau, aber ohne Tournüre. +Viel guter Wille; der Zuschnitt pitoyabel.«</p> + +<p>Georg Ulrich Castellani war etwas vereinsamt hier. +Er machte sich nichts aus Frauen. Als Mitglieder der +Gesellschaft und vernunftbegabte Individuen konnte er +sie im zureichenden Fall achten, im unzureichenden verbarg +er die Geringschätzung hinter seiner ziselierten Artigkeit; +als Geschlechtswesen waren sie nicht vorhanden für ihn. +Er hatte sich darauf eingerichtet, den ganzen Winter auf +dem Gut zu bleiben; er empfand sich, in historischer +Weise, durchaus als Emigrant. Er war der nächste +Freund des gefallenen Dettingen gewesen; Sebastiane +begegnete ihm mit scheuer Verehrung. Es hieß, er benutze +<a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>die ländliche Muße zur Niederschrift seiner Memoiren, +die Hauptbeschäftigung der großen Aristokraten nach dem +Herbst des Jahres 18; in ihm war sicherlich Überfülle +des Stoffes, da er, obwohl erst sechsundvierzig, in alle +bedeutenden Welthändel von Algeciras bis Brest-Litowsk +tätig eingegriffen hatte.</p> + +<p>Polyxene sagte zur Erasmus: »Man erfährt durch ihn +Dinge, die in keinem Buch zu lesen sind. Wenn er spricht, +ist er unwiderstehlich; wenn er schweigt, ist etwas Schauerliches +um ihn. Er hat die Aura des Verhängnisses.«</p> + +<p>Erasmus, belehrungsdurstig, wollte wissen, was das sei, +die Aura des Verhängnisses. Sie belehrte ihn gern.</p> + +<p>Aglaia wagte es, Georg Ulrich zu verspotten, als sie mit +Erasmus über ihn sprach. Sie ahmte nach, wie er schamhaft +die langwimprigen Lider senkte, sobald er einen seiner vergifteten +Redepfeile abschoß. Sie erzählte, daß er in Paris +eines Tages seinen Diener auf die Straße geschickt habe, +damit er einen Kommissionär heraufhole; als dieser vor +ihm stand, habe er bloß gefragt, wo der nächste Friseurladen +sei und ihn nach geschehener Auskunft gnädig entlohnt.</p> + +<p>Keine der Frauen ließ Erasmus merken, daß sein +Besuch einem Zweck gelte; keine schien davon zu wissen. +Infolgedessen gewann er Freiheit und faßte den Zweck +selber ins Auge. Nicht so sehr mit dem nüchternen Gedanken, +sich zu binden, als vielmehr mit dem schmeichelnden, +zu erobern. Aber hier fing schon die Mißlichkeit an. Da +vier anmutige und besondere Geschöpfe ihre Lockfäden um +ihn spannen, vergaß er, daß mindestens zwei von ihnen +seiner Wahl nicht anheimgestellt waren. Aber sein Wunsch +im allgemeinen wurde rege. Wohl wußte er, daß das +gefährlich war und daß es ihn aus der Bahn des Ersprießlichen +<a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a>lockte; aber er ließ es geschehen, daß das +Nützliche zurücktrat gegen das Wohlige, und indem er sich +der ihm auferlegten Vorschrift leichtsinnig entschlug, +wuchsen Mut und Unternehmungsgeist in ihm. Es war so +läßlich betäubend, das alles, so von der Zeit entfernt, in +der Mischung von Spiel und Ernst seiner Art gemäß, und +es entfalteten sich deshalb auch die anziehendsten Seiten +seiner Natur.</p> + +<p>Kaum aber wurden die fünf Damen, die ja im Grunde +fünf Verschworene waren, seiner Empfänglichkeit inne, +so trugen sie Sorge, daß die günstige Entwicklung tunlich +gefördert werde. Jedoch sehr heimlich; von einer Unterredung +zwischen zweien oder dreien oder im Plenum blieb +auf keinem Gesicht eine Spur haften. Sie wußten zu genau, +daß eine Unvorsichtigkeit viel verderben konnte. Pauline +verhielt sich bei den Beratungen passiv, wurde auch nur +hinzugezogen, wenn es sich darum handelte, ihr notwendige +Verhaltungsmaßregeln einzuschärfen oder sie +wegen begangener Ungeschicklichkeiten zur Rede zu stellen. +Aber um ihr behilflich zu sein, mußten sich alle einem +gewissen Plan fügen, der darin bestand, Pauline vorzuschieben +und sie der Gelegenheiten möglichst wenig zu +berauben.</p> + +<p>Das klang in der Theorie selbstverständlich und schien +ohne weiteres befolgbar. In der Praxis war dabei mit der +Gegenpartei zu rechnen. Zum Beispiel fand es Polyxene +beschwerlich, daß sie auf die Gesellschaft von Erasmus +verzichten solle, sobald Pauline am Horizont sichtbar wurde. +Sie sagte, ein wenig beleidigend, sie sei froh, sich mit +einem vernünftigen Menschen unterhalten zu können; +ihm auszuweichen, wenn er sie suche, dazu erblicke sie +keinen Anlaß. Sebastiane wieder erklärte es unter ihrer +<a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>Würde, daß sie Vorschub leisten solle, wo es doch nicht +einmal feststehe, ob eine sympathische Beziehung vorhanden +und ob Erasmus gewillt sei, sich mit Pauline soviel zu +beschäftigen, wie man annehme. Aber ehe Erasmus gekommen +war, hatte sie sich am eifrigsten für den Heiratsplan +eingesetzt und der jüngeren Schwester vortreffliche +Ratschläge gegeben. Pauline selbst hatte sich am meisten +über Aglaia zu beklagen, die sich, wie sie äußerte, in jedes +Gespräch dränge, sich mit ihrer agassanten Koketterie +lästig mache und es anscheinend nicht ertragen könne, wenn +man sie fünf Minuten lang unbeachtet ließ. Aglaia lachte +zu den Anschuldigungen und antwortete schnippisch, jeder +könne sich sein Vergnügen verschaffen, wo er wolle, und +wem sie im Wege sei, der möge ihr den Rang ablaufen, +das Aschenbrödel abzugeben, habe sie keine Lust. Die +Gräfin beschwichtigte die erregten Gemüter, appellierte +an Polyxenes Stolz, an Sebastianes Vernunft, an Aglaias +gutes Herz, doch dauerhaft war der Frieden nicht, den sie +mit Aufwand vieler Worte stiftete.</p> + +<p>Erasmus ahnte nichts von den Streitigkeiten, deren +Ursache er war und denen er in fühlloser Unschuld täglich +neue Nahrung gab. Er überließ sich dem Antrieb und der +Stunde, der augenblicklichen Neigung und Verführung, +nahm, was ihm entgegengebracht wurde und forschte nicht, +was hinter den Wänden vorging und sich hinter den klaren +Stirnen verbarg.</p> + +<p>Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die über ihr +Wesen gebreitet war. Sie hatte den überschmalen Kopf der +untergehenden Familien, auch Schultern und Hände waren +überschmal. Sie ging, wie die Engländerinnen gehen, mit +dem vollaufgesetzten Fuß und etwas rückenden Schenkeln. +In den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe, +<a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a>welche sinnliche Unruhe erzeugt; die Nasenflügel witterten +beständig wie bei einem äugenden Wild. Sie sprach mit +Bitterkeit von ihrem zerstörten Leben und andeutend +von den Tröstungen astraler Wissenschaft. Erasmus +hörte gewinnend aufmerksam zu; seine spärlichen Einwürfe +galten mehr ihrem Blick, ihrem Mund, ihrem Hals, +ihrer dunklen Stimme, dem stummen Fieberhaften, verheißend +Glühenden ihres Innern als ihrer Rede.</p> + +<p>Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die +Blasse, mit dem winzigen Haupt und der graziösen Haltung, +die so ausgeglichen war; und klug; und ein bißchen trocken +und mißtrauisch. Er hatte sie für temperamentlos gehalten, +bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen aus dem +Dorf zugelaufenen großen Hund, der ihren Buley angefallen +und sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit +an der Schnauze packte, mit der andern Hand beim Hinterlauf, +und als es ihr gelungen war, ihn wegzureißen und +zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er führte sie zum +Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war +schweigsam. Er bedauerte plötzlich seine Flucht vor sechs +Jahren, und sie spürte, daß etwas dergleichen in ihm vorging, +denn sie lächelte verstohlen in ihrem nachstürmenden +Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles weiß und +verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als +Mutter war sie ihm unnahbarer als ihre Schwestern. Sie +hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein vierjähriges; die +standen neben ihr wie Wächter; und unerklärlich, um die +Kinder beneidete sie Erasmus, als wäre er selbst eine +Frau, eine unfruchtbare, im Widerpart zur beglückten, +und sie schien ihm höher dadurch und reiner, geborgener +jedenfalls und den Begierden entrückter.</p> + +<p>Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mit +<a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>jungen Mädchen gemacht; man kam mit ihnen ermüdend +oft auf einen toten Punkt und ließ sich aus Kümmernis +der Langeweile, aus Gutmütigkeit oder auch aus Bosheit +zu einem törichten und übereilten Wort hinreißen, in dem +man dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit, +keine Unbefangenheit, kein Maß, nur die plumpeste Zielstrebigkeit +und Fallschwere. Warum fiel ihm so häufig +der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mußte +lachen; was war denn das, ein Nebelhuhn?</p> + +<p>Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen. +Man hatte ihn vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson. +Ein hervorstechender Zug seines Charakters war, +daß er einem fremden Willensdiktat gegenüber in die +Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte +man ihm einen Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum +Stumpfsinn davon eingenommen, was nicht hinderte, +daß er ihn schließlich unausgeführt ließ; nur mußte er zuerst +beschließen, ihn nicht auszuführen, dann war alles im +Geleise.</p> + +<p>Hier war er unschlüssig; bald gefangen, bald abgestoßen; +bald neugierig, bald argwöhnisch. Komtesse Pauline hatte +üppig entwickelte Formen, im Gesicht etwas Porzellanhaftes, +Augen von fast unpassender Durchsichtigkeit. Sie +war bedächtig, meist in sich verloren. Wenn er mit ihr +sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare +dufteten wie eine frische Weizengarbe. Sie war verspätet; +die beklommene Lässigkeit des ersten Erwachens war +noch in ihr, oder jetzt erst. Sie ging jede Woche zur Beichte, +und in ihrem Zimmer stand ein kleiner Hausaltar, vor dem +sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald darüber +im Klaren zu sein, daß sie mit ihrem vollen, unenttäuschten +jungen Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheit +<a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>für ihn. Es war zu plan und zu ernsthaft; +eh man sich recht besann, war man in der Schlinge. Er +legte sich auf die Lauer und spähte auf den belagerten +Weg. Vor Überfällen hatte er heillose Angst. Doch ließ +er sich dann wieder anlocken und einlullen von dem +schwebenden, fragenden, zwingenden Gefühl und flüchtete +in der Not etwa zu der schlüpfrigen Eidechse Aglaia.</p> + +<p>Deren Siebzehnjährigkeit war wie eine sprudelnde +Fontäne, lärmend und erfrischend, ein unhemmbares +Quellen. Sie gehörte zu denen, die schon als Kind alles +sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin, +Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles Böse. +Sie sagte Dinge, die einen abgebrühten Lebemann zum +Erröten brachten und hegte noch die zärtlichsten Empfindungen +für ihre Puppen. Sie war ruhelos, naschhaft, +ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte, +spielte aus Lebensüberschuß Komödie, hatte bisweilen +Gesten und Bewegungen wie die wilden Negerinnen der +Tropen, die an Nacktheit gewöhnt sind, weinte und lachte +über ein Nichts und war der Despot im Hause. Erasmus +ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie verabredet.</p> + +<p>An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus +im oberen Korridor. Sie sagte zu ihm: »Wenn Sie mit +mir kommen, will ich Ihnen etwas zeigen.« Sie hatte +von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit gehabt, der +den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem +übrigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft +mit Erasmus verkehrten. Sie führte ihn durch ein paar +unbewohnte Räume in den Ahnensaal, dessen Wände von +Gemälden bedeckt waren, deutete auf das Bild einer kühnblickenden, +reichgeschmückten Dame und sagte: »Das ist +<a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a>meine Ur-Urgroßmutter, der ich ähnlich sehen soll, eine +Polin. Es heißt, daß sie mehr als ein Dutzend Liebhaber +gehabt hat, und so viele Abenteuer außerdem, daß Ludwig +der Fünfzehnte manchmal den russischen Gesandten gefragt +haben soll: was gibt es Neues von der Fürstin Barbara +Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie +den Aufständischen vorangeritten und von der ersten Kugel +ins Herz getroffen worden. So muß eine Edeldame leben, +und so muß sie sterben, finden Sie nicht?«</p> + +<p>Dieses »Edeldame,« wie sie es sagte, hatte Gesang.</p> + +<p>Erasmus hielt es für gut, sich in seiner Antwort weise +zu beschränken. Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt, +als daß es als Ideal aufgestellt werden könnte, +zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber anlange; auch +gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten ungebührlich +zu übertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er +beurteilen könne, nicht so expansiv, auch werte man die +Frauen nach einem andern Maßstab. Es gehe alles in die +Enge, und man werde Mühe haben, man werde froh sein, +sich in der Enge zu behaupten.</p> + +<p>Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugehört und ihn mit +funkelnden Augen erst unwillig, dann schalkhaft von oben +bis unten gemustert hatte, rief sie aus: »Erasmus, die +Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgroßmutter +Barbara der Angstschweiß ausbricht.«</p> + +<p>Er schaute etwas blöde hin und schüttelte ärgerlich +den Kopf. Hierauf sah er das Mädchen an, das auf +Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen Unverschämtheit +vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam das +Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er näherte +sich ihr, und Aglaia lachte. Sie verschränkte die Hände +im Nacken und straffte sich. Er warf einen hastigen Blick +<a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>nach der Tür und küßte sie rasch auf den Mund. Sie +schloß eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch +viel leiser, und lief davon.</p> + + +<p class="newsection">Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen +erlaubt, durch stille Vereinbarung zugestanden, und man +erwartete es sogar. Vor der wich er feig zurück, aber ohne +sich zu entziehen und ohne zu verzichten. Die andern waren +ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter +allen Vieren richtete er Verwirrung an.</p> + +<p>Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verführer. Er +war voller Gewissen und Rechtschaffenheit. Er verführte +durch seine Weise, zu sein, die keine ränkevolle und unternehmende +Weise war, noch weniger eine lasterhafte, nur +eine biegsame und empfängliche. Er verführte durch Verführbarkeit; +weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam +wandelten; weil er der ergebenste Zuhörer war und der +bereitwilligste Beistimmer; weil er mit der Miene des +Kameraden und Freundes halb schüchterne, halb kühne +Versprechungen gab, die nichts mehr mit Kameradschaft +und Freundschaft gemein hatten; weil er das besaß, was +Lix Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen +nannte.</p> + +<p>Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht +geheuer zumut. Er hatte sich zu vieler Vorstellungen zu +erwehren; zu vieles mischte sich an Bild und Lockung. Es +hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu lösen und dem +nächsten sich hinzugeben. Es beschäftigte, die Gebiete +abzugrenzen, die Worte zu wägen, die übernommenen +Verbindlichkeiten nicht zu verwechseln. Beziehungen +knüpften sich ins Unentwirrbare. Eine geflüsterte Frage +verstrickte; Tausch von Blicken enthüllte ein Komplott; +<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>Lächeln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt, +körperliche Nähe voll Heimlichkeit; die Gebärde wurde zur +Verräterin; jedes Augenpaar bewachte ein anderes, haßte +die Huldigung, den Glanz, den Wetteifer des andern, und +er mußte darauf bedacht sein, zu glätten und vor allem, +daß in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand.</p> + +<p>Sebastiane beugte sich über ihn mit einer gefüllten +Fruchtschale; alle konnten zusehen; man war bei Tisch. +Unhörbarer Alarm dennoch: mußte sie so dicht an ihn +heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter +ihrer bloßen Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst, +der nach vollkommener Reinheit lechzt. Er wußte nicht, +wo er einmal das Wort vernommen: junge Witwenschaft +ist ein Bad.</p> + +<p>Aglaias Kuß hatte ihn lüstern gemacht. Er träumte +von ihren kostbar dünnen Gelenken. Der Ausspruch der +Frühentschlossenen wollte ihm nicht aus dem Sinn: ich +werde mich niemals verkaufen, ich werde mich verschenken. +Und ihre Augen, dünkte ihn, hatten hinzugefügt: heute +nacht, wenn du willst.</p> + +<p>Mit Polyxene saß er am Kaminfeuer im Salon, und +sie las ihm mit sehnsüchtiger Stimme aus einem Buch +über Metempsychose vor. Sein Blick hing an ihren Händen, +die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt umdrehte, +glaubte er die elfenbeinkühlen Finger knisternd an seiner +Haut zu spüren. Er erzählte von einer Begegnung und +einem Gespräch mit einem Brahmanen in Benares, und +sie lauschte mit geneigtem Kopf, während Reflexe des +Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und lächelte eigen +zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten +und was sie sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht.</p> + +<p>Mit Pauline ging er am Fluß entlang; plötzlich gewahrten +<a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>sie im Gebüsch neben dem Weg ein umschlungenes +Paar, schamlos, blind und taub. Es war außerordentlich +peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte weiter +verließ sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr +gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand +sie abzulenken, und indem er redete, schien ihm, daß sie sich +vertrauensvoll an ihn drängte, unbewußt, wie ein junges +Tier. Da erschrak er und wurde ängstlich; nahm seine +Worte in acht, fühlte sich als Sünder und geriet doch ins +Netz.</p> + +<p>In einer Stimmung zwischen Selbstvorwürfen und +Überschwang setzte er sich in der Nacht hin, um an Marietta +zu schreiben. Es wurde nichts daraus. Er fing dreimal +an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal, weil +er inne wurde, daß er in seinen Eröffnungen zu weit +ging; einmal, weil er mit Erstaunen bemerkte, daß er ihr +eifersüchtige Vorhaltungen machte und einen Zustand +seines Innern schilderte, von dem er erst erfuhr, als er +ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und +vollständig unzusammenhängende Epistel entstand, die +wohl seine Verfassung am getreuesten, aber auch am +unerquicklichsten malte. Da ging er unzufrieden zu Bett, +und um einschlafen zu können, zählte er von eins bis +tausend und in die graue Unendlichkeit weiter.</p> + +<p>Am andern Tag traf ein Telegramm von Ferry Sponeck +ein, welches lautete: Komme morgen mit meinem Freund +Eugen Sparre. Nun wußte jedoch niemand, weder die +Gräfin, noch eine der Töchter, wer Eugen Sparre war; +sie wunderten sich und rieten hin und her. Erst Georg +Ulrich Castellani konnte sie aufklären, als beim Mittagessen +davon gesprochen wurde. Er lachte unter seinem +gewölbten Schnurrbart, der den Mund wie ein schwarzseidener +<a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>Vorhang bedeckte, und sagte: »Sparre, ach ja, +ich erinnere mich, Ferry hat mir von ihm erzählt. Er ist +ein junger Mediziner oder angehender Arzt, der in einem +herausfordernden Gegensatz zur gesamten bisherigen +Wissenschaft steht und seine eigenen, ich weiß nicht ob +bewährten oder fragwürdigen, wahrscheinlich aber fragwürdigen +Methoden verfolgt. Ferry hat ein unsinniges +Penchant für ihn, seit er im Sommer an einer Neuralgie +gelitten und ihn dieser, wie war der Name? Sparre? +und ihn dieser Sparre, wie er Stein und Bein schwört, +vollständig geheilt hat. Man muß Ferry seine kleinen +Bêtisen nachsehen. Manchmal greift er über sein Ressort, +aber es ist harmlos. Das Harmlose kränkt einen nicht.«</p> + +<p>Die Damen zeigten Interesse für den unbekannten +Sparre; Aglaia sagte, vielleicht habe er auch für die +Pferdekuren etwas Neues erfunden; der Falb fresse seit +gestern nicht, und sie wolle Herrn Sparre um eine Ordination +bitten. Worauf die Gräfin verweisend bemerkte, +man habe schaffenden Menschen mit Respekt zu begegnen; +daß einer Sparre heiße, sei noch kein Grund, sich über ihn +lustig zu machen, im übrigen sei ja Ferry Sponeck alt +genug, um zu wissen, wen er zu seinen Freunden bringen +dürfe.</p> + +<p>Während des Nachtischs kam der Verwalter und berichtete +über Unruhen, die in einigen Dörfern der Umgegend +ausgebrochen seien. Eine bewaffnete Bande habe in vergangener +Nacht die Försterei des Fürsten Colalto überfallen.</p> + +<p>Castellanis Gesicht verdüsterte sich, und er sagte: »Bien, +man wird schießen.«</p> + +<p>»Und Sie, Erasmus?« fragte Sebastiane, den Arm +<a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>um die Schulter ihres ältesten Mädchens legend, »werden +Sie uns verteidigen?«</p> + +<p>Er antwortete: »Ich wollte, ich wäre so beredt, Sie +darüber beruhigen zu können.«</p> + +<p>Die Gräfin und Georg Ulrich Castellani begannen ihre +gewohnte Partie Piquet zu spielen.</p> + + +<p class="newsection">Das Wunderliche der Paarung von Ferry Sponeck und +Eugen Sparre blieb auch nach der Ankunft der beiden +bestehen. Man lernte in diesem Sparre einen ungefähr +sechsundzwanzigjährigen, brünetten, untersetzten, nicht +ohne Sorgfalt gekleideten, äußerst wortkargen Menschen +mit zurückhaltenden Manieren und angenehmen, schauspielerhaft +markanten Zügen kennen, von dem nicht erfindlich +war, was ihn an die Person des Grafen Sponeck +fesselte. Ferry Sponecks ihn rühmende Reden ließ er gleichmütig +über sich ergehen und bat die Zuhörer durch einen +kühlen Blick um Entschuldigung, man wußte nicht, ob +für sich oder seinen Gönner. Manchmal hatten diese Lobpreisungen +allerdings einen Ton, wie wenn einer eine +Jagdtrophäe oder eine klug erhandelte Antiquität vorweist; +doch hegte Ferry Sponeck wie fast alle ungebildeten und +gutherzigen Aristokraten eine grenzenlose, mit Aberglauben +gemengte Bewunderung für Leute der Wissenschaft. Es +hatte den Anschein, als betrachte er Eugen Sparre als seinen +Leibarzt; er richtete alberne Fragen an ihn, betreffend die +Hygiene, die Gefahren der Ansteckung, die Grundsätze der +Prophylaxis und war bemüht, ihn zur Gesprächigkeit zu +ermuntern; dabei blickte er so ergeben zu ihm auf und hing +so ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, daß sein Betragen +zum Spott aller wurde.</p> + +<p><a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>Als die Gräfin mit jener um ein Gran zu nachdrücklichen +Herzlichkeit, mit der man Fremdheit und soziale +Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre ihrer Freude versicherte, +ihn bei sich begrüßen zu dürfen, erwiderte er, er +müsse die Verantwortung dafür dem Herrn Grafen aufbürden, +der den Aufenthalt und die Gastlichkeit auf +Rienburg so verlockend geschildert habe, daß er nicht +widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht zu +stören, fügte er hinzu, ohne zu merken, daß diese Bescheidenheitsfloskel +eine Grobheit und eine Selbstdemütigung +enthielt, er habe eine angefangene Arbeit mitgenommen, +der er den größten Teil des Tages widmen müsse.</p> + +<p>Seine tiefe Stimme hatte übrigens dieselbe orgelnde +Resonnanz wie die Georg Ulrich Castellanis.</p> + +<p>Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht +mit den beobachtenden Augen sich gegenüber zu haben. +Auch die andern fühlten sich gedrückt, und die Unterhaltung +floß spärlich, obschon die Gräfin beflissen war, sie in heitern +Gang zu bringen. Man hatte auch neue Nachrichten über +Plünderungen und Revolten, und was Sponeck von den +Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wußte, war +ebenfalls nicht dazu angetan, die Fröhlichkeit zu erhöhen. +Auch unter den vier Schwestern herrschte gereizte Stimmung; +Pauline saß mit gesenkten Lidern und nippte bloß +von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen aufeinandergepreßt; +Polyxene lächelte bisweilen wehmütig-entsagend; +nur Sebastiane schien unberührt, und infolge +der über ihre Züge gebreiteten Klarheit und kräftigen Ruhe +war sie die schönste. Nach dem schwarzen Kaffee ging +Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine +Frage: ob es ein Zerwürfnis gegeben hätte?</p> + +<p>Er war umwölkt; in einer heißen Spannung. Diese vier +<a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a>wunderbaren Gestalten, in einem verzauberten Ring um +ihn, stürzten ihn in süße Verzweiflung. Die ihn rief, der +nahte er sich pagenhaft; mit der er Blick in Blick stand, +an die vergab er sich. Er hätte alle vier in eine schmelzen +mögen und die an sich reißen; und doch gelüstete ihn nach +den Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und +Dauer und Kunst und Selbstvergessenheit; sublimiert bis +ins Traumgleiche, gesteigert bis zum Schmerz. Verhieß +Lix eine strömende Passion aus lang verschüttet gewesener +Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zärtlichkeit, die auszudenken +war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer +jungfräulichen Seele, erfüllt von beinahe schauerlichen +Ahnungen der Wollust, und Aglaia die hinreißende +Bizarrerie einer zugleich spröden und leidenschaftlichen +Natur. Vereinigung quälender Geister; und hinter +ihnen, über ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die +Herrin war, ausgestattet mit heimlicherer und größerer +Gewalt des Rufes und der Mahnung, halb Verlorene, halb +Verstoßene.</p> + +<p>»Wir alle sind sehr unvernünftig,« sagte Sebastiane, +ohne auf seine Erkundigung zu antworten. Sie schaute +ihn freimütig an und setzte leise hinzu: »Soll uns nicht +warnen, was draußen in der Welt vorgeht? Wir benehmen +uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.«</p> + +<p>Erasmus verfärbte sich und murmelte: »Sie haben +vielleicht recht. Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter +geht vorüber. Man denkt, man muß alles zusammenraffen, +was noch da ist an Glück und Genuß. Das <em class="antiqua">après +nous le deluge</em> ist früher ein lustiges Wort gewesen, jetzt +hat es einen lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist +es ein Verbrechen, so zu denken, Sie haben recht.«</p> + +<p>»Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was uns +<a class="page" name="Page_250" id="Page_250" title="250"></a>unfähig macht, einander zu helfen,« erwiderte sie mit +festem Ton.</p> + +<p>»Also muß man sein Blut und Herz zum Schweigen +bringen?« fragte er und stand hingebungsvoll dienend +vor ihr.</p> + +<p>Sie riß eine Azaleenblüte vom Strauch und zerrupfte +sie. »Ich glaube, Sie müssen redlich handeln,« flüsterte +sie mit geschlossenen Augen. Er nahm ihre feine weiße +Hand und preßte seine Lippen darauf, entzückter als vorher, +weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den +dämmerigen Gang näherte sich Aglaia; sie sang mit leiser +Stimme und ihre Augen blitzten vermessen.</p> + +<p>Den Nachmittag über schrieb er Briefe und ließ sich +zum Tee entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die +Briefe ins Dorf zu tragen, begann es heftig zu regnen; +er schickte einen der Diener und blieb in seinem Zimmer. +Aus dem untern Stockwerk tönte Klavierspiel, und zwar +sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehört. Es mußte +Sparre sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war +etwas Finsteres um den Namen und um den Mann. Es +gab jetzt viele solche, man hatte früher nicht auf sie geachtet, +jetzt nötigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach, +warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und +entsann sich, daß er einstmals in der Mandschurei ein +chinesisches Schnitzwerk mit höhnisch-bösen Zügen gesehen, +eine Gottheit des Verderbens, alle Tücke verhalten, der +Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn +Sparre, nun wußte er es, obwohl der Götze abstoßend +häßlich gewesen, dieser dagegen hübsch und wohlgestaltet +zu heißen war. Aber etwas war gemeinsam.</p> + +<p>Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne +auf das Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf er +<a class="page" name="Page_251" id="Page_251" title="251"></a>mit Lix zusammen. Sie war strahlend in ihrem Kleid +aus dunkelgrüner Libertyseide und der Perlenschnur um +den Hals. »Schade, daß Sie nicht da waren,« redete sie +ihn an, »er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.« Erasmus +lachte im Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und +erwiderte, er liebe Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre +an ihnen vorüber, im Cutaway, nicht im Smoking wie die +übrigen Herren, und verbeugte sich zeremoniös.</p> + +<p>Auf dem mit schwarz und weißen Platten gepflasterten +Flur ging Pauline mit dem Katecheten auf und ab, der zum +Abendessen geladen war. Die Gräfin schien unruhig; +sie erzählte Erasmus, der Postmeister sei vor einer Stunde +dagewesen, um mitzuteilen, daß die Telegraphen- und +Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Während +sie noch sprach, trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, +und sagte, der Nordhimmel sei von starker Brandglut +überzogen. Alle eilten an die Fenster des Speisesaals; +gesättigter Purpurschein quoll über den Horizont empor.</p> + +<p>Wo mag das Feuer wüten? fragte man einander beklommen. +Es wurden die Dörfer und Landsitze aufgezählt, +die in der Richtung lagen. Erasmus drehte sich hastig um. +Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der Katechet. +Sebastiane schüttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth +liege mehr nach links, dem Wald zu, eher könne es der +Elmhof sein, dort befinde sich eine Branntweinbrennerei. +Ferry Sponeck erkundigte sich mit gepreßter Stimme, ob +das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft stellen +könne; die Gräfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und +dem Bürgermeister darüber gesprochen; beide seien der +Meinung, daß verläßliche Leute kaum aufzutreiben seien, +doch sei vorläufig nichts zu fürchten.</p> + +<p>Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte, +<a class="page" name="Page_252" id="Page_252" title="252"></a>mußten die Fenster geschlossen werden. Die Gräfin zog +Erasmus beiseite. Lächelnd, doch mit schnell und scharf +prüfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gerücht, welches +man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, daß Gräfin +Giese gegenwärtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er +davon wisse? Ja, er wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, +es habe sich so gefügt; der lächelnde Blick der Gräfin +verwirrte ihn, er lächelte gleichfalls, jedoch ohne Freiheit +und wollte eine hastige Versicherung geben, aber die Gräfin +ersparte ihm dies feinfühlend, indem sie ihm freundlich +zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann +nahm sie seinen Arm, und man ging zu Tisch.</p> + + +<p class="newsection">Die allgemeine Laune wurde munterer während des +Essens. Die zerstreuten Gespräche verstummten aber nach +und nach, und alle hörten Georg Ulrich Castellani zu, der +heute seinen glänzenden Tag hatte, wie die Gräfin sagte.</p> + +<p>Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft +im Rauchzimmer um den Kamin niedergelassen hatte, war +Castellani zu einem seiner Lieblingsthemen gelangt, der +Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des Fünften.</p> + +<p>Er sagte: »Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen +wie eine dunkle Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren +Vorhang aus Goldbrokat. Es klingt ja ein wenig ridikül, +daß einem ein Autokrat aus dem sechzehnten Jahrhundert, +längst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll +und näher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; +aber es ist so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in +solchem Ausmaß von der Geschichte nicht mehr wiederholte +Verkörperung absoluten Herrschertums. Das sagt sich so: +absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es bedeutet +<em class="antiqua">pur et simple</em> einen Gipfel der Welt, eine Kulmination +<a class="page" name="Page_253" id="Page_253" title="253"></a>der Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der +Hand gegeben hat, war genau genommen die, in der der +Untergangs- und Auflösungsprozeß Europas begonnen hat. +Man ist sich darüber nicht genügend klar. Es ist ja auch +kein Wunder, denn was für horrible Karrikatur haben +die bestallten und die andern Historienschreiber aus ihm +gemacht! Einen boshaften Phlegmatiker; einen reizbaren +Kränkling; einen feigen Despoten. In Wirklichkeit war +er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann. +Natürlicherweise; der absolute Herrscher muß vollkommen +einsam sein, anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche +Tiefe der Dissimulation! Die Dissimulation entstand +bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der menschlichen +Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. +In seiner Einsamkeit und seiner Höhe erschien ihm alles +sehr klein und sehr wandelbar und sehr relativ; Worte, +Verträge, Leidenschaften, Miseren, Not und Tod, alles +sehr illusorisch. Daher auch seine profunde Menschenverachtung. +Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind +Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher +auch sein Respekt vor der Kunst; denn da trat ihm ein +Absolutes entgegen gleich ihm selbst. Wie mysterios er +war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort mit +langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser +erschloß.) Er konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, +schon als Kind nicht. Da gibt es eine Anekdote, wie einer +der gefangenen Kurfürsten, ich glaube, der Landgraf von +Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund +die Lippen verzieht, so daß es aussah, als ob er lachte, in +Wirklichkeit war ihm ganz anders zumut, und wie dann +der Kaiser in seinem brabantischen Deutsch drohend vor +sich hinmurmelt: wart, ick will dir lacken lehr. Welche +<a class="page" name="Page_254" id="Page_254" title="254"></a>tenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich ging +die Sonne nicht unter, und er haßte den Sonnenschein. +Ihm war die größte Machtgewalt verliehen, die je ein +Sterblicher besaß, und er suchte Zuflucht in einem Kloster +strengster Observanz. Auch Gott gegenüber dissimulierte +er. Auch Gott war seinem unvergleichlich mysteriosen Geist +nur eine Form. Worüber er am meisten grübelte, war die +Versuchung Christi. Das quälte ihn, das begriff er nicht. +Raum und Zeit waren ihm Gespenster; und das war +begründet in den maßlosen Erfüllungen dieses Lebens, die +maßlosen Ekel in ihm erregten. So erklärt sich auch sein +beständiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; +und seine kuriose Liebhaberei für Uhren, die alle, soviel +deren auch waren, auf dem Zifferblatt übereinstimmen +mußten. Dissimulation. Freilich, sein Vater trug ja als +Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige +Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die +Länder, und damit sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte +sie ein Uhrwerk an die Stelle des Herzens. Das mußte +Einfluß auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische Umbiegung +der Seele von der Majestätisierung in die Mechanisierung, +d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild +einer neuen Zeit. Ja, die Uhr war vielleicht sein Idol und +sein Menetekel. Und doch war er der Bewahrer; Bewahrer +des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom +heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn hätte die +Kirche längst aufgehört zu existieren. Er hat der Menschheit +den Glauben bewahrt, Jahrhunderte lang.«</p> + +<p>»Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen +und Marterwerkzeugen,« ließ sich eine Stimme vernehmen, +in der Klangfarbe so wenig unterschieden von der des +Grafen, daß die andern des schneidenden Widerspruchs +<a class="page" name="Page_255" id="Page_255" title="255"></a>zuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet +gewesen, da er, während Georg Ulrich gesprochen, +den Blick unauffällig auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas +aus der Reihe gerückt, zwischen Lix und Ferry Sponeck +saß, mit einem spöttisch-düstern Lächeln um den Mund. +Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte +ihn nicht, auch nicht die ängstlich an ihm hängenden Augen +Sponecks; kühl fuhr er fort: »Er hat der Menschheit den +Glauben bewahrt um den Preis von hunderttausenden +verbrannten Ketzern und hunderttausenden unschuldiger +Mädchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; +und um den Preis von hunderttausenden erschlagener und +gemordeter Inkas und Azteken, und von hunderttausenden +durch Alkohol und Syphilis im Namen des Kreuzes vergifteter +Indianer;« der Katechet rückte auf seinem Stuhl, +die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung gegen +Pauline und Aglaia hin, wobei letztere den Kopf aufwarf +und Sparre neugierig musterte. Aber der schien es nicht +zu bemerken. »Ich will auch gleich sagen,« sprach er +weiter, »daß es eine von den Jesuiten erfundene und böswillig +verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht +hat, die Syphilis sei aus Amerika gekommen. Es geschah +wahrscheinlich zur höheren Ehre Gottes. Sie ist aus dem +Orient gekommen, lange bevor die frommen Straßenräuber +Cortez und Pizarro die blühenden Reiche dort +drüben in bluttriefende Wüsteneien verwandelten. Aber +wozu das alles,« unterbrach er sich achselzuckend, »Sie, +Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich. Ich freilich +verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch +nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. +Im Gegenteil, sie ist mir die Mutter des Übels, der fluchwürdigen +Verschleierungen, deren sich die großen Herren +<a class="page" name="Page_256" id="Page_256" title="256"></a>bedient haben, um ihre kleinen Zwecke durchzusetzen, des +systematischen Volksbetrugs und der politischen Brunnenvergiftung.«</p> + +<p>Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als +wolle er sich der frostigen Betroffenheit entziehen, die +rings um ihn die Gesichter zeigten.</p> + +<p>»Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos +stichhaltig,« antwortete nach einer Pause Georg Ulrich +Castellani mit ausgesuchter Artigkeit, indem er sich in +seinem Stuhl zurücklehnte und eigentümlich triumphierend +aussah. »Aber ich wollte ja nicht Zustände und Fakten +kritisieren, das steht außer meiner Kompetenz, sondern +eine Figur, die meine Fantasie enflammiert, dem Verständnis +näher rücken. Daß eine gewisse liberale Phraseologie, +oder auch eine radikale, wenn Sie wollen, es läuft +im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur +gegen diese Figur in Bewegung setzen muß, gebe ich Ihnen +gerne zu. Heutzutage liegt das auf der Hand und erfordert +auch geringen Mut. Blutbäder sind etwas unendlich +Schreckliches; selbstverständlich. Aber sind sie durch die +Volksbeglücker verhindert worden? Haben die Robespierre +und die Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger +Blutschuld auf dem Gewissen als die Dschingischan, die +Attila, die Napoleon und Friedrich? Wir wollen hier doch +nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es geschieht uns +weh genug, daß es unserer Welt an großen Herren fehlt, +von großen Männern nicht zu reden. Ein unabwendbarer +Prozeß; das Urgestein ist zerrieben; was übrig bleibt, +ist Schlamm und Kot. Wohin führen die Ausschweifungen +des Gefühls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns +hält die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; +spielt die Zahl und die Modalität des Sterbens +<a class="page" name="Page_257" id="Page_257" title="257"></a>letzten Endes eine Rolle? Dieser Planet ist nun einmal +ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergnügen darin +finden, die Massengräber zu durchwühlen, so macht es den +andern Freude, vor den ehrwürdigen Monumenten ihre +Andacht zu verrichten.«</p> + +<p>»Ich möchte niemanden in dieser Freude stören,« sagte +Sparre trocken.</p> + +<p>»In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles +sein konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis +mehr für die Menschen,« fuhr Castellani fort, »Majestät, +gesalbte Majestät, das war die oberste Spitze der Welt, +das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der zufällige +Repräsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht +darf ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines +meiner Vorfahren illustrieren; vielleicht kann ich damit +unserer Diskussion die Schärfe nehmen, was den Damen +nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte fast +zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig +vergröbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon. +Sonderbarerweise schlägt sie ebenfalls in das von +Herrn Sparre so verpönte Kapitel der Dissimulation. +Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am Hofe Ludwigs +des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich, +wurde vom König mit einem Auftrag von höchster Importanz +zum Kaiser Leopold nach Wien geschickt. Er trifft +eines späten Abends ein, kleidet sich um, sendet seinen +Jäger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft melden +zu lassen und folgt ihm in kürzester Zeit nach. Man teilt +ihm mit, daß die Majestät ihn erwartet. Man führt ihn +durch halbfinstere Korridore und eine Reihe ganz finsterer +Gemächer, vor einer Tür bleibt der Lakai stehen und heißt +ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in den er tritt, +<a class="page" name="Page_258" id="Page_258" title="258"></a>mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze +darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem +Tisch, mit dem Rücken angelehnt, die Arme verschränkt, +in nachlässiger Haltung und ziemlich verdrossen, steht +ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der +Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener +Kämmerer, in der Meinung überhaupt, es sei die Antichambre, +wo er sich befindet, fängt an auf und abzuschreiten, +wobei seine Gebärden und sein Mienenspiel schlecht bemeisterte +Ungeduld ausdrücken. Der Mann am Tisch mit +den verschränkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein Aufundabschreiten +nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem +ganzen Kopf, bleibt ernsthaft und vollkommen still. So +vergeht eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, endlich +wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich etwas +brüsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, +ob der Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. +Da antwortet der Mann ruhig: »Der Kaiser bin ich.« +Der Gesandte stürzt wie vom Blitz getroffen auf die Knie +nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von +seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser muß seine +Leute rufen, die ihn laben und wieder zur Besinnung +bringen müssen. Das war die Glorie, die Wirkung des +Unbeschreiblichen, das Geheimnis.«</p> + +<p>Sparre lächelte gezwungen. Er antwortete: »Auf die +Gefahr, es völlig mit Ihnen zu verderben, gestehe ich, daß +ich da weder Glorie, noch Geheimnis erblicken kann. Ich +sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und verächtlichen +Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit +und den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts +von herzlosen, unwissenden, weltfremden und menschenfeindlichen +Drahtpuppen auf dem Thron. Edle Rassetiere +<a class="page" name="Page_259" id="Page_259" title="259"></a>im besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mißbraucht, +um zwischen den Nationen Zwietracht zu säen und dabei +ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, Schmeichler und +Dunkelmänner zu hohen Ämtern zu befördern und redlichen +Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der +Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und +Lüge –«</p> + +<p>Erasmus erhob sich. »Ich glaube, wir brechen das überflüssige +Gespräch ab,« sagte er scharf.</p> + +<p>»Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale +zu reichen,« wandte sich Castellani mit heiterem +Gesicht an ihn.</p> + +<p>»Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor,« sagte +die Gräfin verbindlich.</p> + +<p>Sparre war ebenfalls aufgestanden. »Mich dünkt, dazu +fehlt momentan die nötige Empfänglichkeit, Frau Gräfin,« +erwiderte er mit steifer Verbeugung.</p> + +<p>Die Gräfin drehte sich zu Lix und spottete kaum hörbar: +»Gaffen hat er sich bis jetzt genug geleistet.«</p> + +<p>Ferry Sponeck fuhr sich unglücklich durch die Haare, +denn er merkte endlich, daß etwas nicht stimmte. »Sag +mir doch, Mumu,« raunte er Erasmus zu, »was hat es +denn eigentlich gegeben?«</p> + +<p>Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane, +die neben Erasmus stand, horchte auf; dies Geräusch zu +dieser Stunde war ungewöhnlich. Auch die andern lauschten. +Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage: +»Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? +Offene Rebellion ist Satans Werk, hab ich dir gesagt. +Hast gerade du uns den Satan ins Haus führen müssen?«</p> + +<p>Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den +Stuhl der Gräfin gestellt und ihr im Herabbeugen ein paar +<a class="page" name="Page_260" id="Page_260" title="260"></a>Worte ins Ohr geflüstert. Die Gräfin sprang mit verändertem, +erblaßtem Gesicht empor. Als die Töchter sie +erschrocken umdrängten, sagte sie: »Frau von Gravenreuth +ist angekommen, und ... und Gräfin Giese. Sie sind +geflüchtet. Das Schloß brennt.«</p> + +<p>»Gott sei uns gnädig,« murmelte der Katechet.</p> + +<p>Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach +in Tränen aus. Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte +ihn wieder hin. Die Gräfin stürzte in den Flur. Erasmus, +weiß wie Papier im Gesicht, wollte ihr nach, blieb aber vor +der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging auf und +ab und murmelte von Zeit zu Zeit: <em class="antiqua">»nom de Dieu; nom +de Dieu,«</em> Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. +Sponecks Krawattenschleife hatte sich gelöst, und er bemühte +sich mit verstörten Mienen, sie wieder zu binden.</p> + + +<p class="newsection">Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben +Uhr war eine Bande von zwölf Mann in das Schloß gedrungen +und hatte Geld und Lebensmittel verlangt. +Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe +Geldes und zwei Säcke Mehl abgeliefert, und sie waren +bereits im Begriff, weiterzuziehen, als einige von ihnen +im Hof mit dem Kutscher in Streit gerieten. Tumult +entstand, fünf Minuten später lohten Flammen aus dem +Dach des Stallgebäudes. Was sich dann weiter begeben +hatte, wie sie mit rasch zusammengerafften Habseligkeiten +auf den Bauernwagen gelangt waren, woher der Wagen +mit den zwei Pferden mitten im strömenden Regen gekommen +und wer ihn gebracht, vermochten die Flüchtlinge +nicht zu sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das +brennende Schloß hinter sich, davongefahren, so schnell +die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein sechzehnjähriger +<a class="page" name="Page_261" id="Page_261" title="261"></a>Bauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta +Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf +die Haut durchnäßt, mit klebenden Gewändern, triefenden +Haaren, wie Schiffbrüchige.</p> + +<p>Marietta mußte sogleich zu Bett gebracht werden. +Sie fieberte und war keines Wortes mächtig. Man schickte +um den Arzt ins Dorf. Der Katechet erbot sich, im Dorf +junge Leute aufzubringen, die bereit wären, das Haus +zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene +und einfache Dame von fünfzig Jahren, hatte auch in +dieser Lage ihre Haltung nicht eingebüßt. Als sie umgekleidet +war und für Wolfs Nachtlager gesorgt hatte, +erstattete sie genaueren Bericht. Sie äußerte Angst um +Marietta. Lix und Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. +Die Gräfin war beschäftigt, Anweisungen wegen +der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und fand +Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter +vier Augen zu wechseln: »Hatten Sie nicht noch einen Gast, +Baronin?« fragte er vorsichtigen Tons; »Marietta sprach +davon –« Frau von Gravenreuth antwortete: »Ja, Herr +van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern telegraphisch +abgerufen worden. Manche haben einen guten +Stern.« Sie sah Erasmus forschend an. »Und wer ist +der Knabe?« fragte Erasmus weiter. Sie erwiderte: +»Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner Geburt +in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie +war meine beste Freundin. Es ist ein schönes Kind, nicht +wahr?« Wieder sah sie ihn mit ihren forschenden, glanzlosen +Augen an; »ich hoffe nur, daß diese Eindrücke seine +junge Seele nicht verdunkeln,« fügte sie hinzu, »meine +wird sich nie mehr von ihnen befreien können.« Erasmus +nahm ihre Hand, führte sie an die Lippen und sagte: +<a class="page" name="Page_262" id="Page_262" title="262"></a>»Ich empfinde tief mit Ihnen, bis ins Innerste, und das +ist kein leeres Wort. Ich kenne die Größe der Katastrophe.«</p> + +<p>Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht +zurück, der Doktor könne nicht kommen, da er selbst an +Grippe schwer erkrankt sei. Gleich darauf erschien Sebastiane +und sagte, Gräfin Marietta befinde sich sehr schlecht, +das Fieber steige zusehends, auch klage sie über heftige +Kopfschmerzen. Die Gräfin sprach zu Helene Gravenreuth: +»Ich bin ratlos; der nächste größere Ort ist über +eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn ich auch bei +solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend +jemand schicken könnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt +mitten in der Nacht herüberkommt.«</p> + +<p>Frau von Gravenreuth antwortete: »Unmöglich kann +man sie noch stundenlang ohne ärztliche Hilfe lassen –«</p> + +<p>Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. »Wenn ich +mir erlauben darf, meine Dienste anzubieten, Frau +Gräfin,« sagte er mit seiner verschlossenen Höflichkeit, +»so glaube ich, den hiesigen Kollegen ersetzen zu können.«</p> + +<p>Die Gräfin machte eine freudige Bewegung und sagte +zu Frau von Gravenreuth, die aufatmete und Sparre +dankbar anschaute: »Herr Sparre ist ein geistreicher junger +Mediziner von der neuesten Schule;« dann zu Sparre: +»Es fügt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Güte +haben wollen –«</p> + +<p>Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum +mächtig, auf Ferry Sponeck zugegangen. Er packte ihn +am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden Ungestüm +in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit +drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden +Lippen und Augenlidern: »Hör mich an, Ferry. Das +<a class="page" name="Page_263" id="Page_263" title="263"></a>mußt du verhindern. Um jeden Preis verhindern, sonst +sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da du schon +die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, +so erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, +daß er in Mariettas Zimmer geht, verstehst du? +Nicht zu ertragen der Gedanke, daß er sie anrührt, daß er +... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin, sprich mit +ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. +Als Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem +Vorsatz beharrt, sag ihm, daß ich ihn einfach niederknallen +werde. Ohne Umstände, verstehst du? Spute +dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Daß er über die Geschichte +gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. +Vielleicht erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf +er an ihr Bett. Eher mag sie sterben.«</p> + +<p>Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehört. +Doch er hatte begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand +sah, begriff er die Gefahr. »Beruhige dich, Mumu, +es wird gemacht,« sagte er, ging ins Zimmer zurück, +bemerkte, daß Sparre sich eben von den Damen entfernte +und mit Sebastiane zur Tür schritt. Er folgte ihm. +Draußen rief er: »Sparre! auf ein Wort,« und er verschwand +mit ihm im dunklen Teil des Flurs. Sebastiane +ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre +würde nachkommen.</p> + +<p>Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl +einem der Diener, ihm Mantel und Hut aus seinem Zimmer +zu holen, rief den alten Niklas und erklärte ihm, daß er +selbst zum Arzt nach Grünau fahren wolle, man möge +den Kutschierwagen anspannen lassen. »Herr Graf können +nicht allein fahren,« wendete Niklas bestürzt ein, »es ist +Mitternacht, die Straße stockfinster und grundlos, außerdem –« +<a class="page" name="Page_264" id="Page_264" title="264"></a>Erasmus schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ich +fürchte mich nicht,« schnitt er die Rede des Alten ab, »wenn +niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, +muß ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. +Machen Sie nur kein Aufsehen, die Gräfin braucht zunächst +nichts zu wissen.«</p> + +<p>Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und +Erasmus traten auf den Hof und ins Stallgebäude. Man +weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut war, die Pferde +dem Unwetter preisgeben zu müssen. Ein junger Stallbursche, +von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, +war willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten +die beiden flinken Tiere vor dem leichten Wagen über die +Chaussee, in eine Finsternis hinein, die ein schwarzer +Schwamm war. Im Norden stand noch immer Brandröte.</p> + +<p>Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze +umgeschlagen, die ihm der Kutscher gegeben. +Bäume flogen vorüber, Telegraphenstangen, Häuser, +Brücken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; +die Hufe der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus +ins Nasse. Über ihre nickenden schwarzen Köpfe hinaus +starrte Erasmus auf die von den Wagenlaternen schwach +beleuchtete Straße und in den matten Lichtkegel, durch +den der Regen in glitzernden Strähnen fuhr. Bei jeder +Weggabelung zog er die Zügel an und wechselte ein Wort +mit seinem Begleiter, der schlaftrunken döste.</p> + +<p>Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, +fiebergequält in den Kissen; der vertraute Körper litt; Lix +und Sebastiane huschten bisweilen lautlos durch das +Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das +Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hämisch-aufmerksames +Gesicht; Inbegriff des Hassenswerten. +<a class="page" name="Page_265" id="Page_265" title="265"></a>Woher dieser Haß, der seinem Gemüt sonst unbekannt +war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll +in die Nacht hinausträumen; und Aglaia mit wissend +und trotzig funkelnden Augen ihn messen; und wieder +Marietta, von Schmerzen bedrängt, sterbend vielleicht; +und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles +gerann zu Nebel. Wie müde man wurde. Schön und +schlank war der Knabe ...</p> + +<p>Die ersten Häuser der kleinen Landstadt tauchten auf.</p> + +<p>Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer +zurück. Marietta phantasierte. Man hatte sie in +feuchte Tücher gewickelt. Sparres unerklärliche Weigerung, +die Behandlung zu übernehmen, gleich nachdem er sich dazu +angeboten, hatte auf alle wie neues häßliches Unheil +gewirkt. Er hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen und +durch Ferry Sponeck die Absage geschickt. Ferry Sponeck +beschwichtigte die entrüstete Gräfin, so gut er konnte; +schließlich gab er sein Wort, daß Sparre ohne Schuld sei; +es hätten sich Umstände ereignet, durch die er gezwungen +worden sei, zu verzichten. Die Gräfin erwiderte unwillig, +sie verstehe keine Silbe. Da sagte Georg Ulrich Castellani +malitiös: »Unser Freund Erasmus hat seine <em class="antiqua">bête noire</em> +entdeckt, das wird es wohl sein.«</p> + +<p>Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rückte nur +langsam ins Licht und völlig offenbar wurde er erst, als +sich herausstellte, daß Erasmus heimlich und trotz Sturm +und Unsicherheit der Wege nach Grünau gefahren sei, um +den Arzt zu holen.</p> + +<p>Graf Castellani sagte: »Mir fällt da die Geschichte +von einem Marquis de Surêsne ein, der den größten Widerwillen +gegen Jakobiner und Sansculotten hegte, obwohl +er nie im Leben einen dieser Leute gesehen hatte. Eines +<a class="page" name="Page_266" id="Page_266" title="266"></a>Tages wurde er in der Nähe seines Schlosses in der Normandie +von Räubern angefallen; auf sein Geschrei kam +ihm ein des Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete +ihn mit fabelhafter Bravour. Der Marquis erschöpfte +sich in Danksagungen, als es sich aber später erwies, daß +sein Lebensretter einer der Führer der von ihm so sehr +verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hängte +sich auf; denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem +erklärten Feind des Menschengeschlechts verdanken. Es +ist absurd, gewiß, aber es hat Charakter. Ich liebe solche +Absurditäten; ich sammle sie, wie andre Leute Münzen +oder Stockgriffe sammeln.«</p> + +<p>Jedoch die Gräfin war sichtlich verstimmt.</p> + + +<p class="newsection">Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor +Schmidthammer für den Rest der Nacht am Krankenbett. +Erasmus vermochte einige Stunden zu schlafen. Als er +sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die +Fenster öffnete, wunderte er sich über den wolkenlosen +Himmel und die wasserhelle Bläue der Luft.</p> + +<p>Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverändert +hoch, aber die Kranke liege jetzt still, mit starren +Augen, wie bewußtlos. Frau von Gravenreuth sei bei ihr.</p> + +<p>Der Morgen war so nüchtern, so glasig; der ganze Tag +blieb so; der Sonnenschein so lügnerisch, die Dinge so +deutlich, so kalt; der Fuß klebte im Schreiten. Erasmus +frühstückte mit Sponeck allein; die Damen schliefen noch. +Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt, heute +abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station +gewesen, um sich nach den Zügen zu erkundigen; er sei +außer sich, da er erfahren habe, der Eisenbahnverkehr sei +<a class="page" name="Page_267" id="Page_267" title="267"></a>für die Dauer von drei Tagen eingestellt. Furchtsam hielt +Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus gerichtet.</p> + +<p>»Das ist höchst fatal,« murmelte Erasmus.</p> + +<p>»Er wird das Zimmer nicht verlassen,« tröstete Ferry +Sponeck; »er wird Unpäßlichkeit vorschützen und die Mahlzeiten +oben nehmen.«</p> + +<p>»Es ist trotzdem fatal,« beharrte Erasmus.</p> + +<p>Nach wenigen Stunden fühlte er sich derart im Hause, +als seien Türen offen, die hätten geschlossen und andere +geschlossen, die hätten offen sein sollen. Er grübelte darüber +nach wie er es anstellen könnte, zu Marietta zu gelangen. +Durch alle Wände sickerten Wehelaute aus ihrem Mund.</p> + +<p>Die Gräfin begrüßte ihn kühl. Er fand es notwendig, +ihr Aufklärungen zu geben. Er wurde beredt. »Sie müssen +es verstehen, Gräfin,« sagte er. »Der Mann peitscht mir +das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das er +spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Spüren +Sie es nicht auch? Sehn Sie nicht, daß sich in diesem +Gesicht alles Böse zusammengeballt hat, der ganze Jammer, +unter dem wir keuchen, die Anmaßung der gottlosen +Kreatur, der Zynismus, der unsere Altäre besudelt und den +Purpur mit Füßen tritt –?«</p> + +<p>»Der? gerade der?« rief die Gräfin, halb belustigt, +halb entsetzt; »Sie übertreiben, Erasmus, Sie übertreiben +ungeheuerlich.«</p> + +<p>»Ich übertreibe so wenig, daß alles, was ich nicht auszudrücken +vermag, mir noch zehnmal schrecklicher, noch +zehnmal beweiskräftiger erscheint. Wir sind die Opfer +dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es steckt +mir in den Nerven, und hätten wir mehr Witterung für +dergleichen Subjekte, so wäre es nicht so weit mit uns +gekommen, daß wir wie Schlachttiere unsern Hals hinhalten +<a class="page" name="Page_268" id="Page_268" title="268"></a>müssen. Er ist nicht bloß ein Exponent, er ist eine Inkarnation, +glauben Sie mir, und daß er hier in unserer Mitte +aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals. +Sie müssen es begreifen, daß mir der Gedanke unfaßbar +gewesen ist, ihn an das Lager einer Frau treten zu lassen, +wenn auch als Arzt, was ändert das? bleibt er nicht Sparre, +derselbe Sparre? mit seiner ganzen Wissenschaft Sparre? +einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch immer +nahe steht. Sie müssen das begreifen.«</p> + +<p>»Ich begreife, Erasmus, einigermaßen wenigstens,« +antwortete die Gräfin, milder gestimmt; »aber, lieber +Freund, begreifen auch Sie: die Situation ist unmöglich. +Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die +jungen Mädchen, – unmöglich. Auf irgendeine Manier +müssen wir aus diesem Wirbel heraus. Irgend etwas +muß beschlossen, muß getan werden.«</p> + +<p>Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink +war nicht mißzuverstehen. »Ich bitte Sie, Gräfin, gönnen +Sie mir Zeit,« flehte er; »vierundzwanzig Stunden Zeit, +oder zwei Tage vielleicht. Ich bin völlig bouleversiert. +Ich bin zu keiner vernünftigen Überlegung fähig.«</p> + +<p>Die Gräfin lachte. »Nun, nun,« besänftigte sie den +Erregten, »machen Sie keine blutgierige Tigerin aus mir. +Zwei Tage, natürlich, weshalb nicht; fassen Sie sich. +Zur Desparation ist noch kein Anlaß. Mut, armer Freund.« +Sie reichte ihm lächelnd die Hand, doch mit ungewichenem +Mißtrauen noch in den Fältchen um die Augen.</p> + +<p>An dieses Gespräch schloß sich eines mit Pauline und ein +Gang durch den Park mit Aglaia.</p> + +<p>Pauline saß lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne +es recht zu wollen, trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte +noch; er lächelte abwesend und schal. Die Freundlichkeit, +<a class="page" name="Page_269" id="Page_269" title="269"></a>mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie hob den Blick +zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das +Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerknüllte +es in der Faust. »Ich denke fortwährend an Gräfin +Marietta,« sagte sie; »sie war unbeschreiblich schön, als +sie gestern naß und elend im Flur stand. So habe ich mir +immer eingebildet, daß Märtyrerinnen aussehen müssen.« +Sie stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden, +unsteten schuldigen Blick wieder aus. »Darf man sich +dem Neid hingeben?« fragte sie; »es ist Todsünde, ich weiß +es, aber ich beneide Gräfin Marietta, ich beneide sie über +alles Maß, über alle Worte, bis ins Geheimste meiner +Seele beneide ich sie.«</p> + +<p>»Warum, Pauline?« fragte Erasmus betroffen, »warum +beneiden Sie Marietta?«</p> + +<p>»Ich weiß es nicht,« flüsterte das junge Mädchen; +»ich kann es nicht sagen. Aber wenn ein Wunder geschähe, +und ich könnte von jetzt an bis zum Abend Marietta sein, +und ich müßte zum Entgelt dafür in der Nacht sterben, nicht +eine Sekunde lang würd ich mich besinnen.«</p> + +<p>»Wie sonderbar,« sagte Erasmus kopfschüttelnd. Ihm +war zumut, als habe sie ihm mit ihren Worten die Glieder +an den Leib geschnürt. Sie übte, während er auf sie niederschaute, +auf das nordisch gelbe Haar, die samtene Wange, +die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, quälende Macht +über ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer +banalen Ausflucht verließ er sie.</p> + +<p>Aglaia kam eben über die Treppe herunter. Sie forderte +ihn auf, sie ins Freie zu begleiten. »Ich habe Sie gesucht,« +sagte sie.</p> + +<p>Im Hörkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus +schaute bisweilen zurück und verzögerte den Schritt, als +<a class="page" name="Page_270" id="Page_270" title="270"></a>ob er Wichtiges verabsäume, wenn er sich zu weit entfernte.</p> + +<p>»Sicher wünschen Sie uns alle miteinander dorthin, +wo der Pfeffer wächst,« begann Aglaia mit ihrer rauhen, +aber hellen Stimme, »wir sind Ihnen unsagbar lästig, +und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man hat +ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat +ist mißglückt. Povero! Ich möchte Ihnen so gern aus der +Patsche helfen, da ich uns schon nicht helfen kann. Wie +machen wir denn das?«</p> + +<p>»Sie dürfen nicht so sprechen, Aglaia,« bat Erasmus.</p> + +<p>»Nichts da, ich will reden, wie mir ums Herz ist,« entgegnete +Aglaia; »das ganze Arrangement hat mir ohnehin +nie recht gefallen; je besser ich Sie kennengelernt habe, +je weniger. Nun hat sich aber Pauline innerlich engagiert, +und bei ihrer Veranlagung ist das kein kleines Unglück. +Daß das Unglück viel größer wäre, wenn sie Ihre Frau +würde, kann man ihr vielleicht sagen, aber sie wird es nicht +einsehen. Unterbrechen Sie mich nicht, Erasmus, ich hab +mirs in den Kopf gesetzt, Ihnen die Leviten zu lesen und +will es auch tun. Es ist sträflicher Leichtsinn, daß Sie +überhaupt ans Heiraten denken. Ist es Ihnen denn +ernst damit? Gott bewahre. Sie machen es wie die Indianer +auf dem Kriegspfad; Sie stecken sich bunte Federn +auf den Schopf, bemalen sich das Gesicht, dann schleichen +Sie sich durch die Wälder, um ein bißchen zu wegelagern. +Und wehe der Squaw, die Sie in Ihren Wigwam führen. +Was da geschieht; <em class="antiqua">je vois ça d’ici.</em> Wenn sie meine Freundin +wäre, würde ich sie auf den Knien beschwören, sichs dreimal +zu überlegen, und noch dreimal, und dann erst recht davonzulaufen. +Womit ich nicht gesagt haben will, Erasmus,« +sie blieb stehen und sah ihn mit einer Mischung von +<a class="page" name="Page_271" id="Page_271" title="271"></a>Schelmerei und fließendem Gefühl an, »daß ich Ihre +Vorzüge nicht kenne. Sie sind nur nicht der Felsen, auf +den ich bauen möchte.«</p> + +<p>»Es erstaunt mich, Aglaia,« antwortete Erasmus +befangen, »daß Sie sich so urteilen getrauen; so dezidiert, +so ... kühn. Wo haben Sie das her? Soviel Kenntnis, +kleine Aglaia, wo nehmen Sie die her?«</p> + +<p>Sie sagte spöttisch: »Keine Geringschätzung gegen die +Jahre, Erasmus. Solange es grauhaarige Dummköpfe +gibt, darf es auch siebzehnjährige Komtessen mit gesundem +Menschenverstand geben. Zwei Augen im Kopf sind zu +allerlei nütze, und meine zwei Augen verraten mir, daß Sie +jedes Herz lieblos zerzupfen, daß sich Ihnen schenkt. Es +tut Ihnen leid, aber Sie können nicht anders.«</p> + +<p>Erasmus nickte melancholisch. »Wenn es nur nicht so +schwer wäre, Aglaia,« erwiderte er mit seiner verdeckten +Stimme; »man weiß nie das Richtige. Kommt es einem +mal so vor, als hätte man sich zum Richtigen entschlossen, +so machen einen die Leute durch ihre Reden wieder irre. +Man liebt jemand, schön; aber weiß man denn, wie lang +es dauert? Und die Betreffende bildet sich ein, es dauert +ewig. Weiß man denn, was es mit der Betreffenden auf +sich hat? ob sie sich nicht selber täuscht? ob es nicht ein +Unrecht ist, wenn man sie glauben macht, sie sei einem +so viel wie sie sein möchte? Das sind furchtbare Verantwortungen. +Über einem ist ein Gesetz; das Gesetz muß +man erfüllen; wenn aber der Augenblick da ist, wo es +Ernst wird, traut man sich nicht, den Schritt zu tun, weil +man Angst hat; die Verantwortung ist zu groß. Es gibt +bestimmte Zeichen, aber vielleicht deutet man sie falsch. +Geschehenes kann man nicht rückgängig machen. Ich darf +mich nicht betrügen lassen von meinen Sinnen. Ich darf +<a class="page" name="Page_272" id="Page_272" title="272"></a>mir nicht genug sein. Ich bin bloß einer aus der Mitte +heraus und bin Rechenschaft schuldig. Es darf mir kein +Zweifel übrigbleiben. Wenn ich so einen Entschluß fasse, +muß ich das Bewußtsein haben: Gott will es. Kann ichs +noch unterlassen, so heißt das so viel wie Gott will es noch +nicht. Man muß sich in acht nehmen und darf nicht vorwitzig +sein.« Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn +und sah kränklich aus.</p> + +<p>Aglaia faltete die Hände und blickte mit drolliger +Verzweiflung gen Himmel. »O Erasmus,« seufzte sie, +»Sie zerreißen mir das Herz. Und da gibt es Menschen, +die einem harmlosen jungen Mädchen zumuten, Hoffnungen +auf Sie zu setzen. Es muß ja jammervoll in Ihnen +aussehen. Das ist schlimmer als die zehn ägyptischen +Plagen. Nein; um Himmelswillen, niemals! Passen Sie +auf, Erasmus,« fuhr sie zutraulich fort, »ich bin kein +trockener Zunder, der beim ersten Funken Feuer fängt. +Ich glaube, ich bin in Sie verliebt. Warum soll ichs +leugnen? Ich glaube, ich könnte sogar Tollheiten für Sie +begehen; nicht ganz große Tollheiten, gemäßigte nur. +Ziehen Sie daraus keine Konsequenzen, bitte; lassen Sie +es ein Wort sein wie guten Morgen. Jetzt, wo es eingestanden +ist, ist ja Spiel und Zauberei davon weg. Und +sehen Sie, wie hübsch, daß ichs gefunden habe, bei Spiel +und Zauberei müßt es auch bleiben. Das andere, das muß +schauerlich sein mit Ihnen. Nur eine Komödiantin oder +eine Heilige könnte es aushalten.«</p> + +<p>Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene +hinüber. Er hatte sein spleeniges Lächeln um den Mund. +Spiel und Zauberei, ja, das war einmal, dachte er, das darf +nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das Zifferblatt +der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegene +<a class="page" name="Page_273" id="Page_273" title="273"></a>da gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte +sich nicht ganz, wollte ihm scheinen.</p> + +<p>Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten +gelangt. Sebastiane saß in der Sonne auf einem Gartenstuhl, +vor ihr spielten ihre beiden Mädchen im Sand, und +der siebenjährige Wolf sah ihnen zu. Als er Erasmus +und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand +entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick +Sebastianes streifte das Gesicht Erasmus und das des +Knaben. »Merkwürdig, wie ähnlich er Ihnen sieht,« +sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend.</p> + +<p>Während Aglaia ins Haus ging, ließ sich Erasmus auf +einem zweiten Stuhl nieder, und im spärlich fließenden +Gespräch mit Sebastiane, die von der halbverwachten Nacht +müde war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf den +Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine Hände, +seine Füße, sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich +entfernten Zweig ein Eichhörnchen erspähte und auf Zehenspitzen, +am Bord des Rasens, hinschlich, erhob sich Erasmus +und folgte ihm. Er redete ihn höflich an wie einen Erwachsenen. +Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen +der Bäume kenne; die Namen der späten Blumen, die noch +blühten. Die Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche +und beherzte Art zu antworten; der groß vertrauensvolle +Blick; das Oval des Gesichts. Er nahm ihn +an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte über +sich selbst; er hatte sich nie mit Kindern beschäftigt, noch +sich zu ihnen hingezogen gefühlt; die Empfindung für +Sebastianes Kinder hatte ihnen nur in der Vereinigung +mit der schönen Mutter gegolten.</p> + +<p>Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der +seinen spürte, dünkte er sich alt. Er erschien sich wie ein +<a class="page" name="Page_274" id="Page_274" title="274"></a>Baum, belastet mit Jahren, beladen mit der Erinnerung +an viele Wetter, viele stürmische Tage und Nächte, Frost und +Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt +nicht weit über seine Hüfte reichend, erschien ihm wie ein +Schößling, zart und kräftig, anschmiegend und edel, an +ihm empor-, einer unbekannten und zu fürchtenden +Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten Wege waren +ihm plötzlich verhaßt; die weiße Front des Herrenhauses +war eine Gefängnismauer; »möchtest du mit mir zum +Fluß gehen, Wolf?« fragte er. Der Knabe bejahte erfreut.</p> + +<p>»Erzählen Sie mir eine Geschichte,« bat der Knabe.</p> + +<p>Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Fluß gelangt +waren, der dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, +setzte er sich auf einen moosigen Stein, legte den Arm um +des Knaben Schulter, lächelte verlegen und fing an: +»Es ist kein Märchen, was ich dir erzählen will, es ist eine +wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. +Am Hof des Vizekönigs, Vizekönig nennt man den Stellvertreter +des Königs von England dort, mußt du wissen, +am Hof des Vizekönigs also lebte unter vielen andern +Fürsten und Radschas ein bengalischer Fürst namens +Lal Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut +litt, trotzdem er reich und mächtig war, auch schön +und klug. Solche Schwermut, weißt du, ist für die Seele +und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und krankhafte +Schwäche für den Körper; wer davon heimgesucht +wird, der hat an nichts in der Welt mehr Freude. So war +das mit Lal Sarkar und wurde mit der Zeit immer ärger. +Die Ärzte wußten so wenig Rat wie die Freunde; eines +Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und +sagte, er solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama +reisen, dort würde er Heilung finden. Der Dalailama +<a class="page" name="Page_275" id="Page_275" title="275"></a>ist der oberste Priester der indischen und chinesischen Welt, +so wie der heilige Vater in Rom Herr über die Christenheit +ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheißen, +rüstete eine Karawane aus und reiste über das hohe Gebirge +des Himalaya nach der Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf +kehrte er zurück, und zwar als ein ganz anderer Mann, +heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die +Verwandlung, daß auch am Hof des Vizekönigs, wo ich +um diese Zeit eintraf, das größte Erstaunen darüber +herrschte. Wenn man sich aber erkundigte, erfuhr man +nicht viel mehr, als daß eben Lal Sarkar in Lhasa gewesen +sei. Mir ließ es keine Ruhe, und ich wußte es anzustellen, +daß ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends +in sein Haus eingeladen wurde. Das war nun wirklich +wie ein Märchen, weißt du, dieser Palast mit seinen Springbrunnen +und vergoldeten Säulen und Bassins mit Fischen +und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei +ihm, und als wir ins Gespräch gekommen waren, fragte +ich ihn nach dem, worüber sich alle Europäer den Kopf +zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt, als er wie ein +Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt +hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und +feurig. Ich fragte ihn also und fragte auch, ob ein Fremder +wie ich wissen dürfe, wie das vor sich gegangen und was +mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewiß dürfe ich es wissen, +es sei nichts zu verheimlichen. »Ich habe den Dalailama +gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.« +– »Das ist alles?« fragte ich, »nur in sein Angesicht +geschaut?« – »Ja,« antwortet er, »nur das.« Und als +ich verwundert, vielleicht auch ungläubig schwieg, sagte +er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon vergessen: +»Der Dalailama ist ein Knabe. Zwölf Jahre ungefähr, +<a class="page" name="Page_276" id="Page_276" title="276"></a>älter nicht. Er sitzt auf einem Thron und lächelt. Sein +Gesicht ist das schönste Menschengesicht auf Erden, so schön, +wie man es sich nicht einmal im Traum vorstellen kann. +Seine Stirn ist wie ein geschliffener Edelstein und göttliche +Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen +eine Güte aus, daß es jeden, auch den verhärtetsten Unhold +bis ins Herz trifft und er nicht anders kann als +auf die Knie sinken. Sein Lächeln genügt, damit aller +Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge +aufhört. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, +ist es, als sei er fünftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, +aber man küßt seine Hand und weint. Vor Glück weint +man. Er ist ein Knabe, aber er ist mächtiger als Armeen +und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Könige und Kaiser +der Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn +anschaute, wurde ich von meiner Schwermut geheilt.« +So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das ist meine Geschichte.«</p> + +<p>»Es ist eine herrliche Geschichte!« rief Wolf mit hingerissenem +Ausdruck, »die mußt du mir noch öfter +erzählen.« In seinem begeisterten Eifer dutzte er Erasmus +plötzlich, und dieser ließ es sich gern gefallen.</p> + + +<p class="newsection">Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und +sagte, Marietta wolle ihn sprechen; sie fühle sich besser, +obschon man fürchten müsse, daß es ein trügerisches +Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch geäußert, +sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei.</p> + +<p>Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war +Bedauern über den Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. +Ein Tag hatte das Werk von zehn Jahren verrichtet. Dämmerschwäche +nietete den Leib in die Kissen und Tücher. +<a class="page" name="Page_277" id="Page_277" title="277"></a>Heiße Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben. +In den Augen war gelbfahles Licht. Um das +Haupt zu entlasten, waren die Haare gelöst, und über das +weiße Linnen floß die kupfrige Flut, unvergangene Schönheit.</p> + +<p>Sie so hingeworfen und zerstört zu erblicken, war +schlimm. Schlimmer der Verlust; seine stumme Absage. +Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem Innern. Nichts, +was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen +sein. Erinnerung an Zärtlichkeit war Scham; was ihm +dieser Körper geschenkt, was er ihm geraubt: Sünde. Da +lag eine gefährdete Kreatur, arm, entschmückt; nicht Weib, +nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes, nicht Teil seines +Lebens mehr.</p> + +<p>Er flüsterte ihren Namen. Sie lächelte und erhob matt +die Hand.</p> + +<p>Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. +Marietta winkte ihm, er setzte sich auf den Rand des Bettes. +Sie sagte: »Hör mich an, Erasmus. Man weiß nicht, was +einem zustoßen kann. Ich werde jedenfalls von bösen +Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfährst jetzt, was +du erfahren mußt. Hast du Wolf gesehen?« Er nickte; +er erbleichte. »Wolf ist mein Kind. Wolf ist dein Sohn.«</p> + +<p>Regungslos starrte er Marietta an.</p> + +<p>Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand +auf die seine, die nichts von der Berührung wußte: »Ich +habe viel darüber nachgedacht, wie du es aufnehmen wirst. +Muß ich erklären, warum ich es vor dir geheimgehalten +habe? Prüfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. +Es ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, +vor dem graute mir immer. Es war gut, daß etwas zwischen +uns war, das uns trennte, wenn wir vereint waren und +<a class="page" name="Page_278" id="Page_278" title="278"></a>uns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich hätte sonst +manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, +der für dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, +wenn du mir starbst. Du bist mir sehr oft gestorben und +ich mußte dasitzen und mein Herz in der Hand halten und +auf deine Auferstehung warten.«</p> + +<p>Noch immer regungslos, mit geschnürter Kehle, starrte er +Marietta an.</p> + +<p>Sie berichtete mit wenig Worten, erschöpft schon, wann +sie das Kind empfangen, wann und wo sie es geboren, wie +sie die Verhehlung bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse +Einzelheiten, an die beweisenden Daten, sprach von ihrem +Glück, von inneren Kämpfen, von Angst um die Zukunft +des Kindes, schwieg, schloß die Augen, wartete auf ein +Wort von ihm, aber es kam keines. Er saß regungslos +und starrte sie an. Es war eine unbezweifelbare, sogar +eine heilige Wahrheit in ihrer Stimme, in ihrem Blick, in +ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit nicht, er +bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie +stand wie mit einem glühenden Schlüssel vor der Pforte +des unbekannten finstern Raums, von dem Marietta +gesprochen, und fand keinen Einlaß.</p> + +<p>»Das Kind ist wohlgeraten,« sagte Marietta leise; »du +wirst nicht nur in seinem Äußern viel von dir erkennen. +Ich verlange kein Gelöbnis von dir. Dazu war alles zu +schwebend zwischen uns. Du mußt ja auch erst mit dir +selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. +Denke nach, Erasmus. Jetzt geh; ich bin müde.«</p> + +<p>Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des +Herzens. Angst, Gewissensangst, Frieren des Blutes, +bittere Unlust, Gefühl der Einsamkeit, Selbstmißtrauen. +Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich er aus. +<a class="page" name="Page_279" id="Page_279" title="279"></a>Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. +Im Haus wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder +Stunde. Doktor Schmidthammer hatte eine Lungenentzündung +konstatiert. Während des Soupers herrschte +die gedrückteste Stimmung. Die Gräfin saß da wie ohne +Maske, alt und ein wenig böse. Selbst Aglaias Miene war +ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er fürchtete sich vor den +schönen Gesichtern. Er fürchtete sich vor dem Blick heimlichen +Einverständnisses, der ihn möglicherweise treffen +konnte, vor dem enttäuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, +dem mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte +Tun, die verspielte Zeit, die verspielten Worte. +Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der seekrank +ist, nach festem Boden unter den Füßen. Nach Sicherheit, +nach Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung +durch Umstände und abgenötigten Beschluß, +sondern nach der, die von oben kommt und unwiderruflich, +unwidersprechlich ist.</p> + +<p>Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von +der Gesellschaft. Er wollte allein sein. Im untern Flur +ging er noch eine Weile auf und ab. Bisweilen blieb er +stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den Wänden, +Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit +war künstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein +beunruhigtes Herz. Da kam Frau von Gravenreuth die +Treppe herunter; sie führte Wolf an der Hand und redete +mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus, +während der Knabe weiterging: »Er ist so erregt heute, +wollte nichts essen; ich weiß nicht, was ich mit ihm beginnen +soll. Ich habe ihm versprochen, noch ein wenig ins Freie +mit ihm zu gehen.«</p> + +<p>Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mädchengesicht +<a class="page" name="Page_280" id="Page_280" title="280"></a>war ein Lächeln, welches ausdrückte: wir kennen +uns, wir sind Freunde; dazu Zweifel, Zurückhaltung und +ein suchender Blick.</p> + +<p>Das unerwartete Gegenüberstehen war Hölle für +Erasmus. Er konnte sich nicht entsinnen, je Quälenderes +empfunden zu haben. Es ertönte das Wort, das er selbst +gesprochen, füllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum: +alle Legitimität stammt von Gott. Es schlug ihn in den +Nacken; es war ein flammender Pfahl, der ihn schlug. +Enthielt es Wahrheit, so gab es nichts daran zu mäkeln; +war es Irrtum, so saß man am Wendepunkt und verkrampfte +sich ins Arge.</p> + +<p>Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in +seinem Leben, fremd hervorgetreten aus der Fremdheit, +Geschöpf der Leidenschaft, ungewünschtes, ungewußtes, +unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand, das hegenswerte, +wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung +und Nachfolge.</p> + +<p>Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel +hervorgeschossen und auf Wolf zu. Der Knabe beugte sich +nieder, um ihn zu packen; das Tier, in spielgieriger Laune, +entwich fauchend, kam zurück, sprang an den Beinen des +Knaben empor und drängte den Lachenden gegen die Wand. +Ein kleiner Schrei; Sturz eines Gefäßes; ein Klirren; +die etruskische Vase, die auf einem Säulenpostament neben +der Tür des Musikzimmers gestanden, war heruntergefallen +und lag in Trümmern. Aus dem Speisesaal +kamen die Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher, +flüchtete zur Herrin; die Gräfin kniete mit bedauerndem +Gesicht nieder, um die kostbaren Scherben zu +sammeln; Wolf war blaß geworden, sein Mund verzog +sich zum Weinen, und mit unwillkürlicher Bewegung griff +<a class="page" name="Page_281" id="Page_281" title="281"></a>er nach Erasmus Hand. Erasmus, ebenso unwillkürlich, +umfaßte die Hand des Knaben mit tröstendem Druck, +und die Betrübnis, die sich in seinen Mienen malte, war +kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene +Vase. Doch blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich +zu dem Knaben niederbeugte und eine formelhafte Beschwichtigung +flüsterte. Schwere aber lastete nun auf +allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor +herein Eugen Sparre kam, der am Spätnachmittag fortgegangen +war und jetzt zurückkehrte.</p> + +<p>Erasmus entriß sich. In seinem Zimmer nahm er eine +der theologischen Schriften zur Hand, die er stets mit sich +führte. Aber er konnte seinen Geist nicht zur Lektüre +sammeln. Es wurde spät, und er saß noch immer mit aufgestütztem +Kopf, grauem, umrißlosem Denken nachhängend. +Schließlich überwältigte ihn der Schlummer, im Sitzen. +Es klopfte an der Tür; er hörte es nicht. Es klopfte abermals; +er schrak empor; rief, halb im Traum.</p> + +<p>Es war wie Traum, als Sparre eintrat.</p> + + +<p class="newsection">Die anfängliche Empörung Eugen Sparres hatte nicht +lange gedauert, obwohl Ferry Sponeck täppisch wie ein +Bauer gewesen war. Da er die Abneigung des Grafen +Ungnad deutlich gespürt hatte, war ihm dessen Verhalten +nicht einmal so rätselhaft wie seinem Botschafter, um so +weniger, als sich Sponeck bemüßigt glaubte, zur Entschuldigung +des Freundes auf eine zarte Beziehung zwischen +ihm und der Kranken hinzuweisen. Was für Dickhäuter +diese Menschen doch sind, dachte Sparre; als ob dadurch +der Schimpf harmloser würde.</p> + +<p>Man könne vorläufig nichts Rechtes unternehmen, +faselte Ferry Sponeck, der nicht wußte, wessen Partei +<a class="page" name="Page_282" id="Page_282" title="282"></a>er ergreifen sollte und zwischen der alten Anhänglichkeit +an Erasmus und der bewundernden Dämonenfurcht +schwankte, die ihn zu Sparre zog; Erasmus sei in einer +kritischen Verfassung, jammervoll sei ihm zumut; ob +Sparre an ritterliche Austragung denke? doch wohl kaum? +Wenn ja, wolle er mit Georg Ulrich Castellani beraten; +jedenfalls sei er, Ferry Sponeck, in einer verteufelten +Zwickmühle. Sparre lachte. Nein, daran denke er nicht; +er gebe Satisfaktion auf die ihm angemessene Art und +wünsche sie zu erhalten, wie es sich für gesittete Menschen +zieme. Er fühle sich so wenig beleidigt, wie wenn er im +Wald über eine Baumwurzel gestolpert wäre; »man war +achtlos,« sagte er, »das nächste Mal wird man aufpassen. +Mit Ehrenkränkung hat das nichts zu tun.« Worauf ihn +Ferry Sponeck kopfschüttelnd für einen unmäßig interessanten +Mann erklärte.</p> + +<p>Sparre durchschaute den schlechten Schauspieler und +hatte Nachsicht. Unbekannt mit einer Welt, in die ihn der +Sturm verschlagen, die seine eigene aufwühlte, in die er +wie zu einer bergenden Insel geflohen, nicht aus Schrecken +über den Sturm, sondern weil er zur Vollendung einer +wissenschaftlichen Schrift die Gelegenheit mit Freude ergriffen +hatte, die ihm eine vorübergehende Ruhestatt +zu bieten versprach, fühlte er stärker noch als unter dem +ersten Eindruck das Erstaunen über alles, was ihn umgab.</p> + +<p>Diese Menschen waren ihm wie alte Gemälde. Tod +war über sie hinweggegangen; Leben in seinem Sinn +hatten sie nicht. Etwas wie goldner Staub hing an ihnen, +Gefesselte eines prunkenden Rahmens, verjährte Ehrwürdigkeit. +Sie sprachen, und ihre Worte waren nicht die +der Lebendigen; sie scherzten, und ihr Lächeln war bedungen, +ihr Lachen klang aus der Erde. Alles an ihnen +<a class="page" name="Page_283" id="Page_283" title="283"></a>war bedungen, gekettet, befohlen und vorgesetzt; ihr +traurigster Ernst war noch Spiel, Schattenspiel hinter der +Eisdecke. Sie waren einer glitzernden Lüge von Herrschaft +hingegeben, und sie wußten um die Lüge, lange schon, +aber jeder schmeichelte dem andern die Lüge weg. Sie +glichen den Schwerkranken, denen man Gesundheit einredet, +mit leichter Mühe, weil ihre Seele getrübt ist; die +in jede Gebärde, in jeden Hauch ein Übermaß von Hoffnung +und Sorglosigkeit legen und nur die Täuschung +wollen, sonst nichts. Diese Stuben, diese Gänge, die glänzenden +und alten Dinge, es war ein Mausoleum, ausgeschaltet +aus der Zeit, ohne Blut, ohne Kraft, ohne Farbe. +Menschenruf verstummte; ein summender Schall war, +worauf sie ängstlich lauschten; Menschenforderung galt +ihnen für Unbill; sie wohnten noch in der alten Form, sie +hielten noch die abgeschnittenen Zügel in ihren Händen, +lächelnd, indes der Wagen still stand und die Pferde entführt +waren.</p> + +<p>Die anmutigen Frauen; wie gelassen sie dem Abgrund +zuschritten, dessen Phosphoreszenz sie über seine verschlingende +Gewalt betrog. In einer Sehnsucht schmolzen +sie, die keine Erfüllung mehr finden konnte, aber sie ahnten +vom Unmöglichen nichts. Noch trieben sie Neckerei hinter +der Maske; noch gefielen sie sich in ihrem tändelnden +Idiom aus verwehten Epochen; nur kein Aufwachen, +flehten ihre Mienen, nur kein rauhes Berühren. Die +glatten Glieder wohlig hingeschmiegt an gespenstische +Bilder; schwelgend in den pikanten Verfeinerungen, die +ihre Fantasie noch schenkte, wo doch das Wirkliche bereits +hinter der Wand aufbrüllte; sich als Letzte spürend, aber +nicht als Vergangene, als Entrückte, aber nicht als Verlorene.</p> + +<p><a class="page" name="Page_284" id="Page_284" title="284"></a>Eugen Sparre sah mit den Augen eines Forschers und +eines Kindes. Die Regionen und die Jahre, aus denen er +kam, hatten ihn in der Strenge der Betrachtung geübt. +Empfundenes und Geschautes nicht zu verfälschen war sein +innerstes Amt. Schmucklos war alles in ihm, an ihm und +die Bahn hinter ihm. Unverwöhnt und unerweicht, besaß +er die Kraft, Leiden zu überwinden und zu erkennen. +Das Durchlebte war ihm oft wie giftiger Rauch. Er hatte +gegen jede Art von Bedrückung getrotzt, jede Art von Erniedrigung +erfahren. Er hatte die Ellbogen gespreizt und +sie zu eisernen Balken gemacht, um nicht zu Brei zerquetscht +zu werden. Hinaufgeklommen an den schlüpfrigen +Quadern des Riesenbaus, von dem auf halbem oder +Viertelweg die Schwächlinge und Übergierigen abgestürzt +waren, um sich unten die Schädel zu zertrümmern, hatte er +mit kühlem Kopf seinen Platz erobert, der Pflicht, die er +gewählt, die ihn gewählt, unerschütterlich gehorsam und +schicksalkennend wie nur diejenigen sind, deren Herzschlag +der Herzschlag des Jahrhunderts und des Volkes ist. Er +hatte ungeachtet seiner Jugend zu den Propheten der großen +Wandlung gehört; er hatte sie errechnet, sie war ihm +Ergebnis logischer Erwägung, und mitten in der Taifunwelle +war er leidenschaftslos geblieben, Beobachter, Arzt. +Er war heiter geblieben, ohne aufrührerische Gelüste, dem +Element vertrauend, es liebend beinahe, in jeder Verwüstung +eine höhere Ordnung vorauswissend, denn alles +war Notwendigkeit, Geballtes, Gerafftes, Gefügtes, +Wüten von Lebenskeimen gegen Todeskeime, Erneuerungsraserei +des fiebernden Menschheitsleibes, Wiedergeburt +aus Agonie, Qual und Wahnsinn der sterblichen Einzelnen +im unsterblichen Ganzen.</p> + +<p>Von allen, die auf Rienburg um ihn waren, hatte Graf +<a class="page" name="Page_285" id="Page_285" title="285"></a>Erasmus Ungnad seine Aufmerksamkeit am meisten +gefesselt. Der erste Anblick des gespannten, leidenden, +hochmütigen, geschliffenen Gesichts hatte ihn als Erscheinung +berührt. In einem Nu hatte er so scharf wie den +andern sich selbst erfaßt, eben sein Anderssein und Andersmüssen, +das völlige Widerbild, wie Pol gegen Pol. Und +Sonderbares war geschehen: er hatte Schmerz verspürt. +Da war Figur; ja, Figur, wie die Sage sie gibt; +umschlossene und einsame Gestalt; heimatlose Gestalt; +in finster gewordenem Raum mit einer Haltung schreitend, +als sei noch Licht die Fülle; müde wie einer, der Schätze +getragen hat; ungegenwärtig, verfangen, versponnen, +tragisch hinabgehend, von sterbenden Illusionen begleitet, +der irrende traurige Ritter; der Adlige. Das war er, der +adlige Mann, Überbleibsel und Anachronismus, der, dem +auch Gott nur eine Form ist, wie Graf Castellani gesagt +hatte, der es nicht nahm, nicht wollte, daß sein Reich aufgehört +hatte zu sein und der von der Zeit nichts zurückbehalten +hatte als die Jahre, geschäftige Symbole, doch +leer und sinnlos.</p> + +<p>Die Erschütterung wirkte fort in Eugen Sparre. Sie war +derart, daß sie auch durch die beleidigende Feindseligkeit +des Grafen nicht vermindert wurde und gab ihm so viel +zu denken, daß er seine Arbeit darüber vergaß. Die persönlichen +Verhältnisse Ungnads flößten ihm, jenem Allgemeinen +gegenüber, nur geringe Teilnahme ein; trotzdem +horchte er bei den Andeutungen Ferry Sponecks auf. +Sponeck hielt sich in dem Fall nicht zur Verschwiegenheit +verbunden; was alle Welt wußte, konnte auch Sparre +wissen; für Sparre war es Bestätigung, die den Charakter +noch tiefer erleuchtete. Er erblickte Verborgenes, und was +seinem Auge entging, vervollständigte die Kombination. +<a class="page" name="Page_286" id="Page_286" title="286"></a>Diese Geschicke ließen sich wunderlich leicht entziffern; ihre +Hieroglyphen bedurften nicht einmal der Geduld. So zuckte +für ihn greller Schein um die Szene im Flur, als er +ins Haus trat und alle um die zerbrochene Vase herumstanden. +Sekundenkurzes Schauen genügte; haften blieb +in Blick und Gedächtnis der mädchenhaft zarte Knabe +neben dem überschlanken Erasmus Ungnad, das Gebeugte +und Zerquälte an ihm, das zitternd Aufgestörte im Wesen +des Kindes, die unverkennbare Ähnlichkeit in der Gesichtsbildung +beider, etwas Unsagbares von Verkettung.</p> + +<p>Als Erasmus verschwunden war, las Baronin Polyxene +die Scherben auf; Ferry Sponeck kniete ebenfalls hin, um +ihr zu helfen. Da sagte Sparre, man möge ihm die Stücke +überlassen; wenn er Klebestoff bekommen könne, getraue +er sich, die Vase wieder zusammenzusetzen; er habe dergleichen +schon oft versucht, und mit Glück. Die Beschädigungen +waren in der Tat nur geringfügig; die beiden +Henkel und ein Teil des oberen Randes waren abgebrochen, +ferner war in der Ausbauchung ein rundes Loch. Man sah +ihn verwundert an; Ferry Sponeck nickte eifrig und versicherte: +»Ja, darauf versteht er sich, er hat auch mir einmal +eine Sevreschale geleimt, er ist überhaupt ein Tausendkünstler.« +Die beflissene Fürsprache erweckte Heiterkeit, +auch bei Sparre selbst, Niklas wurde gerufen, der nach einer +Weile ein Töpfchen mit Leim brachte, Sparre packte die +Vase samt den Scherben in ein Tuch und begab sich damit +in sein Zimmer.</p> + +<p>Er hatte von dem Zweck seines Beginnens keine deutliche +Vorstellung. Es war ihm ein in das Kleid einer +Parabel gehüllter Scherz; eine Mitteilung von ungewisser +Tragweite und unbestimmtem Inhalt. Während er mit +Sorgfalt die Bruchstellen aneinanderfügte, kleine Splitter +<a class="page" name="Page_287" id="Page_287" title="287"></a>mit geschickter Hand einpaßte, lächelte er häufig. Als er +nach zweistündiger Arbeit fertig war, ging er zum Fenster; +Ungnads Zimmer lag dem seinen schräg gegenüber, wie er +wußte. Er sah noch Licht bei ihm. Da nahm er die Vase +vorsichtig in die Hand, prüfte das Werk noch einmal, +überzeugte sich von der Haltbarkeit der zusammengesetzten +Teile und verließ das Zimmer.</p> + + +<p class="newsection">Erasmus fuhr auf. »Was wollen Sie?« stotterte er, +»was bedeutet das?« Er starrte auf das tönerne Gefäß.</p> + +<p>Sparre stellte die Vase auf den Tisch. »Wenn man +morgen die Bruchlinien abfeilt, wird der Schaden kaum +mehr bemerkbar sein,« sagte er.</p> + +<p>»Aber was soll es denn heißen?« murmelte Erasmus. +Er hatte sich erhoben, stand frostig da, stirnrunzelnd, abweisend.</p> + +<p>»Ich hatte den Eindruck, als sei Ihnen der kleine Unfall +nah gegangen,« sagte Sparre; »ich weiß selbst kaum, +warum ich mich verpflichtet fühlte, ihn wieder gutzumachen. +Vielleicht wollte ich damit auch eine mir geschehene Widerwärtigkeit +aus der Welt schaffen. So etwas ist störend, +wenn es auch mein Gleichgewicht nicht beeinträchtigen +kann. Wo der Hieb nicht trifft, ist keine Wunde. Da Sie +mich als Arzt für einen Menschen verpönt haben, habe ich +mich begnügt, Arzt bei einem Ding zu sein. Das Ding +ist leidlich geheilt, wie Sie sehen.«</p> + +<p>Die Stimme klang fast hohl, in ihrer Baßtiefe schleifend.</p> + +<p>»Ich verstehe nicht,« stieß Erasmus hervor; »Sie wollen +sich über mich mokieren, scheint mir ...«</p> + +<p>Sparre blickte zu Boden. »Merkwürdig, daß Sie es nicht +verstehen,« sagte er wie im Selbstgespräch. »Gibt Ihnen +denn das keinen Fingerzeig, daß ich, der Mensch, den Sie +<a class="page" name="Page_288" id="Page_288" title="288"></a>hassen oder glauben hassen zu müssen, der Mensch Ihrer +Abkehr und Ihres Grauens, dem Sie die unverdiente +Ehre einer entscheidenden Funktion zuweisen, daß dieser +selbe Mensch etwas Zerbrochenes für Sie wieder ganz +gemacht hat?«</p> + +<p>Erasmus stutzte. Vor Unwillen rötete sich seine Stirn. +»Für mich ganz gemacht? Für mich? Wirklich, Sie erlauben +sich ungebührlichen Spaß, Herr Doktor Sparre ...«</p> + +<p>Sparre schlug langsam den Blick auf. »Ich möchte +gern in anderm Ton mit Ihnen sprechen, Graf Ungnad,« +sagte er verhalten. »Sie gehen im Wesentlichen fehl. Ihre +Voraussetzungen sind falsch. Ich sah eine Not. Als der +Krug da herunterstürzte, sah ich eine Menge Zerschmettertes +liegen. War der Knabe eigentlich schuld und sein Spiel +mit dem Tier? Er fühlte sich aber schuldig, und als Sie +seine Hand faßten, hatte ich den Eindruck, als ob Sie +sich für seine Schuld mitverantwortlich fühlten. Aber Sie +haben es doch nicht gewagt, für ihn einzustehen. Was liegt +an diesem altertümlichen Kram, Graf Ungnad? Wenn +ihn das Aufräumweib vor mir auf den Kehricht wirft, schau +ich nicht einmal darnach hin. Es entspricht auch nicht meiner +Überzeugung, daß man Zersplittertes wieder kitten soll. +In diesem Fall habe ich mich entschlossen, die Überzeugung +zu verleugnen. Ich dachte, es sei gut, es sei nützlich. Ich +dachte, ich könne Ihnen damit etwas beweisen. Verstehen +Sie mich noch immer nicht?«</p> + +<p>In der Tat, Erasmus begriff nichts. Sein Gesicht zeigte +Ausdruckslosigkeit und erbittertes Unbehagen. Die Unterlippe +stülpte sich; die Handfläche rieb sich an der Lehne des +Stuhls.</p> + +<p>»Also will ich klarer sein,« fuhr Sparre etwas gedrückt +fort, denn er hatte flüssigere Verständigung erwartet; +<a class="page" name="Page_289" id="Page_289" title="289"></a>»ich habe etwas über mich vermocht, was meiner Natur +und Lebensrichtung diametral entgegen ist. Ich habe etwas +versucht, wozu ich mich bisher habe nie gewinnen können, +das geistig Geschiedene zu überbrücken, dem, was streng +und unbedingt jenseitig für mich ist, mich zu nähern. +Ist es hoffnungslos? Diese Tonvase, ich stelle sie her wie +einen Markstein, an dem wir uns treffen können, Sie von +Ihrer Seite, ich von meiner. Es ist ein Augenblick, der nie +wiederkehrt, nie wiederkehren kann. Die Wahrheit, die mich +jetzt antreibt und erfüllt, ist sicher nur eine einmalige +Flamme. Vielleicht ist dabei etwas in mir von dem geheimnisvollen +Verwandlungsinstinkt der Insekten. Vielleicht +kann ich den analogen Prozeß in Ihnen beschleunigen. +Entziehen Sie sich nicht. Sich auflehnen gegen den Gang +der Sterne ist kein Heroismus, das Unabänderliche verfluchen +keine Frommheit. Wenn ich Ihnen entgegenkomme, +bis zu dem mühsam geleimten Krug auf dem Tisch +da, so seien Sie nicht taub für mein <em class="antiqua">qui vive;</em> Sie wissen ja, +die Posten haben scharfe Ordre. Ich verlange ja nicht +Kameradschaft; ich habe nur erfaßt, was mir, was uns +dienen kann. Es gibt verschiedenerlei Tugenden, Graf +Ungnad, verschiedenerlei Mut und verschiedenerlei Feigheit, +verschiedenerlei Grausamkeit und verschiedenerlei Güte. +Ich und die meinen, wir können nutzen, was Sie und die +Ihren im Lauf der Jahrhunderte an Erntegut in die +Scheunen gebracht haben, an blutgehärtetem Stahl und +geraffter Muskel und geweihter Lehre und dem Glauben +daran und an Erfahrung, die durch die Geschlechter veredelt +ist, an geschmolzenem und gemünztem Gold des Lebens. +Es ist der Tag vielleicht nicht fern, wo wir zugreifen und +dankbar quittieren, wenn wir uns vom ersten Rausch und +Anprall erholt haben. Denn sonst sind wir auf unserer +<a class="page" name="Page_290" id="Page_290" title="290"></a>Seite so verloren wie Sie auf Ihrer; ein Rachen wird uns +schlucken, der keinen Unterschied macht zwischen mehr oder +weniger fein gemahlenem Korn. Und Sie, lockern Sie die +zu straff gezogenen Schrauben. Geben Sie nach. Werfen +Sie das Zerbrochene, auch wenn es kostbar, auch wenn es +noch so meisterhaft gekittet ist, auf den Kehricht. Alte +Form muß sterben. Und Gesetze sterben wie Formen und +wie Menschen. Dagegen ist keine Hilfe als das Leben.«</p> + +<p>Er stand noch eine Weile und schaute über Erasmus +hinweg, der sich nicht rührte. Dann verließ er mit zeremoniöser +Verbeugung den Raum.</p> + +<p>Erasmus rührte sich noch immer nicht. Suada haben +diese Leute, dachte er, und senkte in peinlicher Benommenheit +den Kopf. Aber die Benommenheit wuchs und wuchs. +Er fing an auf und ab zu gehen. Es schien ihm, als zerspalte +sich der Boden unter seinen Schritten. Einmal seufzte +er und lauschte, weil ihn dünkte, das Seufzen käme aus +der Mauer. Wenn man die Schwere der Niederlage +mildern könnte, ging es ihm, scheinbar zusammenhanglos, +durch den Sinn. Und darauf wieder: ich weiß, daß sie +sterben wird; heute nacht wird sie sterben, ich weiß es. +»Erlöse uns von dem Übel,« murmelte er vor sich hin, +das Taschentuch an die Lippen pressend, »und führe uns +nicht in Versuchung.«</p> + +<p>Abermals lauschte er. Es war still im Hause, und doch +lag in den Ohren weitentferntes, gräßliches Geschrei. +Jemand ging im Korridor vorüber. Er öffnete die Tür; +es war finster. Der Schlaf der Bewohner wälzte sich her, zu +schwarzem Schlamm gestockt. Er zündete eine Kerze an +und ging, die Flamme mit der Rechten schützend, den Flur +entlang. Auf einmal prallte er zurück. Auf der Schwelle +<a class="page" name="Page_291" id="Page_291" title="291"></a>einer Tür stand eine Frau. Sie hatte die Hände vors Gesicht +gelegt; so stand sie, gegen das Zimmer gewandt, in dem eine +umhüllte Lampe brannte.</p> + +<p>Es war Helene Gravenreuth. Sie drehte sich um, ließ +matt die Arme fallen. »Schlimm steht es,« hauchte sie.</p> + +<p>Er schwieg.</p> + +<p>»Kommen Sie herein,« sagte sie, »hier schläft Wolf; +die Pflegerin hat mich eben jetzt bei Marietta abgelöst. +Aber leise, bitte, das Kind schläft spinnwebdünn heute.«</p> + +<p>Er trat ein. Er ging zum Bett des Knaben, nachdem er +die Kerze verlöscht und weggestellt hatte. Er flüsterte: +»Es ist alles so sonderbar, Baronin, so sehr sonderbar.« +Seine Wangen wurden fahl, plötzlich kniete er nieder und +betete.</p> + +<p>Frau von Gravenreuth schloß die Tür. »Ich war nicht +vorbereitet,« sagte sie mit erstickter Stimme, als Erasmus +sich erhob, »bin es noch immer nicht. Was wird werden, +Graf?«</p> + +<p>Erasmus setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf +in die Hand. »Sie wissen ja, weshalb ich hierhergekommen +bin,« sagte er.</p> + +<p>Sie nickte. »Ich weiß,« erwiderte sie. »Sie wollten um +eine der Komtessen werben, Sie wollten heiraten.«</p> + +<p>Er fuhr fort: »Nun wird es anders kommen. Nicht eine +Frau werd ich heimbringen, sondern einen Sohn.«</p> + +<p>»Aber wie soll es werden, Graf Erasmus, mit diesem +Sohn?« fragte Frau von Gravenreuth mit bleichen Lippen.</p> + +<p>Erasmus begegnete ihrem zaghaften Blick und antwortete: +»Es muß in Liebe werden und im Gesetz, denk +ich.«</p> + +<p>Ein Geräusch ließ beide zusammenfahren. Wolf war +erwacht. Er hatte sich aufgerichtet und schaute mit den +<a class="page" name="Page_292" id="Page_292" title="292"></a>tauhaft strahlenden Augen herüber, mit denen Kinder den +Schlummer verlassen. Frau von Gravenreuth streckte die +Arme aus, als beschwöre sie ihn; Erasmus trat neben ihr +an das Bett.</p> + +<p>»Erzähl mir vom Dalailama,« sagte die helle Glockenstimme +des Knaben.</p> + +<p><a class="page" name="Page_293" id="Page_293" title="293"></a></p> + + + + +<h2><a name="Jost" id="Jost"></a>Jost</h2> + + +<!-- <p><a class="page" name="Page_294" id="Page_294" title="294"></a>[Blank Page]</p> --> +<p><a class="page" name="Page_295" id="Page_295" title="295"></a></p> +<p class="newsection">Der Gebieter des Himmels ließ sein Donnerwort ergehen, +und wie glänzend gefiederte Schwäne im Sturm eilten die +gehorsamen Heerscharen vor seinen unvergänglichen Thron. +Da erlas der Herr den Erzengel Michael und sprach zu ihm:</p> + +<p>Ich bin irre am Geschlecht der Menschen. Nie hat solcher +Kummer die Erde gefüllt; Klage und Anklage erhebt sich +maßlos. Schwer ist es, zu wissen, ob sie allesamt Verlorene +sind, schwer zu erkennen, ob in allen der Funke erloschen +ist, der ihnen als Teil der Göttlichkeit in die Brust gehaucht +ward. Ich will eine Probe machen. Geh hinab zu ihnen, +du scharfäugiger Spürer, und suche unter den Verstockten +den Verstocktesten, unter den Umschlossenen den Umschlossensten. +Nicht um den Übeltäter geht es, merke wohl; +um den Gleichgiltigen geht es. Den Unscheinbaren, der +in der Trägheit verhärtet ist, sollst du suchen in seinem +umfriedeten Bezirk; den, dessen Linke nicht weiß, was die +Rechte tut. Und wenn du zurückkehrst und sprechen kannst: +ich habe ihn erweicht, ich habe ihm die Binde von den Augen +gerissen, und er vermag zu sehen, dann soll ihnen noch +einmal Gnade gewährt sein und Aufschub des letzten +Gerichts.</p> + +<p><a class="page" name="Page_296" id="Page_296" title="296"></a>Der Engel senkte stumm das Haupt, und während ihn +gewaltige Posaunenschälle umdröhnten, verließ er in seiner +großen Schönheit die erhabene Region, um den Befehl +des Herrn zu vollziehen.</p> + + +<p class="newsection">In einer Wirtsstube saßen beim trüben Licht mehrere +Beamte der Stadt, Notabilitäten in ihrer Art, um einen +Tisch. Bis auf einen armselig aussehenden Menschen, +der in der Nähe des Ofens kauerte und zu schlafen schien, +waren sie die einzigen Gäste. Da sie ihn kannten, auch +seiner nicht achteten, brauchten sie sich im Gespräch keinen +Zwang aufzuerlegen. Er hieß Jost und war ein Kleinbürger, +dem Anschein nach ein Agent oder Vermittler, der +an gewissen Abenden kam, um dem Wirt Lieferungsgeschäfte +anzutragen.</p> + +<p>Die Unterhaltung drehte sich um die Trostlosigkeiten +des Alltags. Verärgerung lag jedem im Gemüt, Lebensangst +den meisten. Still verhielt sich nur einer, nicht weil +er weiser oder zufriedener, sondern weil er bequemer war. +Auch dann nahm er nur stummen Anteil, als der trübseligen +Gegenwart die glänzende Vergangenheit entgegengehalten +wurde, in deren schwachem Widerschein sie sich ihrer Sorgen +entledigten. Die Welt, war sie auch zum Erbarmen zugerichtet, +einstmals hatte sie ihnen eine festliche Zeit gegeben, +und unter diesem Einstmals verstanden sie den Krieg, +zumindest seinen Anfang. Da war auch dem Abseitigen +unerwartet Macht zugefallen, sofern er nur mit dem allgemeinen +Strom geschwommen war, und wie erst, wenn +er sich mit seiner Person für das Ziel erklärt hatte. Macht, +Bewegung, Wechsel der Geschehnisse; es klang schon jetzt +nicht anders als wie es schönfärbende Fibeln den Späteren +melden. Auch die sich tätigen Dabeiseins nicht rühmen +<a class="page" name="Page_297" id="Page_297" title="297"></a>konnten, ergingen sich breit im Nachgenuß martialischer +Erinnerungen. Was Blut und Not und Tod; erlogene +Gespenster. Die triumphierende Wahrheit war dort, wo +man Ehre gewonnen, wo man sich eingesetzt und gespürt +hatte.</p> + +<p>Postoffizial Erbegast, als beredtester Schwärmer, sprach +davon, wie man Raum gehabt, im Westen, Osten, Süden, +überall Raum, Weite, Luft, Landschaft, Freiheit. Raum +und Gelegenheit. Quartier in Schlössern, Fahrten ins +Unbekannte, neue Städte, neue Menschen, neue Dinge, +zwischen Morgen und Abend keine Langeweile. Wenn man +da erzählen wollte! Wie es wohltat, sich der Fülle zu erinnern. +Er wandte sich lebhaft und herausfordernd an den +Schweigsamen, Rechnungsrat Siebold, und ermunterte +ihn zur Zustimmung. Mit bloßem Kopfnicken wollte er +sich nicht abspeisen lassen. Der Schweigsame ist nicht +beliebt, wenn Geister erglühen. Siebold sollte laut bestätigen, +da er es doch aus Erfahrung zu tun imstande war, +daß man Unvergleichliches gesehen und erlebt habe. Oder +sei an ihm die Herrlichkeit spurlos vorübergegangen?</p> + +<p>Ungern sah sich Siebold in die Mitte der Aufmerksamkeit +versetzt. Er liebte es nicht, sich mit Gewesenem zu +beschäftigen. Ihm lag der gestrige Tag schon fern. Unter +den fragenden Blicken der Tischgenossen stiegen wohl Bilder +aus entlegenen Gehirnschächten empor, aber es gestaltete +sich keines. In den Jahren, er zählte die Jahre nicht, +waren sie ihm abhanden gekommen, kaum daß er sie noch +als eigenen Besitz erkannte. Blasse Farben, schattenhafte +Figuren, verhallte Worte. Was berührte einen daran? +Man war ein anderer. Jahre! Was ist nicht ein einziges +an Gedehntheit! Zudem war er nur vier Monate draußen +gewesen; kleiner Fähnrich, freudlos wie tausende. Man +<a class="page" name="Page_298" id="Page_298" title="298"></a>hatte ihn darnach in ein Proviantlager geschickt, und als +er dort erkrankt, war er auf seinen Platz im Amt zurückgekehrt, +wie wenn die Zwischenzeit ein unergiebiger Ferienausflug +gewesen wäre.</p> + +<p>Es dünkte ihn aber, daß ihn Offizial Erbegast sticheln +wollte. Auch die übrigen betrachteten ihn mit ironischen +Blicken, als trauten sie ihm besondere Erlebnisse nicht zu +und hegten nicht einmal die Erwartung, daß er sich zu +solchen bekenne. Das verdroß ihn. Sein bedrohtes Selbstbewußtsein +richtete sich wehrhaft auf. Er begriff die Notwendigkeit, +den spöttischen Zweiflern Achtung abzuringen +und forschte in seinem Gedächtnis. Nicht vergeblich; die +verkniffene Miene erhellte sich; ein Vorfall fiel ihm ein, +bei dem er handelnd mitgewirkt. Da er sich der Einzelheiten +nur ungenau entsann, dauerte es geraume Weile, +ehe seine Erzählung in verständlichen Fluß kam. Doch die +Zuhörer zeigten Geduld, und so hatte er Muße, der schwerfälligen +Erinnerung den Verlauf abzuzwingen.</p> + +<p>Die Geschichte war in keiner Weise ungewöhnlich. In +einem galizischen Dorf waren sieben Menschen unter dem +Verdacht der Spionage eingebracht worden. Die Beschuldigung +lautete, sie hätten dem Feind durch das Dachfenster +des Gemeindehauses, in welchem sie zusammengepfercht +gefunden worden waren, Lichtsignale gegeben. Siebold +hatte das Protokoll aufgenommen. Nur einem unter +ihnen, einem riesenhaft gewachsenen Burschen, hatte das +Verbrechen nachgewiesen werden können; bei den andern +sprachen gewichtige Umstände dafür, daß sie die Opfer +böswilliger Angeberei waren. Trotzdem hatte der Hauptmann +alle Sieben nach einem summarischen Verhör +kurzerhand zum Tod verurteilt: drei Juden, ein siebzehnjähriges +polnisches Mädchen, einen zwölfjährigen Knaben, +<a class="page" name="Page_299" id="Page_299" title="299"></a>einen sechsundsiebzigjährigen Greis, und den Rädelsführer +der Bande, eben jenen Riesen.</p> + +<p>Ein Tropfen im Meer der Ereignisse; ein paar vernichtete +Leben mehr neben den Millionen. Die Welt hatte wohl +kaum eine Kunde davon erhalten. Auch jetzt, wo es die +Merkmale der Verjährung und der erfahrenen Häufigkeit +trug, konnte solches Standgericht kein tieferes Interesse +erregen als eines, das aus Höflichkeit dem Erzähler gebührt. +Mochte auch der eine oder der andere die Willkür empfinden, +die dabei gewaltet und dem in halben Andeutungen Worte +verleihen, so wurden die schüchternen Einschiebsel leicht +mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit abgetan. Für +zarte Gemüter war die Zeit nicht geschaffen; die Moral +bürgerlichen Lebens, das humane Gesetz, hatte da keine +Giltigkeit mehr, wo man sich täglich seiner Haut wehren +mußte. Wer auf seinem Posten stand und der Vorschrift +genügte, war entlastet. »Die Gegner haben es genau so +gehalten,« wurde gesagt; »weil wir in der Patsche sitzen, +spuckt man uns ins Gesicht, und sogar im Lande selbst +entblödet man sich nicht, Leuten, die ihre Pflicht erfüllt +haben und als Helden gefeiert würden, wenn das Glück +bei uns geblieben wäre, soviel wie möglich am Zeug zu +flicken.« Jawohl, bemerkte hierzu der Offizial bissig, +die Menschen seien eben Schweine und von ihrer schweinischen +Natur könne man nichts Besseres erwarten.</p> + +<p>Nach diesem Intermezzo nahm Siebold den Faden +wieder auf. Da er nun zu sprechen begonnen hatte, wollte +er seine Sache auch bis zum Ende führen. Das Wort hatte +ihm Hilfe geleistet und Bild um Bild aufgefrischt; er +wunderte sich selbst über die wiederbauende Fähigkeit der +Erinnerung und gefiel sich in seiner Rolle des Mitrichters +über Schicksale. Er verweilte. Er ging in der Schilderung +<a class="page" name="Page_300" id="Page_300" title="300"></a>zum Kleinen und Intimen; mit behaglicher Ausführlichkeit +beschrieb er die traurige Gegend, das verwahrloste +Dorf, die Armut der Menschen, sogar das regnichte Wetter, +das geherrscht hatte. Dann erzählte er von der jungen +Polin; wie trotzig sie alle angeschaut mit ihren schwarzen +Augen; er hatte den Namen gewußt; er hatte ihn vergessen. +Er besann sich und fand ihn. Katinka war der Name +gewesen. Als wohne dem Namen Leuchtkraft inne, wurde +gegenwärtig, wie sie stolz und wild die Antworten verweigert, +auch als man ihr den Revolver vor die Stirn +gehalten; auch als man ihr versprochen, den Knaben, ihren +Bruder, zu schonen. Immer wieder betonte er die teuflische +Halsstarrigkeit des Mädchens, schließlich mit Einschaltung +eines lasziven Witzes, der, wie billig, belacht wurde. +»Glauben Sie, meine Herren, sie hätte die Zähne voneinandergetan? +Um keinen Preis. Eher noch die Beine, +scheint mir.«</p> + +<p>Als der Spruch gefällt war, hatten sich alle, mit Ausnahme +der Katinka und des Riesen auf die Knie geworfen. +Die Juden vor dem Hauptmann, das Bürschchen vor ihm. +Das Bürschchen hatte seine Beine umschlungen und +jämmerlich geschluchzt, bis es die Schwester angeschrieen +und weggerissen. Der alte Mann hatte ihm fortwährend +die Hände geküßt und unverständliche Worte gelallt. In +die größte Verzweiflung waren aber die drei Juden geraten. +Mit gellenden Anrufungen Gottes hatten sie ihre Unschuld +beteuert, sich die Haare gerauft und an den Kaftanen gezerrt. +Einer, mit fuchsrotem Bart und käseweißem Gesicht, +hatte sich äußerst demütig betragen; als aber der Hauptmann, +dem das Unwesen zu lärmend wurde, den Befehl +erteilte, die Gesellschaft abzuführen, war es gerade dieser, +<a class="page" name="Page_301" id="Page_301" title="301"></a>der die Arme gegen ihn streckte und eine alttestamentarisch-gräuliche +Verfluchung ausstieß.</p> + +<p>Eine gespenstische Idylle, gerahmt in Selbstzufriedenheit, +beschloß die Darstellung: nächtlicher Regensturm; +Siebold auf Runde; an den Ästen von sieben Pappeln +neben der Chaussee sieben Leichen, schwankend im Wind, +unheimliche Kleiderbündel, unheimliche Gerippe, schief, +schlapp, verbogen wie die Vogelscheuchen, und in der +schwarzen Ebene ein klagend-verklingender Ruf.</p> + +<p>Da dem Offizial die Düsterkeit des Gemäldes nichts +anzuhaben vermochte, weniger aus Herzenshärte, als weil +seine Einbildungskraft, wie übrigens bei alle diesen, das +Entscheidende nicht zu fassen vermochte, schreckte er vor der +zynischen Erkundigung nicht zurück, ob denn die wilde +Katinka ihre vermeldeten Beine nicht hätte nützlich gebrauchen +wollen oder können. Im selben Augenblick erhob +sich der schlafende Kleinbürger oder Agent Jost mit störendem +Geräusch. Er trat an den Tisch der Herren, schüttelte +sich raschelnd, feixte verlegen, und während er irgendwelche +Laute vor sich hinmummelte, betrachtete er einen um den +andern; zuletzt blieben seine Augen, zwei kleine, glitzerige +Messingscheibchen wie bei Katzen, auf Siebolds Gesicht +haften, mit einem so neugierigen und boshaften Ausdruck, +daß es dieser als Belästigung empfand und ihn stirnrunzelnd +musterte. Ein Unbehagen blieb.</p> + +<p>Doch war seine Haltung aufrecht und seine Stimmung +geläutert, als er durch die abendlich finstern Gassen seinem +Heim zuwanderte. Ein zurückgedrängtes Stück seiner +inneren Person war an dem Abend zu neuem Wertbewußtsein +erwacht. Er folgerte daraus, daß dem geistig und +sozial entwickelten Menschen Gedankenmitteilung und +Gespräch mit Gleichgearteten zu einer Vermehrung des +<a class="page" name="Page_302" id="Page_302" title="302"></a>Kräftevorrats verhelfe. Man müsse sich zu erkennen geben, +war die Lehre, die er daraus zog; man dürfe sein Licht nicht +unter den Scheffel stellen. Zufällig hatte er eine abgebrochene +Brücke wieder geschlagen, vernachlässigtes +Lebensgut in Sicherheit gebracht; und siehe, er befand sich +wohl dabei. Die Färbung der Existenz war intensiver, der +Schritt gewichtiger, der Blick bedeutender. Er blieb stehen, +sog Luft in die Lunge, nahm eine Zigarre aus dem Behältnis +und zündete sie an.</p> + +<p>Das Ziel des Weges stand nicht im Einklang mit seiner +Gehobenheit. Sechzehn Quadratmeter Raum und vier +Betten: das eheliche Schlafgemach. Im Vorgefühl umfing +ihn schon die trübe Enge. Die beiden Kinder, die sich von +Zeit zu Zeit auf dem Lager wälzten und im Traum redeten. +Kleider und Wäsche auf den Stühlen; Schuhe auf dem +Boden; die Vorhänge über den Fenstern morsch; oval +gerahmte Familienphotographien an den Wänden, deren +Tünche zu bröckeln begann; die Decke vom Schlafdunst +vieler Nächte geräuchert. Als sicher war anzunehmen, +daß die Frau erwachen würde; mit den steifgeflochtenen +Zöpfen würde sie sich aufrichten, blaß, vergrämt, verdrossen; +würde fragen, wo er gewesen, warum er so spät +kam; würde ihn mit ihren häuslichen Miseren quälen: +etwa daß sie beim Händler kein Gemüse, beim Kaufmann +keinen Zucker bekommen; daß weder Kohle, noch Holz, +weder Brot noch Mehl im Hause sei; daß das ältere +Töchterchen über Halsschmerzen geklagt und wahrscheinlich +Fieber habe. Es wollte ihn bedünken, als gehe dies alles +wider die Würde. Man war Beamter mit Machtbefugnissen. +Es war ein Zwiespalt zwischen seiner Stellung +im öffentlichen und im privaten Leben; unversöhnlicher +Konflikt. Der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung +<a class="page" name="Page_303" id="Page_303" title="303"></a>genoß Ehren; er wollte es nicht verkennen, noch mißachten. +Menschen zitterten vor ihm. Menschenwohl und -wehe +war in seine Hand gegeben. Der Gatte, der Vater war +zur Geringfügigkeit verdammt, niedergezwungen auf die +Straße der Vielen.</p> + +<p>Er schob es fort. Es gelüstete ihn nach Aufmunterungen. +Neulich hatte er auf demselben Weg ein Mädchen getroffen +und war mit ihr gegangen. Ungeachtet ihres niedrigen +Gewerbes, das zu verabscheuen er als Mann von makellosem +Ruf und geachteter Position verpflichtet war, hatte +sie ihm gefallen. Es gibt Heimlichkeiten in der Lebensführung, +durch die man nur etwas aufs Spiel setzt, wenn +sie aufhören, Heimlichkeiten zu sein, also wenn man unvorsichtig +ist, wenn man Spuren hinterläßt, wenn man die +Grenze nicht respektiert. Sabine Jäger war ihr Name. +Ihre Haare waren gelb wie frisches Holz, eine anziehende +Besonderheit; sie hatte Temperament und war verhältnismäßig +noch unverdorben. Als sie davon gesprochen hatte, +ihn wieder zu treffen, hatte er sich nicht ablehnend verhalten. +In selbstbetrügerischer Zerstreutheit lenkte er den Schritt +nach der Richtung, wo sie wohnte.</p> + +<p>Da drang ein Gruß an sein Ohr. Betroffen drehte er +sich um und erkannte den Agenten Jost, der ihm gefolgt war.</p> + + +<p class="newsection">Er trug ein gelbes Mäntelchen, das kaum bis zu den +Hüften reichte. In die schlottrigen Ärmel hatte er die Hände +wie in einen Muff gesteckt. So trippelte er vorüber. Aber +plötzlich zögerte er, wartete, bis Siebold herankam und +sagte mit einer dünnen, hohen, quietschenden Stimme, +es freue ihn, den Herrn Rechnungsrat noch getroffen zu +haben; er habe nicht gewußt, daß der Herr Rechnungsrat +in dieser Gegend zu Hause sei.</p> + +<p><a class="page" name="Page_304" id="Page_304" title="304"></a>Zwischen Herablassung und Mißlaune brummte Siebold +ein paar leere Worte, und jener machte Anstalten, weiterzugehen. +Wieder trippelte er, wieder hielt er inne. »Weit +ists,« seufzte er, zog die Hände aus dem Ärmelmuff und +griff nach dem lächerlich flachen Melonenhut mit ausgefransten +Rändern, den ein Windstoß zu entführen drohte; +»man läuft sich die Füße wund, Tag für Tag. Ist mir nicht +an der Wiege gesungen worden, daß es mir so ergehen +soll. Darf ich mich Ihnen anschließen, Herr Rechnungsrat? +Nur bis zur Ecke da droben, da ist meine Gasse; hinter +der Atlantik-Bar. Schönes Lokal, die Atlantik-Bar, wie? +Schöne Leute; immerfort Musik. Wer doch auch einmal +lustig sein könnte; ei ja!«</p> + +<p>Siebold wußte nicht recht, wie er sich zu benehmen +habe. Von dem hergelaufenen, verlotterten Menschen +angesprochen zu werden, verletzte sein Standesgefühl. +Er kannte ihn kaum. Andererseits waren die Zeiten derart, +daß man sich hochmütiger Regungen versehen mußte. +Er verbarg seinen Ärger, als Jost mit unterwürfiger +Zutraulichkeit an seiner Seite weiterging und hatte eine +steif zurückhaltende Miene.</p> + +<p>Mit der pfeifenden Stimme und vom schnellen Gehen +atemlos fuhr Jost fort: »Da kenn ich einen, der ist dort +angestellt als Wagenrufer. Ein alter Mann. Vor zwei +Jahren hatte er noch ein Speditionsgeschäft und eine +Villa. Vor zwei Jahren hat er noch in seinem Garten +Rosen gezüchtet. Und jetzt ruft er die Wagen, vielleicht +für solche, die früher Kratzfüße vor ihm gemacht haben.« +Ein asthmatischer Husten unterbrach ihn. »Angst und +bang wird einem, Herr Rechnungsrat,« quietschte er dann, +»angst und bang. Das Schicksal ist wie ein Wolf. Tückisch +schleicht es her und fällt einen an. Hab drei Kinder zu +<a class="page" name="Page_305" id="Page_305" title="305"></a>versorgen; acht Jahre das älteste. Ein Mädchen; ein gutes +Kind; eine Seele wie Gold. Eveline heißt sie. Poetischer +Name, wie? Nun, das ist der einzige Luxus, den sich die +Armen leisten können. Ruft man sie, ruft man Eveline, +so wird einem gleich ganz wohl. Sie verkauft Schuhbänder +auf den Straßen, Schuhbänder aus Papierstoff; billig +und schlecht. Vorige Woche komm ich gegen Abend heim, +hängt mir das Fünfjährige am Stiegengeländer, außen +am Geländer, unter sich den Abgrund, hängt und zappelt +und schreit. Noch zehn Sekunden, Herr, und die Muskelchen +haben keine Kraft mehr. Was sagen Sie dazu? Freilich, +die armen Würmer sind sich selber überlassen. Die Mutter +ist tot. Hin und wieder beaufsichtigt sie das Töchterchen +vom Tapezierer nebenan. Aber darauf ist nicht mehr lang +zu rechnen. Mit seinen vierzehn Jahren ist das Menschlein +bereits schwanger. Der Vater ein Saufbold, der Bruder +im Zuchthaus, nicht das Stück Brot zum Fressen, kaum +ein Hemd auf dem Leibe, und trotzdem juckt sie das Fleisch. +Und wenn man über die Stiegen geht, stolpert man über +knochenkranke Kinder, und an den Türen steht ausgemergeltes +Volk, und oben ist Elend, und unten ist Elend, +und in der Mitte ist Elend. Hab ich da nicht recht, kann +einem nicht angst und bang werden?«</p> + +<p>Siebold räusperte sich. »Es lebt sich schwer heutzutage,« +gab er widerwillig zur Antwort. Die Geschwätzigkeit +des einfältigen Menschen, die unliebsame Begleitung +vor allem, erregten seine Ungeduld, und er suchte nach einem +Vorwand, sich loszumachen.</p> + +<p>»Das ganze Leben ist ein finsterer Keller,« fing das +Männchen mit seiner weinerlichen Stimme wieder an; +»wenn ich mir so die Leute betrachte, mit denen ich zu tun +habe, da wird mir, ich weiß nicht wie. Reden, reden, +<a class="page" name="Page_306" id="Page_306" title="306"></a>reden. Geschäfte; und was für Geschäfte! Wenn zwei +beisammen stehn und wispern, so heißt das gewöhnlich, +daß einem dritten die Gurgel zugedrückt wird. Ich komme +zu ihnen in ihre Häuser; ob fein, ob nicht fein, ganz gleich, +es liegt wie Unrat und Spülicht überall. Auf Tischen +und Stühlen, in Schränken und Betten, überall Unrat +und Spülicht. Ich glaube, irgendein Stern da droben, +ein von Gott verfluchter, hat in irgendeiner Nacht all +seinen Unrat und Spülicht auf uns heruntergeschüttet. +Dem ist nicht beizukommen, nicht mit Wasser, nicht mit +Feuer; Unrat und Spülicht, das klebt in alle Ewigkeit. +Nun, wirds bald, sag ich, was redet ihr denn? was sinnt +ihr? was macht ihr für Grimassen? was grinst und lacht +ihr und laßt euch von einem Alten, der Rosen gezüchtet +hat, eure Karossen rufen, wo doch das ganze Leben ein +finsterer Keller ist? Heda, was werft ihr denn euern +Jammer auf einen Haufen, daß man hineinstürzt und +drin erstickt? Und ist der Zorn verraucht, so möcht ich mich +am liebsten hinschmeißen und heulen, vom Morgen bis +zum Abend, nichts als heulen. Zu denken: so ein Kind, +eine vierzehnjährige Schwangere. Zu denken! Herrgott! +Das halt ich nicht aus. Das raubt mir den Schlaf in der +Nacht; ich liege und liege, und auf einmal seh ich dann +den Weg nach Golgatha. Den großen, fürchterlichen, +schmerzensreichen Weg nach Golgatha.«</p> + +<p>Siebold blieb stehen. Er schleuderte den Zigarrenstummel +fort und fragte streng: »Zu welchem Zweck erzählen +Sie mir eigentlich das alles? Das ist doch der reine +Blödsinn, mein Bester.«</p> + +<p>Die schroffe Zurechtweisung beschämte den Kleinen +sichtlich. »Es ist wahr, Herr Rechnungsrat, es ist lauter +Blödsinn,« erwiderte er schüchtern. »Ich bin eben ein +<a class="page" name="Page_307" id="Page_307" title="307"></a>blödsinniger Mensch. Das sagen viele. Ich habe selbst +am meisten drunter zu leiden. Es geht bei mir bis zu +fixen Ideen. Zum Beispiel, Sie werden es kaum für +möglich halten, zum Beispiel hab ich heut abend die Wörter +gezählt, die in Ihrer Geschichte vorgekommen sind. Sollte +man sowas glauben? Achthundertneunundachtzig Wörter, +alles in allem, genau gezählt. Hab mich schlafend gestellt +und dabei gezählt. Ich höre, versteh auch den Sinn, zugleich +arbeitet das Hirn wie eine Additionsmaschine, +klapp, klapp. Kann mir nicht helfen, muß zählen. Achthundertneunundachtzig +Wörter, ein ganzer Zeitungsartikel. +War aber auch sehr spannend, Herr Rechnungsrat; wirklich, +mein Kompliment, eine spannende Geschichte. Aber in +der Nacht, wenn ich liege und in die Finsternis stiere, dann +marschieren die sämtlichen Wörter an meine Bettstatt, +stellen sich der Reihe nach auf wie die Zinnsoldaten, und +da begreif ich erst die Meinung, da wird mir alles erst klar, +und da seh ich dann den Weg nach Golgatha, wie gesagt. +Ein schlimmer Zustand. Es ist kein Spaß, wenn man jede +Nacht und jede Nacht auf den Weg nach Golgatha geschleppt +wird. Ich muß einmal zum Doktor. Ich muß mich einmal +untersuchen lassen.«</p> + +<p>Siebold überlief es kalt. Die Reden und das Gebaren +des lumpenhaften Menschen beunruhigten ihn allgemach. +Daß er es mit einem Verrückten zu tun hatte, stand fest. +Entschlossen, sich von der unangenehmen Gesellschaft zu +befreien, murmelte er bei der nächsten Straßenabzweigung +einen mürrischen Gruß und entfernte sich rasch.</p> + + +<p class="newsection">Glückliche Organisation befähigte ihn, leicht zu vergessen. +Ist ein Mann aus Neigung wie aus Eignung +<a class="page" name="Page_308" id="Page_308" title="308"></a>Beamter, so bilden die täglichen Obliegenheiten seine +Schutzwache. Berufsgewalt erhöht ihn.</p> + +<p>Menschen mußten warten, bis er geruhte, sie zu empfangen +und anzuhören. Auch wenn es ihm beliebte, nichts +weiter zu sein als launenhaft, lustlos, ungewillt ihre +Gesichter zu sehen, sie mußten trotzdem warten. Das machte +die Bedeutung des in gewiesenem Bereich absolut regierenden +Beamten aus: daß sie warten mußten.</p> + +<p>Sie froren im Korridor, und in seinem Büro barst der +Ofen vor Hitze. Akten häuften sich mit Inhalt von unbestrittener +Tragweite. Sie verrieten dem kundigen Auge +wirtschaftliche Schwäche, törichte Bemühung, gesetzesfeindliche +Ausflucht, verbrecherische Verschleierung. Sie +eröffneten den Blick in die Schlupfwinkel der Existenzen; +sie boten die Handhabe, Säumige zu zitieren, daß sie kommen +mußten und dastehen wie ertappte Diebe. Aufsässigkeit +war vergeblich. Der Akt machte sie zuschanden. +Einspruch prallte ab. Der Akt redete. Der Akt beugte sie.</p> + +<p>Es drang aber aus dem Vergessenen herauf bisweilen +eine quietschende Stimme. Es zeigte sich auch, selbstverständlich +nur in der Einbildung, das gelbe Mäntelchen +mit den in muffartigen Ärmeln geborgenen Händen. +Er schüttelte zu solchen Erscheinungen, die zwei-dreimal +während des Tages auftauchten, den Kopf, denn er war +es nicht gewöhnt, Dinge zu sehen, die nicht gegenwärtig +waren, und eine Stimme zu vernehmen, ohne daß ein +Sprechender zu erblicken war. Es war eine Unzuträglichkeit, +doch nicht groß zu achten. Immerhin mied er das +Stammlokal. Einer neuen Begegnung mit dem aufdringlichen +Schwätzer auszuweichen, dünkte ihm ratsam. +Es gab andere Zufluchtsstätten. Vor allem war er in +diesen Tagen in intimere Beziehung zu Sabine Jäger +<a class="page" name="Page_309" id="Page_309" title="309"></a>getreten, und die Abende waren von dem Zusammensein +mit ihr beansprucht.</p> + +<p>Da geschah es, daß er einen Brief mit der Post erhielt; +auf dem eingeschlossenen Blatt stand nichts weiter als +der Satz: Der Weg nach Golgatha ist lang. Er starrte eine +Weile darauf nieder, schien sich zu besinnen, dann zerriß +er den Wisch und warf ihn ins Feuer. Verwegene Anrempelung; +so ein Bursche müßte festgenommen und +bestraft werden.</p> + +<p>Zwei Tage später reichte ihm seine Frau eine offene +Karte, die der Postbote soeben gebracht hatte, und fragte +erstaunt, was es damit für eine Bewandtnis habe. Er +las: Die Zinnsoldaten ziehen jede Nacht zur Parade auf.</p> + +<p>Er versuchte zu lachen. Die Frau beharrte auf ihrer +Frage, da sie ein Geheimnis vermutete, eine chiffrierte +Mitteilung. Zornröte stieg in sein Gesicht. Er antwortete, +er kenne den Schreiber; es sei ein Wahnsinniger, aber von +der harmlosen Art, der sich einen albernen Scherz mit ihm +erlaube; er werde dem Narren das Handwerk legen.</p> + +<p>Am selben Nachmittag gewahrte er auf dem Heimweg +vom Amt Jost in seinem gelben Mäntelchen vor einer +Branntweinbudike. Er zog sogleich den Melonenhut und +grüßte devot. Siebold schaute geradeaus, ohne den Gruß +zu erwidern. Doch bemerkte er, daß ihm Jost folgte. +Unwillkürlich beschleunigte er seinen Schritt. Das Zwergentrippeln +näherte sich trotzdem. Erregung packte ihn, +deren er sich schämte. Jäh blieb er stehen.</p> + +<p>»Schlechtes Wetter, Herr Rechnungsrat,« sagte Jost +kleinlaut; »wenn es schon im November so ist, wie soll +man da durch den Winter kommen? Hab bereits alles, +was beweglich ist, ins Pfandhaus getragen.«</p> + +<p>»Ich empfehle Ihnen, sich zu trollen, sonst laß’ ich Sie +<a class="page" name="Page_310" id="Page_310" title="310"></a>auf der Stelle verhaften,« knirschte Siebold erbittert; +»verschonen Sie mich, in des Teufels Namen, mit Ihren +unverschämten Vertraulichkeiten.«</p> + +<p>Aber als er darauf den Kleinen anschaute, erblaßte er. +Jost hatte die Augen auf ihn gerichtet, die zwei Messingplättchen +hinter zuckenden Lidern, und in diesen Augen +war etwas, was er noch an keinem Menschen wahrgenommen: +eine unfaßbare, geradezu unsinnige Qual verbunden +mit einer ebenso unfaßbaren, ebenso unsinnigen Bosheit. +Vielleicht kam es ihm nur wie Bosheit vor; jedenfalls +fuhr ihm ein befremdlicher Schrecken in die Glieder. +Schwerfällig ging er weiter, verwundert, in hemmendem +Nebel, in heimlicher, hemmender Sorge, die wie eine +nachschleifende Kette klirrte.</p> + + +<p class="newsection">Es wurde so, daß er von dem Tage an keinen Gang durch +die Straßen tun konnte, ohne daß er den Gelbmantel nicht +mindestens einmal erblickte. Zwar redete ihn Jost nicht +mehr an; aber daß er in der großen Stadt, unter Tausenden +von Menschen jederzeit darauf gefaßt sein mußte, gerade +diesem zu begegnen, immer wieder diesem, brachte ihn nach +und nach aus dem Gleichgewicht.</p> + +<p>In schäbigem Aufzug, schlotterig trippelnd, die Hände +in den Mantelärmeln, mumienhaft eingeschrumpft, in +bekümmerter Eile oder auch in gleich bekümmerter Gedankenversponnenheit +tauchte er unerwartet an einer Ecke +auf; unter den Bäumen einer Allee; in der Mitte einer +Straße. Bald stand er vor einer Ladenauslage und +betrachtete mit blöden Mienen die Waren, den Melonenhut +in die Augen gedrückt; bald kauerte er auf dem Prellstein +vor einem Torweg. Manchmal marschierte er auf dem +gegenüberliegenden Gehsteig in der nämlichen Richtung, +<a class="page" name="Page_311" id="Page_311" title="311"></a>überschritt die Straße und verschwand plötzlich; manchmal +schoß er unmittelbar auf Siebold zu und wich erst in der +letzten Sekunde zur Seite. Stets hatte er den Kopf gesenkt +und die Augen niedergeschlagen: bescheiden, verängstigt, +gehetzt; und eingehüllt in jene unfaßbare und unsinnige +Qual und Bosheit.</p> + +<p>Eines Morgens, als Siebold seine Wohnung verließ, +die in einem Hintertrakt gelegen war, und durch den mit +einem Gärtchen verzierten Hof schritt, gewahrte er ihn am +Flurfenster im zweiten Stock des vorderen Hauses. Er +hatte beide Ellbogen auf das Sims gestützt, das Fenster +war offen, den Kopf hielt er zwischen den Händen, der +Melonenhut saß diesmal ganz im Nacken, so daß das +sorgfältig gescheitelte und ölig verklebte Grauhaar sichtbar +wurde, und in dieser Haltung starrte er regungslos in die +Luft. In Siebold kochte berserkerhafter Ingrimm auf; +er rief den Hauspfleger; unartikuliert redend, deutete er +mit dem Schirm in die Höhe, brachte endlich die Frage +hervor, was das Individuum da oben zu suchen habe, +und während der Hausmeister hinaufging, wartete er +wutbebend an der Stiege. Alsbald schlich Jost an ihm +vorbei, vom schimpfenden Hauswart verfolgt, gedrückt, +still und hastig. Siebold eilte ihm nach, wurde eines +Polizisten ansichtig, trat auf ihn zu, nannte seinen Namen +und Titel, wies, abermals mit dem Schirm, auf den sich +entfernenden Gelbmantel, sagte zu dem Schutzmann, er +möge ein Auge auf den Strolch haben, es sei vermutlich +ein Einschleicher, er selbst beobachte ihn schon lange und +habe Grund, ihn für ein gemeingefährliches Subjekt zu +halten. Der Schutzmann, über seine schäumende Gereiztheit +erstaunt, versprach, den Verdächtigen zu stellen, falls er sich +wieder in der Gegend zeige.</p> + +<p><a class="page" name="Page_312" id="Page_312" title="312"></a>Siebold glaubte, sich Ruhe verschafft zu haben. Zwar +blieb eine ahnungsvolle Verwirrung in seinem Innern +bestehen, eine gewisse Zerstreutheit und Erregbarkeit, deren +er nicht Herr zu werden vermochte, aber da sich der Mensch +in den nächsten Tagen nicht blicken ließ, atmete er auf. +Als er jedoch am dritten oder vierten Tag in sein Amtszimmer +kam und sich an das Schreibpult setzte, lag da ein +großer Bogen Papier; an jeder Ecke war mit Rotstift ein +Kreuz gezeichnet; in der Mitte befanden sich drei Kreuze, +und unter diesen stand, ebenfalls mit Rotstift geschrieben:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,<br /></span> +<span class="i0">Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,<br /></span> +<span class="i0">Und der sie aufgericht und hingestellt,<br /></span> +<span class="i0">Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.<br /></span> +</div></div> + +<p>Er wußte zuerst nicht, was das sein solle. Verse; was +hieß denn das? Er dachte an einen Schabernack der +Kollegen, runzelte die Stirn, schaute hinter sich, blätterte +in einem Faszikel, nahm den Bogen wieder zur Hand, +studierte die Schriftzüge, verfärbte sich, spürte etwas wie +Lähmung in den Händen, eine Glutwelle im Kopf; sprang +auf, fuhr den Schreiber an, wer das Zeug auf seinen Tisch +praktiziert habe, geriet außer sich, als der versicherte, +von nichts zu wissen, rief mit heiserer Stimme den Amtsdiener, +deutete auf den beschriebenen und bemalten Bogen, +drohte, eine Disziplinaruntersuchung anhängig zu machen, +und als einige Beamte aus den benachbarten Räumen, +über den Auftritt bestürzt, herbeigerannt waren, wollte +er ihnen erklären, was ihm widerfahren, daß Unfug gegen +ihn verübt werde, aber er kam ins Stottern, und auf einmal +schwieg er, wischte sich den Schweiß von der Stirn, begab +sich auf seinen Platz zurück und versank in sonderbares +<a class="page" name="Page_313" id="Page_313" title="313"></a>Brüten. Die Herren zuckten die Achseln und warfen einander +bedenkliche Blicke zu.</p> + +<p>Den Parteien erwuchs Übles von seiner verdüsterten +Gemütsverfassung. Die geringen Leute harrten stundenlang +vergebens auf den Aufruf. Auch an den folgenden +Tagen. Zeitbedrängte standen sich die Zehen in den Stiefeln +wund. Schuldbewußte verzagten. Die zur Amtshandlung +Vorgelassenen wurden in messerscharfe Inquisition genommen. +Mutmaßliche Fehlangaben stießen auf ätzenden +Hohn. Strafausfertigungen wimmelten. Den Korridor +füllte Murren. Der Gewaltige selbst aber saß und befahl. +Saß und verschanzte sich gegen die Stimme, die eine +Stimme. Machte sich blind gegen das Gesicht, das eine +Gesicht. Bemühte sich, den Worten eines läppischen Verses +zu entrinnen. Wußte, was die Stimme verlangte, während +er das schwindsüchtige Weib anschrie, das die Quote nicht +zahlen konnte und zur Pfändung verurteilt war. Erboste +sich um so mehr. Unnachgiebigkeit war zu erweisen, +Unerbittlichkeit. Kam er nach Hause, so fühlte er sich +erschöpft.</p> + +<p>Am Sonntag um die Dämmerungsstunde hatte er sich +im Wohnzimmer aufs Sofa gelegt und war eingeschlafen. +Die Frau saß am Fenster und nähte, die zwei Kinder hatten +sich in die Ecke gedrückt und blätterten in einem halbzerfetzten +Bilderbuch. Die Stille wurde von einem gräßlichen +Schrei unterbrochen. Siebold fuhr empor; in seinem +Gesicht war weißer Schrecken; es war wie zerfetzt von +Schrecken. Die Frau stürzte hin, packte ihn; »Mann, +Mann,« rief sie; die hagere Gestalt, abgehärmt Teil +für Teil, war der Wucht der Befürchtung kaum gewachsen; +die Kinder standen zitternd hinter ihr, den Vater mit +verzehrend großen Blicken betrachtend.</p> + +<p><a class="page" name="Page_314" id="Page_314" title="314"></a>Der war entwirklicht. Er hatte nicht selber geschrien. +Einer in ihm hatte geschrien. Überlegte er es genauer, so +war es nicht einer gewesen, sondern mehr als zehn. Sie +waren schreiend an ihm vorübergestürmt, in einem violett-feurigen +Ring. Sie hatten sich zu dem Schrei in ihm vereinigt, +daß er aufwachen solle. Er begriff sonst nichts, +äußerte auch dieses nicht. Es erschien ihm erniedrigend, +er hatte es noch nie erlebt, es widerstritt dem Rang und der +Regel. Unfreundlich wies er die Frau ab, nachdem er sich +gefaßt, wusch das Gesicht in kaltem Wasser, zog den guten +Rock an, ging fort.</p> + +<p>Er war mit Sabine Jäger verabredet, suchte aber erst +das Stammwirtshaus auf, um zu Abend zu essen. Gerade +dorthin wollte er, wo er möglicherweise den Gelbmantel +treffen konnte. Dorthin, jawohl, um sich nicht der Feigheit +bezichtigen zu müssen. Vielleicht wurde eine Entscheidung +dadurch herbeigeführt. Vielleicht machte er den +Hallunken dingfest. Vielleicht holte er sich Rat bei den +Freunden und berichtete ihnen, was für Streiche ihm der +Kerl spielte. Er nahm sich einen bestimmten scheltenden +und entrüsteten Ton vor, in welchem er die Anmaßung +und Übergeschnapptheit des Menschen darlegen wollte, +aber als es so weit war, als er in der wohlwollenden +Runde saß, brachte er keine Silbe aus der Kehle, ja, wenn +er bloß daran dachte, fing sein Herz an zu klopfen. Er fand +den Eingang nicht, er fand das Wesen nicht, er fand den +Dolus nicht, alles war verwischt, dumm, kindisch, unfaßbar. +Es wurde ihm gesagt, daß er schlecht aussehe, schlaffe +Wangen und trübe Augen habe; er gab zu, sich krank zu +fühlen; es war ein Anlaß, sich bald zu verabschieden. Der +Offizial stülpte hinter ihm die Stirn in Falten und meinte, +mit dem gehe es bergab, der werde es nicht mehr lange treiben.</p> + +<p><a class="page" name="Page_315" id="Page_315" title="315"></a>Mit großer Hast eilte er durch die Straßen. Nebengassen +glichen Schlünden, geschlossene Tore und Fenster +waren wie für die Ewigkeit verriegelt. Das verhohlene +angenehme Grauen, mit dem der unbescholtene Bürger, +Staatsbeamte, Ehegatte zu einer Prostituierten geht, +täuschte ihn über anderes Grauen, das in innerste Zellen +entwichen war. Die Jäger bewohnte in einem uralten +Vorstadthaus mit vielen Höfen und Durchgängen, vertretenen +Stiegen, steinern kalten Fluren im letzten der Höfe +zwei Zimmer im Erdgeschoß. Deckchen, Kissen, bunte +Stoffe und eine schummerig umhüllte Lampe überschminkten +die Dürftigkeit.</p> + +<p>Das Mädchen empfing ihn im grünen Schlafrock und +zeigte über sein Kommen Freude. Sie plauderten von +Abstand zu Abstand, leer, hölzern, zweckhaft; der Regen +plätscherte draußen. Siebold dünkte sich leidlich in Sicherheit; +was noch an Unruhe in ihm trieb, versprach die Lust +abzutun, er wurde deshalb wortkarg und verlangend. +Doch hatten sie sich nicht sobald auf das vorbereitete Lager +begeben, als er mit erstarrendem Auge an die Mauer +blickte und die erstarrende Hand hinstreckte. Es war ein +Karton mit Reißnägeln angeheftet, darauf gemalt zwei +schwarze Schmetterlinge links und rechts, in der Mitte +eine rote Flamme, und darunter war in lapidaren, fast +wie in alten Mönchsschriften kunstvoll ausgeführten +Lettern zu lesen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,<br /></span> +<span class="i0">Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,<br /></span> +<span class="i0">Und der sie aufgericht und hingestellt,<br /></span> +<span class="i0">Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt;<br /></span> +<span class="i0">Und immer neue baut er Tag und Nacht<br /></span> +<span class="i0">Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht.<br /></span> +</div></div> + +<p><a class="page" name="Page_316" id="Page_316" title="316"></a>»Wo hast dus her?« fragte er mit bebender Kinnlade +und kraftloser Lippe, »wo hast dus her?« Und sie, erschrocken +über sein Aussehen, unbefangen wegen der Frage: +»Einer hat mirs geschenkt.« Er umklammerte ihren Arm, +daß sie schmerzlich stöhnte. »Wer? wer hats geschenkt? +wer?«</p> + +<p>Da erschallte vom Hof herein ein klagendes Rufen, +nicht sonderlich laut, aber mit durchdringend hoher Stimme. +»O, Golgatha!« riefs, und wieder, langgedehnt: »o, +Golgatha!« Wie er die Stimme kannte! Er sprang auf, +tastete nach den Kleidern, fiel entkräftet auf einen Stuhl +und murmelte ohne Atem, die Hosen halb über den Beinen: +»Er hat mich dahier ausfindig gemacht; das gibt Unheil; +ich muß ihn erwischen; ich muß ihn erwürgen.« In verstörter +Eile kleidete er sich vollends an, Sabine war um ihn +bemüht, lauschte zugleich, denn das wehe »o Golgatha!« +tönte, obzwar ferner und schwächer, noch immer herein. +Während er den Kragen befestigte und die Krawatte band, +kam es wie geistesabwesend aus seinem Mund: »Weiß +nicht, was er will. Immer hinter mir her, früh und spät +hinter mir her; weiß nicht, was er von mir will. In +meinem Leben hab ich nichts Schlechtes getan. Wie ein +Detektiv auf der Lauer und hinter mir her. Das darf nicht +geduldet werden. So einen muß man einsperren. Ins +Irrenhaus gehört so einer.«</p> + +<p>Die Jäger betrachtete ihn scheu und mißtrauisch, war +froh, daß er sie verließ, riegelte die Tür auf, als er fertig +war, und bekreuzte sich, als er grußlos hinausstürzte.</p> + +<p>Der Hof war finster. Das Rufen hatte aufgehört. Er +suchte. Es war niemand da. Er stand und ging mit vorgeneigtem +Rumpf; die Augen irrten durch die nasse Dunkelheit.</p> + +<p><a class="page" name="Page_317" id="Page_317" title="317"></a>Er suchte den geheimnisvollen Verfolger. Violett-feurige +Ringe drehten sich wieder. Er wankte durch die +Torwege, pochte an ein Fenster, und eine Alte kam, das Tor +zu öffnen. »Haben Sie keinen gesehen?« fragte er; »ist +nicht einer fortgegangen, ein Kleiner mit gelbem Mantel?« +Nichts gesehen, keinen gesehen, war die Antwort.</p> + +<p>Auf der Straße machte er ein paar Schritte, dann mußte +er nach einer Stütze tasten. Er lehnte sich an die Mauer. +Brodeln war in der Luft, der Erdboden bog sich und gab +nach wie Gummi. Was war denn? was geschah denn? +»Ich habe doch in meinem ganzen Leben nichts verbrochen,« +murmelte er grübelnd und verdüstert; »meine Hände sind +rein, niemand kann mir etwas vorwerfen, ich habe kein +unrechtes Gut erworben, habe keinen Menschen unterdrückt; +war fleißig, pünktlich, solid, nüchtern, anständig; +was will der Schuft von mir? was will er mit seinem +Golgatha und seinen blödsinnigen Verschen?«</p> + +<p>Da hörte er sich selbst, zu seinem Entsetzen, wie wenn +seine Zunge andern Pfad liefe als sein Denken, hörte er sich +selbst in einer monoton und schülerhaft deklamierenden +Weise sprechen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,<br /></span> +<span class="i0">Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,<br /></span> +<span class="i0">Und der sie aufgericht und hingestellt,<br /></span> +<span class="i0">Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Der Verstand, wo war der Verstand? Es mußte doch +ein Verstand drinnen sein. Und dann das noch:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Und immer neue baut er Tag und Nacht<br /></span> +<span class="i0">Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.«<br /></span> +</div></div> + +<p><a class="page" name="Page_318" id="Page_318" title="318"></a>Ja, was denn? wie denn? warum denn? Wegen dem +schwindsüchtigen Weib am Ende? Es war seltsam, daß +ihm dies einfiel; er wußte nicht, was er daraus machen +sollte. Langsam ging er weiter, im Regen, ohne den Schirm +aufzuspannen, nicht in sich gekehrt, nicht nach außen +gekehrt, doch horchend, unablässig horchend. Auf das Rätsel +horchend. Was sich mit ihm ereignete, war Rätsel. Wie +er den Verfolger im Hof gesucht hatte, so suchte er jetzt die +Lösung des Rätsels, oder bloß die Natur davon. Er +schleppte etwas, und wußte nicht, warum es so schwer +war, noch warum es ihm aufgebürdet war, noch was für +ein Ding es überhaupt war. »Man hat Frau und Kinder, +man muß sich zusammennehmen,« sagte er auf einmal +laut und fühlte sich ein wenig erleichtert, vielleicht unter +dem Einfluß grellen Lichts, das ihn traf. Es war die +Bogenlampe vor der Atlantik-Bar. Musik und Gelächter +schallten heraus, Automobile und Wagen standen in langer +Reihe. Er wagte kaum hinzuschauen, ging etwas rascher, +und nach einigen hundert Schritten bemerkte er eine +ziemlich große Menschenansammlung. Laut redende und +heftig gestikulierende Gruppen hatten einen eleganten +Fiaker umringt und offenbar den Lenker vom Bock gerissen, +denn die Pferde, denen anzusehen war, daß sie im raschesten +Lauf aufgehalten worden, standen allein, und aus den +Stimmen hob sich die rohbrüllende des Kutschers am +vernehmlichsten hervor. Dem Gespräch zweier Burschen +entnahm Siebold, was sich zugetragen hatte.</p> + +<p>Es befand sich in diesem Teil der Straße eine kommunale +Kartoffelverkaufsstelle, die natürlich während der Nacht +geschlossen war, vor der jedoch in Erwartung des Morgens +zahlreiche Leute aus dem Volk postiert waren, Weiber, +alte Männer, halbwüchsige Kinder. Einige kauerten auf +<a class="page" name="Page_319" id="Page_319" title="319"></a>der Erde, hatten eine Decke, eine Kapuze, einen Unterrock +zum Schutz gegen Regen und Nachtkälte über den Kopf +gezogen und schliefen. Plötzlich war jener Fiaker herangerast, +ein offenes Gefährt, und darin lehnte blasiert ein +Herrchen, vielleicht neunzehn, vielleicht zwanzig Jahre alt, +die Spuren der Ausschweifung in den Zügen, die Finger +voller Ringe, Brillantnadel im Schlips, mit Lackschuhen, +gebügelter Hose, Spazierstöckchen, Glacéhandschuhen, die +ganze Welt in der Tasche, doch sie verachtend. Die bis auf +den Fahrdamm hockende und stehende Menge in der +Dunkelheit zu spät gewahrend, hatte der Kutscher geschrien; +Angstlaute antworteten, Weiber flüchteten überstürzt; +aber der Wagen fuhr zu nah am Rinnstein; ein +Kind war vom Hinterrad erfaßt worden und lag bewußtlos +da.</p> + +<p>Für Siebold war es Gelegenheit, dem zu entrinnen, für +eine Weile, was ihn peinigte; daß er ihm zulief, ahnte er +nicht. Er drängte sich durch die Menschen und gelangte +in den freien Raum, der sich um den Kutscher, den Fahrgast +und das auf dem Pflaster liegende Opfer des Unglücks +gebildet hatte. An der Seite des Kindes, das mit bläulich-fahlem +Gesicht hingestreckt lag, ein wenig blutigen Schaum +vor den Lippen, die offenen, blonden Haare von Kot +besudelt, kniete Jost, und kein Scharfsinn war nötig, um +zu erkennen, daß er der Vater des Kindes war. Er redete, +doch im wüsten Gezänk verhallten seine Worte. Mit dem +Taschentuch wischte er bisweilen das Blut vom Munde +des Mädchens, strich mit der Hand über Stirn und Wange +der Leblosen, erwiderte nichts auf die Fragen und Ratschläge +der Umstehenden, war eingewühlt und hingegeben +in den Schmerz.</p> + +<p>Jemand sprach vom Transport ins Spital; ein anderer +<a class="page" name="Page_320" id="Page_320" title="320"></a>sagte, alle Spitäler seien überfüllt. Ein Weib meldete, +die Rettungsgesellschaft habe wissen lassen, daß augenblicklich +kein Wagen zur Verfügung stehe, in einer Stunde +erst, worauf unwilliges Murren hörbar wurde. Ein Mann +trat in den Kreis, der sich als Arzt auswies, beugte sich +nieder, legte das Ohr an die Brust des Kindes, sprach mit +Jost. In den lärmenden Streit zwischen dem Kutscher +und der erregten Menge hatte ein Polizist vermittelnd eingegriffen, +es gelang ihm, die Ruhe herzustellen. Das +Herrchen, von drohenden, feindseligen Blicken gemustert, +stand blaß und lässig da, verbarg die Angst vor der Wut +und dem Hohn der Leute unter einer hochmütig-teilnahmslosen +Miene, zupfte am Schnurrbärtchen, ahmte in seiner +Haltung aristokratische Art nach, was die Hohlheit, die +freche Neuheit seiner Umstände erst recht zum Vorschein +brachte.</p> + +<p>»Gott kann das nicht zulassen,« hörte man nun den +Gelbmantel sagen, oder vielmehr Siebold hörte es, da er +sich unter unbesiegbarem Zwang dicht herangedrängt hatte; +»immerfort rinnt Blut aus der Seele,« sprach er wie ein +Betäubter; »Gott kann mir das nicht antun. Man muß +die Tropfen von dem Blut zählen, damit sie alle wieder +zurückgegeben werden. Ich will sie alle wieder haben. +Die Seele braucht das Blut. Wo ist das Körbchen? +Meine Eveline hat ein Körbchen gehabt. Wo ist das +Körbchen?«</p> + +<p>Neugierig und mitleidig starrten die Männer und Weiber +auf ihn nieder. Ihre übernächtigten, von vielfacher Bedrängnis +gemeißelten Gesichter gaben Andacht kund; +finstere Gedrungenheit der Erfahrung des Übels war in +ihnen, die gelernte Geduld, der Rost des Elends. Einer +hatte das Körbchen gebracht, ein zerfetztes Strohgeflecht +<a class="page" name="Page_321" id="Page_321" title="321"></a>mit beschmutztem blauen Band. Indessen regte sich das +Kind, und Jost sagte, er wolle es nach Hause tragen, +er wolle auch zu seinen andern Kindern heim, er wolle es +auf den Arm nehmen. Da schien es Siebold unter demselben +unbesieglichen Zwang, als müsse er Hilfe anbieten; +es trieb ihn hierzu unter trotzigen und bösen Vorbehalten. +Es war die Hoffnung, sich loskaufen zu können; er wollte +sagen können: mein Lieber, ich bin da, du siehst also, daß +du mir unrecht getan hast und mich künftig in Frieden +lassen sollst; ein Mißverständnis, du siehst nun selbst, +ein Irrtum.</p> + +<p>So beugte er sich nieder, um die Hand des Kindes zu +befühlen. Sie war überraschend kalt und vermittelte eine +Empfindung von der Grenzwelt. Jost schaute in sein +Gesicht, und hatte einen Ausdruck, als fände er es selbstverständlich, +ihn hier zu sehen. Seine Wangen hatten +Furchen, die Messerschnitten glichen; die Lider waren wie +verklebt, die Hände mit Straßenkot bedeckt, Mantel, +Beinkleider, Schuhe, sogar der Melonenhut, in den Nacken +geschoben wie damals am Treppenfenster, mit Kot überzogen. +Er hob das Kind empor. Man hätte ihm die Kraft +nicht zugetraut. Es schlang die Arme um seinen Hals. +Siebold, wie mit Stricken angebunden, blieb ihm zur Seite, +er, dem die Nähe des Menschen Pest gewesen. Ein Bub +eilte nach und ließ Geldscheine flattern. Der Herr, der Fahrgast, +hatte sich in letzter Minute zu einer Spende entschlossen. +Jost schüttelte den Kopf. Er begleite ihn und +werde ihm zu Hause das Geld geben, sagte Siebold, nahm +dem Knaben die Scheine ab und steckte sie in die Tasche. +»Das Körbchen!« rief Jost bänglich, und ein Weib holte +es herbei. Siebold nahm auch das Körbchen. Der Schutzmann +hielt sie noch einmal auf und verlangte Josts Adresse.</p> + +<p><a class="page" name="Page_322" id="Page_322" title="322"></a>Nach und nach verloren sich diejenigen, die aus Zeitvertreib +oder Vorliebe für traurige Zwischenfälle mitgegangen +waren, und Siebold war mit Jost und der Leidenslast, +die dieser trug, allein. Es herrschte in seinem +Geist welkes Erstaunen über sein Tun. Es war als trete +ein Fremdes aus ihm heraus und er gehe zwiefach; der +zweite blieb dahinten. Jeder Schritt erniedrigte ihn um +eine neue Stufe. In seiner kränklichen Stummheit redete +er zu dem stummen Begleiter: du siehst, wozu ich bereit bin; +du siehst, wie ich mich herablasse. Dann spürte er, daß ihn +stärker als alles andere die Begierde nach der Lösung des +Rätsels unterjocht hatte; schwarze, giftige, fressende, +brennende Ungeduld, den Grund unerhörter Vergewaltigung +und Beleidigung zu erfahren, der Kühnheit, mit der +in die Schranke der Persönlichkeit eingebrochen, gewährleistete +Würde verletzt, Sicherheit und Ruhe zerstört worden +war eines Trägers von Verantwortungen, eines Funktionärs +mit Befugnissen, die über das Gemeine erhoben und +gegen das Ordnungslose feiten. Aber der hartnäckigere +Aufruhr war bei dem, der hinten blieb und mit dem die +Bindung zerfiel.</p> + +<p>Da es heftiger regnete, spannte er den Schirm auf und +hielt ihn im Gehen über Jost und das Kind. Dem schwachen +Menschen wurde die Bürde zu schwer; sein Schwanken +verriet es, der keuchende Atem. Siebold sah sich um, als +erwarte er Beistand von wo; daß er selbst ihn leisten +konnte und schließlich mußte, dawider bäumte er sich auf, +bis eine Bewegung Josts ihn dringend anrief. Er umfaßte +das Kind; die feuchten, besudelten Haare streiften sein +Gesicht; der Kopf fiel wie gebrochen sogleich über seine +Schulter; die Ärmchen hingen steif und mager herunter. +Robust wie er war, fand er die Last federleicht. Er reichte +<a class="page" name="Page_323" id="Page_323" title="323"></a>Jost Schirm und Körbchen, dann setzten sie den Weg fort. +Plötzlich gellte Jost in die Nacht hinaus: »Das darf Gott +nicht zulassen,« mit einem gemarterten, rebellischen Ton.</p> + +<p>Er fängt schon wieder mit seinem Geschwätz an, dachte +Siebold. Das Kind in seinen Armen regte sich; er fühlte die +Glieder, die kleine Brust, die engen Lenden, geschmiegt +an seinen Leib, und es war ihm zum Schaudern neu. +Keines der eigenen war so dicht an ihm gewesen, in Krankheit +nicht, in Zärtlichkeit nicht, keines hatte so elfenhaft, +so hingeschwunden an ihm geruht. In seiner Kehle war +es wund; er war so außer seinem Kreis, daß er wie in +Behexung durch ein aufgesperrtes Tor ging, wie taub und +blind hinter Jost über Treppen und abermals Treppen, +höher, immer höher, an Türen vorbei, höher und immer +höher, als sei es ein Turm, und endlich beklommen um sich +blickte, als sie in ein dumpfiges Gemach gekommen waren +und Jost einen Kerzenstumpf anzündete.</p> + +<p>Zwei Kinder lagen schlafend auf einer Matratze. Daneben +stand ein Bett ohne Überzug, bloß Decke und Strohsack +im Gestell. Die Fenster waren unverhängt. Man sah +Schlöte gleich kolossalen Fingern aufragen, mit Blitzableitern +wie schwarze Strahlen. An den kahlgrauen +Wänden hingen gedruckte Bilder aus Zeitschriften, Berge, +Schlösser, Feldherren, Fürsten; auf dem Boden lag eine +verbogene Kindertrompete, auf dem Tisch ein Ranft altbackenes +Brot, eine angebissene Rübe und eine Schachtel +mit Lottonummern.</p> + +<p>Wie komm ich daher? dachte Siebold, und wie komm ich +wieder fort? Jost hatte ihm das Kind abgenommen. Er +entkleidete es. Er war behutsam mit Rücksicht auf die +Schlafenden. Er flüsterte: »Der Doktor hat versprochen, +morgen früh seinen Kollegen von der Bezirkskrankenkasse +<a class="page" name="Page_324" id="Page_324" title="324"></a>zu schicken. Wenns nur wahr ist. Ich soll einstweilen kalte +Umschläge machen. Gewiß, gewiß. Soll geschehen. Im +Krug ist Wasser. Gewiß, gewiß, soll geschehen, du davongelaufene +kleine Seele. Und das Blut abwaschen, den +Dreck abwaschen. Soll geschehen, soll alles geschehen.«</p> + +<p>Die Worte wurden im Hauch hervorgestoßen, entlockt +vom Irrsinn der Sorge. Dabei manipulierte er, warf +Kleidchen, Schuhe, Strümpfe, Unterröckchen, Hemd beiseite, +holte den Krug, riß einen vom Gebrauch schwarz +gewordenen Fetzen vom Nagel, immer an Siebold vorübertrippelnd, +der sogleich die Geldscheine auf den Tisch gelegt +hatte und dann nutzlos stehen blieb. Die Kammer mußte +auf der einen Seite eine sehr dünne, bloß gegipste Wand +haben, denn aus dem danebenbefindlichen Raum war +ununterbrochen ein schmerzliches Ächzen zu hören, welchem +Siebold furchtsam und erregt lauschte, während Jost den +Körper des Kindes mit allerbedächtigster Zartheit in die +rauhe Wolldecke hüllte, das angenäßte Tuch über die Stirn +breitete und darnach mit gefalteten Händen vor der Bettstatt +niederkniete.</p> + +<p>Bei dem Anblick des nackten Kinderkörpers war es +Siebold durch den Sinn gegangen: ein Fisch; und es war +eine eigene, frierende, bettelnde Wollust dabei gewesen. +Die Vorstellung des weißen, zuckenden Fischleibes, dessen +verglaste Augen im letzten Brechen nach dem heimischen +Element lechzen, hatte Ähnlichkeit mit dem Emporlodern +eines Lichtes in einer Grube.</p> + +<p>Er horchte auf das Ächzen hinter der Wand, das sich +aus raschen Zuflüssen der Qual verstärkte.</p> + +<p>Jost sprach: »Es ist nur ein weniges. Geringen Platz +braucht die kleine Seele in der großen Welt. Wen hast du +denn inkommodiert? Wem Luft und Wasser und Speise +<a class="page" name="Page_325" id="Page_325" title="325"></a>weggenommen? Wer hat dich bemerkt? Wem fehlt sein +Teil, wenn du unter ihnen herumgehst mit deinen zierlichen +Füßchen? Sie können dich in die Ecken stoßen, das ist +ihnen erlaubt. Sie können sagen: marsch, aus den Augen, +Kreatur. Jawohl, das ist ihnen erlaubt. Aber dein Leben +ist ein ebensolches Leben wie das von jedem von ihnen; +dein Blut ein ebensolches Blut. Sie geben dir nichts, +du nimmst ihnen nichts. Du willst bloß da sein, ganz +bescheiden da sein.«</p> + +<p>Siebold hatte gehen gewollt, aber Art und Rede des +Menschen machten ihn unschlüssig. Da war etwas, daß +man aufmerken mußte. Auch das schreckliche Ächzen hinter +der Wand hielt ihn fest. So setzte er sich auf einen Stuhl +neben dem Tisch, ohne Willen. Alles gestaltete sich mehr +wie ein geballter Vorgang im Fieber, an dem er mit einem +entlegenen und bisher unbekannten Stück seines Wesens +Teil hatte.</p> + +<p>»Da faßt man hin und nennts bei Namen,« fuhr Jost +fort, »und das, was man nicht nennen und nicht fassen +kann, rinnt aus. Das Köstliche rinnt und rinnt. Hunderttausend +Jahre vielleicht waren nötig, daß es hat entstehen +können. Ur-Ur-Urväter haben Ur-Ur-Urenkeln Tröpfchen +um Tröpfchen, Fäserchen um Fäserchen übermacht, haben +geschaffen und gebaut, gepflügt und geerntet, gedarbt und +gewirkt, einer am andern, von Mutters und von Vaters +Seite bis ins hundertste Glied zurück, daß es hat werden +können, das Fünkchen in der Brust. Auf einmal kommt was +daher gerollt, ein Rad, kommt gerollt und gerollt, weil +ein Laffe mit einem Monokel im Gesicht zu seinen Dämchen +und Spießgesellen will, und die Brust soll zerdrückt sein, +das Herzlein zerschmettert, das Fünkchen ausgelöscht? +<a class="page" name="Page_326" id="Page_326" title="326"></a>Ist denn das möglich? Darf das zugelassen werden? +Kann man das aushalten?«</p> + +<p>Ein Aufkreischen drang durch die Wand, und Jost nickte. +»So ist es,« sagte er. »Zwei Fingerbreit Mauer dazwischen. +Drüben will eins zum Leben, hüben will eins zum Tod. +Und sie fassens nicht. Keiner faßts, das eine nicht, das +andere nicht. Die Vierzehnjährige gebiert, die Achtjährige +will schon wieder heim in den Schoß der mächtigen Mutter. +Hören Sie? hören Sie?«</p> + +<p>Er wandte Siebold das Gesicht zu. Zum erstenmal +redete er ihn an. Beide lauschten. Das tierhafte Röcheln +des in Wehen sich windenden Weibes war nicht mehr zu +mißkennen, der inbrünstige, gewürgte, rasende Schrei +auf einem Folterbrett. Die zwei schlafenden Kinder regten +sich; Jost trat zu ihnen und beschwichtigte sie.</p> + +<p>Er geriet nun in eine fahrige, kummervolle Geschäftigkeit. +Lief hin und her, stieß eine Lade zu, rührte Gegenstände +an, aber bei einem neuerlichen Schrei blieb er stehen +und sagte: »Hören Sie, Mann? Begreifen Sie, was wir +tun? Begreifen Sie, was gelitten wird auf der Erde +immerzu? Was die unerbittliche Natur uns leiden macht +und dann der Mensch? Was die Dämonen uns leiden +machen und die Träume? Was das Fleisch uns leiden macht +und der Geist? Während wir im Wirtshaus sitzen, wird +gelitten. Während wir Akten vollschreiben, wird gelitten. +Während wir unsere Notdurft stillen und unsere Geilheit +letzen, wird gelitten. Überall, oben und unten, bei den +Herren und bei den Knechten, in der Finsternis und im +Licht, überall wird gelitten. Begreifen Sie, was wir +treiben allesamt? was wir wert sind allesamt? Begreifen +Sie?«</p> + +<p>Er sprach mit geweiteten Augen, in denen es +<a class="page" name="Page_327" id="Page_327" title="327"></a>phosphoreszierte, mit hackenden Zähnen und schlaffen, +schaufelnden Lippen und bohrte die Fäuste in die Taschen +des blut- und kotbesudelten Mäntelchens. »Und wenn +es schon geschieht, und das Rad zerquetscht das lebendige +Herz, warum kommt dann der Laffe mit dem Monokel +nicht und leckt mit seiner Zunge das Blut von den Pflastersteinen +weg? Soll es hineindorren in die Steine, hinüberdorren +ins Jenseits? Warum kommt er nicht und ruft: +ich, ich, ich –? Und wenn es schon geschieht, und das Kind +drüben muß in seinem frühen Jammer Mutter werden, +warum kommt der Lump nicht, der es geschwängert hat, +warum kommt die Bestie nicht und fällt auf die Erde vor +Schreck und Angst und Mitleid, weil er sehen kann, wie das +Dingelchen sich krümmt und wie es seufzt und wimmert, +warum kommt er nicht und ruft: ich, ich, ich –? Warum +sprechen sie nicht: verzeiht, wir haben nicht gewußt, was wir +tun –? Was ist das für eine Ordnung in der Welt, daß +sie sich verstecken dürfen und sich anstellen, als wüßten sie +von nichts? O Menschen, Menschen, Menschen! Sie +wissen nicht, was sie tun, das ist es. So soll ihnen auch +nicht verziehen werden. Nein und abernein, verziehen nicht. +Komm her, du Laffe, und drück deine Lasterlippen auf die +Steine; komm her, du Bestie, und vernimm und schau. +Wer da handelt, muß auch wissen. Ums Wissen gehts. +Nichts da, die Verantwortung abwälzen. Nichts da, +sich auf Gesetze und Vorschriften ausreden. Blind magst +du sein, du Menschenhund, du Menschenfloh, du Menschennichts, +aber wissen sollst du, wissen, was du tust, und +niederstürzen und mitwimmern, und rufen, daß es an die +Enden der Welt schallt: ich, ich, ich!«</p> + +<p>Das Licht auf dem Kerzenstumpf flackerte nur noch ganz +trüb, so daß bloß der nächste Umkreis auf dem Tisch matte +<a class="page" name="Page_328" id="Page_328" title="328"></a>Helligkeit erhielt. Die Schlöte vor den Fenstern türmten +sich um so strenger in den Wolkenhimmel. Es entstand +Stille von einer Eindringlichkeit, die jede Fiber spannte. +Eine hautlose, unendlich verschuldete Wachsamkeit war in +Ohr und Hirn.</p> + +<p>Es saß hier nicht mehr der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung +mit Namen so und so. Es saß hier einer, der +keinen Namen mehr hatte und dessen stählerne Hüllen +abzuschmelzen begannen. Es war nicht mehr das Mansardenloch +eines Ausgestoßenen; nicht mehr der Tisch mit +der qualmenden Kerze: es war ein Raum unter den Sternen. +Es floß nicht mehr Zeit; Zeit war dahin. Erde war dahin.</p> + +<p>Und wie sich nun der Mensch ohne Namen aus dem +Zusammenhang gehoben sah, rührten ihn von unten her +Hände an. Hände von Vergangenen, Hände von Gerichteten. +Sie strebten verlangend zu ihm empor; Hände eines +Knaben; Hände eines Greises; Hände eines Mädchens; +Hände von Männern. Die einen waren gefaltet, die andern +wie in der Abwehr; die einen flehten, die andern drohten; +die einen beteuerten, die andern waren gerungen.</p> + +<p>Zuerst fragte sich der so Bedrängte, was sie von ihm +begehrten; doch wie der Umriß nahm auch ihre stumme +Sprache an Verständlichkeit zu, und wie sie von schattenhafter +Verwesung sich in Körperhaftigkeit wandelten, +wurde die Forderung so klar, Klage, Vorwurf, Anspruch +und Gericht so unzweifelhaft wie Schall und Fall von +Worten. Bangten sie nach Dingen, die sie hatten verlassen +müssen? Wollten sie eine Schuld bezahlen, die unberichtigt +geblieben war? Gewährten sie eine Liebkosung, +die sie verweigert hatten? Gaben sie ein Versprechen? +Erbaten sie ein Geschenk? Leisteten sie einen Schwur? +Wiesen sie einen Weg? Winkten sie einem Freund? Schrieben +<a class="page" name="Page_329" id="Page_329" title="329"></a>sie? gruben sie? ruhten sie? hasteten sie? Alles +dies, und vieles noch. Hände sind Geschöpfe und spiegeln +jegliches Sein.</p> + +<p>Die Paare vermehrten sich, und zu den vergangenen +gesellten sich die gegenwärtigen, die er gesehen und doch nicht +gesehen im Ablauf der Tage, die zu ihm gesprochen, ohne daß +er es vernommen, die geplagten, die beladenen. Wirrsal +und Gewühl, Fülle der Gesichte. Hart, dürr und +vergilbt die einen, unschuldig und feingliedrig die andern; +diese mit dicken Adern und geschwellten Muskeln, jene zag +und zitternd; krank und müde die, voll Nerv und Entschluß +die andern. Schwielige, blasse, rosige, geballte, geflachte, +behaarte, glatte, kleine und große, näher, immer näher, +beredter, immer beredter, und der, dessen Name aufgehört +hatte, zu sein, spürte, daß sie nicht ablassen würden, ehe er +selbst nicht aufgehört hatte, zu sein. So mußte er um Gnade +bitten, um eine Frist, um ein Bedenken; erschüttert an den +Rand der Stunde und des wachen Wissens gerückt, ward +er inne, daß nach solcher Vision der Mensch, mit zerspaltener +Brust, dem irdischen Tag verloren war.</p> + +<p>Auf einmal war ein Leuchten in der Stube. Von wo es +kam, war noch nicht zu unterscheiden. Jost stammelte und +reckte die Arme in die Richtung der Bettstatt. Das Kind +erhob sich langsam. Es schälte sich aus der Decke und trat +nackt und aufrecht vor die Männer. Um seine Lippen +hing ein Lächeln. Die weiße Haut erglühte von inwendig. +Was sie erglühen machte, war das Herz, und die Schauenden +gewahrten bald nur noch das Herz: einen funkelnden, +pulsenden Rubin, in die Dunkelheit gelagert wie eine Figur +auf einem gemalten Kirchenfenster.</p> + +<p>Jost brach in die Knie. Mit den Händen tastete er +rückwärts, als suche er alle die vielen Hände dort zum +<a class="page" name="Page_330" id="Page_330" title="330"></a>Schutz. »O Kind!« rief er schluchzend, »o Mensch! Wohin +gehst du mit dem Flammenjuwel in deiner Brust? Sag es +nur, sag es uns, sag es aller Menschheit, daß der rote +heiße Kern nur einmal da ist, die leuchtende Frucht nur +einmal reif wird. Für einen nur ein einziges Mal. Sag +es, was es heißt: ein einziges Mal. Sie wissen nicht, +was es bedeutet: ein einziges Mal! Sprich, du Gotteswesen! +sprich, süßer Geist!«</p> + +<p>Aber das Kind lächelte bloß. Lächelte und verging.</p> + + +<p class="newsection">Zum hohen Gebieter, vor den ewigen Thron, trat +Michael, der Erzengel, in den Morgen der rauschenden +Sphären und sprach:</p> + +<p>»Ich habe die Seele des Gleichgiltigen gewonnen, +Herr.«</p> + +<p class="ende"> +<em class="gesperrt">Schluß</em><br /> +</p> +</div> + +<div class="advertisements"> +<p><a class="page" name="Page_331" id="Page_331" title="331"></a></p> +<h1>Werke<br /> +von<br /> +<em class="gesperrt">Jakob Wassermann</em></h1> + +<!-- <p><a class="page" name="Page_332" id="Page_332" title="332"></a>[Blank Page]</p> --> + +<p><a class="page" name="Page_333" id="Page_333" title="333"></a></p> +<h3>Die Juden von Zirndorf</h3> +<p class="center">Roman<br /> +20. Auflage</p> + +<h3>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h3> +<p class="center">Roman<br /> +22. Auflage</p> + +<h3>Der Moloch</h3> +<p class="center">Roman<br /> +Neubearbeitete Ausgabe 10. Auflage</p> + +<h3>Der niegeküßte Mund</h3> +<p class="center">Erzählungen<br /> +63. Auflage</p> + +<h3>Alexander in Babylon</h3> +<p class="center">Roman<br /> +Neubearbeitete Ausgabe 8. Auflage</p> + +<h3>Die Schwestern</h3> +<p class="center">Drei Novellen<br /> +6. Auflage</p> + +<h3>Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens</h3> +<p class="center">Roman<br /> +17. Auflage</p> + +<h3>Die Masken Erwin Reiners</h3> +<p class="center">Roman<br /> +11. Auflage</p> + +<h3>Der goldene Spiegel</h3> +<p class="center">Erzählungen in einem Rahmen<br /> +14. Auflage</p> + +<h3>Faustina</h3> +<p class="center">Ein Gespräch über die Liebe<br /> +3. Auflage</p> + +<h3>Die ungleichen Schalen</h3> +<p class="center">Fünf einaktige Dramen</p> + +<h3>Der Mann von vierzig Jahren</h3> +<p class="center">Roman<br /> +14. Auflage</p> + +<h3>Deutsche Charaktere und Begebenheiten</h3> +<p class="center">Mit elf Abbildungen<br /> +4. Auflage</p> + +<h3>Das Gänsemännchen</h3> +<p class="center">Roman<br /> +66. Auflage</p> + +<h3>Christian Wahnschaffe</h3> +<p class="center">Roman in zwei Bänden<br /> +34. Auflage</p> + +<p><a class="page" name="Page_334" id="Page_334" title="334"></a></p> + +<h2>Die Juden von Zirndorf</h2> + +<p>Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen Glaubensgenossen und über +das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere und zutreffendere +Dinge gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die besten Eigenschaften +des jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst verkörpert, vor +allem der kritisch skeptische Sinn, der auch sich selbst nicht schont. +Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch +mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in +dem phantastischen Vorspiel des Romans, welches eine mit dem +Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte +Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende +poetische Leistung gelungen ist.</p> + +<p class="right">(Neue Zürcher Zeitung)</p> + + +<h2>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h2> + +<p>Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der +Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, +»die alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr +Schicksal, ihr Frauenschicksal, erleben und nicht länger leibeigen sein +wollen«. – Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher +Sprache kein so interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.</p> + +<p class="right">(Die Zukunft)</p> + + +<h2>Alexander in Babylon</h2> + +<p>Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders +Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird +uns erzählt, dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung +und mit ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch +weit mehr ein Prosaepos als ein Roman; es gehört zu unsern schönsten +deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den +Schulen gelesen zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte +lebendig gemacht und beseelt.</p> + +<p class="right">(Neue Freie Presse, Wien)</p> + +<p><a class="page" name="Page_335" id="Page_335" title="335"></a></p> + + +<h2>Der Moloch</h2> + +<p>Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die psychologische und gestaltende +Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem groß und +breit angelegten, lebensvollen Gemälde gestaltet hat.</p> + +<p class="right">(Berner Bund)</p> + + +<h2>Die Schwestern</h2> + +<p>Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen unglücklichen +Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, +ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, +wunderlichem Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber +Wassermann sucht aus dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des +Lebens herauszulesen. Eine holde Schwärmerei ist das Buch, in +den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum, von +siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt.</p> + +<p class="right">(Hannoverscher Kurier)</p> + + +<h2>Die Masken Erwin Reiners</h2> + +<p>Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen +Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen +alles Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des +zügellosen Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende +Merkmal unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm +zugleich aber eine Wendung zum realen Leben datieren. Es sind +einige Kapitel in dem Roman, die wie das Morgenrot einer neuen +Klassik anmuten.</p> + +<p class="right">(Westermanns Monatshefte)</p> + + +<h2>Caspar Hauser</h2> + +<p>Ein Denkmal ist aufgerichtet über ein längst eingesunkenes Grab; ein +altes, verharschtes Geheimnis funkelt wieder im Licht. Die Geschichte +Caspar Hausers wird neu erzählt, das zauberische Knäuel dieses eigenartigen +Schicksals entwirrt... Jakob Wassermanns Caspar-Hauser-Roman +hat monumentalen Stil... Ein Beispiel deutscher Erzählungskunst, +Vorbild eines großen Romans ist hier geboten. Und +vor allem ein bleibendes.</p> + +<p class="right">(Der Tag, Berlin)</p> + +<p><a class="page" name="Page_336" id="Page_336" title="336"></a></p> + + +<h2>Der goldene Spiegel</h2> + +<p>Von Franziskas goldenem Spiegel wird berichtet: »Seine Scheibe, +wie tief, und seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. +Sie ist matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und +Männer, Tiere, Schiffe und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, +Ritter und Knechte, Bürger und Bauern, Eroberer und Künstler, +Liebende und Verbrecher, Sonderlinge und Besessene, Verzweifelte +und Narren, Prahler und Dulder, der Zufall, der Traum und das +Wunder, alles das ist in ihr.« Wirklich, so groß ist die Fülle +auch dieses Buches. Es entstand aus der Lust am Erfinden, am +Phantasieren, am Gestalten.</p> + +<p class="right">(Die Zeit, Wien)</p> + + +<h2>Das Gänsemännchen</h2> + +<p>Das Werk ist vermöge weitausgreifender Lebensfülle, breiter, umfassender +Gesellschaftsschilderung, des Hineinspielens politischer und +kultureller Zeitgeschehnisse ein wahrhafter Roman. Im Rahmen +der Leidens- und Werdegeschichte eines deutschen Musikgenius entrollt +die Dichtung auch Deutschlands Seele, Deutschlands Nervenzustand, +Deutschlands Kulturströmungen. Tief und voll aus dem Menschlichen +ist die Dichtung geschöpft.</p> + +<p class="right">(Wiener Abendpost)</p> + + +<h2>Christian Wahnschaffe</h2> + +<p>Die echte große Dichtung sucht nicht die Aktualität, sie ist aktuell. +Wassermann zeigt uns in seinem Roman den Zusammenbruch der +geistigen, sittlichen und ästhetischen Kultur des Kapitalismus. Er +malt diese Kultur in den verlockendsten Farben und läßt uns den +Wurm sehen, der in ihr nagt. Sein Held wird erst das Opfer, +dann der Richter der liebeleer gewordenen Welt, und darnach der +Verkünder einer neuen Zukunft. Das Buch ist hinreißend durch +Geist, Abenteuer und Verlockung: es dringt in das Letzte der +Seelen und verwandelt sie und uns.</p> + + +<p class="printer">Druck der E. Gundlach Aktiengesellschaft in Bielefeld</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p>Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1920 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. +Abweichend vom gedruckten Buch wurde die zweite Titelseite entfernt. +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p> + +<p> +p 010: [Fehlende Letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung<br /> +p 019: damals hatten Romantik -> hatte<br /> +p 040: [Komma ergänzt] solche die Kloaken säubern; -> solche, die<br /> +p 053: [Vereinheitlicht] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er<br /> +p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem<br /> +p 063: [Fehlende Letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich<br /> +p 063: [Punkt ergänzt] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand.<br /> +p 064: [Komma entfernt] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte<br /> +p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling<br /> +p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie<br /> +p 094: entgegenete Maria -> entgegnete<br /> +p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta<br /> +p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji<br /> +p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein<br /> +p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer<br /> +p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte<br /> +p 188: was nöitg war -> was nötig war<br /> +p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky<br /> +p 217: [Leerzeichen ergänzt] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir<br /> +p 220: empfehle es sich fogar -> sogar<br /> +p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene<br /> +p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen<br /> +p 264: [Trennung] Leder-Kapuze -> Lederkapuze<br /> +p 265: Mir fällt da ... in -> ein<br /> +p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem<br /> +p 270: [Anführungszeichen ergänzt] Wie machen wir denn das?«<br /> +p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im<br /> +p 279/280: [Trennung] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht<br /> +p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen<br /> +p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen<br /> +p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen<br /> +</p> + +<p>Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei +folgenden Wörtern:</p> + +<p> +p 058: Gleichgiltigkeit<br /> +p 120: Lucke<br /> +p 143: Monreal<br /> +p 301: hinmummelte<br /> +p 148: darnach +</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p>Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1920 by S. Fischer. The printed book’s second title +page has been removed. The table below lists all corrections applied to +the original text.</p> + +<p> +p 010: [missing letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung<br /> +p 019: damals hatten Romantik -> hatte<br /> +p 040: [added comma] solche die Kloaken säubern; -> solche, die<br /> +p 053: [unified] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er<br /> +p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem<br /> +p 063: [missing letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich<br /> +p 063: [added period] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand.<br /> +p 064: [removed comma] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte<br /> +p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling<br /> +p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie<br /> +p 094: entgegenete Maria -> entgegnete<br /> +p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta<br /> +p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji<br /> +p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein<br /> +p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer<br /> +p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte<br /> +p 188: was nöitg war -> was nötig war<br /> +p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky<br /> +p 217: [added blank] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir<br /> +p 220: empfehle es sich fogar -> sogar<br /> +p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene<br /> +p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen<br /> +p 264: [hyphenation] Leder-Kapuze -> Lederkapuze<br /> +p 265: Mir fällt da ... in -> ein<br /> +p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem<br /> +p 270: [added quote] Wie machen wir denn das?«<br /> +p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im<br /> +p 279/280: [hyphenation] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht<br /> +p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen<br /> +p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen<br /> +p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen +</p> + +<p>The original spelling has been maintained throughout the book, +particularly for the following words:</p> + +<p> +p 058: Gleichgiltigkeit<br /> +p 120: Lucke<br /> +p 143: Monreal<br /> +p 301: hinmummelte<br /> +p 148: darnach +</p> + +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE *** + +***** This file should be named 18551-h.htm or 18551-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/5/5/18551/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..3ace121 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #18551 (https://www.gutenberg.org/ebooks/18551) |
