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+Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Wendekreis - Erste Folge
+ Novellen
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: June 11, 2006 [EBook #18551]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Der Wendekreis
+ von
+ Jakob Wassermann
+
+ Erster Band
+
+
+ Der unbekannte Gast
+ Adam Urbas
+ Golowin
+ Lukardis
+ Ungnad
+ Jost
+
+
+ 1920
+ S. Fischer / Verlag / Berlin
+
+
+
+ Erste bis zehnte Auflage
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
+ Copyright 1920 S. Fischer, Verlag
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Der unbekannte Gast ..... 7
+Adam Urbas .............. 45
+Golowin ................. 79
+Lukardis ................ 167
+Ungnad .................. 201
+Jost .................... 293
+
+
+
+
+Der unbekannte Gast
+
+
+An die Pforte dieses Werkes, das der Verfasser nicht ohne
+verantwortungsvolles Zagen unternimmt, sei eine Geschichte von
+hinübergreifender Beziehung gestellt, weniger in sich selber ruhend als
+sonst Geschichten schlechthin, doch mit nichten Brevier oder
+Verkündigung, nur Brücke, nur Weiser, und so auch Bild und Gespinnst
+eher als Vorgang und Ereignis.
+
+ * * * * *
+
+Ein Schriftsteller in mittlerem, ja vorgerücktem Alter, er werde Mörner
+genannt, erfuhr zu einer bestimmten Zeit des letztvergangenen Jahres
+eine unerklärliche Veränderung seines seelischen Gleichgewichts. Er
+hatte nach längerer Ruhepause eine neue Arbeit begonnen, die seine
+Gedanken despotisch beherrschte, und deren Schwierigkeiten ihn nicht nur
+nicht abschreckten, sondern alle freien Kräfte in ihm sammelten und
+gegen ein lockendes Ziel trieben.
+
+Auf einmal brachen diese Kräfte. Eines schönen Tages erlahmte der Nerv
+des Schaffens. Daß es keine vorübergehende Unlust, keine jener Trübungen
+war, die wie Nebel über einer Landschaft und doch im Grunde atmende
+Zeugnisse des Lebens sind, spürte Mörner. Es war wie wenn die Feder in
+einer Uhr zerbricht, oder noch beunruhigender, wie wenn man eine
+Vorratskammer betritt, die man mit Fleiß und Umsicht gefüllt hat, und
+sie gänzlich leer findet.
+
+Schließlich war es ein Verlust wie der Tod eines Wesens. Er sprach in
+einem Freundeskreis darüber, mit Zurückhaltung anfangs, da es ihm
+widerstrebte, innere Wirrungen zum Gegenstand des Meinungsaustausches zu
+machen. Die Verstimmung, unter der er litt, war bereits aufgefallen;
+was er nun als ihre Ursache bezeichnete, wollte keinem recht einleuchten
+und man hielt es für Hypochondrie eines Zwischenzustandes. Man kannte
+seine zweifelsüchtige und häufig schwankende Art; er hatte oft genug das
+Schauspiel des Selbstquälers gegeben, der nach jeder abgeschlossenen
+Leistung sie zerpflückte und hilflos wie vor dem ersten Beginn in die
+Zukunft schaute, alles von Schicksal und Fügung erhoffend, nichts oder
+wenig von seinem Talent. Aber seine Hingabe war unbegrenzt, seine Arbeit
+ein opfervoller Dienst; dem unermüdlichen und redlichen Bemühen war der
+reinste Wille gesellt, die Unbestechlichkeit des Gewissens, die jede
+Erleichterung und Versüßung ablehnt. Dazu kam, daß ihm der Erfolg nicht
+gefehlt hatte; mißtraute er ihm auch, so war er doch von ihm auf eine
+gewisse Lebenshöhe getragen worden; war auch sein Name, sein Werk
+umstritten, so genoß er doch die Achtung, ja die verehrende Neigung
+Vieler und erhielt nicht selten unzweideutige Beweise davon.
+
+Die Freunde nahmen also seine sichtliche Verstörung nicht ernst. Dies
+reizte seine Ungeduld, und als einer von ihnen mit etwas zu billigem
+Trost geendet hatte, sagte Mörner: »Wenn ein Mensch wie ich nicht mehr
+an die Wichtigkeit und Notwendigkeit seiner Mission glaubt, ist er
+einfach das allerüberflüssigste Geschöpf auf Erden. Wie erst, wenn ihm
+die Aufgabe selber entschwindet, wenn er nicht mehr weiß, was er
+überhaupt noch soll und das Fertige wie ein umgeblasenes Kartenhaus
+hinter ihm liegt? Da wird alle Wirklichkeit ein Gespenstergraus; sein
+Geist hat gar nicht Fassungsraum genug für die Tiefe des Abgrunds, der
+vor ihm gähnt.«
+
+Die Freunde stutzten und schwiegen. Einige begriffen nicht recht, was
+er meinte, und er fuhr achselzuckend fort: »Mission ist freilich ein
+viel zu anspruchsvolles Wort. Man dürfte seinen Ehrgeiz nicht über die
+Haltung eines honetten Handwerksmeisters spannen. So war es in früheren
+Zeiten. Das Außerordentliche entstand gleichsam durch bescheidenen
+Zufall, nicht in priesterhafter Gier und Askese. Was erstrebt man denn,
+was ersehnt man denn? Man will das Formlose formen; was die Natur
+zerstückelt liegen läßt, zusammenfügen und es der großen Vergeuderin und
+Zerstörerin entgegenhalten. Unzulänglich bleibt man dabei immer, aber es
+ist wunderbar, so lang das Material gehorcht, und das Auge, und die
+Hand. Zerrinnt einem aber der Stein, den man aus dem Bruch schlägt, zu
+flüssigem Sand, flattern von der Fackel, die man am großen Weltenfeuer
+entzündet hat, statt der Flammen rotgefärbte Papierfetzen empor, so ist
+es schlimm, mehr als schlimm, es ist das Ende.«
+
+Mit jäher Bewegung erhob er sich und ging ohne Gruß. Die Freunde sahen
+einander verwundert an.
+
+ * * * * *
+
+Eine Zeit lang verschanzte er sich in seinem Hause, und niemand konnte
+zu ihm gelangen. Dann hieß es, er sei verreist, um in der Stille eines
+Landaufenthalts Sammlung zu gewinnen. Aber schon nach ein paar Tagen
+kehrte er zurück. Sein Aussehen erregte Besorgnis. Tiefe Gruben hatten
+sich in den Wangen gebildet; der Blick war der eines Kranken. Er kam
+wieder zu den Freunden und gestand, die Einsamkeit sei ihm Pein. Doch
+auch Geselligkeit schien ihn nicht aufmuntern zu können. Man machte ihm
+in liebevoll-scherzhafter Weise den Hof, man schmeichelte ihm, man
+erwies ihm zarte kleine Ehrungen; umsonst, es war ihm kaum ein Lächeln
+abzulocken. Er stellte sich fast jeden Abend ein, wie einer, der vor
+sich flieht; er bat, man möge ihn bloß dulden, wenn es zum Ärgsten
+komme, werde er trachten, nicht zur Last zu fallen. Was er unter dem
+Ärgsten verstand, darüber äußerte er sich nicht; die Hausfrau, die seine
+ergebenste Anhängerin war, zog ihn beiseite und beschwor ihn, sich zu
+fassen, zu erheben; er mache durchaus den Eindruck eines Menschen, den
+ein Phantom zum Narren hält; man sei so viel Befeuerung von ihm gewöhnt,
+so viel gesunde, heilsam wirkende Kraft, dies könne doch nicht mit einem
+Mal zu nichte werden; ob sie ihm helfen könne, ob er sie des Vertrauens
+nicht mehr würdige? Sie sei zu jedem Opfer bereit, sie wie auch alle
+andern, die bestürzte Zeugen seiner Verwandlung seien.
+
+Er schüttelte den Kopf. »Zu helfen ist da nicht,« antwortete er; »es
+wäre besser, Sie zerrten mich nicht aus der Dumpfheit heraus. Das letzte
+Versteck darf man mir nicht nehmen; gegen Beleuchtung wehrt sich alles
+in mir, die Dinge bekommen dadurch ein zu prahlerisches Gesicht. Mein
+Fall ist an sich gering; legt ihr ihm Bedeutung bei, so werdet ihr nur
+zu Urhebern von neuen Leiden. Was ich an mir erfahre, ist doch bloß die
+Folge einer vielfach verschlungenen Kette von Selbsttäuschungen und
+Selbstüberschätzungen. Man hat sich zu lange gefallen, man hat sich zu
+lange beruhigt, man hat immerfort behaglich im lauen Wasser
+geplätschert. Die Erkenntnis ist schmerzlich. Wie wäre einem Menschen zu
+helfen, der niemals in einen Spiegel gesehen hat, der bis zu dem Moment,
+in dem es geschieht, im Wahn befangen war, er sei schön, er sei
+wohlgebildet, er habe angenehme Züge, und plötzlich grinst ihm aus dem
+Glas eine abscheuliche Fratze entgegen? Wie wollen Sie dem helfen? Daß
+mich ein Phantom zum Narren hält, ist außerdem noch wahr.« Er zögerte
+in ungewisser Scham und fuhr fort: »Stellen Sie sich vor, daß ich nicht
+allein sein kann, ohne daß mir zumute ist, ein dringlich fordernder
+Gläubiger sei hinter mir her und verlange die Bezahlung einer Schuld.
+Und zwar ein Gläubiger, dem ich zu Dank verpflichtet bin, der mir große
+Dienste geleistet hat, den ich wiederholt, mit guten und schlechten
+Gründen, habe vertrösten müssen und der nun, selbst in Bedrängnis, das
+langgefristete Darlehen nicht mehr stunden will. Das ist keine Figur,
+liebe Freundin, kein Gleichnis für einen beengten Zustand, es ist eine
+Realität. Auch okkulter Einfluß kann eine Realität sein. Sie wissen, daß
+ich Skeptiker genug bin, um solchen Anfechtungen zu widerstehen. Wer hat
+sich nicht schon über meine Trockenheit beklagt, in dieser wie in
+anderer Beziehung! Hier scheitern vernünftige Erwägungen an einer
+Vision, an der der ganze Organismus teil hat, das furchtbar genaue
+Wissen darum, wie es um mich bestellt ist. Leute meines Schlags kennen
+ihr eigenes Innere so gut wie die Bureauschreiber ihren
+Registrier-Apparat, und wo da die Tugend aufhört und die Sünde beginnt,
+ist schwer zu sagen. Die Quelle, die uns nährt, ist zugleich vergiftet,
+und wir sterben daran, ohne das Gift zu spüren.«
+
+»Aber was _wir_ davon spüren, wir Zuschauer und Zuhörer, ist Freude und
+erhöhtes Leben,« versetzte die Freundin herzlich und reichte ihm beide
+Hände.
+
+Mörner blickte grübelnd vor sich hin. »Bei alledem, sollte man es
+glauben,« sagte er mit einem Rest von Selbstverspottung im Ton, »bei
+alledem ist es wie eine letzte Genugtuung, daß er kommt, dieser
+Gläubiger, daß er mahnt. Er hält mich also noch für zahlungsfähig, ich
+habe also noch Kredit in der Geisterwelt. Sonderbar, daß wir nicht
+ärmer werden, wenn wir dort unsere Schulden begleichen, im Gegenteil.
+Nur muß man eben zahlen können, und ich kanns nicht. Die Kassen sind
+leer bis auf die Neige. So arm darf man nicht werden, oder man hat
+miserabel gewirtschaftet.«
+
+Mörner begab sich wieder zu den übrigen, die harmlos plauderten, die
+Hausfrau folgte ihm mit zwiespältigem Gefühl. Die unerbittliche Logik in
+der Verwirrung überraschte sie und stimmte sie nachdenklich. Da ging
+eine Abrechnung vor sich, hartnäckiger und ernsthafter als dem bloß für
+Alltags-Ungemach geschulten Blick erkennbar war.
+
+Das Gespräch geriet auf die Zeitumstände, und ein junger Lehrer der
+Philosophie machte die Bemerkung, in einer Epoche, wo die Wirklichkeit
+soviel Stoff produziere wie in der gegenwärtigen, das stürmisch
+fließende Schicksal soviel rohes Material ans Ufer schwemme, in einer
+solchen Epoche müsse die schaffende Phantasie durch ein automatisch
+funktionierendes Ausgleichsgesetz erlahmen; erst spätere Geschlechter
+seien wahrscheinlich imstande, das chaotisch Hingeworfene, Strandgut der
+Geschichte, zu neuen Bauten zu benutzen. Daher der Verfall der Kunst,
+daher das Versagen der Künstler.
+
+Mörner, der bislang schweigend zugehört hatte, unentschlossenen Anteil
+in den Mienen, zuckte plötzlich auf. Es war eine nicht sehr taktvolle
+Äußerung im Hinblick auf ihn, das empfanden alle, auch der Sprechende
+selbst, der errötend abbrach. Aber sie war nun einmal getan. Mörner
+erhob die Hand mit gespreizten Fingern, als wolle er verhüten, daß ihm
+ein anderer im Wort zuvorkomme und sagte: »Ach nein, nein, nein.
+Unleugbar steht uns die Zeit entgegen, aber nicht wegen der Überfülle
+des Geschehens, sondern wegen der Zerstörung der Geister und der
+Seelen. Von welchen Flammenausbrüchen genialer Naturen sind vergangene
+Umwälzungen begleitet gewesen! Wollt ihr Namen? Sie wimmeln. Jede
+Revolution hat Propheten und Gestalter aus ihrem Schoß geboren; einen,
+der die Eroica in die brüllende Woge schleuderte, einen, der seinem
+grandiosen Schmerz die Hermannsschlacht entriß, einen, der mitten in
+gewaltigen Gärungen die Tribüne der #Comedie humaine# errichtete.
+Gerufen von der Sehnsucht ihrer Welt, gaben sie ihr Stimme und Bild,
+wiesen ihr die Wurzel und den Gipfel ihres Geschicks. Heute aber? War
+jemals eine Menschheit so zu Boden getreten? Sagt mir nicht, er sei
+vielleicht da, irgendwo unter uns, der glühende Zeuge und wunderbare
+Architekt, und ich vermöchte ihn bloß nicht zu sehen und zu hören. Du
+und du und Sie und Sie und ich, warum sollten ihn wir nicht ahnen, nicht
+kennen? Würden nicht unsere Nerven bei seinem geringsten Hauch
+vibrieren? Wäre er nicht Fleisch von unserm Fleisch, Blut von unserm
+Blut? wer sollte ihn wissen, wenn nicht wir? Es gibt ihn nicht. Seine
+Entstehung schon wird im Keime erstickt. Der Schoß ist unfruchtbar
+geworden, es kommt nicht mehr bis zur Kristallbildung; es bleibt beim
+Ansatz; in den Elementen ist kein Wille, sich zu ballen; die ruhende
+Sehnsucht ist nicht produktiv. War jemals eine Menschheit so zu Boden
+getreten? frag ich noch einmal; so müde, so stumpf, so entblättert, so
+kurz von Atem und so kühl im Hirn? Spürt ihr es nicht, wie keine
+Resonnanz wird? Kein Sinn will mehr aufnehmen; es sei denn die gröbste
+Nahrung; nichts ist Besitz, alles Erwerb; nichts Erlebnis, alles Kitzel;
+keinem Gemüt prägt sich das Wesen ein, nur die Verzerrung davon; die
+Ehrfurcht ist geschwunden, die Überlieferung abgeschnitten, der Glaube
+tot, das Wissen ein mörderisches Narkotikum. Kein Zusammenhang und
+Zusammenklang, in der Höhe nicht, in der Tiefe nicht, bei den Guten
+nicht, bei den Bösen nicht. Hinten versinkt alles in Abgründen, vorne
+öffnen sie sich. Panische Flucht nach allen Seiten; Angst, sich zu
+verpflichten, Angst vor der Hand, die sich bietet, Angst vor dem
+Schmerz, Angst vor der Wahl, Angst vor jeglicher Entscheidung, Angst
+sogar vor der Erinnerung an den verlorenen Gott. Und wird euch denn
+nicht ebenfalls Angst, wenn ihr die Heraufkommenden betrachtet, diese
+Zuchtlosen, ihre Lust an der Raserei, an der Tobsucht des frierenden
+Verstandes; ihren Götzendienst vor der Chimäre, den Kultus vor dem
+Golem, die grauenvoll ummauerte Isolierung eines jeden, in der er, um
+sich und die andern Isolierten zu betäuben, wie ein verrückt gewordener
+Anachoret nach Verbrüderung schreit, rachsüchtig und voll Haß in seiner
+Wehleidigkeit? Was soll werden? Man kann eine Ruine aufbauen, wenn das
+Material noch halbwegs brauchbar ist, aber aus morschem Plankenwerk und
+wurmstichigen Brettern ein seetüchtiges Fahrzeug zimmern, das ist
+unmöglich. Da habt ihr die Krankheit. Da ist es aufgerollt, das Gemälde
+der Katastrophe, meiner und aller derer, die noch gutgläubig oder weil
+sie sich der schrecklichen Klarheit eine Weile noch verschließen wollen,
+am Werke sind. Morituri te salutant. Es ist kein Cäsar da; grüßt man
+also die Blinden und Tauben, die unsere Geschicke lenken? Sie bilden
+sich nur ein, zu lenken, sie werden mitgeschleift und mitzerschmettert.«
+
+Während er so sprach, hatte es Mörner geschienen, daß die Tür
+aufgegangen und jemand eingetreten war. Er schaute sich um, bemerkte
+aber keinen Hinzugekommenen, auch verriet nichts in den Mienen der
+Freunde, daß sie eine gleiche Wahrnehmung gemacht. Die Augen ruhten
+groß auf ihm, mit scheuem und betroffenem Ausdruck. Indessen wich das
+Unbehagen nicht von ihm, das die verborgene Anwesenheit eines Fremden
+verursacht. Sein suchender Blick prüfte die Gesichter. Es war kein neues
+darunter; er kannte jedes. Doch dünkte es ihn, im Hintergrund des Raums,
+zwischen Flügel und Bücherkasten, wo das Licht sich verlor, sitze eine
+Person, die vorher nicht dagewesen war. Er wagte es nicht, sich zu
+vergewissern, hielt aber das Gefühl für untrüglich.
+
+Die wohllautende Stimme eines jungen Mädchens sagte: »Ist denn nicht,
+wer schafft, im tiefsten Sinne ohne Zeit? Ist es denn diese eine, nahe,
+bestimmte Welt, die ihm notwendig ist, und nicht vielmehr eine
+übertragene obere, die sein Traum wahrer macht als die untere? Sie
+selbst haben es uns so gelehrt. Nicht in Worten; im Beispiel. Und was
+wir so oft mißverstanden und falsch verstanden haben, daß der Dichter
+ein entselbsteter Mensch ist, so nannten Sie es ja, der Mensch ohne
+Partei, ohne Meinung fast, dem alles Leben zur Speise wird, ist das denn
+nicht mehr das Gesetz, dem Sie sich demütig beugen, wie Sie immer getan
+haben?«
+
+Mörner senkte den Kopf, und als er antwortete, war es ihm, als stehe er
+nicht der sanften Fragerin Rede, sondern der verborgenen Person, die er
+im Zimmer wußte. »Widerstände können wachsen,« sagte er; »es ist
+jedesmal ein harter Weg dorthin, in die obere Welt; eines Tages sind die
+Schranken unübersteiglich. Die Kraft reicht nicht mehr zu; der Mut ist
+nicht mehr da. Werktätigkeit beruht auf Wechselwirkung. Das Leben ist
+meine Speise, freilich; wenn aber die Speise faulig wird, wie dann? Wenn
+die Augen nicht mehr sehen können, das innere Membran nicht mehr
+erzittert, das Bild nicht mehr zu fassen ist, das Gefühl seine
+Sicherheit einbüßt? Wie dann? Beide Welten, die obere und die untere
+sind mir zu Schemen verblaßt. Ich kann nichts mehr greifen, es bleibt
+mir nichts in der Hand, ich bin zur Ohnmacht verurteilt, ich bin ein
+Selbst geworden.«
+
+Er lächelte traurig, zuckte die Achseln und schwieg. Sein Ohr lauschte
+in die Richtung, wo der Unsichtbare saß. Der aber verriet seine
+Gegenwart durch keinen Laut und keine Bewegung. Als das junge Mädchen
+sich zum Flügel setzte und ein Bachsches Präludium zu spielen begann,
+schien er seinen Platz zu verändern.
+
+Mörner wollte die Freunde durch seine Gegenwart nicht länger bedrücken
+und entfernte sich still. Durch die mitternächtlich verödeten Straßen
+trat er den Heimweg an, doch war ihm nicht wohl zumute bei der Aussicht
+auf Alleinsein in seinem Hause.
+
+ * * * * *
+
+Er hörte Schritte hinter sich, eine Weile schon. Es folgte ihm jemand.
+
+Die Luft war mild, das Gewölbe bis in die Unendlichkeit umschleiert. In
+der Dunkelheit wuchtete Ahnung, die die Seele zusammenpreßte und sie
+aufsteigen machte gleich einer artesischen Säule. Er erinnerte sich
+solcher Nächte aus seiner Jünglingszeit. Es waren dieselben
+flaumsüchtigen Wolken gewesen, damals, in der Stadt seines Elends,
+mitten im Herzen Deutschlands, dieselbe bittersüße Feuchtigkeit in der
+Atmosphäre, dasselbe heimliche Säuseln und Brodeln in der Erde. Warum
+war ihm das Längstvergangene heute nah? Kündigte sich Prüfung an und
+neue quälende Überschau? Parade über die Truppen vor der Abdankung? Ein
+Laut war wie Vogelruf, genau wie damals aus dem Gebüsch am trüben Fluß,
+der die Fabrikwässer führte. Aber damals war es Verheißung gewesen,
+heute war es Verzicht; damals Ankunft, heute Abschied; damals hatte
+Romantik um die verschlossenen Tore und schwarzen Fenster geschauert,
+heute das frostige Wissen. Drei Jahrzehnte vergeblichen Wegs in eine
+Sackgasse!
+
+Er ging langsamer; der ihm folgte, verzögerte ebenfalls den Schritt. Er
+ist es, durchfuhr es Mörner, und seine erste Regung war, zu fliehen.
+Doch trotzte er ihr; an einer Ecke unter einer Gaslaterne blieb er
+stehen. Der andere kam heran, lüpfte den steifen niedern Hut und sagte
+leise: »Guten Abend.«
+
+Es war ein Mann von nicht genau bestimmbarem Alter; Mitte der Dreißig
+ungefähr; jugendlich schlank, aber in der Haltung etwas schlaff und im
+Gang schleppend. Soviel sich im ungewissen Licht ausnehmen ließ, waren
+die Haare blond. Die Kleidung war adrett, obwohl ein wenig abgetragen.
+Das bartlose Gesicht war auffallend hager, mit tiefliegenden blauen
+Augen und erstaunlich scharfen Kerben um den Mund. Alles in allem war es
+ein schönes, zumindest ein schön gewesenes Gesicht, das nichts Vulgäres
+an sich hatte.
+
+»Ich hoffe, Sie nicht zu stören,« sagte der Unbekannte mit
+achtungsvoller Artigkeit, die den Mann von Erziehung verriet; »wir haben
+den nämlichen Weg, scheint es; darf ich Sie begleiten?«
+
+Mörner verbeugte sich kühl. Er zürnte sich wegen der Beklommenheit, die
+er empfand. Seite an Seite setzten sie den Weg fort.
+
+Der Unbekannte sagte: »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich nicht
+vorstelle; aber ich habe keinen Namen. Ich mache wenigstens schon lange
+keinen Gebrauch mehr von ihm. Nur im Notfall nenne ich mich, so oder
+so; es gibt ja zwingende Situationen; ich schütze dann einen erfundenen
+Namen vor. Ich denke, Sie legen auf diese Formalität kein Gewicht.«
+
+Immerhin ein merkwürdiger Geselle, dachte Mörner und sah geradeaus auf
+das Pflaster. So auch, vor sich hin, erkundigte er sich: »Sie sind fremd
+in der Stadt? Seit kurzem erst hier, wenn ich fragen darf?« Er ist es,
+dachte er wieder, und mit einer Anwandlung von Haß: wozu die gezierten
+Vorbereitungen? weshalb spielt er Verstecken mit mir? was ist seine
+Absicht?
+
+»Ja, ich bin fremd,« gestand der Herr mit seiner leisen, freundlich und
+rücksichtsvoll klingenden Stimme; »aber daran bin ich gewöhnt. Ich bin
+eigentlich überall fremd. Das heißt, obenhin betrachtet, bin ich fremd,
+genau genommen nicht. Ich reise fortwährend, wissen Sie, bin immer wo
+anders, ohne festes Domizil. Ich liebe es nicht, Aufenthalt zu nehmen.
+Wenn man sich aufhält, entstehen Versäumnisse. Viele Jahre bin ich schon
+unterwegs, und es ist manchmal schwer, der Müdigkeit nicht nachzugeben.
+Aber wir wollen nicht von mir sprechen. An mir ist nichts interessant.
+Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich offen gestehe, daß ich Ihnen
+aus reiner Neugier nachgegangen bin. Wären Sie mir entschlüpft, ich
+hätte wirklich nicht gewußt, was tun. Ich hätte Sie bestimmt noch heute
+Nacht in Ihrer Wohnung aufgesucht, und diese Zudringlichkeit wäre Ihnen
+wahrscheinlich sehr unangenehm gewesen.«
+
+»Sie waren also dort, dort oben bei meinen Freunden?« stammelte Mörner;
+»ich habe mich also nicht geirrt ...?«
+
+Der Unbekannte nickte. »Gewiß, ich war dort,« erwiderte er etwas
+beschämt; »es hat mich unwiderstehlich hingezogen. Ich wußte von Ihnen.
+Ich hatte irgendwelche Botschaft. Aus tausend Stimmen dringt eine
+hervor, vernehmlicher als die andern. Ein Blatt Papier, ein
+aufgefangenes Wort, was kann das nicht alles bedeuten. Und zufällig saß
+ich Ihnen neulich im Eisenbahncoupé gegenüber, entsinnen Sie sich nicht?
+Da erfaßte mich sofort die Neugier, trotzdem ich über das Wichtigste
+gleich im Klaren war, und ich blieb unablässig auf Ihren Spuren.«
+
+In der Tat glaubte sich Mörner zu entsinnen, den Unbekannten während
+einer vielstündigen Fahrt im halbdunkeln Abteil gesehen zu haben. Er
+wunderte sich, daß ihm das erst jetzt einfiel, denn Gestalt und Gehaben
+des Menschen waren ihm ungewöhnlich erschienen, das vollkommen
+unbewegliche Sitzen, der intensive Blick, eine gewisse Naivität und
+Bescheidenheit in den Mienen, verbunden mit einer schwer definierbaren
+lächelnden Undurchdringlichkeit, alle diese Einzelheiten sah er lebhaft
+vor sich. Seine Spannung und Unruhe wurde dadurch nicht vermindert.
+»Wieso waren Sie sich über das Wichtigste im Klaren?« fragte er und
+suchte seine Erregung hinter einem gereizten und mürrischen Ton zu
+verbergen. »Bin ich denn so auf den ersten Blick zu ergründen? Nichts
+für ungut, aber gegen das Hellsehn hab ich meinen Argwohn; es ist durch
+einige Leute von meinem Metier diskreditiert und läuft gewöhnlich auf
+Charlatanerie und Mystifikation hinaus.«
+
+»Ich habe ja auch Ihre _Worte_ gehört,« antwortete der Fremde einfach.
+»Daß Sie mißtrauisch sind, begreife ich. Sie kennen mich ja nicht. Ich
+habe mir noch kein Recht auf Ihr Zutrauen erworben. Ich bin ein
+Namenloser, wie gesagt, ein Niemand; es steht bei Ihnen, mich für einen
+Charlatan zu halten. Nur bitte ich Sie, Ihr endgültiges Urteil noch zu
+verschieben.«
+
+Er wich einem Hund aus, der über die Straße lief und fuhr mit derselben
+unerheblichen Stimme fort: »Nein, Hellseher bin ich nicht, und daß ich
+Sie auf den ersten Blick ergründet habe, behaupte ich auch nicht. Was
+mich zu Ihnen getrieben hat, ist neben der Neugier, die mir angeboren
+ist, die sonderbare Leidenschaftlichkeit in Ihnen, die sich auf alles in
+Ihrem Umkreis unmittelbar überträgt. Sie ist sehr selten, diese Art von
+Leidenschaft, diese entselbstete; der Ausdruck stammt ja von Ihnen. Es
+hat mich magnetisch angezogen; ich meine das nicht bildlich. Ob ich
+wollte oder nicht, ich mußte dorthin, wo Sie waren. Auf dem Meer, mitten
+in einer Windstille, bei blauem Himmel, hat man manchmal die deutliche
+Empfindung, daß ein furchtbarer Sturm irgendwo hinter dem Horizont
+wütet, der das Schiff förmlich in seinen Trichter saugt. So war Ihre
+Wirkung auf mich. Die meisten Menschen wissen nichts von ihrer eigenen
+Wirkung. Das Leben stumpft sie ab dagegen. Viel notwendiger ist es, die
+eigene Kraft kennen zu lernen, als die der andern. Mächtige Seelen
+liegen oft faul da und ahnen nichts von dem Magnetismus, der in ihnen
+aufgesammelt ist. Ich unterscheide die Menschen danach. Es ist eine
+Stufenleiter; von denen, die oben stehen, strahlt die größte Kraft aus,
+die Schicksalskraft, die Verantwortlichkeitskraft. Das ist der Kitt, der
+bindet. So war wenigstens meine Erfahrung. Das ist auch der Grund, warum
+mich Ihre Leidenschaftlichkeit so beschäftigt hat. Worauf sie eigentlich
+gerichtet ist, kann ich nicht genau ermessen; ich habe nur zum Teil
+verstanden, was Sie dort in dem Haus sagten; ich bin kein sehr
+gebildeter Mensch und habe wenig gelesen. Ich hatte die Zeit nicht. Ich
+habe mir nur einige Fähigkeiten angeeignet, durch die es mir möglich
+geworden ist, – aber lassen wir das, davon erzähl ich Ihnen später,
+falls es sich ergibt. Folgende Überlegung war es, die mich berührt hat
+wie seit langem nichts. Ich sagte mir: wenn man mit einer solchen Flamme
+in der Brust vor der Menschenwelt steht, wie kann es sein, was muß da
+geschehen sein, daß die Flamme nicht leuchtet, daß nicht alles in
+blendender Helligkeit vor ihr liegt, daß der, der sie besitzt, sich über
+Finsternis beklagt und eben dadurch in Gefahr kommt, tatsächlich in
+Finsternis zu versinken? Wie geht das zu? Ich sagte mir weiter:
+Vielleicht kannst du da Nutzen stiften, es ist dir ja schon manchmal
+gelungen; da liegt so eine Seele, sagte ich mir, eine mächtige Seele und
+windet sich in Zuckungen; vielleicht kannst du das trübe Medium von der
+Netzhaut dieses Menschen lösen, mehr ist vielleicht nicht zu tun; das
+Ganze ist eine Erkrankung des Auges; freilich nicht des physischen
+Auges; was darf nicht alles Auge heißen bei den Edleren: das Herz ist
+selber Auge.«
+
+Die häufig stockende, wie aus Bescheidenheit unsichere und zögernde Rede
+des Fremden drang mit jeder Silbe unhemmbarer in Mörners Inneres. Harte
+Schlacken schmolzen, der Krampf lockerte sich.
+
+Was für ein Mensch ist dies? dachte er zwischen zwei Atemzügen, von
+denen der eine noch Qual war, der nächste schon Hoffnung.
+
+ * * * * *
+
+Sie saßen im Arbeitszimmer des Schriftstellers. Der Unbekannte begann zu
+erzählen. Er hatte es gewiß noch nie getan, denn es hatte unverkennbare
+Erstmaligkeit.
+
+Es war viele Jahre her, daß er als Sohn eines reichen Hauses, verwöhnt,
+umworben, wie ein Thronfolger umschmeichelt, eines plötzlichen Tages
+alles von sich geworfen, alles Überflüssige, wie er sich ausdrückte:
+Geld, äußere Würde, gesellschaftliche Stellung, die Freunde, die Frauen,
+die Dinge, die Gewöhnungen, den Ehrgeiz, den Namen; alles von sich
+abgestreift, bloß um zu leben, um wirklich zu leben.
+
+Mörner glaubte sich zu erinnern, davon gehört zu haben. Aber die Zeit
+hatte den Eindruck des damals Vernommenen und wahrscheinlich Entstellten
+verwischt.
+
+Der Schritt des jungen Mannes hatte Verwunderung und Kopfzerbrechen
+erregt. Er verursachte auch vielen Menschen Leiden, die ihm bluts- und
+wesensnah waren, aber danach durfte er nicht fragen. Er verzichtete auf
+alles, was ihm lieb und unentbehrlich gewesen war und ging den Weg, den
+er sich selber bahnen mußte, und der umso schwieriger und mühevoller
+war, als es ein bestimmtes Ziel auf ihm nicht gab. Man mußte sehen,
+wohin man kam.
+
+Was er unter »wirklich leben« verstand, das vermochte er weder damals
+noch später befriedigend zu erklären. Man hielt ihn deshalb für einen
+unklaren Kopf, und selbst diejenigen Leute, die seine herausfordernde
+Luxusexistenz verurteilt hatten und seinen Bruch mit der Vergangenheit
+im Prinzip billigten, zuckten über die Ausführung die Achseln. Sie
+hatten etwas Besonderes, Niedagewesenes erwartet und machten aus ihrer
+Enttäuschung keinen Hehl. Sich seinen Verpflichtungen entziehen, die
+Schiffe hinter sich verbrennen, das kann schließlich jeder, so sprachen
+sie ungefähr; Geld und Gut fortwerfen, schön; in freiwilliger Armut
+leben, schön; aber angenommen sogar, daß man nicht zu den ägyptischen
+Fleischtöpfen zurückkehrt, wenn einem die Geschichte eines Tages zu bunt
+wird, wo ist die Idee? Was für ein Dienst wird der Menschheit damit
+geleistet? Was wird bewiesen, wodurch etwas geändert? Verkündet er eine
+neue Lehre? Lockt das Beispiel zur Nachahmung? Ist es überhaupt
+nachahmenswert? Hat er die Welt um einen fruchtbaren Gedanken
+bereichert? Nein, stellten sie fest, es ist unreife Schwärmerei,
+bestenfalls eine moderne Donquichoterie; Herrenlaune im Grund, nur
+verblüffender als die früheren, und genau besehen ist er derselbe Snob
+geblieben, der er war, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß ihm
+Übersättigung und Verzweiflung den Antrieb gegeben haben.
+
+So äußerten sich die meisten. Er aber kümmerte sich nicht darum. Ihre
+Reden drangen bald nicht mehr zu ihm. Er schied aus ihrer Mitte. Er
+schwand aus ihrem Gesichtskreis. Binnen kurzem war er verschollen. Er
+ging in die Tiefen hinunter. Umkehr gab es für ihn keine.
+
+ * * * * *
+
+Er erzählte, daß er ziemlich lange in der Borinage gelebt, bei den
+Bergleuten; damals noch als Müßiggänger und neugieriger Gast. Der
+Anblick des Elends hatte ihm diese Rolle unerträglich gemacht. Es hatte
+sich eine Gelegenheit zur Überfahrt nach Amerika geboten. Drüben war er
+gezwungen, sein Brot zu verdienen. Er griff zum Schwersten, ging unter
+die Verlader am Hudson und war gegen Tagelohn angestellt. Er wurde
+krank. Genesen, unterrichtete er die Kinder eines polnischen Flüchtlings
+im Lesen und Schreiben.
+
+Er hielt sich in seiner Erzählung bei den selbstverständlichen
+Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens nicht auf. Um seine Person war
+es ihm ja nicht zu tun. Seine eigenen Leiden kamen nicht bloß nicht in
+Frage dabei, sondern er nahm gar keine Notiz von ihnen, sie waren kaum
+vorhanden für ihn.
+
+Er erzählte, immer in dem nämlichen gleichmäßigen Tonfall und ohne die
+geringste Eindringlichkeit, daß er sich bei einem großen Grubenunglück
+in Pensylvanien an den Rettungsaktionen beteiligt habe und wochenlang in
+den Schächten gewesen sei; wochenlang in der Gesellschaft verwaister
+Kinder, verwitweter Frauen, dann daß es ihn immer weiter getrieben wie
+einen, der unstillbaren Durst hat und bei jedem Trunk nur noch durstiger
+wird. Daß er das Leben der Metallarbeiter kennengelernt habe, berichtete
+er, und das der Maschinenbauer, und das der Eisenbahnarbeiter, und das
+in den Schlachthäusern, den Konservenfabriken, Spinnereien, Sägewerken
+und Druckereien. Daß er mit Fischern gelebt, mit Holzfällern, mit
+Kleinbürgern, mit Beamten, mit Kellnern, mit Defraudanten, mit
+Bar-Tänzern, mit Negern, mit Farmern, mit Journalisten. Daß er Diener
+eines Sekten-Oberhaupts gewesen, Schreiber bei einem Börsenmakler, Agent
+für ein Annoncenbureau. Daß er in einer Besserungsanstalt und in einem
+Zuchthaus war, nicht als unbeteiligter Besucher, sondern als Sträfling,
+indem er sich mittels gefälschter Papiere für einen andern ausgegeben.
+Daß er wochenlang in den unterirdischen Kanälen von Neuyork genächtigt;
+in den Opiumhöhlen von Chicago gelebt und unter den Auswanderern auf
+Ellis-Island als Lazarettgehilfe gedient. Daß er ein Jahr darauf mit
+einer Goldsucher-Expedition nach Alaska gegangen sei; von dort nach
+Japan; von dort nach China. Daß er von Peking aus ins Innere, den Fluß
+entlang, gewandert sei, und mit einem tibetanischen Lama nach Madjura,
+der heiligen Siedlung mit dem Lilienteich und den Türmen aus
+Götterbildern; immer unter den Menschen, dicht bei den Menschen, immer
+einsam, dicht bei sich, von Tag zu Tag einsamer, von Tag zu Tag
+reicher, beladen mit Reichtümern, und immer noch durstig. Er erzählte
+weiter. Das alles war erst Untermalung; Figur und Umriß zeigten sich
+später.
+
+Er sprach von Schiffen und Dschunken; vom Himmel, vom Meer; von Wäldern
+und Gärten; von Tempeln und Festen; von Städten und Wüsteneien; von
+Heiligen und von Verbrechern; von religiöser Versunkenheit und
+weltlicher Mühsal; von Aufruhr und Unterdrückung, von innigem Werkfleiß
+und liebender Tat. Vom Schicksal und abermals vom Schicksal, seinem
+Wechsel, seinem Grauen, seiner Herrlichkeit, seiner in alle Seelen
+gewirkten Vielfältigkeit.
+
+Er hatte erkannt; vom Erkennen war er voll. Er hatte Kräfte in sich
+geschlürft mit Begierde. Er hatte die Bindungen und Verflechtungen des
+Menschheitskörpers sehen gelernt wie man die Lagerungen der Muskeln und
+Adern an einem hautlosen Leib wahrnimmt. Er war vertraut mit dem Fühlen
+und Denken aller Verlorenen, Irrenden, Geplagten und Duldenden an allen
+Enden und Ecken der Erde. Er kannte die Lasterhaften, die Mörder, die
+Diebe, die Hehler, die Geknechteten, die Einfältigen, die Erglühten, die
+stummen Unverdrossenen. Für ihn zogen sich Fäden von der Küste des
+indischen Ozeans bis zu den Palästen europäischer Metropolen. Alles war
+ein einziger, bebender, heißer Leib; alles wie die verschlungenen Zweige
+eines ungeheuren Baums. Er drückte dergleichen nicht aus, dazu war er
+nicht imstande, aber es lag in seinem Aug und Wesen.
+
+Er war, vom Osten her, durch den Krieg gegangen, unangefochten,
+bewillkommt, von schonender Luft und schonenden Händen umgeben, und wo
+er war, schien er für die andern von jeher gewesen zu sein. Er hatte die
+Schlachtfelder durchzogen, die Brandstätten, das blutbesudelte Land,
+hüben und drüben, das zermalmte, seufzende Land. Er war Zeuge geworden
+von Plünderung und Metzelei, Hunger und Haß, Wahnsinn und Lüge,
+Bestialität und Verzweiflung. Aber auch von verborgenem Heldentum und
+dem kleinen Glück der Genügsamen, von Opferdienst und Wundern der
+Vollbringung. Er wurde nicht müde; er durfte es nicht werden, denn er
+sah noch kein Ziel.
+
+Was mag das Ziel sein? ging es Mörner durch den Sinn, indes er lauschte
+und mitlebte; in dem unendlichen Zirkel der Bilder und Vorstellungen
+dachte er plötzlich an Buddhas Wiese, an die seligen Gefilde der letzten
+Entäußerung, des letzten Wissens, des letzten Friedens, der letzten
+Inkarnation, Höhenscheide zwischen irdischer und himmlischer Welt.
+
+Wußte er nicht, wohin er ging, der überaus Seltsame? Darüber war kein
+Zweifel, daß er sich übernatürliche Fähigkeiten angeeignet hatte, das
+heißt, von denen aus betrachtet, die noch nicht an die Natur reichen: Er
+hatte sie erworben, weil sein Einsatz übermenschlich war, das heißt, von
+denen aus betrachtet, die noch nicht ans Menschliche reichen.
+
+ * * * * *
+
+»Ich durfte mir keinen Zweck setzen, so wie ich mich nicht binden
+durfte,« sagte der Unbekannte; »im Zweck liegt schon das Übel; der Zweck
+hat die Welt so ins Fieber gebracht. Nein, ich durfte mich niemals
+binden, sonst hätte ich den Zusammenhang verloren. Ich mußte immer
+wieder Abschied nehmen, immer wieder brechen, sonst hätte ich mich
+versäumt und die wichtige Stunde. Die wichtige Stunde ist die nach der
+Überwindung und dem Entschluß. Da ist die Kraft ohne Maß und Grenzen.«
+
+Die Stimme blieb gleich nüchtern, gleich karg, gleich unbetont; gleich
+höflich die Haltung, sparsam die Gebärde. Oft spielte ein Lächeln um die
+Lippen, die ungealtert waren, indes sich andere Teile des Gesichts
+eigentümlich verwittert zeigten, besonders die Stirn und die
+Schläfengruben; auch das Haar war an manchen Stellen silbrig angegraut.
+Das scheue Lächeln schien die Versicherung zu enthalten, daß die Distanz
+nicht überschritten werden würde, die der Andere vorschrieb. Der
+unerhobene Ton aber, die zarte, rücksichtsvolle Bemühung um das
+äußerlich Konventionelle und Gestattete verlieh den Worten eine
+vollkommene Durchsichtigkeit, und Gestalt um Gestalt, Vorgang um Vorgang
+entfalteten sich so rein, als lägen Schall und Stimme nicht mehr
+vermittelnd dazwischen.
+
+»Ich liebe die Dinge,« sagte die höfliche Stimme; »ich liebe sie
+manchmal bis zur Unvergeßbarkeit; sie sind oft wie Laternen über dem
+Schicksal des einzelnen Menschen aufgehängt. Ich weiß nicht, ob das eine
+Schwäche von mir ist, aber ich kann mich dem nicht entziehen. Ich bin
+mit einem Mann gegangen, in einer kleinen Stadt, und es war Abend. Er
+hatte Furcht, allein zu gehen, weil die Frau während seiner langen
+Abwesenheit wieder geheiratet hatte und ihn für tot hielt. Er hatte
+Furcht, wollte aber zu seinen Kindern, und ich bin mit ihm gegangen. Das
+Haus lag in einer Gasse gegen den Fluß und hatte ein schiefes Dach.
+Rechter Hand im Flur war ein Backofen, davor kniete eine Magd, von
+schwacher Glut beschienen, und schob mit einer Stange die fertigen Brote
+von den heißen Ziegeln. An der Treppe oben stand das Weib des Mannes;
+sie ahnte noch nichts und trällerte ein Lied. Zu ihren Füßen spielten
+zwei Kätzchen. Draußen war es feucht, das Pflaster glänzte, man hörte
+den Fluß rauschen, und bisweilen ging ein Mensch an dem offenen Tor
+vorüber, gebückt und eilig. Der Mann neben mir zog in seiner
+Gemütserregung ein blaues, zerrissenes, wie ein Schachbrett mit
+Quadraten bedecktes Tuch aus der Manteltasche und trocknete sich die
+Stirn damit. Das Tuch war mir in dem Augenblick etwas unbeschreiblich
+Teures; es läßt sich wirklich nicht erklären, warum, aber alles war in
+ihm drin, der ganze Mensch.«
+
+Er senkte ein paar Sekunden lang den Kopf und fuhr fort: »So ist es mit
+Schachteln, die bei armen Dienstboten in der Kommode liegen und mit
+Erinnerungszeichen gefüllt sind; und mit geborstenen Steintreppen an den
+Toren; und mit Photographien an den Wänden; mit einer Kerze, die nachts
+irgendwo an einem Fenster brennt, und mit dem Brett, das der Tischler in
+der Werkstatt hobelt. Mit den Fußspuren im Weg ist es so und mit den
+Brücken über die Flüsse, aber besonders mit allem, was durch
+Menschenhände geht und auf Menschen Einfluß hat. Ich habe den Ring am
+Finger einer gestorbenen Frau gesehen; von wie vielem der wußte! Auf
+einer Straße, durch die ich ging, lag ein zerrissener Vorhang, den man
+aus einem ausgeraubten Haus geworfen hatte; wieviel Leben daran klebte!
+An die Dinge geben sich ja die Menschen hin, sie sperren ihre Seelen in
+sie hinein; sie sind ihr Besitz; und wenn nicht Besitz, dann das Ziel
+ihrer Sehnsucht. In einer andern Stadt fand ich in einer kalten
+Winternacht einen acht- oder neunjährigen Knaben halberfroren auf einer
+Bank. Ich trug ihn zu einem nahegelegenen Spital, dort wurde er der
+Lumpen entkleidet, die ihm am Leibe klebten, und es wurde ihm heiße
+Milch eingeflößt, da er nicht bloß erfroren, sondern auch bis auf die
+Knochen verhungert war. Nachdem man den Körper notdürftig von Schmutz
+und Unrat gesäubert hatte, steckte man ihn ins Bett. Er lag bewußtlos,
+und ich blieb die Nacht über bei ihm, man hatte es mir erlaubt. Als er
+nun die Augen aufschlug und man ihn fragte, wer er sei und woher er
+komme, vermochte er nicht zu antworten. Er sah beständig die weißen
+Kissen an, tastete beständig mit der Hand über das weiße Linnen, das ihn
+bedeckte, und in seinen Mienen war ein so maßloses Staunen, eine so
+maßlose freudige Bestürzung, daß man sofort begriff, er war Zeit seines
+Lebens nie in einem Bett gelegen, und erst recht nicht in einem solchen
+Bett. Er glaubte allen Ernstes, daß er sich im Jenseits befand, und das
+einzige, was er sprechen konnte, war: so weiß; so sauber; so weiß; und
+wieder, andächtig, ungläubig, völlig verzückt: so weiß; Herr Jesus, so
+weiß.«
+
+Der Unbekannte hielt inne und sann mit abgelöster Heiterkeit im Gesicht
+vor sich hin. Dann sprach er: »In der nämlichen Stadt fügte es sich, daß
+ich mich eines brustkranken Mädchens annehmen sollte, das im Laden einer
+Friseurin bedienstet war. Ein Kind von sechzehn Jahren, ich erinnere
+mich noch des Namens; Angelika hieß sie. Ihre Herrin hatte sie aus dem
+Waisenhaus genommen, sie war ein Findling; ein munteres und zärtliches
+Geschöpf, von allen wohlgelitten und ungemein geschickt in den
+Verrichtungen, die man sie gelehrt hatte. Die Herrin sah aber bald, daß
+das Übel rapid wuchs; der Arzt, den sie zu Rate zog, gab ihr wenig
+Hoffnung und empfahl ihr, das Mädchen schleunig in eine Heilanstalt zu
+bringen. Sie versuchte es, doch es war umsonst; die Behörden wiesen sie
+ab, die humanitären Vereine wiesen sie ab, die reichen Leute, bei denen
+sie Hilfe suchte, wiesen sie gleichfalls ab. Sie war eine robuste Frau,
+nichts weniger als gefühlsselig, aber sie liebte das Mädchen wie ein
+eigenes Kind, und die Aussichtslosigkeit, eine Pflegestätte für sie zu
+finden, erbitterte sie. Angelika indessen ahnte nichts davon, daß ihr
+Geschick ein so nahes Todesurteil über sie verhängt hatte. Sie lachte
+und scherzte den ganzen Tag, und besonders war sie darauf versessen,
+sich zu schmücken. In diesem Punkt war sie geradezu erfinderisch; ihre
+billigen Gewänder sahen aus wie frisch aus dem Magazin; die kleinen
+Geschenke, die sie von den Damen erhielt, Bänder, ein Stückchen Stoff,
+eine silberne Nadel, eine Halskrause, waren Kostbarkeiten für sie, und
+sie wußte sie anmutig und geschmackvoll zu verwenden. Aber ich will
+Ihnen erzählen, wie ich dazu kam, mit eigenen Augen zu sehen, wie
+glühend diese jungen Hände die Dinge umklammerten, die ihr Ausdruck und
+Abbild des Lebens waren. Es ist eine unbedeutende Begebenheit, im großen
+Ring betrachtet, aber sie hat mir viel zu denken gegeben. Die Friseurin
+hatte noch ein zweites Lehrmädchen, und diese war nach und nach
+eifersüchtig auf die jüngere und hübschere Kollegin geworden. Als nun
+eines Tages Angelika zu einem gewöhnlichen Kundenbesuch ihr schönstes
+Kleid angezogen hatte, und mit glücklichem Lächeln vor ihr stand, sagte
+sie zu ihr; wozu richtest du dich so her und gibst die paar Groschen,
+die du verdienst, für Plunder aus? Trachte lieber, daß du gesund wirst,
+damit unsere Frau nicht so viel Scherereien deinetwegen hat; es steht
+nicht zum besten mit dir, das wissen alle, bloß du nicht; also merk dirs
+und werde nicht gar so übermütig. Die Worte erschreckten Angelika, und
+sie fing an zu begreifen, was ihr drohte. Sie büßte ihren Frohsinn nach
+und nach ein, obwohl ihre kräftige und unbefangene Natur sich immer
+wieder geltend machte, selbst dann noch, als sie bettlägerig wurde und
+mit jedem Tag mehr verfiel. Es war mir endlich gelungen, in einem Asyl
+weit draußen vor der Stadt einen Unterschlupf für sie zu finden,
+richtiger ausgedrückt, ich hatte einige schwerbewegliche Personen
+aufgesucht, und diese ihrerseits hatten wieder einigen widerwilligen
+Funktionären eine Zusage abgerungen, die aus freien Stücken zu geben
+ihre Pflicht und ihr aufgetragenes Amt gewesen wäre. Kurz, Angelika
+sollte in Pflege kommen, und ich beeilte mich, es der Frau zu melden. Es
+war an dem Tage gerade ein blutiger Aufruhr in der Stadt, Soldaten und
+Arbeiter zogen durch die Straßen; aus vielen Häusern wurde geschossen.
+Am schlimmsten ging es in dem Viertel zu, wo die Friseurin wohnte; ich
+konnte mir durch die Massen Volks kaum einen Weg bahnen. Der Laden war
+geschlossen, ich stieg ins erste Stockwerk hinauf, wo sich die Wohnung
+befand, doch es war niemand zu sehen. Ich wußte, wo Angelikas Kammer
+war, ich hatte sie schon einmal besucht und mit ihr gesprochen. Ich
+klopfte; es blieb still. Ich dachte, das Kind schlafe vielleicht,
+obgleich dies bei dem wilden Lärm, der von der Straße heraufschallte,
+sonderbar anzunehmen war. Als ich leise die Tür öffnete, sah ich, daß
+sie nicht im Bett lag. Sie hatte sich erhoben; im langen weißen Hemd und
+barfuß stand sie vor dem Spiegel, der in den Schrank eingelassen war;
+die schwarzen Haare flossen bis zu den Hüften; auf dem Kopf trug sie
+einen breitrandigen Hut mit zwei grauen Federn; um die Taille, über das
+Hemd, hatte sie ein blauseidenes Band zur Masche geknüpft, und um den
+stengelfeinen Hals eine Korallenkette gelegt. Ich trat in das ärmliche
+Gemach; es bedurfte nur meines Vorsatzes dazu, daß sie mich weder sah
+noch hörte; außerdem war sie viel zu hingenommen von ihrer Beschäftigung
+und das Geknall und Geschrei von draußen zu heftig, als daß sie auf
+mich hätte aufmerksam werden können. Ich setzte mich also in eine dunkle
+Ecke. Ich konnte ihr Gesicht nur im Spiegel sehen, das totblasse, aber
+von Begierde, von unbezwinglicher Lebensbegierde über und über bebende
+Gesicht. Auf dem Tisch neben ihr lagen ihre Schätze, ein Haufen bunter
+Bänder, ein paar wertlose Broschen und Spangen, ein Nähzeug und eine
+Schale mit Winterblumen. Auf einem wackligen Stuhl davor standen ein
+Paar gelbe neue Stiefletten und über der Lehne hingen Blusen, ein
+Ledergürtel und ein grüner Schal. Das alles betrachtete sie mit
+fließenden Blicken, bald sich selbst im Spiegel, bald die geliebten
+Gegenstände. Die Sachen, nennt man es; ja, jeder hat seine Sachen, und
+mit ihnen schützt er sich und schmückt er sich; sie täuschen ihm Fülle
+vor, oder Freude; die Habseligkeiten; auch ein merkwürdiges Wort. Sie
+griff nach Blumen in der Schale und probierte, ob sie zum Blau der
+Schleife paßten; sie nickte ihrem Spiegelbild zu, vertraut, verträumt,
+aufmunternd; sie spielte mit ihm und forderte es heraus, sie bog den
+Kopf zur Seite und gab sich eine graziöse Haltung, und besonderes
+Vergnügen bereitete ihr das Wippen der grauen Federn. Währenddem wurde
+der Tumult auf der Straße immer ärger; sie vernahm es nicht. Draußen
+schlugen sie eine jahrhundertalte Ordnung in Trümmer, sie genoß, was sie
+als Reichtum empfand. Sie beugte sich zu den Stiefelchen herab und sagte
+schalkhaft-liebkosend: ihr armen Schuhe, wer wird euch spazieren tragen,
+wenn ich gestorben bin? Sie richtete sich wieder empor, schaute lange
+und äußerst gespannt in den Spiegel, seufzte herzlich und sagte leise
+vor sich hin: ach Gott, nie wird ein Mann bei mir schlafen. Es war
+Klage, aber voller Unschuld, so daß es beinahe heiter klang und ich mich
+zu lächeln nicht enthalten konnte. Doch schlich ich mich nach einer
+Weile hinweg. Mehr durfte ich von dem Geheimnis nicht rauben; ich hatte
+mir schon zuviel angemaßt. Den Menschen bei sich selbst erlauschen, geht
+nicht an; man verrät ihn und verrät sich. Alles war Spiegelung gewesen;
+der wirkliche Spiegel hatte mir Angelikas Gesicht gezeigt der andere
+ihre Welt, weit zurück bis zu den Ahnen und Urahnen, die sie
+hinausgestoßen hatten, als Letzte, in ein ungenügendes Stück Leben.«
+
+ * * * * *
+
+Die Zeit war ohne Marke; wie lange das Schweigen gedauert hatte, konnte
+Mörner nicht ermessen, als die höfliche Stimme wieder begann: »Ich
+möchte Ihnen die verschlossenen Tore aufschließen; bedenk ichs recht, so
+hab ich zu vielen die Schlüssel. Damit man erfahre, damit man erlebe,
+muß man vieles gesehen haben, und doch ist Sehen und Erleben zweierlei,
+und Leiden und Erleben ist zweierlei. Die Tat macht es nicht, und der
+Wille nicht und die Ergriffenheit nicht. Jedes einzeln kann zu etwas
+dienen, und doch ist der glockenhafte Widerhall nicht da, der die Sinne
+löst und zum Schwingen bringt. In der Wissenschaft, glaube ich gehört zu
+haben, werden jetzt mehr und mehr alle Phänomene der Natur auf die
+Wellenbewegung zurückgeführt. Meiner Ansicht nach kann man auch die
+sinnliche Welt in das Gesetz der Wellenbewegung einbeziehen. Es ist
+vielleicht dieselbe Kraft, nicht einmal wesentlich modifiziert, die das
+Licht erzeugt und zwischen zwei Menschen Haß oder Liebe hervorbringt;
+dieselbe, die ein Gestirn aus seiner Bahn reißt und die Katastrophe
+einer Familie oder eines Volkes bedingt. Wir haben keinen Einblick, wir
+können es wahrscheinlich nie ergründen, aber wenn der Geist rein ist,
+glaubt man oft, man kann es ahnen und fassen. Der nämliche Stoff flutet
+durch sämtliche Seelen, und wenn das Gemüt rein ist, kann man sie ahnen
+und fassen. Oft ist mir, als wär ich der andere, der mich anschaut; oft,
+als wär ich in vielen drin und die Unruhe käme von der Zerstückelung.
+Oft ist mir, als rollte alles Geschehen in seinen Anfang zurück, und was
+Tod und Untergang scheint, wenn ich die Augen schließe, ist wie neu,
+wenn ich sie dann aufschlage. Oft ist auch alles wie Wiederkehr, und das
+macht eigentlich am meisten verzagt; dann wäre ja keine Rettung und kein
+Hinauf. Ich hörte einmal die Geschichte von einem reichen Patrizier im
+alten Rom, Valerius Asiaticus; der besaß einen so herrlichen
+Hügelgarten, daß er den Neid des Kaisers Claudius erweckte, der ihn auf
+unbewiesene Verleumdungen hin zum Tod verurteilte. Da man ihn die
+Todesart wählen ließ, entschied er sich für die Verbrennung. An dem dazu
+bestimmten Tag nahm er seine gewohnten Leibesübungen vor, badete, ging
+zu Tisch und öffnete sich die Adern. Aber die Liebe zu seinen Pflanzen
+war so groß, daß er in der letzten Stunde den aufgeschichteten
+Scheiterhaufen nach einer anderen Stelle schaffen ließ, damit Flammen
+und Rauch das Laubdach der Bäume nicht beschädigen sollten. Genau das
+Gleiche, Zug für Zug, hat sich unter der Regierung der letzten Kaiserin
+in China begeben, und ich habe den Mann gesehen, der das Gleiche erlitt;
+ich war dabei, als er auf den Holzstoß stieg. Aber das ist vielleicht
+aus zu grober Materie; Ereignis gegen Ereignis, eins der Schatten vom
+andern; was besagen sie beide? Die lüsterne Phantasie nascht davon, und
+es entsteht Irrtum und Dunkel. Man muß immer zum Geringen niedersteigen,
+dann ist die Falte auf einer Stirn und die Windung in einem Ohr beredt
+genug, und wo man geht und steht, umdröhnt einen der Lärm des Bluts,
+der Wünsche, Begierden, Träume und Gedanken in allen wie das
+Hämmergestampf in einer Maschinenhalle. Ohne Aufhören ist es, ohne
+Stille; Rad wetzt sich an Rad, Hebel stößt Hebel. Ich bin einmal mit
+einer Kolonne von Arbeitslosen marschiert, Männern und Frauen; wie es
+hinter den Schädeln raste! Mir war als sausten Knüttel auf mich herab,
+und doch waren die Leute ganz stumm. Ich bin einmal auf einem Schiff
+gewesen, das auf eine Mine stieß; die Passagiere stürzten auf Deck, und
+die Todesangst in den Gesichtern kann ich nicht vergessen. Sie waren
+aufgerissen bis in die verborgensten Fasern. Schamlos werden die
+Menschen da; Zucht fällt ab wie Tünche, das Gehütetste geben sie preis,
+und nur Mütter und Tiere verlieren sich nicht ganz. Ich bin einmal in
+Litauen oben mit drei Wucherern in einem Postwagen gefahren. Sie
+sprachen wenig, und das Wenige mit Vorsicht; aber ihre Augen und ihr
+Lachen und ihre Gebärden erzählten von zugrundegerichteten Existenzen,
+von Bitten und Flehen, das an ihrer Unempfindlichkeit abgeprallt war;
+jeder schleppte ein Netz, worin die Ausgesogenen wehrlos zappelten; und
+es war, als zeigten sie einander ihre Beute. Ich folgte ihnen heimlich;
+es ließ mir keine Ruhe, von ihnen viel zu wissen; ich sah Drohbriefe und
+Pfandscheine und verfallenes Gut und ausgeräumte Stuben, und den
+Leichtsinn der Opfer, die Verzweiflung von einem, der Wechsel gefälscht
+und von einem der Geld unterschlagen und von einem, der sein Erbe
+verschleudert hatte. Die drei Wucherer waren wie Pirschgänger; sie
+brachten Menschen in Rudeln zu Fall; sie häuften Reichtümer an, ohne sie
+zu genießen, ohne sich daran zu freuen, ihr einziges Ergötzen war die
+Qual und Wut des in die Enge getriebenen Menschenwildes; als ich in
+einer Nachtstunde einen allein in seinem Zimmer sitzen sah, durch das
+Fenster von der Straße aus konnte ich ihn sehen, da erschrak ich, denn
+das Gesicht sah aus wie das eines versteinerten, grauenhaft traurigen
+Affen.«
+
+Der Unbekannte bedeckte hastig die Augen mit der Hand und lächelte
+enigmatisch. »Um ihn war ein Geruch von Schicksalen wie von Miasmen,«
+fuhr er fort; »doch ein jedes Schicksal hat seinen bestimmten Geruch,
+seine bestimmte Schwere, seine Flugkraft, seine Intensität, seine
+angeborene Gewalt. Es wächst oder welkt wie die Pflanze; es zieht
+anderes Schicksal an oder stößt es ab, je nachdem. Es ist über den
+Menschen, eine Weile oder ein Jahrtausend, je nachdem, dann in den
+Menschen. Sie verhalten sich zu ihm wie mehr oder minder elektrische
+Körper zum Blitz. Das Unausdenkbare, sobald es ausgedacht werden kann,
+geschieht es schon oder ist geschehen; aber der es erleiden muß, dem ist
+es Rätsel und Grauen. Ich war in Böhmen auf einem Gut, dessen Besitzer
+seit kurzem geistesgestört war, und zwar aus folgender Ursache. Es war
+ein reicher Edelmann, ohne Familie und ohne Freunde, ein menschenscheuer
+Sonderling. Die einzige Person, der er vertraute, war sein Diener, mit
+dem er fünfundzwanzig Jahre auf dem Schloß gehaust hatte, der für seine
+Bedürfnisse sorgte, seine Launen kannte und ihm in allem demütig ergeben
+war. Eines Tages wurde der alte Baron von Todesahnungen geplagt;
+vielleicht ängstigte ihn die völlige Einsamkeit zum erstenmal; er rief
+den Diener zu sich in die Stube und sagte ihm, daß er wahrscheinlich
+bald sterben müsse, und daß er, um ihn für seine Treue und
+Anhänglichkeit zu belohnen, sich entschlossen habe, ihm den großen
+Meierhof zu schenken, der an den Schloßpark grenzte. Er möge für den
+nächsten Morgen den Notar bestellen, damit die Schenkung rechtsgültig
+festgelegt werde. Der Diener starrte eine Weile stumpf vor sich hin.
+Während des ganzen Vierteljahrhunderts nämlich, das er mit seinem Herrn
+verbracht, hatte er nie eine Gemütsbewegung an ihm bemerkt, nie eine
+Gabe von ihm empfangen, nie ein mildes Wort von ihm gehört. Er fängt an
+zu stottern; er verfärbt sich, plötzlich stürzt er vor dem Baron auf die
+Knie, schluchzt vor Zerknirschung und sagt, er sei der Gnade des Herrn
+unwürdig; er müsse sich eines gräßlichen Vorhabens anklagen, das er
+dreimal in Tat umsetzen gewollt; dreimal habe er den Plan gefaßt, den
+Herrn umzubringen; dreimal sei er des Nachts unter dem Bett des Herrn
+gelegen, um ihn im Schlaf zu erwürgen; dreimal habe ihn ein Zufall daran
+gehindert: einmal der Hahnenschrei; einmal das Schlagen der Pendeluhr;
+das letztemal, in voriger Nacht erst, das Trompetensignal einer durch
+die Dorfstraße ziehenden Militärabteilung. Der Baron wußte nichts zu
+antworten. Er hieß den Diener gehen. Er verabschiedete ihn noch an
+demselben Tag. Das nachträgliche Entsetzen über die dreimalige nicht
+gewußte Gefahr, unter Mörderhand zu enden, umnachtete seinen Geist.«
+
+Der Unbekannte hatte einen Ausdruck in den Augen, als schaue er in ein
+Gewühl, das fern und tief unten war. »Aber ist das nicht auch zu grob,
+zu tatsächlich, zu zufällig?« fragte er gedankenvoll; »ich greife es
+heraus, weil es sich herausdrängt. Ich bin zu erfüllt davon. Es haftet
+auch an der Haut. Und immer ist es aneinandergereiht wie die Käfer auf
+einem Pappendeckel. Man will beweisen, was man spricht. Ich sehe immer
+das Exempel. Ich sehe so viele, die ihren Mörder neben sich haben; sie
+füttern ihn förmlich auf und drücken ihm die Waffe in die Hand. Oft ist
+es ihr eigener Schatten, der sie mordet, oft ihr Bild in einem Bruder,
+einer Geliebten, einem Freund. Keiner weiß etwas vom Bruder, von der
+Geliebten, vom Freund, und es ist wunderlich amüsant, zu erfahren, was
+er zu wissen vorgibt. Mißverständnisse geben ihnen den stärksten Halt.
+Es ist überhaupt wunderlich amüsant alles, finden Sie nicht? Immer
+sehen, immer hören, jede Stunde ausschöpfen, jedes Herz aushorchen! Was
+hätte ich drum gegeben, wenn ich jenen Diener noch auf dem Gut getroffen
+hätte! Die fünfundzwanzig Jahre Gehorsam in Schweigen und Haß, was muß
+da in seinem Gesicht zu lesen gewesen sein! Ich habe ihn lange Zeit
+gesucht; leider umsonst.«
+
+Er beugte sich vor; die schöngeformten Hände machten eine zaghafte
+Geste. »Diener! daß es solche gibt!« fuhr er fort; »daß es Knechte gibt,
+und Türsteher; solche, die Kohlensäcke auf dem Rücken tragen;
+Schiffszieher; solche, die in Schwefelgruben steigen; solche, die
+Kloaken säubern; solche, die Bleidämpfe einatmen. Jeder mit seinem ganz
+besondern Sinn. Einer hat nicht dieselben Finger wie der andere; in
+zweien sind nicht zwei gleiche Gedanken, und jeder läßt sich die Last
+aufbürden und schleppt und schleppt. Warum nur? Man kann nicht fertig
+werden, darüber nachzudenken. Millionen Sklaven keuchen unter der Kette;
+tausend rebellieren und reißen sich los, und schon zwängen sich tausend
+neue an ihre Stelle. So mutlos und wundgerieben ist aber keiner, daß er
+nicht ein Weib bei sich hätte und Kinder mit ihr zeugte, die auch wieder
+an die Kette geschmiedet werden. Da schwillt das Leiden immer höher. In
+manchen Ländern steht es bereits so, daß die Kinder mit einem alten
+finstern Herzen auf die Welt kommen. Ich habe mich davon überzeugt. Ich
+habe folgendes erlebt. Man geht nichts ahnend hin, und aus dem Erdboden
+heraus strecken sich einem Kinderarme entgegen, lauter magere Kinderarme
+wie ein Feld von Strohhalmen; die Fäustchen sind krampfhaft geschlossen,
+die zarten Gelenke sind rhachitisch. Es ist äußerst merkwürdig: man kann
+meilenweit wandern, zwischen Fabrikschloten und flammenden Essen, und
+sie strecken sich einem unabsehbar entgegen, lauter magere Kinderarme,
+wie Strohhalme, oder wie kleine geschälte Zweige. Manche brechen, manche
+wachsen, jedenfalls sind es zahllose, und sie versperren einem den Weg.
+Was sagen Sie dazu? Meinen Sie nicht, daß Ihre Ansicht, die Zeit sei
+Ihnen entgegen, doch falsch ist? Ist sie nicht geradezu für Sie?
+Geradezu wie für Sie gemacht? Ist sie nicht wie ein verdorrter Acker,
+der Bewässerung verlangt, Licht und Wärme? Denken Sie nur an die
+zahllosen Kinderarme. Sie können sich niederbeugen, die
+zusammengekrampften Fäustchen öffnen, die frierenden Hände ergreifen.
+Ich fürchte, das klingt sentimental, aber ich halte es Ihnen als
+Notwendigkeit vor. Es ist, als schaute man in ein vergiftetes Bassin, wo
+viele kleine Fische vor dem Krepieren noch ein bißchen zucken. Das
+einzige Mittel, sie zu retten, ist, neue Quellen und Zuflüsse
+hineinleiten. Sie sagen, das Werk lasse sich nicht schaffen, weil die
+Geister und Seelen zerstört sind. Zum Teil ist das ja richtig. Aber war
+die Auslese der Brauchbaren nicht immer sehr gering? Steht und fällt
+nicht jedes Werk mit dem einen Hirn, in dem es geboren wird? Und
+brauchen Sie denn die Menschen? Genügt nicht das Schauspiel von Aufstieg
+und Sturz, das sie Ihnen bieten? Ist denn der große Lebensteppich
+zerfetzt oder verbrannt? Sind seine Farben verblaßt? Ist er minder bunt
+gewirkt als vor zehn, vor hundert, vor tausend Jahren?«
+
+Der Unbekannte schien in einiger Erregung. Der Ton seiner Fragen war
+dringlich; er hatte die Hände ausgestreckt und sich noch weiter
+vorgebeugt. »Es scheint mir nicht. Sehen Sie doch hin. Die Paare treten
+zum Tanz an, der Wein wird ausgeschenkt, die Musik spielt. Es ist ein
+Haus mit vielen Stockwerken; in dem einen ist Fröhlichkeit, im andern
+Traurigkeit. Es ist eine Zauberhöhle mit schimmerndem Gestein. Man
+braucht nicht einmal Aladdins Wunderlampe; die dienenden Geister
+gehorchen dem, der den Weg gefunden hat. Wozu Gericht? Wozu Verdammung?
+Nicht einmal urteilen darf man. Zerstörte Geister und Seelen, was heißt
+das? Ist das eigene Auge und die eigene Seele unzerstört, so ist die
+Welt unzerstört. Gäbe es eine Hölle wirklich und wären alle ihre
+Verdammten losgelassen, um aus purer Raserei die Welt zu vernichten, und
+es fände sich nur ein einziger unter ihnen, der beim Ruf der Erlösung
+sehnsüchtig stutzt, so würde es sich verlohnen, sie von neuem
+aufzubauen. Das ist meine Ansicht. Schlagen Sie die Augen empor! Fassen
+Sie doch, wie ein Kind es tut, das Ungeheure, das Süße, das
+Schmerzliche, das Blühende, den ungeheuren, überflutenden Reichtum.
+Freilich ist eines not, wie es auch geschrieben steht. Es steht
+geschrieben: Von der Neigung zu geliebten Personen mußt du so frei sein,
+daß du, soviel dich anbelangt, ohne alle menschliche Verbindung zu sein
+wünschest; umso näher kommt der Mensch Gott, je weiter er sich von allem
+irdischen Trost entfernt. Aber das ist eine harte Aufgabe. Geöffnet sein
+und im ehernen Panzer; leicht sein und schwer beladen; den Baum hegen,
+der die seltenen Früchte trägt, und sie nicht für sich pflücken dürfen.
+Trotzdem ist es köstlich, zu wandeln und die Luft der Erde zu atmen,
+wenn man die Botschaft versteht, die einem geworden ist.«
+
+ * * * * *
+
+Mörner wollte die Hand des Unbekannten ergreifen, doch der Stuhl, auf
+dem er gesessen, war leer. Seine Brust hob sich mit einer Sturmwelle, er
+wußte nicht, ob in freudigem, ob in wehem Gefühl. Fragen quollen ihm auf
+die Lippen, die er an sich selbst richtete, aus einer Morgendämmerung
+des Herzens heraus: wo gräbst du? wo wächst du? wo wirkst du? wo ist
+dein Feld? wo ist dein Weg? Aber ehe er sie bedenken konnte, waren sie
+von einer geisterhaft-entfernten Stimme beantwortet, und er glaubte
+einen Arm zu gewahren, der ihm eine goldhäutige, strahlende Frucht
+zeigte. Der Tag rauschte über das Firmament, und er begrüßte ihn. Er war
+an der Wende angelangt, wo der Ausgleich ist zwischen Finsterem und
+Hellem, über welchen der Bogen sich wölbt, an den die Sternbilder
+geheftet sind, Inbegriff allen Schicksals.
+
+
+
+
+Adam Urbas
+
+
+Unter den Aufzeichnungen des kürzlich verstorbenen
+Reichsgerichtspräsidenten Diesterweg, eines scharfsinnigen und
+geistreichen Kriminalisten vom Schlage des großen Anselm Feuerbach,
+befand sich auch die folgende.
+
+An einem Oktoberabend, zu später Stunde, kam der Bauer Adam Urbas aus
+Aha, einem Dorf des südlichen Frankens zwischen Altmühl und Hahnenkamm,
+auf die Gendarmeriestation in Gunzenhausen und erstattete die Anzeige,
+daß er an eben diesem Tag seinem achtzehnjährigen Sohn Simon den Hals
+abgeschnitten habe. Er liege tot in der Kammer zu Hause. Das Messer, mit
+dem er die Tat verübt, trug er bei sich und überreichte es. Es war noch
+blutig.
+
+Die Selbstbezichtigung, in ruhigem Ton und mit äußerst knappen Worten
+vorgebracht, wurde protokolliert. Auf alle weiteren Fragen des
+Kommissärs verweigerte er die Antwort. Der Lokalaugenschein, der noch in
+derselben Nacht vorgenommen wurde, bestätigte seine Angaben. Man traf
+ein vor Entsetzen und Jammer halbwahnsinniges Weib und bestürzte Knechte
+und Mägde.
+
+Adam Urbas wurde ins Gefängnis nach Ansbach gebracht.
+
+Als ziemlich junger Richter war ich einige Wochen zuvor in diese
+Kreishauptstadt versetzt worden, und meinem lebhaften Ehrgeiz war es
+willkommen, daß man mich mit der Voruntersuchung betraute.
+
+Der Fall schien von Anfang sonnenklar. Ein anscheinend beschränkter und
+in allen Vorurteilen seiner Kaste befangener Bauer hatte seinen
+entarteten Sprößling, von dem er nur Schande und Unheil erfahren hatte,
+kurzerhand aus dem Weg geräumt, sowohl um ein Strafgericht zu
+vollziehen, als auch um noch größerem Übel, das im Entstehen war,
+vorzubeugen.
+
+Nach den übereinstimmenden Aussagen der Zeugen war der junge Urbas ein
+völlig verlottertes Individuum gewesen, arbeitsscheuer Herumtreiber,
+ständiger Gast in allen Wirtshäusern und auf allen Jahrmärkten der
+Gegend. Für seinen müßiggängerischen und anstößigen Wandel hatte er viel
+Geld gebraucht, und was ihm die gefügige Mutter, die er einzuschüchtern
+verstand, nicht gab oder geben konnte, hatte er sich auf andere Weise zu
+verschaffen gewußt. So hatte er im August beim Getreidehändler Kohn in
+Weißenburg auf eigene Faust achthundert Mark für gelieferte Gerste
+abgeholt und das Geld unterschlagen und verpraßt. In Nördlingen hatte er
+sich mit einem verrufenen Frauenzimmer eingelassen, das von ihm
+schwanger zu sein behauptete; eines Tages hatte er die Person an einen
+entlegenen Ort gelockt und zu erwürgen versucht. Durch ihr Geschrei
+waren zufällig vorbeikommende Leute alarmiert worden, und so war sie ihm
+entronnen. Über diese Angelegenheit war die Untersuchung noch im Gange,
+als Adam Urbas den gerichtlichen Maßnahmen zuvorkam.
+
+Auch aus der Knabenzeit Simons wurden Züge und Begebenheiten berichtet,
+die seinen Charakter in das übelste Licht rückten. Nichts entstammte
+dem Übermut, was er verübte, es war immer voller Tücke und
+Abgefeimtheit. So hatte sich z. B. die Großmagd sechs neue Leinenhemden
+in der Stadt gekauft; freudig zeigte sie die Erwerbung dem übrigen
+Gesinde und der Bäuerin; es wurde zur Vesper gerufen, und sie legte die
+blütenweiße Wäsche auf den Tisch in der Tenne. Als sie zurückkam, waren
+die Hemden mit Wagenschmiere derart besudelt, daß keines mehr brauchbar
+war. Daß Simon die Büberei begangen, bezweifelte niemand, aber bewiesen
+werden konnte es nicht, so wenig wie die Sache mit dem Fuhrmann Scharf.
+Der hatte seinen mit Mehlsäcken beladenen Wagen vor dem Krug halten
+lassen; als er weiterfahren wollte, rann das Mehl in weichen Bächen auf
+die Straße; zehn oder zwölf Säcke waren heimlich aufgeschnitten worden.
+Das ist der Simon Urbas gewesen und kein anderer, hieß es; bewiesen
+werden konnte es nicht.
+
+Zur Heuchelei und Hinterlist gesellten sich später Frechheit und
+Gewalttätigkeit, und alle Gutmeinenden waren darüber einig, daß da ein
+Menschenunkraut emporwuchs, so hoch, daß keine Schere mehr hinanreichte,
+es zu stutzen und kein Spaten stark genug war, es auszujäten. Ich hätte
+auf die Fülle des gebotenen Materials verzichten können. Da war kein
+Problem, keine Verworrenheit, keine Tiefe; alles war eindeutig, platt
+und roh, zumindest, was den Ermordeten betraf.
+
+Der letzte Akt des dörflichen Schauerdramas hatte sich am Gunzenhauser
+Kirchweihsonntag abgespielt. Zwei Bauern aus Windsbach hatten sich im
+Wirtshaus zu Aha darüber unterhalten, daß gegen Simon Urbas ein
+Verhaftsbefehl erlassen worden sei. Adam Urbas saß unbemerkt von ihnen
+am Nebentisch. Die anderen Gäste und der Wirt schielten ängstlich nach
+ihm hin, denn aus der Art, wie er das Glas absetzte und vom Stuhl
+aufstand, war zu schließen, daß er von der Nördlinger Geschichte noch
+nichts wußte. Die Schandtaten Simons wurden ihm nämlich so lang wie
+möglich verhehlt. Es war seine außerordentliche Schweigsamkeit, seine
+achtunggebietende Haltung und nicht zuletzt seine große Beliebtheit in
+der Gemeinde und in der ganzen Gegend, die einen schonenden Wall um ihn
+errichteten. Durch all die Jahre hatte auch die Bäuerin die schlimmsten
+Nachrichten aufzufangen und in ihrer Wirkung auf Urbas zu mildern
+gewußt. Aber wenn man annahm, daß er deshalb in Unwissenheit oder nur in
+halber, in freiwilliger Unwissenheit lebte, so täuschte man sich. Er
+verstand es eben, seine Umgebung über das, was er sah und in ihm
+vorging, im Zweifel zu lassen.
+
+Die Bäuerin hatte das drohende Unglück beim Buttern von einer
+schwatzhaften Magd erfahren. Als Urbas nach Hause kam, stellte sie sich
+ans Fenster, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Da ging, es war
+schon gegen Abend, der Ziegelarbeiter Franz Schieferer am Haus vorbei
+und rief ihr zu, der Simon sei drüben in Gunzenhausen im Hirschen; er
+traktierte die Manns- und Weibsleute und werfe mit Geld herum, daß es
+nur so klappre; aber, fügte er lachend hinzu, denn er war stark
+angeheitert, man werde den Vogel bald auf Numero Sicher haben, die
+Gendarmen seien schon unterwegs. Dem war freilich nicht so, wie sich
+später erwies; auch das mit dem Verhaftsbefehl war vorläufig leeres
+Gerücht.
+
+Das ganze Gesinde war zur Kirchweih gegangen. Die Bäuerin ließ sich auf
+die Wandbank nieder; Urbas wanderte mit schweren Schritten in der Stube
+auf und ab. Da hörte man von der Straße herein schlürfendes Gehen, dann
+wurde an der Haustürklinke gerüttelt. Fäuste polterten wider das
+massive Holz, dazu erschallten Flüche. Die Bäuerin sprang auf und wollte
+hinaus; Urbas hob den Zeigefinger, nichts weiter; sie verharrte auf der
+Stelle. Nun zeigte sich Simons Gesicht am Fenster, von Trunkenheit
+gerötet, mit Augen voller Bosheit. Die Bäuerin schrie auf und winkte ihm
+zu, er solle weggehen. Er verschwand wieder, eine Weile blieb es ruhig,
+dann war auf der Tenne Lärm. Er war durch die Tür auf der Hofseite ins
+Haus gelangt. Im Dunkeln stieß er gegen das Gerät; man vernahm einen
+Sturz; die Bäuerin riß die Stubentür auf und im hinauslohenden
+Lampenschein gewahrte sie, wie sich der betrunkene Mensch mühsam vom
+Boden aufrichtete. Die Arme gegen die beiden in der Stube reckend, drang
+eine gräulich lästernde Rede aus seinem Mund; vielleicht war dieser
+Augenblick entscheidend für Urbas. Die Bäuerin sagte aus, daß sie ihn
+vom Kopf bis zu den Füßen habe zittern sehen. Simon hatte sich indessen
+zu seiner Kammer getastet; er schlug dröhnend die Tür hinter sich zu,
+dann war es wieder still. Urbas schaute in die finstere Tenne hinaus,
+die Bäuerin stand hinter ihm, das Gesicht in die Schürze gepreßt. Das
+dauerte so an fünf Minuten. Hierauf verließ Urbas die Stube und ging
+hinüber in die Kammer. Die Bäuerin versicherte, daß sie geahnt und
+gespürt habe, was kommen würde, daß ihr aber die Glieder wie gefroren
+gewesen seien und sie während der ganzen Zeit ihrer Sinne nicht mächtig
+war. Ob Simon so berauscht gewesen, daß er gleich, nachdem er sich auf
+die Bettstatt geworfen, in Schlaf verfiel, oder ob sie noch miteinander
+geredet, Vater und Sohn, ließ sich deshalb nicht ermitteln. Einmal sagte
+sie, es sei alles still geblieben, dann wieder, sie hätten miteinander
+geredet, und zwar ziemlich lange; die beiden Türen waren aber
+geschlossen gewesen, und da sie nach ihrer Behauptung im Ofenwinkel
+gesessen war, konnte, wie durch mehrmaligen Versuch erwiesen wurde, der
+Schall von bloßem Sprechen unmöglich zu ihr gedrungen sein. Auch ihre
+Angaben, wie lange Urbas in der Kammer geweilt, waren auffallend
+unsicher; bald sagte sie, es könne nur eine Viertelstunde, bald, es
+müßte mehr als eine Stunde gewesen sein. Das Mordmesser hatte nicht
+Urbas gehört, sondern dem Sohn; ob es dieser bei sich getragen oder ob
+es in der Kammer gelegen, war ebenfalls nicht zu ermitteln. Hierüber
+verweigerte Urbas jede Auskunft, und so wichtig der Umstand war, er
+konnte vorerst nicht ins Klare gebracht werden.
+
+Ich gestehe, daß mir alle diese Vorgänge trotz ihrer Unheimlichkeit
+zunächst wenig Interesse einflößten. Sie waren als Begleiterscheinung
+eines solchen Verbrechens typisch. Der Vater ein unbeugsamer Starrkopf,
+beleidigt in seinem bäuerlichen Ehrgefühl, in echt bäuerlichem Dünkel
+keine Instanz über sich anerkennend, der Sohn ein Lump, dessen
+vorzeitiges und gewaltsames Ende man kaum recht bedauern konnte; die
+Mutter haltlos zwischen beiden schwankend; es war die übliche
+Konstellation, und die Gerechtigkeit konnte ihren Lauf nehmen, ohne daß
+sie auf hemmende Dunkelheiten stieß.
+
+Nach und nach aber, bei genauem Einblick in die Vergangenheit und die
+Art des Adam Urbas, wurde meine Aufmerksamkeit nachhaltiger gefesselt.
+Es war als gingest du an einer Mauer entlang, die aussieht wie alle
+andern Mauern in der Welt; plötzlich gewahrst du, erst kaum bemerkbar,
+dann immer deutlicher, gewisse Zeichen und Runen, die zu prüfen ein
+Etwas dich zwingt; du kommst nicht mehr los, du beginnst Gruppe um
+Gruppe zu entziffern, und schließlich wird dir eine unerwartete
+Mitteilung über das verschlossene Gebiet, das hinter dieser Mauer liegt.
+
+Die Urbassche Ehe war dreizehn Jahre kinderlos gewesen. Die Frau hatte
+es als unabwendbares Schicksal getragen, der Mann aber hatte sich
+aufgelehnt gegen den Spruch der Natur. Er war der Letzte eines uralten
+Bauerngeschlechts; in fränkischen Chroniken des vierzehnten Jahrhunderts
+schon werden die Urbas genannt. Ihn dünkte es wie Schmach, daß er keinen
+Leibeserben haben sollte. Wozu war das Schaffen und Sparen, Säen und
+Ernten? Wozu das Haus mit den gefüllten Truhen, das Vieh im Stall, das
+Getreide in der Scheune, wozu Acker und Wiese, Mühle, Fluß und Wald?
+
+Er äußerte sich nicht; gegen sein Weib nicht, gegen andere Menschen
+nicht. Er verzog keine Miene, wenn die andeutende Rede darauf fiel. Kein
+hartes Wort das Jahr über, keine Erkundigung.
+
+Aber einmal im Monat geschah es, daß er den Blick auf der Frau ruhen
+ließ. Es ging höhere Gewalt aus von dem Blick. Er wurde dabei nicht von
+einer bestimmten Absicht gelenkt; es gewann Macht über ihn und brach
+hervor. Auf dem Feld konnte es sein: er hörte auf, die Garbe zu binden
+und schaute sie an; beim Abendessen: er ließ den Löffel in die Schüssel
+fallen und schaute sie an; in der Nacht: die Bäuerin erwachte, er lag
+da, auf den Arm gestützt und schaute sie an. Auf dem Platz vor der
+Kirche: sie stand im Gespräch mit andern Weibern, plötzlich verstummte
+sie, denn er stand drei Schritte vor ihr und schaute sie an. Ohne Zorn,
+ohne Drohung, ohne Vorwurf, nur prüfend, aus umbuschten Augen still und
+lang.
+
+Einmal im Monat geschah es und war mit Sicherheit zu erwarten. Anfangs
+ging es der Bäuerin nicht nah. Sie hielt es für eine Schrulle. Sie gab
+sich keine Rechenschaft, worauf es abzielte. Sie lachte; sie zwang sich
+zu einem muntern Wort. Später duckte sie sich, flüchtete mit Sinn und
+Auge; aber es kamen Stunden und schließlich Tage, wo sie in Grübeleien
+verfiel und die Frage, die sie an den Bauern nicht zu richten wagte, an
+seinen geisternden Schatten richtete.
+
+Können Menschen nicht miteinander reden? grübelte sie; wozu hat einer
+die Zunge im Maul, daß er nicht sagt, was er begehrt? Sie beschloß, den
+Mann anzuhalten. Doch wenn es so weit war und sie vor ihn hintrat,
+entfiel ihr der Mut. Verschuldung wuchs, um Aufschluß drängte eine
+Stimme, Aufschluß kam nicht, sie fühlte sich nicht schuldig, etwas war
+schuldig, aber das Etwas war in ihr.
+
+Das wechselnde Tun während der lebendigen Jahreszeiten zwang die Tage
+immer wieder ins gleiche, aber für eine immer kürzer werdende Spanne.
+Die Angst vor des Bauern Blick, der auf sie eindrang, so oft das
+Blutzeugnis die Schuld vergrößerte, lähmte die Gedanken. Vom November
+bis zum Februar rückten die Steine und Balken des Hauses gefährlich
+aneinander, in den Stuben war schwerere Luft, der Himmel klebte an den
+Fensterscheiben, der Abend war ein nasser Sack um den Leib, das Linnen
+schleifte bleich über die Diele, die Kühe lagen in rosigem Dampf, und
+durch die Schneeschlucht heran zum Stall schwankte durch Irisringe
+breitgängig, die Laterne in der Hand, die hochschwangere Magd.
+
+Alles war Leib, alles war Angst. Achtundzwanzig Tage und Nächte waren
+ohne Einschnitt; Urbas saß am Ofen, die Pfeife zwischen den Zähnen; ging
+ins Wirtshaus und kehrte am Abend zurück; saß wieder am Ofen und
+studierte die Zeitung; erhob sich, wenn der Topf mit Kraut und Klößen
+hereingetragen wurde; sprach das Gebet; hörte still zu, wenn die andern
+redeten, und nichts Heimliches war in seinen Mienen, kein Groll, der
+sich sammelte, nur Schweigen.
+
+Dann aber kam die Stunde. Die Bäuerin spürte es schon in jeder Ader; die
+Haare fingen an zu knistern. Eine Tür ging auf, und er stand da; am
+Morgen, am späten Abend; war es nicht in der Stube, so war es in der
+Tenne; stand da mit dem unerforschlichen Blick. Kein Räuspern, kein
+Aufzucken, kein Wort, nur der Blick: warum nicht? warum alle und du
+nicht? warum liegt dein Acker brach?
+
+Zwölf Jahre waren so verflossen, da hatte die Kraft der Frau ein Ende.
+Ihr Gemüt umdüsterte sich. In den Nächten wälzte sie sich schlaflos.
+Durch die Finsternis brannten die Augen des Bauern, auch wenn er
+schlief. Hörte sie bei Tag seinen Schritt, so verkroch sie sich in einen
+Winkel der Scheune und kauerte zitternd, bis von allen Seiten das Rufen
+nach ihr erschallte. Die Zügel der Wirtschaft waren gelockert, das
+Gesinde wurde lässiger.
+
+Sie versagte sich ihm. Ihr graute vor seiner Umarmung. Ergab sie sich
+nicht, so hatte er nichts zu fordern, schien es ihr in der Verdunkelung
+ihrer Sinne. Sie wurde kalt an Haut und Blut; das Weib in ihr erstarrte.
+Da aber fing Urbas an, um sie zu werben. Es war wie nie zuvor. Sie hatte
+es nie kennen gelernt. Nicht mit Worten warb er, vielmehr in einem
+scheuen Dienst. Es lag oft etwas Beklommenes darin, als habe sie sich
+versteckt, und er müsse sie finden; als suche er und könne sie nicht
+finden. Er glich einem Tier, das leidet. Ein Jahr lang oder noch länger
+währte dies, und in der Zeit verlor sich die Angst der Bäuerin, denn
+sie merkte, daß sie nicht bloß eine an ihn hingeworfene Kreatur in
+seinen Augen war, der man zu fressen gibt und die man karessiert, wenn
+sie geschuftet hat, und einen Fußtritt verabreicht, wenn sie nicht
+leistet, was man von ihr verlangt, sondern daß sie noch was anderes für
+ihn bedeutete, der Ehrung und der Befragung Würdiges. Sie wandte sich
+ihm mit bereitwilligerem Herzen wieder zu; einen Monat darauf wurde sie
+schwanger.
+
+Als dies keinem Zweifel mehr unterlag, verwandelte sich ihr Wesen
+vollends. Mit jungen Schritten eilte sie durchs Haus, trieb die Säumigen
+heiter zur Arbeit, legte selbst überall Hand an, gesprächig, hell,
+aufgeblättert. Staunen war um sie. Auch Urbas wunderte sich. Sie mochte
+ihm, was bevorstand, nicht geradezu ankündigen; sie wünschte eine Form,
+in der es festlich und wie ein Geschenk wirken sollte. Am Gründonnerstag
+legte sie das Staatskleid an, dazu die langen schwarzen Kopfschleifen
+mit den silbernen Spangen, dann rief sie Urbas in die obere Stube, wo
+die Glasschränke standen mit dem alten Silber und Porzellan,
+Jahrhunderterbe. Gewichtig setzte sie sich in den Lehnstuhl, faltete die
+Hände über dem Leib und sagte, was zu sagen war, kurz und simpel.
+
+Durch Urbas mächtigen Körper ging ein Ruck. Als sie von dieser Stunde
+sprach, neunzehn Jahre später sich dieses Geständnisses entsann und wie
+Urbas sich dabei verhalten, war ihr noch immer die Erschütterung
+anzumerken, die sie damals gespürt. Sein erdbraunes Gesicht wurde rot
+wie Mohn. Er stieß eine dröhnende Lache aus. Darnach rann ihm die Nässe
+aus den Augen. Er trat auf sie zu und schlug sie so derb auf die
+Schulter, daß sie schrie. Bestürzt, sie könne nicht als Liebkosung
+nehmen, was so gemeint war, tätschelte er ihr den Rücken, zärtlich,
+andächtig und ließ dazu ein melodisches Gebrumm in der Kehle orgeln.
+
+Auf sein strenges Geheiß mußte sie sich pflegen. Er ging heimlich zum
+Doktor und bat um Weisungen. Damit die zwei Arme nicht fehlten, heuerte
+er noch eine Magd. Er überwachte sie; er räumte ihr aus dem Weg, was sie
+beim Schreiten hinderte. Als die Kinderwäsche genäht wurde, saß er
+bisweilen mit runden Augen daneben und wiegte den schweren Schädel.
+
+Alles verlief der Natur gemäß, auch die Stunde am Ausgang der neun
+Monate. Lange hielt Urbas das Neugeborene in der Hand, lange betrachtete
+er das trübselig-ungestalte Ding. Auf seiner Stirn wetterte es freudig
+und sorgenvoll.
+
+Simon wuchs auf wie alle andern Bauernkinder; es wurde ihm nichts
+leichter gemacht. Keine Kenntnis durfte ihm davon werden, wie lang man
+auf ihn gewartet hatte und mit welcher Ungeduld. Was er seinen Leuten
+wert war, mußte sich aus seiner Brauchbarkeit ergeben. Frühe Launen
+zerschellten an der festgefügten Ordnung; frühe Krankheiten waren die
+Probe, die zu bestehen war: taugst du oder taugst du nicht? Allerdings,
+wer scharf zusah, konnte dann an Urbas eine unruhige Gespanntheit
+wahrnehmen, als behorche er den innersten Blutgang im Leib des Knaben.
+
+Das Behorchen blieb in seinen Zügen. Es grub sich faltenmäßig ein.
+Schien es, wie wenn er nicht beachte, was Simon tat und sprach, so war
+es falscher Schein. Niemand in seiner Umgebung konnte ermessen, mit
+welcher Genauigkeit er in diesem Punkte sah. Ich erfuhr es. Ich erfuhr
+es in einer Weise, die weder zu vergessen, noch eigentlich mitteilbar
+ist. Es wären dazu andere Behelfe nötig, als sie mir zur Verfügung
+stehen.
+
+Eine fast erhabene Vorstellung von dem Verhältnis zwischen Vater und
+Sohn war mit seinem Wesen verschmolzen. Er fühlte sich als Bauer, d. h.
+er fühlte sich als König. Die Erde war seine Erde. Der Knecht war sein
+Knecht. Wetter wurde für ihn gemacht, und für den Acker, und für die
+Ernte. Er war Herr über das Land; sein Auge grenzte es ab bis zu dem
+Stein, der von altersher unverrückt stand; kein Halm, der nicht in
+seinem Namen aufschoß. Eigentum war das Heiligste von allem, und
+Eigentum war des Herrn bedürftig, daß er es wachsam und unerbittlich
+verwalte, bis auf den Pfennig, bis auf das Saatkorn. Der Sohn übernahm
+es vom Vater, der Vater gab es dem Sohn, durch alle Zeiten hindurch; so
+war die Ordnung der Dinge, anders war die Welt nicht zu verstehn.
+
+Aber das heißt vorgreifen, und ich will den Faden behalten.
+
+Die förmlichen Verhöre, die ich mit Urbas vorzunehmen verpflichtet war,
+führten zu keinem nennenswerten Ergebnis. Die Antworten waren immer
+dieselben, und sie jedesmal wiederholen zu sollen, schien ihm
+verwunderlich und lästig zu sein. Er beschränkte sich auf die Tatsache;
+erklären wollte er nichts. Sich zu verteidigen verschmähte er, auch von
+einem Rechtsbeistand wollte er nichts wissen, und meinen Belehrungen und
+Ratschlägen setzte er eine obstinate Gleichgiltigkeit entgegen. Als ich
+ihm nahelegte, daß er durch eine freimütige Darstellung der Beweggründe
+seines Verbrechens eine bedeutende Strafmilderung erzielen könne,
+antwortete er lakonisch: »Es ist nicht an dem.« Ich entschloß mich, auf
+die fruchtlosen Inquisitionen zu verzichten, zumal die Zeugenaussagen
+und alles, was mir über die Person des Ermordeten wie über die des
+Angeklagten selbst bekannt geworden war, eine lückenlose Motivenkette
+geschaffen hatten.
+
+Dennoch gab es zwei Momente der Ungewißheit, die aufzuhellen noch nicht
+gelungen war. Das eine war das Gutachten des Gerichtsarztes über den
+Leichenbefund am Tatort. Die Lage des Körpers zeigte nämlich nicht das
+geringste Merkmal von verübter Gewalt, weder an der Art wie die
+Gliederstarre eingetreten war, noch an den Kleidern, noch am
+Gesichtsausdruck. Wäre nicht die Selbstbeschuldigung des Bauern gewesen,
+so hätte sich der Beweis des Mordes schwer erbringen lassen. Das zweite
+knüpfte sich an das unbestrittene Faktum, daß das Messer dem Simon Urbas
+gehört hatte. Der Bauer behauptete, es sei im Hosengürtel Simons
+gesteckt, und er habe es einfach herausgezogen; auch zu dieser Angabe
+verstand er sich erst nach häufigem, ernstlichem Drängen. Sie trug das
+Gepräge der Unwahrscheinlichkeit an sich, und am nächsten Tag widerrief
+er sie auch und sagte, das Messer sei aufgeklappt auf dem Tisch gelegen;
+Simon habe in der Frühe noch Brot damit geschnitten. Als ich ihm mein
+Erstaunen über diese Veränderung einer wichtigen Aussage nicht
+verhehlte, blickte er scheu zu Boden. Es war das einzige Mal, daß ich
+etwas wie Verwirrung an ihm zu beobachten glaubte.
+
+Den beharrlich schweigenden Mund zum Reden zu bringen, wurde zwangvoller
+Trieb für mich. Fast ununterbrochen waren meine Gedanken mit dem
+Menschen beschäftigt; die Deutlichkeit der Erscheinung, die
+Hartnäckigkeit, mit der sie mich verfolgte, beunruhigte und quälte mich.
+Immer wieder rief mir eine Stimme zu: der Mann ist kein Mörder; das ist
+der Mann nicht, der hingeht und einem andern den Hals abschneidet wie
+man ein Huhn schlachtet; dem eigenen Sohn mit Abscheu erregender
+Brutalität zum Henker wird. Doch hatte er es ja gestanden. Was war
+vorgegangen? Auf die Frage nach der Dauer seines Aufenthalts in der
+Kammer hatte er stets geschwiegen oder höchstens die Achseln gezuckt;
+erst beim letzten Verhör waren ihm, beinahe wider Willen, die Worte
+entschlüpft, er schätze, es könne eine halbe Stunde gewesen sein. Was
+war in dieser halben Stunde vorgegangen? Er gewahrte mein Nachdenken,
+und sein Gesicht verfinsterte sich.
+
+Ich sah, den eigentümlichen Zustand meiner Unruhe und Ungeduld zu
+beenden, keinen andern Weg, als den Bezirk der Beruflichkeit zu
+verlassen und ihm gegenüberzutreten, Mensch gegen Mensch. Ein gewisses
+Vertrauen glaubte ich mir bei ihm erworben zu haben; so oft ich mich
+bemüht gezeigt hatte, Heikles zart zu behandeln, glaubte ich eine
+dankbare Regung in ihm verspürt zu haben. Zögern machte mich nur noch
+die Erwägung, ob sich nicht der angeborene Argwohn gegen den Zudringling
+aus der fremden Sphäre wenden würde, ob es nicht an den Mitteln zu
+natürlicher Verständigung von vornherein mangle. Aber darüber halfen mir
+Bild und Gestalt hinweg; Adam Urbas war ja kein Bauer gewöhnlicher
+Sorte; er gehörte zu unserer Bauern-Aristokratie, seine bloße Haltung
+zeugte von Scharfsinn und Noblesse, und so hoffte ich, daß ich den Weg
+zu ihm nicht vergeblich bahnte. Ich überlegte nicht länger; eines Abends
+im Dezember war es, als ich in das Gefängnisgebäude ging und mir die
+Zelle aufsperren ließ, in der sich Urbas befand.
+
+Ich hatte ihm Vergünstigungen für die Haft erwirkt. Es war ein
+wohnlicher Raum, anständig möbliert mit Waschtisch, Bett und Spiegel,
+behaglich warm. Er saß bei der Lampe und hatte die Bibel vor sich
+aufgeschlagen. Ich grüßte, zog den Mantel aus, hing ihn an den Türhaken
+und setzte mich Urbas gegenüber an den Tisch.
+
+Sein Anblick frappierte mich jedesmal aufs neue; auch jetzt. Er war
+massig wie ein Stier. Sein Kopf hatte die Rundheit der eingeborenen
+fränkischen Brachycephalen, doch wies der Schädel, besonders die Bildung
+an den Schläfen, Merkmale alter Zucht auf; die Knochen waren dort
+auffallend dünn, die Haut bläulichgelb und fast durchscheinend. Der Mund
+war weitgeschnitten, mit festverpreßten schmalen Lippen, die Nase
+gebogen, mit starkem Sattel; das Gesicht, an das eines alten
+Schauspielers erinnernd, war sorgfältig rasiert, die Hände waren die
+eines Riesen. Die träglidrigen Augen öffneten sich selten; dann aber
+hatte der Blick eine überraschende Durchdringungskraft, so daß es auch
+mir nicht leicht war, ihn auszuhalten.
+
+Um das Gespräch einzuleiten, sagte ich, ich hätte schon lange das
+Bedürfnis empfunden, ihn aufzusuchen. Ich käme aber nicht in meiner
+Amtseigenschaft, sondern, wenn er wolle, als Freund, dem ein Besuch
+zufällig erlaubt sei. Im Grunde sei er mein Schutzbefohlener, und ich
+trüge die Verantwortung für sein Wohlergehen.
+
+Er blickte mich schweigend an. Nach geraumer Weile sagte er: »Sehr gütig
+von Ihnen.«
+
+Ich wehrte ab. »So möchte ich es nicht aufgefaßt haben,« sagte ich
+ungefähr; »ich wünschte, Sie sollen mir jetzt nicht mißtrauen. Dem
+Richter mißtraut man, unwillkürlich. Sie denken sich: Kommt er nicht als
+Beamter, um seine Akten vollzuschreiben, so kommt er doch als
+Neugieriger, um zu schnüffeln. Weder das eine, noch das andere ist meine
+Absicht. Die Akten sind so gut wie geschlossen; wir stehen vor der
+Verhandlung. Zur Neugier ist für mich wenig Anlaß; es ist mir ja alles
+bekannt, will mir scheinen. Warum ich gekommen bin, weiß ich selbst
+nicht genau. Ich mußte. Es war wie Pflicht.«
+
+Wieder antwortete Urbas lange nicht. Endlich sagte er: »Ich glaube
+Ihnen.«
+
+Ich griff das Wort auf. »Wenn Sie mir glauben,« erwiderte ich, »dann
+können wir uns ja über das Geschehene wie zwei gute Bekannte in Ruhe
+unterhalten.«
+
+Urbas dachte nach. Hierauf sagte er: »Wozu soll ich denn reden? Schlimm
+genug, daß es hat geschehen müssen.«
+
+»Das ist eben die Frage,« warf ich ein; »hat es geschehen müssen?
+müssen?«
+
+Er hob den Kopf, aber die Lider blieben gesenkt. »Daran zu zweifeln,
+wäre die pure Vermessenheit,« sagte er.
+
+»Es gibt nicht nur einen Zweifel,« beharrte ich, »sondern die
+menschliche Gesellschaft verwirft Ihre Tat und verabscheut sie. Wollte
+jeder in einem solchen Fall nach eigenem Gutdünken entscheiden, so wäre
+des Schreckens kein Ende, so lebten wir wie unter reißenden Bestien. Wie
+Sie sich vor sich selbst und Ihrem höchsten Richter verantworten werden,
+weiß ich nicht. Uns Menschen sind Sie die Verantwortung noch schuldig.«
+
+Urbas schüttelte den Kopf. »Was kann das Reden hinzutun oder wegtun?«
+murmelte er gleichgiltig.
+
+»Zwischen Ihnen und uns muß reiner Tisch werden,« sagte ich; »so lange
+Sie sich trotzig verschließen, bleibt alles ein wüster Graus.«
+
+»Wenn einer aber nicht die Worte hat?«
+
+»Hat er sie nicht oder verweigert er sie nur aus Hoffart und aus Trotz?«
+entgegnete ich; »prüfen Sie sich.«
+
+Er sagte: »Die Zunge ist schwer; ich bins nicht gewohnt.«
+
+Seine Stirn furchte sich. Ich sah, daß ich nicht weiter in ihn dringen
+durfte. Ich wartete. Endlich murrte es aus seiner Brust: »Ich hab ihn
+gemacht.« Sein Blick bohrte nach unten. »Wenn ich ihn gemacht habe, darf
+ich ihn dann nicht auch vertilgen?« fragte er mit einem seltsamen,
+listigbösen Ausdruck. »Das mögt Ihr Leute bestreiten, soviel Ihr wollt:
+den einer gemacht hat, den darf er auch wieder vertilgen, wenns nur zum
+Unheil war, daß er kam. Ich hab ihn mir geholt; herausgegraben aus
+seiner Mutter Schoß. Andere Weiber tragen die Frucht neun Monate. Von
+der kann man sagen, sie hat sie dreizehn Jahre getragen. Ich hab ihn von
+ihr verlangt; ich hab ihn vom Herrgott verlangt. Ich hab ihn mir
+zurechtgerichtet, bevor er noch da war. So und so, dacht ich, wirst du
+mir werden. Wie ein Stück Lehm, das einer aus dem Erdreich schneidet und
+bastelt daran und knetet es nach seinem Sinn. Auf einmal hat er nichts
+als eitel Dreck in der Hand. Da schmeißt ers wieder hin, von wo ers
+hergenommen hat.«
+
+Der listigböse Zug verstärkte sich. Er musterte mich durch einen Spalt
+zwischen den Lidern. »Daß es zum Unheil war, hat sich erst nach und nach
+erwiesen,« sagte ich.
+
+Er unterbrach mich mit einer herrischen Gebärde. »Von Anbeginn mißraten.
+Mißratenes Blut; ich hab es mit meiner Nase gerochen. Andere, von
+schlechterer Herkunft, wachsen auf, ohne daß man ihrer viel achtet und
+mißraten doch nicht. Biegen sie sich am Anfang krumm, so biegt sie die
+Zeit wieder grade. Bei ihm wurde das Krumme immer krummer. Da sah ich,
+es wird großes Leid entstehn. Und so wars. Jeder Tag ein Sandkorn davon,
+zuletzt ein Berg. Da bin ich gestanden und habe mich gefragt: was will
+das werden? Hat mans an einer Stelle fortgeschaufelt, wars an der
+andern doppelt so hoch; hat mans angegriffen, ists zwischen den Fingern
+zerronnen. Es war keine Hilfe.«
+
+»Aber können nicht auch schadhafte Keime durch eine sorgfältige Pflege
+zum Gedeihen geführt werden?« hielt ich ihm entgegen. »Haben Sie sein
+Gewissen zu wecken versucht? Haben Sie ihn in ernstliche Zucht
+genommen?«
+
+Urbas hob zum erstenmal die schweren Lider, und in seinen Augen war
+etwas Verstörtes. »Herr,« erwiderte er jäh, »das Element kann einer
+nicht bewältigen. Schaffts das Auge nicht, so schaffts auch das Maul
+nicht, hab ich mir gesagt. Schaffts das Beispiel nicht, so schaffts auch
+der Prügel nicht. In dem Punkt, den Sie meinen, hat die Bäuerin ihre
+Schuldigkeit getan. Eine Weibsperson versteht das besser. Wenn er nicht
+hat spüren können, daß meine Stimme auch dabei war, was war dann an ihm
+nutze? Wenn er nicht hat hören können, was ich ihn ohne mein Reden habe
+vernehmen lassen, wär auch des Propheten Wort nur leerer Schall für ihn
+gewesen. So hab ich mir gesagt. Ich bin vorangegangen, er hätte
+nachgehen können; ich bin ihm nachgegangen, er hätte sich umdrehn
+können. Er hat mich nicht gesehen, er hat mich nicht gehört. Mich
+widerts, daß ich einen Menschen soll packen und ihm ins Ohr schreien:
+Mensch, sei ordentlich. Was soll das frommen, wenns ihm nicht in der Art
+liegt? Verzieht einer seine Fratze zum Hohn, während andere beten, so
+ist er eine verlorene Kreatur. Zucht schlägt an, wo nicht an der Wurzel
+der Wurm schon nagt.«
+
+»Wußten Sie denn das ganz genau?« fragte ich, und wie ich vermute, nicht
+ohne Schüchternheit, denn seine Worte, seine Stimme hatten finstere
+Wucht, »waren Sie denn von Ihrer eigenen Unfehlbarkeit so fest
+überzeugt?«
+
+Er streckte den Arm über den Tisch und antwortete schweratmend: »Wenn
+mein Fleisch und Blut wider mich aufsteht, so kann ich nicht mit ihm
+rechten wie mit einem Händler, der mich betrügt. Wenn der Same, den ich
+ausgestreut, mir als Schlangenbrut entgegenzüngelt, so kann ich nicht
+wie ein Schulmeister mit dem Bakel dreinfahren. Das hat kein Verhältnis,
+das hat keine Menschenwürde. Wenn einer Böses wirkt und Aberböses, auf
+den man die Zukunft gebaut, unabänderlich Böses, bis Haus und Hof im
+Schlamm ersticken, was soll man da tun? Soll man ihm die Knochen anders
+renken, ein anderes Hirn und Herz einblasen?«
+
+Sein Gesicht, in seiner ganzen Mächtigkeit, bebte und flammte. Derselbe
+Mann, der sich so lange, ein Lebensalter vielleicht, der mitteilenden
+Rede enthalten, riß vor meinen Augen sein Inneres auf und hatte Worte,
+Bilder, Töne, die mich verstummen machten und fast mit Angst erfüllten.
+Doch ich hatte plötzlich den unabweisbaren Eindruck, daß er nur
+scheinbar mit mir redete, nur scheinbar sich an mich wendete; daß er in
+Wirklichkeit sich eines abwesenden Bedrängers zu erwehren suchte, der
+nicht erst seit heute ihm mit Fragen und Vorwürfen zusetzte. Mir wollte
+es scheinen, als wäre alles, was er gegen mich äußerte, schon als
+feuriggärender Stoff in ihm angesammelt gewesen und nun quölle es aus
+ihm heraus, schleudre sich hervor; er konnte es nicht hemmen, und
+während dies Gewaltige, gewaltig Unterdrückte redete, schien er selbst
+in Grimm und Qual und noch immer stumm zu lauschen.
+
+Übrigens klang seine Stimme ruhiger, als er mit eckigen
+Kinnladenbewegungen, den Kopf gesenkt, fortfuhr: »Es könnte wer fragen:
+wann hast du angefangen, alles zu wissen und wann hast du aufgehört, zu
+hoffen? So frage er den Aussätzigen: wann hat deine Haut zu schwären
+angefangen? Er hat es am ersten Tag gewußt, natürlicherweise, aber den
+Aussatz hat er erst geglaubt, wie es ihn ins Siechenbett gezwungen. Bin
+gelegen, Nacht für Nacht; hab gesonnen und gesonnen. Hab mich
+durchforscht, hab ihn durchforscht. Hab dies erwogen, hab jens erwogen.
+Hab zugesehen und zugesehen, wie der Aussatz um sich gefressen hat. Hab
+mir den Geist zermartert, wie das Übel zu fassen wäre. Zucht! Zucht
+kommt immer um den Schritt zu spät, den die Unzucht voraus hat. Das
+Rohr, mit dem ich seinen Rücken zerbläut, wär mir in der Faust
+zerbrochen, und die Narben auf dem Fleisch hätten ihn bloß verhärtet.
+Hätt’ ich ihm Regeln vorsagen sollen? Was für Regeln? welche sind
+erprobt? Hätt’ ich ihn an Ketten legen sollen wie einen Hund? Alles, was
+ich an ihm angepackt, war doch mein. Ich der Baum, er der Zweig; ich der
+Docht, er das Licht; ich das Erdreich, er der Quell. Wie soll denn der
+Baum zum Zweig reden? es rinnt ja der nämliche Saft durch. Und der Docht
+zum Licht? er nährt es ja. Und der Boden zum Wasser? es kommt ja aus
+ihm. Schön; aber woher kommt die Schlechtigkeit? Sie ist da und breitet
+sich aus wie das Feuer in dürrem Holz; aber woher kommt sie? Und was das
+für ein unbarmherziges Gestaffel hat: erst die kleine Lüge, dann die
+große; erst den Pfennig stiebitzt, dann den Taler; erst das Tier
+malträtiert, dann den Menschen; erst Tagdieberei, dann Ehrabschneiderei;
+erst ein Hansguckindieluft, dann ein Hurentreiber. Kein Respekt, kein
+Glauben, keine Redlichkeit, keine Liebe. Woher ist das alles gekommen?
+Aus mir? Es ist wohl schließlich an dem. Und da hab ich mich gefragt:
+wo, Urbas, und wann ist dein sterblich Teil oder dein unsterbliches so
+von der Hölle versengt worden, daß du solchen Stank und Unrat in die
+Welt gesetzt hast? Ist denn der Mensch nichts als ein geiler Schleim,
+daß er nur wieder geilen Schleim hervorbringt?«
+
+Er sah mich mit seinem großen Blick an wie ein Lastenschlepper, der
+unter der schweren Bürde keucht. Es entstand eine Stille. Er wischte
+sich mit dem Rockärmel die Feuchtigkeit von der Stirn. Ich begriff seine
+Erschütterung und sie teilte sich mir mit, aber mein in Zwiespalt
+geratenes Gefühl zieh ihn der Überheblichkeit, und ich konnte mich nicht
+enthalten, es zu äußern. »Ein solches Maß von Verantwortung sich
+zuzuschreiben, geht meines Erachtens weit über das hinaus, was einem
+Menschen verstattet ist,« bemerkte ich; »übernimmt man sich in dem, wozu
+man sich verpflichtet wähnt, so vergreift man sich auch in seinen
+Rechten. Sie berufen sich in allen Stücken auf sich allein; als Mann und
+Vater nur auf sich selbst. Wie steht dann aber die Mutter da, die doch
+den gleichen Anspruch auf den Sohn hat, den stärkeren sogar? Die wird
+Ihre Gründe nicht billigen und gewiß nicht die Tat, für die Sie alle
+Bande der Familie zerreißen mußten.«
+
+»Darüber läßt sich nicht disputieren,« antwortete Urbas hart; »das geht
+dorthin, wo das Denken aufhört. Ob sie meine Gründe billigt, weiß ich
+nicht. Sie hat verspielt, und ich hab verspielt. Ist bei ihr der Kummer
+groß, so ist bei mir die Verdammnis noch größer. Bleibt ihr nichts vom
+Leben übrig, so ist mirs schon vergällt seit Jahr und Tag. Freilich ist
+sie mehr zu bedauern. Wars doch als gäb ihr Leib ungern die Frucht her
+und sträube sich ahndungsvoll gegen meine eitle Torheit und Ungeduld.
+Man muß nur die Natur recht verstehn, aber man versteht sie mit nichten
+und wills besser machen und rennt wie ein Bock wider die verriegelte
+Tür. Es sollte kein Weib ein einziges Kind haben, da steht zuviel
+drauf. Meine Mutter hatte neun; davon sind allerdings sieben gestorben;
+meine Ahn sechzehn, und auch von denen sind acht früh mit Tod
+abgegangen. Solches Sterben hat nichts Bitteres. Von den Körnern bei der
+Aussaat gehen auch nicht alle auf. Ein einziges Kind soll man nicht
+haben; damit nimmt man sich zuviel vor, wie beim Lotteriespiel. Da ist
+kein Ausgleich, da schlägt die Flamme auf einen zurück und wird Qualm.
+Einer Mutter bangt vielleicht, und ihr Gemüt fällt in Finsternis, wenn
+ihr Eins und Alles verworfen ist vor Gott und Menschen; aber sie ist
+drin gefangen für Zeit und Ewigkeit, und träte er mit der aufgehobenen
+Hacke vor sie hin, sein Leben gälte ihr mehr als ihres. Kein Gut, kein
+Böse mehr; das Blut schreit lauter. Ich derweil! Vater, hats mich
+angerufen. Was ist das, Vater? hab ich mich gefragt und hab nach dem
+Ursinn geforscht. Wär ich zur Magd ins Bett gegangen und hätte mit ihr
+einen Sohn gezeugt, der hätte mich auch Vater genannt. Wärs dasselbe
+gewesen? Es wäre nicht dasselbe gewesen. Vielleicht wär der der
+Geratene, der Ehrfürchtige, der Gewünschte gewesen. Warum nicht ihn
+gezeugt, warum den Mißratenen? Aber da steht das Gesetz dagegen auf, und
+das Gesetz ist heilig. Und wär dann das Weib noch mein Weib gewesen? Ich
+will einmal sagen: der Mann reicht weiter hinauf und hinunter denn das
+Weib. Ich will auch dieses sagen: der Vater ist tiefer in der Schuld
+denn die Mutter. Die Mutter sitzt am Rocksaum unseres Herrn, und er mag
+ihr nichts zuleide tun. Nach dem Vater wird gefragt, er muß Rechenschaft
+ablegen. Mitteninne steht er in der Geschlechterkette; die obern deuten
+auf ihn, und die untern deuten auf ihn. Er darf sich nicht gefallen in
+der Zärtlichkeit und Liebkosung, denn aus den Augen des Sohnes schaut
+ihn die Gemeinde an, schaut ihn der Kaiser an, schauen ihn die
+Altvordern an und alle, die nachher sind bis ins vierte und fünfte
+Glied. Der Sohn ist ihm verliehen als ein Pfand, will ich einmal sagen,
+daß er es der Welt zurückgeben soll, wenn die Zeit reif ist. Weh dem,
+der mit leeren Händen kommt und sprechen muß: ich habs verwirkt.«
+
+Er schaute starr in die Luft, erhob sich vom Stuhl und wiederholte laut:
+»Ich habs verwirkt.« Dann setzte er sich wieder.
+
+Ich wagte nicht die Versunkenheit zu stören, in die er fiel. Auch suchte
+ich in meinen Gedanken einen Weg, der weiter führte. Von Minute zu
+Minute war ich meiner Sache sicherer geworden, aber ich hatte Furcht.
+Eine solche Sicherheit war in mir, daß Vorgänge, die sich bis jetzt auf
+bloße Vermutungen und Kombinationen gestützt hatten, die Leuchtkraft des
+Erlebten gewannen, und in einer seherischen Glut fügte sich Bild an
+Bild. Zweifellos trug hiezu das Fluidum des Menschen bei, der mir
+gegenübersaß, und daher auch die Furcht. Ich habe trotz einer langen
+Laufbahn als ausübender Jurist und Richter, oder vielleicht durch sie,
+die Übertragbarkeit außerordentlicher Seelenzustände zu oft erfahren, um
+sie hier zu leugnen, wo ich plötzlich eine Fähigkeit zu entfalten
+vermochte, die ihr entwuchs. Es war etwas Grandioses um den Mann; seines
+Geheimnisses mich zu bemächtigen, dünkte mich fast unerlaubt; ich
+zauderte; ich fand das Wort nicht; schließlich aber unterbrach ich das
+tiefe Schweigen, beugte mich weit über den Tisch und fragte: »Sie sind
+in die Kammer hinübergegangen, um ein Ende zu machen?«
+
+Er antwortete nicht. Die aufeinander gepreßten Lippen schienen sich der
+Rede wieder verweigern zu wollen. Doch für mich barst diese hartnäckige
+Stirn; sie öffnete sich wie ein Buch, und ich konnte in dem Raum
+dahinter lesen. »Sie waren zweimal in der Kammer,« sagte ich plötzlich
+aufs Geradewohl, oder vielleicht ist das falsch: aufs Geradewohl,
+vielleicht geschah es unter der brennenden Eingebung und Vision des
+Augenblicks; »zweimal; als Sie sie das erste Mal verließen, lebte Simon
+noch. Als Sie das zweite Mal hineingingen, lag er schon als Leiche auf
+dem Bett.«
+
+Ich hatte nie gedacht, daß das Gesicht dieses Bauern, das von Natur
+braun war wie gebeiztes Holz, so weiß werden könne. Das Weiße quoll
+förmlich aus den Poren heraus und überzog die Haut mit einem Schimmer
+wie von nassem Kalk. Er stierte mich mit weiten Augen an, seine Backen
+schlotterten, und mit beiden Händen griff er an den Hals. Nun gab es
+keine Unschlüssigkeit mehr für mich; ich zwang mich zu angemessener Ruhe
+und fuhr fort: »Sie sind zu ihm gegangen, um ihm Geld zu bringen. Sie
+hatten an dem Sonntag kein Geld im Hause und liehen sich unmittelbar
+nach Tisch zweitausend Mark von Ihrem Nachbarn Stephan Buchner aus. Ist
+es nicht so? Das Geld sollte dazu dienen, daß sich Simon auf der Stelle
+davonmachte. Er sollte nach einer Hafenstadt, am selben Abend noch, und
+von dort nach Amerika. Ist es nicht so? Sie boten ihm das Geld, Sie
+entwickelten ihm Ihren Plan, und Sie erwarteten, daß er ohne Zögern
+gehorchen würde. Aber er gehorchte nicht nur nicht, sondern er schlug
+auch das Geld aus. Sie fragten ihn, da begann er zu sprechen. Zuerst
+war, was er vorbrachte, wirr und faselnd, denn er war noch benebelt von
+dem Trinkgelage, dann aber wurde seine Rede klar, Ihnen jedenfalls
+furchtbar klar. Sie standen vor ihm und schwiegen. Sie nahmen nicht
+einmal Anstoß daran, daß er auf der Bettstatt liegen blieb und in die
+Luft hinein sprach; denn Sie fühlten, daß er nicht den Mut gehabt hätte,
+zu sprechen, wenn er Ihnen ins Gesicht hätte schauen müssen. Sie haben
+zugehört, nur zugehört, und aus dem Zuhören entstand alles übrige.
+Verhält es sich so oder nicht?«
+
+Urbas ließ den angstvollen Blick nicht eine Sekunde lang von mir. »Da
+müssen Sie wohl als ein verzauberter Geist im Hause gewesen sein,«
+stammelte er verstört.
+
+»Nein,« erwiderte ich; »es sind einfache Schlußfolgerungen aus
+Tatsachen. Die unscheinbarsten Tatsachen hinterlassen oft die
+eindringlichsten Spuren. Denken Sie nicht an Zauberei und Blendwerk.
+Eines Menschen Tun und Treiben wirkt nach allen Richtungen hin mit
+sonderbarer Gesetzmäßigkeit. Es ist, als schleudre man einen Stein ins
+Wasser; die Ringe breiten sich aus und vergehen, aber die Bewegung kann
+noch gemessen werden, auch wo das Auge längst nichts mehr gewahrt. In
+dem Betracht kann wirklich keiner entrinnen; jeder Schritt nach jeder
+Seite, was er mit dem Finger faßt und mit dem Atem behaucht, knüpft ihn
+fester in das Netz. Ich besitze eine Zeugenschaft, der ich anfangs wenig
+Wert beilegte; im Lauf der Zeit erst begriff ich ihre Wichtigkeit. Es
+gibt da einen Eichstädter Maler namens Kießling, Freund und Zechkumpan
+von Simon; ein verbummelter Kerl, eine verkommene Existenz; aber nicht
+ohne derbe Aufrichtigkeit. Der wußte mancherlei zu erzählen. Wie Sie
+sich erinnern werden, verschwand im vorigen Winter in Ihrem Haus eine
+von den alten schönbemalten Porzellankannen. Sie, wie auch die Bäuerin,
+dachten nicht anders, als daß Simon sie sich angeeignet und beim Händler
+in der Stadt verklopft habe, denn es war ein wertvolles Stück; die
+Bäuerin äußerte sogar den Verdacht, Kießling habe bei dem Diebstahl
+seine Hand als Hehler im Spiel. Daß Simon die Kanne genommen, ist
+richtig; ebenso, daß Kießling daran interessiert war; er hätte wohl den
+Beuteanteil nicht verschmäht, wenn er es auch jetzt in Abrede stellt.
+Aber so weit kam es gar nicht. Simon zertrümmerte die Kanne vor den
+Augen seines Freundes. Sie waren in dessen Bude beisammen, drüben an der
+Pleinfelder Chaussee; Simon hatte die Kanne gebracht, Kießling nahm sie,
+beschaute sie, prüfte sie und wollte eben seine Anerkennung kundgeben,
+als Simon sie ihm wieder entriß und mit aller Kraft gegen den Fußboden
+schmetterte, wo sie natürlich in hundert Scherben zerbrach. Der andere
+machte ihm zornige Vorwürfe, aber Simon, nachdem er eine Weile finster
+vor sich hingebrütet, rief plötzlich aus: ich möcht ihm einmal einen
+rechten Tort antun, so daß ers spürt bis in die Eingeweide hinein.
+Kießling wußte nicht gleich, auf wen der Ausbruch gemünzt war; seine
+Bekanntschaft mit Simon war damals noch neu; später wurde ihm dann die
+Sache klar. Er sagte, er habe nie einen jungen Menschen gesehen, der
+einen solchen Haß gegen seinen Vater gehegt hätte. Von Zeit zu Zeit
+wiederholten sich die Anfälle, ähnlich jenem ersten; eine ohnmächtige
+Erbitterung kam über ihn, ein Trieb, zu zerstören; zu anderer Zeit
+wieder war es eine krankhafte Freudlosigkeit, ein melancholisches
+Hindämmern und stilles Glosen. Oft schien es nicht Haß zu sein, sondern
+Furcht; oft nicht Furcht, sondern etwas viel Unergründlicheres. Eine
+Äußerung, die auch von dritten Personen bezeugt ist, war die: möcht ihm
+einmal alles ins Gesicht sagen können, dann würde mir wohl. Was konnte
+er damit gemeint haben? Abgesehen von Kießling, schildern ihn auch sonst
+Leute, die ihn kannten, nicht als schlecht; es sind meist Leute, denen
+man ein unbefangenes Urteil zutrauen darf. Sie bezeichnen ihn als
+schwachen, leicht verführbaren Charakter, als einen Menschen ohne
+Verwurzelung gleichsam; ausschweifend wie einer, der sich betäuben will,
+arbeitsscheu wie einer, der fortwährend auf der Flucht ist und verfolgt
+wird, lasterhaft aus innerer Öde, aber keineswegs schlecht. So beurteile
+auch ich ihn jetzt. Aber von wem fühlte er sich eigentlich verfolgt? wem
+hat er getrotzt? was war zu betäuben? Ich glaube, wir beide, Urbas, wir
+wissen es. Wenn auch die ganze Welt darüber sich den Kopf zerbricht, wir
+wissen es. Bis zu jenem Abend in der Kammer haben Sie es nicht gewußt.
+Dort haben Sie es erfahren.«
+
+Er atmete auf; sein Gesicht zuckte wie von inneren Stößen; er schien
+etwas sagen zu wollen, aber er vermochte es nicht. Doch die Lichter und
+Schatten in diesem kantigen, kraftvoll bewegten und wahrhaftigen Antlitz
+hatten ihre eigene Beredsamkeit; das düstere Staunen, der fast
+abergläubische Schrecken über die plötzliche Enthüllung dessen, was er
+für sein unantastbares, ewig verwahrtes Geheimnis gehalten, war von ihm
+gewichen, aber da er das Geheimnis nicht mehr zu schützen hatte, war
+auch das Gemüt der schweren Last entledigt; daher dies tiefe Aufatmen,
+das mich bewegte. Ich fand mich verpflichtet, ihm noch über die letzten
+Hemmnisse zu helfen, und ich sagte: »Erwägt man es genau, so sind die
+Menschen weit übler daran als die Tiere. Die Tiere können einander nicht
+mißverstehen. Die Menschen mißverstehen einander im Blut wie im Geist;
+der Bruder den Bruder, der Freund den Freund, der Vater den Sohn. Jeder
+steckt in seinem Mißverstehen wie in einem schwarzen Kellerloch, aber
+eine wunderliche Verblendung macht, daß er es für eine hellerleuchtete
+Wohnstube hält. Und wenn er meint, daß der Herrgott selber sich um ihn
+bemüht und ihn zu seinem Sprachrohr auserwählt, so zeigt sichs am Ende,
+daß es bloß der Teufel war. Dreizehn Jahre lang war Ihr ganzes Trachten
+auf einen Sohn gerichtet, und wie er dann da war, haben sie achtzehn
+Jahre lang gebraucht, um dahinter zu kommen, was es mit ihm für eine
+Bewandtnis hatte; und da wars zu spät. Ists also nicht kläglich bestellt
+um die menschliche Vernunft und Weisheit? Wozu noch fernerhin sich
+verstecken, Urbas? Welchen Zweck soll es haben, sich eines Verbrechens
+anzuschuldigen, das Sie nicht begangen haben? sich Mörder zu nennen an
+dem, der sich selbst den letzten Weg gewiesen hat? Wozu das frevle Spiel
+mit der irdischen Gerechtigkeit? wozu, Mann, wozu?«
+
+»Das will ich Ihnen einbekennen, wozu,« sagte Urbas, »weil nun meine
+Partie doch ganz und gar verloren ist. Ich will es Ihnen einbekennen,
+aber haben Sie Geduld mit mir; es fällt mir schwer.« Seine Blicke
+suchten innen; seine Finger bewegten sich, als suchten auch sie: das
+einschränkendste und unbedingteste Wort, die verläßlichste Übermittlung.
+Er begann stockend: »Es ist wahr, ich bin hinüber zu ihm, um ihm das
+Geld zu geben. An Amerika hab ich nicht gedacht; nur möglichst schnell
+fort mit ihm, dacht ich, und möglichst weit, damit einem wenigstens der
+Gendarm im Haus erspart wird. Ich bin hinübergegangen, und weils finster
+in der Kammer war, hab ich erst die Kerze anzünden müssen, und da ist er
+auf seinem Bett gelegen und hat mich angeschaut. Es ist wahr, er hat das
+Geld nicht genommen; er hat das Gesicht zur Wand gedreht und die Zähne
+geknirscht und gesagt, ihm könne das nicht mehr nützen. Ich bin vor der
+Bettstatt gestanden und spreche zu ihm: steh auf, wenn dein Vater vor
+dir steht. Da dreht er das Gesicht wieder zu mir, und weil eitel Spott
+und Hohn drin geschrieben ist, schwillt mir der Zorn, und ich sage: steh
+auf, wenn dein Vater vor dir steht. Er aber spricht: warum soll ich denn
+aufstehen, da Ihr mich niedergeworfen habt? Die Fäuste ballen sich mir
+wie von selber, und ich frage: wie denn? wie soll ich dich denn
+niedergeworfen haben, du Luder? Da kommt es aus seinem Mund hervor: Ihr.
+Weiter nichts. Ihr, sagt er. Ich blick ihn an, und er blickt mich an,
+und eine Zeit vergeht so, dann wieder: Ihr. Darin war soviel Gift und
+Wut und Geifer und solch ein verkrampftes, rabenböses Grollen, daß mir
+der Speichel im Munde bitter wird. Was denn, Ihr? ruf ich ihn an; was
+denn, Ihr? O Ihr, spricht er hinter den Zähnen hervor, Ihr seid mir auf
+der Brust gehockt, mein Lebenlang. Da schwieg ich. Ihr habt gut vor mir
+stehn und blitzen mit Euren Augen, fährt er fort; soll denn das nicht
+endlich aufhören, daß Ihr mich anschaut mit Euren Augen? So ists immer
+mit Euch gewesen; anschaun, anschaun, und kein Wort. Hinterm Tische
+sitzen und alles von einem wissen, und kein Wort. Weit habt Ihr mich
+gebracht mit Eurem Anschaun und Anschaun. Warum habt Ihr mich nicht
+genommen und zu mir geredet? Niemals ein einziges Wort geredet? Da _muß_
+einen ja die Verzweiflung packen. Wie soll er denn da nicht zu den
+Menschern und zu den Saufbrüdern laufen? Die reden doch, die lachen
+doch, die haben doch ein gutes Wort für einen, die sagen Hü und Hott,
+und man weiß, wie man mit ihnen dran ist. Ihr aber, hab ich gewußt, wie
+ich mit Euch dran bin? Er liegt wieder auf der Lauer, dacht ich; er hat
+was gegen dich vor, dacht ich. Ein Büblein war ich noch, ist mir schon
+der Bissen im Hals steckengeblieben, wenn Ihr zur Tür hereingetreten
+seid. Hundertmal und hundertmal hab ich zu Euch hingewollt, aber die
+Angst vor Euch hat mirs verwehrt. Was hab ich denn verbrochen? dacht
+ich, und wie ich dann was angestellt, war mir wohl und hab wenigstens
+gewußt, warum, und so hat mirs nie Ruh gelassen, bis ich nicht was
+Heilloses getan und den Leuten die Galle aufgeregt. Ja, ich bin
+schlecht, aber ich weiß nicht, ob ichs von Geburt bin; ja, ich bin zum
+Lumpenkerl geworden, aber Ihr braucht Euch deshalb nicht wie der heilige
+Geist vor mir aufpflanzen, sondern solltet nachprüfen, was Ihr an mir
+gefehlt habt. Denn es hätte sein können, daß ich Euch hochgeehrt hätte,
+wies in den zehn Geboten steht und kirre gewesen wäre wie ein Star. Das
+hätte sein können, weils in mir war und bloß herausgetrieben worden ist.
+Bin ein Hundsfott geworden, und das Leben ist mir leid, und die Menscher
+und die Saufbrüder sind mir leid, und es freut mich nicht mehr. Dieses
+spricht er, und noch einiges, ich habs vergessen, und wälzt sich auf der
+Bettstatt; und knirscht mit den Zähnen; und flennt; und lacht ingrimmig;
+und kehrt sich wieder zur Wand; und schweigt. Ich denke mir: Urbas, die
+Seele da ist hin, aber deine vielleicht auch. Worte hatt ich keine. Es
+war eben so; was hätts gefruchtet, meinen Schöpfer anzuwinseln? Worte
+hatt ich keine. Ich geh hinaus. Im Hofe schreit ich bis zum Zaun. Es ist
+alles so friedlich wie in Frühjahrsnächten, wenn die Wurzeln in der Erde
+ihren Saft spinnen. Ich schaue zu den Sternen hinauf, aber das kann mir
+nicht dienen. Ich mache die Stalltür auf und schnuppre die saure, warme
+Luft, und einer von den Ochsen hebt den Kopf, indes er mit den Zähnen
+mahlt. Da überläufts mich schauerlich, und ich denke: du mußt zurück in
+die Kammer, und wenn du gleich keine Worte findest, irgendwas muß sein.
+Nun bin ich zurückgegangen, und wie ich eingetreten war, ist er bereits
+in seinem Blut gelegen. Da bin ich dann eine lange Weile gestanden,
+dann hab ich mir gesagt: wenn dem so ist, so bist du der Mörder; hat er
+die Schuld bei dir gut, so mußt du sie bezahlen. Das ist es, was ich
+einzubekennen habe.«
+
+Er kreuzte beide Hände über der offenen Bibel, und mit leiserer Stimme
+und sonderbar umschattetem Blick fuhr er fort: »Ich habe einen Traum
+gehabt, den will ich Ihnen noch erzählen. Es war in der Nacht, bevor
+sich das ereignet hat. Der Knecht tritt in die Stube und spricht: Bauer,
+die Gäule sind eingeschirrt, wir wollen fahren. Ich geh hinaus, es liegt
+tiefer Schnee, die Pferde stehn am Wagen, und ich fahre. Mit eins
+verlieren wir die Straße, und die Gäule waten im Schnee bis an den
+Bauch. Da seh ich auf einmal den Hof hinter mir brennen und das
+Schneefeld ist rot beschienen. Die Gäule fangen an zu laufen und ziehn
+mich an der Leine mit, daß mir der Atem ausgeht. Ich kann die Leine
+nicht loslassen, sie ist um die Hand herumgeschlungen, und wie wir gegen
+die Altmühl herunterkommen, dort bei der Eisenbahnbrücke, wo das Wasser
+sechzig Ellen breit ist und mehr als zehn tief, da rennen die Gäule noch
+toller, und die Brandlohe bedeckt den ganzen Himmel. Der Fluß ist
+zugefroren, die Gäule drauf zu, und ich denke mir in meiner Angst: wirds
+die Pferde samt dem Fuhrwerk tragen? Die Gäule, schwere Ackergäule,
+sausen das Ufer hinunter, aber das Eis hält. Da steht der Simon am
+andern Ufer, und weil die Tiere auf der gefrornen Bahn weiterrennen,
+schrei ich zu ihm hinüber: Hilf, Simon. Und er: ich muß heimgehen, der
+Stall brennt, das Haus brennt. Und ich, ich kann mich nicht auf den
+Wagen schwingen, die Gäule schleifen mich bereits, schrei in der
+höchsten Not: Hilf, Simon, lös’ mich vom Riemen los. Und er: müßt Euch
+selber vom Riemen lösen, uns zweie trägt das Eis nicht. Da ruf ich ihm
+zu: alles ist dein, die Gäule und das Fuhrwerk, hilf um Gotteswillen.
+Nun kehrt er um, und wie er umkehrt, stehen die Gäule still; aber wie er
+den ersten Schritt tut, kracht das Eis, und wie er das hantige Pferd am
+Zügel faßt, bricht das Eis, und Fuhrwerk und Gäule und ich samt dem
+Simon versinken im Wasser. Und im Versinken bin ich aufgewacht.«
+
+Er verstummte. Er erwartete keine Einrede mehr, ich hatte auch keine
+mehr. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie sein Aussehen im Verlauf
+weniger Minuten um Jahre älter wurde, das Kinn spitz, die Augen stumpf,
+der Hals dünn, die Hände welk, die Haltung kraftlos. Der fordernde,
+hadernde, gewaltige Mann, der mir gegenüber gesessen, war auf einmal ein
+hinfälliger Greis. Als ich mich verabschiedete, sah er nicht empor,
+schien es kaum zu merken. Das Schweigen, in das sein ganzes früheres
+Leben eingehüllt gewesen, breitete sich wieder über ihn,
+undurchdringlich und in den Tod fließend. Denn am andern Morgen, wo er
+enthaftet werden sollte, fand ihn der Wärter am Fensterkreuz erhängt.
+
+
+
+
+Golowin
+
+
+Der halbe Mai war mit der Reise von Tula in den Kaukasus vergangen. Am
+siebzehnten kam Maria von Krüdener in Kislawodsk an, wo sie Nachrichten
+von ihrem Gatten zu finden hoffte. Er war bei Ausbruch der Revolution an
+die englisch-russische Front nach Persien geflüchtet. Seit fünf Monaten
+hatte sie kein Lebenszeichen von ihm.
+
+Unfern von Kislawodsk war die Besitzung seines Bruders, des Marschalls.
+Ihm hatte Alexander Botschaft senden gewollt, wenn die andern Wege der
+Mitteilung versperrt waren.
+
+Mit ihren vier Kindern und drei Dienerinnen bezog sie Wohnung im
+Palasthotel. Das jüngste Kind lag noch an der Brust; sie nährte es
+selbst. Es war drei Monate nach der Trennung von Alexander geboren;
+hätte sie vorher nicht begriffen, was ein Pfand bedeutet, jetzt wußte
+sie es.
+
+Beklemmend stand das ungeheure Gebirge da. Sie konnte nicht schwelgen in
+seinem Anblick, es war zu sehr Mauer, und Mauer hinter Mauer bis zum
+ewigen Schnee hinauf. Wie sollte man da entrinnen? Schlimm, was gewesen
+war; das Blut hatte sich noch nicht beruhigt. In der ersten Nacht
+träumte sie, Fäuste, ein Gewirr von Fäusten strecke sich ihr entgegen,
+und jede Faust hatte Mörderaugen. Die Schnittwunde am Arm ließ die Szene
+im Eisenbahnwagen nicht vergessen, als tierisch betrunkene Soldaten das
+Coupefenster zerschmetterten; acht Menschen waren in dem Abteil
+eingepfercht und Berge von Gepäckstücken, alles Hab und Gut, das man aus
+Tula hatte fortschaffen können. Die Kinder schrien auf, als zwei Kerle
+schnaubend an der Türe rissen und andere johlend nachdrängten; Dymow war
+in einen Waggon nebenan gegangen, um ein Fleckchen zu finden, wo er
+endlich eine Stunde schlafen konnte. Maria hatte den ersten Hieb
+aufgefangen und war blutend unter die Leute getreten. Sie wichen zurück,
+zu ihrer eigenen Überraschung, und senkten scheu die Augen, als ströme
+eine Magie von ihr aus. Es war ihr selbst so zumute; sie glaubte an eine
+in ihr verborgene Magie.
+
+Dennoch wäre sie ohne Dymow verloren gewesen. Iwan Dymow hatte als
+Schreiber bei Gericht gedient; einfacher Mensch aus dem Volk, hatte ihn
+die Revolution hinaufgehoben, er hatte Macht erlangt, die er aber nicht
+mißbrauchte. Als Gutsherrin hatte ihm Maria, schon Jahre vorher,
+menschliches Wohlwollen bezeigt und während einer Krankheit seinem Weibe
+Hilfe geleistet. Sie dachte nicht mehr an ihn, aber in der Stunde der
+Gefahr kam er von selbst. Er besorgte Pässe, bestach den Soldatenrat,
+wußte den Argwohn der Bauern abzulenken, denen die Herrin eine wichtige
+Geisel war, räumte alle Schwierigkeiten für die Reise hinweg, machte den
+Spion, den Aufpasser, den Lastenschlepper, den Bürgen, mit immer
+gleicher schweigender Ehrerbietung gegen Maria. Als er sich in
+Kislawodsk von ihr verabschiedete, fragte sie bewegt, arm an Worten
+sogar sie, womit sie ihm danken könne, sie fühle sich tief in seiner
+Schuld. Er antwortete: »Ich werde mich glücklich schätzen, Maria
+Jakowlewna, wenn Sie mir manchmal schreiben, wie es Ihnen und den
+Kinderchen weiter ergangen ist.«
+
+War dies nicht auch Teil und Frucht jener Magie?
+
+Als Dame der ersten Gesellschaft, Frau eines Offiziers, Trägerin eines
+großen Namens wurde sie von den Gästen des Hotels mit Freuden begrüßt
+und mit Auszeichnung behandelt, obwohl man wußte, daß sie von deutscher
+Herkunft war und Russin erst seit ihrer Heirat.
+
+Nun war sie wieder, nach langer Enthaltung, unter den Menschen ihrer
+Sphäre, in der Region von Heiterkeit und umgrenzter Übereinkunft, die
+ihr früher so gemäß und erwünscht gewesen war. Aber sie merkte bald, daß
+nur noch eine äußerliche Zugehörigkeit bestand, und daß die Jahre, die
+sie auf dem Gut verbracht, erst mit Alexander und dann allein, und wenn
+auch allein, so doch noch unter seinem Gesetz und seiner Führung, sie an
+ein anderes Maß und eine andere Benützung der Zeit gewöhnt hatten. Auch
+konnte hier niemand in seinem Bereich verbleiben; die Elemente waren
+bedenklich gemischt, und dies zu verhindern war unmöglich, weil
+gemeinsames Schicksal alle zueinander trieb. Das Haus, der ganze Ort,
+ehemals ein Treffpunkt der Aristokratie und Schauplatz des erlesensten
+Luxus, glich einer Insel der Schiffbrüchigen und beherbergte lauter
+Flüchtlinge mit ihrer letzten Habe und letzten Hoffnung, Großfürsten und
+Kammerherren neben Spekulanten und Journalisten, Frauen der exklusivsten
+Moskauer und Petersburger Kreise neben Koketten und Kleinbürgerinnen,
+die im Krieg zu Reichtum gelangt waren. Sie waren der Hölle entronnen,
+aber sie wußten, daß ihnen bloß eine Galgenfrist geschenkt war. Sie
+zitterten vor der Zukunft, aber sie praßten und feierten Feste. Sie
+hörten von Hinrichtungen ihrer Väter, ihrer Brüder, ihrer Freunde, aber
+sie betäubten sich im Hasard und tanzten Tango und Onestep.
+
+Einen verläßlichen Mann zu finden, den sie mit einem Brief auf das Gut
+des Marschalls schicken konnte, war Marias Bemühung sogleich. Zu ihrer
+Freude erfuhr sie, daß Josef Menasse in Kislawodsk sei; er hatte von ihr
+ebenfalls gehört und kam, sich zu ihrer Verfügung zu stellen. Er war
+Prokurist eines großen Odessaer Bankhauses, mit welchem Alexander von
+Krüdener geschäftliche Verbindung gehabt hatte. Da sie sich erinnerte,
+aus Alexanders Mund hie und da das Lob von Menasses Redlichkeit
+vernommen zu haben, war ihr Vertrauen sogleich unbedingt und auch in der
+Folge nicht zu erschüttern. In lebhaften Ausbrüchen klagte er ihr sein
+Unglück; einer wichtigen Transaktion halber war er vor mehreren Wochen
+hergekommen; am Tage, wo er hätte abreisen sollen, fuhren keine Züge
+mehr und jeder Versuch, den Ort zu verlassen, hieß das Leben gefährden.
+Maria hörte ihm teilnehmend zu, und erst als er sich erschöpft hatte,
+sprach sie von ihrer Angelegenheit. Er überlegte, sagte, er werde
+Umschau halten, und drei Stunden später erschien er mit einer
+Tscherkessin, die er trocken und kategorisch als die zu dem Zweck
+taugliche Person empfahl.
+
+Der Marschall hatte seinerzeit die Heirat des jüngeren Bruders
+mißbilligt. Es war zum Bruch zwischen den Brüdern gekommen, der
+Marschall zeigte sich unversöhnlich und hatte sich starr geweigert,
+Maria zu sehen. Man meldete ihm die Geburt der Kinder, er nahm keine
+Notiz davon. Alexander hatte es ertragen ohne zu murren und ließ auch in
+Maria keinen Unmut Wurzel fassen, denn er beugte sich vor dem Bruder
+als einem überlegenen Charakter, dessen Handlungen und Entschlüsse er
+von seiner Kritik ausschaltete. Er beugte sich, damit war alles gesagt
+und auch in Maria jeder Widerspruch erstickt. Bei Ausbruch des Krieges
+hatte der Marschall in einem Privatschreiben an den Zaren seine Ämter
+und Würden niedergelegt, da nach seiner Überzeugung der Krieg gegen
+Deutschland zum Verhängnis für Rußland werden mußte. Er hatte im
+japanischen Krieg glänzende Leistungen vollbracht, und schon deshalb war
+dieser Schritt keiner üblen Deutung ausgesetzt. Nun lebte er in
+äußerster Zurückgezogenheit und beschäftigte sich, leidenschaftlicher
+Hegelianer, mit profunden philosophischen Studien.
+
+Wie sich Menschen gegen sie verhielten, war Maria gleichgültig, wenn sie
+ihrerseits an ihnen Freude haben oder sie ehren konnte. Würde stand ihr
+über den täuschenden Einflüsterungen der Sympathie. Dazu hatte Alexander
+sie erzogen. In vielen Gesprächen vieler Nächte hatte er ihr bewiesen,
+daß das Prinzip der Vergeltung die Quelle alles Bösen sei. In der
+Befolgung seiner Lehre war sie zu der ihr eigentümlichen geistigen
+Konstanz gelangt. Der Brief an den Marschall war ein Meisterstück
+unbefangener Werbung.
+
+So wartete sie, wartete auf Alexanders Wort und Weisung von dorther und
+ahnte doch die Vergeblichkeit schon. Um sich zu zerstreuen, begann sie
+den ältesten Sohn, den siebenjährigen Mitja, zu unterrichten, fand sich
+aber unzureichend, das Bedürfnis des Knaben heftiger als sie vermutet
+und suchte einen Lehrer für ihn. Ein Moskauer Bekannter nannte ihr einen
+Studenten, Jefim Leontowitsch Tatjanow, der in einem geringen Wirtshaus
+vor der Stadt wohnte. Sie ließ ihn kommen und engagierte ihn. Er war im
+Gefolge eines Industriellen als Sekretär oder dergleichen gereist;
+unterwegs war der Mann und die meisten seiner Leute von einer
+herumziehenden Bande von Soldaten ermordet worden; nun saß Jefim
+Leontowitsch völlig mittellos in diesem Ort des Überflusses. Maria
+behandelte ihn mit Rücksicht und mit Achtung; dies schien ihm neu zu
+sein, und seine Dankbarkeit hatte etwas Kindliches. Er kam nicht nur zu
+den ausbedungenen Stunden, sondern widmete seinem Schüler alle freie
+Zeit; auch die beiden Kleinen, Fedja und Aljoscha zog er durch seine
+einfache Güte an sich.
+
+Eines Morgens war Aljoscha, der Mutter im Korridor vorauseilend, in der
+Hast in ein falsches Zimmer gerannt. Maria folgte ihm lachend; er stand
+bei einer majestätisch gewachsenen Dame, die ihr entgegentrat und ihr
+die Hand reichte. Es war die Fürstin Nelidow. Maria geriet in
+Verlegenheit, ihres Lachens halber, denn die Fürstin war in tiefer
+Trauer, und die Ursache war Maria bereits bekannt. Ihr Sohn, der
+dreiundzwanzigjährige Fürst Grigorji, Offizier in der kaiserlichen
+Marine, hatte sich vor wenigen Tagen bei einem Ausflug im Gebirge
+erschossen.
+
+Die Fürstin, eine Frau Mitte der Vierzig, war noch sehr schön. Sie gab
+sich Maria gegenüber herzlich. Sie kannte Alexander von Krüdener von der
+Zeit her, wo er im Ministerium gewesen war und sprach mit Wärme von ihm.
+»Ihre Gegenwart tut mir wohl,« sagte die Fürstin, »ich hoffe, wir werden
+uns häufig sehen.« Sie schlang ihren Arm um Aljoscha und streichelte ihm
+das Haar. »Heute abend feiern wir das Totenmahl für Grigorji,« fuhr sie
+fort; »kommen Sie doch; kommen Sie zu mir.«
+
+Maria empfand Mitleid; nicht nur mit der Fürstin und ihrem besonderen
+Schicksal; das Mitleid mit allen diesen Menschen überflutete ihr Herz.
+Namentlich den Frauen galt ihr bedauerndes Gefühl; die sorglosen und
+glänzenden Wesen, bestimmt, sich zu schmücken, sich zu freuen, schienen
+ihr verloren.
+
+Sie wollte gehen, aber die Fürstin hielt sie noch zurück. So schickte
+sie Aljoscha hinaus. Die Fürstin erzählte: »Hören Sie, was sich begeben
+hat. Es ist eine Person hier, sie wohnt im Hause, eine gewisse Lisaweta
+Petrowna. Sie behauptet mit Grigorji verheiratet gewesen zu sein. Kurz
+vor seiner Abreise aus Sebastopol, behauptet sie, sei sie ihm angetraut
+worden. Sie hat keinerlei Dokumente, keine Bestätigungen, keinen Brief;
+die Papiere habe man ihr gestohlen, redet sie sich aus. Sie hat sich mir
+zu Füßen geworfen, hat mir die Hände geküßt und mich Mutter genannt. Den
+ganzen Tag sitzt sie oben in ihrem Zimmer und weint und schluchzt. Dann
+schickt sie wieder den Kellner mit Zettelchen: Erbarmen Sie sich,
+Fürstin, erbarmen Sie sich Ihrer Lisaweta Petrowna, erbarmen Sie sich.
+Ich kenne sie nicht. Ich weiß nichts von ihr. Grigorji hat nie mit einer
+Silbe ihrer erwähnt. Wir haben sie vorher nie gesehen. Ihre Angaben zu
+prüfen ist unmöglich. Was soll man da tun? Erbarmen, wie denn erbarmen?
+Wahrscheinlich hat sie kein Geld; nun, man wird ihre Rechnung bezahlen.
+Gestern spielte sich eine abscheuliche Szene ab. Sie kommt herein, setzt
+sich zu den andern und fängt an zu weinen. Meine Nichte Jelena steht auf
+und nennt sie eine Lügnerin. Lisaweta Petrowna ballt die Fäuste, wirft
+sich auf den Boden und verfällt in einen Schreikrampf. Man mußte sie mit
+Gewalt aus dem Zimmer schaffen. Heute früh hat man sie ohnmächtig auf
+Grigorjis Grab gefunden. Sie hat einen Selbstmordversuch gemacht, so
+heißt es. Jelena meint, es sei simuliert. Jelena ist außer sich, das
+arme Kind. Was soll man da sagen, was soll man tun?«
+
+Maria beschloß sogleich, diese Lisaweta Petrowna zu besuchen, aber sie
+äußerte nichts von ihrem Vorsatz, sondern lenkte das Gespräch auf den
+jungen Fürsten und fragte nach Einzelheiten seines Lebens, ohne Neugier,
+mit einem zarten Durchblickenlassen des gemeinsamen Gefühls der Mütter.
+Die Fürstin willfahrte dankbar; es bedeutete Linderung für sie, indes
+Maria aus wenigen mitgeteilten Zügen ein Bild gewann. Sie saß still und
+aufmerksam vor der Fürstin, rauchte eine Zigarette und sah, und sah. Die
+Gabe des inneren Gesichts wurde manchmal Last, und doch schien es ihr
+wunderbar, viel zu wissen von den Menschen. Als sie sich verabschiedete,
+sagte die Fürstin: »Mir ist als seien wir seit Jahren befreundet.« Maria
+lächelte.
+
+Im Verlauf des Tages erlangten die beunruhigenden Gerüchte Gestalt, und
+zwar drohendste. Kislawodsk war von den Revolutionstruppen umzingelt.
+Mitja sagte mit dem stolzen Trotz, der an seinen Vater erinnerte: »Nicht
+wahr, Mama, wir werden unser Leben so teuer wie möglich verkaufen?« Sie
+erwiderte: »Ja, mein tapferer Liebling.« – »Schade, daß Iwan Dymow nicht
+mehr bei uns ist,« seufzte er. Aber sie tröstete ihn. »Erstens bist du
+ja selbst ein Held, und dann vergißt du, daß wir Jefim Leontowitsch
+haben.« Mitja schaute den Studenten prüfend an, dieser errötete und
+sagte mit einem Blick scheuer Ergebenheit auf Maria: »Sie haben nur zu
+befehlen. Befehlen Sie, und ich gehorche.« Es lag ein Ernst und eine
+Festigkeit in den Worten, die Maria veranlaßten, ihm die Hand
+hinzustrecken, die er demütig mit den Lippen berührte.
+
+Was sollte mir zustoßen können, dachte sie, da gute Menschen um mich
+sind?
+
+Als sie sich am Abend den Nelidowschen Gemächern näherte, drang ihr
+Gelächter, Johlen, Pfropfenknallen, Gläserklirren entgegen. Eine
+Streichmusik spielte eine brutal-wilde russische Melodie. Sie öffnete
+die Tür zum Salon; zehn oder zwölf junge Männer, Anverwandte der
+Familie, saßen um eine Tafel, zechten, sangen, rauchten; bisweilen erhob
+sich der eine oder andere und warf den Musikanten Rubelscheine zu. Maria
+ging in das nächste Zimmer; hier befanden sich einige ältere Herren und
+Damen, aber auch ein junges, etwa achtzehnjähriges Mädchen von
+blendender Schönheit. Sie hatte kurzes gelocktes Haar, eine Haut von
+opalisierender Blässe und gelbliche, große, unsehende, strenge Augen.
+Fasziniert blieb Maria stehen. Da wurde sie von der Fürstin Nelidow
+gerufen, die in ihrem Schlafzimmer allein saß. »Ich habe auf Sie
+gewartet,« sagte sie, als Maria eintrat; »setzen Sie sich zu mir,
+sprechen Sie; ich höre Ihre Stimme gern.«
+
+Vom Salon herüber, wo so expressiv das Totenmahl gehalten wurde, tönte
+ein klagender Chorgesang.
+
+In ihrem Bestreben, den abgeirrten, in Trauer verirrten Sinn der Fürstin
+zu erwecken, kam sich Maria wie jemand vor, der sich in einem fremden
+finstern Raum zurechtzufinden sucht. Die Fürstin schaute sie beständig
+an, aber nur nach und nach belebte Verstehen den Blick. Maria erzählte
+von der Einsamkeit der letzten Monate auf dem Gut, von Wanjas Geburt und
+wie sich während der Schmerzensnacht die Sehnsucht nach Alexander zur
+Gestalt verdichtet habe, so täuschend, daß sie jeden Schrei erstickt
+habe, um ihm nicht zu mißfallen. Bei allem was sie getan und gedacht,
+sei er unsichtbar richtend gegenwärtig gewesen. Sie erzählte von ihrem
+Verkehr mit den Bauern; von dem Geist der Widersetzlichkeit und der
+Feindschaft, der plötzlich in alle gefahren sei; auch die Sanftesten und
+Verständigsten hätten versagt. Eines Tages hatten sie ihr Besitzrecht an
+dem Wald verkündet; der Wald sollte abgeforstet und verkauft werden. Sie
+habe unterhandelt; vergebens; ihnen ins Gewissen geredet; vergebens; da
+sei sie allein mit den Ältesten in den Wald gegangen, wo die schlimmsten
+Aufrührer schon begonnen hatten, die Stämme zu fällen. Einem von diesen
+habe sie das Beil entrissen und ihm zugerufen: keinen Schlag mehr! Sie
+habe ihnen vorgestellt, was für eine Sünde sie begingen; wie sie sich an
+Heiligem vergriffen, an Lebendigem und wie sie das Gedächtnis ihres
+Herrn schändeten, der gerecht und gütig gegen sie gewesen sei. Viele
+hätten gemurrt, viele hätten aber geschwiegen und zur Erde geblickt. Sie
+habe ihnen gesagt, ein Baum sei eine Kreatur Gottes wie jeder von ihnen,
+und dieses seien junge Bäume, in Liebe gepflanzt und gehegt, zur
+Nutznießung bestimmt für ihre Kinder und Kindeskinder und noch nicht
+reif für die Axt. Ob sie Gottes Kreaturen verschachern wollten um
+elendes Geld? Dann sollten sie doch auch sie selber verschachern, dann
+wollte sie ihre Herrin nicht mehr sein, und sie werde nicht vom Platze
+weichen, ehe sie ihr nicht in die Hand gelobt, daß sie den Wald würden
+unversehrt lassen oder sie müßten sie selber niederschlagen. Darnach
+hätten sie sich beraten, und die Ältesten seien zu ihr gekommen und
+hätten ihr in die Hand gelobt, dem Wald solle kein Fäserchen gekrümmt
+werden und sie bäten sie um Vergebung ihrer Sünde. So habe sie damals
+den Wald gerettet; ob er jedoch heute noch stehe, das getraue sie sich
+nicht zu sagen.
+
+Die Fürstin nahm Marias Hand und drückte sie. »In diesem Land leben,
+heißt jede Stunde dem tückischsten Ungefähr ausgeliefert sein«, sagte
+sie; »oder ist das überhaupt die Eigenschaft des Lebens und wir wußten
+es nur bisher nicht, wir Begünstigten? Mir ist jetzt manchmal so bang.
+Ich persönlich habe ja nicht mehr viel zu verlieren, aber mir ist so
+bang um alle, die ich sehe, bang um das Volk, um die ganze Menschheit,
+wenn auch die Mehrzahl nichts als Böses schafft.«
+
+»Es kommt wahrscheinlich auf die Mehrzahl nicht an,« erwiderte Maria;
+»es kommt immer bloß auf den Einzelnen an, glaube ich. Der Einzelne ist
+oft wie der wundertätige Tropfen Medizin, der einen vergifteten
+Organismus heilt. Immer geht von Einem das Licht aus. In Tula mußte ich
+mit meinen Kindern Quartier im Hotel nehmen; der Zug nach dem Süden fuhr
+nur zweimal in der Woche. Gleich in der ersten Nacht war Alarm. Das
+Hotel war von Soldaten besetzt worden, und alsbald wurde der Befehl
+ausgegeben, alles Bargeld sei unverzüglich abzuliefern, niemand dürfe
+das Zimmer verlassen, um acht Uhr morgens werde eine scharfe Nachsuchung
+sein und jeder, bei dem dann noch irgend eine Summe sich finde, werde
+standrechtlich erschossen. Bedenken Sie meine Lage; ich hatte
+achtzigtausend Rubel am Leibe verborgen, alles was ich hatte flüssig
+machen können; wenn man es mir nahm, war ich samt den Kindern so gut wie
+verloren. Meine Dienerinnen und den treuen Begleiter hatte man von mir
+entfernt, vor dem Zimmer stand eine Wache, das Geld im Zimmer zu
+verstecken, war aussichtslos, ich wußte ja wie gründlich diese Leute zu
+verfahren pflegten, es blieb also nichts übrig, als abzuwarten, was mit
+mir geschehen würde, denn das Geld freiwillig herzugeben, daran dachte
+ich keinen Augenblick. Von drei Uhr nachts bis halb zehn Uhr morgens
+ging ich unaufhörlich im Zimmer auf und ab; Furcht empfand ich keine; in
+meiner Absicht wankend wurde ich nicht; eine klare Vorstellung von dem,
+was meiner harrte, war ebenfalls nicht in mir; fest stand einzig und
+allein, daß ich mich und meine vier Knaben aus dieser Gefahr zu retten
+habe, daß das meine Pflicht sei und daß es auch gelingen werde. Um neun
+Uhr betraten drei Soldaten, ein Unteroffizier und ein Weib das Zimmer
+der Kinder nebenan. Die Knaben wurden aus dem Schlaf gezerrt, die Möbel,
+die Betten, die Dielen, die Wände, die Vorhänge, die Koffer aufs
+genaueste durchsucht. Ich ging hinein. Ich sah mir die Leute an.
+Finstere Gesichter, unmenschliche Stirnen, da schien keine Hoffnung.
+Einer wies mich barsch hinaus; einer folgte mir ein paar Schritte, um
+die Tür zu schließen. Wie ich den Kopf zurückwende, ist es mir, als sei
+in den Augen dieses Menschen ein Etwas, ein gewisser Schimmer, etwas
+unnennbar Fernes von Weicherem als bei den andern. Er hatte rote, kurze,
+borstige Haare, die Haut besät mit Sommersprossen, und hinter seinen
+wulstigen Lippen waren Zahnlücken und schwarze Zähne. Aber mich
+durchbebt es; in der Eingebung eines Moments winke ich ihm. Stumm tritt
+er näher. Ich reiße die Knöpfe des Kleides auf, nehme das Paket mit den
+achtzig Scheinen heraus und gebe es ihm in die Hand. »Fünf Menschenleben
+sind in deiner Hand,« sage ich zu ihm, »jetzt mache was du willst.« Ohne
+mit der Wimper zu zucken, steckt er das Paket in die Rocktasche und
+verschwindet. Die andern kommen gleich darauf in mein Zimmer. Wie
+drüben wird alles um und um gewühlt, Wäsche, Kleider, Schuhe, jede
+Ritze, jede Schublade untersucht. Dann bleibt das Weib allein bei mir,
+ich muß mich entkleiden. Auch das ging vorüber, und sie entfernt sich.
+Eine Viertelstunde danach, das Herz hatte mir die ganze Zeit bis in die
+Fingerspitzen geschlagen, erscheint der rothaarige Soldat im Zimmer,
+horcht eine Sekunde, zieht das unversehrte Rubelpaket aus der Tasche und
+überreicht es mir schweigend. Ich stammle ein paar Worte, fassungslose,
+dankverwirrte; ich frage, was ich für ihn tun könne; ihm Geld anzubieten
+hatte etwas Unsinniges, da er mir ja achtzigtausend Rubel schenkte. Er
+schüttelt den Kopf und sagt: »Machen Sie sich keine Gedanken darüber,
+Mütterchen. Es ist leider so, daß wir in Blut und Sünde stecken bis an
+den Hals. Vielleicht läßt mir Gott jetzt ein wenigs nach. Vielleicht
+legt er das auf die andere Schale.« Damit geht er. Und ich, es ist ein
+Zustand von Scham, in dem ich mich befinde, als hätte ich mich an dem
+Menschen vergangen durch die Angst und die Zweifel vorher.«
+
+Während der letzten Worte noch war die schöne junge Person eingetreten.
+Sie ging auf die Fürstin zu und sagte mit einer Stimme wie aus Glas und
+zitternd vor Zorn: »Stepan Fedorowitsch erzählt eben, daß er diese
+Lisaweta Petrowna von Petersburg her kenne. Sie sei in einem Kabarett
+als Coupletsängerin gewesen und im übrigen, nun, das kann man sich ja
+denken. Sie sehen also, Tante, daß Sie einer Betrügerin zum Opfer
+gefallen sind und daß es nur lächerlich wäre, sich weiter um sie zu
+kümmern.«
+
+»Meine Nichte Jelena,« stellte die Fürstin vor und nannte auch Marias
+Namen. Diese lächelte in schweigendem Wohlgefallen an der Erscheinung
+der jungen Fürstin.
+
+»Sie ist ohne Kopeke, das elende Frauenzimmer,« fuhr Jelena erbittert
+fort; »der Hoteldirektor hat bereits gestern gedroht, sie auszulogieren.
+Und was die Komödie an Grigorjis Grab betrifft, die darauf berechnet
+war, Sie, Tante, hinters Licht zu führen, so hat die Kugel nur die Haut
+gestreift, am linken Arm; sehr vorsichtig. Pfui, was für eine
+unappetitliche Geschichte!«
+
+»Aber wenn nur ein Fünkchen Wahrheit darin ist, müssen Sie Nachsicht
+haben, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria.
+
+Jelena erbleichte. »Wie kann sie es wagen!« rief sie und schüttelte sich
+vor Widerwillen; »abgesehen davon, daß sie für ihre verleumderische
+Erfindung auch nicht den Schatten von Beweis aufbringen kann, bestehen
+auch innere Gründe, ja innere Gründe, –« sie preßte die Lippen zusammen
+und stand noch schlanker, in noch angespannterer Haltung da als bisher;
+»darf man es geschehen lassen, daß sie Grigorjis Bild besudelt? Was
+verlangen Sie? Warum ergreifen Sie Partei?«
+
+»Ich ergreife nicht Partei,« entgegnete Maria, die plötzlich den
+unbestimmten Eindruck hatte, als sei Schuld und Verstellung in dem
+jungen Mädchen, »ich wollte nur verhüten, daß Sie vorschnell urteilen.
+Seien Sie mir nicht böse.« Sie erhob sich und ging.
+
+Vor ihrem Zimmer schritt Menasse auf und ab. »Das Hotel ist umstellt und
+bewacht,« redete er sie sogleich an, »vor den Ausgängen stehen lauter
+bis an die Zähne bewaffnete Kerle. Es ist bei Todesstrafe verboten, nach
+Anbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Auf wessen Befehl, weiß
+vorläufig niemand. Ob man uns schützen will oder die Mäusefalle nur
+zuklappt, damit keiner entrinnt, weiß niemand. Die Sache wird ernst, es
+geht an den Kragen.«
+
+Er öffnete eigenmächtig die Tür ihres Zimmers und zögernd wurde er
+durch eine Erinnerung an gute Manieren bewogen, ihr den Vortritt zu
+geben. »Passen Sie auf,« begann er wieder mit seiner komischen
+Vertraulichkeit, »zu warten, bis man uns an die Mauer stellt und die
+Hirnschale kaput schießt, ist Blödsinn. Wer sich nicht aus dem Staub
+macht, hat sich selber zuzuschreiben die Folgen. Ich habe einen Plan.
+Sie gefallen mir, die Kinderchen dauern mich, Ihren Mann verehre ich,
+das ist ein Gentleman durch und durch, und wenn ich mich seiner Familie
+nicht annähme in der Not, wäre es eine Gemeinheit von mir. Ich habe
+einen Plan, wie gesagt. Die Vorbereitungen sind bereits getroffen.
+Allerdings wird die Geschichte viel Geld kosten, aber wo’s ums Leben
+geht, hört sich die Billigkeit auf.«
+
+Er schaute sich unruhig um, hastete zur Tür, lugte durch einen Spalt
+hinaus, kam wieder auf Maria zu und fuhr mit heiser gedämpfter Stimme
+fort, es werde so gottlos viel Geld kosten, daß nur eine ganze Kompagnie
+dafür aufkommen könne. Er habe bereits einige Leute ins Auge gefaßt, an
+denen ihm gleichfalls gelegen sei, Leute, um die es gleichfalls schade
+wäre; er habe ihnen von seiner Absicht gesprochen, und sie hätten ihm
+Blanko-Vollmacht erteilt. Ob Maria sich anschließen wolle? Ob sie bereit
+sei, sich seinen Anordnungen blindlings zu fügen? Nur bei strammer
+Disziplin sei Gelingen möglich. Er habe alles genau überlegt; das Wagnis
+sei groß, aber alles sei besser als sich hier abschlachten zu lassen und
+in Gottes Hand stehe man schließlich überall.
+
+Er war klein, beweglich wie ein Gliedermann, ein bißchen schief
+gewachsen, mit Augen, die fast ohne Wimpern und Brauen waren,
+stutzerhaft gekleidet als käme er frisch aus dem Modemagazin und von
+dem Gefühl seiner zentralen Wichtigkeit durchdrungen.
+
+»Gut, Herr Menasse,« sagte Maria nach kurzem Besinnen, »ich will mich
+Ihnen anvertrauen. Wir sind acht Menschen, wie Sie wissen; auch meine
+drei Dienerinnen müssen mit. Das ist die Bedingung, die ich meinerseits
+zu stellen habe.«
+
+Menasse zuckte die Achseln. Das erhöhe für sie nur die Spesen, bemerkte
+er geschäftlich. Mehr als sechzig nehme er nicht an. Jetzt seien es
+siebenundvierzig Personen. Erforderlich an Kapital sei ungefähr eine
+halbe Million Rubel, es könnten aber Umstände eintreten, durch welche
+die Summe bedeutend vergrößert würde. »Vor allem ist notwendig zu
+schweigen,« schloß er; »es werden sich in den nächsten Stunden ereignen
+schlimme Dinge, aber verhalten Sie sich still und rühren Sie sich nicht,
+bis ich Ihnen wissen lasse, was Sie zu tun haben. Von heute ab bin ich
+Ihr General; da heißt es Subordination, und zwar auf den Wink. Gute
+Nacht.«
+
+Maria sah ihm verwundert nach, wie er aus dem Zimmer schoß, säbelbeinig,
+kurzhalsig, stiernackig, geladen mit Energien. Sie trat aufatmend ans
+offene Fenster. Der beinah volle Mond schwamm in einem Meer von Frieden.
+Schwarze Körper, wölbten sich die Hügel und Berge hinan zu den
+feierlichen Riesen, deren Konturen im bläulichen Äther zitterten. Tauige
+Feuchtigkeit lag in der Atmosphäre, alles Dunkel strebte nach dem
+Silberlicht, die Brust der Erde, mit stummen Seufzern, hob sich gegen
+die unerreichbaren Regionen. Maria hätte beten mögen, freudige Inbrunst
+war in ihr, aber das Haus mit all den angstvoll pochenden Herzen, mit
+all der menschlichen Verworrenheit und Finsternis, streckte Arme nach
+ihr, und ihr war als sinke sie zurück. Eine Uhr schlug zwölf, da
+klopfte es leise an die Tür; ohne zu erschrecken rief Maria; die Fürstin
+Nelidow trat ein. Sie trug einen Schleier über den Haaren; so leise wie
+sie geklopft, ging sie auf Maria zu, mit bittender Gebärde, fast wie
+eine Untergebene. Ob sie störe? Wolle sich Maria Jakowlewna zur Ruhe
+begeben, so werde sie gleich wieder gehen. Für sie selbst sei in diesen
+Tagen an Schlaf kaum zu denken. Sie legte beide gefalteten Hände zart
+auf Marias Schultern.
+
+Nein, sie störe durchaus nicht, antwortete Maria, auch ihr sei Schlaf
+ein lästiges Vorhaben, ihr Inneres sei lauter Aufruhr und Widerklang von
+vielen Stimmen. Sie setzten sich. Die elektrische Lampe auf einem
+Ecktisch ließ den Raum im Dämmer.
+
+Es sei eine Art Neugier, von der sie herübergetrieben worden, sagte die
+Fürstin; sie habe über alles nachgedacht, was Maria gesprochen, sie habe
+sich gar nicht davon loszureißen vermocht. »Was ist das für eine Kraft
+in Ihnen? und woher kommt sie? Wie ist es möglich, daß Sie, eine Fremde
+in unserm Land, alle Verhältnisse überschauen, unseren Menschen
+gegenübertreten als seien Sie eingeflochten in generationenalte
+Beziehungen? Sie haben Blick und Schritt einer Wurzelnden, und es ist
+nicht einmal Ihre Erde. Es ist Ihnen gegeben, die Sprache der Bauern zu
+reden, Sie greifen in das dumpfe Gemüt eines vertierten Soldaten, und
+Sie haben mit keinem von ihnen wirklich gelebt. Ich erzähle Ihnen von
+Grigorji wie einer leiblichen Schwester, und ich bin Ihnen vorher
+vielleicht zweimal flüchtig begegnet. Was sind Sie eigentlich für eine
+Frau? Was ist denn das Sonderbare an Ihnen? Können Sie es erklären? Oder
+bin ich zudringlich, wenn ich darum bitte?«
+
+»Nein, nein,« wehrte Maria lächelnd ab, »Sie überraschen mich nur –«
+
+»Überraschen? Weshalb? Finden Sie denn, daß ich verpflichtet bin, in
+meinen Schmerz eingehüllt zu bleiben? Sie haben ihn mir noch tiefer ins
+Bewußtsein gedrückt, aber zugleich haben Sie das Selbstsüchtige daran
+gelockert. Wir schulden uns selbst nicht so viele Tränen wie uns die
+Umgebung dadurch abpreßt, daß sie sich zur Teilnahme berechtigt glaubt.
+Das Teuerste wird einem genommen, aber es zieht einen nach sich; Trauer
+ist oft nur eine feinste Form von Heuchelei, und nie hungert die Seele
+so nach Aufschwung wie mitten im Gram um einen unwiederbringlichen
+Verlust. Ich sehe Ihnen an, daß Sie mich verstehen.«
+
+»Ich bewundere Ihren Mut, Fürstin. Das ist es eben, was mich überrascht
+hat.«
+
+»Mut ist das letzte. Das letzte vor dem Ende, Maria Jakowlewna. Und wir
+sind ja am Ende. Aber wollen Sie nicht meine Fragen beantworten? Können
+Sie es? Sie lächeln; dieses Lächeln läßt mich hoffen.«
+
+Maria, die verschränkten Hände im Schoß, beugte sich vor. »Sie haben
+erwähnt, daß Sie sich an Alexander von Krüdener gut erinnerten,« sagte
+sie. »Die Zeit, von der Sie sprachen, liegt ja ziemlich lange zurück.
+Was für einen Eindruck haben Sie von ihm behalten? Ich meine in tieferm
+Sinn, nicht gesellschaftlich.«
+
+Die Fürstin überlegte. »Es ist schwer,« gestand sie zögernd, »ich weiß
+zu viel von ihm. Wir Angehörige der obersten Schicht wissen zu viel
+voneinander, um das reine Bild einer Persönlichkeit bewahren zu können.
+Er kam mir sehr geschlossen vor. Unbeugsam, unbiegsam. Er ist Balte,
+nicht wahr? Alle Balten sind starr. Er hatte vollendete Formen, jene
+Tadellosigkeit bis ins Mark, die wie Wohlgeruch wirkt. Viele junge
+Mädchen waren damals verliebt in ihn, aber auf neutral Gestimmte wirkte
+er ein wenig erkältend, wie jemand, der lange einsam gewesen ist,
+äußerlich oder innerlich, und über die Wege zu den Menschen nicht mehr
+orientiert ist. Stimmt das?«
+
+Maria nickte. »Es stimmt wie eine Silhouette an der Wand. Es stimmt und
+ist doch nichts. Unbeugsam, unbiegsam; darin liegt etwas vom Wesen. Er
+hat mich gebogen; nicht gebeugt: gebogen. Ich hätte brechen können, dann
+war ich eben nicht die, die er brauchte. Ich kam aus einer Welt ohne
+feste Umrisse; man gehörte nicht zum Adel, man gehörte nicht zum
+Bürgertum, man hing gesetzlos dazwischen. Ich war in Deutschland
+geboren, aber in Österreich erzogen; die eigentümliche staatliche und
+soziale Luft dort bedingt ein gewisses Schwanken von selbst. Ich
+forderte durch mein Tun und Lassen zum Widerspruch heraus; ich war immer
+anders als andere, immer auf dem Kriegsfuß mit allen. Um mich zu finden
+oder etwas außer mir, das ich packen konnte, ging ich auf allen Seiten
+in die Irre, schlug allem Herkommen ins Gesicht, wurde ganz wild, ganz
+entfesselt, überwarf mich mit meiner Familie und den meisten Freunden,
+war von Freiheitsideen besessen und in Gefahr, mich in Schwarmgeisterei
+und Libertinage zu verlieren. Da traf ich Alexander. Es war der
+kritische Moment. Ich war häßlich verstrickt mit meinen neunzehn Jahren,
+das Sinnliche ist ja immer der Anzeiger vom Grad der Zerfallenheit;
+entfesselt und verstrickt, wie sonderbar, daß man es in einem sein kann.
+Aber es war ja die Zeit, wo man alles halb war, mit keiner Sache Aug in
+Aug stand, und beharrte man auf einem Weg, so war man fast verfemt. Wir
+sprachen uns nie, Alexander und ich. Er war mit einer offiziellen
+Mission beauftragt und erschien bisweilen, sehr unterschieden von
+Männern, die ich kannte, in der Gesellschaft. Daß ich seine
+Aufmerksamkeit erregte, daß er mich beobachtete, spürte ich natürlich;
+war ich auch meines Magnetismus sicher, der seine war noch stärker und
+hatte doch nicht die Kraft, mich gleich aus meinen Ketten zu reißen. Der
+Entschluß, mich in sein Leben hinüberzunehmen, traf ihn selber
+unerwartet. Ich werde mich hüten, Sie mit den Einzelheiten einer
+Liebesgeschichte zu langweilen; wichtig ist nur, daß wir uns heirateten
+und daß jeder von uns beiden wußte, sein ganzes Schicksal kam dabei in
+Frage. Was für Monate, Fürstin, was für Jahre! Wir traten uns gegenüber
+wie zwei Duellanten, wie zwei Ringkämpfer. Er verriet es mir einmal:
+hätte ihm nicht eine unvergeßbare Erleuchtung den Kern in mir offenbart,
+er hätte mich am Anfang schon wieder nach Hause geschickt; denn ich war
+zuchtlos, haltlos, voller falscher Begriffe, voller Vorurteile in bezug
+auf Liebe und Ehe und Mann und Weib und Gott und Mensch. Du hast das
+ganze Europa in dir, sagte er immer, und ich verstand lange nicht, was
+er meinte. Ich leistete Widerstand auch hier, ich setzte ihm das
+entgegen, was ich meine Persönlichkeit hieß, dieses Treibhauspflänzchen,
+das er Blatt für Blatt und Faser für Faser zerrupfte, daß nichts mehr
+davon übrig blieb als Beschämung und Trotz, immer noch Trotz. Und er
+suchte den Kern; unermüdlich, unablässig, Tag und Nacht, mit einer
+leidenschaftlichen Geduld, mit einem tiefen Wissen. Er grub mich aus mir
+heraus; er riß mich auseinander, um mich neu zu machen. Es tat weh; ich
+versichere Ihnen, Fürstin, es gab Tage, Wochen, wo ich zwischen Liebe
+und Haß erstickt und zertreten niederbrach. Und er, hinter mir her wie
+mit einer Geisterpeitsche: du mußt durch, mußt es durchleiden und wenns
+dich verbrennt; besser, wir gehn ehrlich mit- und aneinander zugrunde als
+ein Sterben an dreißig Jahren Mißverständnis und heimlichen Wunden. Und
+endlich wuchs ich ihm zu, aus meinen Trümmern; endlich fand er mich,
+gewann er mich. Es war um die Zeit, wo ich zum erstenmal schwanger war,
+nach fünf Jahren; daß auch er nicht unverwandelt blieb, ist
+selbstverständlich; hätte ich ihm nichts zu geben vermocht, so hätte ich
+ihm ja nichts sein können, und kluge Verträge gehören zum Sieg. Doch war
+ich sein Geschöpf und fühlte mich so. Er zog sich damals vom
+öffentlichen Leben zurück, wir gingen auf das Gut und begannen zu
+arbeiten. Jedes Ziel war gemeinsam. In Meinungen und Handlungen trafen
+wir uns immer an demselben Endpunkt. Wir lasen die gleichen Bücher,
+dachten die gleichen Gedanken, fällten die gleichen Urteile. Er verzieh
+sich keine Nachlässigkeit, seine Strenge gegen sich hatte etwas
+Mönchisches. Unmöglich ihn um eines Vorteils willen zu bewegen, das
+kleinste Recht auf seine Seite zu bringen, wenn es auf der andern war;
+eher hätte man Granit schmelzen können. Was er für seine Pflicht, für
+seine Lebensaufgabe hielt, war nichts Begrenztes, sondern ein
+ununterbrochen anschwellender Strom, und seine Hingabe war die äußerste,
+er verlangte von sich das äußerste und verlangte es von mir. Ich habe
+von Natur aus einen Hang zur Trägheit und Beschaulichkeit; den trieb er
+mir gründlich aus; manchmal weinte ich vor Zorn und Mitleid mit mir
+selbst, wenn er mir zuviel zumutete; aber es war dann doch das Richtige,
+und hatte ich mich bezwungen, so konnte er durch ein gütiges Wort allen
+Groll vergessen machen. Nur nicht sich verwöhnen, nur nicht sich
+verzärteln, nur nicht Gefühle hinverschwenden, wo man sich entscheiden
+muß, sagte er; und so verhielt er sich gegen die Welt, gegen seine
+Kinder, gegen die Untergebenen. Er entkräftete jeden Einwand durch
+Beispiel. In ihm lebte eine große Idee seines Volkes, eine große Idee
+von Herrschaft, die durch Dienst entsteht, durch Gehorsam und Ehrung des
+Brauches. Für ihn war der Zar eine göttliche Person wie für den
+einfachsten Bauern. Dieses Rußland, dieses russische Volk war ihm der
+heilige Nährboden der Menschheit, der Schoß der Zukunft, die
+Vorratskammer der Welt. Ich spreche von ihm, ich spreche von mir. Es gab
+da kein Anderssein mehr. Er und ich, wir verschmolzen gemeinsam in
+dieses Mystische, von dem Kraft ausging. Wir haben es gelebt. Ich wußte,
+wenn er eine Handvoll Ackererde aufhob, daß er damit das Ganze wog und
+prüfte, sein Land, mit dem Himmel darüber und den Menschen darauf. Ich
+wußte, wenn er unter seine Bauern trat, um Recht zu sprechen, daß er es
+im Gefühl der höchsten Verantwortung tat, als meißle er den Spruch in
+die Ewigkeit. Riefen sie ihn zu Hilfe, so kam er, ob es sich auch ums
+Geringste handelte; Schlittenfahrten durch die brennendkalte Winternacht
+waren nichts Seltenes. Sie durften ihn fordern. Dabei war er der Herr;
+er verstand es, Herr zu sein. Ich war die Herrin; er machte mich zur
+Herrin. Ich begriff es nach und nach. Herrin und Mutter, das galt ihm
+fast eins, Mutter von vielen, und so sagen sie auch Mütterchen zur
+Herrin. Das ist schön und schreibt einem den Weg vor. Wenn Sie das
+bedenken, Fürstin, erscheint Ihnen dann nicht alles ganz einfach?«
+
+»Ich verstehe, ich verstehe,« murmelte die Fürstin; »einfach, ja. Das
+Wunderbare ist schließlich immer einfach. Ich verstehe die Entwicklung,
+verstehe Ihr Herz, aber, #après tout#, sind Sie denn nicht vollkommen
+enttäuscht? War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es so steht? wo wir
+ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?«
+
+»Ich bin nicht enttäuscht,« antwortete Maria; »der Weg geht weiter. Ich
+bin auch nicht ohne den Herrn, welche Bedeutung immer Sie dem Wort
+geben.«
+
+Die Fürstin fragte: »Seit wann ist Ihr Gatte von Ihnen fort?«
+
+»Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich den letzten Brief.«
+
+»Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja ein beklommener
+Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem solchen Verhältnis.«
+
+»Es gehört zum Weg,« sagte Maria. »Ich weiß, daß er mit mir im Raum ist,
+kommt es da auf die Ferne an? Schließ ich die Augen nur eine kurze Zeit,
+so seh ich ihn, hör ich ihn, muß lächeln über gewisse Eigenheiten beim
+Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, berate mich mit
+ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.«
+
+Die Fürstin entgegnete: »Sie haben Phantasie, Maria Jakowlewna. Ich will
+Ihr Gefühl nicht verkleinern; alles, was Sie sagen, flößt mir
+Hochachtung ein und bestätigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar
+wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie beruhigend, mit Ihnen
+zu plaudern, ja bloß dazusitzen und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir
+eines. Ich glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, daß sie Ihnen
+die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das Schicksal eines so
+geliebten Menschen überwinden hilft; aber fühlen Sie sich nicht auch
+befreit? Erwidern Sie noch nichts, einen Augenblick noch; es ist so
+heikel; die Worte sind schwer zu finden; ich möchte nicht in den
+Verdacht kommen, daß ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren will
+–«
+
+»Sie können alles sagen, ich werde es bestimmt nicht mißverstehen,« warf
+Maria freundlich ein.
+
+Die Fürstin fuhr fort: »In Ihnen ist viel Leidenschaft. Sie sind sicher
+die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet bin. Dabei aber auch
+die unnahbarste. Ich meine das in einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu
+gelangen, allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gefäß zu schließen und
+sich den Schritt ins Unbekannte für immer zu verbieten? Wie erreicht man
+diese Unerschütterlichkeit? Frauen sind entsetzlich preisgegebene Wesen.
+Man gibt sich entweder hin oder man hält sich zurück; im einen wie im
+andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum betrogen. Und da ist
+nun eine, die sich ein so festes Haus gezimmert hat, daß der Teufel
+keinen Platz darin findet. Man rüttelt an Tür und Mauern, um die Stelle
+zu entdecken, wo es brüchig ist. Weil man doch selber in einer Ruine
+wohnt und der Neid einen quält. Sagen Sie mir also: war es nicht ein
+unerträglicher Despotismus? Zuweilen nur, zuweilen –? Sind Sie nicht
+jetzt in Ihrem verborgensten Innern irgendwie erlöst oder bloß
+erleichtert? Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe?
+War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle die Jahre, und
+haben Sie nicht heute die Empfindung, das Leben steht möglicherweise mit
+einem kostbaren Geschenk an der Pforte und Sie dürfen es ohne große
+Skrupel nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das Geschenk nehmen.
+Ich meine: ist Ihr Gemüt und Geist so bis zum Rand ausgefüllt von diesem
+einen Menschen und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, daß
+es darüber hinaus keine Regung mehr für Sie gibt, keine Verlockung,
+keine Versuchung? Sie sind ja Weib durch und durch; an Ihnen blüht und
+leuchtet ja alles. Wär ich ein Mann, was würde ich nicht aufs Spiel
+setzen, um Sie zu gewinnen. Sie erröten; wie schön, wie rührend! Wie ein
+junges Mädchen. Aber antworten Sie, antworten Sie mir.«
+
+Maria spürte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte sie: »Vier
+Kinder, Fürstin. Neben all dem, wie nannten Sie es? dem
+Unerschütterlichen, vier Kinder. Haben Sie meine Kinder gesehen?«
+
+Die Fürstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme, die dem schwarzen
+Kleid weiß entflossen, auf den Tisch gelegt und Maria, zu spät beschämt
+von ihrer mütterlichen Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den
+Gedanken: auch ich war Mutter. Sie stützte den Kopf in die Hand, und
+nach einer Weile begann sie: »Das war ein egoistisches Wort, Fürstin.
+Ich bin von einem Glücksgeleise aufs andere ausgewichen. Vielleicht aus
+Feigheit. Ihre Frage war wie ein plötzliches Feuer. Sie hat mich
+geblendet. Die Wahrheit? Wüßt ich sie nur. Mich dünkt, sie liegt in der
+Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit. Die freie Wahl war
+mir allerdings geraubt, aber ich hatte nicht das kleinste Bedürfnis und
+den kleinsten Anlaß, noch einmal zu wählen. Meine Wahl war ja
+unwiderruflich gewesen. Sie sagten, daß der Teufel in meinem Haus keinen
+Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun muß ich sehr kühn sein,
+sträflich kühn vielleicht: ich habe ja mein göttliches Teil gewählt. Ich
+leugne nicht, daß Versuchung für mich entstehen kann; wer ist gegen
+Versuchung gefeit? Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich
+noch einmal wählen müßte, dann müßte ich den ganzen Kreis bis zum andern
+Pol gegangen sein. Das Göttliche kann man nicht zweimal wählen, und in
+seiner Nähe herumpfuschen und -experimentieren kann man auch nicht. Dazu
+hat es zuviel Unerbittlichkeit. Müßte ich noch einmal wählen, dann müßte
+es geradezu der Teufel sein. In Versuchung führen könnte mich nur der
+Teufel. Aber so weit kommt es hoffentlich nicht.« Sie lachte.
+
+Die Fürstin erhob sich und umarmte sie schweigend. War es, daß sie keine
+Einwände mehr hatte, oder daß sie sich geschlagen fand durch die
+unerwartete Wildheit von Marias Argument, sie ließ sich keine Zweifel
+anmerken. Ehe sie ging, sagte sie: »Freilich, freilich«; und wieder
+bekümmerten Tones: »Freilich. All das Beinahe und Ungefähr, das
+Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens verwässert unser Schicksal;
+es macht uns müde vor der Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am
+wichtigsten, am Augenblick lügen wir uns vorbei.« Dann, mit
+Herzlichkeit: »Ich möchte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna. Schicken
+Sie mir Ihr Bild sobald wie möglich, es wird mir als Amulett dienen. Wer
+weiß, ob uns nicht die nächste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr
+Bild, so hab ich etwas, das mich schützt.«
+
+Maria versprach es.
+
+Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das Haus, vom Dach bis in
+den Keller, glich einem Akkumulator, in dem sich Angst aufsammelt. Über
+die Korridore hasteten Schritte. Maria wußte von Liebesbeziehungen, die
+sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht länger dauerten als der
+Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie hin und naschen in Verzweiflung
+Verbotenes, um nicht fühlen zu müssen, dachte Maria, halb
+geringschätzig, halb mitleidig. Aber auch andere Schritte waren,
+Botenschritte, Verräterschritte, Spionenschritte, Wächterschritte.
+Durch die geöffneten Fenster drangen Luftwellen bald kühl, bald warm;
+gegen Morgen wurde es kalt, und Maria schlief endlich ein und schlief
+bis Mittag. Das Schreien des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia,
+die Pflegerin, trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die
+linnenweiß Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht
+entzogen hatte. Wanja ließ nicht mit sich spaßen; er krallte die dicken
+Fäustchen in seiner Mutter Fleisch und schnappte zu wie ein böser
+kleiner Fisch.
+
+Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum Abend an Heftigkeit
+zunahm und sich beständig näherte. Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen
+von Bestürzung und bat Maria, daß sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer
+der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst. Maria rechnete auf
+Nachricht von Menasse. Um bereit zu sein, wies sie Litwina und Arina,
+die beiden jungen Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, worüber die
+Knaben jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges
+vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Grübeln darüber machte sie
+zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und ging hinunter. Dann kehrte sie
+zurück, durchwühlte eine Schachtel nach einer Photographie, schrieb
+ihren Namen darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit
+zur Fürstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige, das sie vergessen
+hatte.
+
+In den Gesellschaftsräumen herrschte das gewöhnliche lärmende Treiben.
+Alle diese der Heimat und nun auch der Freiheit beraubten Männer und
+Frauen trugen eine herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige
+Gesichter zeigten das Bewußtsein der Gefahr. In einer Gruppe wurde
+lachend erzählt, daß man bereits in den Straßen der Stadt kämpfe, daß in
+einem der Höfe des Hotels Tote und Verwundete lägen. Sie hatten Blut
+genug gesehen, waren an das Entsetzen gewöhnt; es handelte sich nur noch
+um ihren eigenen Untergang, den sie mit frivoler Neugier fast
+erwarteten. In einen Wiener Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack
+eines Maschinengewehrs von draußen. Man sah Soldaten an den Fenstern
+vorbeirennen. Maria fielen finster blickende Gestalten auf, erst drei
+oder vier, dann fünfzehn oder zwanzig, die sich in der Halle und den
+Speisesälen herumtrieben. Man gab sich Mühe, nicht auf sie zu achten;
+man scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden. In
+abgerissenen oder doch alltäglichen Gewändern stachen sie drohend von
+der Toilettenpracht, den Fräcken und strahlenden Hemdbrüsten ab; sie
+stellten sich den Kellnern in den Weg, die mit Sektkübeln liefen,
+postierten sich unverschämt neben Klubsessel, in denen vornehme
+Kavaliere ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden
+durch. Maria dachte: es ist Zeit, daß Menasse sich meldet. Ein gellender
+Pfiff wurde hörbar, gleich darauf, da die Kapelle im Speisesaal Pause
+hatte, eine fremdartige Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria trat
+ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und sagte, im großen Saal
+finde eine armenische Hochzeit statt, sie möge doch hingehen, es sei
+äußerst interessant. Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer
+fünfzehn Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich
+mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft hatte sich auf einmal
+verändert. Ein alter Herr redete mit gerungenen Händen auf mehrere Damen
+ein. Maria vernahm, wie eine flüsterte: »Und mein Schmuck? meine
+Perlen?« Der alte Herr sagte: »Es handelt sich ums nackte Leben.« Vor
+dem Billardzimmer standen ein paar junge Mädchen, blaß, verzagt, die
+Augen aufgerissen. Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria:
+»Unbeschreiblich, welchen Prunk die Armenier bei solchen Anlässen zu
+entfalten wissen, Sie werden sich selbst überzeugen; ganz märchenhaft.«
+
+Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden. Namentlich machte
+sich Stepan Nelidow bemerkbar, der in unangenehmer Weise, als wäre er in
+einem Zirkus, seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor der
+Tür des großen Saals, war die Basis eines zylinderförmigen Schachtes,
+der bis zum Dach des siebenstöckigen Gebäudes reichte. In jedem
+Stockwerk trat eine kreisrunde Galerie heraus, die gegen den Schacht hin
+durch ein geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten Etagen
+sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur nächsthöheren Etage.
+Während Maria hinaufblickte, spürte sie, daß sich irgendwo dort oben
+etwas ereignete, was auch sie anging. Sie hörte, von ganz oben, lautes
+Reden und dann gelächterähnliche Schreie, dann war es wieder eine Weile
+still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit den Armeniern im Saal
+zugewandt, so begann es von neuem.
+
+Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und zwei dumpfe Trommeln,
+war aus einem getragenen Tempo in ein munteres übergegangen. Ein
+Jüngling und ein Mädchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und
+Drehungen, anfangs gemessen, schäferhaft lieblich, steigerten sich, von
+der Musik rhythmisch unterstützt, zur Ausgelassenheit. Der hohe weite
+lichtgebadete Raum war durchlodert von den intensiven Farben gold- und
+silbergestickter Gewänder, blau, gelb, grün, rot in stärksten Tönungen;
+aus heißem Dunst leuchteten unvergleichlich schöne Frauengesichter und
+solche von bleichen, schwarzbärtigen Männern, die majestätisch saßen und
+blickten. Nun sah man auch drüben einen zarten Reigen von
+spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen, die sich bogen und dehnten,
+und als die betäubende Musik aufhörte, stimmten sie einen feierlichen
+Gesang an. Freudig erregt von den Bildern und Klängen einer abgerückten
+Welt, stand Maria lächelnd auf der Schwelle, bedrückt nur von dem Gefühl
+ihrer eigenen Fremdheit und ungewünschten Gegenwart, da vernahm sie
+abermals die häßlichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch
+näherten; sie trat zurück in die Mitte des Schachtes und sah empor. Über
+die dritte Treppe lief mit erschreckender Geschwindigkeit, so daß es
+aussah, als müsse sie jede Sekunde in die Tiefe stürzen, ein
+Frauenzimmer herab. Die Haare flatterten aufgelöst um den Kopf, das
+Gesicht zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie kam
+zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Geländer fest und rannte
+weiter zur zweiten Stiege. Maria wußte sofort, daß dies Lisaweta
+Petrowna war, zu der sie hatte gehen gewollt, und nun wußte sie auch,
+was für ein Vergessen sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie
+zur Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun auf der ersten
+Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit fest. Sie schaute sich um,
+stürmisch atmend; hinter ihr kam ein junges Mädchen herab, in dem Maria
+die Fürstin Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen
+rechtfertigte keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der andern; sie
+ging eher bedächtig, Stufe um Stufe, und ihre Züge, obwohl verfinstert
+und anscheinend zu einem bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich
+einen Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria war ein paar
+Stufen hinaufgeschritten, die Flüchtende flog ihr entgegen, hielt inne,
+glaubte sich vor einer neuen Feindin, stieß einen der Schreie aus, die
+so gelächterähnlich geklungen hatten, taumelte und wäre gefallen, wenn
+Maria nicht auf sie zugesprungen und sie aufgefangen hätte. Das Mädchen
+griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab, kniete vor
+ihr. Mittlerweile hatte auch die Fürstin Jelena die Stelle erreicht, wo
+dies vor sich ging. Sie blieb einige Stufen oberhalb stehen, der
+Ausdruck von Widerwillen verstärkte sich in ihrem wunderbar feinen und
+klaren Gesicht und sie stieß hervor: »Anrühren solchen Unflat?
+Anrühren?« Ein Schauder überrann ihre Glieder.
+
+Das Mädchen drückte das Gesicht wimmernd in Marias Kleid. »Sie will mich
+umbringen,« heulte sie dumpf in den Stoff, in Marias Körper. Die
+Zuschauer vor der Tür hatten sich verwundert zur Treppe gedrängt. Stepan
+Nelidow stand mit verschränkten Armen und spöttischem Lächeln an die
+Mauer gelehnt.
+
+»Wozu, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria, zur jungen Fürstin
+emporgewandt, »wozu dies?« Der einfache gütige Ton brachte eine
+sichtliche Wirkung auf die Fürstin hervor. Sie senkte den Kopf, ihre
+kurzen, gelockten Haare fielen weich über die Wangen, und so verharrte
+sie regungslos.
+
+»Kommen Sie mit mir, Lisaweta,« redete Maria der noch immer Knienden zu;
+»niemand wird Ihnen etwas zuleide tun.« Sie richtete die Willenlose auf,
+lieh ihr den Arm zur Stütze und führte sie durch ein Spalier von Gaffern
+in den Korridor und dann weiter zum Lift, in den sie sie sanft
+hineinschob. Oben angelangt, mußte sie die verfallen vor sich hin
+Brütende mit Gewalt von ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr
+jauchzend mit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden. Jefim
+sagte, es seien drei Männer gekommen und hätten ohne ein Wort zu äußern,
+die zwei großen und fünf kleineren Gepäckstücke nach und nach
+fortgetragen. Die Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern,
+oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen,
+Necessaires, Körbe lagen noch in den Zimmern herum. Indes Maria mit
+Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit einem Zettel und verschwand
+wieder. Auf dem Zettel stand: »Unverzüglich zu befolgen: verlassen Sie
+nach Empfang dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die Tür neben den
+Küchenlokalitäten. Dort wird jemand stehen und Sie an einen bestimmten
+Ort führen, wo Sie eine, möglicherweise zwei Nächte zuzubringen haben
+werden. Der Betreffende ist zuverlässig. Säumen Sie nicht länger als
+eine halbe Stunde, sonst stehe ich für nichts. Die Koffer sind
+untergebracht, Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.«
+
+Trotz der kritischen Situation war Maria still amüsiert. Mein General
+ist streng, dachte sie und half die Knaben fertig ankleiden. Eine Menge
+Gegenstände waren einzupacken. Arina und Litwina rannten durch die
+Zimmer. Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen. Maria hätte
+sich gerne noch von der Fürstin Nelidow verabschiedet; es war keine Zeit
+mehr. Lisaweta Petrowna hatte sich in die Sofaecke gekauert und
+beobachtete mit den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging.
+Plötzlich sprang sie auf und faltete die Hände gegen Maria. »Nehmen Sie
+mich mit,« flehte sie verstört. Maria antwortete: »Wir haben nur noch
+Minuten vor uns; wie geht das denn, so wie Sie sind?« Sie trug einen
+Kimono und an den Füßen blauseidene Pantöffelchen. »Um keinen Preis mehr
+will ich in mein Zimmer gehn,« sagte sie hilflos. Die Knaben, voll
+Ungeduld, drängten Maria stumm. Arina belud Jefim Leontowitsch mit den
+Handtaschen. Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen
+immer viel Gefühl für fremde Leiden bezeigte, sagte zu seiner Mutter:
+»Die Frau kann ja einen von deinen Mänteln anziehen; wir haben ja
+hundert Mäntel.« Auf einen Wink Marias brachte Litwina einen Mantel; und
+Lisaweta hüllte sich darein. »Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich
+lassen?« fragte Maria, und jene erwiderte: »Nur fort, nur fort.«
+
+Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten Wanja, Arina,
+Litwina und Lisaweta traten auf den Korridor. Maria folgte als Letzte.
+Auf einmal stand Jelena Nelidow vor ihr. »Sie gehen?« murmelte sie
+finster verwundert, »gehen? Und diese dort, diesen Abschaum machen Sie
+zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr gewähren Sie Freundschaft, der
+Schamlosen?«
+
+»Ich sehe nur eine Unglückliche, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. »Ich
+weiß nichts von ihr als das. Kann ich eine Unglückliche, die zu mir
+flieht, wegstoßen, ich, die selber flieht?«
+
+Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar beschwichtigend auf
+die junge Fürstin. Ihr Gesicht zog sich zusammen wie im Krampf.
+Plötzlich riß sie mit zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem
+Kleid und drückte sie in Marias Hand. »Ich will nicht schuldiger werden
+als ich schon bin,« sprach sie wie geblendet, wie gegen eine Wand;
+»geben Sie ihr das; machen Sie es zu Geld für sie, sie ist arm; ich habe
+keins, aber verraten Sie mich nicht.«
+
+Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum Dank zwang. Der
+Boden brannte. Fedja war umgekehrt, um zu spähen, wo sie blieb. Jelena
+ging ein paar Schritte an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias
+Arm und hauchte mit wehem Kinderlaut: »Ich habe Angst; ich habe solche
+Angst,« ihre seltsam gelben Augen öffneten sich überweit; »ich habe
+grenzenlose Angst,« wiederholte sie, »und vielleicht aus Angst bin ich
+schlecht.«
+
+»Liebe, Sie Liebe,« sagte Maria leise und zärtlich. Die junge Fürstin
+bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam zurück, während
+Maria schweren Herzens die Treppe hinunterstieg.
+
+An der von Menasse bezeichneten Tür stand ein Soldat mit Sturmhaube und
+aufgepflanztem Bajonett. Er begab sich schweigend an die Spitze der
+Karawane. Es ging durch einen schmalen Hof, dann die Straße entlang,
+über die ein Feuerschein bebte. Zur Linken, in der Höhe des Tals,
+brannten Häuser; die Funken, so fern, daß sie goldner Stickerei glichen,
+stoben gegen den Mond. Gestreckten Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja
+und Aljoscha blieben bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein
+sorglicher Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm ihm
+trotz seines Sträubens eine der Ledertaschen ab. Der Soldat bog in eine
+Seitengasse bergan. Die Häuser wurden armseliger. Er zögerte, sah sich
+um, schien sich orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet.
+Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu und sie sprachen
+leise miteinander. Das Krachen eines großen Geschützes erschütterte die
+Nacht. Aljoscha begann plötzlich zu weinen. Maria ergriff ihn bei der
+Hand. Sie gelangten zu den letzten Häusern der Stadt, in die Nähe des
+Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein Stück zurück.
+Lisaweta, die in ihren Pantöffelchen Mühe zu gehen hatte, lehnte sich an
+eine Hausmauer. Vom untern Ende der Gasse her schallte der Schritt
+einer Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief Maria und
+die übrigen. Sie traten in ein baufälliges Haus, das nur aus einem
+Erdgeschoß bestand und völlig unbewohnt schien. Mit dem Gewehrkolben
+stieß der Soldat eine Tür auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand.
+Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert, so niedrig, daß man mit
+den Köpfen an die Decke stieß, mit feuchten, verschimmelten, grünlichen
+Wänden und ohne alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier
+müßten sie bleiben, sagte der Soldat, dürften sich nicht rühren, die
+geschlossenen Fensterläden nicht öffnen, wenn ihnen das Leben lieb sei.
+Maria fragte, im Finstern, ob er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er
+wisse es nicht, er kenne nicht einmal den Namen; er wisse bloß, daß eine
+Anzahl Menschen heute nacht in Häusern rings um den Bahnhof versteckt
+worden seien, damit sie fortgeschafft werden könnten, wenn sich die
+Gelegenheit bot. Das sei alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anzünden
+dürfte, wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte Maria.
+Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben müssen, zehn Personen
+in einem so dumpfen Loch? Das könne er nicht sagen. Noch einmal empfahl
+er, daß sie durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann
+entfernte er sich.
+
+Eine Weile waren alle still und verfielen in trübe Betrachtungen.
+Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter getastet und schmiegte sein
+Gesicht hinein. Sie spürte, daß es vor Beängstigung zuckte. »Wir müssen
+Licht haben,« sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich,
+hinauszuschleichen und den Aufpasser zu machen. Bei verdächtiger
+Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladen pochen, dann mußte das
+Licht ausgeblasen werden. Es dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze
+gefunden hatte. Als sie brannte, wurden rasch Decken und Mäntel auf den
+von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer Hast richtete
+jeder eine Ruhestatt für sich; die Knaben, kaum hingelegt, in ihren
+Kleidern, schliefen schon.
+
+Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem zwischen die Arme
+gewühlten Kopf sah man nur die in Eile aufgesteckten wirren braunen
+Haare. Über ihre starken Hüften lief bisweilen ein Beben. Während sie
+Wanja stillte, ließ Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann, als
+Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die Kerze verlöscht hatte,
+bat sie Litwina, daß sie Jefim Leontowitsch hereinhole, damit auch er
+ruhen könne. Aber Jefim ließ sagen, er finde es notwendig, daß einer
+Wache halte, er werde sich vor der Tür auf seinen Mantel legen.
+
+In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie hörte die kräftigen Atemzüge der
+drei Knaben; jeden erkannte sie an Laut und Tempo des Atems; sogar das
+dünne, sprudelnde Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die
+Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu ihrer Rechten
+ertönte ein schwerer Seufzer. »Können Sie nicht schlafen, Lisaweta
+Petrowna?« fragte sie flüsternd.
+
+Die Angeredete bewegte sich und rückte näher. »Wer sind Sie eigentlich?«
+fragte sie ebenfalls flüsternd. »Sie haben mich aufgelesen,
+mitgenommen ... aus welchem Grund? Wer sind Sie?«
+
+»Bedeutet Ihnen der Name etwas, so mögen Sie ihn wissen,« antwortete
+Maria und sagte, wie sie hieß. Dann war wieder eine Weile Schweigen,
+dann wieder ein Seufzer wie unter drückender Bürde.
+
+»Was ist Ihnen?« flüsterte Maria; »erleichtern Sie Ihr Herz, sprechen
+Sie.«
+
+»O großer Gott!« murmelte die andere.
+
+»Wir sind in der Finsternis und können einander nicht sehen,« fuhr Maria
+zu flüstern fort; »alle schlafen, wir sind so gut wie allein. Sprechen
+Sie.«
+
+»Jelena Nikolajewna möchte mich am liebsten mit dem Stiefelabsatz
+zertreten,« sagte die Stimme bitter; »dabei weiß sie alles. Niemand
+außer ihr weiß es. Grigorji hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts könnte
+sie mich morden und weiß doch alles. O mein Gott!«
+
+»Ist es denn wahr, daß Fürst Grigorji die Ehe mit Ihnen geschlossen
+hat?« fragte Maria.
+
+»Fragen Sie doch nicht,« kam es gequält zurück. »Ja, ja, der Pope hat
+uns zusammengetan, damals in Sebastopol, als ich das Schiff verließ. Als
+schon alles zu Ende war, hat uns der Pope getraut. Ich weiß nicht, ob es
+anfechtbar ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umstände
+schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich nur annähernd
+etwas ähnliches ausdenken. Ja, als ich das Schiff verließ, wurden wir
+getraut.«
+
+»Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?«
+
+Lisaweta antwortete nicht. »Ich kann hier nicht bleiben,« sagte sie nach
+einer Weile klagend; »ich muß wieder fort. Ich will zurück und meine
+Sachen holen. Was soll ich denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich,
+wo soll ich dann hingehn? Zu wem denn?«
+
+»Daß ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckstück aus Diamanten für
+Sie gegeben,« sagte Maria, und indem sie es sagte, bereute sie es, als
+füge sie der unsichtbaren andern eine Beleidigung zu; »vielleicht
+wünschte man, daß Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man
+dadurch etwas Begangenes gutmachen.«
+
+Lisaweta verstand. »Vor die Füße werf ich ihrs,« brach sie aus, ohne die
+Stimme merklich zu erheben; »und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich
+durch ein Almosen dafür entschädigen, daß sie mir glühende Nadeln ins
+Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und Schande. Wenn Sie
+keine Gelegenheit mehr haben, es ihr zurückzugeben, so schenken Sie es
+einem Bettelweib. An Demütigungen ists jetzt genug.«
+
+Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen. Die Atemzüge der
+Schläfer wurden tiefer. Plötzlich flüsterte Lisaweta: »Hören Sie? Können
+Sie mich hören?«
+
+»Ich höre Sie gut,« erwiderte Maria.
+
+»Ich will Ihnen vom Schiff erzählen. Rücken Sie näher, damit uns niemand
+belauscht.«
+
+Maria rückte näher.
+
+»Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem Petersburger
+Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste Klasse von Lokal, ich verdiente
+auch nur gerade soviel, um nicht zu verhungern. Die Sache war nämlich
+die, daß ich ein anständiges Mädchen war. Es ist möglich, daß Sie jetzt
+skeptisch lächeln, aber trotz meiner fünfundzwanzig Jahre hatte ich noch
+keinen Liebhaber gehabt. Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme
+und lüsterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tagsüber
+hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein Mittagessen. Grigorji
+war auf Urlaub; in Gesellschaft von Kameraden kam er hin; wir sahen uns
+und liebten uns. Wir liebten uns so, – wie soll ich es nur beschreiben?
+Es war ein unaufhörliches Gewitter im Blut. Den Tag, wo der Urlaub zu
+Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil. Worte wurden nicht
+gewechselt; wir empfanden wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan
+nach, den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines Abends teilte
+er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede irr. Es war so furchtbar, daß
+meine Zunge wie gelähmt war. Aber sein Wille mußte auch meiner werden.
+Trennung war das Ärgste. Auf die Rückkehr warten und sich das Herz
+absorgen, ob er noch lebte oder nicht, ärger war auch das nicht, was er
+tun wollte. Wenigstens schien es mir so, und ich sagte ja. Hören Sie
+mich?«
+
+»Ich höre Sie gut,« flüsterte Maria.
+
+»Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs schmuggeln. Mich in
+seiner Kabine verbergen, den Dienst verrichten wie alle andern und die
+übrige Zeit bei mir sein. Was das hieß, wußte ich ungefähr. Daß auf die
+Entdeckung der sofortige Tod stand, für ihn und für mich, wußte ich.
+Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten. Wozu so viele
+Worte, ich war bereit, trotz allem. Die Hauptschwierigkeit war, daß der
+Bursche ins Geheimnis gezogen werden mußte. Ohne einen Dritten, der
+Vorschub und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er könne es
+mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem Geld, und immer
+von neuem, und doch mußte man immerfort zittern, daß er sich nicht
+verschnappte oder bösartig wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die
+Leute alle bösartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten. In
+Grigorjis Reisesack, mit Wäsche und Kleidern zum Ersticken umhüllt, trug
+mich Pjotr vom Boot in die Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel
+Raum war, daß ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn
+Monate.«
+
+Maria schlug unwillkürlich die Hände zusammen, Lisaweta Petrowna aber
+fuhr fort: »Vierzehn Monate eingesperrt, entweder angstvoll allein oder
+Leib an Leib auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate in
+Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer winzigen dumpfen
+Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit und Bewegungslosigkeit
+verurteilt, zur ununterbrochenen, fürchterlichen Angst, er und ich.«
+
+Maria lauschte mit weiten Augen stumm.
+
+»Es durfte nicht auffallen, daß die Kabine stets abgesperrt war; schon
+dafür zu sorgen, war nervenzerrüttend. Die vielen Schritte, Schritte der
+Wachen, Offiziere; die Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr,
+das eiserne Klirren beständig in dem schwimmenden Ungetüm, das Gerassel
+oben, das Anschlagen des Wassers draußen; die Nächte, o die Nächte
+voller Angst! Küsse und Umarmungen und Angst! Lust und zärtliche Worte
+und Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert immer
+wieder. Einmal bei einer Inspektion mußte ich in den Wandschrank
+schlüpfen, der so schmal war, daß ich wochenlang nachher an Bruststechen
+litt. Am Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am
+Wahnsinn. Er mußte auf Deck; er mußte Dienst tun, was sonst? Er mußte
+sich schleppen, das Fieber aus sich herauspressen mit Gewalt, oder wir
+hatten keine Wahl als uns miteinander in die See zu stürzen. In den
+dienstfreien Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen Armen und
+horchte und horchte, auch ich horchte und horchte; wir mußten einander
+umarmen, sonst hatten wir kaum Platz, und oft wenn er müde war, trat er
+mir ein Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager auf dem
+Boden oder ich saß an der Lucke und starrte aufs finstre Meer. Ihn
+quälte der Gedanke, was geschehen sollte, wenn das Schiff ins Feuer kam
+und er verwundet wurde oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Kräften, aber
+in einem so verdunkelten Gemüt ist keine große Kraft. Er klagte mich an,
+daß ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes dagegen als
+verzweifelte Küsse? Wir verfluchten die Sekunde, die uns das Bewußtsein
+wiedergab. Kalter Schweiß bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu
+mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte uns täglich
+mehr. Er gestand mir, daß er alles rot sähe, auf Deck und im Raum. Er
+glaubte, bei seinen Vorgesetzten Argwohn zu spüren. Von seiner früheren
+Heiterkeit war nichts mehr übrig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er
+getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man schlägt, aber
+deutlich erkannte ich, daß in seinen Augen neben der Liebe auch Haß war.
+Bei jedem Knacken in der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Geräusch
+machte ihn zittern. Einmal fuhr er gräßlich schreiend aus dem Schlaf.
+Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es müsse ein Ende werden. Was
+für ein Ende? fragte er, und in krankhafter Erregung drängte er mich
+solange, bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun. Du
+bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott und den Menschen zu
+meinem Weib machen, auch wenn wir uns dann nicht wiedersehen sollten.
+Und so kam es, genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser Hölle,
+und wenn ich allein war, lag ich da und biß die Zähne in die Finger. Die
+Zeit war wie hinweggewischt; ich hörte sie sausen wie ein Rad; manchmal
+wieder schien sie mir schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene
+schwarze Fahne. Das Ärgste war, daß Pjotr frech wurde. Er fühlte sich in
+der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mit dem Menschen. Das Essen,
+das er jeden Tag heimlich für mich brachte, konnte ich nicht mehr
+genießen. Er stand dabei und stierte mich an. Er bettelte, schließlich
+drohte er. Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu müssen, indessen
+erfuhr ich bald, daß Pjotr auch gegen ihn unverschämt wurde. Eines
+Abends stürzte Grigorji schreckensbleich zu mir und stammelte, es sei
+kein Zweifel, daß alles verraten worden sei, der und der habe seinen
+Gruß nicht erwidert, in der Messe habe man getuschelt, er spüre es, wir
+seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte ihn aus und
+überzeugte mich, daß es Wahnvorstellungen waren; aber die hafteten nun
+in seinem Geist, und er war von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch,
+die schrecklichsten, vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in
+den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam und aus tiefer
+Betäubung erwachte, daran habe ich keine Erinnerung. Auch daran eine
+ferne nur, daß mich Pjotr in eine elende Herberge schleppte und nicht
+dorthin, wo ihm Grigorji angegeben hatte, daß er mich führen sollte; und
+daß er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte und ein wehrloses
+Opfer zu finden hoffte; und daß ich mich mit aller mir verbliebenen
+Kraft gegen ihn verteidigte, mit Worten und Gründen erst, mit Bitten und
+Tränen, mit Hilferufen, das keiner hörte als sei das Haus ausgestorben,
+und daß mir dann die Welt schwarz wurde im Ekel vor dem Menschen und in
+seinem Fuseldunst und seiner Tollwut, und daß dann Grigorji
+hereinstürzte, der alle Gasthäuser am Hafen nach mir durchsucht hatte,
+bis er endlich meine Spur fand, und daß er das betrunkene Schwein
+niederschlug, und daß er vor mir kniete, schluchzend, unaufhaltsam
+schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wofür Verzeihung? und daß am
+andern Morgen der Pope kam, ich habe es ja schon erzählt, und die
+Nottrauung vornahm, denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und daß
+mir dann Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr faßlich
+und ist ausgeronnen, als hätte es eine andere gelebt. Ich bin ja auch
+nicht mehr dieselbe geworden wie vorher. Es wundert mich nur, daß ichs
+berichten kann; Sie saugen die Dinge förmlich aus einem heraus, wie geht
+das denn zu? Nun muß ich aber fort, es ist Zeit.«
+
+Auffallend war es Maria, daß die Erzählung Lisaweta Petrownas immer
+langsamer geworden war, zuletzt entstand fast nach jedem dritten Wort
+eine Pause; auch war die Stimme allmählich so leise geworden, daß Maria
+nur mit Anstrengung verstehen konnte. »Sie wollen fort?« fragte sie,
+»wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie wüßten nicht wohin.«
+
+»Nein, ich weiß nicht wohin; gleichviel, ich muß fort.«
+
+»Wie sind Sie denn überhaupt nach Kislawodsk gekommen? Sind Sie mit ihm
+gekommen, mit Fürst Grigorji?«
+
+»O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung daß wir uns nicht
+mehr sehen würden. Hab ich das nicht erzählt? Als er von mir wegging,
+wußte ich, daß er nicht aufs Schiff zurückkehrte, wußte, daß er in den
+Kaukasus fuhr. Er seinerseits wußte, daß ich nach Kiew reisen wollte, wo
+meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist. Er ließ mir Geld, aber
+das hab ich meinem Schwager gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich
+wußte, welchen Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm,
+ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von Jelena Nikolajewna.
+Möglich, daß sie glaubte, ich könne ihn retten. Wie mußte es um ihn
+stehen, daß Jelena Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu spät. Ich
+hätte ihn gewiß nicht retten können, wir waren viel weiter voneinander
+geschieden, als wenn wir uns nie gekannt hätten; freilich, daß er so ins
+Nichts geschwunden war, ohne Gruß und Zeichen, das war hart. Jetzt will
+ich aber gehen, es ist Zeit.«
+
+Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterläden. Lisaweta
+erhob sich. Maria sagte, sie möge doch den Mantel behalten, der Morgen
+sei kalt und vielleicht finde sie im Hotel nicht Einlaß. Doch sie lehnte
+es stumm ab; plötzlich schien sie von finsterm Trotz erfüllt; ihre
+Gebärden waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls
+erhob, erschüttert und von schwesterlicher Hinneigung durchglüht zu ihr
+hintrat, um ihr in das dämmernd fahle Gesicht zu schauen, da wandte sie
+sich hinweg und war aus der Tür, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken
+konnte. Sie stand regungslos, kalt und heiß im Innern; ihr war als sei
+ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede die Luft noch über
+Schlünden. Sie seufzte, beinahe wie jene geseufzt hatte, bang und
+gedemütigt, dann fiel ihr Blick auf die schlafenden Kinder, und es
+überströmte sie ein Gefühl unermeßlichen Reichtums. Jedes war Abbild
+eines Teuersten, jedes lebendiges, geprägtes Gut; sie seufzte wieder,
+aber dieser Seufzer hatte andern Klang.
+
+Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch die Augen
+zugemacht, als es heftig an die Tür klopfte und auf der Schwelle Jefim
+Leontowitsch und der Soldat erschienen. Dieser sagte, alle müßten
+sogleich zum Bahnhof, der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die
+Kinder wurden aufgeweckt, rasch waren die Großen und Kleinen
+marschfertig, zehn Minuten später war man unter Führung des Soldaten auf
+der menschenleeren Straße. Es ging an der Station vorüber, ziemlich weit
+hinaus. Die Luft war neblig und kühl. Maria forderte Jefim durch einen
+Blick auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke ihm für
+seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich von ihm trennen zu
+müssen; aber sie hoffe, das Leben werde sie später einmal wieder
+zusammenbringen, und sie freue sich darauf, ihm dann ihren Dank besser
+zeigen zu können.
+
+»Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna,« antwortete er, »und warum
+wollen Sie, daß ich mich von Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe
+ich in dem Bündel da,« er wies auf einen Linnensack, den er mit dem
+andern Gepäck trug; »warum sollt ich hier bleiben, da ich doch ebensogut
+irgendwo sonst sein kann? Sie fliehen von hier, also lassen Sie mich
+auch fliehen. Belästigt Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den
+Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein Fremder; es
+werden ja viele Fremde in Ihrer Nähe sein. Darf ich mir auch nicht
+anmaßen, daß ich ein nennenswerter Schutz für Sie bin, so hätte ich doch
+keine Rast mehr im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umständen verlassen
+müßte. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert, daß ich Ihnen
+nicht beschwerlich fallen werde.«
+
+Dagegen gab es keinen Widerspruch. »Nicht einmal eine Hand hab ich frei,
+um Ihre zu drücken,« sagte sie mit ihrem gewinnenden Lachen. »Sie sind
+wirklich ein seltsamer Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich
+soviel Anhänglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.«
+
+»Ich kenne Sie besser als Sie glauben,« entgegnete er und wurde rot.
+»Ich denke viel über Sie nach.«
+
+Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom Bahngleise herüber.
+»Das ist Menasse,« sagte Maria, »schön, daß er da ist.«
+
+Das Winken Menasses bedeutete, daß man sich sputen möge. »Guten Morgen,
+Herr General,« begrüßte ihn Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so spät
+käme, alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit
+Unpünktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden. Er hüpfte
+gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens herum, der zwischen
+die Wagen eines Güterzugs gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht
+verhängt; drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war bemüht, sich
+einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit einem alten Herrn, der seine
+Koffer um sich herumgestellt hatte; blies eine Dame an, die eine
+Auskunft von ihm begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die
+Verwirrung; warf eine Schachtel in den Korridor, riß im Eifer seinen
+flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit durch die Luft; betonte
+zehnmal in höchster Fistel, daß er unbedingten Gehorsam erwarte, und daß
+er einfach die Hände in den Schoß lege und alle ihrem Schicksal
+überlassen werde, wenn man nicht Disziplin halte. »Wer ist der hier?«
+fuhr er Maria grob an und deutete mit dem Ellbogen auf Jefim
+Leontowitsch. Maria sagte gelassen und mit einem treuherzigen Ausdruck
+ihrer kurzsichtigen Augen: »Herr Menasse, ich würde mich glücklich
+schätzen, wenn Sie nicht so schreien würden. Sie erreichen, bei mir
+wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen wir uns
+auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge Mann gehört zu meiner
+Gesellschaft, ich bürge für sein Wohlverhalten und für Ihre Auslagen; im
+übrigen: seien wir Freunde, Herr Menasse.« Sie reichte ihm lächelnd die
+Hand, in die er, einigermaßen verdutzt, die seine flüchtig legte; dann
+schoß er davon.
+
+Um fünf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn Uhr setzte sich der
+Zug in Bewegung; nach Westen, durch das Gebirge, gegen das Meer. Die
+Fahrt war nicht schneller als mit einer Kutsche. Das Durcheinander
+ordnete sich allmählich. Menasse wurde nicht müde, Ruhe zu gebieten. Ein
+Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden Kinder. Wenn der Zug
+hielt, stürzte er erregt ans Fenster, lugte durch einen Spalt hinaus,
+alle schwiegen gespannt, dennoch streckte er den Arm steif zurück wie
+ein Dirigent, der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der
+Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie aus
+Tula; einen ungarischen Baron; den Grafen und die Gräfin Duchorski aus
+Petersburg, einen Bankdirektor aus Kiew, zwei ältere Damen, die im
+Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde heiß. Wenn die Kinder zu essen
+verlangten, ging es erst an ein langwieriges Suchen unter den
+Gepäckstücken. Wenn Wanja die Brust bekam, bildeten Litwina und Arina
+eine Mauer. Um vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke.
+Eine Zeitlang war Stille, dann hörte man Menasses Fistel erbittert.
+Mitja kam und berichtete: »Es sind Männer draußen, die befehlen, daß
+alle aussteigen müssen.« Die Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt
+sich so. Der Zug war von einer streifenden Bande, dreißig bis vierzig
+Leute, zum Stehen gebracht worden. Der Anführer forderte Menasses
+Papiere. Menasse weigerte sich tollkühn. Drohung mit Gewalt machte ihn
+nicht gefügiger. Erst als jene Hand an ihn legten, besann er sich. Er
+hatte sämtliche Pässe bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem
+Führer zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen gestiegen und
+trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald zeigte, wollten sie die
+bequeme Fahrgelegenheit für sich haben. Die Überfallenen fügten sich
+widerspruchslos, nur einige Frauen jammerten. Die Gräfin Duchorski
+stand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in dem Haufen
+von Gepäck, der den blühenden Wiesenhang bedeckte. Menasse redete
+leidenschaftlich auf den finster blickenden Anführer der Bande ein. Der
+Mensch schüttelte zu allem den Kopf. Den Salonwagen dürfe niemand mehr
+betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug. Um Gotteswillen, so solle
+man hier zurückbleiben, im Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg?
+Ja, das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden habe.
+Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit. Menasse, in einer
+Haltung wie Jago gegen Othello, schmeichelte; umsonst; pochte, in einer
+Haltung wie Marquis Posa gegen Philipp, doch immer krähend, auf
+menschliche Gefühle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig und
+mit kunstloser Würde. Ihre Argumente waren um nichts zwingender als
+diejenigen Menasses, aber schon nach den ersten Worten hörte ihr der
+Mann, dem Anschein nach ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu,
+obgleich er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse
+Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters; eine gewisse
+Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie sagte: Du weißt doch; erinnere
+dich doch; so und so, es wird doch darüber kein Mißverständnis zwischen
+uns geben; ganz trocken alles, wie wenn sie über Mais oder Kartoffeln
+redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist, daß man tut, was sie
+gebietet. Der Mann hatte Respekt. Sie erlangte, zusammen mit dem
+Geldangebot Menasses, die Erlaubnis, daß sich die Flüchtlingsgesellschaft
+in zwei leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte: »Sie sind
+eine tüchtige Frau; #à la bonne heure,# das haben Sie gut gemacht.
+Immerhin, bei dieser Art von Transport werden wir nichts zu lachen
+haben.« Und er fing bereits wieder an, zu kommandieren. Nach einer
+Stunde waren alle untergebracht, das Gepäck verstaut, die Türen der
+Viehwägen verschlossen und von außen abgesperrt sowie zur Sicherheit
+plombiert; der Zug rollte weiter.
+
+Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier Nächte. Mit Maria
+eingepfercht waren siebenundzwanzig Menschen, darunter zwölf Kinder;
+eingepfercht in einen finstern Raum, in welchem es übel roch;
+hingekauert auf mangelhafte Lagerstätten, Kranke und Alte; fast ohne
+Schlaf die Nächte, ohne genügende Nahrung die Tage; belästigt von
+widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst und den andern zur Pein
+machten. Das Rattern der Räder wurde mörderischer Lärm; das stundenlange
+Halten in Stationen mörderische Stille; die auf das Dach des Kerkers
+niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige, die im Fieber
+lagen, stöhnten, und ein ungewohnter Laut rief entsetzte Schreie hervor.
+Dicht an Maria gepreßt lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder
+dem andern bisweilen über das Gesicht, prüfend, ob sie schlummerten, ob
+die Haut nicht heiß sei, dankbar für ihre Geduld und Ruhe, zugleich in
+Sorge darüber. Oft sprach sie zu ihnen; oft auch wandte sie sich an
+Jefim Leontowitsch; Wanja hielt sie meist an der Brust, wusch das
+Gesichtchen und die Hände mit kölnischem Wasser, tröstete Litwina, die
+an Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anfälle hatte, rief
+hie und da ein Wort, eine Frage über die Köpfe der Leidensgefährten und
+stritt mit dem rechthaberischen Menasse über die Nähe des Ziels, der
+kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer.
+
+Endlich eines frühen Morgens, in einer Haltestation, öffnete die
+mitleidige Hand eines Zugbediensteten die Tür. Der hereinquellende
+Lufthauch war wie Neugeburt, das Schauspiel, das sich bot, unerhört.
+Tief unten dehnte sich die See, blau, als könne man tausend Jahre blauen
+Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten üppig bewachsenen Kuppen des
+Gebirges, Gärten, Weingelände, Pinien, Bäume voll Orangen. Niemand
+redete; kein Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie
+verdorrt; das blühende Land, das Gestade, das schöne Meer ließ sie
+schaudern. Die Tür blieb offen, vielleicht in der Annahme, daß die Zone
+der Gefahr überschritten war; aber einige Stationen vor der Stadt wurde
+Menasse berichtet, daß diese seit zwei Tagen in den Händen der Matrosen
+sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde von Flüchtlingen als
+gefürchteter Name genannt.
+
+Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen
+vermochte. Wieder außerhalb des Bahnhofs verließen alle den Wagen und
+wurden nach Anbruch der Dunkelheit möglichst heimlich in einen Gasthof
+am Rande der Stadt geführt. Den Kranken konnte kein Beistand geleistet
+werden; sie mußten zu Fuß gehen. In den Straßen herrschte Tumult; vom
+Meer her tönten Schüsse.
+
+Der rechteckige Raum, in den sämtliche Zimmer des Gasthofs mündeten,
+glich bald einem Koffermagazin. Träger polterten die Treppe herauf und
+warfen immer neue Gepäckstücke in den Wirrwarr. Arme griffen
+durcheinander; jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren auf eine
+Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein Hündchen trippelte
+winselnd um Menschenfüße, die es beschnupperte. Der Bankdirektor, an die
+Mauer gelehnt, rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit
+einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte seinen Kneifer
+verloren und man sah seinen verzweifelt verrenkten Körper wie zwischen
+Felsen auftauchen und verschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal;
+die Träger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen.
+Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein anderer hatte erfahren, ein
+deutsches Schiff kreuze auf dem Meer draußen. Der Streit um die Zimmer,
+deren nur elf zur Verfügung standen, wurde lärmend. Jefim Leontowitschs
+Stimme rief von einer Schwelle her: »Maria Jakowlewna, kommen Sie
+schnell; ich habe ein Zimmer für Sie besetzt.« Da Maria keinen Durchgang
+fand, kletterte sie über die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim
+aufgepflanzt und fauchte: »Was fällt Ihnen ein, zu schreien, Herr? Wenn
+Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen stopfen den Mund. Wir sind gerannt
+dem Tiger direkt in die Zähne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll
+helfen, und da schreit er!« Maria sagte ruhig zu Jefim: »Man müßte
+versuchen, unsere dreißig Kolli aus dem Haufen herauszufischen!« Er
+nickte und sah besorgt umher. »Wo sind die Kinder?« fragte er.
+
+Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit hastigerem Schritt
+vor den beiden andern, von denen er sich auch in Kleidung und Gehaben
+unterschied. Er trug blendendweiße Leinenhosen und eine Jacke von
+elegantem Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung
+gebieterisch, und zwar in einer brutalen und lässigen Art. Ihm zur Seite
+watschelte beflissen der Wirt, ein feister Tartar mit einem Gesicht wie
+aus Butter. Der Matrose stutzte beim Anblick des Gewühls und der Menge
+von Koffern; es war in der spärlichen Beleuchtung zweier
+Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild. »Was sind das
+für Leute?« wandte er sich fragend an den Wirt, »was geht hier vor?« Der
+Wirt suchte mit furchtsamen Augen Menasse. Dieser zwängte sich heran und
+gab sich eine Miene der Autorität. »Woher? Wohin?« fragte der Matrose
+barsch und verächtlich. Menasse stotterte. Der Matrose unterbrach ihn:
+»Es kann natürlich keine Rede davon sein, daß ihr eure Reise fortsetzt.
+Das Gepäck ist beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verfügt.« Ohne die
+mehr mimischen als artikulierten Einwände Menasses zu beachten, wandte
+er sich wieder an den Wirt. »Ein Zimmer für mich«; und als der Wirt
+ratlos den fetten Körper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig:
+»Ein Zimmer für Golowin; hast du nicht gehört, du Schwein?« Vor Furcht
+seiner Stimme kaum mächtig, erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien
+vergeben; Väterchen könne sich ja selbst überzeugen; die vielen Menschen
+da; er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die Fenster
+seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingestürzt; das Loch wage er
+Väterchen Igor Semjonowitsch nicht anzubieten; nebenan bei Alexei
+Davidowitsch sei noch ein Staatszimmer zu haben, prächtig, mit
+Teppichen, auf Ehre, mit schönen Teppichen und Bilderchen an der Wand.
+Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und wäre froh
+gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin antwortete barsch: »Kein langes
+Geschwätz, du schmutziger Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht.
+Habe nicht Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe das
+Zimmer ist für mich. Punktum.« Und er deutete gegen die Tür, auf deren
+Schwelle Maria stand. »Verzeihung,« redete Maria ihn an, »es ist das
+letzte für mich und meine Kinder übriggebliebene Zimmer. Wir sind sieben
+Menschen, Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine furchtbare
+Reise liegt hinter uns. Wäre es nicht billig und großmütig, wenn Sie für
+diese Nacht mit der Dachkammer vorlieb nähmen, da Sie sich schon nicht
+anderweitig umsehen wollen? Ich weiß nicht genau, zu wem ich spreche;
+aber jedenfalls doch zu einem Mann.«
+
+Golowin schien überrascht. Er hob unmutig die Brauen. »Die Suada ist von
+euresgleichen unzertrennlich,« murmelte er. »Honig, um meinesgleichen
+die Kehle einzuschmieren, habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete
+Kuli braucht nur einmal die Fäuste zu zeigen, so wird an seine Großmut
+appelliert. Es ist eine neue Weltordnung, Madame. Wer sind Sie? worauf
+berufen Sie sich?«
+
+Diese für einen Matrosen sehr ungewöhnliche Ausdrucksweise überraschte
+nun wieder Maria. Sie bedurfte, um sich einzustellen, ihrer ganzen
+Geistesgegenwart. »Ich bin Maria Jakowlewna von Krüdener,« entgegnete
+sie mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt, der sich
+schützend neben sie gestellt hatte; »mein Mann, Gutsbesitzer im
+Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier, ist ins Ausland geflohen, und
+ich bin im Begriff, dasselbe zu tun. Ich kann also Ihnen gegenüber keine
+Erwartungen, sondern nur Befürchtungen hegen. Sie haben Recht, die Not
+macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung muß zunächst an Frauen und
+Kindern ausprobiert werden. Litwina, Arina! wir ziehen in die
+Dachkammer.«
+
+Golowin schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Sie täuschen sich, Madame,«
+sagte er und steckte beide Hände in die Hosentaschen, »Sie täuschen
+sich. Ich bin unempfindlich gegen die Künste des höheren Tons. Ob
+Dachkammer, ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie und
+Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht aburteilen, und da
+Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht offen zuzugeben, können
+Sie sich ja ungefähr denken, was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen
+darin kurzen Prozeß zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel.
+Bleiben Sie also immerhin in der Beletage, wenn Sie Wert darauf legen;
+auch die andern Herrschaften will ich nicht weiter stören. Niemand wird
+natürlich das Haus verlassen; im übrigen ist Ihnen jede Freiheit
+unverwehrt bis morgen.« Dies sprach er ironisch gegen den Kreis
+erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt hatte. Menasse
+machte Schwimmbewegungen mit den Armen, um sich die Herzudrängenden vom
+Leibe zu halten und sich in seiner Bedeutsamkeit gewissermaßen zu
+isolieren; er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm zu verstehen
+geben, daß das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch zwischen ihnen
+beiden gewechselt werden müsse und er zuversichtlich auf eine Einigung
+rechne. Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte,
+fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: »Hübscher Junge; schade um ihn;
+er wird Mühe haben, sich mit alldem zu befreunden. Du sollst später
+einer der Unsern werden, mein Junge, was?« Zum erstenmal überlief Maria
+ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der stolzen Entrüstung
+des Achtjährigen, den Heldengefühle beseelen, erwiderte: »Niemals, ich
+werde immer auf Papas Seite sein.« Golowin lachte. »Gute Zucht, Madame,«
+sagte er und sah Maria an. »Gute Zucht und gutes Blut,« antwortete sie.
+Er verbeugte sich spöttisch, ohne den Blick von ihr zu lassen, einen
+scharfen, grausamen, unaufhaltsamen Blick, der kalt prüfte und mehr und
+mehr einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick eine Weile
+aus, und erst als sie der Verwunderung der Zuschauer inne wurde, glitt
+ihr Auge zu Boden. Golowin wurde von seinen Begleitern angerufen und
+wandte sich zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen
+aufgetaucht, die einen sich sträubenden Menschen zwischen sich
+schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion denunziert worden
+war; man wollte bemerkt haben, daß er von einem Fenster der Küche aus
+Signale gegeben hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den
+Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen Befehl zu, und
+sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt, zu dem der Koch in seiner Angst
+flüchten gewollt und den er mit Gebärden anflehte, erhob jammernden
+Einspruch, der ungehört verhallte. Menasse hatte indessen mit dem Grafen
+Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und näherte sich nun Golowin.
+Er zupfte ihn am Ärmel und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an,
+ohne sich durch die finstere Geringschätzung des andern irremachen zu
+lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins, statt ihn bedenklich zu
+stimmen, erhöhte seinen Mut. Das ihm geläufige Schema auch hier als
+praktisch betrachtend, nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt für
+Verhandlungen dienen könne. Da legte ihm Golowin die Hand auf die
+Schulter und sagte zu dem ihm zunächst stehenden Matrosen: »Was meinst
+du, Maxim Maximowitsch, was das komische Insekt da will? Er will mich
+kaufen? Möchtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert bin? Vielleicht
+gefriert ihm die geschwätzige Zunge, wenn er meinen Preis erfährt.«
+Menasse gab Zeichen äußerster Bestürzung von sich. Das war neu; ein
+Faktum, das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend die
+Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen, blieb aber vor
+der Treppe unschlüssig stehen.
+
+All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten Vorgänge
+hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen. Sie trat ins Zimmer, wo
+Jewgenia und Arina die Lagerstätten für die Kinder bereiteten. Litwina
+trug das Handgepäck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und nahm den
+ungebärdig schreienden Wanja an die Brust. Mitja stand vor ihr, der
+Anerkennung bedürftig, denn es waren Zweifel in ihm, ob er sich gut
+benommen habe. »Du warst lieb und tapfer, mein Sohn«, sagte sie, worauf
+er sogleich das Gespräch ablenkte und sich erkundigte, wo Jefim die
+Nacht verbringen solle. Jefim schnitt für Fedja und Aljoscha Brot ab und
+winkte Mitja, daß er schweige. Maria antwortete nicht. Sie war
+zerstreut. Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins in Anspruch
+genommen. Seine Manier, seine Geste, seine stechenden, bald farblosen,
+bald metallisch glitzernden Augen, die hagere rasche Gestalt, der dünne
+rasche Mund mit kleinen, dichten weißen Zähnen, die rasche Rede, die
+Stimme, die mit befremdlicher Virtuosität durch alle Register lief, es
+wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und das Ganze nicht.
+Plötzlich ging die Tür auf, und er trat ein.
+
+Kälte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja hörte auf zu trinken,
+als sei die Milch versiegt und zappelte erbost. Sie schob das Tuch, sich
+vor Blicken zu schützen, bis an den Hals und sah Golowin fragend an.
+
+»Ich wünsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna,« sagte er förmlich, »einige
+Worte unter vier Augen zu sprechen.«
+
+Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um. Da er schwieg und
+wartete, drehte sie den Kopf mit stummem Geheiß zu Jewgenia, die Arina
+und Litwina zunickte. Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei
+Knaben zu sich. Alle verließen das Zimmer. Marias Blick behielt den
+fragenden Ausdruck.
+
+Golowin sagte: »Ihr jüdischer Mittelsmann hat mich für eine Art
+Straßenräuber gehalten, dem man Lösegeld anbietet. Ich vermute, Sie
+wissen davon. Wäre er weniger lächerlich, so hätte ich ihn heute noch
+ans Wirtshausschild hängen lassen.«
+
+»Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich weiß nicht, was er unternommen
+hat,« erwiderte Maria kühl.
+
+»Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar. Die
+Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist es freilich, den
+ahnungslosen Hebräer ins Treffen zu schicken. Sie hätten es verhindern
+müssen. Haben Sie mich so schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf?
+Warum haben Sie selber denn die Gelegenheit versäumt, das Terrain zu
+sondieren? Ich hatte es erwartet. Daß ich statt dessen zu Ihnen kommen
+muß, gibt kein Plus in Ihrer Rechnung.«
+
+Maria überlegte erregt: wohin zielt das alles?
+
+Er ging ein paarmal auf und ab, Hände in den Hosentaschen. Seine Stimme
+wurde glatter und heller, als er fortfuhr: »Bin vor der Treppe gestanden
+und habe gegrübelt: was ist das für ein Gesicht? was ist das für eine
+Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu, daß du es nicht
+kennst? Na, da beschloß ich, Avancen zu machen. Es freut Sie nicht, wie?
+Ich bin mir natürlich bewußt, daß meine Person eben das repräsentiert,
+was Sie mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da. Komme
+trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach Waffenstillstand
+aussieht.«
+
+»Was ist es für ein Vorschlag?« fragte Maria unbefangen.
+
+Sein rotes, muskulöses, von Wettern gegerbtes Gesicht zeigte
+Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes Tempo gestimmt
+war, entfachte die langsame Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er
+stieß die Worte hervor, die einen Klang von Brutalität hatten: »Ich
+habe mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begnügt; ich denke, Sie
+werden mich dafür entschädigen.«
+
+»Entschädigen? in welcher Weise? was meinen Sie damit?«
+
+»Ich meine, daß Sie mich da oben besuchen sollen.«
+
+»Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.«
+
+Er verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich meine, daß Sie mir heute nacht die
+Ehre Ihres Besuchs erweisen,« wiederholte er in bösem Ton.
+
+Maria lächelte belustigt.
+
+»Es liegt mir daran,« fuhr er fort und streckte das Kinn vor; »es liegt
+mir viel daran, ich werde Ihnen schon erklären, warum. Ich habe mirs in
+den Kopf gesetzt, und mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den
+Kopf gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht erst.«
+
+Maria lächelte. In dieses Lächeln gehüllt, war sie von oben bis unten
+Dame. »Sie überschätzen mein Interesse an fremden Zwangsideen,« sagte
+sie leicht; »ich will es durchaus nicht versuchen.«
+
+Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze. »Bleibt es bei der
+Antwort?« fragte er mit unerwartetem Ausdruck von Neugier.
+
+Sie nickte. Wanja begann zu weinen. »Geben Sie doch den Balg weg,«
+herrschte er sie an, »er stört mich.« Maria klopfte Wanja den Rücken,
+und er wurde still. Golowin sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig
+unter Wanjas Kissen.
+
+Nach einer Pause fing er an: »Gut, stellen wir uns auf den Boden der
+gesellschaftlichen Form. Was haben Sie zu fürchten?«
+
+»Nur meine Meinung von mir selbst.«
+
+»Sonst nichts?«
+
+»Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben, deren ich mich
+später vielleicht zu schämen hätte. Wie sie auch verläuft, ich müßte sie
+vor einem rechtfertigen, der Rechenschaft von mir verlangen darf.«
+
+»Unsinn,« murrte Golowin; »das klingt ja so als wollte ich die
+Geschichte von #boule de suif# mit Ihnen aufführen. Knallerbsen werf ich
+nicht. Bin nicht lustig genug dazu.« Er bemerkte ihr aufblitzendes
+Erstaunen über das literarische Zitat, ging aber mit einer Grimasse
+darüber hinweg. »Ihre Bedenken sind schwächlich,« sagte er; »außerdem
+nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der Ihnen Schlupflöcher
+nach allen Seiten läßt. Ich verhandle mit Ihnen über Ihr Schicksal und
+das Ihrer Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zurück, so ist
+es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren Sie nur, was ein
+vernünftig erwägender Mensch riskieren muß.«
+
+»Weshalb denn eine nächtliche Verhandlung in der Dachkammer?« fragte
+Maria kopfschüttelnd. »Nennen Sie Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen
+sagen, ob sie annehmbar sind.«
+
+Er lachte. »Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem Plan,«
+erwiderte er spöttisch. »Da hätte ich mich ja ebensogut mit dem eifrigen
+Israeliten aufs Feilschen einlassen können. Aber das liegt nicht im
+Plan. Der Preis, von dem hier die Rede ist, kann nicht mit Münze bezahlt
+werden. Chance ist Chance, Madame. Es wäre ja geschmacklos, wollte ich
+vor Ihnen den Attila mimen; aber ich bin nun einmal der Diktator der
+Stadt, und alle die Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem
+Behälter. So stehen die Dinge. Andrerseits weiß ich, daß eine solche
+Affäre wie die zwischen uns beiden zart anzufassen ist, und wenn Sie die
+Pression, die ich auf Sie ausübe, unanständig finden, bin ich bereit,
+ein Versprechen zu leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um
+Breite eines Haares näherzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit für
+wünschbar halten. An dieses Wort will ich mich binden, dürfen Sie mich
+binden. Weigern Sie sich noch immer, so haben Sie die Folgen selbst zu
+tragen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. »Ich warte,
+Maria Jakowlewna,« sagte er; »von jetzt an in einer Stunde werde ich auf
+Sie warten. Zögern Sie nicht zu lange; die Nacht ist kurz.«
+
+Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die Klinke in der Hand
+hielt, wandte er noch einmal das Gesicht zurück und sagte, wieder mit
+gestrecktem Kinn: »Ich bin ein waghalsiger Spieler, aber auch ein
+ehrlicher. Meine Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf
+ziemlich schwachen Füßen. Es ist möglich, daß ich morgen in aller Frühe
+mit meinen Leuten werde abziehen müssen. Deutsche Truppen sind gemeldet.
+Vielleicht haben wir dann gar nicht mehr die Zeit, euch den Prozeß zu
+machen, und Sie kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal nach,
+was für ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt so unvorsichtig
+aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es lohnt sich.«
+
+Er verschwand.
+
+Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein. Alle legten sich
+gleich hin und verzehrten nur ein paar Bissen zum Nachtessen, halb
+schlafend schon. Jefim hatte eine Liegestätte unter der Treppe gefunden.
+Auch Maria warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte.
+Menasse bat noch um eine Unterredung. Er ließ sich nicht abweisen. Er
+wollte erfahren, was sie mit Golowin gesprochen habe. Auch die andern
+draußen seien aufs äußerste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen
+gefallen, als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen.
+Maria fühlte sich erschöpft; sie vertröstete ihn auf den nächsten
+Morgen. Er sagte, nur sie könne das Unheil abwenden; Graf Duchorski
+lasse ihr seine unbegrenzte Verehrung wissen; die Herren samt und
+sonders erwarteten geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia drängte den
+Schwatzhaften endlich über die Schwelle.
+
+Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug, geschah es wie
+auf Befehl. Ihre Gedanken waren im Nu gesammelt und klar. Der Raum war
+voll Mondlicht. Sie sah auf die Uhr; es war halb zwölf, sie hatte also
+drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete ihr Haar,
+brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche ein Spitzentuch und
+nahm es um die Schultern, dann verließ sie auf Zehen das Zimmer. Sie
+stieg die enge Holztreppe empor; der Treppe gegenüber war eine Tür.
+Während sie überlegte, öffnete sich die Tür, und Golowin stand vor ihr.
+
+Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein Licht drinnen war,
+verharrte sie betroffen. Doch lag die Kammer auf der Mondseite, und der
+Mond erzeugte solche Helligkeit, daß jede Bodenritze und jedes
+Spinngewebe erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel
+breiter als die Fensteröffnung, nicht viel länger als die eiserne
+Bettstelle. Außer dieser war nur noch ein Tisch und ein Stuhl vorhanden.
+Die Wandbretter hatten zum Teil ihre Befestigung verloren und hingen
+schief und morsch. In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah über
+niedrige, mondglänzende Dächer bis zum Hafen hinaus, dessen Fläche
+ebenfalls im Mond schimmerte.
+
+»Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anzünden, obwohl nur
+noch ein Stümpchen da ist,« sagte Golowin; »ich meinerseits ziehe die
+natürliche Beleuchtung vor. Die ganze Zeit, während ich hier geduldig
+auf Sie gewartet habe, hat es mich beschäftigt, mir Ihr Gesicht im
+Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung, nicht wahr? Ich bin
+sicher ein heimlicher Romantiker; außen ein wenig ruppig, aber innen
+Romantiker, ganz sicher.« Er lachte.
+
+Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne. Er sagte:
+»Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist höchstens für mich zum Balanzieren
+praktikabel. Ich muß Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten; #I know, that’s
+a funny misfortune,# aber alles ist nun einmal aufs Heikle zugespitzt,
+wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung nicht aufhalten. Bitte
+nehmen Sie Platz.«
+
+Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, spürte daß sie errötete,
+fröstelte unter einem kühlen Luftzug vom Fenster her, zog das
+Spitzentuch fester, schaute Golowin schweigend an. Ihre großen dunklen
+Augen, denen die Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh,
+glänzten feucht. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie in ihrer mutigen
+und offenen Art; »ich werde das Gefühl nicht los, als ob Sie in einer
+Verkleidung steckten. Sind Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind
+Sie?«
+
+Er hatte sich nachlässig auf die Tischkante gesetzt und die Arme
+verschränkt. »Also #curriculum vitae#?« antwortete er lachend.
+»Verkleidung? Nein. Ein bißchen buntscheckig, ja. Oder zwiebelähnlich,
+mit vielen Schalen.« Er räusperte sich und heftete den Blick ins Freie.
+»Ich sehe ein, daß es unartig wäre, Ihre Wißbegier nicht zu
+befriedigen,« begann er; »ich will knapp sein wie ein Lexikon. Geboren
+in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem Einschlag im Blut; Mutter:
+Engländerin, Pastorentochter. Alter: sechsunddreißig. Erzogen in der
+Kadettenschule. Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. Müßig
+herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der Eltern völlig
+mittellos. Eines Tages die Kräfte zusammengerafft; Elektrotechnik
+studiert; gehungert; nach Schweden gegangen, nach Norwegen. Mich
+anheuern lassen auf einem Walfischfänger; zwei Winter im grönländischen
+Eis verbracht. Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden. Nach Island
+gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizitätswerk gebaut. Geheiratet;
+Tochter eines Rheeders; mit ihr nach London gereist; höllisch betrogen
+worden von ihr; kurzen Prozeß gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf, bei
+Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer Dampfwäscherei gearbeitet;
+auf einem Kohlendock in Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei
+der #Illinois railway company#; als Zeichner und Ingenieur in San
+Franzisko. Große Affäre: die beiden Töchter eines Holzmagnaten verführt;
+von gedungenen Strolchen beinah erschlagen worden; sechs Monate Spital.
+Nach Paris gegangen; Reporter für Newyork-Herald geworden; im Jahre 12
+nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen beigetreten; im
+Jahre 14 Einberufung zur Marine; Vertrauensmann der Besatzung geworden;
+den Umsturz mitherbeigeführt, und nun,« er verbeugte sich bizarr, »der
+Auszeichnung gewürdigt, meinem verehrten Gast diesen Steckbrief
+überliefern zu dürfen.«
+
+»Viel in wenig Worten,« sagte Maria lächelnd.
+
+»Braucht es mehr? Die Ereignisse geben ja doch nicht den Inhalt. Fast
+jedes Leben, meines auch, ist eine unordentlich gepackte Kiste, und wenn
+man sie ausräumt, haben die meisten Dinge längst nicht mehr den Wert,
+den sie beim Einpacken hatten. Ich bin kein Freund von Ausräumen. Lieber
+noch ein paar Nägel in den Deckel.«
+
+»Sie laufen sich selber voraus, Sie laufen mit sich selber um die
+Wette,« bemerkte Maria.
+
+»Ja, das sagen Sie so, ob Sie aber das richtige Bild davon haben, möchte
+ich bezweifeln,« antwortete er. »Eigentlich war kein Tag der Rast. So
+eine Stunde wie die jetzige, wo man spricht und sich zurückbesinnt, hat
+es eigentlich nie gegeben, denken Sie. Man war wie auf einem Schiff, das
+mit vollen Segeln vorm Sturm rennt. Bö auf Bö; da ein Leck, dort ein
+Leck; alle Mann an die Pumpen; zuletzt immer ein verzweifelter Sprung
+von der Takelage ins Rettungsboot. In so einem nüchternen Taumel; in so
+einer betrunkenen Entschlossenheit; mit dem Zittern bis in die Rippen;
+und niedergetrampelt wurde jeder, der im Weg stand. Ja, so war es.«
+
+»Immerhin haben Sie ein Stück der Welt mit Appetit verspeist,« sagte
+Maria und zeigte ihre herrlichen Zähne.
+
+»Das ist wahr,« erwiderte er und nickte. »Sie ist mir nichts schuldig
+geblieben, die Welt, ich ihr auch nichts. Ich habe sie kennen gelernt
+von unten bis oben, die brüchigen Fundamente, die verfaulten
+Schanzwerke, die verrostete Maschinerie, die rissige Verschalung, die
+schadhaften Ankertaue, wie gesagt: vom Kiel bis in die Raaen. Und was
+die Bemannung betrifft: kranke Gehirne, ein tollwütiges Fieberwesen,
+eine bestialische Raserei der Untiefe zu. Es war ein Riesenspaß, Maria
+Jakowlewna, eine Labung fürs Gemüt. Es gab Zeiten, wo ich
+quietschvergnügt gewissermaßen neben dem hochgespannten Dampfkessel
+hockte und mir an den Fingern ausrechnen konnte, wie lang es noch dauern
+würde, bis der ganze pomphafte Plunder mit ungeheuerm Krach in die Luft
+flog. Eigentlich waren das die schönsten Momente. Ich habe etwas von
+einem Propheten in mir, oder wenigstens von einem Diagnostiker. Das kam
+mir auch beim Dienst auf dem Kriegsschiff zustatten. Einen schöneren
+Explosionsherd konnte man sich im verwegensten Traum nicht ausmalen; ein
+Faß Dynamit mit der Lunte am Spund ist ein Spielzeug dagegen. Lehrreich,
+zu beobachten, wie unwiderstehlich es die Mäuse zum Speck in der Falle
+zieht. Ich hielt mich kunstvoll am Rande, immer zwischen Beförderung und
+Disziplinarverfahren; sie konnten mir nicht beikommen, auch nicht mit
+dem Köder der Rangerhöhung; warum hätte ich den schnappen sollen? Ich
+fühlte mich auf der Pulvertonne am richtigen Platz. Ich vermochte meinen
+Leuten den Tag vorauszusagen, an dem die Mine springen würde; und an
+genau dem Tag haben wir den Kapitän, die Offiziere, die Maats und was
+immer Epauletten und Sterne trug in die Feuerungslöcher befördert; eine
+zu schnell funktionierende Hölle, leider, wenn man bedenkt, was für eine
+lange Hölle sie andern bereitet hatten.«
+
+Er sprach völlig ruhig, beinahe heiter, in einem flüssigen Plauderton,
+wie von einer Sportleistung, auch mit der dazu gehörigen halbironischen
+Prahlerei. Er zündete eine Zigarette an, und beim Aufflammen des
+Streichholzes erschien Maria sein Gesicht kindlich harmlos. Mit ruhenden
+Händen im Schoß saß sie da und fand keine Worte.
+
+»Famos, wie ihre Hände sich im Mondlicht ausnehmen,« sagte Golowin; »wie
+weißer Bernstein.«
+
+Sie fuhr zusammen. »Sie haben meine Gegenwart gewünscht, um mit mir zu
+verhandeln,« sagte sie mit verzogener Stirn; »das war die Abmachung. Ich
+habe mich Ihrer Laune gefügt, weil ich schließlich von Ihrer Laune
+abhänge, und nicht nur ich allein. Kommen wir also zur Sache.«
+
+»Es wundert mich, daß Sie damit solche Eile haben,« antwortete er mit
+einem kichernden Ton. »Seien Sie doch froh, wenn ich meine Zunge
+spazieren führe. Am Zweck, den ich verfolge, sollte Ihnen wenig gelegen
+sein. Oder sind Sie so naiv, daß Sie glauben, es gehe um die Schale und
+nicht um die Nuß? Sind Sie wirklich da heraufgekommen in der Meinung,
+wir würden eine unverfängliche diplomatische Schachpartie spielen?«
+
+Maria, beunruhigt, stand auf. »Ich dachte, um Knallerbsen zu werfen,
+seien Sie nicht lustig genug.«
+
+»Es muß ja nicht #boule de suif# sein,« entgegnete er zynisch, »es kann
+ja, beispielsweise, auch Maß für Maß sein. Das ist dann schon minder
+lustig. Es hängt meistens von der Frau ab, ob es lustig ist oder nicht.«
+
+Maria sagte verletzt, und ihre dunkelsonore Stimme bebte: »Es besteht
+keine Gemeinschaft zwischen uns. Sie sind ein Liebhaber von Späßen, ich
+bin zu spaßen nicht aufgelegt. Sie tanzen um einen Weltbrand einen
+Freudentanz; so suchen Sie sich wenigstens nicht einen Partner aus,
+dessen Lebensglück in den Trümmern liegt. Was ist Ihre Absicht?«
+
+Er näherte sich rasch, die flachen Hände aufgehoben. »Vor allem: nehmen
+Sie wieder Platz. Nicht diese Miene! Zucken Sie nicht zurück, ich rühre
+Sie nicht an. Bei Gott, ich rühre Sie nicht an. Ist Ihnen kalt? Wollen
+Sie meinen Mantel haben? Nein, nein, bleiben Sie sitzen, ich lasse ihn
+am Nagel; kann mir denken, daß Ihnen vor solchem Mantel widert. Das
+bißchen Zimperlichkeit halt ich zugut. Und nun merken Sie auf.«
+
+Er zog den dreibeinigen Stuhl heran, flink und plump in den Bewegungen,
+und setzte sich auf den äußersten Rand, um des Gleichgewichts sicher zu
+sein. Er legte die Hände um seine Knie, beugte sich vor, streckte das
+Kinn. Alles hatte eine gewisse Anmut, eine plumpe Geschmeidigkeit,
+kraftvolle Zierlichkeit. »Seit zweieinhalb Jahren habe ich nicht in das
+Gesicht einer Frau gesehen,« begann er und lächelte knabenhaft; »habe
+ich nicht die Luft geatmet, die um eine Frau ist, nicht die Bezauberung
+verspürt, die davon ausgeht, wie eine Frau die Hände regt, die Lider
+hebt und senkt, die Lippen öffnet und schließt. Ich habe Kohlenrauch
+gerochen, Kohlenstaub in die Lungen gepumpt und mit Salzluft mühsam
+wieder ausgespült, die gräuliche Atmosphäre in Schlafsälen, den heißen
+Ölgestank im Maschinenraum geschmeckt; ich habe Zähne fletschen gesehen,
+Flüche murmeln gehört, allen Unrat der Menschennatur sich über mich
+ausgießen lassen, die eingequetschte, wimmernde, wütende, brüllende Qual
+eines riesigen Kerkers mitgelebt, und ich bin hungrig. Nicht in der
+Weise hungrig, wie Sie zu fürchten scheinen. Man hat seine Erziehung,
+man hat seine Erfahrung, man ist kein Geier. Nicht hungrig wie einer,
+der aus Mangel an Nahrung krepiert, an Nahrung überhaupt. Wenns weiter
+nichts wäre! Der Tisch für die andern ist reichlich gedeckt. Ich bin
+hungrig wie ein Mann, den eine Fiebererscheinung in Trance versetzt hat.
+Wir hatten mal in Boston eine spiritistische Sitzung. Es kam, im blauen
+Licht, ein weibliches Gespenst herein. Sah ungefähr aus wie Sie, Maria
+Jakowlewna; wunderbar sehen Sie aus, wie Sie da sitzen und mir zuhören.
+Na, ich ging entschlossen auf das Gespenst los, ohne mich um die
+hysterischen Entsetzenskrämpfe der verzückten Gesellschaft zu kümmern,
+griff mit Armen darnach, und siehe da, es war ein warmer, weicher
+Menschenleib. Ich entsinne mich, es war ein unvergeßliches Wohlsein in
+mir, als ich den warmen, weichen Weiberleib hatte. Der Gespensterunfug
+nahm gar nichts weg von dem Wohlsein, im Gegenteil, es war so diabolisch
+verboten, daß es mir göttlich behagte. Man muß nur mit Armen zugreifen,
+wenn es um einen gespenstert. Und es gespenstert schon lange um mich.«
+
+Er lächelte abermals; strich mit der Hand über die dünnen,
+schlichtliegenden Haare; sah alt aus, verbraucht, zerwühlt, plötzlich
+wieder straff, elastisch, jugendlich und fuhr nach einigem Besinnen
+fort: »Sprechen wir ein wenig von der Fieber-Erscheinung und davon, wie
+sie entstanden ist. Denken Sie sich also hunderte von Männern,
+primitiven Männern, denken Sie sie monatelang an einem und demselben
+Ort; hunderte, doch in ihrer Gesamtheit absolut einsam auf dem Ozean;
+durch die militärische Knute in Atem gehalten, durch harten Dienst
+niedergezwungen; in ihren Trieben und Instinkten vollständig geknebelt.
+Überlegen Sie sich einen Augenblick, was daraus erwächst. Ich bin ein
+Mensch, der das Grauen nicht kennt und auch den Ekel nicht. Ich nehme
+alles von der einfachsten Seite; es ist da, also hat es da zu sein. Aber
+wenn man so buchstäblich in den Miasmen watet, die aus den Seelen
+dunsten, das reißt an den Nerven. Es gibt bei Männern einen Zustand der
+Entbehrung, der stillen, stumpfen, folternden Begierde, der macht alles
+zu Gift und Brand in ihnen. Gefehlt, wollte man meinen, daß die
+aufreibende Arbeit, die körperliche Erschöpfung dem entgegenwirkt; die
+vergiften und verbrennen nur noch mehr, bis das ganze Individuum ein
+von tobsüchtigen Bordellbildern geschütteltes Ding ist mit zwei
+Existenzen, jede tierisch genug: die wirkliche, graue, trostlose und die
+in der Bruthitze der Erinnerungen und der Wünsche. Ich habe nie an die
+friedlichen Robinsons geglaubt; ist so ein Bursche gesund und ein
+ehrliches Mannsbild mit seinem Geschlecht im Leibe, so muß er ja
+komplett verrückt werden. Oder es stirbt ein Stück Leben in ihm ab. Ich
+trete zum Beispiel in einen Schlafraum und sehe mir die Schläfer einzeln
+an. Da ist einer, liegt in Schweiß gebadet, mit dicht aneinander
+gerückten Falten auf der Stirn. Jede von den Falten ist eine mit
+Ausschweifungen gefüllte Grube. Er hält sich schadlos, der Kerl; er
+dichtet; er lebt sich aus in seinem lasterhaften Schlaf; kein Hirn eines
+abgefeimten Erotikers ist je auf solche Möglichkeiten verfallen. Ein
+anderer windet sich wie in Krämpfen der Pubertät; er ist leichenblaß und
+trinkt seine eigenen Lippen. Ein anderer sieht aus, als klettre er an
+einer Felswand hinauf, angespannt wie ein Seil, lüstern wie ein Affe.
+Sie keuchen, schlagen mit gekrallten Fingern um sich, grinsen gierig,
+flüstern einen Namen, umklammern etwas in der Luft, sind vollständig
+aufgerissen, in einem Chaos glühender Visionen. Noch ein Beispiel. Ich
+sitze unter ihnen; dienstfreier Abend; man redet; sie werfen sich ihre
+Schlagworte zu; Anspielung auf Anspielung; grobes Geschütz, daß einem
+die Ohren sausen; eh mans recht weiß, ist der Siedepunkt erreicht: die
+Augen kochen, die Zungen wirbeln, das kaum Ausdenkbare wird gesagt,
+geschrieen, schamlos hingemalt, sie wälzen sich in einer heißen Pfütze,
+übersteigern sich, neiden einander das frechste Bild, den unflätigsten
+Ausdruck, und man sieht dabei, wie es sie über alle Begriffe martert.
+Und man beobachtet zwei, die sich einander mit verdeckten Blicken
+messen, Mann gegen Mann als wärs Mann gegen Weib; stumm und irr faseln
+sie vom Fleisch und von Lust; sie verstehen sich vortrefflich, die zwei
+in ihrer Entzündung, und sie sind nicht die einzigen. Jag ich Ihnen
+Schauder ein? Das ist nicht der Zweck. Ich tünche bloß den schwarzen
+Untergrund für mein Lichtgewebe. Hat man sich vollgesogen mit dem
+Irdischen der untersten Abgründe, so werden die Himmelsgestalten so weiß
+und so zart wie nur Lilien in Pestsümpfen. Man muß aber zu den Seraphim
+entschlossen sein. Es muß einem gelingen, die Poren gegen die Ansteckung
+zu verstopfen. Zu früh nachgeben, das heiß ich ein Kalb im Mutterleib
+schlachten. Ein Mönch ist unter Umständen ein geriebener Genüßling, wenn
+er zum Feinschmecker von Illusionen wird. Vielleicht war der heilige
+Antonius der größte Liebeskünstler der Welt. Ein brennenderes
+Aphrodisiakum kann ich mir nicht vorstellen als die Qualen von
+freiwillig Enthaltsamen. Das geht über ein Fest auf dem Blocksberg. Aber
+ich bin kein Voyeur, durchaus nicht. Ich bin nur für kluge Steigerung,
+überhaupt für Steigerung. Dort in dem Satanskessel, auf dem Schiff, hab
+ich mein Verlangen gezüchtet; habe es sorgsam gepflegt, wie man ein Tier
+mästet, das eine delikate Mahlzeit zu werden verspricht. Und wonach hat
+mich eigentlich verlangt? Schwer zu sagen. Nach einer bestimmten Glätte
+der Haut; nach einer bestimmten Rundung der Fessel; einer bestimmten
+Modellierung des Handgelenks; einer bestimmten Transparenz der Äderung
+an den Schläfen; einem bestimmten Gang und Schritt und Blick. Ist das
+etwas? Umschreibt das etwas? Es ist eine Angelegenheit des Geruchs, des
+Spürsinns, der Epidermis, der Nerven-Elektrizität. Deutlicher: ich will
+eine Ebenbürtige haben, eine sinnlich Ebenbürtige. Kurz und gut, Maria
+Jakowlewna, Sie sind es, die ich haben will.«
+
+Marias Auge fiel auf einen Skorpion, der, von Fingerslänge, an einem
+Brett ihr gegenüber unbeweglich hing, zierlich in der Gliederung, zart
+umgrenzt, ohne Schatten, wie eine japanische Zeichnung. Indem sie das
+Tier anschaute, ward ihr leichter zumut; in einem losgelösten Teil ihrer
+Seele freute sie sich am Zarten und Zierlichen und vergaß das Giftige
+und Gefährliche; dieses wußte sie ja nur, sie hatte es nie erfahren. Sie
+heftete den Blick in Golowins Gesicht und sagte in zutraulichem Ton:
+»Ist es nicht sonderbar? seit Sie das Wort ausgesprochen haben, bin ich
+vollkommen ruhig. Es ist nun nichts Unbekanntes mehr zwischen uns. Ich
+habe sogar ein Gefühl von Sympathie für Sie. Das eine Wort, dieses
+vernunftlose, rohe, gewalttätige Wort hat es bewirkt. Plötzlich bin ich
+die unvergleichlich Stärkere von uns beiden.«
+
+»Verstehe nicht,« murmelte Golowin ziemlich außer Fassung.
+
+»Sie sagen, Sie wollen mich haben,« fuhr Maria in demselben zutraulichen
+Ton fort; »ich antworte Ihnen: schön, hier bin ich; bitte.«
+
+Golowin starrte sie sprachlos an.
+
+Sie sagte heiter: »Kann man denn einen Menschen so ohne weiters haben?
+so nach Gelüst und Gelegenheit? wie man einen Apfel vom Baum holt, auch
+aus einem fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach, weil man
+Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist sie sonst nichts als der
+Bissen? als die Beute? als das Vergnügen einer Stunde? Wenn Sie dieser
+Ansicht sind, – bitte.«
+
+Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mit abgewendetem Gesicht
+dort stehen. Der Mond beleuchtete nur noch ein kleines Stück der Wand.
+
+»Meinen Sie im Ernst, Sie hätten mich dann gewonnen?« fuhr Maria fort.
+»Vielleicht hätten Sie mich zerstört, sicher beschimpft, unerhört
+erniedrigt, aber gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren
+Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Krüdener, und nicht vielmehr
+eine seelenlose Hülse von mir? Ob man lebendige Menschen in Feuerlöcher
+wirft oder sie zu Opfern einer Zufallsbegegnung macht, läuft auf
+dasselbe hinaus. Haben, was für ein gemeines Wort! was heißt denn haben,
+wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen ist, halb
+Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.«
+
+Golowin schwieg noch immer.
+
+»Die Rechnung ist für mich nicht sehr kompliziert,« sagte Maria; »ich
+soll das Zahlungsmittel abgeben für die Freiheit, wahrscheinlich auch
+für das Leben von etlichen fünfzig Menschen, darunter meine Kinder und
+ich selbst. Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir
+offenbar nichts anders übrig, als in den elenden Kaufvertrag zu
+willigen. Schön. Es ist nichts Besonderes, nichts Erschütterndes im
+Vergleich mit den großen Ereignissen. Es ist ein Schicksal, mit dem man
+sich abzufinden hat. Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt.
+Aber soll sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der Sie
+gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir leid. Es ist eine
+uralte und furchtbar gewöhnliche Weltordnung, das.«
+
+Ohne sich vom Fenster zu rühren, antwortete Golowin mit dumpfer Stimme:
+»Sie mißverstehen mich mit Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie müssen
+als Weib unrüttelbar fixiert sein, daß Sie Selbstverständlichkeiten mit
+einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten. Ich habe meine Augen
+im Kopf und meine Witterung in der Nase. Kann sein, daß die Bussole da
+drin ein bißchen an Richtung verloren hat; die Nadel schießt verzweifelt
+nach links und rechts, als stünde sie überm magnetischen Pol. Daß Sie um
+und um und bis in die letzte Faser fixiert sind, habe ich trotzdem
+gespürt, und das war ja der Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir
+entgegensteht. Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir. Dieses
+Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm stellen. Aber ich rieche
+ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.«
+
+Durch Marias Körper lief ein Schrecken wie nie zuvor.
+
+Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: »Sie reden von ihm mit
+jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen wie er es gutheißt und befiehlt.
+Aber Sie würden jetzt nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon
+gelungen wäre, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft, aber
+mich können Sie nicht wegdrängen, und er kann Ihnen bald nicht mehr
+helfen, seine Arme werden lahm.«
+
+»Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch,« sagte Maria.
+
+»Haben Sie mich für einen bübischen Schänder genommen, für einen
+Dutzendhallunken? Ich kenne die Wege, die zu den verborgenen Flammen
+führen. Wer sagt Ihnen, daß ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten
+verzichten will? auf die Entzückungen der Allmählichkeit? auf die
+Überraschungen und kleinen süßen bittern Süßigkeiten, die einen Leib mit
+einem Leib befreunden? Aber vielleicht bin ich imstande, vielleicht maß
+ich mir an, die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden zu
+pressen, die von der Faulheit und dem Mangel an Schwung in so öde Länge
+gezogen wird, daß die Ermattung und die Erfüllung nicht mehr Ähnlichkeit
+miteinander haben wie ein Schiff, das vom Stapel läuft mit einem Wrack
+auf einer Sandbank.«
+
+»Es ist möglich, daß Sie dazu imstande sind,« sagte Maria, »aber Sie
+können nicht einen Stoff in einen andern Stoff verwandeln, Sie können
+nicht das Gesetz eines Lebens umstoßen.«
+
+Golowin lachte spöttisch. »Käme auf den Versuch an. Es ist eine Frage
+der Magie.«
+
+Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo er stand.
+
+»Sie sprechen von Zufallsbegegnung,« fuhr er fort. »Ich meinerseits
+glaube nicht an solchen Zufall. Sind Sie so fest davon überzeugt, daß
+Sie bloß eine Verkettung unbestimmbarer Umstände in diese Stadt, in
+dieses Haus gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein
+Beschluß? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir hätten auch
+zufällig auf eine entlegene Insel verschlagen werden können, um wieder
+von Robinsonaden zu reden. Wieviel Tage hätten Sie sich Frist gegeben
+bis zur Hochzeit? Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang hätte,
+einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann gegenüber, Ihr Blut
+geschwiegen, falls ich sogar aus Schlauheit oder Berechnung unterlassen
+hätte, es zu schüren? Würden Sie einen Triumph darin erblicken, eines
+Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige zu bleiben? Treue;
+was ist Treue? Eine Übereinkunft, durch die man Entbehrungen
+legitimiert, die Machtprobe eines Besitzenden, das Gitter gegen den
+Einbruch der Ausgestoßenen, ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte
+Hand.«
+
+»Ich weiß mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen,« antwortete
+Maria; »es hängt doch alles davon ab, ob der Funke, den man schlägt,
+Feuer gibt oder nicht.«
+
+»Gewiß,« pflichtete Golowin bei und näherte sich wieder; er trat in den
+dunkelgewordenen Teil des Raums und lehnte sich an die Bretterwand;
+»gewiß. Wir in unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt.
+Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, drüben in Übersee. Das sind
+Leute, die sich auf die Methoden verstehen. Es ist eine ererbte Kunst,
+von Jahrtausenden her. Sie lächeln über unsere Finten und Schliche, sie
+machen sich lustig über unsere Vierschrötigkeit und Dickhäutigkeit, sie
+zucken die Achseln über das, was wir unglückliche Liebe nennen. So wie
+man dort im Osten ein ausgebildetes System hat, das den Schwächsten
+befähigt, einen Athleten zu bändigen und auf die Knie zu bringen,
+verleiht eine langwirkende Überlieferung dem mit Erkenntnis Begabten die
+Macht, auch in das widerspenstigste Material körperliche Liebe zu
+pflanzen. Körperliche Liebe, also Liebe überhaupt, wenn man absieht von
+der europäischen Unzucht, die Dinge der Natur ins Blümerante und
+Schöngeistige zu verdrehn. Erinnern Sie sich an die berühmte
+Skandalgeschichte von der Entführung der Miß Holywood in Neuyork? Sie
+war eine Schönheit ersten Ranges, umworben von der männlichen Blüte des
+Landes, unnahbar, von makellosem Ruf. Eines Tages war sie verschwunden;
+spurlos, rätselhaft. Man setzt für ihre Auffindung Prämien von
+schwindelnder Höhe aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am
+Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt in einem der
+schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt. Man verhaftet eine Anzahl
+Chinesen, der eigentlich Schuldige ist entwischt. Die junge Dame bringt
+man in das Haus ihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie
+steht nicht Rede; sie kann sich dem früheren Leben nicht mehr bequemen,
+sie leidet unter Ausbrüchen von Wut und krankhafter Depression, die
+Ärzte vermögen nichts über sie, die früheren Freunde nichts, und während
+man alle Hebel zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine
+Verbindung mit dem Entführer herzustellen; plötzlich ist sie zum zweiten
+Mal verschwunden, und wie sie in einem hinterlassenen Brief mitteilt,
+ist es ihr freiwilliger Entschluß gewesen, zu dem Chinesen
+zurückzukehren. Die amerikanische Gesellschaft war natürlich außer sich,
+denn was gibt es in ihren Augen Verächtlicheres als einen Chinaman? Mich
+beschäftigte die Sache ungemein. Da ich keinerlei Kasten- und
+Rassendünkel kenne, scheute ich mich nicht, meine chinesischen
+Beziehungen dahin auszunützen, daß ich über den mysteriösen Fall, der
+durchaus kein vereinzelter war, wie ich später erfuhr, verschiedene
+Aufschlüsse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen sind sehr
+zurückhaltend, außerdem behaupten sie, es gäbe auf diesem Gebiet
+zwischen ihren und unsern Anschauungen keine Verständigung. Es fehlen
+die Vokabeln schon, behaupten sie. Aber das Glück wollte, daß ich auf
+einen prachtvollen Lehrmeister stieß, einen Burschen so fein wie
+Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. Hören Sie auch zu? Ich
+sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie werden nichts wissen wollen von
+dieser Weisheit und Feinheit, die in ein Labyrinth führt. Und was
+fruchtet sie mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth sträuben? Es
+weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander Ding als unsre
+Miniaturleidenschaften und gestatteten Gefühle. Bei dieser Mischung von
+Gelehrsamkeit und narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, daß der
+Mensch von der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden muß. Wer
+von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der größte Verbrecher nicht.
+Dostojewski; aber die Angst bleibt auch bei ihm. Mein Chinese
+entwickelte unter anderm eine ganze Philosophie der sinnlichen
+Beeinflussungen und Übertragungen. Die Herrschaft über das lebendige
+Instrument ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell,
+aber unsere Frauen verlieren schon im ersten Stadium die
+Widerstandskraft. Je höher gezüchtet eine ist, je wehrloser ergibt sie
+sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis einer solchen Frau gelesen;
+die erstaunlichste Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und
+kühn. Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors in
+Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen war. Sie
+sprach von dem Glück des Grauens, von der Wonne der Verlöschung, und daß
+sie keine Gewissensbisse darüber empfinde, die Seele, diesen lügenhaften
+Frieden der Seele, hingegeben zu haben, für die Flammen, die sie
+umprasselten und dem Augenblick des Todes den der Auferstehung des
+Fleisches folgen ließen. Das klingt wie Wahnwitz und ist in der Tat
+vielleicht eine Form der Hysterie. Überdies soll sie vor ein paar Jahren
+in einer Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener rechter
+Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber reizte mich, es mit der
+Praxis zu versuchen, und die Erfolge waren nicht übel; die Schule
+bewährte sich. Freilich fehlte das letzte Geheimnis; was hätte ich
+gegeben um das letzte Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu
+seicht; der europäische Mensch ist nicht eng genug; etwas Ähnliches sagt
+schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte die Probe bei vielen
+an. Die Wildesten wurden zahm; wie Würmer so zahm wurden sie. So
+eigentümlich entseelt waren sie nach kurzer Zeit, als hätte man aus
+ihrem Gehirn gewisse Bewußtseinskomplexe mit dem Messer entfernt. Man
+wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein, man umschlingt sie
+unbemerkt, die wunderbaren Körperchen, bemächtigt sich ihrer, indem man
+den Sklaven macht, den unhörbaren Schatten, das unentbehrliche andre
+Ich, das verachtete und verstoßene Teil, die böse lockende Chimäre. Und
+so zieht man das Menschlein an sich, bis es nicht mehr entschlüpfen
+kann. Es gibt da Zärtlichkeiten wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die
+Spitze jedes Fingers, jede Stelle der Haut, die Höhle unter der Achsel,
+das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Zärtlichkeit dressiert,
+und dankt. Jedes Glied an dem geliebten Leib dankt. Jedes ist
+hingeschmolzen in seine besondere Lust, jedes erwacht für sich als wie
+ein jauchzendes williges Tierchen, ein Flammentierchen und was man in
+Armen hält, ist ein Wesen ohne Scham und Lüge, ohne Geist und ohne
+Angst, unergründlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna,« seine Stimme,
+die zuletzt ein Flüstern geworden war, erhob sich und klang durch den
+Kontrast wie ein Schreien, »wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz
+packe, gehört es mir, so oder so. Lassen wir die Erzählungen, die
+Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor hunderttausend Jahren war. Ja,
+ich reiße Ihre Brust auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr,
+keine Gestalt, kein Gelöbnis, kein Bild, innen ist nur Liebe. Ich will
+drin verbrennen und verdorren, wenn es sein muß, aber geben Sie mir
+Liebe.«
+
+Der Mond war untergegangen. Es war völlig finster geworden. Maria erhob
+sich, tastete sich zum Tisch und griff nach der Kerze. Sie fand
+Zündhölzer daneben und machte Licht. Besorgt sah sie, daß das Stümpchen
+nicht lange brennen würde. »Liebe,« murmelte sie, »Liebe.«
+
+»Warum töten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen?« fragte Golowin
+zu ihr hinüber.
+
+»Ich verscharre nur den Leichnam, getötet haben Sie es,« antwortete sie
+ernst. »Ein Leben lang.«
+
+»Moral, flaue Moral,« sagte er achselzuckend; »der Hieb ist zu matt, ich
+pariere ihn nicht.«
+
+Maria begann mit jener tiefen Stimme einer Märchenerzählerin, die alles,
+was sie sagte, durch den bloßen Klang versinnlichte: »Auf dem Gut hörte
+ich eine Geschichte von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide
+waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab sich Petruschka auf die
+Wanderschaft und blieb viele Jahre fort. Als er heimkehrte, brachte er
+einen Sack voll Gold mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka
+gierig. Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing an, ein
+stolzes Schloß zu bauen. Nikituschka läßt sich den Weg erklären, macht
+sich auf, kommt aber nach einer Zeit müde zurück. Ich habe mich verirrt,
+sagt er. Da begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen, in
+den der Stollen führt und sagt: in den Stollen mußt du hinunter und
+viele Jahre graben. Es dauert nicht lange, da erscheint Nikituschka
+abermals unverrichteter Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre
+unter der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das ist
+einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben, sagt Petruschka,
+du siehst ja, daß ich mir da ein Schloß baue; wovon soll ich die
+Bauleute entlohnen? Hilf auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem
+Gold.«
+
+Sie schwieg.
+
+»Der Hieb ist nicht stärker geworden,« sagte Golowin lächelnd;
+»Petruschka hätte teilen sollen, als er mit dem Gold zurückkam.«
+
+»Was hätte es Nikituschka genützt?« erwiderte Maria mit Eifer; »er hätte
+seinen Anteil verschwendet und wäre so arm gewesen wie zuvor.«
+
+»Besser zu verschwenden als mühselig zu graben,« beharrte Golowin, noch
+immer lächelnd und sah sie aus den Augenwinkeln an.
+
+»Der Verschwender ist ein Dieb,« sagte Maria; »man muß im Stollen
+gewesen sein; man muß gegraben haben.«
+
+»Man muß, man muß,« spottete Golowin, und der Blick aus den Augenwinkeln
+wurde funkelnd; »hab ich etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?«
+
+»Nicht Gold gefördert, nicht Petruschkas Gold,« wehrte Maria mit
+erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick als seine Worte; »wenn
+Petruschka fragt: was hast du im Stollen gemacht, so werden Sie ihm
+antworten müssen: was dich kränkt, was dein Gemüt vergiftet, was dir
+Leiden bereitet, dir und deinen Brüdern. Petruschka hat gebaut.«
+
+Golowin entgegnete nichts. Er drückte den Hinterkopf an die Bretterwand,
+fuhr fort zu lächeln, fuhr fort, sie aus den Augenwinkeln zu betrachten.
+Eine eigene Unruhe bemächtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende
+und sie allmählich ganz einhüllende seltsame Scham. Ihr wäre am liebsten
+gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu verschwinden. Es ging so
+weit, daß sie sich ärgerte und sich innerlich Vorwürfe machte, die Kerze
+angezündet zu haben. Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den
+Ohren und im Nacken heiß; sie konnte sich diesen Zustand durchaus nicht
+erklären. Plötzlich fragte er, ohne sich zu rühren, in die Luft hinein:
+»Glauben Sie an das Ende?«
+
+»An welches Ende?«
+
+»Nicht bloß an das Ende von Maria Krüdener und Igor Golowin, das ist ja
+gewiß. An das Ende von Rußland und Europa meine ich, an das Ende von
+Eisenbahn und Telegraph, von Zeitungen und Büchern, von Kunst und
+Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an das Ende der
+Menschheit, an das Ende von allem. Glauben Sie daran?«
+
+Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete sie leise: »Ich
+glaube nicht daran. Ich glaube an das ewige Leben.«
+
+»Glauben Sie an die Wiederkehr?« fragte Golowin, und sein Lächeln
+verdämmerte in den Schatten, die der flackernde Kerzenschein in sein
+Gesicht warf.
+
+»Was verstehen Sie unter Wiederkehr?«
+
+»Nichts kehrt wieder,« sprach er, ohne die Frage zu beachten, »und doch
+schreit jeder Atemzug im Menschen nach Wiederkehr. Nichts kann noch
+einmal sein, was gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste
+Verlangen im Menschen, daß es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist das
+Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht überwindet, ist man
+der Narr des Schicksals. Auch für Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie
+wieder, was einmal Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis
+gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.«
+
+Mit geschlossenen Augen schüttelte Maria den Kopf und sagte: »Ich weiß
+es so fest wie daß die Sonne aufgehn wird: er kehrt wieder.«
+
+»Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gefühl; die spricht aus Ihnen.
+Sie haben das Unglück gehabt, eine glückliche Ehe zu finden, sonst wären
+Sie ein Weib gewesen, mit dem man auf die Barrikaden gehen könnte.
+Schade, wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenne erniedrigt
+wird. Alles was edel und flugkräftig an Ihnen war, hat die Ehe in eine
+Kapsel gepreßt, und Sie wagen sich nicht zu rühren aus Angst, das
+Gehäuse zu sprengen. Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen
+angebracht, Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen;
+wozu Sie aber hätten steigen können, wenn man Ihnen die Menschenfreiheit
+nicht geraubt hätte, davor verschließen Sie sich. Frauen wie Sie müßten
+in ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe zerstört sie. Es
+ist als hätte man Sand in ein kostbares Uhrwerk geschüttet. Wenn dann
+der große Feind kommt, ist es zu spät. Der große Feind, der große
+Abrechnungskommissär, der Unbestechliche.«
+
+Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer Innigkeit, der
+Golowin betroffen machte.
+
+»Glauben Sie auch nicht an den großen Feind?« fragte er verdeckten
+Tones.
+
+Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und antwortete nicht.
+
+»Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht?« fuhr er lauernd
+und seltsam spöttisch fort; »sicherlich. Sie haben ja Phantasie. Ist er
+nicht einnehmend? berauschend? verführerisch? Sieht er nicht aus wie ein
+echter Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse? nicht
+eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte und Erforschte und
+Erlebte, eingedrungen aus Wollust? Die Welt ist voll von ihm. Er fegt
+den angesammelten Kehricht weg.«
+
+»Ja, die Welt ist voll von ihm,« sagte Maria; »er schreit Gerechtigkeit
+– und mordet; er schwärmt von Bruderliebe – und mordet; er trieft von
+Mitleid – und mordet; er faselt von Fortschritt und Erneuerung – und
+mordet; er küßt und umarmt – und mordet. Er kennt kein Erbarmen in
+seiner – Liebe.« Sie blickte ihm noch immer in die grün funkelnden
+Augen. Die Kerze verlosch zischend.
+
+Es entstand ein langes Schweigen. Maria fühlte Schwäche in den Knien,
+ging zu der Bettstelle und ließ sich auf die Kante nieder. Daß Golowin
+sich nicht rührte, war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor
+dem Fenster, die erste Ankündigung des Tages. Sie wagte nicht
+hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer geschnürt.
+
+Auf einmal kam seine Stimme: »Sie sind so reich, daß Sie eine Nacht aus
+Ihrem Leben ausstreichen können. Für Sie nicht gelebt, für mich
+hundertfach gelebt. Ich spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es
+kann die nächste sein. Ist es die nächste nicht, so wird es eine andre
+sein. Ich kann warten.«
+
+Maria antwortete zwanghaft, als würde ihr die Rede von einem
+unsichtbaren Dritten diktiert: »Es kann keine sein.«
+
+Er sagte: »Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir können uns
+vergleichen ohne Rücksicht auf die kriegführenden Parteien. Es läge eine
+gewisse Größe darin. Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht,
+das viele andere überflüssig macht.«
+
+»Ich gehöre nicht mir. Kein Haar an mir ist mein Eigentum,« entgegnete
+Maria.
+
+Er sagte: »Sie fühlen sehr genau die Feigheit in diesem Argument.
+Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar ist?«
+
+»Auf die Frage möchte ich lieber nicht antworten.«
+
+»Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht die Gegenwart, ist
+zwischen Ja und Nein kaum mehr zum Besinnen Platz.«
+
+»Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit.« Sie
+bedeckte die Augen mit der Hand.
+
+Er sagte: »Wenn Sie Ihre Lippen auf meine drückten, könnt ich mir
+einbilden, ich sei wieder Knabe und finge von vorn an. Wiederkehr,
+Wiederkehr. Fürchten Sie nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle.
+Ich will ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch können Sie mir nicht
+verwehren zu träumen. Ich träume, daß ich Ihre Hand halte. Daß ich sie
+nur mit meinen Fingerspitzen streife. Sie vergessen, daß Sie Mutter,
+Gattin, Dame, Herrin sind, alle diese verruchten Würden einer überlebten
+Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin eingeschlossen, daran
+geklammert meine, mit Blut, Hirn, Trieb, Seele. Was können Sie dagegen
+tun? Still, wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein, und
+du öffnest dich wie ein Kelch ...«
+
+Maria hörte zu, außen und innen Eis, doch von etwas Lauem durchflutet,
+das betäubte. Er hatte sie nicht angerührt, trotzdem fühlte sie ihre
+Hand wie in einem Schraubstock. Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das
+Blut wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte zu sprechen
+und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt. Mitjas ernste Augen
+blickten sie an. Ihr Körper war ihr fremd, und sie fürchtete ihn. Das
+Bild einer Uhr erschien ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht
+weiterrücken wollten. Sie schaute gegen das Fenster. »Es wird Tag,«
+murmelte sie. Von der Straße schallten eilige Schritte herauf. Gut, daß
+die Menschen erwachen, fuhr es ihr durch den Kopf.
+
+Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhr Golowin fort: »Ja, es
+wird Tag. Schluß des ersten Aktes. Vorhang. Die Länge der Zwischenpause
+ist nicht bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich meiner
+in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht brechen, die ich über Sie
+erlangt habe? Sie werden sich in Pflichten stürzen, Sie werden Aufgaben
+zu lösen trachten, Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das
+Eingestürzte aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde immer ich
+sein, da nützt kein Sträuben und kein Tun.«
+
+Sie konnte jetzt in der Dämmerung sein Gesicht wahrnehmen. Es glich
+einem fleckig grauen Tuch. Sie fand keine Widerrede. Inmitten ihrer
+bedrückten Versunkenheit wunderte sie sich über seine Haltung, die etwas
+Lockeres, beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte plötzlich ein
+langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf wie ein Wachthund. Er
+trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife heraus und erwiderte das Signal.
+Gleich darauf hörte man von der Richtung des Meeres her Geschützdonner.
+
+»Gut,« sagte Golowin, »man schnallt das eiserne Stirnband wieder um.« Er
+nahm den Mantel vom Haken und warf ihn über die Schulter. »Ihre Straße
+ist frei, Maria Jakowlewna,« fügte er mit einer Verbeugung hinzu.
+
+Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr.
+
+»Zwei Worte noch,« sagte er, an der Tür stehen bleibend; »das eine:
+prägen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren Stern darum, daß unsere
+Wege sich nie mehr kreuzen.«
+
+»Nein; unsere Wege dürfen sich nie mehr kreuzen,« erwiderte sie.
+
+»Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das Sie den Frieden
+Ihrer Seele wieder gewinnen können, außer es kommt noch einmal zur
+Entscheidung zwischen uns. Und das steht dahin.«
+
+Maria lauschte seinen starken Schritten nach, als er gegangen war. Sie
+drückte die flachen Hände gegen die Brust und hob das Gesicht, das
+bleich war, mit fromm-erschlossener Miene zur Höhe.
+
+Als sie in das untere Stockwerk kam, waren alle bereits auf den Beinen
+und rüsteten sich zu neuer Reise. In der Freude über den Abzug der
+Matrosen achtete man ihrer gar nicht. Menasse unterhandelte bereits mit
+einem Schiffer, der eine Barke zur Überfahrt zu vermieten hatte. Sie
+aber fühlte die Wahrheit der Worte Golowins: die Straße war frei, aber
+das Ziel des Wegs war unkenntlich verdunkelt.
+
+
+
+
+Lukardis
+
+
+Im Verlauf der schleichenden Revolution, von der das russische Reich
+während des vorletzten Jahrzehnts heimgesucht war, kam es eines Tages zu
+einem Straßenkampf in Moskau. Den unmittelbaren Anlaß hatte die
+Verschickung von fünfunddreißig Studenten und Studentinnen gegeben, die
+das Jubiläum eines verehrten Lehrers, welcher der Polizei verdächtig
+geworden war, in überschwenglicher Weise gefeiert und die Feier durch
+heimliche Zusammenkünfte vorbereitet hatten. Einige der angesehensten
+Familien der Stadt wurden durch die grausame Maßregel betroffen, und die
+Trauer und Entrüstung so vieler bis dahin ruhiger Bürger erregte eine
+gefährlichere Stimmung als es die Aufwiegelung der politisch Tätigen
+vermocht hätte.
+
+Unter den mit tückischer Eile Deportierten befand sich auch ein junges
+Mädchen namens Anna Pawlowna Nadinsky. Es lebte in Moskau ein Bruder von
+ihr, Eugen, oder wie es im Russischen heißt, Jewgen Pawlowitsch,
+Offizier bei einem Dragonerregiment, ein schöner stolzer Mensch von
+dreiundzwanzig Jahren, dem man eine rühmliche Laufbahn vorhersagte.
+Eugen Pawlowitsch Nadinsky liebte seine Schwester, sie war die
+vertraute Freundin in allen Angelegenheiten seines Lebens gewesen. Als
+er sie nun verloren sah, für sich wie für die Welt verloren, der
+Erniedrigung und den Entbehrungen preisgegeben, welche der jahrelange
+Aufenthalt in Sibirien mit sich bringen mußte, war sein Schmerz so groß,
+das Gerechtigkeitsgefühl in ihm so tief beleidigt, daß die Fundamente
+seines Daseins wankten, und er eine Ordnung nicht mehr anerkennen
+wollte, der er sich bis zu dieser Stunde bereitwillig gefügt hatte. Es
+geschah fast von selbst und zu seinem eigenen Erstaunen, daß er, als das
+Regiment wenige Tage nach jenem Gewaltstreich der Polizei zur
+Beschwichtigung der in der Stadt ausgebrochenen Revolte unter die Waffen
+treten und in die Straßen reiten mußte, plötzlich die Spitze des von ihm
+geführten Zuges verließ, von seinem Pferd sprang und gegen eine aus
+Pflastersteinen, Balken, Karren, Körben und allerlei Hausrat
+zusammengesetzte Barrikade eilte, wobei er den Verteidigern lebhafte
+Zeichen gab, welche sie nicht mißverstehen konnten, zumal ja Überläufer
+aus den Reihen der Soldateska, auch während des Kampfes, nicht selten
+waren. Kaum aber war Nadinsky auf der Höhe der Barrikade angelangt, die
+er übersteigen wollte, um sich gegen die wahren Feinde seines Vaterlands
+zu wenden, als ihn aus den Dutzenden wider ihn gerichteten Gewehren der
+Dragoner zwei Schüsse trafen. Von der andern Seite der Barrikade
+streckten sich ihm Hände entgegen, Augen strahlten ihn begeistert an, es
+war wie ein Dank und stillte die letzten Zweifel, die ihn noch
+beunruhigen mochten; auch sein Name wurde gerufen; einige kannten ihn
+also, und der Jubel in ihren Stimmen belohnte ihn noch in dem Gefühl der
+Todesschwäche. Er kehrte sich um, zog den Revolver aus dem Gürtel und
+feuerte gegen die Anstürmenden, denen sein empörtes Herz die
+Kameradschaft gekündigt hatte, dann stürzte er auf die Brust, und die
+Finger seiner rechten Hand krampften sich in das Strohgeflecht eines
+zwischen Bretter geklemmten Stuhls.
+
+Sogleich ergriffen ihn zwei junge Leute und trugen den Bewußtlosen auf
+die steinerne Treppe eines Haustors. In großer Eile öffneten sie
+Nadinskys Rock und Hemd, rissen Streifen aus dem Hemd, verbanden die
+Wunden, die stark bluteten, und sahen sich dann hilfesuchend um. Da
+erblickten sie den Wagen eines Grünzeughändlers; der Besitzer war
+verschwunden; das magere kleine Pferd stand an der Deichsel wie
+gefroren. Rasch entschlossen betteten sie den Offizier mitten in Gemüse
+und Salat und deckten ihn mit Blättern zu. Der eine von ihnen kehrte zum
+Kampfplatz zurück, der andere nahm das Roß beim Zügel und führte es die
+Straße hinunter, dann durch mehrere Nebenstraßen, schließlich auf einen
+freien Platz, wo die Universitätsklinik war. Er fuhr in das geräumige
+Tor und ging in das Zimmer eines Assistenten, der alsbald Auftrag gab,
+den Verwundeten in einen der Krankensäle zu schaffen. Die Verletzungen
+waren schwer. Eine Kugel hatte zwar nur den Hals gestreift, die andere
+jedoch hatte unterhalb des Schulterblattes die Lunge getroffen, steckte
+noch im Körper und mußte durch eine Operation herausgenommen werden.
+Erst am dritten Tage erwachte Nadinsky aus fieberhafter Ohnmacht und
+wußte lange Zeit nicht, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war.
+
+Nun hatte aber die Polizei durch einen ihrer zahlreichen Spione in
+Erfahrung gebracht, wo sich der junge Offizier befand, von dessen
+Desertion ganz Moskau sprach. Es erschien ein Isprawnik in der Klinik,
+um den todkranken Mann zu verhaften. Er wurde an Nadinskys Lager
+geführt und trotzdem er sich von der Gefährlichkeit seines Zustandes
+überzeugen konnte, beharrte er auf seinem Verlangen und pochte auf den
+schriftlichen Befehl. Indes der Assistenzarzt noch mit ihm zu
+unterhandeln versuchte, trat der Professor hinzu, warf einen schnellen
+Blick auf Nadinskys apathisches Gesicht, in welchem ein Zug von
+Knabenhaftigkeit Sympathie und Rührung erweckte und sagte: »Wenn man ihn
+jetzt von hier wegbringt, wird er in der ersten Viertelstunde sterben.
+Es ist vorteilhafter für die Polizei, zu warten.« Der Isprawnik wurde
+unschlüssig. Er war noch Neuling und wenig verhärtet; überdies hatte er
+in der Fülle der ihm obliegenden Geschäfte und Aufträge den Kopf
+verloren. Er überlegte eine Weile und erklärte sich hierauf damit
+einverstanden, den Offizier noch so lange in der Klinik zu lassen, bis
+seine Kräfte den Transport erlauben würden.
+
+Damit waren einige Tage für Nadinsky gewonnen; in diesen Tagen wuchs die
+Teilnahme des Professors für ihn zusehends, und er trug Sorge, sein
+Interesse auch andern Personen einzuflößen. Es meldeten sich Freunde,
+die ihm zur Flucht verhelfen wollten; eines Morgens wurde er in ein
+Zimmer gebracht, worin außer ihm niemand lag. Am selben Abend besuchte
+ihn ein junger Mensch, der die Absicht hatte, ihn, als Krankenwärterin
+verkleidet, nach Sokolnikin, einen Park in der Nähe von Moskau, zu
+schaffen, was bei seiner Schwäche und seiner noch immer fieberhaften
+Verfassung ein Wagnis auf Leben und Tod bedeutete. Nadinsky war jedoch
+bereit, ihm zu folgen, denn blieb er, so war ihm der Tod oder das
+Schlimmere, ewige Kerkerhaft im entlegensten Sibirien, gewiß. So fuhr er
+also in tiefer Nacht, bei Schnee und Kälte, es war Mitte des Monats
+März, nach Sokolnikin und wohnte in der Villa eines Gelehrten, der bei
+der Polizei für unverdächtig galt. Es dauerte aber nur vierundzwanzig
+Stunden, da kamen wieder Boten, die sich als Spaziergänger unauffällig
+dem Haus genähert hatten, in dessen Mansarde der kranke Nadinsky lag,
+und meldeten, daß die Polizei neuerdings auf seine Spur geraten und daß
+für die folgende Nacht seine Verhaftung befohlen sei. Es blieb also
+nichts übrig als einen anderen Zufluchtsort für ihn ausfindig zu machen.
+Der Haushalt des Gelehrten, eines Deutschen von Geburt, wurde von seiner
+Schwester Anastasia Karlowna geführt, einer ebenso beherzten wie
+gutmütigen Frau, die seit mehr als vierzig Jahren in Moskau lebte und
+nicht nur in der Gesellschaft einflußreiche und wohlwollende Bekannte
+hatte, sondern auch bei vielen Leuten im Volk sehr beliebt war. Sie
+hatte dem jungen Offizier Speise und Trank gebracht, ihn gepflegt und
+seine Anwesenheit klug zu verbergen gewußt. Nun sorgte sie zunächst für
+eine neue Verkleidung, und als es dämmerte, brachte sie ihn mit Hilfe
+eines Menschen, der ihr ganz fremd war, sich aber zu diesem Dienst
+angeboten hatte, im Gewand eines einfachen Arbeiters zu der Familie
+eines Drechslers in die Vorstadt. Dort blieb er nur eine Nacht, am
+Morgen weigerte sich der Mann, der Argwohn geschöpft hatte und für sich
+und die Seinen begründete Furcht empfand, den Flüchtling länger zu
+beherbergen. Fünf Tage lang wurde Nadinsky auf diese Weise von Haus zu
+Haus geschleppt, von dem des Drechslers in die Wohnung einer
+Fuhrmannswitwe, dann in die eines Maurers, dann zu einem Gärtner,
+schließlich zu einem Laboranten. Immer merkten die Leute nach wenigen
+Stunden, wem sie ein Asyl gewährt hatten, die Angst vor der Polizei
+überwog das Mitleid und verstockte sie gegen die Beredsamkeit
+Anastasias, die in ihrem Eifer keineswegs erlahmte. Sie war die Nächte
+über bei Nadinsky, denn er konnte sich nicht selbst überlassen bleiben;
+man mußte ihn ankleiden, waschen und zweimal täglich die Wunden
+verbinden, deren Heilung bei der unregelmäßigen und aufregenden
+Lebensweise nur langsam vonstatten ging. Als nun auch der Laborant, den
+sie mit Geld und vielen Worten bestochen hatten, den aufgezwungenen Gast
+fortzubringen befahl, verzweifelte Anastasia Karlowna daran, Nadinsky
+retten zu können. Die Freunde, die ihr bisher beigestanden, vermochten
+nichts mehr zu tun, die Polizei war auf ihren Spuren, jeder fernere
+Schritt mußte sie ins Verderben ziehen, auch sie selbst fühlte sich
+bedrohlich überwacht. Zum letztenmal versuchte sie den Laboranten durch
+Bitten und Flehen zu erweichen; nur noch eine einzige Nacht möge er
+christliche Nachsicht üben, das Leben ihres Bruders – denn sie gab
+Nadinsky für ihren Bruder aus – stehe auf dem Spiel; umsonst, sie
+schürte bloß das Mißtrauen des Mannes und alles, was sie erreichte, war,
+daß er ihr drei Stunden Frist gab; wenn nach Verlauf dieser Zeit
+Nadinsky nicht aus dem Haus geschafft sei, werde er die Anzeige machen.
+
+Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr mußte also Anastasia
+eine Stätte für ihren Schützling gefunden haben. Sie irrte eine Weile
+durch die Straßen, ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber
+immer vor den Türen wieder um, weil sie überall eine abschlägige Antwort
+oder gar Verrat fürchtete. Da verfiel sie in ihrer Bedrängnis auf den
+Gedanken, Nadinsky in eines jener Häuser zu bringen, in denen an
+Liebespaare Zimmer vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig,
+einen Paß vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege haben
+konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, den sie am
+Morgen zu ihm geführt hatte, dann konnte er zur Grenze gelangen. Um den
+kühnen Plan durchzuführen, mußte sie aber eine Helferin haben, ein
+Geschöpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, verschwiegen und klug
+war. Sie ließ alle jungen Damen, die sie kannte, an ihrem inneren Auge
+vorübergehen, aber keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich
+zu nehmen. Unter den Revolutionärinnen hatte Anastasia keine Bekannte,
+auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, die möglicherweise
+den Nachspähungen der Polizei ausgesetzt war; an eine Angehörige der
+untern Klasse oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, war
+nicht zu denken, es mußte eine Dame oder ein Fräulein aus der
+Gesellschaft sein.
+
+Sie war ermüdet von den Anstrengungen der letzten Tage, und mehr um zu
+rasten als um eine Erfrischung zu nehmen, ging sie in eine kleine
+Konditorei an der Straße, trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein
+dämmeriges Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen
+saßen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in ihre Nähe, ohne
+sie zu beachten, merkte aber dann, daß die eine, die ältere Dame, sie
+fixierte und mit freundlichem Nicken herübergrüßte. Da erkannte sie die
+Frau; es war Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten
+Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, ein etwa
+neunzehnjähriges Mädchen von nicht gewöhnlicher Schönheit. Kaum hatte
+Anastasia einen Blick auf sie geworfen, so sagte sie sich: Die muß es
+vollbringen und keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals
+Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast noch ein Kind gewesen
+war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, sie hatte sich oft mit ihr
+beschäftigt, oft mit ihr gesprochen; sie erinnerte sich, daß das damals
+dreizehnjährige Geschöpf ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie
+es nur Menschen tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere
+Kraft in sich verschließen; was für eine Eigenschaft oder Kraft es war,
+hatte sie nie ergründen können, soviel sie auch darüber gegrübelt hatte.
+Die Mutter war eine ziemlich einfältige Frau, fromm, apathisch und
+harmlos, sogar ihres Gebrechens nur dumpf bewußt.
+
+Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, nachdem sie die
+Generalin durch Mienen und Gesten nach ihrem Befinden gefragt, leise mit
+Lukardis Nikolajewna zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf
+ihren Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte,
+senkte sie bescheiden die Augen und störte das Gespräch durch kein
+Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia spürte die Verwegenheit ihres
+Vorhabens mit beklommenem Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie
+mußte sich kurz fassen; sie mußte in wenigen Sätzen alles sagen, das
+Außerordentliche verlangen, Lukardis innerstes Menschengefühl aufrühren
+und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall alles vereiteln,
+Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis wußte wenig von den
+revolutionären Umtrieben; sie ahnte vieles, hatte jedoch weder Einblick
+noch Urteil; sie lebte in einer Sphäre sanfter Träume, mit der
+Erinnerung an Puppen und der Gegenwart hübscher Schmuckkästchen, mit dem
+Echo der neckischen Galanterien verheirateter Herren und der
+vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte doch, wie ein junges
+Waldtier, das fernes Jagdgetöse vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut,
+Schmerz und Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; es gab
+Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe empfand, eine
+grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den Bezirk heuchlerischer Stille,
+in dem sich ihr Dasein formte, zu verlassen. Aber sie fürchtete die
+Welt, sie fürchtete die Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand,
+die ihr gereicht wurde, ihr war, als ob alles trübe, ja schmutzig sei,
+was außerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, sie hörte Leute auf der
+Gasse nie ohne Schauder reden, sie vermochte keine Zeitung zu lesen,
+ohne daß sie neben dem Wilden und Rätselhaften, als welches sich ihr das
+Leben, das Draußen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes und
+Befleckendes fühlte, selbst die meisten Bücher, ein Vers, ein
+Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen schrecklichen, nicht zu
+besiegenden Eindruck.
+
+Regungslos hörte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht färbte und
+entfärbte sich wieder. Da war keine Lockung, kein Prickeln des
+Unbekannten, keine mädchenhafte Lüsternheit und ungestandene
+Aufregungslust; nichts anderes vernahm sie als den Ruf zur Pflicht.
+Nichts anderes las sie in den harten Zügen Anastasia Karlownas. Sie
+brauchte nicht einmal einen Entschluß zu fassen; was sie zu tun hatte,
+stand sogleich und unabänderlich fest. Sie war Braut. Seit sechs Wochen
+war sie mit einem Petersburger Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch
+Kussin, verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, daß
+sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten Schicksal
+entgegengehe, auch sie selbst fühlte sich glücklich. Wenn es etwas gab,
+das sie irre machen konnte, war es der Gedanke an ihn, dem sie mit
+schwesterlichem Gefühl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies
+spüren mochte, eine Andeutung fallen ließ, um sie darüber zu beruhigen,
+runzelte sie die Stirn und erwiderte, sie bedürfe des Zuspruchs nicht,
+ihr Bräutigam werde niemals die Meinung hegen, daß sie etwas Schlechtes
+oder Häßliches begangen habe.
+
+»Sie sind also dazu entschlossen?« fragte Anastasia leise, indem sie den
+Blick ihrer grauen Augen auf die Hand des Mädchens heftete.
+
+»Ich bin dazu entschlossen,« antwortete Lukardis ebenso leise, ohne die
+Lider zu erheben. »Es ist nur noch eine Schwierigkeit –«
+
+»Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen ist?« fiel
+ihr Anastasia rasch und mit einem fanatischen Ton der Stimme ins Wort.
+
+»Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nächte vom Hause
+wegzubleiben?« fragte Lukardis, die Finger ihrer weißen Hände
+verschränkend.
+
+Anastasia starrte düster sinnend auf einen Kuchenteller.
+
+»Nur das eine ist möglich,« fuhr Lukardis flüsternd fort, »ganz in der
+Stille zu verschwinden, der Mutter einen Brief zu schreiben –«
+
+»Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit bitten und
+versprechen, bei der Rückkehr alles zu sagen. Aber auch Sie selbst
+müssen schweigen, Lukardis Nikolajewna,« setzte sie fast drohend hinzu.
+»Sie müssen schweigen, als ob Sie es nie gelebt hätten.«
+
+Lukardis nickte bloß. Ihre Augen waren jetzt weit geöffnet und blickten
+geradeaus. Anastasia schärfte ihr aufs genaueste ein, wie sie sich zu
+kleiden und wie sie sich zu betragen habe und nachdem sie ihr noch
+gesagt hatte, wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht
+sie an das ernste Gespräch, das trotz seiner Gewichtigkeit kaum eine
+Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden an, um Lukardis zum
+Lächeln zu bringen und in der Generalin keinen Argwohn keimen zu
+lassen, erhob sich dann erleichterten Herzens und verabschiedete sich.
+
+Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet. Er lag in
+dem armseligen Zimmer des Laboranten auf dem Sofa, und nachdem er sie
+angehört hatte, drückte er ihr die Hand und sagte: »Mein Leben ist so
+vieler Umstände nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist ein
+verlorenes Leben.« Anastasia verwies ihm diese Worte; sie entgegnete,
+daß sie sich bessern Dank erhofft habe, als so mutlose Redensarten zu
+hören, und fing an, den Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky
+seufzte. »Was solls auch« sagte er mit müder Stimme, »mir ist nun alles
+anders, Auge, Hand und Gefühl. Wie von Gespenstern bin ich umgeben, ich
+empfinde gar nicht den Abschluß gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter
+auf dem Gut. Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals
+genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild von mir. Sie
+weiß nicht, daß sie mich nie wiedersehen wird, sie weiß es durchaus
+nicht, trotzdem weint sie über dem Bild. Aber ich, ich fühle nichts. Mir
+ist alles so wesenlos geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.«
+
+Anastasia hielt diese Reden für einen Ausdruck des Fiebers und
+schüttelte unwillig den Kopf. Eine Weile, nachdem es dunkel geworden
+war, fuhr ein Wagen am Toreingang vor. Anastasia hatte einen hübschen
+Anzug für Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen,
+besah ihn jetzt noch einmal prüfend und geleitete ihn dann hinunter. Im
+Wagen saß Lukardis Nikolajewna Schmoll, tief verschleiert. Anastasia
+reichte ihr ein Paket mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, daß sie ihn
+am zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer gewissen Stelle
+des Bahnhofs erwarten und daß sie sich bis dahin einen Auslandspaß für
+ihn verschafft haben werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse,
+winkte grüßend ins Fenster und der Wagen fuhr davon.
+
+Schweigend saßen Lukardis und Nadinsky nebeneinander. Die Situation war
+zu ungewöhnlich, zu drohend, zu schicksalsvoll, als daß sie Verlegenheit
+hätten empfinden können. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel, sah
+Lukardis, daß Nadinsky die Augen geschlossen hatte und daß sein Gesicht
+bleich war. Er hatte ihr die Hand gegeben, als er sich neben sie gesetzt
+hatte, das war alles. Sie ihrerseits fand, daß seine Nähe sie nicht
+schreckte und daß sie schweigen durfte.
+
+Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen Gasse. Nadinsky
+mußte alle Kraft zusammennehmen, als sie ausstiegen. Er reichte seiner
+Begleiterin den Arm, doch führte sie ihn mehr als er sie. Er forderte
+zwei Zimmer. Man war beflissen, ihm gefällig zu sein. Er schleppte sich
+mit Mühe die Treppe hinauf, bewahrte mit Mühe die Haltung des Lebemanns,
+den ein flüchtiges Abenteuer beschäftigt. Dem Gebrauch des Hauses
+entsprechend, wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung
+überwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetreßten Livree, hatte
+boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein unveränderliches, abgeschmackt
+einladendes Lächeln auf den dicken Lippen und war demütig. Lukardis
+spürte, wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog. Er deckte den
+Tisch, blieb hündisch lauschend stehen, während Nadinsky mit erschöpfter
+Gleichgültigkeit die Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein
+messender Blick schien zu verlangen, daß die beiden auch wirklich waren,
+was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt; sie hatte ein
+dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sich nicht geben, wie sie
+sonst war; die kindliche Unschuld, von der ihre Miene sonst strahlte,
+mußte sich in Leichtfertigkeit verwandeln; sie mußte gesprächig sein,
+Koketterie zeigen, mußte lachen, mußte den Arm um Nadinskys Schultern
+legen und sich bisweilen auf seinen Schoß setzen, sie mußte
+passionierte, übermütige, verführerische Gebärden haben; was sie nie
+beobachtet, nie zu sehen gewünscht, nie anders als schaudernd bedacht,
+nur durch flüchtige Worte und flüchtige Bilder mit abgewandtem Ohr und
+Auge erfahren, das mußte sie tun, um jenen Menschen zu täuschen, der mit
+Tellern, Schüsseln, Gläsern und Flaschen hereinkam, den Sekt in den
+Eiskübel stellte, die Speisen servierte und dann schweigend, lächelnd,
+hinter niederträchtig gesenkten Lidern spähend auf Befehle harrte. Sie
+mußte es um der üppigen Lichter, der bunten Polster, der spiegelnden
+Wände willen tun, um dieses Hauses willen, dessen lügenhafter Prunk ihre
+Gedanken in Aufruhr versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen
+Zweifel an der Echtheit und Natürlichkeit ihres Benehmens erregen; alles
+mußte wie von ungefähr sein, raffiniert und durchsichtig, ohne Zaudern
+und ohne Hast; sie mußte von den Speisen essen, sie mußte Wein und
+Champagner trinken, sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der
+Diener draußen war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken, aber das
+volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte. Des Genusses geistiger
+Getränke durchaus ungewohnt, ward ihr bang und schwer zumut, und es
+kostete sie immer größere Anstrengung, die Rolle durchzuführen, die sie
+mit solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft der Kellner
+das Zimmer verließ, erhob sie sich; in ihrem Gesicht löste sich die
+furchtbare Spannung, um einem Ausdruck der Verstörtheit und der
+angstvollen Erinnerung Platz zu machen, denn ihr war, als seien viele
+Jahre verflossen, seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky
+schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick an, suchte sie
+wie hinter Masken, beklagte sie stumm, klagte sich selbst mit einer
+Gebärde an und es wurde ihm nicht leicht, das studierte Lächeln wieder
+auf seine Lippen zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser
+zurückkehrte.
+
+Als der Tisch abgetragen war, kam eine Magd, die ein weißes Häubchen auf
+dem Kopf trug; sie war jung und sah alt aus, ihr Gesicht war fahl vom
+beständigen Leben im Lampenlicht und in schlecht gelüfteten Räumen. Sie
+hatte Wasser zu bringen, das Feuer im Ofen zu nähren und nach den
+Wünschen des Paares zu fragen; sie redete mit süßlicher Stimme, aber
+ihre Züge waren versteinert vor Haß gegen die obere Welt, gegen die, die
+da kamen, um verächtlichen, eiligen Genüssen zu fröhnen. Die Knie
+wankten Lukardis, wenn sie den Blick auf die Person richten mußte, und
+sie schämte sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses und ihrer
+Schultern. Endlich war auch diese Prüfung vorüber und sie konnte die Tür
+zusperren; sie waren allein. Von einer Turmuhr schlug es zehn Uhr. Die
+aushallenden Klänge vibrierten durch das Gemach. Nadinsky ging ins
+andere Zimmer zu dem Doppelbett, über welches ein blauseidener Baldachin
+gespannt war; er fiel kraftlos darauf nieder. Erst nachdem er eine
+Viertelstunde geruht, konnte ihm Lukardis beim Auskleiden helfen. Die
+Decke bis an die Brust gezogen lag er mit nacktem Oberkörper da. Es ist
+ein Mensch, sagte sich Lukardis, der plötzlich die Tränen in die Augen
+stiegen, und mit einer Art von Schrecken erinnerte sie sich an das
+rotwangige Antlitz Alexander Michailowitschs, ihres Verlobten. Sie
+wusch Nadinskys Wunden und erneuerte den Verband. Nadinsky spürte die
+zarte Hand wie man in einem Halbtraum Wohlgerüche spürt; zu danken war
+er nicht fähig; er fürchtete ihr Auge, er fürchtete sie zu beleidigen
+durch einen Blick des Dankes, er wünschte, sie möchte ihn nur als Leib
+ansehen, als Gegenstand ohne Gesicht und ohne Gefühl. Und so wie sie,
+halb entsetzt und halb erbarmend dachte: ein Mensch, so dachte er, halb
+beseligt und halb in Angst um sie: ein Wesen.
+
+Er schlief ein. Lukardis setzte sich in einen Sessel und rührte sich
+nicht. Sie hatte in ihrem Täschchen ein Buch mitgenommen, aber sie
+wußte, daß sie nicht würde lesen können. Sie versuchte, an ihre Mutter,
+an ihren Vater, an ihre Freundinnen, an den letzten Ball, an die Oper zu
+denken, die sie zuletzt gehört, aber sie konnte nicht denken, alles
+verschwamm, alles enteilte. Sie hörte Nadinskys tiefe Atemzüge, sie sah
+sein blasses, hübsches, von Schmerzen ermüdetes Gesicht, aber auch er,
+den sie pflegen und bewachen sollte, war ihren Gedanken kaum erreichbar.
+Ihr schien, daß von ihrem Platz bis zu seinem Bett ein Weg von vielen
+Meilen sei. Sie lauschte. Sie vernahm Kichern auf der Treppe und
+schlürfende Schritte im Flur. Stimmen, Frauen- und Männerstimmen,
+drangen gedämpft durch die Wände, auch von oben herunter und von unten
+herauf. Gläser klirrten, dann wurde ein Klavier gespielt. Es war ein
+Walzer. Eine Saite des Instruments mußte gerissen sein, denn immer, wenn
+eine gewisse Stelle kam, entstand ein Loch in der Melodie wie die
+Zahnlücke im Mund eines Lachenden. Von irgendwoher schallte Geschrei,
+dann schwieg das Klavier, und an der Mauer zur Linken raschelte es. Dann
+war ein Seufzen, bei dem Lukardis das Blut in den Adern gerann. Sie roch
+den aufgespeicherten Parfüm aus verschlossenen Zimmern, sie hörte das
+Rauschen von Gewändern und wie man Türen öffnete und wieder schloß. Die
+Laute riefen Bilder hervor, sie konnte sich ihnen nicht entziehen, sie
+zitterte, und zitternd mußte sie schauen. So hatte sie die Welt nie
+verstanden, so das Leben nicht geglaubt. Begegnungen im Finstern, Hände,
+die einander fremd waren und einander dennoch hielten, ein Taumeln gegen
+jäh erhellte Spiegel, Übereinkommen in Worten ohne Scham, das Unbekannte
+entschleiert, das Geheimnisvolle leer, die Weihe besudelt, die
+heimlichen Schätze der Phantasie entwertet, ach, sie griff an ihr
+Gesicht, wurde der Schminke auf den Wangen inne und ihr Herz füllte sich
+mit Grauen.
+
+Nadinsky schlug die Augen auf und stöhnte. Sie schritt den meilenlangen
+Weg bis zu ihm und reichte ihm ein Glas Wasser. Als sie seine Stirn
+fühlte und sie heiß fand, legte sie ein feuchtes Tuch darüber. Da
+erwachte er völlig und fing an zu sprechen. Er redete in kurzen Sätzen,
+sprach vom Hospital, vom Professor und von Anastasia Karlowna. Lukardis
+ließ zaghafte Worte in die Pausen fallen. »Morgen werde ich mich kräftig
+genug fühlen, um das Haus zu verlassen,« sagte er. Sie entgegnete: »Das
+ist unmöglich, Sie haben noch Fieber und Anastasia Karlowna erwartet Sie
+erst übermorgen früh um sieben Uhr.« Die sanft gesprochenen Worte
+durchleuchteten ihm ihr Gemüt, ihre bisher ungetrübte Jugend, ihre
+reinen und starken Sinne, aber er gewahrte nicht, daß sie fast beständig
+zitterte. Jetzt wurde das Klavier wieder gespielt, von einer andern
+Hand, roh, tumultuarisch und trunken, und während der ganzen Dauer des
+Spiels sahen Nadinsky und Lukardis einander gepeinigt in die Augen. Es
+war Mitternacht vorüber, und auf einmal wurde drunten dumpf gegen das
+Tor gepocht. Eine Glocke erschallte mit frechem Lärm. Nadinsky richtete
+sich halb empor. Seine Finger krampften sich zusammen, sein Blick war
+voll düsterer Erwartung. Lukardis stand auf und lauschte ohne Atem. Das
+Klavier schwieg. Es währte lange, bis das Tor geöffnet wurde. Schon
+hörten sie Schritte auf der Treppe, schauten entgeistert beide auf die
+Türklinke, harrten auf das Klopfen an die Tür, das ihr fürchterliches
+Los entscheiden mußte, und wirklich drangen Stimmen in hastiger
+Wechselrede bis zu ihnen. Aber dann wurde es still, und ihre Pulse
+begannen wieder regelmäßig zu schlagen. In diesen drei oder vier Minuten
+fühlten sie sich sonderbar vereint, ihre Kraft und ihre Furcht war gegen
+ein gemeinsames Ziel gerichtet, es war ihnen, als würden sie von einem
+Sturmwind in die Luft gehoben und Brust an Brust gegeneinander
+geschleudert, so daß sie sich mit den Armen umfassen mußten, um einer
+dem andern Hilfe zu gewähren beim drohenden Sturz. Lukardis vergaß sich
+selbst und Nadinsky vergaß sich selbst, er spürte nur die Angstglut in
+ihr, Verlust alles Glückes, Schande und Elend, sie aber ergab sich
+seinem Geschick, mutig und jetzt erst ahnend, wofür er sein Leben in die
+Schanze geworfen hatte.
+
+Indessen übermannte den Fiebernden der Schlaf von neuem. Doch konnte er
+festen Schlummer nicht finden, solange die grellen elektrischen Flammen
+ihn blendeten. Aus Rücksicht für Lukardis enthielt er sich, den Wunsch
+nach Dunkelheit zu äußern, aber an der unruhigen Bewegung seiner Lider
+merkte sie, was ihn störte. So löschte sie die Lichter und zündete im
+Nebenzimmer eine Kerze an. Auch sie war müde, die späte Stunde wirkte
+wie ein lähmendes Gift auf sie, und sie sah sich nach einer Lagerstatt
+um. In diesem Raum war kein Bett, nur eine Ottomane; ihr ekelte vor dem
+Plüsch, mit dem das Möbelstück bezogen war. Ihr ekelte auch vor den
+Stühlen und vor dem Teppich. Bei der Schwelle zu Nadinskys Zimmer rollte
+sie den Teppich auf, warf ihren Pelzmantel auf den Boden und legte sich
+hin. Die Kerze ließ sie brennen. Aber so war sie dem Haus näher als
+vordem, hörte sie abgeteilt die bisher verschwommenen Geräusche, einen
+Ruf, ein Gelächter, ein einzelnes Wort, aber sie hörte auch, wie der
+Schnee an die Fensterscheiben schlug, und das milde Knistern beruhigte
+sie; sie hörte die Atemzüge Nadinskys, und dies mahnte sie an ihre
+Verantwortung. Jeder Atemzug knüpfte sie fester an sein Geschick. Die
+Wichtigkeiten ihres früheren Lebens wurden bedeutungslos, was sie dort
+getan, gewollt, gewesen, dünkte ihr kindisches Tändeln. Sehnsüchtig
+blickte sie zurück wie vom Bord eines Schiffes auf die versinkende
+Heimat. Sie schlief und schlief gleichwohl nicht. Nadinsky sprach ihr
+Trost und Mut zu, das war geträumt; er röchelte in einem Fiebertraum,
+das war Wachen. Im Traum war sie über ihn gebeugt und behütete ihn; im
+Wachen war sie an den Boden gekettet und vernahm den mänadischen Schrei
+eines Weibes. Als der Morgen graute, sah sie eine Ratte über den Teppich
+laufen. Das Tier schien phantastisch groß, daß es sich bewegte, war
+gespensterhaft; sie richtete sich kniend auf und suchte den Himmel
+zwischen den Spalten der Vorhänge. Sie gewahrte nur etwas Graues oben
+und weiter unten ein Fenster, aus welchem ein knochiges Gesicht lugte.
+Eine Sekunde zermalmender Hoffnungslosigkeit; sie schlich, nein,
+flüchtete zu Nadinskys Lager. Sein rechter Arm hing schlaff herab,
+Schweiß perlte auf seiner Stirn. Sein Anblick war ihr erschreckend
+fremdartig; schmerzlicher Haß loderte in ihrer Brust. Doch gab es auf
+der Welt keinen andern Menschen mehr, den sie so anblicken konnte; sie
+hatte viel von ihm zu fordern, ja alles, ohne ihn blieb ihr nichts übrig
+in der Welt als dieses Haus.
+
+Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange sie in den Zimmern
+bleiben wollten; es war nicht gebräuchlich, sie länger als eine Nacht zu
+benutzen. Anastasias Plan war gewesen, daß sie sich über Mittag
+einschließen und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie wünschten auch
+die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck sollten sie dem
+Diener und dem Stubenmädchen ein Goldstück geben. Aber man brauchte
+frisches Wasser für die Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung.
+Es mußte auffallen, wenn sie zu früh läuteten, und wie sollten sie das
+Verweilen über den ganzen Tag rechtfertigen? Nadinsky war mit offenen
+Augen wortlos dagelegen, jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er
+bat sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei
+Goldstücke seien zu wenig, meinte er, man müsse fünfzig Rubel geben;
+Lukardis erwiderte, das verschwenderische Übermaß werde Verdacht
+erregen, und man müsse gewärtigen, daß der Eigentümer käme, um zu
+spionieren. Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war ihr
+Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches gewesen. Sie
+verhandelten beide mit äußerster Kälte, doch ihre Stimmen klangen
+erstickt. Eine Bemerkung Lukardis über das gemeine Gesicht des
+Aufwärters veranlaßte Nadinsky, ihr, spöttischer als er beabsichtigte,
+zu entgegnen, sie habe gewiß allzu behütet gelebt, wie in Wolle, und von
+denen, die da unten hausten, in Schmutz und bösem Wetter, könne keiner
+ihr Gefallen finden. Es war ein Empörungsversuch gegen das Joch der
+Dankbarkeit, das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sich
+herauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Zügen wechseln zu lassen.
+Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab ihm recht, und er war entwaffnet.
+Ihre Sanftmut rührte ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur
+Grausamkeit an. Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie für
+achtundvierzig Stunden als Gefährtin an seine Seite gezwungen hatte, er
+fand sich schuldig an der Erniedrigung, unter der sie litt und zürnte
+ihr deshalb. Ihm war, als hätte sie, ehe sie ihn getroffen, nur weiße
+Gewänder getragen und von ihren schönen Lippen hallten nur leere Worte
+nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verwöhnten Klasse. Jetzt erst
+wurde er zum wahren Rebellen, jetzt, in ihrer Nähe; seine Verborgenheit
+und seine Flucht kamen ihm schimpflich vor, und er hielt es für
+wahrscheinlich, daß ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum
+sagte er plötzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen; er wolle
+sich zeigen, es läge ihm nichts daran, ja es sei seine Pflicht, das Los
+so vieler Gerichteter zu teilen, die mehr erreicht und mehr gewagt
+hätten als er. Wem könne er noch nützen, nachdem er über die Grenze
+geflohen? Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner unglücklichen
+Schwester nicht.
+
+Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine Gründe konnte sie
+nennen, nur mädchenhafte Argumente finden. Aber als er verstockt blieb,
+nahm sie einen gebieterischen Ton an und sah aus wie eine junge Königin.
+Plötzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte gehört. Sie hob den
+Zeigefinger der rechten Hand und preßte ihn auf ihren Mund. An der Tür
+stand jemand und lauschte. Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und
+Nadinsky senkte den Kopf. Da entschloß sich Lukardis zu dem, was nötig
+war. Sie schritt auf den Zehen zur Tür, schob den Riegel auf, eilte
+dann gegen das Bett zurück, schlüpfte schnell unter die Decke neben
+Nadinsky, zog die Decke bis an ihren Hals, griff nach dem Knopf der
+elektrischen Klingel, der an einer langen Schnur zu ihren Häuptern
+herabhing und läutete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der Tür
+klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der Tür stehenbleibend,
+mit nornenhafter Düsterkeit Nadinskys Befehl, frisches Wasser zu bringen
+und den Kellner zu rufen, damit man das Frühstück bestellen könne. Sie
+holte zwei Krüge voll frischen Wassers und dann kam der Aufwärter. Sein
+lauernder Blick durchmaß den Raum und auch den andern, soweit er ihn
+erspähen konnte, und es war Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit
+denen sie im Bett lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen
+geeignet war. Sie schloß die Augen, denn diesen Menschen zu sehen war
+ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die Fünfzigrubelnote wieder genommen und
+gab sie jenem. »Zwanzig sind für das Mädchen, dreißig für dich,« sagte
+er in einem bemeistert lässigen Ton, »wir wollen noch bis morgen früh
+bleiben, wenn es geht.« Der Aufwärter verbeugte sich fast bis zur Erde;
+ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet. Auch die Magd, die
+Kohlen in den Ofen warf, kam herzu und wollte Nadinsky die Hand küssen.
+Er wehrte sie ab. »Wenn es den Herrschaften gefällt, ist sicher nichts
+einzuwenden,« sagte der Kellner mit einer katzenhaften Gebärde und
+blinzelte. Nadinsky verlangte ein Frühstück. Es dauerte eine
+Viertelstunde, bis der Tee mit allem Zubehör gebracht wurde. Indessen
+lag Lukardis wie auf glühendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas,
+das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gefühl, aus Kummer und Furcht
+gemischt, und ihr Antlitz überzog sich mit tödlicher Blässe. Nadinsky
+rührte sich nicht, ihre Empfindung teilte sich ihm mit, er begriff ihre
+Qual und vermied es, die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufwärter hatte
+den Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und entfernte
+sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte Lukardis die Decke
+weg und erhob sich wie vor Feuer flüchtend. Sie verriegelte die Tür und
+öffnete ein Fenster. Ihr Haar hatte sich gelöst, sie ließ es ruhig
+hängen, denn es bedeckte ihre entblößten Schultern. Eine Stunde früher
+hätte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen mögen, doch seit sie neben
+ihm gelegen, hüllenlos trotz aller Hüllen, preisgegeben ohne Maß,
+empörten Blutes, seiner Gnade völlig überwiesen, war es nicht mehr von
+Belang, daß die Haare von ihrem Haupt herabhingen.
+
+Als das Zimmer von frischer Luft erfüllt war, schloß sie das Fenster und
+sagte zu Nadinsky, es sei notwendig, den Verband zu wechseln. Schweigend
+entledigte er sich des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis
+unkundiges Auge konnte es feststellen, daß die Heilung der Wunde
+beträchtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein Fieber mehr.
+Lukardis war schon gewandter als gestern im Legen und Knüpfen der Binde,
+und nachdem sie die Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und
+Brot. Er wünschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte. Sie
+selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie dem Körper wegen
+seines Hungers. Im Hause war es sonderbar still. Auf der Straße rollten
+Wagen und schrien Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis
+begab sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus, um kein
+Geräusch zu machen und ging stundenlang auf und ab, wobei sie in beiden
+Händen Strähnen ihres Haares hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann.
+Manchmal betrachtete sie die Bilder an den Wänden, ohne sie wirklich zu
+sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan zwischen ihren Knien
+hielt. Neben der Tür hing ein anderes: ein deutscher Student mit einem
+Ränzel auf dem Rücken schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen
+Fenster ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen schaut. In den großen
+Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegenüberliegenden
+Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer endlosen Folge von Räumen; in
+allen Räumen war die Leda in ihrer häßlich fetten Nacktheit und der
+sentimentale Student und viele, viele Male das Bett mit dem
+schlummernden Nadinsky und darüber ein Bild des Kaisers Nikolaus, viele
+Male bis in dämmernde Ferne. Oft stand sie auch am Fenster und sah die
+Wagen und die Kinder, den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter trüben
+Fensterscheiben und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male
+wiederholte bis in dämmernde Ferne. Wo war die Welt hingeschwunden? Wo
+war alles, was sie geliebt, mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie
+selbst, Lukardis, die in einem zierlichen Mädchenboudoir gelebt? Wo
+Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte und immer
+lächelte? Und wo war das glänzende Moskau mit den verlockenden Auslagen
+seiner Läden, den freundlichen Bekannten, die man überall traf, den
+eleganten Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt
+hingeschwunden? Sie sah nur den Mann, der in den vielen Räumen vieler
+Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich, in vielen Spiegeln die Wunde
+auf der weißen Haut, und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert
+folgen mußte.
+
+Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch lange, wie lange,
+konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky erwachte. Er setzte sich
+aufrecht, und sie näherte sich ihm zögernd. Mit unerwarteter
+Entschiedenheit sagte er, sie müsse gehen, wenn die Dunkelheit
+eingebrochen sei, er fühle sich jetzt kräftig genug, um allein zu
+bleiben und werde dem Kellner zu verstehen geben, daß sie in der Nacht
+zurückkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand mehr darum
+kümmern. Lukardis schüttelte den Kopf. Sie antwortete, es geschehe
+ebensowohl um ihret-, als um seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde
+sei erst im Beginn des Vernarbens und müsse mindestens noch zweimal
+gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging und ihn darnach ein
+Unglück traf, würde sie nie wieder schuldlos atmen können. Nadinsky
+schaute forschend in ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so daß
+sie ihm die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide. Es war
+wie eine beglückende, aber unheilvolle Verwandlung, die jeder in des
+andern Augen erlitt. Da trat Lukardis klopfenden Herzens vor einen der
+Spiegel und steckte ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten
+dabei. Wenn er ihr jetzt befohlen hätte, zu gehen, hätte sie
+wahrscheinlich keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing er an, zu
+klagen, daß er nicht den ehrlichen Tod im Kampf gestorben; was wolle er
+in den fremden Ländern, ewig wandernd, ewig den nagenden Gram um die
+gequälten Brüder in der Seele und mit der Sorge um das bloße Leben? Denn
+er sei nicht reich, habe viele Schulden und das mütterliche Gut sei in
+Gläubigerhänden. Durch so viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis
+still vor dem Spiegel stehen und schaute ihr übernächtiges Gesicht an.
+Er fuhr fort und schmähte seine Tat; er habe nicht gewußt, was er auf
+sich genommen, es sei ein Trieb gewesen, kein Entschluß; so seien Helden
+nicht beschaffen, daß sie sich dem Ungefähr auslieferten, um zermalmt zu
+werden. Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihm in
+diese Kloake der großen Stadt geflohen, habe sie in klarer Erkenntnis
+gehandelt oder nicht vielmehr sich hinreißen lassen durch ein Gefühl,
+dem Mitleid nachgegeben, dem Reiz des Absonderlichen, der Verführung
+einer schwärmerischen Freundin? Sei sie nicht erschüttert und
+durchwühlt, von medusischen Visionen aller Kraft beraubt? »So sind wir
+alle,« rief er zum Schluß und warf sich in die Kissen zurück,
+»Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler der Phantasie, Opfer des
+Augenblicks, Getäuschte unserer Taten.«
+
+Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines Bettes. Ruhig und
+fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr Auge leugnete seine Worte, im
+Ausdruck ihrer Züge war eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die
+göttliche Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines Herzens zu
+Hilfe käme. Ein Strahl von Glück flog über Nadinskys Stirne, und sein
+zweifelsüchtiger Geist beugte sich beschämt. Unbeirrbare Zuversicht
+strömte von ihr aus und trug ihn über Stunde und Raum hinweg. Es
+dunkelte und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu sprechen.
+Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die Komödie wieder spielen
+mußten, die das Haus forderte, machte Lukardis Licht, zog die Gardinen
+zu und ging ins zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte.
+Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht in die Ärmel
+seines Rocks zu schlüpfen imstande war. Wie am Abend vorher wurde das
+Diner serviert; wie am Abend vorher bediente der Aufwärter in
+silberbetreßter Livree, noch demütiger, noch abgeschmackter lächelnd,
+noch wachsamer hinter seiner heimtückischen Grimasse. Unlustig aßen sie
+und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre Hände waren bewegt,
+lautlos gehorsame Geister huschten sie hin und her, den Augen des
+Spions Harmlosigkeit vorlügend. Lukardis spielte ihren Part heute
+schlecht; ihr Lachen klang gekünstelter, ihr Getändel weniger glaubhaft.
+Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer Pause, wo
+sie allein waren, zuflüsterte, sie wollten streiten. Er erfand den Namen
+einer Gräfin und behauptete, das Perlenkollier, das die Gräfin Schuilow
+beim letzten Jour der Fürstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen.
+Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene an und beharrte auf
+seiner Meinung. Eine glühende Röte überzog Lukardis Wangen, denn diese
+Heuchelei innerhalb der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle
+Furcht vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte den
+Sekt in die Gläser, und seine Miene zeigte ein albernes Bedauern, als
+sei er nur an täubchenhaftes Girren gewöhnt. Zum Schluß erhob sich
+Nadinsky unmutig und herrschte den Kellner an, er möge abräumen.
+Lukardis bittender Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue
+er sein Ungestüm und schritt mit ausgestreckten Händen auf sie zu. Der
+Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls auf und schmiegte nun
+den Kopf an seine Schulter, aber nur, um ihm zuzuraunen, er dürfe nicht
+vergessen, für den nächsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky
+nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag, der Wagen sollte
+um die sechste Morgenstunde am Tor sein. Der Mensch verbeugte sich
+schweigend und wollte gehen.
+
+Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. Ein zweiter, ein
+dritter Schrei folgte. Lukardis faltete erschrocken die Hände, und
+Nadinsky blickte unruhig zur Tür. Der Kellner hatte die Tür geöffnet; er
+trug eine metallne Platte und hielt die Tür offen. Ein halbnacktes
+Frauenzimmer stürzte vorüber. »Die Tür schließen,« hauchte Lukardis wie
+entseelt. Da krachte ein Schuß. Das schauerliche Brüllen eines Mannes
+erfüllte das ganze Haus. Nadinsky schob den Aufwärter über die Schwelle
+und schlug die Tür zu. Ein paar Minuten lang blieb es still, dann gings
+treppauf, treppab in schnellen, bestürzten Schritten. Stimmen murmelten,
+eine befehlende Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von
+oben. Darnach kam ein so herzzerreißendes Schluchzen, daß Lukardis
+händeringend zur Ottomane lief und sich, das Gesicht vergrabend, darauf
+niederwarf. Auch auf der Straße schien es nun lebendig zu werden. Es
+wurde ans Tor gepoltert. Man hörte deutlich die Stimme eines Polizisten.
+Im Flur tönten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen würde. Der Diener
+kam herein; mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Nadinsky und
+sagte: »Ich bitte Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die
+Dame, sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur passiert. Eure
+Exzellenz werden nicht mehr gestört werden.« Darauf verschwand er.
+Nadinsky trat zu Lukardis, setzte sich neben sie und streichelte mit
+bebenden Händen ihr Haar. Zusammenschauernd bei seiner Berührung, erhob
+sie den Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von ihr und
+war des Lebens überdrüssig. Sturm rüttelte an den Fenstern und
+plötzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder das Klavier, derselbe Walzer
+wie gestern mit derselben zahnlückigen Melodie. Aber lag nur ein Tag
+dazwischen? nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem
+verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und Stimmungen des
+Daseins vorübergetragen, Lust und Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung
+und Enttäuschung, Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies schon
+das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eine unendliche, geheimnisvolle
+Nacht? Nadinsky war es zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er
+die Barrikade erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue
+Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen getreten
+sei, als ob die frühere Existenz mit allen ihren Beziehungen von ihm
+losgelöst sei und als ob er in dieses Haus gekommen wäre, um sein
+eigentliches Schicksal auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft
+geschieden, ja ohne Brücken dahin und dorthin.
+
+Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer Weile kam
+Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur im Speisezimmer brannten die
+Lampen. In den Spiegeln dehnten sich die Räume grau und unbestimmt.
+Lukardis sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch voll,
+und nachdem Nadinsky sich entblößt, wusch sie die Wunde. Während sie aus
+ihrer Handtasche das frische Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und
+als Nadinsky verbunden war, bat er, sie möge ihm vorlesen. Sie setzte
+sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren Lermontows
+Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie gelesen, da fielen ihre Arme
+schlaff nieder, der Kopf sank zur Seite und der Schlaf überwältigte sie.
+So ohne Widerstand und Übergang entschlummern Kinder; Nadinsky hütete
+sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen an ihrem Antlitz, und es
+war ihm, als müsse sein eigenes Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks
+teilnehmen, welchem ihre Züge unterworfen waren. Wunderbarer Friede kam
+in sein Gemüt. Er streckte die Glieder und atmete wie in der Luft eines
+Gartens. Nun regten sich ihre Lippen. Sie flüsterte, sie lächelte
+zärtlich, die Hände ballten sich und das Buch fiel von ihrem Schoß auf
+den Teppich. Sie erschrak, öffnete die Augen, ein entsetzter Blick flog
+durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie weiter. Doch nun schien
+die Gewalt des Schlafes immer größer zu werden, der Oberkörper verlor
+das Gleichgewicht, sie wäre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht
+in seinen Armen aufgefangen hätte; er umschlang ihre Schultern und legte
+die Schläferin vorsichtig quer über sein Bett. Ihre Beine blieben auf
+dem Sessel liegen, ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme
+waren über dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich in starken
+Rhythmen. Allmählich fühlte sich Nadinsky beschwert, das Blut in den
+Schenkeln stockte und er hatte Mühe, so regungslos zu bleiben wie am
+Anfang. Er ließ sich langsam auf die Kissen zurückfallen, schob die
+Hände unter die Decke und unter den Rücken des Mädchens und versuchte,
+die Schlummernde auf diese Art zu stützen. So gelang es ihm, sich
+Erleichterung zu schaffen; einmal trugen die Arme, einmal die Schenkel
+und Knie die Last. Dabei empfand er eine glühende Freudigkeit, nicht
+nur, weil er ihr die Sorgfalt und Mühe vergelten konnte, sondern auch,
+weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als Kreatur, so unbedingt in
+seiner Hut. Oftmals betrachtete er sie, gedankenvoll entzückt, und ihr
+Leben, ihr Schlaf, ihr unbewußtes Dasein, die Gliederung des
+Menschenkörpers, an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen das
+Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglückendes Gefühl der
+wiedergewonnenen Herzenskraft.
+
+Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel einer auf der Straße
+vorübermarschierenden Militärpatrouille sie erweckte. Nadinsky hatte
+sich eben zum Sitzen aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem
+sich eine dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen heiter
+strahlen zu wollen, dann hüllten sie sich in Schleier der Scham; sie
+stieß einen hellen, kleinen Schrei aus, sprang empor, und ihr Gesicht
+war wie mit Blut übergossen. Sie drückte die Hände gegen die Brust und
+sah stumm vor sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als
+Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgültige Worte ab,
+erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. Sie antwortete
+zerstreut, und ihre Miene war bald scheu und ängstlich, bald dankbar und
+heimlich fragend. Zum letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde
+Nadinskys, und während sie es tat, hatte sie Mühe, ihre Fassung zu
+bewahren; die Welt draußen erschien ihr wie der aufgesperrte Rachen
+eines Tieres. Die Uhr zeigte ein Viertel vor sechs, sie mußten ihre
+Vorbereitungen treffen. Nadinsky war immer stiller und stiller geworden;
+als er angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr blaß.
+Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, ihm
+gegenüber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel an und die Handtasche
+stand zu ihren Füßen. So warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken,
+bis es Zeit war, daß sie gehen konnten.
+
+Endlich vernahmen sie von der Straße her das Knattern von Wagenrädern,
+und bald darauf klopfte es an die Tür. Der Kellner trat ein, diesmal
+ohne Livree; er trug einen verschmierten Schlafrock, die Haare hingen
+ihm in öligen Bündeln über die Stirn und sein Gesicht war mürrisch und
+böse. Er präsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, gab auch gleich das
+Fahrgeld für den Kutscher, dann gingen sie hinab. Zwei Eimer voll
+Kehricht standen am Fuß der Treppe, und auf der Torschwelle lag ein
+schwarzer Hund, der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch
+war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den langen Weg.
+
+In einem der inneren Räume des Bahnhofs stand Anastasia Karlowna an
+einer Säule. Sie begrüßte die beiden und fragte nach Nadinskys Befinden.
+Dann übergab sie ihm den Paß und einen Koffer, der die notwendigen
+Gegenstände für die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, und
+Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus,
+schritt auf Lukardis zu und reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare
+Schwäche im Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das
+Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere Hand, die linke mit
+seiner linken, und die vier Hände lagen beieinander wie Glieder einer
+geschmiedeten Kette. So verharrten sie einen Augenblick und erschienen
+sich selbst als Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte
+warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem Gang zum Waggon
+zurück und klomm die Treppe hinauf. Er trat ans Fenster, in dessen
+schwarzer Umrahmung und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein
+kreideweißer Fleck. Nun ertönte die Pfeife, und langsam rollte der Zug
+aus der Halle.
+
+Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in Tränen aufgelöst.
+Die Frau hatte nicht gewagt, ihrem Gatten von dem Brief der Tochter
+Mitteilung zu machen und ihm deren Verschwinden durch mühevolle Listen
+verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung zwischen
+Lukardis und der Mutter, eine Szene, bei der die taubstumme Frau in der
+erregtesten und flehendsten Weise gestikulierte, während das Mädchen nur
+den Kopf schüttelte und mit keinem Laut, keiner Gebärde sonst
+antwortete. Allmählich wurde die Generalin von einer heftigen Sorge um
+Lukardis ergriffen, die sich in Bestürzung verwandelte, als Lukardis
+sich beharrlich weigerte, den Staatsrat Kussin zu sehen, der für einige
+Tage nach Moskau gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht,
+sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die Verlobung
+mußte gelöst werden, und beflissener noch als zuvor wich Lukardis den
+Menschen aus, den Freunden, den Fremden, der Mutter, dem Vater, den
+Schwestern. Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die
+Ärzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die Generalin
+mit ihr nach Paris, später ans bretonische Meer. Eines Nachts
+überraschte die Mutter sie, wie sie auf den Fliesen der Terrasse ihres
+Zimmers lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit
+weitgeöffneten, unbeschreiblich strahlenden Augen in den gestirnten
+Himmel schaute. Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer
+grenzenlosen, den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit.
+
+Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, er lebe auf einer
+Farm im westlichen Kanada. Niemals hat Lukardis seinen Namen erfahren,
+niemals er den ihren.
+
+
+
+
+Ungnad
+
+
+Länger als zwölf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen Erasmus Ungnad
+und Gräfin Marietta Giese, und Georg Ulrich Castellanis boshafte
+Bemerkung, es sei bald an der Zeit, sie in die Galerie berühmter
+Liebespaare einzureihen, zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung
+unter manchen Freunden an, vom Mißfallen anderer zu schweigen. Doch die
+Freunde hatten so wenig Einfluß darauf wie die Familie, die Rücksicht
+auf die Karriere so wenig wie der Gedanke an persönliches Behagen. Im
+Grunde stand man vor einem Rätsel. Erasmus war nichts weniger als ein
+Toggenburg; Ausharren war sonst seine Stärke nicht; Marietta nichts
+weniger als ein Käthchen, im Gegenteil, eine Frau von Welt, ein
+überlegener Charakter.
+
+In gewissen Zeitabständen erfolgte ein Bruch. Beiden schien es jedesmal
+damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen Auseinandersetzungen,
+brieflich oder mündlich, verständigten sie sich, daß es für das Wohl des
+andern wünschenswert und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen und
+daß es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil diene, wenn es in Frieden
+und Herzlichkeit geschähe. Sie gaben einander in aller Form frei; zwei
+Monate darauf war gewöhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus
+Schwester Francine wußte in solchen Fällen keine triftigere Erklärung,
+als daß sie Marietta eine dämonische Natur nannte. Drei Jahrhunderte
+zurück, und sie hätte sie in ihrer Erbitterung öffentlich der Hexerei
+angeklagt.
+
+Nach seiner Rückkunft aus Japan im Jahre 12 schien die Loslösung
+nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen vielbeneideten
+Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, der Minister des Äußern, großer
+Herr damals, Leuchte der Diplomatie, der er für seinen Teil und für
+seinen Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich für alle Zeiten, zu
+einem Triumph unter den europäischen Mächten verholfen hatte, hielt
+große Stücke auf ihn und war dem gräflich Ungnad’schen Hause außerdem
+wohlgesinnt. Diese mächtige Hand eröffnete ihm die glänzendsten
+Aussichten; er war zunächst zu einer hervorragenden Stellung bei der
+Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten winkte in nicht
+allzuweiter Ferne. Francine schwamm in Hoffnung und entfaltete alle ihre
+Kräfte, um eine vorteilhafte Heirat zustande zu bringen. Der Moment war
+so günstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den Vordergrund
+gerückt. Das eine betraf eine junge Baroneß Spielberg, die von Seite
+ihrer Mutter, einer Amerikanerin, enormen Reichtum zu erwarten hatte;
+das andere die zweitälteste Tochter der Rienburg-Rhedas, Komteß
+Sebastiane, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, anziehend und, wie Francine
+erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus unter Graf Rienburg-Rheda
+Legationssekretär gewesen war, in ihn verliebt. Zudem gehörten die
+Rienburg-Rhedas zum begütertsten Adel des Landes; sie verfügten über
+soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Häusern, Schlössern,
+Wäldern, Wässern, ererbtem und erheiratetem Besitz, in hundertjährigen
+Traditionen gefestigt wie die Hausmacht der großen Dynasten.
+
+Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus’ Schuld am Mißlingen war nicht
+zu durchschauen. Im einen Fall hatte er sich nicht entscheiden können,
+im andern hatte er sich überhaupt nicht vorgewagt, so daß man es
+wenigstens mit der Familie nicht verdorben hatte und niemand
+bloßgestellt war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten und
+ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen in ihr erregt, um
+sie immer wieder zu enttäuschen, bis sie in einem Zustand hysterischer
+Überreizung erklärt hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei
+Rienburg-Rhedas war er eine Woche lang zu Gast auf dem südmährischen
+Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall den Grafen hin, und er, den
+Unglücks- und Todesfälle in eine lächerliche Panik versetzten, reiste
+unverrichteter Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf die
+Versöhnung mit Marietta.
+
+Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. Es war zu
+befürchten, daß der Minister seine Hand von ihm abzog. Oft schon war
+seine Laufbahn durch diese Frau gefährdet gewesen. Francine erinnerte
+ihn daran, wie sie eines Tages plötzlich in Petersburg erschienen sei
+und ihm Verdrießlichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf bei der
+Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm die Worte ins Gedächtnis,
+die ihm vor drei Jahren seine Tante, die kluge Terese Klingenberg
+geschrieben: daß ein Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen
+Preis seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten dürfe; entweder
+müsse alles so verschleiert sein, daß die Neugierde niemals dahinter
+kommen könne, oder es müsse eine klare Eindeutigkeit walten, so oder so;
+nichts sei geeigneter, die Öffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu
+verstimmen als ostensible Herzenspassionen.
+
+Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. Sie
+erschöpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. Sie zitierte Urteile,
+Prophezeiungen, Meinungen seiner nächsten Freunde über ihn und
+hauptsächlich über Marietta. Sogar der unbeträchtliche Ferry Sponeck
+mußte herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu Erasmus, aus
+der Sorge um ihn. Er war der Letzte des Geschlechts; sie fühlte sich für
+ihn verantwortlich. Sein Vermögen war gering. Sie hatte in den letzten
+Jahren versucht, es durch Börsenspekulationen zu vermehren; da sie gut
+beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, war ihr dies gelungen.
+Aber wenn sie auch Millionen gewonnen hätte, was hätten ihr die
+gefruchtet; das Glück, das sie für ihn im Auge hatte, war ein höheres.
+Der in ihr aufgehäufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, mit
+denen sie Erasmus zu Leibe rückte, eindringliche Schärfe. Mit
+Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, entwarf sie, durch Haß
+befeuert, ein Bild von Marietta, das in der Verzerrung noch Züge der
+Wahrheit hatte und abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie;
+eitel; seelenlos; durch Lektüre verbildet; im Bestreben, die große Dame
+zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt herausfordernd; mit zur
+Schau getragener Freiheit nah daran, für eine Abenteuerin zu gelten;
+unergründlich egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen
+gefährlich sinnlich; längst über die erste Jugend hinaus, auch über die
+zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, sie auf
+Händen getragen hatte und unglücklich und vereinsamt war, geistig und
+körperlich ein Krüppel.
+
+Francine war kühn. Sie mußte auf verletzende Vergleichung gefaßt sein.
+Sie selbst war ja in heikler Situation. Ihr Schicksal als Weib hatte sie
+von unbehüteten Jahren an andere Wege geführt als die üblichen und
+gebilligten. Nur durch ihre Zähigkeit und Klugheit hatte sie dann doch
+Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft behauptet.
+Dunkles Schicksal, das in einem von ihr selbst nie ganz begriffenen
+Gegensatz zu ihrem Wesen stand.
+
+Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine Person zielte,
+pflichtete er ihr bei. Über Marietta schwieg er. Er empfand Francines
+Zärtlichkeit; ihr Ungestüm belästigte ihn. Sie verlangte Versprechungen,
+er weigerte sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich,
+und das Ergebnis von Francines Bemühungen war, daß er zu Marietta auf
+ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging sie zum Minister. Sie vertraute
+sich ihm ohne Rückhalt an, und die Art, wie er ihr lauschte, ließ die
+herzliche Zuneigung für Erasmus erkennen. Er würdigte die Schwierigkeit;
+ihn zu entfernen, hielt er für notwendig wie sie; der Londoner Posten
+kam augenblicklich noch nicht in Betracht, dagegen bot sich die
+Möglichkeit, ihn nach Indien zu schicken; es fand dort eine
+Jubiläums-Feierlichkeit statt; die englische Regierung und der Vizekönig
+hatten die Mächte zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden
+später war Erasmus für die Mission ernannt. Ein Telegramm rief ihn von
+Eichfurth zurück, zehn Tage darauf lief das Schiff aus dem Triester
+Hafen. Francine glaubte ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene
+Monat war Gewinn. Erasmus war dreiunddreißig, Marietta Giese
+fünfunddreißig; der Zauber mußte binnen kurzem brechen; was die Vernunft
+nicht erreichte, würde die Zeit bewirken. Wenn es auch noch Kämpfe
+kostete, Francine war gerüstet. Indes gelang es ihren hartnäckigen
+Bemühungen, daß man Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe dort
+beendet war, unmittelbar nach London befahl.
+
+ * * * * *
+
+Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten Jahr im
+diplomatischen Dienst. Der Weg war der herkömmliche und vorgeschriebene
+gewesen; die Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington, Tokio;
+und nun London. Er hatte viel gesehen, viel gehört; nach seiner Meinung
+viel erlebt. Er kannte das Inwendige der politischen Maschinerie. Er
+hatte gelernt, wie die Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei
+den markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge. Die
+repräsentativen Pflichten erfüllte er mit genügender Würde.
+Verantwortung war ihm aufgebürdet; er wußte um die Last, seine Haltung
+deutete sie an. Geschlechteralte Zucht machte ihn zum Vorbild für
+Unsichere. Die Gebärde verriet, daß er in seine Rolle hineingeboren war.
+Selbstverständliches Tun und Sein, darauf kam es an; das gelegentliche
+Nachdenken darüber war Verzierung, die man sich in Mußestunden
+gestattete. In der Führung der Geschäfte von unbedingter Verläßlichkeit,
+gewissenhaft wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank, war
+er überall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung und der
+Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein, von seinem Geist oder
+seinem Genie zu sprechen, aber seine Ritterlichkeit und Freundestreue
+hatten schwärmerische Lobredner.
+
+Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn; die Jahre trugen
+ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen Element keine Trübung, nur
+über das Äußere und Betriebmäßige war zuweilen ein Schleier von Unmut
+gebreitet. Aber der Strom floß breit und gefällig dahin. Dem vorwärts-
+wie dem zurückschauenden Blick boten sich dieselben Bilder: geschmückter
+Weg, umfriedetes Revier, Fülle der Verlockungen, Menge der Dienenden,
+erschlossene Welt. In Stunden der Träumerei flammte in seinem sonst
+trägen Gedächtnis auf, was ihm erworbenes und in Sicherheit gebrachtes
+Lebensgut war: ein marokkanischer Himmel, rot vor Bläue; prunkvolle
+Aufzüge, veranstaltet von exotischen Fürsten; feierliche Empfänge;
+illuminierte Säle; militärische Paraden; Frauen, die um Liebe warben;
+fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch mitgebracht, das
+er in wenigen Exemplaren für seine Freunde drucken ließ. Es wurde damals
+als die feinste Blüte aristokratischer Lebensauffassung und
+Betrachtungsweise bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie
+Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv und aus erster Hand,
+oft ein bißchen einfältig sogar, wie eine Fibel einfältig ist. In der
+Mischung von Bescheidenheit, Wißbegier und unschuldiger Philosophie
+drückte sich Ungnads Wesen sehr liebenswürdig aus. Es waren Fahrten
+darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf Flüssen, in der Nacht,
+auf Booten mit Lampions behängt, Schauspiele und Wanderungen, Tempel und
+Gärten; von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein Hauch;
+hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen von Blumen, Farben von
+Blumen, Gerüche von Blumen; ein umgewandeltes Sinnliches, ließ es das
+sinnlich Gebannte seiner Natur erraten, auch wieviel Trägheit in seiner
+Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem Genießen.
+
+Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des Krieges entfalteten alle
+Berückungen seiner Welt. Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtum
+und die Üppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich zur Strahlung
+verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden Kern, begnadet und Gnaden
+spendend. Die Künste der Nationen vereinigten sich, der herrschenden
+Kaste zu huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit gesättigt. Feuer des
+Übermuts lag in den Gemütern, das Ungewöhnliche war Nahrung für den
+Gewöhnlichsten, Nüchterne wurden auf lichtverklärte Höhe gehoben und
+sahen den Horizont wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob
+alles in atemloser Bestürzung auseinander, und über das rubenshaft
+glühende Gemälde fiel schwarzer Flor, um es auf immer zu verdecken.
+
+Was darnach kam, war trockne Amtsausübung in vorgeschobenen Bezirken,
+eroberten Provinzen, umrasselt von Waffenlärm. Man hatte Mühe, den Kopf
+obenzuhalten. Das Geschrei aus den Lagern hüben und drüben lähmte; der
+Haß verunreinigte wie Schmutz, der kleben bleibt und sich in die Poren
+frißt; die Guirlanden waren weggerissen; die Blöße der Leiber stierte
+einen an; Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau wankte; die
+kaum merkbare Allmählichkeit, mit der die Existenz ins Enge und
+Sorgenhafte geriet, war entnervend; und so der beständige wütende Sturm,
+der die Blätter vom Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln
+ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General regierte. Man
+war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen, wie die Partie stand. Die Not
+der Länder schrie, des eigenen vor allen; man überredete sich zur Demut,
+suchte Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre, verwob
+persönliches Geschick willig mit dem Ganzen, hoffte, fürchtete, wartete,
+Jahr für Jahr, wartete auf Schlimmes und war doch nicht im entferntesten
+vorbereitet, in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die Zeit
+dann wirklich machte.
+
+Im August des Jahres 18 wurde er mit dem preußischen Oberst Grimm nach
+Armenien entsendet, um Bericht über die Zustände zu erstatten, die der
+feindlichen Propaganda Nahrung gaben. Türkische Offiziere und Beamte
+begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was vertuscht werden
+konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein künstliches Schaugepränge
+vorgeführt, Blendwerk; zuletzt offenbarte sich das Grauen. Auf der
+Heimreise, man hatte schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus
+vom Schiff aus an Francine: »Es war schön, als der Katholikos in
+Echtmiadzin unsere Abordnung empfing. Ich habe nie so herrliche Gobelins
+gesehen und so prunkvolle goldene Gefäße. Der Katholikos war in Gold und
+Purpur gehüllt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt war,
+blendete die Augen durch die Pracht seiner Gewänder. Vor den
+Bogenfenstern des riesigen Saals sah man die schneebedeckten Gipfel des
+Taurus, und alle überragte der mächtige Arrarat. Da schauderte es einen;
+Arrarat; beim bloßen Namen überlief es einen. Aber auf dem Schloßhof
+unten stand eine tausendköpfige Menge, und von ihr stieg ein
+eigentümliches winselndes Brausen empor. Erst glaubten wir, die Leute
+seien zum Gottesdienst gekommen, der dann stattfinden sollte; aber der
+Katholikos wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst Grimm
+gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen Sie Ihrem Kaiser, daß
+sie hungern. Die türkischen Herren hinter uns duckten sich, und ich
+schaute, während das eigentümliche winselnde Brausen fortdauerte, in den
+Schnee des Arrarat hinüber. Am nächsten Tag sind wir durch die glühenden
+Täler zum Meer geritten, an Ruinen vorbei und über Schlachtfelder.
+Wüste und Weinland grenzen dicht aneinander, manchmal kauert ein mit
+Fetzen bedeckter Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die Küste
+kamen, lag der Ozean märchenhaft blau, aber die Luft war verpestet durch
+zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen, nackt und in Kleidern,
+viele bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Männer, Weiber und Kinder.
+Die türkischen Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den
+Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins Meer getrieben.
+Ich dachte mir: die grandiose Natur, und der Mensch eine Bestie, die sie
+schändet. Der Himmel und das Meer in ihrer Schönheit waren Lüge.«
+
+Er hatte sich mit Oberst Grimm während der langen Reise ziemlich
+angefreundet; der Oberst war ein stiller, vernünftiger Mann; weit
+trätabler als seine preußischen Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in
+Budapest von ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte
+von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen und verludert;
+stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm den militärischen Gruß zu
+geben, frech ins Gesicht. Der Oberst sah ihn an, seine Stirn rötete
+sich, er machte Miene, auf ihn zuzugehen, besann sich plötzlich, senkte
+vor Erasmus den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller
+Selbstbeherrschung von etwas Gleichgiltigem.
+
+Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Gedächtnis, während er allein
+die Reise fortsetzte.
+
+Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man wußte nicht, wie man sich
+seiner erwehren sollte. Man befand sich auf einer gewissen Höhe,
+unangreifbar, unerreichbar. Man genoß verbrieften Schutz von altersher.
+Die Sicherungen waren bewährt und tragfähig gewesen bis jetzt. Man war
+gewohnt, viel Raum um sich zu haben. Raum feite, Raum trennte. Die
+andern, die Leute, bewegten sich weit draußen. War doch schon ihr
+respektvolles Aufmerken bisweilen lästig. Man konnte unbeschränkt
+verfügen: über bezahlte Menschen, über die Stunden, über die Dinge. Die
+Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die Hand, die unter ihnen wählte.
+Und das Gesetz, das durch die stummen Jahrhunderte geheiligt war,
+schrieb das Maß vor.
+
+Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte wurden
+angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz erstreckten, auf
+unentbehrliche Schattierungen, auf ehrwürdigste Institutionen, auf
+auserlesene Formen, auf Auserlesenheit überhaupt, unleugbare, weil durch
+das Blut bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die Würde.
+Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war so hämisch, so
+erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln herum, ein feiges
+Gespenst.
+
+Man saß aufrecht und hielt sich bereit.
+
+ * * * * *
+
+Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt. Es handelte sich
+wieder um eine Rienburg-Rheda, um die dritte Tochter, die inzwischen
+herangewachsene zwanzigjährige Pauline. Es waren im ganzen vier
+Schwestern. Die älteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr früh mit
+dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie lebte seit einigen
+Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei der Mutter, unbekannt aus welcher
+Ursache. Es hieß, eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er
+in der Trunkenheit zwei Tänzerinnen in die Wohnung mitgebracht hatte.
+Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod einen Grafen Dettingen
+geehelicht, Husarenrittmeister, der bei Luck gefallen war. Sie war
+Mutter von zwei Kindern geworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline
+und Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt.
+
+Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen sorgfältig
+vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren hin- und hergereist, um die
+Stimmung auszukundschaften, unverpflichtende Anfragen waren gestellt,
+Briefe waren geschrieben worden, deren Taktik an Musterstücken
+verflossener Kabinettsdiplomatie geschult war, und allmählich
+entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit. Ehe noch Erasmus aus
+Konstantinopel zurückgekehrt war, hatte sie schon die Einladung der
+Gräfin Rienburg für ihn in Händen. Von Tag zu Tag unruhiger wartete sie
+auf seine Antwort, denn es verkündigten sich verhängnisvolle Ereignisse,
+und der politische Himmel war schwarz verhängt wie ein Sarkophag.
+
+An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt, erfuhr sie, daß
+Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen sei. Das konnte nichts
+anderes bedeuten, als daß sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls
+erwartete. Ohne langes Besinnen verfaßte sie eine ungestüme Epistel, in
+welcher sie Marietta auseinandersetzte, daß Erasmus’ Zukunft auf dem
+Spiel stehe; daß er zu lange schon seine besten Kräfte und besten Jahre
+damit vergeude, die Ketten abzuschütteln, die sie um ihn geschlungen;
+daß er allmählich in das Alter trete, in dem man aufhöre, für die Frauen
+mitzuzählen; daß er jetzt im Begriff sei, eine glänzende Verbindung
+einzugehen, und daß die Familie, um kein Mittel unversucht zu lassen,
+sich an ihre Einsicht und oft bewiesene Geistesstärke wende, die ihr
+zweifellos den Weg aus dem Dilemma zeigen würden.
+
+Zum Glück las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte, ihrer Cousine Nora
+Klingenberg vor, die ihr solchen Schritt entschieden widerriet. »Soll
+denn das alte Spiel wieder von vorne beginnen?« rief Francine erregt
+aus; »Bruch, Versöhnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig zu
+meiden und gerührtes in die Arme-Sinken. Es ist nicht länger zu
+ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen, man wird zum Gelächter
+der Welt.« Nora Klingenberg hielt der Entrüsteten vor, daß sie mit ihren
+Vergewaltigungsmethoden das Übel verschlimmere; da käme Erasmus erst
+recht aus dem Schwanken und Zaudern nicht heraus. Je verführerischer man
+ihm den Köder bereite, je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das
+Zugreifen; je mehr man ihn überrede, je stütziger werde er. Sie solle es
+listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie erbot sich, zu
+Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen, als Frau zur Frau.
+Dadurch erwachse vielleicht Verständigung. Francine umarmte sie und
+sagte, sie sei ein Engel. »Laß dir nicht von ihr imponieren,« warnte
+sie; »vergiß nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout bei
+Castellanis über den Mund gefahren ist, als darüber debattiert wurde, ob
+die Lehndorffs oder die Klingenbergs älter seien. Ich versichere dir,
+ihr Großvater Johann Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er
+Statthalter gewesen ist; und die Zinsen müssen hoch gewesen sein, Georg
+Ulrich behauptet, nie unter zwölf Perzent.«
+
+Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen von dem Besuch
+zurück. Sie berichtete, Marietta sei kühl gewesen, spöttisch, glatt,
+ausweichend, habe sie beständig abzulenken gewußt; habe sie einmal, als
+sie sich einen Anlauf genommen, sonderbar lächelnd angeblickt, und
+nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im Grunde nichts
+geredet. Sie mache mit einem, was sie wolle, es sei nicht gegen sie
+aufzukommen; wenn man noch beim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon,
+und jeder Satz habe zehn Facetten. Im übrigen sei sie hübsch wie nur je;
+als seien fünfzehn Jahre spurlos an ihr vorübergegangen; bestrickend und
+anmutig, das reine Wunder.
+
+Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend fing sie an zu
+schimpfen wie ein Marktweib. Drohte, höhnte; stieß Gegenstände aus dem
+Weg; schwor, daß sie die gefährliche Komödiantin vernichten wolle,
+vergoß Tränen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich
+vergebliche Mühe, sie zu besänftigen.
+
+ * * * * *
+
+Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus ältesten Freunden. Er war
+in jeder Beziehung steckengeblieben, sowohl was seine Laufbahn als auch
+was seine Entwicklung betraf. Trotzdem vielfache Einflüsse für ihn
+gewirkt hatten, war er in einem der für unfähige Hochtories
+vorbehaltenen Präsidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging auf keine
+Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande, orthographisch richtig zu
+schreiben. Erasmus erlaubte sich kein Urteil darüber, ob er wirklich so
+dumm war, wie alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner
+vollkommenen Diskretion.
+
+Mit Männern konnte er sich im allgemeinen schwer verstehen. Sie vermaßen
+sich an ihm. Sie wollten in ihn eindringen und bedachten nicht, daß das
+verletzt. Männer im allgemeinen wußten wenig von dem Grad der
+Verletzlichkeit eines Menschen. Ferry Sponeck hingegen verpflichtete nie
+und insistierte nie. Manchmal plapperte er und erzählte Klatsch; indem
+er seine Nichtigkeiten von sich gab, stimmte er vertrauensvoll; es kam
+einen plötzlich die Lust zu Eröffnungen an, ja zu Bekenntnissen oft; man
+wurde mitteilsam, gerade gegen ihn, der so kindlich erstaunte Augen
+machte, bei ganz verkehrten Anlässen bedauernd den Kopf wiegte und sich
+dann und wann zu einer albernen Zwischenbemerkung aufraffte. Man war
+eigentlich mit sich allein und wurde doch durch Menschenaugen aus sich
+hervorgelockt. Man geriet ins Sprechen, Drückendes wich, wenigstens für
+die Stunde, Vergangenes ordnete sich. Man hatte keine Taktlosigkeiten zu
+besorgen, keine neugierigen Fragen, nicht die klugen Aperçus und
+beunruhigenden Haarspaltereien, die an den Leuten von Geist so
+verdrießlich waren.
+
+Schon am Tage nach seiner Rückkunft sagte er sich bei Ferry Sponeck an,
+der in einem kleinen alten Palais in einer kleinen alten Gasse wohnte.
+Langsam und versonnen ging Erasmus hin. Er spürte das Unheil in der
+Luft. Vor vielen Jahren, in Sizilien, hatte er am Abend vor dem großen
+Erdbeben dieselbe andauernde Qual in allen Nerven empfunden. Er
+erinnerte sich, daß er dann, ins Hotel zurückgekehrt, einen Weinkrampf
+gehabt hatte.
+
+Seine Erregung wuchs, als er Ferry Sponeck bei der Lampe gegenübersaß.
+Dieser braute Kaffee in einer kupfernen Maschine und blies bisweilen in
+die Spiritusflamme, wobei er die Backen voll Luft pumpte und aussah wie
+der Boreas auf alten Bildern.
+
+»Drüben im Ministerium geht alles drunter und drüber,« sagte Erasmus.
+»Sie transportieren Aktenschränke auf den Dachboden und lassen
+Telegramme unbeantwortet liegen.«
+
+Ferry Sponeck seufzte.
+
+Erasmus schaute grübelnd vor sich hin. »Ich verschließe mich der
+Tatsache nicht, wie die meisten unter uns, daß wir leichtsinnig
+gewirtschaftet haben,« sagte er mit seiner trägen und verschleierten
+Kopfstimme; »wir hatten keine Führer; keiner war der Herr. Manche haben
+das Unglück kommen sehen und haben gespottet. Die Schuld ist groß, und
+der Unverstand, und die Blindheit. Aber offene Rebellion, das darf nicht
+sein. Wenn das eintritt, geht die Welt unter. Rebellion ist Satans Werk.
+Rebellion heißt, daß Christus verleugnet und ans Kreuz geschlagen wird.
+Alle zweitausend Jahre, hab ich einmal gelesen, schlagen sie ihn ans
+Kreuz, und jetzt ist bald die Zeit.«
+
+Ferry Sponeck nickte. Der Kaffee schäumte braun unter der Glaskuppel,
+und er drehte bedächtig den Hahn auf. Der kochende Strahl rann schwarz
+in die goldene Tasse.
+
+Erasmus sagte: »Die murren, werden täglich mehr. Noch wagen sie einen
+nicht anzuschauen, aber hinterrücks zücken sie das Messer. Sie tragen
+das Messer aufgeklappt in der Tasche; morgen werden sie auf einen
+losgehen. Hast du auch manchmal ein Klirren im Ohr wie von zerbrochenen
+Fensterscheiben? Es dringt bis in den Schlaf. Und dann hört man
+Geschrei, fernes Geschrei.«
+
+»Du denkst zuviel nach, Mumu,« tadelte Ferry Sponeck liebevoll; bei
+intimen Anlässen nannte er Erasmus Mumu, wie man ihn als Kind gerufen.
+»Bist du denn ein Gelehrter, daß du fortwährend denken mußt? Wir könnens
+nicht ändern, wir beide, wir müssens geschehen lassen.«
+
+Erasmus sprach stockend weiter: »Ich bin einmal von Corfu nach Athen mit
+einem alten Segelschiff gefahren, da sind nachts die Ratten über meine
+Bettdecke gerannt. Es war grausig, und der morsche Kasten ist auch bei
+der nächsten Fahrt gesunken.« Seine Stimme wurde leiser, und er rieb
+nervös die Finger aneinander. »Gefürchtet hab ich mich nicht, aber
+Ratten, das wirst du zugeben, das ist das Ekligste auf der Welt. Im
+Finstern verlassen sie sich auf ihre scharfen Zähne; im Finstern sind
+sie frech. Sie selber sind geschützt, natürlich; durch ihre Zahl sind
+sie geschützt, durch den Unrat und durch das Grausen.« Er machte eine
+Pause und lächelte kränklich und hochmütig. »Einschüchtern darf man sich
+nicht lassen. Keine Schwäche zeigen. Wir, wir haben die Religion; davon
+wissen sie freilich nichts, die Ratten; und das, was man Ehre nennt,
+haben wir. Ehre, das ist wie eine diamantene Kugel. Das Ungnadsche
+Wappen hat eine schöne Devise: #fort et modeste.# Ehestens wird das
+nicht mehr viel bedeuten. Ehestens vielleicht werden sie das Wappen
+zerschlagen. Zerschlagen mögen sie es immerhin; besudeln sollen sie es
+nicht. In dem Glauben kann mich keiner wankend machen, daß alle
+Legitimität von Gott stammt.«
+
+Ferry Sponeck nickte andächtig. Erasmus erhob sich lässig auf den langen
+Beinen und wiederholte mit einer Art Verbohrtheit: »Damit steh und fall
+ich, daß alle Legitimität von Gott stammt.«
+
+ * * * * *
+
+Als ihm Francine von der Einladung der Gräfin Rienburg-Rheda berichtete,
+erklärte sich Erasmus zu ihrer Freude bereit, sie anzunehmen. Er wußte,
+worum es sich handelte; er wußte, daß Francine nur auf das eine Ziel
+hindrängte, und er enttäuschte sie nicht einmal durch ein Kopfschütteln
+oder das obstinate Lächeln, das er bei solchen Gelegenheiten hatte. Die
+Stadt machte ihn elend, er sehnte sich nach Stille und Landschaft. »Ist
+es aus zwischen dir und Marietta?« fragte Francine halb drohend, halb
+ängstlich. Er antwortete: »Es ist schon lange aus.« Darauf Francine,
+entzückt: »Seht ihr euch gar nicht mehr?« Er, kühl und gezwungen: »Ach
+ja, wir sehen uns, aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im
+Juni getroffen.« Francine verbreitete sich nun ausführlich über den
+Charakter der Komteß Pauline, und daß eine Ehe zwischen ihr und Erasmus
+der Gipfel des Wünschbaren sei. Er hörte still zu und sagte dann: »Es
+ist möglich, daß du recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.«
+Francine nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und nötigte ihn, an die
+Gräfin zu telegraphieren, daß er an dem und dem Tag kommen würde.
+
+Um gefällig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen ihm die
+Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte er gewissenhaft.
+Man würde unbekannte Leute treffen; er stellte sich solche der
+abstoßendsten Art vor; geschwätzige Personen, zudringliche Personen.
+Verpflichtungen würden entstehen; diesen oder jenen würde man verletzen
+und sich wieder um ihn bemühen müssen; Zwang würde ausgeübt werden; Lärm
+würde sein; irgendeiner würde da sein, der Türen warf oder des morgens
+um fünf Uhr nach der Scheibe schoß, oder mit unendlichem Gerede einen
+Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer zu packen,
+Nachrichten zu dirigieren; das alles häufte sich zu einem Gebirge, und
+er verschob den Termin. Francine ereiferte sich, er wich zurück. Er
+sagte, man bedürfe seiner im Amt. Sie erwiderte, man bedürfe seiner mit
+nichten; bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er sich
+fernhalte. Er gab es ermüdet zu, bat aber für die Reise um eine Woche
+Frist. Sie feilschte um zwei Tage und verlangte, daß er am Sonntag
+reise. Er willigte ein. Am Samstag abend erhielt er eine Karte von
+Marietta, die ihn ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er
+erschrak. Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz
+verschollen heimlich damit gerechnet. Daß es eintraf, war Erschütterung.
+Er erklärte Francine, daß eine wichtige ministerielle Sitzung ihn
+verhindere, früher als Mittwoch zu reisen. Francine starrte ihn
+sprachlos an. Aber da er ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt
+nicht weiter hinauszuschieben, mußte sie sich zufrieden geben.
+
+ * * * * *
+
+Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs, Erasmus unter
+denen, die hinten standen, denn vermöge seiner Länge konnte er über die
+Köpfe schauen.
+
+In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorstädten herein, ein
+schwarzer, breiter, klebrig fließender, stummer Menschenstrom. Sie kamen
+zur Verkündigung der Republik. Die Straße war ausgefüllt bis an die
+Häusermauern. Aus der nachmittägig-nebligen Ferne, die wie bodenlose
+Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte sich schattenhaft in Leiber
+und Gesichter, schwoll durch Zufluß aus Nebengassen, wälzte sich drohend
+ruhig vorüber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus, Schritt für
+Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der vor dem großen Platz die
+Straße verengerte, und der die gestauten Massen langsam verschlang. Eine
+Stunde verging, und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser
+Tiefe glich, wälzte sich das Ungeheure her, das nicht eine Summe
+zählbarer Einzelner war, sondern ein Element für sich, zu einem Willen
+verschmolzen, kroch und wogte vorüber, spürbar-, sichtbar-wirklich,
+fortbewegt durch einen gewaltigen und äußerst zu fürchtenden Trieb, bis
+es der dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen ähnlich, gierig
+schluckte.
+
+Die Herren rührten sich nicht. Mattes Erstaunen würgte ihre Kehlen.
+Einer sagte vor sich hin: »Das ist das Ende.«
+
+Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem Freunde Ferry Sponeck
+in dessen Wohnung. Sie vermieden es, über das Gesehene zu sprechen. Sie
+erstickten es in sich. Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts
+zu tun; sie stießen es wieder weg und gruben es zu.
+
+Sie aßen schweigend und lauschten auf Geräusche von der Straße. Aber
+diese Straße der alten Paläste war still; sie lag noch in einem
+vergangenen Jahrhundert und träumte. Sie war wie von einem verstaubten
+Seiden-Gespinnst überzogen.
+
+Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls für ein paar Wochen nach
+Rienburg gehen; die Gräfin habe ihn mehrmals aufgefordert, übrigens sei
+er ja als Vetter der Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte
+und schien seinen Entschluß zu billigen. Ihn freue es nicht besonders,
+daß er hin solle, sagte er dann, aber Francine lasse ihm keine Ruhe, und
+so habe er nachgegeben. Gegen Francine aufzukommen, sei schwer, nicht
+bloß wegen ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem,
+sondern auch, weil man sie schonen müsse.
+
+Er hielt inne, um zu ergründen, ob Ferry Sponeck ihn richtig verstehe.
+In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe, wenn du willst, ich bin
+vernagelt, wenn du willst. In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das
+war genau, was Erasmus wünschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses
+Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute hielten. Er
+wollte sich das Verworrene und Traurige in Francines Leben zurechtlegen;
+er hatte es mit Worten noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuhörer,
+und zwar einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich
+bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry zu erkennen
+gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort:
+
+Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden; damals, als das
+Niemehrgutzumachende mit dem italienischen Sänger passierte, sei sie
+achtzehn Jahre alt gewesen, der Verführer sechsundvierzig, noch dazu
+verheiratet und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle Konsequenzen
+gezogen; nicht bloß in ihre schwierige Lage sich gefügt und dem die
+Treue bewahrt, der ihre Zukunft vernichtet, sondern auch in den
+Enttäuschungen, Demütigungen und Kämpfen ihren großen Charakter
+gestählt. Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht, sich
+eine neue Position zu schaffen und außerdem noch soviel Kraft erübrigt,
+ihm, dem jüngeren Bruder, eine tätige und hilfreiche Freundin zu sein.
+Das müsse man bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der
+habe keinen Begriff von Unerschrockenheit und Würde.
+
+Ferry Sponeck mußte den Begriff haben, denn er blickte Erasmus
+zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile: »Ich habe oft darüber
+nachgedacht, warum es so kommen mußte, bei ihrem Stolz, ihrem Bewußtsein
+davon, was sie dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu
+dem Resultat gelangt, daß das, was ihr zum Verhängnis geworden ist, ein
+Ungnadsches Verhängnis überhaupt ist. In jedem Ungnadschen Leben, habe
+ich herausgefunden, ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger
+Moment, wo die Sinnlichkeit ein für allemal über ihn entscheidet. Es
+fängt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudrücken wovon; zum
+Beispiel, man geht über eine Brücke und sieht, wie ein Weib sich über
+das Geländer beugt und sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist
+irgendein anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen
+Moment geschieht, beeinflußt und durchdringt das ganze Leben, wie wenn
+ein bestimmtes Aroma aus einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie
+wenn ein winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem mit
+Flüssigkeit gefüllten Becken für immer den Geschmack gibt. Man kommt
+nicht mehr los. Das Winzige entscheidet. Man kommt von dem Aroma und dem
+Geschmack nicht mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.«
+
+Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an. Das ging weit über
+seine Welt. »Jaja,« murmelte er; »schon; natürlich; so was ist schlimm,
+armer Kerl, sehr schlimm.«
+
+ * * * * *
+
+Es gab ein tiefes und gehütetes Geheimnis im Leben der Gräfin Marietta
+Giese. Es war dieses Geheimnis ebensosehr eine Quelle von Glück und
+Kraft als von Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es sie
+mit Zweifeln quälte; aber immer war sie seiner Herr. Die vor der Welt
+verschwiegene Bürde ist oft Reichtum; Besitz, der vor fremden Augen
+bewahrt werden muß, oft Pein.
+
+Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wußte es nicht. Sie hatte
+den Knaben während des Jahres zur Welt gebracht, in welchem Erasmus in
+Japan war. Ihre Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein
+einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen worden, das war ihre
+Freundin Helene von Gravenreuth; in einem Dresdner Sanatorium hatte sie
+das Kind geboren; auf Schloß Gravenreuth lebte der kleine Wolf in
+sicherer Hut.
+
+Es war keine Zufallsfrucht. Sie hatte das Kind mit ihrem Willen
+empfangen. Während sie es getragen, war sie sich völlig klar darüber
+gewesen, was sie auf sich nahm. Sie mußte es durchsetzen gegen die Welt;
+es vorbereiten auf ein ungesichertes Schicksal. Hatte sie es doch der
+Welt abgerungen und vom Schicksal ertrotzt. Solche sind von Anfang an
+belastet. Erasmus war der Mann nicht, den ein Kind inniger an die
+Geliebte bindet. Ihr gegenüber war ein Kind seine Furcht und sein
+Aberglauben stets gewesen. Der Grund davon hätte ihr schmeicheln dürfen,
+wenn er nicht im dunkleren Teil der Seele Beleidigung geworden wäre. Die
+Frau in ihr war spät erwacht. Sie mußte etwas haben wider ihn und für
+sich; und für ihn und wider die Gesellschaft. Sie hatte ein Pfand
+gebraucht und eine Bestätigung. Es kam nicht darauf an, daß er es
+erfuhr; vielleicht würde er es niemals erfahren; mit Empfindsamkeiten
+rechnete sie nicht; zärtliche Rührung war weder ihre noch seine Sache.
+Ihr diente es. Sie wurde befestigt. Und über Pfand und Bestätigung
+hinaus war es auch Bild, noch dazu ein schönes, lebendiges. Die Väter
+waren ihr ohnehin Ziel des Spottes. An Vatergefühle glaubte sie wenig.
+Und ihm ein Kind präsentieren, das außerhalb der Ehe gezeugt war, das
+hieß alle patriarchalischen Vorurteile in ihm wachrufen, sie wußte es,
+und seine ängstlichsten Bedenken gegen die Mutter kehren. Anlaß genug zu
+schweigen.
+
+Hatte sie doch auch Freiheit und Liebe ertrotzt. Nie durfte er ahnen,
+daß und wie sehr es Kampf war. Sie hatte sich losgerissen von Fesseln,
+und die Haut blutete; für ihn mußte es sein, als hätte sie sich einen
+Kranz vom Haar genommen, der zu welken beginnt. Was sie verachtete, war
+ihm ehrwürdig; worunter sie seufzte, war ihm von heiliger Bedeutung.
+Immer sein Zagen, sein Zurückhalten; sein Warnen, sein Nichtbegreifen,
+wenn sie vorwärts wollte; wieviel List war da nötig; wieviel Geistes-
+und Herzensgut zerstäubte; wieviel Erklügelung forderte es, ihn so zu
+führen, daß er zu führen im Wahn blieb. Voneinandergehen: Ungewißheit;
+Wiederkommen: Hangen und Bangen; Getrenntsein: das Nichts; Zusammensein:
+Druck seiner Hypochondrie. Leidenschaft lohte auf, schwelte und
+verglomm. War das noch Leidenschaft, wenn einer so lange mißtraute, bis
+er wehrlos wurde? und sich dann schemenhaft entzog? Marietta schlug den
+Funken, wärmte den Freund mit Blick und Atem, prägte sich ihm ein, die
+Stunde ihm ein, die Liebkosung, das bindende Wort. Alles hing davon ab,
+daß er nicht vergaß, daß er immer wieder zu ihr fand und sie sich finden
+ließ, nicht mit zu leichter Mühe, nicht mit zu schwerer. Er: stets im
+Begriff, einem Joch zu entschlüpfen, dem die Sanktion fehlte, das
+Gewesene zu leugnen; sie: in Ruhe, in scheinbarer, die Wagschalen
+sorgsam in der Gleichlage haltend, gespannt, geduldig, heiter,
+geschmückt, in Hader mit ihrer Kaste, die soziale Tyrannei geistig
+überwindend, im Gefühl ihr verfallen, und so, mit einer Existenz am
+Rande der Gesellschaft, am Rand des Möglichen und Anerkannten, in
+unaufhörlicher Schwebe.
+
+Sie hatte lange gezögert, ob sie ihn rufen solle. Beim Abschied hatten
+sie einander feierlicher als sonst entsagt. Sie nannte das die Erklärung
+des Desinteressements. Es war notwendig zu seiner Gewissensentlastung
+und damit die Pläne, die andere mit ihm vorhatten, nicht seine
+allenfallsigen Entschließungen hemmen konnten. Ihr blieb nichts übrig,
+als zu warten. Die Jahre untergruben auch in ihr langsam das Vertrauen
+zu der Macht, die bisher jedes Hindernis besiegt hatte. Der Spiegel
+wurde zum Memento. Der Spiegel betrog nicht, noch war er zu betrügen.
+
+ * * * * *
+
+Sie ließ früh die Lichter anzünden. Da sie sich seit dem Morgen
+unpäßlich gefühlt hatte, legte sie sich auf die Chaiselongue und ergab
+sich dem Vorüberrinnen der Stunden. Den November hatte sie von jeher
+gehaßt. Sie war überzeugt, daß es der Monat sei, in dem sie sterben
+würde. Der alte Diener, der aussah wie ein Kalmück, huschte auf dem
+Teppich hin und her, um den Teetisch zu richten. Das kostbare Geschirr
+klirrte melodisch. Sie war in ein rosafarbenes Teegewand gekleidet, mit
+breiten Valencienner Spitzen an den weitoffenen Ärmeln. Die Farbe
+brachte das Leuchtende ihrer Haut zur Geltung wie auch das tiefe Goldrot
+der Überfülle ihres Haares.
+
+Die Glocke läutete; nun kam er. Den zaghaft und fast lautlos
+Eintretenden begrüßte sie mit zartest-unbefangenem Lächeln,
+entschuldigte sich, daß sie lag, reichte ihm die Hand, die er ergeben an
+die Lippen führte. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann stammelte
+er allerlei, um zu rechtfertigen, daß er sich nicht selbst gemeldet. Sie
+wunderte sich und schnitt die kläglichen Versuche sanft ab. Indes
+brachte der Kalmück den Tee, und man hatte Beschäftigung. Marietta
+übernahm die Leitung des Gesprächs. Ihr Instinkt gebot ihr, viel zu
+sprechen. Sie erzählte ein paar lustige Episoden aus Eichfurth,
+schilderte ein Diner, bei dem sie gewesen, einen nächtlichen Gang in der
+erregten Stadt, eine Begegnung mit einem der gestürzten Minister, den
+Eindruck der Lektüre von Barbusse’ #l’enfer,# die Verabschiedung einer
+unverschämt gewordenen Zofe, alles leicht, pointiert, schmiegsam. Sie
+ließ die Stimme spielen. Sie erfuhr es wie eine Botschaft, daß die
+Stimme noch ihre sinnliche Magie besaß.
+
+Zuerst dünkte ihm, er hätte die Stimme nie gehört. Jetzt erkannte er sie
+wieder. Der Klang; diese Pausen, diese Einschiebsel, diese Raschheit,
+diese Belebtheit. Er war zu schwerfällig, im gleichen Tempo mitzugehen;
+er blieb gewöhnlich im Erwägen und Verstehen um einen Schritt zurück,
+auch um zwei oder drei; manchmal wartete sie gutmütig, bis er
+nachgekommen war, manchmal auch nicht, dann ergötzte sie seine
+Verwirrung und sein galanter Eifer. Es bereitete ihr Genugtuung, ihn
+völlig ahnungslos zu wissen über die Absichten, die sie verfolgte, ihn
+raten zu lassen, im Kreis herumzulocken und durch Kapriolen zu
+beunruhigen. Zuweilen zuckten ihre Lippen in verhaltenem Mutwillen, aber
+hinter dem Mutwillen war Traurigkeit, und das gab dem Ausdruck Reiz und
+Wechsel.
+
+Ohne Übergang sagte sie plötzlich: »Es ist keine üble Idee von Francine,
+dich zu Rienburgs auf Werbung zu schicken. Ich bin ganz einverstanden
+damit. Der Versuch vor sechs Jahren mit Sebastiane ist ja im Anlauf
+steckengeblieben, und du hast dir nichts vergeben und nichts verdorben.
+Wie alle früheren Heiratsprojekte verfehlt waren, so auch dies.
+Sebastiane wäre nicht die richtige gewesen. Pauline ist vielleicht die
+richtige.«
+
+Sie sah mit lächelnd-gleitendem Blick an ihm herab, der betreten vor
+sich hinschaute, und fuhr fort: »Ich kenne ja die Familie gut, wie du
+weißt. Lix war eine Zeitlang in mich verliebt, war hinter mir her wie
+mein Schatten, und ich half ihr bei ihrer etwas verstiegenen
+Korrespondenz. In der unglücklichen Ehe mit Heinrich Lerchenfeld ist sie
+dann Theosophin geworden, was ein jämmerlicher Trost für eine elegante
+junge Frau ist. Ich sage, Pauline ist vielleicht die rechte, weil wir ja
+noch die kleine Aglaia haben, und es wäre immerhin zu bedenken, ob sie
+nicht vorzuziehen ist. Ich habe neulich mit Georg Ulrich Castellani
+darüber gesprochen; nur um ihn auszuholen, denn er ist ja gescheit wie
+der Tag, und weil er viel mit Rienburgs zusammen ist; er wird auch mit
+dir zugleich dort sein, wie ich dir im Vertrauen mitteilen kann. Leider
+ist der Altersunterschied zwischen dir und Aglaia etwas zu groß;
+zweiundzwanzig Jahre, das ist fast unmoralisch. Außerdem ist sie ein
+Wildfang; du würdest Mühe mit ihr haben. Geht denn das? Kannst du Mühe
+aufwenden? eine Widerspenstige zähmen? Das ist nichts für dich. Pauline
+ist die stillere; ein wenig melusinenhaft; das hast du ja gern. Sie gibt
+Rätsel auf, aber die Rätsel sind leicht zu raten. Sie hält sie freilich
+für unlösbar; das ist nur eine Chance mehr für dich; es beschäftigt sie.
+Du brauchst eine Frau, die dich restlos anbetet; ich meine nicht
+adoriert; adorieren ist zu glatt und zu seicht; nein, geradezu anbetet,
+in Staunen verloren. Und nicht etwa aus Stupidität, sondern aus
+Phantasie. Heiratest du eine Person ohne Phantasie, so läufst du Gefahr,
+daß sie sich und dich nach drei Wochen zu Tode langweilt. Oder sie
+stellt Ansprüche, und das würde dich deine Nerven kosten. In deine
+Hintergründe ist schwer zu dringen; es braucht dazu ein bißchen Geist
+und viel Geduld. Stifte nur keine Verwirrung. Verliebe dich nicht in
+beide zugleich, oder mach dir nicht selber Opposition, indem du eine
+gegen die andere ausspielst und dann bei allen zweien verspielst. Sei
+kühl, aber sträube dich auch nicht gegen eine ehrliche Neigung; halt
+dein Herz nicht zu fest und laß deine Augen nicht zu gierig sein.«
+
+Erasmus hatte sein spleeniges Lächeln, als er zögernd erwiderte: »Deine
+Fürsorge ist wirklich bezaubernd, Mariette. Leider ist sie nicht
+genügend motiviert. Ich leugne nicht, daß die Verbindung mit Rienburgs
+ihre Vorteile hat, aber du weißt doch, du sagst es selbst, wie wenig ich
+mich für die Ehe eigne. Leuchtet mir auch das Nützliche und Förderliche
+ein, wenn es dann ums Ja oder Nein geht, scheint es mir vollkommen
+töricht, daß ich ja oder nein sagen soll. Warum rücken einem die Leute
+so nah mit ihrem Verlangen nach dem Ja oder Nein? Es ist lästig, sich
+entscheiden zu müssen. Ich will mich nicht entscheiden.«
+
+»Du willst dich nicht entscheiden,« wiederholte Marietta leise, mit
+einem unhörbar bittern Unterton; »das begreife ich. Du willst, daß für
+dich entschieden wird, und möglichst zu deiner Bequemlichkeit. Du rührst
+nicht hin; alles soll sein wie Blumen unter Glas. Du kannst aber nicht
+außerhalb von Ja und Nein leben. Hast du noch nie darüber nachgedacht,
+was für ein mörderisches Ding das Vielleicht ist, und was für ein
+unredliches das Nochnicht? Du eignest dich für die Ehe nicht mehr und
+nicht minder als jeder verwöhnte und egoistische Mann in deinen Jahren.
+Man darf sich nicht kostbarer fühlen als die Welt einen wertet, sonst
+wird man gleich ein bißchen lächerlich. Was riskierst du? Höchstens,
+eine Frau unglücklich zu machen. Fällt das so schwer ins Gewicht? Ist es
+so verführerisch, als bisweilen eingeladener, bisweilen übergangener,
+mäßig interessanter Sonderling in einer öden Wohnung zu hausen, mit
+Köchinnen, die rappelköpfig sind, und Dienern, die einem die Wäsche
+auftragen und die Zigaretten stehlen? Weshalb die Skrupel? Worauf
+wartest du?«
+
+Mit einer Betroffenheit, die seinem Gesicht einen kargen und betrübten
+Ausdruck verlieh, antwortete Erasmus: »Keineswegs konnte ich darauf
+gefaßt sein, gerade in dir einen so eifrigen Anwalt für meine
+Verheiratung zu finden. Es ist mir neu –«
+
+Marietta wandte sich ihm mit großem Blick zu. »Ja, siehst du, Lieber,«
+sagte sie langsam und freundlich, »ich muß nun auch daran denken, mein
+Leben unter Dach und Fach zu bringen. Für so naiv wirst du mich doch
+nicht halten, daß ich dir aus reiner Selbstlosigkeit zurede. Als ich
+ein Kind war, hing zu Hause ein Bild; die Verlassene hieß es. Diese Dame
+blickt von einem Felsen an der Küste sehnsüchtig aufs Meer hinaus; es
+standen auch die Worte kummervoll und tränenleer darauf. Ich konnte das
+Bild nie anschauen, ohne mich über die dumme Gans zu ärgern. Daß ich
+solche tragische Figur abgebe, wirst du mir doch nicht zumuten.
+Kummervoll und tränenleer; nein, ich danke. Ich bin für Erledigungen.«
+
+»Ich verstehe nicht,« murmelte Erasmus, »wir sind jedesmal
+übereingekommen –«
+
+»Laß das, bitte,« unterbrach sie ihn scharf und hob den Kopf ein wenig.
+Ihre Augen schimmerten wie dunkle Opale.
+
+»Aber wie meinst du das: dein Leben unter Dach und Fach bringen?«
+
+»Sehr einfach: ich will heiraten; ich auch.«
+
+Erasmus staunte starr, mit eckig emporgezogenen Brauen. »Heiraten? Du?
+Wen denn, um Gotteswillen?«
+
+Die Anrufung Gottes und die zwei bestürzten Zirkumflexe auf seiner Stirn
+brachten Marietta zum Lachen. Er zuckte zusammen. Er liebte dieses
+Lachen an ihr, das den Mund einer aufgeschnittenen Frucht ähnlich machte
+und sie zwanzigjährig erscheinen ließ. Es enthielt Erinnerung an Reiz
+und Liebkosung, Halbvergessenes, Halbentschwundenes, Unvergeßbares,
+heimlichstes Wunder des Geschlechts. Innere Unruhe zwang ihn äußerlich
+zur Unbeweglichkeit; er schaute sie an wie eine Frau, der man zum
+erstenmal begegnet, von der man aber berückende Wissenschaft hat.
+
+Es war ein vollendeter, trivialer kleiner Roman. Das Triviale daran bot
+die Gewähr; von den Finessen war sie satt. Als sie im Sommer mit Helene
+Gravenreuth in Bern gewesen, habe sie einen jungen Holländer
+kennengelernt, reich, luxuriös, durch und durch lebendig, mit
+exzellenten Manieren, und dieser Holländer nun, den Namen bitte sie
+vorläufig verschweigen zu dürfen, habe sich mit äußerster
+Entschlossenheit in sie verliebt. Sie sei ihm nicht gerade
+entgegengekommen, habe ihn aber auch nicht entmutigt, und als sie mit
+Helene nach Pontresina gefahren, sei er eines Tages dort erschienen, man
+habe gemeinsame Ausflüge gemacht, Bridgepartien arrangiert, und so
+weiter, wie es eben zu gehen pflege. Dann sei man abgereist, er habe ihr
+geschrieben, an Helene geschrieben, immer stürmischer, immer offener,
+und jetzt habe ihn Helene nach Gravenreuth zu Gast gebeten, nachdem sie
+vorher bei ihr angefragt, ob sie gleichfalls kommen wolle. Er sei
+wahrscheinlich schon dort; sie werde übermorgen von Eichfurth aus
+hinfahren. Da Gravenreuth und Rienburg nicht viel mehr als zwei
+Wegstunden auseinander lägen, sei es eine reizende Fügung, meinte sie
+zum Schluß ihres Berichts, daß sie sich über den Fortgang der
+beiderseitigen Verlobungs- und Versorgungsaktionen jeden Tag
+kameradschaftlich aussprechen könnten, wenn sie Lust dazu verspüren
+sollten.
+
+Ja, es sei merkwürdig, gab Erasmus zu. Dann schwieg er. Marietta schwieg
+ebenfalls. Sie ließ ihre Fußspitze kreisen, und Erasmus sah dem Spiel
+des Fußes zu. Sie blickte an die Decke, und ihre vollen,
+leidenschaftlich gewölbten Lippen öffneten sich zu einem schimmernden
+Spalt. Auf einmal sprang sie auf und ging im Zimmer umher. Ging ohne
+Hast, wie nach einem vorgefaßten Rhythmus, und ihre Gestalt hob sich
+wiegend ab von überlegt gestimmtem Hintergrund. Mit lässiger Hand
+berührte sie bald eine Vase, bald ein Stück Stoff, ohne die Hand zu
+heben, im Gleiten nur.
+
+Er kannte genau die Art, wie sie beim Gehen den Fuß aufsetzte, bewußt,
+ihn leicht und kräftig aufzusetzen, so daß die Gelenke entlastet wurden
+und die Hüfte nur unmerklich zitterte. Der straff gehaltene Oberkörper
+folgte der Bewegung nur insoweit, als er dadurch nichts an Maß, aber
+auch nichts an Freiheit verlor. Es war ein bedachtes und gefeiltes
+Schreiten. Sie schritt, als schmecke ihr das Gehen, als trüge sie sich
+in eigentümlicher Weise selber. Jede Veränderung einer Linie an ihrem
+Körper umschloß den Keim zu einer Gebärde, die er kannte und die ihm
+vertraut war seit vielen Jahren. Viele seiner Stunden kamen wieder,
+während sie so ging und schöne Gegenstände an rührte, viele seiner
+Gedanken, Wunsch und Erfüllung.
+
+»Und du? Du liebst ihn?« fragte er scheu.
+
+»Bah, Liebe,« antwortete sie; »es geht nicht um Liebe. Es geht um Halt,
+es geht um Dauer. Ich bin manchmal müde, weißt du. Es ist so gut, bei
+einem zu ruhen. Davon zu träumen, ist schon gut. Wir sind alle ein wenig
+an die letzten Barrièren gehetzt, nicht bloß ich und du. Aufatmen,
+ausatmen, o!« Sie blieb stehn und schaute zu einem Bild an der Wand
+empor, ohne es zu sehen. »Was ich tue, ist mir klar,« fuhr sie mit
+tiefsonorer Stimme fort, in der sich Blut und Natur verriet; »wenn man
+mit meinen Erfahrungen eine neue Ehe schließt, gibt es keine Illusionen
+mehr. Mit achtzehn Jahren ist es ein Sprung in die Finsternis; ich habe
+ihn getan. Kommt man mit halbwegs heilen Gliedern davon, so hat man
+höchstens gelernt, daß man einen langen Löffel haben muß, um mit dem
+Teufel eine Mahlzeit zu halten, aber das Abenteuer lockt, und der süße
+Tag verspricht. Wir sind leichtgläubige Geschöpfe. Heute ... ich will
+froh sein, wenn der, dem ich mich überlasse, mir mit der Achtung
+begegnet, die eine anständig erworbene Invalidität verdient.«
+
+Erasmus sagte: »Wir haben manches zusammen erlebt, in langer Zeit, und
+daß es zu Ende sein soll, kann ich mir nicht vorstellen.«
+
+»Sonderbar, daß du mir nie und durch nichts fremder wirst, aber auch nie
+und durch nichts vertrauter,« sagte Marietta, indem sie sich auf den
+Rundstuhl vor dem Flügel setzte und den Deckel öffnete; »du warst
+eigentlich immer der, der kommt und der, der geht; nie der, der bleibt.
+Du kannst nicht Aug in Auge sein. Du fürchtest den Blick, der dich
+fordert. Warum nur?« Sie schlug ein paar Akkorde an, sehr leise, und
+sprach weiter: »Wir haben manches zusammen erlebt, gewiß; doch nicht so
+zusammen, wie du glaubst,« sie neigte das Haupt tiefer; »oft in unsern
+schönsten Zeiten, und es waren schöne Zeiten, ich will nicht undankbar
+sein, hatte ich das Gefühl: du hast ihn sich selber gestohlen, und er
+trägt dir den Diebstahl nach. Ja, er hadert, sagte ich mir, er sammelt
+Ressentiments, und eines Tags wird er mit der großen Liste kommen und
+abrechnen. Da ists doch vielleicht besser, vorher ein Ende zu machen;
+meinst du nicht?«
+
+Erasmus erhob sich und wollte zu ihr hin. Sie streckte abwehrend die
+Arme aus.
+
+ * * * * *
+
+Vierundzwanzig Stunden später war Erasmus in entlegener Welt, ein
+Hinbefohlener, um Glück zu suchen. Die Freude, mit der er aufgenommen
+wurde, bedrückte ihn, da er das Programm zu spüren glaubte, und er gab
+sich spröder noch, als ihm zu Sinn war; doch nicht lange. Die arglosen
+Gespräche schlossen ihn auf, die unbefangene Nähe der heitern Frauen. An
+viel Gemeinsames konnte angeknüpft werden. Der leichte Zwang zur
+Geselligkeit überschritt liebenswürdige Formen nicht, der Tag teilte
+sich natürlich ein, die kleinen Pflichten fielen nicht lästig. Am Abend
+versammelten sich alle in dem entzückenden Speisesaal im
+Mariatheresiastil; das Souper hatte festliches Gepräge. Auf der Tafel
+und auf sechs Konsolen brannten Kerzen in silbernen Kandelabern. Die
+Gräfin nahm ihre Vorliebe für Kerzenlicht zum Anlaß einer Philippika
+gegen die Zudringlichkeit moderner Beleuchtung, die delikate Farben
+wirkungslos und zarthäutige Frauen schlecht aussehend mache. Graf
+Castellani, mit seiner Meinung stets zu ihren Diensten, stimmte ihr bei,
+Hofmann, der er war.
+
+Am andern Morgen sagte er zu Erasmus, als sie nach dem Frühstück durch
+den Park gingen: »Die gute Gräfin denkt, wenn sie fünfundzwanzig Kerzen
+brennen läßt, hat sie schon achtzehntes Jahrhundert im Hause. Als ob
+achtzehntes Jahrhundert bloß ein niedlicher Illuminationsscherz wäre.
+Heute sind alle so. Leere Prätensionen. Eine herzlich angenehme Frau,
+aber ohne Tournüre. Viel guter Wille; der Zuschnitt pitoyabel.«
+
+Georg Ulrich Castellani war etwas vereinsamt hier. Er machte sich nichts
+aus Frauen. Als Mitglieder der Gesellschaft und vernunftbegabte
+Individuen konnte er sie im zureichenden Fall achten, im unzureichenden
+verbarg er die Geringschätzung hinter seiner ziselierten Artigkeit; als
+Geschlechtswesen waren sie nicht vorhanden für ihn. Er hatte sich darauf
+eingerichtet, den ganzen Winter auf dem Gut zu bleiben; er empfand sich,
+in historischer Weise, durchaus als Emigrant. Er war der nächste Freund
+des gefallenen Dettingen gewesen; Sebastiane begegnete ihm mit scheuer
+Verehrung. Es hieß, er benutze die ländliche Muße zur Niederschrift
+seiner Memoiren, die Hauptbeschäftigung der großen Aristokraten nach dem
+Herbst des Jahres 18; in ihm war sicherlich Überfülle des Stoffes, da
+er, obwohl erst sechsundvierzig, in alle bedeutenden Welthändel von
+Algeciras bis Brest-Litowsk tätig eingegriffen hatte.
+
+Polyxene sagte zur Erasmus: »Man erfährt durch ihn Dinge, die in keinem
+Buch zu lesen sind. Wenn er spricht, ist er unwiderstehlich; wenn er
+schweigt, ist etwas Schauerliches um ihn. Er hat die Aura des
+Verhängnisses.«
+
+Erasmus, belehrungsdurstig, wollte wissen, was das sei, die Aura des
+Verhängnisses. Sie belehrte ihn gern.
+
+Aglaia wagte es, Georg Ulrich zu verspotten, als sie mit Erasmus über
+ihn sprach. Sie ahmte nach, wie er schamhaft die langwimprigen Lider
+senkte, sobald er einen seiner vergifteten Redepfeile abschoß. Sie
+erzählte, daß er in Paris eines Tages seinen Diener auf die Straße
+geschickt habe, damit er einen Kommissionär heraufhole; als dieser vor
+ihm stand, habe er bloß gefragt, wo der nächste Friseurladen sei und ihn
+nach geschehener Auskunft gnädig entlohnt.
+
+Keine der Frauen ließ Erasmus merken, daß sein Besuch einem Zweck gelte;
+keine schien davon zu wissen. Infolgedessen gewann er Freiheit und faßte
+den Zweck selber ins Auge. Nicht so sehr mit dem nüchternen Gedanken,
+sich zu binden, als vielmehr mit dem schmeichelnden, zu erobern. Aber
+hier fing schon die Mißlichkeit an. Da vier anmutige und besondere
+Geschöpfe ihre Lockfäden um ihn spannen, vergaß er, daß mindestens zwei
+von ihnen seiner Wahl nicht anheimgestellt waren. Aber sein Wunsch im
+allgemeinen wurde rege. Wohl wußte er, daß das gefährlich war und daß es
+ihn aus der Bahn des Ersprießlichen lockte; aber er ließ es geschehen,
+daß das Nützliche zurücktrat gegen das Wohlige, und indem er sich der
+ihm auferlegten Vorschrift leichtsinnig entschlug, wuchsen Mut und
+Unternehmungsgeist in ihm. Es war so läßlich betäubend, das alles, so
+von der Zeit entfernt, in der Mischung von Spiel und Ernst seiner Art
+gemäß, und es entfalteten sich deshalb auch die anziehendsten Seiten
+seiner Natur.
+
+Kaum aber wurden die fünf Damen, die ja im Grunde fünf Verschworene
+waren, seiner Empfänglichkeit inne, so trugen sie Sorge, daß die
+günstige Entwicklung tunlich gefördert werde. Jedoch sehr heimlich; von
+einer Unterredung zwischen zweien oder dreien oder im Plenum blieb auf
+keinem Gesicht eine Spur haften. Sie wußten zu genau, daß eine
+Unvorsichtigkeit viel verderben konnte. Pauline verhielt sich bei den
+Beratungen passiv, wurde auch nur hinzugezogen, wenn es sich darum
+handelte, ihr notwendige Verhaltungsmaßregeln einzuschärfen oder sie
+wegen begangener Ungeschicklichkeiten zur Rede zu stellen. Aber um ihr
+behilflich zu sein, mußten sich alle einem gewissen Plan fügen, der
+darin bestand, Pauline vorzuschieben und sie der Gelegenheiten möglichst
+wenig zu berauben.
+
+Das klang in der Theorie selbstverständlich und schien ohne weiteres
+befolgbar. In der Praxis war dabei mit der Gegenpartei zu rechnen. Zum
+Beispiel fand es Polyxene beschwerlich, daß sie auf die Gesellschaft von
+Erasmus verzichten solle, sobald Pauline am Horizont sichtbar wurde. Sie
+sagte, ein wenig beleidigend, sie sei froh, sich mit einem vernünftigen
+Menschen unterhalten zu können; ihm auszuweichen, wenn er sie suche,
+dazu erblicke sie keinen Anlaß. Sebastiane wieder erklärte es unter
+ihrer Würde, daß sie Vorschub leisten solle, wo es doch nicht einmal
+feststehe, ob eine sympathische Beziehung vorhanden und ob Erasmus
+gewillt sei, sich mit Pauline soviel zu beschäftigen, wie man annehme.
+Aber ehe Erasmus gekommen war, hatte sie sich am eifrigsten für den
+Heiratsplan eingesetzt und der jüngeren Schwester vortreffliche
+Ratschläge gegeben. Pauline selbst hatte sich am meisten über Aglaia zu
+beklagen, die sich, wie sie äußerte, in jedes Gespräch dränge, sich mit
+ihrer agassanten Koketterie lästig mache und es anscheinend nicht
+ertragen könne, wenn man sie fünf Minuten lang unbeachtet ließ. Aglaia
+lachte zu den Anschuldigungen und antwortete schnippisch, jeder könne
+sich sein Vergnügen verschaffen, wo er wolle, und wem sie im Wege sei,
+der möge ihr den Rang ablaufen, das Aschenbrödel abzugeben, habe sie
+keine Lust. Die Gräfin beschwichtigte die erregten Gemüter, appellierte
+an Polyxenes Stolz, an Sebastianes Vernunft, an Aglaias gutes Herz, doch
+dauerhaft war der Frieden nicht, den sie mit Aufwand vieler Worte
+stiftete.
+
+Erasmus ahnte nichts von den Streitigkeiten, deren Ursache er war und
+denen er in fühlloser Unschuld täglich neue Nahrung gab. Er überließ
+sich dem Antrieb und der Stunde, der augenblicklichen Neigung und
+Verführung, nahm, was ihm entgegengebracht wurde und forschte nicht, was
+hinter den Wänden vorging und sich hinter den klaren Stirnen verbarg.
+
+Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die über ihr Wesen gebreitet
+war. Sie hatte den überschmalen Kopf der untergehenden Familien, auch
+Schultern und Hände waren überschmal. Sie ging, wie die Engländerinnen
+gehen, mit dem vollaufgesetzten Fuß und etwas rückenden Schenkeln. In
+den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe, welche sinnliche
+Unruhe erzeugt; die Nasenflügel witterten beständig wie bei einem
+äugenden Wild. Sie sprach mit Bitterkeit von ihrem zerstörten Leben und
+andeutend von den Tröstungen astraler Wissenschaft. Erasmus hörte
+gewinnend aufmerksam zu; seine spärlichen Einwürfe galten mehr ihrem
+Blick, ihrem Mund, ihrem Hals, ihrer dunklen Stimme, dem stummen
+Fieberhaften, verheißend Glühenden ihres Innern als ihrer Rede.
+
+Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die Blasse, mit dem
+winzigen Haupt und der graziösen Haltung, die so ausgeglichen war; und
+klug; und ein bißchen trocken und mißtrauisch. Er hatte sie für
+temperamentlos gehalten, bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen
+aus dem Dorf zugelaufenen großen Hund, der ihren Buley angefallen und
+sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit an der Schnauze packte,
+mit der andern Hand beim Hinterlauf, und als es ihr gelungen war, ihn
+wegzureißen und zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er führte sie zum
+Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war schweigsam. Er
+bedauerte plötzlich seine Flucht vor sechs Jahren, und sie spürte, daß
+etwas dergleichen in ihm vorging, denn sie lächelte verstohlen in ihrem
+nachstürmenden Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles weiß und
+verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als Mutter war sie ihm
+unnahbarer als ihre Schwestern. Sie hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein
+vierjähriges; die standen neben ihr wie Wächter; und unerklärlich, um
+die Kinder beneidete sie Erasmus, als wäre er selbst eine Frau, eine
+unfruchtbare, im Widerpart zur beglückten, und sie schien ihm höher
+dadurch und reiner, geborgener jedenfalls und den Begierden entrückter.
+
+Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mit jungen Mädchen
+gemacht; man kam mit ihnen ermüdend oft auf einen toten Punkt und ließ
+sich aus Kümmernis der Langeweile, aus Gutmütigkeit oder auch aus
+Bosheit zu einem törichten und übereilten Wort hinreißen, in dem man
+dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit, keine Unbefangenheit,
+kein Maß, nur die plumpeste Zielstrebigkeit und Fallschwere. Warum fiel
+ihm so häufig der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mußte lachen;
+was war denn das, ein Nebelhuhn?
+
+Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen. Man hatte ihn
+vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson. Ein hervorstechender Zug
+seines Charakters war, daß er einem fremden Willensdiktat gegenüber in
+die Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte man ihm einen
+Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum Stumpfsinn davon eingenommen, was
+nicht hinderte, daß er ihn schließlich unausgeführt ließ; nur mußte er
+zuerst beschließen, ihn nicht auszuführen, dann war alles im Geleise.
+
+Hier war er unschlüssig; bald gefangen, bald abgestoßen; bald neugierig,
+bald argwöhnisch. Komtesse Pauline hatte üppig entwickelte Formen, im
+Gesicht etwas Porzellanhaftes, Augen von fast unpassender
+Durchsichtigkeit. Sie war bedächtig, meist in sich verloren. Wenn er mit
+ihr sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare dufteten
+wie eine frische Weizengarbe. Sie war verspätet; die beklommene
+Lässigkeit des ersten Erwachens war noch in ihr, oder jetzt erst. Sie
+ging jede Woche zur Beichte, und in ihrem Zimmer stand ein kleiner
+Hausaltar, vor dem sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald darüber
+im Klaren zu sein, daß sie mit ihrem vollen, unenttäuschten jungen
+Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheit für ihn. Es war
+zu plan und zu ernsthaft; eh man sich recht besann, war man in der
+Schlinge. Er legte sich auf die Lauer und spähte auf den belagerten Weg.
+Vor Überfällen hatte er heillose Angst. Doch ließ er sich dann wieder
+anlocken und einlullen von dem schwebenden, fragenden, zwingenden Gefühl
+und flüchtete in der Not etwa zu der schlüpfrigen Eidechse Aglaia.
+
+Deren Siebzehnjährigkeit war wie eine sprudelnde Fontäne, lärmend und
+erfrischend, ein unhemmbares Quellen. Sie gehörte zu denen, die schon
+als Kind alles sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin,
+Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles Böse. Sie sagte
+Dinge, die einen abgebrühten Lebemann zum Erröten brachten und hegte
+noch die zärtlichsten Empfindungen für ihre Puppen. Sie war ruhelos,
+naschhaft, ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte,
+spielte aus Lebensüberschuß Komödie, hatte bisweilen Gesten und
+Bewegungen wie die wilden Negerinnen der Tropen, die an Nacktheit
+gewöhnt sind, weinte und lachte über ein Nichts und war der Despot im
+Hause. Erasmus ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie
+verabredet.
+
+An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus im oberen
+Korridor. Sie sagte zu ihm: »Wenn Sie mit mir kommen, will ich Ihnen
+etwas zeigen.« Sie hatte von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit
+gehabt, der den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem
+übrigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft mit Erasmus
+verkehrten. Sie führte ihn durch ein paar unbewohnte Räume in den
+Ahnensaal, dessen Wände von Gemälden bedeckt waren, deutete auf das Bild
+einer kühnblickenden, reichgeschmückten Dame und sagte: »Das ist meine
+Ur-Urgroßmutter, der ich ähnlich sehen soll, eine Polin. Es heißt, daß
+sie mehr als ein Dutzend Liebhaber gehabt hat, und so viele Abenteuer
+außerdem, daß Ludwig der Fünfzehnte manchmal den russischen Gesandten
+gefragt haben soll: was gibt es Neues von der Fürstin Barbara
+Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie den Aufständischen
+vorangeritten und von der ersten Kugel ins Herz getroffen worden. So muß
+eine Edeldame leben, und so muß sie sterben, finden Sie nicht?«
+
+Dieses »Edeldame,« wie sie es sagte, hatte Gesang.
+
+Erasmus hielt es für gut, sich in seiner Antwort weise zu beschränken.
+Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt, als daß es als Ideal
+aufgestellt werden könnte, zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber
+anlange; auch gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten
+ungebührlich zu übertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er
+beurteilen könne, nicht so expansiv, auch werte man die Frauen nach
+einem andern Maßstab. Es gehe alles in die Enge, und man werde Mühe
+haben, man werde froh sein, sich in der Enge zu behaupten.
+
+Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugehört und ihn mit funkelnden Augen erst
+unwillig, dann schalkhaft von oben bis unten gemustert hatte, rief sie
+aus: »Erasmus, die Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgroßmutter
+Barbara der Angstschweiß ausbricht.«
+
+Er schaute etwas blöde hin und schüttelte ärgerlich den Kopf. Hierauf
+sah er das Mädchen an, das auf Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen
+Unverschämtheit vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam
+das Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er näherte sich ihr,
+und Aglaia lachte. Sie verschränkte die Hände im Nacken und straffte
+sich. Er warf einen hastigen Blick nach der Tür und küßte sie rasch auf
+den Mund. Sie schloß eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch
+viel leiser, und lief davon.
+
+ * * * * *
+
+Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen erlaubt, durch
+stille Vereinbarung zugestanden, und man erwartete es sogar. Vor der
+wich er feig zurück, aber ohne sich zu entziehen und ohne zu verzichten.
+Die andern waren ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter
+allen Vieren richtete er Verwirrung an.
+
+Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verführer. Er war voller Gewissen
+und Rechtschaffenheit. Er verführte durch seine Weise, zu sein, die
+keine ränkevolle und unternehmende Weise war, noch weniger eine
+lasterhafte, nur eine biegsame und empfängliche. Er verführte durch
+Verführbarkeit; weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam
+wandelten; weil er der ergebenste Zuhörer war und der bereitwilligste
+Beistimmer; weil er mit der Miene des Kameraden und Freundes halb
+schüchterne, halb kühne Versprechungen gab, die nichts mehr mit
+Kameradschaft und Freundschaft gemein hatten; weil er das besaß, was Lix
+Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen nannte.
+
+Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht geheuer zumut. Er
+hatte sich zu vieler Vorstellungen zu erwehren; zu vieles mischte sich
+an Bild und Lockung. Es hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu lösen
+und dem nächsten sich hinzugeben. Es beschäftigte, die Gebiete
+abzugrenzen, die Worte zu wägen, die übernommenen Verbindlichkeiten
+nicht zu verwechseln. Beziehungen knüpften sich ins Unentwirrbare. Eine
+geflüsterte Frage verstrickte; Tausch von Blicken enthüllte ein
+Komplott; Lächeln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt,
+körperliche Nähe voll Heimlichkeit; die Gebärde wurde zur Verräterin;
+jedes Augenpaar bewachte ein anderes, haßte die Huldigung, den Glanz,
+den Wetteifer des andern, und er mußte darauf bedacht sein, zu glätten
+und vor allem, daß in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand.
+
+Sebastiane beugte sich über ihn mit einer gefüllten Fruchtschale; alle
+konnten zusehen; man war bei Tisch. Unhörbarer Alarm dennoch: mußte sie
+so dicht an ihn heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter
+ihrer bloßen Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst, der nach
+vollkommener Reinheit lechzt. Er wußte nicht, wo er einmal das Wort
+vernommen: junge Witwenschaft ist ein Bad.
+
+Aglaias Kuß hatte ihn lüstern gemacht. Er träumte von ihren kostbar
+dünnen Gelenken. Der Ausspruch der Frühentschlossenen wollte ihm nicht
+aus dem Sinn: ich werde mich niemals verkaufen, ich werde mich
+verschenken. Und ihre Augen, dünkte ihn, hatten hinzugefügt: heute
+nacht, wenn du willst.
+
+Mit Polyxene saß er am Kaminfeuer im Salon, und sie las ihm mit
+sehnsüchtiger Stimme aus einem Buch über Metempsychose vor. Sein Blick
+hing an ihren Händen, die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt
+umdrehte, glaubte er die elfenbeinkühlen Finger knisternd an seiner Haut
+zu spüren. Er erzählte von einer Begegnung und einem Gespräch mit einem
+Brahmanen in Benares, und sie lauschte mit geneigtem Kopf, während
+Reflexe des Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und lächelte eigen
+zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten und was sie
+sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht.
+
+Mit Pauline ging er am Fluß entlang; plötzlich gewahrten sie im Gebüsch
+neben dem Weg ein umschlungenes Paar, schamlos, blind und taub. Es war
+außerordentlich peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte
+weiter verließ sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr
+gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand sie abzulenken,
+und indem er redete, schien ihm, daß sie sich vertrauensvoll an ihn
+drängte, unbewußt, wie ein junges Tier. Da erschrak er und wurde
+ängstlich; nahm seine Worte in acht, fühlte sich als Sünder und geriet
+doch ins Netz.
+
+In einer Stimmung zwischen Selbstvorwürfen und Überschwang setzte er
+sich in der Nacht hin, um an Marietta zu schreiben. Es wurde nichts
+daraus. Er fing dreimal an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal,
+weil er inne wurde, daß er in seinen Eröffnungen zu weit ging; einmal,
+weil er mit Erstaunen bemerkte, daß er ihr eifersüchtige Vorhaltungen
+machte und einen Zustand seines Innern schilderte, von dem er erst
+erfuhr, als er ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und
+vollständig unzusammenhängende Epistel entstand, die wohl seine
+Verfassung am getreuesten, aber auch am unerquicklichsten malte. Da ging
+er unzufrieden zu Bett, und um einschlafen zu können, zählte er von eins
+bis tausend und in die graue Unendlichkeit weiter.
+
+Am andern Tag traf ein Telegramm von Ferry Sponeck ein, welches lautete:
+Komme morgen mit meinem Freund Eugen Sparre. Nun wußte jedoch niemand,
+weder die Gräfin, noch eine der Töchter, wer Eugen Sparre war; sie
+wunderten sich und rieten hin und her. Erst Georg Ulrich Castellani
+konnte sie aufklären, als beim Mittagessen davon gesprochen wurde. Er
+lachte unter seinem gewölbten Schnurrbart, der den Mund wie ein
+schwarzseidener Vorhang bedeckte, und sagte: »Sparre, ach ja, ich
+erinnere mich, Ferry hat mir von ihm erzählt. Er ist ein junger
+Mediziner oder angehender Arzt, der in einem herausfordernden Gegensatz
+zur gesamten bisherigen Wissenschaft steht und seine eigenen, ich weiß
+nicht ob bewährten oder fragwürdigen, wahrscheinlich aber fragwürdigen
+Methoden verfolgt. Ferry hat ein unsinniges Penchant für ihn, seit er im
+Sommer an einer Neuralgie gelitten und ihn dieser, wie war der Name?
+Sparre? und ihn dieser Sparre, wie er Stein und Bein schwört,
+vollständig geheilt hat. Man muß Ferry seine kleinen Bêtisen nachsehen.
+Manchmal greift er über sein Ressort, aber es ist harmlos. Das Harmlose
+kränkt einen nicht.«
+
+Die Damen zeigten Interesse für den unbekannten Sparre; Aglaia sagte,
+vielleicht habe er auch für die Pferdekuren etwas Neues erfunden; der
+Falb fresse seit gestern nicht, und sie wolle Herrn Sparre um eine
+Ordination bitten. Worauf die Gräfin verweisend bemerkte, man habe
+schaffenden Menschen mit Respekt zu begegnen; daß einer Sparre heiße,
+sei noch kein Grund, sich über ihn lustig zu machen, im übrigen sei ja
+Ferry Sponeck alt genug, um zu wissen, wen er zu seinen Freunden bringen
+dürfe.
+
+Während des Nachtischs kam der Verwalter und berichtete über Unruhen,
+die in einigen Dörfern der Umgegend ausgebrochen seien. Eine bewaffnete
+Bande habe in vergangener Nacht die Försterei des Fürsten Colalto
+überfallen.
+
+Castellanis Gesicht verdüsterte sich, und er sagte: »Bien, man wird
+schießen.«
+
+»Und Sie, Erasmus?« fragte Sebastiane, den Arm um die Schulter ihres
+ältesten Mädchens legend, »werden Sie uns verteidigen?«
+
+Er antwortete: »Ich wollte, ich wäre so beredt, Sie darüber beruhigen zu
+können.«
+
+Die Gräfin und Georg Ulrich Castellani begannen ihre gewohnte Partie
+Piquet zu spielen.
+
+ * * * * *
+
+Das Wunderliche der Paarung von Ferry Sponeck und Eugen Sparre blieb
+auch nach der Ankunft der beiden bestehen. Man lernte in diesem Sparre
+einen ungefähr sechsundzwanzigjährigen, brünetten, untersetzten, nicht
+ohne Sorgfalt gekleideten, äußerst wortkargen Menschen mit
+zurückhaltenden Manieren und angenehmen, schauspielerhaft markanten
+Zügen kennen, von dem nicht erfindlich war, was ihn an die Person des
+Grafen Sponeck fesselte. Ferry Sponecks ihn rühmende Reden ließ er
+gleichmütig über sich ergehen und bat die Zuhörer durch einen kühlen
+Blick um Entschuldigung, man wußte nicht, ob für sich oder seinen
+Gönner. Manchmal hatten diese Lobpreisungen allerdings einen Ton, wie
+wenn einer eine Jagdtrophäe oder eine klug erhandelte Antiquität
+vorweist; doch hegte Ferry Sponeck wie fast alle ungebildeten und
+gutherzigen Aristokraten eine grenzenlose, mit Aberglauben gemengte
+Bewunderung für Leute der Wissenschaft. Es hatte den Anschein, als
+betrachte er Eugen Sparre als seinen Leibarzt; er richtete alberne
+Fragen an ihn, betreffend die Hygiene, die Gefahren der Ansteckung, die
+Grundsätze der Prophylaxis und war bemüht, ihn zur Gesprächigkeit zu
+ermuntern; dabei blickte er so ergeben zu ihm auf und hing so
+ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, daß sein Betragen zum Spott aller
+wurde.
+
+Als die Gräfin mit jener um ein Gran zu nachdrücklichen Herzlichkeit,
+mit der man Fremdheit und soziale Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre
+ihrer Freude versicherte, ihn bei sich begrüßen zu dürfen, erwiderte er,
+er müsse die Verantwortung dafür dem Herrn Grafen aufbürden, der den
+Aufenthalt und die Gastlichkeit auf Rienburg so verlockend geschildert
+habe, daß er nicht widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht
+zu stören, fügte er hinzu, ohne zu merken, daß diese Bescheidenheitsfloskel
+eine Grobheit und eine Selbstdemütigung enthielt, er habe eine
+angefangene Arbeit mitgenommen, der er den größten Teil des Tages widmen
+müsse.
+
+Seine tiefe Stimme hatte übrigens dieselbe orgelnde Resonnanz wie die
+Georg Ulrich Castellanis.
+
+Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht mit den
+beobachtenden Augen sich gegenüber zu haben. Auch die andern fühlten
+sich gedrückt, und die Unterhaltung floß spärlich, obschon die Gräfin
+beflissen war, sie in heitern Gang zu bringen. Man hatte auch neue
+Nachrichten über Plünderungen und Revolten, und was Sponeck von den
+Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wußte, war ebenfalls nicht
+dazu angetan, die Fröhlichkeit zu erhöhen. Auch unter den vier
+Schwestern herrschte gereizte Stimmung; Pauline saß mit gesenkten Lidern
+und nippte bloß von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen
+aufeinandergepreßt; Polyxene lächelte bisweilen wehmütig-entsagend; nur
+Sebastiane schien unberührt, und infolge der über ihre Züge gebreiteten
+Klarheit und kräftigen Ruhe war sie die schönste. Nach dem schwarzen
+Kaffee ging Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine Frage: ob
+es ein Zerwürfnis gegeben hätte?
+
+Er war umwölkt; in einer heißen Spannung. Diese vier wunderbaren
+Gestalten, in einem verzauberten Ring um ihn, stürzten ihn in süße
+Verzweiflung. Die ihn rief, der nahte er sich pagenhaft; mit der er
+Blick in Blick stand, an die vergab er sich. Er hätte alle vier in eine
+schmelzen mögen und die an sich reißen; und doch gelüstete ihn nach den
+Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und Dauer und Kunst
+und Selbstvergessenheit; sublimiert bis ins Traumgleiche, gesteigert bis
+zum Schmerz. Verhieß Lix eine strömende Passion aus lang verschüttet
+gewesener Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zärtlichkeit, die
+auszudenken war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer
+jungfräulichen Seele, erfüllt von beinahe schauerlichen Ahnungen der
+Wollust, und Aglaia die hinreißende Bizarrerie einer zugleich spröden
+und leidenschaftlichen Natur. Vereinigung quälender Geister; und hinter
+ihnen, über ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die Herrin war,
+ausgestattet mit heimlicherer und größerer Gewalt des Rufes und der
+Mahnung, halb Verlorene, halb Verstoßene.
+
+»Wir alle sind sehr unvernünftig,« sagte Sebastiane, ohne auf seine
+Erkundigung zu antworten. Sie schaute ihn freimütig an und setzte leise
+hinzu: »Soll uns nicht warnen, was draußen in der Welt vorgeht? Wir
+benehmen uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.«
+
+Erasmus verfärbte sich und murmelte: »Sie haben vielleicht recht.
+Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter geht vorüber. Man denkt, man
+muß alles zusammenraffen, was noch da ist an Glück und Genuß. Das #après
+nous le deluge# ist früher ein lustiges Wort gewesen, jetzt hat es einen
+lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist es ein Verbrechen, so zu denken,
+Sie haben recht.«
+
+»Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was uns unfähig macht,
+einander zu helfen,« erwiderte sie mit festem Ton.
+
+»Also muß man sein Blut und Herz zum Schweigen bringen?« fragte er und
+stand hingebungsvoll dienend vor ihr.
+
+Sie riß eine Azaleenblüte vom Strauch und zerrupfte sie. »Ich glaube,
+Sie müssen redlich handeln,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen. Er
+nahm ihre feine weiße Hand und preßte seine Lippen darauf, entzückter
+als vorher, weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den
+dämmerigen Gang näherte sich Aglaia; sie sang mit leiser Stimme und ihre
+Augen blitzten vermessen.
+
+Den Nachmittag über schrieb er Briefe und ließ sich zum Tee
+entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die Briefe ins Dorf zu
+tragen, begann es heftig zu regnen; er schickte einen der Diener und
+blieb in seinem Zimmer. Aus dem untern Stockwerk tönte Klavierspiel, und
+zwar sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehört. Es mußte Sparre
+sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war etwas Finsteres um den
+Namen und um den Mann. Es gab jetzt viele solche, man hatte früher nicht
+auf sie geachtet, jetzt nötigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach,
+warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und entsann sich, daß er
+einstmals in der Mandschurei ein chinesisches Schnitzwerk mit
+höhnisch-bösen Zügen gesehen, eine Gottheit des Verderbens, alle Tücke
+verhalten, der Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn
+Sparre, nun wußte er es, obwohl der Götze abstoßend häßlich gewesen,
+dieser dagegen hübsch und wohlgestaltet zu heißen war. Aber etwas war
+gemeinsam.
+
+Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne auf das
+Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf er mit Lix zusammen. Sie war
+strahlend in ihrem Kleid aus dunkelgrüner Libertyseide und der
+Perlenschnur um den Hals. »Schade, daß Sie nicht da waren,« redete sie
+ihn an, »er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.« Erasmus lachte im
+Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und erwiderte, er liebe
+Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre an ihnen vorüber, im Cutaway,
+nicht im Smoking wie die übrigen Herren, und verbeugte sich zeremoniös.
+
+Auf dem mit schwarz und weißen Platten gepflasterten Flur ging Pauline
+mit dem Katecheten auf und ab, der zum Abendessen geladen war. Die
+Gräfin schien unruhig; sie erzählte Erasmus, der Postmeister sei vor
+einer Stunde dagewesen, um mitzuteilen, daß die Telegraphen- und
+Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Während sie noch sprach,
+trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, und sagte, der Nordhimmel
+sei von starker Brandglut überzogen. Alle eilten an die Fenster des
+Speisesaals; gesättigter Purpurschein quoll über den Horizont empor.
+
+Wo mag das Feuer wüten? fragte man einander beklommen. Es wurden die
+Dörfer und Landsitze aufgezählt, die in der Richtung lagen. Erasmus
+drehte sich hastig um. Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der
+Katechet. Sebastiane schüttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth liege
+mehr nach links, dem Wald zu, eher könne es der Elmhof sein, dort
+befinde sich eine Branntweinbrennerei. Ferry Sponeck erkundigte sich mit
+gepreßter Stimme, ob das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft
+stellen könne; die Gräfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und dem
+Bürgermeister darüber gesprochen; beide seien der Meinung, daß
+verläßliche Leute kaum aufzutreiben seien, doch sei vorläufig nichts zu
+fürchten.
+
+Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte, mußten die Fenster
+geschlossen werden. Die Gräfin zog Erasmus beiseite. Lächelnd, doch mit
+schnell und scharf prüfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gerücht,
+welches man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, daß Gräfin Giese
+gegenwärtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er davon wisse? Ja, er
+wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, es habe sich so gefügt; der
+lächelnde Blick der Gräfin verwirrte ihn, er lächelte gleichfalls,
+jedoch ohne Freiheit und wollte eine hastige Versicherung geben, aber
+die Gräfin ersparte ihm dies feinfühlend, indem sie ihm freundlich
+zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann nahm sie seinen
+Arm, und man ging zu Tisch.
+
+ * * * * *
+
+Die allgemeine Laune wurde munterer während des Essens. Die zerstreuten
+Gespräche verstummten aber nach und nach, und alle hörten Georg Ulrich
+Castellani zu, der heute seinen glänzenden Tag hatte, wie die Gräfin
+sagte.
+
+Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft im Rauchzimmer um
+den Kamin niedergelassen hatte, war Castellani zu einem seiner
+Lieblingsthemen gelangt, der Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des
+Fünften.
+
+Er sagte: »Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen wie eine dunkle
+Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren Vorhang aus Goldbrokat. Es
+klingt ja ein wenig ridikül, daß einem ein Autokrat aus dem sechzehnten
+Jahrhundert, längst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll
+und näher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; aber es ist
+so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in solchem Ausmaß von der
+Geschichte nicht mehr wiederholte Verkörperung absoluten Herrschertums.
+Das sagt sich so: absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es
+bedeutet #pur et simple# einen Gipfel der Welt, eine Kulmination der
+Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der Hand gegeben hat, war
+genau genommen die, in der der Untergangs- und Auflösungsprozeß Europas
+begonnen hat. Man ist sich darüber nicht genügend klar. Es ist ja auch
+kein Wunder, denn was für horrible Karrikatur haben die bestallten und
+die andern Historienschreiber aus ihm gemacht! Einen boshaften
+Phlegmatiker; einen reizbaren Kränkling; einen feigen Despoten. In
+Wirklichkeit war er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann.
+Natürlicherweise; der absolute Herrscher muß vollkommen einsam sein,
+anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche Tiefe der Dissimulation! Die
+Dissimulation entstand bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der
+menschlichen Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. In
+seiner Einsamkeit und seiner Höhe erschien ihm alles sehr klein und sehr
+wandelbar und sehr relativ; Worte, Verträge, Leidenschaften, Miseren,
+Not und Tod, alles sehr illusorisch. Daher auch seine profunde
+Menschenverachtung. Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind
+Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher auch sein Respekt
+vor der Kunst; denn da trat ihm ein Absolutes entgegen gleich ihm
+selbst. Wie mysterios er war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort
+mit langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser erschloß.) Er
+konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, schon als Kind nicht. Da
+gibt es eine Anekdote, wie einer der gefangenen Kurfürsten, ich glaube,
+der Landgraf von Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund
+die Lippen verzieht, so daß es aussah, als ob er lachte, in Wirklichkeit
+war ihm ganz anders zumut, und wie dann der Kaiser in seinem
+brabantischen Deutsch drohend vor sich hinmurmelt: wart, ick will dir
+lacken lehr. Welche tenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich
+ging die Sonne nicht unter, und er haßte den Sonnenschein. Ihm war die
+größte Machtgewalt verliehen, die je ein Sterblicher besaß, und er
+suchte Zuflucht in einem Kloster strengster Observanz. Auch Gott
+gegenüber dissimulierte er. Auch Gott war seinem unvergleichlich
+mysteriosen Geist nur eine Form. Worüber er am meisten grübelte, war die
+Versuchung Christi. Das quälte ihn, das begriff er nicht. Raum und Zeit
+waren ihm Gespenster; und das war begründet in den maßlosen Erfüllungen
+dieses Lebens, die maßlosen Ekel in ihm erregten. So erklärt sich auch
+sein beständiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; und seine
+kuriose Liebhaberei für Uhren, die alle, soviel deren auch waren, auf
+dem Zifferblatt übereinstimmen mußten. Dissimulation. Freilich, sein
+Vater trug ja als Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige
+Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die Länder, und damit
+sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte sie ein Uhrwerk an die Stelle
+des Herzens. Das mußte Einfluß auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische
+Umbiegung der Seele von der Majestätisierung in die Mechanisierung,
+d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild einer neuen Zeit. Ja,
+die Uhr war vielleicht sein Idol und sein Menetekel. Und doch war er der
+Bewahrer; Bewahrer des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom
+heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn hätte die Kirche längst
+aufgehört zu existieren. Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt,
+Jahrhunderte lang.«
+
+»Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen und Marterwerkzeugen,«
+ließ sich eine Stimme vernehmen, in der Klangfarbe so wenig
+unterschieden von der des Grafen, daß die andern des schneidenden
+Widerspruchs zuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet
+gewesen, da er, während Georg Ulrich gesprochen, den Blick unauffällig
+auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas aus der Reihe gerückt, zwischen
+Lix und Ferry Sponeck saß, mit einem spöttisch-düstern Lächeln um den
+Mund. Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte ihn
+nicht, auch nicht die ängstlich an ihm hängenden Augen Sponecks; kühl
+fuhr er fort: »Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt um den Preis
+von hunderttausenden verbrannten Ketzern und hunderttausenden
+unschuldiger Mädchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; und
+um den Preis von hunderttausenden erschlagener und gemordeter Inkas und
+Azteken, und von hunderttausenden durch Alkohol und Syphilis im Namen
+des Kreuzes vergifteter Indianer;« der Katechet rückte auf seinem Stuhl,
+die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung gegen Pauline und Aglaia
+hin, wobei letztere den Kopf aufwarf und Sparre neugierig musterte. Aber
+der schien es nicht zu bemerken. »Ich will auch gleich sagen,« sprach er
+weiter, »daß es eine von den Jesuiten erfundene und böswillig
+verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht hat, die Syphilis
+sei aus Amerika gekommen. Es geschah wahrscheinlich zur höheren Ehre
+Gottes. Sie ist aus dem Orient gekommen, lange bevor die frommen
+Straßenräuber Cortez und Pizarro die blühenden Reiche dort drüben in
+bluttriefende Wüsteneien verwandelten. Aber wozu das alles,« unterbrach
+er sich achselzuckend, »Sie, Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich.
+Ich freilich verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch
+nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. Im Gegenteil,
+sie ist mir die Mutter des Übels, der fluchwürdigen Verschleierungen,
+deren sich die großen Herren bedient haben, um ihre kleinen Zwecke
+durchzusetzen, des systematischen Volksbetrugs und der politischen
+Brunnenvergiftung.«
+
+Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als wolle er sich der
+frostigen Betroffenheit entziehen, die rings um ihn die Gesichter
+zeigten.
+
+»Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos stichhaltig,«
+antwortete nach einer Pause Georg Ulrich Castellani mit ausgesuchter
+Artigkeit, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und eigentümlich
+triumphierend aussah. »Aber ich wollte ja nicht Zustände und Fakten
+kritisieren, das steht außer meiner Kompetenz, sondern eine Figur, die
+meine Fantasie enflammiert, dem Verständnis näher rücken. Daß eine
+gewisse liberale Phraseologie, oder auch eine radikale, wenn Sie wollen,
+es läuft im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur gegen
+diese Figur in Bewegung setzen muß, gebe ich Ihnen gerne zu. Heutzutage
+liegt das auf der Hand und erfordert auch geringen Mut. Blutbäder sind
+etwas unendlich Schreckliches; selbstverständlich. Aber sind sie durch
+die Volksbeglücker verhindert worden? Haben die Robespierre und die
+Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger Blutschuld auf dem
+Gewissen als die Dschingischan, die Attila, die Napoleon und Friedrich?
+Wir wollen hier doch nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es
+geschieht uns weh genug, daß es unserer Welt an großen Herren fehlt, von
+großen Männern nicht zu reden. Ein unabwendbarer Prozeß; das Urgestein
+ist zerrieben; was übrig bleibt, ist Schlamm und Kot. Wohin führen die
+Ausschweifungen des Gefühls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns hält
+die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; spielt die Zahl
+und die Modalität des Sterbens letzten Endes eine Rolle? Dieser Planet
+ist nun einmal ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergnügen darin
+finden, die Massengräber zu durchwühlen, so macht es den andern Freude,
+vor den ehrwürdigen Monumenten ihre Andacht zu verrichten.«
+
+»Ich möchte niemanden in dieser Freude stören,« sagte Sparre trocken.
+
+»In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles sein
+konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis mehr für die Menschen,«
+fuhr Castellani fort, »Majestät, gesalbte Majestät, das war die oberste
+Spitze der Welt, das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der
+zufällige Repräsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht darf
+ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines meiner Vorfahren
+illustrieren; vielleicht kann ich damit unserer Diskussion die Schärfe
+nehmen, was den Damen nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte
+fast zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig
+vergröbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon.
+Sonderbarerweise schlägt sie ebenfalls in das von Herrn Sparre so
+verpönte Kapitel der Dissimulation. Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am
+Hofe Ludwigs des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich,
+wurde vom König mit einem Auftrag von höchster Importanz zum Kaiser
+Leopold nach Wien geschickt. Er trifft eines späten Abends ein, kleidet
+sich um, sendet seinen Jäger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft
+melden zu lassen und folgt ihm in kürzester Zeit nach. Man teilt ihm
+mit, daß die Majestät ihn erwartet. Man führt ihn durch halbfinstere
+Korridore und eine Reihe ganz finsterer Gemächer, vor einer Tür bleibt
+der Lakai stehen und heißt ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in
+den er tritt, mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze
+darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem Tisch, mit dem Rücken
+angelehnt, die Arme verschränkt, in nachlässiger Haltung und ziemlich
+verdrossen, steht ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der
+Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener Kämmerer, in
+der Meinung überhaupt, es sei die Antichambre, wo er sich befindet,
+fängt an auf und abzuschreiten, wobei seine Gebärden und sein
+Mienenspiel schlecht bemeisterte Ungeduld ausdrücken. Der Mann am Tisch
+mit den verschränkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein
+Aufundabschreiten nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf,
+bleibt ernsthaft und vollkommen still. So vergeht eine Viertelstunde,
+eine halbe Stunde, endlich wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich
+etwas brüsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, ob der
+Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. Da antwortet der Mann
+ruhig: »Der Kaiser bin ich.« Der Gesandte stürzt wie vom Blitz getroffen
+auf die Knie nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von
+seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser muß seine Leute rufen, die
+ihn laben und wieder zur Besinnung bringen müssen. Das war die Glorie,
+die Wirkung des Unbeschreiblichen, das Geheimnis.«
+
+Sparre lächelte gezwungen. Er antwortete: »Auf die Gefahr, es völlig mit
+Ihnen zu verderben, gestehe ich, daß ich da weder Glorie, noch Geheimnis
+erblicken kann. Ich sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und
+verächtlichen Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit und
+den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts von herzlosen, unwissenden,
+weltfremden und menschenfeindlichen Drahtpuppen auf dem Thron. Edle
+Rassetiere im besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mißbraucht, um
+zwischen den Nationen Zwietracht zu säen und dabei ihr Schäfchen ins
+Trockene zu bringen, Schmeichler und Dunkelmänner zu hohen Ämtern zu
+befördern und redlichen Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der
+Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und Lüge –«
+
+Erasmus erhob sich. »Ich glaube, wir brechen das überflüssige Gespräch
+ab,« sagte er scharf.
+
+»Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale zu reichen,«
+wandte sich Castellani mit heiterem Gesicht an ihn.
+
+»Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor,« sagte die Gräfin
+verbindlich.
+
+Sparre war ebenfalls aufgestanden. »Mich dünkt, dazu fehlt momentan die
+nötige Empfänglichkeit, Frau Gräfin,« erwiderte er mit steifer
+Verbeugung.
+
+Die Gräfin drehte sich zu Lix und spottete kaum hörbar: »Gaffen hat er
+sich bis jetzt genug geleistet.«
+
+Ferry Sponeck fuhr sich unglücklich durch die Haare, denn er merkte
+endlich, daß etwas nicht stimmte. »Sag mir doch, Mumu,« raunte er
+Erasmus zu, »was hat es denn eigentlich gegeben?«
+
+Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane, die neben Erasmus
+stand, horchte auf; dies Geräusch zu dieser Stunde war ungewöhnlich.
+Auch die andern lauschten. Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage:
+»Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? Offene Rebellion
+ist Satans Werk, hab ich dir gesagt. Hast gerade du uns den Satan ins
+Haus führen müssen?«
+
+Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den Stuhl der Gräfin
+gestellt und ihr im Herabbeugen ein paar Worte ins Ohr geflüstert. Die
+Gräfin sprang mit verändertem, erblaßtem Gesicht empor. Als die Töchter
+sie erschrocken umdrängten, sagte sie: »Frau von Gravenreuth ist
+angekommen, und ... und Gräfin Giese. Sie sind geflüchtet. Das Schloß
+brennt.«
+
+»Gott sei uns gnädig,« murmelte der Katechet.
+
+Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach in Tränen aus.
+Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte ihn wieder hin. Die Gräfin
+stürzte in den Flur. Erasmus, weiß wie Papier im Gesicht, wollte ihr
+nach, blieb aber vor der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging
+auf und ab und murmelte von Zeit zu Zeit: #»nom de Dieu; nom de Dieu,«#
+Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. Sponecks Krawattenschleife
+hatte sich gelöst, und er bemühte sich mit verstörten Mienen, sie wieder
+zu binden.
+
+ * * * * *
+
+Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben Uhr war eine Bande
+von zwölf Mann in das Schloß gedrungen und hatte Geld und Lebensmittel
+verlangt. Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe Geldes und
+zwei Säcke Mehl abgeliefert, und sie waren bereits im Begriff,
+weiterzuziehen, als einige von ihnen im Hof mit dem Kutscher in Streit
+gerieten. Tumult entstand, fünf Minuten später lohten Flammen aus dem
+Dach des Stallgebäudes. Was sich dann weiter begeben hatte, wie sie mit
+rasch zusammengerafften Habseligkeiten auf den Bauernwagen gelangt
+waren, woher der Wagen mit den zwei Pferden mitten im strömenden Regen
+gekommen und wer ihn gebracht, vermochten die Flüchtlinge nicht zu
+sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das brennende Schloß hinter sich,
+davongefahren, so schnell die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein
+sechzehnjähriger Bauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta
+Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf die Haut
+durchnäßt, mit klebenden Gewändern, triefenden Haaren, wie
+Schiffbrüchige.
+
+Marietta mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Sie fieberte und war
+keines Wortes mächtig. Man schickte um den Arzt ins Dorf. Der Katechet
+erbot sich, im Dorf junge Leute aufzubringen, die bereit wären, das Haus
+zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene und einfache Dame von
+fünfzig Jahren, hatte auch in dieser Lage ihre Haltung nicht eingebüßt.
+Als sie umgekleidet war und für Wolfs Nachtlager gesorgt hatte,
+erstattete sie genaueren Bericht. Sie äußerte Angst um Marietta. Lix und
+Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. Die Gräfin war beschäftigt,
+Anweisungen wegen der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und
+fand Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter vier
+Augen zu wechseln: »Hatten Sie nicht noch einen Gast, Baronin?« fragte
+er vorsichtigen Tons; »Marietta sprach davon –« Frau von Gravenreuth
+antwortete: »Ja, Herr van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern
+telegraphisch abgerufen worden. Manche haben einen guten Stern.« Sie sah
+Erasmus forschend an. »Und wer ist der Knabe?« fragte Erasmus weiter.
+Sie erwiderte: »Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner
+Geburt in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie war meine
+beste Freundin. Es ist ein schönes Kind, nicht wahr?« Wieder sah sie ihn
+mit ihren forschenden, glanzlosen Augen an; »ich hoffe nur, daß diese
+Eindrücke seine junge Seele nicht verdunkeln,« fügte sie hinzu, »meine
+wird sich nie mehr von ihnen befreien können.« Erasmus nahm ihre Hand,
+führte sie an die Lippen und sagte: »Ich empfinde tief mit Ihnen, bis
+ins Innerste, und das ist kein leeres Wort. Ich kenne die Größe der
+Katastrophe.«
+
+Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht zurück, der Doktor
+könne nicht kommen, da er selbst an Grippe schwer erkrankt sei. Gleich
+darauf erschien Sebastiane und sagte, Gräfin Marietta befinde sich sehr
+schlecht, das Fieber steige zusehends, auch klage sie über heftige
+Kopfschmerzen. Die Gräfin sprach zu Helene Gravenreuth: »Ich bin ratlos;
+der nächste größere Ort ist über eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn
+ich auch bei solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend
+jemand schicken könnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt mitten in
+der Nacht herüberkommt.«
+
+Frau von Gravenreuth antwortete: »Unmöglich kann man sie noch
+stundenlang ohne ärztliche Hilfe lassen –«
+
+Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. »Wenn ich mir erlauben darf,
+meine Dienste anzubieten, Frau Gräfin,« sagte er mit seiner
+verschlossenen Höflichkeit, »so glaube ich, den hiesigen Kollegen
+ersetzen zu können.«
+
+Die Gräfin machte eine freudige Bewegung und sagte zu Frau von
+Gravenreuth, die aufatmete und Sparre dankbar anschaute: »Herr Sparre
+ist ein geistreicher junger Mediziner von der neuesten Schule;« dann zu
+Sparre: »Es fügt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Güte haben
+wollen –«
+
+Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum mächtig, auf Ferry Sponeck
+zugegangen. Er packte ihn am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden
+Ungestüm in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit
+drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden Lippen und
+Augenlidern: »Hör mich an, Ferry. Das mußt du verhindern. Um jeden
+Preis verhindern, sonst sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da
+du schon die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, so
+erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, daß er in
+Mariettas Zimmer geht, verstehst du? Nicht zu ertragen der Gedanke, daß
+er sie anrührt, daß er ... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin,
+sprich mit ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. Als
+Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem Vorsatz beharrt, sag
+ihm, daß ich ihn einfach niederknallen werde. Ohne Umstände, verstehst
+du? Spute dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Daß er über die Geschichte
+gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. Vielleicht
+erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf er an ihr Bett. Eher mag
+sie sterben.«
+
+Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehört. Doch er hatte
+begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand sah, begriff er die Gefahr.
+»Beruhige dich, Mumu, es wird gemacht,« sagte er, ging ins Zimmer
+zurück, bemerkte, daß Sparre sich eben von den Damen entfernte und mit
+Sebastiane zur Tür schritt. Er folgte ihm. Draußen rief er: »Sparre! auf
+ein Wort,« und er verschwand mit ihm im dunklen Teil des Flurs.
+Sebastiane ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre würde
+nachkommen.
+
+Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl einem der Diener, ihm
+Mantel und Hut aus seinem Zimmer zu holen, rief den alten Niklas und
+erklärte ihm, daß er selbst zum Arzt nach Grünau fahren wolle, man möge
+den Kutschierwagen anspannen lassen. »Herr Graf können nicht allein
+fahren,« wendete Niklas bestürzt ein, »es ist Mitternacht, die Straße
+stockfinster und grundlos, außerdem –« Erasmus schüttelte ungeduldig
+den Kopf. »Ich fürchte mich nicht,« schnitt er die Rede des Alten ab,
+»wenn niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, muß
+ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. Machen Sie nur kein
+Aufsehen, die Gräfin braucht zunächst nichts zu wissen.«
+
+Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und Erasmus traten auf den Hof
+und ins Stallgebäude. Man weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut
+war, die Pferde dem Unwetter preisgeben zu müssen. Ein junger
+Stallbursche, von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, war
+willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten die beiden flinken
+Tiere vor dem leichten Wagen über die Chaussee, in eine Finsternis
+hinein, die ein schwarzer Schwamm war. Im Norden stand noch immer
+Brandröte.
+
+Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze umgeschlagen,
+die ihm der Kutscher gegeben. Bäume flogen vorüber, Telegraphenstangen,
+Häuser, Brücken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; die Hufe
+der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus ins Nasse. Über ihre
+nickenden schwarzen Köpfe hinaus starrte Erasmus auf die von den
+Wagenlaternen schwach beleuchtete Straße und in den matten Lichtkegel,
+durch den der Regen in glitzernden Strähnen fuhr. Bei jeder Weggabelung
+zog er die Zügel an und wechselte ein Wort mit seinem Begleiter, der
+schlaftrunken döste.
+
+Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, fiebergequält in den
+Kissen; der vertraute Körper litt; Lix und Sebastiane huschten bisweilen
+lautlos durch das Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das
+Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hämisch-aufmerksames Gesicht;
+Inbegriff des Hassenswerten. Woher dieser Haß, der seinem Gemüt sonst
+unbekannt war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll in
+die Nacht hinausträumen; und Aglaia mit wissend und trotzig funkelnden
+Augen ihn messen; und wieder Marietta, von Schmerzen bedrängt, sterbend
+vielleicht; und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles gerann
+zu Nebel. Wie müde man wurde. Schön und schlank war der Knabe ...
+
+Die ersten Häuser der kleinen Landstadt tauchten auf.
+
+Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer zurück. Marietta
+phantasierte. Man hatte sie in feuchte Tücher gewickelt. Sparres
+unerklärliche Weigerung, die Behandlung zu übernehmen, gleich nachdem er
+sich dazu angeboten, hatte auf alle wie neues häßliches Unheil gewirkt.
+Er hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen und durch Ferry Sponeck die
+Absage geschickt. Ferry Sponeck beschwichtigte die entrüstete Gräfin, so
+gut er konnte; schließlich gab er sein Wort, daß Sparre ohne Schuld sei;
+es hätten sich Umstände ereignet, durch die er gezwungen worden sei, zu
+verzichten. Die Gräfin erwiderte unwillig, sie verstehe keine Silbe. Da
+sagte Georg Ulrich Castellani malitiös: »Unser Freund Erasmus hat seine
+#bête noire# entdeckt, das wird es wohl sein.«
+
+Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rückte nur langsam ins Licht
+und völlig offenbar wurde er erst, als sich herausstellte, daß Erasmus
+heimlich und trotz Sturm und Unsicherheit der Wege nach Grünau gefahren
+sei, um den Arzt zu holen.
+
+Graf Castellani sagte: »Mir fällt da die Geschichte von einem Marquis de
+Surêsne ein, der den größten Widerwillen gegen Jakobiner und
+Sansculotten hegte, obwohl er nie im Leben einen dieser Leute gesehen
+hatte. Eines Tages wurde er in der Nähe seines Schlosses in der
+Normandie von Räubern angefallen; auf sein Geschrei kam ihm ein des
+Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete ihn mit fabelhafter Bravour.
+Der Marquis erschöpfte sich in Danksagungen, als es sich aber später
+erwies, daß sein Lebensretter einer der Führer der von ihm so sehr
+verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hängte sich auf;
+denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem erklärten Feind des
+Menschengeschlechts verdanken. Es ist absurd, gewiß, aber es hat
+Charakter. Ich liebe solche Absurditäten; ich sammle sie, wie andre
+Leute Münzen oder Stockgriffe sammeln.«
+
+Jedoch die Gräfin war sichtlich verstimmt.
+
+ * * * * *
+
+Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor Schmidthammer für
+den Rest der Nacht am Krankenbett. Erasmus vermochte einige Stunden zu
+schlafen. Als er sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die
+Fenster öffnete, wunderte er sich über den wolkenlosen Himmel und die
+wasserhelle Bläue der Luft.
+
+Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverändert hoch, aber
+die Kranke liege jetzt still, mit starren Augen, wie bewußtlos. Frau von
+Gravenreuth sei bei ihr.
+
+Der Morgen war so nüchtern, so glasig; der ganze Tag blieb so; der
+Sonnenschein so lügnerisch, die Dinge so deutlich, so kalt; der Fuß
+klebte im Schreiten. Erasmus frühstückte mit Sponeck allein; die Damen
+schliefen noch. Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt,
+heute abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station gewesen, um
+sich nach den Zügen zu erkundigen; er sei außer sich, da er erfahren
+habe, der Eisenbahnverkehr sei für die Dauer von drei Tagen
+eingestellt. Furchtsam hielt Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus
+gerichtet.
+
+»Das ist höchst fatal,« murmelte Erasmus.
+
+»Er wird das Zimmer nicht verlassen,« tröstete Ferry Sponeck; »er wird
+Unpäßlichkeit vorschützen und die Mahlzeiten oben nehmen.«
+
+»Es ist trotzdem fatal,« beharrte Erasmus.
+
+Nach wenigen Stunden fühlte er sich derart im Hause, als seien Türen
+offen, die hätten geschlossen und andere geschlossen, die hätten offen
+sein sollen. Er grübelte darüber nach wie er es anstellen könnte, zu
+Marietta zu gelangen. Durch alle Wände sickerten Wehelaute aus ihrem
+Mund.
+
+Die Gräfin begrüßte ihn kühl. Er fand es notwendig, ihr Aufklärungen zu
+geben. Er wurde beredt. »Sie müssen es verstehen, Gräfin,« sagte er.
+»Der Mann peitscht mir das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das
+er spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Spüren Sie es nicht
+auch? Sehn Sie nicht, daß sich in diesem Gesicht alles Böse
+zusammengeballt hat, der ganze Jammer, unter dem wir keuchen, die
+Anmaßung der gottlosen Kreatur, der Zynismus, der unsere Altäre besudelt
+und den Purpur mit Füßen tritt –?«
+
+»Der? gerade der?« rief die Gräfin, halb belustigt, halb entsetzt; »Sie
+übertreiben, Erasmus, Sie übertreiben ungeheuerlich.«
+
+»Ich übertreibe so wenig, daß alles, was ich nicht auszudrücken vermag,
+mir noch zehnmal schrecklicher, noch zehnmal beweiskräftiger erscheint.
+Wir sind die Opfer dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es
+steckt mir in den Nerven, und hätten wir mehr Witterung für dergleichen
+Subjekte, so wäre es nicht so weit mit uns gekommen, daß wir wie
+Schlachttiere unsern Hals hinhalten müssen. Er ist nicht bloß ein
+Exponent, er ist eine Inkarnation, glauben Sie mir, und daß er hier in
+unserer Mitte aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals.
+Sie müssen es begreifen, daß mir der Gedanke unfaßbar gewesen ist, ihn
+an das Lager einer Frau treten zu lassen, wenn auch als Arzt, was ändert
+das? bleibt er nicht Sparre, derselbe Sparre? mit seiner ganzen
+Wissenschaft Sparre? einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch
+immer nahe steht. Sie müssen das begreifen.«
+
+»Ich begreife, Erasmus, einigermaßen wenigstens,« antwortete die Gräfin,
+milder gestimmt; »aber, lieber Freund, begreifen auch Sie: die Situation
+ist unmöglich. Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die
+jungen Mädchen, – unmöglich. Auf irgendeine Manier müssen wir aus diesem
+Wirbel heraus. Irgend etwas muß beschlossen, muß getan werden.«
+
+Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink war nicht
+mißzuverstehen. »Ich bitte Sie, Gräfin, gönnen Sie mir Zeit,« flehte er;
+»vierundzwanzig Stunden Zeit, oder zwei Tage vielleicht. Ich bin völlig
+bouleversiert. Ich bin zu keiner vernünftigen Überlegung fähig.«
+
+Die Gräfin lachte. »Nun, nun,« besänftigte sie den Erregten, »machen Sie
+keine blutgierige Tigerin aus mir. Zwei Tage, natürlich, weshalb nicht;
+fassen Sie sich. Zur Desparation ist noch kein Anlaß. Mut, armer
+Freund.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, doch mit ungewichenem
+Mißtrauen noch in den Fältchen um die Augen.
+
+An dieses Gespräch schloß sich eines mit Pauline und ein Gang durch den
+Park mit Aglaia.
+
+Pauline saß lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne es recht zu wollen,
+trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte noch; er lächelte abwesend und
+schal. Die Freundlichkeit, mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie
+hob den Blick zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das
+Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerknüllte es in der
+Faust. »Ich denke fortwährend an Gräfin Marietta,« sagte sie; »sie war
+unbeschreiblich schön, als sie gestern naß und elend im Flur stand. So
+habe ich mir immer eingebildet, daß Märtyrerinnen aussehen müssen.« Sie
+stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden, unsteten schuldigen
+Blick wieder aus. »Darf man sich dem Neid hingeben?« fragte sie; »es ist
+Todsünde, ich weiß es, aber ich beneide Gräfin Marietta, ich beneide sie
+über alles Maß, über alle Worte, bis ins Geheimste meiner Seele beneide
+ich sie.«
+
+»Warum, Pauline?« fragte Erasmus betroffen, »warum beneiden Sie
+Marietta?«
+
+»Ich weiß es nicht,« flüsterte das junge Mädchen; »ich kann es nicht
+sagen. Aber wenn ein Wunder geschähe, und ich könnte von jetzt an bis
+zum Abend Marietta sein, und ich müßte zum Entgelt dafür in der Nacht
+sterben, nicht eine Sekunde lang würd ich mich besinnen.«
+
+»Wie sonderbar,« sagte Erasmus kopfschüttelnd. Ihm war zumut, als habe
+sie ihm mit ihren Worten die Glieder an den Leib geschnürt. Sie übte,
+während er auf sie niederschaute, auf das nordisch gelbe Haar, die
+samtene Wange, die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, quälende Macht
+über ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer banalen
+Ausflucht verließ er sie.
+
+Aglaia kam eben über die Treppe herunter. Sie forderte ihn auf, sie ins
+Freie zu begleiten. »Ich habe Sie gesucht,« sagte sie.
+
+Im Hörkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus schaute bisweilen
+zurück und verzögerte den Schritt, als ob er Wichtiges verabsäume, wenn
+er sich zu weit entfernte.
+
+»Sicher wünschen Sie uns alle miteinander dorthin, wo der Pfeffer
+wächst,« begann Aglaia mit ihrer rauhen, aber hellen Stimme, »wir sind
+Ihnen unsagbar lästig, und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man
+hat ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat ist mißglückt.
+Povero! Ich möchte Ihnen so gern aus der Patsche helfen, da ich uns
+schon nicht helfen kann. Wie machen wir denn das?«
+
+»Sie dürfen nicht so sprechen, Aglaia,« bat Erasmus.
+
+»Nichts da, ich will reden, wie mir ums Herz ist,« entgegnete Aglaia;
+»das ganze Arrangement hat mir ohnehin nie recht gefallen; je besser ich
+Sie kennengelernt habe, je weniger. Nun hat sich aber Pauline innerlich
+engagiert, und bei ihrer Veranlagung ist das kein kleines Unglück. Daß
+das Unglück viel größer wäre, wenn sie Ihre Frau würde, kann man ihr
+vielleicht sagen, aber sie wird es nicht einsehen. Unterbrechen Sie mich
+nicht, Erasmus, ich hab mirs in den Kopf gesetzt, Ihnen die Leviten zu
+lesen und will es auch tun. Es ist sträflicher Leichtsinn, daß Sie
+überhaupt ans Heiraten denken. Ist es Ihnen denn ernst damit? Gott
+bewahre. Sie machen es wie die Indianer auf dem Kriegspfad; Sie stecken
+sich bunte Federn auf den Schopf, bemalen sich das Gesicht, dann
+schleichen Sie sich durch die Wälder, um ein bißchen zu wegelagern. Und
+wehe der Squaw, die Sie in Ihren Wigwam führen. Was da geschieht; #je
+vois ça d’ici.# Wenn sie meine Freundin wäre, würde ich sie auf den
+Knien beschwören, sichs dreimal zu überlegen, und noch dreimal, und dann
+erst recht davonzulaufen. Womit ich nicht gesagt haben will, Erasmus,«
+sie blieb stehen und sah ihn mit einer Mischung von Schelmerei und
+fließendem Gefühl an, »daß ich Ihre Vorzüge nicht kenne. Sie sind nur
+nicht der Felsen, auf den ich bauen möchte.«
+
+»Es erstaunt mich, Aglaia,« antwortete Erasmus befangen, »daß Sie sich
+so urteilen getrauen; so dezidiert, so ... kühn. Wo haben Sie das her?
+Soviel Kenntnis, kleine Aglaia, wo nehmen Sie die her?«
+
+Sie sagte spöttisch: »Keine Geringschätzung gegen die Jahre, Erasmus.
+Solange es grauhaarige Dummköpfe gibt, darf es auch siebzehnjährige
+Komtessen mit gesundem Menschenverstand geben. Zwei Augen im Kopf sind
+zu allerlei nütze, und meine zwei Augen verraten mir, daß Sie jedes Herz
+lieblos zerzupfen, daß sich Ihnen schenkt. Es tut Ihnen leid, aber Sie
+können nicht anders.«
+
+Erasmus nickte melancholisch. »Wenn es nur nicht so schwer wäre,
+Aglaia,« erwiderte er mit seiner verdeckten Stimme; »man weiß nie das
+Richtige. Kommt es einem mal so vor, als hätte man sich zum Richtigen
+entschlossen, so machen einen die Leute durch ihre Reden wieder irre.
+Man liebt jemand, schön; aber weiß man denn, wie lang es dauert? Und die
+Betreffende bildet sich ein, es dauert ewig. Weiß man denn, was es mit
+der Betreffenden auf sich hat? ob sie sich nicht selber täuscht? ob es
+nicht ein Unrecht ist, wenn man sie glauben macht, sie sei einem so viel
+wie sie sein möchte? Das sind furchtbare Verantwortungen. Über einem ist
+ein Gesetz; das Gesetz muß man erfüllen; wenn aber der Augenblick da
+ist, wo es Ernst wird, traut man sich nicht, den Schritt zu tun, weil
+man Angst hat; die Verantwortung ist zu groß. Es gibt bestimmte Zeichen,
+aber vielleicht deutet man sie falsch. Geschehenes kann man nicht
+rückgängig machen. Ich darf mich nicht betrügen lassen von meinen
+Sinnen. Ich darf mir nicht genug sein. Ich bin bloß einer aus der Mitte
+heraus und bin Rechenschaft schuldig. Es darf mir kein Zweifel
+übrigbleiben. Wenn ich so einen Entschluß fasse, muß ich das Bewußtsein
+haben: Gott will es. Kann ichs noch unterlassen, so heißt das so viel
+wie Gott will es noch nicht. Man muß sich in acht nehmen und darf nicht
+vorwitzig sein.« Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn und sah
+kränklich aus.
+
+Aglaia faltete die Hände und blickte mit drolliger Verzweiflung gen
+Himmel. »O Erasmus,« seufzte sie, »Sie zerreißen mir das Herz. Und da
+gibt es Menschen, die einem harmlosen jungen Mädchen zumuten, Hoffnungen
+auf Sie zu setzen. Es muß ja jammervoll in Ihnen aussehen. Das ist
+schlimmer als die zehn ägyptischen Plagen. Nein; um Himmelswillen,
+niemals! Passen Sie auf, Erasmus,« fuhr sie zutraulich fort, »ich bin
+kein trockener Zunder, der beim ersten Funken Feuer fängt. Ich glaube,
+ich bin in Sie verliebt. Warum soll ichs leugnen? Ich glaube, ich könnte
+sogar Tollheiten für Sie begehen; nicht ganz große Tollheiten, gemäßigte
+nur. Ziehen Sie daraus keine Konsequenzen, bitte; lassen Sie es ein Wort
+sein wie guten Morgen. Jetzt, wo es eingestanden ist, ist ja Spiel und
+Zauberei davon weg. Und sehen Sie, wie hübsch, daß ichs gefunden habe,
+bei Spiel und Zauberei müßt es auch bleiben. Das andere, das muß
+schauerlich sein mit Ihnen. Nur eine Komödiantin oder eine Heilige
+könnte es aushalten.«
+
+Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene hinüber. Er hatte sein
+spleeniges Lächeln um den Mund. Spiel und Zauberei, ja, das war einmal,
+dachte er, das darf nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das
+Zifferblatt der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegene da
+gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte sich nicht
+ganz, wollte ihm scheinen.
+
+Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten gelangt.
+Sebastiane saß in der Sonne auf einem Gartenstuhl, vor ihr spielten ihre
+beiden Mädchen im Sand, und der siebenjährige Wolf sah ihnen zu. Als er
+Erasmus und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand
+entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick Sebastianes
+streifte das Gesicht Erasmus und das des Knaben. »Merkwürdig, wie
+ähnlich er Ihnen sieht,« sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend.
+
+Während Aglaia ins Haus ging, ließ sich Erasmus auf einem zweiten Stuhl
+nieder, und im spärlich fließenden Gespräch mit Sebastiane, die von der
+halbverwachten Nacht müde war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf
+den Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine Hände, seine Füße,
+sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich entfernten Zweig ein
+Eichhörnchen erspähte und auf Zehenspitzen, am Bord des Rasens,
+hinschlich, erhob sich Erasmus und folgte ihm. Er redete ihn höflich an
+wie einen Erwachsenen. Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen
+der Bäume kenne; die Namen der späten Blumen, die noch blühten. Die
+Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche und beherzte Art zu
+antworten; der groß vertrauensvolle Blick; das Oval des Gesichts. Er
+nahm ihn an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte über sich
+selbst; er hatte sich nie mit Kindern beschäftigt, noch sich zu ihnen
+hingezogen gefühlt; die Empfindung für Sebastianes Kinder hatte ihnen
+nur in der Vereinigung mit der schönen Mutter gegolten.
+
+Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der seinen spürte, dünkte
+er sich alt. Er erschien sich wie ein Baum, belastet mit Jahren,
+beladen mit der Erinnerung an viele Wetter, viele stürmische Tage und
+Nächte, Frost und Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt
+nicht weit über seine Hüfte reichend, erschien ihm wie ein Schößling,
+zart und kräftig, anschmiegend und edel, an ihm empor-, einer
+unbekannten und zu fürchtenden Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten
+Wege waren ihm plötzlich verhaßt; die weiße Front des Herrenhauses war
+eine Gefängnismauer; »möchtest du mit mir zum Fluß gehen, Wolf?« fragte
+er. Der Knabe bejahte erfreut.
+
+»Erzählen Sie mir eine Geschichte,« bat der Knabe.
+
+Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Fluß gelangt waren, der
+dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, setzte er sich auf einen
+moosigen Stein, legte den Arm um des Knaben Schulter, lächelte verlegen
+und fing an: »Es ist kein Märchen, was ich dir erzählen will, es ist
+eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. Am
+Hof des Vizekönigs, Vizekönig nennt man den Stellvertreter des Königs
+von England dort, mußt du wissen, am Hof des Vizekönigs also lebte unter
+vielen andern Fürsten und Radschas ein bengalischer Fürst namens Lal
+Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut litt, trotzdem er
+reich und mächtig war, auch schön und klug. Solche Schwermut, weißt du,
+ist für die Seele und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und
+krankhafte Schwäche für den Körper; wer davon heimgesucht wird, der hat
+an nichts in der Welt mehr Freude. So war das mit Lal Sarkar und wurde
+mit der Zeit immer ärger. Die Ärzte wußten so wenig Rat wie die Freunde;
+eines Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und sagte, er
+solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama reisen, dort würde er
+Heilung finden. Der Dalailama ist der oberste Priester der indischen
+und chinesischen Welt, so wie der heilige Vater in Rom Herr über die
+Christenheit ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheißen, rüstete
+eine Karawane aus und reiste über das hohe Gebirge des Himalaya nach der
+Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf kehrte er zurück, und zwar als ein ganz
+anderer Mann, heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die
+Verwandlung, daß auch am Hof des Vizekönigs, wo ich um diese Zeit
+eintraf, das größte Erstaunen darüber herrschte. Wenn man sich aber
+erkundigte, erfuhr man nicht viel mehr, als daß eben Lal Sarkar in Lhasa
+gewesen sei. Mir ließ es keine Ruhe, und ich wußte es anzustellen, daß
+ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends in sein Haus
+eingeladen wurde. Das war nun wirklich wie ein Märchen, weißt du, dieser
+Palast mit seinen Springbrunnen und vergoldeten Säulen und Bassins mit
+Fischen und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei ihm, und
+als wir ins Gespräch gekommen waren, fragte ich ihn nach dem, worüber
+sich alle Europäer den Kopf zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt,
+als er wie ein Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt
+hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und feurig. Ich fragte
+ihn also und fragte auch, ob ein Fremder wie ich wissen dürfe, wie das
+vor sich gegangen und was mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewiß dürfe
+ich es wissen, es sei nichts zu verheimlichen. »Ich habe den Dalailama
+gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.« – »Das ist
+alles?« fragte ich, »nur in sein Angesicht geschaut?« – »Ja,« antwortet
+er, »nur das.« Und als ich verwundert, vielleicht auch ungläubig
+schwieg, sagte er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon
+vergessen: »Der Dalailama ist ein Knabe. Zwölf Jahre ungefähr, älter
+nicht. Er sitzt auf einem Thron und lächelt. Sein Gesicht ist das
+schönste Menschengesicht auf Erden, so schön, wie man es sich nicht
+einmal im Traum vorstellen kann. Seine Stirn ist wie ein geschliffener
+Edelstein und göttliche Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen
+eine Güte aus, daß es jeden, auch den verhärtetsten Unhold bis ins Herz
+trifft und er nicht anders kann als auf die Knie sinken. Sein Lächeln
+genügt, damit aller Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge
+aufhört. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, ist es, als sei
+er fünftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, aber man küßt seine Hand und
+weint. Vor Glück weint man. Er ist ein Knabe, aber er ist mächtiger als
+Armeen und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Könige und Kaiser der
+Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn anschaute, wurde
+ich von meiner Schwermut geheilt.« So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das
+ist meine Geschichte.«
+
+»Es ist eine herrliche Geschichte!« rief Wolf mit hingerissenem
+Ausdruck, »die mußt du mir noch öfter erzählen.« In seinem begeisterten
+Eifer dutzte er Erasmus plötzlich, und dieser ließ es sich gern
+gefallen.
+
+ * * * * *
+
+Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und sagte, Marietta
+wolle ihn sprechen; sie fühle sich besser, obschon man fürchten müsse,
+daß es ein trügerisches Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch
+geäußert, sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei.
+
+Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war Bedauern über den
+Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. Ein Tag hatte das Werk von zehn
+Jahren verrichtet. Dämmerschwäche nietete den Leib in die Kissen und
+Tücher. Heiße Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben.
+In den Augen war gelbfahles Licht. Um das Haupt zu entlasten, waren die
+Haare gelöst, und über das weiße Linnen floß die kupfrige Flut,
+unvergangene Schönheit.
+
+Sie so hingeworfen und zerstört zu erblicken, war schlimm. Schlimmer der
+Verlust; seine stumme Absage. Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem
+Innern. Nichts, was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen
+sein. Erinnerung an Zärtlichkeit war Scham; was ihm dieser Körper
+geschenkt, was er ihm geraubt: Sünde. Da lag eine gefährdete Kreatur,
+arm, entschmückt; nicht Weib, nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes,
+nicht Teil seines Lebens mehr.
+
+Er flüsterte ihren Namen. Sie lächelte und erhob matt die Hand.
+
+Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. Marietta winkte ihm, er
+setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie sagte: »Hör mich an, Erasmus.
+Man weiß nicht, was einem zustoßen kann. Ich werde jedenfalls von bösen
+Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfährst jetzt, was du erfahren
+mußt. Hast du Wolf gesehen?« Er nickte; er erbleichte. »Wolf ist mein
+Kind. Wolf ist dein Sohn.«
+
+Regungslos starrte er Marietta an.
+
+Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand auf die seine, die
+nichts von der Berührung wußte: »Ich habe viel darüber nachgedacht, wie
+du es aufnehmen wirst. Muß ich erklären, warum ich es vor dir
+geheimgehalten habe? Prüfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. Es
+ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, vor dem graute mir
+immer. Es war gut, daß etwas zwischen uns war, das uns trennte, wenn wir
+vereint waren und uns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich hätte
+sonst manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, der für
+dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, wenn du mir starbst. Du
+bist mir sehr oft gestorben und ich mußte dasitzen und mein Herz in der
+Hand halten und auf deine Auferstehung warten.«
+
+Noch immer regungslos, mit geschnürter Kehle, starrte er Marietta an.
+
+Sie berichtete mit wenig Worten, erschöpft schon, wann sie das Kind
+empfangen, wann und wo sie es geboren, wie sie die Verhehlung
+bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse Einzelheiten, an die
+beweisenden Daten, sprach von ihrem Glück, von inneren Kämpfen, von
+Angst um die Zukunft des Kindes, schwieg, schloß die Augen, wartete auf
+ein Wort von ihm, aber es kam keines. Er saß regungslos und starrte sie
+an. Es war eine unbezweifelbare, sogar eine heilige Wahrheit in ihrer
+Stimme, in ihrem Blick, in ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit
+nicht, er bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie
+stand wie mit einem glühenden Schlüssel vor der Pforte des unbekannten
+finstern Raums, von dem Marietta gesprochen, und fand keinen Einlaß.
+
+»Das Kind ist wohlgeraten,« sagte Marietta leise; »du wirst nicht nur in
+seinem Äußern viel von dir erkennen. Ich verlange kein Gelöbnis von dir.
+Dazu war alles zu schwebend zwischen uns. Du mußt ja auch erst mit dir
+selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. Denke nach,
+Erasmus. Jetzt geh; ich bin müde.«
+
+Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des Herzens. Angst,
+Gewissensangst, Frieren des Blutes, bittere Unlust, Gefühl der
+Einsamkeit, Selbstmißtrauen. Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich
+er aus. Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. Im Haus
+wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder Stunde. Doktor Schmidthammer
+hatte eine Lungenentzündung konstatiert. Während des Soupers herrschte
+die gedrückteste Stimmung. Die Gräfin saß da wie ohne Maske, alt und ein
+wenig böse. Selbst Aglaias Miene war ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er
+fürchtete sich vor den schönen Gesichtern. Er fürchtete sich vor dem
+Blick heimlichen Einverständnisses, der ihn möglicherweise treffen
+konnte, vor dem enttäuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, dem
+mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte Tun, die verspielte Zeit,
+die verspielten Worte. Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der
+seekrank ist, nach festem Boden unter den Füßen. Nach Sicherheit, nach
+Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung durch Umstände
+und abgenötigten Beschluß, sondern nach der, die von oben kommt und
+unwiderruflich, unwidersprechlich ist.
+
+Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von der Gesellschaft. Er
+wollte allein sein. Im untern Flur ging er noch eine Weile auf und ab.
+Bisweilen blieb er stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den
+Wänden, Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit war
+künstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein beunruhigtes Herz. Da kam
+Frau von Gravenreuth die Treppe herunter; sie führte Wolf an der Hand
+und redete mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus,
+während der Knabe weiterging: »Er ist so erregt heute, wollte nichts
+essen; ich weiß nicht, was ich mit ihm beginnen soll. Ich habe ihm
+versprochen, noch ein wenig ins Freie mit ihm zu gehen.«
+
+Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mädchengesicht war ein
+Lächeln, welches ausdrückte: wir kennen uns, wir sind Freunde; dazu
+Zweifel, Zurückhaltung und ein suchender Blick.
+
+Das unerwartete Gegenüberstehen war Hölle für Erasmus. Er konnte sich
+nicht entsinnen, je Quälenderes empfunden zu haben. Es ertönte das Wort,
+das er selbst gesprochen, füllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum:
+alle Legitimität stammt von Gott. Es schlug ihn in den Nacken; es war
+ein flammender Pfahl, der ihn schlug. Enthielt es Wahrheit, so gab es
+nichts daran zu mäkeln; war es Irrtum, so saß man am Wendepunkt und
+verkrampfte sich ins Arge.
+
+Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in seinem Leben, fremd
+hervorgetreten aus der Fremdheit, Geschöpf der Leidenschaft,
+ungewünschtes, ungewußtes, unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand,
+das hegenswerte, wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung und
+Nachfolge.
+
+Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel hervorgeschossen und auf
+Wolf zu. Der Knabe beugte sich nieder, um ihn zu packen; das Tier, in
+spielgieriger Laune, entwich fauchend, kam zurück, sprang an den Beinen
+des Knaben empor und drängte den Lachenden gegen die Wand. Ein kleiner
+Schrei; Sturz eines Gefäßes; ein Klirren; die etruskische Vase, die auf
+einem Säulenpostament neben der Tür des Musikzimmers gestanden, war
+heruntergefallen und lag in Trümmern. Aus dem Speisesaal kamen die
+Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher, flüchtete zur Herrin;
+die Gräfin kniete mit bedauerndem Gesicht nieder, um die kostbaren
+Scherben zu sammeln; Wolf war blaß geworden, sein Mund verzog sich zum
+Weinen, und mit unwillkürlicher Bewegung griff er nach Erasmus Hand.
+Erasmus, ebenso unwillkürlich, umfaßte die Hand des Knaben mit
+tröstendem Druck, und die Betrübnis, die sich in seinen Mienen malte,
+war kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene Vase. Doch
+blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich zu dem Knaben niederbeugte
+und eine formelhafte Beschwichtigung flüsterte. Schwere aber lastete nun
+auf allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor herein Eugen
+Sparre kam, der am Spätnachmittag fortgegangen war und jetzt
+zurückkehrte.
+
+Erasmus entriß sich. In seinem Zimmer nahm er eine der theologischen
+Schriften zur Hand, die er stets mit sich führte. Aber er konnte seinen
+Geist nicht zur Lektüre sammeln. Es wurde spät, und er saß noch immer
+mit aufgestütztem Kopf, grauem, umrißlosem Denken nachhängend.
+Schließlich überwältigte ihn der Schlummer, im Sitzen. Es klopfte an der
+Tür; er hörte es nicht. Es klopfte abermals; er schrak empor; rief, halb
+im Traum.
+
+Es war wie Traum, als Sparre eintrat.
+
+ * * * * *
+
+Die anfängliche Empörung Eugen Sparres hatte nicht lange gedauert,
+obwohl Ferry Sponeck täppisch wie ein Bauer gewesen war. Da er die
+Abneigung des Grafen Ungnad deutlich gespürt hatte, war ihm dessen
+Verhalten nicht einmal so rätselhaft wie seinem Botschafter, um so
+weniger, als sich Sponeck bemüßigt glaubte, zur Entschuldigung des
+Freundes auf eine zarte Beziehung zwischen ihm und der Kranken
+hinzuweisen. Was für Dickhäuter diese Menschen doch sind, dachte Sparre;
+als ob dadurch der Schimpf harmloser würde.
+
+Man könne vorläufig nichts Rechtes unternehmen, faselte Ferry Sponeck,
+der nicht wußte, wessen Partei er ergreifen sollte und zwischen der
+alten Anhänglichkeit an Erasmus und der bewundernden Dämonenfurcht
+schwankte, die ihn zu Sparre zog; Erasmus sei in einer kritischen
+Verfassung, jammervoll sei ihm zumut; ob Sparre an ritterliche
+Austragung denke? doch wohl kaum? Wenn ja, wolle er mit Georg Ulrich
+Castellani beraten; jedenfalls sei er, Ferry Sponeck, in einer
+verteufelten Zwickmühle. Sparre lachte. Nein, daran denke er nicht; er
+gebe Satisfaktion auf die ihm angemessene Art und wünsche sie zu
+erhalten, wie es sich für gesittete Menschen zieme. Er fühle sich so
+wenig beleidigt, wie wenn er im Wald über eine Baumwurzel gestolpert
+wäre; »man war achtlos,« sagte er, »das nächste Mal wird man aufpassen.
+Mit Ehrenkränkung hat das nichts zu tun.« Worauf ihn Ferry Sponeck
+kopfschüttelnd für einen unmäßig interessanten Mann erklärte.
+
+Sparre durchschaute den schlechten Schauspieler und hatte Nachsicht.
+Unbekannt mit einer Welt, in die ihn der Sturm verschlagen, die seine
+eigene aufwühlte, in die er wie zu einer bergenden Insel geflohen, nicht
+aus Schrecken über den Sturm, sondern weil er zur Vollendung einer
+wissenschaftlichen Schrift die Gelegenheit mit Freude ergriffen hatte,
+die ihm eine vorübergehende Ruhestatt zu bieten versprach, fühlte er
+stärker noch als unter dem ersten Eindruck das Erstaunen über alles, was
+ihn umgab.
+
+Diese Menschen waren ihm wie alte Gemälde. Tod war über sie
+hinweggegangen; Leben in seinem Sinn hatten sie nicht. Etwas wie goldner
+Staub hing an ihnen, Gefesselte eines prunkenden Rahmens, verjährte
+Ehrwürdigkeit. Sie sprachen, und ihre Worte waren nicht die der
+Lebendigen; sie scherzten, und ihr Lächeln war bedungen, ihr Lachen
+klang aus der Erde. Alles an ihnen war bedungen, gekettet, befohlen und
+vorgesetzt; ihr traurigster Ernst war noch Spiel, Schattenspiel hinter
+der Eisdecke. Sie waren einer glitzernden Lüge von Herrschaft
+hingegeben, und sie wußten um die Lüge, lange schon, aber jeder
+schmeichelte dem andern die Lüge weg. Sie glichen den Schwerkranken,
+denen man Gesundheit einredet, mit leichter Mühe, weil ihre Seele
+getrübt ist; die in jede Gebärde, in jeden Hauch ein Übermaß von
+Hoffnung und Sorglosigkeit legen und nur die Täuschung wollen, sonst
+nichts. Diese Stuben, diese Gänge, die glänzenden und alten Dinge, es
+war ein Mausoleum, ausgeschaltet aus der Zeit, ohne Blut, ohne Kraft,
+ohne Farbe. Menschenruf verstummte; ein summender Schall war, worauf sie
+ängstlich lauschten; Menschenforderung galt ihnen für Unbill; sie
+wohnten noch in der alten Form, sie hielten noch die abgeschnittenen
+Zügel in ihren Händen, lächelnd, indes der Wagen still stand und die
+Pferde entführt waren.
+
+Die anmutigen Frauen; wie gelassen sie dem Abgrund zuschritten, dessen
+Phosphoreszenz sie über seine verschlingende Gewalt betrog. In einer
+Sehnsucht schmolzen sie, die keine Erfüllung mehr finden konnte, aber
+sie ahnten vom Unmöglichen nichts. Noch trieben sie Neckerei hinter der
+Maske; noch gefielen sie sich in ihrem tändelnden Idiom aus verwehten
+Epochen; nur kein Aufwachen, flehten ihre Mienen, nur kein rauhes
+Berühren. Die glatten Glieder wohlig hingeschmiegt an gespenstische
+Bilder; schwelgend in den pikanten Verfeinerungen, die ihre Fantasie
+noch schenkte, wo doch das Wirkliche bereits hinter der Wand aufbrüllte;
+sich als Letzte spürend, aber nicht als Vergangene, als Entrückte, aber
+nicht als Verlorene.
+
+Eugen Sparre sah mit den Augen eines Forschers und eines Kindes. Die
+Regionen und die Jahre, aus denen er kam, hatten ihn in der Strenge der
+Betrachtung geübt. Empfundenes und Geschautes nicht zu verfälschen war
+sein innerstes Amt. Schmucklos war alles in ihm, an ihm und die Bahn
+hinter ihm. Unverwöhnt und unerweicht, besaß er die Kraft, Leiden zu
+überwinden und zu erkennen. Das Durchlebte war ihm oft wie giftiger
+Rauch. Er hatte gegen jede Art von Bedrückung getrotzt, jede Art von
+Erniedrigung erfahren. Er hatte die Ellbogen gespreizt und sie zu
+eisernen Balken gemacht, um nicht zu Brei zerquetscht zu werden.
+Hinaufgeklommen an den schlüpfrigen Quadern des Riesenbaus, von dem auf
+halbem oder Viertelweg die Schwächlinge und Übergierigen abgestürzt
+waren, um sich unten die Schädel zu zertrümmern, hatte er mit kühlem
+Kopf seinen Platz erobert, der Pflicht, die er gewählt, die ihn gewählt,
+unerschütterlich gehorsam und schicksalkennend wie nur diejenigen sind,
+deren Herzschlag der Herzschlag des Jahrhunderts und des Volkes ist. Er
+hatte ungeachtet seiner Jugend zu den Propheten der großen Wandlung
+gehört; er hatte sie errechnet, sie war ihm Ergebnis logischer Erwägung,
+und mitten in der Taifunwelle war er leidenschaftslos geblieben,
+Beobachter, Arzt. Er war heiter geblieben, ohne aufrührerische Gelüste,
+dem Element vertrauend, es liebend beinahe, in jeder Verwüstung eine
+höhere Ordnung vorauswissend, denn alles war Notwendigkeit, Geballtes,
+Gerafftes, Gefügtes, Wüten von Lebenskeimen gegen Todeskeime,
+Erneuerungsraserei des fiebernden Menschheitsleibes, Wiedergeburt aus
+Agonie, Qual und Wahnsinn der sterblichen Einzelnen im unsterblichen
+Ganzen.
+
+Von allen, die auf Rienburg um ihn waren, hatte Graf Erasmus Ungnad
+seine Aufmerksamkeit am meisten gefesselt. Der erste Anblick des
+gespannten, leidenden, hochmütigen, geschliffenen Gesichts hatte ihn als
+Erscheinung berührt. In einem Nu hatte er so scharf wie den andern sich
+selbst erfaßt, eben sein Anderssein und Andersmüssen, das völlige
+Widerbild, wie Pol gegen Pol. Und Sonderbares war geschehen: er hatte
+Schmerz verspürt. Da war Figur; ja, Figur, wie die Sage sie gibt;
+umschlossene und einsame Gestalt; heimatlose Gestalt; in finster
+gewordenem Raum mit einer Haltung schreitend, als sei noch Licht die
+Fülle; müde wie einer, der Schätze getragen hat; ungegenwärtig,
+verfangen, versponnen, tragisch hinabgehend, von sterbenden Illusionen
+begleitet, der irrende traurige Ritter; der Adlige. Das war er, der
+adlige Mann, Überbleibsel und Anachronismus, der, dem auch Gott nur eine
+Form ist, wie Graf Castellani gesagt hatte, der es nicht nahm, nicht
+wollte, daß sein Reich aufgehört hatte zu sein und der von der Zeit
+nichts zurückbehalten hatte als die Jahre, geschäftige Symbole, doch
+leer und sinnlos.
+
+Die Erschütterung wirkte fort in Eugen Sparre. Sie war derart, daß sie
+auch durch die beleidigende Feindseligkeit des Grafen nicht vermindert
+wurde und gab ihm so viel zu denken, daß er seine Arbeit darüber vergaß.
+Die persönlichen Verhältnisse Ungnads flößten ihm, jenem Allgemeinen
+gegenüber, nur geringe Teilnahme ein; trotzdem horchte er bei den
+Andeutungen Ferry Sponecks auf. Sponeck hielt sich in dem Fall nicht zur
+Verschwiegenheit verbunden; was alle Welt wußte, konnte auch Sparre
+wissen; für Sparre war es Bestätigung, die den Charakter noch tiefer
+erleuchtete. Er erblickte Verborgenes, und was seinem Auge entging,
+vervollständigte die Kombination. Diese Geschicke ließen sich
+wunderlich leicht entziffern; ihre Hieroglyphen bedurften nicht einmal
+der Geduld. So zuckte für ihn greller Schein um die Szene im Flur, als
+er ins Haus trat und alle um die zerbrochene Vase herumstanden.
+Sekundenkurzes Schauen genügte; haften blieb in Blick und Gedächtnis der
+mädchenhaft zarte Knabe neben dem überschlanken Erasmus Ungnad, das
+Gebeugte und Zerquälte an ihm, das zitternd Aufgestörte im Wesen des
+Kindes, die unverkennbare Ähnlichkeit in der Gesichtsbildung beider,
+etwas Unsagbares von Verkettung.
+
+Als Erasmus verschwunden war, las Baronin Polyxene die Scherben auf;
+Ferry Sponeck kniete ebenfalls hin, um ihr zu helfen. Da sagte Sparre,
+man möge ihm die Stücke überlassen; wenn er Klebestoff bekommen könne,
+getraue er sich, die Vase wieder zusammenzusetzen; er habe dergleichen
+schon oft versucht, und mit Glück. Die Beschädigungen waren in der Tat
+nur geringfügig; die beiden Henkel und ein Teil des oberen Randes waren
+abgebrochen, ferner war in der Ausbauchung ein rundes Loch. Man sah ihn
+verwundert an; Ferry Sponeck nickte eifrig und versicherte: »Ja, darauf
+versteht er sich, er hat auch mir einmal eine Sevreschale geleimt, er
+ist überhaupt ein Tausendkünstler.« Die beflissene Fürsprache erweckte
+Heiterkeit, auch bei Sparre selbst, Niklas wurde gerufen, der nach einer
+Weile ein Töpfchen mit Leim brachte, Sparre packte die Vase samt den
+Scherben in ein Tuch und begab sich damit in sein Zimmer.
+
+Er hatte von dem Zweck seines Beginnens keine deutliche Vorstellung. Es
+war ihm ein in das Kleid einer Parabel gehüllter Scherz; eine Mitteilung
+von ungewisser Tragweite und unbestimmtem Inhalt. Während er mit
+Sorgfalt die Bruchstellen aneinanderfügte, kleine Splitter mit
+geschickter Hand einpaßte, lächelte er häufig. Als er nach zweistündiger
+Arbeit fertig war, ging er zum Fenster; Ungnads Zimmer lag dem seinen
+schräg gegenüber, wie er wußte. Er sah noch Licht bei ihm. Da nahm er
+die Vase vorsichtig in die Hand, prüfte das Werk noch einmal, überzeugte
+sich von der Haltbarkeit der zusammengesetzten Teile und verließ das
+Zimmer.
+
+ * * * * *
+
+Erasmus fuhr auf. »Was wollen Sie?« stotterte er, »was bedeutet das?« Er
+starrte auf das tönerne Gefäß.
+
+Sparre stellte die Vase auf den Tisch. »Wenn man morgen die Bruchlinien
+abfeilt, wird der Schaden kaum mehr bemerkbar sein,« sagte er.
+
+»Aber was soll es denn heißen?« murmelte Erasmus. Er hatte sich erhoben,
+stand frostig da, stirnrunzelnd, abweisend.
+
+»Ich hatte den Eindruck, als sei Ihnen der kleine Unfall nah gegangen,«
+sagte Sparre; »ich weiß selbst kaum, warum ich mich verpflichtet fühlte,
+ihn wieder gutzumachen. Vielleicht wollte ich damit auch eine mir
+geschehene Widerwärtigkeit aus der Welt schaffen. So etwas ist störend,
+wenn es auch mein Gleichgewicht nicht beeinträchtigen kann. Wo der Hieb
+nicht trifft, ist keine Wunde. Da Sie mich als Arzt für einen Menschen
+verpönt haben, habe ich mich begnügt, Arzt bei einem Ding zu sein. Das
+Ding ist leidlich geheilt, wie Sie sehen.«
+
+Die Stimme klang fast hohl, in ihrer Baßtiefe schleifend.
+
+»Ich verstehe nicht,« stieß Erasmus hervor; »Sie wollen sich über mich
+mokieren, scheint mir ...«
+
+Sparre blickte zu Boden. »Merkwürdig, daß Sie es nicht verstehen,« sagte
+er wie im Selbstgespräch. »Gibt Ihnen denn das keinen Fingerzeig, daß
+ich, der Mensch, den Sie hassen oder glauben hassen zu müssen, der
+Mensch Ihrer Abkehr und Ihres Grauens, dem Sie die unverdiente Ehre
+einer entscheidenden Funktion zuweisen, daß dieser selbe Mensch etwas
+Zerbrochenes für Sie wieder ganz gemacht hat?«
+
+Erasmus stutzte. Vor Unwillen rötete sich seine Stirn. »Für mich ganz
+gemacht? Für mich? Wirklich, Sie erlauben sich ungebührlichen Spaß, Herr
+Doktor Sparre ...«
+
+Sparre schlug langsam den Blick auf. »Ich möchte gern in anderm Ton mit
+Ihnen sprechen, Graf Ungnad,« sagte er verhalten. »Sie gehen im
+Wesentlichen fehl. Ihre Voraussetzungen sind falsch. Ich sah eine Not.
+Als der Krug da herunterstürzte, sah ich eine Menge Zerschmettertes
+liegen. War der Knabe eigentlich schuld und sein Spiel mit dem Tier? Er
+fühlte sich aber schuldig, und als Sie seine Hand faßten, hatte ich den
+Eindruck, als ob Sie sich für seine Schuld mitverantwortlich fühlten.
+Aber Sie haben es doch nicht gewagt, für ihn einzustehen. Was liegt an
+diesem altertümlichen Kram, Graf Ungnad? Wenn ihn das Aufräumweib vor
+mir auf den Kehricht wirft, schau ich nicht einmal darnach hin. Es
+entspricht auch nicht meiner Überzeugung, daß man Zersplittertes wieder
+kitten soll. In diesem Fall habe ich mich entschlossen, die Überzeugung
+zu verleugnen. Ich dachte, es sei gut, es sei nützlich. Ich dachte, ich
+könne Ihnen damit etwas beweisen. Verstehen Sie mich noch immer nicht?«
+
+In der Tat, Erasmus begriff nichts. Sein Gesicht zeigte
+Ausdruckslosigkeit und erbittertes Unbehagen. Die Unterlippe stülpte
+sich; die Handfläche rieb sich an der Lehne des Stuhls.
+
+»Also will ich klarer sein,« fuhr Sparre etwas gedrückt fort, denn er
+hatte flüssigere Verständigung erwartet; »ich habe etwas über mich
+vermocht, was meiner Natur und Lebensrichtung diametral entgegen ist.
+Ich habe etwas versucht, wozu ich mich bisher habe nie gewinnen können,
+das geistig Geschiedene zu überbrücken, dem, was streng und unbedingt
+jenseitig für mich ist, mich zu nähern. Ist es hoffnungslos? Diese
+Tonvase, ich stelle sie her wie einen Markstein, an dem wir uns treffen
+können, Sie von Ihrer Seite, ich von meiner. Es ist ein Augenblick, der
+nie wiederkehrt, nie wiederkehren kann. Die Wahrheit, die mich jetzt
+antreibt und erfüllt, ist sicher nur eine einmalige Flamme. Vielleicht
+ist dabei etwas in mir von dem geheimnisvollen Verwandlungsinstinkt der
+Insekten. Vielleicht kann ich den analogen Prozeß in Ihnen
+beschleunigen. Entziehen Sie sich nicht. Sich auflehnen gegen den Gang
+der Sterne ist kein Heroismus, das Unabänderliche verfluchen keine
+Frommheit. Wenn ich Ihnen entgegenkomme, bis zu dem mühsam geleimten
+Krug auf dem Tisch da, so seien Sie nicht taub für mein #qui vive;# Sie
+wissen ja, die Posten haben scharfe Ordre. Ich verlange ja nicht
+Kameradschaft; ich habe nur erfaßt, was mir, was uns dienen kann. Es
+gibt verschiedenerlei Tugenden, Graf Ungnad, verschiedenerlei Mut und
+verschiedenerlei Feigheit, verschiedenerlei Grausamkeit und
+verschiedenerlei Güte. Ich und die meinen, wir können nutzen, was Sie
+und die Ihren im Lauf der Jahrhunderte an Erntegut in die Scheunen
+gebracht haben, an blutgehärtetem Stahl und geraffter Muskel und
+geweihter Lehre und dem Glauben daran und an Erfahrung, die durch die
+Geschlechter veredelt ist, an geschmolzenem und gemünztem Gold des
+Lebens. Es ist der Tag vielleicht nicht fern, wo wir zugreifen und
+dankbar quittieren, wenn wir uns vom ersten Rausch und Anprall erholt
+haben. Denn sonst sind wir auf unserer Seite so verloren wie Sie auf
+Ihrer; ein Rachen wird uns schlucken, der keinen Unterschied macht
+zwischen mehr oder weniger fein gemahlenem Korn. Und Sie, lockern Sie
+die zu straff gezogenen Schrauben. Geben Sie nach. Werfen Sie das
+Zerbrochene, auch wenn es kostbar, auch wenn es noch so meisterhaft
+gekittet ist, auf den Kehricht. Alte Form muß sterben. Und Gesetze
+sterben wie Formen und wie Menschen. Dagegen ist keine Hilfe als das
+Leben.«
+
+Er stand noch eine Weile und schaute über Erasmus hinweg, der sich nicht
+rührte. Dann verließ er mit zeremoniöser Verbeugung den Raum.
+
+Erasmus rührte sich noch immer nicht. Suada haben diese Leute, dachte
+er, und senkte in peinlicher Benommenheit den Kopf. Aber die
+Benommenheit wuchs und wuchs. Er fing an auf und ab zu gehen. Es schien
+ihm, als zerspalte sich der Boden unter seinen Schritten. Einmal seufzte
+er und lauschte, weil ihn dünkte, das Seufzen käme aus der Mauer. Wenn
+man die Schwere der Niederlage mildern könnte, ging es ihm, scheinbar
+zusammenhanglos, durch den Sinn. Und darauf wieder: ich weiß, daß sie
+sterben wird; heute nacht wird sie sterben, ich weiß es. »Erlöse uns von
+dem Übel,« murmelte er vor sich hin, das Taschentuch an die Lippen
+pressend, »und führe uns nicht in Versuchung.«
+
+Abermals lauschte er. Es war still im Hause, und doch lag in den Ohren
+weitentferntes, gräßliches Geschrei. Jemand ging im Korridor vorüber. Er
+öffnete die Tür; es war finster. Der Schlaf der Bewohner wälzte sich
+her, zu schwarzem Schlamm gestockt. Er zündete eine Kerze an und ging,
+die Flamme mit der Rechten schützend, den Flur entlang. Auf einmal
+prallte er zurück. Auf der Schwelle einer Tür stand eine Frau. Sie
+hatte die Hände vors Gesicht gelegt; so stand sie, gegen das Zimmer
+gewandt, in dem eine umhüllte Lampe brannte.
+
+Es war Helene Gravenreuth. Sie drehte sich um, ließ matt die Arme
+fallen. »Schlimm steht es,« hauchte sie.
+
+Er schwieg.
+
+»Kommen Sie herein,« sagte sie, »hier schläft Wolf; die Pflegerin hat
+mich eben jetzt bei Marietta abgelöst. Aber leise, bitte, das Kind
+schläft spinnwebdünn heute.«
+
+Er trat ein. Er ging zum Bett des Knaben, nachdem er die Kerze verlöscht
+und weggestellt hatte. Er flüsterte: »Es ist alles so sonderbar,
+Baronin, so sehr sonderbar.« Seine Wangen wurden fahl, plötzlich kniete
+er nieder und betete.
+
+Frau von Gravenreuth schloß die Tür. »Ich war nicht vorbereitet,« sagte
+sie mit erstickter Stimme, als Erasmus sich erhob, »bin es noch immer
+nicht. Was wird werden, Graf?«
+
+Erasmus setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sie
+wissen ja, weshalb ich hierhergekommen bin,« sagte er.
+
+Sie nickte. »Ich weiß,« erwiderte sie. »Sie wollten um eine der
+Komtessen werben, Sie wollten heiraten.«
+
+Er fuhr fort: »Nun wird es anders kommen. Nicht eine Frau werd ich
+heimbringen, sondern einen Sohn.«
+
+»Aber wie soll es werden, Graf Erasmus, mit diesem Sohn?« fragte Frau
+von Gravenreuth mit bleichen Lippen.
+
+Erasmus begegnete ihrem zaghaften Blick und antwortete: »Es muß in Liebe
+werden und im Gesetz, denk ich.«
+
+Ein Geräusch ließ beide zusammenfahren. Wolf war erwacht. Er hatte sich
+aufgerichtet und schaute mit den tauhaft strahlenden Augen herüber, mit
+denen Kinder den Schlummer verlassen. Frau von Gravenreuth streckte die
+Arme aus, als beschwöre sie ihn; Erasmus trat neben ihr an das Bett.
+
+»Erzähl mir vom Dalailama,« sagte die helle Glockenstimme des Knaben.
+
+
+
+
+Jost
+
+
+Der Gebieter des Himmels ließ sein Donnerwort ergehen, und wie glänzend
+gefiederte Schwäne im Sturm eilten die gehorsamen Heerscharen vor seinen
+unvergänglichen Thron. Da erlas der Herr den Erzengel Michael und sprach
+zu ihm:
+
+Ich bin irre am Geschlecht der Menschen. Nie hat solcher Kummer die Erde
+gefüllt; Klage und Anklage erhebt sich maßlos. Schwer ist es, zu wissen,
+ob sie allesamt Verlorene sind, schwer zu erkennen, ob in allen der
+Funke erloschen ist, der ihnen als Teil der Göttlichkeit in die Brust
+gehaucht ward. Ich will eine Probe machen. Geh hinab zu ihnen, du
+scharfäugiger Spürer, und suche unter den Verstockten den
+Verstocktesten, unter den Umschlossenen den Umschlossensten. Nicht um
+den Übeltäter geht es, merke wohl; um den Gleichgiltigen geht es. Den
+Unscheinbaren, der in der Trägheit verhärtet ist, sollst du suchen in
+seinem umfriedeten Bezirk; den, dessen Linke nicht weiß, was die Rechte
+tut. Und wenn du zurückkehrst und sprechen kannst: ich habe ihn
+erweicht, ich habe ihm die Binde von den Augen gerissen, und er vermag
+zu sehen, dann soll ihnen noch einmal Gnade gewährt sein und Aufschub
+des letzten Gerichts.
+
+Der Engel senkte stumm das Haupt, und während ihn gewaltige
+Posaunenschälle umdröhnten, verließ er in seiner großen Schönheit die
+erhabene Region, um den Befehl des Herrn zu vollziehen.
+
+ * * * * *
+
+In einer Wirtsstube saßen beim trüben Licht mehrere Beamte der Stadt,
+Notabilitäten in ihrer Art, um einen Tisch. Bis auf einen armselig
+aussehenden Menschen, der in der Nähe des Ofens kauerte und zu schlafen
+schien, waren sie die einzigen Gäste. Da sie ihn kannten, auch seiner
+nicht achteten, brauchten sie sich im Gespräch keinen Zwang
+aufzuerlegen. Er hieß Jost und war ein Kleinbürger, dem Anschein nach
+ein Agent oder Vermittler, der an gewissen Abenden kam, um dem Wirt
+Lieferungsgeschäfte anzutragen.
+
+Die Unterhaltung drehte sich um die Trostlosigkeiten des Alltags.
+Verärgerung lag jedem im Gemüt, Lebensangst den meisten. Still verhielt
+sich nur einer, nicht weil er weiser oder zufriedener, sondern weil er
+bequemer war. Auch dann nahm er nur stummen Anteil, als der trübseligen
+Gegenwart die glänzende Vergangenheit entgegengehalten wurde, in deren
+schwachem Widerschein sie sich ihrer Sorgen entledigten. Die Welt, war
+sie auch zum Erbarmen zugerichtet, einstmals hatte sie ihnen eine
+festliche Zeit gegeben, und unter diesem Einstmals verstanden sie den
+Krieg, zumindest seinen Anfang. Da war auch dem Abseitigen unerwartet
+Macht zugefallen, sofern er nur mit dem allgemeinen Strom geschwommen
+war, und wie erst, wenn er sich mit seiner Person für das Ziel erklärt
+hatte. Macht, Bewegung, Wechsel der Geschehnisse; es klang schon jetzt
+nicht anders als wie es schönfärbende Fibeln den Späteren melden. Auch
+die sich tätigen Dabeiseins nicht rühmen konnten, ergingen sich breit
+im Nachgenuß martialischer Erinnerungen. Was Blut und Not und Tod;
+erlogene Gespenster. Die triumphierende Wahrheit war dort, wo man Ehre
+gewonnen, wo man sich eingesetzt und gespürt hatte.
+
+Postoffizial Erbegast, als beredtester Schwärmer, sprach davon, wie man
+Raum gehabt, im Westen, Osten, Süden, überall Raum, Weite, Luft,
+Landschaft, Freiheit. Raum und Gelegenheit. Quartier in Schlössern,
+Fahrten ins Unbekannte, neue Städte, neue Menschen, neue Dinge, zwischen
+Morgen und Abend keine Langeweile. Wenn man da erzählen wollte! Wie es
+wohltat, sich der Fülle zu erinnern. Er wandte sich lebhaft und
+herausfordernd an den Schweigsamen, Rechnungsrat Siebold, und ermunterte
+ihn zur Zustimmung. Mit bloßem Kopfnicken wollte er sich nicht abspeisen
+lassen. Der Schweigsame ist nicht beliebt, wenn Geister erglühen.
+Siebold sollte laut bestätigen, da er es doch aus Erfahrung zu tun
+imstande war, daß man Unvergleichliches gesehen und erlebt habe. Oder
+sei an ihm die Herrlichkeit spurlos vorübergegangen?
+
+Ungern sah sich Siebold in die Mitte der Aufmerksamkeit versetzt. Er
+liebte es nicht, sich mit Gewesenem zu beschäftigen. Ihm lag der
+gestrige Tag schon fern. Unter den fragenden Blicken der Tischgenossen
+stiegen wohl Bilder aus entlegenen Gehirnschächten empor, aber es
+gestaltete sich keines. In den Jahren, er zählte die Jahre nicht, waren
+sie ihm abhanden gekommen, kaum daß er sie noch als eigenen Besitz
+erkannte. Blasse Farben, schattenhafte Figuren, verhallte Worte. Was
+berührte einen daran? Man war ein anderer. Jahre! Was ist nicht ein
+einziges an Gedehntheit! Zudem war er nur vier Monate draußen gewesen;
+kleiner Fähnrich, freudlos wie tausende. Man hatte ihn darnach in ein
+Proviantlager geschickt, und als er dort erkrankt, war er auf seinen
+Platz im Amt zurückgekehrt, wie wenn die Zwischenzeit ein unergiebiger
+Ferienausflug gewesen wäre.
+
+Es dünkte ihn aber, daß ihn Offizial Erbegast sticheln wollte. Auch die
+übrigen betrachteten ihn mit ironischen Blicken, als trauten sie ihm
+besondere Erlebnisse nicht zu und hegten nicht einmal die Erwartung, daß
+er sich zu solchen bekenne. Das verdroß ihn. Sein bedrohtes
+Selbstbewußtsein richtete sich wehrhaft auf. Er begriff die
+Notwendigkeit, den spöttischen Zweiflern Achtung abzuringen und forschte
+in seinem Gedächtnis. Nicht vergeblich; die verkniffene Miene erhellte
+sich; ein Vorfall fiel ihm ein, bei dem er handelnd mitgewirkt. Da er
+sich der Einzelheiten nur ungenau entsann, dauerte es geraume Weile, ehe
+seine Erzählung in verständlichen Fluß kam. Doch die Zuhörer zeigten
+Geduld, und so hatte er Muße, der schwerfälligen Erinnerung den Verlauf
+abzuzwingen.
+
+Die Geschichte war in keiner Weise ungewöhnlich. In einem galizischen
+Dorf waren sieben Menschen unter dem Verdacht der Spionage eingebracht
+worden. Die Beschuldigung lautete, sie hätten dem Feind durch das
+Dachfenster des Gemeindehauses, in welchem sie zusammengepfercht
+gefunden worden waren, Lichtsignale gegeben. Siebold hatte das Protokoll
+aufgenommen. Nur einem unter ihnen, einem riesenhaft gewachsenen
+Burschen, hatte das Verbrechen nachgewiesen werden können; bei den
+andern sprachen gewichtige Umstände dafür, daß sie die Opfer böswilliger
+Angeberei waren. Trotzdem hatte der Hauptmann alle Sieben nach einem
+summarischen Verhör kurzerhand zum Tod verurteilt: drei Juden, ein
+siebzehnjähriges polnisches Mädchen, einen zwölfjährigen Knaben, einen
+sechsundsiebzigjährigen Greis, und den Rädelsführer der Bande, eben
+jenen Riesen.
+
+Ein Tropfen im Meer der Ereignisse; ein paar vernichtete Leben mehr
+neben den Millionen. Die Welt hatte wohl kaum eine Kunde davon erhalten.
+Auch jetzt, wo es die Merkmale der Verjährung und der erfahrenen
+Häufigkeit trug, konnte solches Standgericht kein tieferes Interesse
+erregen als eines, das aus Höflichkeit dem Erzähler gebührt. Mochte auch
+der eine oder der andere die Willkür empfinden, die dabei gewaltet und
+dem in halben Andeutungen Worte verleihen, so wurden die schüchternen
+Einschiebsel leicht mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit abgetan. Für
+zarte Gemüter war die Zeit nicht geschaffen; die Moral bürgerlichen
+Lebens, das humane Gesetz, hatte da keine Giltigkeit mehr, wo man sich
+täglich seiner Haut wehren mußte. Wer auf seinem Posten stand und der
+Vorschrift genügte, war entlastet. »Die Gegner haben es genau so
+gehalten,« wurde gesagt; »weil wir in der Patsche sitzen, spuckt man uns
+ins Gesicht, und sogar im Lande selbst entblödet man sich nicht, Leuten,
+die ihre Pflicht erfüllt haben und als Helden gefeiert würden, wenn das
+Glück bei uns geblieben wäre, soviel wie möglich am Zeug zu flicken.«
+Jawohl, bemerkte hierzu der Offizial bissig, die Menschen seien eben
+Schweine und von ihrer schweinischen Natur könne man nichts Besseres
+erwarten.
+
+Nach diesem Intermezzo nahm Siebold den Faden wieder auf. Da er nun zu
+sprechen begonnen hatte, wollte er seine Sache auch bis zum Ende führen.
+Das Wort hatte ihm Hilfe geleistet und Bild um Bild aufgefrischt; er
+wunderte sich selbst über die wiederbauende Fähigkeit der Erinnerung und
+gefiel sich in seiner Rolle des Mitrichters über Schicksale. Er
+verweilte. Er ging in der Schilderung zum Kleinen und Intimen; mit
+behaglicher Ausführlichkeit beschrieb er die traurige Gegend, das
+verwahrloste Dorf, die Armut der Menschen, sogar das regnichte Wetter,
+das geherrscht hatte. Dann erzählte er von der jungen Polin; wie trotzig
+sie alle angeschaut mit ihren schwarzen Augen; er hatte den Namen
+gewußt; er hatte ihn vergessen. Er besann sich und fand ihn. Katinka war
+der Name gewesen. Als wohne dem Namen Leuchtkraft inne, wurde
+gegenwärtig, wie sie stolz und wild die Antworten verweigert, auch als
+man ihr den Revolver vor die Stirn gehalten; auch als man ihr
+versprochen, den Knaben, ihren Bruder, zu schonen. Immer wieder betonte
+er die teuflische Halsstarrigkeit des Mädchens, schließlich mit
+Einschaltung eines lasziven Witzes, der, wie billig, belacht wurde.
+»Glauben Sie, meine Herren, sie hätte die Zähne voneinandergetan? Um
+keinen Preis. Eher noch die Beine, scheint mir.«
+
+Als der Spruch gefällt war, hatten sich alle, mit Ausnahme der Katinka
+und des Riesen auf die Knie geworfen. Die Juden vor dem Hauptmann, das
+Bürschchen vor ihm. Das Bürschchen hatte seine Beine umschlungen und
+jämmerlich geschluchzt, bis es die Schwester angeschrieen und weggerissen.
+Der alte Mann hatte ihm fortwährend die Hände geküßt und unverständliche
+Worte gelallt. In die größte Verzweiflung waren aber die drei Juden
+geraten. Mit gellenden Anrufungen Gottes hatten sie ihre Unschuld
+beteuert, sich die Haare gerauft und an den Kaftanen gezerrt. Einer, mit
+fuchsrotem Bart und käseweißem Gesicht, hatte sich äußerst demütig
+betragen; als aber der Hauptmann, dem das Unwesen zu lärmend wurde, den
+Befehl erteilte, die Gesellschaft abzuführen, war es gerade dieser, der
+die Arme gegen ihn streckte und eine alttestamentarisch-gräuliche
+Verfluchung ausstieß.
+
+Eine gespenstische Idylle, gerahmt in Selbstzufriedenheit, beschloß die
+Darstellung: nächtlicher Regensturm; Siebold auf Runde; an den Ästen von
+sieben Pappeln neben der Chaussee sieben Leichen, schwankend im Wind,
+unheimliche Kleiderbündel, unheimliche Gerippe, schief, schlapp,
+verbogen wie die Vogelscheuchen, und in der schwarzen Ebene ein
+klagend-verklingender Ruf.
+
+Da dem Offizial die Düsterkeit des Gemäldes nichts anzuhaben vermochte,
+weniger aus Herzenshärte, als weil seine Einbildungskraft, wie übrigens
+bei alle diesen, das Entscheidende nicht zu fassen vermochte, schreckte
+er vor der zynischen Erkundigung nicht zurück, ob denn die wilde Katinka
+ihre vermeldeten Beine nicht hätte nützlich gebrauchen wollen oder
+können. Im selben Augenblick erhob sich der schlafende Kleinbürger oder
+Agent Jost mit störendem Geräusch. Er trat an den Tisch der Herren,
+schüttelte sich raschelnd, feixte verlegen, und während er irgendwelche
+Laute vor sich hinmummelte, betrachtete er einen um den andern; zuletzt
+blieben seine Augen, zwei kleine, glitzerige Messingscheibchen wie bei
+Katzen, auf Siebolds Gesicht haften, mit einem so neugierigen und
+boshaften Ausdruck, daß es dieser als Belästigung empfand und ihn
+stirnrunzelnd musterte. Ein Unbehagen blieb.
+
+Doch war seine Haltung aufrecht und seine Stimmung geläutert, als er
+durch die abendlich finstern Gassen seinem Heim zuwanderte. Ein
+zurückgedrängtes Stück seiner inneren Person war an dem Abend zu neuem
+Wertbewußtsein erwacht. Er folgerte daraus, daß dem geistig und sozial
+entwickelten Menschen Gedankenmitteilung und Gespräch mit
+Gleichgearteten zu einer Vermehrung des Kräftevorrats verhelfe. Man
+müsse sich zu erkennen geben, war die Lehre, die er daraus zog; man
+dürfe sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Zufällig hatte er
+eine abgebrochene Brücke wieder geschlagen, vernachlässigtes Lebensgut
+in Sicherheit gebracht; und siehe, er befand sich wohl dabei. Die
+Färbung der Existenz war intensiver, der Schritt gewichtiger, der Blick
+bedeutender. Er blieb stehen, sog Luft in die Lunge, nahm eine Zigarre
+aus dem Behältnis und zündete sie an.
+
+Das Ziel des Weges stand nicht im Einklang mit seiner Gehobenheit.
+Sechzehn Quadratmeter Raum und vier Betten: das eheliche Schlafgemach.
+Im Vorgefühl umfing ihn schon die trübe Enge. Die beiden Kinder, die
+sich von Zeit zu Zeit auf dem Lager wälzten und im Traum redeten.
+Kleider und Wäsche auf den Stühlen; Schuhe auf dem Boden; die Vorhänge
+über den Fenstern morsch; oval gerahmte Familienphotographien an den
+Wänden, deren Tünche zu bröckeln begann; die Decke vom Schlafdunst
+vieler Nächte geräuchert. Als sicher war anzunehmen, daß die Frau
+erwachen würde; mit den steifgeflochtenen Zöpfen würde sie sich
+aufrichten, blaß, vergrämt, verdrossen; würde fragen, wo er gewesen,
+warum er so spät kam; würde ihn mit ihren häuslichen Miseren quälen:
+etwa daß sie beim Händler kein Gemüse, beim Kaufmann keinen Zucker
+bekommen; daß weder Kohle, noch Holz, weder Brot noch Mehl im Hause sei;
+daß das ältere Töchterchen über Halsschmerzen geklagt und wahrscheinlich
+Fieber habe. Es wollte ihn bedünken, als gehe dies alles wider die
+Würde. Man war Beamter mit Machtbefugnissen. Es war ein Zwiespalt
+zwischen seiner Stellung im öffentlichen und im privaten Leben;
+unversöhnlicher Konflikt. Der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung
+genoß Ehren; er wollte es nicht verkennen, noch mißachten. Menschen
+zitterten vor ihm. Menschenwohl und -wehe war in seine Hand gegeben. Der
+Gatte, der Vater war zur Geringfügigkeit verdammt, niedergezwungen auf
+die Straße der Vielen.
+
+Er schob es fort. Es gelüstete ihn nach Aufmunterungen. Neulich hatte er
+auf demselben Weg ein Mädchen getroffen und war mit ihr gegangen.
+Ungeachtet ihres niedrigen Gewerbes, das zu verabscheuen er als Mann von
+makellosem Ruf und geachteter Position verpflichtet war, hatte sie ihm
+gefallen. Es gibt Heimlichkeiten in der Lebensführung, durch die man nur
+etwas aufs Spiel setzt, wenn sie aufhören, Heimlichkeiten zu sein, also
+wenn man unvorsichtig ist, wenn man Spuren hinterläßt, wenn man die
+Grenze nicht respektiert. Sabine Jäger war ihr Name. Ihre Haare waren
+gelb wie frisches Holz, eine anziehende Besonderheit; sie hatte
+Temperament und war verhältnismäßig noch unverdorben. Als sie davon
+gesprochen hatte, ihn wieder zu treffen, hatte er sich nicht ablehnend
+verhalten. In selbstbetrügerischer Zerstreutheit lenkte er den Schritt
+nach der Richtung, wo sie wohnte.
+
+Da drang ein Gruß an sein Ohr. Betroffen drehte er sich um und erkannte
+den Agenten Jost, der ihm gefolgt war.
+
+ * * * * *
+
+Er trug ein gelbes Mäntelchen, das kaum bis zu den Hüften reichte. In
+die schlottrigen Ärmel hatte er die Hände wie in einen Muff gesteckt. So
+trippelte er vorüber. Aber plötzlich zögerte er, wartete, bis Siebold
+herankam und sagte mit einer dünnen, hohen, quietschenden Stimme, es
+freue ihn, den Herrn Rechnungsrat noch getroffen zu haben; er habe nicht
+gewußt, daß der Herr Rechnungsrat in dieser Gegend zu Hause sei.
+
+Zwischen Herablassung und Mißlaune brummte Siebold ein paar leere
+Worte, und jener machte Anstalten, weiterzugehen. Wieder trippelte er,
+wieder hielt er inne. »Weit ists,« seufzte er, zog die Hände aus dem
+Ärmelmuff und griff nach dem lächerlich flachen Melonenhut mit
+ausgefransten Rändern, den ein Windstoß zu entführen drohte; »man läuft
+sich die Füße wund, Tag für Tag. Ist mir nicht an der Wiege gesungen
+worden, daß es mir so ergehen soll. Darf ich mich Ihnen anschließen,
+Herr Rechnungsrat? Nur bis zur Ecke da droben, da ist meine Gasse;
+hinter der Atlantik-Bar. Schönes Lokal, die Atlantik-Bar, wie? Schöne
+Leute; immerfort Musik. Wer doch auch einmal lustig sein könnte; ei ja!«
+
+Siebold wußte nicht recht, wie er sich zu benehmen habe. Von dem
+hergelaufenen, verlotterten Menschen angesprochen zu werden, verletzte
+sein Standesgefühl. Er kannte ihn kaum. Andererseits waren die Zeiten
+derart, daß man sich hochmütiger Regungen versehen mußte. Er verbarg
+seinen Ärger, als Jost mit unterwürfiger Zutraulichkeit an seiner Seite
+weiterging und hatte eine steif zurückhaltende Miene.
+
+Mit der pfeifenden Stimme und vom schnellen Gehen atemlos fuhr Jost
+fort: »Da kenn ich einen, der ist dort angestellt als Wagenrufer. Ein
+alter Mann. Vor zwei Jahren hatte er noch ein Speditionsgeschäft und
+eine Villa. Vor zwei Jahren hat er noch in seinem Garten Rosen
+gezüchtet. Und jetzt ruft er die Wagen, vielleicht für solche, die
+früher Kratzfüße vor ihm gemacht haben.« Ein asthmatischer Husten
+unterbrach ihn. »Angst und bang wird einem, Herr Rechnungsrat,«
+quietschte er dann, »angst und bang. Das Schicksal ist wie ein Wolf.
+Tückisch schleicht es her und fällt einen an. Hab drei Kinder zu
+versorgen; acht Jahre das älteste. Ein Mädchen; ein gutes Kind; eine
+Seele wie Gold. Eveline heißt sie. Poetischer Name, wie? Nun, das ist
+der einzige Luxus, den sich die Armen leisten können. Ruft man sie, ruft
+man Eveline, so wird einem gleich ganz wohl. Sie verkauft Schuhbänder
+auf den Straßen, Schuhbänder aus Papierstoff; billig und schlecht.
+Vorige Woche komm ich gegen Abend heim, hängt mir das Fünfjährige am
+Stiegengeländer, außen am Geländer, unter sich den Abgrund, hängt und
+zappelt und schreit. Noch zehn Sekunden, Herr, und die Muskelchen haben
+keine Kraft mehr. Was sagen Sie dazu? Freilich, die armen Würmer sind
+sich selber überlassen. Die Mutter ist tot. Hin und wieder beaufsichtigt
+sie das Töchterchen vom Tapezierer nebenan. Aber darauf ist nicht mehr
+lang zu rechnen. Mit seinen vierzehn Jahren ist das Menschlein bereits
+schwanger. Der Vater ein Saufbold, der Bruder im Zuchthaus, nicht das
+Stück Brot zum Fressen, kaum ein Hemd auf dem Leibe, und trotzdem juckt
+sie das Fleisch. Und wenn man über die Stiegen geht, stolpert man über
+knochenkranke Kinder, und an den Türen steht ausgemergeltes Volk, und
+oben ist Elend, und unten ist Elend, und in der Mitte ist Elend. Hab ich
+da nicht recht, kann einem nicht angst und bang werden?«
+
+Siebold räusperte sich. »Es lebt sich schwer heutzutage,« gab er
+widerwillig zur Antwort. Die Geschwätzigkeit des einfältigen Menschen,
+die unliebsame Begleitung vor allem, erregten seine Ungeduld, und er
+suchte nach einem Vorwand, sich loszumachen.
+
+»Das ganze Leben ist ein finsterer Keller,« fing das Männchen mit seiner
+weinerlichen Stimme wieder an; »wenn ich mir so die Leute betrachte, mit
+denen ich zu tun habe, da wird mir, ich weiß nicht wie. Reden, reden,
+reden. Geschäfte; und was für Geschäfte! Wenn zwei beisammen stehn und
+wispern, so heißt das gewöhnlich, daß einem dritten die Gurgel
+zugedrückt wird. Ich komme zu ihnen in ihre Häuser; ob fein, ob nicht
+fein, ganz gleich, es liegt wie Unrat und Spülicht überall. Auf Tischen
+und Stühlen, in Schränken und Betten, überall Unrat und Spülicht. Ich
+glaube, irgendein Stern da droben, ein von Gott verfluchter, hat in
+irgendeiner Nacht all seinen Unrat und Spülicht auf uns
+heruntergeschüttet. Dem ist nicht beizukommen, nicht mit Wasser, nicht
+mit Feuer; Unrat und Spülicht, das klebt in alle Ewigkeit. Nun, wirds
+bald, sag ich, was redet ihr denn? was sinnt ihr? was macht ihr für
+Grimassen? was grinst und lacht ihr und laßt euch von einem Alten, der
+Rosen gezüchtet hat, eure Karossen rufen, wo doch das ganze Leben ein
+finsterer Keller ist? Heda, was werft ihr denn euern Jammer auf einen
+Haufen, daß man hineinstürzt und drin erstickt? Und ist der Zorn
+verraucht, so möcht ich mich am liebsten hinschmeißen und heulen, vom
+Morgen bis zum Abend, nichts als heulen. Zu denken: so ein Kind, eine
+vierzehnjährige Schwangere. Zu denken! Herrgott! Das halt ich nicht aus.
+Das raubt mir den Schlaf in der Nacht; ich liege und liege, und auf
+einmal seh ich dann den Weg nach Golgatha. Den großen, fürchterlichen,
+schmerzensreichen Weg nach Golgatha.«
+
+Siebold blieb stehen. Er schleuderte den Zigarrenstummel fort und fragte
+streng: »Zu welchem Zweck erzählen Sie mir eigentlich das alles? Das ist
+doch der reine Blödsinn, mein Bester.«
+
+Die schroffe Zurechtweisung beschämte den Kleinen sichtlich. »Es ist
+wahr, Herr Rechnungsrat, es ist lauter Blödsinn,« erwiderte er
+schüchtern. »Ich bin eben ein blödsinniger Mensch. Das sagen viele. Ich
+habe selbst am meisten drunter zu leiden. Es geht bei mir bis zu fixen
+Ideen. Zum Beispiel, Sie werden es kaum für möglich halten, zum Beispiel
+hab ich heut abend die Wörter gezählt, die in Ihrer Geschichte
+vorgekommen sind. Sollte man sowas glauben? Achthundertneunundachtzig
+Wörter, alles in allem, genau gezählt. Hab mich schlafend gestellt und
+dabei gezählt. Ich höre, versteh auch den Sinn, zugleich arbeitet das
+Hirn wie eine Additionsmaschine, klapp, klapp. Kann mir nicht helfen,
+muß zählen. Achthundertneunundachtzig Wörter, ein ganzer
+Zeitungsartikel. War aber auch sehr spannend, Herr Rechnungsrat;
+wirklich, mein Kompliment, eine spannende Geschichte. Aber in der Nacht,
+wenn ich liege und in die Finsternis stiere, dann marschieren die
+sämtlichen Wörter an meine Bettstatt, stellen sich der Reihe nach auf
+wie die Zinnsoldaten, und da begreif ich erst die Meinung, da wird mir
+alles erst klar, und da seh ich dann den Weg nach Golgatha, wie gesagt.
+Ein schlimmer Zustand. Es ist kein Spaß, wenn man jede Nacht und jede
+Nacht auf den Weg nach Golgatha geschleppt wird. Ich muß einmal zum
+Doktor. Ich muß mich einmal untersuchen lassen.«
+
+Siebold überlief es kalt. Die Reden und das Gebaren des lumpenhaften
+Menschen beunruhigten ihn allgemach. Daß er es mit einem Verrückten zu
+tun hatte, stand fest. Entschlossen, sich von der unangenehmen
+Gesellschaft zu befreien, murmelte er bei der nächsten Straßenabzweigung
+einen mürrischen Gruß und entfernte sich rasch.
+
+ * * * * *
+
+Glückliche Organisation befähigte ihn, leicht zu vergessen. Ist ein Mann
+aus Neigung wie aus Eignung Beamter, so bilden die täglichen
+Obliegenheiten seine Schutzwache. Berufsgewalt erhöht ihn.
+
+Menschen mußten warten, bis er geruhte, sie zu empfangen und anzuhören.
+Auch wenn es ihm beliebte, nichts weiter zu sein als launenhaft,
+lustlos, ungewillt ihre Gesichter zu sehen, sie mußten trotzdem warten.
+Das machte die Bedeutung des in gewiesenem Bereich absolut regierenden
+Beamten aus: daß sie warten mußten.
+
+Sie froren im Korridor, und in seinem Büro barst der Ofen vor Hitze.
+Akten häuften sich mit Inhalt von unbestrittener Tragweite. Sie
+verrieten dem kundigen Auge wirtschaftliche Schwäche, törichte Bemühung,
+gesetzesfeindliche Ausflucht, verbrecherische Verschleierung. Sie
+eröffneten den Blick in die Schlupfwinkel der Existenzen; sie boten die
+Handhabe, Säumige zu zitieren, daß sie kommen mußten und dastehen wie
+ertappte Diebe. Aufsässigkeit war vergeblich. Der Akt machte sie
+zuschanden. Einspruch prallte ab. Der Akt redete. Der Akt beugte sie.
+
+Es drang aber aus dem Vergessenen herauf bisweilen eine quietschende
+Stimme. Es zeigte sich auch, selbstverständlich nur in der Einbildung,
+das gelbe Mäntelchen mit den in muffartigen Ärmeln geborgenen Händen. Er
+schüttelte zu solchen Erscheinungen, die zwei-dreimal während des Tages
+auftauchten, den Kopf, denn er war es nicht gewöhnt, Dinge zu sehen, die
+nicht gegenwärtig waren, und eine Stimme zu vernehmen, ohne daß ein
+Sprechender zu erblicken war. Es war eine Unzuträglichkeit, doch nicht
+groß zu achten. Immerhin mied er das Stammlokal. Einer neuen Begegnung
+mit dem aufdringlichen Schwätzer auszuweichen, dünkte ihm ratsam. Es gab
+andere Zufluchtsstätten. Vor allem war er in diesen Tagen in intimere
+Beziehung zu Sabine Jäger getreten, und die Abende waren von dem
+Zusammensein mit ihr beansprucht.
+
+Da geschah es, daß er einen Brief mit der Post erhielt; auf dem
+eingeschlossenen Blatt stand nichts weiter als der Satz: Der Weg nach
+Golgatha ist lang. Er starrte eine Weile darauf nieder, schien sich zu
+besinnen, dann zerriß er den Wisch und warf ihn ins Feuer. Verwegene
+Anrempelung; so ein Bursche müßte festgenommen und bestraft werden.
+
+Zwei Tage später reichte ihm seine Frau eine offene Karte, die der
+Postbote soeben gebracht hatte, und fragte erstaunt, was es damit für
+eine Bewandtnis habe. Er las: Die Zinnsoldaten ziehen jede Nacht zur
+Parade auf.
+
+Er versuchte zu lachen. Die Frau beharrte auf ihrer Frage, da sie ein
+Geheimnis vermutete, eine chiffrierte Mitteilung. Zornröte stieg in sein
+Gesicht. Er antwortete, er kenne den Schreiber; es sei ein Wahnsinniger,
+aber von der harmlosen Art, der sich einen albernen Scherz mit ihm
+erlaube; er werde dem Narren das Handwerk legen.
+
+Am selben Nachmittag gewahrte er auf dem Heimweg vom Amt Jost in seinem
+gelben Mäntelchen vor einer Branntweinbudike. Er zog sogleich den
+Melonenhut und grüßte devot. Siebold schaute geradeaus, ohne den Gruß zu
+erwidern. Doch bemerkte er, daß ihm Jost folgte. Unwillkürlich
+beschleunigte er seinen Schritt. Das Zwergentrippeln näherte sich
+trotzdem. Erregung packte ihn, deren er sich schämte. Jäh blieb er
+stehen.
+
+»Schlechtes Wetter, Herr Rechnungsrat,« sagte Jost kleinlaut; »wenn es
+schon im November so ist, wie soll man da durch den Winter kommen? Hab
+bereits alles, was beweglich ist, ins Pfandhaus getragen.«
+
+»Ich empfehle Ihnen, sich zu trollen, sonst laß’ ich Sie auf der Stelle
+verhaften,« knirschte Siebold erbittert; »verschonen Sie mich, in des
+Teufels Namen, mit Ihren unverschämten Vertraulichkeiten.«
+
+Aber als er darauf den Kleinen anschaute, erblaßte er. Jost hatte die
+Augen auf ihn gerichtet, die zwei Messingplättchen hinter zuckenden
+Lidern, und in diesen Augen war etwas, was er noch an keinem Menschen
+wahrgenommen: eine unfaßbare, geradezu unsinnige Qual verbunden mit
+einer ebenso unfaßbaren, ebenso unsinnigen Bosheit. Vielleicht kam es
+ihm nur wie Bosheit vor; jedenfalls fuhr ihm ein befremdlicher Schrecken
+in die Glieder. Schwerfällig ging er weiter, verwundert, in hemmendem
+Nebel, in heimlicher, hemmender Sorge, die wie eine nachschleifende
+Kette klirrte.
+
+ * * * * *
+
+Es wurde so, daß er von dem Tage an keinen Gang durch die Straßen tun
+konnte, ohne daß er den Gelbmantel nicht mindestens einmal erblickte.
+Zwar redete ihn Jost nicht mehr an; aber daß er in der großen Stadt,
+unter Tausenden von Menschen jederzeit darauf gefaßt sein mußte, gerade
+diesem zu begegnen, immer wieder diesem, brachte ihn nach und nach aus
+dem Gleichgewicht.
+
+In schäbigem Aufzug, schlotterig trippelnd, die Hände in den
+Mantelärmeln, mumienhaft eingeschrumpft, in bekümmerter Eile oder auch
+in gleich bekümmerter Gedankenversponnenheit tauchte er unerwartet an
+einer Ecke auf; unter den Bäumen einer Allee; in der Mitte einer Straße.
+Bald stand er vor einer Ladenauslage und betrachtete mit blöden Mienen
+die Waren, den Melonenhut in die Augen gedrückt; bald kauerte er auf dem
+Prellstein vor einem Torweg. Manchmal marschierte er auf dem
+gegenüberliegenden Gehsteig in der nämlichen Richtung, überschritt die
+Straße und verschwand plötzlich; manchmal schoß er unmittelbar auf
+Siebold zu und wich erst in der letzten Sekunde zur Seite. Stets hatte
+er den Kopf gesenkt und die Augen niedergeschlagen: bescheiden,
+verängstigt, gehetzt; und eingehüllt in jene unfaßbare und unsinnige
+Qual und Bosheit.
+
+Eines Morgens, als Siebold seine Wohnung verließ, die in einem
+Hintertrakt gelegen war, und durch den mit einem Gärtchen verzierten Hof
+schritt, gewahrte er ihn am Flurfenster im zweiten Stock des vorderen
+Hauses. Er hatte beide Ellbogen auf das Sims gestützt, das Fenster war
+offen, den Kopf hielt er zwischen den Händen, der Melonenhut saß diesmal
+ganz im Nacken, so daß das sorgfältig gescheitelte und ölig verklebte
+Grauhaar sichtbar wurde, und in dieser Haltung starrte er regungslos in
+die Luft. In Siebold kochte berserkerhafter Ingrimm auf; er rief den
+Hauspfleger; unartikuliert redend, deutete er mit dem Schirm in die
+Höhe, brachte endlich die Frage hervor, was das Individuum da oben zu
+suchen habe, und während der Hausmeister hinaufging, wartete er
+wutbebend an der Stiege. Alsbald schlich Jost an ihm vorbei, vom
+schimpfenden Hauswart verfolgt, gedrückt, still und hastig. Siebold
+eilte ihm nach, wurde eines Polizisten ansichtig, trat auf ihn zu,
+nannte seinen Namen und Titel, wies, abermals mit dem Schirm, auf den
+sich entfernenden Gelbmantel, sagte zu dem Schutzmann, er möge ein Auge
+auf den Strolch haben, es sei vermutlich ein Einschleicher, er selbst
+beobachte ihn schon lange und habe Grund, ihn für ein gemeingefährliches
+Subjekt zu halten. Der Schutzmann, über seine schäumende Gereiztheit
+erstaunt, versprach, den Verdächtigen zu stellen, falls er sich wieder
+in der Gegend zeige.
+
+Siebold glaubte, sich Ruhe verschafft zu haben. Zwar blieb eine
+ahnungsvolle Verwirrung in seinem Innern bestehen, eine gewisse
+Zerstreutheit und Erregbarkeit, deren er nicht Herr zu werden vermochte,
+aber da sich der Mensch in den nächsten Tagen nicht blicken ließ, atmete
+er auf. Als er jedoch am dritten oder vierten Tag in sein Amtszimmer kam
+und sich an das Schreibpult setzte, lag da ein großer Bogen Papier; an
+jeder Ecke war mit Rotstift ein Kreuz gezeichnet; in der Mitte befanden
+sich drei Kreuze, und unter diesen stand, ebenfalls mit Rotstift
+geschrieben:
+
+ Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
+ Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
+ Und der sie aufgericht und hingestellt,
+ Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.
+
+Er wußte zuerst nicht, was das sein solle. Verse; was hieß denn das? Er
+dachte an einen Schabernack der Kollegen, runzelte die Stirn, schaute
+hinter sich, blätterte in einem Faszikel, nahm den Bogen wieder zur
+Hand, studierte die Schriftzüge, verfärbte sich, spürte etwas wie
+Lähmung in den Händen, eine Glutwelle im Kopf; sprang auf, fuhr den
+Schreiber an, wer das Zeug auf seinen Tisch praktiziert habe, geriet
+außer sich, als der versicherte, von nichts zu wissen, rief mit heiserer
+Stimme den Amtsdiener, deutete auf den beschriebenen und bemalten Bogen,
+drohte, eine Disziplinaruntersuchung anhängig zu machen, und als einige
+Beamte aus den benachbarten Räumen, über den Auftritt bestürzt,
+herbeigerannt waren, wollte er ihnen erklären, was ihm widerfahren, daß
+Unfug gegen ihn verübt werde, aber er kam ins Stottern, und auf einmal
+schwieg er, wischte sich den Schweiß von der Stirn, begab sich auf
+seinen Platz zurück und versank in sonderbares Brüten. Die Herren
+zuckten die Achseln und warfen einander bedenkliche Blicke zu.
+
+Den Parteien erwuchs Übles von seiner verdüsterten Gemütsverfassung. Die
+geringen Leute harrten stundenlang vergebens auf den Aufruf. Auch an den
+folgenden Tagen. Zeitbedrängte standen sich die Zehen in den Stiefeln
+wund. Schuldbewußte verzagten. Die zur Amtshandlung Vorgelassenen wurden
+in messerscharfe Inquisition genommen. Mutmaßliche Fehlangaben stießen
+auf ätzenden Hohn. Strafausfertigungen wimmelten. Den Korridor füllte
+Murren. Der Gewaltige selbst aber saß und befahl. Saß und verschanzte
+sich gegen die Stimme, die eine Stimme. Machte sich blind gegen das
+Gesicht, das eine Gesicht. Bemühte sich, den Worten eines läppischen
+Verses zu entrinnen. Wußte, was die Stimme verlangte, während er das
+schwindsüchtige Weib anschrie, das die Quote nicht zahlen konnte und zur
+Pfändung verurteilt war. Erboste sich um so mehr. Unnachgiebigkeit war
+zu erweisen, Unerbittlichkeit. Kam er nach Hause, so fühlte er sich
+erschöpft.
+
+Am Sonntag um die Dämmerungsstunde hatte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa
+gelegt und war eingeschlafen. Die Frau saß am Fenster und nähte, die
+zwei Kinder hatten sich in die Ecke gedrückt und blätterten in einem
+halbzerfetzten Bilderbuch. Die Stille wurde von einem gräßlichen Schrei
+unterbrochen. Siebold fuhr empor; in seinem Gesicht war weißer
+Schrecken; es war wie zerfetzt von Schrecken. Die Frau stürzte hin,
+packte ihn; »Mann, Mann,« rief sie; die hagere Gestalt, abgehärmt Teil
+für Teil, war der Wucht der Befürchtung kaum gewachsen; die Kinder
+standen zitternd hinter ihr, den Vater mit verzehrend großen Blicken
+betrachtend.
+
+Der war entwirklicht. Er hatte nicht selber geschrien. Einer in ihm
+hatte geschrien. Überlegte er es genauer, so war es nicht einer gewesen,
+sondern mehr als zehn. Sie waren schreiend an ihm vorübergestürmt, in
+einem violett-feurigen Ring. Sie hatten sich zu dem Schrei in ihm
+vereinigt, daß er aufwachen solle. Er begriff sonst nichts, äußerte auch
+dieses nicht. Es erschien ihm erniedrigend, er hatte es noch nie erlebt,
+es widerstritt dem Rang und der Regel. Unfreundlich wies er die Frau ab,
+nachdem er sich gefaßt, wusch das Gesicht in kaltem Wasser, zog den
+guten Rock an, ging fort.
+
+Er war mit Sabine Jäger verabredet, suchte aber erst das Stammwirtshaus
+auf, um zu Abend zu essen. Gerade dorthin wollte er, wo er
+möglicherweise den Gelbmantel treffen konnte. Dorthin, jawohl, um sich
+nicht der Feigheit bezichtigen zu müssen. Vielleicht wurde eine
+Entscheidung dadurch herbeigeführt. Vielleicht machte er den Hallunken
+dingfest. Vielleicht holte er sich Rat bei den Freunden und berichtete
+ihnen, was für Streiche ihm der Kerl spielte. Er nahm sich einen
+bestimmten scheltenden und entrüsteten Ton vor, in welchem er die
+Anmaßung und Übergeschnapptheit des Menschen darlegen wollte, aber als
+es so weit war, als er in der wohlwollenden Runde saß, brachte er keine
+Silbe aus der Kehle, ja, wenn er bloß daran dachte, fing sein Herz an zu
+klopfen. Er fand den Eingang nicht, er fand das Wesen nicht, er fand den
+Dolus nicht, alles war verwischt, dumm, kindisch, unfaßbar. Es wurde ihm
+gesagt, daß er schlecht aussehe, schlaffe Wangen und trübe Augen habe;
+er gab zu, sich krank zu fühlen; es war ein Anlaß, sich bald zu
+verabschieden. Der Offizial stülpte hinter ihm die Stirn in Falten und
+meinte, mit dem gehe es bergab, der werde es nicht mehr lange treiben.
+
+Mit großer Hast eilte er durch die Straßen. Nebengassen glichen
+Schlünden, geschlossene Tore und Fenster waren wie für die Ewigkeit
+verriegelt. Das verhohlene angenehme Grauen, mit dem der unbescholtene
+Bürger, Staatsbeamte, Ehegatte zu einer Prostituierten geht, täuschte
+ihn über anderes Grauen, das in innerste Zellen entwichen war. Die Jäger
+bewohnte in einem uralten Vorstadthaus mit vielen Höfen und Durchgängen,
+vertretenen Stiegen, steinern kalten Fluren im letzten der Höfe zwei
+Zimmer im Erdgeschoß. Deckchen, Kissen, bunte Stoffe und eine schummerig
+umhüllte Lampe überschminkten die Dürftigkeit.
+
+Das Mädchen empfing ihn im grünen Schlafrock und zeigte über sein Kommen
+Freude. Sie plauderten von Abstand zu Abstand, leer, hölzern, zweckhaft;
+der Regen plätscherte draußen. Siebold dünkte sich leidlich in
+Sicherheit; was noch an Unruhe in ihm trieb, versprach die Lust abzutun,
+er wurde deshalb wortkarg und verlangend. Doch hatten sie sich nicht
+sobald auf das vorbereitete Lager begeben, als er mit erstarrendem Auge
+an die Mauer blickte und die erstarrende Hand hinstreckte. Es war ein
+Karton mit Reißnägeln angeheftet, darauf gemalt zwei schwarze
+Schmetterlinge links und rechts, in der Mitte eine rote Flamme, und
+darunter war in lapidaren, fast wie in alten Mönchsschriften kunstvoll
+ausgeführten Lettern zu lesen:
+
+ Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
+ Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
+ Und der sie aufgericht und hingestellt,
+ Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt;
+ Und immer neue baut er Tag und Nacht
+ Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht.
+
+»Wo hast dus her?« fragte er mit bebender Kinnlade und kraftloser
+Lippe, »wo hast dus her?« Und sie, erschrocken über sein Aussehen,
+unbefangen wegen der Frage: »Einer hat mirs geschenkt.« Er umklammerte
+ihren Arm, daß sie schmerzlich stöhnte. »Wer? wer hats geschenkt? wer?«
+
+Da erschallte vom Hof herein ein klagendes Rufen, nicht sonderlich laut,
+aber mit durchdringend hoher Stimme. »O, Golgatha!« riefs, und wieder,
+langgedehnt: »o, Golgatha!« Wie er die Stimme kannte! Er sprang auf,
+tastete nach den Kleidern, fiel entkräftet auf einen Stuhl und murmelte
+ohne Atem, die Hosen halb über den Beinen: »Er hat mich dahier ausfindig
+gemacht; das gibt Unheil; ich muß ihn erwischen; ich muß ihn erwürgen.«
+In verstörter Eile kleidete er sich vollends an, Sabine war um ihn
+bemüht, lauschte zugleich, denn das wehe »o Golgatha!« tönte, obzwar
+ferner und schwächer, noch immer herein. Während er den Kragen
+befestigte und die Krawatte band, kam es wie geistesabwesend aus seinem
+Mund: »Weiß nicht, was er will. Immer hinter mir her, früh und spät
+hinter mir her; weiß nicht, was er von mir will. In meinem Leben hab ich
+nichts Schlechtes getan. Wie ein Detektiv auf der Lauer und hinter mir
+her. Das darf nicht geduldet werden. So einen muß man einsperren. Ins
+Irrenhaus gehört so einer.«
+
+Die Jäger betrachtete ihn scheu und mißtrauisch, war froh, daß er sie
+verließ, riegelte die Tür auf, als er fertig war, und bekreuzte sich,
+als er grußlos hinausstürzte.
+
+Der Hof war finster. Das Rufen hatte aufgehört. Er suchte. Es war
+niemand da. Er stand und ging mit vorgeneigtem Rumpf; die Augen irrten
+durch die nasse Dunkelheit.
+
+Er suchte den geheimnisvollen Verfolger. Violett-feurige Ringe drehten
+sich wieder. Er wankte durch die Torwege, pochte an ein Fenster, und
+eine Alte kam, das Tor zu öffnen. »Haben Sie keinen gesehen?« fragte er;
+»ist nicht einer fortgegangen, ein Kleiner mit gelbem Mantel?« Nichts
+gesehen, keinen gesehen, war die Antwort.
+
+Auf der Straße machte er ein paar Schritte, dann mußte er nach einer
+Stütze tasten. Er lehnte sich an die Mauer. Brodeln war in der Luft, der
+Erdboden bog sich und gab nach wie Gummi. Was war denn? was geschah
+denn? »Ich habe doch in meinem ganzen Leben nichts verbrochen,« murmelte
+er grübelnd und verdüstert; »meine Hände sind rein, niemand kann mir
+etwas vorwerfen, ich habe kein unrechtes Gut erworben, habe keinen
+Menschen unterdrückt; war fleißig, pünktlich, solid, nüchtern,
+anständig; was will der Schuft von mir? was will er mit seinem Golgatha
+und seinen blödsinnigen Verschen?«
+
+Da hörte er sich selbst, zu seinem Entsetzen, wie wenn seine Zunge
+andern Pfad liefe als sein Denken, hörte er sich selbst in einer monoton
+und schülerhaft deklamierenden Weise sprechen:
+
+ »Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
+ Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
+ Und der sie aufgericht und hingestellt,
+ Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.«
+
+Der Verstand, wo war der Verstand? Es mußte doch ein Verstand drinnen
+sein. Und dann das noch:
+
+ »Und immer neue baut er Tag und Nacht
+ Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.«
+
+Ja, was denn? wie denn? warum denn? Wegen dem schwindsüchtigen Weib am
+Ende? Es war seltsam, daß ihm dies einfiel; er wußte nicht, was er
+daraus machen sollte. Langsam ging er weiter, im Regen, ohne den Schirm
+aufzuspannen, nicht in sich gekehrt, nicht nach außen gekehrt, doch
+horchend, unablässig horchend. Auf das Rätsel horchend. Was sich mit ihm
+ereignete, war Rätsel. Wie er den Verfolger im Hof gesucht hatte, so
+suchte er jetzt die Lösung des Rätsels, oder bloß die Natur davon. Er
+schleppte etwas, und wußte nicht, warum es so schwer war, noch warum es
+ihm aufgebürdet war, noch was für ein Ding es überhaupt war. »Man hat
+Frau und Kinder, man muß sich zusammennehmen,« sagte er auf einmal laut
+und fühlte sich ein wenig erleichtert, vielleicht unter dem Einfluß
+grellen Lichts, das ihn traf. Es war die Bogenlampe vor der
+Atlantik-Bar. Musik und Gelächter schallten heraus, Automobile und Wagen
+standen in langer Reihe. Er wagte kaum hinzuschauen, ging etwas rascher,
+und nach einigen hundert Schritten bemerkte er eine ziemlich große
+Menschenansammlung. Laut redende und heftig gestikulierende Gruppen
+hatten einen eleganten Fiaker umringt und offenbar den Lenker vom Bock
+gerissen, denn die Pferde, denen anzusehen war, daß sie im raschesten
+Lauf aufgehalten worden, standen allein, und aus den Stimmen hob sich
+die rohbrüllende des Kutschers am vernehmlichsten hervor. Dem Gespräch
+zweier Burschen entnahm Siebold, was sich zugetragen hatte.
+
+Es befand sich in diesem Teil der Straße eine kommunale
+Kartoffelverkaufsstelle, die natürlich während der Nacht geschlossen
+war, vor der jedoch in Erwartung des Morgens zahlreiche Leute aus dem
+Volk postiert waren, Weiber, alte Männer, halbwüchsige Kinder. Einige
+kauerten auf der Erde, hatten eine Decke, eine Kapuze, einen Unterrock
+zum Schutz gegen Regen und Nachtkälte über den Kopf gezogen und
+schliefen. Plötzlich war jener Fiaker herangerast, ein offenes Gefährt,
+und darin lehnte blasiert ein Herrchen, vielleicht neunzehn, vielleicht
+zwanzig Jahre alt, die Spuren der Ausschweifung in den Zügen, die Finger
+voller Ringe, Brillantnadel im Schlips, mit Lackschuhen, gebügelter
+Hose, Spazierstöckchen, Glacéhandschuhen, die ganze Welt in der Tasche,
+doch sie verachtend. Die bis auf den Fahrdamm hockende und stehende
+Menge in der Dunkelheit zu spät gewahrend, hatte der Kutscher geschrien;
+Angstlaute antworteten, Weiber flüchteten überstürzt; aber der Wagen
+fuhr zu nah am Rinnstein; ein Kind war vom Hinterrad erfaßt worden und
+lag bewußtlos da.
+
+Für Siebold war es Gelegenheit, dem zu entrinnen, für eine Weile, was
+ihn peinigte; daß er ihm zulief, ahnte er nicht. Er drängte sich durch
+die Menschen und gelangte in den freien Raum, der sich um den Kutscher,
+den Fahrgast und das auf dem Pflaster liegende Opfer des Unglücks
+gebildet hatte. An der Seite des Kindes, das mit bläulich-fahlem Gesicht
+hingestreckt lag, ein wenig blutigen Schaum vor den Lippen, die offenen,
+blonden Haare von Kot besudelt, kniete Jost, und kein Scharfsinn war
+nötig, um zu erkennen, daß er der Vater des Kindes war. Er redete, doch
+im wüsten Gezänk verhallten seine Worte. Mit dem Taschentuch wischte er
+bisweilen das Blut vom Munde des Mädchens, strich mit der Hand über
+Stirn und Wange der Leblosen, erwiderte nichts auf die Fragen und
+Ratschläge der Umstehenden, war eingewühlt und hingegeben in den
+Schmerz.
+
+Jemand sprach vom Transport ins Spital; ein anderer sagte, alle
+Spitäler seien überfüllt. Ein Weib meldete, die Rettungsgesellschaft
+habe wissen lassen, daß augenblicklich kein Wagen zur Verfügung stehe,
+in einer Stunde erst, worauf unwilliges Murren hörbar wurde. Ein Mann
+trat in den Kreis, der sich als Arzt auswies, beugte sich nieder, legte
+das Ohr an die Brust des Kindes, sprach mit Jost. In den lärmenden
+Streit zwischen dem Kutscher und der erregten Menge hatte ein Polizist
+vermittelnd eingegriffen, es gelang ihm, die Ruhe herzustellen. Das
+Herrchen, von drohenden, feindseligen Blicken gemustert, stand blaß und
+lässig da, verbarg die Angst vor der Wut und dem Hohn der Leute unter
+einer hochmütig-teilnahmslosen Miene, zupfte am Schnurrbärtchen, ahmte
+in seiner Haltung aristokratische Art nach, was die Hohlheit, die freche
+Neuheit seiner Umstände erst recht zum Vorschein brachte.
+
+»Gott kann das nicht zulassen,« hörte man nun den Gelbmantel sagen, oder
+vielmehr Siebold hörte es, da er sich unter unbesiegbarem Zwang dicht
+herangedrängt hatte; »immerfort rinnt Blut aus der Seele,« sprach er wie
+ein Betäubter; »Gott kann mir das nicht antun. Man muß die Tropfen von
+dem Blut zählen, damit sie alle wieder zurückgegeben werden. Ich will
+sie alle wieder haben. Die Seele braucht das Blut. Wo ist das Körbchen?
+Meine Eveline hat ein Körbchen gehabt. Wo ist das Körbchen?«
+
+Neugierig und mitleidig starrten die Männer und Weiber auf ihn nieder.
+Ihre übernächtigten, von vielfacher Bedrängnis gemeißelten Gesichter
+gaben Andacht kund; finstere Gedrungenheit der Erfahrung des Übels war
+in ihnen, die gelernte Geduld, der Rost des Elends. Einer hatte das
+Körbchen gebracht, ein zerfetztes Strohgeflecht mit beschmutztem blauen
+Band. Indessen regte sich das Kind, und Jost sagte, er wolle es nach
+Hause tragen, er wolle auch zu seinen andern Kindern heim, er wolle es
+auf den Arm nehmen. Da schien es Siebold unter demselben unbesieglichen
+Zwang, als müsse er Hilfe anbieten; es trieb ihn hierzu unter trotzigen
+und bösen Vorbehalten. Es war die Hoffnung, sich loskaufen zu können; er
+wollte sagen können: mein Lieber, ich bin da, du siehst also, daß du mir
+unrecht getan hast und mich künftig in Frieden lassen sollst; ein
+Mißverständnis, du siehst nun selbst, ein Irrtum.
+
+So beugte er sich nieder, um die Hand des Kindes zu befühlen. Sie war
+überraschend kalt und vermittelte eine Empfindung von der Grenzwelt.
+Jost schaute in sein Gesicht, und hatte einen Ausdruck, als fände er es
+selbstverständlich, ihn hier zu sehen. Seine Wangen hatten Furchen, die
+Messerschnitten glichen; die Lider waren wie verklebt, die Hände mit
+Straßenkot bedeckt, Mantel, Beinkleider, Schuhe, sogar der Melonenhut,
+in den Nacken geschoben wie damals am Treppenfenster, mit Kot überzogen.
+Er hob das Kind empor. Man hätte ihm die Kraft nicht zugetraut. Es
+schlang die Arme um seinen Hals. Siebold, wie mit Stricken angebunden,
+blieb ihm zur Seite, er, dem die Nähe des Menschen Pest gewesen. Ein Bub
+eilte nach und ließ Geldscheine flattern. Der Herr, der Fahrgast, hatte
+sich in letzter Minute zu einer Spende entschlossen. Jost schüttelte den
+Kopf. Er begleite ihn und werde ihm zu Hause das Geld geben, sagte
+Siebold, nahm dem Knaben die Scheine ab und steckte sie in die Tasche.
+»Das Körbchen!« rief Jost bänglich, und ein Weib holte es herbei.
+Siebold nahm auch das Körbchen. Der Schutzmann hielt sie noch einmal auf
+und verlangte Josts Adresse.
+
+Nach und nach verloren sich diejenigen, die aus Zeitvertreib oder
+Vorliebe für traurige Zwischenfälle mitgegangen waren, und Siebold war
+mit Jost und der Leidenslast, die dieser trug, allein. Es herrschte in
+seinem Geist welkes Erstaunen über sein Tun. Es war als trete ein
+Fremdes aus ihm heraus und er gehe zwiefach; der zweite blieb dahinten.
+Jeder Schritt erniedrigte ihn um eine neue Stufe. In seiner kränklichen
+Stummheit redete er zu dem stummen Begleiter: du siehst, wozu ich bereit
+bin; du siehst, wie ich mich herablasse. Dann spürte er, daß ihn stärker
+als alles andere die Begierde nach der Lösung des Rätsels unterjocht
+hatte; schwarze, giftige, fressende, brennende Ungeduld, den Grund
+unerhörter Vergewaltigung und Beleidigung zu erfahren, der Kühnheit, mit
+der in die Schranke der Persönlichkeit eingebrochen, gewährleistete
+Würde verletzt, Sicherheit und Ruhe zerstört worden war eines Trägers
+von Verantwortungen, eines Funktionärs mit Befugnissen, die über das
+Gemeine erhoben und gegen das Ordnungslose feiten. Aber der
+hartnäckigere Aufruhr war bei dem, der hinten blieb und mit dem die
+Bindung zerfiel.
+
+Da es heftiger regnete, spannte er den Schirm auf und hielt ihn im Gehen
+über Jost und das Kind. Dem schwachen Menschen wurde die Bürde zu
+schwer; sein Schwanken verriet es, der keuchende Atem. Siebold sah sich
+um, als erwarte er Beistand von wo; daß er selbst ihn leisten konnte und
+schließlich mußte, dawider bäumte er sich auf, bis eine Bewegung Josts
+ihn dringend anrief. Er umfaßte das Kind; die feuchten, besudelten Haare
+streiften sein Gesicht; der Kopf fiel wie gebrochen sogleich über seine
+Schulter; die Ärmchen hingen steif und mager herunter. Robust wie er
+war, fand er die Last federleicht. Er reichte Jost Schirm und Körbchen,
+dann setzten sie den Weg fort. Plötzlich gellte Jost in die Nacht
+hinaus: »Das darf Gott nicht zulassen,« mit einem gemarterten,
+rebellischen Ton.
+
+Er fängt schon wieder mit seinem Geschwätz an, dachte Siebold. Das Kind
+in seinen Armen regte sich; er fühlte die Glieder, die kleine Brust, die
+engen Lenden, geschmiegt an seinen Leib, und es war ihm zum Schaudern
+neu. Keines der eigenen war so dicht an ihm gewesen, in Krankheit nicht,
+in Zärtlichkeit nicht, keines hatte so elfenhaft, so hingeschwunden an
+ihm geruht. In seiner Kehle war es wund; er war so außer seinem Kreis,
+daß er wie in Behexung durch ein aufgesperrtes Tor ging, wie taub und
+blind hinter Jost über Treppen und abermals Treppen, höher, immer höher,
+an Türen vorbei, höher und immer höher, als sei es ein Turm, und endlich
+beklommen um sich blickte, als sie in ein dumpfiges Gemach gekommen
+waren und Jost einen Kerzenstumpf anzündete.
+
+Zwei Kinder lagen schlafend auf einer Matratze. Daneben stand ein Bett
+ohne Überzug, bloß Decke und Strohsack im Gestell. Die Fenster waren
+unverhängt. Man sah Schlöte gleich kolossalen Fingern aufragen, mit
+Blitzableitern wie schwarze Strahlen. An den kahlgrauen Wänden hingen
+gedruckte Bilder aus Zeitschriften, Berge, Schlösser, Feldherren,
+Fürsten; auf dem Boden lag eine verbogene Kindertrompete, auf dem Tisch
+ein Ranft altbackenes Brot, eine angebissene Rübe und eine Schachtel mit
+Lottonummern.
+
+Wie komm ich daher? dachte Siebold, und wie komm ich wieder fort? Jost
+hatte ihm das Kind abgenommen. Er entkleidete es. Er war behutsam mit
+Rücksicht auf die Schlafenden. Er flüsterte: »Der Doktor hat
+versprochen, morgen früh seinen Kollegen von der Bezirkskrankenkasse zu
+schicken. Wenns nur wahr ist. Ich soll einstweilen kalte Umschläge
+machen. Gewiß, gewiß. Soll geschehen. Im Krug ist Wasser. Gewiß, gewiß,
+soll geschehen, du davongelaufene kleine Seele. Und das Blut abwaschen,
+den Dreck abwaschen. Soll geschehen, soll alles geschehen.«
+
+Die Worte wurden im Hauch hervorgestoßen, entlockt vom Irrsinn der
+Sorge. Dabei manipulierte er, warf Kleidchen, Schuhe, Strümpfe,
+Unterröckchen, Hemd beiseite, holte den Krug, riß einen vom Gebrauch
+schwarz gewordenen Fetzen vom Nagel, immer an Siebold vorübertrippelnd,
+der sogleich die Geldscheine auf den Tisch gelegt hatte und dann nutzlos
+stehen blieb. Die Kammer mußte auf der einen Seite eine sehr dünne, bloß
+gegipste Wand haben, denn aus dem danebenbefindlichen Raum war
+ununterbrochen ein schmerzliches Ächzen zu hören, welchem Siebold
+furchtsam und erregt lauschte, während Jost den Körper des Kindes mit
+allerbedächtigster Zartheit in die rauhe Wolldecke hüllte, das angenäßte
+Tuch über die Stirn breitete und darnach mit gefalteten Händen vor der
+Bettstatt niederkniete.
+
+Bei dem Anblick des nackten Kinderkörpers war es Siebold durch den Sinn
+gegangen: ein Fisch; und es war eine eigene, frierende, bettelnde
+Wollust dabei gewesen. Die Vorstellung des weißen, zuckenden
+Fischleibes, dessen verglaste Augen im letzten Brechen nach dem
+heimischen Element lechzen, hatte Ähnlichkeit mit dem Emporlodern eines
+Lichtes in einer Grube.
+
+Er horchte auf das Ächzen hinter der Wand, das sich aus raschen
+Zuflüssen der Qual verstärkte.
+
+Jost sprach: »Es ist nur ein weniges. Geringen Platz braucht die kleine
+Seele in der großen Welt. Wen hast du denn inkommodiert? Wem Luft und
+Wasser und Speise weggenommen? Wer hat dich bemerkt? Wem fehlt sein
+Teil, wenn du unter ihnen herumgehst mit deinen zierlichen Füßchen? Sie
+können dich in die Ecken stoßen, das ist ihnen erlaubt. Sie können
+sagen: marsch, aus den Augen, Kreatur. Jawohl, das ist ihnen erlaubt.
+Aber dein Leben ist ein ebensolches Leben wie das von jedem von ihnen;
+dein Blut ein ebensolches Blut. Sie geben dir nichts, du nimmst ihnen
+nichts. Du willst bloß da sein, ganz bescheiden da sein.«
+
+Siebold hatte gehen gewollt, aber Art und Rede des Menschen machten ihn
+unschlüssig. Da war etwas, daß man aufmerken mußte. Auch das
+schreckliche Ächzen hinter der Wand hielt ihn fest. So setzte er sich
+auf einen Stuhl neben dem Tisch, ohne Willen. Alles gestaltete sich mehr
+wie ein geballter Vorgang im Fieber, an dem er mit einem entlegenen und
+bisher unbekannten Stück seines Wesens Teil hatte.
+
+»Da faßt man hin und nennts bei Namen,« fuhr Jost fort, »und das, was
+man nicht nennen und nicht fassen kann, rinnt aus. Das Köstliche rinnt
+und rinnt. Hunderttausend Jahre vielleicht waren nötig, daß es hat
+entstehen können. Ur-Ur-Urväter haben Ur-Ur-Urenkeln Tröpfchen um
+Tröpfchen, Fäserchen um Fäserchen übermacht, haben geschaffen und
+gebaut, gepflügt und geerntet, gedarbt und gewirkt, einer am andern, von
+Mutters und von Vaters Seite bis ins hundertste Glied zurück, daß es hat
+werden können, das Fünkchen in der Brust. Auf einmal kommt was daher
+gerollt, ein Rad, kommt gerollt und gerollt, weil ein Laffe mit einem
+Monokel im Gesicht zu seinen Dämchen und Spießgesellen will, und die
+Brust soll zerdrückt sein, das Herzlein zerschmettert, das Fünkchen
+ausgelöscht? Ist denn das möglich? Darf das zugelassen werden? Kann man
+das aushalten?«
+
+Ein Aufkreischen drang durch die Wand, und Jost nickte. »So ist es,«
+sagte er. »Zwei Fingerbreit Mauer dazwischen. Drüben will eins zum
+Leben, hüben will eins zum Tod. Und sie fassens nicht. Keiner faßts, das
+eine nicht, das andere nicht. Die Vierzehnjährige gebiert, die
+Achtjährige will schon wieder heim in den Schoß der mächtigen Mutter.
+Hören Sie? hören Sie?«
+
+Er wandte Siebold das Gesicht zu. Zum erstenmal redete er ihn an. Beide
+lauschten. Das tierhafte Röcheln des in Wehen sich windenden Weibes war
+nicht mehr zu mißkennen, der inbrünstige, gewürgte, rasende Schrei auf
+einem Folterbrett. Die zwei schlafenden Kinder regten sich; Jost trat zu
+ihnen und beschwichtigte sie.
+
+Er geriet nun in eine fahrige, kummervolle Geschäftigkeit. Lief hin und
+her, stieß eine Lade zu, rührte Gegenstände an, aber bei einem
+neuerlichen Schrei blieb er stehen und sagte: »Hören Sie, Mann?
+Begreifen Sie, was wir tun? Begreifen Sie, was gelitten wird auf der
+Erde immerzu? Was die unerbittliche Natur uns leiden macht und dann der
+Mensch? Was die Dämonen uns leiden machen und die Träume? Was das
+Fleisch uns leiden macht und der Geist? Während wir im Wirtshaus sitzen,
+wird gelitten. Während wir Akten vollschreiben, wird gelitten. Während
+wir unsere Notdurft stillen und unsere Geilheit letzen, wird gelitten.
+Überall, oben und unten, bei den Herren und bei den Knechten, in der
+Finsternis und im Licht, überall wird gelitten. Begreifen Sie, was wir
+treiben allesamt? was wir wert sind allesamt? Begreifen Sie?«
+
+Er sprach mit geweiteten Augen, in denen es phosphoreszierte, mit
+hackenden Zähnen und schlaffen, schaufelnden Lippen und bohrte die
+Fäuste in die Taschen des blut- und kotbesudelten Mäntelchens. »Und wenn
+es schon geschieht, und das Rad zerquetscht das lebendige Herz, warum
+kommt dann der Laffe mit dem Monokel nicht und leckt mit seiner Zunge
+das Blut von den Pflastersteinen weg? Soll es hineindorren in die
+Steine, hinüberdorren ins Jenseits? Warum kommt er nicht und ruft: ich,
+ich, ich –? Und wenn es schon geschieht, und das Kind drüben muß in
+seinem frühen Jammer Mutter werden, warum kommt der Lump nicht, der es
+geschwängert hat, warum kommt die Bestie nicht und fällt auf die Erde
+vor Schreck und Angst und Mitleid, weil er sehen kann, wie das
+Dingelchen sich krümmt und wie es seufzt und wimmert, warum kommt er
+nicht und ruft: ich, ich, ich –? Warum sprechen sie nicht: verzeiht, wir
+haben nicht gewußt, was wir tun –? Was ist das für eine Ordnung in der
+Welt, daß sie sich verstecken dürfen und sich anstellen, als wüßten sie
+von nichts? O Menschen, Menschen, Menschen! Sie wissen nicht, was sie
+tun, das ist es. So soll ihnen auch nicht verziehen werden. Nein und
+abernein, verziehen nicht. Komm her, du Laffe, und drück deine
+Lasterlippen auf die Steine; komm her, du Bestie, und vernimm und schau.
+Wer da handelt, muß auch wissen. Ums Wissen gehts. Nichts da, die
+Verantwortung abwälzen. Nichts da, sich auf Gesetze und Vorschriften
+ausreden. Blind magst du sein, du Menschenhund, du Menschenfloh, du
+Menschennichts, aber wissen sollst du, wissen, was du tust, und
+niederstürzen und mitwimmern, und rufen, daß es an die Enden der Welt
+schallt: ich, ich, ich!«
+
+Das Licht auf dem Kerzenstumpf flackerte nur noch ganz trüb, so daß bloß
+der nächste Umkreis auf dem Tisch matte Helligkeit erhielt. Die Schlöte
+vor den Fenstern türmten sich um so strenger in den Wolkenhimmel. Es
+entstand Stille von einer Eindringlichkeit, die jede Fiber spannte. Eine
+hautlose, unendlich verschuldete Wachsamkeit war in Ohr und Hirn.
+
+Es saß hier nicht mehr der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung mit
+Namen so und so. Es saß hier einer, der keinen Namen mehr hatte und
+dessen stählerne Hüllen abzuschmelzen begannen. Es war nicht mehr das
+Mansardenloch eines Ausgestoßenen; nicht mehr der Tisch mit der
+qualmenden Kerze: es war ein Raum unter den Sternen. Es floß nicht mehr
+Zeit; Zeit war dahin. Erde war dahin.
+
+Und wie sich nun der Mensch ohne Namen aus dem Zusammenhang gehoben sah,
+rührten ihn von unten her Hände an. Hände von Vergangenen, Hände von
+Gerichteten. Sie strebten verlangend zu ihm empor; Hände eines Knaben;
+Hände eines Greises; Hände eines Mädchens; Hände von Männern. Die einen
+waren gefaltet, die andern wie in der Abwehr; die einen flehten, die
+andern drohten; die einen beteuerten, die andern waren gerungen.
+
+Zuerst fragte sich der so Bedrängte, was sie von ihm begehrten; doch wie
+der Umriß nahm auch ihre stumme Sprache an Verständlichkeit zu, und wie
+sie von schattenhafter Verwesung sich in Körperhaftigkeit wandelten,
+wurde die Forderung so klar, Klage, Vorwurf, Anspruch und Gericht so
+unzweifelhaft wie Schall und Fall von Worten. Bangten sie nach Dingen,
+die sie hatten verlassen müssen? Wollten sie eine Schuld bezahlen, die
+unberichtigt geblieben war? Gewährten sie eine Liebkosung, die sie
+verweigert hatten? Gaben sie ein Versprechen? Erbaten sie ein Geschenk?
+Leisteten sie einen Schwur? Wiesen sie einen Weg? Winkten sie einem
+Freund? Schrieben sie? gruben sie? ruhten sie? hasteten sie? Alles
+dies, und vieles noch. Hände sind Geschöpfe und spiegeln jegliches Sein.
+
+Die Paare vermehrten sich, und zu den vergangenen gesellten sich die
+gegenwärtigen, die er gesehen und doch nicht gesehen im Ablauf der Tage,
+die zu ihm gesprochen, ohne daß er es vernommen, die geplagten, die
+beladenen. Wirrsal und Gewühl, Fülle der Gesichte. Hart, dürr und
+vergilbt die einen, unschuldig und feingliedrig die andern; diese mit
+dicken Adern und geschwellten Muskeln, jene zag und zitternd; krank und
+müde die, voll Nerv und Entschluß die andern. Schwielige, blasse,
+rosige, geballte, geflachte, behaarte, glatte, kleine und große, näher,
+immer näher, beredter, immer beredter, und der, dessen Name aufgehört
+hatte, zu sein, spürte, daß sie nicht ablassen würden, ehe er selbst
+nicht aufgehört hatte, zu sein. So mußte er um Gnade bitten, um eine
+Frist, um ein Bedenken; erschüttert an den Rand der Stunde und des
+wachen Wissens gerückt, ward er inne, daß nach solcher Vision der
+Mensch, mit zerspaltener Brust, dem irdischen Tag verloren war.
+
+Auf einmal war ein Leuchten in der Stube. Von wo es kam, war noch nicht
+zu unterscheiden. Jost stammelte und reckte die Arme in die Richtung der
+Bettstatt. Das Kind erhob sich langsam. Es schälte sich aus der Decke
+und trat nackt und aufrecht vor die Männer. Um seine Lippen hing ein
+Lächeln. Die weiße Haut erglühte von inwendig. Was sie erglühen machte,
+war das Herz, und die Schauenden gewahrten bald nur noch das Herz: einen
+funkelnden, pulsenden Rubin, in die Dunkelheit gelagert wie eine Figur
+auf einem gemalten Kirchenfenster.
+
+Jost brach in die Knie. Mit den Händen tastete er rückwärts, als suche
+er alle die vielen Hände dort zum Schutz. »O Kind!« rief er
+schluchzend, »o Mensch! Wohin gehst du mit dem Flammenjuwel in deiner
+Brust? Sag es nur, sag es uns, sag es aller Menschheit, daß der rote
+heiße Kern nur einmal da ist, die leuchtende Frucht nur einmal reif
+wird. Für einen nur ein einziges Mal. Sag es, was es heißt: ein einziges
+Mal. Sie wissen nicht, was es bedeutet: ein einziges Mal! Sprich, du
+Gotteswesen! sprich, süßer Geist!«
+
+Aber das Kind lächelte bloß. Lächelte und verging.
+
+ * * * * *
+
+Zum hohen Gebieter, vor den ewigen Thron, trat Michael, der Erzengel, in
+den Morgen der rauschenden Sphären und sprach:
+
+»Ich habe die Seele des Gleichgiltigen gewonnen, Herr.«
+
+
+_Schluß_
+
+
+
+
+
+Werke von Jakob Wassermann
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+Roman
+20. Auflage
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+Roman
+22. Auflage
+
+Der Moloch Roman
+Neubearbeitete Ausgabe 10. Auflage
+
+Der niegeküßte Mund
+Erzählungen
+63. Auflage
+
+Alexander in Babylon
+Roman
+Neubearbeitete Ausgabe 8. Auflage
+
+Die Schwestern
+Drei Novellen
+6. Auflage
+
+Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens
+Roman
+17. Auflage
+
+Die Masken Erwin Reiners
+Roman
+11. Auflage
+
+Der goldene Spiegel
+Erzählungen in einem Rahmen
+14. Auflage
+
+Faustina
+Ein Gespräch über die Liebe
+3. Auflage
+
+Die ungleichen Schalen
+Fünf einaktige Dramen
+
+Der Mann von vierzig Jahren
+Roman
+14. Auflage
+
+Deutsche Charaktere und Begebenheiten
+Mit elf Abbildungen
+4. Auflage
+
+Das Gänsemännchen
+Roman
+66. Auflage
+
+Christian Wahnschaffe
+Roman in zwei Bänden
+34. Auflage
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+
+Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen Glaubensgenossen und über das
+Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere und zutreffendere Dinge
+gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die besten Eigenschaften des
+jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst verkörpert, vor allem der
+kritisch skeptische Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem
+verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als
+sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen
+Vorspiel des Romans, welches eine mit dem Erscheinen des merkwürdigen
+Messias Sabbatai Zewi verknüpfte Judenverfolgung im siebzehnten
+Jahrhundert behandelt, eine glänzende poetische Leistung gelungen ist.
+ (Neue Zürcher Zeitung)
+
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+
+Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der
+Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die
+alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal,
+ihr Frauenschicksal, erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. –
+Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so
+interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.
+ (Die Zukunft)
+
+
+Alexander in Babylon
+
+Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
+Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt,
+dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
+ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
+ein Prosaepos als ein Roman; es gehört zu unsern schönsten deutschen
+Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen zu
+werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt.
+ (Neue Freie Presse, Wien)
+
+
+Der Moloch
+
+Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die psychologische und gestaltende
+Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten,
+lebensvollen Gemälde gestaltet hat.
+ (Berner Bund)
+
+
+Die Schwestern
+
+Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen unglücklichen
+Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, ein Wahn den
+Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem Dasein gerufen
+hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die
+tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen. Eine holde Schwärmerei
+ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder
+Traum, von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt.
+ (Hannoverscher Kurier)
+
+
+Die Masken Erwin Reiners
+
+Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
+Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles
+Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen
+Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal
+unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
+Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman,
+die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.
+ (Westermanns Monatshefte)
+
+
+Caspar Hauser
+
+Ein Denkmal ist aufgerichtet über ein längst eingesunkenes Grab; ein
+altes, verharschtes Geheimnis funkelt wieder im Licht. Die Geschichte
+Caspar Hausers wird neu erzählt, das zauberische Knäuel dieses eigenartigen
+Schicksals entwirrt ... Jakob Wassermanns Caspar-Hauser-Roman hat
+monumentalen Stil ... Ein Beispiel deutscher Erzählungskunst, Vorbild
+eines großen Romans ist hier geboten. Und vor allem ein bleibendes.
+ (Der Tag, Berlin)
+
+
+Der goldene Spiegel
+
+Von Franziskas goldenem Spiegel wird berichtet: »Seine Scheibe, wie
+tief, und seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. Sie
+ist matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und Männer, Tiere,
+Schiffe und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, Ritter und Knechte,
+Bürger und Bauern, Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher,
+Sonderlinge und Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder,
+der Zufall, der Traum und das Wunder, alles das ist in ihr.« Wirklich,
+so groß ist die Fülle auch dieses Buches. Es entstand aus der Lust am
+Erfinden, am Phantasieren, am Gestalten.
+ (Die Zeit, Wien)
+
+
+Das Gänsemännchen
+
+Das Werk ist vermöge weitausgreifender Lebensfülle, breiter, umfassender
+Gesellschaftsschilderung, des Hineinspielens politischer und kultureller
+Zeitgeschehnisse ein wahrhafter Roman. Im Rahmen der Leidens- und
+Werdegeschichte eines deutschen Musikgenius entrollt die Dichtung auch
+Deutschlands Seele, Deutschlands Nervenzustand, Deutschlands
+Kulturströmungen. Tief und voll aus dem Menschlichen ist die Dichtung
+geschöpft.
+ (Wiener Abendpost)
+
+
+Christian Wahnschaffe
+
+Die echte große Dichtung sucht nicht die Aktualität, sie ist aktuell.
+Wassermann zeigt uns in seinem Roman den Zusammenbruch der geistigen,
+sittlichen und ästhetischen Kultur des Kapitalismus. Er malt diese
+Kultur in den verlockendsten Farben und läßt uns den Wurm sehen, der in
+ihr nagt. Sein Held wird erst das Opfer, dann der Richter der liebeleer
+gewordenen Welt, und darnach der Verkünder einer neuen Zukunft. Das Buch
+ist hinreißend durch Geist, Abenteuer und Verlockung: es dringt in das
+Letzte der Seelen und verwandelt sie und uns.
+
+
+Druck der E. Gundlach Aktiengesellschaft in Bielefeld
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1920 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt.
+Abweichend vom gedruckten Buch wurde die zweite Titelseite entfernt.
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 010: [Fehlende Letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung
+p 019: damals hatten Romantik -> hatte
+p 040: [Komma ergänzt] solche die Kloaken säubern; -> solche, die
+p 053: [Vereinheitlicht] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er
+p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem
+p 063: [Fehlende Letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich
+p 063: [Punkt ergänzt] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand.
+p 064: [Komma entfernt] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte
+p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling
+p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie
+p 094: entgegenete Maria -> entgegnete
+p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta
+p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji
+p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein
+p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer
+p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte
+p 188: was nöitg war -> was nötig war
+p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky
+p 217: [Leerzeichen ergänzt] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir
+p 220: empfehle es sich fogar -> sogar
+p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene
+p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen
+p 264: [Trennung] Leder-Kapuze -> Lederkapuze
+p 265: Mir fällt da ... in -> ein
+p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem
+p 270: [Anführungszeichen ergänzt] Wie machen wir denn das?«
+p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im
+p 279/280: [Trennung] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht
+p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen
+p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen
+p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen
+
+Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
+folgenden Wörtern:
+
+p 058: Gleichgiltigkeit
+p 120: Lucke
+p 143: Monreal
+p 301: hinmummelte
+p 148: darnach
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1920 by S. Fischer. The printed book’s second title
+page has been removed. The table below lists all corrections applied to
+the original text.
+
+p 010: [missing letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung
+p 019: damals hatten Romantik -> hatte
+p 040: [added comma] solche die Kloaken säubern; -> solche, die
+p 053: [unified] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er
+p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem
+p 063: [missing letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich
+p 063: [added period] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand.
+p 064: [removed comma] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte
+p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling
+p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie
+p 094: entgegenete Maria -> entgegnete
+p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta
+p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji
+p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein
+p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer
+p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte
+p 188: was nöitg war -> was nötig war
+p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky
+p 217: [added blank] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir
+p 220: empfehle es sich fogar -> sogar
+p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene
+p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen
+p 264: [hyphenation] Leder-Kapuze -> Lederkapuze
+p 265: Mir fällt da ... in -> ein
+p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem
+p 270: [added quote] Wie machen wir denn das?«
+p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im
+p 279/280: [hyphenation] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht
+p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen
+p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen
+p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen
+
+The original spelling has been maintained throughout the book,
+particularly for the following words:
+
+p 058: Gleichgiltigkeit
+p 120: Lucke
+p 143: Monreal
+p 301: hinmummelte
+p 148: darnach
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE ***
+
+***** This file should be named 18551-0.txt or 18551-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/8/5/5/18551/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
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+
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+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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+
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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+Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Wendekreis - Erste Folge
+ Novellen
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: June 11, 2006 [EBook #18551]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Der Wendekreis
+ von
+ Jakob Wassermann
+
+ Erster Band
+
+
+ Der unbekannte Gast
+ Adam Urbas
+ Golowin
+ Lukardis
+ Ungnad
+ Jost
+
+
+ 1920
+ S. Fischer / Verlag / Berlin
+
+
+
+ Erste bis zehnte Auflage
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
+ Copyright 1920 S. Fischer, Verlag
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Der unbekannte Gast ..... 7
+Adam Urbas .............. 45
+Golowin ................. 79
+Lukardis ................ 167
+Ungnad .................. 201
+Jost .................... 293
+
+
+
+
+Der unbekannte Gast
+
+
+An die Pforte dieses Werkes, das der Verfasser nicht ohne
+verantwortungsvolles Zagen unternimmt, sei eine Geschichte von
+hinübergreifender Beziehung gestellt, weniger in sich selber ruhend als
+sonst Geschichten schlechthin, doch mit nichten Brevier oder
+Verkündigung, nur Brücke, nur Weiser, und so auch Bild und Gespinnst
+eher als Vorgang und Ereignis.
+
+ * * * * *
+
+Ein Schriftsteller in mittlerem, ja vorgerücktem Alter, er werde Mörner
+genannt, erfuhr zu einer bestimmten Zeit des letztvergangenen Jahres
+eine unerklärliche Veränderung seines seelischen Gleichgewichts. Er
+hatte nach längerer Ruhepause eine neue Arbeit begonnen, die seine
+Gedanken despotisch beherrschte, und deren Schwierigkeiten ihn nicht nur
+nicht abschreckten, sondern alle freien Kräfte in ihm sammelten und
+gegen ein lockendes Ziel trieben.
+
+Auf einmal brachen diese Kräfte. Eines schönen Tages erlahmte der Nerv
+des Schaffens. Daß es keine vorübergehende Unlust, keine jener Trübungen
+war, die wie Nebel über einer Landschaft und doch im Grunde atmende
+Zeugnisse des Lebens sind, spürte Mörner. Es war wie wenn die Feder in
+einer Uhr zerbricht, oder noch beunruhigender, wie wenn man eine
+Vorratskammer betritt, die man mit Fleiß und Umsicht gefüllt hat, und
+sie gänzlich leer findet.
+
+Schließlich war es ein Verlust wie der Tod eines Wesens. Er sprach in
+einem Freundeskreis darüber, mit Zurückhaltung anfangs, da es ihm
+widerstrebte, innere Wirrungen zum Gegenstand des Meinungsaustausches zu
+machen. Die Verstimmung, unter der er litt, war bereits aufgefallen;
+was er nun als ihre Ursache bezeichnete, wollte keinem recht einleuchten
+und man hielt es für Hypochondrie eines Zwischenzustandes. Man kannte
+seine zweifelsüchtige und häufig schwankende Art; er hatte oft genug das
+Schauspiel des Selbstquälers gegeben, der nach jeder abgeschlossenen
+Leistung sie zerpflückte und hilflos wie vor dem ersten Beginn in die
+Zukunft schaute, alles von Schicksal und Fügung erhoffend, nichts oder
+wenig von seinem Talent. Aber seine Hingabe war unbegrenzt, seine Arbeit
+ein opfervoller Dienst; dem unermüdlichen und redlichen Bemühen war der
+reinste Wille gesellt, die Unbestechlichkeit des Gewissens, die jede
+Erleichterung und Versüßung ablehnt. Dazu kam, daß ihm der Erfolg nicht
+gefehlt hatte; mißtraute er ihm auch, so war er doch von ihm auf eine
+gewisse Lebenshöhe getragen worden; war auch sein Name, sein Werk
+umstritten, so genoß er doch die Achtung, ja die verehrende Neigung
+Vieler und erhielt nicht selten unzweideutige Beweise davon.
+
+Die Freunde nahmen also seine sichtliche Verstörung nicht ernst. Dies
+reizte seine Ungeduld, und als einer von ihnen mit etwas zu billigem
+Trost geendet hatte, sagte Mörner: »Wenn ein Mensch wie ich nicht mehr
+an die Wichtigkeit und Notwendigkeit seiner Mission glaubt, ist er
+einfach das allerüberflüssigste Geschöpf auf Erden. Wie erst, wenn ihm
+die Aufgabe selber entschwindet, wenn er nicht mehr weiß, was er
+überhaupt noch soll und das Fertige wie ein umgeblasenes Kartenhaus
+hinter ihm liegt? Da wird alle Wirklichkeit ein Gespenstergraus; sein
+Geist hat gar nicht Fassungsraum genug für die Tiefe des Abgrunds, der
+vor ihm gähnt.«
+
+Die Freunde stutzten und schwiegen. Einige begriffen nicht recht, was
+er meinte, und er fuhr achselzuckend fort: »Mission ist freilich ein
+viel zu anspruchsvolles Wort. Man dürfte seinen Ehrgeiz nicht über die
+Haltung eines honetten Handwerksmeisters spannen. So war es in früheren
+Zeiten. Das Außerordentliche entstand gleichsam durch bescheidenen
+Zufall, nicht in priesterhafter Gier und Askese. Was erstrebt man denn,
+was ersehnt man denn? Man will das Formlose formen; was die Natur
+zerstückelt liegen läßt, zusammenfügen und es der großen Vergeuderin und
+Zerstörerin entgegenhalten. Unzulänglich bleibt man dabei immer, aber es
+ist wunderbar, so lang das Material gehorcht, und das Auge, und die
+Hand. Zerrinnt einem aber der Stein, den man aus dem Bruch schlägt, zu
+flüssigem Sand, flattern von der Fackel, die man am großen Weltenfeuer
+entzündet hat, statt der Flammen rotgefärbte Papierfetzen empor, so ist
+es schlimm, mehr als schlimm, es ist das Ende.«
+
+Mit jäher Bewegung erhob er sich und ging ohne Gruß. Die Freunde sahen
+einander verwundert an.
+
+ * * * * *
+
+Eine Zeit lang verschanzte er sich in seinem Hause, und niemand konnte
+zu ihm gelangen. Dann hieß es, er sei verreist, um in der Stille eines
+Landaufenthalts Sammlung zu gewinnen. Aber schon nach ein paar Tagen
+kehrte er zurück. Sein Aussehen erregte Besorgnis. Tiefe Gruben hatten
+sich in den Wangen gebildet; der Blick war der eines Kranken. Er kam
+wieder zu den Freunden und gestand, die Einsamkeit sei ihm Pein. Doch
+auch Geselligkeit schien ihn nicht aufmuntern zu können. Man machte ihm
+in liebevoll-scherzhafter Weise den Hof, man schmeichelte ihm, man
+erwies ihm zarte kleine Ehrungen; umsonst, es war ihm kaum ein Lächeln
+abzulocken. Er stellte sich fast jeden Abend ein, wie einer, der vor
+sich flieht; er bat, man möge ihn bloß dulden, wenn es zum Ärgsten
+komme, werde er trachten, nicht zur Last zu fallen. Was er unter dem
+Ärgsten verstand, darüber äußerte er sich nicht; die Hausfrau, die seine
+ergebenste Anhängerin war, zog ihn beiseite und beschwor ihn, sich zu
+fassen, zu erheben; er mache durchaus den Eindruck eines Menschen, den
+ein Phantom zum Narren hält; man sei so viel Befeuerung von ihm gewöhnt,
+so viel gesunde, heilsam wirkende Kraft, dies könne doch nicht mit einem
+Mal zu nichte werden; ob sie ihm helfen könne, ob er sie des Vertrauens
+nicht mehr würdige? Sie sei zu jedem Opfer bereit, sie wie auch alle
+andern, die bestürzte Zeugen seiner Verwandlung seien.
+
+Er schüttelte den Kopf. »Zu helfen ist da nicht,« antwortete er; »es
+wäre besser, Sie zerrten mich nicht aus der Dumpfheit heraus. Das letzte
+Versteck darf man mir nicht nehmen; gegen Beleuchtung wehrt sich alles
+in mir, die Dinge bekommen dadurch ein zu prahlerisches Gesicht. Mein
+Fall ist an sich gering; legt ihr ihm Bedeutung bei, so werdet ihr nur
+zu Urhebern von neuen Leiden. Was ich an mir erfahre, ist doch bloß die
+Folge einer vielfach verschlungenen Kette von Selbsttäuschungen und
+Selbstüberschätzungen. Man hat sich zu lange gefallen, man hat sich zu
+lange beruhigt, man hat immerfort behaglich im lauen Wasser
+geplätschert. Die Erkenntnis ist schmerzlich. Wie wäre einem Menschen zu
+helfen, der niemals in einen Spiegel gesehen hat, der bis zu dem Moment,
+in dem es geschieht, im Wahn befangen war, er sei schön, er sei
+wohlgebildet, er habe angenehme Züge, und plötzlich grinst ihm aus dem
+Glas eine abscheuliche Fratze entgegen? Wie wollen Sie dem helfen? Daß
+mich ein Phantom zum Narren hält, ist außerdem noch wahr.« Er zögerte
+in ungewisser Scham und fuhr fort: »Stellen Sie sich vor, daß ich nicht
+allein sein kann, ohne daß mir zumute ist, ein dringlich fordernder
+Gläubiger sei hinter mir her und verlange die Bezahlung einer Schuld.
+Und zwar ein Gläubiger, dem ich zu Dank verpflichtet bin, der mir große
+Dienste geleistet hat, den ich wiederholt, mit guten und schlechten
+Gründen, habe vertrösten müssen und der nun, selbst in Bedrängnis, das
+langgefristete Darlehen nicht mehr stunden will. Das ist keine Figur,
+liebe Freundin, kein Gleichnis für einen beengten Zustand, es ist eine
+Realität. Auch okkulter Einfluß kann eine Realität sein. Sie wissen, daß
+ich Skeptiker genug bin, um solchen Anfechtungen zu widerstehen. Wer hat
+sich nicht schon über meine Trockenheit beklagt, in dieser wie in
+anderer Beziehung! Hier scheitern vernünftige Erwägungen an einer
+Vision, an der der ganze Organismus teil hat, das furchtbar genaue
+Wissen darum, wie es um mich bestellt ist. Leute meines Schlags kennen
+ihr eigenes Innere so gut wie die Bureauschreiber ihren
+Registrier-Apparat, und wo da die Tugend aufhört und die Sünde beginnt,
+ist schwer zu sagen. Die Quelle, die uns nährt, ist zugleich vergiftet,
+und wir sterben daran, ohne das Gift zu spüren.«
+
+»Aber was _wir_ davon spüren, wir Zuschauer und Zuhörer, ist Freude und
+erhöhtes Leben,« versetzte die Freundin herzlich und reichte ihm beide
+Hände.
+
+Mörner blickte grübelnd vor sich hin. »Bei alledem, sollte man es
+glauben,« sagte er mit einem Rest von Selbstverspottung im Ton, »bei
+alledem ist es wie eine letzte Genugtuung, daß er kommt, dieser
+Gläubiger, daß er mahnt. Er hält mich also noch für zahlungsfähig, ich
+habe also noch Kredit in der Geisterwelt. Sonderbar, daß wir nicht
+ärmer werden, wenn wir dort unsere Schulden begleichen, im Gegenteil.
+Nur muß man eben zahlen können, und ich kanns nicht. Die Kassen sind
+leer bis auf die Neige. So arm darf man nicht werden, oder man hat
+miserabel gewirtschaftet.«
+
+Mörner begab sich wieder zu den übrigen, die harmlos plauderten, die
+Hausfrau folgte ihm mit zwiespältigem Gefühl. Die unerbittliche Logik in
+der Verwirrung überraschte sie und stimmte sie nachdenklich. Da ging
+eine Abrechnung vor sich, hartnäckiger und ernsthafter als dem bloß für
+Alltags-Ungemach geschulten Blick erkennbar war.
+
+Das Gespräch geriet auf die Zeitumstände, und ein junger Lehrer der
+Philosophie machte die Bemerkung, in einer Epoche, wo die Wirklichkeit
+soviel Stoff produziere wie in der gegenwärtigen, das stürmisch
+fließende Schicksal soviel rohes Material ans Ufer schwemme, in einer
+solchen Epoche müsse die schaffende Phantasie durch ein automatisch
+funktionierendes Ausgleichsgesetz erlahmen; erst spätere Geschlechter
+seien wahrscheinlich imstande, das chaotisch Hingeworfene, Strandgut der
+Geschichte, zu neuen Bauten zu benutzen. Daher der Verfall der Kunst,
+daher das Versagen der Künstler.
+
+Mörner, der bislang schweigend zugehört hatte, unentschlossenen Anteil
+in den Mienen, zuckte plötzlich auf. Es war eine nicht sehr taktvolle
+Äußerung im Hinblick auf ihn, das empfanden alle, auch der Sprechende
+selbst, der errötend abbrach. Aber sie war nun einmal getan. Mörner
+erhob die Hand mit gespreizten Fingern, als wolle er verhüten, daß ihm
+ein anderer im Wort zuvorkomme und sagte: »Ach nein, nein, nein.
+Unleugbar steht uns die Zeit entgegen, aber nicht wegen der Überfülle
+des Geschehens, sondern wegen der Zerstörung der Geister und der
+Seelen. Von welchen Flammenausbrüchen genialer Naturen sind vergangene
+Umwälzungen begleitet gewesen! Wollt ihr Namen? Sie wimmeln. Jede
+Revolution hat Propheten und Gestalter aus ihrem Schoß geboren; einen,
+der die Eroica in die brüllende Woge schleuderte, einen, der seinem
+grandiosen Schmerz die Hermannsschlacht entriß, einen, der mitten in
+gewaltigen Gärungen die Tribüne der #Comedie humaine# errichtete.
+Gerufen von der Sehnsucht ihrer Welt, gaben sie ihr Stimme und Bild,
+wiesen ihr die Wurzel und den Gipfel ihres Geschicks. Heute aber? War
+jemals eine Menschheit so zu Boden getreten? Sagt mir nicht, er sei
+vielleicht da, irgendwo unter uns, der glühende Zeuge und wunderbare
+Architekt, und ich vermöchte ihn bloß nicht zu sehen und zu hören. Du
+und du und Sie und Sie und ich, warum sollten ihn wir nicht ahnen, nicht
+kennen? Würden nicht unsere Nerven bei seinem geringsten Hauch
+vibrieren? Wäre er nicht Fleisch von unserm Fleisch, Blut von unserm
+Blut? wer sollte ihn wissen, wenn nicht wir? Es gibt ihn nicht. Seine
+Entstehung schon wird im Keime erstickt. Der Schoß ist unfruchtbar
+geworden, es kommt nicht mehr bis zur Kristallbildung; es bleibt beim
+Ansatz; in den Elementen ist kein Wille, sich zu ballen; die ruhende
+Sehnsucht ist nicht produktiv. War jemals eine Menschheit so zu Boden
+getreten? frag ich noch einmal; so müde, so stumpf, so entblättert, so
+kurz von Atem und so kühl im Hirn? Spürt ihr es nicht, wie keine
+Resonnanz wird? Kein Sinn will mehr aufnehmen; es sei denn die gröbste
+Nahrung; nichts ist Besitz, alles Erwerb; nichts Erlebnis, alles Kitzel;
+keinem Gemüt prägt sich das Wesen ein, nur die Verzerrung davon; die
+Ehrfurcht ist geschwunden, die Überlieferung abgeschnitten, der Glaube
+tot, das Wissen ein mörderisches Narkotikum. Kein Zusammenhang und
+Zusammenklang, in der Höhe nicht, in der Tiefe nicht, bei den Guten
+nicht, bei den Bösen nicht. Hinten versinkt alles in Abgründen, vorne
+öffnen sie sich. Panische Flucht nach allen Seiten; Angst, sich zu
+verpflichten, Angst vor der Hand, die sich bietet, Angst vor dem
+Schmerz, Angst vor der Wahl, Angst vor jeglicher Entscheidung, Angst
+sogar vor der Erinnerung an den verlorenen Gott. Und wird euch denn
+nicht ebenfalls Angst, wenn ihr die Heraufkommenden betrachtet, diese
+Zuchtlosen, ihre Lust an der Raserei, an der Tobsucht des frierenden
+Verstandes; ihren Götzendienst vor der Chimäre, den Kultus vor dem
+Golem, die grauenvoll ummauerte Isolierung eines jeden, in der er, um
+sich und die andern Isolierten zu betäuben, wie ein verrückt gewordener
+Anachoret nach Verbrüderung schreit, rachsüchtig und voll Haß in seiner
+Wehleidigkeit? Was soll werden? Man kann eine Ruine aufbauen, wenn das
+Material noch halbwegs brauchbar ist, aber aus morschem Plankenwerk und
+wurmstichigen Brettern ein seetüchtiges Fahrzeug zimmern, das ist
+unmöglich. Da habt ihr die Krankheit. Da ist es aufgerollt, das Gemälde
+der Katastrophe, meiner und aller derer, die noch gutgläubig oder weil
+sie sich der schrecklichen Klarheit eine Weile noch verschließen wollen,
+am Werke sind. Morituri te salutant. Es ist kein Cäsar da; grüßt man
+also die Blinden und Tauben, die unsere Geschicke lenken? Sie bilden
+sich nur ein, zu lenken, sie werden mitgeschleift und mitzerschmettert.«
+
+Während er so sprach, hatte es Mörner geschienen, daß die Tür
+aufgegangen und jemand eingetreten war. Er schaute sich um, bemerkte
+aber keinen Hinzugekommenen, auch verriet nichts in den Mienen der
+Freunde, daß sie eine gleiche Wahrnehmung gemacht. Die Augen ruhten
+groß auf ihm, mit scheuem und betroffenem Ausdruck. Indessen wich das
+Unbehagen nicht von ihm, das die verborgene Anwesenheit eines Fremden
+verursacht. Sein suchender Blick prüfte die Gesichter. Es war kein neues
+darunter; er kannte jedes. Doch dünkte es ihn, im Hintergrund des Raums,
+zwischen Flügel und Bücherkasten, wo das Licht sich verlor, sitze eine
+Person, die vorher nicht dagewesen war. Er wagte es nicht, sich zu
+vergewissern, hielt aber das Gefühl für untrüglich.
+
+Die wohllautende Stimme eines jungen Mädchens sagte: »Ist denn nicht,
+wer schafft, im tiefsten Sinne ohne Zeit? Ist es denn diese eine, nahe,
+bestimmte Welt, die ihm notwendig ist, und nicht vielmehr eine
+übertragene obere, die sein Traum wahrer macht als die untere? Sie
+selbst haben es uns so gelehrt. Nicht in Worten; im Beispiel. Und was
+wir so oft mißverstanden und falsch verstanden haben, daß der Dichter
+ein entselbsteter Mensch ist, so nannten Sie es ja, der Mensch ohne
+Partei, ohne Meinung fast, dem alles Leben zur Speise wird, ist das denn
+nicht mehr das Gesetz, dem Sie sich demütig beugen, wie Sie immer getan
+haben?«
+
+Mörner senkte den Kopf, und als er antwortete, war es ihm, als stehe er
+nicht der sanften Fragerin Rede, sondern der verborgenen Person, die er
+im Zimmer wußte. »Widerstände können wachsen,« sagte er; »es ist
+jedesmal ein harter Weg dorthin, in die obere Welt; eines Tages sind die
+Schranken unübersteiglich. Die Kraft reicht nicht mehr zu; der Mut ist
+nicht mehr da. Werktätigkeit beruht auf Wechselwirkung. Das Leben ist
+meine Speise, freilich; wenn aber die Speise faulig wird, wie dann? Wenn
+die Augen nicht mehr sehen können, das innere Membran nicht mehr
+erzittert, das Bild nicht mehr zu fassen ist, das Gefühl seine
+Sicherheit einbüßt? Wie dann? Beide Welten, die obere und die untere
+sind mir zu Schemen verblaßt. Ich kann nichts mehr greifen, es bleibt
+mir nichts in der Hand, ich bin zur Ohnmacht verurteilt, ich bin ein
+Selbst geworden.«
+
+Er lächelte traurig, zuckte die Achseln und schwieg. Sein Ohr lauschte
+in die Richtung, wo der Unsichtbare saß. Der aber verriet seine
+Gegenwart durch keinen Laut und keine Bewegung. Als das junge Mädchen
+sich zum Flügel setzte und ein Bachsches Präludium zu spielen begann,
+schien er seinen Platz zu verändern.
+
+Mörner wollte die Freunde durch seine Gegenwart nicht länger bedrücken
+und entfernte sich still. Durch die mitternächtlich verödeten Straßen
+trat er den Heimweg an, doch war ihm nicht wohl zumute bei der Aussicht
+auf Alleinsein in seinem Hause.
+
+ * * * * *
+
+Er hörte Schritte hinter sich, eine Weile schon. Es folgte ihm jemand.
+
+Die Luft war mild, das Gewölbe bis in die Unendlichkeit umschleiert. In
+der Dunkelheit wuchtete Ahnung, die die Seele zusammenpreßte und sie
+aufsteigen machte gleich einer artesischen Säule. Er erinnerte sich
+solcher Nächte aus seiner Jünglingszeit. Es waren dieselben
+flaumsüchtigen Wolken gewesen, damals, in der Stadt seines Elends,
+mitten im Herzen Deutschlands, dieselbe bittersüße Feuchtigkeit in der
+Atmosphäre, dasselbe heimliche Säuseln und Brodeln in der Erde. Warum
+war ihm das Längstvergangene heute nah? Kündigte sich Prüfung an und
+neue quälende Überschau? Parade über die Truppen vor der Abdankung? Ein
+Laut war wie Vogelruf, genau wie damals aus dem Gebüsch am trüben Fluß,
+der die Fabrikwässer führte. Aber damals war es Verheißung gewesen,
+heute war es Verzicht; damals Ankunft, heute Abschied; damals hatte
+Romantik um die verschlossenen Tore und schwarzen Fenster geschauert,
+heute das frostige Wissen. Drei Jahrzehnte vergeblichen Wegs in eine
+Sackgasse!
+
+Er ging langsamer; der ihm folgte, verzögerte ebenfalls den Schritt. Er
+ist es, durchfuhr es Mörner, und seine erste Regung war, zu fliehen.
+Doch trotzte er ihr; an einer Ecke unter einer Gaslaterne blieb er
+stehen. Der andere kam heran, lüpfte den steifen niedern Hut und sagte
+leise: »Guten Abend.«
+
+Es war ein Mann von nicht genau bestimmbarem Alter; Mitte der Dreißig
+ungefähr; jugendlich schlank, aber in der Haltung etwas schlaff und im
+Gang schleppend. Soviel sich im ungewissen Licht ausnehmen ließ, waren
+die Haare blond. Die Kleidung war adrett, obwohl ein wenig abgetragen.
+Das bartlose Gesicht war auffallend hager, mit tiefliegenden blauen
+Augen und erstaunlich scharfen Kerben um den Mund. Alles in allem war es
+ein schönes, zumindest ein schön gewesenes Gesicht, das nichts Vulgäres
+an sich hatte.
+
+»Ich hoffe, Sie nicht zu stören,« sagte der Unbekannte mit
+achtungsvoller Artigkeit, die den Mann von Erziehung verriet; »wir haben
+den nämlichen Weg, scheint es; darf ich Sie begleiten?«
+
+Mörner verbeugte sich kühl. Er zürnte sich wegen der Beklommenheit, die
+er empfand. Seite an Seite setzten sie den Weg fort.
+
+Der Unbekannte sagte: »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich nicht
+vorstelle; aber ich habe keinen Namen. Ich mache wenigstens schon lange
+keinen Gebrauch mehr von ihm. Nur im Notfall nenne ich mich, so oder
+so; es gibt ja zwingende Situationen; ich schütze dann einen erfundenen
+Namen vor. Ich denke, Sie legen auf diese Formalität kein Gewicht.«
+
+Immerhin ein merkwürdiger Geselle, dachte Mörner und sah geradeaus auf
+das Pflaster. So auch, vor sich hin, erkundigte er sich: »Sie sind fremd
+in der Stadt? Seit kurzem erst hier, wenn ich fragen darf?« Er ist es,
+dachte er wieder, und mit einer Anwandlung von Haß: wozu die gezierten
+Vorbereitungen? weshalb spielt er Verstecken mit mir? was ist seine
+Absicht?
+
+»Ja, ich bin fremd,« gestand der Herr mit seiner leisen, freundlich und
+rücksichtsvoll klingenden Stimme; »aber daran bin ich gewöhnt. Ich bin
+eigentlich überall fremd. Das heißt, obenhin betrachtet, bin ich fremd,
+genau genommen nicht. Ich reise fortwährend, wissen Sie, bin immer wo
+anders, ohne festes Domizil. Ich liebe es nicht, Aufenthalt zu nehmen.
+Wenn man sich aufhält, entstehen Versäumnisse. Viele Jahre bin ich schon
+unterwegs, und es ist manchmal schwer, der Müdigkeit nicht nachzugeben.
+Aber wir wollen nicht von mir sprechen. An mir ist nichts interessant.
+Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich offen gestehe, daß ich Ihnen
+aus reiner Neugier nachgegangen bin. Wären Sie mir entschlüpft, ich
+hätte wirklich nicht gewußt, was tun. Ich hätte Sie bestimmt noch heute
+Nacht in Ihrer Wohnung aufgesucht, und diese Zudringlichkeit wäre Ihnen
+wahrscheinlich sehr unangenehm gewesen.«
+
+»Sie waren also dort, dort oben bei meinen Freunden?« stammelte Mörner;
+»ich habe mich also nicht geirrt ...?«
+
+Der Unbekannte nickte. »Gewiß, ich war dort,« erwiderte er etwas
+beschämt; »es hat mich unwiderstehlich hingezogen. Ich wußte von Ihnen.
+Ich hatte irgendwelche Botschaft. Aus tausend Stimmen dringt eine
+hervor, vernehmlicher als die andern. Ein Blatt Papier, ein
+aufgefangenes Wort, was kann das nicht alles bedeuten. Und zufällig saß
+ich Ihnen neulich im Eisenbahncoupé gegenüber, entsinnen Sie sich nicht?
+Da erfaßte mich sofort die Neugier, trotzdem ich über das Wichtigste
+gleich im Klaren war, und ich blieb unablässig auf Ihren Spuren.«
+
+In der Tat glaubte sich Mörner zu entsinnen, den Unbekannten während
+einer vielstündigen Fahrt im halbdunkeln Abteil gesehen zu haben. Er
+wunderte sich, daß ihm das erst jetzt einfiel, denn Gestalt und Gehaben
+des Menschen waren ihm ungewöhnlich erschienen, das vollkommen
+unbewegliche Sitzen, der intensive Blick, eine gewisse Naivität und
+Bescheidenheit in den Mienen, verbunden mit einer schwer definierbaren
+lächelnden Undurchdringlichkeit, alle diese Einzelheiten sah er lebhaft
+vor sich. Seine Spannung und Unruhe wurde dadurch nicht vermindert.
+»Wieso waren Sie sich über das Wichtigste im Klaren?« fragte er und
+suchte seine Erregung hinter einem gereizten und mürrischen Ton zu
+verbergen. »Bin ich denn so auf den ersten Blick zu ergründen? Nichts
+für ungut, aber gegen das Hellsehn hab ich meinen Argwohn; es ist durch
+einige Leute von meinem Metier diskreditiert und läuft gewöhnlich auf
+Charlatanerie und Mystifikation hinaus.«
+
+»Ich habe ja auch Ihre _Worte_ gehört,« antwortete der Fremde einfach.
+»Daß Sie mißtrauisch sind, begreife ich. Sie kennen mich ja nicht. Ich
+habe mir noch kein Recht auf Ihr Zutrauen erworben. Ich bin ein
+Namenloser, wie gesagt, ein Niemand; es steht bei Ihnen, mich für einen
+Charlatan zu halten. Nur bitte ich Sie, Ihr endgültiges Urteil noch zu
+verschieben.«
+
+Er wich einem Hund aus, der über die Straße lief und fuhr mit derselben
+unerheblichen Stimme fort: »Nein, Hellseher bin ich nicht, und daß ich
+Sie auf den ersten Blick ergründet habe, behaupte ich auch nicht. Was
+mich zu Ihnen getrieben hat, ist neben der Neugier, die mir angeboren
+ist, die sonderbare Leidenschaftlichkeit in Ihnen, die sich auf alles in
+Ihrem Umkreis unmittelbar überträgt. Sie ist sehr selten, diese Art von
+Leidenschaft, diese entselbstete; der Ausdruck stammt ja von Ihnen. Es
+hat mich magnetisch angezogen; ich meine das nicht bildlich. Ob ich
+wollte oder nicht, ich mußte dorthin, wo Sie waren. Auf dem Meer, mitten
+in einer Windstille, bei blauem Himmel, hat man manchmal die deutliche
+Empfindung, daß ein furchtbarer Sturm irgendwo hinter dem Horizont
+wütet, der das Schiff förmlich in seinen Trichter saugt. So war Ihre
+Wirkung auf mich. Die meisten Menschen wissen nichts von ihrer eigenen
+Wirkung. Das Leben stumpft sie ab dagegen. Viel notwendiger ist es, die
+eigene Kraft kennen zu lernen, als die der andern. Mächtige Seelen
+liegen oft faul da und ahnen nichts von dem Magnetismus, der in ihnen
+aufgesammelt ist. Ich unterscheide die Menschen danach. Es ist eine
+Stufenleiter; von denen, die oben stehen, strahlt die größte Kraft aus,
+die Schicksalskraft, die Verantwortlichkeitskraft. Das ist der Kitt, der
+bindet. So war wenigstens meine Erfahrung. Das ist auch der Grund, warum
+mich Ihre Leidenschaftlichkeit so beschäftigt hat. Worauf sie eigentlich
+gerichtet ist, kann ich nicht genau ermessen; ich habe nur zum Teil
+verstanden, was Sie dort in dem Haus sagten; ich bin kein sehr
+gebildeter Mensch und habe wenig gelesen. Ich hatte die Zeit nicht. Ich
+habe mir nur einige Fähigkeiten angeeignet, durch die es mir möglich
+geworden ist, - aber lassen wir das, davon erzähl ich Ihnen später,
+falls es sich ergibt. Folgende Überlegung war es, die mich berührt hat
+wie seit langem nichts. Ich sagte mir: wenn man mit einer solchen Flamme
+in der Brust vor der Menschenwelt steht, wie kann es sein, was muß da
+geschehen sein, daß die Flamme nicht leuchtet, daß nicht alles in
+blendender Helligkeit vor ihr liegt, daß der, der sie besitzt, sich über
+Finsternis beklagt und eben dadurch in Gefahr kommt, tatsächlich in
+Finsternis zu versinken? Wie geht das zu? Ich sagte mir weiter:
+Vielleicht kannst du da Nutzen stiften, es ist dir ja schon manchmal
+gelungen; da liegt so eine Seele, sagte ich mir, eine mächtige Seele und
+windet sich in Zuckungen; vielleicht kannst du das trübe Medium von der
+Netzhaut dieses Menschen lösen, mehr ist vielleicht nicht zu tun; das
+Ganze ist eine Erkrankung des Auges; freilich nicht des physischen
+Auges; was darf nicht alles Auge heißen bei den Edleren: das Herz ist
+selber Auge.«
+
+Die häufig stockende, wie aus Bescheidenheit unsichere und zögernde Rede
+des Fremden drang mit jeder Silbe unhemmbarer in Mörners Inneres. Harte
+Schlacken schmolzen, der Krampf lockerte sich.
+
+Was für ein Mensch ist dies? dachte er zwischen zwei Atemzügen, von
+denen der eine noch Qual war, der nächste schon Hoffnung.
+
+ * * * * *
+
+Sie saßen im Arbeitszimmer des Schriftstellers. Der Unbekannte begann zu
+erzählen. Er hatte es gewiß noch nie getan, denn es hatte unverkennbare
+Erstmaligkeit.
+
+Es war viele Jahre her, daß er als Sohn eines reichen Hauses, verwöhnt,
+umworben, wie ein Thronfolger umschmeichelt, eines plötzlichen Tages
+alles von sich geworfen, alles Überflüssige, wie er sich ausdrückte:
+Geld, äußere Würde, gesellschaftliche Stellung, die Freunde, die Frauen,
+die Dinge, die Gewöhnungen, den Ehrgeiz, den Namen; alles von sich
+abgestreift, bloß um zu leben, um wirklich zu leben.
+
+Mörner glaubte sich zu erinnern, davon gehört zu haben. Aber die Zeit
+hatte den Eindruck des damals Vernommenen und wahrscheinlich Entstellten
+verwischt.
+
+Der Schritt des jungen Mannes hatte Verwunderung und Kopfzerbrechen
+erregt. Er verursachte auch vielen Menschen Leiden, die ihm bluts- und
+wesensnah waren, aber danach durfte er nicht fragen. Er verzichtete auf
+alles, was ihm lieb und unentbehrlich gewesen war und ging den Weg, den
+er sich selber bahnen mußte, und der umso schwieriger und mühevoller
+war, als es ein bestimmtes Ziel auf ihm nicht gab. Man mußte sehen,
+wohin man kam.
+
+Was er unter »wirklich leben« verstand, das vermochte er weder damals
+noch später befriedigend zu erklären. Man hielt ihn deshalb für einen
+unklaren Kopf, und selbst diejenigen Leute, die seine herausfordernde
+Luxusexistenz verurteilt hatten und seinen Bruch mit der Vergangenheit
+im Prinzip billigten, zuckten über die Ausführung die Achseln. Sie
+hatten etwas Besonderes, Niedagewesenes erwartet und machten aus ihrer
+Enttäuschung keinen Hehl. Sich seinen Verpflichtungen entziehen, die
+Schiffe hinter sich verbrennen, das kann schließlich jeder, so sprachen
+sie ungefähr; Geld und Gut fortwerfen, schön; in freiwilliger Armut
+leben, schön; aber angenommen sogar, daß man nicht zu den ägyptischen
+Fleischtöpfen zurückkehrt, wenn einem die Geschichte eines Tages zu bunt
+wird, wo ist die Idee? Was für ein Dienst wird der Menschheit damit
+geleistet? Was wird bewiesen, wodurch etwas geändert? Verkündet er eine
+neue Lehre? Lockt das Beispiel zur Nachahmung? Ist es überhaupt
+nachahmenswert? Hat er die Welt um einen fruchtbaren Gedanken
+bereichert? Nein, stellten sie fest, es ist unreife Schwärmerei,
+bestenfalls eine moderne Donquichoterie; Herrenlaune im Grund, nur
+verblüffender als die früheren, und genau besehen ist er derselbe Snob
+geblieben, der er war, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß ihm
+Übersättigung und Verzweiflung den Antrieb gegeben haben.
+
+So äußerten sich die meisten. Er aber kümmerte sich nicht darum. Ihre
+Reden drangen bald nicht mehr zu ihm. Er schied aus ihrer Mitte. Er
+schwand aus ihrem Gesichtskreis. Binnen kurzem war er verschollen. Er
+ging in die Tiefen hinunter. Umkehr gab es für ihn keine.
+
+ * * * * *
+
+Er erzählte, daß er ziemlich lange in der Borinage gelebt, bei den
+Bergleuten; damals noch als Müßiggänger und neugieriger Gast. Der
+Anblick des Elends hatte ihm diese Rolle unerträglich gemacht. Es hatte
+sich eine Gelegenheit zur Überfahrt nach Amerika geboten. Drüben war er
+gezwungen, sein Brot zu verdienen. Er griff zum Schwersten, ging unter
+die Verlader am Hudson und war gegen Tagelohn angestellt. Er wurde
+krank. Genesen, unterrichtete er die Kinder eines polnischen Flüchtlings
+im Lesen und Schreiben.
+
+Er hielt sich in seiner Erzählung bei den selbstverständlichen
+Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens nicht auf. Um seine Person war
+es ihm ja nicht zu tun. Seine eigenen Leiden kamen nicht bloß nicht in
+Frage dabei, sondern er nahm gar keine Notiz von ihnen, sie waren kaum
+vorhanden für ihn.
+
+Er erzählte, immer in dem nämlichen gleichmäßigen Tonfall und ohne die
+geringste Eindringlichkeit, daß er sich bei einem großen Grubenunglück
+in Pensylvanien an den Rettungsaktionen beteiligt habe und wochenlang in
+den Schächten gewesen sei; wochenlang in der Gesellschaft verwaister
+Kinder, verwitweter Frauen, dann daß es ihn immer weiter getrieben wie
+einen, der unstillbaren Durst hat und bei jedem Trunk nur noch durstiger
+wird. Daß er das Leben der Metallarbeiter kennengelernt habe, berichtete
+er, und das der Maschinenbauer, und das der Eisenbahnarbeiter, und das
+in den Schlachthäusern, den Konservenfabriken, Spinnereien, Sägewerken
+und Druckereien. Daß er mit Fischern gelebt, mit Holzfällern, mit
+Kleinbürgern, mit Beamten, mit Kellnern, mit Defraudanten, mit
+Bar-Tänzern, mit Negern, mit Farmern, mit Journalisten. Daß er Diener
+eines Sekten-Oberhaupts gewesen, Schreiber bei einem Börsenmakler, Agent
+für ein Annoncenbureau. Daß er in einer Besserungsanstalt und in einem
+Zuchthaus war, nicht als unbeteiligter Besucher, sondern als Sträfling,
+indem er sich mittels gefälschter Papiere für einen andern ausgegeben.
+Daß er wochenlang in den unterirdischen Kanälen von Neuyork genächtigt;
+in den Opiumhöhlen von Chicago gelebt und unter den Auswanderern auf
+Ellis-Island als Lazarettgehilfe gedient. Daß er ein Jahr darauf mit
+einer Goldsucher-Expedition nach Alaska gegangen sei; von dort nach
+Japan; von dort nach China. Daß er von Peking aus ins Innere, den Fluß
+entlang, gewandert sei, und mit einem tibetanischen Lama nach Madjura,
+der heiligen Siedlung mit dem Lilienteich und den Türmen aus
+Götterbildern; immer unter den Menschen, dicht bei den Menschen, immer
+einsam, dicht bei sich, von Tag zu Tag einsamer, von Tag zu Tag
+reicher, beladen mit Reichtümern, und immer noch durstig. Er erzählte
+weiter. Das alles war erst Untermalung; Figur und Umriß zeigten sich
+später.
+
+Er sprach von Schiffen und Dschunken; vom Himmel, vom Meer; von Wäldern
+und Gärten; von Tempeln und Festen; von Städten und Wüsteneien; von
+Heiligen und von Verbrechern; von religiöser Versunkenheit und
+weltlicher Mühsal; von Aufruhr und Unterdrückung, von innigem Werkfleiß
+und liebender Tat. Vom Schicksal und abermals vom Schicksal, seinem
+Wechsel, seinem Grauen, seiner Herrlichkeit, seiner in alle Seelen
+gewirkten Vielfältigkeit.
+
+Er hatte erkannt; vom Erkennen war er voll. Er hatte Kräfte in sich
+geschlürft mit Begierde. Er hatte die Bindungen und Verflechtungen des
+Menschheitskörpers sehen gelernt wie man die Lagerungen der Muskeln und
+Adern an einem hautlosen Leib wahrnimmt. Er war vertraut mit dem Fühlen
+und Denken aller Verlorenen, Irrenden, Geplagten und Duldenden an allen
+Enden und Ecken der Erde. Er kannte die Lasterhaften, die Mörder, die
+Diebe, die Hehler, die Geknechteten, die Einfältigen, die Erglühten, die
+stummen Unverdrossenen. Für ihn zogen sich Fäden von der Küste des
+indischen Ozeans bis zu den Palästen europäischer Metropolen. Alles war
+ein einziger, bebender, heißer Leib; alles wie die verschlungenen Zweige
+eines ungeheuren Baums. Er drückte dergleichen nicht aus, dazu war er
+nicht imstande, aber es lag in seinem Aug und Wesen.
+
+Er war, vom Osten her, durch den Krieg gegangen, unangefochten,
+bewillkommt, von schonender Luft und schonenden Händen umgeben, und wo
+er war, schien er für die andern von jeher gewesen zu sein. Er hatte die
+Schlachtfelder durchzogen, die Brandstätten, das blutbesudelte Land,
+hüben und drüben, das zermalmte, seufzende Land. Er war Zeuge geworden
+von Plünderung und Metzelei, Hunger und Haß, Wahnsinn und Lüge,
+Bestialität und Verzweiflung. Aber auch von verborgenem Heldentum und
+dem kleinen Glück der Genügsamen, von Opferdienst und Wundern der
+Vollbringung. Er wurde nicht müde; er durfte es nicht werden, denn er
+sah noch kein Ziel.
+
+Was mag das Ziel sein? ging es Mörner durch den Sinn, indes er lauschte
+und mitlebte; in dem unendlichen Zirkel der Bilder und Vorstellungen
+dachte er plötzlich an Buddhas Wiese, an die seligen Gefilde der letzten
+Entäußerung, des letzten Wissens, des letzten Friedens, der letzten
+Inkarnation, Höhenscheide zwischen irdischer und himmlischer Welt.
+
+Wußte er nicht, wohin er ging, der überaus Seltsame? Darüber war kein
+Zweifel, daß er sich übernatürliche Fähigkeiten angeeignet hatte, das
+heißt, von denen aus betrachtet, die noch nicht an die Natur reichen: Er
+hatte sie erworben, weil sein Einsatz übermenschlich war, das heißt, von
+denen aus betrachtet, die noch nicht ans Menschliche reichen.
+
+ * * * * *
+
+»Ich durfte mir keinen Zweck setzen, so wie ich mich nicht binden
+durfte,« sagte der Unbekannte; »im Zweck liegt schon das Übel; der Zweck
+hat die Welt so ins Fieber gebracht. Nein, ich durfte mich niemals
+binden, sonst hätte ich den Zusammenhang verloren. Ich mußte immer
+wieder Abschied nehmen, immer wieder brechen, sonst hätte ich mich
+versäumt und die wichtige Stunde. Die wichtige Stunde ist die nach der
+Überwindung und dem Entschluß. Da ist die Kraft ohne Maß und Grenzen.«
+
+Die Stimme blieb gleich nüchtern, gleich karg, gleich unbetont; gleich
+höflich die Haltung, sparsam die Gebärde. Oft spielte ein Lächeln um die
+Lippen, die ungealtert waren, indes sich andere Teile des Gesichts
+eigentümlich verwittert zeigten, besonders die Stirn und die
+Schläfengruben; auch das Haar war an manchen Stellen silbrig angegraut.
+Das scheue Lächeln schien die Versicherung zu enthalten, daß die Distanz
+nicht überschritten werden würde, die der Andere vorschrieb. Der
+unerhobene Ton aber, die zarte, rücksichtsvolle Bemühung um das
+äußerlich Konventionelle und Gestattete verlieh den Worten eine
+vollkommene Durchsichtigkeit, und Gestalt um Gestalt, Vorgang um Vorgang
+entfalteten sich so rein, als lägen Schall und Stimme nicht mehr
+vermittelnd dazwischen.
+
+»Ich liebe die Dinge,« sagte die höfliche Stimme; »ich liebe sie
+manchmal bis zur Unvergeßbarkeit; sie sind oft wie Laternen über dem
+Schicksal des einzelnen Menschen aufgehängt. Ich weiß nicht, ob das eine
+Schwäche von mir ist, aber ich kann mich dem nicht entziehen. Ich bin
+mit einem Mann gegangen, in einer kleinen Stadt, und es war Abend. Er
+hatte Furcht, allein zu gehen, weil die Frau während seiner langen
+Abwesenheit wieder geheiratet hatte und ihn für tot hielt. Er hatte
+Furcht, wollte aber zu seinen Kindern, und ich bin mit ihm gegangen. Das
+Haus lag in einer Gasse gegen den Fluß und hatte ein schiefes Dach.
+Rechter Hand im Flur war ein Backofen, davor kniete eine Magd, von
+schwacher Glut beschienen, und schob mit einer Stange die fertigen Brote
+von den heißen Ziegeln. An der Treppe oben stand das Weib des Mannes;
+sie ahnte noch nichts und trällerte ein Lied. Zu ihren Füßen spielten
+zwei Kätzchen. Draußen war es feucht, das Pflaster glänzte, man hörte
+den Fluß rauschen, und bisweilen ging ein Mensch an dem offenen Tor
+vorüber, gebückt und eilig. Der Mann neben mir zog in seiner
+Gemütserregung ein blaues, zerrissenes, wie ein Schachbrett mit
+Quadraten bedecktes Tuch aus der Manteltasche und trocknete sich die
+Stirn damit. Das Tuch war mir in dem Augenblick etwas unbeschreiblich
+Teures; es läßt sich wirklich nicht erklären, warum, aber alles war in
+ihm drin, der ganze Mensch.«
+
+Er senkte ein paar Sekunden lang den Kopf und fuhr fort: »So ist es mit
+Schachteln, die bei armen Dienstboten in der Kommode liegen und mit
+Erinnerungszeichen gefüllt sind; und mit geborstenen Steintreppen an den
+Toren; und mit Photographien an den Wänden; mit einer Kerze, die nachts
+irgendwo an einem Fenster brennt, und mit dem Brett, das der Tischler in
+der Werkstatt hobelt. Mit den Fußspuren im Weg ist es so und mit den
+Brücken über die Flüsse, aber besonders mit allem, was durch
+Menschenhände geht und auf Menschen Einfluß hat. Ich habe den Ring am
+Finger einer gestorbenen Frau gesehen; von wie vielem der wußte! Auf
+einer Straße, durch die ich ging, lag ein zerrissener Vorhang, den man
+aus einem ausgeraubten Haus geworfen hatte; wieviel Leben daran klebte!
+An die Dinge geben sich ja die Menschen hin, sie sperren ihre Seelen in
+sie hinein; sie sind ihr Besitz; und wenn nicht Besitz, dann das Ziel
+ihrer Sehnsucht. In einer andern Stadt fand ich in einer kalten
+Winternacht einen acht- oder neunjährigen Knaben halberfroren auf einer
+Bank. Ich trug ihn zu einem nahegelegenen Spital, dort wurde er der
+Lumpen entkleidet, die ihm am Leibe klebten, und es wurde ihm heiße
+Milch eingeflößt, da er nicht bloß erfroren, sondern auch bis auf die
+Knochen verhungert war. Nachdem man den Körper notdürftig von Schmutz
+und Unrat gesäubert hatte, steckte man ihn ins Bett. Er lag bewußtlos,
+und ich blieb die Nacht über bei ihm, man hatte es mir erlaubt. Als er
+nun die Augen aufschlug und man ihn fragte, wer er sei und woher er
+komme, vermochte er nicht zu antworten. Er sah beständig die weißen
+Kissen an, tastete beständig mit der Hand über das weiße Linnen, das ihn
+bedeckte, und in seinen Mienen war ein so maßloses Staunen, eine so
+maßlose freudige Bestürzung, daß man sofort begriff, er war Zeit seines
+Lebens nie in einem Bett gelegen, und erst recht nicht in einem solchen
+Bett. Er glaubte allen Ernstes, daß er sich im Jenseits befand, und das
+einzige, was er sprechen konnte, war: so weiß; so sauber; so weiß; und
+wieder, andächtig, ungläubig, völlig verzückt: so weiß; Herr Jesus, so
+weiß.«
+
+Der Unbekannte hielt inne und sann mit abgelöster Heiterkeit im Gesicht
+vor sich hin. Dann sprach er: »In der nämlichen Stadt fügte es sich, daß
+ich mich eines brustkranken Mädchens annehmen sollte, das im Laden einer
+Friseurin bedienstet war. Ein Kind von sechzehn Jahren, ich erinnere
+mich noch des Namens; Angelika hieß sie. Ihre Herrin hatte sie aus dem
+Waisenhaus genommen, sie war ein Findling; ein munteres und zärtliches
+Geschöpf, von allen wohlgelitten und ungemein geschickt in den
+Verrichtungen, die man sie gelehrt hatte. Die Herrin sah aber bald, daß
+das Übel rapid wuchs; der Arzt, den sie zu Rate zog, gab ihr wenig
+Hoffnung und empfahl ihr, das Mädchen schleunig in eine Heilanstalt zu
+bringen. Sie versuchte es, doch es war umsonst; die Behörden wiesen sie
+ab, die humanitären Vereine wiesen sie ab, die reichen Leute, bei denen
+sie Hilfe suchte, wiesen sie gleichfalls ab. Sie war eine robuste Frau,
+nichts weniger als gefühlsselig, aber sie liebte das Mädchen wie ein
+eigenes Kind, und die Aussichtslosigkeit, eine Pflegestätte für sie zu
+finden, erbitterte sie. Angelika indessen ahnte nichts davon, daß ihr
+Geschick ein so nahes Todesurteil über sie verhängt hatte. Sie lachte
+und scherzte den ganzen Tag, und besonders war sie darauf versessen,
+sich zu schmücken. In diesem Punkt war sie geradezu erfinderisch; ihre
+billigen Gewänder sahen aus wie frisch aus dem Magazin; die kleinen
+Geschenke, die sie von den Damen erhielt, Bänder, ein Stückchen Stoff,
+eine silberne Nadel, eine Halskrause, waren Kostbarkeiten für sie, und
+sie wußte sie anmutig und geschmackvoll zu verwenden. Aber ich will
+Ihnen erzählen, wie ich dazu kam, mit eigenen Augen zu sehen, wie
+glühend diese jungen Hände die Dinge umklammerten, die ihr Ausdruck und
+Abbild des Lebens waren. Es ist eine unbedeutende Begebenheit, im großen
+Ring betrachtet, aber sie hat mir viel zu denken gegeben. Die Friseurin
+hatte noch ein zweites Lehrmädchen, und diese war nach und nach
+eifersüchtig auf die jüngere und hübschere Kollegin geworden. Als nun
+eines Tages Angelika zu einem gewöhnlichen Kundenbesuch ihr schönstes
+Kleid angezogen hatte, und mit glücklichem Lächeln vor ihr stand, sagte
+sie zu ihr; wozu richtest du dich so her und gibst die paar Groschen,
+die du verdienst, für Plunder aus? Trachte lieber, daß du gesund wirst,
+damit unsere Frau nicht so viel Scherereien deinetwegen hat; es steht
+nicht zum besten mit dir, das wissen alle, bloß du nicht; also merk dirs
+und werde nicht gar so übermütig. Die Worte erschreckten Angelika, und
+sie fing an zu begreifen, was ihr drohte. Sie büßte ihren Frohsinn nach
+und nach ein, obwohl ihre kräftige und unbefangene Natur sich immer
+wieder geltend machte, selbst dann noch, als sie bettlägerig wurde und
+mit jedem Tag mehr verfiel. Es war mir endlich gelungen, in einem Asyl
+weit draußen vor der Stadt einen Unterschlupf für sie zu finden,
+richtiger ausgedrückt, ich hatte einige schwerbewegliche Personen
+aufgesucht, und diese ihrerseits hatten wieder einigen widerwilligen
+Funktionären eine Zusage abgerungen, die aus freien Stücken zu geben
+ihre Pflicht und ihr aufgetragenes Amt gewesen wäre. Kurz, Angelika
+sollte in Pflege kommen, und ich beeilte mich, es der Frau zu melden. Es
+war an dem Tage gerade ein blutiger Aufruhr in der Stadt, Soldaten und
+Arbeiter zogen durch die Straßen; aus vielen Häusern wurde geschossen.
+Am schlimmsten ging es in dem Viertel zu, wo die Friseurin wohnte; ich
+konnte mir durch die Massen Volks kaum einen Weg bahnen. Der Laden war
+geschlossen, ich stieg ins erste Stockwerk hinauf, wo sich die Wohnung
+befand, doch es war niemand zu sehen. Ich wußte, wo Angelikas Kammer
+war, ich hatte sie schon einmal besucht und mit ihr gesprochen. Ich
+klopfte; es blieb still. Ich dachte, das Kind schlafe vielleicht,
+obgleich dies bei dem wilden Lärm, der von der Straße heraufschallte,
+sonderbar anzunehmen war. Als ich leise die Tür öffnete, sah ich, daß
+sie nicht im Bett lag. Sie hatte sich erhoben; im langen weißen Hemd und
+barfuß stand sie vor dem Spiegel, der in den Schrank eingelassen war;
+die schwarzen Haare flossen bis zu den Hüften; auf dem Kopf trug sie
+einen breitrandigen Hut mit zwei grauen Federn; um die Taille, über das
+Hemd, hatte sie ein blauseidenes Band zur Masche geknüpft, und um den
+stengelfeinen Hals eine Korallenkette gelegt. Ich trat in das ärmliche
+Gemach; es bedurfte nur meines Vorsatzes dazu, daß sie mich weder sah
+noch hörte; außerdem war sie viel zu hingenommen von ihrer Beschäftigung
+und das Geknall und Geschrei von draußen zu heftig, als daß sie auf
+mich hätte aufmerksam werden können. Ich setzte mich also in eine dunkle
+Ecke. Ich konnte ihr Gesicht nur im Spiegel sehen, das totblasse, aber
+von Begierde, von unbezwinglicher Lebensbegierde über und über bebende
+Gesicht. Auf dem Tisch neben ihr lagen ihre Schätze, ein Haufen bunter
+Bänder, ein paar wertlose Broschen und Spangen, ein Nähzeug und eine
+Schale mit Winterblumen. Auf einem wackligen Stuhl davor standen ein
+Paar gelbe neue Stiefletten und über der Lehne hingen Blusen, ein
+Ledergürtel und ein grüner Schal. Das alles betrachtete sie mit
+fließenden Blicken, bald sich selbst im Spiegel, bald die geliebten
+Gegenstände. Die Sachen, nennt man es; ja, jeder hat seine Sachen, und
+mit ihnen schützt er sich und schmückt er sich; sie täuschen ihm Fülle
+vor, oder Freude; die Habseligkeiten; auch ein merkwürdiges Wort. Sie
+griff nach Blumen in der Schale und probierte, ob sie zum Blau der
+Schleife paßten; sie nickte ihrem Spiegelbild zu, vertraut, verträumt,
+aufmunternd; sie spielte mit ihm und forderte es heraus, sie bog den
+Kopf zur Seite und gab sich eine graziöse Haltung, und besonderes
+Vergnügen bereitete ihr das Wippen der grauen Federn. Währenddem wurde
+der Tumult auf der Straße immer ärger; sie vernahm es nicht. Draußen
+schlugen sie eine jahrhundertalte Ordnung in Trümmer, sie genoß, was sie
+als Reichtum empfand. Sie beugte sich zu den Stiefelchen herab und sagte
+schalkhaft-liebkosend: ihr armen Schuhe, wer wird euch spazieren tragen,
+wenn ich gestorben bin? Sie richtete sich wieder empor, schaute lange
+und äußerst gespannt in den Spiegel, seufzte herzlich und sagte leise
+vor sich hin: ach Gott, nie wird ein Mann bei mir schlafen. Es war
+Klage, aber voller Unschuld, so daß es beinahe heiter klang und ich mich
+zu lächeln nicht enthalten konnte. Doch schlich ich mich nach einer
+Weile hinweg. Mehr durfte ich von dem Geheimnis nicht rauben; ich hatte
+mir schon zuviel angemaßt. Den Menschen bei sich selbst erlauschen, geht
+nicht an; man verrät ihn und verrät sich. Alles war Spiegelung gewesen;
+der wirkliche Spiegel hatte mir Angelikas Gesicht gezeigt der andere
+ihre Welt, weit zurück bis zu den Ahnen und Urahnen, die sie
+hinausgestoßen hatten, als Letzte, in ein ungenügendes Stück Leben.«
+
+ * * * * *
+
+Die Zeit war ohne Marke; wie lange das Schweigen gedauert hatte, konnte
+Mörner nicht ermessen, als die höfliche Stimme wieder begann: »Ich
+möchte Ihnen die verschlossenen Tore aufschließen; bedenk ichs recht, so
+hab ich zu vielen die Schlüssel. Damit man erfahre, damit man erlebe,
+muß man vieles gesehen haben, und doch ist Sehen und Erleben zweierlei,
+und Leiden und Erleben ist zweierlei. Die Tat macht es nicht, und der
+Wille nicht und die Ergriffenheit nicht. Jedes einzeln kann zu etwas
+dienen, und doch ist der glockenhafte Widerhall nicht da, der die Sinne
+löst und zum Schwingen bringt. In der Wissenschaft, glaube ich gehört zu
+haben, werden jetzt mehr und mehr alle Phänomene der Natur auf die
+Wellenbewegung zurückgeführt. Meiner Ansicht nach kann man auch die
+sinnliche Welt in das Gesetz der Wellenbewegung einbeziehen. Es ist
+vielleicht dieselbe Kraft, nicht einmal wesentlich modifiziert, die das
+Licht erzeugt und zwischen zwei Menschen Haß oder Liebe hervorbringt;
+dieselbe, die ein Gestirn aus seiner Bahn reißt und die Katastrophe
+einer Familie oder eines Volkes bedingt. Wir haben keinen Einblick, wir
+können es wahrscheinlich nie ergründen, aber wenn der Geist rein ist,
+glaubt man oft, man kann es ahnen und fassen. Der nämliche Stoff flutet
+durch sämtliche Seelen, und wenn das Gemüt rein ist, kann man sie ahnen
+und fassen. Oft ist mir, als wär ich der andere, der mich anschaut; oft,
+als wär ich in vielen drin und die Unruhe käme von der Zerstückelung.
+Oft ist mir, als rollte alles Geschehen in seinen Anfang zurück, und was
+Tod und Untergang scheint, wenn ich die Augen schließe, ist wie neu,
+wenn ich sie dann aufschlage. Oft ist auch alles wie Wiederkehr, und das
+macht eigentlich am meisten verzagt; dann wäre ja keine Rettung und kein
+Hinauf. Ich hörte einmal die Geschichte von einem reichen Patrizier im
+alten Rom, Valerius Asiaticus; der besaß einen so herrlichen
+Hügelgarten, daß er den Neid des Kaisers Claudius erweckte, der ihn auf
+unbewiesene Verleumdungen hin zum Tod verurteilte. Da man ihn die
+Todesart wählen ließ, entschied er sich für die Verbrennung. An dem dazu
+bestimmten Tag nahm er seine gewohnten Leibesübungen vor, badete, ging
+zu Tisch und öffnete sich die Adern. Aber die Liebe zu seinen Pflanzen
+war so groß, daß er in der letzten Stunde den aufgeschichteten
+Scheiterhaufen nach einer anderen Stelle schaffen ließ, damit Flammen
+und Rauch das Laubdach der Bäume nicht beschädigen sollten. Genau das
+Gleiche, Zug für Zug, hat sich unter der Regierung der letzten Kaiserin
+in China begeben, und ich habe den Mann gesehen, der das Gleiche erlitt;
+ich war dabei, als er auf den Holzstoß stieg. Aber das ist vielleicht
+aus zu grober Materie; Ereignis gegen Ereignis, eins der Schatten vom
+andern; was besagen sie beide? Die lüsterne Phantasie nascht davon, und
+es entsteht Irrtum und Dunkel. Man muß immer zum Geringen niedersteigen,
+dann ist die Falte auf einer Stirn und die Windung in einem Ohr beredt
+genug, und wo man geht und steht, umdröhnt einen der Lärm des Bluts,
+der Wünsche, Begierden, Träume und Gedanken in allen wie das
+Hämmergestampf in einer Maschinenhalle. Ohne Aufhören ist es, ohne
+Stille; Rad wetzt sich an Rad, Hebel stößt Hebel. Ich bin einmal mit
+einer Kolonne von Arbeitslosen marschiert, Männern und Frauen; wie es
+hinter den Schädeln raste! Mir war als sausten Knüttel auf mich herab,
+und doch waren die Leute ganz stumm. Ich bin einmal auf einem Schiff
+gewesen, das auf eine Mine stieß; die Passagiere stürzten auf Deck, und
+die Todesangst in den Gesichtern kann ich nicht vergessen. Sie waren
+aufgerissen bis in die verborgensten Fasern. Schamlos werden die
+Menschen da; Zucht fällt ab wie Tünche, das Gehütetste geben sie preis,
+und nur Mütter und Tiere verlieren sich nicht ganz. Ich bin einmal in
+Litauen oben mit drei Wucherern in einem Postwagen gefahren. Sie
+sprachen wenig, und das Wenige mit Vorsicht; aber ihre Augen und ihr
+Lachen und ihre Gebärden erzählten von zugrundegerichteten Existenzen,
+von Bitten und Flehen, das an ihrer Unempfindlichkeit abgeprallt war;
+jeder schleppte ein Netz, worin die Ausgesogenen wehrlos zappelten; und
+es war, als zeigten sie einander ihre Beute. Ich folgte ihnen heimlich;
+es ließ mir keine Ruhe, von ihnen viel zu wissen; ich sah Drohbriefe und
+Pfandscheine und verfallenes Gut und ausgeräumte Stuben, und den
+Leichtsinn der Opfer, die Verzweiflung von einem, der Wechsel gefälscht
+und von einem der Geld unterschlagen und von einem, der sein Erbe
+verschleudert hatte. Die drei Wucherer waren wie Pirschgänger; sie
+brachten Menschen in Rudeln zu Fall; sie häuften Reichtümer an, ohne sie
+zu genießen, ohne sich daran zu freuen, ihr einziges Ergötzen war die
+Qual und Wut des in die Enge getriebenen Menschenwildes; als ich in
+einer Nachtstunde einen allein in seinem Zimmer sitzen sah, durch das
+Fenster von der Straße aus konnte ich ihn sehen, da erschrak ich, denn
+das Gesicht sah aus wie das eines versteinerten, grauenhaft traurigen
+Affen.«
+
+Der Unbekannte bedeckte hastig die Augen mit der Hand und lächelte
+enigmatisch. »Um ihn war ein Geruch von Schicksalen wie von Miasmen,«
+fuhr er fort; »doch ein jedes Schicksal hat seinen bestimmten Geruch,
+seine bestimmte Schwere, seine Flugkraft, seine Intensität, seine
+angeborene Gewalt. Es wächst oder welkt wie die Pflanze; es zieht
+anderes Schicksal an oder stößt es ab, je nachdem. Es ist über den
+Menschen, eine Weile oder ein Jahrtausend, je nachdem, dann in den
+Menschen. Sie verhalten sich zu ihm wie mehr oder minder elektrische
+Körper zum Blitz. Das Unausdenkbare, sobald es ausgedacht werden kann,
+geschieht es schon oder ist geschehen; aber der es erleiden muß, dem ist
+es Rätsel und Grauen. Ich war in Böhmen auf einem Gut, dessen Besitzer
+seit kurzem geistesgestört war, und zwar aus folgender Ursache. Es war
+ein reicher Edelmann, ohne Familie und ohne Freunde, ein menschenscheuer
+Sonderling. Die einzige Person, der er vertraute, war sein Diener, mit
+dem er fünfundzwanzig Jahre auf dem Schloß gehaust hatte, der für seine
+Bedürfnisse sorgte, seine Launen kannte und ihm in allem demütig ergeben
+war. Eines Tages wurde der alte Baron von Todesahnungen geplagt;
+vielleicht ängstigte ihn die völlige Einsamkeit zum erstenmal; er rief
+den Diener zu sich in die Stube und sagte ihm, daß er wahrscheinlich
+bald sterben müsse, und daß er, um ihn für seine Treue und
+Anhänglichkeit zu belohnen, sich entschlossen habe, ihm den großen
+Meierhof zu schenken, der an den Schloßpark grenzte. Er möge für den
+nächsten Morgen den Notar bestellen, damit die Schenkung rechtsgültig
+festgelegt werde. Der Diener starrte eine Weile stumpf vor sich hin.
+Während des ganzen Vierteljahrhunderts nämlich, das er mit seinem Herrn
+verbracht, hatte er nie eine Gemütsbewegung an ihm bemerkt, nie eine
+Gabe von ihm empfangen, nie ein mildes Wort von ihm gehört. Er fängt an
+zu stottern; er verfärbt sich, plötzlich stürzt er vor dem Baron auf die
+Knie, schluchzt vor Zerknirschung und sagt, er sei der Gnade des Herrn
+unwürdig; er müsse sich eines gräßlichen Vorhabens anklagen, das er
+dreimal in Tat umsetzen gewollt; dreimal habe er den Plan gefaßt, den
+Herrn umzubringen; dreimal sei er des Nachts unter dem Bett des Herrn
+gelegen, um ihn im Schlaf zu erwürgen; dreimal habe ihn ein Zufall daran
+gehindert: einmal der Hahnenschrei; einmal das Schlagen der Pendeluhr;
+das letztemal, in voriger Nacht erst, das Trompetensignal einer durch
+die Dorfstraße ziehenden Militärabteilung. Der Baron wußte nichts zu
+antworten. Er hieß den Diener gehen. Er verabschiedete ihn noch an
+demselben Tag. Das nachträgliche Entsetzen über die dreimalige nicht
+gewußte Gefahr, unter Mörderhand zu enden, umnachtete seinen Geist.«
+
+Der Unbekannte hatte einen Ausdruck in den Augen, als schaue er in ein
+Gewühl, das fern und tief unten war. »Aber ist das nicht auch zu grob,
+zu tatsächlich, zu zufällig?« fragte er gedankenvoll; »ich greife es
+heraus, weil es sich herausdrängt. Ich bin zu erfüllt davon. Es haftet
+auch an der Haut. Und immer ist es aneinandergereiht wie die Käfer auf
+einem Pappendeckel. Man will beweisen, was man spricht. Ich sehe immer
+das Exempel. Ich sehe so viele, die ihren Mörder neben sich haben; sie
+füttern ihn förmlich auf und drücken ihm die Waffe in die Hand. Oft ist
+es ihr eigener Schatten, der sie mordet, oft ihr Bild in einem Bruder,
+einer Geliebten, einem Freund. Keiner weiß etwas vom Bruder, von der
+Geliebten, vom Freund, und es ist wunderlich amüsant, zu erfahren, was
+er zu wissen vorgibt. Mißverständnisse geben ihnen den stärksten Halt.
+Es ist überhaupt wunderlich amüsant alles, finden Sie nicht? Immer
+sehen, immer hören, jede Stunde ausschöpfen, jedes Herz aushorchen! Was
+hätte ich drum gegeben, wenn ich jenen Diener noch auf dem Gut getroffen
+hätte! Die fünfundzwanzig Jahre Gehorsam in Schweigen und Haß, was muß
+da in seinem Gesicht zu lesen gewesen sein! Ich habe ihn lange Zeit
+gesucht; leider umsonst.«
+
+Er beugte sich vor; die schöngeformten Hände machten eine zaghafte
+Geste. »Diener! daß es solche gibt!« fuhr er fort; »daß es Knechte gibt,
+und Türsteher; solche, die Kohlensäcke auf dem Rücken tragen;
+Schiffszieher; solche, die in Schwefelgruben steigen; solche, die
+Kloaken säubern; solche, die Bleidämpfe einatmen. Jeder mit seinem ganz
+besondern Sinn. Einer hat nicht dieselben Finger wie der andere; in
+zweien sind nicht zwei gleiche Gedanken, und jeder läßt sich die Last
+aufbürden und schleppt und schleppt. Warum nur? Man kann nicht fertig
+werden, darüber nachzudenken. Millionen Sklaven keuchen unter der Kette;
+tausend rebellieren und reißen sich los, und schon zwängen sich tausend
+neue an ihre Stelle. So mutlos und wundgerieben ist aber keiner, daß er
+nicht ein Weib bei sich hätte und Kinder mit ihr zeugte, die auch wieder
+an die Kette geschmiedet werden. Da schwillt das Leiden immer höher. In
+manchen Ländern steht es bereits so, daß die Kinder mit einem alten
+finstern Herzen auf die Welt kommen. Ich habe mich davon überzeugt. Ich
+habe folgendes erlebt. Man geht nichts ahnend hin, und aus dem Erdboden
+heraus strecken sich einem Kinderarme entgegen, lauter magere Kinderarme
+wie ein Feld von Strohhalmen; die Fäustchen sind krampfhaft geschlossen,
+die zarten Gelenke sind rhachitisch. Es ist äußerst merkwürdig: man kann
+meilenweit wandern, zwischen Fabrikschloten und flammenden Essen, und
+sie strecken sich einem unabsehbar entgegen, lauter magere Kinderarme,
+wie Strohhalme, oder wie kleine geschälte Zweige. Manche brechen, manche
+wachsen, jedenfalls sind es zahllose, und sie versperren einem den Weg.
+Was sagen Sie dazu? Meinen Sie nicht, daß Ihre Ansicht, die Zeit sei
+Ihnen entgegen, doch falsch ist? Ist sie nicht geradezu für Sie?
+Geradezu wie für Sie gemacht? Ist sie nicht wie ein verdorrter Acker,
+der Bewässerung verlangt, Licht und Wärme? Denken Sie nur an die
+zahllosen Kinderarme. Sie können sich niederbeugen, die
+zusammengekrampften Fäustchen öffnen, die frierenden Hände ergreifen.
+Ich fürchte, das klingt sentimental, aber ich halte es Ihnen als
+Notwendigkeit vor. Es ist, als schaute man in ein vergiftetes Bassin, wo
+viele kleine Fische vor dem Krepieren noch ein bißchen zucken. Das
+einzige Mittel, sie zu retten, ist, neue Quellen und Zuflüsse
+hineinleiten. Sie sagen, das Werk lasse sich nicht schaffen, weil die
+Geister und Seelen zerstört sind. Zum Teil ist das ja richtig. Aber war
+die Auslese der Brauchbaren nicht immer sehr gering? Steht und fällt
+nicht jedes Werk mit dem einen Hirn, in dem es geboren wird? Und
+brauchen Sie denn die Menschen? Genügt nicht das Schauspiel von Aufstieg
+und Sturz, das sie Ihnen bieten? Ist denn der große Lebensteppich
+zerfetzt oder verbrannt? Sind seine Farben verblaßt? Ist er minder bunt
+gewirkt als vor zehn, vor hundert, vor tausend Jahren?«
+
+Der Unbekannte schien in einiger Erregung. Der Ton seiner Fragen war
+dringlich; er hatte die Hände ausgestreckt und sich noch weiter
+vorgebeugt. »Es scheint mir nicht. Sehen Sie doch hin. Die Paare treten
+zum Tanz an, der Wein wird ausgeschenkt, die Musik spielt. Es ist ein
+Haus mit vielen Stockwerken; in dem einen ist Fröhlichkeit, im andern
+Traurigkeit. Es ist eine Zauberhöhle mit schimmerndem Gestein. Man
+braucht nicht einmal Aladdins Wunderlampe; die dienenden Geister
+gehorchen dem, der den Weg gefunden hat. Wozu Gericht? Wozu Verdammung?
+Nicht einmal urteilen darf man. Zerstörte Geister und Seelen, was heißt
+das? Ist das eigene Auge und die eigene Seele unzerstört, so ist die
+Welt unzerstört. Gäbe es eine Hölle wirklich und wären alle ihre
+Verdammten losgelassen, um aus purer Raserei die Welt zu vernichten, und
+es fände sich nur ein einziger unter ihnen, der beim Ruf der Erlösung
+sehnsüchtig stutzt, so würde es sich verlohnen, sie von neuem
+aufzubauen. Das ist meine Ansicht. Schlagen Sie die Augen empor! Fassen
+Sie doch, wie ein Kind es tut, das Ungeheure, das Süße, das
+Schmerzliche, das Blühende, den ungeheuren, überflutenden Reichtum.
+Freilich ist eines not, wie es auch geschrieben steht. Es steht
+geschrieben: Von der Neigung zu geliebten Personen mußt du so frei sein,
+daß du, soviel dich anbelangt, ohne alle menschliche Verbindung zu sein
+wünschest; umso näher kommt der Mensch Gott, je weiter er sich von allem
+irdischen Trost entfernt. Aber das ist eine harte Aufgabe. Geöffnet sein
+und im ehernen Panzer; leicht sein und schwer beladen; den Baum hegen,
+der die seltenen Früchte trägt, und sie nicht für sich pflücken dürfen.
+Trotzdem ist es köstlich, zu wandeln und die Luft der Erde zu atmen,
+wenn man die Botschaft versteht, die einem geworden ist.«
+
+ * * * * *
+
+Mörner wollte die Hand des Unbekannten ergreifen, doch der Stuhl, auf
+dem er gesessen, war leer. Seine Brust hob sich mit einer Sturmwelle, er
+wußte nicht, ob in freudigem, ob in wehem Gefühl. Fragen quollen ihm auf
+die Lippen, die er an sich selbst richtete, aus einer Morgendämmerung
+des Herzens heraus: wo gräbst du? wo wächst du? wo wirkst du? wo ist
+dein Feld? wo ist dein Weg? Aber ehe er sie bedenken konnte, waren sie
+von einer geisterhaft-entfernten Stimme beantwortet, und er glaubte
+einen Arm zu gewahren, der ihm eine goldhäutige, strahlende Frucht
+zeigte. Der Tag rauschte über das Firmament, und er begrüßte ihn. Er war
+an der Wende angelangt, wo der Ausgleich ist zwischen Finsterem und
+Hellem, über welchen der Bogen sich wölbt, an den die Sternbilder
+geheftet sind, Inbegriff allen Schicksals.
+
+
+
+
+Adam Urbas
+
+
+Unter den Aufzeichnungen des kürzlich verstorbenen
+Reichsgerichtspräsidenten Diesterweg, eines scharfsinnigen und
+geistreichen Kriminalisten vom Schlage des großen Anselm Feuerbach,
+befand sich auch die folgende.
+
+An einem Oktoberabend, zu später Stunde, kam der Bauer Adam Urbas aus
+Aha, einem Dorf des südlichen Frankens zwischen Altmühl und Hahnenkamm,
+auf die Gendarmeriestation in Gunzenhausen und erstattete die Anzeige,
+daß er an eben diesem Tag seinem achtzehnjährigen Sohn Simon den Hals
+abgeschnitten habe. Er liege tot in der Kammer zu Hause. Das Messer, mit
+dem er die Tat verübt, trug er bei sich und überreichte es. Es war noch
+blutig.
+
+Die Selbstbezichtigung, in ruhigem Ton und mit äußerst knappen Worten
+vorgebracht, wurde protokolliert. Auf alle weiteren Fragen des
+Kommissärs verweigerte er die Antwort. Der Lokalaugenschein, der noch in
+derselben Nacht vorgenommen wurde, bestätigte seine Angaben. Man traf
+ein vor Entsetzen und Jammer halbwahnsinniges Weib und bestürzte Knechte
+und Mägde.
+
+Adam Urbas wurde ins Gefängnis nach Ansbach gebracht.
+
+Als ziemlich junger Richter war ich einige Wochen zuvor in diese
+Kreishauptstadt versetzt worden, und meinem lebhaften Ehrgeiz war es
+willkommen, daß man mich mit der Voruntersuchung betraute.
+
+Der Fall schien von Anfang sonnenklar. Ein anscheinend beschränkter und
+in allen Vorurteilen seiner Kaste befangener Bauer hatte seinen
+entarteten Sprößling, von dem er nur Schande und Unheil erfahren hatte,
+kurzerhand aus dem Weg geräumt, sowohl um ein Strafgericht zu
+vollziehen, als auch um noch größerem Übel, das im Entstehen war,
+vorzubeugen.
+
+Nach den übereinstimmenden Aussagen der Zeugen war der junge Urbas ein
+völlig verlottertes Individuum gewesen, arbeitsscheuer Herumtreiber,
+ständiger Gast in allen Wirtshäusern und auf allen Jahrmärkten der
+Gegend. Für seinen müßiggängerischen und anstößigen Wandel hatte er viel
+Geld gebraucht, und was ihm die gefügige Mutter, die er einzuschüchtern
+verstand, nicht gab oder geben konnte, hatte er sich auf andere Weise zu
+verschaffen gewußt. So hatte er im August beim Getreidehändler Kohn in
+Weißenburg auf eigene Faust achthundert Mark für gelieferte Gerste
+abgeholt und das Geld unterschlagen und verpraßt. In Nördlingen hatte er
+sich mit einem verrufenen Frauenzimmer eingelassen, das von ihm
+schwanger zu sein behauptete; eines Tages hatte er die Person an einen
+entlegenen Ort gelockt und zu erwürgen versucht. Durch ihr Geschrei
+waren zufällig vorbeikommende Leute alarmiert worden, und so war sie ihm
+entronnen. Über diese Angelegenheit war die Untersuchung noch im Gange,
+als Adam Urbas den gerichtlichen Maßnahmen zuvorkam.
+
+Auch aus der Knabenzeit Simons wurden Züge und Begebenheiten berichtet,
+die seinen Charakter in das übelste Licht rückten. Nichts entstammte
+dem Übermut, was er verübte, es war immer voller Tücke und
+Abgefeimtheit. So hatte sich z. B. die Großmagd sechs neue Leinenhemden
+in der Stadt gekauft; freudig zeigte sie die Erwerbung dem übrigen
+Gesinde und der Bäuerin; es wurde zur Vesper gerufen, und sie legte die
+blütenweiße Wäsche auf den Tisch in der Tenne. Als sie zurückkam, waren
+die Hemden mit Wagenschmiere derart besudelt, daß keines mehr brauchbar
+war. Daß Simon die Büberei begangen, bezweifelte niemand, aber bewiesen
+werden konnte es nicht, so wenig wie die Sache mit dem Fuhrmann Scharf.
+Der hatte seinen mit Mehlsäcken beladenen Wagen vor dem Krug halten
+lassen; als er weiterfahren wollte, rann das Mehl in weichen Bächen auf
+die Straße; zehn oder zwölf Säcke waren heimlich aufgeschnitten worden.
+Das ist der Simon Urbas gewesen und kein anderer, hieß es; bewiesen
+werden konnte es nicht.
+
+Zur Heuchelei und Hinterlist gesellten sich später Frechheit und
+Gewalttätigkeit, und alle Gutmeinenden waren darüber einig, daß da ein
+Menschenunkraut emporwuchs, so hoch, daß keine Schere mehr hinanreichte,
+es zu stutzen und kein Spaten stark genug war, es auszujäten. Ich hätte
+auf die Fülle des gebotenen Materials verzichten können. Da war kein
+Problem, keine Verworrenheit, keine Tiefe; alles war eindeutig, platt
+und roh, zumindest, was den Ermordeten betraf.
+
+Der letzte Akt des dörflichen Schauerdramas hatte sich am Gunzenhauser
+Kirchweihsonntag abgespielt. Zwei Bauern aus Windsbach hatten sich im
+Wirtshaus zu Aha darüber unterhalten, daß gegen Simon Urbas ein
+Verhaftsbefehl erlassen worden sei. Adam Urbas saß unbemerkt von ihnen
+am Nebentisch. Die anderen Gäste und der Wirt schielten ängstlich nach
+ihm hin, denn aus der Art, wie er das Glas absetzte und vom Stuhl
+aufstand, war zu schließen, daß er von der Nördlinger Geschichte noch
+nichts wußte. Die Schandtaten Simons wurden ihm nämlich so lang wie
+möglich verhehlt. Es war seine außerordentliche Schweigsamkeit, seine
+achtunggebietende Haltung und nicht zuletzt seine große Beliebtheit in
+der Gemeinde und in der ganzen Gegend, die einen schonenden Wall um ihn
+errichteten. Durch all die Jahre hatte auch die Bäuerin die schlimmsten
+Nachrichten aufzufangen und in ihrer Wirkung auf Urbas zu mildern
+gewußt. Aber wenn man annahm, daß er deshalb in Unwissenheit oder nur in
+halber, in freiwilliger Unwissenheit lebte, so täuschte man sich. Er
+verstand es eben, seine Umgebung über das, was er sah und in ihm
+vorging, im Zweifel zu lassen.
+
+Die Bäuerin hatte das drohende Unglück beim Buttern von einer
+schwatzhaften Magd erfahren. Als Urbas nach Hause kam, stellte sie sich
+ans Fenster, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Da ging, es war
+schon gegen Abend, der Ziegelarbeiter Franz Schieferer am Haus vorbei
+und rief ihr zu, der Simon sei drüben in Gunzenhausen im Hirschen; er
+traktierte die Manns- und Weibsleute und werfe mit Geld herum, daß es
+nur so klappre; aber, fügte er lachend hinzu, denn er war stark
+angeheitert, man werde den Vogel bald auf Numero Sicher haben, die
+Gendarmen seien schon unterwegs. Dem war freilich nicht so, wie sich
+später erwies; auch das mit dem Verhaftsbefehl war vorläufig leeres
+Gerücht.
+
+Das ganze Gesinde war zur Kirchweih gegangen. Die Bäuerin ließ sich auf
+die Wandbank nieder; Urbas wanderte mit schweren Schritten in der Stube
+auf und ab. Da hörte man von der Straße herein schlürfendes Gehen, dann
+wurde an der Haustürklinke gerüttelt. Fäuste polterten wider das
+massive Holz, dazu erschallten Flüche. Die Bäuerin sprang auf und wollte
+hinaus; Urbas hob den Zeigefinger, nichts weiter; sie verharrte auf der
+Stelle. Nun zeigte sich Simons Gesicht am Fenster, von Trunkenheit
+gerötet, mit Augen voller Bosheit. Die Bäuerin schrie auf und winkte ihm
+zu, er solle weggehen. Er verschwand wieder, eine Weile blieb es ruhig,
+dann war auf der Tenne Lärm. Er war durch die Tür auf der Hofseite ins
+Haus gelangt. Im Dunkeln stieß er gegen das Gerät; man vernahm einen
+Sturz; die Bäuerin riß die Stubentür auf und im hinauslohenden
+Lampenschein gewahrte sie, wie sich der betrunkene Mensch mühsam vom
+Boden aufrichtete. Die Arme gegen die beiden in der Stube reckend, drang
+eine gräulich lästernde Rede aus seinem Mund; vielleicht war dieser
+Augenblick entscheidend für Urbas. Die Bäuerin sagte aus, daß sie ihn
+vom Kopf bis zu den Füßen habe zittern sehen. Simon hatte sich indessen
+zu seiner Kammer getastet; er schlug dröhnend die Tür hinter sich zu,
+dann war es wieder still. Urbas schaute in die finstere Tenne hinaus,
+die Bäuerin stand hinter ihm, das Gesicht in die Schürze gepreßt. Das
+dauerte so an fünf Minuten. Hierauf verließ Urbas die Stube und ging
+hinüber in die Kammer. Die Bäuerin versicherte, daß sie geahnt und
+gespürt habe, was kommen würde, daß ihr aber die Glieder wie gefroren
+gewesen seien und sie während der ganzen Zeit ihrer Sinne nicht mächtig
+war. Ob Simon so berauscht gewesen, daß er gleich, nachdem er sich auf
+die Bettstatt geworfen, in Schlaf verfiel, oder ob sie noch miteinander
+geredet, Vater und Sohn, ließ sich deshalb nicht ermitteln. Einmal sagte
+sie, es sei alles still geblieben, dann wieder, sie hätten miteinander
+geredet, und zwar ziemlich lange; die beiden Türen waren aber
+geschlossen gewesen, und da sie nach ihrer Behauptung im Ofenwinkel
+gesessen war, konnte, wie durch mehrmaligen Versuch erwiesen wurde, der
+Schall von bloßem Sprechen unmöglich zu ihr gedrungen sein. Auch ihre
+Angaben, wie lange Urbas in der Kammer geweilt, waren auffallend
+unsicher; bald sagte sie, es könne nur eine Viertelstunde, bald, es
+müßte mehr als eine Stunde gewesen sein. Das Mordmesser hatte nicht
+Urbas gehört, sondern dem Sohn; ob es dieser bei sich getragen oder ob
+es in der Kammer gelegen, war ebenfalls nicht zu ermitteln. Hierüber
+verweigerte Urbas jede Auskunft, und so wichtig der Umstand war, er
+konnte vorerst nicht ins Klare gebracht werden.
+
+Ich gestehe, daß mir alle diese Vorgänge trotz ihrer Unheimlichkeit
+zunächst wenig Interesse einflößten. Sie waren als Begleiterscheinung
+eines solchen Verbrechens typisch. Der Vater ein unbeugsamer Starrkopf,
+beleidigt in seinem bäuerlichen Ehrgefühl, in echt bäuerlichem Dünkel
+keine Instanz über sich anerkennend, der Sohn ein Lump, dessen
+vorzeitiges und gewaltsames Ende man kaum recht bedauern konnte; die
+Mutter haltlos zwischen beiden schwankend; es war die übliche
+Konstellation, und die Gerechtigkeit konnte ihren Lauf nehmen, ohne daß
+sie auf hemmende Dunkelheiten stieß.
+
+Nach und nach aber, bei genauem Einblick in die Vergangenheit und die
+Art des Adam Urbas, wurde meine Aufmerksamkeit nachhaltiger gefesselt.
+Es war als gingest du an einer Mauer entlang, die aussieht wie alle
+andern Mauern in der Welt; plötzlich gewahrst du, erst kaum bemerkbar,
+dann immer deutlicher, gewisse Zeichen und Runen, die zu prüfen ein
+Etwas dich zwingt; du kommst nicht mehr los, du beginnst Gruppe um
+Gruppe zu entziffern, und schließlich wird dir eine unerwartete
+Mitteilung über das verschlossene Gebiet, das hinter dieser Mauer liegt.
+
+Die Urbassche Ehe war dreizehn Jahre kinderlos gewesen. Die Frau hatte
+es als unabwendbares Schicksal getragen, der Mann aber hatte sich
+aufgelehnt gegen den Spruch der Natur. Er war der Letzte eines uralten
+Bauerngeschlechts; in fränkischen Chroniken des vierzehnten Jahrhunderts
+schon werden die Urbas genannt. Ihn dünkte es wie Schmach, daß er keinen
+Leibeserben haben sollte. Wozu war das Schaffen und Sparen, Säen und
+Ernten? Wozu das Haus mit den gefüllten Truhen, das Vieh im Stall, das
+Getreide in der Scheune, wozu Acker und Wiese, Mühle, Fluß und Wald?
+
+Er äußerte sich nicht; gegen sein Weib nicht, gegen andere Menschen
+nicht. Er verzog keine Miene, wenn die andeutende Rede darauf fiel. Kein
+hartes Wort das Jahr über, keine Erkundigung.
+
+Aber einmal im Monat geschah es, daß er den Blick auf der Frau ruhen
+ließ. Es ging höhere Gewalt aus von dem Blick. Er wurde dabei nicht von
+einer bestimmten Absicht gelenkt; es gewann Macht über ihn und brach
+hervor. Auf dem Feld konnte es sein: er hörte auf, die Garbe zu binden
+und schaute sie an; beim Abendessen: er ließ den Löffel in die Schüssel
+fallen und schaute sie an; in der Nacht: die Bäuerin erwachte, er lag
+da, auf den Arm gestützt und schaute sie an. Auf dem Platz vor der
+Kirche: sie stand im Gespräch mit andern Weibern, plötzlich verstummte
+sie, denn er stand drei Schritte vor ihr und schaute sie an. Ohne Zorn,
+ohne Drohung, ohne Vorwurf, nur prüfend, aus umbuschten Augen still und
+lang.
+
+Einmal im Monat geschah es und war mit Sicherheit zu erwarten. Anfangs
+ging es der Bäuerin nicht nah. Sie hielt es für eine Schrulle. Sie gab
+sich keine Rechenschaft, worauf es abzielte. Sie lachte; sie zwang sich
+zu einem muntern Wort. Später duckte sie sich, flüchtete mit Sinn und
+Auge; aber es kamen Stunden und schließlich Tage, wo sie in Grübeleien
+verfiel und die Frage, die sie an den Bauern nicht zu richten wagte, an
+seinen geisternden Schatten richtete.
+
+Können Menschen nicht miteinander reden? grübelte sie; wozu hat einer
+die Zunge im Maul, daß er nicht sagt, was er begehrt? Sie beschloß, den
+Mann anzuhalten. Doch wenn es so weit war und sie vor ihn hintrat,
+entfiel ihr der Mut. Verschuldung wuchs, um Aufschluß drängte eine
+Stimme, Aufschluß kam nicht, sie fühlte sich nicht schuldig, etwas war
+schuldig, aber das Etwas war in ihr.
+
+Das wechselnde Tun während der lebendigen Jahreszeiten zwang die Tage
+immer wieder ins gleiche, aber für eine immer kürzer werdende Spanne.
+Die Angst vor des Bauern Blick, der auf sie eindrang, so oft das
+Blutzeugnis die Schuld vergrößerte, lähmte die Gedanken. Vom November
+bis zum Februar rückten die Steine und Balken des Hauses gefährlich
+aneinander, in den Stuben war schwerere Luft, der Himmel klebte an den
+Fensterscheiben, der Abend war ein nasser Sack um den Leib, das Linnen
+schleifte bleich über die Diele, die Kühe lagen in rosigem Dampf, und
+durch die Schneeschlucht heran zum Stall schwankte durch Irisringe
+breitgängig, die Laterne in der Hand, die hochschwangere Magd.
+
+Alles war Leib, alles war Angst. Achtundzwanzig Tage und Nächte waren
+ohne Einschnitt; Urbas saß am Ofen, die Pfeife zwischen den Zähnen; ging
+ins Wirtshaus und kehrte am Abend zurück; saß wieder am Ofen und
+studierte die Zeitung; erhob sich, wenn der Topf mit Kraut und Klößen
+hereingetragen wurde; sprach das Gebet; hörte still zu, wenn die andern
+redeten, und nichts Heimliches war in seinen Mienen, kein Groll, der
+sich sammelte, nur Schweigen.
+
+Dann aber kam die Stunde. Die Bäuerin spürte es schon in jeder Ader; die
+Haare fingen an zu knistern. Eine Tür ging auf, und er stand da; am
+Morgen, am späten Abend; war es nicht in der Stube, so war es in der
+Tenne; stand da mit dem unerforschlichen Blick. Kein Räuspern, kein
+Aufzucken, kein Wort, nur der Blick: warum nicht? warum alle und du
+nicht? warum liegt dein Acker brach?
+
+Zwölf Jahre waren so verflossen, da hatte die Kraft der Frau ein Ende.
+Ihr Gemüt umdüsterte sich. In den Nächten wälzte sie sich schlaflos.
+Durch die Finsternis brannten die Augen des Bauern, auch wenn er
+schlief. Hörte sie bei Tag seinen Schritt, so verkroch sie sich in einen
+Winkel der Scheune und kauerte zitternd, bis von allen Seiten das Rufen
+nach ihr erschallte. Die Zügel der Wirtschaft waren gelockert, das
+Gesinde wurde lässiger.
+
+Sie versagte sich ihm. Ihr graute vor seiner Umarmung. Ergab sie sich
+nicht, so hatte er nichts zu fordern, schien es ihr in der Verdunkelung
+ihrer Sinne. Sie wurde kalt an Haut und Blut; das Weib in ihr erstarrte.
+Da aber fing Urbas an, um sie zu werben. Es war wie nie zuvor. Sie hatte
+es nie kennen gelernt. Nicht mit Worten warb er, vielmehr in einem
+scheuen Dienst. Es lag oft etwas Beklommenes darin, als habe sie sich
+versteckt, und er müsse sie finden; als suche er und könne sie nicht
+finden. Er glich einem Tier, das leidet. Ein Jahr lang oder noch länger
+währte dies, und in der Zeit verlor sich die Angst der Bäuerin, denn
+sie merkte, daß sie nicht bloß eine an ihn hingeworfene Kreatur in
+seinen Augen war, der man zu fressen gibt und die man karessiert, wenn
+sie geschuftet hat, und einen Fußtritt verabreicht, wenn sie nicht
+leistet, was man von ihr verlangt, sondern daß sie noch was anderes für
+ihn bedeutete, der Ehrung und der Befragung Würdiges. Sie wandte sich
+ihm mit bereitwilligerem Herzen wieder zu; einen Monat darauf wurde sie
+schwanger.
+
+Als dies keinem Zweifel mehr unterlag, verwandelte sich ihr Wesen
+vollends. Mit jungen Schritten eilte sie durchs Haus, trieb die Säumigen
+heiter zur Arbeit, legte selbst überall Hand an, gesprächig, hell,
+aufgeblättert. Staunen war um sie. Auch Urbas wunderte sich. Sie mochte
+ihm, was bevorstand, nicht geradezu ankündigen; sie wünschte eine Form,
+in der es festlich und wie ein Geschenk wirken sollte. Am Gründonnerstag
+legte sie das Staatskleid an, dazu die langen schwarzen Kopfschleifen
+mit den silbernen Spangen, dann rief sie Urbas in die obere Stube, wo
+die Glasschränke standen mit dem alten Silber und Porzellan,
+Jahrhunderterbe. Gewichtig setzte sie sich in den Lehnstuhl, faltete die
+Hände über dem Leib und sagte, was zu sagen war, kurz und simpel.
+
+Durch Urbas mächtigen Körper ging ein Ruck. Als sie von dieser Stunde
+sprach, neunzehn Jahre später sich dieses Geständnisses entsann und wie
+Urbas sich dabei verhalten, war ihr noch immer die Erschütterung
+anzumerken, die sie damals gespürt. Sein erdbraunes Gesicht wurde rot
+wie Mohn. Er stieß eine dröhnende Lache aus. Darnach rann ihm die Nässe
+aus den Augen. Er trat auf sie zu und schlug sie so derb auf die
+Schulter, daß sie schrie. Bestürzt, sie könne nicht als Liebkosung
+nehmen, was so gemeint war, tätschelte er ihr den Rücken, zärtlich,
+andächtig und ließ dazu ein melodisches Gebrumm in der Kehle orgeln.
+
+Auf sein strenges Geheiß mußte sie sich pflegen. Er ging heimlich zum
+Doktor und bat um Weisungen. Damit die zwei Arme nicht fehlten, heuerte
+er noch eine Magd. Er überwachte sie; er räumte ihr aus dem Weg, was sie
+beim Schreiten hinderte. Als die Kinderwäsche genäht wurde, saß er
+bisweilen mit runden Augen daneben und wiegte den schweren Schädel.
+
+Alles verlief der Natur gemäß, auch die Stunde am Ausgang der neun
+Monate. Lange hielt Urbas das Neugeborene in der Hand, lange betrachtete
+er das trübselig-ungestalte Ding. Auf seiner Stirn wetterte es freudig
+und sorgenvoll.
+
+Simon wuchs auf wie alle andern Bauernkinder; es wurde ihm nichts
+leichter gemacht. Keine Kenntnis durfte ihm davon werden, wie lang man
+auf ihn gewartet hatte und mit welcher Ungeduld. Was er seinen Leuten
+wert war, mußte sich aus seiner Brauchbarkeit ergeben. Frühe Launen
+zerschellten an der festgefügten Ordnung; frühe Krankheiten waren die
+Probe, die zu bestehen war: taugst du oder taugst du nicht? Allerdings,
+wer scharf zusah, konnte dann an Urbas eine unruhige Gespanntheit
+wahrnehmen, als behorche er den innersten Blutgang im Leib des Knaben.
+
+Das Behorchen blieb in seinen Zügen. Es grub sich faltenmäßig ein.
+Schien es, wie wenn er nicht beachte, was Simon tat und sprach, so war
+es falscher Schein. Niemand in seiner Umgebung konnte ermessen, mit
+welcher Genauigkeit er in diesem Punkte sah. Ich erfuhr es. Ich erfuhr
+es in einer Weise, die weder zu vergessen, noch eigentlich mitteilbar
+ist. Es wären dazu andere Behelfe nötig, als sie mir zur Verfügung
+stehen.
+
+Eine fast erhabene Vorstellung von dem Verhältnis zwischen Vater und
+Sohn war mit seinem Wesen verschmolzen. Er fühlte sich als Bauer, d. h.
+er fühlte sich als König. Die Erde war seine Erde. Der Knecht war sein
+Knecht. Wetter wurde für ihn gemacht, und für den Acker, und für die
+Ernte. Er war Herr über das Land; sein Auge grenzte es ab bis zu dem
+Stein, der von altersher unverrückt stand; kein Halm, der nicht in
+seinem Namen aufschoß. Eigentum war das Heiligste von allem, und
+Eigentum war des Herrn bedürftig, daß er es wachsam und unerbittlich
+verwalte, bis auf den Pfennig, bis auf das Saatkorn. Der Sohn übernahm
+es vom Vater, der Vater gab es dem Sohn, durch alle Zeiten hindurch; so
+war die Ordnung der Dinge, anders war die Welt nicht zu verstehn.
+
+Aber das heißt vorgreifen, und ich will den Faden behalten.
+
+Die förmlichen Verhöre, die ich mit Urbas vorzunehmen verpflichtet war,
+führten zu keinem nennenswerten Ergebnis. Die Antworten waren immer
+dieselben, und sie jedesmal wiederholen zu sollen, schien ihm
+verwunderlich und lästig zu sein. Er beschränkte sich auf die Tatsache;
+erklären wollte er nichts. Sich zu verteidigen verschmähte er, auch von
+einem Rechtsbeistand wollte er nichts wissen, und meinen Belehrungen und
+Ratschlägen setzte er eine obstinate Gleichgiltigkeit entgegen. Als ich
+ihm nahelegte, daß er durch eine freimütige Darstellung der Beweggründe
+seines Verbrechens eine bedeutende Strafmilderung erzielen könne,
+antwortete er lakonisch: »Es ist nicht an dem.« Ich entschloß mich, auf
+die fruchtlosen Inquisitionen zu verzichten, zumal die Zeugenaussagen
+und alles, was mir über die Person des Ermordeten wie über die des
+Angeklagten selbst bekannt geworden war, eine lückenlose Motivenkette
+geschaffen hatten.
+
+Dennoch gab es zwei Momente der Ungewißheit, die aufzuhellen noch nicht
+gelungen war. Das eine war das Gutachten des Gerichtsarztes über den
+Leichenbefund am Tatort. Die Lage des Körpers zeigte nämlich nicht das
+geringste Merkmal von verübter Gewalt, weder an der Art wie die
+Gliederstarre eingetreten war, noch an den Kleidern, noch am
+Gesichtsausdruck. Wäre nicht die Selbstbeschuldigung des Bauern gewesen,
+so hätte sich der Beweis des Mordes schwer erbringen lassen. Das zweite
+knüpfte sich an das unbestrittene Faktum, daß das Messer dem Simon Urbas
+gehört hatte. Der Bauer behauptete, es sei im Hosengürtel Simons
+gesteckt, und er habe es einfach herausgezogen; auch zu dieser Angabe
+verstand er sich erst nach häufigem, ernstlichem Drängen. Sie trug das
+Gepräge der Unwahrscheinlichkeit an sich, und am nächsten Tag widerrief
+er sie auch und sagte, das Messer sei aufgeklappt auf dem Tisch gelegen;
+Simon habe in der Frühe noch Brot damit geschnitten. Als ich ihm mein
+Erstaunen über diese Veränderung einer wichtigen Aussage nicht
+verhehlte, blickte er scheu zu Boden. Es war das einzige Mal, daß ich
+etwas wie Verwirrung an ihm zu beobachten glaubte.
+
+Den beharrlich schweigenden Mund zum Reden zu bringen, wurde zwangvoller
+Trieb für mich. Fast ununterbrochen waren meine Gedanken mit dem
+Menschen beschäftigt; die Deutlichkeit der Erscheinung, die
+Hartnäckigkeit, mit der sie mich verfolgte, beunruhigte und quälte mich.
+Immer wieder rief mir eine Stimme zu: der Mann ist kein Mörder; das ist
+der Mann nicht, der hingeht und einem andern den Hals abschneidet wie
+man ein Huhn schlachtet; dem eigenen Sohn mit Abscheu erregender
+Brutalität zum Henker wird. Doch hatte er es ja gestanden. Was war
+vorgegangen? Auf die Frage nach der Dauer seines Aufenthalts in der
+Kammer hatte er stets geschwiegen oder höchstens die Achseln gezuckt;
+erst beim letzten Verhör waren ihm, beinahe wider Willen, die Worte
+entschlüpft, er schätze, es könne eine halbe Stunde gewesen sein. Was
+war in dieser halben Stunde vorgegangen? Er gewahrte mein Nachdenken,
+und sein Gesicht verfinsterte sich.
+
+Ich sah, den eigentümlichen Zustand meiner Unruhe und Ungeduld zu
+beenden, keinen andern Weg, als den Bezirk der Beruflichkeit zu
+verlassen und ihm gegenüberzutreten, Mensch gegen Mensch. Ein gewisses
+Vertrauen glaubte ich mir bei ihm erworben zu haben; so oft ich mich
+bemüht gezeigt hatte, Heikles zart zu behandeln, glaubte ich eine
+dankbare Regung in ihm verspürt zu haben. Zögern machte mich nur noch
+die Erwägung, ob sich nicht der angeborene Argwohn gegen den Zudringling
+aus der fremden Sphäre wenden würde, ob es nicht an den Mitteln zu
+natürlicher Verständigung von vornherein mangle. Aber darüber halfen mir
+Bild und Gestalt hinweg; Adam Urbas war ja kein Bauer gewöhnlicher
+Sorte; er gehörte zu unserer Bauern-Aristokratie, seine bloße Haltung
+zeugte von Scharfsinn und Noblesse, und so hoffte ich, daß ich den Weg
+zu ihm nicht vergeblich bahnte. Ich überlegte nicht länger; eines Abends
+im Dezember war es, als ich in das Gefängnisgebäude ging und mir die
+Zelle aufsperren ließ, in der sich Urbas befand.
+
+Ich hatte ihm Vergünstigungen für die Haft erwirkt. Es war ein
+wohnlicher Raum, anständig möbliert mit Waschtisch, Bett und Spiegel,
+behaglich warm. Er saß bei der Lampe und hatte die Bibel vor sich
+aufgeschlagen. Ich grüßte, zog den Mantel aus, hing ihn an den Türhaken
+und setzte mich Urbas gegenüber an den Tisch.
+
+Sein Anblick frappierte mich jedesmal aufs neue; auch jetzt. Er war
+massig wie ein Stier. Sein Kopf hatte die Rundheit der eingeborenen
+fränkischen Brachycephalen, doch wies der Schädel, besonders die Bildung
+an den Schläfen, Merkmale alter Zucht auf; die Knochen waren dort
+auffallend dünn, die Haut bläulichgelb und fast durchscheinend. Der Mund
+war weitgeschnitten, mit festverpreßten schmalen Lippen, die Nase
+gebogen, mit starkem Sattel; das Gesicht, an das eines alten
+Schauspielers erinnernd, war sorgfältig rasiert, die Hände waren die
+eines Riesen. Die träglidrigen Augen öffneten sich selten; dann aber
+hatte der Blick eine überraschende Durchdringungskraft, so daß es auch
+mir nicht leicht war, ihn auszuhalten.
+
+Um das Gespräch einzuleiten, sagte ich, ich hätte schon lange das
+Bedürfnis empfunden, ihn aufzusuchen. Ich käme aber nicht in meiner
+Amtseigenschaft, sondern, wenn er wolle, als Freund, dem ein Besuch
+zufällig erlaubt sei. Im Grunde sei er mein Schutzbefohlener, und ich
+trüge die Verantwortung für sein Wohlergehen.
+
+Er blickte mich schweigend an. Nach geraumer Weile sagte er: »Sehr gütig
+von Ihnen.«
+
+Ich wehrte ab. »So möchte ich es nicht aufgefaßt haben,« sagte ich
+ungefähr; »ich wünschte, Sie sollen mir jetzt nicht mißtrauen. Dem
+Richter mißtraut man, unwillkürlich. Sie denken sich: Kommt er nicht als
+Beamter, um seine Akten vollzuschreiben, so kommt er doch als
+Neugieriger, um zu schnüffeln. Weder das eine, noch das andere ist meine
+Absicht. Die Akten sind so gut wie geschlossen; wir stehen vor der
+Verhandlung. Zur Neugier ist für mich wenig Anlaß; es ist mir ja alles
+bekannt, will mir scheinen. Warum ich gekommen bin, weiß ich selbst
+nicht genau. Ich mußte. Es war wie Pflicht.«
+
+Wieder antwortete Urbas lange nicht. Endlich sagte er: »Ich glaube
+Ihnen.«
+
+Ich griff das Wort auf. »Wenn Sie mir glauben,« erwiderte ich, »dann
+können wir uns ja über das Geschehene wie zwei gute Bekannte in Ruhe
+unterhalten.«
+
+Urbas dachte nach. Hierauf sagte er: »Wozu soll ich denn reden? Schlimm
+genug, daß es hat geschehen müssen.«
+
+»Das ist eben die Frage,« warf ich ein; »hat es geschehen müssen?
+müssen?«
+
+Er hob den Kopf, aber die Lider blieben gesenkt. »Daran zu zweifeln,
+wäre die pure Vermessenheit,« sagte er.
+
+»Es gibt nicht nur einen Zweifel,« beharrte ich, »sondern die
+menschliche Gesellschaft verwirft Ihre Tat und verabscheut sie. Wollte
+jeder in einem solchen Fall nach eigenem Gutdünken entscheiden, so wäre
+des Schreckens kein Ende, so lebten wir wie unter reißenden Bestien. Wie
+Sie sich vor sich selbst und Ihrem höchsten Richter verantworten werden,
+weiß ich nicht. Uns Menschen sind Sie die Verantwortung noch schuldig.«
+
+Urbas schüttelte den Kopf. »Was kann das Reden hinzutun oder wegtun?«
+murmelte er gleichgiltig.
+
+»Zwischen Ihnen und uns muß reiner Tisch werden,« sagte ich; »so lange
+Sie sich trotzig verschließen, bleibt alles ein wüster Graus.«
+
+»Wenn einer aber nicht die Worte hat?«
+
+»Hat er sie nicht oder verweigert er sie nur aus Hoffart und aus Trotz?«
+entgegnete ich; »prüfen Sie sich.«
+
+Er sagte: »Die Zunge ist schwer; ich bins nicht gewohnt.«
+
+Seine Stirn furchte sich. Ich sah, daß ich nicht weiter in ihn dringen
+durfte. Ich wartete. Endlich murrte es aus seiner Brust: »Ich hab ihn
+gemacht.« Sein Blick bohrte nach unten. »Wenn ich ihn gemacht habe, darf
+ich ihn dann nicht auch vertilgen?« fragte er mit einem seltsamen,
+listigbösen Ausdruck. »Das mögt Ihr Leute bestreiten, soviel Ihr wollt:
+den einer gemacht hat, den darf er auch wieder vertilgen, wenns nur zum
+Unheil war, daß er kam. Ich hab ihn mir geholt; herausgegraben aus
+seiner Mutter Schoß. Andere Weiber tragen die Frucht neun Monate. Von
+der kann man sagen, sie hat sie dreizehn Jahre getragen. Ich hab ihn von
+ihr verlangt; ich hab ihn vom Herrgott verlangt. Ich hab ihn mir
+zurechtgerichtet, bevor er noch da war. So und so, dacht ich, wirst du
+mir werden. Wie ein Stück Lehm, das einer aus dem Erdreich schneidet und
+bastelt daran und knetet es nach seinem Sinn. Auf einmal hat er nichts
+als eitel Dreck in der Hand. Da schmeißt ers wieder hin, von wo ers
+hergenommen hat.«
+
+Der listigböse Zug verstärkte sich. Er musterte mich durch einen Spalt
+zwischen den Lidern. »Daß es zum Unheil war, hat sich erst nach und nach
+erwiesen,« sagte ich.
+
+Er unterbrach mich mit einer herrischen Gebärde. »Von Anbeginn mißraten.
+Mißratenes Blut; ich hab es mit meiner Nase gerochen. Andere, von
+schlechterer Herkunft, wachsen auf, ohne daß man ihrer viel achtet und
+mißraten doch nicht. Biegen sie sich am Anfang krumm, so biegt sie die
+Zeit wieder grade. Bei ihm wurde das Krumme immer krummer. Da sah ich,
+es wird großes Leid entstehn. Und so wars. Jeder Tag ein Sandkorn davon,
+zuletzt ein Berg. Da bin ich gestanden und habe mich gefragt: was will
+das werden? Hat mans an einer Stelle fortgeschaufelt, wars an der
+andern doppelt so hoch; hat mans angegriffen, ists zwischen den Fingern
+zerronnen. Es war keine Hilfe.«
+
+»Aber können nicht auch schadhafte Keime durch eine sorgfältige Pflege
+zum Gedeihen geführt werden?« hielt ich ihm entgegen. »Haben Sie sein
+Gewissen zu wecken versucht? Haben Sie ihn in ernstliche Zucht
+genommen?«
+
+Urbas hob zum erstenmal die schweren Lider, und in seinen Augen war
+etwas Verstörtes. »Herr,« erwiderte er jäh, »das Element kann einer
+nicht bewältigen. Schaffts das Auge nicht, so schaffts auch das Maul
+nicht, hab ich mir gesagt. Schaffts das Beispiel nicht, so schaffts auch
+der Prügel nicht. In dem Punkt, den Sie meinen, hat die Bäuerin ihre
+Schuldigkeit getan. Eine Weibsperson versteht das besser. Wenn er nicht
+hat spüren können, daß meine Stimme auch dabei war, was war dann an ihm
+nutze? Wenn er nicht hat hören können, was ich ihn ohne mein Reden habe
+vernehmen lassen, wär auch des Propheten Wort nur leerer Schall für ihn
+gewesen. So hab ich mir gesagt. Ich bin vorangegangen, er hätte
+nachgehen können; ich bin ihm nachgegangen, er hätte sich umdrehn
+können. Er hat mich nicht gesehen, er hat mich nicht gehört. Mich
+widerts, daß ich einen Menschen soll packen und ihm ins Ohr schreien:
+Mensch, sei ordentlich. Was soll das frommen, wenns ihm nicht in der Art
+liegt? Verzieht einer seine Fratze zum Hohn, während andere beten, so
+ist er eine verlorene Kreatur. Zucht schlägt an, wo nicht an der Wurzel
+der Wurm schon nagt.«
+
+»Wußten Sie denn das ganz genau?« fragte ich, und wie ich vermute, nicht
+ohne Schüchternheit, denn seine Worte, seine Stimme hatten finstere
+Wucht, »waren Sie denn von Ihrer eigenen Unfehlbarkeit so fest
+überzeugt?«
+
+Er streckte den Arm über den Tisch und antwortete schweratmend: »Wenn
+mein Fleisch und Blut wider mich aufsteht, so kann ich nicht mit ihm
+rechten wie mit einem Händler, der mich betrügt. Wenn der Same, den ich
+ausgestreut, mir als Schlangenbrut entgegenzüngelt, so kann ich nicht
+wie ein Schulmeister mit dem Bakel dreinfahren. Das hat kein Verhältnis,
+das hat keine Menschenwürde. Wenn einer Böses wirkt und Aberböses, auf
+den man die Zukunft gebaut, unabänderlich Böses, bis Haus und Hof im
+Schlamm ersticken, was soll man da tun? Soll man ihm die Knochen anders
+renken, ein anderes Hirn und Herz einblasen?«
+
+Sein Gesicht, in seiner ganzen Mächtigkeit, bebte und flammte. Derselbe
+Mann, der sich so lange, ein Lebensalter vielleicht, der mitteilenden
+Rede enthalten, riß vor meinen Augen sein Inneres auf und hatte Worte,
+Bilder, Töne, die mich verstummen machten und fast mit Angst erfüllten.
+Doch ich hatte plötzlich den unabweisbaren Eindruck, daß er nur
+scheinbar mit mir redete, nur scheinbar sich an mich wendete; daß er in
+Wirklichkeit sich eines abwesenden Bedrängers zu erwehren suchte, der
+nicht erst seit heute ihm mit Fragen und Vorwürfen zusetzte. Mir wollte
+es scheinen, als wäre alles, was er gegen mich äußerte, schon als
+feuriggärender Stoff in ihm angesammelt gewesen und nun quölle es aus
+ihm heraus, schleudre sich hervor; er konnte es nicht hemmen, und
+während dies Gewaltige, gewaltig Unterdrückte redete, schien er selbst
+in Grimm und Qual und noch immer stumm zu lauschen.
+
+Übrigens klang seine Stimme ruhiger, als er mit eckigen
+Kinnladenbewegungen, den Kopf gesenkt, fortfuhr: »Es könnte wer fragen:
+wann hast du angefangen, alles zu wissen und wann hast du aufgehört, zu
+hoffen? So frage er den Aussätzigen: wann hat deine Haut zu schwären
+angefangen? Er hat es am ersten Tag gewußt, natürlicherweise, aber den
+Aussatz hat er erst geglaubt, wie es ihn ins Siechenbett gezwungen. Bin
+gelegen, Nacht für Nacht; hab gesonnen und gesonnen. Hab mich
+durchforscht, hab ihn durchforscht. Hab dies erwogen, hab jens erwogen.
+Hab zugesehen und zugesehen, wie der Aussatz um sich gefressen hat. Hab
+mir den Geist zermartert, wie das Übel zu fassen wäre. Zucht! Zucht
+kommt immer um den Schritt zu spät, den die Unzucht voraus hat. Das
+Rohr, mit dem ich seinen Rücken zerbläut, wär mir in der Faust
+zerbrochen, und die Narben auf dem Fleisch hätten ihn bloß verhärtet.
+Hätt' ich ihm Regeln vorsagen sollen? Was für Regeln? welche sind
+erprobt? Hätt' ich ihn an Ketten legen sollen wie einen Hund? Alles, was
+ich an ihm angepackt, war doch mein. Ich der Baum, er der Zweig; ich der
+Docht, er das Licht; ich das Erdreich, er der Quell. Wie soll denn der
+Baum zum Zweig reden? es rinnt ja der nämliche Saft durch. Und der Docht
+zum Licht? er nährt es ja. Und der Boden zum Wasser? es kommt ja aus
+ihm. Schön; aber woher kommt die Schlechtigkeit? Sie ist da und breitet
+sich aus wie das Feuer in dürrem Holz; aber woher kommt sie? Und was das
+für ein unbarmherziges Gestaffel hat: erst die kleine Lüge, dann die
+große; erst den Pfennig stiebitzt, dann den Taler; erst das Tier
+malträtiert, dann den Menschen; erst Tagdieberei, dann Ehrabschneiderei;
+erst ein Hansguckindieluft, dann ein Hurentreiber. Kein Respekt, kein
+Glauben, keine Redlichkeit, keine Liebe. Woher ist das alles gekommen?
+Aus mir? Es ist wohl schließlich an dem. Und da hab ich mich gefragt:
+wo, Urbas, und wann ist dein sterblich Teil oder dein unsterbliches so
+von der Hölle versengt worden, daß du solchen Stank und Unrat in die
+Welt gesetzt hast? Ist denn der Mensch nichts als ein geiler Schleim,
+daß er nur wieder geilen Schleim hervorbringt?«
+
+Er sah mich mit seinem großen Blick an wie ein Lastenschlepper, der
+unter der schweren Bürde keucht. Es entstand eine Stille. Er wischte
+sich mit dem Rockärmel die Feuchtigkeit von der Stirn. Ich begriff seine
+Erschütterung und sie teilte sich mir mit, aber mein in Zwiespalt
+geratenes Gefühl zieh ihn der Überheblichkeit, und ich konnte mich nicht
+enthalten, es zu äußern. »Ein solches Maß von Verantwortung sich
+zuzuschreiben, geht meines Erachtens weit über das hinaus, was einem
+Menschen verstattet ist,« bemerkte ich; »übernimmt man sich in dem, wozu
+man sich verpflichtet wähnt, so vergreift man sich auch in seinen
+Rechten. Sie berufen sich in allen Stücken auf sich allein; als Mann und
+Vater nur auf sich selbst. Wie steht dann aber die Mutter da, die doch
+den gleichen Anspruch auf den Sohn hat, den stärkeren sogar? Die wird
+Ihre Gründe nicht billigen und gewiß nicht die Tat, für die Sie alle
+Bande der Familie zerreißen mußten.«
+
+»Darüber läßt sich nicht disputieren,« antwortete Urbas hart; »das geht
+dorthin, wo das Denken aufhört. Ob sie meine Gründe billigt, weiß ich
+nicht. Sie hat verspielt, und ich hab verspielt. Ist bei ihr der Kummer
+groß, so ist bei mir die Verdammnis noch größer. Bleibt ihr nichts vom
+Leben übrig, so ist mirs schon vergällt seit Jahr und Tag. Freilich ist
+sie mehr zu bedauern. Wars doch als gäb ihr Leib ungern die Frucht her
+und sträube sich ahndungsvoll gegen meine eitle Torheit und Ungeduld.
+Man muß nur die Natur recht verstehn, aber man versteht sie mit nichten
+und wills besser machen und rennt wie ein Bock wider die verriegelte
+Tür. Es sollte kein Weib ein einziges Kind haben, da steht zuviel
+drauf. Meine Mutter hatte neun; davon sind allerdings sieben gestorben;
+meine Ahn sechzehn, und auch von denen sind acht früh mit Tod
+abgegangen. Solches Sterben hat nichts Bitteres. Von den Körnern bei der
+Aussaat gehen auch nicht alle auf. Ein einziges Kind soll man nicht
+haben; damit nimmt man sich zuviel vor, wie beim Lotteriespiel. Da ist
+kein Ausgleich, da schlägt die Flamme auf einen zurück und wird Qualm.
+Einer Mutter bangt vielleicht, und ihr Gemüt fällt in Finsternis, wenn
+ihr Eins und Alles verworfen ist vor Gott und Menschen; aber sie ist
+drin gefangen für Zeit und Ewigkeit, und träte er mit der aufgehobenen
+Hacke vor sie hin, sein Leben gälte ihr mehr als ihres. Kein Gut, kein
+Böse mehr; das Blut schreit lauter. Ich derweil! Vater, hats mich
+angerufen. Was ist das, Vater? hab ich mich gefragt und hab nach dem
+Ursinn geforscht. Wär ich zur Magd ins Bett gegangen und hätte mit ihr
+einen Sohn gezeugt, der hätte mich auch Vater genannt. Wärs dasselbe
+gewesen? Es wäre nicht dasselbe gewesen. Vielleicht wär der der
+Geratene, der Ehrfürchtige, der Gewünschte gewesen. Warum nicht ihn
+gezeugt, warum den Mißratenen? Aber da steht das Gesetz dagegen auf, und
+das Gesetz ist heilig. Und wär dann das Weib noch mein Weib gewesen? Ich
+will einmal sagen: der Mann reicht weiter hinauf und hinunter denn das
+Weib. Ich will auch dieses sagen: der Vater ist tiefer in der Schuld
+denn die Mutter. Die Mutter sitzt am Rocksaum unseres Herrn, und er mag
+ihr nichts zuleide tun. Nach dem Vater wird gefragt, er muß Rechenschaft
+ablegen. Mitteninne steht er in der Geschlechterkette; die obern deuten
+auf ihn, und die untern deuten auf ihn. Er darf sich nicht gefallen in
+der Zärtlichkeit und Liebkosung, denn aus den Augen des Sohnes schaut
+ihn die Gemeinde an, schaut ihn der Kaiser an, schauen ihn die
+Altvordern an und alle, die nachher sind bis ins vierte und fünfte
+Glied. Der Sohn ist ihm verliehen als ein Pfand, will ich einmal sagen,
+daß er es der Welt zurückgeben soll, wenn die Zeit reif ist. Weh dem,
+der mit leeren Händen kommt und sprechen muß: ich habs verwirkt.«
+
+Er schaute starr in die Luft, erhob sich vom Stuhl und wiederholte laut:
+»Ich habs verwirkt.« Dann setzte er sich wieder.
+
+Ich wagte nicht die Versunkenheit zu stören, in die er fiel. Auch suchte
+ich in meinen Gedanken einen Weg, der weiter führte. Von Minute zu
+Minute war ich meiner Sache sicherer geworden, aber ich hatte Furcht.
+Eine solche Sicherheit war in mir, daß Vorgänge, die sich bis jetzt auf
+bloße Vermutungen und Kombinationen gestützt hatten, die Leuchtkraft des
+Erlebten gewannen, und in einer seherischen Glut fügte sich Bild an
+Bild. Zweifellos trug hiezu das Fluidum des Menschen bei, der mir
+gegenübersaß, und daher auch die Furcht. Ich habe trotz einer langen
+Laufbahn als ausübender Jurist und Richter, oder vielleicht durch sie,
+die Übertragbarkeit außerordentlicher Seelenzustände zu oft erfahren, um
+sie hier zu leugnen, wo ich plötzlich eine Fähigkeit zu entfalten
+vermochte, die ihr entwuchs. Es war etwas Grandioses um den Mann; seines
+Geheimnisses mich zu bemächtigen, dünkte mich fast unerlaubt; ich
+zauderte; ich fand das Wort nicht; schließlich aber unterbrach ich das
+tiefe Schweigen, beugte mich weit über den Tisch und fragte: »Sie sind
+in die Kammer hinübergegangen, um ein Ende zu machen?«
+
+Er antwortete nicht. Die aufeinander gepreßten Lippen schienen sich der
+Rede wieder verweigern zu wollen. Doch für mich barst diese hartnäckige
+Stirn; sie öffnete sich wie ein Buch, und ich konnte in dem Raum
+dahinter lesen. »Sie waren zweimal in der Kammer,« sagte ich plötzlich
+aufs Geradewohl, oder vielleicht ist das falsch: aufs Geradewohl,
+vielleicht geschah es unter der brennenden Eingebung und Vision des
+Augenblicks; »zweimal; als Sie sie das erste Mal verließen, lebte Simon
+noch. Als Sie das zweite Mal hineingingen, lag er schon als Leiche auf
+dem Bett.«
+
+Ich hatte nie gedacht, daß das Gesicht dieses Bauern, das von Natur
+braun war wie gebeiztes Holz, so weiß werden könne. Das Weiße quoll
+förmlich aus den Poren heraus und überzog die Haut mit einem Schimmer
+wie von nassem Kalk. Er stierte mich mit weiten Augen an, seine Backen
+schlotterten, und mit beiden Händen griff er an den Hals. Nun gab es
+keine Unschlüssigkeit mehr für mich; ich zwang mich zu angemessener Ruhe
+und fuhr fort: »Sie sind zu ihm gegangen, um ihm Geld zu bringen. Sie
+hatten an dem Sonntag kein Geld im Hause und liehen sich unmittelbar
+nach Tisch zweitausend Mark von Ihrem Nachbarn Stephan Buchner aus. Ist
+es nicht so? Das Geld sollte dazu dienen, daß sich Simon auf der Stelle
+davonmachte. Er sollte nach einer Hafenstadt, am selben Abend noch, und
+von dort nach Amerika. Ist es nicht so? Sie boten ihm das Geld, Sie
+entwickelten ihm Ihren Plan, und Sie erwarteten, daß er ohne Zögern
+gehorchen würde. Aber er gehorchte nicht nur nicht, sondern er schlug
+auch das Geld aus. Sie fragten ihn, da begann er zu sprechen. Zuerst
+war, was er vorbrachte, wirr und faselnd, denn er war noch benebelt von
+dem Trinkgelage, dann aber wurde seine Rede klar, Ihnen jedenfalls
+furchtbar klar. Sie standen vor ihm und schwiegen. Sie nahmen nicht
+einmal Anstoß daran, daß er auf der Bettstatt liegen blieb und in die
+Luft hinein sprach; denn Sie fühlten, daß er nicht den Mut gehabt hätte,
+zu sprechen, wenn er Ihnen ins Gesicht hätte schauen müssen. Sie haben
+zugehört, nur zugehört, und aus dem Zuhören entstand alles übrige.
+Verhält es sich so oder nicht?«
+
+Urbas ließ den angstvollen Blick nicht eine Sekunde lang von mir. »Da
+müssen Sie wohl als ein verzauberter Geist im Hause gewesen sein,«
+stammelte er verstört.
+
+»Nein,« erwiderte ich; »es sind einfache Schlußfolgerungen aus
+Tatsachen. Die unscheinbarsten Tatsachen hinterlassen oft die
+eindringlichsten Spuren. Denken Sie nicht an Zauberei und Blendwerk.
+Eines Menschen Tun und Treiben wirkt nach allen Richtungen hin mit
+sonderbarer Gesetzmäßigkeit. Es ist, als schleudre man einen Stein ins
+Wasser; die Ringe breiten sich aus und vergehen, aber die Bewegung kann
+noch gemessen werden, auch wo das Auge längst nichts mehr gewahrt. In
+dem Betracht kann wirklich keiner entrinnen; jeder Schritt nach jeder
+Seite, was er mit dem Finger faßt und mit dem Atem behaucht, knüpft ihn
+fester in das Netz. Ich besitze eine Zeugenschaft, der ich anfangs wenig
+Wert beilegte; im Lauf der Zeit erst begriff ich ihre Wichtigkeit. Es
+gibt da einen Eichstädter Maler namens Kießling, Freund und Zechkumpan
+von Simon; ein verbummelter Kerl, eine verkommene Existenz; aber nicht
+ohne derbe Aufrichtigkeit. Der wußte mancherlei zu erzählen. Wie Sie
+sich erinnern werden, verschwand im vorigen Winter in Ihrem Haus eine
+von den alten schönbemalten Porzellankannen. Sie, wie auch die Bäuerin,
+dachten nicht anders, als daß Simon sie sich angeeignet und beim Händler
+in der Stadt verklopft habe, denn es war ein wertvolles Stück; die
+Bäuerin äußerte sogar den Verdacht, Kießling habe bei dem Diebstahl
+seine Hand als Hehler im Spiel. Daß Simon die Kanne genommen, ist
+richtig; ebenso, daß Kießling daran interessiert war; er hätte wohl den
+Beuteanteil nicht verschmäht, wenn er es auch jetzt in Abrede stellt.
+Aber so weit kam es gar nicht. Simon zertrümmerte die Kanne vor den
+Augen seines Freundes. Sie waren in dessen Bude beisammen, drüben an der
+Pleinfelder Chaussee; Simon hatte die Kanne gebracht, Kießling nahm sie,
+beschaute sie, prüfte sie und wollte eben seine Anerkennung kundgeben,
+als Simon sie ihm wieder entriß und mit aller Kraft gegen den Fußboden
+schmetterte, wo sie natürlich in hundert Scherben zerbrach. Der andere
+machte ihm zornige Vorwürfe, aber Simon, nachdem er eine Weile finster
+vor sich hingebrütet, rief plötzlich aus: ich möcht ihm einmal einen
+rechten Tort antun, so daß ers spürt bis in die Eingeweide hinein.
+Kießling wußte nicht gleich, auf wen der Ausbruch gemünzt war; seine
+Bekanntschaft mit Simon war damals noch neu; später wurde ihm dann die
+Sache klar. Er sagte, er habe nie einen jungen Menschen gesehen, der
+einen solchen Haß gegen seinen Vater gehegt hätte. Von Zeit zu Zeit
+wiederholten sich die Anfälle, ähnlich jenem ersten; eine ohnmächtige
+Erbitterung kam über ihn, ein Trieb, zu zerstören; zu anderer Zeit
+wieder war es eine krankhafte Freudlosigkeit, ein melancholisches
+Hindämmern und stilles Glosen. Oft schien es nicht Haß zu sein, sondern
+Furcht; oft nicht Furcht, sondern etwas viel Unergründlicheres. Eine
+Äußerung, die auch von dritten Personen bezeugt ist, war die: möcht ihm
+einmal alles ins Gesicht sagen können, dann würde mir wohl. Was konnte
+er damit gemeint haben? Abgesehen von Kießling, schildern ihn auch sonst
+Leute, die ihn kannten, nicht als schlecht; es sind meist Leute, denen
+man ein unbefangenes Urteil zutrauen darf. Sie bezeichnen ihn als
+schwachen, leicht verführbaren Charakter, als einen Menschen ohne
+Verwurzelung gleichsam; ausschweifend wie einer, der sich betäuben will,
+arbeitsscheu wie einer, der fortwährend auf der Flucht ist und verfolgt
+wird, lasterhaft aus innerer Öde, aber keineswegs schlecht. So beurteile
+auch ich ihn jetzt. Aber von wem fühlte er sich eigentlich verfolgt? wem
+hat er getrotzt? was war zu betäuben? Ich glaube, wir beide, Urbas, wir
+wissen es. Wenn auch die ganze Welt darüber sich den Kopf zerbricht, wir
+wissen es. Bis zu jenem Abend in der Kammer haben Sie es nicht gewußt.
+Dort haben Sie es erfahren.«
+
+Er atmete auf; sein Gesicht zuckte wie von inneren Stößen; er schien
+etwas sagen zu wollen, aber er vermochte es nicht. Doch die Lichter und
+Schatten in diesem kantigen, kraftvoll bewegten und wahrhaftigen Antlitz
+hatten ihre eigene Beredsamkeit; das düstere Staunen, der fast
+abergläubische Schrecken über die plötzliche Enthüllung dessen, was er
+für sein unantastbares, ewig verwahrtes Geheimnis gehalten, war von ihm
+gewichen, aber da er das Geheimnis nicht mehr zu schützen hatte, war
+auch das Gemüt der schweren Last entledigt; daher dies tiefe Aufatmen,
+das mich bewegte. Ich fand mich verpflichtet, ihm noch über die letzten
+Hemmnisse zu helfen, und ich sagte: »Erwägt man es genau, so sind die
+Menschen weit übler daran als die Tiere. Die Tiere können einander nicht
+mißverstehen. Die Menschen mißverstehen einander im Blut wie im Geist;
+der Bruder den Bruder, der Freund den Freund, der Vater den Sohn. Jeder
+steckt in seinem Mißverstehen wie in einem schwarzen Kellerloch, aber
+eine wunderliche Verblendung macht, daß er es für eine hellerleuchtete
+Wohnstube hält. Und wenn er meint, daß der Herrgott selber sich um ihn
+bemüht und ihn zu seinem Sprachrohr auserwählt, so zeigt sichs am Ende,
+daß es bloß der Teufel war. Dreizehn Jahre lang war Ihr ganzes Trachten
+auf einen Sohn gerichtet, und wie er dann da war, haben sie achtzehn
+Jahre lang gebraucht, um dahinter zu kommen, was es mit ihm für eine
+Bewandtnis hatte; und da wars zu spät. Ists also nicht kläglich bestellt
+um die menschliche Vernunft und Weisheit? Wozu noch fernerhin sich
+verstecken, Urbas? Welchen Zweck soll es haben, sich eines Verbrechens
+anzuschuldigen, das Sie nicht begangen haben? sich Mörder zu nennen an
+dem, der sich selbst den letzten Weg gewiesen hat? Wozu das frevle Spiel
+mit der irdischen Gerechtigkeit? wozu, Mann, wozu?«
+
+»Das will ich Ihnen einbekennen, wozu,« sagte Urbas, »weil nun meine
+Partie doch ganz und gar verloren ist. Ich will es Ihnen einbekennen,
+aber haben Sie Geduld mit mir; es fällt mir schwer.« Seine Blicke
+suchten innen; seine Finger bewegten sich, als suchten auch sie: das
+einschränkendste und unbedingteste Wort, die verläßlichste Übermittlung.
+Er begann stockend: »Es ist wahr, ich bin hinüber zu ihm, um ihm das
+Geld zu geben. An Amerika hab ich nicht gedacht; nur möglichst schnell
+fort mit ihm, dacht ich, und möglichst weit, damit einem wenigstens der
+Gendarm im Haus erspart wird. Ich bin hinübergegangen, und weils finster
+in der Kammer war, hab ich erst die Kerze anzünden müssen, und da ist er
+auf seinem Bett gelegen und hat mich angeschaut. Es ist wahr, er hat das
+Geld nicht genommen; er hat das Gesicht zur Wand gedreht und die Zähne
+geknirscht und gesagt, ihm könne das nicht mehr nützen. Ich bin vor der
+Bettstatt gestanden und spreche zu ihm: steh auf, wenn dein Vater vor
+dir steht. Da dreht er das Gesicht wieder zu mir, und weil eitel Spott
+und Hohn drin geschrieben ist, schwillt mir der Zorn, und ich sage: steh
+auf, wenn dein Vater vor dir steht. Er aber spricht: warum soll ich denn
+aufstehen, da Ihr mich niedergeworfen habt? Die Fäuste ballen sich mir
+wie von selber, und ich frage: wie denn? wie soll ich dich denn
+niedergeworfen haben, du Luder? Da kommt es aus seinem Mund hervor: Ihr.
+Weiter nichts. Ihr, sagt er. Ich blick ihn an, und er blickt mich an,
+und eine Zeit vergeht so, dann wieder: Ihr. Darin war soviel Gift und
+Wut und Geifer und solch ein verkrampftes, rabenböses Grollen, daß mir
+der Speichel im Munde bitter wird. Was denn, Ihr? ruf ich ihn an; was
+denn, Ihr? O Ihr, spricht er hinter den Zähnen hervor, Ihr seid mir auf
+der Brust gehockt, mein Lebenlang. Da schwieg ich. Ihr habt gut vor mir
+stehn und blitzen mit Euren Augen, fährt er fort; soll denn das nicht
+endlich aufhören, daß Ihr mich anschaut mit Euren Augen? So ists immer
+mit Euch gewesen; anschaun, anschaun, und kein Wort. Hinterm Tische
+sitzen und alles von einem wissen, und kein Wort. Weit habt Ihr mich
+gebracht mit Eurem Anschaun und Anschaun. Warum habt Ihr mich nicht
+genommen und zu mir geredet? Niemals ein einziges Wort geredet? Da _muß_
+einen ja die Verzweiflung packen. Wie soll er denn da nicht zu den
+Menschern und zu den Saufbrüdern laufen? Die reden doch, die lachen
+doch, die haben doch ein gutes Wort für einen, die sagen Hü und Hott,
+und man weiß, wie man mit ihnen dran ist. Ihr aber, hab ich gewußt, wie
+ich mit Euch dran bin? Er liegt wieder auf der Lauer, dacht ich; er hat
+was gegen dich vor, dacht ich. Ein Büblein war ich noch, ist mir schon
+der Bissen im Hals steckengeblieben, wenn Ihr zur Tür hereingetreten
+seid. Hundertmal und hundertmal hab ich zu Euch hingewollt, aber die
+Angst vor Euch hat mirs verwehrt. Was hab ich denn verbrochen? dacht
+ich, und wie ich dann was angestellt, war mir wohl und hab wenigstens
+gewußt, warum, und so hat mirs nie Ruh gelassen, bis ich nicht was
+Heilloses getan und den Leuten die Galle aufgeregt. Ja, ich bin
+schlecht, aber ich weiß nicht, ob ichs von Geburt bin; ja, ich bin zum
+Lumpenkerl geworden, aber Ihr braucht Euch deshalb nicht wie der heilige
+Geist vor mir aufpflanzen, sondern solltet nachprüfen, was Ihr an mir
+gefehlt habt. Denn es hätte sein können, daß ich Euch hochgeehrt hätte,
+wies in den zehn Geboten steht und kirre gewesen wäre wie ein Star. Das
+hätte sein können, weils in mir war und bloß herausgetrieben worden ist.
+Bin ein Hundsfott geworden, und das Leben ist mir leid, und die Menscher
+und die Saufbrüder sind mir leid, und es freut mich nicht mehr. Dieses
+spricht er, und noch einiges, ich habs vergessen, und wälzt sich auf der
+Bettstatt; und knirscht mit den Zähnen; und flennt; und lacht ingrimmig;
+und kehrt sich wieder zur Wand; und schweigt. Ich denke mir: Urbas, die
+Seele da ist hin, aber deine vielleicht auch. Worte hatt ich keine. Es
+war eben so; was hätts gefruchtet, meinen Schöpfer anzuwinseln? Worte
+hatt ich keine. Ich geh hinaus. Im Hofe schreit ich bis zum Zaun. Es ist
+alles so friedlich wie in Frühjahrsnächten, wenn die Wurzeln in der Erde
+ihren Saft spinnen. Ich schaue zu den Sternen hinauf, aber das kann mir
+nicht dienen. Ich mache die Stalltür auf und schnuppre die saure, warme
+Luft, und einer von den Ochsen hebt den Kopf, indes er mit den Zähnen
+mahlt. Da überläufts mich schauerlich, und ich denke: du mußt zurück in
+die Kammer, und wenn du gleich keine Worte findest, irgendwas muß sein.
+Nun bin ich zurückgegangen, und wie ich eingetreten war, ist er bereits
+in seinem Blut gelegen. Da bin ich dann eine lange Weile gestanden,
+dann hab ich mir gesagt: wenn dem so ist, so bist du der Mörder; hat er
+die Schuld bei dir gut, so mußt du sie bezahlen. Das ist es, was ich
+einzubekennen habe.«
+
+Er kreuzte beide Hände über der offenen Bibel, und mit leiserer Stimme
+und sonderbar umschattetem Blick fuhr er fort: »Ich habe einen Traum
+gehabt, den will ich Ihnen noch erzählen. Es war in der Nacht, bevor
+sich das ereignet hat. Der Knecht tritt in die Stube und spricht: Bauer,
+die Gäule sind eingeschirrt, wir wollen fahren. Ich geh hinaus, es liegt
+tiefer Schnee, die Pferde stehn am Wagen, und ich fahre. Mit eins
+verlieren wir die Straße, und die Gäule waten im Schnee bis an den
+Bauch. Da seh ich auf einmal den Hof hinter mir brennen und das
+Schneefeld ist rot beschienen. Die Gäule fangen an zu laufen und ziehn
+mich an der Leine mit, daß mir der Atem ausgeht. Ich kann die Leine
+nicht loslassen, sie ist um die Hand herumgeschlungen, und wie wir gegen
+die Altmühl herunterkommen, dort bei der Eisenbahnbrücke, wo das Wasser
+sechzig Ellen breit ist und mehr als zehn tief, da rennen die Gäule noch
+toller, und die Brandlohe bedeckt den ganzen Himmel. Der Fluß ist
+zugefroren, die Gäule drauf zu, und ich denke mir in meiner Angst: wirds
+die Pferde samt dem Fuhrwerk tragen? Die Gäule, schwere Ackergäule,
+sausen das Ufer hinunter, aber das Eis hält. Da steht der Simon am
+andern Ufer, und weil die Tiere auf der gefrornen Bahn weiterrennen,
+schrei ich zu ihm hinüber: Hilf, Simon. Und er: ich muß heimgehen, der
+Stall brennt, das Haus brennt. Und ich, ich kann mich nicht auf den
+Wagen schwingen, die Gäule schleifen mich bereits, schrei in der
+höchsten Not: Hilf, Simon, lös' mich vom Riemen los. Und er: müßt Euch
+selber vom Riemen lösen, uns zweie trägt das Eis nicht. Da ruf ich ihm
+zu: alles ist dein, die Gäule und das Fuhrwerk, hilf um Gotteswillen.
+Nun kehrt er um, und wie er umkehrt, stehen die Gäule still; aber wie er
+den ersten Schritt tut, kracht das Eis, und wie er das hantige Pferd am
+Zügel faßt, bricht das Eis, und Fuhrwerk und Gäule und ich samt dem
+Simon versinken im Wasser. Und im Versinken bin ich aufgewacht.«
+
+Er verstummte. Er erwartete keine Einrede mehr, ich hatte auch keine
+mehr. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie sein Aussehen im Verlauf
+weniger Minuten um Jahre älter wurde, das Kinn spitz, die Augen stumpf,
+der Hals dünn, die Hände welk, die Haltung kraftlos. Der fordernde,
+hadernde, gewaltige Mann, der mir gegenüber gesessen, war auf einmal ein
+hinfälliger Greis. Als ich mich verabschiedete, sah er nicht empor,
+schien es kaum zu merken. Das Schweigen, in das sein ganzes früheres
+Leben eingehüllt gewesen, breitete sich wieder über ihn,
+undurchdringlich und in den Tod fließend. Denn am andern Morgen, wo er
+enthaftet werden sollte, fand ihn der Wärter am Fensterkreuz erhängt.
+
+
+
+
+Golowin
+
+
+Der halbe Mai war mit der Reise von Tula in den Kaukasus vergangen. Am
+siebzehnten kam Maria von Krüdener in Kislawodsk an, wo sie Nachrichten
+von ihrem Gatten zu finden hoffte. Er war bei Ausbruch der Revolution an
+die englisch-russische Front nach Persien geflüchtet. Seit fünf Monaten
+hatte sie kein Lebenszeichen von ihm.
+
+Unfern von Kislawodsk war die Besitzung seines Bruders, des Marschalls.
+Ihm hatte Alexander Botschaft senden gewollt, wenn die andern Wege der
+Mitteilung versperrt waren.
+
+Mit ihren vier Kindern und drei Dienerinnen bezog sie Wohnung im
+Palasthotel. Das jüngste Kind lag noch an der Brust; sie nährte es
+selbst. Es war drei Monate nach der Trennung von Alexander geboren;
+hätte sie vorher nicht begriffen, was ein Pfand bedeutet, jetzt wußte
+sie es.
+
+Beklemmend stand das ungeheure Gebirge da. Sie konnte nicht schwelgen in
+seinem Anblick, es war zu sehr Mauer, und Mauer hinter Mauer bis zum
+ewigen Schnee hinauf. Wie sollte man da entrinnen? Schlimm, was gewesen
+war; das Blut hatte sich noch nicht beruhigt. In der ersten Nacht
+träumte sie, Fäuste, ein Gewirr von Fäusten strecke sich ihr entgegen,
+und jede Faust hatte Mörderaugen. Die Schnittwunde am Arm ließ die Szene
+im Eisenbahnwagen nicht vergessen, als tierisch betrunkene Soldaten das
+Coupefenster zerschmetterten; acht Menschen waren in dem Abteil
+eingepfercht und Berge von Gepäckstücken, alles Hab und Gut, das man aus
+Tula hatte fortschaffen können. Die Kinder schrien auf, als zwei Kerle
+schnaubend an der Türe rissen und andere johlend nachdrängten; Dymow war
+in einen Waggon nebenan gegangen, um ein Fleckchen zu finden, wo er
+endlich eine Stunde schlafen konnte. Maria hatte den ersten Hieb
+aufgefangen und war blutend unter die Leute getreten. Sie wichen zurück,
+zu ihrer eigenen Überraschung, und senkten scheu die Augen, als ströme
+eine Magie von ihr aus. Es war ihr selbst so zumute; sie glaubte an eine
+in ihr verborgene Magie.
+
+Dennoch wäre sie ohne Dymow verloren gewesen. Iwan Dymow hatte als
+Schreiber bei Gericht gedient; einfacher Mensch aus dem Volk, hatte ihn
+die Revolution hinaufgehoben, er hatte Macht erlangt, die er aber nicht
+mißbrauchte. Als Gutsherrin hatte ihm Maria, schon Jahre vorher,
+menschliches Wohlwollen bezeigt und während einer Krankheit seinem Weibe
+Hilfe geleistet. Sie dachte nicht mehr an ihn, aber in der Stunde der
+Gefahr kam er von selbst. Er besorgte Pässe, bestach den Soldatenrat,
+wußte den Argwohn der Bauern abzulenken, denen die Herrin eine wichtige
+Geisel war, räumte alle Schwierigkeiten für die Reise hinweg, machte den
+Spion, den Aufpasser, den Lastenschlepper, den Bürgen, mit immer
+gleicher schweigender Ehrerbietung gegen Maria. Als er sich in
+Kislawodsk von ihr verabschiedete, fragte sie bewegt, arm an Worten
+sogar sie, womit sie ihm danken könne, sie fühle sich tief in seiner
+Schuld. Er antwortete: »Ich werde mich glücklich schätzen, Maria
+Jakowlewna, wenn Sie mir manchmal schreiben, wie es Ihnen und den
+Kinderchen weiter ergangen ist.«
+
+War dies nicht auch Teil und Frucht jener Magie?
+
+Als Dame der ersten Gesellschaft, Frau eines Offiziers, Trägerin eines
+großen Namens wurde sie von den Gästen des Hotels mit Freuden begrüßt
+und mit Auszeichnung behandelt, obwohl man wußte, daß sie von deutscher
+Herkunft war und Russin erst seit ihrer Heirat.
+
+Nun war sie wieder, nach langer Enthaltung, unter den Menschen ihrer
+Sphäre, in der Region von Heiterkeit und umgrenzter Übereinkunft, die
+ihr früher so gemäß und erwünscht gewesen war. Aber sie merkte bald, daß
+nur noch eine äußerliche Zugehörigkeit bestand, und daß die Jahre, die
+sie auf dem Gut verbracht, erst mit Alexander und dann allein, und wenn
+auch allein, so doch noch unter seinem Gesetz und seiner Führung, sie an
+ein anderes Maß und eine andere Benützung der Zeit gewöhnt hatten. Auch
+konnte hier niemand in seinem Bereich verbleiben; die Elemente waren
+bedenklich gemischt, und dies zu verhindern war unmöglich, weil
+gemeinsames Schicksal alle zueinander trieb. Das Haus, der ganze Ort,
+ehemals ein Treffpunkt der Aristokratie und Schauplatz des erlesensten
+Luxus, glich einer Insel der Schiffbrüchigen und beherbergte lauter
+Flüchtlinge mit ihrer letzten Habe und letzten Hoffnung, Großfürsten und
+Kammerherren neben Spekulanten und Journalisten, Frauen der exklusivsten
+Moskauer und Petersburger Kreise neben Koketten und Kleinbürgerinnen,
+die im Krieg zu Reichtum gelangt waren. Sie waren der Hölle entronnen,
+aber sie wußten, daß ihnen bloß eine Galgenfrist geschenkt war. Sie
+zitterten vor der Zukunft, aber sie praßten und feierten Feste. Sie
+hörten von Hinrichtungen ihrer Väter, ihrer Brüder, ihrer Freunde, aber
+sie betäubten sich im Hasard und tanzten Tango und Onestep.
+
+Einen verläßlichen Mann zu finden, den sie mit einem Brief auf das Gut
+des Marschalls schicken konnte, war Marias Bemühung sogleich. Zu ihrer
+Freude erfuhr sie, daß Josef Menasse in Kislawodsk sei; er hatte von ihr
+ebenfalls gehört und kam, sich zu ihrer Verfügung zu stellen. Er war
+Prokurist eines großen Odessaer Bankhauses, mit welchem Alexander von
+Krüdener geschäftliche Verbindung gehabt hatte. Da sie sich erinnerte,
+aus Alexanders Mund hie und da das Lob von Menasses Redlichkeit
+vernommen zu haben, war ihr Vertrauen sogleich unbedingt und auch in der
+Folge nicht zu erschüttern. In lebhaften Ausbrüchen klagte er ihr sein
+Unglück; einer wichtigen Transaktion halber war er vor mehreren Wochen
+hergekommen; am Tage, wo er hätte abreisen sollen, fuhren keine Züge
+mehr und jeder Versuch, den Ort zu verlassen, hieß das Leben gefährden.
+Maria hörte ihm teilnehmend zu, und erst als er sich erschöpft hatte,
+sprach sie von ihrer Angelegenheit. Er überlegte, sagte, er werde
+Umschau halten, und drei Stunden später erschien er mit einer
+Tscherkessin, die er trocken und kategorisch als die zu dem Zweck
+taugliche Person empfahl.
+
+Der Marschall hatte seinerzeit die Heirat des jüngeren Bruders
+mißbilligt. Es war zum Bruch zwischen den Brüdern gekommen, der
+Marschall zeigte sich unversöhnlich und hatte sich starr geweigert,
+Maria zu sehen. Man meldete ihm die Geburt der Kinder, er nahm keine
+Notiz davon. Alexander hatte es ertragen ohne zu murren und ließ auch in
+Maria keinen Unmut Wurzel fassen, denn er beugte sich vor dem Bruder
+als einem überlegenen Charakter, dessen Handlungen und Entschlüsse er
+von seiner Kritik ausschaltete. Er beugte sich, damit war alles gesagt
+und auch in Maria jeder Widerspruch erstickt. Bei Ausbruch des Krieges
+hatte der Marschall in einem Privatschreiben an den Zaren seine Ämter
+und Würden niedergelegt, da nach seiner Überzeugung der Krieg gegen
+Deutschland zum Verhängnis für Rußland werden mußte. Er hatte im
+japanischen Krieg glänzende Leistungen vollbracht, und schon deshalb war
+dieser Schritt keiner üblen Deutung ausgesetzt. Nun lebte er in
+äußerster Zurückgezogenheit und beschäftigte sich, leidenschaftlicher
+Hegelianer, mit profunden philosophischen Studien.
+
+Wie sich Menschen gegen sie verhielten, war Maria gleichgültig, wenn sie
+ihrerseits an ihnen Freude haben oder sie ehren konnte. Würde stand ihr
+über den täuschenden Einflüsterungen der Sympathie. Dazu hatte Alexander
+sie erzogen. In vielen Gesprächen vieler Nächte hatte er ihr bewiesen,
+daß das Prinzip der Vergeltung die Quelle alles Bösen sei. In der
+Befolgung seiner Lehre war sie zu der ihr eigentümlichen geistigen
+Konstanz gelangt. Der Brief an den Marschall war ein Meisterstück
+unbefangener Werbung.
+
+So wartete sie, wartete auf Alexanders Wort und Weisung von dorther und
+ahnte doch die Vergeblichkeit schon. Um sich zu zerstreuen, begann sie
+den ältesten Sohn, den siebenjährigen Mitja, zu unterrichten, fand sich
+aber unzureichend, das Bedürfnis des Knaben heftiger als sie vermutet
+und suchte einen Lehrer für ihn. Ein Moskauer Bekannter nannte ihr einen
+Studenten, Jefim Leontowitsch Tatjanow, der in einem geringen Wirtshaus
+vor der Stadt wohnte. Sie ließ ihn kommen und engagierte ihn. Er war im
+Gefolge eines Industriellen als Sekretär oder dergleichen gereist;
+unterwegs war der Mann und die meisten seiner Leute von einer
+herumziehenden Bande von Soldaten ermordet worden; nun saß Jefim
+Leontowitsch völlig mittellos in diesem Ort des Überflusses. Maria
+behandelte ihn mit Rücksicht und mit Achtung; dies schien ihm neu zu
+sein, und seine Dankbarkeit hatte etwas Kindliches. Er kam nicht nur zu
+den ausbedungenen Stunden, sondern widmete seinem Schüler alle freie
+Zeit; auch die beiden Kleinen, Fedja und Aljoscha zog er durch seine
+einfache Güte an sich.
+
+Eines Morgens war Aljoscha, der Mutter im Korridor vorauseilend, in der
+Hast in ein falsches Zimmer gerannt. Maria folgte ihm lachend; er stand
+bei einer majestätisch gewachsenen Dame, die ihr entgegentrat und ihr
+die Hand reichte. Es war die Fürstin Nelidow. Maria geriet in
+Verlegenheit, ihres Lachens halber, denn die Fürstin war in tiefer
+Trauer, und die Ursache war Maria bereits bekannt. Ihr Sohn, der
+dreiundzwanzigjährige Fürst Grigorji, Offizier in der kaiserlichen
+Marine, hatte sich vor wenigen Tagen bei einem Ausflug im Gebirge
+erschossen.
+
+Die Fürstin, eine Frau Mitte der Vierzig, war noch sehr schön. Sie gab
+sich Maria gegenüber herzlich. Sie kannte Alexander von Krüdener von der
+Zeit her, wo er im Ministerium gewesen war und sprach mit Wärme von ihm.
+»Ihre Gegenwart tut mir wohl,« sagte die Fürstin, »ich hoffe, wir werden
+uns häufig sehen.« Sie schlang ihren Arm um Aljoscha und streichelte ihm
+das Haar. »Heute abend feiern wir das Totenmahl für Grigorji,« fuhr sie
+fort; »kommen Sie doch; kommen Sie zu mir.«
+
+Maria empfand Mitleid; nicht nur mit der Fürstin und ihrem besonderen
+Schicksal; das Mitleid mit allen diesen Menschen überflutete ihr Herz.
+Namentlich den Frauen galt ihr bedauerndes Gefühl; die sorglosen und
+glänzenden Wesen, bestimmt, sich zu schmücken, sich zu freuen, schienen
+ihr verloren.
+
+Sie wollte gehen, aber die Fürstin hielt sie noch zurück. So schickte
+sie Aljoscha hinaus. Die Fürstin erzählte: »Hören Sie, was sich begeben
+hat. Es ist eine Person hier, sie wohnt im Hause, eine gewisse Lisaweta
+Petrowna. Sie behauptet mit Grigorji verheiratet gewesen zu sein. Kurz
+vor seiner Abreise aus Sebastopol, behauptet sie, sei sie ihm angetraut
+worden. Sie hat keinerlei Dokumente, keine Bestätigungen, keinen Brief;
+die Papiere habe man ihr gestohlen, redet sie sich aus. Sie hat sich mir
+zu Füßen geworfen, hat mir die Hände geküßt und mich Mutter genannt. Den
+ganzen Tag sitzt sie oben in ihrem Zimmer und weint und schluchzt. Dann
+schickt sie wieder den Kellner mit Zettelchen: Erbarmen Sie sich,
+Fürstin, erbarmen Sie sich Ihrer Lisaweta Petrowna, erbarmen Sie sich.
+Ich kenne sie nicht. Ich weiß nichts von ihr. Grigorji hat nie mit einer
+Silbe ihrer erwähnt. Wir haben sie vorher nie gesehen. Ihre Angaben zu
+prüfen ist unmöglich. Was soll man da tun? Erbarmen, wie denn erbarmen?
+Wahrscheinlich hat sie kein Geld; nun, man wird ihre Rechnung bezahlen.
+Gestern spielte sich eine abscheuliche Szene ab. Sie kommt herein, setzt
+sich zu den andern und fängt an zu weinen. Meine Nichte Jelena steht auf
+und nennt sie eine Lügnerin. Lisaweta Petrowna ballt die Fäuste, wirft
+sich auf den Boden und verfällt in einen Schreikrampf. Man mußte sie mit
+Gewalt aus dem Zimmer schaffen. Heute früh hat man sie ohnmächtig auf
+Grigorjis Grab gefunden. Sie hat einen Selbstmordversuch gemacht, so
+heißt es. Jelena meint, es sei simuliert. Jelena ist außer sich, das
+arme Kind. Was soll man da sagen, was soll man tun?«
+
+Maria beschloß sogleich, diese Lisaweta Petrowna zu besuchen, aber sie
+äußerte nichts von ihrem Vorsatz, sondern lenkte das Gespräch auf den
+jungen Fürsten und fragte nach Einzelheiten seines Lebens, ohne Neugier,
+mit einem zarten Durchblickenlassen des gemeinsamen Gefühls der Mütter.
+Die Fürstin willfahrte dankbar; es bedeutete Linderung für sie, indes
+Maria aus wenigen mitgeteilten Zügen ein Bild gewann. Sie saß still und
+aufmerksam vor der Fürstin, rauchte eine Zigarette und sah, und sah. Die
+Gabe des inneren Gesichts wurde manchmal Last, und doch schien es ihr
+wunderbar, viel zu wissen von den Menschen. Als sie sich verabschiedete,
+sagte die Fürstin: »Mir ist als seien wir seit Jahren befreundet.« Maria
+lächelte.
+
+Im Verlauf des Tages erlangten die beunruhigenden Gerüchte Gestalt, und
+zwar drohendste. Kislawodsk war von den Revolutionstruppen umzingelt.
+Mitja sagte mit dem stolzen Trotz, der an seinen Vater erinnerte: »Nicht
+wahr, Mama, wir werden unser Leben so teuer wie möglich verkaufen?« Sie
+erwiderte: »Ja, mein tapferer Liebling.« - »Schade, daß Iwan Dymow nicht
+mehr bei uns ist,« seufzte er. Aber sie tröstete ihn. »Erstens bist du
+ja selbst ein Held, und dann vergißt du, daß wir Jefim Leontowitsch
+haben.« Mitja schaute den Studenten prüfend an, dieser errötete und
+sagte mit einem Blick scheuer Ergebenheit auf Maria: »Sie haben nur zu
+befehlen. Befehlen Sie, und ich gehorche.« Es lag ein Ernst und eine
+Festigkeit in den Worten, die Maria veranlaßten, ihm die Hand
+hinzustrecken, die er demütig mit den Lippen berührte.
+
+Was sollte mir zustoßen können, dachte sie, da gute Menschen um mich
+sind?
+
+Als sie sich am Abend den Nelidowschen Gemächern näherte, drang ihr
+Gelächter, Johlen, Pfropfenknallen, Gläserklirren entgegen. Eine
+Streichmusik spielte eine brutal-wilde russische Melodie. Sie öffnete
+die Tür zum Salon; zehn oder zwölf junge Männer, Anverwandte der
+Familie, saßen um eine Tafel, zechten, sangen, rauchten; bisweilen erhob
+sich der eine oder andere und warf den Musikanten Rubelscheine zu. Maria
+ging in das nächste Zimmer; hier befanden sich einige ältere Herren und
+Damen, aber auch ein junges, etwa achtzehnjähriges Mädchen von
+blendender Schönheit. Sie hatte kurzes gelocktes Haar, eine Haut von
+opalisierender Blässe und gelbliche, große, unsehende, strenge Augen.
+Fasziniert blieb Maria stehen. Da wurde sie von der Fürstin Nelidow
+gerufen, die in ihrem Schlafzimmer allein saß. »Ich habe auf Sie
+gewartet,« sagte sie, als Maria eintrat; »setzen Sie sich zu mir,
+sprechen Sie; ich höre Ihre Stimme gern.«
+
+Vom Salon herüber, wo so expressiv das Totenmahl gehalten wurde, tönte
+ein klagender Chorgesang.
+
+In ihrem Bestreben, den abgeirrten, in Trauer verirrten Sinn der Fürstin
+zu erwecken, kam sich Maria wie jemand vor, der sich in einem fremden
+finstern Raum zurechtzufinden sucht. Die Fürstin schaute sie beständig
+an, aber nur nach und nach belebte Verstehen den Blick. Maria erzählte
+von der Einsamkeit der letzten Monate auf dem Gut, von Wanjas Geburt und
+wie sich während der Schmerzensnacht die Sehnsucht nach Alexander zur
+Gestalt verdichtet habe, so täuschend, daß sie jeden Schrei erstickt
+habe, um ihm nicht zu mißfallen. Bei allem was sie getan und gedacht,
+sei er unsichtbar richtend gegenwärtig gewesen. Sie erzählte von ihrem
+Verkehr mit den Bauern; von dem Geist der Widersetzlichkeit und der
+Feindschaft, der plötzlich in alle gefahren sei; auch die Sanftesten und
+Verständigsten hätten versagt. Eines Tages hatten sie ihr Besitzrecht an
+dem Wald verkündet; der Wald sollte abgeforstet und verkauft werden. Sie
+habe unterhandelt; vergebens; ihnen ins Gewissen geredet; vergebens; da
+sei sie allein mit den Ältesten in den Wald gegangen, wo die schlimmsten
+Aufrührer schon begonnen hatten, die Stämme zu fällen. Einem von diesen
+habe sie das Beil entrissen und ihm zugerufen: keinen Schlag mehr! Sie
+habe ihnen vorgestellt, was für eine Sünde sie begingen; wie sie sich an
+Heiligem vergriffen, an Lebendigem und wie sie das Gedächtnis ihres
+Herrn schändeten, der gerecht und gütig gegen sie gewesen sei. Viele
+hätten gemurrt, viele hätten aber geschwiegen und zur Erde geblickt. Sie
+habe ihnen gesagt, ein Baum sei eine Kreatur Gottes wie jeder von ihnen,
+und dieses seien junge Bäume, in Liebe gepflanzt und gehegt, zur
+Nutznießung bestimmt für ihre Kinder und Kindeskinder und noch nicht
+reif für die Axt. Ob sie Gottes Kreaturen verschachern wollten um
+elendes Geld? Dann sollten sie doch auch sie selber verschachern, dann
+wollte sie ihre Herrin nicht mehr sein, und sie werde nicht vom Platze
+weichen, ehe sie ihr nicht in die Hand gelobt, daß sie den Wald würden
+unversehrt lassen oder sie müßten sie selber niederschlagen. Darnach
+hätten sie sich beraten, und die Ältesten seien zu ihr gekommen und
+hätten ihr in die Hand gelobt, dem Wald solle kein Fäserchen gekrümmt
+werden und sie bäten sie um Vergebung ihrer Sünde. So habe sie damals
+den Wald gerettet; ob er jedoch heute noch stehe, das getraue sie sich
+nicht zu sagen.
+
+Die Fürstin nahm Marias Hand und drückte sie. »In diesem Land leben,
+heißt jede Stunde dem tückischsten Ungefähr ausgeliefert sein«, sagte
+sie; »oder ist das überhaupt die Eigenschaft des Lebens und wir wußten
+es nur bisher nicht, wir Begünstigten? Mir ist jetzt manchmal so bang.
+Ich persönlich habe ja nicht mehr viel zu verlieren, aber mir ist so
+bang um alle, die ich sehe, bang um das Volk, um die ganze Menschheit,
+wenn auch die Mehrzahl nichts als Böses schafft.«
+
+»Es kommt wahrscheinlich auf die Mehrzahl nicht an,« erwiderte Maria;
+»es kommt immer bloß auf den Einzelnen an, glaube ich. Der Einzelne ist
+oft wie der wundertätige Tropfen Medizin, der einen vergifteten
+Organismus heilt. Immer geht von Einem das Licht aus. In Tula mußte ich
+mit meinen Kindern Quartier im Hotel nehmen; der Zug nach dem Süden fuhr
+nur zweimal in der Woche. Gleich in der ersten Nacht war Alarm. Das
+Hotel war von Soldaten besetzt worden, und alsbald wurde der Befehl
+ausgegeben, alles Bargeld sei unverzüglich abzuliefern, niemand dürfe
+das Zimmer verlassen, um acht Uhr morgens werde eine scharfe Nachsuchung
+sein und jeder, bei dem dann noch irgend eine Summe sich finde, werde
+standrechtlich erschossen. Bedenken Sie meine Lage; ich hatte
+achtzigtausend Rubel am Leibe verborgen, alles was ich hatte flüssig
+machen können; wenn man es mir nahm, war ich samt den Kindern so gut wie
+verloren. Meine Dienerinnen und den treuen Begleiter hatte man von mir
+entfernt, vor dem Zimmer stand eine Wache, das Geld im Zimmer zu
+verstecken, war aussichtslos, ich wußte ja wie gründlich diese Leute zu
+verfahren pflegten, es blieb also nichts übrig, als abzuwarten, was mit
+mir geschehen würde, denn das Geld freiwillig herzugeben, daran dachte
+ich keinen Augenblick. Von drei Uhr nachts bis halb zehn Uhr morgens
+ging ich unaufhörlich im Zimmer auf und ab; Furcht empfand ich keine; in
+meiner Absicht wankend wurde ich nicht; eine klare Vorstellung von dem,
+was meiner harrte, war ebenfalls nicht in mir; fest stand einzig und
+allein, daß ich mich und meine vier Knaben aus dieser Gefahr zu retten
+habe, daß das meine Pflicht sei und daß es auch gelingen werde. Um neun
+Uhr betraten drei Soldaten, ein Unteroffizier und ein Weib das Zimmer
+der Kinder nebenan. Die Knaben wurden aus dem Schlaf gezerrt, die Möbel,
+die Betten, die Dielen, die Wände, die Vorhänge, die Koffer aufs
+genaueste durchsucht. Ich ging hinein. Ich sah mir die Leute an.
+Finstere Gesichter, unmenschliche Stirnen, da schien keine Hoffnung.
+Einer wies mich barsch hinaus; einer folgte mir ein paar Schritte, um
+die Tür zu schließen. Wie ich den Kopf zurückwende, ist es mir, als sei
+in den Augen dieses Menschen ein Etwas, ein gewisser Schimmer, etwas
+unnennbar Fernes von Weicherem als bei den andern. Er hatte rote, kurze,
+borstige Haare, die Haut besät mit Sommersprossen, und hinter seinen
+wulstigen Lippen waren Zahnlücken und schwarze Zähne. Aber mich
+durchbebt es; in der Eingebung eines Moments winke ich ihm. Stumm tritt
+er näher. Ich reiße die Knöpfe des Kleides auf, nehme das Paket mit den
+achtzig Scheinen heraus und gebe es ihm in die Hand. »Fünf Menschenleben
+sind in deiner Hand,« sage ich zu ihm, »jetzt mache was du willst.« Ohne
+mit der Wimper zu zucken, steckt er das Paket in die Rocktasche und
+verschwindet. Die andern kommen gleich darauf in mein Zimmer. Wie
+drüben wird alles um und um gewühlt, Wäsche, Kleider, Schuhe, jede
+Ritze, jede Schublade untersucht. Dann bleibt das Weib allein bei mir,
+ich muß mich entkleiden. Auch das ging vorüber, und sie entfernt sich.
+Eine Viertelstunde danach, das Herz hatte mir die ganze Zeit bis in die
+Fingerspitzen geschlagen, erscheint der rothaarige Soldat im Zimmer,
+horcht eine Sekunde, zieht das unversehrte Rubelpaket aus der Tasche und
+überreicht es mir schweigend. Ich stammle ein paar Worte, fassungslose,
+dankverwirrte; ich frage, was ich für ihn tun könne; ihm Geld anzubieten
+hatte etwas Unsinniges, da er mir ja achtzigtausend Rubel schenkte. Er
+schüttelt den Kopf und sagt: »Machen Sie sich keine Gedanken darüber,
+Mütterchen. Es ist leider so, daß wir in Blut und Sünde stecken bis an
+den Hals. Vielleicht läßt mir Gott jetzt ein wenigs nach. Vielleicht
+legt er das auf die andere Schale.« Damit geht er. Und ich, es ist ein
+Zustand von Scham, in dem ich mich befinde, als hätte ich mich an dem
+Menschen vergangen durch die Angst und die Zweifel vorher.«
+
+Während der letzten Worte noch war die schöne junge Person eingetreten.
+Sie ging auf die Fürstin zu und sagte mit einer Stimme wie aus Glas und
+zitternd vor Zorn: »Stepan Fedorowitsch erzählt eben, daß er diese
+Lisaweta Petrowna von Petersburg her kenne. Sie sei in einem Kabarett
+als Coupletsängerin gewesen und im übrigen, nun, das kann man sich ja
+denken. Sie sehen also, Tante, daß Sie einer Betrügerin zum Opfer
+gefallen sind und daß es nur lächerlich wäre, sich weiter um sie zu
+kümmern.«
+
+»Meine Nichte Jelena,« stellte die Fürstin vor und nannte auch Marias
+Namen. Diese lächelte in schweigendem Wohlgefallen an der Erscheinung
+der jungen Fürstin.
+
+»Sie ist ohne Kopeke, das elende Frauenzimmer,« fuhr Jelena erbittert
+fort; »der Hoteldirektor hat bereits gestern gedroht, sie auszulogieren.
+Und was die Komödie an Grigorjis Grab betrifft, die darauf berechnet
+war, Sie, Tante, hinters Licht zu führen, so hat die Kugel nur die Haut
+gestreift, am linken Arm; sehr vorsichtig. Pfui, was für eine
+unappetitliche Geschichte!«
+
+»Aber wenn nur ein Fünkchen Wahrheit darin ist, müssen Sie Nachsicht
+haben, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria.
+
+Jelena erbleichte. »Wie kann sie es wagen!« rief sie und schüttelte sich
+vor Widerwillen; »abgesehen davon, daß sie für ihre verleumderische
+Erfindung auch nicht den Schatten von Beweis aufbringen kann, bestehen
+auch innere Gründe, ja innere Gründe, -« sie preßte die Lippen zusammen
+und stand noch schlanker, in noch angespannterer Haltung da als bisher;
+»darf man es geschehen lassen, daß sie Grigorjis Bild besudelt? Was
+verlangen Sie? Warum ergreifen Sie Partei?«
+
+»Ich ergreife nicht Partei,« entgegnete Maria, die plötzlich den
+unbestimmten Eindruck hatte, als sei Schuld und Verstellung in dem
+jungen Mädchen, »ich wollte nur verhüten, daß Sie vorschnell urteilen.
+Seien Sie mir nicht böse.« Sie erhob sich und ging.
+
+Vor ihrem Zimmer schritt Menasse auf und ab. »Das Hotel ist umstellt und
+bewacht,« redete er sie sogleich an, »vor den Ausgängen stehen lauter
+bis an die Zähne bewaffnete Kerle. Es ist bei Todesstrafe verboten, nach
+Anbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Auf wessen Befehl, weiß
+vorläufig niemand. Ob man uns schützen will oder die Mäusefalle nur
+zuklappt, damit keiner entrinnt, weiß niemand. Die Sache wird ernst, es
+geht an den Kragen.«
+
+Er öffnete eigenmächtig die Tür ihres Zimmers und zögernd wurde er
+durch eine Erinnerung an gute Manieren bewogen, ihr den Vortritt zu
+geben. »Passen Sie auf,« begann er wieder mit seiner komischen
+Vertraulichkeit, »zu warten, bis man uns an die Mauer stellt und die
+Hirnschale kaput schießt, ist Blödsinn. Wer sich nicht aus dem Staub
+macht, hat sich selber zuzuschreiben die Folgen. Ich habe einen Plan.
+Sie gefallen mir, die Kinderchen dauern mich, Ihren Mann verehre ich,
+das ist ein Gentleman durch und durch, und wenn ich mich seiner Familie
+nicht annähme in der Not, wäre es eine Gemeinheit von mir. Ich habe
+einen Plan, wie gesagt. Die Vorbereitungen sind bereits getroffen.
+Allerdings wird die Geschichte viel Geld kosten, aber wo's ums Leben
+geht, hört sich die Billigkeit auf.«
+
+Er schaute sich unruhig um, hastete zur Tür, lugte durch einen Spalt
+hinaus, kam wieder auf Maria zu und fuhr mit heiser gedämpfter Stimme
+fort, es werde so gottlos viel Geld kosten, daß nur eine ganze Kompagnie
+dafür aufkommen könne. Er habe bereits einige Leute ins Auge gefaßt, an
+denen ihm gleichfalls gelegen sei, Leute, um die es gleichfalls schade
+wäre; er habe ihnen von seiner Absicht gesprochen, und sie hätten ihm
+Blanko-Vollmacht erteilt. Ob Maria sich anschließen wolle? Ob sie bereit
+sei, sich seinen Anordnungen blindlings zu fügen? Nur bei strammer
+Disziplin sei Gelingen möglich. Er habe alles genau überlegt; das Wagnis
+sei groß, aber alles sei besser als sich hier abschlachten zu lassen und
+in Gottes Hand stehe man schließlich überall.
+
+Er war klein, beweglich wie ein Gliedermann, ein bißchen schief
+gewachsen, mit Augen, die fast ohne Wimpern und Brauen waren,
+stutzerhaft gekleidet als käme er frisch aus dem Modemagazin und von
+dem Gefühl seiner zentralen Wichtigkeit durchdrungen.
+
+»Gut, Herr Menasse,« sagte Maria nach kurzem Besinnen, »ich will mich
+Ihnen anvertrauen. Wir sind acht Menschen, wie Sie wissen; auch meine
+drei Dienerinnen müssen mit. Das ist die Bedingung, die ich meinerseits
+zu stellen habe.«
+
+Menasse zuckte die Achseln. Das erhöhe für sie nur die Spesen, bemerkte
+er geschäftlich. Mehr als sechzig nehme er nicht an. Jetzt seien es
+siebenundvierzig Personen. Erforderlich an Kapital sei ungefähr eine
+halbe Million Rubel, es könnten aber Umstände eintreten, durch welche
+die Summe bedeutend vergrößert würde. »Vor allem ist notwendig zu
+schweigen,« schloß er; »es werden sich in den nächsten Stunden ereignen
+schlimme Dinge, aber verhalten Sie sich still und rühren Sie sich nicht,
+bis ich Ihnen wissen lasse, was Sie zu tun haben. Von heute ab bin ich
+Ihr General; da heißt es Subordination, und zwar auf den Wink. Gute
+Nacht.«
+
+Maria sah ihm verwundert nach, wie er aus dem Zimmer schoß, säbelbeinig,
+kurzhalsig, stiernackig, geladen mit Energien. Sie trat aufatmend ans
+offene Fenster. Der beinah volle Mond schwamm in einem Meer von Frieden.
+Schwarze Körper, wölbten sich die Hügel und Berge hinan zu den
+feierlichen Riesen, deren Konturen im bläulichen Äther zitterten. Tauige
+Feuchtigkeit lag in der Atmosphäre, alles Dunkel strebte nach dem
+Silberlicht, die Brust der Erde, mit stummen Seufzern, hob sich gegen
+die unerreichbaren Regionen. Maria hätte beten mögen, freudige Inbrunst
+war in ihr, aber das Haus mit all den angstvoll pochenden Herzen, mit
+all der menschlichen Verworrenheit und Finsternis, streckte Arme nach
+ihr, und ihr war als sinke sie zurück. Eine Uhr schlug zwölf, da
+klopfte es leise an die Tür; ohne zu erschrecken rief Maria; die Fürstin
+Nelidow trat ein. Sie trug einen Schleier über den Haaren; so leise wie
+sie geklopft, ging sie auf Maria zu, mit bittender Gebärde, fast wie
+eine Untergebene. Ob sie störe? Wolle sich Maria Jakowlewna zur Ruhe
+begeben, so werde sie gleich wieder gehen. Für sie selbst sei in diesen
+Tagen an Schlaf kaum zu denken. Sie legte beide gefalteten Hände zart
+auf Marias Schultern.
+
+Nein, sie störe durchaus nicht, antwortete Maria, auch ihr sei Schlaf
+ein lästiges Vorhaben, ihr Inneres sei lauter Aufruhr und Widerklang von
+vielen Stimmen. Sie setzten sich. Die elektrische Lampe auf einem
+Ecktisch ließ den Raum im Dämmer.
+
+Es sei eine Art Neugier, von der sie herübergetrieben worden, sagte die
+Fürstin; sie habe über alles nachgedacht, was Maria gesprochen, sie habe
+sich gar nicht davon loszureißen vermocht. »Was ist das für eine Kraft
+in Ihnen? und woher kommt sie? Wie ist es möglich, daß Sie, eine Fremde
+in unserm Land, alle Verhältnisse überschauen, unseren Menschen
+gegenübertreten als seien Sie eingeflochten in generationenalte
+Beziehungen? Sie haben Blick und Schritt einer Wurzelnden, und es ist
+nicht einmal Ihre Erde. Es ist Ihnen gegeben, die Sprache der Bauern zu
+reden, Sie greifen in das dumpfe Gemüt eines vertierten Soldaten, und
+Sie haben mit keinem von ihnen wirklich gelebt. Ich erzähle Ihnen von
+Grigorji wie einer leiblichen Schwester, und ich bin Ihnen vorher
+vielleicht zweimal flüchtig begegnet. Was sind Sie eigentlich für eine
+Frau? Was ist denn das Sonderbare an Ihnen? Können Sie es erklären? Oder
+bin ich zudringlich, wenn ich darum bitte?«
+
+»Nein, nein,« wehrte Maria lächelnd ab, »Sie überraschen mich nur -«
+
+»Überraschen? Weshalb? Finden Sie denn, daß ich verpflichtet bin, in
+meinen Schmerz eingehüllt zu bleiben? Sie haben ihn mir noch tiefer ins
+Bewußtsein gedrückt, aber zugleich haben Sie das Selbstsüchtige daran
+gelockert. Wir schulden uns selbst nicht so viele Tränen wie uns die
+Umgebung dadurch abpreßt, daß sie sich zur Teilnahme berechtigt glaubt.
+Das Teuerste wird einem genommen, aber es zieht einen nach sich; Trauer
+ist oft nur eine feinste Form von Heuchelei, und nie hungert die Seele
+so nach Aufschwung wie mitten im Gram um einen unwiederbringlichen
+Verlust. Ich sehe Ihnen an, daß Sie mich verstehen.«
+
+»Ich bewundere Ihren Mut, Fürstin. Das ist es eben, was mich überrascht
+hat.«
+
+»Mut ist das letzte. Das letzte vor dem Ende, Maria Jakowlewna. Und wir
+sind ja am Ende. Aber wollen Sie nicht meine Fragen beantworten? Können
+Sie es? Sie lächeln; dieses Lächeln läßt mich hoffen.«
+
+Maria, die verschränkten Hände im Schoß, beugte sich vor. »Sie haben
+erwähnt, daß Sie sich an Alexander von Krüdener gut erinnerten,« sagte
+sie. »Die Zeit, von der Sie sprachen, liegt ja ziemlich lange zurück.
+Was für einen Eindruck haben Sie von ihm behalten? Ich meine in tieferm
+Sinn, nicht gesellschaftlich.«
+
+Die Fürstin überlegte. »Es ist schwer,« gestand sie zögernd, »ich weiß
+zu viel von ihm. Wir Angehörige der obersten Schicht wissen zu viel
+voneinander, um das reine Bild einer Persönlichkeit bewahren zu können.
+Er kam mir sehr geschlossen vor. Unbeugsam, unbiegsam. Er ist Balte,
+nicht wahr? Alle Balten sind starr. Er hatte vollendete Formen, jene
+Tadellosigkeit bis ins Mark, die wie Wohlgeruch wirkt. Viele junge
+Mädchen waren damals verliebt in ihn, aber auf neutral Gestimmte wirkte
+er ein wenig erkältend, wie jemand, der lange einsam gewesen ist,
+äußerlich oder innerlich, und über die Wege zu den Menschen nicht mehr
+orientiert ist. Stimmt das?«
+
+Maria nickte. »Es stimmt wie eine Silhouette an der Wand. Es stimmt und
+ist doch nichts. Unbeugsam, unbiegsam; darin liegt etwas vom Wesen. Er
+hat mich gebogen; nicht gebeugt: gebogen. Ich hätte brechen können, dann
+war ich eben nicht die, die er brauchte. Ich kam aus einer Welt ohne
+feste Umrisse; man gehörte nicht zum Adel, man gehörte nicht zum
+Bürgertum, man hing gesetzlos dazwischen. Ich war in Deutschland
+geboren, aber in Österreich erzogen; die eigentümliche staatliche und
+soziale Luft dort bedingt ein gewisses Schwanken von selbst. Ich
+forderte durch mein Tun und Lassen zum Widerspruch heraus; ich war immer
+anders als andere, immer auf dem Kriegsfuß mit allen. Um mich zu finden
+oder etwas außer mir, das ich packen konnte, ging ich auf allen Seiten
+in die Irre, schlug allem Herkommen ins Gesicht, wurde ganz wild, ganz
+entfesselt, überwarf mich mit meiner Familie und den meisten Freunden,
+war von Freiheitsideen besessen und in Gefahr, mich in Schwarmgeisterei
+und Libertinage zu verlieren. Da traf ich Alexander. Es war der
+kritische Moment. Ich war häßlich verstrickt mit meinen neunzehn Jahren,
+das Sinnliche ist ja immer der Anzeiger vom Grad der Zerfallenheit;
+entfesselt und verstrickt, wie sonderbar, daß man es in einem sein kann.
+Aber es war ja die Zeit, wo man alles halb war, mit keiner Sache Aug in
+Aug stand, und beharrte man auf einem Weg, so war man fast verfemt. Wir
+sprachen uns nie, Alexander und ich. Er war mit einer offiziellen
+Mission beauftragt und erschien bisweilen, sehr unterschieden von
+Männern, die ich kannte, in der Gesellschaft. Daß ich seine
+Aufmerksamkeit erregte, daß er mich beobachtete, spürte ich natürlich;
+war ich auch meines Magnetismus sicher, der seine war noch stärker und
+hatte doch nicht die Kraft, mich gleich aus meinen Ketten zu reißen. Der
+Entschluß, mich in sein Leben hinüberzunehmen, traf ihn selber
+unerwartet. Ich werde mich hüten, Sie mit den Einzelheiten einer
+Liebesgeschichte zu langweilen; wichtig ist nur, daß wir uns heirateten
+und daß jeder von uns beiden wußte, sein ganzes Schicksal kam dabei in
+Frage. Was für Monate, Fürstin, was für Jahre! Wir traten uns gegenüber
+wie zwei Duellanten, wie zwei Ringkämpfer. Er verriet es mir einmal:
+hätte ihm nicht eine unvergeßbare Erleuchtung den Kern in mir offenbart,
+er hätte mich am Anfang schon wieder nach Hause geschickt; denn ich war
+zuchtlos, haltlos, voller falscher Begriffe, voller Vorurteile in bezug
+auf Liebe und Ehe und Mann und Weib und Gott und Mensch. Du hast das
+ganze Europa in dir, sagte er immer, und ich verstand lange nicht, was
+er meinte. Ich leistete Widerstand auch hier, ich setzte ihm das
+entgegen, was ich meine Persönlichkeit hieß, dieses Treibhauspflänzchen,
+das er Blatt für Blatt und Faser für Faser zerrupfte, daß nichts mehr
+davon übrig blieb als Beschämung und Trotz, immer noch Trotz. Und er
+suchte den Kern; unermüdlich, unablässig, Tag und Nacht, mit einer
+leidenschaftlichen Geduld, mit einem tiefen Wissen. Er grub mich aus mir
+heraus; er riß mich auseinander, um mich neu zu machen. Es tat weh; ich
+versichere Ihnen, Fürstin, es gab Tage, Wochen, wo ich zwischen Liebe
+und Haß erstickt und zertreten niederbrach. Und er, hinter mir her wie
+mit einer Geisterpeitsche: du mußt durch, mußt es durchleiden und wenns
+dich verbrennt; besser, wir gehn ehrlich mit- und aneinander zugrunde als
+ein Sterben an dreißig Jahren Mißverständnis und heimlichen Wunden. Und
+endlich wuchs ich ihm zu, aus meinen Trümmern; endlich fand er mich,
+gewann er mich. Es war um die Zeit, wo ich zum erstenmal schwanger war,
+nach fünf Jahren; daß auch er nicht unverwandelt blieb, ist
+selbstverständlich; hätte ich ihm nichts zu geben vermocht, so hätte ich
+ihm ja nichts sein können, und kluge Verträge gehören zum Sieg. Doch war
+ich sein Geschöpf und fühlte mich so. Er zog sich damals vom
+öffentlichen Leben zurück, wir gingen auf das Gut und begannen zu
+arbeiten. Jedes Ziel war gemeinsam. In Meinungen und Handlungen trafen
+wir uns immer an demselben Endpunkt. Wir lasen die gleichen Bücher,
+dachten die gleichen Gedanken, fällten die gleichen Urteile. Er verzieh
+sich keine Nachlässigkeit, seine Strenge gegen sich hatte etwas
+Mönchisches. Unmöglich ihn um eines Vorteils willen zu bewegen, das
+kleinste Recht auf seine Seite zu bringen, wenn es auf der andern war;
+eher hätte man Granit schmelzen können. Was er für seine Pflicht, für
+seine Lebensaufgabe hielt, war nichts Begrenztes, sondern ein
+ununterbrochen anschwellender Strom, und seine Hingabe war die äußerste,
+er verlangte von sich das äußerste und verlangte es von mir. Ich habe
+von Natur aus einen Hang zur Trägheit und Beschaulichkeit; den trieb er
+mir gründlich aus; manchmal weinte ich vor Zorn und Mitleid mit mir
+selbst, wenn er mir zuviel zumutete; aber es war dann doch das Richtige,
+und hatte ich mich bezwungen, so konnte er durch ein gütiges Wort allen
+Groll vergessen machen. Nur nicht sich verwöhnen, nur nicht sich
+verzärteln, nur nicht Gefühle hinverschwenden, wo man sich entscheiden
+muß, sagte er; und so verhielt er sich gegen die Welt, gegen seine
+Kinder, gegen die Untergebenen. Er entkräftete jeden Einwand durch
+Beispiel. In ihm lebte eine große Idee seines Volkes, eine große Idee
+von Herrschaft, die durch Dienst entsteht, durch Gehorsam und Ehrung des
+Brauches. Für ihn war der Zar eine göttliche Person wie für den
+einfachsten Bauern. Dieses Rußland, dieses russische Volk war ihm der
+heilige Nährboden der Menschheit, der Schoß der Zukunft, die
+Vorratskammer der Welt. Ich spreche von ihm, ich spreche von mir. Es gab
+da kein Anderssein mehr. Er und ich, wir verschmolzen gemeinsam in
+dieses Mystische, von dem Kraft ausging. Wir haben es gelebt. Ich wußte,
+wenn er eine Handvoll Ackererde aufhob, daß er damit das Ganze wog und
+prüfte, sein Land, mit dem Himmel darüber und den Menschen darauf. Ich
+wußte, wenn er unter seine Bauern trat, um Recht zu sprechen, daß er es
+im Gefühl der höchsten Verantwortung tat, als meißle er den Spruch in
+die Ewigkeit. Riefen sie ihn zu Hilfe, so kam er, ob es sich auch ums
+Geringste handelte; Schlittenfahrten durch die brennendkalte Winternacht
+waren nichts Seltenes. Sie durften ihn fordern. Dabei war er der Herr;
+er verstand es, Herr zu sein. Ich war die Herrin; er machte mich zur
+Herrin. Ich begriff es nach und nach. Herrin und Mutter, das galt ihm
+fast eins, Mutter von vielen, und so sagen sie auch Mütterchen zur
+Herrin. Das ist schön und schreibt einem den Weg vor. Wenn Sie das
+bedenken, Fürstin, erscheint Ihnen dann nicht alles ganz einfach?«
+
+»Ich verstehe, ich verstehe,« murmelte die Fürstin; »einfach, ja. Das
+Wunderbare ist schließlich immer einfach. Ich verstehe die Entwicklung,
+verstehe Ihr Herz, aber, #après tout#, sind Sie denn nicht vollkommen
+enttäuscht? War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es so steht? wo wir
+ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?«
+
+»Ich bin nicht enttäuscht,« antwortete Maria; »der Weg geht weiter. Ich
+bin auch nicht ohne den Herrn, welche Bedeutung immer Sie dem Wort
+geben.«
+
+Die Fürstin fragte: »Seit wann ist Ihr Gatte von Ihnen fort?«
+
+»Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich den letzten Brief.«
+
+»Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja ein beklommener
+Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem solchen Verhältnis.«
+
+»Es gehört zum Weg,« sagte Maria. »Ich weiß, daß er mit mir im Raum ist,
+kommt es da auf die Ferne an? Schließ ich die Augen nur eine kurze Zeit,
+so seh ich ihn, hör ich ihn, muß lächeln über gewisse Eigenheiten beim
+Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, berate mich mit
+ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.«
+
+Die Fürstin entgegnete: »Sie haben Phantasie, Maria Jakowlewna. Ich will
+Ihr Gefühl nicht verkleinern; alles, was Sie sagen, flößt mir
+Hochachtung ein und bestätigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar
+wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie beruhigend, mit Ihnen
+zu plaudern, ja bloß dazusitzen und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir
+eines. Ich glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, daß sie Ihnen
+die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das Schicksal eines so
+geliebten Menschen überwinden hilft; aber fühlen Sie sich nicht auch
+befreit? Erwidern Sie noch nichts, einen Augenblick noch; es ist so
+heikel; die Worte sind schwer zu finden; ich möchte nicht in den
+Verdacht kommen, daß ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren will
+-«
+
+»Sie können alles sagen, ich werde es bestimmt nicht mißverstehen,« warf
+Maria freundlich ein.
+
+Die Fürstin fuhr fort: »In Ihnen ist viel Leidenschaft. Sie sind sicher
+die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet bin. Dabei aber auch
+die unnahbarste. Ich meine das in einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu
+gelangen, allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gefäß zu schließen und
+sich den Schritt ins Unbekannte für immer zu verbieten? Wie erreicht man
+diese Unerschütterlichkeit? Frauen sind entsetzlich preisgegebene Wesen.
+Man gibt sich entweder hin oder man hält sich zurück; im einen wie im
+andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum betrogen. Und da ist
+nun eine, die sich ein so festes Haus gezimmert hat, daß der Teufel
+keinen Platz darin findet. Man rüttelt an Tür und Mauern, um die Stelle
+zu entdecken, wo es brüchig ist. Weil man doch selber in einer Ruine
+wohnt und der Neid einen quält. Sagen Sie mir also: war es nicht ein
+unerträglicher Despotismus? Zuweilen nur, zuweilen -? Sind Sie nicht
+jetzt in Ihrem verborgensten Innern irgendwie erlöst oder bloß
+erleichtert? Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe?
+War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle die Jahre, und
+haben Sie nicht heute die Empfindung, das Leben steht möglicherweise mit
+einem kostbaren Geschenk an der Pforte und Sie dürfen es ohne große
+Skrupel nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das Geschenk nehmen.
+Ich meine: ist Ihr Gemüt und Geist so bis zum Rand ausgefüllt von diesem
+einen Menschen und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, daß
+es darüber hinaus keine Regung mehr für Sie gibt, keine Verlockung,
+keine Versuchung? Sie sind ja Weib durch und durch; an Ihnen blüht und
+leuchtet ja alles. Wär ich ein Mann, was würde ich nicht aufs Spiel
+setzen, um Sie zu gewinnen. Sie erröten; wie schön, wie rührend! Wie ein
+junges Mädchen. Aber antworten Sie, antworten Sie mir.«
+
+Maria spürte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte sie: »Vier
+Kinder, Fürstin. Neben all dem, wie nannten Sie es? dem
+Unerschütterlichen, vier Kinder. Haben Sie meine Kinder gesehen?«
+
+Die Fürstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme, die dem schwarzen
+Kleid weiß entflossen, auf den Tisch gelegt und Maria, zu spät beschämt
+von ihrer mütterlichen Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den
+Gedanken: auch ich war Mutter. Sie stützte den Kopf in die Hand, und
+nach einer Weile begann sie: »Das war ein egoistisches Wort, Fürstin.
+Ich bin von einem Glücksgeleise aufs andere ausgewichen. Vielleicht aus
+Feigheit. Ihre Frage war wie ein plötzliches Feuer. Sie hat mich
+geblendet. Die Wahrheit? Wüßt ich sie nur. Mich dünkt, sie liegt in der
+Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit. Die freie Wahl war
+mir allerdings geraubt, aber ich hatte nicht das kleinste Bedürfnis und
+den kleinsten Anlaß, noch einmal zu wählen. Meine Wahl war ja
+unwiderruflich gewesen. Sie sagten, daß der Teufel in meinem Haus keinen
+Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun muß ich sehr kühn sein,
+sträflich kühn vielleicht: ich habe ja mein göttliches Teil gewählt. Ich
+leugne nicht, daß Versuchung für mich entstehen kann; wer ist gegen
+Versuchung gefeit? Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich
+noch einmal wählen müßte, dann müßte ich den ganzen Kreis bis zum andern
+Pol gegangen sein. Das Göttliche kann man nicht zweimal wählen, und in
+seiner Nähe herumpfuschen und -experimentieren kann man auch nicht. Dazu
+hat es zuviel Unerbittlichkeit. Müßte ich noch einmal wählen, dann müßte
+es geradezu der Teufel sein. In Versuchung führen könnte mich nur der
+Teufel. Aber so weit kommt es hoffentlich nicht.« Sie lachte.
+
+Die Fürstin erhob sich und umarmte sie schweigend. War es, daß sie keine
+Einwände mehr hatte, oder daß sie sich geschlagen fand durch die
+unerwartete Wildheit von Marias Argument, sie ließ sich keine Zweifel
+anmerken. Ehe sie ging, sagte sie: »Freilich, freilich«; und wieder
+bekümmerten Tones: »Freilich. All das Beinahe und Ungefähr, das
+Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens verwässert unser Schicksal;
+es macht uns müde vor der Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am
+wichtigsten, am Augenblick lügen wir uns vorbei.« Dann, mit
+Herzlichkeit: »Ich möchte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna. Schicken
+Sie mir Ihr Bild sobald wie möglich, es wird mir als Amulett dienen. Wer
+weiß, ob uns nicht die nächste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr
+Bild, so hab ich etwas, das mich schützt.«
+
+Maria versprach es.
+
+Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das Haus, vom Dach bis in
+den Keller, glich einem Akkumulator, in dem sich Angst aufsammelt. Über
+die Korridore hasteten Schritte. Maria wußte von Liebesbeziehungen, die
+sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht länger dauerten als der
+Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie hin und naschen in Verzweiflung
+Verbotenes, um nicht fühlen zu müssen, dachte Maria, halb
+geringschätzig, halb mitleidig. Aber auch andere Schritte waren,
+Botenschritte, Verräterschritte, Spionenschritte, Wächterschritte.
+Durch die geöffneten Fenster drangen Luftwellen bald kühl, bald warm;
+gegen Morgen wurde es kalt, und Maria schlief endlich ein und schlief
+bis Mittag. Das Schreien des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia,
+die Pflegerin, trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die
+linnenweiß Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht
+entzogen hatte. Wanja ließ nicht mit sich spaßen; er krallte die dicken
+Fäustchen in seiner Mutter Fleisch und schnappte zu wie ein böser
+kleiner Fisch.
+
+Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum Abend an Heftigkeit
+zunahm und sich beständig näherte. Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen
+von Bestürzung und bat Maria, daß sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer
+der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst. Maria rechnete auf
+Nachricht von Menasse. Um bereit zu sein, wies sie Litwina und Arina,
+die beiden jungen Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, worüber die
+Knaben jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges
+vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Grübeln darüber machte sie
+zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und ging hinunter. Dann kehrte sie
+zurück, durchwühlte eine Schachtel nach einer Photographie, schrieb
+ihren Namen darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit
+zur Fürstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige, das sie vergessen
+hatte.
+
+In den Gesellschaftsräumen herrschte das gewöhnliche lärmende Treiben.
+Alle diese der Heimat und nun auch der Freiheit beraubten Männer und
+Frauen trugen eine herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige
+Gesichter zeigten das Bewußtsein der Gefahr. In einer Gruppe wurde
+lachend erzählt, daß man bereits in den Straßen der Stadt kämpfe, daß in
+einem der Höfe des Hotels Tote und Verwundete lägen. Sie hatten Blut
+genug gesehen, waren an das Entsetzen gewöhnt; es handelte sich nur noch
+um ihren eigenen Untergang, den sie mit frivoler Neugier fast
+erwarteten. In einen Wiener Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack
+eines Maschinengewehrs von draußen. Man sah Soldaten an den Fenstern
+vorbeirennen. Maria fielen finster blickende Gestalten auf, erst drei
+oder vier, dann fünfzehn oder zwanzig, die sich in der Halle und den
+Speisesälen herumtrieben. Man gab sich Mühe, nicht auf sie zu achten;
+man scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden. In
+abgerissenen oder doch alltäglichen Gewändern stachen sie drohend von
+der Toilettenpracht, den Fräcken und strahlenden Hemdbrüsten ab; sie
+stellten sich den Kellnern in den Weg, die mit Sektkübeln liefen,
+postierten sich unverschämt neben Klubsessel, in denen vornehme
+Kavaliere ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden
+durch. Maria dachte: es ist Zeit, daß Menasse sich meldet. Ein gellender
+Pfiff wurde hörbar, gleich darauf, da die Kapelle im Speisesaal Pause
+hatte, eine fremdartige Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria trat
+ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und sagte, im großen Saal
+finde eine armenische Hochzeit statt, sie möge doch hingehen, es sei
+äußerst interessant. Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer
+fünfzehn Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich
+mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft hatte sich auf einmal
+verändert. Ein alter Herr redete mit gerungenen Händen auf mehrere Damen
+ein. Maria vernahm, wie eine flüsterte: »Und mein Schmuck? meine
+Perlen?« Der alte Herr sagte: »Es handelt sich ums nackte Leben.« Vor
+dem Billardzimmer standen ein paar junge Mädchen, blaß, verzagt, die
+Augen aufgerissen. Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria:
+»Unbeschreiblich, welchen Prunk die Armenier bei solchen Anlässen zu
+entfalten wissen, Sie werden sich selbst überzeugen; ganz märchenhaft.«
+
+Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden. Namentlich machte
+sich Stepan Nelidow bemerkbar, der in unangenehmer Weise, als wäre er in
+einem Zirkus, seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor der
+Tür des großen Saals, war die Basis eines zylinderförmigen Schachtes,
+der bis zum Dach des siebenstöckigen Gebäudes reichte. In jedem
+Stockwerk trat eine kreisrunde Galerie heraus, die gegen den Schacht hin
+durch ein geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten Etagen
+sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur nächsthöheren Etage.
+Während Maria hinaufblickte, spürte sie, daß sich irgendwo dort oben
+etwas ereignete, was auch sie anging. Sie hörte, von ganz oben, lautes
+Reden und dann gelächterähnliche Schreie, dann war es wieder eine Weile
+still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit den Armeniern im Saal
+zugewandt, so begann es von neuem.
+
+Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und zwei dumpfe Trommeln,
+war aus einem getragenen Tempo in ein munteres übergegangen. Ein
+Jüngling und ein Mädchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und
+Drehungen, anfangs gemessen, schäferhaft lieblich, steigerten sich, von
+der Musik rhythmisch unterstützt, zur Ausgelassenheit. Der hohe weite
+lichtgebadete Raum war durchlodert von den intensiven Farben gold- und
+silbergestickter Gewänder, blau, gelb, grün, rot in stärksten Tönungen;
+aus heißem Dunst leuchteten unvergleichlich schöne Frauengesichter und
+solche von bleichen, schwarzbärtigen Männern, die majestätisch saßen und
+blickten. Nun sah man auch drüben einen zarten Reigen von
+spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen, die sich bogen und dehnten,
+und als die betäubende Musik aufhörte, stimmten sie einen feierlichen
+Gesang an. Freudig erregt von den Bildern und Klängen einer abgerückten
+Welt, stand Maria lächelnd auf der Schwelle, bedrückt nur von dem Gefühl
+ihrer eigenen Fremdheit und ungewünschten Gegenwart, da vernahm sie
+abermals die häßlichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch
+näherten; sie trat zurück in die Mitte des Schachtes und sah empor. Über
+die dritte Treppe lief mit erschreckender Geschwindigkeit, so daß es
+aussah, als müsse sie jede Sekunde in die Tiefe stürzen, ein
+Frauenzimmer herab. Die Haare flatterten aufgelöst um den Kopf, das
+Gesicht zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie kam
+zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Geländer fest und rannte
+weiter zur zweiten Stiege. Maria wußte sofort, daß dies Lisaweta
+Petrowna war, zu der sie hatte gehen gewollt, und nun wußte sie auch,
+was für ein Vergessen sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie
+zur Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun auf der ersten
+Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit fest. Sie schaute sich um,
+stürmisch atmend; hinter ihr kam ein junges Mädchen herab, in dem Maria
+die Fürstin Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen
+rechtfertigte keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der andern; sie
+ging eher bedächtig, Stufe um Stufe, und ihre Züge, obwohl verfinstert
+und anscheinend zu einem bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich
+einen Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria war ein paar
+Stufen hinaufgeschritten, die Flüchtende flog ihr entgegen, hielt inne,
+glaubte sich vor einer neuen Feindin, stieß einen der Schreie aus, die
+so gelächterähnlich geklungen hatten, taumelte und wäre gefallen, wenn
+Maria nicht auf sie zugesprungen und sie aufgefangen hätte. Das Mädchen
+griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab, kniete vor
+ihr. Mittlerweile hatte auch die Fürstin Jelena die Stelle erreicht, wo
+dies vor sich ging. Sie blieb einige Stufen oberhalb stehen, der
+Ausdruck von Widerwillen verstärkte sich in ihrem wunderbar feinen und
+klaren Gesicht und sie stieß hervor: »Anrühren solchen Unflat?
+Anrühren?« Ein Schauder überrann ihre Glieder.
+
+Das Mädchen drückte das Gesicht wimmernd in Marias Kleid. »Sie will mich
+umbringen,« heulte sie dumpf in den Stoff, in Marias Körper. Die
+Zuschauer vor der Tür hatten sich verwundert zur Treppe gedrängt. Stepan
+Nelidow stand mit verschränkten Armen und spöttischem Lächeln an die
+Mauer gelehnt.
+
+»Wozu, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria, zur jungen Fürstin
+emporgewandt, »wozu dies?« Der einfache gütige Ton brachte eine
+sichtliche Wirkung auf die Fürstin hervor. Sie senkte den Kopf, ihre
+kurzen, gelockten Haare fielen weich über die Wangen, und so verharrte
+sie regungslos.
+
+»Kommen Sie mit mir, Lisaweta,« redete Maria der noch immer Knienden zu;
+»niemand wird Ihnen etwas zuleide tun.« Sie richtete die Willenlose auf,
+lieh ihr den Arm zur Stütze und führte sie durch ein Spalier von Gaffern
+in den Korridor und dann weiter zum Lift, in den sie sie sanft
+hineinschob. Oben angelangt, mußte sie die verfallen vor sich hin
+Brütende mit Gewalt von ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr
+jauchzend mit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden. Jefim
+sagte, es seien drei Männer gekommen und hätten ohne ein Wort zu äußern,
+die zwei großen und fünf kleineren Gepäckstücke nach und nach
+fortgetragen. Die Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern,
+oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen,
+Necessaires, Körbe lagen noch in den Zimmern herum. Indes Maria mit
+Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit einem Zettel und verschwand
+wieder. Auf dem Zettel stand: »Unverzüglich zu befolgen: verlassen Sie
+nach Empfang dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die Tür neben den
+Küchenlokalitäten. Dort wird jemand stehen und Sie an einen bestimmten
+Ort führen, wo Sie eine, möglicherweise zwei Nächte zuzubringen haben
+werden. Der Betreffende ist zuverlässig. Säumen Sie nicht länger als
+eine halbe Stunde, sonst stehe ich für nichts. Die Koffer sind
+untergebracht, Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.«
+
+Trotz der kritischen Situation war Maria still amüsiert. Mein General
+ist streng, dachte sie und half die Knaben fertig ankleiden. Eine Menge
+Gegenstände waren einzupacken. Arina und Litwina rannten durch die
+Zimmer. Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen. Maria hätte
+sich gerne noch von der Fürstin Nelidow verabschiedet; es war keine Zeit
+mehr. Lisaweta Petrowna hatte sich in die Sofaecke gekauert und
+beobachtete mit den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging.
+Plötzlich sprang sie auf und faltete die Hände gegen Maria. »Nehmen Sie
+mich mit,« flehte sie verstört. Maria antwortete: »Wir haben nur noch
+Minuten vor uns; wie geht das denn, so wie Sie sind?« Sie trug einen
+Kimono und an den Füßen blauseidene Pantöffelchen. »Um keinen Preis mehr
+will ich in mein Zimmer gehn,« sagte sie hilflos. Die Knaben, voll
+Ungeduld, drängten Maria stumm. Arina belud Jefim Leontowitsch mit den
+Handtaschen. Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen
+immer viel Gefühl für fremde Leiden bezeigte, sagte zu seiner Mutter:
+»Die Frau kann ja einen von deinen Mänteln anziehen; wir haben ja
+hundert Mäntel.« Auf einen Wink Marias brachte Litwina einen Mantel; und
+Lisaweta hüllte sich darein. »Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich
+lassen?« fragte Maria, und jene erwiderte: »Nur fort, nur fort.«
+
+Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten Wanja, Arina,
+Litwina und Lisaweta traten auf den Korridor. Maria folgte als Letzte.
+Auf einmal stand Jelena Nelidow vor ihr. »Sie gehen?« murmelte sie
+finster verwundert, »gehen? Und diese dort, diesen Abschaum machen Sie
+zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr gewähren Sie Freundschaft, der
+Schamlosen?«
+
+»Ich sehe nur eine Unglückliche, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. »Ich
+weiß nichts von ihr als das. Kann ich eine Unglückliche, die zu mir
+flieht, wegstoßen, ich, die selber flieht?«
+
+Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar beschwichtigend auf
+die junge Fürstin. Ihr Gesicht zog sich zusammen wie im Krampf.
+Plötzlich riß sie mit zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem
+Kleid und drückte sie in Marias Hand. »Ich will nicht schuldiger werden
+als ich schon bin,« sprach sie wie geblendet, wie gegen eine Wand;
+»geben Sie ihr das; machen Sie es zu Geld für sie, sie ist arm; ich habe
+keins, aber verraten Sie mich nicht.«
+
+Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum Dank zwang. Der
+Boden brannte. Fedja war umgekehrt, um zu spähen, wo sie blieb. Jelena
+ging ein paar Schritte an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias
+Arm und hauchte mit wehem Kinderlaut: »Ich habe Angst; ich habe solche
+Angst,« ihre seltsam gelben Augen öffneten sich überweit; »ich habe
+grenzenlose Angst,« wiederholte sie, »und vielleicht aus Angst bin ich
+schlecht.«
+
+»Liebe, Sie Liebe,« sagte Maria leise und zärtlich. Die junge Fürstin
+bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam zurück, während
+Maria schweren Herzens die Treppe hinunterstieg.
+
+An der von Menasse bezeichneten Tür stand ein Soldat mit Sturmhaube und
+aufgepflanztem Bajonett. Er begab sich schweigend an die Spitze der
+Karawane. Es ging durch einen schmalen Hof, dann die Straße entlang,
+über die ein Feuerschein bebte. Zur Linken, in der Höhe des Tals,
+brannten Häuser; die Funken, so fern, daß sie goldner Stickerei glichen,
+stoben gegen den Mond. Gestreckten Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja
+und Aljoscha blieben bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein
+sorglicher Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm ihm
+trotz seines Sträubens eine der Ledertaschen ab. Der Soldat bog in eine
+Seitengasse bergan. Die Häuser wurden armseliger. Er zögerte, sah sich
+um, schien sich orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet.
+Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu und sie sprachen
+leise miteinander. Das Krachen eines großen Geschützes erschütterte die
+Nacht. Aljoscha begann plötzlich zu weinen. Maria ergriff ihn bei der
+Hand. Sie gelangten zu den letzten Häusern der Stadt, in die Nähe des
+Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein Stück zurück.
+Lisaweta, die in ihren Pantöffelchen Mühe zu gehen hatte, lehnte sich an
+eine Hausmauer. Vom untern Ende der Gasse her schallte der Schritt
+einer Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief Maria und
+die übrigen. Sie traten in ein baufälliges Haus, das nur aus einem
+Erdgeschoß bestand und völlig unbewohnt schien. Mit dem Gewehrkolben
+stieß der Soldat eine Tür auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand.
+Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert, so niedrig, daß man mit
+den Köpfen an die Decke stieß, mit feuchten, verschimmelten, grünlichen
+Wänden und ohne alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier
+müßten sie bleiben, sagte der Soldat, dürften sich nicht rühren, die
+geschlossenen Fensterläden nicht öffnen, wenn ihnen das Leben lieb sei.
+Maria fragte, im Finstern, ob er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er
+wisse es nicht, er kenne nicht einmal den Namen; er wisse bloß, daß eine
+Anzahl Menschen heute nacht in Häusern rings um den Bahnhof versteckt
+worden seien, damit sie fortgeschafft werden könnten, wenn sich die
+Gelegenheit bot. Das sei alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anzünden
+dürfte, wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte Maria.
+Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben müssen, zehn Personen
+in einem so dumpfen Loch? Das könne er nicht sagen. Noch einmal empfahl
+er, daß sie durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann
+entfernte er sich.
+
+Eine Weile waren alle still und verfielen in trübe Betrachtungen.
+Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter getastet und schmiegte sein
+Gesicht hinein. Sie spürte, daß es vor Beängstigung zuckte. »Wir müssen
+Licht haben,« sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich,
+hinauszuschleichen und den Aufpasser zu machen. Bei verdächtiger
+Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladen pochen, dann mußte das
+Licht ausgeblasen werden. Es dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze
+gefunden hatte. Als sie brannte, wurden rasch Decken und Mäntel auf den
+von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer Hast richtete
+jeder eine Ruhestatt für sich; die Knaben, kaum hingelegt, in ihren
+Kleidern, schliefen schon.
+
+Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem zwischen die Arme
+gewühlten Kopf sah man nur die in Eile aufgesteckten wirren braunen
+Haare. Über ihre starken Hüften lief bisweilen ein Beben. Während sie
+Wanja stillte, ließ Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann, als
+Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die Kerze verlöscht hatte,
+bat sie Litwina, daß sie Jefim Leontowitsch hereinhole, damit auch er
+ruhen könne. Aber Jefim ließ sagen, er finde es notwendig, daß einer
+Wache halte, er werde sich vor der Tür auf seinen Mantel legen.
+
+In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie hörte die kräftigen Atemzüge der
+drei Knaben; jeden erkannte sie an Laut und Tempo des Atems; sogar das
+dünne, sprudelnde Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die
+Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu ihrer Rechten
+ertönte ein schwerer Seufzer. »Können Sie nicht schlafen, Lisaweta
+Petrowna?« fragte sie flüsternd.
+
+Die Angeredete bewegte sich und rückte näher. »Wer sind Sie eigentlich?«
+fragte sie ebenfalls flüsternd. »Sie haben mich aufgelesen,
+mitgenommen ... aus welchem Grund? Wer sind Sie?«
+
+»Bedeutet Ihnen der Name etwas, so mögen Sie ihn wissen,« antwortete
+Maria und sagte, wie sie hieß. Dann war wieder eine Weile Schweigen,
+dann wieder ein Seufzer wie unter drückender Bürde.
+
+»Was ist Ihnen?« flüsterte Maria; »erleichtern Sie Ihr Herz, sprechen
+Sie.«
+
+»O großer Gott!« murmelte die andere.
+
+»Wir sind in der Finsternis und können einander nicht sehen,« fuhr Maria
+zu flüstern fort; »alle schlafen, wir sind so gut wie allein. Sprechen
+Sie.«
+
+»Jelena Nikolajewna möchte mich am liebsten mit dem Stiefelabsatz
+zertreten,« sagte die Stimme bitter; »dabei weiß sie alles. Niemand
+außer ihr weiß es. Grigorji hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts könnte
+sie mich morden und weiß doch alles. O mein Gott!«
+
+»Ist es denn wahr, daß Fürst Grigorji die Ehe mit Ihnen geschlossen
+hat?« fragte Maria.
+
+»Fragen Sie doch nicht,« kam es gequält zurück. »Ja, ja, der Pope hat
+uns zusammengetan, damals in Sebastopol, als ich das Schiff verließ. Als
+schon alles zu Ende war, hat uns der Pope getraut. Ich weiß nicht, ob es
+anfechtbar ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umstände
+schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich nur annähernd
+etwas ähnliches ausdenken. Ja, als ich das Schiff verließ, wurden wir
+getraut.«
+
+»Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?«
+
+Lisaweta antwortete nicht. »Ich kann hier nicht bleiben,« sagte sie nach
+einer Weile klagend; »ich muß wieder fort. Ich will zurück und meine
+Sachen holen. Was soll ich denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich,
+wo soll ich dann hingehn? Zu wem denn?«
+
+»Daß ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckstück aus Diamanten für
+Sie gegeben,« sagte Maria, und indem sie es sagte, bereute sie es, als
+füge sie der unsichtbaren andern eine Beleidigung zu; »vielleicht
+wünschte man, daß Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man
+dadurch etwas Begangenes gutmachen.«
+
+Lisaweta verstand. »Vor die Füße werf ich ihrs,« brach sie aus, ohne die
+Stimme merklich zu erheben; »und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich
+durch ein Almosen dafür entschädigen, daß sie mir glühende Nadeln ins
+Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und Schande. Wenn Sie
+keine Gelegenheit mehr haben, es ihr zurückzugeben, so schenken Sie es
+einem Bettelweib. An Demütigungen ists jetzt genug.«
+
+Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen. Die Atemzüge der
+Schläfer wurden tiefer. Plötzlich flüsterte Lisaweta: »Hören Sie? Können
+Sie mich hören?«
+
+»Ich höre Sie gut,« erwiderte Maria.
+
+»Ich will Ihnen vom Schiff erzählen. Rücken Sie näher, damit uns niemand
+belauscht.«
+
+Maria rückte näher.
+
+»Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem Petersburger
+Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste Klasse von Lokal, ich verdiente
+auch nur gerade soviel, um nicht zu verhungern. Die Sache war nämlich
+die, daß ich ein anständiges Mädchen war. Es ist möglich, daß Sie jetzt
+skeptisch lächeln, aber trotz meiner fünfundzwanzig Jahre hatte ich noch
+keinen Liebhaber gehabt. Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme
+und lüsterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tagsüber
+hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein Mittagessen. Grigorji
+war auf Urlaub; in Gesellschaft von Kameraden kam er hin; wir sahen uns
+und liebten uns. Wir liebten uns so, - wie soll ich es nur beschreiben?
+Es war ein unaufhörliches Gewitter im Blut. Den Tag, wo der Urlaub zu
+Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil. Worte wurden nicht
+gewechselt; wir empfanden wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan
+nach, den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines Abends teilte
+er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede irr. Es war so furchtbar, daß
+meine Zunge wie gelähmt war. Aber sein Wille mußte auch meiner werden.
+Trennung war das Ärgste. Auf die Rückkehr warten und sich das Herz
+absorgen, ob er noch lebte oder nicht, ärger war auch das nicht, was er
+tun wollte. Wenigstens schien es mir so, und ich sagte ja. Hören Sie
+mich?«
+
+»Ich höre Sie gut,« flüsterte Maria.
+
+»Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs schmuggeln. Mich in
+seiner Kabine verbergen, den Dienst verrichten wie alle andern und die
+übrige Zeit bei mir sein. Was das hieß, wußte ich ungefähr. Daß auf die
+Entdeckung der sofortige Tod stand, für ihn und für mich, wußte ich.
+Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten. Wozu so viele
+Worte, ich war bereit, trotz allem. Die Hauptschwierigkeit war, daß der
+Bursche ins Geheimnis gezogen werden mußte. Ohne einen Dritten, der
+Vorschub und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er könne es
+mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem Geld, und immer
+von neuem, und doch mußte man immerfort zittern, daß er sich nicht
+verschnappte oder bösartig wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die
+Leute alle bösartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten. In
+Grigorjis Reisesack, mit Wäsche und Kleidern zum Ersticken umhüllt, trug
+mich Pjotr vom Boot in die Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel
+Raum war, daß ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn
+Monate.«
+
+Maria schlug unwillkürlich die Hände zusammen, Lisaweta Petrowna aber
+fuhr fort: »Vierzehn Monate eingesperrt, entweder angstvoll allein oder
+Leib an Leib auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate in
+Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer winzigen dumpfen
+Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit und Bewegungslosigkeit
+verurteilt, zur ununterbrochenen, fürchterlichen Angst, er und ich.«
+
+Maria lauschte mit weiten Augen stumm.
+
+»Es durfte nicht auffallen, daß die Kabine stets abgesperrt war; schon
+dafür zu sorgen, war nervenzerrüttend. Die vielen Schritte, Schritte der
+Wachen, Offiziere; die Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr,
+das eiserne Klirren beständig in dem schwimmenden Ungetüm, das Gerassel
+oben, das Anschlagen des Wassers draußen; die Nächte, o die Nächte
+voller Angst! Küsse und Umarmungen und Angst! Lust und zärtliche Worte
+und Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert immer
+wieder. Einmal bei einer Inspektion mußte ich in den Wandschrank
+schlüpfen, der so schmal war, daß ich wochenlang nachher an Bruststechen
+litt. Am Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am
+Wahnsinn. Er mußte auf Deck; er mußte Dienst tun, was sonst? Er mußte
+sich schleppen, das Fieber aus sich herauspressen mit Gewalt, oder wir
+hatten keine Wahl als uns miteinander in die See zu stürzen. In den
+dienstfreien Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen Armen und
+horchte und horchte, auch ich horchte und horchte; wir mußten einander
+umarmen, sonst hatten wir kaum Platz, und oft wenn er müde war, trat er
+mir ein Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager auf dem
+Boden oder ich saß an der Lucke und starrte aufs finstre Meer. Ihn
+quälte der Gedanke, was geschehen sollte, wenn das Schiff ins Feuer kam
+und er verwundet wurde oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Kräften, aber
+in einem so verdunkelten Gemüt ist keine große Kraft. Er klagte mich an,
+daß ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes dagegen als
+verzweifelte Küsse? Wir verfluchten die Sekunde, die uns das Bewußtsein
+wiedergab. Kalter Schweiß bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu
+mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte uns täglich
+mehr. Er gestand mir, daß er alles rot sähe, auf Deck und im Raum. Er
+glaubte, bei seinen Vorgesetzten Argwohn zu spüren. Von seiner früheren
+Heiterkeit war nichts mehr übrig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er
+getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man schlägt, aber
+deutlich erkannte ich, daß in seinen Augen neben der Liebe auch Haß war.
+Bei jedem Knacken in der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Geräusch
+machte ihn zittern. Einmal fuhr er gräßlich schreiend aus dem Schlaf.
+Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es müsse ein Ende werden. Was
+für ein Ende? fragte er, und in krankhafter Erregung drängte er mich
+solange, bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun. Du
+bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott und den Menschen zu
+meinem Weib machen, auch wenn wir uns dann nicht wiedersehen sollten.
+Und so kam es, genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser Hölle,
+und wenn ich allein war, lag ich da und biß die Zähne in die Finger. Die
+Zeit war wie hinweggewischt; ich hörte sie sausen wie ein Rad; manchmal
+wieder schien sie mir schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene
+schwarze Fahne. Das Ärgste war, daß Pjotr frech wurde. Er fühlte sich in
+der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mit dem Menschen. Das Essen,
+das er jeden Tag heimlich für mich brachte, konnte ich nicht mehr
+genießen. Er stand dabei und stierte mich an. Er bettelte, schließlich
+drohte er. Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu müssen, indessen
+erfuhr ich bald, daß Pjotr auch gegen ihn unverschämt wurde. Eines
+Abends stürzte Grigorji schreckensbleich zu mir und stammelte, es sei
+kein Zweifel, daß alles verraten worden sei, der und der habe seinen
+Gruß nicht erwidert, in der Messe habe man getuschelt, er spüre es, wir
+seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte ihn aus und
+überzeugte mich, daß es Wahnvorstellungen waren; aber die hafteten nun
+in seinem Geist, und er war von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch,
+die schrecklichsten, vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in
+den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam und aus tiefer
+Betäubung erwachte, daran habe ich keine Erinnerung. Auch daran eine
+ferne nur, daß mich Pjotr in eine elende Herberge schleppte und nicht
+dorthin, wo ihm Grigorji angegeben hatte, daß er mich führen sollte; und
+daß er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte und ein wehrloses
+Opfer zu finden hoffte; und daß ich mich mit aller mir verbliebenen
+Kraft gegen ihn verteidigte, mit Worten und Gründen erst, mit Bitten und
+Tränen, mit Hilferufen, das keiner hörte als sei das Haus ausgestorben,
+und daß mir dann die Welt schwarz wurde im Ekel vor dem Menschen und in
+seinem Fuseldunst und seiner Tollwut, und daß dann Grigorji
+hereinstürzte, der alle Gasthäuser am Hafen nach mir durchsucht hatte,
+bis er endlich meine Spur fand, und daß er das betrunkene Schwein
+niederschlug, und daß er vor mir kniete, schluchzend, unaufhaltsam
+schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wofür Verzeihung? und daß am
+andern Morgen der Pope kam, ich habe es ja schon erzählt, und die
+Nottrauung vornahm, denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und daß
+mir dann Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr faßlich
+und ist ausgeronnen, als hätte es eine andere gelebt. Ich bin ja auch
+nicht mehr dieselbe geworden wie vorher. Es wundert mich nur, daß ichs
+berichten kann; Sie saugen die Dinge förmlich aus einem heraus, wie geht
+das denn zu? Nun muß ich aber fort, es ist Zeit.«
+
+Auffallend war es Maria, daß die Erzählung Lisaweta Petrownas immer
+langsamer geworden war, zuletzt entstand fast nach jedem dritten Wort
+eine Pause; auch war die Stimme allmählich so leise geworden, daß Maria
+nur mit Anstrengung verstehen konnte. »Sie wollen fort?« fragte sie,
+»wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie wüßten nicht wohin.«
+
+»Nein, ich weiß nicht wohin; gleichviel, ich muß fort.«
+
+»Wie sind Sie denn überhaupt nach Kislawodsk gekommen? Sind Sie mit ihm
+gekommen, mit Fürst Grigorji?«
+
+»O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung daß wir uns nicht
+mehr sehen würden. Hab ich das nicht erzählt? Als er von mir wegging,
+wußte ich, daß er nicht aufs Schiff zurückkehrte, wußte, daß er in den
+Kaukasus fuhr. Er seinerseits wußte, daß ich nach Kiew reisen wollte, wo
+meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist. Er ließ mir Geld, aber
+das hab ich meinem Schwager gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich
+wußte, welchen Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm,
+ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von Jelena Nikolajewna.
+Möglich, daß sie glaubte, ich könne ihn retten. Wie mußte es um ihn
+stehen, daß Jelena Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu spät. Ich
+hätte ihn gewiß nicht retten können, wir waren viel weiter voneinander
+geschieden, als wenn wir uns nie gekannt hätten; freilich, daß er so ins
+Nichts geschwunden war, ohne Gruß und Zeichen, das war hart. Jetzt will
+ich aber gehen, es ist Zeit.«
+
+Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterläden. Lisaweta
+erhob sich. Maria sagte, sie möge doch den Mantel behalten, der Morgen
+sei kalt und vielleicht finde sie im Hotel nicht Einlaß. Doch sie lehnte
+es stumm ab; plötzlich schien sie von finsterm Trotz erfüllt; ihre
+Gebärden waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls
+erhob, erschüttert und von schwesterlicher Hinneigung durchglüht zu ihr
+hintrat, um ihr in das dämmernd fahle Gesicht zu schauen, da wandte sie
+sich hinweg und war aus der Tür, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken
+konnte. Sie stand regungslos, kalt und heiß im Innern; ihr war als sei
+ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede die Luft noch über
+Schlünden. Sie seufzte, beinahe wie jene geseufzt hatte, bang und
+gedemütigt, dann fiel ihr Blick auf die schlafenden Kinder, und es
+überströmte sie ein Gefühl unermeßlichen Reichtums. Jedes war Abbild
+eines Teuersten, jedes lebendiges, geprägtes Gut; sie seufzte wieder,
+aber dieser Seufzer hatte andern Klang.
+
+Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch die Augen
+zugemacht, als es heftig an die Tür klopfte und auf der Schwelle Jefim
+Leontowitsch und der Soldat erschienen. Dieser sagte, alle müßten
+sogleich zum Bahnhof, der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die
+Kinder wurden aufgeweckt, rasch waren die Großen und Kleinen
+marschfertig, zehn Minuten später war man unter Führung des Soldaten auf
+der menschenleeren Straße. Es ging an der Station vorüber, ziemlich weit
+hinaus. Die Luft war neblig und kühl. Maria forderte Jefim durch einen
+Blick auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke ihm für
+seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich von ihm trennen zu
+müssen; aber sie hoffe, das Leben werde sie später einmal wieder
+zusammenbringen, und sie freue sich darauf, ihm dann ihren Dank besser
+zeigen zu können.
+
+»Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna,« antwortete er, »und warum
+wollen Sie, daß ich mich von Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe
+ich in dem Bündel da,« er wies auf einen Linnensack, den er mit dem
+andern Gepäck trug; »warum sollt ich hier bleiben, da ich doch ebensogut
+irgendwo sonst sein kann? Sie fliehen von hier, also lassen Sie mich
+auch fliehen. Belästigt Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den
+Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein Fremder; es
+werden ja viele Fremde in Ihrer Nähe sein. Darf ich mir auch nicht
+anmaßen, daß ich ein nennenswerter Schutz für Sie bin, so hätte ich doch
+keine Rast mehr im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umständen verlassen
+müßte. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert, daß ich Ihnen
+nicht beschwerlich fallen werde.«
+
+Dagegen gab es keinen Widerspruch. »Nicht einmal eine Hand hab ich frei,
+um Ihre zu drücken,« sagte sie mit ihrem gewinnenden Lachen. »Sie sind
+wirklich ein seltsamer Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich
+soviel Anhänglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.«
+
+»Ich kenne Sie besser als Sie glauben,« entgegnete er und wurde rot.
+»Ich denke viel über Sie nach.«
+
+Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom Bahngleise herüber.
+»Das ist Menasse,« sagte Maria, »schön, daß er da ist.«
+
+Das Winken Menasses bedeutete, daß man sich sputen möge. »Guten Morgen,
+Herr General,« begrüßte ihn Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so spät
+käme, alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit
+Unpünktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden. Er hüpfte
+gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens herum, der zwischen
+die Wagen eines Güterzugs gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht
+verhängt; drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war bemüht, sich
+einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit einem alten Herrn, der seine
+Koffer um sich herumgestellt hatte; blies eine Dame an, die eine
+Auskunft von ihm begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die
+Verwirrung; warf eine Schachtel in den Korridor, riß im Eifer seinen
+flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit durch die Luft; betonte
+zehnmal in höchster Fistel, daß er unbedingten Gehorsam erwarte, und daß
+er einfach die Hände in den Schoß lege und alle ihrem Schicksal
+überlassen werde, wenn man nicht Disziplin halte. »Wer ist der hier?«
+fuhr er Maria grob an und deutete mit dem Ellbogen auf Jefim
+Leontowitsch. Maria sagte gelassen und mit einem treuherzigen Ausdruck
+ihrer kurzsichtigen Augen: »Herr Menasse, ich würde mich glücklich
+schätzen, wenn Sie nicht so schreien würden. Sie erreichen, bei mir
+wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen wir uns
+auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge Mann gehört zu meiner
+Gesellschaft, ich bürge für sein Wohlverhalten und für Ihre Auslagen; im
+übrigen: seien wir Freunde, Herr Menasse.« Sie reichte ihm lächelnd die
+Hand, in die er, einigermaßen verdutzt, die seine flüchtig legte; dann
+schoß er davon.
+
+Um fünf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn Uhr setzte sich der
+Zug in Bewegung; nach Westen, durch das Gebirge, gegen das Meer. Die
+Fahrt war nicht schneller als mit einer Kutsche. Das Durcheinander
+ordnete sich allmählich. Menasse wurde nicht müde, Ruhe zu gebieten. Ein
+Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden Kinder. Wenn der Zug
+hielt, stürzte er erregt ans Fenster, lugte durch einen Spalt hinaus,
+alle schwiegen gespannt, dennoch streckte er den Arm steif zurück wie
+ein Dirigent, der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der
+Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie aus
+Tula; einen ungarischen Baron; den Grafen und die Gräfin Duchorski aus
+Petersburg, einen Bankdirektor aus Kiew, zwei ältere Damen, die im
+Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde heiß. Wenn die Kinder zu essen
+verlangten, ging es erst an ein langwieriges Suchen unter den
+Gepäckstücken. Wenn Wanja die Brust bekam, bildeten Litwina und Arina
+eine Mauer. Um vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke.
+Eine Zeitlang war Stille, dann hörte man Menasses Fistel erbittert.
+Mitja kam und berichtete: »Es sind Männer draußen, die befehlen, daß
+alle aussteigen müssen.« Die Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt
+sich so. Der Zug war von einer streifenden Bande, dreißig bis vierzig
+Leute, zum Stehen gebracht worden. Der Anführer forderte Menasses
+Papiere. Menasse weigerte sich tollkühn. Drohung mit Gewalt machte ihn
+nicht gefügiger. Erst als jene Hand an ihn legten, besann er sich. Er
+hatte sämtliche Pässe bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem
+Führer zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen gestiegen und
+trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald zeigte, wollten sie die
+bequeme Fahrgelegenheit für sich haben. Die Überfallenen fügten sich
+widerspruchslos, nur einige Frauen jammerten. Die Gräfin Duchorski
+stand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in dem Haufen
+von Gepäck, der den blühenden Wiesenhang bedeckte. Menasse redete
+leidenschaftlich auf den finster blickenden Anführer der Bande ein. Der
+Mensch schüttelte zu allem den Kopf. Den Salonwagen dürfe niemand mehr
+betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug. Um Gotteswillen, so solle
+man hier zurückbleiben, im Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg?
+Ja, das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden habe.
+Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit. Menasse, in einer
+Haltung wie Jago gegen Othello, schmeichelte; umsonst; pochte, in einer
+Haltung wie Marquis Posa gegen Philipp, doch immer krähend, auf
+menschliche Gefühle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig und
+mit kunstloser Würde. Ihre Argumente waren um nichts zwingender als
+diejenigen Menasses, aber schon nach den ersten Worten hörte ihr der
+Mann, dem Anschein nach ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu,
+obgleich er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse
+Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters; eine gewisse
+Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie sagte: Du weißt doch; erinnere
+dich doch; so und so, es wird doch darüber kein Mißverständnis zwischen
+uns geben; ganz trocken alles, wie wenn sie über Mais oder Kartoffeln
+redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist, daß man tut, was sie
+gebietet. Der Mann hatte Respekt. Sie erlangte, zusammen mit dem
+Geldangebot Menasses, die Erlaubnis, daß sich die Flüchtlingsgesellschaft
+in zwei leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte: »Sie sind
+eine tüchtige Frau; #à la bonne heure,# das haben Sie gut gemacht.
+Immerhin, bei dieser Art von Transport werden wir nichts zu lachen
+haben.« Und er fing bereits wieder an, zu kommandieren. Nach einer
+Stunde waren alle untergebracht, das Gepäck verstaut, die Türen der
+Viehwägen verschlossen und von außen abgesperrt sowie zur Sicherheit
+plombiert; der Zug rollte weiter.
+
+Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier Nächte. Mit Maria
+eingepfercht waren siebenundzwanzig Menschen, darunter zwölf Kinder;
+eingepfercht in einen finstern Raum, in welchem es übel roch;
+hingekauert auf mangelhafte Lagerstätten, Kranke und Alte; fast ohne
+Schlaf die Nächte, ohne genügende Nahrung die Tage; belästigt von
+widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst und den andern zur Pein
+machten. Das Rattern der Räder wurde mörderischer Lärm; das stundenlange
+Halten in Stationen mörderische Stille; die auf das Dach des Kerkers
+niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige, die im Fieber
+lagen, stöhnten, und ein ungewohnter Laut rief entsetzte Schreie hervor.
+Dicht an Maria gepreßt lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder
+dem andern bisweilen über das Gesicht, prüfend, ob sie schlummerten, ob
+die Haut nicht heiß sei, dankbar für ihre Geduld und Ruhe, zugleich in
+Sorge darüber. Oft sprach sie zu ihnen; oft auch wandte sie sich an
+Jefim Leontowitsch; Wanja hielt sie meist an der Brust, wusch das
+Gesichtchen und die Hände mit kölnischem Wasser, tröstete Litwina, die
+an Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anfälle hatte, rief
+hie und da ein Wort, eine Frage über die Köpfe der Leidensgefährten und
+stritt mit dem rechthaberischen Menasse über die Nähe des Ziels, der
+kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer.
+
+Endlich eines frühen Morgens, in einer Haltestation, öffnete die
+mitleidige Hand eines Zugbediensteten die Tür. Der hereinquellende
+Lufthauch war wie Neugeburt, das Schauspiel, das sich bot, unerhört.
+Tief unten dehnte sich die See, blau, als könne man tausend Jahre blauen
+Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten üppig bewachsenen Kuppen des
+Gebirges, Gärten, Weingelände, Pinien, Bäume voll Orangen. Niemand
+redete; kein Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie
+verdorrt; das blühende Land, das Gestade, das schöne Meer ließ sie
+schaudern. Die Tür blieb offen, vielleicht in der Annahme, daß die Zone
+der Gefahr überschritten war; aber einige Stationen vor der Stadt wurde
+Menasse berichtet, daß diese seit zwei Tagen in den Händen der Matrosen
+sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde von Flüchtlingen als
+gefürchteter Name genannt.
+
+Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen
+vermochte. Wieder außerhalb des Bahnhofs verließen alle den Wagen und
+wurden nach Anbruch der Dunkelheit möglichst heimlich in einen Gasthof
+am Rande der Stadt geführt. Den Kranken konnte kein Beistand geleistet
+werden; sie mußten zu Fuß gehen. In den Straßen herrschte Tumult; vom
+Meer her tönten Schüsse.
+
+Der rechteckige Raum, in den sämtliche Zimmer des Gasthofs mündeten,
+glich bald einem Koffermagazin. Träger polterten die Treppe herauf und
+warfen immer neue Gepäckstücke in den Wirrwarr. Arme griffen
+durcheinander; jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren auf eine
+Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein Hündchen trippelte
+winselnd um Menschenfüße, die es beschnupperte. Der Bankdirektor, an die
+Mauer gelehnt, rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit
+einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte seinen Kneifer
+verloren und man sah seinen verzweifelt verrenkten Körper wie zwischen
+Felsen auftauchen und verschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal;
+die Träger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen.
+Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein anderer hatte erfahren, ein
+deutsches Schiff kreuze auf dem Meer draußen. Der Streit um die Zimmer,
+deren nur elf zur Verfügung standen, wurde lärmend. Jefim Leontowitschs
+Stimme rief von einer Schwelle her: »Maria Jakowlewna, kommen Sie
+schnell; ich habe ein Zimmer für Sie besetzt.« Da Maria keinen Durchgang
+fand, kletterte sie über die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim
+aufgepflanzt und fauchte: »Was fällt Ihnen ein, zu schreien, Herr? Wenn
+Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen stopfen den Mund. Wir sind gerannt
+dem Tiger direkt in die Zähne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll
+helfen, und da schreit er!« Maria sagte ruhig zu Jefim: »Man müßte
+versuchen, unsere dreißig Kolli aus dem Haufen herauszufischen!« Er
+nickte und sah besorgt umher. »Wo sind die Kinder?« fragte er.
+
+Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit hastigerem Schritt
+vor den beiden andern, von denen er sich auch in Kleidung und Gehaben
+unterschied. Er trug blendendweiße Leinenhosen und eine Jacke von
+elegantem Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung
+gebieterisch, und zwar in einer brutalen und lässigen Art. Ihm zur Seite
+watschelte beflissen der Wirt, ein feister Tartar mit einem Gesicht wie
+aus Butter. Der Matrose stutzte beim Anblick des Gewühls und der Menge
+von Koffern; es war in der spärlichen Beleuchtung zweier
+Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild. »Was sind das
+für Leute?« wandte er sich fragend an den Wirt, »was geht hier vor?« Der
+Wirt suchte mit furchtsamen Augen Menasse. Dieser zwängte sich heran und
+gab sich eine Miene der Autorität. »Woher? Wohin?« fragte der Matrose
+barsch und verächtlich. Menasse stotterte. Der Matrose unterbrach ihn:
+»Es kann natürlich keine Rede davon sein, daß ihr eure Reise fortsetzt.
+Das Gepäck ist beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verfügt.« Ohne die
+mehr mimischen als artikulierten Einwände Menasses zu beachten, wandte
+er sich wieder an den Wirt. »Ein Zimmer für mich«; und als der Wirt
+ratlos den fetten Körper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig:
+»Ein Zimmer für Golowin; hast du nicht gehört, du Schwein?« Vor Furcht
+seiner Stimme kaum mächtig, erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien
+vergeben; Väterchen könne sich ja selbst überzeugen; die vielen Menschen
+da; er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die Fenster
+seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingestürzt; das Loch wage er
+Väterchen Igor Semjonowitsch nicht anzubieten; nebenan bei Alexei
+Davidowitsch sei noch ein Staatszimmer zu haben, prächtig, mit
+Teppichen, auf Ehre, mit schönen Teppichen und Bilderchen an der Wand.
+Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und wäre froh
+gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin antwortete barsch: »Kein langes
+Geschwätz, du schmutziger Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht.
+Habe nicht Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe das
+Zimmer ist für mich. Punktum.« Und er deutete gegen die Tür, auf deren
+Schwelle Maria stand. »Verzeihung,« redete Maria ihn an, »es ist das
+letzte für mich und meine Kinder übriggebliebene Zimmer. Wir sind sieben
+Menschen, Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine furchtbare
+Reise liegt hinter uns. Wäre es nicht billig und großmütig, wenn Sie für
+diese Nacht mit der Dachkammer vorlieb nähmen, da Sie sich schon nicht
+anderweitig umsehen wollen? Ich weiß nicht genau, zu wem ich spreche;
+aber jedenfalls doch zu einem Mann.«
+
+Golowin schien überrascht. Er hob unmutig die Brauen. »Die Suada ist von
+euresgleichen unzertrennlich,« murmelte er. »Honig, um meinesgleichen
+die Kehle einzuschmieren, habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete
+Kuli braucht nur einmal die Fäuste zu zeigen, so wird an seine Großmut
+appelliert. Es ist eine neue Weltordnung, Madame. Wer sind Sie? worauf
+berufen Sie sich?«
+
+Diese für einen Matrosen sehr ungewöhnliche Ausdrucksweise überraschte
+nun wieder Maria. Sie bedurfte, um sich einzustellen, ihrer ganzen
+Geistesgegenwart. »Ich bin Maria Jakowlewna von Krüdener,« entgegnete
+sie mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt, der sich
+schützend neben sie gestellt hatte; »mein Mann, Gutsbesitzer im
+Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier, ist ins Ausland geflohen, und
+ich bin im Begriff, dasselbe zu tun. Ich kann also Ihnen gegenüber keine
+Erwartungen, sondern nur Befürchtungen hegen. Sie haben Recht, die Not
+macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung muß zunächst an Frauen und
+Kindern ausprobiert werden. Litwina, Arina! wir ziehen in die
+Dachkammer.«
+
+Golowin schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Sie täuschen sich, Madame,«
+sagte er und steckte beide Hände in die Hosentaschen, »Sie täuschen
+sich. Ich bin unempfindlich gegen die Künste des höheren Tons. Ob
+Dachkammer, ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie und
+Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht aburteilen, und da
+Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht offen zuzugeben, können
+Sie sich ja ungefähr denken, was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen
+darin kurzen Prozeß zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel.
+Bleiben Sie also immerhin in der Beletage, wenn Sie Wert darauf legen;
+auch die andern Herrschaften will ich nicht weiter stören. Niemand wird
+natürlich das Haus verlassen; im übrigen ist Ihnen jede Freiheit
+unverwehrt bis morgen.« Dies sprach er ironisch gegen den Kreis
+erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt hatte. Menasse
+machte Schwimmbewegungen mit den Armen, um sich die Herzudrängenden vom
+Leibe zu halten und sich in seiner Bedeutsamkeit gewissermaßen zu
+isolieren; er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm zu verstehen
+geben, daß das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch zwischen ihnen
+beiden gewechselt werden müsse und er zuversichtlich auf eine Einigung
+rechne. Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte,
+fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: »Hübscher Junge; schade um ihn;
+er wird Mühe haben, sich mit alldem zu befreunden. Du sollst später
+einer der Unsern werden, mein Junge, was?« Zum erstenmal überlief Maria
+ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der stolzen Entrüstung
+des Achtjährigen, den Heldengefühle beseelen, erwiderte: »Niemals, ich
+werde immer auf Papas Seite sein.« Golowin lachte. »Gute Zucht, Madame,«
+sagte er und sah Maria an. »Gute Zucht und gutes Blut,« antwortete sie.
+Er verbeugte sich spöttisch, ohne den Blick von ihr zu lassen, einen
+scharfen, grausamen, unaufhaltsamen Blick, der kalt prüfte und mehr und
+mehr einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick eine Weile
+aus, und erst als sie der Verwunderung der Zuschauer inne wurde, glitt
+ihr Auge zu Boden. Golowin wurde von seinen Begleitern angerufen und
+wandte sich zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen
+aufgetaucht, die einen sich sträubenden Menschen zwischen sich
+schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion denunziert worden
+war; man wollte bemerkt haben, daß er von einem Fenster der Küche aus
+Signale gegeben hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den
+Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen Befehl zu, und
+sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt, zu dem der Koch in seiner Angst
+flüchten gewollt und den er mit Gebärden anflehte, erhob jammernden
+Einspruch, der ungehört verhallte. Menasse hatte indessen mit dem Grafen
+Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und näherte sich nun Golowin.
+Er zupfte ihn am Ärmel und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an,
+ohne sich durch die finstere Geringschätzung des andern irremachen zu
+lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins, statt ihn bedenklich zu
+stimmen, erhöhte seinen Mut. Das ihm geläufige Schema auch hier als
+praktisch betrachtend, nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt für
+Verhandlungen dienen könne. Da legte ihm Golowin die Hand auf die
+Schulter und sagte zu dem ihm zunächst stehenden Matrosen: »Was meinst
+du, Maxim Maximowitsch, was das komische Insekt da will? Er will mich
+kaufen? Möchtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert bin? Vielleicht
+gefriert ihm die geschwätzige Zunge, wenn er meinen Preis erfährt.«
+Menasse gab Zeichen äußerster Bestürzung von sich. Das war neu; ein
+Faktum, das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend die
+Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen, blieb aber vor
+der Treppe unschlüssig stehen.
+
+All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten Vorgänge
+hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen. Sie trat ins Zimmer, wo
+Jewgenia und Arina die Lagerstätten für die Kinder bereiteten. Litwina
+trug das Handgepäck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und nahm den
+ungebärdig schreienden Wanja an die Brust. Mitja stand vor ihr, der
+Anerkennung bedürftig, denn es waren Zweifel in ihm, ob er sich gut
+benommen habe. »Du warst lieb und tapfer, mein Sohn«, sagte sie, worauf
+er sogleich das Gespräch ablenkte und sich erkundigte, wo Jefim die
+Nacht verbringen solle. Jefim schnitt für Fedja und Aljoscha Brot ab und
+winkte Mitja, daß er schweige. Maria antwortete nicht. Sie war
+zerstreut. Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins in Anspruch
+genommen. Seine Manier, seine Geste, seine stechenden, bald farblosen,
+bald metallisch glitzernden Augen, die hagere rasche Gestalt, der dünne
+rasche Mund mit kleinen, dichten weißen Zähnen, die rasche Rede, die
+Stimme, die mit befremdlicher Virtuosität durch alle Register lief, es
+wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und das Ganze nicht.
+Plötzlich ging die Tür auf, und er trat ein.
+
+Kälte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja hörte auf zu trinken,
+als sei die Milch versiegt und zappelte erbost. Sie schob das Tuch, sich
+vor Blicken zu schützen, bis an den Hals und sah Golowin fragend an.
+
+»Ich wünsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna,« sagte er förmlich, »einige
+Worte unter vier Augen zu sprechen.«
+
+Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um. Da er schwieg und
+wartete, drehte sie den Kopf mit stummem Geheiß zu Jewgenia, die Arina
+und Litwina zunickte. Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei
+Knaben zu sich. Alle verließen das Zimmer. Marias Blick behielt den
+fragenden Ausdruck.
+
+Golowin sagte: »Ihr jüdischer Mittelsmann hat mich für eine Art
+Straßenräuber gehalten, dem man Lösegeld anbietet. Ich vermute, Sie
+wissen davon. Wäre er weniger lächerlich, so hätte ich ihn heute noch
+ans Wirtshausschild hängen lassen.«
+
+»Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich weiß nicht, was er unternommen
+hat,« erwiderte Maria kühl.
+
+»Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar. Die
+Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist es freilich, den
+ahnungslosen Hebräer ins Treffen zu schicken. Sie hätten es verhindern
+müssen. Haben Sie mich so schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf?
+Warum haben Sie selber denn die Gelegenheit versäumt, das Terrain zu
+sondieren? Ich hatte es erwartet. Daß ich statt dessen zu Ihnen kommen
+muß, gibt kein Plus in Ihrer Rechnung.«
+
+Maria überlegte erregt: wohin zielt das alles?
+
+Er ging ein paarmal auf und ab, Hände in den Hosentaschen. Seine Stimme
+wurde glatter und heller, als er fortfuhr: »Bin vor der Treppe gestanden
+und habe gegrübelt: was ist das für ein Gesicht? was ist das für eine
+Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu, daß du es nicht
+kennst? Na, da beschloß ich, Avancen zu machen. Es freut Sie nicht, wie?
+Ich bin mir natürlich bewußt, daß meine Person eben das repräsentiert,
+was Sie mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da. Komme
+trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach Waffenstillstand
+aussieht.«
+
+»Was ist es für ein Vorschlag?« fragte Maria unbefangen.
+
+Sein rotes, muskulöses, von Wettern gegerbtes Gesicht zeigte
+Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes Tempo gestimmt
+war, entfachte die langsame Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er
+stieß die Worte hervor, die einen Klang von Brutalität hatten: »Ich
+habe mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begnügt; ich denke, Sie
+werden mich dafür entschädigen.«
+
+»Entschädigen? in welcher Weise? was meinen Sie damit?«
+
+»Ich meine, daß Sie mich da oben besuchen sollen.«
+
+»Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.«
+
+Er verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich meine, daß Sie mir heute nacht die
+Ehre Ihres Besuchs erweisen,« wiederholte er in bösem Ton.
+
+Maria lächelte belustigt.
+
+»Es liegt mir daran,« fuhr er fort und streckte das Kinn vor; »es liegt
+mir viel daran, ich werde Ihnen schon erklären, warum. Ich habe mirs in
+den Kopf gesetzt, und mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den
+Kopf gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht erst.«
+
+Maria lächelte. In dieses Lächeln gehüllt, war sie von oben bis unten
+Dame. »Sie überschätzen mein Interesse an fremden Zwangsideen,« sagte
+sie leicht; »ich will es durchaus nicht versuchen.«
+
+Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze. »Bleibt es bei der
+Antwort?« fragte er mit unerwartetem Ausdruck von Neugier.
+
+Sie nickte. Wanja begann zu weinen. »Geben Sie doch den Balg weg,«
+herrschte er sie an, »er stört mich.« Maria klopfte Wanja den Rücken,
+und er wurde still. Golowin sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig
+unter Wanjas Kissen.
+
+Nach einer Pause fing er an: »Gut, stellen wir uns auf den Boden der
+gesellschaftlichen Form. Was haben Sie zu fürchten?«
+
+»Nur meine Meinung von mir selbst.«
+
+»Sonst nichts?«
+
+»Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben, deren ich mich
+später vielleicht zu schämen hätte. Wie sie auch verläuft, ich müßte sie
+vor einem rechtfertigen, der Rechenschaft von mir verlangen darf.«
+
+»Unsinn,« murrte Golowin; »das klingt ja so als wollte ich die
+Geschichte von #boule de suif# mit Ihnen aufführen. Knallerbsen werf ich
+nicht. Bin nicht lustig genug dazu.« Er bemerkte ihr aufblitzendes
+Erstaunen über das literarische Zitat, ging aber mit einer Grimasse
+darüber hinweg. »Ihre Bedenken sind schwächlich,« sagte er; »außerdem
+nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der Ihnen Schlupflöcher
+nach allen Seiten läßt. Ich verhandle mit Ihnen über Ihr Schicksal und
+das Ihrer Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zurück, so ist
+es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren Sie nur, was ein
+vernünftig erwägender Mensch riskieren muß.«
+
+»Weshalb denn eine nächtliche Verhandlung in der Dachkammer?« fragte
+Maria kopfschüttelnd. »Nennen Sie Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen
+sagen, ob sie annehmbar sind.«
+
+Er lachte. »Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem Plan,«
+erwiderte er spöttisch. »Da hätte ich mich ja ebensogut mit dem eifrigen
+Israeliten aufs Feilschen einlassen können. Aber das liegt nicht im
+Plan. Der Preis, von dem hier die Rede ist, kann nicht mit Münze bezahlt
+werden. Chance ist Chance, Madame. Es wäre ja geschmacklos, wollte ich
+vor Ihnen den Attila mimen; aber ich bin nun einmal der Diktator der
+Stadt, und alle die Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem
+Behälter. So stehen die Dinge. Andrerseits weiß ich, daß eine solche
+Affäre wie die zwischen uns beiden zart anzufassen ist, und wenn Sie die
+Pression, die ich auf Sie ausübe, unanständig finden, bin ich bereit,
+ein Versprechen zu leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um
+Breite eines Haares näherzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit für
+wünschbar halten. An dieses Wort will ich mich binden, dürfen Sie mich
+binden. Weigern Sie sich noch immer, so haben Sie die Folgen selbst zu
+tragen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. »Ich warte,
+Maria Jakowlewna,« sagte er; »von jetzt an in einer Stunde werde ich auf
+Sie warten. Zögern Sie nicht zu lange; die Nacht ist kurz.«
+
+Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die Klinke in der Hand
+hielt, wandte er noch einmal das Gesicht zurück und sagte, wieder mit
+gestrecktem Kinn: »Ich bin ein waghalsiger Spieler, aber auch ein
+ehrlicher. Meine Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf
+ziemlich schwachen Füßen. Es ist möglich, daß ich morgen in aller Frühe
+mit meinen Leuten werde abziehen müssen. Deutsche Truppen sind gemeldet.
+Vielleicht haben wir dann gar nicht mehr die Zeit, euch den Prozeß zu
+machen, und Sie kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal nach,
+was für ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt so unvorsichtig
+aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es lohnt sich.«
+
+Er verschwand.
+
+Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein. Alle legten sich
+gleich hin und verzehrten nur ein paar Bissen zum Nachtessen, halb
+schlafend schon. Jefim hatte eine Liegestätte unter der Treppe gefunden.
+Auch Maria warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte.
+Menasse bat noch um eine Unterredung. Er ließ sich nicht abweisen. Er
+wollte erfahren, was sie mit Golowin gesprochen habe. Auch die andern
+draußen seien aufs äußerste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen
+gefallen, als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen.
+Maria fühlte sich erschöpft; sie vertröstete ihn auf den nächsten
+Morgen. Er sagte, nur sie könne das Unheil abwenden; Graf Duchorski
+lasse ihr seine unbegrenzte Verehrung wissen; die Herren samt und
+sonders erwarteten geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia drängte den
+Schwatzhaften endlich über die Schwelle.
+
+Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug, geschah es wie
+auf Befehl. Ihre Gedanken waren im Nu gesammelt und klar. Der Raum war
+voll Mondlicht. Sie sah auf die Uhr; es war halb zwölf, sie hatte also
+drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete ihr Haar,
+brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche ein Spitzentuch und
+nahm es um die Schultern, dann verließ sie auf Zehen das Zimmer. Sie
+stieg die enge Holztreppe empor; der Treppe gegenüber war eine Tür.
+Während sie überlegte, öffnete sich die Tür, und Golowin stand vor ihr.
+
+Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein Licht drinnen war,
+verharrte sie betroffen. Doch lag die Kammer auf der Mondseite, und der
+Mond erzeugte solche Helligkeit, daß jede Bodenritze und jedes
+Spinngewebe erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel
+breiter als die Fensteröffnung, nicht viel länger als die eiserne
+Bettstelle. Außer dieser war nur noch ein Tisch und ein Stuhl vorhanden.
+Die Wandbretter hatten zum Teil ihre Befestigung verloren und hingen
+schief und morsch. In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah über
+niedrige, mondglänzende Dächer bis zum Hafen hinaus, dessen Fläche
+ebenfalls im Mond schimmerte.
+
+»Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anzünden, obwohl nur
+noch ein Stümpchen da ist,« sagte Golowin; »ich meinerseits ziehe die
+natürliche Beleuchtung vor. Die ganze Zeit, während ich hier geduldig
+auf Sie gewartet habe, hat es mich beschäftigt, mir Ihr Gesicht im
+Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung, nicht wahr? Ich bin
+sicher ein heimlicher Romantiker; außen ein wenig ruppig, aber innen
+Romantiker, ganz sicher.« Er lachte.
+
+Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne. Er sagte:
+»Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist höchstens für mich zum Balanzieren
+praktikabel. Ich muß Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten; #I know, that's
+a funny misfortune,# aber alles ist nun einmal aufs Heikle zugespitzt,
+wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung nicht aufhalten. Bitte
+nehmen Sie Platz.«
+
+Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, spürte daß sie errötete,
+fröstelte unter einem kühlen Luftzug vom Fenster her, zog das
+Spitzentuch fester, schaute Golowin schweigend an. Ihre großen dunklen
+Augen, denen die Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh,
+glänzten feucht. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie in ihrer mutigen
+und offenen Art; »ich werde das Gefühl nicht los, als ob Sie in einer
+Verkleidung steckten. Sind Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind
+Sie?«
+
+Er hatte sich nachlässig auf die Tischkante gesetzt und die Arme
+verschränkt. »Also #curriculum vitae#?« antwortete er lachend.
+»Verkleidung? Nein. Ein bißchen buntscheckig, ja. Oder zwiebelähnlich,
+mit vielen Schalen.« Er räusperte sich und heftete den Blick ins Freie.
+»Ich sehe ein, daß es unartig wäre, Ihre Wißbegier nicht zu
+befriedigen,« begann er; »ich will knapp sein wie ein Lexikon. Geboren
+in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem Einschlag im Blut; Mutter:
+Engländerin, Pastorentochter. Alter: sechsunddreißig. Erzogen in der
+Kadettenschule. Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. Müßig
+herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der Eltern völlig
+mittellos. Eines Tages die Kräfte zusammengerafft; Elektrotechnik
+studiert; gehungert; nach Schweden gegangen, nach Norwegen. Mich
+anheuern lassen auf einem Walfischfänger; zwei Winter im grönländischen
+Eis verbracht. Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden. Nach Island
+gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizitätswerk gebaut. Geheiratet;
+Tochter eines Rheeders; mit ihr nach London gereist; höllisch betrogen
+worden von ihr; kurzen Prozeß gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf, bei
+Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer Dampfwäscherei gearbeitet;
+auf einem Kohlendock in Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei
+der #Illinois railway company#; als Zeichner und Ingenieur in San
+Franzisko. Große Affäre: die beiden Töchter eines Holzmagnaten verführt;
+von gedungenen Strolchen beinah erschlagen worden; sechs Monate Spital.
+Nach Paris gegangen; Reporter für Newyork-Herald geworden; im Jahre 12
+nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen beigetreten; im
+Jahre 14 Einberufung zur Marine; Vertrauensmann der Besatzung geworden;
+den Umsturz mitherbeigeführt, und nun,« er verbeugte sich bizarr, »der
+Auszeichnung gewürdigt, meinem verehrten Gast diesen Steckbrief
+überliefern zu dürfen.«
+
+»Viel in wenig Worten,« sagte Maria lächelnd.
+
+»Braucht es mehr? Die Ereignisse geben ja doch nicht den Inhalt. Fast
+jedes Leben, meines auch, ist eine unordentlich gepackte Kiste, und wenn
+man sie ausräumt, haben die meisten Dinge längst nicht mehr den Wert,
+den sie beim Einpacken hatten. Ich bin kein Freund von Ausräumen. Lieber
+noch ein paar Nägel in den Deckel.«
+
+»Sie laufen sich selber voraus, Sie laufen mit sich selber um die
+Wette,« bemerkte Maria.
+
+»Ja, das sagen Sie so, ob Sie aber das richtige Bild davon haben, möchte
+ich bezweifeln,« antwortete er. »Eigentlich war kein Tag der Rast. So
+eine Stunde wie die jetzige, wo man spricht und sich zurückbesinnt, hat
+es eigentlich nie gegeben, denken Sie. Man war wie auf einem Schiff, das
+mit vollen Segeln vorm Sturm rennt. Bö auf Bö; da ein Leck, dort ein
+Leck; alle Mann an die Pumpen; zuletzt immer ein verzweifelter Sprung
+von der Takelage ins Rettungsboot. In so einem nüchternen Taumel; in so
+einer betrunkenen Entschlossenheit; mit dem Zittern bis in die Rippen;
+und niedergetrampelt wurde jeder, der im Weg stand. Ja, so war es.«
+
+»Immerhin haben Sie ein Stück der Welt mit Appetit verspeist,« sagte
+Maria und zeigte ihre herrlichen Zähne.
+
+»Das ist wahr,« erwiderte er und nickte. »Sie ist mir nichts schuldig
+geblieben, die Welt, ich ihr auch nichts. Ich habe sie kennen gelernt
+von unten bis oben, die brüchigen Fundamente, die verfaulten
+Schanzwerke, die verrostete Maschinerie, die rissige Verschalung, die
+schadhaften Ankertaue, wie gesagt: vom Kiel bis in die Raaen. Und was
+die Bemannung betrifft: kranke Gehirne, ein tollwütiges Fieberwesen,
+eine bestialische Raserei der Untiefe zu. Es war ein Riesenspaß, Maria
+Jakowlewna, eine Labung fürs Gemüt. Es gab Zeiten, wo ich
+quietschvergnügt gewissermaßen neben dem hochgespannten Dampfkessel
+hockte und mir an den Fingern ausrechnen konnte, wie lang es noch dauern
+würde, bis der ganze pomphafte Plunder mit ungeheuerm Krach in die Luft
+flog. Eigentlich waren das die schönsten Momente. Ich habe etwas von
+einem Propheten in mir, oder wenigstens von einem Diagnostiker. Das kam
+mir auch beim Dienst auf dem Kriegsschiff zustatten. Einen schöneren
+Explosionsherd konnte man sich im verwegensten Traum nicht ausmalen; ein
+Faß Dynamit mit der Lunte am Spund ist ein Spielzeug dagegen. Lehrreich,
+zu beobachten, wie unwiderstehlich es die Mäuse zum Speck in der Falle
+zieht. Ich hielt mich kunstvoll am Rande, immer zwischen Beförderung und
+Disziplinarverfahren; sie konnten mir nicht beikommen, auch nicht mit
+dem Köder der Rangerhöhung; warum hätte ich den schnappen sollen? Ich
+fühlte mich auf der Pulvertonne am richtigen Platz. Ich vermochte meinen
+Leuten den Tag vorauszusagen, an dem die Mine springen würde; und an
+genau dem Tag haben wir den Kapitän, die Offiziere, die Maats und was
+immer Epauletten und Sterne trug in die Feuerungslöcher befördert; eine
+zu schnell funktionierende Hölle, leider, wenn man bedenkt, was für eine
+lange Hölle sie andern bereitet hatten.«
+
+Er sprach völlig ruhig, beinahe heiter, in einem flüssigen Plauderton,
+wie von einer Sportleistung, auch mit der dazu gehörigen halbironischen
+Prahlerei. Er zündete eine Zigarette an, und beim Aufflammen des
+Streichholzes erschien Maria sein Gesicht kindlich harmlos. Mit ruhenden
+Händen im Schoß saß sie da und fand keine Worte.
+
+»Famos, wie ihre Hände sich im Mondlicht ausnehmen,« sagte Golowin; »wie
+weißer Bernstein.«
+
+Sie fuhr zusammen. »Sie haben meine Gegenwart gewünscht, um mit mir zu
+verhandeln,« sagte sie mit verzogener Stirn; »das war die Abmachung. Ich
+habe mich Ihrer Laune gefügt, weil ich schließlich von Ihrer Laune
+abhänge, und nicht nur ich allein. Kommen wir also zur Sache.«
+
+»Es wundert mich, daß Sie damit solche Eile haben,« antwortete er mit
+einem kichernden Ton. »Seien Sie doch froh, wenn ich meine Zunge
+spazieren führe. Am Zweck, den ich verfolge, sollte Ihnen wenig gelegen
+sein. Oder sind Sie so naiv, daß Sie glauben, es gehe um die Schale und
+nicht um die Nuß? Sind Sie wirklich da heraufgekommen in der Meinung,
+wir würden eine unverfängliche diplomatische Schachpartie spielen?«
+
+Maria, beunruhigt, stand auf. »Ich dachte, um Knallerbsen zu werfen,
+seien Sie nicht lustig genug.«
+
+»Es muß ja nicht #boule de suif# sein,« entgegnete er zynisch, »es kann
+ja, beispielsweise, auch Maß für Maß sein. Das ist dann schon minder
+lustig. Es hängt meistens von der Frau ab, ob es lustig ist oder nicht.«
+
+Maria sagte verletzt, und ihre dunkelsonore Stimme bebte: »Es besteht
+keine Gemeinschaft zwischen uns. Sie sind ein Liebhaber von Späßen, ich
+bin zu spaßen nicht aufgelegt. Sie tanzen um einen Weltbrand einen
+Freudentanz; so suchen Sie sich wenigstens nicht einen Partner aus,
+dessen Lebensglück in den Trümmern liegt. Was ist Ihre Absicht?«
+
+Er näherte sich rasch, die flachen Hände aufgehoben. »Vor allem: nehmen
+Sie wieder Platz. Nicht diese Miene! Zucken Sie nicht zurück, ich rühre
+Sie nicht an. Bei Gott, ich rühre Sie nicht an. Ist Ihnen kalt? Wollen
+Sie meinen Mantel haben? Nein, nein, bleiben Sie sitzen, ich lasse ihn
+am Nagel; kann mir denken, daß Ihnen vor solchem Mantel widert. Das
+bißchen Zimperlichkeit halt ich zugut. Und nun merken Sie auf.«
+
+Er zog den dreibeinigen Stuhl heran, flink und plump in den Bewegungen,
+und setzte sich auf den äußersten Rand, um des Gleichgewichts sicher zu
+sein. Er legte die Hände um seine Knie, beugte sich vor, streckte das
+Kinn. Alles hatte eine gewisse Anmut, eine plumpe Geschmeidigkeit,
+kraftvolle Zierlichkeit. »Seit zweieinhalb Jahren habe ich nicht in das
+Gesicht einer Frau gesehen,« begann er und lächelte knabenhaft; »habe
+ich nicht die Luft geatmet, die um eine Frau ist, nicht die Bezauberung
+verspürt, die davon ausgeht, wie eine Frau die Hände regt, die Lider
+hebt und senkt, die Lippen öffnet und schließt. Ich habe Kohlenrauch
+gerochen, Kohlenstaub in die Lungen gepumpt und mit Salzluft mühsam
+wieder ausgespült, die gräuliche Atmosphäre in Schlafsälen, den heißen
+Ölgestank im Maschinenraum geschmeckt; ich habe Zähne fletschen gesehen,
+Flüche murmeln gehört, allen Unrat der Menschennatur sich über mich
+ausgießen lassen, die eingequetschte, wimmernde, wütende, brüllende Qual
+eines riesigen Kerkers mitgelebt, und ich bin hungrig. Nicht in der
+Weise hungrig, wie Sie zu fürchten scheinen. Man hat seine Erziehung,
+man hat seine Erfahrung, man ist kein Geier. Nicht hungrig wie einer,
+der aus Mangel an Nahrung krepiert, an Nahrung überhaupt. Wenns weiter
+nichts wäre! Der Tisch für die andern ist reichlich gedeckt. Ich bin
+hungrig wie ein Mann, den eine Fiebererscheinung in Trance versetzt hat.
+Wir hatten mal in Boston eine spiritistische Sitzung. Es kam, im blauen
+Licht, ein weibliches Gespenst herein. Sah ungefähr aus wie Sie, Maria
+Jakowlewna; wunderbar sehen Sie aus, wie Sie da sitzen und mir zuhören.
+Na, ich ging entschlossen auf das Gespenst los, ohne mich um die
+hysterischen Entsetzenskrämpfe der verzückten Gesellschaft zu kümmern,
+griff mit Armen darnach, und siehe da, es war ein warmer, weicher
+Menschenleib. Ich entsinne mich, es war ein unvergeßliches Wohlsein in
+mir, als ich den warmen, weichen Weiberleib hatte. Der Gespensterunfug
+nahm gar nichts weg von dem Wohlsein, im Gegenteil, es war so diabolisch
+verboten, daß es mir göttlich behagte. Man muß nur mit Armen zugreifen,
+wenn es um einen gespenstert. Und es gespenstert schon lange um mich.«
+
+Er lächelte abermals; strich mit der Hand über die dünnen,
+schlichtliegenden Haare; sah alt aus, verbraucht, zerwühlt, plötzlich
+wieder straff, elastisch, jugendlich und fuhr nach einigem Besinnen
+fort: »Sprechen wir ein wenig von der Fieber-Erscheinung und davon, wie
+sie entstanden ist. Denken Sie sich also hunderte von Männern,
+primitiven Männern, denken Sie sie monatelang an einem und demselben
+Ort; hunderte, doch in ihrer Gesamtheit absolut einsam auf dem Ozean;
+durch die militärische Knute in Atem gehalten, durch harten Dienst
+niedergezwungen; in ihren Trieben und Instinkten vollständig geknebelt.
+Überlegen Sie sich einen Augenblick, was daraus erwächst. Ich bin ein
+Mensch, der das Grauen nicht kennt und auch den Ekel nicht. Ich nehme
+alles von der einfachsten Seite; es ist da, also hat es da zu sein. Aber
+wenn man so buchstäblich in den Miasmen watet, die aus den Seelen
+dunsten, das reißt an den Nerven. Es gibt bei Männern einen Zustand der
+Entbehrung, der stillen, stumpfen, folternden Begierde, der macht alles
+zu Gift und Brand in ihnen. Gefehlt, wollte man meinen, daß die
+aufreibende Arbeit, die körperliche Erschöpfung dem entgegenwirkt; die
+vergiften und verbrennen nur noch mehr, bis das ganze Individuum ein
+von tobsüchtigen Bordellbildern geschütteltes Ding ist mit zwei
+Existenzen, jede tierisch genug: die wirkliche, graue, trostlose und die
+in der Bruthitze der Erinnerungen und der Wünsche. Ich habe nie an die
+friedlichen Robinsons geglaubt; ist so ein Bursche gesund und ein
+ehrliches Mannsbild mit seinem Geschlecht im Leibe, so muß er ja
+komplett verrückt werden. Oder es stirbt ein Stück Leben in ihm ab. Ich
+trete zum Beispiel in einen Schlafraum und sehe mir die Schläfer einzeln
+an. Da ist einer, liegt in Schweiß gebadet, mit dicht aneinander
+gerückten Falten auf der Stirn. Jede von den Falten ist eine mit
+Ausschweifungen gefüllte Grube. Er hält sich schadlos, der Kerl; er
+dichtet; er lebt sich aus in seinem lasterhaften Schlaf; kein Hirn eines
+abgefeimten Erotikers ist je auf solche Möglichkeiten verfallen. Ein
+anderer windet sich wie in Krämpfen der Pubertät; er ist leichenblaß und
+trinkt seine eigenen Lippen. Ein anderer sieht aus, als klettre er an
+einer Felswand hinauf, angespannt wie ein Seil, lüstern wie ein Affe.
+Sie keuchen, schlagen mit gekrallten Fingern um sich, grinsen gierig,
+flüstern einen Namen, umklammern etwas in der Luft, sind vollständig
+aufgerissen, in einem Chaos glühender Visionen. Noch ein Beispiel. Ich
+sitze unter ihnen; dienstfreier Abend; man redet; sie werfen sich ihre
+Schlagworte zu; Anspielung auf Anspielung; grobes Geschütz, daß einem
+die Ohren sausen; eh mans recht weiß, ist der Siedepunkt erreicht: die
+Augen kochen, die Zungen wirbeln, das kaum Ausdenkbare wird gesagt,
+geschrieen, schamlos hingemalt, sie wälzen sich in einer heißen Pfütze,
+übersteigern sich, neiden einander das frechste Bild, den unflätigsten
+Ausdruck, und man sieht dabei, wie es sie über alle Begriffe martert.
+Und man beobachtet zwei, die sich einander mit verdeckten Blicken
+messen, Mann gegen Mann als wärs Mann gegen Weib; stumm und irr faseln
+sie vom Fleisch und von Lust; sie verstehen sich vortrefflich, die zwei
+in ihrer Entzündung, und sie sind nicht die einzigen. Jag ich Ihnen
+Schauder ein? Das ist nicht der Zweck. Ich tünche bloß den schwarzen
+Untergrund für mein Lichtgewebe. Hat man sich vollgesogen mit dem
+Irdischen der untersten Abgründe, so werden die Himmelsgestalten so weiß
+und so zart wie nur Lilien in Pestsümpfen. Man muß aber zu den Seraphim
+entschlossen sein. Es muß einem gelingen, die Poren gegen die Ansteckung
+zu verstopfen. Zu früh nachgeben, das heiß ich ein Kalb im Mutterleib
+schlachten. Ein Mönch ist unter Umständen ein geriebener Genüßling, wenn
+er zum Feinschmecker von Illusionen wird. Vielleicht war der heilige
+Antonius der größte Liebeskünstler der Welt. Ein brennenderes
+Aphrodisiakum kann ich mir nicht vorstellen als die Qualen von
+freiwillig Enthaltsamen. Das geht über ein Fest auf dem Blocksberg. Aber
+ich bin kein Voyeur, durchaus nicht. Ich bin nur für kluge Steigerung,
+überhaupt für Steigerung. Dort in dem Satanskessel, auf dem Schiff, hab
+ich mein Verlangen gezüchtet; habe es sorgsam gepflegt, wie man ein Tier
+mästet, das eine delikate Mahlzeit zu werden verspricht. Und wonach hat
+mich eigentlich verlangt? Schwer zu sagen. Nach einer bestimmten Glätte
+der Haut; nach einer bestimmten Rundung der Fessel; einer bestimmten
+Modellierung des Handgelenks; einer bestimmten Transparenz der Äderung
+an den Schläfen; einem bestimmten Gang und Schritt und Blick. Ist das
+etwas? Umschreibt das etwas? Es ist eine Angelegenheit des Geruchs, des
+Spürsinns, der Epidermis, der Nerven-Elektrizität. Deutlicher: ich will
+eine Ebenbürtige haben, eine sinnlich Ebenbürtige. Kurz und gut, Maria
+Jakowlewna, Sie sind es, die ich haben will.«
+
+Marias Auge fiel auf einen Skorpion, der, von Fingerslänge, an einem
+Brett ihr gegenüber unbeweglich hing, zierlich in der Gliederung, zart
+umgrenzt, ohne Schatten, wie eine japanische Zeichnung. Indem sie das
+Tier anschaute, ward ihr leichter zumut; in einem losgelösten Teil ihrer
+Seele freute sie sich am Zarten und Zierlichen und vergaß das Giftige
+und Gefährliche; dieses wußte sie ja nur, sie hatte es nie erfahren. Sie
+heftete den Blick in Golowins Gesicht und sagte in zutraulichem Ton:
+»Ist es nicht sonderbar? seit Sie das Wort ausgesprochen haben, bin ich
+vollkommen ruhig. Es ist nun nichts Unbekanntes mehr zwischen uns. Ich
+habe sogar ein Gefühl von Sympathie für Sie. Das eine Wort, dieses
+vernunftlose, rohe, gewalttätige Wort hat es bewirkt. Plötzlich bin ich
+die unvergleichlich Stärkere von uns beiden.«
+
+»Verstehe nicht,« murmelte Golowin ziemlich außer Fassung.
+
+»Sie sagen, Sie wollen mich haben,« fuhr Maria in demselben zutraulichen
+Ton fort; »ich antworte Ihnen: schön, hier bin ich; bitte.«
+
+Golowin starrte sie sprachlos an.
+
+Sie sagte heiter: »Kann man denn einen Menschen so ohne weiters haben?
+so nach Gelüst und Gelegenheit? wie man einen Apfel vom Baum holt, auch
+aus einem fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach, weil man
+Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist sie sonst nichts als der
+Bissen? als die Beute? als das Vergnügen einer Stunde? Wenn Sie dieser
+Ansicht sind, - bitte.«
+
+Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mit abgewendetem Gesicht
+dort stehen. Der Mond beleuchtete nur noch ein kleines Stück der Wand.
+
+»Meinen Sie im Ernst, Sie hätten mich dann gewonnen?« fuhr Maria fort.
+»Vielleicht hätten Sie mich zerstört, sicher beschimpft, unerhört
+erniedrigt, aber gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren
+Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Krüdener, und nicht vielmehr
+eine seelenlose Hülse von mir? Ob man lebendige Menschen in Feuerlöcher
+wirft oder sie zu Opfern einer Zufallsbegegnung macht, läuft auf
+dasselbe hinaus. Haben, was für ein gemeines Wort! was heißt denn haben,
+wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen ist, halb
+Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.«
+
+Golowin schwieg noch immer.
+
+»Die Rechnung ist für mich nicht sehr kompliziert,« sagte Maria; »ich
+soll das Zahlungsmittel abgeben für die Freiheit, wahrscheinlich auch
+für das Leben von etlichen fünfzig Menschen, darunter meine Kinder und
+ich selbst. Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir
+offenbar nichts anders übrig, als in den elenden Kaufvertrag zu
+willigen. Schön. Es ist nichts Besonderes, nichts Erschütterndes im
+Vergleich mit den großen Ereignissen. Es ist ein Schicksal, mit dem man
+sich abzufinden hat. Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt.
+Aber soll sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der Sie
+gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir leid. Es ist eine
+uralte und furchtbar gewöhnliche Weltordnung, das.«
+
+Ohne sich vom Fenster zu rühren, antwortete Golowin mit dumpfer Stimme:
+»Sie mißverstehen mich mit Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie müssen
+als Weib unrüttelbar fixiert sein, daß Sie Selbstverständlichkeiten mit
+einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten. Ich habe meine Augen
+im Kopf und meine Witterung in der Nase. Kann sein, daß die Bussole da
+drin ein bißchen an Richtung verloren hat; die Nadel schießt verzweifelt
+nach links und rechts, als stünde sie überm magnetischen Pol. Daß Sie um
+und um und bis in die letzte Faser fixiert sind, habe ich trotzdem
+gespürt, und das war ja der Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir
+entgegensteht. Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir. Dieses
+Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm stellen. Aber ich rieche
+ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.«
+
+Durch Marias Körper lief ein Schrecken wie nie zuvor.
+
+Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: »Sie reden von ihm mit
+jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen wie er es gutheißt und befiehlt.
+Aber Sie würden jetzt nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon
+gelungen wäre, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft, aber
+mich können Sie nicht wegdrängen, und er kann Ihnen bald nicht mehr
+helfen, seine Arme werden lahm.«
+
+»Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch,« sagte Maria.
+
+»Haben Sie mich für einen bübischen Schänder genommen, für einen
+Dutzendhallunken? Ich kenne die Wege, die zu den verborgenen Flammen
+führen. Wer sagt Ihnen, daß ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten
+verzichten will? auf die Entzückungen der Allmählichkeit? auf die
+Überraschungen und kleinen süßen bittern Süßigkeiten, die einen Leib mit
+einem Leib befreunden? Aber vielleicht bin ich imstande, vielleicht maß
+ich mir an, die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden zu
+pressen, die von der Faulheit und dem Mangel an Schwung in so öde Länge
+gezogen wird, daß die Ermattung und die Erfüllung nicht mehr Ähnlichkeit
+miteinander haben wie ein Schiff, das vom Stapel läuft mit einem Wrack
+auf einer Sandbank.«
+
+»Es ist möglich, daß Sie dazu imstande sind,« sagte Maria, »aber Sie
+können nicht einen Stoff in einen andern Stoff verwandeln, Sie können
+nicht das Gesetz eines Lebens umstoßen.«
+
+Golowin lachte spöttisch. »Käme auf den Versuch an. Es ist eine Frage
+der Magie.«
+
+Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo er stand.
+
+»Sie sprechen von Zufallsbegegnung,« fuhr er fort. »Ich meinerseits
+glaube nicht an solchen Zufall. Sind Sie so fest davon überzeugt, daß
+Sie bloß eine Verkettung unbestimmbarer Umstände in diese Stadt, in
+dieses Haus gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein
+Beschluß? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir hätten auch
+zufällig auf eine entlegene Insel verschlagen werden können, um wieder
+von Robinsonaden zu reden. Wieviel Tage hätten Sie sich Frist gegeben
+bis zur Hochzeit? Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang hätte,
+einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann gegenüber, Ihr Blut
+geschwiegen, falls ich sogar aus Schlauheit oder Berechnung unterlassen
+hätte, es zu schüren? Würden Sie einen Triumph darin erblicken, eines
+Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige zu bleiben? Treue;
+was ist Treue? Eine Übereinkunft, durch die man Entbehrungen
+legitimiert, die Machtprobe eines Besitzenden, das Gitter gegen den
+Einbruch der Ausgestoßenen, ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte
+Hand.«
+
+»Ich weiß mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen,« antwortete
+Maria; »es hängt doch alles davon ab, ob der Funke, den man schlägt,
+Feuer gibt oder nicht.«
+
+»Gewiß,« pflichtete Golowin bei und näherte sich wieder; er trat in den
+dunkelgewordenen Teil des Raums und lehnte sich an die Bretterwand;
+»gewiß. Wir in unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt.
+Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, drüben in Übersee. Das sind
+Leute, die sich auf die Methoden verstehen. Es ist eine ererbte Kunst,
+von Jahrtausenden her. Sie lächeln über unsere Finten und Schliche, sie
+machen sich lustig über unsere Vierschrötigkeit und Dickhäutigkeit, sie
+zucken die Achseln über das, was wir unglückliche Liebe nennen. So wie
+man dort im Osten ein ausgebildetes System hat, das den Schwächsten
+befähigt, einen Athleten zu bändigen und auf die Knie zu bringen,
+verleiht eine langwirkende Überlieferung dem mit Erkenntnis Begabten die
+Macht, auch in das widerspenstigste Material körperliche Liebe zu
+pflanzen. Körperliche Liebe, also Liebe überhaupt, wenn man absieht von
+der europäischen Unzucht, die Dinge der Natur ins Blümerante und
+Schöngeistige zu verdrehn. Erinnern Sie sich an die berühmte
+Skandalgeschichte von der Entführung der Miß Holywood in Neuyork? Sie
+war eine Schönheit ersten Ranges, umworben von der männlichen Blüte des
+Landes, unnahbar, von makellosem Ruf. Eines Tages war sie verschwunden;
+spurlos, rätselhaft. Man setzt für ihre Auffindung Prämien von
+schwindelnder Höhe aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am
+Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt in einem der
+schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt. Man verhaftet eine Anzahl
+Chinesen, der eigentlich Schuldige ist entwischt. Die junge Dame bringt
+man in das Haus ihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie
+steht nicht Rede; sie kann sich dem früheren Leben nicht mehr bequemen,
+sie leidet unter Ausbrüchen von Wut und krankhafter Depression, die
+Ärzte vermögen nichts über sie, die früheren Freunde nichts, und während
+man alle Hebel zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine
+Verbindung mit dem Entführer herzustellen; plötzlich ist sie zum zweiten
+Mal verschwunden, und wie sie in einem hinterlassenen Brief mitteilt,
+ist es ihr freiwilliger Entschluß gewesen, zu dem Chinesen
+zurückzukehren. Die amerikanische Gesellschaft war natürlich außer sich,
+denn was gibt es in ihren Augen Verächtlicheres als einen Chinaman? Mich
+beschäftigte die Sache ungemein. Da ich keinerlei Kasten- und
+Rassendünkel kenne, scheute ich mich nicht, meine chinesischen
+Beziehungen dahin auszunützen, daß ich über den mysteriösen Fall, der
+durchaus kein vereinzelter war, wie ich später erfuhr, verschiedene
+Aufschlüsse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen sind sehr
+zurückhaltend, außerdem behaupten sie, es gäbe auf diesem Gebiet
+zwischen ihren und unsern Anschauungen keine Verständigung. Es fehlen
+die Vokabeln schon, behaupten sie. Aber das Glück wollte, daß ich auf
+einen prachtvollen Lehrmeister stieß, einen Burschen so fein wie
+Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. Hören Sie auch zu? Ich
+sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie werden nichts wissen wollen von
+dieser Weisheit und Feinheit, die in ein Labyrinth führt. Und was
+fruchtet sie mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth sträuben? Es
+weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander Ding als unsre
+Miniaturleidenschaften und gestatteten Gefühle. Bei dieser Mischung von
+Gelehrsamkeit und narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, daß der
+Mensch von der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden muß. Wer
+von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der größte Verbrecher nicht.
+Dostojewski; aber die Angst bleibt auch bei ihm. Mein Chinese
+entwickelte unter anderm eine ganze Philosophie der sinnlichen
+Beeinflussungen und Übertragungen. Die Herrschaft über das lebendige
+Instrument ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell,
+aber unsere Frauen verlieren schon im ersten Stadium die
+Widerstandskraft. Je höher gezüchtet eine ist, je wehrloser ergibt sie
+sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis einer solchen Frau gelesen;
+die erstaunlichste Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und
+kühn. Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors in
+Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen war. Sie
+sprach von dem Glück des Grauens, von der Wonne der Verlöschung, und daß
+sie keine Gewissensbisse darüber empfinde, die Seele, diesen lügenhaften
+Frieden der Seele, hingegeben zu haben, für die Flammen, die sie
+umprasselten und dem Augenblick des Todes den der Auferstehung des
+Fleisches folgen ließen. Das klingt wie Wahnwitz und ist in der Tat
+vielleicht eine Form der Hysterie. Überdies soll sie vor ein paar Jahren
+in einer Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener rechter
+Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber reizte mich, es mit der
+Praxis zu versuchen, und die Erfolge waren nicht übel; die Schule
+bewährte sich. Freilich fehlte das letzte Geheimnis; was hätte ich
+gegeben um das letzte Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu
+seicht; der europäische Mensch ist nicht eng genug; etwas Ähnliches sagt
+schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte die Probe bei vielen
+an. Die Wildesten wurden zahm; wie Würmer so zahm wurden sie. So
+eigentümlich entseelt waren sie nach kurzer Zeit, als hätte man aus
+ihrem Gehirn gewisse Bewußtseinskomplexe mit dem Messer entfernt. Man
+wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein, man umschlingt sie
+unbemerkt, die wunderbaren Körperchen, bemächtigt sich ihrer, indem man
+den Sklaven macht, den unhörbaren Schatten, das unentbehrliche andre
+Ich, das verachtete und verstoßene Teil, die böse lockende Chimäre. Und
+so zieht man das Menschlein an sich, bis es nicht mehr entschlüpfen
+kann. Es gibt da Zärtlichkeiten wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die
+Spitze jedes Fingers, jede Stelle der Haut, die Höhle unter der Achsel,
+das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Zärtlichkeit dressiert,
+und dankt. Jedes Glied an dem geliebten Leib dankt. Jedes ist
+hingeschmolzen in seine besondere Lust, jedes erwacht für sich als wie
+ein jauchzendes williges Tierchen, ein Flammentierchen und was man in
+Armen hält, ist ein Wesen ohne Scham und Lüge, ohne Geist und ohne
+Angst, unergründlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna,« seine Stimme,
+die zuletzt ein Flüstern geworden war, erhob sich und klang durch den
+Kontrast wie ein Schreien, »wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz
+packe, gehört es mir, so oder so. Lassen wir die Erzählungen, die
+Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor hunderttausend Jahren war. Ja,
+ich reiße Ihre Brust auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr,
+keine Gestalt, kein Gelöbnis, kein Bild, innen ist nur Liebe. Ich will
+drin verbrennen und verdorren, wenn es sein muß, aber geben Sie mir
+Liebe.«
+
+Der Mond war untergegangen. Es war völlig finster geworden. Maria erhob
+sich, tastete sich zum Tisch und griff nach der Kerze. Sie fand
+Zündhölzer daneben und machte Licht. Besorgt sah sie, daß das Stümpchen
+nicht lange brennen würde. »Liebe,« murmelte sie, »Liebe.«
+
+»Warum töten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen?« fragte Golowin
+zu ihr hinüber.
+
+»Ich verscharre nur den Leichnam, getötet haben Sie es,« antwortete sie
+ernst. »Ein Leben lang.«
+
+»Moral, flaue Moral,« sagte er achselzuckend; »der Hieb ist zu matt, ich
+pariere ihn nicht.«
+
+Maria begann mit jener tiefen Stimme einer Märchenerzählerin, die alles,
+was sie sagte, durch den bloßen Klang versinnlichte: »Auf dem Gut hörte
+ich eine Geschichte von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide
+waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab sich Petruschka auf die
+Wanderschaft und blieb viele Jahre fort. Als er heimkehrte, brachte er
+einen Sack voll Gold mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka
+gierig. Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing an, ein
+stolzes Schloß zu bauen. Nikituschka läßt sich den Weg erklären, macht
+sich auf, kommt aber nach einer Zeit müde zurück. Ich habe mich verirrt,
+sagt er. Da begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen, in
+den der Stollen führt und sagt: in den Stollen mußt du hinunter und
+viele Jahre graben. Es dauert nicht lange, da erscheint Nikituschka
+abermals unverrichteter Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre
+unter der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das ist
+einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben, sagt Petruschka,
+du siehst ja, daß ich mir da ein Schloß baue; wovon soll ich die
+Bauleute entlohnen? Hilf auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem
+Gold.«
+
+Sie schwieg.
+
+»Der Hieb ist nicht stärker geworden,« sagte Golowin lächelnd;
+»Petruschka hätte teilen sollen, als er mit dem Gold zurückkam.«
+
+»Was hätte es Nikituschka genützt?« erwiderte Maria mit Eifer; »er hätte
+seinen Anteil verschwendet und wäre so arm gewesen wie zuvor.«
+
+»Besser zu verschwenden als mühselig zu graben,« beharrte Golowin, noch
+immer lächelnd und sah sie aus den Augenwinkeln an.
+
+»Der Verschwender ist ein Dieb,« sagte Maria; »man muß im Stollen
+gewesen sein; man muß gegraben haben.«
+
+»Man muß, man muß,« spottete Golowin, und der Blick aus den Augenwinkeln
+wurde funkelnd; »hab ich etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?«
+
+»Nicht Gold gefördert, nicht Petruschkas Gold,« wehrte Maria mit
+erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick als seine Worte; »wenn
+Petruschka fragt: was hast du im Stollen gemacht, so werden Sie ihm
+antworten müssen: was dich kränkt, was dein Gemüt vergiftet, was dir
+Leiden bereitet, dir und deinen Brüdern. Petruschka hat gebaut.«
+
+Golowin entgegnete nichts. Er drückte den Hinterkopf an die Bretterwand,
+fuhr fort zu lächeln, fuhr fort, sie aus den Augenwinkeln zu betrachten.
+Eine eigene Unruhe bemächtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende
+und sie allmählich ganz einhüllende seltsame Scham. Ihr wäre am liebsten
+gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu verschwinden. Es ging so
+weit, daß sie sich ärgerte und sich innerlich Vorwürfe machte, die Kerze
+angezündet zu haben. Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den
+Ohren und im Nacken heiß; sie konnte sich diesen Zustand durchaus nicht
+erklären. Plötzlich fragte er, ohne sich zu rühren, in die Luft hinein:
+»Glauben Sie an das Ende?«
+
+»An welches Ende?«
+
+»Nicht bloß an das Ende von Maria Krüdener und Igor Golowin, das ist ja
+gewiß. An das Ende von Rußland und Europa meine ich, an das Ende von
+Eisenbahn und Telegraph, von Zeitungen und Büchern, von Kunst und
+Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an das Ende der
+Menschheit, an das Ende von allem. Glauben Sie daran?«
+
+Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete sie leise: »Ich
+glaube nicht daran. Ich glaube an das ewige Leben.«
+
+»Glauben Sie an die Wiederkehr?« fragte Golowin, und sein Lächeln
+verdämmerte in den Schatten, die der flackernde Kerzenschein in sein
+Gesicht warf.
+
+»Was verstehen Sie unter Wiederkehr?«
+
+»Nichts kehrt wieder,« sprach er, ohne die Frage zu beachten, »und doch
+schreit jeder Atemzug im Menschen nach Wiederkehr. Nichts kann noch
+einmal sein, was gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste
+Verlangen im Menschen, daß es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist das
+Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht überwindet, ist man
+der Narr des Schicksals. Auch für Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie
+wieder, was einmal Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis
+gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.«
+
+Mit geschlossenen Augen schüttelte Maria den Kopf und sagte: »Ich weiß
+es so fest wie daß die Sonne aufgehn wird: er kehrt wieder.«
+
+»Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gefühl; die spricht aus Ihnen.
+Sie haben das Unglück gehabt, eine glückliche Ehe zu finden, sonst wären
+Sie ein Weib gewesen, mit dem man auf die Barrikaden gehen könnte.
+Schade, wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenne erniedrigt
+wird. Alles was edel und flugkräftig an Ihnen war, hat die Ehe in eine
+Kapsel gepreßt, und Sie wagen sich nicht zu rühren aus Angst, das
+Gehäuse zu sprengen. Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen
+angebracht, Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen;
+wozu Sie aber hätten steigen können, wenn man Ihnen die Menschenfreiheit
+nicht geraubt hätte, davor verschließen Sie sich. Frauen wie Sie müßten
+in ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe zerstört sie. Es
+ist als hätte man Sand in ein kostbares Uhrwerk geschüttet. Wenn dann
+der große Feind kommt, ist es zu spät. Der große Feind, der große
+Abrechnungskommissär, der Unbestechliche.«
+
+Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer Innigkeit, der
+Golowin betroffen machte.
+
+»Glauben Sie auch nicht an den großen Feind?« fragte er verdeckten
+Tones.
+
+Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und antwortete nicht.
+
+»Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht?« fuhr er lauernd
+und seltsam spöttisch fort; »sicherlich. Sie haben ja Phantasie. Ist er
+nicht einnehmend? berauschend? verführerisch? Sieht er nicht aus wie ein
+echter Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse? nicht
+eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte und Erforschte und
+Erlebte, eingedrungen aus Wollust? Die Welt ist voll von ihm. Er fegt
+den angesammelten Kehricht weg.«
+
+»Ja, die Welt ist voll von ihm,« sagte Maria; »er schreit Gerechtigkeit
+- und mordet; er schwärmt von Bruderliebe - und mordet; er trieft von
+Mitleid - und mordet; er faselt von Fortschritt und Erneuerung - und
+mordet; er küßt und umarmt - und mordet. Er kennt kein Erbarmen in
+seiner - Liebe.« Sie blickte ihm noch immer in die grün funkelnden
+Augen. Die Kerze verlosch zischend.
+
+Es entstand ein langes Schweigen. Maria fühlte Schwäche in den Knien,
+ging zu der Bettstelle und ließ sich auf die Kante nieder. Daß Golowin
+sich nicht rührte, war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor
+dem Fenster, die erste Ankündigung des Tages. Sie wagte nicht
+hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer geschnürt.
+
+Auf einmal kam seine Stimme: »Sie sind so reich, daß Sie eine Nacht aus
+Ihrem Leben ausstreichen können. Für Sie nicht gelebt, für mich
+hundertfach gelebt. Ich spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es
+kann die nächste sein. Ist es die nächste nicht, so wird es eine andre
+sein. Ich kann warten.«
+
+Maria antwortete zwanghaft, als würde ihr die Rede von einem
+unsichtbaren Dritten diktiert: »Es kann keine sein.«
+
+Er sagte: »Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir können uns
+vergleichen ohne Rücksicht auf die kriegführenden Parteien. Es läge eine
+gewisse Größe darin. Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht,
+das viele andere überflüssig macht.«
+
+»Ich gehöre nicht mir. Kein Haar an mir ist mein Eigentum,« entgegnete
+Maria.
+
+Er sagte: »Sie fühlen sehr genau die Feigheit in diesem Argument.
+Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar ist?«
+
+»Auf die Frage möchte ich lieber nicht antworten.«
+
+»Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht die Gegenwart, ist
+zwischen Ja und Nein kaum mehr zum Besinnen Platz.«
+
+»Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit.« Sie
+bedeckte die Augen mit der Hand.
+
+Er sagte: »Wenn Sie Ihre Lippen auf meine drückten, könnt ich mir
+einbilden, ich sei wieder Knabe und finge von vorn an. Wiederkehr,
+Wiederkehr. Fürchten Sie nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle.
+Ich will ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch können Sie mir nicht
+verwehren zu träumen. Ich träume, daß ich Ihre Hand halte. Daß ich sie
+nur mit meinen Fingerspitzen streife. Sie vergessen, daß Sie Mutter,
+Gattin, Dame, Herrin sind, alle diese verruchten Würden einer überlebten
+Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin eingeschlossen, daran
+geklammert meine, mit Blut, Hirn, Trieb, Seele. Was können Sie dagegen
+tun? Still, wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein, und
+du öffnest dich wie ein Kelch ...«
+
+Maria hörte zu, außen und innen Eis, doch von etwas Lauem durchflutet,
+das betäubte. Er hatte sie nicht angerührt, trotzdem fühlte sie ihre
+Hand wie in einem Schraubstock. Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das
+Blut wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte zu sprechen
+und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt. Mitjas ernste Augen
+blickten sie an. Ihr Körper war ihr fremd, und sie fürchtete ihn. Das
+Bild einer Uhr erschien ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht
+weiterrücken wollten. Sie schaute gegen das Fenster. »Es wird Tag,«
+murmelte sie. Von der Straße schallten eilige Schritte herauf. Gut, daß
+die Menschen erwachen, fuhr es ihr durch den Kopf.
+
+Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhr Golowin fort: »Ja, es
+wird Tag. Schluß des ersten Aktes. Vorhang. Die Länge der Zwischenpause
+ist nicht bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich meiner
+in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht brechen, die ich über Sie
+erlangt habe? Sie werden sich in Pflichten stürzen, Sie werden Aufgaben
+zu lösen trachten, Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das
+Eingestürzte aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde immer ich
+sein, da nützt kein Sträuben und kein Tun.«
+
+Sie konnte jetzt in der Dämmerung sein Gesicht wahrnehmen. Es glich
+einem fleckig grauen Tuch. Sie fand keine Widerrede. Inmitten ihrer
+bedrückten Versunkenheit wunderte sie sich über seine Haltung, die etwas
+Lockeres, beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte plötzlich ein
+langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf wie ein Wachthund. Er
+trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife heraus und erwiderte das Signal.
+Gleich darauf hörte man von der Richtung des Meeres her Geschützdonner.
+
+»Gut,« sagte Golowin, »man schnallt das eiserne Stirnband wieder um.« Er
+nahm den Mantel vom Haken und warf ihn über die Schulter. »Ihre Straße
+ist frei, Maria Jakowlewna,« fügte er mit einer Verbeugung hinzu.
+
+Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr.
+
+»Zwei Worte noch,« sagte er, an der Tür stehen bleibend; »das eine:
+prägen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren Stern darum, daß unsere
+Wege sich nie mehr kreuzen.«
+
+»Nein; unsere Wege dürfen sich nie mehr kreuzen,« erwiderte sie.
+
+»Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das Sie den Frieden
+Ihrer Seele wieder gewinnen können, außer es kommt noch einmal zur
+Entscheidung zwischen uns. Und das steht dahin.«
+
+Maria lauschte seinen starken Schritten nach, als er gegangen war. Sie
+drückte die flachen Hände gegen die Brust und hob das Gesicht, das
+bleich war, mit fromm-erschlossener Miene zur Höhe.
+
+Als sie in das untere Stockwerk kam, waren alle bereits auf den Beinen
+und rüsteten sich zu neuer Reise. In der Freude über den Abzug der
+Matrosen achtete man ihrer gar nicht. Menasse unterhandelte bereits mit
+einem Schiffer, der eine Barke zur Überfahrt zu vermieten hatte. Sie
+aber fühlte die Wahrheit der Worte Golowins: die Straße war frei, aber
+das Ziel des Wegs war unkenntlich verdunkelt.
+
+
+
+
+Lukardis
+
+
+Im Verlauf der schleichenden Revolution, von der das russische Reich
+während des vorletzten Jahrzehnts heimgesucht war, kam es eines Tages zu
+einem Straßenkampf in Moskau. Den unmittelbaren Anlaß hatte die
+Verschickung von fünfunddreißig Studenten und Studentinnen gegeben, die
+das Jubiläum eines verehrten Lehrers, welcher der Polizei verdächtig
+geworden war, in überschwenglicher Weise gefeiert und die Feier durch
+heimliche Zusammenkünfte vorbereitet hatten. Einige der angesehensten
+Familien der Stadt wurden durch die grausame Maßregel betroffen, und die
+Trauer und Entrüstung so vieler bis dahin ruhiger Bürger erregte eine
+gefährlichere Stimmung als es die Aufwiegelung der politisch Tätigen
+vermocht hätte.
+
+Unter den mit tückischer Eile Deportierten befand sich auch ein junges
+Mädchen namens Anna Pawlowna Nadinsky. Es lebte in Moskau ein Bruder von
+ihr, Eugen, oder wie es im Russischen heißt, Jewgen Pawlowitsch,
+Offizier bei einem Dragonerregiment, ein schöner stolzer Mensch von
+dreiundzwanzig Jahren, dem man eine rühmliche Laufbahn vorhersagte.
+Eugen Pawlowitsch Nadinsky liebte seine Schwester, sie war die
+vertraute Freundin in allen Angelegenheiten seines Lebens gewesen. Als
+er sie nun verloren sah, für sich wie für die Welt verloren, der
+Erniedrigung und den Entbehrungen preisgegeben, welche der jahrelange
+Aufenthalt in Sibirien mit sich bringen mußte, war sein Schmerz so groß,
+das Gerechtigkeitsgefühl in ihm so tief beleidigt, daß die Fundamente
+seines Daseins wankten, und er eine Ordnung nicht mehr anerkennen
+wollte, der er sich bis zu dieser Stunde bereitwillig gefügt hatte. Es
+geschah fast von selbst und zu seinem eigenen Erstaunen, daß er, als das
+Regiment wenige Tage nach jenem Gewaltstreich der Polizei zur
+Beschwichtigung der in der Stadt ausgebrochenen Revolte unter die Waffen
+treten und in die Straßen reiten mußte, plötzlich die Spitze des von ihm
+geführten Zuges verließ, von seinem Pferd sprang und gegen eine aus
+Pflastersteinen, Balken, Karren, Körben und allerlei Hausrat
+zusammengesetzte Barrikade eilte, wobei er den Verteidigern lebhafte
+Zeichen gab, welche sie nicht mißverstehen konnten, zumal ja Überläufer
+aus den Reihen der Soldateska, auch während des Kampfes, nicht selten
+waren. Kaum aber war Nadinsky auf der Höhe der Barrikade angelangt, die
+er übersteigen wollte, um sich gegen die wahren Feinde seines Vaterlands
+zu wenden, als ihn aus den Dutzenden wider ihn gerichteten Gewehren der
+Dragoner zwei Schüsse trafen. Von der andern Seite der Barrikade
+streckten sich ihm Hände entgegen, Augen strahlten ihn begeistert an, es
+war wie ein Dank und stillte die letzten Zweifel, die ihn noch
+beunruhigen mochten; auch sein Name wurde gerufen; einige kannten ihn
+also, und der Jubel in ihren Stimmen belohnte ihn noch in dem Gefühl der
+Todesschwäche. Er kehrte sich um, zog den Revolver aus dem Gürtel und
+feuerte gegen die Anstürmenden, denen sein empörtes Herz die
+Kameradschaft gekündigt hatte, dann stürzte er auf die Brust, und die
+Finger seiner rechten Hand krampften sich in das Strohgeflecht eines
+zwischen Bretter geklemmten Stuhls.
+
+Sogleich ergriffen ihn zwei junge Leute und trugen den Bewußtlosen auf
+die steinerne Treppe eines Haustors. In großer Eile öffneten sie
+Nadinskys Rock und Hemd, rissen Streifen aus dem Hemd, verbanden die
+Wunden, die stark bluteten, und sahen sich dann hilfesuchend um. Da
+erblickten sie den Wagen eines Grünzeughändlers; der Besitzer war
+verschwunden; das magere kleine Pferd stand an der Deichsel wie
+gefroren. Rasch entschlossen betteten sie den Offizier mitten in Gemüse
+und Salat und deckten ihn mit Blättern zu. Der eine von ihnen kehrte zum
+Kampfplatz zurück, der andere nahm das Roß beim Zügel und führte es die
+Straße hinunter, dann durch mehrere Nebenstraßen, schließlich auf einen
+freien Platz, wo die Universitätsklinik war. Er fuhr in das geräumige
+Tor und ging in das Zimmer eines Assistenten, der alsbald Auftrag gab,
+den Verwundeten in einen der Krankensäle zu schaffen. Die Verletzungen
+waren schwer. Eine Kugel hatte zwar nur den Hals gestreift, die andere
+jedoch hatte unterhalb des Schulterblattes die Lunge getroffen, steckte
+noch im Körper und mußte durch eine Operation herausgenommen werden.
+Erst am dritten Tage erwachte Nadinsky aus fieberhafter Ohnmacht und
+wußte lange Zeit nicht, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war.
+
+Nun hatte aber die Polizei durch einen ihrer zahlreichen Spione in
+Erfahrung gebracht, wo sich der junge Offizier befand, von dessen
+Desertion ganz Moskau sprach. Es erschien ein Isprawnik in der Klinik,
+um den todkranken Mann zu verhaften. Er wurde an Nadinskys Lager
+geführt und trotzdem er sich von der Gefährlichkeit seines Zustandes
+überzeugen konnte, beharrte er auf seinem Verlangen und pochte auf den
+schriftlichen Befehl. Indes der Assistenzarzt noch mit ihm zu
+unterhandeln versuchte, trat der Professor hinzu, warf einen schnellen
+Blick auf Nadinskys apathisches Gesicht, in welchem ein Zug von
+Knabenhaftigkeit Sympathie und Rührung erweckte und sagte: »Wenn man ihn
+jetzt von hier wegbringt, wird er in der ersten Viertelstunde sterben.
+Es ist vorteilhafter für die Polizei, zu warten.« Der Isprawnik wurde
+unschlüssig. Er war noch Neuling und wenig verhärtet; überdies hatte er
+in der Fülle der ihm obliegenden Geschäfte und Aufträge den Kopf
+verloren. Er überlegte eine Weile und erklärte sich hierauf damit
+einverstanden, den Offizier noch so lange in der Klinik zu lassen, bis
+seine Kräfte den Transport erlauben würden.
+
+Damit waren einige Tage für Nadinsky gewonnen; in diesen Tagen wuchs die
+Teilnahme des Professors für ihn zusehends, und er trug Sorge, sein
+Interesse auch andern Personen einzuflößen. Es meldeten sich Freunde,
+die ihm zur Flucht verhelfen wollten; eines Morgens wurde er in ein
+Zimmer gebracht, worin außer ihm niemand lag. Am selben Abend besuchte
+ihn ein junger Mensch, der die Absicht hatte, ihn, als Krankenwärterin
+verkleidet, nach Sokolnikin, einen Park in der Nähe von Moskau, zu
+schaffen, was bei seiner Schwäche und seiner noch immer fieberhaften
+Verfassung ein Wagnis auf Leben und Tod bedeutete. Nadinsky war jedoch
+bereit, ihm zu folgen, denn blieb er, so war ihm der Tod oder das
+Schlimmere, ewige Kerkerhaft im entlegensten Sibirien, gewiß. So fuhr er
+also in tiefer Nacht, bei Schnee und Kälte, es war Mitte des Monats
+März, nach Sokolnikin und wohnte in der Villa eines Gelehrten, der bei
+der Polizei für unverdächtig galt. Es dauerte aber nur vierundzwanzig
+Stunden, da kamen wieder Boten, die sich als Spaziergänger unauffällig
+dem Haus genähert hatten, in dessen Mansarde der kranke Nadinsky lag,
+und meldeten, daß die Polizei neuerdings auf seine Spur geraten und daß
+für die folgende Nacht seine Verhaftung befohlen sei. Es blieb also
+nichts übrig als einen anderen Zufluchtsort für ihn ausfindig zu machen.
+Der Haushalt des Gelehrten, eines Deutschen von Geburt, wurde von seiner
+Schwester Anastasia Karlowna geführt, einer ebenso beherzten wie
+gutmütigen Frau, die seit mehr als vierzig Jahren in Moskau lebte und
+nicht nur in der Gesellschaft einflußreiche und wohlwollende Bekannte
+hatte, sondern auch bei vielen Leuten im Volk sehr beliebt war. Sie
+hatte dem jungen Offizier Speise und Trank gebracht, ihn gepflegt und
+seine Anwesenheit klug zu verbergen gewußt. Nun sorgte sie zunächst für
+eine neue Verkleidung, und als es dämmerte, brachte sie ihn mit Hilfe
+eines Menschen, der ihr ganz fremd war, sich aber zu diesem Dienst
+angeboten hatte, im Gewand eines einfachen Arbeiters zu der Familie
+eines Drechslers in die Vorstadt. Dort blieb er nur eine Nacht, am
+Morgen weigerte sich der Mann, der Argwohn geschöpft hatte und für sich
+und die Seinen begründete Furcht empfand, den Flüchtling länger zu
+beherbergen. Fünf Tage lang wurde Nadinsky auf diese Weise von Haus zu
+Haus geschleppt, von dem des Drechslers in die Wohnung einer
+Fuhrmannswitwe, dann in die eines Maurers, dann zu einem Gärtner,
+schließlich zu einem Laboranten. Immer merkten die Leute nach wenigen
+Stunden, wem sie ein Asyl gewährt hatten, die Angst vor der Polizei
+überwog das Mitleid und verstockte sie gegen die Beredsamkeit
+Anastasias, die in ihrem Eifer keineswegs erlahmte. Sie war die Nächte
+über bei Nadinsky, denn er konnte sich nicht selbst überlassen bleiben;
+man mußte ihn ankleiden, waschen und zweimal täglich die Wunden
+verbinden, deren Heilung bei der unregelmäßigen und aufregenden
+Lebensweise nur langsam vonstatten ging. Als nun auch der Laborant, den
+sie mit Geld und vielen Worten bestochen hatten, den aufgezwungenen Gast
+fortzubringen befahl, verzweifelte Anastasia Karlowna daran, Nadinsky
+retten zu können. Die Freunde, die ihr bisher beigestanden, vermochten
+nichts mehr zu tun, die Polizei war auf ihren Spuren, jeder fernere
+Schritt mußte sie ins Verderben ziehen, auch sie selbst fühlte sich
+bedrohlich überwacht. Zum letztenmal versuchte sie den Laboranten durch
+Bitten und Flehen zu erweichen; nur noch eine einzige Nacht möge er
+christliche Nachsicht üben, das Leben ihres Bruders - denn sie gab
+Nadinsky für ihren Bruder aus - stehe auf dem Spiel; umsonst, sie
+schürte bloß das Mißtrauen des Mannes und alles, was sie erreichte, war,
+daß er ihr drei Stunden Frist gab; wenn nach Verlauf dieser Zeit
+Nadinsky nicht aus dem Haus geschafft sei, werde er die Anzeige machen.
+
+Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr mußte also Anastasia
+eine Stätte für ihren Schützling gefunden haben. Sie irrte eine Weile
+durch die Straßen, ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber
+immer vor den Türen wieder um, weil sie überall eine abschlägige Antwort
+oder gar Verrat fürchtete. Da verfiel sie in ihrer Bedrängnis auf den
+Gedanken, Nadinsky in eines jener Häuser zu bringen, in denen an
+Liebespaare Zimmer vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig,
+einen Paß vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege haben
+konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, den sie am
+Morgen zu ihm geführt hatte, dann konnte er zur Grenze gelangen. Um den
+kühnen Plan durchzuführen, mußte sie aber eine Helferin haben, ein
+Geschöpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, verschwiegen und klug
+war. Sie ließ alle jungen Damen, die sie kannte, an ihrem inneren Auge
+vorübergehen, aber keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich
+zu nehmen. Unter den Revolutionärinnen hatte Anastasia keine Bekannte,
+auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, die möglicherweise
+den Nachspähungen der Polizei ausgesetzt war; an eine Angehörige der
+untern Klasse oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, war
+nicht zu denken, es mußte eine Dame oder ein Fräulein aus der
+Gesellschaft sein.
+
+Sie war ermüdet von den Anstrengungen der letzten Tage, und mehr um zu
+rasten als um eine Erfrischung zu nehmen, ging sie in eine kleine
+Konditorei an der Straße, trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein
+dämmeriges Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen
+saßen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in ihre Nähe, ohne
+sie zu beachten, merkte aber dann, daß die eine, die ältere Dame, sie
+fixierte und mit freundlichem Nicken herübergrüßte. Da erkannte sie die
+Frau; es war Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten
+Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, ein etwa
+neunzehnjähriges Mädchen von nicht gewöhnlicher Schönheit. Kaum hatte
+Anastasia einen Blick auf sie geworfen, so sagte sie sich: Die muß es
+vollbringen und keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals
+Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast noch ein Kind gewesen
+war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, sie hatte sich oft mit ihr
+beschäftigt, oft mit ihr gesprochen; sie erinnerte sich, daß das damals
+dreizehnjährige Geschöpf ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie
+es nur Menschen tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere
+Kraft in sich verschließen; was für eine Eigenschaft oder Kraft es war,
+hatte sie nie ergründen können, soviel sie auch darüber gegrübelt hatte.
+Die Mutter war eine ziemlich einfältige Frau, fromm, apathisch und
+harmlos, sogar ihres Gebrechens nur dumpf bewußt.
+
+Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, nachdem sie die
+Generalin durch Mienen und Gesten nach ihrem Befinden gefragt, leise mit
+Lukardis Nikolajewna zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf
+ihren Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte,
+senkte sie bescheiden die Augen und störte das Gespräch durch kein
+Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia spürte die Verwegenheit ihres
+Vorhabens mit beklommenem Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie
+mußte sich kurz fassen; sie mußte in wenigen Sätzen alles sagen, das
+Außerordentliche verlangen, Lukardis innerstes Menschengefühl aufrühren
+und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall alles vereiteln,
+Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis wußte wenig von den
+revolutionären Umtrieben; sie ahnte vieles, hatte jedoch weder Einblick
+noch Urteil; sie lebte in einer Sphäre sanfter Träume, mit der
+Erinnerung an Puppen und der Gegenwart hübscher Schmuckkästchen, mit dem
+Echo der neckischen Galanterien verheirateter Herren und der
+vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte doch, wie ein junges
+Waldtier, das fernes Jagdgetöse vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut,
+Schmerz und Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; es gab
+Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe empfand, eine
+grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den Bezirk heuchlerischer Stille,
+in dem sich ihr Dasein formte, zu verlassen. Aber sie fürchtete die
+Welt, sie fürchtete die Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand,
+die ihr gereicht wurde, ihr war, als ob alles trübe, ja schmutzig sei,
+was außerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, sie hörte Leute auf der
+Gasse nie ohne Schauder reden, sie vermochte keine Zeitung zu lesen,
+ohne daß sie neben dem Wilden und Rätselhaften, als welches sich ihr das
+Leben, das Draußen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes und
+Befleckendes fühlte, selbst die meisten Bücher, ein Vers, ein
+Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen schrecklichen, nicht zu
+besiegenden Eindruck.
+
+Regungslos hörte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht färbte und
+entfärbte sich wieder. Da war keine Lockung, kein Prickeln des
+Unbekannten, keine mädchenhafte Lüsternheit und ungestandene
+Aufregungslust; nichts anderes vernahm sie als den Ruf zur Pflicht.
+Nichts anderes las sie in den harten Zügen Anastasia Karlownas. Sie
+brauchte nicht einmal einen Entschluß zu fassen; was sie zu tun hatte,
+stand sogleich und unabänderlich fest. Sie war Braut. Seit sechs Wochen
+war sie mit einem Petersburger Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch
+Kussin, verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, daß
+sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten Schicksal
+entgegengehe, auch sie selbst fühlte sich glücklich. Wenn es etwas gab,
+das sie irre machen konnte, war es der Gedanke an ihn, dem sie mit
+schwesterlichem Gefühl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies
+spüren mochte, eine Andeutung fallen ließ, um sie darüber zu beruhigen,
+runzelte sie die Stirn und erwiderte, sie bedürfe des Zuspruchs nicht,
+ihr Bräutigam werde niemals die Meinung hegen, daß sie etwas Schlechtes
+oder Häßliches begangen habe.
+
+»Sie sind also dazu entschlossen?« fragte Anastasia leise, indem sie den
+Blick ihrer grauen Augen auf die Hand des Mädchens heftete.
+
+»Ich bin dazu entschlossen,« antwortete Lukardis ebenso leise, ohne die
+Lider zu erheben. »Es ist nur noch eine Schwierigkeit -«
+
+»Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen ist?« fiel
+ihr Anastasia rasch und mit einem fanatischen Ton der Stimme ins Wort.
+
+»Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nächte vom Hause
+wegzubleiben?« fragte Lukardis, die Finger ihrer weißen Hände
+verschränkend.
+
+Anastasia starrte düster sinnend auf einen Kuchenteller.
+
+»Nur das eine ist möglich,« fuhr Lukardis flüsternd fort, »ganz in der
+Stille zu verschwinden, der Mutter einen Brief zu schreiben -«
+
+»Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit bitten und
+versprechen, bei der Rückkehr alles zu sagen. Aber auch Sie selbst
+müssen schweigen, Lukardis Nikolajewna,« setzte sie fast drohend hinzu.
+»Sie müssen schweigen, als ob Sie es nie gelebt hätten.«
+
+Lukardis nickte bloß. Ihre Augen waren jetzt weit geöffnet und blickten
+geradeaus. Anastasia schärfte ihr aufs genaueste ein, wie sie sich zu
+kleiden und wie sie sich zu betragen habe und nachdem sie ihr noch
+gesagt hatte, wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht
+sie an das ernste Gespräch, das trotz seiner Gewichtigkeit kaum eine
+Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden an, um Lukardis zum
+Lächeln zu bringen und in der Generalin keinen Argwohn keimen zu
+lassen, erhob sich dann erleichterten Herzens und verabschiedete sich.
+
+Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet. Er lag in
+dem armseligen Zimmer des Laboranten auf dem Sofa, und nachdem er sie
+angehört hatte, drückte er ihr die Hand und sagte: »Mein Leben ist so
+vieler Umstände nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist ein
+verlorenes Leben.« Anastasia verwies ihm diese Worte; sie entgegnete,
+daß sie sich bessern Dank erhofft habe, als so mutlose Redensarten zu
+hören, und fing an, den Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky
+seufzte. »Was solls auch« sagte er mit müder Stimme, »mir ist nun alles
+anders, Auge, Hand und Gefühl. Wie von Gespenstern bin ich umgeben, ich
+empfinde gar nicht den Abschluß gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter
+auf dem Gut. Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals
+genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild von mir. Sie
+weiß nicht, daß sie mich nie wiedersehen wird, sie weiß es durchaus
+nicht, trotzdem weint sie über dem Bild. Aber ich, ich fühle nichts. Mir
+ist alles so wesenlos geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.«
+
+Anastasia hielt diese Reden für einen Ausdruck des Fiebers und
+schüttelte unwillig den Kopf. Eine Weile, nachdem es dunkel geworden
+war, fuhr ein Wagen am Toreingang vor. Anastasia hatte einen hübschen
+Anzug für Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen,
+besah ihn jetzt noch einmal prüfend und geleitete ihn dann hinunter. Im
+Wagen saß Lukardis Nikolajewna Schmoll, tief verschleiert. Anastasia
+reichte ihr ein Paket mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, daß sie ihn
+am zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer gewissen Stelle
+des Bahnhofs erwarten und daß sie sich bis dahin einen Auslandspaß für
+ihn verschafft haben werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse,
+winkte grüßend ins Fenster und der Wagen fuhr davon.
+
+Schweigend saßen Lukardis und Nadinsky nebeneinander. Die Situation war
+zu ungewöhnlich, zu drohend, zu schicksalsvoll, als daß sie Verlegenheit
+hätten empfinden können. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel, sah
+Lukardis, daß Nadinsky die Augen geschlossen hatte und daß sein Gesicht
+bleich war. Er hatte ihr die Hand gegeben, als er sich neben sie gesetzt
+hatte, das war alles. Sie ihrerseits fand, daß seine Nähe sie nicht
+schreckte und daß sie schweigen durfte.
+
+Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen Gasse. Nadinsky
+mußte alle Kraft zusammennehmen, als sie ausstiegen. Er reichte seiner
+Begleiterin den Arm, doch führte sie ihn mehr als er sie. Er forderte
+zwei Zimmer. Man war beflissen, ihm gefällig zu sein. Er schleppte sich
+mit Mühe die Treppe hinauf, bewahrte mit Mühe die Haltung des Lebemanns,
+den ein flüchtiges Abenteuer beschäftigt. Dem Gebrauch des Hauses
+entsprechend, wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung
+überwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetreßten Livree, hatte
+boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein unveränderliches, abgeschmackt
+einladendes Lächeln auf den dicken Lippen und war demütig. Lukardis
+spürte, wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog. Er deckte den
+Tisch, blieb hündisch lauschend stehen, während Nadinsky mit erschöpfter
+Gleichgültigkeit die Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein
+messender Blick schien zu verlangen, daß die beiden auch wirklich waren,
+was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt; sie hatte ein
+dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sich nicht geben, wie sie
+sonst war; die kindliche Unschuld, von der ihre Miene sonst strahlte,
+mußte sich in Leichtfertigkeit verwandeln; sie mußte gesprächig sein,
+Koketterie zeigen, mußte lachen, mußte den Arm um Nadinskys Schultern
+legen und sich bisweilen auf seinen Schoß setzen, sie mußte
+passionierte, übermütige, verführerische Gebärden haben; was sie nie
+beobachtet, nie zu sehen gewünscht, nie anders als schaudernd bedacht,
+nur durch flüchtige Worte und flüchtige Bilder mit abgewandtem Ohr und
+Auge erfahren, das mußte sie tun, um jenen Menschen zu täuschen, der mit
+Tellern, Schüsseln, Gläsern und Flaschen hereinkam, den Sekt in den
+Eiskübel stellte, die Speisen servierte und dann schweigend, lächelnd,
+hinter niederträchtig gesenkten Lidern spähend auf Befehle harrte. Sie
+mußte es um der üppigen Lichter, der bunten Polster, der spiegelnden
+Wände willen tun, um dieses Hauses willen, dessen lügenhafter Prunk ihre
+Gedanken in Aufruhr versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen
+Zweifel an der Echtheit und Natürlichkeit ihres Benehmens erregen; alles
+mußte wie von ungefähr sein, raffiniert und durchsichtig, ohne Zaudern
+und ohne Hast; sie mußte von den Speisen essen, sie mußte Wein und
+Champagner trinken, sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der
+Diener draußen war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken, aber das
+volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte. Des Genusses geistiger
+Getränke durchaus ungewohnt, ward ihr bang und schwer zumut, und es
+kostete sie immer größere Anstrengung, die Rolle durchzuführen, die sie
+mit solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft der Kellner
+das Zimmer verließ, erhob sie sich; in ihrem Gesicht löste sich die
+furchtbare Spannung, um einem Ausdruck der Verstörtheit und der
+angstvollen Erinnerung Platz zu machen, denn ihr war, als seien viele
+Jahre verflossen, seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky
+schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick an, suchte sie
+wie hinter Masken, beklagte sie stumm, klagte sich selbst mit einer
+Gebärde an und es wurde ihm nicht leicht, das studierte Lächeln wieder
+auf seine Lippen zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser
+zurückkehrte.
+
+Als der Tisch abgetragen war, kam eine Magd, die ein weißes Häubchen auf
+dem Kopf trug; sie war jung und sah alt aus, ihr Gesicht war fahl vom
+beständigen Leben im Lampenlicht und in schlecht gelüfteten Räumen. Sie
+hatte Wasser zu bringen, das Feuer im Ofen zu nähren und nach den
+Wünschen des Paares zu fragen; sie redete mit süßlicher Stimme, aber
+ihre Züge waren versteinert vor Haß gegen die obere Welt, gegen die, die
+da kamen, um verächtlichen, eiligen Genüssen zu fröhnen. Die Knie
+wankten Lukardis, wenn sie den Blick auf die Person richten mußte, und
+sie schämte sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses und ihrer
+Schultern. Endlich war auch diese Prüfung vorüber und sie konnte die Tür
+zusperren; sie waren allein. Von einer Turmuhr schlug es zehn Uhr. Die
+aushallenden Klänge vibrierten durch das Gemach. Nadinsky ging ins
+andere Zimmer zu dem Doppelbett, über welches ein blauseidener Baldachin
+gespannt war; er fiel kraftlos darauf nieder. Erst nachdem er eine
+Viertelstunde geruht, konnte ihm Lukardis beim Auskleiden helfen. Die
+Decke bis an die Brust gezogen lag er mit nacktem Oberkörper da. Es ist
+ein Mensch, sagte sich Lukardis, der plötzlich die Tränen in die Augen
+stiegen, und mit einer Art von Schrecken erinnerte sie sich an das
+rotwangige Antlitz Alexander Michailowitschs, ihres Verlobten. Sie
+wusch Nadinskys Wunden und erneuerte den Verband. Nadinsky spürte die
+zarte Hand wie man in einem Halbtraum Wohlgerüche spürt; zu danken war
+er nicht fähig; er fürchtete ihr Auge, er fürchtete sie zu beleidigen
+durch einen Blick des Dankes, er wünschte, sie möchte ihn nur als Leib
+ansehen, als Gegenstand ohne Gesicht und ohne Gefühl. Und so wie sie,
+halb entsetzt und halb erbarmend dachte: ein Mensch, so dachte er, halb
+beseligt und halb in Angst um sie: ein Wesen.
+
+Er schlief ein. Lukardis setzte sich in einen Sessel und rührte sich
+nicht. Sie hatte in ihrem Täschchen ein Buch mitgenommen, aber sie
+wußte, daß sie nicht würde lesen können. Sie versuchte, an ihre Mutter,
+an ihren Vater, an ihre Freundinnen, an den letzten Ball, an die Oper zu
+denken, die sie zuletzt gehört, aber sie konnte nicht denken, alles
+verschwamm, alles enteilte. Sie hörte Nadinskys tiefe Atemzüge, sie sah
+sein blasses, hübsches, von Schmerzen ermüdetes Gesicht, aber auch er,
+den sie pflegen und bewachen sollte, war ihren Gedanken kaum erreichbar.
+Ihr schien, daß von ihrem Platz bis zu seinem Bett ein Weg von vielen
+Meilen sei. Sie lauschte. Sie vernahm Kichern auf der Treppe und
+schlürfende Schritte im Flur. Stimmen, Frauen- und Männerstimmen,
+drangen gedämpft durch die Wände, auch von oben herunter und von unten
+herauf. Gläser klirrten, dann wurde ein Klavier gespielt. Es war ein
+Walzer. Eine Saite des Instruments mußte gerissen sein, denn immer, wenn
+eine gewisse Stelle kam, entstand ein Loch in der Melodie wie die
+Zahnlücke im Mund eines Lachenden. Von irgendwoher schallte Geschrei,
+dann schwieg das Klavier, und an der Mauer zur Linken raschelte es. Dann
+war ein Seufzen, bei dem Lukardis das Blut in den Adern gerann. Sie roch
+den aufgespeicherten Parfüm aus verschlossenen Zimmern, sie hörte das
+Rauschen von Gewändern und wie man Türen öffnete und wieder schloß. Die
+Laute riefen Bilder hervor, sie konnte sich ihnen nicht entziehen, sie
+zitterte, und zitternd mußte sie schauen. So hatte sie die Welt nie
+verstanden, so das Leben nicht geglaubt. Begegnungen im Finstern, Hände,
+die einander fremd waren und einander dennoch hielten, ein Taumeln gegen
+jäh erhellte Spiegel, Übereinkommen in Worten ohne Scham, das Unbekannte
+entschleiert, das Geheimnisvolle leer, die Weihe besudelt, die
+heimlichen Schätze der Phantasie entwertet, ach, sie griff an ihr
+Gesicht, wurde der Schminke auf den Wangen inne und ihr Herz füllte sich
+mit Grauen.
+
+Nadinsky schlug die Augen auf und stöhnte. Sie schritt den meilenlangen
+Weg bis zu ihm und reichte ihm ein Glas Wasser. Als sie seine Stirn
+fühlte und sie heiß fand, legte sie ein feuchtes Tuch darüber. Da
+erwachte er völlig und fing an zu sprechen. Er redete in kurzen Sätzen,
+sprach vom Hospital, vom Professor und von Anastasia Karlowna. Lukardis
+ließ zaghafte Worte in die Pausen fallen. »Morgen werde ich mich kräftig
+genug fühlen, um das Haus zu verlassen,« sagte er. Sie entgegnete: »Das
+ist unmöglich, Sie haben noch Fieber und Anastasia Karlowna erwartet Sie
+erst übermorgen früh um sieben Uhr.« Die sanft gesprochenen Worte
+durchleuchteten ihm ihr Gemüt, ihre bisher ungetrübte Jugend, ihre
+reinen und starken Sinne, aber er gewahrte nicht, daß sie fast beständig
+zitterte. Jetzt wurde das Klavier wieder gespielt, von einer andern
+Hand, roh, tumultuarisch und trunken, und während der ganzen Dauer des
+Spiels sahen Nadinsky und Lukardis einander gepeinigt in die Augen. Es
+war Mitternacht vorüber, und auf einmal wurde drunten dumpf gegen das
+Tor gepocht. Eine Glocke erschallte mit frechem Lärm. Nadinsky richtete
+sich halb empor. Seine Finger krampften sich zusammen, sein Blick war
+voll düsterer Erwartung. Lukardis stand auf und lauschte ohne Atem. Das
+Klavier schwieg. Es währte lange, bis das Tor geöffnet wurde. Schon
+hörten sie Schritte auf der Treppe, schauten entgeistert beide auf die
+Türklinke, harrten auf das Klopfen an die Tür, das ihr fürchterliches
+Los entscheiden mußte, und wirklich drangen Stimmen in hastiger
+Wechselrede bis zu ihnen. Aber dann wurde es still, und ihre Pulse
+begannen wieder regelmäßig zu schlagen. In diesen drei oder vier Minuten
+fühlten sie sich sonderbar vereint, ihre Kraft und ihre Furcht war gegen
+ein gemeinsames Ziel gerichtet, es war ihnen, als würden sie von einem
+Sturmwind in die Luft gehoben und Brust an Brust gegeneinander
+geschleudert, so daß sie sich mit den Armen umfassen mußten, um einer
+dem andern Hilfe zu gewähren beim drohenden Sturz. Lukardis vergaß sich
+selbst und Nadinsky vergaß sich selbst, er spürte nur die Angstglut in
+ihr, Verlust alles Glückes, Schande und Elend, sie aber ergab sich
+seinem Geschick, mutig und jetzt erst ahnend, wofür er sein Leben in die
+Schanze geworfen hatte.
+
+Indessen übermannte den Fiebernden der Schlaf von neuem. Doch konnte er
+festen Schlummer nicht finden, solange die grellen elektrischen Flammen
+ihn blendeten. Aus Rücksicht für Lukardis enthielt er sich, den Wunsch
+nach Dunkelheit zu äußern, aber an der unruhigen Bewegung seiner Lider
+merkte sie, was ihn störte. So löschte sie die Lichter und zündete im
+Nebenzimmer eine Kerze an. Auch sie war müde, die späte Stunde wirkte
+wie ein lähmendes Gift auf sie, und sie sah sich nach einer Lagerstatt
+um. In diesem Raum war kein Bett, nur eine Ottomane; ihr ekelte vor dem
+Plüsch, mit dem das Möbelstück bezogen war. Ihr ekelte auch vor den
+Stühlen und vor dem Teppich. Bei der Schwelle zu Nadinskys Zimmer rollte
+sie den Teppich auf, warf ihren Pelzmantel auf den Boden und legte sich
+hin. Die Kerze ließ sie brennen. Aber so war sie dem Haus näher als
+vordem, hörte sie abgeteilt die bisher verschwommenen Geräusche, einen
+Ruf, ein Gelächter, ein einzelnes Wort, aber sie hörte auch, wie der
+Schnee an die Fensterscheiben schlug, und das milde Knistern beruhigte
+sie; sie hörte die Atemzüge Nadinskys, und dies mahnte sie an ihre
+Verantwortung. Jeder Atemzug knüpfte sie fester an sein Geschick. Die
+Wichtigkeiten ihres früheren Lebens wurden bedeutungslos, was sie dort
+getan, gewollt, gewesen, dünkte ihr kindisches Tändeln. Sehnsüchtig
+blickte sie zurück wie vom Bord eines Schiffes auf die versinkende
+Heimat. Sie schlief und schlief gleichwohl nicht. Nadinsky sprach ihr
+Trost und Mut zu, das war geträumt; er röchelte in einem Fiebertraum,
+das war Wachen. Im Traum war sie über ihn gebeugt und behütete ihn; im
+Wachen war sie an den Boden gekettet und vernahm den mänadischen Schrei
+eines Weibes. Als der Morgen graute, sah sie eine Ratte über den Teppich
+laufen. Das Tier schien phantastisch groß, daß es sich bewegte, war
+gespensterhaft; sie richtete sich kniend auf und suchte den Himmel
+zwischen den Spalten der Vorhänge. Sie gewahrte nur etwas Graues oben
+und weiter unten ein Fenster, aus welchem ein knochiges Gesicht lugte.
+Eine Sekunde zermalmender Hoffnungslosigkeit; sie schlich, nein,
+flüchtete zu Nadinskys Lager. Sein rechter Arm hing schlaff herab,
+Schweiß perlte auf seiner Stirn. Sein Anblick war ihr erschreckend
+fremdartig; schmerzlicher Haß loderte in ihrer Brust. Doch gab es auf
+der Welt keinen andern Menschen mehr, den sie so anblicken konnte; sie
+hatte viel von ihm zu fordern, ja alles, ohne ihn blieb ihr nichts übrig
+in der Welt als dieses Haus.
+
+Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange sie in den Zimmern
+bleiben wollten; es war nicht gebräuchlich, sie länger als eine Nacht zu
+benutzen. Anastasias Plan war gewesen, daß sie sich über Mittag
+einschließen und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie wünschten auch
+die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck sollten sie dem
+Diener und dem Stubenmädchen ein Goldstück geben. Aber man brauchte
+frisches Wasser für die Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung.
+Es mußte auffallen, wenn sie zu früh läuteten, und wie sollten sie das
+Verweilen über den ganzen Tag rechtfertigen? Nadinsky war mit offenen
+Augen wortlos dagelegen, jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er
+bat sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei
+Goldstücke seien zu wenig, meinte er, man müsse fünfzig Rubel geben;
+Lukardis erwiderte, das verschwenderische Übermaß werde Verdacht
+erregen, und man müsse gewärtigen, daß der Eigentümer käme, um zu
+spionieren. Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war ihr
+Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches gewesen. Sie
+verhandelten beide mit äußerster Kälte, doch ihre Stimmen klangen
+erstickt. Eine Bemerkung Lukardis über das gemeine Gesicht des
+Aufwärters veranlaßte Nadinsky, ihr, spöttischer als er beabsichtigte,
+zu entgegnen, sie habe gewiß allzu behütet gelebt, wie in Wolle, und von
+denen, die da unten hausten, in Schmutz und bösem Wetter, könne keiner
+ihr Gefallen finden. Es war ein Empörungsversuch gegen das Joch der
+Dankbarkeit, das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sich
+herauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Zügen wechseln zu lassen.
+Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab ihm recht, und er war entwaffnet.
+Ihre Sanftmut rührte ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur
+Grausamkeit an. Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie für
+achtundvierzig Stunden als Gefährtin an seine Seite gezwungen hatte, er
+fand sich schuldig an der Erniedrigung, unter der sie litt und zürnte
+ihr deshalb. Ihm war, als hätte sie, ehe sie ihn getroffen, nur weiße
+Gewänder getragen und von ihren schönen Lippen hallten nur leere Worte
+nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verwöhnten Klasse. Jetzt erst
+wurde er zum wahren Rebellen, jetzt, in ihrer Nähe; seine Verborgenheit
+und seine Flucht kamen ihm schimpflich vor, und er hielt es für
+wahrscheinlich, daß ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum
+sagte er plötzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen; er wolle
+sich zeigen, es läge ihm nichts daran, ja es sei seine Pflicht, das Los
+so vieler Gerichteter zu teilen, die mehr erreicht und mehr gewagt
+hätten als er. Wem könne er noch nützen, nachdem er über die Grenze
+geflohen? Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner unglücklichen
+Schwester nicht.
+
+Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine Gründe konnte sie
+nennen, nur mädchenhafte Argumente finden. Aber als er verstockt blieb,
+nahm sie einen gebieterischen Ton an und sah aus wie eine junge Königin.
+Plötzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte gehört. Sie hob den
+Zeigefinger der rechten Hand und preßte ihn auf ihren Mund. An der Tür
+stand jemand und lauschte. Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und
+Nadinsky senkte den Kopf. Da entschloß sich Lukardis zu dem, was nötig
+war. Sie schritt auf den Zehen zur Tür, schob den Riegel auf, eilte
+dann gegen das Bett zurück, schlüpfte schnell unter die Decke neben
+Nadinsky, zog die Decke bis an ihren Hals, griff nach dem Knopf der
+elektrischen Klingel, der an einer langen Schnur zu ihren Häuptern
+herabhing und läutete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der Tür
+klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der Tür stehenbleibend,
+mit nornenhafter Düsterkeit Nadinskys Befehl, frisches Wasser zu bringen
+und den Kellner zu rufen, damit man das Frühstück bestellen könne. Sie
+holte zwei Krüge voll frischen Wassers und dann kam der Aufwärter. Sein
+lauernder Blick durchmaß den Raum und auch den andern, soweit er ihn
+erspähen konnte, und es war Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit
+denen sie im Bett lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen
+geeignet war. Sie schloß die Augen, denn diesen Menschen zu sehen war
+ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die Fünfzigrubelnote wieder genommen und
+gab sie jenem. »Zwanzig sind für das Mädchen, dreißig für dich,« sagte
+er in einem bemeistert lässigen Ton, »wir wollen noch bis morgen früh
+bleiben, wenn es geht.« Der Aufwärter verbeugte sich fast bis zur Erde;
+ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet. Auch die Magd, die
+Kohlen in den Ofen warf, kam herzu und wollte Nadinsky die Hand küssen.
+Er wehrte sie ab. »Wenn es den Herrschaften gefällt, ist sicher nichts
+einzuwenden,« sagte der Kellner mit einer katzenhaften Gebärde und
+blinzelte. Nadinsky verlangte ein Frühstück. Es dauerte eine
+Viertelstunde, bis der Tee mit allem Zubehör gebracht wurde. Indessen
+lag Lukardis wie auf glühendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas,
+das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gefühl, aus Kummer und Furcht
+gemischt, und ihr Antlitz überzog sich mit tödlicher Blässe. Nadinsky
+rührte sich nicht, ihre Empfindung teilte sich ihm mit, er begriff ihre
+Qual und vermied es, die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufwärter hatte
+den Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und entfernte
+sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte Lukardis die Decke
+weg und erhob sich wie vor Feuer flüchtend. Sie verriegelte die Tür und
+öffnete ein Fenster. Ihr Haar hatte sich gelöst, sie ließ es ruhig
+hängen, denn es bedeckte ihre entblößten Schultern. Eine Stunde früher
+hätte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen mögen, doch seit sie neben
+ihm gelegen, hüllenlos trotz aller Hüllen, preisgegeben ohne Maß,
+empörten Blutes, seiner Gnade völlig überwiesen, war es nicht mehr von
+Belang, daß die Haare von ihrem Haupt herabhingen.
+
+Als das Zimmer von frischer Luft erfüllt war, schloß sie das Fenster und
+sagte zu Nadinsky, es sei notwendig, den Verband zu wechseln. Schweigend
+entledigte er sich des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis
+unkundiges Auge konnte es feststellen, daß die Heilung der Wunde
+beträchtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein Fieber mehr.
+Lukardis war schon gewandter als gestern im Legen und Knüpfen der Binde,
+und nachdem sie die Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und
+Brot. Er wünschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte. Sie
+selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie dem Körper wegen
+seines Hungers. Im Hause war es sonderbar still. Auf der Straße rollten
+Wagen und schrien Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis
+begab sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus, um kein
+Geräusch zu machen und ging stundenlang auf und ab, wobei sie in beiden
+Händen Strähnen ihres Haares hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann.
+Manchmal betrachtete sie die Bilder an den Wänden, ohne sie wirklich zu
+sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan zwischen ihren Knien
+hielt. Neben der Tür hing ein anderes: ein deutscher Student mit einem
+Ränzel auf dem Rücken schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen
+Fenster ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen schaut. In den großen
+Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegenüberliegenden
+Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer endlosen Folge von Räumen; in
+allen Räumen war die Leda in ihrer häßlich fetten Nacktheit und der
+sentimentale Student und viele, viele Male das Bett mit dem
+schlummernden Nadinsky und darüber ein Bild des Kaisers Nikolaus, viele
+Male bis in dämmernde Ferne. Oft stand sie auch am Fenster und sah die
+Wagen und die Kinder, den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter trüben
+Fensterscheiben und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male
+wiederholte bis in dämmernde Ferne. Wo war die Welt hingeschwunden? Wo
+war alles, was sie geliebt, mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie
+selbst, Lukardis, die in einem zierlichen Mädchenboudoir gelebt? Wo
+Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte und immer
+lächelte? Und wo war das glänzende Moskau mit den verlockenden Auslagen
+seiner Läden, den freundlichen Bekannten, die man überall traf, den
+eleganten Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt
+hingeschwunden? Sie sah nur den Mann, der in den vielen Räumen vieler
+Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich, in vielen Spiegeln die Wunde
+auf der weißen Haut, und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert
+folgen mußte.
+
+Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch lange, wie lange,
+konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky erwachte. Er setzte sich
+aufrecht, und sie näherte sich ihm zögernd. Mit unerwarteter
+Entschiedenheit sagte er, sie müsse gehen, wenn die Dunkelheit
+eingebrochen sei, er fühle sich jetzt kräftig genug, um allein zu
+bleiben und werde dem Kellner zu verstehen geben, daß sie in der Nacht
+zurückkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand mehr darum
+kümmern. Lukardis schüttelte den Kopf. Sie antwortete, es geschehe
+ebensowohl um ihret-, als um seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde
+sei erst im Beginn des Vernarbens und müsse mindestens noch zweimal
+gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging und ihn darnach ein
+Unglück traf, würde sie nie wieder schuldlos atmen können. Nadinsky
+schaute forschend in ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so daß
+sie ihm die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide. Es war
+wie eine beglückende, aber unheilvolle Verwandlung, die jeder in des
+andern Augen erlitt. Da trat Lukardis klopfenden Herzens vor einen der
+Spiegel und steckte ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten
+dabei. Wenn er ihr jetzt befohlen hätte, zu gehen, hätte sie
+wahrscheinlich keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing er an, zu
+klagen, daß er nicht den ehrlichen Tod im Kampf gestorben; was wolle er
+in den fremden Ländern, ewig wandernd, ewig den nagenden Gram um die
+gequälten Brüder in der Seele und mit der Sorge um das bloße Leben? Denn
+er sei nicht reich, habe viele Schulden und das mütterliche Gut sei in
+Gläubigerhänden. Durch so viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis
+still vor dem Spiegel stehen und schaute ihr übernächtiges Gesicht an.
+Er fuhr fort und schmähte seine Tat; er habe nicht gewußt, was er auf
+sich genommen, es sei ein Trieb gewesen, kein Entschluß; so seien Helden
+nicht beschaffen, daß sie sich dem Ungefähr auslieferten, um zermalmt zu
+werden. Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihm in
+diese Kloake der großen Stadt geflohen, habe sie in klarer Erkenntnis
+gehandelt oder nicht vielmehr sich hinreißen lassen durch ein Gefühl,
+dem Mitleid nachgegeben, dem Reiz des Absonderlichen, der Verführung
+einer schwärmerischen Freundin? Sei sie nicht erschüttert und
+durchwühlt, von medusischen Visionen aller Kraft beraubt? »So sind wir
+alle,« rief er zum Schluß und warf sich in die Kissen zurück,
+»Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler der Phantasie, Opfer des
+Augenblicks, Getäuschte unserer Taten.«
+
+Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines Bettes. Ruhig und
+fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr Auge leugnete seine Worte, im
+Ausdruck ihrer Züge war eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die
+göttliche Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines Herzens zu
+Hilfe käme. Ein Strahl von Glück flog über Nadinskys Stirne, und sein
+zweifelsüchtiger Geist beugte sich beschämt. Unbeirrbare Zuversicht
+strömte von ihr aus und trug ihn über Stunde und Raum hinweg. Es
+dunkelte und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu sprechen.
+Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die Komödie wieder spielen
+mußten, die das Haus forderte, machte Lukardis Licht, zog die Gardinen
+zu und ging ins zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte.
+Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht in die Ärmel
+seines Rocks zu schlüpfen imstande war. Wie am Abend vorher wurde das
+Diner serviert; wie am Abend vorher bediente der Aufwärter in
+silberbetreßter Livree, noch demütiger, noch abgeschmackter lächelnd,
+noch wachsamer hinter seiner heimtückischen Grimasse. Unlustig aßen sie
+und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre Hände waren bewegt,
+lautlos gehorsame Geister huschten sie hin und her, den Augen des
+Spions Harmlosigkeit vorlügend. Lukardis spielte ihren Part heute
+schlecht; ihr Lachen klang gekünstelter, ihr Getändel weniger glaubhaft.
+Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer Pause, wo
+sie allein waren, zuflüsterte, sie wollten streiten. Er erfand den Namen
+einer Gräfin und behauptete, das Perlenkollier, das die Gräfin Schuilow
+beim letzten Jour der Fürstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen.
+Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene an und beharrte auf
+seiner Meinung. Eine glühende Röte überzog Lukardis Wangen, denn diese
+Heuchelei innerhalb der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle
+Furcht vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte den
+Sekt in die Gläser, und seine Miene zeigte ein albernes Bedauern, als
+sei er nur an täubchenhaftes Girren gewöhnt. Zum Schluß erhob sich
+Nadinsky unmutig und herrschte den Kellner an, er möge abräumen.
+Lukardis bittender Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue
+er sein Ungestüm und schritt mit ausgestreckten Händen auf sie zu. Der
+Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls auf und schmiegte nun
+den Kopf an seine Schulter, aber nur, um ihm zuzuraunen, er dürfe nicht
+vergessen, für den nächsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky
+nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag, der Wagen sollte
+um die sechste Morgenstunde am Tor sein. Der Mensch verbeugte sich
+schweigend und wollte gehen.
+
+Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. Ein zweiter, ein
+dritter Schrei folgte. Lukardis faltete erschrocken die Hände, und
+Nadinsky blickte unruhig zur Tür. Der Kellner hatte die Tür geöffnet; er
+trug eine metallne Platte und hielt die Tür offen. Ein halbnacktes
+Frauenzimmer stürzte vorüber. »Die Tür schließen,« hauchte Lukardis wie
+entseelt. Da krachte ein Schuß. Das schauerliche Brüllen eines Mannes
+erfüllte das ganze Haus. Nadinsky schob den Aufwärter über die Schwelle
+und schlug die Tür zu. Ein paar Minuten lang blieb es still, dann gings
+treppauf, treppab in schnellen, bestürzten Schritten. Stimmen murmelten,
+eine befehlende Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von
+oben. Darnach kam ein so herzzerreißendes Schluchzen, daß Lukardis
+händeringend zur Ottomane lief und sich, das Gesicht vergrabend, darauf
+niederwarf. Auch auf der Straße schien es nun lebendig zu werden. Es
+wurde ans Tor gepoltert. Man hörte deutlich die Stimme eines Polizisten.
+Im Flur tönten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen würde. Der Diener
+kam herein; mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Nadinsky und
+sagte: »Ich bitte Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die
+Dame, sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur passiert. Eure
+Exzellenz werden nicht mehr gestört werden.« Darauf verschwand er.
+Nadinsky trat zu Lukardis, setzte sich neben sie und streichelte mit
+bebenden Händen ihr Haar. Zusammenschauernd bei seiner Berührung, erhob
+sie den Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von ihr und
+war des Lebens überdrüssig. Sturm rüttelte an den Fenstern und
+plötzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder das Klavier, derselbe Walzer
+wie gestern mit derselben zahnlückigen Melodie. Aber lag nur ein Tag
+dazwischen? nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem
+verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und Stimmungen des
+Daseins vorübergetragen, Lust und Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung
+und Enttäuschung, Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies schon
+das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eine unendliche, geheimnisvolle
+Nacht? Nadinsky war es zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er
+die Barrikade erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue
+Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen getreten
+sei, als ob die frühere Existenz mit allen ihren Beziehungen von ihm
+losgelöst sei und als ob er in dieses Haus gekommen wäre, um sein
+eigentliches Schicksal auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft
+geschieden, ja ohne Brücken dahin und dorthin.
+
+Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer Weile kam
+Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur im Speisezimmer brannten die
+Lampen. In den Spiegeln dehnten sich die Räume grau und unbestimmt.
+Lukardis sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch voll,
+und nachdem Nadinsky sich entblößt, wusch sie die Wunde. Während sie aus
+ihrer Handtasche das frische Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und
+als Nadinsky verbunden war, bat er, sie möge ihm vorlesen. Sie setzte
+sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren Lermontows
+Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie gelesen, da fielen ihre Arme
+schlaff nieder, der Kopf sank zur Seite und der Schlaf überwältigte sie.
+So ohne Widerstand und Übergang entschlummern Kinder; Nadinsky hütete
+sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen an ihrem Antlitz, und es
+war ihm, als müsse sein eigenes Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks
+teilnehmen, welchem ihre Züge unterworfen waren. Wunderbarer Friede kam
+in sein Gemüt. Er streckte die Glieder und atmete wie in der Luft eines
+Gartens. Nun regten sich ihre Lippen. Sie flüsterte, sie lächelte
+zärtlich, die Hände ballten sich und das Buch fiel von ihrem Schoß auf
+den Teppich. Sie erschrak, öffnete die Augen, ein entsetzter Blick flog
+durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie weiter. Doch nun schien
+die Gewalt des Schlafes immer größer zu werden, der Oberkörper verlor
+das Gleichgewicht, sie wäre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht
+in seinen Armen aufgefangen hätte; er umschlang ihre Schultern und legte
+die Schläferin vorsichtig quer über sein Bett. Ihre Beine blieben auf
+dem Sessel liegen, ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme
+waren über dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich in starken
+Rhythmen. Allmählich fühlte sich Nadinsky beschwert, das Blut in den
+Schenkeln stockte und er hatte Mühe, so regungslos zu bleiben wie am
+Anfang. Er ließ sich langsam auf die Kissen zurückfallen, schob die
+Hände unter die Decke und unter den Rücken des Mädchens und versuchte,
+die Schlummernde auf diese Art zu stützen. So gelang es ihm, sich
+Erleichterung zu schaffen; einmal trugen die Arme, einmal die Schenkel
+und Knie die Last. Dabei empfand er eine glühende Freudigkeit, nicht
+nur, weil er ihr die Sorgfalt und Mühe vergelten konnte, sondern auch,
+weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als Kreatur, so unbedingt in
+seiner Hut. Oftmals betrachtete er sie, gedankenvoll entzückt, und ihr
+Leben, ihr Schlaf, ihr unbewußtes Dasein, die Gliederung des
+Menschenkörpers, an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen das
+Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglückendes Gefühl der
+wiedergewonnenen Herzenskraft.
+
+Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel einer auf der Straße
+vorübermarschierenden Militärpatrouille sie erweckte. Nadinsky hatte
+sich eben zum Sitzen aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem
+sich eine dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen heiter
+strahlen zu wollen, dann hüllten sie sich in Schleier der Scham; sie
+stieß einen hellen, kleinen Schrei aus, sprang empor, und ihr Gesicht
+war wie mit Blut übergossen. Sie drückte die Hände gegen die Brust und
+sah stumm vor sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als
+Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgültige Worte ab,
+erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. Sie antwortete
+zerstreut, und ihre Miene war bald scheu und ängstlich, bald dankbar und
+heimlich fragend. Zum letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde
+Nadinskys, und während sie es tat, hatte sie Mühe, ihre Fassung zu
+bewahren; die Welt draußen erschien ihr wie der aufgesperrte Rachen
+eines Tieres. Die Uhr zeigte ein Viertel vor sechs, sie mußten ihre
+Vorbereitungen treffen. Nadinsky war immer stiller und stiller geworden;
+als er angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr blaß.
+Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, ihm
+gegenüber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel an und die Handtasche
+stand zu ihren Füßen. So warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken,
+bis es Zeit war, daß sie gehen konnten.
+
+Endlich vernahmen sie von der Straße her das Knattern von Wagenrädern,
+und bald darauf klopfte es an die Tür. Der Kellner trat ein, diesmal
+ohne Livree; er trug einen verschmierten Schlafrock, die Haare hingen
+ihm in öligen Bündeln über die Stirn und sein Gesicht war mürrisch und
+böse. Er präsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, gab auch gleich das
+Fahrgeld für den Kutscher, dann gingen sie hinab. Zwei Eimer voll
+Kehricht standen am Fuß der Treppe, und auf der Torschwelle lag ein
+schwarzer Hund, der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch
+war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den langen Weg.
+
+In einem der inneren Räume des Bahnhofs stand Anastasia Karlowna an
+einer Säule. Sie begrüßte die beiden und fragte nach Nadinskys Befinden.
+Dann übergab sie ihm den Paß und einen Koffer, der die notwendigen
+Gegenstände für die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, und
+Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus,
+schritt auf Lukardis zu und reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare
+Schwäche im Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das
+Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere Hand, die linke mit
+seiner linken, und die vier Hände lagen beieinander wie Glieder einer
+geschmiedeten Kette. So verharrten sie einen Augenblick und erschienen
+sich selbst als Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte
+warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem Gang zum Waggon
+zurück und klomm die Treppe hinauf. Er trat ans Fenster, in dessen
+schwarzer Umrahmung und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein
+kreideweißer Fleck. Nun ertönte die Pfeife, und langsam rollte der Zug
+aus der Halle.
+
+Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in Tränen aufgelöst.
+Die Frau hatte nicht gewagt, ihrem Gatten von dem Brief der Tochter
+Mitteilung zu machen und ihm deren Verschwinden durch mühevolle Listen
+verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung zwischen
+Lukardis und der Mutter, eine Szene, bei der die taubstumme Frau in der
+erregtesten und flehendsten Weise gestikulierte, während das Mädchen nur
+den Kopf schüttelte und mit keinem Laut, keiner Gebärde sonst
+antwortete. Allmählich wurde die Generalin von einer heftigen Sorge um
+Lukardis ergriffen, die sich in Bestürzung verwandelte, als Lukardis
+sich beharrlich weigerte, den Staatsrat Kussin zu sehen, der für einige
+Tage nach Moskau gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht,
+sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die Verlobung
+mußte gelöst werden, und beflissener noch als zuvor wich Lukardis den
+Menschen aus, den Freunden, den Fremden, der Mutter, dem Vater, den
+Schwestern. Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die
+Ärzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die Generalin
+mit ihr nach Paris, später ans bretonische Meer. Eines Nachts
+überraschte die Mutter sie, wie sie auf den Fliesen der Terrasse ihres
+Zimmers lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit
+weitgeöffneten, unbeschreiblich strahlenden Augen in den gestirnten
+Himmel schaute. Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer
+grenzenlosen, den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit.
+
+Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, er lebe auf einer
+Farm im westlichen Kanada. Niemals hat Lukardis seinen Namen erfahren,
+niemals er den ihren.
+
+
+
+
+Ungnad
+
+
+Länger als zwölf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen Erasmus Ungnad
+und Gräfin Marietta Giese, und Georg Ulrich Castellanis boshafte
+Bemerkung, es sei bald an der Zeit, sie in die Galerie berühmter
+Liebespaare einzureihen, zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung
+unter manchen Freunden an, vom Mißfallen anderer zu schweigen. Doch die
+Freunde hatten so wenig Einfluß darauf wie die Familie, die Rücksicht
+auf die Karriere so wenig wie der Gedanke an persönliches Behagen. Im
+Grunde stand man vor einem Rätsel. Erasmus war nichts weniger als ein
+Toggenburg; Ausharren war sonst seine Stärke nicht; Marietta nichts
+weniger als ein Käthchen, im Gegenteil, eine Frau von Welt, ein
+überlegener Charakter.
+
+In gewissen Zeitabständen erfolgte ein Bruch. Beiden schien es jedesmal
+damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen Auseinandersetzungen,
+brieflich oder mündlich, verständigten sie sich, daß es für das Wohl des
+andern wünschenswert und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen und
+daß es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil diene, wenn es in Frieden
+und Herzlichkeit geschähe. Sie gaben einander in aller Form frei; zwei
+Monate darauf war gewöhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus
+Schwester Francine wußte in solchen Fällen keine triftigere Erklärung,
+als daß sie Marietta eine dämonische Natur nannte. Drei Jahrhunderte
+zurück, und sie hätte sie in ihrer Erbitterung öffentlich der Hexerei
+angeklagt.
+
+Nach seiner Rückkunft aus Japan im Jahre 12 schien die Loslösung
+nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen vielbeneideten
+Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, der Minister des Äußern, großer
+Herr damals, Leuchte der Diplomatie, der er für seinen Teil und für
+seinen Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich für alle Zeiten, zu
+einem Triumph unter den europäischen Mächten verholfen hatte, hielt
+große Stücke auf ihn und war dem gräflich Ungnad'schen Hause außerdem
+wohlgesinnt. Diese mächtige Hand eröffnete ihm die glänzendsten
+Aussichten; er war zunächst zu einer hervorragenden Stellung bei der
+Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten winkte in nicht
+allzuweiter Ferne. Francine schwamm in Hoffnung und entfaltete alle ihre
+Kräfte, um eine vorteilhafte Heirat zustande zu bringen. Der Moment war
+so günstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den Vordergrund
+gerückt. Das eine betraf eine junge Baroneß Spielberg, die von Seite
+ihrer Mutter, einer Amerikanerin, enormen Reichtum zu erwarten hatte;
+das andere die zweitälteste Tochter der Rienburg-Rhedas, Komteß
+Sebastiane, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, anziehend und, wie Francine
+erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus unter Graf Rienburg-Rheda
+Legationssekretär gewesen war, in ihn verliebt. Zudem gehörten die
+Rienburg-Rhedas zum begütertsten Adel des Landes; sie verfügten über
+soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Häusern, Schlössern,
+Wäldern, Wässern, ererbtem und erheiratetem Besitz, in hundertjährigen
+Traditionen gefestigt wie die Hausmacht der großen Dynasten.
+
+Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus' Schuld am Mißlingen war nicht
+zu durchschauen. Im einen Fall hatte er sich nicht entscheiden können,
+im andern hatte er sich überhaupt nicht vorgewagt, so daß man es
+wenigstens mit der Familie nicht verdorben hatte und niemand
+bloßgestellt war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten und
+ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen in ihr erregt, um
+sie immer wieder zu enttäuschen, bis sie in einem Zustand hysterischer
+Überreizung erklärt hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei
+Rienburg-Rhedas war er eine Woche lang zu Gast auf dem südmährischen
+Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall den Grafen hin, und er, den
+Unglücks- und Todesfälle in eine lächerliche Panik versetzten, reiste
+unverrichteter Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf die
+Versöhnung mit Marietta.
+
+Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. Es war zu
+befürchten, daß der Minister seine Hand von ihm abzog. Oft schon war
+seine Laufbahn durch diese Frau gefährdet gewesen. Francine erinnerte
+ihn daran, wie sie eines Tages plötzlich in Petersburg erschienen sei
+und ihm Verdrießlichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf bei der
+Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm die Worte ins Gedächtnis,
+die ihm vor drei Jahren seine Tante, die kluge Terese Klingenberg
+geschrieben: daß ein Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen
+Preis seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten dürfe; entweder
+müsse alles so verschleiert sein, daß die Neugierde niemals dahinter
+kommen könne, oder es müsse eine klare Eindeutigkeit walten, so oder so;
+nichts sei geeigneter, die Öffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu
+verstimmen als ostensible Herzenspassionen.
+
+Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. Sie
+erschöpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. Sie zitierte Urteile,
+Prophezeiungen, Meinungen seiner nächsten Freunde über ihn und
+hauptsächlich über Marietta. Sogar der unbeträchtliche Ferry Sponeck
+mußte herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu Erasmus, aus
+der Sorge um ihn. Er war der Letzte des Geschlechts; sie fühlte sich für
+ihn verantwortlich. Sein Vermögen war gering. Sie hatte in den letzten
+Jahren versucht, es durch Börsenspekulationen zu vermehren; da sie gut
+beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, war ihr dies gelungen.
+Aber wenn sie auch Millionen gewonnen hätte, was hätten ihr die
+gefruchtet; das Glück, das sie für ihn im Auge hatte, war ein höheres.
+Der in ihr aufgehäufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, mit
+denen sie Erasmus zu Leibe rückte, eindringliche Schärfe. Mit
+Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, entwarf sie, durch Haß
+befeuert, ein Bild von Marietta, das in der Verzerrung noch Züge der
+Wahrheit hatte und abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie;
+eitel; seelenlos; durch Lektüre verbildet; im Bestreben, die große Dame
+zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt herausfordernd; mit zur
+Schau getragener Freiheit nah daran, für eine Abenteuerin zu gelten;
+unergründlich egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen
+gefährlich sinnlich; längst über die erste Jugend hinaus, auch über die
+zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, sie auf
+Händen getragen hatte und unglücklich und vereinsamt war, geistig und
+körperlich ein Krüppel.
+
+Francine war kühn. Sie mußte auf verletzende Vergleichung gefaßt sein.
+Sie selbst war ja in heikler Situation. Ihr Schicksal als Weib hatte sie
+von unbehüteten Jahren an andere Wege geführt als die üblichen und
+gebilligten. Nur durch ihre Zähigkeit und Klugheit hatte sie dann doch
+Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft behauptet.
+Dunkles Schicksal, das in einem von ihr selbst nie ganz begriffenen
+Gegensatz zu ihrem Wesen stand.
+
+Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine Person zielte,
+pflichtete er ihr bei. Über Marietta schwieg er. Er empfand Francines
+Zärtlichkeit; ihr Ungestüm belästigte ihn. Sie verlangte Versprechungen,
+er weigerte sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich,
+und das Ergebnis von Francines Bemühungen war, daß er zu Marietta auf
+ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging sie zum Minister. Sie vertraute
+sich ihm ohne Rückhalt an, und die Art, wie er ihr lauschte, ließ die
+herzliche Zuneigung für Erasmus erkennen. Er würdigte die Schwierigkeit;
+ihn zu entfernen, hielt er für notwendig wie sie; der Londoner Posten
+kam augenblicklich noch nicht in Betracht, dagegen bot sich die
+Möglichkeit, ihn nach Indien zu schicken; es fand dort eine
+Jubiläums-Feierlichkeit statt; die englische Regierung und der Vizekönig
+hatten die Mächte zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden
+später war Erasmus für die Mission ernannt. Ein Telegramm rief ihn von
+Eichfurth zurück, zehn Tage darauf lief das Schiff aus dem Triester
+Hafen. Francine glaubte ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene
+Monat war Gewinn. Erasmus war dreiunddreißig, Marietta Giese
+fünfunddreißig; der Zauber mußte binnen kurzem brechen; was die Vernunft
+nicht erreichte, würde die Zeit bewirken. Wenn es auch noch Kämpfe
+kostete, Francine war gerüstet. Indes gelang es ihren hartnäckigen
+Bemühungen, daß man Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe dort
+beendet war, unmittelbar nach London befahl.
+
+ * * * * *
+
+Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten Jahr im
+diplomatischen Dienst. Der Weg war der herkömmliche und vorgeschriebene
+gewesen; die Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington, Tokio;
+und nun London. Er hatte viel gesehen, viel gehört; nach seiner Meinung
+viel erlebt. Er kannte das Inwendige der politischen Maschinerie. Er
+hatte gelernt, wie die Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei
+den markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge. Die
+repräsentativen Pflichten erfüllte er mit genügender Würde.
+Verantwortung war ihm aufgebürdet; er wußte um die Last, seine Haltung
+deutete sie an. Geschlechteralte Zucht machte ihn zum Vorbild für
+Unsichere. Die Gebärde verriet, daß er in seine Rolle hineingeboren war.
+Selbstverständliches Tun und Sein, darauf kam es an; das gelegentliche
+Nachdenken darüber war Verzierung, die man sich in Mußestunden
+gestattete. In der Führung der Geschäfte von unbedingter Verläßlichkeit,
+gewissenhaft wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank, war
+er überall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung und der
+Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein, von seinem Geist oder
+seinem Genie zu sprechen, aber seine Ritterlichkeit und Freundestreue
+hatten schwärmerische Lobredner.
+
+Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn; die Jahre trugen
+ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen Element keine Trübung, nur
+über das Äußere und Betriebmäßige war zuweilen ein Schleier von Unmut
+gebreitet. Aber der Strom floß breit und gefällig dahin. Dem vorwärts-
+wie dem zurückschauenden Blick boten sich dieselben Bilder: geschmückter
+Weg, umfriedetes Revier, Fülle der Verlockungen, Menge der Dienenden,
+erschlossene Welt. In Stunden der Träumerei flammte in seinem sonst
+trägen Gedächtnis auf, was ihm erworbenes und in Sicherheit gebrachtes
+Lebensgut war: ein marokkanischer Himmel, rot vor Bläue; prunkvolle
+Aufzüge, veranstaltet von exotischen Fürsten; feierliche Empfänge;
+illuminierte Säle; militärische Paraden; Frauen, die um Liebe warben;
+fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch mitgebracht, das
+er in wenigen Exemplaren für seine Freunde drucken ließ. Es wurde damals
+als die feinste Blüte aristokratischer Lebensauffassung und
+Betrachtungsweise bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie
+Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv und aus erster Hand,
+oft ein bißchen einfältig sogar, wie eine Fibel einfältig ist. In der
+Mischung von Bescheidenheit, Wißbegier und unschuldiger Philosophie
+drückte sich Ungnads Wesen sehr liebenswürdig aus. Es waren Fahrten
+darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf Flüssen, in der Nacht,
+auf Booten mit Lampions behängt, Schauspiele und Wanderungen, Tempel und
+Gärten; von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein Hauch;
+hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen von Blumen, Farben von
+Blumen, Gerüche von Blumen; ein umgewandeltes Sinnliches, ließ es das
+sinnlich Gebannte seiner Natur erraten, auch wieviel Trägheit in seiner
+Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem Genießen.
+
+Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des Krieges entfalteten alle
+Berückungen seiner Welt. Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtum
+und die Üppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich zur Strahlung
+verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden Kern, begnadet und Gnaden
+spendend. Die Künste der Nationen vereinigten sich, der herrschenden
+Kaste zu huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit gesättigt. Feuer des
+Übermuts lag in den Gemütern, das Ungewöhnliche war Nahrung für den
+Gewöhnlichsten, Nüchterne wurden auf lichtverklärte Höhe gehoben und
+sahen den Horizont wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob
+alles in atemloser Bestürzung auseinander, und über das rubenshaft
+glühende Gemälde fiel schwarzer Flor, um es auf immer zu verdecken.
+
+Was darnach kam, war trockne Amtsausübung in vorgeschobenen Bezirken,
+eroberten Provinzen, umrasselt von Waffenlärm. Man hatte Mühe, den Kopf
+obenzuhalten. Das Geschrei aus den Lagern hüben und drüben lähmte; der
+Haß verunreinigte wie Schmutz, der kleben bleibt und sich in die Poren
+frißt; die Guirlanden waren weggerissen; die Blöße der Leiber stierte
+einen an; Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau wankte; die
+kaum merkbare Allmählichkeit, mit der die Existenz ins Enge und
+Sorgenhafte geriet, war entnervend; und so der beständige wütende Sturm,
+der die Blätter vom Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln
+ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General regierte. Man
+war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen, wie die Partie stand. Die Not
+der Länder schrie, des eigenen vor allen; man überredete sich zur Demut,
+suchte Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre, verwob
+persönliches Geschick willig mit dem Ganzen, hoffte, fürchtete, wartete,
+Jahr für Jahr, wartete auf Schlimmes und war doch nicht im entferntesten
+vorbereitet, in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die Zeit
+dann wirklich machte.
+
+Im August des Jahres 18 wurde er mit dem preußischen Oberst Grimm nach
+Armenien entsendet, um Bericht über die Zustände zu erstatten, die der
+feindlichen Propaganda Nahrung gaben. Türkische Offiziere und Beamte
+begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was vertuscht werden
+konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein künstliches Schaugepränge
+vorgeführt, Blendwerk; zuletzt offenbarte sich das Grauen. Auf der
+Heimreise, man hatte schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus
+vom Schiff aus an Francine: »Es war schön, als der Katholikos in
+Echtmiadzin unsere Abordnung empfing. Ich habe nie so herrliche Gobelins
+gesehen und so prunkvolle goldene Gefäße. Der Katholikos war in Gold und
+Purpur gehüllt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt war,
+blendete die Augen durch die Pracht seiner Gewänder. Vor den
+Bogenfenstern des riesigen Saals sah man die schneebedeckten Gipfel des
+Taurus, und alle überragte der mächtige Arrarat. Da schauderte es einen;
+Arrarat; beim bloßen Namen überlief es einen. Aber auf dem Schloßhof
+unten stand eine tausendköpfige Menge, und von ihr stieg ein
+eigentümliches winselndes Brausen empor. Erst glaubten wir, die Leute
+seien zum Gottesdienst gekommen, der dann stattfinden sollte; aber der
+Katholikos wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst Grimm
+gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen Sie Ihrem Kaiser, daß
+sie hungern. Die türkischen Herren hinter uns duckten sich, und ich
+schaute, während das eigentümliche winselnde Brausen fortdauerte, in den
+Schnee des Arrarat hinüber. Am nächsten Tag sind wir durch die glühenden
+Täler zum Meer geritten, an Ruinen vorbei und über Schlachtfelder.
+Wüste und Weinland grenzen dicht aneinander, manchmal kauert ein mit
+Fetzen bedeckter Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die Küste
+kamen, lag der Ozean märchenhaft blau, aber die Luft war verpestet durch
+zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen, nackt und in Kleidern,
+viele bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Männer, Weiber und Kinder.
+Die türkischen Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den
+Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins Meer getrieben.
+Ich dachte mir: die grandiose Natur, und der Mensch eine Bestie, die sie
+schändet. Der Himmel und das Meer in ihrer Schönheit waren Lüge.«
+
+Er hatte sich mit Oberst Grimm während der langen Reise ziemlich
+angefreundet; der Oberst war ein stiller, vernünftiger Mann; weit
+trätabler als seine preußischen Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in
+Budapest von ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte
+von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen und verludert;
+stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm den militärischen Gruß zu
+geben, frech ins Gesicht. Der Oberst sah ihn an, seine Stirn rötete
+sich, er machte Miene, auf ihn zuzugehen, besann sich plötzlich, senkte
+vor Erasmus den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller
+Selbstbeherrschung von etwas Gleichgiltigem.
+
+Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Gedächtnis, während er allein
+die Reise fortsetzte.
+
+Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man wußte nicht, wie man sich
+seiner erwehren sollte. Man befand sich auf einer gewissen Höhe,
+unangreifbar, unerreichbar. Man genoß verbrieften Schutz von altersher.
+Die Sicherungen waren bewährt und tragfähig gewesen bis jetzt. Man war
+gewohnt, viel Raum um sich zu haben. Raum feite, Raum trennte. Die
+andern, die Leute, bewegten sich weit draußen. War doch schon ihr
+respektvolles Aufmerken bisweilen lästig. Man konnte unbeschränkt
+verfügen: über bezahlte Menschen, über die Stunden, über die Dinge. Die
+Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die Hand, die unter ihnen wählte.
+Und das Gesetz, das durch die stummen Jahrhunderte geheiligt war,
+schrieb das Maß vor.
+
+Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte wurden
+angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz erstreckten, auf
+unentbehrliche Schattierungen, auf ehrwürdigste Institutionen, auf
+auserlesene Formen, auf Auserlesenheit überhaupt, unleugbare, weil durch
+das Blut bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die Würde.
+Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war so hämisch, so
+erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln herum, ein feiges
+Gespenst.
+
+Man saß aufrecht und hielt sich bereit.
+
+ * * * * *
+
+Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt. Es handelte sich
+wieder um eine Rienburg-Rheda, um die dritte Tochter, die inzwischen
+herangewachsene zwanzigjährige Pauline. Es waren im ganzen vier
+Schwestern. Die älteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr früh mit
+dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie lebte seit einigen
+Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei der Mutter, unbekannt aus welcher
+Ursache. Es hieß, eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er
+in der Trunkenheit zwei Tänzerinnen in die Wohnung mitgebracht hatte.
+Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod einen Grafen Dettingen
+geehelicht, Husarenrittmeister, der bei Luck gefallen war. Sie war
+Mutter von zwei Kindern geworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline
+und Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt.
+
+Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen sorgfältig
+vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren hin- und hergereist, um die
+Stimmung auszukundschaften, unverpflichtende Anfragen waren gestellt,
+Briefe waren geschrieben worden, deren Taktik an Musterstücken
+verflossener Kabinettsdiplomatie geschult war, und allmählich
+entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit. Ehe noch Erasmus aus
+Konstantinopel zurückgekehrt war, hatte sie schon die Einladung der
+Gräfin Rienburg für ihn in Händen. Von Tag zu Tag unruhiger wartete sie
+auf seine Antwort, denn es verkündigten sich verhängnisvolle Ereignisse,
+und der politische Himmel war schwarz verhängt wie ein Sarkophag.
+
+An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt, erfuhr sie, daß
+Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen sei. Das konnte nichts
+anderes bedeuten, als daß sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls
+erwartete. Ohne langes Besinnen verfaßte sie eine ungestüme Epistel, in
+welcher sie Marietta auseinandersetzte, daß Erasmus' Zukunft auf dem
+Spiel stehe; daß er zu lange schon seine besten Kräfte und besten Jahre
+damit vergeude, die Ketten abzuschütteln, die sie um ihn geschlungen;
+daß er allmählich in das Alter trete, in dem man aufhöre, für die Frauen
+mitzuzählen; daß er jetzt im Begriff sei, eine glänzende Verbindung
+einzugehen, und daß die Familie, um kein Mittel unversucht zu lassen,
+sich an ihre Einsicht und oft bewiesene Geistesstärke wende, die ihr
+zweifellos den Weg aus dem Dilemma zeigen würden.
+
+Zum Glück las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte, ihrer Cousine Nora
+Klingenberg vor, die ihr solchen Schritt entschieden widerriet. »Soll
+denn das alte Spiel wieder von vorne beginnen?« rief Francine erregt
+aus; »Bruch, Versöhnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig zu
+meiden und gerührtes in die Arme-Sinken. Es ist nicht länger zu
+ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen, man wird zum Gelächter
+der Welt.« Nora Klingenberg hielt der Entrüsteten vor, daß sie mit ihren
+Vergewaltigungsmethoden das Übel verschlimmere; da käme Erasmus erst
+recht aus dem Schwanken und Zaudern nicht heraus. Je verführerischer man
+ihm den Köder bereite, je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das
+Zugreifen; je mehr man ihn überrede, je stütziger werde er. Sie solle es
+listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie erbot sich, zu
+Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen, als Frau zur Frau.
+Dadurch erwachse vielleicht Verständigung. Francine umarmte sie und
+sagte, sie sei ein Engel. »Laß dir nicht von ihr imponieren,« warnte
+sie; »vergiß nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout bei
+Castellanis über den Mund gefahren ist, als darüber debattiert wurde, ob
+die Lehndorffs oder die Klingenbergs älter seien. Ich versichere dir,
+ihr Großvater Johann Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er
+Statthalter gewesen ist; und die Zinsen müssen hoch gewesen sein, Georg
+Ulrich behauptet, nie unter zwölf Perzent.«
+
+Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen von dem Besuch
+zurück. Sie berichtete, Marietta sei kühl gewesen, spöttisch, glatt,
+ausweichend, habe sie beständig abzulenken gewußt; habe sie einmal, als
+sie sich einen Anlauf genommen, sonderbar lächelnd angeblickt, und
+nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im Grunde nichts
+geredet. Sie mache mit einem, was sie wolle, es sei nicht gegen sie
+aufzukommen; wenn man noch beim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon,
+und jeder Satz habe zehn Facetten. Im übrigen sei sie hübsch wie nur je;
+als seien fünfzehn Jahre spurlos an ihr vorübergegangen; bestrickend und
+anmutig, das reine Wunder.
+
+Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend fing sie an zu
+schimpfen wie ein Marktweib. Drohte, höhnte; stieß Gegenstände aus dem
+Weg; schwor, daß sie die gefährliche Komödiantin vernichten wolle,
+vergoß Tränen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich
+vergebliche Mühe, sie zu besänftigen.
+
+ * * * * *
+
+Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus ältesten Freunden. Er war
+in jeder Beziehung steckengeblieben, sowohl was seine Laufbahn als auch
+was seine Entwicklung betraf. Trotzdem vielfache Einflüsse für ihn
+gewirkt hatten, war er in einem der für unfähige Hochtories
+vorbehaltenen Präsidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging auf keine
+Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande, orthographisch richtig zu
+schreiben. Erasmus erlaubte sich kein Urteil darüber, ob er wirklich so
+dumm war, wie alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner
+vollkommenen Diskretion.
+
+Mit Männern konnte er sich im allgemeinen schwer verstehen. Sie vermaßen
+sich an ihm. Sie wollten in ihn eindringen und bedachten nicht, daß das
+verletzt. Männer im allgemeinen wußten wenig von dem Grad der
+Verletzlichkeit eines Menschen. Ferry Sponeck hingegen verpflichtete nie
+und insistierte nie. Manchmal plapperte er und erzählte Klatsch; indem
+er seine Nichtigkeiten von sich gab, stimmte er vertrauensvoll; es kam
+einen plötzlich die Lust zu Eröffnungen an, ja zu Bekenntnissen oft; man
+wurde mitteilsam, gerade gegen ihn, der so kindlich erstaunte Augen
+machte, bei ganz verkehrten Anlässen bedauernd den Kopf wiegte und sich
+dann und wann zu einer albernen Zwischenbemerkung aufraffte. Man war
+eigentlich mit sich allein und wurde doch durch Menschenaugen aus sich
+hervorgelockt. Man geriet ins Sprechen, Drückendes wich, wenigstens für
+die Stunde, Vergangenes ordnete sich. Man hatte keine Taktlosigkeiten zu
+besorgen, keine neugierigen Fragen, nicht die klugen Aperçus und
+beunruhigenden Haarspaltereien, die an den Leuten von Geist so
+verdrießlich waren.
+
+Schon am Tage nach seiner Rückkunft sagte er sich bei Ferry Sponeck an,
+der in einem kleinen alten Palais in einer kleinen alten Gasse wohnte.
+Langsam und versonnen ging Erasmus hin. Er spürte das Unheil in der
+Luft. Vor vielen Jahren, in Sizilien, hatte er am Abend vor dem großen
+Erdbeben dieselbe andauernde Qual in allen Nerven empfunden. Er
+erinnerte sich, daß er dann, ins Hotel zurückgekehrt, einen Weinkrampf
+gehabt hatte.
+
+Seine Erregung wuchs, als er Ferry Sponeck bei der Lampe gegenübersaß.
+Dieser braute Kaffee in einer kupfernen Maschine und blies bisweilen in
+die Spiritusflamme, wobei er die Backen voll Luft pumpte und aussah wie
+der Boreas auf alten Bildern.
+
+»Drüben im Ministerium geht alles drunter und drüber,« sagte Erasmus.
+»Sie transportieren Aktenschränke auf den Dachboden und lassen
+Telegramme unbeantwortet liegen.«
+
+Ferry Sponeck seufzte.
+
+Erasmus schaute grübelnd vor sich hin. »Ich verschließe mich der
+Tatsache nicht, wie die meisten unter uns, daß wir leichtsinnig
+gewirtschaftet haben,« sagte er mit seiner trägen und verschleierten
+Kopfstimme; »wir hatten keine Führer; keiner war der Herr. Manche haben
+das Unglück kommen sehen und haben gespottet. Die Schuld ist groß, und
+der Unverstand, und die Blindheit. Aber offene Rebellion, das darf nicht
+sein. Wenn das eintritt, geht die Welt unter. Rebellion ist Satans Werk.
+Rebellion heißt, daß Christus verleugnet und ans Kreuz geschlagen wird.
+Alle zweitausend Jahre, hab ich einmal gelesen, schlagen sie ihn ans
+Kreuz, und jetzt ist bald die Zeit.«
+
+Ferry Sponeck nickte. Der Kaffee schäumte braun unter der Glaskuppel,
+und er drehte bedächtig den Hahn auf. Der kochende Strahl rann schwarz
+in die goldene Tasse.
+
+Erasmus sagte: »Die murren, werden täglich mehr. Noch wagen sie einen
+nicht anzuschauen, aber hinterrücks zücken sie das Messer. Sie tragen
+das Messer aufgeklappt in der Tasche; morgen werden sie auf einen
+losgehen. Hast du auch manchmal ein Klirren im Ohr wie von zerbrochenen
+Fensterscheiben? Es dringt bis in den Schlaf. Und dann hört man
+Geschrei, fernes Geschrei.«
+
+»Du denkst zuviel nach, Mumu,« tadelte Ferry Sponeck liebevoll; bei
+intimen Anlässen nannte er Erasmus Mumu, wie man ihn als Kind gerufen.
+»Bist du denn ein Gelehrter, daß du fortwährend denken mußt? Wir könnens
+nicht ändern, wir beide, wir müssens geschehen lassen.«
+
+Erasmus sprach stockend weiter: »Ich bin einmal von Corfu nach Athen mit
+einem alten Segelschiff gefahren, da sind nachts die Ratten über meine
+Bettdecke gerannt. Es war grausig, und der morsche Kasten ist auch bei
+der nächsten Fahrt gesunken.« Seine Stimme wurde leiser, und er rieb
+nervös die Finger aneinander. »Gefürchtet hab ich mich nicht, aber
+Ratten, das wirst du zugeben, das ist das Ekligste auf der Welt. Im
+Finstern verlassen sie sich auf ihre scharfen Zähne; im Finstern sind
+sie frech. Sie selber sind geschützt, natürlich; durch ihre Zahl sind
+sie geschützt, durch den Unrat und durch das Grausen.« Er machte eine
+Pause und lächelte kränklich und hochmütig. »Einschüchtern darf man sich
+nicht lassen. Keine Schwäche zeigen. Wir, wir haben die Religion; davon
+wissen sie freilich nichts, die Ratten; und das, was man Ehre nennt,
+haben wir. Ehre, das ist wie eine diamantene Kugel. Das Ungnadsche
+Wappen hat eine schöne Devise: #fort et modeste.# Ehestens wird das
+nicht mehr viel bedeuten. Ehestens vielleicht werden sie das Wappen
+zerschlagen. Zerschlagen mögen sie es immerhin; besudeln sollen sie es
+nicht. In dem Glauben kann mich keiner wankend machen, daß alle
+Legitimität von Gott stammt.«
+
+Ferry Sponeck nickte andächtig. Erasmus erhob sich lässig auf den langen
+Beinen und wiederholte mit einer Art Verbohrtheit: »Damit steh und fall
+ich, daß alle Legitimität von Gott stammt.«
+
+ * * * * *
+
+Als ihm Francine von der Einladung der Gräfin Rienburg-Rheda berichtete,
+erklärte sich Erasmus zu ihrer Freude bereit, sie anzunehmen. Er wußte,
+worum es sich handelte; er wußte, daß Francine nur auf das eine Ziel
+hindrängte, und er enttäuschte sie nicht einmal durch ein Kopfschütteln
+oder das obstinate Lächeln, das er bei solchen Gelegenheiten hatte. Die
+Stadt machte ihn elend, er sehnte sich nach Stille und Landschaft. »Ist
+es aus zwischen dir und Marietta?« fragte Francine halb drohend, halb
+ängstlich. Er antwortete: »Es ist schon lange aus.« Darauf Francine,
+entzückt: »Seht ihr euch gar nicht mehr?« Er, kühl und gezwungen: »Ach
+ja, wir sehen uns, aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im
+Juni getroffen.« Francine verbreitete sich nun ausführlich über den
+Charakter der Komteß Pauline, und daß eine Ehe zwischen ihr und Erasmus
+der Gipfel des Wünschbaren sei. Er hörte still zu und sagte dann: »Es
+ist möglich, daß du recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.«
+Francine nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und nötigte ihn, an die
+Gräfin zu telegraphieren, daß er an dem und dem Tag kommen würde.
+
+Um gefällig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen ihm die
+Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte er gewissenhaft.
+Man würde unbekannte Leute treffen; er stellte sich solche der
+abstoßendsten Art vor; geschwätzige Personen, zudringliche Personen.
+Verpflichtungen würden entstehen; diesen oder jenen würde man verletzen
+und sich wieder um ihn bemühen müssen; Zwang würde ausgeübt werden; Lärm
+würde sein; irgendeiner würde da sein, der Türen warf oder des morgens
+um fünf Uhr nach der Scheibe schoß, oder mit unendlichem Gerede einen
+Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer zu packen,
+Nachrichten zu dirigieren; das alles häufte sich zu einem Gebirge, und
+er verschob den Termin. Francine ereiferte sich, er wich zurück. Er
+sagte, man bedürfe seiner im Amt. Sie erwiderte, man bedürfe seiner mit
+nichten; bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er sich
+fernhalte. Er gab es ermüdet zu, bat aber für die Reise um eine Woche
+Frist. Sie feilschte um zwei Tage und verlangte, daß er am Sonntag
+reise. Er willigte ein. Am Samstag abend erhielt er eine Karte von
+Marietta, die ihn ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er
+erschrak. Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz
+verschollen heimlich damit gerechnet. Daß es eintraf, war Erschütterung.
+Er erklärte Francine, daß eine wichtige ministerielle Sitzung ihn
+verhindere, früher als Mittwoch zu reisen. Francine starrte ihn
+sprachlos an. Aber da er ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt
+nicht weiter hinauszuschieben, mußte sie sich zufrieden geben.
+
+ * * * * *
+
+Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs, Erasmus unter
+denen, die hinten standen, denn vermöge seiner Länge konnte er über die
+Köpfe schauen.
+
+In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorstädten herein, ein
+schwarzer, breiter, klebrig fließender, stummer Menschenstrom. Sie kamen
+zur Verkündigung der Republik. Die Straße war ausgefüllt bis an die
+Häusermauern. Aus der nachmittägig-nebligen Ferne, die wie bodenlose
+Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte sich schattenhaft in Leiber
+und Gesichter, schwoll durch Zufluß aus Nebengassen, wälzte sich drohend
+ruhig vorüber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus, Schritt für
+Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der vor dem großen Platz die
+Straße verengerte, und der die gestauten Massen langsam verschlang. Eine
+Stunde verging, und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser
+Tiefe glich, wälzte sich das Ungeheure her, das nicht eine Summe
+zählbarer Einzelner war, sondern ein Element für sich, zu einem Willen
+verschmolzen, kroch und wogte vorüber, spürbar-, sichtbar-wirklich,
+fortbewegt durch einen gewaltigen und äußerst zu fürchtenden Trieb, bis
+es der dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen ähnlich, gierig
+schluckte.
+
+Die Herren rührten sich nicht. Mattes Erstaunen würgte ihre Kehlen.
+Einer sagte vor sich hin: »Das ist das Ende.«
+
+Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem Freunde Ferry Sponeck
+in dessen Wohnung. Sie vermieden es, über das Gesehene zu sprechen. Sie
+erstickten es in sich. Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts
+zu tun; sie stießen es wieder weg und gruben es zu.
+
+Sie aßen schweigend und lauschten auf Geräusche von der Straße. Aber
+diese Straße der alten Paläste war still; sie lag noch in einem
+vergangenen Jahrhundert und träumte. Sie war wie von einem verstaubten
+Seiden-Gespinnst überzogen.
+
+Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls für ein paar Wochen nach
+Rienburg gehen; die Gräfin habe ihn mehrmals aufgefordert, übrigens sei
+er ja als Vetter der Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte
+und schien seinen Entschluß zu billigen. Ihn freue es nicht besonders,
+daß er hin solle, sagte er dann, aber Francine lasse ihm keine Ruhe, und
+so habe er nachgegeben. Gegen Francine aufzukommen, sei schwer, nicht
+bloß wegen ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem,
+sondern auch, weil man sie schonen müsse.
+
+Er hielt inne, um zu ergründen, ob Ferry Sponeck ihn richtig verstehe.
+In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe, wenn du willst, ich bin
+vernagelt, wenn du willst. In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das
+war genau, was Erasmus wünschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses
+Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute hielten. Er
+wollte sich das Verworrene und Traurige in Francines Leben zurechtlegen;
+er hatte es mit Worten noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuhörer,
+und zwar einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich
+bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry zu erkennen
+gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort:
+
+Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden; damals, als das
+Niemehrgutzumachende mit dem italienischen Sänger passierte, sei sie
+achtzehn Jahre alt gewesen, der Verführer sechsundvierzig, noch dazu
+verheiratet und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle Konsequenzen
+gezogen; nicht bloß in ihre schwierige Lage sich gefügt und dem die
+Treue bewahrt, der ihre Zukunft vernichtet, sondern auch in den
+Enttäuschungen, Demütigungen und Kämpfen ihren großen Charakter
+gestählt. Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht, sich
+eine neue Position zu schaffen und außerdem noch soviel Kraft erübrigt,
+ihm, dem jüngeren Bruder, eine tätige und hilfreiche Freundin zu sein.
+Das müsse man bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der
+habe keinen Begriff von Unerschrockenheit und Würde.
+
+Ferry Sponeck mußte den Begriff haben, denn er blickte Erasmus
+zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile: »Ich habe oft darüber
+nachgedacht, warum es so kommen mußte, bei ihrem Stolz, ihrem Bewußtsein
+davon, was sie dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu
+dem Resultat gelangt, daß das, was ihr zum Verhängnis geworden ist, ein
+Ungnadsches Verhängnis überhaupt ist. In jedem Ungnadschen Leben, habe
+ich herausgefunden, ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger
+Moment, wo die Sinnlichkeit ein für allemal über ihn entscheidet. Es
+fängt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudrücken wovon; zum
+Beispiel, man geht über eine Brücke und sieht, wie ein Weib sich über
+das Geländer beugt und sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist
+irgendein anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen
+Moment geschieht, beeinflußt und durchdringt das ganze Leben, wie wenn
+ein bestimmtes Aroma aus einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie
+wenn ein winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem mit
+Flüssigkeit gefüllten Becken für immer den Geschmack gibt. Man kommt
+nicht mehr los. Das Winzige entscheidet. Man kommt von dem Aroma und dem
+Geschmack nicht mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.«
+
+Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an. Das ging weit über
+seine Welt. »Jaja,« murmelte er; »schon; natürlich; so was ist schlimm,
+armer Kerl, sehr schlimm.«
+
+ * * * * *
+
+Es gab ein tiefes und gehütetes Geheimnis im Leben der Gräfin Marietta
+Giese. Es war dieses Geheimnis ebensosehr eine Quelle von Glück und
+Kraft als von Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es sie
+mit Zweifeln quälte; aber immer war sie seiner Herr. Die vor der Welt
+verschwiegene Bürde ist oft Reichtum; Besitz, der vor fremden Augen
+bewahrt werden muß, oft Pein.
+
+Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wußte es nicht. Sie hatte
+den Knaben während des Jahres zur Welt gebracht, in welchem Erasmus in
+Japan war. Ihre Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein
+einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen worden, das war ihre
+Freundin Helene von Gravenreuth; in einem Dresdner Sanatorium hatte sie
+das Kind geboren; auf Schloß Gravenreuth lebte der kleine Wolf in
+sicherer Hut.
+
+Es war keine Zufallsfrucht. Sie hatte das Kind mit ihrem Willen
+empfangen. Während sie es getragen, war sie sich völlig klar darüber
+gewesen, was sie auf sich nahm. Sie mußte es durchsetzen gegen die Welt;
+es vorbereiten auf ein ungesichertes Schicksal. Hatte sie es doch der
+Welt abgerungen und vom Schicksal ertrotzt. Solche sind von Anfang an
+belastet. Erasmus war der Mann nicht, den ein Kind inniger an die
+Geliebte bindet. Ihr gegenüber war ein Kind seine Furcht und sein
+Aberglauben stets gewesen. Der Grund davon hätte ihr schmeicheln dürfen,
+wenn er nicht im dunkleren Teil der Seele Beleidigung geworden wäre. Die
+Frau in ihr war spät erwacht. Sie mußte etwas haben wider ihn und für
+sich; und für ihn und wider die Gesellschaft. Sie hatte ein Pfand
+gebraucht und eine Bestätigung. Es kam nicht darauf an, daß er es
+erfuhr; vielleicht würde er es niemals erfahren; mit Empfindsamkeiten
+rechnete sie nicht; zärtliche Rührung war weder ihre noch seine Sache.
+Ihr diente es. Sie wurde befestigt. Und über Pfand und Bestätigung
+hinaus war es auch Bild, noch dazu ein schönes, lebendiges. Die Väter
+waren ihr ohnehin Ziel des Spottes. An Vatergefühle glaubte sie wenig.
+Und ihm ein Kind präsentieren, das außerhalb der Ehe gezeugt war, das
+hieß alle patriarchalischen Vorurteile in ihm wachrufen, sie wußte es,
+und seine ängstlichsten Bedenken gegen die Mutter kehren. Anlaß genug zu
+schweigen.
+
+Hatte sie doch auch Freiheit und Liebe ertrotzt. Nie durfte er ahnen,
+daß und wie sehr es Kampf war. Sie hatte sich losgerissen von Fesseln,
+und die Haut blutete; für ihn mußte es sein, als hätte sie sich einen
+Kranz vom Haar genommen, der zu welken beginnt. Was sie verachtete, war
+ihm ehrwürdig; worunter sie seufzte, war ihm von heiliger Bedeutung.
+Immer sein Zagen, sein Zurückhalten; sein Warnen, sein Nichtbegreifen,
+wenn sie vorwärts wollte; wieviel List war da nötig; wieviel Geistes-
+und Herzensgut zerstäubte; wieviel Erklügelung forderte es, ihn so zu
+führen, daß er zu führen im Wahn blieb. Voneinandergehen: Ungewißheit;
+Wiederkommen: Hangen und Bangen; Getrenntsein: das Nichts; Zusammensein:
+Druck seiner Hypochondrie. Leidenschaft lohte auf, schwelte und
+verglomm. War das noch Leidenschaft, wenn einer so lange mißtraute, bis
+er wehrlos wurde? und sich dann schemenhaft entzog? Marietta schlug den
+Funken, wärmte den Freund mit Blick und Atem, prägte sich ihm ein, die
+Stunde ihm ein, die Liebkosung, das bindende Wort. Alles hing davon ab,
+daß er nicht vergaß, daß er immer wieder zu ihr fand und sie sich finden
+ließ, nicht mit zu leichter Mühe, nicht mit zu schwerer. Er: stets im
+Begriff, einem Joch zu entschlüpfen, dem die Sanktion fehlte, das
+Gewesene zu leugnen; sie: in Ruhe, in scheinbarer, die Wagschalen
+sorgsam in der Gleichlage haltend, gespannt, geduldig, heiter,
+geschmückt, in Hader mit ihrer Kaste, die soziale Tyrannei geistig
+überwindend, im Gefühl ihr verfallen, und so, mit einer Existenz am
+Rande der Gesellschaft, am Rand des Möglichen und Anerkannten, in
+unaufhörlicher Schwebe.
+
+Sie hatte lange gezögert, ob sie ihn rufen solle. Beim Abschied hatten
+sie einander feierlicher als sonst entsagt. Sie nannte das die Erklärung
+des Desinteressements. Es war notwendig zu seiner Gewissensentlastung
+und damit die Pläne, die andere mit ihm vorhatten, nicht seine
+allenfallsigen Entschließungen hemmen konnten. Ihr blieb nichts übrig,
+als zu warten. Die Jahre untergruben auch in ihr langsam das Vertrauen
+zu der Macht, die bisher jedes Hindernis besiegt hatte. Der Spiegel
+wurde zum Memento. Der Spiegel betrog nicht, noch war er zu betrügen.
+
+ * * * * *
+
+Sie ließ früh die Lichter anzünden. Da sie sich seit dem Morgen
+unpäßlich gefühlt hatte, legte sie sich auf die Chaiselongue und ergab
+sich dem Vorüberrinnen der Stunden. Den November hatte sie von jeher
+gehaßt. Sie war überzeugt, daß es der Monat sei, in dem sie sterben
+würde. Der alte Diener, der aussah wie ein Kalmück, huschte auf dem
+Teppich hin und her, um den Teetisch zu richten. Das kostbare Geschirr
+klirrte melodisch. Sie war in ein rosafarbenes Teegewand gekleidet, mit
+breiten Valencienner Spitzen an den weitoffenen Ärmeln. Die Farbe
+brachte das Leuchtende ihrer Haut zur Geltung wie auch das tiefe Goldrot
+der Überfülle ihres Haares.
+
+Die Glocke läutete; nun kam er. Den zaghaft und fast lautlos
+Eintretenden begrüßte sie mit zartest-unbefangenem Lächeln,
+entschuldigte sich, daß sie lag, reichte ihm die Hand, die er ergeben an
+die Lippen führte. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann stammelte
+er allerlei, um zu rechtfertigen, daß er sich nicht selbst gemeldet. Sie
+wunderte sich und schnitt die kläglichen Versuche sanft ab. Indes
+brachte der Kalmück den Tee, und man hatte Beschäftigung. Marietta
+übernahm die Leitung des Gesprächs. Ihr Instinkt gebot ihr, viel zu
+sprechen. Sie erzählte ein paar lustige Episoden aus Eichfurth,
+schilderte ein Diner, bei dem sie gewesen, einen nächtlichen Gang in der
+erregten Stadt, eine Begegnung mit einem der gestürzten Minister, den
+Eindruck der Lektüre von Barbusse' #l'enfer,# die Verabschiedung einer
+unverschämt gewordenen Zofe, alles leicht, pointiert, schmiegsam. Sie
+ließ die Stimme spielen. Sie erfuhr es wie eine Botschaft, daß die
+Stimme noch ihre sinnliche Magie besaß.
+
+Zuerst dünkte ihm, er hätte die Stimme nie gehört. Jetzt erkannte er sie
+wieder. Der Klang; diese Pausen, diese Einschiebsel, diese Raschheit,
+diese Belebtheit. Er war zu schwerfällig, im gleichen Tempo mitzugehen;
+er blieb gewöhnlich im Erwägen und Verstehen um einen Schritt zurück,
+auch um zwei oder drei; manchmal wartete sie gutmütig, bis er
+nachgekommen war, manchmal auch nicht, dann ergötzte sie seine
+Verwirrung und sein galanter Eifer. Es bereitete ihr Genugtuung, ihn
+völlig ahnungslos zu wissen über die Absichten, die sie verfolgte, ihn
+raten zu lassen, im Kreis herumzulocken und durch Kapriolen zu
+beunruhigen. Zuweilen zuckten ihre Lippen in verhaltenem Mutwillen, aber
+hinter dem Mutwillen war Traurigkeit, und das gab dem Ausdruck Reiz und
+Wechsel.
+
+Ohne Übergang sagte sie plötzlich: »Es ist keine üble Idee von Francine,
+dich zu Rienburgs auf Werbung zu schicken. Ich bin ganz einverstanden
+damit. Der Versuch vor sechs Jahren mit Sebastiane ist ja im Anlauf
+steckengeblieben, und du hast dir nichts vergeben und nichts verdorben.
+Wie alle früheren Heiratsprojekte verfehlt waren, so auch dies.
+Sebastiane wäre nicht die richtige gewesen. Pauline ist vielleicht die
+richtige.«
+
+Sie sah mit lächelnd-gleitendem Blick an ihm herab, der betreten vor
+sich hinschaute, und fuhr fort: »Ich kenne ja die Familie gut, wie du
+weißt. Lix war eine Zeitlang in mich verliebt, war hinter mir her wie
+mein Schatten, und ich half ihr bei ihrer etwas verstiegenen
+Korrespondenz. In der unglücklichen Ehe mit Heinrich Lerchenfeld ist sie
+dann Theosophin geworden, was ein jämmerlicher Trost für eine elegante
+junge Frau ist. Ich sage, Pauline ist vielleicht die rechte, weil wir ja
+noch die kleine Aglaia haben, und es wäre immerhin zu bedenken, ob sie
+nicht vorzuziehen ist. Ich habe neulich mit Georg Ulrich Castellani
+darüber gesprochen; nur um ihn auszuholen, denn er ist ja gescheit wie
+der Tag, und weil er viel mit Rienburgs zusammen ist; er wird auch mit
+dir zugleich dort sein, wie ich dir im Vertrauen mitteilen kann. Leider
+ist der Altersunterschied zwischen dir und Aglaia etwas zu groß;
+zweiundzwanzig Jahre, das ist fast unmoralisch. Außerdem ist sie ein
+Wildfang; du würdest Mühe mit ihr haben. Geht denn das? Kannst du Mühe
+aufwenden? eine Widerspenstige zähmen? Das ist nichts für dich. Pauline
+ist die stillere; ein wenig melusinenhaft; das hast du ja gern. Sie gibt
+Rätsel auf, aber die Rätsel sind leicht zu raten. Sie hält sie freilich
+für unlösbar; das ist nur eine Chance mehr für dich; es beschäftigt sie.
+Du brauchst eine Frau, die dich restlos anbetet; ich meine nicht
+adoriert; adorieren ist zu glatt und zu seicht; nein, geradezu anbetet,
+in Staunen verloren. Und nicht etwa aus Stupidität, sondern aus
+Phantasie. Heiratest du eine Person ohne Phantasie, so läufst du Gefahr,
+daß sie sich und dich nach drei Wochen zu Tode langweilt. Oder sie
+stellt Ansprüche, und das würde dich deine Nerven kosten. In deine
+Hintergründe ist schwer zu dringen; es braucht dazu ein bißchen Geist
+und viel Geduld. Stifte nur keine Verwirrung. Verliebe dich nicht in
+beide zugleich, oder mach dir nicht selber Opposition, indem du eine
+gegen die andere ausspielst und dann bei allen zweien verspielst. Sei
+kühl, aber sträube dich auch nicht gegen eine ehrliche Neigung; halt
+dein Herz nicht zu fest und laß deine Augen nicht zu gierig sein.«
+
+Erasmus hatte sein spleeniges Lächeln, als er zögernd erwiderte: »Deine
+Fürsorge ist wirklich bezaubernd, Mariette. Leider ist sie nicht
+genügend motiviert. Ich leugne nicht, daß die Verbindung mit Rienburgs
+ihre Vorteile hat, aber du weißt doch, du sagst es selbst, wie wenig ich
+mich für die Ehe eigne. Leuchtet mir auch das Nützliche und Förderliche
+ein, wenn es dann ums Ja oder Nein geht, scheint es mir vollkommen
+töricht, daß ich ja oder nein sagen soll. Warum rücken einem die Leute
+so nah mit ihrem Verlangen nach dem Ja oder Nein? Es ist lästig, sich
+entscheiden zu müssen. Ich will mich nicht entscheiden.«
+
+»Du willst dich nicht entscheiden,« wiederholte Marietta leise, mit
+einem unhörbar bittern Unterton; »das begreife ich. Du willst, daß für
+dich entschieden wird, und möglichst zu deiner Bequemlichkeit. Du rührst
+nicht hin; alles soll sein wie Blumen unter Glas. Du kannst aber nicht
+außerhalb von Ja und Nein leben. Hast du noch nie darüber nachgedacht,
+was für ein mörderisches Ding das Vielleicht ist, und was für ein
+unredliches das Nochnicht? Du eignest dich für die Ehe nicht mehr und
+nicht minder als jeder verwöhnte und egoistische Mann in deinen Jahren.
+Man darf sich nicht kostbarer fühlen als die Welt einen wertet, sonst
+wird man gleich ein bißchen lächerlich. Was riskierst du? Höchstens,
+eine Frau unglücklich zu machen. Fällt das so schwer ins Gewicht? Ist es
+so verführerisch, als bisweilen eingeladener, bisweilen übergangener,
+mäßig interessanter Sonderling in einer öden Wohnung zu hausen, mit
+Köchinnen, die rappelköpfig sind, und Dienern, die einem die Wäsche
+auftragen und die Zigaretten stehlen? Weshalb die Skrupel? Worauf
+wartest du?«
+
+Mit einer Betroffenheit, die seinem Gesicht einen kargen und betrübten
+Ausdruck verlieh, antwortete Erasmus: »Keineswegs konnte ich darauf
+gefaßt sein, gerade in dir einen so eifrigen Anwalt für meine
+Verheiratung zu finden. Es ist mir neu -«
+
+Marietta wandte sich ihm mit großem Blick zu. »Ja, siehst du, Lieber,«
+sagte sie langsam und freundlich, »ich muß nun auch daran denken, mein
+Leben unter Dach und Fach zu bringen. Für so naiv wirst du mich doch
+nicht halten, daß ich dir aus reiner Selbstlosigkeit zurede. Als ich
+ein Kind war, hing zu Hause ein Bild; die Verlassene hieß es. Diese Dame
+blickt von einem Felsen an der Küste sehnsüchtig aufs Meer hinaus; es
+standen auch die Worte kummervoll und tränenleer darauf. Ich konnte das
+Bild nie anschauen, ohne mich über die dumme Gans zu ärgern. Daß ich
+solche tragische Figur abgebe, wirst du mir doch nicht zumuten.
+Kummervoll und tränenleer; nein, ich danke. Ich bin für Erledigungen.«
+
+»Ich verstehe nicht,« murmelte Erasmus, »wir sind jedesmal
+übereingekommen -«
+
+»Laß das, bitte,« unterbrach sie ihn scharf und hob den Kopf ein wenig.
+Ihre Augen schimmerten wie dunkle Opale.
+
+»Aber wie meinst du das: dein Leben unter Dach und Fach bringen?«
+
+»Sehr einfach: ich will heiraten; ich auch.«
+
+Erasmus staunte starr, mit eckig emporgezogenen Brauen. »Heiraten? Du?
+Wen denn, um Gotteswillen?«
+
+Die Anrufung Gottes und die zwei bestürzten Zirkumflexe auf seiner Stirn
+brachten Marietta zum Lachen. Er zuckte zusammen. Er liebte dieses
+Lachen an ihr, das den Mund einer aufgeschnittenen Frucht ähnlich machte
+und sie zwanzigjährig erscheinen ließ. Es enthielt Erinnerung an Reiz
+und Liebkosung, Halbvergessenes, Halbentschwundenes, Unvergeßbares,
+heimlichstes Wunder des Geschlechts. Innere Unruhe zwang ihn äußerlich
+zur Unbeweglichkeit; er schaute sie an wie eine Frau, der man zum
+erstenmal begegnet, von der man aber berückende Wissenschaft hat.
+
+Es war ein vollendeter, trivialer kleiner Roman. Das Triviale daran bot
+die Gewähr; von den Finessen war sie satt. Als sie im Sommer mit Helene
+Gravenreuth in Bern gewesen, habe sie einen jungen Holländer
+kennengelernt, reich, luxuriös, durch und durch lebendig, mit
+exzellenten Manieren, und dieser Holländer nun, den Namen bitte sie
+vorläufig verschweigen zu dürfen, habe sich mit äußerster
+Entschlossenheit in sie verliebt. Sie sei ihm nicht gerade
+entgegengekommen, habe ihn aber auch nicht entmutigt, und als sie mit
+Helene nach Pontresina gefahren, sei er eines Tages dort erschienen, man
+habe gemeinsame Ausflüge gemacht, Bridgepartien arrangiert, und so
+weiter, wie es eben zu gehen pflege. Dann sei man abgereist, er habe ihr
+geschrieben, an Helene geschrieben, immer stürmischer, immer offener,
+und jetzt habe ihn Helene nach Gravenreuth zu Gast gebeten, nachdem sie
+vorher bei ihr angefragt, ob sie gleichfalls kommen wolle. Er sei
+wahrscheinlich schon dort; sie werde übermorgen von Eichfurth aus
+hinfahren. Da Gravenreuth und Rienburg nicht viel mehr als zwei
+Wegstunden auseinander lägen, sei es eine reizende Fügung, meinte sie
+zum Schluß ihres Berichts, daß sie sich über den Fortgang der
+beiderseitigen Verlobungs- und Versorgungsaktionen jeden Tag
+kameradschaftlich aussprechen könnten, wenn sie Lust dazu verspüren
+sollten.
+
+Ja, es sei merkwürdig, gab Erasmus zu. Dann schwieg er. Marietta schwieg
+ebenfalls. Sie ließ ihre Fußspitze kreisen, und Erasmus sah dem Spiel
+des Fußes zu. Sie blickte an die Decke, und ihre vollen,
+leidenschaftlich gewölbten Lippen öffneten sich zu einem schimmernden
+Spalt. Auf einmal sprang sie auf und ging im Zimmer umher. Ging ohne
+Hast, wie nach einem vorgefaßten Rhythmus, und ihre Gestalt hob sich
+wiegend ab von überlegt gestimmtem Hintergrund. Mit lässiger Hand
+berührte sie bald eine Vase, bald ein Stück Stoff, ohne die Hand zu
+heben, im Gleiten nur.
+
+Er kannte genau die Art, wie sie beim Gehen den Fuß aufsetzte, bewußt,
+ihn leicht und kräftig aufzusetzen, so daß die Gelenke entlastet wurden
+und die Hüfte nur unmerklich zitterte. Der straff gehaltene Oberkörper
+folgte der Bewegung nur insoweit, als er dadurch nichts an Maß, aber
+auch nichts an Freiheit verlor. Es war ein bedachtes und gefeiltes
+Schreiten. Sie schritt, als schmecke ihr das Gehen, als trüge sie sich
+in eigentümlicher Weise selber. Jede Veränderung einer Linie an ihrem
+Körper umschloß den Keim zu einer Gebärde, die er kannte und die ihm
+vertraut war seit vielen Jahren. Viele seiner Stunden kamen wieder,
+während sie so ging und schöne Gegenstände an rührte, viele seiner
+Gedanken, Wunsch und Erfüllung.
+
+»Und du? Du liebst ihn?« fragte er scheu.
+
+»Bah, Liebe,« antwortete sie; »es geht nicht um Liebe. Es geht um Halt,
+es geht um Dauer. Ich bin manchmal müde, weißt du. Es ist so gut, bei
+einem zu ruhen. Davon zu träumen, ist schon gut. Wir sind alle ein wenig
+an die letzten Barrièren gehetzt, nicht bloß ich und du. Aufatmen,
+ausatmen, o!« Sie blieb stehn und schaute zu einem Bild an der Wand
+empor, ohne es zu sehen. »Was ich tue, ist mir klar,« fuhr sie mit
+tiefsonorer Stimme fort, in der sich Blut und Natur verriet; »wenn man
+mit meinen Erfahrungen eine neue Ehe schließt, gibt es keine Illusionen
+mehr. Mit achtzehn Jahren ist es ein Sprung in die Finsternis; ich habe
+ihn getan. Kommt man mit halbwegs heilen Gliedern davon, so hat man
+höchstens gelernt, daß man einen langen Löffel haben muß, um mit dem
+Teufel eine Mahlzeit zu halten, aber das Abenteuer lockt, und der süße
+Tag verspricht. Wir sind leichtgläubige Geschöpfe. Heute ... ich will
+froh sein, wenn der, dem ich mich überlasse, mir mit der Achtung
+begegnet, die eine anständig erworbene Invalidität verdient.«
+
+Erasmus sagte: »Wir haben manches zusammen erlebt, in langer Zeit, und
+daß es zu Ende sein soll, kann ich mir nicht vorstellen.«
+
+»Sonderbar, daß du mir nie und durch nichts fremder wirst, aber auch nie
+und durch nichts vertrauter,« sagte Marietta, indem sie sich auf den
+Rundstuhl vor dem Flügel setzte und den Deckel öffnete; »du warst
+eigentlich immer der, der kommt und der, der geht; nie der, der bleibt.
+Du kannst nicht Aug in Auge sein. Du fürchtest den Blick, der dich
+fordert. Warum nur?« Sie schlug ein paar Akkorde an, sehr leise, und
+sprach weiter: »Wir haben manches zusammen erlebt, gewiß; doch nicht so
+zusammen, wie du glaubst,« sie neigte das Haupt tiefer; »oft in unsern
+schönsten Zeiten, und es waren schöne Zeiten, ich will nicht undankbar
+sein, hatte ich das Gefühl: du hast ihn sich selber gestohlen, und er
+trägt dir den Diebstahl nach. Ja, er hadert, sagte ich mir, er sammelt
+Ressentiments, und eines Tags wird er mit der großen Liste kommen und
+abrechnen. Da ists doch vielleicht besser, vorher ein Ende zu machen;
+meinst du nicht?«
+
+Erasmus erhob sich und wollte zu ihr hin. Sie streckte abwehrend die
+Arme aus.
+
+ * * * * *
+
+Vierundzwanzig Stunden später war Erasmus in entlegener Welt, ein
+Hinbefohlener, um Glück zu suchen. Die Freude, mit der er aufgenommen
+wurde, bedrückte ihn, da er das Programm zu spüren glaubte, und er gab
+sich spröder noch, als ihm zu Sinn war; doch nicht lange. Die arglosen
+Gespräche schlossen ihn auf, die unbefangene Nähe der heitern Frauen. An
+viel Gemeinsames konnte angeknüpft werden. Der leichte Zwang zur
+Geselligkeit überschritt liebenswürdige Formen nicht, der Tag teilte
+sich natürlich ein, die kleinen Pflichten fielen nicht lästig. Am Abend
+versammelten sich alle in dem entzückenden Speisesaal im
+Mariatheresiastil; das Souper hatte festliches Gepräge. Auf der Tafel
+und auf sechs Konsolen brannten Kerzen in silbernen Kandelabern. Die
+Gräfin nahm ihre Vorliebe für Kerzenlicht zum Anlaß einer Philippika
+gegen die Zudringlichkeit moderner Beleuchtung, die delikate Farben
+wirkungslos und zarthäutige Frauen schlecht aussehend mache. Graf
+Castellani, mit seiner Meinung stets zu ihren Diensten, stimmte ihr bei,
+Hofmann, der er war.
+
+Am andern Morgen sagte er zu Erasmus, als sie nach dem Frühstück durch
+den Park gingen: »Die gute Gräfin denkt, wenn sie fünfundzwanzig Kerzen
+brennen läßt, hat sie schon achtzehntes Jahrhundert im Hause. Als ob
+achtzehntes Jahrhundert bloß ein niedlicher Illuminationsscherz wäre.
+Heute sind alle so. Leere Prätensionen. Eine herzlich angenehme Frau,
+aber ohne Tournüre. Viel guter Wille; der Zuschnitt pitoyabel.«
+
+Georg Ulrich Castellani war etwas vereinsamt hier. Er machte sich nichts
+aus Frauen. Als Mitglieder der Gesellschaft und vernunftbegabte
+Individuen konnte er sie im zureichenden Fall achten, im unzureichenden
+verbarg er die Geringschätzung hinter seiner ziselierten Artigkeit; als
+Geschlechtswesen waren sie nicht vorhanden für ihn. Er hatte sich darauf
+eingerichtet, den ganzen Winter auf dem Gut zu bleiben; er empfand sich,
+in historischer Weise, durchaus als Emigrant. Er war der nächste Freund
+des gefallenen Dettingen gewesen; Sebastiane begegnete ihm mit scheuer
+Verehrung. Es hieß, er benutze die ländliche Muße zur Niederschrift
+seiner Memoiren, die Hauptbeschäftigung der großen Aristokraten nach dem
+Herbst des Jahres 18; in ihm war sicherlich Überfülle des Stoffes, da
+er, obwohl erst sechsundvierzig, in alle bedeutenden Welthändel von
+Algeciras bis Brest-Litowsk tätig eingegriffen hatte.
+
+Polyxene sagte zur Erasmus: »Man erfährt durch ihn Dinge, die in keinem
+Buch zu lesen sind. Wenn er spricht, ist er unwiderstehlich; wenn er
+schweigt, ist etwas Schauerliches um ihn. Er hat die Aura des
+Verhängnisses.«
+
+Erasmus, belehrungsdurstig, wollte wissen, was das sei, die Aura des
+Verhängnisses. Sie belehrte ihn gern.
+
+Aglaia wagte es, Georg Ulrich zu verspotten, als sie mit Erasmus über
+ihn sprach. Sie ahmte nach, wie er schamhaft die langwimprigen Lider
+senkte, sobald er einen seiner vergifteten Redepfeile abschoß. Sie
+erzählte, daß er in Paris eines Tages seinen Diener auf die Straße
+geschickt habe, damit er einen Kommissionär heraufhole; als dieser vor
+ihm stand, habe er bloß gefragt, wo der nächste Friseurladen sei und ihn
+nach geschehener Auskunft gnädig entlohnt.
+
+Keine der Frauen ließ Erasmus merken, daß sein Besuch einem Zweck gelte;
+keine schien davon zu wissen. Infolgedessen gewann er Freiheit und faßte
+den Zweck selber ins Auge. Nicht so sehr mit dem nüchternen Gedanken,
+sich zu binden, als vielmehr mit dem schmeichelnden, zu erobern. Aber
+hier fing schon die Mißlichkeit an. Da vier anmutige und besondere
+Geschöpfe ihre Lockfäden um ihn spannen, vergaß er, daß mindestens zwei
+von ihnen seiner Wahl nicht anheimgestellt waren. Aber sein Wunsch im
+allgemeinen wurde rege. Wohl wußte er, daß das gefährlich war und daß es
+ihn aus der Bahn des Ersprießlichen lockte; aber er ließ es geschehen,
+daß das Nützliche zurücktrat gegen das Wohlige, und indem er sich der
+ihm auferlegten Vorschrift leichtsinnig entschlug, wuchsen Mut und
+Unternehmungsgeist in ihm. Es war so läßlich betäubend, das alles, so
+von der Zeit entfernt, in der Mischung von Spiel und Ernst seiner Art
+gemäß, und es entfalteten sich deshalb auch die anziehendsten Seiten
+seiner Natur.
+
+Kaum aber wurden die fünf Damen, die ja im Grunde fünf Verschworene
+waren, seiner Empfänglichkeit inne, so trugen sie Sorge, daß die
+günstige Entwicklung tunlich gefördert werde. Jedoch sehr heimlich; von
+einer Unterredung zwischen zweien oder dreien oder im Plenum blieb auf
+keinem Gesicht eine Spur haften. Sie wußten zu genau, daß eine
+Unvorsichtigkeit viel verderben konnte. Pauline verhielt sich bei den
+Beratungen passiv, wurde auch nur hinzugezogen, wenn es sich darum
+handelte, ihr notwendige Verhaltungsmaßregeln einzuschärfen oder sie
+wegen begangener Ungeschicklichkeiten zur Rede zu stellen. Aber um ihr
+behilflich zu sein, mußten sich alle einem gewissen Plan fügen, der
+darin bestand, Pauline vorzuschieben und sie der Gelegenheiten möglichst
+wenig zu berauben.
+
+Das klang in der Theorie selbstverständlich und schien ohne weiteres
+befolgbar. In der Praxis war dabei mit der Gegenpartei zu rechnen. Zum
+Beispiel fand es Polyxene beschwerlich, daß sie auf die Gesellschaft von
+Erasmus verzichten solle, sobald Pauline am Horizont sichtbar wurde. Sie
+sagte, ein wenig beleidigend, sie sei froh, sich mit einem vernünftigen
+Menschen unterhalten zu können; ihm auszuweichen, wenn er sie suche,
+dazu erblicke sie keinen Anlaß. Sebastiane wieder erklärte es unter
+ihrer Würde, daß sie Vorschub leisten solle, wo es doch nicht einmal
+feststehe, ob eine sympathische Beziehung vorhanden und ob Erasmus
+gewillt sei, sich mit Pauline soviel zu beschäftigen, wie man annehme.
+Aber ehe Erasmus gekommen war, hatte sie sich am eifrigsten für den
+Heiratsplan eingesetzt und der jüngeren Schwester vortreffliche
+Ratschläge gegeben. Pauline selbst hatte sich am meisten über Aglaia zu
+beklagen, die sich, wie sie äußerte, in jedes Gespräch dränge, sich mit
+ihrer agassanten Koketterie lästig mache und es anscheinend nicht
+ertragen könne, wenn man sie fünf Minuten lang unbeachtet ließ. Aglaia
+lachte zu den Anschuldigungen und antwortete schnippisch, jeder könne
+sich sein Vergnügen verschaffen, wo er wolle, und wem sie im Wege sei,
+der möge ihr den Rang ablaufen, das Aschenbrödel abzugeben, habe sie
+keine Lust. Die Gräfin beschwichtigte die erregten Gemüter, appellierte
+an Polyxenes Stolz, an Sebastianes Vernunft, an Aglaias gutes Herz, doch
+dauerhaft war der Frieden nicht, den sie mit Aufwand vieler Worte
+stiftete.
+
+Erasmus ahnte nichts von den Streitigkeiten, deren Ursache er war und
+denen er in fühlloser Unschuld täglich neue Nahrung gab. Er überließ
+sich dem Antrieb und der Stunde, der augenblicklichen Neigung und
+Verführung, nahm, was ihm entgegengebracht wurde und forschte nicht, was
+hinter den Wänden vorging und sich hinter den klaren Stirnen verbarg.
+
+Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die über ihr Wesen gebreitet
+war. Sie hatte den überschmalen Kopf der untergehenden Familien, auch
+Schultern und Hände waren überschmal. Sie ging, wie die Engländerinnen
+gehen, mit dem vollaufgesetzten Fuß und etwas rückenden Schenkeln. In
+den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe, welche sinnliche
+Unruhe erzeugt; die Nasenflügel witterten beständig wie bei einem
+äugenden Wild. Sie sprach mit Bitterkeit von ihrem zerstörten Leben und
+andeutend von den Tröstungen astraler Wissenschaft. Erasmus hörte
+gewinnend aufmerksam zu; seine spärlichen Einwürfe galten mehr ihrem
+Blick, ihrem Mund, ihrem Hals, ihrer dunklen Stimme, dem stummen
+Fieberhaften, verheißend Glühenden ihres Innern als ihrer Rede.
+
+Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die Blasse, mit dem
+winzigen Haupt und der graziösen Haltung, die so ausgeglichen war; und
+klug; und ein bißchen trocken und mißtrauisch. Er hatte sie für
+temperamentlos gehalten, bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen
+aus dem Dorf zugelaufenen großen Hund, der ihren Buley angefallen und
+sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit an der Schnauze packte,
+mit der andern Hand beim Hinterlauf, und als es ihr gelungen war, ihn
+wegzureißen und zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er führte sie zum
+Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war schweigsam. Er
+bedauerte plötzlich seine Flucht vor sechs Jahren, und sie spürte, daß
+etwas dergleichen in ihm vorging, denn sie lächelte verstohlen in ihrem
+nachstürmenden Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles weiß und
+verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als Mutter war sie ihm
+unnahbarer als ihre Schwestern. Sie hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein
+vierjähriges; die standen neben ihr wie Wächter; und unerklärlich, um
+die Kinder beneidete sie Erasmus, als wäre er selbst eine Frau, eine
+unfruchtbare, im Widerpart zur beglückten, und sie schien ihm höher
+dadurch und reiner, geborgener jedenfalls und den Begierden entrückter.
+
+Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mit jungen Mädchen
+gemacht; man kam mit ihnen ermüdend oft auf einen toten Punkt und ließ
+sich aus Kümmernis der Langeweile, aus Gutmütigkeit oder auch aus
+Bosheit zu einem törichten und übereilten Wort hinreißen, in dem man
+dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit, keine Unbefangenheit,
+kein Maß, nur die plumpeste Zielstrebigkeit und Fallschwere. Warum fiel
+ihm so häufig der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mußte lachen;
+was war denn das, ein Nebelhuhn?
+
+Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen. Man hatte ihn
+vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson. Ein hervorstechender Zug
+seines Charakters war, daß er einem fremden Willensdiktat gegenüber in
+die Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte man ihm einen
+Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum Stumpfsinn davon eingenommen, was
+nicht hinderte, daß er ihn schließlich unausgeführt ließ; nur mußte er
+zuerst beschließen, ihn nicht auszuführen, dann war alles im Geleise.
+
+Hier war er unschlüssig; bald gefangen, bald abgestoßen; bald neugierig,
+bald argwöhnisch. Komtesse Pauline hatte üppig entwickelte Formen, im
+Gesicht etwas Porzellanhaftes, Augen von fast unpassender
+Durchsichtigkeit. Sie war bedächtig, meist in sich verloren. Wenn er mit
+ihr sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare dufteten
+wie eine frische Weizengarbe. Sie war verspätet; die beklommene
+Lässigkeit des ersten Erwachens war noch in ihr, oder jetzt erst. Sie
+ging jede Woche zur Beichte, und in ihrem Zimmer stand ein kleiner
+Hausaltar, vor dem sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald darüber
+im Klaren zu sein, daß sie mit ihrem vollen, unenttäuschten jungen
+Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheit für ihn. Es war
+zu plan und zu ernsthaft; eh man sich recht besann, war man in der
+Schlinge. Er legte sich auf die Lauer und spähte auf den belagerten Weg.
+Vor Überfällen hatte er heillose Angst. Doch ließ er sich dann wieder
+anlocken und einlullen von dem schwebenden, fragenden, zwingenden Gefühl
+und flüchtete in der Not etwa zu der schlüpfrigen Eidechse Aglaia.
+
+Deren Siebzehnjährigkeit war wie eine sprudelnde Fontäne, lärmend und
+erfrischend, ein unhemmbares Quellen. Sie gehörte zu denen, die schon
+als Kind alles sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin,
+Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles Böse. Sie sagte
+Dinge, die einen abgebrühten Lebemann zum Erröten brachten und hegte
+noch die zärtlichsten Empfindungen für ihre Puppen. Sie war ruhelos,
+naschhaft, ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte,
+spielte aus Lebensüberschuß Komödie, hatte bisweilen Gesten und
+Bewegungen wie die wilden Negerinnen der Tropen, die an Nacktheit
+gewöhnt sind, weinte und lachte über ein Nichts und war der Despot im
+Hause. Erasmus ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie
+verabredet.
+
+An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus im oberen
+Korridor. Sie sagte zu ihm: »Wenn Sie mit mir kommen, will ich Ihnen
+etwas zeigen.« Sie hatte von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit
+gehabt, der den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem
+übrigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft mit Erasmus
+verkehrten. Sie führte ihn durch ein paar unbewohnte Räume in den
+Ahnensaal, dessen Wände von Gemälden bedeckt waren, deutete auf das Bild
+einer kühnblickenden, reichgeschmückten Dame und sagte: »Das ist meine
+Ur-Urgroßmutter, der ich ähnlich sehen soll, eine Polin. Es heißt, daß
+sie mehr als ein Dutzend Liebhaber gehabt hat, und so viele Abenteuer
+außerdem, daß Ludwig der Fünfzehnte manchmal den russischen Gesandten
+gefragt haben soll: was gibt es Neues von der Fürstin Barbara
+Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie den Aufständischen
+vorangeritten und von der ersten Kugel ins Herz getroffen worden. So muß
+eine Edeldame leben, und so muß sie sterben, finden Sie nicht?«
+
+Dieses »Edeldame,« wie sie es sagte, hatte Gesang.
+
+Erasmus hielt es für gut, sich in seiner Antwort weise zu beschränken.
+Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt, als daß es als Ideal
+aufgestellt werden könnte, zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber
+anlange; auch gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten
+ungebührlich zu übertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er
+beurteilen könne, nicht so expansiv, auch werte man die Frauen nach
+einem andern Maßstab. Es gehe alles in die Enge, und man werde Mühe
+haben, man werde froh sein, sich in der Enge zu behaupten.
+
+Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugehört und ihn mit funkelnden Augen erst
+unwillig, dann schalkhaft von oben bis unten gemustert hatte, rief sie
+aus: »Erasmus, die Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgroßmutter
+Barbara der Angstschweiß ausbricht.«
+
+Er schaute etwas blöde hin und schüttelte ärgerlich den Kopf. Hierauf
+sah er das Mädchen an, das auf Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen
+Unverschämtheit vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam
+das Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er näherte sich ihr,
+und Aglaia lachte. Sie verschränkte die Hände im Nacken und straffte
+sich. Er warf einen hastigen Blick nach der Tür und küßte sie rasch auf
+den Mund. Sie schloß eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch
+viel leiser, und lief davon.
+
+ * * * * *
+
+Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen erlaubt, durch
+stille Vereinbarung zugestanden, und man erwartete es sogar. Vor der
+wich er feig zurück, aber ohne sich zu entziehen und ohne zu verzichten.
+Die andern waren ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter
+allen Vieren richtete er Verwirrung an.
+
+Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verführer. Er war voller Gewissen
+und Rechtschaffenheit. Er verführte durch seine Weise, zu sein, die
+keine ränkevolle und unternehmende Weise war, noch weniger eine
+lasterhafte, nur eine biegsame und empfängliche. Er verführte durch
+Verführbarkeit; weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam
+wandelten; weil er der ergebenste Zuhörer war und der bereitwilligste
+Beistimmer; weil er mit der Miene des Kameraden und Freundes halb
+schüchterne, halb kühne Versprechungen gab, die nichts mehr mit
+Kameradschaft und Freundschaft gemein hatten; weil er das besaß, was Lix
+Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen nannte.
+
+Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht geheuer zumut. Er
+hatte sich zu vieler Vorstellungen zu erwehren; zu vieles mischte sich
+an Bild und Lockung. Es hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu lösen
+und dem nächsten sich hinzugeben. Es beschäftigte, die Gebiete
+abzugrenzen, die Worte zu wägen, die übernommenen Verbindlichkeiten
+nicht zu verwechseln. Beziehungen knüpften sich ins Unentwirrbare. Eine
+geflüsterte Frage verstrickte; Tausch von Blicken enthüllte ein
+Komplott; Lächeln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt,
+körperliche Nähe voll Heimlichkeit; die Gebärde wurde zur Verräterin;
+jedes Augenpaar bewachte ein anderes, haßte die Huldigung, den Glanz,
+den Wetteifer des andern, und er mußte darauf bedacht sein, zu glätten
+und vor allem, daß in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand.
+
+Sebastiane beugte sich über ihn mit einer gefüllten Fruchtschale; alle
+konnten zusehen; man war bei Tisch. Unhörbarer Alarm dennoch: mußte sie
+so dicht an ihn heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter
+ihrer bloßen Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst, der nach
+vollkommener Reinheit lechzt. Er wußte nicht, wo er einmal das Wort
+vernommen: junge Witwenschaft ist ein Bad.
+
+Aglaias Kuß hatte ihn lüstern gemacht. Er träumte von ihren kostbar
+dünnen Gelenken. Der Ausspruch der Frühentschlossenen wollte ihm nicht
+aus dem Sinn: ich werde mich niemals verkaufen, ich werde mich
+verschenken. Und ihre Augen, dünkte ihn, hatten hinzugefügt: heute
+nacht, wenn du willst.
+
+Mit Polyxene saß er am Kaminfeuer im Salon, und sie las ihm mit
+sehnsüchtiger Stimme aus einem Buch über Metempsychose vor. Sein Blick
+hing an ihren Händen, die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt
+umdrehte, glaubte er die elfenbeinkühlen Finger knisternd an seiner Haut
+zu spüren. Er erzählte von einer Begegnung und einem Gespräch mit einem
+Brahmanen in Benares, und sie lauschte mit geneigtem Kopf, während
+Reflexe des Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und lächelte eigen
+zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten und was sie
+sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht.
+
+Mit Pauline ging er am Fluß entlang; plötzlich gewahrten sie im Gebüsch
+neben dem Weg ein umschlungenes Paar, schamlos, blind und taub. Es war
+außerordentlich peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte
+weiter verließ sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr
+gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand sie abzulenken,
+und indem er redete, schien ihm, daß sie sich vertrauensvoll an ihn
+drängte, unbewußt, wie ein junges Tier. Da erschrak er und wurde
+ängstlich; nahm seine Worte in acht, fühlte sich als Sünder und geriet
+doch ins Netz.
+
+In einer Stimmung zwischen Selbstvorwürfen und Überschwang setzte er
+sich in der Nacht hin, um an Marietta zu schreiben. Es wurde nichts
+daraus. Er fing dreimal an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal,
+weil er inne wurde, daß er in seinen Eröffnungen zu weit ging; einmal,
+weil er mit Erstaunen bemerkte, daß er ihr eifersüchtige Vorhaltungen
+machte und einen Zustand seines Innern schilderte, von dem er erst
+erfuhr, als er ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und
+vollständig unzusammenhängende Epistel entstand, die wohl seine
+Verfassung am getreuesten, aber auch am unerquicklichsten malte. Da ging
+er unzufrieden zu Bett, und um einschlafen zu können, zählte er von eins
+bis tausend und in die graue Unendlichkeit weiter.
+
+Am andern Tag traf ein Telegramm von Ferry Sponeck ein, welches lautete:
+Komme morgen mit meinem Freund Eugen Sparre. Nun wußte jedoch niemand,
+weder die Gräfin, noch eine der Töchter, wer Eugen Sparre war; sie
+wunderten sich und rieten hin und her. Erst Georg Ulrich Castellani
+konnte sie aufklären, als beim Mittagessen davon gesprochen wurde. Er
+lachte unter seinem gewölbten Schnurrbart, der den Mund wie ein
+schwarzseidener Vorhang bedeckte, und sagte: »Sparre, ach ja, ich
+erinnere mich, Ferry hat mir von ihm erzählt. Er ist ein junger
+Mediziner oder angehender Arzt, der in einem herausfordernden Gegensatz
+zur gesamten bisherigen Wissenschaft steht und seine eigenen, ich weiß
+nicht ob bewährten oder fragwürdigen, wahrscheinlich aber fragwürdigen
+Methoden verfolgt. Ferry hat ein unsinniges Penchant für ihn, seit er im
+Sommer an einer Neuralgie gelitten und ihn dieser, wie war der Name?
+Sparre? und ihn dieser Sparre, wie er Stein und Bein schwört,
+vollständig geheilt hat. Man muß Ferry seine kleinen Bêtisen nachsehen.
+Manchmal greift er über sein Ressort, aber es ist harmlos. Das Harmlose
+kränkt einen nicht.«
+
+Die Damen zeigten Interesse für den unbekannten Sparre; Aglaia sagte,
+vielleicht habe er auch für die Pferdekuren etwas Neues erfunden; der
+Falb fresse seit gestern nicht, und sie wolle Herrn Sparre um eine
+Ordination bitten. Worauf die Gräfin verweisend bemerkte, man habe
+schaffenden Menschen mit Respekt zu begegnen; daß einer Sparre heiße,
+sei noch kein Grund, sich über ihn lustig zu machen, im übrigen sei ja
+Ferry Sponeck alt genug, um zu wissen, wen er zu seinen Freunden bringen
+dürfe.
+
+Während des Nachtischs kam der Verwalter und berichtete über Unruhen,
+die in einigen Dörfern der Umgegend ausgebrochen seien. Eine bewaffnete
+Bande habe in vergangener Nacht die Försterei des Fürsten Colalto
+überfallen.
+
+Castellanis Gesicht verdüsterte sich, und er sagte: »Bien, man wird
+schießen.«
+
+»Und Sie, Erasmus?« fragte Sebastiane, den Arm um die Schulter ihres
+ältesten Mädchens legend, »werden Sie uns verteidigen?«
+
+Er antwortete: »Ich wollte, ich wäre so beredt, Sie darüber beruhigen zu
+können.«
+
+Die Gräfin und Georg Ulrich Castellani begannen ihre gewohnte Partie
+Piquet zu spielen.
+
+ * * * * *
+
+Das Wunderliche der Paarung von Ferry Sponeck und Eugen Sparre blieb
+auch nach der Ankunft der beiden bestehen. Man lernte in diesem Sparre
+einen ungefähr sechsundzwanzigjährigen, brünetten, untersetzten, nicht
+ohne Sorgfalt gekleideten, äußerst wortkargen Menschen mit
+zurückhaltenden Manieren und angenehmen, schauspielerhaft markanten
+Zügen kennen, von dem nicht erfindlich war, was ihn an die Person des
+Grafen Sponeck fesselte. Ferry Sponecks ihn rühmende Reden ließ er
+gleichmütig über sich ergehen und bat die Zuhörer durch einen kühlen
+Blick um Entschuldigung, man wußte nicht, ob für sich oder seinen
+Gönner. Manchmal hatten diese Lobpreisungen allerdings einen Ton, wie
+wenn einer eine Jagdtrophäe oder eine klug erhandelte Antiquität
+vorweist; doch hegte Ferry Sponeck wie fast alle ungebildeten und
+gutherzigen Aristokraten eine grenzenlose, mit Aberglauben gemengte
+Bewunderung für Leute der Wissenschaft. Es hatte den Anschein, als
+betrachte er Eugen Sparre als seinen Leibarzt; er richtete alberne
+Fragen an ihn, betreffend die Hygiene, die Gefahren der Ansteckung, die
+Grundsätze der Prophylaxis und war bemüht, ihn zur Gesprächigkeit zu
+ermuntern; dabei blickte er so ergeben zu ihm auf und hing so
+ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, daß sein Betragen zum Spott aller
+wurde.
+
+Als die Gräfin mit jener um ein Gran zu nachdrücklichen Herzlichkeit,
+mit der man Fremdheit und soziale Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre
+ihrer Freude versicherte, ihn bei sich begrüßen zu dürfen, erwiderte er,
+er müsse die Verantwortung dafür dem Herrn Grafen aufbürden, der den
+Aufenthalt und die Gastlichkeit auf Rienburg so verlockend geschildert
+habe, daß er nicht widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht
+zu stören, fügte er hinzu, ohne zu merken, daß diese Bescheidenheitsfloskel
+eine Grobheit und eine Selbstdemütigung enthielt, er habe eine
+angefangene Arbeit mitgenommen, der er den größten Teil des Tages widmen
+müsse.
+
+Seine tiefe Stimme hatte übrigens dieselbe orgelnde Resonnanz wie die
+Georg Ulrich Castellanis.
+
+Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht mit den
+beobachtenden Augen sich gegenüber zu haben. Auch die andern fühlten
+sich gedrückt, und die Unterhaltung floß spärlich, obschon die Gräfin
+beflissen war, sie in heitern Gang zu bringen. Man hatte auch neue
+Nachrichten über Plünderungen und Revolten, und was Sponeck von den
+Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wußte, war ebenfalls nicht
+dazu angetan, die Fröhlichkeit zu erhöhen. Auch unter den vier
+Schwestern herrschte gereizte Stimmung; Pauline saß mit gesenkten Lidern
+und nippte bloß von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen
+aufeinandergepreßt; Polyxene lächelte bisweilen wehmütig-entsagend; nur
+Sebastiane schien unberührt, und infolge der über ihre Züge gebreiteten
+Klarheit und kräftigen Ruhe war sie die schönste. Nach dem schwarzen
+Kaffee ging Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine Frage: ob
+es ein Zerwürfnis gegeben hätte?
+
+Er war umwölkt; in einer heißen Spannung. Diese vier wunderbaren
+Gestalten, in einem verzauberten Ring um ihn, stürzten ihn in süße
+Verzweiflung. Die ihn rief, der nahte er sich pagenhaft; mit der er
+Blick in Blick stand, an die vergab er sich. Er hätte alle vier in eine
+schmelzen mögen und die an sich reißen; und doch gelüstete ihn nach den
+Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und Dauer und Kunst
+und Selbstvergessenheit; sublimiert bis ins Traumgleiche, gesteigert bis
+zum Schmerz. Verhieß Lix eine strömende Passion aus lang verschüttet
+gewesener Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zärtlichkeit, die
+auszudenken war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer
+jungfräulichen Seele, erfüllt von beinahe schauerlichen Ahnungen der
+Wollust, und Aglaia die hinreißende Bizarrerie einer zugleich spröden
+und leidenschaftlichen Natur. Vereinigung quälender Geister; und hinter
+ihnen, über ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die Herrin war,
+ausgestattet mit heimlicherer und größerer Gewalt des Rufes und der
+Mahnung, halb Verlorene, halb Verstoßene.
+
+»Wir alle sind sehr unvernünftig,« sagte Sebastiane, ohne auf seine
+Erkundigung zu antworten. Sie schaute ihn freimütig an und setzte leise
+hinzu: »Soll uns nicht warnen, was draußen in der Welt vorgeht? Wir
+benehmen uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.«
+
+Erasmus verfärbte sich und murmelte: »Sie haben vielleicht recht.
+Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter geht vorüber. Man denkt, man
+muß alles zusammenraffen, was noch da ist an Glück und Genuß. Das #après
+nous le deluge# ist früher ein lustiges Wort gewesen, jetzt hat es einen
+lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist es ein Verbrechen, so zu denken,
+Sie haben recht.«
+
+»Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was uns unfähig macht,
+einander zu helfen,« erwiderte sie mit festem Ton.
+
+»Also muß man sein Blut und Herz zum Schweigen bringen?« fragte er und
+stand hingebungsvoll dienend vor ihr.
+
+Sie riß eine Azaleenblüte vom Strauch und zerrupfte sie. »Ich glaube,
+Sie müssen redlich handeln,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen. Er
+nahm ihre feine weiße Hand und preßte seine Lippen darauf, entzückter
+als vorher, weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den
+dämmerigen Gang näherte sich Aglaia; sie sang mit leiser Stimme und ihre
+Augen blitzten vermessen.
+
+Den Nachmittag über schrieb er Briefe und ließ sich zum Tee
+entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die Briefe ins Dorf zu
+tragen, begann es heftig zu regnen; er schickte einen der Diener und
+blieb in seinem Zimmer. Aus dem untern Stockwerk tönte Klavierspiel, und
+zwar sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehört. Es mußte Sparre
+sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war etwas Finsteres um den
+Namen und um den Mann. Es gab jetzt viele solche, man hatte früher nicht
+auf sie geachtet, jetzt nötigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach,
+warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und entsann sich, daß er
+einstmals in der Mandschurei ein chinesisches Schnitzwerk mit
+höhnisch-bösen Zügen gesehen, eine Gottheit des Verderbens, alle Tücke
+verhalten, der Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn
+Sparre, nun wußte er es, obwohl der Götze abstoßend häßlich gewesen,
+dieser dagegen hübsch und wohlgestaltet zu heißen war. Aber etwas war
+gemeinsam.
+
+Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne auf das
+Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf er mit Lix zusammen. Sie war
+strahlend in ihrem Kleid aus dunkelgrüner Libertyseide und der
+Perlenschnur um den Hals. »Schade, daß Sie nicht da waren,« redete sie
+ihn an, »er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.« Erasmus lachte im
+Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und erwiderte, er liebe
+Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre an ihnen vorüber, im Cutaway,
+nicht im Smoking wie die übrigen Herren, und verbeugte sich zeremoniös.
+
+Auf dem mit schwarz und weißen Platten gepflasterten Flur ging Pauline
+mit dem Katecheten auf und ab, der zum Abendessen geladen war. Die
+Gräfin schien unruhig; sie erzählte Erasmus, der Postmeister sei vor
+einer Stunde dagewesen, um mitzuteilen, daß die Telegraphen- und
+Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Während sie noch sprach,
+trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, und sagte, der Nordhimmel
+sei von starker Brandglut überzogen. Alle eilten an die Fenster des
+Speisesaals; gesättigter Purpurschein quoll über den Horizont empor.
+
+Wo mag das Feuer wüten? fragte man einander beklommen. Es wurden die
+Dörfer und Landsitze aufgezählt, die in der Richtung lagen. Erasmus
+drehte sich hastig um. Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der
+Katechet. Sebastiane schüttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth liege
+mehr nach links, dem Wald zu, eher könne es der Elmhof sein, dort
+befinde sich eine Branntweinbrennerei. Ferry Sponeck erkundigte sich mit
+gepreßter Stimme, ob das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft
+stellen könne; die Gräfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und dem
+Bürgermeister darüber gesprochen; beide seien der Meinung, daß
+verläßliche Leute kaum aufzutreiben seien, doch sei vorläufig nichts zu
+fürchten.
+
+Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte, mußten die Fenster
+geschlossen werden. Die Gräfin zog Erasmus beiseite. Lächelnd, doch mit
+schnell und scharf prüfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gerücht,
+welches man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, daß Gräfin Giese
+gegenwärtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er davon wisse? Ja, er
+wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, es habe sich so gefügt; der
+lächelnde Blick der Gräfin verwirrte ihn, er lächelte gleichfalls,
+jedoch ohne Freiheit und wollte eine hastige Versicherung geben, aber
+die Gräfin ersparte ihm dies feinfühlend, indem sie ihm freundlich
+zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann nahm sie seinen
+Arm, und man ging zu Tisch.
+
+ * * * * *
+
+Die allgemeine Laune wurde munterer während des Essens. Die zerstreuten
+Gespräche verstummten aber nach und nach, und alle hörten Georg Ulrich
+Castellani zu, der heute seinen glänzenden Tag hatte, wie die Gräfin
+sagte.
+
+Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft im Rauchzimmer um
+den Kamin niedergelassen hatte, war Castellani zu einem seiner
+Lieblingsthemen gelangt, der Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des
+Fünften.
+
+Er sagte: »Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen wie eine dunkle
+Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren Vorhang aus Goldbrokat. Es
+klingt ja ein wenig ridikül, daß einem ein Autokrat aus dem sechzehnten
+Jahrhundert, längst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll
+und näher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; aber es ist
+so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in solchem Ausmaß von der
+Geschichte nicht mehr wiederholte Verkörperung absoluten Herrschertums.
+Das sagt sich so: absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es
+bedeutet #pur et simple# einen Gipfel der Welt, eine Kulmination der
+Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der Hand gegeben hat, war
+genau genommen die, in der der Untergangs- und Auflösungsprozeß Europas
+begonnen hat. Man ist sich darüber nicht genügend klar. Es ist ja auch
+kein Wunder, denn was für horrible Karrikatur haben die bestallten und
+die andern Historienschreiber aus ihm gemacht! Einen boshaften
+Phlegmatiker; einen reizbaren Kränkling; einen feigen Despoten. In
+Wirklichkeit war er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann.
+Natürlicherweise; der absolute Herrscher muß vollkommen einsam sein,
+anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche Tiefe der Dissimulation! Die
+Dissimulation entstand bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der
+menschlichen Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. In
+seiner Einsamkeit und seiner Höhe erschien ihm alles sehr klein und sehr
+wandelbar und sehr relativ; Worte, Verträge, Leidenschaften, Miseren,
+Not und Tod, alles sehr illusorisch. Daher auch seine profunde
+Menschenverachtung. Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind
+Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher auch sein Respekt
+vor der Kunst; denn da trat ihm ein Absolutes entgegen gleich ihm
+selbst. Wie mysterios er war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort
+mit langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser erschloß.) Er
+konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, schon als Kind nicht. Da
+gibt es eine Anekdote, wie einer der gefangenen Kurfürsten, ich glaube,
+der Landgraf von Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund
+die Lippen verzieht, so daß es aussah, als ob er lachte, in Wirklichkeit
+war ihm ganz anders zumut, und wie dann der Kaiser in seinem
+brabantischen Deutsch drohend vor sich hinmurmelt: wart, ick will dir
+lacken lehr. Welche tenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich
+ging die Sonne nicht unter, und er haßte den Sonnenschein. Ihm war die
+größte Machtgewalt verliehen, die je ein Sterblicher besaß, und er
+suchte Zuflucht in einem Kloster strengster Observanz. Auch Gott
+gegenüber dissimulierte er. Auch Gott war seinem unvergleichlich
+mysteriosen Geist nur eine Form. Worüber er am meisten grübelte, war die
+Versuchung Christi. Das quälte ihn, das begriff er nicht. Raum und Zeit
+waren ihm Gespenster; und das war begründet in den maßlosen Erfüllungen
+dieses Lebens, die maßlosen Ekel in ihm erregten. So erklärt sich auch
+sein beständiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; und seine
+kuriose Liebhaberei für Uhren, die alle, soviel deren auch waren, auf
+dem Zifferblatt übereinstimmen mußten. Dissimulation. Freilich, sein
+Vater trug ja als Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige
+Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die Länder, und damit
+sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte sie ein Uhrwerk an die Stelle
+des Herzens. Das mußte Einfluß auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische
+Umbiegung der Seele von der Majestätisierung in die Mechanisierung,
+d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild einer neuen Zeit. Ja,
+die Uhr war vielleicht sein Idol und sein Menetekel. Und doch war er der
+Bewahrer; Bewahrer des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom
+heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn hätte die Kirche längst
+aufgehört zu existieren. Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt,
+Jahrhunderte lang.«
+
+»Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen und Marterwerkzeugen,«
+ließ sich eine Stimme vernehmen, in der Klangfarbe so wenig
+unterschieden von der des Grafen, daß die andern des schneidenden
+Widerspruchs zuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet
+gewesen, da er, während Georg Ulrich gesprochen, den Blick unauffällig
+auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas aus der Reihe gerückt, zwischen
+Lix und Ferry Sponeck saß, mit einem spöttisch-düstern Lächeln um den
+Mund. Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte ihn
+nicht, auch nicht die ängstlich an ihm hängenden Augen Sponecks; kühl
+fuhr er fort: »Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt um den Preis
+von hunderttausenden verbrannten Ketzern und hunderttausenden
+unschuldiger Mädchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; und
+um den Preis von hunderttausenden erschlagener und gemordeter Inkas und
+Azteken, und von hunderttausenden durch Alkohol und Syphilis im Namen
+des Kreuzes vergifteter Indianer;« der Katechet rückte auf seinem Stuhl,
+die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung gegen Pauline und Aglaia
+hin, wobei letztere den Kopf aufwarf und Sparre neugierig musterte. Aber
+der schien es nicht zu bemerken. »Ich will auch gleich sagen,« sprach er
+weiter, »daß es eine von den Jesuiten erfundene und böswillig
+verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht hat, die Syphilis
+sei aus Amerika gekommen. Es geschah wahrscheinlich zur höheren Ehre
+Gottes. Sie ist aus dem Orient gekommen, lange bevor die frommen
+Straßenräuber Cortez und Pizarro die blühenden Reiche dort drüben in
+bluttriefende Wüsteneien verwandelten. Aber wozu das alles,« unterbrach
+er sich achselzuckend, »Sie, Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich.
+Ich freilich verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch
+nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. Im Gegenteil,
+sie ist mir die Mutter des Übels, der fluchwürdigen Verschleierungen,
+deren sich die großen Herren bedient haben, um ihre kleinen Zwecke
+durchzusetzen, des systematischen Volksbetrugs und der politischen
+Brunnenvergiftung.«
+
+Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als wolle er sich der
+frostigen Betroffenheit entziehen, die rings um ihn die Gesichter
+zeigten.
+
+»Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos stichhaltig,«
+antwortete nach einer Pause Georg Ulrich Castellani mit ausgesuchter
+Artigkeit, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und eigentümlich
+triumphierend aussah. »Aber ich wollte ja nicht Zustände und Fakten
+kritisieren, das steht außer meiner Kompetenz, sondern eine Figur, die
+meine Fantasie enflammiert, dem Verständnis näher rücken. Daß eine
+gewisse liberale Phraseologie, oder auch eine radikale, wenn Sie wollen,
+es läuft im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur gegen
+diese Figur in Bewegung setzen muß, gebe ich Ihnen gerne zu. Heutzutage
+liegt das auf der Hand und erfordert auch geringen Mut. Blutbäder sind
+etwas unendlich Schreckliches; selbstverständlich. Aber sind sie durch
+die Volksbeglücker verhindert worden? Haben die Robespierre und die
+Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger Blutschuld auf dem
+Gewissen als die Dschingischan, die Attila, die Napoleon und Friedrich?
+Wir wollen hier doch nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es
+geschieht uns weh genug, daß es unserer Welt an großen Herren fehlt, von
+großen Männern nicht zu reden. Ein unabwendbarer Prozeß; das Urgestein
+ist zerrieben; was übrig bleibt, ist Schlamm und Kot. Wohin führen die
+Ausschweifungen des Gefühls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns hält
+die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; spielt die Zahl
+und die Modalität des Sterbens letzten Endes eine Rolle? Dieser Planet
+ist nun einmal ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergnügen darin
+finden, die Massengräber zu durchwühlen, so macht es den andern Freude,
+vor den ehrwürdigen Monumenten ihre Andacht zu verrichten.«
+
+»Ich möchte niemanden in dieser Freude stören,« sagte Sparre trocken.
+
+»In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles sein
+konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis mehr für die Menschen,«
+fuhr Castellani fort, »Majestät, gesalbte Majestät, das war die oberste
+Spitze der Welt, das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der
+zufällige Repräsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht darf
+ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines meiner Vorfahren
+illustrieren; vielleicht kann ich damit unserer Diskussion die Schärfe
+nehmen, was den Damen nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte
+fast zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig
+vergröbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon.
+Sonderbarerweise schlägt sie ebenfalls in das von Herrn Sparre so
+verpönte Kapitel der Dissimulation. Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am
+Hofe Ludwigs des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich,
+wurde vom König mit einem Auftrag von höchster Importanz zum Kaiser
+Leopold nach Wien geschickt. Er trifft eines späten Abends ein, kleidet
+sich um, sendet seinen Jäger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft
+melden zu lassen und folgt ihm in kürzester Zeit nach. Man teilt ihm
+mit, daß die Majestät ihn erwartet. Man führt ihn durch halbfinstere
+Korridore und eine Reihe ganz finsterer Gemächer, vor einer Tür bleibt
+der Lakai stehen und heißt ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in
+den er tritt, mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze
+darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem Tisch, mit dem Rücken
+angelehnt, die Arme verschränkt, in nachlässiger Haltung und ziemlich
+verdrossen, steht ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der
+Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener Kämmerer, in
+der Meinung überhaupt, es sei die Antichambre, wo er sich befindet,
+fängt an auf und abzuschreiten, wobei seine Gebärden und sein
+Mienenspiel schlecht bemeisterte Ungeduld ausdrücken. Der Mann am Tisch
+mit den verschränkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein
+Aufundabschreiten nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf,
+bleibt ernsthaft und vollkommen still. So vergeht eine Viertelstunde,
+eine halbe Stunde, endlich wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich
+etwas brüsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, ob der
+Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. Da antwortet der Mann
+ruhig: »Der Kaiser bin ich.« Der Gesandte stürzt wie vom Blitz getroffen
+auf die Knie nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von
+seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser muß seine Leute rufen, die
+ihn laben und wieder zur Besinnung bringen müssen. Das war die Glorie,
+die Wirkung des Unbeschreiblichen, das Geheimnis.«
+
+Sparre lächelte gezwungen. Er antwortete: »Auf die Gefahr, es völlig mit
+Ihnen zu verderben, gestehe ich, daß ich da weder Glorie, noch Geheimnis
+erblicken kann. Ich sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und
+verächtlichen Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit und
+den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts von herzlosen, unwissenden,
+weltfremden und menschenfeindlichen Drahtpuppen auf dem Thron. Edle
+Rassetiere im besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mißbraucht, um
+zwischen den Nationen Zwietracht zu säen und dabei ihr Schäfchen ins
+Trockene zu bringen, Schmeichler und Dunkelmänner zu hohen Ämtern zu
+befördern und redlichen Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der
+Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und Lüge -«
+
+Erasmus erhob sich. »Ich glaube, wir brechen das überflüssige Gespräch
+ab,« sagte er scharf.
+
+»Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale zu reichen,«
+wandte sich Castellani mit heiterem Gesicht an ihn.
+
+»Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor,« sagte die Gräfin
+verbindlich.
+
+Sparre war ebenfalls aufgestanden. »Mich dünkt, dazu fehlt momentan die
+nötige Empfänglichkeit, Frau Gräfin,« erwiderte er mit steifer
+Verbeugung.
+
+Die Gräfin drehte sich zu Lix und spottete kaum hörbar: »Gaffen hat er
+sich bis jetzt genug geleistet.«
+
+Ferry Sponeck fuhr sich unglücklich durch die Haare, denn er merkte
+endlich, daß etwas nicht stimmte. »Sag mir doch, Mumu,« raunte er
+Erasmus zu, »was hat es denn eigentlich gegeben?«
+
+Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane, die neben Erasmus
+stand, horchte auf; dies Geräusch zu dieser Stunde war ungewöhnlich.
+Auch die andern lauschten. Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage:
+»Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? Offene Rebellion
+ist Satans Werk, hab ich dir gesagt. Hast gerade du uns den Satan ins
+Haus führen müssen?«
+
+Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den Stuhl der Gräfin
+gestellt und ihr im Herabbeugen ein paar Worte ins Ohr geflüstert. Die
+Gräfin sprang mit verändertem, erblaßtem Gesicht empor. Als die Töchter
+sie erschrocken umdrängten, sagte sie: »Frau von Gravenreuth ist
+angekommen, und ... und Gräfin Giese. Sie sind geflüchtet. Das Schloß
+brennt.«
+
+»Gott sei uns gnädig,« murmelte der Katechet.
+
+Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach in Tränen aus.
+Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte ihn wieder hin. Die Gräfin
+stürzte in den Flur. Erasmus, weiß wie Papier im Gesicht, wollte ihr
+nach, blieb aber vor der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging
+auf und ab und murmelte von Zeit zu Zeit: #»nom de Dieu; nom de Dieu,«#
+Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. Sponecks Krawattenschleife
+hatte sich gelöst, und er bemühte sich mit verstörten Mienen, sie wieder
+zu binden.
+
+ * * * * *
+
+Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben Uhr war eine Bande
+von zwölf Mann in das Schloß gedrungen und hatte Geld und Lebensmittel
+verlangt. Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe Geldes und
+zwei Säcke Mehl abgeliefert, und sie waren bereits im Begriff,
+weiterzuziehen, als einige von ihnen im Hof mit dem Kutscher in Streit
+gerieten. Tumult entstand, fünf Minuten später lohten Flammen aus dem
+Dach des Stallgebäudes. Was sich dann weiter begeben hatte, wie sie mit
+rasch zusammengerafften Habseligkeiten auf den Bauernwagen gelangt
+waren, woher der Wagen mit den zwei Pferden mitten im strömenden Regen
+gekommen und wer ihn gebracht, vermochten die Flüchtlinge nicht zu
+sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das brennende Schloß hinter sich,
+davongefahren, so schnell die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein
+sechzehnjähriger Bauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta
+Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf die Haut
+durchnäßt, mit klebenden Gewändern, triefenden Haaren, wie
+Schiffbrüchige.
+
+Marietta mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Sie fieberte und war
+keines Wortes mächtig. Man schickte um den Arzt ins Dorf. Der Katechet
+erbot sich, im Dorf junge Leute aufzubringen, die bereit wären, das Haus
+zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene und einfache Dame von
+fünfzig Jahren, hatte auch in dieser Lage ihre Haltung nicht eingebüßt.
+Als sie umgekleidet war und für Wolfs Nachtlager gesorgt hatte,
+erstattete sie genaueren Bericht. Sie äußerte Angst um Marietta. Lix und
+Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. Die Gräfin war beschäftigt,
+Anweisungen wegen der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und
+fand Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter vier
+Augen zu wechseln: »Hatten Sie nicht noch einen Gast, Baronin?« fragte
+er vorsichtigen Tons; »Marietta sprach davon -« Frau von Gravenreuth
+antwortete: »Ja, Herr van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern
+telegraphisch abgerufen worden. Manche haben einen guten Stern.« Sie sah
+Erasmus forschend an. »Und wer ist der Knabe?« fragte Erasmus weiter.
+Sie erwiderte: »Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner
+Geburt in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie war meine
+beste Freundin. Es ist ein schönes Kind, nicht wahr?« Wieder sah sie ihn
+mit ihren forschenden, glanzlosen Augen an; »ich hoffe nur, daß diese
+Eindrücke seine junge Seele nicht verdunkeln,« fügte sie hinzu, »meine
+wird sich nie mehr von ihnen befreien können.« Erasmus nahm ihre Hand,
+führte sie an die Lippen und sagte: »Ich empfinde tief mit Ihnen, bis
+ins Innerste, und das ist kein leeres Wort. Ich kenne die Größe der
+Katastrophe.«
+
+Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht zurück, der Doktor
+könne nicht kommen, da er selbst an Grippe schwer erkrankt sei. Gleich
+darauf erschien Sebastiane und sagte, Gräfin Marietta befinde sich sehr
+schlecht, das Fieber steige zusehends, auch klage sie über heftige
+Kopfschmerzen. Die Gräfin sprach zu Helene Gravenreuth: »Ich bin ratlos;
+der nächste größere Ort ist über eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn
+ich auch bei solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend
+jemand schicken könnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt mitten in
+der Nacht herüberkommt.«
+
+Frau von Gravenreuth antwortete: »Unmöglich kann man sie noch
+stundenlang ohne ärztliche Hilfe lassen -«
+
+Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. »Wenn ich mir erlauben darf,
+meine Dienste anzubieten, Frau Gräfin,« sagte er mit seiner
+verschlossenen Höflichkeit, »so glaube ich, den hiesigen Kollegen
+ersetzen zu können.«
+
+Die Gräfin machte eine freudige Bewegung und sagte zu Frau von
+Gravenreuth, die aufatmete und Sparre dankbar anschaute: »Herr Sparre
+ist ein geistreicher junger Mediziner von der neuesten Schule;« dann zu
+Sparre: »Es fügt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Güte haben
+wollen -«
+
+Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum mächtig, auf Ferry Sponeck
+zugegangen. Er packte ihn am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden
+Ungestüm in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit
+drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden Lippen und
+Augenlidern: »Hör mich an, Ferry. Das mußt du verhindern. Um jeden
+Preis verhindern, sonst sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da
+du schon die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, so
+erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, daß er in
+Mariettas Zimmer geht, verstehst du? Nicht zu ertragen der Gedanke, daß
+er sie anrührt, daß er ... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin,
+sprich mit ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. Als
+Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem Vorsatz beharrt, sag
+ihm, daß ich ihn einfach niederknallen werde. Ohne Umstände, verstehst
+du? Spute dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Daß er über die Geschichte
+gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. Vielleicht
+erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf er an ihr Bett. Eher mag
+sie sterben.«
+
+Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehört. Doch er hatte
+begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand sah, begriff er die Gefahr.
+»Beruhige dich, Mumu, es wird gemacht,« sagte er, ging ins Zimmer
+zurück, bemerkte, daß Sparre sich eben von den Damen entfernte und mit
+Sebastiane zur Tür schritt. Er folgte ihm. Draußen rief er: »Sparre! auf
+ein Wort,« und er verschwand mit ihm im dunklen Teil des Flurs.
+Sebastiane ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre würde
+nachkommen.
+
+Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl einem der Diener, ihm
+Mantel und Hut aus seinem Zimmer zu holen, rief den alten Niklas und
+erklärte ihm, daß er selbst zum Arzt nach Grünau fahren wolle, man möge
+den Kutschierwagen anspannen lassen. »Herr Graf können nicht allein
+fahren,« wendete Niklas bestürzt ein, »es ist Mitternacht, die Straße
+stockfinster und grundlos, außerdem -« Erasmus schüttelte ungeduldig
+den Kopf. »Ich fürchte mich nicht,« schnitt er die Rede des Alten ab,
+»wenn niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, muß
+ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. Machen Sie nur kein
+Aufsehen, die Gräfin braucht zunächst nichts zu wissen.«
+
+Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und Erasmus traten auf den Hof
+und ins Stallgebäude. Man weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut
+war, die Pferde dem Unwetter preisgeben zu müssen. Ein junger
+Stallbursche, von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, war
+willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten die beiden flinken
+Tiere vor dem leichten Wagen über die Chaussee, in eine Finsternis
+hinein, die ein schwarzer Schwamm war. Im Norden stand noch immer
+Brandröte.
+
+Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze umgeschlagen,
+die ihm der Kutscher gegeben. Bäume flogen vorüber, Telegraphenstangen,
+Häuser, Brücken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; die Hufe
+der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus ins Nasse. Über ihre
+nickenden schwarzen Köpfe hinaus starrte Erasmus auf die von den
+Wagenlaternen schwach beleuchtete Straße und in den matten Lichtkegel,
+durch den der Regen in glitzernden Strähnen fuhr. Bei jeder Weggabelung
+zog er die Zügel an und wechselte ein Wort mit seinem Begleiter, der
+schlaftrunken döste.
+
+Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, fiebergequält in den
+Kissen; der vertraute Körper litt; Lix und Sebastiane huschten bisweilen
+lautlos durch das Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das
+Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hämisch-aufmerksames Gesicht;
+Inbegriff des Hassenswerten. Woher dieser Haß, der seinem Gemüt sonst
+unbekannt war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll in
+die Nacht hinausträumen; und Aglaia mit wissend und trotzig funkelnden
+Augen ihn messen; und wieder Marietta, von Schmerzen bedrängt, sterbend
+vielleicht; und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles gerann
+zu Nebel. Wie müde man wurde. Schön und schlank war der Knabe ...
+
+Die ersten Häuser der kleinen Landstadt tauchten auf.
+
+Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer zurück. Marietta
+phantasierte. Man hatte sie in feuchte Tücher gewickelt. Sparres
+unerklärliche Weigerung, die Behandlung zu übernehmen, gleich nachdem er
+sich dazu angeboten, hatte auf alle wie neues häßliches Unheil gewirkt.
+Er hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen und durch Ferry Sponeck die
+Absage geschickt. Ferry Sponeck beschwichtigte die entrüstete Gräfin, so
+gut er konnte; schließlich gab er sein Wort, daß Sparre ohne Schuld sei;
+es hätten sich Umstände ereignet, durch die er gezwungen worden sei, zu
+verzichten. Die Gräfin erwiderte unwillig, sie verstehe keine Silbe. Da
+sagte Georg Ulrich Castellani malitiös: »Unser Freund Erasmus hat seine
+#bête noire# entdeckt, das wird es wohl sein.«
+
+Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rückte nur langsam ins Licht
+und völlig offenbar wurde er erst, als sich herausstellte, daß Erasmus
+heimlich und trotz Sturm und Unsicherheit der Wege nach Grünau gefahren
+sei, um den Arzt zu holen.
+
+Graf Castellani sagte: »Mir fällt da die Geschichte von einem Marquis de
+Surêsne ein, der den größten Widerwillen gegen Jakobiner und
+Sansculotten hegte, obwohl er nie im Leben einen dieser Leute gesehen
+hatte. Eines Tages wurde er in der Nähe seines Schlosses in der
+Normandie von Räubern angefallen; auf sein Geschrei kam ihm ein des
+Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete ihn mit fabelhafter Bravour.
+Der Marquis erschöpfte sich in Danksagungen, als es sich aber später
+erwies, daß sein Lebensretter einer der Führer der von ihm so sehr
+verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hängte sich auf;
+denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem erklärten Feind des
+Menschengeschlechts verdanken. Es ist absurd, gewiß, aber es hat
+Charakter. Ich liebe solche Absurditäten; ich sammle sie, wie andre
+Leute Münzen oder Stockgriffe sammeln.«
+
+Jedoch die Gräfin war sichtlich verstimmt.
+
+ * * * * *
+
+Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor Schmidthammer für
+den Rest der Nacht am Krankenbett. Erasmus vermochte einige Stunden zu
+schlafen. Als er sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die
+Fenster öffnete, wunderte er sich über den wolkenlosen Himmel und die
+wasserhelle Bläue der Luft.
+
+Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverändert hoch, aber
+die Kranke liege jetzt still, mit starren Augen, wie bewußtlos. Frau von
+Gravenreuth sei bei ihr.
+
+Der Morgen war so nüchtern, so glasig; der ganze Tag blieb so; der
+Sonnenschein so lügnerisch, die Dinge so deutlich, so kalt; der Fuß
+klebte im Schreiten. Erasmus frühstückte mit Sponeck allein; die Damen
+schliefen noch. Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt,
+heute abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station gewesen, um
+sich nach den Zügen zu erkundigen; er sei außer sich, da er erfahren
+habe, der Eisenbahnverkehr sei für die Dauer von drei Tagen
+eingestellt. Furchtsam hielt Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus
+gerichtet.
+
+»Das ist höchst fatal,« murmelte Erasmus.
+
+»Er wird das Zimmer nicht verlassen,« tröstete Ferry Sponeck; »er wird
+Unpäßlichkeit vorschützen und die Mahlzeiten oben nehmen.«
+
+»Es ist trotzdem fatal,« beharrte Erasmus.
+
+Nach wenigen Stunden fühlte er sich derart im Hause, als seien Türen
+offen, die hätten geschlossen und andere geschlossen, die hätten offen
+sein sollen. Er grübelte darüber nach wie er es anstellen könnte, zu
+Marietta zu gelangen. Durch alle Wände sickerten Wehelaute aus ihrem
+Mund.
+
+Die Gräfin begrüßte ihn kühl. Er fand es notwendig, ihr Aufklärungen zu
+geben. Er wurde beredt. »Sie müssen es verstehen, Gräfin,« sagte er.
+»Der Mann peitscht mir das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das
+er spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Spüren Sie es nicht
+auch? Sehn Sie nicht, daß sich in diesem Gesicht alles Böse
+zusammengeballt hat, der ganze Jammer, unter dem wir keuchen, die
+Anmaßung der gottlosen Kreatur, der Zynismus, der unsere Altäre besudelt
+und den Purpur mit Füßen tritt -?«
+
+»Der? gerade der?« rief die Gräfin, halb belustigt, halb entsetzt; »Sie
+übertreiben, Erasmus, Sie übertreiben ungeheuerlich.«
+
+»Ich übertreibe so wenig, daß alles, was ich nicht auszudrücken vermag,
+mir noch zehnmal schrecklicher, noch zehnmal beweiskräftiger erscheint.
+Wir sind die Opfer dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es
+steckt mir in den Nerven, und hätten wir mehr Witterung für dergleichen
+Subjekte, so wäre es nicht so weit mit uns gekommen, daß wir wie
+Schlachttiere unsern Hals hinhalten müssen. Er ist nicht bloß ein
+Exponent, er ist eine Inkarnation, glauben Sie mir, und daß er hier in
+unserer Mitte aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals.
+Sie müssen es begreifen, daß mir der Gedanke unfaßbar gewesen ist, ihn
+an das Lager einer Frau treten zu lassen, wenn auch als Arzt, was ändert
+das? bleibt er nicht Sparre, derselbe Sparre? mit seiner ganzen
+Wissenschaft Sparre? einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch
+immer nahe steht. Sie müssen das begreifen.«
+
+»Ich begreife, Erasmus, einigermaßen wenigstens,« antwortete die Gräfin,
+milder gestimmt; »aber, lieber Freund, begreifen auch Sie: die Situation
+ist unmöglich. Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die
+jungen Mädchen, - unmöglich. Auf irgendeine Manier müssen wir aus diesem
+Wirbel heraus. Irgend etwas muß beschlossen, muß getan werden.«
+
+Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink war nicht
+mißzuverstehen. »Ich bitte Sie, Gräfin, gönnen Sie mir Zeit,« flehte er;
+»vierundzwanzig Stunden Zeit, oder zwei Tage vielleicht. Ich bin völlig
+bouleversiert. Ich bin zu keiner vernünftigen Überlegung fähig.«
+
+Die Gräfin lachte. »Nun, nun,« besänftigte sie den Erregten, »machen Sie
+keine blutgierige Tigerin aus mir. Zwei Tage, natürlich, weshalb nicht;
+fassen Sie sich. Zur Desparation ist noch kein Anlaß. Mut, armer
+Freund.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, doch mit ungewichenem
+Mißtrauen noch in den Fältchen um die Augen.
+
+An dieses Gespräch schloß sich eines mit Pauline und ein Gang durch den
+Park mit Aglaia.
+
+Pauline saß lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne es recht zu wollen,
+trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte noch; er lächelte abwesend und
+schal. Die Freundlichkeit, mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie
+hob den Blick zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das
+Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerknüllte es in der
+Faust. »Ich denke fortwährend an Gräfin Marietta,« sagte sie; »sie war
+unbeschreiblich schön, als sie gestern naß und elend im Flur stand. So
+habe ich mir immer eingebildet, daß Märtyrerinnen aussehen müssen.« Sie
+stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden, unsteten schuldigen
+Blick wieder aus. »Darf man sich dem Neid hingeben?« fragte sie; »es ist
+Todsünde, ich weiß es, aber ich beneide Gräfin Marietta, ich beneide sie
+über alles Maß, über alle Worte, bis ins Geheimste meiner Seele beneide
+ich sie.«
+
+»Warum, Pauline?« fragte Erasmus betroffen, »warum beneiden Sie
+Marietta?«
+
+»Ich weiß es nicht,« flüsterte das junge Mädchen; »ich kann es nicht
+sagen. Aber wenn ein Wunder geschähe, und ich könnte von jetzt an bis
+zum Abend Marietta sein, und ich müßte zum Entgelt dafür in der Nacht
+sterben, nicht eine Sekunde lang würd ich mich besinnen.«
+
+»Wie sonderbar,« sagte Erasmus kopfschüttelnd. Ihm war zumut, als habe
+sie ihm mit ihren Worten die Glieder an den Leib geschnürt. Sie übte,
+während er auf sie niederschaute, auf das nordisch gelbe Haar, die
+samtene Wange, die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, quälende Macht
+über ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer banalen
+Ausflucht verließ er sie.
+
+Aglaia kam eben über die Treppe herunter. Sie forderte ihn auf, sie ins
+Freie zu begleiten. »Ich habe Sie gesucht,« sagte sie.
+
+Im Hörkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus schaute bisweilen
+zurück und verzögerte den Schritt, als ob er Wichtiges verabsäume, wenn
+er sich zu weit entfernte.
+
+»Sicher wünschen Sie uns alle miteinander dorthin, wo der Pfeffer
+wächst,« begann Aglaia mit ihrer rauhen, aber hellen Stimme, »wir sind
+Ihnen unsagbar lästig, und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man
+hat ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat ist mißglückt.
+Povero! Ich möchte Ihnen so gern aus der Patsche helfen, da ich uns
+schon nicht helfen kann. Wie machen wir denn das?«
+
+»Sie dürfen nicht so sprechen, Aglaia,« bat Erasmus.
+
+»Nichts da, ich will reden, wie mir ums Herz ist,« entgegnete Aglaia;
+»das ganze Arrangement hat mir ohnehin nie recht gefallen; je besser ich
+Sie kennengelernt habe, je weniger. Nun hat sich aber Pauline innerlich
+engagiert, und bei ihrer Veranlagung ist das kein kleines Unglück. Daß
+das Unglück viel größer wäre, wenn sie Ihre Frau würde, kann man ihr
+vielleicht sagen, aber sie wird es nicht einsehen. Unterbrechen Sie mich
+nicht, Erasmus, ich hab mirs in den Kopf gesetzt, Ihnen die Leviten zu
+lesen und will es auch tun. Es ist sträflicher Leichtsinn, daß Sie
+überhaupt ans Heiraten denken. Ist es Ihnen denn ernst damit? Gott
+bewahre. Sie machen es wie die Indianer auf dem Kriegspfad; Sie stecken
+sich bunte Federn auf den Schopf, bemalen sich das Gesicht, dann
+schleichen Sie sich durch die Wälder, um ein bißchen zu wegelagern. Und
+wehe der Squaw, die Sie in Ihren Wigwam führen. Was da geschieht; #je
+vois ça d'ici.# Wenn sie meine Freundin wäre, würde ich sie auf den
+Knien beschwören, sichs dreimal zu überlegen, und noch dreimal, und dann
+erst recht davonzulaufen. Womit ich nicht gesagt haben will, Erasmus,«
+sie blieb stehen und sah ihn mit einer Mischung von Schelmerei und
+fließendem Gefühl an, »daß ich Ihre Vorzüge nicht kenne. Sie sind nur
+nicht der Felsen, auf den ich bauen möchte.«
+
+»Es erstaunt mich, Aglaia,« antwortete Erasmus befangen, »daß Sie sich
+so urteilen getrauen; so dezidiert, so ... kühn. Wo haben Sie das her?
+Soviel Kenntnis, kleine Aglaia, wo nehmen Sie die her?«
+
+Sie sagte spöttisch: »Keine Geringschätzung gegen die Jahre, Erasmus.
+Solange es grauhaarige Dummköpfe gibt, darf es auch siebzehnjährige
+Komtessen mit gesundem Menschenverstand geben. Zwei Augen im Kopf sind
+zu allerlei nütze, und meine zwei Augen verraten mir, daß Sie jedes Herz
+lieblos zerzupfen, daß sich Ihnen schenkt. Es tut Ihnen leid, aber Sie
+können nicht anders.«
+
+Erasmus nickte melancholisch. »Wenn es nur nicht so schwer wäre,
+Aglaia,« erwiderte er mit seiner verdeckten Stimme; »man weiß nie das
+Richtige. Kommt es einem mal so vor, als hätte man sich zum Richtigen
+entschlossen, so machen einen die Leute durch ihre Reden wieder irre.
+Man liebt jemand, schön; aber weiß man denn, wie lang es dauert? Und die
+Betreffende bildet sich ein, es dauert ewig. Weiß man denn, was es mit
+der Betreffenden auf sich hat? ob sie sich nicht selber täuscht? ob es
+nicht ein Unrecht ist, wenn man sie glauben macht, sie sei einem so viel
+wie sie sein möchte? Das sind furchtbare Verantwortungen. Über einem ist
+ein Gesetz; das Gesetz muß man erfüllen; wenn aber der Augenblick da
+ist, wo es Ernst wird, traut man sich nicht, den Schritt zu tun, weil
+man Angst hat; die Verantwortung ist zu groß. Es gibt bestimmte Zeichen,
+aber vielleicht deutet man sie falsch. Geschehenes kann man nicht
+rückgängig machen. Ich darf mich nicht betrügen lassen von meinen
+Sinnen. Ich darf mir nicht genug sein. Ich bin bloß einer aus der Mitte
+heraus und bin Rechenschaft schuldig. Es darf mir kein Zweifel
+übrigbleiben. Wenn ich so einen Entschluß fasse, muß ich das Bewußtsein
+haben: Gott will es. Kann ichs noch unterlassen, so heißt das so viel
+wie Gott will es noch nicht. Man muß sich in acht nehmen und darf nicht
+vorwitzig sein.« Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn und sah
+kränklich aus.
+
+Aglaia faltete die Hände und blickte mit drolliger Verzweiflung gen
+Himmel. »O Erasmus,« seufzte sie, »Sie zerreißen mir das Herz. Und da
+gibt es Menschen, die einem harmlosen jungen Mädchen zumuten, Hoffnungen
+auf Sie zu setzen. Es muß ja jammervoll in Ihnen aussehen. Das ist
+schlimmer als die zehn ägyptischen Plagen. Nein; um Himmelswillen,
+niemals! Passen Sie auf, Erasmus,« fuhr sie zutraulich fort, »ich bin
+kein trockener Zunder, der beim ersten Funken Feuer fängt. Ich glaube,
+ich bin in Sie verliebt. Warum soll ichs leugnen? Ich glaube, ich könnte
+sogar Tollheiten für Sie begehen; nicht ganz große Tollheiten, gemäßigte
+nur. Ziehen Sie daraus keine Konsequenzen, bitte; lassen Sie es ein Wort
+sein wie guten Morgen. Jetzt, wo es eingestanden ist, ist ja Spiel und
+Zauberei davon weg. Und sehen Sie, wie hübsch, daß ichs gefunden habe,
+bei Spiel und Zauberei müßt es auch bleiben. Das andere, das muß
+schauerlich sein mit Ihnen. Nur eine Komödiantin oder eine Heilige
+könnte es aushalten.«
+
+Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene hinüber. Er hatte sein
+spleeniges Lächeln um den Mund. Spiel und Zauberei, ja, das war einmal,
+dachte er, das darf nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das
+Zifferblatt der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegene da
+gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte sich nicht
+ganz, wollte ihm scheinen.
+
+Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten gelangt.
+Sebastiane saß in der Sonne auf einem Gartenstuhl, vor ihr spielten ihre
+beiden Mädchen im Sand, und der siebenjährige Wolf sah ihnen zu. Als er
+Erasmus und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand
+entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick Sebastianes
+streifte das Gesicht Erasmus und das des Knaben. »Merkwürdig, wie
+ähnlich er Ihnen sieht,« sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend.
+
+Während Aglaia ins Haus ging, ließ sich Erasmus auf einem zweiten Stuhl
+nieder, und im spärlich fließenden Gespräch mit Sebastiane, die von der
+halbverwachten Nacht müde war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf
+den Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine Hände, seine Füße,
+sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich entfernten Zweig ein
+Eichhörnchen erspähte und auf Zehenspitzen, am Bord des Rasens,
+hinschlich, erhob sich Erasmus und folgte ihm. Er redete ihn höflich an
+wie einen Erwachsenen. Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen
+der Bäume kenne; die Namen der späten Blumen, die noch blühten. Die
+Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche und beherzte Art zu
+antworten; der groß vertrauensvolle Blick; das Oval des Gesichts. Er
+nahm ihn an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte über sich
+selbst; er hatte sich nie mit Kindern beschäftigt, noch sich zu ihnen
+hingezogen gefühlt; die Empfindung für Sebastianes Kinder hatte ihnen
+nur in der Vereinigung mit der schönen Mutter gegolten.
+
+Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der seinen spürte, dünkte
+er sich alt. Er erschien sich wie ein Baum, belastet mit Jahren,
+beladen mit der Erinnerung an viele Wetter, viele stürmische Tage und
+Nächte, Frost und Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt
+nicht weit über seine Hüfte reichend, erschien ihm wie ein Schößling,
+zart und kräftig, anschmiegend und edel, an ihm empor-, einer
+unbekannten und zu fürchtenden Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten
+Wege waren ihm plötzlich verhaßt; die weiße Front des Herrenhauses war
+eine Gefängnismauer; »möchtest du mit mir zum Fluß gehen, Wolf?« fragte
+er. Der Knabe bejahte erfreut.
+
+»Erzählen Sie mir eine Geschichte,« bat der Knabe.
+
+Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Fluß gelangt waren, der
+dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, setzte er sich auf einen
+moosigen Stein, legte den Arm um des Knaben Schulter, lächelte verlegen
+und fing an: »Es ist kein Märchen, was ich dir erzählen will, es ist
+eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. Am
+Hof des Vizekönigs, Vizekönig nennt man den Stellvertreter des Königs
+von England dort, mußt du wissen, am Hof des Vizekönigs also lebte unter
+vielen andern Fürsten und Radschas ein bengalischer Fürst namens Lal
+Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut litt, trotzdem er
+reich und mächtig war, auch schön und klug. Solche Schwermut, weißt du,
+ist für die Seele und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und
+krankhafte Schwäche für den Körper; wer davon heimgesucht wird, der hat
+an nichts in der Welt mehr Freude. So war das mit Lal Sarkar und wurde
+mit der Zeit immer ärger. Die Ärzte wußten so wenig Rat wie die Freunde;
+eines Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und sagte, er
+solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama reisen, dort würde er
+Heilung finden. Der Dalailama ist der oberste Priester der indischen
+und chinesischen Welt, so wie der heilige Vater in Rom Herr über die
+Christenheit ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheißen, rüstete
+eine Karawane aus und reiste über das hohe Gebirge des Himalaya nach der
+Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf kehrte er zurück, und zwar als ein ganz
+anderer Mann, heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die
+Verwandlung, daß auch am Hof des Vizekönigs, wo ich um diese Zeit
+eintraf, das größte Erstaunen darüber herrschte. Wenn man sich aber
+erkundigte, erfuhr man nicht viel mehr, als daß eben Lal Sarkar in Lhasa
+gewesen sei. Mir ließ es keine Ruhe, und ich wußte es anzustellen, daß
+ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends in sein Haus
+eingeladen wurde. Das war nun wirklich wie ein Märchen, weißt du, dieser
+Palast mit seinen Springbrunnen und vergoldeten Säulen und Bassins mit
+Fischen und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei ihm, und
+als wir ins Gespräch gekommen waren, fragte ich ihn nach dem, worüber
+sich alle Europäer den Kopf zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt,
+als er wie ein Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt
+hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und feurig. Ich fragte
+ihn also und fragte auch, ob ein Fremder wie ich wissen dürfe, wie das
+vor sich gegangen und was mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewiß dürfe
+ich es wissen, es sei nichts zu verheimlichen. »Ich habe den Dalailama
+gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.« - »Das ist
+alles?« fragte ich, »nur in sein Angesicht geschaut?« - »Ja,« antwortet
+er, »nur das.« Und als ich verwundert, vielleicht auch ungläubig
+schwieg, sagte er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon
+vergessen: »Der Dalailama ist ein Knabe. Zwölf Jahre ungefähr, älter
+nicht. Er sitzt auf einem Thron und lächelt. Sein Gesicht ist das
+schönste Menschengesicht auf Erden, so schön, wie man es sich nicht
+einmal im Traum vorstellen kann. Seine Stirn ist wie ein geschliffener
+Edelstein und göttliche Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen
+eine Güte aus, daß es jeden, auch den verhärtetsten Unhold bis ins Herz
+trifft und er nicht anders kann als auf die Knie sinken. Sein Lächeln
+genügt, damit aller Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge
+aufhört. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, ist es, als sei
+er fünftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, aber man küßt seine Hand und
+weint. Vor Glück weint man. Er ist ein Knabe, aber er ist mächtiger als
+Armeen und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Könige und Kaiser der
+Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn anschaute, wurde
+ich von meiner Schwermut geheilt.« So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das
+ist meine Geschichte.«
+
+»Es ist eine herrliche Geschichte!« rief Wolf mit hingerissenem
+Ausdruck, »die mußt du mir noch öfter erzählen.« In seinem begeisterten
+Eifer dutzte er Erasmus plötzlich, und dieser ließ es sich gern
+gefallen.
+
+ * * * * *
+
+Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und sagte, Marietta
+wolle ihn sprechen; sie fühle sich besser, obschon man fürchten müsse,
+daß es ein trügerisches Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch
+geäußert, sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei.
+
+Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war Bedauern über den
+Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. Ein Tag hatte das Werk von zehn
+Jahren verrichtet. Dämmerschwäche nietete den Leib in die Kissen und
+Tücher. Heiße Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben.
+In den Augen war gelbfahles Licht. Um das Haupt zu entlasten, waren die
+Haare gelöst, und über das weiße Linnen floß die kupfrige Flut,
+unvergangene Schönheit.
+
+Sie so hingeworfen und zerstört zu erblicken, war schlimm. Schlimmer der
+Verlust; seine stumme Absage. Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem
+Innern. Nichts, was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen
+sein. Erinnerung an Zärtlichkeit war Scham; was ihm dieser Körper
+geschenkt, was er ihm geraubt: Sünde. Da lag eine gefährdete Kreatur,
+arm, entschmückt; nicht Weib, nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes,
+nicht Teil seines Lebens mehr.
+
+Er flüsterte ihren Namen. Sie lächelte und erhob matt die Hand.
+
+Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. Marietta winkte ihm, er
+setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie sagte: »Hör mich an, Erasmus.
+Man weiß nicht, was einem zustoßen kann. Ich werde jedenfalls von bösen
+Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfährst jetzt, was du erfahren
+mußt. Hast du Wolf gesehen?« Er nickte; er erbleichte. »Wolf ist mein
+Kind. Wolf ist dein Sohn.«
+
+Regungslos starrte er Marietta an.
+
+Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand auf die seine, die
+nichts von der Berührung wußte: »Ich habe viel darüber nachgedacht, wie
+du es aufnehmen wirst. Muß ich erklären, warum ich es vor dir
+geheimgehalten habe? Prüfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. Es
+ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, vor dem graute mir
+immer. Es war gut, daß etwas zwischen uns war, das uns trennte, wenn wir
+vereint waren und uns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich hätte
+sonst manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, der für
+dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, wenn du mir starbst. Du
+bist mir sehr oft gestorben und ich mußte dasitzen und mein Herz in der
+Hand halten und auf deine Auferstehung warten.«
+
+Noch immer regungslos, mit geschnürter Kehle, starrte er Marietta an.
+
+Sie berichtete mit wenig Worten, erschöpft schon, wann sie das Kind
+empfangen, wann und wo sie es geboren, wie sie die Verhehlung
+bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse Einzelheiten, an die
+beweisenden Daten, sprach von ihrem Glück, von inneren Kämpfen, von
+Angst um die Zukunft des Kindes, schwieg, schloß die Augen, wartete auf
+ein Wort von ihm, aber es kam keines. Er saß regungslos und starrte sie
+an. Es war eine unbezweifelbare, sogar eine heilige Wahrheit in ihrer
+Stimme, in ihrem Blick, in ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit
+nicht, er bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie
+stand wie mit einem glühenden Schlüssel vor der Pforte des unbekannten
+finstern Raums, von dem Marietta gesprochen, und fand keinen Einlaß.
+
+»Das Kind ist wohlgeraten,« sagte Marietta leise; »du wirst nicht nur in
+seinem Äußern viel von dir erkennen. Ich verlange kein Gelöbnis von dir.
+Dazu war alles zu schwebend zwischen uns. Du mußt ja auch erst mit dir
+selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. Denke nach,
+Erasmus. Jetzt geh; ich bin müde.«
+
+Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des Herzens. Angst,
+Gewissensangst, Frieren des Blutes, bittere Unlust, Gefühl der
+Einsamkeit, Selbstmißtrauen. Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich
+er aus. Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. Im Haus
+wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder Stunde. Doktor Schmidthammer
+hatte eine Lungenentzündung konstatiert. Während des Soupers herrschte
+die gedrückteste Stimmung. Die Gräfin saß da wie ohne Maske, alt und ein
+wenig böse. Selbst Aglaias Miene war ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er
+fürchtete sich vor den schönen Gesichtern. Er fürchtete sich vor dem
+Blick heimlichen Einverständnisses, der ihn möglicherweise treffen
+konnte, vor dem enttäuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, dem
+mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte Tun, die verspielte Zeit,
+die verspielten Worte. Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der
+seekrank ist, nach festem Boden unter den Füßen. Nach Sicherheit, nach
+Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung durch Umstände
+und abgenötigten Beschluß, sondern nach der, die von oben kommt und
+unwiderruflich, unwidersprechlich ist.
+
+Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von der Gesellschaft. Er
+wollte allein sein. Im untern Flur ging er noch eine Weile auf und ab.
+Bisweilen blieb er stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den
+Wänden, Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit war
+künstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein beunruhigtes Herz. Da kam
+Frau von Gravenreuth die Treppe herunter; sie führte Wolf an der Hand
+und redete mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus,
+während der Knabe weiterging: »Er ist so erregt heute, wollte nichts
+essen; ich weiß nicht, was ich mit ihm beginnen soll. Ich habe ihm
+versprochen, noch ein wenig ins Freie mit ihm zu gehen.«
+
+Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mädchengesicht war ein
+Lächeln, welches ausdrückte: wir kennen uns, wir sind Freunde; dazu
+Zweifel, Zurückhaltung und ein suchender Blick.
+
+Das unerwartete Gegenüberstehen war Hölle für Erasmus. Er konnte sich
+nicht entsinnen, je Quälenderes empfunden zu haben. Es ertönte das Wort,
+das er selbst gesprochen, füllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum:
+alle Legitimität stammt von Gott. Es schlug ihn in den Nacken; es war
+ein flammender Pfahl, der ihn schlug. Enthielt es Wahrheit, so gab es
+nichts daran zu mäkeln; war es Irrtum, so saß man am Wendepunkt und
+verkrampfte sich ins Arge.
+
+Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in seinem Leben, fremd
+hervorgetreten aus der Fremdheit, Geschöpf der Leidenschaft,
+ungewünschtes, ungewußtes, unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand,
+das hegenswerte, wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung und
+Nachfolge.
+
+Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel hervorgeschossen und auf
+Wolf zu. Der Knabe beugte sich nieder, um ihn zu packen; das Tier, in
+spielgieriger Laune, entwich fauchend, kam zurück, sprang an den Beinen
+des Knaben empor und drängte den Lachenden gegen die Wand. Ein kleiner
+Schrei; Sturz eines Gefäßes; ein Klirren; die etruskische Vase, die auf
+einem Säulenpostament neben der Tür des Musikzimmers gestanden, war
+heruntergefallen und lag in Trümmern. Aus dem Speisesaal kamen die
+Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher, flüchtete zur Herrin;
+die Gräfin kniete mit bedauerndem Gesicht nieder, um die kostbaren
+Scherben zu sammeln; Wolf war blaß geworden, sein Mund verzog sich zum
+Weinen, und mit unwillkürlicher Bewegung griff er nach Erasmus Hand.
+Erasmus, ebenso unwillkürlich, umfaßte die Hand des Knaben mit
+tröstendem Druck, und die Betrübnis, die sich in seinen Mienen malte,
+war kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene Vase. Doch
+blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich zu dem Knaben niederbeugte
+und eine formelhafte Beschwichtigung flüsterte. Schwere aber lastete nun
+auf allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor herein Eugen
+Sparre kam, der am Spätnachmittag fortgegangen war und jetzt
+zurückkehrte.
+
+Erasmus entriß sich. In seinem Zimmer nahm er eine der theologischen
+Schriften zur Hand, die er stets mit sich führte. Aber er konnte seinen
+Geist nicht zur Lektüre sammeln. Es wurde spät, und er saß noch immer
+mit aufgestütztem Kopf, grauem, umrißlosem Denken nachhängend.
+Schließlich überwältigte ihn der Schlummer, im Sitzen. Es klopfte an der
+Tür; er hörte es nicht. Es klopfte abermals; er schrak empor; rief, halb
+im Traum.
+
+Es war wie Traum, als Sparre eintrat.
+
+ * * * * *
+
+Die anfängliche Empörung Eugen Sparres hatte nicht lange gedauert,
+obwohl Ferry Sponeck täppisch wie ein Bauer gewesen war. Da er die
+Abneigung des Grafen Ungnad deutlich gespürt hatte, war ihm dessen
+Verhalten nicht einmal so rätselhaft wie seinem Botschafter, um so
+weniger, als sich Sponeck bemüßigt glaubte, zur Entschuldigung des
+Freundes auf eine zarte Beziehung zwischen ihm und der Kranken
+hinzuweisen. Was für Dickhäuter diese Menschen doch sind, dachte Sparre;
+als ob dadurch der Schimpf harmloser würde.
+
+Man könne vorläufig nichts Rechtes unternehmen, faselte Ferry Sponeck,
+der nicht wußte, wessen Partei er ergreifen sollte und zwischen der
+alten Anhänglichkeit an Erasmus und der bewundernden Dämonenfurcht
+schwankte, die ihn zu Sparre zog; Erasmus sei in einer kritischen
+Verfassung, jammervoll sei ihm zumut; ob Sparre an ritterliche
+Austragung denke? doch wohl kaum? Wenn ja, wolle er mit Georg Ulrich
+Castellani beraten; jedenfalls sei er, Ferry Sponeck, in einer
+verteufelten Zwickmühle. Sparre lachte. Nein, daran denke er nicht; er
+gebe Satisfaktion auf die ihm angemessene Art und wünsche sie zu
+erhalten, wie es sich für gesittete Menschen zieme. Er fühle sich so
+wenig beleidigt, wie wenn er im Wald über eine Baumwurzel gestolpert
+wäre; »man war achtlos,« sagte er, »das nächste Mal wird man aufpassen.
+Mit Ehrenkränkung hat das nichts zu tun.« Worauf ihn Ferry Sponeck
+kopfschüttelnd für einen unmäßig interessanten Mann erklärte.
+
+Sparre durchschaute den schlechten Schauspieler und hatte Nachsicht.
+Unbekannt mit einer Welt, in die ihn der Sturm verschlagen, die seine
+eigene aufwühlte, in die er wie zu einer bergenden Insel geflohen, nicht
+aus Schrecken über den Sturm, sondern weil er zur Vollendung einer
+wissenschaftlichen Schrift die Gelegenheit mit Freude ergriffen hatte,
+die ihm eine vorübergehende Ruhestatt zu bieten versprach, fühlte er
+stärker noch als unter dem ersten Eindruck das Erstaunen über alles, was
+ihn umgab.
+
+Diese Menschen waren ihm wie alte Gemälde. Tod war über sie
+hinweggegangen; Leben in seinem Sinn hatten sie nicht. Etwas wie goldner
+Staub hing an ihnen, Gefesselte eines prunkenden Rahmens, verjährte
+Ehrwürdigkeit. Sie sprachen, und ihre Worte waren nicht die der
+Lebendigen; sie scherzten, und ihr Lächeln war bedungen, ihr Lachen
+klang aus der Erde. Alles an ihnen war bedungen, gekettet, befohlen und
+vorgesetzt; ihr traurigster Ernst war noch Spiel, Schattenspiel hinter
+der Eisdecke. Sie waren einer glitzernden Lüge von Herrschaft
+hingegeben, und sie wußten um die Lüge, lange schon, aber jeder
+schmeichelte dem andern die Lüge weg. Sie glichen den Schwerkranken,
+denen man Gesundheit einredet, mit leichter Mühe, weil ihre Seele
+getrübt ist; die in jede Gebärde, in jeden Hauch ein Übermaß von
+Hoffnung und Sorglosigkeit legen und nur die Täuschung wollen, sonst
+nichts. Diese Stuben, diese Gänge, die glänzenden und alten Dinge, es
+war ein Mausoleum, ausgeschaltet aus der Zeit, ohne Blut, ohne Kraft,
+ohne Farbe. Menschenruf verstummte; ein summender Schall war, worauf sie
+ängstlich lauschten; Menschenforderung galt ihnen für Unbill; sie
+wohnten noch in der alten Form, sie hielten noch die abgeschnittenen
+Zügel in ihren Händen, lächelnd, indes der Wagen still stand und die
+Pferde entführt waren.
+
+Die anmutigen Frauen; wie gelassen sie dem Abgrund zuschritten, dessen
+Phosphoreszenz sie über seine verschlingende Gewalt betrog. In einer
+Sehnsucht schmolzen sie, die keine Erfüllung mehr finden konnte, aber
+sie ahnten vom Unmöglichen nichts. Noch trieben sie Neckerei hinter der
+Maske; noch gefielen sie sich in ihrem tändelnden Idiom aus verwehten
+Epochen; nur kein Aufwachen, flehten ihre Mienen, nur kein rauhes
+Berühren. Die glatten Glieder wohlig hingeschmiegt an gespenstische
+Bilder; schwelgend in den pikanten Verfeinerungen, die ihre Fantasie
+noch schenkte, wo doch das Wirkliche bereits hinter der Wand aufbrüllte;
+sich als Letzte spürend, aber nicht als Vergangene, als Entrückte, aber
+nicht als Verlorene.
+
+Eugen Sparre sah mit den Augen eines Forschers und eines Kindes. Die
+Regionen und die Jahre, aus denen er kam, hatten ihn in der Strenge der
+Betrachtung geübt. Empfundenes und Geschautes nicht zu verfälschen war
+sein innerstes Amt. Schmucklos war alles in ihm, an ihm und die Bahn
+hinter ihm. Unverwöhnt und unerweicht, besaß er die Kraft, Leiden zu
+überwinden und zu erkennen. Das Durchlebte war ihm oft wie giftiger
+Rauch. Er hatte gegen jede Art von Bedrückung getrotzt, jede Art von
+Erniedrigung erfahren. Er hatte die Ellbogen gespreizt und sie zu
+eisernen Balken gemacht, um nicht zu Brei zerquetscht zu werden.
+Hinaufgeklommen an den schlüpfrigen Quadern des Riesenbaus, von dem auf
+halbem oder Viertelweg die Schwächlinge und Übergierigen abgestürzt
+waren, um sich unten die Schädel zu zertrümmern, hatte er mit kühlem
+Kopf seinen Platz erobert, der Pflicht, die er gewählt, die ihn gewählt,
+unerschütterlich gehorsam und schicksalkennend wie nur diejenigen sind,
+deren Herzschlag der Herzschlag des Jahrhunderts und des Volkes ist. Er
+hatte ungeachtet seiner Jugend zu den Propheten der großen Wandlung
+gehört; er hatte sie errechnet, sie war ihm Ergebnis logischer Erwägung,
+und mitten in der Taifunwelle war er leidenschaftslos geblieben,
+Beobachter, Arzt. Er war heiter geblieben, ohne aufrührerische Gelüste,
+dem Element vertrauend, es liebend beinahe, in jeder Verwüstung eine
+höhere Ordnung vorauswissend, denn alles war Notwendigkeit, Geballtes,
+Gerafftes, Gefügtes, Wüten von Lebenskeimen gegen Todeskeime,
+Erneuerungsraserei des fiebernden Menschheitsleibes, Wiedergeburt aus
+Agonie, Qual und Wahnsinn der sterblichen Einzelnen im unsterblichen
+Ganzen.
+
+Von allen, die auf Rienburg um ihn waren, hatte Graf Erasmus Ungnad
+seine Aufmerksamkeit am meisten gefesselt. Der erste Anblick des
+gespannten, leidenden, hochmütigen, geschliffenen Gesichts hatte ihn als
+Erscheinung berührt. In einem Nu hatte er so scharf wie den andern sich
+selbst erfaßt, eben sein Anderssein und Andersmüssen, das völlige
+Widerbild, wie Pol gegen Pol. Und Sonderbares war geschehen: er hatte
+Schmerz verspürt. Da war Figur; ja, Figur, wie die Sage sie gibt;
+umschlossene und einsame Gestalt; heimatlose Gestalt; in finster
+gewordenem Raum mit einer Haltung schreitend, als sei noch Licht die
+Fülle; müde wie einer, der Schätze getragen hat; ungegenwärtig,
+verfangen, versponnen, tragisch hinabgehend, von sterbenden Illusionen
+begleitet, der irrende traurige Ritter; der Adlige. Das war er, der
+adlige Mann, Überbleibsel und Anachronismus, der, dem auch Gott nur eine
+Form ist, wie Graf Castellani gesagt hatte, der es nicht nahm, nicht
+wollte, daß sein Reich aufgehört hatte zu sein und der von der Zeit
+nichts zurückbehalten hatte als die Jahre, geschäftige Symbole, doch
+leer und sinnlos.
+
+Die Erschütterung wirkte fort in Eugen Sparre. Sie war derart, daß sie
+auch durch die beleidigende Feindseligkeit des Grafen nicht vermindert
+wurde und gab ihm so viel zu denken, daß er seine Arbeit darüber vergaß.
+Die persönlichen Verhältnisse Ungnads flößten ihm, jenem Allgemeinen
+gegenüber, nur geringe Teilnahme ein; trotzdem horchte er bei den
+Andeutungen Ferry Sponecks auf. Sponeck hielt sich in dem Fall nicht zur
+Verschwiegenheit verbunden; was alle Welt wußte, konnte auch Sparre
+wissen; für Sparre war es Bestätigung, die den Charakter noch tiefer
+erleuchtete. Er erblickte Verborgenes, und was seinem Auge entging,
+vervollständigte die Kombination. Diese Geschicke ließen sich
+wunderlich leicht entziffern; ihre Hieroglyphen bedurften nicht einmal
+der Geduld. So zuckte für ihn greller Schein um die Szene im Flur, als
+er ins Haus trat und alle um die zerbrochene Vase herumstanden.
+Sekundenkurzes Schauen genügte; haften blieb in Blick und Gedächtnis der
+mädchenhaft zarte Knabe neben dem überschlanken Erasmus Ungnad, das
+Gebeugte und Zerquälte an ihm, das zitternd Aufgestörte im Wesen des
+Kindes, die unverkennbare Ähnlichkeit in der Gesichtsbildung beider,
+etwas Unsagbares von Verkettung.
+
+Als Erasmus verschwunden war, las Baronin Polyxene die Scherben auf;
+Ferry Sponeck kniete ebenfalls hin, um ihr zu helfen. Da sagte Sparre,
+man möge ihm die Stücke überlassen; wenn er Klebestoff bekommen könne,
+getraue er sich, die Vase wieder zusammenzusetzen; er habe dergleichen
+schon oft versucht, und mit Glück. Die Beschädigungen waren in der Tat
+nur geringfügig; die beiden Henkel und ein Teil des oberen Randes waren
+abgebrochen, ferner war in der Ausbauchung ein rundes Loch. Man sah ihn
+verwundert an; Ferry Sponeck nickte eifrig und versicherte: »Ja, darauf
+versteht er sich, er hat auch mir einmal eine Sevreschale geleimt, er
+ist überhaupt ein Tausendkünstler.« Die beflissene Fürsprache erweckte
+Heiterkeit, auch bei Sparre selbst, Niklas wurde gerufen, der nach einer
+Weile ein Töpfchen mit Leim brachte, Sparre packte die Vase samt den
+Scherben in ein Tuch und begab sich damit in sein Zimmer.
+
+Er hatte von dem Zweck seines Beginnens keine deutliche Vorstellung. Es
+war ihm ein in das Kleid einer Parabel gehüllter Scherz; eine Mitteilung
+von ungewisser Tragweite und unbestimmtem Inhalt. Während er mit
+Sorgfalt die Bruchstellen aneinanderfügte, kleine Splitter mit
+geschickter Hand einpaßte, lächelte er häufig. Als er nach zweistündiger
+Arbeit fertig war, ging er zum Fenster; Ungnads Zimmer lag dem seinen
+schräg gegenüber, wie er wußte. Er sah noch Licht bei ihm. Da nahm er
+die Vase vorsichtig in die Hand, prüfte das Werk noch einmal, überzeugte
+sich von der Haltbarkeit der zusammengesetzten Teile und verließ das
+Zimmer.
+
+ * * * * *
+
+Erasmus fuhr auf. »Was wollen Sie?« stotterte er, »was bedeutet das?« Er
+starrte auf das tönerne Gefäß.
+
+Sparre stellte die Vase auf den Tisch. »Wenn man morgen die Bruchlinien
+abfeilt, wird der Schaden kaum mehr bemerkbar sein,« sagte er.
+
+»Aber was soll es denn heißen?« murmelte Erasmus. Er hatte sich erhoben,
+stand frostig da, stirnrunzelnd, abweisend.
+
+»Ich hatte den Eindruck, als sei Ihnen der kleine Unfall nah gegangen,«
+sagte Sparre; »ich weiß selbst kaum, warum ich mich verpflichtet fühlte,
+ihn wieder gutzumachen. Vielleicht wollte ich damit auch eine mir
+geschehene Widerwärtigkeit aus der Welt schaffen. So etwas ist störend,
+wenn es auch mein Gleichgewicht nicht beeinträchtigen kann. Wo der Hieb
+nicht trifft, ist keine Wunde. Da Sie mich als Arzt für einen Menschen
+verpönt haben, habe ich mich begnügt, Arzt bei einem Ding zu sein. Das
+Ding ist leidlich geheilt, wie Sie sehen.«
+
+Die Stimme klang fast hohl, in ihrer Baßtiefe schleifend.
+
+»Ich verstehe nicht,« stieß Erasmus hervor; »Sie wollen sich über mich
+mokieren, scheint mir ...«
+
+Sparre blickte zu Boden. »Merkwürdig, daß Sie es nicht verstehen,« sagte
+er wie im Selbstgespräch. »Gibt Ihnen denn das keinen Fingerzeig, daß
+ich, der Mensch, den Sie hassen oder glauben hassen zu müssen, der
+Mensch Ihrer Abkehr und Ihres Grauens, dem Sie die unverdiente Ehre
+einer entscheidenden Funktion zuweisen, daß dieser selbe Mensch etwas
+Zerbrochenes für Sie wieder ganz gemacht hat?«
+
+Erasmus stutzte. Vor Unwillen rötete sich seine Stirn. »Für mich ganz
+gemacht? Für mich? Wirklich, Sie erlauben sich ungebührlichen Spaß, Herr
+Doktor Sparre ...«
+
+Sparre schlug langsam den Blick auf. »Ich möchte gern in anderm Ton mit
+Ihnen sprechen, Graf Ungnad,« sagte er verhalten. »Sie gehen im
+Wesentlichen fehl. Ihre Voraussetzungen sind falsch. Ich sah eine Not.
+Als der Krug da herunterstürzte, sah ich eine Menge Zerschmettertes
+liegen. War der Knabe eigentlich schuld und sein Spiel mit dem Tier? Er
+fühlte sich aber schuldig, und als Sie seine Hand faßten, hatte ich den
+Eindruck, als ob Sie sich für seine Schuld mitverantwortlich fühlten.
+Aber Sie haben es doch nicht gewagt, für ihn einzustehen. Was liegt an
+diesem altertümlichen Kram, Graf Ungnad? Wenn ihn das Aufräumweib vor
+mir auf den Kehricht wirft, schau ich nicht einmal darnach hin. Es
+entspricht auch nicht meiner Überzeugung, daß man Zersplittertes wieder
+kitten soll. In diesem Fall habe ich mich entschlossen, die Überzeugung
+zu verleugnen. Ich dachte, es sei gut, es sei nützlich. Ich dachte, ich
+könne Ihnen damit etwas beweisen. Verstehen Sie mich noch immer nicht?«
+
+In der Tat, Erasmus begriff nichts. Sein Gesicht zeigte
+Ausdruckslosigkeit und erbittertes Unbehagen. Die Unterlippe stülpte
+sich; die Handfläche rieb sich an der Lehne des Stuhls.
+
+»Also will ich klarer sein,« fuhr Sparre etwas gedrückt fort, denn er
+hatte flüssigere Verständigung erwartet; »ich habe etwas über mich
+vermocht, was meiner Natur und Lebensrichtung diametral entgegen ist.
+Ich habe etwas versucht, wozu ich mich bisher habe nie gewinnen können,
+das geistig Geschiedene zu überbrücken, dem, was streng und unbedingt
+jenseitig für mich ist, mich zu nähern. Ist es hoffnungslos? Diese
+Tonvase, ich stelle sie her wie einen Markstein, an dem wir uns treffen
+können, Sie von Ihrer Seite, ich von meiner. Es ist ein Augenblick, der
+nie wiederkehrt, nie wiederkehren kann. Die Wahrheit, die mich jetzt
+antreibt und erfüllt, ist sicher nur eine einmalige Flamme. Vielleicht
+ist dabei etwas in mir von dem geheimnisvollen Verwandlungsinstinkt der
+Insekten. Vielleicht kann ich den analogen Prozeß in Ihnen
+beschleunigen. Entziehen Sie sich nicht. Sich auflehnen gegen den Gang
+der Sterne ist kein Heroismus, das Unabänderliche verfluchen keine
+Frommheit. Wenn ich Ihnen entgegenkomme, bis zu dem mühsam geleimten
+Krug auf dem Tisch da, so seien Sie nicht taub für mein #qui vive;# Sie
+wissen ja, die Posten haben scharfe Ordre. Ich verlange ja nicht
+Kameradschaft; ich habe nur erfaßt, was mir, was uns dienen kann. Es
+gibt verschiedenerlei Tugenden, Graf Ungnad, verschiedenerlei Mut und
+verschiedenerlei Feigheit, verschiedenerlei Grausamkeit und
+verschiedenerlei Güte. Ich und die meinen, wir können nutzen, was Sie
+und die Ihren im Lauf der Jahrhunderte an Erntegut in die Scheunen
+gebracht haben, an blutgehärtetem Stahl und geraffter Muskel und
+geweihter Lehre und dem Glauben daran und an Erfahrung, die durch die
+Geschlechter veredelt ist, an geschmolzenem und gemünztem Gold des
+Lebens. Es ist der Tag vielleicht nicht fern, wo wir zugreifen und
+dankbar quittieren, wenn wir uns vom ersten Rausch und Anprall erholt
+haben. Denn sonst sind wir auf unserer Seite so verloren wie Sie auf
+Ihrer; ein Rachen wird uns schlucken, der keinen Unterschied macht
+zwischen mehr oder weniger fein gemahlenem Korn. Und Sie, lockern Sie
+die zu straff gezogenen Schrauben. Geben Sie nach. Werfen Sie das
+Zerbrochene, auch wenn es kostbar, auch wenn es noch so meisterhaft
+gekittet ist, auf den Kehricht. Alte Form muß sterben. Und Gesetze
+sterben wie Formen und wie Menschen. Dagegen ist keine Hilfe als das
+Leben.«
+
+Er stand noch eine Weile und schaute über Erasmus hinweg, der sich nicht
+rührte. Dann verließ er mit zeremoniöser Verbeugung den Raum.
+
+Erasmus rührte sich noch immer nicht. Suada haben diese Leute, dachte
+er, und senkte in peinlicher Benommenheit den Kopf. Aber die
+Benommenheit wuchs und wuchs. Er fing an auf und ab zu gehen. Es schien
+ihm, als zerspalte sich der Boden unter seinen Schritten. Einmal seufzte
+er und lauschte, weil ihn dünkte, das Seufzen käme aus der Mauer. Wenn
+man die Schwere der Niederlage mildern könnte, ging es ihm, scheinbar
+zusammenhanglos, durch den Sinn. Und darauf wieder: ich weiß, daß sie
+sterben wird; heute nacht wird sie sterben, ich weiß es. »Erlöse uns von
+dem Übel,« murmelte er vor sich hin, das Taschentuch an die Lippen
+pressend, »und führe uns nicht in Versuchung.«
+
+Abermals lauschte er. Es war still im Hause, und doch lag in den Ohren
+weitentferntes, gräßliches Geschrei. Jemand ging im Korridor vorüber. Er
+öffnete die Tür; es war finster. Der Schlaf der Bewohner wälzte sich
+her, zu schwarzem Schlamm gestockt. Er zündete eine Kerze an und ging,
+die Flamme mit der Rechten schützend, den Flur entlang. Auf einmal
+prallte er zurück. Auf der Schwelle einer Tür stand eine Frau. Sie
+hatte die Hände vors Gesicht gelegt; so stand sie, gegen das Zimmer
+gewandt, in dem eine umhüllte Lampe brannte.
+
+Es war Helene Gravenreuth. Sie drehte sich um, ließ matt die Arme
+fallen. »Schlimm steht es,« hauchte sie.
+
+Er schwieg.
+
+»Kommen Sie herein,« sagte sie, »hier schläft Wolf; die Pflegerin hat
+mich eben jetzt bei Marietta abgelöst. Aber leise, bitte, das Kind
+schläft spinnwebdünn heute.«
+
+Er trat ein. Er ging zum Bett des Knaben, nachdem er die Kerze verlöscht
+und weggestellt hatte. Er flüsterte: »Es ist alles so sonderbar,
+Baronin, so sehr sonderbar.« Seine Wangen wurden fahl, plötzlich kniete
+er nieder und betete.
+
+Frau von Gravenreuth schloß die Tür. »Ich war nicht vorbereitet,« sagte
+sie mit erstickter Stimme, als Erasmus sich erhob, »bin es noch immer
+nicht. Was wird werden, Graf?«
+
+Erasmus setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sie
+wissen ja, weshalb ich hierhergekommen bin,« sagte er.
+
+Sie nickte. »Ich weiß,« erwiderte sie. »Sie wollten um eine der
+Komtessen werben, Sie wollten heiraten.«
+
+Er fuhr fort: »Nun wird es anders kommen. Nicht eine Frau werd ich
+heimbringen, sondern einen Sohn.«
+
+»Aber wie soll es werden, Graf Erasmus, mit diesem Sohn?« fragte Frau
+von Gravenreuth mit bleichen Lippen.
+
+Erasmus begegnete ihrem zaghaften Blick und antwortete: »Es muß in Liebe
+werden und im Gesetz, denk ich.«
+
+Ein Geräusch ließ beide zusammenfahren. Wolf war erwacht. Er hatte sich
+aufgerichtet und schaute mit den tauhaft strahlenden Augen herüber, mit
+denen Kinder den Schlummer verlassen. Frau von Gravenreuth streckte die
+Arme aus, als beschwöre sie ihn; Erasmus trat neben ihr an das Bett.
+
+»Erzähl mir vom Dalailama,« sagte die helle Glockenstimme des Knaben.
+
+
+
+
+Jost
+
+
+Der Gebieter des Himmels ließ sein Donnerwort ergehen, und wie glänzend
+gefiederte Schwäne im Sturm eilten die gehorsamen Heerscharen vor seinen
+unvergänglichen Thron. Da erlas der Herr den Erzengel Michael und sprach
+zu ihm:
+
+Ich bin irre am Geschlecht der Menschen. Nie hat solcher Kummer die Erde
+gefüllt; Klage und Anklage erhebt sich maßlos. Schwer ist es, zu wissen,
+ob sie allesamt Verlorene sind, schwer zu erkennen, ob in allen der
+Funke erloschen ist, der ihnen als Teil der Göttlichkeit in die Brust
+gehaucht ward. Ich will eine Probe machen. Geh hinab zu ihnen, du
+scharfäugiger Spürer, und suche unter den Verstockten den
+Verstocktesten, unter den Umschlossenen den Umschlossensten. Nicht um
+den Übeltäter geht es, merke wohl; um den Gleichgiltigen geht es. Den
+Unscheinbaren, der in der Trägheit verhärtet ist, sollst du suchen in
+seinem umfriedeten Bezirk; den, dessen Linke nicht weiß, was die Rechte
+tut. Und wenn du zurückkehrst und sprechen kannst: ich habe ihn
+erweicht, ich habe ihm die Binde von den Augen gerissen, und er vermag
+zu sehen, dann soll ihnen noch einmal Gnade gewährt sein und Aufschub
+des letzten Gerichts.
+
+Der Engel senkte stumm das Haupt, und während ihn gewaltige
+Posaunenschälle umdröhnten, verließ er in seiner großen Schönheit die
+erhabene Region, um den Befehl des Herrn zu vollziehen.
+
+ * * * * *
+
+In einer Wirtsstube saßen beim trüben Licht mehrere Beamte der Stadt,
+Notabilitäten in ihrer Art, um einen Tisch. Bis auf einen armselig
+aussehenden Menschen, der in der Nähe des Ofens kauerte und zu schlafen
+schien, waren sie die einzigen Gäste. Da sie ihn kannten, auch seiner
+nicht achteten, brauchten sie sich im Gespräch keinen Zwang
+aufzuerlegen. Er hieß Jost und war ein Kleinbürger, dem Anschein nach
+ein Agent oder Vermittler, der an gewissen Abenden kam, um dem Wirt
+Lieferungsgeschäfte anzutragen.
+
+Die Unterhaltung drehte sich um die Trostlosigkeiten des Alltags.
+Verärgerung lag jedem im Gemüt, Lebensangst den meisten. Still verhielt
+sich nur einer, nicht weil er weiser oder zufriedener, sondern weil er
+bequemer war. Auch dann nahm er nur stummen Anteil, als der trübseligen
+Gegenwart die glänzende Vergangenheit entgegengehalten wurde, in deren
+schwachem Widerschein sie sich ihrer Sorgen entledigten. Die Welt, war
+sie auch zum Erbarmen zugerichtet, einstmals hatte sie ihnen eine
+festliche Zeit gegeben, und unter diesem Einstmals verstanden sie den
+Krieg, zumindest seinen Anfang. Da war auch dem Abseitigen unerwartet
+Macht zugefallen, sofern er nur mit dem allgemeinen Strom geschwommen
+war, und wie erst, wenn er sich mit seiner Person für das Ziel erklärt
+hatte. Macht, Bewegung, Wechsel der Geschehnisse; es klang schon jetzt
+nicht anders als wie es schönfärbende Fibeln den Späteren melden. Auch
+die sich tätigen Dabeiseins nicht rühmen konnten, ergingen sich breit
+im Nachgenuß martialischer Erinnerungen. Was Blut und Not und Tod;
+erlogene Gespenster. Die triumphierende Wahrheit war dort, wo man Ehre
+gewonnen, wo man sich eingesetzt und gespürt hatte.
+
+Postoffizial Erbegast, als beredtester Schwärmer, sprach davon, wie man
+Raum gehabt, im Westen, Osten, Süden, überall Raum, Weite, Luft,
+Landschaft, Freiheit. Raum und Gelegenheit. Quartier in Schlössern,
+Fahrten ins Unbekannte, neue Städte, neue Menschen, neue Dinge, zwischen
+Morgen und Abend keine Langeweile. Wenn man da erzählen wollte! Wie es
+wohltat, sich der Fülle zu erinnern. Er wandte sich lebhaft und
+herausfordernd an den Schweigsamen, Rechnungsrat Siebold, und ermunterte
+ihn zur Zustimmung. Mit bloßem Kopfnicken wollte er sich nicht abspeisen
+lassen. Der Schweigsame ist nicht beliebt, wenn Geister erglühen.
+Siebold sollte laut bestätigen, da er es doch aus Erfahrung zu tun
+imstande war, daß man Unvergleichliches gesehen und erlebt habe. Oder
+sei an ihm die Herrlichkeit spurlos vorübergegangen?
+
+Ungern sah sich Siebold in die Mitte der Aufmerksamkeit versetzt. Er
+liebte es nicht, sich mit Gewesenem zu beschäftigen. Ihm lag der
+gestrige Tag schon fern. Unter den fragenden Blicken der Tischgenossen
+stiegen wohl Bilder aus entlegenen Gehirnschächten empor, aber es
+gestaltete sich keines. In den Jahren, er zählte die Jahre nicht, waren
+sie ihm abhanden gekommen, kaum daß er sie noch als eigenen Besitz
+erkannte. Blasse Farben, schattenhafte Figuren, verhallte Worte. Was
+berührte einen daran? Man war ein anderer. Jahre! Was ist nicht ein
+einziges an Gedehntheit! Zudem war er nur vier Monate draußen gewesen;
+kleiner Fähnrich, freudlos wie tausende. Man hatte ihn darnach in ein
+Proviantlager geschickt, und als er dort erkrankt, war er auf seinen
+Platz im Amt zurückgekehrt, wie wenn die Zwischenzeit ein unergiebiger
+Ferienausflug gewesen wäre.
+
+Es dünkte ihn aber, daß ihn Offizial Erbegast sticheln wollte. Auch die
+übrigen betrachteten ihn mit ironischen Blicken, als trauten sie ihm
+besondere Erlebnisse nicht zu und hegten nicht einmal die Erwartung, daß
+er sich zu solchen bekenne. Das verdroß ihn. Sein bedrohtes
+Selbstbewußtsein richtete sich wehrhaft auf. Er begriff die
+Notwendigkeit, den spöttischen Zweiflern Achtung abzuringen und forschte
+in seinem Gedächtnis. Nicht vergeblich; die verkniffene Miene erhellte
+sich; ein Vorfall fiel ihm ein, bei dem er handelnd mitgewirkt. Da er
+sich der Einzelheiten nur ungenau entsann, dauerte es geraume Weile, ehe
+seine Erzählung in verständlichen Fluß kam. Doch die Zuhörer zeigten
+Geduld, und so hatte er Muße, der schwerfälligen Erinnerung den Verlauf
+abzuzwingen.
+
+Die Geschichte war in keiner Weise ungewöhnlich. In einem galizischen
+Dorf waren sieben Menschen unter dem Verdacht der Spionage eingebracht
+worden. Die Beschuldigung lautete, sie hätten dem Feind durch das
+Dachfenster des Gemeindehauses, in welchem sie zusammengepfercht
+gefunden worden waren, Lichtsignale gegeben. Siebold hatte das Protokoll
+aufgenommen. Nur einem unter ihnen, einem riesenhaft gewachsenen
+Burschen, hatte das Verbrechen nachgewiesen werden können; bei den
+andern sprachen gewichtige Umstände dafür, daß sie die Opfer böswilliger
+Angeberei waren. Trotzdem hatte der Hauptmann alle Sieben nach einem
+summarischen Verhör kurzerhand zum Tod verurteilt: drei Juden, ein
+siebzehnjähriges polnisches Mädchen, einen zwölfjährigen Knaben, einen
+sechsundsiebzigjährigen Greis, und den Rädelsführer der Bande, eben
+jenen Riesen.
+
+Ein Tropfen im Meer der Ereignisse; ein paar vernichtete Leben mehr
+neben den Millionen. Die Welt hatte wohl kaum eine Kunde davon erhalten.
+Auch jetzt, wo es die Merkmale der Verjährung und der erfahrenen
+Häufigkeit trug, konnte solches Standgericht kein tieferes Interesse
+erregen als eines, das aus Höflichkeit dem Erzähler gebührt. Mochte auch
+der eine oder der andere die Willkür empfinden, die dabei gewaltet und
+dem in halben Andeutungen Worte verleihen, so wurden die schüchternen
+Einschiebsel leicht mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit abgetan. Für
+zarte Gemüter war die Zeit nicht geschaffen; die Moral bürgerlichen
+Lebens, das humane Gesetz, hatte da keine Giltigkeit mehr, wo man sich
+täglich seiner Haut wehren mußte. Wer auf seinem Posten stand und der
+Vorschrift genügte, war entlastet. »Die Gegner haben es genau so
+gehalten,« wurde gesagt; »weil wir in der Patsche sitzen, spuckt man uns
+ins Gesicht, und sogar im Lande selbst entblödet man sich nicht, Leuten,
+die ihre Pflicht erfüllt haben und als Helden gefeiert würden, wenn das
+Glück bei uns geblieben wäre, soviel wie möglich am Zeug zu flicken.«
+Jawohl, bemerkte hierzu der Offizial bissig, die Menschen seien eben
+Schweine und von ihrer schweinischen Natur könne man nichts Besseres
+erwarten.
+
+Nach diesem Intermezzo nahm Siebold den Faden wieder auf. Da er nun zu
+sprechen begonnen hatte, wollte er seine Sache auch bis zum Ende führen.
+Das Wort hatte ihm Hilfe geleistet und Bild um Bild aufgefrischt; er
+wunderte sich selbst über die wiederbauende Fähigkeit der Erinnerung und
+gefiel sich in seiner Rolle des Mitrichters über Schicksale. Er
+verweilte. Er ging in der Schilderung zum Kleinen und Intimen; mit
+behaglicher Ausführlichkeit beschrieb er die traurige Gegend, das
+verwahrloste Dorf, die Armut der Menschen, sogar das regnichte Wetter,
+das geherrscht hatte. Dann erzählte er von der jungen Polin; wie trotzig
+sie alle angeschaut mit ihren schwarzen Augen; er hatte den Namen
+gewußt; er hatte ihn vergessen. Er besann sich und fand ihn. Katinka war
+der Name gewesen. Als wohne dem Namen Leuchtkraft inne, wurde
+gegenwärtig, wie sie stolz und wild die Antworten verweigert, auch als
+man ihr den Revolver vor die Stirn gehalten; auch als man ihr
+versprochen, den Knaben, ihren Bruder, zu schonen. Immer wieder betonte
+er die teuflische Halsstarrigkeit des Mädchens, schließlich mit
+Einschaltung eines lasziven Witzes, der, wie billig, belacht wurde.
+»Glauben Sie, meine Herren, sie hätte die Zähne voneinandergetan? Um
+keinen Preis. Eher noch die Beine, scheint mir.«
+
+Als der Spruch gefällt war, hatten sich alle, mit Ausnahme der Katinka
+und des Riesen auf die Knie geworfen. Die Juden vor dem Hauptmann, das
+Bürschchen vor ihm. Das Bürschchen hatte seine Beine umschlungen und
+jämmerlich geschluchzt, bis es die Schwester angeschrieen und weggerissen.
+Der alte Mann hatte ihm fortwährend die Hände geküßt und unverständliche
+Worte gelallt. In die größte Verzweiflung waren aber die drei Juden
+geraten. Mit gellenden Anrufungen Gottes hatten sie ihre Unschuld
+beteuert, sich die Haare gerauft und an den Kaftanen gezerrt. Einer, mit
+fuchsrotem Bart und käseweißem Gesicht, hatte sich äußerst demütig
+betragen; als aber der Hauptmann, dem das Unwesen zu lärmend wurde, den
+Befehl erteilte, die Gesellschaft abzuführen, war es gerade dieser, der
+die Arme gegen ihn streckte und eine alttestamentarisch-gräuliche
+Verfluchung ausstieß.
+
+Eine gespenstische Idylle, gerahmt in Selbstzufriedenheit, beschloß die
+Darstellung: nächtlicher Regensturm; Siebold auf Runde; an den Ästen von
+sieben Pappeln neben der Chaussee sieben Leichen, schwankend im Wind,
+unheimliche Kleiderbündel, unheimliche Gerippe, schief, schlapp,
+verbogen wie die Vogelscheuchen, und in der schwarzen Ebene ein
+klagend-verklingender Ruf.
+
+Da dem Offizial die Düsterkeit des Gemäldes nichts anzuhaben vermochte,
+weniger aus Herzenshärte, als weil seine Einbildungskraft, wie übrigens
+bei alle diesen, das Entscheidende nicht zu fassen vermochte, schreckte
+er vor der zynischen Erkundigung nicht zurück, ob denn die wilde Katinka
+ihre vermeldeten Beine nicht hätte nützlich gebrauchen wollen oder
+können. Im selben Augenblick erhob sich der schlafende Kleinbürger oder
+Agent Jost mit störendem Geräusch. Er trat an den Tisch der Herren,
+schüttelte sich raschelnd, feixte verlegen, und während er irgendwelche
+Laute vor sich hinmummelte, betrachtete er einen um den andern; zuletzt
+blieben seine Augen, zwei kleine, glitzerige Messingscheibchen wie bei
+Katzen, auf Siebolds Gesicht haften, mit einem so neugierigen und
+boshaften Ausdruck, daß es dieser als Belästigung empfand und ihn
+stirnrunzelnd musterte. Ein Unbehagen blieb.
+
+Doch war seine Haltung aufrecht und seine Stimmung geläutert, als er
+durch die abendlich finstern Gassen seinem Heim zuwanderte. Ein
+zurückgedrängtes Stück seiner inneren Person war an dem Abend zu neuem
+Wertbewußtsein erwacht. Er folgerte daraus, daß dem geistig und sozial
+entwickelten Menschen Gedankenmitteilung und Gespräch mit
+Gleichgearteten zu einer Vermehrung des Kräftevorrats verhelfe. Man
+müsse sich zu erkennen geben, war die Lehre, die er daraus zog; man
+dürfe sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Zufällig hatte er
+eine abgebrochene Brücke wieder geschlagen, vernachlässigtes Lebensgut
+in Sicherheit gebracht; und siehe, er befand sich wohl dabei. Die
+Färbung der Existenz war intensiver, der Schritt gewichtiger, der Blick
+bedeutender. Er blieb stehen, sog Luft in die Lunge, nahm eine Zigarre
+aus dem Behältnis und zündete sie an.
+
+Das Ziel des Weges stand nicht im Einklang mit seiner Gehobenheit.
+Sechzehn Quadratmeter Raum und vier Betten: das eheliche Schlafgemach.
+Im Vorgefühl umfing ihn schon die trübe Enge. Die beiden Kinder, die
+sich von Zeit zu Zeit auf dem Lager wälzten und im Traum redeten.
+Kleider und Wäsche auf den Stühlen; Schuhe auf dem Boden; die Vorhänge
+über den Fenstern morsch; oval gerahmte Familienphotographien an den
+Wänden, deren Tünche zu bröckeln begann; die Decke vom Schlafdunst
+vieler Nächte geräuchert. Als sicher war anzunehmen, daß die Frau
+erwachen würde; mit den steifgeflochtenen Zöpfen würde sie sich
+aufrichten, blaß, vergrämt, verdrossen; würde fragen, wo er gewesen,
+warum er so spät kam; würde ihn mit ihren häuslichen Miseren quälen:
+etwa daß sie beim Händler kein Gemüse, beim Kaufmann keinen Zucker
+bekommen; daß weder Kohle, noch Holz, weder Brot noch Mehl im Hause sei;
+daß das ältere Töchterchen über Halsschmerzen geklagt und wahrscheinlich
+Fieber habe. Es wollte ihn bedünken, als gehe dies alles wider die
+Würde. Man war Beamter mit Machtbefugnissen. Es war ein Zwiespalt
+zwischen seiner Stellung im öffentlichen und im privaten Leben;
+unversöhnlicher Konflikt. Der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung
+genoß Ehren; er wollte es nicht verkennen, noch mißachten. Menschen
+zitterten vor ihm. Menschenwohl und -wehe war in seine Hand gegeben. Der
+Gatte, der Vater war zur Geringfügigkeit verdammt, niedergezwungen auf
+die Straße der Vielen.
+
+Er schob es fort. Es gelüstete ihn nach Aufmunterungen. Neulich hatte er
+auf demselben Weg ein Mädchen getroffen und war mit ihr gegangen.
+Ungeachtet ihres niedrigen Gewerbes, das zu verabscheuen er als Mann von
+makellosem Ruf und geachteter Position verpflichtet war, hatte sie ihm
+gefallen. Es gibt Heimlichkeiten in der Lebensführung, durch die man nur
+etwas aufs Spiel setzt, wenn sie aufhören, Heimlichkeiten zu sein, also
+wenn man unvorsichtig ist, wenn man Spuren hinterläßt, wenn man die
+Grenze nicht respektiert. Sabine Jäger war ihr Name. Ihre Haare waren
+gelb wie frisches Holz, eine anziehende Besonderheit; sie hatte
+Temperament und war verhältnismäßig noch unverdorben. Als sie davon
+gesprochen hatte, ihn wieder zu treffen, hatte er sich nicht ablehnend
+verhalten. In selbstbetrügerischer Zerstreutheit lenkte er den Schritt
+nach der Richtung, wo sie wohnte.
+
+Da drang ein Gruß an sein Ohr. Betroffen drehte er sich um und erkannte
+den Agenten Jost, der ihm gefolgt war.
+
+ * * * * *
+
+Er trug ein gelbes Mäntelchen, das kaum bis zu den Hüften reichte. In
+die schlottrigen Ärmel hatte er die Hände wie in einen Muff gesteckt. So
+trippelte er vorüber. Aber plötzlich zögerte er, wartete, bis Siebold
+herankam und sagte mit einer dünnen, hohen, quietschenden Stimme, es
+freue ihn, den Herrn Rechnungsrat noch getroffen zu haben; er habe nicht
+gewußt, daß der Herr Rechnungsrat in dieser Gegend zu Hause sei.
+
+Zwischen Herablassung und Mißlaune brummte Siebold ein paar leere
+Worte, und jener machte Anstalten, weiterzugehen. Wieder trippelte er,
+wieder hielt er inne. »Weit ists,« seufzte er, zog die Hände aus dem
+Ärmelmuff und griff nach dem lächerlich flachen Melonenhut mit
+ausgefransten Rändern, den ein Windstoß zu entführen drohte; »man läuft
+sich die Füße wund, Tag für Tag. Ist mir nicht an der Wiege gesungen
+worden, daß es mir so ergehen soll. Darf ich mich Ihnen anschließen,
+Herr Rechnungsrat? Nur bis zur Ecke da droben, da ist meine Gasse;
+hinter der Atlantik-Bar. Schönes Lokal, die Atlantik-Bar, wie? Schöne
+Leute; immerfort Musik. Wer doch auch einmal lustig sein könnte; ei ja!«
+
+Siebold wußte nicht recht, wie er sich zu benehmen habe. Von dem
+hergelaufenen, verlotterten Menschen angesprochen zu werden, verletzte
+sein Standesgefühl. Er kannte ihn kaum. Andererseits waren die Zeiten
+derart, daß man sich hochmütiger Regungen versehen mußte. Er verbarg
+seinen Ärger, als Jost mit unterwürfiger Zutraulichkeit an seiner Seite
+weiterging und hatte eine steif zurückhaltende Miene.
+
+Mit der pfeifenden Stimme und vom schnellen Gehen atemlos fuhr Jost
+fort: »Da kenn ich einen, der ist dort angestellt als Wagenrufer. Ein
+alter Mann. Vor zwei Jahren hatte er noch ein Speditionsgeschäft und
+eine Villa. Vor zwei Jahren hat er noch in seinem Garten Rosen
+gezüchtet. Und jetzt ruft er die Wagen, vielleicht für solche, die
+früher Kratzfüße vor ihm gemacht haben.« Ein asthmatischer Husten
+unterbrach ihn. »Angst und bang wird einem, Herr Rechnungsrat,«
+quietschte er dann, »angst und bang. Das Schicksal ist wie ein Wolf.
+Tückisch schleicht es her und fällt einen an. Hab drei Kinder zu
+versorgen; acht Jahre das älteste. Ein Mädchen; ein gutes Kind; eine
+Seele wie Gold. Eveline heißt sie. Poetischer Name, wie? Nun, das ist
+der einzige Luxus, den sich die Armen leisten können. Ruft man sie, ruft
+man Eveline, so wird einem gleich ganz wohl. Sie verkauft Schuhbänder
+auf den Straßen, Schuhbänder aus Papierstoff; billig und schlecht.
+Vorige Woche komm ich gegen Abend heim, hängt mir das Fünfjährige am
+Stiegengeländer, außen am Geländer, unter sich den Abgrund, hängt und
+zappelt und schreit. Noch zehn Sekunden, Herr, und die Muskelchen haben
+keine Kraft mehr. Was sagen Sie dazu? Freilich, die armen Würmer sind
+sich selber überlassen. Die Mutter ist tot. Hin und wieder beaufsichtigt
+sie das Töchterchen vom Tapezierer nebenan. Aber darauf ist nicht mehr
+lang zu rechnen. Mit seinen vierzehn Jahren ist das Menschlein bereits
+schwanger. Der Vater ein Saufbold, der Bruder im Zuchthaus, nicht das
+Stück Brot zum Fressen, kaum ein Hemd auf dem Leibe, und trotzdem juckt
+sie das Fleisch. Und wenn man über die Stiegen geht, stolpert man über
+knochenkranke Kinder, und an den Türen steht ausgemergeltes Volk, und
+oben ist Elend, und unten ist Elend, und in der Mitte ist Elend. Hab ich
+da nicht recht, kann einem nicht angst und bang werden?«
+
+Siebold räusperte sich. »Es lebt sich schwer heutzutage,« gab er
+widerwillig zur Antwort. Die Geschwätzigkeit des einfältigen Menschen,
+die unliebsame Begleitung vor allem, erregten seine Ungeduld, und er
+suchte nach einem Vorwand, sich loszumachen.
+
+»Das ganze Leben ist ein finsterer Keller,« fing das Männchen mit seiner
+weinerlichen Stimme wieder an; »wenn ich mir so die Leute betrachte, mit
+denen ich zu tun habe, da wird mir, ich weiß nicht wie. Reden, reden,
+reden. Geschäfte; und was für Geschäfte! Wenn zwei beisammen stehn und
+wispern, so heißt das gewöhnlich, daß einem dritten die Gurgel
+zugedrückt wird. Ich komme zu ihnen in ihre Häuser; ob fein, ob nicht
+fein, ganz gleich, es liegt wie Unrat und Spülicht überall. Auf Tischen
+und Stühlen, in Schränken und Betten, überall Unrat und Spülicht. Ich
+glaube, irgendein Stern da droben, ein von Gott verfluchter, hat in
+irgendeiner Nacht all seinen Unrat und Spülicht auf uns
+heruntergeschüttet. Dem ist nicht beizukommen, nicht mit Wasser, nicht
+mit Feuer; Unrat und Spülicht, das klebt in alle Ewigkeit. Nun, wirds
+bald, sag ich, was redet ihr denn? was sinnt ihr? was macht ihr für
+Grimassen? was grinst und lacht ihr und laßt euch von einem Alten, der
+Rosen gezüchtet hat, eure Karossen rufen, wo doch das ganze Leben ein
+finsterer Keller ist? Heda, was werft ihr denn euern Jammer auf einen
+Haufen, daß man hineinstürzt und drin erstickt? Und ist der Zorn
+verraucht, so möcht ich mich am liebsten hinschmeißen und heulen, vom
+Morgen bis zum Abend, nichts als heulen. Zu denken: so ein Kind, eine
+vierzehnjährige Schwangere. Zu denken! Herrgott! Das halt ich nicht aus.
+Das raubt mir den Schlaf in der Nacht; ich liege und liege, und auf
+einmal seh ich dann den Weg nach Golgatha. Den großen, fürchterlichen,
+schmerzensreichen Weg nach Golgatha.«
+
+Siebold blieb stehen. Er schleuderte den Zigarrenstummel fort und fragte
+streng: »Zu welchem Zweck erzählen Sie mir eigentlich das alles? Das ist
+doch der reine Blödsinn, mein Bester.«
+
+Die schroffe Zurechtweisung beschämte den Kleinen sichtlich. »Es ist
+wahr, Herr Rechnungsrat, es ist lauter Blödsinn,« erwiderte er
+schüchtern. »Ich bin eben ein blödsinniger Mensch. Das sagen viele. Ich
+habe selbst am meisten drunter zu leiden. Es geht bei mir bis zu fixen
+Ideen. Zum Beispiel, Sie werden es kaum für möglich halten, zum Beispiel
+hab ich heut abend die Wörter gezählt, die in Ihrer Geschichte
+vorgekommen sind. Sollte man sowas glauben? Achthundertneunundachtzig
+Wörter, alles in allem, genau gezählt. Hab mich schlafend gestellt und
+dabei gezählt. Ich höre, versteh auch den Sinn, zugleich arbeitet das
+Hirn wie eine Additionsmaschine, klapp, klapp. Kann mir nicht helfen,
+muß zählen. Achthundertneunundachtzig Wörter, ein ganzer
+Zeitungsartikel. War aber auch sehr spannend, Herr Rechnungsrat;
+wirklich, mein Kompliment, eine spannende Geschichte. Aber in der Nacht,
+wenn ich liege und in die Finsternis stiere, dann marschieren die
+sämtlichen Wörter an meine Bettstatt, stellen sich der Reihe nach auf
+wie die Zinnsoldaten, und da begreif ich erst die Meinung, da wird mir
+alles erst klar, und da seh ich dann den Weg nach Golgatha, wie gesagt.
+Ein schlimmer Zustand. Es ist kein Spaß, wenn man jede Nacht und jede
+Nacht auf den Weg nach Golgatha geschleppt wird. Ich muß einmal zum
+Doktor. Ich muß mich einmal untersuchen lassen.«
+
+Siebold überlief es kalt. Die Reden und das Gebaren des lumpenhaften
+Menschen beunruhigten ihn allgemach. Daß er es mit einem Verrückten zu
+tun hatte, stand fest. Entschlossen, sich von der unangenehmen
+Gesellschaft zu befreien, murmelte er bei der nächsten Straßenabzweigung
+einen mürrischen Gruß und entfernte sich rasch.
+
+ * * * * *
+
+Glückliche Organisation befähigte ihn, leicht zu vergessen. Ist ein Mann
+aus Neigung wie aus Eignung Beamter, so bilden die täglichen
+Obliegenheiten seine Schutzwache. Berufsgewalt erhöht ihn.
+
+Menschen mußten warten, bis er geruhte, sie zu empfangen und anzuhören.
+Auch wenn es ihm beliebte, nichts weiter zu sein als launenhaft,
+lustlos, ungewillt ihre Gesichter zu sehen, sie mußten trotzdem warten.
+Das machte die Bedeutung des in gewiesenem Bereich absolut regierenden
+Beamten aus: daß sie warten mußten.
+
+Sie froren im Korridor, und in seinem Büro barst der Ofen vor Hitze.
+Akten häuften sich mit Inhalt von unbestrittener Tragweite. Sie
+verrieten dem kundigen Auge wirtschaftliche Schwäche, törichte Bemühung,
+gesetzesfeindliche Ausflucht, verbrecherische Verschleierung. Sie
+eröffneten den Blick in die Schlupfwinkel der Existenzen; sie boten die
+Handhabe, Säumige zu zitieren, daß sie kommen mußten und dastehen wie
+ertappte Diebe. Aufsässigkeit war vergeblich. Der Akt machte sie
+zuschanden. Einspruch prallte ab. Der Akt redete. Der Akt beugte sie.
+
+Es drang aber aus dem Vergessenen herauf bisweilen eine quietschende
+Stimme. Es zeigte sich auch, selbstverständlich nur in der Einbildung,
+das gelbe Mäntelchen mit den in muffartigen Ärmeln geborgenen Händen. Er
+schüttelte zu solchen Erscheinungen, die zwei-dreimal während des Tages
+auftauchten, den Kopf, denn er war es nicht gewöhnt, Dinge zu sehen, die
+nicht gegenwärtig waren, und eine Stimme zu vernehmen, ohne daß ein
+Sprechender zu erblicken war. Es war eine Unzuträglichkeit, doch nicht
+groß zu achten. Immerhin mied er das Stammlokal. Einer neuen Begegnung
+mit dem aufdringlichen Schwätzer auszuweichen, dünkte ihm ratsam. Es gab
+andere Zufluchtsstätten. Vor allem war er in diesen Tagen in intimere
+Beziehung zu Sabine Jäger getreten, und die Abende waren von dem
+Zusammensein mit ihr beansprucht.
+
+Da geschah es, daß er einen Brief mit der Post erhielt; auf dem
+eingeschlossenen Blatt stand nichts weiter als der Satz: Der Weg nach
+Golgatha ist lang. Er starrte eine Weile darauf nieder, schien sich zu
+besinnen, dann zerriß er den Wisch und warf ihn ins Feuer. Verwegene
+Anrempelung; so ein Bursche müßte festgenommen und bestraft werden.
+
+Zwei Tage später reichte ihm seine Frau eine offene Karte, die der
+Postbote soeben gebracht hatte, und fragte erstaunt, was es damit für
+eine Bewandtnis habe. Er las: Die Zinnsoldaten ziehen jede Nacht zur
+Parade auf.
+
+Er versuchte zu lachen. Die Frau beharrte auf ihrer Frage, da sie ein
+Geheimnis vermutete, eine chiffrierte Mitteilung. Zornröte stieg in sein
+Gesicht. Er antwortete, er kenne den Schreiber; es sei ein Wahnsinniger,
+aber von der harmlosen Art, der sich einen albernen Scherz mit ihm
+erlaube; er werde dem Narren das Handwerk legen.
+
+Am selben Nachmittag gewahrte er auf dem Heimweg vom Amt Jost in seinem
+gelben Mäntelchen vor einer Branntweinbudike. Er zog sogleich den
+Melonenhut und grüßte devot. Siebold schaute geradeaus, ohne den Gruß zu
+erwidern. Doch bemerkte er, daß ihm Jost folgte. Unwillkürlich
+beschleunigte er seinen Schritt. Das Zwergentrippeln näherte sich
+trotzdem. Erregung packte ihn, deren er sich schämte. Jäh blieb er
+stehen.
+
+»Schlechtes Wetter, Herr Rechnungsrat,« sagte Jost kleinlaut; »wenn es
+schon im November so ist, wie soll man da durch den Winter kommen? Hab
+bereits alles, was beweglich ist, ins Pfandhaus getragen.«
+
+»Ich empfehle Ihnen, sich zu trollen, sonst laß' ich Sie auf der Stelle
+verhaften,« knirschte Siebold erbittert; »verschonen Sie mich, in des
+Teufels Namen, mit Ihren unverschämten Vertraulichkeiten.«
+
+Aber als er darauf den Kleinen anschaute, erblaßte er. Jost hatte die
+Augen auf ihn gerichtet, die zwei Messingplättchen hinter zuckenden
+Lidern, und in diesen Augen war etwas, was er noch an keinem Menschen
+wahrgenommen: eine unfaßbare, geradezu unsinnige Qual verbunden mit
+einer ebenso unfaßbaren, ebenso unsinnigen Bosheit. Vielleicht kam es
+ihm nur wie Bosheit vor; jedenfalls fuhr ihm ein befremdlicher Schrecken
+in die Glieder. Schwerfällig ging er weiter, verwundert, in hemmendem
+Nebel, in heimlicher, hemmender Sorge, die wie eine nachschleifende
+Kette klirrte.
+
+ * * * * *
+
+Es wurde so, daß er von dem Tage an keinen Gang durch die Straßen tun
+konnte, ohne daß er den Gelbmantel nicht mindestens einmal erblickte.
+Zwar redete ihn Jost nicht mehr an; aber daß er in der großen Stadt,
+unter Tausenden von Menschen jederzeit darauf gefaßt sein mußte, gerade
+diesem zu begegnen, immer wieder diesem, brachte ihn nach und nach aus
+dem Gleichgewicht.
+
+In schäbigem Aufzug, schlotterig trippelnd, die Hände in den
+Mantelärmeln, mumienhaft eingeschrumpft, in bekümmerter Eile oder auch
+in gleich bekümmerter Gedankenversponnenheit tauchte er unerwartet an
+einer Ecke auf; unter den Bäumen einer Allee; in der Mitte einer Straße.
+Bald stand er vor einer Ladenauslage und betrachtete mit blöden Mienen
+die Waren, den Melonenhut in die Augen gedrückt; bald kauerte er auf dem
+Prellstein vor einem Torweg. Manchmal marschierte er auf dem
+gegenüberliegenden Gehsteig in der nämlichen Richtung, überschritt die
+Straße und verschwand plötzlich; manchmal schoß er unmittelbar auf
+Siebold zu und wich erst in der letzten Sekunde zur Seite. Stets hatte
+er den Kopf gesenkt und die Augen niedergeschlagen: bescheiden,
+verängstigt, gehetzt; und eingehüllt in jene unfaßbare und unsinnige
+Qual und Bosheit.
+
+Eines Morgens, als Siebold seine Wohnung verließ, die in einem
+Hintertrakt gelegen war, und durch den mit einem Gärtchen verzierten Hof
+schritt, gewahrte er ihn am Flurfenster im zweiten Stock des vorderen
+Hauses. Er hatte beide Ellbogen auf das Sims gestützt, das Fenster war
+offen, den Kopf hielt er zwischen den Händen, der Melonenhut saß diesmal
+ganz im Nacken, so daß das sorgfältig gescheitelte und ölig verklebte
+Grauhaar sichtbar wurde, und in dieser Haltung starrte er regungslos in
+die Luft. In Siebold kochte berserkerhafter Ingrimm auf; er rief den
+Hauspfleger; unartikuliert redend, deutete er mit dem Schirm in die
+Höhe, brachte endlich die Frage hervor, was das Individuum da oben zu
+suchen habe, und während der Hausmeister hinaufging, wartete er
+wutbebend an der Stiege. Alsbald schlich Jost an ihm vorbei, vom
+schimpfenden Hauswart verfolgt, gedrückt, still und hastig. Siebold
+eilte ihm nach, wurde eines Polizisten ansichtig, trat auf ihn zu,
+nannte seinen Namen und Titel, wies, abermals mit dem Schirm, auf den
+sich entfernenden Gelbmantel, sagte zu dem Schutzmann, er möge ein Auge
+auf den Strolch haben, es sei vermutlich ein Einschleicher, er selbst
+beobachte ihn schon lange und habe Grund, ihn für ein gemeingefährliches
+Subjekt zu halten. Der Schutzmann, über seine schäumende Gereiztheit
+erstaunt, versprach, den Verdächtigen zu stellen, falls er sich wieder
+in der Gegend zeige.
+
+Siebold glaubte, sich Ruhe verschafft zu haben. Zwar blieb eine
+ahnungsvolle Verwirrung in seinem Innern bestehen, eine gewisse
+Zerstreutheit und Erregbarkeit, deren er nicht Herr zu werden vermochte,
+aber da sich der Mensch in den nächsten Tagen nicht blicken ließ, atmete
+er auf. Als er jedoch am dritten oder vierten Tag in sein Amtszimmer kam
+und sich an das Schreibpult setzte, lag da ein großer Bogen Papier; an
+jeder Ecke war mit Rotstift ein Kreuz gezeichnet; in der Mitte befanden
+sich drei Kreuze, und unter diesen stand, ebenfalls mit Rotstift
+geschrieben:
+
+ Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
+ Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
+ Und der sie aufgericht und hingestellt,
+ Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.
+
+Er wußte zuerst nicht, was das sein solle. Verse; was hieß denn das? Er
+dachte an einen Schabernack der Kollegen, runzelte die Stirn, schaute
+hinter sich, blätterte in einem Faszikel, nahm den Bogen wieder zur
+Hand, studierte die Schriftzüge, verfärbte sich, spürte etwas wie
+Lähmung in den Händen, eine Glutwelle im Kopf; sprang auf, fuhr den
+Schreiber an, wer das Zeug auf seinen Tisch praktiziert habe, geriet
+außer sich, als der versicherte, von nichts zu wissen, rief mit heiserer
+Stimme den Amtsdiener, deutete auf den beschriebenen und bemalten Bogen,
+drohte, eine Disziplinaruntersuchung anhängig zu machen, und als einige
+Beamte aus den benachbarten Räumen, über den Auftritt bestürzt,
+herbeigerannt waren, wollte er ihnen erklären, was ihm widerfahren, daß
+Unfug gegen ihn verübt werde, aber er kam ins Stottern, und auf einmal
+schwieg er, wischte sich den Schweiß von der Stirn, begab sich auf
+seinen Platz zurück und versank in sonderbares Brüten. Die Herren
+zuckten die Achseln und warfen einander bedenkliche Blicke zu.
+
+Den Parteien erwuchs Übles von seiner verdüsterten Gemütsverfassung. Die
+geringen Leute harrten stundenlang vergebens auf den Aufruf. Auch an den
+folgenden Tagen. Zeitbedrängte standen sich die Zehen in den Stiefeln
+wund. Schuldbewußte verzagten. Die zur Amtshandlung Vorgelassenen wurden
+in messerscharfe Inquisition genommen. Mutmaßliche Fehlangaben stießen
+auf ätzenden Hohn. Strafausfertigungen wimmelten. Den Korridor füllte
+Murren. Der Gewaltige selbst aber saß und befahl. Saß und verschanzte
+sich gegen die Stimme, die eine Stimme. Machte sich blind gegen das
+Gesicht, das eine Gesicht. Bemühte sich, den Worten eines läppischen
+Verses zu entrinnen. Wußte, was die Stimme verlangte, während er das
+schwindsüchtige Weib anschrie, das die Quote nicht zahlen konnte und zur
+Pfändung verurteilt war. Erboste sich um so mehr. Unnachgiebigkeit war
+zu erweisen, Unerbittlichkeit. Kam er nach Hause, so fühlte er sich
+erschöpft.
+
+Am Sonntag um die Dämmerungsstunde hatte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa
+gelegt und war eingeschlafen. Die Frau saß am Fenster und nähte, die
+zwei Kinder hatten sich in die Ecke gedrückt und blätterten in einem
+halbzerfetzten Bilderbuch. Die Stille wurde von einem gräßlichen Schrei
+unterbrochen. Siebold fuhr empor; in seinem Gesicht war weißer
+Schrecken; es war wie zerfetzt von Schrecken. Die Frau stürzte hin,
+packte ihn; »Mann, Mann,« rief sie; die hagere Gestalt, abgehärmt Teil
+für Teil, war der Wucht der Befürchtung kaum gewachsen; die Kinder
+standen zitternd hinter ihr, den Vater mit verzehrend großen Blicken
+betrachtend.
+
+Der war entwirklicht. Er hatte nicht selber geschrien. Einer in ihm
+hatte geschrien. Überlegte er es genauer, so war es nicht einer gewesen,
+sondern mehr als zehn. Sie waren schreiend an ihm vorübergestürmt, in
+einem violett-feurigen Ring. Sie hatten sich zu dem Schrei in ihm
+vereinigt, daß er aufwachen solle. Er begriff sonst nichts, äußerte auch
+dieses nicht. Es erschien ihm erniedrigend, er hatte es noch nie erlebt,
+es widerstritt dem Rang und der Regel. Unfreundlich wies er die Frau ab,
+nachdem er sich gefaßt, wusch das Gesicht in kaltem Wasser, zog den
+guten Rock an, ging fort.
+
+Er war mit Sabine Jäger verabredet, suchte aber erst das Stammwirtshaus
+auf, um zu Abend zu essen. Gerade dorthin wollte er, wo er
+möglicherweise den Gelbmantel treffen konnte. Dorthin, jawohl, um sich
+nicht der Feigheit bezichtigen zu müssen. Vielleicht wurde eine
+Entscheidung dadurch herbeigeführt. Vielleicht machte er den Hallunken
+dingfest. Vielleicht holte er sich Rat bei den Freunden und berichtete
+ihnen, was für Streiche ihm der Kerl spielte. Er nahm sich einen
+bestimmten scheltenden und entrüsteten Ton vor, in welchem er die
+Anmaßung und Übergeschnapptheit des Menschen darlegen wollte, aber als
+es so weit war, als er in der wohlwollenden Runde saß, brachte er keine
+Silbe aus der Kehle, ja, wenn er bloß daran dachte, fing sein Herz an zu
+klopfen. Er fand den Eingang nicht, er fand das Wesen nicht, er fand den
+Dolus nicht, alles war verwischt, dumm, kindisch, unfaßbar. Es wurde ihm
+gesagt, daß er schlecht aussehe, schlaffe Wangen und trübe Augen habe;
+er gab zu, sich krank zu fühlen; es war ein Anlaß, sich bald zu
+verabschieden. Der Offizial stülpte hinter ihm die Stirn in Falten und
+meinte, mit dem gehe es bergab, der werde es nicht mehr lange treiben.
+
+Mit großer Hast eilte er durch die Straßen. Nebengassen glichen
+Schlünden, geschlossene Tore und Fenster waren wie für die Ewigkeit
+verriegelt. Das verhohlene angenehme Grauen, mit dem der unbescholtene
+Bürger, Staatsbeamte, Ehegatte zu einer Prostituierten geht, täuschte
+ihn über anderes Grauen, das in innerste Zellen entwichen war. Die Jäger
+bewohnte in einem uralten Vorstadthaus mit vielen Höfen und Durchgängen,
+vertretenen Stiegen, steinern kalten Fluren im letzten der Höfe zwei
+Zimmer im Erdgeschoß. Deckchen, Kissen, bunte Stoffe und eine schummerig
+umhüllte Lampe überschminkten die Dürftigkeit.
+
+Das Mädchen empfing ihn im grünen Schlafrock und zeigte über sein Kommen
+Freude. Sie plauderten von Abstand zu Abstand, leer, hölzern, zweckhaft;
+der Regen plätscherte draußen. Siebold dünkte sich leidlich in
+Sicherheit; was noch an Unruhe in ihm trieb, versprach die Lust abzutun,
+er wurde deshalb wortkarg und verlangend. Doch hatten sie sich nicht
+sobald auf das vorbereitete Lager begeben, als er mit erstarrendem Auge
+an die Mauer blickte und die erstarrende Hand hinstreckte. Es war ein
+Karton mit Reißnägeln angeheftet, darauf gemalt zwei schwarze
+Schmetterlinge links und rechts, in der Mitte eine rote Flamme, und
+darunter war in lapidaren, fast wie in alten Mönchsschriften kunstvoll
+ausgeführten Lettern zu lesen:
+
+ Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
+ Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
+ Und der sie aufgericht und hingestellt,
+ Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt;
+ Und immer neue baut er Tag und Nacht
+ Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht.
+
+»Wo hast dus her?« fragte er mit bebender Kinnlade und kraftloser
+Lippe, »wo hast dus her?« Und sie, erschrocken über sein Aussehen,
+unbefangen wegen der Frage: »Einer hat mirs geschenkt.« Er umklammerte
+ihren Arm, daß sie schmerzlich stöhnte. »Wer? wer hats geschenkt? wer?«
+
+Da erschallte vom Hof herein ein klagendes Rufen, nicht sonderlich laut,
+aber mit durchdringend hoher Stimme. »O, Golgatha!« riefs, und wieder,
+langgedehnt: »o, Golgatha!« Wie er die Stimme kannte! Er sprang auf,
+tastete nach den Kleidern, fiel entkräftet auf einen Stuhl und murmelte
+ohne Atem, die Hosen halb über den Beinen: »Er hat mich dahier ausfindig
+gemacht; das gibt Unheil; ich muß ihn erwischen; ich muß ihn erwürgen.«
+In verstörter Eile kleidete er sich vollends an, Sabine war um ihn
+bemüht, lauschte zugleich, denn das wehe »o Golgatha!« tönte, obzwar
+ferner und schwächer, noch immer herein. Während er den Kragen
+befestigte und die Krawatte band, kam es wie geistesabwesend aus seinem
+Mund: »Weiß nicht, was er will. Immer hinter mir her, früh und spät
+hinter mir her; weiß nicht, was er von mir will. In meinem Leben hab ich
+nichts Schlechtes getan. Wie ein Detektiv auf der Lauer und hinter mir
+her. Das darf nicht geduldet werden. So einen muß man einsperren. Ins
+Irrenhaus gehört so einer.«
+
+Die Jäger betrachtete ihn scheu und mißtrauisch, war froh, daß er sie
+verließ, riegelte die Tür auf, als er fertig war, und bekreuzte sich,
+als er grußlos hinausstürzte.
+
+Der Hof war finster. Das Rufen hatte aufgehört. Er suchte. Es war
+niemand da. Er stand und ging mit vorgeneigtem Rumpf; die Augen irrten
+durch die nasse Dunkelheit.
+
+Er suchte den geheimnisvollen Verfolger. Violett-feurige Ringe drehten
+sich wieder. Er wankte durch die Torwege, pochte an ein Fenster, und
+eine Alte kam, das Tor zu öffnen. »Haben Sie keinen gesehen?« fragte er;
+»ist nicht einer fortgegangen, ein Kleiner mit gelbem Mantel?« Nichts
+gesehen, keinen gesehen, war die Antwort.
+
+Auf der Straße machte er ein paar Schritte, dann mußte er nach einer
+Stütze tasten. Er lehnte sich an die Mauer. Brodeln war in der Luft, der
+Erdboden bog sich und gab nach wie Gummi. Was war denn? was geschah
+denn? »Ich habe doch in meinem ganzen Leben nichts verbrochen,« murmelte
+er grübelnd und verdüstert; »meine Hände sind rein, niemand kann mir
+etwas vorwerfen, ich habe kein unrechtes Gut erworben, habe keinen
+Menschen unterdrückt; war fleißig, pünktlich, solid, nüchtern,
+anständig; was will der Schuft von mir? was will er mit seinem Golgatha
+und seinen blödsinnigen Verschen?«
+
+Da hörte er sich selbst, zu seinem Entsetzen, wie wenn seine Zunge
+andern Pfad liefe als sein Denken, hörte er sich selbst in einer monoton
+und schülerhaft deklamierenden Weise sprechen:
+
+ »Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
+ Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
+ Und der sie aufgericht und hingestellt,
+ Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.«
+
+Der Verstand, wo war der Verstand? Es mußte doch ein Verstand drinnen
+sein. Und dann das noch:
+
+ »Und immer neue baut er Tag und Nacht
+ Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.«
+
+Ja, was denn? wie denn? warum denn? Wegen dem schwindsüchtigen Weib am
+Ende? Es war seltsam, daß ihm dies einfiel; er wußte nicht, was er
+daraus machen sollte. Langsam ging er weiter, im Regen, ohne den Schirm
+aufzuspannen, nicht in sich gekehrt, nicht nach außen gekehrt, doch
+horchend, unablässig horchend. Auf das Rätsel horchend. Was sich mit ihm
+ereignete, war Rätsel. Wie er den Verfolger im Hof gesucht hatte, so
+suchte er jetzt die Lösung des Rätsels, oder bloß die Natur davon. Er
+schleppte etwas, und wußte nicht, warum es so schwer war, noch warum es
+ihm aufgebürdet war, noch was für ein Ding es überhaupt war. »Man hat
+Frau und Kinder, man muß sich zusammennehmen,« sagte er auf einmal laut
+und fühlte sich ein wenig erleichtert, vielleicht unter dem Einfluß
+grellen Lichts, das ihn traf. Es war die Bogenlampe vor der
+Atlantik-Bar. Musik und Gelächter schallten heraus, Automobile und Wagen
+standen in langer Reihe. Er wagte kaum hinzuschauen, ging etwas rascher,
+und nach einigen hundert Schritten bemerkte er eine ziemlich große
+Menschenansammlung. Laut redende und heftig gestikulierende Gruppen
+hatten einen eleganten Fiaker umringt und offenbar den Lenker vom Bock
+gerissen, denn die Pferde, denen anzusehen war, daß sie im raschesten
+Lauf aufgehalten worden, standen allein, und aus den Stimmen hob sich
+die rohbrüllende des Kutschers am vernehmlichsten hervor. Dem Gespräch
+zweier Burschen entnahm Siebold, was sich zugetragen hatte.
+
+Es befand sich in diesem Teil der Straße eine kommunale
+Kartoffelverkaufsstelle, die natürlich während der Nacht geschlossen
+war, vor der jedoch in Erwartung des Morgens zahlreiche Leute aus dem
+Volk postiert waren, Weiber, alte Männer, halbwüchsige Kinder. Einige
+kauerten auf der Erde, hatten eine Decke, eine Kapuze, einen Unterrock
+zum Schutz gegen Regen und Nachtkälte über den Kopf gezogen und
+schliefen. Plötzlich war jener Fiaker herangerast, ein offenes Gefährt,
+und darin lehnte blasiert ein Herrchen, vielleicht neunzehn, vielleicht
+zwanzig Jahre alt, die Spuren der Ausschweifung in den Zügen, die Finger
+voller Ringe, Brillantnadel im Schlips, mit Lackschuhen, gebügelter
+Hose, Spazierstöckchen, Glacéhandschuhen, die ganze Welt in der Tasche,
+doch sie verachtend. Die bis auf den Fahrdamm hockende und stehende
+Menge in der Dunkelheit zu spät gewahrend, hatte der Kutscher geschrien;
+Angstlaute antworteten, Weiber flüchteten überstürzt; aber der Wagen
+fuhr zu nah am Rinnstein; ein Kind war vom Hinterrad erfaßt worden und
+lag bewußtlos da.
+
+Für Siebold war es Gelegenheit, dem zu entrinnen, für eine Weile, was
+ihn peinigte; daß er ihm zulief, ahnte er nicht. Er drängte sich durch
+die Menschen und gelangte in den freien Raum, der sich um den Kutscher,
+den Fahrgast und das auf dem Pflaster liegende Opfer des Unglücks
+gebildet hatte. An der Seite des Kindes, das mit bläulich-fahlem Gesicht
+hingestreckt lag, ein wenig blutigen Schaum vor den Lippen, die offenen,
+blonden Haare von Kot besudelt, kniete Jost, und kein Scharfsinn war
+nötig, um zu erkennen, daß er der Vater des Kindes war. Er redete, doch
+im wüsten Gezänk verhallten seine Worte. Mit dem Taschentuch wischte er
+bisweilen das Blut vom Munde des Mädchens, strich mit der Hand über
+Stirn und Wange der Leblosen, erwiderte nichts auf die Fragen und
+Ratschläge der Umstehenden, war eingewühlt und hingegeben in den
+Schmerz.
+
+Jemand sprach vom Transport ins Spital; ein anderer sagte, alle
+Spitäler seien überfüllt. Ein Weib meldete, die Rettungsgesellschaft
+habe wissen lassen, daß augenblicklich kein Wagen zur Verfügung stehe,
+in einer Stunde erst, worauf unwilliges Murren hörbar wurde. Ein Mann
+trat in den Kreis, der sich als Arzt auswies, beugte sich nieder, legte
+das Ohr an die Brust des Kindes, sprach mit Jost. In den lärmenden
+Streit zwischen dem Kutscher und der erregten Menge hatte ein Polizist
+vermittelnd eingegriffen, es gelang ihm, die Ruhe herzustellen. Das
+Herrchen, von drohenden, feindseligen Blicken gemustert, stand blaß und
+lässig da, verbarg die Angst vor der Wut und dem Hohn der Leute unter
+einer hochmütig-teilnahmslosen Miene, zupfte am Schnurrbärtchen, ahmte
+in seiner Haltung aristokratische Art nach, was die Hohlheit, die freche
+Neuheit seiner Umstände erst recht zum Vorschein brachte.
+
+»Gott kann das nicht zulassen,« hörte man nun den Gelbmantel sagen, oder
+vielmehr Siebold hörte es, da er sich unter unbesiegbarem Zwang dicht
+herangedrängt hatte; »immerfort rinnt Blut aus der Seele,« sprach er wie
+ein Betäubter; »Gott kann mir das nicht antun. Man muß die Tropfen von
+dem Blut zählen, damit sie alle wieder zurückgegeben werden. Ich will
+sie alle wieder haben. Die Seele braucht das Blut. Wo ist das Körbchen?
+Meine Eveline hat ein Körbchen gehabt. Wo ist das Körbchen?«
+
+Neugierig und mitleidig starrten die Männer und Weiber auf ihn nieder.
+Ihre übernächtigten, von vielfacher Bedrängnis gemeißelten Gesichter
+gaben Andacht kund; finstere Gedrungenheit der Erfahrung des Übels war
+in ihnen, die gelernte Geduld, der Rost des Elends. Einer hatte das
+Körbchen gebracht, ein zerfetztes Strohgeflecht mit beschmutztem blauen
+Band. Indessen regte sich das Kind, und Jost sagte, er wolle es nach
+Hause tragen, er wolle auch zu seinen andern Kindern heim, er wolle es
+auf den Arm nehmen. Da schien es Siebold unter demselben unbesieglichen
+Zwang, als müsse er Hilfe anbieten; es trieb ihn hierzu unter trotzigen
+und bösen Vorbehalten. Es war die Hoffnung, sich loskaufen zu können; er
+wollte sagen können: mein Lieber, ich bin da, du siehst also, daß du mir
+unrecht getan hast und mich künftig in Frieden lassen sollst; ein
+Mißverständnis, du siehst nun selbst, ein Irrtum.
+
+So beugte er sich nieder, um die Hand des Kindes zu befühlen. Sie war
+überraschend kalt und vermittelte eine Empfindung von der Grenzwelt.
+Jost schaute in sein Gesicht, und hatte einen Ausdruck, als fände er es
+selbstverständlich, ihn hier zu sehen. Seine Wangen hatten Furchen, die
+Messerschnitten glichen; die Lider waren wie verklebt, die Hände mit
+Straßenkot bedeckt, Mantel, Beinkleider, Schuhe, sogar der Melonenhut,
+in den Nacken geschoben wie damals am Treppenfenster, mit Kot überzogen.
+Er hob das Kind empor. Man hätte ihm die Kraft nicht zugetraut. Es
+schlang die Arme um seinen Hals. Siebold, wie mit Stricken angebunden,
+blieb ihm zur Seite, er, dem die Nähe des Menschen Pest gewesen. Ein Bub
+eilte nach und ließ Geldscheine flattern. Der Herr, der Fahrgast, hatte
+sich in letzter Minute zu einer Spende entschlossen. Jost schüttelte den
+Kopf. Er begleite ihn und werde ihm zu Hause das Geld geben, sagte
+Siebold, nahm dem Knaben die Scheine ab und steckte sie in die Tasche.
+»Das Körbchen!« rief Jost bänglich, und ein Weib holte es herbei.
+Siebold nahm auch das Körbchen. Der Schutzmann hielt sie noch einmal auf
+und verlangte Josts Adresse.
+
+Nach und nach verloren sich diejenigen, die aus Zeitvertreib oder
+Vorliebe für traurige Zwischenfälle mitgegangen waren, und Siebold war
+mit Jost und der Leidenslast, die dieser trug, allein. Es herrschte in
+seinem Geist welkes Erstaunen über sein Tun. Es war als trete ein
+Fremdes aus ihm heraus und er gehe zwiefach; der zweite blieb dahinten.
+Jeder Schritt erniedrigte ihn um eine neue Stufe. In seiner kränklichen
+Stummheit redete er zu dem stummen Begleiter: du siehst, wozu ich bereit
+bin; du siehst, wie ich mich herablasse. Dann spürte er, daß ihn stärker
+als alles andere die Begierde nach der Lösung des Rätsels unterjocht
+hatte; schwarze, giftige, fressende, brennende Ungeduld, den Grund
+unerhörter Vergewaltigung und Beleidigung zu erfahren, der Kühnheit, mit
+der in die Schranke der Persönlichkeit eingebrochen, gewährleistete
+Würde verletzt, Sicherheit und Ruhe zerstört worden war eines Trägers
+von Verantwortungen, eines Funktionärs mit Befugnissen, die über das
+Gemeine erhoben und gegen das Ordnungslose feiten. Aber der
+hartnäckigere Aufruhr war bei dem, der hinten blieb und mit dem die
+Bindung zerfiel.
+
+Da es heftiger regnete, spannte er den Schirm auf und hielt ihn im Gehen
+über Jost und das Kind. Dem schwachen Menschen wurde die Bürde zu
+schwer; sein Schwanken verriet es, der keuchende Atem. Siebold sah sich
+um, als erwarte er Beistand von wo; daß er selbst ihn leisten konnte und
+schließlich mußte, dawider bäumte er sich auf, bis eine Bewegung Josts
+ihn dringend anrief. Er umfaßte das Kind; die feuchten, besudelten Haare
+streiften sein Gesicht; der Kopf fiel wie gebrochen sogleich über seine
+Schulter; die Ärmchen hingen steif und mager herunter. Robust wie er
+war, fand er die Last federleicht. Er reichte Jost Schirm und Körbchen,
+dann setzten sie den Weg fort. Plötzlich gellte Jost in die Nacht
+hinaus: »Das darf Gott nicht zulassen,« mit einem gemarterten,
+rebellischen Ton.
+
+Er fängt schon wieder mit seinem Geschwätz an, dachte Siebold. Das Kind
+in seinen Armen regte sich; er fühlte die Glieder, die kleine Brust, die
+engen Lenden, geschmiegt an seinen Leib, und es war ihm zum Schaudern
+neu. Keines der eigenen war so dicht an ihm gewesen, in Krankheit nicht,
+in Zärtlichkeit nicht, keines hatte so elfenhaft, so hingeschwunden an
+ihm geruht. In seiner Kehle war es wund; er war so außer seinem Kreis,
+daß er wie in Behexung durch ein aufgesperrtes Tor ging, wie taub und
+blind hinter Jost über Treppen und abermals Treppen, höher, immer höher,
+an Türen vorbei, höher und immer höher, als sei es ein Turm, und endlich
+beklommen um sich blickte, als sie in ein dumpfiges Gemach gekommen
+waren und Jost einen Kerzenstumpf anzündete.
+
+Zwei Kinder lagen schlafend auf einer Matratze. Daneben stand ein Bett
+ohne Überzug, bloß Decke und Strohsack im Gestell. Die Fenster waren
+unverhängt. Man sah Schlöte gleich kolossalen Fingern aufragen, mit
+Blitzableitern wie schwarze Strahlen. An den kahlgrauen Wänden hingen
+gedruckte Bilder aus Zeitschriften, Berge, Schlösser, Feldherren,
+Fürsten; auf dem Boden lag eine verbogene Kindertrompete, auf dem Tisch
+ein Ranft altbackenes Brot, eine angebissene Rübe und eine Schachtel mit
+Lottonummern.
+
+Wie komm ich daher? dachte Siebold, und wie komm ich wieder fort? Jost
+hatte ihm das Kind abgenommen. Er entkleidete es. Er war behutsam mit
+Rücksicht auf die Schlafenden. Er flüsterte: »Der Doktor hat
+versprochen, morgen früh seinen Kollegen von der Bezirkskrankenkasse zu
+schicken. Wenns nur wahr ist. Ich soll einstweilen kalte Umschläge
+machen. Gewiß, gewiß. Soll geschehen. Im Krug ist Wasser. Gewiß, gewiß,
+soll geschehen, du davongelaufene kleine Seele. Und das Blut abwaschen,
+den Dreck abwaschen. Soll geschehen, soll alles geschehen.«
+
+Die Worte wurden im Hauch hervorgestoßen, entlockt vom Irrsinn der
+Sorge. Dabei manipulierte er, warf Kleidchen, Schuhe, Strümpfe,
+Unterröckchen, Hemd beiseite, holte den Krug, riß einen vom Gebrauch
+schwarz gewordenen Fetzen vom Nagel, immer an Siebold vorübertrippelnd,
+der sogleich die Geldscheine auf den Tisch gelegt hatte und dann nutzlos
+stehen blieb. Die Kammer mußte auf der einen Seite eine sehr dünne, bloß
+gegipste Wand haben, denn aus dem danebenbefindlichen Raum war
+ununterbrochen ein schmerzliches Ächzen zu hören, welchem Siebold
+furchtsam und erregt lauschte, während Jost den Körper des Kindes mit
+allerbedächtigster Zartheit in die rauhe Wolldecke hüllte, das angenäßte
+Tuch über die Stirn breitete und darnach mit gefalteten Händen vor der
+Bettstatt niederkniete.
+
+Bei dem Anblick des nackten Kinderkörpers war es Siebold durch den Sinn
+gegangen: ein Fisch; und es war eine eigene, frierende, bettelnde
+Wollust dabei gewesen. Die Vorstellung des weißen, zuckenden
+Fischleibes, dessen verglaste Augen im letzten Brechen nach dem
+heimischen Element lechzen, hatte Ähnlichkeit mit dem Emporlodern eines
+Lichtes in einer Grube.
+
+Er horchte auf das Ächzen hinter der Wand, das sich aus raschen
+Zuflüssen der Qual verstärkte.
+
+Jost sprach: »Es ist nur ein weniges. Geringen Platz braucht die kleine
+Seele in der großen Welt. Wen hast du denn inkommodiert? Wem Luft und
+Wasser und Speise weggenommen? Wer hat dich bemerkt? Wem fehlt sein
+Teil, wenn du unter ihnen herumgehst mit deinen zierlichen Füßchen? Sie
+können dich in die Ecken stoßen, das ist ihnen erlaubt. Sie können
+sagen: marsch, aus den Augen, Kreatur. Jawohl, das ist ihnen erlaubt.
+Aber dein Leben ist ein ebensolches Leben wie das von jedem von ihnen;
+dein Blut ein ebensolches Blut. Sie geben dir nichts, du nimmst ihnen
+nichts. Du willst bloß da sein, ganz bescheiden da sein.«
+
+Siebold hatte gehen gewollt, aber Art und Rede des Menschen machten ihn
+unschlüssig. Da war etwas, daß man aufmerken mußte. Auch das
+schreckliche Ächzen hinter der Wand hielt ihn fest. So setzte er sich
+auf einen Stuhl neben dem Tisch, ohne Willen. Alles gestaltete sich mehr
+wie ein geballter Vorgang im Fieber, an dem er mit einem entlegenen und
+bisher unbekannten Stück seines Wesens Teil hatte.
+
+»Da faßt man hin und nennts bei Namen,« fuhr Jost fort, »und das, was
+man nicht nennen und nicht fassen kann, rinnt aus. Das Köstliche rinnt
+und rinnt. Hunderttausend Jahre vielleicht waren nötig, daß es hat
+entstehen können. Ur-Ur-Urväter haben Ur-Ur-Urenkeln Tröpfchen um
+Tröpfchen, Fäserchen um Fäserchen übermacht, haben geschaffen und
+gebaut, gepflügt und geerntet, gedarbt und gewirkt, einer am andern, von
+Mutters und von Vaters Seite bis ins hundertste Glied zurück, daß es hat
+werden können, das Fünkchen in der Brust. Auf einmal kommt was daher
+gerollt, ein Rad, kommt gerollt und gerollt, weil ein Laffe mit einem
+Monokel im Gesicht zu seinen Dämchen und Spießgesellen will, und die
+Brust soll zerdrückt sein, das Herzlein zerschmettert, das Fünkchen
+ausgelöscht? Ist denn das möglich? Darf das zugelassen werden? Kann man
+das aushalten?«
+
+Ein Aufkreischen drang durch die Wand, und Jost nickte. »So ist es,«
+sagte er. »Zwei Fingerbreit Mauer dazwischen. Drüben will eins zum
+Leben, hüben will eins zum Tod. Und sie fassens nicht. Keiner faßts, das
+eine nicht, das andere nicht. Die Vierzehnjährige gebiert, die
+Achtjährige will schon wieder heim in den Schoß der mächtigen Mutter.
+Hören Sie? hören Sie?«
+
+Er wandte Siebold das Gesicht zu. Zum erstenmal redete er ihn an. Beide
+lauschten. Das tierhafte Röcheln des in Wehen sich windenden Weibes war
+nicht mehr zu mißkennen, der inbrünstige, gewürgte, rasende Schrei auf
+einem Folterbrett. Die zwei schlafenden Kinder regten sich; Jost trat zu
+ihnen und beschwichtigte sie.
+
+Er geriet nun in eine fahrige, kummervolle Geschäftigkeit. Lief hin und
+her, stieß eine Lade zu, rührte Gegenstände an, aber bei einem
+neuerlichen Schrei blieb er stehen und sagte: »Hören Sie, Mann?
+Begreifen Sie, was wir tun? Begreifen Sie, was gelitten wird auf der
+Erde immerzu? Was die unerbittliche Natur uns leiden macht und dann der
+Mensch? Was die Dämonen uns leiden machen und die Träume? Was das
+Fleisch uns leiden macht und der Geist? Während wir im Wirtshaus sitzen,
+wird gelitten. Während wir Akten vollschreiben, wird gelitten. Während
+wir unsere Notdurft stillen und unsere Geilheit letzen, wird gelitten.
+Überall, oben und unten, bei den Herren und bei den Knechten, in der
+Finsternis und im Licht, überall wird gelitten. Begreifen Sie, was wir
+treiben allesamt? was wir wert sind allesamt? Begreifen Sie?«
+
+Er sprach mit geweiteten Augen, in denen es phosphoreszierte, mit
+hackenden Zähnen und schlaffen, schaufelnden Lippen und bohrte die
+Fäuste in die Taschen des blut- und kotbesudelten Mäntelchens. »Und wenn
+es schon geschieht, und das Rad zerquetscht das lebendige Herz, warum
+kommt dann der Laffe mit dem Monokel nicht und leckt mit seiner Zunge
+das Blut von den Pflastersteinen weg? Soll es hineindorren in die
+Steine, hinüberdorren ins Jenseits? Warum kommt er nicht und ruft: ich,
+ich, ich -? Und wenn es schon geschieht, und das Kind drüben muß in
+seinem frühen Jammer Mutter werden, warum kommt der Lump nicht, der es
+geschwängert hat, warum kommt die Bestie nicht und fällt auf die Erde
+vor Schreck und Angst und Mitleid, weil er sehen kann, wie das
+Dingelchen sich krümmt und wie es seufzt und wimmert, warum kommt er
+nicht und ruft: ich, ich, ich -? Warum sprechen sie nicht: verzeiht, wir
+haben nicht gewußt, was wir tun -? Was ist das für eine Ordnung in der
+Welt, daß sie sich verstecken dürfen und sich anstellen, als wüßten sie
+von nichts? O Menschen, Menschen, Menschen! Sie wissen nicht, was sie
+tun, das ist es. So soll ihnen auch nicht verziehen werden. Nein und
+abernein, verziehen nicht. Komm her, du Laffe, und drück deine
+Lasterlippen auf die Steine; komm her, du Bestie, und vernimm und schau.
+Wer da handelt, muß auch wissen. Ums Wissen gehts. Nichts da, die
+Verantwortung abwälzen. Nichts da, sich auf Gesetze und Vorschriften
+ausreden. Blind magst du sein, du Menschenhund, du Menschenfloh, du
+Menschennichts, aber wissen sollst du, wissen, was du tust, und
+niederstürzen und mitwimmern, und rufen, daß es an die Enden der Welt
+schallt: ich, ich, ich!«
+
+Das Licht auf dem Kerzenstumpf flackerte nur noch ganz trüb, so daß bloß
+der nächste Umkreis auf dem Tisch matte Helligkeit erhielt. Die Schlöte
+vor den Fenstern türmten sich um so strenger in den Wolkenhimmel. Es
+entstand Stille von einer Eindringlichkeit, die jede Fiber spannte. Eine
+hautlose, unendlich verschuldete Wachsamkeit war in Ohr und Hirn.
+
+Es saß hier nicht mehr der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung mit
+Namen so und so. Es saß hier einer, der keinen Namen mehr hatte und
+dessen stählerne Hüllen abzuschmelzen begannen. Es war nicht mehr das
+Mansardenloch eines Ausgestoßenen; nicht mehr der Tisch mit der
+qualmenden Kerze: es war ein Raum unter den Sternen. Es floß nicht mehr
+Zeit; Zeit war dahin. Erde war dahin.
+
+Und wie sich nun der Mensch ohne Namen aus dem Zusammenhang gehoben sah,
+rührten ihn von unten her Hände an. Hände von Vergangenen, Hände von
+Gerichteten. Sie strebten verlangend zu ihm empor; Hände eines Knaben;
+Hände eines Greises; Hände eines Mädchens; Hände von Männern. Die einen
+waren gefaltet, die andern wie in der Abwehr; die einen flehten, die
+andern drohten; die einen beteuerten, die andern waren gerungen.
+
+Zuerst fragte sich der so Bedrängte, was sie von ihm begehrten; doch wie
+der Umriß nahm auch ihre stumme Sprache an Verständlichkeit zu, und wie
+sie von schattenhafter Verwesung sich in Körperhaftigkeit wandelten,
+wurde die Forderung so klar, Klage, Vorwurf, Anspruch und Gericht so
+unzweifelhaft wie Schall und Fall von Worten. Bangten sie nach Dingen,
+die sie hatten verlassen müssen? Wollten sie eine Schuld bezahlen, die
+unberichtigt geblieben war? Gewährten sie eine Liebkosung, die sie
+verweigert hatten? Gaben sie ein Versprechen? Erbaten sie ein Geschenk?
+Leisteten sie einen Schwur? Wiesen sie einen Weg? Winkten sie einem
+Freund? Schrieben sie? gruben sie? ruhten sie? hasteten sie? Alles
+dies, und vieles noch. Hände sind Geschöpfe und spiegeln jegliches Sein.
+
+Die Paare vermehrten sich, und zu den vergangenen gesellten sich die
+gegenwärtigen, die er gesehen und doch nicht gesehen im Ablauf der Tage,
+die zu ihm gesprochen, ohne daß er es vernommen, die geplagten, die
+beladenen. Wirrsal und Gewühl, Fülle der Gesichte. Hart, dürr und
+vergilbt die einen, unschuldig und feingliedrig die andern; diese mit
+dicken Adern und geschwellten Muskeln, jene zag und zitternd; krank und
+müde die, voll Nerv und Entschluß die andern. Schwielige, blasse,
+rosige, geballte, geflachte, behaarte, glatte, kleine und große, näher,
+immer näher, beredter, immer beredter, und der, dessen Name aufgehört
+hatte, zu sein, spürte, daß sie nicht ablassen würden, ehe er selbst
+nicht aufgehört hatte, zu sein. So mußte er um Gnade bitten, um eine
+Frist, um ein Bedenken; erschüttert an den Rand der Stunde und des
+wachen Wissens gerückt, ward er inne, daß nach solcher Vision der
+Mensch, mit zerspaltener Brust, dem irdischen Tag verloren war.
+
+Auf einmal war ein Leuchten in der Stube. Von wo es kam, war noch nicht
+zu unterscheiden. Jost stammelte und reckte die Arme in die Richtung der
+Bettstatt. Das Kind erhob sich langsam. Es schälte sich aus der Decke
+und trat nackt und aufrecht vor die Männer. Um seine Lippen hing ein
+Lächeln. Die weiße Haut erglühte von inwendig. Was sie erglühen machte,
+war das Herz, und die Schauenden gewahrten bald nur noch das Herz: einen
+funkelnden, pulsenden Rubin, in die Dunkelheit gelagert wie eine Figur
+auf einem gemalten Kirchenfenster.
+
+Jost brach in die Knie. Mit den Händen tastete er rückwärts, als suche
+er alle die vielen Hände dort zum Schutz. »O Kind!« rief er
+schluchzend, »o Mensch! Wohin gehst du mit dem Flammenjuwel in deiner
+Brust? Sag es nur, sag es uns, sag es aller Menschheit, daß der rote
+heiße Kern nur einmal da ist, die leuchtende Frucht nur einmal reif
+wird. Für einen nur ein einziges Mal. Sag es, was es heißt: ein einziges
+Mal. Sie wissen nicht, was es bedeutet: ein einziges Mal! Sprich, du
+Gotteswesen! sprich, süßer Geist!«
+
+Aber das Kind lächelte bloß. Lächelte und verging.
+
+ * * * * *
+
+Zum hohen Gebieter, vor den ewigen Thron, trat Michael, der Erzengel, in
+den Morgen der rauschenden Sphären und sprach:
+
+»Ich habe die Seele des Gleichgiltigen gewonnen, Herr.«
+
+
+_Schluß_
+
+
+
+
+
+Werke von Jakob Wassermann
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+Roman
+20. Auflage
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+Roman
+22. Auflage
+
+Der Moloch Roman
+Neubearbeitete Ausgabe 10. Auflage
+
+Der niegeküßte Mund
+Erzählungen
+63. Auflage
+
+Alexander in Babylon
+Roman
+Neubearbeitete Ausgabe 8. Auflage
+
+Die Schwestern
+Drei Novellen
+6. Auflage
+
+Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens
+Roman
+17. Auflage
+
+Die Masken Erwin Reiners
+Roman
+11. Auflage
+
+Der goldene Spiegel
+Erzählungen in einem Rahmen
+14. Auflage
+
+Faustina
+Ein Gespräch über die Liebe
+3. Auflage
+
+Die ungleichen Schalen
+Fünf einaktige Dramen
+
+Der Mann von vierzig Jahren
+Roman
+14. Auflage
+
+Deutsche Charaktere und Begebenheiten
+Mit elf Abbildungen
+4. Auflage
+
+Das Gänsemännchen
+Roman
+66. Auflage
+
+Christian Wahnschaffe
+Roman in zwei Bänden
+34. Auflage
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+
+Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen Glaubensgenossen und über das
+Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere und zutreffendere Dinge
+gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die besten Eigenschaften des
+jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst verkörpert, vor allem der
+kritisch skeptische Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem
+verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als
+sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen
+Vorspiel des Romans, welches eine mit dem Erscheinen des merkwürdigen
+Messias Sabbatai Zewi verknüpfte Judenverfolgung im siebzehnten
+Jahrhundert behandelt, eine glänzende poetische Leistung gelungen ist.
+ (Neue Zürcher Zeitung)
+
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+
+Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der
+Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die
+alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal,
+ihr Frauenschicksal, erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. -
+Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so
+interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.
+ (Die Zukunft)
+
+
+Alexander in Babylon
+
+Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
+Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt,
+dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
+ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
+ein Prosaepos als ein Roman; es gehört zu unsern schönsten deutschen
+Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen zu
+werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt.
+ (Neue Freie Presse, Wien)
+
+
+Der Moloch
+
+Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die psychologische und gestaltende
+Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten,
+lebensvollen Gemälde gestaltet hat.
+ (Berner Bund)
+
+
+Die Schwestern
+
+Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen unglücklichen
+Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, ein Wahn den
+Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem Dasein gerufen
+hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die
+tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen. Eine holde Schwärmerei
+ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder
+Traum, von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt.
+ (Hannoverscher Kurier)
+
+
+Die Masken Erwin Reiners
+
+Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
+Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles
+Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen
+Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal
+unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
+Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman,
+die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.
+ (Westermanns Monatshefte)
+
+
+Caspar Hauser
+
+Ein Denkmal ist aufgerichtet über ein längst eingesunkenes Grab; ein
+altes, verharschtes Geheimnis funkelt wieder im Licht. Die Geschichte
+Caspar Hausers wird neu erzählt, das zauberische Knäuel dieses eigenartigen
+Schicksals entwirrt ... Jakob Wassermanns Caspar-Hauser-Roman hat
+monumentalen Stil ... Ein Beispiel deutscher Erzählungskunst, Vorbild
+eines großen Romans ist hier geboten. Und vor allem ein bleibendes.
+ (Der Tag, Berlin)
+
+
+Der goldene Spiegel
+
+Von Franziskas goldenem Spiegel wird berichtet: »Seine Scheibe, wie
+tief, und seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. Sie
+ist matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und Männer, Tiere,
+Schiffe und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, Ritter und Knechte,
+Bürger und Bauern, Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher,
+Sonderlinge und Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder,
+der Zufall, der Traum und das Wunder, alles das ist in ihr.« Wirklich,
+so groß ist die Fülle auch dieses Buches. Es entstand aus der Lust am
+Erfinden, am Phantasieren, am Gestalten.
+ (Die Zeit, Wien)
+
+
+Das Gänsemännchen
+
+Das Werk ist vermöge weitausgreifender Lebensfülle, breiter, umfassender
+Gesellschaftsschilderung, des Hineinspielens politischer und kultureller
+Zeitgeschehnisse ein wahrhafter Roman. Im Rahmen der Leidens- und
+Werdegeschichte eines deutschen Musikgenius entrollt die Dichtung auch
+Deutschlands Seele, Deutschlands Nervenzustand, Deutschlands
+Kulturströmungen. Tief und voll aus dem Menschlichen ist die Dichtung
+geschöpft.
+ (Wiener Abendpost)
+
+
+Christian Wahnschaffe
+
+Die echte große Dichtung sucht nicht die Aktualität, sie ist aktuell.
+Wassermann zeigt uns in seinem Roman den Zusammenbruch der geistigen,
+sittlichen und ästhetischen Kultur des Kapitalismus. Er malt diese
+Kultur in den verlockendsten Farben und läßt uns den Wurm sehen, der in
+ihr nagt. Sein Held wird erst das Opfer, dann der Richter der liebeleer
+gewordenen Welt, und darnach der Verkünder einer neuen Zukunft. Das Buch
+ist hinreißend durch Geist, Abenteuer und Verlockung: es dringt in das
+Letzte der Seelen und verwandelt sie und uns.
+
+
+Druck der E. Gundlach Aktiengesellschaft in Bielefeld
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1920 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt.
+Abweichend vom gedruckten Buch wurde die zweite Titelseite entfernt.
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 010: [Fehlende Letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung
+p 019: damals hatten Romantik -> hatte
+p 040: [Komma ergänzt] solche die Kloaken säubern; -> solche, die
+p 053: [Vereinheitlicht] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er
+p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem
+p 063: [Fehlende Letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich
+p 063: [Punkt ergänzt] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand.
+p 064: [Komma entfernt] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte
+p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling
+p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie
+p 094: entgegenete Maria -> entgegnete
+p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta
+p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji
+p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein
+p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer
+p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte
+p 188: was nöitg war -> was nötig war
+p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky
+p 217: [Leerzeichen ergänzt] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir
+p 220: empfehle es sich fogar -> sogar
+p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene
+p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen
+p 264: [Trennung] Leder-Kapuze -> Lederkapuze
+p 265: Mir fällt da ... in -> ein
+p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem
+p 270: [Anführungszeichen ergänzt] Wie machen wir denn das?«
+p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im
+p 279/280: [Trennung] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht
+p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen
+p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen
+p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen
+
+Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
+folgenden Wörtern:
+
+p 058: Gleichgiltigkeit
+p 120: Lucke
+p 143: Monreal
+p 301: hinmummelte
+p 148: darnach
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1920 by S. Fischer. The printed book's second title
+page has been removed. The table below lists all corrections applied to
+the original text.
+
+p 010: [missing letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung
+p 019: damals hatten Romantik -> hatte
+p 040: [added comma] solche die Kloaken säubern; -> solche, die
+p 053: [unified] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er
+p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem
+p 063: [missing letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich
+p 063: [added period] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand.
+p 064: [removed comma] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte
+p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling
+p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie
+p 094: entgegenete Maria -> entgegnete
+p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta
+p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji
+p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein
+p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer
+p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte
+p 188: was nöitg war -> was nötig war
+p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky
+p 217: [added blank] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir
+p 220: empfehle es sich fogar -> sogar
+p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene
+p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen
+p 264: [hyphenation] Leder-Kapuze -> Lederkapuze
+p 265: Mir fällt da ... in -> ein
+p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem
+p 270: [added quote] Wie machen wir denn das?«
+p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im
+p 279/280: [hyphenation] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht
+p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen
+p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen
+p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen
+
+The original spelling has been maintained throughout the book,
+particularly for the following words:
+
+p 058: Gleichgiltigkeit
+p 120: Lucke
+p 143: Monreal
+p 301: hinmummelte
+p 148: darnach
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE ***
+
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+ http://www.gutenberg.org/1/8/5/5/18551/
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
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+
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+electronic works
+
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+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
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+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
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+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
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+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
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+<pre>
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+Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Der Wendekreis - Erste Folge
+ Novellen
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: June 11, 2006 [EBook #18551]
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+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE ***
+
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+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<div class="titlepage">
+<!-- <p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a>[Illustration: S. Fischer logo]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a></p>
+<h1>Der Wendekreis</h1>
+
+<h4>von</h4>
+
+<h2>Jakob Wassermann</h2>
+
+
+<h3>Erster Band</h3>
+
+
+<h4>Der unbekannte Gast<br />
+Adam Urbas<br />
+Golowin<br />
+Lukardis<br />
+Ungnad<br />
+Jost<br />
+</h4>
+
+
+<h5>1920<br />
+S. Fischer / Verlag / Berlin</h5>
+
+<!--
+<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a></p>
+<h1>Der Wendekreis</h1>
+
+<h4>von</h4>
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+<h2>Jakob Wassermann</h2>
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+<h5>1920<br />
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+
+<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a></p>
+<p class="copyright">Erste bis zehnte Auflage<br />
+Alle Rechte, insbesondere das der &Uuml;bersetzung, vorbehalten<br />
+Copyright 1920 S. Fischer, Verlag</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p>
+
+<table class="toc">
+<caption>Inhalt</caption>
+<tr><td><a href="#Der_unbekannte_Gast">Der unbekannte Gast</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_7">7</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Adam_Urbas">Adam Urbas</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_45">45</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Golowin">Golowin</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_79">79</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Lukardis">Lukardis</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_167">167</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Ungnad">Ungnad</a></td>
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+<tr><td><a href="#Jost">Jost</a></td>
+<td class="onpage"><a href="#Page_293">293</a></td></tr>
+</table>
+
+</div>
+
+<div class="textbody">
+<!-- <p><a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Der_unbekannte_Gast" id="Der_unbekannte_Gast"></a>Der unbekannte Gast</h2>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a></p>
+<p class="newsection">An die Pforte dieses Werkes, das der Verfasser nicht
+ohne verantwortungsvolles Zagen unternimmt, sei eine
+Geschichte von hin&uuml;bergreifender Beziehung gestellt, weniger
+in sich selber ruhend als sonst Geschichten schlechthin,
+doch mit nichten Brevier oder Verk&uuml;ndigung, nur Br&uuml;cke,
+nur Weiser, und so auch Bild und Gespinnst eher als Vorgang
+und Ereignis.</p>
+
+<div class="longbreak" />
+
+<p><a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a></p>
+<p class="newsection">Ein Schriftsteller in mittlerem, ja vorger&uuml;cktem Alter,
+er werde M&ouml;rner genannt, erfuhr zu einer bestimmten Zeit
+des letztvergangenen Jahres eine unerkl&auml;rliche Ver&auml;nderung
+seines seelischen Gleichgewichts. Er hatte nach l&auml;ngerer
+Ruhepause eine neue Arbeit begonnen, die seine Gedanken
+despotisch beherrschte, und deren Schwierigkeiten ihn nicht
+nur nicht abschreckten, sondern alle freien Kr&auml;fte in ihm
+sammelten und gegen ein lockendes Ziel trieben.</p>
+
+<p>Auf einmal brachen diese Kr&auml;fte. Eines sch&ouml;nen Tages
+erlahmte der Nerv des Schaffens. Da&szlig; es keine vor&uuml;bergehende
+Unlust, keine jener Tr&uuml;bungen war, die wie Nebel
+&uuml;ber einer Landschaft und doch im Grunde atmende
+Zeugnisse des Lebens sind, sp&uuml;rte M&ouml;rner. Es war wie
+wenn die Feder in einer Uhr zerbricht, oder noch beunruhigender,
+wie wenn man eine Vorratskammer betritt, die
+man mit Flei&szlig; und Umsicht gef&uuml;llt hat, und sie g&auml;nzlich
+leer findet.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich war es ein Verlust wie der Tod eines Wesens.
+Er sprach in einem Freundeskreis dar&uuml;ber, mit Zur&uuml;ckhaltung
+anfangs, da es ihm widerstrebte, innere Wirrungen
+zum Gegenstand des Meinungsaustausches zu
+<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>machen. Die Verstimmung, unter der er litt, war bereits
+aufgefallen; was er nun als ihre Ursache bezeichnete,
+wollte keinem recht einleuchten und man hielt es f&uuml;r
+Hypochondrie eines Zwischenzustandes. Man kannte seine
+zweifels&uuml;chtige und h&auml;ufig schwankende Art; er hatte oft
+genug das Schauspiel des Selbstqu&auml;lers gegeben, der nach
+jeder abgeschlossenen Leistung sie zerpfl&uuml;ckte und hilflos
+wie vor dem ersten Beginn in die Zukunft schaute, alles
+von Schicksal und F&uuml;gung erhoffend, nichts oder wenig
+von seinem Talent. Aber seine Hingabe war unbegrenzt,
+seine Arbeit ein opfervoller Dienst; dem unerm&uuml;dlichen
+und redlichen Bem&uuml;hen war der reinste Wille gesellt,
+die Unbestechlichkeit des Gewissens, die jede Erleichterung
+und Vers&uuml;&szlig;ung ablehnt. Dazu kam, da&szlig; ihm der Erfolg
+nicht gefehlt hatte; mi&szlig;traute er ihm auch, so war er doch
+von ihm auf eine gewisse Lebensh&ouml;he getragen worden;
+war auch sein Name, sein Werk umstritten, so geno&szlig; er
+doch die Achtung, ja die verehrende Neigung Vieler und
+erhielt nicht selten unzweideutige Beweise davon.</p>
+
+<p>Die Freunde nahmen also seine sichtliche Verst&ouml;rung
+nicht ernst. Dies reizte seine Ungeduld, und als einer von
+ihnen mit etwas zu billigem Trost geendet hatte, sagte
+M&ouml;rner: &raquo;Wenn ein Mensch wie ich nicht mehr an die
+Wichtigkeit und Notwendigkeit seiner Mission glaubt,
+ist er einfach das aller&uuml;berfl&uuml;ssigste Gesch&ouml;pf auf Erden.
+Wie erst, wenn ihm die Aufgabe selber entschwindet,
+wenn er nicht mehr wei&szlig;, was er &uuml;berhaupt noch soll und
+das Fertige wie ein umgeblasenes Kartenhaus hinter ihm
+liegt? Da wird alle Wirklichkeit ein Gespenstergraus;
+sein Geist hat gar nicht Fassungsraum genug f&uuml;r die Tiefe
+des Abgrunds, der vor ihm g&auml;hnt.&laquo;</p>
+
+<p>Die Freunde stutzten und schwiegen. Einige begriffen
+<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>nicht recht, was er meinte, und er fuhr achselzuckend fort:
+&raquo;Mission ist freilich ein viel zu anspruchsvolles Wort.
+Man d&uuml;rfte seinen Ehrgeiz nicht &uuml;ber die Haltung eines
+honetten Handwerksmeisters spannen. So war es in
+fr&uuml;heren Zeiten. Das Au&szlig;erordentliche entstand gleichsam
+durch bescheidenen Zufall, nicht in priesterhafter Gier und
+Askese. Was erstrebt man denn, was ersehnt man denn?
+Man will das Formlose formen; was die Natur zerst&uuml;ckelt
+liegen l&auml;&szlig;t, zusammenf&uuml;gen und es der gro&szlig;en Vergeuderin
+und Zerst&ouml;rerin entgegenhalten. Unzul&auml;nglich bleibt man
+dabei immer, aber es ist wunderbar, so lang das Material
+gehorcht, und das Auge, und die Hand. Zerrinnt einem aber
+der Stein, den man aus dem Bruch schl&auml;gt, zu fl&uuml;ssigem
+Sand, flattern von der Fackel, die man am gro&szlig;en Weltenfeuer
+entz&uuml;ndet hat, statt der Flammen rotgef&auml;rbte Papierfetzen
+empor, so ist es schlimm, mehr als schlimm, es ist
+das Ende.&laquo;</p>
+
+<p>Mit j&auml;her Bewegung erhob er sich und ging ohne Gru&szlig;.
+Die Freunde sahen einander verwundert an.</p>
+
+
+<p class="newsection">Eine Zeit lang verschanzte er sich in seinem Hause,
+und niemand konnte zu ihm gelangen. Dann hie&szlig; es,
+er sei verreist, um in der Stille eines Landaufenthalts
+Sammlung zu gewinnen. Aber schon nach ein paar
+Tagen kehrte er zur&uuml;ck. Sein Aussehen erregte Besorgnis.
+Tiefe Gruben hatten sich in den Wangen gebildet; der
+Blick war der eines Kranken. Er kam wieder zu den
+Freunden und gestand, die Einsamkeit sei ihm Pein.
+Doch auch Geselligkeit schien ihn nicht aufmuntern zu
+k&ouml;nnen. Man machte ihm in liebevoll-scherzhafter Weise
+den Hof, man schmeichelte ihm, man erwies ihm zarte
+kleine Ehrungen; umsonst, es war ihm kaum ein L&auml;cheln
+<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>abzulocken. Er stellte sich fast jeden Abend ein, wie einer,
+der vor sich flieht; er bat, man m&ouml;ge ihn blo&szlig; dulden,
+wenn es zum &Auml;rgsten komme, werde er trachten, nicht zur
+Last zu fallen. Was er unter dem &Auml;rgsten verstand,
+dar&uuml;ber &auml;u&szlig;erte er sich nicht; die Hausfrau, die seine ergebenste
+Anh&auml;ngerin war, zog ihn beiseite und beschwor
+ihn, sich zu fassen, zu erheben; er mache durchaus den
+Eindruck eines Menschen, den ein Phantom zum Narren
+h&auml;lt; man sei so viel Befeuerung von ihm gew&ouml;hnt, so viel
+gesunde, heilsam wirkende Kraft, dies k&ouml;nne doch nicht
+mit einem Mal zu nichte werden; ob sie ihm helfen k&ouml;nne,
+ob er sie des Vertrauens nicht mehr w&uuml;rdige? Sie sei
+zu jedem Opfer bereit, sie wie auch alle andern, die best&uuml;rzte
+Zeugen seiner Verwandlung seien.</p>
+
+<p>Er sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Zu helfen ist da nicht,&laquo; antwortete
+er; &raquo;es w&auml;re besser, Sie zerrten mich nicht aus der
+Dumpfheit heraus. Das letzte Versteck darf man mir nicht
+nehmen; gegen Beleuchtung wehrt sich alles in mir, die
+Dinge bekommen dadurch ein zu prahlerisches Gesicht.
+Mein Fall ist an sich gering; legt ihr ihm Bedeutung bei,
+so werdet ihr nur zu Urhebern von neuen Leiden. Was
+ich an mir erfahre, ist doch blo&szlig; die Folge einer vielfach
+verschlungenen Kette von Selbstt&auml;uschungen und Selbst&uuml;bersch&auml;tzungen.
+Man hat sich zu lange gefallen, man hat
+sich zu lange beruhigt, man hat immerfort behaglich im
+lauen Wasser gepl&auml;tschert. Die Erkenntnis ist schmerzlich.
+Wie w&auml;re einem Menschen zu helfen, der niemals in einen
+Spiegel gesehen hat, der bis zu dem Moment, in dem es
+geschieht, im Wahn befangen war, er sei sch&ouml;n, er sei wohlgebildet,
+er habe angenehme Z&uuml;ge, und pl&ouml;tzlich grinst ihm
+aus dem Glas eine abscheuliche Fratze entgegen? Wie wollen
+Sie dem helfen? Da&szlig; mich ein Phantom zum Narren
+<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>h&auml;lt, ist au&szlig;erdem noch wahr.&laquo; Er z&ouml;gerte in ungewisser
+Scham und fuhr fort: &raquo;Stellen Sie sich vor, da&szlig; ich nicht
+allein sein kann, ohne da&szlig; mir zumute ist, ein dringlich
+fordernder Gl&auml;ubiger sei hinter mir her und verlange die
+Bezahlung einer Schuld. Und zwar ein Gl&auml;ubiger, dem
+ich zu Dank verpflichtet bin, der mir gro&szlig;e Dienste geleistet
+hat, den ich wiederholt, mit guten und schlechten Gr&uuml;nden,
+habe vertr&ouml;sten m&uuml;ssen und der nun, selbst in Bedr&auml;ngnis,
+das langgefristete Darlehen nicht mehr stunden will.
+Das ist keine Figur, liebe Freundin, kein Gleichnis f&uuml;r einen
+beengten Zustand, es ist eine Realit&auml;t. Auch okkulter Einflu&szlig;
+kann eine Realit&auml;t sein. Sie wissen, da&szlig; ich Skeptiker
+genug bin, um solchen Anfechtungen zu widerstehen.
+Wer hat sich nicht schon &uuml;ber meine Trockenheit beklagt,
+in dieser wie in anderer Beziehung! Hier scheitern vern&uuml;nftige
+Erw&auml;gungen an einer Vision, an der der ganze
+Organismus teil hat, das furchtbar genaue Wissen darum,
+wie es um mich bestellt ist. Leute meines Schlags kennen
+ihr eigenes Innere so gut wie die Bureauschreiber ihren
+Registrier-Apparat, und wo da die Tugend aufh&ouml;rt und
+die S&uuml;nde beginnt, ist schwer zu sagen. Die Quelle, die
+uns n&auml;hrt, ist zugleich vergiftet, und wir sterben daran,
+ohne das Gift zu sp&uuml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was <em class="gesperrt">wir</em> davon sp&uuml;ren, wir Zuschauer und
+Zuh&ouml;rer, ist Freude und erh&ouml;htes Leben,&laquo; versetzte die
+Freundin herzlich und reichte ihm beide H&auml;nde.</p>
+
+<p>M&ouml;rner blickte gr&uuml;belnd vor sich hin. &raquo;Bei alledem,
+sollte man es glauben,&laquo; sagte er mit einem Rest von Selbstverspottung
+im Ton, &raquo;bei alledem ist es wie eine letzte
+Genugtuung, da&szlig; er kommt, dieser Gl&auml;ubiger, da&szlig; er
+mahnt. Er h&auml;lt mich also noch f&uuml;r zahlungsf&auml;hig, ich
+habe also noch Kredit in der Geisterwelt. Sonderbar,
+<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>da&szlig; wir nicht &auml;rmer werden, wenn wir dort unsere Schulden
+begleichen, im Gegenteil. Nur mu&szlig; man eben zahlen
+k&ouml;nnen, und ich kanns nicht. Die Kassen sind leer bis auf
+die Neige. So arm darf man nicht werden, oder man hat
+miserabel gewirtschaftet.&laquo;</p>
+
+<p>M&ouml;rner begab sich wieder zu den &uuml;brigen, die harmlos
+plauderten, die Hausfrau folgte ihm mit zwiesp&auml;ltigem
+Gef&uuml;hl. Die unerbittliche Logik in der Verwirrung &uuml;berraschte
+sie und stimmte sie nachdenklich. Da ging eine
+Abrechnung vor sich, hartn&auml;ckiger und ernsthafter als dem
+blo&szlig; f&uuml;r Alltags-Ungemach geschulten Blick erkennbar war.</p>
+
+<p>Das Gespr&auml;ch geriet auf die Zeitumst&auml;nde, und ein
+junger Lehrer der Philosophie machte die Bemerkung,
+in einer Epoche, wo die Wirklichkeit soviel Stoff produziere
+wie in der gegenw&auml;rtigen, das st&uuml;rmisch flie&szlig;ende Schicksal
+soviel rohes Material ans Ufer schwemme, in einer solchen
+Epoche m&uuml;sse die schaffende Phantasie durch ein automatisch
+funktionierendes Ausgleichsgesetz erlahmen; erst
+sp&auml;tere Geschlechter seien wahrscheinlich imstande, das
+chaotisch Hingeworfene, Strandgut der Geschichte, zu neuen
+Bauten zu benutzen. Daher der Verfall der Kunst, daher
+das Versagen der K&uuml;nstler.</p>
+
+<p>M&ouml;rner, der bislang schweigend zugeh&ouml;rt hatte, unentschlossenen
+Anteil in den Mienen, zuckte pl&ouml;tzlich auf.
+Es war eine nicht sehr taktvolle &Auml;u&szlig;erung im Hinblick
+auf ihn, das empfanden alle, auch der Sprechende selbst,
+der err&ouml;tend abbrach. Aber sie war nun einmal getan.
+M&ouml;rner erhob die Hand mit gespreizten Fingern, als wolle
+er verh&uuml;ten, da&szlig; ihm ein anderer im Wort zuvorkomme
+und sagte: &raquo;Ach nein, nein, nein. Unleugbar steht uns die
+Zeit entgegen, aber nicht wegen der &Uuml;berf&uuml;lle des Geschehens,
+sondern wegen der Zerst&ouml;rung der Geister und
+<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>der Seelen. Von welchen Flammenausbr&uuml;chen genialer
+Naturen sind vergangene Umw&auml;lzungen begleitet gewesen!
+Wollt ihr Namen? Sie wimmeln. Jede Revolution hat
+Propheten und Gestalter aus ihrem Scho&szlig; geboren;
+einen, der die Eroica in die br&uuml;llende Woge schleuderte,
+einen, der seinem grandiosen Schmerz die Hermannsschlacht
+entri&szlig;, einen, der mitten in gewaltigen G&auml;rungen die
+Trib&uuml;ne der <em class="antiqua">Comedie humaine</em> errichtete. Gerufen von
+der Sehnsucht ihrer Welt, gaben sie ihr Stimme und Bild,
+wiesen ihr die Wurzel und den Gipfel ihres Geschicks.
+Heute aber? War jemals eine Menschheit so zu Boden
+getreten? Sagt mir nicht, er sei vielleicht da, irgendwo
+unter uns, der gl&uuml;hende Zeuge und wunderbare Architekt,
+und ich verm&ouml;chte ihn blo&szlig; nicht zu sehen und zu h&ouml;ren.
+Du und du und Sie und Sie und ich, warum sollten ihn
+wir nicht ahnen, nicht kennen? W&uuml;rden nicht unsere Nerven
+bei seinem geringsten Hauch vibrieren? W&auml;re er nicht Fleisch
+von unserm Fleisch, Blut von unserm Blut? wer sollte
+ihn wissen, wenn nicht wir? Es gibt ihn nicht. Seine Entstehung
+schon wird im Keime erstickt. Der Scho&szlig; ist unfruchtbar
+geworden, es kommt nicht mehr bis zur Kristallbildung;
+es bleibt beim Ansatz; in den Elementen ist kein
+Wille, sich zu ballen; die ruhende Sehnsucht ist nicht produktiv.
+War jemals eine Menschheit so zu Boden getreten?
+frag ich noch einmal; so m&uuml;de, so stumpf, so entbl&auml;ttert,
+so kurz von Atem und so k&uuml;hl im Hirn? Sp&uuml;rt ihr es nicht,
+wie keine Resonnanz wird? Kein Sinn will mehr aufnehmen;
+es sei denn die gr&ouml;bste Nahrung; nichts ist Besitz,
+alles Erwerb; nichts Erlebnis, alles Kitzel; keinem Gem&uuml;t
+pr&auml;gt sich das Wesen ein, nur die Verzerrung davon;
+die Ehrfurcht ist geschwunden, die &Uuml;berlieferung abgeschnitten,
+der Glaube tot, das Wissen ein m&ouml;rderisches
+<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Narkotikum. Kein Zusammenhang und Zusammenklang,
+in der H&ouml;he nicht, in der Tiefe nicht, bei den Guten nicht,
+bei den B&ouml;sen nicht. Hinten versinkt alles in Abgr&uuml;nden,
+vorne &ouml;ffnen sie sich. Panische Flucht nach allen Seiten;
+Angst, sich zu verpflichten, Angst vor der Hand, die sich
+bietet, Angst vor dem Schmerz, Angst vor der Wahl, Angst
+vor jeglicher Entscheidung, Angst sogar vor der Erinnerung
+an den verlorenen Gott. Und wird euch denn nicht ebenfalls
+Angst, wenn ihr die Heraufkommenden betrachtet,
+diese Zuchtlosen, ihre Lust an der Raserei, an der Tobsucht
+des frierenden Verstandes; ihren G&ouml;tzendienst vor der
+Chim&auml;re, den Kultus vor dem Golem, die grauenvoll
+ummauerte Isolierung eines jeden, in der er, um sich und
+die andern Isolierten zu bet&auml;uben, wie ein verr&uuml;ckt gewordener
+Anachoret nach Verbr&uuml;derung schreit, rachs&uuml;chtig
+und voll Ha&szlig; in seiner Wehleidigkeit? Was soll werden?
+Man kann eine Ruine aufbauen, wenn das Material
+noch halbwegs brauchbar ist, aber aus morschem Plankenwerk
+und wurmstichigen Brettern ein seet&uuml;chtiges Fahrzeug
+zimmern, das ist unm&ouml;glich. Da habt ihr die Krankheit.
+Da ist es aufgerollt, das Gem&auml;lde der Katastrophe,
+meiner und aller derer, die noch gutgl&auml;ubig oder weil sie
+sich der schrecklichen Klarheit eine Weile noch verschlie&szlig;en
+wollen, am Werke sind. Morituri te salutant. Es ist
+kein C&auml;sar da; gr&uuml;&szlig;t man also die Blinden und Tauben,
+die unsere Geschicke lenken? Sie bilden sich nur ein,
+zu lenken, sie werden mitgeschleift und mitzerschmettert.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend er so sprach, hatte es M&ouml;rner geschienen, da&szlig;
+die T&uuml;r aufgegangen und jemand eingetreten war. Er
+schaute sich um, bemerkte aber keinen Hinzugekommenen,
+auch verriet nichts in den Mienen der Freunde, da&szlig; sie
+eine gleiche Wahrnehmung gemacht. Die Augen ruhten
+<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>gro&szlig; auf ihm, mit scheuem und betroffenem Ausdruck.
+Indessen wich das Unbehagen nicht von ihm, das die
+verborgene Anwesenheit eines Fremden verursacht. Sein
+suchender Blick pr&uuml;fte die Gesichter. Es war kein neues
+darunter; er kannte jedes. Doch d&uuml;nkte es ihn, im Hintergrund
+des Raums, zwischen Fl&uuml;gel und B&uuml;cherkasten,
+wo das Licht sich verlor, sitze eine Person, die vorher nicht
+dagewesen war. Er wagte es nicht, sich zu vergewissern,
+hielt aber das Gef&uuml;hl f&uuml;r untr&uuml;glich.</p>
+
+<p>Die wohllautende Stimme eines jungen M&auml;dchens
+sagte: &raquo;Ist denn nicht, wer schafft, im tiefsten Sinne ohne
+Zeit? Ist es denn diese eine, nahe, bestimmte Welt, die
+ihm notwendig ist, und nicht vielmehr eine &uuml;bertragene
+obere, die sein Traum wahrer macht als die untere? Sie
+selbst haben es uns so gelehrt. Nicht in Worten; im Beispiel.
+Und was wir so oft mi&szlig;verstanden und falsch verstanden
+haben, da&szlig; der Dichter ein entselbsteter Mensch ist,
+so nannten Sie es ja, der Mensch ohne Partei, ohne Meinung
+fast, dem alles Leben zur Speise wird, ist das denn nicht
+mehr das Gesetz, dem Sie sich dem&uuml;tig beugen, wie Sie
+immer getan haben?&laquo;</p>
+
+<p>M&ouml;rner senkte den Kopf, und als er antwortete, war es
+ihm, als stehe er nicht der sanften Fragerin Rede, sondern
+der verborgenen Person, die er im Zimmer wu&szlig;te. &raquo;Widerst&auml;nde
+k&ouml;nnen wachsen,&laquo; sagte er; &raquo;es ist jedesmal ein
+harter Weg dorthin, in die obere Welt; eines Tages sind
+die Schranken un&uuml;bersteiglich. Die Kraft reicht nicht mehr
+zu; der Mut ist nicht mehr da. Werkt&auml;tigkeit beruht auf
+Wechselwirkung. Das Leben ist meine Speise, freilich;
+wenn aber die Speise faulig wird, wie dann? Wenn die
+Augen nicht mehr sehen k&ouml;nnen, das innere Membran
+nicht mehr erzittert, das Bild nicht mehr zu fassen ist,
+<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>das Gef&uuml;hl seine Sicherheit einb&uuml;&szlig;t? Wie dann? Beide
+Welten, die obere und die untere sind mir zu Schemen verbla&szlig;t.
+Ich kann nichts mehr greifen, es bleibt mir nichts
+in der Hand, ich bin zur Ohnmacht verurteilt, ich bin ein
+Selbst geworden.&laquo;</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte traurig, zuckte die Achseln und schwieg.
+Sein Ohr lauschte in die Richtung, wo der Unsichtbare sa&szlig;.
+Der aber verriet seine Gegenwart durch keinen Laut und
+keine Bewegung. Als das junge M&auml;dchen sich zum Fl&uuml;gel
+setzte und ein Bachsches Pr&auml;ludium zu spielen begann,
+schien er seinen Platz zu ver&auml;ndern.</p>
+
+<p>M&ouml;rner wollte die Freunde durch seine Gegenwart nicht
+l&auml;nger bedr&uuml;cken und entfernte sich still. Durch die mittern&auml;chtlich
+ver&ouml;deten Stra&szlig;en trat er den Heimweg an,
+doch war ihm nicht wohl zumute bei der Aussicht auf Alleinsein
+in seinem Hause.</p>
+
+
+<p class="newsection">Er h&ouml;rte Schritte hinter sich, eine Weile schon. Es folgte
+ihm jemand.</p>
+
+<p>Die Luft war mild, das Gew&ouml;lbe bis in die Unendlichkeit
+umschleiert. In der Dunkelheit wuchtete Ahnung,
+die die Seele zusammenpre&szlig;te und sie aufsteigen machte
+gleich einer artesischen S&auml;ule. Er erinnerte sich solcher
+N&auml;chte aus seiner J&uuml;nglingszeit. Es waren dieselben
+flaums&uuml;chtigen Wolken gewesen, damals, in der Stadt
+seines Elends, mitten im Herzen Deutschlands, dieselbe
+bitters&uuml;&szlig;e Feuchtigkeit in der Atmosph&auml;re, dasselbe heimliche
+S&auml;useln und Brodeln in der Erde. Warum war ihm
+das L&auml;ngstvergangene heute nah? K&uuml;ndigte sich Pr&uuml;fung
+an und neue qu&auml;lende &Uuml;berschau? Parade &uuml;ber die
+Truppen vor der Abdankung? Ein Laut war wie Vogelruf,
+genau wie damals aus dem Geb&uuml;sch am tr&uuml;ben Flu&szlig;,
+<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>der die Fabrikw&auml;sser f&uuml;hrte. Aber damals war es Verhei&szlig;ung
+gewesen, heute war es Verzicht; damals Ankunft,
+heute Abschied; damals hatte Romantik um die verschlossenen
+Tore und schwarzen Fenster geschauert, heute das
+frostige Wissen. Drei Jahrzehnte vergeblichen Wegs in
+eine Sackgasse!</p>
+
+<p>Er ging langsamer; der ihm folgte, verz&ouml;gerte ebenfalls
+den Schritt. Er ist es, durchfuhr es M&ouml;rner, und seine
+erste Regung war, zu fliehen. Doch trotzte er ihr; an einer
+Ecke unter einer Gaslaterne blieb er stehen. Der andere
+kam heran, l&uuml;pfte den steifen niedern Hut und sagte leise:
+&raquo;Guten Abend.&laquo;</p>
+
+<p>Es war ein Mann von nicht genau bestimmbarem Alter;
+Mitte der Drei&szlig;ig ungef&auml;hr; jugendlich schlank, aber in
+der Haltung etwas schlaff und im Gang schleppend.
+Soviel sich im ungewissen Licht ausnehmen lie&szlig;, waren
+die Haare blond. Die Kleidung war adrett, obwohl ein
+wenig abgetragen. Das bartlose Gesicht war auffallend
+hager, mit tiefliegenden blauen Augen und erstaunlich
+scharfen Kerben um den Mund. Alles in allem war es
+ein sch&ouml;nes, zumindest ein sch&ouml;n gewesenes Gesicht, das
+nichts Vulg&auml;res an sich hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich hoffe, Sie nicht zu st&ouml;ren,&laquo; sagte der Unbekannte
+mit achtungsvoller Artigkeit, die den Mann von Erziehung
+verriet; &raquo;wir haben den n&auml;mlichen Weg, scheint es; darf
+ich Sie begleiten?&laquo;</p>
+
+<p>M&ouml;rner verbeugte sich k&uuml;hl. Er z&uuml;rnte sich wegen der
+Beklommenheit, die er empfand. Seite an Seite setzten
+sie den Weg fort.</p>
+
+<p>Der Unbekannte sagte: &raquo;Ich bitte um Verzeihung, wenn
+ich mich nicht vorstelle; aber ich habe keinen Namen.
+Ich mache wenigstens schon lange keinen Gebrauch mehr
+<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>von ihm. Nur im Notfall nenne ich mich, so oder so;
+es gibt ja zwingende Situationen; ich sch&uuml;tze dann einen
+erfundenen Namen vor. Ich denke, Sie legen auf diese
+Formalit&auml;t kein Gewicht.&laquo;</p>
+
+<p>Immerhin ein merkw&uuml;rdiger Geselle, dachte M&ouml;rner
+und sah geradeaus auf das Pflaster. So auch, vor sich
+hin, erkundigte er sich: &raquo;Sie sind fremd in der Stadt?
+Seit kurzem erst hier, wenn ich fragen darf?&laquo; Er ist es,
+dachte er wieder, und mit einer Anwandlung von Ha&szlig;:
+wozu die gezierten Vorbereitungen? weshalb spielt er
+Verstecken mit mir? was ist seine Absicht?</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich bin fremd,&laquo; gestand der Herr mit seiner leisen,
+freundlich und r&uuml;cksichtsvoll klingenden Stimme; &raquo;aber
+daran bin ich gew&ouml;hnt. Ich bin eigentlich &uuml;berall fremd.
+Das hei&szlig;t, obenhin betrachtet, bin ich fremd, genau genommen
+nicht. Ich reise fortw&auml;hrend, wissen Sie, bin
+immer wo anders, ohne festes Domizil. Ich liebe es nicht,
+Aufenthalt zu nehmen. Wenn man sich aufh&auml;lt, entstehen
+Vers&auml;umnisse. Viele Jahre bin ich schon unterwegs,
+und es ist manchmal schwer, der M&uuml;digkeit nicht nachzugeben.
+Aber wir wollen nicht von mir sprechen. An mir
+ist nichts interessant. Sie werden es mir nicht ver&uuml;beln,
+wenn ich offen gestehe, da&szlig; ich Ihnen aus reiner Neugier
+nachgegangen bin. W&auml;ren Sie mir entschl&uuml;pft, ich h&auml;tte
+wirklich nicht gewu&szlig;t, was tun. Ich h&auml;tte Sie bestimmt
+noch heute Nacht in Ihrer Wohnung aufgesucht, und diese
+Zudringlichkeit w&auml;re Ihnen wahrscheinlich sehr unangenehm
+gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie waren also dort, dort oben bei meinen Freunden?&laquo;
+stammelte M&ouml;rner; &raquo;ich habe mich also nicht geirrt&nbsp;...?&laquo;</p>
+
+<p>Der Unbekannte nickte. &raquo;Gewi&szlig;, ich war dort,&laquo; erwiderte
+<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>er etwas besch&auml;mt; &raquo;es hat mich unwiderstehlich
+hingezogen. Ich wu&szlig;te von Ihnen. Ich hatte irgendwelche
+Botschaft. Aus tausend Stimmen dringt eine hervor,
+vernehmlicher als die andern. Ein Blatt Papier, ein aufgefangenes
+Wort, was kann das nicht alles bedeuten.
+Und zuf&auml;llig sa&szlig; ich Ihnen neulich im Eisenbahncoup&eacute;
+gegen&uuml;ber, entsinnen Sie sich nicht? Da erfa&szlig;te mich sofort
+die Neugier, trotzdem ich &uuml;ber das Wichtigste gleich im
+Klaren war, und ich blieb unabl&auml;ssig auf Ihren Spuren.&laquo;</p>
+
+<p>In der Tat glaubte sich M&ouml;rner zu entsinnen, den
+Unbekannten w&auml;hrend einer vielst&uuml;ndigen Fahrt im halbdunkeln
+Abteil gesehen zu haben. Er wunderte sich, da&szlig;
+ihm das erst jetzt einfiel, denn Gestalt und Gehaben des
+Menschen waren ihm ungew&ouml;hnlich erschienen, das vollkommen
+unbewegliche Sitzen, der intensive Blick, eine
+gewisse Naivit&auml;t und Bescheidenheit in den Mienen,
+verbunden mit einer schwer definierbaren l&auml;chelnden
+Undurchdringlichkeit, alle diese Einzelheiten sah er lebhaft
+vor sich. Seine Spannung und Unruhe wurde dadurch
+nicht vermindert. &raquo;Wieso waren Sie sich &uuml;ber das Wichtigste
+im Klaren?&laquo; fragte er und suchte seine Erregung hinter
+einem gereizten und m&uuml;rrischen Ton zu verbergen. &raquo;Bin
+ich denn so auf den ersten Blick zu ergr&uuml;nden? Nichts f&uuml;r
+ungut, aber gegen das Hellsehn hab ich meinen Argwohn;
+es ist durch einige Leute von meinem Metier diskreditiert
+und l&auml;uft gew&ouml;hnlich auf Charlatanerie und Mystifikation
+hinaus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe ja auch Ihre <em class="gesperrt">Worte</em> geh&ouml;rt,&laquo; antwortete
+der Fremde einfach. &raquo;Da&szlig; Sie mi&szlig;trauisch sind, begreife
+ich. Sie kennen mich ja nicht. Ich habe mir noch kein Recht
+auf Ihr Zutrauen erworben. Ich bin ein Namenloser,
+wie gesagt, ein Niemand; es steht bei Ihnen, mich f&uuml;r einen
+<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>Charlatan zu halten. Nur bitte ich Sie, Ihr endg&uuml;ltiges
+Urteil noch zu verschieben.&laquo;</p>
+
+<p>Er wich einem Hund aus, der &uuml;ber die Stra&szlig;e lief
+und fuhr mit derselben unerheblichen Stimme fort: &raquo;Nein,
+Hellseher bin ich nicht, und da&szlig; ich Sie auf den ersten Blick
+ergr&uuml;ndet habe, behaupte ich auch nicht. Was mich zu
+Ihnen getrieben hat, ist neben der Neugier, die mir angeboren
+ist, die sonderbare Leidenschaftlichkeit in Ihnen,
+die sich auf alles in Ihrem Umkreis unmittelbar &uuml;bertr&auml;gt.
+Sie ist sehr selten, diese Art von Leidenschaft, diese entselbstete;
+der Ausdruck stammt ja von Ihnen. Es hat mich
+magnetisch angezogen; ich meine das nicht bildlich. Ob
+ich wollte oder nicht, ich mu&szlig;te dorthin, wo Sie waren.
+Auf dem Meer, mitten in einer Windstille, bei blauem
+Himmel, hat man manchmal die deutliche Empfindung,
+da&szlig; ein furchtbarer Sturm irgendwo hinter dem Horizont
+w&uuml;tet, der das Schiff f&ouml;rmlich in seinen Trichter saugt.
+So war Ihre Wirkung auf mich. Die meisten Menschen
+wissen nichts von ihrer eigenen Wirkung. Das Leben
+stumpft sie ab dagegen. Viel notwendiger ist es, die
+eigene Kraft kennen zu lernen, als die der andern. M&auml;chtige
+Seelen liegen oft faul da und ahnen nichts von dem
+Magnetismus, der in ihnen aufgesammelt ist. Ich unterscheide
+die Menschen danach. Es ist eine Stufenleiter;
+von denen, die oben stehen, strahlt die gr&ouml;&szlig;te Kraft aus,
+die Schicksalskraft, die Verantwortlichkeitskraft. Das ist
+der Kitt, der bindet. So war wenigstens meine Erfahrung.
+Das ist auch der Grund, warum mich Ihre Leidenschaftlichkeit
+so besch&auml;ftigt hat. Worauf sie eigentlich gerichtet
+ist, kann ich nicht genau ermessen; ich habe nur zum Teil
+verstanden, was Sie dort in dem Haus sagten; ich bin kein
+sehr gebildeter Mensch und habe wenig gelesen. Ich hatte
+<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>die Zeit nicht. Ich habe mir nur einige F&auml;higkeiten angeeignet,
+durch die es mir m&ouml;glich geworden ist, &#8211; aber
+lassen wir das, davon erz&auml;hl ich Ihnen sp&auml;ter, falls es sich
+ergibt. Folgende &Uuml;berlegung war es, die mich ber&uuml;hrt hat
+wie seit langem nichts. Ich sagte mir: wenn man mit
+einer solchen Flamme in der Brust vor der Menschenwelt
+steht, wie kann es sein, was mu&szlig; da geschehen sein, da&szlig;
+die Flamme nicht leuchtet, da&szlig; nicht alles in blendender
+Helligkeit vor ihr liegt, da&szlig; der, der sie besitzt, sich &uuml;ber
+Finsternis beklagt und eben dadurch in Gefahr kommt,
+tats&auml;chlich in Finsternis zu versinken? Wie geht das zu?
+Ich sagte mir weiter: Vielleicht kannst du da Nutzen stiften,
+es ist dir ja schon manchmal gelungen; da liegt so eine
+Seele, sagte ich mir, eine m&auml;chtige Seele und windet sich
+in Zuckungen; vielleicht kannst du das tr&uuml;be Medium
+von der Netzhaut dieses Menschen l&ouml;sen, mehr ist vielleicht
+nicht zu tun; das Ganze ist eine Erkrankung des Auges;
+freilich nicht des physischen Auges; was darf nicht alles
+Auge hei&szlig;en bei den Edleren: das Herz ist selber Auge.&laquo;</p>
+
+<p>Die h&auml;ufig stockende, wie aus Bescheidenheit unsichere
+und z&ouml;gernde Rede des Fremden drang mit jeder Silbe
+unhemmbarer in M&ouml;rners Inneres. Harte Schlacken
+schmolzen, der Krampf lockerte sich.</p>
+
+<p>Was f&uuml;r ein Mensch ist dies? dachte er zwischen zwei
+Atemz&uuml;gen, von denen der eine noch Qual war, der n&auml;chste
+schon Hoffnung.</p>
+
+
+<p class="newsection">Sie sa&szlig;en im Arbeitszimmer des Schriftstellers. Der
+Unbekannte begann zu erz&auml;hlen. Er hatte es gewi&szlig; noch
+nie getan, denn es hatte unverkennbare Erstmaligkeit.</p>
+
+<p>Es war viele Jahre her, da&szlig; er als Sohn eines reichen
+Hauses, verw&ouml;hnt, umworben, wie ein Thronfolger umschmeichelt,
+<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>eines pl&ouml;tzlichen Tages alles von sich geworfen,
+alles &Uuml;berfl&uuml;ssige, wie er sich ausdr&uuml;ckte: Geld, &auml;u&szlig;ere
+W&uuml;rde, gesellschaftliche Stellung, die Freunde, die Frauen,
+die Dinge, die Gew&ouml;hnungen, den Ehrgeiz, den Namen;
+alles von sich abgestreift, blo&szlig; um zu leben, um wirklich
+zu leben.</p>
+
+<p>M&ouml;rner glaubte sich zu erinnern, davon geh&ouml;rt zu haben.
+Aber die Zeit hatte den Eindruck des damals Vernommenen
+und wahrscheinlich Entstellten verwischt.</p>
+
+<p>Der Schritt des jungen Mannes hatte Verwunderung
+und Kopfzerbrechen erregt. Er verursachte auch vielen
+Menschen Leiden, die ihm bluts- und wesensnah waren,
+aber danach durfte er nicht fragen. Er verzichtete auf alles,
+was ihm lieb und unentbehrlich gewesen war und ging den
+Weg, den er sich selber bahnen mu&szlig;te, und der umso schwieriger
+und m&uuml;hevoller war, als es ein bestimmtes Ziel
+auf ihm nicht gab. Man mu&szlig;te sehen, wohin man kam.</p>
+
+<p>Was er unter &raquo;wirklich leben&laquo; verstand, das vermochte
+er weder damals noch sp&auml;ter befriedigend zu erkl&auml;ren.
+Man hielt ihn deshalb f&uuml;r einen unklaren Kopf, und selbst
+diejenigen Leute, die seine herausfordernde Luxusexistenz
+verurteilt hatten und seinen Bruch mit der Vergangenheit
+im Prinzip billigten, zuckten &uuml;ber die Ausf&uuml;hrung die
+Achseln. Sie hatten etwas Besonderes, Niedagewesenes
+erwartet und machten aus ihrer Entt&auml;uschung keinen Hehl.
+Sich seinen Verpflichtungen entziehen, die Schiffe hinter
+sich verbrennen, das kann schlie&szlig;lich jeder, so sprachen sie
+ungef&auml;hr; Geld und Gut fortwerfen, sch&ouml;n; in freiwilliger
+Armut leben, sch&ouml;n; aber angenommen sogar, da&szlig; man
+nicht zu den &auml;gyptischen Fleischt&ouml;pfen zur&uuml;ckkehrt, wenn
+einem die Geschichte eines Tages zu bunt wird, wo ist die
+Idee? Was f&uuml;r ein Dienst wird der Menschheit damit
+<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>geleistet? Was wird bewiesen, wodurch etwas ge&auml;ndert?
+Verk&uuml;ndet er eine neue Lehre? Lockt das Beispiel zur
+Nachahmung? Ist es &uuml;berhaupt nachahmenswert? Hat
+er die Welt um einen fruchtbaren Gedanken bereichert?
+Nein, stellten sie fest, es ist unreife Schw&auml;rmerei, bestenfalls
+eine moderne Donquichoterie; Herrenlaune im Grund,
+nur verbl&uuml;ffender als die fr&uuml;heren, und genau besehen
+ist er derselbe Snob geblieben, der er war, wenn auch nicht
+geleugnet werden soll, da&szlig; ihm &Uuml;bers&auml;ttigung und Verzweiflung
+den Antrieb gegeben haben.</p>
+
+<p>So &auml;u&szlig;erten sich die meisten. Er aber k&uuml;mmerte sich
+nicht darum. Ihre Reden drangen bald nicht mehr zu
+ihm. Er schied aus ihrer Mitte. Er schwand aus ihrem
+Gesichtskreis. Binnen kurzem war er verschollen. Er
+ging in die Tiefen hinunter. Umkehr gab es f&uuml;r ihn keine.</p>
+
+
+<p class="newsection">Er erz&auml;hlte, da&szlig; er ziemlich lange in der Borinage
+gelebt, bei den Bergleuten; damals noch als M&uuml;&szlig;igg&auml;nger
+und neugieriger Gast. Der Anblick des Elends hatte ihm
+diese Rolle unertr&auml;glich gemacht. Es hatte sich eine
+Gelegenheit zur &Uuml;berfahrt nach Amerika geboten. Dr&uuml;ben
+war er gezwungen, sein Brot zu verdienen. Er griff zum
+Schwersten, ging unter die Verlader am Hudson und war
+gegen Tagelohn angestellt. Er wurde krank. Genesen,
+unterrichtete er die Kinder eines polnischen Fl&uuml;chtlings
+im Lesen und Schreiben.</p>
+
+<p>Er hielt sich in seiner Erz&auml;hlung bei den selbstverst&auml;ndlichen
+Schwierigkeiten des allt&auml;glichen Lebens nicht auf.
+Um seine Person war es ihm ja nicht zu tun. Seine eigenen
+Leiden kamen nicht blo&szlig; nicht in Frage dabei, sondern er
+nahm gar keine Notiz von ihnen, sie waren kaum vorhanden
+f&uuml;r ihn.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>Er erz&auml;hlte, immer in dem n&auml;mlichen gleichm&auml;&szlig;igen
+Tonfall und ohne die geringste Eindringlichkeit, da&szlig; er sich
+bei einem gro&szlig;en Grubenungl&uuml;ck in Pensylvanien an den
+Rettungsaktionen beteiligt habe und wochenlang in den
+Sch&auml;chten gewesen sei; wochenlang in der Gesellschaft verwaister
+Kinder, verwitweter Frauen, dann da&szlig; es ihn
+immer weiter getrieben wie einen, der unstillbaren Durst
+hat und bei jedem Trunk nur noch durstiger wird. Da&szlig; er
+das Leben der Metallarbeiter kennengelernt habe, berichtete
+er, und das der Maschinenbauer, und das der Eisenbahnarbeiter,
+und das in den Schlachth&auml;usern, den Konservenfabriken,
+Spinnereien, S&auml;gewerken und Druckereien.
+Da&szlig; er mit Fischern gelebt, mit Holzf&auml;llern, mit Kleinb&uuml;rgern,
+mit Beamten, mit Kellnern, mit Defraudanten,
+mit Bar-T&auml;nzern, mit Negern, mit Farmern, mit Journalisten.
+Da&szlig; er Diener eines Sekten-Oberhaupts gewesen,
+Schreiber bei einem B&ouml;rsenmakler, Agent f&uuml;r ein Annoncenbureau.
+Da&szlig; er in einer Besserungsanstalt und in
+einem Zuchthaus war, nicht als unbeteiligter Besucher,
+sondern als Str&auml;fling, indem er sich mittels gef&auml;lschter
+Papiere f&uuml;r einen andern ausgegeben. Da&szlig; er wochenlang
+in den unterirdischen Kan&auml;len von Neuyork gen&auml;chtigt;
+in den Opiumh&ouml;hlen von Chicago gelebt und unter den
+Auswanderern auf Ellis-Island als Lazarettgehilfe gedient.
+Da&szlig; er ein Jahr darauf mit einer Goldsucher-Expedition
+nach Alaska gegangen sei; von dort nach Japan;
+von dort nach China. Da&szlig; er von Peking aus ins Innere,
+den Flu&szlig; entlang, gewandert sei, und mit einem tibetanischen
+Lama nach Madjura, der heiligen Siedlung mit dem
+Lilienteich und den T&uuml;rmen aus G&ouml;tterbildern; immer
+unter den Menschen, dicht bei den Menschen, immer einsam,
+dicht bei sich, von Tag zu Tag einsamer, von Tag zu
+<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>Tag reicher, beladen mit Reicht&uuml;mern, und immer noch
+durstig. Er erz&auml;hlte weiter. Das alles war erst Untermalung;
+Figur und Umri&szlig; zeigten sich sp&auml;ter.</p>
+
+<p>Er sprach von Schiffen und Dschunken; vom Himmel,
+vom Meer; von W&auml;ldern und G&auml;rten; von Tempeln und
+Festen; von St&auml;dten und W&uuml;steneien; von Heiligen und
+von Verbrechern; von religi&ouml;ser Versunkenheit und weltlicher
+M&uuml;hsal; von Aufruhr und Unterdr&uuml;ckung, von
+innigem Werkflei&szlig; und liebender Tat. Vom Schicksal
+und abermals vom Schicksal, seinem Wechsel, seinem
+Grauen, seiner Herrlichkeit, seiner in alle Seelen gewirkten
+Vielf&auml;ltigkeit.</p>
+
+<p>Er hatte erkannt; vom Erkennen war er voll. Er hatte
+Kr&auml;fte in sich geschl&uuml;rft mit Begierde. Er hatte die Bindungen
+und Verflechtungen des Menschheitsk&ouml;rpers sehen
+gelernt wie man die Lagerungen der Muskeln und Adern
+an einem hautlosen Leib wahrnimmt. Er war vertraut
+mit dem F&uuml;hlen und Denken aller Verlorenen, Irrenden,
+Geplagten und Duldenden an allen Enden und Ecken der
+Erde. Er kannte die Lasterhaften, die M&ouml;rder, die Diebe,
+die Hehler, die Geknechteten, die Einf&auml;ltigen, die Ergl&uuml;hten,
+die stummen Unverdrossenen. F&uuml;r ihn zogen sich F&auml;den
+von der K&uuml;ste des indischen Ozeans bis zu den Pal&auml;sten
+europ&auml;ischer Metropolen. Alles war ein einziger, bebender,
+hei&szlig;er Leib; alles wie die verschlungenen Zweige eines
+ungeheuren Baums. Er dr&uuml;ckte dergleichen nicht aus,
+dazu war er nicht imstande, aber es lag in seinem Aug
+und Wesen.</p>
+
+<p>Er war, vom Osten her, durch den Krieg gegangen,
+unangefochten, bewillkommt, von schonender Luft und
+schonenden H&auml;nden umgeben, und wo er war, schien er
+f&uuml;r die andern von jeher gewesen zu sein. Er hatte die
+<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>Schlachtfelder durchzogen, die Brandst&auml;tten, das blutbesudelte
+Land, h&uuml;ben und dr&uuml;ben, das zermalmte, seufzende
+Land. Er war Zeuge geworden von Pl&uuml;nderung und
+Metzelei, Hunger und Ha&szlig;, Wahnsinn und L&uuml;ge, Bestialit&auml;t
+und Verzweiflung. Aber auch von verborgenem Heldentum
+und dem kleinen Gl&uuml;ck der Gen&uuml;gsamen, von Opferdienst
+und Wundern der Vollbringung. Er wurde nicht
+m&uuml;de; er durfte es nicht werden, denn er sah noch kein
+Ziel.</p>
+
+<p>Was mag das Ziel sein? ging es M&ouml;rner durch den Sinn,
+indes er lauschte und mitlebte; in dem unendlichen Zirkel
+der Bilder und Vorstellungen dachte er pl&ouml;tzlich an Buddhas
+Wiese, an die seligen Gefilde der letzten Ent&auml;u&szlig;erung,
+des letzten Wissens, des letzten Friedens, der letzten Inkarnation,
+H&ouml;henscheide zwischen irdischer und himmlischer
+Welt.</p>
+
+<p>Wu&szlig;te er nicht, wohin er ging, der &uuml;beraus Seltsame?
+Dar&uuml;ber war kein Zweifel, da&szlig; er sich &uuml;bernat&uuml;rliche F&auml;higkeiten
+angeeignet hatte, das hei&szlig;t, von denen aus betrachtet,
+die noch nicht an die Natur reichen: Er hatte sie erworben,
+weil sein Einsatz &uuml;bermenschlich war, das hei&szlig;t, von denen
+aus betrachtet, die noch nicht ans Menschliche reichen.</p>
+
+
+<p class="newquotesection">&raquo;<em class="bigletter">I</em>ch durfte mir keinen Zweck setzen, so wie ich mich
+nicht binden durfte,&laquo; sagte der Unbekannte; &raquo;im Zweck liegt
+schon das &Uuml;bel; der Zweck hat die Welt so ins Fieber gebracht.
+Nein, ich durfte mich niemals binden, sonst h&auml;tte
+ich den Zusammenhang verloren. Ich mu&szlig;te immer wieder
+Abschied nehmen, immer wieder brechen, sonst h&auml;tte ich
+mich vers&auml;umt und die wichtige Stunde. Die wichtige
+Stunde ist die nach der &Uuml;berwindung und dem Entschlu&szlig;.
+Da ist die Kraft ohne Ma&szlig; und Grenzen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>Die Stimme blieb gleich n&uuml;chtern, gleich karg, gleich
+unbetont; gleich h&ouml;flich die Haltung, sparsam die Geb&auml;rde.
+Oft spielte ein L&auml;cheln um die Lippen, die ungealtert waren,
+indes sich andere Teile des Gesichts eigent&uuml;mlich verwittert
+zeigten, besonders die Stirn und die Schl&auml;fengruben;
+auch das Haar war an manchen Stellen silbrig angegraut.
+Das scheue L&auml;cheln schien die Versicherung zu enthalten,
+da&szlig; die Distanz nicht &uuml;berschritten werden w&uuml;rde, die der
+Andere vorschrieb. Der unerhobene Ton aber, die zarte,
+r&uuml;cksichtsvolle Bem&uuml;hung um das &auml;u&szlig;erlich Konventionelle
+und Gestattete verlieh den Worten eine vollkommene
+Durchsichtigkeit, und Gestalt um Gestalt, Vorgang um
+Vorgang entfalteten sich so rein, als l&auml;gen Schall und
+Stimme nicht mehr vermittelnd dazwischen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich liebe die Dinge,&laquo; sagte die h&ouml;fliche Stimme;
+&raquo;ich liebe sie manchmal bis zur Unverge&szlig;barkeit; sie sind
+oft wie Laternen &uuml;ber dem Schicksal des einzelnen Menschen
+aufgeh&auml;ngt. Ich wei&szlig; nicht, ob das eine Schw&auml;che von
+mir ist, aber ich kann mich dem nicht entziehen. Ich bin
+mit einem Mann gegangen, in einer kleinen Stadt, und es
+war Abend. Er hatte Furcht, allein zu gehen, weil die Frau
+w&auml;hrend seiner langen Abwesenheit wieder geheiratet
+hatte und ihn f&uuml;r tot hielt. Er hatte Furcht, wollte aber
+zu seinen Kindern, und ich bin mit ihm gegangen. Das
+Haus lag in einer Gasse gegen den Flu&szlig; und hatte ein
+schiefes Dach. Rechter Hand im Flur war ein Backofen,
+davor kniete eine Magd, von schwacher Glut beschienen,
+und schob mit einer Stange die fertigen Brote von den
+hei&szlig;en Ziegeln. An der Treppe oben stand das Weib
+des Mannes; sie ahnte noch nichts und tr&auml;llerte ein Lied.
+Zu ihren F&uuml;&szlig;en spielten zwei K&auml;tzchen. Drau&szlig;en war es
+feucht, das Pflaster gl&auml;nzte, man h&ouml;rte den Flu&szlig; rauschen,
+<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>und bisweilen ging ein Mensch an dem offenen Tor vor&uuml;ber,
+geb&uuml;ckt und eilig. Der Mann neben mir zog in seiner
+Gem&uuml;tserregung ein blaues, zerrissenes, wie ein Schachbrett
+mit Quadraten bedecktes Tuch aus der Manteltasche
+und trocknete sich die Stirn damit. Das Tuch war
+mir in dem Augenblick etwas unbeschreiblich Teures;
+es l&auml;&szlig;t sich wirklich nicht erkl&auml;ren, warum, aber alles war
+in ihm drin, der ganze Mensch.&laquo;</p>
+
+<p>Er senkte ein paar Sekunden lang den Kopf und fuhr
+fort: &raquo;So ist es mit Schachteln, die bei armen Dienstboten
+in der Kommode liegen und mit Erinnerungszeichen
+gef&uuml;llt sind; und mit geborstenen Steintreppen an den
+Toren; und mit Photographien an den W&auml;nden; mit einer
+Kerze, die nachts irgendwo an einem Fenster brennt,
+und mit dem Brett, das der Tischler in der Werkstatt hobelt.
+Mit den Fu&szlig;spuren im Weg ist es so und mit den Br&uuml;cken
+&uuml;ber die Fl&uuml;sse, aber besonders mit allem, was durch Menschenh&auml;nde
+geht und auf Menschen Einflu&szlig; hat. Ich habe
+den Ring am Finger einer gestorbenen Frau gesehen;
+von wie vielem der wu&szlig;te! Auf einer Stra&szlig;e, durch die
+ich ging, lag ein zerrissener Vorhang, den man aus einem
+ausgeraubten Haus geworfen hatte; wieviel Leben daran
+klebte! An die Dinge geben sich ja die Menschen hin,
+sie sperren ihre Seelen in sie hinein; sie sind ihr Besitz;
+und wenn nicht Besitz, dann das Ziel ihrer Sehnsucht.
+In einer andern Stadt fand ich in einer kalten Winternacht
+einen acht- oder neunj&auml;hrigen Knaben halberfroren auf
+einer Bank. Ich trug ihn zu einem nahegelegenen Spital,
+dort wurde er der Lumpen entkleidet, die ihm am Leibe
+klebten, und es wurde ihm hei&szlig;e Milch eingefl&ouml;&szlig;t, da er
+nicht blo&szlig; erfroren, sondern auch bis auf die Knochen
+verhungert war. Nachdem man den K&ouml;rper notd&uuml;rftig
+<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>von Schmutz und Unrat ges&auml;ubert hatte, steckte man ihn
+ins Bett. Er lag bewu&szlig;tlos, und ich blieb die Nacht
+&uuml;ber bei ihm, man hatte es mir erlaubt. Als er nun die
+Augen aufschlug und man ihn fragte, wer er sei und woher
+er komme, vermochte er nicht zu antworten. Er sah best&auml;ndig
+die wei&szlig;en Kissen an, tastete best&auml;ndig mit der Hand
+&uuml;ber das wei&szlig;e Linnen, das ihn bedeckte, und in seinen
+Mienen war ein so ma&szlig;loses Staunen, eine so ma&szlig;lose
+freudige Best&uuml;rzung, da&szlig; man sofort begriff, er war
+Zeit seines Lebens nie in einem Bett gelegen, und erst recht
+nicht in einem solchen Bett. Er glaubte allen Ernstes,
+da&szlig; er sich im Jenseits befand, und das einzige, was er
+sprechen konnte, war: so wei&szlig;; so sauber; so wei&szlig;; und
+wieder, and&auml;chtig, ungl&auml;ubig, v&ouml;llig verz&uuml;ckt: so wei&szlig;;
+Herr Jesus, so wei&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Der Unbekannte hielt inne und sann mit abgel&ouml;ster
+Heiterkeit im Gesicht vor sich hin. Dann sprach er: &raquo;In
+der n&auml;mlichen Stadt f&uuml;gte es sich, da&szlig; ich mich eines brustkranken
+M&auml;dchens annehmen sollte, das im Laden einer
+Friseurin bedienstet war. Ein Kind von sechzehn Jahren,
+ich erinnere mich noch des Namens; Angelika hie&szlig; sie.
+Ihre Herrin hatte sie aus dem Waisenhaus genommen,
+sie war ein Findling; ein munteres und z&auml;rtliches Gesch&ouml;pf,
+von allen wohlgelitten und ungemein geschickt
+in den Verrichtungen, die man sie gelehrt hatte. Die Herrin
+sah aber bald, da&szlig; das &Uuml;bel rapid wuchs; der Arzt, den
+sie zu Rate zog, gab ihr wenig Hoffnung und empfahl ihr,
+das M&auml;dchen schleunig in eine Heilanstalt zu bringen.
+Sie versuchte es, doch es war umsonst; die Beh&ouml;rden wiesen
+sie ab, die humanit&auml;ren Vereine wiesen sie ab, die reichen
+Leute, bei denen sie Hilfe suchte, wiesen sie gleichfalls ab.
+Sie war eine robuste Frau, nichts weniger als gef&uuml;hlsselig,
+<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>aber sie liebte das M&auml;dchen wie ein eigenes Kind, und
+die Aussichtslosigkeit, eine Pflegest&auml;tte f&uuml;r sie zu finden,
+erbitterte sie. Angelika indessen ahnte nichts davon,
+da&szlig; ihr Geschick ein so nahes Todesurteil &uuml;ber sie
+verh&auml;ngt hatte. Sie lachte und scherzte den ganzen
+Tag, und besonders war sie darauf versessen, sich zu
+schm&uuml;cken. In diesem Punkt war sie geradezu erfinderisch;
+ihre billigen Gew&auml;nder sahen aus wie frisch aus dem
+Magazin; die kleinen Geschenke, die sie von den Damen
+erhielt, B&auml;nder, ein St&uuml;ckchen Stoff, eine silberne Nadel,
+eine Halskrause, waren Kostbarkeiten f&uuml;r sie, und sie
+wu&szlig;te sie anmutig und geschmackvoll zu verwenden. Aber
+ich will Ihnen erz&auml;hlen, wie ich dazu kam, mit eigenen
+Augen zu sehen, wie gl&uuml;hend diese jungen H&auml;nde die Dinge
+umklammerten, die ihr Ausdruck und Abbild des Lebens
+waren. Es ist eine unbedeutende Begebenheit, im gro&szlig;en
+Ring betrachtet, aber sie hat mir viel zu denken gegeben.
+Die Friseurin hatte noch ein zweites Lehrm&auml;dchen, und diese
+war nach und nach eifers&uuml;chtig auf die j&uuml;ngere und h&uuml;bschere
+Kollegin geworden. Als nun eines Tages Angelika zu
+einem gew&ouml;hnlichen Kundenbesuch ihr sch&ouml;nstes Kleid
+angezogen hatte, und mit gl&uuml;cklichem L&auml;cheln vor ihr stand,
+sagte sie zu ihr; wozu richtest du dich so her und gibst die
+paar Groschen, die du verdienst, f&uuml;r Plunder aus? Trachte
+lieber, da&szlig; du gesund wirst, damit unsere Frau nicht so viel
+Scherereien deinetwegen hat; es steht nicht zum besten mit
+dir, das wissen alle, blo&szlig; du nicht; also merk dirs und
+werde nicht gar so &uuml;berm&uuml;tig. Die Worte erschreckten
+Angelika, und sie fing an zu begreifen, was ihr drohte.
+Sie b&uuml;&szlig;te ihren Frohsinn nach und nach ein, obwohl ihre
+kr&auml;ftige und unbefangene Natur sich immer wieder geltend
+machte, selbst dann noch, als sie bettl&auml;gerig wurde und mit
+<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>jedem Tag mehr verfiel. Es war mir endlich gelungen,
+in einem Asyl weit drau&szlig;en vor der Stadt einen Unterschlupf
+f&uuml;r sie zu finden, richtiger ausgedr&uuml;ckt, ich hatte
+einige schwerbewegliche Personen aufgesucht, und diese
+ihrerseits hatten wieder einigen widerwilligen Funktion&auml;ren
+eine Zusage abgerungen, die aus freien St&uuml;cken zu geben
+ihre Pflicht und ihr aufgetragenes Amt gewesen w&auml;re.
+Kurz, Angelika sollte in Pflege kommen, und ich beeilte
+mich, es der Frau zu melden. Es war an dem Tage gerade
+ein blutiger Aufruhr in der Stadt, Soldaten und Arbeiter
+zogen durch die Stra&szlig;en; aus vielen H&auml;usern wurde geschossen.
+Am schlimmsten ging es in dem Viertel zu,
+wo die Friseurin wohnte; ich konnte mir durch die Massen
+Volks kaum einen Weg bahnen. Der Laden war geschlossen,
+ich stieg ins erste Stockwerk hinauf, wo sich die Wohnung
+befand, doch es war niemand zu sehen. Ich wu&szlig;te, wo
+Angelikas Kammer war, ich hatte sie schon einmal besucht
+und mit ihr gesprochen. Ich klopfte; es blieb still. Ich
+dachte, das Kind schlafe vielleicht, obgleich dies bei dem
+wilden L&auml;rm, der von der Stra&szlig;e heraufschallte, sonderbar
+anzunehmen war. Als ich leise die T&uuml;r &ouml;ffnete,
+sah ich, da&szlig; sie nicht im Bett lag. Sie hatte sich erhoben;
+im langen wei&szlig;en Hemd und barfu&szlig; stand sie vor dem
+Spiegel, der in den Schrank eingelassen war; die schwarzen
+Haare flossen bis zu den H&uuml;ften; auf dem Kopf trug sie
+einen breitrandigen Hut mit zwei grauen Federn; um die
+Taille, &uuml;ber das Hemd, hatte sie ein blauseidenes Band
+zur Masche gekn&uuml;pft, und um den stengelfeinen Hals
+eine Korallenkette gelegt. Ich trat in das &auml;rmliche Gemach;
+es bedurfte nur meines Vorsatzes dazu, da&szlig; sie mich weder
+sah noch h&ouml;rte; au&szlig;erdem war sie viel zu hingenommen
+von ihrer Besch&auml;ftigung und das Geknall und Geschrei
+<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>von drau&szlig;en zu heftig, als da&szlig; sie auf mich h&auml;tte aufmerksam
+werden k&ouml;nnen. Ich setzte mich also in eine dunkle
+Ecke. Ich konnte ihr Gesicht nur im Spiegel sehen, das
+totblasse, aber von Begierde, von unbezwinglicher Lebensbegierde
+&uuml;ber und &uuml;ber bebende Gesicht. Auf dem Tisch
+neben ihr lagen ihre Sch&auml;tze, ein Haufen bunter B&auml;nder,
+ein paar wertlose Broschen und Spangen, ein N&auml;hzeug
+und eine Schale mit Winterblumen. Auf einem wackligen
+Stuhl davor standen ein Paar gelbe neue Stiefletten und
+&uuml;ber der Lehne hingen Blusen, ein Lederg&uuml;rtel und ein
+gr&uuml;ner Schal. Das alles betrachtete sie mit flie&szlig;enden
+Blicken, bald sich selbst im Spiegel, bald die geliebten
+Gegenst&auml;nde. Die Sachen, nennt man es; ja, jeder hat
+seine Sachen, und mit ihnen sch&uuml;tzt er sich und schm&uuml;ckt
+er sich; sie t&auml;uschen ihm F&uuml;lle vor, oder Freude; die Habseligkeiten;
+auch ein merkw&uuml;rdiges Wort. Sie griff nach
+Blumen in der Schale und probierte, ob sie zum Blau der
+Schleife pa&szlig;ten; sie nickte ihrem Spiegelbild zu, vertraut,
+vertr&auml;umt, aufmunternd; sie spielte mit ihm und forderte
+es heraus, sie bog den Kopf zur Seite und gab sich eine
+grazi&ouml;se Haltung, und besonderes Vergn&uuml;gen bereitete
+ihr das Wippen der grauen Federn. W&auml;hrenddem wurde
+der Tumult auf der Stra&szlig;e immer &auml;rger; sie vernahm es
+nicht. Drau&szlig;en schlugen sie eine jahrhundertalte Ordnung
+in Tr&uuml;mmer, sie geno&szlig;, was sie als Reichtum empfand.
+Sie beugte sich zu den Stiefelchen herab und sagte schalkhaft-liebkosend:
+ihr armen Schuhe, wer wird euch spazieren
+tragen, wenn ich gestorben bin? Sie richtete sich wieder
+empor, schaute lange und &auml;u&szlig;erst gespannt in den Spiegel,
+seufzte herzlich und sagte leise vor sich hin: ach Gott, nie
+wird ein Mann bei mir schlafen. Es war Klage, aber voller
+Unschuld, so da&szlig; es beinahe heiter klang und ich mich zu
+<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>l&auml;cheln nicht enthalten konnte. Doch schlich ich mich nach
+einer Weile hinweg. Mehr durfte ich von dem Geheimnis
+nicht rauben; ich hatte mir schon zuviel angema&szlig;t. Den
+Menschen bei sich selbst erlauschen, geht nicht an; man
+verr&auml;t ihn und verr&auml;t sich. Alles war Spiegelung gewesen;
+der wirkliche Spiegel hatte mir Angelikas Gesicht gezeigt
+der andere ihre Welt, weit zur&uuml;ck bis zu den Ahnen und
+Urahnen, die sie hinausgesto&szlig;en hatten, als Letzte, in ein
+ungen&uuml;gendes St&uuml;ck Leben.&laquo;</p>
+
+
+<p class="newsection">Die Zeit war ohne Marke; wie lange das Schweigen
+gedauert hatte, konnte M&ouml;rner nicht ermessen, als die h&ouml;fliche
+Stimme wieder begann: &raquo;Ich m&ouml;chte Ihnen die
+verschlossenen Tore aufschlie&szlig;en; bedenk ichs recht, so hab
+ich zu vielen die Schl&uuml;ssel. Damit man erfahre, damit man
+erlebe, mu&szlig; man vieles gesehen haben, und doch ist Sehen
+und Erleben zweierlei, und Leiden und Erleben ist zweierlei.
+Die Tat macht es nicht, und der Wille nicht und die Ergriffenheit
+nicht. Jedes einzeln kann zu etwas dienen,
+und doch ist der glockenhafte Widerhall nicht da, der die
+Sinne l&ouml;st und zum Schwingen bringt. In der Wissenschaft,
+glaube ich geh&ouml;rt zu haben, werden jetzt mehr und
+mehr alle Ph&auml;nomene der Natur auf die Wellenbewegung
+zur&uuml;ckgef&uuml;hrt. Meiner Ansicht nach kann man auch die
+sinnliche Welt in das Gesetz der Wellenbewegung einbeziehen.
+Es ist vielleicht dieselbe Kraft, nicht einmal
+wesentlich modifiziert, die das Licht erzeugt und zwischen
+zwei Menschen Ha&szlig; oder Liebe hervorbringt; dieselbe,
+die ein Gestirn aus seiner Bahn rei&szlig;t und die Katastrophe
+einer Familie oder eines Volkes bedingt. Wir haben keinen
+Einblick, wir k&ouml;nnen es wahrscheinlich nie ergr&uuml;nden,
+aber wenn der Geist rein ist, glaubt man oft, man kann es
+<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>ahnen und fassen. Der n&auml;mliche Stoff flutet durch s&auml;mtliche
+Seelen, und wenn das Gem&uuml;t rein ist, kann man sie
+ahnen und fassen. Oft ist mir, als w&auml;r ich der andere, der
+mich anschaut; oft, als w&auml;r ich in vielen drin und die
+Unruhe k&auml;me von der Zerst&uuml;ckelung. Oft ist mir, als rollte
+alles Geschehen in seinen Anfang zur&uuml;ck, und was Tod
+und Untergang scheint, wenn ich die Augen schlie&szlig;e, ist
+wie neu, wenn ich sie dann aufschlage. Oft ist auch alles
+wie Wiederkehr, und das macht eigentlich am meisten verzagt;
+dann w&auml;re ja keine Rettung und kein Hinauf. Ich
+h&ouml;rte einmal die Geschichte von einem reichen Patrizier
+im alten Rom, Valerius Asiaticus; der besa&szlig; einen so
+herrlichen H&uuml;gelgarten, da&szlig; er den Neid des Kaisers
+Claudius erweckte, der ihn auf unbewiesene Verleumdungen
+hin zum Tod verurteilte. Da man ihn die Todesart w&auml;hlen
+lie&szlig;, entschied er sich f&uuml;r die Verbrennung. An dem dazu
+bestimmten Tag nahm er seine gewohnten Leibes&uuml;bungen
+vor, badete, ging zu Tisch und &ouml;ffnete sich die Adern.
+Aber die Liebe zu seinen Pflanzen war so gro&szlig;, da&szlig; er
+in der letzten Stunde den aufgeschichteten Scheiterhaufen
+nach einer anderen Stelle schaffen lie&szlig;, damit Flammen und
+Rauch das Laubdach der B&auml;ume nicht besch&auml;digen sollten.
+Genau das Gleiche, Zug f&uuml;r Zug, hat sich unter der Regierung
+der letzten Kaiserin in China begeben, und ich habe
+den Mann gesehen, der das Gleiche erlitt; ich war dabei,
+als er auf den Holzsto&szlig; stieg. Aber das ist vielleicht aus
+zu grober Materie; Ereignis gegen Ereignis, eins der
+Schatten vom andern; was besagen sie beide? Die l&uuml;sterne
+Phantasie nascht davon, und es entsteht Irrtum und
+Dunkel. Man mu&szlig; immer zum Geringen niedersteigen,
+dann ist die Falte auf einer Stirn und die Windung in
+einem Ohr beredt genug, und wo man geht und steht,
+<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>umdr&ouml;hnt einen der L&auml;rm des Bluts, der W&uuml;nsche, Begierden,
+Tr&auml;ume und Gedanken in allen wie das H&auml;mmergestampf
+in einer Maschinenhalle. Ohne Aufh&ouml;ren ist
+es, ohne Stille; Rad wetzt sich an Rad, Hebel st&ouml;&szlig;t Hebel.
+Ich bin einmal mit einer Kolonne von Arbeitslosen
+marschiert, M&auml;nnern und Frauen; wie es hinter den Sch&auml;deln
+raste! Mir war als sausten Kn&uuml;ttel auf mich herab,
+und doch waren die Leute ganz stumm. Ich bin einmal
+auf einem Schiff gewesen, das auf eine Mine stie&szlig;;
+die Passagiere st&uuml;rzten auf Deck, und die Todesangst
+in den Gesichtern kann ich nicht vergessen. Sie waren aufgerissen
+bis in die verborgensten Fasern. Schamlos werden
+die Menschen da; Zucht f&auml;llt ab wie T&uuml;nche, das Geh&uuml;tetste
+geben sie preis, und nur M&uuml;tter und Tiere verlieren sich
+nicht ganz. Ich bin einmal in Litauen oben mit drei
+Wucherern in einem Postwagen gefahren. Sie sprachen
+wenig, und das Wenige mit Vorsicht; aber ihre Augen
+und ihr Lachen und ihre Geb&auml;rden erz&auml;hlten von zugrundegerichteten
+Existenzen, von Bitten und Flehen, das an ihrer
+Unempfindlichkeit abgeprallt war; jeder schleppte ein
+Netz, worin die Ausgesogenen wehrlos zappelten; und es
+war, als zeigten sie einander ihre Beute. Ich folgte ihnen
+heimlich; es lie&szlig; mir keine Ruhe, von ihnen viel zu wissen;
+ich sah Drohbriefe und Pfandscheine und verfallenes Gut
+und ausger&auml;umte Stuben, und den Leichtsinn der Opfer,
+die Verzweiflung von einem, der Wechsel gef&auml;lscht und
+von einem der Geld unterschlagen und von einem, der sein
+Erbe verschleudert hatte. Die drei Wucherer waren wie
+Pirschg&auml;nger; sie brachten Menschen in Rudeln zu Fall;
+sie h&auml;uften Reicht&uuml;mer an, ohne sie zu genie&szlig;en, ohne sich
+daran zu freuen, ihr einziges Erg&ouml;tzen war die Qual und
+Wut des in die Enge getriebenen Menschenwildes; als ich
+<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>in einer Nachtstunde einen allein in seinem Zimmer sitzen
+sah, durch das Fenster von der Stra&szlig;e aus konnte ich ihn
+sehen, da erschrak ich, denn das Gesicht sah aus wie das
+eines versteinerten, grauenhaft traurigen Affen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Unbekannte bedeckte hastig die Augen mit der Hand
+und l&auml;chelte enigmatisch. &raquo;Um ihn war ein Geruch von
+Schicksalen wie von Miasmen,&laquo; fuhr er fort; &raquo;doch ein
+jedes Schicksal hat seinen bestimmten Geruch, seine bestimmte
+Schwere, seine Flugkraft, seine Intensit&auml;t, seine
+angeborene Gewalt. Es w&auml;chst oder welkt wie die Pflanze;
+es zieht anderes Schicksal an oder st&ouml;&szlig;t es ab, je nachdem.
+Es ist &uuml;ber den Menschen, eine Weile oder ein Jahrtausend,
+je nachdem, dann in den Menschen. Sie verhalten sich zu
+ihm wie mehr oder minder elektrische K&ouml;rper zum Blitz.
+Das Unausdenkbare, sobald es ausgedacht werden kann,
+geschieht es schon oder ist geschehen; aber der es erleiden
+mu&szlig;, dem ist es R&auml;tsel und Grauen. Ich war in B&ouml;hmen
+auf einem Gut, dessen Besitzer seit kurzem geistesgest&ouml;rt
+war, und zwar aus folgender Ursache. Es war ein reicher
+Edelmann, ohne Familie und ohne Freunde, ein menschenscheuer
+Sonderling. Die einzige Person, der er vertraute,
+war sein Diener, mit dem er f&uuml;nfundzwanzig Jahre auf
+dem Schlo&szlig; gehaust hatte, der f&uuml;r seine Bed&uuml;rfnisse sorgte,
+seine Launen kannte und ihm in allem dem&uuml;tig ergeben
+war. Eines Tages wurde der alte Baron von Todesahnungen
+geplagt; vielleicht &auml;ngstigte ihn die v&ouml;llige Einsamkeit
+zum erstenmal; er rief den Diener zu sich in die
+Stube und sagte ihm, da&szlig; er wahrscheinlich bald sterben
+m&uuml;sse, und da&szlig; er, um ihn f&uuml;r seine Treue und Anh&auml;nglichkeit
+zu belohnen, sich entschlossen habe, ihm den gro&szlig;en
+Meierhof zu schenken, der an den Schlo&szlig;park grenzte.
+Er m&ouml;ge f&uuml;r den n&auml;chsten Morgen den Notar bestellen,
+<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>damit die Schenkung rechtsg&uuml;ltig festgelegt werde. Der
+Diener starrte eine Weile stumpf vor sich hin. W&auml;hrend
+des ganzen Vierteljahrhunderts n&auml;mlich, das er mit seinem
+Herrn verbracht, hatte er nie eine Gem&uuml;tsbewegung an
+ihm bemerkt, nie eine Gabe von ihm empfangen, nie ein
+mildes Wort von ihm geh&ouml;rt. Er f&auml;ngt an zu stottern;
+er verf&auml;rbt sich, pl&ouml;tzlich st&uuml;rzt er vor dem Baron auf die
+Knie, schluchzt vor Zerknirschung und sagt, er sei der
+Gnade des Herrn unw&uuml;rdig; er m&uuml;sse sich eines gr&auml;&szlig;lichen
+Vorhabens anklagen, das er dreimal in Tat umsetzen
+gewollt; dreimal habe er den Plan gefa&szlig;t, den Herrn
+umzubringen; dreimal sei er des Nachts unter dem Bett
+des Herrn gelegen, um ihn im Schlaf zu erw&uuml;rgen; dreimal
+habe ihn ein Zufall daran gehindert: einmal der Hahnenschrei;
+einmal das Schlagen der Pendeluhr; das letztemal,
+in voriger Nacht erst, das Trompetensignal einer durch die
+Dorfstra&szlig;e ziehenden Milit&auml;rabteilung. Der Baron wu&szlig;te
+nichts zu antworten. Er hie&szlig; den Diener gehen. Er verabschiedete
+ihn noch an demselben Tag. Das nachtr&auml;gliche
+Entsetzen &uuml;ber die dreimalige nicht gewu&szlig;te Gefahr,
+unter M&ouml;rderhand zu enden, umnachtete seinen Geist.&laquo;</p>
+
+<p>Der Unbekannte hatte einen Ausdruck in den Augen,
+als schaue er in ein Gew&uuml;hl, das fern und tief unten war.
+&raquo;Aber ist das nicht auch zu grob, zu tats&auml;chlich, zu zuf&auml;llig?&laquo;
+fragte er gedankenvoll; &raquo;ich greife es heraus,
+weil es sich herausdr&auml;ngt. Ich bin zu erf&uuml;llt davon.
+Es haftet auch an der Haut. Und immer ist es aneinandergereiht
+wie die K&auml;fer auf einem Pappendeckel. Man will
+beweisen, was man spricht. Ich sehe immer das Exempel.
+Ich sehe so viele, die ihren M&ouml;rder neben sich haben;
+sie f&uuml;ttern ihn f&ouml;rmlich auf und dr&uuml;cken ihm die Waffe
+in die Hand. Oft ist es ihr eigener Schatten, der sie mordet,
+<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>oft ihr Bild in einem Bruder, einer Geliebten, einem
+Freund. Keiner wei&szlig; etwas vom Bruder, von der Geliebten,
+vom Freund, und es ist wunderlich am&uuml;sant,
+zu erfahren, was er zu wissen vorgibt. Mi&szlig;verst&auml;ndnisse
+geben ihnen den st&auml;rksten Halt. Es ist &uuml;berhaupt wunderlich
+am&uuml;sant alles, finden Sie nicht? Immer sehen, immer
+h&ouml;ren, jede Stunde aussch&ouml;pfen, jedes Herz aushorchen!
+Was h&auml;tte ich drum gegeben, wenn ich jenen Diener noch
+auf dem Gut getroffen h&auml;tte! Die f&uuml;nfundzwanzig Jahre
+Gehorsam in Schweigen und Ha&szlig;, was mu&szlig; da in seinem
+Gesicht zu lesen gewesen sein! Ich habe ihn lange Zeit
+gesucht; leider umsonst.&laquo;</p>
+
+<p>Er beugte sich vor; die sch&ouml;ngeformten H&auml;nde machten
+eine zaghafte Geste. &raquo;Diener! da&szlig; es solche gibt!&laquo; fuhr
+er fort; &raquo;da&szlig; es Knechte gibt, und T&uuml;rsteher; solche, die
+Kohlens&auml;cke auf dem R&uuml;cken tragen; Schiffszieher; solche,
+die in Schwefelgruben steigen; solche, die Kloaken s&auml;ubern;
+solche, die Bleid&auml;mpfe einatmen. Jeder mit seinem ganz
+besondern Sinn. Einer hat nicht dieselben Finger wie der
+andere; in zweien sind nicht zwei gleiche Gedanken, und
+jeder l&auml;&szlig;t sich die Last aufb&uuml;rden und schleppt und schleppt.
+Warum nur? Man kann nicht fertig werden, dar&uuml;ber
+nachzudenken. Millionen Sklaven keuchen unter der
+Kette; tausend rebellieren und rei&szlig;en sich los, und schon
+zw&auml;ngen sich tausend neue an ihre Stelle. So mutlos
+und wundgerieben ist aber keiner, da&szlig; er nicht ein Weib
+bei sich h&auml;tte und Kinder mit ihr zeugte, die auch wieder
+an die Kette geschmiedet werden. Da schwillt das Leiden
+immer h&ouml;her. In manchen L&auml;ndern steht es bereits so,
+da&szlig; die Kinder mit einem alten finstern Herzen auf die
+Welt kommen. Ich habe mich davon &uuml;berzeugt. Ich habe
+folgendes erlebt. Man geht nichts ahnend hin, und aus
+<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>dem Erdboden heraus strecken sich einem Kinderarme entgegen,
+lauter magere Kinderarme wie ein Feld von Strohhalmen;
+die F&auml;ustchen sind krampfhaft geschlossen, die
+zarten Gelenke sind rhachitisch. Es ist &auml;u&szlig;erst merkw&uuml;rdig:
+man kann meilenweit wandern, zwischen Fabrikschloten
+und flammenden Essen, und sie strecken sich einem unabsehbar
+entgegen, lauter magere Kinderarme, wie Strohhalme,
+oder wie kleine gesch&auml;lte Zweige. Manche brechen, manche
+wachsen, jedenfalls sind es zahllose, und sie versperren
+einem den Weg. Was sagen Sie dazu? Meinen Sie nicht,
+da&szlig; Ihre Ansicht, die Zeit sei Ihnen entgegen, doch falsch
+ist? Ist sie nicht geradezu f&uuml;r Sie? Geradezu wie f&uuml;r Sie
+gemacht? Ist sie nicht wie ein verdorrter Acker, der Bew&auml;sserung
+verlangt, Licht und W&auml;rme? Denken Sie nur
+an die zahllosen Kinderarme. Sie k&ouml;nnen sich niederbeugen,
+die zusammengekrampften F&auml;ustchen &ouml;ffnen, die frierenden
+H&auml;nde ergreifen. Ich f&uuml;rchte, das klingt sentimental,
+aber ich halte es Ihnen als Notwendigkeit vor. Es ist,
+als schaute man in ein vergiftetes Bassin, wo viele kleine
+Fische vor dem Krepieren noch ein bi&szlig;chen zucken. Das
+einzige Mittel, sie zu retten, ist, neue Quellen und Zufl&uuml;sse
+hineinleiten. Sie sagen, das Werk lasse sich nicht schaffen,
+weil die Geister und Seelen zerst&ouml;rt sind. Zum Teil ist
+das ja richtig. Aber war die Auslese der Brauchbaren
+nicht immer sehr gering? Steht und f&auml;llt nicht jedes Werk
+mit dem einen Hirn, in dem es geboren wird? Und brauchen
+Sie denn die Menschen? Gen&uuml;gt nicht das Schauspiel
+von Aufstieg und Sturz, das sie Ihnen bieten? Ist denn
+der gro&szlig;e Lebensteppich zerfetzt oder verbrannt? Sind
+seine Farben verbla&szlig;t? Ist er minder bunt gewirkt als vor
+zehn, vor hundert, vor tausend Jahren?&laquo;</p>
+
+<p>Der Unbekannte schien in einiger Erregung. Der Ton
+<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>seiner Fragen war dringlich; er hatte die H&auml;nde ausgestreckt
+und sich noch weiter vorgebeugt. &raquo;Es scheint mir
+nicht. Sehen Sie doch hin. Die Paare treten zum Tanz an,
+der Wein wird ausgeschenkt, die Musik spielt. Es ist ein
+Haus mit vielen Stockwerken; in dem einen ist Fr&ouml;hlichkeit,
+im andern Traurigkeit. Es ist eine Zauberh&ouml;hle mit
+schimmerndem Gestein. Man braucht nicht einmal Aladdins
+Wunderlampe; die dienenden Geister gehorchen dem, der
+den Weg gefunden hat. Wozu Gericht? Wozu Verdammung?
+Nicht einmal urteilen darf man. Zerst&ouml;rte Geister
+und Seelen, was hei&szlig;t das? Ist das eigene Auge und die
+eigene Seele unzerst&ouml;rt, so ist die Welt unzerst&ouml;rt. G&auml;be es
+eine H&ouml;lle wirklich und w&auml;ren alle ihre Verdammten losgelassen,
+um aus purer Raserei die Welt zu vernichten,
+und es f&auml;nde sich nur ein einziger unter ihnen, der beim
+Ruf der Erl&ouml;sung sehns&uuml;chtig stutzt, so w&uuml;rde es sich verlohnen,
+sie von neuem aufzubauen. Das ist meine Ansicht.
+Schlagen Sie die Augen empor! Fassen Sie doch, wie ein
+Kind es tut, das Ungeheure, das S&uuml;&szlig;e, das Schmerzliche,
+das Bl&uuml;hende, den ungeheuren, &uuml;berflutenden Reichtum.
+Freilich ist eines not, wie es auch geschrieben steht. Es
+steht geschrieben: Von der Neigung zu geliebten Personen
+mu&szlig;t du so frei sein, da&szlig; du, soviel dich anbelangt, ohne
+alle menschliche Verbindung zu sein w&uuml;nschest; umso
+n&auml;her kommt der Mensch Gott, je weiter er sich von allem
+irdischen Trost entfernt. Aber das ist eine harte Aufgabe.
+Ge&ouml;ffnet sein und im ehernen Panzer; leicht sein und
+schwer beladen; den Baum hegen, der die seltenen Fr&uuml;chte
+tr&auml;gt, und sie nicht f&uuml;r sich pfl&uuml;cken d&uuml;rfen. Trotzdem
+ist es k&ouml;stlich, zu wandeln und die Luft der Erde zu atmen,
+wenn man die Botschaft versteht, die einem geworden ist.&laquo;</p>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a></p>
+<p class="newsection">M&ouml;rner wollte die Hand des Unbekannten ergreifen,
+doch der Stuhl, auf dem er gesessen, war leer. Seine Brust
+hob sich mit einer Sturmwelle, er wu&szlig;te nicht, ob in freudigem,
+ob in wehem Gef&uuml;hl. Fragen quollen ihm auf die
+Lippen, die er an sich selbst richtete, aus einer Morgend&auml;mmerung
+des Herzens heraus: wo gr&auml;bst du? wo w&auml;chst
+du? wo wirkst du? wo ist dein Feld? wo ist dein Weg?
+Aber ehe er sie bedenken konnte, waren sie von einer geisterhaft-entfernten
+Stimme beantwortet, und er glaubte
+einen Arm zu gewahren, der ihm eine goldh&auml;utige, strahlende
+Frucht zeigte. Der Tag rauschte &uuml;ber das Firmament,
+und er begr&uuml;&szlig;te ihn. Er war an der Wende angelangt,
+wo der Ausgleich ist zwischen Finsterem und Hellem,
+&uuml;ber welchen der Bogen sich w&ouml;lbt, an den die Sternbilder
+geheftet sind, Inbegriff allen Schicksals.</p>
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Adam_Urbas" id="Adam_Urbas"></a>Adam Urbas</h2>
+
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a></p>
+<p class="newchapter">Unter den Aufzeichnungen des k&uuml;rzlich verstorbenen
+Reichsgerichtspr&auml;sidenten Diesterweg, eines scharfsinnigen
+und geistreichen Kriminalisten vom Schlage des gro&szlig;en
+Anselm Feuerbach, befand sich auch die folgende.</p>
+
+<p>An einem Oktoberabend, zu sp&auml;ter Stunde, kam der
+Bauer Adam Urbas aus Aha, einem Dorf des s&uuml;dlichen
+Frankens zwischen Altm&uuml;hl und Hahnenkamm, auf die
+Gendarmeriestation in Gunzenhausen und erstattete die
+Anzeige, da&szlig; er an eben diesem Tag seinem achtzehnj&auml;hrigen
+Sohn Simon den Hals abgeschnitten habe. Er
+liege tot in der Kammer zu Hause. Das Messer, mit dem
+er die Tat ver&uuml;bt, trug er bei sich und &uuml;berreichte es. Es
+war noch blutig.</p>
+
+<p>Die Selbstbezichtigung, in ruhigem Ton und mit &auml;u&szlig;erst
+knappen Worten vorgebracht, wurde protokolliert. Auf
+alle weiteren Fragen des Kommiss&auml;rs verweigerte er die
+Antwort. Der Lokalaugenschein, der noch in derselben
+Nacht vorgenommen wurde, best&auml;tigte seine Angaben.
+Man traf ein vor Entsetzen und Jammer halbwahnsinniges
+Weib und best&uuml;rzte Knechte und M&auml;gde.</p>
+
+<p>Adam Urbas wurde ins Gef&auml;ngnis nach Ansbach
+gebracht.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>Als ziemlich junger Richter war ich einige Wochen
+zuvor in diese Kreishauptstadt versetzt worden, und meinem
+lebhaften Ehrgeiz war es willkommen, da&szlig; man mich
+mit der Voruntersuchung betraute.</p>
+
+<p>Der Fall schien von Anfang sonnenklar. Ein anscheinend
+beschr&auml;nkter und in allen Vorurteilen seiner
+Kaste befangener Bauer hatte seinen entarteten Spr&ouml;&szlig;ling,
+von dem er nur Schande und Unheil erfahren hatte, kurzerhand
+aus dem Weg ger&auml;umt, sowohl um ein Strafgericht
+zu vollziehen, als auch um noch gr&ouml;&szlig;erem &Uuml;bel, das im
+Entstehen war, vorzubeugen.</p>
+
+<p>Nach den &uuml;bereinstimmenden Aussagen der Zeugen
+war der junge Urbas ein v&ouml;llig verlottertes Individuum
+gewesen, arbeitsscheuer Herumtreiber, st&auml;ndiger Gast in
+allen Wirtsh&auml;usern und auf allen Jahrm&auml;rkten der Gegend.
+F&uuml;r seinen m&uuml;&szlig;igg&auml;ngerischen und anst&ouml;&szlig;igen Wandel
+hatte er viel Geld gebraucht, und was ihm die gef&uuml;gige
+Mutter, die er einzusch&uuml;chtern verstand, nicht gab oder
+geben konnte, hatte er sich auf andere Weise zu verschaffen
+gewu&szlig;t. So hatte er im August beim Getreideh&auml;ndler
+Kohn in Wei&szlig;enburg auf eigene Faust achthundert Mark
+f&uuml;r gelieferte Gerste abgeholt und das Geld unterschlagen
+und verpra&szlig;t. In N&ouml;rdlingen hatte er sich mit einem verrufenen
+Frauenzimmer eingelassen, das von ihm schwanger
+zu sein behauptete; eines Tages hatte er die Person an
+einen entlegenen Ort gelockt und zu erw&uuml;rgen versucht.
+Durch ihr Geschrei waren zuf&auml;llig vorbeikommende Leute
+alarmiert worden, und so war sie ihm entronnen. &Uuml;ber
+diese Angelegenheit war die Untersuchung noch im Gange,
+als Adam Urbas den gerichtlichen Ma&szlig;nahmen zuvorkam.</p>
+
+<p>Auch aus der Knabenzeit Simons wurden Z&uuml;ge und
+Begebenheiten berichtet, die seinen Charakter in das
+<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>&uuml;belste Licht r&uuml;ckten. Nichts entstammte dem &Uuml;bermut,
+was er ver&uuml;bte, es war immer voller T&uuml;cke und Abgefeimtheit.
+So hatte sich z.&nbsp;B. die Gro&szlig;magd sechs neue Leinenhemden
+in der Stadt gekauft; freudig zeigte sie die Erwerbung
+dem &uuml;brigen Gesinde und der B&auml;uerin; es wurde
+zur Vesper gerufen, und sie legte die bl&uuml;tenwei&szlig;e W&auml;sche
+auf den Tisch in der Tenne. Als sie zur&uuml;ckkam, waren die
+Hemden mit Wagenschmiere derart besudelt, da&szlig; keines
+mehr brauchbar war. Da&szlig; Simon die B&uuml;berei begangen,
+bezweifelte niemand, aber bewiesen werden konnte es nicht,
+so wenig wie die Sache mit dem Fuhrmann Scharf. Der hatte
+seinen mit Mehls&auml;cken beladenen Wagen vor dem Krug
+halten lassen; als er weiterfahren wollte, rann das Mehl
+in weichen B&auml;chen auf die Stra&szlig;e; zehn oder zw&ouml;lf S&auml;cke
+waren heimlich aufgeschnitten worden. Das ist der Simon
+Urbas gewesen und kein anderer, hie&szlig; es; bewiesen werden
+konnte es nicht.</p>
+
+<p>Zur Heuchelei und Hinterlist gesellten sich sp&auml;ter Frechheit
+und Gewaltt&auml;tigkeit, und alle Gutmeinenden waren dar&uuml;ber
+einig, da&szlig; da ein Menschenunkraut emporwuchs, so hoch,
+da&szlig; keine Schere mehr hinanreichte, es zu stutzen und kein
+Spaten stark genug war, es auszuj&auml;ten. Ich h&auml;tte auf die
+F&uuml;lle des gebotenen Materials verzichten k&ouml;nnen. Da war
+kein Problem, keine Verworrenheit, keine Tiefe; alles war
+eindeutig, platt und roh, zumindest, was den Ermordeten
+betraf.</p>
+
+<p>Der letzte Akt des d&ouml;rflichen Schauerdramas hatte sich
+am Gunzenhauser Kirchweihsonntag abgespielt. Zwei
+Bauern aus Windsbach hatten sich im Wirtshaus zu Aha
+dar&uuml;ber unterhalten, da&szlig; gegen Simon Urbas ein Verhaftsbefehl
+erlassen worden sei. Adam Urbas sa&szlig; unbemerkt
+von ihnen am Nebentisch. Die anderen G&auml;ste und der
+<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>Wirt schielten &auml;ngstlich nach ihm hin, denn aus der Art,
+wie er das Glas absetzte und vom Stuhl aufstand, war zu
+schlie&szlig;en, da&szlig; er von der N&ouml;rdlinger Geschichte noch nichts
+wu&szlig;te. Die Schandtaten Simons wurden ihm n&auml;mlich
+so lang wie m&ouml;glich verhehlt. Es war seine au&szlig;erordentliche
+Schweigsamkeit, seine achtunggebietende Haltung
+und nicht zuletzt seine gro&szlig;e Beliebtheit in der Gemeinde
+und in der ganzen Gegend, die einen schonenden Wall
+um ihn errichteten. Durch all die Jahre hatte auch die
+B&auml;uerin die schlimmsten Nachrichten aufzufangen und in
+ihrer Wirkung auf Urbas zu mildern gewu&szlig;t. Aber wenn
+man annahm, da&szlig; er deshalb in Unwissenheit oder nur in
+halber, in freiwilliger Unwissenheit lebte, so t&auml;uschte man
+sich. Er verstand es eben, seine Umgebung &uuml;ber das, was
+er sah und in ihm vorging, im Zweifel zu lassen.</p>
+
+<p>Die B&auml;uerin hatte das drohende Ungl&uuml;ck beim Buttern
+von einer schwatzhaften Magd erfahren. Als Urbas nach
+Hause kam, stellte sie sich ans Fenster, um ihm nicht ins
+Gesicht sehen zu m&uuml;ssen. Da ging, es war schon gegen
+Abend, der Ziegelarbeiter Franz Schieferer am Haus vorbei
+und rief ihr zu, der Simon sei dr&uuml;ben in Gunzenhausen
+im Hirschen; er traktierte die Manns- und Weibsleute und
+werfe mit Geld herum, da&szlig; es nur so klappre; aber,
+f&uuml;gte er lachend hinzu, denn er war stark angeheitert, man
+werde den Vogel bald auf Numero Sicher haben, die
+Gendarmen seien schon unterwegs. Dem war freilich nicht
+so, wie sich sp&auml;ter erwies; auch das mit dem Verhaftsbefehl
+war vorl&auml;ufig leeres Ger&uuml;cht.</p>
+
+<p>Das ganze Gesinde war zur Kirchweih gegangen. Die
+B&auml;uerin lie&szlig; sich auf die Wandbank nieder; Urbas wanderte
+mit schweren Schritten in der Stube auf und ab. Da h&ouml;rte
+man von der Stra&szlig;e herein schl&uuml;rfendes Gehen, dann
+<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>wurde an der Haust&uuml;rklinke ger&uuml;ttelt. F&auml;uste polterten
+wider das massive Holz, dazu erschallten Fl&uuml;che. Die
+B&auml;uerin sprang auf und wollte hinaus; Urbas hob den
+Zeigefinger, nichts weiter; sie verharrte auf der Stelle.
+Nun zeigte sich Simons Gesicht am Fenster, von Trunkenheit
+ger&ouml;tet, mit Augen voller Bosheit. Die B&auml;uerin schrie
+auf und winkte ihm zu, er solle weggehen. Er verschwand
+wieder, eine Weile blieb es ruhig, dann war auf der Tenne
+L&auml;rm. Er war durch die T&uuml;r auf der Hofseite ins Haus
+gelangt. Im Dunkeln stie&szlig; er gegen das Ger&auml;t; man vernahm
+einen Sturz; die B&auml;uerin ri&szlig; die Stubent&uuml;r auf
+und im hinauslohenden Lampenschein gewahrte sie, wie
+sich der betrunkene Mensch m&uuml;hsam vom Boden aufrichtete.
+Die Arme gegen die beiden in der Stube reckend, drang eine
+gr&auml;ulich l&auml;sternde Rede aus seinem Mund; vielleicht war
+dieser Augenblick entscheidend f&uuml;r Urbas. Die B&auml;uerin
+sagte aus, da&szlig; sie ihn vom Kopf bis zu den F&uuml;&szlig;en habe
+zittern sehen. Simon hatte sich indessen zu seiner Kammer
+getastet; er schlug dr&ouml;hnend die T&uuml;r hinter sich zu, dann
+war es wieder still. Urbas schaute in die finstere Tenne
+hinaus, die B&auml;uerin stand hinter ihm, das Gesicht in
+die Sch&uuml;rze gepre&szlig;t. Das dauerte so an f&uuml;nf Minuten.
+Hierauf verlie&szlig; Urbas die Stube und ging hin&uuml;ber in die
+Kammer. Die B&auml;uerin versicherte, da&szlig; sie geahnt und
+gesp&uuml;rt habe, was kommen w&uuml;rde, da&szlig; ihr aber die Glieder
+wie gefroren gewesen seien und sie w&auml;hrend der ganzen
+Zeit ihrer Sinne nicht m&auml;chtig war. Ob Simon so berauscht
+gewesen, da&szlig; er gleich, nachdem er sich auf die Bettstatt
+geworfen, in Schlaf verfiel, oder ob sie noch miteinander
+geredet, Vater und Sohn, lie&szlig; sich deshalb nicht ermitteln.
+Einmal sagte sie, es sei alles still geblieben, dann wieder,
+sie h&auml;tten miteinander geredet, und zwar ziemlich lange;
+<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>die beiden T&uuml;ren waren aber geschlossen gewesen, und da
+sie nach ihrer Behauptung im Ofenwinkel gesessen war,
+konnte, wie durch mehrmaligen Versuch erwiesen wurde,
+der Schall von blo&szlig;em Sprechen unm&ouml;glich zu ihr gedrungen
+sein. Auch ihre Angaben, wie lange Urbas in der
+Kammer geweilt, waren auffallend unsicher; bald sagte sie,
+es k&ouml;nne nur eine Viertelstunde, bald, es m&uuml;&szlig;te mehr als
+eine Stunde gewesen sein. Das Mordmesser hatte nicht
+Urbas geh&ouml;rt, sondern dem Sohn; ob es dieser bei sich
+getragen oder ob es in der Kammer gelegen, war ebenfalls
+nicht zu ermitteln. Hier&uuml;ber verweigerte Urbas jede Auskunft,
+und so wichtig der Umstand war, er konnte vorerst
+nicht ins Klare gebracht werden.</p>
+
+<p>Ich gestehe, da&szlig; mir alle diese Vorg&auml;nge trotz ihrer
+Unheimlichkeit zun&auml;chst wenig Interesse einfl&ouml;&szlig;ten. Sie
+waren als Begleiterscheinung eines solchen Verbrechens
+typisch. Der Vater ein unbeugsamer Starrkopf, beleidigt
+in seinem b&auml;uerlichen Ehrgef&uuml;hl, in echt b&auml;uerlichem D&uuml;nkel
+keine Instanz &uuml;ber sich anerkennend, der Sohn ein Lump,
+dessen vorzeitiges und gewaltsames Ende man kaum recht
+bedauern konnte; die Mutter haltlos zwischen beiden
+schwankend; es war die &uuml;bliche Konstellation, und die
+Gerechtigkeit konnte ihren Lauf nehmen, ohne da&szlig; sie
+auf hemmende Dunkelheiten stie&szlig;.</p>
+
+<p>Nach und nach aber, bei genauem Einblick in die Vergangenheit
+und die Art des Adam Urbas, wurde meine Aufmerksamkeit
+nachhaltiger gefesselt. Es war als gingest du
+an einer Mauer entlang, die aussieht wie alle andern
+Mauern in der Welt; pl&ouml;tzlich gewahrst du, erst kaum
+bemerkbar, dann immer deutlicher, gewisse Zeichen und
+Runen, die zu pr&uuml;fen ein Etwas dich zwingt; du kommst
+nicht mehr los, du beginnst Gruppe um Gruppe zu entziffern,
+<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>und schlie&szlig;lich wird dir eine unerwartete Mitteilung
+&uuml;ber das verschlossene Gebiet, das hinter dieser
+Mauer liegt.</p>
+
+<p>Die Urbassche Ehe war dreizehn Jahre kinderlos gewesen.
+Die Frau hatte es als unabwendbares Schicksal getragen,
+der Mann aber hatte sich aufgelehnt gegen den Spruch der
+Natur. Er war der Letzte eines uralten Bauerngeschlechts;
+in fr&auml;nkischen Chroniken des vierzehnten Jahrhunderts
+schon werden die Urbas genannt. Ihn d&uuml;nkte es wie
+Schmach, da&szlig; er keinen Leibeserben haben sollte. Wozu
+war das Schaffen und Sparen, S&auml;en und Ernten? Wozu
+das Haus mit den gef&uuml;llten Truhen, das Vieh im Stall,
+das Getreide in der Scheune, wozu Acker und Wiese, M&uuml;hle,
+Flu&szlig; und Wald?</p>
+
+<p>Er &auml;u&szlig;erte sich nicht; gegen sein Weib nicht, gegen
+andere Menschen nicht. Er verzog keine Miene, wenn die
+andeutende Rede darauf fiel. Kein hartes Wort das Jahr
+&uuml;ber, keine Erkundigung.</p>
+
+<p>Aber einmal im Monat geschah es, da&szlig; er den Blick auf
+der Frau ruhen lie&szlig;. Es ging h&ouml;here Gewalt aus von dem
+Blick. Er wurde dabei nicht von einer bestimmten Absicht
+gelenkt; es gewann Macht &uuml;ber ihn und brach hervor. Auf
+dem Feld konnte es sein: er h&ouml;rte auf, die Garbe zu binden
+und schaute sie an; beim Abendessen: er lie&szlig; den L&ouml;ffel
+in die Sch&uuml;ssel fallen und schaute sie an; in der Nacht:
+die B&auml;uerin erwachte, er lag da, auf den Arm gest&uuml;tzt und
+schaute sie an. Auf dem Platz vor der Kirche: sie stand im
+Gespr&auml;ch mit andern Weibern, pl&ouml;tzlich verstummte sie,
+denn er stand drei Schritte vor ihr und schaute sie an.
+Ohne Zorn, ohne Drohung, ohne Vorwurf, nur pr&uuml;fend,
+aus umbuschten Augen still und lang.</p>
+
+<p>Einmal im Monat geschah es und war mit Sicherheit
+<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>zu erwarten. Anfangs ging es der B&auml;uerin nicht nah.
+Sie hielt es f&uuml;r eine Schrulle. Sie gab sich keine Rechenschaft,
+worauf es abzielte. Sie lachte; sie zwang sich zu
+einem muntern Wort. Sp&auml;ter duckte sie sich, fl&uuml;chtete mit
+Sinn und Auge; aber es kamen Stunden und schlie&szlig;lich
+Tage, wo sie in Gr&uuml;beleien verfiel und die Frage, die sie
+an den Bauern nicht zu richten wagte, an seinen geisternden
+Schatten richtete.</p>
+
+<p>K&ouml;nnen Menschen nicht miteinander reden? gr&uuml;belte sie;
+wozu hat einer die Zunge im Maul, da&szlig; er nicht sagt, was
+er begehrt? Sie beschlo&szlig;, den Mann anzuhalten. Doch
+wenn es so weit war und sie vor ihn hintrat, entfiel ihr
+der Mut. Verschuldung wuchs, um Aufschlu&szlig; dr&auml;ngte
+eine Stimme, Aufschlu&szlig; kam nicht, sie f&uuml;hlte sich nicht
+schuldig, etwas war schuldig, aber das Etwas war in ihr.</p>
+
+<p>Das wechselnde Tun w&auml;hrend der lebendigen Jahreszeiten
+zwang die Tage immer wieder ins gleiche, aber f&uuml;r
+eine immer k&uuml;rzer werdende Spanne. Die Angst vor des
+Bauern Blick, der auf sie eindrang, so oft das Blutzeugnis
+die Schuld vergr&ouml;&szlig;erte, l&auml;hmte die Gedanken. Vom
+November bis zum Februar r&uuml;ckten die Steine und Balken
+des Hauses gef&auml;hrlich aneinander, in den Stuben war
+schwerere Luft, der Himmel klebte an den Fensterscheiben,
+der Abend war ein nasser Sack um den Leib, das Linnen
+schleifte bleich &uuml;ber die Diele, die K&uuml;he lagen in rosigem
+Dampf, und durch die Schneeschlucht heran zum Stall
+schwankte durch Irisringe breitg&auml;ngig, die Laterne in der
+Hand, die hochschwangere Magd.</p>
+
+<p>Alles war Leib, alles war Angst. Achtundzwanzig Tage
+und N&auml;chte waren ohne Einschnitt; Urbas sa&szlig; am Ofen,
+die Pfeife zwischen den Z&auml;hnen; ging ins Wirtshaus und
+kehrte am Abend zur&uuml;ck; sa&szlig; wieder am Ofen und studierte
+<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>die Zeitung; erhob sich, wenn der Topf mit Kraut und
+Kl&ouml;&szlig;en hereingetragen wurde; sprach das Gebet; h&ouml;rte
+still zu, wenn die andern redeten, und nichts Heimliches
+war in seinen Mienen, kein Groll, der sich sammelte, nur
+Schweigen.</p>
+
+<p>Dann aber kam die Stunde. Die B&auml;uerin sp&uuml;rte es
+schon in jeder Ader; die Haare fingen an zu knistern.
+Eine T&uuml;r ging auf, und er stand da; am Morgen, am
+sp&auml;ten Abend; war es nicht in der Stube, so war es in der
+Tenne; stand da mit dem unerforschlichen Blick. Kein
+R&auml;uspern, kein Aufzucken, kein Wort, nur der Blick:
+warum nicht? warum alle und du nicht? warum liegt
+dein Acker brach?</p>
+
+<p>Zw&ouml;lf Jahre waren so verflossen, da hatte die Kraft der
+Frau ein Ende. Ihr Gem&uuml;t umd&uuml;sterte sich. In den N&auml;chten
+w&auml;lzte sie sich schlaflos. Durch die Finsternis brannten
+die Augen des Bauern, auch wenn er schlief. H&ouml;rte sie
+bei Tag seinen Schritt, so verkroch sie sich in einen Winkel
+der Scheune und kauerte zitternd, bis von allen Seiten
+das Rufen nach ihr erschallte. Die Z&uuml;gel der Wirtschaft
+waren gelockert, das Gesinde wurde l&auml;ssiger.</p>
+
+<p>Sie versagte sich ihm. Ihr graute vor seiner Umarmung.
+Ergab sie sich nicht, so hatte er nichts zu fordern, schien es
+ihr in der Verdunkelung ihrer Sinne. Sie wurde kalt an
+Haut und Blut; das Weib in ihr erstarrte. Da aber fing
+Urbas an, um sie zu werben. Es war wie nie zuvor. Sie
+hatte es nie kennen gelernt. Nicht mit Worten warb er,
+vielmehr in einem scheuen Dienst. Es lag oft etwas Beklommenes
+darin, als habe sie sich versteckt, und er m&uuml;sse
+sie finden; als suche er und k&ouml;nne sie nicht finden. Er glich
+einem Tier, das leidet. Ein Jahr lang oder noch l&auml;nger
+<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>w&auml;hrte dies, und in der Zeit verlor sich die Angst der
+B&auml;uerin, denn sie merkte, da&szlig; sie nicht blo&szlig; eine an ihn
+hingeworfene Kreatur in seinen Augen war, der man zu
+fressen gibt und die man karessiert, wenn sie geschuftet
+hat, und einen Fu&szlig;tritt verabreicht, wenn sie nicht leistet,
+was man von ihr verlangt, sondern da&szlig; sie noch was
+anderes f&uuml;r ihn bedeutete, der Ehrung und der Befragung
+W&uuml;rdiges. Sie wandte sich ihm mit bereitwilligerem
+Herzen wieder zu; einen Monat darauf wurde sie schwanger.</p>
+
+<p>Als dies keinem Zweifel mehr unterlag, verwandelte
+sich ihr Wesen vollends. Mit jungen Schritten eilte sie
+durchs Haus, trieb die S&auml;umigen heiter zur Arbeit, legte
+selbst &uuml;berall Hand an, gespr&auml;chig, hell, aufgebl&auml;ttert.
+Staunen war um sie. Auch Urbas wunderte sich. Sie
+mochte ihm, was bevorstand, nicht geradezu ank&uuml;ndigen;
+sie w&uuml;nschte eine Form, in der es festlich und wie ein
+Geschenk wirken sollte. Am Gr&uuml;ndonnerstag legte sie
+das Staatskleid an, dazu die langen schwarzen Kopfschleifen
+mit den silbernen Spangen, dann rief sie Urbas
+in die obere Stube, wo die Glasschr&auml;nke standen mit dem
+alten Silber und Porzellan, Jahrhunderterbe. Gewichtig
+setzte sie sich in den Lehnstuhl, faltete die H&auml;nde &uuml;ber dem
+Leib und sagte, was zu sagen war, kurz und simpel.</p>
+
+<p>Durch Urbas m&auml;chtigen K&ouml;rper ging ein Ruck. Als sie
+von dieser Stunde sprach, neunzehn Jahre sp&auml;ter sich dieses
+Gest&auml;ndnisses entsann und wie Urbas sich dabei verhalten,
+war ihr noch immer die Ersch&uuml;tterung anzumerken, die sie
+damals gesp&uuml;rt. Sein erdbraunes Gesicht wurde rot wie
+Mohn. Er stie&szlig; eine dr&ouml;hnende Lache aus. Darnach rann
+ihm die N&auml;sse aus den Augen. Er trat auf sie zu und schlug
+sie so derb auf die Schulter, da&szlig; sie schrie. Best&uuml;rzt, sie
+k&ouml;nne nicht als Liebkosung nehmen, was so gemeint war,
+<a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>t&auml;tschelte er ihr den R&uuml;cken, z&auml;rtlich, and&auml;chtig und lie&szlig;
+dazu ein melodisches Gebrumm in der Kehle orgeln.</p>
+
+<p>Auf sein strenges Gehei&szlig; mu&szlig;te sie sich pflegen. Er ging
+heimlich zum Doktor und bat um Weisungen. Damit die
+zwei Arme nicht fehlten, heuerte er noch eine Magd. Er
+&uuml;berwachte sie; er r&auml;umte ihr aus dem Weg, was sie beim
+Schreiten hinderte. Als die Kinderw&auml;sche gen&auml;ht wurde,
+sa&szlig; er bisweilen mit runden Augen daneben und wiegte
+den schweren Sch&auml;del.</p>
+
+<p>Alles verlief der Natur gem&auml;&szlig;, auch die Stunde am
+Ausgang der neun Monate. Lange hielt Urbas das Neugeborene
+in der Hand, lange betrachtete er das tr&uuml;bselig-ungestalte
+Ding. Auf seiner Stirn wetterte es freudig
+und sorgenvoll.</p>
+
+<p>Simon wuchs auf wie alle andern Bauernkinder; es
+wurde ihm nichts leichter gemacht. Keine Kenntnis durfte
+ihm davon werden, wie lang man auf ihn gewartet hatte
+und mit welcher Ungeduld. Was er seinen Leuten wert
+war, mu&szlig;te sich aus seiner Brauchbarkeit ergeben. Fr&uuml;he
+Launen zerschellten an der festgef&uuml;gten Ordnung; fr&uuml;he
+Krankheiten waren die Probe, die zu bestehen war: taugst
+du oder taugst du nicht? Allerdings, wer scharf zusah,
+konnte dann an Urbas eine unruhige Gespanntheit wahrnehmen,
+als behorche er den innersten Blutgang im Leib
+des Knaben.</p>
+
+<p>Das Behorchen blieb in seinen Z&uuml;gen. Es grub sich
+faltenm&auml;&szlig;ig ein. Schien es, wie wenn er nicht beachte,
+was Simon tat und sprach, so war es falscher Schein.
+Niemand in seiner Umgebung konnte ermessen, mit welcher
+Genauigkeit er in diesem Punkte sah. Ich erfuhr es. Ich
+erfuhr es in einer Weise, die weder zu vergessen, noch eigentlich
+<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>mitteilbar ist. Es w&auml;ren dazu andere Behelfe n&ouml;tig,
+als sie mir zur Verf&uuml;gung stehen.</p>
+
+<p>Eine fast erhabene Vorstellung von dem Verh&auml;ltnis
+zwischen Vater und Sohn war mit seinem Wesen verschmolzen.
+Er f&uuml;hlte sich als Bauer, d.&nbsp;h. er f&uuml;hlte sich als
+K&ouml;nig. Die Erde war seine Erde. Der Knecht war sein
+Knecht. Wetter wurde f&uuml;r ihn gemacht, und f&uuml;r den Acker,
+und f&uuml;r die Ernte. Er war Herr &uuml;ber das Land; sein Auge
+grenzte es ab bis zu dem Stein, der von altersher unverr&uuml;ckt
+stand; kein Halm, der nicht in seinem Namen aufscho&szlig;.
+Eigentum war das Heiligste von allem, und Eigentum
+war des Herrn bed&uuml;rftig, da&szlig; er es wachsam und unerbittlich
+verwalte, bis auf den Pfennig, bis auf das
+Saatkorn. Der Sohn &uuml;bernahm es vom Vater, der Vater
+gab es dem Sohn, durch alle Zeiten hindurch; so war die
+Ordnung der Dinge, anders war die Welt nicht zu verstehn.</p>
+
+<p>Aber das hei&szlig;t vorgreifen, und ich will den Faden
+behalten.</p>
+
+<p>Die f&ouml;rmlichen Verh&ouml;re, die ich mit Urbas vorzunehmen
+verpflichtet war, f&uuml;hrten zu keinem nennenswerten Ergebnis.
+Die Antworten waren immer dieselben, und sie
+jedesmal wiederholen zu sollen, schien ihm verwunderlich
+und l&auml;stig zu sein. Er beschr&auml;nkte sich auf die Tatsache;
+erkl&auml;ren wollte er nichts. Sich zu verteidigen verschm&auml;hte
+er, auch von einem Rechtsbeistand wollte er nichts wissen,
+und meinen Belehrungen und Ratschl&auml;gen setzte er eine
+obstinate Gleichgiltigkeit entgegen. Als ich ihm nahelegte,
+da&szlig; er durch eine freim&uuml;tige Darstellung der Beweggr&uuml;nde
+seines Verbrechens eine bedeutende Strafmilderung
+erzielen k&ouml;nne, antwortete er lakonisch: &raquo;Es ist nicht
+an dem.&laquo; Ich entschlo&szlig; mich, auf die fruchtlosen Inquisitionen
+zu verzichten, zumal die Zeugenaussagen und alles,
+<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>was mir &uuml;ber die Person des Ermordeten wie &uuml;ber die des
+Angeklagten selbst bekannt geworden war, eine l&uuml;ckenlose
+Motivenkette geschaffen hatten.</p>
+
+<p>Dennoch gab es zwei Momente der Ungewi&szlig;heit, die
+aufzuhellen noch nicht gelungen war. Das eine war das
+Gutachten des Gerichtsarztes &uuml;ber den Leichenbefund am
+Tatort. Die Lage des K&ouml;rpers zeigte n&auml;mlich nicht das
+geringste Merkmal von ver&uuml;bter Gewalt, weder an der Art
+wie die Gliederstarre eingetreten war, noch an den Kleidern,
+noch am Gesichtsausdruck. W&auml;re nicht die Selbstbeschuldigung
+des Bauern gewesen, so h&auml;tte sich der Beweis des
+Mordes schwer erbringen lassen. Das zweite kn&uuml;pfte sich
+an das unbestrittene Faktum, da&szlig; das Messer dem Simon
+Urbas geh&ouml;rt hatte. Der Bauer behauptete, es sei im
+Hoseng&uuml;rtel Simons gesteckt, und er habe es einfach
+herausgezogen; auch zu dieser Angabe verstand er sich erst
+nach h&auml;ufigem, ernstlichem Dr&auml;ngen. Sie trug das Gepr&auml;ge
+der Unwahrscheinlichkeit an sich, und am n&auml;chsten Tag
+widerrief er sie auch und sagte, das Messer sei aufgeklappt
+auf dem Tisch gelegen; Simon habe in der Fr&uuml;he noch Brot
+damit geschnitten. Als ich ihm mein Erstaunen &uuml;ber diese
+Ver&auml;nderung einer wichtigen Aussage nicht verhehlte,
+blickte er scheu zu Boden. Es war das einzige Mal, da&szlig;
+ich etwas wie Verwirrung an ihm zu beobachten glaubte.</p>
+
+<p>Den beharrlich schweigenden Mund zum Reden zu
+bringen, wurde zwangvoller Trieb f&uuml;r mich. Fast ununterbrochen
+waren meine Gedanken mit dem Menschen besch&auml;ftigt;
+die Deutlichkeit der Erscheinung, die Hartn&auml;ckigkeit,
+mit der sie mich verfolgte, beunruhigte und
+qu&auml;lte mich. Immer wieder rief mir eine Stimme zu: der
+Mann ist kein M&ouml;rder; das ist der Mann nicht, der hingeht
+und einem andern den Hals abschneidet wie man ein Huhn
+<a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>schlachtet; dem eigenen Sohn mit Abscheu erregender
+Brutalit&auml;t zum Henker wird. Doch hatte er es ja gestanden.
+Was war vorgegangen? Auf die Frage nach der Dauer
+seines Aufenthalts in der Kammer hatte er stets geschwiegen
+oder h&ouml;chstens die Achseln gezuckt; erst beim
+letzten Verh&ouml;r waren ihm, beinahe wider Willen, die Worte
+entschl&uuml;pft, er sch&auml;tze, es k&ouml;nne eine halbe Stunde gewesen
+sein. Was war in dieser halben Stunde vorgegangen?
+Er gewahrte mein Nachdenken, und sein Gesicht verfinsterte
+sich.</p>
+
+<p>Ich sah, den eigent&uuml;mlichen Zustand meiner Unruhe und
+Ungeduld zu beenden, keinen andern Weg, als den Bezirk
+der Beruflichkeit zu verlassen und ihm gegen&uuml;berzutreten,
+Mensch gegen Mensch. Ein gewisses Vertrauen glaubte
+ich mir bei ihm erworben zu haben; so oft ich mich bem&uuml;ht
+gezeigt hatte, Heikles zart zu behandeln, glaubte ich eine
+dankbare Regung in ihm versp&uuml;rt zu haben. Z&ouml;gern
+machte mich nur noch die Erw&auml;gung, ob sich nicht der angeborene
+Argwohn gegen den Zudringling aus der fremden
+Sph&auml;re wenden w&uuml;rde, ob es nicht an den Mitteln zu
+nat&uuml;rlicher Verst&auml;ndigung von vornherein mangle. Aber
+dar&uuml;ber halfen mir Bild und Gestalt hinweg; Adam Urbas
+war ja kein Bauer gew&ouml;hnlicher Sorte; er geh&ouml;rte zu
+unserer Bauern-Aristokratie, seine blo&szlig;e Haltung zeugte
+von Scharfsinn und Noblesse, und so hoffte ich, da&szlig; ich
+den Weg zu ihm nicht vergeblich bahnte. Ich &uuml;berlegte nicht
+l&auml;nger; eines Abends im Dezember war es, als ich in das
+Gef&auml;ngnisgeb&auml;ude ging und mir die Zelle aufsperren lie&szlig;,
+in der sich Urbas befand.</p>
+
+<p>Ich hatte ihm Verg&uuml;nstigungen f&uuml;r die Haft erwirkt.
+Es war ein wohnlicher Raum, anst&auml;ndig m&ouml;bliert mit
+Waschtisch, Bett und Spiegel, behaglich warm. Er sa&szlig;
+<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>bei der Lampe und hatte die Bibel vor sich aufgeschlagen.
+Ich gr&uuml;&szlig;te, zog den Mantel aus, hing ihn an den T&uuml;rhaken
+und setzte mich Urbas gegen&uuml;ber an den Tisch.</p>
+
+<p>Sein Anblick frappierte mich jedesmal aufs neue; auch
+jetzt. Er war massig wie ein Stier. Sein Kopf hatte die
+Rundheit der eingeborenen fr&auml;nkischen Brachycephalen,
+doch wies der Sch&auml;del, besonders die Bildung an den
+Schl&auml;fen, Merkmale alter Zucht auf; die Knochen waren
+dort auffallend d&uuml;nn, die Haut bl&auml;ulichgelb und fast durchscheinend.
+Der Mund war weitgeschnitten, mit festverpre&szlig;ten
+schmalen Lippen, die Nase gebogen, mit starkem
+Sattel; das Gesicht, an das eines alten Schauspielers erinnernd,
+war sorgf&auml;ltig rasiert, die H&auml;nde waren die eines
+Riesen. Die tr&auml;glidrigen Augen &ouml;ffneten sich selten; dann
+aber hatte der Blick eine &uuml;berraschende Durchdringungskraft,
+so da&szlig; es auch mir nicht leicht war, ihn auszuhalten.</p>
+
+<p>Um das Gespr&auml;ch einzuleiten, sagte ich, ich h&auml;tte schon
+lange das Bed&uuml;rfnis empfunden, ihn aufzusuchen. Ich
+k&auml;me aber nicht in meiner Amtseigenschaft, sondern, wenn
+er wolle, als Freund, dem ein Besuch zuf&auml;llig erlaubt sei.
+Im Grunde sei er mein Schutzbefohlener, und ich tr&uuml;ge
+die Verantwortung f&uuml;r sein Wohlergehen.</p>
+
+<p>Er blickte mich schweigend an. Nach geraumer Weile
+sagte er: &raquo;Sehr g&uuml;tig von Ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich wehrte ab. &raquo;So m&ouml;chte ich es nicht aufgefa&szlig;t
+haben,&laquo; sagte ich ungef&auml;hr; &raquo;ich w&uuml;nschte, Sie sollen mir
+jetzt nicht mi&szlig;trauen. Dem Richter mi&szlig;traut man, unwillk&uuml;rlich.
+Sie denken sich: Kommt er nicht als Beamter,
+um seine Akten vollzuschreiben, so kommt er doch als
+Neugieriger, um zu schn&uuml;ffeln. Weder das eine, noch das
+andere ist meine Absicht. Die Akten sind so gut wie geschlossen;
+wir stehen vor der Verhandlung. Zur Neugier
+<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>ist f&uuml;r mich wenig Anla&szlig;; es ist mir ja alles bekannt, will
+mir scheinen. Warum ich gekommen bin, wei&szlig; ich selbst
+nicht genau. Ich mu&szlig;te. Es war wie Pflicht.&laquo;</p>
+
+<p>Wieder antwortete Urbas lange nicht. Endlich sagte
+er: &raquo;Ich glaube Ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>Ich griff das Wort auf. &raquo;Wenn Sie mir glauben,&laquo;
+erwiderte ich, &raquo;dann k&ouml;nnen wir uns ja &uuml;ber das Geschehene
+wie zwei gute Bekannte in Ruhe unterhalten.&laquo;</p>
+
+<p>Urbas dachte nach. Hierauf sagte er: &raquo;Wozu soll ich
+denn reden? Schlimm genug, da&szlig; es hat geschehen
+m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist eben die Frage,&laquo; warf ich ein; &raquo;hat es geschehen
+m&uuml;ssen? m&uuml;ssen?&laquo;</p>
+
+<p>Er hob den Kopf, aber die Lider blieben gesenkt. &raquo;Daran
+zu zweifeln, w&auml;re die pure Vermessenheit,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Es gibt nicht nur einen Zweifel,&laquo; beharrte ich, &raquo;sondern
+die menschliche Gesellschaft verwirft Ihre Tat und verabscheut
+sie. Wollte jeder in einem solchen Fall nach eigenem
+Gutd&uuml;nken entscheiden, so w&auml;re des Schreckens kein Ende,
+so lebten wir wie unter rei&szlig;enden Bestien. Wie Sie sich
+vor sich selbst und Ihrem h&ouml;chsten Richter verantworten
+werden, wei&szlig; ich nicht. Uns Menschen sind Sie die Verantwortung
+noch schuldig.&laquo;</p>
+
+<p>Urbas sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Was kann das Reden
+hinzutun oder wegtun?&laquo; murmelte er gleichgiltig.</p>
+
+<p>&raquo;Zwischen Ihnen und uns mu&szlig; reiner Tisch werden,&laquo;
+sagte ich; &raquo;so lange Sie sich trotzig verschlie&szlig;en, bleibt alles
+ein w&uuml;ster Graus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn einer aber nicht die Worte hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat er sie nicht oder verweigert er sie nur aus Hoffart
+und aus Trotz?&laquo; entgegnete ich; &raquo;pr&uuml;fen Sie sich.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>Er sagte: &raquo;Die Zunge ist schwer; ich bins nicht gewohnt.&laquo;</p>
+
+<p>Seine Stirn furchte sich. Ich sah, da&szlig; ich nicht weiter
+in ihn dringen durfte. Ich wartete. Endlich murrte es aus
+seiner Brust: &raquo;Ich hab ihn gemacht.&laquo; Sein Blick bohrte
+nach unten. &raquo;Wenn ich ihn gemacht habe, darf ich ihn
+dann nicht auch vertilgen?&laquo; fragte er mit einem seltsamen,
+listigb&ouml;sen Ausdruck. &raquo;Das m&ouml;gt Ihr Leute bestreiten,
+soviel Ihr wollt: den einer gemacht hat, den darf er auch
+wieder vertilgen, wenns nur zum Unheil war, da&szlig; er kam.
+Ich hab ihn mir geholt; herausgegraben aus seiner Mutter
+Scho&szlig;. Andere Weiber tragen die Frucht neun Monate.
+Von der kann man sagen, sie hat sie dreizehn Jahre getragen.
+Ich hab ihn von ihr verlangt; ich hab ihn vom
+Herrgott verlangt. Ich hab ihn mir zurechtgerichtet, bevor
+er noch da war. So und so, dacht ich, wirst du mir werden.
+Wie ein St&uuml;ck Lehm, das einer aus dem Erdreich schneidet
+und bastelt daran und knetet es nach seinem Sinn. Auf
+einmal hat er nichts als eitel Dreck in der Hand. Da
+schmei&szlig;t ers wieder hin, von wo ers hergenommen hat.&laquo;</p>
+
+<p>Der listigb&ouml;se Zug verst&auml;rkte sich. Er musterte mich
+durch einen Spalt zwischen den Lidern. &raquo;Da&szlig; es zum
+Unheil war, hat sich erst nach und nach erwiesen,&laquo; sagte ich.</p>
+
+<p>Er unterbrach mich mit einer herrischen Geb&auml;rde. &raquo;Von
+Anbeginn mi&szlig;raten. Mi&szlig;ratenes Blut; ich hab es mit
+meiner Nase gerochen. Andere, von schlechterer Herkunft,
+wachsen auf, ohne da&szlig; man ihrer viel achtet und mi&szlig;raten
+doch nicht. Biegen sie sich am Anfang krumm, so biegt sie
+die Zeit wieder grade. Bei ihm wurde das Krumme immer
+krummer. Da sah ich, es wird gro&szlig;es Leid entstehn. Und
+so wars. Jeder Tag ein Sandkorn davon, zuletzt ein Berg.
+Da bin ich gestanden und habe mich gefragt: was will
+das werden? Hat mans an einer Stelle fortgeschaufelt,
+<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>wars an der andern doppelt so hoch; hat mans angegriffen,
+ists zwischen den Fingern zerronnen. Es war keine Hilfe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber k&ouml;nnen nicht auch schadhafte Keime durch eine
+sorgf&auml;ltige Pflege zum Gedeihen gef&uuml;hrt werden?&laquo; hielt
+ich ihm entgegen. &raquo;Haben Sie sein Gewissen zu wecken
+versucht? Haben Sie ihn in ernstliche Zucht genommen?&laquo;</p>
+
+<p>Urbas hob zum erstenmal die schweren Lider, und in
+seinen Augen war etwas Verst&ouml;rtes. &raquo;Herr,&laquo; erwiderte
+er j&auml;h, &raquo;das Element kann einer nicht bew&auml;ltigen. Schaffts
+das Auge nicht, so schaffts auch das Maul nicht, hab ich
+mir gesagt. Schaffts das Beispiel nicht, so schaffts auch
+der Pr&uuml;gel nicht. In dem Punkt, den Sie meinen, hat die
+B&auml;uerin ihre Schuldigkeit getan. Eine Weibsperson versteht
+das besser. Wenn er nicht hat sp&uuml;ren k&ouml;nnen, da&szlig;
+meine Stimme auch dabei war, was war dann an ihm
+nutze? Wenn er nicht hat h&ouml;ren k&ouml;nnen, was ich ihn ohne
+mein Reden habe vernehmen lassen, w&auml;r auch des Propheten
+Wort nur leerer Schall f&uuml;r ihn gewesen. So hab ich mir
+gesagt. Ich bin vorangegangen, er h&auml;tte nachgehen k&ouml;nnen;
+ich bin ihm nachgegangen, er h&auml;tte sich umdrehn k&ouml;nnen.
+Er hat mich nicht gesehen, er hat mich nicht geh&ouml;rt. Mich
+widerts, da&szlig; ich einen Menschen soll packen und ihm ins
+Ohr schreien: Mensch, sei ordentlich. Was soll das
+frommen, wenns ihm nicht in der Art liegt? Verzieht
+einer seine Fratze zum Hohn, w&auml;hrend andere beten, so ist
+er eine verlorene Kreatur. Zucht schl&auml;gt an, wo nicht an
+der Wurzel der Wurm schon nagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wu&szlig;ten Sie denn das ganz genau?&laquo; fragte ich,
+und wie ich vermute, nicht ohne Sch&uuml;chternheit, denn seine
+Worte, seine Stimme hatten finstere Wucht, &raquo;waren Sie
+denn von Ihrer eigenen Unfehlbarkeit so fest &uuml;berzeugt?&laquo;</p>
+
+<p>Er streckte den Arm &uuml;ber den Tisch und antwortete
+<a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>schweratmend: &raquo;Wenn mein Fleisch und Blut wider mich
+aufsteht, so kann ich nicht mit ihm rechten wie mit einem
+H&auml;ndler, der mich betr&uuml;gt. Wenn der Same, den ich ausgestreut,
+mir als Schlangenbrut entgegenz&uuml;ngelt, so kann
+ich nicht wie ein Schulmeister mit dem Bakel dreinfahren.
+Das hat kein Verh&auml;ltnis, das hat keine Menschenw&uuml;rde.
+Wenn einer B&ouml;ses wirkt und Aberb&ouml;ses, auf den man die
+Zukunft gebaut, unab&auml;nderlich B&ouml;ses, bis Haus und Hof
+im Schlamm ersticken, was soll man da tun? Soll man
+ihm die Knochen anders renken, ein anderes Hirn und Herz
+einblasen?&laquo;</p>
+
+<p>Sein Gesicht, in seiner ganzen M&auml;chtigkeit, bebte und
+flammte. Derselbe Mann, der sich so lange, ein Lebensalter
+vielleicht, der mitteilenden Rede enthalten, ri&szlig; vor
+meinen Augen sein Inneres auf und hatte Worte, Bilder,
+T&ouml;ne, die mich verstummen machten und fast mit Angst
+erf&uuml;llten. Doch ich hatte pl&ouml;tzlich den unabweisbaren
+Eindruck, da&szlig; er nur scheinbar mit mir redete, nur scheinbar
+sich an mich wendete; da&szlig; er in Wirklichkeit sich eines
+abwesenden Bedr&auml;ngers zu erwehren suchte, der nicht erst
+seit heute ihm mit Fragen und Vorw&uuml;rfen zusetzte. Mir
+wollte es scheinen, als w&auml;re alles, was er gegen mich
+&auml;u&szlig;erte, schon als feurigg&auml;render Stoff in ihm angesammelt
+gewesen und nun qu&ouml;lle es aus ihm heraus,
+schleudre sich hervor; er konnte es nicht hemmen, und
+w&auml;hrend dies Gewaltige, gewaltig Unterdr&uuml;ckte redete,
+schien er selbst in Grimm und Qual und noch immer
+stumm zu lauschen.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens klang seine Stimme ruhiger, als er mit eckigen
+Kinnladenbewegungen, den Kopf gesenkt, fortfuhr: &raquo;Es
+k&ouml;nnte wer fragen: wann hast du angefangen, alles zu
+wissen und wann hast du aufgeh&ouml;rt, zu hoffen? So frage
+<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>er den Auss&auml;tzigen: wann hat deine Haut zu schw&auml;ren
+angefangen? Er hat es am ersten Tag gewu&szlig;t, nat&uuml;rlicherweise,
+aber den Aussatz hat er erst geglaubt, wie es ihn
+ins Siechenbett gezwungen. Bin gelegen, Nacht f&uuml;r Nacht;
+hab gesonnen und gesonnen. Hab mich durchforscht, hab
+ihn durchforscht. Hab dies erwogen, hab jens erwogen.
+Hab zugesehen und zugesehen, wie der Aussatz um sich
+gefressen hat. Hab mir den Geist zermartert, wie das
+&Uuml;bel zu fassen w&auml;re. Zucht! Zucht kommt immer um den
+Schritt zu sp&auml;t, den die Unzucht voraus hat. Das Rohr,
+mit dem ich seinen R&uuml;cken zerbl&auml;ut, w&auml;r mir in der Faust
+zerbrochen, und die Narben auf dem Fleisch h&auml;tten ihn
+blo&szlig; verh&auml;rtet. H&auml;tt&#8217; ich ihm Regeln vorsagen sollen?
+Was f&uuml;r Regeln? welche sind erprobt? H&auml;tt&#8217; ich ihn an
+Ketten legen sollen wie einen Hund? Alles, was ich an ihm
+angepackt, war doch mein. Ich der Baum, er der Zweig;
+ich der Docht, er das Licht; ich das Erdreich, er der Quell.
+Wie soll denn der Baum zum Zweig reden? es rinnt ja
+der n&auml;mliche Saft durch. Und der Docht zum Licht? er
+n&auml;hrt es ja. Und der Boden zum Wasser? es kommt ja
+aus ihm. Sch&ouml;n; aber woher kommt die Schlechtigkeit?
+Sie ist da und breitet sich aus wie das Feuer in d&uuml;rrem
+Holz; aber woher kommt sie? Und was das f&uuml;r ein unbarmherziges
+Gestaffel hat: erst die kleine L&uuml;ge, dann die
+gro&szlig;e; erst den Pfennig stiebitzt, dann den Taler; erst das
+Tier maltr&auml;tiert, dann den Menschen; erst Tagdieberei,
+dann Ehrabschneiderei; erst ein Hansguckindieluft, dann
+ein Hurentreiber. Kein Respekt, kein Glauben, keine
+Redlichkeit, keine Liebe. Woher ist das alles gekommen?
+Aus mir? Es ist wohl schlie&szlig;lich an dem. Und da hab ich
+mich gefragt: wo, Urbas, und wann ist dein sterblich Teil
+oder dein unsterbliches so von der H&ouml;lle versengt worden,
+<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>da&szlig; du solchen Stank und Unrat in die Welt gesetzt hast?
+Ist denn der Mensch nichts als ein geiler Schleim, da&szlig;
+er nur wieder geilen Schleim hervorbringt?&laquo;</p>
+
+<p>Er sah mich mit seinem gro&szlig;en Blick an wie ein Lastenschlepper,
+der unter der schweren B&uuml;rde keucht. Es entstand
+eine Stille. Er wischte sich mit dem Rock&auml;rmel die
+Feuchtigkeit von der Stirn. Ich begriff seine Ersch&uuml;tterung
+und sie teilte sich mir mit, aber mein in Zwiespalt geratenes
+Gef&uuml;hl zieh ihn der &Uuml;berheblichkeit, und ich konnte mich
+nicht enthalten, es zu &auml;u&szlig;ern. &raquo;Ein solches Ma&szlig; von
+Verantwortung sich zuzuschreiben, geht meines Erachtens
+weit &uuml;ber das hinaus, was einem Menschen verstattet ist,&laquo;
+bemerkte ich; &raquo;&uuml;bernimmt man sich in dem, wozu man sich
+verpflichtet w&auml;hnt, so vergreift man sich auch in seinen
+Rechten. Sie berufen sich in allen St&uuml;cken auf sich allein;
+als Mann und Vater nur auf sich selbst. Wie steht dann
+aber die Mutter da, die doch den gleichen Anspruch auf den
+Sohn hat, den st&auml;rkeren sogar? Die wird Ihre Gr&uuml;nde nicht
+billigen und gewi&szlig; nicht die Tat, f&uuml;r die Sie alle Bande
+der Familie zerrei&szlig;en mu&szlig;ten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dar&uuml;ber l&auml;&szlig;t sich nicht disputieren,&laquo; antwortete Urbas
+hart; &raquo;das geht dorthin, wo das Denken aufh&ouml;rt. Ob sie
+meine Gr&uuml;nde billigt, wei&szlig; ich nicht. Sie hat verspielt,
+und ich hab verspielt. Ist bei ihr der Kummer gro&szlig;, so ist
+bei mir die Verdammnis noch gr&ouml;&szlig;er. Bleibt ihr nichts
+vom Leben &uuml;brig, so ist mirs schon verg&auml;llt seit Jahr und
+Tag. Freilich ist sie mehr zu bedauern. Wars doch als g&auml;b
+ihr Leib ungern die Frucht her und str&auml;ube sich ahndungsvoll
+gegen meine eitle Torheit und Ungeduld. Man mu&szlig;
+nur die Natur recht verstehn, aber man versteht sie mit
+nichten und wills besser machen und rennt wie ein Bock
+wider die verriegelte T&uuml;r. Es sollte kein Weib ein einziges
+<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>Kind haben, da steht zuviel drauf. Meine Mutter hatte
+neun; davon sind allerdings sieben gestorben; meine Ahn
+sechzehn, und auch von denen sind acht fr&uuml;h mit Tod abgegangen.
+Solches Sterben hat nichts Bitteres. Von den
+K&ouml;rnern bei der Aussaat gehen auch nicht alle auf. Ein
+einziges Kind soll man nicht haben; damit nimmt man
+sich zuviel vor, wie beim Lotteriespiel. Da ist kein Ausgleich,
+da schl&auml;gt die Flamme auf einen zur&uuml;ck und wird
+Qualm. Einer Mutter bangt vielleicht, und ihr Gem&uuml;t
+f&auml;llt in Finsternis, wenn ihr Eins und Alles verworfen
+ist vor Gott und Menschen; aber sie ist drin gefangen f&uuml;r
+Zeit und Ewigkeit, und tr&auml;te er mit der aufgehobenen
+Hacke vor sie hin, sein Leben g&auml;lte ihr mehr als ihres. Kein
+Gut, kein B&ouml;se mehr; das Blut schreit lauter. Ich derweil!
+Vater, hats mich angerufen. Was ist das, Vater? hab ich
+mich gefragt und hab nach dem Ursinn geforscht. W&auml;r ich
+zur Magd ins Bett gegangen und h&auml;tte mit ihr einen Sohn
+gezeugt, der h&auml;tte mich auch Vater genannt. W&auml;rs dasselbe
+gewesen? Es w&auml;re nicht dasselbe gewesen. Vielleicht w&auml;r
+der der Geratene, der Ehrf&uuml;rchtige, der Gew&uuml;nschte gewesen.
+Warum nicht ihn gezeugt, warum den Mi&szlig;ratenen? Aber
+da steht das Gesetz dagegen auf, und das Gesetz ist heilig.
+Und w&auml;r dann das Weib noch mein Weib gewesen? Ich
+will einmal sagen: der Mann reicht weiter hinauf und
+hinunter denn das Weib. Ich will auch dieses sagen: der
+Vater ist tiefer in der Schuld denn die Mutter. Die Mutter
+sitzt am Rocksaum unseres Herrn, und er mag ihr nichts
+zuleide tun. Nach dem Vater wird gefragt, er mu&szlig; Rechenschaft
+ablegen. Mitteninne steht er in der Geschlechterkette;
+die obern deuten auf ihn, und die untern deuten
+auf ihn. Er darf sich nicht gefallen in der Z&auml;rtlichkeit und
+Liebkosung, denn aus den Augen des Sohnes schaut ihn
+<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>die Gemeinde an, schaut ihn der Kaiser an, schauen ihn die
+Altvordern an und alle, die nachher sind bis ins vierte und
+f&uuml;nfte Glied. Der Sohn ist ihm verliehen als ein Pfand,
+will ich einmal sagen, da&szlig; er es der Welt zur&uuml;ckgeben soll,
+wenn die Zeit reif ist. Weh dem, der mit leeren H&auml;nden
+kommt und sprechen mu&szlig;: ich habs verwirkt.&laquo;</p>
+
+<p>Er schaute starr in die Luft, erhob sich vom Stuhl und
+wiederholte laut: &raquo;Ich habs verwirkt.&laquo; Dann setzte er sich
+wieder.</p>
+
+<p>Ich wagte nicht die Versunkenheit zu st&ouml;ren, in die er
+fiel. Auch suchte ich in meinen Gedanken einen Weg, der
+weiter f&uuml;hrte. Von Minute zu Minute war ich meiner Sache
+sicherer geworden, aber ich hatte Furcht. Eine solche Sicherheit
+war in mir, da&szlig; Vorg&auml;nge, die sich bis jetzt auf blo&szlig;e
+Vermutungen und Kombinationen gest&uuml;tzt hatten, die
+Leuchtkraft des Erlebten gewannen, und in einer seherischen
+Glut f&uuml;gte sich Bild an Bild. Zweifellos trug hiezu das
+Fluidum des Menschen bei, der mir gegen&uuml;bersa&szlig;, und
+daher auch die Furcht. Ich habe trotz einer langen Laufbahn
+als aus&uuml;bender Jurist und Richter, oder vielleicht
+durch sie, die &Uuml;bertragbarkeit au&szlig;erordentlicher Seelenzust&auml;nde
+zu oft erfahren, um sie hier zu leugnen, wo ich
+pl&ouml;tzlich eine F&auml;higkeit zu entfalten vermochte, die ihr entwuchs.
+Es war etwas Grandioses um den Mann; seines
+Geheimnisses mich zu bem&auml;chtigen, d&uuml;nkte mich fast unerlaubt;
+ich zauderte; ich fand das Wort nicht; schlie&szlig;lich
+aber unterbrach ich das tiefe Schweigen, beugte mich weit
+&uuml;ber den Tisch und fragte: &raquo;Sie sind in die Kammer
+hin&uuml;bergegangen, um ein Ende zu machen?&laquo;</p>
+
+<p>Er antwortete nicht. Die aufeinander gepre&szlig;ten Lippen
+schienen sich der Rede wieder verweigern zu wollen. Doch
+f&uuml;r mich barst diese hartn&auml;ckige Stirn; sie &ouml;ffnete sich wie
+<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>ein Buch, und ich konnte in dem Raum dahinter lesen.
+&raquo;Sie waren zweimal in der Kammer,&laquo; sagte ich pl&ouml;tzlich
+aufs Geradewohl, oder vielleicht ist das falsch: aufs
+Geradewohl, vielleicht geschah es unter der brennenden
+Eingebung und Vision des Augenblicks; &raquo;zweimal; als
+Sie sie das erste Mal verlie&szlig;en, lebte Simon noch. Als
+Sie das zweite Mal hineingingen, lag er schon als Leiche
+auf dem Bett.&laquo;</p>
+
+<p>Ich hatte nie gedacht, da&szlig; das Gesicht dieses Bauern,
+das von Natur braun war wie gebeiztes Holz, so wei&szlig;
+werden k&ouml;nne. Das Wei&szlig;e quoll f&ouml;rmlich aus den Poren
+heraus und &uuml;berzog die Haut mit einem Schimmer wie von
+nassem Kalk. Er stierte mich mit weiten Augen an, seine
+Backen schlotterten, und mit beiden H&auml;nden griff er an den
+Hals. Nun gab es keine Unschl&uuml;ssigkeit mehr f&uuml;r mich;
+ich zwang mich zu angemessener Ruhe und fuhr fort: &raquo;Sie
+sind zu ihm gegangen, um ihm Geld zu bringen. Sie
+hatten an dem Sonntag kein Geld im Hause und liehen
+sich unmittelbar nach Tisch zweitausend Mark von Ihrem
+Nachbarn Stephan Buchner aus. Ist es nicht so? Das Geld
+sollte dazu dienen, da&szlig; sich Simon auf der Stelle davonmachte.
+Er sollte nach einer Hafenstadt, am selben Abend
+noch, und von dort nach Amerika. Ist es nicht so? Sie
+boten ihm das Geld, Sie entwickelten ihm Ihren Plan,
+und Sie erwarteten, da&szlig; er ohne Z&ouml;gern gehorchen w&uuml;rde.
+Aber er gehorchte nicht nur nicht, sondern er schlug auch
+das Geld aus. Sie fragten ihn, da begann er zu sprechen.
+Zuerst war, was er vorbrachte, wirr und faselnd, denn er
+war noch benebelt von dem Trinkgelage, dann aber wurde
+seine Rede klar, Ihnen jedenfalls furchtbar klar. Sie
+standen vor ihm und schwiegen. Sie nahmen nicht einmal
+Ansto&szlig; daran, da&szlig; er auf der Bettstatt liegen blieb und in
+<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>die Luft hinein sprach; denn Sie f&uuml;hlten, da&szlig; er nicht den
+Mut gehabt h&auml;tte, zu sprechen, wenn er Ihnen ins Gesicht
+h&auml;tte schauen m&uuml;ssen. Sie haben zugeh&ouml;rt, nur zugeh&ouml;rt,
+und aus dem Zuh&ouml;ren entstand alles &uuml;brige. Verh&auml;lt es
+sich so oder nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Urbas lie&szlig; den angstvollen Blick nicht eine Sekunde
+lang von mir. &raquo;Da m&uuml;ssen Sie wohl als ein verzauberter
+Geist im Hause gewesen sein,&laquo; stammelte er verst&ouml;rt.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; erwiderte ich; &raquo;es sind einfache Schlu&szlig;folgerungen
+aus Tatsachen. Die unscheinbarsten Tatsachen
+hinterlassen oft die eindringlichsten Spuren. Denken Sie
+nicht an Zauberei und Blendwerk. Eines Menschen Tun
+und Treiben wirkt nach allen Richtungen hin mit sonderbarer
+Gesetzm&auml;&szlig;igkeit. Es ist, als schleudre man einen
+Stein ins Wasser; die Ringe breiten sich aus und vergehen,
+aber die Bewegung kann noch gemessen werden, auch wo das
+Auge l&auml;ngst nichts mehr gewahrt. In dem Betracht kann
+wirklich keiner entrinnen; jeder Schritt nach jeder Seite,
+was er mit dem Finger fa&szlig;t und mit dem Atem behaucht,
+kn&uuml;pft ihn fester in das Netz. Ich besitze eine Zeugenschaft,
+der ich anfangs wenig Wert beilegte; im Lauf der Zeit
+erst begriff ich ihre Wichtigkeit. Es gibt da einen Eichst&auml;dter
+Maler namens Kie&szlig;ling, Freund und Zechkumpan von
+Simon; ein verbummelter Kerl, eine verkommene Existenz;
+aber nicht ohne derbe Aufrichtigkeit. Der wu&szlig;te mancherlei
+zu erz&auml;hlen. Wie Sie sich erinnern werden, verschwand im
+vorigen Winter in Ihrem Haus eine von den alten sch&ouml;nbemalten
+Porzellankannen. Sie, wie auch die B&auml;uerin,
+dachten nicht anders, als da&szlig; Simon sie sich angeeignet
+und beim H&auml;ndler in der Stadt verklopft habe, denn es war
+ein wertvolles St&uuml;ck; die B&auml;uerin &auml;u&szlig;erte sogar den Verdacht,
+Kie&szlig;ling habe bei dem Diebstahl seine Hand als
+<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>Hehler im Spiel. Da&szlig; Simon die Kanne genommen,
+ist richtig; ebenso, da&szlig; Kie&szlig;ling daran interessiert war;
+er h&auml;tte wohl den Beuteanteil nicht verschm&auml;ht, wenn er
+es auch jetzt in Abrede stellt. Aber so weit kam es gar nicht.
+Simon zertr&uuml;mmerte die Kanne vor den Augen seines
+Freundes. Sie waren in dessen Bude beisammen, dr&uuml;ben
+an der Pleinfelder Chaussee; Simon hatte die Kanne
+gebracht, Kie&szlig;ling nahm sie, beschaute sie, pr&uuml;fte sie und
+wollte eben seine Anerkennung kundgeben, als Simon
+sie ihm wieder entri&szlig; und mit aller Kraft gegen den Fu&szlig;boden
+schmetterte, wo sie nat&uuml;rlich in hundert Scherben
+zerbrach. Der andere machte ihm zornige Vorw&uuml;rfe, aber
+Simon, nachdem er eine Weile finster vor sich hingebr&uuml;tet,
+rief pl&ouml;tzlich aus: ich m&ouml;cht ihm einmal einen rechten Tort
+antun, so da&szlig; ers sp&uuml;rt bis in die Eingeweide hinein.
+Kie&szlig;ling wu&szlig;te nicht gleich, auf wen der Ausbruch gem&uuml;nzt
+war; seine Bekanntschaft mit Simon war damals noch neu;
+sp&auml;ter wurde ihm dann die Sache klar. Er sagte, er habe
+nie einen jungen Menschen gesehen, der einen solchen Ha&szlig;
+gegen seinen Vater gehegt h&auml;tte. Von Zeit zu Zeit wiederholten
+sich die Anf&auml;lle, &auml;hnlich jenem ersten; eine ohnm&auml;chtige
+Erbitterung kam &uuml;ber ihn, ein Trieb, zu zerst&ouml;ren;
+zu anderer Zeit wieder war es eine krankhafte Freudlosigkeit,
+ein melancholisches Hind&auml;mmern und stilles Glosen.
+Oft schien es nicht Ha&szlig; zu sein, sondern Furcht; oft nicht
+Furcht, sondern etwas viel Unergr&uuml;ndlicheres. Eine
+&Auml;u&szlig;erung, die auch von dritten Personen bezeugt ist, war
+die: m&ouml;cht ihm einmal alles ins Gesicht sagen k&ouml;nnen, dann
+w&uuml;rde mir wohl. Was konnte er damit gemeint haben?
+Abgesehen von Kie&szlig;ling, schildern ihn auch sonst Leute,
+die ihn kannten, nicht als schlecht; es sind meist Leute,
+denen man ein unbefangenes Urteil zutrauen darf. Sie
+<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>bezeichnen ihn als schwachen, leicht verf&uuml;hrbaren Charakter,
+als einen Menschen ohne Verwurzelung gleichsam; ausschweifend
+wie einer, der sich bet&auml;uben will, arbeitsscheu
+wie einer, der fortw&auml;hrend auf der Flucht ist und verfolgt
+wird, lasterhaft aus innerer &Ouml;de, aber keineswegs schlecht.
+So beurteile auch ich ihn jetzt. Aber von wem f&uuml;hlte er
+sich eigentlich verfolgt? wem hat er getrotzt? was war zu
+bet&auml;uben? Ich glaube, wir beide, Urbas, wir wissen es.
+Wenn auch die ganze Welt dar&uuml;ber sich den Kopf zerbricht,
+wir wissen es. Bis zu jenem Abend in der Kammer haben
+Sie es nicht gewu&szlig;t. Dort haben Sie es erfahren.&laquo;</p>
+
+<p>Er atmete auf; sein Gesicht zuckte wie von inneren
+St&ouml;&szlig;en; er schien etwas sagen zu wollen, aber er vermochte
+es nicht. Doch die Lichter und Schatten in diesem
+kantigen, kraftvoll bewegten und wahrhaftigen Antlitz
+hatten ihre eigene Beredsamkeit; das d&uuml;stere Staunen,
+der fast abergl&auml;ubische Schrecken &uuml;ber die pl&ouml;tzliche Enth&uuml;llung
+dessen, was er f&uuml;r sein unantastbares, ewig verwahrtes
+Geheimnis gehalten, war von ihm gewichen, aber
+da er das Geheimnis nicht mehr zu sch&uuml;tzen hatte, war
+auch das Gem&uuml;t der schweren Last entledigt; daher dies
+tiefe Aufatmen, das mich bewegte. Ich fand mich verpflichtet,
+ihm noch &uuml;ber die letzten Hemmnisse zu helfen,
+und ich sagte: &raquo;Erw&auml;gt man es genau, so sind die Menschen
+weit &uuml;bler daran als die Tiere. Die Tiere k&ouml;nnen einander
+nicht mi&szlig;verstehen. Die Menschen mi&szlig;verstehen einander
+im Blut wie im Geist; der Bruder den Bruder, der Freund
+den Freund, der Vater den Sohn. Jeder steckt in seinem
+Mi&szlig;verstehen wie in einem schwarzen Kellerloch, aber eine
+wunderliche Verblendung macht, da&szlig; er es f&uuml;r eine hellerleuchtete
+Wohnstube h&auml;lt. Und wenn er meint, da&szlig; der
+Herrgott selber sich um ihn bem&uuml;ht und ihn zu seinem
+<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>Sprachrohr auserw&auml;hlt, so zeigt sichs am Ende, da&szlig; es
+blo&szlig; der Teufel war. Dreizehn Jahre lang war Ihr ganzes
+Trachten auf einen Sohn gerichtet, und wie er dann da war,
+haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht, um dahinter zu
+kommen, was es mit ihm f&uuml;r eine Bewandtnis hatte;
+und da wars zu sp&auml;t. Ists also nicht kl&auml;glich bestellt
+um die menschliche Vernunft und Weisheit? Wozu noch
+fernerhin sich verstecken, Urbas? Welchen Zweck soll es
+haben, sich eines Verbrechens anzuschuldigen, das Sie nicht
+begangen haben? sich M&ouml;rder zu nennen an dem, der sich
+selbst den letzten Weg gewiesen hat? Wozu das frevle
+Spiel mit der irdischen Gerechtigkeit? wozu, Mann,
+wozu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das will ich Ihnen einbekennen, wozu,&laquo; sagte Urbas,
+&raquo;weil nun meine Partie doch ganz und gar verloren ist.
+Ich will es Ihnen einbekennen, aber haben Sie Geduld
+mit mir; es f&auml;llt mir schwer.&laquo; Seine Blicke suchten innen;
+seine Finger bewegten sich, als suchten auch sie: das einschr&auml;nkendste
+und unbedingteste Wort, die verl&auml;&szlig;lichste
+&Uuml;bermittlung. Er begann stockend: &raquo;Es ist wahr, ich bin
+hin&uuml;ber zu ihm, um ihm das Geld zu geben. An Amerika
+hab ich nicht gedacht; nur m&ouml;glichst schnell fort mit ihm,
+dacht ich, und m&ouml;glichst weit, damit einem wenigstens der
+Gendarm im Haus erspart wird. Ich bin hin&uuml;bergegangen,
+und weils finster in der Kammer war, hab ich erst die
+Kerze anz&uuml;nden m&uuml;ssen, und da ist er auf seinem Bett
+gelegen und hat mich angeschaut. Es ist wahr, er hat das
+Geld nicht genommen; er hat das Gesicht zur Wand gedreht
+und die Z&auml;hne geknirscht und gesagt, ihm k&ouml;nne das nicht
+mehr n&uuml;tzen. Ich bin vor der Bettstatt gestanden und
+spreche zu ihm: steh auf, wenn dein Vater vor dir steht.
+Da dreht er das Gesicht wieder zu mir, und weil eitel
+<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>Spott und Hohn drin geschrieben ist, schwillt mir der Zorn,
+und ich sage: steh auf, wenn dein Vater vor dir steht.
+Er aber spricht: warum soll ich denn aufstehen, da Ihr
+mich niedergeworfen habt? Die F&auml;uste ballen sich mir
+wie von selber, und ich frage: wie denn? wie soll ich dich
+denn niedergeworfen haben, du Luder? Da kommt es
+aus seinem Mund hervor: Ihr. Weiter nichts. Ihr,
+sagt er. Ich blick ihn an, und er blickt mich an, und eine
+Zeit vergeht so, dann wieder: Ihr. Darin war soviel Gift
+und Wut und Geifer und solch ein verkrampftes, rabenb&ouml;ses
+Grollen, da&szlig; mir der Speichel im Munde bitter
+wird. Was denn, Ihr? ruf ich ihn an; was denn, Ihr?
+O Ihr, spricht er hinter den Z&auml;hnen hervor, Ihr seid mir
+auf der Brust gehockt, mein Lebenlang. Da schwieg ich.
+Ihr habt gut vor mir stehn und blitzen mit Euren Augen,
+f&auml;hrt er fort; soll denn das nicht endlich aufh&ouml;ren, da&szlig;
+Ihr mich anschaut mit Euren Augen? So ists immer mit
+Euch gewesen; anschaun, anschaun, und kein Wort. Hinterm
+Tische sitzen und alles von einem wissen, und kein
+Wort. Weit habt Ihr mich gebracht mit Eurem Anschaun
+und Anschaun. Warum habt Ihr mich nicht genommen und
+zu mir geredet? Niemals ein einziges Wort geredet? Da
+<em class="gesperrt">mu&szlig;</em> einen ja die Verzweiflung packen. Wie soll er denn
+da nicht zu den Menschern und zu den Saufbr&uuml;dern laufen?
+Die reden doch, die lachen doch, die haben doch ein gutes
+Wort f&uuml;r einen, die sagen H&uuml; und Hott, und man
+wei&szlig;, wie man mit ihnen dran ist. Ihr aber, hab ich
+gewu&szlig;t, wie ich mit Euch dran bin? Er liegt wieder auf
+der Lauer, dacht ich; er hat was gegen dich vor, dacht ich.
+Ein B&uuml;blein war ich noch, ist mir schon der Bissen im Hals
+steckengeblieben, wenn Ihr zur T&uuml;r hereingetreten seid.
+Hundertmal und hundertmal hab ich zu Euch hingewollt,
+<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>aber die Angst vor Euch hat mirs verwehrt. Was hab ich
+denn verbrochen? dacht ich, und wie ich dann was angestellt,
+war mir wohl und hab wenigstens gewu&szlig;t, warum, und
+so hat mirs nie Ruh gelassen, bis ich nicht was Heilloses
+getan und den Leuten die Galle aufgeregt. Ja, ich bin
+schlecht, aber ich wei&szlig; nicht, ob ichs von Geburt bin; ja,
+ich bin zum Lumpenkerl geworden, aber Ihr braucht
+Euch deshalb nicht wie der heilige Geist vor mir aufpflanzen,
+sondern solltet nachpr&uuml;fen, was Ihr an mir
+gefehlt habt. Denn es h&auml;tte sein k&ouml;nnen, da&szlig; ich Euch
+hochgeehrt h&auml;tte, wies in den zehn Geboten steht und kirre
+gewesen w&auml;re wie ein Star. Das h&auml;tte sein k&ouml;nnen, weils
+in mir war und blo&szlig; herausgetrieben worden ist. Bin ein
+Hundsfott geworden, und das Leben ist mir leid, und die
+Menscher und die Saufbr&uuml;der sind mir leid, und es freut
+mich nicht mehr. Dieses spricht er, und noch einiges, ich
+habs vergessen, und w&auml;lzt sich auf der Bettstatt; und
+knirscht mit den Z&auml;hnen; und flennt; und lacht ingrimmig;
+und kehrt sich wieder zur Wand; und schweigt. Ich denke
+mir: Urbas, die Seele da ist hin, aber deine vielleicht auch.
+Worte hatt ich keine. Es war eben so; was h&auml;tts gefruchtet,
+meinen Sch&ouml;pfer anzuwinseln? Worte hatt ich keine.
+Ich geh hinaus. Im Hofe schreit ich bis zum Zaun. Es
+ist alles so friedlich wie in Fr&uuml;hjahrsn&auml;chten, wenn die
+Wurzeln in der Erde ihren Saft spinnen. Ich schaue zu den
+Sternen hinauf, aber das kann mir nicht dienen. Ich mache
+die Stallt&uuml;r auf und schnuppre die saure, warme Luft,
+und einer von den Ochsen hebt den Kopf, indes er mit den
+Z&auml;hnen mahlt. Da &uuml;berl&auml;ufts mich schauerlich, und ich
+denke: du mu&szlig;t zur&uuml;ck in die Kammer, und wenn du gleich
+keine Worte findest, irgendwas mu&szlig; sein. Nun bin ich
+zur&uuml;ckgegangen, und wie ich eingetreten war, ist er bereits
+<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>in seinem Blut gelegen. Da bin ich dann eine lange Weile
+gestanden, dann hab ich mir gesagt: wenn dem so ist,
+so bist du der M&ouml;rder; hat er die Schuld bei dir gut, so
+mu&szlig;t du sie bezahlen. Das ist es, was ich einzubekennen
+habe.&laquo;</p>
+
+<p>Er kreuzte beide H&auml;nde &uuml;ber der offenen Bibel, und mit
+leiserer Stimme und sonderbar umschattetem Blick fuhr
+er fort: &raquo;Ich habe einen Traum gehabt, den will ich Ihnen
+noch erz&auml;hlen. Es war in der Nacht, bevor sich das ereignet
+hat. Der Knecht tritt in die Stube und spricht: Bauer,
+die G&auml;ule sind eingeschirrt, wir wollen fahren. Ich geh
+hinaus, es liegt tiefer Schnee, die Pferde stehn am Wagen,
+und ich fahre. Mit eins verlieren wir die Stra&szlig;e, und die
+G&auml;ule waten im Schnee bis an den Bauch. Da seh ich
+auf einmal den Hof hinter mir brennen und das Schneefeld
+ist rot beschienen. Die G&auml;ule fangen an zu laufen und
+ziehn mich an der Leine mit, da&szlig; mir der Atem ausgeht.
+Ich kann die Leine nicht loslassen, sie ist um die Hand
+herumgeschlungen, und wie wir gegen die Altm&uuml;hl herunterkommen,
+dort bei der Eisenbahnbr&uuml;cke, wo das
+Wasser sechzig Ellen breit ist und mehr als zehn tief, da
+rennen die G&auml;ule noch toller, und die Brandlohe bedeckt
+den ganzen Himmel. Der Flu&szlig; ist zugefroren, die G&auml;ule
+drauf zu, und ich denke mir in meiner Angst: wirds die
+Pferde samt dem Fuhrwerk tragen? Die G&auml;ule, schwere
+Ackerg&auml;ule, sausen das Ufer hinunter, aber das Eis h&auml;lt.
+Da steht der Simon am andern Ufer, und weil die Tiere
+auf der gefrornen Bahn weiterrennen, schrei ich zu ihm
+hin&uuml;ber: Hilf, Simon. Und er: ich mu&szlig; heimgehen, der
+Stall brennt, das Haus brennt. Und ich, ich kann mich
+nicht auf den Wagen schwingen, die G&auml;ule schleifen mich
+bereits, schrei in der h&ouml;chsten Not: Hilf, Simon, l&ouml;s&#8217;
+<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>mich vom Riemen los. Und er: m&uuml;&szlig;t Euch selber vom
+Riemen l&ouml;sen, uns zweie tr&auml;gt das Eis nicht. Da ruf ich
+ihm zu: alles ist dein, die G&auml;ule und das Fuhrwerk, hilf
+um Gotteswillen. Nun kehrt er um, und wie er umkehrt,
+stehen die G&auml;ule still; aber wie er den ersten Schritt tut,
+kracht das Eis, und wie er das hantige Pferd am Z&uuml;gel
+fa&szlig;t, bricht das Eis, und Fuhrwerk und G&auml;ule und ich
+samt dem Simon versinken im Wasser. Und im Versinken
+bin ich aufgewacht.&laquo;</p>
+
+<p>Er verstummte. Er erwartete keine Einrede mehr, ich
+hatte auch keine mehr. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie
+sein Aussehen im Verlauf weniger Minuten um Jahre
+&auml;lter wurde, das Kinn spitz, die Augen stumpf, der Hals
+d&uuml;nn, die H&auml;nde welk, die Haltung kraftlos. Der fordernde,
+hadernde, gewaltige Mann, der mir gegen&uuml;ber gesessen,
+war auf einmal ein hinf&auml;lliger Greis. Als ich mich verabschiedete,
+sah er nicht empor, schien es kaum zu merken.
+Das Schweigen, in das sein ganzes fr&uuml;heres Leben eingeh&uuml;llt
+gewesen, breitete sich wieder &uuml;ber ihn, undurchdringlich
+und in den Tod flie&szlig;end. Denn am andern Morgen,
+wo er enthaftet werden sollte, fand ihn der W&auml;rter
+am Fensterkreuz erh&auml;ngt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Golowin" id="Golowin"></a>Golowin</h2>
+
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a></p>
+<p class="newchapter">Der halbe Mai war mit der Reise von Tula in den
+Kaukasus vergangen. Am siebzehnten kam Maria von
+Kr&uuml;dener in Kislawodsk an, wo sie Nachrichten von ihrem
+Gatten zu finden hoffte. Er war bei Ausbruch der Revolution
+an die englisch-russische Front nach Persien gefl&uuml;chtet.
+Seit f&uuml;nf Monaten hatte sie kein Lebenszeichen von ihm.</p>
+
+<p>Unfern von Kislawodsk war die Besitzung seines
+Bruders, des Marschalls. Ihm hatte Alexander Botschaft
+senden gewollt, wenn die andern Wege der Mitteilung
+versperrt waren.</p>
+
+<p>Mit ihren vier Kindern und drei Dienerinnen bezog
+sie Wohnung im Palasthotel. Das j&uuml;ngste Kind lag noch
+an der Brust; sie n&auml;hrte es selbst. Es war drei Monate
+nach der Trennung von Alexander geboren; h&auml;tte sie vorher
+nicht begriffen, was ein Pfand bedeutet, jetzt wu&szlig;te sie es.</p>
+
+<p>Beklemmend stand das ungeheure Gebirge da. Sie
+konnte nicht schwelgen in seinem Anblick, es war zu sehr
+Mauer, und Mauer hinter Mauer bis zum ewigen Schnee
+hinauf. Wie sollte man da entrinnen? Schlimm, was
+gewesen war; das Blut hatte sich noch nicht beruhigt.
+In der ersten Nacht tr&auml;umte sie, F&auml;uste, ein Gewirr von
+<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>F&auml;usten strecke sich ihr entgegen, und jede Faust hatte
+M&ouml;rderaugen. Die Schnittwunde am Arm lie&szlig; die Szene
+im Eisenbahnwagen nicht vergessen, als tierisch betrunkene
+Soldaten das Coupefenster zerschmetterten; acht Menschen
+waren in dem Abteil eingepfercht und Berge von Gep&auml;ckst&uuml;cken,
+alles Hab und Gut, das man aus Tula hatte fortschaffen
+k&ouml;nnen. Die Kinder schrien auf, als zwei Kerle
+schnaubend an der T&uuml;re rissen und andere johlend nachdr&auml;ngten;
+Dymow war in einen Waggon nebenan gegangen,
+um ein Fleckchen zu finden, wo er endlich eine
+Stunde schlafen konnte. Maria hatte den ersten Hieb
+aufgefangen und war blutend unter die Leute getreten.
+Sie wichen zur&uuml;ck, zu ihrer eigenen &Uuml;berraschung, und
+senkten scheu die Augen, als str&ouml;me eine Magie von ihr
+aus. Es war ihr selbst so zumute; sie glaubte an eine in
+ihr verborgene Magie.</p>
+
+<p>Dennoch w&auml;re sie ohne Dymow verloren gewesen.
+Iwan Dymow hatte als Schreiber bei Gericht gedient;
+einfacher Mensch aus dem Volk, hatte ihn die Revolution
+hinaufgehoben, er hatte Macht erlangt, die er aber nicht
+mi&szlig;brauchte. Als Gutsherrin hatte ihm Maria, schon
+Jahre vorher, menschliches Wohlwollen bezeigt und w&auml;hrend
+einer Krankheit seinem Weibe Hilfe geleistet. Sie
+dachte nicht mehr an ihn, aber in der Stunde der Gefahr
+kam er von selbst. Er besorgte P&auml;sse, bestach den Soldatenrat,
+wu&szlig;te den Argwohn der Bauern abzulenken, denen
+die Herrin eine wichtige Geisel war, r&auml;umte alle Schwierigkeiten
+f&uuml;r die Reise hinweg, machte den Spion, den Aufpasser,
+den Lastenschlepper, den B&uuml;rgen, mit immer
+gleicher schweigender Ehrerbietung gegen Maria. Als er
+sich in Kislawodsk von ihr verabschiedete, fragte sie bewegt,
+arm an Worten sogar sie, womit sie ihm danken k&ouml;nne,
+<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>sie f&uuml;hle sich tief in seiner Schuld. Er antwortete: &raquo;Ich
+werde mich gl&uuml;cklich sch&auml;tzen, Maria Jakowlewna, wenn
+Sie mir manchmal schreiben, wie es Ihnen und den
+Kinderchen weiter ergangen ist.&laquo;</p>
+
+<p>War dies nicht auch Teil und Frucht jener Magie?</p>
+
+<p>Als Dame der ersten Gesellschaft, Frau eines Offiziers,
+Tr&auml;gerin eines gro&szlig;en Namens wurde sie von den G&auml;sten
+des Hotels mit Freuden begr&uuml;&szlig;t und mit Auszeichnung
+behandelt, obwohl man wu&szlig;te, da&szlig; sie von deutscher Herkunft
+war und Russin erst seit ihrer Heirat.</p>
+
+<p>Nun war sie wieder, nach langer Enthaltung, unter
+den Menschen ihrer Sph&auml;re, in der Region von Heiterkeit
+und umgrenzter &Uuml;bereinkunft, die ihr fr&uuml;her so gem&auml;&szlig;
+und erw&uuml;nscht gewesen war. Aber sie merkte bald, da&szlig;
+nur noch eine &auml;u&szlig;erliche Zugeh&ouml;rigkeit bestand, und da&szlig;
+die Jahre, die sie auf dem Gut verbracht, erst mit Alexander
+und dann allein, und wenn auch allein, so doch noch unter
+seinem Gesetz und seiner F&uuml;hrung, sie an ein anderes Ma&szlig;
+und eine andere Ben&uuml;tzung der Zeit gew&ouml;hnt hatten. Auch
+konnte hier niemand in seinem Bereich verbleiben; die
+Elemente waren bedenklich gemischt, und dies zu verhindern
+war unm&ouml;glich, weil gemeinsames Schicksal alle
+zueinander trieb. Das Haus, der ganze Ort, ehemals ein
+Treffpunkt der Aristokratie und Schauplatz des erlesensten
+Luxus, glich einer Insel der Schiffbr&uuml;chigen und beherbergte
+lauter Fl&uuml;chtlinge mit ihrer letzten Habe und letzten Hoffnung,
+Gro&szlig;f&uuml;rsten und Kammerherren neben Spekulanten
+und Journalisten, Frauen der exklusivsten Moskauer und
+Petersburger Kreise neben Koketten und Kleinb&uuml;rgerinnen,
+die im Krieg zu Reichtum gelangt waren. Sie waren der
+H&ouml;lle entronnen, aber sie wu&szlig;ten, da&szlig; ihnen blo&szlig; eine
+Galgenfrist geschenkt war. Sie zitterten vor der Zukunft,
+<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>aber sie pra&szlig;ten und feierten Feste. Sie h&ouml;rten von Hinrichtungen
+ihrer V&auml;ter, ihrer Br&uuml;der, ihrer Freunde, aber
+sie bet&auml;ubten sich im Hasard und tanzten Tango und
+Onestep.</p>
+
+<p>Einen verl&auml;&szlig;lichen Mann zu finden, den sie mit einem
+Brief auf das Gut des Marschalls schicken konnte, war
+Marias Bem&uuml;hung sogleich. Zu ihrer Freude erfuhr sie,
+da&szlig; Josef Menasse in Kislawodsk sei; er hatte von ihr
+ebenfalls geh&ouml;rt und kam, sich zu ihrer Verf&uuml;gung zu
+stellen. Er war Prokurist eines gro&szlig;en Odessaer Bankhauses,
+mit welchem Alexander von Kr&uuml;dener gesch&auml;ftliche
+Verbindung gehabt hatte. Da sie sich erinnerte, aus Alexanders
+Mund hie und da das Lob von Menasses Redlichkeit
+vernommen zu haben, war ihr Vertrauen sogleich unbedingt
+und auch in der Folge nicht zu ersch&uuml;ttern. In lebhaften
+Ausbr&uuml;chen klagte er ihr sein Ungl&uuml;ck; einer wichtigen
+Transaktion halber war er vor mehreren Wochen hergekommen;
+am Tage, wo er h&auml;tte abreisen sollen, fuhren
+keine Z&uuml;ge mehr und jeder Versuch, den Ort zu verlassen,
+hie&szlig; das Leben gef&auml;hrden. Maria h&ouml;rte ihm teilnehmend
+zu, und erst als er sich ersch&ouml;pft hatte, sprach sie von ihrer
+Angelegenheit. Er &uuml;berlegte, sagte, er werde Umschau
+halten, und drei Stunden sp&auml;ter erschien er mit einer
+Tscherkessin, die er trocken und kategorisch als die zu dem
+Zweck taugliche Person empfahl.</p>
+
+<p>Der Marschall hatte seinerzeit die Heirat des j&uuml;ngeren
+Bruders mi&szlig;billigt. Es war zum Bruch zwischen den
+Br&uuml;dern gekommen, der Marschall zeigte sich unvers&ouml;hnlich
+und hatte sich starr geweigert, Maria zu sehen. Man
+meldete ihm die Geburt der Kinder, er nahm keine Notiz
+davon. Alexander hatte es ertragen ohne zu murren und
+lie&szlig; auch in Maria keinen Unmut Wurzel fassen, denn er
+<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>beugte sich vor dem Bruder als einem &uuml;berlegenen Charakter,
+dessen Handlungen und Entschl&uuml;sse er von seiner
+Kritik ausschaltete. Er beugte sich, damit war alles gesagt
+und auch in Maria jeder Widerspruch erstickt. Bei Ausbruch
+des Krieges hatte der Marschall in einem Privatschreiben
+an den Zaren seine &Auml;mter und W&uuml;rden niedergelegt,
+da nach seiner &Uuml;berzeugung der Krieg gegen Deutschland
+zum Verh&auml;ngnis f&uuml;r Ru&szlig;land werden mu&szlig;te. Er hatte im
+japanischen Krieg gl&auml;nzende Leistungen vollbracht, und
+schon deshalb war dieser Schritt keiner &uuml;blen Deutung ausgesetzt.
+Nun lebte er in &auml;u&szlig;erster Zur&uuml;ckgezogenheit und
+besch&auml;ftigte sich, leidenschaftlicher Hegelianer, mit profunden
+philosophischen Studien.</p>
+
+<p>Wie sich Menschen gegen sie verhielten, war Maria
+gleichg&uuml;ltig, wenn sie ihrerseits an ihnen Freude haben
+oder sie ehren konnte. W&uuml;rde stand ihr &uuml;ber den t&auml;uschenden
+Einfl&uuml;sterungen der Sympathie. Dazu hatte Alexander
+sie erzogen. In vielen Gespr&auml;chen vieler N&auml;chte hatte
+er ihr bewiesen, da&szlig; das Prinzip der Vergeltung die Quelle
+alles B&ouml;sen sei. In der Befolgung seiner Lehre war sie
+zu der ihr eigent&uuml;mlichen geistigen Konstanz gelangt. Der
+Brief an den Marschall war ein Meisterst&uuml;ck unbefangener
+Werbung.</p>
+
+<p>So wartete sie, wartete auf Alexanders Wort und
+Weisung von dorther und ahnte doch die Vergeblichkeit
+schon. Um sich zu zerstreuen, begann sie den &auml;ltesten Sohn,
+den siebenj&auml;hrigen Mitja, zu unterrichten, fand sich aber
+unzureichend, das Bed&uuml;rfnis des Knaben heftiger als sie
+vermutet und suchte einen Lehrer f&uuml;r ihn. Ein Moskauer
+Bekannter nannte ihr einen Studenten, Jefim Leontowitsch
+Tatjanow, der in einem geringen Wirtshaus vor der Stadt
+wohnte. Sie lie&szlig; ihn kommen und engagierte ihn. Er
+<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>war im Gefolge eines Industriellen als Sekret&auml;r oder
+dergleichen gereist; unterwegs war der Mann und die
+meisten seiner Leute von einer herumziehenden Bande
+von Soldaten ermordet worden; nun sa&szlig; Jefim Leontowitsch
+v&ouml;llig mittellos in diesem Ort des &Uuml;berflusses.
+Maria behandelte ihn mit R&uuml;cksicht und mit Achtung;
+dies schien ihm neu zu sein, und seine Dankbarkeit hatte
+etwas Kindliches. Er kam nicht nur zu den ausbedungenen
+Stunden, sondern widmete seinem Sch&uuml;ler alle freie
+Zeit; auch die beiden Kleinen, Fedja und Aljoscha zog er
+durch seine einfache G&uuml;te an sich.</p>
+
+<p>Eines Morgens war Aljoscha, der Mutter im Korridor
+vorauseilend, in der Hast in ein falsches Zimmer gerannt.
+Maria folgte ihm lachend; er stand bei einer majest&auml;tisch
+gewachsenen Dame, die ihr entgegentrat und ihr die Hand
+reichte. Es war die F&uuml;rstin Nelidow. Maria geriet in
+Verlegenheit, ihres Lachens halber, denn die F&uuml;rstin war
+in tiefer Trauer, und die Ursache war Maria bereits bekannt.
+Ihr Sohn, der dreiundzwanzigj&auml;hrige F&uuml;rst
+Grigorji, Offizier in der kaiserlichen Marine, hatte sich
+vor wenigen Tagen bei einem Ausflug im Gebirge erschossen.</p>
+
+<p>Die F&uuml;rstin, eine Frau Mitte der Vierzig, war noch sehr
+sch&ouml;n. Sie gab sich Maria gegen&uuml;ber herzlich. Sie kannte
+Alexander von Kr&uuml;dener von der Zeit her, wo er im
+Ministerium gewesen war und sprach mit W&auml;rme von
+ihm. &raquo;Ihre Gegenwart tut mir wohl,&laquo; sagte die F&uuml;rstin,
+&raquo;ich hoffe, wir werden uns h&auml;ufig sehen.&laquo; Sie schlang
+ihren Arm um Aljoscha und streichelte ihm das Haar.
+&raquo;Heute abend feiern wir das Totenmahl f&uuml;r Grigorji,&laquo;
+fuhr sie fort; &raquo;kommen Sie doch; kommen Sie zu mir.&laquo;</p>
+
+<p>Maria empfand Mitleid; nicht nur mit der F&uuml;rstin
+<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>und ihrem besonderen Schicksal; das Mitleid mit allen
+diesen Menschen &uuml;berflutete ihr Herz. Namentlich den
+Frauen galt ihr bedauerndes Gef&uuml;hl; die sorglosen und
+gl&auml;nzenden Wesen, bestimmt, sich zu schm&uuml;cken, sich zu
+freuen, schienen ihr verloren.</p>
+
+<p>Sie wollte gehen, aber die F&uuml;rstin hielt sie noch zur&uuml;ck.
+So schickte sie Aljoscha hinaus. Die F&uuml;rstin erz&auml;hlte:
+&raquo;H&ouml;ren Sie, was sich begeben hat. Es ist eine Person hier,
+sie wohnt im Hause, eine gewisse Lisaweta Petrowna.
+Sie behauptet mit Grigorji verheiratet gewesen zu sein.
+Kurz vor seiner Abreise aus Sebastopol, behauptet sie,
+sei sie ihm angetraut worden. Sie hat keinerlei Dokumente,
+keine Best&auml;tigungen, keinen Brief; die Papiere habe man
+ihr gestohlen, redet sie sich aus. Sie hat sich mir zu F&uuml;&szlig;en
+geworfen, hat mir die H&auml;nde gek&uuml;&szlig;t und mich Mutter
+genannt. Den ganzen Tag sitzt sie oben in ihrem Zimmer
+und weint und schluchzt. Dann schickt sie wieder den Kellner
+mit Zettelchen: Erbarmen Sie sich, F&uuml;rstin, erbarmen Sie
+sich Ihrer Lisaweta Petrowna, erbarmen Sie sich. Ich
+kenne sie nicht. Ich wei&szlig; nichts von ihr. Grigorji hat nie
+mit einer Silbe ihrer erw&auml;hnt. Wir haben sie vorher nie
+gesehen. Ihre Angaben zu pr&uuml;fen ist unm&ouml;glich. Was soll
+man da tun? Erbarmen, wie denn erbarmen? Wahrscheinlich
+hat sie kein Geld; nun, man wird ihre Rechnung
+bezahlen. Gestern spielte sich eine abscheuliche Szene
+ab. Sie kommt herein, setzt sich zu den andern und f&auml;ngt
+an zu weinen. Meine Nichte Jelena steht auf und nennt
+sie eine L&uuml;gnerin. Lisaweta Petrowna ballt die F&auml;uste,
+wirft sich auf den Boden und verf&auml;llt in einen Schreikrampf.
+Man mu&szlig;te sie mit Gewalt aus dem Zimmer
+schaffen. Heute fr&uuml;h hat man sie ohnm&auml;chtig auf Grigorjis
+Grab gefunden. Sie hat einen Selbstmordversuch gemacht,
+<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>so hei&szlig;t es. Jelena meint, es sei simuliert. Jelena ist
+au&szlig;er sich, das arme Kind. Was soll man da sagen,
+was soll man tun?&laquo;</p>
+
+<p>Maria beschlo&szlig; sogleich, diese Lisaweta Petrowna zu
+besuchen, aber sie &auml;u&szlig;erte nichts von ihrem Vorsatz,
+sondern lenkte das Gespr&auml;ch auf den jungen F&uuml;rsten
+und fragte nach Einzelheiten seines Lebens, ohne Neugier,
+mit einem zarten Durchblickenlassen des gemeinsamen
+Gef&uuml;hls der M&uuml;tter. Die F&uuml;rstin willfahrte dankbar;
+es bedeutete Linderung f&uuml;r sie, indes Maria aus wenigen
+mitgeteilten Z&uuml;gen ein Bild gewann. Sie sa&szlig; still und
+aufmerksam vor der F&uuml;rstin, rauchte eine Zigarette und
+sah, und sah. Die Gabe des inneren Gesichts wurde manchmal
+Last, und doch schien es ihr wunderbar, viel zu wissen
+von den Menschen. Als sie sich verabschiedete, sagte die
+F&uuml;rstin: &raquo;Mir ist als seien wir seit Jahren befreundet.&laquo;
+Maria l&auml;chelte.</p>
+
+<p>Im Verlauf des Tages erlangten die beunruhigenden
+Ger&uuml;chte Gestalt, und zwar drohendste. Kislawodsk
+war von den Revolutionstruppen umzingelt. Mitja sagte
+mit dem stolzen Trotz, der an seinen Vater erinnerte:
+&raquo;Nicht wahr, Mama, wir werden unser Leben so teuer wie
+m&ouml;glich verkaufen?&laquo; Sie erwiderte: &raquo;Ja, mein tapferer
+Liebling.&laquo; &#8211; &raquo;Schade, da&szlig; Iwan Dymow nicht mehr bei
+uns ist,&laquo; seufzte er. Aber sie tr&ouml;stete ihn. &raquo;Erstens bist
+du ja selbst ein Held, und dann vergi&szlig;t du, da&szlig; wir Jefim
+Leontowitsch haben.&laquo; Mitja schaute den Studenten pr&uuml;fend
+an, dieser err&ouml;tete und sagte mit einem Blick scheuer
+Ergebenheit auf Maria: &raquo;Sie haben nur zu befehlen.
+Befehlen Sie, und ich gehorche.&laquo; Es lag ein Ernst und
+eine Festigkeit in den Worten, die Maria veranla&szlig;ten,
+<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>ihm die Hand hinzustrecken, die er dem&uuml;tig mit den Lippen
+ber&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Was sollte mir zusto&szlig;en k&ouml;nnen, dachte sie, da gute
+Menschen um mich sind?</p>
+
+<p>Als sie sich am Abend den Nelidowschen Gem&auml;chern
+n&auml;herte, drang ihr Gel&auml;chter, Johlen, Pfropfenknallen,
+Gl&auml;serklirren entgegen. Eine Streichmusik spielte eine
+brutal-wilde russische Melodie. Sie &ouml;ffnete die T&uuml;r
+zum Salon; zehn oder zw&ouml;lf junge M&auml;nner, Anverwandte
+der Familie, sa&szlig;en um eine Tafel, zechten, sangen, rauchten;
+bisweilen erhob sich der eine oder andere und warf den
+Musikanten Rubelscheine zu. Maria ging in das n&auml;chste
+Zimmer; hier befanden sich einige &auml;ltere Herren und
+Damen, aber auch ein junges, etwa achtzehnj&auml;hriges
+M&auml;dchen von blendender Sch&ouml;nheit. Sie hatte kurzes
+gelocktes Haar, eine Haut von opalisierender Bl&auml;sse und
+gelbliche, gro&szlig;e, unsehende, strenge Augen. Fasziniert
+blieb Maria stehen. Da wurde sie von der F&uuml;rstin Nelidow
+gerufen, die in ihrem Schlafzimmer allein sa&szlig;. &raquo;Ich habe
+auf Sie gewartet,&laquo; sagte sie, als Maria eintrat; &raquo;setzen
+Sie sich zu mir, sprechen Sie; ich h&ouml;re Ihre Stimme
+gern.&laquo;</p>
+
+<p>Vom Salon her&uuml;ber, wo so expressiv das Totenmahl
+gehalten wurde, t&ouml;nte ein klagender Chorgesang.</p>
+
+<p>In ihrem Bestreben, den abgeirrten, in Trauer verirrten
+Sinn der F&uuml;rstin zu erwecken, kam sich Maria wie jemand
+vor, der sich in einem fremden finstern Raum zurechtzufinden
+sucht. Die F&uuml;rstin schaute sie best&auml;ndig an,
+aber nur nach und nach belebte Verstehen den Blick. Maria
+erz&auml;hlte von der Einsamkeit der letzten Monate auf dem
+Gut, von Wanjas Geburt und wie sich w&auml;hrend der
+Schmerzensnacht die Sehnsucht nach Alexander zur Gestalt
+<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>verdichtet habe, so t&auml;uschend, da&szlig; sie jeden Schrei erstickt
+habe, um ihm nicht zu mi&szlig;fallen. Bei allem was sie
+getan und gedacht, sei er unsichtbar richtend gegenw&auml;rtig
+gewesen. Sie erz&auml;hlte von ihrem Verkehr mit den Bauern;
+von dem Geist der Widersetzlichkeit und der Feindschaft,
+der pl&ouml;tzlich in alle gefahren sei; auch die Sanftesten
+und Verst&auml;ndigsten h&auml;tten versagt. Eines Tages hatten
+sie ihr Besitzrecht an dem Wald verk&uuml;ndet; der Wald
+sollte abgeforstet und verkauft werden. Sie habe
+unterhandelt; vergebens; ihnen ins Gewissen geredet;
+vergebens; da sei sie allein mit den &Auml;ltesten
+in den Wald gegangen, wo die schlimmsten Aufr&uuml;hrer
+schon begonnen hatten, die St&auml;mme zu f&auml;llen. Einem von
+diesen habe sie das Beil entrissen und ihm zugerufen:
+keinen Schlag mehr! Sie habe ihnen vorgestellt, was f&uuml;r
+eine S&uuml;nde sie begingen; wie sie sich an Heiligem vergriffen,
+an Lebendigem und wie sie das Ged&auml;chtnis ihres Herrn
+sch&auml;ndeten, der gerecht und g&uuml;tig gegen sie gewesen sei.
+Viele h&auml;tten gemurrt, viele h&auml;tten aber geschwiegen und
+zur Erde geblickt. Sie habe ihnen gesagt, ein Baum sei
+eine Kreatur Gottes wie jeder von ihnen, und dieses seien
+junge B&auml;ume, in Liebe gepflanzt und gehegt, zur Nutznie&szlig;ung
+bestimmt f&uuml;r ihre Kinder und Kindeskinder und
+noch nicht reif f&uuml;r die Axt. Ob sie Gottes Kreaturen verschachern
+wollten um elendes Geld? Dann sollten sie
+doch auch sie selber verschachern, dann wollte sie ihre
+Herrin nicht mehr sein, und sie werde nicht vom Platze
+weichen, ehe sie ihr nicht in die Hand gelobt, da&szlig; sie den
+Wald w&uuml;rden unversehrt lassen oder sie m&uuml;&szlig;ten sie selber
+niederschlagen. Darnach h&auml;tten sie sich beraten, und die
+&Auml;ltesten seien zu ihr gekommen und h&auml;tten ihr in die Hand
+gelobt, dem Wald solle kein F&auml;serchen gekr&uuml;mmt werden
+<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>und sie b&auml;ten sie um Vergebung ihrer S&uuml;nde. So
+habe sie damals den Wald gerettet; ob er jedoch heute noch
+stehe, das getraue sie sich nicht zu sagen.</p>
+
+<p>Die F&uuml;rstin nahm Marias Hand und dr&uuml;ckte sie. &raquo;In
+diesem Land leben, hei&szlig;t jede Stunde dem t&uuml;ckischsten
+Ungef&auml;hr ausgeliefert sein&laquo;, sagte sie; &raquo;oder ist das &uuml;berhaupt
+die Eigenschaft des Lebens und wir wu&szlig;ten es nur
+bisher nicht, wir Beg&uuml;nstigten? Mir ist jetzt manchmal
+so bang. Ich pers&ouml;nlich habe ja nicht mehr viel zu verlieren,
+aber mir ist so bang um alle, die ich sehe, bang um
+das Volk, um die ganze Menschheit, wenn auch die Mehrzahl
+nichts als B&ouml;ses schafft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es kommt wahrscheinlich auf die Mehrzahl nicht an,&laquo;
+erwiderte Maria; &raquo;es kommt immer blo&szlig; auf den Einzelnen
+an, glaube ich. Der Einzelne ist oft wie der wundert&auml;tige
+Tropfen Medizin, der einen vergifteten Organismus heilt.
+Immer geht von Einem das Licht aus. In Tula mu&szlig;te
+ich mit meinen Kindern Quartier im Hotel nehmen;
+der Zug nach dem S&uuml;den fuhr nur zweimal in der Woche.
+Gleich in der ersten Nacht war Alarm. Das Hotel war von
+Soldaten besetzt worden, und alsbald wurde der Befehl
+ausgegeben, alles Bargeld sei unverz&uuml;glich abzuliefern,
+niemand d&uuml;rfe das Zimmer verlassen, um acht Uhr morgens
+werde eine scharfe Nachsuchung sein und jeder, bei dem
+dann noch irgend eine Summe sich finde, werde standrechtlich
+erschossen. Bedenken Sie meine Lage; ich hatte achtzigtausend
+Rubel am Leibe verborgen, alles was ich hatte
+fl&uuml;ssig machen k&ouml;nnen; wenn man es mir nahm, war ich
+samt den Kindern so gut wie verloren. Meine Dienerinnen
+und den treuen Begleiter hatte man von mir entfernt,
+vor dem Zimmer stand eine Wache, das Geld im Zimmer zu
+verstecken, war aussichtslos, ich wu&szlig;te ja wie gr&uuml;ndlich
+<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>diese Leute zu verfahren pflegten, es blieb also nichts
+&uuml;brig, als abzuwarten, was mit mir geschehen w&uuml;rde,
+denn das Geld freiwillig herzugeben, daran dachte ich
+keinen Augenblick. Von drei Uhr nachts bis halb zehn Uhr
+morgens ging ich unaufh&ouml;rlich im Zimmer auf und ab;
+Furcht empfand ich keine; in meiner Absicht wankend
+wurde ich nicht; eine klare Vorstellung von dem, was
+meiner harrte, war ebenfalls nicht in mir; fest stand einzig
+und allein, da&szlig; ich mich und meine vier Knaben aus dieser
+Gefahr zu retten habe, da&szlig; das meine Pflicht sei und da&szlig;
+es auch gelingen werde. Um neun Uhr betraten drei Soldaten,
+ein Unteroffizier und ein Weib das Zimmer der
+Kinder nebenan. Die Knaben wurden aus dem Schlaf
+gezerrt, die M&ouml;bel, die Betten, die Dielen, die W&auml;nde,
+die Vorh&auml;nge, die Koffer aufs genaueste durchsucht. Ich
+ging hinein. Ich sah mir die Leute an. Finstere Gesichter,
+unmenschliche Stirnen, da schien keine Hoffnung. Einer
+wies mich barsch hinaus; einer folgte mir ein paar Schritte,
+um die T&uuml;r zu schlie&szlig;en. Wie ich den Kopf zur&uuml;ckwende,
+ist es mir, als sei in den Augen dieses Menschen ein Etwas,
+ein gewisser Schimmer, etwas unnennbar Fernes von
+Weicherem als bei den andern. Er hatte rote, kurze, borstige
+Haare, die Haut bes&auml;t mit Sommersprossen, und hinter
+seinen wulstigen Lippen waren Zahnl&uuml;cken und schwarze
+Z&auml;hne. Aber mich durchbebt es; in der Eingebung eines
+Moments winke ich ihm. Stumm tritt er n&auml;her. Ich rei&szlig;e
+die Kn&ouml;pfe des Kleides auf, nehme das Paket mit den achtzig
+Scheinen heraus und gebe es ihm in die Hand. &raquo;F&uuml;nf
+Menschenleben sind in deiner Hand,&laquo; sage ich zu ihm,
+&raquo;jetzt mache was du willst.&laquo; Ohne mit der Wimper zu
+zucken, steckt er das Paket in die Rocktasche und verschwindet.
+Die andern kommen gleich darauf in mein Zimmer.
+<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>Wie dr&uuml;ben wird alles um und um gew&uuml;hlt, W&auml;sche,
+Kleider, Schuhe, jede Ritze, jede Schublade untersucht.
+Dann bleibt das Weib allein bei mir, ich mu&szlig; mich entkleiden.
+Auch das ging vor&uuml;ber, und sie entfernt sich.
+Eine Viertelstunde danach, das Herz hatte mir die ganze
+Zeit bis in die Fingerspitzen geschlagen, erscheint der rothaarige
+Soldat im Zimmer, horcht eine Sekunde, zieht
+das unversehrte Rubelpaket aus der Tasche und &uuml;berreicht
+es mir schweigend. Ich stammle ein paar Worte, fassungslose,
+dankverwirrte; ich frage, was ich f&uuml;r ihn tun k&ouml;nne;
+ihm Geld anzubieten hatte etwas Unsinniges, da er mir ja
+achtzigtausend Rubel schenkte. Er sch&uuml;ttelt den Kopf und
+sagt: &raquo;Machen Sie sich keine Gedanken dar&uuml;ber, M&uuml;tterchen.
+Es ist leider so, da&szlig; wir in Blut und S&uuml;nde stecken
+bis an den Hals. Vielleicht l&auml;&szlig;t mir Gott jetzt ein wenigs
+nach. Vielleicht legt er das auf die andere Schale.&laquo; Damit
+geht er. Und ich, es ist ein Zustand von Scham, in dem ich
+mich befinde, als h&auml;tte ich mich an dem Menschen vergangen
+durch die Angst und die Zweifel vorher.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend der letzten Worte noch war die sch&ouml;ne junge
+Person eingetreten. Sie ging auf die F&uuml;rstin zu und sagte
+mit einer Stimme wie aus Glas und zitternd vor Zorn:
+&raquo;Stepan Fedorowitsch erz&auml;hlt eben, da&szlig; er diese Lisaweta
+Petrowna von Petersburg her kenne. Sie sei in einem
+Kabarett als Couplets&auml;ngerin gewesen und im &uuml;brigen,
+nun, das kann man sich ja denken. Sie sehen also, Tante,
+da&szlig; Sie einer Betr&uuml;gerin zum Opfer gefallen sind und da&szlig;
+es nur l&auml;cherlich w&auml;re, sich weiter um sie zu k&uuml;mmern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Nichte Jelena,&laquo; stellte die F&uuml;rstin vor und
+nannte auch Marias Namen. Diese l&auml;chelte in schweigendem
+Wohlgefallen an der Erscheinung der jungen F&uuml;rstin.</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist ohne Kopeke, das elende Frauenzimmer,&laquo;
+<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>fuhr Jelena erbittert fort; &raquo;der Hoteldirektor hat bereits
+gestern gedroht, sie auszulogieren. Und was die Kom&ouml;die
+an Grigorjis Grab betrifft, die darauf berechnet war,
+Sie, Tante, hinters Licht zu f&uuml;hren, so hat die Kugel nur
+die Haut gestreift, am linken Arm; sehr vorsichtig. Pfui,
+was f&uuml;r eine unappetitliche Geschichte!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn nur ein F&uuml;nkchen Wahrheit darin ist, m&uuml;ssen
+Sie Nachsicht haben, Jelena Nikolajewna,&laquo; sagte Maria.</p>
+
+<p>Jelena erbleichte. &raquo;Wie kann sie es wagen!&laquo; rief sie
+und sch&uuml;ttelte sich vor Widerwillen; &raquo;abgesehen davon,
+da&szlig; sie f&uuml;r ihre verleumderische Erfindung auch nicht den
+Schatten von Beweis aufbringen kann, bestehen auch
+innere Gr&uuml;nde, ja innere Gr&uuml;nde, &#8211;&laquo; sie pre&szlig;te die Lippen
+zusammen und stand noch schlanker, in noch angespannterer
+Haltung da als bisher; &raquo;darf man es geschehen lassen,
+da&szlig; sie Grigorjis Bild besudelt? Was verlangen Sie?
+Warum ergreifen Sie Partei?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich ergreife nicht Partei,&laquo; entgegnete Maria, die pl&ouml;tzlich
+den unbestimmten Eindruck hatte, als sei Schuld und
+Verstellung in dem jungen M&auml;dchen, &raquo;ich wollte nur
+verh&uuml;ten, da&szlig; Sie vorschnell urteilen. Seien Sie mir nicht
+b&ouml;se.&laquo; Sie erhob sich und ging.</p>
+
+<p>Vor ihrem Zimmer schritt Menasse auf und ab. &raquo;Das
+Hotel ist umstellt und bewacht,&laquo; redete er sie sogleich an,
+&raquo;vor den Ausg&auml;ngen stehen lauter bis an die Z&auml;hne bewaffnete
+Kerle. Es ist bei Todesstrafe verboten, nach Anbruch
+der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Auf wessen
+Befehl, wei&szlig; vorl&auml;ufig niemand. Ob man uns sch&uuml;tzen
+will oder die M&auml;usefalle nur zuklappt, damit keiner entrinnt,
+wei&szlig; niemand. Die Sache wird ernst, es geht an
+den Kragen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>Er &ouml;ffnete eigenm&auml;chtig die T&uuml;r ihres Zimmers und
+z&ouml;gernd wurde er durch eine Erinnerung an gute Manieren
+bewogen, ihr den Vortritt zu geben. &raquo;Passen Sie auf,&laquo;
+begann er wieder mit seiner komischen Vertraulichkeit,
+&raquo;zu warten, bis man uns an die Mauer stellt und die Hirnschale
+kaput schie&szlig;t, ist Bl&ouml;dsinn. Wer sich nicht aus dem
+Staub macht, hat sich selber zuzuschreiben die Folgen.
+Ich habe einen Plan. Sie gefallen mir, die Kinderchen
+dauern mich, Ihren Mann verehre ich, das ist ein Gentleman
+durch und durch, und wenn ich mich seiner Familie nicht
+ann&auml;hme in der Not, w&auml;re es eine Gemeinheit von mir.
+Ich habe einen Plan, wie gesagt. Die Vorbereitungen sind
+bereits getroffen. Allerdings wird die Geschichte viel
+Geld kosten, aber wo&#8217;s ums Leben geht, h&ouml;rt sich die Billigkeit
+auf.&laquo;</p>
+
+<p>Er schaute sich unruhig um, hastete zur T&uuml;r, lugte durch
+einen Spalt hinaus, kam wieder auf Maria zu und fuhr mit
+heiser ged&auml;mpfter Stimme fort, es werde so gottlos viel
+Geld kosten, da&szlig; nur eine ganze Kompagnie daf&uuml;r aufkommen
+k&ouml;nne. Er habe bereits einige Leute ins Auge
+gefa&szlig;t, an denen ihm gleichfalls gelegen sei, Leute, um
+die es gleichfalls schade w&auml;re; er habe ihnen von seiner
+Absicht gesprochen, und sie h&auml;tten ihm Blanko-Vollmacht
+erteilt. Ob Maria sich anschlie&szlig;en wolle? Ob sie bereit
+sei, sich seinen Anordnungen blindlings zu f&uuml;gen? Nur
+bei strammer Disziplin sei Gelingen m&ouml;glich. Er habe alles
+genau &uuml;berlegt; das Wagnis sei gro&szlig;, aber alles sei besser
+als sich hier abschlachten zu lassen und in Gottes Hand
+stehe man schlie&szlig;lich &uuml;berall.</p>
+
+<p>Er war klein, beweglich wie ein Gliedermann, ein bi&szlig;chen
+schief gewachsen, mit Augen, die fast ohne Wimpern und
+Brauen waren, stutzerhaft gekleidet als k&auml;me er frisch aus
+<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>dem Modemagazin und von dem Gef&uuml;hl seiner zentralen
+Wichtigkeit durchdrungen.</p>
+
+<p>&raquo;Gut, Herr Menasse,&laquo; sagte Maria nach kurzem Besinnen,
+&raquo;ich will mich Ihnen anvertrauen. Wir sind acht Menschen,
+wie Sie wissen; auch meine drei Dienerinnen m&uuml;ssen mit.
+Das ist die Bedingung, die ich meinerseits zu stellen
+habe.&laquo;</p>
+
+<p>Menasse zuckte die Achseln. Das erh&ouml;he f&uuml;r sie nur
+die Spesen, bemerkte er gesch&auml;ftlich. Mehr als sechzig
+nehme er nicht an. Jetzt seien es siebenundvierzig Personen.
+Erforderlich an Kapital sei ungef&auml;hr eine halbe Million
+Rubel, es k&ouml;nnten aber Umst&auml;nde eintreten, durch welche
+die Summe bedeutend vergr&ouml;&szlig;ert w&uuml;rde. &raquo;Vor allem ist
+notwendig zu schweigen,&laquo; schlo&szlig; er; &raquo;es werden sich in den
+n&auml;chsten Stunden ereignen schlimme Dinge, aber verhalten
+Sie sich still und r&uuml;hren Sie sich nicht, bis ich Ihnen wissen
+lasse, was Sie zu tun haben. Von heute ab bin ich Ihr
+General; da hei&szlig;t es Subordination, und zwar auf den
+Wink. Gute Nacht.&laquo;</p>
+
+<p>Maria sah ihm verwundert nach, wie er aus dem Zimmer
+scho&szlig;, s&auml;belbeinig, kurzhalsig, stiernackig, geladen mit
+Energien. Sie trat aufatmend ans offene Fenster. Der
+beinah volle Mond schwamm in einem Meer von Frieden.
+Schwarze K&ouml;rper, w&ouml;lbten sich die H&uuml;gel und Berge hinan
+zu den feierlichen Riesen, deren Konturen im bl&auml;ulichen
+&Auml;ther zitterten. Tauige Feuchtigkeit lag in der Atmosph&auml;re,
+alles Dunkel strebte nach dem Silberlicht, die
+Brust der Erde, mit stummen Seufzern, hob sich gegen
+die unerreichbaren Regionen. Maria h&auml;tte beten m&ouml;gen,
+freudige Inbrunst war in ihr, aber das Haus mit all den
+angstvoll pochenden Herzen, mit all der menschlichen Verworrenheit
+und Finsternis, streckte Arme nach ihr, und
+<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>ihr war als sinke sie zur&uuml;ck. Eine Uhr schlug zw&ouml;lf, da
+klopfte es leise an die T&uuml;r; ohne zu erschrecken rief Maria;
+die F&uuml;rstin Nelidow trat ein. Sie trug einen Schleier
+&uuml;ber den Haaren; so leise wie sie geklopft, ging sie auf
+Maria zu, mit bittender Geb&auml;rde, fast wie eine Untergebene.
+Ob sie st&ouml;re? Wolle sich Maria Jakowlewna zur Ruhe
+begeben, so werde sie gleich wieder gehen. F&uuml;r sie selbst
+sei in diesen Tagen an Schlaf kaum zu denken. Sie legte
+beide gefalteten H&auml;nde zart auf Marias Schultern.</p>
+
+<p>Nein, sie st&ouml;re durchaus nicht, antwortete Maria, auch
+ihr sei Schlaf ein l&auml;stiges Vorhaben, ihr Inneres sei lauter
+Aufruhr und Widerklang von vielen Stimmen. Sie
+setzten sich. Die elektrische Lampe auf einem Ecktisch
+lie&szlig; den Raum im D&auml;mmer.</p>
+
+<p>Es sei eine Art Neugier, von der sie her&uuml;bergetrieben
+worden, sagte die F&uuml;rstin; sie habe &uuml;ber alles nachgedacht,
+was Maria gesprochen, sie habe sich gar nicht davon loszurei&szlig;en
+vermocht. &raquo;Was ist das f&uuml;r eine Kraft in Ihnen?
+und woher kommt sie? Wie ist es m&ouml;glich, da&szlig; Sie, eine
+Fremde in unserm Land, alle Verh&auml;ltnisse &uuml;berschauen,
+unseren Menschen gegen&uuml;bertreten als seien Sie eingeflochten
+in generationenalte Beziehungen? Sie haben Blick
+und Schritt einer Wurzelnden, und es ist nicht einmal Ihre
+Erde. Es ist Ihnen gegeben, die Sprache der Bauern zu
+reden, Sie greifen in das dumpfe Gem&uuml;t eines vertierten
+Soldaten, und Sie haben mit keinem von ihnen wirklich
+gelebt. Ich erz&auml;hle Ihnen von Grigorji wie einer leiblichen
+Schwester, und ich bin Ihnen vorher vielleicht zweimal
+fl&uuml;chtig begegnet. Was sind Sie eigentlich f&uuml;r eine Frau?
+Was ist denn das Sonderbare an Ihnen? K&ouml;nnen Sie
+es erkl&auml;ren? Oder bin ich zudringlich, wenn ich darum
+bitte?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>&raquo;Nein, nein,&laquo; wehrte Maria l&auml;chelnd ab, &raquo;Sie &uuml;berraschen
+mich nur&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;berraschen? Weshalb? Finden Sie denn, da&szlig; ich
+verpflichtet bin, in meinen Schmerz eingeh&uuml;llt zu bleiben?
+Sie haben ihn mir noch tiefer ins Bewu&szlig;tsein gedr&uuml;ckt,
+aber zugleich haben Sie das Selbsts&uuml;chtige daran gelockert.
+Wir schulden uns selbst nicht so viele Tr&auml;nen wie uns die
+Umgebung dadurch abpre&szlig;t, da&szlig; sie sich zur Teilnahme
+berechtigt glaubt. Das Teuerste wird einem genommen,
+aber es zieht einen nach sich; Trauer ist oft nur eine feinste
+Form von Heuchelei, und nie hungert die Seele so nach Aufschwung
+wie mitten im Gram um einen unwiederbringlichen
+Verlust. Ich sehe Ihnen an, da&szlig; Sie mich verstehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bewundere Ihren Mut, F&uuml;rstin. Das ist es eben,
+was mich &uuml;berrascht hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mut ist das letzte. Das letzte vor dem Ende, Maria
+Jakowlewna. Und wir sind ja am Ende. Aber wollen
+Sie nicht meine Fragen beantworten? K&ouml;nnen Sie es?
+Sie l&auml;cheln; dieses L&auml;cheln l&auml;&szlig;t mich hoffen.&laquo;</p>
+
+<p>Maria, die verschr&auml;nkten H&auml;nde im Scho&szlig;, beugte sich
+vor. &raquo;Sie haben erw&auml;hnt, da&szlig; Sie sich an Alexander von
+Kr&uuml;dener gut erinnerten,&laquo; sagte sie. &raquo;Die Zeit, von der Sie
+sprachen, liegt ja ziemlich lange zur&uuml;ck. Was f&uuml;r einen
+Eindruck haben Sie von ihm behalten? Ich meine in tieferm
+Sinn, nicht gesellschaftlich.&laquo;</p>
+
+<p>Die F&uuml;rstin &uuml;berlegte. &raquo;Es ist schwer,&laquo; gestand sie
+z&ouml;gernd, &raquo;ich wei&szlig; zu viel von ihm. Wir Angeh&ouml;rige
+der obersten Schicht wissen zu viel voneinander, um das reine
+Bild einer Pers&ouml;nlichkeit bewahren zu k&ouml;nnen. Er kam mir
+sehr geschlossen vor. Unbeugsam, unbiegsam. Er ist Balte,
+nicht wahr? Alle Balten sind starr. Er hatte vollendete
+Formen, jene Tadellosigkeit bis ins Mark, die wie Wohlgeruch
+<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>wirkt. Viele junge M&auml;dchen waren damals verliebt
+in ihn, aber auf neutral Gestimmte wirkte er ein
+wenig erk&auml;ltend, wie jemand, der lange einsam gewesen
+ist, &auml;u&szlig;erlich oder innerlich, und &uuml;ber die Wege zu den
+Menschen nicht mehr orientiert ist. Stimmt das?&laquo;</p>
+
+<p>Maria nickte. &raquo;Es stimmt wie eine Silhouette an der
+Wand. Es stimmt und ist doch nichts. Unbeugsam, unbiegsam;
+darin liegt etwas vom Wesen. Er hat mich gebogen;
+nicht gebeugt: gebogen. Ich h&auml;tte brechen k&ouml;nnen, dann war
+ich eben nicht die, die er brauchte. Ich kam aus einer Welt
+ohne feste Umrisse; man geh&ouml;rte nicht zum Adel, man geh&ouml;rte
+nicht zum B&uuml;rgertum, man hing gesetzlos dazwischen.
+Ich war in Deutschland geboren, aber in &Ouml;sterreich erzogen;
+die eigent&uuml;mliche staatliche und soziale Luft dort
+bedingt ein gewisses Schwanken von selbst. Ich forderte
+durch mein Tun und Lassen zum Widerspruch heraus;
+ich war immer anders als andere, immer auf dem Kriegsfu&szlig;
+mit allen. Um mich zu finden oder etwas au&szlig;er mir,
+das ich packen konnte, ging ich auf allen Seiten in die
+Irre, schlug allem Herkommen ins Gesicht, wurde ganz
+wild, ganz entfesselt, &uuml;berwarf mich mit meiner Familie
+und den meisten Freunden, war von Freiheitsideen besessen
+und in Gefahr, mich in Schwarmgeisterei und Libertinage
+zu verlieren. Da traf ich Alexander. Es war der kritische
+Moment. Ich war h&auml;&szlig;lich verstrickt mit meinen neunzehn
+Jahren, das Sinnliche ist ja immer der Anzeiger vom Grad
+der Zerfallenheit; entfesselt und verstrickt, wie sonderbar,
+da&szlig; man es in einem sein kann. Aber es war ja die Zeit,
+wo man alles halb war, mit keiner Sache Aug in Aug stand,
+und beharrte man auf einem Weg, so war man fast verfemt.
+Wir sprachen uns nie, Alexander und ich. Er war
+mit einer offiziellen Mission beauftragt und erschien bisweilen,
+<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>sehr unterschieden von M&auml;nnern, die ich kannte,
+in der Gesellschaft. Da&szlig; ich seine Aufmerksamkeit erregte,
+da&szlig; er mich beobachtete, sp&uuml;rte ich nat&uuml;rlich; war ich auch
+meines Magnetismus sicher, der seine war noch st&auml;rker
+und hatte doch nicht die Kraft, mich gleich aus meinen
+Ketten zu rei&szlig;en. Der Entschlu&szlig;, mich in sein Leben hin&uuml;berzunehmen,
+traf ihn selber unerwartet. Ich werde mich
+h&uuml;ten, Sie mit den Einzelheiten einer Liebesgeschichte
+zu langweilen; wichtig ist nur, da&szlig; wir uns heirateten
+und da&szlig; jeder von uns beiden wu&szlig;te, sein ganzes Schicksal
+kam dabei in Frage. Was f&uuml;r Monate, F&uuml;rstin, was f&uuml;r
+Jahre! Wir traten uns gegen&uuml;ber wie zwei Duellanten,
+wie zwei Ringk&auml;mpfer. Er verriet es mir einmal: h&auml;tte
+ihm nicht eine unverge&szlig;bare Erleuchtung den Kern in mir
+offenbart, er h&auml;tte mich am Anfang schon wieder nach
+Hause geschickt; denn ich war zuchtlos, haltlos, voller
+falscher Begriffe, voller Vorurteile in bezug auf Liebe
+und Ehe und Mann und Weib und Gott und Mensch.
+Du hast das ganze Europa in dir, sagte er immer, und ich
+verstand lange nicht, was er meinte. Ich leistete Widerstand
+auch hier, ich setzte ihm das entgegen, was ich meine
+Pers&ouml;nlichkeit hie&szlig;, dieses Treibhauspfl&auml;nzchen, das er
+Blatt f&uuml;r Blatt und Faser f&uuml;r Faser zerrupfte, da&szlig; nichts
+mehr davon &uuml;brig blieb als Besch&auml;mung und Trotz,
+immer noch Trotz. Und er suchte den Kern; unerm&uuml;dlich,
+unabl&auml;ssig, Tag und Nacht, mit einer leidenschaftlichen
+Geduld, mit einem tiefen Wissen. Er grub mich aus
+mir heraus; er ri&szlig; mich auseinander, um mich neu zu
+machen. Es tat weh; ich versichere Ihnen, F&uuml;rstin, es gab
+Tage, Wochen, wo ich zwischen Liebe und Ha&szlig; erstickt
+und zertreten niederbrach. Und er, hinter mir her wie mit
+einer Geisterpeitsche: du mu&szlig;t durch, mu&szlig;t es durchleiden
+<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>und wenns dich verbrennt; besser, wir gehn ehrlich mit-
+und aneinander zugrunde als ein Sterben an drei&szlig;ig
+Jahren Mi&szlig;verst&auml;ndnis und heimlichen Wunden. Und
+endlich wuchs ich ihm zu, aus meinen Tr&uuml;mmern; endlich
+fand er mich, gewann er mich. Es war um die Zeit, wo
+ich zum erstenmal schwanger war, nach f&uuml;nf Jahren;
+da&szlig; auch er nicht unverwandelt blieb, ist selbstverst&auml;ndlich;
+h&auml;tte ich ihm nichts zu geben vermocht, so h&auml;tte ich ihm
+ja nichts sein k&ouml;nnen, und kluge Vertr&auml;ge geh&ouml;ren zum
+Sieg. Doch war ich sein Gesch&ouml;pf und f&uuml;hlte mich so.
+Er zog sich damals vom &ouml;ffentlichen Leben zur&uuml;ck,
+wir gingen auf das Gut und begannen zu arbeiten. Jedes
+Ziel war gemeinsam. In Meinungen und Handlungen
+trafen wir uns immer an demselben Endpunkt. Wir
+lasen die gleichen B&uuml;cher, dachten die gleichen Gedanken,
+f&auml;llten die gleichen Urteile. Er verzieh sich keine Nachl&auml;ssigkeit,
+seine Strenge gegen sich hatte etwas M&ouml;nchisches.
+Unm&ouml;glich ihn um eines Vorteils willen zu bewegen,
+das kleinste Recht auf seine Seite zu bringen, wenn es auf
+der andern war; eher h&auml;tte man Granit schmelzen k&ouml;nnen.
+Was er f&uuml;r seine Pflicht, f&uuml;r seine Lebensaufgabe hielt,
+war nichts Begrenztes, sondern ein ununterbrochen anschwellender
+Strom, und seine Hingabe war die &auml;u&szlig;erste,
+er verlangte von sich das &auml;u&szlig;erste und verlangte es von mir.
+Ich habe von Natur aus einen Hang zur Tr&auml;gheit und
+Beschaulichkeit; den trieb er mir gr&uuml;ndlich aus; manchmal
+weinte ich vor Zorn und Mitleid mit mir selbst, wenn er mir
+zuviel zumutete; aber es war dann doch das Richtige,
+und hatte ich mich bezwungen, so konnte er durch ein g&uuml;tiges
+Wort allen Groll vergessen machen. Nur nicht sich verw&ouml;hnen,
+nur nicht sich verz&auml;rteln, nur nicht Gef&uuml;hle hinverschwenden,
+wo man sich entscheiden mu&szlig;, sagte er;
+<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>und so verhielt er sich gegen die Welt, gegen seine Kinder,
+gegen die Untergebenen. Er entkr&auml;ftete jeden Einwand
+durch Beispiel. In ihm lebte eine gro&szlig;e Idee seines Volkes,
+eine gro&szlig;e Idee von Herrschaft, die durch Dienst entsteht,
+durch Gehorsam und Ehrung des Brauches. F&uuml;r ihn war
+der Zar eine g&ouml;ttliche Person wie f&uuml;r den einfachsten
+Bauern. Dieses Ru&szlig;land, dieses russische Volk war ihm
+der heilige N&auml;hrboden der Menschheit, der Scho&szlig; der Zukunft,
+die Vorratskammer der Welt. Ich spreche von ihm,
+ich spreche von mir. Es gab da kein Anderssein mehr. Er
+und ich, wir verschmolzen gemeinsam in dieses Mystische,
+von dem Kraft ausging. Wir haben es gelebt. Ich wu&szlig;te,
+wenn er eine Handvoll Ackererde aufhob, da&szlig; er damit das
+Ganze wog und pr&uuml;fte, sein Land, mit dem Himmel
+dar&uuml;ber und den Menschen darauf. Ich wu&szlig;te, wenn er
+unter seine Bauern trat, um Recht zu sprechen, da&szlig; er es
+im Gef&uuml;hl der h&ouml;chsten Verantwortung tat, als mei&szlig;le
+er den Spruch in die Ewigkeit. Riefen sie ihn zu Hilfe,
+so kam er, ob es sich auch ums Geringste handelte; Schlittenfahrten
+durch die brennendkalte Winternacht waren nichts
+Seltenes. Sie durften ihn fordern. Dabei war er der Herr;
+er verstand es, Herr zu sein. Ich war die Herrin; er machte
+mich zur Herrin. Ich begriff es nach und nach. Herrin
+und Mutter, das galt ihm fast eins, Mutter von vielen,
+und so sagen sie auch M&uuml;tterchen zur Herrin. Das ist sch&ouml;n
+und schreibt einem den Weg vor. Wenn Sie das bedenken,
+F&uuml;rstin, erscheint Ihnen dann nicht alles ganz einfach?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe, ich verstehe,&laquo; murmelte die F&uuml;rstin;
+&raquo;einfach, ja. Das Wunderbare ist schlie&szlig;lich immer einfach.
+Ich verstehe die Entwicklung, verstehe Ihr Herz,
+aber, <em class="antiqua">apr&egrave;s tout</em>, sind Sie denn nicht vollkommen entt&auml;uscht?
+War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es so
+<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>steht? wo wir ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin nicht entt&auml;uscht,&laquo; antwortete Maria; &raquo;der
+Weg geht weiter. Ich bin auch nicht ohne den Herrn, welche
+Bedeutung immer Sie dem Wort geben.&laquo;</p>
+
+<p>Die F&uuml;rstin fragte: &raquo;Seit wann ist Ihr Gatte von
+Ihnen fort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich
+den letzten Brief.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja
+ein beklommener Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem
+solchen Verh&auml;ltnis.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es geh&ouml;rt zum Weg,&laquo; sagte Maria. &raquo;Ich wei&szlig;, da&szlig;
+er mit mir im Raum ist, kommt es da auf die Ferne an?
+Schlie&szlig; ich die Augen nur eine kurze Zeit, so seh ich ihn,
+h&ouml;r ich ihn, mu&szlig; l&auml;cheln &uuml;ber gewisse Eigenheiten beim
+Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm,
+berate mich mit ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.&laquo;</p>
+
+<p>Die F&uuml;rstin entgegnete: &raquo;Sie haben Phantasie, Maria
+Jakowlewna. Ich will Ihr Gef&uuml;hl nicht verkleinern;
+alles, was Sie sagen, fl&ouml;&szlig;t mir Hochachtung ein und
+best&auml;tigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar
+wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie
+beruhigend, mit Ihnen zu plaudern, ja blo&szlig; dazusitzen
+und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir eines. Ich
+glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, da&szlig; sie Ihnen
+die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das
+Schicksal eines so geliebten Menschen &uuml;berwinden hilft;
+aber f&uuml;hlen Sie sich nicht auch befreit? Erwidern Sie noch
+nichts, einen Augenblick noch; es ist so heikel; die Worte
+sind schwer zu finden; ich m&ouml;chte nicht in den Verdacht
+<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>kommen, da&szlig; ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren
+will&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen alles sagen, ich werde es bestimmt nicht
+mi&szlig;verstehen,&laquo; warf Maria freundlich ein.</p>
+
+<p>Die F&uuml;rstin fuhr fort: &raquo;In Ihnen ist viel Leidenschaft.
+Sie sind sicher die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet
+bin. Dabei aber auch die unnahbarste. Ich meine das in
+einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu gelangen,
+allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gef&auml;&szlig; zu schlie&szlig;en
+und sich den Schritt ins Unbekannte f&uuml;r immer zu verbieten?
+Wie erreicht man diese Unersch&uuml;tterlichkeit? Frauen
+sind entsetzlich preisgegebene Wesen. Man gibt sich entweder
+hin oder man h&auml;lt sich zur&uuml;ck; im einen wie im
+andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum
+betrogen. Und da ist nun eine, die sich ein so festes Haus
+gezimmert hat, da&szlig; der Teufel keinen Platz darin findet.
+Man r&uuml;ttelt an T&uuml;r und Mauern, um die Stelle zu entdecken,
+wo es br&uuml;chig ist. Weil man doch selber in einer
+Ruine wohnt und der Neid einen qu&auml;lt. Sagen Sie mir
+also: war es nicht ein unertr&auml;glicher Despotismus? Zuweilen
+nur, zuweilen &#8211;? Sind Sie nicht jetzt in Ihrem
+verborgensten Innern irgendwie erl&ouml;st oder blo&szlig; erleichtert?
+Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe?
+War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle
+die Jahre, und haben Sie nicht heute die Empfindung, das
+Leben steht m&ouml;glicherweise mit einem kostbaren Geschenk
+an der Pforte und Sie d&uuml;rfen es ohne gro&szlig;e Skrupel
+nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das
+Geschenk nehmen. Ich meine: ist Ihr Gem&uuml;t und Geist
+so bis zum Rand ausgef&uuml;llt von diesem einen Menschen
+und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite,
+da&szlig; es dar&uuml;ber hinaus keine Regung mehr f&uuml;r Sie gibt,
+<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>keine Verlockung, keine Versuchung? Sie sind ja Weib
+durch und durch; an Ihnen bl&uuml;ht und leuchtet ja alles.
+W&auml;r ich ein Mann, was w&uuml;rde ich nicht aufs Spiel setzen,
+um Sie zu gewinnen. Sie err&ouml;ten; wie sch&ouml;n, wie r&uuml;hrend!
+Wie ein junges M&auml;dchen. Aber antworten Sie, antworten
+Sie mir.&laquo;</p>
+
+<p>Maria sp&uuml;rte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte
+sie: &raquo;Vier Kinder, F&uuml;rstin. Neben all dem, wie nannten
+Sie es? dem Unersch&uuml;tterlichen, vier Kinder. Haben Sie
+meine Kinder gesehen?&laquo;</p>
+
+<p>Die F&uuml;rstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme,
+die dem schwarzen Kleid wei&szlig; entflossen, auf den Tisch
+gelegt und Maria, zu sp&auml;t besch&auml;mt von ihrer m&uuml;tterlichen
+Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den Gedanken:
+auch ich war Mutter. Sie st&uuml;tzte den Kopf in die Hand,
+und nach einer Weile begann sie: &raquo;Das war ein egoistisches
+Wort, F&uuml;rstin. Ich bin von einem Gl&uuml;cksgeleise aufs andere
+ausgewichen. Vielleicht aus Feigheit. Ihre Frage war
+wie ein pl&ouml;tzliches Feuer. Sie hat mich geblendet. Die
+Wahrheit? W&uuml;&szlig;t ich sie nur. Mich d&uuml;nkt, sie liegt in der
+Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit.
+Die freie Wahl war mir allerdings geraubt, aber ich hatte
+nicht das kleinste Bed&uuml;rfnis und den kleinsten Anla&szlig;, noch
+einmal zu w&auml;hlen. Meine Wahl war ja unwiderruflich
+gewesen. Sie sagten, da&szlig; der Teufel in meinem Haus
+keinen Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun mu&szlig;
+ich sehr k&uuml;hn sein, str&auml;flich k&uuml;hn vielleicht: ich habe ja mein
+g&ouml;ttliches Teil gew&auml;hlt. Ich leugne nicht, da&szlig; Versuchung
+f&uuml;r mich entstehen kann; wer ist gegen Versuchung gefeit?
+Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich noch
+einmal w&auml;hlen m&uuml;&szlig;te, dann m&uuml;&szlig;te ich den ganzen Kreis
+bis zum andern Pol gegangen sein. Das G&ouml;ttliche kann
+<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>man nicht zweimal w&auml;hlen, und in seiner N&auml;he herumpfuschen
+und -experimentieren kann man auch nicht.
+Dazu hat es zuviel Unerbittlichkeit. M&uuml;&szlig;te ich noch einmal
+w&auml;hlen, dann m&uuml;&szlig;te es geradezu der Teufel sein. In
+Versuchung f&uuml;hren k&ouml;nnte mich nur der Teufel. Aber so
+weit kommt es hoffentlich nicht.&laquo; Sie lachte.</p>
+
+<p>Die F&uuml;rstin erhob sich und umarmte sie schweigend.
+War es, da&szlig; sie keine Einw&auml;nde mehr hatte, oder da&szlig; sie
+sich geschlagen fand durch die unerwartete Wildheit von
+Marias Argument, sie lie&szlig; sich keine Zweifel anmerken.
+Ehe sie ging, sagte sie: &raquo;Freilich, freilich&laquo;; und wieder
+bek&uuml;mmerten Tones: &raquo;Freilich. All das Beinahe und
+Ungef&auml;hr, das Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens
+verw&auml;ssert unser Schicksal; es macht uns m&uuml;de vor der
+Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am wichtigsten,
+am Augenblick l&uuml;gen wir uns vorbei.&laquo; Dann, mit Herzlichkeit:
+&raquo;Ich m&ouml;chte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna.
+Schicken Sie mir Ihr Bild sobald wie m&ouml;glich, es wird
+mir als Amulett dienen. Wer wei&szlig;, ob uns nicht die
+n&auml;chste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr Bild,
+so hab ich etwas, das mich sch&uuml;tzt.&laquo;</p>
+
+<p>Maria versprach es.</p>
+
+<p>Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das
+Haus, vom Dach bis in den Keller, glich einem Akkumulator,
+in dem sich Angst aufsammelt. &Uuml;ber die Korridore
+hasteten Schritte. Maria wu&szlig;te von Liebesbeziehungen,
+die sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht l&auml;nger
+dauerten als der Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie
+hin und naschen in Verzweiflung Verbotenes, um nicht
+f&uuml;hlen zu m&uuml;ssen, dachte Maria, halb geringsch&auml;tzig, halb
+mitleidig. Aber auch andere Schritte waren, Botenschritte,
+Verr&auml;terschritte, Spionenschritte, W&auml;chterschritte.
+<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>Durch die ge&ouml;ffneten Fenster drangen Luftwellen bald
+k&uuml;hl, bald warm; gegen Morgen wurde es kalt, und Maria
+schlief endlich ein und schlief bis Mittag. Das Schreien
+des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia, die Pflegerin,
+trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die linnenwei&szlig;
+Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht
+entzogen hatte. Wanja lie&szlig; nicht mit sich spa&szlig;en; er
+krallte die dicken F&auml;ustchen in seiner Mutter Fleisch und
+schnappte zu wie ein b&ouml;ser kleiner Fisch.</p>
+
+<p>Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum
+Abend an Heftigkeit zunahm und sich best&auml;ndig n&auml;herte.
+Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen von Best&uuml;rzung
+und bat Maria, da&szlig; sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer
+der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst.
+Maria rechnete auf Nachricht von Menasse. Um bereit
+zu sein, wies sie Litwina und Arina, die beiden jungen
+Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, wor&uuml;ber die Knaben
+jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges
+vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Gr&uuml;beln
+dar&uuml;ber machte sie zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und
+ging hinunter. Dann kehrte sie zur&uuml;ck, durchw&uuml;hlte eine
+Schachtel nach einer Photographie, schrieb ihren Namen
+darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit
+zur F&uuml;rstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige,
+das sie vergessen hatte.</p>
+
+<p>In den Gesellschaftsr&auml;umen herrschte das gew&ouml;hnliche
+l&auml;rmende Treiben. Alle diese der Heimat und nun auch
+der Freiheit beraubten M&auml;nner und Frauen trugen eine
+herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige
+Gesichter zeigten das Bewu&szlig;tsein der Gefahr. In einer
+Gruppe wurde lachend erz&auml;hlt, da&szlig; man bereits in den
+Stra&szlig;en der Stadt k&auml;mpfe, da&szlig; in einem der H&ouml;fe des
+<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>Hotels Tote und Verwundete l&auml;gen. Sie hatten Blut
+genug gesehen, waren an das Entsetzen gew&ouml;hnt; es
+handelte sich nur noch um ihren eigenen Untergang, den
+sie mit frivoler Neugier fast erwarteten. In einen Wiener
+Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack eines Maschinengewehrs
+von drau&szlig;en. Man sah Soldaten an den
+Fenstern vorbeirennen. Maria fielen finster blickende
+Gestalten auf, erst drei oder vier, dann f&uuml;nfzehn oder
+zwanzig, die sich in der Halle und den Speises&auml;len herumtrieben.
+Man gab sich M&uuml;he, nicht auf sie zu achten; man
+scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden.
+In abgerissenen oder doch allt&auml;glichen Gew&auml;ndern stachen
+sie drohend von der Toilettenpracht, den Fr&auml;cken und
+strahlenden Hemdbr&uuml;sten ab; sie stellten sich den Kellnern
+in den Weg, die mit Sektk&uuml;beln liefen, postierten sich unversch&auml;mt
+neben Klubsessel, in denen vornehme Kavaliere
+ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden
+durch. Maria dachte: es ist Zeit, da&szlig; Menasse
+sich meldet. Ein gellender Pfiff wurde h&ouml;rbar, gleich darauf,
+da die Kapelle im Speisesaal Pause hatte, eine fremdartige
+Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria
+trat ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und
+sagte, im gro&szlig;en Saal finde eine armenische Hochzeit
+statt, sie m&ouml;ge doch hingehen, es sei &auml;u&szlig;erst interessant.
+Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer f&uuml;nfzehn
+Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich
+mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft
+hatte sich auf einmal ver&auml;ndert. Ein alter Herr redete
+mit gerungenen H&auml;nden auf mehrere Damen ein. Maria
+vernahm, wie eine fl&uuml;sterte: &raquo;Und mein Schmuck? meine
+Perlen?&laquo; Der alte Herr sagte: &raquo;Es handelt sich ums
+nackte Leben.&laquo; Vor dem Billardzimmer standen ein paar
+<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>junge M&auml;dchen, bla&szlig;, verzagt, die Augen aufgerissen.
+Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria: &raquo;Unbeschreiblich,
+welchen Prunk die Armenier bei solchen
+Anl&auml;ssen zu entfalten wissen, Sie werden sich selbst &uuml;berzeugen;
+ganz m&auml;rchenhaft.&laquo;</p>
+
+<p>Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden.
+Namentlich machte sich Stepan Nelidow bemerkbar,
+der in unangenehmer Weise, als w&auml;re er in einem Zirkus,
+seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor
+der T&uuml;r des gro&szlig;en Saals, war die Basis eines zylinderf&ouml;rmigen
+Schachtes, der bis zum Dach des siebenst&ouml;ckigen
+Geb&auml;udes reichte. In jedem Stockwerk trat eine kreisrunde
+Galerie heraus, die gegen den Schacht hin durch ein
+geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten
+Etagen sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur
+n&auml;chsth&ouml;heren Etage. W&auml;hrend Maria hinaufblickte,
+sp&uuml;rte sie, da&szlig; sich irgendwo dort oben etwas ereignete,
+was auch sie anging. Sie h&ouml;rte, von ganz oben, lautes
+Reden und dann gel&auml;chter&auml;hnliche Schreie, dann war es
+wieder eine Weile still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit
+den Armeniern im Saal zugewandt, so begann es
+von neuem.</p>
+
+<p>Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und
+zwei dumpfe Trommeln, war aus einem getragenen Tempo
+in ein munteres &uuml;bergegangen. Ein J&uuml;ngling und ein
+M&auml;dchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und
+Drehungen, anfangs gemessen, sch&auml;ferhaft lieblich,
+steigerten sich, von der Musik rhythmisch unterst&uuml;tzt, zur
+Ausgelassenheit. Der hohe weite lichtgebadete Raum
+war durchlodert von den intensiven Farben gold- und
+silbergestickter Gew&auml;nder, blau, gelb, gr&uuml;n, rot in
+st&auml;rksten T&ouml;nungen; aus hei&szlig;em Dunst leuchteten unvergleichlich
+<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>sch&ouml;ne Frauengesichter und solche von bleichen,
+schwarzb&auml;rtigen M&auml;nnern, die majest&auml;tisch sa&szlig;en und
+blickten. Nun sah man auch dr&uuml;ben einen zarten
+Reigen von spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen,
+die sich bogen und dehnten, und als die bet&auml;ubende Musik
+aufh&ouml;rte, stimmten sie einen feierlichen Gesang an. Freudig
+erregt von den Bildern und Kl&auml;ngen einer abger&uuml;ckten
+Welt, stand Maria l&auml;chelnd auf der Schwelle, bedr&uuml;ckt
+nur von dem Gef&uuml;hl ihrer eigenen Fremdheit und ungew&uuml;nschten
+Gegenwart, da vernahm sie abermals die
+h&auml;&szlig;lichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch
+n&auml;herten; sie trat zur&uuml;ck in die Mitte des Schachtes und
+sah empor. &Uuml;ber die dritte Treppe lief mit erschreckender
+Geschwindigkeit, so da&szlig; es aussah, als m&uuml;sse sie jede
+Sekunde in die Tiefe st&uuml;rzen, ein Frauenzimmer herab.
+Die Haare flatterten aufgel&ouml;st um den Kopf, das Gesicht
+zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie
+kam zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Gel&auml;nder
+fest und rannte weiter zur zweiten Stiege. Maria wu&szlig;te
+sofort, da&szlig; dies Lisaweta Petrowna war, zu der sie hatte
+gehen gewollt, und nun wu&szlig;te sie auch, was f&uuml;r ein Vergessen
+sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie zur
+Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun
+auf der ersten Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit
+fest. Sie schaute sich um, st&uuml;rmisch atmend; hinter ihr kam
+ein junges M&auml;dchen herab, in dem Maria die F&uuml;rstin
+Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen rechtfertigte
+keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der
+andern; sie ging eher bed&auml;chtig, Stufe um Stufe, und
+ihre Z&uuml;ge, obwohl verfinstert und anscheinend zu einem
+bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich einen
+Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria war
+<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>ein paar Stufen hinaufgeschritten, die Fl&uuml;chtende flog ihr
+entgegen, hielt inne, glaubte sich vor einer neuen Feindin,
+stie&szlig; einen der Schreie aus, die so gel&auml;chter&auml;hnlich geklungen
+hatten, taumelte und w&auml;re gefallen, wenn Maria nicht auf
+sie zugesprungen und sie aufgefangen h&auml;tte. Das M&auml;dchen
+griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab,
+kniete vor ihr. Mittlerweile hatte auch die F&uuml;rstin Jelena
+die Stelle erreicht, wo dies vor sich ging. Sie blieb einige
+Stufen oberhalb stehen, der Ausdruck von Widerwillen
+verst&auml;rkte sich in ihrem wunderbar feinen und klaren Gesicht
+und sie stie&szlig; hervor: &raquo;Anr&uuml;hren solchen Unflat? Anr&uuml;hren?&laquo;
+Ein Schauder &uuml;berrann ihre Glieder.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen dr&uuml;ckte das Gesicht wimmernd in Marias
+Kleid. &raquo;Sie will mich umbringen,&laquo; heulte sie dumpf in
+den Stoff, in Marias K&ouml;rper. Die Zuschauer vor der
+T&uuml;r hatten sich verwundert zur Treppe gedr&auml;ngt. Stepan
+Nelidow stand mit verschr&auml;nkten Armen und sp&ouml;ttischem
+L&auml;cheln an die Mauer gelehnt.</p>
+
+<p>&raquo;Wozu, Jelena Nikolajewna,&laquo; sagte Maria, zur jungen
+F&uuml;rstin emporgewandt, &raquo;wozu dies?&laquo; Der einfache
+g&uuml;tige Ton brachte eine sichtliche Wirkung auf die F&uuml;rstin
+hervor. Sie senkte den Kopf, ihre kurzen, gelockten Haare
+fielen weich &uuml;ber die Wangen, und so verharrte sie regungslos.</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie mit mir, Lisaweta,&laquo; redete Maria
+der noch immer Knienden zu; &raquo;niemand wird Ihnen etwas
+zuleide tun.&laquo; Sie richtete die Willenlose auf, lieh ihr den
+Arm zur St&uuml;tze und f&uuml;hrte sie durch ein Spalier von
+Gaffern in den Korridor und dann weiter zum Lift,
+in den sie sie sanft hineinschob. Oben angelangt, mu&szlig;te
+sie die verfallen vor sich hin Br&uuml;tende mit Gewalt von
+ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr jauchzend
+<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>mit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden.
+Jefim sagte, es seien drei M&auml;nner gekommen und h&auml;tten
+ohne ein Wort zu &auml;u&szlig;ern, die zwei gro&szlig;en und f&uuml;nf
+kleineren Gep&auml;ckst&uuml;cke nach und nach fortgetragen. Die
+Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern,
+oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen,
+Necessaires, K&ouml;rbe lagen noch in den Zimmern herum.
+Indes Maria mit Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit
+einem Zettel und verschwand wieder. Auf dem Zettel stand:
+&raquo;Unverz&uuml;glich zu befolgen: verlassen Sie nach Empfang
+dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die T&uuml;r neben den
+K&uuml;chenlokalit&auml;ten. Dort wird jemand stehen und Sie an
+einen bestimmten Ort f&uuml;hren, wo Sie eine, m&ouml;glicherweise
+zwei N&auml;chte zuzubringen haben werden. Der Betreffende
+ist zuverl&auml;ssig. S&auml;umen Sie nicht l&auml;nger als eine halbe
+Stunde, sonst stehe ich f&uuml;r nichts. Die Koffer sind untergebracht,
+Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.&laquo;</p>
+
+<p>Trotz der kritischen Situation war Maria still am&uuml;siert.
+Mein General ist streng, dachte sie und half die Knaben
+fertig ankleiden. Eine Menge Gegenst&auml;nde waren einzupacken.
+Arina und Litwina rannten durch die Zimmer.
+Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen.
+Maria h&auml;tte sich gerne noch von der F&uuml;rstin Nelidow verabschiedet;
+es war keine Zeit mehr. Lisaweta Petrowna
+hatte sich in die Sofaecke gekauert und beobachtete mit
+den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging.
+Pl&ouml;tzlich sprang sie auf und faltete die H&auml;nde gegen Maria.
+&raquo;Nehmen Sie mich mit,&laquo; flehte sie verst&ouml;rt. Maria antwortete:
+&raquo;Wir haben nur noch Minuten vor uns; wie geht
+das denn, so wie Sie sind?&laquo; Sie trug einen Kimono und
+an den F&uuml;&szlig;en blauseidene Pant&ouml;ffelchen. &raquo;Um keinen Preis
+mehr will ich in mein Zimmer gehn,&laquo; sagte sie hilflos.
+<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>Die Knaben, voll Ungeduld, dr&auml;ngten Maria stumm.
+Arina belud Jefim Leontowitsch mit den Handtaschen.
+Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen
+immer viel Gef&uuml;hl f&uuml;r fremde Leiden bezeigte, sagte zu
+seiner Mutter: &raquo;Die Frau kann ja einen von deinen M&auml;nteln
+anziehen; wir haben ja hundert M&auml;ntel.&laquo; Auf einen Wink
+Marias brachte Litwina einen Mantel; und Lisaweta
+h&uuml;llte sich darein. &raquo;Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich
+lassen?&laquo; fragte Maria, und jene erwiderte: &raquo;Nur fort,
+nur fort.&laquo;</p>
+
+<p>Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten
+Wanja, Arina, Litwina und Lisaweta traten auf den
+Korridor. Maria folgte als Letzte. Auf einmal stand
+Jelena Nelidow vor ihr. &raquo;Sie gehen?&laquo; murmelte sie
+finster verwundert, &raquo;gehen? Und diese dort, diesen Abschaum
+machen Sie zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr
+gew&auml;hren Sie Freundschaft, der Schamlosen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe nur eine Ungl&uuml;ckliche, Jelena Nikolajewna,&laquo;
+sagte Maria. &raquo;Ich wei&szlig; nichts von ihr als das. Kann ich
+eine Ungl&uuml;ckliche, die zu mir flieht, wegsto&szlig;en, ich, die
+selber flieht?&laquo;</p>
+
+<p>Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar
+beschwichtigend auf die junge F&uuml;rstin. Ihr Gesicht
+zog sich zusammen wie im Krampf. Pl&ouml;tzlich ri&szlig; sie mit
+zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem Kleid
+und dr&uuml;ckte sie in Marias Hand. &raquo;Ich will nicht schuldiger
+werden als ich schon bin,&laquo; sprach sie wie geblendet, wie
+gegen eine Wand; &raquo;geben Sie ihr das; machen Sie es zu
+Geld f&uuml;r sie, sie ist arm; ich habe keins, aber verraten Sie
+mich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum
+Dank zwang. Der Boden brannte. Fedja war umgekehrt,
+<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>um zu sp&auml;hen, wo sie blieb. Jelena ging ein paar Schritte
+an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias Arm
+und hauchte mit wehem Kinderlaut: &raquo;Ich habe Angst;
+ich habe solche Angst,&laquo; ihre seltsam gelben Augen &ouml;ffneten
+sich &uuml;berweit; &raquo;ich habe grenzenlose Angst,&laquo; wiederholte
+sie, &raquo;und vielleicht aus Angst bin ich schlecht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Liebe, Sie Liebe,&laquo; sagte Maria leise und z&auml;rtlich. Die
+junge F&uuml;rstin bedeckte das Gesicht mit den H&auml;nden und
+ging langsam zur&uuml;ck, w&auml;hrend Maria schweren Herzens die
+Treppe hinunterstieg.</p>
+
+<p>An der von Menasse bezeichneten T&uuml;r stand ein Soldat
+mit Sturmhaube und aufgepflanztem Bajonett. Er begab
+sich schweigend an die Spitze der Karawane. Es ging durch
+einen schmalen Hof, dann die Stra&szlig;e entlang, &uuml;ber die ein
+Feuerschein bebte. Zur Linken, in der H&ouml;he des Tals,
+brannten H&auml;user; die Funken, so fern, da&szlig; sie goldner
+Stickerei glichen, stoben gegen den Mond. Gestreckten
+Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja und Aljoscha blieben
+bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein sorglicher
+Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm
+ihm trotz seines Str&auml;ubens eine der Ledertaschen ab.
+Der Soldat bog in eine Seitengasse bergan. Die H&auml;user
+wurden armseliger. Er z&ouml;gerte, sah sich um, schien sich
+orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet.
+Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu
+und sie sprachen leise miteinander. Das Krachen eines gro&szlig;en
+Gesch&uuml;tzes ersch&uuml;tterte die Nacht. Aljoscha begann pl&ouml;tzlich
+zu weinen. Maria ergriff ihn bei der Hand. Sie gelangten
+zu den letzten H&auml;usern der Stadt, in die N&auml;he
+des Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein
+St&uuml;ck zur&uuml;ck. Lisaweta, die in ihren Pant&ouml;ffelchen M&uuml;he
+zu gehen hatte, lehnte sich an eine Hausmauer. Vom
+<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>untern Ende der Gasse her schallte der Schritt einer
+Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief
+Maria und die &uuml;brigen. Sie traten in ein bauf&auml;lliges Haus,
+das nur aus einem Erdgescho&szlig; bestand und v&ouml;llig unbewohnt
+schien. Mit dem Gewehrkolben stie&szlig; der Soldat
+eine T&uuml;r auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand.
+Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert,
+so niedrig, da&szlig; man mit den K&ouml;pfen an die Decke stie&szlig;,
+mit feuchten, verschimmelten, gr&uuml;nlichen W&auml;nden und ohne
+alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier
+m&uuml;&szlig;ten sie bleiben, sagte der Soldat, d&uuml;rften sich nicht
+r&uuml;hren, die geschlossenen Fensterl&auml;den nicht &ouml;ffnen, wenn
+ihnen das Leben lieb sei. Maria fragte, im Finstern, ob
+er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er wisse es nicht,
+er kenne nicht einmal den Namen; er wisse blo&szlig;, da&szlig; eine
+Anzahl Menschen heute nacht in H&auml;usern rings um den
+Bahnhof versteckt worden seien, damit sie fortgeschafft
+werden k&ouml;nnten, wenn sich die Gelegenheit bot. Das sei
+alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anz&uuml;nden d&uuml;rfte,
+wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte
+Maria. Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben
+m&uuml;ssen, zehn Personen in einem so dumpfen Loch? Das
+k&ouml;nne er nicht sagen. Noch einmal empfahl er, da&szlig; sie
+durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann
+entfernte er sich.</p>
+
+<p>Eine Weile waren alle still und verfielen in tr&uuml;be Betrachtungen.
+Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter
+getastet und schmiegte sein Gesicht hinein. Sie sp&uuml;rte,
+da&szlig; es vor Be&auml;ngstigung zuckte. &raquo;Wir m&uuml;ssen Licht haben,&laquo;
+sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich, hinauszuschleichen
+und den Aufpasser zu machen. Bei verd&auml;chtiger
+Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladen
+<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>pochen, dann mu&szlig;te das Licht ausgeblasen werden. Es
+dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze gefunden hatte.
+Als sie brannte, wurden rasch Decken und M&auml;ntel auf den
+von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer
+Hast richtete jeder eine Ruhestatt f&uuml;r sich; die Knaben,
+kaum hingelegt, in ihren Kleidern, schliefen schon.</p>
+
+<p>Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem
+zwischen die Arme gew&uuml;hlten Kopf sah man nur die in Eile
+aufgesteckten wirren braunen Haare. &Uuml;ber ihre starken
+H&uuml;ften lief bisweilen ein Beben. W&auml;hrend sie Wanja
+stillte, lie&szlig; Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann,
+als Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die
+Kerze verl&ouml;scht hatte, bat sie Litwina, da&szlig; sie Jefim Leontowitsch
+hereinhole, damit auch er ruhen k&ouml;nne. Aber Jefim
+lie&szlig; sagen, er finde es notwendig, da&szlig; einer Wache halte,
+er werde sich vor der T&uuml;r auf seinen Mantel legen.</p>
+
+<p>In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie h&ouml;rte die
+kr&auml;ftigen Atemz&uuml;ge der drei Knaben; jeden erkannte sie
+an Laut und Tempo des Atems; sogar das d&uuml;nne, sprudelnde
+Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die
+Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu
+ihrer Rechten ert&ouml;nte ein schwerer Seufzer. &raquo;K&ouml;nnen Sie
+nicht schlafen, Lisaweta Petrowna?&laquo; fragte sie fl&uuml;sternd.</p>
+
+<p>Die Angeredete bewegte sich und r&uuml;ckte n&auml;her. &raquo;Wer
+sind Sie eigentlich?&laquo; fragte sie ebenfalls fl&uuml;sternd. &raquo;Sie
+haben mich aufgelesen, mitgenommen&nbsp;... aus welchem
+Grund? Wer sind Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bedeutet Ihnen der Name etwas, so m&ouml;gen Sie ihn
+wissen,&laquo; antwortete Maria und sagte, wie sie hie&szlig;. Dann
+war wieder eine Weile Schweigen, dann wieder ein Seufzer
+wie unter dr&uuml;ckender B&uuml;rde.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>&raquo;Was ist Ihnen?&laquo; fl&uuml;sterte Maria; &raquo;erleichtern Sie
+Ihr Herz, sprechen Sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O gro&szlig;er Gott!&laquo; murmelte die andere.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind in der Finsternis und k&ouml;nnen einander nicht
+sehen,&laquo; fuhr Maria zu fl&uuml;stern fort; &raquo;alle schlafen, wir
+sind so gut wie allein. Sprechen Sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jelena Nikolajewna m&ouml;chte mich am liebsten mit dem
+Stiefelabsatz zertreten,&laquo; sagte die Stimme bitter; &raquo;dabei
+wei&szlig; sie alles. Niemand au&szlig;er ihr wei&szlig; es. Grigorji
+hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts k&ouml;nnte sie mich
+morden und wei&szlig; doch alles. O mein Gott!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es denn wahr, da&szlig; F&uuml;rst Grigorji die Ehe mit
+Ihnen geschlossen hat?&laquo; fragte Maria.</p>
+
+<p>&raquo;Fragen Sie doch nicht,&laquo; kam es gequ&auml;lt zur&uuml;ck. &raquo;Ja,
+ja, der Pope hat uns zusammengetan, damals in Sebastopol,
+als ich das Schiff verlie&szlig;. Als schon alles zu Ende
+war, hat uns der Pope getraut. Ich wei&szlig; nicht, ob es anfechtbar
+ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umst&auml;nde
+schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich
+nur ann&auml;hernd etwas &auml;hnliches ausdenken. Ja, als ich
+das Schiff verlie&szlig;, wurden wir getraut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?&laquo;</p>
+
+<p>Lisaweta antwortete nicht. &raquo;Ich kann hier nicht bleiben,&laquo;
+sagte sie nach einer Weile klagend; &raquo;ich mu&szlig; wieder fort.
+Ich will zur&uuml;ck und meine Sachen holen. Was soll ich
+denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich, wo soll ich
+dann hingehn? Zu wem denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckst&uuml;ck
+aus Diamanten f&uuml;r Sie gegeben,&laquo; sagte Maria, und indem
+sie es sagte, bereute sie es, als f&uuml;ge sie der unsichtbaren
+andern eine Beleidigung zu; &raquo;vielleicht w&uuml;nschte man,
+<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>da&szlig; Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man
+dadurch etwas Begangenes gutmachen.&laquo;</p>
+
+<p>Lisaweta verstand. &raquo;Vor die F&uuml;&szlig;e werf ich ihrs,&laquo;
+brach sie aus, ohne die Stimme merklich zu erheben;
+&raquo;und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich durch ein
+Almosen daf&uuml;r entsch&auml;digen, da&szlig; sie mir gl&uuml;hende Nadeln
+ins Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und
+Schande. Wenn Sie keine Gelegenheit mehr haben,
+es ihr zur&uuml;ckzugeben, so schenken Sie es einem Bettelweib.
+An Dem&uuml;tigungen ists jetzt genug.&laquo;</p>
+
+<p>Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen.
+Die Atemz&uuml;ge der Schl&auml;fer wurden tiefer. Pl&ouml;tzlich
+fl&uuml;sterte Lisaweta: &raquo;H&ouml;ren Sie? K&ouml;nnen Sie mich
+h&ouml;ren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&ouml;re Sie gut,&laquo; erwiderte Maria.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will Ihnen vom Schiff erz&auml;hlen. R&uuml;cken Sie n&auml;her,
+damit uns niemand belauscht.&laquo;</p>
+
+<p>Maria r&uuml;ckte n&auml;her.</p>
+
+<p>&raquo;Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem
+Petersburger Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste
+Klasse von Lokal, ich verdiente auch nur gerade soviel,
+um nicht zu verhungern. Die Sache war n&auml;mlich die,
+da&szlig; ich ein anst&auml;ndiges M&auml;dchen war. Es ist m&ouml;glich,
+da&szlig; Sie jetzt skeptisch l&auml;cheln, aber trotz meiner f&uuml;nfundzwanzig
+Jahre hatte ich noch keinen Liebhaber gehabt.
+Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme und
+l&uuml;sterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tags&uuml;ber
+hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein
+Mittagessen. Grigorji war auf Urlaub; in Gesellschaft
+von Kameraden kam er hin; wir sahen uns und liebten
+uns. Wir liebten uns so, &#8211; wie soll ich es nur beschreiben?
+Es war ein unaufh&ouml;rliches Gewitter im Blut. Den Tag,
+<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>wo der Urlaub zu Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil.
+Worte wurden nicht gewechselt; wir empfanden
+wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan nach,
+den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines
+Abends teilte er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede
+irr. Es war so furchtbar, da&szlig; meine Zunge wie gel&auml;hmt
+war. Aber sein Wille mu&szlig;te auch meiner werden. Trennung
+war das &Auml;rgste. Auf die R&uuml;ckkehr warten und sich das
+Herz absorgen, ob er noch lebte oder nicht, &auml;rger war auch
+das nicht, was er tun wollte. Wenigstens schien es mir
+so, und ich sagte ja. H&ouml;ren Sie mich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&ouml;re Sie gut,&laquo; fl&uuml;sterte Maria.</p>
+
+<p>&raquo;Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs
+schmuggeln. Mich in seiner Kabine verbergen, den Dienst
+verrichten wie alle andern und die &uuml;brige Zeit bei mir sein.
+Was das hie&szlig;, wu&szlig;te ich ungef&auml;hr. Da&szlig; auf die Entdeckung
+der sofortige Tod stand, f&uuml;r ihn und f&uuml;r mich, wu&szlig;te ich.
+Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten.
+Wozu so viele Worte, ich war bereit, trotz allem. Die
+Hauptschwierigkeit war, da&szlig; der Bursche ins Geheimnis
+gezogen werden mu&szlig;te. Ohne einen Dritten, der Vorschub
+und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er k&ouml;nne
+es mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem
+Geld, und immer von neuem, und doch mu&szlig;te man immerfort
+zittern, da&szlig; er sich nicht verschnappte oder b&ouml;sartig
+wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die Leute alle
+b&ouml;sartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten.
+In Grigorjis Reisesack, mit W&auml;sche und Kleidern zum
+Ersticken umh&uuml;llt, trug mich Pjotr vom Boot in die
+Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel Raum war,
+da&szlig; ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn
+Monate.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>Maria schlug unwillk&uuml;rlich die H&auml;nde zusammen,
+Lisaweta Petrowna aber fuhr fort: &raquo;Vierzehn Monate
+eingesperrt, entweder angstvoll allein oder Leib an Leib
+auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate
+in Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer
+winzigen dumpfen Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit
+und Bewegungslosigkeit verurteilt, zur ununterbrochenen,
+f&uuml;rchterlichen Angst, er und ich.&laquo;</p>
+
+<p>Maria lauschte mit weiten Augen stumm.</p>
+
+<p>&raquo;Es durfte nicht auffallen, da&szlig; die Kabine stets abgesperrt
+war; schon daf&uuml;r zu sorgen, war nervenzerr&uuml;ttend.
+Die vielen Schritte, Schritte der Wachen, Offiziere; die
+Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr, das
+eiserne Klirren best&auml;ndig in dem schwimmenden Unget&uuml;m,
+das Gerassel oben, das Anschlagen des Wassers drau&szlig;en;
+die N&auml;chte, o die N&auml;chte voller Angst! K&uuml;sse und Umarmungen
+und Angst! Lust und z&auml;rtliche Worte und
+Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert
+immer wieder. Einmal bei einer Inspektion mu&szlig;te
+ich in den Wandschrank schl&uuml;pfen, der so schmal war,
+da&szlig; ich wochenlang nachher an Bruststechen litt. Am
+Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am
+Wahnsinn. Er mu&szlig;te auf Deck; er mu&szlig;te Dienst tun,
+was sonst? Er mu&szlig;te sich schleppen, das Fieber aus sich
+herauspressen mit Gewalt, oder wir hatten keine Wahl
+als uns miteinander in die See zu st&uuml;rzen. In den dienstfreien
+Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen
+Armen und horchte und horchte, auch ich horchte und
+horchte; wir mu&szlig;ten einander umarmen, sonst hatten wir
+kaum Platz, und oft wenn er m&uuml;de war, trat er mir ein
+Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager
+auf dem Boden oder ich sa&szlig; an der Lucke und starrte aufs
+<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>finstre Meer. Ihn qu&auml;lte der Gedanke, was geschehen sollte,
+wenn das Schiff ins Feuer kam und er verwundet wurde
+oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Kr&auml;ften, aber in einem so
+verdunkelten Gem&uuml;t ist keine gro&szlig;e Kraft. Er klagte mich
+an, da&szlig; ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes
+dagegen als verzweifelte K&uuml;sse? Wir verfluchten die
+Sekunde, die uns das Bewu&szlig;tsein wiedergab. Kalter
+Schwei&szlig; bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu
+mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte
+uns t&auml;glich mehr. Er gestand mir, da&szlig; er alles rot s&auml;he,
+auf Deck und im Raum. Er glaubte, bei seinen Vorgesetzten
+Argwohn zu sp&uuml;ren. Von seiner fr&uuml;heren Heiterkeit war
+nichts mehr &uuml;brig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er
+getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man
+schl&auml;gt, aber deutlich erkannte ich, da&szlig; in seinen Augen
+neben der Liebe auch Ha&szlig; war. Bei jedem Knacken in
+der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Ger&auml;usch machte
+ihn zittern. Einmal fuhr er gr&auml;&szlig;lich schreiend aus dem
+Schlaf. Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es
+m&uuml;sse ein Ende werden. Was f&uuml;r ein Ende? fragte er,
+und in krankhafter Erregung dr&auml;ngte er mich solange,
+bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun.
+Du bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott
+und den Menschen zu meinem Weib machen, auch wenn wir
+uns dann nicht wiedersehen sollten. Und so kam es,
+genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser H&ouml;lle,
+und wenn ich allein war, lag ich da und bi&szlig; die Z&auml;hne
+in die Finger. Die Zeit war wie hinweggewischt; ich h&ouml;rte
+sie sausen wie ein Rad; manchmal wieder schien sie mir
+schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene schwarze
+Fahne. Das &Auml;rgste war, da&szlig; Pjotr frech wurde. Er f&uuml;hlte
+sich in der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mit
+<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>dem Menschen. Das Essen, das er jeden Tag heimlich
+f&uuml;r mich brachte, konnte ich nicht mehr genie&szlig;en. Er stand
+dabei und stierte mich an. Er bettelte, schlie&szlig;lich drohte er.
+Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu m&uuml;ssen, indessen
+erfuhr ich bald, da&szlig; Pjotr auch gegen ihn unversch&auml;mt
+wurde. Eines Abends st&uuml;rzte Grigorji schreckensbleich
+zu mir und stammelte, es sei kein Zweifel, da&szlig; alles verraten
+worden sei, der und der habe seinen Gru&szlig; nicht erwidert,
+in der Messe habe man getuschelt, er sp&uuml;re es,
+wir seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte
+ihn aus und &uuml;berzeugte mich, da&szlig; es Wahnvorstellungen
+waren; aber die hafteten nun in seinem Geist, und er war
+von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch, die schrecklichsten,
+vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in
+den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam
+und aus tiefer Bet&auml;ubung erwachte, daran habe ich keine
+Erinnerung. Auch daran eine ferne nur, da&szlig; mich Pjotr
+in eine elende Herberge schleppte und nicht dorthin, wo
+ihm Grigorji angegeben hatte, da&szlig; er mich f&uuml;hren sollte;
+und da&szlig; er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte
+und ein wehrloses Opfer zu finden hoffte; und da&szlig; ich
+mich mit aller mir verbliebenen Kraft gegen ihn verteidigte,
+mit Worten und Gr&uuml;nden erst, mit Bitten und Tr&auml;nen,
+mit Hilferufen, das keiner h&ouml;rte als sei das Haus ausgestorben,
+und da&szlig; mir dann die Welt schwarz wurde im
+Ekel vor dem Menschen und in seinem Fuseldunst und seiner
+Tollwut, und da&szlig; dann Grigorji hereinst&uuml;rzte, der alle
+Gasth&auml;user am Hafen nach mir durchsucht hatte, bis er endlich
+meine Spur fand, und da&szlig; er das betrunkene Schwein
+niederschlug, und da&szlig; er vor mir kniete, schluchzend,
+unaufhaltsam schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wof&uuml;r
+Verzeihung? und da&szlig; am andern Morgen der Pope kam,
+<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>ich habe es ja schon erz&auml;hlt, und die Nottrauung vornahm,
+denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und da&szlig; mir dann
+Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr fa&szlig;lich
+und ist ausgeronnen, als h&auml;tte es eine andere gelebt.
+Ich bin ja auch nicht mehr dieselbe geworden wie vorher.
+Es wundert mich nur, da&szlig; ichs berichten kann; Sie saugen
+die Dinge f&ouml;rmlich aus einem heraus, wie geht das denn
+zu? Nun mu&szlig; ich aber fort, es ist Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>Auffallend war es Maria, da&szlig; die Erz&auml;hlung Lisaweta
+Petrownas immer langsamer geworden war, zuletzt
+entstand fast nach jedem dritten Wort eine Pause; auch
+war die Stimme allm&auml;hlich so leise geworden, da&szlig; Maria
+nur mit Anstrengung verstehen konnte. &raquo;Sie wollen fort?&laquo;
+fragte sie, &raquo;wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie w&uuml;&szlig;ten
+nicht wohin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich wei&szlig; nicht wohin; gleichviel, ich mu&szlig; fort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie sind Sie denn &uuml;berhaupt nach Kislawodsk gekommen?
+Sind Sie mit ihm gekommen, mit F&uuml;rst
+Grigorji?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung
+da&szlig; wir uns nicht mehr sehen w&uuml;rden. Hab ich das nicht
+erz&auml;hlt? Als er von mir wegging, wu&szlig;te ich, da&szlig; er nicht
+aufs Schiff zur&uuml;ckkehrte, wu&szlig;te, da&szlig; er in den Kaukasus
+fuhr. Er seinerseits wu&szlig;te, da&szlig; ich nach Kiew reisen wollte,
+wo meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist.
+Er lie&szlig; mir Geld, aber das hab ich meinem Schwager
+gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich wu&szlig;te, welchen
+Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm,
+ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von
+Jelena Nikolajewna. M&ouml;glich, da&szlig; sie glaubte, ich k&ouml;nne
+ihn retten. Wie mu&szlig;te es um ihn stehen, da&szlig; Jelena
+Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu sp&auml;t. Ich
+<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>h&auml;tte ihn gewi&szlig; nicht retten k&ouml;nnen, wir waren viel weiter
+voneinander geschieden, als wenn wir uns nie gekannt
+h&auml;tten; freilich, da&szlig; er so ins Nichts geschwunden war,
+ohne Gru&szlig; und Zeichen, das war hart. Jetzt will ich aber
+gehen, es ist Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterl&auml;den.
+Lisaweta erhob sich. Maria sagte, sie m&ouml;ge doch
+den Mantel behalten, der Morgen sei kalt und vielleicht finde
+sie im Hotel nicht Einla&szlig;. Doch sie lehnte es stumm ab;
+pl&ouml;tzlich schien sie von finsterm Trotz erf&uuml;llt; ihre Geb&auml;rden
+waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls
+erhob, ersch&uuml;ttert und von schwesterlicher Hinneigung
+durchgl&uuml;ht zu ihr hintrat, um ihr in das d&auml;mmernd fahle
+Gesicht zu schauen, da wandte sie sich hinweg und war aus
+der T&uuml;r, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken konnte.
+Sie stand regungslos, kalt und hei&szlig; im Innern; ihr war
+als sei ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede
+die Luft noch &uuml;ber Schl&uuml;nden. Sie seufzte, beinahe wie
+jene geseufzt hatte, bang und gedem&uuml;tigt, dann fiel ihr
+Blick auf die schlafenden Kinder, und es &uuml;berstr&ouml;mte
+sie ein Gef&uuml;hl unerme&szlig;lichen Reichtums. Jedes war
+Abbild eines Teuersten, jedes lebendiges, gepr&auml;gtes Gut;
+sie seufzte wieder, aber dieser Seufzer hatte andern Klang.</p>
+
+<p>Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch
+die Augen zugemacht, als es heftig an die T&uuml;r klopfte
+und auf der Schwelle Jefim Leontowitsch und der Soldat
+erschienen. Dieser sagte, alle m&uuml;&szlig;ten sogleich zum Bahnhof,
+der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die Kinder
+wurden aufgeweckt, rasch waren die Gro&szlig;en und Kleinen
+marschfertig, zehn Minuten sp&auml;ter war man unter F&uuml;hrung
+des Soldaten auf der menschenleeren Stra&szlig;e. Es ging an
+der Station vor&uuml;ber, ziemlich weit hinaus. Die Luft war
+<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>neblig und k&uuml;hl. Maria forderte Jefim durch einen Blick
+auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke
+ihm f&uuml;r seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich
+von ihm trennen zu m&uuml;ssen; aber sie hoffe, das Leben werde
+sie sp&auml;ter einmal wieder zusammenbringen, und sie freue
+sich darauf, ihm dann ihren Dank besser zeigen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna,&laquo; antwortete
+er, &raquo;und warum wollen Sie, da&szlig; ich mich von
+Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe ich in dem
+B&uuml;ndel da,&laquo; er wies auf einen Linnensack, den er mit
+dem andern Gep&auml;ck trug; &raquo;warum sollt ich hier bleiben,
+da ich doch ebensogut irgendwo sonst sein kann? Sie
+fliehen von hier, also lassen Sie mich auch fliehen. Bel&auml;stigt
+Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den
+Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein
+Fremder; es werden ja viele Fremde in Ihrer N&auml;he sein.
+Darf ich mir auch nicht anma&szlig;en, da&szlig; ich ein nennenswerter
+Schutz f&uuml;r Sie bin, so h&auml;tte ich doch keine Rast mehr
+im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umst&auml;nden verlassen
+m&uuml;&szlig;te. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert,
+da&szlig; ich Ihnen nicht beschwerlich fallen werde.&laquo;</p>
+
+<p>Dagegen gab es keinen Widerspruch. &raquo;Nicht einmal
+eine Hand hab ich frei, um Ihre zu dr&uuml;cken,&laquo; sagte sie mit
+ihrem gewinnenden Lachen. &raquo;Sie sind wirklich ein seltsamer
+Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich
+soviel Anh&auml;nglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kenne Sie besser als Sie glauben,&laquo; entgegnete
+er und wurde rot. &raquo;Ich denke viel &uuml;ber Sie nach.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom
+Bahngleise her&uuml;ber. &raquo;Das ist Menasse,&laquo; sagte Maria,
+&raquo;sch&ouml;n, da&szlig; er da ist.&laquo;</p>
+
+<p>Das Winken Menasses bedeutete, da&szlig; man sich sputen
+<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>m&ouml;ge. &raquo;Guten Morgen, Herr General,&laquo; begr&uuml;&szlig;te ihn
+Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so sp&auml;t k&auml;me,
+alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit
+Unp&uuml;nktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden.
+Er h&uuml;pfte gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens
+herum, der zwischen die Wagen eines G&uuml;terzugs
+gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht verh&auml;ngt;
+drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war
+bem&uuml;ht, sich einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit
+einem alten Herrn, der seine Koffer um sich herumgestellt
+hatte; blies eine Dame an, die eine Auskunft von ihm
+begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die Verwirrung;
+warf eine Schachtel in den Korridor, ri&szlig; im Eifer
+seinen flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit
+durch die Luft; betonte zehnmal in h&ouml;chster Fistel, da&szlig; er
+unbedingten Gehorsam erwarte, und da&szlig; er einfach die
+H&auml;nde in den Scho&szlig; lege und alle ihrem Schicksal &uuml;berlassen
+werde, wenn man nicht Disziplin halte. &raquo;Wer ist
+der hier?&laquo; fuhr er Maria grob an und deutete mit dem
+Ellbogen auf Jefim Leontowitsch. Maria sagte gelassen
+und mit einem treuherzigen Ausdruck ihrer kurzsichtigen
+Augen: &raquo;Herr Menasse, ich w&uuml;rde mich gl&uuml;cklich sch&auml;tzen,
+wenn Sie nicht so schreien w&uuml;rden. Sie erreichen, bei mir
+wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen
+wir uns auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge
+Mann geh&ouml;rt zu meiner Gesellschaft, ich b&uuml;rge f&uuml;r sein
+Wohlverhalten und f&uuml;r Ihre Auslagen; im &uuml;brigen:
+seien wir Freunde, Herr Menasse.&laquo; Sie reichte ihm l&auml;chelnd
+die Hand, in die er, einigerma&szlig;en verdutzt, die seine fl&uuml;chtig
+legte; dann scho&szlig; er davon.</p>
+
+<p>Um f&uuml;nf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn
+Uhr setzte sich der Zug in Bewegung; nach Westen, durch
+<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>das Gebirge, gegen das Meer. Die Fahrt war nicht schneller
+als mit einer Kutsche. Das Durcheinander ordnete sich
+allm&auml;hlich. Menasse wurde nicht m&uuml;de, Ruhe zu gebieten.
+Ein Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden
+Kinder. Wenn der Zug hielt, st&uuml;rzte er erregt ans Fenster,
+lugte durch einen Spalt hinaus, alle schwiegen gespannt,
+dennoch streckte er den Arm steif zur&uuml;ck wie ein Dirigent,
+der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der
+Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie
+aus Tula; einen ungarischen Baron;
+den Grafen und die Gr&auml;fin Duchorski aus Petersburg,
+einen Bankdirektor aus Kiew, zwei &auml;ltere Damen, die im
+Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde hei&szlig;. Wenn die
+Kinder zu essen verlangten, ging es erst an ein langwieriges
+Suchen unter den Gep&auml;ckst&uuml;cken. Wenn Wanja die Brust
+bekam, bildeten Litwina und Arina eine Mauer. Um
+vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke.
+Eine Zeitlang war Stille, dann h&ouml;rte man Menasses Fistel
+erbittert. Mitja kam und berichtete: &raquo;Es sind M&auml;nner
+drau&szlig;en, die befehlen, da&szlig; alle aussteigen m&uuml;ssen.&laquo; Die
+Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt sich so. Der Zug
+war von einer streifenden Bande, drei&szlig;ig bis vierzig Leute,
+zum Stehen gebracht worden. Der Anf&uuml;hrer forderte
+Menasses Papiere. Menasse weigerte sich tollk&uuml;hn. Drohung
+mit Gewalt machte ihn nicht gef&uuml;giger. Erst als jene
+Hand an ihn legten, besann er sich. Er hatte s&auml;mtliche P&auml;sse
+bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem F&uuml;hrer
+zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen
+gestiegen und trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald
+zeigte, wollten sie die bequeme Fahrgelegenheit f&uuml;r sich
+haben. Die &Uuml;berfallenen f&uuml;gten sich widerspruchslos,
+nur einige Frauen jammerten. Die Gr&auml;fin Duchorski
+<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>stand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in
+dem Haufen von Gep&auml;ck, der den bl&uuml;henden Wiesenhang
+bedeckte. Menasse redete leidenschaftlich auf den finster
+blickenden Anf&uuml;hrer der Bande ein. Der Mensch sch&uuml;ttelte
+zu allem den Kopf. Den Salonwagen d&uuml;rfe niemand
+mehr betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug.
+Um Gotteswillen, so solle man hier zur&uuml;ckbleiben, im
+Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg? Ja,
+das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden
+habe. Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit.
+Menasse, in einer Haltung wie Jago gegen Othello,
+schmeichelte; umsonst; pochte, in einer Haltung wie Marquis
+Posa gegen Philipp, doch immer kr&auml;hend, auf menschliche
+Gef&uuml;hle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig
+und mit kunstloser W&uuml;rde. Ihre Argumente waren um
+nichts zwingender als diejenigen Menasses, aber schon nach
+den ersten Worten h&ouml;rte ihr der Mann, dem Anschein nach
+ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu, obgleich
+er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse
+Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters;
+eine gewisse Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie
+sagte: Du wei&szlig;t doch; erinnere dich doch; so und so, es
+wird doch dar&uuml;ber kein Mi&szlig;verst&auml;ndnis zwischen uns
+geben; ganz trocken alles, wie wenn sie &uuml;ber Mais oder
+Kartoffeln redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist,
+da&szlig; man tut, was sie gebietet. Der Mann hatte Respekt.
+Sie erlangte, zusammen mit dem Geldangebot Menasses,
+die Erlaubnis, da&szlig; sich die Fl&uuml;chtlingsgesellschaft in zwei
+leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte:
+&raquo;Sie sind eine t&uuml;chtige Frau; <em class="antiqua">&agrave; la bonne heure,</em> das haben Sie
+gut gemacht. Immerhin, bei dieser Art von Transport
+werden wir nichts zu lachen haben.&laquo; Und er fing bereits
+<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>wieder an, zu kommandieren. Nach einer Stunde waren
+alle untergebracht, das Gep&auml;ck verstaut, die T&uuml;ren der
+Viehw&auml;gen verschlossen und von au&szlig;en abgesperrt sowie
+zur Sicherheit plombiert; der Zug rollte weiter.</p>
+
+<p>Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier
+N&auml;chte. Mit Maria eingepfercht waren siebenundzwanzig
+Menschen, darunter zw&ouml;lf Kinder; eingepfercht in einen
+finstern Raum, in welchem es &uuml;bel roch; hingekauert
+auf mangelhafte Lagerst&auml;tten, Kranke und Alte; fast ohne
+Schlaf die N&auml;chte, ohne gen&uuml;gende Nahrung die Tage;
+bel&auml;stigt von widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst
+und den andern zur Pein machten. Das Rattern der R&auml;der
+wurde m&ouml;rderischer L&auml;rm; das stundenlange Halten in
+Stationen m&ouml;rderische Stille; die auf das Dach des Kerkers
+niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige,
+die im Fieber lagen, st&ouml;hnten, und ein ungewohnter Laut
+rief entsetzte Schreie hervor. Dicht an Maria gepre&szlig;t
+lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder dem andern
+bisweilen &uuml;ber das Gesicht, pr&uuml;fend, ob sie schlummerten,
+ob die Haut nicht hei&szlig; sei, dankbar f&uuml;r ihre Geduld und
+Ruhe, zugleich in Sorge dar&uuml;ber. Oft sprach sie zu ihnen;
+oft auch wandte sie sich an Jefim Leontowitsch; Wanja
+hielt sie meist an der Brust, wusch das Gesichtchen und die
+H&auml;nde mit k&ouml;lnischem Wasser, tr&ouml;stete Litwina, die an
+Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anf&auml;lle
+hatte, rief hie und da ein Wort, eine Frage &uuml;ber die K&ouml;pfe
+der Leidensgef&auml;hrten und stritt mit dem rechthaberischen
+Menasse &uuml;ber die N&auml;he des Ziels, der kleinen Hafenstadt
+am Schwarzen Meer.</p>
+
+<p>Endlich eines fr&uuml;hen Morgens, in einer Haltestation,
+&ouml;ffnete die mitleidige Hand eines Zugbediensteten die T&uuml;r.
+Der hereinquellende Lufthauch war wie Neugeburt, das
+<a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>Schauspiel, das sich bot, unerh&ouml;rt. Tief unten dehnte sich
+die See, blau, als k&ouml;nne man tausend Jahre blauen
+Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten &uuml;ppig bewachsenen
+Kuppen des Gebirges, G&auml;rten, Weingel&auml;nde,
+Pinien, B&auml;ume voll Orangen. Niemand redete; kein
+Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie verdorrt;
+das bl&uuml;hende Land, das Gestade, das sch&ouml;ne Meer
+lie&szlig; sie schaudern. Die T&uuml;r blieb offen, vielleicht in der
+Annahme, da&szlig; die Zone der Gefahr &uuml;berschritten war;
+aber einige Stationen vor der Stadt wurde Menasse
+berichtet, da&szlig; diese seit zwei Tagen in den H&auml;nden der
+Matrosen sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde
+von Fl&uuml;chtlingen als gef&uuml;rchteter Name genannt.</p>
+
+<p>Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen
+vermochte. Wieder au&szlig;erhalb des Bahnhofs
+verlie&szlig;en alle den Wagen und wurden nach Anbruch der
+Dunkelheit m&ouml;glichst heimlich in einen Gasthof am Rande
+der Stadt gef&uuml;hrt. Den Kranken konnte kein Beistand
+geleistet werden; sie mu&szlig;ten zu Fu&szlig; gehen. In den
+Stra&szlig;en herrschte Tumult; vom Meer her t&ouml;nten Sch&uuml;sse.</p>
+
+<p>Der rechteckige Raum, in den s&auml;mtliche Zimmer des
+Gasthofs m&uuml;ndeten, glich bald einem Koffermagazin.
+Tr&auml;ger polterten die Treppe herauf und warfen immer neue
+Gep&auml;ckst&uuml;cke in den Wirrwarr. Arme griffen durcheinander;
+jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren
+auf eine Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein
+H&uuml;ndchen trippelte winselnd um Menschenf&uuml;&szlig;e, die es
+beschnupperte. Der Bankdirektor, an die Mauer gelehnt,
+rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit
+einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte
+seinen Kneifer verloren und man sah seinen verzweifelt
+verrenkten K&ouml;rper wie zwischen Felsen auftauchen und
+<a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>verschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal; die
+Tr&auml;ger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen.
+Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein
+anderer hatte erfahren, ein deutsches Schiff kreuze auf dem
+Meer drau&szlig;en. Der Streit um die Zimmer, deren nur elf
+zur Verf&uuml;gung standen, wurde l&auml;rmend. Jefim Leontowitschs
+Stimme rief von einer Schwelle her: &raquo;Maria
+Jakowlewna, kommen Sie schnell; ich habe ein Zimmer
+f&uuml;r Sie besetzt.&laquo; Da Maria keinen Durchgang fand,
+kletterte sie &uuml;ber die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim
+aufgepflanzt und fauchte: &raquo;Was f&auml;llt Ihnen ein, zu
+schreien, Herr? Wenn Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen
+stopfen den Mund. Wir sind gerannt dem Tiger direkt
+in die Z&auml;hne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll
+helfen, und da schreit er!&laquo; Maria sagte ruhig zu Jefim:
+&raquo;Man m&uuml;&szlig;te versuchen, unsere drei&szlig;ig Kolli aus dem
+Haufen herauszufischen!&laquo; Er nickte und sah besorgt
+umher. &raquo;Wo sind die Kinder?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit
+hastigerem Schritt vor den beiden andern, von denen er
+sich auch in Kleidung und Gehaben unterschied. Er trug
+blendendwei&szlig;e Leinenhosen und eine Jacke von elegantem
+Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung
+gebieterisch, und zwar in einer brutalen und l&auml;ssigen Art.
+Ihm zur Seite watschelte beflissen der Wirt, ein feister
+Tartar mit einem Gesicht wie aus Butter. Der Matrose
+stutzte beim Anblick des Gew&uuml;hls und der Menge von
+Koffern; es war in der sp&auml;rlichen Beleuchtung zweier
+Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild.
+&raquo;Was sind das f&uuml;r Leute?&laquo; wandte er sich fragend an den
+Wirt, &raquo;was geht hier vor?&laquo; Der Wirt suchte mit furchtsamen
+Augen Menasse. Dieser zw&auml;ngte sich heran und gab sich
+<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>eine Miene der Autorit&auml;t. &raquo;Woher? Wohin?&laquo; fragte der
+Matrose barsch und ver&auml;chtlich. Menasse stotterte. Der
+Matrose unterbrach ihn: &raquo;Es kann nat&uuml;rlich keine Rede
+davon sein, da&szlig; ihr eure Reise fortsetzt. Das Gep&auml;ck ist
+beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verf&uuml;gt.&laquo;
+Ohne die mehr mimischen als artikulierten Einw&auml;nde
+Menasses zu beachten, wandte er sich wieder an den Wirt.
+&raquo;Ein Zimmer f&uuml;r mich&laquo;; und als der Wirt ratlos den
+fetten K&ouml;rper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig:
+&raquo;Ein Zimmer f&uuml;r Golowin; hast du nicht geh&ouml;rt,
+du Schwein?&laquo; Vor Furcht seiner Stimme kaum m&auml;chtig,
+erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien vergeben; V&auml;terchen
+k&ouml;nne sich ja selbst &uuml;berzeugen; die vielen Menschen da;
+er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die
+Fenster seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingest&uuml;rzt;
+das Loch wage er V&auml;terchen Igor Semjonowitsch nicht
+anzubieten; nebenan bei Alexei Davidowitsch sei noch ein
+Staatszimmer zu haben, pr&auml;chtig, mit Teppichen, auf
+Ehre, mit sch&ouml;nen Teppichen und Bilderchen an der Wand.
+Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und
+w&auml;re froh gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin
+antwortete barsch: &raquo;Kein langes Geschw&auml;tz, du schmutziger
+Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht. Habe nicht
+Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe
+das Zimmer ist f&uuml;r mich. Punktum.&laquo; Und er deutete gegen
+die T&uuml;r, auf deren Schwelle Maria stand. &raquo;Verzeihung,&laquo;
+redete Maria ihn an, &raquo;es ist das letzte f&uuml;r mich und meine
+Kinder &uuml;briggebliebene Zimmer. Wir sind sieben Menschen,
+Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine
+furchtbare Reise liegt hinter uns. W&auml;re es nicht billig und
+gro&szlig;m&uuml;tig, wenn Sie f&uuml;r diese Nacht mit der Dachkammer
+vorlieb n&auml;hmen, da Sie sich schon nicht anderweitig umsehen
+<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>wollen? Ich wei&szlig; nicht genau, zu wem ich spreche;
+aber jedenfalls doch zu einem Mann.&laquo;</p>
+
+<p>Golowin schien &uuml;berrascht. Er hob unmutig die Brauen.
+&raquo;Die Suada ist von euresgleichen unzertrennlich,&laquo; murmelte
+er. &raquo;Honig, um meinesgleichen die Kehle einzuschmieren,
+habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete
+Kuli braucht nur einmal die F&auml;uste zu zeigen,
+so wird an seine Gro&szlig;mut appelliert. Es ist eine neue Weltordnung,
+Madame. Wer sind Sie? worauf berufen Sie
+sich?&laquo;</p>
+
+<p>Diese f&uuml;r einen Matrosen sehr ungew&ouml;hnliche Ausdrucksweise
+&uuml;berraschte nun wieder Maria. Sie bedurfte, um
+sich einzustellen, ihrer ganzen Geistesgegenwart. &raquo;Ich
+bin Maria Jakowlewna von Kr&uuml;dener,&laquo; entgegnete sie
+mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt,
+der sich sch&uuml;tzend neben sie gestellt hatte; &raquo;mein Mann,
+Gutsbesitzer im Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier,
+ist ins Ausland geflohen, und ich bin im Begriff, dasselbe
+zu tun. Ich kann also Ihnen gegen&uuml;ber keine Erwartungen,
+sondern nur Bef&uuml;rchtungen hegen. Sie haben Recht,
+die Not macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung
+mu&szlig; zun&auml;chst an Frauen und Kindern ausprobiert werden.
+Litwina, Arina! wir ziehen in die Dachkammer.&laquo;</p>
+
+<p>Golowin schnitt eine &auml;rgerliche Grimasse. &raquo;Sie t&auml;uschen
+sich, Madame,&laquo; sagte er und steckte beide H&auml;nde in die
+Hosentaschen, &raquo;Sie t&auml;uschen sich. Ich bin unempfindlich
+gegen die K&uuml;nste des h&ouml;heren Tons. Ob Dachkammer,
+ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie
+und Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht
+aburteilen, und da Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht
+offen zuzugeben, k&ouml;nnen Sie sich ja ungef&auml;hr denken,
+was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen darin kurzen
+<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>Proze&szlig; zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel.
+Bleiben Sie also immerhin in der Beletage,
+wenn Sie Wert darauf legen; auch die andern Herrschaften
+will ich nicht weiter st&ouml;ren. Niemand wird nat&uuml;rlich das
+Haus verlassen; im &uuml;brigen ist Ihnen jede Freiheit unverwehrt
+bis morgen.&laquo; Dies sprach er ironisch gegen den Kreis
+erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt
+hatte. Menasse machte Schwimmbewegungen mit den
+Armen, um sich die Herzudr&auml;ngenden vom Leibe zu halten
+und sich in seiner Bedeutsamkeit gewisserma&szlig;en zu isolieren;
+er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm
+zu verstehen geben, da&szlig; das letzte Wort in dieser Angelegenheit
+noch zwischen ihnen beiden gewechselt werden
+m&uuml;sse und er zuversichtlich auf eine Einigung rechne.
+Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte,
+fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: &raquo;H&uuml;bscher
+Junge; schade um ihn; er wird M&uuml;he haben, sich mit
+alldem zu befreunden. Du sollst sp&auml;ter einer der Unsern
+werden, mein Junge, was?&laquo; Zum erstenmal &uuml;berlief
+Maria ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der
+stolzen Entr&uuml;stung des Achtj&auml;hrigen, den Heldengef&uuml;hle
+beseelen, erwiderte: &raquo;Niemals, ich werde immer auf
+Papas Seite sein.&laquo; Golowin lachte. &raquo;Gute Zucht,
+Madame,&laquo; sagte er und sah Maria an. &raquo;Gute Zucht und
+gutes Blut,&laquo; antwortete sie. Er verbeugte sich sp&ouml;ttisch,
+ohne den Blick von ihr zu lassen, einen scharfen, grausamen,
+unaufhaltsamen Blick, der kalt pr&uuml;fte und mehr und mehr
+einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick
+eine Weile aus, und erst als sie der Verwunderung der
+Zuschauer inne wurde, glitt ihr Auge zu Boden. Golowin
+wurde von seinen Begleitern angerufen und wandte sich
+zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen aufgetaucht,
+<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>die einen sich str&auml;ubenden Menschen zwischen sich
+schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion
+denunziert worden war; man wollte bemerkt haben,
+da&szlig; er von einem Fenster der K&uuml;che aus Signale gegeben
+hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den
+Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen
+Befehl zu, und sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt,
+zu dem der Koch in seiner Angst fl&uuml;chten gewollt und den
+er mit Geb&auml;rden anflehte, erhob jammernden Einspruch,
+der ungeh&ouml;rt verhallte. Menasse hatte indessen mit dem
+Grafen Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und
+n&auml;herte sich nun Golowin. Er zupfte ihn am &Auml;rmel
+und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an, ohne
+sich durch die finstere Geringsch&auml;tzung des andern irremachen
+zu lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins,
+statt ihn bedenklich zu stimmen, erh&ouml;hte seinen Mut.
+Das ihm gel&auml;ufige Schema auch hier als praktisch betrachtend,
+nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt
+f&uuml;r Verhandlungen dienen k&ouml;nne. Da legte ihm Golowin
+die Hand auf die Schulter und sagte zu dem ihm zun&auml;chst
+stehenden Matrosen: &raquo;Was meinst du, Maxim Maximowitsch,
+was das komische Insekt da will? Er will mich
+kaufen? M&ouml;chtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert
+bin? Vielleicht gefriert ihm die geschw&auml;tzige Zunge,
+wenn er meinen Preis erf&auml;hrt.&laquo; Menasse gab Zeichen
+&auml;u&szlig;erster Best&uuml;rzung von sich. Das war neu; ein Faktum,
+das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend
+die Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen,
+blieb aber vor der Treppe unschl&uuml;ssig stehen.</p>
+
+<p>All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten
+Vorg&auml;nge hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen.
+Sie trat ins Zimmer, wo Jewgenia und Arina
+<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>die Lagerst&auml;tten f&uuml;r die Kinder bereiteten. Litwina trug
+das Handgep&auml;ck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und
+nahm den ungeb&auml;rdig schreienden Wanja an die Brust.
+Mitja stand vor ihr, der Anerkennung bed&uuml;rftig, denn es
+waren Zweifel in ihm, ob er sich gut benommen habe.
+&raquo;Du warst lieb und tapfer, mein Sohn&laquo;, sagte sie, worauf
+er sogleich das Gespr&auml;ch ablenkte und sich erkundigte,
+wo Jefim die Nacht verbringen solle. Jefim schnitt f&uuml;r
+Fedja und Aljoscha Brot ab und winkte Mitja, da&szlig; er
+schweige. Maria antwortete nicht. Sie war zerstreut.
+Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins
+in Anspruch genommen. Seine Manier, seine Geste,
+seine stechenden, bald farblosen, bald metallisch glitzernden
+Augen, die hagere rasche Gestalt, der d&uuml;nne rasche Mund mit
+kleinen, dichten wei&szlig;en Z&auml;hnen, die rasche Rede, die Stimme,
+die mit befremdlicher Virtuosit&auml;t durch alle Register lief,
+es wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und
+das Ganze nicht. Pl&ouml;tzlich ging die T&uuml;r auf, und er trat ein.</p>
+
+<p>K&auml;lte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja
+h&ouml;rte auf zu trinken, als sei die Milch versiegt und zappelte
+erbost. Sie schob das Tuch, sich vor Blicken zu sch&uuml;tzen,
+bis an den Hals und sah Golowin fragend an.</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;nsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna,&laquo; sagte
+er f&ouml;rmlich, &raquo;einige Worte unter vier Augen zu sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um.
+Da er schwieg und wartete, drehte sie den Kopf mit stummem
+Gehei&szlig; zu Jewgenia, die Arina und Litwina zunickte.
+Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei Knaben zu
+sich. Alle verlie&szlig;en das Zimmer. Marias Blick behielt
+den fragenden Ausdruck.</p>
+
+<p>Golowin sagte: &raquo;Ihr j&uuml;discher Mittelsmann hat mich
+f&uuml;r eine Art Stra&szlig;enr&auml;uber gehalten, dem man L&ouml;segeld
+<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>anbietet. Ich vermute, Sie wissen davon. W&auml;re er weniger
+l&auml;cherlich, so h&auml;tte ich ihn heute noch ans Wirtshausschild
+h&auml;ngen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich wei&szlig; nicht,
+was er unternommen hat,&laquo; erwiderte Maria k&uuml;hl.</p>
+
+<p>&raquo;Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar.
+Die Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist
+es freilich, den ahnungslosen Hebr&auml;er ins Treffen zu schicken.
+Sie h&auml;tten es verhindern m&uuml;ssen. Haben Sie mich so
+schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf? Warum
+haben Sie selber denn die Gelegenheit vers&auml;umt, das
+Terrain zu sondieren? Ich hatte es erwartet. Da&szlig; ich
+statt dessen zu Ihnen kommen mu&szlig;, gibt kein Plus in
+Ihrer Rechnung.&laquo;</p>
+
+<p>Maria &uuml;berlegte erregt: wohin zielt das alles?</p>
+
+<p>Er ging ein paarmal auf und ab, H&auml;nde in den Hosentaschen.
+Seine Stimme wurde glatter und heller, als er
+fortfuhr: &raquo;Bin vor der Treppe gestanden und habe gegr&uuml;belt:
+was ist das f&uuml;r ein Gesicht? was ist das f&uuml;r eine
+Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu,
+da&szlig; du es nicht kennst? Na, da beschlo&szlig; ich, Avancen zu
+machen. Es freut Sie nicht, wie? Ich bin mir nat&uuml;rlich
+bewu&szlig;t, da&szlig; meine Person eben das repr&auml;sentiert, was Sie
+mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da.
+Komme trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach
+Waffenstillstand aussieht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ist es f&uuml;r ein Vorschlag?&laquo; fragte Maria unbefangen.</p>
+
+<p>Sein rotes, muskul&ouml;ses, von Wettern gegerbtes Gesicht
+zeigte Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes
+Tempo gestimmt war, entfachte die langsame
+Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er stie&szlig; die Worte
+<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>hervor, die einen Klang von Brutalit&auml;t hatten: &raquo;Ich habe
+mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begn&uuml;gt;
+ich denke, Sie werden mich daf&uuml;r entsch&auml;digen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Entsch&auml;digen? in welcher Weise? was meinen Sie
+damit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine, da&szlig; Sie mich da oben besuchen sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.&laquo;</p>
+
+<p>Er verzog &auml;rgerlich das Gesicht. &raquo;Ich meine, da&szlig; Sie
+mir heute nacht die Ehre Ihres Besuchs erweisen,&laquo; wiederholte
+er in b&ouml;sem Ton.</p>
+
+<p>Maria l&auml;chelte belustigt.</p>
+
+<p>&raquo;Es liegt mir daran,&laquo; fuhr er fort und streckte das Kinn
+vor; &raquo;es liegt mir viel daran, ich werde Ihnen schon erkl&auml;ren,
+warum. Ich habe mirs in den Kopf gesetzt, und
+mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den Kopf
+gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht
+erst.&laquo;</p>
+
+<p>Maria l&auml;chelte. In dieses L&auml;cheln geh&uuml;llt, war sie von
+oben bis unten Dame. &raquo;Sie &uuml;bersch&auml;tzen mein Interesse
+an fremden Zwangsideen,&laquo; sagte sie leicht; &raquo;ich will es
+durchaus nicht versuchen.&laquo;</p>
+
+<p>Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze.
+&raquo;Bleibt es bei der Antwort?&laquo; fragte er mit unerwartetem
+Ausdruck von Neugier.</p>
+
+<p>Sie nickte. Wanja begann zu weinen. &raquo;Geben Sie doch
+den Balg weg,&laquo; herrschte er sie an, &raquo;er st&ouml;rt mich.&laquo; Maria
+klopfte Wanja den R&uuml;cken, und er wurde still. Golowin
+sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig unter Wanjas
+Kissen.</p>
+
+<p>Nach einer Pause fing er an: &raquo;Gut, stellen wir uns auf
+den Boden der gesellschaftlichen Form. Was haben Sie
+zu f&uuml;rchten?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>&raquo;Nur meine Meinung von mir selbst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sonst nichts?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben,
+deren ich mich sp&auml;ter vielleicht zu sch&auml;men h&auml;tte. Wie sie
+auch verl&auml;uft, ich m&uuml;&szlig;te sie vor einem rechtfertigen, der
+Rechenschaft von mir verlangen darf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn,&laquo; murrte Golowin; &raquo;das klingt ja so als wollte
+ich die Geschichte von <em class="antiqua">boule de suif</em> mit Ihnen auff&uuml;hren.
+Knallerbsen werf ich nicht. Bin nicht lustig genug dazu.&laquo;
+Er bemerkte ihr aufblitzendes Erstaunen &uuml;ber das literarische
+Zitat, ging aber mit einer Grimasse dar&uuml;ber hinweg.
+&raquo;Ihre Bedenken sind schw&auml;chlich,&laquo; sagte er; &raquo;au&szlig;erdem
+nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der
+Ihnen Schlupfl&ouml;cher nach allen Seiten l&auml;&szlig;t. Ich verhandle
+mit Ihnen &uuml;ber Ihr Schicksal und das Ihrer
+Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zur&uuml;ck,
+so ist es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren
+Sie nur, was ein vern&uuml;nftig erw&auml;gender Mensch riskieren
+mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb denn eine n&auml;chtliche Verhandlung in der
+Dachkammer?&laquo; fragte Maria kopfsch&uuml;ttelnd. &raquo;Nennen Sie
+Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen sagen, ob sie annehmbar
+sind.&laquo;</p>
+
+<p>Er lachte. &raquo;Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem
+Plan,&laquo; erwiderte er sp&ouml;ttisch. &raquo;Da h&auml;tte ich mich ja
+ebensogut mit dem eifrigen Israeliten aufs Feilschen einlassen
+k&ouml;nnen. Aber das liegt nicht im Plan. Der Preis,
+von dem hier die Rede ist, kann nicht mit M&uuml;nze bezahlt
+werden. Chance ist Chance, Madame. Es w&auml;re ja geschmacklos,
+wollte ich vor Ihnen den Attila mimen; aber
+ich bin nun einmal der Diktator der Stadt, und alle die
+Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem Beh&auml;lter.
+<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>So stehen die Dinge. Andrerseits wei&szlig; ich, da&szlig; eine
+solche Aff&auml;re wie die zwischen uns beiden zart anzufassen
+ist, und wenn Sie die Pression, die ich auf Sie aus&uuml;be,
+unanst&auml;ndig finden, bin ich bereit, ein Versprechen zu
+leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um Breite
+eines Haares n&auml;herzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit
+f&uuml;r w&uuml;nschbar halten. An dieses Wort will ich mich
+binden, d&uuml;rfen Sie mich binden. Weigern Sie sich noch
+immer, so haben Sie die Folgen selbst zu tragen.&laquo; Er
+drehte sich auf dem Absatz um und ging zur T&uuml;r. &raquo;Ich
+warte, Maria Jakowlewna,&laquo; sagte er; &raquo;von jetzt an in
+einer Stunde werde ich auf Sie warten. Z&ouml;gern Sie nicht
+zu lange; die Nacht ist kurz.&laquo;</p>
+
+<p>Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die
+Klinke in der Hand hielt, wandte er noch einmal das Gesicht
+zur&uuml;ck und sagte, wieder mit gestrecktem Kinn: &raquo;Ich bin
+ein waghalsiger Spieler, aber auch ein ehrlicher. Meine
+Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf ziemlich
+schwachen F&uuml;&szlig;en. Es ist m&ouml;glich, da&szlig; ich morgen in aller
+Fr&uuml;he mit meinen Leuten werde abziehen m&uuml;ssen. Deutsche
+Truppen sind gemeldet. Vielleicht haben wir dann gar
+nicht mehr die Zeit, euch den Proze&szlig; zu machen, und Sie
+kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal
+nach, was f&uuml;r ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt
+so unvorsichtig aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es
+lohnt sich.&laquo;</p>
+
+<p>Er verschwand.</p>
+
+<p>Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein.
+Alle legten sich gleich hin und verzehrten nur ein paar
+Bissen zum Nachtessen, halb schlafend schon. Jefim hatte
+eine Liegest&auml;tte unter der Treppe gefunden. Auch Maria
+warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte.
+<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>Menasse bat noch um eine Unterredung. Er lie&szlig; sich nicht
+abweisen. Er wollte erfahren, was sie mit Golowin
+gesprochen habe. Auch die andern drau&szlig;en seien aufs
+&auml;u&szlig;erste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen gefallen,
+als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen.
+Maria f&uuml;hlte sich ersch&ouml;pft; sie vertr&ouml;stete ihn auf den
+n&auml;chsten Morgen. Er sagte, nur sie k&ouml;nne das Unheil
+abwenden; Graf Duchorski lasse ihr seine unbegrenzte
+Verehrung wissen; die Herren samt und sonders erwarteten
+geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia dr&auml;ngte den
+Schwatzhaften endlich &uuml;ber die Schwelle.</p>
+
+<p>Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug,
+geschah es wie auf Befehl. Ihre Gedanken waren
+im Nu gesammelt und klar. Der Raum war voll Mondlicht.
+Sie sah auf die Uhr; es war halb zw&ouml;lf, sie hatte
+also drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete
+ihr Haar, brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche
+ein Spitzentuch und nahm es um die Schultern,
+dann verlie&szlig; sie auf Zehen das Zimmer. Sie stieg die enge
+Holztreppe empor; der Treppe gegen&uuml;ber war eine T&uuml;r.
+W&auml;hrend sie &uuml;berlegte, &ouml;ffnete sich die T&uuml;r, und Golowin
+stand vor ihr.</p>
+
+<p>Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein
+Licht drinnen war, verharrte sie betroffen. Doch lag die
+Kammer auf der Mondseite, und der Mond erzeugte solche
+Helligkeit, da&szlig; jede Bodenritze und jedes Spinngewebe
+erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel
+breiter als die Fenster&ouml;ffnung, nicht viel l&auml;nger als die
+eiserne Bettstelle. Au&szlig;er dieser war nur noch ein Tisch und
+ein Stuhl vorhanden. Die Wandbretter hatten zum Teil
+ihre Befestigung verloren und hingen schief und morsch.
+In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah &uuml;ber
+<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>niedrige, mondgl&auml;nzende D&auml;cher bis zum Hafen hinaus,
+dessen Fl&auml;che ebenfalls im Mond schimmerte.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anz&uuml;nden,
+obwohl nur noch ein St&uuml;mpchen da ist,&laquo; sagte
+Golowin; &raquo;ich meinerseits ziehe die nat&uuml;rliche Beleuchtung
+vor. Die ganze Zeit, w&auml;hrend ich hier geduldig auf Sie
+gewartet habe, hat es mich besch&auml;ftigt, mir Ihr Gesicht
+im Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung,
+nicht wahr? Ich bin sicher ein heimlicher Romantiker;
+au&szlig;en ein wenig ruppig, aber innen Romantiker, ganz
+sicher.&laquo; Er lachte.</p>
+
+<p>Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne.
+Er sagte: &raquo;Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist
+h&ouml;chstens f&uuml;r mich zum Balanzieren praktikabel. Ich mu&szlig;
+Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten; <em class="antiqua">I know, that&#8217;s
+a funny misfortune,</em> aber alles ist nun einmal aufs Heikle
+zugespitzt, wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung
+nicht aufhalten. Bitte nehmen Sie Platz.&laquo;</p>
+
+<p>Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, sp&uuml;rte
+da&szlig; sie err&ouml;tete, fr&ouml;stelte unter einem k&uuml;hlen Luftzug vom
+Fenster her, zog das Spitzentuch fester, schaute Golowin
+schweigend an. Ihre gro&szlig;en dunklen Augen, denen die
+Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh,
+gl&auml;nzten feucht. &raquo;Wer sind Sie eigentlich?&laquo; fragte sie in
+ihrer mutigen und offenen Art; &raquo;ich werde das Gef&uuml;hl
+nicht los, als ob Sie in einer Verkleidung steckten. Sind
+Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind Sie?&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte sich nachl&auml;ssig auf die Tischkante gesetzt und die
+Arme verschr&auml;nkt. &raquo;Also <em class="antiqua">curriculum vitae</em>?&laquo; antwortete
+er lachend. &raquo;Verkleidung? Nein. Ein bi&szlig;chen buntscheckig,
+ja. Oder zwiebel&auml;hnlich, mit vielen Schalen.&laquo;
+Er r&auml;usperte sich und heftete den Blick ins Freie. &raquo;Ich
+<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>sehe ein, da&szlig; es unartig w&auml;re, Ihre Wi&szlig;begier nicht zu
+befriedigen,&laquo; begann er; &raquo;ich will knapp sein wie ein
+Lexikon. Geboren in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem
+Einschlag im Blut; Mutter: Engl&auml;nderin, Pastorentochter.
+Alter: sechsunddrei&szlig;ig. Erzogen in der Kadettenschule.
+Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. M&uuml;&szlig;ig
+herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der
+Eltern v&ouml;llig mittellos. Eines Tages die Kr&auml;fte zusammengerafft;
+Elektrotechnik studiert; gehungert; nach Schweden
+gegangen, nach Norwegen. Mich anheuern lassen auf einem
+Walfischf&auml;nger; zwei Winter im gr&ouml;nl&auml;ndischen Eis verbracht.
+Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden.
+Nach Island gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizit&auml;tswerk
+gebaut. Geheiratet; Tochter eines Rheeders; mit ihr
+nach London gereist; h&ouml;llisch betrogen worden von ihr;
+kurzen Proze&szlig; gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf,
+bei Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer
+Dampfw&auml;scherei gearbeitet; auf einem Kohlendock in
+Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei der <em class="antiqua">Illinois
+railway company</em>; als Zeichner und Ingenieur in San
+Franzisko. Gro&szlig;e Aff&auml;re: die beiden T&ouml;chter eines Holzmagnaten
+verf&uuml;hrt; von gedungenen Strolchen beinah
+erschlagen worden; sechs Monate Spital. Nach Paris
+gegangen; Reporter f&uuml;r Newyork-Herald geworden; im
+Jahre 12 nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen
+beigetreten; im Jahre 14 Einberufung zur Marine;
+Vertrauensmann der Besatzung geworden; den Umsturz
+mitherbeigef&uuml;hrt, und nun,&laquo; er verbeugte sich bizarr,
+&raquo;der Auszeichnung gew&uuml;rdigt, meinem verehrten Gast
+diesen Steckbrief &uuml;berliefern zu d&uuml;rfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Viel in wenig Worten,&laquo; sagte Maria l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Braucht es mehr? Die Ereignisse geben ja doch nicht
+<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>den Inhalt. Fast jedes Leben, meines auch, ist eine unordentlich
+gepackte Kiste, und wenn man sie ausr&auml;umt,
+haben die meisten Dinge l&auml;ngst nicht mehr den Wert,
+den sie beim Einpacken hatten. Ich bin kein Freund von
+Ausr&auml;umen. Lieber noch ein paar N&auml;gel in den Deckel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie laufen sich selber voraus, Sie laufen mit sich selber
+um die Wette,&laquo; bemerkte Maria.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das sagen Sie so, ob Sie aber das richtige Bild
+davon haben, m&ouml;chte ich bezweifeln,&laquo; antwortete er.
+&raquo;Eigentlich war kein Tag der Rast. So eine Stunde wie die
+jetzige, wo man spricht und sich zur&uuml;ckbesinnt, hat es
+eigentlich nie gegeben, denken Sie. Man war wie auf einem
+Schiff, das mit vollen Segeln vorm Sturm rennt. B&ouml;
+auf B&ouml;; da ein Leck, dort ein Leck; alle Mann an die
+Pumpen; zuletzt immer ein verzweifelter Sprung von der
+Takelage ins Rettungsboot. In so einem n&uuml;chternen
+Taumel; in so einer betrunkenen Entschlossenheit; mit dem
+Zittern bis in die Rippen; und niedergetrampelt wurde
+jeder, der im Weg stand. Ja, so war es.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Immerhin haben Sie ein St&uuml;ck der Welt mit Appetit
+verspeist,&laquo; sagte Maria und zeigte ihre herrlichen Z&auml;hne.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist wahr,&laquo; erwiderte er und nickte. &raquo;Sie ist mir
+nichts schuldig geblieben, die Welt, ich ihr auch nichts.
+Ich habe sie kennen gelernt von unten bis oben, die br&uuml;chigen
+Fundamente, die verfaulten Schanzwerke, die verrostete
+Maschinerie, die rissige Verschalung, die schadhaften
+Ankertaue, wie gesagt: vom Kiel bis in die Raaen. Und
+was die Bemannung betrifft: kranke Gehirne, ein tollw&uuml;tiges
+Fieberwesen, eine bestialische Raserei der Untiefe
+zu. Es war ein Riesenspa&szlig;, Maria Jakowlewna, eine
+Labung f&uuml;rs Gem&uuml;t. Es gab Zeiten, wo ich quietschvergn&uuml;gt
+gewisserma&szlig;en neben dem hochgespannten
+<a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>Dampfkessel hockte und mir an den Fingern ausrechnen
+konnte, wie lang es noch dauern w&uuml;rde, bis der ganze
+pomphafte Plunder mit ungeheuerm Krach in die Luft
+flog. Eigentlich waren das die sch&ouml;nsten Momente. Ich
+habe etwas von einem Propheten in mir, oder wenigstens
+von einem Diagnostiker. Das kam mir auch beim Dienst
+auf dem Kriegsschiff zustatten. Einen sch&ouml;neren Explosionsherd
+konnte man sich im verwegensten Traum
+nicht ausmalen; ein Fa&szlig; Dynamit mit der Lunte am
+Spund ist ein Spielzeug dagegen. Lehrreich, zu beobachten,
+wie unwiderstehlich es die M&auml;use zum Speck
+in der Falle zieht. Ich hielt mich kunstvoll am Rande,
+immer zwischen Bef&ouml;rderung und Disziplinarverfahren;
+sie konnten mir nicht beikommen, auch nicht mit dem K&ouml;der
+der Rangerh&ouml;hung; warum h&auml;tte ich den schnappen sollen?
+Ich f&uuml;hlte mich auf der Pulvertonne am richtigen Platz.
+Ich vermochte meinen Leuten den Tag vorauszusagen,
+an dem die Mine springen w&uuml;rde; und an genau dem Tag
+haben wir den Kapit&auml;n, die Offiziere, die Maats und was
+immer Epauletten und Sterne trug in die Feuerungsl&ouml;cher
+bef&ouml;rdert; eine zu schnell funktionierende H&ouml;lle,
+leider, wenn man bedenkt, was f&uuml;r eine lange H&ouml;lle sie
+andern bereitet hatten.&laquo;</p>
+
+<p>Er sprach v&ouml;llig ruhig, beinahe heiter, in einem fl&uuml;ssigen
+Plauderton, wie von einer Sportleistung, auch mit der
+dazu geh&ouml;rigen halbironischen Prahlerei. Er z&uuml;ndete eine
+Zigarette an, und beim Aufflammen des Streichholzes
+erschien Maria sein Gesicht kindlich harmlos. Mit ruhenden
+H&auml;nden im Scho&szlig; sa&szlig; sie da und fand keine Worte.</p>
+
+<p>&raquo;Famos, wie ihre H&auml;nde sich im Mondlicht ausnehmen,&laquo;
+sagte Golowin; &raquo;wie wei&szlig;er Bernstein.&laquo;</p>
+
+<p>Sie fuhr zusammen. &raquo;Sie haben meine Gegenwart
+<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>gew&uuml;nscht, um mit mir zu verhandeln,&laquo; sagte sie mit
+verzogener Stirn; &raquo;das war die Abmachung. Ich habe
+mich Ihrer Laune gef&uuml;gt, weil ich schlie&szlig;lich von Ihrer
+Laune abh&auml;nge, und nicht nur ich allein. Kommen wir
+also zur Sache.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es wundert mich, da&szlig; Sie damit solche Eile haben,&laquo;
+antwortete er mit einem kichernden Ton. &raquo;Seien Sie
+doch froh, wenn ich meine Zunge spazieren f&uuml;hre. Am
+Zweck, den ich verfolge, sollte Ihnen wenig gelegen sein.
+Oder sind Sie so naiv, da&szlig; Sie glauben, es gehe um die
+Schale und nicht um die Nu&szlig;? Sind Sie wirklich da
+heraufgekommen in der Meinung, wir w&uuml;rden eine unverf&auml;ngliche
+diplomatische Schachpartie spielen?&laquo;</p>
+
+<p>Maria, beunruhigt, stand auf. &raquo;Ich dachte, um Knallerbsen
+zu werfen, seien Sie nicht lustig genug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es mu&szlig; ja nicht <em class="antiqua">boule de suif</em> sein,&laquo; entgegnete er
+zynisch, &raquo;es kann ja, beispielsweise, auch Ma&szlig; f&uuml;r Ma&szlig;
+sein. Das ist dann schon minder lustig. Es h&auml;ngt meistens
+von der Frau ab, ob es lustig ist oder nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Maria sagte verletzt, und ihre dunkelsonore Stimme
+bebte: &raquo;Es besteht keine Gemeinschaft zwischen uns. Sie
+sind ein Liebhaber von Sp&auml;&szlig;en, ich bin zu spa&szlig;en nicht
+aufgelegt. Sie tanzen um einen Weltbrand einen Freudentanz;
+so suchen Sie sich wenigstens nicht einen Partner
+aus, dessen Lebensgl&uuml;ck in den Tr&uuml;mmern liegt. Was ist
+Ihre Absicht?&laquo;</p>
+
+<p>Er n&auml;herte sich rasch, die flachen H&auml;nde aufgehoben.
+&raquo;Vor allem: nehmen Sie wieder Platz. Nicht diese Miene!
+Zucken Sie nicht zur&uuml;ck, ich r&uuml;hre Sie nicht an. Bei Gott,
+ich r&uuml;hre Sie nicht an. Ist Ihnen kalt? Wollen Sie
+meinen Mantel haben? Nein, nein, bleiben Sie sitzen,
+ich lasse ihn am Nagel; kann mir denken, da&szlig; Ihnen vor
+<a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>solchem Mantel widert. Das bi&szlig;chen Zimperlichkeit halt
+ich zugut. Und nun merken Sie auf.&laquo;</p>
+
+<p>Er zog den dreibeinigen Stuhl heran, flink und plump
+in den Bewegungen, und setzte sich auf den &auml;u&szlig;ersten
+Rand, um des Gleichgewichts sicher zu sein. Er legte die
+H&auml;nde um seine Knie, beugte sich vor, streckte das Kinn.
+Alles hatte eine gewisse Anmut, eine plumpe Geschmeidigkeit,
+kraftvolle Zierlichkeit. &raquo;Seit zweieinhalb Jahren
+habe ich nicht in das Gesicht einer Frau gesehen,&laquo; begann
+er und l&auml;chelte knabenhaft; &raquo;habe ich nicht die Luft
+geatmet, die um eine Frau ist, nicht die Bezauberung versp&uuml;rt,
+die davon ausgeht, wie eine Frau die H&auml;nde regt,
+die Lider hebt und senkt, die Lippen &ouml;ffnet und schlie&szlig;t.
+Ich habe Kohlenrauch gerochen, Kohlenstaub in die Lungen
+gepumpt und mit Salzluft m&uuml;hsam wieder ausgesp&uuml;lt,
+die gr&auml;uliche Atmosph&auml;re in Schlafs&auml;len, den hei&szlig;en
+&Ouml;lgestank im Maschinenraum geschmeckt; ich habe Z&auml;hne
+fletschen gesehen, Fl&uuml;che murmeln geh&ouml;rt, allen Unrat
+der Menschennatur sich &uuml;ber mich ausgie&szlig;en lassen, die
+eingequetschte, wimmernde, w&uuml;tende, br&uuml;llende Qual
+eines riesigen Kerkers mitgelebt, und ich bin hungrig.
+Nicht in der Weise hungrig, wie Sie zu f&uuml;rchten scheinen.
+Man hat seine Erziehung, man hat seine Erfahrung, man
+ist kein Geier. Nicht hungrig wie einer, der aus Mangel
+an Nahrung krepiert, an Nahrung &uuml;berhaupt. Wenns
+weiter nichts w&auml;re! Der Tisch f&uuml;r die andern ist reichlich
+gedeckt. Ich bin hungrig wie ein Mann, den eine Fiebererscheinung
+in Trance versetzt hat. Wir hatten mal in
+Boston eine spiritistische Sitzung. Es kam, im blauen
+Licht, ein weibliches Gespenst herein. Sah ungef&auml;hr aus
+wie Sie, Maria Jakowlewna; wunderbar sehen Sie aus,
+wie Sie da sitzen und mir zuh&ouml;ren. Na, ich ging entschlossen
+<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>auf das Gespenst los, ohne mich um die hysterischen Entsetzenskr&auml;mpfe
+der verz&uuml;ckten Gesellschaft zu k&uuml;mmern,
+griff mit Armen darnach, und siehe da, es war ein warmer,
+weicher Menschenleib. Ich entsinne mich, es war ein unverge&szlig;liches
+Wohlsein in mir, als ich den warmen, weichen
+Weiberleib hatte. Der Gespensterunfug nahm gar nichts
+weg von dem Wohlsein, im Gegenteil, es war so diabolisch
+verboten, da&szlig; es mir g&ouml;ttlich behagte. Man mu&szlig; nur mit
+Armen zugreifen, wenn es um einen gespenstert. Und es
+gespenstert schon lange um mich.&laquo;</p>
+
+<p>Er l&auml;chelte abermals; strich mit der Hand &uuml;ber die
+d&uuml;nnen, schlichtliegenden Haare; sah alt aus, verbraucht,
+zerw&uuml;hlt, pl&ouml;tzlich wieder straff, elastisch, jugendlich und
+fuhr nach einigem Besinnen fort: &raquo;Sprechen wir ein wenig
+von der Fieber-Erscheinung und davon, wie sie entstanden
+ist. Denken Sie sich also hunderte von M&auml;nnern, primitiven
+M&auml;nnern, denken Sie sie monatelang an einem und
+demselben Ort; hunderte, doch in ihrer Gesamtheit absolut
+einsam auf dem Ozean; durch die milit&auml;rische Knute in
+Atem gehalten, durch harten Dienst niedergezwungen; in
+ihren Trieben und Instinkten vollst&auml;ndig geknebelt. &Uuml;berlegen
+Sie sich einen Augenblick, was daraus erw&auml;chst.
+Ich bin ein Mensch, der das Grauen nicht kennt und auch
+den Ekel nicht. Ich nehme alles von der einfachsten Seite;
+es ist da, also hat es da zu sein. Aber wenn man so buchst&auml;blich
+in den Miasmen watet, die aus den Seelen dunsten,
+das rei&szlig;t an den Nerven. Es gibt bei M&auml;nnern einen
+Zustand der Entbehrung, der stillen, stumpfen, folternden
+Begierde, der macht alles zu Gift und Brand in ihnen.
+Gefehlt, wollte man meinen, da&szlig; die aufreibende Arbeit,
+die k&ouml;rperliche Ersch&ouml;pfung dem entgegenwirkt; die vergiften
+und verbrennen nur noch mehr, bis das ganze
+<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>Individuum ein von tobs&uuml;chtigen Bordellbildern gesch&uuml;tteltes
+Ding ist mit zwei Existenzen, jede tierisch genug:
+die wirkliche, graue, trostlose und die in der Bruthitze der
+Erinnerungen und der W&uuml;nsche. Ich habe nie an die friedlichen
+Robinsons geglaubt; ist so ein Bursche gesund und
+ein ehrliches Mannsbild mit seinem Geschlecht im Leibe,
+so mu&szlig; er ja komplett verr&uuml;ckt werden. Oder es stirbt
+ein St&uuml;ck Leben in ihm ab. Ich trete zum Beispiel in einen
+Schlafraum und sehe mir die Schl&auml;fer einzeln an. Da ist
+einer, liegt in Schwei&szlig; gebadet, mit dicht aneinander
+ger&uuml;ckten Falten auf der Stirn. Jede von den Falten ist
+eine mit Ausschweifungen gef&uuml;llte Grube. Er h&auml;lt sich
+schadlos, der Kerl; er dichtet; er lebt sich aus in seinem
+lasterhaften Schlaf; kein Hirn eines abgefeimten Erotikers
+ist je auf solche M&ouml;glichkeiten verfallen. Ein anderer windet
+sich wie in Kr&auml;mpfen der Pubert&auml;t; er ist leichenbla&szlig; und
+trinkt seine eigenen Lippen. Ein anderer sieht aus, als
+klettre er an einer Felswand hinauf, angespannt wie ein
+Seil, l&uuml;stern wie ein Affe. Sie keuchen, schlagen mit
+gekrallten Fingern um sich, grinsen gierig, fl&uuml;stern einen
+Namen, umklammern etwas in der Luft, sind vollst&auml;ndig
+aufgerissen, in einem Chaos gl&uuml;hender Visionen. Noch
+ein Beispiel. Ich sitze unter ihnen; dienstfreier Abend;
+man redet; sie werfen sich ihre Schlagworte zu; Anspielung
+auf Anspielung; grobes Gesch&uuml;tz, da&szlig; einem die Ohren
+sausen; eh mans recht wei&szlig;, ist der Siedepunkt erreicht:
+die Augen kochen, die Zungen wirbeln, das kaum Ausdenkbare
+wird gesagt, geschrieen, schamlos hingemalt, sie
+w&auml;lzen sich in einer hei&szlig;en Pf&uuml;tze, &uuml;bersteigern sich, neiden
+einander das frechste Bild, den unfl&auml;tigsten Ausdruck,
+und man sieht dabei, wie es sie &uuml;ber alle Begriffe martert.
+Und man beobachtet zwei, die sich einander mit verdeckten
+<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>Blicken messen, Mann gegen Mann als w&auml;rs Mann
+gegen Weib; stumm und irr faseln sie vom Fleisch und
+von Lust; sie verstehen sich vortrefflich, die zwei in ihrer
+Entz&uuml;ndung, und sie sind nicht die einzigen. Jag ich
+Ihnen Schauder ein? Das ist nicht der Zweck. Ich t&uuml;nche
+blo&szlig; den schwarzen Untergrund f&uuml;r mein Lichtgewebe.
+Hat man sich vollgesogen mit dem Irdischen der untersten
+Abgr&uuml;nde, so werden die Himmelsgestalten so wei&szlig; und so
+zart wie nur Lilien in Pests&uuml;mpfen. Man mu&szlig; aber zu den
+Seraphim entschlossen sein. Es mu&szlig; einem gelingen, die
+Poren gegen die Ansteckung zu verstopfen. Zu fr&uuml;h nachgeben,
+das hei&szlig; ich ein Kalb im Mutterleib schlachten.
+Ein M&ouml;nch ist unter Umst&auml;nden ein geriebener Gen&uuml;&szlig;ling,
+wenn er zum Feinschmecker von Illusionen wird. Vielleicht
+war der heilige Antonius der gr&ouml;&szlig;te Liebesk&uuml;nstler der
+Welt. Ein brennenderes Aphrodisiakum kann ich mir nicht
+vorstellen als die Qualen von freiwillig Enthaltsamen.
+Das geht &uuml;ber ein Fest auf dem Blocksberg. Aber ich bin
+kein Voyeur, durchaus nicht. Ich bin nur f&uuml;r kluge Steigerung,
+&uuml;berhaupt f&uuml;r Steigerung. Dort in dem Satanskessel,
+auf dem Schiff, hab ich mein Verlangen gez&uuml;chtet;
+habe es sorgsam gepflegt, wie man ein Tier m&auml;stet, das
+eine delikate Mahlzeit zu werden verspricht. Und wonach
+hat mich eigentlich verlangt? Schwer zu sagen. Nach
+einer bestimmten Gl&auml;tte der Haut; nach einer bestimmten
+Rundung der Fessel; einer bestimmten Modellierung des
+Handgelenks; einer bestimmten Transparenz der &Auml;derung
+an den Schl&auml;fen; einem bestimmten Gang und Schritt und
+Blick. Ist das etwas? Umschreibt das etwas? Es ist eine
+Angelegenheit des Geruchs, des Sp&uuml;rsinns, der Epidermis,
+der Nerven-Elektrizit&auml;t. Deutlicher: ich will eine Ebenb&uuml;rtige
+haben, eine sinnlich Ebenb&uuml;rtige. Kurz und gut,
+<a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>Maria Jakowlewna, Sie sind es, die ich haben
+will.&laquo;</p>
+
+<p>Marias Auge fiel auf einen Skorpion, der, von Fingersl&auml;nge,
+an einem Brett ihr gegen&uuml;ber unbeweglich hing,
+zierlich in der Gliederung, zart umgrenzt, ohne Schatten,
+wie eine japanische Zeichnung. Indem sie das Tier anschaute,
+ward ihr leichter zumut; in einem losgel&ouml;sten
+Teil ihrer Seele freute sie sich am Zarten und Zierlichen
+und verga&szlig; das Giftige und Gef&auml;hrliche; dieses wu&szlig;te
+sie ja nur, sie hatte es nie erfahren. Sie heftete den Blick
+in Golowins Gesicht und sagte in zutraulichem Ton:
+&raquo;Ist es nicht sonderbar? seit Sie das Wort ausgesprochen
+haben, bin ich vollkommen ruhig. Es ist nun nichts Unbekanntes
+mehr zwischen uns. Ich habe sogar ein Gef&uuml;hl
+von Sympathie f&uuml;r Sie. Das eine Wort, dieses vernunftlose,
+rohe, gewaltt&auml;tige Wort hat es bewirkt. Pl&ouml;tzlich
+bin ich die unvergleichlich St&auml;rkere von uns beiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verstehe nicht,&laquo; murmelte Golowin ziemlich au&szlig;er
+Fassung.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sagen, Sie wollen mich haben,&laquo; fuhr Maria in
+demselben zutraulichen Ton fort; &raquo;ich antworte Ihnen:
+sch&ouml;n, hier bin ich; bitte.&laquo;</p>
+
+<p>Golowin starrte sie sprachlos an.</p>
+
+<p>Sie sagte heiter: &raquo;Kann man denn einen Menschen so
+ohne weiters haben? so nach Gel&uuml;st und Gelegenheit?
+wie man einen Apfel vom Baum holt, auch aus einem
+fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach,
+weil man Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist
+sie sonst nichts als der Bissen? als die Beute? als das
+Vergn&uuml;gen einer Stunde? Wenn Sie dieser Ansicht sind, &#8211;
+bitte.&laquo;</p>
+
+<p>Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mit
+<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>abgewendetem Gesicht dort stehen. Der Mond beleuchtete
+nur noch ein kleines St&uuml;ck der Wand.</p>
+
+<p>&raquo;Meinen Sie im Ernst, Sie h&auml;tten mich dann gewonnen?&laquo;
+fuhr Maria fort. &raquo;Vielleicht h&auml;tten Sie
+mich zerst&ouml;rt, sicher beschimpft, unerh&ouml;rt erniedrigt, aber
+gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren
+Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Kr&uuml;dener, und
+nicht vielmehr eine seelenlose H&uuml;lse von mir? Ob man
+lebendige Menschen in Feuerl&ouml;cher wirft oder sie zu Opfern
+einer Zufallsbegegnung macht, l&auml;uft auf dasselbe hinaus.
+Haben, was f&uuml;r ein gemeines Wort! was hei&szlig;t denn
+haben, wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen
+ist, halb Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.&laquo;</p>
+
+<p>Golowin schwieg noch immer.</p>
+
+<p>&raquo;Die Rechnung ist f&uuml;r mich nicht sehr kompliziert,&laquo;
+sagte Maria; &raquo;ich soll das Zahlungsmittel abgeben f&uuml;r die
+Freiheit, wahrscheinlich auch f&uuml;r das Leben von etlichen
+f&uuml;nfzig Menschen, darunter meine Kinder und ich selbst.
+Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir
+offenbar nichts anders &uuml;brig, als in den elenden Kaufvertrag
+zu willigen. Sch&ouml;n. Es ist nichts Besonderes, nichts
+Ersch&uuml;tterndes im Vergleich mit den gro&szlig;en Ereignissen.
+Es ist ein Schicksal, mit dem man sich abzufinden hat.
+Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt. Aber soll
+sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der
+Sie gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir
+leid. Es ist eine uralte und furchtbar gew&ouml;hnliche Weltordnung,
+das.&laquo;</p>
+
+<p>Ohne sich vom Fenster zu r&uuml;hren, antwortete Golowin
+mit dumpfer Stimme: &raquo;Sie mi&szlig;verstehen mich mit
+Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie m&uuml;ssen als Weib
+<a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>unr&uuml;ttelbar fixiert sein, da&szlig; Sie Selbstverst&auml;ndlichkeiten
+mit einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten.
+Ich habe meine Augen im Kopf und meine Witterung in
+der Nase. Kann sein, da&szlig; die Bussole da drin ein bi&szlig;chen
+an Richtung verloren hat; die Nadel schie&szlig;t verzweifelt
+nach links und rechts, als st&uuml;nde sie &uuml;berm magnetischen
+Pol. Da&szlig; Sie um und um und bis in die letzte Faser
+fixiert sind, habe ich trotzdem gesp&uuml;rt, und das war ja der
+Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir entgegensteht.
+Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir.
+Dieses Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm
+stellen. Aber ich rieche ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.&laquo;</p>
+
+<p>Durch Marias K&ouml;rper lief ein Schrecken wie nie zuvor.</p>
+
+<p>Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: &raquo;Sie
+reden von ihm mit jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen
+wie er es guthei&szlig;t und befiehlt. Aber Sie w&uuml;rden jetzt
+nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon gelungen
+w&auml;re, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft,
+aber mich k&ouml;nnen Sie nicht wegdr&auml;ngen, und er kann Ihnen
+bald nicht mehr helfen, seine Arme werden lahm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch,&laquo; sagte
+Maria.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie mich f&uuml;r einen b&uuml;bischen Sch&auml;nder genommen,
+f&uuml;r einen Dutzendhallunken? Ich kenne die
+Wege, die zu den verborgenen Flammen f&uuml;hren. Wer sagt
+Ihnen, da&szlig; ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten verzichten
+will? auf die Entz&uuml;ckungen der Allm&auml;hlichkeit?
+auf die &Uuml;berraschungen und kleinen s&uuml;&szlig;en bittern S&uuml;&szlig;igkeiten,
+die einen Leib mit einem Leib befreunden? Aber
+vielleicht bin ich imstande, vielleicht ma&szlig; ich mir an,
+die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden
+zu pressen, die von der Faulheit und dem Mangel an
+<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>Schwung in so &ouml;de L&auml;nge gezogen wird, da&szlig; die Ermattung
+und die Erf&uuml;llung nicht mehr &Auml;hnlichkeit miteinander
+haben wie ein Schiff, das vom Stapel l&auml;uft mit einem
+Wrack auf einer Sandbank.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist m&ouml;glich, da&szlig; Sie dazu imstande sind,&laquo; sagte
+Maria, &raquo;aber Sie k&ouml;nnen nicht einen Stoff in einen andern
+Stoff verwandeln, Sie k&ouml;nnen nicht das Gesetz eines
+Lebens umsto&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>Golowin lachte sp&ouml;ttisch. &raquo;K&auml;me auf den Versuch an.
+Es ist eine Frage der Magie.&laquo;</p>
+
+<p>Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo
+er stand.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sprechen von Zufallsbegegnung,&laquo; fuhr er fort.
+&raquo;Ich meinerseits glaube nicht an solchen Zufall. Sind
+Sie so fest davon &uuml;berzeugt, da&szlig; Sie blo&szlig; eine Verkettung
+unbestimmbarer Umst&auml;nde in diese Stadt, in dieses Haus
+gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein
+Beschlu&szlig;? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir
+h&auml;tten auch zuf&auml;llig auf eine entlegene Insel verschlagen
+werden k&ouml;nnen, um wieder von Robinsonaden zu reden.
+Wieviel Tage h&auml;tten Sie sich Frist gegeben bis zur Hochzeit?
+Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang h&auml;tte,
+einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann
+gegen&uuml;ber, Ihr Blut geschwiegen, falls ich sogar aus
+Schlauheit oder Berechnung unterlassen h&auml;tte, es zu
+sch&uuml;ren? W&uuml;rden Sie einen Triumph darin erblicken, eines
+Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige
+zu bleiben? Treue; was ist Treue? Eine &Uuml;bereinkunft,
+durch die man Entbehrungen legitimiert, die Machtprobe
+eines Besitzenden, das Gitter gegen den Einbruch der Ausgesto&szlig;enen,
+ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte
+Hand.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>&raquo;Ich wei&szlig; mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen,&laquo;
+antwortete Maria; &raquo;es h&auml;ngt doch alles davon
+ab, ob der Funke, den man schl&auml;gt, Feuer gibt oder nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;,&laquo; pflichtete Golowin bei und n&auml;herte sich
+wieder; er trat in den dunkelgewordenen Teil des Raums
+und lehnte sich an die Bretterwand; &raquo;gewi&szlig;. Wir in
+unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt.
+Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, dr&uuml;ben in
+&Uuml;bersee. Das sind Leute, die sich auf die Methoden verstehen.
+Es ist eine ererbte Kunst, von Jahrtausenden her.
+Sie l&auml;cheln &uuml;ber unsere Finten und Schliche, sie machen
+sich lustig &uuml;ber unsere Vierschr&ouml;tigkeit und Dickh&auml;utigkeit,
+sie zucken die Achseln &uuml;ber das, was wir ungl&uuml;ckliche Liebe
+nennen. So wie man dort im Osten ein ausgebildetes
+System hat, das den Schw&auml;chsten bef&auml;higt, einen Athleten
+zu b&auml;ndigen und auf die Knie zu bringen, verleiht eine
+langwirkende &Uuml;berlieferung dem mit Erkenntnis Begabten
+die Macht, auch in das widerspenstigste Material k&ouml;rperliche
+Liebe zu pflanzen. K&ouml;rperliche Liebe, also Liebe &uuml;berhaupt,
+wenn man absieht von der europ&auml;ischen Unzucht, die Dinge
+der Natur ins Bl&uuml;merante und Sch&ouml;ngeistige zu verdrehn.
+Erinnern Sie sich an die ber&uuml;hmte Skandalgeschichte von
+der Entf&uuml;hrung der Mi&szlig; Holywood in Neuyork? Sie war
+eine Sch&ouml;nheit ersten Ranges, umworben von der m&auml;nnlichen
+Bl&uuml;te des Landes, unnahbar, von makellosem Ruf.
+Eines Tages war sie verschwunden; spurlos, r&auml;tselhaft.
+Man setzt f&uuml;r ihre Auffindung Pr&auml;mien von schwindelnder
+H&ouml;he aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am
+Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt
+in einem der schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt.
+Man verhaftet eine Anzahl Chinesen, der eigentlich Schuldige
+ist entwischt. Die junge Dame bringt man in das Haus
+<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>ihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie steht
+nicht Rede; sie kann sich dem fr&uuml;heren Leben nicht mehr
+bequemen, sie leidet unter Ausbr&uuml;chen von Wut und
+krankhafter Depression, die &Auml;rzte verm&ouml;gen nichts &uuml;ber sie,
+die fr&uuml;heren Freunde nichts, und w&auml;hrend man alle Hebel
+zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine
+Verbindung mit dem Entf&uuml;hrer herzustellen; pl&ouml;tzlich
+ist sie zum zweiten Mal verschwunden, und wie sie in einem
+hinterlassenen Brief mitteilt, ist es ihr freiwilliger Entschlu&szlig;
+gewesen, zu dem Chinesen zur&uuml;ckzukehren. Die
+amerikanische Gesellschaft war nat&uuml;rlich au&szlig;er sich, denn
+was gibt es in ihren Augen Ver&auml;chtlicheres als einen
+Chinaman? Mich besch&auml;ftigte die Sache ungemein. Da ich
+keinerlei Kasten- und Rassend&uuml;nkel kenne, scheute ich
+mich nicht, meine chinesischen Beziehungen dahin auszun&uuml;tzen,
+da&szlig; ich &uuml;ber den mysteri&ouml;sen Fall, der durchaus
+kein vereinzelter war, wie ich sp&auml;ter erfuhr, verschiedene
+Aufschl&uuml;sse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen
+sind sehr zur&uuml;ckhaltend, au&szlig;erdem behaupten sie, es g&auml;be
+auf diesem Gebiet zwischen ihren und unsern Anschauungen
+keine Verst&auml;ndigung. Es fehlen die Vokabeln schon, behaupten
+sie. Aber das Gl&uuml;ck wollte, da&szlig; ich auf einen
+prachtvollen Lehrmeister stie&szlig;, einen Burschen so fein
+wie Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. H&ouml;ren
+Sie auch zu? Ich sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie
+werden nichts wissen wollen von dieser Weisheit und Feinheit,
+die in ein Labyrinth f&uuml;hrt. Und was fruchtet sie
+mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth str&auml;uben?
+Es weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander
+Ding als unsre Miniaturleidenschaften und gestatteten
+Gef&uuml;hle. Bei dieser Mischung von Gelehrsamkeit und
+narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, da&szlig; der Mensch
+<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>von der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden mu&szlig;.
+Wer von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der gr&ouml;&szlig;te
+Verbrecher nicht. Dostojewski; aber die Angst bleibt
+auch bei ihm. Mein Chinese entwickelte unter anderm eine
+ganze Philosophie der sinnlichen Beeinflussungen und
+&Uuml;bertragungen. Die Herrschaft &uuml;ber das lebendige Instrument
+ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell,
+aber unsere Frauen verlieren schon im ersten
+Stadium die Widerstandskraft. Je h&ouml;her gez&uuml;chtet eine ist,
+je wehrloser ergibt sie sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis
+einer solchen Frau gelesen; die erstaunlichste
+Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und k&uuml;hn.
+Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors
+in Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen
+war. Sie sprach von dem Gl&uuml;ck des Grauens, von
+der Wonne der Verl&ouml;schung, und da&szlig; sie keine Gewissensbisse
+dar&uuml;ber empfinde, die Seele, diesen l&uuml;genhaften
+Frieden der Seele, hingegeben zu haben, f&uuml;r die Flammen,
+die sie umprasselten und dem Augenblick des Todes den
+der Auferstehung des Fleisches folgen lie&szlig;en. Das klingt
+wie Wahnwitz und ist in der Tat vielleicht eine Form der
+Hysterie. &Uuml;berdies soll sie vor ein paar Jahren in einer
+Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener
+rechter Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber
+reizte mich, es mit der Praxis zu versuchen, und die Erfolge
+waren nicht &uuml;bel; die Schule bew&auml;hrte sich. Freilich fehlte
+das letzte Geheimnis; was h&auml;tte ich gegeben um das letzte
+Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu seicht;
+der europ&auml;ische Mensch ist nicht eng genug; etwas &Auml;hnliches
+sagt schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte
+die Probe bei vielen an. Die Wildesten wurden zahm;
+wie W&uuml;rmer so zahm wurden sie. So eigent&uuml;mlich entseelt
+<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>waren sie nach kurzer Zeit, als h&auml;tte man aus ihrem Gehirn
+gewisse Bewu&szlig;tseinskomplexe mit dem Messer entfernt.
+Man wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein,
+man umschlingt sie unbemerkt, die wunderbaren K&ouml;rperchen,
+bem&auml;chtigt sich ihrer, indem man den Sklaven macht,
+den unh&ouml;rbaren Schatten, das unentbehrliche andre Ich,
+das verachtete und versto&szlig;ene Teil, die b&ouml;se lockende
+Chim&auml;re. Und so zieht man das Menschlein an sich, bis
+es nicht mehr entschl&uuml;pfen kann. Es gibt da Z&auml;rtlichkeiten
+wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die Spitze jedes
+Fingers, jede Stelle der Haut, die H&ouml;hle unter der Achsel,
+das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Z&auml;rtlichkeit
+dressiert, und dankt. Jedes Glied an dem geliebten
+Leib dankt. Jedes ist hingeschmolzen in seine besondere
+Lust, jedes erwacht f&uuml;r sich als wie ein jauchzendes williges
+Tierchen, ein Flammentierchen und was man in Armen h&auml;lt,
+ist ein Wesen ohne Scham und L&uuml;ge, ohne Geist und ohne
+Angst, unergr&uuml;ndlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna,&laquo;
+seine Stimme, die zuletzt ein Fl&uuml;stern geworden
+war, erhob sich und klang durch den Kontrast wie ein
+Schreien, &raquo;wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz
+packe, geh&ouml;rt es mir, so oder so. Lassen wir die Erz&auml;hlungen,
+die Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor
+hunderttausend Jahren war. Ja, ich rei&szlig;e Ihre Brust
+auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr, keine
+Gestalt, kein Gel&ouml;bnis, kein Bild, innen ist nur Liebe.
+Ich will drin verbrennen und verdorren, wenn es sein mu&szlig;,
+aber geben Sie mir Liebe.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mond war untergegangen. Es war v&ouml;llig finster
+geworden. Maria erhob sich, tastete sich zum Tisch und
+griff nach der Kerze. Sie fand Z&uuml;ndh&ouml;lzer daneben
+und machte Licht. Besorgt sah sie, da&szlig; das St&uuml;mpchen
+<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>nicht lange brennen w&uuml;rde. &raquo;Liebe,&laquo; murmelte sie,
+&raquo;Liebe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum t&ouml;ten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen?&laquo;
+fragte Golowin zu ihr hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Ich verscharre nur den Leichnam, get&ouml;tet haben Sie
+es,&laquo; antwortete sie ernst. &raquo;Ein Leben lang.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Moral, flaue Moral,&laquo; sagte er achselzuckend; &raquo;der
+Hieb ist zu matt, ich pariere ihn nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Maria begann mit jener tiefen Stimme einer M&auml;rchenerz&auml;hlerin,
+die alles, was sie sagte, durch den blo&szlig;en Klang
+versinnlichte: &raquo;Auf dem Gut h&ouml;rte ich eine Geschichte
+von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide
+waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab
+sich Petruschka auf die Wanderschaft und blieb viele Jahre
+fort. Als er heimkehrte, brachte er einen Sack voll Gold
+mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka gierig.
+Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing
+an, ein stolzes Schlo&szlig; zu bauen. Nikituschka l&auml;&szlig;t sich
+den Weg erkl&auml;ren, macht sich auf, kommt aber nach einer
+Zeit m&uuml;de zur&uuml;ck. Ich habe mich verirrt, sagt er. Da
+begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen,
+in den der Stollen f&uuml;hrt und sagt: in den Stollen mu&szlig;t
+du hinunter und viele Jahre graben. Es dauert nicht
+lange, da erscheint Nikituschka abermals unverrichteter
+Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre unter
+der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das
+ist einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben,
+sagt Petruschka, du siehst ja, da&szlig; ich mir da ein Schlo&szlig;
+baue; wovon soll ich die Bauleute entlohnen? Hilf
+auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem Gold.&laquo;</p>
+
+<p>Sie schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Der Hieb ist nicht st&auml;rker geworden,&laquo; sagte Golowin
+<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>l&auml;chelnd; &raquo;Petruschka h&auml;tte teilen sollen, als er mit dem
+Gold zur&uuml;ckkam.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was h&auml;tte es Nikituschka gen&uuml;tzt?&laquo; erwiderte Maria
+mit Eifer; &raquo;er h&auml;tte seinen Anteil verschwendet und w&auml;re
+so arm gewesen wie zuvor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Besser zu verschwenden als m&uuml;hselig zu graben,&laquo;
+beharrte Golowin, noch immer l&auml;chelnd und sah sie aus den
+Augenwinkeln an.</p>
+
+<p>&raquo;Der Verschwender ist ein Dieb,&laquo; sagte Maria; &raquo;man
+mu&szlig; im Stollen gewesen sein; man mu&szlig; gegraben haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man mu&szlig;, man mu&szlig;,&laquo; spottete Golowin, und der
+Blick aus den Augenwinkeln wurde funkelnd; &raquo;hab ich
+etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht Gold gef&ouml;rdert, nicht Petruschkas Gold,&laquo; wehrte
+Maria mit erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick
+als seine Worte; &raquo;wenn Petruschka fragt: was hast du
+im Stollen gemacht, so werden Sie ihm antworten m&uuml;ssen:
+was dich kr&auml;nkt, was dein Gem&uuml;t vergiftet, was dir Leiden
+bereitet, dir und deinen Br&uuml;dern. Petruschka hat gebaut.&laquo;</p>
+
+<p>Golowin entgegnete nichts. Er dr&uuml;ckte den Hinterkopf
+an die Bretterwand, fuhr fort zu l&auml;cheln, fuhr fort, sie
+aus den Augenwinkeln zu betrachten. Eine eigene Unruhe
+bem&auml;chtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende und sie
+allm&auml;hlich ganz einh&uuml;llende seltsame Scham. Ihr w&auml;re
+am liebsten gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu
+verschwinden. Es ging so weit, da&szlig; sie sich &auml;rgerte und sich
+innerlich Vorw&uuml;rfe machte, die Kerze angez&uuml;ndet zu haben.
+Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den Ohren
+und im Nacken hei&szlig;; sie konnte sich diesen Zustand durchaus
+nicht erkl&auml;ren. Pl&ouml;tzlich fragte er, ohne sich zu r&uuml;hren, in
+die Luft hinein: &raquo;Glauben Sie an das Ende?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;An welches Ende?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>&raquo;Nicht blo&szlig; an das Ende von Maria Kr&uuml;dener und
+Igor Golowin, das ist ja gewi&szlig;. An das Ende von Ru&szlig;land
+und Europa meine ich, an das Ende von Eisenbahn
+und Telegraph, von Zeitungen und B&uuml;chern, von Kunst
+und Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an
+das Ende der Menschheit, an das Ende von allem. Glauben
+Sie daran?&laquo;</p>
+
+<p>Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete
+sie leise: &raquo;Ich glaube nicht daran. Ich glaube an das
+ewige Leben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie an die Wiederkehr?&laquo; fragte Golowin,
+und sein L&auml;cheln verd&auml;mmerte in den Schatten, die der
+flackernde Kerzenschein in sein Gesicht warf.</p>
+
+<p>&raquo;Was verstehen Sie unter Wiederkehr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts kehrt wieder,&laquo; sprach er, ohne die Frage zu
+beachten, &raquo;und doch schreit jeder Atemzug im Menschen
+nach Wiederkehr. Nichts kann noch einmal sein, was
+gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste Verlangen im
+Menschen, da&szlig; es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist
+das Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht
+&uuml;berwindet, ist man der Narr des Schicksals. Auch f&uuml;r
+Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie wieder, was einmal
+Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis
+gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.&laquo;</p>
+
+<p>Mit geschlossenen Augen sch&uuml;ttelte Maria den Kopf
+und sagte: &raquo;Ich wei&szlig; es so fest wie da&szlig; die Sonne aufgehn
+wird: er kehrt wieder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gef&uuml;hl; die
+spricht aus Ihnen. Sie haben das Ungl&uuml;ck gehabt, eine
+gl&uuml;ckliche Ehe zu finden, sonst w&auml;ren Sie ein Weib gewesen,
+mit dem man auf die Barrikaden gehen k&ouml;nnte. Schade,
+wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenne
+<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>erniedrigt wird. Alles was edel und flugkr&auml;ftig an Ihnen
+war, hat die Ehe in eine Kapsel gepre&szlig;t, und Sie wagen
+sich nicht zu r&uuml;hren aus Angst, das Geh&auml;use zu sprengen.
+Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen angebracht,
+Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen;
+wozu Sie aber h&auml;tten steigen k&ouml;nnen, wenn
+man Ihnen die Menschenfreiheit nicht geraubt h&auml;tte,
+davor verschlie&szlig;en Sie sich. Frauen wie Sie m&uuml;&szlig;ten in
+ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe
+zerst&ouml;rt sie. Es ist als h&auml;tte man Sand in ein kostbares
+Uhrwerk gesch&uuml;ttet. Wenn dann der gro&szlig;e Feind kommt,
+ist es zu sp&auml;t. Der gro&szlig;e Feind, der gro&szlig;e Abrechnungskommiss&auml;r,
+der Unbestechliche.&laquo;</p>
+
+<p>Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer
+Innigkeit, der Golowin betroffen machte.</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie auch nicht an den gro&szlig;en Feind?&laquo; fragte
+er verdeckten Tones.</p>
+
+<p>Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und
+antwortete nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht?&laquo;
+fuhr er lauernd und seltsam sp&ouml;ttisch fort; &raquo;sicherlich.
+Sie haben ja Phantasie. Ist er nicht einnehmend? berauschend?
+verf&uuml;hrerisch? Sieht er nicht aus wie ein echter
+Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse?
+nicht eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte
+und Erforschte und Erlebte, eingedrungen aus Wollust?
+Die Welt ist voll von ihm. Er fegt den angesammelten
+Kehricht weg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, die Welt ist voll von ihm,&laquo; sagte Maria; &raquo;er schreit
+Gerechtigkeit &#8211; und mordet; er schw&auml;rmt von Bruderliebe
+&#8211; und mordet; er trieft von Mitleid &#8211; und mordet;
+er faselt von Fortschritt und Erneuerung &#8211; und mordet;
+<a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>er k&uuml;&szlig;t und umarmt &#8211; und mordet. Er kennt kein Erbarmen
+in seiner &#8211; Liebe.&laquo; Sie blickte ihm noch immer
+in die gr&uuml;n funkelnden Augen. Die Kerze verlosch zischend.</p>
+
+<p>Es entstand ein langes Schweigen. Maria f&uuml;hlte
+Schw&auml;che in den Knien, ging zu der Bettstelle und lie&szlig;
+sich auf die Kante nieder. Da&szlig; Golowin sich nicht r&uuml;hrte,
+war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor
+dem Fenster, die erste Ank&uuml;ndigung des Tages. Sie wagte
+nicht hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer
+geschn&uuml;rt.</p>
+
+<p>Auf einmal kam seine Stimme: &raquo;Sie sind so reich,
+da&szlig; Sie eine Nacht aus Ihrem Leben ausstreichen k&ouml;nnen.
+F&uuml;r Sie nicht gelebt, f&uuml;r mich hundertfach gelebt. Ich
+spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es kann die n&auml;chste
+sein. Ist es die n&auml;chste nicht, so wird es eine andre sein.
+Ich kann warten.&laquo;</p>
+
+<p>Maria antwortete zwanghaft, als w&uuml;rde ihr die Rede
+von einem unsichtbaren Dritten diktiert: &raquo;Es kann keine
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>Er sagte: &raquo;Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir
+k&ouml;nnen uns vergleichen ohne R&uuml;cksicht auf die kriegf&uuml;hrenden
+Parteien. Es l&auml;ge eine gewisse Gr&ouml;&szlig;e darin.
+Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht, das viele
+andere &uuml;berfl&uuml;ssig macht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich geh&ouml;re nicht mir. Kein Haar an mir ist mein
+Eigentum,&laquo; entgegnete Maria.</p>
+
+<p>Er sagte: &raquo;Sie f&uuml;hlen sehr genau die Feigheit in diesem
+Argument. Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar
+ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf die Frage m&ouml;chte ich lieber nicht antworten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht die
+<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>Gegenwart, ist zwischen Ja und Nein kaum mehr zum
+Besinnen Platz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit.&laquo;
+Sie bedeckte die Augen mit der Hand.</p>
+
+<p>Er sagte: &raquo;Wenn Sie Ihre Lippen auf meine dr&uuml;ckten,
+k&ouml;nnt ich mir einbilden, ich sei wieder Knabe und finge
+von vorn an. Wiederkehr, Wiederkehr. F&uuml;rchten Sie
+nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle. Ich will
+ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch k&ouml;nnen Sie
+mir nicht verwehren zu tr&auml;umen. Ich tr&auml;ume, da&szlig; ich
+Ihre Hand halte. Da&szlig; ich sie nur mit meinen Fingerspitzen
+streife. Sie vergessen, da&szlig; Sie Mutter, Gattin, Dame,
+Herrin sind, alle diese verruchten W&uuml;rden einer &uuml;berlebten
+Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin
+eingeschlossen, daran geklammert meine, mit Blut, Hirn,
+Trieb, Seele. Was k&ouml;nnen Sie dagegen tun? Still,
+wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein,
+und du &ouml;ffnest dich wie ein Kelch&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Maria h&ouml;rte zu, au&szlig;en und innen Eis, doch von etwas
+Lauem durchflutet, das bet&auml;ubte. Er hatte sie nicht anger&uuml;hrt,
+trotzdem f&uuml;hlte sie ihre Hand wie in einem Schraubstock.
+Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das Blut
+wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte
+zu sprechen und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt.
+Mitjas ernste Augen blickten sie an. Ihr K&ouml;rper war ihr
+fremd, und sie f&uuml;rchtete ihn. Das Bild einer Uhr erschien
+ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht weiterr&uuml;cken
+wollten. Sie schaute gegen das Fenster. &raquo;Es wird Tag,&laquo;
+murmelte sie. Von der Stra&szlig;e schallten eilige Schritte
+herauf. Gut, da&szlig; die Menschen erwachen, fuhr es ihr
+durch den Kopf.</p>
+
+<p>Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhr
+<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>Golowin fort: &raquo;Ja, es wird Tag. Schlu&szlig; des ersten
+Aktes. Vorhang. Die L&auml;nge der Zwischenpause ist nicht
+bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich
+meiner in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht
+brechen, die ich &uuml;ber Sie erlangt habe? Sie werden sich in
+Pflichten st&uuml;rzen, Sie werden Aufgaben zu l&ouml;sen trachten,
+Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das Eingest&uuml;rzte
+aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde
+immer ich sein, da n&uuml;tzt kein Str&auml;uben und kein Tun.&laquo;</p>
+
+<p>Sie konnte jetzt in der D&auml;mmerung sein Gesicht wahrnehmen.
+Es glich einem fleckig grauen Tuch. Sie fand
+keine Widerrede. Inmitten ihrer bedr&uuml;ckten Versunkenheit
+wunderte sie sich &uuml;ber seine Haltung, die etwas Lockeres,
+beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte pl&ouml;tzlich ein
+langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf
+wie ein Wachthund. Er trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife
+heraus und erwiderte das Signal. Gleich darauf
+h&ouml;rte man von der Richtung des Meeres her Gesch&uuml;tzdonner.</p>
+
+<p>&raquo;Gut,&laquo; sagte Golowin, &raquo;man schnallt das eiserne
+Stirnband wieder um.&laquo; Er nahm den Mantel vom Haken
+und warf ihn &uuml;ber die Schulter. &raquo;Ihre Stra&szlig;e ist frei,
+Maria Jakowlewna,&laquo; f&uuml;gte er mit einer Verbeugung
+hinzu.</p>
+
+<p>Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr.</p>
+
+<p>&raquo;Zwei Worte noch,&laquo; sagte er, an der T&uuml;r stehen bleibend;
+&raquo;das eine: pr&auml;gen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren
+Stern darum, da&szlig; unsere Wege sich nie mehr kreuzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein; unsere Wege d&uuml;rfen sich nie mehr kreuzen,&laquo;
+erwiderte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das
+Sie den Frieden Ihrer Seele wieder gewinnen k&ouml;nnen,
+<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>au&szlig;er es kommt noch einmal zur Entscheidung zwischen
+uns. Und das steht dahin.&laquo;</p>
+
+<p>Maria lauschte seinen starken Schritten nach, als er
+gegangen war. Sie dr&uuml;ckte die flachen H&auml;nde gegen die
+Brust und hob das Gesicht, das bleich war, mit fromm-erschlossener
+Miene zur H&ouml;he.</p>
+
+<p>Als sie in das untere Stockwerk kam, waren alle bereits
+auf den Beinen und r&uuml;steten sich zu neuer Reise. In der
+Freude &uuml;ber den Abzug der Matrosen achtete man ihrer
+gar nicht. Menasse unterhandelte bereits mit einem
+Schiffer, der eine Barke zur &Uuml;berfahrt zu vermieten hatte.
+Sie aber f&uuml;hlte die Wahrheit der Worte Golowins: die
+Stra&szlig;e war frei, aber das Ziel des Wegs war unkenntlich
+verdunkelt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Lukardis" id="Lukardis"></a>Lukardis</h2>
+
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a></p>
+<p class="newchapter">Im Verlauf der schleichenden Revolution, von der das
+russische Reich w&auml;hrend des vorletzten Jahrzehnts heimgesucht
+war, kam es eines Tages zu einem Stra&szlig;enkampf in Moskau.
+Den unmittelbaren Anla&szlig; hatte die Verschickung von
+f&uuml;nfunddrei&szlig;ig Studenten und Studentinnen gegeben,
+die das Jubil&auml;um eines verehrten Lehrers, welcher der
+Polizei verd&auml;chtig geworden war, in &uuml;berschwenglicher
+Weise gefeiert und die Feier durch heimliche Zusammenk&uuml;nfte
+vorbereitet hatten. Einige der angesehensten
+Familien der Stadt wurden durch die grausame Ma&szlig;regel
+betroffen, und die Trauer und Entr&uuml;stung so vieler bis
+dahin ruhiger B&uuml;rger erregte eine gef&auml;hrlichere Stimmung
+als es die Aufwiegelung der politisch T&auml;tigen vermocht
+h&auml;tte.</p>
+
+<p>Unter den mit t&uuml;ckischer Eile Deportierten befand sich
+auch ein junges M&auml;dchen namens Anna Pawlowna
+Nadinsky. Es lebte in Moskau ein Bruder von ihr, Eugen,
+oder wie es im Russischen hei&szlig;t, Jewgen Pawlowitsch,
+Offizier bei einem Dragonerregiment, ein sch&ouml;ner stolzer
+Mensch von dreiundzwanzig Jahren, dem man eine r&uuml;hmliche
+Laufbahn vorhersagte. Eugen Pawlowitsch Nadinsky
+<a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>liebte seine Schwester, sie war die vertraute Freundin
+in allen Angelegenheiten seines Lebens gewesen. Als er
+sie nun verloren sah, f&uuml;r sich wie f&uuml;r die Welt verloren,
+der Erniedrigung und den Entbehrungen preisgegeben,
+welche der jahrelange Aufenthalt in Sibirien mit sich
+bringen mu&szlig;te, war sein Schmerz so gro&szlig;, das Gerechtigkeitsgef&uuml;hl
+in ihm so tief beleidigt, da&szlig; die Fundamente
+seines Daseins wankten, und er eine Ordnung nicht mehr
+anerkennen wollte, der er sich bis zu dieser Stunde bereitwillig
+gef&uuml;gt hatte. Es geschah fast von selbst und zu
+seinem eigenen Erstaunen, da&szlig; er, als das Regiment wenige
+Tage nach jenem Gewaltstreich der Polizei zur Beschwichtigung
+der in der Stadt ausgebrochenen Revolte unter die
+Waffen treten und in die Stra&szlig;en reiten mu&szlig;te, pl&ouml;tzlich
+die Spitze des von ihm gef&uuml;hrten Zuges verlie&szlig;, von seinem
+Pferd sprang und gegen eine aus Pflastersteinen, Balken,
+Karren, K&ouml;rben und allerlei Hausrat zusammengesetzte
+Barrikade eilte, wobei er den Verteidigern lebhafte Zeichen
+gab, welche sie nicht mi&szlig;verstehen konnten, zumal ja
+&Uuml;berl&auml;ufer aus den Reihen der Soldateska, auch w&auml;hrend
+des Kampfes, nicht selten waren. Kaum aber war Nadinsky
+auf der H&ouml;he der Barrikade angelangt, die er &uuml;bersteigen
+wollte, um sich gegen die wahren Feinde seines Vaterlands
+zu wenden, als ihn aus den Dutzenden wider ihn gerichteten
+Gewehren der Dragoner zwei Sch&uuml;sse trafen. Von der
+andern Seite der Barrikade streckten sich ihm H&auml;nde entgegen,
+Augen strahlten ihn begeistert an, es war wie ein
+Dank und stillte die letzten Zweifel, die ihn noch beunruhigen
+mochten; auch sein Name wurde gerufen; einige kannten
+ihn also, und der Jubel in ihren Stimmen belohnte ihn
+noch in dem Gef&uuml;hl der Todesschw&auml;che. Er kehrte sich um,
+zog den Revolver aus dem G&uuml;rtel und feuerte gegen die
+<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>Anst&uuml;rmenden, denen sein emp&ouml;rtes Herz die Kameradschaft
+gek&uuml;ndigt hatte, dann st&uuml;rzte er auf die Brust,
+und die Finger seiner rechten Hand krampften sich in das
+Strohgeflecht eines zwischen Bretter geklemmten Stuhls.</p>
+
+<p>Sogleich ergriffen ihn zwei junge Leute und trugen den
+Bewu&szlig;tlosen auf die steinerne Treppe eines Haustors.
+In gro&szlig;er Eile &ouml;ffneten sie Nadinskys Rock und Hemd,
+rissen Streifen aus dem Hemd, verbanden die Wunden,
+die stark bluteten, und sahen sich dann hilfesuchend um.
+Da erblickten sie den Wagen eines Gr&uuml;nzeugh&auml;ndlers;
+der Besitzer war verschwunden; das magere kleine Pferd
+stand an der Deichsel wie gefroren. Rasch entschlossen
+betteten sie den Offizier mitten in Gem&uuml;se und Salat
+und deckten ihn mit Bl&auml;ttern zu. Der eine von ihnen kehrte
+zum Kampfplatz zur&uuml;ck, der andere nahm das Ro&szlig; beim
+Z&uuml;gel und f&uuml;hrte es die Stra&szlig;e hinunter, dann durch
+mehrere Nebenstra&szlig;en, schlie&szlig;lich auf einen freien Platz,
+wo die Universit&auml;tsklinik war. Er fuhr in das ger&auml;umige
+Tor und ging in das Zimmer eines Assistenten, der alsbald
+Auftrag gab, den Verwundeten in einen der Krankens&auml;le
+zu schaffen. Die Verletzungen waren schwer. Eine Kugel
+hatte zwar nur den Hals gestreift, die andere jedoch hatte
+unterhalb des Schulterblattes die Lunge getroffen, steckte
+noch im K&ouml;rper und mu&szlig;te durch eine Operation herausgenommen
+werden. Erst am dritten Tage erwachte
+Nadinsky aus fieberhafter Ohnmacht und wu&szlig;te lange
+Zeit nicht, wo er sich befand und was mit ihm geschehen
+war.</p>
+
+<p>Nun hatte aber die Polizei durch einen ihrer zahlreichen
+Spione in Erfahrung gebracht, wo sich der junge Offizier
+befand, von dessen Desertion ganz Moskau sprach. Es
+erschien ein Isprawnik in der Klinik, um den todkranken
+<a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>Mann zu verhaften. Er wurde an Nadinskys Lager gef&uuml;hrt
+und trotzdem er sich von der Gef&auml;hrlichkeit seines Zustandes
+&uuml;berzeugen konnte, beharrte er auf seinem Verlangen
+und pochte auf den schriftlichen Befehl. Indes der Assistenzarzt
+noch mit ihm zu unterhandeln versuchte, trat der
+Professor hinzu, warf einen schnellen Blick auf Nadinskys
+apathisches Gesicht, in welchem ein Zug von Knabenhaftigkeit
+Sympathie und R&uuml;hrung erweckte und sagte:
+&raquo;Wenn man ihn jetzt von hier wegbringt, wird er in der
+ersten Viertelstunde sterben. Es ist vorteilhafter f&uuml;r die
+Polizei, zu warten.&laquo; Der Isprawnik wurde unschl&uuml;ssig.
+Er war noch Neuling und wenig verh&auml;rtet; &uuml;berdies hatte
+er in der F&uuml;lle der ihm obliegenden Gesch&auml;fte und Auftr&auml;ge
+den Kopf verloren. Er &uuml;berlegte eine Weile und erkl&auml;rte
+sich hierauf damit einverstanden, den Offizier noch so
+lange in der Klinik zu lassen, bis seine Kr&auml;fte den Transport
+erlauben w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Damit waren einige Tage f&uuml;r Nadinsky gewonnen;
+in diesen Tagen wuchs die Teilnahme des Professors f&uuml;r
+ihn zusehends, und er trug Sorge, sein Interesse auch andern
+Personen einzufl&ouml;&szlig;en. Es meldeten sich Freunde, die
+ihm zur Flucht verhelfen wollten; eines Morgens wurde
+er in ein Zimmer gebracht, worin au&szlig;er ihm niemand lag.
+Am selben Abend besuchte ihn ein junger Mensch, der die
+Absicht hatte, ihn, als Krankenw&auml;rterin verkleidet, nach
+Sokolnikin, einen Park in der N&auml;he von Moskau, zu
+schaffen, was bei seiner Schw&auml;che und seiner noch immer
+fieberhaften Verfassung ein Wagnis auf Leben und Tod
+bedeutete. Nadinsky war jedoch bereit, ihm zu folgen,
+denn blieb er, so war ihm der Tod oder das Schlimmere,
+ewige Kerkerhaft im entlegensten Sibirien, gewi&szlig;. So
+fuhr er also in tiefer Nacht, bei Schnee und K&auml;lte, es war
+<a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>Mitte des Monats M&auml;rz, nach Sokolnikin und wohnte in
+der Villa eines Gelehrten, der bei der Polizei f&uuml;r unverd&auml;chtig
+galt. Es dauerte aber nur vierundzwanzig Stunden,
+da kamen wieder Boten, die sich als Spazierg&auml;nger unauff&auml;llig
+dem Haus gen&auml;hert hatten, in dessen Mansarde der
+kranke Nadinsky lag, und meldeten, da&szlig; die Polizei neuerdings
+auf seine Spur geraten und da&szlig; f&uuml;r die folgende
+Nacht seine Verhaftung befohlen sei. Es blieb also nichts
+&uuml;brig als einen anderen Zufluchtsort f&uuml;r ihn ausfindig zu
+machen. Der Haushalt des Gelehrten, eines Deutschen
+von Geburt, wurde von seiner Schwester Anastasia Karlowna
+gef&uuml;hrt, einer ebenso beherzten wie gutm&uuml;tigen
+Frau, die seit mehr als vierzig Jahren in Moskau lebte
+und nicht nur in der Gesellschaft einflu&szlig;reiche und wohlwollende
+Bekannte hatte, sondern auch bei vielen Leuten
+im Volk sehr beliebt war. Sie hatte dem jungen Offizier
+Speise und Trank gebracht, ihn gepflegt und seine Anwesenheit
+klug zu verbergen gewu&szlig;t. Nun sorgte sie zun&auml;chst
+f&uuml;r eine neue Verkleidung, und als es d&auml;mmerte, brachte
+sie ihn mit Hilfe eines Menschen, der ihr ganz fremd war,
+sich aber zu diesem Dienst angeboten hatte, im Gewand
+eines einfachen Arbeiters zu der Familie eines Drechslers
+in die Vorstadt. Dort blieb er nur eine Nacht, am Morgen
+weigerte sich der Mann, der Argwohn gesch&ouml;pft hatte und
+f&uuml;r sich und die Seinen begr&uuml;ndete Furcht empfand,
+den Fl&uuml;chtling l&auml;nger zu beherbergen. F&uuml;nf Tage lang
+wurde Nadinsky auf diese Weise von Haus zu Haus geschleppt,
+von dem des Drechslers in die Wohnung einer
+Fuhrmannswitwe, dann in die eines Maurers, dann zu
+einem G&auml;rtner, schlie&szlig;lich zu einem Laboranten. Immer
+merkten die Leute nach wenigen Stunden, wem sie ein
+Asyl gew&auml;hrt hatten, die Angst vor der Polizei &uuml;berwog
+<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>das Mitleid und verstockte sie gegen die Beredsamkeit
+Anastasias, die in ihrem Eifer keineswegs erlahmte. Sie
+war die N&auml;chte &uuml;ber bei Nadinsky, denn er konnte sich nicht
+selbst &uuml;berlassen bleiben; man mu&szlig;te ihn ankleiden,
+waschen und zweimal t&auml;glich die Wunden verbinden,
+deren Heilung bei der unregelm&auml;&szlig;igen und aufregenden
+Lebensweise nur langsam vonstatten ging. Als nun auch
+der Laborant, den sie mit Geld und vielen Worten bestochen
+hatten, den aufgezwungenen Gast fortzubringen befahl,
+verzweifelte Anastasia Karlowna daran, Nadinsky retten
+zu k&ouml;nnen. Die Freunde, die ihr bisher beigestanden,
+vermochten nichts mehr zu tun, die Polizei war auf ihren
+Spuren, jeder fernere Schritt mu&szlig;te sie ins Verderben
+ziehen, auch sie selbst f&uuml;hlte sich bedrohlich &uuml;berwacht.
+Zum letztenmal versuchte sie den Laboranten durch Bitten
+und Flehen zu erweichen; nur noch eine einzige Nacht
+m&ouml;ge er christliche Nachsicht &uuml;ben, das Leben ihres Bruders
+&#8211; denn sie gab Nadinsky f&uuml;r ihren Bruder aus &#8211; stehe
+auf dem Spiel; umsonst, sie sch&uuml;rte blo&szlig; das Mi&szlig;trauen
+des Mannes und alles, was sie erreichte, war, da&szlig; er ihr
+drei Stunden Frist gab; wenn nach Verlauf dieser Zeit
+Nadinsky nicht aus dem Haus geschafft sei, werde er die
+Anzeige machen.</p>
+
+<p>Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr
+mu&szlig;te also Anastasia eine St&auml;tte f&uuml;r ihren Sch&uuml;tzling
+gefunden haben. Sie irrte eine Weile durch die Stra&szlig;en,
+ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber immer
+vor den T&uuml;ren wieder um, weil sie &uuml;berall eine abschl&auml;gige
+Antwort oder gar Verrat f&uuml;rchtete. Da verfiel sie in ihrer
+Bedr&auml;ngnis auf den Gedanken, Nadinsky in eines jener
+H&auml;user zu bringen, in denen an Liebespaare Zimmer
+vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig, einen
+<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>Pa&szlig; vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege
+haben konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert,
+den sie am Morgen zu ihm gef&uuml;hrt hatte, dann
+konnte er zur Grenze gelangen. Um den k&uuml;hnen Plan
+durchzuf&uuml;hren, mu&szlig;te sie aber eine Helferin haben, ein
+Gesch&ouml;pf, dem man die Liebe glaubte und das stark,
+verschwiegen und klug war. Sie lie&szlig; alle jungen Damen,
+die sie kannte, an ihrem inneren Auge vor&uuml;bergehen, aber
+keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich zu nehmen.
+Unter den Revolution&auml;rinnen hatte Anastasia keine Bekannte,
+auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen,
+die m&ouml;glicherweise den Nachsp&auml;hungen der Polizei
+ausgesetzt war; an eine Angeh&ouml;rige der untern Klasse
+oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte,
+war nicht zu denken, es mu&szlig;te eine Dame oder ein Fr&auml;ulein
+aus der Gesellschaft sein.</p>
+
+<p>Sie war erm&uuml;det von den Anstrengungen der letzten
+Tage, und mehr um zu rasten als um eine Erfrischung zu
+nehmen, ging sie in eine kleine Konditorei an der Stra&szlig;e,
+trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein d&auml;mmeriges
+Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen
+sa&szlig;en und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in
+ihre N&auml;he, ohne sie zu beachten, merkte aber dann, da&szlig; die
+eine, die &auml;ltere Dame, sie fixierte und mit freundlichem
+Nicken her&uuml;bergr&uuml;&szlig;te. Da erkannte sie die Frau; es war
+Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten
+Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis,
+ein etwa neunzehnj&auml;hriges M&auml;dchen von nicht gew&ouml;hnlicher
+Sch&ouml;nheit. Kaum hatte Anastasia einen Blick auf sie
+geworfen, so sagte sie sich: Die mu&szlig; es vollbringen und
+keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals
+Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast noch
+<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>ein Kind gewesen war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl,
+sie hatte sich oft mit ihr besch&auml;ftigt, oft mit ihr gesprochen;
+sie erinnerte sich, da&szlig; das damals dreizehnj&auml;hrige Gesch&ouml;pf
+ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie es nur Menschen
+tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere
+Kraft in sich verschlie&szlig;en; was f&uuml;r eine Eigenschaft oder
+Kraft es war, hatte sie nie ergr&uuml;nden k&ouml;nnen, soviel sie
+auch dar&uuml;ber gegr&uuml;belt hatte. Die Mutter war eine ziemlich
+einf&auml;ltige Frau, fromm, apathisch und harmlos, sogar
+ihres Gebrechens nur dumpf bewu&szlig;t.</p>
+
+<p>Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann,
+nachdem sie die Generalin durch Mienen und Gesten nach
+ihrem Befinden gefragt, leise mit Lukardis Nikolajewna
+zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf ihren
+Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte,
+senkte sie bescheiden die Augen und st&ouml;rte das
+Gespr&auml;ch durch kein Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia
+sp&uuml;rte die Verwegenheit ihres Vorhabens mit beklommenem
+Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie mu&szlig;te sich kurz
+fassen; sie mu&szlig;te in wenigen S&auml;tzen alles sagen, das Au&szlig;erordentliche
+verlangen, Lukardis innerstes Menschengef&uuml;hl
+aufr&uuml;hren und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall
+alles vereiteln, Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis
+wu&szlig;te wenig von den revolution&auml;ren Umtrieben; sie ahnte
+vieles, hatte jedoch weder Einblick noch Urteil; sie lebte in
+einer Sph&auml;re sanfter Tr&auml;ume, mit der Erinnerung an
+Puppen und der Gegenwart h&uuml;bscher Schmuckk&auml;stchen,
+mit dem Echo der neckischen Galanterien verheirateter
+Herren und der vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte
+doch, wie ein junges Waldtier, das fernes Jagdget&ouml;se
+vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut, Schmerz und
+Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; es
+<a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>gab Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe
+empfand, eine grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den
+Bezirk heuchlerischer Stille, in dem sich ihr Dasein formte,
+zu verlassen. Aber sie f&uuml;rchtete die Welt, sie f&uuml;rchtete die
+Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand, die ihr
+gereicht wurde, ihr war, als ob alles tr&uuml;be, ja schmutzig
+sei, was au&szlig;erhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war,
+sie h&ouml;rte Leute auf der Gasse nie ohne Schauder reden,
+sie vermochte keine Zeitung zu lesen, ohne da&szlig; sie neben dem
+Wilden und R&auml;tselhaften, als welches sich ihr das Leben,
+das Drau&szlig;en darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes
+und Befleckendes f&uuml;hlte, selbst die meisten B&uuml;cher, ein
+Vers, ein Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen
+schrecklichen, nicht zu besiegenden Eindruck.</p>
+
+<p>Regungslos h&ouml;rte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht
+f&auml;rbte und entf&auml;rbte sich wieder. Da war keine Lockung,
+kein Prickeln des Unbekannten, keine m&auml;dchenhafte L&uuml;sternheit
+und ungestandene Aufregungslust; nichts anderes
+vernahm sie als den Ruf zur Pflicht. Nichts anderes las
+sie in den harten Z&uuml;gen Anastasia Karlownas. Sie
+brauchte nicht einmal einen Entschlu&szlig; zu fassen; was sie
+zu tun hatte, stand sogleich und unab&auml;nderlich fest. Sie
+war Braut. Seit sechs Wochen war sie mit einem Petersburger
+Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch Kussin,
+verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten,
+da&szlig; sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten
+Schicksal entgegengehe, auch sie selbst f&uuml;hlte sich
+gl&uuml;cklich. Wenn es etwas gab, das sie irre machen konnte,
+war es der Gedanke an ihn, dem sie mit schwesterlichem
+Gef&uuml;hl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies
+sp&uuml;ren mochte, eine Andeutung fallen lie&szlig;, um sie dar&uuml;ber
+zu beruhigen, runzelte sie die Stirn und erwiderte, sie
+<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>bed&uuml;rfe des Zuspruchs nicht, ihr Br&auml;utigam werde niemals
+die Meinung hegen, da&szlig; sie etwas Schlechtes oder H&auml;&szlig;liches
+begangen habe.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind also dazu entschlossen?&laquo; fragte Anastasia
+leise, indem sie den Blick ihrer grauen Augen auf die
+Hand des M&auml;dchens heftete.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin dazu entschlossen,&laquo; antwortete Lukardis
+ebenso leise, ohne die Lider zu erheben. &raquo;Es ist nur noch
+eine Schwierigkeit&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen
+ist?&laquo; fiel ihr Anastasia rasch und mit einem
+fanatischen Ton der Stimme ins Wort.</p>
+
+<p>&raquo;Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei N&auml;chte
+vom Hause wegzubleiben?&laquo; fragte Lukardis, die Finger
+ihrer wei&szlig;en H&auml;nde verschr&auml;nkend.</p>
+
+<p>Anastasia starrte d&uuml;ster sinnend auf einen Kuchenteller.</p>
+
+<p>&raquo;Nur das eine ist m&ouml;glich,&laquo; fuhr Lukardis fl&uuml;sternd
+fort, &raquo;ganz in der Stille zu verschwinden, der Mutter einen
+Brief zu schreiben&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit
+bitten und versprechen, bei der R&uuml;ckkehr alles zu
+sagen. Aber auch Sie selbst m&uuml;ssen schweigen, Lukardis
+Nikolajewna,&laquo; setzte sie fast drohend hinzu. &raquo;Sie m&uuml;ssen
+schweigen, als ob Sie es nie gelebt h&auml;tten.&laquo;</p>
+
+<p>Lukardis nickte blo&szlig;. Ihre Augen waren jetzt weit
+ge&ouml;ffnet und blickten geradeaus. Anastasia sch&auml;rfte ihr
+aufs genaueste ein, wie sie sich zu kleiden und wie sie sich
+zu betragen habe und nachdem sie ihr noch gesagt hatte,
+wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht sie
+an das ernste Gespr&auml;ch, das trotz seiner Gewichtigkeit
+kaum eine Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden
+an, um Lukardis zum L&auml;cheln zu bringen und in der Generalin
+<a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>keinen Argwohn keimen zu lassen, erhob sich dann
+erleichterten Herzens und verabschiedete sich.</p>
+
+<p>Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet.
+Er lag in dem armseligen Zimmer des Laboranten
+auf dem Sofa, und nachdem er sie angeh&ouml;rt hatte,
+dr&uuml;ckte er ihr die Hand und sagte: &raquo;Mein Leben ist so vieler
+Umst&auml;nde nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist
+ein verlorenes Leben.&laquo; Anastasia verwies ihm diese Worte;
+sie entgegnete, da&szlig; sie sich bessern Dank erhofft habe,
+als so mutlose Redensarten zu h&ouml;ren, und fing an, den
+Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky seufzte.
+&raquo;Was solls auch&laquo; sagte er mit m&uuml;der Stimme, &raquo;mir ist
+nun alles anders, Auge, Hand und Gef&uuml;hl. Wie von Gespenstern
+bin ich umgeben, ich empfinde gar nicht den Abschlu&szlig;
+gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter auf dem Gut.
+Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals
+genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild
+von mir. Sie wei&szlig; nicht, da&szlig; sie mich nie wiedersehen wird,
+sie wei&szlig; es durchaus nicht, trotzdem weint sie &uuml;ber dem
+Bild. Aber ich, ich f&uuml;hle nichts. Mir ist alles so wesenlos
+geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.&laquo;</p>
+
+<p>Anastasia hielt diese Reden f&uuml;r einen Ausdruck des
+Fiebers und sch&uuml;ttelte unwillig den Kopf. Eine Weile,
+nachdem es dunkel geworden war, fuhr ein Wagen am
+Toreingang vor. Anastasia hatte einen h&uuml;bschen Anzug
+f&uuml;r Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen,
+besah ihn jetzt noch einmal pr&uuml;fend und geleitete
+ihn dann hinunter. Im Wagen sa&szlig; Lukardis Nikolajewna
+Schmoll, tief verschleiert. Anastasia reichte ihr ein Paket
+mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, da&szlig; sie ihn am
+zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer
+gewissen Stelle des Bahnhofs erwarten und da&szlig; sie sich
+<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>bis dahin einen Auslandspa&szlig; f&uuml;r ihn verschafft haben
+werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse, winkte
+gr&uuml;&szlig;end ins Fenster und der Wagen fuhr davon.</p>
+
+<p>Schweigend sa&szlig;en Lukardis und Nadinsky nebeneinander.
+Die Situation war zu ungew&ouml;hnlich, zu drohend,
+zu schicksalsvoll, als da&szlig; sie Verlegenheit h&auml;tten empfinden
+k&ouml;nnen. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel,
+sah Lukardis, da&szlig; Nadinsky die Augen geschlossen hatte
+und da&szlig; sein Gesicht bleich war. Er hatte ihr die Hand
+gegeben, als er sich neben sie gesetzt hatte, das war alles.
+Sie ihrerseits fand, da&szlig; seine N&auml;he sie nicht schreckte
+und da&szlig; sie schweigen durfte.</p>
+
+<p>Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen
+Gasse. Nadinsky mu&szlig;te alle Kraft zusammennehmen, als
+sie ausstiegen. Er reichte seiner Begleiterin den Arm, doch
+f&uuml;hrte sie ihn mehr als er sie. Er forderte zwei Zimmer.
+Man war beflissen, ihm gef&auml;llig zu sein. Er schleppte
+sich mit M&uuml;he die Treppe hinauf, bewahrte mit M&uuml;he die
+Haltung des Lebemanns, den ein fl&uuml;chtiges Abenteuer
+besch&auml;ftigt. Dem Gebrauch des Hauses entsprechend,
+wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung
+&uuml;berwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetre&szlig;ten
+Livree, hatte boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein
+unver&auml;nderliches, abgeschmackt einladendes L&auml;cheln auf
+den dicken Lippen und war dem&uuml;tig. Lukardis sp&uuml;rte,
+wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog.
+Er deckte den Tisch, blieb h&uuml;ndisch lauschend stehen,
+w&auml;hrend Nadinsky mit ersch&ouml;pfter Gleichg&uuml;ltigkeit die
+Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein messender
+Blick schien zu verlangen, da&szlig; die beiden auch wirklich
+waren, was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt;
+sie hatte ein dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sich
+<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>nicht geben, wie sie sonst war; die kindliche Unschuld,
+von der ihre Miene sonst strahlte, mu&szlig;te sich in Leichtfertigkeit
+verwandeln; sie mu&szlig;te gespr&auml;chig sein, Koketterie
+zeigen, mu&szlig;te lachen, mu&szlig;te den Arm um Nadinskys
+Schultern legen und sich bisweilen auf seinen Scho&szlig;
+setzen, sie mu&szlig;te passionierte, &uuml;berm&uuml;tige, verf&uuml;hrerische
+Geb&auml;rden haben; was sie nie beobachtet, nie zu sehen gew&uuml;nscht,
+nie anders als schaudernd bedacht, nur durch
+fl&uuml;chtige Worte und fl&uuml;chtige Bilder mit abgewandtem Ohr
+und Auge erfahren, das mu&szlig;te sie tun, um jenen Menschen
+zu t&auml;uschen, der mit Tellern, Sch&uuml;sseln, Gl&auml;sern und Flaschen
+hereinkam, den Sekt in den Eisk&uuml;bel stellte, die
+Speisen servierte und dann schweigend, l&auml;chelnd, hinter
+niedertr&auml;chtig gesenkten Lidern sp&auml;hend auf Befehle harrte.
+Sie mu&szlig;te es um der &uuml;ppigen Lichter, der bunten Polster,
+der spiegelnden W&auml;nde willen tun, um dieses Hauses
+willen, dessen l&uuml;genhafter Prunk ihre Gedanken in Aufruhr
+versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen Zweifel
+an der Echtheit und Nat&uuml;rlichkeit ihres Benehmens erregen;
+alles mu&szlig;te wie von ungef&auml;hr sein, raffiniert und durchsichtig,
+ohne Zaudern und ohne Hast; sie mu&szlig;te von den
+Speisen essen, sie mu&szlig;te Wein und Champagner trinken,
+sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der Diener
+drau&szlig;en war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken,
+aber das volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte.
+Des Genusses geistiger Getr&auml;nke durchaus ungewohnt,
+ward ihr bang und schwer zumut, und es kostete sie immer
+gr&ouml;&szlig;ere Anstrengung, die Rolle durchzuf&uuml;hren, die sie mit
+solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft
+der Kellner das Zimmer verlie&szlig;, erhob sie sich; in ihrem
+Gesicht l&ouml;ste sich die furchtbare Spannung, um einem Ausdruck
+der Verst&ouml;rtheit und der angstvollen Erinnerung Platz
+<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>zu machen, denn ihr war, als seien viele Jahre verflossen,
+seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky
+schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick
+an, suchte sie wie hinter Masken, beklagte sie stumm,
+klagte sich selbst mit einer Geb&auml;rde an und es wurde ihm
+nicht leicht, das studierte L&auml;cheln wieder auf seine Lippen
+zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser zur&uuml;ckkehrte.</p>
+
+<p>Als der Tisch abgetragen war, kam eine Magd, die ein
+wei&szlig;es H&auml;ubchen auf dem Kopf trug; sie war jung und
+sah alt aus, ihr Gesicht war fahl vom best&auml;ndigen Leben
+im Lampenlicht und in schlecht gel&uuml;fteten R&auml;umen. Sie
+hatte Wasser zu bringen, das Feuer im Ofen zu n&auml;hren
+und nach den W&uuml;nschen des Paares zu fragen; sie redete
+mit s&uuml;&szlig;licher Stimme, aber ihre Z&uuml;ge waren versteinert
+vor Ha&szlig; gegen die obere Welt, gegen die, die
+da kamen, um ver&auml;chtlichen, eiligen Gen&uuml;ssen zu fr&ouml;hnen.
+Die Knie wankten Lukardis, wenn sie den Blick auf die
+Person richten mu&szlig;te, und sie sch&auml;mte sich ihrer F&uuml;&szlig;e,
+ihrer H&auml;nde, ihres Halses und ihrer Schultern. Endlich
+war auch diese Pr&uuml;fung vor&uuml;ber und sie konnte die T&uuml;r
+zusperren; sie waren allein. Von einer Turmuhr schlug
+es zehn Uhr. Die aushallenden Kl&auml;nge vibrierten durch
+das Gemach. Nadinsky ging ins andere Zimmer zu dem
+Doppelbett, &uuml;ber welches ein blauseidener Baldachin
+gespannt war; er fiel kraftlos darauf nieder. Erst nachdem
+er eine Viertelstunde geruht, konnte ihm Lukardis beim
+Auskleiden helfen. Die Decke bis an die Brust gezogen
+lag er mit nacktem Oberk&ouml;rper da. Es ist ein Mensch,
+sagte sich Lukardis, der pl&ouml;tzlich die Tr&auml;nen in die Augen
+stiegen, und mit einer Art von Schrecken erinnerte sie sich
+an das rotwangige Antlitz Alexander Michailowitschs,
+<a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>ihres Verlobten. Sie wusch Nadinskys Wunden und erneuerte
+den Verband. Nadinsky sp&uuml;rte die zarte Hand
+wie man in einem Halbtraum Wohlger&uuml;che sp&uuml;rt; zu danken
+war er nicht f&auml;hig; er f&uuml;rchtete ihr Auge, er f&uuml;rchtete sie
+zu beleidigen durch einen Blick des Dankes, er w&uuml;nschte,
+sie m&ouml;chte ihn nur als Leib ansehen, als Gegenstand ohne
+Gesicht und ohne Gef&uuml;hl. Und so wie sie, halb entsetzt
+und halb erbarmend dachte: ein Mensch, so dachte er, halb
+beseligt und halb in Angst um sie: ein Wesen.</p>
+
+<p>Er schlief ein. Lukardis setzte sich in einen Sessel und
+r&uuml;hrte sich nicht. Sie hatte in ihrem T&auml;schchen ein Buch
+mitgenommen, aber sie wu&szlig;te, da&szlig; sie nicht w&uuml;rde lesen
+k&ouml;nnen. Sie versuchte, an ihre Mutter, an ihren Vater,
+an ihre Freundinnen, an den letzten Ball, an die Oper
+zu denken, die sie zuletzt geh&ouml;rt, aber sie konnte nicht denken,
+alles verschwamm, alles enteilte. Sie h&ouml;rte Nadinskys
+tiefe Atemz&uuml;ge, sie sah sein blasses, h&uuml;bsches, von Schmerzen
+erm&uuml;detes Gesicht, aber auch er, den sie pflegen und
+bewachen sollte, war ihren Gedanken kaum erreichbar.
+Ihr schien, da&szlig; von ihrem Platz bis zu seinem Bett ein
+Weg von vielen Meilen sei. Sie lauschte. Sie vernahm
+Kichern auf der Treppe und schl&uuml;rfende Schritte im
+Flur. Stimmen, Frauen- und M&auml;nnerstimmen, drangen
+ged&auml;mpft durch die W&auml;nde, auch von oben herunter und
+von unten herauf. Gl&auml;ser klirrten, dann wurde ein Klavier
+gespielt. Es war ein Walzer. Eine Saite des Instruments
+mu&szlig;te gerissen sein, denn immer, wenn eine gewisse Stelle
+kam, entstand ein Loch in der Melodie wie die Zahnl&uuml;cke
+im Mund eines Lachenden. Von irgendwoher schallte
+Geschrei, dann schwieg das Klavier, und an der Mauer zur
+Linken raschelte es. Dann war ein Seufzen, bei dem Lukardis
+das Blut in den Adern gerann. Sie roch den aufgespeicherten
+<a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>Parf&uuml;m aus verschlossenen Zimmern, sie
+h&ouml;rte das Rauschen von Gew&auml;ndern und wie man T&uuml;ren
+&ouml;ffnete und wieder schlo&szlig;. Die Laute riefen Bilder hervor,
+sie konnte sich ihnen nicht entziehen, sie zitterte, und zitternd
+mu&szlig;te sie schauen. So hatte sie die Welt nie verstanden,
+so das Leben nicht geglaubt. Begegnungen im Finstern,
+H&auml;nde, die einander fremd waren und einander dennoch
+hielten, ein Taumeln gegen j&auml;h erhellte Spiegel, &Uuml;bereinkommen
+in Worten ohne Scham, das Unbekannte entschleiert,
+das Geheimnisvolle leer, die Weihe besudelt,
+die heimlichen Sch&auml;tze der Phantasie entwertet, ach, sie
+griff an ihr Gesicht, wurde der Schminke auf den Wangen
+inne und ihr Herz f&uuml;llte sich mit Grauen.</p>
+
+<p>Nadinsky schlug die Augen auf und st&ouml;hnte. Sie schritt
+den meilenlangen Weg bis zu ihm und reichte ihm ein
+Glas Wasser. Als sie seine Stirn f&uuml;hlte und sie hei&szlig; fand,
+legte sie ein feuchtes Tuch dar&uuml;ber. Da erwachte er v&ouml;llig
+und fing an zu sprechen. Er redete in kurzen S&auml;tzen,
+sprach vom Hospital, vom Professor und von Anastasia
+Karlowna. Lukardis lie&szlig; zaghafte Worte in die Pausen
+fallen. &raquo;Morgen werde ich mich kr&auml;ftig genug f&uuml;hlen,
+um das Haus zu verlassen,&laquo; sagte er. Sie entgegnete:
+&raquo;Das ist unm&ouml;glich, Sie haben noch Fieber und Anastasia
+Karlowna erwartet Sie erst &uuml;bermorgen fr&uuml;h um sieben
+Uhr.&laquo; Die sanft gesprochenen Worte durchleuchteten ihm
+ihr Gem&uuml;t, ihre bisher ungetr&uuml;bte Jugend, ihre reinen und
+starken Sinne, aber er gewahrte nicht, da&szlig; sie fast best&auml;ndig
+zitterte. Jetzt wurde das Klavier wieder gespielt, von einer
+andern Hand, roh, tumultuarisch und trunken, und w&auml;hrend
+der ganzen Dauer des Spiels sahen Nadinsky und Lukardis
+einander gepeinigt in die Augen. Es war Mitternacht vor&uuml;ber,
+und auf einmal wurde drunten dumpf gegen das
+<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>Tor gepocht. Eine Glocke erschallte mit frechem L&auml;rm.
+Nadinsky richtete sich halb empor. Seine Finger krampften
+sich zusammen, sein Blick war voll d&uuml;sterer Erwartung.
+Lukardis stand auf und lauschte ohne Atem. Das Klavier
+schwieg. Es w&auml;hrte lange, bis das Tor ge&ouml;ffnet wurde.
+Schon h&ouml;rten sie Schritte auf der Treppe, schauten entgeistert
+beide auf die T&uuml;rklinke, harrten auf das Klopfen
+an die T&uuml;r, das ihr f&uuml;rchterliches Los entscheiden mu&szlig;te,
+und wirklich drangen Stimmen in hastiger Wechselrede
+bis zu ihnen. Aber dann wurde es still, und ihre Pulse
+begannen wieder regelm&auml;&szlig;ig zu schlagen. In diesen drei
+oder vier Minuten f&uuml;hlten sie sich sonderbar vereint,
+ihre Kraft und ihre Furcht war gegen ein gemeinsames Ziel
+gerichtet, es war ihnen, als w&uuml;rden sie von einem Sturmwind
+in die Luft gehoben und Brust an Brust gegeneinander
+geschleudert, so da&szlig; sie sich mit den Armen umfassen
+mu&szlig;ten, um einer dem andern Hilfe zu gew&auml;hren beim
+drohenden Sturz. Lukardis verga&szlig; sich selbst und Nadinsky
+verga&szlig; sich selbst, er sp&uuml;rte nur die Angstglut in ihr, Verlust
+alles Gl&uuml;ckes, Schande und Elend, sie aber ergab sich seinem
+Geschick, mutig und jetzt erst ahnend, wof&uuml;r er sein Leben
+in die Schanze geworfen hatte.</p>
+
+<p>Indessen &uuml;bermannte den Fiebernden der Schlaf von
+neuem. Doch konnte er festen Schlummer nicht finden,
+solange die grellen elektrischen Flammen ihn blendeten.
+Aus R&uuml;cksicht f&uuml;r Lukardis enthielt er sich, den Wunsch
+nach Dunkelheit zu &auml;u&szlig;ern, aber an der unruhigen Bewegung
+seiner Lider merkte sie, was ihn st&ouml;rte. So l&ouml;schte sie die
+Lichter und z&uuml;ndete im Nebenzimmer eine Kerze an. Auch
+sie war m&uuml;de, die sp&auml;te Stunde wirkte wie ein l&auml;hmendes
+Gift auf sie, und sie sah sich nach einer Lagerstatt um.
+In diesem Raum war kein Bett, nur eine Ottomane;
+<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>ihr ekelte vor dem Pl&uuml;sch, mit dem das M&ouml;belst&uuml;ck bezogen
+war. Ihr ekelte auch vor den St&uuml;hlen und vor dem Teppich.
+Bei der Schwelle zu Nadinskys Zimmer rollte sie den
+Teppich auf, warf ihren Pelzmantel auf den Boden und
+legte sich hin. Die Kerze lie&szlig; sie brennen. Aber so war
+sie dem Haus n&auml;her als vordem, h&ouml;rte sie abgeteilt die bisher
+verschwommenen Ger&auml;usche, einen Ruf, ein Gel&auml;chter,
+ein einzelnes Wort, aber sie h&ouml;rte auch, wie der Schnee an
+die Fensterscheiben schlug, und das milde Knistern beruhigte
+sie; sie h&ouml;rte die Atemz&uuml;ge Nadinskys, und dies mahnte
+sie an ihre Verantwortung. Jeder Atemzug kn&uuml;pfte sie
+fester an sein Geschick. Die Wichtigkeiten ihres fr&uuml;heren
+Lebens wurden bedeutungslos, was sie dort getan, gewollt,
+gewesen, d&uuml;nkte ihr kindisches T&auml;ndeln. Sehns&uuml;chtig
+blickte sie zur&uuml;ck wie vom Bord eines Schiffes auf
+die versinkende Heimat. Sie schlief und schlief gleichwohl
+nicht. Nadinsky sprach ihr Trost und Mut zu, das war
+getr&auml;umt; er r&ouml;chelte in einem Fiebertraum, das war
+Wachen. Im Traum war sie &uuml;ber ihn gebeugt und beh&uuml;tete
+ihn; im Wachen war sie an den Boden gekettet und vernahm
+den m&auml;nadischen Schrei eines Weibes. Als der
+Morgen graute, sah sie eine Ratte &uuml;ber den Teppich laufen.
+Das Tier schien phantastisch gro&szlig;, da&szlig; es sich bewegte,
+war gespensterhaft; sie richtete sich kniend auf und suchte
+den Himmel zwischen den Spalten der Vorh&auml;nge. Sie
+gewahrte nur etwas Graues oben und weiter unten ein
+Fenster, aus welchem ein knochiges Gesicht lugte. Eine
+Sekunde zermalmender Hoffnungslosigkeit; sie schlich,
+nein, fl&uuml;chtete zu Nadinskys Lager. Sein rechter Arm
+hing schlaff herab, Schwei&szlig; perlte auf seiner Stirn. Sein
+Anblick war ihr erschreckend fremdartig; schmerzlicher Ha&szlig;
+loderte in ihrer Brust. Doch gab es auf der Welt keinen
+<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>andern Menschen mehr, den sie so anblicken konnte; sie
+hatte viel von ihm zu fordern, ja alles, ohne ihn blieb
+ihr nichts &uuml;brig in der Welt als dieses Haus.</p>
+
+<p>Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange
+sie in den Zimmern bleiben wollten; es war nicht gebr&auml;uchlich,
+sie l&auml;nger als eine Nacht zu benutzen. Anastasias
+Plan war gewesen, da&szlig; sie sich &uuml;ber Mittag einschlie&szlig;en
+und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie w&uuml;nschten
+auch die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck
+sollten sie dem Diener und dem Stubenm&auml;dchen ein Goldst&uuml;ck
+geben. Aber man brauchte frisches Wasser f&uuml;r die
+Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung.
+Es mu&szlig;te auffallen, wenn sie zu fr&uuml;h l&auml;uteten, und wie
+sollten sie das Verweilen &uuml;ber den ganzen Tag rechtfertigen?
+Nadinsky war mit offenen Augen wortlos dagelegen,
+jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er bat
+sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei
+Goldst&uuml;cke seien zu wenig, meinte er, man m&uuml;sse f&uuml;nfzig
+Rubel geben; Lukardis erwiderte, das verschwenderische
+&Uuml;berma&szlig; werde Verdacht erregen, und man m&uuml;sse gew&auml;rtigen,
+da&szlig; der Eigent&uuml;mer k&auml;me, um zu spionieren.
+Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war
+ihr Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches
+gewesen. Sie verhandelten beide mit &auml;u&szlig;erster K&auml;lte,
+doch ihre Stimmen klangen erstickt. Eine Bemerkung
+Lukardis &uuml;ber das gemeine Gesicht des Aufw&auml;rters veranla&szlig;te
+Nadinsky, ihr, sp&ouml;ttischer als er beabsichtigte,
+zu entgegnen, sie habe gewi&szlig; allzu beh&uuml;tet gelebt, wie in
+Wolle, und von denen, die da unten hausten, in Schmutz
+und b&ouml;sem Wetter, k&ouml;nne keiner ihr Gefallen finden.
+Es war ein Emp&ouml;rungsversuch gegen das Joch der Dankbarkeit,
+das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sich
+<a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>herauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Z&uuml;gen
+wechseln zu lassen. Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab
+ihm recht, und er war entwaffnet. Ihre Sanftmut r&uuml;hrte
+ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur Grausamkeit an.
+Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie f&uuml;r achtundvierzig
+Stunden als Gef&auml;hrtin an seine Seite gezwungen
+hatte, er fand sich schuldig an der Erniedrigung,
+unter der sie litt und z&uuml;rnte ihr deshalb. Ihm war, als
+h&auml;tte sie, ehe sie ihn getroffen, nur wei&szlig;e Gew&auml;nder
+getragen und von ihren sch&ouml;nen Lippen hallten nur leere
+Worte nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verw&ouml;hnten
+Klasse. Jetzt erst wurde er zum wahren Rebellen, jetzt,
+in ihrer N&auml;he; seine Verborgenheit und seine Flucht kamen
+ihm schimpflich vor, und er hielt es f&uuml;r wahrscheinlich,
+da&szlig; ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum
+sagte er pl&ouml;tzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen;
+er wolle sich zeigen, es l&auml;ge ihm nichts daran,
+ja es sei seine Pflicht, das Los so vieler Gerichteter zu teilen,
+die mehr erreicht und mehr gewagt h&auml;tten als er. Wem
+k&ouml;nne er noch n&uuml;tzen, nachdem er &uuml;ber die Grenze geflohen?
+Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner ungl&uuml;cklichen
+Schwester nicht.</p>
+
+<p>Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine
+Gr&uuml;nde konnte sie nennen, nur m&auml;dchenhafte Argumente
+finden. Aber als er verstockt blieb, nahm sie einen gebieterischen
+Ton an und sah aus wie eine junge K&ouml;nigin.
+Pl&ouml;tzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte geh&ouml;rt. Sie
+hob den Zeigefinger der rechten Hand und pre&szlig;te ihn auf
+ihren Mund. An der T&uuml;r stand jemand und lauschte.
+Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und Nadinsky senkte
+den Kopf. Da entschlo&szlig; sich Lukardis zu dem, was n&ouml;tig
+war. Sie schritt auf den Zehen zur T&uuml;r, schob den Riegel
+<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>auf, eilte dann gegen das Bett zur&uuml;ck, schl&uuml;pfte schnell
+unter die Decke neben Nadinsky, zog die Decke bis an ihren
+Hals, griff nach dem Knopf der elektrischen Klingel,
+der an einer langen Schnur zu ihren H&auml;uptern herabhing
+und l&auml;utete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der T&uuml;r
+klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der T&uuml;r
+stehenbleibend, mit nornenhafter D&uuml;sterkeit Nadinskys
+Befehl, frisches Wasser zu bringen und den Kellner zu
+rufen, damit man das Fr&uuml;hst&uuml;ck bestellen k&ouml;nne. Sie holte
+zwei Kr&uuml;ge voll frischen Wassers und dann kam der Aufw&auml;rter.
+Sein lauernder Blick durchma&szlig; den Raum und
+auch den andern, soweit er ihn ersp&auml;hen konnte, und es war
+Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit denen sie im Bett
+lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen geeignet
+war. Sie schlo&szlig; die Augen, denn diesen Menschen zu sehen
+war ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die F&uuml;nfzigrubelnote
+wieder genommen und gab sie jenem. &raquo;Zwanzig sind f&uuml;r das
+M&auml;dchen, drei&szlig;ig f&uuml;r dich,&laquo; sagte er in einem bemeistert
+l&auml;ssigen Ton, &raquo;wir wollen noch bis morgen fr&uuml;h bleiben,
+wenn es geht.&laquo; Der Aufw&auml;rter verbeugte sich fast bis zur
+Erde; ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet.
+Auch die Magd, die Kohlen in den Ofen warf, kam herzu
+und wollte Nadinsky die Hand k&uuml;ssen. Er wehrte sie ab.
+&raquo;Wenn es den Herrschaften gef&auml;llt, ist sicher nichts einzuwenden,&laquo;
+sagte der Kellner mit einer katzenhaften Geb&auml;rde
+und blinzelte. Nadinsky verlangte ein Fr&uuml;hst&uuml;ck.
+Es dauerte eine Viertelstunde, bis der Tee mit allem
+Zubeh&ouml;r gebracht wurde. Indessen lag Lukardis wie auf
+gl&uuml;hendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas,
+das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gef&uuml;hl, aus Kummer
+und Furcht gemischt, und ihr Antlitz &uuml;berzog sich mit
+t&ouml;dlicher Bl&auml;sse. Nadinsky r&uuml;hrte sich nicht, ihre Empfindung
+<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>teilte sich ihm mit, er begriff ihre Qual und vermied es,
+die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufw&auml;rter hatte den
+Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und
+entfernte sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte
+Lukardis die Decke weg und erhob sich wie vor Feuer
+fl&uuml;chtend. Sie verriegelte die T&uuml;r und &ouml;ffnete ein Fenster.
+Ihr Haar hatte sich gel&ouml;st, sie lie&szlig; es ruhig h&auml;ngen, denn
+es bedeckte ihre entbl&ouml;&szlig;ten Schultern. Eine Stunde fr&uuml;her
+h&auml;tte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen m&ouml;gen, doch seit
+sie neben ihm gelegen, h&uuml;llenlos trotz aller H&uuml;llen, preisgegeben
+ohne Ma&szlig;, emp&ouml;rten Blutes, seiner Gnade v&ouml;llig
+&uuml;berwiesen, war es nicht mehr von Belang, da&szlig; die Haare
+von ihrem Haupt herabhingen.</p>
+
+<p>Als das Zimmer von frischer Luft erf&uuml;llt war, schlo&szlig;
+sie das Fenster und sagte zu Nadinsky, es sei notwendig,
+den Verband zu wechseln. Schweigend entledigte er sich
+des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis unkundiges
+Auge konnte es feststellen, da&szlig; die Heilung der Wunde
+betr&auml;chtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein
+Fieber mehr. Lukardis war schon gewandter als gestern
+im Legen und Kn&uuml;pfen der Binde, und nachdem sie die
+Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und Brot.
+Er w&uuml;nschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte.
+Sie selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie
+dem K&ouml;rper wegen seines Hungers. Im Hause war es
+sonderbar still. Auf der Stra&szlig;e rollten Wagen und schrien
+Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis begab
+sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus,
+um kein Ger&auml;usch zu machen und ging stundenlang auf
+und ab, wobei sie in beiden H&auml;nden Str&auml;hnen ihres Haares
+hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann. Manchmal
+betrachtete sie die Bilder an den W&auml;nden, ohne sie wirklich
+<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>zu sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan
+zwischen ihren Knien hielt. Neben der T&uuml;r hing ein anderes:
+ein deutscher Student mit einem R&auml;nzel auf dem R&uuml;cken
+schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen Fenster
+ein M&auml;dchen mit zwei langen Z&ouml;pfen schaut. In den gro&szlig;en
+Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegen&uuml;berliegenden
+Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer
+endlosen Folge von R&auml;umen; in allen R&auml;umen war die
+Leda in ihrer h&auml;&szlig;lich fetten Nacktheit und der sentimentale
+Student und viele, viele Male das Bett mit dem schlummernden
+Nadinsky und dar&uuml;ber ein Bild des Kaisers
+Nikolaus, viele Male bis in d&auml;mmernde Ferne. Oft
+stand sie auch am Fenster und sah die Wagen und die Kinder,
+den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter tr&uuml;ben Fensterscheiben
+und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male
+wiederholte bis in d&auml;mmernde Ferne. Wo war die
+Welt hingeschwunden? Wo war alles, was sie geliebt,
+mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie selbst,
+Lukardis, die in einem zierlichen M&auml;dchenboudoir gelebt?
+Wo Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte
+und immer l&auml;chelte? Und wo war das gl&auml;nzende Moskau
+mit den verlockenden Auslagen seiner L&auml;den, den freundlichen
+Bekannten, die man &uuml;berall traf, den eleganten
+Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt hingeschwunden?
+Sie sah nur den Mann, der in den vielen
+R&auml;umen vieler Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich,
+in vielen Spiegeln die Wunde auf der wei&szlig;en Haut,
+und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert folgen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch
+lange, wie lange, konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky
+erwachte. Er setzte sich aufrecht, und sie n&auml;herte sich ihm
+z&ouml;gernd. Mit unerwarteter Entschiedenheit sagte er,
+<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>sie m&uuml;sse gehen, wenn die Dunkelheit eingebrochen sei,
+er f&uuml;hle sich jetzt kr&auml;ftig genug, um allein zu bleiben und
+werde dem Kellner zu verstehen geben, da&szlig; sie in der Nacht
+zur&uuml;ckkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand
+mehr darum k&uuml;mmern. Lukardis sch&uuml;ttelte den Kopf.
+Sie antwortete, es geschehe ebensowohl um ihret-, als um
+seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde sei erst im Beginn
+des Vernarbens und m&uuml;sse mindestens noch zweimal
+gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging
+und ihn darnach ein Ungl&uuml;ck traf, w&uuml;rde sie nie wieder
+schuldlos atmen k&ouml;nnen. Nadinsky schaute forschend in
+ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so da&szlig; sie ihm
+die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide.
+Es war wie eine begl&uuml;ckende, aber unheilvolle Verwandlung,
+die jeder in des andern Augen erlitt. Da trat Lukardis
+klopfenden Herzens vor einen der Spiegel und steckte
+ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten dabei.
+Wenn er ihr jetzt befohlen h&auml;tte, zu gehen, h&auml;tte sie wahrscheinlich
+keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing
+er an, zu klagen, da&szlig; er nicht den ehrlichen Tod im Kampf
+gestorben; was wolle er in den fremden L&auml;ndern, ewig
+wandernd, ewig den nagenden Gram um die gequ&auml;lten
+Br&uuml;der in der Seele und mit der Sorge um das blo&szlig;e
+Leben? Denn er sei nicht reich, habe viele Schulden und
+das m&uuml;tterliche Gut sei in Gl&auml;ubigerh&auml;nden. Durch so
+viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis still vor dem
+Spiegel stehen und schaute ihr &uuml;bern&auml;chtiges Gesicht an.
+Er fuhr fort und schm&auml;hte seine Tat; er habe nicht gewu&szlig;t,
+was er auf sich genommen, es sei ein Trieb gewesen,
+kein Entschlu&szlig;; so seien Helden nicht beschaffen, da&szlig; sie
+sich dem Ungef&auml;hr auslieferten, um zermalmt zu werden.
+Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihm
+<a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>in diese Kloake der gro&szlig;en Stadt geflohen, habe sie in
+klarer Erkenntnis gehandelt oder nicht vielmehr sich hinrei&szlig;en
+lassen durch ein Gef&uuml;hl, dem Mitleid nachgegeben,
+dem Reiz des Absonderlichen, der Verf&uuml;hrung einer schw&auml;rmerischen
+Freundin? Sei sie nicht ersch&uuml;ttert und durchw&uuml;hlt,
+von medusischen Visionen aller Kraft beraubt?
+&raquo;So sind wir alle,&laquo; rief er zum Schlu&szlig; und warf sich in
+die Kissen zur&uuml;ck, &raquo;Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler
+der Phantasie, Opfer des Augenblicks, Get&auml;uschte unserer
+Taten.&laquo;</p>
+
+<p>Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines
+Bettes. Ruhig und fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr
+Auge leugnete seine Worte, im Ausdruck ihrer Z&uuml;ge war
+eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die g&ouml;ttliche
+Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines
+Herzens zu Hilfe k&auml;me. Ein Strahl von Gl&uuml;ck flog &uuml;ber
+Nadinskys Stirne, und sein zweifels&uuml;chtiger Geist beugte
+sich besch&auml;mt. Unbeirrbare Zuversicht str&ouml;mte von ihr aus
+und trug ihn &uuml;ber Stunde und Raum hinweg. Es dunkelte
+und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu
+sprechen. Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die
+Kom&ouml;die wieder spielen mu&szlig;ten, die das Haus forderte,
+machte Lukardis Licht, zog die Gardinen zu und ging ins
+zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte.
+Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht
+in die &Auml;rmel seines Rocks zu schl&uuml;pfen imstande war.
+Wie am Abend vorher wurde das Diner serviert; wie am
+Abend vorher bediente der Aufw&auml;rter in silberbetre&szlig;ter
+Livree, noch dem&uuml;tiger, noch abgeschmackter l&auml;chelnd, noch
+wachsamer hinter seiner heimt&uuml;ckischen Grimasse. Unlustig
+a&szlig;en sie und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre
+H&auml;nde waren bewegt, lautlos gehorsame Geister huschten
+<a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>sie hin und her, den Augen des Spions Harmlosigkeit
+vorl&uuml;gend. Lukardis spielte ihren Part heute schlecht; ihr
+Lachen klang gek&uuml;nstelter, ihr Get&auml;ndel weniger glaubhaft.
+Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer
+Pause, wo sie allein waren, zufl&uuml;sterte, sie wollten streiten.
+Er erfand den Namen einer Gr&auml;fin und behauptete, das
+Perlenkollier, das die Gr&auml;fin Schuilow beim letzten
+Jour der F&uuml;rstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen.
+Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene
+an und beharrte auf seiner Meinung. Eine gl&uuml;hende R&ouml;te
+&uuml;berzog Lukardis Wangen, denn diese Heuchelei innerhalb
+der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle Furcht
+vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte
+den Sekt in die Gl&auml;ser, und seine Miene zeigte ein albernes
+Bedauern, als sei er nur an t&auml;ubchenhaftes Girren gew&ouml;hnt.
+Zum Schlu&szlig; erhob sich Nadinsky unmutig und herrschte
+den Kellner an, er m&ouml;ge abr&auml;umen. Lukardis bittender
+Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue er
+sein Ungest&uuml;m und schritt mit ausgestreckten H&auml;nden auf
+sie zu. Der Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls
+auf und schmiegte nun den Kopf an seine Schulter, aber
+nur, um ihm zuzuraunen, er d&uuml;rfe nicht vergessen, f&uuml;r den
+n&auml;chsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky
+nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag,
+der Wagen sollte um die sechste Morgenstunde am Tor
+sein. Der Mensch verbeugte sich schweigend und wollte gehen.</p>
+
+<p>Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei.
+Ein zweiter, ein dritter Schrei folgte. Lukardis faltete
+erschrocken die H&auml;nde, und Nadinsky blickte unruhig zur
+T&uuml;r. Der Kellner hatte die T&uuml;r ge&ouml;ffnet; er trug eine
+metallne Platte und hielt die T&uuml;r offen. Ein halbnacktes
+Frauenzimmer st&uuml;rzte vor&uuml;ber. &raquo;Die T&uuml;r schlie&szlig;en,&laquo;
+<a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>hauchte Lukardis wie entseelt. Da krachte ein Schu&szlig;.
+Das schauerliche Br&uuml;llen eines Mannes erf&uuml;llte das ganze
+Haus. Nadinsky schob den Aufw&auml;rter &uuml;ber die Schwelle
+und schlug die T&uuml;r zu. Ein paar Minuten lang blieb
+es still, dann gings treppauf, treppab in schnellen,
+best&uuml;rzten Schritten. Stimmen murmelten, eine befehlende
+Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von
+oben. Darnach kam ein so herzzerrei&szlig;endes Schluchzen,
+da&szlig; Lukardis h&auml;nderingend zur Ottomane lief und sich,
+das Gesicht vergrabend, darauf niederwarf. Auch auf der
+Stra&szlig;e schien es nun lebendig zu werden. Es wurde ans
+Tor gepoltert. Man h&ouml;rte deutlich die Stimme eines
+Polizisten. Im Flur t&ouml;nten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen
+w&uuml;rde. Der Diener kam herein; mit zerknirschtem
+Gesicht wandte er sich an Nadinsky und sagte: &raquo;Ich bitte
+Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die Dame,
+sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur
+passiert. Eure Exzellenz werden nicht mehr gest&ouml;rt werden.&laquo;
+Darauf verschwand er. Nadinsky trat zu Lukardis, setzte
+sich neben sie und streichelte mit bebenden H&auml;nden ihr Haar.
+Zusammenschauernd bei seiner Ber&uuml;hrung, erhob sie den
+Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von
+ihr und war des Lebens &uuml;berdr&uuml;ssig. Sturm r&uuml;ttelte an
+den Fenstern und pl&ouml;tzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder
+das Klavier, derselbe Walzer wie gestern mit derselben
+zahnl&uuml;ckigen Melodie. Aber lag nur ein Tag dazwischen?
+nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem
+verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und
+Stimmungen des Daseins vor&uuml;bergetragen, Lust und
+Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung und Entt&auml;uschung,
+Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies
+schon das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eine
+<a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>unendliche, geheimnisvolle Nacht? Nadinsky war es
+zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er die Barrikade
+erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue
+Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen
+getreten sei, als ob die fr&uuml;here Existenz mit allen
+ihren Beziehungen von ihm losgel&ouml;st sei und als ob er
+in dieses Haus gekommen w&auml;re, um sein eigentliches Schicksal
+auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft
+geschieden, ja ohne Br&uuml;cken dahin und dorthin.</p>
+
+<p>Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer
+Weile kam Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur
+im Speisezimmer brannten die Lampen. In den Spiegeln
+dehnten sich die R&auml;ume grau und unbestimmt. Lukardis
+sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch
+voll, und nachdem Nadinsky sich entbl&ouml;&szlig;t, wusch sie die
+Wunde. W&auml;hrend sie aus ihrer Handtasche das frische
+Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und als Nadinsky
+verbunden war, bat er, sie m&ouml;ge ihm vorlesen. Sie setzte
+sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren
+Lermontows Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie
+gelesen, da fielen ihre Arme schlaff nieder, der Kopf sank
+zur Seite und der Schlaf &uuml;berw&auml;ltigte sie. So ohne
+Widerstand und &Uuml;bergang entschlummern Kinder; Nadinsky
+h&uuml;tete sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen
+an ihrem Antlitz, und es war ihm, als m&uuml;sse sein eigenes
+Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks teilnehmen,
+welchem ihre Z&uuml;ge unterworfen waren. Wunderbarer
+Friede kam in sein Gem&uuml;t. Er streckte die Glieder und
+atmete wie in der Luft eines Gartens. Nun regten sich
+ihre Lippen. Sie fl&uuml;sterte, sie l&auml;chelte z&auml;rtlich, die H&auml;nde
+ballten sich und das Buch fiel von ihrem Scho&szlig; auf den
+Teppich. Sie erschrak, &ouml;ffnete die Augen, ein entsetzter
+<a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>Blick flog durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie
+weiter. Doch nun schien die Gewalt des Schlafes immer
+gr&ouml;&szlig;er zu werden, der Oberk&ouml;rper verlor das Gleichgewicht,
+sie w&auml;re zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht in
+seinen Armen aufgefangen h&auml;tte; er umschlang ihre
+Schultern und legte die Schl&auml;ferin vorsichtig quer &uuml;ber
+sein Bett. Ihre Beine blieben auf dem Sessel liegen,
+ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme waren
+&uuml;ber dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich
+in starken Rhythmen. Allm&auml;hlich f&uuml;hlte sich Nadinsky
+beschwert, das Blut in den Schenkeln stockte und er hatte
+M&uuml;he, so regungslos zu bleiben wie am Anfang. Er lie&szlig;
+sich langsam auf die Kissen zur&uuml;ckfallen, schob die H&auml;nde
+unter die Decke und unter den R&uuml;cken des M&auml;dchens und
+versuchte, die Schlummernde auf diese Art zu st&uuml;tzen.
+So gelang es ihm, sich Erleichterung zu schaffen; einmal
+trugen die Arme, einmal die Schenkel und Knie die Last.
+Dabei empfand er eine gl&uuml;hende Freudigkeit, nicht nur,
+weil er ihr die Sorgfalt und M&uuml;he vergelten konnte,
+sondern auch, weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als
+Kreatur, so unbedingt in seiner Hut. Oftmals betrachtete
+er sie, gedankenvoll entz&uuml;ckt, und ihr Leben, ihr Schlaf,
+ihr unbewu&szlig;tes Dasein, die Gliederung des Menschenk&ouml;rpers,
+an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen
+das Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich begl&uuml;ckendes
+Gef&uuml;hl der wiedergewonnenen Herzenskraft.</p>
+
+<p>Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel
+einer auf der Stra&szlig;e vor&uuml;bermarschierenden Milit&auml;rpatrouille
+sie erweckte. Nadinsky hatte sich eben zum Sitzen
+aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem sich eine
+dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen
+heiter strahlen zu wollen, dann h&uuml;llten sie sich in Schleier
+<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>der Scham; sie stie&szlig; einen hellen, kleinen Schrei aus,
+sprang empor, und ihr Gesicht war wie mit Blut &uuml;bergossen.
+Sie dr&uuml;ckte die H&auml;nde gegen die Brust und sah stumm vor
+sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als
+Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichg&uuml;ltige Worte
+ab, erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit.
+Sie antwortete zerstreut, und ihre Miene war bald scheu
+und &auml;ngstlich, bald dankbar und heimlich fragend. Zum
+letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde Nadinskys,
+und w&auml;hrend sie es tat, hatte sie M&uuml;he, ihre
+Fassung zu bewahren; die Welt drau&szlig;en erschien ihr wie
+der aufgesperrte Rachen eines Tieres. Die Uhr zeigte ein
+Viertel vor sechs, sie mu&szlig;ten ihre Vorbereitungen treffen.
+Nadinsky war immer stiller und stiller geworden; als er
+angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr
+bla&szlig;. Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls,
+ihm gegen&uuml;ber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel
+an und die Handtasche stand zu ihren F&uuml;&szlig;en. So
+warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken, bis es Zeit
+war, da&szlig; sie gehen konnten.</p>
+
+<p>Endlich vernahmen sie von der Stra&szlig;e her das Knattern
+von Wagenr&auml;dern, und bald darauf klopfte es an die T&uuml;r.
+Der Kellner trat ein, diesmal ohne Livree; er trug einen
+verschmierten Schlafrock, die Haare hingen ihm in &ouml;ligen
+B&uuml;ndeln &uuml;ber die Stirn und sein Gesicht war m&uuml;rrisch
+und b&ouml;se. Er pr&auml;sentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte,
+gab auch gleich das Fahrgeld f&uuml;r den Kutscher, dann gingen
+sie hinab. Zwei Eimer voll Kehricht standen am Fu&szlig; der
+Treppe, und auf der Torschwelle lag ein schwarzer Hund,
+der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch
+war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den
+langen Weg.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>In einem der inneren R&auml;ume des Bahnhofs stand
+Anastasia Karlowna an einer S&auml;ule. Sie begr&uuml;&szlig;te die
+beiden und fragte nach Nadinskys Befinden. Dann &uuml;bergab
+sie ihm den Pa&szlig; und einen Koffer, der die notwendigen
+Gegenst&auml;nde f&uuml;r die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron,
+und Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten
+kam er wieder heraus, schritt auf Lukardis zu und
+reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare Schw&auml;che im
+Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das
+Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere
+Hand, die linke mit seiner linken, und die vier H&auml;nde lagen
+beieinander wie Glieder einer geschmiedeten Kette. So verharrten
+sie einen Augenblick und erschienen sich selbst als
+Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte
+warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem
+Gang zum Waggon zur&uuml;ck und klomm die Treppe hinauf.
+Er trat ans Fenster, in dessen schwarzer Umrahmung
+und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein kreidewei&szlig;er
+Fleck. Nun ert&ouml;nte die Pfeife, und langsam rollte der Zug
+aus der Halle.</p>
+
+<p>Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in
+Tr&auml;nen aufgel&ouml;st. Die Frau hatte nicht gewagt,
+ihrem Gatten von dem Brief der Tochter Mitteilung zu
+machen und ihm deren Verschwinden durch m&uuml;hevolle
+Listen verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung
+zwischen Lukardis und der Mutter, eine Szene,
+bei der die taubstumme Frau in der erregtesten und flehendsten
+Weise gestikulierte, w&auml;hrend das M&auml;dchen nur den
+Kopf sch&uuml;ttelte und mit keinem Laut, keiner Geb&auml;rde sonst
+antwortete. Allm&auml;hlich wurde die Generalin von einer
+heftigen Sorge um Lukardis ergriffen, die sich in Best&uuml;rzung
+verwandelte, als Lukardis sich beharrlich weigerte, den
+<a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>Staatsrat Kussin zu sehen, der f&uuml;r einige Tage nach Moskau
+gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht,
+sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die
+Verlobung mu&szlig;te gel&ouml;st werden, und beflissener noch als
+zuvor wich Lukardis den Menschen aus, den Freunden,
+den Fremden, der Mutter, dem Vater, den Schwestern.
+Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die
+&Auml;rzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die
+Generalin mit ihr nach Paris, sp&auml;ter ans bretonische Meer.
+Eines Nachts &uuml;berraschte die Mutter sie, wie sie auf den
+Fliesen der Terrasse ihres Zimmers lag, die H&auml;nde hinter
+dem Kopf verschr&auml;nkt und mit weitge&ouml;ffneten, unbeschreiblich
+strahlenden Augen in den gestirnten Himmel schaute.
+Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer grenzenlosen,
+den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit.</p>
+
+<p>Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten,
+er lebe auf einer Farm im westlichen Kanada. Niemals
+hat Lukardis seinen Namen erfahren, niemals er den ihren.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Ungnad" id="Ungnad"></a>Ungnad</h2>
+
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a></p>
+<p class="newchapter">L&auml;nger als zw&ouml;lf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen
+Erasmus Ungnad und Gr&auml;fin Marietta Giese, und Georg
+Ulrich Castellanis boshafte Bemerkung, es sei bald an der
+Zeit, sie in die Galerie ber&uuml;hmter Liebespaare einzureihen,
+zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung unter
+manchen Freunden an, vom Mi&szlig;fallen anderer zu schweigen.
+Doch die Freunde hatten so wenig Einflu&szlig; darauf wie die
+Familie, die R&uuml;cksicht auf die Karriere so wenig wie der
+Gedanke an pers&ouml;nliches Behagen. Im Grunde stand man
+vor einem R&auml;tsel. Erasmus war nichts weniger als ein
+Toggenburg; Ausharren war sonst seine St&auml;rke nicht;
+Marietta nichts weniger als ein K&auml;thchen, im Gegenteil,
+eine Frau von Welt, ein &uuml;berlegener Charakter.</p>
+
+<p>In gewissen Zeitabst&auml;nden erfolgte ein Bruch. Beiden
+schien es jedesmal damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen
+Auseinandersetzungen, brieflich oder m&uuml;ndlich, verst&auml;ndigten
+sie sich, da&szlig; es f&uuml;r das Wohl des andern w&uuml;nschenswert
+und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen
+und da&szlig; es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil
+diene, wenn es in Frieden und Herzlichkeit gesch&auml;he.
+Sie gaben einander in aller Form frei; zwei Monate darauf
+<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>war gew&ouml;hnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus
+Schwester Francine wu&szlig;te in solchen F&auml;llen keine
+triftigere Erkl&auml;rung, als da&szlig; sie Marietta eine d&auml;monische
+Natur nannte. Drei Jahrhunderte zur&uuml;ck, und sie h&auml;tte
+sie in ihrer Erbitterung &ouml;ffentlich der Hexerei angeklagt.</p>
+
+<p>Nach seiner R&uuml;ckkunft aus Japan im Jahre 12 schien
+die Losl&ouml;sung nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen
+vielbeneideten Vertrauensposten bekleidet; sein Chef,
+der Minister des &Auml;u&szlig;ern, gro&szlig;er Herr damals, Leuchte
+der Diplomatie, der er f&uuml;r seinen Teil und f&uuml;r seinen
+Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich f&uuml;r alle Zeiten,
+zu einem Triumph unter den europ&auml;ischen M&auml;chten verholfen
+hatte, hielt gro&szlig;e St&uuml;cke auf ihn und war dem
+gr&auml;flich Ungnad&#8217;schen Hause au&szlig;erdem wohlgesinnt. Diese
+m&auml;chtige Hand er&ouml;ffnete ihm die gl&auml;nzendsten Aussichten;
+er war zun&auml;chst zu einer hervorragenden Stellung bei der
+Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten
+winkte in nicht allzuweiter Ferne. Francine schwamm in
+Hoffnung und entfaltete alle ihre Kr&auml;fte, um eine vorteilhafte
+Heirat zustande zu bringen. Der Moment war so
+g&uuml;nstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den
+Vordergrund ger&uuml;ckt. Das eine betraf eine junge Barone&szlig;
+Spielberg, die von Seite ihrer Mutter, einer Amerikanerin,
+enormen Reichtum zu erwarten hatte; das andere die zweit&auml;lteste
+Tochter der Rienburg-Rhedas, Komte&szlig; Sebastiane,
+zweiundzwanzig Jahre alt, sch&ouml;n, anziehend und, wie
+Francine erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus
+unter Graf Rienburg-Rheda Legationssekret&auml;r gewesen
+war, in ihn verliebt. Zudem geh&ouml;rten die Rienburg-Rhedas
+zum beg&uuml;tertsten Adel des Landes; sie verf&uuml;gten &uuml;ber
+soliden und alten Besitz an Grund und Boden, H&auml;usern,
+Schl&ouml;ssern, W&auml;ldern, W&auml;ssern, ererbtem und erheiratetem
+<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>Besitz, in hundertj&auml;hrigen Traditionen gefestigt wie die
+Hausmacht der gro&szlig;en Dynasten.</p>
+
+<p>Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus&#8217; Schuld am
+Mi&szlig;lingen war nicht zu durchschauen. Im einen Fall hatte
+er sich nicht entscheiden k&ouml;nnen, im andern hatte er sich &uuml;berhaupt
+nicht vorgewagt, so da&szlig; man es wenigstens mit der
+Familie nicht verdorben hatte und niemand blo&szlig;gestellt
+war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten
+und ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen
+in ihr erregt, um sie immer wieder zu entt&auml;uschen,
+bis sie in einem Zustand hysterischer &Uuml;berreizung erkl&auml;rt
+hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei Rienburg-Rhedas
+war er eine Woche lang zu Gast auf dem s&uuml;dm&auml;hrischen
+Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall
+den Grafen hin, und er, den Ungl&uuml;cks- und Todesf&auml;lle
+in eine l&auml;cherliche Panik versetzten, reiste unverrichteter
+Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf
+die Vers&ouml;hnung mit Marietta.</p>
+
+<p>Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus.
+Es war zu bef&uuml;rchten, da&szlig; der Minister seine Hand von ihm
+abzog. Oft schon war seine Laufbahn durch diese Frau
+gef&auml;hrdet gewesen. Francine erinnerte ihn daran, wie sie
+eines Tages pl&ouml;tzlich in Petersburg erschienen sei und ihm
+Verdrie&szlig;lichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf
+bei der Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm
+die Worte ins Ged&auml;chtnis, die ihm vor drei Jahren seine
+Tante, die kluge Terese Klingenberg geschrieben: da&szlig; ein
+Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen Preis
+seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten d&uuml;rfe;
+entweder m&uuml;sse alles so verschleiert sein, da&szlig; die Neugierde
+niemals dahinter kommen k&ouml;nne, oder es m&uuml;sse eine klare
+Eindeutigkeit walten, so oder so; nichts sei geeigneter, die
+<a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>&Ouml;ffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu verstimmen als
+ostensible Herzenspassionen.</p>
+
+<p>Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt.
+Sie ersch&ouml;pfte sich in stundenlanger Beredsamkeit.
+Sie zitierte Urteile, Prophezeiungen, Meinungen
+seiner n&auml;chsten Freunde &uuml;ber ihn und haupts&auml;chlich &uuml;ber
+Marietta. Sogar der unbetr&auml;chtliche Ferry Sponeck mu&szlig;te
+herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu
+Erasmus, aus der Sorge um ihn. Er war der Letzte des
+Geschlechts; sie f&uuml;hlte sich f&uuml;r ihn verantwortlich. Sein
+Verm&ouml;gen war gering. Sie hatte in den letzten Jahren
+versucht, es durch B&ouml;rsenspekulationen zu vermehren;
+da sie gut beraten war und mit Geschicklichkeit operierte,
+war ihr dies gelungen. Aber wenn sie auch Millionen
+gewonnen h&auml;tte, was h&auml;tten ihr die gefruchtet; das Gl&uuml;ck,
+das sie f&uuml;r ihn im Auge hatte, war ein h&ouml;heres. Der in
+ihr aufgeh&auml;ufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten,
+mit denen sie Erasmus zu Leibe r&uuml;ckte, eindringliche
+Sch&auml;rfe. Mit Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt,
+entwarf sie, durch Ha&szlig; befeuert, ein Bild von Marietta,
+das in der Verzerrung noch Z&uuml;ge der Wahrheit hatte und
+abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie; eitel;
+seelenlos; durch Lekt&uuml;re verbildet; im Bestreben, die gro&szlig;e
+Dame zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt
+herausfordernd; mit zur Schau getragener Freiheit nah
+daran, f&uuml;r eine Abenteuerin zu gelten; unergr&uuml;ndlich
+egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen gef&auml;hrlich
+sinnlich; l&auml;ngst &uuml;ber die erste Jugend hinaus, auch &uuml;ber die
+zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert,
+sie auf H&auml;nden getragen hatte und ungl&uuml;cklich und
+vereinsamt war, geistig und k&ouml;rperlich ein Kr&uuml;ppel.</p>
+
+<p>Francine war k&uuml;hn. Sie mu&szlig;te auf verletzende Vergleichung
+<a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>gefa&szlig;t sein. Sie selbst war ja in heikler Situation.
+Ihr Schicksal als Weib hatte sie von unbeh&uuml;teten Jahren
+an andere Wege gef&uuml;hrt als die &uuml;blichen und gebilligten.
+Nur durch ihre Z&auml;higkeit und Klugheit hatte sie dann doch
+Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft
+behauptet. Dunkles Schicksal, das in einem von ihr
+selbst nie ganz begriffenen Gegensatz zu ihrem Wesen stand.</p>
+
+<p>Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine
+Person zielte, pflichtete er ihr bei. &Uuml;ber Marietta schwieg
+er. Er empfand Francines Z&auml;rtlichkeit; ihr Ungest&uuml;m
+bel&auml;stigte ihn. Sie verlangte Versprechungen, er weigerte
+sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich,
+und das Ergebnis von Francines Bem&uuml;hungen war, da&szlig;
+er zu Marietta auf ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging
+sie zum Minister. Sie vertraute sich ihm ohne R&uuml;ckhalt an,
+und die Art, wie er ihr lauschte, lie&szlig; die herzliche Zuneigung
+f&uuml;r Erasmus erkennen. Er w&uuml;rdigte die Schwierigkeit;
+ihn zu entfernen, hielt er f&uuml;r notwendig wie sie; der
+Londoner Posten kam augenblicklich noch nicht in Betracht,
+dagegen bot sich die M&ouml;glichkeit, ihn nach Indien zu
+schicken; es fand dort eine Jubil&auml;ums-Feierlichkeit statt;
+die englische Regierung und der Vizek&ouml;nig hatten die M&auml;chte
+zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden
+sp&auml;ter war Erasmus f&uuml;r die Mission ernannt. Ein Telegramm
+rief ihn von Eichfurth zur&uuml;ck, zehn Tage darauf
+lief das Schiff aus dem Triester Hafen. Francine glaubte
+ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene Monat war
+Gewinn. Erasmus war dreiunddrei&szlig;ig, Marietta Giese
+f&uuml;nfunddrei&szlig;ig; der Zauber mu&szlig;te binnen kurzem brechen;
+was die Vernunft nicht erreichte, w&uuml;rde die Zeit bewirken.
+Wenn es auch noch K&auml;mpfe kostete, Francine war ger&uuml;stet.
+Indes gelang es ihren hartn&auml;ckigen Bem&uuml;hungen, da&szlig;
+<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>man Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe
+dort beendet war, unmittelbar nach London befahl.</p>
+
+
+<p class="newsection">Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten
+Jahr im diplomatischen Dienst. Der Weg war
+der herk&ouml;mmliche und vorgeschriebene gewesen; die
+Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington,
+Tokio; und nun London. Er hatte viel gesehen, viel geh&ouml;rt;
+nach seiner Meinung viel erlebt. Er kannte das Inwendige
+der politischen Maschinerie. Er hatte gelernt, wie die
+Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei den
+markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge.
+Die repr&auml;sentativen Pflichten erf&uuml;llte er mit gen&uuml;gender
+W&uuml;rde. Verantwortung war ihm aufgeb&uuml;rdet; er wu&szlig;te
+um die Last, seine Haltung deutete sie an. Geschlechteralte
+Zucht machte ihn zum Vorbild f&uuml;r Unsichere. Die
+Geb&auml;rde verriet, da&szlig; er in seine Rolle hineingeboren war.
+Selbstverst&auml;ndliches Tun und Sein, darauf kam es an;
+das gelegentliche Nachdenken dar&uuml;ber war Verzierung, die
+man sich in Mu&szlig;estunden gestattete. In der F&uuml;hrung der
+Gesch&auml;fte von unbedingter Verl&auml;&szlig;lichkeit, gewissenhaft
+wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank,
+war er &uuml;berall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung
+und der Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein,
+von seinem Geist oder seinem Genie zu sprechen, aber seine
+Ritterlichkeit und Freundestreue hatten schw&auml;rmerische
+Lobredner.</p>
+
+<p>Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn;
+die Jahre trugen ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen
+Element keine Tr&uuml;bung, nur &uuml;ber das &Auml;u&szlig;ere und
+Betriebm&auml;&szlig;ige war zuweilen ein Schleier von Unmut
+gebreitet. Aber der Strom flo&szlig; breit und gef&auml;llig dahin.
+<a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>Dem vorw&auml;rts- wie dem zur&uuml;ckschauenden Blick boten sich
+dieselben Bilder: geschm&uuml;ckter Weg, umfriedetes Revier,
+F&uuml;lle der Verlockungen, Menge der Dienenden, erschlossene
+Welt. In Stunden der Tr&auml;umerei flammte in seinem
+sonst tr&auml;gen Ged&auml;chtnis auf, was ihm erworbenes und in
+Sicherheit gebrachtes Lebensgut war: ein marokkanischer
+Himmel, rot vor Bl&auml;ue; prunkvolle Aufz&uuml;ge, veranstaltet
+von exotischen F&uuml;rsten; feierliche Empf&auml;nge; illuminierte
+S&auml;le; milit&auml;rische Paraden; Frauen, die um Liebe warben;
+fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch
+mitgebracht, das er in wenigen Exemplaren f&uuml;r seine
+Freunde drucken lie&szlig;. Es wurde damals als die feinste
+Bl&uuml;te aristokratischer Lebensauffassung und Betrachtungsweise
+bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie
+Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv
+und aus erster Hand, oft ein bi&szlig;chen einf&auml;ltig sogar, wie
+eine Fibel einf&auml;ltig ist. In der Mischung von Bescheidenheit,
+Wi&szlig;begier und unschuldiger Philosophie dr&uuml;ckte sich
+Ungnads Wesen sehr liebensw&uuml;rdig aus. Es waren Fahrten
+darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf
+Fl&uuml;ssen, in der Nacht, auf Booten mit Lampions beh&auml;ngt,
+Schauspiele und Wanderungen, Tempel und G&auml;rten;
+von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein
+Hauch; hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen
+von Blumen, Farben von Blumen, Ger&uuml;che von Blumen;
+ein umgewandeltes Sinnliches, lie&szlig; es das sinnlich Gebannte
+seiner Natur erraten, auch wieviel Tr&auml;gheit in seiner
+Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem
+Genie&szlig;en.</p>
+
+<p>Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des
+Krieges entfalteten alle Ber&uuml;ckungen seiner Welt.
+Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtum
+<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>und die &Uuml;ppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich
+zur Strahlung verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden
+Kern, begnadet und Gnaden spendend. Die K&uuml;nste der
+Nationen vereinigten sich, der herrschenden Kaste zu
+huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit ges&auml;ttigt. Feuer
+des &Uuml;bermuts lag in den Gem&uuml;tern, das Ungew&ouml;hnliche
+war Nahrung f&uuml;r den Gew&ouml;hnlichsten, N&uuml;chterne wurden
+auf lichtverkl&auml;rte H&ouml;he gehoben und sahen den Horizont
+wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob
+alles in atemloser Best&uuml;rzung auseinander, und &uuml;ber das
+rubenshaft gl&uuml;hende Gem&auml;lde fiel schwarzer Flor, um
+es auf immer zu verdecken.</p>
+
+<p>Was darnach kam, war trockne Amtsaus&uuml;bung in vorgeschobenen
+Bezirken, eroberten Provinzen, umrasselt
+von Waffenl&auml;rm. Man hatte M&uuml;he, den Kopf obenzuhalten.
+Das Geschrei aus den Lagern h&uuml;ben und dr&uuml;ben
+l&auml;hmte; der Ha&szlig; verunreinigte wie Schmutz, der kleben
+bleibt und sich in die Poren fri&szlig;t; die Guirlanden waren
+weggerissen; die Bl&ouml;&szlig;e der Leiber stierte einen an;
+Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau
+wankte; die kaum merkbare Allm&auml;hlichkeit, mit der die
+Existenz ins Enge und Sorgenhafte geriet, war entnervend;
+und so der best&auml;ndige w&uuml;tende Sturm, der die Bl&auml;tter vom
+Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln
+ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General
+regierte. Man war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen,
+wie die Partie stand. Die Not der L&auml;nder schrie, des
+eigenen vor allen; man &uuml;berredete sich zur Demut, suchte
+Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre,
+verwob pers&ouml;nliches Geschick willig mit dem Ganzen,
+hoffte, f&uuml;rchtete, wartete, Jahr f&uuml;r Jahr, wartete auf
+Schlimmes und war doch nicht im entferntesten vorbereitet,
+<a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die
+Zeit dann wirklich machte.</p>
+
+<p>Im August des Jahres 18 wurde er mit dem
+preu&szlig;ischen Oberst Grimm nach Armenien entsendet, um
+Bericht &uuml;ber die Zust&auml;nde zu erstatten, die der feindlichen
+Propaganda Nahrung gaben. T&uuml;rkische Offiziere und
+Beamte begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was
+vertuscht werden konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein
+k&uuml;nstliches Schaugepr&auml;nge vorgef&uuml;hrt, Blendwerk; zuletzt
+offenbarte sich das Grauen. Auf der Heimreise, man hatte
+schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus
+vom Schiff aus an Francine: &raquo;Es war sch&ouml;n, als der
+Katholikos in Echtmiadzin unsere Abordnung empfing.
+Ich habe nie so herrliche Gobelins gesehen und so prunkvolle
+goldene Gef&auml;&szlig;e. Der Katholikos war in Gold und
+Purpur geh&uuml;llt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt
+war, blendete die Augen durch die Pracht seiner
+Gew&auml;nder. Vor den Bogenfenstern des riesigen Saals
+sah man die schneebedeckten Gipfel des Taurus, und alle
+&uuml;berragte der m&auml;chtige Arrarat. Da schauderte es einen;
+Arrarat; beim blo&szlig;en Namen &uuml;berlief es einen. Aber auf
+dem Schlo&szlig;hof unten stand eine tausendk&ouml;pfige Menge, und
+von ihr stieg ein eigent&uuml;mliches winselndes Brausen empor.
+Erst glaubten wir, die Leute seien zum Gottesdienst gekommen,
+der dann stattfinden sollte; aber der Katholikos
+wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst
+Grimm gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen
+Sie Ihrem Kaiser, da&szlig; sie hungern. Die t&uuml;rkischen Herren
+hinter uns duckten sich, und ich schaute, w&auml;hrend das
+eigent&uuml;mliche winselnde Brausen fortdauerte, in den Schnee
+des Arrarat hin&uuml;ber. Am n&auml;chsten Tag sind wir durch die
+gl&uuml;henden T&auml;ler zum Meer geritten, an Ruinen vorbei
+<a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>und &uuml;ber Schlachtfelder. W&uuml;ste und Weinland grenzen dicht
+aneinander, manchmal kauert ein mit Fetzen bedeckter
+Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die K&uuml;ste kamen,
+lag der Ozean m&auml;rchenhaft blau, aber die Luft war verpestet
+durch zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen,
+nackt und in Kleidern, viele bis zur Unkenntlichkeit
+verst&uuml;mmelt, M&auml;nner, Weiber und Kinder. Die t&uuml;rkischen
+Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den
+Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins
+Meer getrieben. Ich dachte mir: die grandiose Natur,
+und der Mensch eine Bestie, die sie sch&auml;ndet. Der Himmel
+und das Meer in ihrer Sch&ouml;nheit waren L&uuml;ge.&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte sich mit Oberst Grimm w&auml;hrend der langen
+Reise ziemlich angefreundet; der Oberst war ein stiller,
+vern&uuml;nftiger Mann; weit tr&auml;tabler als seine preu&szlig;ischen
+Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in Budapest von
+ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte
+von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen
+und verludert; stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm
+den milit&auml;rischen Gru&szlig; zu geben, frech ins Gesicht. Der
+Oberst sah ihn an, seine Stirn r&ouml;tete sich, er machte Miene,
+auf ihn zuzugehen, besann sich pl&ouml;tzlich, senkte vor Erasmus
+den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller Selbstbeherrschung
+von etwas Gleichgiltigem.</p>
+
+<p>Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Ged&auml;chtnis,
+w&auml;hrend er allein die Reise fortsetzte.</p>
+
+<p>Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man
+wu&szlig;te nicht, wie man sich seiner erwehren sollte. Man
+befand sich auf einer gewissen H&ouml;he, unangreifbar, unerreichbar.
+Man geno&szlig; verbrieften Schutz von altersher.
+Die Sicherungen waren bew&auml;hrt und tragf&auml;hig gewesen
+bis jetzt. Man war gewohnt, viel Raum um sich zu haben.
+<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>Raum feite, Raum trennte. Die andern, die Leute, bewegten
+sich weit drau&szlig;en. War doch schon ihr respektvolles
+Aufmerken bisweilen l&auml;stig. Man konnte unbeschr&auml;nkt
+verf&uuml;gen: &uuml;ber bezahlte Menschen, &uuml;ber die Stunden, &uuml;ber
+die Dinge. Die Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die
+Hand, die unter ihnen w&auml;hlte. Und das Gesetz, das durch
+die stummen Jahrhunderte geheiligt war, schrieb das
+Ma&szlig; vor.</p>
+
+<p>Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte
+wurden angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz
+erstreckten, auf unentbehrliche Schattierungen, auf ehrw&uuml;rdigste
+Institutionen, auf auserlesene Formen, auf
+Auserlesenheit &uuml;berhaupt, unleugbare, weil durch das Blut
+bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die W&uuml;rde.
+Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war
+so h&auml;misch, so erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln
+herum, ein feiges Gespenst.</p>
+
+<p>Man sa&szlig; aufrecht und hielt sich bereit.</p>
+
+
+<p class="newsection">Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt.
+Es handelte sich wieder um eine Rienburg-Rheda, um die
+dritte Tochter, die inzwischen herangewachsene zwanzigj&auml;hrige
+Pauline. Es waren im ganzen vier Schwestern.
+Die &auml;lteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr fr&uuml;h mit
+dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie
+lebte seit einigen Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei
+der Mutter, unbekannt aus welcher Ursache. Es hie&szlig;,
+eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er in der
+Trunkenheit zwei T&auml;nzerinnen in die Wohnung mitgebracht
+hatte. Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod
+einen Grafen Dettingen geehelicht, Husarenrittmeister, der
+bei Luck gefallen war. Sie war Mutter von zwei Kindern
+<a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>geworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline und
+Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt.</p>
+
+<p>Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen
+sorgf&auml;ltig vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren
+hin- und hergereist, um die Stimmung auszukundschaften,
+unverpflichtende Anfragen waren gestellt, Briefe waren
+geschrieben worden, deren Taktik an Musterst&uuml;cken verflossener
+Kabinettsdiplomatie geschult war, und allm&auml;hlich
+entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit.
+Ehe noch Erasmus aus Konstantinopel zur&uuml;ckgekehrt
+war, hatte sie schon die Einladung der Gr&auml;fin Rienburg
+f&uuml;r ihn in H&auml;nden. Von Tag zu Tag unruhiger wartete
+sie auf seine Antwort, denn es verk&uuml;ndigten sich verh&auml;ngnisvolle
+Ereignisse, und der politische Himmel war schwarz
+verh&auml;ngt wie ein Sarkophag.</p>
+
+<p>An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt,
+erfuhr sie, da&szlig; Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen
+sei. Das konnte nichts anderes bedeuten, als da&szlig;
+sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls erwartete.
+Ohne langes Besinnen verfa&szlig;te sie eine ungest&uuml;me Epistel,
+in welcher sie Marietta auseinandersetzte, da&szlig; Erasmus&#8217;
+Zukunft auf dem Spiel stehe; da&szlig; er zu lange schon seine
+besten Kr&auml;fte und besten Jahre damit vergeude, die Ketten
+abzusch&uuml;tteln, die sie um ihn geschlungen; da&szlig; er allm&auml;hlich
+in das Alter trete, in dem man aufh&ouml;re, f&uuml;r die Frauen
+mitzuz&auml;hlen; da&szlig; er jetzt im Begriff sei, eine gl&auml;nzende
+Verbindung einzugehen, und da&szlig; die Familie, um kein
+Mittel unversucht zu lassen, sich an ihre Einsicht und oft
+bewiesene Geistesst&auml;rke wende, die ihr zweifellos den Weg
+aus dem Dilemma zeigen w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Zum Gl&uuml;ck las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte,
+ihrer Cousine Nora Klingenberg vor, die ihr solchen Schritt
+<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>entschieden widerriet. &raquo;Soll denn das alte Spiel wieder
+von vorne beginnen?&laquo; rief Francine erregt aus; &raquo;Bruch,
+Vers&ouml;hnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig
+zu meiden und ger&uuml;hrtes in die Arme-Sinken. Es ist
+nicht l&auml;nger zu ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen,
+man wird zum Gel&auml;chter der Welt.&laquo; Nora
+Klingenberg hielt der Entr&uuml;steten vor, da&szlig; sie mit ihren
+Vergewaltigungsmethoden das &Uuml;bel verschlimmere; da
+k&auml;me Erasmus erst recht aus dem Schwanken und Zaudern
+nicht heraus. Je verf&uuml;hrerischer man ihm den K&ouml;der bereite,
+je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das Zugreifen;
+je mehr man ihn &uuml;berrede, je st&uuml;tziger werde er. Sie solle
+es listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie
+erbot sich, zu Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen,
+als Frau zur Frau. Dadurch erwachse vielleicht Verst&auml;ndigung.
+Francine umarmte sie und sagte, sie sei ein
+Engel. &raquo;La&szlig; dir nicht von ihr imponieren,&laquo; warnte sie;
+&raquo;vergi&szlig; nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout
+bei Castellanis &uuml;ber den Mund gefahren ist, als dar&uuml;ber
+debattiert wurde, ob die Lehndorffs oder die Klingenbergs
+&auml;lter seien. Ich versichere dir, ihr Gro&szlig;vater Johann
+Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er Statthalter
+gewesen ist; und die Zinsen m&uuml;ssen hoch gewesen
+sein, Georg Ulrich behauptet, nie unter zw&ouml;lf Perzent.&laquo;</p>
+
+<p>Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen
+von dem Besuch zur&uuml;ck. Sie berichtete, Marietta sei k&uuml;hl
+gewesen, sp&ouml;ttisch, glatt, ausweichend, habe sie best&auml;ndig
+abzulenken gewu&szlig;t; habe sie einmal, als sie sich einen
+Anlauf genommen, sonderbar l&auml;chelnd angeblickt, und
+nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im
+Grunde nichts geredet. Sie mache mit einem, was sie
+wolle, es sei nicht gegen sie aufzukommen; wenn man noch
+<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>beim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon, und jeder Satz
+habe zehn Facetten. Im &uuml;brigen sei sie h&uuml;bsch wie nur je;
+als seien f&uuml;nfzehn Jahre spurlos an ihr vor&uuml;bergegangen;
+bestrickend und anmutig, das reine Wunder.</p>
+
+<p>Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend
+fing sie an zu schimpfen wie ein Marktweib. Drohte,
+h&ouml;hnte; stie&szlig; Gegenst&auml;nde aus dem Weg; schwor, da&szlig; sie
+die gef&auml;hrliche Kom&ouml;diantin vernichten wolle, vergo&szlig;
+Tr&auml;nen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich
+vergebliche M&uuml;he, sie zu bes&auml;nftigen.</p>
+
+
+<p class="newsection">Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus &auml;ltesten
+Freunden. Er war in jeder Beziehung steckengeblieben,
+sowohl was seine Laufbahn als auch was seine Entwicklung
+betraf. Trotzdem vielfache Einfl&uuml;sse f&uuml;r ihn gewirkt
+hatten, war er in einem der f&uuml;r unf&auml;hige Hochtories vorbehaltenen
+Pr&auml;sidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging
+auf keine Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande,
+orthographisch richtig zu schreiben. Erasmus erlaubte
+sich kein Urteil dar&uuml;ber, ob er wirklich so dumm war, wie
+alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner
+vollkommenen Diskretion.</p>
+
+<p>Mit M&auml;nnern konnte er sich im allgemeinen schwer
+verstehen. Sie verma&szlig;en sich an ihm. Sie wollten in ihn
+eindringen und bedachten nicht, da&szlig; das verletzt. M&auml;nner
+im allgemeinen wu&szlig;ten wenig von dem Grad der Verletzlichkeit
+eines Menschen. Ferry Sponeck hingegen verpflichtete
+nie und insistierte nie. Manchmal plapperte er
+und erz&auml;hlte Klatsch; indem er seine Nichtigkeiten von sich
+gab, stimmte er vertrauensvoll; es kam einen pl&ouml;tzlich
+die Lust zu Er&ouml;ffnungen an, ja zu Bekenntnissen oft;
+man wurde mitteilsam, gerade gegen ihn, der so kindlich
+<a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>erstaunte Augen machte, bei ganz verkehrten Anl&auml;ssen
+bedauernd den Kopf wiegte und sich dann und wann zu
+einer albernen Zwischenbemerkung aufraffte. Man war
+eigentlich mit sich allein und wurde doch durch Menschenaugen
+aus sich hervorgelockt. Man geriet ins Sprechen,
+Dr&uuml;ckendes wich, wenigstens f&uuml;r die Stunde, Vergangenes
+ordnete sich. Man hatte keine Taktlosigkeiten zu besorgen,
+keine neugierigen Fragen, nicht die klugen Aper&ccedil;us und
+beunruhigenden Haarspaltereien, die an den Leuten von
+Geist so verdrie&szlig;lich waren.</p>
+
+<p>Schon am Tage nach seiner R&uuml;ckkunft sagte er sich
+bei Ferry Sponeck an, der in einem kleinen alten Palais
+in einer kleinen alten Gasse wohnte. Langsam und versonnen
+ging Erasmus hin. Er sp&uuml;rte das Unheil in der
+Luft. Vor vielen Jahren, in Sizilien, hatte er am Abend
+vor dem gro&szlig;en Erdbeben dieselbe andauernde Qual in
+allen Nerven empfunden. Er erinnerte sich, da&szlig; er dann,
+ins Hotel zur&uuml;ckgekehrt, einen Weinkrampf gehabt hatte.</p>
+
+<p>Seine Erregung wuchs, als er Ferry Sponeck bei der
+Lampe gegen&uuml;bersa&szlig;. Dieser braute Kaffee in einer kupfernen
+Maschine und blies bisweilen in die Spiritusflamme,
+wobei er die Backen voll Luft pumpte und aussah wie der
+Boreas auf alten Bildern.</p>
+
+<p>&raquo;Dr&uuml;ben im Ministerium geht alles drunter und dr&uuml;ber,&laquo;
+sagte Erasmus. &raquo;Sie transportieren Aktenschr&auml;nke auf
+den Dachboden und lassen Telegramme unbeantwortet
+liegen.&laquo;</p>
+
+<p>Ferry Sponeck seufzte.</p>
+
+<p>Erasmus schaute gr&uuml;belnd vor sich hin. &raquo;Ich verschlie&szlig;e
+mich der Tatsache nicht, wie die meisten unter uns,
+da&szlig; wir leichtsinnig gewirtschaftet haben,&laquo; sagte er mit
+seiner tr&auml;gen und verschleierten Kopfstimme; &raquo;wir hatten keine
+<a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>F&uuml;hrer; keiner war der Herr. Manche haben das Ungl&uuml;ck
+kommen sehen und haben gespottet. Die Schuld ist gro&szlig;,
+und der Unverstand, und die Blindheit. Aber offene
+Rebellion, das darf nicht sein. Wenn das eintritt, geht die
+Welt unter. Rebellion ist Satans Werk. Rebellion
+hei&szlig;t, da&szlig; Christus verleugnet und ans Kreuz geschlagen
+wird. Alle zweitausend Jahre, hab ich einmal gelesen,
+schlagen sie ihn ans Kreuz, und jetzt ist bald die Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>Ferry Sponeck nickte. Der Kaffee sch&auml;umte braun unter
+der Glaskuppel, und er drehte bed&auml;chtig den Hahn auf.
+Der kochende Strahl rann schwarz in die goldene Tasse.</p>
+
+<p>Erasmus sagte: &raquo;Die murren, werden t&auml;glich mehr.
+Noch wagen sie einen nicht anzuschauen, aber hinterr&uuml;cks
+z&uuml;cken sie das Messer. Sie tragen das Messer aufgeklappt
+in der Tasche; morgen werden sie auf einen losgehen. Hast
+du auch manchmal ein Klirren im Ohr wie von zerbrochenen
+Fensterscheiben? Es dringt bis in den Schlaf. Und dann
+h&ouml;rt man Geschrei, fernes Geschrei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du denkst zuviel nach, Mumu,&laquo; tadelte Ferry Sponeck
+liebevoll; bei intimen Anl&auml;ssen nannte er Erasmus
+Mumu, wie man ihn als Kind gerufen. &raquo;Bist du denn ein
+Gelehrter, da&szlig; du fortw&auml;hrend denken mu&szlig;t? Wir k&ouml;nnens
+nicht &auml;ndern, wir beide, wir m&uuml;ssens geschehen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>Erasmus sprach stockend weiter: &raquo;Ich bin einmal von
+Corfu nach Athen mit einem alten Segelschiff gefahren,
+da sind nachts die Ratten &uuml;ber meine Bettdecke gerannt.
+Es war grausig, und der morsche Kasten ist auch bei der
+n&auml;chsten Fahrt gesunken.&laquo; Seine Stimme wurde leiser,
+und er rieb nerv&ouml;s die Finger aneinander. &raquo;Gef&uuml;rchtet
+hab ich mich nicht, aber Ratten, das wirst du zugeben,
+das ist das Ekligste auf der Welt. Im Finstern verlassen
+sie sich auf ihre scharfen Z&auml;hne; im Finstern sind sie frech.
+<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>Sie selber sind gesch&uuml;tzt, nat&uuml;rlich; durch ihre Zahl sind sie
+gesch&uuml;tzt, durch den Unrat und durch das Grausen.&laquo; Er
+machte eine Pause und l&auml;chelte kr&auml;nklich und hochm&uuml;tig.
+&raquo;Einsch&uuml;chtern darf man sich nicht lassen. Keine Schw&auml;che
+zeigen. Wir, wir haben die Religion; davon wissen sie
+freilich nichts, die Ratten; und das, was man Ehre nennt,
+haben wir. Ehre, das ist wie eine diamantene Kugel.
+Das Ungnadsche Wappen hat eine sch&ouml;ne Devise: <em class="antiqua">fort et
+modeste.</em> Ehestens wird das nicht mehr viel bedeuten.
+Ehestens vielleicht werden sie das Wappen zerschlagen.
+Zerschlagen m&ouml;gen sie es immerhin; besudeln sollen sie
+es nicht. In dem Glauben kann mich keiner wankend
+machen, da&szlig; alle Legitimit&auml;t von Gott stammt.&laquo;</p>
+
+<p>Ferry Sponeck nickte and&auml;chtig. Erasmus erhob sich
+l&auml;ssig auf den langen Beinen und wiederholte mit einer
+Art Verbohrtheit: &raquo;Damit steh und fall ich, da&szlig; alle
+Legitimit&auml;t von Gott stammt.&laquo;</p>
+
+
+<p class="newsection">Als ihm Francine von der Einladung der Gr&auml;fin Rienburg-Rheda
+berichtete, erkl&auml;rte sich Erasmus zu ihrer
+Freude bereit, sie anzunehmen. Er wu&szlig;te, worum es sich
+handelte; er wu&szlig;te, da&szlig; Francine nur auf das eine Ziel
+hindr&auml;ngte, und er entt&auml;uschte sie nicht einmal durch ein
+Kopfsch&uuml;tteln oder das obstinate L&auml;cheln, das er bei solchen
+Gelegenheiten hatte. Die Stadt machte ihn elend, er sehnte
+sich nach Stille und Landschaft. &raquo;Ist es aus zwischen
+dir und Marietta?&laquo; fragte Francine halb drohend, halb
+&auml;ngstlich. Er antwortete: &raquo;Es ist schon lange aus.&laquo;
+Darauf Francine, entz&uuml;ckt: &raquo;Seht ihr euch gar nicht mehr?&laquo;
+Er, k&uuml;hl und gezwungen: &raquo;Ach ja, wir sehen uns,
+aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im Juni
+getroffen.&laquo; Francine verbreitete sich nun ausf&uuml;hrlich &uuml;ber
+<a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>den Charakter der Komte&szlig; Pauline, und da&szlig; eine Ehe
+zwischen ihr und Erasmus der Gipfel des W&uuml;nschbaren sei.
+Er h&ouml;rte still zu und sagte dann: &raquo;Es ist m&ouml;glich, da&szlig; du
+recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.&laquo; Francine
+nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und n&ouml;tigte ihn,
+an die Gr&auml;fin zu telegraphieren, da&szlig; er an dem und dem
+Tag kommen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Um gef&auml;llig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen
+ihm die Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte
+er gewissenhaft. Man w&uuml;rde unbekannte Leute
+treffen; er stellte sich solche der absto&szlig;endsten Art vor;
+geschw&auml;tzige Personen, zudringliche Personen. Verpflichtungen
+w&uuml;rden entstehen; diesen oder jenen w&uuml;rde man
+verletzen und sich wieder um ihn bem&uuml;hen m&uuml;ssen; Zwang
+w&uuml;rde ausge&uuml;bt werden; L&auml;rm w&uuml;rde sein; irgendeiner
+w&uuml;rde da sein, der T&uuml;ren warf oder des morgens um f&uuml;nf
+Uhr nach der Scheibe scho&szlig;, oder mit unendlichem Gerede
+einen Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer
+zu packen, Nachrichten zu dirigieren; das alles h&auml;ufte sich
+zu einem Gebirge, und er verschob den Termin. Francine
+ereiferte sich, er wich zur&uuml;ck. Er sagte, man bed&uuml;rfe seiner
+im Amt. Sie erwiderte, man bed&uuml;rfe seiner mit nichten;
+bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er
+sich fernhalte. Er gab es erm&uuml;det zu, bat aber f&uuml;r die Reise
+um eine Woche Frist. Sie feilschte um zwei Tage und
+verlangte, da&szlig; er am Sonntag reise. Er willigte ein. Am
+Samstag abend erhielt er eine Karte von Marietta, die ihn
+ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er erschrak.
+Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz
+verschollen heimlich damit gerechnet. Da&szlig; es eintraf,
+war Ersch&uuml;tterung. Er erkl&auml;rte Francine, da&szlig; eine wichtige
+ministerielle Sitzung ihn verhindere, fr&uuml;her als Mittwoch
+<a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>zu reisen. Francine starrte ihn sprachlos an. Aber da er
+ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt nicht weiter
+hinauszuschieben, mu&szlig;te sie sich zufrieden geben.</p>
+
+
+<p class="newsection">Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs,
+Erasmus unter denen, die hinten standen, denn verm&ouml;ge
+seiner L&auml;nge konnte er &uuml;ber die K&ouml;pfe schauen.</p>
+
+<p>In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorst&auml;dten
+herein, ein schwarzer, breiter, klebrig flie&szlig;ender,
+stummer Menschenstrom. Sie kamen zur Verk&uuml;ndigung
+der Republik. Die Stra&szlig;e war ausgef&uuml;llt bis an die
+H&auml;usermauern. Aus der nachmitt&auml;gig-nebligen Ferne, die
+wie bodenlose Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte
+sich schattenhaft in Leiber und Gesichter, schwoll durch
+Zuflu&szlig; aus Nebengassen, w&auml;lzte sich drohend ruhig
+vor&uuml;ber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus,
+Schritt f&uuml;r Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der
+vor dem gro&szlig;en Platz die Stra&szlig;e verengerte, und der die
+gestauten Massen langsam verschlang. Eine Stunde verging,
+und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser
+Tiefe glich, w&auml;lzte sich das Ungeheure her, das nicht
+eine Summe z&auml;hlbarer Einzelner war, sondern ein Element
+f&uuml;r sich, zu einem Willen verschmolzen, kroch und wogte
+vor&uuml;ber, sp&uuml;rbar-, sichtbar-wirklich, fortbewegt durch einen
+gewaltigen und &auml;u&szlig;erst zu f&uuml;rchtenden Trieb, bis es der
+dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen &auml;hnlich,
+gierig schluckte.</p>
+
+<p>Die Herren r&uuml;hrten sich nicht. Mattes Erstaunen w&uuml;rgte
+ihre Kehlen. Einer sagte vor sich hin: &raquo;Das ist das Ende.&laquo;</p>
+
+<p>Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem
+Freunde Ferry Sponeck in dessen Wohnung. Sie vermieden
+es, &uuml;ber das Gesehene zu sprechen. Sie erstickten es in sich.
+<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts zu tun;
+sie stie&szlig;en es wieder weg und gruben es zu.</p>
+
+<p>Sie a&szlig;en schweigend und lauschten auf Ger&auml;usche von
+der Stra&szlig;e. Aber diese Stra&szlig;e der alten Pal&auml;ste war still;
+sie lag noch in einem vergangenen Jahrhundert und tr&auml;umte.
+Sie war wie von einem verstaubten Seiden-Gespinnst
+&uuml;berzogen.</p>
+
+<p>Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls f&uuml;r ein paar
+Wochen nach Rienburg gehen; die Gr&auml;fin habe ihn mehrmals
+aufgefordert, &uuml;brigens sei er ja als Vetter der
+Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte
+und schien seinen Entschlu&szlig; zu billigen. Ihn freue es nicht
+besonders, da&szlig; er hin solle, sagte er dann, aber Francine
+lasse ihm keine Ruhe, und so habe er nachgegeben. Gegen
+Francine aufzukommen, sei schwer, nicht blo&szlig; wegen
+ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem,
+sondern auch, weil man sie schonen m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Er hielt inne, um zu ergr&uuml;nden, ob Ferry Sponeck ihn
+richtig verstehe. In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe,
+wenn du willst, ich bin vernagelt, wenn du willst.
+In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das war genau,
+was Erasmus w&uuml;nschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses
+Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute
+hielten. Er wollte sich das Verworrene und Traurige
+in Francines Leben zurechtlegen; er hatte es mit Worten
+noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuh&ouml;rer, und zwar
+einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich
+bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry
+zu erkennen gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort:</p>
+
+<p>Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden;
+damals, als das Niemehrgutzumachende mit dem italienischen
+S&auml;nger passierte, sei sie achtzehn Jahre alt
+<a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a>gewesen, der Verf&uuml;hrer sechsundvierzig, noch dazu verheiratet
+und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle
+Konsequenzen gezogen; nicht blo&szlig; in ihre schwierige Lage
+sich gef&uuml;gt und dem die Treue bewahrt, der ihre Zukunft
+vernichtet, sondern auch in den Entt&auml;uschungen, Dem&uuml;tigungen
+und K&auml;mpfen ihren gro&szlig;en Charakter gest&auml;hlt.
+Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht,
+sich eine neue Position zu schaffen und au&szlig;erdem noch
+soviel Kraft er&uuml;brigt, ihm, dem j&uuml;ngeren Bruder, eine
+t&auml;tige und hilfreiche Freundin zu sein. Das m&uuml;sse man
+bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der habe
+keinen Begriff von Unerschrockenheit und W&uuml;rde.</p>
+
+<p>Ferry Sponeck mu&szlig;te den Begriff haben, denn er blickte
+Erasmus zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile:
+&raquo;Ich habe oft dar&uuml;ber nachgedacht, warum es so kommen
+mu&szlig;te, bei ihrem Stolz, ihrem Bewu&szlig;tsein davon, was sie
+dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu
+dem Resultat gelangt, da&szlig; das, was ihr zum Verh&auml;ngnis
+geworden ist, ein Ungnadsches Verh&auml;ngnis &uuml;berhaupt ist.
+In jedem Ungnadschen Leben, habe ich herausgefunden,
+ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger Moment,
+wo die Sinnlichkeit ein f&uuml;r allemal &uuml;ber ihn entscheidet.
+Es f&auml;ngt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudr&uuml;cken
+wovon; zum Beispiel, man geht &uuml;ber eine Br&uuml;cke
+und sieht, wie ein Weib sich &uuml;ber das Gel&auml;nder beugt und
+sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist irgendein
+anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen
+Moment geschieht, beeinflu&szlig;t und durchdringt
+das ganze Leben, wie wenn ein bestimmtes Aroma aus
+einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie wenn ein
+winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem
+mit Fl&uuml;ssigkeit gef&uuml;llten Becken f&uuml;r immer den Geschmack
+<a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>gibt. Man kommt nicht mehr los. Das Winzige entscheidet.
+Man kommt von dem Aroma und dem Geschmack nicht
+mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.&laquo;</p>
+
+<p>Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an.
+Das ging weit &uuml;ber seine Welt. &raquo;Jaja,&laquo; murmelte er;
+&raquo;schon; nat&uuml;rlich; so was ist schlimm, armer Kerl, sehr
+schlimm.&laquo;</p>
+
+
+<p class="newsection">Es gab ein tiefes und geh&uuml;tetes Geheimnis im Leben
+der Gr&auml;fin Marietta Giese. Es war dieses Geheimnis
+ebensosehr eine Quelle von Gl&uuml;ck und Kraft als von
+Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es
+sie mit Zweifeln qu&auml;lte; aber immer war sie seiner Herr.
+Die vor der Welt verschwiegene B&uuml;rde ist oft Reichtum;
+Besitz, der vor fremden Augen bewahrt werden mu&szlig;,
+oft Pein.</p>
+
+<p>Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wu&szlig;te
+es nicht. Sie hatte den Knaben w&auml;hrend des Jahres zur
+Welt gebracht, in welchem Erasmus in Japan war. Ihre
+Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein
+einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen
+worden, das war ihre Freundin Helene von Gravenreuth;
+in einem Dresdner Sanatorium hatte sie das Kind
+geboren; auf Schlo&szlig; Gravenreuth lebte der kleine Wolf
+in sicherer Hut.</p>
+
+<p>Es war keine Zufallsfrucht. Sie hatte das Kind mit
+ihrem Willen empfangen. W&auml;hrend sie es getragen, war
+sie sich v&ouml;llig klar dar&uuml;ber gewesen, was sie auf sich nahm.
+Sie mu&szlig;te es durchsetzen gegen die Welt; es vorbereiten
+auf ein ungesichertes Schicksal. Hatte sie es doch der Welt
+abgerungen und vom Schicksal ertrotzt. Solche sind von
+Anfang an belastet. Erasmus war der Mann nicht, den
+<a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a>ein Kind inniger an die Geliebte bindet. Ihr gegen&uuml;ber
+war ein Kind seine Furcht und sein Aberglauben stets
+gewesen. Der Grund davon h&auml;tte ihr schmeicheln d&uuml;rfen,
+wenn er nicht im dunkleren Teil der Seele Beleidigung
+geworden w&auml;re. Die Frau in ihr war sp&auml;t erwacht. Sie
+mu&szlig;te etwas haben wider ihn und f&uuml;r sich; und f&uuml;r ihn
+und wider die Gesellschaft. Sie hatte ein Pfand gebraucht
+und eine Best&auml;tigung. Es kam nicht darauf an, da&szlig; er
+es erfuhr; vielleicht w&uuml;rde er es niemals erfahren; mit
+Empfindsamkeiten rechnete sie nicht; z&auml;rtliche R&uuml;hrung
+war weder ihre noch seine Sache. Ihr diente es. Sie wurde
+befestigt. Und &uuml;ber Pfand und Best&auml;tigung hinaus war es
+auch Bild, noch dazu ein sch&ouml;nes, lebendiges. Die
+V&auml;ter waren ihr ohnehin Ziel des Spottes. An Vatergef&uuml;hle
+glaubte sie wenig. Und ihm ein Kind pr&auml;sentieren,
+das au&szlig;erhalb der Ehe gezeugt war, das hie&szlig; alle patriarchalischen
+Vorurteile in ihm wachrufen, sie wu&szlig;te es, und
+seine &auml;ngstlichsten Bedenken gegen die Mutter kehren.
+Anla&szlig; genug zu schweigen.</p>
+
+<p>Hatte sie doch auch Freiheit und Liebe ertrotzt. Nie
+durfte er ahnen, da&szlig; und wie sehr es Kampf war. Sie hatte
+sich losgerissen von Fesseln, und die Haut blutete; f&uuml;r ihn
+mu&szlig;te es sein, als h&auml;tte sie sich einen Kranz vom Haar
+genommen, der zu welken beginnt. Was sie verachtete,
+war ihm ehrw&uuml;rdig; worunter sie seufzte, war ihm von
+heiliger Bedeutung. Immer sein Zagen, sein Zur&uuml;ckhalten;
+sein Warnen, sein Nichtbegreifen, wenn sie vorw&auml;rts
+wollte; wieviel List war da n&ouml;tig; wieviel Geistes- und
+Herzensgut zerst&auml;ubte; wieviel Erkl&uuml;gelung forderte es,
+ihn so zu f&uuml;hren, da&szlig; er zu f&uuml;hren im Wahn blieb. Voneinandergehen:
+Ungewi&szlig;heit; Wiederkommen: Hangen
+und Bangen; Getrenntsein: das Nichts; Zusammensein:
+<a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>Druck seiner Hypochondrie. Leidenschaft lohte auf, schwelte
+und verglomm. War das noch Leidenschaft, wenn einer
+so lange mi&szlig;traute, bis er wehrlos wurde? und sich dann
+schemenhaft entzog? Marietta schlug den Funken, w&auml;rmte
+den Freund mit Blick und Atem, pr&auml;gte sich ihm ein, die
+Stunde ihm ein, die Liebkosung, das bindende Wort. Alles
+hing davon ab, da&szlig; er nicht verga&szlig;, da&szlig; er immer wieder
+zu ihr fand und sie sich finden lie&szlig;, nicht mit zu leichter
+M&uuml;he, nicht mit zu schwerer. Er: stets im Begriff, einem
+Joch zu entschl&uuml;pfen, dem die Sanktion fehlte, das
+Gewesene zu leugnen; sie: in Ruhe, in scheinbarer, die
+Wagschalen sorgsam in der Gleichlage haltend, gespannt,
+geduldig, heiter, geschm&uuml;ckt, in Hader mit ihrer Kaste,
+die soziale Tyrannei geistig &uuml;berwindend, im Gef&uuml;hl ihr
+verfallen, und so, mit einer Existenz am Rande der Gesellschaft,
+am Rand des M&ouml;glichen und Anerkannten, in unaufh&ouml;rlicher
+Schwebe.</p>
+
+<p>Sie hatte lange gez&ouml;gert, ob sie ihn rufen solle. Beim
+Abschied hatten sie einander feierlicher als sonst entsagt.
+Sie nannte das die Erkl&auml;rung des Desinteressements.
+Es war notwendig zu seiner Gewissensentlastung und
+damit die Pl&auml;ne, die andere mit ihm vorhatten, nicht
+seine allenfallsigen Entschlie&szlig;ungen hemmen konnten.
+Ihr blieb nichts &uuml;brig, als zu warten. Die Jahre untergruben
+auch in ihr langsam das Vertrauen zu der Macht,
+die bisher jedes Hindernis besiegt hatte. Der Spiegel
+wurde zum Memento. Der Spiegel betrog nicht, noch war
+er zu betr&uuml;gen.</p>
+
+
+<p class="newsection">Sie lie&szlig; fr&uuml;h die Lichter anz&uuml;nden. Da sie sich seit
+dem Morgen unp&auml;&szlig;lich gef&uuml;hlt hatte, legte sie sich auf die
+Chaiselongue und ergab sich dem Vor&uuml;berrinnen der
+<a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>Stunden. Den November hatte sie von jeher geha&szlig;t. Sie
+war &uuml;berzeugt, da&szlig; es der Monat sei, in dem sie sterben
+w&uuml;rde. Der alte Diener, der aussah wie ein Kalm&uuml;ck,
+huschte auf dem Teppich hin und her, um den Teetisch zu
+richten. Das kostbare Geschirr klirrte melodisch. Sie
+war in ein rosafarbenes Teegewand gekleidet, mit breiten
+Valencienner Spitzen an den weitoffenen &Auml;rmeln. Die
+Farbe brachte das Leuchtende ihrer Haut zur Geltung wie
+auch das tiefe Goldrot der &Uuml;berf&uuml;lle ihres Haares.</p>
+
+<p>Die Glocke l&auml;utete; nun kam er. Den zaghaft und fast
+lautlos Eintretenden begr&uuml;&szlig;te sie mit zartest-unbefangenem
+L&auml;cheln, entschuldigte sich, da&szlig; sie lag, reichte ihm die
+Hand, die er ergeben an die Lippen f&uuml;hrte. Ein paar
+Sekunden herrschte Schweigen, dann stammelte er allerlei,
+um zu rechtfertigen, da&szlig; er sich nicht selbst gemeldet. Sie
+wunderte sich und schnitt die kl&auml;glichen Versuche sanft ab.
+Indes brachte der Kalm&uuml;ck den Tee, und man hatte
+Besch&auml;ftigung. Marietta &uuml;bernahm die Leitung des
+Gespr&auml;chs. Ihr Instinkt gebot ihr, viel zu sprechen. Sie
+erz&auml;hlte ein paar lustige Episoden aus Eichfurth, schilderte
+ein Diner, bei dem sie gewesen, einen n&auml;chtlichen Gang
+in der erregten Stadt, eine Begegnung mit einem der
+gest&uuml;rzten Minister, den Eindruck der Lekt&uuml;re von Barbusse&#8217;
+<em class="antiqua">l&#8217;enfer,</em> die Verabschiedung einer unversch&auml;mt
+gewordenen Zofe, alles leicht, pointiert, schmiegsam.
+Sie lie&szlig; die Stimme spielen. Sie erfuhr es wie eine Botschaft,
+da&szlig; die Stimme noch ihre sinnliche Magie besa&szlig;.</p>
+
+<p>Zuerst d&uuml;nkte ihm, er h&auml;tte die Stimme nie geh&ouml;rt.
+Jetzt erkannte er sie wieder. Der Klang; diese Pausen,
+diese Einschiebsel, diese Raschheit, diese Belebtheit. Er
+war zu schwerf&auml;llig, im gleichen Tempo mitzugehen; er
+blieb gew&ouml;hnlich im Erw&auml;gen und Verstehen um einen
+<a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>Schritt zur&uuml;ck, auch um zwei oder drei; manchmal wartete
+sie gutm&uuml;tig, bis er nachgekommen war, manchmal auch
+nicht, dann erg&ouml;tzte sie seine Verwirrung und sein galanter
+Eifer. Es bereitete ihr Genugtuung, ihn v&ouml;llig ahnungslos
+zu wissen &uuml;ber die Absichten, die sie verfolgte, ihn raten
+zu lassen, im Kreis herumzulocken und durch Kapriolen
+zu beunruhigen. Zuweilen zuckten ihre Lippen in verhaltenem
+Mutwillen, aber hinter dem Mutwillen war Traurigkeit,
+und das gab dem Ausdruck Reiz und Wechsel.</p>
+
+<p>Ohne &Uuml;bergang sagte sie pl&ouml;tzlich: &raquo;Es ist keine &uuml;ble
+Idee von Francine, dich zu Rienburgs auf Werbung zu
+schicken. Ich bin ganz einverstanden damit. Der Versuch
+vor sechs Jahren mit Sebastiane ist ja im Anlauf steckengeblieben,
+und du hast dir nichts vergeben und nichts
+verdorben. Wie alle fr&uuml;heren Heiratsprojekte verfehlt
+waren, so auch dies. Sebastiane w&auml;re nicht die richtige
+gewesen. Pauline ist vielleicht die richtige.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah mit l&auml;chelnd-gleitendem Blick an ihm herab,
+der betreten vor sich hinschaute, und fuhr fort: &raquo;Ich kenne
+ja die Familie gut, wie du wei&szlig;t. Lix war eine Zeitlang
+in mich verliebt, war hinter mir her wie mein Schatten,
+und ich half ihr bei ihrer etwas verstiegenen Korrespondenz.
+In der ungl&uuml;cklichen Ehe mit Heinrich Lerchenfeld ist sie
+dann Theosophin geworden, was ein j&auml;mmerlicher Trost
+f&uuml;r eine elegante junge Frau ist. Ich sage, Pauline ist
+vielleicht die rechte, weil wir ja noch die kleine Aglaia
+haben, und es w&auml;re immerhin zu bedenken, ob sie nicht
+vorzuziehen ist. Ich habe neulich mit Georg Ulrich
+Castellani dar&uuml;ber gesprochen; nur um ihn auszuholen,
+denn er ist ja gescheit wie der Tag, und weil er viel mit
+Rienburgs zusammen ist; er wird auch mit dir zugleich dort
+sein, wie ich dir im Vertrauen mitteilen kann. Leider ist
+<a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>der Altersunterschied zwischen dir und Aglaia etwas zu
+gro&szlig;; zweiundzwanzig Jahre, das ist fast unmoralisch.
+Au&szlig;erdem ist sie ein Wildfang; du w&uuml;rdest M&uuml;he mit ihr
+haben. Geht denn das? Kannst du M&uuml;he aufwenden?
+eine Widerspenstige z&auml;hmen? Das ist nichts f&uuml;r dich.
+Pauline ist die stillere; ein wenig melusinenhaft; das hast
+du ja gern. Sie gibt R&auml;tsel auf, aber die R&auml;tsel sind leicht
+zu raten. Sie h&auml;lt sie freilich f&uuml;r unl&ouml;sbar; das ist nur
+eine Chance mehr f&uuml;r dich; es besch&auml;ftigt sie. Du brauchst
+eine Frau, die dich restlos anbetet; ich meine nicht adoriert;
+adorieren ist zu glatt und zu seicht; nein, geradezu anbetet,
+in Staunen verloren. Und nicht etwa aus Stupidit&auml;t,
+sondern aus Phantasie. Heiratest du eine Person ohne Phantasie,
+so l&auml;ufst du Gefahr, da&szlig; sie sich und dich nach drei
+Wochen zu Tode langweilt. Oder sie stellt Anspr&uuml;che,
+und das w&uuml;rde dich deine Nerven kosten. In deine Hintergr&uuml;nde
+ist schwer zu dringen; es braucht dazu ein bi&szlig;chen
+Geist und viel Geduld. Stifte nur keine Verwirrung.
+Verliebe dich nicht in beide zugleich, oder mach dir nicht
+selber Opposition, indem du eine gegen die andere ausspielst
+und dann bei allen zweien verspielst. Sei k&uuml;hl,
+aber str&auml;ube dich auch nicht gegen eine ehrliche Neigung;
+halt dein Herz nicht zu fest und la&szlig; deine Augen nicht
+zu gierig sein.&laquo;</p>
+
+<p>Erasmus hatte sein spleeniges L&auml;cheln, als er z&ouml;gernd
+erwiderte: &raquo;Deine F&uuml;rsorge ist wirklich bezaubernd, Mariette.
+Leider ist sie nicht gen&uuml;gend motiviert. Ich leugne
+nicht, da&szlig; die Verbindung mit Rienburgs ihre Vorteile
+hat, aber du wei&szlig;t doch, du sagst es selbst, wie wenig ich
+mich f&uuml;r die Ehe eigne. Leuchtet mir auch das N&uuml;tzliche
+und F&ouml;rderliche ein, wenn es dann ums Ja oder Nein geht,
+scheint es mir vollkommen t&ouml;richt, da&szlig; ich ja oder nein
+<a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>sagen soll. Warum r&uuml;cken einem die Leute so nah mit
+ihrem Verlangen nach dem Ja oder Nein? Es ist l&auml;stig,
+sich entscheiden zu m&uuml;ssen. Ich will mich nicht entscheiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du willst dich nicht entscheiden,&laquo; wiederholte Marietta
+leise, mit einem unh&ouml;rbar bittern Unterton; &raquo;das begreife
+ich. Du willst, da&szlig; f&uuml;r dich entschieden wird, und m&ouml;glichst
+zu deiner Bequemlichkeit. Du r&uuml;hrst nicht hin; alles soll
+sein wie Blumen unter Glas. Du kannst aber nicht au&szlig;erhalb
+von Ja und Nein leben. Hast du noch nie dar&uuml;ber
+nachgedacht, was f&uuml;r ein m&ouml;rderisches Ding das Vielleicht
+ist, und was f&uuml;r ein unredliches das Nochnicht? Du
+eignest dich f&uuml;r die Ehe nicht mehr und nicht minder als
+jeder verw&ouml;hnte und egoistische Mann in deinen Jahren.
+Man darf sich nicht kostbarer f&uuml;hlen als die Welt einen
+wertet, sonst wird man gleich ein bi&szlig;chen l&auml;cherlich. Was
+riskierst du? H&ouml;chstens, eine Frau ungl&uuml;cklich zu machen.
+F&auml;llt das so schwer ins Gewicht? Ist es so verf&uuml;hrerisch,
+als bisweilen eingeladener, bisweilen &uuml;bergangener, m&auml;&szlig;ig
+interessanter Sonderling in einer &ouml;den Wohnung zu hausen,
+mit K&ouml;chinnen, die rappelk&ouml;pfig sind, und Dienern, die
+einem die W&auml;sche auftragen und die Zigaretten stehlen?
+Weshalb die Skrupel? Worauf wartest du?&laquo;</p>
+
+<p>Mit einer Betroffenheit, die seinem Gesicht einen kargen
+und betr&uuml;bten Ausdruck verlieh, antwortete Erasmus:
+&raquo;Keineswegs konnte ich darauf gefa&szlig;t sein, gerade in dir
+einen so eifrigen Anwalt f&uuml;r meine Verheiratung zu finden.
+Es ist mir neu&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Marietta wandte sich ihm mit gro&szlig;em Blick zu. &raquo;Ja,
+siehst du, Lieber,&laquo; sagte sie langsam und freundlich, &raquo;ich
+mu&szlig; nun auch daran denken, mein Leben unter Dach und
+Fach zu bringen. F&uuml;r so naiv wirst du mich doch nicht
+halten, da&szlig; ich dir aus reiner Selbstlosigkeit zurede. Als
+<a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a>ich ein Kind war, hing zu Hause ein Bild; die Verlassene
+hie&szlig; es. Diese Dame blickt von einem Felsen an der K&uuml;ste
+sehns&uuml;chtig aufs Meer hinaus; es standen auch die Worte
+kummervoll und tr&auml;nenleer darauf. Ich konnte das Bild
+nie anschauen, ohne mich &uuml;ber die dumme Gans zu &auml;rgern.
+Da&szlig; ich solche tragische Figur abgebe, wirst du mir doch
+nicht zumuten. Kummervoll und tr&auml;nenleer; nein, ich
+danke. Ich bin f&uuml;r Erledigungen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe nicht,&laquo; murmelte Erasmus, &raquo;wir sind
+jedesmal &uuml;bereingekommen&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; das, bitte,&laquo; unterbrach sie ihn scharf und hob den
+Kopf ein wenig. Ihre Augen schimmerten wie dunkle Opale.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie meinst du das: dein Leben unter Dach und
+Fach bringen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr einfach: ich will heiraten; ich auch.&laquo;</p>
+
+<p>Erasmus staunte starr, mit eckig emporgezogenen
+Brauen. &raquo;Heiraten? Du? Wen denn, um Gotteswillen?&laquo;</p>
+
+<p>Die Anrufung Gottes und die zwei best&uuml;rzten Zirkumflexe
+auf seiner Stirn brachten Marietta zum Lachen. Er
+zuckte zusammen. Er liebte dieses Lachen an ihr, das den
+Mund einer aufgeschnittenen Frucht &auml;hnlich machte und sie
+zwanzigj&auml;hrig erscheinen lie&szlig;. Es enthielt Erinnerung an
+Reiz und Liebkosung, Halbvergessenes, Halbentschwundenes,
+Unverge&szlig;bares, heimlichstes Wunder des Geschlechts.
+Innere Unruhe zwang ihn &auml;u&szlig;erlich zur Unbeweglichkeit;
+er schaute sie an wie eine Frau, der man zum
+erstenmal begegnet, von der man aber ber&uuml;ckende Wissenschaft
+hat.</p>
+
+<p>Es war ein vollendeter, trivialer kleiner Roman. Das
+Triviale daran bot die Gew&auml;hr; von den Finessen war sie
+satt. Als sie im Sommer mit Helene Gravenreuth in Bern
+gewesen, habe sie einen jungen Holl&auml;nder kennengelernt,
+<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>reich, luxuri&ouml;s, durch und durch lebendig, mit exzellenten
+Manieren, und dieser Holl&auml;nder nun, den Namen bitte
+sie vorl&auml;ufig verschweigen zu d&uuml;rfen, habe sich mit &auml;u&szlig;erster
+Entschlossenheit in sie verliebt. Sie sei ihm nicht gerade
+entgegengekommen, habe ihn aber auch nicht entmutigt,
+und als sie mit Helene nach Pontresina gefahren, sei er
+eines Tages dort erschienen, man habe gemeinsame Ausfl&uuml;ge
+gemacht, Bridgepartien arrangiert, und so weiter,
+wie es eben zu gehen pflege. Dann sei man abgereist,
+er habe ihr geschrieben, an Helene geschrieben, immer
+st&uuml;rmischer, immer offener, und jetzt habe ihn Helene nach
+Gravenreuth zu Gast gebeten, nachdem sie vorher bei
+ihr angefragt, ob sie gleichfalls kommen wolle. Er sei
+wahrscheinlich schon dort; sie werde &uuml;bermorgen von
+Eichfurth aus hinfahren. Da Gravenreuth und Rienburg
+nicht viel mehr als zwei Wegstunden auseinander l&auml;gen,
+sei es eine reizende F&uuml;gung, meinte sie zum Schlu&szlig; ihres
+Berichts, da&szlig; sie sich &uuml;ber den Fortgang der beiderseitigen
+Verlobungs- und Versorgungsaktionen jeden Tag kameradschaftlich
+aussprechen k&ouml;nnten, wenn sie Lust dazu
+versp&uuml;ren sollten.</p>
+
+<p>Ja, es sei merkw&uuml;rdig, gab Erasmus zu. Dann schwieg
+er. Marietta schwieg ebenfalls. Sie lie&szlig; ihre Fu&szlig;spitze
+kreisen, und Erasmus sah dem Spiel des Fu&szlig;es zu. Sie
+blickte an die Decke, und ihre vollen, leidenschaftlich
+gew&ouml;lbten Lippen &ouml;ffneten sich zu einem schimmernden Spalt.
+Auf einmal sprang sie auf und ging im Zimmer umher.
+Ging ohne Hast, wie nach einem vorgefa&szlig;ten Rhythmus,
+und ihre Gestalt hob sich wiegend ab von &uuml;berlegt gestimmtem
+Hintergrund. Mit l&auml;ssiger Hand ber&uuml;hrte sie
+bald eine Vase, bald ein St&uuml;ck Stoff, ohne die Hand zu
+heben, im Gleiten nur.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>Er kannte genau die Art, wie sie beim Gehen den Fu&szlig;
+aufsetzte, bewu&szlig;t, ihn leicht und kr&auml;ftig aufzusetzen, so da&szlig;
+die Gelenke entlastet wurden und die H&uuml;fte nur unmerklich
+zitterte. Der straff gehaltene Oberk&ouml;rper folgte
+der Bewegung nur insoweit, als er dadurch nichts an Ma&szlig;,
+aber auch nichts an Freiheit verlor. Es war ein bedachtes
+und gefeiltes Schreiten. Sie schritt, als schmecke ihr das
+Gehen, als tr&uuml;ge sie sich in eigent&uuml;mlicher Weise selber.
+Jede Ver&auml;nderung einer Linie an ihrem K&ouml;rper umschlo&szlig;
+den Keim zu einer Geb&auml;rde, die er kannte und die ihm vertraut
+war seit vielen Jahren. Viele seiner Stunden
+kamen wieder, w&auml;hrend sie so ging und sch&ouml;ne Gegenst&auml;nde
+an r&uuml;hrte, viele seiner Gedanken, Wunsch und
+Erf&uuml;llung.</p>
+
+<p>&raquo;Und du? Du liebst ihn?&laquo; fragte er scheu.</p>
+
+<p>&raquo;Bah, Liebe,&laquo; antwortete sie; &raquo;es geht nicht um Liebe.
+Es geht um Halt, es geht um Dauer. Ich bin manchmal
+m&uuml;de, wei&szlig;t du. Es ist so gut, bei einem zu ruhen. Davon
+zu tr&auml;umen, ist schon gut. Wir sind alle ein wenig an die
+letzten Barri&egrave;ren gehetzt, nicht blo&szlig; ich und du. Aufatmen,
+ausatmen, o!&laquo; Sie blieb stehn und schaute zu einem
+Bild an der Wand empor, ohne es zu sehen. &raquo;Was ich
+tue, ist mir klar,&laquo; fuhr sie mit tiefsonorer Stimme fort, in
+der sich Blut und Natur verriet; &raquo;wenn man mit meinen
+Erfahrungen eine neue Ehe schlie&szlig;t, gibt es keine Illusionen
+mehr. Mit achtzehn Jahren ist es ein Sprung in die
+Finsternis; ich habe ihn getan. Kommt man mit halbwegs
+heilen Gliedern davon, so hat man h&ouml;chstens gelernt, da&szlig;
+man einen langen L&ouml;ffel haben mu&szlig;, um mit dem Teufel
+eine Mahlzeit zu halten, aber das Abenteuer lockt, und der
+s&uuml;&szlig;e Tag verspricht. Wir sind leichtgl&auml;ubige Gesch&ouml;pfe.
+Heute&nbsp;... ich will froh sein, wenn der, dem ich mich &uuml;berlasse,
+<a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>mir mit der Achtung begegnet, die eine anst&auml;ndig
+erworbene Invalidit&auml;t verdient.&laquo;</p>
+
+<p>Erasmus sagte: &raquo;Wir haben manches zusammen erlebt,
+in langer Zeit, und da&szlig; es zu Ende sein soll, kann ich mir
+nicht vorstellen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sonderbar, da&szlig; du mir nie und durch nichts fremder
+wirst, aber auch nie und durch nichts vertrauter,&laquo; sagte
+Marietta, indem sie sich auf den Rundstuhl vor dem Fl&uuml;gel
+setzte und den Deckel &ouml;ffnete; &raquo;du warst eigentlich immer
+der, der kommt und der, der geht; nie der, der bleibt. Du
+kannst nicht Aug in Auge sein. Du f&uuml;rchtest den Blick,
+der dich fordert. Warum nur?&laquo; Sie schlug ein paar
+Akkorde an, sehr leise, und sprach weiter: &raquo;Wir haben
+manches zusammen erlebt, gewi&szlig;; doch nicht so zusammen,
+wie du glaubst,&laquo; sie neigte das Haupt tiefer; &raquo;oft in
+unsern sch&ouml;nsten Zeiten, und es waren sch&ouml;ne Zeiten, ich
+will nicht undankbar sein, hatte ich das Gef&uuml;hl: du hast
+ihn sich selber gestohlen, und er tr&auml;gt dir den Diebstahl
+nach. Ja, er hadert, sagte ich mir, er sammelt Ressentiments,
+und eines Tags wird er mit der gro&szlig;en Liste kommen und
+abrechnen. Da ists doch vielleicht besser, vorher ein Ende
+zu machen; meinst du nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Erasmus erhob sich und wollte zu ihr hin. Sie streckte
+abwehrend die Arme aus.</p>
+
+
+<p class="newsection">Vierundzwanzig Stunden sp&auml;ter war Erasmus in entlegener
+Welt, ein Hinbefohlener, um Gl&uuml;ck zu suchen.
+Die Freude, mit der er aufgenommen wurde, bedr&uuml;ckte ihn,
+da er das Programm zu sp&uuml;ren glaubte, und er gab sich
+spr&ouml;der noch, als ihm zu Sinn war; doch nicht lange. Die
+arglosen Gespr&auml;che schlossen ihn auf, die unbefangene
+N&auml;he der heitern Frauen. An viel Gemeinsames konnte
+<a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a>angekn&uuml;pft werden. Der leichte Zwang zur Geselligkeit
+&uuml;berschritt liebensw&uuml;rdige Formen nicht, der Tag teilte
+sich nat&uuml;rlich ein, die kleinen Pflichten fielen nicht l&auml;stig.
+Am Abend versammelten sich alle in dem entz&uuml;ckenden
+Speisesaal im Mariatheresiastil; das Souper hatte festliches
+Gepr&auml;ge. Auf der Tafel und auf sechs Konsolen brannten
+Kerzen in silbernen Kandelabern. Die Gr&auml;fin nahm ihre
+Vorliebe f&uuml;r Kerzenlicht zum Anla&szlig; einer Philippika
+gegen die Zudringlichkeit moderner Beleuchtung, die
+delikate Farben wirkungslos und zarth&auml;utige Frauen schlecht
+aussehend mache. Graf Castellani, mit seiner Meinung
+stets zu ihren Diensten, stimmte ihr bei, Hofmann, der
+er war.</p>
+
+<p>Am andern Morgen sagte er zu Erasmus, als sie nach
+dem Fr&uuml;hst&uuml;ck durch den Park gingen: &raquo;Die gute Gr&auml;fin
+denkt, wenn sie f&uuml;nfundzwanzig Kerzen brennen l&auml;&szlig;t,
+hat sie schon achtzehntes Jahrhundert im Hause. Als ob
+achtzehntes Jahrhundert blo&szlig; ein niedlicher Illuminationsscherz
+w&auml;re. Heute sind alle so. Leere Pr&auml;tensionen.
+Eine herzlich angenehme Frau, aber ohne Tourn&uuml;re.
+Viel guter Wille; der Zuschnitt pitoyabel.&laquo;</p>
+
+<p>Georg Ulrich Castellani war etwas vereinsamt hier.
+Er machte sich nichts aus Frauen. Als Mitglieder der
+Gesellschaft und vernunftbegabte Individuen konnte er
+sie im zureichenden Fall achten, im unzureichenden verbarg
+er die Geringsch&auml;tzung hinter seiner ziselierten Artigkeit;
+als Geschlechtswesen waren sie nicht vorhanden f&uuml;r ihn.
+Er hatte sich darauf eingerichtet, den ganzen Winter auf
+dem Gut zu bleiben; er empfand sich, in historischer
+Weise, durchaus als Emigrant. Er war der n&auml;chste
+Freund des gefallenen Dettingen gewesen; Sebastiane
+begegnete ihm mit scheuer Verehrung. Es hie&szlig;, er benutze
+<a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>die l&auml;ndliche Mu&szlig;e zur Niederschrift seiner Memoiren,
+die Hauptbesch&auml;ftigung der gro&szlig;en Aristokraten nach dem
+Herbst des Jahres 18; in ihm war sicherlich &Uuml;berf&uuml;lle
+des Stoffes, da er, obwohl erst sechsundvierzig, in alle
+bedeutenden Welth&auml;ndel von Algeciras bis Brest-Litowsk
+t&auml;tig eingegriffen hatte.</p>
+
+<p>Polyxene sagte zur Erasmus: &raquo;Man erf&auml;hrt durch ihn
+Dinge, die in keinem Buch zu lesen sind. Wenn er spricht,
+ist er unwiderstehlich; wenn er schweigt, ist etwas Schauerliches
+um ihn. Er hat die Aura des Verh&auml;ngnisses.&laquo;</p>
+
+<p>Erasmus, belehrungsdurstig, wollte wissen, was das sei,
+die Aura des Verh&auml;ngnisses. Sie belehrte ihn gern.</p>
+
+<p>Aglaia wagte es, Georg Ulrich zu verspotten, als sie mit
+Erasmus &uuml;ber ihn sprach. Sie ahmte nach, wie er schamhaft
+die langwimprigen Lider senkte, sobald er einen seiner vergifteten
+Redepfeile abscho&szlig;. Sie erz&auml;hlte, da&szlig; er in Paris
+eines Tages seinen Diener auf die Stra&szlig;e geschickt habe,
+damit er einen Kommission&auml;r heraufhole; als dieser vor
+ihm stand, habe er blo&szlig; gefragt, wo der n&auml;chste Friseurladen
+sei und ihn nach geschehener Auskunft gn&auml;dig entlohnt.</p>
+
+<p>Keine der Frauen lie&szlig; Erasmus merken, da&szlig; sein
+Besuch einem Zweck gelte; keine schien davon zu wissen.
+Infolgedessen gewann er Freiheit und fa&szlig;te den Zweck
+selber ins Auge. Nicht so sehr mit dem n&uuml;chternen Gedanken,
+sich zu binden, als vielmehr mit dem schmeichelnden,
+zu erobern. Aber hier fing schon die Mi&szlig;lichkeit an. Da
+vier anmutige und besondere Gesch&ouml;pfe ihre Lockf&auml;den um
+ihn spannen, verga&szlig; er, da&szlig; mindestens zwei von ihnen
+seiner Wahl nicht anheimgestellt waren. Aber sein Wunsch
+im allgemeinen wurde rege. Wohl wu&szlig;te er, da&szlig; das
+gef&auml;hrlich war und da&szlig; es ihn aus der Bahn des Ersprie&szlig;lichen
+<a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a>lockte; aber er lie&szlig; es geschehen, da&szlig; das
+N&uuml;tzliche zur&uuml;cktrat gegen das Wohlige, und indem er sich
+der ihm auferlegten Vorschrift leichtsinnig entschlug,
+wuchsen Mut und Unternehmungsgeist in ihm. Es war so
+l&auml;&szlig;lich bet&auml;ubend, das alles, so von der Zeit entfernt, in
+der Mischung von Spiel und Ernst seiner Art gem&auml;&szlig;, und
+es entfalteten sich deshalb auch die anziehendsten Seiten
+seiner Natur.</p>
+
+<p>Kaum aber wurden die f&uuml;nf Damen, die ja im Grunde
+f&uuml;nf Verschworene waren, seiner Empf&auml;nglichkeit inne,
+so trugen sie Sorge, da&szlig; die g&uuml;nstige Entwicklung tunlich
+gef&ouml;rdert werde. Jedoch sehr heimlich; von einer Unterredung
+zwischen zweien oder dreien oder im Plenum blieb
+auf keinem Gesicht eine Spur haften. Sie wu&szlig;ten zu genau,
+da&szlig; eine Unvorsichtigkeit viel verderben konnte. Pauline
+verhielt sich bei den Beratungen passiv, wurde auch nur
+hinzugezogen, wenn es sich darum handelte, ihr notwendige
+Verhaltungsma&szlig;regeln einzusch&auml;rfen oder sie
+wegen begangener Ungeschicklichkeiten zur Rede zu stellen.
+Aber um ihr behilflich zu sein, mu&szlig;ten sich alle einem
+gewissen Plan f&uuml;gen, der darin bestand, Pauline vorzuschieben
+und sie der Gelegenheiten m&ouml;glichst wenig zu
+berauben.</p>
+
+<p>Das klang in der Theorie selbstverst&auml;ndlich und schien
+ohne weiteres befolgbar. In der Praxis war dabei mit der
+Gegenpartei zu rechnen. Zum Beispiel fand es Polyxene
+beschwerlich, da&szlig; sie auf die Gesellschaft von Erasmus
+verzichten solle, sobald Pauline am Horizont sichtbar wurde.
+Sie sagte, ein wenig beleidigend, sie sei froh, sich mit
+einem vern&uuml;nftigen Menschen unterhalten zu k&ouml;nnen;
+ihm auszuweichen, wenn er sie suche, dazu erblicke sie
+keinen Anla&szlig;. Sebastiane wieder erkl&auml;rte es unter ihrer
+<a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>W&uuml;rde, da&szlig; sie Vorschub leisten solle, wo es doch nicht
+einmal feststehe, ob eine sympathische Beziehung vorhanden
+und ob Erasmus gewillt sei, sich mit Pauline soviel zu
+besch&auml;ftigen, wie man annehme. Aber ehe Erasmus gekommen
+war, hatte sie sich am eifrigsten f&uuml;r den Heiratsplan
+eingesetzt und der j&uuml;ngeren Schwester vortreffliche
+Ratschl&auml;ge gegeben. Pauline selbst hatte sich am meisten
+&uuml;ber Aglaia zu beklagen, die sich, wie sie &auml;u&szlig;erte, in jedes
+Gespr&auml;ch dr&auml;nge, sich mit ihrer agassanten Koketterie
+l&auml;stig mache und es anscheinend nicht ertragen k&ouml;nne, wenn
+man sie f&uuml;nf Minuten lang unbeachtet lie&szlig;. Aglaia lachte
+zu den Anschuldigungen und antwortete schnippisch, jeder
+k&ouml;nne sich sein Vergn&uuml;gen verschaffen, wo er wolle, und
+wem sie im Wege sei, der m&ouml;ge ihr den Rang ablaufen,
+das Aschenbr&ouml;del abzugeben, habe sie keine Lust. Die
+Gr&auml;fin beschwichtigte die erregten Gem&uuml;ter, appellierte
+an Polyxenes Stolz, an Sebastianes Vernunft, an Aglaias
+gutes Herz, doch dauerhaft war der Frieden nicht, den sie
+mit Aufwand vieler Worte stiftete.</p>
+
+<p>Erasmus ahnte nichts von den Streitigkeiten, deren
+Ursache er war und denen er in f&uuml;hlloser Unschuld t&auml;glich
+neue Nahrung gab. Er &uuml;berlie&szlig; sich dem Antrieb und der
+Stunde, der augenblicklichen Neigung und Verf&uuml;hrung,
+nahm, was ihm entgegengebracht wurde und forschte nicht,
+was hinter den W&auml;nden vorging und sich hinter den klaren
+Stirnen verbarg.</p>
+
+<p>Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die &uuml;ber ihr
+Wesen gebreitet war. Sie hatte den &uuml;berschmalen Kopf der
+untergehenden Familien, auch Schultern und H&auml;nde waren
+&uuml;berschmal. Sie ging, wie die Engl&auml;nderinnen gehen, mit
+dem vollaufgesetzten Fu&szlig; und etwas r&uuml;ckenden Schenkeln.
+In den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe,
+<a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a>welche sinnliche Unruhe erzeugt; die Nasenfl&uuml;gel witterten
+best&auml;ndig wie bei einem &auml;ugenden Wild. Sie sprach mit
+Bitterkeit von ihrem zerst&ouml;rten Leben und andeutend
+von den Tr&ouml;stungen astraler Wissenschaft. Erasmus
+h&ouml;rte gewinnend aufmerksam zu; seine sp&auml;rlichen Einw&uuml;rfe
+galten mehr ihrem Blick, ihrem Mund, ihrem Hals,
+ihrer dunklen Stimme, dem stummen Fieberhaften, verhei&szlig;end
+Gl&uuml;henden ihres Innern als ihrer Rede.</p>
+
+<p>Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die
+Blasse, mit dem winzigen Haupt und der grazi&ouml;sen Haltung,
+die so ausgeglichen war; und klug; und ein bi&szlig;chen trocken
+und mi&szlig;trauisch. Er hatte sie f&uuml;r temperamentlos gehalten,
+bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen aus dem
+Dorf zugelaufenen gro&szlig;en Hund, der ihren Buley angefallen
+und sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit
+an der Schnauze packte, mit der andern Hand beim Hinterlauf,
+und als es ihr gelungen war, ihn wegzurei&szlig;en und
+zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er f&uuml;hrte sie zum
+Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war
+schweigsam. Er bedauerte pl&ouml;tzlich seine Flucht vor sechs
+Jahren, und sie sp&uuml;rte, da&szlig; etwas dergleichen in ihm vorging,
+denn sie l&auml;chelte verstohlen in ihrem nachst&uuml;rmenden
+Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles wei&szlig; und
+verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als
+Mutter war sie ihm unnahbarer als ihre Schwestern. Sie
+hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein vierj&auml;hriges; die
+standen neben ihr wie W&auml;chter; und unerkl&auml;rlich, um die
+Kinder beneidete sie Erasmus, als w&auml;re er selbst eine
+Frau, eine unfruchtbare, im Widerpart zur begl&uuml;ckten,
+und sie schien ihm h&ouml;her dadurch und reiner, geborgener
+jedenfalls und den Begierden entr&uuml;ckter.</p>
+
+<p>Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mit
+<a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>jungen M&auml;dchen gemacht; man kam mit ihnen erm&uuml;dend
+oft auf einen toten Punkt und lie&szlig; sich aus K&uuml;mmernis
+der Langeweile, aus Gutm&uuml;tigkeit oder auch aus Bosheit
+zu einem t&ouml;richten und &uuml;bereilten Wort hinrei&szlig;en, in dem
+man dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit,
+keine Unbefangenheit, kein Ma&szlig;, nur die plumpeste Zielstrebigkeit
+und Fallschwere. Warum fiel ihm so h&auml;ufig
+der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mu&szlig;te
+lachen; was war denn das, ein Nebelhuhn?</p>
+
+<p>Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen.
+Man hatte ihn vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson.
+Ein hervorstechender Zug seines Charakters war,
+da&szlig; er einem fremden Willensdiktat gegen&uuml;ber in die
+Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte
+man ihm einen Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum
+Stumpfsinn davon eingenommen, was nicht hinderte,
+da&szlig; er ihn schlie&szlig;lich unausgef&uuml;hrt lie&szlig;; nur mu&szlig;te er zuerst
+beschlie&szlig;en, ihn nicht auszuf&uuml;hren, dann war alles im
+Geleise.</p>
+
+<p>Hier war er unschl&uuml;ssig; bald gefangen, bald abgesto&szlig;en;
+bald neugierig, bald argw&ouml;hnisch. Komtesse Pauline hatte
+&uuml;ppig entwickelte Formen, im Gesicht etwas Porzellanhaftes,
+Augen von fast unpassender Durchsichtigkeit. Sie
+war bed&auml;chtig, meist in sich verloren. Wenn er mit ihr
+sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare
+dufteten wie eine frische Weizengarbe. Sie war versp&auml;tet;
+die beklommene L&auml;ssigkeit des ersten Erwachens war
+noch in ihr, oder jetzt erst. Sie ging jede Woche zur Beichte,
+und in ihrem Zimmer stand ein kleiner Hausaltar, vor dem
+sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald dar&uuml;ber
+im Klaren zu sein, da&szlig; sie mit ihrem vollen, unentt&auml;uschten
+jungen Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheit
+<a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>f&uuml;r ihn. Es war zu plan und zu ernsthaft;
+eh man sich recht besann, war man in der Schlinge. Er
+legte sich auf die Lauer und sp&auml;hte auf den belagerten
+Weg. Vor &Uuml;berf&auml;llen hatte er heillose Angst. Doch lie&szlig;
+er sich dann wieder anlocken und einlullen von dem
+schwebenden, fragenden, zwingenden Gef&uuml;hl und fl&uuml;chtete
+in der Not etwa zu der schl&uuml;pfrigen Eidechse Aglaia.</p>
+
+<p>Deren Siebzehnj&auml;hrigkeit war wie eine sprudelnde
+Font&auml;ne, l&auml;rmend und erfrischend, ein unhemmbares
+Quellen. Sie geh&ouml;rte zu denen, die schon als Kind alles
+sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin,
+Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles B&ouml;se.
+Sie sagte Dinge, die einen abgebr&uuml;hten Lebemann zum
+Err&ouml;ten brachten und hegte noch die z&auml;rtlichsten Empfindungen
+f&uuml;r ihre Puppen. Sie war ruhelos, naschhaft,
+ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte,
+spielte aus Lebens&uuml;berschu&szlig; Kom&ouml;die, hatte bisweilen
+Gesten und Bewegungen wie die wilden Negerinnen der
+Tropen, die an Nacktheit gew&ouml;hnt sind, weinte und lachte
+&uuml;ber ein Nichts und war der Despot im Hause. Erasmus
+ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie verabredet.</p>
+
+<p>An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus
+im oberen Korridor. Sie sagte zu ihm: &raquo;Wenn Sie mit
+mir kommen, will ich Ihnen etwas zeigen.&laquo; Sie hatte
+von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit gehabt, der
+den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem
+&uuml;brigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft
+mit Erasmus verkehrten. Sie f&uuml;hrte ihn durch ein paar
+unbewohnte R&auml;ume in den Ahnensaal, dessen W&auml;nde von
+Gem&auml;lden bedeckt waren, deutete auf das Bild einer k&uuml;hnblickenden,
+reichgeschm&uuml;ckten Dame und sagte: &raquo;Das ist
+<a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a>meine Ur-Urgro&szlig;mutter, der ich &auml;hnlich sehen soll, eine
+Polin. Es hei&szlig;t, da&szlig; sie mehr als ein Dutzend Liebhaber
+gehabt hat, und so viele Abenteuer au&szlig;erdem, da&szlig; Ludwig
+der F&uuml;nfzehnte manchmal den russischen Gesandten gefragt
+haben soll: was gibt es Neues von der F&uuml;rstin Barbara
+Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie
+den Aufst&auml;ndischen vorangeritten und von der ersten Kugel
+ins Herz getroffen worden. So mu&szlig; eine Edeldame leben,
+und so mu&szlig; sie sterben, finden Sie nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Dieses &raquo;Edeldame,&laquo; wie sie es sagte, hatte Gesang.</p>
+
+<p>Erasmus hielt es f&uuml;r gut, sich in seiner Antwort weise
+zu beschr&auml;nken. Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt,
+als da&szlig; es als Ideal aufgestellt werden k&ouml;nnte,
+zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber anlange; auch
+gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten ungeb&uuml;hrlich
+zu &uuml;bertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er
+beurteilen k&ouml;nne, nicht so expansiv, auch werte man die
+Frauen nach einem andern Ma&szlig;stab. Es gehe alles in die
+Enge, und man werde M&uuml;he haben, man werde froh sein,
+sich in der Enge zu behaupten.</p>
+
+<p>Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugeh&ouml;rt und ihn mit
+funkelnden Augen erst unwillig, dann schalkhaft von oben
+bis unten gemustert hatte, rief sie aus: &raquo;Erasmus, die
+Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgro&szlig;mutter
+Barbara der Angstschwei&szlig; ausbricht.&laquo;</p>
+
+<p>Er schaute etwas bl&ouml;de hin und sch&uuml;ttelte &auml;rgerlich
+den Kopf. Hierauf sah er das M&auml;dchen an, das auf
+Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen Unversch&auml;mtheit
+vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam das
+Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er n&auml;herte
+sich ihr, und Aglaia lachte. Sie verschr&auml;nkte die H&auml;nde
+im Nacken und straffte sich. Er warf einen hastigen Blick
+<a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>nach der T&uuml;r und k&uuml;&szlig;te sie rasch auf den Mund. Sie
+schlo&szlig; eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch
+viel leiser, und lief davon.</p>
+
+
+<p class="newsection">Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen
+erlaubt, durch stille Vereinbarung zugestanden, und man
+erwartete es sogar. Vor der wich er feig zur&uuml;ck, aber ohne
+sich zu entziehen und ohne zu verzichten. Die andern waren
+ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter
+allen Vieren richtete er Verwirrung an.</p>
+
+<p>Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verf&uuml;hrer. Er
+war voller Gewissen und Rechtschaffenheit. Er verf&uuml;hrte
+durch seine Weise, zu sein, die keine r&auml;nkevolle und unternehmende
+Weise war, noch weniger eine lasterhafte, nur
+eine biegsame und empf&auml;ngliche. Er verf&uuml;hrte durch Verf&uuml;hrbarkeit;
+weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam
+wandelten; weil er der ergebenste Zuh&ouml;rer war und der
+bereitwilligste Beistimmer; weil er mit der Miene des
+Kameraden und Freundes halb sch&uuml;chterne, halb k&uuml;hne
+Versprechungen gab, die nichts mehr mit Kameradschaft
+und Freundschaft gemein hatten; weil er das besa&szlig;, was
+Lix Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen
+nannte.</p>
+
+<p>Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht
+geheuer zumut. Er hatte sich zu vieler Vorstellungen zu
+erwehren; zu vieles mischte sich an Bild und Lockung. Es
+hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu l&ouml;sen und dem
+n&auml;chsten sich hinzugeben. Es besch&auml;ftigte, die Gebiete
+abzugrenzen, die Worte zu w&auml;gen, die &uuml;bernommenen
+Verbindlichkeiten nicht zu verwechseln. Beziehungen
+kn&uuml;pften sich ins Unentwirrbare. Eine gefl&uuml;sterte Frage
+verstrickte; Tausch von Blicken enth&uuml;llte ein Komplott;
+<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>L&auml;cheln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt,
+k&ouml;rperliche N&auml;he voll Heimlichkeit; die Geb&auml;rde wurde zur
+Verr&auml;terin; jedes Augenpaar bewachte ein anderes, ha&szlig;te
+die Huldigung, den Glanz, den Wetteifer des andern, und
+er mu&szlig;te darauf bedacht sein, zu gl&auml;tten und vor allem,
+da&szlig; in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand.</p>
+
+<p>Sebastiane beugte sich &uuml;ber ihn mit einer gef&uuml;llten
+Fruchtschale; alle konnten zusehen; man war bei Tisch.
+Unh&ouml;rbarer Alarm dennoch: mu&szlig;te sie so dicht an ihn
+heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter
+ihrer blo&szlig;en Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst,
+der nach vollkommener Reinheit lechzt. Er wu&szlig;te nicht,
+wo er einmal das Wort vernommen: junge Witwenschaft
+ist ein Bad.</p>
+
+<p>Aglaias Ku&szlig; hatte ihn l&uuml;stern gemacht. Er tr&auml;umte
+von ihren kostbar d&uuml;nnen Gelenken. Der Ausspruch der
+Fr&uuml;hentschlossenen wollte ihm nicht aus dem Sinn: ich
+werde mich niemals verkaufen, ich werde mich verschenken.
+Und ihre Augen, d&uuml;nkte ihn, hatten hinzugef&uuml;gt: heute
+nacht, wenn du willst.</p>
+
+<p>Mit Polyxene sa&szlig; er am Kaminfeuer im Salon, und
+sie las ihm mit sehns&uuml;chtiger Stimme aus einem Buch
+&uuml;ber Metempsychose vor. Sein Blick hing an ihren H&auml;nden,
+die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt umdrehte,
+glaubte er die elfenbeink&uuml;hlen Finger knisternd an seiner
+Haut zu sp&uuml;ren. Er erz&auml;hlte von einer Begegnung und
+einem Gespr&auml;ch mit einem Brahmanen in Benares, und
+sie lauschte mit geneigtem Kopf, w&auml;hrend Reflexe des
+Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und l&auml;chelte eigen
+zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten
+und was sie sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht.</p>
+
+<p>Mit Pauline ging er am Flu&szlig; entlang; pl&ouml;tzlich gewahrten
+<a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>sie im Geb&uuml;sch neben dem Weg ein umschlungenes
+Paar, schamlos, blind und taub. Es war au&szlig;erordentlich
+peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte weiter
+verlie&szlig; sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr
+gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand
+sie abzulenken, und indem er redete, schien ihm, da&szlig; sie sich
+vertrauensvoll an ihn dr&auml;ngte, unbewu&szlig;t, wie ein junges
+Tier. Da erschrak er und wurde &auml;ngstlich; nahm seine
+Worte in acht, f&uuml;hlte sich als S&uuml;nder und geriet doch ins
+Netz.</p>
+
+<p>In einer Stimmung zwischen Selbstvorw&uuml;rfen und
+&Uuml;berschwang setzte er sich in der Nacht hin, um an Marietta
+zu schreiben. Es wurde nichts daraus. Er fing dreimal
+an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal, weil
+er inne wurde, da&szlig; er in seinen Er&ouml;ffnungen zu weit
+ging; einmal, weil er mit Erstaunen bemerkte, da&szlig; er ihr
+eifers&uuml;chtige Vorhaltungen machte und einen Zustand
+seines Innern schilderte, von dem er erst erfuhr, als er
+ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und
+vollst&auml;ndig unzusammenh&auml;ngende Epistel entstand, die
+wohl seine Verfassung am getreuesten, aber auch am
+unerquicklichsten malte. Da ging er unzufrieden zu Bett,
+und um einschlafen zu k&ouml;nnen, z&auml;hlte er von eins bis
+tausend und in die graue Unendlichkeit weiter.</p>
+
+<p>Am andern Tag traf ein Telegramm von Ferry Sponeck
+ein, welches lautete: Komme morgen mit meinem Freund
+Eugen Sparre. Nun wu&szlig;te jedoch niemand, weder die
+Gr&auml;fin, noch eine der T&ouml;chter, wer Eugen Sparre war;
+sie wunderten sich und rieten hin und her. Erst Georg
+Ulrich Castellani konnte sie aufkl&auml;ren, als beim Mittagessen
+davon gesprochen wurde. Er lachte unter seinem
+gew&ouml;lbten Schnurrbart, der den Mund wie ein schwarzseidener
+<a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>Vorhang bedeckte, und sagte: &raquo;Sparre, ach ja,
+ich erinnere mich, Ferry hat mir von ihm erz&auml;hlt. Er ist
+ein junger Mediziner oder angehender Arzt, der in einem
+herausfordernden Gegensatz zur gesamten bisherigen
+Wissenschaft steht und seine eigenen, ich wei&szlig; nicht ob
+bew&auml;hrten oder fragw&uuml;rdigen, wahrscheinlich aber fragw&uuml;rdigen
+Methoden verfolgt. Ferry hat ein unsinniges
+Penchant f&uuml;r ihn, seit er im Sommer an einer Neuralgie
+gelitten und ihn dieser, wie war der Name? Sparre?
+und ihn dieser Sparre, wie er Stein und Bein schw&ouml;rt,
+vollst&auml;ndig geheilt hat. Man mu&szlig; Ferry seine kleinen
+B&ecirc;tisen nachsehen. Manchmal greift er &uuml;ber sein Ressort,
+aber es ist harmlos. Das Harmlose kr&auml;nkt einen nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Die Damen zeigten Interesse f&uuml;r den unbekannten
+Sparre; Aglaia sagte, vielleicht habe er auch f&uuml;r die
+Pferdekuren etwas Neues erfunden; der Falb fresse seit
+gestern nicht, und sie wolle Herrn Sparre um eine Ordination
+bitten. Worauf die Gr&auml;fin verweisend bemerkte,
+man habe schaffenden Menschen mit Respekt zu begegnen;
+da&szlig; einer Sparre hei&szlig;e, sei noch kein Grund, sich &uuml;ber ihn
+lustig zu machen, im &uuml;brigen sei ja Ferry Sponeck alt
+genug, um zu wissen, wen er zu seinen Freunden bringen
+d&uuml;rfe.</p>
+
+<p>W&auml;hrend des Nachtischs kam der Verwalter und berichtete
+&uuml;ber Unruhen, die in einigen D&ouml;rfern der Umgegend
+ausgebrochen seien. Eine bewaffnete Bande habe in vergangener
+Nacht die F&ouml;rsterei des F&uuml;rsten Colalto &uuml;berfallen.</p>
+
+<p>Castellanis Gesicht verd&uuml;sterte sich, und er sagte: &raquo;Bien,
+man wird schie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie, Erasmus?&laquo; fragte Sebastiane, den Arm
+<a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>um die Schulter ihres &auml;ltesten M&auml;dchens legend, &raquo;werden
+Sie uns verteidigen?&laquo;</p>
+
+<p>Er antwortete: &raquo;Ich wollte, ich w&auml;re so beredt, Sie
+dar&uuml;ber beruhigen zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin und Georg Ulrich Castellani begannen ihre
+gewohnte Partie Piquet zu spielen.</p>
+
+
+<p class="newsection">Das Wunderliche der Paarung von Ferry Sponeck und
+Eugen Sparre blieb auch nach der Ankunft der beiden
+bestehen. Man lernte in diesem Sparre einen ungef&auml;hr
+sechsundzwanzigj&auml;hrigen, br&uuml;netten, untersetzten, nicht
+ohne Sorgfalt gekleideten, &auml;u&szlig;erst wortkargen Menschen
+mit zur&uuml;ckhaltenden Manieren und angenehmen, schauspielerhaft
+markanten Z&uuml;gen kennen, von dem nicht erfindlich
+war, was ihn an die Person des Grafen Sponeck
+fesselte. Ferry Sponecks ihn r&uuml;hmende Reden lie&szlig; er gleichm&uuml;tig
+&uuml;ber sich ergehen und bat die Zuh&ouml;rer durch einen
+k&uuml;hlen Blick um Entschuldigung, man wu&szlig;te nicht, ob
+f&uuml;r sich oder seinen G&ouml;nner. Manchmal hatten diese Lobpreisungen
+allerdings einen Ton, wie wenn einer eine
+Jagdtroph&auml;e oder eine klug erhandelte Antiquit&auml;t vorweist;
+doch hegte Ferry Sponeck wie fast alle ungebildeten und
+gutherzigen Aristokraten eine grenzenlose, mit Aberglauben
+gemengte Bewunderung f&uuml;r Leute der Wissenschaft. Es
+hatte den Anschein, als betrachte er Eugen Sparre als seinen
+Leibarzt; er richtete alberne Fragen an ihn, betreffend die
+Hygiene, die Gefahren der Ansteckung, die Grunds&auml;tze der
+Prophylaxis und war bem&uuml;ht, ihn zur Gespr&auml;chigkeit zu
+ermuntern; dabei blickte er so ergeben zu ihm auf und hing
+so ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, da&szlig; sein Betragen
+zum Spott aller wurde.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>Als die Gr&auml;fin mit jener um ein Gran zu nachdr&uuml;cklichen
+Herzlichkeit, mit der man Fremdheit und soziale
+Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre ihrer Freude versicherte,
+ihn bei sich begr&uuml;&szlig;en zu d&uuml;rfen, erwiderte er, er
+m&uuml;sse die Verantwortung daf&uuml;r dem Herrn Grafen aufb&uuml;rden,
+der den Aufenthalt und die Gastlichkeit auf
+Rienburg so verlockend geschildert habe, da&szlig; er nicht
+widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht zu
+st&ouml;ren, f&uuml;gte er hinzu, ohne zu merken, da&szlig; diese Bescheidenheitsfloskel
+eine Grobheit und eine Selbstdem&uuml;tigung
+enthielt, er habe eine angefangene Arbeit mitgenommen,
+der er den gr&ouml;&szlig;ten Teil des Tages widmen m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Seine tiefe Stimme hatte &uuml;brigens dieselbe orgelnde
+Resonnanz wie die Georg Ulrich Castellanis.</p>
+
+<p>Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht
+mit den beobachtenden Augen sich gegen&uuml;ber zu haben.
+Auch die andern f&uuml;hlten sich gedr&uuml;ckt, und die Unterhaltung
+flo&szlig; sp&auml;rlich, obschon die Gr&auml;fin beflissen war, sie in heitern
+Gang zu bringen. Man hatte auch neue Nachrichten &uuml;ber
+Pl&uuml;nderungen und Revolten, und was Sponeck von den
+Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wu&szlig;te, war
+ebenfalls nicht dazu angetan, die Fr&ouml;hlichkeit zu erh&ouml;hen.
+Auch unter den vier Schwestern herrschte gereizte Stimmung;
+Pauline sa&szlig; mit gesenkten Lidern und nippte blo&szlig;
+von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen aufeinandergepre&szlig;t;
+Polyxene l&auml;chelte bisweilen wehm&uuml;tig-entsagend;
+nur Sebastiane schien unber&uuml;hrt, und infolge
+der &uuml;ber ihre Z&uuml;ge gebreiteten Klarheit und kr&auml;ftigen Ruhe
+war sie die sch&ouml;nste. Nach dem schwarzen Kaffee ging
+Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine
+Frage: ob es ein Zerw&uuml;rfnis gegeben h&auml;tte?</p>
+
+<p>Er war umw&ouml;lkt; in einer hei&szlig;en Spannung. Diese vier
+<a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a>wunderbaren Gestalten, in einem verzauberten Ring um
+ihn, st&uuml;rzten ihn in s&uuml;&szlig;e Verzweiflung. Die ihn rief, der
+nahte er sich pagenhaft; mit der er Blick in Blick stand,
+an die vergab er sich. Er h&auml;tte alle vier in eine schmelzen
+m&ouml;gen und die an sich rei&szlig;en; und doch gel&uuml;stete ihn nach
+den Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und
+Dauer und Kunst und Selbstvergessenheit; sublimiert bis
+ins Traumgleiche, gesteigert bis zum Schmerz. Verhie&szlig;
+Lix eine str&ouml;mende Passion aus lang versch&uuml;ttet gewesener
+Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Z&auml;rtlichkeit, die auszudenken
+war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer
+jungfr&auml;ulichen Seele, erf&uuml;llt von beinahe schauerlichen
+Ahnungen der Wollust, und Aglaia die hinrei&szlig;ende
+Bizarrerie einer zugleich spr&ouml;den und leidenschaftlichen
+Natur. Vereinigung qu&auml;lender Geister; und hinter
+ihnen, &uuml;ber ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die
+Herrin war, ausgestattet mit heimlicherer und gr&ouml;&szlig;erer
+Gewalt des Rufes und der Mahnung, halb Verlorene, halb
+Versto&szlig;ene.</p>
+
+<p>&raquo;Wir alle sind sehr unvern&uuml;nftig,&laquo; sagte Sebastiane,
+ohne auf seine Erkundigung zu antworten. Sie schaute
+ihn freim&uuml;tig an und setzte leise hinzu: &raquo;Soll uns nicht
+warnen, was drau&szlig;en in der Welt vorgeht? Wir benehmen
+uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.&laquo;</p>
+
+<p>Erasmus verf&auml;rbte sich und murmelte: &raquo;Sie haben
+vielleicht recht. Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter
+geht vor&uuml;ber. Man denkt, man mu&szlig; alles zusammenraffen,
+was noch da ist an Gl&uuml;ck und Genu&szlig;. Das <em class="antiqua">apr&egrave;s
+nous le deluge</em> ist fr&uuml;her ein lustiges Wort gewesen, jetzt
+hat es einen lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist
+es ein Verbrechen, so zu denken, Sie haben recht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was uns
+<a class="page" name="Page_250" id="Page_250" title="250"></a>unf&auml;hig macht, einander zu helfen,&laquo; erwiderte sie mit
+festem Ton.</p>
+
+<p>&raquo;Also mu&szlig; man sein Blut und Herz zum Schweigen
+bringen?&laquo; fragte er und stand hingebungsvoll dienend
+vor ihr.</p>
+
+<p>Sie ri&szlig; eine Azaleenbl&uuml;te vom Strauch und zerrupfte
+sie. &raquo;Ich glaube, Sie m&uuml;ssen redlich handeln,&laquo; fl&uuml;sterte
+sie mit geschlossenen Augen. Er nahm ihre feine wei&szlig;e
+Hand und pre&szlig;te seine Lippen darauf, entz&uuml;ckter als vorher,
+weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den
+d&auml;mmerigen Gang n&auml;herte sich Aglaia; sie sang mit leiser
+Stimme und ihre Augen blitzten vermessen.</p>
+
+<p>Den Nachmittag &uuml;ber schrieb er Briefe und lie&szlig; sich
+zum Tee entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die
+Briefe ins Dorf zu tragen, begann es heftig zu regnen;
+er schickte einen der Diener und blieb in seinem Zimmer.
+Aus dem untern Stockwerk t&ouml;nte Klavierspiel, und zwar
+sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht geh&ouml;rt. Es mu&szlig;te
+Sparre sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war
+etwas Finsteres um den Namen und um den Mann. Es
+gab jetzt viele solche, man hatte fr&uuml;her nicht auf sie geachtet,
+jetzt n&ouml;tigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach,
+warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und
+entsann sich, da&szlig; er einstmals in der Mandschurei ein
+chinesisches Schnitzwerk mit h&ouml;hnisch-b&ouml;sen Z&uuml;gen gesehen,
+eine Gottheit des Verderbens, alle T&uuml;cke verhalten, der
+Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn
+Sparre, nun wu&szlig;te er es, obwohl der G&ouml;tze absto&szlig;end
+h&auml;&szlig;lich gewesen, dieser dagegen h&uuml;bsch und wohlgestaltet
+zu hei&szlig;en war. Aber etwas war gemeinsam.</p>
+
+<p>Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne
+auf das Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf er
+<a class="page" name="Page_251" id="Page_251" title="251"></a>mit Lix zusammen. Sie war strahlend in ihrem Kleid
+aus dunkelgr&uuml;ner Libertyseide und der Perlenschnur um
+den Hals. &raquo;Schade, da&szlig; Sie nicht da waren,&laquo; redete sie
+ihn an, &raquo;er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.&laquo; Erasmus
+lachte im Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und
+erwiderte, er liebe Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre
+an ihnen vor&uuml;ber, im Cutaway, nicht im Smoking wie die
+&uuml;brigen Herren, und verbeugte sich zeremoni&ouml;s.</p>
+
+<p>Auf dem mit schwarz und wei&szlig;en Platten gepflasterten
+Flur ging Pauline mit dem Katecheten auf und ab, der zum
+Abendessen geladen war. Die Gr&auml;fin schien unruhig;
+sie erz&auml;hlte Erasmus, der Postmeister sei vor einer Stunde
+dagewesen, um mitzuteilen, da&szlig; die Telegraphen- und
+Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. W&auml;hrend
+sie noch sprach, trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll,
+und sagte, der Nordhimmel sei von starker Brandglut
+&uuml;berzogen. Alle eilten an die Fenster des Speisesaals;
+ges&auml;ttigter Purpurschein quoll &uuml;ber den Horizont empor.</p>
+
+<p>Wo mag das Feuer w&uuml;ten? fragte man einander beklommen.
+Es wurden die D&ouml;rfer und Landsitze aufgez&auml;hlt,
+die in der Richtung lagen. Erasmus drehte sich hastig um.
+Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der Katechet.
+Sebastiane sch&uuml;ttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth
+liege mehr nach links, dem Wald zu, eher k&ouml;nne es der
+Elmhof sein, dort befinde sich eine Branntweinbrennerei.
+Ferry Sponeck erkundigte sich mit gepre&szlig;ter Stimme, ob
+das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft stellen
+k&ouml;nne; die Gr&auml;fin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und
+dem B&uuml;rgermeister dar&uuml;ber gesprochen; beide seien der
+Meinung, da&szlig; verl&auml;&szlig;liche Leute kaum aufzutreiben seien,
+doch sei vorl&auml;ufig nichts zu f&uuml;rchten.</p>
+
+<p>Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte,
+<a class="page" name="Page_252" id="Page_252" title="252"></a>mu&szlig;ten die Fenster geschlossen werden. Die Gr&auml;fin zog
+Erasmus beiseite. L&auml;chelnd, doch mit schnell und scharf
+pr&uuml;fendem Blick fragte sie ihn, ob das Ger&uuml;cht, welches
+man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, da&szlig; Gr&auml;fin
+Giese gegenw&auml;rtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er
+davon wisse? Ja, er wisse davon, gab Erasmus zur Antwort,
+es habe sich so gef&uuml;gt; der l&auml;chelnde Blick der Gr&auml;fin
+verwirrte ihn, er l&auml;chelte gleichfalls, jedoch ohne Freiheit
+und wollte eine hastige Versicherung geben, aber die Gr&auml;fin
+ersparte ihm dies feinf&uuml;hlend, indem sie ihm freundlich
+zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann
+nahm sie seinen Arm, und man ging zu Tisch.</p>
+
+
+<p class="newsection">Die allgemeine Laune wurde munterer w&auml;hrend des
+Essens. Die zerstreuten Gespr&auml;che verstummten aber nach
+und nach, und alle h&ouml;rten Georg Ulrich Castellani zu, der
+heute seinen gl&auml;nzenden Tag hatte, wie die Gr&auml;fin sagte.</p>
+
+<p>Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft
+im Rauchzimmer um den Kamin niedergelassen hatte, war
+Castellani zu einem seiner Lieblingsthemen gelangt, der
+Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des F&uuml;nften.</p>
+
+<p>Er sagte: &raquo;Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen
+wie eine dunkle Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren
+Vorhang aus Goldbrokat. Es klingt ja ein wenig ridik&uuml;l,
+da&szlig; einem ein Autokrat aus dem sechzehnten Jahrhundert,
+l&auml;ngst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll
+und n&auml;her noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck;
+aber es ist so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in
+solchem Ausma&szlig; von der Geschichte nicht mehr wiederholte
+Verk&ouml;rperung absoluten Herrschertums. Das sagt sich so:
+absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es bedeutet
+<em class="antiqua">pur et simple</em> einen Gipfel der Welt, eine Kulmination
+<a class="page" name="Page_253" id="Page_253" title="253"></a>der Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der
+Hand gegeben hat, war genau genommen die, in der der
+Untergangs- und Aufl&ouml;sungsproze&szlig; Europas begonnen hat.
+Man ist sich dar&uuml;ber nicht gen&uuml;gend klar. Es ist ja auch
+kein Wunder, denn was f&uuml;r horrible Karrikatur haben
+die bestallten und die andern Historienschreiber aus ihm
+gemacht! Einen boshaften Phlegmatiker; einen reizbaren
+Kr&auml;nkling; einen feigen Despoten. In Wirklichkeit war
+er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann.
+Nat&uuml;rlicherweise; der absolute Herrscher mu&szlig; vollkommen
+einsam sein, anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche
+Tiefe der Dissimulation! Die Dissimulation entstand
+bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der menschlichen
+Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens.
+In seiner Einsamkeit und seiner H&ouml;he erschien ihm alles
+sehr klein und sehr wandelbar und sehr relativ; Worte,
+Vertr&auml;ge, Leidenschaften, Miseren, Not und Tod, alles
+sehr illusorisch. Daher auch seine profunde Menschenverachtung.
+Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind
+Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher
+auch sein Respekt vor der Kunst; denn da trat ihm ein
+Absolutes entgegen gleich ihm selbst. Wie mysterios er
+war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort mit
+langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser
+erschlo&szlig;.) Er konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen,
+schon als Kind nicht. Da gibt es eine Anekdote, wie einer
+der gefangenen Kurf&uuml;rsten, ich glaube, der Landgraf von
+Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund
+die Lippen verzieht, so da&szlig; es aussah, als ob er lachte, in
+Wirklichkeit war ihm ganz anders zumut, und wie dann
+der Kaiser in seinem brabantischen Deutsch drohend vor
+sich hinmurmelt: wart, ick will dir lacken lehr. Welche
+<a class="page" name="Page_254" id="Page_254" title="254"></a>tenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich ging
+die Sonne nicht unter, und er ha&szlig;te den Sonnenschein.
+Ihm war die gr&ouml;&szlig;te Machtgewalt verliehen, die je ein
+Sterblicher besa&szlig;, und er suchte Zuflucht in einem Kloster
+strengster Observanz. Auch Gott gegen&uuml;ber dissimulierte
+er. Auch Gott war seinem unvergleichlich mysteriosen Geist
+nur eine Form. Wor&uuml;ber er am meisten gr&uuml;belte, war die
+Versuchung Christi. Das qu&auml;lte ihn, das begriff er nicht.
+Raum und Zeit waren ihm Gespenster; und das war
+begr&uuml;ndet in den ma&szlig;losen Erf&uuml;llungen dieses Lebens, die
+ma&szlig;losen Ekel in ihm erregten. So erkl&auml;rt sich auch sein
+best&auml;ndiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre;
+und seine kuriose Liebhaberei f&uuml;r Uhren, die alle, soviel
+deren auch waren, auf dem Zifferblatt &uuml;bereinstimmen
+mu&szlig;ten. Dissimulation. Freilich, sein Vater trug ja als
+Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige
+Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die
+L&auml;nder, und damit sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte
+sie ein Uhrwerk an die Stelle des Herzens. Das mu&szlig;te
+Einflu&szlig; auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische Umbiegung
+der Seele von der Majest&auml;tisierung in die Mechanisierung,
+d.&nbsp;h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild
+einer neuen Zeit. Ja, die Uhr war vielleicht sein Idol und
+sein Menetekel. Und doch war er der Bewahrer; Bewahrer
+des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom
+heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn h&auml;tte die
+Kirche l&auml;ngst aufgeh&ouml;rt zu existieren. Er hat der Menschheit
+den Glauben bewahrt, Jahrhunderte lang.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen
+und Marterwerkzeugen,&laquo; lie&szlig; sich eine Stimme vernehmen,
+in der Klangfarbe so wenig unterschieden von der des
+Grafen, da&szlig; die andern des schneidenden Widerspruchs
+<a class="page" name="Page_255" id="Page_255" title="255"></a>zuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet
+gewesen, da er, w&auml;hrend Georg Ulrich gesprochen,
+den Blick unauff&auml;llig auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas
+aus der Reihe ger&uuml;ckt, zwischen Lix und Ferry Sponeck
+sa&szlig;, mit einem sp&ouml;ttisch-d&uuml;stern L&auml;cheln um den Mund.
+Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte
+ihn nicht, auch nicht die &auml;ngstlich an ihm h&auml;ngenden Augen
+Sponecks; k&uuml;hl fuhr er fort: &raquo;Er hat der Menschheit den
+Glauben bewahrt um den Preis von hunderttausenden
+verbrannten Ketzern und hunderttausenden unschuldiger
+M&auml;dchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte;
+und um den Preis von hunderttausenden erschlagener und
+gemordeter Inkas und Azteken, und von hunderttausenden
+durch Alkohol und Syphilis im Namen des Kreuzes vergifteter
+Indianer;&laquo; der Katechet r&uuml;ckte auf seinem Stuhl,
+die Gr&auml;fin machte eine erschrockene Bewegung gegen
+Pauline und Aglaia hin, wobei letztere den Kopf aufwarf
+und Sparre neugierig musterte. Aber der schien es nicht
+zu bemerken. &raquo;Ich will auch gleich sagen,&laquo; sprach er
+weiter, &raquo;da&szlig; es eine von den Jesuiten erfundene und b&ouml;swillig
+verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht
+hat, die Syphilis sei aus Amerika gekommen. Es geschah
+wahrscheinlich zur h&ouml;heren Ehre Gottes. Sie ist aus dem
+Orient gekommen, lange bevor die frommen Stra&szlig;enr&auml;uber
+Cortez und Pizarro die bl&uuml;henden Reiche dort
+dr&uuml;ben in bluttriefende W&uuml;steneien verwandelten. Aber
+wozu das alles,&laquo; unterbrach er sich achselzuckend, &raquo;Sie,
+Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich. Ich freilich
+verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch
+nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen.
+Im Gegenteil, sie ist mir die Mutter des &Uuml;bels, der fluchw&uuml;rdigen
+Verschleierungen, deren sich die gro&szlig;en Herren
+<a class="page" name="Page_256" id="Page_256" title="256"></a>bedient haben, um ihre kleinen Zwecke durchzusetzen, des
+systematischen Volksbetrugs und der politischen Brunnenvergiftung.&laquo;</p>
+
+<p>Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als
+wolle er sich der frostigen Betroffenheit entziehen, die
+rings um ihn die Gesichter zeigten.</p>
+
+<p>&raquo;Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos
+stichhaltig,&laquo; antwortete nach einer Pause Georg Ulrich
+Castellani mit ausgesuchter Artigkeit, indem er sich in
+seinem Stuhl zur&uuml;cklehnte und eigent&uuml;mlich triumphierend
+aussah. &raquo;Aber ich wollte ja nicht Zust&auml;nde und Fakten
+kritisieren, das steht au&szlig;er meiner Kompetenz, sondern
+eine Figur, die meine Fantasie enflammiert, dem Verst&auml;ndnis
+n&auml;her r&uuml;cken. Da&szlig; eine gewisse liberale Phraseologie,
+oder auch eine radikale, wenn Sie wollen, es l&auml;uft
+im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur
+gegen diese Figur in Bewegung setzen mu&szlig;, gebe ich Ihnen
+gerne zu. Heutzutage liegt das auf der Hand und erfordert
+auch geringen Mut. Blutb&auml;der sind etwas unendlich
+Schreckliches; selbstverst&auml;ndlich. Aber sind sie durch die
+Volksbegl&uuml;cker verhindert worden? Haben die Robespierre
+und die Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger
+Blutschuld auf dem Gewissen als die Dschingischan, die
+Attila, die Napoleon und Friedrich? Wir wollen hier doch
+nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es geschieht uns
+weh genug, da&szlig; es unserer Welt an gro&szlig;en Herren fehlt,
+von gro&szlig;en M&auml;nnern nicht zu reden. Ein unabwendbarer
+Proze&szlig;; das Urgestein ist zerrieben; was &uuml;brig bleibt,
+ist Schlamm und Kot. Wohin f&uuml;hren die Ausschweifungen
+des Gef&uuml;hls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns
+h&auml;lt die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren;
+spielt die Zahl und die Modalit&auml;t des Sterbens
+<a class="page" name="Page_257" id="Page_257" title="257"></a>letzten Endes eine Rolle? Dieser Planet ist nun einmal
+ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergn&uuml;gen darin
+finden, die Massengr&auml;ber zu durchw&uuml;hlen, so macht es den
+andern Freude, vor den ehrw&uuml;rdigen Monumenten ihre
+Andacht zu verrichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte niemanden in dieser Freude st&ouml;ren,&laquo; sagte
+Sparre trocken.</p>
+
+<p>&raquo;In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles
+sein konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis
+mehr f&uuml;r die Menschen,&laquo; fuhr Castellani fort, &raquo;Majest&auml;t,
+gesalbte Majest&auml;t, das war die oberste Spitze der Welt,
+das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der zuf&auml;llige
+Repr&auml;sentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht
+darf ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines
+meiner Vorfahren illustrieren; vielleicht kann ich damit
+unserer Diskussion die Sch&auml;rfe nehmen, was den Damen
+nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte fast
+zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig
+vergr&ouml;bert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon.
+Sonderbarerweise schl&auml;gt sie ebenfalls in das von
+Herrn Sparre so verp&ouml;nte Kapitel der Dissimulation.
+Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am Hofe Ludwigs
+des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich,
+wurde vom K&ouml;nig mit einem Auftrag von h&ouml;chster Importanz
+zum Kaiser Leopold nach Wien geschickt. Er trifft
+eines sp&auml;ten Abends ein, kleidet sich um, sendet seinen
+J&auml;ger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft melden
+zu lassen und folgt ihm in k&uuml;rzester Zeit nach. Man teilt
+ihm mit, da&szlig; die Majest&auml;t ihn erwartet. Man f&uuml;hrt ihn
+durch halbfinstere Korridore und eine Reihe ganz finsterer
+Gem&auml;cher, vor einer T&uuml;r bleibt der Lakai stehen und hei&szlig;t
+ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in den er tritt,
+<a class="page" name="Page_258" id="Page_258" title="258"></a>mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze
+darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem
+Tisch, mit dem R&uuml;cken angelehnt, die Arme verschr&auml;nkt,
+in nachl&auml;ssiger Haltung und ziemlich verdrossen, steht
+ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der
+Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener
+K&auml;mmerer, in der Meinung &uuml;berhaupt, es sei die Antichambre,
+wo er sich befindet, f&auml;ngt an auf und abzuschreiten,
+wobei seine Geb&auml;rden und sein Mienenspiel schlecht bemeisterte
+Ungeduld ausdr&uuml;cken. Der Mann am Tisch mit
+den verschr&auml;nkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein Aufundabschreiten
+nicht blo&szlig; mit den Augen, sondern mit dem
+ganzen Kopf, bleibt ernsthaft und vollkommen still. So
+vergeht eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, endlich
+wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich etwas
+br&uuml;sk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt,
+ob der Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle.
+Da antwortet der Mann ruhig: &raquo;Der Kaiser bin ich.&laquo;
+Der Gesandte st&uuml;rzt wie vom Blitz getroffen auf die Knie
+nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von
+seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser mu&szlig; seine
+Leute rufen, die ihn laben und wieder zur Besinnung
+bringen m&uuml;ssen. Das war die Glorie, die Wirkung des
+Unbeschreiblichen, das Geheimnis.&laquo;</p>
+
+<p>Sparre l&auml;chelte gezwungen. Er antwortete: &raquo;Auf die
+Gefahr, es v&ouml;llig mit Ihnen zu verderben, gestehe ich, da&szlig;
+ich da weder Glorie, noch Geheimnis erblicken kann. Ich
+sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und ver&auml;chtlichen
+Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit
+und den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts
+von herzlosen, unwissenden, weltfremden und menschenfeindlichen
+Drahtpuppen auf dem Thron. Edle Rassetiere
+<a class="page" name="Page_259" id="Page_259" title="259"></a>im besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mi&szlig;braucht,
+um zwischen den Nationen Zwietracht zu s&auml;en und dabei
+ihr Sch&auml;fchen ins Trockene zu bringen, Schmeichler und
+Dunkelm&auml;nner zu hohen &Auml;mtern zu bef&ouml;rdern und redlichen
+Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der
+Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und
+L&uuml;ge&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Erasmus erhob sich. &raquo;Ich glaube, wir brechen das &uuml;berfl&uuml;ssige
+Gespr&auml;ch ab,&laquo; sagte er scharf.</p>
+
+<p>&raquo;Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale
+zu reichen,&laquo; wandte sich Castellani mit heiterem
+Gesicht an ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor,&laquo; sagte
+die Gr&auml;fin verbindlich.</p>
+
+<p>Sparre war ebenfalls aufgestanden. &raquo;Mich d&uuml;nkt, dazu
+fehlt momentan die n&ouml;tige Empf&auml;nglichkeit, Frau Gr&auml;fin,&laquo;
+erwiderte er mit steifer Verbeugung.</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin drehte sich zu Lix und spottete kaum h&ouml;rbar:
+&raquo;Gaffen hat er sich bis jetzt genug geleistet.&laquo;</p>
+
+<p>Ferry Sponeck fuhr sich ungl&uuml;cklich durch die Haare,
+denn er merkte endlich, da&szlig; etwas nicht stimmte. &raquo;Sag
+mir doch, Mumu,&laquo; raunte er Erasmus zu, &raquo;was hat es
+denn eigentlich gegeben?&laquo;</p>
+
+<p>Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane,
+die neben Erasmus stand, horchte auf; dies Ger&auml;usch zu
+dieser Stunde war ungew&ouml;hnlich. Auch die andern lauschten.
+Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage:
+&raquo;Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe?
+Offene Rebellion ist Satans Werk, hab ich dir gesagt.
+Hast gerade du uns den Satan ins Haus f&uuml;hren m&uuml;ssen?&laquo;</p>
+
+<p>Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den
+Stuhl der Gr&auml;fin gestellt und ihr im Herabbeugen ein paar
+<a class="page" name="Page_260" id="Page_260" title="260"></a>Worte ins Ohr gefl&uuml;stert. Die Gr&auml;fin sprang mit ver&auml;ndertem,
+erbla&szlig;tem Gesicht empor. Als die T&ouml;chter sie
+erschrocken umdr&auml;ngten, sagte sie: &raquo;Frau von Gravenreuth
+ist angekommen, und&nbsp;... und Gr&auml;fin Giese. Sie sind
+gefl&uuml;chtet. Das Schlo&szlig; brennt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott sei uns gn&auml;dig,&laquo; murmelte der Katechet.</p>
+
+<p>Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach
+in Tr&auml;nen aus. Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte
+ihn wieder hin. Die Gr&auml;fin st&uuml;rzte in den Flur. Erasmus,
+wei&szlig; wie Papier im Gesicht, wollte ihr nach, blieb aber vor
+der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging auf und
+ab und murmelte von Zeit zu Zeit: <em class="antiqua">&raquo;nom de Dieu; nom
+de Dieu,&laquo;</em> Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter.
+Sponecks Krawattenschleife hatte sich gel&ouml;st, und er bem&uuml;hte
+sich mit verst&ouml;rten Mienen, sie wieder zu binden.</p>
+
+
+<p class="newsection">Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben
+Uhr war eine Bande von zw&ouml;lf Mann in das Schlo&szlig; gedrungen
+und hatte Geld und Lebensmittel verlangt.
+Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe
+Geldes und zwei S&auml;cke Mehl abgeliefert, und sie waren
+bereits im Begriff, weiterzuziehen, als einige von ihnen
+im Hof mit dem Kutscher in Streit gerieten. Tumult
+entstand, f&uuml;nf Minuten sp&auml;ter lohten Flammen aus dem
+Dach des Stallgeb&auml;udes. Was sich dann weiter begeben
+hatte, wie sie mit rasch zusammengerafften Habseligkeiten
+auf den Bauernwagen gelangt waren, woher der Wagen
+mit den zwei Pferden mitten im str&ouml;menden Regen gekommen
+und wer ihn gebracht, vermochten die Fl&uuml;chtlinge
+nicht zu sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das
+brennende Schlo&szlig; hinter sich, davongefahren, so schnell
+die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein sechzehnj&auml;hriger
+<a class="page" name="Page_261" id="Page_261" title="261"></a>Bauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta
+Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf
+die Haut durchn&auml;&szlig;t, mit klebenden Gew&auml;ndern, triefenden
+Haaren, wie Schiffbr&uuml;chige.</p>
+
+<p>Marietta mu&szlig;te sogleich zu Bett gebracht werden.
+Sie fieberte und war keines Wortes m&auml;chtig. Man schickte
+um den Arzt ins Dorf. Der Katechet erbot sich, im Dorf
+junge Leute aufzubringen, die bereit w&auml;ren, das Haus
+zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene
+und einfache Dame von f&uuml;nfzig Jahren, hatte auch in
+dieser Lage ihre Haltung nicht eingeb&uuml;&szlig;t. Als sie umgekleidet
+war und f&uuml;r Wolfs Nachtlager gesorgt hatte,
+erstattete sie genaueren Bericht. Sie &auml;u&szlig;erte Angst um
+Marietta. Lix und Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen.
+Die Gr&auml;fin war besch&auml;ftigt, Anweisungen wegen
+der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und fand
+Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter
+vier Augen zu wechseln: &raquo;Hatten Sie nicht noch einen Gast,
+Baronin?&laquo; fragte er vorsichtigen Tons; &raquo;Marietta sprach
+davon &#8211;&laquo; Frau von Gravenreuth antwortete: &raquo;Ja, Herr
+van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern telegraphisch
+abgerufen worden. Manche haben einen guten
+Stern.&laquo; Sie sah Erasmus forschend an. &raquo;Und wer ist
+der Knabe?&laquo; fragte Erasmus weiter. Sie erwiderte:
+&raquo;Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner Geburt
+in meinem Hause. Seine Mutter ist,&nbsp;... sie ist tot; sie
+war meine beste Freundin. Es ist ein sch&ouml;nes Kind, nicht
+wahr?&laquo; Wieder sah sie ihn mit ihren forschenden, glanzlosen
+Augen an; &raquo;ich hoffe nur, da&szlig; diese Eindr&uuml;cke seine
+junge Seele nicht verdunkeln,&laquo; f&uuml;gte sie hinzu, &raquo;meine
+wird sich nie mehr von ihnen befreien k&ouml;nnen.&laquo; Erasmus
+nahm ihre Hand, f&uuml;hrte sie an die Lippen und sagte:
+<a class="page" name="Page_262" id="Page_262" title="262"></a>&raquo;Ich empfinde tief mit Ihnen, bis ins Innerste, und das
+ist kein leeres Wort. Ich kenne die Gr&ouml;&szlig;e der Katastrophe.&laquo;</p>
+
+<p>Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht
+zur&uuml;ck, der Doktor k&ouml;nne nicht kommen, da er selbst an
+Grippe schwer erkrankt sei. Gleich darauf erschien Sebastiane
+und sagte, Gr&auml;fin Marietta befinde sich sehr schlecht,
+das Fieber steige zusehends, auch klage sie &uuml;ber heftige
+Kopfschmerzen. Die Gr&auml;fin sprach zu Helene Gravenreuth:
+&raquo;Ich bin ratlos; der n&auml;chste gr&ouml;&szlig;ere Ort ist &uuml;ber
+eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn ich auch bei
+solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend
+jemand schicken k&ouml;nnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt
+mitten in der Nacht her&uuml;berkommt.&laquo;</p>
+
+<p>Frau von Gravenreuth antwortete: &raquo;Unm&ouml;glich kann
+man sie noch stundenlang ohne &auml;rztliche Hilfe lassen&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. &raquo;Wenn ich
+mir erlauben darf, meine Dienste anzubieten, Frau
+Gr&auml;fin,&laquo; sagte er mit seiner verschlossenen H&ouml;flichkeit,
+&raquo;so glaube ich, den hiesigen Kollegen ersetzen zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin machte eine freudige Bewegung und sagte
+zu Frau von Gravenreuth, die aufatmete und Sparre
+dankbar anschaute: &raquo;Herr Sparre ist ein geistreicher junger
+Mediziner von der neuesten Schule;&laquo; dann zu Sparre:
+&raquo;Es f&uuml;gt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die G&uuml;te
+haben wollen&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum
+m&auml;chtig, auf Ferry Sponeck zugegangen. Er packte ihn
+am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden Ungest&uuml;m
+in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit
+drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden
+Lippen und Augenlidern: &raquo;H&ouml;r mich an, Ferry. Das
+<a class="page" name="Page_263" id="Page_263" title="263"></a>mu&szlig;t du verhindern. Um jeden Preis verhindern, sonst
+sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da du schon
+die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen,
+so erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere,
+da&szlig; er in Mariettas Zimmer geht, verstehst du?
+Nicht zu ertragen der Gedanke, da&szlig; er sie anr&uuml;hrt, da&szlig; er
+... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin, sprich mit
+ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen.
+Als Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem
+Vorsatz beharrt, sag ihm, da&szlig; ich ihn einfach niederknallen
+werde. Ohne Umst&auml;nde, verstehst du? Spute
+dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Da&szlig; er &uuml;ber die Geschichte
+gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten.
+Vielleicht erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf
+er an ihr Bett. Eher mag sie sterben.&laquo;</p>
+
+<p>Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugeh&ouml;rt.
+Doch er hatte begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand
+sah, begriff er die Gefahr. &raquo;Beruhige dich, Mumu,
+es wird gemacht,&laquo; sagte er, ging ins Zimmer zur&uuml;ck,
+bemerkte, da&szlig; Sparre sich eben von den Damen entfernte
+und mit Sebastiane zur T&uuml;r schritt. Er folgte ihm.
+Drau&szlig;en rief er: &raquo;Sparre! auf ein Wort,&laquo; und er verschwand
+mit ihm im dunklen Teil des Flurs. Sebastiane
+ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre
+w&uuml;rde nachkommen.</p>
+
+<p>Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl
+einem der Diener, ihm Mantel und Hut aus seinem Zimmer
+zu holen, rief den alten Niklas und erkl&auml;rte ihm, da&szlig; er
+selbst zum Arzt nach Gr&uuml;nau fahren wolle, man m&ouml;ge
+den Kutschierwagen anspannen lassen. &raquo;Herr Graf k&ouml;nnen
+nicht allein fahren,&laquo; wendete Niklas best&uuml;rzt ein, &raquo;es ist
+Mitternacht, die Stra&szlig;e stockfinster und grundlos, au&szlig;erdem&nbsp;&#8211;&laquo;
+<a class="page" name="Page_264" id="Page_264" title="264"></a>Erasmus sch&uuml;ttelte ungeduldig den Kopf. &raquo;Ich
+f&uuml;rchte mich nicht,&laquo; schnitt er die Rede des Alten ab, &raquo;wenn
+niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten,
+mu&szlig; ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht.
+Machen Sie nur kein Aufsehen, die Gr&auml;fin braucht zun&auml;chst
+nichts zu wissen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und
+Erasmus traten auf den Hof und ins Stallgeb&auml;ude. Man
+weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut war, die Pferde
+dem Unwetter preisgeben zu m&uuml;ssen. Ein junger Stallbursche,
+von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt,
+war willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten
+die beiden flinken Tiere vor dem leichten Wagen &uuml;ber die
+Chaussee, in eine Finsternis hinein, die ein schwarzer
+Schwamm war. Im Norden stand noch immer Brandr&ouml;te.</p>
+
+<p>Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze
+umgeschlagen, die ihm der Kutscher gegeben.
+B&auml;ume flogen vor&uuml;ber, Telegraphenstangen, H&auml;user,
+Br&uuml;cken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen;
+die Hufe der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus
+ins Nasse. &Uuml;ber ihre nickenden schwarzen K&ouml;pfe hinaus
+starrte Erasmus auf die von den Wagenlaternen schwach
+beleuchtete Stra&szlig;e und in den matten Lichtkegel, durch
+den der Regen in glitzernden Str&auml;hnen fuhr. Bei jeder
+Weggabelung zog er die Z&uuml;gel an und wechselte ein Wort
+mit seinem Begleiter, der schlaftrunken d&ouml;ste.</p>
+
+<p>Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta,
+fiebergequ&auml;lt in den Kissen; der vertraute K&ouml;rper litt; Lix
+und Sebastiane huschten bisweilen lautlos durch das
+Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das
+Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres h&auml;misch-aufmerksames
+Gesicht; Inbegriff des Hassenswerten.
+<a class="page" name="Page_265" id="Page_265" title="265"></a>Woher dieser Ha&szlig;, der seinem Gem&uuml;t sonst unbekannt
+war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll
+in die Nacht hinaustr&auml;umen; und Aglaia mit wissend
+und trotzig funkelnden Augen ihn messen; und wieder
+Marietta, von Schmerzen bedr&auml;ngt, sterbend vielleicht;
+und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles
+gerann zu Nebel. Wie m&uuml;de man wurde. Sch&ouml;n und
+schlank war der Knabe&nbsp;...</p>
+
+<p>Die ersten H&auml;user der kleinen Landstadt tauchten auf.</p>
+
+<p>Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer
+zur&uuml;ck. Marietta phantasierte. Man hatte sie in
+feuchte T&uuml;cher gewickelt. Sparres unerkl&auml;rliche Weigerung,
+die Behandlung zu &uuml;bernehmen, gleich nachdem er sich dazu
+angeboten, hatte auf alle wie neues h&auml;&szlig;liches Unheil
+gewirkt. Er hatte sich auf sein Zimmer zur&uuml;ckgezogen und
+durch Ferry Sponeck die Absage geschickt. Ferry Sponeck
+beschwichtigte die entr&uuml;stete Gr&auml;fin, so gut er konnte;
+schlie&szlig;lich gab er sein Wort, da&szlig; Sparre ohne Schuld sei;
+es h&auml;tten sich Umst&auml;nde ereignet, durch die er gezwungen
+worden sei, zu verzichten. Die Gr&auml;fin erwiderte unwillig,
+sie verstehe keine Silbe. Da sagte Georg Ulrich Castellani
+maliti&ouml;s: &raquo;Unser Freund Erasmus hat seine <em class="antiqua">b&ecirc;te noire</em>
+entdeckt, das wird es wohl sein.&laquo;</p>
+
+<p>Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang r&uuml;ckte nur
+langsam ins Licht und v&ouml;llig offenbar wurde er erst, als
+sich herausstellte, da&szlig; Erasmus heimlich und trotz Sturm
+und Unsicherheit der Wege nach Gr&uuml;nau gefahren sei, um
+den Arzt zu holen.</p>
+
+<p>Graf Castellani sagte: &raquo;Mir f&auml;llt da die Geschichte
+von einem Marquis de Sur&ecirc;sne ein, der den gr&ouml;&szlig;ten Widerwillen
+gegen Jakobiner und Sansculotten hegte, obwohl
+er nie im Leben einen dieser Leute gesehen hatte. Eines
+<a class="page" name="Page_266" id="Page_266" title="266"></a>Tages wurde er in der N&auml;he seines Schlosses in der Normandie
+von R&auml;ubern angefallen; auf sein Geschrei kam
+ihm ein des Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete
+ihn mit fabelhafter Bravour. Der Marquis ersch&ouml;pfte
+sich in Danksagungen, als es sich aber sp&auml;ter erwies, da&szlig;
+sein Lebensretter einer der F&uuml;hrer der von ihm so sehr
+verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und h&auml;ngte
+sich auf; denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem
+erkl&auml;rten Feind des Menschengeschlechts verdanken. Es
+ist absurd, gewi&szlig;, aber es hat Charakter. Ich liebe solche
+Absurdit&auml;ten; ich sammle sie, wie andre Leute M&uuml;nzen
+oder Stockgriffe sammeln.&laquo;</p>
+
+<p>Jedoch die Gr&auml;fin war sichtlich verstimmt.</p>
+
+
+<p class="newsection">Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor
+Schmidthammer f&uuml;r den Rest der Nacht am Krankenbett.
+Erasmus vermochte einige Stunden zu schlafen. Als er
+sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die
+Fenster &ouml;ffnete, wunderte er sich &uuml;ber den wolkenlosen
+Himmel und die wasserhelle Bl&auml;ue der Luft.</p>
+
+<p>Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unver&auml;ndert
+hoch, aber die Kranke liege jetzt still, mit starren
+Augen, wie bewu&szlig;tlos. Frau von Gravenreuth sei bei ihr.</p>
+
+<p>Der Morgen war so n&uuml;chtern, so glasig; der ganze Tag
+blieb so; der Sonnenschein so l&uuml;gnerisch, die Dinge so
+deutlich, so kalt; der Fu&szlig; klebte im Schreiten. Erasmus
+fr&uuml;hst&uuml;ckte mit Sponeck allein; die Damen schliefen noch.
+Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt, heute
+abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station
+gewesen, um sich nach den Z&uuml;gen zu erkundigen; er sei
+au&szlig;er sich, da er erfahren habe, der Eisenbahnverkehr sei
+<a class="page" name="Page_267" id="Page_267" title="267"></a>f&uuml;r die Dauer von drei Tagen eingestellt. Furchtsam hielt
+Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus gerichtet.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist h&ouml;chst fatal,&laquo; murmelte Erasmus.</p>
+
+<p>&raquo;Er wird das Zimmer nicht verlassen,&laquo; tr&ouml;stete Ferry
+Sponeck; &raquo;er wird Unp&auml;&szlig;lichkeit vorsch&uuml;tzen und die Mahlzeiten
+oben nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist trotzdem fatal,&laquo; beharrte Erasmus.</p>
+
+<p>Nach wenigen Stunden f&uuml;hlte er sich derart im Hause,
+als seien T&uuml;ren offen, die h&auml;tten geschlossen und andere
+geschlossen, die h&auml;tten offen sein sollen. Er gr&uuml;belte dar&uuml;ber
+nach wie er es anstellen k&ouml;nnte, zu Marietta zu gelangen.
+Durch alle W&auml;nde sickerten Wehelaute aus ihrem Mund.</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin begr&uuml;&szlig;te ihn k&uuml;hl. Er fand es notwendig,
+ihr Aufkl&auml;rungen zu geben. Er wurde beredt. &raquo;Sie m&uuml;ssen
+es verstehen, Gr&auml;fin,&laquo; sagte er. &raquo;Der Mann peitscht mir
+das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das er
+spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Sp&uuml;ren
+Sie es nicht auch? Sehn Sie nicht, da&szlig; sich in diesem
+Gesicht alles B&ouml;se zusammengeballt hat, der ganze Jammer,
+unter dem wir keuchen, die Anma&szlig;ung der gottlosen
+Kreatur, der Zynismus, der unsere Alt&auml;re besudelt und den
+Purpur mit F&uuml;&szlig;en tritt&nbsp;&#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der? gerade der?&laquo; rief die Gr&auml;fin, halb belustigt,
+halb entsetzt; &raquo;Sie &uuml;bertreiben, Erasmus, Sie &uuml;bertreiben
+ungeheuerlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich &uuml;bertreibe so wenig, da&szlig; alles, was ich nicht auszudr&uuml;cken
+vermag, mir noch zehnmal schrecklicher, noch
+zehnmal beweiskr&auml;ftiger erscheint. Wir sind die Opfer
+dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es steckt
+mir in den Nerven, und h&auml;tten wir mehr Witterung f&uuml;r
+dergleichen Subjekte, so w&auml;re es nicht so weit mit uns
+gekommen, da&szlig; wir wie Schlachttiere unsern Hals hinhalten
+<a class="page" name="Page_268" id="Page_268" title="268"></a>m&uuml;ssen. Er ist nicht blo&szlig; ein Exponent, er ist eine Inkarnation,
+glauben Sie mir, und da&szlig; er hier in unserer Mitte
+aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals.
+Sie m&uuml;ssen es begreifen, da&szlig; mir der Gedanke unfa&szlig;bar
+gewesen ist, ihn an das Lager einer Frau treten zu lassen,
+wenn auch als Arzt, was &auml;ndert das? bleibt er nicht Sparre,
+derselbe Sparre? mit seiner ganzen Wissenschaft Sparre?
+einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch immer
+nahe steht. Sie m&uuml;ssen das begreifen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich begreife, Erasmus, einigerma&szlig;en wenigstens,&laquo;
+antwortete die Gr&auml;fin, milder gestimmt; &raquo;aber, lieber
+Freund, begreifen auch Sie: die Situation ist unm&ouml;glich.
+Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die
+jungen M&auml;dchen, &#8211; unm&ouml;glich. Auf irgendeine Manier
+m&uuml;ssen wir aus diesem Wirbel heraus. Irgend etwas
+mu&szlig; beschlossen, mu&szlig; getan werden.&laquo;</p>
+
+<p>Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink
+war nicht mi&szlig;zuverstehen. &raquo;Ich bitte Sie, Gr&auml;fin, g&ouml;nnen
+Sie mir Zeit,&laquo; flehte er; &raquo;vierundzwanzig Stunden Zeit,
+oder zwei Tage vielleicht. Ich bin v&ouml;llig bouleversiert.
+Ich bin zu keiner vern&uuml;nftigen &Uuml;berlegung f&auml;hig.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gr&auml;fin lachte. &raquo;Nun, nun,&laquo; bes&auml;nftigte sie den
+Erregten, &raquo;machen Sie keine blutgierige Tigerin aus mir.
+Zwei Tage, nat&uuml;rlich, weshalb nicht; fassen Sie sich.
+Zur Desparation ist noch kein Anla&szlig;. Mut, armer Freund.&laquo;
+Sie reichte ihm l&auml;chelnd die Hand, doch mit ungewichenem
+Mi&szlig;trauen noch in den F&auml;ltchen um die Augen.</p>
+
+<p>An dieses Gespr&auml;ch schlo&szlig; sich eines mit Pauline und ein
+Gang durch den Park mit Aglaia.</p>
+
+<p>Pauline sa&szlig; lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne
+es recht zu wollen, trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte
+noch; er l&auml;chelte abwesend und schal. Die Freundlichkeit,
+<a class="page" name="Page_269" id="Page_269" title="269"></a>mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie hob den Blick
+zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das
+Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerkn&uuml;llte
+es in der Faust. &raquo;Ich denke fortw&auml;hrend an Gr&auml;fin
+Marietta,&laquo; sagte sie; &raquo;sie war unbeschreiblich sch&ouml;n, als
+sie gestern na&szlig; und elend im Flur stand. So habe ich mir
+immer eingebildet, da&szlig; M&auml;rtyrerinnen aussehen m&uuml;ssen.&laquo;
+Sie stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden,
+unsteten schuldigen Blick wieder aus. &raquo;Darf man sich
+dem Neid hingeben?&laquo; fragte sie; &raquo;es ist Tods&uuml;nde, ich wei&szlig;
+es, aber ich beneide Gr&auml;fin Marietta, ich beneide sie &uuml;ber
+alles Ma&szlig;, &uuml;ber alle Worte, bis ins Geheimste meiner
+Seele beneide ich sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum, Pauline?&laquo; fragte Erasmus betroffen, &raquo;warum
+beneiden Sie Marietta?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht,&laquo; fl&uuml;sterte das junge M&auml;dchen;
+&raquo;ich kann es nicht sagen. Aber wenn ein Wunder gesch&auml;he,
+und ich k&ouml;nnte von jetzt an bis zum Abend Marietta sein,
+und ich m&uuml;&szlig;te zum Entgelt daf&uuml;r in der Nacht sterben, nicht
+eine Sekunde lang w&uuml;rd ich mich besinnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie sonderbar,&laquo; sagte Erasmus kopfsch&uuml;ttelnd. Ihm
+war zumut, als habe sie ihm mit ihren Worten die Glieder
+an den Leib geschn&uuml;rt. Sie &uuml;bte, w&auml;hrend er auf sie niederschaute,
+auf das nordisch gelbe Haar, die samtene Wange,
+die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, qu&auml;lende Macht
+&uuml;ber ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer
+banalen Ausflucht verlie&szlig; er sie.</p>
+
+<p>Aglaia kam eben &uuml;ber die Treppe herunter. Sie forderte
+ihn auf, sie ins Freie zu begleiten. &raquo;Ich habe Sie gesucht,&laquo;
+sagte sie.</p>
+
+<p>Im H&ouml;rkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus
+schaute bisweilen zur&uuml;ck und verz&ouml;gerte den Schritt, als
+<a class="page" name="Page_270" id="Page_270" title="270"></a>ob er Wichtiges verabs&auml;ume, wenn er sich zu weit entfernte.</p>
+
+<p>&raquo;Sicher w&uuml;nschen Sie uns alle miteinander dorthin,
+wo der Pfeffer w&auml;chst,&laquo; begann Aglaia mit ihrer rauhen,
+aber hellen Stimme, &raquo;wir sind Ihnen unsagbar l&auml;stig,
+und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man hat
+ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat
+ist mi&szlig;gl&uuml;ckt. Povero! Ich m&ouml;chte Ihnen so gern aus der
+Patsche helfen, da ich uns schon nicht helfen kann. Wie
+machen wir denn das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie d&uuml;rfen nicht so sprechen, Aglaia,&laquo; bat Erasmus.</p>
+
+<p>&raquo;Nichts da, ich will reden, wie mir ums Herz ist,&laquo; entgegnete
+Aglaia; &raquo;das ganze Arrangement hat mir ohnehin
+nie recht gefallen; je besser ich Sie kennengelernt habe,
+je weniger. Nun hat sich aber Pauline innerlich engagiert,
+und bei ihrer Veranlagung ist das kein kleines Ungl&uuml;ck.
+Da&szlig; das Ungl&uuml;ck viel gr&ouml;&szlig;er w&auml;re, wenn sie Ihre Frau
+w&uuml;rde, kann man ihr vielleicht sagen, aber sie wird es nicht
+einsehen. Unterbrechen Sie mich nicht, Erasmus, ich hab
+mirs in den Kopf gesetzt, Ihnen die Leviten zu lesen und
+will es auch tun. Es ist str&auml;flicher Leichtsinn, da&szlig; Sie
+&uuml;berhaupt ans Heiraten denken. Ist es Ihnen denn
+ernst damit? Gott bewahre. Sie machen es wie die Indianer
+auf dem Kriegspfad; Sie stecken sich bunte Federn
+auf den Schopf, bemalen sich das Gesicht, dann schleichen
+Sie sich durch die W&auml;lder, um ein bi&szlig;chen zu wegelagern.
+Und wehe der Squaw, die Sie in Ihren Wigwam f&uuml;hren.
+Was da geschieht; <em class="antiqua">je vois &ccedil;a d&#8217;ici.</em> Wenn sie meine Freundin
+w&auml;re, w&uuml;rde ich sie auf den Knien beschw&ouml;ren, sichs dreimal
+zu &uuml;berlegen, und noch dreimal, und dann erst recht davonzulaufen.
+Womit ich nicht gesagt haben will, Erasmus,&laquo;
+sie blieb stehen und sah ihn mit einer Mischung von
+<a class="page" name="Page_271" id="Page_271" title="271"></a>Schelmerei und flie&szlig;endem Gef&uuml;hl an, &raquo;da&szlig; ich Ihre
+Vorz&uuml;ge nicht kenne. Sie sind nur nicht der Felsen, auf
+den ich bauen m&ouml;chte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es erstaunt mich, Aglaia,&laquo; antwortete Erasmus
+befangen, &raquo;da&szlig; Sie sich so urteilen getrauen; so dezidiert,
+so&nbsp;... k&uuml;hn. Wo haben Sie das her? Soviel Kenntnis,
+kleine Aglaia, wo nehmen Sie die her?&laquo;</p>
+
+<p>Sie sagte sp&ouml;ttisch: &raquo;Keine Geringsch&auml;tzung gegen die
+Jahre, Erasmus. Solange es grauhaarige Dummk&ouml;pfe
+gibt, darf es auch siebzehnj&auml;hrige Komtessen mit gesundem
+Menschenverstand geben. Zwei Augen im Kopf sind zu
+allerlei n&uuml;tze, und meine zwei Augen verraten mir, da&szlig; Sie
+jedes Herz lieblos zerzupfen, da&szlig; sich Ihnen schenkt. Es
+tut Ihnen leid, aber Sie k&ouml;nnen nicht anders.&laquo;</p>
+
+<p>Erasmus nickte melancholisch. &raquo;Wenn es nur nicht so
+schwer w&auml;re, Aglaia,&laquo; erwiderte er mit seiner verdeckten
+Stimme; &raquo;man wei&szlig; nie das Richtige. Kommt es einem
+mal so vor, als h&auml;tte man sich zum Richtigen entschlossen,
+so machen einen die Leute durch ihre Reden wieder irre.
+Man liebt jemand, sch&ouml;n; aber wei&szlig; man denn, wie lang
+es dauert? Und die Betreffende bildet sich ein, es dauert
+ewig. Wei&szlig; man denn, was es mit der Betreffenden auf
+sich hat? ob sie sich nicht selber t&auml;uscht? ob es nicht ein
+Unrecht ist, wenn man sie glauben macht, sie sei einem
+so viel wie sie sein m&ouml;chte? Das sind furchtbare Verantwortungen.
+&Uuml;ber einem ist ein Gesetz; das Gesetz mu&szlig;
+man erf&uuml;llen; wenn aber der Augenblick da ist, wo es
+Ernst wird, traut man sich nicht, den Schritt zu tun, weil
+man Angst hat; die Verantwortung ist zu gro&szlig;. Es gibt
+bestimmte Zeichen, aber vielleicht deutet man sie falsch.
+Geschehenes kann man nicht r&uuml;ckg&auml;ngig machen. Ich darf
+mich nicht betr&uuml;gen lassen von meinen Sinnen. Ich darf
+<a class="page" name="Page_272" id="Page_272" title="272"></a>mir nicht genug sein. Ich bin blo&szlig; einer aus der Mitte
+heraus und bin Rechenschaft schuldig. Es darf mir kein
+Zweifel &uuml;brigbleiben. Wenn ich so einen Entschlu&szlig; fasse,
+mu&szlig; ich das Bewu&szlig;tsein haben: Gott will es. Kann ichs
+noch unterlassen, so hei&szlig;t das so viel wie Gott will es noch
+nicht. Man mu&szlig; sich in acht nehmen und darf nicht vorwitzig
+sein.&laquo; Er wischte sich Schwei&szlig;perlen von der Stirn
+und sah kr&auml;nklich aus.</p>
+
+<p>Aglaia faltete die H&auml;nde und blickte mit drolliger
+Verzweiflung gen Himmel. &raquo;O Erasmus,&laquo; seufzte sie,
+&raquo;Sie zerrei&szlig;en mir das Herz. Und da gibt es Menschen,
+die einem harmlosen jungen M&auml;dchen zumuten, Hoffnungen
+auf Sie zu setzen. Es mu&szlig; ja jammervoll in Ihnen
+aussehen. Das ist schlimmer als die zehn &auml;gyptischen
+Plagen. Nein; um Himmelswillen, niemals! Passen Sie
+auf, Erasmus,&laquo; fuhr sie zutraulich fort, &raquo;ich bin kein
+trockener Zunder, der beim ersten Funken Feuer f&auml;ngt.
+Ich glaube, ich bin in Sie verliebt. Warum soll ichs
+leugnen? Ich glaube, ich k&ouml;nnte sogar Tollheiten f&uuml;r Sie
+begehen; nicht ganz gro&szlig;e Tollheiten, gem&auml;&szlig;igte nur.
+Ziehen Sie daraus keine Konsequenzen, bitte; lassen Sie
+es ein Wort sein wie guten Morgen. Jetzt, wo es eingestanden
+ist, ist ja Spiel und Zauberei davon weg. Und
+sehen Sie, wie h&uuml;bsch, da&szlig; ichs gefunden habe, bei Spiel
+und Zauberei m&uuml;&szlig;t es auch bleiben. Das andere, das mu&szlig;
+schauerlich sein mit Ihnen. Nur eine Kom&ouml;diantin oder
+eine Heilige k&ouml;nnte es aushalten.&laquo;</p>
+
+<p>Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene
+hin&uuml;ber. Er hatte sein spleeniges L&auml;cheln um den Mund.
+Spiel und Zauberei, ja, das war einmal, dachte er, das darf
+nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das Zifferblatt
+der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegene
+<a class="page" name="Page_273" id="Page_273" title="273"></a>da gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte
+sich nicht ganz, wollte ihm scheinen.</p>
+
+<p>Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten
+gelangt. Sebastiane sa&szlig; in der Sonne auf einem Gartenstuhl,
+vor ihr spielten ihre beiden M&auml;dchen im Sand, und
+der siebenj&auml;hrige Wolf sah ihnen zu. Als er Erasmus
+und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand
+entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick
+Sebastianes streifte das Gesicht Erasmus und das des
+Knaben. &raquo;Merkw&uuml;rdig, wie &auml;hnlich er Ihnen sieht,&laquo;
+sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend.</p>
+
+<p>W&auml;hrend Aglaia ins Haus ging, lie&szlig; sich Erasmus auf
+einem zweiten Stuhl nieder, und im sp&auml;rlich flie&szlig;enden
+Gespr&auml;ch mit Sebastiane, die von der halbverwachten Nacht
+m&uuml;de war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf den
+Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine H&auml;nde,
+seine F&uuml;&szlig;e, sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich
+entfernten Zweig ein Eichh&ouml;rnchen ersp&auml;hte und auf Zehenspitzen,
+am Bord des Rasens, hinschlich, erhob sich Erasmus
+und folgte ihm. Er redete ihn h&ouml;flich an wie einen Erwachsenen.
+Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen
+der B&auml;ume kenne; die Namen der sp&auml;ten Blumen, die noch
+bl&uuml;hten. Die Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche
+und beherzte Art zu antworten; der gro&szlig; vertrauensvolle
+Blick; das Oval des Gesichts. Er nahm ihn
+an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte &uuml;ber
+sich selbst; er hatte sich nie mit Kindern besch&auml;ftigt, noch
+sich zu ihnen hingezogen gef&uuml;hlt; die Empfindung f&uuml;r
+Sebastianes Kinder hatte ihnen nur in der Vereinigung
+mit der sch&ouml;nen Mutter gegolten.</p>
+
+<p>Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der
+seinen sp&uuml;rte, d&uuml;nkte er sich alt. Er erschien sich wie ein
+<a class="page" name="Page_274" id="Page_274" title="274"></a>Baum, belastet mit Jahren, beladen mit der Erinnerung
+an viele Wetter, viele st&uuml;rmische Tage und N&auml;chte, Frost und
+Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt
+nicht weit &uuml;ber seine H&uuml;fte reichend, erschien ihm wie ein
+Sch&ouml;&szlig;ling, zart und kr&auml;ftig, anschmiegend und edel, an
+ihm empor-, einer unbekannten und zu f&uuml;rchtenden
+Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten Wege waren
+ihm pl&ouml;tzlich verha&szlig;t; die wei&szlig;e Front des Herrenhauses
+war eine Gef&auml;ngnismauer; &raquo;m&ouml;chtest du mit mir zum
+Flu&szlig; gehen, Wolf?&laquo; fragte er. Der Knabe bejahte erfreut.</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hlen Sie mir eine Geschichte,&laquo; bat der Knabe.</p>
+
+<p>Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Flu&szlig; gelangt
+waren, der dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb,
+setzte er sich auf einen moosigen Stein, legte den Arm um
+des Knaben Schulter, l&auml;chelte verlegen und fing an:
+&raquo;Es ist kein M&auml;rchen, was ich dir erz&auml;hlen will, es ist eine
+wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war.
+Am Hof des Vizek&ouml;nigs, Vizek&ouml;nig nennt man den Stellvertreter
+des K&ouml;nigs von England dort, mu&szlig;t du wissen,
+am Hof des Vizek&ouml;nigs also lebte unter vielen andern
+F&uuml;rsten und Radschas ein bengalischer F&uuml;rst namens
+Lal Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut
+litt, trotzdem er reich und m&auml;chtig war, auch sch&ouml;n
+und klug. Solche Schwermut, wei&szlig;t du, ist f&uuml;r die Seele
+und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und krankhafte
+Schw&auml;che f&uuml;r den K&ouml;rper; wer davon heimgesucht
+wird, der hat an nichts in der Welt mehr Freude. So war
+das mit Lal Sarkar und wurde mit der Zeit immer &auml;rger.
+Die &Auml;rzte wu&szlig;ten so wenig Rat wie die Freunde; eines
+Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und
+sagte, er solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama
+reisen, dort w&uuml;rde er Heilung finden. Der Dalailama
+<a class="page" name="Page_275" id="Page_275" title="275"></a>ist der oberste Priester der indischen und chinesischen Welt,
+so wie der heilige Vater in Rom Herr &uuml;ber die Christenheit
+ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn gehei&szlig;en,
+r&uuml;stete eine Karawane aus und reiste &uuml;ber das hohe Gebirge
+des Himalaya nach der Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf
+kehrte er zur&uuml;ck, und zwar als ein ganz anderer Mann,
+heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die
+Verwandlung, da&szlig; auch am Hof des Vizek&ouml;nigs, wo ich
+um diese Zeit eintraf, das gr&ouml;&szlig;te Erstaunen dar&uuml;ber
+herrschte. Wenn man sich aber erkundigte, erfuhr man
+nicht viel mehr, als da&szlig; eben Lal Sarkar in Lhasa gewesen
+sei. Mir lie&szlig; es keine Ruhe, und ich wu&szlig;te es anzustellen,
+da&szlig; ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends
+in sein Haus eingeladen wurde. Das war nun wirklich
+wie ein M&auml;rchen, wei&szlig;t du, dieser Palast mit seinen Springbrunnen
+und vergoldeten S&auml;ulen und Bassins mit Fischen
+und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei
+ihm, und als wir ins Gespr&auml;ch gekommen waren, fragte
+ich ihn nach dem, wor&uuml;ber sich alle Europ&auml;er den Kopf
+zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt, als er wie ein
+Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt
+hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und
+feurig. Ich fragte ihn also und fragte auch, ob ein Fremder
+wie ich wissen d&uuml;rfe, wie das vor sich gegangen und was
+mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewi&szlig; d&uuml;rfe ich es wissen,
+es sei nichts zu verheimlichen. &raquo;Ich habe den Dalailama
+gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.&laquo;
+&#8211; &raquo;Das ist alles?&laquo; fragte ich, &raquo;nur in sein Angesicht
+geschaut?&laquo; &#8211; &raquo;Ja,&laquo; antwortet er, &raquo;nur das.&laquo; Und als
+ich verwundert, vielleicht auch ungl&auml;ubig schwieg, sagte
+er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon vergessen:
+&raquo;Der Dalailama ist ein Knabe. Zw&ouml;lf Jahre ungef&auml;hr,
+<a class="page" name="Page_276" id="Page_276" title="276"></a>&auml;lter nicht. Er sitzt auf einem Thron und l&auml;chelt. Sein
+Gesicht ist das sch&ouml;nste Menschengesicht auf Erden, so sch&ouml;n,
+wie man es sich nicht einmal im Traum vorstellen kann.
+Seine Stirn ist wie ein geschliffener Edelstein und g&ouml;ttliche
+Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen
+eine G&uuml;te aus, da&szlig; es jeden, auch den verh&auml;rtetsten Unhold
+bis ins Herz trifft und er nicht anders kann als
+auf die Knie sinken. Sein L&auml;cheln gen&uuml;gt, damit aller
+Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge
+aufh&ouml;rt. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut,
+ist es, als sei er f&uuml;nftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe,
+aber man k&uuml;&szlig;t seine Hand und weint. Vor Gl&uuml;ck weint
+man. Er ist ein Knabe, aber er ist m&auml;chtiger als Armeen
+und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die K&ouml;nige und Kaiser
+der Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn
+anschaute, wurde ich von meiner Schwermut geheilt.&laquo;
+So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das ist meine Geschichte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist eine herrliche Geschichte!&laquo; rief Wolf mit hingerissenem
+Ausdruck, &raquo;die mu&szlig;t du mir noch &ouml;fter
+erz&auml;hlen.&laquo; In seinem begeisterten Eifer dutzte er Erasmus
+pl&ouml;tzlich, und dieser lie&szlig; es sich gern gefallen.</p>
+
+
+<p class="newsection">Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und
+sagte, Marietta wolle ihn sprechen; sie f&uuml;hle sich besser,
+obschon man f&uuml;rchten m&uuml;sse, da&szlig; es ein tr&uuml;gerisches
+Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch ge&auml;u&szlig;ert,
+sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei.</p>
+
+<p>Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war
+Bedauern &uuml;ber den Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht.
+Ein Tag hatte das Werk von zehn Jahren verrichtet. D&auml;mmerschw&auml;che
+nietete den Leib in die Kissen und T&uuml;cher.
+<a class="page" name="Page_277" id="Page_277" title="277"></a>Hei&szlig;e Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben.
+In den Augen war gelbfahles Licht. Um das
+Haupt zu entlasten, waren die Haare gel&ouml;st, und &uuml;ber das
+wei&szlig;e Linnen flo&szlig; die kupfrige Flut, unvergangene Sch&ouml;nheit.</p>
+
+<p>Sie so hingeworfen und zerst&ouml;rt zu erblicken, war
+schlimm. Schlimmer der Verlust; seine stumme Absage.
+Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem Innern. Nichts,
+was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen
+sein. Erinnerung an Z&auml;rtlichkeit war Scham; was ihm
+dieser K&ouml;rper geschenkt, was er ihm geraubt: S&uuml;nde. Da
+lag eine gef&auml;hrdete Kreatur, arm, entschm&uuml;ckt; nicht Weib,
+nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes, nicht Teil seines
+Lebens mehr.</p>
+
+<p>Er fl&uuml;sterte ihren Namen. Sie l&auml;chelte und erhob matt
+die Hand.</p>
+
+<p>Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen.
+Marietta winkte ihm, er setzte sich auf den Rand des Bettes.
+Sie sagte: &raquo;H&ouml;r mich an, Erasmus. Man wei&szlig; nicht, was
+einem zusto&szlig;en kann. Ich werde jedenfalls von b&ouml;sen
+Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erf&auml;hrst jetzt, was
+du erfahren mu&szlig;t. Hast du Wolf gesehen?&laquo; Er nickte;
+er erbleichte. &raquo;Wolf ist mein Kind. Wolf ist dein Sohn.&laquo;</p>
+
+<p>Regungslos starrte er Marietta an.</p>
+
+<p>Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand
+auf die seine, die nichts von der Ber&uuml;hrung wu&szlig;te: &raquo;Ich
+habe viel dar&uuml;ber nachgedacht, wie du es aufnehmen wirst.
+Mu&szlig; ich erkl&auml;ren, warum ich es vor dir geheimgehalten
+habe? Pr&uuml;fe dich selbst, und du wirst wissen, warum.
+Es ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust,
+vor dem graute mir immer. Es war gut, da&szlig; etwas zwischen
+uns war, das uns trennte, wenn wir vereint waren und
+<a class="page" name="Page_278" id="Page_278" title="278"></a>uns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich h&auml;tte sonst
+manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen,
+der f&uuml;r dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges,
+wenn du mir starbst. Du bist mir sehr oft gestorben und
+ich mu&szlig;te dasitzen und mein Herz in der Hand halten und
+auf deine Auferstehung warten.&laquo;</p>
+
+<p>Noch immer regungslos, mit geschn&uuml;rter Kehle, starrte er
+Marietta an.</p>
+
+<p>Sie berichtete mit wenig Worten, ersch&ouml;pft schon, wann
+sie das Kind empfangen, wann und wo sie es geboren, wie
+sie die Verhehlung bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse
+Einzelheiten, an die beweisenden Daten, sprach von ihrem
+Gl&uuml;ck, von inneren K&auml;mpfen, von Angst um die Zukunft
+des Kindes, schwieg, schlo&szlig; die Augen, wartete auf ein
+Wort von ihm, aber es kam keines. Er sa&szlig; regungslos
+und starrte sie an. Es war eine unbezweifelbare, sogar
+eine heilige Wahrheit in ihrer Stimme, in ihrem Blick, in
+ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit nicht, er
+bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie
+stand wie mit einem gl&uuml;henden Schl&uuml;ssel vor der Pforte
+des unbekannten finstern Raums, von dem Marietta
+gesprochen, und fand keinen Einla&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Das Kind ist wohlgeraten,&laquo; sagte Marietta leise; &raquo;du
+wirst nicht nur in seinem &Auml;u&szlig;ern viel von dir erkennen.
+Ich verlange kein Gel&ouml;bnis von dir. Dazu war alles zu
+schwebend zwischen uns. Du mu&szlig;t ja auch erst mit dir
+selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt.
+Denke nach, Erasmus. Jetzt geh; ich bin m&uuml;de.&laquo;</p>
+
+<p>Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des
+Herzens. Angst, Gewissensangst, Frieren des Blutes,
+bittere Unlust, Gef&uuml;hl der Einsamkeit, Selbstmi&szlig;trauen.
+Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich er aus.
+<a class="page" name="Page_279" id="Page_279" title="279"></a>Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb.
+Im Haus wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder
+Stunde. Doktor Schmidthammer hatte eine Lungenentz&uuml;ndung
+konstatiert. W&auml;hrend des Soupers herrschte
+die gedr&uuml;ckteste Stimmung. Die Gr&auml;fin sa&szlig; da wie ohne
+Maske, alt und ein wenig b&ouml;se. Selbst Aglaias Miene war
+ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er f&uuml;rchtete sich vor den
+sch&ouml;nen Gesichtern. Er f&uuml;rchtete sich vor dem Blick heimlichen
+Einverst&auml;ndnisses, der ihn m&ouml;glicherweise treffen
+konnte, vor dem entt&auml;uschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen,
+dem mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte
+Tun, die verspielte Zeit, die verspielten Worte.
+Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der seekrank
+ist, nach festem Boden unter den F&uuml;&szlig;en. Nach Sicherheit,
+nach Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung
+durch Umst&auml;nde und abgen&ouml;tigten Beschlu&szlig;,
+sondern nach der, die von oben kommt und unwiderruflich,
+unwidersprechlich ist.</p>
+
+<p>Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von
+der Gesellschaft. Er wollte allein sein. Im untern Flur
+ging er noch eine Weile auf und ab. Bisweilen blieb er
+stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den W&auml;nden,
+Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit
+war k&uuml;nstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein
+beunruhigtes Herz. Da kam Frau von Gravenreuth die
+Treppe herunter; sie f&uuml;hrte Wolf an der Hand und redete
+mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus,
+w&auml;hrend der Knabe weiterging: &raquo;Er ist so erregt heute,
+wollte nichts essen; ich wei&szlig; nicht, was ich mit ihm beginnen
+soll. Ich habe ihm versprochen, noch ein wenig ins Freie
+mit ihm zu gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen M&auml;dchengesicht
+<a class="page" name="Page_280" id="Page_280" title="280"></a>war ein L&auml;cheln, welches ausdr&uuml;ckte: wir kennen
+uns, wir sind Freunde; dazu Zweifel, Zur&uuml;ckhaltung und
+ein suchender Blick.</p>
+
+<p>Das unerwartete Gegen&uuml;berstehen war H&ouml;lle f&uuml;r
+Erasmus. Er konnte sich nicht entsinnen, je Qu&auml;lenderes
+empfunden zu haben. Es ert&ouml;nte das Wort, das er selbst
+gesprochen, f&uuml;llte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum:
+alle Legitimit&auml;t stammt von Gott. Es schlug ihn in den
+Nacken; es war ein flammender Pfahl, der ihn schlug.
+Enthielt es Wahrheit, so gab es nichts daran zu m&auml;keln;
+war es Irrtum, so sa&szlig; man am Wendepunkt und verkrampfte
+sich ins Arge.</p>
+
+<p>Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in
+seinem Leben, fremd hervorgetreten aus der Fremdheit,
+Gesch&ouml;pf der Leidenschaft, ungew&uuml;nschtes, ungewu&szlig;tes,
+unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand, das hegenswerte,
+wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung
+und Nachfolge.</p>
+
+<p>Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel
+hervorgeschossen und auf Wolf zu. Der Knabe beugte sich
+nieder, um ihn zu packen; das Tier, in spielgieriger Laune,
+entwich fauchend, kam zur&uuml;ck, sprang an den Beinen des
+Knaben empor und dr&auml;ngte den Lachenden gegen die Wand.
+Ein kleiner Schrei; Sturz eines Gef&auml;&szlig;es; ein Klirren;
+die etruskische Vase, die auf einem S&auml;ulenpostament neben
+der T&uuml;r des Musikzimmers gestanden, war heruntergefallen
+und lag in Tr&uuml;mmern. Aus dem Speisesaal
+kamen die Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher,
+fl&uuml;chtete zur Herrin; die Gr&auml;fin kniete mit bedauerndem
+Gesicht nieder, um die kostbaren Scherben zu
+sammeln; Wolf war bla&szlig; geworden, sein Mund verzog
+sich zum Weinen, und mit unwillk&uuml;rlicher Bewegung griff
+<a class="page" name="Page_281" id="Page_281" title="281"></a>er nach Erasmus Hand. Erasmus, ebenso unwillk&uuml;rlich,
+umfa&szlig;te die Hand des Knaben mit tr&ouml;stendem Druck,
+und die Betr&uuml;bnis, die sich in seinen Mienen malte, war
+kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene
+Vase. Doch blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich
+zu dem Knaben niederbeugte und eine formelhafte Beschwichtigung
+fl&uuml;sterte. Schwere aber lastete nun auf
+allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor
+herein Eugen Sparre kam, der am Sp&auml;tnachmittag fortgegangen
+war und jetzt zur&uuml;ckkehrte.</p>
+
+<p>Erasmus entri&szlig; sich. In seinem Zimmer nahm er eine
+der theologischen Schriften zur Hand, die er stets mit sich
+f&uuml;hrte. Aber er konnte seinen Geist nicht zur Lekt&uuml;re
+sammeln. Es wurde sp&auml;t, und er sa&szlig; noch immer mit aufgest&uuml;tztem
+Kopf, grauem, umri&szlig;losem Denken nachh&auml;ngend.
+Schlie&szlig;lich &uuml;berw&auml;ltigte ihn der Schlummer, im Sitzen.
+Es klopfte an der T&uuml;r; er h&ouml;rte es nicht. Es klopfte abermals;
+er schrak empor; rief, halb im Traum.</p>
+
+<p>Es war wie Traum, als Sparre eintrat.</p>
+
+
+<p class="newsection">Die anf&auml;ngliche Emp&ouml;rung Eugen Sparres hatte nicht
+lange gedauert, obwohl Ferry Sponeck t&auml;ppisch wie ein
+Bauer gewesen war. Da er die Abneigung des Grafen
+Ungnad deutlich gesp&uuml;rt hatte, war ihm dessen Verhalten
+nicht einmal so r&auml;tselhaft wie seinem Botschafter, um so
+weniger, als sich Sponeck bem&uuml;&szlig;igt glaubte, zur Entschuldigung
+des Freundes auf eine zarte Beziehung zwischen
+ihm und der Kranken hinzuweisen. Was f&uuml;r Dickh&auml;uter
+diese Menschen doch sind, dachte Sparre; als ob dadurch
+der Schimpf harmloser w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Man k&ouml;nne vorl&auml;ufig nichts Rechtes unternehmen,
+faselte Ferry Sponeck, der nicht wu&szlig;te, wessen Partei
+<a class="page" name="Page_282" id="Page_282" title="282"></a>er ergreifen sollte und zwischen der alten Anh&auml;nglichkeit
+an Erasmus und der bewundernden D&auml;monenfurcht
+schwankte, die ihn zu Sparre zog; Erasmus sei in einer
+kritischen Verfassung, jammervoll sei ihm zumut; ob
+Sparre an ritterliche Austragung denke? doch wohl kaum?
+Wenn ja, wolle er mit Georg Ulrich Castellani beraten;
+jedenfalls sei er, Ferry Sponeck, in einer verteufelten
+Zwickm&uuml;hle. Sparre lachte. Nein, daran denke er nicht;
+er gebe Satisfaktion auf die ihm angemessene Art und
+w&uuml;nsche sie zu erhalten, wie es sich f&uuml;r gesittete Menschen
+zieme. Er f&uuml;hle sich so wenig beleidigt, wie wenn er im
+Wald &uuml;ber eine Baumwurzel gestolpert w&auml;re; &raquo;man war
+achtlos,&laquo; sagte er, &raquo;das n&auml;chste Mal wird man aufpassen.
+Mit Ehrenkr&auml;nkung hat das nichts zu tun.&laquo; Worauf ihn
+Ferry Sponeck kopfsch&uuml;ttelnd f&uuml;r einen unm&auml;&szlig;ig interessanten
+Mann erkl&auml;rte.</p>
+
+<p>Sparre durchschaute den schlechten Schauspieler und
+hatte Nachsicht. Unbekannt mit einer Welt, in die ihn der
+Sturm verschlagen, die seine eigene aufw&uuml;hlte, in die er
+wie zu einer bergenden Insel geflohen, nicht aus Schrecken
+&uuml;ber den Sturm, sondern weil er zur Vollendung einer
+wissenschaftlichen Schrift die Gelegenheit mit Freude ergriffen
+hatte, die ihm eine vor&uuml;bergehende Ruhestatt
+zu bieten versprach, f&uuml;hlte er st&auml;rker noch als unter dem
+ersten Eindruck das Erstaunen &uuml;ber alles, was ihn umgab.</p>
+
+<p>Diese Menschen waren ihm wie alte Gem&auml;lde. Tod
+war &uuml;ber sie hinweggegangen; Leben in seinem Sinn
+hatten sie nicht. Etwas wie goldner Staub hing an ihnen,
+Gefesselte eines prunkenden Rahmens, verj&auml;hrte Ehrw&uuml;rdigkeit.
+Sie sprachen, und ihre Worte waren nicht die
+der Lebendigen; sie scherzten, und ihr L&auml;cheln war bedungen,
+ihr Lachen klang aus der Erde. Alles an ihnen
+<a class="page" name="Page_283" id="Page_283" title="283"></a>war bedungen, gekettet, befohlen und vorgesetzt; ihr
+traurigster Ernst war noch Spiel, Schattenspiel hinter der
+Eisdecke. Sie waren einer glitzernden L&uuml;ge von Herrschaft
+hingegeben, und sie wu&szlig;ten um die L&uuml;ge, lange schon,
+aber jeder schmeichelte dem andern die L&uuml;ge weg. Sie
+glichen den Schwerkranken, denen man Gesundheit einredet,
+mit leichter M&uuml;he, weil ihre Seele getr&uuml;bt ist; die
+in jede Geb&auml;rde, in jeden Hauch ein &Uuml;berma&szlig; von Hoffnung
+und Sorglosigkeit legen und nur die T&auml;uschung
+wollen, sonst nichts. Diese Stuben, diese G&auml;nge, die gl&auml;nzenden
+und alten Dinge, es war ein Mausoleum, ausgeschaltet
+aus der Zeit, ohne Blut, ohne Kraft, ohne Farbe.
+Menschenruf verstummte; ein summender Schall war,
+worauf sie &auml;ngstlich lauschten; Menschenforderung galt
+ihnen f&uuml;r Unbill; sie wohnten noch in der alten Form, sie
+hielten noch die abgeschnittenen Z&uuml;gel in ihren H&auml;nden,
+l&auml;chelnd, indes der Wagen still stand und die Pferde entf&uuml;hrt
+waren.</p>
+
+<p>Die anmutigen Frauen; wie gelassen sie dem Abgrund
+zuschritten, dessen Phosphoreszenz sie &uuml;ber seine verschlingende
+Gewalt betrog. In einer Sehnsucht schmolzen
+sie, die keine Erf&uuml;llung mehr finden konnte, aber sie ahnten
+vom Unm&ouml;glichen nichts. Noch trieben sie Neckerei hinter
+der Maske; noch gefielen sie sich in ihrem t&auml;ndelnden
+Idiom aus verwehten Epochen; nur kein Aufwachen,
+flehten ihre Mienen, nur kein rauhes Ber&uuml;hren. Die
+glatten Glieder wohlig hingeschmiegt an gespenstische
+Bilder; schwelgend in den pikanten Verfeinerungen, die
+ihre Fantasie noch schenkte, wo doch das Wirkliche bereits
+hinter der Wand aufbr&uuml;llte; sich als Letzte sp&uuml;rend, aber
+nicht als Vergangene, als Entr&uuml;ckte, aber nicht als Verlorene.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_284" id="Page_284" title="284"></a>Eugen Sparre sah mit den Augen eines Forschers und
+eines Kindes. Die Regionen und die Jahre, aus denen er
+kam, hatten ihn in der Strenge der Betrachtung ge&uuml;bt.
+Empfundenes und Geschautes nicht zu verf&auml;lschen war sein
+innerstes Amt. Schmucklos war alles in ihm, an ihm und
+die Bahn hinter ihm. Unverw&ouml;hnt und unerweicht, besa&szlig;
+er die Kraft, Leiden zu &uuml;berwinden und zu erkennen.
+Das Durchlebte war ihm oft wie giftiger Rauch. Er hatte
+gegen jede Art von Bedr&uuml;ckung getrotzt, jede Art von Erniedrigung
+erfahren. Er hatte die Ellbogen gespreizt und
+sie zu eisernen Balken gemacht, um nicht zu Brei zerquetscht
+zu werden. Hinaufgeklommen an den schl&uuml;pfrigen
+Quadern des Riesenbaus, von dem auf halbem oder
+Viertelweg die Schw&auml;chlinge und &Uuml;bergierigen abgest&uuml;rzt
+waren, um sich unten die Sch&auml;del zu zertr&uuml;mmern, hatte er
+mit k&uuml;hlem Kopf seinen Platz erobert, der Pflicht, die er
+gew&auml;hlt, die ihn gew&auml;hlt, unersch&uuml;tterlich gehorsam und
+schicksalkennend wie nur diejenigen sind, deren Herzschlag
+der Herzschlag des Jahrhunderts und des Volkes ist. Er
+hatte ungeachtet seiner Jugend zu den Propheten der gro&szlig;en
+Wandlung geh&ouml;rt; er hatte sie errechnet, sie war ihm
+Ergebnis logischer Erw&auml;gung, und mitten in der Taifunwelle
+war er leidenschaftslos geblieben, Beobachter, Arzt.
+Er war heiter geblieben, ohne aufr&uuml;hrerische Gel&uuml;ste, dem
+Element vertrauend, es liebend beinahe, in jeder Verw&uuml;stung
+eine h&ouml;here Ordnung vorauswissend, denn alles
+war Notwendigkeit, Geballtes, Gerafftes, Gef&uuml;gtes,
+W&uuml;ten von Lebenskeimen gegen Todeskeime, Erneuerungsraserei
+des fiebernden Menschheitsleibes, Wiedergeburt
+aus Agonie, Qual und Wahnsinn der sterblichen Einzelnen
+im unsterblichen Ganzen.</p>
+
+<p>Von allen, die auf Rienburg um ihn waren, hatte Graf
+<a class="page" name="Page_285" id="Page_285" title="285"></a>Erasmus Ungnad seine Aufmerksamkeit am meisten
+gefesselt. Der erste Anblick des gespannten, leidenden,
+hochm&uuml;tigen, geschliffenen Gesichts hatte ihn als Erscheinung
+ber&uuml;hrt. In einem Nu hatte er so scharf wie den
+andern sich selbst erfa&szlig;t, eben sein Anderssein und Andersm&uuml;ssen,
+das v&ouml;llige Widerbild, wie Pol gegen Pol. Und
+Sonderbares war geschehen: er hatte Schmerz versp&uuml;rt.
+Da war Figur; ja, Figur, wie die Sage sie gibt;
+umschlossene und einsame Gestalt; heimatlose Gestalt;
+in finster gewordenem Raum mit einer Haltung schreitend,
+als sei noch Licht die F&uuml;lle; m&uuml;de wie einer, der Sch&auml;tze
+getragen hat; ungegenw&auml;rtig, verfangen, versponnen,
+tragisch hinabgehend, von sterbenden Illusionen begleitet,
+der irrende traurige Ritter; der Adlige. Das war er, der
+adlige Mann, &Uuml;berbleibsel und Anachronismus, der, dem
+auch Gott nur eine Form ist, wie Graf Castellani gesagt
+hatte, der es nicht nahm, nicht wollte, da&szlig; sein Reich aufgeh&ouml;rt
+hatte zu sein und der von der Zeit nichts zur&uuml;ckbehalten
+hatte als die Jahre, gesch&auml;ftige Symbole, doch
+leer und sinnlos.</p>
+
+<p>Die Ersch&uuml;tterung wirkte fort in Eugen Sparre. Sie war
+derart, da&szlig; sie auch durch die beleidigende Feindseligkeit
+des Grafen nicht vermindert wurde und gab ihm so viel
+zu denken, da&szlig; er seine Arbeit dar&uuml;ber verga&szlig;. Die pers&ouml;nlichen
+Verh&auml;ltnisse Ungnads fl&ouml;&szlig;ten ihm, jenem Allgemeinen
+gegen&uuml;ber, nur geringe Teilnahme ein; trotzdem
+horchte er bei den Andeutungen Ferry Sponecks auf.
+Sponeck hielt sich in dem Fall nicht zur Verschwiegenheit
+verbunden; was alle Welt wu&szlig;te, konnte auch Sparre
+wissen; f&uuml;r Sparre war es Best&auml;tigung, die den Charakter
+noch tiefer erleuchtete. Er erblickte Verborgenes, und was
+seinem Auge entging, vervollst&auml;ndigte die Kombination.
+<a class="page" name="Page_286" id="Page_286" title="286"></a>Diese Geschicke lie&szlig;en sich wunderlich leicht entziffern; ihre
+Hieroglyphen bedurften nicht einmal der Geduld. So zuckte
+f&uuml;r ihn greller Schein um die Szene im Flur, als er
+ins Haus trat und alle um die zerbrochene Vase herumstanden.
+Sekundenkurzes Schauen gen&uuml;gte; haften blieb
+in Blick und Ged&auml;chtnis der m&auml;dchenhaft zarte Knabe
+neben dem &uuml;berschlanken Erasmus Ungnad, das Gebeugte
+und Zerqu&auml;lte an ihm, das zitternd Aufgest&ouml;rte im Wesen
+des Kindes, die unverkennbare &Auml;hnlichkeit in der Gesichtsbildung
+beider, etwas Unsagbares von Verkettung.</p>
+
+<p>Als Erasmus verschwunden war, las Baronin Polyxene
+die Scherben auf; Ferry Sponeck kniete ebenfalls hin, um
+ihr zu helfen. Da sagte Sparre, man m&ouml;ge ihm die St&uuml;cke
+&uuml;berlassen; wenn er Klebestoff bekommen k&ouml;nne, getraue
+er sich, die Vase wieder zusammenzusetzen; er habe dergleichen
+schon oft versucht, und mit Gl&uuml;ck. Die Besch&auml;digungen
+waren in der Tat nur geringf&uuml;gig; die beiden
+Henkel und ein Teil des oberen Randes waren abgebrochen,
+ferner war in der Ausbauchung ein rundes Loch. Man sah
+ihn verwundert an; Ferry Sponeck nickte eifrig und versicherte:
+&raquo;Ja, darauf versteht er sich, er hat auch mir einmal
+eine Sevreschale geleimt, er ist &uuml;berhaupt ein Tausendk&uuml;nstler.&laquo;
+Die beflissene F&uuml;rsprache erweckte Heiterkeit,
+auch bei Sparre selbst, Niklas wurde gerufen, der nach einer
+Weile ein T&ouml;pfchen mit Leim brachte, Sparre packte die
+Vase samt den Scherben in ein Tuch und begab sich damit
+in sein Zimmer.</p>
+
+<p>Er hatte von dem Zweck seines Beginnens keine deutliche
+Vorstellung. Es war ihm ein in das Kleid einer
+Parabel geh&uuml;llter Scherz; eine Mitteilung von ungewisser
+Tragweite und unbestimmtem Inhalt. W&auml;hrend er mit
+Sorgfalt die Bruchstellen aneinanderf&uuml;gte, kleine Splitter
+<a class="page" name="Page_287" id="Page_287" title="287"></a>mit geschickter Hand einpa&szlig;te, l&auml;chelte er h&auml;ufig. Als er
+nach zweist&uuml;ndiger Arbeit fertig war, ging er zum Fenster;
+Ungnads Zimmer lag dem seinen schr&auml;g gegen&uuml;ber, wie er
+wu&szlig;te. Er sah noch Licht bei ihm. Da nahm er die Vase
+vorsichtig in die Hand, pr&uuml;fte das Werk noch einmal,
+&uuml;berzeugte sich von der Haltbarkeit der zusammengesetzten
+Teile und verlie&szlig; das Zimmer.</p>
+
+
+<p class="newsection">Erasmus fuhr auf. &raquo;Was wollen Sie?&laquo; stotterte er,
+&raquo;was bedeutet das?&laquo; Er starrte auf das t&ouml;nerne Gef&auml;&szlig;.</p>
+
+<p>Sparre stellte die Vase auf den Tisch. &raquo;Wenn man
+morgen die Bruchlinien abfeilt, wird der Schaden kaum
+mehr bemerkbar sein,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Aber was soll es denn hei&szlig;en?&laquo; murmelte Erasmus.
+Er hatte sich erhoben, stand frostig da, stirnrunzelnd, abweisend.</p>
+
+<p>&raquo;Ich hatte den Eindruck, als sei Ihnen der kleine Unfall
+nah gegangen,&laquo; sagte Sparre; &raquo;ich wei&szlig; selbst kaum,
+warum ich mich verpflichtet f&uuml;hlte, ihn wieder gutzumachen.
+Vielleicht wollte ich damit auch eine mir geschehene Widerw&auml;rtigkeit
+aus der Welt schaffen. So etwas ist st&ouml;rend,
+wenn es auch mein Gleichgewicht nicht beeintr&auml;chtigen
+kann. Wo der Hieb nicht trifft, ist keine Wunde. Da Sie
+mich als Arzt f&uuml;r einen Menschen verp&ouml;nt haben, habe ich
+mich begn&uuml;gt, Arzt bei einem Ding zu sein. Das Ding
+ist leidlich geheilt, wie Sie sehen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Stimme klang fast hohl, in ihrer Ba&szlig;tiefe schleifend.</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe nicht,&laquo; stie&szlig; Erasmus hervor; &raquo;Sie wollen
+sich &uuml;ber mich mokieren, scheint mir&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sparre blickte zu Boden. &raquo;Merkw&uuml;rdig, da&szlig; Sie es nicht
+verstehen,&laquo; sagte er wie im Selbstgespr&auml;ch. &raquo;Gibt Ihnen
+denn das keinen Fingerzeig, da&szlig; ich, der Mensch, den Sie
+<a class="page" name="Page_288" id="Page_288" title="288"></a>hassen oder glauben hassen zu m&uuml;ssen, der Mensch Ihrer
+Abkehr und Ihres Grauens, dem Sie die unverdiente
+Ehre einer entscheidenden Funktion zuweisen, da&szlig; dieser
+selbe Mensch etwas Zerbrochenes f&uuml;r Sie wieder ganz
+gemacht hat?&laquo;</p>
+
+<p>Erasmus stutzte. Vor Unwillen r&ouml;tete sich seine Stirn.
+&raquo;F&uuml;r mich ganz gemacht? F&uuml;r mich? Wirklich, Sie erlauben
+sich ungeb&uuml;hrlichen Spa&szlig;, Herr Doktor Sparre&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Sparre schlug langsam den Blick auf. &raquo;Ich m&ouml;chte
+gern in anderm Ton mit Ihnen sprechen, Graf Ungnad,&laquo;
+sagte er verhalten. &raquo;Sie gehen im Wesentlichen fehl. Ihre
+Voraussetzungen sind falsch. Ich sah eine Not. Als der
+Krug da herunterst&uuml;rzte, sah ich eine Menge Zerschmettertes
+liegen. War der Knabe eigentlich schuld und sein Spiel
+mit dem Tier? Er f&uuml;hlte sich aber schuldig, und als Sie
+seine Hand fa&szlig;ten, hatte ich den Eindruck, als ob Sie
+sich f&uuml;r seine Schuld mitverantwortlich f&uuml;hlten. Aber Sie
+haben es doch nicht gewagt, f&uuml;r ihn einzustehen. Was liegt
+an diesem altert&uuml;mlichen Kram, Graf Ungnad? Wenn
+ihn das Aufr&auml;umweib vor mir auf den Kehricht wirft, schau
+ich nicht einmal darnach hin. Es entspricht auch nicht meiner
+&Uuml;berzeugung, da&szlig; man Zersplittertes wieder kitten soll.
+In diesem Fall habe ich mich entschlossen, die &Uuml;berzeugung
+zu verleugnen. Ich dachte, es sei gut, es sei n&uuml;tzlich. Ich
+dachte, ich k&ouml;nne Ihnen damit etwas beweisen. Verstehen
+Sie mich noch immer nicht?&laquo;</p>
+
+<p>In der Tat, Erasmus begriff nichts. Sein Gesicht zeigte
+Ausdruckslosigkeit und erbittertes Unbehagen. Die Unterlippe
+st&uuml;lpte sich; die Handfl&auml;che rieb sich an der Lehne des
+Stuhls.</p>
+
+<p>&raquo;Also will ich klarer sein,&laquo; fuhr Sparre etwas gedr&uuml;ckt
+fort, denn er hatte fl&uuml;ssigere Verst&auml;ndigung erwartet;
+<a class="page" name="Page_289" id="Page_289" title="289"></a>&raquo;ich habe etwas &uuml;ber mich vermocht, was meiner Natur
+und Lebensrichtung diametral entgegen ist. Ich habe etwas
+versucht, wozu ich mich bisher habe nie gewinnen k&ouml;nnen,
+das geistig Geschiedene zu &uuml;berbr&uuml;cken, dem, was streng
+und unbedingt jenseitig f&uuml;r mich ist, mich zu n&auml;hern.
+Ist es hoffnungslos? Diese Tonvase, ich stelle sie her wie
+einen Markstein, an dem wir uns treffen k&ouml;nnen, Sie von
+Ihrer Seite, ich von meiner. Es ist ein Augenblick, der nie
+wiederkehrt, nie wiederkehren kann. Die Wahrheit, die mich
+jetzt antreibt und erf&uuml;llt, ist sicher nur eine einmalige
+Flamme. Vielleicht ist dabei etwas in mir von dem geheimnisvollen
+Verwandlungsinstinkt der Insekten. Vielleicht
+kann ich den analogen Proze&szlig; in Ihnen beschleunigen.
+Entziehen Sie sich nicht. Sich auflehnen gegen den Gang
+der Sterne ist kein Heroismus, das Unab&auml;nderliche verfluchen
+keine Frommheit. Wenn ich Ihnen entgegenkomme,
+bis zu dem m&uuml;hsam geleimten Krug auf dem Tisch
+da, so seien Sie nicht taub f&uuml;r mein <em class="antiqua">qui vive;</em> Sie wissen ja,
+die Posten haben scharfe Ordre. Ich verlange ja nicht
+Kameradschaft; ich habe nur erfa&szlig;t, was mir, was uns
+dienen kann. Es gibt verschiedenerlei Tugenden, Graf
+Ungnad, verschiedenerlei Mut und verschiedenerlei Feigheit,
+verschiedenerlei Grausamkeit und verschiedenerlei G&uuml;te.
+Ich und die meinen, wir k&ouml;nnen nutzen, was Sie und die
+Ihren im Lauf der Jahrhunderte an Erntegut in die
+Scheunen gebracht haben, an blutgeh&auml;rtetem Stahl und
+geraffter Muskel und geweihter Lehre und dem Glauben
+daran und an Erfahrung, die durch die Geschlechter veredelt
+ist, an geschmolzenem und gem&uuml;nztem Gold des Lebens.
+Es ist der Tag vielleicht nicht fern, wo wir zugreifen und
+dankbar quittieren, wenn wir uns vom ersten Rausch und
+Anprall erholt haben. Denn sonst sind wir auf unserer
+<a class="page" name="Page_290" id="Page_290" title="290"></a>Seite so verloren wie Sie auf Ihrer; ein Rachen wird uns
+schlucken, der keinen Unterschied macht zwischen mehr oder
+weniger fein gemahlenem Korn. Und Sie, lockern Sie die
+zu straff gezogenen Schrauben. Geben Sie nach. Werfen
+Sie das Zerbrochene, auch wenn es kostbar, auch wenn es
+noch so meisterhaft gekittet ist, auf den Kehricht. Alte
+Form mu&szlig; sterben. Und Gesetze sterben wie Formen und
+wie Menschen. Dagegen ist keine Hilfe als das Leben.&laquo;</p>
+
+<p>Er stand noch eine Weile und schaute &uuml;ber Erasmus
+hinweg, der sich nicht r&uuml;hrte. Dann verlie&szlig; er mit zeremoni&ouml;ser
+Verbeugung den Raum.</p>
+
+<p>Erasmus r&uuml;hrte sich noch immer nicht. Suada haben
+diese Leute, dachte er, und senkte in peinlicher Benommenheit
+den Kopf. Aber die Benommenheit wuchs und wuchs.
+Er fing an auf und ab zu gehen. Es schien ihm, als zerspalte
+sich der Boden unter seinen Schritten. Einmal seufzte
+er und lauschte, weil ihn d&uuml;nkte, das Seufzen k&auml;me aus
+der Mauer. Wenn man die Schwere der Niederlage
+mildern k&ouml;nnte, ging es ihm, scheinbar zusammenhanglos,
+durch den Sinn. Und darauf wieder: ich wei&szlig;, da&szlig; sie
+sterben wird; heute nacht wird sie sterben, ich wei&szlig; es.
+&raquo;Erl&ouml;se uns von dem &Uuml;bel,&laquo; murmelte er vor sich hin,
+das Taschentuch an die Lippen pressend, &raquo;und f&uuml;hre uns
+nicht in Versuchung.&laquo;</p>
+
+<p>Abermals lauschte er. Es war still im Hause, und doch
+lag in den Ohren weitentferntes, gr&auml;&szlig;liches Geschrei.
+Jemand ging im Korridor vor&uuml;ber. Er &ouml;ffnete die T&uuml;r;
+es war finster. Der Schlaf der Bewohner w&auml;lzte sich her, zu
+schwarzem Schlamm gestockt. Er z&uuml;ndete eine Kerze an
+und ging, die Flamme mit der Rechten sch&uuml;tzend, den Flur
+entlang. Auf einmal prallte er zur&uuml;ck. Auf der Schwelle
+<a class="page" name="Page_291" id="Page_291" title="291"></a>einer T&uuml;r stand eine Frau. Sie hatte die H&auml;nde vors Gesicht
+gelegt; so stand sie, gegen das Zimmer gewandt, in dem eine
+umh&uuml;llte Lampe brannte.</p>
+
+<p>Es war Helene Gravenreuth. Sie drehte sich um, lie&szlig;
+matt die Arme fallen. &raquo;Schlimm steht es,&laquo; hauchte sie.</p>
+
+<p>Er schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie herein,&laquo; sagte sie, &raquo;hier schl&auml;ft Wolf;
+die Pflegerin hat mich eben jetzt bei Marietta abgel&ouml;st.
+Aber leise, bitte, das Kind schl&auml;ft spinnwebd&uuml;nn heute.&laquo;</p>
+
+<p>Er trat ein. Er ging zum Bett des Knaben, nachdem er
+die Kerze verl&ouml;scht und weggestellt hatte. Er fl&uuml;sterte:
+&raquo;Es ist alles so sonderbar, Baronin, so sehr sonderbar.&laquo;
+Seine Wangen wurden fahl, pl&ouml;tzlich kniete er nieder und
+betete.</p>
+
+<p>Frau von Gravenreuth schlo&szlig; die T&uuml;r. &raquo;Ich war nicht
+vorbereitet,&laquo; sagte sie mit erstickter Stimme, als Erasmus
+sich erhob, &raquo;bin es noch immer nicht. Was wird werden,
+Graf?&laquo;</p>
+
+<p>Erasmus setzte sich an den Tisch und st&uuml;tzte den Kopf
+in die Hand. &raquo;Sie wissen ja, weshalb ich hierhergekommen
+bin,&laquo; sagte er.</p>
+
+<p>Sie nickte. &raquo;Ich wei&szlig;,&laquo; erwiderte sie. &raquo;Sie wollten um
+eine der Komtessen werben, Sie wollten heiraten.&laquo;</p>
+
+<p>Er fuhr fort: &raquo;Nun wird es anders kommen. Nicht eine
+Frau werd ich heimbringen, sondern einen Sohn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie soll es werden, Graf Erasmus, mit diesem
+Sohn?&laquo; fragte Frau von Gravenreuth mit bleichen Lippen.</p>
+
+<p>Erasmus begegnete ihrem zaghaften Blick und antwortete:
+&raquo;Es mu&szlig; in Liebe werden und im Gesetz, denk
+ich.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Ger&auml;usch lie&szlig; beide zusammenfahren. Wolf war
+erwacht. Er hatte sich aufgerichtet und schaute mit den
+<a class="page" name="Page_292" id="Page_292" title="292"></a>tauhaft strahlenden Augen her&uuml;ber, mit denen Kinder den
+Schlummer verlassen. Frau von Gravenreuth streckte die
+Arme aus, als beschw&ouml;re sie ihn; Erasmus trat neben ihr
+an das Bett.</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hl mir vom Dalailama,&laquo; sagte die helle Glockenstimme
+des Knaben.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_293" id="Page_293" title="293"></a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Jost" id="Jost"></a>Jost</h2>
+
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_294" id="Page_294" title="294"></a>[Blank Page]</p> -->
+<p><a class="page" name="Page_295" id="Page_295" title="295"></a></p>
+<p class="newsection">Der Gebieter des Himmels lie&szlig; sein Donnerwort ergehen,
+und wie gl&auml;nzend gefiederte Schw&auml;ne im Sturm eilten die
+gehorsamen Heerscharen vor seinen unverg&auml;nglichen Thron.
+Da erlas der Herr den Erzengel Michael und sprach zu ihm:</p>
+
+<p>Ich bin irre am Geschlecht der Menschen. Nie hat solcher
+Kummer die Erde gef&uuml;llt; Klage und Anklage erhebt sich
+ma&szlig;los. Schwer ist es, zu wissen, ob sie allesamt Verlorene
+sind, schwer zu erkennen, ob in allen der Funke erloschen
+ist, der ihnen als Teil der G&ouml;ttlichkeit in die Brust gehaucht
+ward. Ich will eine Probe machen. Geh hinab zu ihnen,
+du scharf&auml;ugiger Sp&uuml;rer, und suche unter den Verstockten
+den Verstocktesten, unter den Umschlossenen den Umschlossensten.
+Nicht um den &Uuml;belt&auml;ter geht es, merke wohl;
+um den Gleichgiltigen geht es. Den Unscheinbaren, der
+in der Tr&auml;gheit verh&auml;rtet ist, sollst du suchen in seinem
+umfriedeten Bezirk; den, dessen Linke nicht wei&szlig;, was die
+Rechte tut. Und wenn du zur&uuml;ckkehrst und sprechen kannst:
+ich habe ihn erweicht, ich habe ihm die Binde von den Augen
+gerissen, und er vermag zu sehen, dann soll ihnen noch
+einmal Gnade gew&auml;hrt sein und Aufschub des letzten
+Gerichts.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_296" id="Page_296" title="296"></a>Der Engel senkte stumm das Haupt, und w&auml;hrend ihn
+gewaltige Posaunensch&auml;lle umdr&ouml;hnten, verlie&szlig; er in seiner
+gro&szlig;en Sch&ouml;nheit die erhabene Region, um den Befehl
+des Herrn zu vollziehen.</p>
+
+
+<p class="newsection">In einer Wirtsstube sa&szlig;en beim tr&uuml;ben Licht mehrere
+Beamte der Stadt, Notabilit&auml;ten in ihrer Art, um einen
+Tisch. Bis auf einen armselig aussehenden Menschen,
+der in der N&auml;he des Ofens kauerte und zu schlafen schien,
+waren sie die einzigen G&auml;ste. Da sie ihn kannten, auch
+seiner nicht achteten, brauchten sie sich im Gespr&auml;ch keinen
+Zwang aufzuerlegen. Er hie&szlig; Jost und war ein Kleinb&uuml;rger,
+dem Anschein nach ein Agent oder Vermittler, der
+an gewissen Abenden kam, um dem Wirt Lieferungsgesch&auml;fte
+anzutragen.</p>
+
+<p>Die Unterhaltung drehte sich um die Trostlosigkeiten
+des Alltags. Ver&auml;rgerung lag jedem im Gem&uuml;t, Lebensangst
+den meisten. Still verhielt sich nur einer, nicht weil
+er weiser oder zufriedener, sondern weil er bequemer war.
+Auch dann nahm er nur stummen Anteil, als der tr&uuml;bseligen
+Gegenwart die gl&auml;nzende Vergangenheit entgegengehalten
+wurde, in deren schwachem Widerschein sie sich ihrer Sorgen
+entledigten. Die Welt, war sie auch zum Erbarmen zugerichtet,
+einstmals hatte sie ihnen eine festliche Zeit gegeben,
+und unter diesem Einstmals verstanden sie den Krieg,
+zumindest seinen Anfang. Da war auch dem Abseitigen
+unerwartet Macht zugefallen, sofern er nur mit dem allgemeinen
+Strom geschwommen war, und wie erst, wenn
+er sich mit seiner Person f&uuml;r das Ziel erkl&auml;rt hatte. Macht,
+Bewegung, Wechsel der Geschehnisse; es klang schon jetzt
+nicht anders als wie es sch&ouml;nf&auml;rbende Fibeln den Sp&auml;teren
+melden. Auch die sich t&auml;tigen Dabeiseins nicht r&uuml;hmen
+<a class="page" name="Page_297" id="Page_297" title="297"></a>konnten, ergingen sich breit im Nachgenu&szlig; martialischer
+Erinnerungen. Was Blut und Not und Tod; erlogene
+Gespenster. Die triumphierende Wahrheit war dort, wo
+man Ehre gewonnen, wo man sich eingesetzt und gesp&uuml;rt
+hatte.</p>
+
+<p>Postoffizial Erbegast, als beredtester Schw&auml;rmer, sprach
+davon, wie man Raum gehabt, im Westen, Osten, S&uuml;den,
+&uuml;berall Raum, Weite, Luft, Landschaft, Freiheit. Raum
+und Gelegenheit. Quartier in Schl&ouml;ssern, Fahrten ins
+Unbekannte, neue St&auml;dte, neue Menschen, neue Dinge,
+zwischen Morgen und Abend keine Langeweile. Wenn man
+da erz&auml;hlen wollte! Wie es wohltat, sich der F&uuml;lle zu erinnern.
+Er wandte sich lebhaft und herausfordernd an den
+Schweigsamen, Rechnungsrat Siebold, und ermunterte
+ihn zur Zustimmung. Mit blo&szlig;em Kopfnicken wollte er
+sich nicht abspeisen lassen. Der Schweigsame ist nicht
+beliebt, wenn Geister ergl&uuml;hen. Siebold sollte laut best&auml;tigen,
+da er es doch aus Erfahrung zu tun imstande war,
+da&szlig; man Unvergleichliches gesehen und erlebt habe. Oder
+sei an ihm die Herrlichkeit spurlos vor&uuml;bergegangen?</p>
+
+<p>Ungern sah sich Siebold in die Mitte der Aufmerksamkeit
+versetzt. Er liebte es nicht, sich mit Gewesenem zu
+besch&auml;ftigen. Ihm lag der gestrige Tag schon fern. Unter
+den fragenden Blicken der Tischgenossen stiegen wohl Bilder
+aus entlegenen Gehirnsch&auml;chten empor, aber es gestaltete
+sich keines. In den Jahren, er z&auml;hlte die Jahre nicht,
+waren sie ihm abhanden gekommen, kaum da&szlig; er sie noch
+als eigenen Besitz erkannte. Blasse Farben, schattenhafte
+Figuren, verhallte Worte. Was ber&uuml;hrte einen daran?
+Man war ein anderer. Jahre! Was ist nicht ein einziges
+an Gedehntheit! Zudem war er nur vier Monate drau&szlig;en
+gewesen; kleiner F&auml;hnrich, freudlos wie tausende. Man
+<a class="page" name="Page_298" id="Page_298" title="298"></a>hatte ihn darnach in ein Proviantlager geschickt, und als
+er dort erkrankt, war er auf seinen Platz im Amt zur&uuml;ckgekehrt,
+wie wenn die Zwischenzeit ein unergiebiger Ferienausflug
+gewesen w&auml;re.</p>
+
+<p>Es d&uuml;nkte ihn aber, da&szlig; ihn Offizial Erbegast sticheln
+wollte. Auch die &uuml;brigen betrachteten ihn mit ironischen
+Blicken, als trauten sie ihm besondere Erlebnisse nicht zu
+und hegten nicht einmal die Erwartung, da&szlig; er sich zu
+solchen bekenne. Das verdro&szlig; ihn. Sein bedrohtes Selbstbewu&szlig;tsein
+richtete sich wehrhaft auf. Er begriff die Notwendigkeit,
+den sp&ouml;ttischen Zweiflern Achtung abzuringen
+und forschte in seinem Ged&auml;chtnis. Nicht vergeblich; die
+verkniffene Miene erhellte sich; ein Vorfall fiel ihm ein,
+bei dem er handelnd mitgewirkt. Da er sich der Einzelheiten
+nur ungenau entsann, dauerte es geraume Weile,
+ehe seine Erz&auml;hlung in verst&auml;ndlichen Flu&szlig; kam. Doch die
+Zuh&ouml;rer zeigten Geduld, und so hatte er Mu&szlig;e, der schwerf&auml;lligen
+Erinnerung den Verlauf abzuzwingen.</p>
+
+<p>Die Geschichte war in keiner Weise ungew&ouml;hnlich. In
+einem galizischen Dorf waren sieben Menschen unter dem
+Verdacht der Spionage eingebracht worden. Die Beschuldigung
+lautete, sie h&auml;tten dem Feind durch das Dachfenster
+des Gemeindehauses, in welchem sie zusammengepfercht
+gefunden worden waren, Lichtsignale gegeben. Siebold
+hatte das Protokoll aufgenommen. Nur einem unter
+ihnen, einem riesenhaft gewachsenen Burschen, hatte das
+Verbrechen nachgewiesen werden k&ouml;nnen; bei den andern
+sprachen gewichtige Umst&auml;nde daf&uuml;r, da&szlig; sie die Opfer
+b&ouml;swilliger Angeberei waren. Trotzdem hatte der Hauptmann
+alle Sieben nach einem summarischen Verh&ouml;r
+kurzerhand zum Tod verurteilt: drei Juden, ein siebzehnj&auml;hriges
+polnisches M&auml;dchen, einen zw&ouml;lfj&auml;hrigen Knaben,
+<a class="page" name="Page_299" id="Page_299" title="299"></a>einen sechsundsiebzigj&auml;hrigen Greis, und den R&auml;delsf&uuml;hrer
+der Bande, eben jenen Riesen.</p>
+
+<p>Ein Tropfen im Meer der Ereignisse; ein paar vernichtete
+Leben mehr neben den Millionen. Die Welt hatte wohl
+kaum eine Kunde davon erhalten. Auch jetzt, wo es die
+Merkmale der Verj&auml;hrung und der erfahrenen H&auml;ufigkeit
+trug, konnte solches Standgericht kein tieferes Interesse
+erregen als eines, das aus H&ouml;flichkeit dem Erz&auml;hler geb&uuml;hrt.
+Mochte auch der eine oder der andere die Willk&uuml;r empfinden,
+die dabei gewaltet und dem in halben Andeutungen Worte
+verleihen, so wurden die sch&uuml;chternen Einschiebsel leicht
+mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit abgetan. F&uuml;r
+zarte Gem&uuml;ter war die Zeit nicht geschaffen; die Moral
+b&uuml;rgerlichen Lebens, das humane Gesetz, hatte da keine
+Giltigkeit mehr, wo man sich t&auml;glich seiner Haut wehren
+mu&szlig;te. Wer auf seinem Posten stand und der Vorschrift
+gen&uuml;gte, war entlastet. &raquo;Die Gegner haben es genau so
+gehalten,&laquo; wurde gesagt; &raquo;weil wir in der Patsche sitzen,
+spuckt man uns ins Gesicht, und sogar im Lande selbst
+entbl&ouml;det man sich nicht, Leuten, die ihre Pflicht erf&uuml;llt
+haben und als Helden gefeiert w&uuml;rden, wenn das Gl&uuml;ck
+bei uns geblieben w&auml;re, soviel wie m&ouml;glich am Zeug zu
+flicken.&laquo; Jawohl, bemerkte hierzu der Offizial bissig,
+die Menschen seien eben Schweine und von ihrer schweinischen
+Natur k&ouml;nne man nichts Besseres erwarten.</p>
+
+<p>Nach diesem Intermezzo nahm Siebold den Faden
+wieder auf. Da er nun zu sprechen begonnen hatte, wollte
+er seine Sache auch bis zum Ende f&uuml;hren. Das Wort hatte
+ihm Hilfe geleistet und Bild um Bild aufgefrischt; er
+wunderte sich selbst &uuml;ber die wiederbauende F&auml;higkeit der
+Erinnerung und gefiel sich in seiner Rolle des Mitrichters
+&uuml;ber Schicksale. Er verweilte. Er ging in der Schilderung
+<a class="page" name="Page_300" id="Page_300" title="300"></a>zum Kleinen und Intimen; mit behaglicher Ausf&uuml;hrlichkeit
+beschrieb er die traurige Gegend, das verwahrloste
+Dorf, die Armut der Menschen, sogar das regnichte Wetter,
+das geherrscht hatte. Dann erz&auml;hlte er von der jungen
+Polin; wie trotzig sie alle angeschaut mit ihren schwarzen
+Augen; er hatte den Namen gewu&szlig;t; er hatte ihn vergessen.
+Er besann sich und fand ihn. Katinka war der Name
+gewesen. Als wohne dem Namen Leuchtkraft inne, wurde
+gegenw&auml;rtig, wie sie stolz und wild die Antworten verweigert,
+auch als man ihr den Revolver vor die Stirn
+gehalten; auch als man ihr versprochen, den Knaben, ihren
+Bruder, zu schonen. Immer wieder betonte er die teuflische
+Halsstarrigkeit des M&auml;dchens, schlie&szlig;lich mit Einschaltung
+eines lasziven Witzes, der, wie billig, belacht wurde.
+&raquo;Glauben Sie, meine Herren, sie h&auml;tte die Z&auml;hne voneinandergetan?
+Um keinen Preis. Eher noch die Beine,
+scheint mir.&laquo;</p>
+
+<p>Als der Spruch gef&auml;llt war, hatten sich alle, mit Ausnahme
+der Katinka und des Riesen auf die Knie geworfen.
+Die Juden vor dem Hauptmann, das B&uuml;rschchen vor ihm.
+Das B&uuml;rschchen hatte seine Beine umschlungen und
+j&auml;mmerlich geschluchzt, bis es die Schwester angeschrieen
+und weggerissen. Der alte Mann hatte ihm fortw&auml;hrend
+die H&auml;nde gek&uuml;&szlig;t und unverst&auml;ndliche Worte gelallt. In
+die gr&ouml;&szlig;te Verzweiflung waren aber die drei Juden geraten.
+Mit gellenden Anrufungen Gottes hatten sie ihre Unschuld
+beteuert, sich die Haare gerauft und an den Kaftanen gezerrt.
+Einer, mit fuchsrotem Bart und k&auml;sewei&szlig;em Gesicht,
+hatte sich &auml;u&szlig;erst dem&uuml;tig betragen; als aber der Hauptmann,
+dem das Unwesen zu l&auml;rmend wurde, den Befehl
+erteilte, die Gesellschaft abzuf&uuml;hren, war es gerade dieser,
+<a class="page" name="Page_301" id="Page_301" title="301"></a>der die Arme gegen ihn streckte und eine alttestamentarisch-gr&auml;uliche
+Verfluchung ausstie&szlig;.</p>
+
+<p>Eine gespenstische Idylle, gerahmt in Selbstzufriedenheit,
+beschlo&szlig; die Darstellung: n&auml;chtlicher Regensturm;
+Siebold auf Runde; an den &Auml;sten von sieben Pappeln
+neben der Chaussee sieben Leichen, schwankend im Wind,
+unheimliche Kleiderb&uuml;ndel, unheimliche Gerippe, schief,
+schlapp, verbogen wie die Vogelscheuchen, und in der
+schwarzen Ebene ein klagend-verklingender Ruf.</p>
+
+<p>Da dem Offizial die D&uuml;sterkeit des Gem&auml;ldes nichts
+anzuhaben vermochte, weniger aus Herzensh&auml;rte, als weil
+seine Einbildungskraft, wie &uuml;brigens bei alle diesen, das
+Entscheidende nicht zu fassen vermochte, schreckte er vor der
+zynischen Erkundigung nicht zur&uuml;ck, ob denn die wilde
+Katinka ihre vermeldeten Beine nicht h&auml;tte n&uuml;tzlich gebrauchen
+wollen oder k&ouml;nnen. Im selben Augenblick erhob
+sich der schlafende Kleinb&uuml;rger oder Agent Jost mit st&ouml;rendem
+Ger&auml;usch. Er trat an den Tisch der Herren, sch&uuml;ttelte
+sich raschelnd, feixte verlegen, und w&auml;hrend er irgendwelche
+Laute vor sich hinmummelte, betrachtete er einen um den
+andern; zuletzt blieben seine Augen, zwei kleine, glitzerige
+Messingscheibchen wie bei Katzen, auf Siebolds Gesicht
+haften, mit einem so neugierigen und boshaften Ausdruck,
+da&szlig; es dieser als Bel&auml;stigung empfand und ihn stirnrunzelnd
+musterte. Ein Unbehagen blieb.</p>
+
+<p>Doch war seine Haltung aufrecht und seine Stimmung
+gel&auml;utert, als er durch die abendlich finstern Gassen seinem
+Heim zuwanderte. Ein zur&uuml;ckgedr&auml;ngtes St&uuml;ck seiner
+inneren Person war an dem Abend zu neuem Wertbewu&szlig;tsein
+erwacht. Er folgerte daraus, da&szlig; dem geistig und
+sozial entwickelten Menschen Gedankenmitteilung und
+Gespr&auml;ch mit Gleichgearteten zu einer Vermehrung des
+<a class="page" name="Page_302" id="Page_302" title="302"></a>Kr&auml;ftevorrats verhelfe. Man m&uuml;sse sich zu erkennen geben,
+war die Lehre, die er daraus zog; man d&uuml;rfe sein Licht nicht
+unter den Scheffel stellen. Zuf&auml;llig hatte er eine abgebrochene
+Br&uuml;cke wieder geschlagen, vernachl&auml;ssigtes
+Lebensgut in Sicherheit gebracht; und siehe, er befand sich
+wohl dabei. Die F&auml;rbung der Existenz war intensiver, der
+Schritt gewichtiger, der Blick bedeutender. Er blieb stehen,
+sog Luft in die Lunge, nahm eine Zigarre aus dem Beh&auml;ltnis
+und z&uuml;ndete sie an.</p>
+
+<p>Das Ziel des Weges stand nicht im Einklang mit seiner
+Gehobenheit. Sechzehn Quadratmeter Raum und vier
+Betten: das eheliche Schlafgemach. Im Vorgef&uuml;hl umfing
+ihn schon die tr&uuml;be Enge. Die beiden Kinder, die sich von
+Zeit zu Zeit auf dem Lager w&auml;lzten und im Traum redeten.
+Kleider und W&auml;sche auf den St&uuml;hlen; Schuhe auf dem
+Boden; die Vorh&auml;nge &uuml;ber den Fenstern morsch; oval
+gerahmte Familienphotographien an den W&auml;nden, deren
+T&uuml;nche zu br&ouml;ckeln begann; die Decke vom Schlafdunst
+vieler N&auml;chte ger&auml;uchert. Als sicher war anzunehmen,
+da&szlig; die Frau erwachen w&uuml;rde; mit den steifgeflochtenen
+Z&ouml;pfen w&uuml;rde sie sich aufrichten, bla&szlig;, vergr&auml;mt, verdrossen;
+w&uuml;rde fragen, wo er gewesen, warum er so sp&auml;t
+kam; w&uuml;rde ihn mit ihren h&auml;uslichen Miseren qu&auml;len:
+etwa da&szlig; sie beim H&auml;ndler kein Gem&uuml;se, beim Kaufmann
+keinen Zucker bekommen; da&szlig; weder Kohle, noch Holz,
+weder Brot noch Mehl im Hause sei; da&szlig; das &auml;ltere
+T&ouml;chterchen &uuml;ber Halsschmerzen geklagt und wahrscheinlich
+Fieber habe. Es wollte ihn bed&uuml;nken, als gehe dies alles
+wider die W&uuml;rde. Man war Beamter mit Machtbefugnissen.
+Es war ein Zwiespalt zwischen seiner Stellung
+im &ouml;ffentlichen und im privaten Leben; unvers&ouml;hnlicher
+Konflikt. Der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung
+<a class="page" name="Page_303" id="Page_303" title="303"></a>geno&szlig; Ehren; er wollte es nicht verkennen, noch mi&szlig;achten.
+Menschen zitterten vor ihm. Menschenwohl und -wehe
+war in seine Hand gegeben. Der Gatte, der Vater war
+zur Geringf&uuml;gigkeit verdammt, niedergezwungen auf die
+Stra&szlig;e der Vielen.</p>
+
+<p>Er schob es fort. Es gel&uuml;stete ihn nach Aufmunterungen.
+Neulich hatte er auf demselben Weg ein M&auml;dchen getroffen
+und war mit ihr gegangen. Ungeachtet ihres niedrigen
+Gewerbes, das zu verabscheuen er als Mann von makellosem
+Ruf und geachteter Position verpflichtet war, hatte
+sie ihm gefallen. Es gibt Heimlichkeiten in der Lebensf&uuml;hrung,
+durch die man nur etwas aufs Spiel setzt, wenn
+sie aufh&ouml;ren, Heimlichkeiten zu sein, also wenn man unvorsichtig
+ist, wenn man Spuren hinterl&auml;&szlig;t, wenn man die
+Grenze nicht respektiert. Sabine J&auml;ger war ihr Name.
+Ihre Haare waren gelb wie frisches Holz, eine anziehende
+Besonderheit; sie hatte Temperament und war verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig
+noch unverdorben. Als sie davon gesprochen hatte,
+ihn wieder zu treffen, hatte er sich nicht ablehnend verhalten.
+In selbstbetr&uuml;gerischer Zerstreutheit lenkte er den Schritt
+nach der Richtung, wo sie wohnte.</p>
+
+<p>Da drang ein Gru&szlig; an sein Ohr. Betroffen drehte er
+sich um und erkannte den Agenten Jost, der ihm gefolgt war.</p>
+
+
+<p class="newsection">Er trug ein gelbes M&auml;ntelchen, das kaum bis zu den
+H&uuml;ften reichte. In die schlottrigen &Auml;rmel hatte er die H&auml;nde
+wie in einen Muff gesteckt. So trippelte er vor&uuml;ber. Aber
+pl&ouml;tzlich z&ouml;gerte er, wartete, bis Siebold herankam und
+sagte mit einer d&uuml;nnen, hohen, quietschenden Stimme,
+es freue ihn, den Herrn Rechnungsrat noch getroffen zu
+haben; er habe nicht gewu&szlig;t, da&szlig; der Herr Rechnungsrat
+in dieser Gegend zu Hause sei.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_304" id="Page_304" title="304"></a>Zwischen Herablassung und Mi&szlig;laune brummte Siebold
+ein paar leere Worte, und jener machte Anstalten, weiterzugehen.
+Wieder trippelte er, wieder hielt er inne. &raquo;Weit
+ists,&laquo; seufzte er, zog die H&auml;nde aus dem &Auml;rmelmuff und
+griff nach dem l&auml;cherlich flachen Melonenhut mit ausgefransten
+R&auml;ndern, den ein Windsto&szlig; zu entf&uuml;hren drohte;
+&raquo;man l&auml;uft sich die F&uuml;&szlig;e wund, Tag f&uuml;r Tag. Ist mir nicht
+an der Wiege gesungen worden, da&szlig; es mir so ergehen
+soll. Darf ich mich Ihnen anschlie&szlig;en, Herr Rechnungsrat?
+Nur bis zur Ecke da droben, da ist meine Gasse; hinter
+der Atlantik-Bar. Sch&ouml;nes Lokal, die Atlantik-Bar, wie?
+Sch&ouml;ne Leute; immerfort Musik. Wer doch auch einmal
+lustig sein k&ouml;nnte; ei ja!&laquo;</p>
+
+<p>Siebold wu&szlig;te nicht recht, wie er sich zu benehmen
+habe. Von dem hergelaufenen, verlotterten Menschen
+angesprochen zu werden, verletzte sein Standesgef&uuml;hl.
+Er kannte ihn kaum. Andererseits waren die Zeiten derart,
+da&szlig; man sich hochm&uuml;tiger Regungen versehen mu&szlig;te.
+Er verbarg seinen &Auml;rger, als Jost mit unterw&uuml;rfiger
+Zutraulichkeit an seiner Seite weiterging und hatte eine
+steif zur&uuml;ckhaltende Miene.</p>
+
+<p>Mit der pfeifenden Stimme und vom schnellen Gehen
+atemlos fuhr Jost fort: &raquo;Da kenn ich einen, der ist dort
+angestellt als Wagenrufer. Ein alter Mann. Vor zwei
+Jahren hatte er noch ein Speditionsgesch&auml;ft und eine
+Villa. Vor zwei Jahren hat er noch in seinem Garten
+Rosen gez&uuml;chtet. Und jetzt ruft er die Wagen, vielleicht
+f&uuml;r solche, die fr&uuml;her Kratzf&uuml;&szlig;e vor ihm gemacht haben.&laquo;
+Ein asthmatischer Husten unterbrach ihn. &raquo;Angst und
+bang wird einem, Herr Rechnungsrat,&laquo; quietschte er dann,
+&raquo;angst und bang. Das Schicksal ist wie ein Wolf. T&uuml;ckisch
+schleicht es her und f&auml;llt einen an. Hab drei Kinder zu
+<a class="page" name="Page_305" id="Page_305" title="305"></a>versorgen; acht Jahre das &auml;lteste. Ein M&auml;dchen; ein gutes
+Kind; eine Seele wie Gold. Eveline hei&szlig;t sie. Poetischer
+Name, wie? Nun, das ist der einzige Luxus, den sich die
+Armen leisten k&ouml;nnen. Ruft man sie, ruft man Eveline,
+so wird einem gleich ganz wohl. Sie verkauft Schuhb&auml;nder
+auf den Stra&szlig;en, Schuhb&auml;nder aus Papierstoff; billig
+und schlecht. Vorige Woche komm ich gegen Abend heim,
+h&auml;ngt mir das F&uuml;nfj&auml;hrige am Stiegengel&auml;nder, au&szlig;en
+am Gel&auml;nder, unter sich den Abgrund, h&auml;ngt und zappelt
+und schreit. Noch zehn Sekunden, Herr, und die Muskelchen
+haben keine Kraft mehr. Was sagen Sie dazu? Freilich,
+die armen W&uuml;rmer sind sich selber &uuml;berlassen. Die Mutter
+ist tot. Hin und wieder beaufsichtigt sie das T&ouml;chterchen
+vom Tapezierer nebenan. Aber darauf ist nicht mehr lang
+zu rechnen. Mit seinen vierzehn Jahren ist das Menschlein
+bereits schwanger. Der Vater ein Saufbold, der Bruder
+im Zuchthaus, nicht das St&uuml;ck Brot zum Fressen, kaum
+ein Hemd auf dem Leibe, und trotzdem juckt sie das Fleisch.
+Und wenn man &uuml;ber die Stiegen geht, stolpert man &uuml;ber
+knochenkranke Kinder, und an den T&uuml;ren steht ausgemergeltes
+Volk, und oben ist Elend, und unten ist Elend,
+und in der Mitte ist Elend. Hab ich da nicht recht, kann
+einem nicht angst und bang werden?&laquo;</p>
+
+<p>Siebold r&auml;usperte sich. &raquo;Es lebt sich schwer heutzutage,&laquo;
+gab er widerwillig zur Antwort. Die Geschw&auml;tzigkeit
+des einf&auml;ltigen Menschen, die unliebsame Begleitung
+vor allem, erregten seine Ungeduld, und er suchte nach einem
+Vorwand, sich loszumachen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ganze Leben ist ein finsterer Keller,&laquo; fing das
+M&auml;nnchen mit seiner weinerlichen Stimme wieder an;
+&raquo;wenn ich mir so die Leute betrachte, mit denen ich zu tun
+habe, da wird mir, ich wei&szlig; nicht wie. Reden, reden,
+<a class="page" name="Page_306" id="Page_306" title="306"></a>reden. Gesch&auml;fte; und was f&uuml;r Gesch&auml;fte! Wenn zwei
+beisammen stehn und wispern, so hei&szlig;t das gew&ouml;hnlich,
+da&szlig; einem dritten die Gurgel zugedr&uuml;ckt wird. Ich komme
+zu ihnen in ihre H&auml;user; ob fein, ob nicht fein, ganz gleich,
+es liegt wie Unrat und Sp&uuml;licht &uuml;berall. Auf Tischen
+und St&uuml;hlen, in Schr&auml;nken und Betten, &uuml;berall Unrat
+und Sp&uuml;licht. Ich glaube, irgendein Stern da droben,
+ein von Gott verfluchter, hat in irgendeiner Nacht all
+seinen Unrat und Sp&uuml;licht auf uns heruntergesch&uuml;ttet.
+Dem ist nicht beizukommen, nicht mit Wasser, nicht mit
+Feuer; Unrat und Sp&uuml;licht, das klebt in alle Ewigkeit.
+Nun, wirds bald, sag ich, was redet ihr denn? was sinnt
+ihr? was macht ihr f&uuml;r Grimassen? was grinst und lacht
+ihr und la&szlig;t euch von einem Alten, der Rosen gez&uuml;chtet
+hat, eure Karossen rufen, wo doch das ganze Leben ein
+finsterer Keller ist? Heda, was werft ihr denn euern
+Jammer auf einen Haufen, da&szlig; man hineinst&uuml;rzt und
+drin erstickt? Und ist der Zorn verraucht, so m&ouml;cht ich mich
+am liebsten hinschmei&szlig;en und heulen, vom Morgen bis
+zum Abend, nichts als heulen. Zu denken: so ein Kind,
+eine vierzehnj&auml;hrige Schwangere. Zu denken! Herrgott!
+Das halt ich nicht aus. Das raubt mir den Schlaf in der
+Nacht; ich liege und liege, und auf einmal seh ich dann
+den Weg nach Golgatha. Den gro&szlig;en, f&uuml;rchterlichen,
+schmerzensreichen Weg nach Golgatha.&laquo;</p>
+
+<p>Siebold blieb stehen. Er schleuderte den Zigarrenstummel
+fort und fragte streng: &raquo;Zu welchem Zweck erz&auml;hlen
+Sie mir eigentlich das alles? Das ist doch der reine
+Bl&ouml;dsinn, mein Bester.&laquo;</p>
+
+<p>Die schroffe Zurechtweisung besch&auml;mte den Kleinen
+sichtlich. &raquo;Es ist wahr, Herr Rechnungsrat, es ist lauter
+Bl&ouml;dsinn,&laquo; erwiderte er sch&uuml;chtern. &raquo;Ich bin eben ein
+<a class="page" name="Page_307" id="Page_307" title="307"></a>bl&ouml;dsinniger Mensch. Das sagen viele. Ich habe selbst
+am meisten drunter zu leiden. Es geht bei mir bis zu
+fixen Ideen. Zum Beispiel, Sie werden es kaum f&uuml;r
+m&ouml;glich halten, zum Beispiel hab ich heut abend die W&ouml;rter
+gez&auml;hlt, die in Ihrer Geschichte vorgekommen sind. Sollte
+man sowas glauben? Achthundertneunundachtzig W&ouml;rter,
+alles in allem, genau gez&auml;hlt. Hab mich schlafend gestellt
+und dabei gez&auml;hlt. Ich h&ouml;re, versteh auch den Sinn, zugleich
+arbeitet das Hirn wie eine Additionsmaschine,
+klapp, klapp. Kann mir nicht helfen, mu&szlig; z&auml;hlen. Achthundertneunundachtzig
+W&ouml;rter, ein ganzer Zeitungsartikel.
+War aber auch sehr spannend, Herr Rechnungsrat; wirklich,
+mein Kompliment, eine spannende Geschichte. Aber in
+der Nacht, wenn ich liege und in die Finsternis stiere, dann
+marschieren die s&auml;mtlichen W&ouml;rter an meine Bettstatt,
+stellen sich der Reihe nach auf wie die Zinnsoldaten, und
+da begreif ich erst die Meinung, da wird mir alles erst klar,
+und da seh ich dann den Weg nach Golgatha, wie gesagt.
+Ein schlimmer Zustand. Es ist kein Spa&szlig;, wenn man jede
+Nacht und jede Nacht auf den Weg nach Golgatha geschleppt
+wird. Ich mu&szlig; einmal zum Doktor. Ich mu&szlig; mich einmal
+untersuchen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>Siebold &uuml;berlief es kalt. Die Reden und das Gebaren
+des lumpenhaften Menschen beunruhigten ihn allgemach.
+Da&szlig; er es mit einem Verr&uuml;ckten zu tun hatte, stand fest.
+Entschlossen, sich von der unangenehmen Gesellschaft zu
+befreien, murmelte er bei der n&auml;chsten Stra&szlig;enabzweigung
+einen m&uuml;rrischen Gru&szlig; und entfernte sich rasch.</p>
+
+
+<p class="newsection">Gl&uuml;ckliche Organisation bef&auml;higte ihn, leicht zu vergessen.
+Ist ein Mann aus Neigung wie aus Eignung
+<a class="page" name="Page_308" id="Page_308" title="308"></a>Beamter, so bilden die t&auml;glichen Obliegenheiten seine
+Schutzwache. Berufsgewalt erh&ouml;ht ihn.</p>
+
+<p>Menschen mu&szlig;ten warten, bis er geruhte, sie zu empfangen
+und anzuh&ouml;ren. Auch wenn es ihm beliebte, nichts
+weiter zu sein als launenhaft, lustlos, ungewillt ihre
+Gesichter zu sehen, sie mu&szlig;ten trotzdem warten. Das machte
+die Bedeutung des in gewiesenem Bereich absolut regierenden
+Beamten aus: da&szlig; sie warten mu&szlig;ten.</p>
+
+<p>Sie froren im Korridor, und in seinem B&uuml;ro barst der
+Ofen vor Hitze. Akten h&auml;uften sich mit Inhalt von unbestrittener
+Tragweite. Sie verrieten dem kundigen Auge
+wirtschaftliche Schw&auml;che, t&ouml;richte Bem&uuml;hung, gesetzesfeindliche
+Ausflucht, verbrecherische Verschleierung. Sie
+er&ouml;ffneten den Blick in die Schlupfwinkel der Existenzen;
+sie boten die Handhabe, S&auml;umige zu zitieren, da&szlig; sie kommen
+mu&szlig;ten und dastehen wie ertappte Diebe. Aufs&auml;ssigkeit
+war vergeblich. Der Akt machte sie zuschanden.
+Einspruch prallte ab. Der Akt redete. Der Akt beugte sie.</p>
+
+<p>Es drang aber aus dem Vergessenen herauf bisweilen
+eine quietschende Stimme. Es zeigte sich auch, selbstverst&auml;ndlich
+nur in der Einbildung, das gelbe M&auml;ntelchen
+mit den in muffartigen &Auml;rmeln geborgenen H&auml;nden.
+Er sch&uuml;ttelte zu solchen Erscheinungen, die zwei-dreimal
+w&auml;hrend des Tages auftauchten, den Kopf, denn er war
+es nicht gew&ouml;hnt, Dinge zu sehen, die nicht gegenw&auml;rtig
+waren, und eine Stimme zu vernehmen, ohne da&szlig; ein
+Sprechender zu erblicken war. Es war eine Unzutr&auml;glichkeit,
+doch nicht gro&szlig; zu achten. Immerhin mied er das
+Stammlokal. Einer neuen Begegnung mit dem aufdringlichen
+Schw&auml;tzer auszuweichen, d&uuml;nkte ihm ratsam.
+Es gab andere Zufluchtsst&auml;tten. Vor allem war er in
+diesen Tagen in intimere Beziehung zu Sabine J&auml;ger
+<a class="page" name="Page_309" id="Page_309" title="309"></a>getreten, und die Abende waren von dem Zusammensein
+mit ihr beansprucht.</p>
+
+<p>Da geschah es, da&szlig; er einen Brief mit der Post erhielt;
+auf dem eingeschlossenen Blatt stand nichts weiter als
+der Satz: Der Weg nach Golgatha ist lang. Er starrte eine
+Weile darauf nieder, schien sich zu besinnen, dann zerri&szlig;
+er den Wisch und warf ihn ins Feuer. Verwegene Anrempelung;
+so ein Bursche m&uuml;&szlig;te festgenommen und
+bestraft werden.</p>
+
+<p>Zwei Tage sp&auml;ter reichte ihm seine Frau eine offene
+Karte, die der Postbote soeben gebracht hatte, und fragte
+erstaunt, was es damit f&uuml;r eine Bewandtnis habe. Er
+las: Die Zinnsoldaten ziehen jede Nacht zur Parade auf.</p>
+
+<p>Er versuchte zu lachen. Die Frau beharrte auf ihrer
+Frage, da sie ein Geheimnis vermutete, eine chiffrierte
+Mitteilung. Zornr&ouml;te stieg in sein Gesicht. Er antwortete,
+er kenne den Schreiber; es sei ein Wahnsinniger, aber von
+der harmlosen Art, der sich einen albernen Scherz mit ihm
+erlaube; er werde dem Narren das Handwerk legen.</p>
+
+<p>Am selben Nachmittag gewahrte er auf dem Heimweg
+vom Amt Jost in seinem gelben M&auml;ntelchen vor einer
+Branntweinbudike. Er zog sogleich den Melonenhut und
+gr&uuml;&szlig;te devot. Siebold schaute geradeaus, ohne den Gru&szlig;
+zu erwidern. Doch bemerkte er, da&szlig; ihm Jost folgte.
+Unwillk&uuml;rlich beschleunigte er seinen Schritt. Das Zwergentrippeln
+n&auml;herte sich trotzdem. Erregung packte ihn,
+deren er sich sch&auml;mte. J&auml;h blieb er stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Schlechtes Wetter, Herr Rechnungsrat,&laquo; sagte Jost
+kleinlaut; &raquo;wenn es schon im November so ist, wie soll
+man da durch den Winter kommen? Hab bereits alles,
+was beweglich ist, ins Pfandhaus getragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich empfehle Ihnen, sich zu trollen, sonst la&szlig;&#8217; ich Sie
+<a class="page" name="Page_310" id="Page_310" title="310"></a>auf der Stelle verhaften,&laquo; knirschte Siebold erbittert;
+&raquo;verschonen Sie mich, in des Teufels Namen, mit Ihren
+unversch&auml;mten Vertraulichkeiten.&laquo;</p>
+
+<p>Aber als er darauf den Kleinen anschaute, erbla&szlig;te er.
+Jost hatte die Augen auf ihn gerichtet, die zwei Messingpl&auml;ttchen
+hinter zuckenden Lidern, und in diesen Augen
+war etwas, was er noch an keinem Menschen wahrgenommen:
+eine unfa&szlig;bare, geradezu unsinnige Qual verbunden
+mit einer ebenso unfa&szlig;baren, ebenso unsinnigen Bosheit.
+Vielleicht kam es ihm nur wie Bosheit vor; jedenfalls
+fuhr ihm ein befremdlicher Schrecken in die Glieder.
+Schwerf&auml;llig ging er weiter, verwundert, in hemmendem
+Nebel, in heimlicher, hemmender Sorge, die wie eine
+nachschleifende Kette klirrte.</p>
+
+
+<p class="newsection">Es wurde so, da&szlig; er von dem Tage an keinen Gang durch
+die Stra&szlig;en tun konnte, ohne da&szlig; er den Gelbmantel nicht
+mindestens einmal erblickte. Zwar redete ihn Jost nicht
+mehr an; aber da&szlig; er in der gro&szlig;en Stadt, unter Tausenden
+von Menschen jederzeit darauf gefa&szlig;t sein mu&szlig;te, gerade
+diesem zu begegnen, immer wieder diesem, brachte ihn nach
+und nach aus dem Gleichgewicht.</p>
+
+<p>In sch&auml;bigem Aufzug, schlotterig trippelnd, die H&auml;nde
+in den Mantel&auml;rmeln, mumienhaft eingeschrumpft, in
+bek&uuml;mmerter Eile oder auch in gleich bek&uuml;mmerter Gedankenversponnenheit
+tauchte er unerwartet an einer Ecke
+auf; unter den B&auml;umen einer Allee; in der Mitte einer
+Stra&szlig;e. Bald stand er vor einer Ladenauslage und
+betrachtete mit bl&ouml;den Mienen die Waren, den Melonenhut
+in die Augen gedr&uuml;ckt; bald kauerte er auf dem Prellstein
+vor einem Torweg. Manchmal marschierte er auf dem
+gegen&uuml;berliegenden Gehsteig in der n&auml;mlichen Richtung,
+<a class="page" name="Page_311" id="Page_311" title="311"></a>&uuml;berschritt die Stra&szlig;e und verschwand pl&ouml;tzlich; manchmal
+scho&szlig; er unmittelbar auf Siebold zu und wich erst in der
+letzten Sekunde zur Seite. Stets hatte er den Kopf gesenkt
+und die Augen niedergeschlagen: bescheiden, ver&auml;ngstigt,
+gehetzt; und eingeh&uuml;llt in jene unfa&szlig;bare und unsinnige
+Qual und Bosheit.</p>
+
+<p>Eines Morgens, als Siebold seine Wohnung verlie&szlig;,
+die in einem Hintertrakt gelegen war, und durch den mit
+einem G&auml;rtchen verzierten Hof schritt, gewahrte er ihn am
+Flurfenster im zweiten Stock des vorderen Hauses. Er
+hatte beide Ellbogen auf das Sims gest&uuml;tzt, das Fenster
+war offen, den Kopf hielt er zwischen den H&auml;nden, der
+Melonenhut sa&szlig; diesmal ganz im Nacken, so da&szlig; das
+sorgf&auml;ltig gescheitelte und &ouml;lig verklebte Grauhaar sichtbar
+wurde, und in dieser Haltung starrte er regungslos in die
+Luft. In Siebold kochte berserkerhafter Ingrimm auf;
+er rief den Hauspfleger; unartikuliert redend, deutete er
+mit dem Schirm in die H&ouml;he, brachte endlich die Frage
+hervor, was das Individuum da oben zu suchen habe,
+und w&auml;hrend der Hausmeister hinaufging, wartete er
+wutbebend an der Stiege. Alsbald schlich Jost an ihm
+vorbei, vom schimpfenden Hauswart verfolgt, gedr&uuml;ckt,
+still und hastig. Siebold eilte ihm nach, wurde eines
+Polizisten ansichtig, trat auf ihn zu, nannte seinen Namen
+und Titel, wies, abermals mit dem Schirm, auf den sich
+entfernenden Gelbmantel, sagte zu dem Schutzmann, er
+m&ouml;ge ein Auge auf den Strolch haben, es sei vermutlich
+ein Einschleicher, er selbst beobachte ihn schon lange und
+habe Grund, ihn f&uuml;r ein gemeingef&auml;hrliches Subjekt zu
+halten. Der Schutzmann, &uuml;ber seine sch&auml;umende Gereiztheit
+erstaunt, versprach, den Verd&auml;chtigen zu stellen, falls er sich
+wieder in der Gegend zeige.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_312" id="Page_312" title="312"></a>Siebold glaubte, sich Ruhe verschafft zu haben. Zwar
+blieb eine ahnungsvolle Verwirrung in seinem Innern
+bestehen, eine gewisse Zerstreutheit und Erregbarkeit, deren
+er nicht Herr zu werden vermochte, aber da sich der Mensch
+in den n&auml;chsten Tagen nicht blicken lie&szlig;, atmete er auf.
+Als er jedoch am dritten oder vierten Tag in sein Amtszimmer
+kam und sich an das Schreibpult setzte, lag da ein
+gro&szlig;er Bogen Papier; an jeder Ecke war mit Rotstift ein
+Kreuz gezeichnet; in der Mitte befanden sich drei Kreuze,
+und unter diesen stand, ebenfalls mit Rotstift geschrieben:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,<br /></span>
+<span class="i0">Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,<br /></span>
+<span class="i0">Und der sie aufgericht und hingestellt,<br /></span>
+<span class="i0">Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Er wu&szlig;te zuerst nicht, was das sein solle. Verse; was
+hie&szlig; denn das? Er dachte an einen Schabernack der
+Kollegen, runzelte die Stirn, schaute hinter sich, bl&auml;tterte
+in einem Faszikel, nahm den Bogen wieder zur Hand,
+studierte die Schriftz&uuml;ge, verf&auml;rbte sich, sp&uuml;rte etwas wie
+L&auml;hmung in den H&auml;nden, eine Glutwelle im Kopf; sprang
+auf, fuhr den Schreiber an, wer das Zeug auf seinen Tisch
+praktiziert habe, geriet au&szlig;er sich, als der versicherte,
+von nichts zu wissen, rief mit heiserer Stimme den Amtsdiener,
+deutete auf den beschriebenen und bemalten Bogen,
+drohte, eine Disziplinaruntersuchung anh&auml;ngig zu machen,
+und als einige Beamte aus den benachbarten R&auml;umen,
+&uuml;ber den Auftritt best&uuml;rzt, herbeigerannt waren, wollte
+er ihnen erkl&auml;ren, was ihm widerfahren, da&szlig; Unfug gegen
+ihn ver&uuml;bt werde, aber er kam ins Stottern, und auf einmal
+schwieg er, wischte sich den Schwei&szlig; von der Stirn, begab
+sich auf seinen Platz zur&uuml;ck und versank in sonderbares
+<a class="page" name="Page_313" id="Page_313" title="313"></a>Br&uuml;ten. Die Herren zuckten die Achseln und warfen einander
+bedenkliche Blicke zu.</p>
+
+<p>Den Parteien erwuchs &Uuml;bles von seiner verd&uuml;sterten
+Gem&uuml;tsverfassung. Die geringen Leute harrten stundenlang
+vergebens auf den Aufruf. Auch an den folgenden
+Tagen. Zeitbedr&auml;ngte standen sich die Zehen in den Stiefeln
+wund. Schuldbewu&szlig;te verzagten. Die zur Amtshandlung
+Vorgelassenen wurden in messerscharfe Inquisition genommen.
+Mutma&szlig;liche Fehlangaben stie&szlig;en auf &auml;tzenden
+Hohn. Strafausfertigungen wimmelten. Den Korridor
+f&uuml;llte Murren. Der Gewaltige selbst aber sa&szlig; und befahl.
+Sa&szlig; und verschanzte sich gegen die Stimme, die eine
+Stimme. Machte sich blind gegen das Gesicht, das eine
+Gesicht. Bem&uuml;hte sich, den Worten eines l&auml;ppischen Verses
+zu entrinnen. Wu&szlig;te, was die Stimme verlangte, w&auml;hrend
+er das schwinds&uuml;chtige Weib anschrie, das die Quote nicht
+zahlen konnte und zur Pf&auml;ndung verurteilt war. Erboste
+sich um so mehr. Unnachgiebigkeit war zu erweisen,
+Unerbittlichkeit. Kam er nach Hause, so f&uuml;hlte er sich
+ersch&ouml;pft.</p>
+
+<p>Am Sonntag um die D&auml;mmerungsstunde hatte er sich
+im Wohnzimmer aufs Sofa gelegt und war eingeschlafen.
+Die Frau sa&szlig; am Fenster und n&auml;hte, die zwei Kinder hatten
+sich in die Ecke gedr&uuml;ckt und bl&auml;tterten in einem halbzerfetzten
+Bilderbuch. Die Stille wurde von einem gr&auml;&szlig;lichen
+Schrei unterbrochen. Siebold fuhr empor; in seinem
+Gesicht war wei&szlig;er Schrecken; es war wie zerfetzt von
+Schrecken. Die Frau st&uuml;rzte hin, packte ihn; &raquo;Mann,
+Mann,&laquo; rief sie; die hagere Gestalt, abgeh&auml;rmt Teil
+f&uuml;r Teil, war der Wucht der Bef&uuml;rchtung kaum gewachsen;
+die Kinder standen zitternd hinter ihr, den Vater mit
+verzehrend gro&szlig;en Blicken betrachtend.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_314" id="Page_314" title="314"></a>Der war entwirklicht. Er hatte nicht selber geschrien.
+Einer in ihm hatte geschrien. &Uuml;berlegte er es genauer, so
+war es nicht einer gewesen, sondern mehr als zehn. Sie
+waren schreiend an ihm vor&uuml;bergest&uuml;rmt, in einem violett-feurigen
+Ring. Sie hatten sich zu dem Schrei in ihm vereinigt,
+da&szlig; er aufwachen solle. Er begriff sonst nichts,
+&auml;u&szlig;erte auch dieses nicht. Es erschien ihm erniedrigend,
+er hatte es noch nie erlebt, es widerstritt dem Rang und der
+Regel. Unfreundlich wies er die Frau ab, nachdem er sich
+gefa&szlig;t, wusch das Gesicht in kaltem Wasser, zog den guten
+Rock an, ging fort.</p>
+
+<p>Er war mit Sabine J&auml;ger verabredet, suchte aber erst
+das Stammwirtshaus auf, um zu Abend zu essen. Gerade
+dorthin wollte er, wo er m&ouml;glicherweise den Gelbmantel
+treffen konnte. Dorthin, jawohl, um sich nicht der Feigheit
+bezichtigen zu m&uuml;ssen. Vielleicht wurde eine Entscheidung
+dadurch herbeigef&uuml;hrt. Vielleicht machte er den
+Hallunken dingfest. Vielleicht holte er sich Rat bei den
+Freunden und berichtete ihnen, was f&uuml;r Streiche ihm der
+Kerl spielte. Er nahm sich einen bestimmten scheltenden
+und entr&uuml;steten Ton vor, in welchem er die Anma&szlig;ung
+und &Uuml;bergeschnapptheit des Menschen darlegen wollte,
+aber als es so weit war, als er in der wohlwollenden
+Runde sa&szlig;, brachte er keine Silbe aus der Kehle, ja, wenn
+er blo&szlig; daran dachte, fing sein Herz an zu klopfen. Er fand
+den Eingang nicht, er fand das Wesen nicht, er fand den
+Dolus nicht, alles war verwischt, dumm, kindisch, unfa&szlig;bar.
+Es wurde ihm gesagt, da&szlig; er schlecht aussehe, schlaffe
+Wangen und tr&uuml;be Augen habe; er gab zu, sich krank zu
+f&uuml;hlen; es war ein Anla&szlig;, sich bald zu verabschieden. Der
+Offizial st&uuml;lpte hinter ihm die Stirn in Falten und meinte,
+mit dem gehe es bergab, der werde es nicht mehr lange treiben.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_315" id="Page_315" title="315"></a>Mit gro&szlig;er Hast eilte er durch die Stra&szlig;en. Nebengassen
+glichen Schl&uuml;nden, geschlossene Tore und Fenster
+waren wie f&uuml;r die Ewigkeit verriegelt. Das verhohlene
+angenehme Grauen, mit dem der unbescholtene B&uuml;rger,
+Staatsbeamte, Ehegatte zu einer Prostituierten geht,
+t&auml;uschte ihn &uuml;ber anderes Grauen, das in innerste Zellen
+entwichen war. Die J&auml;ger bewohnte in einem uralten
+Vorstadthaus mit vielen H&ouml;fen und Durchg&auml;ngen, vertretenen
+Stiegen, steinern kalten Fluren im letzten der H&ouml;fe
+zwei Zimmer im Erdgescho&szlig;. Deckchen, Kissen, bunte
+Stoffe und eine schummerig umh&uuml;llte Lampe &uuml;berschminkten
+die D&uuml;rftigkeit.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen empfing ihn im gr&uuml;nen Schlafrock und
+zeigte &uuml;ber sein Kommen Freude. Sie plauderten von
+Abstand zu Abstand, leer, h&ouml;lzern, zweckhaft; der Regen
+pl&auml;tscherte drau&szlig;en. Siebold d&uuml;nkte sich leidlich in Sicherheit;
+was noch an Unruhe in ihm trieb, versprach die Lust
+abzutun, er wurde deshalb wortkarg und verlangend.
+Doch hatten sie sich nicht sobald auf das vorbereitete Lager
+begeben, als er mit erstarrendem Auge an die Mauer
+blickte und die erstarrende Hand hinstreckte. Es war ein
+Karton mit Rei&szlig;n&auml;geln angeheftet, darauf gemalt zwei
+schwarze Schmetterlinge links und rechts, in der Mitte
+eine rote Flamme, und darunter war in lapidaren, fast
+wie in alten M&ouml;nchsschriften kunstvoll ausgef&uuml;hrten
+Lettern zu lesen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,<br /></span>
+<span class="i0">Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,<br /></span>
+<span class="i0">Und der sie aufgericht und hingestellt,<br /></span>
+<span class="i0">Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt;<br /></span>
+<span class="i0">Und immer neue baut er Tag und Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><a class="page" name="Page_316" id="Page_316" title="316"></a>&raquo;Wo hast dus her?&laquo; fragte er mit bebender Kinnlade
+und kraftloser Lippe, &raquo;wo hast dus her?&laquo; Und sie, erschrocken
+&uuml;ber sein Aussehen, unbefangen wegen der Frage:
+&raquo;Einer hat mirs geschenkt.&laquo; Er umklammerte ihren Arm,
+da&szlig; sie schmerzlich st&ouml;hnte. &raquo;Wer? wer hats geschenkt?
+wer?&laquo;</p>
+
+<p>Da erschallte vom Hof herein ein klagendes Rufen,
+nicht sonderlich laut, aber mit durchdringend hoher Stimme.
+&raquo;O, Golgatha!&laquo; riefs, und wieder, langgedehnt: &raquo;o,
+Golgatha!&laquo; Wie er die Stimme kannte! Er sprang auf,
+tastete nach den Kleidern, fiel entkr&auml;ftet auf einen Stuhl
+und murmelte ohne Atem, die Hosen halb &uuml;ber den Beinen:
+&raquo;Er hat mich dahier ausfindig gemacht; das gibt Unheil;
+ich mu&szlig; ihn erwischen; ich mu&szlig; ihn erw&uuml;rgen.&laquo; In verst&ouml;rter
+Eile kleidete er sich vollends an, Sabine war um ihn
+bem&uuml;ht, lauschte zugleich, denn das wehe &raquo;o Golgatha!&laquo;
+t&ouml;nte, obzwar ferner und schw&auml;cher, noch immer herein.
+W&auml;hrend er den Kragen befestigte und die Krawatte band,
+kam es wie geistesabwesend aus seinem Mund: &raquo;Wei&szlig;
+nicht, was er will. Immer hinter mir her, fr&uuml;h und sp&auml;t
+hinter mir her; wei&szlig; nicht, was er von mir will. In
+meinem Leben hab ich nichts Schlechtes getan. Wie ein
+Detektiv auf der Lauer und hinter mir her. Das darf nicht
+geduldet werden. So einen mu&szlig; man einsperren. Ins
+Irrenhaus geh&ouml;rt so einer.&laquo;</p>
+
+<p>Die J&auml;ger betrachtete ihn scheu und mi&szlig;trauisch, war
+froh, da&szlig; er sie verlie&szlig;, riegelte die T&uuml;r auf, als er fertig
+war, und bekreuzte sich, als er gru&szlig;los hinausst&uuml;rzte.</p>
+
+<p>Der Hof war finster. Das Rufen hatte aufgeh&ouml;rt. Er
+suchte. Es war niemand da. Er stand und ging mit vorgeneigtem
+Rumpf; die Augen irrten durch die nasse Dunkelheit.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_317" id="Page_317" title="317"></a>Er suchte den geheimnisvollen Verfolger. Violett-feurige
+Ringe drehten sich wieder. Er wankte durch die
+Torwege, pochte an ein Fenster, und eine Alte kam, das Tor
+zu &ouml;ffnen. &raquo;Haben Sie keinen gesehen?&laquo; fragte er; &raquo;ist
+nicht einer fortgegangen, ein Kleiner mit gelbem Mantel?&laquo;
+Nichts gesehen, keinen gesehen, war die Antwort.</p>
+
+<p>Auf der Stra&szlig;e machte er ein paar Schritte, dann mu&szlig;te
+er nach einer St&uuml;tze tasten. Er lehnte sich an die Mauer.
+Brodeln war in der Luft, der Erdboden bog sich und gab
+nach wie Gummi. Was war denn? was geschah denn?
+&raquo;Ich habe doch in meinem ganzen Leben nichts verbrochen,&laquo;
+murmelte er gr&uuml;belnd und verd&uuml;stert; &raquo;meine H&auml;nde sind
+rein, niemand kann mir etwas vorwerfen, ich habe kein
+unrechtes Gut erworben, habe keinen Menschen unterdr&uuml;ckt;
+war flei&szlig;ig, p&uuml;nktlich, solid, n&uuml;chtern, anst&auml;ndig;
+was will der Schuft von mir? was will er mit seinem
+Golgatha und seinen bl&ouml;dsinnigen Verschen?&laquo;</p>
+
+<p>Da h&ouml;rte er sich selbst, zu seinem Entsetzen, wie wenn
+seine Zunge andern Pfad liefe als sein Denken, h&ouml;rte er sich
+selbst in einer monoton und sch&uuml;lerhaft deklamierenden
+Weise sprechen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,<br /></span>
+<span class="i0">Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,<br /></span>
+<span class="i0">Und der sie aufgericht und hingestellt,<br /></span>
+<span class="i0">Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Der Verstand, wo war der Verstand? Es mu&szlig;te doch
+ein Verstand drinnen sein. Und dann das noch:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und immer neue baut er Tag und Nacht<br /></span>
+<span class="i0">Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><a class="page" name="Page_318" id="Page_318" title="318"></a>Ja, was denn? wie denn? warum denn? Wegen dem
+schwinds&uuml;chtigen Weib am Ende? Es war seltsam, da&szlig;
+ihm dies einfiel; er wu&szlig;te nicht, was er daraus machen
+sollte. Langsam ging er weiter, im Regen, ohne den Schirm
+aufzuspannen, nicht in sich gekehrt, nicht nach au&szlig;en
+gekehrt, doch horchend, unabl&auml;ssig horchend. Auf das R&auml;tsel
+horchend. Was sich mit ihm ereignete, war R&auml;tsel. Wie
+er den Verfolger im Hof gesucht hatte, so suchte er jetzt die
+L&ouml;sung des R&auml;tsels, oder blo&szlig; die Natur davon. Er
+schleppte etwas, und wu&szlig;te nicht, warum es so schwer
+war, noch warum es ihm aufgeb&uuml;rdet war, noch was f&uuml;r
+ein Ding es &uuml;berhaupt war. &raquo;Man hat Frau und Kinder,
+man mu&szlig; sich zusammennehmen,&laquo; sagte er auf einmal
+laut und f&uuml;hlte sich ein wenig erleichtert, vielleicht unter
+dem Einflu&szlig; grellen Lichts, das ihn traf. Es war die
+Bogenlampe vor der Atlantik-Bar. Musik und Gel&auml;chter
+schallten heraus, Automobile und Wagen standen in langer
+Reihe. Er wagte kaum hinzuschauen, ging etwas rascher,
+und nach einigen hundert Schritten bemerkte er eine
+ziemlich gro&szlig;e Menschenansammlung. Laut redende und
+heftig gestikulierende Gruppen hatten einen eleganten
+Fiaker umringt und offenbar den Lenker vom Bock gerissen,
+denn die Pferde, denen anzusehen war, da&szlig; sie im raschesten
+Lauf aufgehalten worden, standen allein, und aus den
+Stimmen hob sich die rohbr&uuml;llende des Kutschers am
+vernehmlichsten hervor. Dem Gespr&auml;ch zweier Burschen
+entnahm Siebold, was sich zugetragen hatte.</p>
+
+<p>Es befand sich in diesem Teil der Stra&szlig;e eine kommunale
+Kartoffelverkaufsstelle, die nat&uuml;rlich w&auml;hrend der Nacht
+geschlossen war, vor der jedoch in Erwartung des Morgens
+zahlreiche Leute aus dem Volk postiert waren, Weiber,
+alte M&auml;nner, halbw&uuml;chsige Kinder. Einige kauerten auf
+<a class="page" name="Page_319" id="Page_319" title="319"></a>der Erde, hatten eine Decke, eine Kapuze, einen Unterrock
+zum Schutz gegen Regen und Nachtk&auml;lte &uuml;ber den Kopf
+gezogen und schliefen. Pl&ouml;tzlich war jener Fiaker herangerast,
+ein offenes Gef&auml;hrt, und darin lehnte blasiert ein
+Herrchen, vielleicht neunzehn, vielleicht zwanzig Jahre alt,
+die Spuren der Ausschweifung in den Z&uuml;gen, die Finger
+voller Ringe, Brillantnadel im Schlips, mit Lackschuhen,
+geb&uuml;gelter Hose, Spazierst&ouml;ckchen, Glac&eacute;handschuhen, die
+ganze Welt in der Tasche, doch sie verachtend. Die bis auf
+den Fahrdamm hockende und stehende Menge in der
+Dunkelheit zu sp&auml;t gewahrend, hatte der Kutscher geschrien;
+Angstlaute antworteten, Weiber fl&uuml;chteten &uuml;berst&uuml;rzt;
+aber der Wagen fuhr zu nah am Rinnstein; ein
+Kind war vom Hinterrad erfa&szlig;t worden und lag bewu&szlig;tlos
+da.</p>
+
+<p>F&uuml;r Siebold war es Gelegenheit, dem zu entrinnen, f&uuml;r
+eine Weile, was ihn peinigte; da&szlig; er ihm zulief, ahnte er
+nicht. Er dr&auml;ngte sich durch die Menschen und gelangte
+in den freien Raum, der sich um den Kutscher, den Fahrgast
+und das auf dem Pflaster liegende Opfer des Ungl&uuml;cks
+gebildet hatte. An der Seite des Kindes, das mit bl&auml;ulich-fahlem
+Gesicht hingestreckt lag, ein wenig blutigen Schaum
+vor den Lippen, die offenen, blonden Haare von Kot
+besudelt, kniete Jost, und kein Scharfsinn war n&ouml;tig, um
+zu erkennen, da&szlig; er der Vater des Kindes war. Er redete,
+doch im w&uuml;sten Gez&auml;nk verhallten seine Worte. Mit dem
+Taschentuch wischte er bisweilen das Blut vom Munde
+des M&auml;dchens, strich mit der Hand &uuml;ber Stirn und Wange
+der Leblosen, erwiderte nichts auf die Fragen und Ratschl&auml;ge
+der Umstehenden, war eingew&uuml;hlt und hingegeben
+in den Schmerz.</p>
+
+<p>Jemand sprach vom Transport ins Spital; ein anderer
+<a class="page" name="Page_320" id="Page_320" title="320"></a>sagte, alle Spit&auml;ler seien &uuml;berf&uuml;llt. Ein Weib meldete,
+die Rettungsgesellschaft habe wissen lassen, da&szlig; augenblicklich
+kein Wagen zur Verf&uuml;gung stehe, in einer Stunde
+erst, worauf unwilliges Murren h&ouml;rbar wurde. Ein Mann
+trat in den Kreis, der sich als Arzt auswies, beugte sich
+nieder, legte das Ohr an die Brust des Kindes, sprach mit
+Jost. In den l&auml;rmenden Streit zwischen dem Kutscher
+und der erregten Menge hatte ein Polizist vermittelnd eingegriffen,
+es gelang ihm, die Ruhe herzustellen. Das
+Herrchen, von drohenden, feindseligen Blicken gemustert,
+stand bla&szlig; und l&auml;ssig da, verbarg die Angst vor der Wut
+und dem Hohn der Leute unter einer hochm&uuml;tig-teilnahmslosen
+Miene, zupfte am Schnurrb&auml;rtchen, ahmte in seiner
+Haltung aristokratische Art nach, was die Hohlheit, die
+freche Neuheit seiner Umst&auml;nde erst recht zum Vorschein
+brachte.</p>
+
+<p>&raquo;Gott kann das nicht zulassen,&laquo; h&ouml;rte man nun den
+Gelbmantel sagen, oder vielmehr Siebold h&ouml;rte es, da er
+sich unter unbesiegbarem Zwang dicht herangedr&auml;ngt hatte;
+&raquo;immerfort rinnt Blut aus der Seele,&laquo; sprach er wie ein
+Bet&auml;ubter; &raquo;Gott kann mir das nicht antun. Man mu&szlig;
+die Tropfen von dem Blut z&auml;hlen, damit sie alle wieder
+zur&uuml;ckgegeben werden. Ich will sie alle wieder haben.
+Die Seele braucht das Blut. Wo ist das K&ouml;rbchen?
+Meine Eveline hat ein K&ouml;rbchen gehabt. Wo ist das
+K&ouml;rbchen?&laquo;</p>
+
+<p>Neugierig und mitleidig starrten die M&auml;nner und Weiber
+auf ihn nieder. Ihre &uuml;bern&auml;chtigten, von vielfacher Bedr&auml;ngnis
+gemei&szlig;elten Gesichter gaben Andacht kund;
+finstere Gedrungenheit der Erfahrung des &Uuml;bels war in
+ihnen, die gelernte Geduld, der Rost des Elends. Einer
+hatte das K&ouml;rbchen gebracht, ein zerfetztes Strohgeflecht
+<a class="page" name="Page_321" id="Page_321" title="321"></a>mit beschmutztem blauen Band. Indessen regte sich das
+Kind, und Jost sagte, er wolle es nach Hause tragen,
+er wolle auch zu seinen andern Kindern heim, er wolle es
+auf den Arm nehmen. Da schien es Siebold unter demselben
+unbesieglichen Zwang, als m&uuml;sse er Hilfe anbieten;
+es trieb ihn hierzu unter trotzigen und b&ouml;sen Vorbehalten.
+Es war die Hoffnung, sich loskaufen zu k&ouml;nnen; er wollte
+sagen k&ouml;nnen: mein Lieber, ich bin da, du siehst also, da&szlig;
+du mir unrecht getan hast und mich k&uuml;nftig in Frieden
+lassen sollst; ein Mi&szlig;verst&auml;ndnis, du siehst nun selbst,
+ein Irrtum.</p>
+
+<p>So beugte er sich nieder, um die Hand des Kindes zu
+bef&uuml;hlen. Sie war &uuml;berraschend kalt und vermittelte eine
+Empfindung von der Grenzwelt. Jost schaute in sein
+Gesicht, und hatte einen Ausdruck, als f&auml;nde er es selbstverst&auml;ndlich,
+ihn hier zu sehen. Seine Wangen hatten
+Furchen, die Messerschnitten glichen; die Lider waren wie
+verklebt, die H&auml;nde mit Stra&szlig;enkot bedeckt, Mantel,
+Beinkleider, Schuhe, sogar der Melonenhut, in den Nacken
+geschoben wie damals am Treppenfenster, mit Kot &uuml;berzogen.
+Er hob das Kind empor. Man h&auml;tte ihm die Kraft
+nicht zugetraut. Es schlang die Arme um seinen Hals.
+Siebold, wie mit Stricken angebunden, blieb ihm zur Seite,
+er, dem die N&auml;he des Menschen Pest gewesen. Ein Bub
+eilte nach und lie&szlig; Geldscheine flattern. Der Herr, der Fahrgast,
+hatte sich in letzter Minute zu einer Spende entschlossen.
+Jost sch&uuml;ttelte den Kopf. Er begleite ihn und
+werde ihm zu Hause das Geld geben, sagte Siebold, nahm
+dem Knaben die Scheine ab und steckte sie in die Tasche.
+&raquo;Das K&ouml;rbchen!&laquo; rief Jost b&auml;nglich, und ein Weib holte
+es herbei. Siebold nahm auch das K&ouml;rbchen. Der Schutzmann
+hielt sie noch einmal auf und verlangte Josts Adresse.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_322" id="Page_322" title="322"></a>Nach und nach verloren sich diejenigen, die aus Zeitvertreib
+oder Vorliebe f&uuml;r traurige Zwischenf&auml;lle mitgegangen
+waren, und Siebold war mit Jost und der Leidenslast,
+die dieser trug, allein. Es herrschte in seinem
+Geist welkes Erstaunen &uuml;ber sein Tun. Es war als trete
+ein Fremdes aus ihm heraus und er gehe zwiefach; der
+zweite blieb dahinten. Jeder Schritt erniedrigte ihn um
+eine neue Stufe. In seiner kr&auml;nklichen Stummheit redete
+er zu dem stummen Begleiter: du siehst, wozu ich bereit bin;
+du siehst, wie ich mich herablasse. Dann sp&uuml;rte er, da&szlig; ihn
+st&auml;rker als alles andere die Begierde nach der L&ouml;sung des
+R&auml;tsels unterjocht hatte; schwarze, giftige, fressende,
+brennende Ungeduld, den Grund unerh&ouml;rter Vergewaltigung
+und Beleidigung zu erfahren, der K&uuml;hnheit, mit der
+in die Schranke der Pers&ouml;nlichkeit eingebrochen, gew&auml;hrleistete
+W&uuml;rde verletzt, Sicherheit und Ruhe zerst&ouml;rt worden
+war eines Tr&auml;gers von Verantwortungen, eines Funktion&auml;rs
+mit Befugnissen, die &uuml;ber das Gemeine erhoben und
+gegen das Ordnungslose feiten. Aber der hartn&auml;ckigere
+Aufruhr war bei dem, der hinten blieb und mit dem die
+Bindung zerfiel.</p>
+
+<p>Da es heftiger regnete, spannte er den Schirm auf und
+hielt ihn im Gehen &uuml;ber Jost und das Kind. Dem schwachen
+Menschen wurde die B&uuml;rde zu schwer; sein Schwanken
+verriet es, der keuchende Atem. Siebold sah sich um, als
+erwarte er Beistand von wo; da&szlig; er selbst ihn leisten
+konnte und schlie&szlig;lich mu&szlig;te, dawider b&auml;umte er sich auf,
+bis eine Bewegung Josts ihn dringend anrief. Er umfa&szlig;te
+das Kind; die feuchten, besudelten Haare streiften sein
+Gesicht; der Kopf fiel wie gebrochen sogleich &uuml;ber seine
+Schulter; die &Auml;rmchen hingen steif und mager herunter.
+Robust wie er war, fand er die Last federleicht. Er reichte
+<a class="page" name="Page_323" id="Page_323" title="323"></a>Jost Schirm und K&ouml;rbchen, dann setzten sie den Weg fort.
+Pl&ouml;tzlich gellte Jost in die Nacht hinaus: &raquo;Das darf Gott
+nicht zulassen,&laquo; mit einem gemarterten, rebellischen Ton.</p>
+
+<p>Er f&auml;ngt schon wieder mit seinem Geschw&auml;tz an, dachte
+Siebold. Das Kind in seinen Armen regte sich; er f&uuml;hlte die
+Glieder, die kleine Brust, die engen Lenden, geschmiegt
+an seinen Leib, und es war ihm zum Schaudern neu.
+Keines der eigenen war so dicht an ihm gewesen, in Krankheit
+nicht, in Z&auml;rtlichkeit nicht, keines hatte so elfenhaft,
+so hingeschwunden an ihm geruht. In seiner Kehle war
+es wund; er war so au&szlig;er seinem Kreis, da&szlig; er wie in
+Behexung durch ein aufgesperrtes Tor ging, wie taub und
+blind hinter Jost &uuml;ber Treppen und abermals Treppen,
+h&ouml;her, immer h&ouml;her, an T&uuml;ren vorbei, h&ouml;her und immer
+h&ouml;her, als sei es ein Turm, und endlich beklommen um sich
+blickte, als sie in ein dumpfiges Gemach gekommen waren
+und Jost einen Kerzenstumpf anz&uuml;ndete.</p>
+
+<p>Zwei Kinder lagen schlafend auf einer Matratze. Daneben
+stand ein Bett ohne &Uuml;berzug, blo&szlig; Decke und Strohsack
+im Gestell. Die Fenster waren unverh&auml;ngt. Man sah
+Schl&ouml;te gleich kolossalen Fingern aufragen, mit Blitzableitern
+wie schwarze Strahlen. An den kahlgrauen
+W&auml;nden hingen gedruckte Bilder aus Zeitschriften, Berge,
+Schl&ouml;sser, Feldherren, F&uuml;rsten; auf dem Boden lag eine
+verbogene Kindertrompete, auf dem Tisch ein Ranft altbackenes
+Brot, eine angebissene R&uuml;be und eine Schachtel
+mit Lottonummern.</p>
+
+<p>Wie komm ich daher? dachte Siebold, und wie komm ich
+wieder fort? Jost hatte ihm das Kind abgenommen. Er
+entkleidete es. Er war behutsam mit R&uuml;cksicht auf die
+Schlafenden. Er fl&uuml;sterte: &raquo;Der Doktor hat versprochen,
+morgen fr&uuml;h seinen Kollegen von der Bezirkskrankenkasse
+<a class="page" name="Page_324" id="Page_324" title="324"></a>zu schicken. Wenns nur wahr ist. Ich soll einstweilen kalte
+Umschl&auml;ge machen. Gewi&szlig;, gewi&szlig;. Soll geschehen. Im
+Krug ist Wasser. Gewi&szlig;, gewi&szlig;, soll geschehen, du davongelaufene
+kleine Seele. Und das Blut abwaschen, den
+Dreck abwaschen. Soll geschehen, soll alles geschehen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Worte wurden im Hauch hervorgesto&szlig;en, entlockt
+vom Irrsinn der Sorge. Dabei manipulierte er, warf
+Kleidchen, Schuhe, Str&uuml;mpfe, Unterr&ouml;ckchen, Hemd beiseite,
+holte den Krug, ri&szlig; einen vom Gebrauch schwarz
+gewordenen Fetzen vom Nagel, immer an Siebold vor&uuml;bertrippelnd,
+der sogleich die Geldscheine auf den Tisch gelegt
+hatte und dann nutzlos stehen blieb. Die Kammer mu&szlig;te
+auf der einen Seite eine sehr d&uuml;nne, blo&szlig; gegipste Wand
+haben, denn aus dem danebenbefindlichen Raum war
+ununterbrochen ein schmerzliches &Auml;chzen zu h&ouml;ren, welchem
+Siebold furchtsam und erregt lauschte, w&auml;hrend Jost den
+K&ouml;rper des Kindes mit allerbed&auml;chtigster Zartheit in die
+rauhe Wolldecke h&uuml;llte, das angen&auml;&szlig;te Tuch &uuml;ber die Stirn
+breitete und darnach mit gefalteten H&auml;nden vor der Bettstatt
+niederkniete.</p>
+
+<p>Bei dem Anblick des nackten Kinderk&ouml;rpers war es
+Siebold durch den Sinn gegangen: ein Fisch; und es war
+eine eigene, frierende, bettelnde Wollust dabei gewesen.
+Die Vorstellung des wei&szlig;en, zuckenden Fischleibes, dessen
+verglaste Augen im letzten Brechen nach dem heimischen
+Element lechzen, hatte &Auml;hnlichkeit mit dem Emporlodern
+eines Lichtes in einer Grube.</p>
+
+<p>Er horchte auf das &Auml;chzen hinter der Wand, das sich
+aus raschen Zufl&uuml;ssen der Qual verst&auml;rkte.</p>
+
+<p>Jost sprach: &raquo;Es ist nur ein weniges. Geringen Platz
+braucht die kleine Seele in der gro&szlig;en Welt. Wen hast du
+denn inkommodiert? Wem Luft und Wasser und Speise
+<a class="page" name="Page_325" id="Page_325" title="325"></a>weggenommen? Wer hat dich bemerkt? Wem fehlt sein
+Teil, wenn du unter ihnen herumgehst mit deinen zierlichen
+F&uuml;&szlig;chen? Sie k&ouml;nnen dich in die Ecken sto&szlig;en, das ist
+ihnen erlaubt. Sie k&ouml;nnen sagen: marsch, aus den Augen,
+Kreatur. Jawohl, das ist ihnen erlaubt. Aber dein Leben
+ist ein ebensolches Leben wie das von jedem von ihnen;
+dein Blut ein ebensolches Blut. Sie geben dir nichts,
+du nimmst ihnen nichts. Du willst blo&szlig; da sein, ganz
+bescheiden da sein.&laquo;</p>
+
+<p>Siebold hatte gehen gewollt, aber Art und Rede des
+Menschen machten ihn unschl&uuml;ssig. Da war etwas, da&szlig;
+man aufmerken mu&szlig;te. Auch das schreckliche &Auml;chzen hinter
+der Wand hielt ihn fest. So setzte er sich auf einen Stuhl
+neben dem Tisch, ohne Willen. Alles gestaltete sich mehr
+wie ein geballter Vorgang im Fieber, an dem er mit einem
+entlegenen und bisher unbekannten St&uuml;ck seines Wesens
+Teil hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Da fa&szlig;t man hin und nennts bei Namen,&laquo; fuhr Jost
+fort, &raquo;und das, was man nicht nennen und nicht fassen
+kann, rinnt aus. Das K&ouml;stliche rinnt und rinnt. Hunderttausend
+Jahre vielleicht waren n&ouml;tig, da&szlig; es hat entstehen
+k&ouml;nnen. Ur-Ur-Urv&auml;ter haben Ur-Ur-Urenkeln Tr&ouml;pfchen
+um Tr&ouml;pfchen, F&auml;serchen um F&auml;serchen &uuml;bermacht, haben
+geschaffen und gebaut, gepfl&uuml;gt und geerntet, gedarbt und
+gewirkt, einer am andern, von Mutters und von Vaters
+Seite bis ins hundertste Glied zur&uuml;ck, da&szlig; es hat werden
+k&ouml;nnen, das F&uuml;nkchen in der Brust. Auf einmal kommt was
+daher gerollt, ein Rad, kommt gerollt und gerollt, weil
+ein Laffe mit einem Monokel im Gesicht zu seinen D&auml;mchen
+und Spie&szlig;gesellen will, und die Brust soll zerdr&uuml;ckt sein,
+das Herzlein zerschmettert, das F&uuml;nkchen ausgel&ouml;scht?
+<a class="page" name="Page_326" id="Page_326" title="326"></a>Ist denn das m&ouml;glich? Darf das zugelassen werden?
+Kann man das aushalten?&laquo;</p>
+
+<p>Ein Aufkreischen drang durch die Wand, und Jost nickte.
+&raquo;So ist es,&laquo; sagte er. &raquo;Zwei Fingerbreit Mauer dazwischen.
+Dr&uuml;ben will eins zum Leben, h&uuml;ben will eins zum Tod.
+Und sie fassens nicht. Keiner fa&szlig;ts, das eine nicht, das
+andere nicht. Die Vierzehnj&auml;hrige gebiert, die Achtj&auml;hrige
+will schon wieder heim in den Scho&szlig; der m&auml;chtigen Mutter.
+H&ouml;ren Sie? h&ouml;ren Sie?&laquo;</p>
+
+<p>Er wandte Siebold das Gesicht zu. Zum erstenmal
+redete er ihn an. Beide lauschten. Das tierhafte R&ouml;cheln
+des in Wehen sich windenden Weibes war nicht mehr zu
+mi&szlig;kennen, der inbr&uuml;nstige, gew&uuml;rgte, rasende Schrei
+auf einem Folterbrett. Die zwei schlafenden Kinder regten
+sich; Jost trat zu ihnen und beschwichtigte sie.</p>
+
+<p>Er geriet nun in eine fahrige, kummervolle Gesch&auml;ftigkeit.
+Lief hin und her, stie&szlig; eine Lade zu, r&uuml;hrte Gegenst&auml;nde
+an, aber bei einem neuerlichen Schrei blieb er stehen
+und sagte: &raquo;H&ouml;ren Sie, Mann? Begreifen Sie, was wir
+tun? Begreifen Sie, was gelitten wird auf der Erde
+immerzu? Was die unerbittliche Natur uns leiden macht
+und dann der Mensch? Was die D&auml;monen uns leiden
+machen und die Tr&auml;ume? Was das Fleisch uns leiden macht
+und der Geist? W&auml;hrend wir im Wirtshaus sitzen, wird
+gelitten. W&auml;hrend wir Akten vollschreiben, wird gelitten.
+W&auml;hrend wir unsere Notdurft stillen und unsere Geilheit
+letzen, wird gelitten. &Uuml;berall, oben und unten, bei den
+Herren und bei den Knechten, in der Finsternis und im
+Licht, &uuml;berall wird gelitten. Begreifen Sie, was wir
+treiben allesamt? was wir wert sind allesamt? Begreifen
+Sie?&laquo;</p>
+
+<p>Er sprach mit geweiteten Augen, in denen es
+<a class="page" name="Page_327" id="Page_327" title="327"></a>phosphoreszierte, mit hackenden Z&auml;hnen und schlaffen,
+schaufelnden Lippen und bohrte die F&auml;uste in die Taschen
+des blut- und kotbesudelten M&auml;ntelchens. &raquo;Und wenn
+es schon geschieht, und das Rad zerquetscht das lebendige
+Herz, warum kommt dann der Laffe mit dem Monokel
+nicht und leckt mit seiner Zunge das Blut von den Pflastersteinen
+weg? Soll es hineindorren in die Steine, hin&uuml;berdorren
+ins Jenseits? Warum kommt er nicht und ruft:
+ich, ich, ich &#8211;? Und wenn es schon geschieht, und das Kind
+dr&uuml;ben mu&szlig; in seinem fr&uuml;hen Jammer Mutter werden,
+warum kommt der Lump nicht, der es geschw&auml;ngert hat,
+warum kommt die Bestie nicht und f&auml;llt auf die Erde vor
+Schreck und Angst und Mitleid, weil er sehen kann, wie das
+Dingelchen sich kr&uuml;mmt und wie es seufzt und wimmert,
+warum kommt er nicht und ruft: ich, ich, ich &#8211;? Warum
+sprechen sie nicht: verzeiht, wir haben nicht gewu&szlig;t, was wir
+tun &#8211;? Was ist das f&uuml;r eine Ordnung in der Welt, da&szlig;
+sie sich verstecken d&uuml;rfen und sich anstellen, als w&uuml;&szlig;ten sie
+von nichts? O Menschen, Menschen, Menschen! Sie
+wissen nicht, was sie tun, das ist es. So soll ihnen auch
+nicht verziehen werden. Nein und abernein, verziehen nicht.
+Komm her, du Laffe, und dr&uuml;ck deine Lasterlippen auf die
+Steine; komm her, du Bestie, und vernimm und schau.
+Wer da handelt, mu&szlig; auch wissen. Ums Wissen gehts.
+Nichts da, die Verantwortung abw&auml;lzen. Nichts da,
+sich auf Gesetze und Vorschriften ausreden. Blind magst
+du sein, du Menschenhund, du Menschenfloh, du Menschennichts,
+aber wissen sollst du, wissen, was du tust, und
+niederst&uuml;rzen und mitwimmern, und rufen, da&szlig; es an die
+Enden der Welt schallt: ich, ich, ich!&laquo;</p>
+
+<p>Das Licht auf dem Kerzenstumpf flackerte nur noch ganz
+tr&uuml;b, so da&szlig; blo&szlig; der n&auml;chste Umkreis auf dem Tisch matte
+<a class="page" name="Page_328" id="Page_328" title="328"></a>Helligkeit erhielt. Die Schl&ouml;te vor den Fenstern t&uuml;rmten
+sich um so strenger in den Wolkenhimmel. Es entstand
+Stille von einer Eindringlichkeit, die jede Fiber spannte.
+Eine hautlose, unendlich verschuldete Wachsamkeit war in
+Ohr und Hirn.</p>
+
+<p>Es sa&szlig; hier nicht mehr der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung
+mit Namen so und so. Es sa&szlig; hier einer, der
+keinen Namen mehr hatte und dessen st&auml;hlerne H&uuml;llen
+abzuschmelzen begannen. Es war nicht mehr das Mansardenloch
+eines Ausgesto&szlig;enen; nicht mehr der Tisch mit
+der qualmenden Kerze: es war ein Raum unter den Sternen.
+Es flo&szlig; nicht mehr Zeit; Zeit war dahin. Erde war dahin.</p>
+
+<p>Und wie sich nun der Mensch ohne Namen aus dem
+Zusammenhang gehoben sah, r&uuml;hrten ihn von unten her
+H&auml;nde an. H&auml;nde von Vergangenen, H&auml;nde von Gerichteten.
+Sie strebten verlangend zu ihm empor; H&auml;nde eines
+Knaben; H&auml;nde eines Greises; H&auml;nde eines M&auml;dchens;
+H&auml;nde von M&auml;nnern. Die einen waren gefaltet, die andern
+wie in der Abwehr; die einen flehten, die andern drohten;
+die einen beteuerten, die andern waren gerungen.</p>
+
+<p>Zuerst fragte sich der so Bedr&auml;ngte, was sie von ihm
+begehrten; doch wie der Umri&szlig; nahm auch ihre stumme
+Sprache an Verst&auml;ndlichkeit zu, und wie sie von schattenhafter
+Verwesung sich in K&ouml;rperhaftigkeit wandelten,
+wurde die Forderung so klar, Klage, Vorwurf, Anspruch
+und Gericht so unzweifelhaft wie Schall und Fall von
+Worten. Bangten sie nach Dingen, die sie hatten verlassen
+m&uuml;ssen? Wollten sie eine Schuld bezahlen, die unberichtigt
+geblieben war? Gew&auml;hrten sie eine Liebkosung,
+die sie verweigert hatten? Gaben sie ein Versprechen?
+Erbaten sie ein Geschenk? Leisteten sie einen Schwur?
+Wiesen sie einen Weg? Winkten sie einem Freund? Schrieben
+<a class="page" name="Page_329" id="Page_329" title="329"></a>sie? gruben sie? ruhten sie? hasteten sie? Alles
+dies, und vieles noch. H&auml;nde sind Gesch&ouml;pfe und spiegeln
+jegliches Sein.</p>
+
+<p>Die Paare vermehrten sich, und zu den vergangenen
+gesellten sich die gegenw&auml;rtigen, die er gesehen und doch nicht
+gesehen im Ablauf der Tage, die zu ihm gesprochen, ohne da&szlig;
+er es vernommen, die geplagten, die beladenen. Wirrsal
+und Gew&uuml;hl, F&uuml;lle der Gesichte. Hart, d&uuml;rr und
+vergilbt die einen, unschuldig und feingliedrig die andern;
+diese mit dicken Adern und geschwellten Muskeln, jene zag
+und zitternd; krank und m&uuml;de die, voll Nerv und Entschlu&szlig;
+die andern. Schwielige, blasse, rosige, geballte, geflachte,
+behaarte, glatte, kleine und gro&szlig;e, n&auml;her, immer n&auml;her,
+beredter, immer beredter, und der, dessen Name aufgeh&ouml;rt
+hatte, zu sein, sp&uuml;rte, da&szlig; sie nicht ablassen w&uuml;rden, ehe er
+selbst nicht aufgeh&ouml;rt hatte, zu sein. So mu&szlig;te er um Gnade
+bitten, um eine Frist, um ein Bedenken; ersch&uuml;ttert an den
+Rand der Stunde und des wachen Wissens ger&uuml;ckt, ward
+er inne, da&szlig; nach solcher Vision der Mensch, mit zerspaltener
+Brust, dem irdischen Tag verloren war.</p>
+
+<p>Auf einmal war ein Leuchten in der Stube. Von wo es
+kam, war noch nicht zu unterscheiden. Jost stammelte und
+reckte die Arme in die Richtung der Bettstatt. Das Kind
+erhob sich langsam. Es sch&auml;lte sich aus der Decke und trat
+nackt und aufrecht vor die M&auml;nner. Um seine Lippen
+hing ein L&auml;cheln. Die wei&szlig;e Haut ergl&uuml;hte von inwendig.
+Was sie ergl&uuml;hen machte, war das Herz, und die Schauenden
+gewahrten bald nur noch das Herz: einen funkelnden,
+pulsenden Rubin, in die Dunkelheit gelagert wie eine Figur
+auf einem gemalten Kirchenfenster.</p>
+
+<p>Jost brach in die Knie. Mit den H&auml;nden tastete er
+r&uuml;ckw&auml;rts, als suche er alle die vielen H&auml;nde dort zum
+<a class="page" name="Page_330" id="Page_330" title="330"></a>Schutz. &raquo;O Kind!&laquo; rief er schluchzend, &raquo;o Mensch! Wohin
+gehst du mit dem Flammenjuwel in deiner Brust? Sag es
+nur, sag es uns, sag es aller Menschheit, da&szlig; der rote
+hei&szlig;e Kern nur einmal da ist, die leuchtende Frucht nur
+einmal reif wird. F&uuml;r einen nur ein einziges Mal. Sag
+es, was es hei&szlig;t: ein einziges Mal. Sie wissen nicht,
+was es bedeutet: ein einziges Mal! Sprich, du Gotteswesen!
+sprich, s&uuml;&szlig;er Geist!&laquo;</p>
+
+<p>Aber das Kind l&auml;chelte blo&szlig;. L&auml;chelte und verging.</p>
+
+
+<p class="newsection">Zum hohen Gebieter, vor den ewigen Thron, trat
+Michael, der Erzengel, in den Morgen der rauschenden
+Sph&auml;ren und sprach:</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe die Seele des Gleichgiltigen gewonnen,
+Herr.&laquo;</p>
+
+<p class="ende">
+<em class="gesperrt">Schlu&szlig;</em><br />
+</p>
+</div>
+
+<div class="advertisements">
+<p><a class="page" name="Page_331" id="Page_331" title="331"></a></p>
+<h1>Werke<br />
+von<br />
+<em class="gesperrt">Jakob Wassermann</em></h1>
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_332" id="Page_332" title="332"></a>[Blank Page]</p> -->
+
+<p><a class="page" name="Page_333" id="Page_333" title="333"></a></p>
+<h3>Die Juden von Zirndorf</h3>
+<p class="center">Roman<br />
+20. Auflage</p>
+
+<h3>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h3>
+<p class="center">Roman<br />
+22. Auflage</p>
+
+<h3>Der Moloch</h3>
+<p class="center">Roman<br />
+Neubearbeitete Ausgabe 10. Auflage</p>
+
+<h3>Der niegek&uuml;&szlig;te Mund</h3>
+<p class="center">Erz&auml;hlungen<br />
+63. Auflage</p>
+
+<h3>Alexander in Babylon</h3>
+<p class="center">Roman<br />
+Neubearbeitete Ausgabe 8. Auflage</p>
+
+<h3>Die Schwestern</h3>
+<p class="center">Drei Novellen<br />
+6. Auflage</p>
+
+<h3>Caspar Hauser oder Die Tr&auml;gheit des Herzens</h3>
+<p class="center">Roman<br />
+17. Auflage</p>
+
+<h3>Die Masken Erwin Reiners</h3>
+<p class="center">Roman<br />
+11. Auflage</p>
+
+<h3>Der goldene Spiegel</h3>
+<p class="center">Erz&auml;hlungen in einem Rahmen<br />
+14. Auflage</p>
+
+<h3>Faustina</h3>
+<p class="center">Ein Gespr&auml;ch &uuml;ber die Liebe<br />
+3. Auflage</p>
+
+<h3>Die ungleichen Schalen</h3>
+<p class="center">F&uuml;nf einaktige Dramen</p>
+
+<h3>Der Mann von vierzig Jahren</h3>
+<p class="center">Roman<br />
+14. Auflage</p>
+
+<h3>Deutsche Charaktere und Begebenheiten</h3>
+<p class="center">Mit elf Abbildungen<br />
+4. Auflage</p>
+
+<h3>Das G&auml;nsem&auml;nnchen</h3>
+<p class="center">Roman<br />
+66. Auflage</p>
+
+<h3>Christian Wahnschaffe</h3>
+<p class="center">Roman in zwei B&auml;nden<br />
+34. Auflage</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_334" id="Page_334" title="334"></a></p>
+
+<h2>Die Juden von Zirndorf</h2>
+
+<p>Kaum je hat ein j&uuml;discher Poet seinen Glaubensgenossen und &uuml;ber
+das Judentum der Gegenwart &uuml;berhaupt sch&auml;rfere und zutreffendere
+Dinge gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die besten Eigenschaften
+des j&uuml;dischen Volkes erscheinen in ihm selbst verk&ouml;rpert, vor
+allem der kritisch skeptische Sinn, der auch sich selbst nicht schont.
+Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch
+mehr mystisch als sinnlich gl&uuml;hende Phantasie, der namentlich in
+dem phantastischen Vorspiel des Romans, welches eine mit dem
+Erscheinen des merkw&uuml;rdigen Messias Sabbatai Zewi verkn&uuml;pfte
+Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine gl&auml;nzende
+poetische Leistung gelungen ist.</p>
+
+<p class="right">(Neue Z&uuml;rcher Zeitung)</p>
+
+
+<h2>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h2>
+
+<p>Jedes gro&szlig;e, befreiende Buch mu&szlig; ein Buch der Erl&ouml;sung und der
+Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erl&ouml;sung der Frauen,
+&raquo;die alten sinnlichen Vorurteilen zu mi&szlig;trauen beginnen, die ihr
+Schicksal, ihr Frauenschicksal, erleben und nicht l&auml;nger leibeigen sein
+wollen&laquo;. &#8211; Seit dem &raquo;Gr&uuml;nen Heinrich&laquo; Kellers ist in deutscher
+Sprache kein so interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.</p>
+
+<p class="right">(Die Zukunft)</p>
+
+
+<h2>Alexander in Babylon</h2>
+
+<p>Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
+R&uuml;ckkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird
+uns erz&auml;hlt, dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung
+und mit ebenso k&uuml;hner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch
+weit mehr ein Prosaepos als ein Roman; es geh&ouml;rt zu unsern sch&ouml;nsten
+deutschen Prosab&uuml;chern. Manche Kapitel verdienten in den
+Schulen gelesen zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte
+lebendig gemacht und beseelt.</p>
+
+<p class="right">(Neue Freie Presse, Wien)</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_335" id="Page_335" title="335"></a></p>
+
+
+<h2>Der Moloch</h2>
+
+<p>Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die psychologische und gestaltende
+Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem gro&szlig; und
+breit angelegten, lebensvollen Gem&auml;lde gestaltet hat.</p>
+
+<p class="right">(Berner Bund)</p>
+
+
+<h2>Die Schwestern</h2>
+
+<p>Die Heldinnen dieser Novellen geh&ouml;ren zu jenen gl&uuml;cklichen ungl&uuml;cklichen
+Gesch&ouml;pfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht,
+ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem,
+wunderlichem Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber
+Wassermann sucht aus dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des
+Lebens herauszulesen. Eine holde Schw&auml;rmerei ist das Buch, in
+den T&ouml;nen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum, von
+siegesstarken Sehns&uuml;chten und Ahnungen durchzuckt.</p>
+
+<p class="right">(Hannoverscher Kurier)</p>
+
+
+<h2>Die Masken Erwin Reiners</h2>
+
+<p>Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
+Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen
+alles Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des
+z&uuml;gellosen Individualit&auml;tsstrebens betrachten, das doch das entscheidende
+Merkmal unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm
+zugleich aber eine Wendung zum realen Leben datieren. Es sind
+einige Kapitel in dem Roman, die wie das Morgenrot einer neuen
+Klassik anmuten.</p>
+
+<p class="right">(Westermanns Monatshefte)</p>
+
+
+<h2>Caspar Hauser</h2>
+
+<p>Ein Denkmal ist aufgerichtet &uuml;ber ein l&auml;ngst eingesunkenes Grab; ein
+altes, verharschtes Geheimnis funkelt wieder im Licht. Die Geschichte
+Caspar Hausers wird neu erz&auml;hlt, das zauberische Kn&auml;uel dieses eigenartigen
+Schicksals entwirrt... Jakob Wassermanns Caspar-Hauser-Roman
+hat monumentalen Stil... Ein Beispiel deutscher Erz&auml;hlungskunst,
+Vorbild eines gro&szlig;en Romans ist hier geboten. Und
+vor allem ein bleibendes.</p>
+
+<p class="right">(Der Tag, Berlin)</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_336" id="Page_336" title="336"></a></p>
+
+
+<h2>Der goldene Spiegel</h2>
+
+<p>Von Franziskas goldenem Spiegel wird berichtet: &raquo;Seine Scheibe,
+wie tief, und seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut.
+Sie ist matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und
+M&auml;nner, Tiere, Schiffe und H&auml;user, Seefahrer und Landfl&uuml;chtige,
+Ritter und Knechte, B&uuml;rger und Bauern, Eroberer und K&uuml;nstler,
+Liebende und Verbrecher, Sonderlinge und Besessene, Verzweifelte
+und Narren, Prahler und Dulder, der Zufall, der Traum und das
+Wunder, alles das ist in ihr.&laquo; Wirklich, so gro&szlig; ist die F&uuml;lle
+auch dieses Buches. Es entstand aus der Lust am Erfinden, am
+Phantasieren, am Gestalten.</p>
+
+<p class="right">(Die Zeit, Wien)</p>
+
+
+<h2>Das G&auml;nsem&auml;nnchen</h2>
+
+<p>Das Werk ist verm&ouml;ge weitausgreifender Lebensf&uuml;lle, breiter, umfassender
+Gesellschaftsschilderung, des Hineinspielens politischer und
+kultureller Zeitgeschehnisse ein wahrhafter Roman. Im Rahmen
+der Leidens- und Werdegeschichte eines deutschen Musikgenius entrollt
+die Dichtung auch Deutschlands Seele, Deutschlands Nervenzustand,
+Deutschlands Kulturstr&ouml;mungen. Tief und voll aus dem Menschlichen
+ist die Dichtung gesch&ouml;pft.</p>
+
+<p class="right">(Wiener Abendpost)</p>
+
+
+<h2>Christian Wahnschaffe</h2>
+
+<p>Die echte gro&szlig;e Dichtung sucht nicht die Aktualit&auml;t, sie ist aktuell.
+Wassermann zeigt uns in seinem Roman den Zusammenbruch der
+geistigen, sittlichen und &auml;sthetischen Kultur des Kapitalismus. Er
+malt diese Kultur in den verlockendsten Farben und l&auml;&szlig;t uns den
+Wurm sehen, der in ihr nagt. Sein Held wird erst das Opfer,
+dann der Richter der liebeleer gewordenen Welt, und darnach der
+Verk&uuml;nder einer neuen Zukunft. Das Buch ist hinrei&szlig;end durch
+Geist, Abenteuer und Verlockung: es dringt in das Letzte der
+Seelen und verwandelt sie und uns.</p>
+
+
+<p class="printer">Druck der E. Gundlach Aktiengesellschaft in Bielefeld</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1920 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt.
+Abweichend vom gedruckten Buch wurde die zweite Titelseite entfernt.
+Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+<p>
+p 010: [Fehlende Letter] Erleichterung und Vers&uuml;&szlig; ng -> Vers&uuml;&szlig;ung<br />
+p 019: damals hatten Romantik -> hatte<br />
+p 040: [Komma erg&auml;nzt] solche die Kloaken s&auml;ubern; -> solche, die<br />
+p 053: [Vereinheitlicht] beim Abendessen; er lie&szlig; -> Abendessen: er<br />
+p 054: die K&uuml;he lagen in rosigen Dampf -> rosigem<br />
+p 063: [Fehlende Letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich<br />
+p 063: [Punkt erg&auml;nzt] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand.<br />
+p 064: [Komma entfernt] &raquo;Herr,&laquo;, erwiderte er -> &raquo;Herr,&laquo; erwiderte<br />
+p 072: Abgesehen von Ki&szlig;ling -> Kie&szlig;ling<br />
+p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie<br />
+p 094: entgegenete Maria -> entgegnete<br />
+p 113: und Liseweta h&uuml;llte sich darein -> Lisaweta<br />
+p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji<br />
+p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein<br />
+p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer<br />
+p 170: welche der ... mit sich bringen mu&szlig;ten -> mu&szlig;te<br />
+p 188: was n&ouml;itg war -> was n&ouml;tig war<br />
+p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky<br />
+p 217: [Leerzeichen erg&auml;nzt] Kopfstimme;&raquo;wir -> Kopfstimme; &raquo;wir<br />
+p 220: empfehle es sich fogar -> sogar<br />
+p 244: Mit Polixene sa&szlig; er -> Polyxene<br />
+p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen<br />
+p 264: [Trennung] Leder-Kapuze -> Lederkapuze<br />
+p 265: Mir f&auml;llt da ... in -> ein<br />
+p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem<br />
+p 270: [Anf&uuml;hrungszeichen erg&auml;nzt] Wie machen wir denn das?&laquo;<br />
+p 273: um im sp&auml;rlich flie&szlig;enden Gespr&auml;ch -> und im<br />
+p 279/280: [Trennung] M&auml;dchen-Gesicht -> M&auml;dchengesicht<br />
+p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen<br />
+p 324: Unter&ouml;ckchen -> Unterr&ouml;ckchen<br />
+p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen<br />
+</p>
+
+<p>Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
+folgenden W&ouml;rtern:</p>
+
+<p>
+p 058: Gleichgiltigkeit<br />
+p 120: Lucke<br />
+p 143: Monreal<br />
+p 301: hinmummelte<br />
+p 148: darnach
+</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>Transcriber&#8217;s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1920 by S. Fischer. The printed book&#8217;s second title
+page has been removed. The table below lists all corrections applied to
+the original text.</p>
+
+<p>
+p 010: [missing letter] Erleichterung und Vers&uuml;&szlig; ng -> Vers&uuml;&szlig;ung<br />
+p 019: damals hatten Romantik -> hatte<br />
+p 040: [added comma] solche die Kloaken s&auml;ubern; -> solche, die<br />
+p 053: [unified] beim Abendessen; er lie&szlig; -> Abendessen: er<br />
+p 054: die K&uuml;he lagen in rosigen Dampf -> rosigem<br />
+p 063: [missing letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich<br />
+p 063: [added period] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand.<br />
+p 064: [removed comma] &raquo;Herr,&laquo;, erwiderte er -> &raquo;Herr,&laquo; erwiderte<br />
+p 072: Abgesehen von Ki&szlig;ling -> Kie&szlig;ling<br />
+p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie<br />
+p 094: entgegenete Maria -> entgegnete<br />
+p 113: und Liseweta h&uuml;llte sich darein -> Lisaweta<br />
+p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji<br />
+p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein<br />
+p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer<br />
+p 170: welche der ... mit sich bringen mu&szlig;ten -> mu&szlig;te<br />
+p 188: was n&ouml;itg war -> was n&ouml;tig war<br />
+p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky<br />
+p 217: [added blank] Kopfstimme;&raquo;wir -> Kopfstimme; &raquo;wir<br />
+p 220: empfehle es sich fogar -> sogar<br />
+p 244: Mit Polixene sa&szlig; er -> Polyxene<br />
+p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen<br />
+p 264: [hyphenation] Leder-Kapuze -> Lederkapuze<br />
+p 265: Mir f&auml;llt da ... in -> ein<br />
+p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem<br />
+p 270: [added quote] Wie machen wir denn das?&laquo;<br />
+p 273: um im sp&auml;rlich flie&szlig;enden Gespr&auml;ch -> und im<br />
+p 279/280: [hyphenation] M&auml;dchen-Gesicht -> M&auml;dchengesicht<br />
+p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen<br />
+p 324: Unter&ouml;ckchen -> Unterr&ouml;ckchen<br />
+p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen
+</p>
+
+<p>The original spelling has been maintained throughout the book,
+particularly for the following words:</p>
+
+<p>
+p 058: Gleichgiltigkeit<br />
+p 120: Lucke<br />
+p 143: Monreal<br />
+p 301: hinmummelte<br />
+p 148: darnach
+</p>
+
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE ***
+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+
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+electronic works
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+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+
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+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
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+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
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+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
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+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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