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Fischer / Verlag / Berlin + + + + Erste bis zehnte Auflage + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten + Copyright 1920 S. Fischer, Verlag + + + + +Inhalt + +Der unbekannte Gast ..... 7 +Adam Urbas .............. 45 +Golowin ................. 79 +Lukardis ................ 167 +Ungnad .................. 201 +Jost .................... 293 + + + + +Der unbekannte Gast + + +An die Pforte dieses Werkes, das der Verfasser nicht ohne +verantwortungsvolles Zagen unternimmt, sei eine Geschichte von +hinübergreifender Beziehung gestellt, weniger in sich selber ruhend als +sonst Geschichten schlechthin, doch mit nichten Brevier oder +Verkündigung, nur Brücke, nur Weiser, und so auch Bild und Gespinnst +eher als Vorgang und Ereignis. + + * * * * * + +Ein Schriftsteller in mittlerem, ja vorgerücktem Alter, er werde Mörner +genannt, erfuhr zu einer bestimmten Zeit des letztvergangenen Jahres +eine unerklärliche Veränderung seines seelischen Gleichgewichts. Er +hatte nach längerer Ruhepause eine neue Arbeit begonnen, die seine +Gedanken despotisch beherrschte, und deren Schwierigkeiten ihn nicht nur +nicht abschreckten, sondern alle freien Kräfte in ihm sammelten und +gegen ein lockendes Ziel trieben. + +Auf einmal brachen diese Kräfte. Eines schönen Tages erlahmte der Nerv +des Schaffens. Daß es keine vorübergehende Unlust, keine jener Trübungen +war, die wie Nebel über einer Landschaft und doch im Grunde atmende +Zeugnisse des Lebens sind, spürte Mörner. Es war wie wenn die Feder in +einer Uhr zerbricht, oder noch beunruhigender, wie wenn man eine +Vorratskammer betritt, die man mit Fleiß und Umsicht gefüllt hat, und +sie gänzlich leer findet. + +Schließlich war es ein Verlust wie der Tod eines Wesens. Er sprach in +einem Freundeskreis darüber, mit Zurückhaltung anfangs, da es ihm +widerstrebte, innere Wirrungen zum Gegenstand des Meinungsaustausches zu +machen. Die Verstimmung, unter der er litt, war bereits aufgefallen; +was er nun als ihre Ursache bezeichnete, wollte keinem recht einleuchten +und man hielt es für Hypochondrie eines Zwischenzustandes. Man kannte +seine zweifelsüchtige und häufig schwankende Art; er hatte oft genug das +Schauspiel des Selbstquälers gegeben, der nach jeder abgeschlossenen +Leistung sie zerpflückte und hilflos wie vor dem ersten Beginn in die +Zukunft schaute, alles von Schicksal und Fügung erhoffend, nichts oder +wenig von seinem Talent. Aber seine Hingabe war unbegrenzt, seine Arbeit +ein opfervoller Dienst; dem unermüdlichen und redlichen Bemühen war der +reinste Wille gesellt, die Unbestechlichkeit des Gewissens, die jede +Erleichterung und Versüßung ablehnt. Dazu kam, daß ihm der Erfolg nicht +gefehlt hatte; mißtraute er ihm auch, so war er doch von ihm auf eine +gewisse Lebenshöhe getragen worden; war auch sein Name, sein Werk +umstritten, so genoß er doch die Achtung, ja die verehrende Neigung +Vieler und erhielt nicht selten unzweideutige Beweise davon. + +Die Freunde nahmen also seine sichtliche Verstörung nicht ernst. Dies +reizte seine Ungeduld, und als einer von ihnen mit etwas zu billigem +Trost geendet hatte, sagte Mörner: »Wenn ein Mensch wie ich nicht mehr +an die Wichtigkeit und Notwendigkeit seiner Mission glaubt, ist er +einfach das allerüberflüssigste Geschöpf auf Erden. Wie erst, wenn ihm +die Aufgabe selber entschwindet, wenn er nicht mehr weiß, was er +überhaupt noch soll und das Fertige wie ein umgeblasenes Kartenhaus +hinter ihm liegt? Da wird alle Wirklichkeit ein Gespenstergraus; sein +Geist hat gar nicht Fassungsraum genug für die Tiefe des Abgrunds, der +vor ihm gähnt.« + +Die Freunde stutzten und schwiegen. Einige begriffen nicht recht, was +er meinte, und er fuhr achselzuckend fort: »Mission ist freilich ein +viel zu anspruchsvolles Wort. Man dürfte seinen Ehrgeiz nicht über die +Haltung eines honetten Handwerksmeisters spannen. So war es in früheren +Zeiten. Das Außerordentliche entstand gleichsam durch bescheidenen +Zufall, nicht in priesterhafter Gier und Askese. Was erstrebt man denn, +was ersehnt man denn? Man will das Formlose formen; was die Natur +zerstückelt liegen läßt, zusammenfügen und es der großen Vergeuderin und +Zerstörerin entgegenhalten. Unzulänglich bleibt man dabei immer, aber es +ist wunderbar, so lang das Material gehorcht, und das Auge, und die +Hand. Zerrinnt einem aber der Stein, den man aus dem Bruch schlägt, zu +flüssigem Sand, flattern von der Fackel, die man am großen Weltenfeuer +entzündet hat, statt der Flammen rotgefärbte Papierfetzen empor, so ist +es schlimm, mehr als schlimm, es ist das Ende.« + +Mit jäher Bewegung erhob er sich und ging ohne Gruß. Die Freunde sahen +einander verwundert an. + + * * * * * + +Eine Zeit lang verschanzte er sich in seinem Hause, und niemand konnte +zu ihm gelangen. Dann hieß es, er sei verreist, um in der Stille eines +Landaufenthalts Sammlung zu gewinnen. Aber schon nach ein paar Tagen +kehrte er zurück. Sein Aussehen erregte Besorgnis. Tiefe Gruben hatten +sich in den Wangen gebildet; der Blick war der eines Kranken. Er kam +wieder zu den Freunden und gestand, die Einsamkeit sei ihm Pein. Doch +auch Geselligkeit schien ihn nicht aufmuntern zu können. Man machte ihm +in liebevoll-scherzhafter Weise den Hof, man schmeichelte ihm, man +erwies ihm zarte kleine Ehrungen; umsonst, es war ihm kaum ein Lächeln +abzulocken. Er stellte sich fast jeden Abend ein, wie einer, der vor +sich flieht; er bat, man möge ihn bloß dulden, wenn es zum Ärgsten +komme, werde er trachten, nicht zur Last zu fallen. Was er unter dem +Ärgsten verstand, darüber äußerte er sich nicht; die Hausfrau, die seine +ergebenste Anhängerin war, zog ihn beiseite und beschwor ihn, sich zu +fassen, zu erheben; er mache durchaus den Eindruck eines Menschen, den +ein Phantom zum Narren hält; man sei so viel Befeuerung von ihm gewöhnt, +so viel gesunde, heilsam wirkende Kraft, dies könne doch nicht mit einem +Mal zu nichte werden; ob sie ihm helfen könne, ob er sie des Vertrauens +nicht mehr würdige? Sie sei zu jedem Opfer bereit, sie wie auch alle +andern, die bestürzte Zeugen seiner Verwandlung seien. + +Er schüttelte den Kopf. »Zu helfen ist da nicht,« antwortete er; »es +wäre besser, Sie zerrten mich nicht aus der Dumpfheit heraus. Das letzte +Versteck darf man mir nicht nehmen; gegen Beleuchtung wehrt sich alles +in mir, die Dinge bekommen dadurch ein zu prahlerisches Gesicht. Mein +Fall ist an sich gering; legt ihr ihm Bedeutung bei, so werdet ihr nur +zu Urhebern von neuen Leiden. Was ich an mir erfahre, ist doch bloß die +Folge einer vielfach verschlungenen Kette von Selbsttäuschungen und +Selbstüberschätzungen. Man hat sich zu lange gefallen, man hat sich zu +lange beruhigt, man hat immerfort behaglich im lauen Wasser +geplätschert. Die Erkenntnis ist schmerzlich. Wie wäre einem Menschen zu +helfen, der niemals in einen Spiegel gesehen hat, der bis zu dem Moment, +in dem es geschieht, im Wahn befangen war, er sei schön, er sei +wohlgebildet, er habe angenehme Züge, und plötzlich grinst ihm aus dem +Glas eine abscheuliche Fratze entgegen? Wie wollen Sie dem helfen? Daß +mich ein Phantom zum Narren hält, ist außerdem noch wahr.« Er zögerte +in ungewisser Scham und fuhr fort: »Stellen Sie sich vor, daß ich nicht +allein sein kann, ohne daß mir zumute ist, ein dringlich fordernder +Gläubiger sei hinter mir her und verlange die Bezahlung einer Schuld. +Und zwar ein Gläubiger, dem ich zu Dank verpflichtet bin, der mir große +Dienste geleistet hat, den ich wiederholt, mit guten und schlechten +Gründen, habe vertrösten müssen und der nun, selbst in Bedrängnis, das +langgefristete Darlehen nicht mehr stunden will. Das ist keine Figur, +liebe Freundin, kein Gleichnis für einen beengten Zustand, es ist eine +Realität. Auch okkulter Einfluß kann eine Realität sein. Sie wissen, daß +ich Skeptiker genug bin, um solchen Anfechtungen zu widerstehen. Wer hat +sich nicht schon über meine Trockenheit beklagt, in dieser wie in +anderer Beziehung! Hier scheitern vernünftige Erwägungen an einer +Vision, an der der ganze Organismus teil hat, das furchtbar genaue +Wissen darum, wie es um mich bestellt ist. Leute meines Schlags kennen +ihr eigenes Innere so gut wie die Bureauschreiber ihren +Registrier-Apparat, und wo da die Tugend aufhört und die Sünde beginnt, +ist schwer zu sagen. Die Quelle, die uns nährt, ist zugleich vergiftet, +und wir sterben daran, ohne das Gift zu spüren.« + +»Aber was _wir_ davon spüren, wir Zuschauer und Zuhörer, ist Freude und +erhöhtes Leben,« versetzte die Freundin herzlich und reichte ihm beide +Hände. + +Mörner blickte grübelnd vor sich hin. »Bei alledem, sollte man es +glauben,« sagte er mit einem Rest von Selbstverspottung im Ton, »bei +alledem ist es wie eine letzte Genugtuung, daß er kommt, dieser +Gläubiger, daß er mahnt. Er hält mich also noch für zahlungsfähig, ich +habe also noch Kredit in der Geisterwelt. Sonderbar, daß wir nicht +ärmer werden, wenn wir dort unsere Schulden begleichen, im Gegenteil. +Nur muß man eben zahlen können, und ich kanns nicht. Die Kassen sind +leer bis auf die Neige. So arm darf man nicht werden, oder man hat +miserabel gewirtschaftet.« + +Mörner begab sich wieder zu den übrigen, die harmlos plauderten, die +Hausfrau folgte ihm mit zwiespältigem Gefühl. Die unerbittliche Logik in +der Verwirrung überraschte sie und stimmte sie nachdenklich. Da ging +eine Abrechnung vor sich, hartnäckiger und ernsthafter als dem bloß für +Alltags-Ungemach geschulten Blick erkennbar war. + +Das Gespräch geriet auf die Zeitumstände, und ein junger Lehrer der +Philosophie machte die Bemerkung, in einer Epoche, wo die Wirklichkeit +soviel Stoff produziere wie in der gegenwärtigen, das stürmisch +fließende Schicksal soviel rohes Material ans Ufer schwemme, in einer +solchen Epoche müsse die schaffende Phantasie durch ein automatisch +funktionierendes Ausgleichsgesetz erlahmen; erst spätere Geschlechter +seien wahrscheinlich imstande, das chaotisch Hingeworfene, Strandgut der +Geschichte, zu neuen Bauten zu benutzen. Daher der Verfall der Kunst, +daher das Versagen der Künstler. + +Mörner, der bislang schweigend zugehört hatte, unentschlossenen Anteil +in den Mienen, zuckte plötzlich auf. Es war eine nicht sehr taktvolle +Äußerung im Hinblick auf ihn, das empfanden alle, auch der Sprechende +selbst, der errötend abbrach. Aber sie war nun einmal getan. Mörner +erhob die Hand mit gespreizten Fingern, als wolle er verhüten, daß ihm +ein anderer im Wort zuvorkomme und sagte: »Ach nein, nein, nein. +Unleugbar steht uns die Zeit entgegen, aber nicht wegen der Überfülle +des Geschehens, sondern wegen der Zerstörung der Geister und der +Seelen. Von welchen Flammenausbrüchen genialer Naturen sind vergangene +Umwälzungen begleitet gewesen! Wollt ihr Namen? Sie wimmeln. Jede +Revolution hat Propheten und Gestalter aus ihrem Schoß geboren; einen, +der die Eroica in die brüllende Woge schleuderte, einen, der seinem +grandiosen Schmerz die Hermannsschlacht entriß, einen, der mitten in +gewaltigen Gärungen die Tribüne der #Comedie humaine# errichtete. +Gerufen von der Sehnsucht ihrer Welt, gaben sie ihr Stimme und Bild, +wiesen ihr die Wurzel und den Gipfel ihres Geschicks. Heute aber? War +jemals eine Menschheit so zu Boden getreten? Sagt mir nicht, er sei +vielleicht da, irgendwo unter uns, der glühende Zeuge und wunderbare +Architekt, und ich vermöchte ihn bloß nicht zu sehen und zu hören. Du +und du und Sie und Sie und ich, warum sollten ihn wir nicht ahnen, nicht +kennen? Würden nicht unsere Nerven bei seinem geringsten Hauch +vibrieren? Wäre er nicht Fleisch von unserm Fleisch, Blut von unserm +Blut? wer sollte ihn wissen, wenn nicht wir? Es gibt ihn nicht. Seine +Entstehung schon wird im Keime erstickt. Der Schoß ist unfruchtbar +geworden, es kommt nicht mehr bis zur Kristallbildung; es bleibt beim +Ansatz; in den Elementen ist kein Wille, sich zu ballen; die ruhende +Sehnsucht ist nicht produktiv. War jemals eine Menschheit so zu Boden +getreten? frag ich noch einmal; so müde, so stumpf, so entblättert, so +kurz von Atem und so kühl im Hirn? Spürt ihr es nicht, wie keine +Resonnanz wird? Kein Sinn will mehr aufnehmen; es sei denn die gröbste +Nahrung; nichts ist Besitz, alles Erwerb; nichts Erlebnis, alles Kitzel; +keinem Gemüt prägt sich das Wesen ein, nur die Verzerrung davon; die +Ehrfurcht ist geschwunden, die Überlieferung abgeschnitten, der Glaube +tot, das Wissen ein mörderisches Narkotikum. Kein Zusammenhang und +Zusammenklang, in der Höhe nicht, in der Tiefe nicht, bei den Guten +nicht, bei den Bösen nicht. Hinten versinkt alles in Abgründen, vorne +öffnen sie sich. Panische Flucht nach allen Seiten; Angst, sich zu +verpflichten, Angst vor der Hand, die sich bietet, Angst vor dem +Schmerz, Angst vor der Wahl, Angst vor jeglicher Entscheidung, Angst +sogar vor der Erinnerung an den verlorenen Gott. Und wird euch denn +nicht ebenfalls Angst, wenn ihr die Heraufkommenden betrachtet, diese +Zuchtlosen, ihre Lust an der Raserei, an der Tobsucht des frierenden +Verstandes; ihren Götzendienst vor der Chimäre, den Kultus vor dem +Golem, die grauenvoll ummauerte Isolierung eines jeden, in der er, um +sich und die andern Isolierten zu betäuben, wie ein verrückt gewordener +Anachoret nach Verbrüderung schreit, rachsüchtig und voll Haß in seiner +Wehleidigkeit? Was soll werden? Man kann eine Ruine aufbauen, wenn das +Material noch halbwegs brauchbar ist, aber aus morschem Plankenwerk und +wurmstichigen Brettern ein seetüchtiges Fahrzeug zimmern, das ist +unmöglich. Da habt ihr die Krankheit. Da ist es aufgerollt, das Gemälde +der Katastrophe, meiner und aller derer, die noch gutgläubig oder weil +sie sich der schrecklichen Klarheit eine Weile noch verschließen wollen, +am Werke sind. Morituri te salutant. Es ist kein Cäsar da; grüßt man +also die Blinden und Tauben, die unsere Geschicke lenken? Sie bilden +sich nur ein, zu lenken, sie werden mitgeschleift und mitzerschmettert.« + +Während er so sprach, hatte es Mörner geschienen, daß die Tür +aufgegangen und jemand eingetreten war. Er schaute sich um, bemerkte +aber keinen Hinzugekommenen, auch verriet nichts in den Mienen der +Freunde, daß sie eine gleiche Wahrnehmung gemacht. Die Augen ruhten +groß auf ihm, mit scheuem und betroffenem Ausdruck. Indessen wich das +Unbehagen nicht von ihm, das die verborgene Anwesenheit eines Fremden +verursacht. Sein suchender Blick prüfte die Gesichter. Es war kein neues +darunter; er kannte jedes. Doch dünkte es ihn, im Hintergrund des Raums, +zwischen Flügel und Bücherkasten, wo das Licht sich verlor, sitze eine +Person, die vorher nicht dagewesen war. Er wagte es nicht, sich zu +vergewissern, hielt aber das Gefühl für untrüglich. + +Die wohllautende Stimme eines jungen Mädchens sagte: »Ist denn nicht, +wer schafft, im tiefsten Sinne ohne Zeit? Ist es denn diese eine, nahe, +bestimmte Welt, die ihm notwendig ist, und nicht vielmehr eine +übertragene obere, die sein Traum wahrer macht als die untere? Sie +selbst haben es uns so gelehrt. Nicht in Worten; im Beispiel. Und was +wir so oft mißverstanden und falsch verstanden haben, daß der Dichter +ein entselbsteter Mensch ist, so nannten Sie es ja, der Mensch ohne +Partei, ohne Meinung fast, dem alles Leben zur Speise wird, ist das denn +nicht mehr das Gesetz, dem Sie sich demütig beugen, wie Sie immer getan +haben?« + +Mörner senkte den Kopf, und als er antwortete, war es ihm, als stehe er +nicht der sanften Fragerin Rede, sondern der verborgenen Person, die er +im Zimmer wußte. »Widerstände können wachsen,« sagte er; »es ist +jedesmal ein harter Weg dorthin, in die obere Welt; eines Tages sind die +Schranken unübersteiglich. Die Kraft reicht nicht mehr zu; der Mut ist +nicht mehr da. Werktätigkeit beruht auf Wechselwirkung. Das Leben ist +meine Speise, freilich; wenn aber die Speise faulig wird, wie dann? Wenn +die Augen nicht mehr sehen können, das innere Membran nicht mehr +erzittert, das Bild nicht mehr zu fassen ist, das Gefühl seine +Sicherheit einbüßt? Wie dann? Beide Welten, die obere und die untere +sind mir zu Schemen verblaßt. Ich kann nichts mehr greifen, es bleibt +mir nichts in der Hand, ich bin zur Ohnmacht verurteilt, ich bin ein +Selbst geworden.« + +Er lächelte traurig, zuckte die Achseln und schwieg. Sein Ohr lauschte +in die Richtung, wo der Unsichtbare saß. Der aber verriet seine +Gegenwart durch keinen Laut und keine Bewegung. Als das junge Mädchen +sich zum Flügel setzte und ein Bachsches Präludium zu spielen begann, +schien er seinen Platz zu verändern. + +Mörner wollte die Freunde durch seine Gegenwart nicht länger bedrücken +und entfernte sich still. Durch die mitternächtlich verödeten Straßen +trat er den Heimweg an, doch war ihm nicht wohl zumute bei der Aussicht +auf Alleinsein in seinem Hause. + + * * * * * + +Er hörte Schritte hinter sich, eine Weile schon. Es folgte ihm jemand. + +Die Luft war mild, das Gewölbe bis in die Unendlichkeit umschleiert. In +der Dunkelheit wuchtete Ahnung, die die Seele zusammenpreßte und sie +aufsteigen machte gleich einer artesischen Säule. Er erinnerte sich +solcher Nächte aus seiner Jünglingszeit. Es waren dieselben +flaumsüchtigen Wolken gewesen, damals, in der Stadt seines Elends, +mitten im Herzen Deutschlands, dieselbe bittersüße Feuchtigkeit in der +Atmosphäre, dasselbe heimliche Säuseln und Brodeln in der Erde. Warum +war ihm das Längstvergangene heute nah? Kündigte sich Prüfung an und +neue quälende Überschau? Parade über die Truppen vor der Abdankung? Ein +Laut war wie Vogelruf, genau wie damals aus dem Gebüsch am trüben Fluß, +der die Fabrikwässer führte. Aber damals war es Verheißung gewesen, +heute war es Verzicht; damals Ankunft, heute Abschied; damals hatte +Romantik um die verschlossenen Tore und schwarzen Fenster geschauert, +heute das frostige Wissen. Drei Jahrzehnte vergeblichen Wegs in eine +Sackgasse! + +Er ging langsamer; der ihm folgte, verzögerte ebenfalls den Schritt. Er +ist es, durchfuhr es Mörner, und seine erste Regung war, zu fliehen. +Doch trotzte er ihr; an einer Ecke unter einer Gaslaterne blieb er +stehen. Der andere kam heran, lüpfte den steifen niedern Hut und sagte +leise: »Guten Abend.« + +Es war ein Mann von nicht genau bestimmbarem Alter; Mitte der Dreißig +ungefähr; jugendlich schlank, aber in der Haltung etwas schlaff und im +Gang schleppend. Soviel sich im ungewissen Licht ausnehmen ließ, waren +die Haare blond. Die Kleidung war adrett, obwohl ein wenig abgetragen. +Das bartlose Gesicht war auffallend hager, mit tiefliegenden blauen +Augen und erstaunlich scharfen Kerben um den Mund. Alles in allem war es +ein schönes, zumindest ein schön gewesenes Gesicht, das nichts Vulgäres +an sich hatte. + +»Ich hoffe, Sie nicht zu stören,« sagte der Unbekannte mit +achtungsvoller Artigkeit, die den Mann von Erziehung verriet; »wir haben +den nämlichen Weg, scheint es; darf ich Sie begleiten?« + +Mörner verbeugte sich kühl. Er zürnte sich wegen der Beklommenheit, die +er empfand. Seite an Seite setzten sie den Weg fort. + +Der Unbekannte sagte: »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich nicht +vorstelle; aber ich habe keinen Namen. Ich mache wenigstens schon lange +keinen Gebrauch mehr von ihm. Nur im Notfall nenne ich mich, so oder +so; es gibt ja zwingende Situationen; ich schütze dann einen erfundenen +Namen vor. Ich denke, Sie legen auf diese Formalität kein Gewicht.« + +Immerhin ein merkwürdiger Geselle, dachte Mörner und sah geradeaus auf +das Pflaster. So auch, vor sich hin, erkundigte er sich: »Sie sind fremd +in der Stadt? Seit kurzem erst hier, wenn ich fragen darf?« Er ist es, +dachte er wieder, und mit einer Anwandlung von Haß: wozu die gezierten +Vorbereitungen? weshalb spielt er Verstecken mit mir? was ist seine +Absicht? + +»Ja, ich bin fremd,« gestand der Herr mit seiner leisen, freundlich und +rücksichtsvoll klingenden Stimme; »aber daran bin ich gewöhnt. Ich bin +eigentlich überall fremd. Das heißt, obenhin betrachtet, bin ich fremd, +genau genommen nicht. Ich reise fortwährend, wissen Sie, bin immer wo +anders, ohne festes Domizil. Ich liebe es nicht, Aufenthalt zu nehmen. +Wenn man sich aufhält, entstehen Versäumnisse. Viele Jahre bin ich schon +unterwegs, und es ist manchmal schwer, der Müdigkeit nicht nachzugeben. +Aber wir wollen nicht von mir sprechen. An mir ist nichts interessant. +Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich offen gestehe, daß ich Ihnen +aus reiner Neugier nachgegangen bin. Wären Sie mir entschlüpft, ich +hätte wirklich nicht gewußt, was tun. Ich hätte Sie bestimmt noch heute +Nacht in Ihrer Wohnung aufgesucht, und diese Zudringlichkeit wäre Ihnen +wahrscheinlich sehr unangenehm gewesen.« + +»Sie waren also dort, dort oben bei meinen Freunden?« stammelte Mörner; +»ich habe mich also nicht geirrt ...?« + +Der Unbekannte nickte. »Gewiß, ich war dort,« erwiderte er etwas +beschämt; »es hat mich unwiderstehlich hingezogen. Ich wußte von Ihnen. +Ich hatte irgendwelche Botschaft. Aus tausend Stimmen dringt eine +hervor, vernehmlicher als die andern. Ein Blatt Papier, ein +aufgefangenes Wort, was kann das nicht alles bedeuten. Und zufällig saß +ich Ihnen neulich im Eisenbahncoupé gegenüber, entsinnen Sie sich nicht? +Da erfaßte mich sofort die Neugier, trotzdem ich über das Wichtigste +gleich im Klaren war, und ich blieb unablässig auf Ihren Spuren.« + +In der Tat glaubte sich Mörner zu entsinnen, den Unbekannten während +einer vielstündigen Fahrt im halbdunkeln Abteil gesehen zu haben. Er +wunderte sich, daß ihm das erst jetzt einfiel, denn Gestalt und Gehaben +des Menschen waren ihm ungewöhnlich erschienen, das vollkommen +unbewegliche Sitzen, der intensive Blick, eine gewisse Naivität und +Bescheidenheit in den Mienen, verbunden mit einer schwer definierbaren +lächelnden Undurchdringlichkeit, alle diese Einzelheiten sah er lebhaft +vor sich. Seine Spannung und Unruhe wurde dadurch nicht vermindert. +»Wieso waren Sie sich über das Wichtigste im Klaren?« fragte er und +suchte seine Erregung hinter einem gereizten und mürrischen Ton zu +verbergen. »Bin ich denn so auf den ersten Blick zu ergründen? Nichts +für ungut, aber gegen das Hellsehn hab ich meinen Argwohn; es ist durch +einige Leute von meinem Metier diskreditiert und läuft gewöhnlich auf +Charlatanerie und Mystifikation hinaus.« + +»Ich habe ja auch Ihre _Worte_ gehört,« antwortete der Fremde einfach. +»Daß Sie mißtrauisch sind, begreife ich. Sie kennen mich ja nicht. Ich +habe mir noch kein Recht auf Ihr Zutrauen erworben. Ich bin ein +Namenloser, wie gesagt, ein Niemand; es steht bei Ihnen, mich für einen +Charlatan zu halten. Nur bitte ich Sie, Ihr endgültiges Urteil noch zu +verschieben.« + +Er wich einem Hund aus, der über die Straße lief und fuhr mit derselben +unerheblichen Stimme fort: »Nein, Hellseher bin ich nicht, und daß ich +Sie auf den ersten Blick ergründet habe, behaupte ich auch nicht. Was +mich zu Ihnen getrieben hat, ist neben der Neugier, die mir angeboren +ist, die sonderbare Leidenschaftlichkeit in Ihnen, die sich auf alles in +Ihrem Umkreis unmittelbar überträgt. Sie ist sehr selten, diese Art von +Leidenschaft, diese entselbstete; der Ausdruck stammt ja von Ihnen. Es +hat mich magnetisch angezogen; ich meine das nicht bildlich. Ob ich +wollte oder nicht, ich mußte dorthin, wo Sie waren. Auf dem Meer, mitten +in einer Windstille, bei blauem Himmel, hat man manchmal die deutliche +Empfindung, daß ein furchtbarer Sturm irgendwo hinter dem Horizont +wütet, der das Schiff förmlich in seinen Trichter saugt. So war Ihre +Wirkung auf mich. Die meisten Menschen wissen nichts von ihrer eigenen +Wirkung. Das Leben stumpft sie ab dagegen. Viel notwendiger ist es, die +eigene Kraft kennen zu lernen, als die der andern. Mächtige Seelen +liegen oft faul da und ahnen nichts von dem Magnetismus, der in ihnen +aufgesammelt ist. Ich unterscheide die Menschen danach. Es ist eine +Stufenleiter; von denen, die oben stehen, strahlt die größte Kraft aus, +die Schicksalskraft, die Verantwortlichkeitskraft. Das ist der Kitt, der +bindet. So war wenigstens meine Erfahrung. Das ist auch der Grund, warum +mich Ihre Leidenschaftlichkeit so beschäftigt hat. Worauf sie eigentlich +gerichtet ist, kann ich nicht genau ermessen; ich habe nur zum Teil +verstanden, was Sie dort in dem Haus sagten; ich bin kein sehr +gebildeter Mensch und habe wenig gelesen. Ich hatte die Zeit nicht. Ich +habe mir nur einige Fähigkeiten angeeignet, durch die es mir möglich +geworden ist, - aber lassen wir das, davon erzähl ich Ihnen später, +falls es sich ergibt. Folgende Überlegung war es, die mich berührt hat +wie seit langem nichts. Ich sagte mir: wenn man mit einer solchen Flamme +in der Brust vor der Menschenwelt steht, wie kann es sein, was muß da +geschehen sein, daß die Flamme nicht leuchtet, daß nicht alles in +blendender Helligkeit vor ihr liegt, daß der, der sie besitzt, sich über +Finsternis beklagt und eben dadurch in Gefahr kommt, tatsächlich in +Finsternis zu versinken? Wie geht das zu? Ich sagte mir weiter: +Vielleicht kannst du da Nutzen stiften, es ist dir ja schon manchmal +gelungen; da liegt so eine Seele, sagte ich mir, eine mächtige Seele und +windet sich in Zuckungen; vielleicht kannst du das trübe Medium von der +Netzhaut dieses Menschen lösen, mehr ist vielleicht nicht zu tun; das +Ganze ist eine Erkrankung des Auges; freilich nicht des physischen +Auges; was darf nicht alles Auge heißen bei den Edleren: das Herz ist +selber Auge.« + +Die häufig stockende, wie aus Bescheidenheit unsichere und zögernde Rede +des Fremden drang mit jeder Silbe unhemmbarer in Mörners Inneres. Harte +Schlacken schmolzen, der Krampf lockerte sich. + +Was für ein Mensch ist dies? dachte er zwischen zwei Atemzügen, von +denen der eine noch Qual war, der nächste schon Hoffnung. + + * * * * * + +Sie saßen im Arbeitszimmer des Schriftstellers. Der Unbekannte begann zu +erzählen. Er hatte es gewiß noch nie getan, denn es hatte unverkennbare +Erstmaligkeit. + +Es war viele Jahre her, daß er als Sohn eines reichen Hauses, verwöhnt, +umworben, wie ein Thronfolger umschmeichelt, eines plötzlichen Tages +alles von sich geworfen, alles Überflüssige, wie er sich ausdrückte: +Geld, äußere Würde, gesellschaftliche Stellung, die Freunde, die Frauen, +die Dinge, die Gewöhnungen, den Ehrgeiz, den Namen; alles von sich +abgestreift, bloß um zu leben, um wirklich zu leben. + +Mörner glaubte sich zu erinnern, davon gehört zu haben. Aber die Zeit +hatte den Eindruck des damals Vernommenen und wahrscheinlich Entstellten +verwischt. + +Der Schritt des jungen Mannes hatte Verwunderung und Kopfzerbrechen +erregt. Er verursachte auch vielen Menschen Leiden, die ihm bluts- und +wesensnah waren, aber danach durfte er nicht fragen. Er verzichtete auf +alles, was ihm lieb und unentbehrlich gewesen war und ging den Weg, den +er sich selber bahnen mußte, und der umso schwieriger und mühevoller +war, als es ein bestimmtes Ziel auf ihm nicht gab. Man mußte sehen, +wohin man kam. + +Was er unter »wirklich leben« verstand, das vermochte er weder damals +noch später befriedigend zu erklären. Man hielt ihn deshalb für einen +unklaren Kopf, und selbst diejenigen Leute, die seine herausfordernde +Luxusexistenz verurteilt hatten und seinen Bruch mit der Vergangenheit +im Prinzip billigten, zuckten über die Ausführung die Achseln. Sie +hatten etwas Besonderes, Niedagewesenes erwartet und machten aus ihrer +Enttäuschung keinen Hehl. Sich seinen Verpflichtungen entziehen, die +Schiffe hinter sich verbrennen, das kann schließlich jeder, so sprachen +sie ungefähr; Geld und Gut fortwerfen, schön; in freiwilliger Armut +leben, schön; aber angenommen sogar, daß man nicht zu den ägyptischen +Fleischtöpfen zurückkehrt, wenn einem die Geschichte eines Tages zu bunt +wird, wo ist die Idee? Was für ein Dienst wird der Menschheit damit +geleistet? Was wird bewiesen, wodurch etwas geändert? Verkündet er eine +neue Lehre? Lockt das Beispiel zur Nachahmung? Ist es überhaupt +nachahmenswert? Hat er die Welt um einen fruchtbaren Gedanken +bereichert? Nein, stellten sie fest, es ist unreife Schwärmerei, +bestenfalls eine moderne Donquichoterie; Herrenlaune im Grund, nur +verblüffender als die früheren, und genau besehen ist er derselbe Snob +geblieben, der er war, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß ihm +Übersättigung und Verzweiflung den Antrieb gegeben haben. + +So äußerten sich die meisten. Er aber kümmerte sich nicht darum. Ihre +Reden drangen bald nicht mehr zu ihm. Er schied aus ihrer Mitte. Er +schwand aus ihrem Gesichtskreis. Binnen kurzem war er verschollen. Er +ging in die Tiefen hinunter. Umkehr gab es für ihn keine. + + * * * * * + +Er erzählte, daß er ziemlich lange in der Borinage gelebt, bei den +Bergleuten; damals noch als Müßiggänger und neugieriger Gast. Der +Anblick des Elends hatte ihm diese Rolle unerträglich gemacht. Es hatte +sich eine Gelegenheit zur Überfahrt nach Amerika geboten. Drüben war er +gezwungen, sein Brot zu verdienen. Er griff zum Schwersten, ging unter +die Verlader am Hudson und war gegen Tagelohn angestellt. Er wurde +krank. Genesen, unterrichtete er die Kinder eines polnischen Flüchtlings +im Lesen und Schreiben. + +Er hielt sich in seiner Erzählung bei den selbstverständlichen +Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens nicht auf. Um seine Person war +es ihm ja nicht zu tun. Seine eigenen Leiden kamen nicht bloß nicht in +Frage dabei, sondern er nahm gar keine Notiz von ihnen, sie waren kaum +vorhanden für ihn. + +Er erzählte, immer in dem nämlichen gleichmäßigen Tonfall und ohne die +geringste Eindringlichkeit, daß er sich bei einem großen Grubenunglück +in Pensylvanien an den Rettungsaktionen beteiligt habe und wochenlang in +den Schächten gewesen sei; wochenlang in der Gesellschaft verwaister +Kinder, verwitweter Frauen, dann daß es ihn immer weiter getrieben wie +einen, der unstillbaren Durst hat und bei jedem Trunk nur noch durstiger +wird. Daß er das Leben der Metallarbeiter kennengelernt habe, berichtete +er, und das der Maschinenbauer, und das der Eisenbahnarbeiter, und das +in den Schlachthäusern, den Konservenfabriken, Spinnereien, Sägewerken +und Druckereien. Daß er mit Fischern gelebt, mit Holzfällern, mit +Kleinbürgern, mit Beamten, mit Kellnern, mit Defraudanten, mit +Bar-Tänzern, mit Negern, mit Farmern, mit Journalisten. Daß er Diener +eines Sekten-Oberhaupts gewesen, Schreiber bei einem Börsenmakler, Agent +für ein Annoncenbureau. Daß er in einer Besserungsanstalt und in einem +Zuchthaus war, nicht als unbeteiligter Besucher, sondern als Sträfling, +indem er sich mittels gefälschter Papiere für einen andern ausgegeben. +Daß er wochenlang in den unterirdischen Kanälen von Neuyork genächtigt; +in den Opiumhöhlen von Chicago gelebt und unter den Auswanderern auf +Ellis-Island als Lazarettgehilfe gedient. Daß er ein Jahr darauf mit +einer Goldsucher-Expedition nach Alaska gegangen sei; von dort nach +Japan; von dort nach China. Daß er von Peking aus ins Innere, den Fluß +entlang, gewandert sei, und mit einem tibetanischen Lama nach Madjura, +der heiligen Siedlung mit dem Lilienteich und den Türmen aus +Götterbildern; immer unter den Menschen, dicht bei den Menschen, immer +einsam, dicht bei sich, von Tag zu Tag einsamer, von Tag zu Tag +reicher, beladen mit Reichtümern, und immer noch durstig. Er erzählte +weiter. Das alles war erst Untermalung; Figur und Umriß zeigten sich +später. + +Er sprach von Schiffen und Dschunken; vom Himmel, vom Meer; von Wäldern +und Gärten; von Tempeln und Festen; von Städten und Wüsteneien; von +Heiligen und von Verbrechern; von religiöser Versunkenheit und +weltlicher Mühsal; von Aufruhr und Unterdrückung, von innigem Werkfleiß +und liebender Tat. Vom Schicksal und abermals vom Schicksal, seinem +Wechsel, seinem Grauen, seiner Herrlichkeit, seiner in alle Seelen +gewirkten Vielfältigkeit. + +Er hatte erkannt; vom Erkennen war er voll. Er hatte Kräfte in sich +geschlürft mit Begierde. Er hatte die Bindungen und Verflechtungen des +Menschheitskörpers sehen gelernt wie man die Lagerungen der Muskeln und +Adern an einem hautlosen Leib wahrnimmt. Er war vertraut mit dem Fühlen +und Denken aller Verlorenen, Irrenden, Geplagten und Duldenden an allen +Enden und Ecken der Erde. Er kannte die Lasterhaften, die Mörder, die +Diebe, die Hehler, die Geknechteten, die Einfältigen, die Erglühten, die +stummen Unverdrossenen. Für ihn zogen sich Fäden von der Küste des +indischen Ozeans bis zu den Palästen europäischer Metropolen. Alles war +ein einziger, bebender, heißer Leib; alles wie die verschlungenen Zweige +eines ungeheuren Baums. Er drückte dergleichen nicht aus, dazu war er +nicht imstande, aber es lag in seinem Aug und Wesen. + +Er war, vom Osten her, durch den Krieg gegangen, unangefochten, +bewillkommt, von schonender Luft und schonenden Händen umgeben, und wo +er war, schien er für die andern von jeher gewesen zu sein. Er hatte die +Schlachtfelder durchzogen, die Brandstätten, das blutbesudelte Land, +hüben und drüben, das zermalmte, seufzende Land. Er war Zeuge geworden +von Plünderung und Metzelei, Hunger und Haß, Wahnsinn und Lüge, +Bestialität und Verzweiflung. Aber auch von verborgenem Heldentum und +dem kleinen Glück der Genügsamen, von Opferdienst und Wundern der +Vollbringung. Er wurde nicht müde; er durfte es nicht werden, denn er +sah noch kein Ziel. + +Was mag das Ziel sein? ging es Mörner durch den Sinn, indes er lauschte +und mitlebte; in dem unendlichen Zirkel der Bilder und Vorstellungen +dachte er plötzlich an Buddhas Wiese, an die seligen Gefilde der letzten +Entäußerung, des letzten Wissens, des letzten Friedens, der letzten +Inkarnation, Höhenscheide zwischen irdischer und himmlischer Welt. + +Wußte er nicht, wohin er ging, der überaus Seltsame? Darüber war kein +Zweifel, daß er sich übernatürliche Fähigkeiten angeeignet hatte, das +heißt, von denen aus betrachtet, die noch nicht an die Natur reichen: Er +hatte sie erworben, weil sein Einsatz übermenschlich war, das heißt, von +denen aus betrachtet, die noch nicht ans Menschliche reichen. + + * * * * * + +»Ich durfte mir keinen Zweck setzen, so wie ich mich nicht binden +durfte,« sagte der Unbekannte; »im Zweck liegt schon das Übel; der Zweck +hat die Welt so ins Fieber gebracht. Nein, ich durfte mich niemals +binden, sonst hätte ich den Zusammenhang verloren. Ich mußte immer +wieder Abschied nehmen, immer wieder brechen, sonst hätte ich mich +versäumt und die wichtige Stunde. Die wichtige Stunde ist die nach der +Überwindung und dem Entschluß. Da ist die Kraft ohne Maß und Grenzen.« + +Die Stimme blieb gleich nüchtern, gleich karg, gleich unbetont; gleich +höflich die Haltung, sparsam die Gebärde. Oft spielte ein Lächeln um die +Lippen, die ungealtert waren, indes sich andere Teile des Gesichts +eigentümlich verwittert zeigten, besonders die Stirn und die +Schläfengruben; auch das Haar war an manchen Stellen silbrig angegraut. +Das scheue Lächeln schien die Versicherung zu enthalten, daß die Distanz +nicht überschritten werden würde, die der Andere vorschrieb. Der +unerhobene Ton aber, die zarte, rücksichtsvolle Bemühung um das +äußerlich Konventionelle und Gestattete verlieh den Worten eine +vollkommene Durchsichtigkeit, und Gestalt um Gestalt, Vorgang um Vorgang +entfalteten sich so rein, als lägen Schall und Stimme nicht mehr +vermittelnd dazwischen. + +»Ich liebe die Dinge,« sagte die höfliche Stimme; »ich liebe sie +manchmal bis zur Unvergeßbarkeit; sie sind oft wie Laternen über dem +Schicksal des einzelnen Menschen aufgehängt. Ich weiß nicht, ob das eine +Schwäche von mir ist, aber ich kann mich dem nicht entziehen. Ich bin +mit einem Mann gegangen, in einer kleinen Stadt, und es war Abend. Er +hatte Furcht, allein zu gehen, weil die Frau während seiner langen +Abwesenheit wieder geheiratet hatte und ihn für tot hielt. Er hatte +Furcht, wollte aber zu seinen Kindern, und ich bin mit ihm gegangen. Das +Haus lag in einer Gasse gegen den Fluß und hatte ein schiefes Dach. +Rechter Hand im Flur war ein Backofen, davor kniete eine Magd, von +schwacher Glut beschienen, und schob mit einer Stange die fertigen Brote +von den heißen Ziegeln. An der Treppe oben stand das Weib des Mannes; +sie ahnte noch nichts und trällerte ein Lied. Zu ihren Füßen spielten +zwei Kätzchen. Draußen war es feucht, das Pflaster glänzte, man hörte +den Fluß rauschen, und bisweilen ging ein Mensch an dem offenen Tor +vorüber, gebückt und eilig. Der Mann neben mir zog in seiner +Gemütserregung ein blaues, zerrissenes, wie ein Schachbrett mit +Quadraten bedecktes Tuch aus der Manteltasche und trocknete sich die +Stirn damit. Das Tuch war mir in dem Augenblick etwas unbeschreiblich +Teures; es läßt sich wirklich nicht erklären, warum, aber alles war in +ihm drin, der ganze Mensch.« + +Er senkte ein paar Sekunden lang den Kopf und fuhr fort: »So ist es mit +Schachteln, die bei armen Dienstboten in der Kommode liegen und mit +Erinnerungszeichen gefüllt sind; und mit geborstenen Steintreppen an den +Toren; und mit Photographien an den Wänden; mit einer Kerze, die nachts +irgendwo an einem Fenster brennt, und mit dem Brett, das der Tischler in +der Werkstatt hobelt. Mit den Fußspuren im Weg ist es so und mit den +Brücken über die Flüsse, aber besonders mit allem, was durch +Menschenhände geht und auf Menschen Einfluß hat. Ich habe den Ring am +Finger einer gestorbenen Frau gesehen; von wie vielem der wußte! Auf +einer Straße, durch die ich ging, lag ein zerrissener Vorhang, den man +aus einem ausgeraubten Haus geworfen hatte; wieviel Leben daran klebte! +An die Dinge geben sich ja die Menschen hin, sie sperren ihre Seelen in +sie hinein; sie sind ihr Besitz; und wenn nicht Besitz, dann das Ziel +ihrer Sehnsucht. In einer andern Stadt fand ich in einer kalten +Winternacht einen acht- oder neunjährigen Knaben halberfroren auf einer +Bank. Ich trug ihn zu einem nahegelegenen Spital, dort wurde er der +Lumpen entkleidet, die ihm am Leibe klebten, und es wurde ihm heiße +Milch eingeflößt, da er nicht bloß erfroren, sondern auch bis auf die +Knochen verhungert war. Nachdem man den Körper notdürftig von Schmutz +und Unrat gesäubert hatte, steckte man ihn ins Bett. Er lag bewußtlos, +und ich blieb die Nacht über bei ihm, man hatte es mir erlaubt. Als er +nun die Augen aufschlug und man ihn fragte, wer er sei und woher er +komme, vermochte er nicht zu antworten. Er sah beständig die weißen +Kissen an, tastete beständig mit der Hand über das weiße Linnen, das ihn +bedeckte, und in seinen Mienen war ein so maßloses Staunen, eine so +maßlose freudige Bestürzung, daß man sofort begriff, er war Zeit seines +Lebens nie in einem Bett gelegen, und erst recht nicht in einem solchen +Bett. Er glaubte allen Ernstes, daß er sich im Jenseits befand, und das +einzige, was er sprechen konnte, war: so weiß; so sauber; so weiß; und +wieder, andächtig, ungläubig, völlig verzückt: so weiß; Herr Jesus, so +weiß.« + +Der Unbekannte hielt inne und sann mit abgelöster Heiterkeit im Gesicht +vor sich hin. Dann sprach er: »In der nämlichen Stadt fügte es sich, daß +ich mich eines brustkranken Mädchens annehmen sollte, das im Laden einer +Friseurin bedienstet war. Ein Kind von sechzehn Jahren, ich erinnere +mich noch des Namens; Angelika hieß sie. Ihre Herrin hatte sie aus dem +Waisenhaus genommen, sie war ein Findling; ein munteres und zärtliches +Geschöpf, von allen wohlgelitten und ungemein geschickt in den +Verrichtungen, die man sie gelehrt hatte. Die Herrin sah aber bald, daß +das Übel rapid wuchs; der Arzt, den sie zu Rate zog, gab ihr wenig +Hoffnung und empfahl ihr, das Mädchen schleunig in eine Heilanstalt zu +bringen. Sie versuchte es, doch es war umsonst; die Behörden wiesen sie +ab, die humanitären Vereine wiesen sie ab, die reichen Leute, bei denen +sie Hilfe suchte, wiesen sie gleichfalls ab. Sie war eine robuste Frau, +nichts weniger als gefühlsselig, aber sie liebte das Mädchen wie ein +eigenes Kind, und die Aussichtslosigkeit, eine Pflegestätte für sie zu +finden, erbitterte sie. Angelika indessen ahnte nichts davon, daß ihr +Geschick ein so nahes Todesurteil über sie verhängt hatte. Sie lachte +und scherzte den ganzen Tag, und besonders war sie darauf versessen, +sich zu schmücken. In diesem Punkt war sie geradezu erfinderisch; ihre +billigen Gewänder sahen aus wie frisch aus dem Magazin; die kleinen +Geschenke, die sie von den Damen erhielt, Bänder, ein Stückchen Stoff, +eine silberne Nadel, eine Halskrause, waren Kostbarkeiten für sie, und +sie wußte sie anmutig und geschmackvoll zu verwenden. Aber ich will +Ihnen erzählen, wie ich dazu kam, mit eigenen Augen zu sehen, wie +glühend diese jungen Hände die Dinge umklammerten, die ihr Ausdruck und +Abbild des Lebens waren. Es ist eine unbedeutende Begebenheit, im großen +Ring betrachtet, aber sie hat mir viel zu denken gegeben. Die Friseurin +hatte noch ein zweites Lehrmädchen, und diese war nach und nach +eifersüchtig auf die jüngere und hübschere Kollegin geworden. Als nun +eines Tages Angelika zu einem gewöhnlichen Kundenbesuch ihr schönstes +Kleid angezogen hatte, und mit glücklichem Lächeln vor ihr stand, sagte +sie zu ihr; wozu richtest du dich so her und gibst die paar Groschen, +die du verdienst, für Plunder aus? Trachte lieber, daß du gesund wirst, +damit unsere Frau nicht so viel Scherereien deinetwegen hat; es steht +nicht zum besten mit dir, das wissen alle, bloß du nicht; also merk dirs +und werde nicht gar so übermütig. Die Worte erschreckten Angelika, und +sie fing an zu begreifen, was ihr drohte. Sie büßte ihren Frohsinn nach +und nach ein, obwohl ihre kräftige und unbefangene Natur sich immer +wieder geltend machte, selbst dann noch, als sie bettlägerig wurde und +mit jedem Tag mehr verfiel. Es war mir endlich gelungen, in einem Asyl +weit draußen vor der Stadt einen Unterschlupf für sie zu finden, +richtiger ausgedrückt, ich hatte einige schwerbewegliche Personen +aufgesucht, und diese ihrerseits hatten wieder einigen widerwilligen +Funktionären eine Zusage abgerungen, die aus freien Stücken zu geben +ihre Pflicht und ihr aufgetragenes Amt gewesen wäre. Kurz, Angelika +sollte in Pflege kommen, und ich beeilte mich, es der Frau zu melden. Es +war an dem Tage gerade ein blutiger Aufruhr in der Stadt, Soldaten und +Arbeiter zogen durch die Straßen; aus vielen Häusern wurde geschossen. +Am schlimmsten ging es in dem Viertel zu, wo die Friseurin wohnte; ich +konnte mir durch die Massen Volks kaum einen Weg bahnen. Der Laden war +geschlossen, ich stieg ins erste Stockwerk hinauf, wo sich die Wohnung +befand, doch es war niemand zu sehen. Ich wußte, wo Angelikas Kammer +war, ich hatte sie schon einmal besucht und mit ihr gesprochen. Ich +klopfte; es blieb still. Ich dachte, das Kind schlafe vielleicht, +obgleich dies bei dem wilden Lärm, der von der Straße heraufschallte, +sonderbar anzunehmen war. Als ich leise die Tür öffnete, sah ich, daß +sie nicht im Bett lag. Sie hatte sich erhoben; im langen weißen Hemd und +barfuß stand sie vor dem Spiegel, der in den Schrank eingelassen war; +die schwarzen Haare flossen bis zu den Hüften; auf dem Kopf trug sie +einen breitrandigen Hut mit zwei grauen Federn; um die Taille, über das +Hemd, hatte sie ein blauseidenes Band zur Masche geknüpft, und um den +stengelfeinen Hals eine Korallenkette gelegt. Ich trat in das ärmliche +Gemach; es bedurfte nur meines Vorsatzes dazu, daß sie mich weder sah +noch hörte; außerdem war sie viel zu hingenommen von ihrer Beschäftigung +und das Geknall und Geschrei von draußen zu heftig, als daß sie auf +mich hätte aufmerksam werden können. Ich setzte mich also in eine dunkle +Ecke. Ich konnte ihr Gesicht nur im Spiegel sehen, das totblasse, aber +von Begierde, von unbezwinglicher Lebensbegierde über und über bebende +Gesicht. Auf dem Tisch neben ihr lagen ihre Schätze, ein Haufen bunter +Bänder, ein paar wertlose Broschen und Spangen, ein Nähzeug und eine +Schale mit Winterblumen. Auf einem wackligen Stuhl davor standen ein +Paar gelbe neue Stiefletten und über der Lehne hingen Blusen, ein +Ledergürtel und ein grüner Schal. Das alles betrachtete sie mit +fließenden Blicken, bald sich selbst im Spiegel, bald die geliebten +Gegenstände. Die Sachen, nennt man es; ja, jeder hat seine Sachen, und +mit ihnen schützt er sich und schmückt er sich; sie täuschen ihm Fülle +vor, oder Freude; die Habseligkeiten; auch ein merkwürdiges Wort. Sie +griff nach Blumen in der Schale und probierte, ob sie zum Blau der +Schleife paßten; sie nickte ihrem Spiegelbild zu, vertraut, verträumt, +aufmunternd; sie spielte mit ihm und forderte es heraus, sie bog den +Kopf zur Seite und gab sich eine graziöse Haltung, und besonderes +Vergnügen bereitete ihr das Wippen der grauen Federn. Währenddem wurde +der Tumult auf der Straße immer ärger; sie vernahm es nicht. Draußen +schlugen sie eine jahrhundertalte Ordnung in Trümmer, sie genoß, was sie +als Reichtum empfand. Sie beugte sich zu den Stiefelchen herab und sagte +schalkhaft-liebkosend: ihr armen Schuhe, wer wird euch spazieren tragen, +wenn ich gestorben bin? Sie richtete sich wieder empor, schaute lange +und äußerst gespannt in den Spiegel, seufzte herzlich und sagte leise +vor sich hin: ach Gott, nie wird ein Mann bei mir schlafen. Es war +Klage, aber voller Unschuld, so daß es beinahe heiter klang und ich mich +zu lächeln nicht enthalten konnte. Doch schlich ich mich nach einer +Weile hinweg. Mehr durfte ich von dem Geheimnis nicht rauben; ich hatte +mir schon zuviel angemaßt. Den Menschen bei sich selbst erlauschen, geht +nicht an; man verrät ihn und verrät sich. Alles war Spiegelung gewesen; +der wirkliche Spiegel hatte mir Angelikas Gesicht gezeigt der andere +ihre Welt, weit zurück bis zu den Ahnen und Urahnen, die sie +hinausgestoßen hatten, als Letzte, in ein ungenügendes Stück Leben.« + + * * * * * + +Die Zeit war ohne Marke; wie lange das Schweigen gedauert hatte, konnte +Mörner nicht ermessen, als die höfliche Stimme wieder begann: »Ich +möchte Ihnen die verschlossenen Tore aufschließen; bedenk ichs recht, so +hab ich zu vielen die Schlüssel. Damit man erfahre, damit man erlebe, +muß man vieles gesehen haben, und doch ist Sehen und Erleben zweierlei, +und Leiden und Erleben ist zweierlei. Die Tat macht es nicht, und der +Wille nicht und die Ergriffenheit nicht. Jedes einzeln kann zu etwas +dienen, und doch ist der glockenhafte Widerhall nicht da, der die Sinne +löst und zum Schwingen bringt. In der Wissenschaft, glaube ich gehört zu +haben, werden jetzt mehr und mehr alle Phänomene der Natur auf die +Wellenbewegung zurückgeführt. Meiner Ansicht nach kann man auch die +sinnliche Welt in das Gesetz der Wellenbewegung einbeziehen. Es ist +vielleicht dieselbe Kraft, nicht einmal wesentlich modifiziert, die das +Licht erzeugt und zwischen zwei Menschen Haß oder Liebe hervorbringt; +dieselbe, die ein Gestirn aus seiner Bahn reißt und die Katastrophe +einer Familie oder eines Volkes bedingt. Wir haben keinen Einblick, wir +können es wahrscheinlich nie ergründen, aber wenn der Geist rein ist, +glaubt man oft, man kann es ahnen und fassen. Der nämliche Stoff flutet +durch sämtliche Seelen, und wenn das Gemüt rein ist, kann man sie ahnen +und fassen. Oft ist mir, als wär ich der andere, der mich anschaut; oft, +als wär ich in vielen drin und die Unruhe käme von der Zerstückelung. +Oft ist mir, als rollte alles Geschehen in seinen Anfang zurück, und was +Tod und Untergang scheint, wenn ich die Augen schließe, ist wie neu, +wenn ich sie dann aufschlage. Oft ist auch alles wie Wiederkehr, und das +macht eigentlich am meisten verzagt; dann wäre ja keine Rettung und kein +Hinauf. Ich hörte einmal die Geschichte von einem reichen Patrizier im +alten Rom, Valerius Asiaticus; der besaß einen so herrlichen +Hügelgarten, daß er den Neid des Kaisers Claudius erweckte, der ihn auf +unbewiesene Verleumdungen hin zum Tod verurteilte. Da man ihn die +Todesart wählen ließ, entschied er sich für die Verbrennung. An dem dazu +bestimmten Tag nahm er seine gewohnten Leibesübungen vor, badete, ging +zu Tisch und öffnete sich die Adern. Aber die Liebe zu seinen Pflanzen +war so groß, daß er in der letzten Stunde den aufgeschichteten +Scheiterhaufen nach einer anderen Stelle schaffen ließ, damit Flammen +und Rauch das Laubdach der Bäume nicht beschädigen sollten. Genau das +Gleiche, Zug für Zug, hat sich unter der Regierung der letzten Kaiserin +in China begeben, und ich habe den Mann gesehen, der das Gleiche erlitt; +ich war dabei, als er auf den Holzstoß stieg. Aber das ist vielleicht +aus zu grober Materie; Ereignis gegen Ereignis, eins der Schatten vom +andern; was besagen sie beide? Die lüsterne Phantasie nascht davon, und +es entsteht Irrtum und Dunkel. Man muß immer zum Geringen niedersteigen, +dann ist die Falte auf einer Stirn und die Windung in einem Ohr beredt +genug, und wo man geht und steht, umdröhnt einen der Lärm des Bluts, +der Wünsche, Begierden, Träume und Gedanken in allen wie das +Hämmergestampf in einer Maschinenhalle. Ohne Aufhören ist es, ohne +Stille; Rad wetzt sich an Rad, Hebel stößt Hebel. Ich bin einmal mit +einer Kolonne von Arbeitslosen marschiert, Männern und Frauen; wie es +hinter den Schädeln raste! Mir war als sausten Knüttel auf mich herab, +und doch waren die Leute ganz stumm. Ich bin einmal auf einem Schiff +gewesen, das auf eine Mine stieß; die Passagiere stürzten auf Deck, und +die Todesangst in den Gesichtern kann ich nicht vergessen. Sie waren +aufgerissen bis in die verborgensten Fasern. Schamlos werden die +Menschen da; Zucht fällt ab wie Tünche, das Gehütetste geben sie preis, +und nur Mütter und Tiere verlieren sich nicht ganz. Ich bin einmal in +Litauen oben mit drei Wucherern in einem Postwagen gefahren. Sie +sprachen wenig, und das Wenige mit Vorsicht; aber ihre Augen und ihr +Lachen und ihre Gebärden erzählten von zugrundegerichteten Existenzen, +von Bitten und Flehen, das an ihrer Unempfindlichkeit abgeprallt war; +jeder schleppte ein Netz, worin die Ausgesogenen wehrlos zappelten; und +es war, als zeigten sie einander ihre Beute. Ich folgte ihnen heimlich; +es ließ mir keine Ruhe, von ihnen viel zu wissen; ich sah Drohbriefe und +Pfandscheine und verfallenes Gut und ausgeräumte Stuben, und den +Leichtsinn der Opfer, die Verzweiflung von einem, der Wechsel gefälscht +und von einem der Geld unterschlagen und von einem, der sein Erbe +verschleudert hatte. Die drei Wucherer waren wie Pirschgänger; sie +brachten Menschen in Rudeln zu Fall; sie häuften Reichtümer an, ohne sie +zu genießen, ohne sich daran zu freuen, ihr einziges Ergötzen war die +Qual und Wut des in die Enge getriebenen Menschenwildes; als ich in +einer Nachtstunde einen allein in seinem Zimmer sitzen sah, durch das +Fenster von der Straße aus konnte ich ihn sehen, da erschrak ich, denn +das Gesicht sah aus wie das eines versteinerten, grauenhaft traurigen +Affen.« + +Der Unbekannte bedeckte hastig die Augen mit der Hand und lächelte +enigmatisch. »Um ihn war ein Geruch von Schicksalen wie von Miasmen,« +fuhr er fort; »doch ein jedes Schicksal hat seinen bestimmten Geruch, +seine bestimmte Schwere, seine Flugkraft, seine Intensität, seine +angeborene Gewalt. Es wächst oder welkt wie die Pflanze; es zieht +anderes Schicksal an oder stößt es ab, je nachdem. Es ist über den +Menschen, eine Weile oder ein Jahrtausend, je nachdem, dann in den +Menschen. Sie verhalten sich zu ihm wie mehr oder minder elektrische +Körper zum Blitz. Das Unausdenkbare, sobald es ausgedacht werden kann, +geschieht es schon oder ist geschehen; aber der es erleiden muß, dem ist +es Rätsel und Grauen. Ich war in Böhmen auf einem Gut, dessen Besitzer +seit kurzem geistesgestört war, und zwar aus folgender Ursache. Es war +ein reicher Edelmann, ohne Familie und ohne Freunde, ein menschenscheuer +Sonderling. Die einzige Person, der er vertraute, war sein Diener, mit +dem er fünfundzwanzig Jahre auf dem Schloß gehaust hatte, der für seine +Bedürfnisse sorgte, seine Launen kannte und ihm in allem demütig ergeben +war. Eines Tages wurde der alte Baron von Todesahnungen geplagt; +vielleicht ängstigte ihn die völlige Einsamkeit zum erstenmal; er rief +den Diener zu sich in die Stube und sagte ihm, daß er wahrscheinlich +bald sterben müsse, und daß er, um ihn für seine Treue und +Anhänglichkeit zu belohnen, sich entschlossen habe, ihm den großen +Meierhof zu schenken, der an den Schloßpark grenzte. Er möge für den +nächsten Morgen den Notar bestellen, damit die Schenkung rechtsgültig +festgelegt werde. Der Diener starrte eine Weile stumpf vor sich hin. +Während des ganzen Vierteljahrhunderts nämlich, das er mit seinem Herrn +verbracht, hatte er nie eine Gemütsbewegung an ihm bemerkt, nie eine +Gabe von ihm empfangen, nie ein mildes Wort von ihm gehört. Er fängt an +zu stottern; er verfärbt sich, plötzlich stürzt er vor dem Baron auf die +Knie, schluchzt vor Zerknirschung und sagt, er sei der Gnade des Herrn +unwürdig; er müsse sich eines gräßlichen Vorhabens anklagen, das er +dreimal in Tat umsetzen gewollt; dreimal habe er den Plan gefaßt, den +Herrn umzubringen; dreimal sei er des Nachts unter dem Bett des Herrn +gelegen, um ihn im Schlaf zu erwürgen; dreimal habe ihn ein Zufall daran +gehindert: einmal der Hahnenschrei; einmal das Schlagen der Pendeluhr; +das letztemal, in voriger Nacht erst, das Trompetensignal einer durch +die Dorfstraße ziehenden Militärabteilung. Der Baron wußte nichts zu +antworten. Er hieß den Diener gehen. Er verabschiedete ihn noch an +demselben Tag. Das nachträgliche Entsetzen über die dreimalige nicht +gewußte Gefahr, unter Mörderhand zu enden, umnachtete seinen Geist.« + +Der Unbekannte hatte einen Ausdruck in den Augen, als schaue er in ein +Gewühl, das fern und tief unten war. »Aber ist das nicht auch zu grob, +zu tatsächlich, zu zufällig?« fragte er gedankenvoll; »ich greife es +heraus, weil es sich herausdrängt. Ich bin zu erfüllt davon. Es haftet +auch an der Haut. Und immer ist es aneinandergereiht wie die Käfer auf +einem Pappendeckel. Man will beweisen, was man spricht. Ich sehe immer +das Exempel. Ich sehe so viele, die ihren Mörder neben sich haben; sie +füttern ihn förmlich auf und drücken ihm die Waffe in die Hand. Oft ist +es ihr eigener Schatten, der sie mordet, oft ihr Bild in einem Bruder, +einer Geliebten, einem Freund. Keiner weiß etwas vom Bruder, von der +Geliebten, vom Freund, und es ist wunderlich amüsant, zu erfahren, was +er zu wissen vorgibt. Mißverständnisse geben ihnen den stärksten Halt. +Es ist überhaupt wunderlich amüsant alles, finden Sie nicht? Immer +sehen, immer hören, jede Stunde ausschöpfen, jedes Herz aushorchen! Was +hätte ich drum gegeben, wenn ich jenen Diener noch auf dem Gut getroffen +hätte! Die fünfundzwanzig Jahre Gehorsam in Schweigen und Haß, was muß +da in seinem Gesicht zu lesen gewesen sein! Ich habe ihn lange Zeit +gesucht; leider umsonst.« + +Er beugte sich vor; die schöngeformten Hände machten eine zaghafte +Geste. »Diener! daß es solche gibt!« fuhr er fort; »daß es Knechte gibt, +und Türsteher; solche, die Kohlensäcke auf dem Rücken tragen; +Schiffszieher; solche, die in Schwefelgruben steigen; solche, die +Kloaken säubern; solche, die Bleidämpfe einatmen. Jeder mit seinem ganz +besondern Sinn. Einer hat nicht dieselben Finger wie der andere; in +zweien sind nicht zwei gleiche Gedanken, und jeder läßt sich die Last +aufbürden und schleppt und schleppt. Warum nur? Man kann nicht fertig +werden, darüber nachzudenken. Millionen Sklaven keuchen unter der Kette; +tausend rebellieren und reißen sich los, und schon zwängen sich tausend +neue an ihre Stelle. So mutlos und wundgerieben ist aber keiner, daß er +nicht ein Weib bei sich hätte und Kinder mit ihr zeugte, die auch wieder +an die Kette geschmiedet werden. Da schwillt das Leiden immer höher. In +manchen Ländern steht es bereits so, daß die Kinder mit einem alten +finstern Herzen auf die Welt kommen. Ich habe mich davon überzeugt. Ich +habe folgendes erlebt. Man geht nichts ahnend hin, und aus dem Erdboden +heraus strecken sich einem Kinderarme entgegen, lauter magere Kinderarme +wie ein Feld von Strohhalmen; die Fäustchen sind krampfhaft geschlossen, +die zarten Gelenke sind rhachitisch. Es ist äußerst merkwürdig: man kann +meilenweit wandern, zwischen Fabrikschloten und flammenden Essen, und +sie strecken sich einem unabsehbar entgegen, lauter magere Kinderarme, +wie Strohhalme, oder wie kleine geschälte Zweige. Manche brechen, manche +wachsen, jedenfalls sind es zahllose, und sie versperren einem den Weg. +Was sagen Sie dazu? Meinen Sie nicht, daß Ihre Ansicht, die Zeit sei +Ihnen entgegen, doch falsch ist? Ist sie nicht geradezu für Sie? +Geradezu wie für Sie gemacht? Ist sie nicht wie ein verdorrter Acker, +der Bewässerung verlangt, Licht und Wärme? Denken Sie nur an die +zahllosen Kinderarme. Sie können sich niederbeugen, die +zusammengekrampften Fäustchen öffnen, die frierenden Hände ergreifen. +Ich fürchte, das klingt sentimental, aber ich halte es Ihnen als +Notwendigkeit vor. Es ist, als schaute man in ein vergiftetes Bassin, wo +viele kleine Fische vor dem Krepieren noch ein bißchen zucken. Das +einzige Mittel, sie zu retten, ist, neue Quellen und Zuflüsse +hineinleiten. Sie sagen, das Werk lasse sich nicht schaffen, weil die +Geister und Seelen zerstört sind. Zum Teil ist das ja richtig. Aber war +die Auslese der Brauchbaren nicht immer sehr gering? Steht und fällt +nicht jedes Werk mit dem einen Hirn, in dem es geboren wird? Und +brauchen Sie denn die Menschen? Genügt nicht das Schauspiel von Aufstieg +und Sturz, das sie Ihnen bieten? Ist denn der große Lebensteppich +zerfetzt oder verbrannt? Sind seine Farben verblaßt? Ist er minder bunt +gewirkt als vor zehn, vor hundert, vor tausend Jahren?« + +Der Unbekannte schien in einiger Erregung. Der Ton seiner Fragen war +dringlich; er hatte die Hände ausgestreckt und sich noch weiter +vorgebeugt. »Es scheint mir nicht. Sehen Sie doch hin. Die Paare treten +zum Tanz an, der Wein wird ausgeschenkt, die Musik spielt. Es ist ein +Haus mit vielen Stockwerken; in dem einen ist Fröhlichkeit, im andern +Traurigkeit. Es ist eine Zauberhöhle mit schimmerndem Gestein. Man +braucht nicht einmal Aladdins Wunderlampe; die dienenden Geister +gehorchen dem, der den Weg gefunden hat. Wozu Gericht? Wozu Verdammung? +Nicht einmal urteilen darf man. Zerstörte Geister und Seelen, was heißt +das? Ist das eigene Auge und die eigene Seele unzerstört, so ist die +Welt unzerstört. Gäbe es eine Hölle wirklich und wären alle ihre +Verdammten losgelassen, um aus purer Raserei die Welt zu vernichten, und +es fände sich nur ein einziger unter ihnen, der beim Ruf der Erlösung +sehnsüchtig stutzt, so würde es sich verlohnen, sie von neuem +aufzubauen. Das ist meine Ansicht. Schlagen Sie die Augen empor! Fassen +Sie doch, wie ein Kind es tut, das Ungeheure, das Süße, das +Schmerzliche, das Blühende, den ungeheuren, überflutenden Reichtum. +Freilich ist eines not, wie es auch geschrieben steht. Es steht +geschrieben: Von der Neigung zu geliebten Personen mußt du so frei sein, +daß du, soviel dich anbelangt, ohne alle menschliche Verbindung zu sein +wünschest; umso näher kommt der Mensch Gott, je weiter er sich von allem +irdischen Trost entfernt. Aber das ist eine harte Aufgabe. Geöffnet sein +und im ehernen Panzer; leicht sein und schwer beladen; den Baum hegen, +der die seltenen Früchte trägt, und sie nicht für sich pflücken dürfen. +Trotzdem ist es köstlich, zu wandeln und die Luft der Erde zu atmen, +wenn man die Botschaft versteht, die einem geworden ist.« + + * * * * * + +Mörner wollte die Hand des Unbekannten ergreifen, doch der Stuhl, auf +dem er gesessen, war leer. Seine Brust hob sich mit einer Sturmwelle, er +wußte nicht, ob in freudigem, ob in wehem Gefühl. Fragen quollen ihm auf +die Lippen, die er an sich selbst richtete, aus einer Morgendämmerung +des Herzens heraus: wo gräbst du? wo wächst du? wo wirkst du? wo ist +dein Feld? wo ist dein Weg? Aber ehe er sie bedenken konnte, waren sie +von einer geisterhaft-entfernten Stimme beantwortet, und er glaubte +einen Arm zu gewahren, der ihm eine goldhäutige, strahlende Frucht +zeigte. Der Tag rauschte über das Firmament, und er begrüßte ihn. Er war +an der Wende angelangt, wo der Ausgleich ist zwischen Finsterem und +Hellem, über welchen der Bogen sich wölbt, an den die Sternbilder +geheftet sind, Inbegriff allen Schicksals. + + + + +Adam Urbas + + +Unter den Aufzeichnungen des kürzlich verstorbenen +Reichsgerichtspräsidenten Diesterweg, eines scharfsinnigen und +geistreichen Kriminalisten vom Schlage des großen Anselm Feuerbach, +befand sich auch die folgende. + +An einem Oktoberabend, zu später Stunde, kam der Bauer Adam Urbas aus +Aha, einem Dorf des südlichen Frankens zwischen Altmühl und Hahnenkamm, +auf die Gendarmeriestation in Gunzenhausen und erstattete die Anzeige, +daß er an eben diesem Tag seinem achtzehnjährigen Sohn Simon den Hals +abgeschnitten habe. Er liege tot in der Kammer zu Hause. Das Messer, mit +dem er die Tat verübt, trug er bei sich und überreichte es. Es war noch +blutig. + +Die Selbstbezichtigung, in ruhigem Ton und mit äußerst knappen Worten +vorgebracht, wurde protokolliert. Auf alle weiteren Fragen des +Kommissärs verweigerte er die Antwort. Der Lokalaugenschein, der noch in +derselben Nacht vorgenommen wurde, bestätigte seine Angaben. Man traf +ein vor Entsetzen und Jammer halbwahnsinniges Weib und bestürzte Knechte +und Mägde. + +Adam Urbas wurde ins Gefängnis nach Ansbach gebracht. + +Als ziemlich junger Richter war ich einige Wochen zuvor in diese +Kreishauptstadt versetzt worden, und meinem lebhaften Ehrgeiz war es +willkommen, daß man mich mit der Voruntersuchung betraute. + +Der Fall schien von Anfang sonnenklar. Ein anscheinend beschränkter und +in allen Vorurteilen seiner Kaste befangener Bauer hatte seinen +entarteten Sprößling, von dem er nur Schande und Unheil erfahren hatte, +kurzerhand aus dem Weg geräumt, sowohl um ein Strafgericht zu +vollziehen, als auch um noch größerem Übel, das im Entstehen war, +vorzubeugen. + +Nach den übereinstimmenden Aussagen der Zeugen war der junge Urbas ein +völlig verlottertes Individuum gewesen, arbeitsscheuer Herumtreiber, +ständiger Gast in allen Wirtshäusern und auf allen Jahrmärkten der +Gegend. Für seinen müßiggängerischen und anstößigen Wandel hatte er viel +Geld gebraucht, und was ihm die gefügige Mutter, die er einzuschüchtern +verstand, nicht gab oder geben konnte, hatte er sich auf andere Weise zu +verschaffen gewußt. So hatte er im August beim Getreidehändler Kohn in +Weißenburg auf eigene Faust achthundert Mark für gelieferte Gerste +abgeholt und das Geld unterschlagen und verpraßt. In Nördlingen hatte er +sich mit einem verrufenen Frauenzimmer eingelassen, das von ihm +schwanger zu sein behauptete; eines Tages hatte er die Person an einen +entlegenen Ort gelockt und zu erwürgen versucht. Durch ihr Geschrei +waren zufällig vorbeikommende Leute alarmiert worden, und so war sie ihm +entronnen. Über diese Angelegenheit war die Untersuchung noch im Gange, +als Adam Urbas den gerichtlichen Maßnahmen zuvorkam. + +Auch aus der Knabenzeit Simons wurden Züge und Begebenheiten berichtet, +die seinen Charakter in das übelste Licht rückten. Nichts entstammte +dem Übermut, was er verübte, es war immer voller Tücke und +Abgefeimtheit. So hatte sich z. B. die Großmagd sechs neue Leinenhemden +in der Stadt gekauft; freudig zeigte sie die Erwerbung dem übrigen +Gesinde und der Bäuerin; es wurde zur Vesper gerufen, und sie legte die +blütenweiße Wäsche auf den Tisch in der Tenne. Als sie zurückkam, waren +die Hemden mit Wagenschmiere derart besudelt, daß keines mehr brauchbar +war. Daß Simon die Büberei begangen, bezweifelte niemand, aber bewiesen +werden konnte es nicht, so wenig wie die Sache mit dem Fuhrmann Scharf. +Der hatte seinen mit Mehlsäcken beladenen Wagen vor dem Krug halten +lassen; als er weiterfahren wollte, rann das Mehl in weichen Bächen auf +die Straße; zehn oder zwölf Säcke waren heimlich aufgeschnitten worden. +Das ist der Simon Urbas gewesen und kein anderer, hieß es; bewiesen +werden konnte es nicht. + +Zur Heuchelei und Hinterlist gesellten sich später Frechheit und +Gewalttätigkeit, und alle Gutmeinenden waren darüber einig, daß da ein +Menschenunkraut emporwuchs, so hoch, daß keine Schere mehr hinanreichte, +es zu stutzen und kein Spaten stark genug war, es auszujäten. Ich hätte +auf die Fülle des gebotenen Materials verzichten können. Da war kein +Problem, keine Verworrenheit, keine Tiefe; alles war eindeutig, platt +und roh, zumindest, was den Ermordeten betraf. + +Der letzte Akt des dörflichen Schauerdramas hatte sich am Gunzenhauser +Kirchweihsonntag abgespielt. Zwei Bauern aus Windsbach hatten sich im +Wirtshaus zu Aha darüber unterhalten, daß gegen Simon Urbas ein +Verhaftsbefehl erlassen worden sei. Adam Urbas saß unbemerkt von ihnen +am Nebentisch. Die anderen Gäste und der Wirt schielten ängstlich nach +ihm hin, denn aus der Art, wie er das Glas absetzte und vom Stuhl +aufstand, war zu schließen, daß er von der Nördlinger Geschichte noch +nichts wußte. Die Schandtaten Simons wurden ihm nämlich so lang wie +möglich verhehlt. Es war seine außerordentliche Schweigsamkeit, seine +achtunggebietende Haltung und nicht zuletzt seine große Beliebtheit in +der Gemeinde und in der ganzen Gegend, die einen schonenden Wall um ihn +errichteten. Durch all die Jahre hatte auch die Bäuerin die schlimmsten +Nachrichten aufzufangen und in ihrer Wirkung auf Urbas zu mildern +gewußt. Aber wenn man annahm, daß er deshalb in Unwissenheit oder nur in +halber, in freiwilliger Unwissenheit lebte, so täuschte man sich. Er +verstand es eben, seine Umgebung über das, was er sah und in ihm +vorging, im Zweifel zu lassen. + +Die Bäuerin hatte das drohende Unglück beim Buttern von einer +schwatzhaften Magd erfahren. Als Urbas nach Hause kam, stellte sie sich +ans Fenster, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Da ging, es war +schon gegen Abend, der Ziegelarbeiter Franz Schieferer am Haus vorbei +und rief ihr zu, der Simon sei drüben in Gunzenhausen im Hirschen; er +traktierte die Manns- und Weibsleute und werfe mit Geld herum, daß es +nur so klappre; aber, fügte er lachend hinzu, denn er war stark +angeheitert, man werde den Vogel bald auf Numero Sicher haben, die +Gendarmen seien schon unterwegs. Dem war freilich nicht so, wie sich +später erwies; auch das mit dem Verhaftsbefehl war vorläufig leeres +Gerücht. + +Das ganze Gesinde war zur Kirchweih gegangen. Die Bäuerin ließ sich auf +die Wandbank nieder; Urbas wanderte mit schweren Schritten in der Stube +auf und ab. Da hörte man von der Straße herein schlürfendes Gehen, dann +wurde an der Haustürklinke gerüttelt. Fäuste polterten wider das +massive Holz, dazu erschallten Flüche. Die Bäuerin sprang auf und wollte +hinaus; Urbas hob den Zeigefinger, nichts weiter; sie verharrte auf der +Stelle. Nun zeigte sich Simons Gesicht am Fenster, von Trunkenheit +gerötet, mit Augen voller Bosheit. Die Bäuerin schrie auf und winkte ihm +zu, er solle weggehen. Er verschwand wieder, eine Weile blieb es ruhig, +dann war auf der Tenne Lärm. Er war durch die Tür auf der Hofseite ins +Haus gelangt. Im Dunkeln stieß er gegen das Gerät; man vernahm einen +Sturz; die Bäuerin riß die Stubentür auf und im hinauslohenden +Lampenschein gewahrte sie, wie sich der betrunkene Mensch mühsam vom +Boden aufrichtete. Die Arme gegen die beiden in der Stube reckend, drang +eine gräulich lästernde Rede aus seinem Mund; vielleicht war dieser +Augenblick entscheidend für Urbas. Die Bäuerin sagte aus, daß sie ihn +vom Kopf bis zu den Füßen habe zittern sehen. Simon hatte sich indessen +zu seiner Kammer getastet; er schlug dröhnend die Tür hinter sich zu, +dann war es wieder still. Urbas schaute in die finstere Tenne hinaus, +die Bäuerin stand hinter ihm, das Gesicht in die Schürze gepreßt. Das +dauerte so an fünf Minuten. Hierauf verließ Urbas die Stube und ging +hinüber in die Kammer. Die Bäuerin versicherte, daß sie geahnt und +gespürt habe, was kommen würde, daß ihr aber die Glieder wie gefroren +gewesen seien und sie während der ganzen Zeit ihrer Sinne nicht mächtig +war. Ob Simon so berauscht gewesen, daß er gleich, nachdem er sich auf +die Bettstatt geworfen, in Schlaf verfiel, oder ob sie noch miteinander +geredet, Vater und Sohn, ließ sich deshalb nicht ermitteln. Einmal sagte +sie, es sei alles still geblieben, dann wieder, sie hätten miteinander +geredet, und zwar ziemlich lange; die beiden Türen waren aber +geschlossen gewesen, und da sie nach ihrer Behauptung im Ofenwinkel +gesessen war, konnte, wie durch mehrmaligen Versuch erwiesen wurde, der +Schall von bloßem Sprechen unmöglich zu ihr gedrungen sein. Auch ihre +Angaben, wie lange Urbas in der Kammer geweilt, waren auffallend +unsicher; bald sagte sie, es könne nur eine Viertelstunde, bald, es +müßte mehr als eine Stunde gewesen sein. Das Mordmesser hatte nicht +Urbas gehört, sondern dem Sohn; ob es dieser bei sich getragen oder ob +es in der Kammer gelegen, war ebenfalls nicht zu ermitteln. Hierüber +verweigerte Urbas jede Auskunft, und so wichtig der Umstand war, er +konnte vorerst nicht ins Klare gebracht werden. + +Ich gestehe, daß mir alle diese Vorgänge trotz ihrer Unheimlichkeit +zunächst wenig Interesse einflößten. Sie waren als Begleiterscheinung +eines solchen Verbrechens typisch. Der Vater ein unbeugsamer Starrkopf, +beleidigt in seinem bäuerlichen Ehrgefühl, in echt bäuerlichem Dünkel +keine Instanz über sich anerkennend, der Sohn ein Lump, dessen +vorzeitiges und gewaltsames Ende man kaum recht bedauern konnte; die +Mutter haltlos zwischen beiden schwankend; es war die übliche +Konstellation, und die Gerechtigkeit konnte ihren Lauf nehmen, ohne daß +sie auf hemmende Dunkelheiten stieß. + +Nach und nach aber, bei genauem Einblick in die Vergangenheit und die +Art des Adam Urbas, wurde meine Aufmerksamkeit nachhaltiger gefesselt. +Es war als gingest du an einer Mauer entlang, die aussieht wie alle +andern Mauern in der Welt; plötzlich gewahrst du, erst kaum bemerkbar, +dann immer deutlicher, gewisse Zeichen und Runen, die zu prüfen ein +Etwas dich zwingt; du kommst nicht mehr los, du beginnst Gruppe um +Gruppe zu entziffern, und schließlich wird dir eine unerwartete +Mitteilung über das verschlossene Gebiet, das hinter dieser Mauer liegt. + +Die Urbassche Ehe war dreizehn Jahre kinderlos gewesen. Die Frau hatte +es als unabwendbares Schicksal getragen, der Mann aber hatte sich +aufgelehnt gegen den Spruch der Natur. Er war der Letzte eines uralten +Bauerngeschlechts; in fränkischen Chroniken des vierzehnten Jahrhunderts +schon werden die Urbas genannt. Ihn dünkte es wie Schmach, daß er keinen +Leibeserben haben sollte. Wozu war das Schaffen und Sparen, Säen und +Ernten? Wozu das Haus mit den gefüllten Truhen, das Vieh im Stall, das +Getreide in der Scheune, wozu Acker und Wiese, Mühle, Fluß und Wald? + +Er äußerte sich nicht; gegen sein Weib nicht, gegen andere Menschen +nicht. Er verzog keine Miene, wenn die andeutende Rede darauf fiel. Kein +hartes Wort das Jahr über, keine Erkundigung. + +Aber einmal im Monat geschah es, daß er den Blick auf der Frau ruhen +ließ. Es ging höhere Gewalt aus von dem Blick. Er wurde dabei nicht von +einer bestimmten Absicht gelenkt; es gewann Macht über ihn und brach +hervor. Auf dem Feld konnte es sein: er hörte auf, die Garbe zu binden +und schaute sie an; beim Abendessen: er ließ den Löffel in die Schüssel +fallen und schaute sie an; in der Nacht: die Bäuerin erwachte, er lag +da, auf den Arm gestützt und schaute sie an. Auf dem Platz vor der +Kirche: sie stand im Gespräch mit andern Weibern, plötzlich verstummte +sie, denn er stand drei Schritte vor ihr und schaute sie an. Ohne Zorn, +ohne Drohung, ohne Vorwurf, nur prüfend, aus umbuschten Augen still und +lang. + +Einmal im Monat geschah es und war mit Sicherheit zu erwarten. Anfangs +ging es der Bäuerin nicht nah. Sie hielt es für eine Schrulle. Sie gab +sich keine Rechenschaft, worauf es abzielte. Sie lachte; sie zwang sich +zu einem muntern Wort. Später duckte sie sich, flüchtete mit Sinn und +Auge; aber es kamen Stunden und schließlich Tage, wo sie in Grübeleien +verfiel und die Frage, die sie an den Bauern nicht zu richten wagte, an +seinen geisternden Schatten richtete. + +Können Menschen nicht miteinander reden? grübelte sie; wozu hat einer +die Zunge im Maul, daß er nicht sagt, was er begehrt? Sie beschloß, den +Mann anzuhalten. Doch wenn es so weit war und sie vor ihn hintrat, +entfiel ihr der Mut. Verschuldung wuchs, um Aufschluß drängte eine +Stimme, Aufschluß kam nicht, sie fühlte sich nicht schuldig, etwas war +schuldig, aber das Etwas war in ihr. + +Das wechselnde Tun während der lebendigen Jahreszeiten zwang die Tage +immer wieder ins gleiche, aber für eine immer kürzer werdende Spanne. +Die Angst vor des Bauern Blick, der auf sie eindrang, so oft das +Blutzeugnis die Schuld vergrößerte, lähmte die Gedanken. Vom November +bis zum Februar rückten die Steine und Balken des Hauses gefährlich +aneinander, in den Stuben war schwerere Luft, der Himmel klebte an den +Fensterscheiben, der Abend war ein nasser Sack um den Leib, das Linnen +schleifte bleich über die Diele, die Kühe lagen in rosigem Dampf, und +durch die Schneeschlucht heran zum Stall schwankte durch Irisringe +breitgängig, die Laterne in der Hand, die hochschwangere Magd. + +Alles war Leib, alles war Angst. Achtundzwanzig Tage und Nächte waren +ohne Einschnitt; Urbas saß am Ofen, die Pfeife zwischen den Zähnen; ging +ins Wirtshaus und kehrte am Abend zurück; saß wieder am Ofen und +studierte die Zeitung; erhob sich, wenn der Topf mit Kraut und Klößen +hereingetragen wurde; sprach das Gebet; hörte still zu, wenn die andern +redeten, und nichts Heimliches war in seinen Mienen, kein Groll, der +sich sammelte, nur Schweigen. + +Dann aber kam die Stunde. Die Bäuerin spürte es schon in jeder Ader; die +Haare fingen an zu knistern. Eine Tür ging auf, und er stand da; am +Morgen, am späten Abend; war es nicht in der Stube, so war es in der +Tenne; stand da mit dem unerforschlichen Blick. Kein Räuspern, kein +Aufzucken, kein Wort, nur der Blick: warum nicht? warum alle und du +nicht? warum liegt dein Acker brach? + +Zwölf Jahre waren so verflossen, da hatte die Kraft der Frau ein Ende. +Ihr Gemüt umdüsterte sich. In den Nächten wälzte sie sich schlaflos. +Durch die Finsternis brannten die Augen des Bauern, auch wenn er +schlief. Hörte sie bei Tag seinen Schritt, so verkroch sie sich in einen +Winkel der Scheune und kauerte zitternd, bis von allen Seiten das Rufen +nach ihr erschallte. Die Zügel der Wirtschaft waren gelockert, das +Gesinde wurde lässiger. + +Sie versagte sich ihm. Ihr graute vor seiner Umarmung. Ergab sie sich +nicht, so hatte er nichts zu fordern, schien es ihr in der Verdunkelung +ihrer Sinne. Sie wurde kalt an Haut und Blut; das Weib in ihr erstarrte. +Da aber fing Urbas an, um sie zu werben. Es war wie nie zuvor. Sie hatte +es nie kennen gelernt. Nicht mit Worten warb er, vielmehr in einem +scheuen Dienst. Es lag oft etwas Beklommenes darin, als habe sie sich +versteckt, und er müsse sie finden; als suche er und könne sie nicht +finden. Er glich einem Tier, das leidet. Ein Jahr lang oder noch länger +währte dies, und in der Zeit verlor sich die Angst der Bäuerin, denn +sie merkte, daß sie nicht bloß eine an ihn hingeworfene Kreatur in +seinen Augen war, der man zu fressen gibt und die man karessiert, wenn +sie geschuftet hat, und einen Fußtritt verabreicht, wenn sie nicht +leistet, was man von ihr verlangt, sondern daß sie noch was anderes für +ihn bedeutete, der Ehrung und der Befragung Würdiges. Sie wandte sich +ihm mit bereitwilligerem Herzen wieder zu; einen Monat darauf wurde sie +schwanger. + +Als dies keinem Zweifel mehr unterlag, verwandelte sich ihr Wesen +vollends. Mit jungen Schritten eilte sie durchs Haus, trieb die Säumigen +heiter zur Arbeit, legte selbst überall Hand an, gesprächig, hell, +aufgeblättert. Staunen war um sie. Auch Urbas wunderte sich. Sie mochte +ihm, was bevorstand, nicht geradezu ankündigen; sie wünschte eine Form, +in der es festlich und wie ein Geschenk wirken sollte. Am Gründonnerstag +legte sie das Staatskleid an, dazu die langen schwarzen Kopfschleifen +mit den silbernen Spangen, dann rief sie Urbas in die obere Stube, wo +die Glasschränke standen mit dem alten Silber und Porzellan, +Jahrhunderterbe. Gewichtig setzte sie sich in den Lehnstuhl, faltete die +Hände über dem Leib und sagte, was zu sagen war, kurz und simpel. + +Durch Urbas mächtigen Körper ging ein Ruck. Als sie von dieser Stunde +sprach, neunzehn Jahre später sich dieses Geständnisses entsann und wie +Urbas sich dabei verhalten, war ihr noch immer die Erschütterung +anzumerken, die sie damals gespürt. Sein erdbraunes Gesicht wurde rot +wie Mohn. Er stieß eine dröhnende Lache aus. Darnach rann ihm die Nässe +aus den Augen. Er trat auf sie zu und schlug sie so derb auf die +Schulter, daß sie schrie. Bestürzt, sie könne nicht als Liebkosung +nehmen, was so gemeint war, tätschelte er ihr den Rücken, zärtlich, +andächtig und ließ dazu ein melodisches Gebrumm in der Kehle orgeln. + +Auf sein strenges Geheiß mußte sie sich pflegen. Er ging heimlich zum +Doktor und bat um Weisungen. Damit die zwei Arme nicht fehlten, heuerte +er noch eine Magd. Er überwachte sie; er räumte ihr aus dem Weg, was sie +beim Schreiten hinderte. Als die Kinderwäsche genäht wurde, saß er +bisweilen mit runden Augen daneben und wiegte den schweren Schädel. + +Alles verlief der Natur gemäß, auch die Stunde am Ausgang der neun +Monate. Lange hielt Urbas das Neugeborene in der Hand, lange betrachtete +er das trübselig-ungestalte Ding. Auf seiner Stirn wetterte es freudig +und sorgenvoll. + +Simon wuchs auf wie alle andern Bauernkinder; es wurde ihm nichts +leichter gemacht. Keine Kenntnis durfte ihm davon werden, wie lang man +auf ihn gewartet hatte und mit welcher Ungeduld. Was er seinen Leuten +wert war, mußte sich aus seiner Brauchbarkeit ergeben. Frühe Launen +zerschellten an der festgefügten Ordnung; frühe Krankheiten waren die +Probe, die zu bestehen war: taugst du oder taugst du nicht? Allerdings, +wer scharf zusah, konnte dann an Urbas eine unruhige Gespanntheit +wahrnehmen, als behorche er den innersten Blutgang im Leib des Knaben. + +Das Behorchen blieb in seinen Zügen. Es grub sich faltenmäßig ein. +Schien es, wie wenn er nicht beachte, was Simon tat und sprach, so war +es falscher Schein. Niemand in seiner Umgebung konnte ermessen, mit +welcher Genauigkeit er in diesem Punkte sah. Ich erfuhr es. Ich erfuhr +es in einer Weise, die weder zu vergessen, noch eigentlich mitteilbar +ist. Es wären dazu andere Behelfe nötig, als sie mir zur Verfügung +stehen. + +Eine fast erhabene Vorstellung von dem Verhältnis zwischen Vater und +Sohn war mit seinem Wesen verschmolzen. Er fühlte sich als Bauer, d. h. +er fühlte sich als König. Die Erde war seine Erde. Der Knecht war sein +Knecht. Wetter wurde für ihn gemacht, und für den Acker, und für die +Ernte. Er war Herr über das Land; sein Auge grenzte es ab bis zu dem +Stein, der von altersher unverrückt stand; kein Halm, der nicht in +seinem Namen aufschoß. Eigentum war das Heiligste von allem, und +Eigentum war des Herrn bedürftig, daß er es wachsam und unerbittlich +verwalte, bis auf den Pfennig, bis auf das Saatkorn. Der Sohn übernahm +es vom Vater, der Vater gab es dem Sohn, durch alle Zeiten hindurch; so +war die Ordnung der Dinge, anders war die Welt nicht zu verstehn. + +Aber das heißt vorgreifen, und ich will den Faden behalten. + +Die förmlichen Verhöre, die ich mit Urbas vorzunehmen verpflichtet war, +führten zu keinem nennenswerten Ergebnis. Die Antworten waren immer +dieselben, und sie jedesmal wiederholen zu sollen, schien ihm +verwunderlich und lästig zu sein. Er beschränkte sich auf die Tatsache; +erklären wollte er nichts. Sich zu verteidigen verschmähte er, auch von +einem Rechtsbeistand wollte er nichts wissen, und meinen Belehrungen und +Ratschlägen setzte er eine obstinate Gleichgiltigkeit entgegen. Als ich +ihm nahelegte, daß er durch eine freimütige Darstellung der Beweggründe +seines Verbrechens eine bedeutende Strafmilderung erzielen könne, +antwortete er lakonisch: »Es ist nicht an dem.« Ich entschloß mich, auf +die fruchtlosen Inquisitionen zu verzichten, zumal die Zeugenaussagen +und alles, was mir über die Person des Ermordeten wie über die des +Angeklagten selbst bekannt geworden war, eine lückenlose Motivenkette +geschaffen hatten. + +Dennoch gab es zwei Momente der Ungewißheit, die aufzuhellen noch nicht +gelungen war. Das eine war das Gutachten des Gerichtsarztes über den +Leichenbefund am Tatort. Die Lage des Körpers zeigte nämlich nicht das +geringste Merkmal von verübter Gewalt, weder an der Art wie die +Gliederstarre eingetreten war, noch an den Kleidern, noch am +Gesichtsausdruck. Wäre nicht die Selbstbeschuldigung des Bauern gewesen, +so hätte sich der Beweis des Mordes schwer erbringen lassen. Das zweite +knüpfte sich an das unbestrittene Faktum, daß das Messer dem Simon Urbas +gehört hatte. Der Bauer behauptete, es sei im Hosengürtel Simons +gesteckt, und er habe es einfach herausgezogen; auch zu dieser Angabe +verstand er sich erst nach häufigem, ernstlichem Drängen. Sie trug das +Gepräge der Unwahrscheinlichkeit an sich, und am nächsten Tag widerrief +er sie auch und sagte, das Messer sei aufgeklappt auf dem Tisch gelegen; +Simon habe in der Frühe noch Brot damit geschnitten. Als ich ihm mein +Erstaunen über diese Veränderung einer wichtigen Aussage nicht +verhehlte, blickte er scheu zu Boden. Es war das einzige Mal, daß ich +etwas wie Verwirrung an ihm zu beobachten glaubte. + +Den beharrlich schweigenden Mund zum Reden zu bringen, wurde zwangvoller +Trieb für mich. Fast ununterbrochen waren meine Gedanken mit dem +Menschen beschäftigt; die Deutlichkeit der Erscheinung, die +Hartnäckigkeit, mit der sie mich verfolgte, beunruhigte und quälte mich. +Immer wieder rief mir eine Stimme zu: der Mann ist kein Mörder; das ist +der Mann nicht, der hingeht und einem andern den Hals abschneidet wie +man ein Huhn schlachtet; dem eigenen Sohn mit Abscheu erregender +Brutalität zum Henker wird. Doch hatte er es ja gestanden. Was war +vorgegangen? Auf die Frage nach der Dauer seines Aufenthalts in der +Kammer hatte er stets geschwiegen oder höchstens die Achseln gezuckt; +erst beim letzten Verhör waren ihm, beinahe wider Willen, die Worte +entschlüpft, er schätze, es könne eine halbe Stunde gewesen sein. Was +war in dieser halben Stunde vorgegangen? Er gewahrte mein Nachdenken, +und sein Gesicht verfinsterte sich. + +Ich sah, den eigentümlichen Zustand meiner Unruhe und Ungeduld zu +beenden, keinen andern Weg, als den Bezirk der Beruflichkeit zu +verlassen und ihm gegenüberzutreten, Mensch gegen Mensch. Ein gewisses +Vertrauen glaubte ich mir bei ihm erworben zu haben; so oft ich mich +bemüht gezeigt hatte, Heikles zart zu behandeln, glaubte ich eine +dankbare Regung in ihm verspürt zu haben. Zögern machte mich nur noch +die Erwägung, ob sich nicht der angeborene Argwohn gegen den Zudringling +aus der fremden Sphäre wenden würde, ob es nicht an den Mitteln zu +natürlicher Verständigung von vornherein mangle. Aber darüber halfen mir +Bild und Gestalt hinweg; Adam Urbas war ja kein Bauer gewöhnlicher +Sorte; er gehörte zu unserer Bauern-Aristokratie, seine bloße Haltung +zeugte von Scharfsinn und Noblesse, und so hoffte ich, daß ich den Weg +zu ihm nicht vergeblich bahnte. Ich überlegte nicht länger; eines Abends +im Dezember war es, als ich in das Gefängnisgebäude ging und mir die +Zelle aufsperren ließ, in der sich Urbas befand. + +Ich hatte ihm Vergünstigungen für die Haft erwirkt. Es war ein +wohnlicher Raum, anständig möbliert mit Waschtisch, Bett und Spiegel, +behaglich warm. Er saß bei der Lampe und hatte die Bibel vor sich +aufgeschlagen. Ich grüßte, zog den Mantel aus, hing ihn an den Türhaken +und setzte mich Urbas gegenüber an den Tisch. + +Sein Anblick frappierte mich jedesmal aufs neue; auch jetzt. Er war +massig wie ein Stier. Sein Kopf hatte die Rundheit der eingeborenen +fränkischen Brachycephalen, doch wies der Schädel, besonders die Bildung +an den Schläfen, Merkmale alter Zucht auf; die Knochen waren dort +auffallend dünn, die Haut bläulichgelb und fast durchscheinend. Der Mund +war weitgeschnitten, mit festverpreßten schmalen Lippen, die Nase +gebogen, mit starkem Sattel; das Gesicht, an das eines alten +Schauspielers erinnernd, war sorgfältig rasiert, die Hände waren die +eines Riesen. Die träglidrigen Augen öffneten sich selten; dann aber +hatte der Blick eine überraschende Durchdringungskraft, so daß es auch +mir nicht leicht war, ihn auszuhalten. + +Um das Gespräch einzuleiten, sagte ich, ich hätte schon lange das +Bedürfnis empfunden, ihn aufzusuchen. Ich käme aber nicht in meiner +Amtseigenschaft, sondern, wenn er wolle, als Freund, dem ein Besuch +zufällig erlaubt sei. Im Grunde sei er mein Schutzbefohlener, und ich +trüge die Verantwortung für sein Wohlergehen. + +Er blickte mich schweigend an. Nach geraumer Weile sagte er: »Sehr gütig +von Ihnen.« + +Ich wehrte ab. »So möchte ich es nicht aufgefaßt haben,« sagte ich +ungefähr; »ich wünschte, Sie sollen mir jetzt nicht mißtrauen. Dem +Richter mißtraut man, unwillkürlich. Sie denken sich: Kommt er nicht als +Beamter, um seine Akten vollzuschreiben, so kommt er doch als +Neugieriger, um zu schnüffeln. Weder das eine, noch das andere ist meine +Absicht. Die Akten sind so gut wie geschlossen; wir stehen vor der +Verhandlung. Zur Neugier ist für mich wenig Anlaß; es ist mir ja alles +bekannt, will mir scheinen. Warum ich gekommen bin, weiß ich selbst +nicht genau. Ich mußte. Es war wie Pflicht.« + +Wieder antwortete Urbas lange nicht. Endlich sagte er: »Ich glaube +Ihnen.« + +Ich griff das Wort auf. »Wenn Sie mir glauben,« erwiderte ich, »dann +können wir uns ja über das Geschehene wie zwei gute Bekannte in Ruhe +unterhalten.« + +Urbas dachte nach. Hierauf sagte er: »Wozu soll ich denn reden? Schlimm +genug, daß es hat geschehen müssen.« + +»Das ist eben die Frage,« warf ich ein; »hat es geschehen müssen? +müssen?« + +Er hob den Kopf, aber die Lider blieben gesenkt. »Daran zu zweifeln, +wäre die pure Vermessenheit,« sagte er. + +»Es gibt nicht nur einen Zweifel,« beharrte ich, »sondern die +menschliche Gesellschaft verwirft Ihre Tat und verabscheut sie. Wollte +jeder in einem solchen Fall nach eigenem Gutdünken entscheiden, so wäre +des Schreckens kein Ende, so lebten wir wie unter reißenden Bestien. Wie +Sie sich vor sich selbst und Ihrem höchsten Richter verantworten werden, +weiß ich nicht. Uns Menschen sind Sie die Verantwortung noch schuldig.« + +Urbas schüttelte den Kopf. »Was kann das Reden hinzutun oder wegtun?« +murmelte er gleichgiltig. + +»Zwischen Ihnen und uns muß reiner Tisch werden,« sagte ich; »so lange +Sie sich trotzig verschließen, bleibt alles ein wüster Graus.« + +»Wenn einer aber nicht die Worte hat?« + +»Hat er sie nicht oder verweigert er sie nur aus Hoffart und aus Trotz?« +entgegnete ich; »prüfen Sie sich.« + +Er sagte: »Die Zunge ist schwer; ich bins nicht gewohnt.« + +Seine Stirn furchte sich. Ich sah, daß ich nicht weiter in ihn dringen +durfte. Ich wartete. Endlich murrte es aus seiner Brust: »Ich hab ihn +gemacht.« Sein Blick bohrte nach unten. »Wenn ich ihn gemacht habe, darf +ich ihn dann nicht auch vertilgen?« fragte er mit einem seltsamen, +listigbösen Ausdruck. »Das mögt Ihr Leute bestreiten, soviel Ihr wollt: +den einer gemacht hat, den darf er auch wieder vertilgen, wenns nur zum +Unheil war, daß er kam. Ich hab ihn mir geholt; herausgegraben aus +seiner Mutter Schoß. Andere Weiber tragen die Frucht neun Monate. Von +der kann man sagen, sie hat sie dreizehn Jahre getragen. Ich hab ihn von +ihr verlangt; ich hab ihn vom Herrgott verlangt. Ich hab ihn mir +zurechtgerichtet, bevor er noch da war. So und so, dacht ich, wirst du +mir werden. Wie ein Stück Lehm, das einer aus dem Erdreich schneidet und +bastelt daran und knetet es nach seinem Sinn. Auf einmal hat er nichts +als eitel Dreck in der Hand. Da schmeißt ers wieder hin, von wo ers +hergenommen hat.« + +Der listigböse Zug verstärkte sich. Er musterte mich durch einen Spalt +zwischen den Lidern. »Daß es zum Unheil war, hat sich erst nach und nach +erwiesen,« sagte ich. + +Er unterbrach mich mit einer herrischen Gebärde. »Von Anbeginn mißraten. +Mißratenes Blut; ich hab es mit meiner Nase gerochen. Andere, von +schlechterer Herkunft, wachsen auf, ohne daß man ihrer viel achtet und +mißraten doch nicht. Biegen sie sich am Anfang krumm, so biegt sie die +Zeit wieder grade. Bei ihm wurde das Krumme immer krummer. Da sah ich, +es wird großes Leid entstehn. Und so wars. Jeder Tag ein Sandkorn davon, +zuletzt ein Berg. Da bin ich gestanden und habe mich gefragt: was will +das werden? Hat mans an einer Stelle fortgeschaufelt, wars an der +andern doppelt so hoch; hat mans angegriffen, ists zwischen den Fingern +zerronnen. Es war keine Hilfe.« + +»Aber können nicht auch schadhafte Keime durch eine sorgfältige Pflege +zum Gedeihen geführt werden?« hielt ich ihm entgegen. »Haben Sie sein +Gewissen zu wecken versucht? Haben Sie ihn in ernstliche Zucht +genommen?« + +Urbas hob zum erstenmal die schweren Lider, und in seinen Augen war +etwas Verstörtes. »Herr,« erwiderte er jäh, »das Element kann einer +nicht bewältigen. Schaffts das Auge nicht, so schaffts auch das Maul +nicht, hab ich mir gesagt. Schaffts das Beispiel nicht, so schaffts auch +der Prügel nicht. In dem Punkt, den Sie meinen, hat die Bäuerin ihre +Schuldigkeit getan. Eine Weibsperson versteht das besser. Wenn er nicht +hat spüren können, daß meine Stimme auch dabei war, was war dann an ihm +nutze? Wenn er nicht hat hören können, was ich ihn ohne mein Reden habe +vernehmen lassen, wär auch des Propheten Wort nur leerer Schall für ihn +gewesen. So hab ich mir gesagt. Ich bin vorangegangen, er hätte +nachgehen können; ich bin ihm nachgegangen, er hätte sich umdrehn +können. Er hat mich nicht gesehen, er hat mich nicht gehört. Mich +widerts, daß ich einen Menschen soll packen und ihm ins Ohr schreien: +Mensch, sei ordentlich. Was soll das frommen, wenns ihm nicht in der Art +liegt? Verzieht einer seine Fratze zum Hohn, während andere beten, so +ist er eine verlorene Kreatur. Zucht schlägt an, wo nicht an der Wurzel +der Wurm schon nagt.« + +»Wußten Sie denn das ganz genau?« fragte ich, und wie ich vermute, nicht +ohne Schüchternheit, denn seine Worte, seine Stimme hatten finstere +Wucht, »waren Sie denn von Ihrer eigenen Unfehlbarkeit so fest +überzeugt?« + +Er streckte den Arm über den Tisch und antwortete schweratmend: »Wenn +mein Fleisch und Blut wider mich aufsteht, so kann ich nicht mit ihm +rechten wie mit einem Händler, der mich betrügt. Wenn der Same, den ich +ausgestreut, mir als Schlangenbrut entgegenzüngelt, so kann ich nicht +wie ein Schulmeister mit dem Bakel dreinfahren. Das hat kein Verhältnis, +das hat keine Menschenwürde. Wenn einer Böses wirkt und Aberböses, auf +den man die Zukunft gebaut, unabänderlich Böses, bis Haus und Hof im +Schlamm ersticken, was soll man da tun? Soll man ihm die Knochen anders +renken, ein anderes Hirn und Herz einblasen?« + +Sein Gesicht, in seiner ganzen Mächtigkeit, bebte und flammte. Derselbe +Mann, der sich so lange, ein Lebensalter vielleicht, der mitteilenden +Rede enthalten, riß vor meinen Augen sein Inneres auf und hatte Worte, +Bilder, Töne, die mich verstummen machten und fast mit Angst erfüllten. +Doch ich hatte plötzlich den unabweisbaren Eindruck, daß er nur +scheinbar mit mir redete, nur scheinbar sich an mich wendete; daß er in +Wirklichkeit sich eines abwesenden Bedrängers zu erwehren suchte, der +nicht erst seit heute ihm mit Fragen und Vorwürfen zusetzte. Mir wollte +es scheinen, als wäre alles, was er gegen mich äußerte, schon als +feuriggärender Stoff in ihm angesammelt gewesen und nun quölle es aus +ihm heraus, schleudre sich hervor; er konnte es nicht hemmen, und +während dies Gewaltige, gewaltig Unterdrückte redete, schien er selbst +in Grimm und Qual und noch immer stumm zu lauschen. + +Übrigens klang seine Stimme ruhiger, als er mit eckigen +Kinnladenbewegungen, den Kopf gesenkt, fortfuhr: »Es könnte wer fragen: +wann hast du angefangen, alles zu wissen und wann hast du aufgehört, zu +hoffen? So frage er den Aussätzigen: wann hat deine Haut zu schwären +angefangen? Er hat es am ersten Tag gewußt, natürlicherweise, aber den +Aussatz hat er erst geglaubt, wie es ihn ins Siechenbett gezwungen. Bin +gelegen, Nacht für Nacht; hab gesonnen und gesonnen. Hab mich +durchforscht, hab ihn durchforscht. Hab dies erwogen, hab jens erwogen. +Hab zugesehen und zugesehen, wie der Aussatz um sich gefressen hat. Hab +mir den Geist zermartert, wie das Übel zu fassen wäre. Zucht! Zucht +kommt immer um den Schritt zu spät, den die Unzucht voraus hat. Das +Rohr, mit dem ich seinen Rücken zerbläut, wär mir in der Faust +zerbrochen, und die Narben auf dem Fleisch hätten ihn bloß verhärtet. +Hätt' ich ihm Regeln vorsagen sollen? Was für Regeln? welche sind +erprobt? Hätt' ich ihn an Ketten legen sollen wie einen Hund? Alles, was +ich an ihm angepackt, war doch mein. Ich der Baum, er der Zweig; ich der +Docht, er das Licht; ich das Erdreich, er der Quell. Wie soll denn der +Baum zum Zweig reden? es rinnt ja der nämliche Saft durch. Und der Docht +zum Licht? er nährt es ja. Und der Boden zum Wasser? es kommt ja aus +ihm. Schön; aber woher kommt die Schlechtigkeit? Sie ist da und breitet +sich aus wie das Feuer in dürrem Holz; aber woher kommt sie? Und was das +für ein unbarmherziges Gestaffel hat: erst die kleine Lüge, dann die +große; erst den Pfennig stiebitzt, dann den Taler; erst das Tier +malträtiert, dann den Menschen; erst Tagdieberei, dann Ehrabschneiderei; +erst ein Hansguckindieluft, dann ein Hurentreiber. Kein Respekt, kein +Glauben, keine Redlichkeit, keine Liebe. Woher ist das alles gekommen? +Aus mir? Es ist wohl schließlich an dem. Und da hab ich mich gefragt: +wo, Urbas, und wann ist dein sterblich Teil oder dein unsterbliches so +von der Hölle versengt worden, daß du solchen Stank und Unrat in die +Welt gesetzt hast? Ist denn der Mensch nichts als ein geiler Schleim, +daß er nur wieder geilen Schleim hervorbringt?« + +Er sah mich mit seinem großen Blick an wie ein Lastenschlepper, der +unter der schweren Bürde keucht. Es entstand eine Stille. Er wischte +sich mit dem Rockärmel die Feuchtigkeit von der Stirn. Ich begriff seine +Erschütterung und sie teilte sich mir mit, aber mein in Zwiespalt +geratenes Gefühl zieh ihn der Überheblichkeit, und ich konnte mich nicht +enthalten, es zu äußern. »Ein solches Maß von Verantwortung sich +zuzuschreiben, geht meines Erachtens weit über das hinaus, was einem +Menschen verstattet ist,« bemerkte ich; »übernimmt man sich in dem, wozu +man sich verpflichtet wähnt, so vergreift man sich auch in seinen +Rechten. Sie berufen sich in allen Stücken auf sich allein; als Mann und +Vater nur auf sich selbst. Wie steht dann aber die Mutter da, die doch +den gleichen Anspruch auf den Sohn hat, den stärkeren sogar? Die wird +Ihre Gründe nicht billigen und gewiß nicht die Tat, für die Sie alle +Bande der Familie zerreißen mußten.« + +»Darüber läßt sich nicht disputieren,« antwortete Urbas hart; »das geht +dorthin, wo das Denken aufhört. Ob sie meine Gründe billigt, weiß ich +nicht. Sie hat verspielt, und ich hab verspielt. Ist bei ihr der Kummer +groß, so ist bei mir die Verdammnis noch größer. Bleibt ihr nichts vom +Leben übrig, so ist mirs schon vergällt seit Jahr und Tag. Freilich ist +sie mehr zu bedauern. Wars doch als gäb ihr Leib ungern die Frucht her +und sträube sich ahndungsvoll gegen meine eitle Torheit und Ungeduld. +Man muß nur die Natur recht verstehn, aber man versteht sie mit nichten +und wills besser machen und rennt wie ein Bock wider die verriegelte +Tür. Es sollte kein Weib ein einziges Kind haben, da steht zuviel +drauf. Meine Mutter hatte neun; davon sind allerdings sieben gestorben; +meine Ahn sechzehn, und auch von denen sind acht früh mit Tod +abgegangen. Solches Sterben hat nichts Bitteres. Von den Körnern bei der +Aussaat gehen auch nicht alle auf. Ein einziges Kind soll man nicht +haben; damit nimmt man sich zuviel vor, wie beim Lotteriespiel. Da ist +kein Ausgleich, da schlägt die Flamme auf einen zurück und wird Qualm. +Einer Mutter bangt vielleicht, und ihr Gemüt fällt in Finsternis, wenn +ihr Eins und Alles verworfen ist vor Gott und Menschen; aber sie ist +drin gefangen für Zeit und Ewigkeit, und träte er mit der aufgehobenen +Hacke vor sie hin, sein Leben gälte ihr mehr als ihres. Kein Gut, kein +Böse mehr; das Blut schreit lauter. Ich derweil! Vater, hats mich +angerufen. Was ist das, Vater? hab ich mich gefragt und hab nach dem +Ursinn geforscht. Wär ich zur Magd ins Bett gegangen und hätte mit ihr +einen Sohn gezeugt, der hätte mich auch Vater genannt. Wärs dasselbe +gewesen? Es wäre nicht dasselbe gewesen. Vielleicht wär der der +Geratene, der Ehrfürchtige, der Gewünschte gewesen. Warum nicht ihn +gezeugt, warum den Mißratenen? Aber da steht das Gesetz dagegen auf, und +das Gesetz ist heilig. Und wär dann das Weib noch mein Weib gewesen? Ich +will einmal sagen: der Mann reicht weiter hinauf und hinunter denn das +Weib. Ich will auch dieses sagen: der Vater ist tiefer in der Schuld +denn die Mutter. Die Mutter sitzt am Rocksaum unseres Herrn, und er mag +ihr nichts zuleide tun. Nach dem Vater wird gefragt, er muß Rechenschaft +ablegen. Mitteninne steht er in der Geschlechterkette; die obern deuten +auf ihn, und die untern deuten auf ihn. Er darf sich nicht gefallen in +der Zärtlichkeit und Liebkosung, denn aus den Augen des Sohnes schaut +ihn die Gemeinde an, schaut ihn der Kaiser an, schauen ihn die +Altvordern an und alle, die nachher sind bis ins vierte und fünfte +Glied. Der Sohn ist ihm verliehen als ein Pfand, will ich einmal sagen, +daß er es der Welt zurückgeben soll, wenn die Zeit reif ist. Weh dem, +der mit leeren Händen kommt und sprechen muß: ich habs verwirkt.« + +Er schaute starr in die Luft, erhob sich vom Stuhl und wiederholte laut: +»Ich habs verwirkt.« Dann setzte er sich wieder. + +Ich wagte nicht die Versunkenheit zu stören, in die er fiel. Auch suchte +ich in meinen Gedanken einen Weg, der weiter führte. Von Minute zu +Minute war ich meiner Sache sicherer geworden, aber ich hatte Furcht. +Eine solche Sicherheit war in mir, daß Vorgänge, die sich bis jetzt auf +bloße Vermutungen und Kombinationen gestützt hatten, die Leuchtkraft des +Erlebten gewannen, und in einer seherischen Glut fügte sich Bild an +Bild. Zweifellos trug hiezu das Fluidum des Menschen bei, der mir +gegenübersaß, und daher auch die Furcht. Ich habe trotz einer langen +Laufbahn als ausübender Jurist und Richter, oder vielleicht durch sie, +die Übertragbarkeit außerordentlicher Seelenzustände zu oft erfahren, um +sie hier zu leugnen, wo ich plötzlich eine Fähigkeit zu entfalten +vermochte, die ihr entwuchs. Es war etwas Grandioses um den Mann; seines +Geheimnisses mich zu bemächtigen, dünkte mich fast unerlaubt; ich +zauderte; ich fand das Wort nicht; schließlich aber unterbrach ich das +tiefe Schweigen, beugte mich weit über den Tisch und fragte: »Sie sind +in die Kammer hinübergegangen, um ein Ende zu machen?« + +Er antwortete nicht. Die aufeinander gepreßten Lippen schienen sich der +Rede wieder verweigern zu wollen. Doch für mich barst diese hartnäckige +Stirn; sie öffnete sich wie ein Buch, und ich konnte in dem Raum +dahinter lesen. »Sie waren zweimal in der Kammer,« sagte ich plötzlich +aufs Geradewohl, oder vielleicht ist das falsch: aufs Geradewohl, +vielleicht geschah es unter der brennenden Eingebung und Vision des +Augenblicks; »zweimal; als Sie sie das erste Mal verließen, lebte Simon +noch. Als Sie das zweite Mal hineingingen, lag er schon als Leiche auf +dem Bett.« + +Ich hatte nie gedacht, daß das Gesicht dieses Bauern, das von Natur +braun war wie gebeiztes Holz, so weiß werden könne. Das Weiße quoll +förmlich aus den Poren heraus und überzog die Haut mit einem Schimmer +wie von nassem Kalk. Er stierte mich mit weiten Augen an, seine Backen +schlotterten, und mit beiden Händen griff er an den Hals. Nun gab es +keine Unschlüssigkeit mehr für mich; ich zwang mich zu angemessener Ruhe +und fuhr fort: »Sie sind zu ihm gegangen, um ihm Geld zu bringen. Sie +hatten an dem Sonntag kein Geld im Hause und liehen sich unmittelbar +nach Tisch zweitausend Mark von Ihrem Nachbarn Stephan Buchner aus. Ist +es nicht so? Das Geld sollte dazu dienen, daß sich Simon auf der Stelle +davonmachte. Er sollte nach einer Hafenstadt, am selben Abend noch, und +von dort nach Amerika. Ist es nicht so? Sie boten ihm das Geld, Sie +entwickelten ihm Ihren Plan, und Sie erwarteten, daß er ohne Zögern +gehorchen würde. Aber er gehorchte nicht nur nicht, sondern er schlug +auch das Geld aus. Sie fragten ihn, da begann er zu sprechen. Zuerst +war, was er vorbrachte, wirr und faselnd, denn er war noch benebelt von +dem Trinkgelage, dann aber wurde seine Rede klar, Ihnen jedenfalls +furchtbar klar. Sie standen vor ihm und schwiegen. Sie nahmen nicht +einmal Anstoß daran, daß er auf der Bettstatt liegen blieb und in die +Luft hinein sprach; denn Sie fühlten, daß er nicht den Mut gehabt hätte, +zu sprechen, wenn er Ihnen ins Gesicht hätte schauen müssen. Sie haben +zugehört, nur zugehört, und aus dem Zuhören entstand alles übrige. +Verhält es sich so oder nicht?« + +Urbas ließ den angstvollen Blick nicht eine Sekunde lang von mir. »Da +müssen Sie wohl als ein verzauberter Geist im Hause gewesen sein,« +stammelte er verstört. + +»Nein,« erwiderte ich; »es sind einfache Schlußfolgerungen aus +Tatsachen. Die unscheinbarsten Tatsachen hinterlassen oft die +eindringlichsten Spuren. Denken Sie nicht an Zauberei und Blendwerk. +Eines Menschen Tun und Treiben wirkt nach allen Richtungen hin mit +sonderbarer Gesetzmäßigkeit. Es ist, als schleudre man einen Stein ins +Wasser; die Ringe breiten sich aus und vergehen, aber die Bewegung kann +noch gemessen werden, auch wo das Auge längst nichts mehr gewahrt. In +dem Betracht kann wirklich keiner entrinnen; jeder Schritt nach jeder +Seite, was er mit dem Finger faßt und mit dem Atem behaucht, knüpft ihn +fester in das Netz. Ich besitze eine Zeugenschaft, der ich anfangs wenig +Wert beilegte; im Lauf der Zeit erst begriff ich ihre Wichtigkeit. Es +gibt da einen Eichstädter Maler namens Kießling, Freund und Zechkumpan +von Simon; ein verbummelter Kerl, eine verkommene Existenz; aber nicht +ohne derbe Aufrichtigkeit. Der wußte mancherlei zu erzählen. Wie Sie +sich erinnern werden, verschwand im vorigen Winter in Ihrem Haus eine +von den alten schönbemalten Porzellankannen. Sie, wie auch die Bäuerin, +dachten nicht anders, als daß Simon sie sich angeeignet und beim Händler +in der Stadt verklopft habe, denn es war ein wertvolles Stück; die +Bäuerin äußerte sogar den Verdacht, Kießling habe bei dem Diebstahl +seine Hand als Hehler im Spiel. Daß Simon die Kanne genommen, ist +richtig; ebenso, daß Kießling daran interessiert war; er hätte wohl den +Beuteanteil nicht verschmäht, wenn er es auch jetzt in Abrede stellt. +Aber so weit kam es gar nicht. Simon zertrümmerte die Kanne vor den +Augen seines Freundes. Sie waren in dessen Bude beisammen, drüben an der +Pleinfelder Chaussee; Simon hatte die Kanne gebracht, Kießling nahm sie, +beschaute sie, prüfte sie und wollte eben seine Anerkennung kundgeben, +als Simon sie ihm wieder entriß und mit aller Kraft gegen den Fußboden +schmetterte, wo sie natürlich in hundert Scherben zerbrach. Der andere +machte ihm zornige Vorwürfe, aber Simon, nachdem er eine Weile finster +vor sich hingebrütet, rief plötzlich aus: ich möcht ihm einmal einen +rechten Tort antun, so daß ers spürt bis in die Eingeweide hinein. +Kießling wußte nicht gleich, auf wen der Ausbruch gemünzt war; seine +Bekanntschaft mit Simon war damals noch neu; später wurde ihm dann die +Sache klar. Er sagte, er habe nie einen jungen Menschen gesehen, der +einen solchen Haß gegen seinen Vater gehegt hätte. Von Zeit zu Zeit +wiederholten sich die Anfälle, ähnlich jenem ersten; eine ohnmächtige +Erbitterung kam über ihn, ein Trieb, zu zerstören; zu anderer Zeit +wieder war es eine krankhafte Freudlosigkeit, ein melancholisches +Hindämmern und stilles Glosen. Oft schien es nicht Haß zu sein, sondern +Furcht; oft nicht Furcht, sondern etwas viel Unergründlicheres. Eine +Äußerung, die auch von dritten Personen bezeugt ist, war die: möcht ihm +einmal alles ins Gesicht sagen können, dann würde mir wohl. Was konnte +er damit gemeint haben? Abgesehen von Kießling, schildern ihn auch sonst +Leute, die ihn kannten, nicht als schlecht; es sind meist Leute, denen +man ein unbefangenes Urteil zutrauen darf. Sie bezeichnen ihn als +schwachen, leicht verführbaren Charakter, als einen Menschen ohne +Verwurzelung gleichsam; ausschweifend wie einer, der sich betäuben will, +arbeitsscheu wie einer, der fortwährend auf der Flucht ist und verfolgt +wird, lasterhaft aus innerer Öde, aber keineswegs schlecht. So beurteile +auch ich ihn jetzt. Aber von wem fühlte er sich eigentlich verfolgt? wem +hat er getrotzt? was war zu betäuben? Ich glaube, wir beide, Urbas, wir +wissen es. Wenn auch die ganze Welt darüber sich den Kopf zerbricht, wir +wissen es. Bis zu jenem Abend in der Kammer haben Sie es nicht gewußt. +Dort haben Sie es erfahren.« + +Er atmete auf; sein Gesicht zuckte wie von inneren Stößen; er schien +etwas sagen zu wollen, aber er vermochte es nicht. Doch die Lichter und +Schatten in diesem kantigen, kraftvoll bewegten und wahrhaftigen Antlitz +hatten ihre eigene Beredsamkeit; das düstere Staunen, der fast +abergläubische Schrecken über die plötzliche Enthüllung dessen, was er +für sein unantastbares, ewig verwahrtes Geheimnis gehalten, war von ihm +gewichen, aber da er das Geheimnis nicht mehr zu schützen hatte, war +auch das Gemüt der schweren Last entledigt; daher dies tiefe Aufatmen, +das mich bewegte. Ich fand mich verpflichtet, ihm noch über die letzten +Hemmnisse zu helfen, und ich sagte: »Erwägt man es genau, so sind die +Menschen weit übler daran als die Tiere. Die Tiere können einander nicht +mißverstehen. Die Menschen mißverstehen einander im Blut wie im Geist; +der Bruder den Bruder, der Freund den Freund, der Vater den Sohn. Jeder +steckt in seinem Mißverstehen wie in einem schwarzen Kellerloch, aber +eine wunderliche Verblendung macht, daß er es für eine hellerleuchtete +Wohnstube hält. Und wenn er meint, daß der Herrgott selber sich um ihn +bemüht und ihn zu seinem Sprachrohr auserwählt, so zeigt sichs am Ende, +daß es bloß der Teufel war. Dreizehn Jahre lang war Ihr ganzes Trachten +auf einen Sohn gerichtet, und wie er dann da war, haben sie achtzehn +Jahre lang gebraucht, um dahinter zu kommen, was es mit ihm für eine +Bewandtnis hatte; und da wars zu spät. Ists also nicht kläglich bestellt +um die menschliche Vernunft und Weisheit? Wozu noch fernerhin sich +verstecken, Urbas? Welchen Zweck soll es haben, sich eines Verbrechens +anzuschuldigen, das Sie nicht begangen haben? sich Mörder zu nennen an +dem, der sich selbst den letzten Weg gewiesen hat? Wozu das frevle Spiel +mit der irdischen Gerechtigkeit? wozu, Mann, wozu?« + +»Das will ich Ihnen einbekennen, wozu,« sagte Urbas, »weil nun meine +Partie doch ganz und gar verloren ist. Ich will es Ihnen einbekennen, +aber haben Sie Geduld mit mir; es fällt mir schwer.« Seine Blicke +suchten innen; seine Finger bewegten sich, als suchten auch sie: das +einschränkendste und unbedingteste Wort, die verläßlichste Übermittlung. +Er begann stockend: »Es ist wahr, ich bin hinüber zu ihm, um ihm das +Geld zu geben. An Amerika hab ich nicht gedacht; nur möglichst schnell +fort mit ihm, dacht ich, und möglichst weit, damit einem wenigstens der +Gendarm im Haus erspart wird. Ich bin hinübergegangen, und weils finster +in der Kammer war, hab ich erst die Kerze anzünden müssen, und da ist er +auf seinem Bett gelegen und hat mich angeschaut. Es ist wahr, er hat das +Geld nicht genommen; er hat das Gesicht zur Wand gedreht und die Zähne +geknirscht und gesagt, ihm könne das nicht mehr nützen. Ich bin vor der +Bettstatt gestanden und spreche zu ihm: steh auf, wenn dein Vater vor +dir steht. Da dreht er das Gesicht wieder zu mir, und weil eitel Spott +und Hohn drin geschrieben ist, schwillt mir der Zorn, und ich sage: steh +auf, wenn dein Vater vor dir steht. Er aber spricht: warum soll ich denn +aufstehen, da Ihr mich niedergeworfen habt? Die Fäuste ballen sich mir +wie von selber, und ich frage: wie denn? wie soll ich dich denn +niedergeworfen haben, du Luder? Da kommt es aus seinem Mund hervor: Ihr. +Weiter nichts. Ihr, sagt er. Ich blick ihn an, und er blickt mich an, +und eine Zeit vergeht so, dann wieder: Ihr. Darin war soviel Gift und +Wut und Geifer und solch ein verkrampftes, rabenböses Grollen, daß mir +der Speichel im Munde bitter wird. Was denn, Ihr? ruf ich ihn an; was +denn, Ihr? O Ihr, spricht er hinter den Zähnen hervor, Ihr seid mir auf +der Brust gehockt, mein Lebenlang. Da schwieg ich. Ihr habt gut vor mir +stehn und blitzen mit Euren Augen, fährt er fort; soll denn das nicht +endlich aufhören, daß Ihr mich anschaut mit Euren Augen? So ists immer +mit Euch gewesen; anschaun, anschaun, und kein Wort. Hinterm Tische +sitzen und alles von einem wissen, und kein Wort. Weit habt Ihr mich +gebracht mit Eurem Anschaun und Anschaun. Warum habt Ihr mich nicht +genommen und zu mir geredet? Niemals ein einziges Wort geredet? Da _muß_ +einen ja die Verzweiflung packen. Wie soll er denn da nicht zu den +Menschern und zu den Saufbrüdern laufen? Die reden doch, die lachen +doch, die haben doch ein gutes Wort für einen, die sagen Hü und Hott, +und man weiß, wie man mit ihnen dran ist. Ihr aber, hab ich gewußt, wie +ich mit Euch dran bin? Er liegt wieder auf der Lauer, dacht ich; er hat +was gegen dich vor, dacht ich. Ein Büblein war ich noch, ist mir schon +der Bissen im Hals steckengeblieben, wenn Ihr zur Tür hereingetreten +seid. Hundertmal und hundertmal hab ich zu Euch hingewollt, aber die +Angst vor Euch hat mirs verwehrt. Was hab ich denn verbrochen? dacht +ich, und wie ich dann was angestellt, war mir wohl und hab wenigstens +gewußt, warum, und so hat mirs nie Ruh gelassen, bis ich nicht was +Heilloses getan und den Leuten die Galle aufgeregt. Ja, ich bin +schlecht, aber ich weiß nicht, ob ichs von Geburt bin; ja, ich bin zum +Lumpenkerl geworden, aber Ihr braucht Euch deshalb nicht wie der heilige +Geist vor mir aufpflanzen, sondern solltet nachprüfen, was Ihr an mir +gefehlt habt. Denn es hätte sein können, daß ich Euch hochgeehrt hätte, +wies in den zehn Geboten steht und kirre gewesen wäre wie ein Star. Das +hätte sein können, weils in mir war und bloß herausgetrieben worden ist. +Bin ein Hundsfott geworden, und das Leben ist mir leid, und die Menscher +und die Saufbrüder sind mir leid, und es freut mich nicht mehr. Dieses +spricht er, und noch einiges, ich habs vergessen, und wälzt sich auf der +Bettstatt; und knirscht mit den Zähnen; und flennt; und lacht ingrimmig; +und kehrt sich wieder zur Wand; und schweigt. Ich denke mir: Urbas, die +Seele da ist hin, aber deine vielleicht auch. Worte hatt ich keine. Es +war eben so; was hätts gefruchtet, meinen Schöpfer anzuwinseln? Worte +hatt ich keine. Ich geh hinaus. Im Hofe schreit ich bis zum Zaun. Es ist +alles so friedlich wie in Frühjahrsnächten, wenn die Wurzeln in der Erde +ihren Saft spinnen. Ich schaue zu den Sternen hinauf, aber das kann mir +nicht dienen. Ich mache die Stalltür auf und schnuppre die saure, warme +Luft, und einer von den Ochsen hebt den Kopf, indes er mit den Zähnen +mahlt. Da überläufts mich schauerlich, und ich denke: du mußt zurück in +die Kammer, und wenn du gleich keine Worte findest, irgendwas muß sein. +Nun bin ich zurückgegangen, und wie ich eingetreten war, ist er bereits +in seinem Blut gelegen. Da bin ich dann eine lange Weile gestanden, +dann hab ich mir gesagt: wenn dem so ist, so bist du der Mörder; hat er +die Schuld bei dir gut, so mußt du sie bezahlen. Das ist es, was ich +einzubekennen habe.« + +Er kreuzte beide Hände über der offenen Bibel, und mit leiserer Stimme +und sonderbar umschattetem Blick fuhr er fort: »Ich habe einen Traum +gehabt, den will ich Ihnen noch erzählen. Es war in der Nacht, bevor +sich das ereignet hat. Der Knecht tritt in die Stube und spricht: Bauer, +die Gäule sind eingeschirrt, wir wollen fahren. Ich geh hinaus, es liegt +tiefer Schnee, die Pferde stehn am Wagen, und ich fahre. Mit eins +verlieren wir die Straße, und die Gäule waten im Schnee bis an den +Bauch. Da seh ich auf einmal den Hof hinter mir brennen und das +Schneefeld ist rot beschienen. Die Gäule fangen an zu laufen und ziehn +mich an der Leine mit, daß mir der Atem ausgeht. Ich kann die Leine +nicht loslassen, sie ist um die Hand herumgeschlungen, und wie wir gegen +die Altmühl herunterkommen, dort bei der Eisenbahnbrücke, wo das Wasser +sechzig Ellen breit ist und mehr als zehn tief, da rennen die Gäule noch +toller, und die Brandlohe bedeckt den ganzen Himmel. Der Fluß ist +zugefroren, die Gäule drauf zu, und ich denke mir in meiner Angst: wirds +die Pferde samt dem Fuhrwerk tragen? Die Gäule, schwere Ackergäule, +sausen das Ufer hinunter, aber das Eis hält. Da steht der Simon am +andern Ufer, und weil die Tiere auf der gefrornen Bahn weiterrennen, +schrei ich zu ihm hinüber: Hilf, Simon. Und er: ich muß heimgehen, der +Stall brennt, das Haus brennt. Und ich, ich kann mich nicht auf den +Wagen schwingen, die Gäule schleifen mich bereits, schrei in der +höchsten Not: Hilf, Simon, lös' mich vom Riemen los. Und er: müßt Euch +selber vom Riemen lösen, uns zweie trägt das Eis nicht. Da ruf ich ihm +zu: alles ist dein, die Gäule und das Fuhrwerk, hilf um Gotteswillen. +Nun kehrt er um, und wie er umkehrt, stehen die Gäule still; aber wie er +den ersten Schritt tut, kracht das Eis, und wie er das hantige Pferd am +Zügel faßt, bricht das Eis, und Fuhrwerk und Gäule und ich samt dem +Simon versinken im Wasser. Und im Versinken bin ich aufgewacht.« + +Er verstummte. Er erwartete keine Einrede mehr, ich hatte auch keine +mehr. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie sein Aussehen im Verlauf +weniger Minuten um Jahre älter wurde, das Kinn spitz, die Augen stumpf, +der Hals dünn, die Hände welk, die Haltung kraftlos. Der fordernde, +hadernde, gewaltige Mann, der mir gegenüber gesessen, war auf einmal ein +hinfälliger Greis. Als ich mich verabschiedete, sah er nicht empor, +schien es kaum zu merken. Das Schweigen, in das sein ganzes früheres +Leben eingehüllt gewesen, breitete sich wieder über ihn, +undurchdringlich und in den Tod fließend. Denn am andern Morgen, wo er +enthaftet werden sollte, fand ihn der Wärter am Fensterkreuz erhängt. + + + + +Golowin + + +Der halbe Mai war mit der Reise von Tula in den Kaukasus vergangen. Am +siebzehnten kam Maria von Krüdener in Kislawodsk an, wo sie Nachrichten +von ihrem Gatten zu finden hoffte. Er war bei Ausbruch der Revolution an +die englisch-russische Front nach Persien geflüchtet. Seit fünf Monaten +hatte sie kein Lebenszeichen von ihm. + +Unfern von Kislawodsk war die Besitzung seines Bruders, des Marschalls. +Ihm hatte Alexander Botschaft senden gewollt, wenn die andern Wege der +Mitteilung versperrt waren. + +Mit ihren vier Kindern und drei Dienerinnen bezog sie Wohnung im +Palasthotel. Das jüngste Kind lag noch an der Brust; sie nährte es +selbst. Es war drei Monate nach der Trennung von Alexander geboren; +hätte sie vorher nicht begriffen, was ein Pfand bedeutet, jetzt wußte +sie es. + +Beklemmend stand das ungeheure Gebirge da. Sie konnte nicht schwelgen in +seinem Anblick, es war zu sehr Mauer, und Mauer hinter Mauer bis zum +ewigen Schnee hinauf. Wie sollte man da entrinnen? Schlimm, was gewesen +war; das Blut hatte sich noch nicht beruhigt. In der ersten Nacht +träumte sie, Fäuste, ein Gewirr von Fäusten strecke sich ihr entgegen, +und jede Faust hatte Mörderaugen. Die Schnittwunde am Arm ließ die Szene +im Eisenbahnwagen nicht vergessen, als tierisch betrunkene Soldaten das +Coupefenster zerschmetterten; acht Menschen waren in dem Abteil +eingepfercht und Berge von Gepäckstücken, alles Hab und Gut, das man aus +Tula hatte fortschaffen können. Die Kinder schrien auf, als zwei Kerle +schnaubend an der Türe rissen und andere johlend nachdrängten; Dymow war +in einen Waggon nebenan gegangen, um ein Fleckchen zu finden, wo er +endlich eine Stunde schlafen konnte. Maria hatte den ersten Hieb +aufgefangen und war blutend unter die Leute getreten. Sie wichen zurück, +zu ihrer eigenen Überraschung, und senkten scheu die Augen, als ströme +eine Magie von ihr aus. Es war ihr selbst so zumute; sie glaubte an eine +in ihr verborgene Magie. + +Dennoch wäre sie ohne Dymow verloren gewesen. Iwan Dymow hatte als +Schreiber bei Gericht gedient; einfacher Mensch aus dem Volk, hatte ihn +die Revolution hinaufgehoben, er hatte Macht erlangt, die er aber nicht +mißbrauchte. Als Gutsherrin hatte ihm Maria, schon Jahre vorher, +menschliches Wohlwollen bezeigt und während einer Krankheit seinem Weibe +Hilfe geleistet. Sie dachte nicht mehr an ihn, aber in der Stunde der +Gefahr kam er von selbst. Er besorgte Pässe, bestach den Soldatenrat, +wußte den Argwohn der Bauern abzulenken, denen die Herrin eine wichtige +Geisel war, räumte alle Schwierigkeiten für die Reise hinweg, machte den +Spion, den Aufpasser, den Lastenschlepper, den Bürgen, mit immer +gleicher schweigender Ehrerbietung gegen Maria. Als er sich in +Kislawodsk von ihr verabschiedete, fragte sie bewegt, arm an Worten +sogar sie, womit sie ihm danken könne, sie fühle sich tief in seiner +Schuld. Er antwortete: »Ich werde mich glücklich schätzen, Maria +Jakowlewna, wenn Sie mir manchmal schreiben, wie es Ihnen und den +Kinderchen weiter ergangen ist.« + +War dies nicht auch Teil und Frucht jener Magie? + +Als Dame der ersten Gesellschaft, Frau eines Offiziers, Trägerin eines +großen Namens wurde sie von den Gästen des Hotels mit Freuden begrüßt +und mit Auszeichnung behandelt, obwohl man wußte, daß sie von deutscher +Herkunft war und Russin erst seit ihrer Heirat. + +Nun war sie wieder, nach langer Enthaltung, unter den Menschen ihrer +Sphäre, in der Region von Heiterkeit und umgrenzter Übereinkunft, die +ihr früher so gemäß und erwünscht gewesen war. Aber sie merkte bald, daß +nur noch eine äußerliche Zugehörigkeit bestand, und daß die Jahre, die +sie auf dem Gut verbracht, erst mit Alexander und dann allein, und wenn +auch allein, so doch noch unter seinem Gesetz und seiner Führung, sie an +ein anderes Maß und eine andere Benützung der Zeit gewöhnt hatten. Auch +konnte hier niemand in seinem Bereich verbleiben; die Elemente waren +bedenklich gemischt, und dies zu verhindern war unmöglich, weil +gemeinsames Schicksal alle zueinander trieb. Das Haus, der ganze Ort, +ehemals ein Treffpunkt der Aristokratie und Schauplatz des erlesensten +Luxus, glich einer Insel der Schiffbrüchigen und beherbergte lauter +Flüchtlinge mit ihrer letzten Habe und letzten Hoffnung, Großfürsten und +Kammerherren neben Spekulanten und Journalisten, Frauen der exklusivsten +Moskauer und Petersburger Kreise neben Koketten und Kleinbürgerinnen, +die im Krieg zu Reichtum gelangt waren. Sie waren der Hölle entronnen, +aber sie wußten, daß ihnen bloß eine Galgenfrist geschenkt war. Sie +zitterten vor der Zukunft, aber sie praßten und feierten Feste. Sie +hörten von Hinrichtungen ihrer Väter, ihrer Brüder, ihrer Freunde, aber +sie betäubten sich im Hasard und tanzten Tango und Onestep. + +Einen verläßlichen Mann zu finden, den sie mit einem Brief auf das Gut +des Marschalls schicken konnte, war Marias Bemühung sogleich. Zu ihrer +Freude erfuhr sie, daß Josef Menasse in Kislawodsk sei; er hatte von ihr +ebenfalls gehört und kam, sich zu ihrer Verfügung zu stellen. Er war +Prokurist eines großen Odessaer Bankhauses, mit welchem Alexander von +Krüdener geschäftliche Verbindung gehabt hatte. Da sie sich erinnerte, +aus Alexanders Mund hie und da das Lob von Menasses Redlichkeit +vernommen zu haben, war ihr Vertrauen sogleich unbedingt und auch in der +Folge nicht zu erschüttern. In lebhaften Ausbrüchen klagte er ihr sein +Unglück; einer wichtigen Transaktion halber war er vor mehreren Wochen +hergekommen; am Tage, wo er hätte abreisen sollen, fuhren keine Züge +mehr und jeder Versuch, den Ort zu verlassen, hieß das Leben gefährden. +Maria hörte ihm teilnehmend zu, und erst als er sich erschöpft hatte, +sprach sie von ihrer Angelegenheit. Er überlegte, sagte, er werde +Umschau halten, und drei Stunden später erschien er mit einer +Tscherkessin, die er trocken und kategorisch als die zu dem Zweck +taugliche Person empfahl. + +Der Marschall hatte seinerzeit die Heirat des jüngeren Bruders +mißbilligt. Es war zum Bruch zwischen den Brüdern gekommen, der +Marschall zeigte sich unversöhnlich und hatte sich starr geweigert, +Maria zu sehen. Man meldete ihm die Geburt der Kinder, er nahm keine +Notiz davon. Alexander hatte es ertragen ohne zu murren und ließ auch in +Maria keinen Unmut Wurzel fassen, denn er beugte sich vor dem Bruder +als einem überlegenen Charakter, dessen Handlungen und Entschlüsse er +von seiner Kritik ausschaltete. Er beugte sich, damit war alles gesagt +und auch in Maria jeder Widerspruch erstickt. Bei Ausbruch des Krieges +hatte der Marschall in einem Privatschreiben an den Zaren seine Ämter +und Würden niedergelegt, da nach seiner Überzeugung der Krieg gegen +Deutschland zum Verhängnis für Rußland werden mußte. Er hatte im +japanischen Krieg glänzende Leistungen vollbracht, und schon deshalb war +dieser Schritt keiner üblen Deutung ausgesetzt. Nun lebte er in +äußerster Zurückgezogenheit und beschäftigte sich, leidenschaftlicher +Hegelianer, mit profunden philosophischen Studien. + +Wie sich Menschen gegen sie verhielten, war Maria gleichgültig, wenn sie +ihrerseits an ihnen Freude haben oder sie ehren konnte. Würde stand ihr +über den täuschenden Einflüsterungen der Sympathie. Dazu hatte Alexander +sie erzogen. In vielen Gesprächen vieler Nächte hatte er ihr bewiesen, +daß das Prinzip der Vergeltung die Quelle alles Bösen sei. In der +Befolgung seiner Lehre war sie zu der ihr eigentümlichen geistigen +Konstanz gelangt. Der Brief an den Marschall war ein Meisterstück +unbefangener Werbung. + +So wartete sie, wartete auf Alexanders Wort und Weisung von dorther und +ahnte doch die Vergeblichkeit schon. Um sich zu zerstreuen, begann sie +den ältesten Sohn, den siebenjährigen Mitja, zu unterrichten, fand sich +aber unzureichend, das Bedürfnis des Knaben heftiger als sie vermutet +und suchte einen Lehrer für ihn. Ein Moskauer Bekannter nannte ihr einen +Studenten, Jefim Leontowitsch Tatjanow, der in einem geringen Wirtshaus +vor der Stadt wohnte. Sie ließ ihn kommen und engagierte ihn. Er war im +Gefolge eines Industriellen als Sekretär oder dergleichen gereist; +unterwegs war der Mann und die meisten seiner Leute von einer +herumziehenden Bande von Soldaten ermordet worden; nun saß Jefim +Leontowitsch völlig mittellos in diesem Ort des Überflusses. Maria +behandelte ihn mit Rücksicht und mit Achtung; dies schien ihm neu zu +sein, und seine Dankbarkeit hatte etwas Kindliches. Er kam nicht nur zu +den ausbedungenen Stunden, sondern widmete seinem Schüler alle freie +Zeit; auch die beiden Kleinen, Fedja und Aljoscha zog er durch seine +einfache Güte an sich. + +Eines Morgens war Aljoscha, der Mutter im Korridor vorauseilend, in der +Hast in ein falsches Zimmer gerannt. Maria folgte ihm lachend; er stand +bei einer majestätisch gewachsenen Dame, die ihr entgegentrat und ihr +die Hand reichte. Es war die Fürstin Nelidow. Maria geriet in +Verlegenheit, ihres Lachens halber, denn die Fürstin war in tiefer +Trauer, und die Ursache war Maria bereits bekannt. Ihr Sohn, der +dreiundzwanzigjährige Fürst Grigorji, Offizier in der kaiserlichen +Marine, hatte sich vor wenigen Tagen bei einem Ausflug im Gebirge +erschossen. + +Die Fürstin, eine Frau Mitte der Vierzig, war noch sehr schön. Sie gab +sich Maria gegenüber herzlich. Sie kannte Alexander von Krüdener von der +Zeit her, wo er im Ministerium gewesen war und sprach mit Wärme von ihm. +»Ihre Gegenwart tut mir wohl,« sagte die Fürstin, »ich hoffe, wir werden +uns häufig sehen.« Sie schlang ihren Arm um Aljoscha und streichelte ihm +das Haar. »Heute abend feiern wir das Totenmahl für Grigorji,« fuhr sie +fort; »kommen Sie doch; kommen Sie zu mir.« + +Maria empfand Mitleid; nicht nur mit der Fürstin und ihrem besonderen +Schicksal; das Mitleid mit allen diesen Menschen überflutete ihr Herz. +Namentlich den Frauen galt ihr bedauerndes Gefühl; die sorglosen und +glänzenden Wesen, bestimmt, sich zu schmücken, sich zu freuen, schienen +ihr verloren. + +Sie wollte gehen, aber die Fürstin hielt sie noch zurück. So schickte +sie Aljoscha hinaus. Die Fürstin erzählte: »Hören Sie, was sich begeben +hat. Es ist eine Person hier, sie wohnt im Hause, eine gewisse Lisaweta +Petrowna. Sie behauptet mit Grigorji verheiratet gewesen zu sein. Kurz +vor seiner Abreise aus Sebastopol, behauptet sie, sei sie ihm angetraut +worden. Sie hat keinerlei Dokumente, keine Bestätigungen, keinen Brief; +die Papiere habe man ihr gestohlen, redet sie sich aus. Sie hat sich mir +zu Füßen geworfen, hat mir die Hände geküßt und mich Mutter genannt. Den +ganzen Tag sitzt sie oben in ihrem Zimmer und weint und schluchzt. Dann +schickt sie wieder den Kellner mit Zettelchen: Erbarmen Sie sich, +Fürstin, erbarmen Sie sich Ihrer Lisaweta Petrowna, erbarmen Sie sich. +Ich kenne sie nicht. Ich weiß nichts von ihr. Grigorji hat nie mit einer +Silbe ihrer erwähnt. Wir haben sie vorher nie gesehen. Ihre Angaben zu +prüfen ist unmöglich. Was soll man da tun? Erbarmen, wie denn erbarmen? +Wahrscheinlich hat sie kein Geld; nun, man wird ihre Rechnung bezahlen. +Gestern spielte sich eine abscheuliche Szene ab. Sie kommt herein, setzt +sich zu den andern und fängt an zu weinen. Meine Nichte Jelena steht auf +und nennt sie eine Lügnerin. Lisaweta Petrowna ballt die Fäuste, wirft +sich auf den Boden und verfällt in einen Schreikrampf. Man mußte sie mit +Gewalt aus dem Zimmer schaffen. Heute früh hat man sie ohnmächtig auf +Grigorjis Grab gefunden. Sie hat einen Selbstmordversuch gemacht, so +heißt es. Jelena meint, es sei simuliert. Jelena ist außer sich, das +arme Kind. Was soll man da sagen, was soll man tun?« + +Maria beschloß sogleich, diese Lisaweta Petrowna zu besuchen, aber sie +äußerte nichts von ihrem Vorsatz, sondern lenkte das Gespräch auf den +jungen Fürsten und fragte nach Einzelheiten seines Lebens, ohne Neugier, +mit einem zarten Durchblickenlassen des gemeinsamen Gefühls der Mütter. +Die Fürstin willfahrte dankbar; es bedeutete Linderung für sie, indes +Maria aus wenigen mitgeteilten Zügen ein Bild gewann. Sie saß still und +aufmerksam vor der Fürstin, rauchte eine Zigarette und sah, und sah. Die +Gabe des inneren Gesichts wurde manchmal Last, und doch schien es ihr +wunderbar, viel zu wissen von den Menschen. Als sie sich verabschiedete, +sagte die Fürstin: »Mir ist als seien wir seit Jahren befreundet.« Maria +lächelte. + +Im Verlauf des Tages erlangten die beunruhigenden Gerüchte Gestalt, und +zwar drohendste. Kislawodsk war von den Revolutionstruppen umzingelt. +Mitja sagte mit dem stolzen Trotz, der an seinen Vater erinnerte: »Nicht +wahr, Mama, wir werden unser Leben so teuer wie möglich verkaufen?« Sie +erwiderte: »Ja, mein tapferer Liebling.« - »Schade, daß Iwan Dymow nicht +mehr bei uns ist,« seufzte er. Aber sie tröstete ihn. »Erstens bist du +ja selbst ein Held, und dann vergißt du, daß wir Jefim Leontowitsch +haben.« Mitja schaute den Studenten prüfend an, dieser errötete und +sagte mit einem Blick scheuer Ergebenheit auf Maria: »Sie haben nur zu +befehlen. Befehlen Sie, und ich gehorche.« Es lag ein Ernst und eine +Festigkeit in den Worten, die Maria veranlaßten, ihm die Hand +hinzustrecken, die er demütig mit den Lippen berührte. + +Was sollte mir zustoßen können, dachte sie, da gute Menschen um mich +sind? + +Als sie sich am Abend den Nelidowschen Gemächern näherte, drang ihr +Gelächter, Johlen, Pfropfenknallen, Gläserklirren entgegen. Eine +Streichmusik spielte eine brutal-wilde russische Melodie. Sie öffnete +die Tür zum Salon; zehn oder zwölf junge Männer, Anverwandte der +Familie, saßen um eine Tafel, zechten, sangen, rauchten; bisweilen erhob +sich der eine oder andere und warf den Musikanten Rubelscheine zu. Maria +ging in das nächste Zimmer; hier befanden sich einige ältere Herren und +Damen, aber auch ein junges, etwa achtzehnjähriges Mädchen von +blendender Schönheit. Sie hatte kurzes gelocktes Haar, eine Haut von +opalisierender Blässe und gelbliche, große, unsehende, strenge Augen. +Fasziniert blieb Maria stehen. Da wurde sie von der Fürstin Nelidow +gerufen, die in ihrem Schlafzimmer allein saß. »Ich habe auf Sie +gewartet,« sagte sie, als Maria eintrat; »setzen Sie sich zu mir, +sprechen Sie; ich höre Ihre Stimme gern.« + +Vom Salon herüber, wo so expressiv das Totenmahl gehalten wurde, tönte +ein klagender Chorgesang. + +In ihrem Bestreben, den abgeirrten, in Trauer verirrten Sinn der Fürstin +zu erwecken, kam sich Maria wie jemand vor, der sich in einem fremden +finstern Raum zurechtzufinden sucht. Die Fürstin schaute sie beständig +an, aber nur nach und nach belebte Verstehen den Blick. Maria erzählte +von der Einsamkeit der letzten Monate auf dem Gut, von Wanjas Geburt und +wie sich während der Schmerzensnacht die Sehnsucht nach Alexander zur +Gestalt verdichtet habe, so täuschend, daß sie jeden Schrei erstickt +habe, um ihm nicht zu mißfallen. Bei allem was sie getan und gedacht, +sei er unsichtbar richtend gegenwärtig gewesen. Sie erzählte von ihrem +Verkehr mit den Bauern; von dem Geist der Widersetzlichkeit und der +Feindschaft, der plötzlich in alle gefahren sei; auch die Sanftesten und +Verständigsten hätten versagt. Eines Tages hatten sie ihr Besitzrecht an +dem Wald verkündet; der Wald sollte abgeforstet und verkauft werden. Sie +habe unterhandelt; vergebens; ihnen ins Gewissen geredet; vergebens; da +sei sie allein mit den Ältesten in den Wald gegangen, wo die schlimmsten +Aufrührer schon begonnen hatten, die Stämme zu fällen. Einem von diesen +habe sie das Beil entrissen und ihm zugerufen: keinen Schlag mehr! Sie +habe ihnen vorgestellt, was für eine Sünde sie begingen; wie sie sich an +Heiligem vergriffen, an Lebendigem und wie sie das Gedächtnis ihres +Herrn schändeten, der gerecht und gütig gegen sie gewesen sei. Viele +hätten gemurrt, viele hätten aber geschwiegen und zur Erde geblickt. Sie +habe ihnen gesagt, ein Baum sei eine Kreatur Gottes wie jeder von ihnen, +und dieses seien junge Bäume, in Liebe gepflanzt und gehegt, zur +Nutznießung bestimmt für ihre Kinder und Kindeskinder und noch nicht +reif für die Axt. Ob sie Gottes Kreaturen verschachern wollten um +elendes Geld? Dann sollten sie doch auch sie selber verschachern, dann +wollte sie ihre Herrin nicht mehr sein, und sie werde nicht vom Platze +weichen, ehe sie ihr nicht in die Hand gelobt, daß sie den Wald würden +unversehrt lassen oder sie müßten sie selber niederschlagen. Darnach +hätten sie sich beraten, und die Ältesten seien zu ihr gekommen und +hätten ihr in die Hand gelobt, dem Wald solle kein Fäserchen gekrümmt +werden und sie bäten sie um Vergebung ihrer Sünde. So habe sie damals +den Wald gerettet; ob er jedoch heute noch stehe, das getraue sie sich +nicht zu sagen. + +Die Fürstin nahm Marias Hand und drückte sie. »In diesem Land leben, +heißt jede Stunde dem tückischsten Ungefähr ausgeliefert sein«, sagte +sie; »oder ist das überhaupt die Eigenschaft des Lebens und wir wußten +es nur bisher nicht, wir Begünstigten? Mir ist jetzt manchmal so bang. +Ich persönlich habe ja nicht mehr viel zu verlieren, aber mir ist so +bang um alle, die ich sehe, bang um das Volk, um die ganze Menschheit, +wenn auch die Mehrzahl nichts als Böses schafft.« + +»Es kommt wahrscheinlich auf die Mehrzahl nicht an,« erwiderte Maria; +»es kommt immer bloß auf den Einzelnen an, glaube ich. Der Einzelne ist +oft wie der wundertätige Tropfen Medizin, der einen vergifteten +Organismus heilt. Immer geht von Einem das Licht aus. In Tula mußte ich +mit meinen Kindern Quartier im Hotel nehmen; der Zug nach dem Süden fuhr +nur zweimal in der Woche. Gleich in der ersten Nacht war Alarm. Das +Hotel war von Soldaten besetzt worden, und alsbald wurde der Befehl +ausgegeben, alles Bargeld sei unverzüglich abzuliefern, niemand dürfe +das Zimmer verlassen, um acht Uhr morgens werde eine scharfe Nachsuchung +sein und jeder, bei dem dann noch irgend eine Summe sich finde, werde +standrechtlich erschossen. Bedenken Sie meine Lage; ich hatte +achtzigtausend Rubel am Leibe verborgen, alles was ich hatte flüssig +machen können; wenn man es mir nahm, war ich samt den Kindern so gut wie +verloren. Meine Dienerinnen und den treuen Begleiter hatte man von mir +entfernt, vor dem Zimmer stand eine Wache, das Geld im Zimmer zu +verstecken, war aussichtslos, ich wußte ja wie gründlich diese Leute zu +verfahren pflegten, es blieb also nichts übrig, als abzuwarten, was mit +mir geschehen würde, denn das Geld freiwillig herzugeben, daran dachte +ich keinen Augenblick. Von drei Uhr nachts bis halb zehn Uhr morgens +ging ich unaufhörlich im Zimmer auf und ab; Furcht empfand ich keine; in +meiner Absicht wankend wurde ich nicht; eine klare Vorstellung von dem, +was meiner harrte, war ebenfalls nicht in mir; fest stand einzig und +allein, daß ich mich und meine vier Knaben aus dieser Gefahr zu retten +habe, daß das meine Pflicht sei und daß es auch gelingen werde. Um neun +Uhr betraten drei Soldaten, ein Unteroffizier und ein Weib das Zimmer +der Kinder nebenan. Die Knaben wurden aus dem Schlaf gezerrt, die Möbel, +die Betten, die Dielen, die Wände, die Vorhänge, die Koffer aufs +genaueste durchsucht. Ich ging hinein. Ich sah mir die Leute an. +Finstere Gesichter, unmenschliche Stirnen, da schien keine Hoffnung. +Einer wies mich barsch hinaus; einer folgte mir ein paar Schritte, um +die Tür zu schließen. Wie ich den Kopf zurückwende, ist es mir, als sei +in den Augen dieses Menschen ein Etwas, ein gewisser Schimmer, etwas +unnennbar Fernes von Weicherem als bei den andern. Er hatte rote, kurze, +borstige Haare, die Haut besät mit Sommersprossen, und hinter seinen +wulstigen Lippen waren Zahnlücken und schwarze Zähne. Aber mich +durchbebt es; in der Eingebung eines Moments winke ich ihm. Stumm tritt +er näher. Ich reiße die Knöpfe des Kleides auf, nehme das Paket mit den +achtzig Scheinen heraus und gebe es ihm in die Hand. »Fünf Menschenleben +sind in deiner Hand,« sage ich zu ihm, »jetzt mache was du willst.« Ohne +mit der Wimper zu zucken, steckt er das Paket in die Rocktasche und +verschwindet. Die andern kommen gleich darauf in mein Zimmer. Wie +drüben wird alles um und um gewühlt, Wäsche, Kleider, Schuhe, jede +Ritze, jede Schublade untersucht. Dann bleibt das Weib allein bei mir, +ich muß mich entkleiden. Auch das ging vorüber, und sie entfernt sich. +Eine Viertelstunde danach, das Herz hatte mir die ganze Zeit bis in die +Fingerspitzen geschlagen, erscheint der rothaarige Soldat im Zimmer, +horcht eine Sekunde, zieht das unversehrte Rubelpaket aus der Tasche und +überreicht es mir schweigend. Ich stammle ein paar Worte, fassungslose, +dankverwirrte; ich frage, was ich für ihn tun könne; ihm Geld anzubieten +hatte etwas Unsinniges, da er mir ja achtzigtausend Rubel schenkte. Er +schüttelt den Kopf und sagt: »Machen Sie sich keine Gedanken darüber, +Mütterchen. Es ist leider so, daß wir in Blut und Sünde stecken bis an +den Hals. Vielleicht läßt mir Gott jetzt ein wenigs nach. Vielleicht +legt er das auf die andere Schale.« Damit geht er. Und ich, es ist ein +Zustand von Scham, in dem ich mich befinde, als hätte ich mich an dem +Menschen vergangen durch die Angst und die Zweifel vorher.« + +Während der letzten Worte noch war die schöne junge Person eingetreten. +Sie ging auf die Fürstin zu und sagte mit einer Stimme wie aus Glas und +zitternd vor Zorn: »Stepan Fedorowitsch erzählt eben, daß er diese +Lisaweta Petrowna von Petersburg her kenne. Sie sei in einem Kabarett +als Coupletsängerin gewesen und im übrigen, nun, das kann man sich ja +denken. Sie sehen also, Tante, daß Sie einer Betrügerin zum Opfer +gefallen sind und daß es nur lächerlich wäre, sich weiter um sie zu +kümmern.« + +»Meine Nichte Jelena,« stellte die Fürstin vor und nannte auch Marias +Namen. Diese lächelte in schweigendem Wohlgefallen an der Erscheinung +der jungen Fürstin. + +»Sie ist ohne Kopeke, das elende Frauenzimmer,« fuhr Jelena erbittert +fort; »der Hoteldirektor hat bereits gestern gedroht, sie auszulogieren. +Und was die Komödie an Grigorjis Grab betrifft, die darauf berechnet +war, Sie, Tante, hinters Licht zu führen, so hat die Kugel nur die Haut +gestreift, am linken Arm; sehr vorsichtig. Pfui, was für eine +unappetitliche Geschichte!« + +»Aber wenn nur ein Fünkchen Wahrheit darin ist, müssen Sie Nachsicht +haben, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. + +Jelena erbleichte. »Wie kann sie es wagen!« rief sie und schüttelte sich +vor Widerwillen; »abgesehen davon, daß sie für ihre verleumderische +Erfindung auch nicht den Schatten von Beweis aufbringen kann, bestehen +auch innere Gründe, ja innere Gründe, -« sie preßte die Lippen zusammen +und stand noch schlanker, in noch angespannterer Haltung da als bisher; +»darf man es geschehen lassen, daß sie Grigorjis Bild besudelt? Was +verlangen Sie? Warum ergreifen Sie Partei?« + +»Ich ergreife nicht Partei,« entgegnete Maria, die plötzlich den +unbestimmten Eindruck hatte, als sei Schuld und Verstellung in dem +jungen Mädchen, »ich wollte nur verhüten, daß Sie vorschnell urteilen. +Seien Sie mir nicht böse.« Sie erhob sich und ging. + +Vor ihrem Zimmer schritt Menasse auf und ab. »Das Hotel ist umstellt und +bewacht,« redete er sie sogleich an, »vor den Ausgängen stehen lauter +bis an die Zähne bewaffnete Kerle. Es ist bei Todesstrafe verboten, nach +Anbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Auf wessen Befehl, weiß +vorläufig niemand. Ob man uns schützen will oder die Mäusefalle nur +zuklappt, damit keiner entrinnt, weiß niemand. Die Sache wird ernst, es +geht an den Kragen.« + +Er öffnete eigenmächtig die Tür ihres Zimmers und zögernd wurde er +durch eine Erinnerung an gute Manieren bewogen, ihr den Vortritt zu +geben. »Passen Sie auf,« begann er wieder mit seiner komischen +Vertraulichkeit, »zu warten, bis man uns an die Mauer stellt und die +Hirnschale kaput schießt, ist Blödsinn. Wer sich nicht aus dem Staub +macht, hat sich selber zuzuschreiben die Folgen. Ich habe einen Plan. +Sie gefallen mir, die Kinderchen dauern mich, Ihren Mann verehre ich, +das ist ein Gentleman durch und durch, und wenn ich mich seiner Familie +nicht annähme in der Not, wäre es eine Gemeinheit von mir. Ich habe +einen Plan, wie gesagt. Die Vorbereitungen sind bereits getroffen. +Allerdings wird die Geschichte viel Geld kosten, aber wo's ums Leben +geht, hört sich die Billigkeit auf.« + +Er schaute sich unruhig um, hastete zur Tür, lugte durch einen Spalt +hinaus, kam wieder auf Maria zu und fuhr mit heiser gedämpfter Stimme +fort, es werde so gottlos viel Geld kosten, daß nur eine ganze Kompagnie +dafür aufkommen könne. Er habe bereits einige Leute ins Auge gefaßt, an +denen ihm gleichfalls gelegen sei, Leute, um die es gleichfalls schade +wäre; er habe ihnen von seiner Absicht gesprochen, und sie hätten ihm +Blanko-Vollmacht erteilt. Ob Maria sich anschließen wolle? Ob sie bereit +sei, sich seinen Anordnungen blindlings zu fügen? Nur bei strammer +Disziplin sei Gelingen möglich. Er habe alles genau überlegt; das Wagnis +sei groß, aber alles sei besser als sich hier abschlachten zu lassen und +in Gottes Hand stehe man schließlich überall. + +Er war klein, beweglich wie ein Gliedermann, ein bißchen schief +gewachsen, mit Augen, die fast ohne Wimpern und Brauen waren, +stutzerhaft gekleidet als käme er frisch aus dem Modemagazin und von +dem Gefühl seiner zentralen Wichtigkeit durchdrungen. + +»Gut, Herr Menasse,« sagte Maria nach kurzem Besinnen, »ich will mich +Ihnen anvertrauen. Wir sind acht Menschen, wie Sie wissen; auch meine +drei Dienerinnen müssen mit. Das ist die Bedingung, die ich meinerseits +zu stellen habe.« + +Menasse zuckte die Achseln. Das erhöhe für sie nur die Spesen, bemerkte +er geschäftlich. Mehr als sechzig nehme er nicht an. Jetzt seien es +siebenundvierzig Personen. Erforderlich an Kapital sei ungefähr eine +halbe Million Rubel, es könnten aber Umstände eintreten, durch welche +die Summe bedeutend vergrößert würde. »Vor allem ist notwendig zu +schweigen,« schloß er; »es werden sich in den nächsten Stunden ereignen +schlimme Dinge, aber verhalten Sie sich still und rühren Sie sich nicht, +bis ich Ihnen wissen lasse, was Sie zu tun haben. Von heute ab bin ich +Ihr General; da heißt es Subordination, und zwar auf den Wink. Gute +Nacht.« + +Maria sah ihm verwundert nach, wie er aus dem Zimmer schoß, säbelbeinig, +kurzhalsig, stiernackig, geladen mit Energien. Sie trat aufatmend ans +offene Fenster. Der beinah volle Mond schwamm in einem Meer von Frieden. +Schwarze Körper, wölbten sich die Hügel und Berge hinan zu den +feierlichen Riesen, deren Konturen im bläulichen Äther zitterten. Tauige +Feuchtigkeit lag in der Atmosphäre, alles Dunkel strebte nach dem +Silberlicht, die Brust der Erde, mit stummen Seufzern, hob sich gegen +die unerreichbaren Regionen. Maria hätte beten mögen, freudige Inbrunst +war in ihr, aber das Haus mit all den angstvoll pochenden Herzen, mit +all der menschlichen Verworrenheit und Finsternis, streckte Arme nach +ihr, und ihr war als sinke sie zurück. Eine Uhr schlug zwölf, da +klopfte es leise an die Tür; ohne zu erschrecken rief Maria; die Fürstin +Nelidow trat ein. Sie trug einen Schleier über den Haaren; so leise wie +sie geklopft, ging sie auf Maria zu, mit bittender Gebärde, fast wie +eine Untergebene. Ob sie störe? Wolle sich Maria Jakowlewna zur Ruhe +begeben, so werde sie gleich wieder gehen. Für sie selbst sei in diesen +Tagen an Schlaf kaum zu denken. Sie legte beide gefalteten Hände zart +auf Marias Schultern. + +Nein, sie störe durchaus nicht, antwortete Maria, auch ihr sei Schlaf +ein lästiges Vorhaben, ihr Inneres sei lauter Aufruhr und Widerklang von +vielen Stimmen. Sie setzten sich. Die elektrische Lampe auf einem +Ecktisch ließ den Raum im Dämmer. + +Es sei eine Art Neugier, von der sie herübergetrieben worden, sagte die +Fürstin; sie habe über alles nachgedacht, was Maria gesprochen, sie habe +sich gar nicht davon loszureißen vermocht. »Was ist das für eine Kraft +in Ihnen? und woher kommt sie? Wie ist es möglich, daß Sie, eine Fremde +in unserm Land, alle Verhältnisse überschauen, unseren Menschen +gegenübertreten als seien Sie eingeflochten in generationenalte +Beziehungen? Sie haben Blick und Schritt einer Wurzelnden, und es ist +nicht einmal Ihre Erde. Es ist Ihnen gegeben, die Sprache der Bauern zu +reden, Sie greifen in das dumpfe Gemüt eines vertierten Soldaten, und +Sie haben mit keinem von ihnen wirklich gelebt. Ich erzähle Ihnen von +Grigorji wie einer leiblichen Schwester, und ich bin Ihnen vorher +vielleicht zweimal flüchtig begegnet. Was sind Sie eigentlich für eine +Frau? Was ist denn das Sonderbare an Ihnen? Können Sie es erklären? Oder +bin ich zudringlich, wenn ich darum bitte?« + +»Nein, nein,« wehrte Maria lächelnd ab, »Sie überraschen mich nur -« + +»Überraschen? Weshalb? Finden Sie denn, daß ich verpflichtet bin, in +meinen Schmerz eingehüllt zu bleiben? Sie haben ihn mir noch tiefer ins +Bewußtsein gedrückt, aber zugleich haben Sie das Selbstsüchtige daran +gelockert. Wir schulden uns selbst nicht so viele Tränen wie uns die +Umgebung dadurch abpreßt, daß sie sich zur Teilnahme berechtigt glaubt. +Das Teuerste wird einem genommen, aber es zieht einen nach sich; Trauer +ist oft nur eine feinste Form von Heuchelei, und nie hungert die Seele +so nach Aufschwung wie mitten im Gram um einen unwiederbringlichen +Verlust. Ich sehe Ihnen an, daß Sie mich verstehen.« + +»Ich bewundere Ihren Mut, Fürstin. Das ist es eben, was mich überrascht +hat.« + +»Mut ist das letzte. Das letzte vor dem Ende, Maria Jakowlewna. Und wir +sind ja am Ende. Aber wollen Sie nicht meine Fragen beantworten? Können +Sie es? Sie lächeln; dieses Lächeln läßt mich hoffen.« + +Maria, die verschränkten Hände im Schoß, beugte sich vor. »Sie haben +erwähnt, daß Sie sich an Alexander von Krüdener gut erinnerten,« sagte +sie. »Die Zeit, von der Sie sprachen, liegt ja ziemlich lange zurück. +Was für einen Eindruck haben Sie von ihm behalten? Ich meine in tieferm +Sinn, nicht gesellschaftlich.« + +Die Fürstin überlegte. »Es ist schwer,« gestand sie zögernd, »ich weiß +zu viel von ihm. Wir Angehörige der obersten Schicht wissen zu viel +voneinander, um das reine Bild einer Persönlichkeit bewahren zu können. +Er kam mir sehr geschlossen vor. Unbeugsam, unbiegsam. Er ist Balte, +nicht wahr? Alle Balten sind starr. Er hatte vollendete Formen, jene +Tadellosigkeit bis ins Mark, die wie Wohlgeruch wirkt. Viele junge +Mädchen waren damals verliebt in ihn, aber auf neutral Gestimmte wirkte +er ein wenig erkältend, wie jemand, der lange einsam gewesen ist, +äußerlich oder innerlich, und über die Wege zu den Menschen nicht mehr +orientiert ist. Stimmt das?« + +Maria nickte. »Es stimmt wie eine Silhouette an der Wand. Es stimmt und +ist doch nichts. Unbeugsam, unbiegsam; darin liegt etwas vom Wesen. Er +hat mich gebogen; nicht gebeugt: gebogen. Ich hätte brechen können, dann +war ich eben nicht die, die er brauchte. Ich kam aus einer Welt ohne +feste Umrisse; man gehörte nicht zum Adel, man gehörte nicht zum +Bürgertum, man hing gesetzlos dazwischen. Ich war in Deutschland +geboren, aber in Österreich erzogen; die eigentümliche staatliche und +soziale Luft dort bedingt ein gewisses Schwanken von selbst. Ich +forderte durch mein Tun und Lassen zum Widerspruch heraus; ich war immer +anders als andere, immer auf dem Kriegsfuß mit allen. Um mich zu finden +oder etwas außer mir, das ich packen konnte, ging ich auf allen Seiten +in die Irre, schlug allem Herkommen ins Gesicht, wurde ganz wild, ganz +entfesselt, überwarf mich mit meiner Familie und den meisten Freunden, +war von Freiheitsideen besessen und in Gefahr, mich in Schwarmgeisterei +und Libertinage zu verlieren. Da traf ich Alexander. Es war der +kritische Moment. Ich war häßlich verstrickt mit meinen neunzehn Jahren, +das Sinnliche ist ja immer der Anzeiger vom Grad der Zerfallenheit; +entfesselt und verstrickt, wie sonderbar, daß man es in einem sein kann. +Aber es war ja die Zeit, wo man alles halb war, mit keiner Sache Aug in +Aug stand, und beharrte man auf einem Weg, so war man fast verfemt. Wir +sprachen uns nie, Alexander und ich. Er war mit einer offiziellen +Mission beauftragt und erschien bisweilen, sehr unterschieden von +Männern, die ich kannte, in der Gesellschaft. Daß ich seine +Aufmerksamkeit erregte, daß er mich beobachtete, spürte ich natürlich; +war ich auch meines Magnetismus sicher, der seine war noch stärker und +hatte doch nicht die Kraft, mich gleich aus meinen Ketten zu reißen. Der +Entschluß, mich in sein Leben hinüberzunehmen, traf ihn selber +unerwartet. Ich werde mich hüten, Sie mit den Einzelheiten einer +Liebesgeschichte zu langweilen; wichtig ist nur, daß wir uns heirateten +und daß jeder von uns beiden wußte, sein ganzes Schicksal kam dabei in +Frage. Was für Monate, Fürstin, was für Jahre! Wir traten uns gegenüber +wie zwei Duellanten, wie zwei Ringkämpfer. Er verriet es mir einmal: +hätte ihm nicht eine unvergeßbare Erleuchtung den Kern in mir offenbart, +er hätte mich am Anfang schon wieder nach Hause geschickt; denn ich war +zuchtlos, haltlos, voller falscher Begriffe, voller Vorurteile in bezug +auf Liebe und Ehe und Mann und Weib und Gott und Mensch. Du hast das +ganze Europa in dir, sagte er immer, und ich verstand lange nicht, was +er meinte. Ich leistete Widerstand auch hier, ich setzte ihm das +entgegen, was ich meine Persönlichkeit hieß, dieses Treibhauspflänzchen, +das er Blatt für Blatt und Faser für Faser zerrupfte, daß nichts mehr +davon übrig blieb als Beschämung und Trotz, immer noch Trotz. Und er +suchte den Kern; unermüdlich, unablässig, Tag und Nacht, mit einer +leidenschaftlichen Geduld, mit einem tiefen Wissen. Er grub mich aus mir +heraus; er riß mich auseinander, um mich neu zu machen. Es tat weh; ich +versichere Ihnen, Fürstin, es gab Tage, Wochen, wo ich zwischen Liebe +und Haß erstickt und zertreten niederbrach. Und er, hinter mir her wie +mit einer Geisterpeitsche: du mußt durch, mußt es durchleiden und wenns +dich verbrennt; besser, wir gehn ehrlich mit- und aneinander zugrunde als +ein Sterben an dreißig Jahren Mißverständnis und heimlichen Wunden. Und +endlich wuchs ich ihm zu, aus meinen Trümmern; endlich fand er mich, +gewann er mich. Es war um die Zeit, wo ich zum erstenmal schwanger war, +nach fünf Jahren; daß auch er nicht unverwandelt blieb, ist +selbstverständlich; hätte ich ihm nichts zu geben vermocht, so hätte ich +ihm ja nichts sein können, und kluge Verträge gehören zum Sieg. Doch war +ich sein Geschöpf und fühlte mich so. Er zog sich damals vom +öffentlichen Leben zurück, wir gingen auf das Gut und begannen zu +arbeiten. Jedes Ziel war gemeinsam. In Meinungen und Handlungen trafen +wir uns immer an demselben Endpunkt. Wir lasen die gleichen Bücher, +dachten die gleichen Gedanken, fällten die gleichen Urteile. Er verzieh +sich keine Nachlässigkeit, seine Strenge gegen sich hatte etwas +Mönchisches. Unmöglich ihn um eines Vorteils willen zu bewegen, das +kleinste Recht auf seine Seite zu bringen, wenn es auf der andern war; +eher hätte man Granit schmelzen können. Was er für seine Pflicht, für +seine Lebensaufgabe hielt, war nichts Begrenztes, sondern ein +ununterbrochen anschwellender Strom, und seine Hingabe war die äußerste, +er verlangte von sich das äußerste und verlangte es von mir. Ich habe +von Natur aus einen Hang zur Trägheit und Beschaulichkeit; den trieb er +mir gründlich aus; manchmal weinte ich vor Zorn und Mitleid mit mir +selbst, wenn er mir zuviel zumutete; aber es war dann doch das Richtige, +und hatte ich mich bezwungen, so konnte er durch ein gütiges Wort allen +Groll vergessen machen. Nur nicht sich verwöhnen, nur nicht sich +verzärteln, nur nicht Gefühle hinverschwenden, wo man sich entscheiden +muß, sagte er; und so verhielt er sich gegen die Welt, gegen seine +Kinder, gegen die Untergebenen. Er entkräftete jeden Einwand durch +Beispiel. In ihm lebte eine große Idee seines Volkes, eine große Idee +von Herrschaft, die durch Dienst entsteht, durch Gehorsam und Ehrung des +Brauches. Für ihn war der Zar eine göttliche Person wie für den +einfachsten Bauern. Dieses Rußland, dieses russische Volk war ihm der +heilige Nährboden der Menschheit, der Schoß der Zukunft, die +Vorratskammer der Welt. Ich spreche von ihm, ich spreche von mir. Es gab +da kein Anderssein mehr. Er und ich, wir verschmolzen gemeinsam in +dieses Mystische, von dem Kraft ausging. Wir haben es gelebt. Ich wußte, +wenn er eine Handvoll Ackererde aufhob, daß er damit das Ganze wog und +prüfte, sein Land, mit dem Himmel darüber und den Menschen darauf. Ich +wußte, wenn er unter seine Bauern trat, um Recht zu sprechen, daß er es +im Gefühl der höchsten Verantwortung tat, als meißle er den Spruch in +die Ewigkeit. Riefen sie ihn zu Hilfe, so kam er, ob es sich auch ums +Geringste handelte; Schlittenfahrten durch die brennendkalte Winternacht +waren nichts Seltenes. Sie durften ihn fordern. Dabei war er der Herr; +er verstand es, Herr zu sein. Ich war die Herrin; er machte mich zur +Herrin. Ich begriff es nach und nach. Herrin und Mutter, das galt ihm +fast eins, Mutter von vielen, und so sagen sie auch Mütterchen zur +Herrin. Das ist schön und schreibt einem den Weg vor. Wenn Sie das +bedenken, Fürstin, erscheint Ihnen dann nicht alles ganz einfach?« + +»Ich verstehe, ich verstehe,« murmelte die Fürstin; »einfach, ja. Das +Wunderbare ist schließlich immer einfach. Ich verstehe die Entwicklung, +verstehe Ihr Herz, aber, #après tout#, sind Sie denn nicht vollkommen +enttäuscht? War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es so steht? wo wir +ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?« + +»Ich bin nicht enttäuscht,« antwortete Maria; »der Weg geht weiter. Ich +bin auch nicht ohne den Herrn, welche Bedeutung immer Sie dem Wort +geben.« + +Die Fürstin fragte: »Seit wann ist Ihr Gatte von Ihnen fort?« + +»Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich den letzten Brief.« + +»Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja ein beklommener +Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem solchen Verhältnis.« + +»Es gehört zum Weg,« sagte Maria. »Ich weiß, daß er mit mir im Raum ist, +kommt es da auf die Ferne an? Schließ ich die Augen nur eine kurze Zeit, +so seh ich ihn, hör ich ihn, muß lächeln über gewisse Eigenheiten beim +Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, berate mich mit +ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.« + +Die Fürstin entgegnete: »Sie haben Phantasie, Maria Jakowlewna. Ich will +Ihr Gefühl nicht verkleinern; alles, was Sie sagen, flößt mir +Hochachtung ein und bestätigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar +wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie beruhigend, mit Ihnen +zu plaudern, ja bloß dazusitzen und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir +eines. Ich glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, daß sie Ihnen +die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das Schicksal eines so +geliebten Menschen überwinden hilft; aber fühlen Sie sich nicht auch +befreit? Erwidern Sie noch nichts, einen Augenblick noch; es ist so +heikel; die Worte sind schwer zu finden; ich möchte nicht in den +Verdacht kommen, daß ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren will +-« + +»Sie können alles sagen, ich werde es bestimmt nicht mißverstehen,« warf +Maria freundlich ein. + +Die Fürstin fuhr fort: »In Ihnen ist viel Leidenschaft. Sie sind sicher +die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet bin. Dabei aber auch +die unnahbarste. Ich meine das in einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu +gelangen, allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gefäß zu schließen und +sich den Schritt ins Unbekannte für immer zu verbieten? Wie erreicht man +diese Unerschütterlichkeit? Frauen sind entsetzlich preisgegebene Wesen. +Man gibt sich entweder hin oder man hält sich zurück; im einen wie im +andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum betrogen. Und da ist +nun eine, die sich ein so festes Haus gezimmert hat, daß der Teufel +keinen Platz darin findet. Man rüttelt an Tür und Mauern, um die Stelle +zu entdecken, wo es brüchig ist. Weil man doch selber in einer Ruine +wohnt und der Neid einen quält. Sagen Sie mir also: war es nicht ein +unerträglicher Despotismus? Zuweilen nur, zuweilen -? Sind Sie nicht +jetzt in Ihrem verborgensten Innern irgendwie erlöst oder bloß +erleichtert? Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe? +War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle die Jahre, und +haben Sie nicht heute die Empfindung, das Leben steht möglicherweise mit +einem kostbaren Geschenk an der Pforte und Sie dürfen es ohne große +Skrupel nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das Geschenk nehmen. +Ich meine: ist Ihr Gemüt und Geist so bis zum Rand ausgefüllt von diesem +einen Menschen und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, daß +es darüber hinaus keine Regung mehr für Sie gibt, keine Verlockung, +keine Versuchung? Sie sind ja Weib durch und durch; an Ihnen blüht und +leuchtet ja alles. Wär ich ein Mann, was würde ich nicht aufs Spiel +setzen, um Sie zu gewinnen. Sie erröten; wie schön, wie rührend! Wie ein +junges Mädchen. Aber antworten Sie, antworten Sie mir.« + +Maria spürte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte sie: »Vier +Kinder, Fürstin. Neben all dem, wie nannten Sie es? dem +Unerschütterlichen, vier Kinder. Haben Sie meine Kinder gesehen?« + +Die Fürstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme, die dem schwarzen +Kleid weiß entflossen, auf den Tisch gelegt und Maria, zu spät beschämt +von ihrer mütterlichen Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den +Gedanken: auch ich war Mutter. Sie stützte den Kopf in die Hand, und +nach einer Weile begann sie: »Das war ein egoistisches Wort, Fürstin. +Ich bin von einem Glücksgeleise aufs andere ausgewichen. Vielleicht aus +Feigheit. Ihre Frage war wie ein plötzliches Feuer. Sie hat mich +geblendet. Die Wahrheit? Wüßt ich sie nur. Mich dünkt, sie liegt in der +Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit. Die freie Wahl war +mir allerdings geraubt, aber ich hatte nicht das kleinste Bedürfnis und +den kleinsten Anlaß, noch einmal zu wählen. Meine Wahl war ja +unwiderruflich gewesen. Sie sagten, daß der Teufel in meinem Haus keinen +Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun muß ich sehr kühn sein, +sträflich kühn vielleicht: ich habe ja mein göttliches Teil gewählt. Ich +leugne nicht, daß Versuchung für mich entstehen kann; wer ist gegen +Versuchung gefeit? Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich +noch einmal wählen müßte, dann müßte ich den ganzen Kreis bis zum andern +Pol gegangen sein. Das Göttliche kann man nicht zweimal wählen, und in +seiner Nähe herumpfuschen und -experimentieren kann man auch nicht. Dazu +hat es zuviel Unerbittlichkeit. Müßte ich noch einmal wählen, dann müßte +es geradezu der Teufel sein. In Versuchung führen könnte mich nur der +Teufel. Aber so weit kommt es hoffentlich nicht.« Sie lachte. + +Die Fürstin erhob sich und umarmte sie schweigend. War es, daß sie keine +Einwände mehr hatte, oder daß sie sich geschlagen fand durch die +unerwartete Wildheit von Marias Argument, sie ließ sich keine Zweifel +anmerken. Ehe sie ging, sagte sie: »Freilich, freilich«; und wieder +bekümmerten Tones: »Freilich. All das Beinahe und Ungefähr, das +Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens verwässert unser Schicksal; +es macht uns müde vor der Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am +wichtigsten, am Augenblick lügen wir uns vorbei.« Dann, mit +Herzlichkeit: »Ich möchte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna. Schicken +Sie mir Ihr Bild sobald wie möglich, es wird mir als Amulett dienen. Wer +weiß, ob uns nicht die nächste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr +Bild, so hab ich etwas, das mich schützt.« + +Maria versprach es. + +Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das Haus, vom Dach bis in +den Keller, glich einem Akkumulator, in dem sich Angst aufsammelt. Über +die Korridore hasteten Schritte. Maria wußte von Liebesbeziehungen, die +sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht länger dauerten als der +Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie hin und naschen in Verzweiflung +Verbotenes, um nicht fühlen zu müssen, dachte Maria, halb +geringschätzig, halb mitleidig. Aber auch andere Schritte waren, +Botenschritte, Verräterschritte, Spionenschritte, Wächterschritte. +Durch die geöffneten Fenster drangen Luftwellen bald kühl, bald warm; +gegen Morgen wurde es kalt, und Maria schlief endlich ein und schlief +bis Mittag. Das Schreien des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia, +die Pflegerin, trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die +linnenweiß Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht +entzogen hatte. Wanja ließ nicht mit sich spaßen; er krallte die dicken +Fäustchen in seiner Mutter Fleisch und schnappte zu wie ein böser +kleiner Fisch. + +Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum Abend an Heftigkeit +zunahm und sich beständig näherte. Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen +von Bestürzung und bat Maria, daß sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer +der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst. Maria rechnete auf +Nachricht von Menasse. Um bereit zu sein, wies sie Litwina und Arina, +die beiden jungen Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, worüber die +Knaben jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges +vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Grübeln darüber machte sie +zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und ging hinunter. Dann kehrte sie +zurück, durchwühlte eine Schachtel nach einer Photographie, schrieb +ihren Namen darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit +zur Fürstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige, das sie vergessen +hatte. + +In den Gesellschaftsräumen herrschte das gewöhnliche lärmende Treiben. +Alle diese der Heimat und nun auch der Freiheit beraubten Männer und +Frauen trugen eine herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige +Gesichter zeigten das Bewußtsein der Gefahr. In einer Gruppe wurde +lachend erzählt, daß man bereits in den Straßen der Stadt kämpfe, daß in +einem der Höfe des Hotels Tote und Verwundete lägen. Sie hatten Blut +genug gesehen, waren an das Entsetzen gewöhnt; es handelte sich nur noch +um ihren eigenen Untergang, den sie mit frivoler Neugier fast +erwarteten. In einen Wiener Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack +eines Maschinengewehrs von draußen. Man sah Soldaten an den Fenstern +vorbeirennen. Maria fielen finster blickende Gestalten auf, erst drei +oder vier, dann fünfzehn oder zwanzig, die sich in der Halle und den +Speisesälen herumtrieben. Man gab sich Mühe, nicht auf sie zu achten; +man scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden. In +abgerissenen oder doch alltäglichen Gewändern stachen sie drohend von +der Toilettenpracht, den Fräcken und strahlenden Hemdbrüsten ab; sie +stellten sich den Kellnern in den Weg, die mit Sektkübeln liefen, +postierten sich unverschämt neben Klubsessel, in denen vornehme +Kavaliere ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden +durch. Maria dachte: es ist Zeit, daß Menasse sich meldet. Ein gellender +Pfiff wurde hörbar, gleich darauf, da die Kapelle im Speisesaal Pause +hatte, eine fremdartige Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria trat +ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und sagte, im großen Saal +finde eine armenische Hochzeit statt, sie möge doch hingehen, es sei +äußerst interessant. Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer +fünfzehn Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich +mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft hatte sich auf einmal +verändert. Ein alter Herr redete mit gerungenen Händen auf mehrere Damen +ein. Maria vernahm, wie eine flüsterte: »Und mein Schmuck? meine +Perlen?« Der alte Herr sagte: »Es handelt sich ums nackte Leben.« Vor +dem Billardzimmer standen ein paar junge Mädchen, blaß, verzagt, die +Augen aufgerissen. Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria: +»Unbeschreiblich, welchen Prunk die Armenier bei solchen Anlässen zu +entfalten wissen, Sie werden sich selbst überzeugen; ganz märchenhaft.« + +Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden. Namentlich machte +sich Stepan Nelidow bemerkbar, der in unangenehmer Weise, als wäre er in +einem Zirkus, seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor der +Tür des großen Saals, war die Basis eines zylinderförmigen Schachtes, +der bis zum Dach des siebenstöckigen Gebäudes reichte. In jedem +Stockwerk trat eine kreisrunde Galerie heraus, die gegen den Schacht hin +durch ein geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten Etagen +sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur nächsthöheren Etage. +Während Maria hinaufblickte, spürte sie, daß sich irgendwo dort oben +etwas ereignete, was auch sie anging. Sie hörte, von ganz oben, lautes +Reden und dann gelächterähnliche Schreie, dann war es wieder eine Weile +still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit den Armeniern im Saal +zugewandt, so begann es von neuem. + +Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und zwei dumpfe Trommeln, +war aus einem getragenen Tempo in ein munteres übergegangen. Ein +Jüngling und ein Mädchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und +Drehungen, anfangs gemessen, schäferhaft lieblich, steigerten sich, von +der Musik rhythmisch unterstützt, zur Ausgelassenheit. Der hohe weite +lichtgebadete Raum war durchlodert von den intensiven Farben gold- und +silbergestickter Gewänder, blau, gelb, grün, rot in stärksten Tönungen; +aus heißem Dunst leuchteten unvergleichlich schöne Frauengesichter und +solche von bleichen, schwarzbärtigen Männern, die majestätisch saßen und +blickten. Nun sah man auch drüben einen zarten Reigen von +spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen, die sich bogen und dehnten, +und als die betäubende Musik aufhörte, stimmten sie einen feierlichen +Gesang an. Freudig erregt von den Bildern und Klängen einer abgerückten +Welt, stand Maria lächelnd auf der Schwelle, bedrückt nur von dem Gefühl +ihrer eigenen Fremdheit und ungewünschten Gegenwart, da vernahm sie +abermals die häßlichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch +näherten; sie trat zurück in die Mitte des Schachtes und sah empor. Über +die dritte Treppe lief mit erschreckender Geschwindigkeit, so daß es +aussah, als müsse sie jede Sekunde in die Tiefe stürzen, ein +Frauenzimmer herab. Die Haare flatterten aufgelöst um den Kopf, das +Gesicht zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie kam +zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Geländer fest und rannte +weiter zur zweiten Stiege. Maria wußte sofort, daß dies Lisaweta +Petrowna war, zu der sie hatte gehen gewollt, und nun wußte sie auch, +was für ein Vergessen sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie +zur Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun auf der ersten +Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit fest. Sie schaute sich um, +stürmisch atmend; hinter ihr kam ein junges Mädchen herab, in dem Maria +die Fürstin Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen +rechtfertigte keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der andern; sie +ging eher bedächtig, Stufe um Stufe, und ihre Züge, obwohl verfinstert +und anscheinend zu einem bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich +einen Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria war ein paar +Stufen hinaufgeschritten, die Flüchtende flog ihr entgegen, hielt inne, +glaubte sich vor einer neuen Feindin, stieß einen der Schreie aus, die +so gelächterähnlich geklungen hatten, taumelte und wäre gefallen, wenn +Maria nicht auf sie zugesprungen und sie aufgefangen hätte. Das Mädchen +griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab, kniete vor +ihr. Mittlerweile hatte auch die Fürstin Jelena die Stelle erreicht, wo +dies vor sich ging. Sie blieb einige Stufen oberhalb stehen, der +Ausdruck von Widerwillen verstärkte sich in ihrem wunderbar feinen und +klaren Gesicht und sie stieß hervor: »Anrühren solchen Unflat? +Anrühren?« Ein Schauder überrann ihre Glieder. + +Das Mädchen drückte das Gesicht wimmernd in Marias Kleid. »Sie will mich +umbringen,« heulte sie dumpf in den Stoff, in Marias Körper. Die +Zuschauer vor der Tür hatten sich verwundert zur Treppe gedrängt. Stepan +Nelidow stand mit verschränkten Armen und spöttischem Lächeln an die +Mauer gelehnt. + +»Wozu, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria, zur jungen Fürstin +emporgewandt, »wozu dies?« Der einfache gütige Ton brachte eine +sichtliche Wirkung auf die Fürstin hervor. Sie senkte den Kopf, ihre +kurzen, gelockten Haare fielen weich über die Wangen, und so verharrte +sie regungslos. + +»Kommen Sie mit mir, Lisaweta,« redete Maria der noch immer Knienden zu; +»niemand wird Ihnen etwas zuleide tun.« Sie richtete die Willenlose auf, +lieh ihr den Arm zur Stütze und führte sie durch ein Spalier von Gaffern +in den Korridor und dann weiter zum Lift, in den sie sie sanft +hineinschob. Oben angelangt, mußte sie die verfallen vor sich hin +Brütende mit Gewalt von ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr +jauchzend mit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden. Jefim +sagte, es seien drei Männer gekommen und hätten ohne ein Wort zu äußern, +die zwei großen und fünf kleineren Gepäckstücke nach und nach +fortgetragen. Die Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern, +oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen, +Necessaires, Körbe lagen noch in den Zimmern herum. Indes Maria mit +Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit einem Zettel und verschwand +wieder. Auf dem Zettel stand: »Unverzüglich zu befolgen: verlassen Sie +nach Empfang dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die Tür neben den +Küchenlokalitäten. Dort wird jemand stehen und Sie an einen bestimmten +Ort führen, wo Sie eine, möglicherweise zwei Nächte zuzubringen haben +werden. Der Betreffende ist zuverlässig. Säumen Sie nicht länger als +eine halbe Stunde, sonst stehe ich für nichts. Die Koffer sind +untergebracht, Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.« + +Trotz der kritischen Situation war Maria still amüsiert. Mein General +ist streng, dachte sie und half die Knaben fertig ankleiden. Eine Menge +Gegenstände waren einzupacken. Arina und Litwina rannten durch die +Zimmer. Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen. Maria hätte +sich gerne noch von der Fürstin Nelidow verabschiedet; es war keine Zeit +mehr. Lisaweta Petrowna hatte sich in die Sofaecke gekauert und +beobachtete mit den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging. +Plötzlich sprang sie auf und faltete die Hände gegen Maria. »Nehmen Sie +mich mit,« flehte sie verstört. Maria antwortete: »Wir haben nur noch +Minuten vor uns; wie geht das denn, so wie Sie sind?« Sie trug einen +Kimono und an den Füßen blauseidene Pantöffelchen. »Um keinen Preis mehr +will ich in mein Zimmer gehn,« sagte sie hilflos. Die Knaben, voll +Ungeduld, drängten Maria stumm. Arina belud Jefim Leontowitsch mit den +Handtaschen. Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen +immer viel Gefühl für fremde Leiden bezeigte, sagte zu seiner Mutter: +»Die Frau kann ja einen von deinen Mänteln anziehen; wir haben ja +hundert Mäntel.« Auf einen Wink Marias brachte Litwina einen Mantel; und +Lisaweta hüllte sich darein. »Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich +lassen?« fragte Maria, und jene erwiderte: »Nur fort, nur fort.« + +Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten Wanja, Arina, +Litwina und Lisaweta traten auf den Korridor. Maria folgte als Letzte. +Auf einmal stand Jelena Nelidow vor ihr. »Sie gehen?« murmelte sie +finster verwundert, »gehen? Und diese dort, diesen Abschaum machen Sie +zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr gewähren Sie Freundschaft, der +Schamlosen?« + +»Ich sehe nur eine Unglückliche, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. »Ich +weiß nichts von ihr als das. Kann ich eine Unglückliche, die zu mir +flieht, wegstoßen, ich, die selber flieht?« + +Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar beschwichtigend auf +die junge Fürstin. Ihr Gesicht zog sich zusammen wie im Krampf. +Plötzlich riß sie mit zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem +Kleid und drückte sie in Marias Hand. »Ich will nicht schuldiger werden +als ich schon bin,« sprach sie wie geblendet, wie gegen eine Wand; +»geben Sie ihr das; machen Sie es zu Geld für sie, sie ist arm; ich habe +keins, aber verraten Sie mich nicht.« + +Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum Dank zwang. Der +Boden brannte. Fedja war umgekehrt, um zu spähen, wo sie blieb. Jelena +ging ein paar Schritte an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias +Arm und hauchte mit wehem Kinderlaut: »Ich habe Angst; ich habe solche +Angst,« ihre seltsam gelben Augen öffneten sich überweit; »ich habe +grenzenlose Angst,« wiederholte sie, »und vielleicht aus Angst bin ich +schlecht.« + +»Liebe, Sie Liebe,« sagte Maria leise und zärtlich. Die junge Fürstin +bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam zurück, während +Maria schweren Herzens die Treppe hinunterstieg. + +An der von Menasse bezeichneten Tür stand ein Soldat mit Sturmhaube und +aufgepflanztem Bajonett. Er begab sich schweigend an die Spitze der +Karawane. Es ging durch einen schmalen Hof, dann die Straße entlang, +über die ein Feuerschein bebte. Zur Linken, in der Höhe des Tals, +brannten Häuser; die Funken, so fern, daß sie goldner Stickerei glichen, +stoben gegen den Mond. Gestreckten Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja +und Aljoscha blieben bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein +sorglicher Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm ihm +trotz seines Sträubens eine der Ledertaschen ab. Der Soldat bog in eine +Seitengasse bergan. Die Häuser wurden armseliger. Er zögerte, sah sich +um, schien sich orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet. +Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu und sie sprachen +leise miteinander. Das Krachen eines großen Geschützes erschütterte die +Nacht. Aljoscha begann plötzlich zu weinen. Maria ergriff ihn bei der +Hand. Sie gelangten zu den letzten Häusern der Stadt, in die Nähe des +Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein Stück zurück. +Lisaweta, die in ihren Pantöffelchen Mühe zu gehen hatte, lehnte sich an +eine Hausmauer. Vom untern Ende der Gasse her schallte der Schritt +einer Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief Maria und +die übrigen. Sie traten in ein baufälliges Haus, das nur aus einem +Erdgeschoß bestand und völlig unbewohnt schien. Mit dem Gewehrkolben +stieß der Soldat eine Tür auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand. +Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert, so niedrig, daß man mit +den Köpfen an die Decke stieß, mit feuchten, verschimmelten, grünlichen +Wänden und ohne alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier +müßten sie bleiben, sagte der Soldat, dürften sich nicht rühren, die +geschlossenen Fensterläden nicht öffnen, wenn ihnen das Leben lieb sei. +Maria fragte, im Finstern, ob er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er +wisse es nicht, er kenne nicht einmal den Namen; er wisse bloß, daß eine +Anzahl Menschen heute nacht in Häusern rings um den Bahnhof versteckt +worden seien, damit sie fortgeschafft werden könnten, wenn sich die +Gelegenheit bot. Das sei alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anzünden +dürfte, wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte Maria. +Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben müssen, zehn Personen +in einem so dumpfen Loch? Das könne er nicht sagen. Noch einmal empfahl +er, daß sie durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann +entfernte er sich. + +Eine Weile waren alle still und verfielen in trübe Betrachtungen. +Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter getastet und schmiegte sein +Gesicht hinein. Sie spürte, daß es vor Beängstigung zuckte. »Wir müssen +Licht haben,« sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich, +hinauszuschleichen und den Aufpasser zu machen. Bei verdächtiger +Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladen pochen, dann mußte das +Licht ausgeblasen werden. Es dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze +gefunden hatte. Als sie brannte, wurden rasch Decken und Mäntel auf den +von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer Hast richtete +jeder eine Ruhestatt für sich; die Knaben, kaum hingelegt, in ihren +Kleidern, schliefen schon. + +Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem zwischen die Arme +gewühlten Kopf sah man nur die in Eile aufgesteckten wirren braunen +Haare. Über ihre starken Hüften lief bisweilen ein Beben. Während sie +Wanja stillte, ließ Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann, als +Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die Kerze verlöscht hatte, +bat sie Litwina, daß sie Jefim Leontowitsch hereinhole, damit auch er +ruhen könne. Aber Jefim ließ sagen, er finde es notwendig, daß einer +Wache halte, er werde sich vor der Tür auf seinen Mantel legen. + +In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie hörte die kräftigen Atemzüge der +drei Knaben; jeden erkannte sie an Laut und Tempo des Atems; sogar das +dünne, sprudelnde Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die +Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu ihrer Rechten +ertönte ein schwerer Seufzer. »Können Sie nicht schlafen, Lisaweta +Petrowna?« fragte sie flüsternd. + +Die Angeredete bewegte sich und rückte näher. »Wer sind Sie eigentlich?« +fragte sie ebenfalls flüsternd. »Sie haben mich aufgelesen, +mitgenommen ... aus welchem Grund? Wer sind Sie?« + +»Bedeutet Ihnen der Name etwas, so mögen Sie ihn wissen,« antwortete +Maria und sagte, wie sie hieß. Dann war wieder eine Weile Schweigen, +dann wieder ein Seufzer wie unter drückender Bürde. + +»Was ist Ihnen?« flüsterte Maria; »erleichtern Sie Ihr Herz, sprechen +Sie.« + +»O großer Gott!« murmelte die andere. + +»Wir sind in der Finsternis und können einander nicht sehen,« fuhr Maria +zu flüstern fort; »alle schlafen, wir sind so gut wie allein. Sprechen +Sie.« + +»Jelena Nikolajewna möchte mich am liebsten mit dem Stiefelabsatz +zertreten,« sagte die Stimme bitter; »dabei weiß sie alles. Niemand +außer ihr weiß es. Grigorji hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts könnte +sie mich morden und weiß doch alles. O mein Gott!« + +»Ist es denn wahr, daß Fürst Grigorji die Ehe mit Ihnen geschlossen +hat?« fragte Maria. + +»Fragen Sie doch nicht,« kam es gequält zurück. »Ja, ja, der Pope hat +uns zusammengetan, damals in Sebastopol, als ich das Schiff verließ. Als +schon alles zu Ende war, hat uns der Pope getraut. Ich weiß nicht, ob es +anfechtbar ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umstände +schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich nur annähernd +etwas ähnliches ausdenken. Ja, als ich das Schiff verließ, wurden wir +getraut.« + +»Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?« + +Lisaweta antwortete nicht. »Ich kann hier nicht bleiben,« sagte sie nach +einer Weile klagend; »ich muß wieder fort. Ich will zurück und meine +Sachen holen. Was soll ich denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich, +wo soll ich dann hingehn? Zu wem denn?« + +»Daß ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckstück aus Diamanten für +Sie gegeben,« sagte Maria, und indem sie es sagte, bereute sie es, als +füge sie der unsichtbaren andern eine Beleidigung zu; »vielleicht +wünschte man, daß Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man +dadurch etwas Begangenes gutmachen.« + +Lisaweta verstand. »Vor die Füße werf ich ihrs,« brach sie aus, ohne die +Stimme merklich zu erheben; »und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich +durch ein Almosen dafür entschädigen, daß sie mir glühende Nadeln ins +Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und Schande. Wenn Sie +keine Gelegenheit mehr haben, es ihr zurückzugeben, so schenken Sie es +einem Bettelweib. An Demütigungen ists jetzt genug.« + +Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen. Die Atemzüge der +Schläfer wurden tiefer. Plötzlich flüsterte Lisaweta: »Hören Sie? Können +Sie mich hören?« + +»Ich höre Sie gut,« erwiderte Maria. + +»Ich will Ihnen vom Schiff erzählen. Rücken Sie näher, damit uns niemand +belauscht.« + +Maria rückte näher. + +»Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem Petersburger +Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste Klasse von Lokal, ich verdiente +auch nur gerade soviel, um nicht zu verhungern. Die Sache war nämlich +die, daß ich ein anständiges Mädchen war. Es ist möglich, daß Sie jetzt +skeptisch lächeln, aber trotz meiner fünfundzwanzig Jahre hatte ich noch +keinen Liebhaber gehabt. Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme +und lüsterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tagsüber +hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein Mittagessen. Grigorji +war auf Urlaub; in Gesellschaft von Kameraden kam er hin; wir sahen uns +und liebten uns. Wir liebten uns so, - wie soll ich es nur beschreiben? +Es war ein unaufhörliches Gewitter im Blut. Den Tag, wo der Urlaub zu +Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil. Worte wurden nicht +gewechselt; wir empfanden wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan +nach, den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines Abends teilte +er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede irr. Es war so furchtbar, daß +meine Zunge wie gelähmt war. Aber sein Wille mußte auch meiner werden. +Trennung war das Ärgste. Auf die Rückkehr warten und sich das Herz +absorgen, ob er noch lebte oder nicht, ärger war auch das nicht, was er +tun wollte. Wenigstens schien es mir so, und ich sagte ja. Hören Sie +mich?« + +»Ich höre Sie gut,« flüsterte Maria. + +»Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs schmuggeln. Mich in +seiner Kabine verbergen, den Dienst verrichten wie alle andern und die +übrige Zeit bei mir sein. Was das hieß, wußte ich ungefähr. Daß auf die +Entdeckung der sofortige Tod stand, für ihn und für mich, wußte ich. +Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten. Wozu so viele +Worte, ich war bereit, trotz allem. Die Hauptschwierigkeit war, daß der +Bursche ins Geheimnis gezogen werden mußte. Ohne einen Dritten, der +Vorschub und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er könne es +mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem Geld, und immer +von neuem, und doch mußte man immerfort zittern, daß er sich nicht +verschnappte oder bösartig wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die +Leute alle bösartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten. In +Grigorjis Reisesack, mit Wäsche und Kleidern zum Ersticken umhüllt, trug +mich Pjotr vom Boot in die Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel +Raum war, daß ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn +Monate.« + +Maria schlug unwillkürlich die Hände zusammen, Lisaweta Petrowna aber +fuhr fort: »Vierzehn Monate eingesperrt, entweder angstvoll allein oder +Leib an Leib auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate in +Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer winzigen dumpfen +Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit und Bewegungslosigkeit +verurteilt, zur ununterbrochenen, fürchterlichen Angst, er und ich.« + +Maria lauschte mit weiten Augen stumm. + +»Es durfte nicht auffallen, daß die Kabine stets abgesperrt war; schon +dafür zu sorgen, war nervenzerrüttend. Die vielen Schritte, Schritte der +Wachen, Offiziere; die Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr, +das eiserne Klirren beständig in dem schwimmenden Ungetüm, das Gerassel +oben, das Anschlagen des Wassers draußen; die Nächte, o die Nächte +voller Angst! Küsse und Umarmungen und Angst! Lust und zärtliche Worte +und Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert immer +wieder. Einmal bei einer Inspektion mußte ich in den Wandschrank +schlüpfen, der so schmal war, daß ich wochenlang nachher an Bruststechen +litt. Am Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am +Wahnsinn. Er mußte auf Deck; er mußte Dienst tun, was sonst? Er mußte +sich schleppen, das Fieber aus sich herauspressen mit Gewalt, oder wir +hatten keine Wahl als uns miteinander in die See zu stürzen. In den +dienstfreien Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen Armen und +horchte und horchte, auch ich horchte und horchte; wir mußten einander +umarmen, sonst hatten wir kaum Platz, und oft wenn er müde war, trat er +mir ein Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager auf dem +Boden oder ich saß an der Lucke und starrte aufs finstre Meer. Ihn +quälte der Gedanke, was geschehen sollte, wenn das Schiff ins Feuer kam +und er verwundet wurde oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Kräften, aber +in einem so verdunkelten Gemüt ist keine große Kraft. Er klagte mich an, +daß ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes dagegen als +verzweifelte Küsse? Wir verfluchten die Sekunde, die uns das Bewußtsein +wiedergab. Kalter Schweiß bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu +mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte uns täglich +mehr. Er gestand mir, daß er alles rot sähe, auf Deck und im Raum. Er +glaubte, bei seinen Vorgesetzten Argwohn zu spüren. Von seiner früheren +Heiterkeit war nichts mehr übrig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er +getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man schlägt, aber +deutlich erkannte ich, daß in seinen Augen neben der Liebe auch Haß war. +Bei jedem Knacken in der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Geräusch +machte ihn zittern. Einmal fuhr er gräßlich schreiend aus dem Schlaf. +Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es müsse ein Ende werden. Was +für ein Ende? fragte er, und in krankhafter Erregung drängte er mich +solange, bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun. Du +bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott und den Menschen zu +meinem Weib machen, auch wenn wir uns dann nicht wiedersehen sollten. +Und so kam es, genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser Hölle, +und wenn ich allein war, lag ich da und biß die Zähne in die Finger. Die +Zeit war wie hinweggewischt; ich hörte sie sausen wie ein Rad; manchmal +wieder schien sie mir schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene +schwarze Fahne. Das Ärgste war, daß Pjotr frech wurde. Er fühlte sich in +der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mit dem Menschen. Das Essen, +das er jeden Tag heimlich für mich brachte, konnte ich nicht mehr +genießen. Er stand dabei und stierte mich an. Er bettelte, schließlich +drohte er. Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu müssen, indessen +erfuhr ich bald, daß Pjotr auch gegen ihn unverschämt wurde. Eines +Abends stürzte Grigorji schreckensbleich zu mir und stammelte, es sei +kein Zweifel, daß alles verraten worden sei, der und der habe seinen +Gruß nicht erwidert, in der Messe habe man getuschelt, er spüre es, wir +seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte ihn aus und +überzeugte mich, daß es Wahnvorstellungen waren; aber die hafteten nun +in seinem Geist, und er war von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch, +die schrecklichsten, vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in +den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam und aus tiefer +Betäubung erwachte, daran habe ich keine Erinnerung. Auch daran eine +ferne nur, daß mich Pjotr in eine elende Herberge schleppte und nicht +dorthin, wo ihm Grigorji angegeben hatte, daß er mich führen sollte; und +daß er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte und ein wehrloses +Opfer zu finden hoffte; und daß ich mich mit aller mir verbliebenen +Kraft gegen ihn verteidigte, mit Worten und Gründen erst, mit Bitten und +Tränen, mit Hilferufen, das keiner hörte als sei das Haus ausgestorben, +und daß mir dann die Welt schwarz wurde im Ekel vor dem Menschen und in +seinem Fuseldunst und seiner Tollwut, und daß dann Grigorji +hereinstürzte, der alle Gasthäuser am Hafen nach mir durchsucht hatte, +bis er endlich meine Spur fand, und daß er das betrunkene Schwein +niederschlug, und daß er vor mir kniete, schluchzend, unaufhaltsam +schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wofür Verzeihung? und daß am +andern Morgen der Pope kam, ich habe es ja schon erzählt, und die +Nottrauung vornahm, denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und daß +mir dann Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr faßlich +und ist ausgeronnen, als hätte es eine andere gelebt. Ich bin ja auch +nicht mehr dieselbe geworden wie vorher. Es wundert mich nur, daß ichs +berichten kann; Sie saugen die Dinge förmlich aus einem heraus, wie geht +das denn zu? Nun muß ich aber fort, es ist Zeit.« + +Auffallend war es Maria, daß die Erzählung Lisaweta Petrownas immer +langsamer geworden war, zuletzt entstand fast nach jedem dritten Wort +eine Pause; auch war die Stimme allmählich so leise geworden, daß Maria +nur mit Anstrengung verstehen konnte. »Sie wollen fort?« fragte sie, +»wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie wüßten nicht wohin.« + +»Nein, ich weiß nicht wohin; gleichviel, ich muß fort.« + +»Wie sind Sie denn überhaupt nach Kislawodsk gekommen? Sind Sie mit ihm +gekommen, mit Fürst Grigorji?« + +»O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung daß wir uns nicht +mehr sehen würden. Hab ich das nicht erzählt? Als er von mir wegging, +wußte ich, daß er nicht aufs Schiff zurückkehrte, wußte, daß er in den +Kaukasus fuhr. Er seinerseits wußte, daß ich nach Kiew reisen wollte, wo +meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist. Er ließ mir Geld, aber +das hab ich meinem Schwager gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich +wußte, welchen Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm, +ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von Jelena Nikolajewna. +Möglich, daß sie glaubte, ich könne ihn retten. Wie mußte es um ihn +stehen, daß Jelena Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu spät. Ich +hätte ihn gewiß nicht retten können, wir waren viel weiter voneinander +geschieden, als wenn wir uns nie gekannt hätten; freilich, daß er so ins +Nichts geschwunden war, ohne Gruß und Zeichen, das war hart. Jetzt will +ich aber gehen, es ist Zeit.« + +Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterläden. Lisaweta +erhob sich. Maria sagte, sie möge doch den Mantel behalten, der Morgen +sei kalt und vielleicht finde sie im Hotel nicht Einlaß. Doch sie lehnte +es stumm ab; plötzlich schien sie von finsterm Trotz erfüllt; ihre +Gebärden waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls +erhob, erschüttert und von schwesterlicher Hinneigung durchglüht zu ihr +hintrat, um ihr in das dämmernd fahle Gesicht zu schauen, da wandte sie +sich hinweg und war aus der Tür, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken +konnte. Sie stand regungslos, kalt und heiß im Innern; ihr war als sei +ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede die Luft noch über +Schlünden. Sie seufzte, beinahe wie jene geseufzt hatte, bang und +gedemütigt, dann fiel ihr Blick auf die schlafenden Kinder, und es +überströmte sie ein Gefühl unermeßlichen Reichtums. Jedes war Abbild +eines Teuersten, jedes lebendiges, geprägtes Gut; sie seufzte wieder, +aber dieser Seufzer hatte andern Klang. + +Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch die Augen +zugemacht, als es heftig an die Tür klopfte und auf der Schwelle Jefim +Leontowitsch und der Soldat erschienen. Dieser sagte, alle müßten +sogleich zum Bahnhof, der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die +Kinder wurden aufgeweckt, rasch waren die Großen und Kleinen +marschfertig, zehn Minuten später war man unter Führung des Soldaten auf +der menschenleeren Straße. Es ging an der Station vorüber, ziemlich weit +hinaus. Die Luft war neblig und kühl. Maria forderte Jefim durch einen +Blick auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke ihm für +seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich von ihm trennen zu +müssen; aber sie hoffe, das Leben werde sie später einmal wieder +zusammenbringen, und sie freue sich darauf, ihm dann ihren Dank besser +zeigen zu können. + +»Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna,« antwortete er, »und warum +wollen Sie, daß ich mich von Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe +ich in dem Bündel da,« er wies auf einen Linnensack, den er mit dem +andern Gepäck trug; »warum sollt ich hier bleiben, da ich doch ebensogut +irgendwo sonst sein kann? Sie fliehen von hier, also lassen Sie mich +auch fliehen. Belästigt Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den +Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein Fremder; es +werden ja viele Fremde in Ihrer Nähe sein. Darf ich mir auch nicht +anmaßen, daß ich ein nennenswerter Schutz für Sie bin, so hätte ich doch +keine Rast mehr im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umständen verlassen +müßte. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert, daß ich Ihnen +nicht beschwerlich fallen werde.« + +Dagegen gab es keinen Widerspruch. »Nicht einmal eine Hand hab ich frei, +um Ihre zu drücken,« sagte sie mit ihrem gewinnenden Lachen. »Sie sind +wirklich ein seltsamer Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich +soviel Anhänglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.« + +»Ich kenne Sie besser als Sie glauben,« entgegnete er und wurde rot. +»Ich denke viel über Sie nach.« + +Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom Bahngleise herüber. +»Das ist Menasse,« sagte Maria, »schön, daß er da ist.« + +Das Winken Menasses bedeutete, daß man sich sputen möge. »Guten Morgen, +Herr General,« begrüßte ihn Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so spät +käme, alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit +Unpünktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden. Er hüpfte +gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens herum, der zwischen +die Wagen eines Güterzugs gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht +verhängt; drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war bemüht, sich +einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit einem alten Herrn, der seine +Koffer um sich herumgestellt hatte; blies eine Dame an, die eine +Auskunft von ihm begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die +Verwirrung; warf eine Schachtel in den Korridor, riß im Eifer seinen +flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit durch die Luft; betonte +zehnmal in höchster Fistel, daß er unbedingten Gehorsam erwarte, und daß +er einfach die Hände in den Schoß lege und alle ihrem Schicksal +überlassen werde, wenn man nicht Disziplin halte. »Wer ist der hier?« +fuhr er Maria grob an und deutete mit dem Ellbogen auf Jefim +Leontowitsch. Maria sagte gelassen und mit einem treuherzigen Ausdruck +ihrer kurzsichtigen Augen: »Herr Menasse, ich würde mich glücklich +schätzen, wenn Sie nicht so schreien würden. Sie erreichen, bei mir +wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen wir uns +auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge Mann gehört zu meiner +Gesellschaft, ich bürge für sein Wohlverhalten und für Ihre Auslagen; im +übrigen: seien wir Freunde, Herr Menasse.« Sie reichte ihm lächelnd die +Hand, in die er, einigermaßen verdutzt, die seine flüchtig legte; dann +schoß er davon. + +Um fünf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn Uhr setzte sich der +Zug in Bewegung; nach Westen, durch das Gebirge, gegen das Meer. Die +Fahrt war nicht schneller als mit einer Kutsche. Das Durcheinander +ordnete sich allmählich. Menasse wurde nicht müde, Ruhe zu gebieten. Ein +Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden Kinder. Wenn der Zug +hielt, stürzte er erregt ans Fenster, lugte durch einen Spalt hinaus, +alle schwiegen gespannt, dennoch streckte er den Arm steif zurück wie +ein Dirigent, der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der +Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie aus +Tula; einen ungarischen Baron; den Grafen und die Gräfin Duchorski aus +Petersburg, einen Bankdirektor aus Kiew, zwei ältere Damen, die im +Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde heiß. Wenn die Kinder zu essen +verlangten, ging es erst an ein langwieriges Suchen unter den +Gepäckstücken. Wenn Wanja die Brust bekam, bildeten Litwina und Arina +eine Mauer. Um vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke. +Eine Zeitlang war Stille, dann hörte man Menasses Fistel erbittert. +Mitja kam und berichtete: »Es sind Männer draußen, die befehlen, daß +alle aussteigen müssen.« Die Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt +sich so. Der Zug war von einer streifenden Bande, dreißig bis vierzig +Leute, zum Stehen gebracht worden. Der Anführer forderte Menasses +Papiere. Menasse weigerte sich tollkühn. Drohung mit Gewalt machte ihn +nicht gefügiger. Erst als jene Hand an ihn legten, besann er sich. Er +hatte sämtliche Pässe bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem +Führer zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen gestiegen und +trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald zeigte, wollten sie die +bequeme Fahrgelegenheit für sich haben. Die Überfallenen fügten sich +widerspruchslos, nur einige Frauen jammerten. Die Gräfin Duchorski +stand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in dem Haufen +von Gepäck, der den blühenden Wiesenhang bedeckte. Menasse redete +leidenschaftlich auf den finster blickenden Anführer der Bande ein. Der +Mensch schüttelte zu allem den Kopf. Den Salonwagen dürfe niemand mehr +betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug. Um Gotteswillen, so solle +man hier zurückbleiben, im Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg? +Ja, das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden habe. +Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit. Menasse, in einer +Haltung wie Jago gegen Othello, schmeichelte; umsonst; pochte, in einer +Haltung wie Marquis Posa gegen Philipp, doch immer krähend, auf +menschliche Gefühle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig und +mit kunstloser Würde. Ihre Argumente waren um nichts zwingender als +diejenigen Menasses, aber schon nach den ersten Worten hörte ihr der +Mann, dem Anschein nach ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu, +obgleich er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse +Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters; eine gewisse +Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie sagte: Du weißt doch; erinnere +dich doch; so und so, es wird doch darüber kein Mißverständnis zwischen +uns geben; ganz trocken alles, wie wenn sie über Mais oder Kartoffeln +redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist, daß man tut, was sie +gebietet. Der Mann hatte Respekt. Sie erlangte, zusammen mit dem +Geldangebot Menasses, die Erlaubnis, daß sich die Flüchtlingsgesellschaft +in zwei leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte: »Sie sind +eine tüchtige Frau; #à la bonne heure,# das haben Sie gut gemacht. +Immerhin, bei dieser Art von Transport werden wir nichts zu lachen +haben.« Und er fing bereits wieder an, zu kommandieren. Nach einer +Stunde waren alle untergebracht, das Gepäck verstaut, die Türen der +Viehwägen verschlossen und von außen abgesperrt sowie zur Sicherheit +plombiert; der Zug rollte weiter. + +Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier Nächte. Mit Maria +eingepfercht waren siebenundzwanzig Menschen, darunter zwölf Kinder; +eingepfercht in einen finstern Raum, in welchem es übel roch; +hingekauert auf mangelhafte Lagerstätten, Kranke und Alte; fast ohne +Schlaf die Nächte, ohne genügende Nahrung die Tage; belästigt von +widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst und den andern zur Pein +machten. Das Rattern der Räder wurde mörderischer Lärm; das stundenlange +Halten in Stationen mörderische Stille; die auf das Dach des Kerkers +niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige, die im Fieber +lagen, stöhnten, und ein ungewohnter Laut rief entsetzte Schreie hervor. +Dicht an Maria gepreßt lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder +dem andern bisweilen über das Gesicht, prüfend, ob sie schlummerten, ob +die Haut nicht heiß sei, dankbar für ihre Geduld und Ruhe, zugleich in +Sorge darüber. Oft sprach sie zu ihnen; oft auch wandte sie sich an +Jefim Leontowitsch; Wanja hielt sie meist an der Brust, wusch das +Gesichtchen und die Hände mit kölnischem Wasser, tröstete Litwina, die +an Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anfälle hatte, rief +hie und da ein Wort, eine Frage über die Köpfe der Leidensgefährten und +stritt mit dem rechthaberischen Menasse über die Nähe des Ziels, der +kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer. + +Endlich eines frühen Morgens, in einer Haltestation, öffnete die +mitleidige Hand eines Zugbediensteten die Tür. Der hereinquellende +Lufthauch war wie Neugeburt, das Schauspiel, das sich bot, unerhört. +Tief unten dehnte sich die See, blau, als könne man tausend Jahre blauen +Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten üppig bewachsenen Kuppen des +Gebirges, Gärten, Weingelände, Pinien, Bäume voll Orangen. Niemand +redete; kein Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie +verdorrt; das blühende Land, das Gestade, das schöne Meer ließ sie +schaudern. Die Tür blieb offen, vielleicht in der Annahme, daß die Zone +der Gefahr überschritten war; aber einige Stationen vor der Stadt wurde +Menasse berichtet, daß diese seit zwei Tagen in den Händen der Matrosen +sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde von Flüchtlingen als +gefürchteter Name genannt. + +Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen +vermochte. Wieder außerhalb des Bahnhofs verließen alle den Wagen und +wurden nach Anbruch der Dunkelheit möglichst heimlich in einen Gasthof +am Rande der Stadt geführt. Den Kranken konnte kein Beistand geleistet +werden; sie mußten zu Fuß gehen. In den Straßen herrschte Tumult; vom +Meer her tönten Schüsse. + +Der rechteckige Raum, in den sämtliche Zimmer des Gasthofs mündeten, +glich bald einem Koffermagazin. Träger polterten die Treppe herauf und +warfen immer neue Gepäckstücke in den Wirrwarr. Arme griffen +durcheinander; jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren auf eine +Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein Hündchen trippelte +winselnd um Menschenfüße, die es beschnupperte. Der Bankdirektor, an die +Mauer gelehnt, rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit +einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte seinen Kneifer +verloren und man sah seinen verzweifelt verrenkten Körper wie zwischen +Felsen auftauchen und verschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal; +die Träger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen. +Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein anderer hatte erfahren, ein +deutsches Schiff kreuze auf dem Meer draußen. Der Streit um die Zimmer, +deren nur elf zur Verfügung standen, wurde lärmend. Jefim Leontowitschs +Stimme rief von einer Schwelle her: »Maria Jakowlewna, kommen Sie +schnell; ich habe ein Zimmer für Sie besetzt.« Da Maria keinen Durchgang +fand, kletterte sie über die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim +aufgepflanzt und fauchte: »Was fällt Ihnen ein, zu schreien, Herr? Wenn +Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen stopfen den Mund. Wir sind gerannt +dem Tiger direkt in die Zähne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll +helfen, und da schreit er!« Maria sagte ruhig zu Jefim: »Man müßte +versuchen, unsere dreißig Kolli aus dem Haufen herauszufischen!« Er +nickte und sah besorgt umher. »Wo sind die Kinder?« fragte er. + +Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit hastigerem Schritt +vor den beiden andern, von denen er sich auch in Kleidung und Gehaben +unterschied. Er trug blendendweiße Leinenhosen und eine Jacke von +elegantem Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung +gebieterisch, und zwar in einer brutalen und lässigen Art. Ihm zur Seite +watschelte beflissen der Wirt, ein feister Tartar mit einem Gesicht wie +aus Butter. Der Matrose stutzte beim Anblick des Gewühls und der Menge +von Koffern; es war in der spärlichen Beleuchtung zweier +Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild. »Was sind das +für Leute?« wandte er sich fragend an den Wirt, »was geht hier vor?« Der +Wirt suchte mit furchtsamen Augen Menasse. Dieser zwängte sich heran und +gab sich eine Miene der Autorität. »Woher? Wohin?« fragte der Matrose +barsch und verächtlich. Menasse stotterte. Der Matrose unterbrach ihn: +»Es kann natürlich keine Rede davon sein, daß ihr eure Reise fortsetzt. +Das Gepäck ist beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verfügt.« Ohne die +mehr mimischen als artikulierten Einwände Menasses zu beachten, wandte +er sich wieder an den Wirt. »Ein Zimmer für mich«; und als der Wirt +ratlos den fetten Körper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig: +»Ein Zimmer für Golowin; hast du nicht gehört, du Schwein?« Vor Furcht +seiner Stimme kaum mächtig, erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien +vergeben; Väterchen könne sich ja selbst überzeugen; die vielen Menschen +da; er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die Fenster +seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingestürzt; das Loch wage er +Väterchen Igor Semjonowitsch nicht anzubieten; nebenan bei Alexei +Davidowitsch sei noch ein Staatszimmer zu haben, prächtig, mit +Teppichen, auf Ehre, mit schönen Teppichen und Bilderchen an der Wand. +Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und wäre froh +gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin antwortete barsch: »Kein langes +Geschwätz, du schmutziger Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht. +Habe nicht Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe das +Zimmer ist für mich. Punktum.« Und er deutete gegen die Tür, auf deren +Schwelle Maria stand. »Verzeihung,« redete Maria ihn an, »es ist das +letzte für mich und meine Kinder übriggebliebene Zimmer. Wir sind sieben +Menschen, Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine furchtbare +Reise liegt hinter uns. Wäre es nicht billig und großmütig, wenn Sie für +diese Nacht mit der Dachkammer vorlieb nähmen, da Sie sich schon nicht +anderweitig umsehen wollen? Ich weiß nicht genau, zu wem ich spreche; +aber jedenfalls doch zu einem Mann.« + +Golowin schien überrascht. Er hob unmutig die Brauen. »Die Suada ist von +euresgleichen unzertrennlich,« murmelte er. »Honig, um meinesgleichen +die Kehle einzuschmieren, habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete +Kuli braucht nur einmal die Fäuste zu zeigen, so wird an seine Großmut +appelliert. Es ist eine neue Weltordnung, Madame. Wer sind Sie? worauf +berufen Sie sich?« + +Diese für einen Matrosen sehr ungewöhnliche Ausdrucksweise überraschte +nun wieder Maria. Sie bedurfte, um sich einzustellen, ihrer ganzen +Geistesgegenwart. »Ich bin Maria Jakowlewna von Krüdener,« entgegnete +sie mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt, der sich +schützend neben sie gestellt hatte; »mein Mann, Gutsbesitzer im +Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier, ist ins Ausland geflohen, und +ich bin im Begriff, dasselbe zu tun. Ich kann also Ihnen gegenüber keine +Erwartungen, sondern nur Befürchtungen hegen. Sie haben Recht, die Not +macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung muß zunächst an Frauen und +Kindern ausprobiert werden. Litwina, Arina! wir ziehen in die +Dachkammer.« + +Golowin schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Sie täuschen sich, Madame,« +sagte er und steckte beide Hände in die Hosentaschen, »Sie täuschen +sich. Ich bin unempfindlich gegen die Künste des höheren Tons. Ob +Dachkammer, ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie und +Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht aburteilen, und da +Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht offen zuzugeben, können +Sie sich ja ungefähr denken, was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen +darin kurzen Prozeß zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel. +Bleiben Sie also immerhin in der Beletage, wenn Sie Wert darauf legen; +auch die andern Herrschaften will ich nicht weiter stören. Niemand wird +natürlich das Haus verlassen; im übrigen ist Ihnen jede Freiheit +unverwehrt bis morgen.« Dies sprach er ironisch gegen den Kreis +erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt hatte. Menasse +machte Schwimmbewegungen mit den Armen, um sich die Herzudrängenden vom +Leibe zu halten und sich in seiner Bedeutsamkeit gewissermaßen zu +isolieren; er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm zu verstehen +geben, daß das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch zwischen ihnen +beiden gewechselt werden müsse und er zuversichtlich auf eine Einigung +rechne. Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte, +fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: »Hübscher Junge; schade um ihn; +er wird Mühe haben, sich mit alldem zu befreunden. Du sollst später +einer der Unsern werden, mein Junge, was?« Zum erstenmal überlief Maria +ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der stolzen Entrüstung +des Achtjährigen, den Heldengefühle beseelen, erwiderte: »Niemals, ich +werde immer auf Papas Seite sein.« Golowin lachte. »Gute Zucht, Madame,« +sagte er und sah Maria an. »Gute Zucht und gutes Blut,« antwortete sie. +Er verbeugte sich spöttisch, ohne den Blick von ihr zu lassen, einen +scharfen, grausamen, unaufhaltsamen Blick, der kalt prüfte und mehr und +mehr einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick eine Weile +aus, und erst als sie der Verwunderung der Zuschauer inne wurde, glitt +ihr Auge zu Boden. Golowin wurde von seinen Begleitern angerufen und +wandte sich zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen +aufgetaucht, die einen sich sträubenden Menschen zwischen sich +schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion denunziert worden +war; man wollte bemerkt haben, daß er von einem Fenster der Küche aus +Signale gegeben hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den +Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen Befehl zu, und +sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt, zu dem der Koch in seiner Angst +flüchten gewollt und den er mit Gebärden anflehte, erhob jammernden +Einspruch, der ungehört verhallte. Menasse hatte indessen mit dem Grafen +Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und näherte sich nun Golowin. +Er zupfte ihn am Ärmel und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an, +ohne sich durch die finstere Geringschätzung des andern irremachen zu +lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins, statt ihn bedenklich zu +stimmen, erhöhte seinen Mut. Das ihm geläufige Schema auch hier als +praktisch betrachtend, nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt für +Verhandlungen dienen könne. Da legte ihm Golowin die Hand auf die +Schulter und sagte zu dem ihm zunächst stehenden Matrosen: »Was meinst +du, Maxim Maximowitsch, was das komische Insekt da will? Er will mich +kaufen? Möchtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert bin? Vielleicht +gefriert ihm die geschwätzige Zunge, wenn er meinen Preis erfährt.« +Menasse gab Zeichen äußerster Bestürzung von sich. Das war neu; ein +Faktum, das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend die +Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen, blieb aber vor +der Treppe unschlüssig stehen. + +All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten Vorgänge +hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen. Sie trat ins Zimmer, wo +Jewgenia und Arina die Lagerstätten für die Kinder bereiteten. Litwina +trug das Handgepäck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und nahm den +ungebärdig schreienden Wanja an die Brust. Mitja stand vor ihr, der +Anerkennung bedürftig, denn es waren Zweifel in ihm, ob er sich gut +benommen habe. »Du warst lieb und tapfer, mein Sohn«, sagte sie, worauf +er sogleich das Gespräch ablenkte und sich erkundigte, wo Jefim die +Nacht verbringen solle. Jefim schnitt für Fedja und Aljoscha Brot ab und +winkte Mitja, daß er schweige. Maria antwortete nicht. Sie war +zerstreut. Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins in Anspruch +genommen. Seine Manier, seine Geste, seine stechenden, bald farblosen, +bald metallisch glitzernden Augen, die hagere rasche Gestalt, der dünne +rasche Mund mit kleinen, dichten weißen Zähnen, die rasche Rede, die +Stimme, die mit befremdlicher Virtuosität durch alle Register lief, es +wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und das Ganze nicht. +Plötzlich ging die Tür auf, und er trat ein. + +Kälte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja hörte auf zu trinken, +als sei die Milch versiegt und zappelte erbost. Sie schob das Tuch, sich +vor Blicken zu schützen, bis an den Hals und sah Golowin fragend an. + +»Ich wünsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna,« sagte er förmlich, »einige +Worte unter vier Augen zu sprechen.« + +Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um. Da er schwieg und +wartete, drehte sie den Kopf mit stummem Geheiß zu Jewgenia, die Arina +und Litwina zunickte. Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei +Knaben zu sich. Alle verließen das Zimmer. Marias Blick behielt den +fragenden Ausdruck. + +Golowin sagte: »Ihr jüdischer Mittelsmann hat mich für eine Art +Straßenräuber gehalten, dem man Lösegeld anbietet. Ich vermute, Sie +wissen davon. Wäre er weniger lächerlich, so hätte ich ihn heute noch +ans Wirtshausschild hängen lassen.« + +»Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich weiß nicht, was er unternommen +hat,« erwiderte Maria kühl. + +»Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar. Die +Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist es freilich, den +ahnungslosen Hebräer ins Treffen zu schicken. Sie hätten es verhindern +müssen. Haben Sie mich so schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf? +Warum haben Sie selber denn die Gelegenheit versäumt, das Terrain zu +sondieren? Ich hatte es erwartet. Daß ich statt dessen zu Ihnen kommen +muß, gibt kein Plus in Ihrer Rechnung.« + +Maria überlegte erregt: wohin zielt das alles? + +Er ging ein paarmal auf und ab, Hände in den Hosentaschen. Seine Stimme +wurde glatter und heller, als er fortfuhr: »Bin vor der Treppe gestanden +und habe gegrübelt: was ist das für ein Gesicht? was ist das für eine +Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu, daß du es nicht +kennst? Na, da beschloß ich, Avancen zu machen. Es freut Sie nicht, wie? +Ich bin mir natürlich bewußt, daß meine Person eben das repräsentiert, +was Sie mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da. Komme +trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach Waffenstillstand +aussieht.« + +»Was ist es für ein Vorschlag?« fragte Maria unbefangen. + +Sein rotes, muskulöses, von Wettern gegerbtes Gesicht zeigte +Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes Tempo gestimmt +war, entfachte die langsame Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er +stieß die Worte hervor, die einen Klang von Brutalität hatten: »Ich +habe mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begnügt; ich denke, Sie +werden mich dafür entschädigen.« + +»Entschädigen? in welcher Weise? was meinen Sie damit?« + +»Ich meine, daß Sie mich da oben besuchen sollen.« + +»Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.« + +Er verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich meine, daß Sie mir heute nacht die +Ehre Ihres Besuchs erweisen,« wiederholte er in bösem Ton. + +Maria lächelte belustigt. + +»Es liegt mir daran,« fuhr er fort und streckte das Kinn vor; »es liegt +mir viel daran, ich werde Ihnen schon erklären, warum. Ich habe mirs in +den Kopf gesetzt, und mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den +Kopf gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht erst.« + +Maria lächelte. In dieses Lächeln gehüllt, war sie von oben bis unten +Dame. »Sie überschätzen mein Interesse an fremden Zwangsideen,« sagte +sie leicht; »ich will es durchaus nicht versuchen.« + +Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze. »Bleibt es bei der +Antwort?« fragte er mit unerwartetem Ausdruck von Neugier. + +Sie nickte. Wanja begann zu weinen. »Geben Sie doch den Balg weg,« +herrschte er sie an, »er stört mich.« Maria klopfte Wanja den Rücken, +und er wurde still. Golowin sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig +unter Wanjas Kissen. + +Nach einer Pause fing er an: »Gut, stellen wir uns auf den Boden der +gesellschaftlichen Form. Was haben Sie zu fürchten?« + +»Nur meine Meinung von mir selbst.« + +»Sonst nichts?« + +»Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben, deren ich mich +später vielleicht zu schämen hätte. Wie sie auch verläuft, ich müßte sie +vor einem rechtfertigen, der Rechenschaft von mir verlangen darf.« + +»Unsinn,« murrte Golowin; »das klingt ja so als wollte ich die +Geschichte von #boule de suif# mit Ihnen aufführen. Knallerbsen werf ich +nicht. Bin nicht lustig genug dazu.« Er bemerkte ihr aufblitzendes +Erstaunen über das literarische Zitat, ging aber mit einer Grimasse +darüber hinweg. »Ihre Bedenken sind schwächlich,« sagte er; »außerdem +nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der Ihnen Schlupflöcher +nach allen Seiten läßt. Ich verhandle mit Ihnen über Ihr Schicksal und +das Ihrer Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zurück, so ist +es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren Sie nur, was ein +vernünftig erwägender Mensch riskieren muß.« + +»Weshalb denn eine nächtliche Verhandlung in der Dachkammer?« fragte +Maria kopfschüttelnd. »Nennen Sie Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen +sagen, ob sie annehmbar sind.« + +Er lachte. »Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem Plan,« +erwiderte er spöttisch. »Da hätte ich mich ja ebensogut mit dem eifrigen +Israeliten aufs Feilschen einlassen können. Aber das liegt nicht im +Plan. Der Preis, von dem hier die Rede ist, kann nicht mit Münze bezahlt +werden. Chance ist Chance, Madame. Es wäre ja geschmacklos, wollte ich +vor Ihnen den Attila mimen; aber ich bin nun einmal der Diktator der +Stadt, und alle die Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem +Behälter. So stehen die Dinge. Andrerseits weiß ich, daß eine solche +Affäre wie die zwischen uns beiden zart anzufassen ist, und wenn Sie die +Pression, die ich auf Sie ausübe, unanständig finden, bin ich bereit, +ein Versprechen zu leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um +Breite eines Haares näherzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit für +wünschbar halten. An dieses Wort will ich mich binden, dürfen Sie mich +binden. Weigern Sie sich noch immer, so haben Sie die Folgen selbst zu +tragen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. »Ich warte, +Maria Jakowlewna,« sagte er; »von jetzt an in einer Stunde werde ich auf +Sie warten. Zögern Sie nicht zu lange; die Nacht ist kurz.« + +Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die Klinke in der Hand +hielt, wandte er noch einmal das Gesicht zurück und sagte, wieder mit +gestrecktem Kinn: »Ich bin ein waghalsiger Spieler, aber auch ein +ehrlicher. Meine Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf +ziemlich schwachen Füßen. Es ist möglich, daß ich morgen in aller Frühe +mit meinen Leuten werde abziehen müssen. Deutsche Truppen sind gemeldet. +Vielleicht haben wir dann gar nicht mehr die Zeit, euch den Prozeß zu +machen, und Sie kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal nach, +was für ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt so unvorsichtig +aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es lohnt sich.« + +Er verschwand. + +Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein. Alle legten sich +gleich hin und verzehrten nur ein paar Bissen zum Nachtessen, halb +schlafend schon. Jefim hatte eine Liegestätte unter der Treppe gefunden. +Auch Maria warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte. +Menasse bat noch um eine Unterredung. Er ließ sich nicht abweisen. Er +wollte erfahren, was sie mit Golowin gesprochen habe. Auch die andern +draußen seien aufs äußerste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen +gefallen, als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen. +Maria fühlte sich erschöpft; sie vertröstete ihn auf den nächsten +Morgen. Er sagte, nur sie könne das Unheil abwenden; Graf Duchorski +lasse ihr seine unbegrenzte Verehrung wissen; die Herren samt und +sonders erwarteten geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia drängte den +Schwatzhaften endlich über die Schwelle. + +Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug, geschah es wie +auf Befehl. Ihre Gedanken waren im Nu gesammelt und klar. Der Raum war +voll Mondlicht. Sie sah auf die Uhr; es war halb zwölf, sie hatte also +drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete ihr Haar, +brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche ein Spitzentuch und +nahm es um die Schultern, dann verließ sie auf Zehen das Zimmer. Sie +stieg die enge Holztreppe empor; der Treppe gegenüber war eine Tür. +Während sie überlegte, öffnete sich die Tür, und Golowin stand vor ihr. + +Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein Licht drinnen war, +verharrte sie betroffen. Doch lag die Kammer auf der Mondseite, und der +Mond erzeugte solche Helligkeit, daß jede Bodenritze und jedes +Spinngewebe erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel +breiter als die Fensteröffnung, nicht viel länger als die eiserne +Bettstelle. Außer dieser war nur noch ein Tisch und ein Stuhl vorhanden. +Die Wandbretter hatten zum Teil ihre Befestigung verloren und hingen +schief und morsch. In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah über +niedrige, mondglänzende Dächer bis zum Hafen hinaus, dessen Fläche +ebenfalls im Mond schimmerte. + +»Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anzünden, obwohl nur +noch ein Stümpchen da ist,« sagte Golowin; »ich meinerseits ziehe die +natürliche Beleuchtung vor. Die ganze Zeit, während ich hier geduldig +auf Sie gewartet habe, hat es mich beschäftigt, mir Ihr Gesicht im +Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung, nicht wahr? Ich bin +sicher ein heimlicher Romantiker; außen ein wenig ruppig, aber innen +Romantiker, ganz sicher.« Er lachte. + +Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne. Er sagte: +»Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist höchstens für mich zum Balanzieren +praktikabel. Ich muß Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten; #I know, that's +a funny misfortune,# aber alles ist nun einmal aufs Heikle zugespitzt, +wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung nicht aufhalten. Bitte +nehmen Sie Platz.« + +Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, spürte daß sie errötete, +fröstelte unter einem kühlen Luftzug vom Fenster her, zog das +Spitzentuch fester, schaute Golowin schweigend an. Ihre großen dunklen +Augen, denen die Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh, +glänzten feucht. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie in ihrer mutigen +und offenen Art; »ich werde das Gefühl nicht los, als ob Sie in einer +Verkleidung steckten. Sind Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind +Sie?« + +Er hatte sich nachlässig auf die Tischkante gesetzt und die Arme +verschränkt. »Also #curriculum vitae#?« antwortete er lachend. +»Verkleidung? Nein. Ein bißchen buntscheckig, ja. Oder zwiebelähnlich, +mit vielen Schalen.« Er räusperte sich und heftete den Blick ins Freie. +»Ich sehe ein, daß es unartig wäre, Ihre Wißbegier nicht zu +befriedigen,« begann er; »ich will knapp sein wie ein Lexikon. Geboren +in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem Einschlag im Blut; Mutter: +Engländerin, Pastorentochter. Alter: sechsunddreißig. Erzogen in der +Kadettenschule. Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. Müßig +herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der Eltern völlig +mittellos. Eines Tages die Kräfte zusammengerafft; Elektrotechnik +studiert; gehungert; nach Schweden gegangen, nach Norwegen. Mich +anheuern lassen auf einem Walfischfänger; zwei Winter im grönländischen +Eis verbracht. Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden. Nach Island +gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizitätswerk gebaut. Geheiratet; +Tochter eines Rheeders; mit ihr nach London gereist; höllisch betrogen +worden von ihr; kurzen Prozeß gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf, bei +Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer Dampfwäscherei gearbeitet; +auf einem Kohlendock in Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei +der #Illinois railway company#; als Zeichner und Ingenieur in San +Franzisko. Große Affäre: die beiden Töchter eines Holzmagnaten verführt; +von gedungenen Strolchen beinah erschlagen worden; sechs Monate Spital. +Nach Paris gegangen; Reporter für Newyork-Herald geworden; im Jahre 12 +nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen beigetreten; im +Jahre 14 Einberufung zur Marine; Vertrauensmann der Besatzung geworden; +den Umsturz mitherbeigeführt, und nun,« er verbeugte sich bizarr, »der +Auszeichnung gewürdigt, meinem verehrten Gast diesen Steckbrief +überliefern zu dürfen.« + +»Viel in wenig Worten,« sagte Maria lächelnd. + +»Braucht es mehr? Die Ereignisse geben ja doch nicht den Inhalt. Fast +jedes Leben, meines auch, ist eine unordentlich gepackte Kiste, und wenn +man sie ausräumt, haben die meisten Dinge längst nicht mehr den Wert, +den sie beim Einpacken hatten. Ich bin kein Freund von Ausräumen. Lieber +noch ein paar Nägel in den Deckel.« + +»Sie laufen sich selber voraus, Sie laufen mit sich selber um die +Wette,« bemerkte Maria. + +»Ja, das sagen Sie so, ob Sie aber das richtige Bild davon haben, möchte +ich bezweifeln,« antwortete er. »Eigentlich war kein Tag der Rast. So +eine Stunde wie die jetzige, wo man spricht und sich zurückbesinnt, hat +es eigentlich nie gegeben, denken Sie. Man war wie auf einem Schiff, das +mit vollen Segeln vorm Sturm rennt. Bö auf Bö; da ein Leck, dort ein +Leck; alle Mann an die Pumpen; zuletzt immer ein verzweifelter Sprung +von der Takelage ins Rettungsboot. In so einem nüchternen Taumel; in so +einer betrunkenen Entschlossenheit; mit dem Zittern bis in die Rippen; +und niedergetrampelt wurde jeder, der im Weg stand. Ja, so war es.« + +»Immerhin haben Sie ein Stück der Welt mit Appetit verspeist,« sagte +Maria und zeigte ihre herrlichen Zähne. + +»Das ist wahr,« erwiderte er und nickte. »Sie ist mir nichts schuldig +geblieben, die Welt, ich ihr auch nichts. Ich habe sie kennen gelernt +von unten bis oben, die brüchigen Fundamente, die verfaulten +Schanzwerke, die verrostete Maschinerie, die rissige Verschalung, die +schadhaften Ankertaue, wie gesagt: vom Kiel bis in die Raaen. Und was +die Bemannung betrifft: kranke Gehirne, ein tollwütiges Fieberwesen, +eine bestialische Raserei der Untiefe zu. Es war ein Riesenspaß, Maria +Jakowlewna, eine Labung fürs Gemüt. Es gab Zeiten, wo ich +quietschvergnügt gewissermaßen neben dem hochgespannten Dampfkessel +hockte und mir an den Fingern ausrechnen konnte, wie lang es noch dauern +würde, bis der ganze pomphafte Plunder mit ungeheuerm Krach in die Luft +flog. Eigentlich waren das die schönsten Momente. Ich habe etwas von +einem Propheten in mir, oder wenigstens von einem Diagnostiker. Das kam +mir auch beim Dienst auf dem Kriegsschiff zustatten. Einen schöneren +Explosionsherd konnte man sich im verwegensten Traum nicht ausmalen; ein +Faß Dynamit mit der Lunte am Spund ist ein Spielzeug dagegen. Lehrreich, +zu beobachten, wie unwiderstehlich es die Mäuse zum Speck in der Falle +zieht. Ich hielt mich kunstvoll am Rande, immer zwischen Beförderung und +Disziplinarverfahren; sie konnten mir nicht beikommen, auch nicht mit +dem Köder der Rangerhöhung; warum hätte ich den schnappen sollen? Ich +fühlte mich auf der Pulvertonne am richtigen Platz. Ich vermochte meinen +Leuten den Tag vorauszusagen, an dem die Mine springen würde; und an +genau dem Tag haben wir den Kapitän, die Offiziere, die Maats und was +immer Epauletten und Sterne trug in die Feuerungslöcher befördert; eine +zu schnell funktionierende Hölle, leider, wenn man bedenkt, was für eine +lange Hölle sie andern bereitet hatten.« + +Er sprach völlig ruhig, beinahe heiter, in einem flüssigen Plauderton, +wie von einer Sportleistung, auch mit der dazu gehörigen halbironischen +Prahlerei. Er zündete eine Zigarette an, und beim Aufflammen des +Streichholzes erschien Maria sein Gesicht kindlich harmlos. Mit ruhenden +Händen im Schoß saß sie da und fand keine Worte. + +»Famos, wie ihre Hände sich im Mondlicht ausnehmen,« sagte Golowin; »wie +weißer Bernstein.« + +Sie fuhr zusammen. »Sie haben meine Gegenwart gewünscht, um mit mir zu +verhandeln,« sagte sie mit verzogener Stirn; »das war die Abmachung. Ich +habe mich Ihrer Laune gefügt, weil ich schließlich von Ihrer Laune +abhänge, und nicht nur ich allein. Kommen wir also zur Sache.« + +»Es wundert mich, daß Sie damit solche Eile haben,« antwortete er mit +einem kichernden Ton. »Seien Sie doch froh, wenn ich meine Zunge +spazieren führe. Am Zweck, den ich verfolge, sollte Ihnen wenig gelegen +sein. Oder sind Sie so naiv, daß Sie glauben, es gehe um die Schale und +nicht um die Nuß? Sind Sie wirklich da heraufgekommen in der Meinung, +wir würden eine unverfängliche diplomatische Schachpartie spielen?« + +Maria, beunruhigt, stand auf. »Ich dachte, um Knallerbsen zu werfen, +seien Sie nicht lustig genug.« + +»Es muß ja nicht #boule de suif# sein,« entgegnete er zynisch, »es kann +ja, beispielsweise, auch Maß für Maß sein. Das ist dann schon minder +lustig. Es hängt meistens von der Frau ab, ob es lustig ist oder nicht.« + +Maria sagte verletzt, und ihre dunkelsonore Stimme bebte: »Es besteht +keine Gemeinschaft zwischen uns. Sie sind ein Liebhaber von Späßen, ich +bin zu spaßen nicht aufgelegt. Sie tanzen um einen Weltbrand einen +Freudentanz; so suchen Sie sich wenigstens nicht einen Partner aus, +dessen Lebensglück in den Trümmern liegt. Was ist Ihre Absicht?« + +Er näherte sich rasch, die flachen Hände aufgehoben. »Vor allem: nehmen +Sie wieder Platz. Nicht diese Miene! Zucken Sie nicht zurück, ich rühre +Sie nicht an. Bei Gott, ich rühre Sie nicht an. Ist Ihnen kalt? Wollen +Sie meinen Mantel haben? Nein, nein, bleiben Sie sitzen, ich lasse ihn +am Nagel; kann mir denken, daß Ihnen vor solchem Mantel widert. Das +bißchen Zimperlichkeit halt ich zugut. Und nun merken Sie auf.« + +Er zog den dreibeinigen Stuhl heran, flink und plump in den Bewegungen, +und setzte sich auf den äußersten Rand, um des Gleichgewichts sicher zu +sein. Er legte die Hände um seine Knie, beugte sich vor, streckte das +Kinn. Alles hatte eine gewisse Anmut, eine plumpe Geschmeidigkeit, +kraftvolle Zierlichkeit. »Seit zweieinhalb Jahren habe ich nicht in das +Gesicht einer Frau gesehen,« begann er und lächelte knabenhaft; »habe +ich nicht die Luft geatmet, die um eine Frau ist, nicht die Bezauberung +verspürt, die davon ausgeht, wie eine Frau die Hände regt, die Lider +hebt und senkt, die Lippen öffnet und schließt. Ich habe Kohlenrauch +gerochen, Kohlenstaub in die Lungen gepumpt und mit Salzluft mühsam +wieder ausgespült, die gräuliche Atmosphäre in Schlafsälen, den heißen +Ölgestank im Maschinenraum geschmeckt; ich habe Zähne fletschen gesehen, +Flüche murmeln gehört, allen Unrat der Menschennatur sich über mich +ausgießen lassen, die eingequetschte, wimmernde, wütende, brüllende Qual +eines riesigen Kerkers mitgelebt, und ich bin hungrig. Nicht in der +Weise hungrig, wie Sie zu fürchten scheinen. Man hat seine Erziehung, +man hat seine Erfahrung, man ist kein Geier. Nicht hungrig wie einer, +der aus Mangel an Nahrung krepiert, an Nahrung überhaupt. Wenns weiter +nichts wäre! Der Tisch für die andern ist reichlich gedeckt. Ich bin +hungrig wie ein Mann, den eine Fiebererscheinung in Trance versetzt hat. +Wir hatten mal in Boston eine spiritistische Sitzung. Es kam, im blauen +Licht, ein weibliches Gespenst herein. Sah ungefähr aus wie Sie, Maria +Jakowlewna; wunderbar sehen Sie aus, wie Sie da sitzen und mir zuhören. +Na, ich ging entschlossen auf das Gespenst los, ohne mich um die +hysterischen Entsetzenskrämpfe der verzückten Gesellschaft zu kümmern, +griff mit Armen darnach, und siehe da, es war ein warmer, weicher +Menschenleib. Ich entsinne mich, es war ein unvergeßliches Wohlsein in +mir, als ich den warmen, weichen Weiberleib hatte. Der Gespensterunfug +nahm gar nichts weg von dem Wohlsein, im Gegenteil, es war so diabolisch +verboten, daß es mir göttlich behagte. Man muß nur mit Armen zugreifen, +wenn es um einen gespenstert. Und es gespenstert schon lange um mich.« + +Er lächelte abermals; strich mit der Hand über die dünnen, +schlichtliegenden Haare; sah alt aus, verbraucht, zerwühlt, plötzlich +wieder straff, elastisch, jugendlich und fuhr nach einigem Besinnen +fort: »Sprechen wir ein wenig von der Fieber-Erscheinung und davon, wie +sie entstanden ist. Denken Sie sich also hunderte von Männern, +primitiven Männern, denken Sie sie monatelang an einem und demselben +Ort; hunderte, doch in ihrer Gesamtheit absolut einsam auf dem Ozean; +durch die militärische Knute in Atem gehalten, durch harten Dienst +niedergezwungen; in ihren Trieben und Instinkten vollständig geknebelt. +Überlegen Sie sich einen Augenblick, was daraus erwächst. Ich bin ein +Mensch, der das Grauen nicht kennt und auch den Ekel nicht. Ich nehme +alles von der einfachsten Seite; es ist da, also hat es da zu sein. Aber +wenn man so buchstäblich in den Miasmen watet, die aus den Seelen +dunsten, das reißt an den Nerven. Es gibt bei Männern einen Zustand der +Entbehrung, der stillen, stumpfen, folternden Begierde, der macht alles +zu Gift und Brand in ihnen. Gefehlt, wollte man meinen, daß die +aufreibende Arbeit, die körperliche Erschöpfung dem entgegenwirkt; die +vergiften und verbrennen nur noch mehr, bis das ganze Individuum ein +von tobsüchtigen Bordellbildern geschütteltes Ding ist mit zwei +Existenzen, jede tierisch genug: die wirkliche, graue, trostlose und die +in der Bruthitze der Erinnerungen und der Wünsche. Ich habe nie an die +friedlichen Robinsons geglaubt; ist so ein Bursche gesund und ein +ehrliches Mannsbild mit seinem Geschlecht im Leibe, so muß er ja +komplett verrückt werden. Oder es stirbt ein Stück Leben in ihm ab. Ich +trete zum Beispiel in einen Schlafraum und sehe mir die Schläfer einzeln +an. Da ist einer, liegt in Schweiß gebadet, mit dicht aneinander +gerückten Falten auf der Stirn. Jede von den Falten ist eine mit +Ausschweifungen gefüllte Grube. Er hält sich schadlos, der Kerl; er +dichtet; er lebt sich aus in seinem lasterhaften Schlaf; kein Hirn eines +abgefeimten Erotikers ist je auf solche Möglichkeiten verfallen. Ein +anderer windet sich wie in Krämpfen der Pubertät; er ist leichenblaß und +trinkt seine eigenen Lippen. Ein anderer sieht aus, als klettre er an +einer Felswand hinauf, angespannt wie ein Seil, lüstern wie ein Affe. +Sie keuchen, schlagen mit gekrallten Fingern um sich, grinsen gierig, +flüstern einen Namen, umklammern etwas in der Luft, sind vollständig +aufgerissen, in einem Chaos glühender Visionen. Noch ein Beispiel. Ich +sitze unter ihnen; dienstfreier Abend; man redet; sie werfen sich ihre +Schlagworte zu; Anspielung auf Anspielung; grobes Geschütz, daß einem +die Ohren sausen; eh mans recht weiß, ist der Siedepunkt erreicht: die +Augen kochen, die Zungen wirbeln, das kaum Ausdenkbare wird gesagt, +geschrieen, schamlos hingemalt, sie wälzen sich in einer heißen Pfütze, +übersteigern sich, neiden einander das frechste Bild, den unflätigsten +Ausdruck, und man sieht dabei, wie es sie über alle Begriffe martert. +Und man beobachtet zwei, die sich einander mit verdeckten Blicken +messen, Mann gegen Mann als wärs Mann gegen Weib; stumm und irr faseln +sie vom Fleisch und von Lust; sie verstehen sich vortrefflich, die zwei +in ihrer Entzündung, und sie sind nicht die einzigen. Jag ich Ihnen +Schauder ein? Das ist nicht der Zweck. Ich tünche bloß den schwarzen +Untergrund für mein Lichtgewebe. Hat man sich vollgesogen mit dem +Irdischen der untersten Abgründe, so werden die Himmelsgestalten so weiß +und so zart wie nur Lilien in Pestsümpfen. Man muß aber zu den Seraphim +entschlossen sein. Es muß einem gelingen, die Poren gegen die Ansteckung +zu verstopfen. Zu früh nachgeben, das heiß ich ein Kalb im Mutterleib +schlachten. Ein Mönch ist unter Umständen ein geriebener Genüßling, wenn +er zum Feinschmecker von Illusionen wird. Vielleicht war der heilige +Antonius der größte Liebeskünstler der Welt. Ein brennenderes +Aphrodisiakum kann ich mir nicht vorstellen als die Qualen von +freiwillig Enthaltsamen. Das geht über ein Fest auf dem Blocksberg. Aber +ich bin kein Voyeur, durchaus nicht. Ich bin nur für kluge Steigerung, +überhaupt für Steigerung. Dort in dem Satanskessel, auf dem Schiff, hab +ich mein Verlangen gezüchtet; habe es sorgsam gepflegt, wie man ein Tier +mästet, das eine delikate Mahlzeit zu werden verspricht. Und wonach hat +mich eigentlich verlangt? Schwer zu sagen. Nach einer bestimmten Glätte +der Haut; nach einer bestimmten Rundung der Fessel; einer bestimmten +Modellierung des Handgelenks; einer bestimmten Transparenz der Äderung +an den Schläfen; einem bestimmten Gang und Schritt und Blick. Ist das +etwas? Umschreibt das etwas? Es ist eine Angelegenheit des Geruchs, des +Spürsinns, der Epidermis, der Nerven-Elektrizität. Deutlicher: ich will +eine Ebenbürtige haben, eine sinnlich Ebenbürtige. Kurz und gut, Maria +Jakowlewna, Sie sind es, die ich haben will.« + +Marias Auge fiel auf einen Skorpion, der, von Fingerslänge, an einem +Brett ihr gegenüber unbeweglich hing, zierlich in der Gliederung, zart +umgrenzt, ohne Schatten, wie eine japanische Zeichnung. Indem sie das +Tier anschaute, ward ihr leichter zumut; in einem losgelösten Teil ihrer +Seele freute sie sich am Zarten und Zierlichen und vergaß das Giftige +und Gefährliche; dieses wußte sie ja nur, sie hatte es nie erfahren. Sie +heftete den Blick in Golowins Gesicht und sagte in zutraulichem Ton: +»Ist es nicht sonderbar? seit Sie das Wort ausgesprochen haben, bin ich +vollkommen ruhig. Es ist nun nichts Unbekanntes mehr zwischen uns. Ich +habe sogar ein Gefühl von Sympathie für Sie. Das eine Wort, dieses +vernunftlose, rohe, gewalttätige Wort hat es bewirkt. Plötzlich bin ich +die unvergleichlich Stärkere von uns beiden.« + +»Verstehe nicht,« murmelte Golowin ziemlich außer Fassung. + +»Sie sagen, Sie wollen mich haben,« fuhr Maria in demselben zutraulichen +Ton fort; »ich antworte Ihnen: schön, hier bin ich; bitte.« + +Golowin starrte sie sprachlos an. + +Sie sagte heiter: »Kann man denn einen Menschen so ohne weiters haben? +so nach Gelüst und Gelegenheit? wie man einen Apfel vom Baum holt, auch +aus einem fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach, weil man +Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist sie sonst nichts als der +Bissen? als die Beute? als das Vergnügen einer Stunde? Wenn Sie dieser +Ansicht sind, - bitte.« + +Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mit abgewendetem Gesicht +dort stehen. Der Mond beleuchtete nur noch ein kleines Stück der Wand. + +»Meinen Sie im Ernst, Sie hätten mich dann gewonnen?« fuhr Maria fort. +»Vielleicht hätten Sie mich zerstört, sicher beschimpft, unerhört +erniedrigt, aber gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren +Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Krüdener, und nicht vielmehr +eine seelenlose Hülse von mir? Ob man lebendige Menschen in Feuerlöcher +wirft oder sie zu Opfern einer Zufallsbegegnung macht, läuft auf +dasselbe hinaus. Haben, was für ein gemeines Wort! was heißt denn haben, +wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen ist, halb +Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.« + +Golowin schwieg noch immer. + +»Die Rechnung ist für mich nicht sehr kompliziert,« sagte Maria; »ich +soll das Zahlungsmittel abgeben für die Freiheit, wahrscheinlich auch +für das Leben von etlichen fünfzig Menschen, darunter meine Kinder und +ich selbst. Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir +offenbar nichts anders übrig, als in den elenden Kaufvertrag zu +willigen. Schön. Es ist nichts Besonderes, nichts Erschütterndes im +Vergleich mit den großen Ereignissen. Es ist ein Schicksal, mit dem man +sich abzufinden hat. Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt. +Aber soll sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der Sie +gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir leid. Es ist eine +uralte und furchtbar gewöhnliche Weltordnung, das.« + +Ohne sich vom Fenster zu rühren, antwortete Golowin mit dumpfer Stimme: +»Sie mißverstehen mich mit Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie müssen +als Weib unrüttelbar fixiert sein, daß Sie Selbstverständlichkeiten mit +einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten. Ich habe meine Augen +im Kopf und meine Witterung in der Nase. Kann sein, daß die Bussole da +drin ein bißchen an Richtung verloren hat; die Nadel schießt verzweifelt +nach links und rechts, als stünde sie überm magnetischen Pol. Daß Sie um +und um und bis in die letzte Faser fixiert sind, habe ich trotzdem +gespürt, und das war ja der Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir +entgegensteht. Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir. Dieses +Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm stellen. Aber ich rieche +ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.« + +Durch Marias Körper lief ein Schrecken wie nie zuvor. + +Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: »Sie reden von ihm mit +jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen wie er es gutheißt und befiehlt. +Aber Sie würden jetzt nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon +gelungen wäre, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft, aber +mich können Sie nicht wegdrängen, und er kann Ihnen bald nicht mehr +helfen, seine Arme werden lahm.« + +»Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch,« sagte Maria. + +»Haben Sie mich für einen bübischen Schänder genommen, für einen +Dutzendhallunken? Ich kenne die Wege, die zu den verborgenen Flammen +führen. Wer sagt Ihnen, daß ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten +verzichten will? auf die Entzückungen der Allmählichkeit? auf die +Überraschungen und kleinen süßen bittern Süßigkeiten, die einen Leib mit +einem Leib befreunden? Aber vielleicht bin ich imstande, vielleicht maß +ich mir an, die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden zu +pressen, die von der Faulheit und dem Mangel an Schwung in so öde Länge +gezogen wird, daß die Ermattung und die Erfüllung nicht mehr Ähnlichkeit +miteinander haben wie ein Schiff, das vom Stapel läuft mit einem Wrack +auf einer Sandbank.« + +»Es ist möglich, daß Sie dazu imstande sind,« sagte Maria, »aber Sie +können nicht einen Stoff in einen andern Stoff verwandeln, Sie können +nicht das Gesetz eines Lebens umstoßen.« + +Golowin lachte spöttisch. »Käme auf den Versuch an. Es ist eine Frage +der Magie.« + +Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo er stand. + +»Sie sprechen von Zufallsbegegnung,« fuhr er fort. »Ich meinerseits +glaube nicht an solchen Zufall. Sind Sie so fest davon überzeugt, daß +Sie bloß eine Verkettung unbestimmbarer Umstände in diese Stadt, in +dieses Haus gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein +Beschluß? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir hätten auch +zufällig auf eine entlegene Insel verschlagen werden können, um wieder +von Robinsonaden zu reden. Wieviel Tage hätten Sie sich Frist gegeben +bis zur Hochzeit? Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang hätte, +einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann gegenüber, Ihr Blut +geschwiegen, falls ich sogar aus Schlauheit oder Berechnung unterlassen +hätte, es zu schüren? Würden Sie einen Triumph darin erblicken, eines +Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige zu bleiben? Treue; +was ist Treue? Eine Übereinkunft, durch die man Entbehrungen +legitimiert, die Machtprobe eines Besitzenden, das Gitter gegen den +Einbruch der Ausgestoßenen, ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte +Hand.« + +»Ich weiß mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen,« antwortete +Maria; »es hängt doch alles davon ab, ob der Funke, den man schlägt, +Feuer gibt oder nicht.« + +»Gewiß,« pflichtete Golowin bei und näherte sich wieder; er trat in den +dunkelgewordenen Teil des Raums und lehnte sich an die Bretterwand; +»gewiß. Wir in unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt. +Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, drüben in Übersee. Das sind +Leute, die sich auf die Methoden verstehen. Es ist eine ererbte Kunst, +von Jahrtausenden her. Sie lächeln über unsere Finten und Schliche, sie +machen sich lustig über unsere Vierschrötigkeit und Dickhäutigkeit, sie +zucken die Achseln über das, was wir unglückliche Liebe nennen. So wie +man dort im Osten ein ausgebildetes System hat, das den Schwächsten +befähigt, einen Athleten zu bändigen und auf die Knie zu bringen, +verleiht eine langwirkende Überlieferung dem mit Erkenntnis Begabten die +Macht, auch in das widerspenstigste Material körperliche Liebe zu +pflanzen. Körperliche Liebe, also Liebe überhaupt, wenn man absieht von +der europäischen Unzucht, die Dinge der Natur ins Blümerante und +Schöngeistige zu verdrehn. Erinnern Sie sich an die berühmte +Skandalgeschichte von der Entführung der Miß Holywood in Neuyork? Sie +war eine Schönheit ersten Ranges, umworben von der männlichen Blüte des +Landes, unnahbar, von makellosem Ruf. Eines Tages war sie verschwunden; +spurlos, rätselhaft. Man setzt für ihre Auffindung Prämien von +schwindelnder Höhe aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am +Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt in einem der +schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt. Man verhaftet eine Anzahl +Chinesen, der eigentlich Schuldige ist entwischt. Die junge Dame bringt +man in das Haus ihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie +steht nicht Rede; sie kann sich dem früheren Leben nicht mehr bequemen, +sie leidet unter Ausbrüchen von Wut und krankhafter Depression, die +Ärzte vermögen nichts über sie, die früheren Freunde nichts, und während +man alle Hebel zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine +Verbindung mit dem Entführer herzustellen; plötzlich ist sie zum zweiten +Mal verschwunden, und wie sie in einem hinterlassenen Brief mitteilt, +ist es ihr freiwilliger Entschluß gewesen, zu dem Chinesen +zurückzukehren. Die amerikanische Gesellschaft war natürlich außer sich, +denn was gibt es in ihren Augen Verächtlicheres als einen Chinaman? Mich +beschäftigte die Sache ungemein. Da ich keinerlei Kasten- und +Rassendünkel kenne, scheute ich mich nicht, meine chinesischen +Beziehungen dahin auszunützen, daß ich über den mysteriösen Fall, der +durchaus kein vereinzelter war, wie ich später erfuhr, verschiedene +Aufschlüsse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen sind sehr +zurückhaltend, außerdem behaupten sie, es gäbe auf diesem Gebiet +zwischen ihren und unsern Anschauungen keine Verständigung. Es fehlen +die Vokabeln schon, behaupten sie. Aber das Glück wollte, daß ich auf +einen prachtvollen Lehrmeister stieß, einen Burschen so fein wie +Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. Hören Sie auch zu? Ich +sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie werden nichts wissen wollen von +dieser Weisheit und Feinheit, die in ein Labyrinth führt. Und was +fruchtet sie mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth sträuben? Es +weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander Ding als unsre +Miniaturleidenschaften und gestatteten Gefühle. Bei dieser Mischung von +Gelehrsamkeit und narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, daß der +Mensch von der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden muß. Wer +von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der größte Verbrecher nicht. +Dostojewski; aber die Angst bleibt auch bei ihm. Mein Chinese +entwickelte unter anderm eine ganze Philosophie der sinnlichen +Beeinflussungen und Übertragungen. Die Herrschaft über das lebendige +Instrument ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell, +aber unsere Frauen verlieren schon im ersten Stadium die +Widerstandskraft. Je höher gezüchtet eine ist, je wehrloser ergibt sie +sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis einer solchen Frau gelesen; +die erstaunlichste Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und +kühn. Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors in +Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen war. Sie +sprach von dem Glück des Grauens, von der Wonne der Verlöschung, und daß +sie keine Gewissensbisse darüber empfinde, die Seele, diesen lügenhaften +Frieden der Seele, hingegeben zu haben, für die Flammen, die sie +umprasselten und dem Augenblick des Todes den der Auferstehung des +Fleisches folgen ließen. Das klingt wie Wahnwitz und ist in der Tat +vielleicht eine Form der Hysterie. Überdies soll sie vor ein paar Jahren +in einer Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener rechter +Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber reizte mich, es mit der +Praxis zu versuchen, und die Erfolge waren nicht übel; die Schule +bewährte sich. Freilich fehlte das letzte Geheimnis; was hätte ich +gegeben um das letzte Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu +seicht; der europäische Mensch ist nicht eng genug; etwas Ähnliches sagt +schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte die Probe bei vielen +an. Die Wildesten wurden zahm; wie Würmer so zahm wurden sie. So +eigentümlich entseelt waren sie nach kurzer Zeit, als hätte man aus +ihrem Gehirn gewisse Bewußtseinskomplexe mit dem Messer entfernt. Man +wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein, man umschlingt sie +unbemerkt, die wunderbaren Körperchen, bemächtigt sich ihrer, indem man +den Sklaven macht, den unhörbaren Schatten, das unentbehrliche andre +Ich, das verachtete und verstoßene Teil, die böse lockende Chimäre. Und +so zieht man das Menschlein an sich, bis es nicht mehr entschlüpfen +kann. Es gibt da Zärtlichkeiten wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die +Spitze jedes Fingers, jede Stelle der Haut, die Höhle unter der Achsel, +das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Zärtlichkeit dressiert, +und dankt. Jedes Glied an dem geliebten Leib dankt. Jedes ist +hingeschmolzen in seine besondere Lust, jedes erwacht für sich als wie +ein jauchzendes williges Tierchen, ein Flammentierchen und was man in +Armen hält, ist ein Wesen ohne Scham und Lüge, ohne Geist und ohne +Angst, unergründlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna,« seine Stimme, +die zuletzt ein Flüstern geworden war, erhob sich und klang durch den +Kontrast wie ein Schreien, »wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz +packe, gehört es mir, so oder so. Lassen wir die Erzählungen, die +Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor hunderttausend Jahren war. Ja, +ich reiße Ihre Brust auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr, +keine Gestalt, kein Gelöbnis, kein Bild, innen ist nur Liebe. Ich will +drin verbrennen und verdorren, wenn es sein muß, aber geben Sie mir +Liebe.« + +Der Mond war untergegangen. Es war völlig finster geworden. Maria erhob +sich, tastete sich zum Tisch und griff nach der Kerze. Sie fand +Zündhölzer daneben und machte Licht. Besorgt sah sie, daß das Stümpchen +nicht lange brennen würde. »Liebe,« murmelte sie, »Liebe.« + +»Warum töten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen?« fragte Golowin +zu ihr hinüber. + +»Ich verscharre nur den Leichnam, getötet haben Sie es,« antwortete sie +ernst. »Ein Leben lang.« + +»Moral, flaue Moral,« sagte er achselzuckend; »der Hieb ist zu matt, ich +pariere ihn nicht.« + +Maria begann mit jener tiefen Stimme einer Märchenerzählerin, die alles, +was sie sagte, durch den bloßen Klang versinnlichte: »Auf dem Gut hörte +ich eine Geschichte von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide +waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab sich Petruschka auf die +Wanderschaft und blieb viele Jahre fort. Als er heimkehrte, brachte er +einen Sack voll Gold mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka +gierig. Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing an, ein +stolzes Schloß zu bauen. Nikituschka läßt sich den Weg erklären, macht +sich auf, kommt aber nach einer Zeit müde zurück. Ich habe mich verirrt, +sagt er. Da begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen, in +den der Stollen führt und sagt: in den Stollen mußt du hinunter und +viele Jahre graben. Es dauert nicht lange, da erscheint Nikituschka +abermals unverrichteter Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre +unter der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das ist +einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben, sagt Petruschka, +du siehst ja, daß ich mir da ein Schloß baue; wovon soll ich die +Bauleute entlohnen? Hilf auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem +Gold.« + +Sie schwieg. + +»Der Hieb ist nicht stärker geworden,« sagte Golowin lächelnd; +»Petruschka hätte teilen sollen, als er mit dem Gold zurückkam.« + +»Was hätte es Nikituschka genützt?« erwiderte Maria mit Eifer; »er hätte +seinen Anteil verschwendet und wäre so arm gewesen wie zuvor.« + +»Besser zu verschwenden als mühselig zu graben,« beharrte Golowin, noch +immer lächelnd und sah sie aus den Augenwinkeln an. + +»Der Verschwender ist ein Dieb,« sagte Maria; »man muß im Stollen +gewesen sein; man muß gegraben haben.« + +»Man muß, man muß,« spottete Golowin, und der Blick aus den Augenwinkeln +wurde funkelnd; »hab ich etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?« + +»Nicht Gold gefördert, nicht Petruschkas Gold,« wehrte Maria mit +erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick als seine Worte; »wenn +Petruschka fragt: was hast du im Stollen gemacht, so werden Sie ihm +antworten müssen: was dich kränkt, was dein Gemüt vergiftet, was dir +Leiden bereitet, dir und deinen Brüdern. Petruschka hat gebaut.« + +Golowin entgegnete nichts. Er drückte den Hinterkopf an die Bretterwand, +fuhr fort zu lächeln, fuhr fort, sie aus den Augenwinkeln zu betrachten. +Eine eigene Unruhe bemächtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende +und sie allmählich ganz einhüllende seltsame Scham. Ihr wäre am liebsten +gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu verschwinden. Es ging so +weit, daß sie sich ärgerte und sich innerlich Vorwürfe machte, die Kerze +angezündet zu haben. Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den +Ohren und im Nacken heiß; sie konnte sich diesen Zustand durchaus nicht +erklären. Plötzlich fragte er, ohne sich zu rühren, in die Luft hinein: +»Glauben Sie an das Ende?« + +»An welches Ende?« + +»Nicht bloß an das Ende von Maria Krüdener und Igor Golowin, das ist ja +gewiß. An das Ende von Rußland und Europa meine ich, an das Ende von +Eisenbahn und Telegraph, von Zeitungen und Büchern, von Kunst und +Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an das Ende der +Menschheit, an das Ende von allem. Glauben Sie daran?« + +Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete sie leise: »Ich +glaube nicht daran. Ich glaube an das ewige Leben.« + +»Glauben Sie an die Wiederkehr?« fragte Golowin, und sein Lächeln +verdämmerte in den Schatten, die der flackernde Kerzenschein in sein +Gesicht warf. + +»Was verstehen Sie unter Wiederkehr?« + +»Nichts kehrt wieder,« sprach er, ohne die Frage zu beachten, »und doch +schreit jeder Atemzug im Menschen nach Wiederkehr. Nichts kann noch +einmal sein, was gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste +Verlangen im Menschen, daß es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist das +Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht überwindet, ist man +der Narr des Schicksals. Auch für Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie +wieder, was einmal Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis +gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.« + +Mit geschlossenen Augen schüttelte Maria den Kopf und sagte: »Ich weiß +es so fest wie daß die Sonne aufgehn wird: er kehrt wieder.« + +»Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gefühl; die spricht aus Ihnen. +Sie haben das Unglück gehabt, eine glückliche Ehe zu finden, sonst wären +Sie ein Weib gewesen, mit dem man auf die Barrikaden gehen könnte. +Schade, wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenne erniedrigt +wird. Alles was edel und flugkräftig an Ihnen war, hat die Ehe in eine +Kapsel gepreßt, und Sie wagen sich nicht zu rühren aus Angst, das +Gehäuse zu sprengen. Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen +angebracht, Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen; +wozu Sie aber hätten steigen können, wenn man Ihnen die Menschenfreiheit +nicht geraubt hätte, davor verschließen Sie sich. Frauen wie Sie müßten +in ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe zerstört sie. Es +ist als hätte man Sand in ein kostbares Uhrwerk geschüttet. Wenn dann +der große Feind kommt, ist es zu spät. Der große Feind, der große +Abrechnungskommissär, der Unbestechliche.« + +Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer Innigkeit, der +Golowin betroffen machte. + +»Glauben Sie auch nicht an den großen Feind?« fragte er verdeckten +Tones. + +Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und antwortete nicht. + +»Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht?« fuhr er lauernd +und seltsam spöttisch fort; »sicherlich. Sie haben ja Phantasie. Ist er +nicht einnehmend? berauschend? verführerisch? Sieht er nicht aus wie ein +echter Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse? nicht +eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte und Erforschte und +Erlebte, eingedrungen aus Wollust? Die Welt ist voll von ihm. Er fegt +den angesammelten Kehricht weg.« + +»Ja, die Welt ist voll von ihm,« sagte Maria; »er schreit Gerechtigkeit +- und mordet; er schwärmt von Bruderliebe - und mordet; er trieft von +Mitleid - und mordet; er faselt von Fortschritt und Erneuerung - und +mordet; er küßt und umarmt - und mordet. Er kennt kein Erbarmen in +seiner - Liebe.« Sie blickte ihm noch immer in die grün funkelnden +Augen. Die Kerze verlosch zischend. + +Es entstand ein langes Schweigen. Maria fühlte Schwäche in den Knien, +ging zu der Bettstelle und ließ sich auf die Kante nieder. Daß Golowin +sich nicht rührte, war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor +dem Fenster, die erste Ankündigung des Tages. Sie wagte nicht +hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer geschnürt. + +Auf einmal kam seine Stimme: »Sie sind so reich, daß Sie eine Nacht aus +Ihrem Leben ausstreichen können. Für Sie nicht gelebt, für mich +hundertfach gelebt. Ich spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es +kann die nächste sein. Ist es die nächste nicht, so wird es eine andre +sein. Ich kann warten.« + +Maria antwortete zwanghaft, als würde ihr die Rede von einem +unsichtbaren Dritten diktiert: »Es kann keine sein.« + +Er sagte: »Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir können uns +vergleichen ohne Rücksicht auf die kriegführenden Parteien. Es läge eine +gewisse Größe darin. Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht, +das viele andere überflüssig macht.« + +»Ich gehöre nicht mir. Kein Haar an mir ist mein Eigentum,« entgegnete +Maria. + +Er sagte: »Sie fühlen sehr genau die Feigheit in diesem Argument. +Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar ist?« + +»Auf die Frage möchte ich lieber nicht antworten.« + +»Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht die Gegenwart, ist +zwischen Ja und Nein kaum mehr zum Besinnen Platz.« + +»Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit.« Sie +bedeckte die Augen mit der Hand. + +Er sagte: »Wenn Sie Ihre Lippen auf meine drückten, könnt ich mir +einbilden, ich sei wieder Knabe und finge von vorn an. Wiederkehr, +Wiederkehr. Fürchten Sie nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle. +Ich will ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch können Sie mir nicht +verwehren zu träumen. Ich träume, daß ich Ihre Hand halte. Daß ich sie +nur mit meinen Fingerspitzen streife. Sie vergessen, daß Sie Mutter, +Gattin, Dame, Herrin sind, alle diese verruchten Würden einer überlebten +Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin eingeschlossen, daran +geklammert meine, mit Blut, Hirn, Trieb, Seele. Was können Sie dagegen +tun? Still, wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein, und +du öffnest dich wie ein Kelch ...« + +Maria hörte zu, außen und innen Eis, doch von etwas Lauem durchflutet, +das betäubte. Er hatte sie nicht angerührt, trotzdem fühlte sie ihre +Hand wie in einem Schraubstock. Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das +Blut wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte zu sprechen +und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt. Mitjas ernste Augen +blickten sie an. Ihr Körper war ihr fremd, und sie fürchtete ihn. Das +Bild einer Uhr erschien ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht +weiterrücken wollten. Sie schaute gegen das Fenster. »Es wird Tag,« +murmelte sie. Von der Straße schallten eilige Schritte herauf. Gut, daß +die Menschen erwachen, fuhr es ihr durch den Kopf. + +Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhr Golowin fort: »Ja, es +wird Tag. Schluß des ersten Aktes. Vorhang. Die Länge der Zwischenpause +ist nicht bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich meiner +in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht brechen, die ich über Sie +erlangt habe? Sie werden sich in Pflichten stürzen, Sie werden Aufgaben +zu lösen trachten, Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das +Eingestürzte aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde immer ich +sein, da nützt kein Sträuben und kein Tun.« + +Sie konnte jetzt in der Dämmerung sein Gesicht wahrnehmen. Es glich +einem fleckig grauen Tuch. Sie fand keine Widerrede. Inmitten ihrer +bedrückten Versunkenheit wunderte sie sich über seine Haltung, die etwas +Lockeres, beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte plötzlich ein +langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf wie ein Wachthund. Er +trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife heraus und erwiderte das Signal. +Gleich darauf hörte man von der Richtung des Meeres her Geschützdonner. + +»Gut,« sagte Golowin, »man schnallt das eiserne Stirnband wieder um.« Er +nahm den Mantel vom Haken und warf ihn über die Schulter. »Ihre Straße +ist frei, Maria Jakowlewna,« fügte er mit einer Verbeugung hinzu. + +Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr. + +»Zwei Worte noch,« sagte er, an der Tür stehen bleibend; »das eine: +prägen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren Stern darum, daß unsere +Wege sich nie mehr kreuzen.« + +»Nein; unsere Wege dürfen sich nie mehr kreuzen,« erwiderte sie. + +»Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das Sie den Frieden +Ihrer Seele wieder gewinnen können, außer es kommt noch einmal zur +Entscheidung zwischen uns. Und das steht dahin.« + +Maria lauschte seinen starken Schritten nach, als er gegangen war. Sie +drückte die flachen Hände gegen die Brust und hob das Gesicht, das +bleich war, mit fromm-erschlossener Miene zur Höhe. + +Als sie in das untere Stockwerk kam, waren alle bereits auf den Beinen +und rüsteten sich zu neuer Reise. In der Freude über den Abzug der +Matrosen achtete man ihrer gar nicht. Menasse unterhandelte bereits mit +einem Schiffer, der eine Barke zur Überfahrt zu vermieten hatte. Sie +aber fühlte die Wahrheit der Worte Golowins: die Straße war frei, aber +das Ziel des Wegs war unkenntlich verdunkelt. + + + + +Lukardis + + +Im Verlauf der schleichenden Revolution, von der das russische Reich +während des vorletzten Jahrzehnts heimgesucht war, kam es eines Tages zu +einem Straßenkampf in Moskau. Den unmittelbaren Anlaß hatte die +Verschickung von fünfunddreißig Studenten und Studentinnen gegeben, die +das Jubiläum eines verehrten Lehrers, welcher der Polizei verdächtig +geworden war, in überschwenglicher Weise gefeiert und die Feier durch +heimliche Zusammenkünfte vorbereitet hatten. Einige der angesehensten +Familien der Stadt wurden durch die grausame Maßregel betroffen, und die +Trauer und Entrüstung so vieler bis dahin ruhiger Bürger erregte eine +gefährlichere Stimmung als es die Aufwiegelung der politisch Tätigen +vermocht hätte. + +Unter den mit tückischer Eile Deportierten befand sich auch ein junges +Mädchen namens Anna Pawlowna Nadinsky. Es lebte in Moskau ein Bruder von +ihr, Eugen, oder wie es im Russischen heißt, Jewgen Pawlowitsch, +Offizier bei einem Dragonerregiment, ein schöner stolzer Mensch von +dreiundzwanzig Jahren, dem man eine rühmliche Laufbahn vorhersagte. +Eugen Pawlowitsch Nadinsky liebte seine Schwester, sie war die +vertraute Freundin in allen Angelegenheiten seines Lebens gewesen. Als +er sie nun verloren sah, für sich wie für die Welt verloren, der +Erniedrigung und den Entbehrungen preisgegeben, welche der jahrelange +Aufenthalt in Sibirien mit sich bringen mußte, war sein Schmerz so groß, +das Gerechtigkeitsgefühl in ihm so tief beleidigt, daß die Fundamente +seines Daseins wankten, und er eine Ordnung nicht mehr anerkennen +wollte, der er sich bis zu dieser Stunde bereitwillig gefügt hatte. Es +geschah fast von selbst und zu seinem eigenen Erstaunen, daß er, als das +Regiment wenige Tage nach jenem Gewaltstreich der Polizei zur +Beschwichtigung der in der Stadt ausgebrochenen Revolte unter die Waffen +treten und in die Straßen reiten mußte, plötzlich die Spitze des von ihm +geführten Zuges verließ, von seinem Pferd sprang und gegen eine aus +Pflastersteinen, Balken, Karren, Körben und allerlei Hausrat +zusammengesetzte Barrikade eilte, wobei er den Verteidigern lebhafte +Zeichen gab, welche sie nicht mißverstehen konnten, zumal ja Überläufer +aus den Reihen der Soldateska, auch während des Kampfes, nicht selten +waren. Kaum aber war Nadinsky auf der Höhe der Barrikade angelangt, die +er übersteigen wollte, um sich gegen die wahren Feinde seines Vaterlands +zu wenden, als ihn aus den Dutzenden wider ihn gerichteten Gewehren der +Dragoner zwei Schüsse trafen. Von der andern Seite der Barrikade +streckten sich ihm Hände entgegen, Augen strahlten ihn begeistert an, es +war wie ein Dank und stillte die letzten Zweifel, die ihn noch +beunruhigen mochten; auch sein Name wurde gerufen; einige kannten ihn +also, und der Jubel in ihren Stimmen belohnte ihn noch in dem Gefühl der +Todesschwäche. Er kehrte sich um, zog den Revolver aus dem Gürtel und +feuerte gegen die Anstürmenden, denen sein empörtes Herz die +Kameradschaft gekündigt hatte, dann stürzte er auf die Brust, und die +Finger seiner rechten Hand krampften sich in das Strohgeflecht eines +zwischen Bretter geklemmten Stuhls. + +Sogleich ergriffen ihn zwei junge Leute und trugen den Bewußtlosen auf +die steinerne Treppe eines Haustors. In großer Eile öffneten sie +Nadinskys Rock und Hemd, rissen Streifen aus dem Hemd, verbanden die +Wunden, die stark bluteten, und sahen sich dann hilfesuchend um. Da +erblickten sie den Wagen eines Grünzeughändlers; der Besitzer war +verschwunden; das magere kleine Pferd stand an der Deichsel wie +gefroren. Rasch entschlossen betteten sie den Offizier mitten in Gemüse +und Salat und deckten ihn mit Blättern zu. Der eine von ihnen kehrte zum +Kampfplatz zurück, der andere nahm das Roß beim Zügel und führte es die +Straße hinunter, dann durch mehrere Nebenstraßen, schließlich auf einen +freien Platz, wo die Universitätsklinik war. Er fuhr in das geräumige +Tor und ging in das Zimmer eines Assistenten, der alsbald Auftrag gab, +den Verwundeten in einen der Krankensäle zu schaffen. Die Verletzungen +waren schwer. Eine Kugel hatte zwar nur den Hals gestreift, die andere +jedoch hatte unterhalb des Schulterblattes die Lunge getroffen, steckte +noch im Körper und mußte durch eine Operation herausgenommen werden. +Erst am dritten Tage erwachte Nadinsky aus fieberhafter Ohnmacht und +wußte lange Zeit nicht, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war. + +Nun hatte aber die Polizei durch einen ihrer zahlreichen Spione in +Erfahrung gebracht, wo sich der junge Offizier befand, von dessen +Desertion ganz Moskau sprach. Es erschien ein Isprawnik in der Klinik, +um den todkranken Mann zu verhaften. Er wurde an Nadinskys Lager +geführt und trotzdem er sich von der Gefährlichkeit seines Zustandes +überzeugen konnte, beharrte er auf seinem Verlangen und pochte auf den +schriftlichen Befehl. Indes der Assistenzarzt noch mit ihm zu +unterhandeln versuchte, trat der Professor hinzu, warf einen schnellen +Blick auf Nadinskys apathisches Gesicht, in welchem ein Zug von +Knabenhaftigkeit Sympathie und Rührung erweckte und sagte: »Wenn man ihn +jetzt von hier wegbringt, wird er in der ersten Viertelstunde sterben. +Es ist vorteilhafter für die Polizei, zu warten.« Der Isprawnik wurde +unschlüssig. Er war noch Neuling und wenig verhärtet; überdies hatte er +in der Fülle der ihm obliegenden Geschäfte und Aufträge den Kopf +verloren. Er überlegte eine Weile und erklärte sich hierauf damit +einverstanden, den Offizier noch so lange in der Klinik zu lassen, bis +seine Kräfte den Transport erlauben würden. + +Damit waren einige Tage für Nadinsky gewonnen; in diesen Tagen wuchs die +Teilnahme des Professors für ihn zusehends, und er trug Sorge, sein +Interesse auch andern Personen einzuflößen. Es meldeten sich Freunde, +die ihm zur Flucht verhelfen wollten; eines Morgens wurde er in ein +Zimmer gebracht, worin außer ihm niemand lag. Am selben Abend besuchte +ihn ein junger Mensch, der die Absicht hatte, ihn, als Krankenwärterin +verkleidet, nach Sokolnikin, einen Park in der Nähe von Moskau, zu +schaffen, was bei seiner Schwäche und seiner noch immer fieberhaften +Verfassung ein Wagnis auf Leben und Tod bedeutete. Nadinsky war jedoch +bereit, ihm zu folgen, denn blieb er, so war ihm der Tod oder das +Schlimmere, ewige Kerkerhaft im entlegensten Sibirien, gewiß. So fuhr er +also in tiefer Nacht, bei Schnee und Kälte, es war Mitte des Monats +März, nach Sokolnikin und wohnte in der Villa eines Gelehrten, der bei +der Polizei für unverdächtig galt. Es dauerte aber nur vierundzwanzig +Stunden, da kamen wieder Boten, die sich als Spaziergänger unauffällig +dem Haus genähert hatten, in dessen Mansarde der kranke Nadinsky lag, +und meldeten, daß die Polizei neuerdings auf seine Spur geraten und daß +für die folgende Nacht seine Verhaftung befohlen sei. Es blieb also +nichts übrig als einen anderen Zufluchtsort für ihn ausfindig zu machen. +Der Haushalt des Gelehrten, eines Deutschen von Geburt, wurde von seiner +Schwester Anastasia Karlowna geführt, einer ebenso beherzten wie +gutmütigen Frau, die seit mehr als vierzig Jahren in Moskau lebte und +nicht nur in der Gesellschaft einflußreiche und wohlwollende Bekannte +hatte, sondern auch bei vielen Leuten im Volk sehr beliebt war. Sie +hatte dem jungen Offizier Speise und Trank gebracht, ihn gepflegt und +seine Anwesenheit klug zu verbergen gewußt. Nun sorgte sie zunächst für +eine neue Verkleidung, und als es dämmerte, brachte sie ihn mit Hilfe +eines Menschen, der ihr ganz fremd war, sich aber zu diesem Dienst +angeboten hatte, im Gewand eines einfachen Arbeiters zu der Familie +eines Drechslers in die Vorstadt. Dort blieb er nur eine Nacht, am +Morgen weigerte sich der Mann, der Argwohn geschöpft hatte und für sich +und die Seinen begründete Furcht empfand, den Flüchtling länger zu +beherbergen. Fünf Tage lang wurde Nadinsky auf diese Weise von Haus zu +Haus geschleppt, von dem des Drechslers in die Wohnung einer +Fuhrmannswitwe, dann in die eines Maurers, dann zu einem Gärtner, +schließlich zu einem Laboranten. Immer merkten die Leute nach wenigen +Stunden, wem sie ein Asyl gewährt hatten, die Angst vor der Polizei +überwog das Mitleid und verstockte sie gegen die Beredsamkeit +Anastasias, die in ihrem Eifer keineswegs erlahmte. Sie war die Nächte +über bei Nadinsky, denn er konnte sich nicht selbst überlassen bleiben; +man mußte ihn ankleiden, waschen und zweimal täglich die Wunden +verbinden, deren Heilung bei der unregelmäßigen und aufregenden +Lebensweise nur langsam vonstatten ging. Als nun auch der Laborant, den +sie mit Geld und vielen Worten bestochen hatten, den aufgezwungenen Gast +fortzubringen befahl, verzweifelte Anastasia Karlowna daran, Nadinsky +retten zu können. Die Freunde, die ihr bisher beigestanden, vermochten +nichts mehr zu tun, die Polizei war auf ihren Spuren, jeder fernere +Schritt mußte sie ins Verderben ziehen, auch sie selbst fühlte sich +bedrohlich überwacht. Zum letztenmal versuchte sie den Laboranten durch +Bitten und Flehen zu erweichen; nur noch eine einzige Nacht möge er +christliche Nachsicht üben, das Leben ihres Bruders - denn sie gab +Nadinsky für ihren Bruder aus - stehe auf dem Spiel; umsonst, sie +schürte bloß das Mißtrauen des Mannes und alles, was sie erreichte, war, +daß er ihr drei Stunden Frist gab; wenn nach Verlauf dieser Zeit +Nadinsky nicht aus dem Haus geschafft sei, werde er die Anzeige machen. + +Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr mußte also Anastasia +eine Stätte für ihren Schützling gefunden haben. Sie irrte eine Weile +durch die Straßen, ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber +immer vor den Türen wieder um, weil sie überall eine abschlägige Antwort +oder gar Verrat fürchtete. Da verfiel sie in ihrer Bedrängnis auf den +Gedanken, Nadinsky in eines jener Häuser zu bringen, in denen an +Liebespaare Zimmer vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig, +einen Paß vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege haben +konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, den sie am +Morgen zu ihm geführt hatte, dann konnte er zur Grenze gelangen. Um den +kühnen Plan durchzuführen, mußte sie aber eine Helferin haben, ein +Geschöpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, verschwiegen und klug +war. Sie ließ alle jungen Damen, die sie kannte, an ihrem inneren Auge +vorübergehen, aber keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich +zu nehmen. Unter den Revolutionärinnen hatte Anastasia keine Bekannte, +auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, die möglicherweise +den Nachspähungen der Polizei ausgesetzt war; an eine Angehörige der +untern Klasse oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, war +nicht zu denken, es mußte eine Dame oder ein Fräulein aus der +Gesellschaft sein. + +Sie war ermüdet von den Anstrengungen der letzten Tage, und mehr um zu +rasten als um eine Erfrischung zu nehmen, ging sie in eine kleine +Konditorei an der Straße, trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein +dämmeriges Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen +saßen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in ihre Nähe, ohne +sie zu beachten, merkte aber dann, daß die eine, die ältere Dame, sie +fixierte und mit freundlichem Nicken herübergrüßte. Da erkannte sie die +Frau; es war Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten +Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, ein etwa +neunzehnjähriges Mädchen von nicht gewöhnlicher Schönheit. Kaum hatte +Anastasia einen Blick auf sie geworfen, so sagte sie sich: Die muß es +vollbringen und keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals +Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast noch ein Kind gewesen +war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, sie hatte sich oft mit ihr +beschäftigt, oft mit ihr gesprochen; sie erinnerte sich, daß das damals +dreizehnjährige Geschöpf ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie +es nur Menschen tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere +Kraft in sich verschließen; was für eine Eigenschaft oder Kraft es war, +hatte sie nie ergründen können, soviel sie auch darüber gegrübelt hatte. +Die Mutter war eine ziemlich einfältige Frau, fromm, apathisch und +harmlos, sogar ihres Gebrechens nur dumpf bewußt. + +Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, nachdem sie die +Generalin durch Mienen und Gesten nach ihrem Befinden gefragt, leise mit +Lukardis Nikolajewna zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf +ihren Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte, +senkte sie bescheiden die Augen und störte das Gespräch durch kein +Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia spürte die Verwegenheit ihres +Vorhabens mit beklommenem Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie +mußte sich kurz fassen; sie mußte in wenigen Sätzen alles sagen, das +Außerordentliche verlangen, Lukardis innerstes Menschengefühl aufrühren +und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall alles vereiteln, +Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis wußte wenig von den +revolutionären Umtrieben; sie ahnte vieles, hatte jedoch weder Einblick +noch Urteil; sie lebte in einer Sphäre sanfter Träume, mit der +Erinnerung an Puppen und der Gegenwart hübscher Schmuckkästchen, mit dem +Echo der neckischen Galanterien verheirateter Herren und der +vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte doch, wie ein junges +Waldtier, das fernes Jagdgetöse vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut, +Schmerz und Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; es gab +Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe empfand, eine +grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den Bezirk heuchlerischer Stille, +in dem sich ihr Dasein formte, zu verlassen. Aber sie fürchtete die +Welt, sie fürchtete die Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand, +die ihr gereicht wurde, ihr war, als ob alles trübe, ja schmutzig sei, +was außerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, sie hörte Leute auf der +Gasse nie ohne Schauder reden, sie vermochte keine Zeitung zu lesen, +ohne daß sie neben dem Wilden und Rätselhaften, als welches sich ihr das +Leben, das Draußen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes und +Befleckendes fühlte, selbst die meisten Bücher, ein Vers, ein +Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen schrecklichen, nicht zu +besiegenden Eindruck. + +Regungslos hörte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht färbte und +entfärbte sich wieder. Da war keine Lockung, kein Prickeln des +Unbekannten, keine mädchenhafte Lüsternheit und ungestandene +Aufregungslust; nichts anderes vernahm sie als den Ruf zur Pflicht. +Nichts anderes las sie in den harten Zügen Anastasia Karlownas. Sie +brauchte nicht einmal einen Entschluß zu fassen; was sie zu tun hatte, +stand sogleich und unabänderlich fest. Sie war Braut. Seit sechs Wochen +war sie mit einem Petersburger Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch +Kussin, verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, daß +sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten Schicksal +entgegengehe, auch sie selbst fühlte sich glücklich. Wenn es etwas gab, +das sie irre machen konnte, war es der Gedanke an ihn, dem sie mit +schwesterlichem Gefühl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies +spüren mochte, eine Andeutung fallen ließ, um sie darüber zu beruhigen, +runzelte sie die Stirn und erwiderte, sie bedürfe des Zuspruchs nicht, +ihr Bräutigam werde niemals die Meinung hegen, daß sie etwas Schlechtes +oder Häßliches begangen habe. + +»Sie sind also dazu entschlossen?« fragte Anastasia leise, indem sie den +Blick ihrer grauen Augen auf die Hand des Mädchens heftete. + +»Ich bin dazu entschlossen,« antwortete Lukardis ebenso leise, ohne die +Lider zu erheben. »Es ist nur noch eine Schwierigkeit -« + +»Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen ist?« fiel +ihr Anastasia rasch und mit einem fanatischen Ton der Stimme ins Wort. + +»Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nächte vom Hause +wegzubleiben?« fragte Lukardis, die Finger ihrer weißen Hände +verschränkend. + +Anastasia starrte düster sinnend auf einen Kuchenteller. + +»Nur das eine ist möglich,« fuhr Lukardis flüsternd fort, »ganz in der +Stille zu verschwinden, der Mutter einen Brief zu schreiben -« + +»Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit bitten und +versprechen, bei der Rückkehr alles zu sagen. Aber auch Sie selbst +müssen schweigen, Lukardis Nikolajewna,« setzte sie fast drohend hinzu. +»Sie müssen schweigen, als ob Sie es nie gelebt hätten.« + +Lukardis nickte bloß. Ihre Augen waren jetzt weit geöffnet und blickten +geradeaus. Anastasia schärfte ihr aufs genaueste ein, wie sie sich zu +kleiden und wie sie sich zu betragen habe und nachdem sie ihr noch +gesagt hatte, wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht +sie an das ernste Gespräch, das trotz seiner Gewichtigkeit kaum eine +Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden an, um Lukardis zum +Lächeln zu bringen und in der Generalin keinen Argwohn keimen zu +lassen, erhob sich dann erleichterten Herzens und verabschiedete sich. + +Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet. Er lag in +dem armseligen Zimmer des Laboranten auf dem Sofa, und nachdem er sie +angehört hatte, drückte er ihr die Hand und sagte: »Mein Leben ist so +vieler Umstände nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist ein +verlorenes Leben.« Anastasia verwies ihm diese Worte; sie entgegnete, +daß sie sich bessern Dank erhofft habe, als so mutlose Redensarten zu +hören, und fing an, den Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky +seufzte. »Was solls auch« sagte er mit müder Stimme, »mir ist nun alles +anders, Auge, Hand und Gefühl. Wie von Gespenstern bin ich umgeben, ich +empfinde gar nicht den Abschluß gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter +auf dem Gut. Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals +genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild von mir. Sie +weiß nicht, daß sie mich nie wiedersehen wird, sie weiß es durchaus +nicht, trotzdem weint sie über dem Bild. Aber ich, ich fühle nichts. Mir +ist alles so wesenlos geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.« + +Anastasia hielt diese Reden für einen Ausdruck des Fiebers und +schüttelte unwillig den Kopf. Eine Weile, nachdem es dunkel geworden +war, fuhr ein Wagen am Toreingang vor. Anastasia hatte einen hübschen +Anzug für Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen, +besah ihn jetzt noch einmal prüfend und geleitete ihn dann hinunter. Im +Wagen saß Lukardis Nikolajewna Schmoll, tief verschleiert. Anastasia +reichte ihr ein Paket mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, daß sie ihn +am zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer gewissen Stelle +des Bahnhofs erwarten und daß sie sich bis dahin einen Auslandspaß für +ihn verschafft haben werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse, +winkte grüßend ins Fenster und der Wagen fuhr davon. + +Schweigend saßen Lukardis und Nadinsky nebeneinander. Die Situation war +zu ungewöhnlich, zu drohend, zu schicksalsvoll, als daß sie Verlegenheit +hätten empfinden können. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel, sah +Lukardis, daß Nadinsky die Augen geschlossen hatte und daß sein Gesicht +bleich war. Er hatte ihr die Hand gegeben, als er sich neben sie gesetzt +hatte, das war alles. Sie ihrerseits fand, daß seine Nähe sie nicht +schreckte und daß sie schweigen durfte. + +Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen Gasse. Nadinsky +mußte alle Kraft zusammennehmen, als sie ausstiegen. Er reichte seiner +Begleiterin den Arm, doch führte sie ihn mehr als er sie. Er forderte +zwei Zimmer. Man war beflissen, ihm gefällig zu sein. Er schleppte sich +mit Mühe die Treppe hinauf, bewahrte mit Mühe die Haltung des Lebemanns, +den ein flüchtiges Abenteuer beschäftigt. Dem Gebrauch des Hauses +entsprechend, wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung +überwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetreßten Livree, hatte +boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein unveränderliches, abgeschmackt +einladendes Lächeln auf den dicken Lippen und war demütig. Lukardis +spürte, wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog. Er deckte den +Tisch, blieb hündisch lauschend stehen, während Nadinsky mit erschöpfter +Gleichgültigkeit die Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein +messender Blick schien zu verlangen, daß die beiden auch wirklich waren, +was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt; sie hatte ein +dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sich nicht geben, wie sie +sonst war; die kindliche Unschuld, von der ihre Miene sonst strahlte, +mußte sich in Leichtfertigkeit verwandeln; sie mußte gesprächig sein, +Koketterie zeigen, mußte lachen, mußte den Arm um Nadinskys Schultern +legen und sich bisweilen auf seinen Schoß setzen, sie mußte +passionierte, übermütige, verführerische Gebärden haben; was sie nie +beobachtet, nie zu sehen gewünscht, nie anders als schaudernd bedacht, +nur durch flüchtige Worte und flüchtige Bilder mit abgewandtem Ohr und +Auge erfahren, das mußte sie tun, um jenen Menschen zu täuschen, der mit +Tellern, Schüsseln, Gläsern und Flaschen hereinkam, den Sekt in den +Eiskübel stellte, die Speisen servierte und dann schweigend, lächelnd, +hinter niederträchtig gesenkten Lidern spähend auf Befehle harrte. Sie +mußte es um der üppigen Lichter, der bunten Polster, der spiegelnden +Wände willen tun, um dieses Hauses willen, dessen lügenhafter Prunk ihre +Gedanken in Aufruhr versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen +Zweifel an der Echtheit und Natürlichkeit ihres Benehmens erregen; alles +mußte wie von ungefähr sein, raffiniert und durchsichtig, ohne Zaudern +und ohne Hast; sie mußte von den Speisen essen, sie mußte Wein und +Champagner trinken, sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der +Diener draußen war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken, aber das +volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte. Des Genusses geistiger +Getränke durchaus ungewohnt, ward ihr bang und schwer zumut, und es +kostete sie immer größere Anstrengung, die Rolle durchzuführen, die sie +mit solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft der Kellner +das Zimmer verließ, erhob sie sich; in ihrem Gesicht löste sich die +furchtbare Spannung, um einem Ausdruck der Verstörtheit und der +angstvollen Erinnerung Platz zu machen, denn ihr war, als seien viele +Jahre verflossen, seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky +schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick an, suchte sie +wie hinter Masken, beklagte sie stumm, klagte sich selbst mit einer +Gebärde an und es wurde ihm nicht leicht, das studierte Lächeln wieder +auf seine Lippen zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser +zurückkehrte. + +Als der Tisch abgetragen war, kam eine Magd, die ein weißes Häubchen auf +dem Kopf trug; sie war jung und sah alt aus, ihr Gesicht war fahl vom +beständigen Leben im Lampenlicht und in schlecht gelüfteten Räumen. Sie +hatte Wasser zu bringen, das Feuer im Ofen zu nähren und nach den +Wünschen des Paares zu fragen; sie redete mit süßlicher Stimme, aber +ihre Züge waren versteinert vor Haß gegen die obere Welt, gegen die, die +da kamen, um verächtlichen, eiligen Genüssen zu fröhnen. Die Knie +wankten Lukardis, wenn sie den Blick auf die Person richten mußte, und +sie schämte sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses und ihrer +Schultern. Endlich war auch diese Prüfung vorüber und sie konnte die Tür +zusperren; sie waren allein. Von einer Turmuhr schlug es zehn Uhr. Die +aushallenden Klänge vibrierten durch das Gemach. Nadinsky ging ins +andere Zimmer zu dem Doppelbett, über welches ein blauseidener Baldachin +gespannt war; er fiel kraftlos darauf nieder. Erst nachdem er eine +Viertelstunde geruht, konnte ihm Lukardis beim Auskleiden helfen. Die +Decke bis an die Brust gezogen lag er mit nacktem Oberkörper da. Es ist +ein Mensch, sagte sich Lukardis, der plötzlich die Tränen in die Augen +stiegen, und mit einer Art von Schrecken erinnerte sie sich an das +rotwangige Antlitz Alexander Michailowitschs, ihres Verlobten. Sie +wusch Nadinskys Wunden und erneuerte den Verband. Nadinsky spürte die +zarte Hand wie man in einem Halbtraum Wohlgerüche spürt; zu danken war +er nicht fähig; er fürchtete ihr Auge, er fürchtete sie zu beleidigen +durch einen Blick des Dankes, er wünschte, sie möchte ihn nur als Leib +ansehen, als Gegenstand ohne Gesicht und ohne Gefühl. Und so wie sie, +halb entsetzt und halb erbarmend dachte: ein Mensch, so dachte er, halb +beseligt und halb in Angst um sie: ein Wesen. + +Er schlief ein. Lukardis setzte sich in einen Sessel und rührte sich +nicht. Sie hatte in ihrem Täschchen ein Buch mitgenommen, aber sie +wußte, daß sie nicht würde lesen können. Sie versuchte, an ihre Mutter, +an ihren Vater, an ihre Freundinnen, an den letzten Ball, an die Oper zu +denken, die sie zuletzt gehört, aber sie konnte nicht denken, alles +verschwamm, alles enteilte. Sie hörte Nadinskys tiefe Atemzüge, sie sah +sein blasses, hübsches, von Schmerzen ermüdetes Gesicht, aber auch er, +den sie pflegen und bewachen sollte, war ihren Gedanken kaum erreichbar. +Ihr schien, daß von ihrem Platz bis zu seinem Bett ein Weg von vielen +Meilen sei. Sie lauschte. Sie vernahm Kichern auf der Treppe und +schlürfende Schritte im Flur. Stimmen, Frauen- und Männerstimmen, +drangen gedämpft durch die Wände, auch von oben herunter und von unten +herauf. Gläser klirrten, dann wurde ein Klavier gespielt. Es war ein +Walzer. Eine Saite des Instruments mußte gerissen sein, denn immer, wenn +eine gewisse Stelle kam, entstand ein Loch in der Melodie wie die +Zahnlücke im Mund eines Lachenden. Von irgendwoher schallte Geschrei, +dann schwieg das Klavier, und an der Mauer zur Linken raschelte es. Dann +war ein Seufzen, bei dem Lukardis das Blut in den Adern gerann. Sie roch +den aufgespeicherten Parfüm aus verschlossenen Zimmern, sie hörte das +Rauschen von Gewändern und wie man Türen öffnete und wieder schloß. Die +Laute riefen Bilder hervor, sie konnte sich ihnen nicht entziehen, sie +zitterte, und zitternd mußte sie schauen. So hatte sie die Welt nie +verstanden, so das Leben nicht geglaubt. Begegnungen im Finstern, Hände, +die einander fremd waren und einander dennoch hielten, ein Taumeln gegen +jäh erhellte Spiegel, Übereinkommen in Worten ohne Scham, das Unbekannte +entschleiert, das Geheimnisvolle leer, die Weihe besudelt, die +heimlichen Schätze der Phantasie entwertet, ach, sie griff an ihr +Gesicht, wurde der Schminke auf den Wangen inne und ihr Herz füllte sich +mit Grauen. + +Nadinsky schlug die Augen auf und stöhnte. Sie schritt den meilenlangen +Weg bis zu ihm und reichte ihm ein Glas Wasser. Als sie seine Stirn +fühlte und sie heiß fand, legte sie ein feuchtes Tuch darüber. Da +erwachte er völlig und fing an zu sprechen. Er redete in kurzen Sätzen, +sprach vom Hospital, vom Professor und von Anastasia Karlowna. Lukardis +ließ zaghafte Worte in die Pausen fallen. »Morgen werde ich mich kräftig +genug fühlen, um das Haus zu verlassen,« sagte er. Sie entgegnete: »Das +ist unmöglich, Sie haben noch Fieber und Anastasia Karlowna erwartet Sie +erst übermorgen früh um sieben Uhr.« Die sanft gesprochenen Worte +durchleuchteten ihm ihr Gemüt, ihre bisher ungetrübte Jugend, ihre +reinen und starken Sinne, aber er gewahrte nicht, daß sie fast beständig +zitterte. Jetzt wurde das Klavier wieder gespielt, von einer andern +Hand, roh, tumultuarisch und trunken, und während der ganzen Dauer des +Spiels sahen Nadinsky und Lukardis einander gepeinigt in die Augen. Es +war Mitternacht vorüber, und auf einmal wurde drunten dumpf gegen das +Tor gepocht. Eine Glocke erschallte mit frechem Lärm. Nadinsky richtete +sich halb empor. Seine Finger krampften sich zusammen, sein Blick war +voll düsterer Erwartung. Lukardis stand auf und lauschte ohne Atem. Das +Klavier schwieg. Es währte lange, bis das Tor geöffnet wurde. Schon +hörten sie Schritte auf der Treppe, schauten entgeistert beide auf die +Türklinke, harrten auf das Klopfen an die Tür, das ihr fürchterliches +Los entscheiden mußte, und wirklich drangen Stimmen in hastiger +Wechselrede bis zu ihnen. Aber dann wurde es still, und ihre Pulse +begannen wieder regelmäßig zu schlagen. In diesen drei oder vier Minuten +fühlten sie sich sonderbar vereint, ihre Kraft und ihre Furcht war gegen +ein gemeinsames Ziel gerichtet, es war ihnen, als würden sie von einem +Sturmwind in die Luft gehoben und Brust an Brust gegeneinander +geschleudert, so daß sie sich mit den Armen umfassen mußten, um einer +dem andern Hilfe zu gewähren beim drohenden Sturz. Lukardis vergaß sich +selbst und Nadinsky vergaß sich selbst, er spürte nur die Angstglut in +ihr, Verlust alles Glückes, Schande und Elend, sie aber ergab sich +seinem Geschick, mutig und jetzt erst ahnend, wofür er sein Leben in die +Schanze geworfen hatte. + +Indessen übermannte den Fiebernden der Schlaf von neuem. Doch konnte er +festen Schlummer nicht finden, solange die grellen elektrischen Flammen +ihn blendeten. Aus Rücksicht für Lukardis enthielt er sich, den Wunsch +nach Dunkelheit zu äußern, aber an der unruhigen Bewegung seiner Lider +merkte sie, was ihn störte. So löschte sie die Lichter und zündete im +Nebenzimmer eine Kerze an. Auch sie war müde, die späte Stunde wirkte +wie ein lähmendes Gift auf sie, und sie sah sich nach einer Lagerstatt +um. In diesem Raum war kein Bett, nur eine Ottomane; ihr ekelte vor dem +Plüsch, mit dem das Möbelstück bezogen war. Ihr ekelte auch vor den +Stühlen und vor dem Teppich. Bei der Schwelle zu Nadinskys Zimmer rollte +sie den Teppich auf, warf ihren Pelzmantel auf den Boden und legte sich +hin. Die Kerze ließ sie brennen. Aber so war sie dem Haus näher als +vordem, hörte sie abgeteilt die bisher verschwommenen Geräusche, einen +Ruf, ein Gelächter, ein einzelnes Wort, aber sie hörte auch, wie der +Schnee an die Fensterscheiben schlug, und das milde Knistern beruhigte +sie; sie hörte die Atemzüge Nadinskys, und dies mahnte sie an ihre +Verantwortung. Jeder Atemzug knüpfte sie fester an sein Geschick. Die +Wichtigkeiten ihres früheren Lebens wurden bedeutungslos, was sie dort +getan, gewollt, gewesen, dünkte ihr kindisches Tändeln. Sehnsüchtig +blickte sie zurück wie vom Bord eines Schiffes auf die versinkende +Heimat. Sie schlief und schlief gleichwohl nicht. Nadinsky sprach ihr +Trost und Mut zu, das war geträumt; er röchelte in einem Fiebertraum, +das war Wachen. Im Traum war sie über ihn gebeugt und behütete ihn; im +Wachen war sie an den Boden gekettet und vernahm den mänadischen Schrei +eines Weibes. Als der Morgen graute, sah sie eine Ratte über den Teppich +laufen. Das Tier schien phantastisch groß, daß es sich bewegte, war +gespensterhaft; sie richtete sich kniend auf und suchte den Himmel +zwischen den Spalten der Vorhänge. Sie gewahrte nur etwas Graues oben +und weiter unten ein Fenster, aus welchem ein knochiges Gesicht lugte. +Eine Sekunde zermalmender Hoffnungslosigkeit; sie schlich, nein, +flüchtete zu Nadinskys Lager. Sein rechter Arm hing schlaff herab, +Schweiß perlte auf seiner Stirn. Sein Anblick war ihr erschreckend +fremdartig; schmerzlicher Haß loderte in ihrer Brust. Doch gab es auf +der Welt keinen andern Menschen mehr, den sie so anblicken konnte; sie +hatte viel von ihm zu fordern, ja alles, ohne ihn blieb ihr nichts übrig +in der Welt als dieses Haus. + +Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange sie in den Zimmern +bleiben wollten; es war nicht gebräuchlich, sie länger als eine Nacht zu +benutzen. Anastasias Plan war gewesen, daß sie sich über Mittag +einschließen und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie wünschten auch +die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck sollten sie dem +Diener und dem Stubenmädchen ein Goldstück geben. Aber man brauchte +frisches Wasser für die Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung. +Es mußte auffallen, wenn sie zu früh läuteten, und wie sollten sie das +Verweilen über den ganzen Tag rechtfertigen? Nadinsky war mit offenen +Augen wortlos dagelegen, jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er +bat sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei +Goldstücke seien zu wenig, meinte er, man müsse fünfzig Rubel geben; +Lukardis erwiderte, das verschwenderische Übermaß werde Verdacht +erregen, und man müsse gewärtigen, daß der Eigentümer käme, um zu +spionieren. Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war ihr +Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches gewesen. Sie +verhandelten beide mit äußerster Kälte, doch ihre Stimmen klangen +erstickt. Eine Bemerkung Lukardis über das gemeine Gesicht des +Aufwärters veranlaßte Nadinsky, ihr, spöttischer als er beabsichtigte, +zu entgegnen, sie habe gewiß allzu behütet gelebt, wie in Wolle, und von +denen, die da unten hausten, in Schmutz und bösem Wetter, könne keiner +ihr Gefallen finden. Es war ein Empörungsversuch gegen das Joch der +Dankbarkeit, das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sich +herauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Zügen wechseln zu lassen. +Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab ihm recht, und er war entwaffnet. +Ihre Sanftmut rührte ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur +Grausamkeit an. Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie für +achtundvierzig Stunden als Gefährtin an seine Seite gezwungen hatte, er +fand sich schuldig an der Erniedrigung, unter der sie litt und zürnte +ihr deshalb. Ihm war, als hätte sie, ehe sie ihn getroffen, nur weiße +Gewänder getragen und von ihren schönen Lippen hallten nur leere Worte +nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verwöhnten Klasse. Jetzt erst +wurde er zum wahren Rebellen, jetzt, in ihrer Nähe; seine Verborgenheit +und seine Flucht kamen ihm schimpflich vor, und er hielt es für +wahrscheinlich, daß ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum +sagte er plötzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen; er wolle +sich zeigen, es läge ihm nichts daran, ja es sei seine Pflicht, das Los +so vieler Gerichteter zu teilen, die mehr erreicht und mehr gewagt +hätten als er. Wem könne er noch nützen, nachdem er über die Grenze +geflohen? Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner unglücklichen +Schwester nicht. + +Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine Gründe konnte sie +nennen, nur mädchenhafte Argumente finden. Aber als er verstockt blieb, +nahm sie einen gebieterischen Ton an und sah aus wie eine junge Königin. +Plötzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte gehört. Sie hob den +Zeigefinger der rechten Hand und preßte ihn auf ihren Mund. An der Tür +stand jemand und lauschte. Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und +Nadinsky senkte den Kopf. Da entschloß sich Lukardis zu dem, was nötig +war. Sie schritt auf den Zehen zur Tür, schob den Riegel auf, eilte +dann gegen das Bett zurück, schlüpfte schnell unter die Decke neben +Nadinsky, zog die Decke bis an ihren Hals, griff nach dem Knopf der +elektrischen Klingel, der an einer langen Schnur zu ihren Häuptern +herabhing und läutete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der Tür +klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der Tür stehenbleibend, +mit nornenhafter Düsterkeit Nadinskys Befehl, frisches Wasser zu bringen +und den Kellner zu rufen, damit man das Frühstück bestellen könne. Sie +holte zwei Krüge voll frischen Wassers und dann kam der Aufwärter. Sein +lauernder Blick durchmaß den Raum und auch den andern, soweit er ihn +erspähen konnte, und es war Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit +denen sie im Bett lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen +geeignet war. Sie schloß die Augen, denn diesen Menschen zu sehen war +ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die Fünfzigrubelnote wieder genommen und +gab sie jenem. »Zwanzig sind für das Mädchen, dreißig für dich,« sagte +er in einem bemeistert lässigen Ton, »wir wollen noch bis morgen früh +bleiben, wenn es geht.« Der Aufwärter verbeugte sich fast bis zur Erde; +ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet. Auch die Magd, die +Kohlen in den Ofen warf, kam herzu und wollte Nadinsky die Hand küssen. +Er wehrte sie ab. »Wenn es den Herrschaften gefällt, ist sicher nichts +einzuwenden,« sagte der Kellner mit einer katzenhaften Gebärde und +blinzelte. Nadinsky verlangte ein Frühstück. Es dauerte eine +Viertelstunde, bis der Tee mit allem Zubehör gebracht wurde. Indessen +lag Lukardis wie auf glühendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas, +das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gefühl, aus Kummer und Furcht +gemischt, und ihr Antlitz überzog sich mit tödlicher Blässe. Nadinsky +rührte sich nicht, ihre Empfindung teilte sich ihm mit, er begriff ihre +Qual und vermied es, die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufwärter hatte +den Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und entfernte +sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte Lukardis die Decke +weg und erhob sich wie vor Feuer flüchtend. Sie verriegelte die Tür und +öffnete ein Fenster. Ihr Haar hatte sich gelöst, sie ließ es ruhig +hängen, denn es bedeckte ihre entblößten Schultern. Eine Stunde früher +hätte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen mögen, doch seit sie neben +ihm gelegen, hüllenlos trotz aller Hüllen, preisgegeben ohne Maß, +empörten Blutes, seiner Gnade völlig überwiesen, war es nicht mehr von +Belang, daß die Haare von ihrem Haupt herabhingen. + +Als das Zimmer von frischer Luft erfüllt war, schloß sie das Fenster und +sagte zu Nadinsky, es sei notwendig, den Verband zu wechseln. Schweigend +entledigte er sich des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis +unkundiges Auge konnte es feststellen, daß die Heilung der Wunde +beträchtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein Fieber mehr. +Lukardis war schon gewandter als gestern im Legen und Knüpfen der Binde, +und nachdem sie die Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und +Brot. Er wünschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte. Sie +selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie dem Körper wegen +seines Hungers. Im Hause war es sonderbar still. Auf der Straße rollten +Wagen und schrien Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis +begab sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus, um kein +Geräusch zu machen und ging stundenlang auf und ab, wobei sie in beiden +Händen Strähnen ihres Haares hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann. +Manchmal betrachtete sie die Bilder an den Wänden, ohne sie wirklich zu +sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan zwischen ihren Knien +hielt. Neben der Tür hing ein anderes: ein deutscher Student mit einem +Ränzel auf dem Rücken schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen +Fenster ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen schaut. In den großen +Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegenüberliegenden +Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer endlosen Folge von Räumen; in +allen Räumen war die Leda in ihrer häßlich fetten Nacktheit und der +sentimentale Student und viele, viele Male das Bett mit dem +schlummernden Nadinsky und darüber ein Bild des Kaisers Nikolaus, viele +Male bis in dämmernde Ferne. Oft stand sie auch am Fenster und sah die +Wagen und die Kinder, den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter trüben +Fensterscheiben und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male +wiederholte bis in dämmernde Ferne. Wo war die Welt hingeschwunden? Wo +war alles, was sie geliebt, mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie +selbst, Lukardis, die in einem zierlichen Mädchenboudoir gelebt? Wo +Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte und immer +lächelte? Und wo war das glänzende Moskau mit den verlockenden Auslagen +seiner Läden, den freundlichen Bekannten, die man überall traf, den +eleganten Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt +hingeschwunden? Sie sah nur den Mann, der in den vielen Räumen vieler +Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich, in vielen Spiegeln die Wunde +auf der weißen Haut, und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert +folgen mußte. + +Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch lange, wie lange, +konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky erwachte. Er setzte sich +aufrecht, und sie näherte sich ihm zögernd. Mit unerwarteter +Entschiedenheit sagte er, sie müsse gehen, wenn die Dunkelheit +eingebrochen sei, er fühle sich jetzt kräftig genug, um allein zu +bleiben und werde dem Kellner zu verstehen geben, daß sie in der Nacht +zurückkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand mehr darum +kümmern. Lukardis schüttelte den Kopf. Sie antwortete, es geschehe +ebensowohl um ihret-, als um seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde +sei erst im Beginn des Vernarbens und müsse mindestens noch zweimal +gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging und ihn darnach ein +Unglück traf, würde sie nie wieder schuldlos atmen können. Nadinsky +schaute forschend in ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so daß +sie ihm die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide. Es war +wie eine beglückende, aber unheilvolle Verwandlung, die jeder in des +andern Augen erlitt. Da trat Lukardis klopfenden Herzens vor einen der +Spiegel und steckte ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten +dabei. Wenn er ihr jetzt befohlen hätte, zu gehen, hätte sie +wahrscheinlich keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing er an, zu +klagen, daß er nicht den ehrlichen Tod im Kampf gestorben; was wolle er +in den fremden Ländern, ewig wandernd, ewig den nagenden Gram um die +gequälten Brüder in der Seele und mit der Sorge um das bloße Leben? Denn +er sei nicht reich, habe viele Schulden und das mütterliche Gut sei in +Gläubigerhänden. Durch so viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis +still vor dem Spiegel stehen und schaute ihr übernächtiges Gesicht an. +Er fuhr fort und schmähte seine Tat; er habe nicht gewußt, was er auf +sich genommen, es sei ein Trieb gewesen, kein Entschluß; so seien Helden +nicht beschaffen, daß sie sich dem Ungefähr auslieferten, um zermalmt zu +werden. Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihm in +diese Kloake der großen Stadt geflohen, habe sie in klarer Erkenntnis +gehandelt oder nicht vielmehr sich hinreißen lassen durch ein Gefühl, +dem Mitleid nachgegeben, dem Reiz des Absonderlichen, der Verführung +einer schwärmerischen Freundin? Sei sie nicht erschüttert und +durchwühlt, von medusischen Visionen aller Kraft beraubt? »So sind wir +alle,« rief er zum Schluß und warf sich in die Kissen zurück, +»Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler der Phantasie, Opfer des +Augenblicks, Getäuschte unserer Taten.« + +Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines Bettes. Ruhig und +fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr Auge leugnete seine Worte, im +Ausdruck ihrer Züge war eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die +göttliche Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines Herzens zu +Hilfe käme. Ein Strahl von Glück flog über Nadinskys Stirne, und sein +zweifelsüchtiger Geist beugte sich beschämt. Unbeirrbare Zuversicht +strömte von ihr aus und trug ihn über Stunde und Raum hinweg. Es +dunkelte und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu sprechen. +Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die Komödie wieder spielen +mußten, die das Haus forderte, machte Lukardis Licht, zog die Gardinen +zu und ging ins zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte. +Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht in die Ärmel +seines Rocks zu schlüpfen imstande war. Wie am Abend vorher wurde das +Diner serviert; wie am Abend vorher bediente der Aufwärter in +silberbetreßter Livree, noch demütiger, noch abgeschmackter lächelnd, +noch wachsamer hinter seiner heimtückischen Grimasse. Unlustig aßen sie +und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre Hände waren bewegt, +lautlos gehorsame Geister huschten sie hin und her, den Augen des +Spions Harmlosigkeit vorlügend. Lukardis spielte ihren Part heute +schlecht; ihr Lachen klang gekünstelter, ihr Getändel weniger glaubhaft. +Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer Pause, wo +sie allein waren, zuflüsterte, sie wollten streiten. Er erfand den Namen +einer Gräfin und behauptete, das Perlenkollier, das die Gräfin Schuilow +beim letzten Jour der Fürstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen. +Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene an und beharrte auf +seiner Meinung. Eine glühende Röte überzog Lukardis Wangen, denn diese +Heuchelei innerhalb der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle +Furcht vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte den +Sekt in die Gläser, und seine Miene zeigte ein albernes Bedauern, als +sei er nur an täubchenhaftes Girren gewöhnt. Zum Schluß erhob sich +Nadinsky unmutig und herrschte den Kellner an, er möge abräumen. +Lukardis bittender Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue +er sein Ungestüm und schritt mit ausgestreckten Händen auf sie zu. Der +Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls auf und schmiegte nun +den Kopf an seine Schulter, aber nur, um ihm zuzuraunen, er dürfe nicht +vergessen, für den nächsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky +nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag, der Wagen sollte +um die sechste Morgenstunde am Tor sein. Der Mensch verbeugte sich +schweigend und wollte gehen. + +Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. Ein zweiter, ein +dritter Schrei folgte. Lukardis faltete erschrocken die Hände, und +Nadinsky blickte unruhig zur Tür. Der Kellner hatte die Tür geöffnet; er +trug eine metallne Platte und hielt die Tür offen. Ein halbnacktes +Frauenzimmer stürzte vorüber. »Die Tür schließen,« hauchte Lukardis wie +entseelt. Da krachte ein Schuß. Das schauerliche Brüllen eines Mannes +erfüllte das ganze Haus. Nadinsky schob den Aufwärter über die Schwelle +und schlug die Tür zu. Ein paar Minuten lang blieb es still, dann gings +treppauf, treppab in schnellen, bestürzten Schritten. Stimmen murmelten, +eine befehlende Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von +oben. Darnach kam ein so herzzerreißendes Schluchzen, daß Lukardis +händeringend zur Ottomane lief und sich, das Gesicht vergrabend, darauf +niederwarf. Auch auf der Straße schien es nun lebendig zu werden. Es +wurde ans Tor gepoltert. Man hörte deutlich die Stimme eines Polizisten. +Im Flur tönten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen würde. Der Diener +kam herein; mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Nadinsky und +sagte: »Ich bitte Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die +Dame, sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur passiert. Eure +Exzellenz werden nicht mehr gestört werden.« Darauf verschwand er. +Nadinsky trat zu Lukardis, setzte sich neben sie und streichelte mit +bebenden Händen ihr Haar. Zusammenschauernd bei seiner Berührung, erhob +sie den Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von ihr und +war des Lebens überdrüssig. Sturm rüttelte an den Fenstern und +plötzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder das Klavier, derselbe Walzer +wie gestern mit derselben zahnlückigen Melodie. Aber lag nur ein Tag +dazwischen? nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem +verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und Stimmungen des +Daseins vorübergetragen, Lust und Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung +und Enttäuschung, Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies schon +das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eine unendliche, geheimnisvolle +Nacht? Nadinsky war es zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er +die Barrikade erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue +Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen getreten +sei, als ob die frühere Existenz mit allen ihren Beziehungen von ihm +losgelöst sei und als ob er in dieses Haus gekommen wäre, um sein +eigentliches Schicksal auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft +geschieden, ja ohne Brücken dahin und dorthin. + +Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer Weile kam +Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur im Speisezimmer brannten die +Lampen. In den Spiegeln dehnten sich die Räume grau und unbestimmt. +Lukardis sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch voll, +und nachdem Nadinsky sich entblößt, wusch sie die Wunde. Während sie aus +ihrer Handtasche das frische Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und +als Nadinsky verbunden war, bat er, sie möge ihm vorlesen. Sie setzte +sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren Lermontows +Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie gelesen, da fielen ihre Arme +schlaff nieder, der Kopf sank zur Seite und der Schlaf überwältigte sie. +So ohne Widerstand und Übergang entschlummern Kinder; Nadinsky hütete +sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen an ihrem Antlitz, und es +war ihm, als müsse sein eigenes Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks +teilnehmen, welchem ihre Züge unterworfen waren. Wunderbarer Friede kam +in sein Gemüt. Er streckte die Glieder und atmete wie in der Luft eines +Gartens. Nun regten sich ihre Lippen. Sie flüsterte, sie lächelte +zärtlich, die Hände ballten sich und das Buch fiel von ihrem Schoß auf +den Teppich. Sie erschrak, öffnete die Augen, ein entsetzter Blick flog +durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie weiter. Doch nun schien +die Gewalt des Schlafes immer größer zu werden, der Oberkörper verlor +das Gleichgewicht, sie wäre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht +in seinen Armen aufgefangen hätte; er umschlang ihre Schultern und legte +die Schläferin vorsichtig quer über sein Bett. Ihre Beine blieben auf +dem Sessel liegen, ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme +waren über dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich in starken +Rhythmen. Allmählich fühlte sich Nadinsky beschwert, das Blut in den +Schenkeln stockte und er hatte Mühe, so regungslos zu bleiben wie am +Anfang. Er ließ sich langsam auf die Kissen zurückfallen, schob die +Hände unter die Decke und unter den Rücken des Mädchens und versuchte, +die Schlummernde auf diese Art zu stützen. So gelang es ihm, sich +Erleichterung zu schaffen; einmal trugen die Arme, einmal die Schenkel +und Knie die Last. Dabei empfand er eine glühende Freudigkeit, nicht +nur, weil er ihr die Sorgfalt und Mühe vergelten konnte, sondern auch, +weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als Kreatur, so unbedingt in +seiner Hut. Oftmals betrachtete er sie, gedankenvoll entzückt, und ihr +Leben, ihr Schlaf, ihr unbewußtes Dasein, die Gliederung des +Menschenkörpers, an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen das +Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglückendes Gefühl der +wiedergewonnenen Herzenskraft. + +Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel einer auf der Straße +vorübermarschierenden Militärpatrouille sie erweckte. Nadinsky hatte +sich eben zum Sitzen aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem +sich eine dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen heiter +strahlen zu wollen, dann hüllten sie sich in Schleier der Scham; sie +stieß einen hellen, kleinen Schrei aus, sprang empor, und ihr Gesicht +war wie mit Blut übergossen. Sie drückte die Hände gegen die Brust und +sah stumm vor sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als +Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgültige Worte ab, +erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. Sie antwortete +zerstreut, und ihre Miene war bald scheu und ängstlich, bald dankbar und +heimlich fragend. Zum letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde +Nadinskys, und während sie es tat, hatte sie Mühe, ihre Fassung zu +bewahren; die Welt draußen erschien ihr wie der aufgesperrte Rachen +eines Tieres. Die Uhr zeigte ein Viertel vor sechs, sie mußten ihre +Vorbereitungen treffen. Nadinsky war immer stiller und stiller geworden; +als er angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr blaß. +Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, ihm +gegenüber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel an und die Handtasche +stand zu ihren Füßen. So warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken, +bis es Zeit war, daß sie gehen konnten. + +Endlich vernahmen sie von der Straße her das Knattern von Wagenrädern, +und bald darauf klopfte es an die Tür. Der Kellner trat ein, diesmal +ohne Livree; er trug einen verschmierten Schlafrock, die Haare hingen +ihm in öligen Bündeln über die Stirn und sein Gesicht war mürrisch und +böse. Er präsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, gab auch gleich das +Fahrgeld für den Kutscher, dann gingen sie hinab. Zwei Eimer voll +Kehricht standen am Fuß der Treppe, und auf der Torschwelle lag ein +schwarzer Hund, der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch +war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den langen Weg. + +In einem der inneren Räume des Bahnhofs stand Anastasia Karlowna an +einer Säule. Sie begrüßte die beiden und fragte nach Nadinskys Befinden. +Dann übergab sie ihm den Paß und einen Koffer, der die notwendigen +Gegenstände für die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, und +Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus, +schritt auf Lukardis zu und reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare +Schwäche im Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das +Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere Hand, die linke mit +seiner linken, und die vier Hände lagen beieinander wie Glieder einer +geschmiedeten Kette. So verharrten sie einen Augenblick und erschienen +sich selbst als Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte +warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem Gang zum Waggon +zurück und klomm die Treppe hinauf. Er trat ans Fenster, in dessen +schwarzer Umrahmung und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein +kreideweißer Fleck. Nun ertönte die Pfeife, und langsam rollte der Zug +aus der Halle. + +Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in Tränen aufgelöst. +Die Frau hatte nicht gewagt, ihrem Gatten von dem Brief der Tochter +Mitteilung zu machen und ihm deren Verschwinden durch mühevolle Listen +verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung zwischen +Lukardis und der Mutter, eine Szene, bei der die taubstumme Frau in der +erregtesten und flehendsten Weise gestikulierte, während das Mädchen nur +den Kopf schüttelte und mit keinem Laut, keiner Gebärde sonst +antwortete. Allmählich wurde die Generalin von einer heftigen Sorge um +Lukardis ergriffen, die sich in Bestürzung verwandelte, als Lukardis +sich beharrlich weigerte, den Staatsrat Kussin zu sehen, der für einige +Tage nach Moskau gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht, +sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die Verlobung +mußte gelöst werden, und beflissener noch als zuvor wich Lukardis den +Menschen aus, den Freunden, den Fremden, der Mutter, dem Vater, den +Schwestern. Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die +Ärzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die Generalin +mit ihr nach Paris, später ans bretonische Meer. Eines Nachts +überraschte die Mutter sie, wie sie auf den Fliesen der Terrasse ihres +Zimmers lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit +weitgeöffneten, unbeschreiblich strahlenden Augen in den gestirnten +Himmel schaute. Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer +grenzenlosen, den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit. + +Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, er lebe auf einer +Farm im westlichen Kanada. Niemals hat Lukardis seinen Namen erfahren, +niemals er den ihren. + + + + +Ungnad + + +Länger als zwölf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen Erasmus Ungnad +und Gräfin Marietta Giese, und Georg Ulrich Castellanis boshafte +Bemerkung, es sei bald an der Zeit, sie in die Galerie berühmter +Liebespaare einzureihen, zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung +unter manchen Freunden an, vom Mißfallen anderer zu schweigen. Doch die +Freunde hatten so wenig Einfluß darauf wie die Familie, die Rücksicht +auf die Karriere so wenig wie der Gedanke an persönliches Behagen. Im +Grunde stand man vor einem Rätsel. Erasmus war nichts weniger als ein +Toggenburg; Ausharren war sonst seine Stärke nicht; Marietta nichts +weniger als ein Käthchen, im Gegenteil, eine Frau von Welt, ein +überlegener Charakter. + +In gewissen Zeitabständen erfolgte ein Bruch. Beiden schien es jedesmal +damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen Auseinandersetzungen, +brieflich oder mündlich, verständigten sie sich, daß es für das Wohl des +andern wünschenswert und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen und +daß es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil diene, wenn es in Frieden +und Herzlichkeit geschähe. Sie gaben einander in aller Form frei; zwei +Monate darauf war gewöhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus +Schwester Francine wußte in solchen Fällen keine triftigere Erklärung, +als daß sie Marietta eine dämonische Natur nannte. Drei Jahrhunderte +zurück, und sie hätte sie in ihrer Erbitterung öffentlich der Hexerei +angeklagt. + +Nach seiner Rückkunft aus Japan im Jahre 12 schien die Loslösung +nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen vielbeneideten +Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, der Minister des Äußern, großer +Herr damals, Leuchte der Diplomatie, der er für seinen Teil und für +seinen Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich für alle Zeiten, zu +einem Triumph unter den europäischen Mächten verholfen hatte, hielt +große Stücke auf ihn und war dem gräflich Ungnad'schen Hause außerdem +wohlgesinnt. Diese mächtige Hand eröffnete ihm die glänzendsten +Aussichten; er war zunächst zu einer hervorragenden Stellung bei der +Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten winkte in nicht +allzuweiter Ferne. Francine schwamm in Hoffnung und entfaltete alle ihre +Kräfte, um eine vorteilhafte Heirat zustande zu bringen. Der Moment war +so günstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den Vordergrund +gerückt. Das eine betraf eine junge Baroneß Spielberg, die von Seite +ihrer Mutter, einer Amerikanerin, enormen Reichtum zu erwarten hatte; +das andere die zweitälteste Tochter der Rienburg-Rhedas, Komteß +Sebastiane, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, anziehend und, wie Francine +erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus unter Graf Rienburg-Rheda +Legationssekretär gewesen war, in ihn verliebt. Zudem gehörten die +Rienburg-Rhedas zum begütertsten Adel des Landes; sie verfügten über +soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Häusern, Schlössern, +Wäldern, Wässern, ererbtem und erheiratetem Besitz, in hundertjährigen +Traditionen gefestigt wie die Hausmacht der großen Dynasten. + +Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus' Schuld am Mißlingen war nicht +zu durchschauen. Im einen Fall hatte er sich nicht entscheiden können, +im andern hatte er sich überhaupt nicht vorgewagt, so daß man es +wenigstens mit der Familie nicht verdorben hatte und niemand +bloßgestellt war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten und +ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen in ihr erregt, um +sie immer wieder zu enttäuschen, bis sie in einem Zustand hysterischer +Überreizung erklärt hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei +Rienburg-Rhedas war er eine Woche lang zu Gast auf dem südmährischen +Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall den Grafen hin, und er, den +Unglücks- und Todesfälle in eine lächerliche Panik versetzten, reiste +unverrichteter Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf die +Versöhnung mit Marietta. + +Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. Es war zu +befürchten, daß der Minister seine Hand von ihm abzog. Oft schon war +seine Laufbahn durch diese Frau gefährdet gewesen. Francine erinnerte +ihn daran, wie sie eines Tages plötzlich in Petersburg erschienen sei +und ihm Verdrießlichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf bei der +Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm die Worte ins Gedächtnis, +die ihm vor drei Jahren seine Tante, die kluge Terese Klingenberg +geschrieben: daß ein Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen +Preis seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten dürfe; entweder +müsse alles so verschleiert sein, daß die Neugierde niemals dahinter +kommen könne, oder es müsse eine klare Eindeutigkeit walten, so oder so; +nichts sei geeigneter, die Öffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu +verstimmen als ostensible Herzenspassionen. + +Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. Sie +erschöpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. Sie zitierte Urteile, +Prophezeiungen, Meinungen seiner nächsten Freunde über ihn und +hauptsächlich über Marietta. Sogar der unbeträchtliche Ferry Sponeck +mußte herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu Erasmus, aus +der Sorge um ihn. Er war der Letzte des Geschlechts; sie fühlte sich für +ihn verantwortlich. Sein Vermögen war gering. Sie hatte in den letzten +Jahren versucht, es durch Börsenspekulationen zu vermehren; da sie gut +beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, war ihr dies gelungen. +Aber wenn sie auch Millionen gewonnen hätte, was hätten ihr die +gefruchtet; das Glück, das sie für ihn im Auge hatte, war ein höheres. +Der in ihr aufgehäufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, mit +denen sie Erasmus zu Leibe rückte, eindringliche Schärfe. Mit +Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, entwarf sie, durch Haß +befeuert, ein Bild von Marietta, das in der Verzerrung noch Züge der +Wahrheit hatte und abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie; +eitel; seelenlos; durch Lektüre verbildet; im Bestreben, die große Dame +zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt herausfordernd; mit zur +Schau getragener Freiheit nah daran, für eine Abenteuerin zu gelten; +unergründlich egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen +gefährlich sinnlich; längst über die erste Jugend hinaus, auch über die +zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, sie auf +Händen getragen hatte und unglücklich und vereinsamt war, geistig und +körperlich ein Krüppel. + +Francine war kühn. Sie mußte auf verletzende Vergleichung gefaßt sein. +Sie selbst war ja in heikler Situation. Ihr Schicksal als Weib hatte sie +von unbehüteten Jahren an andere Wege geführt als die üblichen und +gebilligten. Nur durch ihre Zähigkeit und Klugheit hatte sie dann doch +Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft behauptet. +Dunkles Schicksal, das in einem von ihr selbst nie ganz begriffenen +Gegensatz zu ihrem Wesen stand. + +Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine Person zielte, +pflichtete er ihr bei. Über Marietta schwieg er. Er empfand Francines +Zärtlichkeit; ihr Ungestüm belästigte ihn. Sie verlangte Versprechungen, +er weigerte sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich, +und das Ergebnis von Francines Bemühungen war, daß er zu Marietta auf +ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging sie zum Minister. Sie vertraute +sich ihm ohne Rückhalt an, und die Art, wie er ihr lauschte, ließ die +herzliche Zuneigung für Erasmus erkennen. Er würdigte die Schwierigkeit; +ihn zu entfernen, hielt er für notwendig wie sie; der Londoner Posten +kam augenblicklich noch nicht in Betracht, dagegen bot sich die +Möglichkeit, ihn nach Indien zu schicken; es fand dort eine +Jubiläums-Feierlichkeit statt; die englische Regierung und der Vizekönig +hatten die Mächte zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden +später war Erasmus für die Mission ernannt. Ein Telegramm rief ihn von +Eichfurth zurück, zehn Tage darauf lief das Schiff aus dem Triester +Hafen. Francine glaubte ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene +Monat war Gewinn. Erasmus war dreiunddreißig, Marietta Giese +fünfunddreißig; der Zauber mußte binnen kurzem brechen; was die Vernunft +nicht erreichte, würde die Zeit bewirken. Wenn es auch noch Kämpfe +kostete, Francine war gerüstet. Indes gelang es ihren hartnäckigen +Bemühungen, daß man Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe dort +beendet war, unmittelbar nach London befahl. + + * * * * * + +Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten Jahr im +diplomatischen Dienst. Der Weg war der herkömmliche und vorgeschriebene +gewesen; die Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington, Tokio; +und nun London. Er hatte viel gesehen, viel gehört; nach seiner Meinung +viel erlebt. Er kannte das Inwendige der politischen Maschinerie. Er +hatte gelernt, wie die Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei +den markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge. Die +repräsentativen Pflichten erfüllte er mit genügender Würde. +Verantwortung war ihm aufgebürdet; er wußte um die Last, seine Haltung +deutete sie an. Geschlechteralte Zucht machte ihn zum Vorbild für +Unsichere. Die Gebärde verriet, daß er in seine Rolle hineingeboren war. +Selbstverständliches Tun und Sein, darauf kam es an; das gelegentliche +Nachdenken darüber war Verzierung, die man sich in Mußestunden +gestattete. In der Führung der Geschäfte von unbedingter Verläßlichkeit, +gewissenhaft wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank, war +er überall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung und der +Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein, von seinem Geist oder +seinem Genie zu sprechen, aber seine Ritterlichkeit und Freundestreue +hatten schwärmerische Lobredner. + +Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn; die Jahre trugen +ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen Element keine Trübung, nur +über das Äußere und Betriebmäßige war zuweilen ein Schleier von Unmut +gebreitet. Aber der Strom floß breit und gefällig dahin. Dem vorwärts- +wie dem zurückschauenden Blick boten sich dieselben Bilder: geschmückter +Weg, umfriedetes Revier, Fülle der Verlockungen, Menge der Dienenden, +erschlossene Welt. In Stunden der Träumerei flammte in seinem sonst +trägen Gedächtnis auf, was ihm erworbenes und in Sicherheit gebrachtes +Lebensgut war: ein marokkanischer Himmel, rot vor Bläue; prunkvolle +Aufzüge, veranstaltet von exotischen Fürsten; feierliche Empfänge; +illuminierte Säle; militärische Paraden; Frauen, die um Liebe warben; +fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch mitgebracht, das +er in wenigen Exemplaren für seine Freunde drucken ließ. Es wurde damals +als die feinste Blüte aristokratischer Lebensauffassung und +Betrachtungsweise bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie +Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv und aus erster Hand, +oft ein bißchen einfältig sogar, wie eine Fibel einfältig ist. In der +Mischung von Bescheidenheit, Wißbegier und unschuldiger Philosophie +drückte sich Ungnads Wesen sehr liebenswürdig aus. Es waren Fahrten +darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf Flüssen, in der Nacht, +auf Booten mit Lampions behängt, Schauspiele und Wanderungen, Tempel und +Gärten; von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein Hauch; +hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen von Blumen, Farben von +Blumen, Gerüche von Blumen; ein umgewandeltes Sinnliches, ließ es das +sinnlich Gebannte seiner Natur erraten, auch wieviel Trägheit in seiner +Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem Genießen. + +Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des Krieges entfalteten alle +Berückungen seiner Welt. Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtum +und die Üppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich zur Strahlung +verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden Kern, begnadet und Gnaden +spendend. Die Künste der Nationen vereinigten sich, der herrschenden +Kaste zu huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit gesättigt. Feuer des +Übermuts lag in den Gemütern, das Ungewöhnliche war Nahrung für den +Gewöhnlichsten, Nüchterne wurden auf lichtverklärte Höhe gehoben und +sahen den Horizont wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob +alles in atemloser Bestürzung auseinander, und über das rubenshaft +glühende Gemälde fiel schwarzer Flor, um es auf immer zu verdecken. + +Was darnach kam, war trockne Amtsausübung in vorgeschobenen Bezirken, +eroberten Provinzen, umrasselt von Waffenlärm. Man hatte Mühe, den Kopf +obenzuhalten. Das Geschrei aus den Lagern hüben und drüben lähmte; der +Haß verunreinigte wie Schmutz, der kleben bleibt und sich in die Poren +frißt; die Guirlanden waren weggerissen; die Blöße der Leiber stierte +einen an; Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau wankte; die +kaum merkbare Allmählichkeit, mit der die Existenz ins Enge und +Sorgenhafte geriet, war entnervend; und so der beständige wütende Sturm, +der die Blätter vom Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln +ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General regierte. Man +war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen, wie die Partie stand. Die Not +der Länder schrie, des eigenen vor allen; man überredete sich zur Demut, +suchte Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre, verwob +persönliches Geschick willig mit dem Ganzen, hoffte, fürchtete, wartete, +Jahr für Jahr, wartete auf Schlimmes und war doch nicht im entferntesten +vorbereitet, in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die Zeit +dann wirklich machte. + +Im August des Jahres 18 wurde er mit dem preußischen Oberst Grimm nach +Armenien entsendet, um Bericht über die Zustände zu erstatten, die der +feindlichen Propaganda Nahrung gaben. Türkische Offiziere und Beamte +begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was vertuscht werden +konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein künstliches Schaugepränge +vorgeführt, Blendwerk; zuletzt offenbarte sich das Grauen. Auf der +Heimreise, man hatte schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus +vom Schiff aus an Francine: »Es war schön, als der Katholikos in +Echtmiadzin unsere Abordnung empfing. Ich habe nie so herrliche Gobelins +gesehen und so prunkvolle goldene Gefäße. Der Katholikos war in Gold und +Purpur gehüllt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt war, +blendete die Augen durch die Pracht seiner Gewänder. Vor den +Bogenfenstern des riesigen Saals sah man die schneebedeckten Gipfel des +Taurus, und alle überragte der mächtige Arrarat. Da schauderte es einen; +Arrarat; beim bloßen Namen überlief es einen. Aber auf dem Schloßhof +unten stand eine tausendköpfige Menge, und von ihr stieg ein +eigentümliches winselndes Brausen empor. Erst glaubten wir, die Leute +seien zum Gottesdienst gekommen, der dann stattfinden sollte; aber der +Katholikos wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst Grimm +gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen Sie Ihrem Kaiser, daß +sie hungern. Die türkischen Herren hinter uns duckten sich, und ich +schaute, während das eigentümliche winselnde Brausen fortdauerte, in den +Schnee des Arrarat hinüber. Am nächsten Tag sind wir durch die glühenden +Täler zum Meer geritten, an Ruinen vorbei und über Schlachtfelder. +Wüste und Weinland grenzen dicht aneinander, manchmal kauert ein mit +Fetzen bedeckter Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die Küste +kamen, lag der Ozean märchenhaft blau, aber die Luft war verpestet durch +zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen, nackt und in Kleidern, +viele bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Männer, Weiber und Kinder. +Die türkischen Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den +Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins Meer getrieben. +Ich dachte mir: die grandiose Natur, und der Mensch eine Bestie, die sie +schändet. Der Himmel und das Meer in ihrer Schönheit waren Lüge.« + +Er hatte sich mit Oberst Grimm während der langen Reise ziemlich +angefreundet; der Oberst war ein stiller, vernünftiger Mann; weit +trätabler als seine preußischen Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in +Budapest von ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte +von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen und verludert; +stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm den militärischen Gruß zu +geben, frech ins Gesicht. Der Oberst sah ihn an, seine Stirn rötete +sich, er machte Miene, auf ihn zuzugehen, besann sich plötzlich, senkte +vor Erasmus den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller +Selbstbeherrschung von etwas Gleichgiltigem. + +Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Gedächtnis, während er allein +die Reise fortsetzte. + +Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man wußte nicht, wie man sich +seiner erwehren sollte. Man befand sich auf einer gewissen Höhe, +unangreifbar, unerreichbar. Man genoß verbrieften Schutz von altersher. +Die Sicherungen waren bewährt und tragfähig gewesen bis jetzt. Man war +gewohnt, viel Raum um sich zu haben. Raum feite, Raum trennte. Die +andern, die Leute, bewegten sich weit draußen. War doch schon ihr +respektvolles Aufmerken bisweilen lästig. Man konnte unbeschränkt +verfügen: über bezahlte Menschen, über die Stunden, über die Dinge. Die +Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die Hand, die unter ihnen wählte. +Und das Gesetz, das durch die stummen Jahrhunderte geheiligt war, +schrieb das Maß vor. + +Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte wurden +angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz erstreckten, auf +unentbehrliche Schattierungen, auf ehrwürdigste Institutionen, auf +auserlesene Formen, auf Auserlesenheit überhaupt, unleugbare, weil durch +das Blut bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die Würde. +Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war so hämisch, so +erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln herum, ein feiges +Gespenst. + +Man saß aufrecht und hielt sich bereit. + + * * * * * + +Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt. Es handelte sich +wieder um eine Rienburg-Rheda, um die dritte Tochter, die inzwischen +herangewachsene zwanzigjährige Pauline. Es waren im ganzen vier +Schwestern. Die älteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr früh mit +dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie lebte seit einigen +Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei der Mutter, unbekannt aus welcher +Ursache. Es hieß, eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er +in der Trunkenheit zwei Tänzerinnen in die Wohnung mitgebracht hatte. +Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod einen Grafen Dettingen +geehelicht, Husarenrittmeister, der bei Luck gefallen war. Sie war +Mutter von zwei Kindern geworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline +und Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt. + +Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen sorgfältig +vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren hin- und hergereist, um die +Stimmung auszukundschaften, unverpflichtende Anfragen waren gestellt, +Briefe waren geschrieben worden, deren Taktik an Musterstücken +verflossener Kabinettsdiplomatie geschult war, und allmählich +entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit. Ehe noch Erasmus aus +Konstantinopel zurückgekehrt war, hatte sie schon die Einladung der +Gräfin Rienburg für ihn in Händen. Von Tag zu Tag unruhiger wartete sie +auf seine Antwort, denn es verkündigten sich verhängnisvolle Ereignisse, +und der politische Himmel war schwarz verhängt wie ein Sarkophag. + +An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt, erfuhr sie, daß +Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen sei. Das konnte nichts +anderes bedeuten, als daß sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls +erwartete. Ohne langes Besinnen verfaßte sie eine ungestüme Epistel, in +welcher sie Marietta auseinandersetzte, daß Erasmus' Zukunft auf dem +Spiel stehe; daß er zu lange schon seine besten Kräfte und besten Jahre +damit vergeude, die Ketten abzuschütteln, die sie um ihn geschlungen; +daß er allmählich in das Alter trete, in dem man aufhöre, für die Frauen +mitzuzählen; daß er jetzt im Begriff sei, eine glänzende Verbindung +einzugehen, und daß die Familie, um kein Mittel unversucht zu lassen, +sich an ihre Einsicht und oft bewiesene Geistesstärke wende, die ihr +zweifellos den Weg aus dem Dilemma zeigen würden. + +Zum Glück las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte, ihrer Cousine Nora +Klingenberg vor, die ihr solchen Schritt entschieden widerriet. »Soll +denn das alte Spiel wieder von vorne beginnen?« rief Francine erregt +aus; »Bruch, Versöhnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig zu +meiden und gerührtes in die Arme-Sinken. Es ist nicht länger zu +ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen, man wird zum Gelächter +der Welt.« Nora Klingenberg hielt der Entrüsteten vor, daß sie mit ihren +Vergewaltigungsmethoden das Übel verschlimmere; da käme Erasmus erst +recht aus dem Schwanken und Zaudern nicht heraus. Je verführerischer man +ihm den Köder bereite, je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das +Zugreifen; je mehr man ihn überrede, je stütziger werde er. Sie solle es +listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie erbot sich, zu +Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen, als Frau zur Frau. +Dadurch erwachse vielleicht Verständigung. Francine umarmte sie und +sagte, sie sei ein Engel. »Laß dir nicht von ihr imponieren,« warnte +sie; »vergiß nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout bei +Castellanis über den Mund gefahren ist, als darüber debattiert wurde, ob +die Lehndorffs oder die Klingenbergs älter seien. Ich versichere dir, +ihr Großvater Johann Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er +Statthalter gewesen ist; und die Zinsen müssen hoch gewesen sein, Georg +Ulrich behauptet, nie unter zwölf Perzent.« + +Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen von dem Besuch +zurück. Sie berichtete, Marietta sei kühl gewesen, spöttisch, glatt, +ausweichend, habe sie beständig abzulenken gewußt; habe sie einmal, als +sie sich einen Anlauf genommen, sonderbar lächelnd angeblickt, und +nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im Grunde nichts +geredet. Sie mache mit einem, was sie wolle, es sei nicht gegen sie +aufzukommen; wenn man noch beim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon, +und jeder Satz habe zehn Facetten. Im übrigen sei sie hübsch wie nur je; +als seien fünfzehn Jahre spurlos an ihr vorübergegangen; bestrickend und +anmutig, das reine Wunder. + +Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend fing sie an zu +schimpfen wie ein Marktweib. Drohte, höhnte; stieß Gegenstände aus dem +Weg; schwor, daß sie die gefährliche Komödiantin vernichten wolle, +vergoß Tränen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich +vergebliche Mühe, sie zu besänftigen. + + * * * * * + +Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus ältesten Freunden. Er war +in jeder Beziehung steckengeblieben, sowohl was seine Laufbahn als auch +was seine Entwicklung betraf. Trotzdem vielfache Einflüsse für ihn +gewirkt hatten, war er in einem der für unfähige Hochtories +vorbehaltenen Präsidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging auf keine +Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande, orthographisch richtig zu +schreiben. Erasmus erlaubte sich kein Urteil darüber, ob er wirklich so +dumm war, wie alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner +vollkommenen Diskretion. + +Mit Männern konnte er sich im allgemeinen schwer verstehen. Sie vermaßen +sich an ihm. Sie wollten in ihn eindringen und bedachten nicht, daß das +verletzt. Männer im allgemeinen wußten wenig von dem Grad der +Verletzlichkeit eines Menschen. Ferry Sponeck hingegen verpflichtete nie +und insistierte nie. Manchmal plapperte er und erzählte Klatsch; indem +er seine Nichtigkeiten von sich gab, stimmte er vertrauensvoll; es kam +einen plötzlich die Lust zu Eröffnungen an, ja zu Bekenntnissen oft; man +wurde mitteilsam, gerade gegen ihn, der so kindlich erstaunte Augen +machte, bei ganz verkehrten Anlässen bedauernd den Kopf wiegte und sich +dann und wann zu einer albernen Zwischenbemerkung aufraffte. Man war +eigentlich mit sich allein und wurde doch durch Menschenaugen aus sich +hervorgelockt. Man geriet ins Sprechen, Drückendes wich, wenigstens für +die Stunde, Vergangenes ordnete sich. Man hatte keine Taktlosigkeiten zu +besorgen, keine neugierigen Fragen, nicht die klugen Aperçus und +beunruhigenden Haarspaltereien, die an den Leuten von Geist so +verdrießlich waren. + +Schon am Tage nach seiner Rückkunft sagte er sich bei Ferry Sponeck an, +der in einem kleinen alten Palais in einer kleinen alten Gasse wohnte. +Langsam und versonnen ging Erasmus hin. Er spürte das Unheil in der +Luft. Vor vielen Jahren, in Sizilien, hatte er am Abend vor dem großen +Erdbeben dieselbe andauernde Qual in allen Nerven empfunden. Er +erinnerte sich, daß er dann, ins Hotel zurückgekehrt, einen Weinkrampf +gehabt hatte. + +Seine Erregung wuchs, als er Ferry Sponeck bei der Lampe gegenübersaß. +Dieser braute Kaffee in einer kupfernen Maschine und blies bisweilen in +die Spiritusflamme, wobei er die Backen voll Luft pumpte und aussah wie +der Boreas auf alten Bildern. + +»Drüben im Ministerium geht alles drunter und drüber,« sagte Erasmus. +»Sie transportieren Aktenschränke auf den Dachboden und lassen +Telegramme unbeantwortet liegen.« + +Ferry Sponeck seufzte. + +Erasmus schaute grübelnd vor sich hin. »Ich verschließe mich der +Tatsache nicht, wie die meisten unter uns, daß wir leichtsinnig +gewirtschaftet haben,« sagte er mit seiner trägen und verschleierten +Kopfstimme; »wir hatten keine Führer; keiner war der Herr. Manche haben +das Unglück kommen sehen und haben gespottet. Die Schuld ist groß, und +der Unverstand, und die Blindheit. Aber offene Rebellion, das darf nicht +sein. Wenn das eintritt, geht die Welt unter. Rebellion ist Satans Werk. +Rebellion heißt, daß Christus verleugnet und ans Kreuz geschlagen wird. +Alle zweitausend Jahre, hab ich einmal gelesen, schlagen sie ihn ans +Kreuz, und jetzt ist bald die Zeit.« + +Ferry Sponeck nickte. Der Kaffee schäumte braun unter der Glaskuppel, +und er drehte bedächtig den Hahn auf. Der kochende Strahl rann schwarz +in die goldene Tasse. + +Erasmus sagte: »Die murren, werden täglich mehr. Noch wagen sie einen +nicht anzuschauen, aber hinterrücks zücken sie das Messer. Sie tragen +das Messer aufgeklappt in der Tasche; morgen werden sie auf einen +losgehen. Hast du auch manchmal ein Klirren im Ohr wie von zerbrochenen +Fensterscheiben? Es dringt bis in den Schlaf. Und dann hört man +Geschrei, fernes Geschrei.« + +»Du denkst zuviel nach, Mumu,« tadelte Ferry Sponeck liebevoll; bei +intimen Anlässen nannte er Erasmus Mumu, wie man ihn als Kind gerufen. +»Bist du denn ein Gelehrter, daß du fortwährend denken mußt? Wir könnens +nicht ändern, wir beide, wir müssens geschehen lassen.« + +Erasmus sprach stockend weiter: »Ich bin einmal von Corfu nach Athen mit +einem alten Segelschiff gefahren, da sind nachts die Ratten über meine +Bettdecke gerannt. Es war grausig, und der morsche Kasten ist auch bei +der nächsten Fahrt gesunken.« Seine Stimme wurde leiser, und er rieb +nervös die Finger aneinander. »Gefürchtet hab ich mich nicht, aber +Ratten, das wirst du zugeben, das ist das Ekligste auf der Welt. Im +Finstern verlassen sie sich auf ihre scharfen Zähne; im Finstern sind +sie frech. Sie selber sind geschützt, natürlich; durch ihre Zahl sind +sie geschützt, durch den Unrat und durch das Grausen.« Er machte eine +Pause und lächelte kränklich und hochmütig. »Einschüchtern darf man sich +nicht lassen. Keine Schwäche zeigen. Wir, wir haben die Religion; davon +wissen sie freilich nichts, die Ratten; und das, was man Ehre nennt, +haben wir. Ehre, das ist wie eine diamantene Kugel. Das Ungnadsche +Wappen hat eine schöne Devise: #fort et modeste.# Ehestens wird das +nicht mehr viel bedeuten. Ehestens vielleicht werden sie das Wappen +zerschlagen. Zerschlagen mögen sie es immerhin; besudeln sollen sie es +nicht. In dem Glauben kann mich keiner wankend machen, daß alle +Legitimität von Gott stammt.« + +Ferry Sponeck nickte andächtig. Erasmus erhob sich lässig auf den langen +Beinen und wiederholte mit einer Art Verbohrtheit: »Damit steh und fall +ich, daß alle Legitimität von Gott stammt.« + + * * * * * + +Als ihm Francine von der Einladung der Gräfin Rienburg-Rheda berichtete, +erklärte sich Erasmus zu ihrer Freude bereit, sie anzunehmen. Er wußte, +worum es sich handelte; er wußte, daß Francine nur auf das eine Ziel +hindrängte, und er enttäuschte sie nicht einmal durch ein Kopfschütteln +oder das obstinate Lächeln, das er bei solchen Gelegenheiten hatte. Die +Stadt machte ihn elend, er sehnte sich nach Stille und Landschaft. »Ist +es aus zwischen dir und Marietta?« fragte Francine halb drohend, halb +ängstlich. Er antwortete: »Es ist schon lange aus.« Darauf Francine, +entzückt: »Seht ihr euch gar nicht mehr?« Er, kühl und gezwungen: »Ach +ja, wir sehen uns, aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im +Juni getroffen.« Francine verbreitete sich nun ausführlich über den +Charakter der Komteß Pauline, und daß eine Ehe zwischen ihr und Erasmus +der Gipfel des Wünschbaren sei. Er hörte still zu und sagte dann: »Es +ist möglich, daß du recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.« +Francine nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und nötigte ihn, an die +Gräfin zu telegraphieren, daß er an dem und dem Tag kommen würde. + +Um gefällig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen ihm die +Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte er gewissenhaft. +Man würde unbekannte Leute treffen; er stellte sich solche der +abstoßendsten Art vor; geschwätzige Personen, zudringliche Personen. +Verpflichtungen würden entstehen; diesen oder jenen würde man verletzen +und sich wieder um ihn bemühen müssen; Zwang würde ausgeübt werden; Lärm +würde sein; irgendeiner würde da sein, der Türen warf oder des morgens +um fünf Uhr nach der Scheibe schoß, oder mit unendlichem Gerede einen +Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer zu packen, +Nachrichten zu dirigieren; das alles häufte sich zu einem Gebirge, und +er verschob den Termin. Francine ereiferte sich, er wich zurück. Er +sagte, man bedürfe seiner im Amt. Sie erwiderte, man bedürfe seiner mit +nichten; bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er sich +fernhalte. Er gab es ermüdet zu, bat aber für die Reise um eine Woche +Frist. Sie feilschte um zwei Tage und verlangte, daß er am Sonntag +reise. Er willigte ein. Am Samstag abend erhielt er eine Karte von +Marietta, die ihn ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er +erschrak. Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz +verschollen heimlich damit gerechnet. Daß es eintraf, war Erschütterung. +Er erklärte Francine, daß eine wichtige ministerielle Sitzung ihn +verhindere, früher als Mittwoch zu reisen. Francine starrte ihn +sprachlos an. Aber da er ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt +nicht weiter hinauszuschieben, mußte sie sich zufrieden geben. + + * * * * * + +Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs, Erasmus unter +denen, die hinten standen, denn vermöge seiner Länge konnte er über die +Köpfe schauen. + +In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorstädten herein, ein +schwarzer, breiter, klebrig fließender, stummer Menschenstrom. Sie kamen +zur Verkündigung der Republik. Die Straße war ausgefüllt bis an die +Häusermauern. Aus der nachmittägig-nebligen Ferne, die wie bodenlose +Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte sich schattenhaft in Leiber +und Gesichter, schwoll durch Zufluß aus Nebengassen, wälzte sich drohend +ruhig vorüber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus, Schritt für +Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der vor dem großen Platz die +Straße verengerte, und der die gestauten Massen langsam verschlang. Eine +Stunde verging, und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser +Tiefe glich, wälzte sich das Ungeheure her, das nicht eine Summe +zählbarer Einzelner war, sondern ein Element für sich, zu einem Willen +verschmolzen, kroch und wogte vorüber, spürbar-, sichtbar-wirklich, +fortbewegt durch einen gewaltigen und äußerst zu fürchtenden Trieb, bis +es der dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen ähnlich, gierig +schluckte. + +Die Herren rührten sich nicht. Mattes Erstaunen würgte ihre Kehlen. +Einer sagte vor sich hin: »Das ist das Ende.« + +Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem Freunde Ferry Sponeck +in dessen Wohnung. Sie vermieden es, über das Gesehene zu sprechen. Sie +erstickten es in sich. Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts +zu tun; sie stießen es wieder weg und gruben es zu. + +Sie aßen schweigend und lauschten auf Geräusche von der Straße. Aber +diese Straße der alten Paläste war still; sie lag noch in einem +vergangenen Jahrhundert und träumte. Sie war wie von einem verstaubten +Seiden-Gespinnst überzogen. + +Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls für ein paar Wochen nach +Rienburg gehen; die Gräfin habe ihn mehrmals aufgefordert, übrigens sei +er ja als Vetter der Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte +und schien seinen Entschluß zu billigen. Ihn freue es nicht besonders, +daß er hin solle, sagte er dann, aber Francine lasse ihm keine Ruhe, und +so habe er nachgegeben. Gegen Francine aufzukommen, sei schwer, nicht +bloß wegen ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem, +sondern auch, weil man sie schonen müsse. + +Er hielt inne, um zu ergründen, ob Ferry Sponeck ihn richtig verstehe. +In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe, wenn du willst, ich bin +vernagelt, wenn du willst. In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das +war genau, was Erasmus wünschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses +Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute hielten. Er +wollte sich das Verworrene und Traurige in Francines Leben zurechtlegen; +er hatte es mit Worten noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuhörer, +und zwar einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich +bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry zu erkennen +gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort: + +Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden; damals, als das +Niemehrgutzumachende mit dem italienischen Sänger passierte, sei sie +achtzehn Jahre alt gewesen, der Verführer sechsundvierzig, noch dazu +verheiratet und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle Konsequenzen +gezogen; nicht bloß in ihre schwierige Lage sich gefügt und dem die +Treue bewahrt, der ihre Zukunft vernichtet, sondern auch in den +Enttäuschungen, Demütigungen und Kämpfen ihren großen Charakter +gestählt. Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht, sich +eine neue Position zu schaffen und außerdem noch soviel Kraft erübrigt, +ihm, dem jüngeren Bruder, eine tätige und hilfreiche Freundin zu sein. +Das müsse man bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der +habe keinen Begriff von Unerschrockenheit und Würde. + +Ferry Sponeck mußte den Begriff haben, denn er blickte Erasmus +zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile: »Ich habe oft darüber +nachgedacht, warum es so kommen mußte, bei ihrem Stolz, ihrem Bewußtsein +davon, was sie dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu +dem Resultat gelangt, daß das, was ihr zum Verhängnis geworden ist, ein +Ungnadsches Verhängnis überhaupt ist. In jedem Ungnadschen Leben, habe +ich herausgefunden, ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger +Moment, wo die Sinnlichkeit ein für allemal über ihn entscheidet. Es +fängt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudrücken wovon; zum +Beispiel, man geht über eine Brücke und sieht, wie ein Weib sich über +das Geländer beugt und sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist +irgendein anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen +Moment geschieht, beeinflußt und durchdringt das ganze Leben, wie wenn +ein bestimmtes Aroma aus einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie +wenn ein winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem mit +Flüssigkeit gefüllten Becken für immer den Geschmack gibt. Man kommt +nicht mehr los. Das Winzige entscheidet. Man kommt von dem Aroma und dem +Geschmack nicht mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.« + +Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an. Das ging weit über +seine Welt. »Jaja,« murmelte er; »schon; natürlich; so was ist schlimm, +armer Kerl, sehr schlimm.« + + * * * * * + +Es gab ein tiefes und gehütetes Geheimnis im Leben der Gräfin Marietta +Giese. Es war dieses Geheimnis ebensosehr eine Quelle von Glück und +Kraft als von Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es sie +mit Zweifeln quälte; aber immer war sie seiner Herr. Die vor der Welt +verschwiegene Bürde ist oft Reichtum; Besitz, der vor fremden Augen +bewahrt werden muß, oft Pein. + +Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wußte es nicht. Sie hatte +den Knaben während des Jahres zur Welt gebracht, in welchem Erasmus in +Japan war. Ihre Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein +einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen worden, das war ihre +Freundin Helene von Gravenreuth; in einem Dresdner Sanatorium hatte sie +das Kind geboren; auf Schloß Gravenreuth lebte der kleine Wolf in +sicherer Hut. + +Es war keine Zufallsfrucht. Sie hatte das Kind mit ihrem Willen +empfangen. Während sie es getragen, war sie sich völlig klar darüber +gewesen, was sie auf sich nahm. Sie mußte es durchsetzen gegen die Welt; +es vorbereiten auf ein ungesichertes Schicksal. Hatte sie es doch der +Welt abgerungen und vom Schicksal ertrotzt. Solche sind von Anfang an +belastet. Erasmus war der Mann nicht, den ein Kind inniger an die +Geliebte bindet. Ihr gegenüber war ein Kind seine Furcht und sein +Aberglauben stets gewesen. Der Grund davon hätte ihr schmeicheln dürfen, +wenn er nicht im dunkleren Teil der Seele Beleidigung geworden wäre. Die +Frau in ihr war spät erwacht. Sie mußte etwas haben wider ihn und für +sich; und für ihn und wider die Gesellschaft. Sie hatte ein Pfand +gebraucht und eine Bestätigung. Es kam nicht darauf an, daß er es +erfuhr; vielleicht würde er es niemals erfahren; mit Empfindsamkeiten +rechnete sie nicht; zärtliche Rührung war weder ihre noch seine Sache. +Ihr diente es. Sie wurde befestigt. Und über Pfand und Bestätigung +hinaus war es auch Bild, noch dazu ein schönes, lebendiges. Die Väter +waren ihr ohnehin Ziel des Spottes. An Vatergefühle glaubte sie wenig. +Und ihm ein Kind präsentieren, das außerhalb der Ehe gezeugt war, das +hieß alle patriarchalischen Vorurteile in ihm wachrufen, sie wußte es, +und seine ängstlichsten Bedenken gegen die Mutter kehren. Anlaß genug zu +schweigen. + +Hatte sie doch auch Freiheit und Liebe ertrotzt. Nie durfte er ahnen, +daß und wie sehr es Kampf war. Sie hatte sich losgerissen von Fesseln, +und die Haut blutete; für ihn mußte es sein, als hätte sie sich einen +Kranz vom Haar genommen, der zu welken beginnt. Was sie verachtete, war +ihm ehrwürdig; worunter sie seufzte, war ihm von heiliger Bedeutung. +Immer sein Zagen, sein Zurückhalten; sein Warnen, sein Nichtbegreifen, +wenn sie vorwärts wollte; wieviel List war da nötig; wieviel Geistes- +und Herzensgut zerstäubte; wieviel Erklügelung forderte es, ihn so zu +führen, daß er zu führen im Wahn blieb. Voneinandergehen: Ungewißheit; +Wiederkommen: Hangen und Bangen; Getrenntsein: das Nichts; Zusammensein: +Druck seiner Hypochondrie. Leidenschaft lohte auf, schwelte und +verglomm. War das noch Leidenschaft, wenn einer so lange mißtraute, bis +er wehrlos wurde? und sich dann schemenhaft entzog? Marietta schlug den +Funken, wärmte den Freund mit Blick und Atem, prägte sich ihm ein, die +Stunde ihm ein, die Liebkosung, das bindende Wort. Alles hing davon ab, +daß er nicht vergaß, daß er immer wieder zu ihr fand und sie sich finden +ließ, nicht mit zu leichter Mühe, nicht mit zu schwerer. Er: stets im +Begriff, einem Joch zu entschlüpfen, dem die Sanktion fehlte, das +Gewesene zu leugnen; sie: in Ruhe, in scheinbarer, die Wagschalen +sorgsam in der Gleichlage haltend, gespannt, geduldig, heiter, +geschmückt, in Hader mit ihrer Kaste, die soziale Tyrannei geistig +überwindend, im Gefühl ihr verfallen, und so, mit einer Existenz am +Rande der Gesellschaft, am Rand des Möglichen und Anerkannten, in +unaufhörlicher Schwebe. + +Sie hatte lange gezögert, ob sie ihn rufen solle. Beim Abschied hatten +sie einander feierlicher als sonst entsagt. Sie nannte das die Erklärung +des Desinteressements. Es war notwendig zu seiner Gewissensentlastung +und damit die Pläne, die andere mit ihm vorhatten, nicht seine +allenfallsigen Entschließungen hemmen konnten. Ihr blieb nichts übrig, +als zu warten. Die Jahre untergruben auch in ihr langsam das Vertrauen +zu der Macht, die bisher jedes Hindernis besiegt hatte. Der Spiegel +wurde zum Memento. Der Spiegel betrog nicht, noch war er zu betrügen. + + * * * * * + +Sie ließ früh die Lichter anzünden. Da sie sich seit dem Morgen +unpäßlich gefühlt hatte, legte sie sich auf die Chaiselongue und ergab +sich dem Vorüberrinnen der Stunden. Den November hatte sie von jeher +gehaßt. Sie war überzeugt, daß es der Monat sei, in dem sie sterben +würde. Der alte Diener, der aussah wie ein Kalmück, huschte auf dem +Teppich hin und her, um den Teetisch zu richten. Das kostbare Geschirr +klirrte melodisch. Sie war in ein rosafarbenes Teegewand gekleidet, mit +breiten Valencienner Spitzen an den weitoffenen Ärmeln. Die Farbe +brachte das Leuchtende ihrer Haut zur Geltung wie auch das tiefe Goldrot +der Überfülle ihres Haares. + +Die Glocke läutete; nun kam er. Den zaghaft und fast lautlos +Eintretenden begrüßte sie mit zartest-unbefangenem Lächeln, +entschuldigte sich, daß sie lag, reichte ihm die Hand, die er ergeben an +die Lippen führte. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann stammelte +er allerlei, um zu rechtfertigen, daß er sich nicht selbst gemeldet. Sie +wunderte sich und schnitt die kläglichen Versuche sanft ab. Indes +brachte der Kalmück den Tee, und man hatte Beschäftigung. Marietta +übernahm die Leitung des Gesprächs. Ihr Instinkt gebot ihr, viel zu +sprechen. Sie erzählte ein paar lustige Episoden aus Eichfurth, +schilderte ein Diner, bei dem sie gewesen, einen nächtlichen Gang in der +erregten Stadt, eine Begegnung mit einem der gestürzten Minister, den +Eindruck der Lektüre von Barbusse' #l'enfer,# die Verabschiedung einer +unverschämt gewordenen Zofe, alles leicht, pointiert, schmiegsam. Sie +ließ die Stimme spielen. Sie erfuhr es wie eine Botschaft, daß die +Stimme noch ihre sinnliche Magie besaß. + +Zuerst dünkte ihm, er hätte die Stimme nie gehört. Jetzt erkannte er sie +wieder. Der Klang; diese Pausen, diese Einschiebsel, diese Raschheit, +diese Belebtheit. Er war zu schwerfällig, im gleichen Tempo mitzugehen; +er blieb gewöhnlich im Erwägen und Verstehen um einen Schritt zurück, +auch um zwei oder drei; manchmal wartete sie gutmütig, bis er +nachgekommen war, manchmal auch nicht, dann ergötzte sie seine +Verwirrung und sein galanter Eifer. Es bereitete ihr Genugtuung, ihn +völlig ahnungslos zu wissen über die Absichten, die sie verfolgte, ihn +raten zu lassen, im Kreis herumzulocken und durch Kapriolen zu +beunruhigen. Zuweilen zuckten ihre Lippen in verhaltenem Mutwillen, aber +hinter dem Mutwillen war Traurigkeit, und das gab dem Ausdruck Reiz und +Wechsel. + +Ohne Übergang sagte sie plötzlich: »Es ist keine üble Idee von Francine, +dich zu Rienburgs auf Werbung zu schicken. Ich bin ganz einverstanden +damit. Der Versuch vor sechs Jahren mit Sebastiane ist ja im Anlauf +steckengeblieben, und du hast dir nichts vergeben und nichts verdorben. +Wie alle früheren Heiratsprojekte verfehlt waren, so auch dies. +Sebastiane wäre nicht die richtige gewesen. Pauline ist vielleicht die +richtige.« + +Sie sah mit lächelnd-gleitendem Blick an ihm herab, der betreten vor +sich hinschaute, und fuhr fort: »Ich kenne ja die Familie gut, wie du +weißt. Lix war eine Zeitlang in mich verliebt, war hinter mir her wie +mein Schatten, und ich half ihr bei ihrer etwas verstiegenen +Korrespondenz. In der unglücklichen Ehe mit Heinrich Lerchenfeld ist sie +dann Theosophin geworden, was ein jämmerlicher Trost für eine elegante +junge Frau ist. Ich sage, Pauline ist vielleicht die rechte, weil wir ja +noch die kleine Aglaia haben, und es wäre immerhin zu bedenken, ob sie +nicht vorzuziehen ist. Ich habe neulich mit Georg Ulrich Castellani +darüber gesprochen; nur um ihn auszuholen, denn er ist ja gescheit wie +der Tag, und weil er viel mit Rienburgs zusammen ist; er wird auch mit +dir zugleich dort sein, wie ich dir im Vertrauen mitteilen kann. Leider +ist der Altersunterschied zwischen dir und Aglaia etwas zu groß; +zweiundzwanzig Jahre, das ist fast unmoralisch. Außerdem ist sie ein +Wildfang; du würdest Mühe mit ihr haben. Geht denn das? Kannst du Mühe +aufwenden? eine Widerspenstige zähmen? Das ist nichts für dich. Pauline +ist die stillere; ein wenig melusinenhaft; das hast du ja gern. Sie gibt +Rätsel auf, aber die Rätsel sind leicht zu raten. Sie hält sie freilich +für unlösbar; das ist nur eine Chance mehr für dich; es beschäftigt sie. +Du brauchst eine Frau, die dich restlos anbetet; ich meine nicht +adoriert; adorieren ist zu glatt und zu seicht; nein, geradezu anbetet, +in Staunen verloren. Und nicht etwa aus Stupidität, sondern aus +Phantasie. Heiratest du eine Person ohne Phantasie, so läufst du Gefahr, +daß sie sich und dich nach drei Wochen zu Tode langweilt. Oder sie +stellt Ansprüche, und das würde dich deine Nerven kosten. In deine +Hintergründe ist schwer zu dringen; es braucht dazu ein bißchen Geist +und viel Geduld. Stifte nur keine Verwirrung. Verliebe dich nicht in +beide zugleich, oder mach dir nicht selber Opposition, indem du eine +gegen die andere ausspielst und dann bei allen zweien verspielst. Sei +kühl, aber sträube dich auch nicht gegen eine ehrliche Neigung; halt +dein Herz nicht zu fest und laß deine Augen nicht zu gierig sein.« + +Erasmus hatte sein spleeniges Lächeln, als er zögernd erwiderte: »Deine +Fürsorge ist wirklich bezaubernd, Mariette. Leider ist sie nicht +genügend motiviert. Ich leugne nicht, daß die Verbindung mit Rienburgs +ihre Vorteile hat, aber du weißt doch, du sagst es selbst, wie wenig ich +mich für die Ehe eigne. Leuchtet mir auch das Nützliche und Förderliche +ein, wenn es dann ums Ja oder Nein geht, scheint es mir vollkommen +töricht, daß ich ja oder nein sagen soll. Warum rücken einem die Leute +so nah mit ihrem Verlangen nach dem Ja oder Nein? Es ist lästig, sich +entscheiden zu müssen. Ich will mich nicht entscheiden.« + +»Du willst dich nicht entscheiden,« wiederholte Marietta leise, mit +einem unhörbar bittern Unterton; »das begreife ich. Du willst, daß für +dich entschieden wird, und möglichst zu deiner Bequemlichkeit. Du rührst +nicht hin; alles soll sein wie Blumen unter Glas. Du kannst aber nicht +außerhalb von Ja und Nein leben. Hast du noch nie darüber nachgedacht, +was für ein mörderisches Ding das Vielleicht ist, und was für ein +unredliches das Nochnicht? Du eignest dich für die Ehe nicht mehr und +nicht minder als jeder verwöhnte und egoistische Mann in deinen Jahren. +Man darf sich nicht kostbarer fühlen als die Welt einen wertet, sonst +wird man gleich ein bißchen lächerlich. Was riskierst du? Höchstens, +eine Frau unglücklich zu machen. Fällt das so schwer ins Gewicht? Ist es +so verführerisch, als bisweilen eingeladener, bisweilen übergangener, +mäßig interessanter Sonderling in einer öden Wohnung zu hausen, mit +Köchinnen, die rappelköpfig sind, und Dienern, die einem die Wäsche +auftragen und die Zigaretten stehlen? Weshalb die Skrupel? Worauf +wartest du?« + +Mit einer Betroffenheit, die seinem Gesicht einen kargen und betrübten +Ausdruck verlieh, antwortete Erasmus: »Keineswegs konnte ich darauf +gefaßt sein, gerade in dir einen so eifrigen Anwalt für meine +Verheiratung zu finden. Es ist mir neu -« + +Marietta wandte sich ihm mit großem Blick zu. »Ja, siehst du, Lieber,« +sagte sie langsam und freundlich, »ich muß nun auch daran denken, mein +Leben unter Dach und Fach zu bringen. Für so naiv wirst du mich doch +nicht halten, daß ich dir aus reiner Selbstlosigkeit zurede. Als ich +ein Kind war, hing zu Hause ein Bild; die Verlassene hieß es. Diese Dame +blickt von einem Felsen an der Küste sehnsüchtig aufs Meer hinaus; es +standen auch die Worte kummervoll und tränenleer darauf. Ich konnte das +Bild nie anschauen, ohne mich über die dumme Gans zu ärgern. Daß ich +solche tragische Figur abgebe, wirst du mir doch nicht zumuten. +Kummervoll und tränenleer; nein, ich danke. Ich bin für Erledigungen.« + +»Ich verstehe nicht,« murmelte Erasmus, »wir sind jedesmal +übereingekommen -« + +»Laß das, bitte,« unterbrach sie ihn scharf und hob den Kopf ein wenig. +Ihre Augen schimmerten wie dunkle Opale. + +»Aber wie meinst du das: dein Leben unter Dach und Fach bringen?« + +»Sehr einfach: ich will heiraten; ich auch.« + +Erasmus staunte starr, mit eckig emporgezogenen Brauen. »Heiraten? Du? +Wen denn, um Gotteswillen?« + +Die Anrufung Gottes und die zwei bestürzten Zirkumflexe auf seiner Stirn +brachten Marietta zum Lachen. Er zuckte zusammen. Er liebte dieses +Lachen an ihr, das den Mund einer aufgeschnittenen Frucht ähnlich machte +und sie zwanzigjährig erscheinen ließ. Es enthielt Erinnerung an Reiz +und Liebkosung, Halbvergessenes, Halbentschwundenes, Unvergeßbares, +heimlichstes Wunder des Geschlechts. Innere Unruhe zwang ihn äußerlich +zur Unbeweglichkeit; er schaute sie an wie eine Frau, der man zum +erstenmal begegnet, von der man aber berückende Wissenschaft hat. + +Es war ein vollendeter, trivialer kleiner Roman. Das Triviale daran bot +die Gewähr; von den Finessen war sie satt. Als sie im Sommer mit Helene +Gravenreuth in Bern gewesen, habe sie einen jungen Holländer +kennengelernt, reich, luxuriös, durch und durch lebendig, mit +exzellenten Manieren, und dieser Holländer nun, den Namen bitte sie +vorläufig verschweigen zu dürfen, habe sich mit äußerster +Entschlossenheit in sie verliebt. Sie sei ihm nicht gerade +entgegengekommen, habe ihn aber auch nicht entmutigt, und als sie mit +Helene nach Pontresina gefahren, sei er eines Tages dort erschienen, man +habe gemeinsame Ausflüge gemacht, Bridgepartien arrangiert, und so +weiter, wie es eben zu gehen pflege. Dann sei man abgereist, er habe ihr +geschrieben, an Helene geschrieben, immer stürmischer, immer offener, +und jetzt habe ihn Helene nach Gravenreuth zu Gast gebeten, nachdem sie +vorher bei ihr angefragt, ob sie gleichfalls kommen wolle. Er sei +wahrscheinlich schon dort; sie werde übermorgen von Eichfurth aus +hinfahren. Da Gravenreuth und Rienburg nicht viel mehr als zwei +Wegstunden auseinander lägen, sei es eine reizende Fügung, meinte sie +zum Schluß ihres Berichts, daß sie sich über den Fortgang der +beiderseitigen Verlobungs- und Versorgungsaktionen jeden Tag +kameradschaftlich aussprechen könnten, wenn sie Lust dazu verspüren +sollten. + +Ja, es sei merkwürdig, gab Erasmus zu. Dann schwieg er. Marietta schwieg +ebenfalls. Sie ließ ihre Fußspitze kreisen, und Erasmus sah dem Spiel +des Fußes zu. Sie blickte an die Decke, und ihre vollen, +leidenschaftlich gewölbten Lippen öffneten sich zu einem schimmernden +Spalt. Auf einmal sprang sie auf und ging im Zimmer umher. Ging ohne +Hast, wie nach einem vorgefaßten Rhythmus, und ihre Gestalt hob sich +wiegend ab von überlegt gestimmtem Hintergrund. Mit lässiger Hand +berührte sie bald eine Vase, bald ein Stück Stoff, ohne die Hand zu +heben, im Gleiten nur. + +Er kannte genau die Art, wie sie beim Gehen den Fuß aufsetzte, bewußt, +ihn leicht und kräftig aufzusetzen, so daß die Gelenke entlastet wurden +und die Hüfte nur unmerklich zitterte. Der straff gehaltene Oberkörper +folgte der Bewegung nur insoweit, als er dadurch nichts an Maß, aber +auch nichts an Freiheit verlor. Es war ein bedachtes und gefeiltes +Schreiten. Sie schritt, als schmecke ihr das Gehen, als trüge sie sich +in eigentümlicher Weise selber. Jede Veränderung einer Linie an ihrem +Körper umschloß den Keim zu einer Gebärde, die er kannte und die ihm +vertraut war seit vielen Jahren. Viele seiner Stunden kamen wieder, +während sie so ging und schöne Gegenstände an rührte, viele seiner +Gedanken, Wunsch und Erfüllung. + +»Und du? Du liebst ihn?« fragte er scheu. + +»Bah, Liebe,« antwortete sie; »es geht nicht um Liebe. Es geht um Halt, +es geht um Dauer. Ich bin manchmal müde, weißt du. Es ist so gut, bei +einem zu ruhen. Davon zu träumen, ist schon gut. Wir sind alle ein wenig +an die letzten Barrièren gehetzt, nicht bloß ich und du. Aufatmen, +ausatmen, o!« Sie blieb stehn und schaute zu einem Bild an der Wand +empor, ohne es zu sehen. »Was ich tue, ist mir klar,« fuhr sie mit +tiefsonorer Stimme fort, in der sich Blut und Natur verriet; »wenn man +mit meinen Erfahrungen eine neue Ehe schließt, gibt es keine Illusionen +mehr. Mit achtzehn Jahren ist es ein Sprung in die Finsternis; ich habe +ihn getan. Kommt man mit halbwegs heilen Gliedern davon, so hat man +höchstens gelernt, daß man einen langen Löffel haben muß, um mit dem +Teufel eine Mahlzeit zu halten, aber das Abenteuer lockt, und der süße +Tag verspricht. Wir sind leichtgläubige Geschöpfe. Heute ... ich will +froh sein, wenn der, dem ich mich überlasse, mir mit der Achtung +begegnet, die eine anständig erworbene Invalidität verdient.« + +Erasmus sagte: »Wir haben manches zusammen erlebt, in langer Zeit, und +daß es zu Ende sein soll, kann ich mir nicht vorstellen.« + +»Sonderbar, daß du mir nie und durch nichts fremder wirst, aber auch nie +und durch nichts vertrauter,« sagte Marietta, indem sie sich auf den +Rundstuhl vor dem Flügel setzte und den Deckel öffnete; »du warst +eigentlich immer der, der kommt und der, der geht; nie der, der bleibt. +Du kannst nicht Aug in Auge sein. Du fürchtest den Blick, der dich +fordert. Warum nur?« Sie schlug ein paar Akkorde an, sehr leise, und +sprach weiter: »Wir haben manches zusammen erlebt, gewiß; doch nicht so +zusammen, wie du glaubst,« sie neigte das Haupt tiefer; »oft in unsern +schönsten Zeiten, und es waren schöne Zeiten, ich will nicht undankbar +sein, hatte ich das Gefühl: du hast ihn sich selber gestohlen, und er +trägt dir den Diebstahl nach. Ja, er hadert, sagte ich mir, er sammelt +Ressentiments, und eines Tags wird er mit der großen Liste kommen und +abrechnen. Da ists doch vielleicht besser, vorher ein Ende zu machen; +meinst du nicht?« + +Erasmus erhob sich und wollte zu ihr hin. Sie streckte abwehrend die +Arme aus. + + * * * * * + +Vierundzwanzig Stunden später war Erasmus in entlegener Welt, ein +Hinbefohlener, um Glück zu suchen. Die Freude, mit der er aufgenommen +wurde, bedrückte ihn, da er das Programm zu spüren glaubte, und er gab +sich spröder noch, als ihm zu Sinn war; doch nicht lange. Die arglosen +Gespräche schlossen ihn auf, die unbefangene Nähe der heitern Frauen. An +viel Gemeinsames konnte angeknüpft werden. Der leichte Zwang zur +Geselligkeit überschritt liebenswürdige Formen nicht, der Tag teilte +sich natürlich ein, die kleinen Pflichten fielen nicht lästig. Am Abend +versammelten sich alle in dem entzückenden Speisesaal im +Mariatheresiastil; das Souper hatte festliches Gepräge. Auf der Tafel +und auf sechs Konsolen brannten Kerzen in silbernen Kandelabern. Die +Gräfin nahm ihre Vorliebe für Kerzenlicht zum Anlaß einer Philippika +gegen die Zudringlichkeit moderner Beleuchtung, die delikate Farben +wirkungslos und zarthäutige Frauen schlecht aussehend mache. Graf +Castellani, mit seiner Meinung stets zu ihren Diensten, stimmte ihr bei, +Hofmann, der er war. + +Am andern Morgen sagte er zu Erasmus, als sie nach dem Frühstück durch +den Park gingen: »Die gute Gräfin denkt, wenn sie fünfundzwanzig Kerzen +brennen läßt, hat sie schon achtzehntes Jahrhundert im Hause. Als ob +achtzehntes Jahrhundert bloß ein niedlicher Illuminationsscherz wäre. +Heute sind alle so. Leere Prätensionen. Eine herzlich angenehme Frau, +aber ohne Tournüre. Viel guter Wille; der Zuschnitt pitoyabel.« + +Georg Ulrich Castellani war etwas vereinsamt hier. Er machte sich nichts +aus Frauen. Als Mitglieder der Gesellschaft und vernunftbegabte +Individuen konnte er sie im zureichenden Fall achten, im unzureichenden +verbarg er die Geringschätzung hinter seiner ziselierten Artigkeit; als +Geschlechtswesen waren sie nicht vorhanden für ihn. Er hatte sich darauf +eingerichtet, den ganzen Winter auf dem Gut zu bleiben; er empfand sich, +in historischer Weise, durchaus als Emigrant. Er war der nächste Freund +des gefallenen Dettingen gewesen; Sebastiane begegnete ihm mit scheuer +Verehrung. Es hieß, er benutze die ländliche Muße zur Niederschrift +seiner Memoiren, die Hauptbeschäftigung der großen Aristokraten nach dem +Herbst des Jahres 18; in ihm war sicherlich Überfülle des Stoffes, da +er, obwohl erst sechsundvierzig, in alle bedeutenden Welthändel von +Algeciras bis Brest-Litowsk tätig eingegriffen hatte. + +Polyxene sagte zur Erasmus: »Man erfährt durch ihn Dinge, die in keinem +Buch zu lesen sind. Wenn er spricht, ist er unwiderstehlich; wenn er +schweigt, ist etwas Schauerliches um ihn. Er hat die Aura des +Verhängnisses.« + +Erasmus, belehrungsdurstig, wollte wissen, was das sei, die Aura des +Verhängnisses. Sie belehrte ihn gern. + +Aglaia wagte es, Georg Ulrich zu verspotten, als sie mit Erasmus über +ihn sprach. Sie ahmte nach, wie er schamhaft die langwimprigen Lider +senkte, sobald er einen seiner vergifteten Redepfeile abschoß. Sie +erzählte, daß er in Paris eines Tages seinen Diener auf die Straße +geschickt habe, damit er einen Kommissionär heraufhole; als dieser vor +ihm stand, habe er bloß gefragt, wo der nächste Friseurladen sei und ihn +nach geschehener Auskunft gnädig entlohnt. + +Keine der Frauen ließ Erasmus merken, daß sein Besuch einem Zweck gelte; +keine schien davon zu wissen. Infolgedessen gewann er Freiheit und faßte +den Zweck selber ins Auge. Nicht so sehr mit dem nüchternen Gedanken, +sich zu binden, als vielmehr mit dem schmeichelnden, zu erobern. Aber +hier fing schon die Mißlichkeit an. Da vier anmutige und besondere +Geschöpfe ihre Lockfäden um ihn spannen, vergaß er, daß mindestens zwei +von ihnen seiner Wahl nicht anheimgestellt waren. Aber sein Wunsch im +allgemeinen wurde rege. Wohl wußte er, daß das gefährlich war und daß es +ihn aus der Bahn des Ersprießlichen lockte; aber er ließ es geschehen, +daß das Nützliche zurücktrat gegen das Wohlige, und indem er sich der +ihm auferlegten Vorschrift leichtsinnig entschlug, wuchsen Mut und +Unternehmungsgeist in ihm. Es war so läßlich betäubend, das alles, so +von der Zeit entfernt, in der Mischung von Spiel und Ernst seiner Art +gemäß, und es entfalteten sich deshalb auch die anziehendsten Seiten +seiner Natur. + +Kaum aber wurden die fünf Damen, die ja im Grunde fünf Verschworene +waren, seiner Empfänglichkeit inne, so trugen sie Sorge, daß die +günstige Entwicklung tunlich gefördert werde. Jedoch sehr heimlich; von +einer Unterredung zwischen zweien oder dreien oder im Plenum blieb auf +keinem Gesicht eine Spur haften. Sie wußten zu genau, daß eine +Unvorsichtigkeit viel verderben konnte. Pauline verhielt sich bei den +Beratungen passiv, wurde auch nur hinzugezogen, wenn es sich darum +handelte, ihr notwendige Verhaltungsmaßregeln einzuschärfen oder sie +wegen begangener Ungeschicklichkeiten zur Rede zu stellen. Aber um ihr +behilflich zu sein, mußten sich alle einem gewissen Plan fügen, der +darin bestand, Pauline vorzuschieben und sie der Gelegenheiten möglichst +wenig zu berauben. + +Das klang in der Theorie selbstverständlich und schien ohne weiteres +befolgbar. In der Praxis war dabei mit der Gegenpartei zu rechnen. Zum +Beispiel fand es Polyxene beschwerlich, daß sie auf die Gesellschaft von +Erasmus verzichten solle, sobald Pauline am Horizont sichtbar wurde. Sie +sagte, ein wenig beleidigend, sie sei froh, sich mit einem vernünftigen +Menschen unterhalten zu können; ihm auszuweichen, wenn er sie suche, +dazu erblicke sie keinen Anlaß. Sebastiane wieder erklärte es unter +ihrer Würde, daß sie Vorschub leisten solle, wo es doch nicht einmal +feststehe, ob eine sympathische Beziehung vorhanden und ob Erasmus +gewillt sei, sich mit Pauline soviel zu beschäftigen, wie man annehme. +Aber ehe Erasmus gekommen war, hatte sie sich am eifrigsten für den +Heiratsplan eingesetzt und der jüngeren Schwester vortreffliche +Ratschläge gegeben. Pauline selbst hatte sich am meisten über Aglaia zu +beklagen, die sich, wie sie äußerte, in jedes Gespräch dränge, sich mit +ihrer agassanten Koketterie lästig mache und es anscheinend nicht +ertragen könne, wenn man sie fünf Minuten lang unbeachtet ließ. Aglaia +lachte zu den Anschuldigungen und antwortete schnippisch, jeder könne +sich sein Vergnügen verschaffen, wo er wolle, und wem sie im Wege sei, +der möge ihr den Rang ablaufen, das Aschenbrödel abzugeben, habe sie +keine Lust. Die Gräfin beschwichtigte die erregten Gemüter, appellierte +an Polyxenes Stolz, an Sebastianes Vernunft, an Aglaias gutes Herz, doch +dauerhaft war der Frieden nicht, den sie mit Aufwand vieler Worte +stiftete. + +Erasmus ahnte nichts von den Streitigkeiten, deren Ursache er war und +denen er in fühlloser Unschuld täglich neue Nahrung gab. Er überließ +sich dem Antrieb und der Stunde, der augenblicklichen Neigung und +Verführung, nahm, was ihm entgegengebracht wurde und forschte nicht, was +hinter den Wänden vorging und sich hinter den klaren Stirnen verbarg. + +Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die über ihr Wesen gebreitet +war. Sie hatte den überschmalen Kopf der untergehenden Familien, auch +Schultern und Hände waren überschmal. Sie ging, wie die Engländerinnen +gehen, mit dem vollaufgesetzten Fuß und etwas rückenden Schenkeln. In +den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe, welche sinnliche +Unruhe erzeugt; die Nasenflügel witterten beständig wie bei einem +äugenden Wild. Sie sprach mit Bitterkeit von ihrem zerstörten Leben und +andeutend von den Tröstungen astraler Wissenschaft. Erasmus hörte +gewinnend aufmerksam zu; seine spärlichen Einwürfe galten mehr ihrem +Blick, ihrem Mund, ihrem Hals, ihrer dunklen Stimme, dem stummen +Fieberhaften, verheißend Glühenden ihres Innern als ihrer Rede. + +Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die Blasse, mit dem +winzigen Haupt und der graziösen Haltung, die so ausgeglichen war; und +klug; und ein bißchen trocken und mißtrauisch. Er hatte sie für +temperamentlos gehalten, bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen +aus dem Dorf zugelaufenen großen Hund, der ihren Buley angefallen und +sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit an der Schnauze packte, +mit der andern Hand beim Hinterlauf, und als es ihr gelungen war, ihn +wegzureißen und zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er führte sie zum +Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war schweigsam. Er +bedauerte plötzlich seine Flucht vor sechs Jahren, und sie spürte, daß +etwas dergleichen in ihm vorging, denn sie lächelte verstohlen in ihrem +nachstürmenden Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles weiß und +verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als Mutter war sie ihm +unnahbarer als ihre Schwestern. Sie hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein +vierjähriges; die standen neben ihr wie Wächter; und unerklärlich, um +die Kinder beneidete sie Erasmus, als wäre er selbst eine Frau, eine +unfruchtbare, im Widerpart zur beglückten, und sie schien ihm höher +dadurch und reiner, geborgener jedenfalls und den Begierden entrückter. + +Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mit jungen Mädchen +gemacht; man kam mit ihnen ermüdend oft auf einen toten Punkt und ließ +sich aus Kümmernis der Langeweile, aus Gutmütigkeit oder auch aus +Bosheit zu einem törichten und übereilten Wort hinreißen, in dem man +dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit, keine Unbefangenheit, +kein Maß, nur die plumpeste Zielstrebigkeit und Fallschwere. Warum fiel +ihm so häufig der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mußte lachen; +was war denn das, ein Nebelhuhn? + +Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen. Man hatte ihn +vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson. Ein hervorstechender Zug +seines Charakters war, daß er einem fremden Willensdiktat gegenüber in +die Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte man ihm einen +Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum Stumpfsinn davon eingenommen, was +nicht hinderte, daß er ihn schließlich unausgeführt ließ; nur mußte er +zuerst beschließen, ihn nicht auszuführen, dann war alles im Geleise. + +Hier war er unschlüssig; bald gefangen, bald abgestoßen; bald neugierig, +bald argwöhnisch. Komtesse Pauline hatte üppig entwickelte Formen, im +Gesicht etwas Porzellanhaftes, Augen von fast unpassender +Durchsichtigkeit. Sie war bedächtig, meist in sich verloren. Wenn er mit +ihr sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare dufteten +wie eine frische Weizengarbe. Sie war verspätet; die beklommene +Lässigkeit des ersten Erwachens war noch in ihr, oder jetzt erst. Sie +ging jede Woche zur Beichte, und in ihrem Zimmer stand ein kleiner +Hausaltar, vor dem sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald darüber +im Klaren zu sein, daß sie mit ihrem vollen, unenttäuschten jungen +Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheit für ihn. Es war +zu plan und zu ernsthaft; eh man sich recht besann, war man in der +Schlinge. Er legte sich auf die Lauer und spähte auf den belagerten Weg. +Vor Überfällen hatte er heillose Angst. Doch ließ er sich dann wieder +anlocken und einlullen von dem schwebenden, fragenden, zwingenden Gefühl +und flüchtete in der Not etwa zu der schlüpfrigen Eidechse Aglaia. + +Deren Siebzehnjährigkeit war wie eine sprudelnde Fontäne, lärmend und +erfrischend, ein unhemmbares Quellen. Sie gehörte zu denen, die schon +als Kind alles sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin, +Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles Böse. Sie sagte +Dinge, die einen abgebrühten Lebemann zum Erröten brachten und hegte +noch die zärtlichsten Empfindungen für ihre Puppen. Sie war ruhelos, +naschhaft, ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte, +spielte aus Lebensüberschuß Komödie, hatte bisweilen Gesten und +Bewegungen wie die wilden Negerinnen der Tropen, die an Nacktheit +gewöhnt sind, weinte und lachte über ein Nichts und war der Despot im +Hause. Erasmus ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie +verabredet. + +An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus im oberen +Korridor. Sie sagte zu ihm: »Wenn Sie mit mir kommen, will ich Ihnen +etwas zeigen.« Sie hatte von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit +gehabt, der den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem +übrigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft mit Erasmus +verkehrten. Sie führte ihn durch ein paar unbewohnte Räume in den +Ahnensaal, dessen Wände von Gemälden bedeckt waren, deutete auf das Bild +einer kühnblickenden, reichgeschmückten Dame und sagte: »Das ist meine +Ur-Urgroßmutter, der ich ähnlich sehen soll, eine Polin. Es heißt, daß +sie mehr als ein Dutzend Liebhaber gehabt hat, und so viele Abenteuer +außerdem, daß Ludwig der Fünfzehnte manchmal den russischen Gesandten +gefragt haben soll: was gibt es Neues von der Fürstin Barbara +Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie den Aufständischen +vorangeritten und von der ersten Kugel ins Herz getroffen worden. So muß +eine Edeldame leben, und so muß sie sterben, finden Sie nicht?« + +Dieses »Edeldame,« wie sie es sagte, hatte Gesang. + +Erasmus hielt es für gut, sich in seiner Antwort weise zu beschränken. +Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt, als daß es als Ideal +aufgestellt werden könnte, zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber +anlange; auch gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten +ungebührlich zu übertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er +beurteilen könne, nicht so expansiv, auch werte man die Frauen nach +einem andern Maßstab. Es gehe alles in die Enge, und man werde Mühe +haben, man werde froh sein, sich in der Enge zu behaupten. + +Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugehört und ihn mit funkelnden Augen erst +unwillig, dann schalkhaft von oben bis unten gemustert hatte, rief sie +aus: »Erasmus, die Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgroßmutter +Barbara der Angstschweiß ausbricht.« + +Er schaute etwas blöde hin und schüttelte ärgerlich den Kopf. Hierauf +sah er das Mädchen an, das auf Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen +Unverschämtheit vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam +das Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er näherte sich ihr, +und Aglaia lachte. Sie verschränkte die Hände im Nacken und straffte +sich. Er warf einen hastigen Blick nach der Tür und küßte sie rasch auf +den Mund. Sie schloß eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch +viel leiser, und lief davon. + + * * * * * + +Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen erlaubt, durch +stille Vereinbarung zugestanden, und man erwartete es sogar. Vor der +wich er feig zurück, aber ohne sich zu entziehen und ohne zu verzichten. +Die andern waren ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter +allen Vieren richtete er Verwirrung an. + +Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verführer. Er war voller Gewissen +und Rechtschaffenheit. Er verführte durch seine Weise, zu sein, die +keine ränkevolle und unternehmende Weise war, noch weniger eine +lasterhafte, nur eine biegsame und empfängliche. Er verführte durch +Verführbarkeit; weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam +wandelten; weil er der ergebenste Zuhörer war und der bereitwilligste +Beistimmer; weil er mit der Miene des Kameraden und Freundes halb +schüchterne, halb kühne Versprechungen gab, die nichts mehr mit +Kameradschaft und Freundschaft gemein hatten; weil er das besaß, was Lix +Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen nannte. + +Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht geheuer zumut. Er +hatte sich zu vieler Vorstellungen zu erwehren; zu vieles mischte sich +an Bild und Lockung. Es hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu lösen +und dem nächsten sich hinzugeben. Es beschäftigte, die Gebiete +abzugrenzen, die Worte zu wägen, die übernommenen Verbindlichkeiten +nicht zu verwechseln. Beziehungen knüpften sich ins Unentwirrbare. Eine +geflüsterte Frage verstrickte; Tausch von Blicken enthüllte ein +Komplott; Lächeln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt, +körperliche Nähe voll Heimlichkeit; die Gebärde wurde zur Verräterin; +jedes Augenpaar bewachte ein anderes, haßte die Huldigung, den Glanz, +den Wetteifer des andern, und er mußte darauf bedacht sein, zu glätten +und vor allem, daß in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand. + +Sebastiane beugte sich über ihn mit einer gefüllten Fruchtschale; alle +konnten zusehen; man war bei Tisch. Unhörbarer Alarm dennoch: mußte sie +so dicht an ihn heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter +ihrer bloßen Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst, der nach +vollkommener Reinheit lechzt. Er wußte nicht, wo er einmal das Wort +vernommen: junge Witwenschaft ist ein Bad. + +Aglaias Kuß hatte ihn lüstern gemacht. Er träumte von ihren kostbar +dünnen Gelenken. Der Ausspruch der Frühentschlossenen wollte ihm nicht +aus dem Sinn: ich werde mich niemals verkaufen, ich werde mich +verschenken. Und ihre Augen, dünkte ihn, hatten hinzugefügt: heute +nacht, wenn du willst. + +Mit Polyxene saß er am Kaminfeuer im Salon, und sie las ihm mit +sehnsüchtiger Stimme aus einem Buch über Metempsychose vor. Sein Blick +hing an ihren Händen, die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt +umdrehte, glaubte er die elfenbeinkühlen Finger knisternd an seiner Haut +zu spüren. Er erzählte von einer Begegnung und einem Gespräch mit einem +Brahmanen in Benares, und sie lauschte mit geneigtem Kopf, während +Reflexe des Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und lächelte eigen +zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten und was sie +sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht. + +Mit Pauline ging er am Fluß entlang; plötzlich gewahrten sie im Gebüsch +neben dem Weg ein umschlungenes Paar, schamlos, blind und taub. Es war +außerordentlich peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte +weiter verließ sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr +gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand sie abzulenken, +und indem er redete, schien ihm, daß sie sich vertrauensvoll an ihn +drängte, unbewußt, wie ein junges Tier. Da erschrak er und wurde +ängstlich; nahm seine Worte in acht, fühlte sich als Sünder und geriet +doch ins Netz. + +In einer Stimmung zwischen Selbstvorwürfen und Überschwang setzte er +sich in der Nacht hin, um an Marietta zu schreiben. Es wurde nichts +daraus. Er fing dreimal an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal, +weil er inne wurde, daß er in seinen Eröffnungen zu weit ging; einmal, +weil er mit Erstaunen bemerkte, daß er ihr eifersüchtige Vorhaltungen +machte und einen Zustand seines Innern schilderte, von dem er erst +erfuhr, als er ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und +vollständig unzusammenhängende Epistel entstand, die wohl seine +Verfassung am getreuesten, aber auch am unerquicklichsten malte. Da ging +er unzufrieden zu Bett, und um einschlafen zu können, zählte er von eins +bis tausend und in die graue Unendlichkeit weiter. + +Am andern Tag traf ein Telegramm von Ferry Sponeck ein, welches lautete: +Komme morgen mit meinem Freund Eugen Sparre. Nun wußte jedoch niemand, +weder die Gräfin, noch eine der Töchter, wer Eugen Sparre war; sie +wunderten sich und rieten hin und her. Erst Georg Ulrich Castellani +konnte sie aufklären, als beim Mittagessen davon gesprochen wurde. Er +lachte unter seinem gewölbten Schnurrbart, der den Mund wie ein +schwarzseidener Vorhang bedeckte, und sagte: »Sparre, ach ja, ich +erinnere mich, Ferry hat mir von ihm erzählt. Er ist ein junger +Mediziner oder angehender Arzt, der in einem herausfordernden Gegensatz +zur gesamten bisherigen Wissenschaft steht und seine eigenen, ich weiß +nicht ob bewährten oder fragwürdigen, wahrscheinlich aber fragwürdigen +Methoden verfolgt. Ferry hat ein unsinniges Penchant für ihn, seit er im +Sommer an einer Neuralgie gelitten und ihn dieser, wie war der Name? +Sparre? und ihn dieser Sparre, wie er Stein und Bein schwört, +vollständig geheilt hat. Man muß Ferry seine kleinen Bêtisen nachsehen. +Manchmal greift er über sein Ressort, aber es ist harmlos. Das Harmlose +kränkt einen nicht.« + +Die Damen zeigten Interesse für den unbekannten Sparre; Aglaia sagte, +vielleicht habe er auch für die Pferdekuren etwas Neues erfunden; der +Falb fresse seit gestern nicht, und sie wolle Herrn Sparre um eine +Ordination bitten. Worauf die Gräfin verweisend bemerkte, man habe +schaffenden Menschen mit Respekt zu begegnen; daß einer Sparre heiße, +sei noch kein Grund, sich über ihn lustig zu machen, im übrigen sei ja +Ferry Sponeck alt genug, um zu wissen, wen er zu seinen Freunden bringen +dürfe. + +Während des Nachtischs kam der Verwalter und berichtete über Unruhen, +die in einigen Dörfern der Umgegend ausgebrochen seien. Eine bewaffnete +Bande habe in vergangener Nacht die Försterei des Fürsten Colalto +überfallen. + +Castellanis Gesicht verdüsterte sich, und er sagte: »Bien, man wird +schießen.« + +»Und Sie, Erasmus?« fragte Sebastiane, den Arm um die Schulter ihres +ältesten Mädchens legend, »werden Sie uns verteidigen?« + +Er antwortete: »Ich wollte, ich wäre so beredt, Sie darüber beruhigen zu +können.« + +Die Gräfin und Georg Ulrich Castellani begannen ihre gewohnte Partie +Piquet zu spielen. + + * * * * * + +Das Wunderliche der Paarung von Ferry Sponeck und Eugen Sparre blieb +auch nach der Ankunft der beiden bestehen. Man lernte in diesem Sparre +einen ungefähr sechsundzwanzigjährigen, brünetten, untersetzten, nicht +ohne Sorgfalt gekleideten, äußerst wortkargen Menschen mit +zurückhaltenden Manieren und angenehmen, schauspielerhaft markanten +Zügen kennen, von dem nicht erfindlich war, was ihn an die Person des +Grafen Sponeck fesselte. Ferry Sponecks ihn rühmende Reden ließ er +gleichmütig über sich ergehen und bat die Zuhörer durch einen kühlen +Blick um Entschuldigung, man wußte nicht, ob für sich oder seinen +Gönner. Manchmal hatten diese Lobpreisungen allerdings einen Ton, wie +wenn einer eine Jagdtrophäe oder eine klug erhandelte Antiquität +vorweist; doch hegte Ferry Sponeck wie fast alle ungebildeten und +gutherzigen Aristokraten eine grenzenlose, mit Aberglauben gemengte +Bewunderung für Leute der Wissenschaft. Es hatte den Anschein, als +betrachte er Eugen Sparre als seinen Leibarzt; er richtete alberne +Fragen an ihn, betreffend die Hygiene, die Gefahren der Ansteckung, die +Grundsätze der Prophylaxis und war bemüht, ihn zur Gesprächigkeit zu +ermuntern; dabei blickte er so ergeben zu ihm auf und hing so +ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, daß sein Betragen zum Spott aller +wurde. + +Als die Gräfin mit jener um ein Gran zu nachdrücklichen Herzlichkeit, +mit der man Fremdheit und soziale Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre +ihrer Freude versicherte, ihn bei sich begrüßen zu dürfen, erwiderte er, +er müsse die Verantwortung dafür dem Herrn Grafen aufbürden, der den +Aufenthalt und die Gastlichkeit auf Rienburg so verlockend geschildert +habe, daß er nicht widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht +zu stören, fügte er hinzu, ohne zu merken, daß diese Bescheidenheitsfloskel +eine Grobheit und eine Selbstdemütigung enthielt, er habe eine +angefangene Arbeit mitgenommen, der er den größten Teil des Tages widmen +müsse. + +Seine tiefe Stimme hatte übrigens dieselbe orgelnde Resonnanz wie die +Georg Ulrich Castellanis. + +Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht mit den +beobachtenden Augen sich gegenüber zu haben. Auch die andern fühlten +sich gedrückt, und die Unterhaltung floß spärlich, obschon die Gräfin +beflissen war, sie in heitern Gang zu bringen. Man hatte auch neue +Nachrichten über Plünderungen und Revolten, und was Sponeck von den +Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wußte, war ebenfalls nicht +dazu angetan, die Fröhlichkeit zu erhöhen. Auch unter den vier +Schwestern herrschte gereizte Stimmung; Pauline saß mit gesenkten Lidern +und nippte bloß von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen +aufeinandergepreßt; Polyxene lächelte bisweilen wehmütig-entsagend; nur +Sebastiane schien unberührt, und infolge der über ihre Züge gebreiteten +Klarheit und kräftigen Ruhe war sie die schönste. Nach dem schwarzen +Kaffee ging Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine Frage: ob +es ein Zerwürfnis gegeben hätte? + +Er war umwölkt; in einer heißen Spannung. Diese vier wunderbaren +Gestalten, in einem verzauberten Ring um ihn, stürzten ihn in süße +Verzweiflung. Die ihn rief, der nahte er sich pagenhaft; mit der er +Blick in Blick stand, an die vergab er sich. Er hätte alle vier in eine +schmelzen mögen und die an sich reißen; und doch gelüstete ihn nach den +Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und Dauer und Kunst +und Selbstvergessenheit; sublimiert bis ins Traumgleiche, gesteigert bis +zum Schmerz. Verhieß Lix eine strömende Passion aus lang verschüttet +gewesener Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zärtlichkeit, die +auszudenken war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer +jungfräulichen Seele, erfüllt von beinahe schauerlichen Ahnungen der +Wollust, und Aglaia die hinreißende Bizarrerie einer zugleich spröden +und leidenschaftlichen Natur. Vereinigung quälender Geister; und hinter +ihnen, über ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die Herrin war, +ausgestattet mit heimlicherer und größerer Gewalt des Rufes und der +Mahnung, halb Verlorene, halb Verstoßene. + +»Wir alle sind sehr unvernünftig,« sagte Sebastiane, ohne auf seine +Erkundigung zu antworten. Sie schaute ihn freimütig an und setzte leise +hinzu: »Soll uns nicht warnen, was draußen in der Welt vorgeht? Wir +benehmen uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.« + +Erasmus verfärbte sich und murmelte: »Sie haben vielleicht recht. +Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter geht vorüber. Man denkt, man +muß alles zusammenraffen, was noch da ist an Glück und Genuß. Das #après +nous le deluge# ist früher ein lustiges Wort gewesen, jetzt hat es einen +lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist es ein Verbrechen, so zu denken, +Sie haben recht.« + +»Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was uns unfähig macht, +einander zu helfen,« erwiderte sie mit festem Ton. + +»Also muß man sein Blut und Herz zum Schweigen bringen?« fragte er und +stand hingebungsvoll dienend vor ihr. + +Sie riß eine Azaleenblüte vom Strauch und zerrupfte sie. »Ich glaube, +Sie müssen redlich handeln,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen. Er +nahm ihre feine weiße Hand und preßte seine Lippen darauf, entzückter +als vorher, weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den +dämmerigen Gang näherte sich Aglaia; sie sang mit leiser Stimme und ihre +Augen blitzten vermessen. + +Den Nachmittag über schrieb er Briefe und ließ sich zum Tee +entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die Briefe ins Dorf zu +tragen, begann es heftig zu regnen; er schickte einen der Diener und +blieb in seinem Zimmer. Aus dem untern Stockwerk tönte Klavierspiel, und +zwar sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehört. Es mußte Sparre +sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war etwas Finsteres um den +Namen und um den Mann. Es gab jetzt viele solche, man hatte früher nicht +auf sie geachtet, jetzt nötigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach, +warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und entsann sich, daß er +einstmals in der Mandschurei ein chinesisches Schnitzwerk mit +höhnisch-bösen Zügen gesehen, eine Gottheit des Verderbens, alle Tücke +verhalten, der Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn +Sparre, nun wußte er es, obwohl der Götze abstoßend häßlich gewesen, +dieser dagegen hübsch und wohlgestaltet zu heißen war. Aber etwas war +gemeinsam. + +Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne auf das +Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf er mit Lix zusammen. Sie war +strahlend in ihrem Kleid aus dunkelgrüner Libertyseide und der +Perlenschnur um den Hals. »Schade, daß Sie nicht da waren,« redete sie +ihn an, »er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.« Erasmus lachte im +Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und erwiderte, er liebe +Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre an ihnen vorüber, im Cutaway, +nicht im Smoking wie die übrigen Herren, und verbeugte sich zeremoniös. + +Auf dem mit schwarz und weißen Platten gepflasterten Flur ging Pauline +mit dem Katecheten auf und ab, der zum Abendessen geladen war. Die +Gräfin schien unruhig; sie erzählte Erasmus, der Postmeister sei vor +einer Stunde dagewesen, um mitzuteilen, daß die Telegraphen- und +Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Während sie noch sprach, +trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, und sagte, der Nordhimmel +sei von starker Brandglut überzogen. Alle eilten an die Fenster des +Speisesaals; gesättigter Purpurschein quoll über den Horizont empor. + +Wo mag das Feuer wüten? fragte man einander beklommen. Es wurden die +Dörfer und Landsitze aufgezählt, die in der Richtung lagen. Erasmus +drehte sich hastig um. Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der +Katechet. Sebastiane schüttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth liege +mehr nach links, dem Wald zu, eher könne es der Elmhof sein, dort +befinde sich eine Branntweinbrennerei. Ferry Sponeck erkundigte sich mit +gepreßter Stimme, ob das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft +stellen könne; die Gräfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und dem +Bürgermeister darüber gesprochen; beide seien der Meinung, daß +verläßliche Leute kaum aufzutreiben seien, doch sei vorläufig nichts zu +fürchten. + +Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte, mußten die Fenster +geschlossen werden. Die Gräfin zog Erasmus beiseite. Lächelnd, doch mit +schnell und scharf prüfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gerücht, +welches man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, daß Gräfin Giese +gegenwärtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er davon wisse? Ja, er +wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, es habe sich so gefügt; der +lächelnde Blick der Gräfin verwirrte ihn, er lächelte gleichfalls, +jedoch ohne Freiheit und wollte eine hastige Versicherung geben, aber +die Gräfin ersparte ihm dies feinfühlend, indem sie ihm freundlich +zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann nahm sie seinen +Arm, und man ging zu Tisch. + + * * * * * + +Die allgemeine Laune wurde munterer während des Essens. Die zerstreuten +Gespräche verstummten aber nach und nach, und alle hörten Georg Ulrich +Castellani zu, der heute seinen glänzenden Tag hatte, wie die Gräfin +sagte. + +Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft im Rauchzimmer um +den Kamin niedergelassen hatte, war Castellani zu einem seiner +Lieblingsthemen gelangt, der Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des +Fünften. + +Er sagte: »Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen wie eine dunkle +Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren Vorhang aus Goldbrokat. Es +klingt ja ein wenig ridikül, daß einem ein Autokrat aus dem sechzehnten +Jahrhundert, längst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll +und näher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; aber es ist +so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in solchem Ausmaß von der +Geschichte nicht mehr wiederholte Verkörperung absoluten Herrschertums. +Das sagt sich so: absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es +bedeutet #pur et simple# einen Gipfel der Welt, eine Kulmination der +Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der Hand gegeben hat, war +genau genommen die, in der der Untergangs- und Auflösungsprozeß Europas +begonnen hat. Man ist sich darüber nicht genügend klar. Es ist ja auch +kein Wunder, denn was für horrible Karrikatur haben die bestallten und +die andern Historienschreiber aus ihm gemacht! Einen boshaften +Phlegmatiker; einen reizbaren Kränkling; einen feigen Despoten. In +Wirklichkeit war er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann. +Natürlicherweise; der absolute Herrscher muß vollkommen einsam sein, +anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche Tiefe der Dissimulation! Die +Dissimulation entstand bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der +menschlichen Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. In +seiner Einsamkeit und seiner Höhe erschien ihm alles sehr klein und sehr +wandelbar und sehr relativ; Worte, Verträge, Leidenschaften, Miseren, +Not und Tod, alles sehr illusorisch. Daher auch seine profunde +Menschenverachtung. Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind +Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher auch sein Respekt +vor der Kunst; denn da trat ihm ein Absolutes entgegen gleich ihm +selbst. Wie mysterios er war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort +mit langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser erschloß.) Er +konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, schon als Kind nicht. Da +gibt es eine Anekdote, wie einer der gefangenen Kurfürsten, ich glaube, +der Landgraf von Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund +die Lippen verzieht, so daß es aussah, als ob er lachte, in Wirklichkeit +war ihm ganz anders zumut, und wie dann der Kaiser in seinem +brabantischen Deutsch drohend vor sich hinmurmelt: wart, ick will dir +lacken lehr. Welche tenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich +ging die Sonne nicht unter, und er haßte den Sonnenschein. Ihm war die +größte Machtgewalt verliehen, die je ein Sterblicher besaß, und er +suchte Zuflucht in einem Kloster strengster Observanz. Auch Gott +gegenüber dissimulierte er. Auch Gott war seinem unvergleichlich +mysteriosen Geist nur eine Form. Worüber er am meisten grübelte, war die +Versuchung Christi. Das quälte ihn, das begriff er nicht. Raum und Zeit +waren ihm Gespenster; und das war begründet in den maßlosen Erfüllungen +dieses Lebens, die maßlosen Ekel in ihm erregten. So erklärt sich auch +sein beständiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; und seine +kuriose Liebhaberei für Uhren, die alle, soviel deren auch waren, auf +dem Zifferblatt übereinstimmen mußten. Dissimulation. Freilich, sein +Vater trug ja als Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige +Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die Länder, und damit +sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte sie ein Uhrwerk an die Stelle +des Herzens. Das mußte Einfluß auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische +Umbiegung der Seele von der Majestätisierung in die Mechanisierung, +d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild einer neuen Zeit. Ja, +die Uhr war vielleicht sein Idol und sein Menetekel. Und doch war er der +Bewahrer; Bewahrer des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom +heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn hätte die Kirche längst +aufgehört zu existieren. Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt, +Jahrhunderte lang.« + +»Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen und Marterwerkzeugen,« +ließ sich eine Stimme vernehmen, in der Klangfarbe so wenig +unterschieden von der des Grafen, daß die andern des schneidenden +Widerspruchs zuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet +gewesen, da er, während Georg Ulrich gesprochen, den Blick unauffällig +auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas aus der Reihe gerückt, zwischen +Lix und Ferry Sponeck saß, mit einem spöttisch-düstern Lächeln um den +Mund. Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte ihn +nicht, auch nicht die ängstlich an ihm hängenden Augen Sponecks; kühl +fuhr er fort: »Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt um den Preis +von hunderttausenden verbrannten Ketzern und hunderttausenden +unschuldiger Mädchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; und +um den Preis von hunderttausenden erschlagener und gemordeter Inkas und +Azteken, und von hunderttausenden durch Alkohol und Syphilis im Namen +des Kreuzes vergifteter Indianer;« der Katechet rückte auf seinem Stuhl, +die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung gegen Pauline und Aglaia +hin, wobei letztere den Kopf aufwarf und Sparre neugierig musterte. Aber +der schien es nicht zu bemerken. »Ich will auch gleich sagen,« sprach er +weiter, »daß es eine von den Jesuiten erfundene und böswillig +verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht hat, die Syphilis +sei aus Amerika gekommen. Es geschah wahrscheinlich zur höheren Ehre +Gottes. Sie ist aus dem Orient gekommen, lange bevor die frommen +Straßenräuber Cortez und Pizarro die blühenden Reiche dort drüben in +bluttriefende Wüsteneien verwandelten. Aber wozu das alles,« unterbrach +er sich achselzuckend, »Sie, Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich. +Ich freilich verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch +nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. Im Gegenteil, +sie ist mir die Mutter des Übels, der fluchwürdigen Verschleierungen, +deren sich die großen Herren bedient haben, um ihre kleinen Zwecke +durchzusetzen, des systematischen Volksbetrugs und der politischen +Brunnenvergiftung.« + +Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als wolle er sich der +frostigen Betroffenheit entziehen, die rings um ihn die Gesichter +zeigten. + +»Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos stichhaltig,« +antwortete nach einer Pause Georg Ulrich Castellani mit ausgesuchter +Artigkeit, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und eigentümlich +triumphierend aussah. »Aber ich wollte ja nicht Zustände und Fakten +kritisieren, das steht außer meiner Kompetenz, sondern eine Figur, die +meine Fantasie enflammiert, dem Verständnis näher rücken. Daß eine +gewisse liberale Phraseologie, oder auch eine radikale, wenn Sie wollen, +es läuft im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur gegen +diese Figur in Bewegung setzen muß, gebe ich Ihnen gerne zu. Heutzutage +liegt das auf der Hand und erfordert auch geringen Mut. Blutbäder sind +etwas unendlich Schreckliches; selbstverständlich. Aber sind sie durch +die Volksbeglücker verhindert worden? Haben die Robespierre und die +Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger Blutschuld auf dem +Gewissen als die Dschingischan, die Attila, die Napoleon und Friedrich? +Wir wollen hier doch nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es +geschieht uns weh genug, daß es unserer Welt an großen Herren fehlt, von +großen Männern nicht zu reden. Ein unabwendbarer Prozeß; das Urgestein +ist zerrieben; was übrig bleibt, ist Schlamm und Kot. Wohin führen die +Ausschweifungen des Gefühls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns hält +die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; spielt die Zahl +und die Modalität des Sterbens letzten Endes eine Rolle? Dieser Planet +ist nun einmal ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergnügen darin +finden, die Massengräber zu durchwühlen, so macht es den andern Freude, +vor den ehrwürdigen Monumenten ihre Andacht zu verrichten.« + +»Ich möchte niemanden in dieser Freude stören,« sagte Sparre trocken. + +»In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles sein +konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis mehr für die Menschen,« +fuhr Castellani fort, »Majestät, gesalbte Majestät, das war die oberste +Spitze der Welt, das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der +zufällige Repräsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht darf +ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines meiner Vorfahren +illustrieren; vielleicht kann ich damit unserer Diskussion die Schärfe +nehmen, was den Damen nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte +fast zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig +vergröbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon. +Sonderbarerweise schlägt sie ebenfalls in das von Herrn Sparre so +verpönte Kapitel der Dissimulation. Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am +Hofe Ludwigs des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich, +wurde vom König mit einem Auftrag von höchster Importanz zum Kaiser +Leopold nach Wien geschickt. Er trifft eines späten Abends ein, kleidet +sich um, sendet seinen Jäger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft +melden zu lassen und folgt ihm in kürzester Zeit nach. Man teilt ihm +mit, daß die Majestät ihn erwartet. Man führt ihn durch halbfinstere +Korridore und eine Reihe ganz finsterer Gemächer, vor einer Tür bleibt +der Lakai stehen und heißt ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in +den er tritt, mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze +darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem Tisch, mit dem Rücken +angelehnt, die Arme verschränkt, in nachlässiger Haltung und ziemlich +verdrossen, steht ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der +Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener Kämmerer, in +der Meinung überhaupt, es sei die Antichambre, wo er sich befindet, +fängt an auf und abzuschreiten, wobei seine Gebärden und sein +Mienenspiel schlecht bemeisterte Ungeduld ausdrücken. Der Mann am Tisch +mit den verschränkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein +Aufundabschreiten nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf, +bleibt ernsthaft und vollkommen still. So vergeht eine Viertelstunde, +eine halbe Stunde, endlich wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich +etwas brüsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, ob der +Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. Da antwortet der Mann +ruhig: »Der Kaiser bin ich.« Der Gesandte stürzt wie vom Blitz getroffen +auf die Knie nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von +seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser muß seine Leute rufen, die +ihn laben und wieder zur Besinnung bringen müssen. Das war die Glorie, +die Wirkung des Unbeschreiblichen, das Geheimnis.« + +Sparre lächelte gezwungen. Er antwortete: »Auf die Gefahr, es völlig mit +Ihnen zu verderben, gestehe ich, daß ich da weder Glorie, noch Geheimnis +erblicken kann. Ich sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und +verächtlichen Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit und +den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts von herzlosen, unwissenden, +weltfremden und menschenfeindlichen Drahtpuppen auf dem Thron. Edle +Rassetiere im besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mißbraucht, um +zwischen den Nationen Zwietracht zu säen und dabei ihr Schäfchen ins +Trockene zu bringen, Schmeichler und Dunkelmänner zu hohen Ämtern zu +befördern und redlichen Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der +Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und Lüge -« + +Erasmus erhob sich. »Ich glaube, wir brechen das überflüssige Gespräch +ab,« sagte er scharf. + +»Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale zu reichen,« +wandte sich Castellani mit heiterem Gesicht an ihn. + +»Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor,« sagte die Gräfin +verbindlich. + +Sparre war ebenfalls aufgestanden. »Mich dünkt, dazu fehlt momentan die +nötige Empfänglichkeit, Frau Gräfin,« erwiderte er mit steifer +Verbeugung. + +Die Gräfin drehte sich zu Lix und spottete kaum hörbar: »Gaffen hat er +sich bis jetzt genug geleistet.« + +Ferry Sponeck fuhr sich unglücklich durch die Haare, denn er merkte +endlich, daß etwas nicht stimmte. »Sag mir doch, Mumu,« raunte er +Erasmus zu, »was hat es denn eigentlich gegeben?« + +Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane, die neben Erasmus +stand, horchte auf; dies Geräusch zu dieser Stunde war ungewöhnlich. +Auch die andern lauschten. Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage: +»Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? Offene Rebellion +ist Satans Werk, hab ich dir gesagt. Hast gerade du uns den Satan ins +Haus führen müssen?« + +Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den Stuhl der Gräfin +gestellt und ihr im Herabbeugen ein paar Worte ins Ohr geflüstert. Die +Gräfin sprang mit verändertem, erblaßtem Gesicht empor. Als die Töchter +sie erschrocken umdrängten, sagte sie: »Frau von Gravenreuth ist +angekommen, und ... und Gräfin Giese. Sie sind geflüchtet. Das Schloß +brennt.« + +»Gott sei uns gnädig,« murmelte der Katechet. + +Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach in Tränen aus. +Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte ihn wieder hin. Die Gräfin +stürzte in den Flur. Erasmus, weiß wie Papier im Gesicht, wollte ihr +nach, blieb aber vor der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging +auf und ab und murmelte von Zeit zu Zeit: #»nom de Dieu; nom de Dieu,«# +Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. Sponecks Krawattenschleife +hatte sich gelöst, und er bemühte sich mit verstörten Mienen, sie wieder +zu binden. + + * * * * * + +Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben Uhr war eine Bande +von zwölf Mann in das Schloß gedrungen und hatte Geld und Lebensmittel +verlangt. Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe Geldes und +zwei Säcke Mehl abgeliefert, und sie waren bereits im Begriff, +weiterzuziehen, als einige von ihnen im Hof mit dem Kutscher in Streit +gerieten. Tumult entstand, fünf Minuten später lohten Flammen aus dem +Dach des Stallgebäudes. Was sich dann weiter begeben hatte, wie sie mit +rasch zusammengerafften Habseligkeiten auf den Bauernwagen gelangt +waren, woher der Wagen mit den zwei Pferden mitten im strömenden Regen +gekommen und wer ihn gebracht, vermochten die Flüchtlinge nicht zu +sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das brennende Schloß hinter sich, +davongefahren, so schnell die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein +sechzehnjähriger Bauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta +Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf die Haut +durchnäßt, mit klebenden Gewändern, triefenden Haaren, wie +Schiffbrüchige. + +Marietta mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Sie fieberte und war +keines Wortes mächtig. Man schickte um den Arzt ins Dorf. Der Katechet +erbot sich, im Dorf junge Leute aufzubringen, die bereit wären, das Haus +zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene und einfache Dame von +fünfzig Jahren, hatte auch in dieser Lage ihre Haltung nicht eingebüßt. +Als sie umgekleidet war und für Wolfs Nachtlager gesorgt hatte, +erstattete sie genaueren Bericht. Sie äußerte Angst um Marietta. Lix und +Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. Die Gräfin war beschäftigt, +Anweisungen wegen der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und +fand Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter vier +Augen zu wechseln: »Hatten Sie nicht noch einen Gast, Baronin?« fragte +er vorsichtigen Tons; »Marietta sprach davon -« Frau von Gravenreuth +antwortete: »Ja, Herr van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern +telegraphisch abgerufen worden. Manche haben einen guten Stern.« Sie sah +Erasmus forschend an. »Und wer ist der Knabe?« fragte Erasmus weiter. +Sie erwiderte: »Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner +Geburt in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie war meine +beste Freundin. Es ist ein schönes Kind, nicht wahr?« Wieder sah sie ihn +mit ihren forschenden, glanzlosen Augen an; »ich hoffe nur, daß diese +Eindrücke seine junge Seele nicht verdunkeln,« fügte sie hinzu, »meine +wird sich nie mehr von ihnen befreien können.« Erasmus nahm ihre Hand, +führte sie an die Lippen und sagte: »Ich empfinde tief mit Ihnen, bis +ins Innerste, und das ist kein leeres Wort. Ich kenne die Größe der +Katastrophe.« + +Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht zurück, der Doktor +könne nicht kommen, da er selbst an Grippe schwer erkrankt sei. Gleich +darauf erschien Sebastiane und sagte, Gräfin Marietta befinde sich sehr +schlecht, das Fieber steige zusehends, auch klage sie über heftige +Kopfschmerzen. Die Gräfin sprach zu Helene Gravenreuth: »Ich bin ratlos; +der nächste größere Ort ist über eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn +ich auch bei solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend +jemand schicken könnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt mitten in +der Nacht herüberkommt.« + +Frau von Gravenreuth antwortete: »Unmöglich kann man sie noch +stundenlang ohne ärztliche Hilfe lassen -« + +Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. »Wenn ich mir erlauben darf, +meine Dienste anzubieten, Frau Gräfin,« sagte er mit seiner +verschlossenen Höflichkeit, »so glaube ich, den hiesigen Kollegen +ersetzen zu können.« + +Die Gräfin machte eine freudige Bewegung und sagte zu Frau von +Gravenreuth, die aufatmete und Sparre dankbar anschaute: »Herr Sparre +ist ein geistreicher junger Mediziner von der neuesten Schule;« dann zu +Sparre: »Es fügt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Güte haben +wollen -« + +Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum mächtig, auf Ferry Sponeck +zugegangen. Er packte ihn am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden +Ungestüm in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit +drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden Lippen und +Augenlidern: »Hör mich an, Ferry. Das mußt du verhindern. Um jeden +Preis verhindern, sonst sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da +du schon die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, so +erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, daß er in +Mariettas Zimmer geht, verstehst du? Nicht zu ertragen der Gedanke, daß +er sie anrührt, daß er ... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin, +sprich mit ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. Als +Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem Vorsatz beharrt, sag +ihm, daß ich ihn einfach niederknallen werde. Ohne Umstände, verstehst +du? Spute dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Daß er über die Geschichte +gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. Vielleicht +erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf er an ihr Bett. Eher mag +sie sterben.« + +Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehört. Doch er hatte +begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand sah, begriff er die Gefahr. +»Beruhige dich, Mumu, es wird gemacht,« sagte er, ging ins Zimmer +zurück, bemerkte, daß Sparre sich eben von den Damen entfernte und mit +Sebastiane zur Tür schritt. Er folgte ihm. Draußen rief er: »Sparre! auf +ein Wort,« und er verschwand mit ihm im dunklen Teil des Flurs. +Sebastiane ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre würde +nachkommen. + +Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl einem der Diener, ihm +Mantel und Hut aus seinem Zimmer zu holen, rief den alten Niklas und +erklärte ihm, daß er selbst zum Arzt nach Grünau fahren wolle, man möge +den Kutschierwagen anspannen lassen. »Herr Graf können nicht allein +fahren,« wendete Niklas bestürzt ein, »es ist Mitternacht, die Straße +stockfinster und grundlos, außerdem -« Erasmus schüttelte ungeduldig +den Kopf. »Ich fürchte mich nicht,« schnitt er die Rede des Alten ab, +»wenn niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, muß +ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. Machen Sie nur kein +Aufsehen, die Gräfin braucht zunächst nichts zu wissen.« + +Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und Erasmus traten auf den Hof +und ins Stallgebäude. Man weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut +war, die Pferde dem Unwetter preisgeben zu müssen. Ein junger +Stallbursche, von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, war +willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten die beiden flinken +Tiere vor dem leichten Wagen über die Chaussee, in eine Finsternis +hinein, die ein schwarzer Schwamm war. Im Norden stand noch immer +Brandröte. + +Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze umgeschlagen, +die ihm der Kutscher gegeben. Bäume flogen vorüber, Telegraphenstangen, +Häuser, Brücken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; die Hufe +der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus ins Nasse. Über ihre +nickenden schwarzen Köpfe hinaus starrte Erasmus auf die von den +Wagenlaternen schwach beleuchtete Straße und in den matten Lichtkegel, +durch den der Regen in glitzernden Strähnen fuhr. Bei jeder Weggabelung +zog er die Zügel an und wechselte ein Wort mit seinem Begleiter, der +schlaftrunken döste. + +Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, fiebergequält in den +Kissen; der vertraute Körper litt; Lix und Sebastiane huschten bisweilen +lautlos durch das Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das +Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hämisch-aufmerksames Gesicht; +Inbegriff des Hassenswerten. Woher dieser Haß, der seinem Gemüt sonst +unbekannt war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll in +die Nacht hinausträumen; und Aglaia mit wissend und trotzig funkelnden +Augen ihn messen; und wieder Marietta, von Schmerzen bedrängt, sterbend +vielleicht; und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles gerann +zu Nebel. Wie müde man wurde. Schön und schlank war der Knabe ... + +Die ersten Häuser der kleinen Landstadt tauchten auf. + +Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer zurück. Marietta +phantasierte. Man hatte sie in feuchte Tücher gewickelt. Sparres +unerklärliche Weigerung, die Behandlung zu übernehmen, gleich nachdem er +sich dazu angeboten, hatte auf alle wie neues häßliches Unheil gewirkt. +Er hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen und durch Ferry Sponeck die +Absage geschickt. Ferry Sponeck beschwichtigte die entrüstete Gräfin, so +gut er konnte; schließlich gab er sein Wort, daß Sparre ohne Schuld sei; +es hätten sich Umstände ereignet, durch die er gezwungen worden sei, zu +verzichten. Die Gräfin erwiderte unwillig, sie verstehe keine Silbe. Da +sagte Georg Ulrich Castellani malitiös: »Unser Freund Erasmus hat seine +#bête noire# entdeckt, das wird es wohl sein.« + +Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rückte nur langsam ins Licht +und völlig offenbar wurde er erst, als sich herausstellte, daß Erasmus +heimlich und trotz Sturm und Unsicherheit der Wege nach Grünau gefahren +sei, um den Arzt zu holen. + +Graf Castellani sagte: »Mir fällt da die Geschichte von einem Marquis de +Surêsne ein, der den größten Widerwillen gegen Jakobiner und +Sansculotten hegte, obwohl er nie im Leben einen dieser Leute gesehen +hatte. Eines Tages wurde er in der Nähe seines Schlosses in der +Normandie von Räubern angefallen; auf sein Geschrei kam ihm ein des +Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete ihn mit fabelhafter Bravour. +Der Marquis erschöpfte sich in Danksagungen, als es sich aber später +erwies, daß sein Lebensretter einer der Führer der von ihm so sehr +verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hängte sich auf; +denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem erklärten Feind des +Menschengeschlechts verdanken. Es ist absurd, gewiß, aber es hat +Charakter. Ich liebe solche Absurditäten; ich sammle sie, wie andre +Leute Münzen oder Stockgriffe sammeln.« + +Jedoch die Gräfin war sichtlich verstimmt. + + * * * * * + +Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor Schmidthammer für +den Rest der Nacht am Krankenbett. Erasmus vermochte einige Stunden zu +schlafen. Als er sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die +Fenster öffnete, wunderte er sich über den wolkenlosen Himmel und die +wasserhelle Bläue der Luft. + +Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverändert hoch, aber +die Kranke liege jetzt still, mit starren Augen, wie bewußtlos. Frau von +Gravenreuth sei bei ihr. + +Der Morgen war so nüchtern, so glasig; der ganze Tag blieb so; der +Sonnenschein so lügnerisch, die Dinge so deutlich, so kalt; der Fuß +klebte im Schreiten. Erasmus frühstückte mit Sponeck allein; die Damen +schliefen noch. Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt, +heute abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station gewesen, um +sich nach den Zügen zu erkundigen; er sei außer sich, da er erfahren +habe, der Eisenbahnverkehr sei für die Dauer von drei Tagen +eingestellt. Furchtsam hielt Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus +gerichtet. + +»Das ist höchst fatal,« murmelte Erasmus. + +»Er wird das Zimmer nicht verlassen,« tröstete Ferry Sponeck; »er wird +Unpäßlichkeit vorschützen und die Mahlzeiten oben nehmen.« + +»Es ist trotzdem fatal,« beharrte Erasmus. + +Nach wenigen Stunden fühlte er sich derart im Hause, als seien Türen +offen, die hätten geschlossen und andere geschlossen, die hätten offen +sein sollen. Er grübelte darüber nach wie er es anstellen könnte, zu +Marietta zu gelangen. Durch alle Wände sickerten Wehelaute aus ihrem +Mund. + +Die Gräfin begrüßte ihn kühl. Er fand es notwendig, ihr Aufklärungen zu +geben. Er wurde beredt. »Sie müssen es verstehen, Gräfin,« sagte er. +»Der Mann peitscht mir das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das +er spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Spüren Sie es nicht +auch? Sehn Sie nicht, daß sich in diesem Gesicht alles Böse +zusammengeballt hat, der ganze Jammer, unter dem wir keuchen, die +Anmaßung der gottlosen Kreatur, der Zynismus, der unsere Altäre besudelt +und den Purpur mit Füßen tritt -?« + +»Der? gerade der?« rief die Gräfin, halb belustigt, halb entsetzt; »Sie +übertreiben, Erasmus, Sie übertreiben ungeheuerlich.« + +»Ich übertreibe so wenig, daß alles, was ich nicht auszudrücken vermag, +mir noch zehnmal schrecklicher, noch zehnmal beweiskräftiger erscheint. +Wir sind die Opfer dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es +steckt mir in den Nerven, und hätten wir mehr Witterung für dergleichen +Subjekte, so wäre es nicht so weit mit uns gekommen, daß wir wie +Schlachttiere unsern Hals hinhalten müssen. Er ist nicht bloß ein +Exponent, er ist eine Inkarnation, glauben Sie mir, und daß er hier in +unserer Mitte aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals. +Sie müssen es begreifen, daß mir der Gedanke unfaßbar gewesen ist, ihn +an das Lager einer Frau treten zu lassen, wenn auch als Arzt, was ändert +das? bleibt er nicht Sparre, derselbe Sparre? mit seiner ganzen +Wissenschaft Sparre? einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch +immer nahe steht. Sie müssen das begreifen.« + +»Ich begreife, Erasmus, einigermaßen wenigstens,« antwortete die Gräfin, +milder gestimmt; »aber, lieber Freund, begreifen auch Sie: die Situation +ist unmöglich. Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die +jungen Mädchen, - unmöglich. Auf irgendeine Manier müssen wir aus diesem +Wirbel heraus. Irgend etwas muß beschlossen, muß getan werden.« + +Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink war nicht +mißzuverstehen. »Ich bitte Sie, Gräfin, gönnen Sie mir Zeit,« flehte er; +»vierundzwanzig Stunden Zeit, oder zwei Tage vielleicht. Ich bin völlig +bouleversiert. Ich bin zu keiner vernünftigen Überlegung fähig.« + +Die Gräfin lachte. »Nun, nun,« besänftigte sie den Erregten, »machen Sie +keine blutgierige Tigerin aus mir. Zwei Tage, natürlich, weshalb nicht; +fassen Sie sich. Zur Desparation ist noch kein Anlaß. Mut, armer +Freund.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, doch mit ungewichenem +Mißtrauen noch in den Fältchen um die Augen. + +An dieses Gespräch schloß sich eines mit Pauline und ein Gang durch den +Park mit Aglaia. + +Pauline saß lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne es recht zu wollen, +trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte noch; er lächelte abwesend und +schal. Die Freundlichkeit, mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie +hob den Blick zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das +Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerknüllte es in der +Faust. »Ich denke fortwährend an Gräfin Marietta,« sagte sie; »sie war +unbeschreiblich schön, als sie gestern naß und elend im Flur stand. So +habe ich mir immer eingebildet, daß Märtyrerinnen aussehen müssen.« Sie +stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden, unsteten schuldigen +Blick wieder aus. »Darf man sich dem Neid hingeben?« fragte sie; »es ist +Todsünde, ich weiß es, aber ich beneide Gräfin Marietta, ich beneide sie +über alles Maß, über alle Worte, bis ins Geheimste meiner Seele beneide +ich sie.« + +»Warum, Pauline?« fragte Erasmus betroffen, »warum beneiden Sie +Marietta?« + +»Ich weiß es nicht,« flüsterte das junge Mädchen; »ich kann es nicht +sagen. Aber wenn ein Wunder geschähe, und ich könnte von jetzt an bis +zum Abend Marietta sein, und ich müßte zum Entgelt dafür in der Nacht +sterben, nicht eine Sekunde lang würd ich mich besinnen.« + +»Wie sonderbar,« sagte Erasmus kopfschüttelnd. Ihm war zumut, als habe +sie ihm mit ihren Worten die Glieder an den Leib geschnürt. Sie übte, +während er auf sie niederschaute, auf das nordisch gelbe Haar, die +samtene Wange, die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, quälende Macht +über ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer banalen +Ausflucht verließ er sie. + +Aglaia kam eben über die Treppe herunter. Sie forderte ihn auf, sie ins +Freie zu begleiten. »Ich habe Sie gesucht,« sagte sie. + +Im Hörkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus schaute bisweilen +zurück und verzögerte den Schritt, als ob er Wichtiges verabsäume, wenn +er sich zu weit entfernte. + +»Sicher wünschen Sie uns alle miteinander dorthin, wo der Pfeffer +wächst,« begann Aglaia mit ihrer rauhen, aber hellen Stimme, »wir sind +Ihnen unsagbar lästig, und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man +hat ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat ist mißglückt. +Povero! Ich möchte Ihnen so gern aus der Patsche helfen, da ich uns +schon nicht helfen kann. Wie machen wir denn das?« + +»Sie dürfen nicht so sprechen, Aglaia,« bat Erasmus. + +»Nichts da, ich will reden, wie mir ums Herz ist,« entgegnete Aglaia; +»das ganze Arrangement hat mir ohnehin nie recht gefallen; je besser ich +Sie kennengelernt habe, je weniger. Nun hat sich aber Pauline innerlich +engagiert, und bei ihrer Veranlagung ist das kein kleines Unglück. Daß +das Unglück viel größer wäre, wenn sie Ihre Frau würde, kann man ihr +vielleicht sagen, aber sie wird es nicht einsehen. Unterbrechen Sie mich +nicht, Erasmus, ich hab mirs in den Kopf gesetzt, Ihnen die Leviten zu +lesen und will es auch tun. Es ist sträflicher Leichtsinn, daß Sie +überhaupt ans Heiraten denken. Ist es Ihnen denn ernst damit? Gott +bewahre. Sie machen es wie die Indianer auf dem Kriegspfad; Sie stecken +sich bunte Federn auf den Schopf, bemalen sich das Gesicht, dann +schleichen Sie sich durch die Wälder, um ein bißchen zu wegelagern. Und +wehe der Squaw, die Sie in Ihren Wigwam führen. Was da geschieht; #je +vois ça d'ici.# Wenn sie meine Freundin wäre, würde ich sie auf den +Knien beschwören, sichs dreimal zu überlegen, und noch dreimal, und dann +erst recht davonzulaufen. Womit ich nicht gesagt haben will, Erasmus,« +sie blieb stehen und sah ihn mit einer Mischung von Schelmerei und +fließendem Gefühl an, »daß ich Ihre Vorzüge nicht kenne. Sie sind nur +nicht der Felsen, auf den ich bauen möchte.« + +»Es erstaunt mich, Aglaia,« antwortete Erasmus befangen, »daß Sie sich +so urteilen getrauen; so dezidiert, so ... kühn. Wo haben Sie das her? +Soviel Kenntnis, kleine Aglaia, wo nehmen Sie die her?« + +Sie sagte spöttisch: »Keine Geringschätzung gegen die Jahre, Erasmus. +Solange es grauhaarige Dummköpfe gibt, darf es auch siebzehnjährige +Komtessen mit gesundem Menschenverstand geben. Zwei Augen im Kopf sind +zu allerlei nütze, und meine zwei Augen verraten mir, daß Sie jedes Herz +lieblos zerzupfen, daß sich Ihnen schenkt. Es tut Ihnen leid, aber Sie +können nicht anders.« + +Erasmus nickte melancholisch. »Wenn es nur nicht so schwer wäre, +Aglaia,« erwiderte er mit seiner verdeckten Stimme; »man weiß nie das +Richtige. Kommt es einem mal so vor, als hätte man sich zum Richtigen +entschlossen, so machen einen die Leute durch ihre Reden wieder irre. +Man liebt jemand, schön; aber weiß man denn, wie lang es dauert? Und die +Betreffende bildet sich ein, es dauert ewig. Weiß man denn, was es mit +der Betreffenden auf sich hat? ob sie sich nicht selber täuscht? ob es +nicht ein Unrecht ist, wenn man sie glauben macht, sie sei einem so viel +wie sie sein möchte? Das sind furchtbare Verantwortungen. Über einem ist +ein Gesetz; das Gesetz muß man erfüllen; wenn aber der Augenblick da +ist, wo es Ernst wird, traut man sich nicht, den Schritt zu tun, weil +man Angst hat; die Verantwortung ist zu groß. Es gibt bestimmte Zeichen, +aber vielleicht deutet man sie falsch. Geschehenes kann man nicht +rückgängig machen. Ich darf mich nicht betrügen lassen von meinen +Sinnen. Ich darf mir nicht genug sein. Ich bin bloß einer aus der Mitte +heraus und bin Rechenschaft schuldig. Es darf mir kein Zweifel +übrigbleiben. Wenn ich so einen Entschluß fasse, muß ich das Bewußtsein +haben: Gott will es. Kann ichs noch unterlassen, so heißt das so viel +wie Gott will es noch nicht. Man muß sich in acht nehmen und darf nicht +vorwitzig sein.« Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn und sah +kränklich aus. + +Aglaia faltete die Hände und blickte mit drolliger Verzweiflung gen +Himmel. »O Erasmus,« seufzte sie, »Sie zerreißen mir das Herz. Und da +gibt es Menschen, die einem harmlosen jungen Mädchen zumuten, Hoffnungen +auf Sie zu setzen. Es muß ja jammervoll in Ihnen aussehen. Das ist +schlimmer als die zehn ägyptischen Plagen. Nein; um Himmelswillen, +niemals! Passen Sie auf, Erasmus,« fuhr sie zutraulich fort, »ich bin +kein trockener Zunder, der beim ersten Funken Feuer fängt. Ich glaube, +ich bin in Sie verliebt. Warum soll ichs leugnen? Ich glaube, ich könnte +sogar Tollheiten für Sie begehen; nicht ganz große Tollheiten, gemäßigte +nur. Ziehen Sie daraus keine Konsequenzen, bitte; lassen Sie es ein Wort +sein wie guten Morgen. Jetzt, wo es eingestanden ist, ist ja Spiel und +Zauberei davon weg. Und sehen Sie, wie hübsch, daß ichs gefunden habe, +bei Spiel und Zauberei müßt es auch bleiben. Das andere, das muß +schauerlich sein mit Ihnen. Nur eine Komödiantin oder eine Heilige +könnte es aushalten.« + +Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene hinüber. Er hatte sein +spleeniges Lächeln um den Mund. Spiel und Zauberei, ja, das war einmal, +dachte er, das darf nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das +Zifferblatt der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegene da +gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte sich nicht +ganz, wollte ihm scheinen. + +Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten gelangt. +Sebastiane saß in der Sonne auf einem Gartenstuhl, vor ihr spielten ihre +beiden Mädchen im Sand, und der siebenjährige Wolf sah ihnen zu. Als er +Erasmus und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand +entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick Sebastianes +streifte das Gesicht Erasmus und das des Knaben. »Merkwürdig, wie +ähnlich er Ihnen sieht,« sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend. + +Während Aglaia ins Haus ging, ließ sich Erasmus auf einem zweiten Stuhl +nieder, und im spärlich fließenden Gespräch mit Sebastiane, die von der +halbverwachten Nacht müde war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf +den Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine Hände, seine Füße, +sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich entfernten Zweig ein +Eichhörnchen erspähte und auf Zehenspitzen, am Bord des Rasens, +hinschlich, erhob sich Erasmus und folgte ihm. Er redete ihn höflich an +wie einen Erwachsenen. Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen +der Bäume kenne; die Namen der späten Blumen, die noch blühten. Die +Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche und beherzte Art zu +antworten; der groß vertrauensvolle Blick; das Oval des Gesichts. Er +nahm ihn an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte über sich +selbst; er hatte sich nie mit Kindern beschäftigt, noch sich zu ihnen +hingezogen gefühlt; die Empfindung für Sebastianes Kinder hatte ihnen +nur in der Vereinigung mit der schönen Mutter gegolten. + +Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der seinen spürte, dünkte +er sich alt. Er erschien sich wie ein Baum, belastet mit Jahren, +beladen mit der Erinnerung an viele Wetter, viele stürmische Tage und +Nächte, Frost und Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt +nicht weit über seine Hüfte reichend, erschien ihm wie ein Schößling, +zart und kräftig, anschmiegend und edel, an ihm empor-, einer +unbekannten und zu fürchtenden Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten +Wege waren ihm plötzlich verhaßt; die weiße Front des Herrenhauses war +eine Gefängnismauer; »möchtest du mit mir zum Fluß gehen, Wolf?« fragte +er. Der Knabe bejahte erfreut. + +»Erzählen Sie mir eine Geschichte,« bat der Knabe. + +Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Fluß gelangt waren, der +dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, setzte er sich auf einen +moosigen Stein, legte den Arm um des Knaben Schulter, lächelte verlegen +und fing an: »Es ist kein Märchen, was ich dir erzählen will, es ist +eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. Am +Hof des Vizekönigs, Vizekönig nennt man den Stellvertreter des Königs +von England dort, mußt du wissen, am Hof des Vizekönigs also lebte unter +vielen andern Fürsten und Radschas ein bengalischer Fürst namens Lal +Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut litt, trotzdem er +reich und mächtig war, auch schön und klug. Solche Schwermut, weißt du, +ist für die Seele und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und +krankhafte Schwäche für den Körper; wer davon heimgesucht wird, der hat +an nichts in der Welt mehr Freude. So war das mit Lal Sarkar und wurde +mit der Zeit immer ärger. Die Ärzte wußten so wenig Rat wie die Freunde; +eines Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und sagte, er +solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama reisen, dort würde er +Heilung finden. Der Dalailama ist der oberste Priester der indischen +und chinesischen Welt, so wie der heilige Vater in Rom Herr über die +Christenheit ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheißen, rüstete +eine Karawane aus und reiste über das hohe Gebirge des Himalaya nach der +Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf kehrte er zurück, und zwar als ein ganz +anderer Mann, heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die +Verwandlung, daß auch am Hof des Vizekönigs, wo ich um diese Zeit +eintraf, das größte Erstaunen darüber herrschte. Wenn man sich aber +erkundigte, erfuhr man nicht viel mehr, als daß eben Lal Sarkar in Lhasa +gewesen sei. Mir ließ es keine Ruhe, und ich wußte es anzustellen, daß +ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends in sein Haus +eingeladen wurde. Das war nun wirklich wie ein Märchen, weißt du, dieser +Palast mit seinen Springbrunnen und vergoldeten Säulen und Bassins mit +Fischen und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei ihm, und +als wir ins Gespräch gekommen waren, fragte ich ihn nach dem, worüber +sich alle Europäer den Kopf zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt, +als er wie ein Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt +hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und feurig. Ich fragte +ihn also und fragte auch, ob ein Fremder wie ich wissen dürfe, wie das +vor sich gegangen und was mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewiß dürfe +ich es wissen, es sei nichts zu verheimlichen. »Ich habe den Dalailama +gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.« - »Das ist +alles?« fragte ich, »nur in sein Angesicht geschaut?« - »Ja,« antwortet +er, »nur das.« Und als ich verwundert, vielleicht auch ungläubig +schwieg, sagte er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon +vergessen: »Der Dalailama ist ein Knabe. Zwölf Jahre ungefähr, älter +nicht. Er sitzt auf einem Thron und lächelt. Sein Gesicht ist das +schönste Menschengesicht auf Erden, so schön, wie man es sich nicht +einmal im Traum vorstellen kann. Seine Stirn ist wie ein geschliffener +Edelstein und göttliche Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen +eine Güte aus, daß es jeden, auch den verhärtetsten Unhold bis ins Herz +trifft und er nicht anders kann als auf die Knie sinken. Sein Lächeln +genügt, damit aller Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge +aufhört. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, ist es, als sei +er fünftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, aber man küßt seine Hand und +weint. Vor Glück weint man. Er ist ein Knabe, aber er ist mächtiger als +Armeen und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Könige und Kaiser der +Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn anschaute, wurde +ich von meiner Schwermut geheilt.« So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das +ist meine Geschichte.« + +»Es ist eine herrliche Geschichte!« rief Wolf mit hingerissenem +Ausdruck, »die mußt du mir noch öfter erzählen.« In seinem begeisterten +Eifer dutzte er Erasmus plötzlich, und dieser ließ es sich gern +gefallen. + + * * * * * + +Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und sagte, Marietta +wolle ihn sprechen; sie fühle sich besser, obschon man fürchten müsse, +daß es ein trügerisches Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch +geäußert, sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei. + +Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war Bedauern über den +Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. Ein Tag hatte das Werk von zehn +Jahren verrichtet. Dämmerschwäche nietete den Leib in die Kissen und +Tücher. Heiße Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben. +In den Augen war gelbfahles Licht. Um das Haupt zu entlasten, waren die +Haare gelöst, und über das weiße Linnen floß die kupfrige Flut, +unvergangene Schönheit. + +Sie so hingeworfen und zerstört zu erblicken, war schlimm. Schlimmer der +Verlust; seine stumme Absage. Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem +Innern. Nichts, was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen +sein. Erinnerung an Zärtlichkeit war Scham; was ihm dieser Körper +geschenkt, was er ihm geraubt: Sünde. Da lag eine gefährdete Kreatur, +arm, entschmückt; nicht Weib, nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes, +nicht Teil seines Lebens mehr. + +Er flüsterte ihren Namen. Sie lächelte und erhob matt die Hand. + +Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. Marietta winkte ihm, er +setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie sagte: »Hör mich an, Erasmus. +Man weiß nicht, was einem zustoßen kann. Ich werde jedenfalls von bösen +Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfährst jetzt, was du erfahren +mußt. Hast du Wolf gesehen?« Er nickte; er erbleichte. »Wolf ist mein +Kind. Wolf ist dein Sohn.« + +Regungslos starrte er Marietta an. + +Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand auf die seine, die +nichts von der Berührung wußte: »Ich habe viel darüber nachgedacht, wie +du es aufnehmen wirst. Muß ich erklären, warum ich es vor dir +geheimgehalten habe? Prüfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. Es +ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, vor dem graute mir +immer. Es war gut, daß etwas zwischen uns war, das uns trennte, wenn wir +vereint waren und uns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich hätte +sonst manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, der für +dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, wenn du mir starbst. Du +bist mir sehr oft gestorben und ich mußte dasitzen und mein Herz in der +Hand halten und auf deine Auferstehung warten.« + +Noch immer regungslos, mit geschnürter Kehle, starrte er Marietta an. + +Sie berichtete mit wenig Worten, erschöpft schon, wann sie das Kind +empfangen, wann und wo sie es geboren, wie sie die Verhehlung +bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse Einzelheiten, an die +beweisenden Daten, sprach von ihrem Glück, von inneren Kämpfen, von +Angst um die Zukunft des Kindes, schwieg, schloß die Augen, wartete auf +ein Wort von ihm, aber es kam keines. Er saß regungslos und starrte sie +an. Es war eine unbezweifelbare, sogar eine heilige Wahrheit in ihrer +Stimme, in ihrem Blick, in ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit +nicht, er bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie +stand wie mit einem glühenden Schlüssel vor der Pforte des unbekannten +finstern Raums, von dem Marietta gesprochen, und fand keinen Einlaß. + +»Das Kind ist wohlgeraten,« sagte Marietta leise; »du wirst nicht nur in +seinem Äußern viel von dir erkennen. Ich verlange kein Gelöbnis von dir. +Dazu war alles zu schwebend zwischen uns. Du mußt ja auch erst mit dir +selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. Denke nach, +Erasmus. Jetzt geh; ich bin müde.« + +Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des Herzens. Angst, +Gewissensangst, Frieren des Blutes, bittere Unlust, Gefühl der +Einsamkeit, Selbstmißtrauen. Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich +er aus. Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. Im Haus +wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder Stunde. Doktor Schmidthammer +hatte eine Lungenentzündung konstatiert. Während des Soupers herrschte +die gedrückteste Stimmung. Die Gräfin saß da wie ohne Maske, alt und ein +wenig böse. Selbst Aglaias Miene war ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er +fürchtete sich vor den schönen Gesichtern. Er fürchtete sich vor dem +Blick heimlichen Einverständnisses, der ihn möglicherweise treffen +konnte, vor dem enttäuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, dem +mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte Tun, die verspielte Zeit, +die verspielten Worte. Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der +seekrank ist, nach festem Boden unter den Füßen. Nach Sicherheit, nach +Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung durch Umstände +und abgenötigten Beschluß, sondern nach der, die von oben kommt und +unwiderruflich, unwidersprechlich ist. + +Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von der Gesellschaft. Er +wollte allein sein. Im untern Flur ging er noch eine Weile auf und ab. +Bisweilen blieb er stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den +Wänden, Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit war +künstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein beunruhigtes Herz. Da kam +Frau von Gravenreuth die Treppe herunter; sie führte Wolf an der Hand +und redete mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus, +während der Knabe weiterging: »Er ist so erregt heute, wollte nichts +essen; ich weiß nicht, was ich mit ihm beginnen soll. Ich habe ihm +versprochen, noch ein wenig ins Freie mit ihm zu gehen.« + +Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mädchengesicht war ein +Lächeln, welches ausdrückte: wir kennen uns, wir sind Freunde; dazu +Zweifel, Zurückhaltung und ein suchender Blick. + +Das unerwartete Gegenüberstehen war Hölle für Erasmus. Er konnte sich +nicht entsinnen, je Quälenderes empfunden zu haben. Es ertönte das Wort, +das er selbst gesprochen, füllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum: +alle Legitimität stammt von Gott. Es schlug ihn in den Nacken; es war +ein flammender Pfahl, der ihn schlug. Enthielt es Wahrheit, so gab es +nichts daran zu mäkeln; war es Irrtum, so saß man am Wendepunkt und +verkrampfte sich ins Arge. + +Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in seinem Leben, fremd +hervorgetreten aus der Fremdheit, Geschöpf der Leidenschaft, +ungewünschtes, ungewußtes, unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand, +das hegenswerte, wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung und +Nachfolge. + +Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel hervorgeschossen und auf +Wolf zu. Der Knabe beugte sich nieder, um ihn zu packen; das Tier, in +spielgieriger Laune, entwich fauchend, kam zurück, sprang an den Beinen +des Knaben empor und drängte den Lachenden gegen die Wand. Ein kleiner +Schrei; Sturz eines Gefäßes; ein Klirren; die etruskische Vase, die auf +einem Säulenpostament neben der Tür des Musikzimmers gestanden, war +heruntergefallen und lag in Trümmern. Aus dem Speisesaal kamen die +Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher, flüchtete zur Herrin; +die Gräfin kniete mit bedauerndem Gesicht nieder, um die kostbaren +Scherben zu sammeln; Wolf war blaß geworden, sein Mund verzog sich zum +Weinen, und mit unwillkürlicher Bewegung griff er nach Erasmus Hand. +Erasmus, ebenso unwillkürlich, umfaßte die Hand des Knaben mit +tröstendem Druck, und die Betrübnis, die sich in seinen Mienen malte, +war kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene Vase. Doch +blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich zu dem Knaben niederbeugte +und eine formelhafte Beschwichtigung flüsterte. Schwere aber lastete nun +auf allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor herein Eugen +Sparre kam, der am Spätnachmittag fortgegangen war und jetzt +zurückkehrte. + +Erasmus entriß sich. In seinem Zimmer nahm er eine der theologischen +Schriften zur Hand, die er stets mit sich führte. Aber er konnte seinen +Geist nicht zur Lektüre sammeln. Es wurde spät, und er saß noch immer +mit aufgestütztem Kopf, grauem, umrißlosem Denken nachhängend. +Schließlich überwältigte ihn der Schlummer, im Sitzen. Es klopfte an der +Tür; er hörte es nicht. Es klopfte abermals; er schrak empor; rief, halb +im Traum. + +Es war wie Traum, als Sparre eintrat. + + * * * * * + +Die anfängliche Empörung Eugen Sparres hatte nicht lange gedauert, +obwohl Ferry Sponeck täppisch wie ein Bauer gewesen war. Da er die +Abneigung des Grafen Ungnad deutlich gespürt hatte, war ihm dessen +Verhalten nicht einmal so rätselhaft wie seinem Botschafter, um so +weniger, als sich Sponeck bemüßigt glaubte, zur Entschuldigung des +Freundes auf eine zarte Beziehung zwischen ihm und der Kranken +hinzuweisen. Was für Dickhäuter diese Menschen doch sind, dachte Sparre; +als ob dadurch der Schimpf harmloser würde. + +Man könne vorläufig nichts Rechtes unternehmen, faselte Ferry Sponeck, +der nicht wußte, wessen Partei er ergreifen sollte und zwischen der +alten Anhänglichkeit an Erasmus und der bewundernden Dämonenfurcht +schwankte, die ihn zu Sparre zog; Erasmus sei in einer kritischen +Verfassung, jammervoll sei ihm zumut; ob Sparre an ritterliche +Austragung denke? doch wohl kaum? Wenn ja, wolle er mit Georg Ulrich +Castellani beraten; jedenfalls sei er, Ferry Sponeck, in einer +verteufelten Zwickmühle. Sparre lachte. Nein, daran denke er nicht; er +gebe Satisfaktion auf die ihm angemessene Art und wünsche sie zu +erhalten, wie es sich für gesittete Menschen zieme. Er fühle sich so +wenig beleidigt, wie wenn er im Wald über eine Baumwurzel gestolpert +wäre; »man war achtlos,« sagte er, »das nächste Mal wird man aufpassen. +Mit Ehrenkränkung hat das nichts zu tun.« Worauf ihn Ferry Sponeck +kopfschüttelnd für einen unmäßig interessanten Mann erklärte. + +Sparre durchschaute den schlechten Schauspieler und hatte Nachsicht. +Unbekannt mit einer Welt, in die ihn der Sturm verschlagen, die seine +eigene aufwühlte, in die er wie zu einer bergenden Insel geflohen, nicht +aus Schrecken über den Sturm, sondern weil er zur Vollendung einer +wissenschaftlichen Schrift die Gelegenheit mit Freude ergriffen hatte, +die ihm eine vorübergehende Ruhestatt zu bieten versprach, fühlte er +stärker noch als unter dem ersten Eindruck das Erstaunen über alles, was +ihn umgab. + +Diese Menschen waren ihm wie alte Gemälde. Tod war über sie +hinweggegangen; Leben in seinem Sinn hatten sie nicht. Etwas wie goldner +Staub hing an ihnen, Gefesselte eines prunkenden Rahmens, verjährte +Ehrwürdigkeit. Sie sprachen, und ihre Worte waren nicht die der +Lebendigen; sie scherzten, und ihr Lächeln war bedungen, ihr Lachen +klang aus der Erde. Alles an ihnen war bedungen, gekettet, befohlen und +vorgesetzt; ihr traurigster Ernst war noch Spiel, Schattenspiel hinter +der Eisdecke. Sie waren einer glitzernden Lüge von Herrschaft +hingegeben, und sie wußten um die Lüge, lange schon, aber jeder +schmeichelte dem andern die Lüge weg. Sie glichen den Schwerkranken, +denen man Gesundheit einredet, mit leichter Mühe, weil ihre Seele +getrübt ist; die in jede Gebärde, in jeden Hauch ein Übermaß von +Hoffnung und Sorglosigkeit legen und nur die Täuschung wollen, sonst +nichts. Diese Stuben, diese Gänge, die glänzenden und alten Dinge, es +war ein Mausoleum, ausgeschaltet aus der Zeit, ohne Blut, ohne Kraft, +ohne Farbe. Menschenruf verstummte; ein summender Schall war, worauf sie +ängstlich lauschten; Menschenforderung galt ihnen für Unbill; sie +wohnten noch in der alten Form, sie hielten noch die abgeschnittenen +Zügel in ihren Händen, lächelnd, indes der Wagen still stand und die +Pferde entführt waren. + +Die anmutigen Frauen; wie gelassen sie dem Abgrund zuschritten, dessen +Phosphoreszenz sie über seine verschlingende Gewalt betrog. In einer +Sehnsucht schmolzen sie, die keine Erfüllung mehr finden konnte, aber +sie ahnten vom Unmöglichen nichts. Noch trieben sie Neckerei hinter der +Maske; noch gefielen sie sich in ihrem tändelnden Idiom aus verwehten +Epochen; nur kein Aufwachen, flehten ihre Mienen, nur kein rauhes +Berühren. Die glatten Glieder wohlig hingeschmiegt an gespenstische +Bilder; schwelgend in den pikanten Verfeinerungen, die ihre Fantasie +noch schenkte, wo doch das Wirkliche bereits hinter der Wand aufbrüllte; +sich als Letzte spürend, aber nicht als Vergangene, als Entrückte, aber +nicht als Verlorene. + +Eugen Sparre sah mit den Augen eines Forschers und eines Kindes. Die +Regionen und die Jahre, aus denen er kam, hatten ihn in der Strenge der +Betrachtung geübt. Empfundenes und Geschautes nicht zu verfälschen war +sein innerstes Amt. Schmucklos war alles in ihm, an ihm und die Bahn +hinter ihm. Unverwöhnt und unerweicht, besaß er die Kraft, Leiden zu +überwinden und zu erkennen. Das Durchlebte war ihm oft wie giftiger +Rauch. Er hatte gegen jede Art von Bedrückung getrotzt, jede Art von +Erniedrigung erfahren. Er hatte die Ellbogen gespreizt und sie zu +eisernen Balken gemacht, um nicht zu Brei zerquetscht zu werden. +Hinaufgeklommen an den schlüpfrigen Quadern des Riesenbaus, von dem auf +halbem oder Viertelweg die Schwächlinge und Übergierigen abgestürzt +waren, um sich unten die Schädel zu zertrümmern, hatte er mit kühlem +Kopf seinen Platz erobert, der Pflicht, die er gewählt, die ihn gewählt, +unerschütterlich gehorsam und schicksalkennend wie nur diejenigen sind, +deren Herzschlag der Herzschlag des Jahrhunderts und des Volkes ist. Er +hatte ungeachtet seiner Jugend zu den Propheten der großen Wandlung +gehört; er hatte sie errechnet, sie war ihm Ergebnis logischer Erwägung, +und mitten in der Taifunwelle war er leidenschaftslos geblieben, +Beobachter, Arzt. Er war heiter geblieben, ohne aufrührerische Gelüste, +dem Element vertrauend, es liebend beinahe, in jeder Verwüstung eine +höhere Ordnung vorauswissend, denn alles war Notwendigkeit, Geballtes, +Gerafftes, Gefügtes, Wüten von Lebenskeimen gegen Todeskeime, +Erneuerungsraserei des fiebernden Menschheitsleibes, Wiedergeburt aus +Agonie, Qual und Wahnsinn der sterblichen Einzelnen im unsterblichen +Ganzen. + +Von allen, die auf Rienburg um ihn waren, hatte Graf Erasmus Ungnad +seine Aufmerksamkeit am meisten gefesselt. Der erste Anblick des +gespannten, leidenden, hochmütigen, geschliffenen Gesichts hatte ihn als +Erscheinung berührt. In einem Nu hatte er so scharf wie den andern sich +selbst erfaßt, eben sein Anderssein und Andersmüssen, das völlige +Widerbild, wie Pol gegen Pol. Und Sonderbares war geschehen: er hatte +Schmerz verspürt. Da war Figur; ja, Figur, wie die Sage sie gibt; +umschlossene und einsame Gestalt; heimatlose Gestalt; in finster +gewordenem Raum mit einer Haltung schreitend, als sei noch Licht die +Fülle; müde wie einer, der Schätze getragen hat; ungegenwärtig, +verfangen, versponnen, tragisch hinabgehend, von sterbenden Illusionen +begleitet, der irrende traurige Ritter; der Adlige. Das war er, der +adlige Mann, Überbleibsel und Anachronismus, der, dem auch Gott nur eine +Form ist, wie Graf Castellani gesagt hatte, der es nicht nahm, nicht +wollte, daß sein Reich aufgehört hatte zu sein und der von der Zeit +nichts zurückbehalten hatte als die Jahre, geschäftige Symbole, doch +leer und sinnlos. + +Die Erschütterung wirkte fort in Eugen Sparre. Sie war derart, daß sie +auch durch die beleidigende Feindseligkeit des Grafen nicht vermindert +wurde und gab ihm so viel zu denken, daß er seine Arbeit darüber vergaß. +Die persönlichen Verhältnisse Ungnads flößten ihm, jenem Allgemeinen +gegenüber, nur geringe Teilnahme ein; trotzdem horchte er bei den +Andeutungen Ferry Sponecks auf. Sponeck hielt sich in dem Fall nicht zur +Verschwiegenheit verbunden; was alle Welt wußte, konnte auch Sparre +wissen; für Sparre war es Bestätigung, die den Charakter noch tiefer +erleuchtete. Er erblickte Verborgenes, und was seinem Auge entging, +vervollständigte die Kombination. Diese Geschicke ließen sich +wunderlich leicht entziffern; ihre Hieroglyphen bedurften nicht einmal +der Geduld. So zuckte für ihn greller Schein um die Szene im Flur, als +er ins Haus trat und alle um die zerbrochene Vase herumstanden. +Sekundenkurzes Schauen genügte; haften blieb in Blick und Gedächtnis der +mädchenhaft zarte Knabe neben dem überschlanken Erasmus Ungnad, das +Gebeugte und Zerquälte an ihm, das zitternd Aufgestörte im Wesen des +Kindes, die unverkennbare Ähnlichkeit in der Gesichtsbildung beider, +etwas Unsagbares von Verkettung. + +Als Erasmus verschwunden war, las Baronin Polyxene die Scherben auf; +Ferry Sponeck kniete ebenfalls hin, um ihr zu helfen. Da sagte Sparre, +man möge ihm die Stücke überlassen; wenn er Klebestoff bekommen könne, +getraue er sich, die Vase wieder zusammenzusetzen; er habe dergleichen +schon oft versucht, und mit Glück. Die Beschädigungen waren in der Tat +nur geringfügig; die beiden Henkel und ein Teil des oberen Randes waren +abgebrochen, ferner war in der Ausbauchung ein rundes Loch. Man sah ihn +verwundert an; Ferry Sponeck nickte eifrig und versicherte: »Ja, darauf +versteht er sich, er hat auch mir einmal eine Sevreschale geleimt, er +ist überhaupt ein Tausendkünstler.« Die beflissene Fürsprache erweckte +Heiterkeit, auch bei Sparre selbst, Niklas wurde gerufen, der nach einer +Weile ein Töpfchen mit Leim brachte, Sparre packte die Vase samt den +Scherben in ein Tuch und begab sich damit in sein Zimmer. + +Er hatte von dem Zweck seines Beginnens keine deutliche Vorstellung. Es +war ihm ein in das Kleid einer Parabel gehüllter Scherz; eine Mitteilung +von ungewisser Tragweite und unbestimmtem Inhalt. Während er mit +Sorgfalt die Bruchstellen aneinanderfügte, kleine Splitter mit +geschickter Hand einpaßte, lächelte er häufig. Als er nach zweistündiger +Arbeit fertig war, ging er zum Fenster; Ungnads Zimmer lag dem seinen +schräg gegenüber, wie er wußte. Er sah noch Licht bei ihm. Da nahm er +die Vase vorsichtig in die Hand, prüfte das Werk noch einmal, überzeugte +sich von der Haltbarkeit der zusammengesetzten Teile und verließ das +Zimmer. + + * * * * * + +Erasmus fuhr auf. »Was wollen Sie?« stotterte er, »was bedeutet das?« Er +starrte auf das tönerne Gefäß. + +Sparre stellte die Vase auf den Tisch. »Wenn man morgen die Bruchlinien +abfeilt, wird der Schaden kaum mehr bemerkbar sein,« sagte er. + +»Aber was soll es denn heißen?« murmelte Erasmus. Er hatte sich erhoben, +stand frostig da, stirnrunzelnd, abweisend. + +»Ich hatte den Eindruck, als sei Ihnen der kleine Unfall nah gegangen,« +sagte Sparre; »ich weiß selbst kaum, warum ich mich verpflichtet fühlte, +ihn wieder gutzumachen. Vielleicht wollte ich damit auch eine mir +geschehene Widerwärtigkeit aus der Welt schaffen. So etwas ist störend, +wenn es auch mein Gleichgewicht nicht beeinträchtigen kann. Wo der Hieb +nicht trifft, ist keine Wunde. Da Sie mich als Arzt für einen Menschen +verpönt haben, habe ich mich begnügt, Arzt bei einem Ding zu sein. Das +Ding ist leidlich geheilt, wie Sie sehen.« + +Die Stimme klang fast hohl, in ihrer Baßtiefe schleifend. + +»Ich verstehe nicht,« stieß Erasmus hervor; »Sie wollen sich über mich +mokieren, scheint mir ...« + +Sparre blickte zu Boden. »Merkwürdig, daß Sie es nicht verstehen,« sagte +er wie im Selbstgespräch. »Gibt Ihnen denn das keinen Fingerzeig, daß +ich, der Mensch, den Sie hassen oder glauben hassen zu müssen, der +Mensch Ihrer Abkehr und Ihres Grauens, dem Sie die unverdiente Ehre +einer entscheidenden Funktion zuweisen, daß dieser selbe Mensch etwas +Zerbrochenes für Sie wieder ganz gemacht hat?« + +Erasmus stutzte. Vor Unwillen rötete sich seine Stirn. »Für mich ganz +gemacht? Für mich? Wirklich, Sie erlauben sich ungebührlichen Spaß, Herr +Doktor Sparre ...« + +Sparre schlug langsam den Blick auf. »Ich möchte gern in anderm Ton mit +Ihnen sprechen, Graf Ungnad,« sagte er verhalten. »Sie gehen im +Wesentlichen fehl. Ihre Voraussetzungen sind falsch. Ich sah eine Not. +Als der Krug da herunterstürzte, sah ich eine Menge Zerschmettertes +liegen. War der Knabe eigentlich schuld und sein Spiel mit dem Tier? Er +fühlte sich aber schuldig, und als Sie seine Hand faßten, hatte ich den +Eindruck, als ob Sie sich für seine Schuld mitverantwortlich fühlten. +Aber Sie haben es doch nicht gewagt, für ihn einzustehen. Was liegt an +diesem altertümlichen Kram, Graf Ungnad? Wenn ihn das Aufräumweib vor +mir auf den Kehricht wirft, schau ich nicht einmal darnach hin. Es +entspricht auch nicht meiner Überzeugung, daß man Zersplittertes wieder +kitten soll. In diesem Fall habe ich mich entschlossen, die Überzeugung +zu verleugnen. Ich dachte, es sei gut, es sei nützlich. Ich dachte, ich +könne Ihnen damit etwas beweisen. Verstehen Sie mich noch immer nicht?« + +In der Tat, Erasmus begriff nichts. Sein Gesicht zeigte +Ausdruckslosigkeit und erbittertes Unbehagen. Die Unterlippe stülpte +sich; die Handfläche rieb sich an der Lehne des Stuhls. + +»Also will ich klarer sein,« fuhr Sparre etwas gedrückt fort, denn er +hatte flüssigere Verständigung erwartet; »ich habe etwas über mich +vermocht, was meiner Natur und Lebensrichtung diametral entgegen ist. +Ich habe etwas versucht, wozu ich mich bisher habe nie gewinnen können, +das geistig Geschiedene zu überbrücken, dem, was streng und unbedingt +jenseitig für mich ist, mich zu nähern. Ist es hoffnungslos? Diese +Tonvase, ich stelle sie her wie einen Markstein, an dem wir uns treffen +können, Sie von Ihrer Seite, ich von meiner. Es ist ein Augenblick, der +nie wiederkehrt, nie wiederkehren kann. Die Wahrheit, die mich jetzt +antreibt und erfüllt, ist sicher nur eine einmalige Flamme. Vielleicht +ist dabei etwas in mir von dem geheimnisvollen Verwandlungsinstinkt der +Insekten. Vielleicht kann ich den analogen Prozeß in Ihnen +beschleunigen. Entziehen Sie sich nicht. Sich auflehnen gegen den Gang +der Sterne ist kein Heroismus, das Unabänderliche verfluchen keine +Frommheit. Wenn ich Ihnen entgegenkomme, bis zu dem mühsam geleimten +Krug auf dem Tisch da, so seien Sie nicht taub für mein #qui vive;# Sie +wissen ja, die Posten haben scharfe Ordre. Ich verlange ja nicht +Kameradschaft; ich habe nur erfaßt, was mir, was uns dienen kann. Es +gibt verschiedenerlei Tugenden, Graf Ungnad, verschiedenerlei Mut und +verschiedenerlei Feigheit, verschiedenerlei Grausamkeit und +verschiedenerlei Güte. Ich und die meinen, wir können nutzen, was Sie +und die Ihren im Lauf der Jahrhunderte an Erntegut in die Scheunen +gebracht haben, an blutgehärtetem Stahl und geraffter Muskel und +geweihter Lehre und dem Glauben daran und an Erfahrung, die durch die +Geschlechter veredelt ist, an geschmolzenem und gemünztem Gold des +Lebens. Es ist der Tag vielleicht nicht fern, wo wir zugreifen und +dankbar quittieren, wenn wir uns vom ersten Rausch und Anprall erholt +haben. Denn sonst sind wir auf unserer Seite so verloren wie Sie auf +Ihrer; ein Rachen wird uns schlucken, der keinen Unterschied macht +zwischen mehr oder weniger fein gemahlenem Korn. Und Sie, lockern Sie +die zu straff gezogenen Schrauben. Geben Sie nach. Werfen Sie das +Zerbrochene, auch wenn es kostbar, auch wenn es noch so meisterhaft +gekittet ist, auf den Kehricht. Alte Form muß sterben. Und Gesetze +sterben wie Formen und wie Menschen. Dagegen ist keine Hilfe als das +Leben.« + +Er stand noch eine Weile und schaute über Erasmus hinweg, der sich nicht +rührte. Dann verließ er mit zeremoniöser Verbeugung den Raum. + +Erasmus rührte sich noch immer nicht. Suada haben diese Leute, dachte +er, und senkte in peinlicher Benommenheit den Kopf. Aber die +Benommenheit wuchs und wuchs. Er fing an auf und ab zu gehen. Es schien +ihm, als zerspalte sich der Boden unter seinen Schritten. Einmal seufzte +er und lauschte, weil ihn dünkte, das Seufzen käme aus der Mauer. Wenn +man die Schwere der Niederlage mildern könnte, ging es ihm, scheinbar +zusammenhanglos, durch den Sinn. Und darauf wieder: ich weiß, daß sie +sterben wird; heute nacht wird sie sterben, ich weiß es. »Erlöse uns von +dem Übel,« murmelte er vor sich hin, das Taschentuch an die Lippen +pressend, »und führe uns nicht in Versuchung.« + +Abermals lauschte er. Es war still im Hause, und doch lag in den Ohren +weitentferntes, gräßliches Geschrei. Jemand ging im Korridor vorüber. Er +öffnete die Tür; es war finster. Der Schlaf der Bewohner wälzte sich +her, zu schwarzem Schlamm gestockt. Er zündete eine Kerze an und ging, +die Flamme mit der Rechten schützend, den Flur entlang. Auf einmal +prallte er zurück. Auf der Schwelle einer Tür stand eine Frau. Sie +hatte die Hände vors Gesicht gelegt; so stand sie, gegen das Zimmer +gewandt, in dem eine umhüllte Lampe brannte. + +Es war Helene Gravenreuth. Sie drehte sich um, ließ matt die Arme +fallen. »Schlimm steht es,« hauchte sie. + +Er schwieg. + +»Kommen Sie herein,« sagte sie, »hier schläft Wolf; die Pflegerin hat +mich eben jetzt bei Marietta abgelöst. Aber leise, bitte, das Kind +schläft spinnwebdünn heute.« + +Er trat ein. Er ging zum Bett des Knaben, nachdem er die Kerze verlöscht +und weggestellt hatte. Er flüsterte: »Es ist alles so sonderbar, +Baronin, so sehr sonderbar.« Seine Wangen wurden fahl, plötzlich kniete +er nieder und betete. + +Frau von Gravenreuth schloß die Tür. »Ich war nicht vorbereitet,« sagte +sie mit erstickter Stimme, als Erasmus sich erhob, »bin es noch immer +nicht. Was wird werden, Graf?« + +Erasmus setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sie +wissen ja, weshalb ich hierhergekommen bin,« sagte er. + +Sie nickte. »Ich weiß,« erwiderte sie. »Sie wollten um eine der +Komtessen werben, Sie wollten heiraten.« + +Er fuhr fort: »Nun wird es anders kommen. Nicht eine Frau werd ich +heimbringen, sondern einen Sohn.« + +»Aber wie soll es werden, Graf Erasmus, mit diesem Sohn?« fragte Frau +von Gravenreuth mit bleichen Lippen. + +Erasmus begegnete ihrem zaghaften Blick und antwortete: »Es muß in Liebe +werden und im Gesetz, denk ich.« + +Ein Geräusch ließ beide zusammenfahren. Wolf war erwacht. Er hatte sich +aufgerichtet und schaute mit den tauhaft strahlenden Augen herüber, mit +denen Kinder den Schlummer verlassen. Frau von Gravenreuth streckte die +Arme aus, als beschwöre sie ihn; Erasmus trat neben ihr an das Bett. + +»Erzähl mir vom Dalailama,« sagte die helle Glockenstimme des Knaben. + + + + +Jost + + +Der Gebieter des Himmels ließ sein Donnerwort ergehen, und wie glänzend +gefiederte Schwäne im Sturm eilten die gehorsamen Heerscharen vor seinen +unvergänglichen Thron. Da erlas der Herr den Erzengel Michael und sprach +zu ihm: + +Ich bin irre am Geschlecht der Menschen. Nie hat solcher Kummer die Erde +gefüllt; Klage und Anklage erhebt sich maßlos. Schwer ist es, zu wissen, +ob sie allesamt Verlorene sind, schwer zu erkennen, ob in allen der +Funke erloschen ist, der ihnen als Teil der Göttlichkeit in die Brust +gehaucht ward. Ich will eine Probe machen. Geh hinab zu ihnen, du +scharfäugiger Spürer, und suche unter den Verstockten den +Verstocktesten, unter den Umschlossenen den Umschlossensten. Nicht um +den Übeltäter geht es, merke wohl; um den Gleichgiltigen geht es. Den +Unscheinbaren, der in der Trägheit verhärtet ist, sollst du suchen in +seinem umfriedeten Bezirk; den, dessen Linke nicht weiß, was die Rechte +tut. Und wenn du zurückkehrst und sprechen kannst: ich habe ihn +erweicht, ich habe ihm die Binde von den Augen gerissen, und er vermag +zu sehen, dann soll ihnen noch einmal Gnade gewährt sein und Aufschub +des letzten Gerichts. + +Der Engel senkte stumm das Haupt, und während ihn gewaltige +Posaunenschälle umdröhnten, verließ er in seiner großen Schönheit die +erhabene Region, um den Befehl des Herrn zu vollziehen. + + * * * * * + +In einer Wirtsstube saßen beim trüben Licht mehrere Beamte der Stadt, +Notabilitäten in ihrer Art, um einen Tisch. Bis auf einen armselig +aussehenden Menschen, der in der Nähe des Ofens kauerte und zu schlafen +schien, waren sie die einzigen Gäste. Da sie ihn kannten, auch seiner +nicht achteten, brauchten sie sich im Gespräch keinen Zwang +aufzuerlegen. Er hieß Jost und war ein Kleinbürger, dem Anschein nach +ein Agent oder Vermittler, der an gewissen Abenden kam, um dem Wirt +Lieferungsgeschäfte anzutragen. + +Die Unterhaltung drehte sich um die Trostlosigkeiten des Alltags. +Verärgerung lag jedem im Gemüt, Lebensangst den meisten. Still verhielt +sich nur einer, nicht weil er weiser oder zufriedener, sondern weil er +bequemer war. Auch dann nahm er nur stummen Anteil, als der trübseligen +Gegenwart die glänzende Vergangenheit entgegengehalten wurde, in deren +schwachem Widerschein sie sich ihrer Sorgen entledigten. Die Welt, war +sie auch zum Erbarmen zugerichtet, einstmals hatte sie ihnen eine +festliche Zeit gegeben, und unter diesem Einstmals verstanden sie den +Krieg, zumindest seinen Anfang. Da war auch dem Abseitigen unerwartet +Macht zugefallen, sofern er nur mit dem allgemeinen Strom geschwommen +war, und wie erst, wenn er sich mit seiner Person für das Ziel erklärt +hatte. Macht, Bewegung, Wechsel der Geschehnisse; es klang schon jetzt +nicht anders als wie es schönfärbende Fibeln den Späteren melden. Auch +die sich tätigen Dabeiseins nicht rühmen konnten, ergingen sich breit +im Nachgenuß martialischer Erinnerungen. Was Blut und Not und Tod; +erlogene Gespenster. Die triumphierende Wahrheit war dort, wo man Ehre +gewonnen, wo man sich eingesetzt und gespürt hatte. + +Postoffizial Erbegast, als beredtester Schwärmer, sprach davon, wie man +Raum gehabt, im Westen, Osten, Süden, überall Raum, Weite, Luft, +Landschaft, Freiheit. Raum und Gelegenheit. Quartier in Schlössern, +Fahrten ins Unbekannte, neue Städte, neue Menschen, neue Dinge, zwischen +Morgen und Abend keine Langeweile. Wenn man da erzählen wollte! Wie es +wohltat, sich der Fülle zu erinnern. Er wandte sich lebhaft und +herausfordernd an den Schweigsamen, Rechnungsrat Siebold, und ermunterte +ihn zur Zustimmung. Mit bloßem Kopfnicken wollte er sich nicht abspeisen +lassen. Der Schweigsame ist nicht beliebt, wenn Geister erglühen. +Siebold sollte laut bestätigen, da er es doch aus Erfahrung zu tun +imstande war, daß man Unvergleichliches gesehen und erlebt habe. Oder +sei an ihm die Herrlichkeit spurlos vorübergegangen? + +Ungern sah sich Siebold in die Mitte der Aufmerksamkeit versetzt. Er +liebte es nicht, sich mit Gewesenem zu beschäftigen. Ihm lag der +gestrige Tag schon fern. Unter den fragenden Blicken der Tischgenossen +stiegen wohl Bilder aus entlegenen Gehirnschächten empor, aber es +gestaltete sich keines. In den Jahren, er zählte die Jahre nicht, waren +sie ihm abhanden gekommen, kaum daß er sie noch als eigenen Besitz +erkannte. Blasse Farben, schattenhafte Figuren, verhallte Worte. Was +berührte einen daran? Man war ein anderer. Jahre! Was ist nicht ein +einziges an Gedehntheit! Zudem war er nur vier Monate draußen gewesen; +kleiner Fähnrich, freudlos wie tausende. Man hatte ihn darnach in ein +Proviantlager geschickt, und als er dort erkrankt, war er auf seinen +Platz im Amt zurückgekehrt, wie wenn die Zwischenzeit ein unergiebiger +Ferienausflug gewesen wäre. + +Es dünkte ihn aber, daß ihn Offizial Erbegast sticheln wollte. Auch die +übrigen betrachteten ihn mit ironischen Blicken, als trauten sie ihm +besondere Erlebnisse nicht zu und hegten nicht einmal die Erwartung, daß +er sich zu solchen bekenne. Das verdroß ihn. Sein bedrohtes +Selbstbewußtsein richtete sich wehrhaft auf. Er begriff die +Notwendigkeit, den spöttischen Zweiflern Achtung abzuringen und forschte +in seinem Gedächtnis. Nicht vergeblich; die verkniffene Miene erhellte +sich; ein Vorfall fiel ihm ein, bei dem er handelnd mitgewirkt. Da er +sich der Einzelheiten nur ungenau entsann, dauerte es geraume Weile, ehe +seine Erzählung in verständlichen Fluß kam. Doch die Zuhörer zeigten +Geduld, und so hatte er Muße, der schwerfälligen Erinnerung den Verlauf +abzuzwingen. + +Die Geschichte war in keiner Weise ungewöhnlich. In einem galizischen +Dorf waren sieben Menschen unter dem Verdacht der Spionage eingebracht +worden. Die Beschuldigung lautete, sie hätten dem Feind durch das +Dachfenster des Gemeindehauses, in welchem sie zusammengepfercht +gefunden worden waren, Lichtsignale gegeben. Siebold hatte das Protokoll +aufgenommen. Nur einem unter ihnen, einem riesenhaft gewachsenen +Burschen, hatte das Verbrechen nachgewiesen werden können; bei den +andern sprachen gewichtige Umstände dafür, daß sie die Opfer böswilliger +Angeberei waren. Trotzdem hatte der Hauptmann alle Sieben nach einem +summarischen Verhör kurzerhand zum Tod verurteilt: drei Juden, ein +siebzehnjähriges polnisches Mädchen, einen zwölfjährigen Knaben, einen +sechsundsiebzigjährigen Greis, und den Rädelsführer der Bande, eben +jenen Riesen. + +Ein Tropfen im Meer der Ereignisse; ein paar vernichtete Leben mehr +neben den Millionen. Die Welt hatte wohl kaum eine Kunde davon erhalten. +Auch jetzt, wo es die Merkmale der Verjährung und der erfahrenen +Häufigkeit trug, konnte solches Standgericht kein tieferes Interesse +erregen als eines, das aus Höflichkeit dem Erzähler gebührt. Mochte auch +der eine oder der andere die Willkür empfinden, die dabei gewaltet und +dem in halben Andeutungen Worte verleihen, so wurden die schüchternen +Einschiebsel leicht mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit abgetan. Für +zarte Gemüter war die Zeit nicht geschaffen; die Moral bürgerlichen +Lebens, das humane Gesetz, hatte da keine Giltigkeit mehr, wo man sich +täglich seiner Haut wehren mußte. Wer auf seinem Posten stand und der +Vorschrift genügte, war entlastet. »Die Gegner haben es genau so +gehalten,« wurde gesagt; »weil wir in der Patsche sitzen, spuckt man uns +ins Gesicht, und sogar im Lande selbst entblödet man sich nicht, Leuten, +die ihre Pflicht erfüllt haben und als Helden gefeiert würden, wenn das +Glück bei uns geblieben wäre, soviel wie möglich am Zeug zu flicken.« +Jawohl, bemerkte hierzu der Offizial bissig, die Menschen seien eben +Schweine und von ihrer schweinischen Natur könne man nichts Besseres +erwarten. + +Nach diesem Intermezzo nahm Siebold den Faden wieder auf. Da er nun zu +sprechen begonnen hatte, wollte er seine Sache auch bis zum Ende führen. +Das Wort hatte ihm Hilfe geleistet und Bild um Bild aufgefrischt; er +wunderte sich selbst über die wiederbauende Fähigkeit der Erinnerung und +gefiel sich in seiner Rolle des Mitrichters über Schicksale. Er +verweilte. Er ging in der Schilderung zum Kleinen und Intimen; mit +behaglicher Ausführlichkeit beschrieb er die traurige Gegend, das +verwahrloste Dorf, die Armut der Menschen, sogar das regnichte Wetter, +das geherrscht hatte. Dann erzählte er von der jungen Polin; wie trotzig +sie alle angeschaut mit ihren schwarzen Augen; er hatte den Namen +gewußt; er hatte ihn vergessen. Er besann sich und fand ihn. Katinka war +der Name gewesen. Als wohne dem Namen Leuchtkraft inne, wurde +gegenwärtig, wie sie stolz und wild die Antworten verweigert, auch als +man ihr den Revolver vor die Stirn gehalten; auch als man ihr +versprochen, den Knaben, ihren Bruder, zu schonen. Immer wieder betonte +er die teuflische Halsstarrigkeit des Mädchens, schließlich mit +Einschaltung eines lasziven Witzes, der, wie billig, belacht wurde. +»Glauben Sie, meine Herren, sie hätte die Zähne voneinandergetan? Um +keinen Preis. Eher noch die Beine, scheint mir.« + +Als der Spruch gefällt war, hatten sich alle, mit Ausnahme der Katinka +und des Riesen auf die Knie geworfen. Die Juden vor dem Hauptmann, das +Bürschchen vor ihm. Das Bürschchen hatte seine Beine umschlungen und +jämmerlich geschluchzt, bis es die Schwester angeschrieen und weggerissen. +Der alte Mann hatte ihm fortwährend die Hände geküßt und unverständliche +Worte gelallt. In die größte Verzweiflung waren aber die drei Juden +geraten. Mit gellenden Anrufungen Gottes hatten sie ihre Unschuld +beteuert, sich die Haare gerauft und an den Kaftanen gezerrt. Einer, mit +fuchsrotem Bart und käseweißem Gesicht, hatte sich äußerst demütig +betragen; als aber der Hauptmann, dem das Unwesen zu lärmend wurde, den +Befehl erteilte, die Gesellschaft abzuführen, war es gerade dieser, der +die Arme gegen ihn streckte und eine alttestamentarisch-gräuliche +Verfluchung ausstieß. + +Eine gespenstische Idylle, gerahmt in Selbstzufriedenheit, beschloß die +Darstellung: nächtlicher Regensturm; Siebold auf Runde; an den Ästen von +sieben Pappeln neben der Chaussee sieben Leichen, schwankend im Wind, +unheimliche Kleiderbündel, unheimliche Gerippe, schief, schlapp, +verbogen wie die Vogelscheuchen, und in der schwarzen Ebene ein +klagend-verklingender Ruf. + +Da dem Offizial die Düsterkeit des Gemäldes nichts anzuhaben vermochte, +weniger aus Herzenshärte, als weil seine Einbildungskraft, wie übrigens +bei alle diesen, das Entscheidende nicht zu fassen vermochte, schreckte +er vor der zynischen Erkundigung nicht zurück, ob denn die wilde Katinka +ihre vermeldeten Beine nicht hätte nützlich gebrauchen wollen oder +können. Im selben Augenblick erhob sich der schlafende Kleinbürger oder +Agent Jost mit störendem Geräusch. Er trat an den Tisch der Herren, +schüttelte sich raschelnd, feixte verlegen, und während er irgendwelche +Laute vor sich hinmummelte, betrachtete er einen um den andern; zuletzt +blieben seine Augen, zwei kleine, glitzerige Messingscheibchen wie bei +Katzen, auf Siebolds Gesicht haften, mit einem so neugierigen und +boshaften Ausdruck, daß es dieser als Belästigung empfand und ihn +stirnrunzelnd musterte. Ein Unbehagen blieb. + +Doch war seine Haltung aufrecht und seine Stimmung geläutert, als er +durch die abendlich finstern Gassen seinem Heim zuwanderte. Ein +zurückgedrängtes Stück seiner inneren Person war an dem Abend zu neuem +Wertbewußtsein erwacht. Er folgerte daraus, daß dem geistig und sozial +entwickelten Menschen Gedankenmitteilung und Gespräch mit +Gleichgearteten zu einer Vermehrung des Kräftevorrats verhelfe. Man +müsse sich zu erkennen geben, war die Lehre, die er daraus zog; man +dürfe sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Zufällig hatte er +eine abgebrochene Brücke wieder geschlagen, vernachlässigtes Lebensgut +in Sicherheit gebracht; und siehe, er befand sich wohl dabei. Die +Färbung der Existenz war intensiver, der Schritt gewichtiger, der Blick +bedeutender. Er blieb stehen, sog Luft in die Lunge, nahm eine Zigarre +aus dem Behältnis und zündete sie an. + +Das Ziel des Weges stand nicht im Einklang mit seiner Gehobenheit. +Sechzehn Quadratmeter Raum und vier Betten: das eheliche Schlafgemach. +Im Vorgefühl umfing ihn schon die trübe Enge. Die beiden Kinder, die +sich von Zeit zu Zeit auf dem Lager wälzten und im Traum redeten. +Kleider und Wäsche auf den Stühlen; Schuhe auf dem Boden; die Vorhänge +über den Fenstern morsch; oval gerahmte Familienphotographien an den +Wänden, deren Tünche zu bröckeln begann; die Decke vom Schlafdunst +vieler Nächte geräuchert. Als sicher war anzunehmen, daß die Frau +erwachen würde; mit den steifgeflochtenen Zöpfen würde sie sich +aufrichten, blaß, vergrämt, verdrossen; würde fragen, wo er gewesen, +warum er so spät kam; würde ihn mit ihren häuslichen Miseren quälen: +etwa daß sie beim Händler kein Gemüse, beim Kaufmann keinen Zucker +bekommen; daß weder Kohle, noch Holz, weder Brot noch Mehl im Hause sei; +daß das ältere Töchterchen über Halsschmerzen geklagt und wahrscheinlich +Fieber habe. Es wollte ihn bedünken, als gehe dies alles wider die +Würde. Man war Beamter mit Machtbefugnissen. Es war ein Zwiespalt +zwischen seiner Stellung im öffentlichen und im privaten Leben; +unversöhnlicher Konflikt. Der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung +genoß Ehren; er wollte es nicht verkennen, noch mißachten. Menschen +zitterten vor ihm. Menschenwohl und -wehe war in seine Hand gegeben. Der +Gatte, der Vater war zur Geringfügigkeit verdammt, niedergezwungen auf +die Straße der Vielen. + +Er schob es fort. Es gelüstete ihn nach Aufmunterungen. Neulich hatte er +auf demselben Weg ein Mädchen getroffen und war mit ihr gegangen. +Ungeachtet ihres niedrigen Gewerbes, das zu verabscheuen er als Mann von +makellosem Ruf und geachteter Position verpflichtet war, hatte sie ihm +gefallen. Es gibt Heimlichkeiten in der Lebensführung, durch die man nur +etwas aufs Spiel setzt, wenn sie aufhören, Heimlichkeiten zu sein, also +wenn man unvorsichtig ist, wenn man Spuren hinterläßt, wenn man die +Grenze nicht respektiert. Sabine Jäger war ihr Name. Ihre Haare waren +gelb wie frisches Holz, eine anziehende Besonderheit; sie hatte +Temperament und war verhältnismäßig noch unverdorben. Als sie davon +gesprochen hatte, ihn wieder zu treffen, hatte er sich nicht ablehnend +verhalten. In selbstbetrügerischer Zerstreutheit lenkte er den Schritt +nach der Richtung, wo sie wohnte. + +Da drang ein Gruß an sein Ohr. Betroffen drehte er sich um und erkannte +den Agenten Jost, der ihm gefolgt war. + + * * * * * + +Er trug ein gelbes Mäntelchen, das kaum bis zu den Hüften reichte. In +die schlottrigen Ärmel hatte er die Hände wie in einen Muff gesteckt. So +trippelte er vorüber. Aber plötzlich zögerte er, wartete, bis Siebold +herankam und sagte mit einer dünnen, hohen, quietschenden Stimme, es +freue ihn, den Herrn Rechnungsrat noch getroffen zu haben; er habe nicht +gewußt, daß der Herr Rechnungsrat in dieser Gegend zu Hause sei. + +Zwischen Herablassung und Mißlaune brummte Siebold ein paar leere +Worte, und jener machte Anstalten, weiterzugehen. Wieder trippelte er, +wieder hielt er inne. »Weit ists,« seufzte er, zog die Hände aus dem +Ärmelmuff und griff nach dem lächerlich flachen Melonenhut mit +ausgefransten Rändern, den ein Windstoß zu entführen drohte; »man läuft +sich die Füße wund, Tag für Tag. Ist mir nicht an der Wiege gesungen +worden, daß es mir so ergehen soll. Darf ich mich Ihnen anschließen, +Herr Rechnungsrat? Nur bis zur Ecke da droben, da ist meine Gasse; +hinter der Atlantik-Bar. Schönes Lokal, die Atlantik-Bar, wie? Schöne +Leute; immerfort Musik. Wer doch auch einmal lustig sein könnte; ei ja!« + +Siebold wußte nicht recht, wie er sich zu benehmen habe. Von dem +hergelaufenen, verlotterten Menschen angesprochen zu werden, verletzte +sein Standesgefühl. Er kannte ihn kaum. Andererseits waren die Zeiten +derart, daß man sich hochmütiger Regungen versehen mußte. Er verbarg +seinen Ärger, als Jost mit unterwürfiger Zutraulichkeit an seiner Seite +weiterging und hatte eine steif zurückhaltende Miene. + +Mit der pfeifenden Stimme und vom schnellen Gehen atemlos fuhr Jost +fort: »Da kenn ich einen, der ist dort angestellt als Wagenrufer. Ein +alter Mann. Vor zwei Jahren hatte er noch ein Speditionsgeschäft und +eine Villa. Vor zwei Jahren hat er noch in seinem Garten Rosen +gezüchtet. Und jetzt ruft er die Wagen, vielleicht für solche, die +früher Kratzfüße vor ihm gemacht haben.« Ein asthmatischer Husten +unterbrach ihn. »Angst und bang wird einem, Herr Rechnungsrat,« +quietschte er dann, »angst und bang. Das Schicksal ist wie ein Wolf. +Tückisch schleicht es her und fällt einen an. Hab drei Kinder zu +versorgen; acht Jahre das älteste. Ein Mädchen; ein gutes Kind; eine +Seele wie Gold. Eveline heißt sie. Poetischer Name, wie? Nun, das ist +der einzige Luxus, den sich die Armen leisten können. Ruft man sie, ruft +man Eveline, so wird einem gleich ganz wohl. Sie verkauft Schuhbänder +auf den Straßen, Schuhbänder aus Papierstoff; billig und schlecht. +Vorige Woche komm ich gegen Abend heim, hängt mir das Fünfjährige am +Stiegengeländer, außen am Geländer, unter sich den Abgrund, hängt und +zappelt und schreit. Noch zehn Sekunden, Herr, und die Muskelchen haben +keine Kraft mehr. Was sagen Sie dazu? Freilich, die armen Würmer sind +sich selber überlassen. Die Mutter ist tot. Hin und wieder beaufsichtigt +sie das Töchterchen vom Tapezierer nebenan. Aber darauf ist nicht mehr +lang zu rechnen. Mit seinen vierzehn Jahren ist das Menschlein bereits +schwanger. Der Vater ein Saufbold, der Bruder im Zuchthaus, nicht das +Stück Brot zum Fressen, kaum ein Hemd auf dem Leibe, und trotzdem juckt +sie das Fleisch. Und wenn man über die Stiegen geht, stolpert man über +knochenkranke Kinder, und an den Türen steht ausgemergeltes Volk, und +oben ist Elend, und unten ist Elend, und in der Mitte ist Elend. Hab ich +da nicht recht, kann einem nicht angst und bang werden?« + +Siebold räusperte sich. »Es lebt sich schwer heutzutage,« gab er +widerwillig zur Antwort. Die Geschwätzigkeit des einfältigen Menschen, +die unliebsame Begleitung vor allem, erregten seine Ungeduld, und er +suchte nach einem Vorwand, sich loszumachen. + +»Das ganze Leben ist ein finsterer Keller,« fing das Männchen mit seiner +weinerlichen Stimme wieder an; »wenn ich mir so die Leute betrachte, mit +denen ich zu tun habe, da wird mir, ich weiß nicht wie. Reden, reden, +reden. Geschäfte; und was für Geschäfte! Wenn zwei beisammen stehn und +wispern, so heißt das gewöhnlich, daß einem dritten die Gurgel +zugedrückt wird. Ich komme zu ihnen in ihre Häuser; ob fein, ob nicht +fein, ganz gleich, es liegt wie Unrat und Spülicht überall. Auf Tischen +und Stühlen, in Schränken und Betten, überall Unrat und Spülicht. Ich +glaube, irgendein Stern da droben, ein von Gott verfluchter, hat in +irgendeiner Nacht all seinen Unrat und Spülicht auf uns +heruntergeschüttet. Dem ist nicht beizukommen, nicht mit Wasser, nicht +mit Feuer; Unrat und Spülicht, das klebt in alle Ewigkeit. Nun, wirds +bald, sag ich, was redet ihr denn? was sinnt ihr? was macht ihr für +Grimassen? was grinst und lacht ihr und laßt euch von einem Alten, der +Rosen gezüchtet hat, eure Karossen rufen, wo doch das ganze Leben ein +finsterer Keller ist? Heda, was werft ihr denn euern Jammer auf einen +Haufen, daß man hineinstürzt und drin erstickt? Und ist der Zorn +verraucht, so möcht ich mich am liebsten hinschmeißen und heulen, vom +Morgen bis zum Abend, nichts als heulen. Zu denken: so ein Kind, eine +vierzehnjährige Schwangere. Zu denken! Herrgott! Das halt ich nicht aus. +Das raubt mir den Schlaf in der Nacht; ich liege und liege, und auf +einmal seh ich dann den Weg nach Golgatha. Den großen, fürchterlichen, +schmerzensreichen Weg nach Golgatha.« + +Siebold blieb stehen. Er schleuderte den Zigarrenstummel fort und fragte +streng: »Zu welchem Zweck erzählen Sie mir eigentlich das alles? Das ist +doch der reine Blödsinn, mein Bester.« + +Die schroffe Zurechtweisung beschämte den Kleinen sichtlich. »Es ist +wahr, Herr Rechnungsrat, es ist lauter Blödsinn,« erwiderte er +schüchtern. »Ich bin eben ein blödsinniger Mensch. Das sagen viele. Ich +habe selbst am meisten drunter zu leiden. Es geht bei mir bis zu fixen +Ideen. Zum Beispiel, Sie werden es kaum für möglich halten, zum Beispiel +hab ich heut abend die Wörter gezählt, die in Ihrer Geschichte +vorgekommen sind. Sollte man sowas glauben? Achthundertneunundachtzig +Wörter, alles in allem, genau gezählt. Hab mich schlafend gestellt und +dabei gezählt. Ich höre, versteh auch den Sinn, zugleich arbeitet das +Hirn wie eine Additionsmaschine, klapp, klapp. Kann mir nicht helfen, +muß zählen. Achthundertneunundachtzig Wörter, ein ganzer +Zeitungsartikel. War aber auch sehr spannend, Herr Rechnungsrat; +wirklich, mein Kompliment, eine spannende Geschichte. Aber in der Nacht, +wenn ich liege und in die Finsternis stiere, dann marschieren die +sämtlichen Wörter an meine Bettstatt, stellen sich der Reihe nach auf +wie die Zinnsoldaten, und da begreif ich erst die Meinung, da wird mir +alles erst klar, und da seh ich dann den Weg nach Golgatha, wie gesagt. +Ein schlimmer Zustand. Es ist kein Spaß, wenn man jede Nacht und jede +Nacht auf den Weg nach Golgatha geschleppt wird. Ich muß einmal zum +Doktor. Ich muß mich einmal untersuchen lassen.« + +Siebold überlief es kalt. Die Reden und das Gebaren des lumpenhaften +Menschen beunruhigten ihn allgemach. Daß er es mit einem Verrückten zu +tun hatte, stand fest. Entschlossen, sich von der unangenehmen +Gesellschaft zu befreien, murmelte er bei der nächsten Straßenabzweigung +einen mürrischen Gruß und entfernte sich rasch. + + * * * * * + +Glückliche Organisation befähigte ihn, leicht zu vergessen. Ist ein Mann +aus Neigung wie aus Eignung Beamter, so bilden die täglichen +Obliegenheiten seine Schutzwache. Berufsgewalt erhöht ihn. + +Menschen mußten warten, bis er geruhte, sie zu empfangen und anzuhören. +Auch wenn es ihm beliebte, nichts weiter zu sein als launenhaft, +lustlos, ungewillt ihre Gesichter zu sehen, sie mußten trotzdem warten. +Das machte die Bedeutung des in gewiesenem Bereich absolut regierenden +Beamten aus: daß sie warten mußten. + +Sie froren im Korridor, und in seinem Büro barst der Ofen vor Hitze. +Akten häuften sich mit Inhalt von unbestrittener Tragweite. Sie +verrieten dem kundigen Auge wirtschaftliche Schwäche, törichte Bemühung, +gesetzesfeindliche Ausflucht, verbrecherische Verschleierung. Sie +eröffneten den Blick in die Schlupfwinkel der Existenzen; sie boten die +Handhabe, Säumige zu zitieren, daß sie kommen mußten und dastehen wie +ertappte Diebe. Aufsässigkeit war vergeblich. Der Akt machte sie +zuschanden. Einspruch prallte ab. Der Akt redete. Der Akt beugte sie. + +Es drang aber aus dem Vergessenen herauf bisweilen eine quietschende +Stimme. Es zeigte sich auch, selbstverständlich nur in der Einbildung, +das gelbe Mäntelchen mit den in muffartigen Ärmeln geborgenen Händen. Er +schüttelte zu solchen Erscheinungen, die zwei-dreimal während des Tages +auftauchten, den Kopf, denn er war es nicht gewöhnt, Dinge zu sehen, die +nicht gegenwärtig waren, und eine Stimme zu vernehmen, ohne daß ein +Sprechender zu erblicken war. Es war eine Unzuträglichkeit, doch nicht +groß zu achten. Immerhin mied er das Stammlokal. Einer neuen Begegnung +mit dem aufdringlichen Schwätzer auszuweichen, dünkte ihm ratsam. Es gab +andere Zufluchtsstätten. Vor allem war er in diesen Tagen in intimere +Beziehung zu Sabine Jäger getreten, und die Abende waren von dem +Zusammensein mit ihr beansprucht. + +Da geschah es, daß er einen Brief mit der Post erhielt; auf dem +eingeschlossenen Blatt stand nichts weiter als der Satz: Der Weg nach +Golgatha ist lang. Er starrte eine Weile darauf nieder, schien sich zu +besinnen, dann zerriß er den Wisch und warf ihn ins Feuer. Verwegene +Anrempelung; so ein Bursche müßte festgenommen und bestraft werden. + +Zwei Tage später reichte ihm seine Frau eine offene Karte, die der +Postbote soeben gebracht hatte, und fragte erstaunt, was es damit für +eine Bewandtnis habe. Er las: Die Zinnsoldaten ziehen jede Nacht zur +Parade auf. + +Er versuchte zu lachen. Die Frau beharrte auf ihrer Frage, da sie ein +Geheimnis vermutete, eine chiffrierte Mitteilung. Zornröte stieg in sein +Gesicht. Er antwortete, er kenne den Schreiber; es sei ein Wahnsinniger, +aber von der harmlosen Art, der sich einen albernen Scherz mit ihm +erlaube; er werde dem Narren das Handwerk legen. + +Am selben Nachmittag gewahrte er auf dem Heimweg vom Amt Jost in seinem +gelben Mäntelchen vor einer Branntweinbudike. Er zog sogleich den +Melonenhut und grüßte devot. Siebold schaute geradeaus, ohne den Gruß zu +erwidern. Doch bemerkte er, daß ihm Jost folgte. Unwillkürlich +beschleunigte er seinen Schritt. Das Zwergentrippeln näherte sich +trotzdem. Erregung packte ihn, deren er sich schämte. Jäh blieb er +stehen. + +»Schlechtes Wetter, Herr Rechnungsrat,« sagte Jost kleinlaut; »wenn es +schon im November so ist, wie soll man da durch den Winter kommen? Hab +bereits alles, was beweglich ist, ins Pfandhaus getragen.« + +»Ich empfehle Ihnen, sich zu trollen, sonst laß' ich Sie auf der Stelle +verhaften,« knirschte Siebold erbittert; »verschonen Sie mich, in des +Teufels Namen, mit Ihren unverschämten Vertraulichkeiten.« + +Aber als er darauf den Kleinen anschaute, erblaßte er. Jost hatte die +Augen auf ihn gerichtet, die zwei Messingplättchen hinter zuckenden +Lidern, und in diesen Augen war etwas, was er noch an keinem Menschen +wahrgenommen: eine unfaßbare, geradezu unsinnige Qual verbunden mit +einer ebenso unfaßbaren, ebenso unsinnigen Bosheit. Vielleicht kam es +ihm nur wie Bosheit vor; jedenfalls fuhr ihm ein befremdlicher Schrecken +in die Glieder. Schwerfällig ging er weiter, verwundert, in hemmendem +Nebel, in heimlicher, hemmender Sorge, die wie eine nachschleifende +Kette klirrte. + + * * * * * + +Es wurde so, daß er von dem Tage an keinen Gang durch die Straßen tun +konnte, ohne daß er den Gelbmantel nicht mindestens einmal erblickte. +Zwar redete ihn Jost nicht mehr an; aber daß er in der großen Stadt, +unter Tausenden von Menschen jederzeit darauf gefaßt sein mußte, gerade +diesem zu begegnen, immer wieder diesem, brachte ihn nach und nach aus +dem Gleichgewicht. + +In schäbigem Aufzug, schlotterig trippelnd, die Hände in den +Mantelärmeln, mumienhaft eingeschrumpft, in bekümmerter Eile oder auch +in gleich bekümmerter Gedankenversponnenheit tauchte er unerwartet an +einer Ecke auf; unter den Bäumen einer Allee; in der Mitte einer Straße. +Bald stand er vor einer Ladenauslage und betrachtete mit blöden Mienen +die Waren, den Melonenhut in die Augen gedrückt; bald kauerte er auf dem +Prellstein vor einem Torweg. Manchmal marschierte er auf dem +gegenüberliegenden Gehsteig in der nämlichen Richtung, überschritt die +Straße und verschwand plötzlich; manchmal schoß er unmittelbar auf +Siebold zu und wich erst in der letzten Sekunde zur Seite. Stets hatte +er den Kopf gesenkt und die Augen niedergeschlagen: bescheiden, +verängstigt, gehetzt; und eingehüllt in jene unfaßbare und unsinnige +Qual und Bosheit. + +Eines Morgens, als Siebold seine Wohnung verließ, die in einem +Hintertrakt gelegen war, und durch den mit einem Gärtchen verzierten Hof +schritt, gewahrte er ihn am Flurfenster im zweiten Stock des vorderen +Hauses. Er hatte beide Ellbogen auf das Sims gestützt, das Fenster war +offen, den Kopf hielt er zwischen den Händen, der Melonenhut saß diesmal +ganz im Nacken, so daß das sorgfältig gescheitelte und ölig verklebte +Grauhaar sichtbar wurde, und in dieser Haltung starrte er regungslos in +die Luft. In Siebold kochte berserkerhafter Ingrimm auf; er rief den +Hauspfleger; unartikuliert redend, deutete er mit dem Schirm in die +Höhe, brachte endlich die Frage hervor, was das Individuum da oben zu +suchen habe, und während der Hausmeister hinaufging, wartete er +wutbebend an der Stiege. Alsbald schlich Jost an ihm vorbei, vom +schimpfenden Hauswart verfolgt, gedrückt, still und hastig. Siebold +eilte ihm nach, wurde eines Polizisten ansichtig, trat auf ihn zu, +nannte seinen Namen und Titel, wies, abermals mit dem Schirm, auf den +sich entfernenden Gelbmantel, sagte zu dem Schutzmann, er möge ein Auge +auf den Strolch haben, es sei vermutlich ein Einschleicher, er selbst +beobachte ihn schon lange und habe Grund, ihn für ein gemeingefährliches +Subjekt zu halten. Der Schutzmann, über seine schäumende Gereiztheit +erstaunt, versprach, den Verdächtigen zu stellen, falls er sich wieder +in der Gegend zeige. + +Siebold glaubte, sich Ruhe verschafft zu haben. Zwar blieb eine +ahnungsvolle Verwirrung in seinem Innern bestehen, eine gewisse +Zerstreutheit und Erregbarkeit, deren er nicht Herr zu werden vermochte, +aber da sich der Mensch in den nächsten Tagen nicht blicken ließ, atmete +er auf. Als er jedoch am dritten oder vierten Tag in sein Amtszimmer kam +und sich an das Schreibpult setzte, lag da ein großer Bogen Papier; an +jeder Ecke war mit Rotstift ein Kreuz gezeichnet; in der Mitte befanden +sich drei Kreuze, und unter diesen stand, ebenfalls mit Rotstift +geschrieben: + + Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan, + Und was sie weisen, das ist Gram und Scham, + Und der sie aufgericht und hingestellt, + Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt. + +Er wußte zuerst nicht, was das sein solle. Verse; was hieß denn das? Er +dachte an einen Schabernack der Kollegen, runzelte die Stirn, schaute +hinter sich, blätterte in einem Faszikel, nahm den Bogen wieder zur +Hand, studierte die Schriftzüge, verfärbte sich, spürte etwas wie +Lähmung in den Händen, eine Glutwelle im Kopf; sprang auf, fuhr den +Schreiber an, wer das Zeug auf seinen Tisch praktiziert habe, geriet +außer sich, als der versicherte, von nichts zu wissen, rief mit heiserer +Stimme den Amtsdiener, deutete auf den beschriebenen und bemalten Bogen, +drohte, eine Disziplinaruntersuchung anhängig zu machen, und als einige +Beamte aus den benachbarten Räumen, über den Auftritt bestürzt, +herbeigerannt waren, wollte er ihnen erklären, was ihm widerfahren, daß +Unfug gegen ihn verübt werde, aber er kam ins Stottern, und auf einmal +schwieg er, wischte sich den Schweiß von der Stirn, begab sich auf +seinen Platz zurück und versank in sonderbares Brüten. Die Herren +zuckten die Achseln und warfen einander bedenkliche Blicke zu. + +Den Parteien erwuchs Übles von seiner verdüsterten Gemütsverfassung. Die +geringen Leute harrten stundenlang vergebens auf den Aufruf. Auch an den +folgenden Tagen. Zeitbedrängte standen sich die Zehen in den Stiefeln +wund. Schuldbewußte verzagten. Die zur Amtshandlung Vorgelassenen wurden +in messerscharfe Inquisition genommen. Mutmaßliche Fehlangaben stießen +auf ätzenden Hohn. Strafausfertigungen wimmelten. Den Korridor füllte +Murren. Der Gewaltige selbst aber saß und befahl. Saß und verschanzte +sich gegen die Stimme, die eine Stimme. Machte sich blind gegen das +Gesicht, das eine Gesicht. Bemühte sich, den Worten eines läppischen +Verses zu entrinnen. Wußte, was die Stimme verlangte, während er das +schwindsüchtige Weib anschrie, das die Quote nicht zahlen konnte und zur +Pfändung verurteilt war. Erboste sich um so mehr. Unnachgiebigkeit war +zu erweisen, Unerbittlichkeit. Kam er nach Hause, so fühlte er sich +erschöpft. + +Am Sonntag um die Dämmerungsstunde hatte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa +gelegt und war eingeschlafen. Die Frau saß am Fenster und nähte, die +zwei Kinder hatten sich in die Ecke gedrückt und blätterten in einem +halbzerfetzten Bilderbuch. Die Stille wurde von einem gräßlichen Schrei +unterbrochen. Siebold fuhr empor; in seinem Gesicht war weißer +Schrecken; es war wie zerfetzt von Schrecken. Die Frau stürzte hin, +packte ihn; »Mann, Mann,« rief sie; die hagere Gestalt, abgehärmt Teil +für Teil, war der Wucht der Befürchtung kaum gewachsen; die Kinder +standen zitternd hinter ihr, den Vater mit verzehrend großen Blicken +betrachtend. + +Der war entwirklicht. Er hatte nicht selber geschrien. Einer in ihm +hatte geschrien. Überlegte er es genauer, so war es nicht einer gewesen, +sondern mehr als zehn. Sie waren schreiend an ihm vorübergestürmt, in +einem violett-feurigen Ring. Sie hatten sich zu dem Schrei in ihm +vereinigt, daß er aufwachen solle. Er begriff sonst nichts, äußerte auch +dieses nicht. Es erschien ihm erniedrigend, er hatte es noch nie erlebt, +es widerstritt dem Rang und der Regel. Unfreundlich wies er die Frau ab, +nachdem er sich gefaßt, wusch das Gesicht in kaltem Wasser, zog den +guten Rock an, ging fort. + +Er war mit Sabine Jäger verabredet, suchte aber erst das Stammwirtshaus +auf, um zu Abend zu essen. Gerade dorthin wollte er, wo er +möglicherweise den Gelbmantel treffen konnte. Dorthin, jawohl, um sich +nicht der Feigheit bezichtigen zu müssen. Vielleicht wurde eine +Entscheidung dadurch herbeigeführt. Vielleicht machte er den Hallunken +dingfest. Vielleicht holte er sich Rat bei den Freunden und berichtete +ihnen, was für Streiche ihm der Kerl spielte. Er nahm sich einen +bestimmten scheltenden und entrüsteten Ton vor, in welchem er die +Anmaßung und Übergeschnapptheit des Menschen darlegen wollte, aber als +es so weit war, als er in der wohlwollenden Runde saß, brachte er keine +Silbe aus der Kehle, ja, wenn er bloß daran dachte, fing sein Herz an zu +klopfen. Er fand den Eingang nicht, er fand das Wesen nicht, er fand den +Dolus nicht, alles war verwischt, dumm, kindisch, unfaßbar. Es wurde ihm +gesagt, daß er schlecht aussehe, schlaffe Wangen und trübe Augen habe; +er gab zu, sich krank zu fühlen; es war ein Anlaß, sich bald zu +verabschieden. Der Offizial stülpte hinter ihm die Stirn in Falten und +meinte, mit dem gehe es bergab, der werde es nicht mehr lange treiben. + +Mit großer Hast eilte er durch die Straßen. Nebengassen glichen +Schlünden, geschlossene Tore und Fenster waren wie für die Ewigkeit +verriegelt. Das verhohlene angenehme Grauen, mit dem der unbescholtene +Bürger, Staatsbeamte, Ehegatte zu einer Prostituierten geht, täuschte +ihn über anderes Grauen, das in innerste Zellen entwichen war. Die Jäger +bewohnte in einem uralten Vorstadthaus mit vielen Höfen und Durchgängen, +vertretenen Stiegen, steinern kalten Fluren im letzten der Höfe zwei +Zimmer im Erdgeschoß. Deckchen, Kissen, bunte Stoffe und eine schummerig +umhüllte Lampe überschminkten die Dürftigkeit. + +Das Mädchen empfing ihn im grünen Schlafrock und zeigte über sein Kommen +Freude. Sie plauderten von Abstand zu Abstand, leer, hölzern, zweckhaft; +der Regen plätscherte draußen. Siebold dünkte sich leidlich in +Sicherheit; was noch an Unruhe in ihm trieb, versprach die Lust abzutun, +er wurde deshalb wortkarg und verlangend. Doch hatten sie sich nicht +sobald auf das vorbereitete Lager begeben, als er mit erstarrendem Auge +an die Mauer blickte und die erstarrende Hand hinstreckte. Es war ein +Karton mit Reißnägeln angeheftet, darauf gemalt zwei schwarze +Schmetterlinge links und rechts, in der Mitte eine rote Flamme, und +darunter war in lapidaren, fast wie in alten Mönchsschriften kunstvoll +ausgeführten Lettern zu lesen: + + Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan, + Und was sie weisen, das ist Gram und Scham, + Und der sie aufgericht und hingestellt, + Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt; + Und immer neue baut er Tag und Nacht + Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht. + +»Wo hast dus her?« fragte er mit bebender Kinnlade und kraftloser +Lippe, »wo hast dus her?« Und sie, erschrocken über sein Aussehen, +unbefangen wegen der Frage: »Einer hat mirs geschenkt.« Er umklammerte +ihren Arm, daß sie schmerzlich stöhnte. »Wer? wer hats geschenkt? wer?« + +Da erschallte vom Hof herein ein klagendes Rufen, nicht sonderlich laut, +aber mit durchdringend hoher Stimme. »O, Golgatha!« riefs, und wieder, +langgedehnt: »o, Golgatha!« Wie er die Stimme kannte! Er sprang auf, +tastete nach den Kleidern, fiel entkräftet auf einen Stuhl und murmelte +ohne Atem, die Hosen halb über den Beinen: »Er hat mich dahier ausfindig +gemacht; das gibt Unheil; ich muß ihn erwischen; ich muß ihn erwürgen.« +In verstörter Eile kleidete er sich vollends an, Sabine war um ihn +bemüht, lauschte zugleich, denn das wehe »o Golgatha!« tönte, obzwar +ferner und schwächer, noch immer herein. Während er den Kragen +befestigte und die Krawatte band, kam es wie geistesabwesend aus seinem +Mund: »Weiß nicht, was er will. Immer hinter mir her, früh und spät +hinter mir her; weiß nicht, was er von mir will. In meinem Leben hab ich +nichts Schlechtes getan. Wie ein Detektiv auf der Lauer und hinter mir +her. Das darf nicht geduldet werden. So einen muß man einsperren. Ins +Irrenhaus gehört so einer.« + +Die Jäger betrachtete ihn scheu und mißtrauisch, war froh, daß er sie +verließ, riegelte die Tür auf, als er fertig war, und bekreuzte sich, +als er grußlos hinausstürzte. + +Der Hof war finster. Das Rufen hatte aufgehört. Er suchte. Es war +niemand da. Er stand und ging mit vorgeneigtem Rumpf; die Augen irrten +durch die nasse Dunkelheit. + +Er suchte den geheimnisvollen Verfolger. Violett-feurige Ringe drehten +sich wieder. Er wankte durch die Torwege, pochte an ein Fenster, und +eine Alte kam, das Tor zu öffnen. »Haben Sie keinen gesehen?« fragte er; +»ist nicht einer fortgegangen, ein Kleiner mit gelbem Mantel?« Nichts +gesehen, keinen gesehen, war die Antwort. + +Auf der Straße machte er ein paar Schritte, dann mußte er nach einer +Stütze tasten. Er lehnte sich an die Mauer. Brodeln war in der Luft, der +Erdboden bog sich und gab nach wie Gummi. Was war denn? was geschah +denn? »Ich habe doch in meinem ganzen Leben nichts verbrochen,« murmelte +er grübelnd und verdüstert; »meine Hände sind rein, niemand kann mir +etwas vorwerfen, ich habe kein unrechtes Gut erworben, habe keinen +Menschen unterdrückt; war fleißig, pünktlich, solid, nüchtern, +anständig; was will der Schuft von mir? was will er mit seinem Golgatha +und seinen blödsinnigen Verschen?« + +Da hörte er sich selbst, zu seinem Entsetzen, wie wenn seine Zunge +andern Pfad liefe als sein Denken, hörte er sich selbst in einer monoton +und schülerhaft deklamierenden Weise sprechen: + + »Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan, + Und was sie weisen, das ist Gram und Scham, + Und der sie aufgericht und hingestellt, + Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.« + +Der Verstand, wo war der Verstand? Es mußte doch ein Verstand drinnen +sein. Und dann das noch: + + »Und immer neue baut er Tag und Nacht + Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.« + +Ja, was denn? wie denn? warum denn? Wegen dem schwindsüchtigen Weib am +Ende? Es war seltsam, daß ihm dies einfiel; er wußte nicht, was er +daraus machen sollte. Langsam ging er weiter, im Regen, ohne den Schirm +aufzuspannen, nicht in sich gekehrt, nicht nach außen gekehrt, doch +horchend, unablässig horchend. Auf das Rätsel horchend. Was sich mit ihm +ereignete, war Rätsel. Wie er den Verfolger im Hof gesucht hatte, so +suchte er jetzt die Lösung des Rätsels, oder bloß die Natur davon. Er +schleppte etwas, und wußte nicht, warum es so schwer war, noch warum es +ihm aufgebürdet war, noch was für ein Ding es überhaupt war. »Man hat +Frau und Kinder, man muß sich zusammennehmen,« sagte er auf einmal laut +und fühlte sich ein wenig erleichtert, vielleicht unter dem Einfluß +grellen Lichts, das ihn traf. Es war die Bogenlampe vor der +Atlantik-Bar. Musik und Gelächter schallten heraus, Automobile und Wagen +standen in langer Reihe. Er wagte kaum hinzuschauen, ging etwas rascher, +und nach einigen hundert Schritten bemerkte er eine ziemlich große +Menschenansammlung. Laut redende und heftig gestikulierende Gruppen +hatten einen eleganten Fiaker umringt und offenbar den Lenker vom Bock +gerissen, denn die Pferde, denen anzusehen war, daß sie im raschesten +Lauf aufgehalten worden, standen allein, und aus den Stimmen hob sich +die rohbrüllende des Kutschers am vernehmlichsten hervor. Dem Gespräch +zweier Burschen entnahm Siebold, was sich zugetragen hatte. + +Es befand sich in diesem Teil der Straße eine kommunale +Kartoffelverkaufsstelle, die natürlich während der Nacht geschlossen +war, vor der jedoch in Erwartung des Morgens zahlreiche Leute aus dem +Volk postiert waren, Weiber, alte Männer, halbwüchsige Kinder. Einige +kauerten auf der Erde, hatten eine Decke, eine Kapuze, einen Unterrock +zum Schutz gegen Regen und Nachtkälte über den Kopf gezogen und +schliefen. Plötzlich war jener Fiaker herangerast, ein offenes Gefährt, +und darin lehnte blasiert ein Herrchen, vielleicht neunzehn, vielleicht +zwanzig Jahre alt, die Spuren der Ausschweifung in den Zügen, die Finger +voller Ringe, Brillantnadel im Schlips, mit Lackschuhen, gebügelter +Hose, Spazierstöckchen, Glacéhandschuhen, die ganze Welt in der Tasche, +doch sie verachtend. Die bis auf den Fahrdamm hockende und stehende +Menge in der Dunkelheit zu spät gewahrend, hatte der Kutscher geschrien; +Angstlaute antworteten, Weiber flüchteten überstürzt; aber der Wagen +fuhr zu nah am Rinnstein; ein Kind war vom Hinterrad erfaßt worden und +lag bewußtlos da. + +Für Siebold war es Gelegenheit, dem zu entrinnen, für eine Weile, was +ihn peinigte; daß er ihm zulief, ahnte er nicht. Er drängte sich durch +die Menschen und gelangte in den freien Raum, der sich um den Kutscher, +den Fahrgast und das auf dem Pflaster liegende Opfer des Unglücks +gebildet hatte. An der Seite des Kindes, das mit bläulich-fahlem Gesicht +hingestreckt lag, ein wenig blutigen Schaum vor den Lippen, die offenen, +blonden Haare von Kot besudelt, kniete Jost, und kein Scharfsinn war +nötig, um zu erkennen, daß er der Vater des Kindes war. Er redete, doch +im wüsten Gezänk verhallten seine Worte. Mit dem Taschentuch wischte er +bisweilen das Blut vom Munde des Mädchens, strich mit der Hand über +Stirn und Wange der Leblosen, erwiderte nichts auf die Fragen und +Ratschläge der Umstehenden, war eingewühlt und hingegeben in den +Schmerz. + +Jemand sprach vom Transport ins Spital; ein anderer sagte, alle +Spitäler seien überfüllt. Ein Weib meldete, die Rettungsgesellschaft +habe wissen lassen, daß augenblicklich kein Wagen zur Verfügung stehe, +in einer Stunde erst, worauf unwilliges Murren hörbar wurde. Ein Mann +trat in den Kreis, der sich als Arzt auswies, beugte sich nieder, legte +das Ohr an die Brust des Kindes, sprach mit Jost. In den lärmenden +Streit zwischen dem Kutscher und der erregten Menge hatte ein Polizist +vermittelnd eingegriffen, es gelang ihm, die Ruhe herzustellen. Das +Herrchen, von drohenden, feindseligen Blicken gemustert, stand blaß und +lässig da, verbarg die Angst vor der Wut und dem Hohn der Leute unter +einer hochmütig-teilnahmslosen Miene, zupfte am Schnurrbärtchen, ahmte +in seiner Haltung aristokratische Art nach, was die Hohlheit, die freche +Neuheit seiner Umstände erst recht zum Vorschein brachte. + +»Gott kann das nicht zulassen,« hörte man nun den Gelbmantel sagen, oder +vielmehr Siebold hörte es, da er sich unter unbesiegbarem Zwang dicht +herangedrängt hatte; »immerfort rinnt Blut aus der Seele,« sprach er wie +ein Betäubter; »Gott kann mir das nicht antun. Man muß die Tropfen von +dem Blut zählen, damit sie alle wieder zurückgegeben werden. Ich will +sie alle wieder haben. Die Seele braucht das Blut. Wo ist das Körbchen? +Meine Eveline hat ein Körbchen gehabt. Wo ist das Körbchen?« + +Neugierig und mitleidig starrten die Männer und Weiber auf ihn nieder. +Ihre übernächtigten, von vielfacher Bedrängnis gemeißelten Gesichter +gaben Andacht kund; finstere Gedrungenheit der Erfahrung des Übels war +in ihnen, die gelernte Geduld, der Rost des Elends. Einer hatte das +Körbchen gebracht, ein zerfetztes Strohgeflecht mit beschmutztem blauen +Band. Indessen regte sich das Kind, und Jost sagte, er wolle es nach +Hause tragen, er wolle auch zu seinen andern Kindern heim, er wolle es +auf den Arm nehmen. Da schien es Siebold unter demselben unbesieglichen +Zwang, als müsse er Hilfe anbieten; es trieb ihn hierzu unter trotzigen +und bösen Vorbehalten. Es war die Hoffnung, sich loskaufen zu können; er +wollte sagen können: mein Lieber, ich bin da, du siehst also, daß du mir +unrecht getan hast und mich künftig in Frieden lassen sollst; ein +Mißverständnis, du siehst nun selbst, ein Irrtum. + +So beugte er sich nieder, um die Hand des Kindes zu befühlen. Sie war +überraschend kalt und vermittelte eine Empfindung von der Grenzwelt. +Jost schaute in sein Gesicht, und hatte einen Ausdruck, als fände er es +selbstverständlich, ihn hier zu sehen. Seine Wangen hatten Furchen, die +Messerschnitten glichen; die Lider waren wie verklebt, die Hände mit +Straßenkot bedeckt, Mantel, Beinkleider, Schuhe, sogar der Melonenhut, +in den Nacken geschoben wie damals am Treppenfenster, mit Kot überzogen. +Er hob das Kind empor. Man hätte ihm die Kraft nicht zugetraut. Es +schlang die Arme um seinen Hals. Siebold, wie mit Stricken angebunden, +blieb ihm zur Seite, er, dem die Nähe des Menschen Pest gewesen. Ein Bub +eilte nach und ließ Geldscheine flattern. Der Herr, der Fahrgast, hatte +sich in letzter Minute zu einer Spende entschlossen. Jost schüttelte den +Kopf. Er begleite ihn und werde ihm zu Hause das Geld geben, sagte +Siebold, nahm dem Knaben die Scheine ab und steckte sie in die Tasche. +»Das Körbchen!« rief Jost bänglich, und ein Weib holte es herbei. +Siebold nahm auch das Körbchen. Der Schutzmann hielt sie noch einmal auf +und verlangte Josts Adresse. + +Nach und nach verloren sich diejenigen, die aus Zeitvertreib oder +Vorliebe für traurige Zwischenfälle mitgegangen waren, und Siebold war +mit Jost und der Leidenslast, die dieser trug, allein. Es herrschte in +seinem Geist welkes Erstaunen über sein Tun. Es war als trete ein +Fremdes aus ihm heraus und er gehe zwiefach; der zweite blieb dahinten. +Jeder Schritt erniedrigte ihn um eine neue Stufe. In seiner kränklichen +Stummheit redete er zu dem stummen Begleiter: du siehst, wozu ich bereit +bin; du siehst, wie ich mich herablasse. Dann spürte er, daß ihn stärker +als alles andere die Begierde nach der Lösung des Rätsels unterjocht +hatte; schwarze, giftige, fressende, brennende Ungeduld, den Grund +unerhörter Vergewaltigung und Beleidigung zu erfahren, der Kühnheit, mit +der in die Schranke der Persönlichkeit eingebrochen, gewährleistete +Würde verletzt, Sicherheit und Ruhe zerstört worden war eines Trägers +von Verantwortungen, eines Funktionärs mit Befugnissen, die über das +Gemeine erhoben und gegen das Ordnungslose feiten. Aber der +hartnäckigere Aufruhr war bei dem, der hinten blieb und mit dem die +Bindung zerfiel. + +Da es heftiger regnete, spannte er den Schirm auf und hielt ihn im Gehen +über Jost und das Kind. Dem schwachen Menschen wurde die Bürde zu +schwer; sein Schwanken verriet es, der keuchende Atem. Siebold sah sich +um, als erwarte er Beistand von wo; daß er selbst ihn leisten konnte und +schließlich mußte, dawider bäumte er sich auf, bis eine Bewegung Josts +ihn dringend anrief. Er umfaßte das Kind; die feuchten, besudelten Haare +streiften sein Gesicht; der Kopf fiel wie gebrochen sogleich über seine +Schulter; die Ärmchen hingen steif und mager herunter. Robust wie er +war, fand er die Last federleicht. Er reichte Jost Schirm und Körbchen, +dann setzten sie den Weg fort. Plötzlich gellte Jost in die Nacht +hinaus: »Das darf Gott nicht zulassen,« mit einem gemarterten, +rebellischen Ton. + +Er fängt schon wieder mit seinem Geschwätz an, dachte Siebold. Das Kind +in seinen Armen regte sich; er fühlte die Glieder, die kleine Brust, die +engen Lenden, geschmiegt an seinen Leib, und es war ihm zum Schaudern +neu. Keines der eigenen war so dicht an ihm gewesen, in Krankheit nicht, +in Zärtlichkeit nicht, keines hatte so elfenhaft, so hingeschwunden an +ihm geruht. In seiner Kehle war es wund; er war so außer seinem Kreis, +daß er wie in Behexung durch ein aufgesperrtes Tor ging, wie taub und +blind hinter Jost über Treppen und abermals Treppen, höher, immer höher, +an Türen vorbei, höher und immer höher, als sei es ein Turm, und endlich +beklommen um sich blickte, als sie in ein dumpfiges Gemach gekommen +waren und Jost einen Kerzenstumpf anzündete. + +Zwei Kinder lagen schlafend auf einer Matratze. Daneben stand ein Bett +ohne Überzug, bloß Decke und Strohsack im Gestell. Die Fenster waren +unverhängt. Man sah Schlöte gleich kolossalen Fingern aufragen, mit +Blitzableitern wie schwarze Strahlen. An den kahlgrauen Wänden hingen +gedruckte Bilder aus Zeitschriften, Berge, Schlösser, Feldherren, +Fürsten; auf dem Boden lag eine verbogene Kindertrompete, auf dem Tisch +ein Ranft altbackenes Brot, eine angebissene Rübe und eine Schachtel mit +Lottonummern. + +Wie komm ich daher? dachte Siebold, und wie komm ich wieder fort? Jost +hatte ihm das Kind abgenommen. Er entkleidete es. Er war behutsam mit +Rücksicht auf die Schlafenden. Er flüsterte: »Der Doktor hat +versprochen, morgen früh seinen Kollegen von der Bezirkskrankenkasse zu +schicken. Wenns nur wahr ist. Ich soll einstweilen kalte Umschläge +machen. Gewiß, gewiß. Soll geschehen. Im Krug ist Wasser. Gewiß, gewiß, +soll geschehen, du davongelaufene kleine Seele. Und das Blut abwaschen, +den Dreck abwaschen. Soll geschehen, soll alles geschehen.« + +Die Worte wurden im Hauch hervorgestoßen, entlockt vom Irrsinn der +Sorge. Dabei manipulierte er, warf Kleidchen, Schuhe, Strümpfe, +Unterröckchen, Hemd beiseite, holte den Krug, riß einen vom Gebrauch +schwarz gewordenen Fetzen vom Nagel, immer an Siebold vorübertrippelnd, +der sogleich die Geldscheine auf den Tisch gelegt hatte und dann nutzlos +stehen blieb. Die Kammer mußte auf der einen Seite eine sehr dünne, bloß +gegipste Wand haben, denn aus dem danebenbefindlichen Raum war +ununterbrochen ein schmerzliches Ächzen zu hören, welchem Siebold +furchtsam und erregt lauschte, während Jost den Körper des Kindes mit +allerbedächtigster Zartheit in die rauhe Wolldecke hüllte, das angenäßte +Tuch über die Stirn breitete und darnach mit gefalteten Händen vor der +Bettstatt niederkniete. + +Bei dem Anblick des nackten Kinderkörpers war es Siebold durch den Sinn +gegangen: ein Fisch; und es war eine eigene, frierende, bettelnde +Wollust dabei gewesen. Die Vorstellung des weißen, zuckenden +Fischleibes, dessen verglaste Augen im letzten Brechen nach dem +heimischen Element lechzen, hatte Ähnlichkeit mit dem Emporlodern eines +Lichtes in einer Grube. + +Er horchte auf das Ächzen hinter der Wand, das sich aus raschen +Zuflüssen der Qual verstärkte. + +Jost sprach: »Es ist nur ein weniges. Geringen Platz braucht die kleine +Seele in der großen Welt. Wen hast du denn inkommodiert? Wem Luft und +Wasser und Speise weggenommen? Wer hat dich bemerkt? Wem fehlt sein +Teil, wenn du unter ihnen herumgehst mit deinen zierlichen Füßchen? Sie +können dich in die Ecken stoßen, das ist ihnen erlaubt. Sie können +sagen: marsch, aus den Augen, Kreatur. Jawohl, das ist ihnen erlaubt. +Aber dein Leben ist ein ebensolches Leben wie das von jedem von ihnen; +dein Blut ein ebensolches Blut. Sie geben dir nichts, du nimmst ihnen +nichts. Du willst bloß da sein, ganz bescheiden da sein.« + +Siebold hatte gehen gewollt, aber Art und Rede des Menschen machten ihn +unschlüssig. Da war etwas, daß man aufmerken mußte. Auch das +schreckliche Ächzen hinter der Wand hielt ihn fest. So setzte er sich +auf einen Stuhl neben dem Tisch, ohne Willen. Alles gestaltete sich mehr +wie ein geballter Vorgang im Fieber, an dem er mit einem entlegenen und +bisher unbekannten Stück seines Wesens Teil hatte. + +»Da faßt man hin und nennts bei Namen,« fuhr Jost fort, »und das, was +man nicht nennen und nicht fassen kann, rinnt aus. Das Köstliche rinnt +und rinnt. Hunderttausend Jahre vielleicht waren nötig, daß es hat +entstehen können. Ur-Ur-Urväter haben Ur-Ur-Urenkeln Tröpfchen um +Tröpfchen, Fäserchen um Fäserchen übermacht, haben geschaffen und +gebaut, gepflügt und geerntet, gedarbt und gewirkt, einer am andern, von +Mutters und von Vaters Seite bis ins hundertste Glied zurück, daß es hat +werden können, das Fünkchen in der Brust. Auf einmal kommt was daher +gerollt, ein Rad, kommt gerollt und gerollt, weil ein Laffe mit einem +Monokel im Gesicht zu seinen Dämchen und Spießgesellen will, und die +Brust soll zerdrückt sein, das Herzlein zerschmettert, das Fünkchen +ausgelöscht? Ist denn das möglich? Darf das zugelassen werden? Kann man +das aushalten?« + +Ein Aufkreischen drang durch die Wand, und Jost nickte. »So ist es,« +sagte er. »Zwei Fingerbreit Mauer dazwischen. Drüben will eins zum +Leben, hüben will eins zum Tod. Und sie fassens nicht. Keiner faßts, das +eine nicht, das andere nicht. Die Vierzehnjährige gebiert, die +Achtjährige will schon wieder heim in den Schoß der mächtigen Mutter. +Hören Sie? hören Sie?« + +Er wandte Siebold das Gesicht zu. Zum erstenmal redete er ihn an. Beide +lauschten. Das tierhafte Röcheln des in Wehen sich windenden Weibes war +nicht mehr zu mißkennen, der inbrünstige, gewürgte, rasende Schrei auf +einem Folterbrett. Die zwei schlafenden Kinder regten sich; Jost trat zu +ihnen und beschwichtigte sie. + +Er geriet nun in eine fahrige, kummervolle Geschäftigkeit. Lief hin und +her, stieß eine Lade zu, rührte Gegenstände an, aber bei einem +neuerlichen Schrei blieb er stehen und sagte: »Hören Sie, Mann? +Begreifen Sie, was wir tun? Begreifen Sie, was gelitten wird auf der +Erde immerzu? Was die unerbittliche Natur uns leiden macht und dann der +Mensch? Was die Dämonen uns leiden machen und die Träume? Was das +Fleisch uns leiden macht und der Geist? Während wir im Wirtshaus sitzen, +wird gelitten. Während wir Akten vollschreiben, wird gelitten. Während +wir unsere Notdurft stillen und unsere Geilheit letzen, wird gelitten. +Überall, oben und unten, bei den Herren und bei den Knechten, in der +Finsternis und im Licht, überall wird gelitten. Begreifen Sie, was wir +treiben allesamt? was wir wert sind allesamt? Begreifen Sie?« + +Er sprach mit geweiteten Augen, in denen es phosphoreszierte, mit +hackenden Zähnen und schlaffen, schaufelnden Lippen und bohrte die +Fäuste in die Taschen des blut- und kotbesudelten Mäntelchens. »Und wenn +es schon geschieht, und das Rad zerquetscht das lebendige Herz, warum +kommt dann der Laffe mit dem Monokel nicht und leckt mit seiner Zunge +das Blut von den Pflastersteinen weg? Soll es hineindorren in die +Steine, hinüberdorren ins Jenseits? Warum kommt er nicht und ruft: ich, +ich, ich -? Und wenn es schon geschieht, und das Kind drüben muß in +seinem frühen Jammer Mutter werden, warum kommt der Lump nicht, der es +geschwängert hat, warum kommt die Bestie nicht und fällt auf die Erde +vor Schreck und Angst und Mitleid, weil er sehen kann, wie das +Dingelchen sich krümmt und wie es seufzt und wimmert, warum kommt er +nicht und ruft: ich, ich, ich -? Warum sprechen sie nicht: verzeiht, wir +haben nicht gewußt, was wir tun -? Was ist das für eine Ordnung in der +Welt, daß sie sich verstecken dürfen und sich anstellen, als wüßten sie +von nichts? O Menschen, Menschen, Menschen! Sie wissen nicht, was sie +tun, das ist es. So soll ihnen auch nicht verziehen werden. Nein und +abernein, verziehen nicht. Komm her, du Laffe, und drück deine +Lasterlippen auf die Steine; komm her, du Bestie, und vernimm und schau. +Wer da handelt, muß auch wissen. Ums Wissen gehts. Nichts da, die +Verantwortung abwälzen. Nichts da, sich auf Gesetze und Vorschriften +ausreden. Blind magst du sein, du Menschenhund, du Menschenfloh, du +Menschennichts, aber wissen sollst du, wissen, was du tust, und +niederstürzen und mitwimmern, und rufen, daß es an die Enden der Welt +schallt: ich, ich, ich!« + +Das Licht auf dem Kerzenstumpf flackerte nur noch ganz trüb, so daß bloß +der nächste Umkreis auf dem Tisch matte Helligkeit erhielt. Die Schlöte +vor den Fenstern türmten sich um so strenger in den Wolkenhimmel. Es +entstand Stille von einer Eindringlichkeit, die jede Fiber spannte. Eine +hautlose, unendlich verschuldete Wachsamkeit war in Ohr und Hirn. + +Es saß hier nicht mehr der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung mit +Namen so und so. Es saß hier einer, der keinen Namen mehr hatte und +dessen stählerne Hüllen abzuschmelzen begannen. Es war nicht mehr das +Mansardenloch eines Ausgestoßenen; nicht mehr der Tisch mit der +qualmenden Kerze: es war ein Raum unter den Sternen. Es floß nicht mehr +Zeit; Zeit war dahin. Erde war dahin. + +Und wie sich nun der Mensch ohne Namen aus dem Zusammenhang gehoben sah, +rührten ihn von unten her Hände an. Hände von Vergangenen, Hände von +Gerichteten. Sie strebten verlangend zu ihm empor; Hände eines Knaben; +Hände eines Greises; Hände eines Mädchens; Hände von Männern. Die einen +waren gefaltet, die andern wie in der Abwehr; die einen flehten, die +andern drohten; die einen beteuerten, die andern waren gerungen. + +Zuerst fragte sich der so Bedrängte, was sie von ihm begehrten; doch wie +der Umriß nahm auch ihre stumme Sprache an Verständlichkeit zu, und wie +sie von schattenhafter Verwesung sich in Körperhaftigkeit wandelten, +wurde die Forderung so klar, Klage, Vorwurf, Anspruch und Gericht so +unzweifelhaft wie Schall und Fall von Worten. Bangten sie nach Dingen, +die sie hatten verlassen müssen? Wollten sie eine Schuld bezahlen, die +unberichtigt geblieben war? Gewährten sie eine Liebkosung, die sie +verweigert hatten? Gaben sie ein Versprechen? Erbaten sie ein Geschenk? +Leisteten sie einen Schwur? Wiesen sie einen Weg? Winkten sie einem +Freund? Schrieben sie? gruben sie? ruhten sie? hasteten sie? Alles +dies, und vieles noch. Hände sind Geschöpfe und spiegeln jegliches Sein. + +Die Paare vermehrten sich, und zu den vergangenen gesellten sich die +gegenwärtigen, die er gesehen und doch nicht gesehen im Ablauf der Tage, +die zu ihm gesprochen, ohne daß er es vernommen, die geplagten, die +beladenen. Wirrsal und Gewühl, Fülle der Gesichte. Hart, dürr und +vergilbt die einen, unschuldig und feingliedrig die andern; diese mit +dicken Adern und geschwellten Muskeln, jene zag und zitternd; krank und +müde die, voll Nerv und Entschluß die andern. Schwielige, blasse, +rosige, geballte, geflachte, behaarte, glatte, kleine und große, näher, +immer näher, beredter, immer beredter, und der, dessen Name aufgehört +hatte, zu sein, spürte, daß sie nicht ablassen würden, ehe er selbst +nicht aufgehört hatte, zu sein. So mußte er um Gnade bitten, um eine +Frist, um ein Bedenken; erschüttert an den Rand der Stunde und des +wachen Wissens gerückt, ward er inne, daß nach solcher Vision der +Mensch, mit zerspaltener Brust, dem irdischen Tag verloren war. + +Auf einmal war ein Leuchten in der Stube. Von wo es kam, war noch nicht +zu unterscheiden. Jost stammelte und reckte die Arme in die Richtung der +Bettstatt. Das Kind erhob sich langsam. Es schälte sich aus der Decke +und trat nackt und aufrecht vor die Männer. Um seine Lippen hing ein +Lächeln. Die weiße Haut erglühte von inwendig. Was sie erglühen machte, +war das Herz, und die Schauenden gewahrten bald nur noch das Herz: einen +funkelnden, pulsenden Rubin, in die Dunkelheit gelagert wie eine Figur +auf einem gemalten Kirchenfenster. + +Jost brach in die Knie. Mit den Händen tastete er rückwärts, als suche +er alle die vielen Hände dort zum Schutz. »O Kind!« rief er +schluchzend, »o Mensch! Wohin gehst du mit dem Flammenjuwel in deiner +Brust? Sag es nur, sag es uns, sag es aller Menschheit, daß der rote +heiße Kern nur einmal da ist, die leuchtende Frucht nur einmal reif +wird. Für einen nur ein einziges Mal. Sag es, was es heißt: ein einziges +Mal. Sie wissen nicht, was es bedeutet: ein einziges Mal! Sprich, du +Gotteswesen! sprich, süßer Geist!« + +Aber das Kind lächelte bloß. Lächelte und verging. + + * * * * * + +Zum hohen Gebieter, vor den ewigen Thron, trat Michael, der Erzengel, in +den Morgen der rauschenden Sphären und sprach: + +»Ich habe die Seele des Gleichgiltigen gewonnen, Herr.« + + +_Schluß_ + + + + + +Werke von Jakob Wassermann + + +Die Juden von Zirndorf +Roman +20. Auflage + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs +Roman +22. Auflage + +Der Moloch Roman +Neubearbeitete Ausgabe 10. Auflage + +Der niegeküßte Mund +Erzählungen +63. Auflage + +Alexander in Babylon +Roman +Neubearbeitete Ausgabe 8. Auflage + +Die Schwestern +Drei Novellen +6. Auflage + +Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens +Roman +17. Auflage + +Die Masken Erwin Reiners +Roman +11. Auflage + +Der goldene Spiegel +Erzählungen in einem Rahmen +14. Auflage + +Faustina +Ein Gespräch über die Liebe +3. Auflage + +Die ungleichen Schalen +Fünf einaktige Dramen + +Der Mann von vierzig Jahren +Roman +14. Auflage + +Deutsche Charaktere und Begebenheiten +Mit elf Abbildungen +4. Auflage + +Das Gänsemännchen +Roman +66. Auflage + +Christian Wahnschaffe +Roman in zwei Bänden +34. Auflage + + +Die Juden von Zirndorf + +Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen Glaubensgenossen und über das +Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere und zutreffendere Dinge +gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die besten Eigenschaften des +jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst verkörpert, vor allem der +kritisch skeptische Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem +verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als +sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen +Vorspiel des Romans, welches eine mit dem Erscheinen des merkwürdigen +Messias Sabbatai Zewi verknüpfte Judenverfolgung im siebzehnten +Jahrhundert behandelt, eine glänzende poetische Leistung gelungen ist. + (Neue Zürcher Zeitung) + + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs + +Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der +Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die +alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal, +ihr Frauenschicksal, erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. - +Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so +interessanter und tiefsinniger Roman erschienen. + (Die Zukunft) + + +Alexander in Babylon + +Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders +Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt, +dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit +ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr +ein Prosaepos als ein Roman; es gehört zu unsern schönsten deutschen +Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen zu +werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt. + (Neue Freie Presse, Wien) + + +Der Moloch + +Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die psychologische und gestaltende +Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten, +lebensvollen Gemälde gestaltet hat. + (Berner Bund) + + +Die Schwestern + +Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen unglücklichen +Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, ein Wahn den +Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem Dasein gerufen +hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die +tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen. Eine holde Schwärmerei +ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder +Traum, von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt. + (Hannoverscher Kurier) + + +Die Masken Erwin Reiners + +Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen +Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles +Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen +Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal +unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine +Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman, +die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten. + (Westermanns Monatshefte) + + +Caspar Hauser + +Ein Denkmal ist aufgerichtet über ein längst eingesunkenes Grab; ein +altes, verharschtes Geheimnis funkelt wieder im Licht. Die Geschichte +Caspar Hausers wird neu erzählt, das zauberische Knäuel dieses eigenartigen +Schicksals entwirrt ... Jakob Wassermanns Caspar-Hauser-Roman hat +monumentalen Stil ... Ein Beispiel deutscher Erzählungskunst, Vorbild +eines großen Romans ist hier geboten. Und vor allem ein bleibendes. + (Der Tag, Berlin) + + +Der goldene Spiegel + +Von Franziskas goldenem Spiegel wird berichtet: »Seine Scheibe, wie +tief, und seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. Sie +ist matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und Männer, Tiere, +Schiffe und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, Ritter und Knechte, +Bürger und Bauern, Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher, +Sonderlinge und Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder, +der Zufall, der Traum und das Wunder, alles das ist in ihr.« Wirklich, +so groß ist die Fülle auch dieses Buches. Es entstand aus der Lust am +Erfinden, am Phantasieren, am Gestalten. + (Die Zeit, Wien) + + +Das Gänsemännchen + +Das Werk ist vermöge weitausgreifender Lebensfülle, breiter, umfassender +Gesellschaftsschilderung, des Hineinspielens politischer und kultureller +Zeitgeschehnisse ein wahrhafter Roman. Im Rahmen der Leidens- und +Werdegeschichte eines deutschen Musikgenius entrollt die Dichtung auch +Deutschlands Seele, Deutschlands Nervenzustand, Deutschlands +Kulturströmungen. Tief und voll aus dem Menschlichen ist die Dichtung +geschöpft. + (Wiener Abendpost) + + +Christian Wahnschaffe + +Die echte große Dichtung sucht nicht die Aktualität, sie ist aktuell. +Wassermann zeigt uns in seinem Roman den Zusammenbruch der geistigen, +sittlichen und ästhetischen Kultur des Kapitalismus. Er malt diese +Kultur in den verlockendsten Farben und läßt uns den Wurm sehen, der in +ihr nagt. Sein Held wird erst das Opfer, dann der Richter der liebeleer +gewordenen Welt, und darnach der Verkünder einer neuen Zukunft. Das Buch +ist hinreißend durch Geist, Abenteuer und Verlockung: es dringt in das +Letzte der Seelen und verwandelt sie und uns. + + +Druck der E. Gundlach Aktiengesellschaft in Bielefeld + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1920 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. +Abweichend vom gedruckten Buch wurde die zweite Titelseite entfernt. +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +p 010: [Fehlende Letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung +p 019: damals hatten Romantik -> hatte +p 040: [Komma ergänzt] solche die Kloaken säubern; -> solche, die +p 053: [Vereinheitlicht] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er +p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem +p 063: [Fehlende Letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich +p 063: [Punkt ergänzt] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand. +p 064: [Komma entfernt] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte +p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling +p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie +p 094: entgegenete Maria -> entgegnete +p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta +p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji +p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein +p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer +p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte +p 188: was nöitg war -> was nötig war +p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky +p 217: [Leerzeichen ergänzt] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir +p 220: empfehle es sich fogar -> sogar +p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene +p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen +p 264: [Trennung] Leder-Kapuze -> Lederkapuze +p 265: Mir fällt da ... in -> ein +p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem +p 270: [Anführungszeichen ergänzt] Wie machen wir denn das?« +p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im +p 279/280: [Trennung] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht +p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen +p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen +p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen + +Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei +folgenden Wörtern: + +p 058: Gleichgiltigkeit +p 120: Lucke +p 143: Monreal +p 301: hinmummelte +p 148: darnach + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1920 by S. Fischer. The printed book's second title +page has been removed. The table below lists all corrections applied to +the original text. + +p 010: [missing letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung +p 019: damals hatten Romantik -> hatte +p 040: [added comma] solche die Kloaken säubern; -> solche, die +p 053: [unified] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er +p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem +p 063: [missing letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich +p 063: [added period] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand. +p 064: [removed comma] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte +p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling +p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie +p 094: entgegenete Maria -> entgegnete +p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta +p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji +p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein +p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer +p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte +p 188: was nöitg war -> was nötig war +p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky +p 217: [added blank] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir +p 220: empfehle es sich fogar -> sogar +p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene +p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen +p 264: [hyphenation] Leder-Kapuze -> Lederkapuze +p 265: Mir fällt da ... in -> ein +p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem +p 270: [added quote] Wie machen wir denn das?« +p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im +p 279/280: [hyphenation] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht +p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen +p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen +p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen + +The original spelling has been maintained throughout the book, +particularly for the following words: + +p 058: Gleichgiltigkeit +p 120: Lucke +p 143: Monreal +p 301: hinmummelte +p 148: darnach + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE *** + +***** This file should be named 18551-8.txt or 18551-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/5/5/18551/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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