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+Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Wendekreis - Erste Folge
+ Novellen
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: June 11, 2006 [EBook #18551]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Der Wendekreis
+ von
+ Jakob Wassermann
+
+ Erster Band
+
+
+ Der unbekannte Gast
+ Adam Urbas
+ Golowin
+ Lukardis
+ Ungnad
+ Jost
+
+
+ 1920
+ S. Fischer / Verlag / Berlin
+
+
+
+ Erste bis zehnte Auflage
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
+ Copyright 1920 S. Fischer, Verlag
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Der unbekannte Gast ..... 7
+Adam Urbas .............. 45
+Golowin ................. 79
+Lukardis ................ 167
+Ungnad .................. 201
+Jost .................... 293
+
+
+
+
+Der unbekannte Gast
+
+
+An die Pforte dieses Werkes, das der Verfasser nicht ohne
+verantwortungsvolles Zagen unternimmt, sei eine Geschichte von
+hinübergreifender Beziehung gestellt, weniger in sich selber ruhend als
+sonst Geschichten schlechthin, doch mit nichten Brevier oder
+Verkündigung, nur Brücke, nur Weiser, und so auch Bild und Gespinnst
+eher als Vorgang und Ereignis.
+
+ * * * * *
+
+Ein Schriftsteller in mittlerem, ja vorgerücktem Alter, er werde Mörner
+genannt, erfuhr zu einer bestimmten Zeit des letztvergangenen Jahres
+eine unerklärliche Veränderung seines seelischen Gleichgewichts. Er
+hatte nach längerer Ruhepause eine neue Arbeit begonnen, die seine
+Gedanken despotisch beherrschte, und deren Schwierigkeiten ihn nicht nur
+nicht abschreckten, sondern alle freien Kräfte in ihm sammelten und
+gegen ein lockendes Ziel trieben.
+
+Auf einmal brachen diese Kräfte. Eines schönen Tages erlahmte der Nerv
+des Schaffens. Daß es keine vorübergehende Unlust, keine jener Trübungen
+war, die wie Nebel über einer Landschaft und doch im Grunde atmende
+Zeugnisse des Lebens sind, spürte Mörner. Es war wie wenn die Feder in
+einer Uhr zerbricht, oder noch beunruhigender, wie wenn man eine
+Vorratskammer betritt, die man mit Fleiß und Umsicht gefüllt hat, und
+sie gänzlich leer findet.
+
+Schließlich war es ein Verlust wie der Tod eines Wesens. Er sprach in
+einem Freundeskreis darüber, mit Zurückhaltung anfangs, da es ihm
+widerstrebte, innere Wirrungen zum Gegenstand des Meinungsaustausches zu
+machen. Die Verstimmung, unter der er litt, war bereits aufgefallen;
+was er nun als ihre Ursache bezeichnete, wollte keinem recht einleuchten
+und man hielt es für Hypochondrie eines Zwischenzustandes. Man kannte
+seine zweifelsüchtige und häufig schwankende Art; er hatte oft genug das
+Schauspiel des Selbstquälers gegeben, der nach jeder abgeschlossenen
+Leistung sie zerpflückte und hilflos wie vor dem ersten Beginn in die
+Zukunft schaute, alles von Schicksal und Fügung erhoffend, nichts oder
+wenig von seinem Talent. Aber seine Hingabe war unbegrenzt, seine Arbeit
+ein opfervoller Dienst; dem unermüdlichen und redlichen Bemühen war der
+reinste Wille gesellt, die Unbestechlichkeit des Gewissens, die jede
+Erleichterung und Versüßung ablehnt. Dazu kam, daß ihm der Erfolg nicht
+gefehlt hatte; mißtraute er ihm auch, so war er doch von ihm auf eine
+gewisse Lebenshöhe getragen worden; war auch sein Name, sein Werk
+umstritten, so genoß er doch die Achtung, ja die verehrende Neigung
+Vieler und erhielt nicht selten unzweideutige Beweise davon.
+
+Die Freunde nahmen also seine sichtliche Verstörung nicht ernst. Dies
+reizte seine Ungeduld, und als einer von ihnen mit etwas zu billigem
+Trost geendet hatte, sagte Mörner: »Wenn ein Mensch wie ich nicht mehr
+an die Wichtigkeit und Notwendigkeit seiner Mission glaubt, ist er
+einfach das allerüberflüssigste Geschöpf auf Erden. Wie erst, wenn ihm
+die Aufgabe selber entschwindet, wenn er nicht mehr weiß, was er
+überhaupt noch soll und das Fertige wie ein umgeblasenes Kartenhaus
+hinter ihm liegt? Da wird alle Wirklichkeit ein Gespenstergraus; sein
+Geist hat gar nicht Fassungsraum genug für die Tiefe des Abgrunds, der
+vor ihm gähnt.«
+
+Die Freunde stutzten und schwiegen. Einige begriffen nicht recht, was
+er meinte, und er fuhr achselzuckend fort: »Mission ist freilich ein
+viel zu anspruchsvolles Wort. Man dürfte seinen Ehrgeiz nicht über die
+Haltung eines honetten Handwerksmeisters spannen. So war es in früheren
+Zeiten. Das Außerordentliche entstand gleichsam durch bescheidenen
+Zufall, nicht in priesterhafter Gier und Askese. Was erstrebt man denn,
+was ersehnt man denn? Man will das Formlose formen; was die Natur
+zerstückelt liegen läßt, zusammenfügen und es der großen Vergeuderin und
+Zerstörerin entgegenhalten. Unzulänglich bleibt man dabei immer, aber es
+ist wunderbar, so lang das Material gehorcht, und das Auge, und die
+Hand. Zerrinnt einem aber der Stein, den man aus dem Bruch schlägt, zu
+flüssigem Sand, flattern von der Fackel, die man am großen Weltenfeuer
+entzündet hat, statt der Flammen rotgefärbte Papierfetzen empor, so ist
+es schlimm, mehr als schlimm, es ist das Ende.«
+
+Mit jäher Bewegung erhob er sich und ging ohne Gruß. Die Freunde sahen
+einander verwundert an.
+
+ * * * * *
+
+Eine Zeit lang verschanzte er sich in seinem Hause, und niemand konnte
+zu ihm gelangen. Dann hieß es, er sei verreist, um in der Stille eines
+Landaufenthalts Sammlung zu gewinnen. Aber schon nach ein paar Tagen
+kehrte er zurück. Sein Aussehen erregte Besorgnis. Tiefe Gruben hatten
+sich in den Wangen gebildet; der Blick war der eines Kranken. Er kam
+wieder zu den Freunden und gestand, die Einsamkeit sei ihm Pein. Doch
+auch Geselligkeit schien ihn nicht aufmuntern zu können. Man machte ihm
+in liebevoll-scherzhafter Weise den Hof, man schmeichelte ihm, man
+erwies ihm zarte kleine Ehrungen; umsonst, es war ihm kaum ein Lächeln
+abzulocken. Er stellte sich fast jeden Abend ein, wie einer, der vor
+sich flieht; er bat, man möge ihn bloß dulden, wenn es zum Ärgsten
+komme, werde er trachten, nicht zur Last zu fallen. Was er unter dem
+Ärgsten verstand, darüber äußerte er sich nicht; die Hausfrau, die seine
+ergebenste Anhängerin war, zog ihn beiseite und beschwor ihn, sich zu
+fassen, zu erheben; er mache durchaus den Eindruck eines Menschen, den
+ein Phantom zum Narren hält; man sei so viel Befeuerung von ihm gewöhnt,
+so viel gesunde, heilsam wirkende Kraft, dies könne doch nicht mit einem
+Mal zu nichte werden; ob sie ihm helfen könne, ob er sie des Vertrauens
+nicht mehr würdige? Sie sei zu jedem Opfer bereit, sie wie auch alle
+andern, die bestürzte Zeugen seiner Verwandlung seien.
+
+Er schüttelte den Kopf. »Zu helfen ist da nicht,« antwortete er; »es
+wäre besser, Sie zerrten mich nicht aus der Dumpfheit heraus. Das letzte
+Versteck darf man mir nicht nehmen; gegen Beleuchtung wehrt sich alles
+in mir, die Dinge bekommen dadurch ein zu prahlerisches Gesicht. Mein
+Fall ist an sich gering; legt ihr ihm Bedeutung bei, so werdet ihr nur
+zu Urhebern von neuen Leiden. Was ich an mir erfahre, ist doch bloß die
+Folge einer vielfach verschlungenen Kette von Selbsttäuschungen und
+Selbstüberschätzungen. Man hat sich zu lange gefallen, man hat sich zu
+lange beruhigt, man hat immerfort behaglich im lauen Wasser
+geplätschert. Die Erkenntnis ist schmerzlich. Wie wäre einem Menschen zu
+helfen, der niemals in einen Spiegel gesehen hat, der bis zu dem Moment,
+in dem es geschieht, im Wahn befangen war, er sei schön, er sei
+wohlgebildet, er habe angenehme Züge, und plötzlich grinst ihm aus dem
+Glas eine abscheuliche Fratze entgegen? Wie wollen Sie dem helfen? Daß
+mich ein Phantom zum Narren hält, ist außerdem noch wahr.« Er zögerte
+in ungewisser Scham und fuhr fort: »Stellen Sie sich vor, daß ich nicht
+allein sein kann, ohne daß mir zumute ist, ein dringlich fordernder
+Gläubiger sei hinter mir her und verlange die Bezahlung einer Schuld.
+Und zwar ein Gläubiger, dem ich zu Dank verpflichtet bin, der mir große
+Dienste geleistet hat, den ich wiederholt, mit guten und schlechten
+Gründen, habe vertrösten müssen und der nun, selbst in Bedrängnis, das
+langgefristete Darlehen nicht mehr stunden will. Das ist keine Figur,
+liebe Freundin, kein Gleichnis für einen beengten Zustand, es ist eine
+Realität. Auch okkulter Einfluß kann eine Realität sein. Sie wissen, daß
+ich Skeptiker genug bin, um solchen Anfechtungen zu widerstehen. Wer hat
+sich nicht schon über meine Trockenheit beklagt, in dieser wie in
+anderer Beziehung! Hier scheitern vernünftige Erwägungen an einer
+Vision, an der der ganze Organismus teil hat, das furchtbar genaue
+Wissen darum, wie es um mich bestellt ist. Leute meines Schlags kennen
+ihr eigenes Innere so gut wie die Bureauschreiber ihren
+Registrier-Apparat, und wo da die Tugend aufhört und die Sünde beginnt,
+ist schwer zu sagen. Die Quelle, die uns nährt, ist zugleich vergiftet,
+und wir sterben daran, ohne das Gift zu spüren.«
+
+»Aber was _wir_ davon spüren, wir Zuschauer und Zuhörer, ist Freude und
+erhöhtes Leben,« versetzte die Freundin herzlich und reichte ihm beide
+Hände.
+
+Mörner blickte grübelnd vor sich hin. »Bei alledem, sollte man es
+glauben,« sagte er mit einem Rest von Selbstverspottung im Ton, »bei
+alledem ist es wie eine letzte Genugtuung, daß er kommt, dieser
+Gläubiger, daß er mahnt. Er hält mich also noch für zahlungsfähig, ich
+habe also noch Kredit in der Geisterwelt. Sonderbar, daß wir nicht
+ärmer werden, wenn wir dort unsere Schulden begleichen, im Gegenteil.
+Nur muß man eben zahlen können, und ich kanns nicht. Die Kassen sind
+leer bis auf die Neige. So arm darf man nicht werden, oder man hat
+miserabel gewirtschaftet.«
+
+Mörner begab sich wieder zu den übrigen, die harmlos plauderten, die
+Hausfrau folgte ihm mit zwiespältigem Gefühl. Die unerbittliche Logik in
+der Verwirrung überraschte sie und stimmte sie nachdenklich. Da ging
+eine Abrechnung vor sich, hartnäckiger und ernsthafter als dem bloß für
+Alltags-Ungemach geschulten Blick erkennbar war.
+
+Das Gespräch geriet auf die Zeitumstände, und ein junger Lehrer der
+Philosophie machte die Bemerkung, in einer Epoche, wo die Wirklichkeit
+soviel Stoff produziere wie in der gegenwärtigen, das stürmisch
+fließende Schicksal soviel rohes Material ans Ufer schwemme, in einer
+solchen Epoche müsse die schaffende Phantasie durch ein automatisch
+funktionierendes Ausgleichsgesetz erlahmen; erst spätere Geschlechter
+seien wahrscheinlich imstande, das chaotisch Hingeworfene, Strandgut der
+Geschichte, zu neuen Bauten zu benutzen. Daher der Verfall der Kunst,
+daher das Versagen der Künstler.
+
+Mörner, der bislang schweigend zugehört hatte, unentschlossenen Anteil
+in den Mienen, zuckte plötzlich auf. Es war eine nicht sehr taktvolle
+Äußerung im Hinblick auf ihn, das empfanden alle, auch der Sprechende
+selbst, der errötend abbrach. Aber sie war nun einmal getan. Mörner
+erhob die Hand mit gespreizten Fingern, als wolle er verhüten, daß ihm
+ein anderer im Wort zuvorkomme und sagte: »Ach nein, nein, nein.
+Unleugbar steht uns die Zeit entgegen, aber nicht wegen der Überfülle
+des Geschehens, sondern wegen der Zerstörung der Geister und der
+Seelen. Von welchen Flammenausbrüchen genialer Naturen sind vergangene
+Umwälzungen begleitet gewesen! Wollt ihr Namen? Sie wimmeln. Jede
+Revolution hat Propheten und Gestalter aus ihrem Schoß geboren; einen,
+der die Eroica in die brüllende Woge schleuderte, einen, der seinem
+grandiosen Schmerz die Hermannsschlacht entriß, einen, der mitten in
+gewaltigen Gärungen die Tribüne der #Comedie humaine# errichtete.
+Gerufen von der Sehnsucht ihrer Welt, gaben sie ihr Stimme und Bild,
+wiesen ihr die Wurzel und den Gipfel ihres Geschicks. Heute aber? War
+jemals eine Menschheit so zu Boden getreten? Sagt mir nicht, er sei
+vielleicht da, irgendwo unter uns, der glühende Zeuge und wunderbare
+Architekt, und ich vermöchte ihn bloß nicht zu sehen und zu hören. Du
+und du und Sie und Sie und ich, warum sollten ihn wir nicht ahnen, nicht
+kennen? Würden nicht unsere Nerven bei seinem geringsten Hauch
+vibrieren? Wäre er nicht Fleisch von unserm Fleisch, Blut von unserm
+Blut? wer sollte ihn wissen, wenn nicht wir? Es gibt ihn nicht. Seine
+Entstehung schon wird im Keime erstickt. Der Schoß ist unfruchtbar
+geworden, es kommt nicht mehr bis zur Kristallbildung; es bleibt beim
+Ansatz; in den Elementen ist kein Wille, sich zu ballen; die ruhende
+Sehnsucht ist nicht produktiv. War jemals eine Menschheit so zu Boden
+getreten? frag ich noch einmal; so müde, so stumpf, so entblättert, so
+kurz von Atem und so kühl im Hirn? Spürt ihr es nicht, wie keine
+Resonnanz wird? Kein Sinn will mehr aufnehmen; es sei denn die gröbste
+Nahrung; nichts ist Besitz, alles Erwerb; nichts Erlebnis, alles Kitzel;
+keinem Gemüt prägt sich das Wesen ein, nur die Verzerrung davon; die
+Ehrfurcht ist geschwunden, die Überlieferung abgeschnitten, der Glaube
+tot, das Wissen ein mörderisches Narkotikum. Kein Zusammenhang und
+Zusammenklang, in der Höhe nicht, in der Tiefe nicht, bei den Guten
+nicht, bei den Bösen nicht. Hinten versinkt alles in Abgründen, vorne
+öffnen sie sich. Panische Flucht nach allen Seiten; Angst, sich zu
+verpflichten, Angst vor der Hand, die sich bietet, Angst vor dem
+Schmerz, Angst vor der Wahl, Angst vor jeglicher Entscheidung, Angst
+sogar vor der Erinnerung an den verlorenen Gott. Und wird euch denn
+nicht ebenfalls Angst, wenn ihr die Heraufkommenden betrachtet, diese
+Zuchtlosen, ihre Lust an der Raserei, an der Tobsucht des frierenden
+Verstandes; ihren Götzendienst vor der Chimäre, den Kultus vor dem
+Golem, die grauenvoll ummauerte Isolierung eines jeden, in der er, um
+sich und die andern Isolierten zu betäuben, wie ein verrückt gewordener
+Anachoret nach Verbrüderung schreit, rachsüchtig und voll Haß in seiner
+Wehleidigkeit? Was soll werden? Man kann eine Ruine aufbauen, wenn das
+Material noch halbwegs brauchbar ist, aber aus morschem Plankenwerk und
+wurmstichigen Brettern ein seetüchtiges Fahrzeug zimmern, das ist
+unmöglich. Da habt ihr die Krankheit. Da ist es aufgerollt, das Gemälde
+der Katastrophe, meiner und aller derer, die noch gutgläubig oder weil
+sie sich der schrecklichen Klarheit eine Weile noch verschließen wollen,
+am Werke sind. Morituri te salutant. Es ist kein Cäsar da; grüßt man
+also die Blinden und Tauben, die unsere Geschicke lenken? Sie bilden
+sich nur ein, zu lenken, sie werden mitgeschleift und mitzerschmettert.«
+
+Während er so sprach, hatte es Mörner geschienen, daß die Tür
+aufgegangen und jemand eingetreten war. Er schaute sich um, bemerkte
+aber keinen Hinzugekommenen, auch verriet nichts in den Mienen der
+Freunde, daß sie eine gleiche Wahrnehmung gemacht. Die Augen ruhten
+groß auf ihm, mit scheuem und betroffenem Ausdruck. Indessen wich das
+Unbehagen nicht von ihm, das die verborgene Anwesenheit eines Fremden
+verursacht. Sein suchender Blick prüfte die Gesichter. Es war kein neues
+darunter; er kannte jedes. Doch dünkte es ihn, im Hintergrund des Raums,
+zwischen Flügel und Bücherkasten, wo das Licht sich verlor, sitze eine
+Person, die vorher nicht dagewesen war. Er wagte es nicht, sich zu
+vergewissern, hielt aber das Gefühl für untrüglich.
+
+Die wohllautende Stimme eines jungen Mädchens sagte: »Ist denn nicht,
+wer schafft, im tiefsten Sinne ohne Zeit? Ist es denn diese eine, nahe,
+bestimmte Welt, die ihm notwendig ist, und nicht vielmehr eine
+übertragene obere, die sein Traum wahrer macht als die untere? Sie
+selbst haben es uns so gelehrt. Nicht in Worten; im Beispiel. Und was
+wir so oft mißverstanden und falsch verstanden haben, daß der Dichter
+ein entselbsteter Mensch ist, so nannten Sie es ja, der Mensch ohne
+Partei, ohne Meinung fast, dem alles Leben zur Speise wird, ist das denn
+nicht mehr das Gesetz, dem Sie sich demütig beugen, wie Sie immer getan
+haben?«
+
+Mörner senkte den Kopf, und als er antwortete, war es ihm, als stehe er
+nicht der sanften Fragerin Rede, sondern der verborgenen Person, die er
+im Zimmer wußte. »Widerstände können wachsen,« sagte er; »es ist
+jedesmal ein harter Weg dorthin, in die obere Welt; eines Tages sind die
+Schranken unübersteiglich. Die Kraft reicht nicht mehr zu; der Mut ist
+nicht mehr da. Werktätigkeit beruht auf Wechselwirkung. Das Leben ist
+meine Speise, freilich; wenn aber die Speise faulig wird, wie dann? Wenn
+die Augen nicht mehr sehen können, das innere Membran nicht mehr
+erzittert, das Bild nicht mehr zu fassen ist, das Gefühl seine
+Sicherheit einbüßt? Wie dann? Beide Welten, die obere und die untere
+sind mir zu Schemen verblaßt. Ich kann nichts mehr greifen, es bleibt
+mir nichts in der Hand, ich bin zur Ohnmacht verurteilt, ich bin ein
+Selbst geworden.«
+
+Er lächelte traurig, zuckte die Achseln und schwieg. Sein Ohr lauschte
+in die Richtung, wo der Unsichtbare saß. Der aber verriet seine
+Gegenwart durch keinen Laut und keine Bewegung. Als das junge Mädchen
+sich zum Flügel setzte und ein Bachsches Präludium zu spielen begann,
+schien er seinen Platz zu verändern.
+
+Mörner wollte die Freunde durch seine Gegenwart nicht länger bedrücken
+und entfernte sich still. Durch die mitternächtlich verödeten Straßen
+trat er den Heimweg an, doch war ihm nicht wohl zumute bei der Aussicht
+auf Alleinsein in seinem Hause.
+
+ * * * * *
+
+Er hörte Schritte hinter sich, eine Weile schon. Es folgte ihm jemand.
+
+Die Luft war mild, das Gewölbe bis in die Unendlichkeit umschleiert. In
+der Dunkelheit wuchtete Ahnung, die die Seele zusammenpreßte und sie
+aufsteigen machte gleich einer artesischen Säule. Er erinnerte sich
+solcher Nächte aus seiner Jünglingszeit. Es waren dieselben
+flaumsüchtigen Wolken gewesen, damals, in der Stadt seines Elends,
+mitten im Herzen Deutschlands, dieselbe bittersüße Feuchtigkeit in der
+Atmosphäre, dasselbe heimliche Säuseln und Brodeln in der Erde. Warum
+war ihm das Längstvergangene heute nah? Kündigte sich Prüfung an und
+neue quälende Überschau? Parade über die Truppen vor der Abdankung? Ein
+Laut war wie Vogelruf, genau wie damals aus dem Gebüsch am trüben Fluß,
+der die Fabrikwässer führte. Aber damals war es Verheißung gewesen,
+heute war es Verzicht; damals Ankunft, heute Abschied; damals hatte
+Romantik um die verschlossenen Tore und schwarzen Fenster geschauert,
+heute das frostige Wissen. Drei Jahrzehnte vergeblichen Wegs in eine
+Sackgasse!
+
+Er ging langsamer; der ihm folgte, verzögerte ebenfalls den Schritt. Er
+ist es, durchfuhr es Mörner, und seine erste Regung war, zu fliehen.
+Doch trotzte er ihr; an einer Ecke unter einer Gaslaterne blieb er
+stehen. Der andere kam heran, lüpfte den steifen niedern Hut und sagte
+leise: »Guten Abend.«
+
+Es war ein Mann von nicht genau bestimmbarem Alter; Mitte der Dreißig
+ungefähr; jugendlich schlank, aber in der Haltung etwas schlaff und im
+Gang schleppend. Soviel sich im ungewissen Licht ausnehmen ließ, waren
+die Haare blond. Die Kleidung war adrett, obwohl ein wenig abgetragen.
+Das bartlose Gesicht war auffallend hager, mit tiefliegenden blauen
+Augen und erstaunlich scharfen Kerben um den Mund. Alles in allem war es
+ein schönes, zumindest ein schön gewesenes Gesicht, das nichts Vulgäres
+an sich hatte.
+
+»Ich hoffe, Sie nicht zu stören,« sagte der Unbekannte mit
+achtungsvoller Artigkeit, die den Mann von Erziehung verriet; »wir haben
+den nämlichen Weg, scheint es; darf ich Sie begleiten?«
+
+Mörner verbeugte sich kühl. Er zürnte sich wegen der Beklommenheit, die
+er empfand. Seite an Seite setzten sie den Weg fort.
+
+Der Unbekannte sagte: »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich nicht
+vorstelle; aber ich habe keinen Namen. Ich mache wenigstens schon lange
+keinen Gebrauch mehr von ihm. Nur im Notfall nenne ich mich, so oder
+so; es gibt ja zwingende Situationen; ich schütze dann einen erfundenen
+Namen vor. Ich denke, Sie legen auf diese Formalität kein Gewicht.«
+
+Immerhin ein merkwürdiger Geselle, dachte Mörner und sah geradeaus auf
+das Pflaster. So auch, vor sich hin, erkundigte er sich: »Sie sind fremd
+in der Stadt? Seit kurzem erst hier, wenn ich fragen darf?« Er ist es,
+dachte er wieder, und mit einer Anwandlung von Haß: wozu die gezierten
+Vorbereitungen? weshalb spielt er Verstecken mit mir? was ist seine
+Absicht?
+
+»Ja, ich bin fremd,« gestand der Herr mit seiner leisen, freundlich und
+rücksichtsvoll klingenden Stimme; »aber daran bin ich gewöhnt. Ich bin
+eigentlich überall fremd. Das heißt, obenhin betrachtet, bin ich fremd,
+genau genommen nicht. Ich reise fortwährend, wissen Sie, bin immer wo
+anders, ohne festes Domizil. Ich liebe es nicht, Aufenthalt zu nehmen.
+Wenn man sich aufhält, entstehen Versäumnisse. Viele Jahre bin ich schon
+unterwegs, und es ist manchmal schwer, der Müdigkeit nicht nachzugeben.
+Aber wir wollen nicht von mir sprechen. An mir ist nichts interessant.
+Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich offen gestehe, daß ich Ihnen
+aus reiner Neugier nachgegangen bin. Wären Sie mir entschlüpft, ich
+hätte wirklich nicht gewußt, was tun. Ich hätte Sie bestimmt noch heute
+Nacht in Ihrer Wohnung aufgesucht, und diese Zudringlichkeit wäre Ihnen
+wahrscheinlich sehr unangenehm gewesen.«
+
+»Sie waren also dort, dort oben bei meinen Freunden?« stammelte Mörner;
+»ich habe mich also nicht geirrt ...?«
+
+Der Unbekannte nickte. »Gewiß, ich war dort,« erwiderte er etwas
+beschämt; »es hat mich unwiderstehlich hingezogen. Ich wußte von Ihnen.
+Ich hatte irgendwelche Botschaft. Aus tausend Stimmen dringt eine
+hervor, vernehmlicher als die andern. Ein Blatt Papier, ein
+aufgefangenes Wort, was kann das nicht alles bedeuten. Und zufällig saß
+ich Ihnen neulich im Eisenbahncoupé gegenüber, entsinnen Sie sich nicht?
+Da erfaßte mich sofort die Neugier, trotzdem ich über das Wichtigste
+gleich im Klaren war, und ich blieb unablässig auf Ihren Spuren.«
+
+In der Tat glaubte sich Mörner zu entsinnen, den Unbekannten während
+einer vielstündigen Fahrt im halbdunkeln Abteil gesehen zu haben. Er
+wunderte sich, daß ihm das erst jetzt einfiel, denn Gestalt und Gehaben
+des Menschen waren ihm ungewöhnlich erschienen, das vollkommen
+unbewegliche Sitzen, der intensive Blick, eine gewisse Naivität und
+Bescheidenheit in den Mienen, verbunden mit einer schwer definierbaren
+lächelnden Undurchdringlichkeit, alle diese Einzelheiten sah er lebhaft
+vor sich. Seine Spannung und Unruhe wurde dadurch nicht vermindert.
+»Wieso waren Sie sich über das Wichtigste im Klaren?« fragte er und
+suchte seine Erregung hinter einem gereizten und mürrischen Ton zu
+verbergen. »Bin ich denn so auf den ersten Blick zu ergründen? Nichts
+für ungut, aber gegen das Hellsehn hab ich meinen Argwohn; es ist durch
+einige Leute von meinem Metier diskreditiert und läuft gewöhnlich auf
+Charlatanerie und Mystifikation hinaus.«
+
+»Ich habe ja auch Ihre _Worte_ gehört,« antwortete der Fremde einfach.
+»Daß Sie mißtrauisch sind, begreife ich. Sie kennen mich ja nicht. Ich
+habe mir noch kein Recht auf Ihr Zutrauen erworben. Ich bin ein
+Namenloser, wie gesagt, ein Niemand; es steht bei Ihnen, mich für einen
+Charlatan zu halten. Nur bitte ich Sie, Ihr endgültiges Urteil noch zu
+verschieben.«
+
+Er wich einem Hund aus, der über die Straße lief und fuhr mit derselben
+unerheblichen Stimme fort: »Nein, Hellseher bin ich nicht, und daß ich
+Sie auf den ersten Blick ergründet habe, behaupte ich auch nicht. Was
+mich zu Ihnen getrieben hat, ist neben der Neugier, die mir angeboren
+ist, die sonderbare Leidenschaftlichkeit in Ihnen, die sich auf alles in
+Ihrem Umkreis unmittelbar überträgt. Sie ist sehr selten, diese Art von
+Leidenschaft, diese entselbstete; der Ausdruck stammt ja von Ihnen. Es
+hat mich magnetisch angezogen; ich meine das nicht bildlich. Ob ich
+wollte oder nicht, ich mußte dorthin, wo Sie waren. Auf dem Meer, mitten
+in einer Windstille, bei blauem Himmel, hat man manchmal die deutliche
+Empfindung, daß ein furchtbarer Sturm irgendwo hinter dem Horizont
+wütet, der das Schiff förmlich in seinen Trichter saugt. So war Ihre
+Wirkung auf mich. Die meisten Menschen wissen nichts von ihrer eigenen
+Wirkung. Das Leben stumpft sie ab dagegen. Viel notwendiger ist es, die
+eigene Kraft kennen zu lernen, als die der andern. Mächtige Seelen
+liegen oft faul da und ahnen nichts von dem Magnetismus, der in ihnen
+aufgesammelt ist. Ich unterscheide die Menschen danach. Es ist eine
+Stufenleiter; von denen, die oben stehen, strahlt die größte Kraft aus,
+die Schicksalskraft, die Verantwortlichkeitskraft. Das ist der Kitt, der
+bindet. So war wenigstens meine Erfahrung. Das ist auch der Grund, warum
+mich Ihre Leidenschaftlichkeit so beschäftigt hat. Worauf sie eigentlich
+gerichtet ist, kann ich nicht genau ermessen; ich habe nur zum Teil
+verstanden, was Sie dort in dem Haus sagten; ich bin kein sehr
+gebildeter Mensch und habe wenig gelesen. Ich hatte die Zeit nicht. Ich
+habe mir nur einige Fähigkeiten angeeignet, durch die es mir möglich
+geworden ist, - aber lassen wir das, davon erzähl ich Ihnen später,
+falls es sich ergibt. Folgende Überlegung war es, die mich berührt hat
+wie seit langem nichts. Ich sagte mir: wenn man mit einer solchen Flamme
+in der Brust vor der Menschenwelt steht, wie kann es sein, was muß da
+geschehen sein, daß die Flamme nicht leuchtet, daß nicht alles in
+blendender Helligkeit vor ihr liegt, daß der, der sie besitzt, sich über
+Finsternis beklagt und eben dadurch in Gefahr kommt, tatsächlich in
+Finsternis zu versinken? Wie geht das zu? Ich sagte mir weiter:
+Vielleicht kannst du da Nutzen stiften, es ist dir ja schon manchmal
+gelungen; da liegt so eine Seele, sagte ich mir, eine mächtige Seele und
+windet sich in Zuckungen; vielleicht kannst du das trübe Medium von der
+Netzhaut dieses Menschen lösen, mehr ist vielleicht nicht zu tun; das
+Ganze ist eine Erkrankung des Auges; freilich nicht des physischen
+Auges; was darf nicht alles Auge heißen bei den Edleren: das Herz ist
+selber Auge.«
+
+Die häufig stockende, wie aus Bescheidenheit unsichere und zögernde Rede
+des Fremden drang mit jeder Silbe unhemmbarer in Mörners Inneres. Harte
+Schlacken schmolzen, der Krampf lockerte sich.
+
+Was für ein Mensch ist dies? dachte er zwischen zwei Atemzügen, von
+denen der eine noch Qual war, der nächste schon Hoffnung.
+
+ * * * * *
+
+Sie saßen im Arbeitszimmer des Schriftstellers. Der Unbekannte begann zu
+erzählen. Er hatte es gewiß noch nie getan, denn es hatte unverkennbare
+Erstmaligkeit.
+
+Es war viele Jahre her, daß er als Sohn eines reichen Hauses, verwöhnt,
+umworben, wie ein Thronfolger umschmeichelt, eines plötzlichen Tages
+alles von sich geworfen, alles Überflüssige, wie er sich ausdrückte:
+Geld, äußere Würde, gesellschaftliche Stellung, die Freunde, die Frauen,
+die Dinge, die Gewöhnungen, den Ehrgeiz, den Namen; alles von sich
+abgestreift, bloß um zu leben, um wirklich zu leben.
+
+Mörner glaubte sich zu erinnern, davon gehört zu haben. Aber die Zeit
+hatte den Eindruck des damals Vernommenen und wahrscheinlich Entstellten
+verwischt.
+
+Der Schritt des jungen Mannes hatte Verwunderung und Kopfzerbrechen
+erregt. Er verursachte auch vielen Menschen Leiden, die ihm bluts- und
+wesensnah waren, aber danach durfte er nicht fragen. Er verzichtete auf
+alles, was ihm lieb und unentbehrlich gewesen war und ging den Weg, den
+er sich selber bahnen mußte, und der umso schwieriger und mühevoller
+war, als es ein bestimmtes Ziel auf ihm nicht gab. Man mußte sehen,
+wohin man kam.
+
+Was er unter »wirklich leben« verstand, das vermochte er weder damals
+noch später befriedigend zu erklären. Man hielt ihn deshalb für einen
+unklaren Kopf, und selbst diejenigen Leute, die seine herausfordernde
+Luxusexistenz verurteilt hatten und seinen Bruch mit der Vergangenheit
+im Prinzip billigten, zuckten über die Ausführung die Achseln. Sie
+hatten etwas Besonderes, Niedagewesenes erwartet und machten aus ihrer
+Enttäuschung keinen Hehl. Sich seinen Verpflichtungen entziehen, die
+Schiffe hinter sich verbrennen, das kann schließlich jeder, so sprachen
+sie ungefähr; Geld und Gut fortwerfen, schön; in freiwilliger Armut
+leben, schön; aber angenommen sogar, daß man nicht zu den ägyptischen
+Fleischtöpfen zurückkehrt, wenn einem die Geschichte eines Tages zu bunt
+wird, wo ist die Idee? Was für ein Dienst wird der Menschheit damit
+geleistet? Was wird bewiesen, wodurch etwas geändert? Verkündet er eine
+neue Lehre? Lockt das Beispiel zur Nachahmung? Ist es überhaupt
+nachahmenswert? Hat er die Welt um einen fruchtbaren Gedanken
+bereichert? Nein, stellten sie fest, es ist unreife Schwärmerei,
+bestenfalls eine moderne Donquichoterie; Herrenlaune im Grund, nur
+verblüffender als die früheren, und genau besehen ist er derselbe Snob
+geblieben, der er war, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß ihm
+Übersättigung und Verzweiflung den Antrieb gegeben haben.
+
+So äußerten sich die meisten. Er aber kümmerte sich nicht darum. Ihre
+Reden drangen bald nicht mehr zu ihm. Er schied aus ihrer Mitte. Er
+schwand aus ihrem Gesichtskreis. Binnen kurzem war er verschollen. Er
+ging in die Tiefen hinunter. Umkehr gab es für ihn keine.
+
+ * * * * *
+
+Er erzählte, daß er ziemlich lange in der Borinage gelebt, bei den
+Bergleuten; damals noch als Müßiggänger und neugieriger Gast. Der
+Anblick des Elends hatte ihm diese Rolle unerträglich gemacht. Es hatte
+sich eine Gelegenheit zur Überfahrt nach Amerika geboten. Drüben war er
+gezwungen, sein Brot zu verdienen. Er griff zum Schwersten, ging unter
+die Verlader am Hudson und war gegen Tagelohn angestellt. Er wurde
+krank. Genesen, unterrichtete er die Kinder eines polnischen Flüchtlings
+im Lesen und Schreiben.
+
+Er hielt sich in seiner Erzählung bei den selbstverständlichen
+Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens nicht auf. Um seine Person war
+es ihm ja nicht zu tun. Seine eigenen Leiden kamen nicht bloß nicht in
+Frage dabei, sondern er nahm gar keine Notiz von ihnen, sie waren kaum
+vorhanden für ihn.
+
+Er erzählte, immer in dem nämlichen gleichmäßigen Tonfall und ohne die
+geringste Eindringlichkeit, daß er sich bei einem großen Grubenunglück
+in Pensylvanien an den Rettungsaktionen beteiligt habe und wochenlang in
+den Schächten gewesen sei; wochenlang in der Gesellschaft verwaister
+Kinder, verwitweter Frauen, dann daß es ihn immer weiter getrieben wie
+einen, der unstillbaren Durst hat und bei jedem Trunk nur noch durstiger
+wird. Daß er das Leben der Metallarbeiter kennengelernt habe, berichtete
+er, und das der Maschinenbauer, und das der Eisenbahnarbeiter, und das
+in den Schlachthäusern, den Konservenfabriken, Spinnereien, Sägewerken
+und Druckereien. Daß er mit Fischern gelebt, mit Holzfällern, mit
+Kleinbürgern, mit Beamten, mit Kellnern, mit Defraudanten, mit
+Bar-Tänzern, mit Negern, mit Farmern, mit Journalisten. Daß er Diener
+eines Sekten-Oberhaupts gewesen, Schreiber bei einem Börsenmakler, Agent
+für ein Annoncenbureau. Daß er in einer Besserungsanstalt und in einem
+Zuchthaus war, nicht als unbeteiligter Besucher, sondern als Sträfling,
+indem er sich mittels gefälschter Papiere für einen andern ausgegeben.
+Daß er wochenlang in den unterirdischen Kanälen von Neuyork genächtigt;
+in den Opiumhöhlen von Chicago gelebt und unter den Auswanderern auf
+Ellis-Island als Lazarettgehilfe gedient. Daß er ein Jahr darauf mit
+einer Goldsucher-Expedition nach Alaska gegangen sei; von dort nach
+Japan; von dort nach China. Daß er von Peking aus ins Innere, den Fluß
+entlang, gewandert sei, und mit einem tibetanischen Lama nach Madjura,
+der heiligen Siedlung mit dem Lilienteich und den Türmen aus
+Götterbildern; immer unter den Menschen, dicht bei den Menschen, immer
+einsam, dicht bei sich, von Tag zu Tag einsamer, von Tag zu Tag
+reicher, beladen mit Reichtümern, und immer noch durstig. Er erzählte
+weiter. Das alles war erst Untermalung; Figur und Umriß zeigten sich
+später.
+
+Er sprach von Schiffen und Dschunken; vom Himmel, vom Meer; von Wäldern
+und Gärten; von Tempeln und Festen; von Städten und Wüsteneien; von
+Heiligen und von Verbrechern; von religiöser Versunkenheit und
+weltlicher Mühsal; von Aufruhr und Unterdrückung, von innigem Werkfleiß
+und liebender Tat. Vom Schicksal und abermals vom Schicksal, seinem
+Wechsel, seinem Grauen, seiner Herrlichkeit, seiner in alle Seelen
+gewirkten Vielfältigkeit.
+
+Er hatte erkannt; vom Erkennen war er voll. Er hatte Kräfte in sich
+geschlürft mit Begierde. Er hatte die Bindungen und Verflechtungen des
+Menschheitskörpers sehen gelernt wie man die Lagerungen der Muskeln und
+Adern an einem hautlosen Leib wahrnimmt. Er war vertraut mit dem Fühlen
+und Denken aller Verlorenen, Irrenden, Geplagten und Duldenden an allen
+Enden und Ecken der Erde. Er kannte die Lasterhaften, die Mörder, die
+Diebe, die Hehler, die Geknechteten, die Einfältigen, die Erglühten, die
+stummen Unverdrossenen. Für ihn zogen sich Fäden von der Küste des
+indischen Ozeans bis zu den Palästen europäischer Metropolen. Alles war
+ein einziger, bebender, heißer Leib; alles wie die verschlungenen Zweige
+eines ungeheuren Baums. Er drückte dergleichen nicht aus, dazu war er
+nicht imstande, aber es lag in seinem Aug und Wesen.
+
+Er war, vom Osten her, durch den Krieg gegangen, unangefochten,
+bewillkommt, von schonender Luft und schonenden Händen umgeben, und wo
+er war, schien er für die andern von jeher gewesen zu sein. Er hatte die
+Schlachtfelder durchzogen, die Brandstätten, das blutbesudelte Land,
+hüben und drüben, das zermalmte, seufzende Land. Er war Zeuge geworden
+von Plünderung und Metzelei, Hunger und Haß, Wahnsinn und Lüge,
+Bestialität und Verzweiflung. Aber auch von verborgenem Heldentum und
+dem kleinen Glück der Genügsamen, von Opferdienst und Wundern der
+Vollbringung. Er wurde nicht müde; er durfte es nicht werden, denn er
+sah noch kein Ziel.
+
+Was mag das Ziel sein? ging es Mörner durch den Sinn, indes er lauschte
+und mitlebte; in dem unendlichen Zirkel der Bilder und Vorstellungen
+dachte er plötzlich an Buddhas Wiese, an die seligen Gefilde der letzten
+Entäußerung, des letzten Wissens, des letzten Friedens, der letzten
+Inkarnation, Höhenscheide zwischen irdischer und himmlischer Welt.
+
+Wußte er nicht, wohin er ging, der überaus Seltsame? Darüber war kein
+Zweifel, daß er sich übernatürliche Fähigkeiten angeeignet hatte, das
+heißt, von denen aus betrachtet, die noch nicht an die Natur reichen: Er
+hatte sie erworben, weil sein Einsatz übermenschlich war, das heißt, von
+denen aus betrachtet, die noch nicht ans Menschliche reichen.
+
+ * * * * *
+
+»Ich durfte mir keinen Zweck setzen, so wie ich mich nicht binden
+durfte,« sagte der Unbekannte; »im Zweck liegt schon das Übel; der Zweck
+hat die Welt so ins Fieber gebracht. Nein, ich durfte mich niemals
+binden, sonst hätte ich den Zusammenhang verloren. Ich mußte immer
+wieder Abschied nehmen, immer wieder brechen, sonst hätte ich mich
+versäumt und die wichtige Stunde. Die wichtige Stunde ist die nach der
+Überwindung und dem Entschluß. Da ist die Kraft ohne Maß und Grenzen.«
+
+Die Stimme blieb gleich nüchtern, gleich karg, gleich unbetont; gleich
+höflich die Haltung, sparsam die Gebärde. Oft spielte ein Lächeln um die
+Lippen, die ungealtert waren, indes sich andere Teile des Gesichts
+eigentümlich verwittert zeigten, besonders die Stirn und die
+Schläfengruben; auch das Haar war an manchen Stellen silbrig angegraut.
+Das scheue Lächeln schien die Versicherung zu enthalten, daß die Distanz
+nicht überschritten werden würde, die der Andere vorschrieb. Der
+unerhobene Ton aber, die zarte, rücksichtsvolle Bemühung um das
+äußerlich Konventionelle und Gestattete verlieh den Worten eine
+vollkommene Durchsichtigkeit, und Gestalt um Gestalt, Vorgang um Vorgang
+entfalteten sich so rein, als lägen Schall und Stimme nicht mehr
+vermittelnd dazwischen.
+
+»Ich liebe die Dinge,« sagte die höfliche Stimme; »ich liebe sie
+manchmal bis zur Unvergeßbarkeit; sie sind oft wie Laternen über dem
+Schicksal des einzelnen Menschen aufgehängt. Ich weiß nicht, ob das eine
+Schwäche von mir ist, aber ich kann mich dem nicht entziehen. Ich bin
+mit einem Mann gegangen, in einer kleinen Stadt, und es war Abend. Er
+hatte Furcht, allein zu gehen, weil die Frau während seiner langen
+Abwesenheit wieder geheiratet hatte und ihn für tot hielt. Er hatte
+Furcht, wollte aber zu seinen Kindern, und ich bin mit ihm gegangen. Das
+Haus lag in einer Gasse gegen den Fluß und hatte ein schiefes Dach.
+Rechter Hand im Flur war ein Backofen, davor kniete eine Magd, von
+schwacher Glut beschienen, und schob mit einer Stange die fertigen Brote
+von den heißen Ziegeln. An der Treppe oben stand das Weib des Mannes;
+sie ahnte noch nichts und trällerte ein Lied. Zu ihren Füßen spielten
+zwei Kätzchen. Draußen war es feucht, das Pflaster glänzte, man hörte
+den Fluß rauschen, und bisweilen ging ein Mensch an dem offenen Tor
+vorüber, gebückt und eilig. Der Mann neben mir zog in seiner
+Gemütserregung ein blaues, zerrissenes, wie ein Schachbrett mit
+Quadraten bedecktes Tuch aus der Manteltasche und trocknete sich die
+Stirn damit. Das Tuch war mir in dem Augenblick etwas unbeschreiblich
+Teures; es läßt sich wirklich nicht erklären, warum, aber alles war in
+ihm drin, der ganze Mensch.«
+
+Er senkte ein paar Sekunden lang den Kopf und fuhr fort: »So ist es mit
+Schachteln, die bei armen Dienstboten in der Kommode liegen und mit
+Erinnerungszeichen gefüllt sind; und mit geborstenen Steintreppen an den
+Toren; und mit Photographien an den Wänden; mit einer Kerze, die nachts
+irgendwo an einem Fenster brennt, und mit dem Brett, das der Tischler in
+der Werkstatt hobelt. Mit den Fußspuren im Weg ist es so und mit den
+Brücken über die Flüsse, aber besonders mit allem, was durch
+Menschenhände geht und auf Menschen Einfluß hat. Ich habe den Ring am
+Finger einer gestorbenen Frau gesehen; von wie vielem der wußte! Auf
+einer Straße, durch die ich ging, lag ein zerrissener Vorhang, den man
+aus einem ausgeraubten Haus geworfen hatte; wieviel Leben daran klebte!
+An die Dinge geben sich ja die Menschen hin, sie sperren ihre Seelen in
+sie hinein; sie sind ihr Besitz; und wenn nicht Besitz, dann das Ziel
+ihrer Sehnsucht. In einer andern Stadt fand ich in einer kalten
+Winternacht einen acht- oder neunjährigen Knaben halberfroren auf einer
+Bank. Ich trug ihn zu einem nahegelegenen Spital, dort wurde er der
+Lumpen entkleidet, die ihm am Leibe klebten, und es wurde ihm heiße
+Milch eingeflößt, da er nicht bloß erfroren, sondern auch bis auf die
+Knochen verhungert war. Nachdem man den Körper notdürftig von Schmutz
+und Unrat gesäubert hatte, steckte man ihn ins Bett. Er lag bewußtlos,
+und ich blieb die Nacht über bei ihm, man hatte es mir erlaubt. Als er
+nun die Augen aufschlug und man ihn fragte, wer er sei und woher er
+komme, vermochte er nicht zu antworten. Er sah beständig die weißen
+Kissen an, tastete beständig mit der Hand über das weiße Linnen, das ihn
+bedeckte, und in seinen Mienen war ein so maßloses Staunen, eine so
+maßlose freudige Bestürzung, daß man sofort begriff, er war Zeit seines
+Lebens nie in einem Bett gelegen, und erst recht nicht in einem solchen
+Bett. Er glaubte allen Ernstes, daß er sich im Jenseits befand, und das
+einzige, was er sprechen konnte, war: so weiß; so sauber; so weiß; und
+wieder, andächtig, ungläubig, völlig verzückt: so weiß; Herr Jesus, so
+weiß.«
+
+Der Unbekannte hielt inne und sann mit abgelöster Heiterkeit im Gesicht
+vor sich hin. Dann sprach er: »In der nämlichen Stadt fügte es sich, daß
+ich mich eines brustkranken Mädchens annehmen sollte, das im Laden einer
+Friseurin bedienstet war. Ein Kind von sechzehn Jahren, ich erinnere
+mich noch des Namens; Angelika hieß sie. Ihre Herrin hatte sie aus dem
+Waisenhaus genommen, sie war ein Findling; ein munteres und zärtliches
+Geschöpf, von allen wohlgelitten und ungemein geschickt in den
+Verrichtungen, die man sie gelehrt hatte. Die Herrin sah aber bald, daß
+das Übel rapid wuchs; der Arzt, den sie zu Rate zog, gab ihr wenig
+Hoffnung und empfahl ihr, das Mädchen schleunig in eine Heilanstalt zu
+bringen. Sie versuchte es, doch es war umsonst; die Behörden wiesen sie
+ab, die humanitären Vereine wiesen sie ab, die reichen Leute, bei denen
+sie Hilfe suchte, wiesen sie gleichfalls ab. Sie war eine robuste Frau,
+nichts weniger als gefühlsselig, aber sie liebte das Mädchen wie ein
+eigenes Kind, und die Aussichtslosigkeit, eine Pflegestätte für sie zu
+finden, erbitterte sie. Angelika indessen ahnte nichts davon, daß ihr
+Geschick ein so nahes Todesurteil über sie verhängt hatte. Sie lachte
+und scherzte den ganzen Tag, und besonders war sie darauf versessen,
+sich zu schmücken. In diesem Punkt war sie geradezu erfinderisch; ihre
+billigen Gewänder sahen aus wie frisch aus dem Magazin; die kleinen
+Geschenke, die sie von den Damen erhielt, Bänder, ein Stückchen Stoff,
+eine silberne Nadel, eine Halskrause, waren Kostbarkeiten für sie, und
+sie wußte sie anmutig und geschmackvoll zu verwenden. Aber ich will
+Ihnen erzählen, wie ich dazu kam, mit eigenen Augen zu sehen, wie
+glühend diese jungen Hände die Dinge umklammerten, die ihr Ausdruck und
+Abbild des Lebens waren. Es ist eine unbedeutende Begebenheit, im großen
+Ring betrachtet, aber sie hat mir viel zu denken gegeben. Die Friseurin
+hatte noch ein zweites Lehrmädchen, und diese war nach und nach
+eifersüchtig auf die jüngere und hübschere Kollegin geworden. Als nun
+eines Tages Angelika zu einem gewöhnlichen Kundenbesuch ihr schönstes
+Kleid angezogen hatte, und mit glücklichem Lächeln vor ihr stand, sagte
+sie zu ihr; wozu richtest du dich so her und gibst die paar Groschen,
+die du verdienst, für Plunder aus? Trachte lieber, daß du gesund wirst,
+damit unsere Frau nicht so viel Scherereien deinetwegen hat; es steht
+nicht zum besten mit dir, das wissen alle, bloß du nicht; also merk dirs
+und werde nicht gar so übermütig. Die Worte erschreckten Angelika, und
+sie fing an zu begreifen, was ihr drohte. Sie büßte ihren Frohsinn nach
+und nach ein, obwohl ihre kräftige und unbefangene Natur sich immer
+wieder geltend machte, selbst dann noch, als sie bettlägerig wurde und
+mit jedem Tag mehr verfiel. Es war mir endlich gelungen, in einem Asyl
+weit draußen vor der Stadt einen Unterschlupf für sie zu finden,
+richtiger ausgedrückt, ich hatte einige schwerbewegliche Personen
+aufgesucht, und diese ihrerseits hatten wieder einigen widerwilligen
+Funktionären eine Zusage abgerungen, die aus freien Stücken zu geben
+ihre Pflicht und ihr aufgetragenes Amt gewesen wäre. Kurz, Angelika
+sollte in Pflege kommen, und ich beeilte mich, es der Frau zu melden. Es
+war an dem Tage gerade ein blutiger Aufruhr in der Stadt, Soldaten und
+Arbeiter zogen durch die Straßen; aus vielen Häusern wurde geschossen.
+Am schlimmsten ging es in dem Viertel zu, wo die Friseurin wohnte; ich
+konnte mir durch die Massen Volks kaum einen Weg bahnen. Der Laden war
+geschlossen, ich stieg ins erste Stockwerk hinauf, wo sich die Wohnung
+befand, doch es war niemand zu sehen. Ich wußte, wo Angelikas Kammer
+war, ich hatte sie schon einmal besucht und mit ihr gesprochen. Ich
+klopfte; es blieb still. Ich dachte, das Kind schlafe vielleicht,
+obgleich dies bei dem wilden Lärm, der von der Straße heraufschallte,
+sonderbar anzunehmen war. Als ich leise die Tür öffnete, sah ich, daß
+sie nicht im Bett lag. Sie hatte sich erhoben; im langen weißen Hemd und
+barfuß stand sie vor dem Spiegel, der in den Schrank eingelassen war;
+die schwarzen Haare flossen bis zu den Hüften; auf dem Kopf trug sie
+einen breitrandigen Hut mit zwei grauen Federn; um die Taille, über das
+Hemd, hatte sie ein blauseidenes Band zur Masche geknüpft, und um den
+stengelfeinen Hals eine Korallenkette gelegt. Ich trat in das ärmliche
+Gemach; es bedurfte nur meines Vorsatzes dazu, daß sie mich weder sah
+noch hörte; außerdem war sie viel zu hingenommen von ihrer Beschäftigung
+und das Geknall und Geschrei von draußen zu heftig, als daß sie auf
+mich hätte aufmerksam werden können. Ich setzte mich also in eine dunkle
+Ecke. Ich konnte ihr Gesicht nur im Spiegel sehen, das totblasse, aber
+von Begierde, von unbezwinglicher Lebensbegierde über und über bebende
+Gesicht. Auf dem Tisch neben ihr lagen ihre Schätze, ein Haufen bunter
+Bänder, ein paar wertlose Broschen und Spangen, ein Nähzeug und eine
+Schale mit Winterblumen. Auf einem wackligen Stuhl davor standen ein
+Paar gelbe neue Stiefletten und über der Lehne hingen Blusen, ein
+Ledergürtel und ein grüner Schal. Das alles betrachtete sie mit
+fließenden Blicken, bald sich selbst im Spiegel, bald die geliebten
+Gegenstände. Die Sachen, nennt man es; ja, jeder hat seine Sachen, und
+mit ihnen schützt er sich und schmückt er sich; sie täuschen ihm Fülle
+vor, oder Freude; die Habseligkeiten; auch ein merkwürdiges Wort. Sie
+griff nach Blumen in der Schale und probierte, ob sie zum Blau der
+Schleife paßten; sie nickte ihrem Spiegelbild zu, vertraut, verträumt,
+aufmunternd; sie spielte mit ihm und forderte es heraus, sie bog den
+Kopf zur Seite und gab sich eine graziöse Haltung, und besonderes
+Vergnügen bereitete ihr das Wippen der grauen Federn. Währenddem wurde
+der Tumult auf der Straße immer ärger; sie vernahm es nicht. Draußen
+schlugen sie eine jahrhundertalte Ordnung in Trümmer, sie genoß, was sie
+als Reichtum empfand. Sie beugte sich zu den Stiefelchen herab und sagte
+schalkhaft-liebkosend: ihr armen Schuhe, wer wird euch spazieren tragen,
+wenn ich gestorben bin? Sie richtete sich wieder empor, schaute lange
+und äußerst gespannt in den Spiegel, seufzte herzlich und sagte leise
+vor sich hin: ach Gott, nie wird ein Mann bei mir schlafen. Es war
+Klage, aber voller Unschuld, so daß es beinahe heiter klang und ich mich
+zu lächeln nicht enthalten konnte. Doch schlich ich mich nach einer
+Weile hinweg. Mehr durfte ich von dem Geheimnis nicht rauben; ich hatte
+mir schon zuviel angemaßt. Den Menschen bei sich selbst erlauschen, geht
+nicht an; man verrät ihn und verrät sich. Alles war Spiegelung gewesen;
+der wirkliche Spiegel hatte mir Angelikas Gesicht gezeigt der andere
+ihre Welt, weit zurück bis zu den Ahnen und Urahnen, die sie
+hinausgestoßen hatten, als Letzte, in ein ungenügendes Stück Leben.«
+
+ * * * * *
+
+Die Zeit war ohne Marke; wie lange das Schweigen gedauert hatte, konnte
+Mörner nicht ermessen, als die höfliche Stimme wieder begann: »Ich
+möchte Ihnen die verschlossenen Tore aufschließen; bedenk ichs recht, so
+hab ich zu vielen die Schlüssel. Damit man erfahre, damit man erlebe,
+muß man vieles gesehen haben, und doch ist Sehen und Erleben zweierlei,
+und Leiden und Erleben ist zweierlei. Die Tat macht es nicht, und der
+Wille nicht und die Ergriffenheit nicht. Jedes einzeln kann zu etwas
+dienen, und doch ist der glockenhafte Widerhall nicht da, der die Sinne
+löst und zum Schwingen bringt. In der Wissenschaft, glaube ich gehört zu
+haben, werden jetzt mehr und mehr alle Phänomene der Natur auf die
+Wellenbewegung zurückgeführt. Meiner Ansicht nach kann man auch die
+sinnliche Welt in das Gesetz der Wellenbewegung einbeziehen. Es ist
+vielleicht dieselbe Kraft, nicht einmal wesentlich modifiziert, die das
+Licht erzeugt und zwischen zwei Menschen Haß oder Liebe hervorbringt;
+dieselbe, die ein Gestirn aus seiner Bahn reißt und die Katastrophe
+einer Familie oder eines Volkes bedingt. Wir haben keinen Einblick, wir
+können es wahrscheinlich nie ergründen, aber wenn der Geist rein ist,
+glaubt man oft, man kann es ahnen und fassen. Der nämliche Stoff flutet
+durch sämtliche Seelen, und wenn das Gemüt rein ist, kann man sie ahnen
+und fassen. Oft ist mir, als wär ich der andere, der mich anschaut; oft,
+als wär ich in vielen drin und die Unruhe käme von der Zerstückelung.
+Oft ist mir, als rollte alles Geschehen in seinen Anfang zurück, und was
+Tod und Untergang scheint, wenn ich die Augen schließe, ist wie neu,
+wenn ich sie dann aufschlage. Oft ist auch alles wie Wiederkehr, und das
+macht eigentlich am meisten verzagt; dann wäre ja keine Rettung und kein
+Hinauf. Ich hörte einmal die Geschichte von einem reichen Patrizier im
+alten Rom, Valerius Asiaticus; der besaß einen so herrlichen
+Hügelgarten, daß er den Neid des Kaisers Claudius erweckte, der ihn auf
+unbewiesene Verleumdungen hin zum Tod verurteilte. Da man ihn die
+Todesart wählen ließ, entschied er sich für die Verbrennung. An dem dazu
+bestimmten Tag nahm er seine gewohnten Leibesübungen vor, badete, ging
+zu Tisch und öffnete sich die Adern. Aber die Liebe zu seinen Pflanzen
+war so groß, daß er in der letzten Stunde den aufgeschichteten
+Scheiterhaufen nach einer anderen Stelle schaffen ließ, damit Flammen
+und Rauch das Laubdach der Bäume nicht beschädigen sollten. Genau das
+Gleiche, Zug für Zug, hat sich unter der Regierung der letzten Kaiserin
+in China begeben, und ich habe den Mann gesehen, der das Gleiche erlitt;
+ich war dabei, als er auf den Holzstoß stieg. Aber das ist vielleicht
+aus zu grober Materie; Ereignis gegen Ereignis, eins der Schatten vom
+andern; was besagen sie beide? Die lüsterne Phantasie nascht davon, und
+es entsteht Irrtum und Dunkel. Man muß immer zum Geringen niedersteigen,
+dann ist die Falte auf einer Stirn und die Windung in einem Ohr beredt
+genug, und wo man geht und steht, umdröhnt einen der Lärm des Bluts,
+der Wünsche, Begierden, Träume und Gedanken in allen wie das
+Hämmergestampf in einer Maschinenhalle. Ohne Aufhören ist es, ohne
+Stille; Rad wetzt sich an Rad, Hebel stößt Hebel. Ich bin einmal mit
+einer Kolonne von Arbeitslosen marschiert, Männern und Frauen; wie es
+hinter den Schädeln raste! Mir war als sausten Knüttel auf mich herab,
+und doch waren die Leute ganz stumm. Ich bin einmal auf einem Schiff
+gewesen, das auf eine Mine stieß; die Passagiere stürzten auf Deck, und
+die Todesangst in den Gesichtern kann ich nicht vergessen. Sie waren
+aufgerissen bis in die verborgensten Fasern. Schamlos werden die
+Menschen da; Zucht fällt ab wie Tünche, das Gehütetste geben sie preis,
+und nur Mütter und Tiere verlieren sich nicht ganz. Ich bin einmal in
+Litauen oben mit drei Wucherern in einem Postwagen gefahren. Sie
+sprachen wenig, und das Wenige mit Vorsicht; aber ihre Augen und ihr
+Lachen und ihre Gebärden erzählten von zugrundegerichteten Existenzen,
+von Bitten und Flehen, das an ihrer Unempfindlichkeit abgeprallt war;
+jeder schleppte ein Netz, worin die Ausgesogenen wehrlos zappelten; und
+es war, als zeigten sie einander ihre Beute. Ich folgte ihnen heimlich;
+es ließ mir keine Ruhe, von ihnen viel zu wissen; ich sah Drohbriefe und
+Pfandscheine und verfallenes Gut und ausgeräumte Stuben, und den
+Leichtsinn der Opfer, die Verzweiflung von einem, der Wechsel gefälscht
+und von einem der Geld unterschlagen und von einem, der sein Erbe
+verschleudert hatte. Die drei Wucherer waren wie Pirschgänger; sie
+brachten Menschen in Rudeln zu Fall; sie häuften Reichtümer an, ohne sie
+zu genießen, ohne sich daran zu freuen, ihr einziges Ergötzen war die
+Qual und Wut des in die Enge getriebenen Menschenwildes; als ich in
+einer Nachtstunde einen allein in seinem Zimmer sitzen sah, durch das
+Fenster von der Straße aus konnte ich ihn sehen, da erschrak ich, denn
+das Gesicht sah aus wie das eines versteinerten, grauenhaft traurigen
+Affen.«
+
+Der Unbekannte bedeckte hastig die Augen mit der Hand und lächelte
+enigmatisch. »Um ihn war ein Geruch von Schicksalen wie von Miasmen,«
+fuhr er fort; »doch ein jedes Schicksal hat seinen bestimmten Geruch,
+seine bestimmte Schwere, seine Flugkraft, seine Intensität, seine
+angeborene Gewalt. Es wächst oder welkt wie die Pflanze; es zieht
+anderes Schicksal an oder stößt es ab, je nachdem. Es ist über den
+Menschen, eine Weile oder ein Jahrtausend, je nachdem, dann in den
+Menschen. Sie verhalten sich zu ihm wie mehr oder minder elektrische
+Körper zum Blitz. Das Unausdenkbare, sobald es ausgedacht werden kann,
+geschieht es schon oder ist geschehen; aber der es erleiden muß, dem ist
+es Rätsel und Grauen. Ich war in Böhmen auf einem Gut, dessen Besitzer
+seit kurzem geistesgestört war, und zwar aus folgender Ursache. Es war
+ein reicher Edelmann, ohne Familie und ohne Freunde, ein menschenscheuer
+Sonderling. Die einzige Person, der er vertraute, war sein Diener, mit
+dem er fünfundzwanzig Jahre auf dem Schloß gehaust hatte, der für seine
+Bedürfnisse sorgte, seine Launen kannte und ihm in allem demütig ergeben
+war. Eines Tages wurde der alte Baron von Todesahnungen geplagt;
+vielleicht ängstigte ihn die völlige Einsamkeit zum erstenmal; er rief
+den Diener zu sich in die Stube und sagte ihm, daß er wahrscheinlich
+bald sterben müsse, und daß er, um ihn für seine Treue und
+Anhänglichkeit zu belohnen, sich entschlossen habe, ihm den großen
+Meierhof zu schenken, der an den Schloßpark grenzte. Er möge für den
+nächsten Morgen den Notar bestellen, damit die Schenkung rechtsgültig
+festgelegt werde. Der Diener starrte eine Weile stumpf vor sich hin.
+Während des ganzen Vierteljahrhunderts nämlich, das er mit seinem Herrn
+verbracht, hatte er nie eine Gemütsbewegung an ihm bemerkt, nie eine
+Gabe von ihm empfangen, nie ein mildes Wort von ihm gehört. Er fängt an
+zu stottern; er verfärbt sich, plötzlich stürzt er vor dem Baron auf die
+Knie, schluchzt vor Zerknirschung und sagt, er sei der Gnade des Herrn
+unwürdig; er müsse sich eines gräßlichen Vorhabens anklagen, das er
+dreimal in Tat umsetzen gewollt; dreimal habe er den Plan gefaßt, den
+Herrn umzubringen; dreimal sei er des Nachts unter dem Bett des Herrn
+gelegen, um ihn im Schlaf zu erwürgen; dreimal habe ihn ein Zufall daran
+gehindert: einmal der Hahnenschrei; einmal das Schlagen der Pendeluhr;
+das letztemal, in voriger Nacht erst, das Trompetensignal einer durch
+die Dorfstraße ziehenden Militärabteilung. Der Baron wußte nichts zu
+antworten. Er hieß den Diener gehen. Er verabschiedete ihn noch an
+demselben Tag. Das nachträgliche Entsetzen über die dreimalige nicht
+gewußte Gefahr, unter Mörderhand zu enden, umnachtete seinen Geist.«
+
+Der Unbekannte hatte einen Ausdruck in den Augen, als schaue er in ein
+Gewühl, das fern und tief unten war. »Aber ist das nicht auch zu grob,
+zu tatsächlich, zu zufällig?« fragte er gedankenvoll; »ich greife es
+heraus, weil es sich herausdrängt. Ich bin zu erfüllt davon. Es haftet
+auch an der Haut. Und immer ist es aneinandergereiht wie die Käfer auf
+einem Pappendeckel. Man will beweisen, was man spricht. Ich sehe immer
+das Exempel. Ich sehe so viele, die ihren Mörder neben sich haben; sie
+füttern ihn förmlich auf und drücken ihm die Waffe in die Hand. Oft ist
+es ihr eigener Schatten, der sie mordet, oft ihr Bild in einem Bruder,
+einer Geliebten, einem Freund. Keiner weiß etwas vom Bruder, von der
+Geliebten, vom Freund, und es ist wunderlich amüsant, zu erfahren, was
+er zu wissen vorgibt. Mißverständnisse geben ihnen den stärksten Halt.
+Es ist überhaupt wunderlich amüsant alles, finden Sie nicht? Immer
+sehen, immer hören, jede Stunde ausschöpfen, jedes Herz aushorchen! Was
+hätte ich drum gegeben, wenn ich jenen Diener noch auf dem Gut getroffen
+hätte! Die fünfundzwanzig Jahre Gehorsam in Schweigen und Haß, was muß
+da in seinem Gesicht zu lesen gewesen sein! Ich habe ihn lange Zeit
+gesucht; leider umsonst.«
+
+Er beugte sich vor; die schöngeformten Hände machten eine zaghafte
+Geste. »Diener! daß es solche gibt!« fuhr er fort; »daß es Knechte gibt,
+und Türsteher; solche, die Kohlensäcke auf dem Rücken tragen;
+Schiffszieher; solche, die in Schwefelgruben steigen; solche, die
+Kloaken säubern; solche, die Bleidämpfe einatmen. Jeder mit seinem ganz
+besondern Sinn. Einer hat nicht dieselben Finger wie der andere; in
+zweien sind nicht zwei gleiche Gedanken, und jeder läßt sich die Last
+aufbürden und schleppt und schleppt. Warum nur? Man kann nicht fertig
+werden, darüber nachzudenken. Millionen Sklaven keuchen unter der Kette;
+tausend rebellieren und reißen sich los, und schon zwängen sich tausend
+neue an ihre Stelle. So mutlos und wundgerieben ist aber keiner, daß er
+nicht ein Weib bei sich hätte und Kinder mit ihr zeugte, die auch wieder
+an die Kette geschmiedet werden. Da schwillt das Leiden immer höher. In
+manchen Ländern steht es bereits so, daß die Kinder mit einem alten
+finstern Herzen auf die Welt kommen. Ich habe mich davon überzeugt. Ich
+habe folgendes erlebt. Man geht nichts ahnend hin, und aus dem Erdboden
+heraus strecken sich einem Kinderarme entgegen, lauter magere Kinderarme
+wie ein Feld von Strohhalmen; die Fäustchen sind krampfhaft geschlossen,
+die zarten Gelenke sind rhachitisch. Es ist äußerst merkwürdig: man kann
+meilenweit wandern, zwischen Fabrikschloten und flammenden Essen, und
+sie strecken sich einem unabsehbar entgegen, lauter magere Kinderarme,
+wie Strohhalme, oder wie kleine geschälte Zweige. Manche brechen, manche
+wachsen, jedenfalls sind es zahllose, und sie versperren einem den Weg.
+Was sagen Sie dazu? Meinen Sie nicht, daß Ihre Ansicht, die Zeit sei
+Ihnen entgegen, doch falsch ist? Ist sie nicht geradezu für Sie?
+Geradezu wie für Sie gemacht? Ist sie nicht wie ein verdorrter Acker,
+der Bewässerung verlangt, Licht und Wärme? Denken Sie nur an die
+zahllosen Kinderarme. Sie können sich niederbeugen, die
+zusammengekrampften Fäustchen öffnen, die frierenden Hände ergreifen.
+Ich fürchte, das klingt sentimental, aber ich halte es Ihnen als
+Notwendigkeit vor. Es ist, als schaute man in ein vergiftetes Bassin, wo
+viele kleine Fische vor dem Krepieren noch ein bißchen zucken. Das
+einzige Mittel, sie zu retten, ist, neue Quellen und Zuflüsse
+hineinleiten. Sie sagen, das Werk lasse sich nicht schaffen, weil die
+Geister und Seelen zerstört sind. Zum Teil ist das ja richtig. Aber war
+die Auslese der Brauchbaren nicht immer sehr gering? Steht und fällt
+nicht jedes Werk mit dem einen Hirn, in dem es geboren wird? Und
+brauchen Sie denn die Menschen? Genügt nicht das Schauspiel von Aufstieg
+und Sturz, das sie Ihnen bieten? Ist denn der große Lebensteppich
+zerfetzt oder verbrannt? Sind seine Farben verblaßt? Ist er minder bunt
+gewirkt als vor zehn, vor hundert, vor tausend Jahren?«
+
+Der Unbekannte schien in einiger Erregung. Der Ton seiner Fragen war
+dringlich; er hatte die Hände ausgestreckt und sich noch weiter
+vorgebeugt. »Es scheint mir nicht. Sehen Sie doch hin. Die Paare treten
+zum Tanz an, der Wein wird ausgeschenkt, die Musik spielt. Es ist ein
+Haus mit vielen Stockwerken; in dem einen ist Fröhlichkeit, im andern
+Traurigkeit. Es ist eine Zauberhöhle mit schimmerndem Gestein. Man
+braucht nicht einmal Aladdins Wunderlampe; die dienenden Geister
+gehorchen dem, der den Weg gefunden hat. Wozu Gericht? Wozu Verdammung?
+Nicht einmal urteilen darf man. Zerstörte Geister und Seelen, was heißt
+das? Ist das eigene Auge und die eigene Seele unzerstört, so ist die
+Welt unzerstört. Gäbe es eine Hölle wirklich und wären alle ihre
+Verdammten losgelassen, um aus purer Raserei die Welt zu vernichten, und
+es fände sich nur ein einziger unter ihnen, der beim Ruf der Erlösung
+sehnsüchtig stutzt, so würde es sich verlohnen, sie von neuem
+aufzubauen. Das ist meine Ansicht. Schlagen Sie die Augen empor! Fassen
+Sie doch, wie ein Kind es tut, das Ungeheure, das Süße, das
+Schmerzliche, das Blühende, den ungeheuren, überflutenden Reichtum.
+Freilich ist eines not, wie es auch geschrieben steht. Es steht
+geschrieben: Von der Neigung zu geliebten Personen mußt du so frei sein,
+daß du, soviel dich anbelangt, ohne alle menschliche Verbindung zu sein
+wünschest; umso näher kommt der Mensch Gott, je weiter er sich von allem
+irdischen Trost entfernt. Aber das ist eine harte Aufgabe. Geöffnet sein
+und im ehernen Panzer; leicht sein und schwer beladen; den Baum hegen,
+der die seltenen Früchte trägt, und sie nicht für sich pflücken dürfen.
+Trotzdem ist es köstlich, zu wandeln und die Luft der Erde zu atmen,
+wenn man die Botschaft versteht, die einem geworden ist.«
+
+ * * * * *
+
+Mörner wollte die Hand des Unbekannten ergreifen, doch der Stuhl, auf
+dem er gesessen, war leer. Seine Brust hob sich mit einer Sturmwelle, er
+wußte nicht, ob in freudigem, ob in wehem Gefühl. Fragen quollen ihm auf
+die Lippen, die er an sich selbst richtete, aus einer Morgendämmerung
+des Herzens heraus: wo gräbst du? wo wächst du? wo wirkst du? wo ist
+dein Feld? wo ist dein Weg? Aber ehe er sie bedenken konnte, waren sie
+von einer geisterhaft-entfernten Stimme beantwortet, und er glaubte
+einen Arm zu gewahren, der ihm eine goldhäutige, strahlende Frucht
+zeigte. Der Tag rauschte über das Firmament, und er begrüßte ihn. Er war
+an der Wende angelangt, wo der Ausgleich ist zwischen Finsterem und
+Hellem, über welchen der Bogen sich wölbt, an den die Sternbilder
+geheftet sind, Inbegriff allen Schicksals.
+
+
+
+
+Adam Urbas
+
+
+Unter den Aufzeichnungen des kürzlich verstorbenen
+Reichsgerichtspräsidenten Diesterweg, eines scharfsinnigen und
+geistreichen Kriminalisten vom Schlage des großen Anselm Feuerbach,
+befand sich auch die folgende.
+
+An einem Oktoberabend, zu später Stunde, kam der Bauer Adam Urbas aus
+Aha, einem Dorf des südlichen Frankens zwischen Altmühl und Hahnenkamm,
+auf die Gendarmeriestation in Gunzenhausen und erstattete die Anzeige,
+daß er an eben diesem Tag seinem achtzehnjährigen Sohn Simon den Hals
+abgeschnitten habe. Er liege tot in der Kammer zu Hause. Das Messer, mit
+dem er die Tat verübt, trug er bei sich und überreichte es. Es war noch
+blutig.
+
+Die Selbstbezichtigung, in ruhigem Ton und mit äußerst knappen Worten
+vorgebracht, wurde protokolliert. Auf alle weiteren Fragen des
+Kommissärs verweigerte er die Antwort. Der Lokalaugenschein, der noch in
+derselben Nacht vorgenommen wurde, bestätigte seine Angaben. Man traf
+ein vor Entsetzen und Jammer halbwahnsinniges Weib und bestürzte Knechte
+und Mägde.
+
+Adam Urbas wurde ins Gefängnis nach Ansbach gebracht.
+
+Als ziemlich junger Richter war ich einige Wochen zuvor in diese
+Kreishauptstadt versetzt worden, und meinem lebhaften Ehrgeiz war es
+willkommen, daß man mich mit der Voruntersuchung betraute.
+
+Der Fall schien von Anfang sonnenklar. Ein anscheinend beschränkter und
+in allen Vorurteilen seiner Kaste befangener Bauer hatte seinen
+entarteten Sprößling, von dem er nur Schande und Unheil erfahren hatte,
+kurzerhand aus dem Weg geräumt, sowohl um ein Strafgericht zu
+vollziehen, als auch um noch größerem Übel, das im Entstehen war,
+vorzubeugen.
+
+Nach den übereinstimmenden Aussagen der Zeugen war der junge Urbas ein
+völlig verlottertes Individuum gewesen, arbeitsscheuer Herumtreiber,
+ständiger Gast in allen Wirtshäusern und auf allen Jahrmärkten der
+Gegend. Für seinen müßiggängerischen und anstößigen Wandel hatte er viel
+Geld gebraucht, und was ihm die gefügige Mutter, die er einzuschüchtern
+verstand, nicht gab oder geben konnte, hatte er sich auf andere Weise zu
+verschaffen gewußt. So hatte er im August beim Getreidehändler Kohn in
+Weißenburg auf eigene Faust achthundert Mark für gelieferte Gerste
+abgeholt und das Geld unterschlagen und verpraßt. In Nördlingen hatte er
+sich mit einem verrufenen Frauenzimmer eingelassen, das von ihm
+schwanger zu sein behauptete; eines Tages hatte er die Person an einen
+entlegenen Ort gelockt und zu erwürgen versucht. Durch ihr Geschrei
+waren zufällig vorbeikommende Leute alarmiert worden, und so war sie ihm
+entronnen. Über diese Angelegenheit war die Untersuchung noch im Gange,
+als Adam Urbas den gerichtlichen Maßnahmen zuvorkam.
+
+Auch aus der Knabenzeit Simons wurden Züge und Begebenheiten berichtet,
+die seinen Charakter in das übelste Licht rückten. Nichts entstammte
+dem Übermut, was er verübte, es war immer voller Tücke und
+Abgefeimtheit. So hatte sich z. B. die Großmagd sechs neue Leinenhemden
+in der Stadt gekauft; freudig zeigte sie die Erwerbung dem übrigen
+Gesinde und der Bäuerin; es wurde zur Vesper gerufen, und sie legte die
+blütenweiße Wäsche auf den Tisch in der Tenne. Als sie zurückkam, waren
+die Hemden mit Wagenschmiere derart besudelt, daß keines mehr brauchbar
+war. Daß Simon die Büberei begangen, bezweifelte niemand, aber bewiesen
+werden konnte es nicht, so wenig wie die Sache mit dem Fuhrmann Scharf.
+Der hatte seinen mit Mehlsäcken beladenen Wagen vor dem Krug halten
+lassen; als er weiterfahren wollte, rann das Mehl in weichen Bächen auf
+die Straße; zehn oder zwölf Säcke waren heimlich aufgeschnitten worden.
+Das ist der Simon Urbas gewesen und kein anderer, hieß es; bewiesen
+werden konnte es nicht.
+
+Zur Heuchelei und Hinterlist gesellten sich später Frechheit und
+Gewalttätigkeit, und alle Gutmeinenden waren darüber einig, daß da ein
+Menschenunkraut emporwuchs, so hoch, daß keine Schere mehr hinanreichte,
+es zu stutzen und kein Spaten stark genug war, es auszujäten. Ich hätte
+auf die Fülle des gebotenen Materials verzichten können. Da war kein
+Problem, keine Verworrenheit, keine Tiefe; alles war eindeutig, platt
+und roh, zumindest, was den Ermordeten betraf.
+
+Der letzte Akt des dörflichen Schauerdramas hatte sich am Gunzenhauser
+Kirchweihsonntag abgespielt. Zwei Bauern aus Windsbach hatten sich im
+Wirtshaus zu Aha darüber unterhalten, daß gegen Simon Urbas ein
+Verhaftsbefehl erlassen worden sei. Adam Urbas saß unbemerkt von ihnen
+am Nebentisch. Die anderen Gäste und der Wirt schielten ängstlich nach
+ihm hin, denn aus der Art, wie er das Glas absetzte und vom Stuhl
+aufstand, war zu schließen, daß er von der Nördlinger Geschichte noch
+nichts wußte. Die Schandtaten Simons wurden ihm nämlich so lang wie
+möglich verhehlt. Es war seine außerordentliche Schweigsamkeit, seine
+achtunggebietende Haltung und nicht zuletzt seine große Beliebtheit in
+der Gemeinde und in der ganzen Gegend, die einen schonenden Wall um ihn
+errichteten. Durch all die Jahre hatte auch die Bäuerin die schlimmsten
+Nachrichten aufzufangen und in ihrer Wirkung auf Urbas zu mildern
+gewußt. Aber wenn man annahm, daß er deshalb in Unwissenheit oder nur in
+halber, in freiwilliger Unwissenheit lebte, so täuschte man sich. Er
+verstand es eben, seine Umgebung über das, was er sah und in ihm
+vorging, im Zweifel zu lassen.
+
+Die Bäuerin hatte das drohende Unglück beim Buttern von einer
+schwatzhaften Magd erfahren. Als Urbas nach Hause kam, stellte sie sich
+ans Fenster, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Da ging, es war
+schon gegen Abend, der Ziegelarbeiter Franz Schieferer am Haus vorbei
+und rief ihr zu, der Simon sei drüben in Gunzenhausen im Hirschen; er
+traktierte die Manns- und Weibsleute und werfe mit Geld herum, daß es
+nur so klappre; aber, fügte er lachend hinzu, denn er war stark
+angeheitert, man werde den Vogel bald auf Numero Sicher haben, die
+Gendarmen seien schon unterwegs. Dem war freilich nicht so, wie sich
+später erwies; auch das mit dem Verhaftsbefehl war vorläufig leeres
+Gerücht.
+
+Das ganze Gesinde war zur Kirchweih gegangen. Die Bäuerin ließ sich auf
+die Wandbank nieder; Urbas wanderte mit schweren Schritten in der Stube
+auf und ab. Da hörte man von der Straße herein schlürfendes Gehen, dann
+wurde an der Haustürklinke gerüttelt. Fäuste polterten wider das
+massive Holz, dazu erschallten Flüche. Die Bäuerin sprang auf und wollte
+hinaus; Urbas hob den Zeigefinger, nichts weiter; sie verharrte auf der
+Stelle. Nun zeigte sich Simons Gesicht am Fenster, von Trunkenheit
+gerötet, mit Augen voller Bosheit. Die Bäuerin schrie auf und winkte ihm
+zu, er solle weggehen. Er verschwand wieder, eine Weile blieb es ruhig,
+dann war auf der Tenne Lärm. Er war durch die Tür auf der Hofseite ins
+Haus gelangt. Im Dunkeln stieß er gegen das Gerät; man vernahm einen
+Sturz; die Bäuerin riß die Stubentür auf und im hinauslohenden
+Lampenschein gewahrte sie, wie sich der betrunkene Mensch mühsam vom
+Boden aufrichtete. Die Arme gegen die beiden in der Stube reckend, drang
+eine gräulich lästernde Rede aus seinem Mund; vielleicht war dieser
+Augenblick entscheidend für Urbas. Die Bäuerin sagte aus, daß sie ihn
+vom Kopf bis zu den Füßen habe zittern sehen. Simon hatte sich indessen
+zu seiner Kammer getastet; er schlug dröhnend die Tür hinter sich zu,
+dann war es wieder still. Urbas schaute in die finstere Tenne hinaus,
+die Bäuerin stand hinter ihm, das Gesicht in die Schürze gepreßt. Das
+dauerte so an fünf Minuten. Hierauf verließ Urbas die Stube und ging
+hinüber in die Kammer. Die Bäuerin versicherte, daß sie geahnt und
+gespürt habe, was kommen würde, daß ihr aber die Glieder wie gefroren
+gewesen seien und sie während der ganzen Zeit ihrer Sinne nicht mächtig
+war. Ob Simon so berauscht gewesen, daß er gleich, nachdem er sich auf
+die Bettstatt geworfen, in Schlaf verfiel, oder ob sie noch miteinander
+geredet, Vater und Sohn, ließ sich deshalb nicht ermitteln. Einmal sagte
+sie, es sei alles still geblieben, dann wieder, sie hätten miteinander
+geredet, und zwar ziemlich lange; die beiden Türen waren aber
+geschlossen gewesen, und da sie nach ihrer Behauptung im Ofenwinkel
+gesessen war, konnte, wie durch mehrmaligen Versuch erwiesen wurde, der
+Schall von bloßem Sprechen unmöglich zu ihr gedrungen sein. Auch ihre
+Angaben, wie lange Urbas in der Kammer geweilt, waren auffallend
+unsicher; bald sagte sie, es könne nur eine Viertelstunde, bald, es
+müßte mehr als eine Stunde gewesen sein. Das Mordmesser hatte nicht
+Urbas gehört, sondern dem Sohn; ob es dieser bei sich getragen oder ob
+es in der Kammer gelegen, war ebenfalls nicht zu ermitteln. Hierüber
+verweigerte Urbas jede Auskunft, und so wichtig der Umstand war, er
+konnte vorerst nicht ins Klare gebracht werden.
+
+Ich gestehe, daß mir alle diese Vorgänge trotz ihrer Unheimlichkeit
+zunächst wenig Interesse einflößten. Sie waren als Begleiterscheinung
+eines solchen Verbrechens typisch. Der Vater ein unbeugsamer Starrkopf,
+beleidigt in seinem bäuerlichen Ehrgefühl, in echt bäuerlichem Dünkel
+keine Instanz über sich anerkennend, der Sohn ein Lump, dessen
+vorzeitiges und gewaltsames Ende man kaum recht bedauern konnte; die
+Mutter haltlos zwischen beiden schwankend; es war die übliche
+Konstellation, und die Gerechtigkeit konnte ihren Lauf nehmen, ohne daß
+sie auf hemmende Dunkelheiten stieß.
+
+Nach und nach aber, bei genauem Einblick in die Vergangenheit und die
+Art des Adam Urbas, wurde meine Aufmerksamkeit nachhaltiger gefesselt.
+Es war als gingest du an einer Mauer entlang, die aussieht wie alle
+andern Mauern in der Welt; plötzlich gewahrst du, erst kaum bemerkbar,
+dann immer deutlicher, gewisse Zeichen und Runen, die zu prüfen ein
+Etwas dich zwingt; du kommst nicht mehr los, du beginnst Gruppe um
+Gruppe zu entziffern, und schließlich wird dir eine unerwartete
+Mitteilung über das verschlossene Gebiet, das hinter dieser Mauer liegt.
+
+Die Urbassche Ehe war dreizehn Jahre kinderlos gewesen. Die Frau hatte
+es als unabwendbares Schicksal getragen, der Mann aber hatte sich
+aufgelehnt gegen den Spruch der Natur. Er war der Letzte eines uralten
+Bauerngeschlechts; in fränkischen Chroniken des vierzehnten Jahrhunderts
+schon werden die Urbas genannt. Ihn dünkte es wie Schmach, daß er keinen
+Leibeserben haben sollte. Wozu war das Schaffen und Sparen, Säen und
+Ernten? Wozu das Haus mit den gefüllten Truhen, das Vieh im Stall, das
+Getreide in der Scheune, wozu Acker und Wiese, Mühle, Fluß und Wald?
+
+Er äußerte sich nicht; gegen sein Weib nicht, gegen andere Menschen
+nicht. Er verzog keine Miene, wenn die andeutende Rede darauf fiel. Kein
+hartes Wort das Jahr über, keine Erkundigung.
+
+Aber einmal im Monat geschah es, daß er den Blick auf der Frau ruhen
+ließ. Es ging höhere Gewalt aus von dem Blick. Er wurde dabei nicht von
+einer bestimmten Absicht gelenkt; es gewann Macht über ihn und brach
+hervor. Auf dem Feld konnte es sein: er hörte auf, die Garbe zu binden
+und schaute sie an; beim Abendessen: er ließ den Löffel in die Schüssel
+fallen und schaute sie an; in der Nacht: die Bäuerin erwachte, er lag
+da, auf den Arm gestützt und schaute sie an. Auf dem Platz vor der
+Kirche: sie stand im Gespräch mit andern Weibern, plötzlich verstummte
+sie, denn er stand drei Schritte vor ihr und schaute sie an. Ohne Zorn,
+ohne Drohung, ohne Vorwurf, nur prüfend, aus umbuschten Augen still und
+lang.
+
+Einmal im Monat geschah es und war mit Sicherheit zu erwarten. Anfangs
+ging es der Bäuerin nicht nah. Sie hielt es für eine Schrulle. Sie gab
+sich keine Rechenschaft, worauf es abzielte. Sie lachte; sie zwang sich
+zu einem muntern Wort. Später duckte sie sich, flüchtete mit Sinn und
+Auge; aber es kamen Stunden und schließlich Tage, wo sie in Grübeleien
+verfiel und die Frage, die sie an den Bauern nicht zu richten wagte, an
+seinen geisternden Schatten richtete.
+
+Können Menschen nicht miteinander reden? grübelte sie; wozu hat einer
+die Zunge im Maul, daß er nicht sagt, was er begehrt? Sie beschloß, den
+Mann anzuhalten. Doch wenn es so weit war und sie vor ihn hintrat,
+entfiel ihr der Mut. Verschuldung wuchs, um Aufschluß drängte eine
+Stimme, Aufschluß kam nicht, sie fühlte sich nicht schuldig, etwas war
+schuldig, aber das Etwas war in ihr.
+
+Das wechselnde Tun während der lebendigen Jahreszeiten zwang die Tage
+immer wieder ins gleiche, aber für eine immer kürzer werdende Spanne.
+Die Angst vor des Bauern Blick, der auf sie eindrang, so oft das
+Blutzeugnis die Schuld vergrößerte, lähmte die Gedanken. Vom November
+bis zum Februar rückten die Steine und Balken des Hauses gefährlich
+aneinander, in den Stuben war schwerere Luft, der Himmel klebte an den
+Fensterscheiben, der Abend war ein nasser Sack um den Leib, das Linnen
+schleifte bleich über die Diele, die Kühe lagen in rosigem Dampf, und
+durch die Schneeschlucht heran zum Stall schwankte durch Irisringe
+breitgängig, die Laterne in der Hand, die hochschwangere Magd.
+
+Alles war Leib, alles war Angst. Achtundzwanzig Tage und Nächte waren
+ohne Einschnitt; Urbas saß am Ofen, die Pfeife zwischen den Zähnen; ging
+ins Wirtshaus und kehrte am Abend zurück; saß wieder am Ofen und
+studierte die Zeitung; erhob sich, wenn der Topf mit Kraut und Klößen
+hereingetragen wurde; sprach das Gebet; hörte still zu, wenn die andern
+redeten, und nichts Heimliches war in seinen Mienen, kein Groll, der
+sich sammelte, nur Schweigen.
+
+Dann aber kam die Stunde. Die Bäuerin spürte es schon in jeder Ader; die
+Haare fingen an zu knistern. Eine Tür ging auf, und er stand da; am
+Morgen, am späten Abend; war es nicht in der Stube, so war es in der
+Tenne; stand da mit dem unerforschlichen Blick. Kein Räuspern, kein
+Aufzucken, kein Wort, nur der Blick: warum nicht? warum alle und du
+nicht? warum liegt dein Acker brach?
+
+Zwölf Jahre waren so verflossen, da hatte die Kraft der Frau ein Ende.
+Ihr Gemüt umdüsterte sich. In den Nächten wälzte sie sich schlaflos.
+Durch die Finsternis brannten die Augen des Bauern, auch wenn er
+schlief. Hörte sie bei Tag seinen Schritt, so verkroch sie sich in einen
+Winkel der Scheune und kauerte zitternd, bis von allen Seiten das Rufen
+nach ihr erschallte. Die Zügel der Wirtschaft waren gelockert, das
+Gesinde wurde lässiger.
+
+Sie versagte sich ihm. Ihr graute vor seiner Umarmung. Ergab sie sich
+nicht, so hatte er nichts zu fordern, schien es ihr in der Verdunkelung
+ihrer Sinne. Sie wurde kalt an Haut und Blut; das Weib in ihr erstarrte.
+Da aber fing Urbas an, um sie zu werben. Es war wie nie zuvor. Sie hatte
+es nie kennen gelernt. Nicht mit Worten warb er, vielmehr in einem
+scheuen Dienst. Es lag oft etwas Beklommenes darin, als habe sie sich
+versteckt, und er müsse sie finden; als suche er und könne sie nicht
+finden. Er glich einem Tier, das leidet. Ein Jahr lang oder noch länger
+währte dies, und in der Zeit verlor sich die Angst der Bäuerin, denn
+sie merkte, daß sie nicht bloß eine an ihn hingeworfene Kreatur in
+seinen Augen war, der man zu fressen gibt und die man karessiert, wenn
+sie geschuftet hat, und einen Fußtritt verabreicht, wenn sie nicht
+leistet, was man von ihr verlangt, sondern daß sie noch was anderes für
+ihn bedeutete, der Ehrung und der Befragung Würdiges. Sie wandte sich
+ihm mit bereitwilligerem Herzen wieder zu; einen Monat darauf wurde sie
+schwanger.
+
+Als dies keinem Zweifel mehr unterlag, verwandelte sich ihr Wesen
+vollends. Mit jungen Schritten eilte sie durchs Haus, trieb die Säumigen
+heiter zur Arbeit, legte selbst überall Hand an, gesprächig, hell,
+aufgeblättert. Staunen war um sie. Auch Urbas wunderte sich. Sie mochte
+ihm, was bevorstand, nicht geradezu ankündigen; sie wünschte eine Form,
+in der es festlich und wie ein Geschenk wirken sollte. Am Gründonnerstag
+legte sie das Staatskleid an, dazu die langen schwarzen Kopfschleifen
+mit den silbernen Spangen, dann rief sie Urbas in die obere Stube, wo
+die Glasschränke standen mit dem alten Silber und Porzellan,
+Jahrhunderterbe. Gewichtig setzte sie sich in den Lehnstuhl, faltete die
+Hände über dem Leib und sagte, was zu sagen war, kurz und simpel.
+
+Durch Urbas mächtigen Körper ging ein Ruck. Als sie von dieser Stunde
+sprach, neunzehn Jahre später sich dieses Geständnisses entsann und wie
+Urbas sich dabei verhalten, war ihr noch immer die Erschütterung
+anzumerken, die sie damals gespürt. Sein erdbraunes Gesicht wurde rot
+wie Mohn. Er stieß eine dröhnende Lache aus. Darnach rann ihm die Nässe
+aus den Augen. Er trat auf sie zu und schlug sie so derb auf die
+Schulter, daß sie schrie. Bestürzt, sie könne nicht als Liebkosung
+nehmen, was so gemeint war, tätschelte er ihr den Rücken, zärtlich,
+andächtig und ließ dazu ein melodisches Gebrumm in der Kehle orgeln.
+
+Auf sein strenges Geheiß mußte sie sich pflegen. Er ging heimlich zum
+Doktor und bat um Weisungen. Damit die zwei Arme nicht fehlten, heuerte
+er noch eine Magd. Er überwachte sie; er räumte ihr aus dem Weg, was sie
+beim Schreiten hinderte. Als die Kinderwäsche genäht wurde, saß er
+bisweilen mit runden Augen daneben und wiegte den schweren Schädel.
+
+Alles verlief der Natur gemäß, auch die Stunde am Ausgang der neun
+Monate. Lange hielt Urbas das Neugeborene in der Hand, lange betrachtete
+er das trübselig-ungestalte Ding. Auf seiner Stirn wetterte es freudig
+und sorgenvoll.
+
+Simon wuchs auf wie alle andern Bauernkinder; es wurde ihm nichts
+leichter gemacht. Keine Kenntnis durfte ihm davon werden, wie lang man
+auf ihn gewartet hatte und mit welcher Ungeduld. Was er seinen Leuten
+wert war, mußte sich aus seiner Brauchbarkeit ergeben. Frühe Launen
+zerschellten an der festgefügten Ordnung; frühe Krankheiten waren die
+Probe, die zu bestehen war: taugst du oder taugst du nicht? Allerdings,
+wer scharf zusah, konnte dann an Urbas eine unruhige Gespanntheit
+wahrnehmen, als behorche er den innersten Blutgang im Leib des Knaben.
+
+Das Behorchen blieb in seinen Zügen. Es grub sich faltenmäßig ein.
+Schien es, wie wenn er nicht beachte, was Simon tat und sprach, so war
+es falscher Schein. Niemand in seiner Umgebung konnte ermessen, mit
+welcher Genauigkeit er in diesem Punkte sah. Ich erfuhr es. Ich erfuhr
+es in einer Weise, die weder zu vergessen, noch eigentlich mitteilbar
+ist. Es wären dazu andere Behelfe nötig, als sie mir zur Verfügung
+stehen.
+
+Eine fast erhabene Vorstellung von dem Verhältnis zwischen Vater und
+Sohn war mit seinem Wesen verschmolzen. Er fühlte sich als Bauer, d. h.
+er fühlte sich als König. Die Erde war seine Erde. Der Knecht war sein
+Knecht. Wetter wurde für ihn gemacht, und für den Acker, und für die
+Ernte. Er war Herr über das Land; sein Auge grenzte es ab bis zu dem
+Stein, der von altersher unverrückt stand; kein Halm, der nicht in
+seinem Namen aufschoß. Eigentum war das Heiligste von allem, und
+Eigentum war des Herrn bedürftig, daß er es wachsam und unerbittlich
+verwalte, bis auf den Pfennig, bis auf das Saatkorn. Der Sohn übernahm
+es vom Vater, der Vater gab es dem Sohn, durch alle Zeiten hindurch; so
+war die Ordnung der Dinge, anders war die Welt nicht zu verstehn.
+
+Aber das heißt vorgreifen, und ich will den Faden behalten.
+
+Die förmlichen Verhöre, die ich mit Urbas vorzunehmen verpflichtet war,
+führten zu keinem nennenswerten Ergebnis. Die Antworten waren immer
+dieselben, und sie jedesmal wiederholen zu sollen, schien ihm
+verwunderlich und lästig zu sein. Er beschränkte sich auf die Tatsache;
+erklären wollte er nichts. Sich zu verteidigen verschmähte er, auch von
+einem Rechtsbeistand wollte er nichts wissen, und meinen Belehrungen und
+Ratschlägen setzte er eine obstinate Gleichgiltigkeit entgegen. Als ich
+ihm nahelegte, daß er durch eine freimütige Darstellung der Beweggründe
+seines Verbrechens eine bedeutende Strafmilderung erzielen könne,
+antwortete er lakonisch: »Es ist nicht an dem.« Ich entschloß mich, auf
+die fruchtlosen Inquisitionen zu verzichten, zumal die Zeugenaussagen
+und alles, was mir über die Person des Ermordeten wie über die des
+Angeklagten selbst bekannt geworden war, eine lückenlose Motivenkette
+geschaffen hatten.
+
+Dennoch gab es zwei Momente der Ungewißheit, die aufzuhellen noch nicht
+gelungen war. Das eine war das Gutachten des Gerichtsarztes über den
+Leichenbefund am Tatort. Die Lage des Körpers zeigte nämlich nicht das
+geringste Merkmal von verübter Gewalt, weder an der Art wie die
+Gliederstarre eingetreten war, noch an den Kleidern, noch am
+Gesichtsausdruck. Wäre nicht die Selbstbeschuldigung des Bauern gewesen,
+so hätte sich der Beweis des Mordes schwer erbringen lassen. Das zweite
+knüpfte sich an das unbestrittene Faktum, daß das Messer dem Simon Urbas
+gehört hatte. Der Bauer behauptete, es sei im Hosengürtel Simons
+gesteckt, und er habe es einfach herausgezogen; auch zu dieser Angabe
+verstand er sich erst nach häufigem, ernstlichem Drängen. Sie trug das
+Gepräge der Unwahrscheinlichkeit an sich, und am nächsten Tag widerrief
+er sie auch und sagte, das Messer sei aufgeklappt auf dem Tisch gelegen;
+Simon habe in der Frühe noch Brot damit geschnitten. Als ich ihm mein
+Erstaunen über diese Veränderung einer wichtigen Aussage nicht
+verhehlte, blickte er scheu zu Boden. Es war das einzige Mal, daß ich
+etwas wie Verwirrung an ihm zu beobachten glaubte.
+
+Den beharrlich schweigenden Mund zum Reden zu bringen, wurde zwangvoller
+Trieb für mich. Fast ununterbrochen waren meine Gedanken mit dem
+Menschen beschäftigt; die Deutlichkeit der Erscheinung, die
+Hartnäckigkeit, mit der sie mich verfolgte, beunruhigte und quälte mich.
+Immer wieder rief mir eine Stimme zu: der Mann ist kein Mörder; das ist
+der Mann nicht, der hingeht und einem andern den Hals abschneidet wie
+man ein Huhn schlachtet; dem eigenen Sohn mit Abscheu erregender
+Brutalität zum Henker wird. Doch hatte er es ja gestanden. Was war
+vorgegangen? Auf die Frage nach der Dauer seines Aufenthalts in der
+Kammer hatte er stets geschwiegen oder höchstens die Achseln gezuckt;
+erst beim letzten Verhör waren ihm, beinahe wider Willen, die Worte
+entschlüpft, er schätze, es könne eine halbe Stunde gewesen sein. Was
+war in dieser halben Stunde vorgegangen? Er gewahrte mein Nachdenken,
+und sein Gesicht verfinsterte sich.
+
+Ich sah, den eigentümlichen Zustand meiner Unruhe und Ungeduld zu
+beenden, keinen andern Weg, als den Bezirk der Beruflichkeit zu
+verlassen und ihm gegenüberzutreten, Mensch gegen Mensch. Ein gewisses
+Vertrauen glaubte ich mir bei ihm erworben zu haben; so oft ich mich
+bemüht gezeigt hatte, Heikles zart zu behandeln, glaubte ich eine
+dankbare Regung in ihm verspürt zu haben. Zögern machte mich nur noch
+die Erwägung, ob sich nicht der angeborene Argwohn gegen den Zudringling
+aus der fremden Sphäre wenden würde, ob es nicht an den Mitteln zu
+natürlicher Verständigung von vornherein mangle. Aber darüber halfen mir
+Bild und Gestalt hinweg; Adam Urbas war ja kein Bauer gewöhnlicher
+Sorte; er gehörte zu unserer Bauern-Aristokratie, seine bloße Haltung
+zeugte von Scharfsinn und Noblesse, und so hoffte ich, daß ich den Weg
+zu ihm nicht vergeblich bahnte. Ich überlegte nicht länger; eines Abends
+im Dezember war es, als ich in das Gefängnisgebäude ging und mir die
+Zelle aufsperren ließ, in der sich Urbas befand.
+
+Ich hatte ihm Vergünstigungen für die Haft erwirkt. Es war ein
+wohnlicher Raum, anständig möbliert mit Waschtisch, Bett und Spiegel,
+behaglich warm. Er saß bei der Lampe und hatte die Bibel vor sich
+aufgeschlagen. Ich grüßte, zog den Mantel aus, hing ihn an den Türhaken
+und setzte mich Urbas gegenüber an den Tisch.
+
+Sein Anblick frappierte mich jedesmal aufs neue; auch jetzt. Er war
+massig wie ein Stier. Sein Kopf hatte die Rundheit der eingeborenen
+fränkischen Brachycephalen, doch wies der Schädel, besonders die Bildung
+an den Schläfen, Merkmale alter Zucht auf; die Knochen waren dort
+auffallend dünn, die Haut bläulichgelb und fast durchscheinend. Der Mund
+war weitgeschnitten, mit festverpreßten schmalen Lippen, die Nase
+gebogen, mit starkem Sattel; das Gesicht, an das eines alten
+Schauspielers erinnernd, war sorgfältig rasiert, die Hände waren die
+eines Riesen. Die träglidrigen Augen öffneten sich selten; dann aber
+hatte der Blick eine überraschende Durchdringungskraft, so daß es auch
+mir nicht leicht war, ihn auszuhalten.
+
+Um das Gespräch einzuleiten, sagte ich, ich hätte schon lange das
+Bedürfnis empfunden, ihn aufzusuchen. Ich käme aber nicht in meiner
+Amtseigenschaft, sondern, wenn er wolle, als Freund, dem ein Besuch
+zufällig erlaubt sei. Im Grunde sei er mein Schutzbefohlener, und ich
+trüge die Verantwortung für sein Wohlergehen.
+
+Er blickte mich schweigend an. Nach geraumer Weile sagte er: »Sehr gütig
+von Ihnen.«
+
+Ich wehrte ab. »So möchte ich es nicht aufgefaßt haben,« sagte ich
+ungefähr; »ich wünschte, Sie sollen mir jetzt nicht mißtrauen. Dem
+Richter mißtraut man, unwillkürlich. Sie denken sich: Kommt er nicht als
+Beamter, um seine Akten vollzuschreiben, so kommt er doch als
+Neugieriger, um zu schnüffeln. Weder das eine, noch das andere ist meine
+Absicht. Die Akten sind so gut wie geschlossen; wir stehen vor der
+Verhandlung. Zur Neugier ist für mich wenig Anlaß; es ist mir ja alles
+bekannt, will mir scheinen. Warum ich gekommen bin, weiß ich selbst
+nicht genau. Ich mußte. Es war wie Pflicht.«
+
+Wieder antwortete Urbas lange nicht. Endlich sagte er: »Ich glaube
+Ihnen.«
+
+Ich griff das Wort auf. »Wenn Sie mir glauben,« erwiderte ich, »dann
+können wir uns ja über das Geschehene wie zwei gute Bekannte in Ruhe
+unterhalten.«
+
+Urbas dachte nach. Hierauf sagte er: »Wozu soll ich denn reden? Schlimm
+genug, daß es hat geschehen müssen.«
+
+»Das ist eben die Frage,« warf ich ein; »hat es geschehen müssen?
+müssen?«
+
+Er hob den Kopf, aber die Lider blieben gesenkt. »Daran zu zweifeln,
+wäre die pure Vermessenheit,« sagte er.
+
+»Es gibt nicht nur einen Zweifel,« beharrte ich, »sondern die
+menschliche Gesellschaft verwirft Ihre Tat und verabscheut sie. Wollte
+jeder in einem solchen Fall nach eigenem Gutdünken entscheiden, so wäre
+des Schreckens kein Ende, so lebten wir wie unter reißenden Bestien. Wie
+Sie sich vor sich selbst und Ihrem höchsten Richter verantworten werden,
+weiß ich nicht. Uns Menschen sind Sie die Verantwortung noch schuldig.«
+
+Urbas schüttelte den Kopf. »Was kann das Reden hinzutun oder wegtun?«
+murmelte er gleichgiltig.
+
+»Zwischen Ihnen und uns muß reiner Tisch werden,« sagte ich; »so lange
+Sie sich trotzig verschließen, bleibt alles ein wüster Graus.«
+
+»Wenn einer aber nicht die Worte hat?«
+
+»Hat er sie nicht oder verweigert er sie nur aus Hoffart und aus Trotz?«
+entgegnete ich; »prüfen Sie sich.«
+
+Er sagte: »Die Zunge ist schwer; ich bins nicht gewohnt.«
+
+Seine Stirn furchte sich. Ich sah, daß ich nicht weiter in ihn dringen
+durfte. Ich wartete. Endlich murrte es aus seiner Brust: »Ich hab ihn
+gemacht.« Sein Blick bohrte nach unten. »Wenn ich ihn gemacht habe, darf
+ich ihn dann nicht auch vertilgen?« fragte er mit einem seltsamen,
+listigbösen Ausdruck. »Das mögt Ihr Leute bestreiten, soviel Ihr wollt:
+den einer gemacht hat, den darf er auch wieder vertilgen, wenns nur zum
+Unheil war, daß er kam. Ich hab ihn mir geholt; herausgegraben aus
+seiner Mutter Schoß. Andere Weiber tragen die Frucht neun Monate. Von
+der kann man sagen, sie hat sie dreizehn Jahre getragen. Ich hab ihn von
+ihr verlangt; ich hab ihn vom Herrgott verlangt. Ich hab ihn mir
+zurechtgerichtet, bevor er noch da war. So und so, dacht ich, wirst du
+mir werden. Wie ein Stück Lehm, das einer aus dem Erdreich schneidet und
+bastelt daran und knetet es nach seinem Sinn. Auf einmal hat er nichts
+als eitel Dreck in der Hand. Da schmeißt ers wieder hin, von wo ers
+hergenommen hat.«
+
+Der listigböse Zug verstärkte sich. Er musterte mich durch einen Spalt
+zwischen den Lidern. »Daß es zum Unheil war, hat sich erst nach und nach
+erwiesen,« sagte ich.
+
+Er unterbrach mich mit einer herrischen Gebärde. »Von Anbeginn mißraten.
+Mißratenes Blut; ich hab es mit meiner Nase gerochen. Andere, von
+schlechterer Herkunft, wachsen auf, ohne daß man ihrer viel achtet und
+mißraten doch nicht. Biegen sie sich am Anfang krumm, so biegt sie die
+Zeit wieder grade. Bei ihm wurde das Krumme immer krummer. Da sah ich,
+es wird großes Leid entstehn. Und so wars. Jeder Tag ein Sandkorn davon,
+zuletzt ein Berg. Da bin ich gestanden und habe mich gefragt: was will
+das werden? Hat mans an einer Stelle fortgeschaufelt, wars an der
+andern doppelt so hoch; hat mans angegriffen, ists zwischen den Fingern
+zerronnen. Es war keine Hilfe.«
+
+»Aber können nicht auch schadhafte Keime durch eine sorgfältige Pflege
+zum Gedeihen geführt werden?« hielt ich ihm entgegen. »Haben Sie sein
+Gewissen zu wecken versucht? Haben Sie ihn in ernstliche Zucht
+genommen?«
+
+Urbas hob zum erstenmal die schweren Lider, und in seinen Augen war
+etwas Verstörtes. »Herr,« erwiderte er jäh, »das Element kann einer
+nicht bewältigen. Schaffts das Auge nicht, so schaffts auch das Maul
+nicht, hab ich mir gesagt. Schaffts das Beispiel nicht, so schaffts auch
+der Prügel nicht. In dem Punkt, den Sie meinen, hat die Bäuerin ihre
+Schuldigkeit getan. Eine Weibsperson versteht das besser. Wenn er nicht
+hat spüren können, daß meine Stimme auch dabei war, was war dann an ihm
+nutze? Wenn er nicht hat hören können, was ich ihn ohne mein Reden habe
+vernehmen lassen, wär auch des Propheten Wort nur leerer Schall für ihn
+gewesen. So hab ich mir gesagt. Ich bin vorangegangen, er hätte
+nachgehen können; ich bin ihm nachgegangen, er hätte sich umdrehn
+können. Er hat mich nicht gesehen, er hat mich nicht gehört. Mich
+widerts, daß ich einen Menschen soll packen und ihm ins Ohr schreien:
+Mensch, sei ordentlich. Was soll das frommen, wenns ihm nicht in der Art
+liegt? Verzieht einer seine Fratze zum Hohn, während andere beten, so
+ist er eine verlorene Kreatur. Zucht schlägt an, wo nicht an der Wurzel
+der Wurm schon nagt.«
+
+»Wußten Sie denn das ganz genau?« fragte ich, und wie ich vermute, nicht
+ohne Schüchternheit, denn seine Worte, seine Stimme hatten finstere
+Wucht, »waren Sie denn von Ihrer eigenen Unfehlbarkeit so fest
+überzeugt?«
+
+Er streckte den Arm über den Tisch und antwortete schweratmend: »Wenn
+mein Fleisch und Blut wider mich aufsteht, so kann ich nicht mit ihm
+rechten wie mit einem Händler, der mich betrügt. Wenn der Same, den ich
+ausgestreut, mir als Schlangenbrut entgegenzüngelt, so kann ich nicht
+wie ein Schulmeister mit dem Bakel dreinfahren. Das hat kein Verhältnis,
+das hat keine Menschenwürde. Wenn einer Böses wirkt und Aberböses, auf
+den man die Zukunft gebaut, unabänderlich Böses, bis Haus und Hof im
+Schlamm ersticken, was soll man da tun? Soll man ihm die Knochen anders
+renken, ein anderes Hirn und Herz einblasen?«
+
+Sein Gesicht, in seiner ganzen Mächtigkeit, bebte und flammte. Derselbe
+Mann, der sich so lange, ein Lebensalter vielleicht, der mitteilenden
+Rede enthalten, riß vor meinen Augen sein Inneres auf und hatte Worte,
+Bilder, Töne, die mich verstummen machten und fast mit Angst erfüllten.
+Doch ich hatte plötzlich den unabweisbaren Eindruck, daß er nur
+scheinbar mit mir redete, nur scheinbar sich an mich wendete; daß er in
+Wirklichkeit sich eines abwesenden Bedrängers zu erwehren suchte, der
+nicht erst seit heute ihm mit Fragen und Vorwürfen zusetzte. Mir wollte
+es scheinen, als wäre alles, was er gegen mich äußerte, schon als
+feuriggärender Stoff in ihm angesammelt gewesen und nun quölle es aus
+ihm heraus, schleudre sich hervor; er konnte es nicht hemmen, und
+während dies Gewaltige, gewaltig Unterdrückte redete, schien er selbst
+in Grimm und Qual und noch immer stumm zu lauschen.
+
+Übrigens klang seine Stimme ruhiger, als er mit eckigen
+Kinnladenbewegungen, den Kopf gesenkt, fortfuhr: »Es könnte wer fragen:
+wann hast du angefangen, alles zu wissen und wann hast du aufgehört, zu
+hoffen? So frage er den Aussätzigen: wann hat deine Haut zu schwären
+angefangen? Er hat es am ersten Tag gewußt, natürlicherweise, aber den
+Aussatz hat er erst geglaubt, wie es ihn ins Siechenbett gezwungen. Bin
+gelegen, Nacht für Nacht; hab gesonnen und gesonnen. Hab mich
+durchforscht, hab ihn durchforscht. Hab dies erwogen, hab jens erwogen.
+Hab zugesehen und zugesehen, wie der Aussatz um sich gefressen hat. Hab
+mir den Geist zermartert, wie das Übel zu fassen wäre. Zucht! Zucht
+kommt immer um den Schritt zu spät, den die Unzucht voraus hat. Das
+Rohr, mit dem ich seinen Rücken zerbläut, wär mir in der Faust
+zerbrochen, und die Narben auf dem Fleisch hätten ihn bloß verhärtet.
+Hätt' ich ihm Regeln vorsagen sollen? Was für Regeln? welche sind
+erprobt? Hätt' ich ihn an Ketten legen sollen wie einen Hund? Alles, was
+ich an ihm angepackt, war doch mein. Ich der Baum, er der Zweig; ich der
+Docht, er das Licht; ich das Erdreich, er der Quell. Wie soll denn der
+Baum zum Zweig reden? es rinnt ja der nämliche Saft durch. Und der Docht
+zum Licht? er nährt es ja. Und der Boden zum Wasser? es kommt ja aus
+ihm. Schön; aber woher kommt die Schlechtigkeit? Sie ist da und breitet
+sich aus wie das Feuer in dürrem Holz; aber woher kommt sie? Und was das
+für ein unbarmherziges Gestaffel hat: erst die kleine Lüge, dann die
+große; erst den Pfennig stiebitzt, dann den Taler; erst das Tier
+malträtiert, dann den Menschen; erst Tagdieberei, dann Ehrabschneiderei;
+erst ein Hansguckindieluft, dann ein Hurentreiber. Kein Respekt, kein
+Glauben, keine Redlichkeit, keine Liebe. Woher ist das alles gekommen?
+Aus mir? Es ist wohl schließlich an dem. Und da hab ich mich gefragt:
+wo, Urbas, und wann ist dein sterblich Teil oder dein unsterbliches so
+von der Hölle versengt worden, daß du solchen Stank und Unrat in die
+Welt gesetzt hast? Ist denn der Mensch nichts als ein geiler Schleim,
+daß er nur wieder geilen Schleim hervorbringt?«
+
+Er sah mich mit seinem großen Blick an wie ein Lastenschlepper, der
+unter der schweren Bürde keucht. Es entstand eine Stille. Er wischte
+sich mit dem Rockärmel die Feuchtigkeit von der Stirn. Ich begriff seine
+Erschütterung und sie teilte sich mir mit, aber mein in Zwiespalt
+geratenes Gefühl zieh ihn der Überheblichkeit, und ich konnte mich nicht
+enthalten, es zu äußern. »Ein solches Maß von Verantwortung sich
+zuzuschreiben, geht meines Erachtens weit über das hinaus, was einem
+Menschen verstattet ist,« bemerkte ich; »übernimmt man sich in dem, wozu
+man sich verpflichtet wähnt, so vergreift man sich auch in seinen
+Rechten. Sie berufen sich in allen Stücken auf sich allein; als Mann und
+Vater nur auf sich selbst. Wie steht dann aber die Mutter da, die doch
+den gleichen Anspruch auf den Sohn hat, den stärkeren sogar? Die wird
+Ihre Gründe nicht billigen und gewiß nicht die Tat, für die Sie alle
+Bande der Familie zerreißen mußten.«
+
+»Darüber läßt sich nicht disputieren,« antwortete Urbas hart; »das geht
+dorthin, wo das Denken aufhört. Ob sie meine Gründe billigt, weiß ich
+nicht. Sie hat verspielt, und ich hab verspielt. Ist bei ihr der Kummer
+groß, so ist bei mir die Verdammnis noch größer. Bleibt ihr nichts vom
+Leben übrig, so ist mirs schon vergällt seit Jahr und Tag. Freilich ist
+sie mehr zu bedauern. Wars doch als gäb ihr Leib ungern die Frucht her
+und sträube sich ahndungsvoll gegen meine eitle Torheit und Ungeduld.
+Man muß nur die Natur recht verstehn, aber man versteht sie mit nichten
+und wills besser machen und rennt wie ein Bock wider die verriegelte
+Tür. Es sollte kein Weib ein einziges Kind haben, da steht zuviel
+drauf. Meine Mutter hatte neun; davon sind allerdings sieben gestorben;
+meine Ahn sechzehn, und auch von denen sind acht früh mit Tod
+abgegangen. Solches Sterben hat nichts Bitteres. Von den Körnern bei der
+Aussaat gehen auch nicht alle auf. Ein einziges Kind soll man nicht
+haben; damit nimmt man sich zuviel vor, wie beim Lotteriespiel. Da ist
+kein Ausgleich, da schlägt die Flamme auf einen zurück und wird Qualm.
+Einer Mutter bangt vielleicht, und ihr Gemüt fällt in Finsternis, wenn
+ihr Eins und Alles verworfen ist vor Gott und Menschen; aber sie ist
+drin gefangen für Zeit und Ewigkeit, und träte er mit der aufgehobenen
+Hacke vor sie hin, sein Leben gälte ihr mehr als ihres. Kein Gut, kein
+Böse mehr; das Blut schreit lauter. Ich derweil! Vater, hats mich
+angerufen. Was ist das, Vater? hab ich mich gefragt und hab nach dem
+Ursinn geforscht. Wär ich zur Magd ins Bett gegangen und hätte mit ihr
+einen Sohn gezeugt, der hätte mich auch Vater genannt. Wärs dasselbe
+gewesen? Es wäre nicht dasselbe gewesen. Vielleicht wär der der
+Geratene, der Ehrfürchtige, der Gewünschte gewesen. Warum nicht ihn
+gezeugt, warum den Mißratenen? Aber da steht das Gesetz dagegen auf, und
+das Gesetz ist heilig. Und wär dann das Weib noch mein Weib gewesen? Ich
+will einmal sagen: der Mann reicht weiter hinauf und hinunter denn das
+Weib. Ich will auch dieses sagen: der Vater ist tiefer in der Schuld
+denn die Mutter. Die Mutter sitzt am Rocksaum unseres Herrn, und er mag
+ihr nichts zuleide tun. Nach dem Vater wird gefragt, er muß Rechenschaft
+ablegen. Mitteninne steht er in der Geschlechterkette; die obern deuten
+auf ihn, und die untern deuten auf ihn. Er darf sich nicht gefallen in
+der Zärtlichkeit und Liebkosung, denn aus den Augen des Sohnes schaut
+ihn die Gemeinde an, schaut ihn der Kaiser an, schauen ihn die
+Altvordern an und alle, die nachher sind bis ins vierte und fünfte
+Glied. Der Sohn ist ihm verliehen als ein Pfand, will ich einmal sagen,
+daß er es der Welt zurückgeben soll, wenn die Zeit reif ist. Weh dem,
+der mit leeren Händen kommt und sprechen muß: ich habs verwirkt.«
+
+Er schaute starr in die Luft, erhob sich vom Stuhl und wiederholte laut:
+»Ich habs verwirkt.« Dann setzte er sich wieder.
+
+Ich wagte nicht die Versunkenheit zu stören, in die er fiel. Auch suchte
+ich in meinen Gedanken einen Weg, der weiter führte. Von Minute zu
+Minute war ich meiner Sache sicherer geworden, aber ich hatte Furcht.
+Eine solche Sicherheit war in mir, daß Vorgänge, die sich bis jetzt auf
+bloße Vermutungen und Kombinationen gestützt hatten, die Leuchtkraft des
+Erlebten gewannen, und in einer seherischen Glut fügte sich Bild an
+Bild. Zweifellos trug hiezu das Fluidum des Menschen bei, der mir
+gegenübersaß, und daher auch die Furcht. Ich habe trotz einer langen
+Laufbahn als ausübender Jurist und Richter, oder vielleicht durch sie,
+die Übertragbarkeit außerordentlicher Seelenzustände zu oft erfahren, um
+sie hier zu leugnen, wo ich plötzlich eine Fähigkeit zu entfalten
+vermochte, die ihr entwuchs. Es war etwas Grandioses um den Mann; seines
+Geheimnisses mich zu bemächtigen, dünkte mich fast unerlaubt; ich
+zauderte; ich fand das Wort nicht; schließlich aber unterbrach ich das
+tiefe Schweigen, beugte mich weit über den Tisch und fragte: »Sie sind
+in die Kammer hinübergegangen, um ein Ende zu machen?«
+
+Er antwortete nicht. Die aufeinander gepreßten Lippen schienen sich der
+Rede wieder verweigern zu wollen. Doch für mich barst diese hartnäckige
+Stirn; sie öffnete sich wie ein Buch, und ich konnte in dem Raum
+dahinter lesen. »Sie waren zweimal in der Kammer,« sagte ich plötzlich
+aufs Geradewohl, oder vielleicht ist das falsch: aufs Geradewohl,
+vielleicht geschah es unter der brennenden Eingebung und Vision des
+Augenblicks; »zweimal; als Sie sie das erste Mal verließen, lebte Simon
+noch. Als Sie das zweite Mal hineingingen, lag er schon als Leiche auf
+dem Bett.«
+
+Ich hatte nie gedacht, daß das Gesicht dieses Bauern, das von Natur
+braun war wie gebeiztes Holz, so weiß werden könne. Das Weiße quoll
+förmlich aus den Poren heraus und überzog die Haut mit einem Schimmer
+wie von nassem Kalk. Er stierte mich mit weiten Augen an, seine Backen
+schlotterten, und mit beiden Händen griff er an den Hals. Nun gab es
+keine Unschlüssigkeit mehr für mich; ich zwang mich zu angemessener Ruhe
+und fuhr fort: »Sie sind zu ihm gegangen, um ihm Geld zu bringen. Sie
+hatten an dem Sonntag kein Geld im Hause und liehen sich unmittelbar
+nach Tisch zweitausend Mark von Ihrem Nachbarn Stephan Buchner aus. Ist
+es nicht so? Das Geld sollte dazu dienen, daß sich Simon auf der Stelle
+davonmachte. Er sollte nach einer Hafenstadt, am selben Abend noch, und
+von dort nach Amerika. Ist es nicht so? Sie boten ihm das Geld, Sie
+entwickelten ihm Ihren Plan, und Sie erwarteten, daß er ohne Zögern
+gehorchen würde. Aber er gehorchte nicht nur nicht, sondern er schlug
+auch das Geld aus. Sie fragten ihn, da begann er zu sprechen. Zuerst
+war, was er vorbrachte, wirr und faselnd, denn er war noch benebelt von
+dem Trinkgelage, dann aber wurde seine Rede klar, Ihnen jedenfalls
+furchtbar klar. Sie standen vor ihm und schwiegen. Sie nahmen nicht
+einmal Anstoß daran, daß er auf der Bettstatt liegen blieb und in die
+Luft hinein sprach; denn Sie fühlten, daß er nicht den Mut gehabt hätte,
+zu sprechen, wenn er Ihnen ins Gesicht hätte schauen müssen. Sie haben
+zugehört, nur zugehört, und aus dem Zuhören entstand alles übrige.
+Verhält es sich so oder nicht?«
+
+Urbas ließ den angstvollen Blick nicht eine Sekunde lang von mir. »Da
+müssen Sie wohl als ein verzauberter Geist im Hause gewesen sein,«
+stammelte er verstört.
+
+»Nein,« erwiderte ich; »es sind einfache Schlußfolgerungen aus
+Tatsachen. Die unscheinbarsten Tatsachen hinterlassen oft die
+eindringlichsten Spuren. Denken Sie nicht an Zauberei und Blendwerk.
+Eines Menschen Tun und Treiben wirkt nach allen Richtungen hin mit
+sonderbarer Gesetzmäßigkeit. Es ist, als schleudre man einen Stein ins
+Wasser; die Ringe breiten sich aus und vergehen, aber die Bewegung kann
+noch gemessen werden, auch wo das Auge längst nichts mehr gewahrt. In
+dem Betracht kann wirklich keiner entrinnen; jeder Schritt nach jeder
+Seite, was er mit dem Finger faßt und mit dem Atem behaucht, knüpft ihn
+fester in das Netz. Ich besitze eine Zeugenschaft, der ich anfangs wenig
+Wert beilegte; im Lauf der Zeit erst begriff ich ihre Wichtigkeit. Es
+gibt da einen Eichstädter Maler namens Kießling, Freund und Zechkumpan
+von Simon; ein verbummelter Kerl, eine verkommene Existenz; aber nicht
+ohne derbe Aufrichtigkeit. Der wußte mancherlei zu erzählen. Wie Sie
+sich erinnern werden, verschwand im vorigen Winter in Ihrem Haus eine
+von den alten schönbemalten Porzellankannen. Sie, wie auch die Bäuerin,
+dachten nicht anders, als daß Simon sie sich angeeignet und beim Händler
+in der Stadt verklopft habe, denn es war ein wertvolles Stück; die
+Bäuerin äußerte sogar den Verdacht, Kießling habe bei dem Diebstahl
+seine Hand als Hehler im Spiel. Daß Simon die Kanne genommen, ist
+richtig; ebenso, daß Kießling daran interessiert war; er hätte wohl den
+Beuteanteil nicht verschmäht, wenn er es auch jetzt in Abrede stellt.
+Aber so weit kam es gar nicht. Simon zertrümmerte die Kanne vor den
+Augen seines Freundes. Sie waren in dessen Bude beisammen, drüben an der
+Pleinfelder Chaussee; Simon hatte die Kanne gebracht, Kießling nahm sie,
+beschaute sie, prüfte sie und wollte eben seine Anerkennung kundgeben,
+als Simon sie ihm wieder entriß und mit aller Kraft gegen den Fußboden
+schmetterte, wo sie natürlich in hundert Scherben zerbrach. Der andere
+machte ihm zornige Vorwürfe, aber Simon, nachdem er eine Weile finster
+vor sich hingebrütet, rief plötzlich aus: ich möcht ihm einmal einen
+rechten Tort antun, so daß ers spürt bis in die Eingeweide hinein.
+Kießling wußte nicht gleich, auf wen der Ausbruch gemünzt war; seine
+Bekanntschaft mit Simon war damals noch neu; später wurde ihm dann die
+Sache klar. Er sagte, er habe nie einen jungen Menschen gesehen, der
+einen solchen Haß gegen seinen Vater gehegt hätte. Von Zeit zu Zeit
+wiederholten sich die Anfälle, ähnlich jenem ersten; eine ohnmächtige
+Erbitterung kam über ihn, ein Trieb, zu zerstören; zu anderer Zeit
+wieder war es eine krankhafte Freudlosigkeit, ein melancholisches
+Hindämmern und stilles Glosen. Oft schien es nicht Haß zu sein, sondern
+Furcht; oft nicht Furcht, sondern etwas viel Unergründlicheres. Eine
+Äußerung, die auch von dritten Personen bezeugt ist, war die: möcht ihm
+einmal alles ins Gesicht sagen können, dann würde mir wohl. Was konnte
+er damit gemeint haben? Abgesehen von Kießling, schildern ihn auch sonst
+Leute, die ihn kannten, nicht als schlecht; es sind meist Leute, denen
+man ein unbefangenes Urteil zutrauen darf. Sie bezeichnen ihn als
+schwachen, leicht verführbaren Charakter, als einen Menschen ohne
+Verwurzelung gleichsam; ausschweifend wie einer, der sich betäuben will,
+arbeitsscheu wie einer, der fortwährend auf der Flucht ist und verfolgt
+wird, lasterhaft aus innerer Öde, aber keineswegs schlecht. So beurteile
+auch ich ihn jetzt. Aber von wem fühlte er sich eigentlich verfolgt? wem
+hat er getrotzt? was war zu betäuben? Ich glaube, wir beide, Urbas, wir
+wissen es. Wenn auch die ganze Welt darüber sich den Kopf zerbricht, wir
+wissen es. Bis zu jenem Abend in der Kammer haben Sie es nicht gewußt.
+Dort haben Sie es erfahren.«
+
+Er atmete auf; sein Gesicht zuckte wie von inneren Stößen; er schien
+etwas sagen zu wollen, aber er vermochte es nicht. Doch die Lichter und
+Schatten in diesem kantigen, kraftvoll bewegten und wahrhaftigen Antlitz
+hatten ihre eigene Beredsamkeit; das düstere Staunen, der fast
+abergläubische Schrecken über die plötzliche Enthüllung dessen, was er
+für sein unantastbares, ewig verwahrtes Geheimnis gehalten, war von ihm
+gewichen, aber da er das Geheimnis nicht mehr zu schützen hatte, war
+auch das Gemüt der schweren Last entledigt; daher dies tiefe Aufatmen,
+das mich bewegte. Ich fand mich verpflichtet, ihm noch über die letzten
+Hemmnisse zu helfen, und ich sagte: »Erwägt man es genau, so sind die
+Menschen weit übler daran als die Tiere. Die Tiere können einander nicht
+mißverstehen. Die Menschen mißverstehen einander im Blut wie im Geist;
+der Bruder den Bruder, der Freund den Freund, der Vater den Sohn. Jeder
+steckt in seinem Mißverstehen wie in einem schwarzen Kellerloch, aber
+eine wunderliche Verblendung macht, daß er es für eine hellerleuchtete
+Wohnstube hält. Und wenn er meint, daß der Herrgott selber sich um ihn
+bemüht und ihn zu seinem Sprachrohr auserwählt, so zeigt sichs am Ende,
+daß es bloß der Teufel war. Dreizehn Jahre lang war Ihr ganzes Trachten
+auf einen Sohn gerichtet, und wie er dann da war, haben sie achtzehn
+Jahre lang gebraucht, um dahinter zu kommen, was es mit ihm für eine
+Bewandtnis hatte; und da wars zu spät. Ists also nicht kläglich bestellt
+um die menschliche Vernunft und Weisheit? Wozu noch fernerhin sich
+verstecken, Urbas? Welchen Zweck soll es haben, sich eines Verbrechens
+anzuschuldigen, das Sie nicht begangen haben? sich Mörder zu nennen an
+dem, der sich selbst den letzten Weg gewiesen hat? Wozu das frevle Spiel
+mit der irdischen Gerechtigkeit? wozu, Mann, wozu?«
+
+»Das will ich Ihnen einbekennen, wozu,« sagte Urbas, »weil nun meine
+Partie doch ganz und gar verloren ist. Ich will es Ihnen einbekennen,
+aber haben Sie Geduld mit mir; es fällt mir schwer.« Seine Blicke
+suchten innen; seine Finger bewegten sich, als suchten auch sie: das
+einschränkendste und unbedingteste Wort, die verläßlichste Übermittlung.
+Er begann stockend: »Es ist wahr, ich bin hinüber zu ihm, um ihm das
+Geld zu geben. An Amerika hab ich nicht gedacht; nur möglichst schnell
+fort mit ihm, dacht ich, und möglichst weit, damit einem wenigstens der
+Gendarm im Haus erspart wird. Ich bin hinübergegangen, und weils finster
+in der Kammer war, hab ich erst die Kerze anzünden müssen, und da ist er
+auf seinem Bett gelegen und hat mich angeschaut. Es ist wahr, er hat das
+Geld nicht genommen; er hat das Gesicht zur Wand gedreht und die Zähne
+geknirscht und gesagt, ihm könne das nicht mehr nützen. Ich bin vor der
+Bettstatt gestanden und spreche zu ihm: steh auf, wenn dein Vater vor
+dir steht. Da dreht er das Gesicht wieder zu mir, und weil eitel Spott
+und Hohn drin geschrieben ist, schwillt mir der Zorn, und ich sage: steh
+auf, wenn dein Vater vor dir steht. Er aber spricht: warum soll ich denn
+aufstehen, da Ihr mich niedergeworfen habt? Die Fäuste ballen sich mir
+wie von selber, und ich frage: wie denn? wie soll ich dich denn
+niedergeworfen haben, du Luder? Da kommt es aus seinem Mund hervor: Ihr.
+Weiter nichts. Ihr, sagt er. Ich blick ihn an, und er blickt mich an,
+und eine Zeit vergeht so, dann wieder: Ihr. Darin war soviel Gift und
+Wut und Geifer und solch ein verkrampftes, rabenböses Grollen, daß mir
+der Speichel im Munde bitter wird. Was denn, Ihr? ruf ich ihn an; was
+denn, Ihr? O Ihr, spricht er hinter den Zähnen hervor, Ihr seid mir auf
+der Brust gehockt, mein Lebenlang. Da schwieg ich. Ihr habt gut vor mir
+stehn und blitzen mit Euren Augen, fährt er fort; soll denn das nicht
+endlich aufhören, daß Ihr mich anschaut mit Euren Augen? So ists immer
+mit Euch gewesen; anschaun, anschaun, und kein Wort. Hinterm Tische
+sitzen und alles von einem wissen, und kein Wort. Weit habt Ihr mich
+gebracht mit Eurem Anschaun und Anschaun. Warum habt Ihr mich nicht
+genommen und zu mir geredet? Niemals ein einziges Wort geredet? Da _muß_
+einen ja die Verzweiflung packen. Wie soll er denn da nicht zu den
+Menschern und zu den Saufbrüdern laufen? Die reden doch, die lachen
+doch, die haben doch ein gutes Wort für einen, die sagen Hü und Hott,
+und man weiß, wie man mit ihnen dran ist. Ihr aber, hab ich gewußt, wie
+ich mit Euch dran bin? Er liegt wieder auf der Lauer, dacht ich; er hat
+was gegen dich vor, dacht ich. Ein Büblein war ich noch, ist mir schon
+der Bissen im Hals steckengeblieben, wenn Ihr zur Tür hereingetreten
+seid. Hundertmal und hundertmal hab ich zu Euch hingewollt, aber die
+Angst vor Euch hat mirs verwehrt. Was hab ich denn verbrochen? dacht
+ich, und wie ich dann was angestellt, war mir wohl und hab wenigstens
+gewußt, warum, und so hat mirs nie Ruh gelassen, bis ich nicht was
+Heilloses getan und den Leuten die Galle aufgeregt. Ja, ich bin
+schlecht, aber ich weiß nicht, ob ichs von Geburt bin; ja, ich bin zum
+Lumpenkerl geworden, aber Ihr braucht Euch deshalb nicht wie der heilige
+Geist vor mir aufpflanzen, sondern solltet nachprüfen, was Ihr an mir
+gefehlt habt. Denn es hätte sein können, daß ich Euch hochgeehrt hätte,
+wies in den zehn Geboten steht und kirre gewesen wäre wie ein Star. Das
+hätte sein können, weils in mir war und bloß herausgetrieben worden ist.
+Bin ein Hundsfott geworden, und das Leben ist mir leid, und die Menscher
+und die Saufbrüder sind mir leid, und es freut mich nicht mehr. Dieses
+spricht er, und noch einiges, ich habs vergessen, und wälzt sich auf der
+Bettstatt; und knirscht mit den Zähnen; und flennt; und lacht ingrimmig;
+und kehrt sich wieder zur Wand; und schweigt. Ich denke mir: Urbas, die
+Seele da ist hin, aber deine vielleicht auch. Worte hatt ich keine. Es
+war eben so; was hätts gefruchtet, meinen Schöpfer anzuwinseln? Worte
+hatt ich keine. Ich geh hinaus. Im Hofe schreit ich bis zum Zaun. Es ist
+alles so friedlich wie in Frühjahrsnächten, wenn die Wurzeln in der Erde
+ihren Saft spinnen. Ich schaue zu den Sternen hinauf, aber das kann mir
+nicht dienen. Ich mache die Stalltür auf und schnuppre die saure, warme
+Luft, und einer von den Ochsen hebt den Kopf, indes er mit den Zähnen
+mahlt. Da überläufts mich schauerlich, und ich denke: du mußt zurück in
+die Kammer, und wenn du gleich keine Worte findest, irgendwas muß sein.
+Nun bin ich zurückgegangen, und wie ich eingetreten war, ist er bereits
+in seinem Blut gelegen. Da bin ich dann eine lange Weile gestanden,
+dann hab ich mir gesagt: wenn dem so ist, so bist du der Mörder; hat er
+die Schuld bei dir gut, so mußt du sie bezahlen. Das ist es, was ich
+einzubekennen habe.«
+
+Er kreuzte beide Hände über der offenen Bibel, und mit leiserer Stimme
+und sonderbar umschattetem Blick fuhr er fort: »Ich habe einen Traum
+gehabt, den will ich Ihnen noch erzählen. Es war in der Nacht, bevor
+sich das ereignet hat. Der Knecht tritt in die Stube und spricht: Bauer,
+die Gäule sind eingeschirrt, wir wollen fahren. Ich geh hinaus, es liegt
+tiefer Schnee, die Pferde stehn am Wagen, und ich fahre. Mit eins
+verlieren wir die Straße, und die Gäule waten im Schnee bis an den
+Bauch. Da seh ich auf einmal den Hof hinter mir brennen und das
+Schneefeld ist rot beschienen. Die Gäule fangen an zu laufen und ziehn
+mich an der Leine mit, daß mir der Atem ausgeht. Ich kann die Leine
+nicht loslassen, sie ist um die Hand herumgeschlungen, und wie wir gegen
+die Altmühl herunterkommen, dort bei der Eisenbahnbrücke, wo das Wasser
+sechzig Ellen breit ist und mehr als zehn tief, da rennen die Gäule noch
+toller, und die Brandlohe bedeckt den ganzen Himmel. Der Fluß ist
+zugefroren, die Gäule drauf zu, und ich denke mir in meiner Angst: wirds
+die Pferde samt dem Fuhrwerk tragen? Die Gäule, schwere Ackergäule,
+sausen das Ufer hinunter, aber das Eis hält. Da steht der Simon am
+andern Ufer, und weil die Tiere auf der gefrornen Bahn weiterrennen,
+schrei ich zu ihm hinüber: Hilf, Simon. Und er: ich muß heimgehen, der
+Stall brennt, das Haus brennt. Und ich, ich kann mich nicht auf den
+Wagen schwingen, die Gäule schleifen mich bereits, schrei in der
+höchsten Not: Hilf, Simon, lös' mich vom Riemen los. Und er: müßt Euch
+selber vom Riemen lösen, uns zweie trägt das Eis nicht. Da ruf ich ihm
+zu: alles ist dein, die Gäule und das Fuhrwerk, hilf um Gotteswillen.
+Nun kehrt er um, und wie er umkehrt, stehen die Gäule still; aber wie er
+den ersten Schritt tut, kracht das Eis, und wie er das hantige Pferd am
+Zügel faßt, bricht das Eis, und Fuhrwerk und Gäule und ich samt dem
+Simon versinken im Wasser. Und im Versinken bin ich aufgewacht.«
+
+Er verstummte. Er erwartete keine Einrede mehr, ich hatte auch keine
+mehr. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie sein Aussehen im Verlauf
+weniger Minuten um Jahre älter wurde, das Kinn spitz, die Augen stumpf,
+der Hals dünn, die Hände welk, die Haltung kraftlos. Der fordernde,
+hadernde, gewaltige Mann, der mir gegenüber gesessen, war auf einmal ein
+hinfälliger Greis. Als ich mich verabschiedete, sah er nicht empor,
+schien es kaum zu merken. Das Schweigen, in das sein ganzes früheres
+Leben eingehüllt gewesen, breitete sich wieder über ihn,
+undurchdringlich und in den Tod fließend. Denn am andern Morgen, wo er
+enthaftet werden sollte, fand ihn der Wärter am Fensterkreuz erhängt.
+
+
+
+
+Golowin
+
+
+Der halbe Mai war mit der Reise von Tula in den Kaukasus vergangen. Am
+siebzehnten kam Maria von Krüdener in Kislawodsk an, wo sie Nachrichten
+von ihrem Gatten zu finden hoffte. Er war bei Ausbruch der Revolution an
+die englisch-russische Front nach Persien geflüchtet. Seit fünf Monaten
+hatte sie kein Lebenszeichen von ihm.
+
+Unfern von Kislawodsk war die Besitzung seines Bruders, des Marschalls.
+Ihm hatte Alexander Botschaft senden gewollt, wenn die andern Wege der
+Mitteilung versperrt waren.
+
+Mit ihren vier Kindern und drei Dienerinnen bezog sie Wohnung im
+Palasthotel. Das jüngste Kind lag noch an der Brust; sie nährte es
+selbst. Es war drei Monate nach der Trennung von Alexander geboren;
+hätte sie vorher nicht begriffen, was ein Pfand bedeutet, jetzt wußte
+sie es.
+
+Beklemmend stand das ungeheure Gebirge da. Sie konnte nicht schwelgen in
+seinem Anblick, es war zu sehr Mauer, und Mauer hinter Mauer bis zum
+ewigen Schnee hinauf. Wie sollte man da entrinnen? Schlimm, was gewesen
+war; das Blut hatte sich noch nicht beruhigt. In der ersten Nacht
+träumte sie, Fäuste, ein Gewirr von Fäusten strecke sich ihr entgegen,
+und jede Faust hatte Mörderaugen. Die Schnittwunde am Arm ließ die Szene
+im Eisenbahnwagen nicht vergessen, als tierisch betrunkene Soldaten das
+Coupefenster zerschmetterten; acht Menschen waren in dem Abteil
+eingepfercht und Berge von Gepäckstücken, alles Hab und Gut, das man aus
+Tula hatte fortschaffen können. Die Kinder schrien auf, als zwei Kerle
+schnaubend an der Türe rissen und andere johlend nachdrängten; Dymow war
+in einen Waggon nebenan gegangen, um ein Fleckchen zu finden, wo er
+endlich eine Stunde schlafen konnte. Maria hatte den ersten Hieb
+aufgefangen und war blutend unter die Leute getreten. Sie wichen zurück,
+zu ihrer eigenen Überraschung, und senkten scheu die Augen, als ströme
+eine Magie von ihr aus. Es war ihr selbst so zumute; sie glaubte an eine
+in ihr verborgene Magie.
+
+Dennoch wäre sie ohne Dymow verloren gewesen. Iwan Dymow hatte als
+Schreiber bei Gericht gedient; einfacher Mensch aus dem Volk, hatte ihn
+die Revolution hinaufgehoben, er hatte Macht erlangt, die er aber nicht
+mißbrauchte. Als Gutsherrin hatte ihm Maria, schon Jahre vorher,
+menschliches Wohlwollen bezeigt und während einer Krankheit seinem Weibe
+Hilfe geleistet. Sie dachte nicht mehr an ihn, aber in der Stunde der
+Gefahr kam er von selbst. Er besorgte Pässe, bestach den Soldatenrat,
+wußte den Argwohn der Bauern abzulenken, denen die Herrin eine wichtige
+Geisel war, räumte alle Schwierigkeiten für die Reise hinweg, machte den
+Spion, den Aufpasser, den Lastenschlepper, den Bürgen, mit immer
+gleicher schweigender Ehrerbietung gegen Maria. Als er sich in
+Kislawodsk von ihr verabschiedete, fragte sie bewegt, arm an Worten
+sogar sie, womit sie ihm danken könne, sie fühle sich tief in seiner
+Schuld. Er antwortete: »Ich werde mich glücklich schätzen, Maria
+Jakowlewna, wenn Sie mir manchmal schreiben, wie es Ihnen und den
+Kinderchen weiter ergangen ist.«
+
+War dies nicht auch Teil und Frucht jener Magie?
+
+Als Dame der ersten Gesellschaft, Frau eines Offiziers, Trägerin eines
+großen Namens wurde sie von den Gästen des Hotels mit Freuden begrüßt
+und mit Auszeichnung behandelt, obwohl man wußte, daß sie von deutscher
+Herkunft war und Russin erst seit ihrer Heirat.
+
+Nun war sie wieder, nach langer Enthaltung, unter den Menschen ihrer
+Sphäre, in der Region von Heiterkeit und umgrenzter Übereinkunft, die
+ihr früher so gemäß und erwünscht gewesen war. Aber sie merkte bald, daß
+nur noch eine äußerliche Zugehörigkeit bestand, und daß die Jahre, die
+sie auf dem Gut verbracht, erst mit Alexander und dann allein, und wenn
+auch allein, so doch noch unter seinem Gesetz und seiner Führung, sie an
+ein anderes Maß und eine andere Benützung der Zeit gewöhnt hatten. Auch
+konnte hier niemand in seinem Bereich verbleiben; die Elemente waren
+bedenklich gemischt, und dies zu verhindern war unmöglich, weil
+gemeinsames Schicksal alle zueinander trieb. Das Haus, der ganze Ort,
+ehemals ein Treffpunkt der Aristokratie und Schauplatz des erlesensten
+Luxus, glich einer Insel der Schiffbrüchigen und beherbergte lauter
+Flüchtlinge mit ihrer letzten Habe und letzten Hoffnung, Großfürsten und
+Kammerherren neben Spekulanten und Journalisten, Frauen der exklusivsten
+Moskauer und Petersburger Kreise neben Koketten und Kleinbürgerinnen,
+die im Krieg zu Reichtum gelangt waren. Sie waren der Hölle entronnen,
+aber sie wußten, daß ihnen bloß eine Galgenfrist geschenkt war. Sie
+zitterten vor der Zukunft, aber sie praßten und feierten Feste. Sie
+hörten von Hinrichtungen ihrer Väter, ihrer Brüder, ihrer Freunde, aber
+sie betäubten sich im Hasard und tanzten Tango und Onestep.
+
+Einen verläßlichen Mann zu finden, den sie mit einem Brief auf das Gut
+des Marschalls schicken konnte, war Marias Bemühung sogleich. Zu ihrer
+Freude erfuhr sie, daß Josef Menasse in Kislawodsk sei; er hatte von ihr
+ebenfalls gehört und kam, sich zu ihrer Verfügung zu stellen. Er war
+Prokurist eines großen Odessaer Bankhauses, mit welchem Alexander von
+Krüdener geschäftliche Verbindung gehabt hatte. Da sie sich erinnerte,
+aus Alexanders Mund hie und da das Lob von Menasses Redlichkeit
+vernommen zu haben, war ihr Vertrauen sogleich unbedingt und auch in der
+Folge nicht zu erschüttern. In lebhaften Ausbrüchen klagte er ihr sein
+Unglück; einer wichtigen Transaktion halber war er vor mehreren Wochen
+hergekommen; am Tage, wo er hätte abreisen sollen, fuhren keine Züge
+mehr und jeder Versuch, den Ort zu verlassen, hieß das Leben gefährden.
+Maria hörte ihm teilnehmend zu, und erst als er sich erschöpft hatte,
+sprach sie von ihrer Angelegenheit. Er überlegte, sagte, er werde
+Umschau halten, und drei Stunden später erschien er mit einer
+Tscherkessin, die er trocken und kategorisch als die zu dem Zweck
+taugliche Person empfahl.
+
+Der Marschall hatte seinerzeit die Heirat des jüngeren Bruders
+mißbilligt. Es war zum Bruch zwischen den Brüdern gekommen, der
+Marschall zeigte sich unversöhnlich und hatte sich starr geweigert,
+Maria zu sehen. Man meldete ihm die Geburt der Kinder, er nahm keine
+Notiz davon. Alexander hatte es ertragen ohne zu murren und ließ auch in
+Maria keinen Unmut Wurzel fassen, denn er beugte sich vor dem Bruder
+als einem überlegenen Charakter, dessen Handlungen und Entschlüsse er
+von seiner Kritik ausschaltete. Er beugte sich, damit war alles gesagt
+und auch in Maria jeder Widerspruch erstickt. Bei Ausbruch des Krieges
+hatte der Marschall in einem Privatschreiben an den Zaren seine Ämter
+und Würden niedergelegt, da nach seiner Überzeugung der Krieg gegen
+Deutschland zum Verhängnis für Rußland werden mußte. Er hatte im
+japanischen Krieg glänzende Leistungen vollbracht, und schon deshalb war
+dieser Schritt keiner üblen Deutung ausgesetzt. Nun lebte er in
+äußerster Zurückgezogenheit und beschäftigte sich, leidenschaftlicher
+Hegelianer, mit profunden philosophischen Studien.
+
+Wie sich Menschen gegen sie verhielten, war Maria gleichgültig, wenn sie
+ihrerseits an ihnen Freude haben oder sie ehren konnte. Würde stand ihr
+über den täuschenden Einflüsterungen der Sympathie. Dazu hatte Alexander
+sie erzogen. In vielen Gesprächen vieler Nächte hatte er ihr bewiesen,
+daß das Prinzip der Vergeltung die Quelle alles Bösen sei. In der
+Befolgung seiner Lehre war sie zu der ihr eigentümlichen geistigen
+Konstanz gelangt. Der Brief an den Marschall war ein Meisterstück
+unbefangener Werbung.
+
+So wartete sie, wartete auf Alexanders Wort und Weisung von dorther und
+ahnte doch die Vergeblichkeit schon. Um sich zu zerstreuen, begann sie
+den ältesten Sohn, den siebenjährigen Mitja, zu unterrichten, fand sich
+aber unzureichend, das Bedürfnis des Knaben heftiger als sie vermutet
+und suchte einen Lehrer für ihn. Ein Moskauer Bekannter nannte ihr einen
+Studenten, Jefim Leontowitsch Tatjanow, der in einem geringen Wirtshaus
+vor der Stadt wohnte. Sie ließ ihn kommen und engagierte ihn. Er war im
+Gefolge eines Industriellen als Sekretär oder dergleichen gereist;
+unterwegs war der Mann und die meisten seiner Leute von einer
+herumziehenden Bande von Soldaten ermordet worden; nun saß Jefim
+Leontowitsch völlig mittellos in diesem Ort des Überflusses. Maria
+behandelte ihn mit Rücksicht und mit Achtung; dies schien ihm neu zu
+sein, und seine Dankbarkeit hatte etwas Kindliches. Er kam nicht nur zu
+den ausbedungenen Stunden, sondern widmete seinem Schüler alle freie
+Zeit; auch die beiden Kleinen, Fedja und Aljoscha zog er durch seine
+einfache Güte an sich.
+
+Eines Morgens war Aljoscha, der Mutter im Korridor vorauseilend, in der
+Hast in ein falsches Zimmer gerannt. Maria folgte ihm lachend; er stand
+bei einer majestätisch gewachsenen Dame, die ihr entgegentrat und ihr
+die Hand reichte. Es war die Fürstin Nelidow. Maria geriet in
+Verlegenheit, ihres Lachens halber, denn die Fürstin war in tiefer
+Trauer, und die Ursache war Maria bereits bekannt. Ihr Sohn, der
+dreiundzwanzigjährige Fürst Grigorji, Offizier in der kaiserlichen
+Marine, hatte sich vor wenigen Tagen bei einem Ausflug im Gebirge
+erschossen.
+
+Die Fürstin, eine Frau Mitte der Vierzig, war noch sehr schön. Sie gab
+sich Maria gegenüber herzlich. Sie kannte Alexander von Krüdener von der
+Zeit her, wo er im Ministerium gewesen war und sprach mit Wärme von ihm.
+»Ihre Gegenwart tut mir wohl,« sagte die Fürstin, »ich hoffe, wir werden
+uns häufig sehen.« Sie schlang ihren Arm um Aljoscha und streichelte ihm
+das Haar. »Heute abend feiern wir das Totenmahl für Grigorji,« fuhr sie
+fort; »kommen Sie doch; kommen Sie zu mir.«
+
+Maria empfand Mitleid; nicht nur mit der Fürstin und ihrem besonderen
+Schicksal; das Mitleid mit allen diesen Menschen überflutete ihr Herz.
+Namentlich den Frauen galt ihr bedauerndes Gefühl; die sorglosen und
+glänzenden Wesen, bestimmt, sich zu schmücken, sich zu freuen, schienen
+ihr verloren.
+
+Sie wollte gehen, aber die Fürstin hielt sie noch zurück. So schickte
+sie Aljoscha hinaus. Die Fürstin erzählte: »Hören Sie, was sich begeben
+hat. Es ist eine Person hier, sie wohnt im Hause, eine gewisse Lisaweta
+Petrowna. Sie behauptet mit Grigorji verheiratet gewesen zu sein. Kurz
+vor seiner Abreise aus Sebastopol, behauptet sie, sei sie ihm angetraut
+worden. Sie hat keinerlei Dokumente, keine Bestätigungen, keinen Brief;
+die Papiere habe man ihr gestohlen, redet sie sich aus. Sie hat sich mir
+zu Füßen geworfen, hat mir die Hände geküßt und mich Mutter genannt. Den
+ganzen Tag sitzt sie oben in ihrem Zimmer und weint und schluchzt. Dann
+schickt sie wieder den Kellner mit Zettelchen: Erbarmen Sie sich,
+Fürstin, erbarmen Sie sich Ihrer Lisaweta Petrowna, erbarmen Sie sich.
+Ich kenne sie nicht. Ich weiß nichts von ihr. Grigorji hat nie mit einer
+Silbe ihrer erwähnt. Wir haben sie vorher nie gesehen. Ihre Angaben zu
+prüfen ist unmöglich. Was soll man da tun? Erbarmen, wie denn erbarmen?
+Wahrscheinlich hat sie kein Geld; nun, man wird ihre Rechnung bezahlen.
+Gestern spielte sich eine abscheuliche Szene ab. Sie kommt herein, setzt
+sich zu den andern und fängt an zu weinen. Meine Nichte Jelena steht auf
+und nennt sie eine Lügnerin. Lisaweta Petrowna ballt die Fäuste, wirft
+sich auf den Boden und verfällt in einen Schreikrampf. Man mußte sie mit
+Gewalt aus dem Zimmer schaffen. Heute früh hat man sie ohnmächtig auf
+Grigorjis Grab gefunden. Sie hat einen Selbstmordversuch gemacht, so
+heißt es. Jelena meint, es sei simuliert. Jelena ist außer sich, das
+arme Kind. Was soll man da sagen, was soll man tun?«
+
+Maria beschloß sogleich, diese Lisaweta Petrowna zu besuchen, aber sie
+äußerte nichts von ihrem Vorsatz, sondern lenkte das Gespräch auf den
+jungen Fürsten und fragte nach Einzelheiten seines Lebens, ohne Neugier,
+mit einem zarten Durchblickenlassen des gemeinsamen Gefühls der Mütter.
+Die Fürstin willfahrte dankbar; es bedeutete Linderung für sie, indes
+Maria aus wenigen mitgeteilten Zügen ein Bild gewann. Sie saß still und
+aufmerksam vor der Fürstin, rauchte eine Zigarette und sah, und sah. Die
+Gabe des inneren Gesichts wurde manchmal Last, und doch schien es ihr
+wunderbar, viel zu wissen von den Menschen. Als sie sich verabschiedete,
+sagte die Fürstin: »Mir ist als seien wir seit Jahren befreundet.« Maria
+lächelte.
+
+Im Verlauf des Tages erlangten die beunruhigenden Gerüchte Gestalt, und
+zwar drohendste. Kislawodsk war von den Revolutionstruppen umzingelt.
+Mitja sagte mit dem stolzen Trotz, der an seinen Vater erinnerte: »Nicht
+wahr, Mama, wir werden unser Leben so teuer wie möglich verkaufen?« Sie
+erwiderte: »Ja, mein tapferer Liebling.« - »Schade, daß Iwan Dymow nicht
+mehr bei uns ist,« seufzte er. Aber sie tröstete ihn. »Erstens bist du
+ja selbst ein Held, und dann vergißt du, daß wir Jefim Leontowitsch
+haben.« Mitja schaute den Studenten prüfend an, dieser errötete und
+sagte mit einem Blick scheuer Ergebenheit auf Maria: »Sie haben nur zu
+befehlen. Befehlen Sie, und ich gehorche.« Es lag ein Ernst und eine
+Festigkeit in den Worten, die Maria veranlaßten, ihm die Hand
+hinzustrecken, die er demütig mit den Lippen berührte.
+
+Was sollte mir zustoßen können, dachte sie, da gute Menschen um mich
+sind?
+
+Als sie sich am Abend den Nelidowschen Gemächern näherte, drang ihr
+Gelächter, Johlen, Pfropfenknallen, Gläserklirren entgegen. Eine
+Streichmusik spielte eine brutal-wilde russische Melodie. Sie öffnete
+die Tür zum Salon; zehn oder zwölf junge Männer, Anverwandte der
+Familie, saßen um eine Tafel, zechten, sangen, rauchten; bisweilen erhob
+sich der eine oder andere und warf den Musikanten Rubelscheine zu. Maria
+ging in das nächste Zimmer; hier befanden sich einige ältere Herren und
+Damen, aber auch ein junges, etwa achtzehnjähriges Mädchen von
+blendender Schönheit. Sie hatte kurzes gelocktes Haar, eine Haut von
+opalisierender Blässe und gelbliche, große, unsehende, strenge Augen.
+Fasziniert blieb Maria stehen. Da wurde sie von der Fürstin Nelidow
+gerufen, die in ihrem Schlafzimmer allein saß. »Ich habe auf Sie
+gewartet,« sagte sie, als Maria eintrat; »setzen Sie sich zu mir,
+sprechen Sie; ich höre Ihre Stimme gern.«
+
+Vom Salon herüber, wo so expressiv das Totenmahl gehalten wurde, tönte
+ein klagender Chorgesang.
+
+In ihrem Bestreben, den abgeirrten, in Trauer verirrten Sinn der Fürstin
+zu erwecken, kam sich Maria wie jemand vor, der sich in einem fremden
+finstern Raum zurechtzufinden sucht. Die Fürstin schaute sie beständig
+an, aber nur nach und nach belebte Verstehen den Blick. Maria erzählte
+von der Einsamkeit der letzten Monate auf dem Gut, von Wanjas Geburt und
+wie sich während der Schmerzensnacht die Sehnsucht nach Alexander zur
+Gestalt verdichtet habe, so täuschend, daß sie jeden Schrei erstickt
+habe, um ihm nicht zu mißfallen. Bei allem was sie getan und gedacht,
+sei er unsichtbar richtend gegenwärtig gewesen. Sie erzählte von ihrem
+Verkehr mit den Bauern; von dem Geist der Widersetzlichkeit und der
+Feindschaft, der plötzlich in alle gefahren sei; auch die Sanftesten und
+Verständigsten hätten versagt. Eines Tages hatten sie ihr Besitzrecht an
+dem Wald verkündet; der Wald sollte abgeforstet und verkauft werden. Sie
+habe unterhandelt; vergebens; ihnen ins Gewissen geredet; vergebens; da
+sei sie allein mit den Ältesten in den Wald gegangen, wo die schlimmsten
+Aufrührer schon begonnen hatten, die Stämme zu fällen. Einem von diesen
+habe sie das Beil entrissen und ihm zugerufen: keinen Schlag mehr! Sie
+habe ihnen vorgestellt, was für eine Sünde sie begingen; wie sie sich an
+Heiligem vergriffen, an Lebendigem und wie sie das Gedächtnis ihres
+Herrn schändeten, der gerecht und gütig gegen sie gewesen sei. Viele
+hätten gemurrt, viele hätten aber geschwiegen und zur Erde geblickt. Sie
+habe ihnen gesagt, ein Baum sei eine Kreatur Gottes wie jeder von ihnen,
+und dieses seien junge Bäume, in Liebe gepflanzt und gehegt, zur
+Nutznießung bestimmt für ihre Kinder und Kindeskinder und noch nicht
+reif für die Axt. Ob sie Gottes Kreaturen verschachern wollten um
+elendes Geld? Dann sollten sie doch auch sie selber verschachern, dann
+wollte sie ihre Herrin nicht mehr sein, und sie werde nicht vom Platze
+weichen, ehe sie ihr nicht in die Hand gelobt, daß sie den Wald würden
+unversehrt lassen oder sie müßten sie selber niederschlagen. Darnach
+hätten sie sich beraten, und die Ältesten seien zu ihr gekommen und
+hätten ihr in die Hand gelobt, dem Wald solle kein Fäserchen gekrümmt
+werden und sie bäten sie um Vergebung ihrer Sünde. So habe sie damals
+den Wald gerettet; ob er jedoch heute noch stehe, das getraue sie sich
+nicht zu sagen.
+
+Die Fürstin nahm Marias Hand und drückte sie. »In diesem Land leben,
+heißt jede Stunde dem tückischsten Ungefähr ausgeliefert sein«, sagte
+sie; »oder ist das überhaupt die Eigenschaft des Lebens und wir wußten
+es nur bisher nicht, wir Begünstigten? Mir ist jetzt manchmal so bang.
+Ich persönlich habe ja nicht mehr viel zu verlieren, aber mir ist so
+bang um alle, die ich sehe, bang um das Volk, um die ganze Menschheit,
+wenn auch die Mehrzahl nichts als Böses schafft.«
+
+»Es kommt wahrscheinlich auf die Mehrzahl nicht an,« erwiderte Maria;
+»es kommt immer bloß auf den Einzelnen an, glaube ich. Der Einzelne ist
+oft wie der wundertätige Tropfen Medizin, der einen vergifteten
+Organismus heilt. Immer geht von Einem das Licht aus. In Tula mußte ich
+mit meinen Kindern Quartier im Hotel nehmen; der Zug nach dem Süden fuhr
+nur zweimal in der Woche. Gleich in der ersten Nacht war Alarm. Das
+Hotel war von Soldaten besetzt worden, und alsbald wurde der Befehl
+ausgegeben, alles Bargeld sei unverzüglich abzuliefern, niemand dürfe
+das Zimmer verlassen, um acht Uhr morgens werde eine scharfe Nachsuchung
+sein und jeder, bei dem dann noch irgend eine Summe sich finde, werde
+standrechtlich erschossen. Bedenken Sie meine Lage; ich hatte
+achtzigtausend Rubel am Leibe verborgen, alles was ich hatte flüssig
+machen können; wenn man es mir nahm, war ich samt den Kindern so gut wie
+verloren. Meine Dienerinnen und den treuen Begleiter hatte man von mir
+entfernt, vor dem Zimmer stand eine Wache, das Geld im Zimmer zu
+verstecken, war aussichtslos, ich wußte ja wie gründlich diese Leute zu
+verfahren pflegten, es blieb also nichts übrig, als abzuwarten, was mit
+mir geschehen würde, denn das Geld freiwillig herzugeben, daran dachte
+ich keinen Augenblick. Von drei Uhr nachts bis halb zehn Uhr morgens
+ging ich unaufhörlich im Zimmer auf und ab; Furcht empfand ich keine; in
+meiner Absicht wankend wurde ich nicht; eine klare Vorstellung von dem,
+was meiner harrte, war ebenfalls nicht in mir; fest stand einzig und
+allein, daß ich mich und meine vier Knaben aus dieser Gefahr zu retten
+habe, daß das meine Pflicht sei und daß es auch gelingen werde. Um neun
+Uhr betraten drei Soldaten, ein Unteroffizier und ein Weib das Zimmer
+der Kinder nebenan. Die Knaben wurden aus dem Schlaf gezerrt, die Möbel,
+die Betten, die Dielen, die Wände, die Vorhänge, die Koffer aufs
+genaueste durchsucht. Ich ging hinein. Ich sah mir die Leute an.
+Finstere Gesichter, unmenschliche Stirnen, da schien keine Hoffnung.
+Einer wies mich barsch hinaus; einer folgte mir ein paar Schritte, um
+die Tür zu schließen. Wie ich den Kopf zurückwende, ist es mir, als sei
+in den Augen dieses Menschen ein Etwas, ein gewisser Schimmer, etwas
+unnennbar Fernes von Weicherem als bei den andern. Er hatte rote, kurze,
+borstige Haare, die Haut besät mit Sommersprossen, und hinter seinen
+wulstigen Lippen waren Zahnlücken und schwarze Zähne. Aber mich
+durchbebt es; in der Eingebung eines Moments winke ich ihm. Stumm tritt
+er näher. Ich reiße die Knöpfe des Kleides auf, nehme das Paket mit den
+achtzig Scheinen heraus und gebe es ihm in die Hand. »Fünf Menschenleben
+sind in deiner Hand,« sage ich zu ihm, »jetzt mache was du willst.« Ohne
+mit der Wimper zu zucken, steckt er das Paket in die Rocktasche und
+verschwindet. Die andern kommen gleich darauf in mein Zimmer. Wie
+drüben wird alles um und um gewühlt, Wäsche, Kleider, Schuhe, jede
+Ritze, jede Schublade untersucht. Dann bleibt das Weib allein bei mir,
+ich muß mich entkleiden. Auch das ging vorüber, und sie entfernt sich.
+Eine Viertelstunde danach, das Herz hatte mir die ganze Zeit bis in die
+Fingerspitzen geschlagen, erscheint der rothaarige Soldat im Zimmer,
+horcht eine Sekunde, zieht das unversehrte Rubelpaket aus der Tasche und
+überreicht es mir schweigend. Ich stammle ein paar Worte, fassungslose,
+dankverwirrte; ich frage, was ich für ihn tun könne; ihm Geld anzubieten
+hatte etwas Unsinniges, da er mir ja achtzigtausend Rubel schenkte. Er
+schüttelt den Kopf und sagt: »Machen Sie sich keine Gedanken darüber,
+Mütterchen. Es ist leider so, daß wir in Blut und Sünde stecken bis an
+den Hals. Vielleicht läßt mir Gott jetzt ein wenigs nach. Vielleicht
+legt er das auf die andere Schale.« Damit geht er. Und ich, es ist ein
+Zustand von Scham, in dem ich mich befinde, als hätte ich mich an dem
+Menschen vergangen durch die Angst und die Zweifel vorher.«
+
+Während der letzten Worte noch war die schöne junge Person eingetreten.
+Sie ging auf die Fürstin zu und sagte mit einer Stimme wie aus Glas und
+zitternd vor Zorn: »Stepan Fedorowitsch erzählt eben, daß er diese
+Lisaweta Petrowna von Petersburg her kenne. Sie sei in einem Kabarett
+als Coupletsängerin gewesen und im übrigen, nun, das kann man sich ja
+denken. Sie sehen also, Tante, daß Sie einer Betrügerin zum Opfer
+gefallen sind und daß es nur lächerlich wäre, sich weiter um sie zu
+kümmern.«
+
+»Meine Nichte Jelena,« stellte die Fürstin vor und nannte auch Marias
+Namen. Diese lächelte in schweigendem Wohlgefallen an der Erscheinung
+der jungen Fürstin.
+
+»Sie ist ohne Kopeke, das elende Frauenzimmer,« fuhr Jelena erbittert
+fort; »der Hoteldirektor hat bereits gestern gedroht, sie auszulogieren.
+Und was die Komödie an Grigorjis Grab betrifft, die darauf berechnet
+war, Sie, Tante, hinters Licht zu führen, so hat die Kugel nur die Haut
+gestreift, am linken Arm; sehr vorsichtig. Pfui, was für eine
+unappetitliche Geschichte!«
+
+»Aber wenn nur ein Fünkchen Wahrheit darin ist, müssen Sie Nachsicht
+haben, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria.
+
+Jelena erbleichte. »Wie kann sie es wagen!« rief sie und schüttelte sich
+vor Widerwillen; »abgesehen davon, daß sie für ihre verleumderische
+Erfindung auch nicht den Schatten von Beweis aufbringen kann, bestehen
+auch innere Gründe, ja innere Gründe, -« sie preßte die Lippen zusammen
+und stand noch schlanker, in noch angespannterer Haltung da als bisher;
+»darf man es geschehen lassen, daß sie Grigorjis Bild besudelt? Was
+verlangen Sie? Warum ergreifen Sie Partei?«
+
+»Ich ergreife nicht Partei,« entgegnete Maria, die plötzlich den
+unbestimmten Eindruck hatte, als sei Schuld und Verstellung in dem
+jungen Mädchen, »ich wollte nur verhüten, daß Sie vorschnell urteilen.
+Seien Sie mir nicht böse.« Sie erhob sich und ging.
+
+Vor ihrem Zimmer schritt Menasse auf und ab. »Das Hotel ist umstellt und
+bewacht,« redete er sie sogleich an, »vor den Ausgängen stehen lauter
+bis an die Zähne bewaffnete Kerle. Es ist bei Todesstrafe verboten, nach
+Anbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Auf wessen Befehl, weiß
+vorläufig niemand. Ob man uns schützen will oder die Mäusefalle nur
+zuklappt, damit keiner entrinnt, weiß niemand. Die Sache wird ernst, es
+geht an den Kragen.«
+
+Er öffnete eigenmächtig die Tür ihres Zimmers und zögernd wurde er
+durch eine Erinnerung an gute Manieren bewogen, ihr den Vortritt zu
+geben. »Passen Sie auf,« begann er wieder mit seiner komischen
+Vertraulichkeit, »zu warten, bis man uns an die Mauer stellt und die
+Hirnschale kaput schießt, ist Blödsinn. Wer sich nicht aus dem Staub
+macht, hat sich selber zuzuschreiben die Folgen. Ich habe einen Plan.
+Sie gefallen mir, die Kinderchen dauern mich, Ihren Mann verehre ich,
+das ist ein Gentleman durch und durch, und wenn ich mich seiner Familie
+nicht annähme in der Not, wäre es eine Gemeinheit von mir. Ich habe
+einen Plan, wie gesagt. Die Vorbereitungen sind bereits getroffen.
+Allerdings wird die Geschichte viel Geld kosten, aber wo's ums Leben
+geht, hört sich die Billigkeit auf.«
+
+Er schaute sich unruhig um, hastete zur Tür, lugte durch einen Spalt
+hinaus, kam wieder auf Maria zu und fuhr mit heiser gedämpfter Stimme
+fort, es werde so gottlos viel Geld kosten, daß nur eine ganze Kompagnie
+dafür aufkommen könne. Er habe bereits einige Leute ins Auge gefaßt, an
+denen ihm gleichfalls gelegen sei, Leute, um die es gleichfalls schade
+wäre; er habe ihnen von seiner Absicht gesprochen, und sie hätten ihm
+Blanko-Vollmacht erteilt. Ob Maria sich anschließen wolle? Ob sie bereit
+sei, sich seinen Anordnungen blindlings zu fügen? Nur bei strammer
+Disziplin sei Gelingen möglich. Er habe alles genau überlegt; das Wagnis
+sei groß, aber alles sei besser als sich hier abschlachten zu lassen und
+in Gottes Hand stehe man schließlich überall.
+
+Er war klein, beweglich wie ein Gliedermann, ein bißchen schief
+gewachsen, mit Augen, die fast ohne Wimpern und Brauen waren,
+stutzerhaft gekleidet als käme er frisch aus dem Modemagazin und von
+dem Gefühl seiner zentralen Wichtigkeit durchdrungen.
+
+»Gut, Herr Menasse,« sagte Maria nach kurzem Besinnen, »ich will mich
+Ihnen anvertrauen. Wir sind acht Menschen, wie Sie wissen; auch meine
+drei Dienerinnen müssen mit. Das ist die Bedingung, die ich meinerseits
+zu stellen habe.«
+
+Menasse zuckte die Achseln. Das erhöhe für sie nur die Spesen, bemerkte
+er geschäftlich. Mehr als sechzig nehme er nicht an. Jetzt seien es
+siebenundvierzig Personen. Erforderlich an Kapital sei ungefähr eine
+halbe Million Rubel, es könnten aber Umstände eintreten, durch welche
+die Summe bedeutend vergrößert würde. »Vor allem ist notwendig zu
+schweigen,« schloß er; »es werden sich in den nächsten Stunden ereignen
+schlimme Dinge, aber verhalten Sie sich still und rühren Sie sich nicht,
+bis ich Ihnen wissen lasse, was Sie zu tun haben. Von heute ab bin ich
+Ihr General; da heißt es Subordination, und zwar auf den Wink. Gute
+Nacht.«
+
+Maria sah ihm verwundert nach, wie er aus dem Zimmer schoß, säbelbeinig,
+kurzhalsig, stiernackig, geladen mit Energien. Sie trat aufatmend ans
+offene Fenster. Der beinah volle Mond schwamm in einem Meer von Frieden.
+Schwarze Körper, wölbten sich die Hügel und Berge hinan zu den
+feierlichen Riesen, deren Konturen im bläulichen Äther zitterten. Tauige
+Feuchtigkeit lag in der Atmosphäre, alles Dunkel strebte nach dem
+Silberlicht, die Brust der Erde, mit stummen Seufzern, hob sich gegen
+die unerreichbaren Regionen. Maria hätte beten mögen, freudige Inbrunst
+war in ihr, aber das Haus mit all den angstvoll pochenden Herzen, mit
+all der menschlichen Verworrenheit und Finsternis, streckte Arme nach
+ihr, und ihr war als sinke sie zurück. Eine Uhr schlug zwölf, da
+klopfte es leise an die Tür; ohne zu erschrecken rief Maria; die Fürstin
+Nelidow trat ein. Sie trug einen Schleier über den Haaren; so leise wie
+sie geklopft, ging sie auf Maria zu, mit bittender Gebärde, fast wie
+eine Untergebene. Ob sie störe? Wolle sich Maria Jakowlewna zur Ruhe
+begeben, so werde sie gleich wieder gehen. Für sie selbst sei in diesen
+Tagen an Schlaf kaum zu denken. Sie legte beide gefalteten Hände zart
+auf Marias Schultern.
+
+Nein, sie störe durchaus nicht, antwortete Maria, auch ihr sei Schlaf
+ein lästiges Vorhaben, ihr Inneres sei lauter Aufruhr und Widerklang von
+vielen Stimmen. Sie setzten sich. Die elektrische Lampe auf einem
+Ecktisch ließ den Raum im Dämmer.
+
+Es sei eine Art Neugier, von der sie herübergetrieben worden, sagte die
+Fürstin; sie habe über alles nachgedacht, was Maria gesprochen, sie habe
+sich gar nicht davon loszureißen vermocht. »Was ist das für eine Kraft
+in Ihnen? und woher kommt sie? Wie ist es möglich, daß Sie, eine Fremde
+in unserm Land, alle Verhältnisse überschauen, unseren Menschen
+gegenübertreten als seien Sie eingeflochten in generationenalte
+Beziehungen? Sie haben Blick und Schritt einer Wurzelnden, und es ist
+nicht einmal Ihre Erde. Es ist Ihnen gegeben, die Sprache der Bauern zu
+reden, Sie greifen in das dumpfe Gemüt eines vertierten Soldaten, und
+Sie haben mit keinem von ihnen wirklich gelebt. Ich erzähle Ihnen von
+Grigorji wie einer leiblichen Schwester, und ich bin Ihnen vorher
+vielleicht zweimal flüchtig begegnet. Was sind Sie eigentlich für eine
+Frau? Was ist denn das Sonderbare an Ihnen? Können Sie es erklären? Oder
+bin ich zudringlich, wenn ich darum bitte?«
+
+»Nein, nein,« wehrte Maria lächelnd ab, »Sie überraschen mich nur -«
+
+»Überraschen? Weshalb? Finden Sie denn, daß ich verpflichtet bin, in
+meinen Schmerz eingehüllt zu bleiben? Sie haben ihn mir noch tiefer ins
+Bewußtsein gedrückt, aber zugleich haben Sie das Selbstsüchtige daran
+gelockert. Wir schulden uns selbst nicht so viele Tränen wie uns die
+Umgebung dadurch abpreßt, daß sie sich zur Teilnahme berechtigt glaubt.
+Das Teuerste wird einem genommen, aber es zieht einen nach sich; Trauer
+ist oft nur eine feinste Form von Heuchelei, und nie hungert die Seele
+so nach Aufschwung wie mitten im Gram um einen unwiederbringlichen
+Verlust. Ich sehe Ihnen an, daß Sie mich verstehen.«
+
+»Ich bewundere Ihren Mut, Fürstin. Das ist es eben, was mich überrascht
+hat.«
+
+»Mut ist das letzte. Das letzte vor dem Ende, Maria Jakowlewna. Und wir
+sind ja am Ende. Aber wollen Sie nicht meine Fragen beantworten? Können
+Sie es? Sie lächeln; dieses Lächeln läßt mich hoffen.«
+
+Maria, die verschränkten Hände im Schoß, beugte sich vor. »Sie haben
+erwähnt, daß Sie sich an Alexander von Krüdener gut erinnerten,« sagte
+sie. »Die Zeit, von der Sie sprachen, liegt ja ziemlich lange zurück.
+Was für einen Eindruck haben Sie von ihm behalten? Ich meine in tieferm
+Sinn, nicht gesellschaftlich.«
+
+Die Fürstin überlegte. »Es ist schwer,« gestand sie zögernd, »ich weiß
+zu viel von ihm. Wir Angehörige der obersten Schicht wissen zu viel
+voneinander, um das reine Bild einer Persönlichkeit bewahren zu können.
+Er kam mir sehr geschlossen vor. Unbeugsam, unbiegsam. Er ist Balte,
+nicht wahr? Alle Balten sind starr. Er hatte vollendete Formen, jene
+Tadellosigkeit bis ins Mark, die wie Wohlgeruch wirkt. Viele junge
+Mädchen waren damals verliebt in ihn, aber auf neutral Gestimmte wirkte
+er ein wenig erkältend, wie jemand, der lange einsam gewesen ist,
+äußerlich oder innerlich, und über die Wege zu den Menschen nicht mehr
+orientiert ist. Stimmt das?«
+
+Maria nickte. »Es stimmt wie eine Silhouette an der Wand. Es stimmt und
+ist doch nichts. Unbeugsam, unbiegsam; darin liegt etwas vom Wesen. Er
+hat mich gebogen; nicht gebeugt: gebogen. Ich hätte brechen können, dann
+war ich eben nicht die, die er brauchte. Ich kam aus einer Welt ohne
+feste Umrisse; man gehörte nicht zum Adel, man gehörte nicht zum
+Bürgertum, man hing gesetzlos dazwischen. Ich war in Deutschland
+geboren, aber in Österreich erzogen; die eigentümliche staatliche und
+soziale Luft dort bedingt ein gewisses Schwanken von selbst. Ich
+forderte durch mein Tun und Lassen zum Widerspruch heraus; ich war immer
+anders als andere, immer auf dem Kriegsfuß mit allen. Um mich zu finden
+oder etwas außer mir, das ich packen konnte, ging ich auf allen Seiten
+in die Irre, schlug allem Herkommen ins Gesicht, wurde ganz wild, ganz
+entfesselt, überwarf mich mit meiner Familie und den meisten Freunden,
+war von Freiheitsideen besessen und in Gefahr, mich in Schwarmgeisterei
+und Libertinage zu verlieren. Da traf ich Alexander. Es war der
+kritische Moment. Ich war häßlich verstrickt mit meinen neunzehn Jahren,
+das Sinnliche ist ja immer der Anzeiger vom Grad der Zerfallenheit;
+entfesselt und verstrickt, wie sonderbar, daß man es in einem sein kann.
+Aber es war ja die Zeit, wo man alles halb war, mit keiner Sache Aug in
+Aug stand, und beharrte man auf einem Weg, so war man fast verfemt. Wir
+sprachen uns nie, Alexander und ich. Er war mit einer offiziellen
+Mission beauftragt und erschien bisweilen, sehr unterschieden von
+Männern, die ich kannte, in der Gesellschaft. Daß ich seine
+Aufmerksamkeit erregte, daß er mich beobachtete, spürte ich natürlich;
+war ich auch meines Magnetismus sicher, der seine war noch stärker und
+hatte doch nicht die Kraft, mich gleich aus meinen Ketten zu reißen. Der
+Entschluß, mich in sein Leben hinüberzunehmen, traf ihn selber
+unerwartet. Ich werde mich hüten, Sie mit den Einzelheiten einer
+Liebesgeschichte zu langweilen; wichtig ist nur, daß wir uns heirateten
+und daß jeder von uns beiden wußte, sein ganzes Schicksal kam dabei in
+Frage. Was für Monate, Fürstin, was für Jahre! Wir traten uns gegenüber
+wie zwei Duellanten, wie zwei Ringkämpfer. Er verriet es mir einmal:
+hätte ihm nicht eine unvergeßbare Erleuchtung den Kern in mir offenbart,
+er hätte mich am Anfang schon wieder nach Hause geschickt; denn ich war
+zuchtlos, haltlos, voller falscher Begriffe, voller Vorurteile in bezug
+auf Liebe und Ehe und Mann und Weib und Gott und Mensch. Du hast das
+ganze Europa in dir, sagte er immer, und ich verstand lange nicht, was
+er meinte. Ich leistete Widerstand auch hier, ich setzte ihm das
+entgegen, was ich meine Persönlichkeit hieß, dieses Treibhauspflänzchen,
+das er Blatt für Blatt und Faser für Faser zerrupfte, daß nichts mehr
+davon übrig blieb als Beschämung und Trotz, immer noch Trotz. Und er
+suchte den Kern; unermüdlich, unablässig, Tag und Nacht, mit einer
+leidenschaftlichen Geduld, mit einem tiefen Wissen. Er grub mich aus mir
+heraus; er riß mich auseinander, um mich neu zu machen. Es tat weh; ich
+versichere Ihnen, Fürstin, es gab Tage, Wochen, wo ich zwischen Liebe
+und Haß erstickt und zertreten niederbrach. Und er, hinter mir her wie
+mit einer Geisterpeitsche: du mußt durch, mußt es durchleiden und wenns
+dich verbrennt; besser, wir gehn ehrlich mit- und aneinander zugrunde als
+ein Sterben an dreißig Jahren Mißverständnis und heimlichen Wunden. Und
+endlich wuchs ich ihm zu, aus meinen Trümmern; endlich fand er mich,
+gewann er mich. Es war um die Zeit, wo ich zum erstenmal schwanger war,
+nach fünf Jahren; daß auch er nicht unverwandelt blieb, ist
+selbstverständlich; hätte ich ihm nichts zu geben vermocht, so hätte ich
+ihm ja nichts sein können, und kluge Verträge gehören zum Sieg. Doch war
+ich sein Geschöpf und fühlte mich so. Er zog sich damals vom
+öffentlichen Leben zurück, wir gingen auf das Gut und begannen zu
+arbeiten. Jedes Ziel war gemeinsam. In Meinungen und Handlungen trafen
+wir uns immer an demselben Endpunkt. Wir lasen die gleichen Bücher,
+dachten die gleichen Gedanken, fällten die gleichen Urteile. Er verzieh
+sich keine Nachlässigkeit, seine Strenge gegen sich hatte etwas
+Mönchisches. Unmöglich ihn um eines Vorteils willen zu bewegen, das
+kleinste Recht auf seine Seite zu bringen, wenn es auf der andern war;
+eher hätte man Granit schmelzen können. Was er für seine Pflicht, für
+seine Lebensaufgabe hielt, war nichts Begrenztes, sondern ein
+ununterbrochen anschwellender Strom, und seine Hingabe war die äußerste,
+er verlangte von sich das äußerste und verlangte es von mir. Ich habe
+von Natur aus einen Hang zur Trägheit und Beschaulichkeit; den trieb er
+mir gründlich aus; manchmal weinte ich vor Zorn und Mitleid mit mir
+selbst, wenn er mir zuviel zumutete; aber es war dann doch das Richtige,
+und hatte ich mich bezwungen, so konnte er durch ein gütiges Wort allen
+Groll vergessen machen. Nur nicht sich verwöhnen, nur nicht sich
+verzärteln, nur nicht Gefühle hinverschwenden, wo man sich entscheiden
+muß, sagte er; und so verhielt er sich gegen die Welt, gegen seine
+Kinder, gegen die Untergebenen. Er entkräftete jeden Einwand durch
+Beispiel. In ihm lebte eine große Idee seines Volkes, eine große Idee
+von Herrschaft, die durch Dienst entsteht, durch Gehorsam und Ehrung des
+Brauches. Für ihn war der Zar eine göttliche Person wie für den
+einfachsten Bauern. Dieses Rußland, dieses russische Volk war ihm der
+heilige Nährboden der Menschheit, der Schoß der Zukunft, die
+Vorratskammer der Welt. Ich spreche von ihm, ich spreche von mir. Es gab
+da kein Anderssein mehr. Er und ich, wir verschmolzen gemeinsam in
+dieses Mystische, von dem Kraft ausging. Wir haben es gelebt. Ich wußte,
+wenn er eine Handvoll Ackererde aufhob, daß er damit das Ganze wog und
+prüfte, sein Land, mit dem Himmel darüber und den Menschen darauf. Ich
+wußte, wenn er unter seine Bauern trat, um Recht zu sprechen, daß er es
+im Gefühl der höchsten Verantwortung tat, als meißle er den Spruch in
+die Ewigkeit. Riefen sie ihn zu Hilfe, so kam er, ob es sich auch ums
+Geringste handelte; Schlittenfahrten durch die brennendkalte Winternacht
+waren nichts Seltenes. Sie durften ihn fordern. Dabei war er der Herr;
+er verstand es, Herr zu sein. Ich war die Herrin; er machte mich zur
+Herrin. Ich begriff es nach und nach. Herrin und Mutter, das galt ihm
+fast eins, Mutter von vielen, und so sagen sie auch Mütterchen zur
+Herrin. Das ist schön und schreibt einem den Weg vor. Wenn Sie das
+bedenken, Fürstin, erscheint Ihnen dann nicht alles ganz einfach?«
+
+»Ich verstehe, ich verstehe,« murmelte die Fürstin; »einfach, ja. Das
+Wunderbare ist schließlich immer einfach. Ich verstehe die Entwicklung,
+verstehe Ihr Herz, aber, #après tout#, sind Sie denn nicht vollkommen
+enttäuscht? War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es so steht? wo wir
+ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?«
+
+»Ich bin nicht enttäuscht,« antwortete Maria; »der Weg geht weiter. Ich
+bin auch nicht ohne den Herrn, welche Bedeutung immer Sie dem Wort
+geben.«
+
+Die Fürstin fragte: »Seit wann ist Ihr Gatte von Ihnen fort?«
+
+»Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich den letzten Brief.«
+
+»Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja ein beklommener
+Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem solchen Verhältnis.«
+
+»Es gehört zum Weg,« sagte Maria. »Ich weiß, daß er mit mir im Raum ist,
+kommt es da auf die Ferne an? Schließ ich die Augen nur eine kurze Zeit,
+so seh ich ihn, hör ich ihn, muß lächeln über gewisse Eigenheiten beim
+Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, berate mich mit
+ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.«
+
+Die Fürstin entgegnete: »Sie haben Phantasie, Maria Jakowlewna. Ich will
+Ihr Gefühl nicht verkleinern; alles, was Sie sagen, flößt mir
+Hochachtung ein und bestätigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar
+wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie beruhigend, mit Ihnen
+zu plaudern, ja bloß dazusitzen und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir
+eines. Ich glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, daß sie Ihnen
+die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das Schicksal eines so
+geliebten Menschen überwinden hilft; aber fühlen Sie sich nicht auch
+befreit? Erwidern Sie noch nichts, einen Augenblick noch; es ist so
+heikel; die Worte sind schwer zu finden; ich möchte nicht in den
+Verdacht kommen, daß ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren will
+-«
+
+»Sie können alles sagen, ich werde es bestimmt nicht mißverstehen,« warf
+Maria freundlich ein.
+
+Die Fürstin fuhr fort: »In Ihnen ist viel Leidenschaft. Sie sind sicher
+die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet bin. Dabei aber auch
+die unnahbarste. Ich meine das in einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu
+gelangen, allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gefäß zu schließen und
+sich den Schritt ins Unbekannte für immer zu verbieten? Wie erreicht man
+diese Unerschütterlichkeit? Frauen sind entsetzlich preisgegebene Wesen.
+Man gibt sich entweder hin oder man hält sich zurück; im einen wie im
+andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum betrogen. Und da ist
+nun eine, die sich ein so festes Haus gezimmert hat, daß der Teufel
+keinen Platz darin findet. Man rüttelt an Tür und Mauern, um die Stelle
+zu entdecken, wo es brüchig ist. Weil man doch selber in einer Ruine
+wohnt und der Neid einen quält. Sagen Sie mir also: war es nicht ein
+unerträglicher Despotismus? Zuweilen nur, zuweilen -? Sind Sie nicht
+jetzt in Ihrem verborgensten Innern irgendwie erlöst oder bloß
+erleichtert? Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe?
+War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle die Jahre, und
+haben Sie nicht heute die Empfindung, das Leben steht möglicherweise mit
+einem kostbaren Geschenk an der Pforte und Sie dürfen es ohne große
+Skrupel nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das Geschenk nehmen.
+Ich meine: ist Ihr Gemüt und Geist so bis zum Rand ausgefüllt von diesem
+einen Menschen und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, daß
+es darüber hinaus keine Regung mehr für Sie gibt, keine Verlockung,
+keine Versuchung? Sie sind ja Weib durch und durch; an Ihnen blüht und
+leuchtet ja alles. Wär ich ein Mann, was würde ich nicht aufs Spiel
+setzen, um Sie zu gewinnen. Sie erröten; wie schön, wie rührend! Wie ein
+junges Mädchen. Aber antworten Sie, antworten Sie mir.«
+
+Maria spürte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte sie: »Vier
+Kinder, Fürstin. Neben all dem, wie nannten Sie es? dem
+Unerschütterlichen, vier Kinder. Haben Sie meine Kinder gesehen?«
+
+Die Fürstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme, die dem schwarzen
+Kleid weiß entflossen, auf den Tisch gelegt und Maria, zu spät beschämt
+von ihrer mütterlichen Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den
+Gedanken: auch ich war Mutter. Sie stützte den Kopf in die Hand, und
+nach einer Weile begann sie: »Das war ein egoistisches Wort, Fürstin.
+Ich bin von einem Glücksgeleise aufs andere ausgewichen. Vielleicht aus
+Feigheit. Ihre Frage war wie ein plötzliches Feuer. Sie hat mich
+geblendet. Die Wahrheit? Wüßt ich sie nur. Mich dünkt, sie liegt in der
+Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit. Die freie Wahl war
+mir allerdings geraubt, aber ich hatte nicht das kleinste Bedürfnis und
+den kleinsten Anlaß, noch einmal zu wählen. Meine Wahl war ja
+unwiderruflich gewesen. Sie sagten, daß der Teufel in meinem Haus keinen
+Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun muß ich sehr kühn sein,
+sträflich kühn vielleicht: ich habe ja mein göttliches Teil gewählt. Ich
+leugne nicht, daß Versuchung für mich entstehen kann; wer ist gegen
+Versuchung gefeit? Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich
+noch einmal wählen müßte, dann müßte ich den ganzen Kreis bis zum andern
+Pol gegangen sein. Das Göttliche kann man nicht zweimal wählen, und in
+seiner Nähe herumpfuschen und -experimentieren kann man auch nicht. Dazu
+hat es zuviel Unerbittlichkeit. Müßte ich noch einmal wählen, dann müßte
+es geradezu der Teufel sein. In Versuchung führen könnte mich nur der
+Teufel. Aber so weit kommt es hoffentlich nicht.« Sie lachte.
+
+Die Fürstin erhob sich und umarmte sie schweigend. War es, daß sie keine
+Einwände mehr hatte, oder daß sie sich geschlagen fand durch die
+unerwartete Wildheit von Marias Argument, sie ließ sich keine Zweifel
+anmerken. Ehe sie ging, sagte sie: »Freilich, freilich«; und wieder
+bekümmerten Tones: »Freilich. All das Beinahe und Ungefähr, das
+Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens verwässert unser Schicksal;
+es macht uns müde vor der Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am
+wichtigsten, am Augenblick lügen wir uns vorbei.« Dann, mit
+Herzlichkeit: »Ich möchte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna. Schicken
+Sie mir Ihr Bild sobald wie möglich, es wird mir als Amulett dienen. Wer
+weiß, ob uns nicht die nächste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr
+Bild, so hab ich etwas, das mich schützt.«
+
+Maria versprach es.
+
+Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das Haus, vom Dach bis in
+den Keller, glich einem Akkumulator, in dem sich Angst aufsammelt. Über
+die Korridore hasteten Schritte. Maria wußte von Liebesbeziehungen, die
+sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht länger dauerten als der
+Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie hin und naschen in Verzweiflung
+Verbotenes, um nicht fühlen zu müssen, dachte Maria, halb
+geringschätzig, halb mitleidig. Aber auch andere Schritte waren,
+Botenschritte, Verräterschritte, Spionenschritte, Wächterschritte.
+Durch die geöffneten Fenster drangen Luftwellen bald kühl, bald warm;
+gegen Morgen wurde es kalt, und Maria schlief endlich ein und schlief
+bis Mittag. Das Schreien des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia,
+die Pflegerin, trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die
+linnenweiß Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht
+entzogen hatte. Wanja ließ nicht mit sich spaßen; er krallte die dicken
+Fäustchen in seiner Mutter Fleisch und schnappte zu wie ein böser
+kleiner Fisch.
+
+Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum Abend an Heftigkeit
+zunahm und sich beständig näherte. Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen
+von Bestürzung und bat Maria, daß sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer
+der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst. Maria rechnete auf
+Nachricht von Menasse. Um bereit zu sein, wies sie Litwina und Arina,
+die beiden jungen Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, worüber die
+Knaben jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges
+vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Grübeln darüber machte sie
+zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und ging hinunter. Dann kehrte sie
+zurück, durchwühlte eine Schachtel nach einer Photographie, schrieb
+ihren Namen darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit
+zur Fürstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige, das sie vergessen
+hatte.
+
+In den Gesellschaftsräumen herrschte das gewöhnliche lärmende Treiben.
+Alle diese der Heimat und nun auch der Freiheit beraubten Männer und
+Frauen trugen eine herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige
+Gesichter zeigten das Bewußtsein der Gefahr. In einer Gruppe wurde
+lachend erzählt, daß man bereits in den Straßen der Stadt kämpfe, daß in
+einem der Höfe des Hotels Tote und Verwundete lägen. Sie hatten Blut
+genug gesehen, waren an das Entsetzen gewöhnt; es handelte sich nur noch
+um ihren eigenen Untergang, den sie mit frivoler Neugier fast
+erwarteten. In einen Wiener Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack
+eines Maschinengewehrs von draußen. Man sah Soldaten an den Fenstern
+vorbeirennen. Maria fielen finster blickende Gestalten auf, erst drei
+oder vier, dann fünfzehn oder zwanzig, die sich in der Halle und den
+Speisesälen herumtrieben. Man gab sich Mühe, nicht auf sie zu achten;
+man scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden. In
+abgerissenen oder doch alltäglichen Gewändern stachen sie drohend von
+der Toilettenpracht, den Fräcken und strahlenden Hemdbrüsten ab; sie
+stellten sich den Kellnern in den Weg, die mit Sektkübeln liefen,
+postierten sich unverschämt neben Klubsessel, in denen vornehme
+Kavaliere ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden
+durch. Maria dachte: es ist Zeit, daß Menasse sich meldet. Ein gellender
+Pfiff wurde hörbar, gleich darauf, da die Kapelle im Speisesaal Pause
+hatte, eine fremdartige Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria trat
+ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und sagte, im großen Saal
+finde eine armenische Hochzeit statt, sie möge doch hingehen, es sei
+äußerst interessant. Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer
+fünfzehn Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich
+mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft hatte sich auf einmal
+verändert. Ein alter Herr redete mit gerungenen Händen auf mehrere Damen
+ein. Maria vernahm, wie eine flüsterte: »Und mein Schmuck? meine
+Perlen?« Der alte Herr sagte: »Es handelt sich ums nackte Leben.« Vor
+dem Billardzimmer standen ein paar junge Mädchen, blaß, verzagt, die
+Augen aufgerissen. Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria:
+»Unbeschreiblich, welchen Prunk die Armenier bei solchen Anlässen zu
+entfalten wissen, Sie werden sich selbst überzeugen; ganz märchenhaft.«
+
+Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden. Namentlich machte
+sich Stepan Nelidow bemerkbar, der in unangenehmer Weise, als wäre er in
+einem Zirkus, seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor der
+Tür des großen Saals, war die Basis eines zylinderförmigen Schachtes,
+der bis zum Dach des siebenstöckigen Gebäudes reichte. In jedem
+Stockwerk trat eine kreisrunde Galerie heraus, die gegen den Schacht hin
+durch ein geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten Etagen
+sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur nächsthöheren Etage.
+Während Maria hinaufblickte, spürte sie, daß sich irgendwo dort oben
+etwas ereignete, was auch sie anging. Sie hörte, von ganz oben, lautes
+Reden und dann gelächterähnliche Schreie, dann war es wieder eine Weile
+still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit den Armeniern im Saal
+zugewandt, so begann es von neuem.
+
+Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und zwei dumpfe Trommeln,
+war aus einem getragenen Tempo in ein munteres übergegangen. Ein
+Jüngling und ein Mädchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und
+Drehungen, anfangs gemessen, schäferhaft lieblich, steigerten sich, von
+der Musik rhythmisch unterstützt, zur Ausgelassenheit. Der hohe weite
+lichtgebadete Raum war durchlodert von den intensiven Farben gold- und
+silbergestickter Gewänder, blau, gelb, grün, rot in stärksten Tönungen;
+aus heißem Dunst leuchteten unvergleichlich schöne Frauengesichter und
+solche von bleichen, schwarzbärtigen Männern, die majestätisch saßen und
+blickten. Nun sah man auch drüben einen zarten Reigen von
+spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen, die sich bogen und dehnten,
+und als die betäubende Musik aufhörte, stimmten sie einen feierlichen
+Gesang an. Freudig erregt von den Bildern und Klängen einer abgerückten
+Welt, stand Maria lächelnd auf der Schwelle, bedrückt nur von dem Gefühl
+ihrer eigenen Fremdheit und ungewünschten Gegenwart, da vernahm sie
+abermals die häßlichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch
+näherten; sie trat zurück in die Mitte des Schachtes und sah empor. Über
+die dritte Treppe lief mit erschreckender Geschwindigkeit, so daß es
+aussah, als müsse sie jede Sekunde in die Tiefe stürzen, ein
+Frauenzimmer herab. Die Haare flatterten aufgelöst um den Kopf, das
+Gesicht zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie kam
+zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Geländer fest und rannte
+weiter zur zweiten Stiege. Maria wußte sofort, daß dies Lisaweta
+Petrowna war, zu der sie hatte gehen gewollt, und nun wußte sie auch,
+was für ein Vergessen sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie
+zur Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun auf der ersten
+Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit fest. Sie schaute sich um,
+stürmisch atmend; hinter ihr kam ein junges Mädchen herab, in dem Maria
+die Fürstin Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen
+rechtfertigte keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der andern; sie
+ging eher bedächtig, Stufe um Stufe, und ihre Züge, obwohl verfinstert
+und anscheinend zu einem bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich
+einen Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria war ein paar
+Stufen hinaufgeschritten, die Flüchtende flog ihr entgegen, hielt inne,
+glaubte sich vor einer neuen Feindin, stieß einen der Schreie aus, die
+so gelächterähnlich geklungen hatten, taumelte und wäre gefallen, wenn
+Maria nicht auf sie zugesprungen und sie aufgefangen hätte. Das Mädchen
+griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab, kniete vor
+ihr. Mittlerweile hatte auch die Fürstin Jelena die Stelle erreicht, wo
+dies vor sich ging. Sie blieb einige Stufen oberhalb stehen, der
+Ausdruck von Widerwillen verstärkte sich in ihrem wunderbar feinen und
+klaren Gesicht und sie stieß hervor: »Anrühren solchen Unflat?
+Anrühren?« Ein Schauder überrann ihre Glieder.
+
+Das Mädchen drückte das Gesicht wimmernd in Marias Kleid. »Sie will mich
+umbringen,« heulte sie dumpf in den Stoff, in Marias Körper. Die
+Zuschauer vor der Tür hatten sich verwundert zur Treppe gedrängt. Stepan
+Nelidow stand mit verschränkten Armen und spöttischem Lächeln an die
+Mauer gelehnt.
+
+»Wozu, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria, zur jungen Fürstin
+emporgewandt, »wozu dies?« Der einfache gütige Ton brachte eine
+sichtliche Wirkung auf die Fürstin hervor. Sie senkte den Kopf, ihre
+kurzen, gelockten Haare fielen weich über die Wangen, und so verharrte
+sie regungslos.
+
+»Kommen Sie mit mir, Lisaweta,« redete Maria der noch immer Knienden zu;
+»niemand wird Ihnen etwas zuleide tun.« Sie richtete die Willenlose auf,
+lieh ihr den Arm zur Stütze und führte sie durch ein Spalier von Gaffern
+in den Korridor und dann weiter zum Lift, in den sie sie sanft
+hineinschob. Oben angelangt, mußte sie die verfallen vor sich hin
+Brütende mit Gewalt von ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr
+jauchzend mit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden. Jefim
+sagte, es seien drei Männer gekommen und hätten ohne ein Wort zu äußern,
+die zwei großen und fünf kleineren Gepäckstücke nach und nach
+fortgetragen. Die Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern,
+oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen,
+Necessaires, Körbe lagen noch in den Zimmern herum. Indes Maria mit
+Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit einem Zettel und verschwand
+wieder. Auf dem Zettel stand: »Unverzüglich zu befolgen: verlassen Sie
+nach Empfang dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die Tür neben den
+Küchenlokalitäten. Dort wird jemand stehen und Sie an einen bestimmten
+Ort führen, wo Sie eine, möglicherweise zwei Nächte zuzubringen haben
+werden. Der Betreffende ist zuverlässig. Säumen Sie nicht länger als
+eine halbe Stunde, sonst stehe ich für nichts. Die Koffer sind
+untergebracht, Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.«
+
+Trotz der kritischen Situation war Maria still amüsiert. Mein General
+ist streng, dachte sie und half die Knaben fertig ankleiden. Eine Menge
+Gegenstände waren einzupacken. Arina und Litwina rannten durch die
+Zimmer. Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen. Maria hätte
+sich gerne noch von der Fürstin Nelidow verabschiedet; es war keine Zeit
+mehr. Lisaweta Petrowna hatte sich in die Sofaecke gekauert und
+beobachtete mit den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging.
+Plötzlich sprang sie auf und faltete die Hände gegen Maria. »Nehmen Sie
+mich mit,« flehte sie verstört. Maria antwortete: »Wir haben nur noch
+Minuten vor uns; wie geht das denn, so wie Sie sind?« Sie trug einen
+Kimono und an den Füßen blauseidene Pantöffelchen. »Um keinen Preis mehr
+will ich in mein Zimmer gehn,« sagte sie hilflos. Die Knaben, voll
+Ungeduld, drängten Maria stumm. Arina belud Jefim Leontowitsch mit den
+Handtaschen. Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen
+immer viel Gefühl für fremde Leiden bezeigte, sagte zu seiner Mutter:
+»Die Frau kann ja einen von deinen Mänteln anziehen; wir haben ja
+hundert Mäntel.« Auf einen Wink Marias brachte Litwina einen Mantel; und
+Lisaweta hüllte sich darein. »Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich
+lassen?« fragte Maria, und jene erwiderte: »Nur fort, nur fort.«
+
+Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten Wanja, Arina,
+Litwina und Lisaweta traten auf den Korridor. Maria folgte als Letzte.
+Auf einmal stand Jelena Nelidow vor ihr. »Sie gehen?« murmelte sie
+finster verwundert, »gehen? Und diese dort, diesen Abschaum machen Sie
+zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr gewähren Sie Freundschaft, der
+Schamlosen?«
+
+»Ich sehe nur eine Unglückliche, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. »Ich
+weiß nichts von ihr als das. Kann ich eine Unglückliche, die zu mir
+flieht, wegstoßen, ich, die selber flieht?«
+
+Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar beschwichtigend auf
+die junge Fürstin. Ihr Gesicht zog sich zusammen wie im Krampf.
+Plötzlich riß sie mit zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem
+Kleid und drückte sie in Marias Hand. »Ich will nicht schuldiger werden
+als ich schon bin,« sprach sie wie geblendet, wie gegen eine Wand;
+»geben Sie ihr das; machen Sie es zu Geld für sie, sie ist arm; ich habe
+keins, aber verraten Sie mich nicht.«
+
+Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum Dank zwang. Der
+Boden brannte. Fedja war umgekehrt, um zu spähen, wo sie blieb. Jelena
+ging ein paar Schritte an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias
+Arm und hauchte mit wehem Kinderlaut: »Ich habe Angst; ich habe solche
+Angst,« ihre seltsam gelben Augen öffneten sich überweit; »ich habe
+grenzenlose Angst,« wiederholte sie, »und vielleicht aus Angst bin ich
+schlecht.«
+
+»Liebe, Sie Liebe,« sagte Maria leise und zärtlich. Die junge Fürstin
+bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam zurück, während
+Maria schweren Herzens die Treppe hinunterstieg.
+
+An der von Menasse bezeichneten Tür stand ein Soldat mit Sturmhaube und
+aufgepflanztem Bajonett. Er begab sich schweigend an die Spitze der
+Karawane. Es ging durch einen schmalen Hof, dann die Straße entlang,
+über die ein Feuerschein bebte. Zur Linken, in der Höhe des Tals,
+brannten Häuser; die Funken, so fern, daß sie goldner Stickerei glichen,
+stoben gegen den Mond. Gestreckten Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja
+und Aljoscha blieben bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein
+sorglicher Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm ihm
+trotz seines Sträubens eine der Ledertaschen ab. Der Soldat bog in eine
+Seitengasse bergan. Die Häuser wurden armseliger. Er zögerte, sah sich
+um, schien sich orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet.
+Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu und sie sprachen
+leise miteinander. Das Krachen eines großen Geschützes erschütterte die
+Nacht. Aljoscha begann plötzlich zu weinen. Maria ergriff ihn bei der
+Hand. Sie gelangten zu den letzten Häusern der Stadt, in die Nähe des
+Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein Stück zurück.
+Lisaweta, die in ihren Pantöffelchen Mühe zu gehen hatte, lehnte sich an
+eine Hausmauer. Vom untern Ende der Gasse her schallte der Schritt
+einer Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief Maria und
+die übrigen. Sie traten in ein baufälliges Haus, das nur aus einem
+Erdgeschoß bestand und völlig unbewohnt schien. Mit dem Gewehrkolben
+stieß der Soldat eine Tür auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand.
+Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert, so niedrig, daß man mit
+den Köpfen an die Decke stieß, mit feuchten, verschimmelten, grünlichen
+Wänden und ohne alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier
+müßten sie bleiben, sagte der Soldat, dürften sich nicht rühren, die
+geschlossenen Fensterläden nicht öffnen, wenn ihnen das Leben lieb sei.
+Maria fragte, im Finstern, ob er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er
+wisse es nicht, er kenne nicht einmal den Namen; er wisse bloß, daß eine
+Anzahl Menschen heute nacht in Häusern rings um den Bahnhof versteckt
+worden seien, damit sie fortgeschafft werden könnten, wenn sich die
+Gelegenheit bot. Das sei alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anzünden
+dürfte, wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte Maria.
+Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben müssen, zehn Personen
+in einem so dumpfen Loch? Das könne er nicht sagen. Noch einmal empfahl
+er, daß sie durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann
+entfernte er sich.
+
+Eine Weile waren alle still und verfielen in trübe Betrachtungen.
+Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter getastet und schmiegte sein
+Gesicht hinein. Sie spürte, daß es vor Beängstigung zuckte. »Wir müssen
+Licht haben,« sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich,
+hinauszuschleichen und den Aufpasser zu machen. Bei verdächtiger
+Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladen pochen, dann mußte das
+Licht ausgeblasen werden. Es dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze
+gefunden hatte. Als sie brannte, wurden rasch Decken und Mäntel auf den
+von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer Hast richtete
+jeder eine Ruhestatt für sich; die Knaben, kaum hingelegt, in ihren
+Kleidern, schliefen schon.
+
+Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem zwischen die Arme
+gewühlten Kopf sah man nur die in Eile aufgesteckten wirren braunen
+Haare. Über ihre starken Hüften lief bisweilen ein Beben. Während sie
+Wanja stillte, ließ Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann, als
+Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die Kerze verlöscht hatte,
+bat sie Litwina, daß sie Jefim Leontowitsch hereinhole, damit auch er
+ruhen könne. Aber Jefim ließ sagen, er finde es notwendig, daß einer
+Wache halte, er werde sich vor der Tür auf seinen Mantel legen.
+
+In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie hörte die kräftigen Atemzüge der
+drei Knaben; jeden erkannte sie an Laut und Tempo des Atems; sogar das
+dünne, sprudelnde Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die
+Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu ihrer Rechten
+ertönte ein schwerer Seufzer. »Können Sie nicht schlafen, Lisaweta
+Petrowna?« fragte sie flüsternd.
+
+Die Angeredete bewegte sich und rückte näher. »Wer sind Sie eigentlich?«
+fragte sie ebenfalls flüsternd. »Sie haben mich aufgelesen,
+mitgenommen ... aus welchem Grund? Wer sind Sie?«
+
+»Bedeutet Ihnen der Name etwas, so mögen Sie ihn wissen,« antwortete
+Maria und sagte, wie sie hieß. Dann war wieder eine Weile Schweigen,
+dann wieder ein Seufzer wie unter drückender Bürde.
+
+»Was ist Ihnen?« flüsterte Maria; »erleichtern Sie Ihr Herz, sprechen
+Sie.«
+
+»O großer Gott!« murmelte die andere.
+
+»Wir sind in der Finsternis und können einander nicht sehen,« fuhr Maria
+zu flüstern fort; »alle schlafen, wir sind so gut wie allein. Sprechen
+Sie.«
+
+»Jelena Nikolajewna möchte mich am liebsten mit dem Stiefelabsatz
+zertreten,« sagte die Stimme bitter; »dabei weiß sie alles. Niemand
+außer ihr weiß es. Grigorji hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts könnte
+sie mich morden und weiß doch alles. O mein Gott!«
+
+»Ist es denn wahr, daß Fürst Grigorji die Ehe mit Ihnen geschlossen
+hat?« fragte Maria.
+
+»Fragen Sie doch nicht,« kam es gequält zurück. »Ja, ja, der Pope hat
+uns zusammengetan, damals in Sebastopol, als ich das Schiff verließ. Als
+schon alles zu Ende war, hat uns der Pope getraut. Ich weiß nicht, ob es
+anfechtbar ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umstände
+schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich nur annähernd
+etwas ähnliches ausdenken. Ja, als ich das Schiff verließ, wurden wir
+getraut.«
+
+»Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?«
+
+Lisaweta antwortete nicht. »Ich kann hier nicht bleiben,« sagte sie nach
+einer Weile klagend; »ich muß wieder fort. Ich will zurück und meine
+Sachen holen. Was soll ich denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich,
+wo soll ich dann hingehn? Zu wem denn?«
+
+»Daß ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckstück aus Diamanten für
+Sie gegeben,« sagte Maria, und indem sie es sagte, bereute sie es, als
+füge sie der unsichtbaren andern eine Beleidigung zu; »vielleicht
+wünschte man, daß Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man
+dadurch etwas Begangenes gutmachen.«
+
+Lisaweta verstand. »Vor die Füße werf ich ihrs,« brach sie aus, ohne die
+Stimme merklich zu erheben; »und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich
+durch ein Almosen dafür entschädigen, daß sie mir glühende Nadeln ins
+Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und Schande. Wenn Sie
+keine Gelegenheit mehr haben, es ihr zurückzugeben, so schenken Sie es
+einem Bettelweib. An Demütigungen ists jetzt genug.«
+
+Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen. Die Atemzüge der
+Schläfer wurden tiefer. Plötzlich flüsterte Lisaweta: »Hören Sie? Können
+Sie mich hören?«
+
+»Ich höre Sie gut,« erwiderte Maria.
+
+»Ich will Ihnen vom Schiff erzählen. Rücken Sie näher, damit uns niemand
+belauscht.«
+
+Maria rückte näher.
+
+»Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem Petersburger
+Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste Klasse von Lokal, ich verdiente
+auch nur gerade soviel, um nicht zu verhungern. Die Sache war nämlich
+die, daß ich ein anständiges Mädchen war. Es ist möglich, daß Sie jetzt
+skeptisch lächeln, aber trotz meiner fünfundzwanzig Jahre hatte ich noch
+keinen Liebhaber gehabt. Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme
+und lüsterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tagsüber
+hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein Mittagessen. Grigorji
+war auf Urlaub; in Gesellschaft von Kameraden kam er hin; wir sahen uns
+und liebten uns. Wir liebten uns so, - wie soll ich es nur beschreiben?
+Es war ein unaufhörliches Gewitter im Blut. Den Tag, wo der Urlaub zu
+Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil. Worte wurden nicht
+gewechselt; wir empfanden wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan
+nach, den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines Abends teilte
+er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede irr. Es war so furchtbar, daß
+meine Zunge wie gelähmt war. Aber sein Wille mußte auch meiner werden.
+Trennung war das Ärgste. Auf die Rückkehr warten und sich das Herz
+absorgen, ob er noch lebte oder nicht, ärger war auch das nicht, was er
+tun wollte. Wenigstens schien es mir so, und ich sagte ja. Hören Sie
+mich?«
+
+»Ich höre Sie gut,« flüsterte Maria.
+
+»Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs schmuggeln. Mich in
+seiner Kabine verbergen, den Dienst verrichten wie alle andern und die
+übrige Zeit bei mir sein. Was das hieß, wußte ich ungefähr. Daß auf die
+Entdeckung der sofortige Tod stand, für ihn und für mich, wußte ich.
+Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten. Wozu so viele
+Worte, ich war bereit, trotz allem. Die Hauptschwierigkeit war, daß der
+Bursche ins Geheimnis gezogen werden mußte. Ohne einen Dritten, der
+Vorschub und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er könne es
+mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem Geld, und immer
+von neuem, und doch mußte man immerfort zittern, daß er sich nicht
+verschnappte oder bösartig wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die
+Leute alle bösartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten. In
+Grigorjis Reisesack, mit Wäsche und Kleidern zum Ersticken umhüllt, trug
+mich Pjotr vom Boot in die Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel
+Raum war, daß ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn
+Monate.«
+
+Maria schlug unwillkürlich die Hände zusammen, Lisaweta Petrowna aber
+fuhr fort: »Vierzehn Monate eingesperrt, entweder angstvoll allein oder
+Leib an Leib auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate in
+Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer winzigen dumpfen
+Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit und Bewegungslosigkeit
+verurteilt, zur ununterbrochenen, fürchterlichen Angst, er und ich.«
+
+Maria lauschte mit weiten Augen stumm.
+
+»Es durfte nicht auffallen, daß die Kabine stets abgesperrt war; schon
+dafür zu sorgen, war nervenzerrüttend. Die vielen Schritte, Schritte der
+Wachen, Offiziere; die Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr,
+das eiserne Klirren beständig in dem schwimmenden Ungetüm, das Gerassel
+oben, das Anschlagen des Wassers draußen; die Nächte, o die Nächte
+voller Angst! Küsse und Umarmungen und Angst! Lust und zärtliche Worte
+und Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert immer
+wieder. Einmal bei einer Inspektion mußte ich in den Wandschrank
+schlüpfen, der so schmal war, daß ich wochenlang nachher an Bruststechen
+litt. Am Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am
+Wahnsinn. Er mußte auf Deck; er mußte Dienst tun, was sonst? Er mußte
+sich schleppen, das Fieber aus sich herauspressen mit Gewalt, oder wir
+hatten keine Wahl als uns miteinander in die See zu stürzen. In den
+dienstfreien Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen Armen und
+horchte und horchte, auch ich horchte und horchte; wir mußten einander
+umarmen, sonst hatten wir kaum Platz, und oft wenn er müde war, trat er
+mir ein Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager auf dem
+Boden oder ich saß an der Lucke und starrte aufs finstre Meer. Ihn
+quälte der Gedanke, was geschehen sollte, wenn das Schiff ins Feuer kam
+und er verwundet wurde oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Kräften, aber
+in einem so verdunkelten Gemüt ist keine große Kraft. Er klagte mich an,
+daß ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes dagegen als
+verzweifelte Küsse? Wir verfluchten die Sekunde, die uns das Bewußtsein
+wiedergab. Kalter Schweiß bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu
+mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte uns täglich
+mehr. Er gestand mir, daß er alles rot sähe, auf Deck und im Raum. Er
+glaubte, bei seinen Vorgesetzten Argwohn zu spüren. Von seiner früheren
+Heiterkeit war nichts mehr übrig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er
+getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man schlägt, aber
+deutlich erkannte ich, daß in seinen Augen neben der Liebe auch Haß war.
+Bei jedem Knacken in der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Geräusch
+machte ihn zittern. Einmal fuhr er gräßlich schreiend aus dem Schlaf.
+Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es müsse ein Ende werden. Was
+für ein Ende? fragte er, und in krankhafter Erregung drängte er mich
+solange, bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun. Du
+bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott und den Menschen zu
+meinem Weib machen, auch wenn wir uns dann nicht wiedersehen sollten.
+Und so kam es, genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser Hölle,
+und wenn ich allein war, lag ich da und biß die Zähne in die Finger. Die
+Zeit war wie hinweggewischt; ich hörte sie sausen wie ein Rad; manchmal
+wieder schien sie mir schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene
+schwarze Fahne. Das Ärgste war, daß Pjotr frech wurde. Er fühlte sich in
+der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mit dem Menschen. Das Essen,
+das er jeden Tag heimlich für mich brachte, konnte ich nicht mehr
+genießen. Er stand dabei und stierte mich an. Er bettelte, schließlich
+drohte er. Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu müssen, indessen
+erfuhr ich bald, daß Pjotr auch gegen ihn unverschämt wurde. Eines
+Abends stürzte Grigorji schreckensbleich zu mir und stammelte, es sei
+kein Zweifel, daß alles verraten worden sei, der und der habe seinen
+Gruß nicht erwidert, in der Messe habe man getuschelt, er spüre es, wir
+seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte ihn aus und
+überzeugte mich, daß es Wahnvorstellungen waren; aber die hafteten nun
+in seinem Geist, und er war von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch,
+die schrecklichsten, vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in
+den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam und aus tiefer
+Betäubung erwachte, daran habe ich keine Erinnerung. Auch daran eine
+ferne nur, daß mich Pjotr in eine elende Herberge schleppte und nicht
+dorthin, wo ihm Grigorji angegeben hatte, daß er mich führen sollte; und
+daß er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte und ein wehrloses
+Opfer zu finden hoffte; und daß ich mich mit aller mir verbliebenen
+Kraft gegen ihn verteidigte, mit Worten und Gründen erst, mit Bitten und
+Tränen, mit Hilferufen, das keiner hörte als sei das Haus ausgestorben,
+und daß mir dann die Welt schwarz wurde im Ekel vor dem Menschen und in
+seinem Fuseldunst und seiner Tollwut, und daß dann Grigorji
+hereinstürzte, der alle Gasthäuser am Hafen nach mir durchsucht hatte,
+bis er endlich meine Spur fand, und daß er das betrunkene Schwein
+niederschlug, und daß er vor mir kniete, schluchzend, unaufhaltsam
+schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wofür Verzeihung? und daß am
+andern Morgen der Pope kam, ich habe es ja schon erzählt, und die
+Nottrauung vornahm, denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und daß
+mir dann Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr faßlich
+und ist ausgeronnen, als hätte es eine andere gelebt. Ich bin ja auch
+nicht mehr dieselbe geworden wie vorher. Es wundert mich nur, daß ichs
+berichten kann; Sie saugen die Dinge förmlich aus einem heraus, wie geht
+das denn zu? Nun muß ich aber fort, es ist Zeit.«
+
+Auffallend war es Maria, daß die Erzählung Lisaweta Petrownas immer
+langsamer geworden war, zuletzt entstand fast nach jedem dritten Wort
+eine Pause; auch war die Stimme allmählich so leise geworden, daß Maria
+nur mit Anstrengung verstehen konnte. »Sie wollen fort?« fragte sie,
+»wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie wüßten nicht wohin.«
+
+»Nein, ich weiß nicht wohin; gleichviel, ich muß fort.«
+
+»Wie sind Sie denn überhaupt nach Kislawodsk gekommen? Sind Sie mit ihm
+gekommen, mit Fürst Grigorji?«
+
+»O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung daß wir uns nicht
+mehr sehen würden. Hab ich das nicht erzählt? Als er von mir wegging,
+wußte ich, daß er nicht aufs Schiff zurückkehrte, wußte, daß er in den
+Kaukasus fuhr. Er seinerseits wußte, daß ich nach Kiew reisen wollte, wo
+meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist. Er ließ mir Geld, aber
+das hab ich meinem Schwager gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich
+wußte, welchen Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm,
+ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von Jelena Nikolajewna.
+Möglich, daß sie glaubte, ich könne ihn retten. Wie mußte es um ihn
+stehen, daß Jelena Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu spät. Ich
+hätte ihn gewiß nicht retten können, wir waren viel weiter voneinander
+geschieden, als wenn wir uns nie gekannt hätten; freilich, daß er so ins
+Nichts geschwunden war, ohne Gruß und Zeichen, das war hart. Jetzt will
+ich aber gehen, es ist Zeit.«
+
+Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterläden. Lisaweta
+erhob sich. Maria sagte, sie möge doch den Mantel behalten, der Morgen
+sei kalt und vielleicht finde sie im Hotel nicht Einlaß. Doch sie lehnte
+es stumm ab; plötzlich schien sie von finsterm Trotz erfüllt; ihre
+Gebärden waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls
+erhob, erschüttert und von schwesterlicher Hinneigung durchglüht zu ihr
+hintrat, um ihr in das dämmernd fahle Gesicht zu schauen, da wandte sie
+sich hinweg und war aus der Tür, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken
+konnte. Sie stand regungslos, kalt und heiß im Innern; ihr war als sei
+ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede die Luft noch über
+Schlünden. Sie seufzte, beinahe wie jene geseufzt hatte, bang und
+gedemütigt, dann fiel ihr Blick auf die schlafenden Kinder, und es
+überströmte sie ein Gefühl unermeßlichen Reichtums. Jedes war Abbild
+eines Teuersten, jedes lebendiges, geprägtes Gut; sie seufzte wieder,
+aber dieser Seufzer hatte andern Klang.
+
+Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch die Augen
+zugemacht, als es heftig an die Tür klopfte und auf der Schwelle Jefim
+Leontowitsch und der Soldat erschienen. Dieser sagte, alle müßten
+sogleich zum Bahnhof, der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die
+Kinder wurden aufgeweckt, rasch waren die Großen und Kleinen
+marschfertig, zehn Minuten später war man unter Führung des Soldaten auf
+der menschenleeren Straße. Es ging an der Station vorüber, ziemlich weit
+hinaus. Die Luft war neblig und kühl. Maria forderte Jefim durch einen
+Blick auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke ihm für
+seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich von ihm trennen zu
+müssen; aber sie hoffe, das Leben werde sie später einmal wieder
+zusammenbringen, und sie freue sich darauf, ihm dann ihren Dank besser
+zeigen zu können.
+
+»Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna,« antwortete er, »und warum
+wollen Sie, daß ich mich von Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe
+ich in dem Bündel da,« er wies auf einen Linnensack, den er mit dem
+andern Gepäck trug; »warum sollt ich hier bleiben, da ich doch ebensogut
+irgendwo sonst sein kann? Sie fliehen von hier, also lassen Sie mich
+auch fliehen. Belästigt Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den
+Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein Fremder; es
+werden ja viele Fremde in Ihrer Nähe sein. Darf ich mir auch nicht
+anmaßen, daß ich ein nennenswerter Schutz für Sie bin, so hätte ich doch
+keine Rast mehr im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umständen verlassen
+müßte. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert, daß ich Ihnen
+nicht beschwerlich fallen werde.«
+
+Dagegen gab es keinen Widerspruch. »Nicht einmal eine Hand hab ich frei,
+um Ihre zu drücken,« sagte sie mit ihrem gewinnenden Lachen. »Sie sind
+wirklich ein seltsamer Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich
+soviel Anhänglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.«
+
+»Ich kenne Sie besser als Sie glauben,« entgegnete er und wurde rot.
+»Ich denke viel über Sie nach.«
+
+Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom Bahngleise herüber.
+»Das ist Menasse,« sagte Maria, »schön, daß er da ist.«
+
+Das Winken Menasses bedeutete, daß man sich sputen möge. »Guten Morgen,
+Herr General,« begrüßte ihn Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so spät
+käme, alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit
+Unpünktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden. Er hüpfte
+gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens herum, der zwischen
+die Wagen eines Güterzugs gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht
+verhängt; drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war bemüht, sich
+einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit einem alten Herrn, der seine
+Koffer um sich herumgestellt hatte; blies eine Dame an, die eine
+Auskunft von ihm begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die
+Verwirrung; warf eine Schachtel in den Korridor, riß im Eifer seinen
+flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit durch die Luft; betonte
+zehnmal in höchster Fistel, daß er unbedingten Gehorsam erwarte, und daß
+er einfach die Hände in den Schoß lege und alle ihrem Schicksal
+überlassen werde, wenn man nicht Disziplin halte. »Wer ist der hier?«
+fuhr er Maria grob an und deutete mit dem Ellbogen auf Jefim
+Leontowitsch. Maria sagte gelassen und mit einem treuherzigen Ausdruck
+ihrer kurzsichtigen Augen: »Herr Menasse, ich würde mich glücklich
+schätzen, wenn Sie nicht so schreien würden. Sie erreichen, bei mir
+wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen wir uns
+auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge Mann gehört zu meiner
+Gesellschaft, ich bürge für sein Wohlverhalten und für Ihre Auslagen; im
+übrigen: seien wir Freunde, Herr Menasse.« Sie reichte ihm lächelnd die
+Hand, in die er, einigermaßen verdutzt, die seine flüchtig legte; dann
+schoß er davon.
+
+Um fünf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn Uhr setzte sich der
+Zug in Bewegung; nach Westen, durch das Gebirge, gegen das Meer. Die
+Fahrt war nicht schneller als mit einer Kutsche. Das Durcheinander
+ordnete sich allmählich. Menasse wurde nicht müde, Ruhe zu gebieten. Ein
+Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden Kinder. Wenn der Zug
+hielt, stürzte er erregt ans Fenster, lugte durch einen Spalt hinaus,
+alle schwiegen gespannt, dennoch streckte er den Arm steif zurück wie
+ein Dirigent, der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der
+Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie aus
+Tula; einen ungarischen Baron; den Grafen und die Gräfin Duchorski aus
+Petersburg, einen Bankdirektor aus Kiew, zwei ältere Damen, die im
+Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde heiß. Wenn die Kinder zu essen
+verlangten, ging es erst an ein langwieriges Suchen unter den
+Gepäckstücken. Wenn Wanja die Brust bekam, bildeten Litwina und Arina
+eine Mauer. Um vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke.
+Eine Zeitlang war Stille, dann hörte man Menasses Fistel erbittert.
+Mitja kam und berichtete: »Es sind Männer draußen, die befehlen, daß
+alle aussteigen müssen.« Die Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt
+sich so. Der Zug war von einer streifenden Bande, dreißig bis vierzig
+Leute, zum Stehen gebracht worden. Der Anführer forderte Menasses
+Papiere. Menasse weigerte sich tollkühn. Drohung mit Gewalt machte ihn
+nicht gefügiger. Erst als jene Hand an ihn legten, besann er sich. Er
+hatte sämtliche Pässe bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem
+Führer zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen gestiegen und
+trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald zeigte, wollten sie die
+bequeme Fahrgelegenheit für sich haben. Die Überfallenen fügten sich
+widerspruchslos, nur einige Frauen jammerten. Die Gräfin Duchorski
+stand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in dem Haufen
+von Gepäck, der den blühenden Wiesenhang bedeckte. Menasse redete
+leidenschaftlich auf den finster blickenden Anführer der Bande ein. Der
+Mensch schüttelte zu allem den Kopf. Den Salonwagen dürfe niemand mehr
+betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug. Um Gotteswillen, so solle
+man hier zurückbleiben, im Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg?
+Ja, das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden habe.
+Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit. Menasse, in einer
+Haltung wie Jago gegen Othello, schmeichelte; umsonst; pochte, in einer
+Haltung wie Marquis Posa gegen Philipp, doch immer krähend, auf
+menschliche Gefühle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig und
+mit kunstloser Würde. Ihre Argumente waren um nichts zwingender als
+diejenigen Menasses, aber schon nach den ersten Worten hörte ihr der
+Mann, dem Anschein nach ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu,
+obgleich er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse
+Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters; eine gewisse
+Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie sagte: Du weißt doch; erinnere
+dich doch; so und so, es wird doch darüber kein Mißverständnis zwischen
+uns geben; ganz trocken alles, wie wenn sie über Mais oder Kartoffeln
+redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist, daß man tut, was sie
+gebietet. Der Mann hatte Respekt. Sie erlangte, zusammen mit dem
+Geldangebot Menasses, die Erlaubnis, daß sich die Flüchtlingsgesellschaft
+in zwei leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte: »Sie sind
+eine tüchtige Frau; #à la bonne heure,# das haben Sie gut gemacht.
+Immerhin, bei dieser Art von Transport werden wir nichts zu lachen
+haben.« Und er fing bereits wieder an, zu kommandieren. Nach einer
+Stunde waren alle untergebracht, das Gepäck verstaut, die Türen der
+Viehwägen verschlossen und von außen abgesperrt sowie zur Sicherheit
+plombiert; der Zug rollte weiter.
+
+Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier Nächte. Mit Maria
+eingepfercht waren siebenundzwanzig Menschen, darunter zwölf Kinder;
+eingepfercht in einen finstern Raum, in welchem es übel roch;
+hingekauert auf mangelhafte Lagerstätten, Kranke und Alte; fast ohne
+Schlaf die Nächte, ohne genügende Nahrung die Tage; belästigt von
+widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst und den andern zur Pein
+machten. Das Rattern der Räder wurde mörderischer Lärm; das stundenlange
+Halten in Stationen mörderische Stille; die auf das Dach des Kerkers
+niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige, die im Fieber
+lagen, stöhnten, und ein ungewohnter Laut rief entsetzte Schreie hervor.
+Dicht an Maria gepreßt lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder
+dem andern bisweilen über das Gesicht, prüfend, ob sie schlummerten, ob
+die Haut nicht heiß sei, dankbar für ihre Geduld und Ruhe, zugleich in
+Sorge darüber. Oft sprach sie zu ihnen; oft auch wandte sie sich an
+Jefim Leontowitsch; Wanja hielt sie meist an der Brust, wusch das
+Gesichtchen und die Hände mit kölnischem Wasser, tröstete Litwina, die
+an Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anfälle hatte, rief
+hie und da ein Wort, eine Frage über die Köpfe der Leidensgefährten und
+stritt mit dem rechthaberischen Menasse über die Nähe des Ziels, der
+kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer.
+
+Endlich eines frühen Morgens, in einer Haltestation, öffnete die
+mitleidige Hand eines Zugbediensteten die Tür. Der hereinquellende
+Lufthauch war wie Neugeburt, das Schauspiel, das sich bot, unerhört.
+Tief unten dehnte sich die See, blau, als könne man tausend Jahre blauen
+Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten üppig bewachsenen Kuppen des
+Gebirges, Gärten, Weingelände, Pinien, Bäume voll Orangen. Niemand
+redete; kein Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie
+verdorrt; das blühende Land, das Gestade, das schöne Meer ließ sie
+schaudern. Die Tür blieb offen, vielleicht in der Annahme, daß die Zone
+der Gefahr überschritten war; aber einige Stationen vor der Stadt wurde
+Menasse berichtet, daß diese seit zwei Tagen in den Händen der Matrosen
+sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde von Flüchtlingen als
+gefürchteter Name genannt.
+
+Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen
+vermochte. Wieder außerhalb des Bahnhofs verließen alle den Wagen und
+wurden nach Anbruch der Dunkelheit möglichst heimlich in einen Gasthof
+am Rande der Stadt geführt. Den Kranken konnte kein Beistand geleistet
+werden; sie mußten zu Fuß gehen. In den Straßen herrschte Tumult; vom
+Meer her tönten Schüsse.
+
+Der rechteckige Raum, in den sämtliche Zimmer des Gasthofs mündeten,
+glich bald einem Koffermagazin. Träger polterten die Treppe herauf und
+warfen immer neue Gepäckstücke in den Wirrwarr. Arme griffen
+durcheinander; jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren auf eine
+Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein Hündchen trippelte
+winselnd um Menschenfüße, die es beschnupperte. Der Bankdirektor, an die
+Mauer gelehnt, rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit
+einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte seinen Kneifer
+verloren und man sah seinen verzweifelt verrenkten Körper wie zwischen
+Felsen auftauchen und verschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal;
+die Träger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen.
+Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein anderer hatte erfahren, ein
+deutsches Schiff kreuze auf dem Meer draußen. Der Streit um die Zimmer,
+deren nur elf zur Verfügung standen, wurde lärmend. Jefim Leontowitschs
+Stimme rief von einer Schwelle her: »Maria Jakowlewna, kommen Sie
+schnell; ich habe ein Zimmer für Sie besetzt.« Da Maria keinen Durchgang
+fand, kletterte sie über die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim
+aufgepflanzt und fauchte: »Was fällt Ihnen ein, zu schreien, Herr? Wenn
+Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen stopfen den Mund. Wir sind gerannt
+dem Tiger direkt in die Zähne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll
+helfen, und da schreit er!« Maria sagte ruhig zu Jefim: »Man müßte
+versuchen, unsere dreißig Kolli aus dem Haufen herauszufischen!« Er
+nickte und sah besorgt umher. »Wo sind die Kinder?« fragte er.
+
+Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit hastigerem Schritt
+vor den beiden andern, von denen er sich auch in Kleidung und Gehaben
+unterschied. Er trug blendendweiße Leinenhosen und eine Jacke von
+elegantem Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung
+gebieterisch, und zwar in einer brutalen und lässigen Art. Ihm zur Seite
+watschelte beflissen der Wirt, ein feister Tartar mit einem Gesicht wie
+aus Butter. Der Matrose stutzte beim Anblick des Gewühls und der Menge
+von Koffern; es war in der spärlichen Beleuchtung zweier
+Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild. »Was sind das
+für Leute?« wandte er sich fragend an den Wirt, »was geht hier vor?« Der
+Wirt suchte mit furchtsamen Augen Menasse. Dieser zwängte sich heran und
+gab sich eine Miene der Autorität. »Woher? Wohin?« fragte der Matrose
+barsch und verächtlich. Menasse stotterte. Der Matrose unterbrach ihn:
+»Es kann natürlich keine Rede davon sein, daß ihr eure Reise fortsetzt.
+Das Gepäck ist beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verfügt.« Ohne die
+mehr mimischen als artikulierten Einwände Menasses zu beachten, wandte
+er sich wieder an den Wirt. »Ein Zimmer für mich«; und als der Wirt
+ratlos den fetten Körper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig:
+»Ein Zimmer für Golowin; hast du nicht gehört, du Schwein?« Vor Furcht
+seiner Stimme kaum mächtig, erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien
+vergeben; Väterchen könne sich ja selbst überzeugen; die vielen Menschen
+da; er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die Fenster
+seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingestürzt; das Loch wage er
+Väterchen Igor Semjonowitsch nicht anzubieten; nebenan bei Alexei
+Davidowitsch sei noch ein Staatszimmer zu haben, prächtig, mit
+Teppichen, auf Ehre, mit schönen Teppichen und Bilderchen an der Wand.
+Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und wäre froh
+gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin antwortete barsch: »Kein langes
+Geschwätz, du schmutziger Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht.
+Habe nicht Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe das
+Zimmer ist für mich. Punktum.« Und er deutete gegen die Tür, auf deren
+Schwelle Maria stand. »Verzeihung,« redete Maria ihn an, »es ist das
+letzte für mich und meine Kinder übriggebliebene Zimmer. Wir sind sieben
+Menschen, Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine furchtbare
+Reise liegt hinter uns. Wäre es nicht billig und großmütig, wenn Sie für
+diese Nacht mit der Dachkammer vorlieb nähmen, da Sie sich schon nicht
+anderweitig umsehen wollen? Ich weiß nicht genau, zu wem ich spreche;
+aber jedenfalls doch zu einem Mann.«
+
+Golowin schien überrascht. Er hob unmutig die Brauen. »Die Suada ist von
+euresgleichen unzertrennlich,« murmelte er. »Honig, um meinesgleichen
+die Kehle einzuschmieren, habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete
+Kuli braucht nur einmal die Fäuste zu zeigen, so wird an seine Großmut
+appelliert. Es ist eine neue Weltordnung, Madame. Wer sind Sie? worauf
+berufen Sie sich?«
+
+Diese für einen Matrosen sehr ungewöhnliche Ausdrucksweise überraschte
+nun wieder Maria. Sie bedurfte, um sich einzustellen, ihrer ganzen
+Geistesgegenwart. »Ich bin Maria Jakowlewna von Krüdener,« entgegnete
+sie mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt, der sich
+schützend neben sie gestellt hatte; »mein Mann, Gutsbesitzer im
+Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier, ist ins Ausland geflohen, und
+ich bin im Begriff, dasselbe zu tun. Ich kann also Ihnen gegenüber keine
+Erwartungen, sondern nur Befürchtungen hegen. Sie haben Recht, die Not
+macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung muß zunächst an Frauen und
+Kindern ausprobiert werden. Litwina, Arina! wir ziehen in die
+Dachkammer.«
+
+Golowin schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Sie täuschen sich, Madame,«
+sagte er und steckte beide Hände in die Hosentaschen, »Sie täuschen
+sich. Ich bin unempfindlich gegen die Künste des höheren Tons. Ob
+Dachkammer, ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie und
+Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht aburteilen, und da
+Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht offen zuzugeben, können
+Sie sich ja ungefähr denken, was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen
+darin kurzen Prozeß zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel.
+Bleiben Sie also immerhin in der Beletage, wenn Sie Wert darauf legen;
+auch die andern Herrschaften will ich nicht weiter stören. Niemand wird
+natürlich das Haus verlassen; im übrigen ist Ihnen jede Freiheit
+unverwehrt bis morgen.« Dies sprach er ironisch gegen den Kreis
+erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt hatte. Menasse
+machte Schwimmbewegungen mit den Armen, um sich die Herzudrängenden vom
+Leibe zu halten und sich in seiner Bedeutsamkeit gewissermaßen zu
+isolieren; er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm zu verstehen
+geben, daß das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch zwischen ihnen
+beiden gewechselt werden müsse und er zuversichtlich auf eine Einigung
+rechne. Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte,
+fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: »Hübscher Junge; schade um ihn;
+er wird Mühe haben, sich mit alldem zu befreunden. Du sollst später
+einer der Unsern werden, mein Junge, was?« Zum erstenmal überlief Maria
+ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der stolzen Entrüstung
+des Achtjährigen, den Heldengefühle beseelen, erwiderte: »Niemals, ich
+werde immer auf Papas Seite sein.« Golowin lachte. »Gute Zucht, Madame,«
+sagte er und sah Maria an. »Gute Zucht und gutes Blut,« antwortete sie.
+Er verbeugte sich spöttisch, ohne den Blick von ihr zu lassen, einen
+scharfen, grausamen, unaufhaltsamen Blick, der kalt prüfte und mehr und
+mehr einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick eine Weile
+aus, und erst als sie der Verwunderung der Zuschauer inne wurde, glitt
+ihr Auge zu Boden. Golowin wurde von seinen Begleitern angerufen und
+wandte sich zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen
+aufgetaucht, die einen sich sträubenden Menschen zwischen sich
+schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion denunziert worden
+war; man wollte bemerkt haben, daß er von einem Fenster der Küche aus
+Signale gegeben hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den
+Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen Befehl zu, und
+sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt, zu dem der Koch in seiner Angst
+flüchten gewollt und den er mit Gebärden anflehte, erhob jammernden
+Einspruch, der ungehört verhallte. Menasse hatte indessen mit dem Grafen
+Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und näherte sich nun Golowin.
+Er zupfte ihn am Ärmel und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an,
+ohne sich durch die finstere Geringschätzung des andern irremachen zu
+lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins, statt ihn bedenklich zu
+stimmen, erhöhte seinen Mut. Das ihm geläufige Schema auch hier als
+praktisch betrachtend, nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt für
+Verhandlungen dienen könne. Da legte ihm Golowin die Hand auf die
+Schulter und sagte zu dem ihm zunächst stehenden Matrosen: »Was meinst
+du, Maxim Maximowitsch, was das komische Insekt da will? Er will mich
+kaufen? Möchtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert bin? Vielleicht
+gefriert ihm die geschwätzige Zunge, wenn er meinen Preis erfährt.«
+Menasse gab Zeichen äußerster Bestürzung von sich. Das war neu; ein
+Faktum, das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend die
+Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen, blieb aber vor
+der Treppe unschlüssig stehen.
+
+All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten Vorgänge
+hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen. Sie trat ins Zimmer, wo
+Jewgenia und Arina die Lagerstätten für die Kinder bereiteten. Litwina
+trug das Handgepäck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und nahm den
+ungebärdig schreienden Wanja an die Brust. Mitja stand vor ihr, der
+Anerkennung bedürftig, denn es waren Zweifel in ihm, ob er sich gut
+benommen habe. »Du warst lieb und tapfer, mein Sohn«, sagte sie, worauf
+er sogleich das Gespräch ablenkte und sich erkundigte, wo Jefim die
+Nacht verbringen solle. Jefim schnitt für Fedja und Aljoscha Brot ab und
+winkte Mitja, daß er schweige. Maria antwortete nicht. Sie war
+zerstreut. Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins in Anspruch
+genommen. Seine Manier, seine Geste, seine stechenden, bald farblosen,
+bald metallisch glitzernden Augen, die hagere rasche Gestalt, der dünne
+rasche Mund mit kleinen, dichten weißen Zähnen, die rasche Rede, die
+Stimme, die mit befremdlicher Virtuosität durch alle Register lief, es
+wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und das Ganze nicht.
+Plötzlich ging die Tür auf, und er trat ein.
+
+Kälte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja hörte auf zu trinken,
+als sei die Milch versiegt und zappelte erbost. Sie schob das Tuch, sich
+vor Blicken zu schützen, bis an den Hals und sah Golowin fragend an.
+
+»Ich wünsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna,« sagte er förmlich, »einige
+Worte unter vier Augen zu sprechen.«
+
+Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um. Da er schwieg und
+wartete, drehte sie den Kopf mit stummem Geheiß zu Jewgenia, die Arina
+und Litwina zunickte. Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei
+Knaben zu sich. Alle verließen das Zimmer. Marias Blick behielt den
+fragenden Ausdruck.
+
+Golowin sagte: »Ihr jüdischer Mittelsmann hat mich für eine Art
+Straßenräuber gehalten, dem man Lösegeld anbietet. Ich vermute, Sie
+wissen davon. Wäre er weniger lächerlich, so hätte ich ihn heute noch
+ans Wirtshausschild hängen lassen.«
+
+»Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich weiß nicht, was er unternommen
+hat,« erwiderte Maria kühl.
+
+»Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar. Die
+Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist es freilich, den
+ahnungslosen Hebräer ins Treffen zu schicken. Sie hätten es verhindern
+müssen. Haben Sie mich so schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf?
+Warum haben Sie selber denn die Gelegenheit versäumt, das Terrain zu
+sondieren? Ich hatte es erwartet. Daß ich statt dessen zu Ihnen kommen
+muß, gibt kein Plus in Ihrer Rechnung.«
+
+Maria überlegte erregt: wohin zielt das alles?
+
+Er ging ein paarmal auf und ab, Hände in den Hosentaschen. Seine Stimme
+wurde glatter und heller, als er fortfuhr: »Bin vor der Treppe gestanden
+und habe gegrübelt: was ist das für ein Gesicht? was ist das für eine
+Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu, daß du es nicht
+kennst? Na, da beschloß ich, Avancen zu machen. Es freut Sie nicht, wie?
+Ich bin mir natürlich bewußt, daß meine Person eben das repräsentiert,
+was Sie mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da. Komme
+trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach Waffenstillstand
+aussieht.«
+
+»Was ist es für ein Vorschlag?« fragte Maria unbefangen.
+
+Sein rotes, muskulöses, von Wettern gegerbtes Gesicht zeigte
+Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes Tempo gestimmt
+war, entfachte die langsame Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er
+stieß die Worte hervor, die einen Klang von Brutalität hatten: »Ich
+habe mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begnügt; ich denke, Sie
+werden mich dafür entschädigen.«
+
+»Entschädigen? in welcher Weise? was meinen Sie damit?«
+
+»Ich meine, daß Sie mich da oben besuchen sollen.«
+
+»Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.«
+
+Er verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich meine, daß Sie mir heute nacht die
+Ehre Ihres Besuchs erweisen,« wiederholte er in bösem Ton.
+
+Maria lächelte belustigt.
+
+»Es liegt mir daran,« fuhr er fort und streckte das Kinn vor; »es liegt
+mir viel daran, ich werde Ihnen schon erklären, warum. Ich habe mirs in
+den Kopf gesetzt, und mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den
+Kopf gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht erst.«
+
+Maria lächelte. In dieses Lächeln gehüllt, war sie von oben bis unten
+Dame. »Sie überschätzen mein Interesse an fremden Zwangsideen,« sagte
+sie leicht; »ich will es durchaus nicht versuchen.«
+
+Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze. »Bleibt es bei der
+Antwort?« fragte er mit unerwartetem Ausdruck von Neugier.
+
+Sie nickte. Wanja begann zu weinen. »Geben Sie doch den Balg weg,«
+herrschte er sie an, »er stört mich.« Maria klopfte Wanja den Rücken,
+und er wurde still. Golowin sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig
+unter Wanjas Kissen.
+
+Nach einer Pause fing er an: »Gut, stellen wir uns auf den Boden der
+gesellschaftlichen Form. Was haben Sie zu fürchten?«
+
+»Nur meine Meinung von mir selbst.«
+
+»Sonst nichts?«
+
+»Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben, deren ich mich
+später vielleicht zu schämen hätte. Wie sie auch verläuft, ich müßte sie
+vor einem rechtfertigen, der Rechenschaft von mir verlangen darf.«
+
+»Unsinn,« murrte Golowin; »das klingt ja so als wollte ich die
+Geschichte von #boule de suif# mit Ihnen aufführen. Knallerbsen werf ich
+nicht. Bin nicht lustig genug dazu.« Er bemerkte ihr aufblitzendes
+Erstaunen über das literarische Zitat, ging aber mit einer Grimasse
+darüber hinweg. »Ihre Bedenken sind schwächlich,« sagte er; »außerdem
+nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der Ihnen Schlupflöcher
+nach allen Seiten läßt. Ich verhandle mit Ihnen über Ihr Schicksal und
+das Ihrer Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zurück, so ist
+es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren Sie nur, was ein
+vernünftig erwägender Mensch riskieren muß.«
+
+»Weshalb denn eine nächtliche Verhandlung in der Dachkammer?« fragte
+Maria kopfschüttelnd. »Nennen Sie Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen
+sagen, ob sie annehmbar sind.«
+
+Er lachte. »Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem Plan,«
+erwiderte er spöttisch. »Da hätte ich mich ja ebensogut mit dem eifrigen
+Israeliten aufs Feilschen einlassen können. Aber das liegt nicht im
+Plan. Der Preis, von dem hier die Rede ist, kann nicht mit Münze bezahlt
+werden. Chance ist Chance, Madame. Es wäre ja geschmacklos, wollte ich
+vor Ihnen den Attila mimen; aber ich bin nun einmal der Diktator der
+Stadt, und alle die Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem
+Behälter. So stehen die Dinge. Andrerseits weiß ich, daß eine solche
+Affäre wie die zwischen uns beiden zart anzufassen ist, und wenn Sie die
+Pression, die ich auf Sie ausübe, unanständig finden, bin ich bereit,
+ein Versprechen zu leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um
+Breite eines Haares näherzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit für
+wünschbar halten. An dieses Wort will ich mich binden, dürfen Sie mich
+binden. Weigern Sie sich noch immer, so haben Sie die Folgen selbst zu
+tragen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. »Ich warte,
+Maria Jakowlewna,« sagte er; »von jetzt an in einer Stunde werde ich auf
+Sie warten. Zögern Sie nicht zu lange; die Nacht ist kurz.«
+
+Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die Klinke in der Hand
+hielt, wandte er noch einmal das Gesicht zurück und sagte, wieder mit
+gestrecktem Kinn: »Ich bin ein waghalsiger Spieler, aber auch ein
+ehrlicher. Meine Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf
+ziemlich schwachen Füßen. Es ist möglich, daß ich morgen in aller Frühe
+mit meinen Leuten werde abziehen müssen. Deutsche Truppen sind gemeldet.
+Vielleicht haben wir dann gar nicht mehr die Zeit, euch den Prozeß zu
+machen, und Sie kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal nach,
+was für ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt so unvorsichtig
+aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es lohnt sich.«
+
+Er verschwand.
+
+Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein. Alle legten sich
+gleich hin und verzehrten nur ein paar Bissen zum Nachtessen, halb
+schlafend schon. Jefim hatte eine Liegestätte unter der Treppe gefunden.
+Auch Maria warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte.
+Menasse bat noch um eine Unterredung. Er ließ sich nicht abweisen. Er
+wollte erfahren, was sie mit Golowin gesprochen habe. Auch die andern
+draußen seien aufs äußerste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen
+gefallen, als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen.
+Maria fühlte sich erschöpft; sie vertröstete ihn auf den nächsten
+Morgen. Er sagte, nur sie könne das Unheil abwenden; Graf Duchorski
+lasse ihr seine unbegrenzte Verehrung wissen; die Herren samt und
+sonders erwarteten geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia drängte den
+Schwatzhaften endlich über die Schwelle.
+
+Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug, geschah es wie
+auf Befehl. Ihre Gedanken waren im Nu gesammelt und klar. Der Raum war
+voll Mondlicht. Sie sah auf die Uhr; es war halb zwölf, sie hatte also
+drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete ihr Haar,
+brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche ein Spitzentuch und
+nahm es um die Schultern, dann verließ sie auf Zehen das Zimmer. Sie
+stieg die enge Holztreppe empor; der Treppe gegenüber war eine Tür.
+Während sie überlegte, öffnete sich die Tür, und Golowin stand vor ihr.
+
+Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein Licht drinnen war,
+verharrte sie betroffen. Doch lag die Kammer auf der Mondseite, und der
+Mond erzeugte solche Helligkeit, daß jede Bodenritze und jedes
+Spinngewebe erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel
+breiter als die Fensteröffnung, nicht viel länger als die eiserne
+Bettstelle. Außer dieser war nur noch ein Tisch und ein Stuhl vorhanden.
+Die Wandbretter hatten zum Teil ihre Befestigung verloren und hingen
+schief und morsch. In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah über
+niedrige, mondglänzende Dächer bis zum Hafen hinaus, dessen Fläche
+ebenfalls im Mond schimmerte.
+
+»Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anzünden, obwohl nur
+noch ein Stümpchen da ist,« sagte Golowin; »ich meinerseits ziehe die
+natürliche Beleuchtung vor. Die ganze Zeit, während ich hier geduldig
+auf Sie gewartet habe, hat es mich beschäftigt, mir Ihr Gesicht im
+Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung, nicht wahr? Ich bin
+sicher ein heimlicher Romantiker; außen ein wenig ruppig, aber innen
+Romantiker, ganz sicher.« Er lachte.
+
+Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne. Er sagte:
+»Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist höchstens für mich zum Balanzieren
+praktikabel. Ich muß Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten; #I know, that's
+a funny misfortune,# aber alles ist nun einmal aufs Heikle zugespitzt,
+wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung nicht aufhalten. Bitte
+nehmen Sie Platz.«
+
+Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, spürte daß sie errötete,
+fröstelte unter einem kühlen Luftzug vom Fenster her, zog das
+Spitzentuch fester, schaute Golowin schweigend an. Ihre großen dunklen
+Augen, denen die Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh,
+glänzten feucht. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie in ihrer mutigen
+und offenen Art; »ich werde das Gefühl nicht los, als ob Sie in einer
+Verkleidung steckten. Sind Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind
+Sie?«
+
+Er hatte sich nachlässig auf die Tischkante gesetzt und die Arme
+verschränkt. »Also #curriculum vitae#?« antwortete er lachend.
+»Verkleidung? Nein. Ein bißchen buntscheckig, ja. Oder zwiebelähnlich,
+mit vielen Schalen.« Er räusperte sich und heftete den Blick ins Freie.
+»Ich sehe ein, daß es unartig wäre, Ihre Wißbegier nicht zu
+befriedigen,« begann er; »ich will knapp sein wie ein Lexikon. Geboren
+in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem Einschlag im Blut; Mutter:
+Engländerin, Pastorentochter. Alter: sechsunddreißig. Erzogen in der
+Kadettenschule. Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. Müßig
+herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der Eltern völlig
+mittellos. Eines Tages die Kräfte zusammengerafft; Elektrotechnik
+studiert; gehungert; nach Schweden gegangen, nach Norwegen. Mich
+anheuern lassen auf einem Walfischfänger; zwei Winter im grönländischen
+Eis verbracht. Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden. Nach Island
+gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizitätswerk gebaut. Geheiratet;
+Tochter eines Rheeders; mit ihr nach London gereist; höllisch betrogen
+worden von ihr; kurzen Prozeß gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf, bei
+Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer Dampfwäscherei gearbeitet;
+auf einem Kohlendock in Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei
+der #Illinois railway company#; als Zeichner und Ingenieur in San
+Franzisko. Große Affäre: die beiden Töchter eines Holzmagnaten verführt;
+von gedungenen Strolchen beinah erschlagen worden; sechs Monate Spital.
+Nach Paris gegangen; Reporter für Newyork-Herald geworden; im Jahre 12
+nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen beigetreten; im
+Jahre 14 Einberufung zur Marine; Vertrauensmann der Besatzung geworden;
+den Umsturz mitherbeigeführt, und nun,« er verbeugte sich bizarr, »der
+Auszeichnung gewürdigt, meinem verehrten Gast diesen Steckbrief
+überliefern zu dürfen.«
+
+»Viel in wenig Worten,« sagte Maria lächelnd.
+
+»Braucht es mehr? Die Ereignisse geben ja doch nicht den Inhalt. Fast
+jedes Leben, meines auch, ist eine unordentlich gepackte Kiste, und wenn
+man sie ausräumt, haben die meisten Dinge längst nicht mehr den Wert,
+den sie beim Einpacken hatten. Ich bin kein Freund von Ausräumen. Lieber
+noch ein paar Nägel in den Deckel.«
+
+»Sie laufen sich selber voraus, Sie laufen mit sich selber um die
+Wette,« bemerkte Maria.
+
+»Ja, das sagen Sie so, ob Sie aber das richtige Bild davon haben, möchte
+ich bezweifeln,« antwortete er. »Eigentlich war kein Tag der Rast. So
+eine Stunde wie die jetzige, wo man spricht und sich zurückbesinnt, hat
+es eigentlich nie gegeben, denken Sie. Man war wie auf einem Schiff, das
+mit vollen Segeln vorm Sturm rennt. Bö auf Bö; da ein Leck, dort ein
+Leck; alle Mann an die Pumpen; zuletzt immer ein verzweifelter Sprung
+von der Takelage ins Rettungsboot. In so einem nüchternen Taumel; in so
+einer betrunkenen Entschlossenheit; mit dem Zittern bis in die Rippen;
+und niedergetrampelt wurde jeder, der im Weg stand. Ja, so war es.«
+
+»Immerhin haben Sie ein Stück der Welt mit Appetit verspeist,« sagte
+Maria und zeigte ihre herrlichen Zähne.
+
+»Das ist wahr,« erwiderte er und nickte. »Sie ist mir nichts schuldig
+geblieben, die Welt, ich ihr auch nichts. Ich habe sie kennen gelernt
+von unten bis oben, die brüchigen Fundamente, die verfaulten
+Schanzwerke, die verrostete Maschinerie, die rissige Verschalung, die
+schadhaften Ankertaue, wie gesagt: vom Kiel bis in die Raaen. Und was
+die Bemannung betrifft: kranke Gehirne, ein tollwütiges Fieberwesen,
+eine bestialische Raserei der Untiefe zu. Es war ein Riesenspaß, Maria
+Jakowlewna, eine Labung fürs Gemüt. Es gab Zeiten, wo ich
+quietschvergnügt gewissermaßen neben dem hochgespannten Dampfkessel
+hockte und mir an den Fingern ausrechnen konnte, wie lang es noch dauern
+würde, bis der ganze pomphafte Plunder mit ungeheuerm Krach in die Luft
+flog. Eigentlich waren das die schönsten Momente. Ich habe etwas von
+einem Propheten in mir, oder wenigstens von einem Diagnostiker. Das kam
+mir auch beim Dienst auf dem Kriegsschiff zustatten. Einen schöneren
+Explosionsherd konnte man sich im verwegensten Traum nicht ausmalen; ein
+Faß Dynamit mit der Lunte am Spund ist ein Spielzeug dagegen. Lehrreich,
+zu beobachten, wie unwiderstehlich es die Mäuse zum Speck in der Falle
+zieht. Ich hielt mich kunstvoll am Rande, immer zwischen Beförderung und
+Disziplinarverfahren; sie konnten mir nicht beikommen, auch nicht mit
+dem Köder der Rangerhöhung; warum hätte ich den schnappen sollen? Ich
+fühlte mich auf der Pulvertonne am richtigen Platz. Ich vermochte meinen
+Leuten den Tag vorauszusagen, an dem die Mine springen würde; und an
+genau dem Tag haben wir den Kapitän, die Offiziere, die Maats und was
+immer Epauletten und Sterne trug in die Feuerungslöcher befördert; eine
+zu schnell funktionierende Hölle, leider, wenn man bedenkt, was für eine
+lange Hölle sie andern bereitet hatten.«
+
+Er sprach völlig ruhig, beinahe heiter, in einem flüssigen Plauderton,
+wie von einer Sportleistung, auch mit der dazu gehörigen halbironischen
+Prahlerei. Er zündete eine Zigarette an, und beim Aufflammen des
+Streichholzes erschien Maria sein Gesicht kindlich harmlos. Mit ruhenden
+Händen im Schoß saß sie da und fand keine Worte.
+
+»Famos, wie ihre Hände sich im Mondlicht ausnehmen,« sagte Golowin; »wie
+weißer Bernstein.«
+
+Sie fuhr zusammen. »Sie haben meine Gegenwart gewünscht, um mit mir zu
+verhandeln,« sagte sie mit verzogener Stirn; »das war die Abmachung. Ich
+habe mich Ihrer Laune gefügt, weil ich schließlich von Ihrer Laune
+abhänge, und nicht nur ich allein. Kommen wir also zur Sache.«
+
+»Es wundert mich, daß Sie damit solche Eile haben,« antwortete er mit
+einem kichernden Ton. »Seien Sie doch froh, wenn ich meine Zunge
+spazieren führe. Am Zweck, den ich verfolge, sollte Ihnen wenig gelegen
+sein. Oder sind Sie so naiv, daß Sie glauben, es gehe um die Schale und
+nicht um die Nuß? Sind Sie wirklich da heraufgekommen in der Meinung,
+wir würden eine unverfängliche diplomatische Schachpartie spielen?«
+
+Maria, beunruhigt, stand auf. »Ich dachte, um Knallerbsen zu werfen,
+seien Sie nicht lustig genug.«
+
+»Es muß ja nicht #boule de suif# sein,« entgegnete er zynisch, »es kann
+ja, beispielsweise, auch Maß für Maß sein. Das ist dann schon minder
+lustig. Es hängt meistens von der Frau ab, ob es lustig ist oder nicht.«
+
+Maria sagte verletzt, und ihre dunkelsonore Stimme bebte: »Es besteht
+keine Gemeinschaft zwischen uns. Sie sind ein Liebhaber von Späßen, ich
+bin zu spaßen nicht aufgelegt. Sie tanzen um einen Weltbrand einen
+Freudentanz; so suchen Sie sich wenigstens nicht einen Partner aus,
+dessen Lebensglück in den Trümmern liegt. Was ist Ihre Absicht?«
+
+Er näherte sich rasch, die flachen Hände aufgehoben. »Vor allem: nehmen
+Sie wieder Platz. Nicht diese Miene! Zucken Sie nicht zurück, ich rühre
+Sie nicht an. Bei Gott, ich rühre Sie nicht an. Ist Ihnen kalt? Wollen
+Sie meinen Mantel haben? Nein, nein, bleiben Sie sitzen, ich lasse ihn
+am Nagel; kann mir denken, daß Ihnen vor solchem Mantel widert. Das
+bißchen Zimperlichkeit halt ich zugut. Und nun merken Sie auf.«
+
+Er zog den dreibeinigen Stuhl heran, flink und plump in den Bewegungen,
+und setzte sich auf den äußersten Rand, um des Gleichgewichts sicher zu
+sein. Er legte die Hände um seine Knie, beugte sich vor, streckte das
+Kinn. Alles hatte eine gewisse Anmut, eine plumpe Geschmeidigkeit,
+kraftvolle Zierlichkeit. »Seit zweieinhalb Jahren habe ich nicht in das
+Gesicht einer Frau gesehen,« begann er und lächelte knabenhaft; »habe
+ich nicht die Luft geatmet, die um eine Frau ist, nicht die Bezauberung
+verspürt, die davon ausgeht, wie eine Frau die Hände regt, die Lider
+hebt und senkt, die Lippen öffnet und schließt. Ich habe Kohlenrauch
+gerochen, Kohlenstaub in die Lungen gepumpt und mit Salzluft mühsam
+wieder ausgespült, die gräuliche Atmosphäre in Schlafsälen, den heißen
+Ölgestank im Maschinenraum geschmeckt; ich habe Zähne fletschen gesehen,
+Flüche murmeln gehört, allen Unrat der Menschennatur sich über mich
+ausgießen lassen, die eingequetschte, wimmernde, wütende, brüllende Qual
+eines riesigen Kerkers mitgelebt, und ich bin hungrig. Nicht in der
+Weise hungrig, wie Sie zu fürchten scheinen. Man hat seine Erziehung,
+man hat seine Erfahrung, man ist kein Geier. Nicht hungrig wie einer,
+der aus Mangel an Nahrung krepiert, an Nahrung überhaupt. Wenns weiter
+nichts wäre! Der Tisch für die andern ist reichlich gedeckt. Ich bin
+hungrig wie ein Mann, den eine Fiebererscheinung in Trance versetzt hat.
+Wir hatten mal in Boston eine spiritistische Sitzung. Es kam, im blauen
+Licht, ein weibliches Gespenst herein. Sah ungefähr aus wie Sie, Maria
+Jakowlewna; wunderbar sehen Sie aus, wie Sie da sitzen und mir zuhören.
+Na, ich ging entschlossen auf das Gespenst los, ohne mich um die
+hysterischen Entsetzenskrämpfe der verzückten Gesellschaft zu kümmern,
+griff mit Armen darnach, und siehe da, es war ein warmer, weicher
+Menschenleib. Ich entsinne mich, es war ein unvergeßliches Wohlsein in
+mir, als ich den warmen, weichen Weiberleib hatte. Der Gespensterunfug
+nahm gar nichts weg von dem Wohlsein, im Gegenteil, es war so diabolisch
+verboten, daß es mir göttlich behagte. Man muß nur mit Armen zugreifen,
+wenn es um einen gespenstert. Und es gespenstert schon lange um mich.«
+
+Er lächelte abermals; strich mit der Hand über die dünnen,
+schlichtliegenden Haare; sah alt aus, verbraucht, zerwühlt, plötzlich
+wieder straff, elastisch, jugendlich und fuhr nach einigem Besinnen
+fort: »Sprechen wir ein wenig von der Fieber-Erscheinung und davon, wie
+sie entstanden ist. Denken Sie sich also hunderte von Männern,
+primitiven Männern, denken Sie sie monatelang an einem und demselben
+Ort; hunderte, doch in ihrer Gesamtheit absolut einsam auf dem Ozean;
+durch die militärische Knute in Atem gehalten, durch harten Dienst
+niedergezwungen; in ihren Trieben und Instinkten vollständig geknebelt.
+Überlegen Sie sich einen Augenblick, was daraus erwächst. Ich bin ein
+Mensch, der das Grauen nicht kennt und auch den Ekel nicht. Ich nehme
+alles von der einfachsten Seite; es ist da, also hat es da zu sein. Aber
+wenn man so buchstäblich in den Miasmen watet, die aus den Seelen
+dunsten, das reißt an den Nerven. Es gibt bei Männern einen Zustand der
+Entbehrung, der stillen, stumpfen, folternden Begierde, der macht alles
+zu Gift und Brand in ihnen. Gefehlt, wollte man meinen, daß die
+aufreibende Arbeit, die körperliche Erschöpfung dem entgegenwirkt; die
+vergiften und verbrennen nur noch mehr, bis das ganze Individuum ein
+von tobsüchtigen Bordellbildern geschütteltes Ding ist mit zwei
+Existenzen, jede tierisch genug: die wirkliche, graue, trostlose und die
+in der Bruthitze der Erinnerungen und der Wünsche. Ich habe nie an die
+friedlichen Robinsons geglaubt; ist so ein Bursche gesund und ein
+ehrliches Mannsbild mit seinem Geschlecht im Leibe, so muß er ja
+komplett verrückt werden. Oder es stirbt ein Stück Leben in ihm ab. Ich
+trete zum Beispiel in einen Schlafraum und sehe mir die Schläfer einzeln
+an. Da ist einer, liegt in Schweiß gebadet, mit dicht aneinander
+gerückten Falten auf der Stirn. Jede von den Falten ist eine mit
+Ausschweifungen gefüllte Grube. Er hält sich schadlos, der Kerl; er
+dichtet; er lebt sich aus in seinem lasterhaften Schlaf; kein Hirn eines
+abgefeimten Erotikers ist je auf solche Möglichkeiten verfallen. Ein
+anderer windet sich wie in Krämpfen der Pubertät; er ist leichenblaß und
+trinkt seine eigenen Lippen. Ein anderer sieht aus, als klettre er an
+einer Felswand hinauf, angespannt wie ein Seil, lüstern wie ein Affe.
+Sie keuchen, schlagen mit gekrallten Fingern um sich, grinsen gierig,
+flüstern einen Namen, umklammern etwas in der Luft, sind vollständig
+aufgerissen, in einem Chaos glühender Visionen. Noch ein Beispiel. Ich
+sitze unter ihnen; dienstfreier Abend; man redet; sie werfen sich ihre
+Schlagworte zu; Anspielung auf Anspielung; grobes Geschütz, daß einem
+die Ohren sausen; eh mans recht weiß, ist der Siedepunkt erreicht: die
+Augen kochen, die Zungen wirbeln, das kaum Ausdenkbare wird gesagt,
+geschrieen, schamlos hingemalt, sie wälzen sich in einer heißen Pfütze,
+übersteigern sich, neiden einander das frechste Bild, den unflätigsten
+Ausdruck, und man sieht dabei, wie es sie über alle Begriffe martert.
+Und man beobachtet zwei, die sich einander mit verdeckten Blicken
+messen, Mann gegen Mann als wärs Mann gegen Weib; stumm und irr faseln
+sie vom Fleisch und von Lust; sie verstehen sich vortrefflich, die zwei
+in ihrer Entzündung, und sie sind nicht die einzigen. Jag ich Ihnen
+Schauder ein? Das ist nicht der Zweck. Ich tünche bloß den schwarzen
+Untergrund für mein Lichtgewebe. Hat man sich vollgesogen mit dem
+Irdischen der untersten Abgründe, so werden die Himmelsgestalten so weiß
+und so zart wie nur Lilien in Pestsümpfen. Man muß aber zu den Seraphim
+entschlossen sein. Es muß einem gelingen, die Poren gegen die Ansteckung
+zu verstopfen. Zu früh nachgeben, das heiß ich ein Kalb im Mutterleib
+schlachten. Ein Mönch ist unter Umständen ein geriebener Genüßling, wenn
+er zum Feinschmecker von Illusionen wird. Vielleicht war der heilige
+Antonius der größte Liebeskünstler der Welt. Ein brennenderes
+Aphrodisiakum kann ich mir nicht vorstellen als die Qualen von
+freiwillig Enthaltsamen. Das geht über ein Fest auf dem Blocksberg. Aber
+ich bin kein Voyeur, durchaus nicht. Ich bin nur für kluge Steigerung,
+überhaupt für Steigerung. Dort in dem Satanskessel, auf dem Schiff, hab
+ich mein Verlangen gezüchtet; habe es sorgsam gepflegt, wie man ein Tier
+mästet, das eine delikate Mahlzeit zu werden verspricht. Und wonach hat
+mich eigentlich verlangt? Schwer zu sagen. Nach einer bestimmten Glätte
+der Haut; nach einer bestimmten Rundung der Fessel; einer bestimmten
+Modellierung des Handgelenks; einer bestimmten Transparenz der Äderung
+an den Schläfen; einem bestimmten Gang und Schritt und Blick. Ist das
+etwas? Umschreibt das etwas? Es ist eine Angelegenheit des Geruchs, des
+Spürsinns, der Epidermis, der Nerven-Elektrizität. Deutlicher: ich will
+eine Ebenbürtige haben, eine sinnlich Ebenbürtige. Kurz und gut, Maria
+Jakowlewna, Sie sind es, die ich haben will.«
+
+Marias Auge fiel auf einen Skorpion, der, von Fingerslänge, an einem
+Brett ihr gegenüber unbeweglich hing, zierlich in der Gliederung, zart
+umgrenzt, ohne Schatten, wie eine japanische Zeichnung. Indem sie das
+Tier anschaute, ward ihr leichter zumut; in einem losgelösten Teil ihrer
+Seele freute sie sich am Zarten und Zierlichen und vergaß das Giftige
+und Gefährliche; dieses wußte sie ja nur, sie hatte es nie erfahren. Sie
+heftete den Blick in Golowins Gesicht und sagte in zutraulichem Ton:
+»Ist es nicht sonderbar? seit Sie das Wort ausgesprochen haben, bin ich
+vollkommen ruhig. Es ist nun nichts Unbekanntes mehr zwischen uns. Ich
+habe sogar ein Gefühl von Sympathie für Sie. Das eine Wort, dieses
+vernunftlose, rohe, gewalttätige Wort hat es bewirkt. Plötzlich bin ich
+die unvergleichlich Stärkere von uns beiden.«
+
+»Verstehe nicht,« murmelte Golowin ziemlich außer Fassung.
+
+»Sie sagen, Sie wollen mich haben,« fuhr Maria in demselben zutraulichen
+Ton fort; »ich antworte Ihnen: schön, hier bin ich; bitte.«
+
+Golowin starrte sie sprachlos an.
+
+Sie sagte heiter: »Kann man denn einen Menschen so ohne weiters haben?
+so nach Gelüst und Gelegenheit? wie man einen Apfel vom Baum holt, auch
+aus einem fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach, weil man
+Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist sie sonst nichts als der
+Bissen? als die Beute? als das Vergnügen einer Stunde? Wenn Sie dieser
+Ansicht sind, - bitte.«
+
+Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mit abgewendetem Gesicht
+dort stehen. Der Mond beleuchtete nur noch ein kleines Stück der Wand.
+
+»Meinen Sie im Ernst, Sie hätten mich dann gewonnen?« fuhr Maria fort.
+»Vielleicht hätten Sie mich zerstört, sicher beschimpft, unerhört
+erniedrigt, aber gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren
+Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Krüdener, und nicht vielmehr
+eine seelenlose Hülse von mir? Ob man lebendige Menschen in Feuerlöcher
+wirft oder sie zu Opfern einer Zufallsbegegnung macht, läuft auf
+dasselbe hinaus. Haben, was für ein gemeines Wort! was heißt denn haben,
+wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen ist, halb
+Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.«
+
+Golowin schwieg noch immer.
+
+»Die Rechnung ist für mich nicht sehr kompliziert,« sagte Maria; »ich
+soll das Zahlungsmittel abgeben für die Freiheit, wahrscheinlich auch
+für das Leben von etlichen fünfzig Menschen, darunter meine Kinder und
+ich selbst. Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir
+offenbar nichts anders übrig, als in den elenden Kaufvertrag zu
+willigen. Schön. Es ist nichts Besonderes, nichts Erschütterndes im
+Vergleich mit den großen Ereignissen. Es ist ein Schicksal, mit dem man
+sich abzufinden hat. Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt.
+Aber soll sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der Sie
+gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir leid. Es ist eine
+uralte und furchtbar gewöhnliche Weltordnung, das.«
+
+Ohne sich vom Fenster zu rühren, antwortete Golowin mit dumpfer Stimme:
+»Sie mißverstehen mich mit Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie müssen
+als Weib unrüttelbar fixiert sein, daß Sie Selbstverständlichkeiten mit
+einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten. Ich habe meine Augen
+im Kopf und meine Witterung in der Nase. Kann sein, daß die Bussole da
+drin ein bißchen an Richtung verloren hat; die Nadel schießt verzweifelt
+nach links und rechts, als stünde sie überm magnetischen Pol. Daß Sie um
+und um und bis in die letzte Faser fixiert sind, habe ich trotzdem
+gespürt, und das war ja der Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir
+entgegensteht. Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir. Dieses
+Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm stellen. Aber ich rieche
+ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.«
+
+Durch Marias Körper lief ein Schrecken wie nie zuvor.
+
+Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: »Sie reden von ihm mit
+jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen wie er es gutheißt und befiehlt.
+Aber Sie würden jetzt nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon
+gelungen wäre, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft, aber
+mich können Sie nicht wegdrängen, und er kann Ihnen bald nicht mehr
+helfen, seine Arme werden lahm.«
+
+»Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch,« sagte Maria.
+
+»Haben Sie mich für einen bübischen Schänder genommen, für einen
+Dutzendhallunken? Ich kenne die Wege, die zu den verborgenen Flammen
+führen. Wer sagt Ihnen, daß ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten
+verzichten will? auf die Entzückungen der Allmählichkeit? auf die
+Überraschungen und kleinen süßen bittern Süßigkeiten, die einen Leib mit
+einem Leib befreunden? Aber vielleicht bin ich imstande, vielleicht maß
+ich mir an, die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden zu
+pressen, die von der Faulheit und dem Mangel an Schwung in so öde Länge
+gezogen wird, daß die Ermattung und die Erfüllung nicht mehr Ähnlichkeit
+miteinander haben wie ein Schiff, das vom Stapel läuft mit einem Wrack
+auf einer Sandbank.«
+
+»Es ist möglich, daß Sie dazu imstande sind,« sagte Maria, »aber Sie
+können nicht einen Stoff in einen andern Stoff verwandeln, Sie können
+nicht das Gesetz eines Lebens umstoßen.«
+
+Golowin lachte spöttisch. »Käme auf den Versuch an. Es ist eine Frage
+der Magie.«
+
+Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo er stand.
+
+»Sie sprechen von Zufallsbegegnung,« fuhr er fort. »Ich meinerseits
+glaube nicht an solchen Zufall. Sind Sie so fest davon überzeugt, daß
+Sie bloß eine Verkettung unbestimmbarer Umstände in diese Stadt, in
+dieses Haus gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein
+Beschluß? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir hätten auch
+zufällig auf eine entlegene Insel verschlagen werden können, um wieder
+von Robinsonaden zu reden. Wieviel Tage hätten Sie sich Frist gegeben
+bis zur Hochzeit? Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang hätte,
+einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann gegenüber, Ihr Blut
+geschwiegen, falls ich sogar aus Schlauheit oder Berechnung unterlassen
+hätte, es zu schüren? Würden Sie einen Triumph darin erblicken, eines
+Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige zu bleiben? Treue;
+was ist Treue? Eine Übereinkunft, durch die man Entbehrungen
+legitimiert, die Machtprobe eines Besitzenden, das Gitter gegen den
+Einbruch der Ausgestoßenen, ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte
+Hand.«
+
+»Ich weiß mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen,« antwortete
+Maria; »es hängt doch alles davon ab, ob der Funke, den man schlägt,
+Feuer gibt oder nicht.«
+
+»Gewiß,« pflichtete Golowin bei und näherte sich wieder; er trat in den
+dunkelgewordenen Teil des Raums und lehnte sich an die Bretterwand;
+»gewiß. Wir in unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt.
+Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, drüben in Übersee. Das sind
+Leute, die sich auf die Methoden verstehen. Es ist eine ererbte Kunst,
+von Jahrtausenden her. Sie lächeln über unsere Finten und Schliche, sie
+machen sich lustig über unsere Vierschrötigkeit und Dickhäutigkeit, sie
+zucken die Achseln über das, was wir unglückliche Liebe nennen. So wie
+man dort im Osten ein ausgebildetes System hat, das den Schwächsten
+befähigt, einen Athleten zu bändigen und auf die Knie zu bringen,
+verleiht eine langwirkende Überlieferung dem mit Erkenntnis Begabten die
+Macht, auch in das widerspenstigste Material körperliche Liebe zu
+pflanzen. Körperliche Liebe, also Liebe überhaupt, wenn man absieht von
+der europäischen Unzucht, die Dinge der Natur ins Blümerante und
+Schöngeistige zu verdrehn. Erinnern Sie sich an die berühmte
+Skandalgeschichte von der Entführung der Miß Holywood in Neuyork? Sie
+war eine Schönheit ersten Ranges, umworben von der männlichen Blüte des
+Landes, unnahbar, von makellosem Ruf. Eines Tages war sie verschwunden;
+spurlos, rätselhaft. Man setzt für ihre Auffindung Prämien von
+schwindelnder Höhe aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am
+Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt in einem der
+schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt. Man verhaftet eine Anzahl
+Chinesen, der eigentlich Schuldige ist entwischt. Die junge Dame bringt
+man in das Haus ihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie
+steht nicht Rede; sie kann sich dem früheren Leben nicht mehr bequemen,
+sie leidet unter Ausbrüchen von Wut und krankhafter Depression, die
+Ärzte vermögen nichts über sie, die früheren Freunde nichts, und während
+man alle Hebel zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine
+Verbindung mit dem Entführer herzustellen; plötzlich ist sie zum zweiten
+Mal verschwunden, und wie sie in einem hinterlassenen Brief mitteilt,
+ist es ihr freiwilliger Entschluß gewesen, zu dem Chinesen
+zurückzukehren. Die amerikanische Gesellschaft war natürlich außer sich,
+denn was gibt es in ihren Augen Verächtlicheres als einen Chinaman? Mich
+beschäftigte die Sache ungemein. Da ich keinerlei Kasten- und
+Rassendünkel kenne, scheute ich mich nicht, meine chinesischen
+Beziehungen dahin auszunützen, daß ich über den mysteriösen Fall, der
+durchaus kein vereinzelter war, wie ich später erfuhr, verschiedene
+Aufschlüsse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen sind sehr
+zurückhaltend, außerdem behaupten sie, es gäbe auf diesem Gebiet
+zwischen ihren und unsern Anschauungen keine Verständigung. Es fehlen
+die Vokabeln schon, behaupten sie. Aber das Glück wollte, daß ich auf
+einen prachtvollen Lehrmeister stieß, einen Burschen so fein wie
+Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. Hören Sie auch zu? Ich
+sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie werden nichts wissen wollen von
+dieser Weisheit und Feinheit, die in ein Labyrinth führt. Und was
+fruchtet sie mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth sträuben? Es
+weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander Ding als unsre
+Miniaturleidenschaften und gestatteten Gefühle. Bei dieser Mischung von
+Gelehrsamkeit und narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, daß der
+Mensch von der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden muß. Wer
+von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der größte Verbrecher nicht.
+Dostojewski; aber die Angst bleibt auch bei ihm. Mein Chinese
+entwickelte unter anderm eine ganze Philosophie der sinnlichen
+Beeinflussungen und Übertragungen. Die Herrschaft über das lebendige
+Instrument ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell,
+aber unsere Frauen verlieren schon im ersten Stadium die
+Widerstandskraft. Je höher gezüchtet eine ist, je wehrloser ergibt sie
+sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis einer solchen Frau gelesen;
+die erstaunlichste Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und
+kühn. Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors in
+Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen war. Sie
+sprach von dem Glück des Grauens, von der Wonne der Verlöschung, und daß
+sie keine Gewissensbisse darüber empfinde, die Seele, diesen lügenhaften
+Frieden der Seele, hingegeben zu haben, für die Flammen, die sie
+umprasselten und dem Augenblick des Todes den der Auferstehung des
+Fleisches folgen ließen. Das klingt wie Wahnwitz und ist in der Tat
+vielleicht eine Form der Hysterie. Überdies soll sie vor ein paar Jahren
+in einer Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener rechter
+Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber reizte mich, es mit der
+Praxis zu versuchen, und die Erfolge waren nicht übel; die Schule
+bewährte sich. Freilich fehlte das letzte Geheimnis; was hätte ich
+gegeben um das letzte Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu
+seicht; der europäische Mensch ist nicht eng genug; etwas Ähnliches sagt
+schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte die Probe bei vielen
+an. Die Wildesten wurden zahm; wie Würmer so zahm wurden sie. So
+eigentümlich entseelt waren sie nach kurzer Zeit, als hätte man aus
+ihrem Gehirn gewisse Bewußtseinskomplexe mit dem Messer entfernt. Man
+wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein, man umschlingt sie
+unbemerkt, die wunderbaren Körperchen, bemächtigt sich ihrer, indem man
+den Sklaven macht, den unhörbaren Schatten, das unentbehrliche andre
+Ich, das verachtete und verstoßene Teil, die böse lockende Chimäre. Und
+so zieht man das Menschlein an sich, bis es nicht mehr entschlüpfen
+kann. Es gibt da Zärtlichkeiten wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die
+Spitze jedes Fingers, jede Stelle der Haut, die Höhle unter der Achsel,
+das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Zärtlichkeit dressiert,
+und dankt. Jedes Glied an dem geliebten Leib dankt. Jedes ist
+hingeschmolzen in seine besondere Lust, jedes erwacht für sich als wie
+ein jauchzendes williges Tierchen, ein Flammentierchen und was man in
+Armen hält, ist ein Wesen ohne Scham und Lüge, ohne Geist und ohne
+Angst, unergründlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna,« seine Stimme,
+die zuletzt ein Flüstern geworden war, erhob sich und klang durch den
+Kontrast wie ein Schreien, »wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz
+packe, gehört es mir, so oder so. Lassen wir die Erzählungen, die
+Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor hunderttausend Jahren war. Ja,
+ich reiße Ihre Brust auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr,
+keine Gestalt, kein Gelöbnis, kein Bild, innen ist nur Liebe. Ich will
+drin verbrennen und verdorren, wenn es sein muß, aber geben Sie mir
+Liebe.«
+
+Der Mond war untergegangen. Es war völlig finster geworden. Maria erhob
+sich, tastete sich zum Tisch und griff nach der Kerze. Sie fand
+Zündhölzer daneben und machte Licht. Besorgt sah sie, daß das Stümpchen
+nicht lange brennen würde. »Liebe,« murmelte sie, »Liebe.«
+
+»Warum töten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen?« fragte Golowin
+zu ihr hinüber.
+
+»Ich verscharre nur den Leichnam, getötet haben Sie es,« antwortete sie
+ernst. »Ein Leben lang.«
+
+»Moral, flaue Moral,« sagte er achselzuckend; »der Hieb ist zu matt, ich
+pariere ihn nicht.«
+
+Maria begann mit jener tiefen Stimme einer Märchenerzählerin, die alles,
+was sie sagte, durch den bloßen Klang versinnlichte: »Auf dem Gut hörte
+ich eine Geschichte von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide
+waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab sich Petruschka auf die
+Wanderschaft und blieb viele Jahre fort. Als er heimkehrte, brachte er
+einen Sack voll Gold mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka
+gierig. Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing an, ein
+stolzes Schloß zu bauen. Nikituschka läßt sich den Weg erklären, macht
+sich auf, kommt aber nach einer Zeit müde zurück. Ich habe mich verirrt,
+sagt er. Da begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen, in
+den der Stollen führt und sagt: in den Stollen mußt du hinunter und
+viele Jahre graben. Es dauert nicht lange, da erscheint Nikituschka
+abermals unverrichteter Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre
+unter der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das ist
+einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben, sagt Petruschka,
+du siehst ja, daß ich mir da ein Schloß baue; wovon soll ich die
+Bauleute entlohnen? Hilf auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem
+Gold.«
+
+Sie schwieg.
+
+»Der Hieb ist nicht stärker geworden,« sagte Golowin lächelnd;
+»Petruschka hätte teilen sollen, als er mit dem Gold zurückkam.«
+
+»Was hätte es Nikituschka genützt?« erwiderte Maria mit Eifer; »er hätte
+seinen Anteil verschwendet und wäre so arm gewesen wie zuvor.«
+
+»Besser zu verschwenden als mühselig zu graben,« beharrte Golowin, noch
+immer lächelnd und sah sie aus den Augenwinkeln an.
+
+»Der Verschwender ist ein Dieb,« sagte Maria; »man muß im Stollen
+gewesen sein; man muß gegraben haben.«
+
+»Man muß, man muß,« spottete Golowin, und der Blick aus den Augenwinkeln
+wurde funkelnd; »hab ich etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?«
+
+»Nicht Gold gefördert, nicht Petruschkas Gold,« wehrte Maria mit
+erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick als seine Worte; »wenn
+Petruschka fragt: was hast du im Stollen gemacht, so werden Sie ihm
+antworten müssen: was dich kränkt, was dein Gemüt vergiftet, was dir
+Leiden bereitet, dir und deinen Brüdern. Petruschka hat gebaut.«
+
+Golowin entgegnete nichts. Er drückte den Hinterkopf an die Bretterwand,
+fuhr fort zu lächeln, fuhr fort, sie aus den Augenwinkeln zu betrachten.
+Eine eigene Unruhe bemächtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende
+und sie allmählich ganz einhüllende seltsame Scham. Ihr wäre am liebsten
+gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu verschwinden. Es ging so
+weit, daß sie sich ärgerte und sich innerlich Vorwürfe machte, die Kerze
+angezündet zu haben. Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den
+Ohren und im Nacken heiß; sie konnte sich diesen Zustand durchaus nicht
+erklären. Plötzlich fragte er, ohne sich zu rühren, in die Luft hinein:
+»Glauben Sie an das Ende?«
+
+»An welches Ende?«
+
+»Nicht bloß an das Ende von Maria Krüdener und Igor Golowin, das ist ja
+gewiß. An das Ende von Rußland und Europa meine ich, an das Ende von
+Eisenbahn und Telegraph, von Zeitungen und Büchern, von Kunst und
+Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an das Ende der
+Menschheit, an das Ende von allem. Glauben Sie daran?«
+
+Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete sie leise: »Ich
+glaube nicht daran. Ich glaube an das ewige Leben.«
+
+»Glauben Sie an die Wiederkehr?« fragte Golowin, und sein Lächeln
+verdämmerte in den Schatten, die der flackernde Kerzenschein in sein
+Gesicht warf.
+
+»Was verstehen Sie unter Wiederkehr?«
+
+»Nichts kehrt wieder,« sprach er, ohne die Frage zu beachten, »und doch
+schreit jeder Atemzug im Menschen nach Wiederkehr. Nichts kann noch
+einmal sein, was gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste
+Verlangen im Menschen, daß es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist das
+Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht überwindet, ist man
+der Narr des Schicksals. Auch für Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie
+wieder, was einmal Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis
+gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.«
+
+Mit geschlossenen Augen schüttelte Maria den Kopf und sagte: »Ich weiß
+es so fest wie daß die Sonne aufgehn wird: er kehrt wieder.«
+
+»Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gefühl; die spricht aus Ihnen.
+Sie haben das Unglück gehabt, eine glückliche Ehe zu finden, sonst wären
+Sie ein Weib gewesen, mit dem man auf die Barrikaden gehen könnte.
+Schade, wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenne erniedrigt
+wird. Alles was edel und flugkräftig an Ihnen war, hat die Ehe in eine
+Kapsel gepreßt, und Sie wagen sich nicht zu rühren aus Angst, das
+Gehäuse zu sprengen. Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen
+angebracht, Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen;
+wozu Sie aber hätten steigen können, wenn man Ihnen die Menschenfreiheit
+nicht geraubt hätte, davor verschließen Sie sich. Frauen wie Sie müßten
+in ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe zerstört sie. Es
+ist als hätte man Sand in ein kostbares Uhrwerk geschüttet. Wenn dann
+der große Feind kommt, ist es zu spät. Der große Feind, der große
+Abrechnungskommissär, der Unbestechliche.«
+
+Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer Innigkeit, der
+Golowin betroffen machte.
+
+»Glauben Sie auch nicht an den großen Feind?« fragte er verdeckten
+Tones.
+
+Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und antwortete nicht.
+
+»Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht?« fuhr er lauernd
+und seltsam spöttisch fort; »sicherlich. Sie haben ja Phantasie. Ist er
+nicht einnehmend? berauschend? verführerisch? Sieht er nicht aus wie ein
+echter Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse? nicht
+eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte und Erforschte und
+Erlebte, eingedrungen aus Wollust? Die Welt ist voll von ihm. Er fegt
+den angesammelten Kehricht weg.«
+
+»Ja, die Welt ist voll von ihm,« sagte Maria; »er schreit Gerechtigkeit
+- und mordet; er schwärmt von Bruderliebe - und mordet; er trieft von
+Mitleid - und mordet; er faselt von Fortschritt und Erneuerung - und
+mordet; er küßt und umarmt - und mordet. Er kennt kein Erbarmen in
+seiner - Liebe.« Sie blickte ihm noch immer in die grün funkelnden
+Augen. Die Kerze verlosch zischend.
+
+Es entstand ein langes Schweigen. Maria fühlte Schwäche in den Knien,
+ging zu der Bettstelle und ließ sich auf die Kante nieder. Daß Golowin
+sich nicht rührte, war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor
+dem Fenster, die erste Ankündigung des Tages. Sie wagte nicht
+hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer geschnürt.
+
+Auf einmal kam seine Stimme: »Sie sind so reich, daß Sie eine Nacht aus
+Ihrem Leben ausstreichen können. Für Sie nicht gelebt, für mich
+hundertfach gelebt. Ich spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es
+kann die nächste sein. Ist es die nächste nicht, so wird es eine andre
+sein. Ich kann warten.«
+
+Maria antwortete zwanghaft, als würde ihr die Rede von einem
+unsichtbaren Dritten diktiert: »Es kann keine sein.«
+
+Er sagte: »Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir können uns
+vergleichen ohne Rücksicht auf die kriegführenden Parteien. Es läge eine
+gewisse Größe darin. Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht,
+das viele andere überflüssig macht.«
+
+»Ich gehöre nicht mir. Kein Haar an mir ist mein Eigentum,« entgegnete
+Maria.
+
+Er sagte: »Sie fühlen sehr genau die Feigheit in diesem Argument.
+Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar ist?«
+
+»Auf die Frage möchte ich lieber nicht antworten.«
+
+»Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht die Gegenwart, ist
+zwischen Ja und Nein kaum mehr zum Besinnen Platz.«
+
+»Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit.« Sie
+bedeckte die Augen mit der Hand.
+
+Er sagte: »Wenn Sie Ihre Lippen auf meine drückten, könnt ich mir
+einbilden, ich sei wieder Knabe und finge von vorn an. Wiederkehr,
+Wiederkehr. Fürchten Sie nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle.
+Ich will ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch können Sie mir nicht
+verwehren zu träumen. Ich träume, daß ich Ihre Hand halte. Daß ich sie
+nur mit meinen Fingerspitzen streife. Sie vergessen, daß Sie Mutter,
+Gattin, Dame, Herrin sind, alle diese verruchten Würden einer überlebten
+Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin eingeschlossen, daran
+geklammert meine, mit Blut, Hirn, Trieb, Seele. Was können Sie dagegen
+tun? Still, wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein, und
+du öffnest dich wie ein Kelch ...«
+
+Maria hörte zu, außen und innen Eis, doch von etwas Lauem durchflutet,
+das betäubte. Er hatte sie nicht angerührt, trotzdem fühlte sie ihre
+Hand wie in einem Schraubstock. Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das
+Blut wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte zu sprechen
+und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt. Mitjas ernste Augen
+blickten sie an. Ihr Körper war ihr fremd, und sie fürchtete ihn. Das
+Bild einer Uhr erschien ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht
+weiterrücken wollten. Sie schaute gegen das Fenster. »Es wird Tag,«
+murmelte sie. Von der Straße schallten eilige Schritte herauf. Gut, daß
+die Menschen erwachen, fuhr es ihr durch den Kopf.
+
+Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhr Golowin fort: »Ja, es
+wird Tag. Schluß des ersten Aktes. Vorhang. Die Länge der Zwischenpause
+ist nicht bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich meiner
+in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht brechen, die ich über Sie
+erlangt habe? Sie werden sich in Pflichten stürzen, Sie werden Aufgaben
+zu lösen trachten, Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das
+Eingestürzte aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde immer ich
+sein, da nützt kein Sträuben und kein Tun.«
+
+Sie konnte jetzt in der Dämmerung sein Gesicht wahrnehmen. Es glich
+einem fleckig grauen Tuch. Sie fand keine Widerrede. Inmitten ihrer
+bedrückten Versunkenheit wunderte sie sich über seine Haltung, die etwas
+Lockeres, beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte plötzlich ein
+langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf wie ein Wachthund. Er
+trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife heraus und erwiderte das Signal.
+Gleich darauf hörte man von der Richtung des Meeres her Geschützdonner.
+
+»Gut,« sagte Golowin, »man schnallt das eiserne Stirnband wieder um.« Er
+nahm den Mantel vom Haken und warf ihn über die Schulter. »Ihre Straße
+ist frei, Maria Jakowlewna,« fügte er mit einer Verbeugung hinzu.
+
+Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr.
+
+»Zwei Worte noch,« sagte er, an der Tür stehen bleibend; »das eine:
+prägen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren Stern darum, daß unsere
+Wege sich nie mehr kreuzen.«
+
+»Nein; unsere Wege dürfen sich nie mehr kreuzen,« erwiderte sie.
+
+»Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das Sie den Frieden
+Ihrer Seele wieder gewinnen können, außer es kommt noch einmal zur
+Entscheidung zwischen uns. Und das steht dahin.«
+
+Maria lauschte seinen starken Schritten nach, als er gegangen war. Sie
+drückte die flachen Hände gegen die Brust und hob das Gesicht, das
+bleich war, mit fromm-erschlossener Miene zur Höhe.
+
+Als sie in das untere Stockwerk kam, waren alle bereits auf den Beinen
+und rüsteten sich zu neuer Reise. In der Freude über den Abzug der
+Matrosen achtete man ihrer gar nicht. Menasse unterhandelte bereits mit
+einem Schiffer, der eine Barke zur Überfahrt zu vermieten hatte. Sie
+aber fühlte die Wahrheit der Worte Golowins: die Straße war frei, aber
+das Ziel des Wegs war unkenntlich verdunkelt.
+
+
+
+
+Lukardis
+
+
+Im Verlauf der schleichenden Revolution, von der das russische Reich
+während des vorletzten Jahrzehnts heimgesucht war, kam es eines Tages zu
+einem Straßenkampf in Moskau. Den unmittelbaren Anlaß hatte die
+Verschickung von fünfunddreißig Studenten und Studentinnen gegeben, die
+das Jubiläum eines verehrten Lehrers, welcher der Polizei verdächtig
+geworden war, in überschwenglicher Weise gefeiert und die Feier durch
+heimliche Zusammenkünfte vorbereitet hatten. Einige der angesehensten
+Familien der Stadt wurden durch die grausame Maßregel betroffen, und die
+Trauer und Entrüstung so vieler bis dahin ruhiger Bürger erregte eine
+gefährlichere Stimmung als es die Aufwiegelung der politisch Tätigen
+vermocht hätte.
+
+Unter den mit tückischer Eile Deportierten befand sich auch ein junges
+Mädchen namens Anna Pawlowna Nadinsky. Es lebte in Moskau ein Bruder von
+ihr, Eugen, oder wie es im Russischen heißt, Jewgen Pawlowitsch,
+Offizier bei einem Dragonerregiment, ein schöner stolzer Mensch von
+dreiundzwanzig Jahren, dem man eine rühmliche Laufbahn vorhersagte.
+Eugen Pawlowitsch Nadinsky liebte seine Schwester, sie war die
+vertraute Freundin in allen Angelegenheiten seines Lebens gewesen. Als
+er sie nun verloren sah, für sich wie für die Welt verloren, der
+Erniedrigung und den Entbehrungen preisgegeben, welche der jahrelange
+Aufenthalt in Sibirien mit sich bringen mußte, war sein Schmerz so groß,
+das Gerechtigkeitsgefühl in ihm so tief beleidigt, daß die Fundamente
+seines Daseins wankten, und er eine Ordnung nicht mehr anerkennen
+wollte, der er sich bis zu dieser Stunde bereitwillig gefügt hatte. Es
+geschah fast von selbst und zu seinem eigenen Erstaunen, daß er, als das
+Regiment wenige Tage nach jenem Gewaltstreich der Polizei zur
+Beschwichtigung der in der Stadt ausgebrochenen Revolte unter die Waffen
+treten und in die Straßen reiten mußte, plötzlich die Spitze des von ihm
+geführten Zuges verließ, von seinem Pferd sprang und gegen eine aus
+Pflastersteinen, Balken, Karren, Körben und allerlei Hausrat
+zusammengesetzte Barrikade eilte, wobei er den Verteidigern lebhafte
+Zeichen gab, welche sie nicht mißverstehen konnten, zumal ja Überläufer
+aus den Reihen der Soldateska, auch während des Kampfes, nicht selten
+waren. Kaum aber war Nadinsky auf der Höhe der Barrikade angelangt, die
+er übersteigen wollte, um sich gegen die wahren Feinde seines Vaterlands
+zu wenden, als ihn aus den Dutzenden wider ihn gerichteten Gewehren der
+Dragoner zwei Schüsse trafen. Von der andern Seite der Barrikade
+streckten sich ihm Hände entgegen, Augen strahlten ihn begeistert an, es
+war wie ein Dank und stillte die letzten Zweifel, die ihn noch
+beunruhigen mochten; auch sein Name wurde gerufen; einige kannten ihn
+also, und der Jubel in ihren Stimmen belohnte ihn noch in dem Gefühl der
+Todesschwäche. Er kehrte sich um, zog den Revolver aus dem Gürtel und
+feuerte gegen die Anstürmenden, denen sein empörtes Herz die
+Kameradschaft gekündigt hatte, dann stürzte er auf die Brust, und die
+Finger seiner rechten Hand krampften sich in das Strohgeflecht eines
+zwischen Bretter geklemmten Stuhls.
+
+Sogleich ergriffen ihn zwei junge Leute und trugen den Bewußtlosen auf
+die steinerne Treppe eines Haustors. In großer Eile öffneten sie
+Nadinskys Rock und Hemd, rissen Streifen aus dem Hemd, verbanden die
+Wunden, die stark bluteten, und sahen sich dann hilfesuchend um. Da
+erblickten sie den Wagen eines Grünzeughändlers; der Besitzer war
+verschwunden; das magere kleine Pferd stand an der Deichsel wie
+gefroren. Rasch entschlossen betteten sie den Offizier mitten in Gemüse
+und Salat und deckten ihn mit Blättern zu. Der eine von ihnen kehrte zum
+Kampfplatz zurück, der andere nahm das Roß beim Zügel und führte es die
+Straße hinunter, dann durch mehrere Nebenstraßen, schließlich auf einen
+freien Platz, wo die Universitätsklinik war. Er fuhr in das geräumige
+Tor und ging in das Zimmer eines Assistenten, der alsbald Auftrag gab,
+den Verwundeten in einen der Krankensäle zu schaffen. Die Verletzungen
+waren schwer. Eine Kugel hatte zwar nur den Hals gestreift, die andere
+jedoch hatte unterhalb des Schulterblattes die Lunge getroffen, steckte
+noch im Körper und mußte durch eine Operation herausgenommen werden.
+Erst am dritten Tage erwachte Nadinsky aus fieberhafter Ohnmacht und
+wußte lange Zeit nicht, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war.
+
+Nun hatte aber die Polizei durch einen ihrer zahlreichen Spione in
+Erfahrung gebracht, wo sich der junge Offizier befand, von dessen
+Desertion ganz Moskau sprach. Es erschien ein Isprawnik in der Klinik,
+um den todkranken Mann zu verhaften. Er wurde an Nadinskys Lager
+geführt und trotzdem er sich von der Gefährlichkeit seines Zustandes
+überzeugen konnte, beharrte er auf seinem Verlangen und pochte auf den
+schriftlichen Befehl. Indes der Assistenzarzt noch mit ihm zu
+unterhandeln versuchte, trat der Professor hinzu, warf einen schnellen
+Blick auf Nadinskys apathisches Gesicht, in welchem ein Zug von
+Knabenhaftigkeit Sympathie und Rührung erweckte und sagte: »Wenn man ihn
+jetzt von hier wegbringt, wird er in der ersten Viertelstunde sterben.
+Es ist vorteilhafter für die Polizei, zu warten.« Der Isprawnik wurde
+unschlüssig. Er war noch Neuling und wenig verhärtet; überdies hatte er
+in der Fülle der ihm obliegenden Geschäfte und Aufträge den Kopf
+verloren. Er überlegte eine Weile und erklärte sich hierauf damit
+einverstanden, den Offizier noch so lange in der Klinik zu lassen, bis
+seine Kräfte den Transport erlauben würden.
+
+Damit waren einige Tage für Nadinsky gewonnen; in diesen Tagen wuchs die
+Teilnahme des Professors für ihn zusehends, und er trug Sorge, sein
+Interesse auch andern Personen einzuflößen. Es meldeten sich Freunde,
+die ihm zur Flucht verhelfen wollten; eines Morgens wurde er in ein
+Zimmer gebracht, worin außer ihm niemand lag. Am selben Abend besuchte
+ihn ein junger Mensch, der die Absicht hatte, ihn, als Krankenwärterin
+verkleidet, nach Sokolnikin, einen Park in der Nähe von Moskau, zu
+schaffen, was bei seiner Schwäche und seiner noch immer fieberhaften
+Verfassung ein Wagnis auf Leben und Tod bedeutete. Nadinsky war jedoch
+bereit, ihm zu folgen, denn blieb er, so war ihm der Tod oder das
+Schlimmere, ewige Kerkerhaft im entlegensten Sibirien, gewiß. So fuhr er
+also in tiefer Nacht, bei Schnee und Kälte, es war Mitte des Monats
+März, nach Sokolnikin und wohnte in der Villa eines Gelehrten, der bei
+der Polizei für unverdächtig galt. Es dauerte aber nur vierundzwanzig
+Stunden, da kamen wieder Boten, die sich als Spaziergänger unauffällig
+dem Haus genähert hatten, in dessen Mansarde der kranke Nadinsky lag,
+und meldeten, daß die Polizei neuerdings auf seine Spur geraten und daß
+für die folgende Nacht seine Verhaftung befohlen sei. Es blieb also
+nichts übrig als einen anderen Zufluchtsort für ihn ausfindig zu machen.
+Der Haushalt des Gelehrten, eines Deutschen von Geburt, wurde von seiner
+Schwester Anastasia Karlowna geführt, einer ebenso beherzten wie
+gutmütigen Frau, die seit mehr als vierzig Jahren in Moskau lebte und
+nicht nur in der Gesellschaft einflußreiche und wohlwollende Bekannte
+hatte, sondern auch bei vielen Leuten im Volk sehr beliebt war. Sie
+hatte dem jungen Offizier Speise und Trank gebracht, ihn gepflegt und
+seine Anwesenheit klug zu verbergen gewußt. Nun sorgte sie zunächst für
+eine neue Verkleidung, und als es dämmerte, brachte sie ihn mit Hilfe
+eines Menschen, der ihr ganz fremd war, sich aber zu diesem Dienst
+angeboten hatte, im Gewand eines einfachen Arbeiters zu der Familie
+eines Drechslers in die Vorstadt. Dort blieb er nur eine Nacht, am
+Morgen weigerte sich der Mann, der Argwohn geschöpft hatte und für sich
+und die Seinen begründete Furcht empfand, den Flüchtling länger zu
+beherbergen. Fünf Tage lang wurde Nadinsky auf diese Weise von Haus zu
+Haus geschleppt, von dem des Drechslers in die Wohnung einer
+Fuhrmannswitwe, dann in die eines Maurers, dann zu einem Gärtner,
+schließlich zu einem Laboranten. Immer merkten die Leute nach wenigen
+Stunden, wem sie ein Asyl gewährt hatten, die Angst vor der Polizei
+überwog das Mitleid und verstockte sie gegen die Beredsamkeit
+Anastasias, die in ihrem Eifer keineswegs erlahmte. Sie war die Nächte
+über bei Nadinsky, denn er konnte sich nicht selbst überlassen bleiben;
+man mußte ihn ankleiden, waschen und zweimal täglich die Wunden
+verbinden, deren Heilung bei der unregelmäßigen und aufregenden
+Lebensweise nur langsam vonstatten ging. Als nun auch der Laborant, den
+sie mit Geld und vielen Worten bestochen hatten, den aufgezwungenen Gast
+fortzubringen befahl, verzweifelte Anastasia Karlowna daran, Nadinsky
+retten zu können. Die Freunde, die ihr bisher beigestanden, vermochten
+nichts mehr zu tun, die Polizei war auf ihren Spuren, jeder fernere
+Schritt mußte sie ins Verderben ziehen, auch sie selbst fühlte sich
+bedrohlich überwacht. Zum letztenmal versuchte sie den Laboranten durch
+Bitten und Flehen zu erweichen; nur noch eine einzige Nacht möge er
+christliche Nachsicht üben, das Leben ihres Bruders - denn sie gab
+Nadinsky für ihren Bruder aus - stehe auf dem Spiel; umsonst, sie
+schürte bloß das Mißtrauen des Mannes und alles, was sie erreichte, war,
+daß er ihr drei Stunden Frist gab; wenn nach Verlauf dieser Zeit
+Nadinsky nicht aus dem Haus geschafft sei, werde er die Anzeige machen.
+
+Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr mußte also Anastasia
+eine Stätte für ihren Schützling gefunden haben. Sie irrte eine Weile
+durch die Straßen, ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber
+immer vor den Türen wieder um, weil sie überall eine abschlägige Antwort
+oder gar Verrat fürchtete. Da verfiel sie in ihrer Bedrängnis auf den
+Gedanken, Nadinsky in eines jener Häuser zu bringen, in denen an
+Liebespaare Zimmer vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig,
+einen Paß vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege haben
+konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, den sie am
+Morgen zu ihm geführt hatte, dann konnte er zur Grenze gelangen. Um den
+kühnen Plan durchzuführen, mußte sie aber eine Helferin haben, ein
+Geschöpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, verschwiegen und klug
+war. Sie ließ alle jungen Damen, die sie kannte, an ihrem inneren Auge
+vorübergehen, aber keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich
+zu nehmen. Unter den Revolutionärinnen hatte Anastasia keine Bekannte,
+auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, die möglicherweise
+den Nachspähungen der Polizei ausgesetzt war; an eine Angehörige der
+untern Klasse oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, war
+nicht zu denken, es mußte eine Dame oder ein Fräulein aus der
+Gesellschaft sein.
+
+Sie war ermüdet von den Anstrengungen der letzten Tage, und mehr um zu
+rasten als um eine Erfrischung zu nehmen, ging sie in eine kleine
+Konditorei an der Straße, trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein
+dämmeriges Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen
+saßen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in ihre Nähe, ohne
+sie zu beachten, merkte aber dann, daß die eine, die ältere Dame, sie
+fixierte und mit freundlichem Nicken herübergrüßte. Da erkannte sie die
+Frau; es war Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten
+Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, ein etwa
+neunzehnjähriges Mädchen von nicht gewöhnlicher Schönheit. Kaum hatte
+Anastasia einen Blick auf sie geworfen, so sagte sie sich: Die muß es
+vollbringen und keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals
+Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast noch ein Kind gewesen
+war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, sie hatte sich oft mit ihr
+beschäftigt, oft mit ihr gesprochen; sie erinnerte sich, daß das damals
+dreizehnjährige Geschöpf ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie
+es nur Menschen tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere
+Kraft in sich verschließen; was für eine Eigenschaft oder Kraft es war,
+hatte sie nie ergründen können, soviel sie auch darüber gegrübelt hatte.
+Die Mutter war eine ziemlich einfältige Frau, fromm, apathisch und
+harmlos, sogar ihres Gebrechens nur dumpf bewußt.
+
+Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, nachdem sie die
+Generalin durch Mienen und Gesten nach ihrem Befinden gefragt, leise mit
+Lukardis Nikolajewna zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf
+ihren Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte,
+senkte sie bescheiden die Augen und störte das Gespräch durch kein
+Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia spürte die Verwegenheit ihres
+Vorhabens mit beklommenem Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie
+mußte sich kurz fassen; sie mußte in wenigen Sätzen alles sagen, das
+Außerordentliche verlangen, Lukardis innerstes Menschengefühl aufrühren
+und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall alles vereiteln,
+Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis wußte wenig von den
+revolutionären Umtrieben; sie ahnte vieles, hatte jedoch weder Einblick
+noch Urteil; sie lebte in einer Sphäre sanfter Träume, mit der
+Erinnerung an Puppen und der Gegenwart hübscher Schmuckkästchen, mit dem
+Echo der neckischen Galanterien verheirateter Herren und der
+vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte doch, wie ein junges
+Waldtier, das fernes Jagdgetöse vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut,
+Schmerz und Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; es gab
+Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe empfand, eine
+grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den Bezirk heuchlerischer Stille,
+in dem sich ihr Dasein formte, zu verlassen. Aber sie fürchtete die
+Welt, sie fürchtete die Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand,
+die ihr gereicht wurde, ihr war, als ob alles trübe, ja schmutzig sei,
+was außerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, sie hörte Leute auf der
+Gasse nie ohne Schauder reden, sie vermochte keine Zeitung zu lesen,
+ohne daß sie neben dem Wilden und Rätselhaften, als welches sich ihr das
+Leben, das Draußen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes und
+Befleckendes fühlte, selbst die meisten Bücher, ein Vers, ein
+Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen schrecklichen, nicht zu
+besiegenden Eindruck.
+
+Regungslos hörte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht färbte und
+entfärbte sich wieder. Da war keine Lockung, kein Prickeln des
+Unbekannten, keine mädchenhafte Lüsternheit und ungestandene
+Aufregungslust; nichts anderes vernahm sie als den Ruf zur Pflicht.
+Nichts anderes las sie in den harten Zügen Anastasia Karlownas. Sie
+brauchte nicht einmal einen Entschluß zu fassen; was sie zu tun hatte,
+stand sogleich und unabänderlich fest. Sie war Braut. Seit sechs Wochen
+war sie mit einem Petersburger Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch
+Kussin, verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, daß
+sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten Schicksal
+entgegengehe, auch sie selbst fühlte sich glücklich. Wenn es etwas gab,
+das sie irre machen konnte, war es der Gedanke an ihn, dem sie mit
+schwesterlichem Gefühl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies
+spüren mochte, eine Andeutung fallen ließ, um sie darüber zu beruhigen,
+runzelte sie die Stirn und erwiderte, sie bedürfe des Zuspruchs nicht,
+ihr Bräutigam werde niemals die Meinung hegen, daß sie etwas Schlechtes
+oder Häßliches begangen habe.
+
+»Sie sind also dazu entschlossen?« fragte Anastasia leise, indem sie den
+Blick ihrer grauen Augen auf die Hand des Mädchens heftete.
+
+»Ich bin dazu entschlossen,« antwortete Lukardis ebenso leise, ohne die
+Lider zu erheben. »Es ist nur noch eine Schwierigkeit -«
+
+»Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen ist?« fiel
+ihr Anastasia rasch und mit einem fanatischen Ton der Stimme ins Wort.
+
+»Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nächte vom Hause
+wegzubleiben?« fragte Lukardis, die Finger ihrer weißen Hände
+verschränkend.
+
+Anastasia starrte düster sinnend auf einen Kuchenteller.
+
+»Nur das eine ist möglich,« fuhr Lukardis flüsternd fort, »ganz in der
+Stille zu verschwinden, der Mutter einen Brief zu schreiben -«
+
+»Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit bitten und
+versprechen, bei der Rückkehr alles zu sagen. Aber auch Sie selbst
+müssen schweigen, Lukardis Nikolajewna,« setzte sie fast drohend hinzu.
+»Sie müssen schweigen, als ob Sie es nie gelebt hätten.«
+
+Lukardis nickte bloß. Ihre Augen waren jetzt weit geöffnet und blickten
+geradeaus. Anastasia schärfte ihr aufs genaueste ein, wie sie sich zu
+kleiden und wie sie sich zu betragen habe und nachdem sie ihr noch
+gesagt hatte, wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht
+sie an das ernste Gespräch, das trotz seiner Gewichtigkeit kaum eine
+Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden an, um Lukardis zum
+Lächeln zu bringen und in der Generalin keinen Argwohn keimen zu
+lassen, erhob sich dann erleichterten Herzens und verabschiedete sich.
+
+Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet. Er lag in
+dem armseligen Zimmer des Laboranten auf dem Sofa, und nachdem er sie
+angehört hatte, drückte er ihr die Hand und sagte: »Mein Leben ist so
+vieler Umstände nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist ein
+verlorenes Leben.« Anastasia verwies ihm diese Worte; sie entgegnete,
+daß sie sich bessern Dank erhofft habe, als so mutlose Redensarten zu
+hören, und fing an, den Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky
+seufzte. »Was solls auch« sagte er mit müder Stimme, »mir ist nun alles
+anders, Auge, Hand und Gefühl. Wie von Gespenstern bin ich umgeben, ich
+empfinde gar nicht den Abschluß gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter
+auf dem Gut. Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals
+genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild von mir. Sie
+weiß nicht, daß sie mich nie wiedersehen wird, sie weiß es durchaus
+nicht, trotzdem weint sie über dem Bild. Aber ich, ich fühle nichts. Mir
+ist alles so wesenlos geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.«
+
+Anastasia hielt diese Reden für einen Ausdruck des Fiebers und
+schüttelte unwillig den Kopf. Eine Weile, nachdem es dunkel geworden
+war, fuhr ein Wagen am Toreingang vor. Anastasia hatte einen hübschen
+Anzug für Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen,
+besah ihn jetzt noch einmal prüfend und geleitete ihn dann hinunter. Im
+Wagen saß Lukardis Nikolajewna Schmoll, tief verschleiert. Anastasia
+reichte ihr ein Paket mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, daß sie ihn
+am zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer gewissen Stelle
+des Bahnhofs erwarten und daß sie sich bis dahin einen Auslandspaß für
+ihn verschafft haben werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse,
+winkte grüßend ins Fenster und der Wagen fuhr davon.
+
+Schweigend saßen Lukardis und Nadinsky nebeneinander. Die Situation war
+zu ungewöhnlich, zu drohend, zu schicksalsvoll, als daß sie Verlegenheit
+hätten empfinden können. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel, sah
+Lukardis, daß Nadinsky die Augen geschlossen hatte und daß sein Gesicht
+bleich war. Er hatte ihr die Hand gegeben, als er sich neben sie gesetzt
+hatte, das war alles. Sie ihrerseits fand, daß seine Nähe sie nicht
+schreckte und daß sie schweigen durfte.
+
+Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen Gasse. Nadinsky
+mußte alle Kraft zusammennehmen, als sie ausstiegen. Er reichte seiner
+Begleiterin den Arm, doch führte sie ihn mehr als er sie. Er forderte
+zwei Zimmer. Man war beflissen, ihm gefällig zu sein. Er schleppte sich
+mit Mühe die Treppe hinauf, bewahrte mit Mühe die Haltung des Lebemanns,
+den ein flüchtiges Abenteuer beschäftigt. Dem Gebrauch des Hauses
+entsprechend, wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung
+überwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetreßten Livree, hatte
+boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein unveränderliches, abgeschmackt
+einladendes Lächeln auf den dicken Lippen und war demütig. Lukardis
+spürte, wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog. Er deckte den
+Tisch, blieb hündisch lauschend stehen, während Nadinsky mit erschöpfter
+Gleichgültigkeit die Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein
+messender Blick schien zu verlangen, daß die beiden auch wirklich waren,
+was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt; sie hatte ein
+dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sich nicht geben, wie sie
+sonst war; die kindliche Unschuld, von der ihre Miene sonst strahlte,
+mußte sich in Leichtfertigkeit verwandeln; sie mußte gesprächig sein,
+Koketterie zeigen, mußte lachen, mußte den Arm um Nadinskys Schultern
+legen und sich bisweilen auf seinen Schoß setzen, sie mußte
+passionierte, übermütige, verführerische Gebärden haben; was sie nie
+beobachtet, nie zu sehen gewünscht, nie anders als schaudernd bedacht,
+nur durch flüchtige Worte und flüchtige Bilder mit abgewandtem Ohr und
+Auge erfahren, das mußte sie tun, um jenen Menschen zu täuschen, der mit
+Tellern, Schüsseln, Gläsern und Flaschen hereinkam, den Sekt in den
+Eiskübel stellte, die Speisen servierte und dann schweigend, lächelnd,
+hinter niederträchtig gesenkten Lidern spähend auf Befehle harrte. Sie
+mußte es um der üppigen Lichter, der bunten Polster, der spiegelnden
+Wände willen tun, um dieses Hauses willen, dessen lügenhafter Prunk ihre
+Gedanken in Aufruhr versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen
+Zweifel an der Echtheit und Natürlichkeit ihres Benehmens erregen; alles
+mußte wie von ungefähr sein, raffiniert und durchsichtig, ohne Zaudern
+und ohne Hast; sie mußte von den Speisen essen, sie mußte Wein und
+Champagner trinken, sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der
+Diener draußen war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken, aber das
+volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte. Des Genusses geistiger
+Getränke durchaus ungewohnt, ward ihr bang und schwer zumut, und es
+kostete sie immer größere Anstrengung, die Rolle durchzuführen, die sie
+mit solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft der Kellner
+das Zimmer verließ, erhob sie sich; in ihrem Gesicht löste sich die
+furchtbare Spannung, um einem Ausdruck der Verstörtheit und der
+angstvollen Erinnerung Platz zu machen, denn ihr war, als seien viele
+Jahre verflossen, seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky
+schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick an, suchte sie
+wie hinter Masken, beklagte sie stumm, klagte sich selbst mit einer
+Gebärde an und es wurde ihm nicht leicht, das studierte Lächeln wieder
+auf seine Lippen zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser
+zurückkehrte.
+
+Als der Tisch abgetragen war, kam eine Magd, die ein weißes Häubchen auf
+dem Kopf trug; sie war jung und sah alt aus, ihr Gesicht war fahl vom
+beständigen Leben im Lampenlicht und in schlecht gelüfteten Räumen. Sie
+hatte Wasser zu bringen, das Feuer im Ofen zu nähren und nach den
+Wünschen des Paares zu fragen; sie redete mit süßlicher Stimme, aber
+ihre Züge waren versteinert vor Haß gegen die obere Welt, gegen die, die
+da kamen, um verächtlichen, eiligen Genüssen zu fröhnen. Die Knie
+wankten Lukardis, wenn sie den Blick auf die Person richten mußte, und
+sie schämte sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses und ihrer
+Schultern. Endlich war auch diese Prüfung vorüber und sie konnte die Tür
+zusperren; sie waren allein. Von einer Turmuhr schlug es zehn Uhr. Die
+aushallenden Klänge vibrierten durch das Gemach. Nadinsky ging ins
+andere Zimmer zu dem Doppelbett, über welches ein blauseidener Baldachin
+gespannt war; er fiel kraftlos darauf nieder. Erst nachdem er eine
+Viertelstunde geruht, konnte ihm Lukardis beim Auskleiden helfen. Die
+Decke bis an die Brust gezogen lag er mit nacktem Oberkörper da. Es ist
+ein Mensch, sagte sich Lukardis, der plötzlich die Tränen in die Augen
+stiegen, und mit einer Art von Schrecken erinnerte sie sich an das
+rotwangige Antlitz Alexander Michailowitschs, ihres Verlobten. Sie
+wusch Nadinskys Wunden und erneuerte den Verband. Nadinsky spürte die
+zarte Hand wie man in einem Halbtraum Wohlgerüche spürt; zu danken war
+er nicht fähig; er fürchtete ihr Auge, er fürchtete sie zu beleidigen
+durch einen Blick des Dankes, er wünschte, sie möchte ihn nur als Leib
+ansehen, als Gegenstand ohne Gesicht und ohne Gefühl. Und so wie sie,
+halb entsetzt und halb erbarmend dachte: ein Mensch, so dachte er, halb
+beseligt und halb in Angst um sie: ein Wesen.
+
+Er schlief ein. Lukardis setzte sich in einen Sessel und rührte sich
+nicht. Sie hatte in ihrem Täschchen ein Buch mitgenommen, aber sie
+wußte, daß sie nicht würde lesen können. Sie versuchte, an ihre Mutter,
+an ihren Vater, an ihre Freundinnen, an den letzten Ball, an die Oper zu
+denken, die sie zuletzt gehört, aber sie konnte nicht denken, alles
+verschwamm, alles enteilte. Sie hörte Nadinskys tiefe Atemzüge, sie sah
+sein blasses, hübsches, von Schmerzen ermüdetes Gesicht, aber auch er,
+den sie pflegen und bewachen sollte, war ihren Gedanken kaum erreichbar.
+Ihr schien, daß von ihrem Platz bis zu seinem Bett ein Weg von vielen
+Meilen sei. Sie lauschte. Sie vernahm Kichern auf der Treppe und
+schlürfende Schritte im Flur. Stimmen, Frauen- und Männerstimmen,
+drangen gedämpft durch die Wände, auch von oben herunter und von unten
+herauf. Gläser klirrten, dann wurde ein Klavier gespielt. Es war ein
+Walzer. Eine Saite des Instruments mußte gerissen sein, denn immer, wenn
+eine gewisse Stelle kam, entstand ein Loch in der Melodie wie die
+Zahnlücke im Mund eines Lachenden. Von irgendwoher schallte Geschrei,
+dann schwieg das Klavier, und an der Mauer zur Linken raschelte es. Dann
+war ein Seufzen, bei dem Lukardis das Blut in den Adern gerann. Sie roch
+den aufgespeicherten Parfüm aus verschlossenen Zimmern, sie hörte das
+Rauschen von Gewändern und wie man Türen öffnete und wieder schloß. Die
+Laute riefen Bilder hervor, sie konnte sich ihnen nicht entziehen, sie
+zitterte, und zitternd mußte sie schauen. So hatte sie die Welt nie
+verstanden, so das Leben nicht geglaubt. Begegnungen im Finstern, Hände,
+die einander fremd waren und einander dennoch hielten, ein Taumeln gegen
+jäh erhellte Spiegel, Übereinkommen in Worten ohne Scham, das Unbekannte
+entschleiert, das Geheimnisvolle leer, die Weihe besudelt, die
+heimlichen Schätze der Phantasie entwertet, ach, sie griff an ihr
+Gesicht, wurde der Schminke auf den Wangen inne und ihr Herz füllte sich
+mit Grauen.
+
+Nadinsky schlug die Augen auf und stöhnte. Sie schritt den meilenlangen
+Weg bis zu ihm und reichte ihm ein Glas Wasser. Als sie seine Stirn
+fühlte und sie heiß fand, legte sie ein feuchtes Tuch darüber. Da
+erwachte er völlig und fing an zu sprechen. Er redete in kurzen Sätzen,
+sprach vom Hospital, vom Professor und von Anastasia Karlowna. Lukardis
+ließ zaghafte Worte in die Pausen fallen. »Morgen werde ich mich kräftig
+genug fühlen, um das Haus zu verlassen,« sagte er. Sie entgegnete: »Das
+ist unmöglich, Sie haben noch Fieber und Anastasia Karlowna erwartet Sie
+erst übermorgen früh um sieben Uhr.« Die sanft gesprochenen Worte
+durchleuchteten ihm ihr Gemüt, ihre bisher ungetrübte Jugend, ihre
+reinen und starken Sinne, aber er gewahrte nicht, daß sie fast beständig
+zitterte. Jetzt wurde das Klavier wieder gespielt, von einer andern
+Hand, roh, tumultuarisch und trunken, und während der ganzen Dauer des
+Spiels sahen Nadinsky und Lukardis einander gepeinigt in die Augen. Es
+war Mitternacht vorüber, und auf einmal wurde drunten dumpf gegen das
+Tor gepocht. Eine Glocke erschallte mit frechem Lärm. Nadinsky richtete
+sich halb empor. Seine Finger krampften sich zusammen, sein Blick war
+voll düsterer Erwartung. Lukardis stand auf und lauschte ohne Atem. Das
+Klavier schwieg. Es währte lange, bis das Tor geöffnet wurde. Schon
+hörten sie Schritte auf der Treppe, schauten entgeistert beide auf die
+Türklinke, harrten auf das Klopfen an die Tür, das ihr fürchterliches
+Los entscheiden mußte, und wirklich drangen Stimmen in hastiger
+Wechselrede bis zu ihnen. Aber dann wurde es still, und ihre Pulse
+begannen wieder regelmäßig zu schlagen. In diesen drei oder vier Minuten
+fühlten sie sich sonderbar vereint, ihre Kraft und ihre Furcht war gegen
+ein gemeinsames Ziel gerichtet, es war ihnen, als würden sie von einem
+Sturmwind in die Luft gehoben und Brust an Brust gegeneinander
+geschleudert, so daß sie sich mit den Armen umfassen mußten, um einer
+dem andern Hilfe zu gewähren beim drohenden Sturz. Lukardis vergaß sich
+selbst und Nadinsky vergaß sich selbst, er spürte nur die Angstglut in
+ihr, Verlust alles Glückes, Schande und Elend, sie aber ergab sich
+seinem Geschick, mutig und jetzt erst ahnend, wofür er sein Leben in die
+Schanze geworfen hatte.
+
+Indessen übermannte den Fiebernden der Schlaf von neuem. Doch konnte er
+festen Schlummer nicht finden, solange die grellen elektrischen Flammen
+ihn blendeten. Aus Rücksicht für Lukardis enthielt er sich, den Wunsch
+nach Dunkelheit zu äußern, aber an der unruhigen Bewegung seiner Lider
+merkte sie, was ihn störte. So löschte sie die Lichter und zündete im
+Nebenzimmer eine Kerze an. Auch sie war müde, die späte Stunde wirkte
+wie ein lähmendes Gift auf sie, und sie sah sich nach einer Lagerstatt
+um. In diesem Raum war kein Bett, nur eine Ottomane; ihr ekelte vor dem
+Plüsch, mit dem das Möbelstück bezogen war. Ihr ekelte auch vor den
+Stühlen und vor dem Teppich. Bei der Schwelle zu Nadinskys Zimmer rollte
+sie den Teppich auf, warf ihren Pelzmantel auf den Boden und legte sich
+hin. Die Kerze ließ sie brennen. Aber so war sie dem Haus näher als
+vordem, hörte sie abgeteilt die bisher verschwommenen Geräusche, einen
+Ruf, ein Gelächter, ein einzelnes Wort, aber sie hörte auch, wie der
+Schnee an die Fensterscheiben schlug, und das milde Knistern beruhigte
+sie; sie hörte die Atemzüge Nadinskys, und dies mahnte sie an ihre
+Verantwortung. Jeder Atemzug knüpfte sie fester an sein Geschick. Die
+Wichtigkeiten ihres früheren Lebens wurden bedeutungslos, was sie dort
+getan, gewollt, gewesen, dünkte ihr kindisches Tändeln. Sehnsüchtig
+blickte sie zurück wie vom Bord eines Schiffes auf die versinkende
+Heimat. Sie schlief und schlief gleichwohl nicht. Nadinsky sprach ihr
+Trost und Mut zu, das war geträumt; er röchelte in einem Fiebertraum,
+das war Wachen. Im Traum war sie über ihn gebeugt und behütete ihn; im
+Wachen war sie an den Boden gekettet und vernahm den mänadischen Schrei
+eines Weibes. Als der Morgen graute, sah sie eine Ratte über den Teppich
+laufen. Das Tier schien phantastisch groß, daß es sich bewegte, war
+gespensterhaft; sie richtete sich kniend auf und suchte den Himmel
+zwischen den Spalten der Vorhänge. Sie gewahrte nur etwas Graues oben
+und weiter unten ein Fenster, aus welchem ein knochiges Gesicht lugte.
+Eine Sekunde zermalmender Hoffnungslosigkeit; sie schlich, nein,
+flüchtete zu Nadinskys Lager. Sein rechter Arm hing schlaff herab,
+Schweiß perlte auf seiner Stirn. Sein Anblick war ihr erschreckend
+fremdartig; schmerzlicher Haß loderte in ihrer Brust. Doch gab es auf
+der Welt keinen andern Menschen mehr, den sie so anblicken konnte; sie
+hatte viel von ihm zu fordern, ja alles, ohne ihn blieb ihr nichts übrig
+in der Welt als dieses Haus.
+
+Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange sie in den Zimmern
+bleiben wollten; es war nicht gebräuchlich, sie länger als eine Nacht zu
+benutzen. Anastasias Plan war gewesen, daß sie sich über Mittag
+einschließen und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie wünschten auch
+die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck sollten sie dem
+Diener und dem Stubenmädchen ein Goldstück geben. Aber man brauchte
+frisches Wasser für die Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung.
+Es mußte auffallen, wenn sie zu früh läuteten, und wie sollten sie das
+Verweilen über den ganzen Tag rechtfertigen? Nadinsky war mit offenen
+Augen wortlos dagelegen, jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er
+bat sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei
+Goldstücke seien zu wenig, meinte er, man müsse fünfzig Rubel geben;
+Lukardis erwiderte, das verschwenderische Übermaß werde Verdacht
+erregen, und man müsse gewärtigen, daß der Eigentümer käme, um zu
+spionieren. Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war ihr
+Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches gewesen. Sie
+verhandelten beide mit äußerster Kälte, doch ihre Stimmen klangen
+erstickt. Eine Bemerkung Lukardis über das gemeine Gesicht des
+Aufwärters veranlaßte Nadinsky, ihr, spöttischer als er beabsichtigte,
+zu entgegnen, sie habe gewiß allzu behütet gelebt, wie in Wolle, und von
+denen, die da unten hausten, in Schmutz und bösem Wetter, könne keiner
+ihr Gefallen finden. Es war ein Empörungsversuch gegen das Joch der
+Dankbarkeit, das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sich
+herauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Zügen wechseln zu lassen.
+Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab ihm recht, und er war entwaffnet.
+Ihre Sanftmut rührte ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur
+Grausamkeit an. Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie für
+achtundvierzig Stunden als Gefährtin an seine Seite gezwungen hatte, er
+fand sich schuldig an der Erniedrigung, unter der sie litt und zürnte
+ihr deshalb. Ihm war, als hätte sie, ehe sie ihn getroffen, nur weiße
+Gewänder getragen und von ihren schönen Lippen hallten nur leere Worte
+nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verwöhnten Klasse. Jetzt erst
+wurde er zum wahren Rebellen, jetzt, in ihrer Nähe; seine Verborgenheit
+und seine Flucht kamen ihm schimpflich vor, und er hielt es für
+wahrscheinlich, daß ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum
+sagte er plötzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen; er wolle
+sich zeigen, es läge ihm nichts daran, ja es sei seine Pflicht, das Los
+so vieler Gerichteter zu teilen, die mehr erreicht und mehr gewagt
+hätten als er. Wem könne er noch nützen, nachdem er über die Grenze
+geflohen? Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner unglücklichen
+Schwester nicht.
+
+Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine Gründe konnte sie
+nennen, nur mädchenhafte Argumente finden. Aber als er verstockt blieb,
+nahm sie einen gebieterischen Ton an und sah aus wie eine junge Königin.
+Plötzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte gehört. Sie hob den
+Zeigefinger der rechten Hand und preßte ihn auf ihren Mund. An der Tür
+stand jemand und lauschte. Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und
+Nadinsky senkte den Kopf. Da entschloß sich Lukardis zu dem, was nötig
+war. Sie schritt auf den Zehen zur Tür, schob den Riegel auf, eilte
+dann gegen das Bett zurück, schlüpfte schnell unter die Decke neben
+Nadinsky, zog die Decke bis an ihren Hals, griff nach dem Knopf der
+elektrischen Klingel, der an einer langen Schnur zu ihren Häuptern
+herabhing und läutete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der Tür
+klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der Tür stehenbleibend,
+mit nornenhafter Düsterkeit Nadinskys Befehl, frisches Wasser zu bringen
+und den Kellner zu rufen, damit man das Frühstück bestellen könne. Sie
+holte zwei Krüge voll frischen Wassers und dann kam der Aufwärter. Sein
+lauernder Blick durchmaß den Raum und auch den andern, soweit er ihn
+erspähen konnte, und es war Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit
+denen sie im Bett lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen
+geeignet war. Sie schloß die Augen, denn diesen Menschen zu sehen war
+ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die Fünfzigrubelnote wieder genommen und
+gab sie jenem. »Zwanzig sind für das Mädchen, dreißig für dich,« sagte
+er in einem bemeistert lässigen Ton, »wir wollen noch bis morgen früh
+bleiben, wenn es geht.« Der Aufwärter verbeugte sich fast bis zur Erde;
+ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet. Auch die Magd, die
+Kohlen in den Ofen warf, kam herzu und wollte Nadinsky die Hand küssen.
+Er wehrte sie ab. »Wenn es den Herrschaften gefällt, ist sicher nichts
+einzuwenden,« sagte der Kellner mit einer katzenhaften Gebärde und
+blinzelte. Nadinsky verlangte ein Frühstück. Es dauerte eine
+Viertelstunde, bis der Tee mit allem Zubehör gebracht wurde. Indessen
+lag Lukardis wie auf glühendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas,
+das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gefühl, aus Kummer und Furcht
+gemischt, und ihr Antlitz überzog sich mit tödlicher Blässe. Nadinsky
+rührte sich nicht, ihre Empfindung teilte sich ihm mit, er begriff ihre
+Qual und vermied es, die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufwärter hatte
+den Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und entfernte
+sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte Lukardis die Decke
+weg und erhob sich wie vor Feuer flüchtend. Sie verriegelte die Tür und
+öffnete ein Fenster. Ihr Haar hatte sich gelöst, sie ließ es ruhig
+hängen, denn es bedeckte ihre entblößten Schultern. Eine Stunde früher
+hätte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen mögen, doch seit sie neben
+ihm gelegen, hüllenlos trotz aller Hüllen, preisgegeben ohne Maß,
+empörten Blutes, seiner Gnade völlig überwiesen, war es nicht mehr von
+Belang, daß die Haare von ihrem Haupt herabhingen.
+
+Als das Zimmer von frischer Luft erfüllt war, schloß sie das Fenster und
+sagte zu Nadinsky, es sei notwendig, den Verband zu wechseln. Schweigend
+entledigte er sich des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis
+unkundiges Auge konnte es feststellen, daß die Heilung der Wunde
+beträchtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein Fieber mehr.
+Lukardis war schon gewandter als gestern im Legen und Knüpfen der Binde,
+und nachdem sie die Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und
+Brot. Er wünschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte. Sie
+selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie dem Körper wegen
+seines Hungers. Im Hause war es sonderbar still. Auf der Straße rollten
+Wagen und schrien Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis
+begab sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus, um kein
+Geräusch zu machen und ging stundenlang auf und ab, wobei sie in beiden
+Händen Strähnen ihres Haares hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann.
+Manchmal betrachtete sie die Bilder an den Wänden, ohne sie wirklich zu
+sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan zwischen ihren Knien
+hielt. Neben der Tür hing ein anderes: ein deutscher Student mit einem
+Ränzel auf dem Rücken schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen
+Fenster ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen schaut. In den großen
+Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegenüberliegenden
+Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer endlosen Folge von Räumen; in
+allen Räumen war die Leda in ihrer häßlich fetten Nacktheit und der
+sentimentale Student und viele, viele Male das Bett mit dem
+schlummernden Nadinsky und darüber ein Bild des Kaisers Nikolaus, viele
+Male bis in dämmernde Ferne. Oft stand sie auch am Fenster und sah die
+Wagen und die Kinder, den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter trüben
+Fensterscheiben und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male
+wiederholte bis in dämmernde Ferne. Wo war die Welt hingeschwunden? Wo
+war alles, was sie geliebt, mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie
+selbst, Lukardis, die in einem zierlichen Mädchenboudoir gelebt? Wo
+Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte und immer
+lächelte? Und wo war das glänzende Moskau mit den verlockenden Auslagen
+seiner Läden, den freundlichen Bekannten, die man überall traf, den
+eleganten Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt
+hingeschwunden? Sie sah nur den Mann, der in den vielen Räumen vieler
+Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich, in vielen Spiegeln die Wunde
+auf der weißen Haut, und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert
+folgen mußte.
+
+Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch lange, wie lange,
+konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky erwachte. Er setzte sich
+aufrecht, und sie näherte sich ihm zögernd. Mit unerwarteter
+Entschiedenheit sagte er, sie müsse gehen, wenn die Dunkelheit
+eingebrochen sei, er fühle sich jetzt kräftig genug, um allein zu
+bleiben und werde dem Kellner zu verstehen geben, daß sie in der Nacht
+zurückkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand mehr darum
+kümmern. Lukardis schüttelte den Kopf. Sie antwortete, es geschehe
+ebensowohl um ihret-, als um seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde
+sei erst im Beginn des Vernarbens und müsse mindestens noch zweimal
+gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging und ihn darnach ein
+Unglück traf, würde sie nie wieder schuldlos atmen können. Nadinsky
+schaute forschend in ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so daß
+sie ihm die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide. Es war
+wie eine beglückende, aber unheilvolle Verwandlung, die jeder in des
+andern Augen erlitt. Da trat Lukardis klopfenden Herzens vor einen der
+Spiegel und steckte ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten
+dabei. Wenn er ihr jetzt befohlen hätte, zu gehen, hätte sie
+wahrscheinlich keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing er an, zu
+klagen, daß er nicht den ehrlichen Tod im Kampf gestorben; was wolle er
+in den fremden Ländern, ewig wandernd, ewig den nagenden Gram um die
+gequälten Brüder in der Seele und mit der Sorge um das bloße Leben? Denn
+er sei nicht reich, habe viele Schulden und das mütterliche Gut sei in
+Gläubigerhänden. Durch so viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis
+still vor dem Spiegel stehen und schaute ihr übernächtiges Gesicht an.
+Er fuhr fort und schmähte seine Tat; er habe nicht gewußt, was er auf
+sich genommen, es sei ein Trieb gewesen, kein Entschluß; so seien Helden
+nicht beschaffen, daß sie sich dem Ungefähr auslieferten, um zermalmt zu
+werden. Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihm in
+diese Kloake der großen Stadt geflohen, habe sie in klarer Erkenntnis
+gehandelt oder nicht vielmehr sich hinreißen lassen durch ein Gefühl,
+dem Mitleid nachgegeben, dem Reiz des Absonderlichen, der Verführung
+einer schwärmerischen Freundin? Sei sie nicht erschüttert und
+durchwühlt, von medusischen Visionen aller Kraft beraubt? »So sind wir
+alle,« rief er zum Schluß und warf sich in die Kissen zurück,
+»Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler der Phantasie, Opfer des
+Augenblicks, Getäuschte unserer Taten.«
+
+Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines Bettes. Ruhig und
+fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr Auge leugnete seine Worte, im
+Ausdruck ihrer Züge war eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die
+göttliche Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines Herzens zu
+Hilfe käme. Ein Strahl von Glück flog über Nadinskys Stirne, und sein
+zweifelsüchtiger Geist beugte sich beschämt. Unbeirrbare Zuversicht
+strömte von ihr aus und trug ihn über Stunde und Raum hinweg. Es
+dunkelte und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu sprechen.
+Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die Komödie wieder spielen
+mußten, die das Haus forderte, machte Lukardis Licht, zog die Gardinen
+zu und ging ins zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte.
+Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht in die Ärmel
+seines Rocks zu schlüpfen imstande war. Wie am Abend vorher wurde das
+Diner serviert; wie am Abend vorher bediente der Aufwärter in
+silberbetreßter Livree, noch demütiger, noch abgeschmackter lächelnd,
+noch wachsamer hinter seiner heimtückischen Grimasse. Unlustig aßen sie
+und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre Hände waren bewegt,
+lautlos gehorsame Geister huschten sie hin und her, den Augen des
+Spions Harmlosigkeit vorlügend. Lukardis spielte ihren Part heute
+schlecht; ihr Lachen klang gekünstelter, ihr Getändel weniger glaubhaft.
+Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer Pause, wo
+sie allein waren, zuflüsterte, sie wollten streiten. Er erfand den Namen
+einer Gräfin und behauptete, das Perlenkollier, das die Gräfin Schuilow
+beim letzten Jour der Fürstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen.
+Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene an und beharrte auf
+seiner Meinung. Eine glühende Röte überzog Lukardis Wangen, denn diese
+Heuchelei innerhalb der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle
+Furcht vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte den
+Sekt in die Gläser, und seine Miene zeigte ein albernes Bedauern, als
+sei er nur an täubchenhaftes Girren gewöhnt. Zum Schluß erhob sich
+Nadinsky unmutig und herrschte den Kellner an, er möge abräumen.
+Lukardis bittender Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue
+er sein Ungestüm und schritt mit ausgestreckten Händen auf sie zu. Der
+Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls auf und schmiegte nun
+den Kopf an seine Schulter, aber nur, um ihm zuzuraunen, er dürfe nicht
+vergessen, für den nächsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky
+nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag, der Wagen sollte
+um die sechste Morgenstunde am Tor sein. Der Mensch verbeugte sich
+schweigend und wollte gehen.
+
+Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. Ein zweiter, ein
+dritter Schrei folgte. Lukardis faltete erschrocken die Hände, und
+Nadinsky blickte unruhig zur Tür. Der Kellner hatte die Tür geöffnet; er
+trug eine metallne Platte und hielt die Tür offen. Ein halbnacktes
+Frauenzimmer stürzte vorüber. »Die Tür schließen,« hauchte Lukardis wie
+entseelt. Da krachte ein Schuß. Das schauerliche Brüllen eines Mannes
+erfüllte das ganze Haus. Nadinsky schob den Aufwärter über die Schwelle
+und schlug die Tür zu. Ein paar Minuten lang blieb es still, dann gings
+treppauf, treppab in schnellen, bestürzten Schritten. Stimmen murmelten,
+eine befehlende Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von
+oben. Darnach kam ein so herzzerreißendes Schluchzen, daß Lukardis
+händeringend zur Ottomane lief und sich, das Gesicht vergrabend, darauf
+niederwarf. Auch auf der Straße schien es nun lebendig zu werden. Es
+wurde ans Tor gepoltert. Man hörte deutlich die Stimme eines Polizisten.
+Im Flur tönten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen würde. Der Diener
+kam herein; mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Nadinsky und
+sagte: »Ich bitte Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die
+Dame, sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur passiert. Eure
+Exzellenz werden nicht mehr gestört werden.« Darauf verschwand er.
+Nadinsky trat zu Lukardis, setzte sich neben sie und streichelte mit
+bebenden Händen ihr Haar. Zusammenschauernd bei seiner Berührung, erhob
+sie den Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von ihr und
+war des Lebens überdrüssig. Sturm rüttelte an den Fenstern und
+plötzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder das Klavier, derselbe Walzer
+wie gestern mit derselben zahnlückigen Melodie. Aber lag nur ein Tag
+dazwischen? nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem
+verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und Stimmungen des
+Daseins vorübergetragen, Lust und Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung
+und Enttäuschung, Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies schon
+das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eine unendliche, geheimnisvolle
+Nacht? Nadinsky war es zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er
+die Barrikade erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue
+Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen getreten
+sei, als ob die frühere Existenz mit allen ihren Beziehungen von ihm
+losgelöst sei und als ob er in dieses Haus gekommen wäre, um sein
+eigentliches Schicksal auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft
+geschieden, ja ohne Brücken dahin und dorthin.
+
+Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer Weile kam
+Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur im Speisezimmer brannten die
+Lampen. In den Spiegeln dehnten sich die Räume grau und unbestimmt.
+Lukardis sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch voll,
+und nachdem Nadinsky sich entblößt, wusch sie die Wunde. Während sie aus
+ihrer Handtasche das frische Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und
+als Nadinsky verbunden war, bat er, sie möge ihm vorlesen. Sie setzte
+sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren Lermontows
+Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie gelesen, da fielen ihre Arme
+schlaff nieder, der Kopf sank zur Seite und der Schlaf überwältigte sie.
+So ohne Widerstand und Übergang entschlummern Kinder; Nadinsky hütete
+sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen an ihrem Antlitz, und es
+war ihm, als müsse sein eigenes Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks
+teilnehmen, welchem ihre Züge unterworfen waren. Wunderbarer Friede kam
+in sein Gemüt. Er streckte die Glieder und atmete wie in der Luft eines
+Gartens. Nun regten sich ihre Lippen. Sie flüsterte, sie lächelte
+zärtlich, die Hände ballten sich und das Buch fiel von ihrem Schoß auf
+den Teppich. Sie erschrak, öffnete die Augen, ein entsetzter Blick flog
+durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie weiter. Doch nun schien
+die Gewalt des Schlafes immer größer zu werden, der Oberkörper verlor
+das Gleichgewicht, sie wäre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht
+in seinen Armen aufgefangen hätte; er umschlang ihre Schultern und legte
+die Schläferin vorsichtig quer über sein Bett. Ihre Beine blieben auf
+dem Sessel liegen, ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme
+waren über dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich in starken
+Rhythmen. Allmählich fühlte sich Nadinsky beschwert, das Blut in den
+Schenkeln stockte und er hatte Mühe, so regungslos zu bleiben wie am
+Anfang. Er ließ sich langsam auf die Kissen zurückfallen, schob die
+Hände unter die Decke und unter den Rücken des Mädchens und versuchte,
+die Schlummernde auf diese Art zu stützen. So gelang es ihm, sich
+Erleichterung zu schaffen; einmal trugen die Arme, einmal die Schenkel
+und Knie die Last. Dabei empfand er eine glühende Freudigkeit, nicht
+nur, weil er ihr die Sorgfalt und Mühe vergelten konnte, sondern auch,
+weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als Kreatur, so unbedingt in
+seiner Hut. Oftmals betrachtete er sie, gedankenvoll entzückt, und ihr
+Leben, ihr Schlaf, ihr unbewußtes Dasein, die Gliederung des
+Menschenkörpers, an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen das
+Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglückendes Gefühl der
+wiedergewonnenen Herzenskraft.
+
+Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel einer auf der Straße
+vorübermarschierenden Militärpatrouille sie erweckte. Nadinsky hatte
+sich eben zum Sitzen aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem
+sich eine dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen heiter
+strahlen zu wollen, dann hüllten sie sich in Schleier der Scham; sie
+stieß einen hellen, kleinen Schrei aus, sprang empor, und ihr Gesicht
+war wie mit Blut übergossen. Sie drückte die Hände gegen die Brust und
+sah stumm vor sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als
+Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgültige Worte ab,
+erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. Sie antwortete
+zerstreut, und ihre Miene war bald scheu und ängstlich, bald dankbar und
+heimlich fragend. Zum letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde
+Nadinskys, und während sie es tat, hatte sie Mühe, ihre Fassung zu
+bewahren; die Welt draußen erschien ihr wie der aufgesperrte Rachen
+eines Tieres. Die Uhr zeigte ein Viertel vor sechs, sie mußten ihre
+Vorbereitungen treffen. Nadinsky war immer stiller und stiller geworden;
+als er angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr blaß.
+Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, ihm
+gegenüber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel an und die Handtasche
+stand zu ihren Füßen. So warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken,
+bis es Zeit war, daß sie gehen konnten.
+
+Endlich vernahmen sie von der Straße her das Knattern von Wagenrädern,
+und bald darauf klopfte es an die Tür. Der Kellner trat ein, diesmal
+ohne Livree; er trug einen verschmierten Schlafrock, die Haare hingen
+ihm in öligen Bündeln über die Stirn und sein Gesicht war mürrisch und
+böse. Er präsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, gab auch gleich das
+Fahrgeld für den Kutscher, dann gingen sie hinab. Zwei Eimer voll
+Kehricht standen am Fuß der Treppe, und auf der Torschwelle lag ein
+schwarzer Hund, der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch
+war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den langen Weg.
+
+In einem der inneren Räume des Bahnhofs stand Anastasia Karlowna an
+einer Säule. Sie begrüßte die beiden und fragte nach Nadinskys Befinden.
+Dann übergab sie ihm den Paß und einen Koffer, der die notwendigen
+Gegenstände für die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, und
+Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus,
+schritt auf Lukardis zu und reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare
+Schwäche im Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das
+Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere Hand, die linke mit
+seiner linken, und die vier Hände lagen beieinander wie Glieder einer
+geschmiedeten Kette. So verharrten sie einen Augenblick und erschienen
+sich selbst als Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte
+warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem Gang zum Waggon
+zurück und klomm die Treppe hinauf. Er trat ans Fenster, in dessen
+schwarzer Umrahmung und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein
+kreideweißer Fleck. Nun ertönte die Pfeife, und langsam rollte der Zug
+aus der Halle.
+
+Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in Tränen aufgelöst.
+Die Frau hatte nicht gewagt, ihrem Gatten von dem Brief der Tochter
+Mitteilung zu machen und ihm deren Verschwinden durch mühevolle Listen
+verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung zwischen
+Lukardis und der Mutter, eine Szene, bei der die taubstumme Frau in der
+erregtesten und flehendsten Weise gestikulierte, während das Mädchen nur
+den Kopf schüttelte und mit keinem Laut, keiner Gebärde sonst
+antwortete. Allmählich wurde die Generalin von einer heftigen Sorge um
+Lukardis ergriffen, die sich in Bestürzung verwandelte, als Lukardis
+sich beharrlich weigerte, den Staatsrat Kussin zu sehen, der für einige
+Tage nach Moskau gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht,
+sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die Verlobung
+mußte gelöst werden, und beflissener noch als zuvor wich Lukardis den
+Menschen aus, den Freunden, den Fremden, der Mutter, dem Vater, den
+Schwestern. Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die
+Ärzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die Generalin
+mit ihr nach Paris, später ans bretonische Meer. Eines Nachts
+überraschte die Mutter sie, wie sie auf den Fliesen der Terrasse ihres
+Zimmers lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit
+weitgeöffneten, unbeschreiblich strahlenden Augen in den gestirnten
+Himmel schaute. Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer
+grenzenlosen, den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit.
+
+Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, er lebe auf einer
+Farm im westlichen Kanada. Niemals hat Lukardis seinen Namen erfahren,
+niemals er den ihren.
+
+
+
+
+Ungnad
+
+
+Länger als zwölf Jahre dauerte nun die Liaison zwischen Erasmus Ungnad
+und Gräfin Marietta Giese, und Georg Ulrich Castellanis boshafte
+Bemerkung, es sei bald an der Zeit, sie in die Galerie berühmter
+Liebespaare einzureihen, zeigte zum mindesten den Grad der Verwunderung
+unter manchen Freunden an, vom Mißfallen anderer zu schweigen. Doch die
+Freunde hatten so wenig Einfluß darauf wie die Familie, die Rücksicht
+auf die Karriere so wenig wie der Gedanke an persönliches Behagen. Im
+Grunde stand man vor einem Rätsel. Erasmus war nichts weniger als ein
+Toggenburg; Ausharren war sonst seine Stärke nicht; Marietta nichts
+weniger als ein Käthchen, im Gegenteil, eine Frau von Welt, ein
+überlegener Charakter.
+
+In gewissen Zeitabständen erfolgte ein Bruch. Beiden schien es jedesmal
+damit Ernst zu sein. In kameradschaftlichen Auseinandersetzungen,
+brieflich oder mündlich, verständigten sie sich, daß es für das Wohl des
+andern wünschenswert und notwendig sei, wenn sie auseinandergingen und
+daß es der gegenseitigen Achtung zum Vorteil diene, wenn es in Frieden
+und Herzlichkeit geschähe. Sie gaben einander in aller Form frei; zwei
+Monate darauf war gewöhnlich die Verbindung wieder hergestellt. Erasmus
+Schwester Francine wußte in solchen Fällen keine triftigere Erklärung,
+als daß sie Marietta eine dämonische Natur nannte. Drei Jahrhunderte
+zurück, und sie hätte sie in ihrer Erbitterung öffentlich der Hexerei
+angeklagt.
+
+Nach seiner Rückkunft aus Japan im Jahre 12 schien die Loslösung
+nachhaltig zu sein. Er hatte in Tokio einen vielbeneideten
+Vertrauensposten bekleidet; sein Chef, der Minister des Äußern, großer
+Herr damals, Leuchte der Diplomatie, der er für seinen Teil und für
+seinen Monarchen, zum letztenmal wahrscheinlich für alle Zeiten, zu
+einem Triumph unter den europäischen Mächten verholfen hatte, hielt
+große Stücke auf ihn und war dem gräflich Ungnad'schen Hause außerdem
+wohlgesinnt. Diese mächtige Hand eröffnete ihm die glänzendsten
+Aussichten; er war zunächst zu einer hervorragenden Stellung bei der
+Botschaft in London bestimmt; das Diplom des Gesandten winkte in nicht
+allzuweiter Ferne. Francine schwamm in Hoffnung und entfaltete alle ihre
+Kräfte, um eine vorteilhafte Heirat zustande zu bringen. Der Moment war
+so günstig wie er nie gewesen. Zwei Projekte waren in den Vordergrund
+gerückt. Das eine betraf eine junge Baroneß Spielberg, die von Seite
+ihrer Mutter, einer Amerikanerin, enormen Reichtum zu erwarten hatte;
+das andere die zweitälteste Tochter der Rienburg-Rhedas, Komteß
+Sebastiane, zweiundzwanzig Jahre alt, schön, anziehend und, wie Francine
+erfahren hatte, noch von Rom her, wo Erasmus unter Graf Rienburg-Rheda
+Legationssekretär gewesen war, in ihn verliebt. Zudem gehörten die
+Rienburg-Rhedas zum begütertsten Adel des Landes; sie verfügten über
+soliden und alten Besitz an Grund und Boden, Häusern, Schlössern,
+Wäldern, Wässern, ererbtem und erheiratetem Besitz, in hundertjährigen
+Traditionen gefestigt wie die Hausmacht der großen Dynasten.
+
+Beide Projekte zerschlugen sich. Erasmus' Schuld am Mißlingen war nicht
+zu durchschauen. Im einen Fall hatte er sich nicht entscheiden können,
+im andern hatte er sich überhaupt nicht vorgewagt, so daß man es
+wenigstens mit der Familie nicht verdorben hatte und niemand
+bloßgestellt war. Die kleine Hortense Spielberg hatte er hingehalten und
+ihr den Kopf verwirrt, hatte immer wieder Erwartungen in ihr erregt, um
+sie immer wieder zu enttäuschen, bis sie in einem Zustand hysterischer
+Überreizung erklärt hatte, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Bei
+Rienburg-Rhedas war er eine Woche lang zu Gast auf dem südmährischen
+Gut; am dritten Tag raffte ein Schlaganfall den Grafen hin, und er, den
+Unglücks- und Todesfälle in eine lächerliche Panik versetzten, reiste
+unverrichteter Dinge wieder ab. Das Ende vom Lied war gleich darauf die
+Versöhnung mit Marietta.
+
+Francine war verzweifelt. Sie malte ihm die Folgen aus. Es war zu
+befürchten, daß der Minister seine Hand von ihm abzog. Oft schon war
+seine Laufbahn durch diese Frau gefährdet gewesen. Francine erinnerte
+ihn daran, wie sie eines Tages plötzlich in Petersburg erschienen sei
+und ihm Verdrießlichkeiten bereitet habe; oder den Winter darauf bei der
+Monarchenzusammenkunft in Berlin; sie rief ihm die Worte ins Gedächtnis,
+die ihm vor drei Jahren seine Tante, die kluge Terese Klingenberg
+geschrieben: daß ein Mann, der im politischen Leben wirke, um keinen
+Preis seinen privaten Wandel meskiner Nachrede darbieten dürfe; entweder
+müsse alles so verschleiert sein, daß die Neugierde niemals dahinter
+kommen könne, oder es müsse eine klare Eindeutigkeit walten, so oder so;
+nichts sei geeigneter, die Öffentlichkeit gegen einen Diplomaten zu
+verstimmen als ostensible Herzenspassionen.
+
+Sie las ihm die Stelle vor; sie hatte den Brief aufbewahrt. Sie
+erschöpfte sich in stundenlanger Beredsamkeit. Sie zitierte Urteile,
+Prophezeiungen, Meinungen seiner nächsten Freunde über ihn und
+hauptsächlich über Marietta. Sogar der unbeträchtliche Ferry Sponeck
+mußte herhalten. Ihre Leidenschaft stammte aus der Liebe zu Erasmus, aus
+der Sorge um ihn. Er war der Letzte des Geschlechts; sie fühlte sich für
+ihn verantwortlich. Sein Vermögen war gering. Sie hatte in den letzten
+Jahren versucht, es durch Börsenspekulationen zu vermehren; da sie gut
+beraten war und mit Geschicklichkeit operierte, war ihr dies gelungen.
+Aber wenn sie auch Millionen gewonnen hätte, was hätten ihr die
+gefruchtet; das Glück, das sie für ihn im Auge hatte, war ein höheres.
+Der in ihr aufgehäufte Groll gegen Marietta verlieh den Argumenten, mit
+denen sie Erasmus zu Leibe rückte, eindringliche Schärfe. Mit
+Menschenkenntnis sonst nicht eben begabt, entwarf sie, durch Haß
+befeuert, ein Bild von Marietta, das in der Verzerrung noch Züge der
+Wahrheit hatte und abschreckend genug war: Ehrgeizig nannte sie sie;
+eitel; seelenlos; durch Lektüre verbildet; im Bestreben, die große Dame
+zu spielen, durch ihre heikle Situation doppelt herausfordernd; mit zur
+Schau getragener Freiheit nah daran, für eine Abenteuerin zu gelten;
+unergründlich egoistisch und wie alle sehr egoistischen Frauen
+gefährlich sinnlich; längst über die erste Jugend hinaus, auch über die
+zweite bald; getrennt von einem Mann, der ihr alles geopfert, sie auf
+Händen getragen hatte und unglücklich und vereinsamt war, geistig und
+körperlich ein Krüppel.
+
+Francine war kühn. Sie mußte auf verletzende Vergleichung gefaßt sein.
+Sie selbst war ja in heikler Situation. Ihr Schicksal als Weib hatte sie
+von unbehüteten Jahren an andere Wege geführt als die üblichen und
+gebilligten. Nur durch ihre Zähigkeit und Klugheit hatte sie dann doch
+Boden gewonnen und ihre Stellung in der ersten Gesellschaft behauptet.
+Dunkles Schicksal, das in einem von ihr selbst nie ganz begriffenen
+Gegensatz zu ihrem Wesen stand.
+
+Erasmus widersprach nicht. In allem, was auf seine Person zielte,
+pflichtete er ihr bei. Über Marietta schwieg er. Er empfand Francines
+Zärtlichkeit; ihr Ungestüm belästigte ihn. Sie verlangte Versprechungen,
+er weigerte sich. Er erbat sich Bedenkzeit, die Bedenkzeit verstrich,
+und das Ergebnis von Francines Bemühungen war, daß er zu Marietta auf
+ihren Landsitz Eichfurth reiste. Da ging sie zum Minister. Sie vertraute
+sich ihm ohne Rückhalt an, und die Art, wie er ihr lauschte, ließ die
+herzliche Zuneigung für Erasmus erkennen. Er würdigte die Schwierigkeit;
+ihn zu entfernen, hielt er für notwendig wie sie; der Londoner Posten
+kam augenblicklich noch nicht in Betracht, dagegen bot sich die
+Möglichkeit, ihn nach Indien zu schicken; es fand dort eine
+Jubiläums-Feierlichkeit statt; die englische Regierung und der Vizekönig
+hatten die Mächte zur Teilnahme eingeladen, und vierundzwanzig Stunden
+später war Erasmus für die Mission ernannt. Ein Telegramm rief ihn von
+Eichfurth zurück, zehn Tage darauf lief das Schiff aus dem Triester
+Hafen. Francine glaubte ihn wieder einmal gerettet. Jeder verflossene
+Monat war Gewinn. Erasmus war dreiunddreißig, Marietta Giese
+fünfunddreißig; der Zauber mußte binnen kurzem brechen; was die Vernunft
+nicht erreichte, würde die Zeit bewirken. Wenn es auch noch Kämpfe
+kostete, Francine war gerüstet. Indes gelang es ihren hartnäckigen
+Bemühungen, daß man Erasmus von Kalkutta aus, als seine Aufgabe dort
+beendet war, unmittelbar nach London befahl.
+
+ * * * * *
+
+Graf Erasmus Ungnad stand seit seinem einundzwanzigsten Jahr im
+diplomatischen Dienst. Der Weg war der herkömmliche und vorgeschriebene
+gewesen; die Stationen: Rom, Petersburg, Stockholm, Washington, Tokio;
+und nun London. Er hatte viel gesehen, viel gehört; nach seiner Meinung
+viel erlebt. Er kannte das Inwendige der politischen Maschinerie. Er
+hatte gelernt, wie die Hammelherde Volk geleitet wird. Sein Platz bei
+den markanten Begebenheiten war in der Proszeniumsloge. Die
+repräsentativen Pflichten erfüllte er mit genügender Würde.
+Verantwortung war ihm aufgebürdet; er wußte um die Last, seine Haltung
+deutete sie an. Geschlechteralte Zucht machte ihn zum Vorbild für
+Unsichere. Die Gebärde verriet, daß er in seine Rolle hineingeboren war.
+Selbstverständliches Tun und Sein, darauf kam es an; das gelegentliche
+Nachdenken darüber war Verzierung, die man sich in Mußestunden
+gestattete. In der Führung der Geschäfte von unbedingter Verläßlichkeit,
+gewissenhaft wie ein Automat und verschwiegen wie ein Panzerschrank, war
+er überall der Mann des Vertrauens, der Vermittlung und der
+Beschwichtigung. Keinem Menschen fiel es ein, von seinem Geist oder
+seinem Genie zu sprechen, aber seine Ritterlichkeit und Freundestreue
+hatten schwärmerische Lobredner.
+
+Die Ereignisse trugen ihn; die Menschen trugen ihn; die Jahre trugen
+ihn. Es gab keine Stockungen, im eigentlichen Element keine Trübung, nur
+über das Äußere und Betriebmäßige war zuweilen ein Schleier von Unmut
+gebreitet. Aber der Strom floß breit und gefällig dahin. Dem vorwärts-
+wie dem zurückschauenden Blick boten sich dieselben Bilder: geschmückter
+Weg, umfriedetes Revier, Fülle der Verlockungen, Menge der Dienenden,
+erschlossene Welt. In Stunden der Träumerei flammte in seinem sonst
+trägen Gedächtnis auf, was ihm erworbenes und in Sicherheit gebrachtes
+Lebensgut war: ein marokkanischer Himmel, rot vor Bläue; prunkvolle
+Aufzüge, veranstaltet von exotischen Fürsten; feierliche Empfänge;
+illuminierte Säle; militärische Paraden; Frauen, die um Liebe warben;
+fremdartige Landschaft. Aus Japan hatte er ein Tagebuch mitgebracht, das
+er in wenigen Exemplaren für seine Freunde drucken ließ. Es wurde damals
+als die feinste Blüte aristokratischer Lebensauffassung und
+Betrachtungsweise bezeichnet und enthielt zarteste Dinge. Die Art, wie
+Gegenwart und Wirklichkeit erhascht waren, war naiv und aus erster Hand,
+oft ein bißchen einfältig sogar, wie eine Fibel einfältig ist. In der
+Mischung von Bescheidenheit, Wißbegier und unschuldiger Philosophie
+drückte sich Ungnads Wesen sehr liebenswürdig aus. Es waren Fahrten
+darin geschildert, Fahrten auf dem Meer und auf Flüssen, in der Nacht,
+auf Booten mit Lampions behängt, Schauspiele und Wanderungen, Tempel und
+Gärten; von Menschen kaum ein Gesicht, von Schicksalen kaum ein Hauch;
+hingegen Blumen, immer wieder Blumen, Namen von Blumen, Farben von
+Blumen, Gerüche von Blumen; ein umgewandeltes Sinnliches, ließ es das
+sinnlich Gebannte seiner Natur erraten, auch wieviel Trägheit in seiner
+Hingebung war und wieviel Formbeharren in seinem Genießen.
+
+Die vierzehn Londoner Monate vor Ausbruch des Krieges entfalteten alle
+Berückungen seiner Welt. Ununterbrochene Folge von Festen. Der Reichtum
+und die Üppigkeit von Europa, ja des Erdballs hatten sich zur Strahlung
+verdichtet, und er stand mitten im leuchtenden Kern, begnadet und Gnaden
+spendend. Die Künste der Nationen vereinigten sich, der herrschenden
+Kaste zu huldigen, die Tage waren mit Kostbarkeit gesättigt. Feuer des
+Übermuts lag in den Gemütern, das Ungewöhnliche war Nahrung für den
+Gewöhnlichsten, Nüchterne wurden auf lichtverklärte Höhe gehoben und
+sahen den Horizont wolkenlos. Als dann der Wetterschlag einbrach, stob
+alles in atemloser Bestürzung auseinander, und über das rubenshaft
+glühende Gemälde fiel schwarzer Flor, um es auf immer zu verdecken.
+
+Was darnach kam, war trockne Amtsausübung in vorgeschobenen Bezirken,
+eroberten Provinzen, umrasselt von Waffenlärm. Man hatte Mühe, den Kopf
+obenzuhalten. Das Geschrei aus den Lagern hüben und drüben lähmte; der
+Haß verunreinigte wie Schmutz, der kleben bleibt und sich in die Poren
+frißt; die Guirlanden waren weggerissen; die Blöße der Leiber stierte
+einen an; Rausch des Anfangs wurde Scham; eherner Unterbau wankte; die
+kaum merkbare Allmählichkeit, mit der die Existenz ins Enge und
+Sorgenhafte geriet, war entnervend; und so der beständige wütende Sturm,
+der die Blätter vom Lebensbaum wirbelte, die Zweige knickte, die Wurzeln
+ins Zittern brachte. Arbeit gab keine Frucht; der General regierte. Man
+war Figur im Schachspiel, ohne zu wissen, wie die Partie stand. Die Not
+der Länder schrie, des eigenen vor allen; man überredete sich zur Demut,
+suchte Belehrung in der Vergangenheit und wurde erst recht irre, verwob
+persönliches Geschick willig mit dem Ganzen, hoffte, fürchtete, wartete,
+Jahr für Jahr, wartete auf Schlimmes und war doch nicht im entferntesten
+vorbereitet, in der tiefsten Verzagtheit nicht, auf das, was die Zeit
+dann wirklich machte.
+
+Im August des Jahres 18 wurde er mit dem preußischen Oberst Grimm nach
+Armenien entsendet, um Bericht über die Zustände zu erstatten, die der
+feindlichen Propaganda Nahrung gaben. Türkische Offiziere und Beamte
+begleiteten sie, um im Notfall zu vertuschen, was vertuscht werden
+konnte. An vielen Orten wurde ihnen ein künstliches Schaugepränge
+vorgeführt, Blendwerk; zuletzt offenbarte sich das Grauen. Auf der
+Heimreise, man hatte schon die Vorbedeutungen im Blut, schrieb Erasmus
+vom Schiff aus an Francine: »Es war schön, als der Katholikos in
+Echtmiadzin unsere Abordnung empfing. Ich habe nie so herrliche Gobelins
+gesehen und so prunkvolle goldene Gefäße. Der Katholikos war in Gold und
+Purpur gehüllt; der kirchliche Hofstaat, der um ihn versammelt war,
+blendete die Augen durch die Pracht seiner Gewänder. Vor den
+Bogenfenstern des riesigen Saals sah man die schneebedeckten Gipfel des
+Taurus, und alle überragte der mächtige Arrarat. Da schauderte es einen;
+Arrarat; beim bloßen Namen überlief es einen. Aber auf dem Schloßhof
+unten stand eine tausendköpfige Menge, und von ihr stieg ein
+eigentümliches winselndes Brausen empor. Erst glaubten wir, die Leute
+seien zum Gottesdienst gekommen, der dann stattfinden sollte; aber der
+Katholikos wies mit dem Arm hinab und sagte zu mir und Oberst Grimm
+gewendet: sie hungern; sie flehen um Brot; sagen Sie Ihrem Kaiser, daß
+sie hungern. Die türkischen Herren hinter uns duckten sich, und ich
+schaute, während das eigentümliche winselnde Brausen fortdauerte, in den
+Schnee des Arrarat hinüber. Am nächsten Tag sind wir durch die glühenden
+Täler zum Meer geritten, an Ruinen vorbei und über Schlachtfelder.
+Wüste und Weinland grenzen dicht aneinander, manchmal kauert ein mit
+Fetzen bedeckter Mensch vor einem Felsenloch. Als wir an die Küste
+kamen, lag der Ozean märchenhaft blau, aber die Luft war verpestet durch
+zahllose Leichen, die auf dem Wasser schwammen, nackt und in Kleidern,
+viele bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Männer, Weiber und Kinder.
+Die türkischen Truppen hatten wieder einmal ein Massaker unter den
+Armeniern angerichtet und wehrlose Scharen einfach ins Meer getrieben.
+Ich dachte mir: die grandiose Natur, und der Mensch eine Bestie, die sie
+schändet. Der Himmel und das Meer in ihrer Schönheit waren Lüge.«
+
+Er hatte sich mit Oberst Grimm während der langen Reise ziemlich
+angefreundet; der Oberst war ein stiller, vernünftiger Mann; weit
+trätabler als seine preußischen Landsleute, fand Erasmus. Als er sich in
+Budapest von ihm verabschiedete, stand auf dem Bahnsteig, drei Schritte
+von ihnen, ein Soldat, ein deutscher Soldat, abgerissen und verludert;
+stand da und starrte dem Oberst, ohne ihm den militärischen Gruß zu
+geben, frech ins Gesicht. Der Oberst sah ihn an, seine Stirn rötete
+sich, er machte Miene, auf ihn zuzugehen, besann sich plötzlich, senkte
+vor Erasmus den Blick zu Boden und sprach mit Aufwand aller
+Selbstbeherrschung von etwas Gleichgiltigem.
+
+Diese Szene wollte Erasmus nicht aus dem Gedächtnis, während er allein
+die Reise fortsetzte.
+
+Man war bedroht. Unheimliches geschah, und man wußte nicht, wie man sich
+seiner erwehren sollte. Man befand sich auf einer gewissen Höhe,
+unangreifbar, unerreichbar. Man genoß verbrieften Schutz von altersher.
+Die Sicherungen waren bewährt und tragfähig gewesen bis jetzt. Man war
+gewohnt, viel Raum um sich zu haben. Raum feite, Raum trennte. Die
+andern, die Leute, bewegten sich weit draußen. War doch schon ihr
+respektvolles Aufmerken bisweilen lästig. Man konnte unbeschränkt
+verfügen: über bezahlte Menschen, über die Stunden, über die Dinge. Die
+Dinge schmiegten sich schmeichelnd in die Hand, die unter ihnen wählte.
+Und das Gesetz, das durch die stummen Jahrhunderte geheiligt war,
+schrieb das Maß vor.
+
+Dies wurde auf einmal bestritten, schien es. Vorrechte wurden
+angetastet, die sich auf das Zarteste der Existenz erstreckten, auf
+unentbehrliche Schattierungen, auf ehrwürdigste Institutionen, auf
+auserlesene Formen, auf Auserlesenheit überhaupt, unleugbare, weil durch
+das Blut bedingte. Einspruch zu erheben, ging schon gegen die Würde.
+Dabei war das widrig Bedrohliche nicht zu fassen. Es war so hämisch, so
+erbitternd unlogisch und schlich in den Winkeln herum, ein feiges
+Gespenst.
+
+Man saß aufrecht und hielt sich bereit.
+
+ * * * * *
+
+Francine war von einem neuen Heiratsprojekt entflammt. Es handelte sich
+wieder um eine Rienburg-Rheda, um die dritte Tochter, die inzwischen
+herangewachsene zwanzigjährige Pauline. Es waren im ganzen vier
+Schwestern. Die älteste, Polyxene, Lix genannt, hatte sich sehr früh mit
+dem Freiherrn von Lerchenfeld-Quadt verheiratet; sie lebte seit einigen
+Jahren, getrennt von ihrem Gatten, bei der Mutter, unbekannt aus welcher
+Ursache. Es hieß, eines Tages sei sie ihm einfach davongelaufen, als er
+in der Trunkenheit zwei Tänzerinnen in die Wohnung mitgebracht hatte.
+Sebastiane hatte ein Jahr nach ihres Vaters Tod einen Grafen Dettingen
+geehelicht, Husarenrittmeister, der bei Luck gefallen war. Sie war
+Mutter von zwei Kindern geworden. Dann waren noch die Komtessen Pauline
+und Aglaia da, letztere erst siebzehn Jahre alt.
+
+Francine hatte den Plan mit Umsicht und in allen Teilen sorgfältig
+vorbereitet. Befreundete Sendlinge waren hin- und hergereist, um die
+Stimmung auszukundschaften, unverpflichtende Anfragen waren gestellt,
+Briefe waren geschrieben worden, deren Taktik an Musterstücken
+verflossener Kabinettsdiplomatie geschult war, und allmählich
+entwickelte sich das Unbestimmte zur Greifbarkeit. Ehe noch Erasmus aus
+Konstantinopel zurückgekehrt war, hatte sie schon die Einladung der
+Gräfin Rienburg für ihn in Händen. Von Tag zu Tag unruhiger wartete sie
+auf seine Antwort, denn es verkündigten sich verhängnisvolle Ereignisse,
+und der politische Himmel war schwarz verhängt wie ein Sarkophag.
+
+An demselben Morgen, wo sie seine Depesche erhielt, erfuhr sie, daß
+Marietta aus Eichfurth in die Stadt gekommen sei. Das konnte nichts
+anderes bedeuten, als daß sie Nachricht von ihm hatte und ihn ebenfalls
+erwartete. Ohne langes Besinnen verfaßte sie eine ungestüme Epistel, in
+welcher sie Marietta auseinandersetzte, daß Erasmus' Zukunft auf dem
+Spiel stehe; daß er zu lange schon seine besten Kräfte und besten Jahre
+damit vergeude, die Ketten abzuschütteln, die sie um ihn geschlungen;
+daß er allmählich in das Alter trete, in dem man aufhöre, für die Frauen
+mitzuzählen; daß er jetzt im Begriff sei, eine glänzende Verbindung
+einzugehen, und daß die Familie, um kein Mittel unversucht zu lassen,
+sich an ihre Einsicht und oft bewiesene Geistesstärke wende, die ihr
+zweifellos den Weg aus dem Dilemma zeigen würden.
+
+Zum Glück las sie den Brief, ehe sie ihn abschickte, ihrer Cousine Nora
+Klingenberg vor, die ihr solchen Schritt entschieden widerriet. »Soll
+denn das alte Spiel wieder von vorne beginnen?« rief Francine erregt
+aus; »Bruch, Versöhnung; Trennung, Reue; Versprechen, einander ewig zu
+meiden und gerührtes in die Arme-Sinken. Es ist nicht länger zu
+ertragen. All die Jahre her ist es so gegangen, man wird zum Gelächter
+der Welt.« Nora Klingenberg hielt der Entrüsteten vor, daß sie mit ihren
+Vergewaltigungsmethoden das Übel verschlimmere; da käme Erasmus erst
+recht aus dem Schwanken und Zaudern nicht heraus. Je verführerischer man
+ihm den Köder bereite, je mehr Kopfzerbrechen verursache ihm das
+Zugreifen; je mehr man ihn überrede, je stütziger werde er. Sie solle es
+listiger anpacken, gelassener, auch mit Marietta. Sie erbot sich, zu
+Marietta Giese zu gehen und mit ihr zu sprechen, als Frau zur Frau.
+Dadurch erwachse vielleicht Verständigung. Francine umarmte sie und
+sagte, sie sei ein Engel. »Laß dir nicht von ihr imponieren,« warnte
+sie; »vergiß nicht, wie sie dir vorigen Winter auf dem Rout bei
+Castellanis über den Mund gefahren ist, als darüber debattiert wurde, ob
+die Lehndorffs oder die Klingenbergs älter seien. Ich versichere dir,
+ihr Großvater Johann Lehndorff hat Geld auf Zinsen geliehen, obgleich er
+Statthalter gewesen ist; und die Zinsen müssen hoch gewesen sein, Georg
+Ulrich behauptet, nie unter zwölf Perzent.«
+
+Aber Baronin Nora kehrte ziemlich niedergeschlagen von dem Besuch
+zurück. Sie berichtete, Marietta sei kühl gewesen, spöttisch, glatt,
+ausweichend, habe sie beständig abzulenken gewußt; habe sie einmal, als
+sie sich einen Anlauf genommen, sonderbar lächelnd angeblickt, und
+nachdem man eine halbe Stunde geredet, habe man im Grunde nichts
+geredet. Sie mache mit einem, was sie wolle, es sei nicht gegen sie
+aufzukommen; wenn man noch beim C halte, sei sie bereits beim Ypsilon,
+und jeder Satz habe zehn Facetten. Im übrigen sei sie hübsch wie nur je;
+als seien fünfzehn Jahre spurlos an ihr vorübergegangen; bestrickend und
+anmutig, das reine Wunder.
+
+Da geriet Francine in helle Wut; auf- und abschreitend fing sie an zu
+schimpfen wie ein Marktweib. Drohte, höhnte; stieß Gegenstände aus dem
+Weg; schwor, daß sie die gefährliche Komödiantin vernichten wolle,
+vergoß Tränen sogar, und die erschrockene Baronin Nora gab sich
+vergebliche Mühe, sie zu besänftigen.
+
+ * * * * *
+
+Graf Ferdinand Sponeck war einer von Erasmus ältesten Freunden. Er war
+in jeder Beziehung steckengeblieben, sowohl was seine Laufbahn als auch
+was seine Entwicklung betraf. Trotzdem vielfache Einflüsse für ihn
+gewirkt hatten, war er in einem der für unfähige Hochtories
+vorbehaltenen Präsidialbureaus kaltgestellt worden. Es ging auf keine
+Weise mit ihm. Er war nicht einmal imstande, orthographisch richtig zu
+schreiben. Erasmus erlaubte sich kein Urteil darüber, ob er wirklich so
+dumm war, wie alle sagten. Er liebte den Umgang mit ihm wegen seiner
+vollkommenen Diskretion.
+
+Mit Männern konnte er sich im allgemeinen schwer verstehen. Sie vermaßen
+sich an ihm. Sie wollten in ihn eindringen und bedachten nicht, daß das
+verletzt. Männer im allgemeinen wußten wenig von dem Grad der
+Verletzlichkeit eines Menschen. Ferry Sponeck hingegen verpflichtete nie
+und insistierte nie. Manchmal plapperte er und erzählte Klatsch; indem
+er seine Nichtigkeiten von sich gab, stimmte er vertrauensvoll; es kam
+einen plötzlich die Lust zu Eröffnungen an, ja zu Bekenntnissen oft; man
+wurde mitteilsam, gerade gegen ihn, der so kindlich erstaunte Augen
+machte, bei ganz verkehrten Anlässen bedauernd den Kopf wiegte und sich
+dann und wann zu einer albernen Zwischenbemerkung aufraffte. Man war
+eigentlich mit sich allein und wurde doch durch Menschenaugen aus sich
+hervorgelockt. Man geriet ins Sprechen, Drückendes wich, wenigstens für
+die Stunde, Vergangenes ordnete sich. Man hatte keine Taktlosigkeiten zu
+besorgen, keine neugierigen Fragen, nicht die klugen Aperçus und
+beunruhigenden Haarspaltereien, die an den Leuten von Geist so
+verdrießlich waren.
+
+Schon am Tage nach seiner Rückkunft sagte er sich bei Ferry Sponeck an,
+der in einem kleinen alten Palais in einer kleinen alten Gasse wohnte.
+Langsam und versonnen ging Erasmus hin. Er spürte das Unheil in der
+Luft. Vor vielen Jahren, in Sizilien, hatte er am Abend vor dem großen
+Erdbeben dieselbe andauernde Qual in allen Nerven empfunden. Er
+erinnerte sich, daß er dann, ins Hotel zurückgekehrt, einen Weinkrampf
+gehabt hatte.
+
+Seine Erregung wuchs, als er Ferry Sponeck bei der Lampe gegenübersaß.
+Dieser braute Kaffee in einer kupfernen Maschine und blies bisweilen in
+die Spiritusflamme, wobei er die Backen voll Luft pumpte und aussah wie
+der Boreas auf alten Bildern.
+
+»Drüben im Ministerium geht alles drunter und drüber,« sagte Erasmus.
+»Sie transportieren Aktenschränke auf den Dachboden und lassen
+Telegramme unbeantwortet liegen.«
+
+Ferry Sponeck seufzte.
+
+Erasmus schaute grübelnd vor sich hin. »Ich verschließe mich der
+Tatsache nicht, wie die meisten unter uns, daß wir leichtsinnig
+gewirtschaftet haben,« sagte er mit seiner trägen und verschleierten
+Kopfstimme; »wir hatten keine Führer; keiner war der Herr. Manche haben
+das Unglück kommen sehen und haben gespottet. Die Schuld ist groß, und
+der Unverstand, und die Blindheit. Aber offene Rebellion, das darf nicht
+sein. Wenn das eintritt, geht die Welt unter. Rebellion ist Satans Werk.
+Rebellion heißt, daß Christus verleugnet und ans Kreuz geschlagen wird.
+Alle zweitausend Jahre, hab ich einmal gelesen, schlagen sie ihn ans
+Kreuz, und jetzt ist bald die Zeit.«
+
+Ferry Sponeck nickte. Der Kaffee schäumte braun unter der Glaskuppel,
+und er drehte bedächtig den Hahn auf. Der kochende Strahl rann schwarz
+in die goldene Tasse.
+
+Erasmus sagte: »Die murren, werden täglich mehr. Noch wagen sie einen
+nicht anzuschauen, aber hinterrücks zücken sie das Messer. Sie tragen
+das Messer aufgeklappt in der Tasche; morgen werden sie auf einen
+losgehen. Hast du auch manchmal ein Klirren im Ohr wie von zerbrochenen
+Fensterscheiben? Es dringt bis in den Schlaf. Und dann hört man
+Geschrei, fernes Geschrei.«
+
+»Du denkst zuviel nach, Mumu,« tadelte Ferry Sponeck liebevoll; bei
+intimen Anlässen nannte er Erasmus Mumu, wie man ihn als Kind gerufen.
+»Bist du denn ein Gelehrter, daß du fortwährend denken mußt? Wir könnens
+nicht ändern, wir beide, wir müssens geschehen lassen.«
+
+Erasmus sprach stockend weiter: »Ich bin einmal von Corfu nach Athen mit
+einem alten Segelschiff gefahren, da sind nachts die Ratten über meine
+Bettdecke gerannt. Es war grausig, und der morsche Kasten ist auch bei
+der nächsten Fahrt gesunken.« Seine Stimme wurde leiser, und er rieb
+nervös die Finger aneinander. »Gefürchtet hab ich mich nicht, aber
+Ratten, das wirst du zugeben, das ist das Ekligste auf der Welt. Im
+Finstern verlassen sie sich auf ihre scharfen Zähne; im Finstern sind
+sie frech. Sie selber sind geschützt, natürlich; durch ihre Zahl sind
+sie geschützt, durch den Unrat und durch das Grausen.« Er machte eine
+Pause und lächelte kränklich und hochmütig. »Einschüchtern darf man sich
+nicht lassen. Keine Schwäche zeigen. Wir, wir haben die Religion; davon
+wissen sie freilich nichts, die Ratten; und das, was man Ehre nennt,
+haben wir. Ehre, das ist wie eine diamantene Kugel. Das Ungnadsche
+Wappen hat eine schöne Devise: #fort et modeste.# Ehestens wird das
+nicht mehr viel bedeuten. Ehestens vielleicht werden sie das Wappen
+zerschlagen. Zerschlagen mögen sie es immerhin; besudeln sollen sie es
+nicht. In dem Glauben kann mich keiner wankend machen, daß alle
+Legitimität von Gott stammt.«
+
+Ferry Sponeck nickte andächtig. Erasmus erhob sich lässig auf den langen
+Beinen und wiederholte mit einer Art Verbohrtheit: »Damit steh und fall
+ich, daß alle Legitimität von Gott stammt.«
+
+ * * * * *
+
+Als ihm Francine von der Einladung der Gräfin Rienburg-Rheda berichtete,
+erklärte sich Erasmus zu ihrer Freude bereit, sie anzunehmen. Er wußte,
+worum es sich handelte; er wußte, daß Francine nur auf das eine Ziel
+hindrängte, und er enttäuschte sie nicht einmal durch ein Kopfschütteln
+oder das obstinate Lächeln, das er bei solchen Gelegenheiten hatte. Die
+Stadt machte ihn elend, er sehnte sich nach Stille und Landschaft. »Ist
+es aus zwischen dir und Marietta?« fragte Francine halb drohend, halb
+ängstlich. Er antwortete: »Es ist schon lange aus.« Darauf Francine,
+entzückt: »Seht ihr euch gar nicht mehr?« Er, kühl und gezwungen: »Ach
+ja, wir sehen uns, aber selten, sehr selten. Zuletzt haben wir uns im
+Juni getroffen.« Francine verbreitete sich nun ausführlich über den
+Charakter der Komteß Pauline, und daß eine Ehe zwischen ihr und Erasmus
+der Gipfel des Wünschbaren sei. Er hörte still zu und sagte dann: »Es
+ist möglich, daß du recht hast, Francine. Du hast ja meistens recht.«
+Francine nahm den Vorteil des Augenblicks wahr und nötigte ihn, an die
+Gräfin zu telegraphieren, daß er an dem und dem Tag kommen würde.
+
+Um gefällig zu sein, willfahrte er ihr. Dann aber fielen ihm die
+Schwierigkeiten ein, und bei jeder einzelnen verweilte er gewissenhaft.
+Man würde unbekannte Leute treffen; er stellte sich solche der
+abstoßendsten Art vor; geschwätzige Personen, zudringliche Personen.
+Verpflichtungen würden entstehen; diesen oder jenen würde man verletzen
+und sich wieder um ihn bemühen müssen; Zwang würde ausgeübt werden; Lärm
+würde sein; irgendeiner würde da sein, der Türen warf oder des morgens
+um fünf Uhr nach der Scheibe schoß, oder mit unendlichem Gerede einen
+Hund abrichtete; Utensilien waren zu kaufen, Koffer zu packen,
+Nachrichten zu dirigieren; das alles häufte sich zu einem Gebirge, und
+er verschob den Termin. Francine ereiferte sich, er wich zurück. Er
+sagte, man bedürfe seiner im Amt. Sie erwiderte, man bedürfe seiner mit
+nichten; bei der Lage der Dinge empfehle es sich sogar, wenn er sich
+fernhalte. Er gab es ermüdet zu, bat aber für die Reise um eine Woche
+Frist. Sie feilschte um zwei Tage und verlangte, daß er am Sonntag
+reise. Er willigte ein. Am Samstag abend erhielt er eine Karte von
+Marietta, die ihn ersuchte, Dienstag bei ihr den Tee zu nehmen. Er
+erschrak. Es war unerwartet. Er hatte nur ganz heimlich, ganz
+verschollen heimlich damit gerechnet. Daß es eintraf, war Erschütterung.
+Er erklärte Francine, daß eine wichtige ministerielle Sitzung ihn
+verhindere, früher als Mittwoch zu reisen. Francine starrte ihn
+sprachlos an. Aber da er ihr mit seinem Wort versprach, den Zeitpunkt
+nicht weiter hinauszuschieben, mußte sie sich zufrieden geben.
+
+ * * * * *
+
+Eine Gruppe von Herren stand am Eckfenster des Klubs, Erasmus unter
+denen, die hinten standen, denn vermöge seiner Länge konnte er über die
+Köpfe schauen.
+
+In unsehbarer Menge zogen Arbeiter aus den Vorstädten herein, ein
+schwarzer, breiter, klebrig fließender, stummer Menschenstrom. Sie kamen
+zur Verkündigung der Republik. Die Straße war ausgefüllt bis an die
+Häusermauern. Aus der nachmittägig-nebligen Ferne, die wie bodenlose
+Tiefe wirkte, wand es sich herauf, zerteilte sich schattenhaft in Leiber
+und Gesichter, schwoll durch Zufluß aus Nebengassen, wälzte sich drohend
+ruhig vorüber, die Stirnen geradeaus, die Augen geradeaus, Schritt für
+Schritt, unwiderstehlich, dem Torbogen zu, der vor dem großen Platz die
+Straße verengerte, und der die gestauten Massen langsam verschlang. Eine
+Stunde verging, und noch war kein Ende. Aus der Ferne, die bodenloser
+Tiefe glich, wälzte sich das Ungeheure her, das nicht eine Summe
+zählbarer Einzelner war, sondern ein Element für sich, zu einem Willen
+verschmolzen, kroch und wogte vorüber, spürbar-, sichtbar-wirklich,
+fortbewegt durch einen gewaltigen und äußerst zu fürchtenden Trieb, bis
+es der dunkle Torbogen, einem aufgesperrten Rachen ähnlich, gierig
+schluckte.
+
+Die Herren rührten sich nicht. Mattes Erstaunen würgte ihre Kehlen.
+Einer sagte vor sich hin: »Das ist das Ende.«
+
+Als es Abend geworden war, ging Erasmus mit seinem Freunde Ferry Sponeck
+in dessen Wohnung. Sie vermieden es, über das Gesehene zu sprechen. Sie
+erstickten es in sich. Es war ihnen nahe gekommen, dagegen war nichts
+zu tun; sie stießen es wieder weg und gruben es zu.
+
+Sie aßen schweigend und lauschten auf Geräusche von der Straße. Aber
+diese Straße der alten Paläste war still; sie lag noch in einem
+vergangenen Jahrhundert und träumte. Sie war wie von einem verstaubten
+Seiden-Gespinnst überzogen.
+
+Ferry Sponeck sagte, er wolle ebenfalls für ein paar Wochen nach
+Rienburg gehen; die Gräfin habe ihn mehrmals aufgefordert, übrigens sei
+er ja als Vetter der Dettingens mit Sebastiane verwandt. Erasmus nickte
+und schien seinen Entschluß zu billigen. Ihn freue es nicht besonders,
+daß er hin solle, sagte er dann, aber Francine lasse ihm keine Ruhe, und
+so habe er nachgegeben. Gegen Francine aufzukommen, sei schwer, nicht
+bloß wegen ihrer Vehemenz, sie sei ja so schrecklich vehement in allem,
+sondern auch, weil man sie schonen müsse.
+
+Er hielt inne, um zu ergründen, ob Ferry Sponeck ihn richtig verstehe.
+In Ferrys Gesicht war zu lesen: ich verstehe, wenn du willst, ich bin
+vernagelt, wenn du willst. In solchen Sachen hatte er Delikatesse. Das
+war genau, was Erasmus wünschte: Wissen ohne Vorwitz, ohne dieses
+Schongeurteilthaben, auf das sich andere soviel zugute hielten. Er
+wollte sich das Verworrene und Traurige in Francines Leben zurechtlegen;
+er hatte es mit Worten noch nie getan. Hiezu brauchte er einen Zuhörer,
+und zwar einen, der verstand und auch wieder nicht verstand, der sich
+bescheiden wartend in der Mitte hielt, genau wie es Ferry zu erkennen
+gab. Er war mit Ferry zufrieden und fuhr fort:
+
+Francine sei ja um ihre Jugend betrogen worden; damals, als das
+Niemehrgutzumachende mit dem italienischen Sänger passierte, sei sie
+achtzehn Jahre alt gewesen, der Verführer sechsundvierzig, noch dazu
+verheiratet und Vater von sechs Kindern. Da habe sie alle Konsequenzen
+gezogen; nicht bloß in ihre schwierige Lage sich gefügt und dem die
+Treue bewahrt, der ihre Zukunft vernichtet, sondern auch in den
+Enttäuschungen, Demütigungen und Kämpfen ihren großen Charakter
+gestählt. Sie habe heldenhaft gerungen, habe es fertiggebracht, sich
+eine neue Position zu schaffen und außerdem noch soviel Kraft erübrigt,
+ihm, dem jüngeren Bruder, eine tätige und hilfreiche Freundin zu sein.
+Das müsse man bewundern; wer sich da nicht respektvoll verneige, der
+habe keinen Begriff von Unerschrockenheit und Würde.
+
+Ferry Sponeck mußte den Begriff haben, denn er blickte Erasmus
+zutraulich an. Dieser sagte nach einer Weile: »Ich habe oft darüber
+nachgedacht, warum es so kommen mußte, bei ihrem Stolz, ihrem Bewußtsein
+davon, was sie dem Namen schuldig ist. Ich habe nachgedacht und bin zu
+dem Resultat gelangt, daß das, was ihr zum Verhängnis geworden ist, ein
+Ungnadsches Verhängnis überhaupt ist. In jedem Ungnadschen Leben, habe
+ich herausgefunden, ist ein Moment, ein ganz kurzer, ein blitzartiger
+Moment, wo die Sinnlichkeit ein für allemal über ihn entscheidet. Es
+fängt meistens mit einer Kleinigkeit an, kaum auszudrücken wovon; zum
+Beispiel, man geht über eine Brücke und sieht, wie ein Weib sich über
+das Geländer beugt und sieht den Nacken oder eine Wade; oder es ist
+irgendein anderer dummer Zufall. Aber was in diesem kurzen, blitzartigen
+Moment geschieht, beeinflußt und durchdringt das ganze Leben, wie wenn
+ein bestimmtes Aroma aus einem Raum nicht mehr zu entfernen ist; wie
+wenn ein winziger Tropfen von einem chemischen Ingredienz einem mit
+Flüssigkeit gefüllten Becken für immer den Geschmack gibt. Man kommt
+nicht mehr los. Das Winzige entscheidet. Man kommt von dem Aroma und dem
+Geschmack nicht mehr los. Die Ungnadschen haben das so an sich.«
+
+Ferry Sponeck schaute ihn vollkommen geistlos an. Das ging weit über
+seine Welt. »Jaja,« murmelte er; »schon; natürlich; so was ist schlimm,
+armer Kerl, sehr schlimm.«
+
+ * * * * *
+
+Es gab ein tiefes und gehütetes Geheimnis im Leben der Gräfin Marietta
+Giese. Es war dieses Geheimnis ebensosehr eine Quelle von Glück und
+Kraft als von Schmerzen; es verlieh ihr Ausdauer ebensosehr, als es sie
+mit Zweifeln quälte; aber immer war sie seiner Herr. Die vor der Welt
+verschwiegene Bürde ist oft Reichtum; Besitz, der vor fremden Augen
+bewahrt werden muß, oft Pein.
+
+Sie hatte ein Kind von Erasmus, und Erasmus wußte es nicht. Sie hatte
+den Knaben während des Jahres zur Welt gebracht, in welchem Erasmus in
+Japan war. Ihre Schwangerschaft war ihm unbekannt geblieben; nur ein
+einziger Mensch war von ihr ins Vertrauen gezogen worden, das war ihre
+Freundin Helene von Gravenreuth; in einem Dresdner Sanatorium hatte sie
+das Kind geboren; auf Schloß Gravenreuth lebte der kleine Wolf in
+sicherer Hut.
+
+Es war keine Zufallsfrucht. Sie hatte das Kind mit ihrem Willen
+empfangen. Während sie es getragen, war sie sich völlig klar darüber
+gewesen, was sie auf sich nahm. Sie mußte es durchsetzen gegen die Welt;
+es vorbereiten auf ein ungesichertes Schicksal. Hatte sie es doch der
+Welt abgerungen und vom Schicksal ertrotzt. Solche sind von Anfang an
+belastet. Erasmus war der Mann nicht, den ein Kind inniger an die
+Geliebte bindet. Ihr gegenüber war ein Kind seine Furcht und sein
+Aberglauben stets gewesen. Der Grund davon hätte ihr schmeicheln dürfen,
+wenn er nicht im dunkleren Teil der Seele Beleidigung geworden wäre. Die
+Frau in ihr war spät erwacht. Sie mußte etwas haben wider ihn und für
+sich; und für ihn und wider die Gesellschaft. Sie hatte ein Pfand
+gebraucht und eine Bestätigung. Es kam nicht darauf an, daß er es
+erfuhr; vielleicht würde er es niemals erfahren; mit Empfindsamkeiten
+rechnete sie nicht; zärtliche Rührung war weder ihre noch seine Sache.
+Ihr diente es. Sie wurde befestigt. Und über Pfand und Bestätigung
+hinaus war es auch Bild, noch dazu ein schönes, lebendiges. Die Väter
+waren ihr ohnehin Ziel des Spottes. An Vatergefühle glaubte sie wenig.
+Und ihm ein Kind präsentieren, das außerhalb der Ehe gezeugt war, das
+hieß alle patriarchalischen Vorurteile in ihm wachrufen, sie wußte es,
+und seine ängstlichsten Bedenken gegen die Mutter kehren. Anlaß genug zu
+schweigen.
+
+Hatte sie doch auch Freiheit und Liebe ertrotzt. Nie durfte er ahnen,
+daß und wie sehr es Kampf war. Sie hatte sich losgerissen von Fesseln,
+und die Haut blutete; für ihn mußte es sein, als hätte sie sich einen
+Kranz vom Haar genommen, der zu welken beginnt. Was sie verachtete, war
+ihm ehrwürdig; worunter sie seufzte, war ihm von heiliger Bedeutung.
+Immer sein Zagen, sein Zurückhalten; sein Warnen, sein Nichtbegreifen,
+wenn sie vorwärts wollte; wieviel List war da nötig; wieviel Geistes-
+und Herzensgut zerstäubte; wieviel Erklügelung forderte es, ihn so zu
+führen, daß er zu führen im Wahn blieb. Voneinandergehen: Ungewißheit;
+Wiederkommen: Hangen und Bangen; Getrenntsein: das Nichts; Zusammensein:
+Druck seiner Hypochondrie. Leidenschaft lohte auf, schwelte und
+verglomm. War das noch Leidenschaft, wenn einer so lange mißtraute, bis
+er wehrlos wurde? und sich dann schemenhaft entzog? Marietta schlug den
+Funken, wärmte den Freund mit Blick und Atem, prägte sich ihm ein, die
+Stunde ihm ein, die Liebkosung, das bindende Wort. Alles hing davon ab,
+daß er nicht vergaß, daß er immer wieder zu ihr fand und sie sich finden
+ließ, nicht mit zu leichter Mühe, nicht mit zu schwerer. Er: stets im
+Begriff, einem Joch zu entschlüpfen, dem die Sanktion fehlte, das
+Gewesene zu leugnen; sie: in Ruhe, in scheinbarer, die Wagschalen
+sorgsam in der Gleichlage haltend, gespannt, geduldig, heiter,
+geschmückt, in Hader mit ihrer Kaste, die soziale Tyrannei geistig
+überwindend, im Gefühl ihr verfallen, und so, mit einer Existenz am
+Rande der Gesellschaft, am Rand des Möglichen und Anerkannten, in
+unaufhörlicher Schwebe.
+
+Sie hatte lange gezögert, ob sie ihn rufen solle. Beim Abschied hatten
+sie einander feierlicher als sonst entsagt. Sie nannte das die Erklärung
+des Desinteressements. Es war notwendig zu seiner Gewissensentlastung
+und damit die Pläne, die andere mit ihm vorhatten, nicht seine
+allenfallsigen Entschließungen hemmen konnten. Ihr blieb nichts übrig,
+als zu warten. Die Jahre untergruben auch in ihr langsam das Vertrauen
+zu der Macht, die bisher jedes Hindernis besiegt hatte. Der Spiegel
+wurde zum Memento. Der Spiegel betrog nicht, noch war er zu betrügen.
+
+ * * * * *
+
+Sie ließ früh die Lichter anzünden. Da sie sich seit dem Morgen
+unpäßlich gefühlt hatte, legte sie sich auf die Chaiselongue und ergab
+sich dem Vorüberrinnen der Stunden. Den November hatte sie von jeher
+gehaßt. Sie war überzeugt, daß es der Monat sei, in dem sie sterben
+würde. Der alte Diener, der aussah wie ein Kalmück, huschte auf dem
+Teppich hin und her, um den Teetisch zu richten. Das kostbare Geschirr
+klirrte melodisch. Sie war in ein rosafarbenes Teegewand gekleidet, mit
+breiten Valencienner Spitzen an den weitoffenen Ärmeln. Die Farbe
+brachte das Leuchtende ihrer Haut zur Geltung wie auch das tiefe Goldrot
+der Überfülle ihres Haares.
+
+Die Glocke läutete; nun kam er. Den zaghaft und fast lautlos
+Eintretenden begrüßte sie mit zartest-unbefangenem Lächeln,
+entschuldigte sich, daß sie lag, reichte ihm die Hand, die er ergeben an
+die Lippen führte. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann stammelte
+er allerlei, um zu rechtfertigen, daß er sich nicht selbst gemeldet. Sie
+wunderte sich und schnitt die kläglichen Versuche sanft ab. Indes
+brachte der Kalmück den Tee, und man hatte Beschäftigung. Marietta
+übernahm die Leitung des Gesprächs. Ihr Instinkt gebot ihr, viel zu
+sprechen. Sie erzählte ein paar lustige Episoden aus Eichfurth,
+schilderte ein Diner, bei dem sie gewesen, einen nächtlichen Gang in der
+erregten Stadt, eine Begegnung mit einem der gestürzten Minister, den
+Eindruck der Lektüre von Barbusse' #l'enfer,# die Verabschiedung einer
+unverschämt gewordenen Zofe, alles leicht, pointiert, schmiegsam. Sie
+ließ die Stimme spielen. Sie erfuhr es wie eine Botschaft, daß die
+Stimme noch ihre sinnliche Magie besaß.
+
+Zuerst dünkte ihm, er hätte die Stimme nie gehört. Jetzt erkannte er sie
+wieder. Der Klang; diese Pausen, diese Einschiebsel, diese Raschheit,
+diese Belebtheit. Er war zu schwerfällig, im gleichen Tempo mitzugehen;
+er blieb gewöhnlich im Erwägen und Verstehen um einen Schritt zurück,
+auch um zwei oder drei; manchmal wartete sie gutmütig, bis er
+nachgekommen war, manchmal auch nicht, dann ergötzte sie seine
+Verwirrung und sein galanter Eifer. Es bereitete ihr Genugtuung, ihn
+völlig ahnungslos zu wissen über die Absichten, die sie verfolgte, ihn
+raten zu lassen, im Kreis herumzulocken und durch Kapriolen zu
+beunruhigen. Zuweilen zuckten ihre Lippen in verhaltenem Mutwillen, aber
+hinter dem Mutwillen war Traurigkeit, und das gab dem Ausdruck Reiz und
+Wechsel.
+
+Ohne Übergang sagte sie plötzlich: »Es ist keine üble Idee von Francine,
+dich zu Rienburgs auf Werbung zu schicken. Ich bin ganz einverstanden
+damit. Der Versuch vor sechs Jahren mit Sebastiane ist ja im Anlauf
+steckengeblieben, und du hast dir nichts vergeben und nichts verdorben.
+Wie alle früheren Heiratsprojekte verfehlt waren, so auch dies.
+Sebastiane wäre nicht die richtige gewesen. Pauline ist vielleicht die
+richtige.«
+
+Sie sah mit lächelnd-gleitendem Blick an ihm herab, der betreten vor
+sich hinschaute, und fuhr fort: »Ich kenne ja die Familie gut, wie du
+weißt. Lix war eine Zeitlang in mich verliebt, war hinter mir her wie
+mein Schatten, und ich half ihr bei ihrer etwas verstiegenen
+Korrespondenz. In der unglücklichen Ehe mit Heinrich Lerchenfeld ist sie
+dann Theosophin geworden, was ein jämmerlicher Trost für eine elegante
+junge Frau ist. Ich sage, Pauline ist vielleicht die rechte, weil wir ja
+noch die kleine Aglaia haben, und es wäre immerhin zu bedenken, ob sie
+nicht vorzuziehen ist. Ich habe neulich mit Georg Ulrich Castellani
+darüber gesprochen; nur um ihn auszuholen, denn er ist ja gescheit wie
+der Tag, und weil er viel mit Rienburgs zusammen ist; er wird auch mit
+dir zugleich dort sein, wie ich dir im Vertrauen mitteilen kann. Leider
+ist der Altersunterschied zwischen dir und Aglaia etwas zu groß;
+zweiundzwanzig Jahre, das ist fast unmoralisch. Außerdem ist sie ein
+Wildfang; du würdest Mühe mit ihr haben. Geht denn das? Kannst du Mühe
+aufwenden? eine Widerspenstige zähmen? Das ist nichts für dich. Pauline
+ist die stillere; ein wenig melusinenhaft; das hast du ja gern. Sie gibt
+Rätsel auf, aber die Rätsel sind leicht zu raten. Sie hält sie freilich
+für unlösbar; das ist nur eine Chance mehr für dich; es beschäftigt sie.
+Du brauchst eine Frau, die dich restlos anbetet; ich meine nicht
+adoriert; adorieren ist zu glatt und zu seicht; nein, geradezu anbetet,
+in Staunen verloren. Und nicht etwa aus Stupidität, sondern aus
+Phantasie. Heiratest du eine Person ohne Phantasie, so läufst du Gefahr,
+daß sie sich und dich nach drei Wochen zu Tode langweilt. Oder sie
+stellt Ansprüche, und das würde dich deine Nerven kosten. In deine
+Hintergründe ist schwer zu dringen; es braucht dazu ein bißchen Geist
+und viel Geduld. Stifte nur keine Verwirrung. Verliebe dich nicht in
+beide zugleich, oder mach dir nicht selber Opposition, indem du eine
+gegen die andere ausspielst und dann bei allen zweien verspielst. Sei
+kühl, aber sträube dich auch nicht gegen eine ehrliche Neigung; halt
+dein Herz nicht zu fest und laß deine Augen nicht zu gierig sein.«
+
+Erasmus hatte sein spleeniges Lächeln, als er zögernd erwiderte: »Deine
+Fürsorge ist wirklich bezaubernd, Mariette. Leider ist sie nicht
+genügend motiviert. Ich leugne nicht, daß die Verbindung mit Rienburgs
+ihre Vorteile hat, aber du weißt doch, du sagst es selbst, wie wenig ich
+mich für die Ehe eigne. Leuchtet mir auch das Nützliche und Förderliche
+ein, wenn es dann ums Ja oder Nein geht, scheint es mir vollkommen
+töricht, daß ich ja oder nein sagen soll. Warum rücken einem die Leute
+so nah mit ihrem Verlangen nach dem Ja oder Nein? Es ist lästig, sich
+entscheiden zu müssen. Ich will mich nicht entscheiden.«
+
+»Du willst dich nicht entscheiden,« wiederholte Marietta leise, mit
+einem unhörbar bittern Unterton; »das begreife ich. Du willst, daß für
+dich entschieden wird, und möglichst zu deiner Bequemlichkeit. Du rührst
+nicht hin; alles soll sein wie Blumen unter Glas. Du kannst aber nicht
+außerhalb von Ja und Nein leben. Hast du noch nie darüber nachgedacht,
+was für ein mörderisches Ding das Vielleicht ist, und was für ein
+unredliches das Nochnicht? Du eignest dich für die Ehe nicht mehr und
+nicht minder als jeder verwöhnte und egoistische Mann in deinen Jahren.
+Man darf sich nicht kostbarer fühlen als die Welt einen wertet, sonst
+wird man gleich ein bißchen lächerlich. Was riskierst du? Höchstens,
+eine Frau unglücklich zu machen. Fällt das so schwer ins Gewicht? Ist es
+so verführerisch, als bisweilen eingeladener, bisweilen übergangener,
+mäßig interessanter Sonderling in einer öden Wohnung zu hausen, mit
+Köchinnen, die rappelköpfig sind, und Dienern, die einem die Wäsche
+auftragen und die Zigaretten stehlen? Weshalb die Skrupel? Worauf
+wartest du?«
+
+Mit einer Betroffenheit, die seinem Gesicht einen kargen und betrübten
+Ausdruck verlieh, antwortete Erasmus: »Keineswegs konnte ich darauf
+gefaßt sein, gerade in dir einen so eifrigen Anwalt für meine
+Verheiratung zu finden. Es ist mir neu -«
+
+Marietta wandte sich ihm mit großem Blick zu. »Ja, siehst du, Lieber,«
+sagte sie langsam und freundlich, »ich muß nun auch daran denken, mein
+Leben unter Dach und Fach zu bringen. Für so naiv wirst du mich doch
+nicht halten, daß ich dir aus reiner Selbstlosigkeit zurede. Als ich
+ein Kind war, hing zu Hause ein Bild; die Verlassene hieß es. Diese Dame
+blickt von einem Felsen an der Küste sehnsüchtig aufs Meer hinaus; es
+standen auch die Worte kummervoll und tränenleer darauf. Ich konnte das
+Bild nie anschauen, ohne mich über die dumme Gans zu ärgern. Daß ich
+solche tragische Figur abgebe, wirst du mir doch nicht zumuten.
+Kummervoll und tränenleer; nein, ich danke. Ich bin für Erledigungen.«
+
+»Ich verstehe nicht,« murmelte Erasmus, »wir sind jedesmal
+übereingekommen -«
+
+»Laß das, bitte,« unterbrach sie ihn scharf und hob den Kopf ein wenig.
+Ihre Augen schimmerten wie dunkle Opale.
+
+»Aber wie meinst du das: dein Leben unter Dach und Fach bringen?«
+
+»Sehr einfach: ich will heiraten; ich auch.«
+
+Erasmus staunte starr, mit eckig emporgezogenen Brauen. »Heiraten? Du?
+Wen denn, um Gotteswillen?«
+
+Die Anrufung Gottes und die zwei bestürzten Zirkumflexe auf seiner Stirn
+brachten Marietta zum Lachen. Er zuckte zusammen. Er liebte dieses
+Lachen an ihr, das den Mund einer aufgeschnittenen Frucht ähnlich machte
+und sie zwanzigjährig erscheinen ließ. Es enthielt Erinnerung an Reiz
+und Liebkosung, Halbvergessenes, Halbentschwundenes, Unvergeßbares,
+heimlichstes Wunder des Geschlechts. Innere Unruhe zwang ihn äußerlich
+zur Unbeweglichkeit; er schaute sie an wie eine Frau, der man zum
+erstenmal begegnet, von der man aber berückende Wissenschaft hat.
+
+Es war ein vollendeter, trivialer kleiner Roman. Das Triviale daran bot
+die Gewähr; von den Finessen war sie satt. Als sie im Sommer mit Helene
+Gravenreuth in Bern gewesen, habe sie einen jungen Holländer
+kennengelernt, reich, luxuriös, durch und durch lebendig, mit
+exzellenten Manieren, und dieser Holländer nun, den Namen bitte sie
+vorläufig verschweigen zu dürfen, habe sich mit äußerster
+Entschlossenheit in sie verliebt. Sie sei ihm nicht gerade
+entgegengekommen, habe ihn aber auch nicht entmutigt, und als sie mit
+Helene nach Pontresina gefahren, sei er eines Tages dort erschienen, man
+habe gemeinsame Ausflüge gemacht, Bridgepartien arrangiert, und so
+weiter, wie es eben zu gehen pflege. Dann sei man abgereist, er habe ihr
+geschrieben, an Helene geschrieben, immer stürmischer, immer offener,
+und jetzt habe ihn Helene nach Gravenreuth zu Gast gebeten, nachdem sie
+vorher bei ihr angefragt, ob sie gleichfalls kommen wolle. Er sei
+wahrscheinlich schon dort; sie werde übermorgen von Eichfurth aus
+hinfahren. Da Gravenreuth und Rienburg nicht viel mehr als zwei
+Wegstunden auseinander lägen, sei es eine reizende Fügung, meinte sie
+zum Schluß ihres Berichts, daß sie sich über den Fortgang der
+beiderseitigen Verlobungs- und Versorgungsaktionen jeden Tag
+kameradschaftlich aussprechen könnten, wenn sie Lust dazu verspüren
+sollten.
+
+Ja, es sei merkwürdig, gab Erasmus zu. Dann schwieg er. Marietta schwieg
+ebenfalls. Sie ließ ihre Fußspitze kreisen, und Erasmus sah dem Spiel
+des Fußes zu. Sie blickte an die Decke, und ihre vollen,
+leidenschaftlich gewölbten Lippen öffneten sich zu einem schimmernden
+Spalt. Auf einmal sprang sie auf und ging im Zimmer umher. Ging ohne
+Hast, wie nach einem vorgefaßten Rhythmus, und ihre Gestalt hob sich
+wiegend ab von überlegt gestimmtem Hintergrund. Mit lässiger Hand
+berührte sie bald eine Vase, bald ein Stück Stoff, ohne die Hand zu
+heben, im Gleiten nur.
+
+Er kannte genau die Art, wie sie beim Gehen den Fuß aufsetzte, bewußt,
+ihn leicht und kräftig aufzusetzen, so daß die Gelenke entlastet wurden
+und die Hüfte nur unmerklich zitterte. Der straff gehaltene Oberkörper
+folgte der Bewegung nur insoweit, als er dadurch nichts an Maß, aber
+auch nichts an Freiheit verlor. Es war ein bedachtes und gefeiltes
+Schreiten. Sie schritt, als schmecke ihr das Gehen, als trüge sie sich
+in eigentümlicher Weise selber. Jede Veränderung einer Linie an ihrem
+Körper umschloß den Keim zu einer Gebärde, die er kannte und die ihm
+vertraut war seit vielen Jahren. Viele seiner Stunden kamen wieder,
+während sie so ging und schöne Gegenstände an rührte, viele seiner
+Gedanken, Wunsch und Erfüllung.
+
+»Und du? Du liebst ihn?« fragte er scheu.
+
+»Bah, Liebe,« antwortete sie; »es geht nicht um Liebe. Es geht um Halt,
+es geht um Dauer. Ich bin manchmal müde, weißt du. Es ist so gut, bei
+einem zu ruhen. Davon zu träumen, ist schon gut. Wir sind alle ein wenig
+an die letzten Barrièren gehetzt, nicht bloß ich und du. Aufatmen,
+ausatmen, o!« Sie blieb stehn und schaute zu einem Bild an der Wand
+empor, ohne es zu sehen. »Was ich tue, ist mir klar,« fuhr sie mit
+tiefsonorer Stimme fort, in der sich Blut und Natur verriet; »wenn man
+mit meinen Erfahrungen eine neue Ehe schließt, gibt es keine Illusionen
+mehr. Mit achtzehn Jahren ist es ein Sprung in die Finsternis; ich habe
+ihn getan. Kommt man mit halbwegs heilen Gliedern davon, so hat man
+höchstens gelernt, daß man einen langen Löffel haben muß, um mit dem
+Teufel eine Mahlzeit zu halten, aber das Abenteuer lockt, und der süße
+Tag verspricht. Wir sind leichtgläubige Geschöpfe. Heute ... ich will
+froh sein, wenn der, dem ich mich überlasse, mir mit der Achtung
+begegnet, die eine anständig erworbene Invalidität verdient.«
+
+Erasmus sagte: »Wir haben manches zusammen erlebt, in langer Zeit, und
+daß es zu Ende sein soll, kann ich mir nicht vorstellen.«
+
+»Sonderbar, daß du mir nie und durch nichts fremder wirst, aber auch nie
+und durch nichts vertrauter,« sagte Marietta, indem sie sich auf den
+Rundstuhl vor dem Flügel setzte und den Deckel öffnete; »du warst
+eigentlich immer der, der kommt und der, der geht; nie der, der bleibt.
+Du kannst nicht Aug in Auge sein. Du fürchtest den Blick, der dich
+fordert. Warum nur?« Sie schlug ein paar Akkorde an, sehr leise, und
+sprach weiter: »Wir haben manches zusammen erlebt, gewiß; doch nicht so
+zusammen, wie du glaubst,« sie neigte das Haupt tiefer; »oft in unsern
+schönsten Zeiten, und es waren schöne Zeiten, ich will nicht undankbar
+sein, hatte ich das Gefühl: du hast ihn sich selber gestohlen, und er
+trägt dir den Diebstahl nach. Ja, er hadert, sagte ich mir, er sammelt
+Ressentiments, und eines Tags wird er mit der großen Liste kommen und
+abrechnen. Da ists doch vielleicht besser, vorher ein Ende zu machen;
+meinst du nicht?«
+
+Erasmus erhob sich und wollte zu ihr hin. Sie streckte abwehrend die
+Arme aus.
+
+ * * * * *
+
+Vierundzwanzig Stunden später war Erasmus in entlegener Welt, ein
+Hinbefohlener, um Glück zu suchen. Die Freude, mit der er aufgenommen
+wurde, bedrückte ihn, da er das Programm zu spüren glaubte, und er gab
+sich spröder noch, als ihm zu Sinn war; doch nicht lange. Die arglosen
+Gespräche schlossen ihn auf, die unbefangene Nähe der heitern Frauen. An
+viel Gemeinsames konnte angeknüpft werden. Der leichte Zwang zur
+Geselligkeit überschritt liebenswürdige Formen nicht, der Tag teilte
+sich natürlich ein, die kleinen Pflichten fielen nicht lästig. Am Abend
+versammelten sich alle in dem entzückenden Speisesaal im
+Mariatheresiastil; das Souper hatte festliches Gepräge. Auf der Tafel
+und auf sechs Konsolen brannten Kerzen in silbernen Kandelabern. Die
+Gräfin nahm ihre Vorliebe für Kerzenlicht zum Anlaß einer Philippika
+gegen die Zudringlichkeit moderner Beleuchtung, die delikate Farben
+wirkungslos und zarthäutige Frauen schlecht aussehend mache. Graf
+Castellani, mit seiner Meinung stets zu ihren Diensten, stimmte ihr bei,
+Hofmann, der er war.
+
+Am andern Morgen sagte er zu Erasmus, als sie nach dem Frühstück durch
+den Park gingen: »Die gute Gräfin denkt, wenn sie fünfundzwanzig Kerzen
+brennen läßt, hat sie schon achtzehntes Jahrhundert im Hause. Als ob
+achtzehntes Jahrhundert bloß ein niedlicher Illuminationsscherz wäre.
+Heute sind alle so. Leere Prätensionen. Eine herzlich angenehme Frau,
+aber ohne Tournüre. Viel guter Wille; der Zuschnitt pitoyabel.«
+
+Georg Ulrich Castellani war etwas vereinsamt hier. Er machte sich nichts
+aus Frauen. Als Mitglieder der Gesellschaft und vernunftbegabte
+Individuen konnte er sie im zureichenden Fall achten, im unzureichenden
+verbarg er die Geringschätzung hinter seiner ziselierten Artigkeit; als
+Geschlechtswesen waren sie nicht vorhanden für ihn. Er hatte sich darauf
+eingerichtet, den ganzen Winter auf dem Gut zu bleiben; er empfand sich,
+in historischer Weise, durchaus als Emigrant. Er war der nächste Freund
+des gefallenen Dettingen gewesen; Sebastiane begegnete ihm mit scheuer
+Verehrung. Es hieß, er benutze die ländliche Muße zur Niederschrift
+seiner Memoiren, die Hauptbeschäftigung der großen Aristokraten nach dem
+Herbst des Jahres 18; in ihm war sicherlich Überfülle des Stoffes, da
+er, obwohl erst sechsundvierzig, in alle bedeutenden Welthändel von
+Algeciras bis Brest-Litowsk tätig eingegriffen hatte.
+
+Polyxene sagte zur Erasmus: »Man erfährt durch ihn Dinge, die in keinem
+Buch zu lesen sind. Wenn er spricht, ist er unwiderstehlich; wenn er
+schweigt, ist etwas Schauerliches um ihn. Er hat die Aura des
+Verhängnisses.«
+
+Erasmus, belehrungsdurstig, wollte wissen, was das sei, die Aura des
+Verhängnisses. Sie belehrte ihn gern.
+
+Aglaia wagte es, Georg Ulrich zu verspotten, als sie mit Erasmus über
+ihn sprach. Sie ahmte nach, wie er schamhaft die langwimprigen Lider
+senkte, sobald er einen seiner vergifteten Redepfeile abschoß. Sie
+erzählte, daß er in Paris eines Tages seinen Diener auf die Straße
+geschickt habe, damit er einen Kommissionär heraufhole; als dieser vor
+ihm stand, habe er bloß gefragt, wo der nächste Friseurladen sei und ihn
+nach geschehener Auskunft gnädig entlohnt.
+
+Keine der Frauen ließ Erasmus merken, daß sein Besuch einem Zweck gelte;
+keine schien davon zu wissen. Infolgedessen gewann er Freiheit und faßte
+den Zweck selber ins Auge. Nicht so sehr mit dem nüchternen Gedanken,
+sich zu binden, als vielmehr mit dem schmeichelnden, zu erobern. Aber
+hier fing schon die Mißlichkeit an. Da vier anmutige und besondere
+Geschöpfe ihre Lockfäden um ihn spannen, vergaß er, daß mindestens zwei
+von ihnen seiner Wahl nicht anheimgestellt waren. Aber sein Wunsch im
+allgemeinen wurde rege. Wohl wußte er, daß das gefährlich war und daß es
+ihn aus der Bahn des Ersprießlichen lockte; aber er ließ es geschehen,
+daß das Nützliche zurücktrat gegen das Wohlige, und indem er sich der
+ihm auferlegten Vorschrift leichtsinnig entschlug, wuchsen Mut und
+Unternehmungsgeist in ihm. Es war so läßlich betäubend, das alles, so
+von der Zeit entfernt, in der Mischung von Spiel und Ernst seiner Art
+gemäß, und es entfalteten sich deshalb auch die anziehendsten Seiten
+seiner Natur.
+
+Kaum aber wurden die fünf Damen, die ja im Grunde fünf Verschworene
+waren, seiner Empfänglichkeit inne, so trugen sie Sorge, daß die
+günstige Entwicklung tunlich gefördert werde. Jedoch sehr heimlich; von
+einer Unterredung zwischen zweien oder dreien oder im Plenum blieb auf
+keinem Gesicht eine Spur haften. Sie wußten zu genau, daß eine
+Unvorsichtigkeit viel verderben konnte. Pauline verhielt sich bei den
+Beratungen passiv, wurde auch nur hinzugezogen, wenn es sich darum
+handelte, ihr notwendige Verhaltungsmaßregeln einzuschärfen oder sie
+wegen begangener Ungeschicklichkeiten zur Rede zu stellen. Aber um ihr
+behilflich zu sein, mußten sich alle einem gewissen Plan fügen, der
+darin bestand, Pauline vorzuschieben und sie der Gelegenheiten möglichst
+wenig zu berauben.
+
+Das klang in der Theorie selbstverständlich und schien ohne weiteres
+befolgbar. In der Praxis war dabei mit der Gegenpartei zu rechnen. Zum
+Beispiel fand es Polyxene beschwerlich, daß sie auf die Gesellschaft von
+Erasmus verzichten solle, sobald Pauline am Horizont sichtbar wurde. Sie
+sagte, ein wenig beleidigend, sie sei froh, sich mit einem vernünftigen
+Menschen unterhalten zu können; ihm auszuweichen, wenn er sie suche,
+dazu erblicke sie keinen Anlaß. Sebastiane wieder erklärte es unter
+ihrer Würde, daß sie Vorschub leisten solle, wo es doch nicht einmal
+feststehe, ob eine sympathische Beziehung vorhanden und ob Erasmus
+gewillt sei, sich mit Pauline soviel zu beschäftigen, wie man annehme.
+Aber ehe Erasmus gekommen war, hatte sie sich am eifrigsten für den
+Heiratsplan eingesetzt und der jüngeren Schwester vortreffliche
+Ratschläge gegeben. Pauline selbst hatte sich am meisten über Aglaia zu
+beklagen, die sich, wie sie äußerte, in jedes Gespräch dränge, sich mit
+ihrer agassanten Koketterie lästig mache und es anscheinend nicht
+ertragen könne, wenn man sie fünf Minuten lang unbeachtet ließ. Aglaia
+lachte zu den Anschuldigungen und antwortete schnippisch, jeder könne
+sich sein Vergnügen verschaffen, wo er wolle, und wem sie im Wege sei,
+der möge ihr den Rang ablaufen, das Aschenbrödel abzugeben, habe sie
+keine Lust. Die Gräfin beschwichtigte die erregten Gemüter, appellierte
+an Polyxenes Stolz, an Sebastianes Vernunft, an Aglaias gutes Herz, doch
+dauerhaft war der Frieden nicht, den sie mit Aufwand vieler Worte
+stiftete.
+
+Erasmus ahnte nichts von den Streitigkeiten, deren Ursache er war und
+denen er in fühlloser Unschuld täglich neue Nahrung gab. Er überließ
+sich dem Antrieb und der Stunde, der augenblicklichen Neigung und
+Verführung, nahm, was ihm entgegengebracht wurde und forschte nicht, was
+hinter den Wänden vorging und sich hinter den klaren Stirnen verbarg.
+
+Lix fesselte ihn durch die matte Schwermut, die über ihr Wesen gebreitet
+war. Sie hatte den überschmalen Kopf der untergehenden Familien, auch
+Schultern und Hände waren überschmal. Sie ging, wie die Engländerinnen
+gehen, mit dem vollaufgesetzten Fuß und etwas rückenden Schenkeln. In
+den Augen war ein glimmeriger Schein, die Unruhe, welche sinnliche
+Unruhe erzeugt; die Nasenflügel witterten beständig wie bei einem
+äugenden Wild. Sie sprach mit Bitterkeit von ihrem zerstörten Leben und
+andeutend von den Tröstungen astraler Wissenschaft. Erasmus hörte
+gewinnend aufmerksam zu; seine spärlichen Einwürfe galten mehr ihrem
+Blick, ihrem Mund, ihrem Hals, ihrer dunklen Stimme, dem stummen
+Fieberhaften, verheißend Glühenden ihres Innern als ihrer Rede.
+
+Dann trat in den Kreis die stillere, Sebastiane, die Blasse, mit dem
+winzigen Haupt und der graziösen Haltung, die so ausgeglichen war; und
+klug; und ein bißchen trocken und mißtrauisch. Er hatte sie für
+temperamentlos gehalten, bis er eines Morgens Zeuge wurde, wie sie einen
+aus dem Dorf zugelaufenen großen Hund, der ihren Buley angefallen und
+sich in ihn verbissen hatte, mit Verwegenheit an der Schnauze packte,
+mit der andern Hand beim Hinterlauf, und als es ihr gelungen war, ihn
+wegzureißen und zu verjagen, flammend vor ihm stand. Er führte sie zum
+Brunnen, damit sie die blutige Hand wasche und war schweigsam. Er
+bedauerte plötzlich seine Flucht vor sechs Jahren, und sie spürte, daß
+etwas dergleichen in ihm vorging, denn sie lächelte verstohlen in ihrem
+nachstürmenden Zorn; so blieb sie ihm Bild, als die, die vieles weiß und
+verhehlt, Gedanken und Gewalt des Bluts. Aber als Mutter war sie ihm
+unnahbarer als ihre Schwestern. Sie hatte zwei Kinder, ein zwei- und ein
+vierjähriges; die standen neben ihr wie Wächter; und unerklärlich, um
+die Kinder beneidete sie Erasmus, als wäre er selbst eine Frau, eine
+unfruchtbare, im Widerpart zur beglückten, und sie schien ihm höher
+dadurch und reiner, geborgener jedenfalls und den Begierden entrückter.
+
+Mit Pauline machte er die Erfahrung, die er oft mit jungen Mädchen
+gemacht; man kam mit ihnen ermüdend oft auf einen toten Punkt und ließ
+sich aus Kümmernis der Langeweile, aus Gutmütigkeit oder auch aus
+Bosheit zu einem törichten und übereilten Wort hinreißen, in dem man
+dann verhaftet blieb. Sie hatten keine Feinheit, keine Unbefangenheit,
+kein Maß, nur die plumpeste Zielstrebigkeit und Fallschwere. Warum fiel
+ihm so häufig der Vergleich mit einem Nebelhuhn ein? Er mußte lachen;
+was war denn das, ein Nebelhuhn?
+
+Diese sollte er bestricken. Sie war ihm ausersehen. Man hatte ihn
+vorbereitet auf sie. Sie war die Hauptperson. Ein hervorstechender Zug
+seines Charakters war, daß er einem fremden Willensdiktat gegenüber in
+die Stimmung gedankenloser Folgsamkeit geriet. Erteilte man ihm einen
+Auftrag, so wurde sein Gehirn bis zum Stumpfsinn davon eingenommen, was
+nicht hinderte, daß er ihn schließlich unausgeführt ließ; nur mußte er
+zuerst beschließen, ihn nicht auszuführen, dann war alles im Geleise.
+
+Hier war er unschlüssig; bald gefangen, bald abgestoßen; bald neugierig,
+bald argwöhnisch. Komtesse Pauline hatte üppig entwickelte Formen, im
+Gesicht etwas Porzellanhaftes, Augen von fast unpassender
+Durchsichtigkeit. Sie war bedächtig, meist in sich verloren. Wenn er mit
+ihr sprach, senkte sie den Kopf, und die nordisch gelben Haare dufteten
+wie eine frische Weizengarbe. Sie war verspätet; die beklommene
+Lässigkeit des ersten Erwachens war noch in ihr, oder jetzt erst. Sie
+ging jede Woche zur Beichte, und in ihrem Zimmer stand ein kleiner
+Hausaltar, vor dem sie betete. Erasmus war Kenner genug, um bald darüber
+im Klaren zu sein, daß sie mit ihrem vollen, unenttäuschten jungen
+Herzen zu ihm hinstrebte. Eine bedeutende Verlegenheit für ihn. Es war
+zu plan und zu ernsthaft; eh man sich recht besann, war man in der
+Schlinge. Er legte sich auf die Lauer und spähte auf den belagerten Weg.
+Vor Überfällen hatte er heillose Angst. Doch ließ er sich dann wieder
+anlocken und einlullen von dem schwebenden, fragenden, zwingenden Gefühl
+und flüchtete in der Not etwa zu der schlüpfrigen Eidechse Aglaia.
+
+Deren Siebzehnjährigkeit war wie eine sprudelnde Fontäne, lärmend und
+erfrischend, ein unhemmbares Quellen. Sie gehörte zu denen, die schon
+als Kind alles sind, was ein Weib sein und werden kann, Freundin,
+Mutter, Geliebte, Gattin, Dirne, alles Hohe, alles Böse. Sie sagte
+Dinge, die einen abgebrühten Lebemann zum Erröten brachten und hegte
+noch die zärtlichsten Empfindungen für ihre Puppen. Sie war ruhelos,
+naschhaft, ungeduldig, launisch, heftig, log, wenn sie sich langweilte,
+spielte aus Lebensüberschuß Komödie, hatte bisweilen Gesten und
+Bewegungen wie die wilden Negerinnen der Tropen, die an Nacktheit
+gewöhnt sind, weinte und lachte über ein Nichts und war der Despot im
+Hause. Erasmus ritt mit ihr; auch miteinander zu fechten hatten sie
+verabredet.
+
+An einem der ersten Nachmittage begegnete ihr Erasmus im oberen
+Korridor. Sie sagte zu ihm: »Wenn Sie mit mir kommen, will ich Ihnen
+etwas zeigen.« Sie hatte von Anfang an den Ton der Vertraulichkeit
+gehabt, der den Verschlagenen wie den Unschuldigen eigen ist, in dem
+übrigens fast alle Frauen schon nach kurzer Bekanntschaft mit Erasmus
+verkehrten. Sie führte ihn durch ein paar unbewohnte Räume in den
+Ahnensaal, dessen Wände von Gemälden bedeckt waren, deutete auf das Bild
+einer kühnblickenden, reichgeschmückten Dame und sagte: »Das ist meine
+Ur-Urgroßmutter, der ich ähnlich sehen soll, eine Polin. Es heißt, daß
+sie mehr als ein Dutzend Liebhaber gehabt hat, und so viele Abenteuer
+außerdem, daß Ludwig der Fünfzehnte manchmal den russischen Gesandten
+gefragt haben soll: was gibt es Neues von der Fürstin Barbara
+Szelinszka? Bei einer Revolution in Warschau ist sie den Aufständischen
+vorangeritten und von der ersten Kugel ins Herz getroffen worden. So muß
+eine Edeldame leben, und so muß sie sterben, finden Sie nicht?«
+
+Dieses »Edeldame,« wie sie es sagte, hatte Gesang.
+
+Erasmus hielt es für gut, sich in seiner Antwort weise zu beschränken.
+Er sagte, ein solches Schicksal sei zu zeitbedingt, als daß es als Ideal
+aufgestellt werden könnte, zum mindesten, was die Zahl der Liebhaber
+anlange; auch gefalle es der Historie zuweilen, derlei Fakten
+ungebührlich zu übertreiben. In heutiger Zeit sei das Format, soviel er
+beurteilen könne, nicht so expansiv, auch werte man die Frauen nach
+einem andern Maßstab. Es gehe alles in die Enge, und man werde Mühe
+haben, man werde froh sein, sich in der Enge zu behaupten.
+
+Nachdem ihm Aglaia eine Weile zugehört und ihn mit funkelnden Augen erst
+unwillig, dann schalkhaft von oben bis unten gemustert hatte, rief sie
+aus: »Erasmus, die Toten erwachen! Sehen Sie mal hin, wie Urgroßmutter
+Barbara der Angstschweiß ausbricht.«
+
+Er schaute etwas blöde hin und schüttelte ärgerlich den Kopf. Hierauf
+sah er das Mädchen an, das auf Bachstelzenbeinen mit einer anmutigen
+Unverschämtheit vor ihm stand und seiner spottete. In seinen Blick kam
+das Heranziehende, das Falsche, das Begehrliche; er näherte sich ihr,
+und Aglaia lachte. Sie verschränkte die Hände im Nacken und straffte
+sich. Er warf einen hastigen Blick nach der Tür und küßte sie rasch auf
+den Mund. Sie schloß eine Sekunde lang die Augen, lachte wieder, jedoch
+viel leiser, und lief davon.
+
+ * * * * *
+
+Die Dinge lagen alsbald so: Eine war ihm zu umgarnen erlaubt, durch
+stille Vereinbarung zugestanden, und man erwartete es sogar. Vor der
+wich er feig zurück, aber ohne sich zu entziehen und ohne zu verzichten.
+Die andern waren ihm noch begehrenswerter, jede in ihrer Art, und unter
+allen Vieren richtete er Verwirrung an.
+
+Nicht in frivoler Absicht. Er war kein Verführer. Er war voller Gewissen
+und Rechtschaffenheit. Er verführte durch seine Weise, zu sein, die
+keine ränkevolle und unternehmende Weise war, noch weniger eine
+lasterhafte, nur eine biegsame und empfängliche. Er verführte durch
+Verführbarkeit; weil er so viele Gesichter hatte, die sich gehorsam
+wandelten; weil er der ergebenste Zuhörer war und der bereitwilligste
+Beistimmer; weil er mit der Miene des Kameraden und Freundes halb
+schüchterne, halb kühne Versprechungen gab, die nichts mehr mit
+Kameradschaft und Freundschaft gemein hatten; weil er das besaß, was Lix
+Lerchenfeld die Attraktion der verschwisterten Seelen nannte.
+
+Stiftete er Unheil, so war ihm seinerseits auch nicht geheuer zumut. Er
+hatte sich zu vieler Vorstellungen zu erwehren; zu vieles mischte sich
+an Bild und Lockung. Es hielt in Atem, sich von einem Eindruck zu lösen
+und dem nächsten sich hinzugeben. Es beschäftigte, die Gebiete
+abzugrenzen, die Worte zu wägen, die übernommenen Verbindlichkeiten
+nicht zu verwechseln. Beziehungen knüpften sich ins Unentwirrbare. Eine
+geflüsterte Frage verstrickte; Tausch von Blicken enthüllte ein
+Komplott; Lächeln hatte Bedeutung; Schweigen war voll Inhalt,
+körperliche Nähe voll Heimlichkeit; die Gebärde wurde zur Verräterin;
+jedes Augenpaar bewachte ein anderes, haßte die Huldigung, den Glanz,
+den Wetteifer des andern, und er mußte darauf bedacht sein, zu glätten
+und vor allem, daß in seiner Treulosigkeit keine Unordnung entstand.
+
+Sebastiane beugte sich über ihn mit einer gefüllten Fruchtschale; alle
+konnten zusehen; man war bei Tisch. Unhörbarer Alarm dennoch: mußte sie
+so dicht an ihn heran? Ihm ward wohl dabei. Seine Lippen bebten unter
+ihrer bloßen Schulter. Er dachte an sie mit dem Durst, der nach
+vollkommener Reinheit lechzt. Er wußte nicht, wo er einmal das Wort
+vernommen: junge Witwenschaft ist ein Bad.
+
+Aglaias Kuß hatte ihn lüstern gemacht. Er träumte von ihren kostbar
+dünnen Gelenken. Der Ausspruch der Frühentschlossenen wollte ihm nicht
+aus dem Sinn: ich werde mich niemals verkaufen, ich werde mich
+verschenken. Und ihre Augen, dünkte ihn, hatten hinzugefügt: heute
+nacht, wenn du willst.
+
+Mit Polyxene saß er am Kaminfeuer im Salon, und sie las ihm mit
+sehnsüchtiger Stimme aus einem Buch über Metempsychose vor. Sein Blick
+hing an ihren Händen, die schlank waren wie Fische. Wenn sie ein Blatt
+umdrehte, glaubte er die elfenbeinkühlen Finger knisternd an seiner Haut
+zu spüren. Er erzählte von einer Begegnung und einem Gespräch mit einem
+Brahmanen in Benares, und sie lauschte mit geneigtem Kopf, während
+Reflexe des Feuers auf ihrem Haar tanzten, lauschte und lächelte eigen
+zweideutig. Es war nicht ein und dasselbe, was sie dachten und was sie
+sprachen, bei ihm nicht und bei ihr nicht.
+
+Mit Pauline ging er am Fluß entlang; plötzlich gewahrten sie im Gebüsch
+neben dem Weg ein umschlungenes Paar, schamlos, blind und taub. Es war
+außerordentlich peinlich. Pauline wurde totenbleich; einige Schritte
+weiter verließ sie fast die Besinnung. Er bot ihr den Arm; ihr
+gehauchter Dank ergriff ihn, das irre Wesen. Er verstand sie abzulenken,
+und indem er redete, schien ihm, daß sie sich vertrauensvoll an ihn
+drängte, unbewußt, wie ein junges Tier. Da erschrak er und wurde
+ängstlich; nahm seine Worte in acht, fühlte sich als Sünder und geriet
+doch ins Netz.
+
+In einer Stimmung zwischen Selbstvorwürfen und Überschwang setzte er
+sich in der Nacht hin, um an Marietta zu schreiben. Es wurde nichts
+daraus. Er fing dreimal an und blieb immer in der Mitte stecken; einmal,
+weil er inne wurde, daß er in seinen Eröffnungen zu weit ging; einmal,
+weil er mit Erstaunen bemerkte, daß er ihr eifersüchtige Vorhaltungen
+machte und einen Zustand seines Innern schilderte, von dem er erst
+erfuhr, als er ihn beschrieb; und das dritte Mal, weil eine konfuse und
+vollständig unzusammenhängende Epistel entstand, die wohl seine
+Verfassung am getreuesten, aber auch am unerquicklichsten malte. Da ging
+er unzufrieden zu Bett, und um einschlafen zu können, zählte er von eins
+bis tausend und in die graue Unendlichkeit weiter.
+
+Am andern Tag traf ein Telegramm von Ferry Sponeck ein, welches lautete:
+Komme morgen mit meinem Freund Eugen Sparre. Nun wußte jedoch niemand,
+weder die Gräfin, noch eine der Töchter, wer Eugen Sparre war; sie
+wunderten sich und rieten hin und her. Erst Georg Ulrich Castellani
+konnte sie aufklären, als beim Mittagessen davon gesprochen wurde. Er
+lachte unter seinem gewölbten Schnurrbart, der den Mund wie ein
+schwarzseidener Vorhang bedeckte, und sagte: »Sparre, ach ja, ich
+erinnere mich, Ferry hat mir von ihm erzählt. Er ist ein junger
+Mediziner oder angehender Arzt, der in einem herausfordernden Gegensatz
+zur gesamten bisherigen Wissenschaft steht und seine eigenen, ich weiß
+nicht ob bewährten oder fragwürdigen, wahrscheinlich aber fragwürdigen
+Methoden verfolgt. Ferry hat ein unsinniges Penchant für ihn, seit er im
+Sommer an einer Neuralgie gelitten und ihn dieser, wie war der Name?
+Sparre? und ihn dieser Sparre, wie er Stein und Bein schwört,
+vollständig geheilt hat. Man muß Ferry seine kleinen Bêtisen nachsehen.
+Manchmal greift er über sein Ressort, aber es ist harmlos. Das Harmlose
+kränkt einen nicht.«
+
+Die Damen zeigten Interesse für den unbekannten Sparre; Aglaia sagte,
+vielleicht habe er auch für die Pferdekuren etwas Neues erfunden; der
+Falb fresse seit gestern nicht, und sie wolle Herrn Sparre um eine
+Ordination bitten. Worauf die Gräfin verweisend bemerkte, man habe
+schaffenden Menschen mit Respekt zu begegnen; daß einer Sparre heiße,
+sei noch kein Grund, sich über ihn lustig zu machen, im übrigen sei ja
+Ferry Sponeck alt genug, um zu wissen, wen er zu seinen Freunden bringen
+dürfe.
+
+Während des Nachtischs kam der Verwalter und berichtete über Unruhen,
+die in einigen Dörfern der Umgegend ausgebrochen seien. Eine bewaffnete
+Bande habe in vergangener Nacht die Försterei des Fürsten Colalto
+überfallen.
+
+Castellanis Gesicht verdüsterte sich, und er sagte: »Bien, man wird
+schießen.«
+
+»Und Sie, Erasmus?« fragte Sebastiane, den Arm um die Schulter ihres
+ältesten Mädchens legend, »werden Sie uns verteidigen?«
+
+Er antwortete: »Ich wollte, ich wäre so beredt, Sie darüber beruhigen zu
+können.«
+
+Die Gräfin und Georg Ulrich Castellani begannen ihre gewohnte Partie
+Piquet zu spielen.
+
+ * * * * *
+
+Das Wunderliche der Paarung von Ferry Sponeck und Eugen Sparre blieb
+auch nach der Ankunft der beiden bestehen. Man lernte in diesem Sparre
+einen ungefähr sechsundzwanzigjährigen, brünetten, untersetzten, nicht
+ohne Sorgfalt gekleideten, äußerst wortkargen Menschen mit
+zurückhaltenden Manieren und angenehmen, schauspielerhaft markanten
+Zügen kennen, von dem nicht erfindlich war, was ihn an die Person des
+Grafen Sponeck fesselte. Ferry Sponecks ihn rühmende Reden ließ er
+gleichmütig über sich ergehen und bat die Zuhörer durch einen kühlen
+Blick um Entschuldigung, man wußte nicht, ob für sich oder seinen
+Gönner. Manchmal hatten diese Lobpreisungen allerdings einen Ton, wie
+wenn einer eine Jagdtrophäe oder eine klug erhandelte Antiquität
+vorweist; doch hegte Ferry Sponeck wie fast alle ungebildeten und
+gutherzigen Aristokraten eine grenzenlose, mit Aberglauben gemengte
+Bewunderung für Leute der Wissenschaft. Es hatte den Anschein, als
+betrachte er Eugen Sparre als seinen Leibarzt; er richtete alberne
+Fragen an ihn, betreffend die Hygiene, die Gefahren der Ansteckung, die
+Grundsätze der Prophylaxis und war bemüht, ihn zur Gesprächigkeit zu
+ermuntern; dabei blickte er so ergeben zu ihm auf und hing so
+ehrfurchtsvoll an seinen Lippen, daß sein Betragen zum Spott aller
+wurde.
+
+Als die Gräfin mit jener um ein Gran zu nachdrücklichen Herzlichkeit,
+mit der man Fremdheit und soziale Kluft zu ignorieren vorgibt, Sparre
+ihrer Freude versicherte, ihn bei sich begrüßen zu dürfen, erwiderte er,
+er müsse die Verantwortung dafür dem Herrn Grafen aufbürden, der den
+Aufenthalt und die Gastlichkeit auf Rienburg so verlockend geschildert
+habe, daß er nicht widerstehen gekonnt. Er hoffe, die Herrschaften nicht
+zu stören, fügte er hinzu, ohne zu merken, daß diese Bescheidenheitsfloskel
+eine Grobheit und eine Selbstdemütigung enthielt, er habe eine
+angefangene Arbeit mitgenommen, der er den größten Teil des Tages widmen
+müsse.
+
+Seine tiefe Stimme hatte übrigens dieselbe orgelnde Resonnanz wie die
+Georg Ulrich Castellanis.
+
+Erasmus war es nicht behaglich, bei Tisch dieses blasse Gesicht mit den
+beobachtenden Augen sich gegenüber zu haben. Auch die andern fühlten
+sich gedrückt, und die Unterhaltung floß spärlich, obschon die Gräfin
+beflissen war, sie in heitern Gang zu bringen. Man hatte auch neue
+Nachrichten über Plünderungen und Revolten, und was Sponeck von den
+Ereignissen in der Hauptstadt mitzuteilen wußte, war ebenfalls nicht
+dazu angetan, die Fröhlichkeit zu erhöhen. Auch unter den vier
+Schwestern herrschte gereizte Stimmung; Pauline saß mit gesenkten Lidern
+und nippte bloß von den Speisen; Aglaia hatte trotzig die Lippen
+aufeinandergepreßt; Polyxene lächelte bisweilen wehmütig-entsagend; nur
+Sebastiane schien unberührt, und infolge der über ihre Züge gebreiteten
+Klarheit und kräftigen Ruhe war sie die schönste. Nach dem schwarzen
+Kaffee ging Erasmus mit ihr in den Wintergarten und wagte eine Frage: ob
+es ein Zerwürfnis gegeben hätte?
+
+Er war umwölkt; in einer heißen Spannung. Diese vier wunderbaren
+Gestalten, in einem verzauberten Ring um ihn, stürzten ihn in süße
+Verzweiflung. Die ihn rief, der nahte er sich pagenhaft; mit der er
+Blick in Blick stand, an die vergab er sich. Er hätte alle vier in eine
+schmelzen mögen und die an sich reißen; und doch gelüstete ihn nach den
+Liebkosungen jeder einzelnen, verschieden in Glut und Dauer und Kunst
+und Selbstvergessenheit; sublimiert bis ins Traumgleiche, gesteigert bis
+zum Schmerz. Verhieß Lix eine strömende Passion aus lang verschüttet
+gewesener Tiefe, so Sebastiane die sanfteste Zärtlichkeit, die
+auszudenken war; Pauline die schrankenlose Darbietung einer
+jungfräulichen Seele, erfüllt von beinahe schauerlichen Ahnungen der
+Wollust, und Aglaia die hinreißende Bizarrerie einer zugleich spröden
+und leidenschaftlichen Natur. Vereinigung quälender Geister; und hinter
+ihnen, über ihnen, in einem Jenseits schier, eine, die die Herrin war,
+ausgestattet mit heimlicherer und größerer Gewalt des Rufes und der
+Mahnung, halb Verlorene, halb Verstoßene.
+
+»Wir alle sind sehr unvernünftig,« sagte Sebastiane, ohne auf seine
+Erkundigung zu antworten. Sie schaute ihn freimütig an und setzte leise
+hinzu: »Soll uns nicht warnen, was draußen in der Welt vorgeht? Wir
+benehmen uns wie Kinder, die beim Gewitter die Augen zudecken.«
+
+Erasmus verfärbte sich und murmelte: »Sie haben vielleicht recht.
+Gewitter, das ist noch zu wenig. Gewitter geht vorüber. Man denkt, man
+muß alles zusammenraffen, was noch da ist an Glück und Genuß. Das #après
+nous le deluge# ist früher ein lustiges Wort gewesen, jetzt hat es einen
+lugubren Sinn bekommen. Vielleicht ist es ein Verbrechen, so zu denken,
+Sie haben recht.«
+
+»Wenn auch kein Verbrechen, so doch das, was uns unfähig macht,
+einander zu helfen,« erwiderte sie mit festem Ton.
+
+»Also muß man sein Blut und Herz zum Schweigen bringen?« fragte er und
+stand hingebungsvoll dienend vor ihr.
+
+Sie riß eine Azaleenblüte vom Strauch und zerrupfte sie. »Ich glaube,
+Sie müssen redlich handeln,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen. Er
+nahm ihre feine weiße Hand und preßte seine Lippen darauf, entzückter
+als vorher, weniger als vorher gesonnen zu verzichten. Durch den
+dämmerigen Gang näherte sich Aglaia; sie sang mit leiser Stimme und ihre
+Augen blitzten vermessen.
+
+Den Nachmittag über schrieb er Briefe und ließ sich zum Tee
+entschuldigen. Als er sich aufmachen wollte, die Briefe ins Dorf zu
+tragen, begann es heftig zu regnen; er schickte einen der Diener und
+blieb in seinem Zimmer. Aus dem untern Stockwerk tönte Klavierspiel, und
+zwar sehr gutes, wie er es im Hause noch nicht gehört. Es mußte Sparre
+sein, der spielte. Er runzelte die Stirn. Es war etwas Finsteres um den
+Namen und um den Mann. Es gab jetzt viele solche, man hatte früher nicht
+auf sie geachtet, jetzt nötigten sie einen hinzuschauen. Er dachte nach,
+warum ihm das Gesicht des Menschen widerstrebte und entsann sich, daß er
+einstmals in der Mandschurei ein chinesisches Schnitzwerk mit
+höhnisch-bösen Zügen gesehen, eine Gottheit des Verderbens, alle Tücke
+verhalten, der Ausdruck diabolische Brut. An das Bildnis erinnerte ihn
+Sparre, nun wußte er es, obwohl der Götze abstoßend häßlich gewesen,
+dieser dagegen hübsch und wohlgestaltet zu heißen war. Aber etwas war
+gemeinsam.
+
+Er kleidete sich zum Souper um und ging hinunter, ohne auf das
+Gongsignal zu warten. Auf der Treppe traf er mit Lix zusammen. Sie war
+strahlend in ihrem Kleid aus dunkelgrüner Libertyseide und der
+Perlenschnur um den Hals. »Schade, daß Sie nicht da waren,« redete sie
+ihn an, »er spielt wie ein Teufel, der Herr Sparre.« Erasmus lachte im
+Echo zu seiner Entdeckung von vorhin und erwiderte, er liebe
+Klavierspiel nicht. Indem schritt Sparre an ihnen vorüber, im Cutaway,
+nicht im Smoking wie die übrigen Herren, und verbeugte sich zeremoniös.
+
+Auf dem mit schwarz und weißen Platten gepflasterten Flur ging Pauline
+mit dem Katecheten auf und ab, der zum Abendessen geladen war. Die
+Gräfin schien unruhig; sie erzählte Erasmus, der Postmeister sei vor
+einer Stunde dagewesen, um mitzuteilen, daß die Telegraphen- und
+Telephonleitungen nicht mehr funktionierten. Während sie noch sprach,
+trat der alte Diener Niklas heran, sorgenvoll, und sagte, der Nordhimmel
+sei von starker Brandglut überzogen. Alle eilten an die Fenster des
+Speisesaals; gesättigter Purpurschein quoll über den Horizont empor.
+
+Wo mag das Feuer wüten? fragte man einander beklommen. Es wurden die
+Dörfer und Landsitze aufgezählt, die in der Richtung lagen. Erasmus
+drehte sich hastig um. Jemand hatte Gravenreuth genannt. Es war der
+Katechet. Sebastiane schüttelte den Kopf und sagte, Gravenreuth liege
+mehr nach links, dem Wald zu, eher könne es der Elmhof sein, dort
+befinde sich eine Branntweinbrennerei. Ferry Sponeck erkundigte sich mit
+gepreßter Stimme, ob das Dorf im Bedarfsfall eine Schutzmannschaft
+stellen könne; die Gräfin erwiderte, sie habe mit dem Lehrer und dem
+Bürgermeister darüber gesprochen; beide seien der Meinung, daß
+verläßliche Leute kaum aufzutreiben seien, doch sei vorläufig nichts zu
+fürchten.
+
+Da der Regenwind die Kerzen zum Flackern brachte, mußten die Fenster
+geschlossen werden. Die Gräfin zog Erasmus beiseite. Lächelnd, doch mit
+schnell und scharf prüfendem Blick fragte sie ihn, ob das Gerücht,
+welches man ihr zugetragen, auf Wahrheit beruhe, daß Gräfin Giese
+gegenwärtig Gast auf Gravenreuth sei, und ob er davon wisse? Ja, er
+wisse davon, gab Erasmus zur Antwort, es habe sich so gefügt; der
+lächelnde Blick der Gräfin verwirrte ihn, er lächelte gleichfalls,
+jedoch ohne Freiheit und wollte eine hastige Versicherung geben, aber
+die Gräfin ersparte ihm dies feinfühlend, indem sie ihm freundlich
+zunickte, wennschon mit einer Mahnung im Blick. Dann nahm sie seinen
+Arm, und man ging zu Tisch.
+
+ * * * * *
+
+Die allgemeine Laune wurde munterer während des Essens. Die zerstreuten
+Gespräche verstummten aber nach und nach, und alle hörten Georg Ulrich
+Castellani zu, der heute seinen glänzenden Tag hatte, wie die Gräfin
+sagte.
+
+Als die Tafel aufgehoben war und sich die Gesellschaft im Rauchzimmer um
+den Kamin niedergelassen hatte, war Castellani zu einem seiner
+Lieblingsthemen gelangt, der Gestalt und dem Schicksal Kaiser Karl des
+Fünften.
+
+Er sagte: »Mir ist dieser Mensch immer vorgekommen wie eine dunkle
+Riesenfigur, gestickt auf einen ungeheuren Vorhang aus Goldbrokat. Es
+klingt ja ein wenig ridikül, daß einem ein Autokrat aus dem sechzehnten
+Jahrhundert, längst schon Schatten unter den Schatten, so nah sein soll
+und näher noch als etwa mein lieber Freund Ferry Sponeck; aber es ist
+so. Ich sehe in ihm die reinste und seitdem in solchem Ausmaß von der
+Geschichte nicht mehr wiederholte Verkörperung absoluten Herrschertums.
+Das sagt sich so: absolutes Herrschertum; aber was es bedeutet! Es
+bedeutet #pur et simple# einen Gipfel der Welt, eine Kulmination der
+Kultur. Die Stunde, in der er das Szepter aus der Hand gegeben hat, war
+genau genommen die, in der der Untergangs- und Auflösungsprozeß Europas
+begonnen hat. Man ist sich darüber nicht genügend klar. Es ist ja auch
+kein Wunder, denn was für horrible Karrikatur haben die bestallten und
+die andern Historienschreiber aus ihm gemacht! Einen boshaften
+Phlegmatiker; einen reizbaren Kränkling; einen feigen Despoten. In
+Wirklichkeit war er vor allem einmal ein vollkommen einsamer Mann.
+Natürlicherweise; der absolute Herrscher muß vollkommen einsam sein,
+anders ist er nicht denkbar. Sodann: welche Tiefe der Dissimulation! Die
+Dissimulation entstand bei ihm aus der Erkenntnis der Nichtigkeit der
+menschlichen Dinge, der Zwecklosigkeit alles menschlichen Treibens. In
+seiner Einsamkeit und seiner Höhe erschien ihm alles sehr klein und sehr
+wandelbar und sehr relativ; Worte, Verträge, Leidenschaften, Miseren,
+Not und Tod, alles sehr illusorisch. Daher auch seine profunde
+Menschenverachtung. Ich glaube, seit die Erde Bewohner hat, sind
+Menschen nicht so verachtet worden wie von ihm. Daher auch sein Respekt
+vor der Kunst; denn da trat ihm ein Absolutes entgegen gleich ihm
+selbst. Wie mysterios er war! (Georg Ulrich Castellani sprach das Wort
+mit langgedehntem O aus, wodurch es seinen Sinn besser erschloß.) Er
+konnte nicht weinen, er konnte nicht lachen, schon als Kind nicht. Da
+gibt es eine Anekdote, wie einer der gefangenen Kurfürsten, ich glaube,
+der Landgraf von Hessen war es, vor ihm kniet und aus irgendeinem Grund
+die Lippen verzieht, so daß es aussah, als ob er lachte, in Wirklichkeit
+war ihm ganz anders zumut, und wie dann der Kaiser in seinem
+brabantischen Deutsch drohend vor sich hinmurmelt: wart, ick will dir
+lacken lehr. Welche tenebrose Paradoxie des Charakters: in seinem Reich
+ging die Sonne nicht unter, und er haßte den Sonnenschein. Ihm war die
+größte Machtgewalt verliehen, die je ein Sterblicher besaß, und er
+suchte Zuflucht in einem Kloster strengster Observanz. Auch Gott
+gegenüber dissimulierte er. Auch Gott war seinem unvergleichlich
+mysteriosen Geist nur eine Form. Worüber er am meisten grübelte, war die
+Versuchung Christi. Das quälte ihn, das begriff er nicht. Raum und Zeit
+waren ihm Gespenster; und das war begründet in den maßlosen Erfüllungen
+dieses Lebens, die maßlosen Ekel in ihm erregten. So erklärt sich auch
+sein beständiges Reisen, diese Ruhelosigkeit in der Starre; und seine
+kuriose Liebhaberei für Uhren, die alle, soviel deren auch waren, auf
+dem Zifferblatt übereinstimmen mußten. Dissimulation. Freilich, sein
+Vater trug ja als Leiche eine tickende Uhr in der Brust; die wahnsinnige
+Johanna, seine Mutter, schleppte den Sarg durch die Länder, und damit
+sie sich einbilden konnte, er lebe, setzte sie ein Uhrwerk an die Stelle
+des Herzens. Das mußte Einfluß auf ihn haben. Ich ahne da eine tragische
+Umbiegung der Seele von der Majestätisierung in die Mechanisierung,
+d. h. also in die Verzweiflung, erstes Sinnbild einer neuen Zeit. Ja,
+die Uhr war vielleicht sein Idol und sein Menetekel. Und doch war er der
+Bewahrer; Bewahrer des Staats, Bewahrer der Religion. Ein Pater vom
+heiligen Orden Jesu sagte mir einmal, ohne ihn hätte die Kirche längst
+aufgehört zu existieren. Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt,
+Jahrhunderte lang.«
+
+»Ja, mit Ruten und Skorpionen, mit Scheiterhaufen und Marterwerkzeugen,«
+ließ sich eine Stimme vernehmen, in der Klangfarbe so wenig
+unterschieden von der des Grafen, daß die andern des schneidenden
+Widerspruchs zuerst gar nicht inne wurden. Nur Erasmus war vorbereitet
+gewesen, da er, während Georg Ulrich gesprochen, den Blick unauffällig
+auf Sparre gerichtet hatte, der, etwas aus der Reihe gerückt, zwischen
+Lix und Ferry Sponeck saß, mit einem spöttisch-düstern Lächeln um den
+Mund. Das etwas verletzende Aufhorchen der Gesellschaft beirrte ihn
+nicht, auch nicht die ängstlich an ihm hängenden Augen Sponecks; kühl
+fuhr er fort: »Er hat der Menschheit den Glauben bewahrt um den Preis
+von hunderttausenden verbrannten Ketzern und hunderttausenden
+unschuldiger Mädchen und Frauen, die man als Hexen zu Tode folterte; und
+um den Preis von hunderttausenden erschlagener und gemordeter Inkas und
+Azteken, und von hunderttausenden durch Alkohol und Syphilis im Namen
+des Kreuzes vergifteter Indianer;« der Katechet rückte auf seinem Stuhl,
+die Gräfin machte eine erschrockene Bewegung gegen Pauline und Aglaia
+hin, wobei letztere den Kopf aufwarf und Sparre neugierig musterte. Aber
+der schien es nicht zu bemerken. »Ich will auch gleich sagen,« sprach er
+weiter, »daß es eine von den Jesuiten erfundene und böswillig
+verbreitete Fabel ist, die uns die Ansicht beigebracht hat, die Syphilis
+sei aus Amerika gekommen. Es geschah wahrscheinlich zur höheren Ehre
+Gottes. Sie ist aus dem Orient gekommen, lange bevor die frommen
+Straßenräuber Cortez und Pizarro die blühenden Reiche dort drüben in
+bluttriefende Wüsteneien verwandelten. Aber wozu das alles,« unterbrach
+er sich achselzuckend, »Sie, Herr Graf, wissen es ebenso genau wie ich.
+Ich freilich verstehe mich nicht auf die Dissimulation und kann auch
+nichts Vorbildliches und Bewundernswertes in ihr sehen. Im Gegenteil,
+sie ist mir die Mutter des Übels, der fluchwürdigen Verschleierungen,
+deren sich die großen Herren bedient haben, um ihre kleinen Zwecke
+durchzusetzen, des systematischen Volksbetrugs und der politischen
+Brunnenvergiftung.«
+
+Er schaute mit gerunzelten Brauen zur Decke empor, als wolle er sich der
+frostigen Betroffenheit entziehen, die rings um ihn die Gesichter
+zeigten.
+
+»Was Sie vorbringen, Herr Sparre, ist zweifellos stichhaltig,«
+antwortete nach einer Pause Georg Ulrich Castellani mit ausgesuchter
+Artigkeit, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und eigentümlich
+triumphierend aussah. »Aber ich wollte ja nicht Zustände und Fakten
+kritisieren, das steht außer meiner Kompetenz, sondern eine Figur, die
+meine Fantasie enflammiert, dem Verständnis näher rücken. Daß eine
+gewisse liberale Phraseologie, oder auch eine radikale, wenn Sie wollen,
+es läuft im Wesen auf dasselbe hinaus, ihre drohendste Armatur gegen
+diese Figur in Bewegung setzen muß, gebe ich Ihnen gerne zu. Heutzutage
+liegt das auf der Hand und erfordert auch geringen Mut. Blutbäder sind
+etwas unendlich Schreckliches; selbstverständlich. Aber sind sie durch
+die Volksbeglücker verhindert worden? Haben die Robespierre und die
+Cromwell und die Lincoln und die Lenin weniger Blutschuld auf dem
+Gewissen als die Dschingischan, die Attila, die Napoleon und Friedrich?
+Wir wollen hier doch nicht Leitartikelwahrheiten breittreten. Es
+geschieht uns weh genug, daß es unserer Welt an großen Herren fehlt, von
+großen Männern nicht zu reden. Ein unabwendbarer Prozeß; das Urgestein
+ist zerrieben; was übrig bleibt, ist Schlamm und Kot. Wohin führen die
+Ausschweifungen des Gefühls? Blut ist Baumaterial. Jeder von uns hält
+die Schaufel in der Hand, um einen andern einzuscharren; spielt die Zahl
+und die Modalität des Sterbens letzten Endes eine Rolle? Dieser Planet
+ist nun einmal ein Kirchhof, und wenn die einen ihr Vergnügen darin
+finden, die Massengräber zu durchwühlen, so macht es den andern Freude,
+vor den ehrwürdigen Monumenten ihre Andacht zu verrichten.«
+
+»Ich möchte niemanden in dieser Freude stören,« sagte Sparre trocken.
+
+»In Zeiten, wo die Person eines Kaisers etwas Geheimnisvolles sein
+konnte, gab es eben ein grandioses Geheimnis mehr für die Menschen,«
+fuhr Castellani fort, »Majestät, gesalbte Majestät, das war die oberste
+Spitze der Welt, das was in Zucht und Demut hielt, auch wenn der
+zufällige Repräsentant der hohen Idee nicht entsprach. Vielleicht darf
+ich das durch eine kleine Episode aus dem Leben eines meiner Vorfahren
+illustrieren; vielleicht kann ich damit unserer Diskussion die Schärfe
+nehmen, was den Damen nur willkommen sein wird. Ich fand die Geschichte
+fast zu gleicher Zeit in alten Familienpapieren und, ein wenig
+vergröbert, in den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon.
+Sonderbarerweise schlägt sie ebenfalls in das von Herrn Sparre so
+verpönte Kapitel der Dissimulation. Dieser Vorfahr also, ein Kavalier am
+Hofe Ludwigs des Vierzehnten, meine Familie stammt ja aus Frankreich,
+wurde vom König mit einem Auftrag von höchster Importanz zum Kaiser
+Leopold nach Wien geschickt. Er trifft eines späten Abends ein, kleidet
+sich um, sendet seinen Jäger in die Hofburg voraus, um seine Ankunft
+melden zu lassen und folgt ihm in kürzester Zeit nach. Man teilt ihm
+mit, daß die Majestät ihn erwartet. Man führt ihn durch halbfinstere
+Korridore und eine Reihe ganz finsterer Gemächer, vor einer Tür bleibt
+der Lakai stehen und heißt ihn eintreten. Es ist ein schmaler Raum, in
+den er tritt, mit einem schmalen, langen Tisch, einer einzigen Kerze
+darauf und einem einzigen Sessel dahinter. Vor dem Tisch, mit dem Rücken
+angelehnt, die Arme verschränkt, in nachlässiger Haltung und ziemlich
+verdrossen, steht ein schwarzgekleideter Mann. Der Gesandte, in der
+Meinung, es sei ein Beamter oder ein zur Audienz befohlener Kämmerer, in
+der Meinung überhaupt, es sei die Antichambre, wo er sich befindet,
+fängt an auf und abzuschreiten, wobei seine Gebärden und sein
+Mienenspiel schlecht bemeisterte Ungeduld ausdrücken. Der Mann am Tisch
+mit den verschränkten Armen sieht ihm zu, verfolgt sein
+Aufundabschreiten nicht bloß mit den Augen, sondern mit dem ganzen Kopf,
+bleibt ernsthaft und vollkommen still. So vergeht eine Viertelstunde,
+eine halbe Stunde, endlich wird es dem Wartenden zu viel, er wendet sich
+etwas brüsk an den vermeintlichen Leidensgenossen und fragt, ob der
+Kaiser benachrichtigt sei und ihn empfangen wolle. Da antwortet der Mann
+ruhig: »Der Kaiser bin ich.« Der Gesandte stürzt wie vom Blitz getroffen
+auf die Knie nieder, stammelt, zittert und vermag nicht ein Wort von
+seinem Auftrag hervorzubringen. Der Kaiser muß seine Leute rufen, die
+ihn laben und wieder zur Besinnung bringen müssen. Das war die Glorie,
+die Wirkung des Unbeschreiblichen, das Geheimnis.«
+
+Sparre lächelte gezwungen. Er antwortete: »Auf die Gefahr, es völlig mit
+Ihnen zu verderben, gestehe ich, daß ich da weder Glorie, noch Geheimnis
+erblicken kann. Ich sehe auf der einen Seite nur infantilen Geist und
+verächtlichen Byzantinismus, auf der andern die ganze Narrenbosheit und
+den widersinnigen Hochmut dieses Geschlechts von herzlosen, unwissenden,
+weltfremden und menschenfeindlichen Drahtpuppen auf dem Thron. Edle
+Rassetiere im besten Fall, haben sie ihre Befugnisse mißbraucht, um
+zwischen den Nationen Zwietracht zu säen und dabei ihr Schäfchen ins
+Trockene zu bringen, Schmeichler und Dunkelmänner zu hohen Ämtern zu
+befördern und redlichen Dienern den Strick zu drehn. Zuviel ist um der
+Popanze willen gelitten worden, zuviel Weihrauch und Lüge -«
+
+Erasmus erhob sich. »Ich glaube, wir brechen das überflüssige Gespräch
+ab,« sagte er scharf.
+
+»Hab doch die Gnade, mein Teurer, mir die Aschenschale zu reichen,«
+wandte sich Castellani mit heiterem Gesicht an ihn.
+
+»Vielleicht spielt uns Herr Sparre etwas vor,« sagte die Gräfin
+verbindlich.
+
+Sparre war ebenfalls aufgestanden. »Mich dünkt, dazu fehlt momentan die
+nötige Empfänglichkeit, Frau Gräfin,« erwiderte er mit steifer
+Verbeugung.
+
+Die Gräfin drehte sich zu Lix und spottete kaum hörbar: »Gaffen hat er
+sich bis jetzt genug geleistet.«
+
+Ferry Sponeck fuhr sich unglücklich durch die Haare, denn er merkte
+endlich, daß etwas nicht stimmte. »Sag mir doch, Mumu,« raunte er
+Erasmus zu, »was hat es denn eigentlich gegeben?«
+
+Man vernahm das Rollen eines Wagens. Sebastiane, die neben Erasmus
+stand, horchte auf; dies Geräusch zu dieser Stunde war ungewöhnlich.
+Auch die andern lauschten. Erasmus antwortete auf Ferry Sponecks Frage:
+»Hast du vergessen, was ich dir neulich gesagt habe? Offene Rebellion
+ist Satans Werk, hab ich dir gesagt. Hast gerade du uns den Satan ins
+Haus führen müssen?«
+
+Niklas war hastig eingetreten, hatte sich hinter den Stuhl der Gräfin
+gestellt und ihr im Herabbeugen ein paar Worte ins Ohr geflüstert. Die
+Gräfin sprang mit verändertem, erblaßtem Gesicht empor. Als die Töchter
+sie erschrocken umdrängten, sagte sie: »Frau von Gravenreuth ist
+angekommen, und ... und Gräfin Giese. Sie sind geflüchtet. Das Schloß
+brennt.«
+
+»Gott sei uns gnädig,« murmelte der Katechet.
+
+Voll Schrecken liefen alle durcheinander. Pauline brach in Tränen aus.
+Aglaia nahm einen Armleuchter und stellte ihn wieder hin. Die Gräfin
+stürzte in den Flur. Erasmus, weiß wie Papier im Gesicht, wollte ihr
+nach, blieb aber vor der Schwelle stehn. Georg Ulrich Castellani ging
+auf und ab und murmelte von Zeit zu Zeit: #»nom de Dieu; nom de Dieu,«#
+Lix und Sebastiane folgten ihrer Mutter. Sponecks Krawattenschleife
+hatte sich gelöst, und er bemühte sich mit verstörten Mienen, sie wieder
+zu binden.
+
+ * * * * *
+
+Es war Flucht in gehetztester Eile gewesen. Um sieben Uhr war eine Bande
+von zwölf Mann in das Schloß gedrungen und hatte Geld und Lebensmittel
+verlangt. Man hatte mit ihnen verhandelt, ihnen eine Summe Geldes und
+zwei Säcke Mehl abgeliefert, und sie waren bereits im Begriff,
+weiterzuziehen, als einige von ihnen im Hof mit dem Kutscher in Streit
+gerieten. Tumult entstand, fünf Minuten später lohten Flammen aus dem
+Dach des Stallgebäudes. Was sich dann weiter begeben hatte, wie sie mit
+rasch zusammengerafften Habseligkeiten auf den Bauernwagen gelangt
+waren, woher der Wagen mit den zwei Pferden mitten im strömenden Regen
+gekommen und wer ihn gebracht, vermochten die Flüchtlinge nicht zu
+sagen. Genug, sie waren in der Nacht, das brennende Schloß hinter sich,
+davongefahren, so schnell die Pferde laufen wollten: der Kutscher, ein
+sechzehnjähriger Bauer, zwei Zofen, Frau von Gravenreuth, Marietta
+Giese, der kleine Wolf und seine Pflegerin; alle bis auf die Haut
+durchnäßt, mit klebenden Gewändern, triefenden Haaren, wie
+Schiffbrüchige.
+
+Marietta mußte sogleich zu Bett gebracht werden. Sie fieberte und war
+keines Wortes mächtig. Man schickte um den Arzt ins Dorf. Der Katechet
+erbot sich, im Dorf junge Leute aufzubringen, die bereit wären, das Haus
+zu bewachen. Frau von Gravenreuth, eine gemessene und einfache Dame von
+fünfzig Jahren, hatte auch in dieser Lage ihre Haltung nicht eingebüßt.
+Als sie umgekleidet war und für Wolfs Nachtlager gesorgt hatte,
+erstattete sie genaueren Bericht. Sie äußerte Angst um Marietta. Lix und
+Sebastiane waren zu ihr hinaufgegangen. Die Gräfin war beschäftigt,
+Anweisungen wegen der Kleider und Betten zu geben. Erasmus suchte und
+fand Gelegenheit, ein paar Worte mit Frau von Gravenreuth unter vier
+Augen zu wechseln: »Hatten Sie nicht noch einen Gast, Baronin?« fragte
+er vorsichtigen Tons; »Marietta sprach davon -« Frau von Gravenreuth
+antwortete: »Ja, Herr van der Muylen war bei uns. Er ist vorgestern
+telegraphisch abgerufen worden. Manche haben einen guten Stern.« Sie sah
+Erasmus forschend an. »Und wer ist der Knabe?« fragte Erasmus weiter.
+Sie erwiderte: »Wolf ist mein Schutzbefohlener. Er lebt seit seiner
+Geburt in meinem Hause. Seine Mutter ist, ... sie ist tot; sie war meine
+beste Freundin. Es ist ein schönes Kind, nicht wahr?« Wieder sah sie ihn
+mit ihren forschenden, glanzlosen Augen an; »ich hoffe nur, daß diese
+Eindrücke seine junge Seele nicht verdunkeln,« fügte sie hinzu, »meine
+wird sich nie mehr von ihnen befreien können.« Erasmus nahm ihre Hand,
+führte sie an die Lippen und sagte: »Ich empfinde tief mit Ihnen, bis
+ins Innerste, und das ist kein leeres Wort. Ich kenne die Größe der
+Katastrophe.«
+
+Der ins Dorf gesandte Bote kehrte mit der Nachricht zurück, der Doktor
+könne nicht kommen, da er selbst an Grippe schwer erkrankt sei. Gleich
+darauf erschien Sebastiane und sagte, Gräfin Marietta befinde sich sehr
+schlecht, das Fieber steige zusehends, auch klage sie über heftige
+Kopfschmerzen. Die Gräfin sprach zu Helene Gravenreuth: »Ich bin ratlos;
+der nächste größere Ort ist über eine Stunde zu Pferd entfernt, und wenn
+ich auch bei solchem Wetter und der Unsicherheit in der ganzen Gegend
+jemand schicken könnte, ist es doch zweifelhaft, ob der Arzt mitten in
+der Nacht herüberkommt.«
+
+Frau von Gravenreuth antwortete: »Unmöglich kann man sie noch
+stundenlang ohne ärztliche Hilfe lassen -«
+
+Da trat Eugen Sparre auf die Damen zu. »Wenn ich mir erlauben darf,
+meine Dienste anzubieten, Frau Gräfin,« sagte er mit seiner
+verschlossenen Höflichkeit, »so glaube ich, den hiesigen Kollegen
+ersetzen zu können.«
+
+Die Gräfin machte eine freudige Bewegung und sagte zu Frau von
+Gravenreuth, die aufatmete und Sparre dankbar anschaute: »Herr Sparre
+ist ein geistreicher junger Mediziner von der neuesten Schule;« dann zu
+Sparre: »Es fügt sich ausgezeichnet; wenn Sie wirklich die Güte haben
+wollen -«
+
+Im selben Augenblick war Erasmus, seiner kaum mächtig, auf Ferry Sponeck
+zugegangen. Er packte ihn am Arm, zog ihn mit einem ihm sonst fremden
+Ungestüm in die Fensternische, und dort sagte er leise, hastig, mit
+drohender Bestimmtheit und vor Erregung zuckenden Lippen und
+Augenlidern: »Hör mich an, Ferry. Das mußt du verhindern. Um jeden
+Preis verhindern, sonst sind wir beide geschworene Feinde auf ewig. Da
+du schon die Torheit begangen hast, den Menschen herzubringen, so
+erwarte ich von dir diesen Dienst. Um jeden Preis verhindere, daß er in
+Mariettas Zimmer geht, verstehst du? Nicht zu ertragen der Gedanke, daß
+er sie anrührt, daß er ... nicht zu ertragen. Geh sofort zu ihm hin,
+sprich mit ihm, mach ihm das klar; du kannst dich auf mich berufen. Als
+Grund gib an, was du willst, und wenn er auf seinem Vorsatz beharrt, sag
+ihm, daß ich ihn einfach niederknallen werde. Ohne Umstände, verstehst
+du? Spute dich. Ich hoffe, du hast kapiert. Daß er über die Geschichte
+gegen die Damen schweigt, kann ich nicht von ihm erwarten. Vielleicht
+erreichst du es von ihm. Um keinen Preis darf er an ihr Bett. Eher mag
+sie sterben.«
+
+Mit aufgerissenen Augen hatte Ferry Sponeck zugehört. Doch er hatte
+begriffen. Da er Erasmus in solchem Zustand sah, begriff er die Gefahr.
+»Beruhige dich, Mumu, es wird gemacht,« sagte er, ging ins Zimmer
+zurück, bemerkte, daß Sparre sich eben von den Damen entfernte und mit
+Sebastiane zur Tür schritt. Er folgte ihm. Draußen rief er: »Sparre! auf
+ein Wort,« und er verschwand mit ihm im dunklen Teil des Flurs.
+Sebastiane ging indes die Treppe hinauf, in der Meinung, Sparre würde
+nachkommen.
+
+Erasmus war ebenfalls in den Flur gegangen, befahl einem der Diener, ihm
+Mantel und Hut aus seinem Zimmer zu holen, rief den alten Niklas und
+erklärte ihm, daß er selbst zum Arzt nach Grünau fahren wolle, man möge
+den Kutschierwagen anspannen lassen. »Herr Graf können nicht allein
+fahren,« wendete Niklas bestürzt ein, »es ist Mitternacht, die Straße
+stockfinster und grundlos, außerdem -« Erasmus schüttelte ungeduldig
+den Kopf. »Ich fürchte mich nicht,« schnitt er die Rede des Alten ab,
+»wenn niemand da ist oder keiner die Courage hat, mich zu begleiten, muß
+ich allein fahren. Ich finde mich schon zurecht. Machen Sie nur kein
+Aufsehen, die Gräfin braucht zunächst nichts zu wissen.«
+
+Der Diener brachte Hut und Mantel, Niklas und Erasmus traten auf den Hof
+und ins Stallgebäude. Man weckte den Kutscher, der nicht davon erbaut
+war, die Pferde dem Unwetter preisgeben zu müssen. Ein junger
+Stallbursche, von der in Aussicht gestellten Belohnung gereizt, war
+willig, mitzufahren. Zehn Minuten darauf sausten die beiden flinken
+Tiere vor dem leichten Wagen über die Chaussee, in eine Finsternis
+hinein, die ein schwarzer Schwamm war. Im Norden stand noch immer
+Brandröte.
+
+Zum Schutz gegen den Regen hatte Erasmus eine Lederkapuze umgeschlagen,
+die ihm der Kutscher gegeben. Bäume flogen vorüber, Telegraphenstangen,
+Häuser, Brücken, Ententeiche, kaum erkennbar in den Umrissen; die Hufe
+der Pferde klatschten in geschwindem Rhythmus ins Nasse. Über ihre
+nickenden schwarzen Köpfe hinaus starrte Erasmus auf die von den
+Wagenlaternen schwach beleuchtete Straße und in den matten Lichtkegel,
+durch den der Regen in glitzernden Strähnen fuhr. Bei jeder Weggabelung
+zog er die Zügel an und wechselte ein Wort mit seinem Begleiter, der
+schlaftrunken döste.
+
+Er konnte nicht denken, doch sah er. Sah Marietta, fiebergequält in den
+Kissen; der vertraute Körper litt; Lix und Sebastiane huschten bisweilen
+lautlos durch das Zimmer; jede Bewegung der beiden war ihm wie das
+Einatmen von Wohlgeruch. Er sah Sparres hämisch-aufmerksames Gesicht;
+Inbegriff des Hassenswerten. Woher dieser Haß, der seinem Gemüt sonst
+unbekannt war? Er sah Pauline an einem Fenster stehen und ahnungsvoll in
+die Nacht hinausträumen; und Aglaia mit wissend und trotzig funkelnden
+Augen ihn messen; und wieder Marietta, von Schmerzen bedrängt, sterbend
+vielleicht; und dann ein Knabengesicht, wer war der Knabe? Alles gerann
+zu Nebel. Wie müde man wurde. Schön und schlank war der Knabe ...
+
+Die ersten Häuser der kleinen Landstadt tauchten auf.
+
+Um drei Uhr nachts war Erasmus mit Doktor Schmidthammer zurück. Marietta
+phantasierte. Man hatte sie in feuchte Tücher gewickelt. Sparres
+unerklärliche Weigerung, die Behandlung zu übernehmen, gleich nachdem er
+sich dazu angeboten, hatte auf alle wie neues häßliches Unheil gewirkt.
+Er hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen und durch Ferry Sponeck die
+Absage geschickt. Ferry Sponeck beschwichtigte die entrüstete Gräfin, so
+gut er konnte; schließlich gab er sein Wort, daß Sparre ohne Schuld sei;
+es hätten sich Umstände ereignet, durch die er gezwungen worden sei, zu
+verzichten. Die Gräfin erwiderte unwillig, sie verstehe keine Silbe. Da
+sagte Georg Ulrich Castellani malitiös: »Unser Freund Erasmus hat seine
+#bête noire# entdeckt, das wird es wohl sein.«
+
+Alle schwiegen erstaunt, der Zusammenhang rückte nur langsam ins Licht
+und völlig offenbar wurde er erst, als sich herausstellte, daß Erasmus
+heimlich und trotz Sturm und Unsicherheit der Wege nach Grünau gefahren
+sei, um den Arzt zu holen.
+
+Graf Castellani sagte: »Mir fällt da die Geschichte von einem Marquis de
+Surêsne ein, der den größten Widerwillen gegen Jakobiner und
+Sansculotten hegte, obwohl er nie im Leben einen dieser Leute gesehen
+hatte. Eines Tages wurde er in der Nähe seines Schlosses in der
+Normandie von Räubern angefallen; auf sein Geschrei kam ihm ein des
+Weges reitender Mensch zu Hilfe und rettete ihn mit fabelhafter Bravour.
+Der Marquis erschöpfte sich in Danksagungen, als es sich aber später
+erwies, daß sein Lebensretter einer der Führer der von ihm so sehr
+verabscheuten Partei war, nahm er einen Strick und hängte sich auf;
+denn, sagte er, er wolle sein Leben nicht einem erklärten Feind des
+Menschengeschlechts verdanken. Es ist absurd, gewiß, aber es hat
+Charakter. Ich liebe solche Absurditäten; ich sammle sie, wie andre
+Leute Münzen oder Stockgriffe sammeln.«
+
+Jedoch die Gräfin war sichtlich verstimmt.
+
+ * * * * *
+
+Die Bedenklichkeit des Falles erkennend, blieb Doktor Schmidthammer für
+den Rest der Nacht am Krankenbett. Erasmus vermochte einige Stunden zu
+schlafen. Als er sich gegen acht Uhr mit benommenem Kopf erhob und die
+Fenster öffnete, wunderte er sich über den wolkenlosen Himmel und die
+wasserhelle Bläue der Luft.
+
+Mariettas Zofe erstattete Bericht; das Fieber sei unverändert hoch, aber
+die Kranke liege jetzt still, mit starren Augen, wie bewußtlos. Frau von
+Gravenreuth sei bei ihr.
+
+Der Morgen war so nüchtern, so glasig; der ganze Tag blieb so; der
+Sonnenschein so lügnerisch, die Dinge so deutlich, so kalt; der Fuß
+klebte im Schreiten. Erasmus frühstückte mit Sponeck allein; die Damen
+schliefen noch. Ferry Sponeck sagte, Sparre habe beschlossen gehabt,
+heute abzureisen und sei schon um sieben Uhr auf der Station gewesen, um
+sich nach den Zügen zu erkundigen; er sei außer sich, da er erfahren
+habe, der Eisenbahnverkehr sei für die Dauer von drei Tagen
+eingestellt. Furchtsam hielt Ferry Sponeck die Augen auf Erasmus
+gerichtet.
+
+»Das ist höchst fatal,« murmelte Erasmus.
+
+»Er wird das Zimmer nicht verlassen,« tröstete Ferry Sponeck; »er wird
+Unpäßlichkeit vorschützen und die Mahlzeiten oben nehmen.«
+
+»Es ist trotzdem fatal,« beharrte Erasmus.
+
+Nach wenigen Stunden fühlte er sich derart im Hause, als seien Türen
+offen, die hätten geschlossen und andere geschlossen, die hätten offen
+sein sollen. Er grübelte darüber nach wie er es anstellen könnte, zu
+Marietta zu gelangen. Durch alle Wände sickerten Wehelaute aus ihrem
+Mund.
+
+Die Gräfin begrüßte ihn kühl. Er fand es notwendig, ihr Aufklärungen zu
+geben. Er wurde beredt. »Sie müssen es verstehen, Gräfin,« sagte er.
+»Der Mann peitscht mir das Blut mit jedem seiner Blicke. Das Wort, das
+er spricht, ist mir wie Schmutziges aus der Gosse. Spüren Sie es nicht
+auch? Sehn Sie nicht, daß sich in diesem Gesicht alles Böse
+zusammengeballt hat, der ganze Jammer, unter dem wir keuchen, die
+Anmaßung der gottlosen Kreatur, der Zynismus, der unsere Altäre besudelt
+und den Purpur mit Füßen tritt -?«
+
+»Der? gerade der?« rief die Gräfin, halb belustigt, halb entsetzt; »Sie
+übertreiben, Erasmus, Sie übertreiben ungeheuerlich.«
+
+»Ich übertreibe so wenig, daß alles, was ich nicht auszudrücken vermag,
+mir noch zehnmal schrecklicher, noch zehnmal beweiskräftiger erscheint.
+Wir sind die Opfer dieses Menschen, glauben Sie mir. Ich rieche es, es
+steckt mir in den Nerven, und hätten wir mehr Witterung für dergleichen
+Subjekte, so wäre es nicht so weit mit uns gekommen, daß wir wie
+Schlachttiere unsern Hals hinhalten müssen. Er ist nicht bloß ein
+Exponent, er ist eine Inkarnation, glauben Sie mir, und daß er hier in
+unserer Mitte aufgetaucht ist, ist mir wie ein Steinwurf des Schicksals.
+Sie müssen es begreifen, daß mir der Gedanke unfaßbar gewesen ist, ihn
+an das Lager einer Frau treten zu lassen, wenn auch als Arzt, was ändert
+das? bleibt er nicht Sparre, derselbe Sparre? mit seiner ganzen
+Wissenschaft Sparre? einer Frau, die mir einmal teuer war, die mir noch
+immer nahe steht. Sie müssen das begreifen.«
+
+»Ich begreife, Erasmus, einigermaßen wenigstens,« antwortete die Gräfin,
+milder gestimmt; »aber, lieber Freund, begreifen auch Sie: die Situation
+ist unmöglich. Marietta in meinem Haus, schwer krank, und Sie, und die
+jungen Mädchen, - unmöglich. Auf irgendeine Manier müssen wir aus diesem
+Wirbel heraus. Irgend etwas muß beschlossen, muß getan werden.«
+
+Erasmus geriet in lebhafte Verwirrung, denn der Wink war nicht
+mißzuverstehen. »Ich bitte Sie, Gräfin, gönnen Sie mir Zeit,« flehte er;
+»vierundzwanzig Stunden Zeit, oder zwei Tage vielleicht. Ich bin völlig
+bouleversiert. Ich bin zu keiner vernünftigen Überlegung fähig.«
+
+Die Gräfin lachte. »Nun, nun,« besänftigte sie den Erregten, »machen Sie
+keine blutgierige Tigerin aus mir. Zwei Tage, natürlich, weshalb nicht;
+fassen Sie sich. Zur Desparation ist noch kein Anlaß. Mut, armer
+Freund.« Sie reichte ihm lächelnd die Hand, doch mit ungewichenem
+Mißtrauen noch in den Fältchen um die Augen.
+
+An dieses Gespräch schloß sich eines mit Pauline und ein Gang durch den
+Park mit Aglaia.
+
+Pauline saß lesend am Fenster des Musikzimmers. Ohne es recht zu wollen,
+trat er zu ihr hin. Seine Stirn vibrierte noch; er lächelte abwesend und
+schal. Die Freundlichkeit, mit der er sie anredete, war puppenhaft. Sie
+hob den Blick zu ihm, senkte ihn gleich wieder, legte das Buch auf das
+Sims, griff nach ihrem Spitzentaschentuch und zerknüllte es in der
+Faust. »Ich denke fortwährend an Gräfin Marietta,« sagte sie; »sie war
+unbeschreiblich schön, als sie gestern naß und elend im Flur stand. So
+habe ich mir immer eingebildet, daß Märtyrerinnen aussehen müssen.« Sie
+stockte, sah ihn wieder an, wich seinem zweifelnden, unsteten schuldigen
+Blick wieder aus. »Darf man sich dem Neid hingeben?« fragte sie; »es ist
+Todsünde, ich weiß es, aber ich beneide Gräfin Marietta, ich beneide sie
+über alles Maß, über alle Worte, bis ins Geheimste meiner Seele beneide
+ich sie.«
+
+»Warum, Pauline?« fragte Erasmus betroffen, »warum beneiden Sie
+Marietta?«
+
+»Ich weiß es nicht,« flüsterte das junge Mädchen; »ich kann es nicht
+sagen. Aber wenn ein Wunder geschähe, und ich könnte von jetzt an bis
+zum Abend Marietta sein, und ich müßte zum Entgelt dafür in der Nacht
+sterben, nicht eine Sekunde lang würd ich mich besinnen.«
+
+»Wie sonderbar,« sagte Erasmus kopfschüttelnd. Ihm war zumut, als habe
+sie ihm mit ihren Worten die Glieder an den Leib geschnürt. Sie übte,
+während er auf sie niederschaute, auf das nordisch gelbe Haar, die
+samtene Wange, die bebende Oberlippe, eine unbestimmte, quälende Macht
+über ihn aus, der er sich zu entledigen strebte. Mit einer banalen
+Ausflucht verließ er sie.
+
+Aglaia kam eben über die Treppe herunter. Sie forderte ihn auf, sie ins
+Freie zu begleiten. »Ich habe Sie gesucht,« sagte sie.
+
+Im Hörkreis des Hauses gingen sie stumm. Erasmus schaute bisweilen
+zurück und verzögerte den Schritt, als ob er Wichtiges verabsäume, wenn
+er sich zu weit entfernte.
+
+»Sicher wünschen Sie uns alle miteinander dorthin, wo der Pfeffer
+wächst,« begann Aglaia mit ihrer rauhen, aber hellen Stimme, »wir sind
+Ihnen unsagbar lästig, und Sie wissen selbst nicht genau, weshalb. Man
+hat ein Attentat gegen Sie unternommen, und das Attentat ist mißglückt.
+Povero! Ich möchte Ihnen so gern aus der Patsche helfen, da ich uns
+schon nicht helfen kann. Wie machen wir denn das?«
+
+»Sie dürfen nicht so sprechen, Aglaia,« bat Erasmus.
+
+»Nichts da, ich will reden, wie mir ums Herz ist,« entgegnete Aglaia;
+»das ganze Arrangement hat mir ohnehin nie recht gefallen; je besser ich
+Sie kennengelernt habe, je weniger. Nun hat sich aber Pauline innerlich
+engagiert, und bei ihrer Veranlagung ist das kein kleines Unglück. Daß
+das Unglück viel größer wäre, wenn sie Ihre Frau würde, kann man ihr
+vielleicht sagen, aber sie wird es nicht einsehen. Unterbrechen Sie mich
+nicht, Erasmus, ich hab mirs in den Kopf gesetzt, Ihnen die Leviten zu
+lesen und will es auch tun. Es ist sträflicher Leichtsinn, daß Sie
+überhaupt ans Heiraten denken. Ist es Ihnen denn ernst damit? Gott
+bewahre. Sie machen es wie die Indianer auf dem Kriegspfad; Sie stecken
+sich bunte Federn auf den Schopf, bemalen sich das Gesicht, dann
+schleichen Sie sich durch die Wälder, um ein bißchen zu wegelagern. Und
+wehe der Squaw, die Sie in Ihren Wigwam führen. Was da geschieht; #je
+vois ça d'ici.# Wenn sie meine Freundin wäre, würde ich sie auf den
+Knien beschwören, sichs dreimal zu überlegen, und noch dreimal, und dann
+erst recht davonzulaufen. Womit ich nicht gesagt haben will, Erasmus,«
+sie blieb stehen und sah ihn mit einer Mischung von Schelmerei und
+fließendem Gefühl an, »daß ich Ihre Vorzüge nicht kenne. Sie sind nur
+nicht der Felsen, auf den ich bauen möchte.«
+
+»Es erstaunt mich, Aglaia,« antwortete Erasmus befangen, »daß Sie sich
+so urteilen getrauen; so dezidiert, so ... kühn. Wo haben Sie das her?
+Soviel Kenntnis, kleine Aglaia, wo nehmen Sie die her?«
+
+Sie sagte spöttisch: »Keine Geringschätzung gegen die Jahre, Erasmus.
+Solange es grauhaarige Dummköpfe gibt, darf es auch siebzehnjährige
+Komtessen mit gesundem Menschenverstand geben. Zwei Augen im Kopf sind
+zu allerlei nütze, und meine zwei Augen verraten mir, daß Sie jedes Herz
+lieblos zerzupfen, daß sich Ihnen schenkt. Es tut Ihnen leid, aber Sie
+können nicht anders.«
+
+Erasmus nickte melancholisch. »Wenn es nur nicht so schwer wäre,
+Aglaia,« erwiderte er mit seiner verdeckten Stimme; »man weiß nie das
+Richtige. Kommt es einem mal so vor, als hätte man sich zum Richtigen
+entschlossen, so machen einen die Leute durch ihre Reden wieder irre.
+Man liebt jemand, schön; aber weiß man denn, wie lang es dauert? Und die
+Betreffende bildet sich ein, es dauert ewig. Weiß man denn, was es mit
+der Betreffenden auf sich hat? ob sie sich nicht selber täuscht? ob es
+nicht ein Unrecht ist, wenn man sie glauben macht, sie sei einem so viel
+wie sie sein möchte? Das sind furchtbare Verantwortungen. Über einem ist
+ein Gesetz; das Gesetz muß man erfüllen; wenn aber der Augenblick da
+ist, wo es Ernst wird, traut man sich nicht, den Schritt zu tun, weil
+man Angst hat; die Verantwortung ist zu groß. Es gibt bestimmte Zeichen,
+aber vielleicht deutet man sie falsch. Geschehenes kann man nicht
+rückgängig machen. Ich darf mich nicht betrügen lassen von meinen
+Sinnen. Ich darf mir nicht genug sein. Ich bin bloß einer aus der Mitte
+heraus und bin Rechenschaft schuldig. Es darf mir kein Zweifel
+übrigbleiben. Wenn ich so einen Entschluß fasse, muß ich das Bewußtsein
+haben: Gott will es. Kann ichs noch unterlassen, so heißt das so viel
+wie Gott will es noch nicht. Man muß sich in acht nehmen und darf nicht
+vorwitzig sein.« Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn und sah
+kränklich aus.
+
+Aglaia faltete die Hände und blickte mit drolliger Verzweiflung gen
+Himmel. »O Erasmus,« seufzte sie, »Sie zerreißen mir das Herz. Und da
+gibt es Menschen, die einem harmlosen jungen Mädchen zumuten, Hoffnungen
+auf Sie zu setzen. Es muß ja jammervoll in Ihnen aussehen. Das ist
+schlimmer als die zehn ägyptischen Plagen. Nein; um Himmelswillen,
+niemals! Passen Sie auf, Erasmus,« fuhr sie zutraulich fort, »ich bin
+kein trockener Zunder, der beim ersten Funken Feuer fängt. Ich glaube,
+ich bin in Sie verliebt. Warum soll ichs leugnen? Ich glaube, ich könnte
+sogar Tollheiten für Sie begehen; nicht ganz große Tollheiten, gemäßigte
+nur. Ziehen Sie daraus keine Konsequenzen, bitte; lassen Sie es ein Wort
+sein wie guten Morgen. Jetzt, wo es eingestanden ist, ist ja Spiel und
+Zauberei davon weg. Und sehen Sie, wie hübsch, daß ichs gefunden habe,
+bei Spiel und Zauberei müßt es auch bleiben. Das andere, das muß
+schauerlich sein mit Ihnen. Nur eine Komödiantin oder eine Heilige
+könnte es aushalten.«
+
+Erasmus schaute in die dunstig flimmernde Ebene hinüber. Er hatte sein
+spleeniges Lächeln um den Mund. Spiel und Zauberei, ja, das war einmal,
+dachte er, das darf nicht mehr sein. Eine neue Stunde wies das
+Zifferblatt der Lebensuhr. Was diese Unentfaltete, listig Verwegene da
+gesagt hatte, es war zu klug, es ging zu nah; es schickte sich nicht
+ganz, wollte ihm scheinen.
+
+Unversehens waren sie zu einem Rondell zwischen Beeten gelangt.
+Sebastiane saß in der Sonne auf einem Gartenstuhl, vor ihr spielten ihre
+beiden Mädchen im Sand, und der siebenjährige Wolf sah ihnen zu. Als er
+Erasmus und Aglaia erblickte, trat er ihnen mit reizendem Anstand
+entgegen und reichte die Hand. Ein verwunderter Blick Sebastianes
+streifte das Gesicht Erasmus und das des Knaben. »Merkwürdig, wie
+ähnlich er Ihnen sieht,« sagte sie. Auch Aglaia fand es auffallend.
+
+Während Aglaia ins Haus ging, ließ sich Erasmus auf einem zweiten Stuhl
+nieder, und im spärlich fließenden Gespräch mit Sebastiane, die von der
+halbverwachten Nacht müde war, hefteten sich seine Blicke oftmals auf
+den Knaben. Er beobachtete seine Bewegungen, seine Hände, seine Füße,
+sein Mienenspiel. Als Wolf auf einem ziemlich entfernten Zweig ein
+Eichhörnchen erspähte und auf Zehenspitzen, am Bord des Rasens,
+hinschlich, erhob sich Erasmus und folgte ihm. Er redete ihn höflich an
+wie einen Erwachsenen. Er fragte ihn, ob er Tiere liebe; ob er die Namen
+der Bäume kenne; die Namen der späten Blumen, die noch blühten. Die
+Stimme des Knaben gefiel ihm; die unvordringliche und beherzte Art zu
+antworten; der groß vertrauensvolle Blick; das Oval des Gesichts. Er
+nahm ihn an der Hand und ging mit ihm weiter. Er erstaunte über sich
+selbst; er hatte sich nie mit Kindern beschäftigt, noch sich zu ihnen
+hingezogen gefühlt; die Empfindung für Sebastianes Kinder hatte ihnen
+nur in der Vereinigung mit der schönen Mutter gegolten.
+
+Indem er die trockene, warme, winzige Hand in der seinen spürte, dünkte
+er sich alt. Er erschien sich wie ein Baum, belastet mit Jahren,
+beladen mit der Erinnerung an viele Wetter, viele stürmische Tage und
+Nächte, Frost und Glut der Sonne; der Knabe neben ihm, mit dem Haupt
+nicht weit über seine Hüfte reichend, erschien ihm wie ein Schößling,
+zart und kräftig, anschmiegend und edel, an ihm empor-, einer
+unbekannten und zu fürchtenden Zukunft entgegenwachsend. Die gekiesten
+Wege waren ihm plötzlich verhaßt; die weiße Front des Herrenhauses war
+eine Gefängnismauer; »möchtest du mit mir zum Fluß gehen, Wolf?« fragte
+er. Der Knabe bejahte erfreut.
+
+»Erzählen Sie mir eine Geschichte,« bat der Knabe.
+
+Erasmus dachte lange nach. Als sie zum Fluß gelangt waren, der
+dunkelschlammig zwischen flachen Ufern trieb, setzte er sich auf einen
+moosigen Stein, legte den Arm um des Knaben Schulter, lächelte verlegen
+und fing an: »Es ist kein Märchen, was ich dir erzählen will, es ist
+eine wahre Geschichte, die ich erlebt habe, als ich in Indien war. Am
+Hof des Vizekönigs, Vizekönig nennt man den Stellvertreter des Königs
+von England dort, mußt du wissen, am Hof des Vizekönigs also lebte unter
+vielen andern Fürsten und Radschas ein bengalischer Fürst namens Lal
+Sarkar, der seit Jahren an einer unheilbaren Schwermut litt, trotzdem er
+reich und mächtig war, auch schön und klug. Solche Schwermut, weißt du,
+ist für die Seele und den Geist des Menschen dasselbe wie Fieber und
+krankhafte Schwäche für den Körper; wer davon heimgesucht wird, der hat
+an nichts in der Welt mehr Freude. So war das mit Lal Sarkar und wurde
+mit der Zeit immer ärger. Die Ärzte wußten so wenig Rat wie die Freunde;
+eines Tages aber kam ein Brahmane, ein Priester, zu ihm und sagte, er
+solle sich aufmachen und nach Lhasa zum Dalailama reisen, dort würde er
+Heilung finden. Der Dalailama ist der oberste Priester der indischen
+und chinesischen Welt, so wie der heilige Vater in Rom Herr über die
+Christenheit ist. Lal Sarkar tat, was der Brahmane ihn geheißen, rüstete
+eine Karawane aus und reiste über das hohe Gebirge des Himalaya nach der
+Stadt Lhasa. Zwei Monate darauf kehrte er zurück, und zwar als ein ganz
+anderer Mann, heiter, kraftvoll, lebensfroh; und so wunderbar war die
+Verwandlung, daß auch am Hof des Vizekönigs, wo ich um diese Zeit
+eintraf, das größte Erstaunen darüber herrschte. Wenn man sich aber
+erkundigte, erfuhr man nicht viel mehr, als daß eben Lal Sarkar in Lhasa
+gewesen sei. Mir ließ es keine Ruhe, und ich wußte es anzustellen, daß
+ich mit dem Radscha bekannt wurde, und eines Abends in sein Haus
+eingeladen wurde. Das war nun wirklich wie ein Märchen, weißt du, dieser
+Palast mit seinen Springbrunnen und vergoldeten Säulen und Bassins mit
+Fischen und den kostbarsten Teppichen. Ich war ganz allein bei ihm, und
+als wir ins Gespräch gekommen waren, fragte ich ihn nach dem, worüber
+sich alle Europäer den Kopf zerbrachen, denn sie hatten ihn ja gekannt,
+als er wie ein Halbtoter sich traurig und hoffnungslos hingeschleppt
+hatte, und jetzt war er wie neugeboren, kraftvoll und feurig. Ich fragte
+ihn also und fragte auch, ob ein Fremder wie ich wissen dürfe, wie das
+vor sich gegangen und was mit ihm geschehen sei. Er sagte, gewiß dürfe
+ich es wissen, es sei nichts zu verheimlichen. »Ich habe den Dalailama
+gesehen, das ist alles, ich habe in sein Angesicht geschaut.« - »Das ist
+alles?« fragte ich, »nur in sein Angesicht geschaut?« - »Ja,« antwortet
+er, »nur das.« Und als ich verwundert, vielleicht auch ungläubig
+schwieg, sagte er folgendes, und ich habe nicht ein Wort davon
+vergessen: »Der Dalailama ist ein Knabe. Zwölf Jahre ungefähr, älter
+nicht. Er sitzt auf einem Thron und lächelt. Sein Gesicht ist das
+schönste Menschengesicht auf Erden, so schön, wie man es sich nicht
+einmal im Traum vorstellen kann. Seine Stirn ist wie ein geschliffener
+Edelstein und göttliche Weisheit leuchtet auf ihr. Seine Augen strahlen
+eine Güte aus, daß es jeden, auch den verhärtetsten Unhold bis ins Herz
+trifft und er nicht anders kann als auf die Knie sinken. Sein Lächeln
+genügt, damit aller Gram verstummt, aller Schmerz vergeht, alle Sorge
+aufhört. Er ist ein Knabe, aber wenn man ihn anschaut, ist es, als sei
+er fünftausend Jahre alt. Er ist ein Knabe, aber man küßt seine Hand und
+weint. Vor Glück weint man. Er ist ein Knabe, aber er ist mächtiger als
+Armeen und Schlachtschiffe, unbesiegbarer als die Könige und Kaiser der
+Erde, er ist die Liebe und das Licht, und indem ich ihn anschaute, wurde
+ich von meiner Schwermut geheilt.« So sprach Lal Sarkar zu mir. Und das
+ist meine Geschichte.«
+
+»Es ist eine herrliche Geschichte!« rief Wolf mit hingerissenem
+Ausdruck, »die mußt du mir noch öfter erzählen.« In seinem begeisterten
+Eifer dutzte er Erasmus plötzlich, und dieser ließ es sich gern
+gefallen.
+
+ * * * * *
+
+Gegen Abend suchte ihn Frau von Gravenreuth auf und sagte, Marietta
+wolle ihn sprechen; sie fühle sich besser, obschon man fürchten müsse,
+daß es ein trügerisches Intervall sei. Auch Erasmus hatte den Wunsch
+geäußert, sie zu sehen. Einige Heimlichkeit empfahl sich dabei.
+
+Seine erste Regung, als er neben dem Bett stand, war Bedauern über den
+Wunsch. Das Gesicht war zerfurcht. Ein Tag hatte das Werk von zehn
+Jahren verrichtet. Dämmerschwäche nietete den Leib in die Kissen und
+Tücher. Heiße Feuchtigkeit hatte Flecken auf der Haut hervorgetrieben.
+In den Augen war gelbfahles Licht. Um das Haupt zu entlasten, waren die
+Haare gelöst, und über das weiße Linnen floß die kupfrige Flut,
+unvergangene Schönheit.
+
+Sie so hingeworfen und zerstört zu erblicken, war schlimm. Schlimmer der
+Verlust; seine stumme Absage. Ihre Gestalt entfernte sich aus seinem
+Innern. Nichts, was zwischen ihr und ihm gewesen war, wollte gewesen
+sein. Erinnerung an Zärtlichkeit war Scham; was ihm dieser Körper
+geschenkt, was er ihm geraubt: Sünde. Da lag eine gefährdete Kreatur,
+arm, entschmückt; nicht Weib, nicht Geliebte, nichts ihm Verbundenes,
+nicht Teil seines Lebens mehr.
+
+Er flüsterte ihren Namen. Sie lächelte und erhob matt die Hand.
+
+Frau von Gravenreuth hatte das Zimmer verlassen. Marietta winkte ihm, er
+setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie sagte: »Hör mich an, Erasmus.
+Man weiß nicht, was einem zustoßen kann. Ich werde jedenfalls von bösen
+Ahnungen geplagt, und es ist besser, du erfährst jetzt, was du erfahren
+mußt. Hast du Wolf gesehen?« Er nickte; er erbleichte. »Wolf ist mein
+Kind. Wolf ist dein Sohn.«
+
+Regungslos starrte er Marietta an.
+
+Sie fuhr mit matter Stimme fort und legte ihre Hand auf die seine, die
+nichts von der Berührung wußte: »Ich habe viel darüber nachgedacht, wie
+du es aufnehmen wirst. Muß ich erklären, warum ich es vor dir
+geheimgehalten habe? Prüfe dich selbst, und du wirst wissen, warum. Es
+ist ein unbekannter finsterer Raum in deiner Brust, vor dem graute mir
+immer. Es war gut, daß etwas zwischen uns war, das uns trennte, wenn wir
+vereint waren und uns vereinigte, wenn wir getrennt waren. Ich hätte
+sonst manches Schwere schwerer ertragen. Ich brauchte einen, der für
+dich Zeugnis gab. Ich brauchte etwas Lebendiges, wenn du mir starbst. Du
+bist mir sehr oft gestorben und ich mußte dasitzen und mein Herz in der
+Hand halten und auf deine Auferstehung warten.«
+
+Noch immer regungslos, mit geschnürter Kehle, starrte er Marietta an.
+
+Sie berichtete mit wenig Worten, erschöpft schon, wann sie das Kind
+empfangen, wann und wo sie es geboren, wie sie die Verhehlung
+bewerkstelligt, erinnerte ihn an gewisse Einzelheiten, an die
+beweisenden Daten, sprach von ihrem Glück, von inneren Kämpfen, von
+Angst um die Zukunft des Kindes, schwieg, schloß die Augen, wartete auf
+ein Wort von ihm, aber es kam keines. Er saß regungslos und starrte sie
+an. Es war eine unbezweifelbare, sogar eine heilige Wahrheit in ihrer
+Stimme, in ihrem Blick, in ihrem Wesen; er entzog sich dieser Wahrheit
+nicht, er bezweifelte sie nicht, aber er wollte sie nicht einlassen; sie
+stand wie mit einem glühenden Schlüssel vor der Pforte des unbekannten
+finstern Raums, von dem Marietta gesprochen, und fand keinen Einlaß.
+
+»Das Kind ist wohlgeraten,« sagte Marietta leise; »du wirst nicht nur in
+seinem Äußern viel von dir erkennen. Ich verlange kein Gelöbnis von dir.
+Dazu war alles zu schwebend zwischen uns. Du mußt ja auch erst mit dir
+selbst ins Reine kommen. Ich sehe ja, wie es dich verwirrt. Denke nach,
+Erasmus. Jetzt geh; ich bin müde.«
+
+Der Rest des Tages und Abends war Dunkelheit des Herzens. Angst,
+Gewissensangst, Frieren des Blutes, bittere Unlust, Gefühl der
+Einsamkeit, Selbstmißtrauen. Es jagte ihn ruhlos umher. Begegnungen wich
+er aus. Als Lix ihn anredete, senkte er die Augen wie ein Dieb. Im Haus
+wuchs die Besorgnis um die Kranke mit jeder Stunde. Doktor Schmidthammer
+hatte eine Lungenentzündung konstatiert. Während des Soupers herrschte
+die gedrückteste Stimmung. Die Gräfin saß da wie ohne Maske, alt und ein
+wenig böse. Selbst Aglaias Miene war ernst. Aber Erasmus sah nicht. Er
+fürchtete sich vor den schönen Gesichtern. Er fürchtete sich vor dem
+Blick heimlichen Einverständnisses, der ihn möglicherweise treffen
+konnte, vor dem enttäuschten, dem fragenden, dem vorwurfsvollen, dem
+mitleidigen Blick. Er bereute das verspielte Tun, die verspielte Zeit,
+die verspielten Worte. Es war in ihm ein Verlangen wie in einem, der
+seekrank ist, nach festem Boden unter den Füßen. Nach Sicherheit, nach
+Entscheidung ging das Verlangen; nicht nach Entscheidung durch Umstände
+und abgenötigten Beschluß, sondern nach der, die von oben kommt und
+unwiderruflich, unwidersprechlich ist.
+
+Nach aufgehobener Tafel verabschiedete er sich von der Gesellschaft. Er
+wollte allein sein. Im untern Flur ging er noch eine Weile auf und ab.
+Bisweilen blieb er stehen und betrachtete die farbigen Stiche an den
+Wänden, Darstellungen englischer Jagdszenen; seine Aufmerksamkeit war
+künstlich; in Wirklichkeit starrte er in sein beunruhigtes Herz. Da kam
+Frau von Gravenreuth die Treppe herunter; sie führte Wolf an der Hand
+und redete mit liebevoller Miene auf ihn ein. Sie sagte zu Erasmus,
+während der Knabe weiterging: »Er ist so erregt heute, wollte nichts
+essen; ich weiß nicht, was ich mit ihm beginnen soll. Ich habe ihm
+versprochen, noch ein wenig ins Freie mit ihm zu gehen.«
+
+Wolf wandte sich um. In seinem edelschmalen Mädchengesicht war ein
+Lächeln, welches ausdrückte: wir kennen uns, wir sind Freunde; dazu
+Zweifel, Zurückhaltung und ein suchender Blick.
+
+Das unerwartete Gegenüberstehen war Hölle für Erasmus. Er konnte sich
+nicht entsinnen, je Quälenderes empfunden zu haben. Es ertönte das Wort,
+das er selbst gesprochen, füllte seine Ohren, sein Hirn, den Luftraum:
+alle Legitimität stammt von Gott. Es schlug ihn in den Nacken; es war
+ein flammender Pfahl, der ihn schlug. Enthielt es Wahrheit, so gab es
+nichts daran zu mäkeln; war es Irrtum, so saß man am Wendepunkt und
+verkrampfte sich ins Arge.
+
+Was war mit diesem Kind? Was wollte der Knabe in seinem Leben, fremd
+hervorgetreten aus der Fremdheit, Geschöpf der Leidenschaft,
+ungewünschtes, ungewußtes, unverkettetes? Und doch, Augen, Stirn, Hand,
+das hegenswerte, wunderhafte Ganze; drohende Spiegelung; Spiegelung und
+Nachfolge.
+
+Indessen war Sebastianes Buley aus einem Winkel hervorgeschossen und auf
+Wolf zu. Der Knabe beugte sich nieder, um ihn zu packen; das Tier, in
+spielgieriger Laune, entwich fauchend, kam zurück, sprang an den Beinen
+des Knaben empor und drängte den Lachenden gegen die Wand. Ein kleiner
+Schrei; Sturz eines Gefäßes; ein Klirren; die etruskische Vase, die auf
+einem Säulenpostament neben der Tür des Musikzimmers gestanden, war
+heruntergefallen und lag in Trümmern. Aus dem Speisesaal kamen die
+Damen, erschrocken; der Hund, scheuer Verbrecher, flüchtete zur Herrin;
+die Gräfin kniete mit bedauerndem Gesicht nieder, um die kostbaren
+Scherben zu sammeln; Wolf war blaß geworden, sein Mund verzog sich zum
+Weinen, und mit unwillkürlicher Bewegung griff er nach Erasmus Hand.
+Erasmus, ebenso unwillkürlich, umfaßte die Hand des Knaben mit
+tröstendem Druck, und die Betrübnis, die sich in seinen Mienen malte,
+war kindlich und hatte tieferen Bezug als auf die zerbrochene Vase. Doch
+blieb Widerstand und Angst, trotzdem er sich zu dem Knaben niederbeugte
+und eine formelhafte Beschwichtigung flüsterte. Schwere aber lastete nun
+auf allen, und es trat Verlegenheit hinzu, als vom Hoftor herein Eugen
+Sparre kam, der am Spätnachmittag fortgegangen war und jetzt
+zurückkehrte.
+
+Erasmus entriß sich. In seinem Zimmer nahm er eine der theologischen
+Schriften zur Hand, die er stets mit sich führte. Aber er konnte seinen
+Geist nicht zur Lektüre sammeln. Es wurde spät, und er saß noch immer
+mit aufgestütztem Kopf, grauem, umrißlosem Denken nachhängend.
+Schließlich überwältigte ihn der Schlummer, im Sitzen. Es klopfte an der
+Tür; er hörte es nicht. Es klopfte abermals; er schrak empor; rief, halb
+im Traum.
+
+Es war wie Traum, als Sparre eintrat.
+
+ * * * * *
+
+Die anfängliche Empörung Eugen Sparres hatte nicht lange gedauert,
+obwohl Ferry Sponeck täppisch wie ein Bauer gewesen war. Da er die
+Abneigung des Grafen Ungnad deutlich gespürt hatte, war ihm dessen
+Verhalten nicht einmal so rätselhaft wie seinem Botschafter, um so
+weniger, als sich Sponeck bemüßigt glaubte, zur Entschuldigung des
+Freundes auf eine zarte Beziehung zwischen ihm und der Kranken
+hinzuweisen. Was für Dickhäuter diese Menschen doch sind, dachte Sparre;
+als ob dadurch der Schimpf harmloser würde.
+
+Man könne vorläufig nichts Rechtes unternehmen, faselte Ferry Sponeck,
+der nicht wußte, wessen Partei er ergreifen sollte und zwischen der
+alten Anhänglichkeit an Erasmus und der bewundernden Dämonenfurcht
+schwankte, die ihn zu Sparre zog; Erasmus sei in einer kritischen
+Verfassung, jammervoll sei ihm zumut; ob Sparre an ritterliche
+Austragung denke? doch wohl kaum? Wenn ja, wolle er mit Georg Ulrich
+Castellani beraten; jedenfalls sei er, Ferry Sponeck, in einer
+verteufelten Zwickmühle. Sparre lachte. Nein, daran denke er nicht; er
+gebe Satisfaktion auf die ihm angemessene Art und wünsche sie zu
+erhalten, wie es sich für gesittete Menschen zieme. Er fühle sich so
+wenig beleidigt, wie wenn er im Wald über eine Baumwurzel gestolpert
+wäre; »man war achtlos,« sagte er, »das nächste Mal wird man aufpassen.
+Mit Ehrenkränkung hat das nichts zu tun.« Worauf ihn Ferry Sponeck
+kopfschüttelnd für einen unmäßig interessanten Mann erklärte.
+
+Sparre durchschaute den schlechten Schauspieler und hatte Nachsicht.
+Unbekannt mit einer Welt, in die ihn der Sturm verschlagen, die seine
+eigene aufwühlte, in die er wie zu einer bergenden Insel geflohen, nicht
+aus Schrecken über den Sturm, sondern weil er zur Vollendung einer
+wissenschaftlichen Schrift die Gelegenheit mit Freude ergriffen hatte,
+die ihm eine vorübergehende Ruhestatt zu bieten versprach, fühlte er
+stärker noch als unter dem ersten Eindruck das Erstaunen über alles, was
+ihn umgab.
+
+Diese Menschen waren ihm wie alte Gemälde. Tod war über sie
+hinweggegangen; Leben in seinem Sinn hatten sie nicht. Etwas wie goldner
+Staub hing an ihnen, Gefesselte eines prunkenden Rahmens, verjährte
+Ehrwürdigkeit. Sie sprachen, und ihre Worte waren nicht die der
+Lebendigen; sie scherzten, und ihr Lächeln war bedungen, ihr Lachen
+klang aus der Erde. Alles an ihnen war bedungen, gekettet, befohlen und
+vorgesetzt; ihr traurigster Ernst war noch Spiel, Schattenspiel hinter
+der Eisdecke. Sie waren einer glitzernden Lüge von Herrschaft
+hingegeben, und sie wußten um die Lüge, lange schon, aber jeder
+schmeichelte dem andern die Lüge weg. Sie glichen den Schwerkranken,
+denen man Gesundheit einredet, mit leichter Mühe, weil ihre Seele
+getrübt ist; die in jede Gebärde, in jeden Hauch ein Übermaß von
+Hoffnung und Sorglosigkeit legen und nur die Täuschung wollen, sonst
+nichts. Diese Stuben, diese Gänge, die glänzenden und alten Dinge, es
+war ein Mausoleum, ausgeschaltet aus der Zeit, ohne Blut, ohne Kraft,
+ohne Farbe. Menschenruf verstummte; ein summender Schall war, worauf sie
+ängstlich lauschten; Menschenforderung galt ihnen für Unbill; sie
+wohnten noch in der alten Form, sie hielten noch die abgeschnittenen
+Zügel in ihren Händen, lächelnd, indes der Wagen still stand und die
+Pferde entführt waren.
+
+Die anmutigen Frauen; wie gelassen sie dem Abgrund zuschritten, dessen
+Phosphoreszenz sie über seine verschlingende Gewalt betrog. In einer
+Sehnsucht schmolzen sie, die keine Erfüllung mehr finden konnte, aber
+sie ahnten vom Unmöglichen nichts. Noch trieben sie Neckerei hinter der
+Maske; noch gefielen sie sich in ihrem tändelnden Idiom aus verwehten
+Epochen; nur kein Aufwachen, flehten ihre Mienen, nur kein rauhes
+Berühren. Die glatten Glieder wohlig hingeschmiegt an gespenstische
+Bilder; schwelgend in den pikanten Verfeinerungen, die ihre Fantasie
+noch schenkte, wo doch das Wirkliche bereits hinter der Wand aufbrüllte;
+sich als Letzte spürend, aber nicht als Vergangene, als Entrückte, aber
+nicht als Verlorene.
+
+Eugen Sparre sah mit den Augen eines Forschers und eines Kindes. Die
+Regionen und die Jahre, aus denen er kam, hatten ihn in der Strenge der
+Betrachtung geübt. Empfundenes und Geschautes nicht zu verfälschen war
+sein innerstes Amt. Schmucklos war alles in ihm, an ihm und die Bahn
+hinter ihm. Unverwöhnt und unerweicht, besaß er die Kraft, Leiden zu
+überwinden und zu erkennen. Das Durchlebte war ihm oft wie giftiger
+Rauch. Er hatte gegen jede Art von Bedrückung getrotzt, jede Art von
+Erniedrigung erfahren. Er hatte die Ellbogen gespreizt und sie zu
+eisernen Balken gemacht, um nicht zu Brei zerquetscht zu werden.
+Hinaufgeklommen an den schlüpfrigen Quadern des Riesenbaus, von dem auf
+halbem oder Viertelweg die Schwächlinge und Übergierigen abgestürzt
+waren, um sich unten die Schädel zu zertrümmern, hatte er mit kühlem
+Kopf seinen Platz erobert, der Pflicht, die er gewählt, die ihn gewählt,
+unerschütterlich gehorsam und schicksalkennend wie nur diejenigen sind,
+deren Herzschlag der Herzschlag des Jahrhunderts und des Volkes ist. Er
+hatte ungeachtet seiner Jugend zu den Propheten der großen Wandlung
+gehört; er hatte sie errechnet, sie war ihm Ergebnis logischer Erwägung,
+und mitten in der Taifunwelle war er leidenschaftslos geblieben,
+Beobachter, Arzt. Er war heiter geblieben, ohne aufrührerische Gelüste,
+dem Element vertrauend, es liebend beinahe, in jeder Verwüstung eine
+höhere Ordnung vorauswissend, denn alles war Notwendigkeit, Geballtes,
+Gerafftes, Gefügtes, Wüten von Lebenskeimen gegen Todeskeime,
+Erneuerungsraserei des fiebernden Menschheitsleibes, Wiedergeburt aus
+Agonie, Qual und Wahnsinn der sterblichen Einzelnen im unsterblichen
+Ganzen.
+
+Von allen, die auf Rienburg um ihn waren, hatte Graf Erasmus Ungnad
+seine Aufmerksamkeit am meisten gefesselt. Der erste Anblick des
+gespannten, leidenden, hochmütigen, geschliffenen Gesichts hatte ihn als
+Erscheinung berührt. In einem Nu hatte er so scharf wie den andern sich
+selbst erfaßt, eben sein Anderssein und Andersmüssen, das völlige
+Widerbild, wie Pol gegen Pol. Und Sonderbares war geschehen: er hatte
+Schmerz verspürt. Da war Figur; ja, Figur, wie die Sage sie gibt;
+umschlossene und einsame Gestalt; heimatlose Gestalt; in finster
+gewordenem Raum mit einer Haltung schreitend, als sei noch Licht die
+Fülle; müde wie einer, der Schätze getragen hat; ungegenwärtig,
+verfangen, versponnen, tragisch hinabgehend, von sterbenden Illusionen
+begleitet, der irrende traurige Ritter; der Adlige. Das war er, der
+adlige Mann, Überbleibsel und Anachronismus, der, dem auch Gott nur eine
+Form ist, wie Graf Castellani gesagt hatte, der es nicht nahm, nicht
+wollte, daß sein Reich aufgehört hatte zu sein und der von der Zeit
+nichts zurückbehalten hatte als die Jahre, geschäftige Symbole, doch
+leer und sinnlos.
+
+Die Erschütterung wirkte fort in Eugen Sparre. Sie war derart, daß sie
+auch durch die beleidigende Feindseligkeit des Grafen nicht vermindert
+wurde und gab ihm so viel zu denken, daß er seine Arbeit darüber vergaß.
+Die persönlichen Verhältnisse Ungnads flößten ihm, jenem Allgemeinen
+gegenüber, nur geringe Teilnahme ein; trotzdem horchte er bei den
+Andeutungen Ferry Sponecks auf. Sponeck hielt sich in dem Fall nicht zur
+Verschwiegenheit verbunden; was alle Welt wußte, konnte auch Sparre
+wissen; für Sparre war es Bestätigung, die den Charakter noch tiefer
+erleuchtete. Er erblickte Verborgenes, und was seinem Auge entging,
+vervollständigte die Kombination. Diese Geschicke ließen sich
+wunderlich leicht entziffern; ihre Hieroglyphen bedurften nicht einmal
+der Geduld. So zuckte für ihn greller Schein um die Szene im Flur, als
+er ins Haus trat und alle um die zerbrochene Vase herumstanden.
+Sekundenkurzes Schauen genügte; haften blieb in Blick und Gedächtnis der
+mädchenhaft zarte Knabe neben dem überschlanken Erasmus Ungnad, das
+Gebeugte und Zerquälte an ihm, das zitternd Aufgestörte im Wesen des
+Kindes, die unverkennbare Ähnlichkeit in der Gesichtsbildung beider,
+etwas Unsagbares von Verkettung.
+
+Als Erasmus verschwunden war, las Baronin Polyxene die Scherben auf;
+Ferry Sponeck kniete ebenfalls hin, um ihr zu helfen. Da sagte Sparre,
+man möge ihm die Stücke überlassen; wenn er Klebestoff bekommen könne,
+getraue er sich, die Vase wieder zusammenzusetzen; er habe dergleichen
+schon oft versucht, und mit Glück. Die Beschädigungen waren in der Tat
+nur geringfügig; die beiden Henkel und ein Teil des oberen Randes waren
+abgebrochen, ferner war in der Ausbauchung ein rundes Loch. Man sah ihn
+verwundert an; Ferry Sponeck nickte eifrig und versicherte: »Ja, darauf
+versteht er sich, er hat auch mir einmal eine Sevreschale geleimt, er
+ist überhaupt ein Tausendkünstler.« Die beflissene Fürsprache erweckte
+Heiterkeit, auch bei Sparre selbst, Niklas wurde gerufen, der nach einer
+Weile ein Töpfchen mit Leim brachte, Sparre packte die Vase samt den
+Scherben in ein Tuch und begab sich damit in sein Zimmer.
+
+Er hatte von dem Zweck seines Beginnens keine deutliche Vorstellung. Es
+war ihm ein in das Kleid einer Parabel gehüllter Scherz; eine Mitteilung
+von ungewisser Tragweite und unbestimmtem Inhalt. Während er mit
+Sorgfalt die Bruchstellen aneinanderfügte, kleine Splitter mit
+geschickter Hand einpaßte, lächelte er häufig. Als er nach zweistündiger
+Arbeit fertig war, ging er zum Fenster; Ungnads Zimmer lag dem seinen
+schräg gegenüber, wie er wußte. Er sah noch Licht bei ihm. Da nahm er
+die Vase vorsichtig in die Hand, prüfte das Werk noch einmal, überzeugte
+sich von der Haltbarkeit der zusammengesetzten Teile und verließ das
+Zimmer.
+
+ * * * * *
+
+Erasmus fuhr auf. »Was wollen Sie?« stotterte er, »was bedeutet das?« Er
+starrte auf das tönerne Gefäß.
+
+Sparre stellte die Vase auf den Tisch. »Wenn man morgen die Bruchlinien
+abfeilt, wird der Schaden kaum mehr bemerkbar sein,« sagte er.
+
+»Aber was soll es denn heißen?« murmelte Erasmus. Er hatte sich erhoben,
+stand frostig da, stirnrunzelnd, abweisend.
+
+»Ich hatte den Eindruck, als sei Ihnen der kleine Unfall nah gegangen,«
+sagte Sparre; »ich weiß selbst kaum, warum ich mich verpflichtet fühlte,
+ihn wieder gutzumachen. Vielleicht wollte ich damit auch eine mir
+geschehene Widerwärtigkeit aus der Welt schaffen. So etwas ist störend,
+wenn es auch mein Gleichgewicht nicht beeinträchtigen kann. Wo der Hieb
+nicht trifft, ist keine Wunde. Da Sie mich als Arzt für einen Menschen
+verpönt haben, habe ich mich begnügt, Arzt bei einem Ding zu sein. Das
+Ding ist leidlich geheilt, wie Sie sehen.«
+
+Die Stimme klang fast hohl, in ihrer Baßtiefe schleifend.
+
+»Ich verstehe nicht,« stieß Erasmus hervor; »Sie wollen sich über mich
+mokieren, scheint mir ...«
+
+Sparre blickte zu Boden. »Merkwürdig, daß Sie es nicht verstehen,« sagte
+er wie im Selbstgespräch. »Gibt Ihnen denn das keinen Fingerzeig, daß
+ich, der Mensch, den Sie hassen oder glauben hassen zu müssen, der
+Mensch Ihrer Abkehr und Ihres Grauens, dem Sie die unverdiente Ehre
+einer entscheidenden Funktion zuweisen, daß dieser selbe Mensch etwas
+Zerbrochenes für Sie wieder ganz gemacht hat?«
+
+Erasmus stutzte. Vor Unwillen rötete sich seine Stirn. »Für mich ganz
+gemacht? Für mich? Wirklich, Sie erlauben sich ungebührlichen Spaß, Herr
+Doktor Sparre ...«
+
+Sparre schlug langsam den Blick auf. »Ich möchte gern in anderm Ton mit
+Ihnen sprechen, Graf Ungnad,« sagte er verhalten. »Sie gehen im
+Wesentlichen fehl. Ihre Voraussetzungen sind falsch. Ich sah eine Not.
+Als der Krug da herunterstürzte, sah ich eine Menge Zerschmettertes
+liegen. War der Knabe eigentlich schuld und sein Spiel mit dem Tier? Er
+fühlte sich aber schuldig, und als Sie seine Hand faßten, hatte ich den
+Eindruck, als ob Sie sich für seine Schuld mitverantwortlich fühlten.
+Aber Sie haben es doch nicht gewagt, für ihn einzustehen. Was liegt an
+diesem altertümlichen Kram, Graf Ungnad? Wenn ihn das Aufräumweib vor
+mir auf den Kehricht wirft, schau ich nicht einmal darnach hin. Es
+entspricht auch nicht meiner Überzeugung, daß man Zersplittertes wieder
+kitten soll. In diesem Fall habe ich mich entschlossen, die Überzeugung
+zu verleugnen. Ich dachte, es sei gut, es sei nützlich. Ich dachte, ich
+könne Ihnen damit etwas beweisen. Verstehen Sie mich noch immer nicht?«
+
+In der Tat, Erasmus begriff nichts. Sein Gesicht zeigte
+Ausdruckslosigkeit und erbittertes Unbehagen. Die Unterlippe stülpte
+sich; die Handfläche rieb sich an der Lehne des Stuhls.
+
+»Also will ich klarer sein,« fuhr Sparre etwas gedrückt fort, denn er
+hatte flüssigere Verständigung erwartet; »ich habe etwas über mich
+vermocht, was meiner Natur und Lebensrichtung diametral entgegen ist.
+Ich habe etwas versucht, wozu ich mich bisher habe nie gewinnen können,
+das geistig Geschiedene zu überbrücken, dem, was streng und unbedingt
+jenseitig für mich ist, mich zu nähern. Ist es hoffnungslos? Diese
+Tonvase, ich stelle sie her wie einen Markstein, an dem wir uns treffen
+können, Sie von Ihrer Seite, ich von meiner. Es ist ein Augenblick, der
+nie wiederkehrt, nie wiederkehren kann. Die Wahrheit, die mich jetzt
+antreibt und erfüllt, ist sicher nur eine einmalige Flamme. Vielleicht
+ist dabei etwas in mir von dem geheimnisvollen Verwandlungsinstinkt der
+Insekten. Vielleicht kann ich den analogen Prozeß in Ihnen
+beschleunigen. Entziehen Sie sich nicht. Sich auflehnen gegen den Gang
+der Sterne ist kein Heroismus, das Unabänderliche verfluchen keine
+Frommheit. Wenn ich Ihnen entgegenkomme, bis zu dem mühsam geleimten
+Krug auf dem Tisch da, so seien Sie nicht taub für mein #qui vive;# Sie
+wissen ja, die Posten haben scharfe Ordre. Ich verlange ja nicht
+Kameradschaft; ich habe nur erfaßt, was mir, was uns dienen kann. Es
+gibt verschiedenerlei Tugenden, Graf Ungnad, verschiedenerlei Mut und
+verschiedenerlei Feigheit, verschiedenerlei Grausamkeit und
+verschiedenerlei Güte. Ich und die meinen, wir können nutzen, was Sie
+und die Ihren im Lauf der Jahrhunderte an Erntegut in die Scheunen
+gebracht haben, an blutgehärtetem Stahl und geraffter Muskel und
+geweihter Lehre und dem Glauben daran und an Erfahrung, die durch die
+Geschlechter veredelt ist, an geschmolzenem und gemünztem Gold des
+Lebens. Es ist der Tag vielleicht nicht fern, wo wir zugreifen und
+dankbar quittieren, wenn wir uns vom ersten Rausch und Anprall erholt
+haben. Denn sonst sind wir auf unserer Seite so verloren wie Sie auf
+Ihrer; ein Rachen wird uns schlucken, der keinen Unterschied macht
+zwischen mehr oder weniger fein gemahlenem Korn. Und Sie, lockern Sie
+die zu straff gezogenen Schrauben. Geben Sie nach. Werfen Sie das
+Zerbrochene, auch wenn es kostbar, auch wenn es noch so meisterhaft
+gekittet ist, auf den Kehricht. Alte Form muß sterben. Und Gesetze
+sterben wie Formen und wie Menschen. Dagegen ist keine Hilfe als das
+Leben.«
+
+Er stand noch eine Weile und schaute über Erasmus hinweg, der sich nicht
+rührte. Dann verließ er mit zeremoniöser Verbeugung den Raum.
+
+Erasmus rührte sich noch immer nicht. Suada haben diese Leute, dachte
+er, und senkte in peinlicher Benommenheit den Kopf. Aber die
+Benommenheit wuchs und wuchs. Er fing an auf und ab zu gehen. Es schien
+ihm, als zerspalte sich der Boden unter seinen Schritten. Einmal seufzte
+er und lauschte, weil ihn dünkte, das Seufzen käme aus der Mauer. Wenn
+man die Schwere der Niederlage mildern könnte, ging es ihm, scheinbar
+zusammenhanglos, durch den Sinn. Und darauf wieder: ich weiß, daß sie
+sterben wird; heute nacht wird sie sterben, ich weiß es. »Erlöse uns von
+dem Übel,« murmelte er vor sich hin, das Taschentuch an die Lippen
+pressend, »und führe uns nicht in Versuchung.«
+
+Abermals lauschte er. Es war still im Hause, und doch lag in den Ohren
+weitentferntes, gräßliches Geschrei. Jemand ging im Korridor vorüber. Er
+öffnete die Tür; es war finster. Der Schlaf der Bewohner wälzte sich
+her, zu schwarzem Schlamm gestockt. Er zündete eine Kerze an und ging,
+die Flamme mit der Rechten schützend, den Flur entlang. Auf einmal
+prallte er zurück. Auf der Schwelle einer Tür stand eine Frau. Sie
+hatte die Hände vors Gesicht gelegt; so stand sie, gegen das Zimmer
+gewandt, in dem eine umhüllte Lampe brannte.
+
+Es war Helene Gravenreuth. Sie drehte sich um, ließ matt die Arme
+fallen. »Schlimm steht es,« hauchte sie.
+
+Er schwieg.
+
+»Kommen Sie herein,« sagte sie, »hier schläft Wolf; die Pflegerin hat
+mich eben jetzt bei Marietta abgelöst. Aber leise, bitte, das Kind
+schläft spinnwebdünn heute.«
+
+Er trat ein. Er ging zum Bett des Knaben, nachdem er die Kerze verlöscht
+und weggestellt hatte. Er flüsterte: »Es ist alles so sonderbar,
+Baronin, so sehr sonderbar.« Seine Wangen wurden fahl, plötzlich kniete
+er nieder und betete.
+
+Frau von Gravenreuth schloß die Tür. »Ich war nicht vorbereitet,« sagte
+sie mit erstickter Stimme, als Erasmus sich erhob, »bin es noch immer
+nicht. Was wird werden, Graf?«
+
+Erasmus setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Sie
+wissen ja, weshalb ich hierhergekommen bin,« sagte er.
+
+Sie nickte. »Ich weiß,« erwiderte sie. »Sie wollten um eine der
+Komtessen werben, Sie wollten heiraten.«
+
+Er fuhr fort: »Nun wird es anders kommen. Nicht eine Frau werd ich
+heimbringen, sondern einen Sohn.«
+
+»Aber wie soll es werden, Graf Erasmus, mit diesem Sohn?« fragte Frau
+von Gravenreuth mit bleichen Lippen.
+
+Erasmus begegnete ihrem zaghaften Blick und antwortete: »Es muß in Liebe
+werden und im Gesetz, denk ich.«
+
+Ein Geräusch ließ beide zusammenfahren. Wolf war erwacht. Er hatte sich
+aufgerichtet und schaute mit den tauhaft strahlenden Augen herüber, mit
+denen Kinder den Schlummer verlassen. Frau von Gravenreuth streckte die
+Arme aus, als beschwöre sie ihn; Erasmus trat neben ihr an das Bett.
+
+»Erzähl mir vom Dalailama,« sagte die helle Glockenstimme des Knaben.
+
+
+
+
+Jost
+
+
+Der Gebieter des Himmels ließ sein Donnerwort ergehen, und wie glänzend
+gefiederte Schwäne im Sturm eilten die gehorsamen Heerscharen vor seinen
+unvergänglichen Thron. Da erlas der Herr den Erzengel Michael und sprach
+zu ihm:
+
+Ich bin irre am Geschlecht der Menschen. Nie hat solcher Kummer die Erde
+gefüllt; Klage und Anklage erhebt sich maßlos. Schwer ist es, zu wissen,
+ob sie allesamt Verlorene sind, schwer zu erkennen, ob in allen der
+Funke erloschen ist, der ihnen als Teil der Göttlichkeit in die Brust
+gehaucht ward. Ich will eine Probe machen. Geh hinab zu ihnen, du
+scharfäugiger Spürer, und suche unter den Verstockten den
+Verstocktesten, unter den Umschlossenen den Umschlossensten. Nicht um
+den Übeltäter geht es, merke wohl; um den Gleichgiltigen geht es. Den
+Unscheinbaren, der in der Trägheit verhärtet ist, sollst du suchen in
+seinem umfriedeten Bezirk; den, dessen Linke nicht weiß, was die Rechte
+tut. Und wenn du zurückkehrst und sprechen kannst: ich habe ihn
+erweicht, ich habe ihm die Binde von den Augen gerissen, und er vermag
+zu sehen, dann soll ihnen noch einmal Gnade gewährt sein und Aufschub
+des letzten Gerichts.
+
+Der Engel senkte stumm das Haupt, und während ihn gewaltige
+Posaunenschälle umdröhnten, verließ er in seiner großen Schönheit die
+erhabene Region, um den Befehl des Herrn zu vollziehen.
+
+ * * * * *
+
+In einer Wirtsstube saßen beim trüben Licht mehrere Beamte der Stadt,
+Notabilitäten in ihrer Art, um einen Tisch. Bis auf einen armselig
+aussehenden Menschen, der in der Nähe des Ofens kauerte und zu schlafen
+schien, waren sie die einzigen Gäste. Da sie ihn kannten, auch seiner
+nicht achteten, brauchten sie sich im Gespräch keinen Zwang
+aufzuerlegen. Er hieß Jost und war ein Kleinbürger, dem Anschein nach
+ein Agent oder Vermittler, der an gewissen Abenden kam, um dem Wirt
+Lieferungsgeschäfte anzutragen.
+
+Die Unterhaltung drehte sich um die Trostlosigkeiten des Alltags.
+Verärgerung lag jedem im Gemüt, Lebensangst den meisten. Still verhielt
+sich nur einer, nicht weil er weiser oder zufriedener, sondern weil er
+bequemer war. Auch dann nahm er nur stummen Anteil, als der trübseligen
+Gegenwart die glänzende Vergangenheit entgegengehalten wurde, in deren
+schwachem Widerschein sie sich ihrer Sorgen entledigten. Die Welt, war
+sie auch zum Erbarmen zugerichtet, einstmals hatte sie ihnen eine
+festliche Zeit gegeben, und unter diesem Einstmals verstanden sie den
+Krieg, zumindest seinen Anfang. Da war auch dem Abseitigen unerwartet
+Macht zugefallen, sofern er nur mit dem allgemeinen Strom geschwommen
+war, und wie erst, wenn er sich mit seiner Person für das Ziel erklärt
+hatte. Macht, Bewegung, Wechsel der Geschehnisse; es klang schon jetzt
+nicht anders als wie es schönfärbende Fibeln den Späteren melden. Auch
+die sich tätigen Dabeiseins nicht rühmen konnten, ergingen sich breit
+im Nachgenuß martialischer Erinnerungen. Was Blut und Not und Tod;
+erlogene Gespenster. Die triumphierende Wahrheit war dort, wo man Ehre
+gewonnen, wo man sich eingesetzt und gespürt hatte.
+
+Postoffizial Erbegast, als beredtester Schwärmer, sprach davon, wie man
+Raum gehabt, im Westen, Osten, Süden, überall Raum, Weite, Luft,
+Landschaft, Freiheit. Raum und Gelegenheit. Quartier in Schlössern,
+Fahrten ins Unbekannte, neue Städte, neue Menschen, neue Dinge, zwischen
+Morgen und Abend keine Langeweile. Wenn man da erzählen wollte! Wie es
+wohltat, sich der Fülle zu erinnern. Er wandte sich lebhaft und
+herausfordernd an den Schweigsamen, Rechnungsrat Siebold, und ermunterte
+ihn zur Zustimmung. Mit bloßem Kopfnicken wollte er sich nicht abspeisen
+lassen. Der Schweigsame ist nicht beliebt, wenn Geister erglühen.
+Siebold sollte laut bestätigen, da er es doch aus Erfahrung zu tun
+imstande war, daß man Unvergleichliches gesehen und erlebt habe. Oder
+sei an ihm die Herrlichkeit spurlos vorübergegangen?
+
+Ungern sah sich Siebold in die Mitte der Aufmerksamkeit versetzt. Er
+liebte es nicht, sich mit Gewesenem zu beschäftigen. Ihm lag der
+gestrige Tag schon fern. Unter den fragenden Blicken der Tischgenossen
+stiegen wohl Bilder aus entlegenen Gehirnschächten empor, aber es
+gestaltete sich keines. In den Jahren, er zählte die Jahre nicht, waren
+sie ihm abhanden gekommen, kaum daß er sie noch als eigenen Besitz
+erkannte. Blasse Farben, schattenhafte Figuren, verhallte Worte. Was
+berührte einen daran? Man war ein anderer. Jahre! Was ist nicht ein
+einziges an Gedehntheit! Zudem war er nur vier Monate draußen gewesen;
+kleiner Fähnrich, freudlos wie tausende. Man hatte ihn darnach in ein
+Proviantlager geschickt, und als er dort erkrankt, war er auf seinen
+Platz im Amt zurückgekehrt, wie wenn die Zwischenzeit ein unergiebiger
+Ferienausflug gewesen wäre.
+
+Es dünkte ihn aber, daß ihn Offizial Erbegast sticheln wollte. Auch die
+übrigen betrachteten ihn mit ironischen Blicken, als trauten sie ihm
+besondere Erlebnisse nicht zu und hegten nicht einmal die Erwartung, daß
+er sich zu solchen bekenne. Das verdroß ihn. Sein bedrohtes
+Selbstbewußtsein richtete sich wehrhaft auf. Er begriff die
+Notwendigkeit, den spöttischen Zweiflern Achtung abzuringen und forschte
+in seinem Gedächtnis. Nicht vergeblich; die verkniffene Miene erhellte
+sich; ein Vorfall fiel ihm ein, bei dem er handelnd mitgewirkt. Da er
+sich der Einzelheiten nur ungenau entsann, dauerte es geraume Weile, ehe
+seine Erzählung in verständlichen Fluß kam. Doch die Zuhörer zeigten
+Geduld, und so hatte er Muße, der schwerfälligen Erinnerung den Verlauf
+abzuzwingen.
+
+Die Geschichte war in keiner Weise ungewöhnlich. In einem galizischen
+Dorf waren sieben Menschen unter dem Verdacht der Spionage eingebracht
+worden. Die Beschuldigung lautete, sie hätten dem Feind durch das
+Dachfenster des Gemeindehauses, in welchem sie zusammengepfercht
+gefunden worden waren, Lichtsignale gegeben. Siebold hatte das Protokoll
+aufgenommen. Nur einem unter ihnen, einem riesenhaft gewachsenen
+Burschen, hatte das Verbrechen nachgewiesen werden können; bei den
+andern sprachen gewichtige Umstände dafür, daß sie die Opfer böswilliger
+Angeberei waren. Trotzdem hatte der Hauptmann alle Sieben nach einem
+summarischen Verhör kurzerhand zum Tod verurteilt: drei Juden, ein
+siebzehnjähriges polnisches Mädchen, einen zwölfjährigen Knaben, einen
+sechsundsiebzigjährigen Greis, und den Rädelsführer der Bande, eben
+jenen Riesen.
+
+Ein Tropfen im Meer der Ereignisse; ein paar vernichtete Leben mehr
+neben den Millionen. Die Welt hatte wohl kaum eine Kunde davon erhalten.
+Auch jetzt, wo es die Merkmale der Verjährung und der erfahrenen
+Häufigkeit trug, konnte solches Standgericht kein tieferes Interesse
+erregen als eines, das aus Höflichkeit dem Erzähler gebührt. Mochte auch
+der eine oder der andere die Willkür empfinden, die dabei gewaltet und
+dem in halben Andeutungen Worte verleihen, so wurden die schüchternen
+Einschiebsel leicht mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit abgetan. Für
+zarte Gemüter war die Zeit nicht geschaffen; die Moral bürgerlichen
+Lebens, das humane Gesetz, hatte da keine Giltigkeit mehr, wo man sich
+täglich seiner Haut wehren mußte. Wer auf seinem Posten stand und der
+Vorschrift genügte, war entlastet. »Die Gegner haben es genau so
+gehalten,« wurde gesagt; »weil wir in der Patsche sitzen, spuckt man uns
+ins Gesicht, und sogar im Lande selbst entblödet man sich nicht, Leuten,
+die ihre Pflicht erfüllt haben und als Helden gefeiert würden, wenn das
+Glück bei uns geblieben wäre, soviel wie möglich am Zeug zu flicken.«
+Jawohl, bemerkte hierzu der Offizial bissig, die Menschen seien eben
+Schweine und von ihrer schweinischen Natur könne man nichts Besseres
+erwarten.
+
+Nach diesem Intermezzo nahm Siebold den Faden wieder auf. Da er nun zu
+sprechen begonnen hatte, wollte er seine Sache auch bis zum Ende führen.
+Das Wort hatte ihm Hilfe geleistet und Bild um Bild aufgefrischt; er
+wunderte sich selbst über die wiederbauende Fähigkeit der Erinnerung und
+gefiel sich in seiner Rolle des Mitrichters über Schicksale. Er
+verweilte. Er ging in der Schilderung zum Kleinen und Intimen; mit
+behaglicher Ausführlichkeit beschrieb er die traurige Gegend, das
+verwahrloste Dorf, die Armut der Menschen, sogar das regnichte Wetter,
+das geherrscht hatte. Dann erzählte er von der jungen Polin; wie trotzig
+sie alle angeschaut mit ihren schwarzen Augen; er hatte den Namen
+gewußt; er hatte ihn vergessen. Er besann sich und fand ihn. Katinka war
+der Name gewesen. Als wohne dem Namen Leuchtkraft inne, wurde
+gegenwärtig, wie sie stolz und wild die Antworten verweigert, auch als
+man ihr den Revolver vor die Stirn gehalten; auch als man ihr
+versprochen, den Knaben, ihren Bruder, zu schonen. Immer wieder betonte
+er die teuflische Halsstarrigkeit des Mädchens, schließlich mit
+Einschaltung eines lasziven Witzes, der, wie billig, belacht wurde.
+»Glauben Sie, meine Herren, sie hätte die Zähne voneinandergetan? Um
+keinen Preis. Eher noch die Beine, scheint mir.«
+
+Als der Spruch gefällt war, hatten sich alle, mit Ausnahme der Katinka
+und des Riesen auf die Knie geworfen. Die Juden vor dem Hauptmann, das
+Bürschchen vor ihm. Das Bürschchen hatte seine Beine umschlungen und
+jämmerlich geschluchzt, bis es die Schwester angeschrieen und weggerissen.
+Der alte Mann hatte ihm fortwährend die Hände geküßt und unverständliche
+Worte gelallt. In die größte Verzweiflung waren aber die drei Juden
+geraten. Mit gellenden Anrufungen Gottes hatten sie ihre Unschuld
+beteuert, sich die Haare gerauft und an den Kaftanen gezerrt. Einer, mit
+fuchsrotem Bart und käseweißem Gesicht, hatte sich äußerst demütig
+betragen; als aber der Hauptmann, dem das Unwesen zu lärmend wurde, den
+Befehl erteilte, die Gesellschaft abzuführen, war es gerade dieser, der
+die Arme gegen ihn streckte und eine alttestamentarisch-gräuliche
+Verfluchung ausstieß.
+
+Eine gespenstische Idylle, gerahmt in Selbstzufriedenheit, beschloß die
+Darstellung: nächtlicher Regensturm; Siebold auf Runde; an den Ästen von
+sieben Pappeln neben der Chaussee sieben Leichen, schwankend im Wind,
+unheimliche Kleiderbündel, unheimliche Gerippe, schief, schlapp,
+verbogen wie die Vogelscheuchen, und in der schwarzen Ebene ein
+klagend-verklingender Ruf.
+
+Da dem Offizial die Düsterkeit des Gemäldes nichts anzuhaben vermochte,
+weniger aus Herzenshärte, als weil seine Einbildungskraft, wie übrigens
+bei alle diesen, das Entscheidende nicht zu fassen vermochte, schreckte
+er vor der zynischen Erkundigung nicht zurück, ob denn die wilde Katinka
+ihre vermeldeten Beine nicht hätte nützlich gebrauchen wollen oder
+können. Im selben Augenblick erhob sich der schlafende Kleinbürger oder
+Agent Jost mit störendem Geräusch. Er trat an den Tisch der Herren,
+schüttelte sich raschelnd, feixte verlegen, und während er irgendwelche
+Laute vor sich hinmummelte, betrachtete er einen um den andern; zuletzt
+blieben seine Augen, zwei kleine, glitzerige Messingscheibchen wie bei
+Katzen, auf Siebolds Gesicht haften, mit einem so neugierigen und
+boshaften Ausdruck, daß es dieser als Belästigung empfand und ihn
+stirnrunzelnd musterte. Ein Unbehagen blieb.
+
+Doch war seine Haltung aufrecht und seine Stimmung geläutert, als er
+durch die abendlich finstern Gassen seinem Heim zuwanderte. Ein
+zurückgedrängtes Stück seiner inneren Person war an dem Abend zu neuem
+Wertbewußtsein erwacht. Er folgerte daraus, daß dem geistig und sozial
+entwickelten Menschen Gedankenmitteilung und Gespräch mit
+Gleichgearteten zu einer Vermehrung des Kräftevorrats verhelfe. Man
+müsse sich zu erkennen geben, war die Lehre, die er daraus zog; man
+dürfe sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Zufällig hatte er
+eine abgebrochene Brücke wieder geschlagen, vernachlässigtes Lebensgut
+in Sicherheit gebracht; und siehe, er befand sich wohl dabei. Die
+Färbung der Existenz war intensiver, der Schritt gewichtiger, der Blick
+bedeutender. Er blieb stehen, sog Luft in die Lunge, nahm eine Zigarre
+aus dem Behältnis und zündete sie an.
+
+Das Ziel des Weges stand nicht im Einklang mit seiner Gehobenheit.
+Sechzehn Quadratmeter Raum und vier Betten: das eheliche Schlafgemach.
+Im Vorgefühl umfing ihn schon die trübe Enge. Die beiden Kinder, die
+sich von Zeit zu Zeit auf dem Lager wälzten und im Traum redeten.
+Kleider und Wäsche auf den Stühlen; Schuhe auf dem Boden; die Vorhänge
+über den Fenstern morsch; oval gerahmte Familienphotographien an den
+Wänden, deren Tünche zu bröckeln begann; die Decke vom Schlafdunst
+vieler Nächte geräuchert. Als sicher war anzunehmen, daß die Frau
+erwachen würde; mit den steifgeflochtenen Zöpfen würde sie sich
+aufrichten, blaß, vergrämt, verdrossen; würde fragen, wo er gewesen,
+warum er so spät kam; würde ihn mit ihren häuslichen Miseren quälen:
+etwa daß sie beim Händler kein Gemüse, beim Kaufmann keinen Zucker
+bekommen; daß weder Kohle, noch Holz, weder Brot noch Mehl im Hause sei;
+daß das ältere Töchterchen über Halsschmerzen geklagt und wahrscheinlich
+Fieber habe. Es wollte ihn bedünken, als gehe dies alles wider die
+Würde. Man war Beamter mit Machtbefugnissen. Es war ein Zwiespalt
+zwischen seiner Stellung im öffentlichen und im privaten Leben;
+unversöhnlicher Konflikt. Der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung
+genoß Ehren; er wollte es nicht verkennen, noch mißachten. Menschen
+zitterten vor ihm. Menschenwohl und -wehe war in seine Hand gegeben. Der
+Gatte, der Vater war zur Geringfügigkeit verdammt, niedergezwungen auf
+die Straße der Vielen.
+
+Er schob es fort. Es gelüstete ihn nach Aufmunterungen. Neulich hatte er
+auf demselben Weg ein Mädchen getroffen und war mit ihr gegangen.
+Ungeachtet ihres niedrigen Gewerbes, das zu verabscheuen er als Mann von
+makellosem Ruf und geachteter Position verpflichtet war, hatte sie ihm
+gefallen. Es gibt Heimlichkeiten in der Lebensführung, durch die man nur
+etwas aufs Spiel setzt, wenn sie aufhören, Heimlichkeiten zu sein, also
+wenn man unvorsichtig ist, wenn man Spuren hinterläßt, wenn man die
+Grenze nicht respektiert. Sabine Jäger war ihr Name. Ihre Haare waren
+gelb wie frisches Holz, eine anziehende Besonderheit; sie hatte
+Temperament und war verhältnismäßig noch unverdorben. Als sie davon
+gesprochen hatte, ihn wieder zu treffen, hatte er sich nicht ablehnend
+verhalten. In selbstbetrügerischer Zerstreutheit lenkte er den Schritt
+nach der Richtung, wo sie wohnte.
+
+Da drang ein Gruß an sein Ohr. Betroffen drehte er sich um und erkannte
+den Agenten Jost, der ihm gefolgt war.
+
+ * * * * *
+
+Er trug ein gelbes Mäntelchen, das kaum bis zu den Hüften reichte. In
+die schlottrigen Ärmel hatte er die Hände wie in einen Muff gesteckt. So
+trippelte er vorüber. Aber plötzlich zögerte er, wartete, bis Siebold
+herankam und sagte mit einer dünnen, hohen, quietschenden Stimme, es
+freue ihn, den Herrn Rechnungsrat noch getroffen zu haben; er habe nicht
+gewußt, daß der Herr Rechnungsrat in dieser Gegend zu Hause sei.
+
+Zwischen Herablassung und Mißlaune brummte Siebold ein paar leere
+Worte, und jener machte Anstalten, weiterzugehen. Wieder trippelte er,
+wieder hielt er inne. »Weit ists,« seufzte er, zog die Hände aus dem
+Ärmelmuff und griff nach dem lächerlich flachen Melonenhut mit
+ausgefransten Rändern, den ein Windstoß zu entführen drohte; »man läuft
+sich die Füße wund, Tag für Tag. Ist mir nicht an der Wiege gesungen
+worden, daß es mir so ergehen soll. Darf ich mich Ihnen anschließen,
+Herr Rechnungsrat? Nur bis zur Ecke da droben, da ist meine Gasse;
+hinter der Atlantik-Bar. Schönes Lokal, die Atlantik-Bar, wie? Schöne
+Leute; immerfort Musik. Wer doch auch einmal lustig sein könnte; ei ja!«
+
+Siebold wußte nicht recht, wie er sich zu benehmen habe. Von dem
+hergelaufenen, verlotterten Menschen angesprochen zu werden, verletzte
+sein Standesgefühl. Er kannte ihn kaum. Andererseits waren die Zeiten
+derart, daß man sich hochmütiger Regungen versehen mußte. Er verbarg
+seinen Ärger, als Jost mit unterwürfiger Zutraulichkeit an seiner Seite
+weiterging und hatte eine steif zurückhaltende Miene.
+
+Mit der pfeifenden Stimme und vom schnellen Gehen atemlos fuhr Jost
+fort: »Da kenn ich einen, der ist dort angestellt als Wagenrufer. Ein
+alter Mann. Vor zwei Jahren hatte er noch ein Speditionsgeschäft und
+eine Villa. Vor zwei Jahren hat er noch in seinem Garten Rosen
+gezüchtet. Und jetzt ruft er die Wagen, vielleicht für solche, die
+früher Kratzfüße vor ihm gemacht haben.« Ein asthmatischer Husten
+unterbrach ihn. »Angst und bang wird einem, Herr Rechnungsrat,«
+quietschte er dann, »angst und bang. Das Schicksal ist wie ein Wolf.
+Tückisch schleicht es her und fällt einen an. Hab drei Kinder zu
+versorgen; acht Jahre das älteste. Ein Mädchen; ein gutes Kind; eine
+Seele wie Gold. Eveline heißt sie. Poetischer Name, wie? Nun, das ist
+der einzige Luxus, den sich die Armen leisten können. Ruft man sie, ruft
+man Eveline, so wird einem gleich ganz wohl. Sie verkauft Schuhbänder
+auf den Straßen, Schuhbänder aus Papierstoff; billig und schlecht.
+Vorige Woche komm ich gegen Abend heim, hängt mir das Fünfjährige am
+Stiegengeländer, außen am Geländer, unter sich den Abgrund, hängt und
+zappelt und schreit. Noch zehn Sekunden, Herr, und die Muskelchen haben
+keine Kraft mehr. Was sagen Sie dazu? Freilich, die armen Würmer sind
+sich selber überlassen. Die Mutter ist tot. Hin und wieder beaufsichtigt
+sie das Töchterchen vom Tapezierer nebenan. Aber darauf ist nicht mehr
+lang zu rechnen. Mit seinen vierzehn Jahren ist das Menschlein bereits
+schwanger. Der Vater ein Saufbold, der Bruder im Zuchthaus, nicht das
+Stück Brot zum Fressen, kaum ein Hemd auf dem Leibe, und trotzdem juckt
+sie das Fleisch. Und wenn man über die Stiegen geht, stolpert man über
+knochenkranke Kinder, und an den Türen steht ausgemergeltes Volk, und
+oben ist Elend, und unten ist Elend, und in der Mitte ist Elend. Hab ich
+da nicht recht, kann einem nicht angst und bang werden?«
+
+Siebold räusperte sich. »Es lebt sich schwer heutzutage,« gab er
+widerwillig zur Antwort. Die Geschwätzigkeit des einfältigen Menschen,
+die unliebsame Begleitung vor allem, erregten seine Ungeduld, und er
+suchte nach einem Vorwand, sich loszumachen.
+
+»Das ganze Leben ist ein finsterer Keller,« fing das Männchen mit seiner
+weinerlichen Stimme wieder an; »wenn ich mir so die Leute betrachte, mit
+denen ich zu tun habe, da wird mir, ich weiß nicht wie. Reden, reden,
+reden. Geschäfte; und was für Geschäfte! Wenn zwei beisammen stehn und
+wispern, so heißt das gewöhnlich, daß einem dritten die Gurgel
+zugedrückt wird. Ich komme zu ihnen in ihre Häuser; ob fein, ob nicht
+fein, ganz gleich, es liegt wie Unrat und Spülicht überall. Auf Tischen
+und Stühlen, in Schränken und Betten, überall Unrat und Spülicht. Ich
+glaube, irgendein Stern da droben, ein von Gott verfluchter, hat in
+irgendeiner Nacht all seinen Unrat und Spülicht auf uns
+heruntergeschüttet. Dem ist nicht beizukommen, nicht mit Wasser, nicht
+mit Feuer; Unrat und Spülicht, das klebt in alle Ewigkeit. Nun, wirds
+bald, sag ich, was redet ihr denn? was sinnt ihr? was macht ihr für
+Grimassen? was grinst und lacht ihr und laßt euch von einem Alten, der
+Rosen gezüchtet hat, eure Karossen rufen, wo doch das ganze Leben ein
+finsterer Keller ist? Heda, was werft ihr denn euern Jammer auf einen
+Haufen, daß man hineinstürzt und drin erstickt? Und ist der Zorn
+verraucht, so möcht ich mich am liebsten hinschmeißen und heulen, vom
+Morgen bis zum Abend, nichts als heulen. Zu denken: so ein Kind, eine
+vierzehnjährige Schwangere. Zu denken! Herrgott! Das halt ich nicht aus.
+Das raubt mir den Schlaf in der Nacht; ich liege und liege, und auf
+einmal seh ich dann den Weg nach Golgatha. Den großen, fürchterlichen,
+schmerzensreichen Weg nach Golgatha.«
+
+Siebold blieb stehen. Er schleuderte den Zigarrenstummel fort und fragte
+streng: »Zu welchem Zweck erzählen Sie mir eigentlich das alles? Das ist
+doch der reine Blödsinn, mein Bester.«
+
+Die schroffe Zurechtweisung beschämte den Kleinen sichtlich. »Es ist
+wahr, Herr Rechnungsrat, es ist lauter Blödsinn,« erwiderte er
+schüchtern. »Ich bin eben ein blödsinniger Mensch. Das sagen viele. Ich
+habe selbst am meisten drunter zu leiden. Es geht bei mir bis zu fixen
+Ideen. Zum Beispiel, Sie werden es kaum für möglich halten, zum Beispiel
+hab ich heut abend die Wörter gezählt, die in Ihrer Geschichte
+vorgekommen sind. Sollte man sowas glauben? Achthundertneunundachtzig
+Wörter, alles in allem, genau gezählt. Hab mich schlafend gestellt und
+dabei gezählt. Ich höre, versteh auch den Sinn, zugleich arbeitet das
+Hirn wie eine Additionsmaschine, klapp, klapp. Kann mir nicht helfen,
+muß zählen. Achthundertneunundachtzig Wörter, ein ganzer
+Zeitungsartikel. War aber auch sehr spannend, Herr Rechnungsrat;
+wirklich, mein Kompliment, eine spannende Geschichte. Aber in der Nacht,
+wenn ich liege und in die Finsternis stiere, dann marschieren die
+sämtlichen Wörter an meine Bettstatt, stellen sich der Reihe nach auf
+wie die Zinnsoldaten, und da begreif ich erst die Meinung, da wird mir
+alles erst klar, und da seh ich dann den Weg nach Golgatha, wie gesagt.
+Ein schlimmer Zustand. Es ist kein Spaß, wenn man jede Nacht und jede
+Nacht auf den Weg nach Golgatha geschleppt wird. Ich muß einmal zum
+Doktor. Ich muß mich einmal untersuchen lassen.«
+
+Siebold überlief es kalt. Die Reden und das Gebaren des lumpenhaften
+Menschen beunruhigten ihn allgemach. Daß er es mit einem Verrückten zu
+tun hatte, stand fest. Entschlossen, sich von der unangenehmen
+Gesellschaft zu befreien, murmelte er bei der nächsten Straßenabzweigung
+einen mürrischen Gruß und entfernte sich rasch.
+
+ * * * * *
+
+Glückliche Organisation befähigte ihn, leicht zu vergessen. Ist ein Mann
+aus Neigung wie aus Eignung Beamter, so bilden die täglichen
+Obliegenheiten seine Schutzwache. Berufsgewalt erhöht ihn.
+
+Menschen mußten warten, bis er geruhte, sie zu empfangen und anzuhören.
+Auch wenn es ihm beliebte, nichts weiter zu sein als launenhaft,
+lustlos, ungewillt ihre Gesichter zu sehen, sie mußten trotzdem warten.
+Das machte die Bedeutung des in gewiesenem Bereich absolut regierenden
+Beamten aus: daß sie warten mußten.
+
+Sie froren im Korridor, und in seinem Büro barst der Ofen vor Hitze.
+Akten häuften sich mit Inhalt von unbestrittener Tragweite. Sie
+verrieten dem kundigen Auge wirtschaftliche Schwäche, törichte Bemühung,
+gesetzesfeindliche Ausflucht, verbrecherische Verschleierung. Sie
+eröffneten den Blick in die Schlupfwinkel der Existenzen; sie boten die
+Handhabe, Säumige zu zitieren, daß sie kommen mußten und dastehen wie
+ertappte Diebe. Aufsässigkeit war vergeblich. Der Akt machte sie
+zuschanden. Einspruch prallte ab. Der Akt redete. Der Akt beugte sie.
+
+Es drang aber aus dem Vergessenen herauf bisweilen eine quietschende
+Stimme. Es zeigte sich auch, selbstverständlich nur in der Einbildung,
+das gelbe Mäntelchen mit den in muffartigen Ärmeln geborgenen Händen. Er
+schüttelte zu solchen Erscheinungen, die zwei-dreimal während des Tages
+auftauchten, den Kopf, denn er war es nicht gewöhnt, Dinge zu sehen, die
+nicht gegenwärtig waren, und eine Stimme zu vernehmen, ohne daß ein
+Sprechender zu erblicken war. Es war eine Unzuträglichkeit, doch nicht
+groß zu achten. Immerhin mied er das Stammlokal. Einer neuen Begegnung
+mit dem aufdringlichen Schwätzer auszuweichen, dünkte ihm ratsam. Es gab
+andere Zufluchtsstätten. Vor allem war er in diesen Tagen in intimere
+Beziehung zu Sabine Jäger getreten, und die Abende waren von dem
+Zusammensein mit ihr beansprucht.
+
+Da geschah es, daß er einen Brief mit der Post erhielt; auf dem
+eingeschlossenen Blatt stand nichts weiter als der Satz: Der Weg nach
+Golgatha ist lang. Er starrte eine Weile darauf nieder, schien sich zu
+besinnen, dann zerriß er den Wisch und warf ihn ins Feuer. Verwegene
+Anrempelung; so ein Bursche müßte festgenommen und bestraft werden.
+
+Zwei Tage später reichte ihm seine Frau eine offene Karte, die der
+Postbote soeben gebracht hatte, und fragte erstaunt, was es damit für
+eine Bewandtnis habe. Er las: Die Zinnsoldaten ziehen jede Nacht zur
+Parade auf.
+
+Er versuchte zu lachen. Die Frau beharrte auf ihrer Frage, da sie ein
+Geheimnis vermutete, eine chiffrierte Mitteilung. Zornröte stieg in sein
+Gesicht. Er antwortete, er kenne den Schreiber; es sei ein Wahnsinniger,
+aber von der harmlosen Art, der sich einen albernen Scherz mit ihm
+erlaube; er werde dem Narren das Handwerk legen.
+
+Am selben Nachmittag gewahrte er auf dem Heimweg vom Amt Jost in seinem
+gelben Mäntelchen vor einer Branntweinbudike. Er zog sogleich den
+Melonenhut und grüßte devot. Siebold schaute geradeaus, ohne den Gruß zu
+erwidern. Doch bemerkte er, daß ihm Jost folgte. Unwillkürlich
+beschleunigte er seinen Schritt. Das Zwergentrippeln näherte sich
+trotzdem. Erregung packte ihn, deren er sich schämte. Jäh blieb er
+stehen.
+
+»Schlechtes Wetter, Herr Rechnungsrat,« sagte Jost kleinlaut; »wenn es
+schon im November so ist, wie soll man da durch den Winter kommen? Hab
+bereits alles, was beweglich ist, ins Pfandhaus getragen.«
+
+»Ich empfehle Ihnen, sich zu trollen, sonst laß' ich Sie auf der Stelle
+verhaften,« knirschte Siebold erbittert; »verschonen Sie mich, in des
+Teufels Namen, mit Ihren unverschämten Vertraulichkeiten.«
+
+Aber als er darauf den Kleinen anschaute, erblaßte er. Jost hatte die
+Augen auf ihn gerichtet, die zwei Messingplättchen hinter zuckenden
+Lidern, und in diesen Augen war etwas, was er noch an keinem Menschen
+wahrgenommen: eine unfaßbare, geradezu unsinnige Qual verbunden mit
+einer ebenso unfaßbaren, ebenso unsinnigen Bosheit. Vielleicht kam es
+ihm nur wie Bosheit vor; jedenfalls fuhr ihm ein befremdlicher Schrecken
+in die Glieder. Schwerfällig ging er weiter, verwundert, in hemmendem
+Nebel, in heimlicher, hemmender Sorge, die wie eine nachschleifende
+Kette klirrte.
+
+ * * * * *
+
+Es wurde so, daß er von dem Tage an keinen Gang durch die Straßen tun
+konnte, ohne daß er den Gelbmantel nicht mindestens einmal erblickte.
+Zwar redete ihn Jost nicht mehr an; aber daß er in der großen Stadt,
+unter Tausenden von Menschen jederzeit darauf gefaßt sein mußte, gerade
+diesem zu begegnen, immer wieder diesem, brachte ihn nach und nach aus
+dem Gleichgewicht.
+
+In schäbigem Aufzug, schlotterig trippelnd, die Hände in den
+Mantelärmeln, mumienhaft eingeschrumpft, in bekümmerter Eile oder auch
+in gleich bekümmerter Gedankenversponnenheit tauchte er unerwartet an
+einer Ecke auf; unter den Bäumen einer Allee; in der Mitte einer Straße.
+Bald stand er vor einer Ladenauslage und betrachtete mit blöden Mienen
+die Waren, den Melonenhut in die Augen gedrückt; bald kauerte er auf dem
+Prellstein vor einem Torweg. Manchmal marschierte er auf dem
+gegenüberliegenden Gehsteig in der nämlichen Richtung, überschritt die
+Straße und verschwand plötzlich; manchmal schoß er unmittelbar auf
+Siebold zu und wich erst in der letzten Sekunde zur Seite. Stets hatte
+er den Kopf gesenkt und die Augen niedergeschlagen: bescheiden,
+verängstigt, gehetzt; und eingehüllt in jene unfaßbare und unsinnige
+Qual und Bosheit.
+
+Eines Morgens, als Siebold seine Wohnung verließ, die in einem
+Hintertrakt gelegen war, und durch den mit einem Gärtchen verzierten Hof
+schritt, gewahrte er ihn am Flurfenster im zweiten Stock des vorderen
+Hauses. Er hatte beide Ellbogen auf das Sims gestützt, das Fenster war
+offen, den Kopf hielt er zwischen den Händen, der Melonenhut saß diesmal
+ganz im Nacken, so daß das sorgfältig gescheitelte und ölig verklebte
+Grauhaar sichtbar wurde, und in dieser Haltung starrte er regungslos in
+die Luft. In Siebold kochte berserkerhafter Ingrimm auf; er rief den
+Hauspfleger; unartikuliert redend, deutete er mit dem Schirm in die
+Höhe, brachte endlich die Frage hervor, was das Individuum da oben zu
+suchen habe, und während der Hausmeister hinaufging, wartete er
+wutbebend an der Stiege. Alsbald schlich Jost an ihm vorbei, vom
+schimpfenden Hauswart verfolgt, gedrückt, still und hastig. Siebold
+eilte ihm nach, wurde eines Polizisten ansichtig, trat auf ihn zu,
+nannte seinen Namen und Titel, wies, abermals mit dem Schirm, auf den
+sich entfernenden Gelbmantel, sagte zu dem Schutzmann, er möge ein Auge
+auf den Strolch haben, es sei vermutlich ein Einschleicher, er selbst
+beobachte ihn schon lange und habe Grund, ihn für ein gemeingefährliches
+Subjekt zu halten. Der Schutzmann, über seine schäumende Gereiztheit
+erstaunt, versprach, den Verdächtigen zu stellen, falls er sich wieder
+in der Gegend zeige.
+
+Siebold glaubte, sich Ruhe verschafft zu haben. Zwar blieb eine
+ahnungsvolle Verwirrung in seinem Innern bestehen, eine gewisse
+Zerstreutheit und Erregbarkeit, deren er nicht Herr zu werden vermochte,
+aber da sich der Mensch in den nächsten Tagen nicht blicken ließ, atmete
+er auf. Als er jedoch am dritten oder vierten Tag in sein Amtszimmer kam
+und sich an das Schreibpult setzte, lag da ein großer Bogen Papier; an
+jeder Ecke war mit Rotstift ein Kreuz gezeichnet; in der Mitte befanden
+sich drei Kreuze, und unter diesen stand, ebenfalls mit Rotstift
+geschrieben:
+
+ Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
+ Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
+ Und der sie aufgericht und hingestellt,
+ Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.
+
+Er wußte zuerst nicht, was das sein solle. Verse; was hieß denn das? Er
+dachte an einen Schabernack der Kollegen, runzelte die Stirn, schaute
+hinter sich, blätterte in einem Faszikel, nahm den Bogen wieder zur
+Hand, studierte die Schriftzüge, verfärbte sich, spürte etwas wie
+Lähmung in den Händen, eine Glutwelle im Kopf; sprang auf, fuhr den
+Schreiber an, wer das Zeug auf seinen Tisch praktiziert habe, geriet
+außer sich, als der versicherte, von nichts zu wissen, rief mit heiserer
+Stimme den Amtsdiener, deutete auf den beschriebenen und bemalten Bogen,
+drohte, eine Disziplinaruntersuchung anhängig zu machen, und als einige
+Beamte aus den benachbarten Räumen, über den Auftritt bestürzt,
+herbeigerannt waren, wollte er ihnen erklären, was ihm widerfahren, daß
+Unfug gegen ihn verübt werde, aber er kam ins Stottern, und auf einmal
+schwieg er, wischte sich den Schweiß von der Stirn, begab sich auf
+seinen Platz zurück und versank in sonderbares Brüten. Die Herren
+zuckten die Achseln und warfen einander bedenkliche Blicke zu.
+
+Den Parteien erwuchs Übles von seiner verdüsterten Gemütsverfassung. Die
+geringen Leute harrten stundenlang vergebens auf den Aufruf. Auch an den
+folgenden Tagen. Zeitbedrängte standen sich die Zehen in den Stiefeln
+wund. Schuldbewußte verzagten. Die zur Amtshandlung Vorgelassenen wurden
+in messerscharfe Inquisition genommen. Mutmaßliche Fehlangaben stießen
+auf ätzenden Hohn. Strafausfertigungen wimmelten. Den Korridor füllte
+Murren. Der Gewaltige selbst aber saß und befahl. Saß und verschanzte
+sich gegen die Stimme, die eine Stimme. Machte sich blind gegen das
+Gesicht, das eine Gesicht. Bemühte sich, den Worten eines läppischen
+Verses zu entrinnen. Wußte, was die Stimme verlangte, während er das
+schwindsüchtige Weib anschrie, das die Quote nicht zahlen konnte und zur
+Pfändung verurteilt war. Erboste sich um so mehr. Unnachgiebigkeit war
+zu erweisen, Unerbittlichkeit. Kam er nach Hause, so fühlte er sich
+erschöpft.
+
+Am Sonntag um die Dämmerungsstunde hatte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa
+gelegt und war eingeschlafen. Die Frau saß am Fenster und nähte, die
+zwei Kinder hatten sich in die Ecke gedrückt und blätterten in einem
+halbzerfetzten Bilderbuch. Die Stille wurde von einem gräßlichen Schrei
+unterbrochen. Siebold fuhr empor; in seinem Gesicht war weißer
+Schrecken; es war wie zerfetzt von Schrecken. Die Frau stürzte hin,
+packte ihn; »Mann, Mann,« rief sie; die hagere Gestalt, abgehärmt Teil
+für Teil, war der Wucht der Befürchtung kaum gewachsen; die Kinder
+standen zitternd hinter ihr, den Vater mit verzehrend großen Blicken
+betrachtend.
+
+Der war entwirklicht. Er hatte nicht selber geschrien. Einer in ihm
+hatte geschrien. Überlegte er es genauer, so war es nicht einer gewesen,
+sondern mehr als zehn. Sie waren schreiend an ihm vorübergestürmt, in
+einem violett-feurigen Ring. Sie hatten sich zu dem Schrei in ihm
+vereinigt, daß er aufwachen solle. Er begriff sonst nichts, äußerte auch
+dieses nicht. Es erschien ihm erniedrigend, er hatte es noch nie erlebt,
+es widerstritt dem Rang und der Regel. Unfreundlich wies er die Frau ab,
+nachdem er sich gefaßt, wusch das Gesicht in kaltem Wasser, zog den
+guten Rock an, ging fort.
+
+Er war mit Sabine Jäger verabredet, suchte aber erst das Stammwirtshaus
+auf, um zu Abend zu essen. Gerade dorthin wollte er, wo er
+möglicherweise den Gelbmantel treffen konnte. Dorthin, jawohl, um sich
+nicht der Feigheit bezichtigen zu müssen. Vielleicht wurde eine
+Entscheidung dadurch herbeigeführt. Vielleicht machte er den Hallunken
+dingfest. Vielleicht holte er sich Rat bei den Freunden und berichtete
+ihnen, was für Streiche ihm der Kerl spielte. Er nahm sich einen
+bestimmten scheltenden und entrüsteten Ton vor, in welchem er die
+Anmaßung und Übergeschnapptheit des Menschen darlegen wollte, aber als
+es so weit war, als er in der wohlwollenden Runde saß, brachte er keine
+Silbe aus der Kehle, ja, wenn er bloß daran dachte, fing sein Herz an zu
+klopfen. Er fand den Eingang nicht, er fand das Wesen nicht, er fand den
+Dolus nicht, alles war verwischt, dumm, kindisch, unfaßbar. Es wurde ihm
+gesagt, daß er schlecht aussehe, schlaffe Wangen und trübe Augen habe;
+er gab zu, sich krank zu fühlen; es war ein Anlaß, sich bald zu
+verabschieden. Der Offizial stülpte hinter ihm die Stirn in Falten und
+meinte, mit dem gehe es bergab, der werde es nicht mehr lange treiben.
+
+Mit großer Hast eilte er durch die Straßen. Nebengassen glichen
+Schlünden, geschlossene Tore und Fenster waren wie für die Ewigkeit
+verriegelt. Das verhohlene angenehme Grauen, mit dem der unbescholtene
+Bürger, Staatsbeamte, Ehegatte zu einer Prostituierten geht, täuschte
+ihn über anderes Grauen, das in innerste Zellen entwichen war. Die Jäger
+bewohnte in einem uralten Vorstadthaus mit vielen Höfen und Durchgängen,
+vertretenen Stiegen, steinern kalten Fluren im letzten der Höfe zwei
+Zimmer im Erdgeschoß. Deckchen, Kissen, bunte Stoffe und eine schummerig
+umhüllte Lampe überschminkten die Dürftigkeit.
+
+Das Mädchen empfing ihn im grünen Schlafrock und zeigte über sein Kommen
+Freude. Sie plauderten von Abstand zu Abstand, leer, hölzern, zweckhaft;
+der Regen plätscherte draußen. Siebold dünkte sich leidlich in
+Sicherheit; was noch an Unruhe in ihm trieb, versprach die Lust abzutun,
+er wurde deshalb wortkarg und verlangend. Doch hatten sie sich nicht
+sobald auf das vorbereitete Lager begeben, als er mit erstarrendem Auge
+an die Mauer blickte und die erstarrende Hand hinstreckte. Es war ein
+Karton mit Reißnägeln angeheftet, darauf gemalt zwei schwarze
+Schmetterlinge links und rechts, in der Mitte eine rote Flamme, und
+darunter war in lapidaren, fast wie in alten Mönchsschriften kunstvoll
+ausgeführten Lettern zu lesen:
+
+ Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
+ Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
+ Und der sie aufgericht und hingestellt,
+ Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt;
+ Und immer neue baut er Tag und Nacht
+ Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht Acht.
+
+»Wo hast dus her?« fragte er mit bebender Kinnlade und kraftloser
+Lippe, »wo hast dus her?« Und sie, erschrocken über sein Aussehen,
+unbefangen wegen der Frage: »Einer hat mirs geschenkt.« Er umklammerte
+ihren Arm, daß sie schmerzlich stöhnte. »Wer? wer hats geschenkt? wer?«
+
+Da erschallte vom Hof herein ein klagendes Rufen, nicht sonderlich laut,
+aber mit durchdringend hoher Stimme. »O, Golgatha!« riefs, und wieder,
+langgedehnt: »o, Golgatha!« Wie er die Stimme kannte! Er sprang auf,
+tastete nach den Kleidern, fiel entkräftet auf einen Stuhl und murmelte
+ohne Atem, die Hosen halb über den Beinen: »Er hat mich dahier ausfindig
+gemacht; das gibt Unheil; ich muß ihn erwischen; ich muß ihn erwürgen.«
+In verstörter Eile kleidete er sich vollends an, Sabine war um ihn
+bemüht, lauschte zugleich, denn das wehe »o Golgatha!« tönte, obzwar
+ferner und schwächer, noch immer herein. Während er den Kragen
+befestigte und die Krawatte band, kam es wie geistesabwesend aus seinem
+Mund: »Weiß nicht, was er will. Immer hinter mir her, früh und spät
+hinter mir her; weiß nicht, was er von mir will. In meinem Leben hab ich
+nichts Schlechtes getan. Wie ein Detektiv auf der Lauer und hinter mir
+her. Das darf nicht geduldet werden. So einen muß man einsperren. Ins
+Irrenhaus gehört so einer.«
+
+Die Jäger betrachtete ihn scheu und mißtrauisch, war froh, daß er sie
+verließ, riegelte die Tür auf, als er fertig war, und bekreuzte sich,
+als er grußlos hinausstürzte.
+
+Der Hof war finster. Das Rufen hatte aufgehört. Er suchte. Es war
+niemand da. Er stand und ging mit vorgeneigtem Rumpf; die Augen irrten
+durch die nasse Dunkelheit.
+
+Er suchte den geheimnisvollen Verfolger. Violett-feurige Ringe drehten
+sich wieder. Er wankte durch die Torwege, pochte an ein Fenster, und
+eine Alte kam, das Tor zu öffnen. »Haben Sie keinen gesehen?« fragte er;
+»ist nicht einer fortgegangen, ein Kleiner mit gelbem Mantel?« Nichts
+gesehen, keinen gesehen, war die Antwort.
+
+Auf der Straße machte er ein paar Schritte, dann mußte er nach einer
+Stütze tasten. Er lehnte sich an die Mauer. Brodeln war in der Luft, der
+Erdboden bog sich und gab nach wie Gummi. Was war denn? was geschah
+denn? »Ich habe doch in meinem ganzen Leben nichts verbrochen,« murmelte
+er grübelnd und verdüstert; »meine Hände sind rein, niemand kann mir
+etwas vorwerfen, ich habe kein unrechtes Gut erworben, habe keinen
+Menschen unterdrückt; war fleißig, pünktlich, solid, nüchtern,
+anständig; was will der Schuft von mir? was will er mit seinem Golgatha
+und seinen blödsinnigen Verschen?«
+
+Da hörte er sich selbst, zu seinem Entsetzen, wie wenn seine Zunge
+andern Pfad liefe als sein Denken, hörte er sich selbst in einer monoton
+und schülerhaft deklamierenden Weise sprechen:
+
+ »Die blutigen Weiser stehen auf dem Plan,
+ Und was sie weisen, das ist Gram und Scham,
+ Und der sie aufgericht und hingestellt,
+ Auf den weist jetzt die ganze Geisterwelt.«
+
+Der Verstand, wo war der Verstand? Es mußte doch ein Verstand drinnen
+sein. Und dann das noch:
+
+ »Und immer neue baut er Tag und Nacht
+ Und hat des Wegs und hat des Ziels nicht acht.«
+
+Ja, was denn? wie denn? warum denn? Wegen dem schwindsüchtigen Weib am
+Ende? Es war seltsam, daß ihm dies einfiel; er wußte nicht, was er
+daraus machen sollte. Langsam ging er weiter, im Regen, ohne den Schirm
+aufzuspannen, nicht in sich gekehrt, nicht nach außen gekehrt, doch
+horchend, unablässig horchend. Auf das Rätsel horchend. Was sich mit ihm
+ereignete, war Rätsel. Wie er den Verfolger im Hof gesucht hatte, so
+suchte er jetzt die Lösung des Rätsels, oder bloß die Natur davon. Er
+schleppte etwas, und wußte nicht, warum es so schwer war, noch warum es
+ihm aufgebürdet war, noch was für ein Ding es überhaupt war. »Man hat
+Frau und Kinder, man muß sich zusammennehmen,« sagte er auf einmal laut
+und fühlte sich ein wenig erleichtert, vielleicht unter dem Einfluß
+grellen Lichts, das ihn traf. Es war die Bogenlampe vor der
+Atlantik-Bar. Musik und Gelächter schallten heraus, Automobile und Wagen
+standen in langer Reihe. Er wagte kaum hinzuschauen, ging etwas rascher,
+und nach einigen hundert Schritten bemerkte er eine ziemlich große
+Menschenansammlung. Laut redende und heftig gestikulierende Gruppen
+hatten einen eleganten Fiaker umringt und offenbar den Lenker vom Bock
+gerissen, denn die Pferde, denen anzusehen war, daß sie im raschesten
+Lauf aufgehalten worden, standen allein, und aus den Stimmen hob sich
+die rohbrüllende des Kutschers am vernehmlichsten hervor. Dem Gespräch
+zweier Burschen entnahm Siebold, was sich zugetragen hatte.
+
+Es befand sich in diesem Teil der Straße eine kommunale
+Kartoffelverkaufsstelle, die natürlich während der Nacht geschlossen
+war, vor der jedoch in Erwartung des Morgens zahlreiche Leute aus dem
+Volk postiert waren, Weiber, alte Männer, halbwüchsige Kinder. Einige
+kauerten auf der Erde, hatten eine Decke, eine Kapuze, einen Unterrock
+zum Schutz gegen Regen und Nachtkälte über den Kopf gezogen und
+schliefen. Plötzlich war jener Fiaker herangerast, ein offenes Gefährt,
+und darin lehnte blasiert ein Herrchen, vielleicht neunzehn, vielleicht
+zwanzig Jahre alt, die Spuren der Ausschweifung in den Zügen, die Finger
+voller Ringe, Brillantnadel im Schlips, mit Lackschuhen, gebügelter
+Hose, Spazierstöckchen, Glacéhandschuhen, die ganze Welt in der Tasche,
+doch sie verachtend. Die bis auf den Fahrdamm hockende und stehende
+Menge in der Dunkelheit zu spät gewahrend, hatte der Kutscher geschrien;
+Angstlaute antworteten, Weiber flüchteten überstürzt; aber der Wagen
+fuhr zu nah am Rinnstein; ein Kind war vom Hinterrad erfaßt worden und
+lag bewußtlos da.
+
+Für Siebold war es Gelegenheit, dem zu entrinnen, für eine Weile, was
+ihn peinigte; daß er ihm zulief, ahnte er nicht. Er drängte sich durch
+die Menschen und gelangte in den freien Raum, der sich um den Kutscher,
+den Fahrgast und das auf dem Pflaster liegende Opfer des Unglücks
+gebildet hatte. An der Seite des Kindes, das mit bläulich-fahlem Gesicht
+hingestreckt lag, ein wenig blutigen Schaum vor den Lippen, die offenen,
+blonden Haare von Kot besudelt, kniete Jost, und kein Scharfsinn war
+nötig, um zu erkennen, daß er der Vater des Kindes war. Er redete, doch
+im wüsten Gezänk verhallten seine Worte. Mit dem Taschentuch wischte er
+bisweilen das Blut vom Munde des Mädchens, strich mit der Hand über
+Stirn und Wange der Leblosen, erwiderte nichts auf die Fragen und
+Ratschläge der Umstehenden, war eingewühlt und hingegeben in den
+Schmerz.
+
+Jemand sprach vom Transport ins Spital; ein anderer sagte, alle
+Spitäler seien überfüllt. Ein Weib meldete, die Rettungsgesellschaft
+habe wissen lassen, daß augenblicklich kein Wagen zur Verfügung stehe,
+in einer Stunde erst, worauf unwilliges Murren hörbar wurde. Ein Mann
+trat in den Kreis, der sich als Arzt auswies, beugte sich nieder, legte
+das Ohr an die Brust des Kindes, sprach mit Jost. In den lärmenden
+Streit zwischen dem Kutscher und der erregten Menge hatte ein Polizist
+vermittelnd eingegriffen, es gelang ihm, die Ruhe herzustellen. Das
+Herrchen, von drohenden, feindseligen Blicken gemustert, stand blaß und
+lässig da, verbarg die Angst vor der Wut und dem Hohn der Leute unter
+einer hochmütig-teilnahmslosen Miene, zupfte am Schnurrbärtchen, ahmte
+in seiner Haltung aristokratische Art nach, was die Hohlheit, die freche
+Neuheit seiner Umstände erst recht zum Vorschein brachte.
+
+»Gott kann das nicht zulassen,« hörte man nun den Gelbmantel sagen, oder
+vielmehr Siebold hörte es, da er sich unter unbesiegbarem Zwang dicht
+herangedrängt hatte; »immerfort rinnt Blut aus der Seele,« sprach er wie
+ein Betäubter; »Gott kann mir das nicht antun. Man muß die Tropfen von
+dem Blut zählen, damit sie alle wieder zurückgegeben werden. Ich will
+sie alle wieder haben. Die Seele braucht das Blut. Wo ist das Körbchen?
+Meine Eveline hat ein Körbchen gehabt. Wo ist das Körbchen?«
+
+Neugierig und mitleidig starrten die Männer und Weiber auf ihn nieder.
+Ihre übernächtigten, von vielfacher Bedrängnis gemeißelten Gesichter
+gaben Andacht kund; finstere Gedrungenheit der Erfahrung des Übels war
+in ihnen, die gelernte Geduld, der Rost des Elends. Einer hatte das
+Körbchen gebracht, ein zerfetztes Strohgeflecht mit beschmutztem blauen
+Band. Indessen regte sich das Kind, und Jost sagte, er wolle es nach
+Hause tragen, er wolle auch zu seinen andern Kindern heim, er wolle es
+auf den Arm nehmen. Da schien es Siebold unter demselben unbesieglichen
+Zwang, als müsse er Hilfe anbieten; es trieb ihn hierzu unter trotzigen
+und bösen Vorbehalten. Es war die Hoffnung, sich loskaufen zu können; er
+wollte sagen können: mein Lieber, ich bin da, du siehst also, daß du mir
+unrecht getan hast und mich künftig in Frieden lassen sollst; ein
+Mißverständnis, du siehst nun selbst, ein Irrtum.
+
+So beugte er sich nieder, um die Hand des Kindes zu befühlen. Sie war
+überraschend kalt und vermittelte eine Empfindung von der Grenzwelt.
+Jost schaute in sein Gesicht, und hatte einen Ausdruck, als fände er es
+selbstverständlich, ihn hier zu sehen. Seine Wangen hatten Furchen, die
+Messerschnitten glichen; die Lider waren wie verklebt, die Hände mit
+Straßenkot bedeckt, Mantel, Beinkleider, Schuhe, sogar der Melonenhut,
+in den Nacken geschoben wie damals am Treppenfenster, mit Kot überzogen.
+Er hob das Kind empor. Man hätte ihm die Kraft nicht zugetraut. Es
+schlang die Arme um seinen Hals. Siebold, wie mit Stricken angebunden,
+blieb ihm zur Seite, er, dem die Nähe des Menschen Pest gewesen. Ein Bub
+eilte nach und ließ Geldscheine flattern. Der Herr, der Fahrgast, hatte
+sich in letzter Minute zu einer Spende entschlossen. Jost schüttelte den
+Kopf. Er begleite ihn und werde ihm zu Hause das Geld geben, sagte
+Siebold, nahm dem Knaben die Scheine ab und steckte sie in die Tasche.
+»Das Körbchen!« rief Jost bänglich, und ein Weib holte es herbei.
+Siebold nahm auch das Körbchen. Der Schutzmann hielt sie noch einmal auf
+und verlangte Josts Adresse.
+
+Nach und nach verloren sich diejenigen, die aus Zeitvertreib oder
+Vorliebe für traurige Zwischenfälle mitgegangen waren, und Siebold war
+mit Jost und der Leidenslast, die dieser trug, allein. Es herrschte in
+seinem Geist welkes Erstaunen über sein Tun. Es war als trete ein
+Fremdes aus ihm heraus und er gehe zwiefach; der zweite blieb dahinten.
+Jeder Schritt erniedrigte ihn um eine neue Stufe. In seiner kränklichen
+Stummheit redete er zu dem stummen Begleiter: du siehst, wozu ich bereit
+bin; du siehst, wie ich mich herablasse. Dann spürte er, daß ihn stärker
+als alles andere die Begierde nach der Lösung des Rätsels unterjocht
+hatte; schwarze, giftige, fressende, brennende Ungeduld, den Grund
+unerhörter Vergewaltigung und Beleidigung zu erfahren, der Kühnheit, mit
+der in die Schranke der Persönlichkeit eingebrochen, gewährleistete
+Würde verletzt, Sicherheit und Ruhe zerstört worden war eines Trägers
+von Verantwortungen, eines Funktionärs mit Befugnissen, die über das
+Gemeine erhoben und gegen das Ordnungslose feiten. Aber der
+hartnäckigere Aufruhr war bei dem, der hinten blieb und mit dem die
+Bindung zerfiel.
+
+Da es heftiger regnete, spannte er den Schirm auf und hielt ihn im Gehen
+über Jost und das Kind. Dem schwachen Menschen wurde die Bürde zu
+schwer; sein Schwanken verriet es, der keuchende Atem. Siebold sah sich
+um, als erwarte er Beistand von wo; daß er selbst ihn leisten konnte und
+schließlich mußte, dawider bäumte er sich auf, bis eine Bewegung Josts
+ihn dringend anrief. Er umfaßte das Kind; die feuchten, besudelten Haare
+streiften sein Gesicht; der Kopf fiel wie gebrochen sogleich über seine
+Schulter; die Ärmchen hingen steif und mager herunter. Robust wie er
+war, fand er die Last federleicht. Er reichte Jost Schirm und Körbchen,
+dann setzten sie den Weg fort. Plötzlich gellte Jost in die Nacht
+hinaus: »Das darf Gott nicht zulassen,« mit einem gemarterten,
+rebellischen Ton.
+
+Er fängt schon wieder mit seinem Geschwätz an, dachte Siebold. Das Kind
+in seinen Armen regte sich; er fühlte die Glieder, die kleine Brust, die
+engen Lenden, geschmiegt an seinen Leib, und es war ihm zum Schaudern
+neu. Keines der eigenen war so dicht an ihm gewesen, in Krankheit nicht,
+in Zärtlichkeit nicht, keines hatte so elfenhaft, so hingeschwunden an
+ihm geruht. In seiner Kehle war es wund; er war so außer seinem Kreis,
+daß er wie in Behexung durch ein aufgesperrtes Tor ging, wie taub und
+blind hinter Jost über Treppen und abermals Treppen, höher, immer höher,
+an Türen vorbei, höher und immer höher, als sei es ein Turm, und endlich
+beklommen um sich blickte, als sie in ein dumpfiges Gemach gekommen
+waren und Jost einen Kerzenstumpf anzündete.
+
+Zwei Kinder lagen schlafend auf einer Matratze. Daneben stand ein Bett
+ohne Überzug, bloß Decke und Strohsack im Gestell. Die Fenster waren
+unverhängt. Man sah Schlöte gleich kolossalen Fingern aufragen, mit
+Blitzableitern wie schwarze Strahlen. An den kahlgrauen Wänden hingen
+gedruckte Bilder aus Zeitschriften, Berge, Schlösser, Feldherren,
+Fürsten; auf dem Boden lag eine verbogene Kindertrompete, auf dem Tisch
+ein Ranft altbackenes Brot, eine angebissene Rübe und eine Schachtel mit
+Lottonummern.
+
+Wie komm ich daher? dachte Siebold, und wie komm ich wieder fort? Jost
+hatte ihm das Kind abgenommen. Er entkleidete es. Er war behutsam mit
+Rücksicht auf die Schlafenden. Er flüsterte: »Der Doktor hat
+versprochen, morgen früh seinen Kollegen von der Bezirkskrankenkasse zu
+schicken. Wenns nur wahr ist. Ich soll einstweilen kalte Umschläge
+machen. Gewiß, gewiß. Soll geschehen. Im Krug ist Wasser. Gewiß, gewiß,
+soll geschehen, du davongelaufene kleine Seele. Und das Blut abwaschen,
+den Dreck abwaschen. Soll geschehen, soll alles geschehen.«
+
+Die Worte wurden im Hauch hervorgestoßen, entlockt vom Irrsinn der
+Sorge. Dabei manipulierte er, warf Kleidchen, Schuhe, Strümpfe,
+Unterröckchen, Hemd beiseite, holte den Krug, riß einen vom Gebrauch
+schwarz gewordenen Fetzen vom Nagel, immer an Siebold vorübertrippelnd,
+der sogleich die Geldscheine auf den Tisch gelegt hatte und dann nutzlos
+stehen blieb. Die Kammer mußte auf der einen Seite eine sehr dünne, bloß
+gegipste Wand haben, denn aus dem danebenbefindlichen Raum war
+ununterbrochen ein schmerzliches Ächzen zu hören, welchem Siebold
+furchtsam und erregt lauschte, während Jost den Körper des Kindes mit
+allerbedächtigster Zartheit in die rauhe Wolldecke hüllte, das angenäßte
+Tuch über die Stirn breitete und darnach mit gefalteten Händen vor der
+Bettstatt niederkniete.
+
+Bei dem Anblick des nackten Kinderkörpers war es Siebold durch den Sinn
+gegangen: ein Fisch; und es war eine eigene, frierende, bettelnde
+Wollust dabei gewesen. Die Vorstellung des weißen, zuckenden
+Fischleibes, dessen verglaste Augen im letzten Brechen nach dem
+heimischen Element lechzen, hatte Ähnlichkeit mit dem Emporlodern eines
+Lichtes in einer Grube.
+
+Er horchte auf das Ächzen hinter der Wand, das sich aus raschen
+Zuflüssen der Qual verstärkte.
+
+Jost sprach: »Es ist nur ein weniges. Geringen Platz braucht die kleine
+Seele in der großen Welt. Wen hast du denn inkommodiert? Wem Luft und
+Wasser und Speise weggenommen? Wer hat dich bemerkt? Wem fehlt sein
+Teil, wenn du unter ihnen herumgehst mit deinen zierlichen Füßchen? Sie
+können dich in die Ecken stoßen, das ist ihnen erlaubt. Sie können
+sagen: marsch, aus den Augen, Kreatur. Jawohl, das ist ihnen erlaubt.
+Aber dein Leben ist ein ebensolches Leben wie das von jedem von ihnen;
+dein Blut ein ebensolches Blut. Sie geben dir nichts, du nimmst ihnen
+nichts. Du willst bloß da sein, ganz bescheiden da sein.«
+
+Siebold hatte gehen gewollt, aber Art und Rede des Menschen machten ihn
+unschlüssig. Da war etwas, daß man aufmerken mußte. Auch das
+schreckliche Ächzen hinter der Wand hielt ihn fest. So setzte er sich
+auf einen Stuhl neben dem Tisch, ohne Willen. Alles gestaltete sich mehr
+wie ein geballter Vorgang im Fieber, an dem er mit einem entlegenen und
+bisher unbekannten Stück seines Wesens Teil hatte.
+
+»Da faßt man hin und nennts bei Namen,« fuhr Jost fort, »und das, was
+man nicht nennen und nicht fassen kann, rinnt aus. Das Köstliche rinnt
+und rinnt. Hunderttausend Jahre vielleicht waren nötig, daß es hat
+entstehen können. Ur-Ur-Urväter haben Ur-Ur-Urenkeln Tröpfchen um
+Tröpfchen, Fäserchen um Fäserchen übermacht, haben geschaffen und
+gebaut, gepflügt und geerntet, gedarbt und gewirkt, einer am andern, von
+Mutters und von Vaters Seite bis ins hundertste Glied zurück, daß es hat
+werden können, das Fünkchen in der Brust. Auf einmal kommt was daher
+gerollt, ein Rad, kommt gerollt und gerollt, weil ein Laffe mit einem
+Monokel im Gesicht zu seinen Dämchen und Spießgesellen will, und die
+Brust soll zerdrückt sein, das Herzlein zerschmettert, das Fünkchen
+ausgelöscht? Ist denn das möglich? Darf das zugelassen werden? Kann man
+das aushalten?«
+
+Ein Aufkreischen drang durch die Wand, und Jost nickte. »So ist es,«
+sagte er. »Zwei Fingerbreit Mauer dazwischen. Drüben will eins zum
+Leben, hüben will eins zum Tod. Und sie fassens nicht. Keiner faßts, das
+eine nicht, das andere nicht. Die Vierzehnjährige gebiert, die
+Achtjährige will schon wieder heim in den Schoß der mächtigen Mutter.
+Hören Sie? hören Sie?«
+
+Er wandte Siebold das Gesicht zu. Zum erstenmal redete er ihn an. Beide
+lauschten. Das tierhafte Röcheln des in Wehen sich windenden Weibes war
+nicht mehr zu mißkennen, der inbrünstige, gewürgte, rasende Schrei auf
+einem Folterbrett. Die zwei schlafenden Kinder regten sich; Jost trat zu
+ihnen und beschwichtigte sie.
+
+Er geriet nun in eine fahrige, kummervolle Geschäftigkeit. Lief hin und
+her, stieß eine Lade zu, rührte Gegenstände an, aber bei einem
+neuerlichen Schrei blieb er stehen und sagte: »Hören Sie, Mann?
+Begreifen Sie, was wir tun? Begreifen Sie, was gelitten wird auf der
+Erde immerzu? Was die unerbittliche Natur uns leiden macht und dann der
+Mensch? Was die Dämonen uns leiden machen und die Träume? Was das
+Fleisch uns leiden macht und der Geist? Während wir im Wirtshaus sitzen,
+wird gelitten. Während wir Akten vollschreiben, wird gelitten. Während
+wir unsere Notdurft stillen und unsere Geilheit letzen, wird gelitten.
+Überall, oben und unten, bei den Herren und bei den Knechten, in der
+Finsternis und im Licht, überall wird gelitten. Begreifen Sie, was wir
+treiben allesamt? was wir wert sind allesamt? Begreifen Sie?«
+
+Er sprach mit geweiteten Augen, in denen es phosphoreszierte, mit
+hackenden Zähnen und schlaffen, schaufelnden Lippen und bohrte die
+Fäuste in die Taschen des blut- und kotbesudelten Mäntelchens. »Und wenn
+es schon geschieht, und das Rad zerquetscht das lebendige Herz, warum
+kommt dann der Laffe mit dem Monokel nicht und leckt mit seiner Zunge
+das Blut von den Pflastersteinen weg? Soll es hineindorren in die
+Steine, hinüberdorren ins Jenseits? Warum kommt er nicht und ruft: ich,
+ich, ich -? Und wenn es schon geschieht, und das Kind drüben muß in
+seinem frühen Jammer Mutter werden, warum kommt der Lump nicht, der es
+geschwängert hat, warum kommt die Bestie nicht und fällt auf die Erde
+vor Schreck und Angst und Mitleid, weil er sehen kann, wie das
+Dingelchen sich krümmt und wie es seufzt und wimmert, warum kommt er
+nicht und ruft: ich, ich, ich -? Warum sprechen sie nicht: verzeiht, wir
+haben nicht gewußt, was wir tun -? Was ist das für eine Ordnung in der
+Welt, daß sie sich verstecken dürfen und sich anstellen, als wüßten sie
+von nichts? O Menschen, Menschen, Menschen! Sie wissen nicht, was sie
+tun, das ist es. So soll ihnen auch nicht verziehen werden. Nein und
+abernein, verziehen nicht. Komm her, du Laffe, und drück deine
+Lasterlippen auf die Steine; komm her, du Bestie, und vernimm und schau.
+Wer da handelt, muß auch wissen. Ums Wissen gehts. Nichts da, die
+Verantwortung abwälzen. Nichts da, sich auf Gesetze und Vorschriften
+ausreden. Blind magst du sein, du Menschenhund, du Menschenfloh, du
+Menschennichts, aber wissen sollst du, wissen, was du tust, und
+niederstürzen und mitwimmern, und rufen, daß es an die Enden der Welt
+schallt: ich, ich, ich!«
+
+Das Licht auf dem Kerzenstumpf flackerte nur noch ganz trüb, so daß bloß
+der nächste Umkreis auf dem Tisch matte Helligkeit erhielt. Die Schlöte
+vor den Fenstern türmten sich um so strenger in den Wolkenhimmel. Es
+entstand Stille von einer Eindringlichkeit, die jede Fiber spannte. Eine
+hautlose, unendlich verschuldete Wachsamkeit war in Ohr und Hirn.
+
+Es saß hier nicht mehr der Rechnungsrat in der Steuerverwaltung mit
+Namen so und so. Es saß hier einer, der keinen Namen mehr hatte und
+dessen stählerne Hüllen abzuschmelzen begannen. Es war nicht mehr das
+Mansardenloch eines Ausgestoßenen; nicht mehr der Tisch mit der
+qualmenden Kerze: es war ein Raum unter den Sternen. Es floß nicht mehr
+Zeit; Zeit war dahin. Erde war dahin.
+
+Und wie sich nun der Mensch ohne Namen aus dem Zusammenhang gehoben sah,
+rührten ihn von unten her Hände an. Hände von Vergangenen, Hände von
+Gerichteten. Sie strebten verlangend zu ihm empor; Hände eines Knaben;
+Hände eines Greises; Hände eines Mädchens; Hände von Männern. Die einen
+waren gefaltet, die andern wie in der Abwehr; die einen flehten, die
+andern drohten; die einen beteuerten, die andern waren gerungen.
+
+Zuerst fragte sich der so Bedrängte, was sie von ihm begehrten; doch wie
+der Umriß nahm auch ihre stumme Sprache an Verständlichkeit zu, und wie
+sie von schattenhafter Verwesung sich in Körperhaftigkeit wandelten,
+wurde die Forderung so klar, Klage, Vorwurf, Anspruch und Gericht so
+unzweifelhaft wie Schall und Fall von Worten. Bangten sie nach Dingen,
+die sie hatten verlassen müssen? Wollten sie eine Schuld bezahlen, die
+unberichtigt geblieben war? Gewährten sie eine Liebkosung, die sie
+verweigert hatten? Gaben sie ein Versprechen? Erbaten sie ein Geschenk?
+Leisteten sie einen Schwur? Wiesen sie einen Weg? Winkten sie einem
+Freund? Schrieben sie? gruben sie? ruhten sie? hasteten sie? Alles
+dies, und vieles noch. Hände sind Geschöpfe und spiegeln jegliches Sein.
+
+Die Paare vermehrten sich, und zu den vergangenen gesellten sich die
+gegenwärtigen, die er gesehen und doch nicht gesehen im Ablauf der Tage,
+die zu ihm gesprochen, ohne daß er es vernommen, die geplagten, die
+beladenen. Wirrsal und Gewühl, Fülle der Gesichte. Hart, dürr und
+vergilbt die einen, unschuldig und feingliedrig die andern; diese mit
+dicken Adern und geschwellten Muskeln, jene zag und zitternd; krank und
+müde die, voll Nerv und Entschluß die andern. Schwielige, blasse,
+rosige, geballte, geflachte, behaarte, glatte, kleine und große, näher,
+immer näher, beredter, immer beredter, und der, dessen Name aufgehört
+hatte, zu sein, spürte, daß sie nicht ablassen würden, ehe er selbst
+nicht aufgehört hatte, zu sein. So mußte er um Gnade bitten, um eine
+Frist, um ein Bedenken; erschüttert an den Rand der Stunde und des
+wachen Wissens gerückt, ward er inne, daß nach solcher Vision der
+Mensch, mit zerspaltener Brust, dem irdischen Tag verloren war.
+
+Auf einmal war ein Leuchten in der Stube. Von wo es kam, war noch nicht
+zu unterscheiden. Jost stammelte und reckte die Arme in die Richtung der
+Bettstatt. Das Kind erhob sich langsam. Es schälte sich aus der Decke
+und trat nackt und aufrecht vor die Männer. Um seine Lippen hing ein
+Lächeln. Die weiße Haut erglühte von inwendig. Was sie erglühen machte,
+war das Herz, und die Schauenden gewahrten bald nur noch das Herz: einen
+funkelnden, pulsenden Rubin, in die Dunkelheit gelagert wie eine Figur
+auf einem gemalten Kirchenfenster.
+
+Jost brach in die Knie. Mit den Händen tastete er rückwärts, als suche
+er alle die vielen Hände dort zum Schutz. »O Kind!« rief er
+schluchzend, »o Mensch! Wohin gehst du mit dem Flammenjuwel in deiner
+Brust? Sag es nur, sag es uns, sag es aller Menschheit, daß der rote
+heiße Kern nur einmal da ist, die leuchtende Frucht nur einmal reif
+wird. Für einen nur ein einziges Mal. Sag es, was es heißt: ein einziges
+Mal. Sie wissen nicht, was es bedeutet: ein einziges Mal! Sprich, du
+Gotteswesen! sprich, süßer Geist!«
+
+Aber das Kind lächelte bloß. Lächelte und verging.
+
+ * * * * *
+
+Zum hohen Gebieter, vor den ewigen Thron, trat Michael, der Erzengel, in
+den Morgen der rauschenden Sphären und sprach:
+
+»Ich habe die Seele des Gleichgiltigen gewonnen, Herr.«
+
+
+_Schluß_
+
+
+
+
+
+Werke von Jakob Wassermann
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+Roman
+20. Auflage
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+Roman
+22. Auflage
+
+Der Moloch Roman
+Neubearbeitete Ausgabe 10. Auflage
+
+Der niegeküßte Mund
+Erzählungen
+63. Auflage
+
+Alexander in Babylon
+Roman
+Neubearbeitete Ausgabe 8. Auflage
+
+Die Schwestern
+Drei Novellen
+6. Auflage
+
+Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens
+Roman
+17. Auflage
+
+Die Masken Erwin Reiners
+Roman
+11. Auflage
+
+Der goldene Spiegel
+Erzählungen in einem Rahmen
+14. Auflage
+
+Faustina
+Ein Gespräch über die Liebe
+3. Auflage
+
+Die ungleichen Schalen
+Fünf einaktige Dramen
+
+Der Mann von vierzig Jahren
+Roman
+14. Auflage
+
+Deutsche Charaktere und Begebenheiten
+Mit elf Abbildungen
+4. Auflage
+
+Das Gänsemännchen
+Roman
+66. Auflage
+
+Christian Wahnschaffe
+Roman in zwei Bänden
+34. Auflage
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+
+Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen Glaubensgenossen und über das
+Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere und zutreffendere Dinge
+gesagt als Wassermann in diesem Buche. Die besten Eigenschaften des
+jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst verkörpert, vor allem der
+kritisch skeptische Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem
+verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als
+sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen
+Vorspiel des Romans, welches eine mit dem Erscheinen des merkwürdigen
+Messias Sabbatai Zewi verknüpfte Judenverfolgung im siebzehnten
+Jahrhundert behandelt, eine glänzende poetische Leistung gelungen ist.
+ (Neue Zürcher Zeitung)
+
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+
+Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der
+Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die
+alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal,
+ihr Frauenschicksal, erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. -
+Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so
+interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.
+ (Die Zukunft)
+
+
+Alexander in Babylon
+
+Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
+Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt,
+dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
+ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
+ein Prosaepos als ein Roman; es gehört zu unsern schönsten deutschen
+Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen zu
+werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt.
+ (Neue Freie Presse, Wien)
+
+
+Der Moloch
+
+Ein bedeutendes Werk! Bedeutend durch die psychologische und gestaltende
+Kunst, mit der Wassermann jene Idee zu einem groß und breit angelegten,
+lebensvollen Gemälde gestaltet hat.
+ (Berner Bund)
+
+
+Die Schwestern
+
+Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen unglücklichen
+Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, ein Wahn den
+Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem Dasein gerufen
+hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die
+tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen. Eine holde Schwärmerei
+ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder
+Traum, von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt.
+ (Hannoverscher Kurier)
+
+
+Die Masken Erwin Reiners
+
+Dieser Roman wird einmal in der Entwicklungsgeschichte der modernen
+Literatur eine wichtige Rolle spielen. Man wird ihn als einen alles
+Wesentliche zusammenfassenden und reflektierenden Spiegel des zügellosen
+Individualitätsstrebens betrachten, das doch das entscheidende Merkmal
+unserer modernen Romanliteratur bleibt, von ihm zugleich aber eine
+Wendung zum realen Leben datieren. Es sind einige Kapitel in dem Roman,
+die wie das Morgenrot einer neuen Klassik anmuten.
+ (Westermanns Monatshefte)
+
+
+Caspar Hauser
+
+Ein Denkmal ist aufgerichtet über ein längst eingesunkenes Grab; ein
+altes, verharschtes Geheimnis funkelt wieder im Licht. Die Geschichte
+Caspar Hausers wird neu erzählt, das zauberische Knäuel dieses eigenartigen
+Schicksals entwirrt ... Jakob Wassermanns Caspar-Hauser-Roman hat
+monumentalen Stil ... Ein Beispiel deutscher Erzählungskunst, Vorbild
+eines großen Romans ist hier geboten. Und vor allem ein bleibendes.
+ (Der Tag, Berlin)
+
+
+Der goldene Spiegel
+
+Von Franziskas goldenem Spiegel wird berichtet: »Seine Scheibe, wie
+tief, und seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. Sie
+ist matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und Männer, Tiere,
+Schiffe und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, Ritter und Knechte,
+Bürger und Bauern, Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher,
+Sonderlinge und Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder,
+der Zufall, der Traum und das Wunder, alles das ist in ihr.« Wirklich,
+so groß ist die Fülle auch dieses Buches. Es entstand aus der Lust am
+Erfinden, am Phantasieren, am Gestalten.
+ (Die Zeit, Wien)
+
+
+Das Gänsemännchen
+
+Das Werk ist vermöge weitausgreifender Lebensfülle, breiter, umfassender
+Gesellschaftsschilderung, des Hineinspielens politischer und kultureller
+Zeitgeschehnisse ein wahrhafter Roman. Im Rahmen der Leidens- und
+Werdegeschichte eines deutschen Musikgenius entrollt die Dichtung auch
+Deutschlands Seele, Deutschlands Nervenzustand, Deutschlands
+Kulturströmungen. Tief und voll aus dem Menschlichen ist die Dichtung
+geschöpft.
+ (Wiener Abendpost)
+
+
+Christian Wahnschaffe
+
+Die echte große Dichtung sucht nicht die Aktualität, sie ist aktuell.
+Wassermann zeigt uns in seinem Roman den Zusammenbruch der geistigen,
+sittlichen und ästhetischen Kultur des Kapitalismus. Er malt diese
+Kultur in den verlockendsten Farben und läßt uns den Wurm sehen, der in
+ihr nagt. Sein Held wird erst das Opfer, dann der Richter der liebeleer
+gewordenen Welt, und darnach der Verkünder einer neuen Zukunft. Das Buch
+ist hinreißend durch Geist, Abenteuer und Verlockung: es dringt in das
+Letzte der Seelen und verwandelt sie und uns.
+
+
+Druck der E. Gundlach Aktiengesellschaft in Bielefeld
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1920 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt.
+Abweichend vom gedruckten Buch wurde die zweite Titelseite entfernt.
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 010: [Fehlende Letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung
+p 019: damals hatten Romantik -> hatte
+p 040: [Komma ergänzt] solche die Kloaken säubern; -> solche, die
+p 053: [Vereinheitlicht] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er
+p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem
+p 063: [Fehlende Letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich
+p 063: [Punkt ergänzt] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand.
+p 064: [Komma entfernt] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte
+p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling
+p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie
+p 094: entgegenete Maria -> entgegnete
+p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta
+p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji
+p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein
+p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer
+p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte
+p 188: was nöitg war -> was nötig war
+p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky
+p 217: [Leerzeichen ergänzt] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir
+p 220: empfehle es sich fogar -> sogar
+p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene
+p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen
+p 264: [Trennung] Leder-Kapuze -> Lederkapuze
+p 265: Mir fällt da ... in -> ein
+p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem
+p 270: [Anführungszeichen ergänzt] Wie machen wir denn das?«
+p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im
+p 279/280: [Trennung] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht
+p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen
+p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen
+p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen
+
+Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
+folgenden Wörtern:
+
+p 058: Gleichgiltigkeit
+p 120: Lucke
+p 143: Monreal
+p 301: hinmummelte
+p 148: darnach
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1920 by S. Fischer. The printed book's second title
+page has been removed. The table below lists all corrections applied to
+the original text.
+
+p 010: [missing letter] Erleichterung und Versüß ng -> Versüßung
+p 019: damals hatten Romantik -> hatte
+p 040: [added comma] solche die Kloaken säubern; -> solche, die
+p 053: [unified] beim Abendessen; er ließ -> Abendessen: er
+p 054: die Kühe lagen in rosigen Dampf -> rosigem
+p 063: [missing letter] Wenn ch ihn gemacht habe -> ich
+p 063: [added period] Dreck in der Hand -> Dreck in der Hand.
+p 064: [removed comma] »Herr,«, erwiderte er -> »Herr,« erwiderte
+p 072: Abgesehen von Kißling -> Kießling
+p 074: haben sie achtzehn Jahre lang gebraucht -> Sie
+p 094: entgegenete Maria -> entgegnete
+p 113: und Liseweta hüllte sich darein -> Lisaweta
+p 118: Als ich Gregorji kennen lernte -> Grigorji
+p 119: erwarteten wir wie eine Hinrichtungsurteil. -> ein
+p 166: achtete man ihre gar nicht. -> ihrer
+p 170: welche der ... mit sich bringen mußten -> mußte
+p 188: was nöitg war -> was nötig war
+p 193: damit sich Nandinsky -> Nadinsky
+p 217: [added blank] Kopfstimme;»wir -> Kopfstimme; »wir
+p 220: empfehle es sich fogar -> sogar
+p 244: Mit Polixene saß er -> Polyxene
+p 249: Wir benehnem uns wie Kinder -> benehmen
+p 264: [hyphenation] Leder-Kapuze -> Lederkapuze
+p 265: Mir fällt da ... in -> ein
+p 267: der ganze Jammer, unter den wir keuchen -> dem
+p 270: [added quote] Wie machen wir denn das?«
+p 273: um im spärlich fließenden Gespräch -> und im
+p 279/280: [hyphenation] Mädchen-Gesicht -> Mädchengesicht
+p 302: Zwiespalt zwischer -> zwischen
+p 324: Unteröckchen -> Unterröckchen
+p 336: deuschen Musikgenius -> deutschen
+
+The original spelling has been maintained throughout the book,
+particularly for the following words:
+
+p 058: Gleichgiltigkeit
+p 120: Lucke
+p 143: Monreal
+p 301: hinmummelte
+p 148: darnach
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Wendekreis - Erste Folge, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WENDEKREIS - ERSTE FOLGE ***
+
+***** This file should be named 18551-8.txt or 18551-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/8/5/5/18551/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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