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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:52:55 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Deutsche Charaktere und Begebenheiten + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: April 26, 2006 [EBook #18258] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE CHARAKTERE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + + + + + + Deutsche Charaktere + und + Begebenheiten + + + Gesammelt und herausgegeben + von + Jakob Wassermann + + + + S. Fischer, Verlag, Berlin + 1915 + + + + Mit elf Abbildungen. + + Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung. + _Erste bis vierte Auflage._ + + + +[Illustration: Hochzeitsfeier im Jahre 1548, nach einem Bildteppich im +Kunstgewerbemuseum zu Berlin.] + + + + +Inhalt + + +Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 + +Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen . . . . . 23 + nach Vehse + +Böttiger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 + nach Vehse + und Schmieder, Geschichte der Alchimi + +Moritz von Sachsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 + nach Vehse + +Wallenstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 + nach Vehse + +Leonhard Thurneyßer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 + nach Vehse + und Dr. Möhsen + +Danckelmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 + nach Vehse + +Kaiser Rudolf II. und sein Hof . . . . . . . . . . . . . 131 + nach Vehse + +Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel, +mit Herrn Reichard Strein . . . . . . . . . . . . . . . . 145 + nach Hohenecks + »Stände Östreichs ob der Ems« + +Friedrich Wilhelm I. von Preußen . . . . . . . . . . . . 148 + nach Vehse + +Joachim Nettelbeck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 + nach seiner Autobiographie + +Christian Holzwart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 + nach dem Neuen Pitaval + +Karl August von Weimar . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 + nach Vehse, Briefen + Eckermanns Gesprächen mit Goethe + + + + +Vorwort + + +Die folgende Zusammenstellung deutscher Schicksale und Ereignisse ist +zum größten Teil bereits vor drei Jahren abgeschlossen gewesen, ich +hatte aber die Veröffentlichung in dem Gefühl verschoben, daß ein +solches Buch mehr als ein anderes von einem Bedürfnis gefordert werden +müsse. Der gegenwärtige Krieg, den wir Deutsche als einen Nationalkrieg +empfinden, macht es zur Pflicht, in der Erinnerung des Volkes die Bilder +einiger seiner merkwürdigsten Männer wachzurufen. Es kam darauf an, das +festzuhalten, was im allgemein Gültigen zugleich das begrenzteste +Persönliche gibt; darum mußte ich den ursprünglichen Plan des Werkes +verändern und diejenigen Lebensbeschreibungen, Erzählungen und Anekdoten +entfernen, die mehr Romanhaftes und Interessantes hatten als +Exemplarisches, mehr äußeren Bezug als inneren, mehr Oberfläche als +Gehalt. Die Darstellung ist nicht die meine, sie ist zumeist wörtlich +die der Historiker und der Quellen, die im Inhaltsverzeichnis namentlich +angeführt werden; ich habe das Material übernommen, wie es sich bot, mit +keinem andern Maßstab messend, als mit dem der fühl- und spürbaren +Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, nur nach dem Gesichtspunkt ordnend, den +ein natürlicher Überblick ergab. Den außerordentlichen Schicksalen, +dient nur das Wort treu ihrem Verlauf, wohnt soviel Überzeugungskraft +von selber inne, daß Stilkünste sie nur verschleiern und verzerren +können, und wenn irgendwo, gilt hier der Feuerbachsche Ausspruch: Stil +ist die Weglassung des Unwesentlichen. Es ist dieselbe Prozedur, die von +der Geschichte, der Überlieferung in den meisten Fällen so gesetzmäßig +und methodisch besorgt wird, wie von einem Strom, der alles trübe +Gemengsel und unreinen Stoffe alsbald an die Ufer schwemmt oder auf den +Grund sinken läßt. + +Ich habe es auch unterlassen, zwischen den losen Stücken durch +Ausdeutung oder Betrachtung künstliche Brücken herzustellen; das +Gemeinsame liegt in ihrem Geist und Wesen, die scheinbare Willkür in der +Wahl kann sich nur auf einen Zwang der Phantasie berufen, die +Entscheidung gab allein ihre deutsche Herkunft und deutsche +Beschaffenheit. + +Unabweisbar drängt sich hier die Frage auf: Was ist ein deutscher +Charakter, was ist ein deutsches Schicksal, was ist ein deutsches +Ereignis? + + * * * * * + +Spreche ich vom Deutschen schlechthin, so postuliere ich eine Gestalt, +die aus der Erfahrung gezogen und zur Idee gesteigert ist; als solche +schließt sie eine Summe von Eigenschaften in sich, welche sowohl dem +Wesen des Volkes als Ganzes zukommen, als auch dem uns überlieferten +Bilde repräsentativer Männer entsprechen. Den Maßstab hierzu liefert +mir das lebendige und fließende Element der Geschichte. Indem sie mir +eine zergliederte, beseelte Nachricht über das Ereignis gibt, wie auch +über die Personen, die in ihm eine Rolle gespielt haben, erlaubt sie mir +zugleich, Ereignis und Figur zu deuten, in freier Betrachtung zu +erweitern und zu verallgemeinern. Das Gesetz begreifen, das Schicksal +fühlen, die auf dem von der Menschheit bisher beschrittenen Weg gewaltet +haben, ist das einzige Mittel, die Wege ihrer Zukunft wenigstens +flüchtig und ahnend zu erleuchten. + +In diesem Sinne hat man vom deutschen Charakter zu reden und ihn als ein +Umgrenztes und Unterscheidendes zu erklären. Es wäre nicht einmal +notwendig, auf Stammeseigentümlichkeiten zu verweisen, auf ausgebildete +und in jeder Landschaft anders geartete Merkmale der Sprache, auf die +Landschaftsformen selbst, auf die wechselnden Lebensbedingungen, das +größere oder geringere Maß von Freiheit, von Wohlfahrt, von +Begünstigungen, die die Natur gewährt oder die durch vornehmliche Kraft, +Tapferkeit, durch Fleiß oder Glück erworben wurden; man kann in einem so +reichen, ja unendlich scheinenden Organismus, wie es eine Nation ist, +eine unendliche Vielfalt und Variabilität der Lebenskristallisationen +feststellen, und doch wird die Nation in ihrer Gesamtheit gegen eine +andere, sei es auch benachbarte, sogar verwandte Nation ein völlig +verschiedenes Lebens- und Wesensbild zeigen. Es eignet eben jeder +Nation, genau wie jedem einzelnen, ihr besonderes Fundament, ihre +besondere Willenskraft, ihre besonderen Ziele, und in der +Zusammenfassung erleidet sie jenes Schicksal, zu dem ihr Charakter den +Grund legt. + +Der Deutsche ward nicht in einem Garten geboren, die Natur hat ihn nicht +verschwenderisch beschenkt. Die Berichte aus der Vorzeit erzählen schon +von dem rauhen Klima und der Kargheit des Landes, das seine Bewohner zu +unermüdlicher Arbeit aufforderte und durch Überfluß nicht verwöhnte. +Seitdem ist die Erde williger geworden, die Atmosphäre milder, aber die +Fülle oder nur die unerwartete Gabe hat der Bauer nie erfahren, der +Gärtner, der Obstzüchter nie; genau nach dem Maß seines Tuns ward ihm +gelohnt. + +Das Leben des Urvolks war gewiß dem Kindheitszustand aller andern Völker +ähnlich; an den Grenzen finden die Feinde nur wenig natürliche +Hindernisse; kriegerische Horden, von Osten und Westen her eindringend, +zerstampfen die Saaten, verwüsten die Siedlungen; kann der Aufruf des +Fürsten Bewaffnete genug erreichen und sammeln, so zieht er dem Bedroher +entgegen und stellt ihn in freier Feldschlacht; ist er zu solchem +Unternehmen zu schwach, so verschanzen sich die Mannen in ihren festen +Plätzen. Immerhin mußte der Deutsche als Bewohner des Herzlands Europas +mehr als andre drauf gefaßt sein, daß alles, was er baute und schuf, was +er säte und sparte, was er liebte und schmückte, seine Bäume und sein +Vieh, sein Heim und seine Kinder, sein Land und alle Werke darin, die +Beute von schweifenden Eroberern wurde. + +Aber da eine feste politische Grenze nicht vorhanden war, konnte jeder +Nachbar jederzeit zum Gegner, der Freund von gestern zum Feind von +morgen werden. Die Folge davon, eine immer größere Zerstückelung des +Gebiets, eine beständige Lostrennung einzelner Teile, die sich dann zu +selbstwilligen und der Gesamtheit trotzig entgegengesetzten +Interessensphären entwickeln, trat gar bald ein und enthüllte sich als +ein nationales Unglück. Um das Jahr 1200 war ganz Deutschland der +Schauplatz aufreibender egoistischer Kämpfe und eines Faustrechts, das +jeden Besitz und jede friedliche Arbeit gefährdete. Um ihren Handel zu +schützen, auf welchem allein der Wohlstand, ja die Existenz des +Bürgertums beruhte, mußten die Städte zu Mitteln greifen, die sie auch +als wehrhafte Macht in Achtung setzten, und nach und nach wurde jede +Stadt, auch die nicht reichsfreie, zu einer Art von Republik. Da +entstand nun die schönste und eigentümlichste Blüte der Volkskraft, ein +beständiges inneres Wachstum bis in die Zeit der Reformation. Die großen +Schwurgesellschaften übernahmen den Schutz des Privatlebens und +ersetzten so den Staat, alle einzelnen traten in Genossenschaften +zusammen, und diese wieder standen durch Bünde gegeneinander. + +Drohende Gefahr macht Wachsamkeit zur ersten Tugend. Ordnung muß die +Vielzahl ersetzen, Zucht ist das Gebot, das die Freiheit fördert. Der +Mann ist König in seinem Haus, Diener in brüderlichen Verbänden. Nur +Arbeit verleiht Würde, nur Bewährung einen Vorrang, und ohne Hingebung +an eine Sache wird der Geist für nichts geachtet. Wenn aber der Geist +sich zur Sachlichkeit gesellt, entsteht die Idee, die das Individuum +formt und das Gemeinwesen entwicklungsfähig macht. Welche Wege auch +immer der Ritter, der Junker, der Gutsherr, der Bauer einschlug, die +Zukunft der Nation lag in den Händen des Bürgers. + +Fast jede Stadt hatte etwas trotzig Ernstes, ja Finsteres; ihre Häuser +drängten sich wie Männer, die Achsel an Achsel stehen, so dicht +zusammen, daß für ein Blumenbeet der Raum nicht blieb. Die +spitzgiebeligen Dächer erschienen als Wahrzeichen der zur Höhe +gedrängten Kraft, die engen Gassen gaben das Gefühl der Umschlossenheit, +und alles Schmuckwerk wuchs gleichsam aus der Not: die Zierlichkeit +massiver Gitter, die geschwungenen Steinquadern unerschütterlicher +Brücken, die Feinheit und zarte Gliederung erhabener Dome, deren +ursprünglich fremde Formen dem deutschen Leben und Wesen immer mehr zu +eigen wurden. + +Während alle andern abendländischen Völker verhältnismäßig früh zur +Bildung eines staatlichen Organismus gelangten, war dies bei den +Deutschen erst im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts der Fall. +Deutsche Zerrissenheit war das Merkwort, mit dem sich der Deutsche +selbst in die Unabänderlichkeit eines Weltzustandes ergab. Dies ist eine +Tatsache, deren Grund zu erforschen sich wohl lohnt. + +Nach allem, was wir von dem Volk der Germanen wissen, scheint es, als ob +ihr religiöses Leben durch den Eintritt in das Christentum eine +bedeutende Störung erlitten, als ob eine natürliche Entfaltung ihrer +religiösen Anlage ein andres Ergebnis gehabt hätte als das durch die +Geschichte hervorgebrachte. Darauf läßt namentlich die immer wieder +zutage tretende Abneigung der Deutschen gegen den Klerus, gegen das +Papsttum und seine unumschränkte Gewalt schließen. Der Papst strebte +nach Weltherrschaft; ein Weltimperium zu schaffen war auch der tiefe +Wille der Deutschen; ist es nicht denkbar, daß die eingeborne Macht +dieser Idee dadurch gebrochen worden ist, daß die Kaisergeschlechter der +Salier, Franken und Schwaben eine Art Kompromiß schlossen, indem sie +eine römische Weltherrschaft auf deutschem Boden gründen, die Nation in +ein römisches Kaisertum verwandeln wollten? Es war dies eine poetische +Idee und nicht eine politische, und darin liegt das Verhängnis, darin +der Irrtum, der Stillstand, die Unfruchtbarkeit. Der Zug über die Alpen: +das romantische Abenteuer; Italien, die zweite Heimat, Provinz des +Lichtes und der Schönheit, der holde Traum, die Lockung der +Jahrhunderte. + +Immer wieder setzen die Kräfte an diesem Punkte an, immer wieder brechen +sie hier. Es lebte im Volk ein unbeirrbarer, bis ins Unbewußte +gedrungener Glaube, daß es die Herrenrolle in Europa wieder übernehmen +werde, die nach alten Überlieferungen die Ahnen der Vorzeit innegehabt; +aber diese Überzeugung kam stets nur in den Leistungen und Werken +einzelner zum Ausdruck und entbehrte dann auch nicht der Schwermut und +Klage; das Staatswesen schien davon unberührt zu bleiben. Während die +Reformation, diese deutscheste Bewegung in der deutschen Geschichte, die +langersehnte geistige Befreiung schafft, findet der Staat im Kaiserhaus +selbst einen Feind, der ihn beständig an Rom und an die Romanen verrät, +und die Hoffnung der Freien und Befreiten wird durch den Dreißigjährigen +Krieg, das größte Unglück, von welchem je ein Volk getroffen wurde, +erstickt. Langsam sammeln sich die Kräfte wieder; es ist ein erhabenes +Zeugnis für die der Nation innewohnende Tüchtigkeit und Kraft, daß sie +kaum eines Jahrhunderts bedarf, um zu einer Blüte der Bildung und des +geistigen Lebens zu gelangen, wie sie die Geschichte keines andern +Volkes kennt, eine Blüte allerdings, die nach Gustav Freytags tiefem +Wort die wundergleiche Schöpfung einer Seele ohne Leib ist. + +Erst mit dem Heraufkommen des preußischen Staates kündigt sich eine neue +und verheißungsvolle Periode des nationalen Lebens an. Ein neues +Lebensgesetz wird von den einzelnen ergriffen und bindet sie. Gleichsam +gereinigt in der Glut geistiger Erlebnisse, vor einen reinen Spiegel +hingestellt durch das Genie der Dichter, das Beispiel großer Feldherrn, +großer Fürsten und im wahren Sinn protestantischer Volksfreunde, +erkennen die Führer, erkennt das Volk die Notwendigkeit politischer +Sammlung und finden den Weg, das Ideal praktisch zu verwirklichen. Alte +Instinkte trotziger Selbständigkeit werden niedergezwungen und dem +Allgemeinen dienstbar gemacht, schädliches Fremdes wird ausgeschieden, +nützlich und tüchtig Fremdes angeschmolzen. + +[Illustration: Ziethen, nach einem Stich von Townley.] + +In preußischer Zucht und Schule wächst das neue Deutschland zur +Erkenntnis und zur Erfüllung seiner Aufgabe heran. Dort vollzieht sich +die Sonderung, die Wandlung, der Zusammenschluß. Ein König, dessen +unerschütterliche Energie im Bewahren, Sammeln und Vorbereiten ihn zum +Werkzeug des Schicksals und zum wahren Zimmermann der Fundamente macht, +gibt aus scheinbar bürgerlicher Enge das ungeheure Wort von der +Suveränität, die er als einen #rocher de bronze# statuiere, und ein +Philosoph in ebenso scheinbarer bürgerlicher Enge formuliert den +kategorischen Imperativ als Stützpunkt einer die ganze moderne Welt +überwölbenden Moral- und Sittenlehre. + +Friedrich der Große war dann der Gestalter, wenn auch nicht der +Vollender, die Verkörperung wesentlicher politischer und +organisatorischer Eigenschaften, mit denen die neue Zeit ihre Arbeit +beginnen konnte. Vielleicht war ihm am Ende seiner unvergleichlichen +Laufbahn noch nicht einmal bewußt, wie sehr er Bürger war, indem er +König war. Und da seine Taten ihn zum Helden machten, schuf er eben +dadurch, daß er König und Bürger zugleich war, einen neuen Begriff des +Heroischen, der durch seine Einfachheit und Menschlichkeit vorbildlich +wurde. In ihm hat das deutsche Gesicht seine krönende Gültigkeit +erhalten und seinen beredtesten Ausdruck. + +Das deutsche Gesicht! Es schwebt mir Christoph Ambergers Bildnis eines +Augsburger Patriziers vor, und Holbeins Bildnis des Bürgermeisters +Meyer, und Lukas Cranachs Bildnis eines alten Mannes; ich denke an +Luthers Gesicht, an Keplers Gesicht, an Scharnhorsts und Nettelbecks +Gesicht, an Sebastian Bachs und an Moltkes Gesicht; es sind immer +dieselben Züge wie die von Brüdern und Gefährten in der Reihe der +wechselnden Geschlechter. + +Sie wissen den Tod, ohne ihn zu sehen, sie spüren ihn, ohne ihn zu +fürchten. Wie der Tod innerstes Gefühl wird, ist in dem Dürerschen +Porträt des Patriziers Oswald Grell über alle Beschreibung wahr +ausgedrückt, neben einem Antlitz von feierlich ernster Versunkenheit ist +eine Landschaft mit zarten Bäumen hingesetzt wie die Vision einer +höheren Welt. + +Was macht ihr Auge so schön, so merkwürdig? Ist es der traumvolle Blick, +der dennoch im Lichte badet, die Güte ohne Weichheit, die Strenge ohne +Härte? Oder das Wissen um menschliche Dinge, um die deutsche Not, die +Menschennot? Es wohnt ein Horchen in ihm, wie durch Stimmen aus der +Überwelt erzeugt, ein ungewisser Schimmer, der auf Vertrautheit mit den +letzten Entscheidungen des Schicksals deutet. Im Schluß der Lippen liegt +ein bewältigter Zorn, der sich bald in Trauer wenden mag, oder eine +Stille, die die Resignation trotzig ablehnt; die Nase ersteht aus +Gruben, die von Seelenleiden ausgehöhlt sind, und um die Schläfen zuckt +es wie Nachgewitter von Leidenschaften, die gegen die Mitte der Stirne +hin sich in einen See ruhiger und reiner Gedanken auflösen. + +Dem Deutschen ward verliehen, die Dinge zu sehen und durch die Dinge +hindurch sich in ein Verhältnis zu Gott zu begeben. Zwischen ihm und +Gott steht das Ding; das Ding wird sein eigen oder Gott wird sein eigen, +er wird Gottes oder auch des Dinges. Symbolisch groß sieht man deshalb +auf der Dürerschen Melancholia eine Leiter, eine Sanduhr, einen Zirkel, +einen Würfel, ein Winkelmaß und manche andere »Dinge«. + +In vielen deutschen Märchen ist der schlummernde Königssohn, der +Schläfer, Siebenschläfer, Scheinschläfer eine Figur wie aus +Selbstanklage und dunkler Verheißung gewebt. Leicht versank der Deutsche +in sich selbst, verlor sich, vergaß sich, verspielte sich, versäumte die +Stunde, die Gelegenheit, die Tat. Kehrte er aber einmal sein Inwendiges +nach außen, so war seine Tat so heftig, wie vorher der Traum von ihr +glühend. Es mußte aber ein Unbedingtes sein, ein Höheres, gleichsam +nicht mehr das Ding, sondern Gott, was ihn wandelte. Dann bot er sich +zum Opfer an, und das Opfer war ihm selbstverständlich, die eigene +Person stets der Preis, den er ohne Prahlerei, mit vollkommener +Einfachheit des Gemütes einsetzte. + +Niemand kann kleiner sein als der Deutsche, wenn ihn die Alltäglichkeit +beherrscht, niemand platter und lichtloser; niemand aber auch größer, +wenn das Unbedingte an ihn herantritt, das Pathos großer Ereignisse ihn +hinaufreißt. In keiner Sprache gibt es ein Wort, das den Zustand +unnützer und spielerischer Wehrhaftigkeit so in den Bereich des +Komischen stellte wie das Wort Spießbürger; aber in keiner auch ein +Wort, das höchste Tugend so karg und metallen ausdrückte, wie das Wort +Held. Spießbürger und Held, das sind die Pole deutschen Lebens, und daß +aus einem Spießbürger ein Held werden kann, hat der Deutsche in jeder +Stunde der Gefahr bewiesen. Hierzu brauchte er nur den Glauben an die +Gerechtigkeit der Sache; es durfte nur der Sache nichts Erschlichenes +anhaften, nichts Künstliches, nichts Verfeinertes, nichts Advokatisches; +sie mußte sozusagen rauh und urtümlich sein und ihn im Mittelpunkt des +Herzens treffen, dann wurde sein Herz zum Mittelpunkt der Welt. + +Seine Anteilnahme kann bis zur Unbequemlichkeit lärmen, doch seine +Begeisterung ist fast immer von stiller Art. Romanischen Völkern eignet +oft eine Begeisterung ohne Tiefe, eine müßige und eitle, der +begleitenden Tat ermangelnde; deutsche Begeisterung ist wie Essenfeuer; +Hammer und Amboß, Huf und Schwert sind nicht weit davon entfernt. Der +still Begeisterte, mehr Erglühte als Entflammte, das ist der Mensch, der +des Fanatismus nicht fähig ist, und die Zustände jenseit der +Selbstbesinnung finden wir beim Deutschen mehr im Gebiet des Religiösen +und rein Geistigen, der Mystik und des Prophetentums, als in dem der +Politik und des gemeinen Lebens. + +So ist auch das Exzentrische dem deutschen Wesen fremd; seine Anlage ist +konzentrisch. Er ist gefaßt; er weiß um seine Grenzen, wennschon sein +Verlangen stets nach dem Grenzenlosen geht. Er ist beschaulich, bleibt +aber nicht im Bilde ruhen, sondern verirrt sich gern in die Labyrinthe +der Spekulation. Alles muß für ihn Bezug haben, Verbindung, Folge, – +insoweit es das Geistige betrifft; daher seine Schwerfälligkeit, seine +Pedanterie, sein Respekt vor dem Wissen, sein Zuviel an Schulbildung, +sein Mangel an Glätte, an Schmiegsamkeit und an Manier. Insoweit es +aber das Gemüthafte betrifft, braucht er keinen Bezug und achtet keine +Folge; da wird ihm die Welt zum einheitlichen Gebilde, das Schicksal ein +gerechter Herr, und in seiner Seele ist die Menschheit. + +Wichtig vor allem ist ihm die Scholle; erstes Gesetz, die Hantierung, +die er gelernt, zur Vollkommenheit auszubilden; einem Herrn zu dienen +Bedürfnis und Freude; einen großen Gedanken in seiner Brust zu hegen und +zu wärmen beinahe Kultus. In den Zeiten seiner politischen Unreife +übersah er, daß die Scholle nur ein winziger Teil des Ganzen ist und +segensvoller gedeiht, wenn auf der Nachbarscholle nicht der beargwöhnte +Gegner, sondern der mitwirkende Freund haust; bedachte er nicht, daß die +Hantierung vom Allgemeinen aus- und zum Allgemeinen zurückgehen muß, +damit ineinanderwachsende Kräfte durch Überlieferung erstarken und +erblühen können und nicht das einzelne vereinzelt mit sich selber +stirbt; mißkannte er, daß es keinen Herrn gibt, der nicht der Diener +seiner Diener ist; versäumte es, sich zum Herren seiner Herren zu machen +und so, im Geflecht von Ordnung und Herrschaft, von Bürgerpflichten und +Herrenrechten, von Herrenpflichten und Bürgerrechten das glückliche +Glied eines glücklichen Volkes zu werden. + +Dies ist anders geworden. Es war ein Prozeß, so schwierig und +langwierig, daß die Besten immer wieder an ihrer Hoffnung verzweifelten +und das Blut edler Märtyrer vergeblich geopfert schien. Der Prozeß ist +gewonnen. Das verflossene Jahrhundert hat die deutsche Nation +wiedergeboren, sie aus romantischer Dämmerung an den lichten Tag der +Geschichte geführt und ihr, in Pflicht und Liebe, in Neigung und +Interesse das Reich der Realität geöffnet. »Der Realismus, welchen man +rühmend oder zürnend die Signatur der Gegenwart nennt,« sagt Gustav +Freytag, »ist in Kunst und Wissenschaft, im Glauben wie im Staate nichts +als die erste Bildungsstufe einer aufsteigenden Generation, welche das +Detail des gegenwärtigen Lebens nach allen Richtungen zu vergeistigen +sucht, um dem Gemüt neuen Inhalt zu geben.« + +Der Deutsche hat die ihm gemäße Art von Politik gefunden; ich möchte sie +die Politik des unbeirrbaren Triebes nennen; die Politik der Entfaltung, +der Erkenntnis und der Bestimmung. Sie kann der Winkelzüge, der +veralteten Rezepte und geheimen Wege entraten, da sie auf den +natürlichen Rechten des Geistes und Herzens ruht, nicht auf +willkürlichen Machenschaften, sondern auf einer Notwendigkeit und einer +welthistorischen Idee. + +Der Siebenschläfer, aufgewacht ist er ja längst, hat sich auf diesem +Planeten ein gewaltiges Haus gebaut. Gestern ist es unter Dach gebracht +worden. Schon grüßen die Tannenreiser vom First. + + + + +Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen + + +Nach dem glücklich beendeten Siebenjährigen Krieg sah Friedrich unter +seinen Tischgenossen vorzüglich gern den alten General Ziethen. Wenn +gerade keine fürstlichen Personen zugegen waren, mußte Ziethen immer an +der Seite des Königs sitzen. Einstmals hatte er ihn auch zum Mittagessen +am Karfreitag eingeladen, aber Ziethen entschuldigte sich; er könne +nicht erscheinen, weil er an diesem hohen Festtag immer zum heiligen +Abendmahl gehe und dann lieber in seiner andächtigen Stimmung bleibe; er +dürfe sich darin nicht unterbrechen und stören lassen. Als er das +nächstemal zur königlichen Tafel in Sanssouci erschien und die +Unterredung wie stets einen heiteren, fröhlichen und geistreichen Gang +genommen hatte, wandte sich der König mit scherzender Miene an seinen +Nachbar. »Nun, Ziethen,« sagte er, »wie ist Ihm das Abendmahl am +Karfreitag bekommen? Hat Er den wahren Leib und das wahre Blut Christi +auch ordentlich verdaut?« Ein lautes spöttisches Gelächter schallte +durch den Saal der fröhlichen Gäste. Der alte Ziethen aber schüttelte +sein graues Haupt, stand auf, und nachdem er sich vor seinem König tief +gebeugt, antwortete er mit fester Stimme: »Eure Majestät wissen, daß ich +im Kriege keine Gefahren fürchte und überall, wo es darauf ankam, für +Sie und das Vaterland mein Leben gewagt habe. Diese Gesinnung beseelt +mich auch heute noch, und wenn es nützt und Sie es befehlen, lege ich +meinen Kopf gehorsam zu Ihren Füßen. Aber es gibt einen über uns, der +ist mehr als Sie und ich und mehr als alle Menschen, das ist der Heiland +und Erlöser der Welt, der für Sie gestorben und uns alle mit seinem Blut +teuer erkauft hat. Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und +verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube. Mit der Kraft dieses +Glaubens hat Ihre brave Armee mutig gekämpft und gesiegt. Unterminieren +Eure Majestät diesen Glauben, so unterminieren Sie die Staatswohlfahrt. +Das ist gewißlich wahr. Halten zu Gnaden.« + +Die Tafelgesellschaft war totenstill geworden. Der König war sichtbar +ergriffen. Er erhob sich, reichte dem General die rechte Hand, legte die +linke auf seine Schulter und sagte: »Glücklicher Ziethen! Möchte ich es +auch glauben können! Ich habe allen Respekt vor Seinem Glauben. Bewahre +Er ihn. Es soll nicht wieder geschehen.« + +Kein Mensch hatte den Mut, ein Wort weiter zu reden. Auch der König fand +zu einem andern Gespräch keinen schicklichen Übergang, er hob die Tafel +auf und gab das Zeichen zur Entlassung. Dem General Ziethen befahl er: +»Komme Er mit in mein Kabinett.« + + + + +Böttiger + + +Unter die große Zahl merkwürdiger Männer, die das achtzehnte Jahrhundert +in Deutschland hervorbrachte, gehört auch Johann Friedrich von Böttiger, +der zufällige Erfinder des Porzellans. Böttiger war ein geborener +Sachse; er ward geboren zu Schleiz im Vogtlande, wo sein Vater bei der +Münze angestellt war. Da seine Mutter sich zum zweitenmal mit dem +magdeburgischen Stadtmajor und Ingenieur Tiemann verheiratete, erhielt er +frühzeitig Unterricht in der Mathematik und in der Fortifikationskunst, +zeigte aber eine auffallende Neigung zur Chemie. Schon mit zwölf Jahren +kam er als Lehrling in die Zornsche Apotheke nach Berlin, wo er sich +sofort aufs Goldlaborieren legte. Er wurde dabei durch den berühmten +Johann Kunkel aufgemuntert, der im Zornschen Haus verkehrte und von dem +jungen Menschen so bezaubert war, daß er überall seine Talente und +Kenntnisse rühmte. + +Um diese Zeit reiste ein großer Unbekannter durch Europa, der unter +mancherlei Namen und vielfach verkleidet auftrat. Er schien kein anderes +Ziel zu haben, als die Ehre der Alchimie zu retten, und verwendete +darauf ungeheure Summen, wenn auch mit großer Vorsicht. Wenn die +Transmutationen nach seinen Angaben versucht wurden und Aufsehen +erregten, war er immer schon weit entfernt und durch Namenwechsel +unerreichbar geworden. Er kehrte nicht leicht dahin zurück, wo er schon +gewesen, oder doch in ganz veränderter Gestalt. Dieser Unbekannte, +welcher Goldsamen ausstreute, bezeichnete sich, wenn man nach Pässen und +dergleichen fragte, als einen griechischen Bettelmönch und nannte sich +Laskaris; er wollte Archimandrit eines Klosters auf der Insel Mytilene +sein und führte als solcher auch ein Beglaubigungsschreiben des +Patriarchen von Konstantinopel mit sich. Da er das Griechische vollendet +sprach und sich auch sonst keine Blöße gab, wurde seinen Angaben +geglaubt, und man war sogar geneigt, ihn für einen Abkömmling der +kaiserlichen Familie Laskaris zu halten. Er sammelte Almosen zur +Loskaufung von Christen, die in türkische Gefangenschaft geraten waren, +allein man wollte bemerkt haben, daß er weit mehr an die Armen +verschenkte, als ihm die Kollekte eintrug, und demnach mochte es ihm mit +seiner Mission wenig ernst sein. Die Nachrichten über ihn beruhen auf +dem Zeugnis glaubhafter Personen, die ihn als einen Mann von gefälligem +Betragen schildern, sehr unterrichtet und voll von Interessen, was eher +auf einen gebildeten Abendländer, als auf einen morgenländischen +Klosterbruder schließen läßt. + +Als der geheimnisvolle Fremde im Jahre 1701 nach Berlin kam, erkundigte +er sich bei dem Gastwirt, ob es in Berlin auch Alchimisten gebe. An +dergleichen Narren sei kein Mangel, antwortete treuherzig der Wirt und +nannte unter anderen den Apotheker Zorn. Der Fremde ging bald darauf in +die Zornsche Offizin und fragte nach einem chemischen Medikament. Der +Provisor befahl einem Gehilfen, den Laboranten zu rufen. Es erschien ein +junger Mensch, der Lehrling Böttiger. Auf die Frage des Fremden, ob er +dem Laboratorium vorstehe, weil man ihn den Laboranten nenne, erwiderte +er gutmütig lachend, man tue dies zum Spaß, weil er in seinen +Nebenstunden zuweilen chemische Experimente mache. Dem fremden Herrn +gefiel der Jüngling, und zur Einleitung einer näheren Bekanntschaft trug +er ihm auf, ein Antimoniumpräparat herzustellen und ihm dieses ins +Gasthaus zu bringen. + +Als Böttiger das bestellte Präparat brachte, plauderte der Fremde mit +ihm. Böttiger wurde zutraulich und gestand, daß er den Basilius +Valentinus besitze und unverdrossen nach ihm arbeite. Er wiederholte +seine Besuche und gewann die Gunst des Fremden immer mehr. Als dieser +endlich abreisen wollte und die Pferde schon warteten, ließ er Böttiger +noch einmal rufen und eröffnete ihm, daß er selbst das große Geheimnis +besitze, und schenkte ihm zwei Unzen von seiner Tinktur, mit der +Anweisung, daß er noch einige Tage davon schweigen, dann aber die +Wirkung der Tinktur zeigen möge, wenn er wolle, damit man in Berlin die +Alchimisten nicht mehr Narren schelte. + +Nach der Entfernung des Fremden säumte Böttiger nicht, sich von dem Wert +des Geschenks zu überzeugen. Bald zeigte er den Gehilfen, die ihn bis +dahin verspottet hatten, gutes Gold als Produkte seiner Kunst und sagte, +er sei entschlossen, die Pharmazie aufzugeben, nach Halle zu gehen und +Medizin zu studieren. In der Tat nahm er den Abschied von seinem +Prinzipal und bezog eine Mietwohnung. Er verkehrte mit Alchimisten, +vornehmlich mit einem Laboranten namens Siebert. Eines Tages wurde er +von dem Apotheker Zorn zu Tisch gebeten. Er traf dort zwei Freunde, den +Pfarrer Winkler von Magdeburg und den Pfarrer Borst von Malchow. Die +beiden Geistlichen vereinigten sich, dem achtzehnjährigen Menschen +vorzustellen, daß er zum sicheren Broterwerb zurückkehren und nicht +einer eingebildeten Kunst nachhängen solle; das Unmögliche, sagten sie, +könne er doch nicht möglich machen. Er aber erbot sich, das Unmögliche +sogleich möglich zu machen, und forderte sie auf, Zuschauer zu sein. Die +ganze Tischgesellschaft verfügte sich nun mit ihm in das Laboratorium. + +Hier nahm Böttiger einen Tiegel und wollte Blei darin schmelzen, als +aber die Gegner sein Blei verdächtig finden wollten, wählte er statt +dessen Silbergeld von bekanntem Gehalt. Die preußischen +Zweigroschenstücke waren damals fünflötig, und von diesen nahm er +dreizehn Stück. Während sie zusammenschmolzen, brachte er eine silberne +Büchse hervor, die den Stein der Weisen in Gestalt eines feuerroten +Glases enthielt. Er löste davon einige Körnchen ab, streute sie auf das +fließende Metall und verstärkte die Glut. Danach reichte er den +Zweiflern das ausgegossene Metall dar, und staunend überzeugten sich +diese, daß es zum reinsten Gold geworden war. + +Dem Laboranten Siebert zeigte Böttiger eine größere Transmutation in +andern Metallen. Siebert mußte acht Lot Quecksilber in einem Tiegel heiß +machen; auf die Masse warf Böttiger soviel als ein Handkorn groß von +einem braunroten Pulver, das er zuvor in Wachs impastiert hatte. Dadurch +wurde das Quecksilber ganz und gar in Pulver verwandelt, dieses Pulver +wickelte er in Blei und ließ es schmelzen. Nach einer Viertelstunde war +alles Metall zu Gold geworden. + +Diese und andere Proben, welche Böttiger neugierigen Bekannten zeigte, +machten ihn bald zum Helden des Tages, und das um so mehr, als er nicht +für gut fand, die Wahrheit zu gestehen, sondern sich selbst als Erfinder +des Pulvers bewundern zu lassen. Die Erfahrenen nannten ihn Adeptus +ineptus und prophezeiten ihm Unheil, welche Prophezeiung sich auch bald +erfüllte. Die Stadtgespräche drangen in die königlichen Vorzimmer und +bis zu König Friedrich I. selbst. Der König ließ nachfragen und fand es +geboten, sich des jungen Adepten zu versichern. Schon war Befehl +erteilt, ihn zu verhaften, als ein Bekannter ihn warnte. In der Nacht +verließ er Berlin zu Fuß und eilte, Wittenberg zu erreichen. Während er +über die Elbe gesetzt ward, sah er hinter sich ein preußisches Kommando, +das man ihm nachgeschickt hatte. In Wittenberg wohnte seiner Mutter +Bruder, der Professor Kirchmaier, der auch als alchimistischer +Schriftsteller von sich reden gemacht hatte. Bei ihm wäre Böttiger +geborgen gewesen, allein der preußische Hof reklamierte ihn in Dresden +als preußischen Untertan. Der Grund hierzu blieb bei dem erregten +Aufsehen kein Geheimnis; der sächsische Hof ward aufmerksam. Man +verweigerte die Auslieferung, weil sich ergab, daß er in Sachsen geboren +sei. König August II. ließ ihn nach Dresden bringen und freute sich, daß +ihm ein so seltener Vogel zugeflogen war, denn die Nachrichten aus +Berlin ließen ihn nicht daran zweifeln, daß Böttiger wirklich ein Adept +sei. + +Böttiger zeigte dem Statthalter Fürstenberg die Tinktur und ihre +Wirkung. Er überließ ihm eine Probe seines Arkanums, auch ein Gläschen +voll Merkur, und damit reiste Fürstenberg zum König nach Warschau. +Fürstenberg mußte einen Eid leisten, daß er mit dem König nicht früher +eine Probe machen würde, als bis er auf Ehre und Gewissen versprochen +habe, Zeugen nicht zuzulassen, auch weder jetzt noch künftig jemandem +das Geheimnis zu entdecken. Ferner hatte Böttiger es ihm eingeschärft, +nicht ohne Gottesfurcht und Frömmigkeit ans Werk zu gehen, weil darauf +unendlich viel ankomme. + +Kaum war Fürstenberg beim König angelangt, als im Zimmer des Königs ein +Hund die Schachtel umwarf, in der sich das Glas mit Merkur befand, so +daß dieses zerbrach. Böttiger hatte versichert, der Merkur sei von ganz +besonderer Beschaffenheit, er war also in Warschau nicht zu ersetzen. +Nichtsdestoweniger nahmen am zweiten Weihnachtsfeiertag, in tiefer +Nacht, in einem der innersten Zimmer des Schlosses und bei verriegelten +Türen der König und Fürstenberg die Probe vor. Die beiden Tiegel, die +Böttiger mitgegeben hatte, wurden mit Kreide bestrichen, in den größeren +Tiegel die Tinktur mit Merkur, wie er in Warschau zu kaufen war, und +Borax getan, der zweite Tiegel darauf gestürzt und die Masse anderthalb +Stunden lang ins Glühfeuer gestellt. Das Resultat des Prozesses war +nicht Gold, sondern ein so fester Körper, daß man die Tiegel zerschlagen +mußte, um ihn zu gewinnen. Fürstenberg schrieb an Böttiger, daß der +König selbst über zwei Stunden beim Feuer gesessen sei; an der gehörigen +Frömmigkeit habe es bestimmt nicht gefehlt, da der König zwei Tage +vorher das heilige Abendmahl genossen und er, der Fürst, seine Gedanken +ebenfalls einzig auf Gott gerichtet habe; trotzdem sei das Experiment, +dessen Gelingen Böttiger dem König so sicher vorgespiegelt habe, +gänzlich mißlungen. + +Im Januar 1702 kehrte Fürstenberg wieder nach Sachsen zurück. Er traf +Böttiger, der in seinem Hause wie ein Gefangener behandelt wurde, höchst +unzufrieden; der lebenslustige junge Mensch drohte sich zu ermorden, +wenn man ihm nicht die Freiheit gebe. Fürstenberg ließ ihn deshalb auf +die Festung Königstein bringen, doch hier wurde Böttiger noch viel +wilder. Nach einem Bericht des Kommandanten schäumte er wie ein Pferd, +brüllte wie ein Ochse, knirschte mit den Zähnen, rannte mit dem Kopf +gegen die Mauer, arbeitete mit Händen und Füßen, kroch an den Wänden +entlang und zitterte am ganzen Leibe. Zwei starke Soldaten konnten +seiner nicht Herr werden; er hielt den Kommandanten für den Engel +Gabriel, verzweifelte wegen der Sünde an dem heiligen Geist an seiner +ewigen Seligkeit und trank dabei oft zwölf Kannen Bier täglich, ohne +betrunken zu werden. Man konnte nicht klar sehen, ob alles dies auf +Verstellung beruhte. + +Nun kam aber der Befehl vom Statthalter, ihn nach Dresden zu schaffen, +und Fürstenberg nahm ihn wieder in sein Haus. Hier war es, wo er mit dem +berühmten Tschirnhausen bekannt wurde. Ehrenfried Walter von +Tschirnhausen gehörte zu Fürstenbergs vertrautesten Freunden. Sooft er +von seinem alten Stammgut Kieslingswalde nach Dresden kam, wohnte er +beim Statthalter und arbeitete beim Fürsten in dessen Laboratorium. Er +war einer der ausgezeichnetsten Naturverständigen seiner Zeit, durch ihn +sind in Sachsen die Glashütten eingeführt worden. Er hatte zwölf Jahre +lang ganz Europa bereist und war Mitglied der Pariser Akademie der +Wissenschaften. Wie Kunkel in Berlin, so nahm sich Tschirnhausen in +Dresden Böttigers an, und dies verlieh Böttiger auf einmal wieder große +Wichtigkeit, so daß man jahrelang Geduld mit ihm hatte und immer hoffte, +er werde das große Werk leisten. Er selbst hoffte es. + +[Illustration: Joh. Friedr. Böttiger, nach einem Medaillon im Museum zu +Gotha.] + +Böttiger erhielt nun seine Einrichtung im königlichen Schloß. Er +bewohnte zwei Zimmer mit der Aussicht auf den Hofgarten, den sogenannten +Probiersaal und einige Gewölbe zum Laborieren, die große Opernstube als +Billardzimmer und das Kirchstübchen des Gärtners zu seiner Andacht. Alle +Räume waren neu möbliert worden. Er durfte in dem an seine Wohnung +stoßenden Feigengarten spazieren gehen, und wenn er ausfahren wollte, +stand ihm eine königliche Equipage zur Verfügung. Zu seiner +Beaufsichtigung wurde der Sekretär Nemitz bestimmt, der dafür ein +besonderes Zimmer im Schloß hatte, nach Belieben Gäste einladen konnte, +aber bei Verlust seiner Freiheit für Böttiger verantwortlich war. Außer +Tschirnhausen durfte niemand ohne seine Erlaubnis zu Böttiger gehen. Ein +Baron Schenk war angewiesen, Böttiger in dessen freien Stunden +Gesellschaft zu leisten, ihm die Zeit zu vertreiben und, wenn er es +verlangte, im roten Zimmer mit ihm zu speisen. Es speisten auch viele +andere Personen bei ihm, so der Bergrat Pabst von Ohain, der berühmte +Metallurg, der geheime Kammerier Starke, ein Liebling des Königs, der +seine Schatulle besorgte, und der Sekretär Malhieu; Tschirnhausen, der +Böttiger so lieb gewonnen hatte, daß er sich mehr in Dresden als in +Kieslingswalde aufhielt, war häufig sein Gast und brachte manchmal den +Statthalter mit. Böttigers Deputat im Schlosse waren mittags und abends +fünf Gerichte mit Wein und Bier. Das Tafelgerät war aus Silber. Er +konnte Geld haben soviel er wollte, man hielt ihm sogar Mätressen wie +einem vornehmen Kavalier. + +Böttigers Umgang hatte, wenn er bei Laune war, ungemein viel +Anziehendes. Er war ein jovialer Mensch mit der lebendigsten +Unterhaltungsgabe, mit der er alle zu bezaubern wußte. Der Statthalter +lebte mit ihm auf vertrautem Fuß, fuhr oft mit ihm nach Moritzburg auf +die Jagd, die Böttiger leidenschaftlich liebte, und schrieb ihm die +zärtlichsten Briefe. Auch der König, der sich mit Bezug auf Böttiger +überschwenglichen Hoffnungen hingab, behandelte ihn in seinen Briefen +mit großer Rücksicht. Er gratulierte ihm zum neuen Jahr, versichert ihm +wiederholt, daß der Statthalter die Vollmacht habe, alles nach Böttigers +Belieben einzurichten, und ihm niemand aufdringen dürfe, der von +»widrigem Naturell« sei. In Briefen des Königs an andere wird er +Monsieur Schrader genannt oder »die Person« oder »der Bewußte« oder +»l’homme de Wittenberg«; Böttiger selbst unterzeichnete sich nur mit +seinen beiden Vornamen oder mit Notus. + +Anderthalb Jahre lang war Böttiger vor dem Mißtrauen des Königs durch +den Hund geschützt, der in Warschau die Schachtel mit dem Merkurglas +umgeworfen hatte und der Vorwand genug gab, zu sagen, der König und sein +Minister seien bei dem Tingierversuch ohne Geschick verfahren. Während +dieser anderthalb Jahre lebte Böttiger in Herrlichkeit und Freude. Sein +Aufenthalt kostete dem König vierzigtausend Taler. Böttiger war bei den +Leuten von gutem Ton allgemein beliebt. Man speiste gern bei ihm, denn +er legte jedem Gast eine große, goldene Schaumünze von eigener Arbeit +unter den Teller; dies bewog sogar die Damen, sich zahlreich bei ihm +einzufinden. Man spielte auch gern mit ihm, weil er gern verlor. + +Die hohe Ehre hatte seinen Kopf so gänzlich eingenommen, daß er kaum der +Möglichkeit gedachte, sein Schatz könne erschöpft werden. Allenfalls +erwartete er von einigen Winken, die Laskaris im Gespräch hatte fallen +lassen, daß sie ihn auf den rechten Weg führen würden, wenn es Zeit sei, +ihn zu suchen. Diese Zeit schob er leichtsinnig hinaus, bis endlich +Bedürfnis und Verlegenheiten mahnten, an die Auffindung der Goldquelle +mit Ernst zu denken. Da fand er sich aber in seiner Hoffnung bedroht. +Was er auch probierte, alles schlug fehl, und er überzeugte sich, daß er +sich die Sache zu leicht gedacht habe und weit vom Ziel entfernt sei. +Die berechnende Politik seiner Gönner wähnte sich jetzt am Ziel. +Böttigers sechs Bediente waren schon längst gewonnen und belauerten ihn +Tag und Nacht. Was sie berichteten, gefiel nicht mehr. Man argwöhnte, +daß er die Umstellung merke und absichtlich das Rechte verfehle, um +seine Kunst für sich zu behalten. Da erfuhr man, daß er Vorbereitungen +treffe, um heimlich nach Österreich zu entweichen, und nun wurde seine +Wohnung, sogar sein Zimmer mit Wachen besetzt. + +Indessen hatte Laskaris, der noch in Deutschland reiste, seinen jungen +Freund nicht aus den Augen verloren, und der üble Ausgang, welchen +Böttigers Angelegenheiten in Dresden zu nehmen drohten, machte ihm +Sorge, da er sich vorwerfen mußte, den Jüngling in Versuchung geführt zu +haben. Er entschloß sich daher, ihn zu befreien und große Opfer nicht zu +scheuen. In solcher Absicht wagte er sich im Jahre 1703 zum zweitenmal +nach Berlin. Er ließ einen jungen Arzt, den Doktor Pasch, zu sich +kommen, der mit Böttiger vertrauten Umgang gehabt hatte und unternehmend +genug zu sein schien. Diesem eröffnete er alle Schwierigkeiten, trug ihm +auf, nach Dresden zu gehen, dem König Böttigers Unwissenheit zu erklären +und ihm für dessen Freilassung die Summe von achtmalhunderttausend +Dukaten zu bieten, die man in Holland oder in einer beliebig zu +bestimmenden deutschen Reichsstadt erheben könne. Um den Sendboten von +der Aufrichtigkeit seines Anerbietens zu überzeugen zeigte er ihm einen +Vorrat von Tinktur, der über sechs Pfund wog. Er bewies ihm durch +Versuche, daß mit dieser Masse ein Zentner Gold in lauter Tinktur +verwandelt werden könne, die dann noch drei- bis viertausend Teile +Metall in Gold zu veredeln vermöge. Er gab ihm eine Probe für den König +mit und versprach, ihn ebenso reich wie Böttiger zu beschenken, wenn er +sich seines Auftrages gut entledigte. + +Doktor Pasch begab sich auf den Weg. Er war mit zwei Herren verwandt, +die am Dresdner Hof großen Einfluß hatten. Durch ihre Vermittlung hoffte +er leichter zum König zu gelangen und machte ihnen deshalb sein Anliegen +bekannt. Sie urteilten aber, ein so hoher Preis werde den König eher +bestimmen, den Verhafteten noch besser zu bewahren, weil es ja den +Anschein habe, als lasse Böttiger selbst durch dritte Hand soviel für +seine Freiheit bieten. Außerdem meinten sie auch, daß dem König an ein +paar Millionen Talern nicht soviel gelegen sein könne als ihnen, und sie +kamen überein, Böttiger in der Stille fortzuschaffen und den Preis mit +Doktor Pasch zu teilen. + +Auf ihre Veranstaltung bezog Pasch eine Wohnung dicht neben dem Hause, +worin Böttiger bewacht wurde. Er konnte ihm aus dem Fenster zuwinken, +wurde sogleich von ihm erkannt, fand Mittel, ihm Briefe zu schicken, +erhielt auf demselben Weg die Antworten, gab ihm Kunde von der nahenden +Hilfe und verabredete mit ihm den Plan der Flucht. + +Böttigers Bediente ließen sich das Hin- und Hertragen der Briefe gut +bezahlen, berichteten aber höheren Orts über den Briefwechsel und +lieferten die folgenden Briefe aus. Nichtsdestoweniger gelang es +Böttiger zu fliehen. Er kam bis nach Enns in Österreich, wurde aber dort +aufgegriffen und nach Sachsen auf den Sonnenstein zurückgebracht. Doktor +Pasch war dritthalb Jahre lang Gefangener auf der Feste Königstein. Nach +vielen Bemühungen zeigte sich ein Soldat willig, ihm zur Flucht zu +verhelfen. Beide ließen sich an einem Seil herab, welches aber nicht bis +zum Boden reichte; der Soldat kam glücklich an, Pasch jedoch fiel auf +einen Felsen und zerbrach das Brustbein. Sein Gefährte trug ihn bis zur +böhmischen Grenze, und von da gelangte er auf Umwegen nach Berlin +zurück. Den Adepten Laskaris sah er nicht wieder, und seine Klagen, wie +er vergeblich Jugend und Gesundheit zugesetzt habe, wurden stadtkundig +in Berlin. Der König ließ ihn vor sich kommen und hörte seine Erzählung +an. Sein Körper blieb siech von jenem Fall; nach anderthalb Jahren starb +er. + +Auf dem Sonnenstein wurde Böttiger sehr streng bewacht. Im Januar 1704 +kam der König August nach Sachsen und lernte Böttiger persönlich kennen. +Er bestand darauf, daß der Bergrat Pabst zur Bereitung des großen Arkans +bei Böttiger förmlich Unterricht nehme. Pabst, Tschirnhausen und der +Statthalter beschworen nun feierlich sechsunddreißig Kontraktpunkte, die +auch der König durch seinen schriftlichen Eid unverbrüchlich zu halten +versprach. Böttiger machte zur Bedingung, daß von dem gewonnenen Golde +»nichts zur Üppigkeit sündhaften Aktionibus, boshafter Verschwendung, +unnötigen und unbilligen Kriegen verwendet werden dürfe; auch dürfe, wer +das Arkan besitze, nie einem Herrn dienen, der öffentlichen und +schändlichen Ehebruch treibe und unschuldiges Blut vergieße«. + +Im September 1705 übergab Böttiger auf zwanzig Folioseiten einen Prozeß +zum Universal; kurz darauf machte er einen Tingierversuch, welcher +gelang, aber der Kämmerer Starke sagte, es wären verschiedene Umstände +passiert, die »zu einem konzentrierten Betrug ziemlichen Soupson +gegeben«. Wiederholt bat nun Böttiger um seine Freiheit und machte den +König vor Christi Richterstuhl dafür verantwortlich. Der König ließ ihn +aber nicht los; vom Sonnenstein wurde er auf die Albrechtsburg bei +Meißen geschafft, dann kam er wieder auf den Königstein und im Herbst +1707 nach Dresden zurück. + +Hier ließ er nun Materialien aller Art herbeischaffen und verfuhr nach +der berühmten mephistischen Tafel, das heißt, er kochte alles +durcheinander. Und so, ganz zufällig, erfand er eines Tages, es war das +sechste Jahr seiner Haft, das braune Jaspisporzellan und später, als er +schon etwas methodischer zu Werke ging, das weiße Porzellan. Nach +Tschirnhausens Rat bildete er diese Erfindungen technisch aus, wobei er +seiner enthusiastischen Natur gemäß so eifrig war, daß er mehrere +Nächte in kein Bett kam. In einem Schreiben an den König gestand er +endlich, daß er kein Adept sei. + +Der König begnügte sich jedoch mit dem Porzellan, das ihm bei der +damaligen Kostbarkeit des chinesischen Porzellans beinahe so lieb wie +eine Goldfabrik war. Die Manufaktur wurde sofort im großen durch +herbeigezogene holländische Steinbagger betrieben. Das auf der +Albrechtsburg zu Meißen hergestellte Porzellan verdrängte bald das +chinesische und japanische, für das der König August noch Millionen +ausgegeben hatte, und wurde einer der begehrtesten Luxusartikel der +eleganten Welt. Eine Menge Dinge, die bisher aus Marmor, Metall oder +Holz gemacht waren, wurden jetzt aus Porzellan fabriziert, sogar Särge; +die Witwe eines Oberstallmeisters wurde in einem Porzellansarg begraben, +der aber beim Hinuntersenken in die Gruft zerbrach. Wahrscheinlich +hatten neidische Tischler die Leichenträger bestochen. Die +Hauptkunstwerke, die man in Meißen herstellte, waren die kleinen, aufs +feinste und schönste bemalten Figuren, und wie der »zerbrochene +Spiegel«, »das Blumenmädchen«, »die fünf Sinne« beweisen, brachte man es +darin zu einer hohen Vollendung. Der Vertrieb der Fabrik stieg bis über +zweimalhunderttausend Taler, und die Kosten betrugen nur die Hälfte; +gegen achtzig Kommissionslager und Handelshäuser führten das +Verkaufsgeschäft. + +Des Fabrikgeheimnisses wegen mußte Böttiger noch eine Zeitlang +Gefangener bleiben, doch zeigte sich der König sehr gnädig gegen ihn, +besuchte ihn häufig auf der Bastei und schoß mit ihm nach der Scheibe. +Er erhielt Zutritt zu den Privataudienzen, sooft er wünschte, und +wiederholt befahl der König, ihn vor Ärgernis zu schützen. Er schenkte +ihm einen Ring mit seinem Bildnis, einen jungen Bären und ein Paar Affen +und gab ihm offenen Kredit bei dem Hofjuden Meyer. Sechs Jahre nach der +Erfindung wurde ihm die Meißner Porzellanfabrik zur freien Disposition +ohne alle Rechnungslegung überlassen. Er lebte in Dresden auf großem +Fuß, hielt eine zahlreiche Dienerschaft und eine Menge Hunde. +Ausschweifungen in der Liebe und im Trunk verkürzten sein Leben; er +starb im März 1713, erst vierunddreißig Jahre alt. + + + + +Moritz von Sachsen + + +Kurfürst Moritz war der Sohn Herzog Heinrichs des Frommen und am 21. +März 1521 geboren. Er war ein kräftiger Mann, geschmeidigen Körperbaus; +sein braunes Gesicht verkündete den Helden. Seine Augen waren so +glänzend, daß sie funkelten und wie von Flammen sprühten; schaute er +unversehens jemand an, so mußte dieser den Blick niederschlagen. Seltsam +waren in seiner Erziehung die Elemente gemischt. Sein Vater, den die +Untertanen wegen seiner Gutmütigkeit liebten, war bei aller Frömmigkeit +ein Mann ganz eigenen Schlages. Er hatte einen sonderbaren Geschmack am +Bunten und eine sonderbare Vorliebe für Kanonen. Er ließ anstößige +Bilder auf die Kanonen malen, und Lukas Cranach mußte ihm dazu die +Zeichnungen machen. Er kaufte alle schönen Gemälde für seine Kanonen, +die er nur auftreiben konnte, und obgleich er das Geschütz nie brauchte, +konnte man ihm doch keine größere Freude bereiten, als wenn man ihm +sagte, Kaiser Karl habe von seinen Kanonen gesprochen. Vom Hof seines +Vaters kam Moritz an den des Kurfürsten von Mainz und sah hier das üppig +schwelgerische Treiben eines katholischen Kirchenfürsten. Und dann +weilte er bei seinem Vetter Johann Friedrich von Sachsen, wo er die +traurige Einförmigkeit eines protestantischen Hofes der damaligen Zeit +kennen lernte. Johann Friedrich hatte große Schwächen, der kluge Moritz +durchschaute sie, er faßte einen Widerwillen gegen den Vetter, er konnte +ihn nicht leiden, den dicken Hoffart, wie er ihn zu nennen pflegte. + +Noch ehe er zwanzig Jahre alt war, vermählte er sich mit Agnes, der +Tochter Friedrichs des Großmütigen von Hessen. Sein Vater war über die +verfrühte Ehe so unglücklich, daß der Kummer sein Leben verkürzte; er +starb wenige Monate nach der Hochzeit, und Moritz folgte ihm in der +Regierung. Trotz seiner Heiratsungeduld mußte aber seine Frau später +über ihn klagen, daß er die Wildschweinsjagd ihrer Gesellschaft +vorziehe. + +Moritz bekannte sich zur evangelischen Lehre wie sein Vater, aber er +trat nicht in den schmalkaldischen Bund, so oft ihn auch sein Vetter, +der Kurfürst, und sein Schwiegervater, der Landgraf, darum mahnten. Er +vermochte in der neuen Lehre nicht die Summe alles Heils zu sehen. Er +weigerte sich, eine Verbindung gegen den Kaiser abzuschließen, im +Gegenteil, er näherte sich dem Kaiser, je mehr sich die Bundesgenossen +von ihm entfernten. Er wollte nicht der Trabant _dieser_ Bundesgenossen +sein, er fand seinen nächsten und unmittelbaren Vorteil beim Kaiser. +Deshalb ließ er durch seinen Vertrauten Christoph Carlowitz mit +Granvella unterhandeln und kam dann im Mai 1546 persönlich zum Kaiser +nach Regensburg; hier trat er in den Dienst des Kaisers ein. Karl +ernannte ihn nicht nur zum Exekutor, Konservator und Schirmer von +Magdeburg und Halberstadt, nach deren Besitz Moritz schon lange +getrachtet hatte, sondern er versprach ihm auch die Kur Sachsen. Der Tag +von Mühlberg verschaffte ihm den Kurhut wirklich, und es schien ihn +nicht zu beirren, daß durch diese Schlacht sein Vetter in das bitterste +Unglück geriet. Luther hatte wohl recht gehabt, als er einmal bei der +Tafel den Kurfürsten davor gewarnt hatte, in Moritz einen jungen Löwen +aufzuziehen. + +Ende April 1547 rückten das kaiserliche Heer und die Scharen Herzog +Moritz’ gegen Mühlberg. Der Kaiser Karl war ritterlich anzusehen, er saß +auf einem andalusischen Roß, das mit einer rotseidenen, goldbefransten +Decke behangen war; er war ganz in blanken Waffen, sein Helm und Panzer +vergoldet, mit dem roten burgundischen Feldzeichen geschmückt; in der +Rechten hielt er eine Lanze. Die Gicht hatte ihn grau und müde gemacht, +sein Gesicht war leichenblaß, die Glieder wie gelähmt, die Stimme so +schwach, daß man sie kaum vernahm. Zu früh aber hatten die Protestanten +ihn wie einen Verstorbenen betrachtet. Karl zitterte jedesmal, bevor er +die Waffenrüstung anlegte, aber dann erfüllte ihn plötzlich der Mut. So +war es auch am Tag von Mühlberg. + +Die ersten, die das Ufer der Elbe erreichten, waren Moritz und Herzog +Alba. Ein Bauer verriet ihnen, daß Johann Friedrich in der Stadtkirche +zu Mühlberg den Sonntagsgottesdienst abwarte, daß er sein Fußvolk schon +nach Wittenberg vorausgeschickt habe und nach der Predigt mit den +Reitern folgen wolle. Die spanischen Hakenschützen erhielten sofort den +Befehl, hinüber zu schwimmen; sie taten es, indem sie sich entkleideten +und die Säbel zwischen die Zähne nahmen. So bemächtigten sie sich der +Brücke, die die Kurfürstlichen vergebens anzuzünden versucht hatten, und +die sie zerstörten. Der Kaiser hatte schon über den dichten Nebel +geklagt, der über der ganzen Gegend lag, jetzt gegen Mittag erhob sich +der Nebel langsam. Er erblickte die Elbe, die Sonne trat heraus, aber +sie war rot wie glühendes Eisen und schien den ganzen Tag über still zu +stehen. Als später der König von Frankreich den Herzog Alba fragte, ob +sich denn wirklich bei dieser Schlacht die Geschichte Josuas erneuert +habe, erwiderte dieser: »Sire, ich hatte zu viel auf Erden zu tun, um +bemerken zu können, was am Himmel vorging.« Gegen alles Erwarten wurde +dem Kaiser durch einen Müller namens Strauch, dem die Kurfürstlichen +zwei Pferde weggeführt hatten, eine Furt gezeigt; Moritz, sein +Landesherr, versprach ihm dafür hundert Kronen, zwei andere Pferde und +einen Herrenhof. Die Furt war von festem Boden, sieben Pferde konnten +nebeneinander gehen, das Wasser reichte den Reitern bis an die Sättel. +Einige Kavaliere des Kaisers hatten große Furcht, wenn der Kaiser selbst +nicht vorangeritten wäre, hätten sie nicht gewagt, sich einer solchen +Gefahr auszusetzen. Am jenseitigen Ufer angelangt, schickte Moritz +einen seiner Offiziere mit einem Trompeter an den Kurfürsten und ließ +ihn auffordern, sich dem Kaiser zu ergeben. Johann Friedrich schlug es +ab. Er glaubte nicht an den Ernst der Dinge. Er konnte nicht glauben, +daß ein ganzes Heer die Elbe durchwaten könne; er vermutete ganz und gar +nicht, daß der Kaiser selbst gegen ihn anziehe; er zog sich vorsichtig +zurück, und seinem bedächtigen Sinn wurde die Situation erst klar, als +die Angriffe der kaiserlichen Armada immer ungestümer wurden. Jetzt +empfand er mit einemmal die große Verantwortlichkeit, daß er sich gegen +den ihm von Gott gesetzten Herrn, gegen das allerhöchste Reichsoberhaupt +vergangen habe. Auf freiem Felde fiel er vor seinen Leuten auf die Knie, +hob die Augen und Hände empor und betete: »Ach Gott im Himmel! Bin ich +mit meinem Vornehmen gegen die Majestät ungerecht, so strafe mich, aber +nicht mein Volk.« + +Er stellte sein kleines Heer in Schlachtordnung auf und bestieg einen +schweren friesischen Hengst; er trug einen schwarzen Harnisch mit weißen +Streifen und darunter noch ein Panzerhemd mit kleinen Ringen. + +Es war vier Uhr nachmittags. Der Vortrab der Kaiserlichen rückte zur +Hauptattacke zusammen; es waren die Reiter von Herzog Moritz, die +Neapolitaner und die Husaren. Mit dem Ruf »Hispania« und »das Reich« +brachen sie los. Die Kurfürstlichen feuerten. Aber von der anderen Seite +her rückten die vollen Gewalthaufen des Kaisers an. Die Haltung ihres +Kriegsfürsten hatte der kleinen sächsischen Armee wenig Zuversicht und +heldenmütiges Vertrauen eingeflößt. Da nun die Gefahr sich deutlich +offenbarte, rief er sie an, getreu bei ihm zu stehen, wie er getreu bei +ihnen stehen werde. Trotzdem kam allgemeine Verwirrung über die Leute. +Aber es traf noch etwas weit schlimmeres ein. Der Patrizier Imhof aus +Nürnberg, der unter Karls Fahnen diente, erzählt: »Es ist seltsam zu +vernehmen, wie des Kurfürsten Räte und große Hansen, so er bei sich +gehabt, mit ihm umgegangen sind. Wie die Schlacht angegangen, hat der +Kurfürst seinem Volke zugeschrien: ›er wolle auf diesen Tag Leib und +Blut bei ihnen lassen, sie sollten auch ehrlich halten bei ihm.‹ Als nun +das Treffen angegangen, haben seine Räte und großen Hansen, auf die er +sich verlassen, zur Flucht geschrien, auch unter sein eigenes Volk +gehauen und gestochen und die Ordnung seiner Haufen getrennt. Das habe +ich zu Torgau von etlichen von Karl gehört, auch habe ich an der +Walstatt gesehen, daß alles durch Verräterei zugegangen.« + +Das Heer stob auseinander, die Ritter zuerst, und als das Fußvolk die +Ritter fliehen sah, warf es Gewehre und Piken weg und suchte sein Heil +gleichfalls in der Flucht. Die Ritter entkamen, aber das Schicksal des +Fußvolks war schrecklich; obwohl es die Waffen weggeworfen hatte und um +Pardon bat, ward es samt und sonders niedergehauen. Karl, von Gottes +Gnaden römischer Kaiser, allzeit Mehrer des Reiches, zu Hispanien König, +hatte ausdrücklichen Befehl erteilt, alles über die Klinge springen zu +lassen. Damals lernte man im Herzen von Deutschland das Haus +Hispanien-Habsburg mit seinen Husaren kennen. + +Johann Friedrich, den seine Ritter verlassen hatten, sah sich plötzlich +ganz allein im Wald, wo alles voller Leichen lag, von Husaren vorn und +hinten umgeben. Der schwerbeleibte Herr mußte sich zur Wehr setzen, er +tat es ritterlich. Ein Ungar hatte ihn in die linke Backe gehauen, das +Blut rann ihm über das Gesicht auf den schwarz und weißen Harnisch +herab. Dennoch wollte er sich diesen Husaren und auch den +neapolitanischen Reitern, die ihn umdrängten, nicht ergeben. Endlich +sprengte ein Herr vom Hofgesinde des Herzogs Moritz heran, Thilo von +Trotha; dieser rief ihn auf deutsch an, Pardon zu nehmen. Johann +Friedrich ergab sich an diesen Deutschen; er zog einen Ring unter seinem +Panzerhandschuh hervor. Die Waffen des sächsischen Kurfürsten, Schwert +und Dolch, fielen den Ungarn zur Beute zu. + +Thilo von Trotha brachte den gefangenen Kurfürsten unter einer Bedeckung +von neapolitanischen Reitern zum Herzog von Alba. Dieser erstattete dem +Kaiser Meldung. Karl wollte den edlen Fang sogleich sehen, aber dreimal +weigerte sich der sonst so pflichtbewußte Alba, denn aus politischen +Gründen fürchtete er mit Recht, daß Karl in der ersten Hitze den +Kurfürsten allzu ungnädig behandeln werde. Der Kaiser bestand aber auf +seinem Willen. Er hielt in der Heide zu Pferd. + +Als der noch aus seinen Wunden blutende Johann Friedrich des Kaisers +ansichtig wurde, den er in seinen Absagebriefen als »Karl von Gent, der +sich römischer Kaiser heißt« betitelt hatte, seufzte er tief und rief +aus: #»Miserere miserere mei domine, nos sumus jam hic!«# Der Kaiser +erkannte den friesischen Hengst wieder; es war derselbe, den Johann +Friedrich vor drei Jahren auf dem Reichstag zu Speier geritten hatte. +Von Alba unterstützt stieg der Kurfürst vom Pferd, wollte nach +spanischer Sitte vor dem Kaiser aufs Knie fallen und zog auch wieder +nach deutscher Sitte seinen Blechhandschuh aus, um als Kurfürst dem +Kaiser die Hand zu reichen. Karl lehnte sowohl die spanische Devotions- +als die deutsche Vertraulichkeitsbezeigung ab. Er war sehr finster; er +wendete sich zur Seite. Endlich brach der Kurfürst das Stillschweigen +mit der Titulatur, mit der ihm die Kurfürsten schrieben. Er sprach: +»Großmächtigster, allergnädigster Kaiser.« Karl erwiderte: »Ja, ja, nun +bin ich Euer gnädiger Kaiser; Ihr habt mich lange nicht so geheißen.« +Der Kurfürst fuhr fort: »Ich bin auf diesen Tag Euer Gefangener und +bitte um ein fürstlich Gefängnis. Kaiserliche Majestät wolle sich gegen +mich als einen geborenen Fürsten halten.« Darauf sagte der Kaiser +zornig: »Ja, wie Ihr verdient habt. Ich will mich so gegen Euch halten, +wie Ihr Euch gegen mich gehalten habt. Führt ihn hin! Wir wissen uns +wohl zu halten.« + +[Illustration: Moritz von Sachsen, nach einem Holzschnitt aus der +Werkstatt Cranachs.] + +Erst spät in der Nacht kam Herzog Moritz von der Verfolgung der Ritter +und Reiter zurück, bei der ihm heller Mondschein geleuchtet hatte. Mehr +als zwanzig Stunden hatte er an diesem Tag zu Pferde gesessen, war mehr +als einmal dem Tod entgangen, und nun fand er den Stammvetter in +Gefangenschaft. Die Kur Sachsen war auf seinem Haupte fest. + +Karl zog nun vor Wittenberg und belagerte die Stadt. Die Bürger wollten +sich bis auf den letzten Mann wehren, und Johann Friedrich weigerte +sich, sie zur Übergabe aufzufordern. Da ließ der Kaiser durch ein +spanisches Kriegsgericht das Todesurteil über ihn aussprechen, welches +lautete, »daß bemeldeter Hans Friedrich, der Ächter, ihm zur Bestrafung +und andern zum Exempel durch das Schwert vom Leben zum natürlichen +Gericht fürgebracht und solch Urteil auf der im Feld aufgerichteten +Walstatt vollzogen werden solle.« + +Der Kurfürst, dem es im Glück so sehr an der nötigen Energie gemangelt +hatte, bewies im Unglück den ganzen Heldenmut des Glaubens, der sein +einfaches Gemüt durchdrang. Er vernahm das Todesurteil, als er eben mit +seinem Leidensgenossen Franz von Grubenhagen beim Schachbrett saß. Er +erwiderte gelassen: »Ich kann nicht glauben, daß der Kaiser also mit mir +handeln werde, ist es aber bei der kaiserlichen Majestät gänzlich +beschlossen, so begehre ich, man soll es mir fest zu wissen tun, damit +ich bestellen kann, was meine Frau und meine Kinder angeht.« + +Neun Tage lang ließ Karl seinen Gefangenen in der Todesfurcht schweben. +Dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Herzog von Cleve gelang es aber, +das Unheil abzuwenden: die Wittenberger kapitulierten. Johann Friedrich +blieb Gefangener des Kaisers so lange als es diesem gefallen würde; +selbst nach Spanien sollte er ihn schicken dürfen. Zum Unterhalt für ihn +und sein Haus wurde ein Teil von Thüringen mit einem Jahreseinkommen von +fünfzigtausend Gulden bestimmt. Es war ein Artikel in der Kapitulation, +demzufolge Johann Friedrich alles annehmen sollte, was das Konzil zu +Trident oder die kaiserliche Machtvollkommenheit in Sachen der Religion +beschließen werde; diesen Artikel anzunehmen weigerte sich der Kurfürst +beharrlich; Karl strich ihn mit eigener Hand wieder aus. + +Auf einer großen Wiese bei Blesern übertrug der Kaiser dem Herzog Moritz +das Kurfürstentum, und Moritz legte darauf sein Heer als Besatzung in +die Stadt Wittenberg. Das Volk nahm sie mit tiefem Herzeleid auf. Moritz +ritt zornig gerade aufs Schloß und sah keinem Menschen ins Gesicht. Zu +den Ratsmännern, die ihm die Aufwartung machten, sagte er: »Ihr seid +eurem Fürsten, meinem Vetter, so getreu gewesen, das will ich euch ewig +im guten gedenken.« + +Von Wittenberg aus zog der Kaiser gegen den Landgrafen von Hessen. Der +war schon längst kleinmütig geworden, und als er das Schicksal Johann +Friedrichs erfuhr, begann er mit Karl zu unterhandeln. Der Kaiser +forderte, daß er sich auf Gnade und Ungnade ergeben, hundertfünfzigtausend +Goldgulden Buße zahlen, seine Festungen schleifen und seine Kanonen +ausliefern solle. Dagegen wurde ihm schriftlich versichert, daß er Land +und Leben behalten, auch mit »einigem« Gefängnis verschont werden würde. +Die beiden Vermittler, Joachim von Brandenburg und Moritz von Sachsen, +verbürgten sich in dieser Verschreibung mit ihrem Ehrenwort gegen den +Landgrafen. Im Vertrauen auf die Kurfürsten nahm der Landgraf die +Bedingungen an. Moritzens Gemahlin, die Tochter des Landgrafen, tat vor +dem Kaiser einen Fußfall für ihren Vater. Der Kaiser war zu keiner +andern Erklärung zu vermögen, als daß der Landgraf sich auf Gnade oder +Ungnade zu ergeben habe. Nun kam der Landgraf nach Halle; er speiste mit +den beiden Kurfürsten zu Abend; am andern Morgen nahmen die drei Herren +ihr Frühstück bei Granvella, und hier unterzeichneten sie das +verhängnisvolle Schriftstück, in welchem, ohne daß sie es merkten, der +Ausdruck »einiges« Gefängnis verändert war in »ewiges« Gefängnis. Am +Nachmittag fand die Abbitte vor dem Kaiser statt. Der Kaiser saß auf dem +Thron unter einem vergoldeten Himmel, umgeben von seinen spanischen, +italienischen, niederländischen und deutschen Großen. Der Landgraf +Philipp kniete in schwarzsamtenem Kleid mit roter Binde kleinmütig und +traurig auf dem Teppich vor dem Throne, und hinter ihm las sein getreuer +Kanzler Tielemann von Günterode die Abbitte vor. Er las mit kläglichen +Gebärden und in kläglichem Ton; auf dem Gesicht des Landgrafen zeigte +sich ein Lächeln; es war vielleicht die unbewußte Hilfe seiner leichten +Natur gegen das Gefühl der Schmach. Aber der gravitätische Kaiser hob +langsam den Finger auf und sagte in seiner brabantischen Mundart: »Wart, +ik wöll dir laken lehr.« Nachdem der Reichsvizekanzler die Antwort des +Kaisers verlesen, Günterode sich dann höflich bedankt hatte, erwartete +der Landgraf des Kaisers Wink, um sich zu erheben. Dieser Wink erfolgte +nicht. Nun stand der Landgraf von selber auf und wollte dem Kaiser die +Hand reichen. Die kaiserliche Majestät jedoch sah sauer und hielt ihre +Hand zurück. Dafür ergriff Alba die Hand des Landgrafen und lud ihn und +die andern Fürsten zum Nachtmahl bei sich ein. Alba hatte sein Losament +im Schloß. Als die Tafel aufgehoben war, spielte der Landgraf Brett mit +einem der sächsischen Räte, es war zehn Uhr vorüber; da kündigte ihm +Alba auf einmal an, daß er sein Gefangener sei. Zugleich traten hundert +spanische Arkebusiere in den Saal. Die beiden Kurfürsten, die sich für +die Freiheit des Landgrafen verbürgt hatten, waren außer sich; Joachim +von Brandenburg rief, das sei ein Bösewichtsstück, zog den Degen, um +Alba den Schädel zu zerspalten, Moritz aber zeigte sich tief betroffen +und blieb bei seinem Schwiegervater die ganze Nacht hindurch. Er +versicherte ihm, daß da ein Mißverständnis vorliegen müsse, und er werde +mit dem Kaiser sprechen. Dies geschah. Der Kaiser sagte, daß sich ihm +der Landgraf auf Gnade und Ungnade ergeben habe; es sei weder Rede noch +Schrift davon gewesen, daß man ihn mit »einiger« Gefangenschaft +verschonen wolle, nur mit »ewiger« Gefangenschaft habe man ihn +verschonen wollen. Und so fand sich auch die Fassung in der Notel, die +die Kurfürsten am Morgen unterschrieben hatten, ohne sie näher zu +besehen. + +Diese spanische Arglist brachte eine große Wandlung in dem Herzen +Moritzens hervor. Er sah jetzt wohl, daß der Kaiser Karl darauf +ausging, Deutschland spanisch zu machen, aus dem von Schatzungen und +fremdem Kriegsvolk erdrückten Reich alles Wasser auf eine Mühle zu +leiten, und da erwachte in ihm der Deutsche. Ohne seinen kühn +verborgenen und kühn ausgeführten Widerstand wäre die spätere freie +Entwicklung Norddeutschlands unmöglich gewesen, und wenn heute nicht +ganz Deutschland ein österreichisches Gesicht zeigt, so ist es +vielleicht im letzten Grunde der Verwechslung jener Wörtchen »einig« und +»ewig« zu danken. + +Zunächst freilich mußte Moritz warten. Einerseits fürchtete er, der +Kaiser könne seine Drohung wahr machen und den Landgrafen nach Spanien +schicken. Anderseits mußte er gewärtigen, daß der allerdurchlauchtigste, +großmächtigste und unüberwindlichste Kaiser, welchen Titel Karl jetzt +mit einer furchtbaren Realität führte, dem Kurfürsten Johann Friedrich +wieder die Freiheit schenke, wodurch im Lande selbst Hader und Krieg +ausbrechen mußte. Er war jetzt in der Schlinge. Die Rache mußte +aufgeschoben werden. + +Er suchte von nun ab sein Heil in der Verstellung. Gerade weil er sich +zumeist sehr offen und rücksichtslos auszusprechen pflegte, konnte +niemand auf die Vermutung kommen, daß hinter dieser Derbheit eine +Berechnung verborgen sei. Als auf dem Reichstag zu Augsburg sich ein +protestantischer Fürst an den kaiserlichen Tisch setzen wollte, rief er: +»Hier ist kein Platz für Ketzer.« Selbst der undurchdringliche Kaiser +Karl konnte sich bisweilen verraten; er hatte sich in Regensburg durch +ein Lächeln verraten, als ihm die Protestanten ihre Schrift gegen das +Tridentiner Konzil überreichten. Moritz verriet sich niemals. Er pflegte +zu sagen: »Wenn ich wüßte, daß mein eigenes Hemd, das mir zunächst am +Leibe liegt, meine Gedanken kennte, ich würde es austun und verbrennen.« +Kein Mensch in Deutschland, keiner von seinen Freunden und Vertrauten +erfuhr etwas von dem, was er im Schilde führte. Er täuschte den Kaiser, +der ihn einmal getäuscht hatte, so sicher und vollkommen, daß das Stück, +das er vor dem spanischen Senjor aufführte, ohne Zweifel das größte +Meisterstück war, das jemals ein Deutscher zustande gebracht hat. + +Seiner gewöhnlichen Lebensweise nach mußte man glauben, daß nur das +Vergnügen und die Lustbarkeiten Reiz für ihn hätten. In seinem Hoflager +beschäftigte ihn unausgesetzt die Wildbahn im Dresdener Forst; er liebte +Trinkgelage, Ritterspiele und die Freuden der Fastnacht; ebenso suchte +er an fremden Höfen und auf Reichstagen das lustige Leben, und er machte +Kundschaft mit schönen Frauen. So schildert ihn Sastrow während des +Augsburger Reichstages: »Herzog Moritz hatte seine Kurzweil in der +Herberge eines Doktor Haus. Der hatte eine erwachsene Tochter, eine +schöne Metze, hieß Jungfrau Jakobina, mit der badete er und spielte +täglich Pharao mit ihr und dem wilden Markgrafen Albrecht. Sie lachte +fein lieblich und freundlich zu der Fürsten Scherzen und hielten also +Haus, daß der Teufel sich drüber freuen mochte und viel Sagens in der +ganzen Stadt davon war.« Die Befreiung seines Schwiegervaters schien ihm +nicht besonders am Herzen zu liegen. Der Landgraf, der öfter geäußert +hatte, Gefängnis fürchte er weit mehr als den Tod, wurde in Donauwörth, +wohin er gebracht worden war, sehr hart behandelt. Seine spanische Wache +lärmte Tag und Nacht in seinem Quartier; er beklagte sich bitter, daß +sie ihn auch bei Nacht visitierten, ob er nicht durch einen Ritz oder +durch ein Mäuseloch entwischt sei. Einmal schrieb er an Moritz: »Wenn +Euer Liebden so fleißig wären in meinen Sachen als im Bankettieren, +Gastladen und Spielen, wäre meine Sach lang besser.« + +Kein Wunder, daß der Kaiser glaubte, der vermöge am meisten bei Moritz, +der ihm bei seinen Vergnügen Vorschub leiste. Aber der bedächtige und +weitschauende Karl durchschaute den bedächtigeren und viel weiter +schauenden, scheinbar so uninteressierten und doch so interessanten +Moritz mit nichten. Auch die Venezianer, die größten Diplomaten der +damaligen Zeit, durchschauten ihn nicht. Der Gesandte Mocenigo sagt von +ihm: »Moritz hat viel Mut, aber, wie man glaubt, nicht viel Urteil, und +dazu ist er ein sehr leichter Herr. Von ihm hat Karl wenig zu fürchten.« + +Und doch wurde Moritz der Verderber des Kaisers. Als er alles zu seinem +großen Plan vorbereitet hatte, stürzte er wie ein Sturmwind über Karl +her und vernichtete ihn im Wetter. Lange zuvor, ehe der Schlag +ausgeführt wurde, hatte er sich mit dem nötigen Geld zu versehen gewußt. +Bereits im Jahre 1547 hatte er die Kleinodien des Meißner Domkapitels +einliefern lassen. Es waren darunter ausbündige Stücke: das silberne +Bild des Bischofs Bruno, mit Edelsteinen geschmückt, in der einen Hand +den Bischofsstab, in der andern ein Buch haltend, dreiundsiebzig Mark +schwer; Donatis silbernes Bild, zweiundfünfzig Mark schwer; Briccii +Haupt mit goldener Inful; dazu einhundertvierzig Kelche, alles zusammen +im Wert von hundertfünfzigtausend Gulden. Wo diese Schätze hingekommen, +wußte später niemand zu sagen, höchstwahrscheinlich hatte Moritz sie +heimlich einschmelzen lassen. Außerdem hatte er nach und nach bedeutende +Summen aufgenommen; nach seinem Tode hatte sein Bruder eine Schuldenlast +von über zwei Millionen Gulden zu tilgen. + +Im Sommer des Jahres 1550 finden sich die Spuren der ersten Annäherung +an Frankreich, mit dessen Hilfe Moritz den Kaiser zu demütigen dachte. +Im November darauf unternahm er, von Karl hierzu bestimmt, die +Belagerung von Magdeburg. Im Frühjahr des nächsten Jahres hatte er +Zusammenkünfte mit dem Bruder des Kurfürsten von Brandenburg und seinem +Schwager Wilhelm von Hessen und mit dem Herzog von Mecklenburg. Einige +Monate später verhandelte er mit Jean de Bresse, Bischof von Bayonne, +und das Bündnis mit Frankreich kam zustande. Es ward als eine +merkwürdige Vorbedeutung angesehen, daß ein Blitzstrahl durch das Zimmer +fuhr, in welchem der Vertrag abgeschlossen wurde. Im Januar 1552 +beschwor der König von Frankreich die Allianz mit Moritz und den +Kurfürsten. In deren Namen beschwor den Eid der Markgraf Albrecht von +Brandenburg-Kulmbach, der mit Schärtlin nach Chambord gegangen war. Der +französische König erhielt die Aussicht auf die deutsche Kaiserkrone und +unterdessen die drei Bistümer Metz, Toul und Verdun. + +Moritz entließ die vor Magdeburg versammelte Armee nicht, er vermehrte +sie im Gegenteil bis auf fünfundzwanzigtausend Mann. Er nahm Offiziere +in Dienst, die im schmalkaldischen Krieg gegen den Kaiser gedient +hatten. Er war so schlau, die Stärke seines anwachsenden Heeres dadurch +zu verbergen, daß er es verteilte und die Quartiere in den Dörfern +oftmals wechseln ließ. Wohl hatte der Kaiser seine Spione im Lager. +Moritz aber hinterging alle. Der Kaiser besoldete zwei geheime Sekretäre +am sächsischen Hof; Moritz wußte es, verstellte sich, zog sie zu allen +Beratungen, rühmte immer seine Treue gegen den Kaiser, und so meldeten +die bestochenen Leute lauter falsche Dinge. + +Die Venezianer faßten Argwohn, und dieser Argwohn verstärkte sich. Karl +erhielt Warnungsbriefe nach Innsbruck, und sein Bruder Ferdinand riet +ihm, den Landgrafen freizulassen. Der Kaiser antwortete: »Es wäre +seltsam, wenn Herzog Moritz alles vergessen sollte, was ich für ihn +getan, wenngleich die rücksichtslose Verwendung von so vielen Rebellen +in seinem Dienst mich auf einigen Verdacht bringt.« Die drei geistlichen +Kurfürsten wollten, erschreckt durch die Gerüchte, das Konzil zu Trident +plötzlich verlassen. Beruhigend schrieb ihnen der Kaiser: »Moritz hat +mir solche Zusicherungen gemacht, daß ich mir nur Gutes von ihm +verspreche, wenn es noch Glauben gibt im menschlichen Leben.« Seine +ausgesprochene Überzeugung war: »Die tollen und vollen Deutschen +besitzen kein Geschick zu derartigen Ränken.« + +Im März 1552 verließ Moritz Dresden und ging nach Thüringen. Bei Erfurt +und Mühlhausen stand seine Armee. Er zog mit großer Eile nach Augsburg, +wo er am 1. April ankam und sich damit, nach seinem eigenen Ausdruck, +»vor die Spelunke des Fuchses in Innsbruck setzte.« Er hatte sich +unterdessen mit dem Heer seines Schwagers vereinigt. + +Der Kaiser ließ sich trotzig vernehmen, daß er den Leib des Landgrafen +in zwei Teile zerlegen und jeder der Parteien, die ihn zwingen wollten, +einen Teil entgegenschicken werde. In Wirklichkeit war die Lage Karls +verzweifelt. Er hatte weder Truppen noch Geld. Sein Bruder hatte ihm +geschrieben, er brauche seine ganze Macht in Ungarn. Die geistlichen +Kurfürsten und der Herzog von Bayern wichen seiner Forderung um Hilfe +aus. Die Wechselhäuser in Italien und in den Niederlanden, sowie die +Fugger in Augsburg wollten keine Darlehen mehr geben. Karl hatte allen +Kredit verloren, denn er verfolgte die übelste Politik, die man gegen +Handels- und Geldleute treiben kann, nämlich die der Unehrlichkeit. So +erblickte er zum Beispiel die größte Sicherheit für die Treue der +Genuesen darin, daß er beschloß, ihnen die Kapitalien, die er ihnen +schuldig war, nie wieder zu bezahlen; denn, so sagte er sich, sie würden +sich hüten, mit einem Fürsten zu brechen, der ihnen so viel Geld +schuldig war. + +Der Kaiser wollte von Innsbruck aus nach London entfliehen, aber der +zweimal unternommene Versuch mißglückte. In einer Aprilnacht begab er +sich im tiefsten Geheimnis auf den Weg, so schwach und von +Gichtschmerzen geplagt er auch war. In seiner Begleitung befanden sich +nur zwei Kammerherren, zwei Diener und sein getreuer Barbier Van der Fé. +Sie ritten durch Wald und Gebirge und erreichten in der Frühe das Dorf +Nassereit. Hier blieb der Kaiser bis Nachmittag, und dann ritten sie bis +Paschelbach, eine Stunde von der Ehrenberger Klause. Van der Fé ward +aufs Schloß geschickt, um den Befehlshaber um Kundschaft zu erfragen. +Dieser berichtete, Moritz sei schon von Augsburg aufgebrochen und habe +Füssen besetzt, der Weg über Kempten sei unsicher durch des Herzogs +Reiter. Da entschloß sich Karl, wieder nach Innsbruck zurückzukehren. In +demselben tiefen Geheimnis langte er an, kein Mensch erfuhr etwas von +der Reise. + +Beim zweitenmal verkleidete er sich als altes Weib. Der Plan war, in +einem bedeckten Packwagen über Ehrwald und Hohenschwangau zu entkommen. +Der alte Kammerdiener Karls mußte sich in dessen Bett legen, und in der +Küche wurde gekocht, als ob der Kaiser noch im Schlosse wäre. Zwei kurze +Tagereisen wurden zurückgelegt, der neugebahnte Fernpaß überstiegen, und +im Dorfe Lermos stieg Karl aus, um eine Mahlzeit zu nehmen. Ein Mädchen, +das einmal sein Bildnis gesehen, rief bei seinem Anblick: »Ei, wie sieht +die alte Frau dem Kaiser so gleich.« Da erschrak Karl und kehrte +abermals um. + +Inzwischen war es dem König Ferdinand gelungen, Moritz zu einem +Waffenstillstand zu überreden, damit man zu Passau eine Versammlung +einberufen könne, die zu beraten habe, wie die Gebrechen der deutschen +Nation abzustellen seien. Diesen Stillstand benutzte Karl, und es gelang +ihm, einiges Geld und Truppen zu sammeln. Das Heer stand bei Reitti, +unfern der Ehrenberger Klause. Moritz zog zu Felde, schlug die +Kaiserlichen und eroberte die Festung. Nun lag der Weg zum Kaiser offen. +Die verbündeten Fürsten entschlossen sich, den Fuchs in seiner Spelunke +zu suchen – da trat eine unerwartete Hilfe für den Kaiser ein: Moritz +mußte erst einen Aufstand unterdrücken, der unter einem Teil des +Fußvolks ausgebrochen war; die Leute forderten für den Sturm auf das +Ehrenberger Schloß die doppelte Löhnung. Die Sache stand so schlimm, daß +Moritz in Lebensgefahr war; er mußte fliehen und sich verbergen. So +erhielt der Kaiser Zeit, Innsbruck zu verlassen. Der Herr zweier Welten +mußte in einer kalten Frühlingsnacht, bei strömendem Regen und von +heftigen Schmerzen geplagt, in einer Sänfte fliehen; fliehen beim Schein +brennender Windlichter, mit denen die Diener die Engpässe der +Tiroleralpen erhellten. Alle Brücken wurden hinter ihm abgebrochen. Dem +Kaiser folgte der Kurfürst Johann Friedrich mit seinem alten Freund, dem +Maler Lukas Cranach. Zum erstenmal seit fünf Jahren sah der Kurfürst +sich nicht mehr von seiner spanischen Garde umgeben; er stimmte auf +seinem Wagen ein Lob- und Danklied an. + +Der Kaiser wandte sich nach Villach in Kärnten und blieb dort bis in +die Mitte des Sommers. Moritz zog am vierten Tage nach Karls Flucht in +Innsbruck ein. Alles was den Spaniern, dem Kaiser und dem +Kardinalbischof von Augsburg gehörte, überließ er seinen Landsknechten +als gute Beute; sie stolzierten in den prächtigsten Gewändern herum, auf +ihren Hüten glänzten portugiesische Goldstücke, und einer nannte den +andern »Don«. Moritz’ Verbündeter, der König Heinrich von Frankreich, +zog ins Elsaß und erließ Manifeste, in denen viel von deutscher Freiheit +zu lesen war; auf einem sah man sogar einen Freiheitshut mit zwei +Dolchen und das Wort »Libertas« an der Spitze. Vor allem nahm der +Befreier Deutschlands Metz, Toul und Verdun weg. + +Moritz machte sich nun auf den Weg nach Passau, wo er mit dem König +Ferdinand, dem Herzog von Bayern und den Bischöfen von Passau, Salzburg +und Eichstädt den welthistorischen Vertrag abschloß, der den +Protestanten ihre Religionsfreiheit wieder sicherte. Nachdem der Friede +abgeschlossen war, führte er sein Heer dem König Ferdinand zu Hilfe +gegen die Türken, der Kaiser wandte sich gegen die Franzosen nach +Westen, und die gefangenen Herren von Hessen und Sachsen kehrten in ihre +Länder zurück. Karl entließ Johann Friedrich nicht ohne Zeichen der +Achtung, sogar der Rührung. Alle protestantischen Städte, durch die er +auf seinem Weg kam, empfingen ihn wie einen Heiligen und Märtyrer. In +Koburg traf er seine Gemahlin; sie hatte in den fünf Jahren ihre +Trauerkleider nicht abgelegt und fiel in Ohnmacht, als sie ihn +wiedersah. Die Ratsherren in Amtstracht und schwarzen Mänteln gingen ihm +entgegen, die Bürger in ihren Rüstungen und Feiertagsgewändern bildeten +Spalier, auf den Märkten standen die Geistlichen und die jungen Männer +auf der einen Seite, die eisgrauen Leute und die jungen Mädchen mit dem +Rautenkranz im fliegenden Haar auf der anderen, und die Knaben sangen +das Tedeum. Der Fürst schritt mit entblößtem Haupt hindurch, seine +Rückkehr ihrem Gebet zuschreibend, und hinter ihm ging sein lieber Lukas +Cranach. + +Auch der Landgraf von Hessen kehrte aus den Niederlanden nach Kassel +zurück. Er hatte Moritzens Vorhaben gegen den Kaiser durchaus nicht +glauben wollen und geäußert: »Wie will ein Sperling den Geier +angreifen?« Das Wunderliche geschah jetzt, daß man Moritz von allen +Seiten zu mißtrauen anfing. Da er so viele getäuscht, wenn auch zum +guten Zweck getäuscht, verdächtigte man sein Wesen ganz und gar. Wilhelm +von Hessen nannte ihn in einem Wortwechsel einen Verräter. Als er nach +den Passauer Tagen die Stadt Frankfurt am Main auffordern ließ, sich zu +ergeben, wurde ihm geantwortet, er möge erst fromm werden und die +Judasfarbe ablegen. + +Als er aus dem Türkenkrieg zurückgekehrt war, hielt er zur Fastnacht in +Dresden großes Rennen und Stechen, und dann mußte er in den Krieg gegen +seinen ehemaligen Freund und Bundesgenossen, den wilden Markgrafen +Albrecht. Dieser hatte die Friedenspakte nicht geachtet; es gefiel ihm, +das alte Faustrecht noch ferner in Deutschland zu üben, und er war ein +gefürchteter Mann, der seinen eigenen Weg ging. Er behauptete, der +Passauer Vertrag tauge nichts, die Pfaffen müßten gedemütigt werden. +Nebenbei suchte er auch die Pfeffersäcke zu rupfen, wie er die +Kaufherren der Städte nannte. Er umgab sich mit ein paar Tausend +Eisenfressern und zog im Namen des Evangeliums verheerend durch die +fränkischen und sächsischen Lande. + +Bei Sievershausen in der Lüneburgerheide traf Moritz seine plündernden +Scharen. Es gab ein kurzes Gefecht; hoch zu Roß, die rote Feldbinde mit +dem weißen Streifen um die Brust, kämpfte Moritz ritterlich. Eine +silberne Kugel traf ihn von hinten, zerriß seinen Panzer und drang durch +seinen ganzen Körper. Wilhelm von Grumbach, der fränkische Ritter, soll +sein Mörder gewesen sein. In einem Zelte, das man neben einem Zaun +aufgeschlagen hatte, empfing er die erbeuteten Fahnen und die Papiere +des Markgrafen, die er eifrig durchspähte. Er diktierte sein Testament, +und nach zwei Tagen starb er, zweiunddreißig Jahre alt. Sein letztes +Wort war: »Gott wird kommen,« das übrige verstand man nicht. + +Kaiser Karl V. liebte Moritz so sehr, daß er, als man ihm zu Brüssel die +Todesnachricht mitteilte, in die Worte ausbrach: »O, Absalom, mein Sohn, +mein Sohn!« + +Der wilde Markgraf wurde in die Acht getan, scheinbar gegen den Willen +des Kaisers. »Es ist alles dahin gerichtet, Deutschland eine Kappe zu +schneiden,« schrieb der Herzog von Braunschweig, der bei Sievershausen +seine zwei ältesten Söhne verloren hatte, an Philipp von Hessen, »der +Kaiser will die Fürsten nur gegeneinander hetzen. Er hat zwar Albrecht +als seiner Hetzhunde einen gebraucht, würde es aber gern sehen, wenn ihm +ein Rad übers Bein ginge.« + +Albrecht flüchtete nach Frankreich, kehrte später nach Deutschland +zurück und starb elend in Pforzheim, erst fünfunddreißig Jahre alt. + +So endete die Reformation, die als eine Angelegenheit des Volkes +begonnen hatte, als ein Zusammenbruch der Fürsten. + + + + +Wallenstein + + +Albrecht Wenzel Eusebius Baron von Waldstein oder Wallenstein entstammte +einem alten böhmischen Geschlecht, dessen Name schon im zwölften +Jahrhundert zu finden ist. Er war am 15. September 1583 geboren und kam +zwei Monate zu früh auf die Welt. Seine Eltern waren Protestanten, und +beide verlor er bald, den Vater, als er zehn, die Mutter, als er zwölf +Jahre alt war. Sein Oheim, Albrecht Slavata, ließ ihn in der Schule der +böhmischen Brüdergemeinde unterrichten, aber ein zweiter Oheim, Johann +von Ricam, nahm ihn von dort weg und brachte ihn in das adelige +Jesuitenkonvikt nach Olmütz, wo ihn Pater Pachta der katholischen Kirche +zuführte. + +Die im Volk verbreiteten Sagen über den hochfahrenden und trotzigen Sinn +Wallensteins beschäftigten sich auch mit seiner Kindheit. So hieß es, es +habe ihm einst auf der Schule zu Goldberg geträumt, daß Lehrer und +Schüler, ja selbst die Bäume des Waldes sich vor ihm verneigt hätten, +und als er diesen Traum erzählte, sei er lebhaft verspottet worden. + +Von Olmütz aus ging er auf Reisen; er machte mit einem reichen jungen +Edelmann aus Mähren die europäische Kavaliertur nach Holland, England, +Frankreich und Italien. Ihr gelehrter Begleiter war der Mathematiker und +Astrolog Verdungs, ein Franke; durch ihn und den Professor Argoli in +Padua wurde Wallenstein in die geheimen Wissenschaften der Sterne und in +die Kabbala eingeweiht. Nach seiner Rückkehr diente er dem Kaiser Rudolf +gegen die Türken und dem König Ferdinand unter Dampierre gegen die +Venezianer. In diesem Feldzug konnte er schon ein Dragonerregiment auf +eigene Kosten stellen, denn er war durch die Heirat mit einer begüterten +alten Witwe zu Vermögen gekommen. Lukrezia von Landeck hieß die Frau; um +seine Neigung zu gewinnen hatte sie ihm einen Liebestrank eingegeben, +der ihm fast den Tod gebracht hätte. Sie lebte nur wenige Monate an +seiner Seite. + +Nach der Kampagne gegen Venedig erhob ihn der Kaiser Mathias in den +Freiherrenstand und ernannte ihn zum Obrist, Hofkriegsrat und Kämmerer. +Beim Ausbruch der böhmischen Unruhen waren seine Fähigkeiten schon +anerkannt; die Böhmen wollten ihn zu ihrem General machen. Er blieb aber +dem Kaiser treu und flüchtete von Olmütz aus mit der Kriegskasse nach +Wien. Im Jahre der Prager Schlacht erhielt er die Reichsgrafenwürde, und +nach dem Nikolsburger Frieden schenkte ihm der Kaiser die an Schlesien +und an die Lausitz grenzende Herrschaft Friedland, die aus neun Städten +und siebenundfünfzig Dörfern und Schlössern bestand; seitdem hieß man +ihn nur den »Friedländer«. Auch wurde er Fürst des Reiches. Sein +Vermögen entsprach der fürstlichen Würde; er war allmählich durch den +Ankauf konfiszierter Güter, die um einen Spottpreis zu haben waren, der +reichste Grundherr Böhmens geworden. Er betrieb den Güterschacher im +allergrößten Stil, denn er verkaufte auch wieder. Um dieses Freiwerden +adeliger Besitztümer verständlich zu machen ist es notwendig, auf die +Ursache hinzuweisen. + + * * * * * + +Als Ferdinand im Jahre 1619 seinem Vetter Mathias folgte, war er bereits +einundvierzig Jahre alt, ein kleiner, korpulenter Herr von gesunder +Leibesbeschaffenheit und gemäßigter Lebensführung. Der beherrschende Zug +seines Wesens war die Frömmigkeit. Khevenhüller schildert ihn, wie er +einmal während einer Jagd den Trägern des heiligen Sakraments begegnete, +umkehrte und barhäuptig bis an das Lager des Sterbenden folgte. Was +Philipp II. für Spanien gewesen, wollte er für Deutschland sein. »Besser +eine Wüste, als ein Land voll Ketzer,« war sein Wahlspruch. Die Priester +waren für ihn die Stimme Gottes, und jeden einzelnen verehrte er als +überirdische Erscheinung. »Tritt mir ein Priester und ein Engel zugleich +in den Weg,« so soll er sich einst geäußert haben, »so werde ich dem +Priester zuerst meine Ehrfurcht erweisen.« Dies galt freilich nur für +die spanisch-aristokratischen Geistlichen, die sich zu dem System der +unbedingten Ketzerausrottung bekannten. Er hörte alle Tage zwei Messen +in der kaiserlichen Kapelle, am Sonntag außerdem die Messe in der +Kirche, eine deutsche und eine italienische Predigt und nachmittags die +Vesper; während der Adventszeit versäumte er keine Frühmette, und an +allen Prozessionen nahm er zu Fuße teil. Seine Gewissensräte, die +Jesuiten Lamormain und Weingärtner, hatten sein ganzes Herz in der Hand +und lenkten es, wie der Orden wollte. Er war stark durch seinen +Starrsinn. Alles Unglück ertrug er mit der Geduld des Hasses, den er +gegen die Ketzer empfand; all das selbstverschuldete, durch Mangel an +Treu und Glauben herbeigeführte Unglück erschien ihm als eine +vorübergehende Prüfung Gottes. Er war der unversöhnliche Feind der +Protestanten in Deutschland und Böhmen; die Rache, die er an ihnen üben +wollte, war der Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefühle. + +Nach des Kaisers Mathias Tode zog das böhmische Protestantenheer gegen +Wien. Ferdinand befand sich in der Hofburg. Er war ohne Soldaten und +ohne Geld. Er schien verloren. Seine Räte drängten ihn, nach Tirol zu +fliehen, selbst die Jesuiten stimmten für Nachgiebigkeit. Ferdinand +weigerte sich. Die Lage war furchtbar; Geschosse flogen in die +kaiserlichen Fenster, Ferdinand mußte sein Wohnzimmer verlassen. Er +betete gegen seinen Feind. Seine Bedrängnis nutzend, erschienen sechzehn +protestantische Herren der österreichischen Stände vor ihm und +forderten, er solle seine Einwilligung zu der Union mit den Böhmen +geben. Ferdinand weigerte sich, die Schrift zu unterzeichnen. Da faßte +Andreas Thonradtel den Kaiser bei den Wamsknöpfen und rief ihm zu: +»Nandl, gib dich, du mußt unterschreiben.« In diesem Augenblick +schmetterten Trompeten im Burghof; es waren die Dampierreschen +Kürassiere, die durch das Wassertor in die Stadt gedrungen waren. Sie +retteten den Kaiser. Furcht und böses Gewissen trieben die Herren von +der protestantischen Adelskirche aus Wien. Der böhmische General hatte +die Gelegenheit versäumt, und Ferdinand entschloß sich rasch und kühn, +nach Frankfurt zu reisen und sich dort zum Kaiser krönen zu lassen. Aber +gerade in dieser Zeit sprachen ihm die Böhmen in Prag die königliche +Würde ab. Sie entsetzten ihn als einen Erbfeind der Gewissensfreiheit, +als einen Sklaven Spaniens und der Jesuiten, und sie wählten an seiner +Statt den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König, ein +unglücklicher Schritt, der die Erbitterung aller drei Religionsparteien +auf die Spitze trieb, denn Friedrich war Kalvinist, und nach Luthers +Wort waren die Kalvinisten siebenmal ärger als die Päpstlichen. + +Friedrich war ein schöner, stattlicher und galanter Mensch von +dreiundzwanzig Jahren. Als er zu Amberg die Nachricht erhielt, daß er +König geworden sei, war er betroffen und konnte keinen Beschluß fassen. +Erst auf das dritte Schreiben der Böhmen reiste er nach Prag und war nun +guten Mutes. Er verließ sich auf seinen mächtigen Schwiegervater, den +König von England, er verließ sich auf die Hilfe der deutschen Städte, +der Hugenotten in Frankreich und der Graubündtner, die ihm versprachen, +den spanischen Armeen die Pässe zu sperren, und am meisten verließ er +sich auf seine Jugend. + +Doch war er von Anfang an ein verlorener Mann. Wohl stand er an der +Spitze einer evangelischen Union, viel mächtiger aber war die +Vereinigung der katholischen Fürsten, welchen aus Haß gegen die +Kalvinisten auch der protestantische Kurfürst Johann von Sachsen sich +gesellte, und als nun gar der König von Frankreich Gesandte an die +Fürsten der Union schickte, um sie von Friedrich abzubringen, machten +diese ihren Frieden mit der katholischen Liga, und von allen verlassen, +sah Friedrich von allen Seiten her die Feinde gegen sich losstürmen. Er +hatte es nicht verstanden, die böhmischen Herren zu gewinnen; er hatte +es nicht verstanden, sich bei diesen Aristokraten in Respekt zu setzen, +die einen König nur zum Schein haben wollten, und daß er ihnen ihre +krummen Sachen gerade biege. Sie hatten nur ihre Feudalrechte, +Freiheiten und Privilegien im Sinn, nannten den Kaiser einen blinden +Hund, den Herzog Max die bayrische Sau und den Kurfürsten von Sachsen +den meineidigen, trunkenen Klotz, und als Friedrich sie einmal um sieben +Uhr früh zu einer Ratsversammlung bescheiden ließ, wurde ihm erklärt, zu +solcher Tageszeit könnten sie nicht kommen, der Mensch müsse nach der +Arbeit seine Ruhe haben. + +In der Stadt herrschte die größte Unsicherheit. Jeden Tag wurden ein +paar Menschen ermordet. Ehebruch und Hurerei wurden zur Plage. Die +Ernstgesinnten fanden sich durch Friedrichs Vorliebe für französische +Sprache, französische Sitten und Moden beleidigt. Man verspottete ihn, +wenn er im rotsamtenen Pelz, mit weißem Hut und gelben Federn abends im +Schlitten durch die Stadt fuhr. Aber am meisten verdarb er seine Sache +dadurch, daß er die Bilderstürmerei zuließ. Allenthalben wurden die +Altäre zerstört, die Kruzifixe zerschlagen, die Gräber der Schutzpatrone +aufgerissen und beraubt, die Geräte weggeführt, die schönen Stoffe +verbrannt und das geschnitzte Holzwerk zerhackt. Als das große steinerne +Kruzifix auf der Moldaubrücke fallen sollte, entstand ein Aufruhr, und +man mußte der Wache befehlen, jeden in den Fluß zu werfen, der die +Statue anzutasten wage. + +So standen die Dinge, als Max und Tilly heranzogen, die glühenden +Katholiken, die vor Eifer brannten, die böhmische Hauptstadt den Klauen +des Ketzers zu entreißen. Die Jahreszeit war vorgerückt, es fing an rauh +und kalt zu werden. Der General Boucquoy war gegen rasche Maßregeln, +aber Tilly rief jederzeit im Kriegsrat, wo er vor Ingrimm und Ungeduld +stets etwas zu zerknittern oder zu zerreißen pflegte: »Prag, Prag.« Im +Frühnebel des 8. November stand die ligistische Armee endlich vor Prag. +Der Morgen war bitterkalt, der Boden festgefroren. Abermals wollte +Boucquoy den entscheidenden Schlag nicht wagen. Da trat ein spanischer +Karmelitermönch auf, riß ein von den Böhmen verstümmeltes Marienbild aus +der Kutte und hielt es hoch empor. Herzog Max rief überlaut: »Heilige +Maria!« und »heilige Maria« wurde das Feldgeschrei des Tages. Es war +Mittag, und die Sonne trat aus den Nebeln. Das Vorrücken zur Schlacht +geschah in Massenvierecken des Fußvolks, die Reiterei zog auf beiden +Flügeln mit. Die böhmischen Kanonen schossen in die Vierecke, und die +ungarischen Reiter machten einen Angriff. Boucquoy und Herzog Max, die +sich im Rücken der Armee befanden, hielten die Fliehenden mit dem Degen +in der Faust auf. Nun führte der Reiteroberst Pappenheim seine +Kürassiere gegen die Ungarn. Ein junger polnischer Lancier erstach das +Pferd des den Böhmen verbündeten Herzogs von Anhalt. Er stürzte und +wurde gefangen. Dieser Zufall war entscheidend. Die Ungarn ergriffen die +Flucht, ihre Flucht verwirrte die ganze böhmische Schlachtordnung, und +die Neapolitaner erstürmten die Schanzen und nahmen die Batterien. Die +Schlacht war nach einer Stunde zu Ende. Eine einzige Stunde hatte das +Schicksal Böhmens, ja das Schicksal Deutschlands für Jahrhunderte +entschieden. + +Im königlichen Tiergarten hatte Pappenheim gegen eine auserwählte Schar +von jungen Adeligen gekämpft. Mit zahllosen Hieb- und Stichwunden +bedeckt, fiel er und lag die ganze kalte Novembernacht hindurch ohne +Bewußtsein unter Leichen und Pferden. Am andern Morgen kam ein Kroat +über ihn. Er biß ihn in den Finger, weil der schöne Ring, den er trug, +sich nicht anders wollte abziehen lassen. Das herzhafte Zubeißen des +wilden Mannes brachte Pappenheim wieder ins Leben. Er blickte den +Kroaten finster an und fragte: »Kerl, was willst du?« Der Kroat +erwiderte: »Du hast gute Kleider an, du mußt sterben.« Obgleich halbtot, +versetzte ihm Pappenheim eine gewaltige Ohrfeige, versprach aber dann, +ihn gut zu belohnen, wenn er ihn zu einem Wundarzt führe. Der Kroat +willfahrte. + +Am Morgen nach der Schreckensnacht stieg Friedrich, der Winterkönig, in +den Reisewagen, ließ alles im Stich, Krone, Kleinodien, Archiv und +geheime Kanzlei, und fuhr über Breslau und Berlin nach Holland. + +Die Rache des Kaisers war glänzend. Er wartete; er wartete sieben Monate +lang. Er wollte die böhmischen Landherren sorglos machen und die Vögel +sicher ins Garn locken. Es gelang ihm nur zu gut. Max und Tilly hatten +Amnestie verbürgt. Tilly gab den Rat, die Stände nicht zur Verzweiflung +zu treiben; aber die Klugen, die den Kaiser lenkten, waren der Meinung, +daß Leute, die ein schlechtes Gewissen haben, keine verzweifelten +Schritte tun, sondern daß solche Leute es lieben, sich zu ducken. + +Eines Tages wurden plötzlich achtundvierzig Häupter des Aufstandes +verhaftet und auf den Hradschin gefangengesetzt. Noch hatte Ferdinand +seine Bedenken, ob er mit den Rebellen auf spanische Art verfahren +solle. Der Jesuit Lamormain machte dem Spintisieren ein Ende, indem er +erklärte, er nehme alles auf sein Gewissen. Am andern Morgen war der +Blutbote auf dem Wege nach Prag, um dem Statthalter die kaiserlichen +Befehle zu überbringen. + +Schlag vier Uhr früh ertönte der Knall einer Kartaune vom Hradschin. Die +Gefangenen, von einer Reiterschwadron und zweihundert Musketieren +begleitet, wurden in bedeckten Wagen zur Altstadt heruntergeführt. Der +Richtplatz war unmittelbar vor dem Rathaus, gegenüber der Theinkirche, +wo der goldene Hussitenkelch mit dem Schwerte stand. Das Schafott war +mit rotem Tuch behangen; auf einer Bühne unter einem Baldachin saß der +Statthalter und elf vom Kaiser verordnete Kommissarien. Es war ein +regnerischer Junimorgen, aber zum Trost der Märtyrer spannte sich ein +schöner Regenbogen über den Lorenzberg. + +Der Scharfrichter köpfte innerhalb vier Stunden vierundzwanzig Personen, +drei wurden gehenkt. Es waren lauter protestantische Köpfe bis auf den +des Grafen Czernin, der Katholik war. Er mußte sterben, weil man den +Schein retten wollte, daß das Blutgericht keine Religionsverfolgung, +sondern eine abgedrungene politische Maßregel sei. Es waren meist ganz +alte Leute, die exekutiert wurden; zehn von ihnen zählten zusammen über +siebenhundert Jahre. + +Der Kaiser tat noch ein übriges für die Opfer: er betete, während sie +hingerichtet wurden. Er hatte zu diesem Zweck eine Wallfahrt nach +Mariazell angetreten, lag vor dem Bild der Mutter Gottes auf den Knien +und flehte, daß die Böhmen noch vor ihrem Tod in den Schoß der +alleinseligmachenden Kirche zurückgeführt werden möchten. + +Elf Monate nach dem Bluttag ließ Ferdinand einen Generalpardon +verkündigen. Wer sich schuldig fühlte, sollte sich selbst anklagen, um +die kaiserliche Verzeihung zu erhalten. Die Vögel liefen ins Garn. +Siebenhundertachtundzwanzig Herren vom Adel, Ritter und Barone, stellten +sich freiwillig. Sofort wurden ihre Güter konfisziert. Teils ganz, teils +halb, teils ein Drittel. Im kaiserlichen Kabinett fehlte es an Geld. Die +konfiszierten Vermögen ergaben die Summe von dreiundvierzig Millionen +Gulden, eine ungeheure Summe für jene Zeit. Sie erlaubte dem Kaiser, den +Krieg fortzusetzen. Alle Güter kamen in andere Hände. Es wechselte der +ganze Besitzstand. Hundertundfünfundachtzig adelige Geschlechter und +viele Tausende von Bürgerfamilien verließen die Heimat und wanderten ins +Ausland, und ganz Böhmen, ganz Mähren und ganz Österreich wurde mit +Gewalt wieder katholisch gemacht. + + * * * * * + +Der Anteil Wallensteins an der Rebellenbeute betrug nahezu ein Drittel. +Sein Reichtum spielte eine wichtige Rolle in den Ereignissen der Zeit. +Denn als in Deutschland der Krieg erwachte, als der König von Dänemark +sich mit Mansfeld und dem Herzog von Braunschweig verband, als Holland, +England und Frankreich sich anschickten, den Protestanten gegen das Haus +Habsburg Hilfe zu leisten, sah sich der Kaiser ohne genügende Mittel zur +Ausrüstung und Besoldung eines großen Heeres. Da erbot sich Wallenstein, +der unterdessen durch die Heirat mit der Gräfin Harrach, der Tochter +eines Günstlings des Kaisers, höfische Beziehungen erlangt hatte, zum +Helfer. Wallenstein wollte den Krieg in großem Stile führen. Der Kaiser +befahl ihm, ein Heer von zwanzigtausend Mann zu werben. Dies schlug er +aus. Ein Heer von vierzig- bis fünfzigtausend Mann wollte er stellen, +denn ein solches Heer, meinte er, werde sich selbst zu ernähren wissen. +Er erhielt darauf die Vollmacht für diese Zahl und zugleich den +unbeschränkten Oberbefehl als Generalissimus des Kaisers. Wenige Monate +vergingen, und die Armee war beisammen. Sein Name lockte; nicht bloß +unbeschäftigte und hungrige Menschen traten unter seine Fahnen, sondern +es kamen auch als Offiziere Männer von höchstem Rang. Das Hauptquartier +des Heeres war in Eger. + + * * * * * + +Wallenstein war zum Kriegsfürsten geboren. Er trat im höchsten Prunk auf +und imponierte durch seinen Luxus, durch ein glänzendes Gepränge, das +jeden blendete, der ihm nahte. Er wußte die stärksten Leidenschaften der +Menschen zu erregen und sie dadurch auf Tod und Leben sich dienstbar zu +machen. Seine Belohnungen waren königlich, seine Tafel bot +unerschöpfliche Genüsse. Unter der einzigen Bedingung der strengsten +Disziplin ließ er alle Ausschweifungen seiner Soldaten hingehen. Sein +Lager war das lustigste, das Soldaten haben konnten. Er duldete einen +riesigen Train von Bedienten, Troßbuben, Fuhrknechten und Weibern, nur +Pfaffen duldete er im Lager nicht. Freibeuter aller Konfessionen und +jeden Standes zogen ihm zu. Sein scharfes Auge erkannte den Tüchtigen +auf den ersten Blick; der gemeinste Mann vermochte die höchste Stellung +zu erringen. Jede heroische Tat wurde durch Beförderung und Geschenke +ausgezeichnet, aber der Feigling mußte sterben, und über den +Ungehorsamen erging der Befehl, der als Kriegsgerichtsspruch galt: Laßt +die Bestie hängen. + +Er verachtete die Menschen. Sie waren ihm nur Werkzeuge zu seinen +Zwecken. Als ihm einmal Gustav Adolf vor einer Schlacht den Antrag +machen ließ, daß man im äußersten Fall einander Pardon geben möge, +antwortete er: »Die Truppen sollen entweder kombattieren oder +krepieren.« + +Schon sein Äußeres flößte Ehrerbietung und Scheu ein: eine lange, +hagere, stolze Gestalt, das Gesicht immer ernst, bleich oder gelb, die +Stirn hoch und gebieterisch, das schwarze Haar kurz abgeschnitten und +aufwärtsstehend, die Augen klein, schwarz und feurig-stechend, der Blick +finster und voll Argwohn, Lippen und Kinn mit starkem Schnurr- und +Knebelbart bedeckt. Seine gewöhnliche Tracht war ein Reiterrock von +Elensleder, darüber ein weißes Wams, Mantel und Beinkleider von +Scharlach, ein breiter, nach spanischer Art gekräuselter Halskragen, +Korduansstiefel, die des Podagras wegen mit Pelz gefüttert waren, und +eine lange, rote Feder auf dem Hut. + +Mochte es im Lager noch so laut hergehen, in seiner Nähe mußte alles +still sein, seine unmittelbare Umgebung mußte die tiefste Ruhe bewahren. +Weder Wagengerassel noch Stimmen im Vorzimmer konnte er ertragen. Man +sagt, er habe einen Kammerdiener aufknüpfen lassen, der ihn ohne Befehl +geweckt, und einen Offizier heimlich umbringen lassen, weil er mit +lautklirrenden Sporen vor ihn getreten sei. Er war immer in sich selbst +versunken, in sich selbst webend und brütend, nur mit seinen Plänen und +Entwürfen beschäftigt. Er forschte unermüdlich und war unablässig tätig, +aber immer nur aus sich selbst heraus und fremde Einflüsse schroff +abwehrend. Er konnte es nicht einmal leiden, daß man ihn anblickte, wenn +er seine Befehle gab; wenn er durch die Gassen des Lagers +hindurchschritt, mußten die Soldaten so tun, als bemerkten sie ihn +nicht. Ein wunderliches Grauen überfiel die Leute, wenn seine hagere +Gestalt gespenstergleich vorüberging. Es umgab ihn etwas +Geheimnisvolles, Feierliches und Banges. Er schritt eingehüllt in diese +Zauber, und sie bildeten einen Nimbus um ihn. Der Soldat glaubte steif +und fest, daß der General mit dunklen Mächten im Bündnis stehe, daß ihm +die Sterne Bescheid sagten, daß er keinen Hund bellen, keinen Hahn +krähen hören könne, daß er hieb-, kugel- und stichfest sei, und vor +allem, daß er die Fortuna an seine Fahnen gebannt habe. Die Fortuna, die +seine Göttin war, wurde die Göttin des ganzen Heeres. + +Wallenstein war ein Mann von heißestem Temperament, aber äußerlich war +er immer kalt und ruhig. »Laßt fleißig münzen,« schreibt er einmal an +seinen Hauptmann im Herzogtum Friedland, »auf daß ich nicht Ursach hab, +solches zu ahnden, denn ich höre, daß man dem nicht nachkommt, wie ich +es befohlen, welches mir wohl in die Nasen raucht. Ich bin nicht +gewohnt, eine Sache oft zu befehlen.« Er war höchst wortkarg und sprach +recht wenig, dann aber mit Nachdruck. Am wenigsten sprach er von sich +selbst. Der glühendste Ehrgeiz flammte still und lautlos in seiner +Brust; ihm opferte er kaltblütig alles. Er war ein Meister in der +Verstellung; keiner wußte um seine Absichten, und dem Umstand, daß er in +wichtigen Sachen niemals etwas Schriftliches von sich gab, verdankte er +viele seiner Erfolge. Er war zweiundvierzig Jahre alt, als er den +Oberbefehl übernahm. + + * * * * * + +Im Herbst 1625 zog Wallenstein gegen den König von Dänemark. Er +überwinterte in Halberstadt, das er erobert hatte. Im Feldzug des +folgenden Jahres schlug er den Grafen Mansfeld bei der Dessauerbrücke. +Dann gewann er dem Kaiser Schlesien zurück, eroberte die dänischen +Besitzungen und Mecklenburg, das sein Herzogtum wurde. Zum Dank dafür, +und weil er dem Kaiser viel Geld vorstreckte, überließ ihm Ferdinand das +Herzogtum Sagan und verkaufte ihm die Herrschaft Priebus für einen +niedrigen Scheinpreis. Auch wurde er zum General des baltischen und +ozeanischen Meeres ernannt. Österreich wollte nämlich eine Seemacht +werden. Dazu schien alles auf dem besten Wege, Dänemark lag darnieder, +die Hansastädte waren willens, dem Kaiser behilflich zu sein, nur die +Festung Stralsund widerstand. Ein halbes Jahr lang belagerte Wallenstein +diese Stadt; obwohl er schwor, daß er sie einnehmen werde, und wenn sie +mit Ketten an den Himmel gebunden wäre, mußte er unverrichteter Dinge +wieder abziehen. Dieser Mißerfolg untergrub sein Ansehen im Norden +Deutschlands. Auch der Kaiser verlor den Glauben an seine +Unüberwindlichkeit. Jetzt traten die Fürsten mit ihren Klagen über den +beispiellosen Pomp des Emporkömmlings auf. Ein Notschrei erhob sich über +die unerträglichen Brandschatzungen, mit denen der General die besiegten +Länder heimgesucht. Bis dahin hatten alle, verblüfft von seinem +fabelhaften Glück, geschwiegen, nun taten sich die Lippen auf und +ergossen sich in Verwünschungen gegen den Tyrannen, der auf Kosten des +allgemeinen Elends im Überfluß schwelgte. Während Tausende ringsumher +den Hungertod starben, während sich viele Bürger und Bauern entleibten, +um der Not zu entrinnen, lebte jeder Rittmeister der Wallensteinschen +Soldateska wie ein Fürst, und in Schlesien, wo der Bruder den Bruder, +die Eltern ihre Kinder anfielen, um sie aus Hunger zu schlachten, war +der Übermut der Söldlinge am größten. Die Häuser wurden geplündert und +demoliert, ganze Dörfer verbrannt, die Weiber geschändet, den Männern +Nasen und Ohren abgeschnitten; Offiziere, die kurz zuvor bettelarm +gewesen waren, besaßen drei- bis viermalhunderttausend Gulden an barem +Geld. + +Aber noch gehorchte ganz Deutschland dem Winke Wallensteins. Er stand +wie ein Alleinherrscher da. Das Unbegreiflichste an dem unbegreiflichen +Manne war, daß er die Rüstungen umso eifriger betrieb, je mehr die +Feinde schwanden. Das Heer zählte erst fünfzigtausend, dann +hunderttausend, schließlich hundertfünfzigtausend Mann. Diese furchtbare +Armada des Kaisers erweckte bei allen Fürsten Eifersucht und Angst. Die +Kurfürsten und der Papst, die Aristokraten des Reichs und die Jesuiten +standen dagegen auf, aber die Seele aller Ratschläge wider den +übermächtig werdenden Kaiser war der Kardinal Richelieu, der in einem +Bericht an den Papst Urban VIII. unverblümt die Absetzung Wallensteins +forderte. + +[Illustration: Wallenstein, nach einem Stich von Peter de Jode.] + +Dieser Bericht, erfüllt von tiefster pfäffischer Schlauheit, sprach von +Österreich als von einer »Bestia mit vielen Köpfen«, von denen die +abgeschnittenen immer wieder nachwüchsen; Gewalt fruchte nichts, man +müsse das Blatt umkehren und des Kaisers Frömmigkeit ausnutzen. Derart +müsse man seine Gottesfurcht ausnutzen, daß man ihn hetze, die seit dem +Passauer Vertrag eingezogenen Kirchengüter zurückzuverlangen; so werde +er sich alle protestantischen Fürsten auf immer zu Feinden machen. +Ferner müsse man seine Frömmigkeit dadurch ausnutzen, daß man wegen der +üblen Führung des Kriegsvolks sein Gewissen rühre und sein Mitleid +reize. Alsdann solle Frankreich ein großes Heer nach Deutschland +schicken, Gewalt brauchen, wo Gewalt vonnöten und mit dem Versprechen +von Religionsfreiheit nicht sparsam sein. + +Der Papst war mit diesen Vorschlägen einverstanden, und der Kaiser wurde +langsam umgarnt. Sein Beichtvater bedeutete ihm, daß der Passauer und +der Augsburger Religionsfriede ungültig seien, weil sie ohne den Konsens +des Papstes abgeschlossen waren. Darauf erließ der Kaiser das +berüchtigte Restitutionsedikt, welches alles wieder katholisch machte, +was seit siebenundsiebzig Jahren protestantisch geworden war, und sofort +erfolgte die strengste Exekution. Obwohl die norddeutschen Protestanten +erklärten, sie würden eher Gesetz und Sitte von sich werfen und +Germanien wieder in die alte Waldwildnis verwandeln als zugeben, daß das +Edikt vollzogen werde, wurden sie durch die kaiserlichen Heere dazu +gezwungen. Fortwährend lagen die Truppen in allen Ländern der +Protestanten, mit Ausnahme Kursachsens, das noch für zu mächtig erachtet +wurde, und raubten sie aus. Jede Beschwerde wurde höhnisch abgewiesen, +und es fiel das Wort: Der Kaiser will lieber, daß die Deutschen Bettler +seien als Rebellen. + +Indessen verfolgte Wallenstein schweigend seine Entwürfe. Es kam der +Tag, wo er seine Gedanken offen aussprach: »Man braucht keine Fürsten +und Kurfürsten mehr. Jetzo ist es Zeit, daß man ihnen das Gasthütel +abzieht. In Deutschland soll nur der Kaiser allein Herr sein.« Diese +Sprache klang der deutschen Fürstenaristokratie furchtbar in die Ohren. +Wallensteins Plan war, sämtliche kleinen Reichsfürsten mit Arglist oder +mit Gewalt zu vertreiben, ihren Nachlaß zu parzellieren und an die +Offiziere seines Heeres zu verleihen. Zum Teil war dies schon geschehen. +Das neue Kaiserreich sollte sich auf den Soldatenadel stützen. + +Natürlich war der Kaiser nicht sehr geneigt, einen Mann zu entfernen, +der ein solches Machtideal für ihn verwirklichen wollte. Auf dem +Regensburger Fürstentag im Juni 1630 befand sich Ferdinand in einer +verzweifelten Lage. Die Fürsten bedrängten ihn, das über jedes Maß +angeschwollene Heer zu verringern und den unerträglichen Diktator, den +Urheber des allgemeinen Elends, zu entlassen. Weigerte sich der Kaiser, +so drohten sie, sich mit den Protestanten und mit Frankreich zu +verbünden. Auf der andern Seite erbot sich Wallenstein, die Fürsten in +Regensburg zu überrumpeln und unschädlich zu machen. Noch ganz andere +Pläne schwebten vor seinem kühnen Geist, und er wartete nur, daß der +Kaiser sie gutheiße. Er wollte für den Kaiser gegen den Papst ziehen. +Rom sei schon seit hundert Jahren nicht geplündert worden, ließ er sich +vernehmen, es müsse jetzt um vieles reicher sein. Er hatte gegen +hunderttausend Mann seines Heeres nach dem südwestlichen Deutschland +gezogen und wollte sich nicht nur gegen Frankreich und Italien, sondern +auch gegen die katholischen Fürsten Deutschlands wenden. Er und seine +Günstlinge drangen unaufhörlich in den Kaiser, daß er seine Einwilligung +zu den militärischen Operationen geben möge. Aber der Kaiser gab nicht +die Fürsten auf, wie Wallenstein es wollte, er gab Wallenstein auf, wie +die Fürsten es wollten. Dem päpstlichen Nunzius Rocci gelang es, +Ferdinand umzustimmen; es gelang ihm mit Hilfe des feinsten Diplomaten +jener Zeit, des Kapuzinerpaters Joseph, eines Mannes, der, wie sein +Begleiter Herr von Leon sagte, gar keine Seele hatte, sondern nur +Untiefen, in die ein jeder geraten müsse, der mit ihm verhandelte. Der +Kaiser unterzeichnete den Absetzungsbefehl des Friedländers und hieb +sich damit gleichzeitig die rechte Hand vom Arm. In dem Augenblick, wo +alles zu gewinnen war, gab er alles auf. Die kirchliche Politik hat nie +einen größeren Triumph gefeiert. + +Zwei alte Freunde Wallensteins, der Hofkanzler Werdenberg und der +Hofkriegsrat Westenberg, wurden beauftragt, ihm den Absetzungsbefehl zu +überbringen. Sie trafen ihn in seinem Hauptquartier in Memmingen, +anscheinend tief in astrologischen Studien, in Wirklichkeit völlig +beschäftigt mit dem Gedanken an die Überrumpelung der deutschen Fürsten. +Er empfing und bewirtete die kaiserlichen Räte prächtig. Lange Zeit +wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen, die Herren trauten sich +nicht mit der Sprache heraus. Da nahm Wallenstein einige Papiere vom +Tisch und sagte: »Diese Dokumente enthalten des Kaisers und des +Kurfürsten von Bayern Nativität. Aus ihnen könnt Ihr sehen, daß ich +Euren Auftrag kenne. Die Sterne zeigen, daß der Spiritus des Kurfürsten +den des Kaisers dominiert. Aus dieser Ursach messe ich dem Kaiser keine +Schuld bei. Es tut mir weh, daß kaiserliche Majestät mit Abdankung der +Truppen den edelsten Stein aus seiner Krone wegwirft, es tut mir weh, +daß kaiserliche Majestät sich meiner so wenig angenommen hat, aber +Gehorsam will ich leisten.« + +Wallenstein zog sich nun nach Gitschin, der Hauptstadt seines Herzogtums +Friedland, in die Einsamkeit zurück. Von seinem Heere wurden dreißig +Regimenter abgedankt, der Rest vereinigte sich mit Tilly. + + * * * * * + +Es erhob sich aber jetzt für den gefährdeten Protestantismus ein Retter +in der Person Gustav Adolfs von Schweden, der Schneemajestät, wie ihn +die Herren in Wien nannten, die freilich noch nicht wußten, was für +Hitze ihnen dieser Eiskönig machen würde. Bei den Protestanten hieß er +wegen seines blonden Haares und Bartes der Goldkönig, auch den Löwen aus +Mitternacht hießen sie ihn in ihrer gläubigen Hoffnung. + +Gustav Adolf war von ungewöhnlich hohem Wuchs, starkem Knochenbau und +großer Wohlbeleibtheit, so daß nur ein starkes Pferd ihn zu tragen +vermochte. Seine graublauen Augen blickten unter der weiten Stirn mit +freundlichem Ausdruck. Seine Haltung und sein Anstand waren echt +fürstlich, seine ganze Erscheinung trug das Gepräge der Zuversicht und +Offenheit, und seine wohltönende Stimme flößte Vertrauen ein. Er übte +große Macht über die Gemüter, seine Zunge war beredt, und seine +Unterhaltung voll Anmut und Leutseligkeit. Er liebte die Wissenschaften, +sein Lieblingsbuch war das Buch vom Krieg und Frieden von Hugo Grotius, +das er immer mit sich führte. Seit seiner Jugend hatte nur der Krieg für +ihn Reiz, er war zum Helden und zum Herrscher geboren. Er war fromm und +gottesfürchtig, aber er war auch klug; seine Diplomatie hielt gleichen +Schritt mit seiner Heldenschaft. Seine Geschäftsleute wurden hoch +bezahlt, ein Netz von schwedischen Gesandten und Spionen war über die +europäischen Höfe verbreitet, und sein Kabinett war durch seine +undurchdringliche Verschwiegenheit so ausgezeichnet, daß die +französischen Gesandten beständig darüber klagten, nie hinter die +eigentlichen Absichten der Schweden kommen zu können. Fremden Ministern +und Offizieren ließ Gustav, wenn sie in sein Lager zu Unterhandlungen +kamen, ihre Geheimnisse beim Wein entlocken, wozu meist ein schottischer +Oberst verwendet wurde, der übermäßig viel vertragen konnte und dabei +doch den Verstand bewahrte. + +Mit bloß vierzehntausend Mann kam Gustav Adolf nach Deutschland; die +kaiserliche Macht war wenigstens doppelt so stark. Aber er hatte viel +Zulauf von Wallensteins entlassener Armada, und er verließ sich auf die +Sympathie im Volke; in allen Städten, die er durchzog, blies man von +den Türmen: nun kommt der Heiden Heiland. Er nahm Stettin ein, rief die +Mecklenburger von Wallenstein ab und zum Gehorsam gegen die alten +Herzöge zurück, erstürmte Frankfurt an der Oder, bemühte sich, freilich +vergebens, ein Bündnis zwischen den Kurfürsten von Sachsen und +Brandenburg zu erwirken, und sandte, da Magdeburg in großer Not war, +einen der Obersten seiner vierzig deutschen Kompanien, Herrn Dietrich +von Falkenberg, in die belagerte Stadt. Falkenberg, ein sehr tapferer +Edelmann, verkleidete sich als Schiffer und schlich durch Pappenheims +Scharen in die Stadt, wo er alsbald den Kommandantenposten übernahm. +Pappenheim machte den Versuch, ihn durch das Anerbieten einer großen +Summe zu bestechen, er aber erwiderte: »Braucht der Pappenheim einen +Schelmen, so mag er ihn im eigenen Busen suchen.« + +Aber die Stadt war nicht zu halten. Tilly war mit dreißigtausend Mann +vor den Mauern angelangt und eroberte alle Außenwerke, doch hatte er +erfahren, daß der Schwedenkönig in der Nähe stehe, und wollte deshalb +die Belagerung aufheben. Nur Pappenheim bestand im Kriegsrat auf einer +Bestürmung. Am folgenden Tag fiel die Stadt. Pappenheim wurde ihr +Mordbrenner. Um die Feinde zu vertreiben hatte er einige Häuser in Brand +stecken lassen, der Wind blies in die Flammen, die nun alles ergriffen. +Zornig darüber, daß ihnen die Feuersbrunst die erhoffte Beute entzog, +schlugen die kaiserlichen Truppen jeden tot, der ihnen in den Weg kam. +Einige ligistische Offiziere, empört über das teuflische Wüten der +Kroaten, Ungarn und Wallonen, traten vor Tilly und baten ihn, er möge +dem Gemetzel Einhalt tun. Mit finsterem Gesicht antwortete ihnen Tilly: +»Drei Stunden Plünderung ist Kriegsregel. Der Soldat will für Müh und +Gefahr etwas haben.« Pappenheim schrieb nach München: »Magdeburgs +Jungfrauschaft ist weg. Wir haben es mit stürmender Hand erobert, den +Bischof habe ich gefangen, Falkenberg ist niedergehaut samt allen +Bürgern, so in der Wehr gewesen. Was sich von den Menschen in die Keller +oder Böden versteckt hatte, ist alles verbrannt. Ich halt, es seien über +zwanzigtausend Menschen draufgegangen und ist gewiß seit der Zerstörung +Jerusalems kein greulicheres Werk und Straf Gottes gesehen worden.« An +den Kaiser nach Wien schrieb er: »Es ist mir und meinen rätlichen +Spießgesellen bei dieser wunderbaren Viktori nichts abgegangen, als daß +wir nit Eure kaiserliche Majestät und dero kaiserliches Frauenzimmer als +Zuschauer gehabt.« + +Das war die magdeburgische Hochzeit, wie die kaiserliche Soldateska es +nannte. Der Dom war von den Flammen verschont geblieben, in ihm wurde +Messe gelesen und das Tedeum gesungen. + +Das Kriegsvolk aber sang: + + »Magdeburg, du stolze Magd, + Hast dem Kaiser den Tanz versagt, + Jetzt tanze mit dem alten Knecht, + Geschieht dir eben recht.« + +Gustav Adolf hatte nichts zum Entsatz Magdeburgs wagen wollen; in einer +Schutzschrift wälzte er die Schuld auf die beiden Kurfürsten. Endlich +rückte er vor Berlin und forderte eine bestimmte Erklärung. Der Kurfürst +Georg Wilhelm war sein Schwager, aber er war ganz in den Händen seines +Ministers, des Grafen Schwarzenberg, und dieser stand im Solde der +Jesuiten. Der Kurfürst wollte stille sitzen und bangte davor, Land und +Leute zu verlieren, und er fürchtete die Übermacht des Kaisers. Gustav +Adolf zwang ihn jedoch, in sein Lager zu kommen, die Allianz zu +unterzeichnen, und besetzte dann Berlin und Spandau. Darauf zog er +südwärts dem alten Tilly entgegen, und in jenen Herzfeldern +Deutschlands, bei Leipzig, wo mehrmals die deutschen Geschicke +ausgekämpft worden sind, sollte nun die Entscheidung fallen. + +Tilly hatte sein Hauptquartier in einem abgelegenen Hause vor Leipzig, +er merkte erst nachher, daß es des Totengräbers Haus gewesen. Er hatte +seine Befehle in einem Zimmer ausgefertigt, in dem sich lauter Pyramiden +von Totenschädeln und Gebeinen befanden. Eine düstere Ahnung ergriff +ihn, selbst Pappenheim erbleichte. + +Am Morgen des Schlachttages schickte Tilly den Pappenheimer mit +zweitausend Kürassieren aus, damit er rekognosziere. Aber der hitzige +Mann ließ sich in ein Gefecht ein, und um ihn zu retten mußte Tilly +seine ganze Streitmacht entfalten. Seine Völker trugen weiße Bänder auf +Helmen und Hüten und weiße Binden um den Arm; er selbst kommandierte in +einem sonderbaren Kostüm, in einem grünseidenen Schlafrock; auf dem +Kopf hatte er ein Barett mit bunten Federn, und er ritt seinen kleinen +Schimmel. + +Der Schwedenkönig entwickelte sein ganzes Kriegsgenie und zeigte die +Überlegenheit seines leichten Fußvolks. Er machte gegen die andrängenden +Kaiserlichen Front, wendete sich mit der Spitze seiner Kolonne gegen die +Hügel, wo ihre Geschütze standen, und beschoß Tilly mit seinen eigenen +Kanonen. Die Reiterei wurde aus dem Feld geschlagen, das Fußvolk floh, +und nur fünf Wallonenregimenter schlugen sich mit ihrem alten Vater +Tilly unter dem Schutze der Nacht in geschlossener Ordnung durch. Tilly +starrte vor sich hin, die Augen voll von Tränen. Er hatte schon drei +Streifschüsse. In Halle traf er den Pappenheimer, der wieder mit +höchster Bravur gefochten und vierzehn Schweden teils niedergehauen, +teils, weil ihm das Schwert zerbrochen war, wie ein Bär in seinen Armen +erdrückt hatte. Die Schweden erbeuteten das ganze kaiserliche Lager, +alles Geschütz und über hundert Fahnen. + +Jetzt trat in Wien eine andere Stimmung ein; die Hofschranzen und +Weiber, Jesuiten und Kapuziner vermaßen sich nicht mehr, das »neue +Feinderl«, wie sie Gustav Adolf nannten, mit Ruten über die Ostsee +hineinzupeitschen oder das Schneeköniglein zerrinnen zu sehen, wenn es +sich dem Süden näherte. Der Sieg Gustav Adolfs war ein zermalmender +Schlag für den Kaiser und die Katholiken. Der König Sigismund von Polen +jammerte, er könne gar nicht begreifen, warum unser Herrgott lutherisch +geworden sei. Angst und Bedrücktheit wuchsen, als der Schwede durch die +»Pfaffengasse« ins Reich zog, Erfurt, Würzburg, Hanau und Frankfurt +nahm, die Pfalz befreite, mit Bayern unterhandelte, Augsburg eroberte +und mit suveräner Macht jeden Widerstand zerbrach. + +Im Mai des Jahres 1632 hielt er seinen Einzug in München, und in seiner +Begleitung befand sich der vertriebene Böhmenkönig. Das Pfingstfest +feierte er in Augsburg; eine Chronik erzählt davon also: »Am heiligen +Pfingsttag wohnte der König dem öffentlichen Gottesdienst nicht bei, +sondern ließ sich von seinem Hofprediger Doktor Fabricius in seinem +Kabinett predigen. Abends aber bei der Tafel bekam er jählingen Lust zu +tanzen, dahero denn sogleich Anstalt gemacht worden, daß die +Geschlechterstöchter in den Fuggerschen Häusern erschienen, mit welchen +sich sowohl der König wie die anwesenden fürstlichen Personen etliche +Stunden lang mit englischen und deutschen Tänzen erlustiget.« Gustav +Adolf war ein großer Frauenfreund; er wollte eine schöne Augsburgerin +küssen; sie hieß Jakobine Lauber und gefiel ihm sehr, aber sie wehrte +sich und riß dem König die Halskrause ab. + +In diese friedlichen Tage hinein fiel die Nachricht, daß Wallenstein +gegen den König von Schweden heranziehe. + + * * * * * + +In stolzer Ruhe hatte Wallenstein in Gitschin und in Prag gelebt. Schon +von Memmingen aus hatte er für sein neues Schloß Sorge getragen und an +seinen Landeshauptmann geschrieben: »Seht, daß die zwei Kapellen, meine +und meines Weibes, heuer fertig werden; laßt die Altäre darin machen, +wie auch die fünf Altäre in der Kirche verfertigen, daß ich daselbst den +Gottesdienst verrichten könne. So seht ebenmäßig, daß alle Zimmer fertig +werden und mit schönen Bildern versehen, denn in diesem verlasse ich +mich allein auf Euch. So werdet Ihr auch sehen, daß der Garten +verfertigt wird und viel Fontanen daselbst gemacht. Die Loggia laßt +geschwind mit Zwerchgewölben und #lavor di stucco# zieren. Sagt dem +Baumeister, daß gleich in der Mitte auf dem Platz vor der Loggia muß +eine mächtige Fontana sein, dahin alles Wasser laufen wird, alsdann aus +derselben, daß sich das Wasser auf die rechte und linke Hand teilt, und +die andern Fontanen laufen macht. Ich vermeine Mitte Oktober zu Gitschin +zu sein und daselbst zu verbleiben; dahero seht, daß das Gebäu fertig +und die Zimmer mit Damast, Sammet und goldenen Ledern ausgeputzt und +möbliert werden. Laßt mir auch bittern Wermutmost anmachen, der #dulce +picante# ist, auf daß ich ihn kann desto ehender haben. Laßt alle Ställe +verfertigen wie auch den Tummelplatz und das Ballhaus.« + +In Prag lebte Wallenstein mit königlichem Aufwand, aber für seine +Person, wie im Lager, in der tiefsten Abgeschiedenheit. Für den Palast, +den er auf der Kleinseite hatte bauen lassen, waren hundert Häuser +niedergerissen worden, um Platz zu gewinnen. Alle Straßen, die die +Zugänge bildeten, waren mit Ketten gesperrt. Sechs Portale führten zu +dem Palast; im Schloßhof stand eine Leibwache von fünfzig aufs reichste +gekleideten Hellebardieren. Sein Hofstaat zählte an tausend Personen. +Graf Paul Liechtenstein stand als Oberhofmeister an der Spitze, ein Graf +Harrach war Oberstkämmerer, ein Graf Hardegg Oberststallmeister. +Vierundzwanzig Kammerherren bedienten des Friedländers Durchlaucht, +trugen, wie die des Kaisers, die goldenen Schlüssel, und sechzig +Edelknaben aus den vornehmsten Häusern waren um ihn, alle in hellblauen +Samt mit Gold gekleidet. Auch lebten viele seiner ehemaligen Offiziere +bei ihm, denen er Löhnung und freie Tafel gab. Jede Mahlzeit bestand aus +hundert Schüsseln. In den Marmorställen fraßen über tausend Pferde aus +marmornen Krippen, und wenn er reiste, geschah es nicht anders als in +fünfzig vierspännigen Wagen. Im Festsaal des Prager Palastes hatte er +sich als Triumphator malen lassen, von vier Sonnenrossen gezogen, einen +Stern über dem lorbeerbekränzten Haupt. Die langen Zimmerreihen waren +mit astrologischen und mythologischen Figuren geschmückt. Aus einem +Rundgemach führte eine geheime Treppe in eine Badegrotte aus künstlichem +Tropfstein. Aus dieser Grotte trat man in eine hohe Säulenhalle und von +da in den Garten mit seinen Fontänen und fischreichen Kanälen. + +Wallensteins Vermögen war für jene Zeit ungeheuer. Man hat seine +Jahreseinkünfte auf sechs Millionen Gulden geschätzt; er zog sie teils +aus den Kapitalien, die er in den Banken von Venedig und Amsterdam +liegen hatte, teils aus den böhmischen und mährischen Gütern und dem +Fürstentum Sagan. Unausgesetzt erließ er einsichtsvolle Verfügungen für +seinen Besitz, suchte die Jesuiten durch große Stiftungen beim Guten zu +erhalten und berief tüchtige Männer in seinen Dienst. Aber er verkehrte +nur mit sehr wenigen Personen; es lebte der italienische Astrolog Seni +bei ihm, mit dem er viele Nächte in eifrigen Studien verbrachte, und +seine einzigen Vertrauten waren sein Schwager Adam Terzka und dessen +Mutter, die ihm wegen ihrer hohen Klugheit ganz besonders wert war. +Seine Gesundheit hatte durch die Kriegsstrapazen gelitten, er mußte +mäßig leben, und da er vom Podagra geplagt wurde, konnte er nur auf +einen indischen Rohrstock gestützt gehen. + + * * * * * + +Ununterbrochen hatte der Kaiserhof mit Wallenstein korrespondiert. Nach +der furchtbaren Leipziger Schlacht mußte man daran denken, einen Mann +wieder zu gewinnen, dessen Kredit bei der Soldateska ohnegleichen war, +und so wurde Questenberg nach Prag geschickt, um mit Wallenstein wegen +Wiederannahme des Kommandos zu verhandeln. Wallenstein lehnte ab. Darauf +ging Prag fast ohne Schwertstreich verloren. Don Balthasar Maradas zog +mit den Truppen ab, um sie in Sicherheit zu bringen, hatte aber zuvor +Wallenstein um Rat fragen lassen; dieser hatte erwidert, er habe kein +Kommando mehr, Maradas möge tun, was er wolle. Darauf verließ er Prag, +zog nach Gitschin und schickte seine Frau und seinen Vetter Max nach +Wien. Max ward nun vom Kaiser mit einem beweglichen Schreiben an +Wallenstein zurückgeschickt; Ferdinand flehte, er möge ihn doch in der +gegenwärtigen Not nicht im Stiche lassen. Das war es, was Wallenstein +wollte. Er begab sich nun nach Znaim, um mit dem Kaiser weiter zu +unterhandeln. Er bequemte sich, das Kommando wieder zu übernehmen, aber +vorerst nur auf drei Monate. Man drang immer mehr in ihn, und so +entschloß er sich endlich, den Oberbefehl ohne Zeitbestimmung zu +übernehmen, aber #»in absolutissima forma«#. Weder der Kaiser noch sein +Sohn sollten bei der Armee etwas zu schaffen haben; zwei Artikel des +Vertrags gaben Wallenstein unbeschränkte Macht, die Güter rebellischer +Reichsstände einzuziehen, und wen er für schuldig erachte, zu begnaden +oder zu bestrafen. Ausdrücklich war bedungen, daß weder der +Reichshofrat, noch das Kammergericht, noch der Kaiser selbst in solchen +Dingen das geringste einreden dürfe. All das liefert den Beweis, daß +Wallenstein mit ungebrochenem Willen auf sein altes Ziel losging. Als +#»ordinari recompens«# verlangte er kaiserliche Assekuration auf ein +österreichisches Erbland und als #»extra ordinari recompens«# die +Oberlehensherrschaft in den eroberten Ländern. + +Der Vertrag wurde in demselben Monat unterschrieben, in welchem Tilly am +Lech gefallen war. Seine Bedingungen sind von so außerordentlicher Art, +daß sie in der Weltgeschichte ohne Beispiel dastehen. Nur ein so +phantastischer Mann wie Wallenstein konnte sich einbilden, daß er das +Seil ohne Gefahr so straff spannen könne. Nur ein Charakter so voll +Fatum konnte ohne Erbeben ein Schicksal auf sich nehmen, das jede +Erwartung heuchlerisch erfüllt. + +Wenige Monate vergingen, und Wallenstein hatte wieder ein neues Heer +von zweihundertvierzehn Schwadronen Reiterei, hundertzwanzig Kompanien +Fußvolk nebst vierundvierzig Kanonen. Sofort säuberte er Prag und Böhmen +von den Sachsen und vereinte sich in Eger mit dem Herzog von Bayern, der +ihn vordem gestürzt hatte und ihn jetzt als Kriegsherrn anerkennen +mußte. Beide zogen gen Nürnberg, wo der Schwedenkönig sich verschanzt +hatte. Wallenstein besetzte die Anhöhen des Altenbergs und verschanzte +sich gleichfalls. Sein Plan war, keine Schlacht zu liefern; er wollte +Gustav Adolf zeigen, daß er schlagen oder auch nicht schlagen könne, wie +es ihm beliebe. Monatelang stand Wallenstein wie eingefroren. Ringsumher +begannen Hunger und Elend zu wüten. Gustav Adolf mußte kämpfen oder +weichen. Er versuchte einen Sturm auf Wallensteins Linien, der mißlang +aber gänzlich. Von diesem Tag an verlor er seinen frohen Mut und erhielt +ihn nicht wieder. Er ließ Wallenstein Friedensvorschläge machen, aber +noch ehe die Antwort kam, gab er sein Lager auf. Er zog an Wallenstein +vorbei, der unbeweglich blieb, zog an die Donau und dann, dem Hilferuf +des Kurfürsten von Sachsen folgend, an die Saale. Auch Wallenstein +setzte sich jetzt in Bewegung; er ließ sein Lager anzünden, das +anderthalb Meilen im Umfang gehabt hatte. Sein Heer war ein wandernder +Raubstaat. Überall wurden die Herden weggetrieben, die Obstbäume +umgehauen und die Dörfer verbrannt. + +Wieder in den Feldern bei Leipzig trafen sich die Heere. Wallenstein +hatte an Pappenheim geschrieben: »Der Feind marschiert hereinwärts, der +Herr lasse alles stehen und liegen und incaminiere sich herzu mit allem +Volk und Stücken, auf daß Er sich morgen früh bei uns befinde.« Dieser +Befehl ist noch im Wiener Archiv aufbewahrt; er ist getränkt mit dem +Blute Pappenheims, der am Tag von Lützen fiel. + +Wallenstein ließ am Schlachtmorgen die Generale und Obersten an seinen +Wagen kommen, um die Befehle zu erteilen, dann erst bestieg er sein +Schlachtroß, aber die Steigbügel mußten mit seidenen Tüchern umwunden +werden, da ihm die Füße schmerzten. Auf dem ganzen Gefild lag dichter +Nebel. Gustav Adolf hatte ebenfalls sein Leibroß bestiegen und redete +einzeln zu vielen Leuten seines Heeres. Dann ließ er zum hellen Schall +der Trompeten und Pauken: »Eine feste Burg ist unser Gott« und jenes +andere, sein Lieblingslied, anstimmen: »Verzage nicht, du Häuflein +klein, obgleich die Feinde willens sein, dich gänzlich zu zerstören«. + +Die Schlacht begann. Nach dreistündiger Bemühung wurden mehrere der +wallensteinschen Vierecke durch die schwedische Infanterie zersprengt. +Da gewahrte der König die schwarzen Kürassiere Wallensteins mit dem in +blanker Rüstung davor haltenden Oberst Piccolomini. Er befahl dem +finnischen Reiterregiment, sie anzugreifen, erhielt aber die Nachricht, +daß sein Fußvolk wieder zum Weichen gebracht worden sei. Sogleich eilte +er an der Spitze des smaländischen Regiments zu Hilfe. Dem rasch +Voransprengenden konnten nur wenige folgen. Auf einmal befand er sich +mitten unter den schwarzen Reitern. Sein Pferd wird durch den Hals +geschossen, ihm selbst zerschmettert ein Pistolenschuß den linken Arm. +Seine ersten Worte waren: »Es ist nichts, folgt mir.« Aber die Wunde war +so bedeutend, daß die Knochen aus dem Ärmel hervorstarrten. Er wandte +sich, um aus dem Getümmel zu entkommen, im selben Augenblick erhielt er +einen zweiten Pistolenschuß in den Rücken. Mit dem Seufzer: »Mein Gott, +mein Gott,« sinkt er vom Pferd, bleibt aber im Steigbügel hängen, das +Pferd schleift ihn mit sich fort. Seine Begleiter fallen oder fliehen, +nur ein Page bleibt bei ihm. Er lebt noch, der Page will nicht sagen, +daß es der König ist, er wird selbst auf den Tod verwundet. Der König +wird seiner goldenen Halskette beraubt und entkleidet, er ruft endlich: +»Ich bin der König von Schweden.« Die schwarzen Kürassiere wollen ihn +fortschleppen. Da sprengt das Stenbocksche Regiment heran. Die +Kürassiere fliehen; da sie den König nicht mitnehmen können, +durchschießen sie ihm den Kopf und durchstechen ihm den Leib mit vielen +Stichen. Er sinkt zur Erde, der Hufschlag der Rosse braust über den +Leichnam dahin. + +Der verwundete, blutbedeckte, reiterlose Schimmel des Königs +verkündigte, an der schwedischen Front entlang jagend, das geschehene +Unglück. Zuerst entmutigt, dann in ihrem Schmerz zur Rache angespornt, +griffen die Schweden neuerdings an, und wäre jetzt nicht Pappenheim mit +vier frischen Regimentern auf dem Walplatz erschienen, so hätte der +heldenhafte Bernhard von Weimar schon um die dritte Nachmittagsstunde +gesiegt. So begann die Schlacht von neuem, aber auch Pappenheim erlag +vor der unwiderstehlichen Gewalt des jungen Bernhard. Das kaiserliche +Heer ergriff die Flucht. Wallenstein schlug in Prag seine +Winterquartiere auf und ließ viele Offiziere hinrichten, weil durch sie, +wie er sich ausdrückte, die kaiserlichen Waffen unauslöschlichen Spott +erlitten hätten. In Böhmen sollte sich sein dunkles Schicksal erfüllen; +ihm war nicht der Heldentod auf dem Schlachtfeld beschieden. + +Am anderen Morgen suchten die Schweden unter den zahllosen Leichen des +Schlachtfeldes die edelste Leiche, die des Königs. Man fand sie, nackt +ausgezogen, vor Blut und Hufschlägen kaum erkennbar, mit neun Wunden +bedeckt, unfern des großen Steins, der jetzt noch der Schwedenstein +heißt. An der Leiche schworen die Soldaten dem Herzog Bernhard, ihm zu +folgen bis ans Ende der Welt. + +Der unerwartete Tod Gustav Adolfs erregte ganz Europa. Der Kaiser ließ +in allen Kirchen Dankgebete singen, als wenn er den glorreichsten Sieg +erfochten hätte, und er weinte beim Anblick des blutigen Kollers mit den +Schußöffnungen im linken Ärmel, das der König in der Schlacht getragen +hatte. In Madrid wurden Freudenfeste veranstaltet und der Tod des Königs +zum Ergötzen aller Gläubigen im Schauspiel dargestellt. Der Papst, der +es im stillen recht gern gesehen hatte, daß dem Kaiser ein Bedränger +aufgestanden war, ließ eine Messe lesen. Den vertriebenen Winterkönig +rührte bei der Nachricht vor Schrecken der Schlag, und er starb, +sechsunddreißig Jahre alt; er hinterließ dreizehn unmündige Kinder, mit +denen Eleonora, sein Weib, fast dreißig Jahre lang ohne Heimat und oft +ohne Geld umherirren mußte, verfolgt von mancher abenteuerlichen Liebe +und von blutgierigem Haß. + + * * * * * + +Während der schwedische Kanzler Oxenstjerna, der nach dem Tode des +Königs an die Spitze der Geschäfte trat, mit Sachsen und Brandenburg +unterhandelte, während Herzog Bernhard Franken zurückeroberte und sich +am Oberrhein festsetzte und der Feldmarschall Horn die in Deutschland +zerstreuten kaiserlichen Truppen aus dem Felde schlug, blieb Wallenstein +ruhig in seinem Winterquartier und vermehrte sein Heer. Erst Mitte Mai +brach er auf, zog nach Schlesien, gewann es dem Kaiser wieder, schloß +aber bald einen Waffenstillstand mit dem sächsischen General Armin, der +in Schlesien kommandierte. Derselbe auffällige Waffenstillstand wurde +einige Wochen später erneuert. Es war der Plan Wallensteins wie auch der +beiden Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, eine dritte Macht im +Reich herzustellen, eine Mittelmacht zwischen dem Kaiser und den +Schweden. Es lief damals das Gerücht, daß alle Ausgewanderten ihre Güter +zurückerhalten, die Jesuiten aus dem Reich verjagt werden und den +Schweden ihre Kriegskosten ersetzt werden sollten; auch hieß es, daß +Wallenstein in dem geheimen Vertrag mit Kursachsen für sich selbst die +Krone von Böhmen ausbedungen habe. Gewiß ist, daß Wallenstein +gleichzeitig mit Frankreich unterhandelte und zwar über die Krone +Böhmen. Der Kardinal Richelieu, der in den deutschen Angelegenheiten +festen Fuß gefaßt hatte, ließ ihm seinen Beistand, eine Million Livre +jährlich und die Krone anbieten, wenn er vom Kaiser abfallen wolle. Aber +der Botschafter Feuquières brach die Unterhandlungen ab, weil er der +Ansicht war, Wallenstein wolle ihn nur hinters Licht führen und die +Feinde des Kaisers gegeneinander hetzen. Auch mit den Schweden und mit +dem Herzog Bernhard trat er ins Einvernehmen. Das Mißtrauen am Wiener +Hof wurde zur Spannung, als er sich weigerte, dem Herzog von Bayern +gegen Bernhard von Weimar zu Hilfe zu ziehen. Er führte das Heer aus +Schlesien in die Winterquartiere und schickte von Pilsen aus ein +Schreiben nach Wien, worin er seine Obristen ihr Gutachten abgeben ließ, +daß ein Kriegszug in dieser Jahreszeit untunlich sei. + +Seit Gustav Adolfs Tode war dem Kaiser der mit Wallenstein +abgeschlossene Vertrag immer lästiger geworden. Er klagte laut, daß er +gleichsam einen Mitkönig habe und keine freien Dispositionen mehr in +seinem eigenen Lande. Das Wiener Kabinett brach den Verkehr mit +Wallenstein ab, weil die Notwendigkeit drängte, dem Herzog Bernhard in +Süddeutschland entgegenzutreten. Da Wallenstein sich weigerte, dies zu +tun, wurde der Herzog von Feria aus Italien gerufen, und Johann +Altringer, einer von den Generalen Wallensteins, erhielt den Befehl, +sich mit dem Herzog zu vereinigen. Altringer schwankte erst, aber nach +dem Tode Ferias ließ er sich vom Wiener Hof gewinnen. Voll Zorn +zitierte ihn Wallenstein vor sich, Altringer verweigerte den Gehorsam. +Nun beschloß Wallenstein, um nicht zum zweitenmal abgesetzt zu werden, +den Oberbefehl freiwillig niederzulegen, wollte sich jedoch +sicherstellen, daß die Zusagen erfüllt würden, die man ihm gemacht +hatte. Deshalb versammelte er alle in Böhmen, Mähren und Schlesien +stehenden Generale und Obristen in seinem Feldlager zu Pilsen. Dort gab +ihnen der Feldmarschall Illo ein Bankett, bei dem die Herren schließlich +so betrunken waren, daß sie Stühle und Bänke, Ofen und Fenster +zerschlugen. Illo und Graf Terzka, die sich mit Wallenstein verabredet, +stellten ihnen beweglich vor, daß der Oberfeldherr wegen der vom Wiener +Hofe erfahrenen Unbill genötigt sei, das Kommando niederzulegen. Diese +unerwartete Nachricht bestürzte die Offiziere nicht wenig. Sie alle +hatten auf Wallensteins Wort und in der Hoffnung, von ihm entschädigt zu +werden, ihre Regimenter auf eigene Rechnung angeworben und ihr Vermögen +zugesetzt; wenn Wallenstein fiel, drohte ihnen der Ruin. Zu ihrer +Sicherstellung wurde ihnen jetzt ein Revers vorgelegt, und darin wurde +der Kaiser, obwohl er nicht genannt war, hart angeklagt. Nach der +flehentlichen Bitte an Wallenstein verpflichteten sich die Generale und +Obristen, mit Gut und Blut für ihren Feldherrn einzustehen, sich auf +keinerlei Weise von ihm trennen zu lassen, seinen Vorteil nach +Möglichkeit zu befördern und seine Feinde zu verfolgen. + +Vierzig Generale und Obristen unterzeichneten das merkwürdige +Schriftstück. Es befand sich aber in ihrer Mitte auch der Verräter +Piccolomini, der an der Spitze der italienischen Partei stand, und diese +Partei war mit den Jesuiten im Bunde, um den Friedländer zu stürzen. +Wallenstein aber hegte ein unbedingtes Vertrauen gegen Piccolomini, denn +er glaubte aus den Sternen gelesen zu haben, daß er sich auf ihn +verlassen dürfe. Piccolomini berichtete den Inhalt des Reverses nach +Wien und klagte Wallenstein einer gefährlichen Verschwörung an. Zudem +teilte der Herzog von Savoyen den Inhalt der Verhandlungen mit, die +Wallenstein mit dem französischen Hofe gepflogen hatte. Man beschuldigte +Wallenstein der verwegensten Pläne. Es hieß, er habe geäußert: »Ich +dulde Gott nicht, viel weniger werde ich Ferdinand dulden.« Der +spanische Botschafter sagte: »Wozu zaudern? Ein Dolchstoß macht der +Sache ein Ende.« Ferdinand sah sich gedrängt, nicht nur die zweite +Absetzung Wallensteins auszusprechen, sondern auch den Mann, der ihm die +Monarchie gerettet hatte, der äußersten Rache seiner Feinde +preiszugeben. Niedriger Eigennutz war der stärkste Beweggrund der mit +aller Hast herbeigeführten Katastrophe, denn als die Absetzung noch +tiefes Geheimnis war, stritten sich die Herren mit Erbitterung und bis +zum Zweikampf über die Teilung der Beute, der Güter, der Häuser, der +Gärten, ja der Wagen und Pferde Wallensteins und riefen mit schamloser +Stirne sogar den Hof selbst zum Schiedsrichter bei ihren Zwistigkeiten +an. + +Der Hof seinerseits verfuhr gegen den gefährlichen Gegner ungemein +verschlagen. Er schickte einen Erlaß an die Befehlshaber der +Wallensteinschen Armee, worin die Absetzung des Generalobristfeldhauptmanns +vorsichtig angedeutet war, die Offiziere ihrer Verpflichtung entbunden +wurden, ihnen für den Fehltritt bei dem Pilsner Bankett mit Ausnahme +zweier Rädelsführer Verzeihung zugesichert und der Fortbestand des +kaiserlichen Wohlwollens gelobt wurde. Aber wochenlang nach diesem Erlaß +korrespondierte der Kaiser scheinbar ganz harmlos mit Wallenstein über +amtliche Geschäfte, nannte ihn nach wie vor »hochgeborner lieber Oheim +und Fürst« und versicherte ihn mit der gewöhnlichen Courtoisie seiner +Huld und Gnade. + +Unterdessen wurden die Generale und Obristen einzeln nacheinander und im +Geheimen gewonnen. Die Italiener, Spanier und Wallonen waren bald +willig, die Deutschen, Böhmen, Mährer und Schlesier waren dem +Friedländer treu, und man traute ihnen in Wien trotz der gewährten +Amnestie nicht. Nach einem Monat erging ein zweites kaiserliches Mandat, +das schon eine deutlichere Sprache führte und nicht nur an die +Befehlshaber, sondern auch an alle gemeinen Soldaten gerichtet war. Es +sprach davon, daß ihnen männiglich wohl bekannt sein werde, wie er, der +Kaiser, seinen gewesenen Feldhauptmann von Friedland mit allerhand +Guttaten, Gnaden, Freiheiten, Hoheiten und Dignitäten, als nicht bald +bei einem Menschen seines Standes gleich geschehe, begabt und geziert +habe; welchergestalt aber derselbe aus boshaftem Gemüt und ohne Zweifel +längst gefaßtem Vorsatz eine Konspiration wider ihn und sein Haus +angesponnen und durch Verkleinerung der kaiserlichen Person und +eigensinnige Ausdeutung seiner Macht in der kaiserlichen Armada zugetane +Obristen verführt habe. Der Kaiser erklärt, er habe gewisse Nachrichten +erlangt, daß Wallenstein ihn und sein Haus gänzlich auszurotten sich +vernehmen lassen und sich äußersten Fleißes bemühet habe, solche +meineidige Treulosigkeit und barbarische Tyrannei zu vollziehen, +dergleichen nicht gehört, noch #in scriptis# zu finden sei. + +Wallenstein erfuhr erst, woran er war, als Gallas, Altringer, Maradas, +Piccolomini und Colloredo Ordonnanzen erließen, welche den Obristen +untersagten, künftig noch Befehle von Wallenstein, Illo oder Terzka +anzunehmen. Die Obristen erhielten die Weisung, gegen Prag zu ziehen, um +sich der Hauptstadt des Landes zu versichern. Wallenstein ließ nun in +Pilsen eine feierliche Erklärung ausstellen, daß der frühere Revers +nicht das geringste gegen den Kaiser und die Religion bedeutet hätte. Er +befahl seinen Truppen, ebenfalls nach Prag zu ziehen, schickte aber zwei +Offiziere an den Kaiser mit einem Handschreiben, in welchem er sich +erbot, sich nach Danzig oder Hamburg zu begeben; er wünsche nur seine +#ducadi,# seine Herzogtümer, zu behalten. + +Aber gerade jene #ducadi# wollte man sehr gerne in Wien, das wußte +Wallenstein recht wohl. Er beschloß daher, sich in Verfassung zu setzen, +auf alle Fälle, nur nicht auf den Fall, den er keineswegs voraussehen +konnte, da er gegen alle Berechnung war. In seiner tiefen Not wandte er +sich jetzt ernstlich an den Herzog Bernhard von Weimar und ließ ihn +auffordern, nach Böhmen zu kommen. Herzog Bernhard traute nicht. Er +rief aus: »Wer an Gott nicht glaubt, dem kann auch der Mensch nicht +glauben.« Und doch drängte die Zeit. Wallenstein erfuhr den Abfall eines +Generals nach dem andern. Altringer entschuldigte sich von Frauenberg +aus mit Krankheit, Gallas kam nicht wieder, Diodati war heimlich +durchgegangen, dreizehn Kuriere flogen nach Regensburg und zurück, +endlich machte sich Herzog Bernhard langsam auf den Weg. Wallenstein +hatte sich nach Prag begeben wollen, der Abfall der Generale hatte den +Plan vereitelt; auch den Vorsatz, nach Zittau zu marschieren, mußte er +aufgeben; der dritte Ort, den er wählte, um sich mit den Schweden in +Verbindung zu setzen, war Eger. + +Am 22. Februar 1634 morgens gegen zehn Uhr verließ er Pilsen und zog am +24. nachmittags zwischen vier und fünf Uhr in Eger ein. In seiner +Begleitung befanden sich Illo und Terzka mit fünf Kompanien Kürassieren, +fünf Kompanien vom altsächsischen Regiment zu Pferd, die unterwegs +abfielen und nach Prag marschierten, und zweihundert Mann Fußvolk. Bevor +er das erste Nachtquartier erreicht hatte, stieß Oberst Butler mit acht +Kompanien Dragoner zu ihm. + +Butler war ein Irländer von Geburt und Katholik. Er hatte von Pilsen aus +nach seinem Quartier in Gladrup von Wallenstein den Befehl erhalten, mit +seinem Regiment auf Prag zu rücken, – bei Todesstrafe. Schon diese +Weisung, die Pässe zu verlassen, die aus Böhmen nach der Oberpfalz +führen, hatte seinen Verdacht erregt; jetzt erhielt er die neue Weisung, +Wallenstein nach Eger zu folgen, und er mußte mit seinen Dragonern der +Sänfte des Feldherrn voranreiten. Er schrieb an Gallas und Piccolomini +über seinen wachsenden Argwohn, daß er notgedrungen mit Wallenstein +ziehe, daß er aber vielleicht aus besonderer Schickung Gottes zu diesem +Weg gezwungen werde, um eine besondere heroische Tat zu verrichten. Auf +dem letzten Marsch ließ Wallenstein Butler an seine Sänfte kommen und +entschuldigte sich, daß er bisher nicht mehr für ihn getan habe; er +versprach ihm zwei Regimenter und ein Geschenk von zweimalhunderttausend +Talern. In Eger mußte Butler mit seinen Fahnen in der Stadt bleiben, +während seinen Soldaten auf freiem Feld zu kampieren befohlen war. +Wallenstein wohnte im Haus des Bürgermeisters Bachhälbel auf dem Markt, +Terzka und Kinsky mit ihren Frauen im Hintertrakt desselben Hauses. + +Der Kommandant von Eger war der Obristleutnant in Terzkas Regiment, +Johann Gordon, ein Schotte und Kalvinist. An ihn und an den +Oberstwachtmeister Walter Lesly, ebenfalls einen Schotten, wandte sich +Butler. In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar verschworen sich diese +drei Männer in der Zitadelle bei gezückten Degen, Wallenstein sofort aus +dem Weg zu räumen. Es ward ausgemacht, daß am folgenden Abend Gordon die +Generale zu einem Faschingsschmaus auf die Burg laden solle; bei diesem +Schmaus sei die Tat zu vollbringen. Alles drängte zur Eile, schon hatte +Illo frohlockend die Kunde gegeben, daß am andern Tag die Schweden in +Eger einrücken würden. + +Am 25. Februar, es war ein Samstag, gab Graf Terzka den Offizieren ein +Gastmahl. Darnach, um sechs Uhr abends, fuhr er mit Kinsky, Illo und dem +Rittmeister Neumann in einer Kutsche zum Faschingsschmaus auf die Burg. +Man setzte sich zur Tafel und speiste und zechte lustig. Nach dem Essen +veranstalteten Gordon und Lesly, daß das Obertor der Stadt geöffnet und +hundert Mann von Butlers irischen Dragonern und ebensoviele deutsche +Soldaten in die Stadt gelassen wurden; mit ihnen verstärkte man die +Wache auf der Burg, die nun abgesperrt wurde. Unterdessen war das +Konfekt aufgetragen worden. Da erhielt Gordon ein fingiertes Schreiben, +das angeblich von Kursachsen verfaßt und nun aufgefangen war. Es stand +darin, daß der Kurfürst die Absicht Wallensteins, vom Kaiser abzufallen, +nicht billige, und daß er gesonnen sei, Wallenstein dem Kaiser +auszuliefern, wenn er ihn in seine Gewalt bekomme. Gordon reichte den +Brief Illo hinüber; dieser las ihn und schüttelte den Kopf. Auch die +andern lasen ihn, es erhob sich ein Streit; um freier reden zu können, +wurde die Dienerschaft hinausgeschickt; sie wurde in ein abgelegenes +Gemach zum Essen geführt und dort eingeschlossen. Nun war man mit den +Schlachtopfern allein. + +Kaum hatten sich die Diener entfernt, so traten aus den beiden +Nebenzimmern des Speisesaals der italienische Obristwachtmeister +Geraldino und die irischen Hauptleute Deveroux und Macdonald mit +sechsunddreißig Dragonern. Deveroux rief laut: #»Viva la casa +d’Austria!«# Und Deveroux: »Wer ist gut kaiserlich?« Butler, Gordon und +Lesly antworteten schnell: »Vivat Ferdinandus! Vivat Ferdinandus!« +Ergriffen ihre Degen und jeder einen Leuchter von der Tafel und traten +auf die Seite. Die Irländer schritten auf den Tisch zu und warfen ihn +über den Haufen. Kinsky wurde zuerst niedergestoßen, dann Illo nach +kurzer Gegenwehr; Terzka, der glücklich seinen Degen erlangt hatte, +stellte sich in eine Ecke und verteidigte sich mannhaft. Sein Wams von +Elenshaut schützte ihn gegen mehrere Hiebe, so daß ihn die Dragoner für +einen Gefrorenen hielten; endlich trafen ihn einige Dolchstöße im +Gesicht, er fiel und wurde mit den Kolben der Musketen erschlagen. +Rittmeister Neumann hatte sich verwundet ins Vorhaus geflüchtet und +wurde draußen erstochen. Die Körper der Gemordeten gab man den Dragonern +preis, die sie bis aufs Hemd auszogen. + +Gordon ließ nun den Speisesaal schließen und blieb bei der Wache auf der +Burg, Lesly begab sich auf die Hauptwache am Markt, und Butler besetzte +Wallensteins Wohnung. Es war eine finstere, unfreundliche Nacht, der +Wind heulte und ein feiner Regen klirrte an die Fenster. »Es ist,« heißt +es in den Frankfurter Relationen, »sonderlich zu merken, daß selbige +Nacht um neun Uhr ein erschreckliches Windsbrausen erstanden, welches +bis gegen Mitternacht gewähret. Hat sich also gleichsam das Firmament +über die grausamen Mordtaten entsetzet und einen Abscheu getragen.« + +Deveroux unternahm mit zwölf Mann den Gang zum Herzog. Die Wache am Haus +ließ ihn durch, weil sie glaubte, daß er eine Meldung zu machen habe. Im +Vorzimmer begegnete er dem Kammerdiener Wallensteins, der seinem Herrn, +welcher eben ein Bad genommen hatte und sich zu Bett begeben wollte, den +Nachttrunk brachte, Bier auf goldener Schale; Deveroux ward von ihm +bedeutet, keinen Lärm zu machen. Sein Astrolog Seni hatte Wallenstein +eben verlassen; er soll ihn aus den Sternen gewarnt haben. Wallenstein +hatte den Lärm gehört, den die Aufstellung der Soldaten auf dem Markt +veranlaßt hatte; er hatte das Schreien der Gräfinnen Terzka und Kinsky +im Hintergebäude gehört, denn beide hatten schon von der Ermordung ihrer +Männer auf der Burg erfahren; er war ans Fenster getreten und hatte die +Schildwache gefragt. Deveroux forderte vom Kammerdiener den Schlüssel zu +Wallensteins Zimmer, und als der Diener sich weigerte, sprengte er die +Tür mit dem lauten Ruf: »Rebell! Rebell!« und trat mit seinen +Mordgesellen ein. Wallenstein stand im Nachtkleid an den Tisch gelehnt. +»Du mußt sterben, Schelm!« rief ihm Deveroux zu. Wallenstein eilte ans +Fenster, um Hilfe herbeizurufen, Deveroux folgte ihm mit der Partisane. +Wallenstein breitete die Arme aus, und ohne einen Laut von sich zu geben +empfing der große Mann den Todesstoß. + +Sein Leichnam wurde in einen roten Fußteppich gewickelt und in Leslys +Kutsche auf die Zitadelle gebracht. Da lag er mit den vier Leichnamen +der andern Ermordeten den ganzen Sonntag über. Am Montag wurden alle +nach Mies auf Illos Schloß gebracht und begraben. Bloß Neumann nicht; +wegen seiner lästerlichen Reden beim letzten Bankett, daß er ehestens in +der Herren von Österreich Blut seine Hände zu waschen verhoffe, wurde +er unter dem Galgen eingescharrt. + +Wallensteins Sarg war zu klein geraten, und damit er Platz habe, mußten +ihm die Beine zerbrochen werden. + +Schweigend ist er aus dem Leben geschieden; geheimnisvoll hatte er die +Pläne und Entwürfe, die seine Seele nährten, in tiefster Brust +eingeschlossen, und über seinem Leben und über seinem Tode liegt ein +undurchsichtiger Schleier. + +Die Güter der Ermordeten wurden sämtlich eingezogen; von den Besitzungen +Wallensteins, die auf fünfzig Millionen Gulden geschätzt wurden, fiel +das meiste dem Kaiser zu. Die abtrünnigen Generale wurden reich belohnt, +die Mörder machten ihr Glück und wurden angesehene Leute, aber alle +Anhänger Wallensteins wurden geächtet und vierundzwanzig Obristen und +Hauptleute wurden in Pilsen hingerichtet. + + + + +Leonhard Thurneyßer + + +Leonhard Thurneyßer, genannt zum Thurn, war ein Goldschmiedsohn aus +Basel und 1530, im Jahr der Übergabe der Augsburger Konfession, geboren. +Er sollte wie sein Vater Goldschmied werden, war aber nebenher bei +Doktor Huber, dem er Kräuter sammeln und Arzneien zubereiten half und +aus den Schriften des Paracelsus vorlesen mußte. Schon in seinem +siebzehnten Lebensjahr verheiratete ihn sein Vater mit einer Witwe, die +ihn mit ihrem Vormund betrog. Durch einen falschen Freund kam er in +Händel mit Juden und verließ die Heimat im achtzehnten Jahr seines +Alters. Er ging in die weite Welt, zuerst nach England, dann nach +Frankreich, und wurde hier Soldat unter den wilden Truppen des +Markgrafen Brandenburg-Kulmbach. In der Schlacht von Sievershausen, in +der Moritz von Sachsen fiel, wurde Thurneyßer von Christoph von +Karlowitz gefangengenommen. Er verließ nun den Kriegsdienst und +verschaffte sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in Bergwerken und +Schmelzhütten, auch mit der Goldschmiedekunst und mit Wappen- und +Steinzeichnen. Da seine Frau von ihm geschieden worden war, heiratete +er im Jahre 1558 eine Goldschmiedstochter aus Konstanz und zog mit ihr +nach Imst in Tirol, wo er eine Schmelz- und Schwefelhütte anlegte und +Bergbau auf eigene Rechnung trieb. Zwei Jahre später nahm ihn der +Erzherzog Ferdinand von Tirol, der Gemahl der schönen Philippine Welser, +in Dienst und schickte ihn auf Reisen; er ging nach Schottland und den +orkadischen Inseln, nach Spanien, Portugal und in die Berberei, nach +Äthiopien, Ägypten, Syrien, Arabien und Palästina, wurde auf dem Berg +Sinai, im Katharinenkloster vom Orden des heiligen Basilius, Ritter der +heiligen Katharina und kehrte über Kandia, Griechenland und Italien nach +Tirol zurück. + +Durch seine Kenntnisse als Chemiker und Metallurg, als Botaniker und +besonders als Arzt, wurde er der berühmteste Wundermann seiner Zeit. Er +fing jetzt an, seine Schriften herauszugeben, zuerst das in deutschen +Reimen abgefaßte Buch »Archidoxa«, darin der »wahre Lauf, Wirkung und +Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper, auf alle Gewerbe und +Hantierungen der Menschen und die verborgenen Mysterien der Alchimie« +enthalten waren. Als Wunderdoktor lernte ihn der Kurfürst Joachim +Friedrich von Brandenburg im Jahre 1571 während der Huldigungsfeier zu +Frankfurt an der Oder kennen. Thurneyßer besorgte hier die Publikation +einer andern Schrift, die den Titel hatte: »Pison, von kalten, warmen, +mineralischen und metallischen Wässern samt Vergleichung der Pflanzen«, +und die dem Kurfürsten von Sachsen zugeeignet war. An einer Stelle heißt +es: »Große und starke Personen sind von kalter Natur, haben eine böse, +unreine Komplexion, stinken und schwitzen viel, und solcher Art ist auch +Herr Christoph Sparre, der kurfürstliche Oberhofmeister in Berlin.« +Oder: »Diejenigen, die von Person lang, schmal, dürr und kleine runde +Köpfe haben, besitzen gar keine Geschicklichkeit und führen weibische +Reden wie weiland Kaiser Rudolf von Habsburg.« Er war auch Anatom, und +Kaiser Ferdinand hatte ihm im Jahre 1559 erlaubt, eine Frau zu sezieren, +der zur Strafe die Adern geöffnet waren, daß sie sich totbluten solle. + +[Illustration: Leonhard Thurneyßer, nach einem 1583 erschienenen +Holzschnitt.] + +Das Vertrauen des Kurfürsten erwarb er sich gleich, denn er war ein Mann +von stattlichem Ansehen; die den Schweizern eigene Manier von +Ehrlichkeit, seine Welt- und Menschenkenntnis und sein lebhaftes +Temperament nahmen für ihn ein. Er verstand es, die Schwächen großer +Herren und ihre Neigungen auszuforschen und sich gegen diejenigen klug +zu betragen, an deren Gunst ihm gelegen war. Die Kurfürstin war krank, +Thurneyßer übernahm die Behandlung, und der Erfolg bewirkte, daß von +Stund an sein Glück bei den brandenburgischen Herrschaften gemacht war. +Sie nahmen ihn mit nach Berlin, der Kurfürst ließ auf seine Kosten +Thurneyßers Frau und Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen +hatte, aus Konstanz nach seiner Hauptstadt bringen. + +Thurneyßer hatte dem Kurfürsten Blätter aus dem »Pison« gezeigt, welche +die Flüsse in der Mark und deren unerkannte Reichtümer betrafen. So hieß +es unter anderm darin: »Das Wasser der Spree ist grünfarbig und lauter. +Es führet in seinem Schlich Gold und eine schöne Glasur. Das Gold hält +23 Karat 1/2 Gramm.« Daß die Spree Gold führe, war bisher unerhört, +blieb auch unerhört. Ebenso beschrieb Thurneyßer Orte in der Mark, wo +man Rubine, Smaragde und Saphire finden könne. Bisher hatte man sie +nicht gesucht und nicht gefunden, fand sie auch niemalen. Aber die +glänzenden Verheißungen lockten bei Hof nicht wenig, den Mann +festzuhalten, der so viele Hoffnungen erweckte. Alle Hofleute waren von +ihm entzückt, und sogar das kurfürstliche Hoffrauenzimmer breitete +seinen Ruhm im ganzen Lande aus. Er erhielt Briefe von einigen Fräulein +und verheirateten Damen, die auf dem Lande lebten, worin sie ihn um +Schminke baten, oder um Schönheitsöl, oder um Waschwasser, nebst +Beschreibung des Gebrauchs. Sie schließen gemeiniglich mit dem Ersuchen, +es niemand wissen zu lassen, noch andern davon zu geben. + +Thurneyßer war ein Mann, der sich wohl darauf verstand, die gute Meinung +zu nutzen, die man von ihm gefaßt hatte, um sich bedeutende Reichtümer +zu erwerben. Er wußte sich in seinen Glücksumständen bis an das Ende +seines Lebens zu erhalten, – wo er dann freilich um Geld und Ehre kam. +Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis und eine nicht zu ermüdende +Wißbegierde. Nach dem Vorbild des Paracelsus hatte er die Natur +unmittelbar aus ihren Werken studiert, und da er mit Aufmerksamkeit eine +Menge von Gegenständen in nahen und weitentlegenen Ländern betrachtet +hatte, war er auch zu einer tiefen Erkenntnis der Natur gelangt. Nicht +so sehr wie Paracelsus war er gegen das Bücherlesen eingenommen; er +hatte mehrere medizinische und historische Werke studiert. Mit dem +Griechischen war er auf seinen Reisen bekannt geworden, auch mit einigen +orientalischen Sprachen, so daß er später eine Schriftgießerei in +ausländischen Lettern anlegen und sogar ein Onomastikon herausgeben +konnte. Lateinisch lernte er noch in seinem sechsundvierzigsten Jahr bei +dem berlinischen Propst Jakob Colerus. Er verstand sich auf die Kunst +des Zeichnens und konnte die für seine anatomischen Handleitungen und +sein Kräuterbuch beschäftigten Formschneider wohl anweisen. Er hatte +eine Karte der Mark Brandenburg aufgenommen, wie man sie damals noch +nicht besaß. Seine Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie und +Astrologie waren nicht unbedeutend, so daß er nicht nur die weit und +breit berühmten Kalender veröffentlichte und sich mit dem Stellen der +Nativität abgeben konnte, sondern er vermochte auch für die Jahre 1580 +bis 1590 die ephemeriden und astronomischen Tabellen zu berechnen. + +Der Kurfürst bestellte ihn zu seinem Leibmedikus, und sein stehendes +Gehalt betrug 1352 Taler, eine für jene Zeit ansehnliche Summe. Daneben +hatte er auf vier Pferde Futter, die Hofkleidung, die Hofdeputate und +bei Reisen Vorspann. Kurfürst und Hof gaben ihm vielerlei Bestellungen +von Einkäufen, die er zu Leipzig, zu Nürnberg und zu Venedig durch seine +Schreiber und Bekanntschaften besorgen mußte. Der Kurfürst war ein +Liebhaber von Silbergerät; die Goldschmiede hatten so viel für den Hof +zu tun, daß Joachim Friedrich viel Silberzeug in Leipzig anfertigen +ließ, und Thurneyßer hatte davon die Kommissionen. Besonders setzte die +Kurprinzessin Katharina von Küstrin ein außerordentliches Vertrauen in +Thurneyßer. Ihr Gemahl war Administrator von Magdeburg, sie selbst +residierte in Halle. Sie ließ ein Laboratorium bauen und ersuchte +Thurneyßer, zu ihr zu kommen. Der Kurfürst gab nur ungern seine +Einwilligung, weil er Thurneyßer stets um sich haben wollte. Katharina +brauchte den gewandten Schweizer in allen ihren Geschäften; wenn sie +Geld nötig hatte, mußte er auf der Leipziger Messe in seinem Namen zwei, +drei und mehrere tausend Taler für sie aufnehmen. Sie ließ durch ihn +Kleinodien und Silberzeug kaufen und verkaufen und schickte ihm Leute +zu, die er zu Laboranten und Provisoren bilden, in der Imitation von +Rubinen und Smaragden und im Wappen- und Steinschneiden unterrichten +sollte. + +Bald nach seiner Ankunft in Berlin hatte ihm der Kurfürst eine geräumige +Wohnung in dem ehemaligen Franziskanerkloster, dem grauen Kloster, +gegeben, damit er Platz zu einer weitläufigen Haushaltung haben möge. Er +richtete sich dort in großem Stile ein. Im Laboratorium wurden nach +seinem silbernen Buch die Arkana präpariert, die geheimen Arzneien, die +ihn zum reichen Mann machten: Goldpulver, Goldtropfen, Amethystenwasser, +Saphir-, Rubinen-, Smaragden-, Perlen- und Korallentinktur, auch +Bernsteinöl. Er hatte Mittel »wider die Vergicht, wider ein Rotgesicht, +dasselbe zu erläutern und zu dealbieren.« Ein Lot #spiritus vini# +kostete vier Taler, ein Lot #Spiritus vini correcti# sogar sechs Taler, +ein Lot Rhabarberextrakt zwei Taler. Der Gräfin Lynar schickte er einmal +einige Öle zum äußerlichen Gebrauch, die fünfunddreißig Taler kosteten, +und schrieb ihr dazu: »Ihre Gnaden würde zum besonderen Vergnügen +gereichen, diese kleinen Unkosten zu tragen, damit Sie nichts einnehmen +dürften.« Er meinte, weil sie ja die Mittel nicht schlucken müsse. + +Er hielt im grauen Kloster eine Art von kleiner Hofstatt, seine +Haushaltung bestand aus mehr als zweihundert Personen, aus Dienern, +Schreibern, Laboranten, Boten zum Verschicken und den Arbeitern in der +weitläufigen Druckerei, die mit deutschen, lateinischen, griechischen, +hebräischen, chaldäischen, syrischen, türkischen, persischen, +arabischen, sogar mit abessinischen Typen versehen war, in der seine +Schriften fortan gedruckt wurden, auch die Schriften von andern +Gelehrten, zum Teil aus fernen Städten, jede mit der Aufschrift: +gedruckt zu Berlin im grauen Kloster. Die Arbeiter und Bedienten waren +fast alle verheiratet und wohnten mit Frauen und Kindern bei Thurneyßer. +Der Aufwand zu ihrem Unterhalt war so groß, daß er monatlich einen +Ochsen schlachten ließ. Er selbst ging stattlich, in schwarzsamtenen und +seidenen Kleidern, was ein besonderes Zeichen der Pracht war, auch +täglich mit seidenen Strümpfen. Noch kurz ehe Thurneyßer nach Berlin +kam, hatte der Markgraf Johann zu Küstrin seinem geheimen Rat Barthold +von Mandelsloh, der die seidenen Strümpfe aus Italien mitgebracht hatte +und einst an einem Wochentag mit ihnen bei Hof erschien, zugerufen: +»Barthold! Ich habe auch seidene Strümpfe, aber ich trage sie nur des +Sonn- und Festtags.« Thurneyßer prangte nicht nur in seidenen Strümpfen +und Kleidern, sondern er trug um den Hals auch goldene Gnadenketten mit +daran hängenden Kur- und Fürstenbildnissen, goldnen Gnadenpfennigen und +Kontrefaitmünzen. Wenn er ausging, begleiteten ihn zwei Edelknaben; 1580 +verrichteten diesen Dienst zwei Vettern, Christoph und Hans Christoph +von Tetzel aus dem alten, reichsadeligen Patriziergeschlecht der Tetzel +von Kirchsittenbach und Vohra zu Nürnberg. Ihre Eltern wohnten in +Denelohe, einem im fränkischen Altmühlkreis gelegenen Reichsrittersitz; +1582 dankte der Vater dem Doktor Thurneyßer dafür, daß er seine Kinder +zu sich genommen; er sei überzeugt, daß sie im ganzen Kurfürstentum +nirgends besser als bei ihm zur Ordnung und Tugend erzogen werden +könnten. Oft speisten große Gesellschaften von den Vornehmsten des Hofes +bei ihm, und wenn auswärtige Herren ankamen, sich seines Rats zu +erholen, nahm er sie im grauen Kloster bei sich auf, wie den Fürsten +Radziwill. Er war das Orakel von aller Welt. König Friedrich II. von +Dänemark bat ihn, die einst von Heinrich dem Löwen verschütteten +Salzbrunnen zu Adeslon zu untersuchen; König Stephan Bathory von Polen, +den er zuweilen mit Antidoten oder Gegengiften versah, sprach ihn um +Hilfe wegen der Bergwerke an; Graf Wilhelm der Weise von Hessen forderte +von ihm eine Erklärung fremder Buchstaben auf einem in der Grafschaft +Katzenellenbogen aufgefundenen Gipsstein. Der König von Schweden +schickte ihm einen schönen Luchspelz. Die Schreiber breiteten seine +Wunderkuren aus und brachten reiches Entgelt, seltene gemalte Bücher, +Handschriften, Erzstufen, Versteinerungen und Kräuter mit. Sie erzählten +auch, was an auswärtigen Höfen und in anderen Ländern vorfiel, und mit +diesen Nachrichten wußte Thurneyßer sich bei seinem Herrn sehr beliebt +zu machen. + +Von seinen Kalendern setzte er ungeheure Auflagen ab. Bei den einzelnen +Monatstagen pflegte er Buchstaben und verblümte Worte als Prognostika +beizufügen, und im folgenden Jahr schickte er dann die Erklärungen, wenn +die Begebenheiten richtig eingetroffen waren. Im Kalender auf 1579 steht +beim 17. Dezember: schändliche Tat einer fürstlichen Person. 1580 +lautete die Erklärung: auf diesen Tag hat Signora Bianca Capelli ihren +Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben, welcher am 18. Dezember +gestorben. + +Als Nativitätssteller begründete er seinen Ruf mit der Versicherung, er +habe dem König Sigismund August von Polen ohne Aberglauben und +Teufelskünste Jahr, Monat und Tag seines Todes prophezeit; sowie in +einer fürstlichen oder gräflichen Familie in Deutschland ein Kind +geboren war, wurde ihm die Geburtsstunde zugeschickt; manchmal kamen +mehrere Boten an einem Tag. Nun suchte er den Stand der Planeten, +forschte, in welchem Zeichen des Tierkreises sie gestanden, bemerkte die +Aspekten gegeneinander und bestimmte daraus die Influenzen auf den +Geborenen. Er beurteilte seine künftigen Schicksale, seine natürlichen +Neigungen und Fähigkeiten, ob er glücklich, reich oder arm, zu Ehren +gelangen werde oder nicht, heiraten werde oder nicht, Kinder bekommen +werde oder nicht, was er für Krankheiten zu erwarten und in welchem +Alter er sterben würde. Das alles interessierte damals die Leute +ungemein, jedermann glaubte steif und fest daran, auf den Universitäten +wurden Collegia über das Nativitätstellen gelesen, und Bischöfe und hohe +Geistliche gaben sich damit ab. + +Die Bestimmung der Nativität hatte keinen Zweck, wenn man nicht die +Talismane trug, die Thurneyßer fabrizierte. Er versah die ganze Mark und +die benachbarten Länder mit Talismanen. Selbst Andreas Osiando, der +berühmte Streittheolog in Königsberg, trug zum Schutz wider den Aussatz +eine Kette um den Hals. Als Thurneyßer, eine goldne Kette um den Hals, +1574 nach Königsberg reiste, um den blödsinnigen Herzog zu heilen, +benutzte er bei seinen Kuren die Talismane. Es waren sogenannte große +Jupiter-Talismane, #Sigilla solis#. Sie finden sich noch in den +Münzkabinetten; Jupiter erscheint auf ihnen wie ein Württemberger +Professor mit Bart und Pelzrock und einem großen Buch, aus dem er +doziert; auf dem Revers befindet sich ein Apucus, ein heiliger +Rechenpfennig, der die Summe 34 gibt, man mag die Zahl in den sechzehn +Feldern der Länge nach oder der Breite nach oder in der Diagonale +addieren. Die #Sigilla solis# waren oft sechs Dukaten schwer. Einer ist +vierzehn Dukaten schwer. Er trägt die Namen Gottes und der zehn Fürsten +der Engel und die hebräischen Worte, die der berühmte Abt Trieheim aus +der Bibel und den Rabbinen entlehnt und Agrippa von Nettelsheim in +seinem Werk #De occulta philosophia# erklärt hatte. Die #Sigilla solis# +waren dazu bestimmt, die solarischen Krankheiten abzuwenden, wozu die +des Gehirns zählten. Es gab auch Talismane mit dem Zeichen der andern +Planeten, und diese verhüteten die astralischen Krankheiten. Ferner gab +es Talismane aus sieben verschiedenen Metallen gemischt, in einem +festgesetzten Verhältnis und mit Beobachtung der Konstellation: wann sie +geschmolzen waren und wann der Stempel aufgeprägt war; diese hatten eine +besondere verborgene Kraft, Menschen, in unglücklicher Stunde geboren, +glücklich zu machen. Andere Talismane verschafften die Gunst großer +Herren, beförderten zu Ehrenstellen, ließen Heiratshändel gelingen, und +wenn Mars beim ersten Eintritt in das Zeichen des Skorpions darauf +geprägt war, verliehen sie dem Soldaten Mut und Sieg. Thurneyßer +verkaufte Talismane zum Besten des ganzen menschlichen Geschlechtes, vom +Kaiser bis zum Bauer herunter. Das sollte die mit dem Zepter kreuzweis +gelegte Sense andeuten, die sich auf den Münzen befinden. Er erzeugte +auch sympathetische Ringe, die von der fallenden Sucht befreiten. + +Durch alle diese Geldquellen wurde Thurneyßer sehr reich. Sein Schatz +bestand aus zwölftausend Goldstücken, teils einfachen und doppelten +Portugalesern, teils vierfachen Kronen, Rosenobeln, Engalotten und +Dukaten. Er besaß über neun Zentner an Trinkgeschirren und einen +silbernen vergoldeten Hirsch, der, nach der Sitte der Zeit mit Leuchtern +ausgeziert, in seinem großen Saale hing. Seine Bibliothek soll +ihresgleichen weit und breit nicht gehabt haben; sein Naturalienkabinett +enthielt eine Sammlung von Pflanzensamen aus allen Teilen der Welt. Er +hatte Präparate von getrockneten Teilen des menschlichen Körpers und von +seltenen Tieren. Er hatte Skorpione in Baumöl, die der gemeine Mann für +entsetzliche Zauberteufel ansah. Sein Garten beim Grauen Kloster war +voll botanischer Kuriositäten, und ein Elentier, das ihm der Fürst +Radziwill geschenkt hatte, schickte er nach seiner Vaterstadt Basel, um +sich bei seinen Landsleuten in Respekt zu setzen. Die frommen Baseler +hielten es aber auch für einen Zauberteufel, und ein altes Weib gab ihm +einen Apfel mit zerbrochenen Nähnadeln zu fressen. + +Thurneyßer zog eine Menge kunstverständige Ausländer nach Berlin und +brachte auf jede Weise viel Geld in Umlauf. Eine Menge Schriftgießer, +Stempelschneider, Kupferstecher, Illuminierer, Buchbinder, Kaufleute und +Goldschmiede hatten beständig für ihn zu tun. Er war der erste, der die +chemischen Arzneien einführte, deren kleine aber wirksame Dosen den +verschleimten Ruppiner- und Bernauerbiermagen des brandenburgischen +Adels annehmlicher dünkten, als die bisherigen kopiosen galenischen +Arzneitränke. Er half den Alaun- und Salpetersiedereien auf, sowie den +Glashütten. Aus der Grimnitzer Glashütte in der Uckermark hatte er einen +gläsernen Vogelbauer, in dessen inwendigem Raum ein Vogel saß, während +außen Fische schwammen. Dieser Vogel war dem gemeinen Mann gleichfalls +ein Zaubervogel, da er scheinbar mitten im Wasser mit schwimmenden +Fischen lustig herumsprang, als ob er in freier Luft lebte. + +Vierzehn Jahre lang erhielt sich Thurneyßer in der unverminderten Gnade +des Hofes. Der Kurfürst gab ihm das Zeugnis, »daß er sich nach seinen +ihm von Gott verliehenen Gaben gegen ihn und dem Hause Brandenburg, auch +vielen anderen hohen und niederen Standespersonen getreu, aufrichtig, +nützlich und wohl erzeiget habe«. Im Jahre 1575 war Thurneyßers Frau +gestorben, das Schweizerheimweh kam über ihn, der Kurfürst wollte ihn +nicht ziehen lassen, nun reiste er wenigstens zu Besuch nach Basel und +heiratete dort 1580 seine dritte Frau, eine Geschlechtertochter aus +Basel, eine Herbrot. Sie war liederlich, er verstieß sie, und sie +brachte ihn um Ehre und Vermögen. Es entspann sich ein skandalöser +Prozeß, worin beide Teile Schriften gegeneinander veröffentlichten, und +seine sämtlichen Habseligkeiten, die er nach Basel geschickt hatte, +wurden mit Beschlag belegt und der Frau zugesprochen. Darauf entstand in +der Mark eine große Hetze gegen ihn, er wurde als Zauberer, Atheist und +Wucherer gebrandmarkt, ein Professor in Greifswalde predigte öffentlich +gegen ihn, warnte die Gemeinden und erachtete ihn des Kirchenbanns für +würdig. Er verließ Berlin, wurde katholisch, ging nach Rom und begab +sich unter den Schutz des Papstes. Beim Kardinal Ferdinand von Medici, +bei dem er speiste, verwandelte er einen eisernen Nagel in Gold. Nach +der Tafel stellte der Kardinal darüber ein Zeugnis aus, das man lange +Zeit nebst dem Nagel als große Merkwürdigkeit den Fremden in Florenz +zeigte. Es fand sich aber später, daß das Wunder durch einen Betrug +zustande gekommen war. + +Thurneyßer lebte ein paar Monate dann in Belvedere, wanderte dann wieder +nach Deutschland und starb endlich in ärmlichen Umständen in einem +Kloster bei Köln, fünfundsechzig Jahre alt, genau an dem Tage, auf den +er sich selbst das Horoskop gestellt hatte. + + + + +Danckelmann + + +Der Kurfürst Friedrich von Brandenburg und spätere erste König von +Preußen überließ sich am Anfang seiner Regierung völlig der Leitung +Danckelmanns, seines ehemaligen Hofmeisters. Eberhard Danckelmann war +1643 geboren; er war ein Fremder, ein Westfale aus der damals noch +nassau-oranischen Stadt Lingen, wo sein Vater, der berühmte gelehrte +Sylvester, Landrichter war. Die Familie war bürgerlich, hatte aber die +Tradition, daß einer ihrer Vorfahren einem deutschen Kaiser durch treue +Wachsamkeit das Leben gerettet und dieser ihm mit den Worten: »Danke, +Mann«, den Ritterschlag erteilt habe. Das Wappen, das dieser Tradition +Wahrscheinlichkeit geben sollte, war ein Kranich. + +Der junge Danckelmann war eine Art Wunderkind gewesen; er hatte in +Utrecht studiert, hatte hier schon in seinem zwölften Jahr eine +Disputation gehalten und dann die europäische Turnee durch England, +Frankreich und Italien gemacht. Er war zwanzig Jahr alt, als ihn der +Große Kurfürst auf einer Reise nach Holland kennen lernte und zum +Lehrer des damals fünfjährigen Prinzen Friedrich Wilhelm annahm. Zwei +Jahre später, 1665, wurde er Titularrat, 1669 Halberstädtischer, 1676 +kurmärkischer Regierungsrat, und noch unter dem Großen Kurfürsten +Kammer- und Lehnsrat. Zweimal vor Friedrichs Regierungsantritt rettete +er dem Prinzen das Leben, 1680 bei dem angeblichen Vergiftungsversuch +durch die Stiefmutter, und sieben Jahre darauf bei einem Stickfluß, wo +er ihm gegen den Rat der Ärzte eine Ader schlagen ließ und ihn so wieder +zum Bewußtsein brachte. Kurz nach seiner Thronbesteigung ernannte ihn +Kurfürst Friedrich zum Regierungspräsidenten in Cleve, und am 2. Juli +1695, bei der Zusammenkunft der sieben Brüder Danckelmann, die alle hohe +Ämter im Brandenburgischen bekleideten, bei offener Tafel zum +Premierminister mit dem ersten Rang am Hofe. Friedrich setzte die +Bestallung eigenhändig auf. Es heißt darin, daß Danckelmann ein +vollständiges Exempel ungefärbter Treue, unablässiger Applikation in der +Beförderung der Gloire des Kurfürsten und aller andern, dem Diener eines +großen Herrn wohlanständigen Tugenden und Qualitäten sei. In demselben +Jahre ließ ihn der Kurfürst mit seinen sechs Brüdern von Kaiser Leopold +in den Reichsfreiherrenstand erheben, und der Kaiser gab ihnen zu dem +bisher im Wappen geführten Kranich sieben mit einem Ring +zusammengehaltene Zepter, »damit deren Posterität aus denen sieben +Zeptern die Urheber dieser unserer ihnen erteilten Gnad und Würde als +sieben Brüder, welche gleichsamb an einem Ring beisammen halten +umbsomehr abnehmen und vermerken können«. So das Diplom; und es besagte +auch, daß Eberhard Danckelmann den ihm angetragenen Grafenstand +abgebeten habe, um mit seinen Brüdern im gleichen Stand zu bleiben. Der +Kurfürst verlieh ihm noch die Erbpostmeisterwürde, die Hauptmannschaft +zu Neufeld an der Dosse und ansehnliche Lehne und Güter. + +Er leitete die Finanzen und alle Hauptgeschäfte. Man nannte ihn den +Colbert der brandenburgischen Staaten. Er vermehrte die Jahreseinkünfte +aus den Domänen um hundertfünfzigtausend Taler. Er regierte mit seinen +sechs Brüdern, von denen er der mittelste war. Man nannte diese +Regierung der sieben Brüder Danckelmann, die als rechtschaffene Männer +im Volk beliebt waren, die Herrschaft der Plejaden oder des +Siebengestirns. Der älteste Bruder war Resident im westfälischen Kreis. +Der zweite außerordentlicher Gesandter beim König von England, der +dritte Kammergerichts- und Konsistorialpräsident, der vierte +Generalkriegskommissär, der fünfte Kanzler zu Halle und +außerordentlicher Gesandter am kaiserlichen Hof und der sechste Kanzler +zu Minden. + +Danckelmann war ein tüchtiger und verdienstvoller, ein sehr +selbstbewußter und gegen den alten Adel sehr stolzer Mann. Er war von +tiefmelancholischem Temperament; man hat ihn niemals lachen gesehen. +Sein Unglück schwebte dunkel vor seiner Seele, als er noch im höchsten +Glücke war. Eines Tages gab er dem Hof zur Einweihung seines neuen +Hauses ein Fest. Die Gesellschaft tanzte im großen Saal, Danckelmann +befand sich mit dem Kurfürsten in seinem Arbeitskabinett. Mit dem +Wohlgefallen eines Kenners betrachtete Friedrich einige Gemälde, die +dort an den Wänden hingen. »Das sind schöne Bilder,« meinte der +Kurfürst. »Ach,« erwiderte Danckelmann mit bitterem Lächeln, »die Bilder +und was ich sonst noch Kostbares besitze, wird ja doch einst, bald +vielleicht, das Eigentum von Eurer kurfürstlichen Gnaden sein, wenn +meinen Feinden gelingt, wonach sie so eifrig trachten, mir die Liebe +meines Herrn zu entfremden.« Da legte der Kurfürst die Hand auf die +Bibel und antwortete, der Fall könne sich nie ereignen. + +Der Fall ereignete sich aber doch, und zwar nicht ohne Danckelmanns +Verschulden. Das Zeremoniell war in jenen Tagen, wo sich alles um die +Hofherrlichkeit drehte, die Schlange, die die gescheitesten Köpfe +verführte. Danckelmann bezeigte sich gegen seine altadeligen Kollegen +hochfahrend, rauh und unfügsam. Er mochte freilich zu tun haben, sich in +Positur gegen sie zu setzen. Er verlangte von sämtlichen Ministern der +auswärtigen Höfe den ersten Besuch; selbst den regierenden Reichsgrafen +wollte er nicht weichen. In die Kirche zu Königsberg, wo der ganze Hof +versammelt war, kam er einst zu spät, die Predigt hatte schon begonnen. +Sein Nachfolger, der spätere Premier Wartenberg und der Feldmarschall +Barfuß sprachen miteinander; Danckelmann fuhr zwischen sie mit den +Worten: »Meine Herren, warum heben Sie mir kein Platz auf?« Wartenberg +erhob sich und sagte: »Hier ist Platz.« Kalt entgegnete Danckelmann: »Es +ist Ihre Schuldigkeit, mir Platz zu machen.« + +[Illustration: Eberhard Danckelmann, nach einem Stich von G. P. Busch.] + +Dergleichen gab böses Blut. Im Gefühl seiner Vorzüge nahm Danckelmann +auch gegen den Kurfürsten einen feierlichen Ton an, der dem hohen Herrn +natürlich zu hoch vorkommen mußte. Er verdarb es auch mit den Damen und +brachte die ganze kurfürstliche Familie gegen sich auf. Sein Sturz +erfolgte auf echt orientalische Weise. Im Vorgefühl seines Schicksals +hatte er seinen Abschied erbeten. Der Kurfürst, der fünfunddreißig Jahre +lang um ihn gewesen war, bewilligte den Abschied. Danckelmann blieb in +Berlin; noch am Abend des 10. Dezember 1697 erschien er bei Hof, und der +Kurfürst unterhielt sich mit ihm aufs freundlichste. In der Nacht darauf +erschien der Gardeoberst von Tettau in Danckelmanns Haus in der alten +Friedrichstraße, dem sogenannten Fürstenhaus. Er wurde arretiert, seine +Effekten wurden versiegelt, und man brachte ihn nach Spandau, später +nach Peitz. Erst zehn Jahre darauf wurde er nebst vielen andern +Staatsgefangenen pardonniert; da er Preußen nicht verlassen durfte, +begab er sich nach Kottbus, wo er eine halbe Freiheit genoß und +zweitausend Taler Pension. Seine sämtlichen Güter wurden ohne Prozeß +konfisziert; das Fürstenhaus, Marzahne, Zimmerbude, Groß- und +Klein-Quittainen in Preußen, Biesenbruch in der Uckermark, Umelingen und +Schönebeck in der Altmark und die Kohlenbergwerke bei Wettin. Die +Familie hat die Güter niemals zurück erhalten. Während der ganzen Zeit +seiner Gefangenschaft war nur seine Frau um ihn, die sich ausgebeten +hatte, seine Haft teilen zu dürfen. Erst nach Friedrichs Tode erhielt +der siebzigjährige Greis eine Ehrenerklärung: König Friedrich Wilhelm +ging öffentlich mit ihm zur Kirche. + + + + +Kaiser Rudolf II. und sein Hof + + +Rudolf, der älteste Sohn des zweiten Maximilian, war zu Wien geboren und +wurde in Spanien erzogen. Seine Mutter war Maria, die Lieblingstochter +Karls V., eine echte Spanierin, streng katholisch, sehr tugendhaft und +sehr düster. Der Aufenthalt am Hofe des unheimlich kalten, ausschweifenden +und grausamen Philipp und die furchtbaren Ereignisse unter dessen +Regierung hinterließen nicht zu verwischende Spuren in Rudolfs Seele. +Ehemals war er sanft, schüchtern und gerechtigkeitsliebend gewesen; als +er im Alter von neunzehn Jahren nach Deutschland zurückkam, um die +römische Königskrone aufs Haupt zu setzen, war er wild, finster und zu +heftigen Zornanfällen geneigt. Mit vierundzwanzig Jahren wurde er +Kaiser. Er schlug seine Hofstatt zu Prag auf. + +Es war eine Drohung über ihm von den Ahnen her. Aber er hatte nicht die +rührende Melancholie Johannas von Kastilien, auch nicht die durch die +Eitelkeit aller irdischen Dinge niedergebeugte stille Größe Karls V., in +ihm war eine Art von Versteinerung. Mit der Ungeduld eines bösen Kindes +sprach er seinen Widerwillen gegen alle Regierungsgeschäfte aus, und +dieser Widerwille endigte erst, wenn er merkte, daß ein anderer sich +ihrer mit Liebe und tätigem Fleiß annahm; dann erwachte in ihm der Neid +und eine verzehrende Eifersucht. + +Er kam niemals ins Reich; er besuchte nie einen Reichstag seit jenem +Regensburger, wozu ihn die Türkennot gedrängt hatte. Er kam auch niemals +nach Wien. Er saß fest auf dem Hradschin; dort hatte er seine Zauber- +und Wunderwerkstatt aufgeschlagen. Wenn die deutschen Fürsten ihm ihre +Gesandten schickten, ließ er ihnen sagen: er sei eben mit andern +Angelegenheiten trefflich molestieret. Ebenso warteten die Boten Ungarns +und Österreichs jahrelang in Prag vergeblich und immer wieder vergeblich +auf eine Audienz. Die Statthalter und Generale wurden ohne +Verhaltungsbefehle gelassen; sie mochten sich helfen, wie sie konnten. +Die Geheimkünste füllten seine ganze Welt aus. + +Er hatte große Schätze, verbarg sie aber sorgfältig in seinen Truhen. Es +kümmerte ihn nicht, wenn den Räten und Hofleuten kein Gehalt ausbezahlt +wurde, wenn sogar in der kaiserlichen Hofhaltung sich Mangel einstellte. +Der bayrische Resident schrieb einmal an seinen Herrn: »Heute hat das +vornehmste Hofgesinde nichts zu essen gehabt, es war kein Geld +vorhanden, um für die Küche einzukaufen.« Von alledem unberührt, +überließ sich Rudolf seiner Leidenschaft für das Mysteriöse und seiner +Sammelwut. + +Er sammelte Naturalien, seltene Steine, ausländische Pflanzen und Tiere. +Löwen, Leoparden und Adler verstand er so zahm zu machen, daß sie mit +ihm im Zimmer herumgingen. Die Welser in Augsburg, die für die zwölf +Tonnen Goldes, welche sie dem Kaiser Karl vorgestreckt, einen +Küstenlandstrich in Südamerika erhalten hatten, ließen von dort her +peruanische Kuriositäten für ihn kommen. Er sammelte römische und +griechische Altertümer, die seine Agenten aufkaufen mußten, Münzen, +Gemmen, Kameen und Statuen. So erwarb er zwei der größten Schätze der +Antike, den Sarkophag mit der Amazonenschlacht und die Onyxtasse mit der +Apotheose des Augustus, für die er fünfzehntausend Dukaten bezahlte. +Seine Schatzkammer war weit und breit berühmt; sie blieb fast +zweihundert Jahre lang im Stande, erst in der Zeit der josefinischen +Aufklärung ging vieles verloren; die Statuen wurden für ein Spottgeld +veräußert, ein herrlicher Torso wurde durch das Fenster in den +Schloßgraben geworfen, die seltenen Münzen wurden nach dem Gewicht +verkauft, und die Tizianische Leda figurierte in einem Inventar unter +dem Titel: ein nacktes Weibsbild von einer bösen Gans gebissen. + +Ein besonderes Wohlgefallen fand Rudolf an der Stempelschneidekunst. Die +Siegel an seinen Diplomen, goldnen Bullen, Lehn- und Gnadenbriefen sind +so fein und zierlich in vollendetstem gotischen Stil ausgeprägt, daß die +Annahme berechtigt erscheint, er habe die größten Meister dieser Kunst +in seinen Dienst gezogen. + +Von seinen Hofleuten wurde Rudolf II. Salomon genannt. Er beherrschte +sechs Sprachen, war bewandert in der Mechanik, Physik und Mathematik +und besonders in der Astrologie, Magie und Alchimie. Er verkehrte +schriftlich mit allen gelehrten Männern im heiligen römischen Reich, und +manchen unscheinbaren Doktor erhob er in den Adelsstand, auch wenn es +ein Lutheraner war. Aber hauptsächlich waren die sonderbaren Leute seine +Leute. Es lebten an seinem Hof eine Menge Uhrmacher und Maler, eine +Menge Astronomen, die ihm Horoskope stellen und Kalender machen mußten; +er verkehrte mit Adepten aller Art, worunter sich viele Scharlatane, +Glücksritter, Quacksalber und Marktschreier befanden; er verkehrte mit +Magiern, Spiegeldeutern, Lebensverlängerern und Menschenmachern; sie +mußten dem Kaiser aus kochendem Wasser weissagen, ihm ihre +Phantasmagorien zeigen und allen Ernstes versuchen, Mumien zu beleben +und in der Retorte Menschen zu erzeugen. + +Der größte Magus an Rudolfs Hof war der Engländer John Dee. Er schloß +dem Kaiser das Geisterreich auf. Er rühmte sich, zu jeder Zeit seinen +Genius vor sich zu sehen, und wenn er seine Studien unterbreche, setze +sich der Genius an seine Stelle hin und studiere weiter; wenn er dann +zurückkehre, brauche er ihn nur auf die Achsel zu klopfen, so stünde der +Genius auf und entferne sich wieder. Rudolf hielt Dee für einen +gewaltigen Zauberer, Dee hielt den Kaiser ebenfalls für einen gewaltigen +Zauberer, und so hatten beide große Furcht und großen Respekt +voreinander. Ein anderer Wundermann war der Italiener Marco Bragadino. +Eigentlich hieß er Mamugna und war ein Grieche. Zu Ende des sechzehnten +Jahrhunderts war er als Graf Mamugnano nach Italien gegangen, trat in +den Kreisen der venezianischen Nobili mit größter Pracht auf und machte +in den Palästen der Dandolo und der Contarini zum Erstaunen aller Gold. +In Prag erschien er stets begleitet von zwei riesigen schwarzen +Bullenbeißern, die er zur Beglaubigung seiner Macht über die Geister mit +sich führte. Er behandelte das Gold wie Messing, verschenkte große +Stücke und hielt stets auf eine reiche Tafel. Als er sich später nach +Münster wandte, verlor er sein Leben am Galgen. Noch größeres Aufsehen +als dieser Bragadino machte ein gewisser Hieronymo Scotto. Er war es, +der dem Kölner Kurfürsten Gebhardt Truchseß durch die Bilder in einem +Zauberspiegel die schöne Gräfin Agnes Mannsfeld verkuppelte, worüber der +geistliche Herr Land und Leute einbüßte. In Koburg verführte der +einschmeichelnde Glücksritter die Gattin des Herzogs, und die +unglückliche Prinzessin schmachtete dafür zwanzig Jahre lang im +Gefängnis. + +Alle fahrenden Alchimisten waren Rudolf willkommen, er hatte täglich +Zuspruch von ihnen und beschenkte sie reichlich, wenn sie interessante +Versuche machen konnten. Man nannte ihn den deutschen #Hermes +trismegistos,# und daß er wirklich ein Adept gewesen, schien nach seinem +Tode klar, denn man fand unter seinem Nachlaß eine graue Tinktur, man +fand vierundachtzig Zentner Gold und sechzig Zentner Silber, die in +Ziegelsteinform gegossen waren. + +Es lebten aber auch drei große Männer an Rudolfs Hof: Tycho de Brahe, +Loncomontanos und der unsterbliche Kepler, der von Prag aus sein +fundamentales Werk #»nova astronomia de stella martis«# in die Welt +sandte. Er hielt sich zwölf Jahr lang an Rudolfs Hof auf und war seit +dem Tode Brahes, der an der Tafel des letzten Rosenbergs in Krumau aus +Etikettenangst starb, als römisch-kaiserlicher Majestät Mathematikus +angestellt. Ein Jahrgehalt von fünfzehnhundert Gulden war ihm +zugesichert; aber er erhielt es selten richtig ausbezahlt. + +Vielleicht war die Zurückgezogenheit, in welcher der Kaiser auf seinem +Zauberschloß lebte, schuld daran, daß sich starke Parteiungen an seinem +Hof bildeten. Den mächtigsten Einfluß hatten die Italiener. Davon +liefert die Geschichte des Feldmarschalls Rusworn einen Beweis; Graf +Khevenhüller erzählt sie in seiner altertümlichen Manier, die ich zu +mildern versuche: + +[Illustration: Kaiser Rudolf II., nach einem Stich von A. Wierx.] + +»Dies Jahr sind zu Prag der Feldmarschall Rusworn und der Begliojoso so +hart aneinandergekommen, daß sie sich mit Worten übel traktiert, was der +Begliojoso von seinem Feldmarschall hat leiden müssen. Seines Unwillens +hat sich ein von Mailand verbannter Kerl namens Furlan bedient; der +Begliojoso hatte in seiner Heimat eines Rechtsgelehrten Weib verführt, +deshalb waren zwölftausend Kronen auf seinen Kopf gesetzt, welche dieser +Furlan zu gewinnen und dabei seiner Acht sich zu entledigen hoffte. Als +nun Begliojoso einmal am Abend auf der Kleinseite spazieren ging, ist +Furlan zu dem Feldmarschall gegangen, der beim Grafen Herberstein +speiste und hat ihm vermeldet, der Begliojoso lauere ihm auf. Darauf +hat der Rusworn um seine Leute und Pistolen geschickt und hat seinen +Kämmerling und den Furlan ihm vorausgehen heißen. Als sie nun den +Begliojoso angetroffen, hat dieser, der nichts Böses im Sinn geführt, +freundlich zu Furlan gesprochen, der aber hat ihm mit der Pistole +geantwortet und ihn durch den Arm geschossen. Darauf hat der Begliojoso +mit der rechten Hand den Degen erwischt, mit großer Wut auf die zwei +losgegangen und sie gegen den Feldmarschall getrieben; der hat gemeint, +die Verräterei sei erwiesen, hat dem Begliojoso stark mit der Wehr +zugesetzt und ihn fast auf den Tod verwundet. Indem hat Furlan den +Begliojoso hinterwärts durch den Kopf geschossen, ist davongelaufen, +aber später ertappt und gehenkt worden. Der Kaiser war zuerst übel +zufrieden, daß man seinen Feldmarschall so traktiert, aber als Rusworns +Widersacher den Kaiser anders informiert, wurde er verarrestiert und die +Sentenz über ihn gesprochen. Der Kaiser hat ihm den Pardon gegeben, der +ist aber aus Praktiken zurückgehalten und die Exekution vorgenommen +worden. Der Feldmarschall hat sich trefflich wohl zum Sterben geschickt, +hat ein gemaltes Kruzifix vor sich ausgebreitet und seines Endes +unerschrocken gewartet. Der Kopf ist ihm gleich zu der Wunde Christi +gefallen, und also hat dieser kühne tapfere Held, so in Ungarn wider den +Türken ansehnliche Dienste geleistet, mit einem schmählichen Streich +sein Leben enden müssen, aus Mißgunst etlicher, die ihn um das Glück +beneidet und denen er im Wege gelegen. Der Kaiser hat seine Übereilung +hoch beklagt. Weil aber die Majestät damals sich ganz versteckt gehalten +und fast niemand gehört, wurde die Sache beschönt und verschwiegen.« + +Gerade weil Rudolf so eingezogen lebte, bedurfte er der Zuträgereien; +die Kammerdiener brachten sie ihm, und nach seiner argwöhnischen +Gemütsart lieh er ihnen ein williges Ohr. Lakaien und Abenteurer waren +es, die im Hradschin kommandierten. Die Stallknechte hatten einen großen +Stand, weil der Marstall des Kaisers Lieblingsaufenthalt war. Viel Macht +übten endlich die listigen Buhlerinnen aus, mit denen der Kaiser in +immer wechselnder wilder Ehe lebte. Die Ursache, weshalb sich Rudolf +nicht vermählte, war das Horoskop, das ihm Tycho de Brahe gestellt +hatte. Es lautete, er dürfe nicht heiraten, denn es drohe ihm Gefahr vom +eigenen Sohn. Zwei Heiratsprojekte lagen vor: mit einer mediceischen +Prinzessin und mit der spanischen Infantin Isabella. Viele Jahre lang +wurde darüber verhandelt, aber jeder Versuch, den Kaiser zur Ehe zu +bewegen, schlug fehl. Um das Jahr 1600, als sich die Heiratsprojekte +endgültig zerschlagen hatten, stieg Rudolfs Trübsinn aufs höchste. Gegen +seinen jüngeren Bruder Mathias faßte er einen unaustilgbaren +Widerwillen. Das Erscheinen des Halleyschen Kometen bestärkte ihn in der +Furcht vor den Anschlägen seiner Verwandten, Anschläge, die der blutige +Schwanzstern ihm recht handgreiflich in der Vorbedeutung anzuzeigen +schien. Vergeblich suchte ihm Kepler seine Angst auszureden. Er war so +mißtrauisch, daß er nicht nur den niedrigsten Verleumdern zugänglich +war, sondern auch alle Personen, die zu ihm kamen, untersuchen ließ, ob +sie heimlich Waffen bei sich führten. Selbst seine Geliebten mußten sich +diesem Zwang unterwerfen. Aus Furcht verließ er das Schloß nicht mehr. +Sein Schlafzimmer glich einer Festung. Oft sprang er aus dem Bett und +ließ durch einen Schloßhauptmann alle Winkel der kaiserlichen Residenz +mitten in der Nacht durchstöbern. Wenn er zur Messe ging, was nur an +hohen Festtagen geschah, saß er in einem gedeckten und stark +vergitterten Oratorium. Um ganz sicher beim Spazierengehen zu sein, ließ +er lange und weite Gänge mit engen schrägen Fensterchen gleich +Schießscharten bauen, durch die hindurch er nicht fürchten mußte, +erschossen zu werden. Diese Gänge führten in seinen prächtigen Marstall; +er hatte hier seine Zusammenkünfte mit den Frauen und besah sich gern +seine Pferde, die er liebte, auf denen er aber niemals ritt. + +Daniel L’Hermite schildert die Erscheinung des siebenundfünfzigjährigen +Kaisers wie folgt: »Viel zu frühe sind ihm Haare und Bart grau geworden. +Die Stirn ist majestätisch, der Mund nicht unangenehm, die Augen sind +feurig, werden aber von starken Wimpern fast gänzlich beschattet. Seine +Gestalt ist mehr gedrückt als aufgerichtet, von alters her ist diese +gedrückte Leibesgestalt im Hause Österreich angeboren. Er trägt noch +immer Kleider nach der alten Sitte, er hält auf diese alte Sitte und +setzt ein Zeichen der Größe daran, nichts an ihr zu ändern; er trägt +einen kurzen, mit Gold eingefaßten Mantel und über der gegürteten +weißen Hose ein spanisches Wams.« + +In Prag wußte man oft monatelang nicht, ob Rudolf noch lebe. Das Volk +fürchtete, die Günstlinge verheimlichten seinen Tod, um seine Schätze an +sich zu bringen. Einmal brach deshalb ein Aufstand aus, und da zeigte +sich der Kaiser nach langen Bitten am Fenster des Hradschins, um den +andrängenden Volkshaufen zu beruhigen. In dumpfem Brüten, und ohne einen +Laut von sich zu geben, saß er oft viele Stunden hindurch und schaute +den Malern und Uhrmachern zu, die in seinem Zimmer arbeiteten. Wurde er +dabei angesprochen, so packte ihn der Jähzorn, und er warf, was er +gerade erreichen konnte, ein Gefäß oder ein Werkzeug, dem Störer mit +Schimpfworten an den Kopf. Bisweilen auch fuhr er aus seinem wehmütig +stieren Sinnen ohne Grund empor und zerschlug alles um sich her. + +Personen, die in Geschäften bei Hof erschienen, fanden es ungemein +schwer, zum Kaiser zu gelangen. Entweder war er im Zimmer bei den Löwen, +Leoparden und Adlern, die er selbst fütterte, oder bei Tycho de Brahe +auf der Sternwarte, oder bei Dee und Bragadino, beschäftigt mit +Schmelztiegeln, Wunderspiegeln, Traumtafeln und Geistererscheinungen, +oder in den Gärten des Hradschins, wo Bäume, Gesträuche und Blumen aus +fernen Weltgegenden blühten und Zaubergrotten und Wasserwerke sich +befanden, aus denen Musik ertönte. Wer ihn sprechen wollte, mußte sich +als Stallknecht verkleiden und ihn im Marstall erwarten. Aber auch hier +war es gefährlich, sich dem seltsamen und gewalttätigen Herrn zu +nähern. Eva, die Tochter des in Ungnade gefallenen Oberst-Burggrafen +Lobkowitz, hatte sich durch Geld eine solche Audienz erkauft, um für +ihren gefangenen Vater Freiheit und Leben zu erbitten. Ein ehrlicher +Stallknecht warnte sie in letzter Stunde, indem er ihr eröffnete, daß +sie zu schön sei, um solches zu wagen, der Kaiser scheue nicht vor +Gewalt zurück. Sie verstand ihn und floh. + +Rudolf ahnte nichts von der Not seiner Völker. Der sturmbewegten Zeit +mußte dieser kranke Träumer auf dem Thron alles schuldig bleiben. Die +Türkengefahr und der Aufstand des Siebenbürgerfürsten vereinigte +sämtliche Erzherzoge des habsburgischen Hauses zu dem Beschluß, den +Kaiser abzusetzen, und der Urheber dieser Maßregel war Clesel, der +Bischof von Wien und Neustadt. Im Juni 1608 mußte Rudolf an seinen +Bruder Mathias die Krone Ungarns und die Lande Österreich und Mähren +gegen ein Jahrgeld gänzlich abtreten, und trotz seines leidenschaftlichen +Widerstandes wurde er gezwungen, den berühmten Majestätsbrief +auszustellen, durch den er den böhmischen Herren unbedingte +Glaubensfreiheit sicherte. Nur das tiefe Zerwürfnis mit Mathias drängte +ihm den Majestätsbrief ab, die Scharteke, wie Kaiser Ferdinand später +die Urkunde verächtlich betitelte, als er sie nach der Schlacht am +Weißen Berg verbrannte. Aber eines glaubte sich Rudolf dadurch gesichert +zu haben: als böhmische Majestät in dem teuren Prag ruhig sterben zu +können. Es war ein Irrtum. Er wurde in seinem Schloß so eng bewacht, +daß ihm nicht einmal verstattet war, in den Garten zu gehen und Luft zu +schöpfen. Einmal, als der römische Kaiser aus dem Tor treten wollte, +schlug die Wache das Gewehr auf ihn an; da kehrte Rudolf in seine +Gemächer zurück, öffnete das Fenster und rief mit erhobener Hand: »Du +undankbares Prag! durch mich bist du erhöht worden, und nun stößt du +deinen Wohltäter von dir. Die Rache Gottes soll dich verfolgen und der +Fluch über dich und ganz Böhmenland kommen.« + +Die Kurfürsten von Mainz und Sachsen verwandten sich für den Kaiser, +indem sie betonten, daß er doch auch noch ein Mitglied des +kurfürstlichen Kollegiums sei. Darauf entgegneten die Stände Böhmens +höhnisch den Abgesandten: »Wir wollen euch den römischen Kaiser samt dem +Kurfürsten von Böhmen zugleich in einem Sack zuschicken.« + +In dieser Bedrängnis war es, wo Mathias seinem Bruder auch die böhmische +Krone raubte. Erbittert darüber, daß die Böhmen Mathias gehuldigt +hatten, schleuderte Rudolf, als er die Abdankungsurkunde unterzeichnet +hatte, im Zorn seinen Hut auf die Erde, zerbiß die Feder und warf sie +dann auf das Diplom, auf dem man noch heutigentags den Tintenfleck +sieht. Ungeachtet seiner hoffnungslosen Lage glaubte der wunderliche +Mann durch die Stiftung eines Ordens von Friedensrittern alles wieder +ins Geleise bringen zu können, und Tag und Nacht arbeitete er an den +Ordensketten. + +Von seinen sämtlichen Kronen besaß er jetzt nur noch die römische +Kaiserkrone. Aber schon lange verachteten ihn auch die deutschen +Fürsten und schickten endlich eine Gesandtschaft, um ihn zu nötigen, zur +Wahl eines anderen Kaisers seine Zustimmung zu geben. Er empfing die +Gesandten unter einem Thronhimmel stehend; die linke Hand hatte er auf +einen Tisch gestützt. Als sie ihr Verlangen vorbrachten, wurde ihm der +Kopf heiß, seine Knie zitterten, und er mußte sich auf einen Sessel +niederlassen. Später sagte er zum Herzog von Braunschweig, seinem +vertrautesten Freund: »Die mir in meinem Ungemach keine Hilfe geleistet +und zu meinem Dienst nicht einmal ein Roß haben satteln lassen, haben +mir jetzt eine Art von Leichenpredigt gehalten. Ohne Zweifel sind sie +mit unserm Herrgott in geheimem Rat gesessen und wissen vielleicht von +daher, daß ich noch in diesem Jahr sterben werde, weil sie gar so stark +auf einen Nachfolger im römischen Reich dringen.« + +Erniedrigung, Verlust der Würden und alle damit verbundenen Leiden hatte +Rudolf ertragen; der Tod seines schönen treuen alten Löwen und zweier +Adler, die er täglich mit eigener Hand gefüttert hatte, brach ihm das +Herz. + +Sein Leichnam wurde in eine mit rotem Damast ausgeschlagene Bahre +gelegt, über der sich ein gläserner Deckel befand; auf der Brust trug er +ein Kreuz, an der linken Seite die Wehr und an der rechten das goldene +Vlies. Rudolfs Minister wurden verhaftet und zur Folter verurteilt; sein +Schatzmeister Roszky, den er vor andern geliebt, erhängte sich im +Gefängnis mit der Schnur, an welcher er den Kammerschlüssel getragen. +Man ließ daher seinen Leib vom Nachrichter vierteilen und auf dem Weißen +Berg bestatten. Allein es hieß, daß er sich an derselben Stelle oftmals +auf einem Bock oder Hirsch reitend zeigte, und so wurde der Körper +wieder ausgegraben, wurde verbrannt und die Asche in die Moldau +geworfen. Als dies geschehen war, verschwand plötzlich der +Schloßhauptmann, und es entstand der Verdacht, daß er den Roszky im +Gefängnis ermordet, ihn aufgehängt und ihm das #aurum purificatum,# das +er aus des Kaisers Schatz zurückbehalten, geraubt habe. + +Der Kaiser Rudolf hinterließ von seinen vielen Geliebten wahrscheinlich +viele Kinder, von denen vier Söhne bekannt geworden sind, die sein +wildes Blut erbten. Don Carlos d’Austria diente dem Kaiser Ferdinand im +Dreißigjährigen Krieg, wurde aber in einer Vorstadt von Wien bei einem +Auflauf um eine öffentliche Dirne, in den er sich mutwillig gemischt +hatte, unerkannt erschlagen. Zwei andere führten ein anonymes Dasein, +der vierte jedoch, Don Cesare d’Austria, hatte an einem Edelfräulein +Gewalt geübt und sie dann aus dem Weg geräumt. Der Kaiser, sein Vater, +ließ ihm in einem warmen Bade die Adern öffnen. + + + + +Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel, mit Herrn Reichard +Strein, Freiherrn zu Schwarzenau, am 24. September 1581 + + +Als Herr Reichard Strein mit zweiundzwanzig Kutschen, in denen seine +nächsten Befreundeten gesessen, beim Grafen Ortenburg angekommen war, +ließ er durch diesen bei Herrn von Tschernembel um die Hand seiner +Tochter Regina werben. Um größere Unkosten zu verhüten und auf seine +ansehnlichen Befreundeten weisend, begehrte Herr Strein, daß nach +schleuniger Begleichung des Zeitlichen und geschehener Zusage die +Hochzeit sogleich vorgenommen werde, und obwohl der andere Teil +Einwendungen gemacht, wurde dem Begehren schließlich doch willfahrt. Die +Brautleute wurden am selben Tag christlich zusammengetan, und der Abend +ward bei guter Traktation fröhlich verbracht. Am folgenden Morgen wurde +die Hochzeitspredigt gehalten; dann fuhr Herr Strein mit Herrn Achaz von +Lohsenstein und seiner Schwester, der Frau Jörgerin, nach Freydek, um +Ordnung zur Heimführung zu geben. + +Am Mittwoch den 27. September wurde zu früher Tageszeit der Brautwagen +mit fünfzig Reitpferden nach Karlspach bei Melk begleitet, dort setzten +sich die Herren in die Kutschen, das Frauenzimmer auf ihre Wägen und +zogen in folgender Ordnung weiter: erstlich die Handrosse, dann die +andern Pferde, deren Zahl sich ebenfalls auf fünfzig belief; dann die +Kutschen mit den Dienern; dann die Herren selbst in ihren Kutschen; dann +drei berittene Trompeter; dann drei Berittene von Adel in meißenischen +Sammetröcken und weißen Kranichfedern auf den Hüten; dann drei +Edelknaben mit weiß und schwarzen Federbüschen auf den überzogenen +Sturmhauben; dann die reisigen Knechte mit goldgeschmückten Röcken; dann +Herrn Streins Pferd; dann wieder drei Berittene von Adel mit schönen +Wehrgehängen und zum Beschluß drei junge Freunde des Herrn Strein. +Hierauf folgte der Brautwagen; er war mit schwarzem Leder überzogen und +mit weißem Atlas ausgefüttert, und das Eisenwerk war versilbert; sechs +gefärbte Rosse zogen ihn, an deren Lederzeug schwarzseidene Fransen +hingen. Die Kutschen der Frauenzimmer waren mit braunem lündischen Tuch +bekleidet; es waren etwa dreißig Kobelwägen. Herr Strein empfing seine +Gäste in Freydek mit ordentlichem Schießen und anderen Ehrenbezeugungen +um zwölf Uhr Mittag. + +Als nun die Herren und Frauen in ihre Zimmer gegangen und sich abgetan, +ist die Mahlzeit mittlerweile bereit und die Speisen aufgetragen +worden. Ein Saal war zum Tanzen zugerichtet und in einer gleichgroßen +Stube standen sieben gedeckte Tafeln. Die Mahlzeit ist so vertraulich +und lieblich abgegangen, daß man weder Fluchen noch unziemliche Reden +gehört. Es ist kein übermäßiger Trunk geschehen, fröhlich ist jedermann +gewesen und hat sich den Wein wohlschmecken lassen. Als nun das Obst- +und Beschauessen zum Teil aufgetragen war und die Herrentafel aufgehoben +werden sollte, fingen unversehens die Stühle an zu sinken; zudem brach +der Boden acht Klafter in der Länge und fünf in der Breite auseinander, +und es entstand ein großes Getümmel. Die Restbäume waren gebrochen und +die Ziegelpflaster des Bodens, die Tische, Stühle, Bänke, Schrägen, +Messer, Teller und alles, was am Herrentisch gesessen, samt etlichen +aufwartenden Personen stürzte dreiundeinhalb Klafter in die Tiefe. + +Die Hochzeitsgäste meinten nichts weniger, als das Jüngste Gericht und +die Auferstehung der Toten sei gekommen. Der vom Schutt aufwirbelnde +Staub war so groß, daß ihn die Leute im Hof für Flammenrauch hielten. +»Ist durch sonderliche Fügung und Barmherzigkeit Gottes,« so lautet der +Bericht, »niemand am Leben verkürzt worden, außer einem, Kleinschopf +genannt, Herrn Gabriel Streinz’ Diener, der ist im Saal gewesen und hat +das Krachen gehört, und ist herausgegangen und etlichen andern solches +gesagt und mit dem Vermelden wieder hineingegangen, er wolle sehen, wo +es brechen will. Indem hat ihn der Fall ergriffen und erschlagen.« Einer +vom Adel ist im Saal auf der Bank gelegen und hat geschlafen; dem ist +nichts geschehen, ist auch nicht eher erwacht, als bis Herrn Wolf +Ehrenreich Streinz’ Lakai auf ihn gefallen, den er deshalb, unvermerkt +woher er käme, hat schlagen wollen. Herr Adam von Puchheim ist ohne +Schaden auf die Füße heruntergefallen, ist alsbald den andern zu Hilfe +gelaufen und hat zum ersten die Frau Braut Reginam hervorgezogen, welche +außer einem schlechten Riß am Knie keinen Schaden empfangen. Ihr Gemahl +ist an Kopf und Arm ein wenig gestreift worden, zwei Bäume sind +überzwerch auf ihm gelegen, Kalk ist ihm in die Augen gekommen, und er +hat nichts sehen können. + +Die Liste der bei dieser Hochzeit gestürzten Personen der Herren, +Frauen, Fräulein und Bedienten gibt die Zahl achtundzwanzig. + + + + +Friedrich Wilhelm I. von Preußen + + +Friedrich Wilhelm wurde am 14. August 1688 als einziger Sohn Friedrichs +des Ersten und der geistreichen, philosophisch begabten Charlotte von +Hannover geboren, nur wenige Monate nach dem Tode seines Großvaters, des +Großen Kurfürsten. Schon als Kind hatte er einen robusten Körperbau, ein +äußerst widerspenstiges Naturell und zeigte zum Lernen keine Lust. Der +muntere, fast unbändige Knabe war der Abgott seiner Mutter und seiner +Großmutter. Die Kurfürstin Sophie ließ den geliebten Enkelsohn bereits +in seinem fünften Jahre zu sich nach Hannover kommen, aber es war nicht +möglich, ihn dort lange zu behalten, denn er vertrug sich ganz und gar +nicht mit seinem Spielkameraden, dem Prinzen Georg, der später König von +England wurde. Die Abneigung zwischen den beiden blieb eine dauernde; +sie haßten einander bis zur Todesstunde, und Friedrich nannte Georg +nicht anders als: mein Bruder, der Tanzmeister, während Georg +seinerseits: mein Bruder, der Sergeant, sagte. + +Die Personen, die mit dem Prinzen zu tun bekamen, hatten einen schlimmen +Stand mit ihm. Zwei Guvernanten mußten ihn beaufsichtigen, und oft +brachte er durch seine tollen Streiche die beiden Frauen zur +Verzweiflung. Frühzeitig legte er einen Widerwillen gegen allen Pomp und +Luxus an den Tag, und er warf einmal ein Schlafröckchen von Goldstoff, +welches anzuziehen man ihn nötigen wollte, ins Kaminfeuer. Dagegen +bestrich er sich das Gesicht mit Fett und ließ sich in der Sonne braten, +um eine recht braune Soldatenfarbe zu bekommen. + +Wie von dem großen Leibniz bestätigt wird, galt Friedrich Wilhelm als +Knabe für sehr witzig. Auf einem Jahrmarkt in Charlottenburg spielte der +zwölfjährige Prinz den Taschenspieler zum allgemeinen Ergötzen. Die +Herzogin von Orleans schrieb: »Es ist mir immer bang, wenn ich Kinder so +witzig vor dem rechten Alter sehe, denn es ist mir ein Zeichen, daß sie +nicht lange leben. Darum ist mir auch bang für den kleinen Kurprinzen +von Brandenburg.« Friedrich Wilhelm blieb aber ungeachtet seines Witzes +beim Leben, und zwar bei recht gesundem Leben. Nur mit dem Lernen wollte +es gar nicht vorwärts; wie er seinem prunkliebenden Vater eine +entschiedene Abneigung gegen Prunk zeigte, so trotzig verhielt er sich +gegen alle Versuche seiner Mutter, die einen gelehrten Mann, #une belle +âme,# aus ihm machen wollte. In seinem siebenten Jahre war ihm der Graf +Alexander Dohna als Erzieher gegeben worden, ein ehrenfester, +gravitätischer, stolzer Mann. Seine Instruktion besagte, daß er alle +Mühe aufzuwenden habe, um dem Prinzen das Lateinische beizubringen, »da +solches nicht allein die goldene Bulle erfordere, sondern auch die +nötigen Verhandlungen mit den benachbarten Puissancen.« Aber trotz aller +Einreden Dohnas lernte die Königliche Hoheit gar wenig, obwohl ihr ein +ganz außerordentliches Gedächtnis anerschaffen war. Noch schlimmer ging +es mit den Künsten, er wollte weder das Klavier noch die Flöte spielen, +die Musik war ihm geradezu unleidlich. + +In schärfstem Gegensatz zu der Vorliebe seiner Eltern für das +Französische trat alsbald sein ausgeprägtes Deutschtum hervor. Hierin +bestärkte ihn sein erster Lehrer, der Ephorus Friedrich Cramer. Cramer +war ein kenntnisreicher und gebildeter Mann, der einst die Schrift des +Abbé Bouhours: Kann ein Deutscher Geist haben? mit einer grimmigen +Gegenschrift beantwortet hatte. Cramers Einwirkung blieb fest in der +Seele Friedrich Wilhelms, die, wie rasch sie sich auch nach Sympathien +und Antipathien entschied, daran für immer und aufs zäheste festhielt. +Der Nachfolger Cramers war ein Franzose namens Rebeur, ein Emigrant, den +Graf Dohna aus der Schweiz hatte kommen lassen. Aber dieser Rebeur war +ein trauriger Pedant; er plagte den Prinzen fortwährend damit, daß er +ihn lateinische, französische und deutsche Aufsätze über das Alte +Testament machen ließ, und die Folge war, daß Friedrich Wilhelm fortan +einen unbezwinglichen Haß gegen das Alte Testament hegte; sein ganzes +Leben lang konnte es bei ihm nicht wieder zu Ehren gebracht werden, ein +so guter Christ er auch war. + +Seine Mutter verzog ihn gänzlich, und eigentlich hat er ihr das später +nie verziehen. Gerade aus dem Verhältnis zur Mutter entwickelte sich in +ihm die Forderung eines unbedingten blinden Gehorsams, »sonder +Räsonieren«, seine unphilosophische starre Rechtgläubigkeit nach eigenem +Rezept und eigener Vorschrift und die harte Behandlung, die er seinem +Sohn Friedrich angedeihen ließ. + +Er nährte im stillen nur zwei Leidenschaften: die Soldatenliebhaberei +und die Ökonomie in den Finanzen. Schon als Knabe errichtete er von +seinem Taschengeld eine Kompanie adeliger Kadetten. Eine zweite Kompanie +befehligte sein Vetter, der Herzog von Kurland, mit dem er sich auch +sehr übel vertrug, die Mutter kam einmal dazu, wie er ihn wütend bei den +Haaren herumschleppte. Seine Sparsamkeit zeigte sich frühzeitig; er war +acht Jahre alt, als er sich ein Ausgabenbuch anlegte, das den Titel +führte: Rechnung über meine Dukaten. Seine Mutter ängstigte sich, daß +der Geiz ihn verhärten werde, und nicht weniger bekümmerte sie seine +immer mehr zutage tretende Unhöflichkeit gegen die Frauen, die freilich +in einer unbesiegbaren Befangenheit und Schüchternheit begründet war und +auch in dem Umstand, daß die erste zarte Neigung seines Herzens, die zur +Prinzessin Karoline von Ansbach, nicht erwidert wurde. Karoline +heiratete später den englischen Georg. + +In seinem sechzehnten Jahr erhielt der Prinz die Erlaubnis zu einer +Reise nach den Niederlanden und nach England. Der Herzog von Marlborough +hatte ihm bereits ein Schiff zur Überfahrt bestimmt, als er nach Berlin +zurückgerufen wurde; seine Mutter war gestorben. Von nun an lebte er +mit Vorliebe in Wusterhausen, dorthin zog er die Leibkompanie seines +Regiments, die er fleißig exerzieren ließ und die seine höchste Freude +war. Er machte den Feldzug am Rhein unter Marlborough und Prinz Eugen +mit, und im Jahre 1706 vermählte er sich mit der Prinzessin Sophie +Dorothea von Hannover, welche die Mutter des großen Friedrich wurde. Sie +war eine große schlanke Frau mit blauen Augen und braunem Haar, gebildet +und lebhaft, ehrgeizig und stolz. + +Als Friedrich Wilhelm nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1713 zur +Regierung gelangte, änderte er den ganzen Hofhaushalt völlig um. Wer +seine Gunst erlangen wollte, mußte Sturmhaube und Küraß anlegen, alles +war Offizier und Soldat, und zwei Männer gewannen alsbald ausschließlich +sein Vertrauen, der Generalmajor von Grumbkow und der Fürst Leopold von +Anhalt-Dessau. Alle wichtigen Geschäfte gingen durch Grumbkows Hände, +und da er des Königs täglicher Gesellschafter war, wuchs sein Einfluß +beständig. Er fügte sich in des Königs Launen, wußte dessen erste Hitze +abzulenken und leitete ihn, soweit er sich überhaupt leiten ließ, +anscheinend treuherzig, freimütig und bieder. Grumbkow war ein großer +Feinschmecker und konnte ungeheuer viel Wein vertragen, so daß er den +Ehrentitel Biberius erhielt. Für zwölftausend Taler Tafelgelder, die ihm +ausgezahlt wurden, übernahm er die Bewirtung der fremden Prinzen und +Gesandten. Während der König und der übrige Hof in der größten +Sparsamkeit lebten, führte Grumbkow allein einen glänzenden Haushalt. +Der König speiste selbst gern und oft bei ihm und pflegte zu sagen: »Wer +besser essen will als bei mir, der muß zu Grumbkow gehen.« Grumbkows +Verschwendungssucht brachte ihn aber in eine höchst bedenkliche +Abhängigkeit von fremden Höfen; er stand erst im englischen und später +im österreichischen Solde. Seine Hauptfeindin war die Königin Sophie, +deren Lieblingsplan einer Heirat ihres Sohnes Friedrich mit der +englischen Prinzessin Amalia er hintertrieb. Damals beleidigte er die +Königin geradezu durch unziemliche Redensarten, und sie verfluchte ihn +dafür. Sein Ehrgeiz vermaß sich immer höher, geflissentlich säte er +Zwietracht zwischen dem König und der Königin, endlich erschöpfte er die +Langmut seines Herrn und fiel in Ungnade. Als der König seinen Tod +erfuhr, sagte er: »Nun werden die Leute doch endlich einsehen, daß der +Grumbkow nicht alles macht. Hätte er vierzehn Tage länger gelebt, so +hätte ich ihn verhaften lassen.« + +Leopold von Anhalt-Dessau, den der Volksmund und die Geschichte den +Alten Dessauer nennt, war ein Vetter des Königs und seit dem +italienischen Feldzug eng mit ihm befreundet. Leopold verstand sich auf +die Seele des Soldaten, und wenn er fluchte, war es dem gemeinen Mann +wie bei einer Schmeichelei zumute. Er führte die großen Neuerungen in +der preußischen Armee ein, die ihr später in den Schlachten Friedrichs +des Großen die taktische Überlegenheit verschafften: den eisernen +Ladestock und den Gleichschritt der Kolonnen. + +Grumbkow und der Fürst von Dessau waren grimmige Feinde. Den ersten +Streit zwischen ihnen gab es wegen eines merkwürdigen Projektes, das +Leopold dem König kurz nach seinem Regierungsantritt vorschlug. Leopold +hatte in seinem Fürstentum alle Güter aufgekauft, das Land bestand am +Ende nur noch aus Domänen und war ganz sein Eigentum geworden. Er riet +dem König, ein gleiches zu tun, und bewies ihm, daß Dessau jetzt +verhältnismäßig doppelt soviel einbringe, als dem König seine Staaten. +Grumbkow widersetzte sich dem Vorschlag lebhaft und malte die +schädlichen Folgen aus, wenn der König seinen Adel vom Güterbesitz +vertreibe und sich vom baren Geld entblöße. Dem Fürsten schleuderte er +die Anklage entgegen, daß ja in seinem Lande nur noch Juden und Bettler +zu finden seien. Leopold geriet darüber in solchen Zorn, daß er den +Minister auf Pistolen forderte, und nur mit Mühe verglich sie der König +durch sein Dazwischentreten. Von da an war es unmöglich, beide Männer in +leidlichem Einvernehmen zu halten. Zehn Jahre später kam es wegen des +Vorwurfs der englischen Bestechung abermals zu einem Streit und wieder +zu einer Herausforderung. Grumbkow lehnte ab. Um sich zu rächen +verlangte Grumbkow vom Fürsten das Patengeschenk von fünftausend Talern, +das er einst einer seiner Töchter versprochen hatte, wenn sie sich +verheiraten würde. Der Fall war da. Es kam zum Wortwechsel und zu +Beschimpfungen. Der Fürst schickte Grumbkow ein Kartell. Grumbkow +schützte religiöse Bedenken vor und sagte, die Duelle seien nach +göttlichen und menschlichen Gesetzen verboten. Endlich kam es aber doch +zum Zusammentreffen, und beide Teile begaben sich vor das Köpenicker +Tor. Sobald der Fürst, in weiter Ferne noch, seinen Gegner erblickte, +rief er ihm zu, er solle den Degen ziehen. Grumbkow näherte sich mit +langsamen Schritten, übergab dem Fürsten seinen Degen und sagte, er +bitte Seine Durchlaucht untertänigst, das Vorgefallene zu vergessen und +ihm seine Gnade wieder zu schenken. Da warf ihm der Fürst einen +verachtungsvollen Blick zu, kehrte ihm den Rücken, schwang sich auf sein +Pferd und ritt wieder gegen die Stadt. + +Jetzt trat der König ernstlicher als Vermittler auf; er begehrte, daß +Leopold eine Bescheinigung unterschreiben solle, worin Grumbkow das +Zeugnis eines Ehrenmanns ausgestellt war; weigere sich der Fürst, so +werde er, Friedrich Wilhelm, alle Generale zu sich kommen lassen und +erklären, daß, wer den Grumbkow nicht für einen braven Offizier halte, +ein Erzhalunke sei. Es gab weitläufige Verhandlungen, mit Müh und Not +war der Fürst zu einer Abbitte zu bewegen, und bald darauf verließ er +den Hof von Berlin. Sein Regiment stand in Halle und in Magdeburg. In +Halle kam es zu schweren Händeln zwischen ihm und den Studenten, die +beim Rekrutenexerzieren im Frühjahr ein lärmendes Publikum bildeten und +das linkische Wesen der Rekruten verhöhnten. + +Das Kabinettsministerium Friedrich Wilhelms blieb in den Händen des seit +der Verschaffung der Königswürde bewährten Heinrich Rüdiger von Ilgen. +Der kluge Westfale, den schon der große Kurfürst nach seinem Verdienst +erkannt, gehörte zu jenen Bürgerlichen, welchen die Monarchie ihre +Größe verdankt. Ilgen war ein sehr bedeutender Mann. Er allein hielt +dem hartgesottenen Mylord Raby stand, der am Berliner Hof den Meister +spielen wollte, und entfernte ihn endlich, indem er die Gräfin +Wartenberg entfernte. In der gefährlichen Periode nach dem Utrechter +Frieden, wo der Wind der Politik beständig umsprang, lenkte er das +preußische Staatsschiff mit höchster Geistesgegenwart, ungetrübtem +freien Blick und bewußter Energie. Von Jugend auf an Arbeit gewöhnt, +gründlich unterrichtet, dabei welterfahren klug und scharfsinnig, war er +ein Meister in der Kunst der Verstellung, mit der allein man damals +regieren konnte. Er war immer auf der Hut, er verstand es wie +irgendeiner von seinen geschulten Gegnern der alten Kabinette, seine +Absichten zu verbergen, sich zweideutig auszudrücken, mit glatten Worten +sie hinzuhalten, sie zugleich auf weiten Wegen auszuforschen, durch die +stärksten Versicherungen von der richtigen Fährte abzulenken und unter +den heiligsten Beteuerungen doch zu hintergehen, so wie sie ihn +hintergehen wollten. Er hatte sich vollkommen in der Gewalt und +beherrschte mit stets gleichbleibender kalter Besonnenheit sein +Temperament, seine Zunge, sein Gesicht, ja sogar seine Augen. Nichts +verriet ihn und er erriet immer. Alle Staatsgeheimnisse verschloß er in +sich selbst, arbeitete alles selbst, hatte keine einzige Kreatur, auch +seine Verwandten begünstigte er nicht. Seine Gabe, die Menschen zu +erforschen, brachte ihn bei Hofe in den Ruf, daß er die Zukunft +vorhersagen könne. Der König, obwohl er ihn nicht liebte, wußte doch, +was er an ihm besaß. + +Trotz der diplomatischen Kunst seines Ministers war es dem König doch +immer gegenwärtig, daß, um unter den Mächten Europas Bedeutsamkeit zu +erlangen, alles auf Geld und Soldaten ankomme; das übrige fände sich +hernach von selbst. Seine Staatswirtschaft unterschied sich durchaus von +derjenigen aller anderen Reiche und Kronen; sein Muster war und blieb +das Hauswesen eines wohlhabenden Gutsbesitzers. Seine Neigung für das +Soldatenwesen schien ein Spiel, aber hinter diesem Spiel verbarg sich +ein tiefer, zukunftahnender Ernst. Es gibt eine Mitteilung über eine +merkwürdige Stelle in Friedrich Wilhelms Testament; sie stammt vom +Ritter Zimmermann und lautet: Mein ganzes Leben hindurch fand ich mich +genötigt, um dem Neid des österreichischen Hauses zu entgehen, zwei +Leidenschaften auszuhängen, die ich nicht hatte; eine war ungereimter +Geiz und die andere eine ausschweifende Neigung für große Soldaten. Nur +wegen dieser so sehr in die Augen fallenden Schwachheiten vergönnte man +mir das Einsammeln eines großen Schatzes und die Errichtung einer +starken Armee. Beide sind nun da, und nun bedarf mein Nachfolger weiter +keiner Maske. + +Sobald er den Thron bestiegen hatte, begannen die Werbungen in einem +vorher nicht dagewesenen Umfang. Im ganzen Land wurde eine förmliche +Jagd auf Bürger und Bauern veranstaltet. Scharen junger Leute flüchteten +vor dem Korporalstock der Werbewütriche, und es kam vor, daß die Werber +in Kirchen eindrangen und sich der jungen Männer während des +Gottesdienstes bemächtigten. Es fehlte dem König gegenüber nicht an +Klagen und Vorstellungen. Einmal wurde ihm ein Brief in die Hände +gespielt, auf dem zu lesen war: Wer einen Menschen stiehlet und +verkauft, daß man ihn bei ihm findet, der soll des Todes sterben. 2. +Moses 21, 16. Wenn jemand funden wird, der aus seinen Brüdern eine Seele +stiehlet aus den Kindern Israel und versetzt oder verkauft sie, solcher +Dieb soll sterben. 5. Moses 24, 7. Aber das waren Zitate aus dem Alten +Testament, und das Alte Testament war ja dem König verhaßt; auch konnte +der Hofhistoriograph Coßmann aus dem 1. Buch Samuelis, Kapitel 8 +klärlich erweisen, daß es göttliches Recht der Könige sei, Knechte und +Mägde, Söhne und Esel wegzunehmen. Friedrich Wilhelm ereiferte sich +sehr, wenn er vernahm, daß fremde Staaten Verbote gegen seine Werbungen +erlassen hätten; er hielt es für Unrecht, wenn sie ihm lange Kerle +verweigerten, da niemand sie so gut zu schätzen wisse als er. + +Die langen Kerle, das war die berühmte Potsdamer Garde, riesengroße +Leute, die er in seinen eigenen Staaten ausheben, aus allen Weltgegenden +für ansehnlichen Sold und gutes Handgeld sich verschreiben, von +befreundeten Fürsten sich schenken oder im Notfall durch seine Werber +mit Gewalt entführen ließ. Er schrieb einmal an den Grafen Seckendorf: +»Wenn ich kann von meinen beiden Vettern in Anspach und Bayreuth +vierhundert oder sechshundert Mann als Rekruten kriegen, will ich für +jeden nackenden Kerl dreißig Taler geben.« Im Lauf von zwanzig Jahren +schickte er ungefähr zwanzig Millionen Werbetaler in die Fremde. Mit +Pässen, die vom König unterzeichnet waren, machten die Werber in allen +deutschen und in den benachbarten Ländern Jagd auf lange Kerle. Im +Jülichschen passierte es einmal, daß ein Oberstleutnant bei einem sehr +langen Tischlermeister einen Kasten bestellte, der so lang und so breit +sein sollte, wie der Tischler selber war. Als der Oberstleutnant nach +einigen Tagen wiederkam, um den Kasten abzuholen, erklärte er, der +Kasten sei zu kurz. Der Tischler legte sich sofort selbst hinein, um zu +beweisen, daß der Kasten die nötige Länge habe. Geschwind ließ der +Oberstleutnant von seinen Leuten den mitgebrachten Deckel zumachen und +den Kasten von seinen Rekruten davontragen. Als aber der Kasten vor dem +Tor aufgemacht wurde, war der lange Tischlermeister erstickt. Der +Oberstleutnant wurde zwar zum Tode verurteilt, der König begnadigte ihn +aber zu lebenslänglicher Festung. Der österreichische Hof, der russische +und der polnisch-sächsische kamen der Passion des Königs freundlich +entgegen. Für hundert russische Potsdamer, die ihm der Zar Peter, dann +die Kaiserinnen Katharina und Anna zukommen ließen, gab er ihnen als +Gegengeschenk das berühmte Bernsteinkabinett, das sein Vater angelegt +hatte, und später eine bestimmte Zahl ausgebildeter preußischer +Unteroffiziere. Von August dem Starken erwarb er gegen eine Partie +Porzellan die dafür so genannten Porzellanregimenter. + +[Illustration: Friedrich Wilhelm I., nach einem Stich von G. P. Busch.] + +Der gewöhnliche Preis eines langen Kerls von fünf Fuß zehn Zoll +rheinländischen Maßes war siebenhundert Taler; einer von sechs Fuß wurde +mit tausend Talern bezahlt, und war er noch länger, so stieg der Preis +noch höher. Einer der teuersten war der Irländer Kirkland; für diesen +zahlte der preußische Gesandte in London neuntausend Taler. Für einen +andern bekam der General Schmettau fünftausend Taler und eine +Stiftsstelle für seine Schwester. Im Lande selbst ward alles aufgeboten, +damit man sich der tauglichen Subjekte rechtzeitig versichern konnte. +Kinder in der Wiege, die lang zu werden versprachen, bekamen eine rote +Halsbinde und ihre Eltern das Handgeld. Es gab Dorfschulen, wo alle +Knaben solche Binden trugen. Ein sonderbarer Versuch des Königs, recht +lange Potsdamer mit recht langen Frauen zusammenzugeben, um von ihnen +wieder recht lange Kinder zu erhalten und auf solche Art ein Geschlecht +von Giganten aufzuziehen, mißglückte leider. + +Das Infanterieregiment der blauen Grenadiere, das Königsregiment +genannt, war das schönste in ganz Europa. Es bestand aus Leuten von +allen Ecken und Enden der Welt, Deutschen, Holländern, Engländern, +Schweden, Dänen, Russen, Walachen, Ungarn, Polen und Litauern. Franzosen +waren grundsätzlich ausgeschlossen, aber wenn sie sechs Fuß maßen, +konnte der König nicht widerstehen. Die »lieben blauen Kinder« waren +seine größte Freude. Er ging mit ihnen um wie ein Kamerad und wie ein +Vater; jeder Soldat hatte bei ihm freien Zutritt. Die größten hatte er +malen lassen, und ihre Bilder hingen in den Gängen des Potsdamer +Schlosses. Der Flügelmann Jonas mußte sogar in Stein gehauen werden, und +zwar, befahl der König, so ähnlich wie möglich. Es war den lieben blauen +Kindern gestattet, Bier- und Weinhäuser, Material- und Italienerläden zu +halten und Gewerbe zu treiben. Einigen baute der König Häuser, andern +schenkte er Geld und Grundstücke, verheiratete sie und hob ihre Kinder +aus der Taufe. + +Um eine solche durch Zwangswerbung entstandene Armee in Ordnung zu +halten, bedurfte es der schärfsten Disziplin. Die Truppen wurden +jährlich neu gekleidet, die Infanterie blau, die Kavallerie weiß, die +Husaren rot. Alle trugen, wie der König selbst, den langen Zopf und +Puder in den Haaren. Die Monturen waren so eng, daß die Leute oft nicht +wagten, sich zu bewegen, aus Furcht, die Röcke könnten zerreißen. Einmal +bemerkte der König vom Fenster des Schlosses aus einen Offizier, der +einen zu langen Rock an hatte; er ließ ihn sogleich rufen und schnitt +ihm eigenhändig mit der Schere das vorschriftswidrige Stück weg. +Exerziert wurde unaufhörlich, und es war das größte Glück des Königs, +wenn bei jedem Kommando in der ganzen Linie nur ein Griff zu sehen, beim +Marschieren nur ein Tritt und beim Feuern der Rotten nur ein Schuß zu +hören war. Der Ton im Heer war streng und rauh, die Strafen waren +furchtbar. Wenn ein Soldat desertierte, mußten Bürger und Bauern die +Sturmglocken läuten, und wer den Flüchtling wieder einbrachte, bekam +zwölf Taler. Um dem allmählich überhand nehmenden Werbeunfug zu steuern, +erließ der König im Jahre 1733 das berühmte Kantonreglement, das den +Keim und Anfang des allgemeinen Wehrpflichtgesetzes darstellt. Alle +Einwohner des Landes wurden als für die Waffen geboren erklärt; +ausgenommen waren nur die kleinen, die Söhne des Adels und die Söhne +derjenigen Bürger, die einen gewissen Reichtum nachzuweisen vermochten. + +Zeit seines Lebens bezeugte Friedrich Wilhelm für Kaiser und Reich eine +Ehrerbietung und Treue der Gesinnung, die man bei einem so mächtigen +Herrn, welcher achtzigtausend Soldaten unter sich stehen hatte, nicht +vermuten konnte. Er warb um die Gunst der kaiserlichen Minister, und +einmal sagte er: »Ich würde mich begnügen, wenn ich des Kaisers +Kammerpräsident wäre.« + +Alles was nicht deutsch war, war ihm nicht zu Sinne, und sonderlich +waren ihm die Franzosen ein Greuel »mit ihren Quinten und französischen +Winden«. Um den Berlinern die französischen Moden zu verleiden, ließ er +seinen Profosen französische Kleider tragen, grüne Röcke mit +großmächtigen Aufschlägen, gelbe Westen und gelbe Strümpfe, dazu +ungeheuer große Hüte wie Wetterdächer und Haarbeutel wie riesige Säcke. +Auf dem Theater ließ er einmal ein Stück aufführen, das den Titel hatte: +»Der anfangs hitzig und großsprechende, zuletzt aber mit Schlägen +abgefertigte Marquis«. Ebenso verhaßt waren dem König »die hoffärtigen +Leute über dem großen Wassergraben«, wie er die Engländer nannte. Als +ihn zwei reformierte Prediger um die Erlaubnis baten, ihre Söhne nach +England zu den Erzbischöfen von Canterbury und York schicken zu dürfen, +schlug er es mit der Begründung ab, daß in England keine Orthodoxie in +der Religion statuiert werde und es überhaupt ein Sündenland sei. »Der +König,« schreibt Seckendorf 1726 an Prinz Eugen, »ist sehr gegen die +englische Nation pikiert und souteniert nicht ohne Grund, daß selbige +durch ihre Seemacht das Comercium von ganz Europa an sich nehmen wolle.« +Im Jahre 1730 wurden zwischen Deutschland und England Verhandlungen zu +einer Doppelheirat gepflogen; der Kronprinz Friedrich sollte die Tochter +Georgs II. und der Prinz von Wales die Prinzessin Friederike angetraut +bekommen. England forderte nur, daß der König den Minister Grumbkow als +einen Verräter im Dienst und Solde Österreichs entferne, und der +Gesandte Hotham erbot sich, diese Anklage aus aufgefangenen Briefen +Grumbkows zu beweisen. Der Graf Seckendorf stellte aber dem König vor, +daß England den treuen Minister nur deshalb entfernen wolle, um mehr +Einfluß am preußischen Hof zu gewinnen; die aufgefangenen Briefschaften +seien unterschoben und künstlich fabriziert. Als nun Hotham zur Audienz +kam und die Zuversicht aussprach, daß der König den Verräter sofort +entlassen werde, geriet Friedrich Wilhelm in solchen Zorn, daß er dem +Gesandten Großbritanniens die Dokumente ins Gesicht warf und sogar den +Fuß aufhob, als wollte er ihn mit einem Tritt bedienen. Der Gesandte +machte Anstalten zu seiner Abreise, Friedrich Wilhelm erkannte seine +Übereilung und ließ sich zweimal entschuldigen, aber kurz darauf wollte +er seine Gemahlin, die englische Prinzessin, bei der Tafel nötigen, auf +Englands Untergang zu trinken. + +Mit Holland und Sachsen-Polen stand der König gut, aber seine größte +Sympathie hatten doch die Russen. Er war sehr für die russische Allianz, +und der Gedanke des nordischen Drei-Adlerbündnisses schwebte ihm immer +vor der Seele. Der große Kurfürst war anderer Meinung gewesen und hatte +tiefer gesehen, wie sein Wort beweist: Die Russen sind Bären, die man +nicht loslassen muß, weil es schwer ist, sie wieder anzubinden. + +Die Königin Sophie Dorothea verübelte es ihrem Gemahl sehr, daß er sich +allerwegen für das Interesse des Kaisers einsetzte. Einmal sagte sie bei +Tisch vor seinen Vertrauten und Offizieren zu ihm: »Ich will noch +erleben, daß ich Euch Ungläubige will gläubig machen und dartun, wie Ihr +seid betrogen worden.« Aber der König ließ sich nicht irre machen. Einst +schrieb er an Seckendorf: »Meine Feinde mögen tun was sie wollen, so +gehe ich nit ab vom Kaiser, oder der Kaiser muß mich mit Füßen +wegstoßen, sonsten ich mit Treu und Blut sein bin und bis in mein Grab +verbleibe.« Er war auch der Ansicht, die deutschen Fürsten müßten +geradezu gezwungen werden, die pragmatische Sanktion anzuerkennen. +»Weigern sie sich, oder wollen sie sich nit explizieren,« schrieb er, +»so muß man die Laus und Motten nit im Pelz lassen wuchern, daß der +ganze Pelz nit verdorben sei.« Im Jahre 1729 schon drohte der Krieg, und +da schrieb der König an Seckendorf: »Ich wünsche, daß es losgehe und +kann versichern, daß ich mit Gut und Blut beistehen werde, aber es muß +alles reichskonstitutionsmäßig sein, und die Auswärtigen müssen +attackieren, dann ohne Räsonieren drup! drup! Mit die größte Pläsier von +der Welt, die stolzen Leute zur Räson bringen zu helfen, sie sollen +sehen, daß das deutsche Blut nit verwüstet ist.« Aber als es fünf Jahre +später zum Krieg zwischen Frankreich und Österreich kam, wollte er seine +Truppen doch nicht marschieren lassen und sagte: »Ich gebe keinen Mann +und kein Geld. Ich muß wissen woher und wohin.« Dann ließ er aber doch +zehntausend Blauröcke ins Feld rücken. Der Kardinal Fleury schickte ihm +eine künstlich gearbeitete goldene Birne, in welcher ein Wechsel auf +fünf Millionen Pistolen lag, zahlbar, wenn der König sich für Frankreich +erklären würde. Er wies das Anerbieten zurück. In der Folge wurde er +aber vom Kaiser mit Undank belohnt, und als es zum Frieden kam, wurde +Preußens Stimme nicht einmal gehört. Ein halbes Jahr später sagte er bei +einer Unterredung in Potsdam, indem er auf seinen so lange mißhandelten +Sohn Friedrich wies, die berühmten Worte: »Da steht einer, der mich +rächen wird.« Noch zwei Jahre früher freilich hatte er dieses Genie so +über die Achsel angesehen, daß er sich geäußert hatte: »Fritzchen #ne +sait rien du tout des affaires.# Wenn du es nicht recht anfangen wirst +und alles drunter und drüber gehen wird, so werde ich in meinem Grabe +über dich lachen.« + +Als der Kronprinz Friedrich sechs Jahre alt war, erhielt er zwei +militärische Gouverneure von seinem Vater, und diesen ward +eingeschärft, ihn in der Furcht Gottes zu erziehen, denn dies sei das +einzige Mittel, so schreibt der König selbst in seiner Instruktion, die +von menschlichen Gesetzen und Strafen befreite suveräne Macht in den +Schranken der Gebühr zu erhalten. Man müsse ihn zum Guten antreiben und +die Begierde zum Ruhm und zur Bravur in ihm erwecken, von Opern, +Komödien und andern weltlichen Eitelkeiten abhalten und ihm so viel als +möglich Ekel davor machen. Aber alles was zu lernen sei, solle ihm ohne +Ekel und Verdruß beigebracht werden. »Sie müssen ihn nicht bei Leib und +Leben verzärteln oder gar zu weichlich gewöhnen. Vor der Faulheit, als +woraus Verschwendung entsteht, soll ihm der allergrößte Abscheu von der +Welt gemacht werden. Er soll nie allein gelassen werden, weder bei Tag +noch bei Nacht, einer der Gouverneure soll jederzeit bei ihm schlafen. +Da sich bei herannahenden Jahren oftmals das Laster der Hurerei +einzuschleichen pflegt, soll sowohl der Oberhofmeister als auch der +Subgouverneur vor allen Dingen achthaben, daß solches verhütet werde, +widrigenfalls sie mir mit ihren Köpfen davor haften sollen.« Und in +einem späteren Reglement heißt es: »Am Sonntag morgen soll er um sieben +Uhr aufstehen; und sobald er die Pantoffel an hat, soll er vor dem Bette +auf die Knie niederfallen und zu Gott kurz beten, und zwar laut, daß +alle, die im Zimmer sind, es hören können. Dann soll er sich hurtig +anziehen und proper waschen, schwänzen und pudern; dann soll er +frühstücken in sieben Minuten Zeit. Dann sollen alle seine Domestiken +und Duhan hereinkommen, das große Gebet gehalten, auf die Knie, darauf +Duhan ein Kapitel aus der Bibel lesen soll und ein oder ander gutes Lied +singen soll, da es dreiviertel auf acht sein wird. Alsdann wieder alle +Domestiken herausgehen sollen. Duhan soll alsdann mit Meinem Sohn das +Evangelium vom Sonntag lesen, kurz explizieren und dabei allegieren, was +zum wahren Christentum nötig ist, auch etwas von #Katechismo noltenii# +repetieren, und soll dies geschehen bis neun Uhr; alsdann mit Meinem +Sohn zu Mir herunter kommen soll und mit Mir in die Kirche gehen und +essen; der Rest des Tages ist vor Ihn. Des Abends soll er um halb zehn +Uhr von Mir guten Abend sagen, dann gleich nach der Kammer gehen, sich +sehr geschwind ausziehen, die Hände waschen, dann soll Duhan ein Gebet +auf den Knien halten, ein Lied singen, dabei wieder alle Seine +Domestiken zugegen sein sollen, alsdann Mein Sohn gleich zu Bette gehen +soll.« So war auch für die Wochentage die Stundeneinteilung aufs +genaueste geregelt. Das Budget des Prinzen ward ungemein kärglich +bemessen, und der König prüfte alle Rechnungen selbst. + +Friedrich sollte nach dem Willen seines Vaters vor allem ein guter +Soldat werden; aber sein feiner, rascher und feuriger Geist war durch +das pedantische Leben, das er führen mußte, das unablässige Exerzieren, +das Absperren von Musik und Büchern, zu denen ihn seine innerste +Herzensneigung zog und die ihm der Vater beharrlich verwehrte, aufs +tiefste bedrückt. Er lehnte sich auf gegen die Tyrannei, gab sich +Ausschweifungen hin und warf sich mit aller Glut einer jugendlichen und +unbefriedigten Seele der französischen Philosophie in die Arme. Der +König, dem die Änderung im Wesen des Sohnes nicht entgehen konnte, +behandelte ihn nur um so strenger. Die Königin hatte Friedrich heimlich +Unterricht im Flötenspiel geben lassen; er hatte oft in versteckten +Gewölben Konzerte veranstaltet oder seine musikalischen Freunde in den +Wald bestellt; während sein Vater Schweine hetzte, wurden die Flöten und +Geigen aus den Jagdtaschen gezogen und im Waldesdunkel konzertiert. Der +König kannte diese Neigung und nannte seinen Sohn verächtlich den +Querpfeifer und Poeten. Auf Friedrichs Bitten hatte die Königin den +berühmten Flötenspieler Quanz nach Berlin kommen lassen; der König hatte +Nachricht davon erhalten und den Prinzen überrascht; Quanz konnte zwar +noch glücklich in einem Kamin versteckt werden, er erzählte später, daß +ihm nie eine Pause so schwer zu halten gewesen sei, aber der König hatte +im Zimmer des Prinzen brokatne Schlafröcke und französische +Gedichtbücher gefunden. Die Schlafröcke ließ er verbrennen, die Bücher +verkaufen. Wütend darüber, daß sein Sohn den Petitmaitre machte, +schickte der König eines Morgens den Hofbarbier Sternemann zu Friedrich +mit dem Befehl, ihm die schönen, langen, braunen Seitenlocken +abzuschneiden und ihn vorschriftsmäßig einzuschwänzen. Als der gutmütige +Mann den Prinzen weinen sah, legte er die Schere weg und band die Locken +in den Zopf mit ein. Als Friedrich sich bei seiner Tafel statt der +zweizinkigen Eisengabeln gegen den Befehl dreizinkige silberne +anschaffen ließ, ward er geschlagen. Auch bei anderen Gelegenheiten +wurde er von seinem Vater mißhandelt, und seine Lage erschien ihm +plötzlich so unerträglich, daß er den Plan faßte, zu entfliehen. Aber +der unvorsichtige Katte, der überall in Berlin mit der Freundschaft des +Kronprinzen prahlte, hatte geschwatzt, und der König, den sein Sohn auf +einer Rheinreise begleitete, ließ ihn in Wesel verhaften und fragte ihn, +warum er habe desertieren wollen. »Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn, +sondern wie einen niederträchtigen Sklaven behandelt haben,« antwortete +Friedrich. »Ihr seid also nichts weiter als ein feiger Desertör ohne +Ehre?« sagte der König. »Ich habe so viel Ehre wie Sie,« antwortete +Friedrich, »und habe nur das getan, was Sie mir hundertmal gesagt haben, +Sie würden es an meiner Stelle tun.« Der König zog den Degen und wollte +in der Hitze den Sohn erstechen. Der Mut des Kommandanten von Wesel +rettete Friedrich; er warf sich zwischen Vater und Sohn und rief dem +König zu: »Sire, durchbohren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes!« + +Der neunzehnjährige Prinz ward aus der preußischen Armee gestoßen und +auf die Festung Küstrin gebracht. Sein Gefängnis war sehr hart. Die Tür +war mit zwei großen Vorlegeschlössern versperrt, sein Essen, aus der +Garküche mittags für sechs Groschen und abends für vier Groschen, mußte +ihm vorher entzweigeschnitten werden, Messer und Gabel waren verboten, +ebenso Tinte und Feder, Bücher und Flöte. Niemand durfte sich länger als +vier Minuten bei ihm aufhalten, und um acht Uhr abends hatte der +wachthabende Offizier den Befehl, die Kerzen auszulöschen. Einmal +erinnerte er den Prinzen daran, zu Bett zu gehen, und als dieser nicht +darauf achtete, blies er die Lichter aus. Friedrich gab ihm eine +Ohrfeige. Am andern Morgen erschoß sich der Offizier. Die beabsichtigte +Desertion allein hätte nicht des Königs Zorn so erregen können, wie es +der Fall war. Man hatte ihm hinterbracht, und hier hatte wahrscheinlich +Grumbkow seine Hand im Spiele gehabt, daß Friedrich nach Österreich +fliehen gewollt, um katholisch zu werden und sich mit Maria Theresia zu +verheiraten. Katholisch werden, das war für den König der Schrecken und +das Grauen. Grumbkow, der sich überzeugt hatte, daß die Königin und die +Prinzessin Friederike die wichtigsten Papiere beiseite gebracht hatten, +drängte den Prinzen zu Aussagen über einige Punkte. Friedrich antwortete +mit stolzer Verachtung. Da hatte Grumbkow die Stirn, mit der Folter zu +drohen. Friedrich erwiderte, ein Henker könne nur mit Vergnügen von +seinem Henkerhandwerk reden, und er wolle sich nicht zu weiteren +Geständnissen erniedrigen. Die Untersuchung ergab, daß er zur Flucht +fünfzehntausend Taler geborgt hatte, auch wurde ihm ein +Liebesverständnis mit der schönen Potsdamer Kantorstochter Doris Ritter +zur Last gelegt. Der König befahl, das Mädchen auszupeitschen und nach +Spandau ins Spinnhaus bringen zu lassen; der Vater verlor sein Amt. Das +furchtbarste Schicksal aber hatte Katte. Er hatte mit der Flucht +gezögert, weil ein Mädchen ihn hielt, war arretiert und vom +Kriegsgericht zur Ausstoßung aus der Armee und zu lebenslänglicher +Festung verurteilt worden. Der König verschärfte das Urteil auf die +Todesstrafe. Am sechsten November früh sieben Uhr wurde der +zweiundzwanzigjährige Mensch am Schlosse vorbei und auf den Wall +geführt. Friedrich öffnete das Fenster und rief mit lauter Stimme: +»Verzeih mir, lieber Katte.« Katte erwiderte: »Der Tod für einen solchen +Prinzen ist süß.« Damit ging er mutig zum Richtplatz, wo sein Kopf fiel. +Friedrich wurde ohnmächtig und blieb dann bis zum Abend regungslos am +Fenster stehen, den Blick unverwandt auf die Richtstätte gerichtet. +Wahrscheinlich begann mit diesem Tag seine völlige Umkehr und +Verwandlung, zum Heil seines Volkes und der Welt. So ist, was grausam +und dem einzelnen schwer zu tragen scheint, in einem höheren Sinne +Notwendigkeit. + +Der Areopag, vor welchem am Berliner Hofe die Angelegenheiten der innern +und äußern Politik verhandelt wurden, war das Tabakskollegium. Die +Tabaksstube war auf holländische Art wie eine Prachtküche mit einem +hohen Gestell von blauen Tellern eingerichtet; jeden Abend gegen sechs +Uhr kam das Tabakskollegium zusammen und blieb bis zehn Uhr und auch +länger. Es gehörten dem Kollegium an: Grumbkow, der Alte Dessauer, der +Graf Dönhoff, der Oberst von Derschau, die Generale von Gerstorf und von +Sydow, Jean de Forcade, der Kommandant von Berlin, Peter von Blankensee, +bei Hofe der Blitzpeter genannt, Kaspar Otto von Glasenapp, Christoph +Adam von Flanz, der beste Rebhuhnschütze, Dubislav Gundomar von Natzmer, +Heinrich Karl von der Marwitz, Friedrich Wilhelm von Rochow, Wilhelm +Dietrich von Buddenbrock, Arnold Christoph von Waldow, Johann Christoph +Friedrich von Haake und die von Fall zu Fall gebetenen Minister und +Gesandten. + +Um den Haupttisch saßen die Herren mit ihren breiten Ordensbändern und +rauchten aus langen holländischen Pfeifen; vor jedem von ihnen stand ein +weißer Krug mit Ducksteiner Bier und ein Glas. Die nicht wirklich +rauchen konnten, wie der Alte Dessauer und der Graf Seckendorf, mußten +wenigstens eine Pfeife in den Mund nehmen und kalt rauchen; Seckendorf +war sogar so gefällig, sich durch fortwährendes Blasen mit den Lippen +den Anschein eines geübten Rauchers zu geben. Es ergötzte den König +höchlich, wenn fremde Prinzen, die als Gäste anwesend waren, betrunken +gemacht werden konnten oder wenn ihnen das ungewohnte Tabakskraut +Sterbensübelkeit verursachte. Er selbst rauchte passioniert, jeden Abend +dreißig Pfeifen. Auf dem Tische lagen die Zeitungen, die Berliner, die +Hamburger, die Leipziger, die Frankfurter, die Breslauer, die Wiener, +auch holländische und französische. Ein Vorleser war bestellt, der sie +vorlesen, und, was unverständlich war, erklären mußte. Dieser Vorleser +hieß Jakob Paul Freiherr von Gundling. + +Gundling war ein Franke, ein Pfarrerssohn aus Hersbruck bei Nürnberg. Er +war durch Danckelmann nach Berlin gekommen und Professor an der +Ritterakademie gewesen, der König erhob ihn auf Grumbkows Empfehlung zum +Hofrat und Zeitungsreferenten beim Tabakskollegium; er erhielt freie +Tafel bei Hof, Wohnung im Schlosse und mußte den König auf allen seinen +Gängen begleiten, um ihm mit seiner Gelahrtheit und instruktiven +Unterhaltung nahe zu sein. Er galt als ein wichtiger Mann, und der +russische wie der kaiserliche Hof verschmähten es nicht, ihn durch +Gnadenketten zu gewinnen. Um die Gelehrsamkeit, die er wirklich besaß, +recht lächerlich zu machen, mußte er beim König den Hofnarren abgeben. +Der König erhob ihn zu einer bereits abgeschafften Würde, der des +Oberzeremonienmeisters, und schenkte ihm den Anzug des verabschiedeten +Besser, den dieser beim Krönungsfest getragen hatte; es war ein roter, +mit schwarzem Samt ausgeschlagener Leibrock mit großen französischen +Aufschlägen und goldenen Knopflöchern, dazu eine große Staatsperücke mit +langen Locken aus weißen Ziegenhaaren, ein großer Hut mit weißen +Straußfedern, gelbe Beinkleider, seidene Strümpfe mit goldenen Zwickeln +und Schuhe mit roten Absätzen. Der König machte ihn, und zwar an Stelle +des großen Leibniz, zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften. Er +gab ihm den Freiherrntitel und die Kammerherrnwürde. + +In der Trunkenheit schnitt man ihm einst den Kammerherrnschlüssel ab. +Der König drohte, ihn wie einen Soldaten zu behandeln, der sein Gewehr +verloren hat. Nachdem Gundling acht Tage hindurch einen ellenlangen +hölzernen Schlüssel zur Strafe auf der Brust hatte tragen müssen, ward +ihm der verlorene wieder eingehändigt, und er ließ ihn nun von einem +Schlosser mit starkem Draht an seinem Rockschoß befestigen. Alle Würden +und Chargen, auch die des geheimen Oberappellationsrats, des Kriegs- und +Hofkammerrats, des Hof- und Kammergerichtsrats, des Freiherrn und +Historiographen erhielt Gundling nur, um ihn und die Ämter damit zu +verspotten. Einmal machte Gundling den Vorschlag, Maulbeerbäume in der +preußischen Monarchie anzupflanzen; da ernannte ihn der König zum +geheimen Finanzrat mit der Weisung an den vorsitzenden Etatsminister, +»man solle Gundling feierlich in das Kollegium introduzieren, ihn #cum +voto sessionis# anstellen und ihm das Departement aller seidenen Würmer +im ganzen Land übertragen«. + +Dem armen Gundling ward oftmals so stark zugesetzt, daß er seiner nicht +mächtig blieb. Man heftete ihm allerlei Figuren von Eseln, Kamelen und +Ochsen an sein Staatskleid und malte ihm einen Schnurrbart. Man ließ ihn +aus den Zeitungen die boshaftesten Artikel über seine eigene Person +vorlesen, die der König eigens an die Redaktionen hatte schicken lassen. +Man setzte einen Affen, der genau wie Gundling gekleidet und mit dem +Kammerherrnschlüssel geschmückt war, an seine Seite; der König +behauptete, der Affe sei Gundlings natürlicher Sohn, und er wurde +gezwungen, das Tier vor dem ganzen Tabakskollegium zu umarmen. In +Wusterhausen, wo auf dem Schloßplatz immer mehrere junge Bären +herumliefen, legte man ihm einige Bären in sein Bett, die Vorderfüße der +Bestien waren zwar verstümmelt, dennoch hätten sie ihn mit ihren +Umarmungen beinahe totgedrückt, und er bekam den Bluthusten. Einmal im +Winter taumelte er betrunken über die Wusterhausener Schloßbrücke; da +packten ihn auf Befehl des Königs vier handfeste Grenadiere, und an +Stricken ließen sie den schweren Mann solange in den gefrorenen +Schloßgraben hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter, bis er das +Eis durchgestoßen hatte. Diese Szene mußte zur besonderen Ergötzlichkeit +des Königs wiederholt und sogar gemalt werden. Einmal war Gundling zu +Gaste geladen und ließ sich in einer Sänfte tragen. Plötzlich wich der +Boden der Sänfte unter ihm, er schrie den Trägern zu, sie möchten +halten, aber je lauter er rief, je schneller rannten die Träger und +zwangen ihn so, nach Art des Pachter Feldkümmel mit ihnen zu laufen. +Häufig fand Gundling, wenn er nachts nach Hause kam, sein Studierzimmer +zugemauert; anstatt sich zur Ruhe legen zu können mußte er stundenlang +die Türe suchen und endlich an der Treppe schlafen. + +Eines Tages entfloh der schwergeplagte Mann zu seinem Bruder, dem +Professor Nikolaus Hieronymus in Halle. Der König ließ ihn aber wieder +holen und machte Miene, ihn als Desertör zu bestrafen. Da er aber eine +ungewöhnliche Stille an ihm bemerkte, nahm er zu dem alten Köder der +Eitelkeit seine Zuflucht: er erhob ihn in den Freiherrnstand, und zwar +mit der Anciennität von sechzehn Ahnen väterlicher und mütterlicher +Seite. Es dauerte aber nicht lange, und der König ließ wieder einen +seiner derbsten Schwänke an ihm verüben. Auf seinen Befehl schrieb +Faßmann, der Autor der damals beliebten »Gespräche im Reich der Toten« +eine bösartige Satire auf Gundling, betitelt: »Der gelehrte Narr«, und +erhielt den Auftrag, sie Gundling im Tabakskollegium zu überreichen. +Gundling wurde hochrot vor Zorn und kam so in Harnisch, daß er eine der +zum Pfeifenanbrennen mit glühendem Torf gefüllten Pfannen ergriff und +sie Faßmann ins Gesicht schleuderte, wovon diesem die Brauen und Wimpern +versengt wurden. Sofort setzte sich Faßmann vor den Augen Seiner +Majestät in Avantage, entblößte Gundling die hinteren Kleider und +bearbeitete ihn mit der heißen Pfanne dermaßen, daß er vier Wochen lang +nicht sitzen konnte. Seitdem begegneten sich die beiden gelehrten Herrn +im Tabakskollegium niemals, ohne daß es zum Faustkampf kam. Der König, +die Generale, die Minister und die Gesandten sahen den Turnieren zu. +Schließlich verlangte der König, die beiden Herren sollten ihren +Ehrenhandel durch ein Duell zum Austrag bringen. Faßmann forderte +Gundling auf Pistolen, Gundling mußte die Forderung annehmen, er mochte +wollen oder nicht. Als die Kombattanten auf dem Schloßplatz erschienen, +warf Gundling die Pistole weg, Faßmann schoß ihm die seinige, die nur +mit Pulver geladen war, in die Perücke, welche zu brennen anfing; +Gundling fiel vor Schreck auf die Erde, und ein ganzer Eimer kalten +Wassers, den man über ihn schüttete, konnte ihm nicht die Gewißheit +geben, daß er noch lebte. + +Achtundfünfzig Jahre alt, beschloß Gundling sein Dasein. Bei der Sektion +ergab sich, daß er im Magen ein großes Loch hatte; der Magen war vom +vielen Trinken geborsten. Seit zehn Jahren war vom König ein mächtiges +Weinfaß zu seiner letzten Ruhestätte bestimmt worden. In seinem besten +Staatskleid angetan, ward er in dieses Faß gelegt und so in Bornstädt +bei Potsdam trotz des Widerspruchs der Geistlichkeit wirklich begraben. +Faßmann hielt dem preußischen Freiherrn mit der Anciennität von sechzehn +Ahnen, dem preußischen Kammerherrn, Präsidenten, Finanzrat und +Historiographen die Nach- und Trauerrede über seine Weinfaß-Ruhestätte. + +In Potsdam gab der König im Winter einige Assembleen, in Berlin +unterließ er dies aus Sparsamkeitsgründen, da mußten die Generale und +Minister auf ihre Kosten Assembleen geben, aber bei den Diners, wo +Friedrich Wilhelm ein freies Gespräch liebte, verbat er sich die +Anwesenheit von Damen. Der Hauptgastgeber war Grumbkow. Ein wegen seiner +Knauserei bekannter General, bei dem sich der König zu Gast geladen +hatte, entschuldigte sich einst, daß er keine eigene Wirtschaft führe. +Der König verwies ihn zum Gastwirt Nikolai, erschien dort mit großem +Gefolge, und es wurde vortrefflich gegessen und getrunken. Beim +Aufstehen rief der General den Wirt herein und fragte ihn, was das +Gedeck koste. »Ohne den Wein einen Gulden die Person,« antwortete der +Wirt. »Schön,« sagte der General, »hier ist ein Gulden für mich und +einer für Seine Majestät; die andern Herrn, die ich nicht gebeten habe, +bezahlen für sich.« Der König lachte und erwiderte, das sei ganz fein; +er habe den Herrn zu prellen geglaubt, und nun sei er selber geprellt. +Darauf bezahlte er die ganze Rechnung. + +Später wurde die Einrichtung der Assembleen einem herumreisenden +Komödianten übertragen, einem gewissen Karl von Eggenberg. Er war ein +Sattlersohn aus dem Bernburgischen, war vom König von Dänemark geadelt +worden und hatte Friedrich Wilhelm durch seine Körperkraft in Erstaunen +gesetzt; man hieß ihn nur den starken Mann, und er konnte eine zwei +Zentner schwere Kanone samt einem Tambur in die Höhe heben und solange +halten, bis der Tambur ein Glas Wein ausgetrunken hatte. Er kam reich +nach Berlin, baute ein Haus, stand beim König, dem er die Husarenpferde, +dänische Hengste, besorgte, in großer Gunst, und er war es auch, der das +Theater wieder einigermaßen emporbrachte. Vordem hatten nur Seiltänzer, +Gaukler, Taschenspieler, Marktschreier und Marionettenspieler von Zeit +zu Zeit die Erlaubnis erhalten, in Berlin Vorstellungen zu geben, auch +einzelne herumziehende Schauspieler, nur durfte nichts Ärgerliches und +Skandalöses auf der Bühne erscheinen. Eggenberg bekam nun den Titel +eines Königlichen Hofkomödianten und durfte mit einer vom König +besoldeten Truppe Aufführungen veranstalten, »nur keine gottlosen und +dem Christentum nachteilige Dinge, sondern lauter innozente Sachen zum +honetten Amüsement.« Sie spielten auf dem Stallplatz und auf der breiten +Straße; Hauptperson war der Hanswurst; es wurde der Doktor Faust +aufgeführt, wie er vom Teufel geholt, und Haman, wie er gehängt wird. +Der »Premierplatz« kostete acht Groschen. Zuletzt wurde die Komödie auch +in Halle erlaubt, aber die theologische Fakultät erhob wegen des +Gaukel- und Teufelsspiels beim König Protest. Der König schrieb zurück, +es würden auch in Utrecht und Leyden Schauspiele geduldet, und kein +Mensch könne zweifeln, daß dies die beiden ersten Universitäten der Welt +seien. + +Sonst war Friedrich Wilhelm allen Volkslustbarkeiten abhold, er sah +darin nur Üppigkeit. Das Scheibenschießen hob er auf, Tee- und +Kaffeeschenken verschwanden, und wer nach neun Uhr abends sich in den +Wirtshäusern betreffen ließ, wurde von den Patrouillen arretiert. Wenn +der König nach der Friedrichstadt kam, flüchteten die Leute, machten +Türen und Fenster zu, und die Straßen waren öde. Für die Künste hatte +Friedrich Wilhelm keinen Sinn. Er malte zwar selbst, besonders in den +späteren Jahren, wo ihn die Gicht plagte; gewöhnlich waren es Bauern, +die er porträtierte, einmal malte er auch Gundling als Polichinell, aber +die Bilder wurden nur von seinen Schmeichlern gelobt. Für die Musik +hatte er wenig übrig; einmal ließ er Glockenspiele aus Holland kommen, +die von den Türmen geistliche Lieder spielten. Ein paarmal in der Woche +ließ er an Winterabenden Arien und Chöre aus heroischen Opern vorführen, +etwa aus Händels Alessandro oder Siroe, und zwar auf Blasinstrumenten +von den Hoboisten des Garderegiments. Bei diesen Konzerten standen die +Musiker mit ihren Pulten und Lichtern am einen Ende des langen Saals, +und der König saß ganz allein am andern. Zuweilen, nach einem guten +Diner, schlief er auch bei der heroischen Musik ein. Den höchsten Spaß +bereitete ihm ein von Kapellmeister Pepusch für sechs Fagotte +komponiertes Konzert, betitelt: #Porco primo, porco secondo# usw. Er +hielt sich den Bauch dabei vor Lachen. Auch der Kronprinz Friedrich +wollte einmal dieses Konzert hören, und um den Komponisten zu verspotten +lud er eine große Gesellschaft dazu ein. Pepusch wollte ausweichen, +mußte sich aber dem Willen des Prinzen fügen. Er kam nicht mit sechs, +sondern mit sieben Hoboisten, legte die Noten auf die Pulte und schaute +ganz ernsthaft im Saal herum. Der Kronprinz trat auf ihn zu und fragte: +»Herr Kapellmeister, sucht Er etwas?« Pepusch antwortete, es fehle ihm +noch ein Pult. »Ich dachte,« versetzte Friedrich lächelnd, »es seien nur +sechs Schweine in seiner Musik?« – »Ganz recht, königliche Hoheit,« gab +Pepusch zurück, »aber es ist da noch ein Ferkelchen gekommen, #flauto +solo#.« Und Friedrich, der Flötenspieler, war angeführt. + +Was der große Kurfürst begonnen hatte, vollendete Friedrich Wilhelm mit +der Niederbeugung des Adels; er setzte die Besteuerung durch. Als der +Graf Alexander Dohna, Marschall der Stände Preußens, in seinem Bericht +an den König die Phrase gebracht hatte: #Tout les pays seront ruinés,# +schrieb Friedrich Wilhelm die denkwürdigen, unsterblich gewordenen +Worte: »#les pays seront ruinés? Nihil credo,# aber das #credo,# daß die +Junkers ihre Autorität wird ruiniert werden. Ich stabiliere die +Suveränität wie einen #rocher# von Bronze.« Friedrich Wilhelms Herz +neigte sich mehr zu den Bürgern als zu den Junkern. Wenn er einmal +äußerte, daß er ein wahrer Republikaner sei, so verstand er eigentlich +seine bürgerliche Gesinnung darunter. Er liebte es, mit dem Volke +unmittelbar zu verkehren, und besuchte Gastmähler und Hochzeiten, auch +richtete er sich in Berlin und Potsdam ganz einfach bürgerlich ein, wie +ein guter deutscher Haushalter. Fleißige Handwerker und reinliche +Hausfrauen belobte er sehr. Mit der Reinlichkeit konnte er auch an +seinem ganzen Körper nicht genug tun; ferner war er äußerst +wahrheitsliebend. In der Instruktion für die Räte seines +Generaldirektoriums schrieb er: »Wir wollen die flatterien durchaus +nicht haben, sondern man soll Uns allemal nur die reine Wahrheit sagen.« +Aber er war ein sehr gewalttätiger Herr und König, im Zorne wild und +furchtbar. Friedrich der Große und seine Schwester hatten ihm den +Spitznamen #le ragotin# gegeben. Zuletzt war er so dick geworden, daß +seine Weste fast vier Ellen weit war. + +Er forderte unbedingten Gehorsam ohne Widerspruch. Die Universität Halle +stellte einmal beweglich vor, daß ein Studiosus von einigen Soldaten des +Abends auf der Straße angefallen und zum Tor hinausgeführt worden sei. +Der Bescheid des Königs lautete: »Soll nicht räsonieren! Ist mein +Untertan.« + +Er wollte in seinem Lande nur gute Christen, fleißige Bürger und tapfere +Soldaten haben. Voltaire nannte ihn den Vandalen; aber alle seine +Strenge und Härte entschuldigte Friedrich Wilhelm mit der Pflicht, und +öfters äußerte er: Ich bin nur der erste Diener des Staates; und den +Staat regierte er nach seiner eigentümlichen Weise mit Gewalt, um ihn +zu beglücken. Dabei war er gewissenhaft; einmal hatte er in Stettin +einen Beamten durch den Henker prügeln lassen, kurz darauf stellte sich +die Unschuld des Mannes heraus, da ließ er ihn an seiner Tafel speisen, +um ihm eine öffentliche Genugtuung zu geben. Er glaubte, immer gerecht +zu handeln, doch handelte er nur in dem gerecht, was er selbst für Recht +erkannte. Er war religiös, aber nur in dem, was er bei sich selbst als +Religion gelten ließ; es war eine Religion ganz nach eigenem Rezept. +Bisweilen war er ernstlich gesonnen, abzudanken, weil er glaubte, seine +Pflicht nicht gehörig erfüllen zu können. Er hielt sich in der genauen +Bedeutung des Wortes für einen Knecht Gottes. So wenig er das Alte +Testament achtete, seine Gesetze waren wie die des Alten Testaments. Aus +königlicher Machtvollkommenheit kassierte und annullierte er die Urteile +der Richter und verschärfte sie weit öfter als er sie milderte. Da galt +kein Ansehen der Person. Ein Kriegs- und Domänenrat von Schlubhut in +Königsberg hatte Gelder unterschlagen, die für die Salzburger Emigranten +bestimmt gewesen waren, und das Gericht erkannte auf einige Jahre +Festung. Der König wollte das Urteil nicht bestätigen, verschob den +Spruch bis zu seiner Reise nach Königsberg, befahl den Kriegsrat vor +sich und kündigte ihm an, daß er ihn hängen lassen werde. Schlubhut +erwiderte frech, das sei nicht Manier, so mit einem preußischen Edelmann +zu verfahren, er werde die fehlende Summe ersetzen. Der König geriet in +den höchsten Zorn und schrie: »Ich will dein schelmisches Geld nicht +haben.« Darauf ließ er einen Galgen vor dem Sessionszimmer der Kriegs- +und Domänenkammer errichten und vor den Augen der versammelten Räte +Schlubhut daran aufknüpfen. + +Er haßte die Juristen und hätte sie gerne alle vertilgt, besonders die +Advokaten. Auf dem Lande durfte kein Advokat wohnen, damit die Bauern +nicht prozeßsüchtig würden. Als er an die Stände Preußens das Verbot +erließ, sich aller Beschwerden und Mahnungen und der Hinweisung auf alte +Verheißungen zu enthalten, wagten die Stände einzuwenden, Gott, der +allmächtige Vater, gestatte doch auch, daß man ihm Beschwerden vortrage, +und bleibe nichtsdestoweniger allmächtig, mithin werde es Seine Majestät +ebenfalls nicht ungnädig deuten. Aber Seine Majestät kehrte sich daran +nicht, und in seinen Kabinettsbefehlen hieß es gewöhnlich: Wir sind Herr +und König und tun, was Wir wollen. + +In Reden und Schriften war er ausbündig derb. Die Ehrentitel Hundsfott, +Kujon, Halunke schwebten beständig auf seinen Lippen. Auf Eingaben, die +ihm nicht behagten, malte er Eselsköpfe und -ohren an den Rand, und in +den Resolutionen, die er ausgehen ließ, hieß es fortwährend: Wenn das +und das nicht geschieht, so werde Ich es scharf ansehen, man wird den +König zum Feinde haben, so wird Lärm werden, so wird der Donner +dreinschlagen, eh man es sich vermutet. Wenn ein Minister zu spät in die +Sitzungen kam, mußte er hundert Dukaten Strafe zahlen. »Die Herrn sollen +arbeiten, wofür Wir sie bezahlen,« sagte der König. Einer seiner +Kammerdiener sollte ihm einmal den Abendsegen vorlesen. Als die Worte +kamen: Der Herr segne dich, glaubte der einfältige Mensch in seiner +Unterwürfigkeit »der Herr segne Sie« lesen zu müssen. Da fuhr ihn der +König an: »Hundsfott, lies, was dasteht, vor dem lieben Gott bin Ich +genau so ein Hundsfott wie du.« Die Bedienten waren allerdings ihres +Lebens nicht sicher; er hatte stets zwei mit Salz geladne Pistolen neben +sich liegen, und wenn sie etwas versahen, feuerte er die Pistolen auf +sie ab. + +Seine Sparsamkeit war so pedantisch, daß er sich alle Küchenzettel +vorlegen ließ und an den geringfügigsten Ausgaben mäkelte. Die Zettel +mußten bis auf jede Zitrone und auf jede Mandel Eier spezifiziert sein, +und einmal schrieb er darunter: Ein Taler zu viel. Auf die Eingaben um +Geldbewilligung schrieb er zumeist: #Non habeo pecunia,# oder: #point +d’argent,# oder: Narrenspossen, Narrenspossen! Sogar auf die +Papierersparnis richtete er sein Augenmerk; auf den Rand eines Berichts +des Kammerkollegiums schrieb er: Der Quark ist das schöne Papier nicht +wert, sollen schlecht Papier nehmen, das ist Mir genug. + +Bei alledem konnte er auch freigebig sein. Für den Hofstaat der Königin +hatte er achtzigtausend Taler ausgesetzt, viel mehr, als die erste +Königin gehabt. In ihrem Kabinett war sämtliches Gerät von Gold, Kron-, +Wand- und Armleuchter, Geridone und Tafeln. Einmal schenkte er ihr zu +Weihnachten eine goldene Brandrute für den Kamin, die sechzehnhundert +Taler kostete. + +Er war ein rastlos tätiger Mann, kein Hauch von Phlegma war in ihm. +»Der König,« schreibt Seckendorf im Juni 1726, »kann allem menschlichen +Ansehen nach unmöglich in die Länge die Art zu leben kontinuieren, ohne +an Gemüt und Leib zu leiden, maßen der Herr vom frühen Morgen bis in die +späte Nacht in kontinuierlichem #mouvement# ist, bei sehr früher +Tagesstunde das Gemüt mit verschiedenen und differenten Materien, +Resolutionen und Arbeiten angreifet, hernach den ganzen Tag mit Reiten, +Fahren, Gehen und Stehen sich unglaublich fatigiert, mit starkem Essen +und ziemlichem, doch nicht bis zur #debauche# kommenden starken Getränke +sich erhitzet, wenig und dabei sehr unruhig schläft, folglich sein +ohnedem vehementes Naturell dermaßen echauffiert, daß mit der Zeit üble +Folgen daraus entstehen dürften.« + +Es kam vor, daß Friedrich Wilhelm irgendeinen faulenzenden Berliner +Eckensteher mit eigenen Händen durchprügelte. Ein andres Mal prügelte er +einen verschlafenen Torschreiber, der die Bauern vor dem Tor warten +ließ, mit den Worten: »Guten Morgen, Herr Torschreiber« aus dem Bette. +Recht mißlich war es, ihm zu begegnen. Wer ihm auffiel, an den ritt er +so nahe heran, daß der Kopf des Pferdes dem Manne an die Brust stieß, +und dann begann das Verhör. Sah er einen französischen Prediger, so +fragte er jedesmal, ob sie Molière gelesen hatten, um ihnen damit +anzudeuten, daß er sie für Komödianten halte. Am schlechtesten erging es +denen, die vor ihm die Flucht ergriffen; einmal verfolgte er einen +Juden, der Reißaus genommen hatte, und als er ihn gestellt hatte, sagte +der Jude, er habe sich gefürchtet. Da prügelte ihn der König mit seinem +Stock und schrie dabei in einemfort: »Lieben sollt ihr mich, lieben und +nicht fürchten.« + +So orthodox Friedrich Wilhelm auch war, erklärte er sich doch mit allem +Nachdruck für die Toleranz. Er duldete alle Religionsparteien, nur die +Jesuiten waren ihm zuwider, »die Vögels, die dem Satan Raum geben und +sein Reich vermehren wollen«. Schon im Anfang seiner Regierung erließ er +ein Edikt, worin er den lutherischen und reformierten Religionsverwandten +gebot, aller Schmähungen sich zu enthalten und friedlich miteinander zu +verkehren. Den lebhaftesten Anteil nahm er an dem Schicksal der +Salzburger Emigranten. Er schickte nicht nur Kommissäre zu den Salzburger +Bauern, um sie einzuladen, sich in seinen Staaten niederzulassen, +sondern griff auch, um den Erzbischof Firmian von weiterer Verfolgung +abzuschrecken, zu Repressalien gegen die Katholiken im Bistum +Halberstadt und drohte die Einkünfte der Klöster in Beschlag zu nehmen. +Zwanzigtausend Salzburger fanden damals in Preußen Zuflucht; als der +erste Zug eintraf, begrüßte ihn der König selbst am Leipziger Tor und +hieß die armen Leute als seine lieben Landeskinder willkommen; von der +Königin wurden sie in Monbijou bewirtet. + +Um das Jahr 1727 verfiel Friedrich Wilhelm in eine tiefe religiöse +Schwermut. Er sprach unaufhörlich davon, daß er die Krone niederlegen +und sich in den Haag zurückziehen wollte, wo ihm aus der Erbschaft +Wilhelms des Dritten das Lustschloß Honslardik zugefallen war. Es war +August Hermann Franke, der einen solchen Einfluß auf das Gemüt des +Königs gewonnen hatte. Die Markgräfin von Baireuth schreibt: »Dieser +Geistliche machte die unschuldigsten Dinge zur Gewissenssache, er +verwarf alle Vergnügungen als verdammlich, selbst die Musik und die +Jagd, man sollte nur vom Worte Gottes sprechen, alles andre war +verboten.« Grumbkow und Seckendorf legten dem König immer wieder die +Hindernisse dar, die sich seiner Abdankung entgegensetzten, und wie er +einen solchen Schritt später bereuen würde. Aber der König versank nur +noch tiefer in seine Grübeleien, und man durfte in seiner Nähe nicht +mehr lachen. Da nun alle Worte vergeblich waren, verfielen Grumbkow und +Seckendorf auf ein anderes Mittel. Sie überredeten den König, dem +sächsischen Hof einen Besuch abzustatten, der damals der glänzendste in +Deutschland war. Politische Gründe bestimmten Friedrich Wilhelm, den +Vorschlag anzunehmen. Sobald er nach Dresden kam, wurde er von Fest zu +Fest fortgerissen, die Freuden der Tafel wurden nicht vergessen, der +Ungarwein nicht gespart, und die Freundschaft der beiden Könige war die +innigste. Eines Tages, als man weidlich geschmaust hatte, führte der +König von Polen seinen Gastfreund im Domino auf eine Redute. Immerfort +schwatzend, gingen sie von einem Zimmer in das andere, wobei die +Hofleute und der Kronprinz Friedrich folgten. Endlich gelangten sie in +einen schön verzierten Raum, und während Friedrich Wilhelm das prächtige +Gerät bewunderte, sank eine Tapetenwand nieder, und ein seltsames +Schauspiel bot sich den Blicken dar. Ein Mädchen von vollendeter +Schönheit lag nachlässig auf einem Ruhebette, nackt wie sie Gott +erschaffen, mit einem Körper wie die mediceische Venus. Das Kabinett, +worin sie sich befand, war von so vielen Kerzen erhellt, daß sie das +Tageslicht überstrahlten. Der König von Polen sowohl als Grumbkow +glaubten, daß Friedrich Wilhelm einer solchen Verlockung nicht werde +widerstehen können; allein es kam anders. Bei dem ersten Blick nahm +Friedrich Wilhelm seinen Hut, hielt ihn dem Kronprinzen vor das Gesicht +und befahl ihm, sich zu entfernen. Er selbst wandte sich zum König von +Polen, sagte trocken: »Sie ist recht schön,« und ging fort. An +Seckendorf schrieb er ein paar Tage später: »Ich gehe zu kommendem +Mittwoche nach Hause, fatigieret von allen guten Tagen und Wohlleben; +ist gewiß nit christlich leben hier, aber Gott ist Mein Zeuge, daß Ich +kein Pläsier daran gefunden und noch so rein bin als Ich von Hause +hergekommen und mit Gottes Hilfe beharren werde bis an Mein Ende.« + +Schon im Winter 1735 hatte der König an der Wassersucht gelitten, und +sein Leben war in großer Gefahr gewesen. In dem strengen Winter des +Jahres 1740 erkrankte er von neuem. Er ließ den lutherischen Propst +Roloff kommen, der ihn zum Tod vorbereiten sollte. Er verzieh allen +seinen Feinden, schließlich sogar seinem Schwager, dem König von +England, der ihm doch, wie er sagte, alles gebrannte Herzeleid angetan +habe. Er bereute seine Sünden und zählte sie in Gegenwart vieler +Umstehenden so ausführlich auf, daß Roloff ihn bitten mußte, es zu +unterlassen. Worauf Roloff drang, war Sinnesänderung, dazu aber war der +Herr lange nicht zu bewegen. Er führte auf, daß er die Geistlichkeit +immer respektiert, Gottes Wort immer fleißig gehört habe und seiner Frau +immer unverbrüchlich treu gewesen sei; er behauptete, immer recht +gehandelt und alles zu Gottes Ehre getan zu haben. Roloff widersprach +dem und erinnerte ihn an die Verschärfungen der Todesurteile, an die +ungerechten Hinrichtungen, an das erzwungene Häuserbauen in Berlin, zur +großen Bedrückung seiner Untertanen, und des Königs Verantwortung wollte +er als vor Gott genügend nicht gelten lassen. Da sagte der König: »Er +schont Meiner nicht. Er spricht als ein guter Geist und ein ehrlicher +Mann mit Mir. Ich danke ihm dafür und erkenne nun, daß ich ein großer +Sünder bin.« Im April 1740 konnte er noch nach seinem geliebten Potsdam +fahren; er gab Anordnungen für sein Leichenbegängnis, bei dem das +Leibregiment feuern sollte. Mitten in seinen Schmerzen ließ er sich das +Lied vorsingen: Warum sollt ich mich doch grämen? Als die Stelle kam: +Nackend werd auch ich hinziehen, unterbrach er die Sänger mit den +Worten: »Nein, das ist erlogen, ich will in der Montur begraben sein.« +Bescheiden stellte ihm der Feldprediger vor, daß es dort oben keine +Soldaten gäbe; da rief der König: »Was? Sapperment! Wieso?« Und er +schien nun sehr niedergeschlagen. + +Am Sterbetage, den 31. Mai, nahm er Abschied von seiner Frau, seinen +Söhnen, allen Ministern, Beamten und Offizieren. Er ließ sich ans +Fenster rücken, von wo er den Marstall überblicken konnte, und befahl, +daß man die Pferde herausführe, denn er wollte dem Fürsten von Dessau +und dem General Haake noch ein Pferd schenken. Als ihm sein Leibarzt auf +die Frage, wie lange er noch zu leben habe, antwortete, ungefähr eine +halbe Stunde, forderte er einen Spiegel, schaute hinein und sagte +lächelnd: »Ich bin recht verändert, ich werde beim Sterben ein garstiges +Gesicht machen.« Später wiederholte er die Frage an den Arzt. Der +Leibmedikus befühlte ihm den Puls, zuckte die Achseln und sagte: »Er +steht still.« Da hob der König seinen Arm, schüttelte die Faust und +rief: »Er soll nicht stillstehen.« + +Friedrich Wilhelm starb im zweiundfünfzigsten Jahre seines Alters; er +starb, wie Friedrich der Große an Voltaire schrieb, mit der Neugierde +eines Naturforschers, der beobachten will, was im Augenblick des +Hinscheidens geschieht, und mit dem Heldenmute eines großen Mannes. Er +ward in Potsdam begraben. Bei der Leichenfeier wurden die von ihm selbst +ausgewählten Lieder gesungen und beim Trauermahl zwei von ihm eigens +dazu bestimmte Eimer alten Rheinweins ausgetrunken. + + + + +Joachim Nettelbeck + + +Als Sohn eines Brauers und Branntweinbrenners wurde Joachim Nettelbeck +am 20. September 1738 zu Kolberg geboren. Seine Mutter war aus dem +Geschlecht des Schiffers Blanken; seines Vaters Bruder war ebenfalls +Schiffer. Seine größte Kinderfreude bestand darin, auf Schiffen +herumzuspringen, und sobald er lallen konnte, war sein Sinn auf die +Schifferei gestellt. Sein Hang war so groß, daß er aus jedem Span, aus +jedem Stück Baumrinde, das ihm in die Hände fiel, kleine Schiffe +schnitzelte, sie mit Segeln von Federn oder Papier ausrüstete und damit +auf Rinnsteinen und Teichen oder auf der Persante hantierte. Kein +größeres Vergnügen gab es für ihn, als wenn seines Onkels Schiff im +Hafen lag; da hatte er zu Hause keine Ruhe und bat immerfort, man möchte +ihn nach der Münde lassen. + +Nicht geringere Liebe zeigte er zum Gartenwesen. Sein Großvater war ein +großer Gartenfreund, nahm ihn oft in seinen Garten mit und schenkte ihm +sogar ein Fleckchen Land. Da legte er Obstkerne, pflanzte, verpfropfte +und okulierte. + +[Illustration: Joachim Nettelbeck, nach einer Zeichnung von Ludwig +Heine.] + +Er mochte etwa sechs Jahre alt sein, da entstand eine Hungersnot im +Lande. Es kamen viele arme Leute nach Kolberg, um Korn zu holen, weil +man Getreideschiffe im Hafen erwartete. Als endlich ein Schiff mit +Roggen auf der Reede anlangte, stieß es gegen den Hafendamm und sank in +den Grund. Um es wieder emporzuwinden wurden zwei Schiffe benutzt, deren +eines von seinem Onkel geführt wurde, und der Knabe war beständig +zugegen. Das Fahrzeug wurde gehoben, doch das Korn war durchnäßt; bald +waren alle Straßen mit Laken und Schürzen überdeckt, auf denen das +Getreide der Luft und Sonne ausgesetzt wurde. Endlich kam ein zweites +Kornschiff, und es konnte der Not gesteuert werden. + +Im nächsten Jahre schickte der Große Friedrich von Preußen eine +Wagenladung mit Kartoffeln nach Kolberg. Diese Früchte waren aber damals +noch völlig unbekannt, und die Bürger berieten hin und her, was wohl +damit anzufangen sei. Sie warfen sie den Hunden vor, die sie +beschnupperten und verschmähten. Was sollen uns die Dinger? hieß es; sie +riechen nicht, sie schmecken nicht, und nicht einmal die Hunde mögen sie +fressen. Man glaubte, sie wüchsen auf den Bäumen und man müsse sie +herunterschütteln wie die Äpfel. Alles dieses ward auf dem Markte, vor +seiner Eltern Tür, verhandelt. Erst als der König im andern Jahr eine +zweite Sendung von einem Landreiter begleiten ließ, der des +Kartoffelbaues kundig war, gewann die neue Frucht das Wohlwollen der +Bürger. + +Der Knabe war auch ein großer Liebhaber von Tauben, und er sparte sich +von seinem Frühstücksgeld so viel ab, daß er sich ein paar Tauben kaufen +konnte. Seine Spielereien hielten ihn vom Lernen und von der Schule ab, +und erst die dringenden Ermahnungen seines Paten weckten seinen Ehrgeiz. +In seinem achten Jahre schenkte ihm der Pate zu Weihnachten eine +Anweisung zur Steuermannskunst, und bald ging sein Eifer für diese Sache +soweit, daß er oft im Winter bei strenger Kälte des Nachts, wenn klarer +Himmel war, heimlich auf den Wall ging und mit seinen Instrumenten die +Entfernung der Sterne vom Horizont oder vom Zenit maß und danach die +Polhöhe berechnete. Kam er des Morgens erfroren nach Hause, so +verwunderte sich alles, erklärte ihn für einen überstudierten Narren, +und der Vater schlug ihn. + +Da ein Seemann sich auf die Kletterkunst gut verstehen mußte, übte er +sich in Gemeinschaft mit dem Sohn des Glöckners im Balkenwerk der großen +Kirche in dieser Fertigkeit. Sie krochen überall herum, und oft +verirrten sie sich in der gewaltigen Verzimmerung dergestalt, daß einer +vom andern nichts mehr wußte, und wenn sie wieder zusammenkamen, war des +Erzählens kein Ende, wo sie gewesen waren und was sie gesehen hatten. In +dem inwendigen Holzverband krochen sie auch bis zur Spitze des Turmes +hinauf, bis sie sich in dem beengten Raum nicht mehr rühren konnten. +Diese Gewandtheit und Ortskenntnis kam ihm viele Jahre später wohl +zustatten, als ein Wetterstrahl im Turm gezündet hatte und das Feuer +gelöscht werden mußte. + +Als er elf Jahre alt war, nahm ihn sein Onkel als Kajütenwächter mit +auf sein Schiff, und seine erste Fahrt ging nach Amsterdam. Dort sah er +die großen Indienfahrer und verspürte eine unbezwingliche Sehnsucht, auf +einem solchen Schiff zu dienen. Bei Nacht und Nebel floh er auf einer +Jolle, betrat eines der Schiffe, das er sonderlich ins Auge gefaßt, und +wurde nach vielen Verhandlungen als Seemannsjunge geheuert. Das Schiff +war für den Sklavenhandel nach Guinea bestimmt. Einundzwanzig Monate +später kam er nach Amsterdam zurück, schrieb an seine Eltern, die, froh +erstaunt, ihn noch am Leben zu wissen, ihn nach Kolberg riefen; dort +blieb er nun bis zu seinem vierzehnten Jahr. Länger vermochte er aber +seinem Abenteuer- und Tätigkeitstrieb nicht zu widerstehen: er entfloh +neuerdings und verdingte sich auf einem Schiff, das nach Surinam +bestimmt war. Auf der Heimfahrt fiel der Steuermann über Bord und +ertrank, und Nettelbeck wurde zum Untersteuermann gemacht. + +Im Jahre 1756 nahm er Dienst bei seinem Oheim, der eine Schiffsladung +mit Holz von Rügenwalde nach Lissabon zu bringen hatte. Sein jüngerer +Bruder, ein Knabe von vierzehn Jahren, und des Oheims junger Sohn waren +ebenfalls auf dem Schiffe bedienstet. Sie erlitten an der flandrischen +Küste Schiffbruch und wurden von österreichischen Soldaten gerettet. Der +Oheim hatte aber eine tödliche Verletzung erlitten und starb in einem +Kloster, wohin man ihn in Eile transportiert hatte. Als Ketzer und +Preußen verdächtigt und gemieden, mußten sich die drei jungen Burschen +durch das feindliche Land schlagen, und erst nach schrecklichen Mühsalen +gelangten sie wieder nach Kolberg. Kaum hatte sich Nettelbeck von der +überstandenen schweren Zeit erholt, so brach der Krieg aus, und die +Werber des Königs kamen in die Stadt, um alle jungen Leute zum +Soldatenstand zu pressen. Es war eine wahre Hetzjagd, der Schrecken für +alle Eltern jener Zeit und für alles junge Volk, das eine Flinte +schleppen konnte und nicht mochte. + +Die entschiedene Abneigung des Bürgers gegen den Soldatenstand hatte +ihre Rechtfertigung in der unmenschlichen Art, womit die jungen Leute +von den Unteroffizieren behandelt wurden; so sagt Nettelbeck selbst, und +er fügt hinzu: unter den Fenstern der Eltern wurden sie von den rohen +Menschen aufs Grausamste mißhandelt, und es war ein kläglicher Anblick, +wenn bei solchen Auftritten die Mütter in Haufen daneben standen, +weinten und schrien und von den rauhen Barbaren abgeführt wurden. + +Nettelbeck ergriff die Flucht. Bei Nacht, in Sturm und Schneegestöber +wanderte er zu einem Bauern, welcher ihm genannt worden war, und mußte +sich im Stadtholz eines Rudels Wölfe erwehren. Endlich erreichte er die +Freistatt, hielt sich zwölf Tage dort verborgen, aber er ertrug es +nicht, untätig zu sitzen, und er begab sich wieder nach der Münde. Eines +Nachts erweckte ihn ein Klopfen an den Fensterladen des Kämmerchens, wo +er schlief, und die bekannte Stimme einer getreuen Frauensperson rief +ihm zu: »Joachim, auf! auf aus den Federn! Die Soldaten sind wieder auf +der Münde!« In der Bestürzung griff er nach einem Bund Kleider, stahl +sich im Hemd auf die Straße und bemerkte, als er sich anziehen wollte, +daß er Frauenkleider mitgenommen hatte. Er warf einen roten Friesrock +über die Schultern, da wurde er von den Soldaten gestört, er rannte zum +Hafen, sprang in ein Boot und ruderte hinaus. Jenseits ging er an Land, +wanderte so gut als nackend in der bitterkalten Märznacht vor mehrere +Türen, wurde jedesmal abgewiesen und flüchtete endlich in einen alten +Schiffsrumpf, der im Sommer als Bierschank benutzt wurde. Er kletterte +in das Rauchfangloch und duckte sich vor der Kälte in einen Winkel +zusammen. Am Morgen suchte er sein verlassenes Boot wieder auf und +ruderte sich zu einem Schiffe heran, das einem Königsberger Schiffer +gehörte. Der Mann nahm ihn auf und hielt ihn lange bei sich verborgen. +Zwei Wochen später fuhr er mit einem anderen Schiffer nach Danzig, und +dort wurde er Steuermann auf einer kleinen Jacht, die eine Ladung Hanf +nach Westschottland bringen sollte. Die Schiffahrt in den Gewässern der +Hebriden war der Klippen und starken Strömungen wegen sehr gefährlich, +das Schiff irrte lange herum, geriet im Kanal mit sieben englischen +Kapern zusammen, und alle diese Schnapphähne, so nennt sie Nettelbeck, +stiegen an Bord seines Schiffes und nahmen mit, was nicht niet- und +nagelfest war, Kessel und Pfannen, Tauwerk und Segel, Karten und Kompaß. +Die Aufregung und das beständige Elend machten Nettelbeck krank. Er +mußte in Metemblick zurückbleiben und begab sich zu einem Kompaßmacher +in die Lehre; was er von ihm lernte, war ihm in der Folge von großem +Nutzen. + +Bald darauf rief ihn sein Vater nach Kolberg zurück, und er war noch +nicht vier Wochen in der Heimat, so begann die Belagerung Kolbergs durch +die Russen. Durch die Entschlossenheit der Bürgerwehr blieben die +feindlichen Anstrengungen fruchtlos, und nachdem die Russen eine Menge +Pulver unnütz verschossen hatten, mußten sie wieder abziehen. Nettelbeck +begab sich nach Amsterdam, traf dort mit seinem alten Kapitän Blanken +zusammen und fuhr mit ihm neuerdings nach Surinam; von dort heimgekehrt, +hielt es ihn wieder nicht lange, und er fuhr mit einem andern Schiff +nach Sankt Eustaz. Als er dann in seine Vaterstadt zurückgekehrt war, +wurde diese zum zweitenmal von den Russen belagert, aber der Notstand +dauerte nur drei Wochen. Während der Zeit des Siebenjährigen Krieges +blieb den preußischen Schiffern, wenn sie Erwerb finden wollten, kaum +etwas anderes übrig, als unter der neutralen Danziger Flagge zu fahren. +In solcher Weise ging Nettelbeck von Danzig nach Königsberg und von +Königsberg mit einem Getreideschiff nach Amsterdam. + +Es ist nicht erforderlich, alle diese Fahrten und die späteren im +einzelnen zu verfolgen; diese Begegnungen mit Freund und Feind, dieses +Hin und Her in allen Zonen der Erde, diese Kämpfe mit allen Gefahren und +allen Elementen. Sie bilden ein Leben voll beständiger Unruhe und +beständiger Tätigkeit. Die Kaufleute im fremden Land sind listig und +verschlagen; ihrer Tücke Herr zu werden, gegen ihre Vorteilssucht nicht +des eignen Vorteils verlustig zu gehen, verlangt viel Klugheit, ja +beinahe Weisheit und unendliche Selbstverleugnung. Immer wieder Stürme, +immer wieder Schiffbruch; kaum ist ein kümmerlicher Verdienst in +Sicherheit gebracht, so geht er durch Wagnis oder Unglück wieder +verloren. Bei einer Fahrt in der Nordsee wird der Kapitän wahnsinnig und +trifft Verfügungen, die den Untergang des Schiffes herbeiführen müssen. +Eines Morgens stürzt er vom Steuer in die See und ertrinkt. Nettelbeck +nimmt ein Verzeichnis seiner Habseligkeiten auf, versiegelt die +eingepackten Waren und wirft vor den Augen der Matrosen das hierzu +gebrauchte Petschaft ins Meer. Zu seiner Verwunderung kann er nirgends +die Gelder und Barschaften des verunglückten Schiffers finden, die +Taschenuhr, die silbernen Schuh- und Knieschnallen, die goldenen und +silbernen Galanteriewaren nicht, die er vordem bei ihm gesehen. Als er +mit dem Schiff in den Hafen gelangt, taucht trotz eidlicher Erhärtung +der Verdacht auf, daß er das Gut des Schiffers veruntreut habe. +Lästerung und Verleumdung heftet sich an seine Fersen, und der Kummer, +den er darüber empfindet, raubt ihm allen Mut. Erst viele Jahre später +wurde das Eigentum des toten Schiffers zufällig in einem Verschlag der +Kajüte entdeckt, die Witwe und die Verwandten leisteten Nettelbeck +Abbitte, und die ihn geschmäht und bezichtigt hatten, erhoben ihn in den +Himmel, aber man muß nicht eben Nettelbeck sein, um den von Zufalls +Gnaden gereinigten Schild der Ehre mit bitterem Gefühle zu betrachten. +Allmählich reifte er in der Schule des Lebens zur Resignation heran; +doch seine Kraft, zu handeln, seine wunderbare Kraft, zu helfen, +erlahmte dabei mitnichten. Während des großen Brandes in Königsberg +rettete er auf einem Boote viele Menschen vor dem sicheren und +schrecklichen Tod. Einige Zeit nachher geriet auf dem Pregel ein +holländisches Schiff in Brand. Alle Menschen, so viel deren +herbeigekommen, waren damit beschäftigt, Löcher in das Verdeck zu hauen, +um von oben Wasser in den brennenden Raum zu gießen. Dadurch gewann aber +das Feuer nur um so größeren Zug, und Nettelbeck, der ein so +widersinniges Verfahren nicht gelassen mit anschauen konnte, schrie +ihnen zu, sie arbeiteten sich ja zum Unglück, sie müßten das Schiff +versenken. Es lief aber alles verwirrt durcheinander, und niemand wollte +auf ihn hören. Da griff er einen von seinen Zimmerleuten auf, sprang mit +ihm in das Boot, das zum brennenden Schiff gehörte, und zeigte ihm eine +Planke dicht über dem Wasser, wo er ein Loch ins Schiff hauen sollte. +Das lasse er wohl bleiben, war die Antwort des Mannes, da könne er +schlimmen Lohn dafür haben. Nettelbeck riß ihm die Axt aus den Händen, +schlug selber das Loch, eilte spornstreichs auf das Verdeck, wo sich +Hunderte von Menschen drängten, und schrie: »Herunter vom Schiff, was +nicht ersaufen will, in der Minute wird’s sinken.« Und das Schiff sank. +Die holländischen Kaufleute aber verklagten ihn bei der Admiralität und +forderten von ihm den vollen Ersatz des Schadens. Er wurde vor das +Kollegium zitiert und sollte sich verantworten. + +Seine Rede war die: »Tausend Augen haben es mit angesehen, wie das +Schiff in hellem Feuer stand. Hätte das nur noch eine halbe +Viertelstunde so gedauert, so nahm die Flamme dergestalt überhand, daß +es kein Mensch auf dem Schiff aushalten konnte und es mitsamt der Ladung +preisgegeben werden mußte. Und wie sollte es dann fehlen, daß nicht die +Taue mit verbrannten, die es am Bollwerk hielten; daß die flammende +Masse stromabwärts und unter die vielen andern Schiffe trieb und diese +mit ins Verderben zog? Jetzt ist großes und gewisses Unglück mit um so +geringerem Schaden abgewandt, als Schiff und Ladung wohl wieder zu +bergen sein werden. Ich bin daher auch des guten Glaubens, daß ich in +keiner Weise strafbar gehandelt, sondern nur meine Bürgerpflicht erfüllt +habe.« + +Die Sentenz lautete, daß der Schiffer Nettelbeck vollkommen recht und +löblich gehandelt habe und das Kollegium sich vorbehalte, ihm seine +Zufriedenheit und Dankbarkeit durch feierlichen Handschlag zu bezeugen. +Der Kollegiumsdirektor stand von seinem Sitze auf, schüttelte ihm +treuherzig die Hand, dankte ihm im Namen aller Schiffer und im Namen der +Stadt und hieß ihn einen wackeren Mann. Kaufleute, Schiffer und Advokat +sahen einander verlegen an, dann traten sie einer nach dem andern zu ihm +und gaben ihm ebenfalls die Hand. Der Direktor fragte ihn zum Schluß, ob +er nicht, wie er im vorigen Jahr mit dem Bording der Witwe Rollof getan, +das versunkene Schiff aus dem Wasser zu heben versuchen wolle. Und +Nettelbeck sagte zu. Die Hebung gelang unter großen Schwierigkeiten, +und da er von den holländischen Kaufleuten außer dem Ersatz seiner +Auslagen nichts annehmen wollte, machten sie ihm ein Geschenk von +hundert preußischen Gulden samt zehn Pfund Kaffee und zwanzig Pfund +Zucker. Er seinerseits schenkte davon fünfundzwanzig Gulden den Armen, +damit sie auch einmal einen guten Tag haben sollten. + +Es war das Sonderbare seines Geschicks, daß es ihn immer wieder zwang, +gegen die Elemente in den Kampf zu treten und er dem Wasser wie dem +Feuer gegenüber stets die gleiche streitbare Rolle spielt. Als er nach +vielen und gefährlichen Reisen, nach vielen und ermüdenden Versuchen, da +und dort seinen Lebensunterhalt zu erwerben, als beinahe Vierzigjähriger +1777 wieder in seiner Vaterstadt saß, schlug eines Tages im April der +Blitz in den Kirchturm, und im Nu brannte der Turm lichterloh. Die helle +Flamme spritzte bei der Wetterstange gleich einem feurigen Springbrunnen +empor, aus den Schallöchern sprühten die Funken wie Schneeflocken und +fielen bereits in die Domstraße hinüber. Nettelbeck, dies sehend, rannte +nach der Kirche und die Turmtreppe hinan. Im Hinaufsteigen überdachte +er, wie groß das Unglück werden müsse, da es wohl schwerlich jemand +unternehmen werde, bis in die höchste Spitze zu klimmen, wo er in den +finstern Winkeln nicht so bekannt sei wie er selbst, der sie in seiner +frühen Jugend oft mit Lebensgefahr durchkrochen hatte. Er wußte, daß auf +dem Glockenboden stets Wasser und Löscheimer bereitstanden, aber an +einer Handspritze, die hauptsächlich nottat, mochte es fehlen. Er +machte auf der Stelle kehrt, drängte sich an den vielen Menschen +vorüber, die alle hinauf wollten, eilte ins nächste Haus, dann ins +zweite und ins dritte, bis er endlich eine Spritze bekam. Jetzt wieder, +die Angst und der Eifer gaben ihm Flügel, zum Turm hinauf. In der +sogenannten Kunstpfeiferstube, dicht unter der Spitze, fand er mehrere +Maurer und Zimmerleute mit ihren Meistern, aber keiner wußte, was zu tun +sei. »Liebe Leute,« sprach er, unter sie tretend, »hier ist nichts zu +beginnen, wir müssen höher hinauf.« – »Leicht gesagt, aber schwer +getan,« antwortete einer, »wir haben es schon versucht, doch es geht +nicht. Sobald wir die Falltür über uns haben, fällt ein Regen von +Flammen und glühenden Kohlen herunter und setzt auch hier die Zimmerung +in Brand.« Nettelbeck aber ließ sich die Falltür öffnen, stieg hindurch, +gebot, daß man ihm einen Eimer und die Spritze reiche und die Falltür +wieder schließe, denn das Feuer durfte von unten keinen Zug bekommen. Er +mußte sich den Kopf mit Wasser aus dem Eimer anfeuchten, damit seine +Haare nicht in Brand gerieten, und um die Hände frei zu bekommen, +schnitt er vorn in seinen Rock ein Loch, durch das er die Spritze +steckte. Den Bügel des Eimers nahm er in den Mund und zwischen die +Zähne; so klomm er empor. Die Holzriegel im Innern des Turms mußten ihm +als Leitersprossen dienen, allein wohin er griff, um sich emporzuhelfen, +fand er alles voll glühender Kohlen, nur hatte er nicht Zeit, an den +Schmerz zu denken. Endlich hatte er sich so hoch verstiegen, daß ihm in +der engen Verzimmerung kein Raum blieb, sich noch weiter hinauf zu +winden, und hier sah er den rechten Mittelpunkt des Feuers acht oder +zehn Fuß über sich zischen und sprühen. Er klemmte den Wassereimer +zwischen die Sparren fest, sog die Spritze daraus voll und richtete sie +gegen den Feuerkern. Wasser, Feuer und Kohlen prasselten ihm ins +Gesicht, aber das Feuer verminderte sich alsbald merklich. Nun war aber +auch der Eimer geleert. Aus Leibeskräften schrie er nach Wasser; einer +der Zimmermeister hob die Falltür und rief: »Wasser ist hier, aber wie +bekommst du es hinauf?« Er sagte, sie sollten es ihm nur bis über den +Glockenstuhl schaffen, da wolle er sichs schon selber langen. Jene +wagten es, und er kletterte ihnen von Zeit zu Zeit entgegen, um die +vollen Eimer in Empfang zu nehmen, von denen er dann auch so fleißigen +Gebrauch machte, daß er endlich das Glück hatte, den Brand zu +überwältigen und völlig zu löschen. Und es war hohe Zeit, mit jeder +Minute wurde ihm übler: das zurückspritzende Wasser hatte ihn bis auf +die Haut durchnäßt, und zugleich war eine unerträgliche Hitze im Turm. +Er eilte hinunter, und in der schneidenden Luft bei den Schallöchern +vergingen ihm die Sinne. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem +Kirchhof, ihm zur Seite standen zwei Chirurgen, die ihm an beiden Armen +die Adern geöffnet hatten, und eine Menge neugieriger Menschen schaute +zu. Seine Hände waren überall verletzt, die Haare auf dem Kopf +abgesengt, der Kopf selbst wund und voller Brandblasen; an diesen +Stellen wuchsen die Haare nie wieder, und zwei Finger an der rechten +Hand blieben ihm zeitlebens verkrüppelt. + +Zehn Jahre lang befuhr er noch die Meere, von Danzig bis Lissabon, von +Amsterdam bis Norwegen, von London bis Westindien; bald im eignen +Interesse, das aber nie ein Gelingen bescherte, bald im Auftrag fremder +Reeder. Seine Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit, soviel sie ihm auch +Achtung und Sympathie erweckten, konnten ihm doch nicht zu großem Geld +und Gut verhelfen. Und er war zu unruhig, zu leidenschaftlich und zu +wenig kühler Rechner, um aus geringen Vorteilen mit der Zeit und viel +Geduld bedeutende zu machen. Um das Jahr 1787 wurde er in Kolberg +seßhaft, und seine Mitbürger erwiesen ihm die Ehre, ihn als Verwandten +des Seglerhauses aufzunehmen, welches ein Kollegium war, vor dem alle +Schiffahrtssachen in erster Instanz entschieden wurden. Auch ernannten +sie ihn zum Schiffsvermesser, dessen Amt es war, die Tragkraft der +Fahrzeuge zu berechnen, und wieviel Lasten sie laden und über See führen +konnten. Es gab auch in Kolberg ein Kollegium, die Fünfzehnmänner +geheißen, das die Gerechtsame der Bürgerschaft beim Magistrat zu +vertreten hatte. In dieser Körperschaft waren große Mißstände bemerklich +geworden; die Fünfzehnmänner hatten angefangen, ihr Ansehen mehr zu +ihrem Privatnutzen als zum allgemeinen Besten geltend zu machen, und es +war eine enge Verbrüderung daraus entstanden, die sich einander zu +allerlei heimlichen Praktiken verhalf. Da waren Depositenkassen +angegriffen, Scheinkäufe vorgenommen, Gemeingut widerrechtlich +verschleudert und andere Greuel mehr begangen worden. Furchtlos trat +Nettelbeck in den Sumpf und machte eine lange Reihe von +Ungebührlichkeiten, Veruntreuungen und krummen Schlichen vor Gericht +anhängig. Es kam darüber zu einem langen und verwickelten Prozeß, und +keine Art von Ränken und Rabulistereien blieb gegen ihn unversucht. +Beinahe vier Jahre lang schleppte sich der Rechtsstreit hin, und so wie +er sich die Sache zu Herzen nahm, hatte er während der ganzen Zeit keine +ruhige Stunde. Er gesteht, daß er oft mit Feuer und Schwert hätte +dreinfahren mögen, wenn das heillose Gezücht immer ein neues Mäntelchen +für seine aufgedeckte Bosheit zu erhaschen suchte. Endlich kam die +unsaubere Geschichte doch zu einem leidlichen Schluß; das Kollegium +wurde aufgelöst und durch ein anderes ersetzt, und man bewies ihm das +Vertrauen, ihn in die Zahl der neuen Repräsentanten zu wählen. + +Ergreifend sind die wenigen Seiten seiner von ihm selbst erzählten +Lebensgeschichte, wo er von seinen häuslichen und ehelichen +Verhältnissen erzählt und die Bemerkung macht, daß ihm als Ehemann und +Vater sein besserer Glücksstern erst spät erschienen sei. Nur der +Anschein war günstig, als er sich im Jahre 1762 in Königsberg zu +heiraten entschloß. Er war ein flinker und lebenslustiger Bursche von +vier- oder fünfundzwanzig Jahren, sein junges Weib war sechzehn, und +solange er dort lebte und als Schiffer ab- und anfuhr, war die Ehe ganz +glücklich. Von drei Kindern, die ihm die Frau gebar, blieb indessen nur +ein Sohn am Leben, der ihn auf seinen letzten Seereisen als +unzertrennlicher Gefährte begleitete. Nach siebenjähriger Ehe entdeckte +er, daß ihn die Frau betrog; er verzieh ihr, aber sie zeigte sich +unverbesserlich, da ließ er sich von ihr scheiden, und sie verkam im +Elend. Der Sohn, den er sehr liebte, starb ihm in jungen Jahren, und er +stand nun verlassen in der Welt und wußte nicht, für wen er sich’s noch +sauer werden lassen sollte. Es fehlte am festen Kern im inneren +Haushalt, und so wollte er es noch einmal mit der Ehe versuchen. Als +Fünfzigjähriger warf er seine Augen auf eine Schifferswitwe in Stettin, +die er als eine ordentliche und rechtliche Frau zu kennen glaubte. Die +Verbindung kam zustande, aber nun erst gingen ihm die Augen auf. Die +fromme Witwe hatte gern ihr Räuschchen und hielt es eifrig mit +mancherlei andern Dingen, die den Ehefrieden stören mußten. An ein +Zusammenhalten des ehrlich Erworbenen war länger nicht zu denken, +vielmehr sah er den unvermeidlichen Untergang seines kleinen Wohlstands +vor Augen, und was blieb ihm übrig, als eine abermalige Scheidung? Mit +trüben Blicken schaute er in die Zukunft. Er gehörte keinem Menschen an, +war nachgerade ein alter Mann geworden, und fühlte er gleich sein Herz +noch frisch und seinen Geist lebendig, so wollten doch die +stumpfgewordenen Knochen nicht mehr gut tun. Die paar Jahre, die noch +übrig waren, dachte er wohl noch hinzustümpern, und wenn nur noch der +Sarg ehrlich bezahlt werden konnte, mochte man ihn hintun, wo seine +Väter schliefen. Jedoch das Geschick meinte es besser mit ihm. So +klang- und trostlos sollte sein Leben nicht enden. + +Das Jahr 1806 war herangekommen. Joachim Nettelbeck, dem feurigen +Patrioten, der die alten Zeiten und des großen Friedrichs Taten noch im +Sinn hatte, blutete gleich so vielen das Herz bei der Zeitung von den +entsetzlichen Tagen bei Jena und Auerstädt und ihren Folgen. Er hätte +kein Preuße und abtrünnig von König und Vaterland sein müssen, wenn ihm +jetzt, wo alle Unglückswellen über sie zusammenschlugen, nicht so zu +Sinn gewesen wäre, als müßte er Gut und Blut und die letzte Kraft seines +Lebens für sie aufbieten. So lautet sein eigenes Geständnis; nicht mit +Reden und Schreiben, dachte er, aber mit der Tat sei hier zu helfen; +jeder auf seinem Posten, ohne sich erst lange, feig und klug, vor- und +rückwärts umzusehen. + +Als nun Magdeburg und Stettin gefallen waren und die ungestüme +französische Windsbraut sich immer näher und drohender gegen die +Weichsel heranzog, da ließ sich’s voraussehen, daß bald genug auch die +Feste Kolberg an die Reihe kommen mochte, und wirklich erschien im +November ein französischer Offizier als Parlamentär in der Stadt und +forderte die Übergabe. Diese wurde zwar verweigert, allein mit allem, +was zu einer rechtschaffenen Verteidigung gehörte, sah es trübselig aus. +Wall und Graben waren verfallen, von Palisaden keine Spur. Nur drei +Kanonen standen in einer Bastion auf Lafetten und dienten bloß zu +Lärmschüssen, wenn Ausreißer von der Besatzung verfolgt werden sollten; +alles übrige Geschütz lag am Boden, hoch von Gras überwachsen, und die +dazu gehörigen Lafetten vermoderten in den Remisen. Die Besatzung war +gering an Zahl, entmutigt durch die Unglücksbotschaften, und der +Kommandant, Oberst von Loucadou, ein alter abgestumpfter Mann, der seit +dem bayrischen Erbfolgekrieg den Ruf eines tüchtigen Offiziers genoß und +dessen Geist so blind an altem Herkommen hing, daß er sich in der neuen +Zeit und Welt nicht mehr zurechtfinden konnte. Während alles, was +Militär hieß, den trägen Schlummer mit ihm zu teilen schien, fühlte sich +die ganze Bürgerschaft von der lebhaftesten Unruhe und Besorgnis +ergriffen, und Nettelbeck wurde als einer der ältesten Bürger +ausgewählt, sich mit dem Kommandanten über die Maßregeln zur +Verteidigung zu verständigen. Dem Obersten erschien dies anmaßend, und +er wußte nicht oder wollte es nicht wissen, daß von ältester Zeit her +die Bürger von Kolberg sich als die natürlichen und gesetzlich berufenen +Verteidiger ihrer Wälle und Mauern betrachteten. Vormals hatte jeder +seinen Bürgereid mit Ober- und Untergewehr geschworen, hatte geschworen, +daß diese Armatur ihm eigen angehöre, geschworen, daß er die Festung +verteidigen helfen wolle mit Gut und Blut. Die Bürgerschaft war in fünf +Kompanien eingeteilt, mit einem Bürgermajor an der Spitze, und wo es im +Ernst gegolten, hatte der Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht +und wesentlichen Nutzen von ihrem Dienst gezogen. Nettelbeck eröffnete +dem Obersten, daß die Bürger mit Gott entschlossen seien, in diesen +bedenklichen Zeitläuften mit dem Militär gleiche Last und Gefahr zu +bestehen, daß sie sich in ein Bataillon mit vollständiger Rüstung +organisieren wollten und bäten, sich vor ihm aufstellen zu dürfen, damit +er Musterung halte und jedem seinen Posten anweise, sie würden ihre +Schuldigkeit tun. Als die Bürgerschaft sich versammelt hatte, kam der +alte Oberst und sagte: »Macht dem Spiel ein Ende, ihr guten Leutchen! +Geht in Gottes Namen nach Hause. Was soll mir’s helfen, daß ich euch +sehe?« Und da Nettelbeck neuerdings Vorstellungen machte und sich und +seine Leute zu den nötigen Arbeiten anbot, erwiderte der Kommandant mit +einem höhnischen Lachen: »Die Bürgerschaft und immer wieder die +Bürgerschaft! Ich brauche die Bürgerschaft nicht.« + +Eine solche Geringschätzung erregte Murren und Unwillen, aber Nettelbeck +ließ sich nicht abhalten, zu tun, was ihm Pflicht schien. Er machte den +Oberst darauf aufmerksam, welch gute Dienste in früheren Belagerungen +eine Schanze auf dem hohen Berg, eine Viertelmeile außerhalb der Stadt, +geleistet hatte, und er und seine Freunde seien bereit, die Schanze +wiederherzustellen. Der Oberst antwortete, was außerhalb der Stadt +geschähe, kümmere ihn nicht, die Festung innerhalb werde er schon zu +verteidigen wissen. Und so baute Nettelbeck die Schanze, und es halfen +ihm die Bürger, ihre Gesellen, ihre Lehrjungen und Dienstmägde; als die +Arbeit noch immer zu langsam vonstatten ging, warb er Leute am Hafen und +bezahlte sie aus seiner Tasche. Er sorgte für die Anschaffung von +Lebensmittelvorräten und nahm bei Bäckern, Bauern und Branntweinbrennern +ein Verzeichnis der Bestände auf. Er ging in die umliegenden Dörfer und +sah nach, was an Korn und Schlachtvieh vorhanden war. Mit all seinen +Papieren ging er nun zum Kommandanten, um ihn zu bewegen, daß er die +Vorräte in die Stadt schaffen lasse. Der Oberst aber, als hätte die Pest +an den Papieren geklebt, drückte sie ihm eilig wieder in die Hand und +sagte, er brauche den Plunder nicht und damit Gott befohlen. + +Der Oberst hatte auch eine alte Köchin, und die war jedesmal zugegen, +wenn Nettelbeck kam, und gab ihren Senf mit drein. Auch dieses Mal +schimpfte und maulte sie, bis Nettelbeck die Galle überlief und er dem +unverschämten Weibsbild die Meinung sagte, wodurch er aber den Obersten +nur noch mehr gegen sich in Zorn setzte. + +Um den Magistrat und seine Anstalten stand es auch kläglich, der +Untergang der Stadt schien nicht aufzuhalten, und so entschloß sich +Nettelbeck, der winterlichen Jahreszeit zum Trotz, den König selbst in +Königsberg oder in Memel aufzusuchen und ihm Kolbergs Lage und Not +vorzustellen. Da traf aber der Kriegsrat Wissening von Treptow in +Kolberg ein, ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte. +Der machte sich gegen Nettelbeck erbötig, selber zum König zu gehen und +sein möglichstes zu tun, um den Platz zu retten. Unter den von den +Truppen Versprengten, die täglich in Kolberg Zuflucht suchten, befand +sich auch der Leutnant von Schill; Nettelbeck gewann ihn bald zum +Freund, und der junge Offizier erklärte sich bereit, in Kolberg zu +bleiben, um bei der Verteidigung zu helfen. Er stimmte mit Nettelbeck +darin überein, daß vor allem die Maikule, der Schlüssel zum Hafen, um +jeden Preis festgehalten werden müsse, und doch war zur Verschanzung +dieses entscheidenden Punktes bis jetzt noch keine Schaufel in Bewegung +gesetzt worden. Es waren keine Hände da, um auch nur einige Erdaufwürfe +zustande zu bringen, und Nettelbeck trieb unermüdlich in der +Geldervorstadt und in allen umliegenden Ortschaften Tagelöhner und +Häusler zusammen, versprach und zahlte guten Lohn und verwandte gegen +vierhundert Taler aus seiner Tasche. Tag und Nacht arbeiteten etwa +sechzig Menschen nach dem von Schill entworfenen Plan an den +Befestigungen; weder der Kommandant noch sonst jemand fragte und +kümmerte sich, was da geschafft wurde. Indessen war der Kriegsrat +Wissening mit ausgedehnten Vollmachten vom König zurückgekehrt. Seine +Hilfe brachte neues Leben in die Verwaltung; ganze Herden Schlachtvieh, +lange Reihen Getreidewagen zogen zu den Toren ein, und Heu und Stroh im +Überfluß füllte die Futtermagazine. In der Stadt wurde geschlachtet und +eingesalzen und die Böden der Bürgerhäuser mit Korn beschüttet. + +Um die Mitte März hatten die Franzosen die Umzingelung der Festung +beendet. Die Schanze auf dem hohen Berg ging unter blutigen Kämpfen +verloren, auch die Anhöhen der Altstadt waren besetzt. Es war nun +dringend geboten, die Überschwemmung des Geländes rings um die Festung +zu bewirken, eine Absicht, die auf den hartnäckigen Widerstand der +Grundeigentümer stieß. Auch der Kommandant wollte nichts davon wissen, +bei der darüber geführten Unterredung mischte sich wieder die Köchin in +ihrer gewohnten Weise ein. Nettelbeck schob sie ohne viel Federlesens +zur Türe hinaus, der Oberst geriet in Hitze, griff nach seinem Degen und +würde ihn gegen Nettelbeck gezogen haben, wenn ihm nicht dessen +Begleiter, der Hauptmann von Waldenfels, mit den Worten in den Arm +gefallen wäre: »Beruhigen Sie sich, Nettelbeck hat recht getan.« + +Die Franzosen schickten indessen einen Parlamentär, den der Oberst in +aller Freundlichkeit empfing und mit dem er hinter verschlossener Tür +verhandelte. Nettelbeck argwöhnte Verrat, und in der Fülle seines +beklommenen Herzens schrieb er an den König: Wenn Euere Majestät uns +nicht bald einen andern und braven Kommandanten zuschicken, sind wir +unglücklich und verloren. + +Die Belagerer schritten zum Angriff, die Geldervorstadt geriet in +Gefahr, Loucadou erteilte den Befehl, sie niederzubrennen, aber Schill +stellte ihm das Unnützliche und Übereilte dieser Maßregel mit solchem +Gewicht vor, daß er nachzugeben gezwungen war; dadurch konnten Hunderte +von Menschen die beweglichen Trümmer ihres Besitzes in Sicherheit +bringen, und erst als dies geschehen war, fand die Zerstörung statt. Der +Kommandant aber bezichtigte Schill der Insubordination und ließ ihn in +Arrest setzen. Soldaten und Bürger vernahmen mit Unwillen, was ihrem +Liebling geschehen war. Es entstand ein Gemurmel, ein Reden, Fragen und +Durcheinanderlaufen, das mit jeder Minute lauter und stürmischer wurde. +Man wollte Schill mit Gewalt befreien und den Kommandanten zur +Rechenschaft ziehen. Nettelbeck, lebhaft bestürzt und das Unselige +dieser Volksbewegung erkennend, warf sich unter die Menge, bat sie, +Vernunft anzunehmen und vor allen Dingen Schills eigene Meinung zu +hören. Dies ward angenommen, und Nettelbeck ging zu Schill. Als der +vernahm, wie die Sachen standen, erschrak er heftig, und Nettelbeck an +beiden Händen ergreifend, rief er: »Freund, ich bitte Sie um alles, +stellen Sie die guten Menschen zufrieden. Aufruhr wäre das letzte und +größte Unglück, das uns begegnen könnte. Sagen Sie ihnen, ich sei nicht +arretiert, ich sei krank, sagen Sie, was Sie wollen, wenn sich nur die +Leute zur Ruhe geben.« Nettelbeck begab sich wieder auf den Markt, hielt +eine Ansprache, die Leute kamen zur Besinnung und gingen friedlich +auseinander. Schills Arrest blieb ein leeres Wort, das stillschweigend +zurückgenommen wurde. + +Die feindlichen Granaten schlugen in die Stadt, und der Oberst befahl, +daß die Dächer mit Dünger belegt und das Pflaster aufgerissen werden +sollte, um die Geschosse unschädlicher zu machen. Nettelbeck äußerte +Zweifel über das Förderliche dieses Befehls; da die Dächer eine Neigung +von mehr als fünfundvierzig Grad besaßen, meinte er, der Dünger werde +wohl nicht haften bleiben, auch würden die Bomben vor den so bedeckten +Dächern nicht sonderlich viel Respekt zeigen; das Aufreißen des +Pflasters sei aber bei den engen Gassen sogar gefährlich, weil dann bei +entstandener Feuersgefahr weder Spritzen noch Wasserkufen einen Weg +durch die Steinhaufen und den umgewühlten Boden finden würden. Während +des Gesprächs fuhr in der Nähe eine Bombe nieder und zersprang. Der +Oberst sah sich mit etwas verwirrten Blicken um und stotterte: »Meine +Herren, wenn das so fort geht, so werden wir müssen doch noch zu Kreuze +kriechen.« Mehr konnte er nicht hervorbringen. Nettelbeck, alle +Selbstbeherrschung verlierend, fuhr auf und schrie: »Halt! Der erste, +wer er auch sei, der das verdammte Wort wieder ausspricht, von zu Kreuze +kriechen, stirbt des Todes von meiner Hand.« Dabei riß er den Degen aus +der Scheide, sein Nebenmann faßte ihn von hinten und zog ihn von +Loucadou zurück. »Arretieren,« knirschte der Oberst mit schäumendem +Mund, »gleich arretieren! In Ketten und Banden.« Alles drängte sich um +den Oberst zusammen; Nettelbecks Freunde schoben ihn zurück, und er +ging, wenig zufrieden mit sich selbst und seinem Zorneifer, still nach +Hause. Nachmittags berief der Kommandant den Landrat zu sich und teilte +ihm mit, er werde Nettelbeck vor ein Kriegsgericht stellen und auf dem +Glacis der Festung erschießen lassen. Der Landrat erschrak, machte +eindringliche Vorstellungen, jedoch der Oberst beharrte auf seinem Sinn. +Als die Bürger vernahmen, was im Werke war, geriet alles in die größte +Bewegung, alles ergriff Nettelbecks Partei; der Haufen sammelte sich und +ward mit jeder Minute größer, wälzte sich zu Loucadous Wohnung, umringte +ihn, und die Wortführer bestürmten ihn so lange im guten und im bösen, +bis sie seine Entrüstung einigermaßen milderten oder vielleicht ihn +ahnen ließen, daß er kein so leichtes Spiel haben werde. »Gut, gut,« +sagte er endlich, »so mag der alte Bursche diesmal laufen. Hüt er sich +nur, daß ich ihn nicht wieder fasse.« Nettelbeck hatte von seinem +Fenster aus den Auflauf des Volkes bemerkt, hatte aber kein Arg, daß es +ihn so nahe angehen könne. Erst andern Tags erfuhr er, wie schlimm es +auf ihn und sein Leben gemünzt gewesen. + +Die Belagerung nahm ihren Fortgang, und Not und Elend stiegen von Woche +zu Woche. Es war am 1. Juli, als die Franzosen endlich letzten Ernst zu +machen schienen. In den Morgenstunden eröffneten sie ein furchtbares +Bombardement auf die Stadt. Bald gab es nirgends ein Plätzchen mehr, wo +die zagende Menge vor dem drohenden Verderben sich hätte bergen können. +Überall zerschmetterte Gewölbe, einstürzende Böden, krachende Wände und +aufwirbelnde Säulen von Dampf und Feuer; überall die Gassen wimmelnd von +ratlos umherirrenden Flüchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben hatten +und unter dem Gezisch der kreisenden Feuerbälle sich verfolgt sahen von +Tod und Verstümmelung. Geschrei von Wehklagenden, Geschrei von +Säuglingen und Kindern, Geschrei von Verirrten, die ihre Angehörigen +verloren hatten, Geschrei der Menschen, die mit dem Löschen der Flammen +beschäftigt waren, Lärm der Trommeln, Rasseln der Fuhrwerke, Geklirr der +Waffen, es war herz- und ohrenzerreißend. Im Laufe des Tages erstürmten +die Franzosen die Maikule, und mit dem Verlust dieses wichtigen Punktes +war die Verteidigung gelähmt, und das Münderfort war nun zur +Beschützung des Hafens nicht mehr ausreichend, was sich zeigte, als das +englische Schiff, das den Belagerten zu Hilfe gekommen war, beim +Vordringen der Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder das offene Meer +zu gewinnen. + +Zu spät hatte der König Unterstützungsmannschaften geschickt, zu spät +den unfähigen Kommandanten durch den Major von Gneisenau ersetzt; es +schien, daß die Stadt nicht mehr zu retten war. Inmitten der ringsum +drohenden Gefahr erzeugte sich allmählich eine Gleichgültigkeit bei +vielen, die nichts mehr zu Herzen nahmen. War auch nicht der Mut, so war +doch die Natur erschöpft; Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerwährende +Spannung des Gemüts und Sorgen für Weib und Kind und Eigentum fielen auf +die meisten mit einem solchen Gewichte, daß sie sich in den Trümmern +ihrer Wohnungen ein noch irgend erhaltenes Plätzchen ersahen, um den bis +in den Tod ermatteten Gliedern einige Ruhe zu gönnen. + +Da geschah es, daß eine Bombe, verderblicher als alle andern, in das +Rathaus fuhr, und ein hell aufflackerndes Feuer war die Folge ihres +Zerspringens. Als naher Nachbar sprang Nettelbeck hin, um schnelle +Anstalten zur Brandlöschung zu betreiben, aber ringsum regte sich keine +menschliche Seele. Er lief zu Bekannten, braven und wackeren Männern, um +sie zur Hilfe aufzurufen, doch schlaftrunken und ohne Gefühl beachteten +sie sein Bitten und Ermuntern ebensowenig, wie sein Toben und Schelten. +In steigender Angst rannte er auf die Brandstätte zurück und packte +jeden an, der ihm begegnete. Ein vierschrötiger Kerl, dem er einen +gefüllten Löscheimer aufdrängte, nahm ihn und schlug das Gefäß mit +seinem nicht eben sauberen Inhalt Nettelbeck geradezu um die Ohren, so +daß er fast die Besinnung verlor und von Schmutz und Ruß bedeckt eine +jämmerliche Figur machte. Ohne sich darum zu kümmern eilte er in das +nächste Wachhaus auf dem Walle und stürmte wild in das halbdunkle +Wachzimmer. Auf der hölzernen Pritsche regte sich eine Gestalt. »Bester +Mann, zu Hilfe, das Rathaus steht in Flammen!« schrie Nettelbeck. Der +Offizier erhob sich, schlug die Hände zusammen und rief aus: »Ach, du +armer Nettelbeck!« Jetzt erst erkannte ihn Nettelbeck; es war Gneisenau. +Nun wurde die Lärmtrommel gerührt, die Soldaten erschienen, Patrouillen +durchzogen die Stadt, und die Löschanstalten kamen in Bewegung. Zu +gleicher Zeit hatten die Gefangenen im Stockhaus die allgemeine +Verwirrung benutzt, um auszubrechen, und hatten in den Häusern zu +plündern begonnen; auch Nettelbecks Haus wurde von diesem Schicksal +betroffen. Durch den tätigen Eifer des Militärs wurde die Rotte wieder +eingefangen und unschädlich gemacht. + +So besonnen, wo es zu handeln galt, so allgegenwärtig gleichsam, wo eine +Gefahr nahte, und so beharrlich, wo nur die unabgespannte Kraft zum +Ziele führen konnte, hatte sich der Kommandant Gneisenau immer und +überall seit dem ersten Augenblick seines Auftretens erwiesen. Wochen +hindurch war er so wenig in ein Bett als aus den Kleidern gekommen. +Vater und Freund des Soldaten wie des Bürgers, hielt er beider Herzen +durch den milden Ernst seines Wesens und durch teilnehmende +Freundlichkeit gefesselt. Jeder seiner Anordnungen folgte das +unbedingteste Zutrauen. + +Der Morgen des 2. Juli brach an. Not und Elend, Jammergeschrei und +Auftritte der blutigsten Art, einstürzende Gebäude und prasselnde +Flammen, das war das einzige, was bei jedem Schritt den entsetzten +Sinnen sich darstellte. Gneisenaus scharfes Auge hatte mitten im +gräßlichsten Tumult erkannt, daß der Feind Vorbereitungen traf, sich von +der Wolfsschanze aus über das Münderfort herzustürzen. Es war drei Uhr +nachmittags. Gegenanstalten wurden getroffen, Befehle flogen, alles war +in der lebendigsten Spannung, plötzlich schwieg das feindliche Geschütz +auf allen Batterien. Auf das Krachen eines Donners wie am Tage des +Weltgerichts folgte eine lange, öde Stille. Jeder Atem stockte, niemand +begriff den schnellen Wechsel, das schauerliche Erstarren so gewaltiger +losgelassener Kräfte. Da nahte ein feindlicher Parlamentär, neben ihm +ein preußischer Offizier, und alsbald stürzte dieser mit den atemlos +hervorgestoßenen Worten in den Kreis seiner Bekannten: »Friede! Kolberg +ist gerettet.« + + * * * * * + +Als im Jahre 1809 der König von Memel nach Berlin zurückkehrte, hieß es +zuerst, er werde seinen Weg über Kolberg nehmen; aber die Strenge der +Jahreszeit gebot die kürzeste Richtung, und da es bekannt wurde, daß das +königliche Paar einen Rasttag in Stargard machen wollte, schlug +Nettelbeck den Kolbergern vor, eine Abordnung der Bürgerschaft dorthin +zu senden. Alles war seiner Meinung, aber alles glaubte auch, daß es +dafür zu spät sei, denn um rechtzeitig an Ort und Stelle zu kommen hätte +man sich noch den nämlichen Abend auf den Weg machen müssen. »Und warum +nicht schon in der nämlichen Stunde?« fragte Nettelbeck. »Ich bin dazu +bereit, aber ich bedarf noch eines Gefährten. Wer begleitet mich?« +Schweigen und Kopfschütteln ringsherum, und schon wollte der Alte im +feurigen Unmut auflodern, als ihm der Kaufmann Gölckel die Hand reichte, +sich ihm zum Gefährten erbot und in einer Stunde reisefertig zu sein +versprach. Sie kamen nach Stargard so früh am Morgen, daß sie noch alles +in Finsternis und Schlaf begraben fanden. An einem Haus stiegen sie ab, +klopften an und verlangten Herberge. Die Antwort lautete, alles sei +dicht besetzt und kein Unterkommen mehr möglich. »Aber liebe Leute, den +alten Nettelbeck werdet ihr doch nicht auf der Straße stehen lassen!« +»Nein, wahrhaftig nicht,« scholl eine weibliche Stimme dagegen, +»tausendmal willkommen! Da muß sich schon ein Winkelchen finden.« + +Im königlichen Quartier wurde Nettelbeck von einem General erkannt und +in das Empfangszimmer geführt. Der große Raum war voll von Offizieren, +Damen und Standespersonen. Alles blitzte von Ordenszeichen, und es gab +eine feierliche Stille, als der König und die Königin eintraten. + +Vor Nettelbeck und seinem Begleiter stehend, sagte der König gegen die +glänzende Versammlung hin mit bewegter Stimme: »Wenn jeder so seine +Pflicht getan hätte wie die Kolberger, dann wäre es uns nicht so +unglücklich ergangen.« + +Nach einiger Wechselrede brach aus des alten Nettelbecks Munde das +glühende Wort: »Verflucht sei, wer seinem König und Vaterland nicht treu +ist.« Und dann: »Wir hoffen, Eure Majestät werden uns nicht sinken +lassen.« Der König antwortete und streckte Nettelbeck die Hand entgegen: +»Nein, nicht sinken lassen, nicht sinken lasse ich euch.« + +Diese Stunde war vielleicht die schönste in Nettelbecks Leben, und keine +empfand er dankbarer als Lohn für alle Opfer und Mühen. Er begann nun +seine Hantierung wieder und fand auch ein notdürftiges Auskommen. Doch +fiel es ihm immer schwerer aufs Herz, daß er so abgesondert und +verlassen dastand. Er war nun fünfundsiebzig Jahre alt und sorgte sich +doch noch um die Zukunft. Zuerst lachend, dann in wohlgemeintem Ernst +rieten ihm seine Freunde, es noch einmal mit dem Ehestand zu versuchen, +und nach vielem Bedenken und Zögern folgte er ihrem Rat und heiratete +eine uckermärkische Pfarrerstochter, an deren Seite er noch ein spätes +Glück fand und die ihm sogar im nächsten Jahr eine Tochter schenkte. + +Sein rastloser Geist konnte nicht ruhen. Am Abend seines Lebens +beschäftigte ihn noch ein Projekt, das er schon Jahrzehnte zuvor +gehegt, der Lieblingswunsch, Preußen auch jenseits der Weltmeere groß, +geachtet und blühend zu sehen. Er verfaßte eine Denkschrift, worin er +den Lenkern des Staats den Vorteil auseinandersetzte, der mit dem Erwerb +von Kolonien verbunden war, ja, er machte sich trotz seiner +sechsundsiebzig Jahre erbötig, das erste preußische Schiff, das solchem +Zweck dienen würde, selbst zu führen. Aber wie leicht zu denken, +erweckte sein Vorschlag zu jener Zeit keine ernstliche Beachtung. + +Im Jahre 1824, sechsundachtzig Jahre alt, endete der wunderbare Mann +sein reiches Leben. + + + + +Christian Holzwart + + +Am 29. Dezember 1845, in der Morgenfrühe, kam ein Mann von der +Sudenburg, einer Vorstadt Magdeburgs außerhalb der Ringmauern, und +passierte in Eile durch das eben geöffnete Tor. Er war sonderbar +anzusehen; ein Schlafrock hing über seinem Körper, er war ohne Stiefel, +ohne Strümpfe, ohne Kopfbedeckung, und Haar und Bart waren von Flammen +versengt. Seine Schritte waren ungleich und zeugten von großer +Ermattung. Bei einem Hause an der Johanniskirche, wo der Wundarzt Koch +wohnte, machte er endlich halt und zog hastig die Klingel. Die Straßen +waren noch leer, die Leute schliefen noch, und erst auf sein +wiederholtes Klingeln wurde ihm das Tor aufgemacht. Er taumelte in das +Wohnzimmer und fiel ohnmächtig auf das Sofa nieder. Der Chirurgus Koch +und seine Frau, die ihm beide erschrocken entgegengetreten waren, +fragten gleichzeitig, was geschehen sei und von wo er in einem solchen +Aufzug herkomme. Der Wundarzt nahm das Licht vom Tisch, beleuchtete ihn +und sah, daß nicht nur sein sonst wohlgepflegter Bart verkohlt war, +sondern daß auch seine Hände blutig waren. »Um Gottes willen, Holzwart, +was ist geschehen?« fragte er entsetzt, doch der Mann stammelte nur +verworrene Antworten, sprach von Flammen und daß seine Familie, die Frau +und seine fünf Kinder wohl erstickt seien. Der Wundarzt schickte seinen +Sohn und den Lehrer Zimmermann sofort nach der Sudenburg hinaus, und sie +kamen mit der Unglücksbotschaft zurück, daß man dorten sechs Leichen aus +dem Schutt des niedergebrannten Hauses geschafft habe. Es war auch schon +eine amtliche Anzeige eingegangen, und die Kriminaldeputation fand sich +bei dem Wundarzt Koch ein, um von Holzwart Auskunft über die furchtbare +Katastrophe zu erhalten. + +Sie trafen Holzwart krank und hinfällig durch den erlittenen +Blutverlust, aber doch imstande, ihren Fragen Genüge zu leisten. Er +erzählte, daß ihm in der Nacht ein Mensch in seinen Verkaufsladen +eingetreten sei und ihm zwei Stiche in die Brust versetzt habe; er sei +mit dem Menschen ins Ringen gekommen, habe ihn verfolgt, habe neue +Stiche erhalten, sei dann umgekehrt und habe sein Haus in Flammen +stehend gefunden. Er sei zurückgewichen und fast ohne Besinnung in die +Stadt gelaufen, und da sei er vor dem Kochschen Hause angelangt. + +Das alles klang weniger wie Lüge, als wie die unzusammenhängenden Reden +eines Fiebernden. Die Kleidungsstücke, die Holzwart am Leibe hatte, +waren nicht durchstochen, und die Schnitte am Hals sprachen eher für +einen Selbstmordversuch als für Verwundungen von fremder Hand. Das Haus +war nicht nieder-, sondern ausgebrannt; Türen und Fenster boten den +Anblick einer gewaltsamen Zerstörung. Die verkohlten und verstümmelten +Leichname der Frau, des Sohnes und der vier Töchter wurden in dem Zimmer +neben dem Laden gefunden, und es erwies sich bald, daß an ihnen ein +zwiefaches Verbrechen begangen worden war. Die Körper zeigten deutliche +Spuren der Ermordung; ihr Blut färbte die Dielen der Zimmer, tränkte die +Polster des Sofas, hing in schweren Tropfen noch ungetrocknet an den +Stühlen, hatte die Geschenke des Christabends, die Spielereien der +unschuldigen Kleinen überspritzt. + +Sollte also der Vater dieser schönen, gesunden und wohlgeratenen Kinder +ihr Mörder sein? Aus welchem Grund? Aus Haß? Aus Habsucht? Aus Not? +Hätte er sie gehaßt, so wäre es ja leichter gewesen, sich von ihnen zu +entfernen. Die Welt ist groß, und es hat schon mancher die ihm lästig +gewordenen Familienbande abgeschüttelt, seine Kinder der Willkür des +Geschicks preisgegeben und mit leichtsinnigem Mut in der Fremde +Vergessenheit seiner Pflichten gesucht. Auch waren die Kinder schon über +die Hilflosigkeit der ersten Jugend hinaus; die älteste Tochter war +sechzehn, die zweite vierzehn, die dritte zehn, der Sohn neun Jahre, und +nur das jüngste Kind, ein Mädchen im Alter von vier Jahren, stand in der +ersten, ganz hilfsbedürftigen Jugend. Das Gerücht, daß die Kinder hätten +erben sollen, erwies sich als falsch. Sie waren arm, hatten nie etwas +besessen und auch keine Hoffnung auf Besitz. Daß sich die Familie in Not +befand, war gewiß. Man wußte, daß Holzwarts Verhältnisse von Jahr zu +Jahr zurückgegangen seien, ja daß er ein vollständig ruinierter Mann und +sozusagen am Ende seiner Bahn angekommen war. Dies konnte aber keinen +ausreichenden Anlaß bilden, fünf Kinder und eine Frau zu ermorden und zu +verbrennen. Schon nach den ersten Tagen nannte man ihn Mörder und +Mordbrenner, und daß er selbst tödlich verwundet im Gefängnisse lag und +nach den Berichten der Ärzte einem Verhör noch nicht ausgesetzt werden +durfte, glaubte niemand. Woher sollten ihm die Wunden gekommen sein? Sie +hätten ihn in ein tragisches Licht gestellt, und man wollte von ihm nur +als von einem verworfenen Mörder wissen. Was er gelitten und noch zu +leiden hatte, darum kümmerte sich kein Mensch. Aber der Tag kam, wo +viele in sich gingen. + +Am Morgen des sechsten Tages begab sich der Untersuchungsrichter zu ihm +ins Gefängnis. Der Arzt hatte seinen Zustand soweit gebessert gefunden, +daß eine schonende Vernehmung möglich war. Doch lag er noch im Bette, +sein Äußeres zeigte große Erschöpfung. Nachdem ihn der Richter mit +einigen Fragen über sein körperliches Befinden hingeleitet hatte, +erkundigte er sich, ob er sich zu erinnern vermöge, was für Aussagen er +am Morgen seiner Verhaftung gemacht. Ohne Zögern bejahte Holzwart, fügte +aber sogleich hinzu, daß man ihm noch einige Tage Zeit gönnen möge, dann +würde er sich vollständig über die ganze Begebenheit aussprechen. Der +Richter wendete ein, es wäre besser, wenn er sich sogleich ausspräche, +namentlich wenn er etwas auf dem Herzen hätte, und machte ihm +bemerklich, daß er in seinem Richter nicht den kalten Menschen suchen +solle, der mit Nichtachtung auf den Gesunkenen herabblicke, sondern +einen Teilnehmenden, der mit schmerzlichem Gefühl die Herzen der +Verbrecher auszuforschen beflissen sei. Ganz ruhig richtete er daran die +einfache Frage: »Haben Sie sich vergangen?« Holzwart richtete sich von +seinem Lager auf, stützte sich auf den rechten Arm und sah den Richter +stumm an. »Sind Sie schuldig?« setzte der Richter hastig hinzu. Holzwart +legte sich zurück, sein Auge ruhte fest auf dem Gesicht des Richters, +und eine tiefe Bewegung malte sich in seinen Mienen, als er antwortete: +»Ja, ich bin schuldig.« + +Mit dieser Erklärung mußte sich der Richter vorerst begnügen, wenn er +das Leben des Gefangenen nicht in Gefahr bringen wollte, und erst nach +mehreren Tagen schritt er zu einer eindringlicheren Forschung. Holzwart +zeigte von der Stunde ab ein unbedingtes Vertrauen zu seinem Richter, +und seine Aussagen stimmten so völlig mit allen Ermittlungen überein, +daß man seine Wahrhaftigkeit nirgends in Zweifel ziehen konnte. + +»Ja, ich bin schuldig,« sagte er mit festem und ruhigem Ton; »es ist +aber mein Verbrechen nicht das Werk eines augenblicklichen Einfalls. +Jahrelang hatte ich erfahren müssen, daß ein Unglücksstern über mir und +meiner Familie war. Diese Überzeugung hat mich geleitet, als ich die +Hand gegen die Meinen erhob. Kein andrer Grund als die Liebe hätte mich +veranlassen können, eine so schreckliche Tat zu begehen. Die Liebe gab +mir die Kraft, sie alle, die nach meiner Einsicht bald hilflos und +erniedrigt dastehen würden, auf die schnellste und schmerzloseste Weise +aus der Welt zu schaffen. Sie haben unbewußt und froh die letzten +Minuten ihres Daseins herannahen sehen. Ich begann die Tat mit meiner +Frau und endete sie mit meiner jüngsten Tochter.« Bei dieser Erklärung +durchzuckte ein furchtbarer Krampf den unglücklichen Mann, er preßte die +Augen zu und war unfähig, seine innerliche Erregung mit der Kraft zu +bewältigen, die er bis dahin gezeigt hatte. Erst am nächsten Tage konnte +man das Verhör fortsetzen. + +»Ich bin an Entbehrungen gewöhnt,« sagte er, »aber zur Niedrigkeit bin +ich nie hinabgesunken, habe mich nach meiner Denkungsweise immer fern +von Gemeinem gehalten, und da es zuletzt mit mir so schlecht stand, daß +nur Wohltaten und Almosen mir und meiner Familie das Dasein fristen +konnten, sah ich keinen anderen Ausweg. Wenn mir auch nur der +entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, würde ich nicht die Kraft +zu der Tat gefunden haben. Mit dem ersten Januar trat der Zeitpunkt ein, +wo wir als Bettler vor der Welt dastanden; der Entschluß, den ich schon +lange in mir trug, mußte also vor dem ersten Januar ausgeführt werden. +Je näher mir die schauerliche Notwendigkeit trat, desto mutloser wurde +ich, bis endlich beim Anblick des letzten Talers, den ich vor mir liegen +sah, die Gewalt der Not entschied. Jetzt mußte ich.« + +Dieser letzte Taler, von dem er sprach, war in dem Schutt der +verbrannten Wohnung wirklich gefunden worden. Er war geschwärzt und als +Münze kaum zu erkennen. + +Der Richter wendete ein, daß er doch willens gewesen sei, nach +Magdeburg zu ziehen und sogar schon ein Quartier für hundertdreißig +Taler gemietet habe; wie das mit seinem Vorsatz, die Seinen durch Mord +gegen Not zu schützen, zu vereinen sei. Er antwortete, dies sei nur zur +Beruhigung seiner Frau geschehen; er habe nie geglaubt und nie die +Absicht gehabt, das Quartier wirklich zu beziehen. »Meine Existenzmittel +waren verbraucht, ich sollte bedeutende Zahlungen leisten, und es lagen +nur noch drei Tage vor mir, der Sonntag, der Montag, und der Dienstag. +Mein Entschluß schwankte schon seit dem Weihnachtsfeste; von einem Tag +zum anderen schob ich die Ausführung hinaus. Ich hatte schon überlegt, +ob ich nicht allein aus der Welt gehen sollte; mir war dann wohl nach +dem fürchterlichen Kampf, aber ihnen? Ich sah sie in der Armut, der +Gemeinheit und dem Laster verfallen. Nein, zusammen aus der Welt, +zusammen in den Frieden. Am Sonntag erhob sich der Gedanke in mir in +seiner ganzen Stärke. Um neun Uhr machte ich den Verkaufsladen zu. Meine +Familie hielt sich gewöhnlich in dem Zimmer hinter dem Laden auf, ich +hatte meine Wohnung daneben. Ich ging aus meiner Kammer durch den Laden +und rief meine Frau. Sie folgte mir in mein Zimmer, und dort gab ich ihr +einen Brief meines Bruders zu lesen. Sie saß mit dem Rücken gegen mich +gewendet, ich ergriff die Axt, die ich mir bereitgestellt hatte, und +schlug ihr den Schädel und die Schläfen ein. Sie war augenblicklich tot +und hatte auch nicht die leiseste Ahnung ihres nahen Endes gehabt. Ich +legte die Leiche auf mein Sofa, wo schon mein Bett gerichtet war, doch +so, daß es den Kindern nicht auffallen konnte. Dann ging ich wieder +hinüber und holte meine älteste Tochter. Unter dem Vorwand, daß ich ihr +etwas diktieren müsse, was sie mir aus der Apotheke holen sollte, gebot +ich ihr, sich auf denselben Stuhl zu setzen, auf dem ihre Mutter +gesessen war. Ich diktierte ihr, ich weiß nicht ob Kremortartari oder +sonst so etwas; in dem Augenblick, wo sie sich über den Tisch bückte, +schlug ich ihr ebenfalls den Schädel ein. Sie endete wie ihre Mutter +ohne ein Schmerzgefühl. Ich trug die Leiche über den Flur in die Küche, +und zur Sicherheit schnitt ich mit meinem Rasiermesser die Halsmuskeln +durch. Dann rief ich die zweite Tochter und tötete sie auf dieselbe +Weise, auf demselben Stuhl, mit demselben Beil. Die übrigen drei Kinder +erschlug ich in ihrer Schlafkammer, wo sie in ihren Betten lagen und +schliefen. Allen schnitt ich die Kehle zur Vorsicht durch, damit sie auf +keine Weise noch einen Lebensfunken in sich spüren und Schmerz empfinden +sollten. Jetzt war das Werk vollbracht und mir war leicht. Nur ich +fehlte noch, nur ich und alles war gut.« + +Er erzählte nun, wie er die Betten angezündet, sich daneben hingesetzt +und seinen Hals durchschnitten habe. Aber er starb nicht, er atmete +weiter. Sein Arm erschien ihm plötzlich wie gelähmt und zurückgehalten. +An Mut und Entschlossenheit habe es ihm nie gefehlt; hatte er bis dahin +Kraft bewiesen, so mußte es ihm doch auch gelingen, sein eigenes Leben +zu zerstören. Er versetzte sich noch zwei Stiche in die Brust; es war +umsonst. Sein Blut floß, aber das Leben fühlte er nicht schwinden. Von +diesem Moment trat ein Zustand bei ihm ein, über den er keine +Rechenschaft geben konnte. Er wußte nicht, wie lange er bei den Leichen +gewesen, der Qualm, der sich verbreitete, trieb ihn schließlich auf und +hinaus. Es war ihm, als fliehe ihn der Tod, als müsse er den Tod +verfolgen. Du stirbst nicht, rief es in ihm, du kannst nicht sterben. Er +lief fort, weg- und steglos, irrte lange durch einen Garten und kam +endlich an das Haus des Wundarztes Koch. + +Der Richter fragte: »Was erwarten Sie denn nach einer solchen Tat?« +Holzwart schaute mit einem heiteren Blick empor und antwortete ohne +Zaudern: »Den Tod erwarte ich. Mit Freuden erwarte ich ihn, ich wollte +ihn mir selbst geben, aber es ist mir leider nicht gelungen.« + +Der Richter nennt Holzwart einen ungewöhnlichen Menschen, der sich meist +gewählt ausdrückte und bisweilen sogar in ein gewisses Pathos verfiel. +Er war groß und von stattlichem Körperbau. Sein Gesicht war voll Ruhe, +sein Blick frei, sprechend und sanft. + +Im Publikum erhoben sich Stimmen, die die Liebe zu den Seinigen in +Zweifel stellten. Es wurde gesagt, er habe seine Kinder mit großer +Strenge behandelt und barbarische Züchtigungen über sie verhängt. Bei +näherer Beleuchtung verschwanden diese Anklagen. Was den Schein von +Härte hatte, war Konsequenz gewesen, und es erwies sich auch, daß +Holzwart von den Pflichten eines Vaters ganz andere Begriffe gehabt +hatte als mancher ehrbare Bürger. Man erinnerte sich eines Aufsatzes, +den er viele Jahre vorher in der Magdeburger Zeitung hatte drucken +lassen und worin er die Unerläßlichkeit und heilsame Folge strenger +Zucht betont hatte. Darüber waren alle Zeugen einig, daß es keine +artigeren und besseren Kinder gegeben habe als Holzwarts Kinder, +insbesondere das jüngste sei ein höchst anmutiges Geschöpf gewesen, der +Liebling des Vaters, wurde gesagt. Dies erklärte auch die tiefe und +mächtige Bewegung, die ihn durchzittert hatte, als er bekannte: »Das +jüngste Kind war das letzte, das ich tötete.« + +Der Fleischer Wothge, der Holzwart oft Beistand in seinem +Geschäftsbetrieb gewesen ist, bekundete die bemerkenswerte Tatsache, daß +Holzwart nicht fähig gewesen sei, ein Schwein zu schlachten. Wenn er +dabei behilflich sein sollte, so bebte er vor innerer Aufregung und +Beklemmung. »Er war überhaupt ein sonderbarer Mann,« äußerte sich dieser +Zeuge; »ich kann mich darüber nicht so ausdrücken, wie ich möchte, aber +es scheint mir, als hätte er sich Vorbilder nach Büchern zum Muster +aufgestellt. Ich habe ihn von Abd-el-Kadr, von Faust, von Ibrahim Pascha +mit Lebendigkeit und Begeisterung sprechen hören. Das waren seine Leute. +Er meinte immer: Großartig sterben müsse der Mensch.« + +Und weiter erzählte Wothge: »Im vergangenen Jahre, als das fürchterliche +Gewitter über uns stand, schlachtete ich eines Abends um elf Uhr bei +ihm. Mitten unter dem schauerlichen Donner sagte er zu mir: ›Ich +wollte, alles wäre hin; was ich auch anfange, das Unglück ist immer +hinter mir her.‹ Es war eine oftmals wiederholte Rede von ihm: ›Man muß +nie müssen, sondern nur wollen. Aber alle im Staate müssen, nur einer +will, das ist der König.‹ Ein andermal fragte er mich über +Glaubenssachen, und als ich ihm entgegnete, ich glaubte das, was im +Katechismus stehe, rief er: ›Dann sind Sie ein Tor!‹ und ging von mir +fort. Er war übrigens ein sehr reeller Mann, wußte sich in Respekt zu +setzen und führte immer durch, was er sich vorgenommen hatte. ›Bricht’s, +so bricht’s‹, pflegte er zu sagen. Seine Lieblingsbeschäftigung war das +Schachspielen. Drei Freunde aus Magdeburg haben ihn öfters besucht, bloß +um mit ihm Schach zu spielen. Eines Tages kam er auf sein Elternhaus zu +sprechen, und da erzählte er mir, daß zwischen ihm und seinem Vater oft +wilde Szenen vorgekommen seien. Einmal bei einem Streit habe sein Vater +ihm geflucht, und von diesem Augenblick an sei sein Glücksstern +untergegangen.« + +Holzwarts Bruder erklärte dessen Vermögensverfall aus unglücklichen +Konjunkturen und bekräftigte, daß er mit redlichem Willen und +unermüdlichem Eifer stets danach gestrebt habe, sich und seine Familie +zu ernähren. Er sei niemals arbeitsscheu gewesen, sondern es habe immer +den Anschein gehabt, als solle seine Tätigkeit vergeblich sein. Er +schrieb ihm eine Anlage zum Tiefsinn zu, die er vom Vater ererbt hatte. +Es sei ihm nicht möglich gewesen, sich an einen Menschen zutraulich +anzuschließen. In Güte hätte man aber alles von ihm erlangen können; +wenn er aber Widerstand gefunden, wo er im Recht zu sein geglaubt, oder +wenn er sich verkannt gesehen, habe ihn der heftigste Zorn ergriffen. + +»Er hatte einen streng rechtlichen Sinn und ein feines Gefühl,« äußerte +sich weiterhin der Bruder bei einer Zeugenvernehmung. »Es lag ein Stolz +in seinem Charakter, der es ihm unerträglich machte, die Hilfe anderer +in Anspruch nehmen zu müssen. Ebenso unerträglich war ihm der Gedanke, +seine Kinder, die er sehr liebte, nach seinem Tode dem Mitleid fremder +Leute preisgegeben zu sehen. Außerdem hatte er die Idee gefaßt, daß +seinen Sohn ein ebenso unglückliches Dasein erwarte, wie er selbst es +geführt. Wie großmütig und redlich seine Denkungsart war, zeigte sein +Benehmen, als er vor einigen Jahren in der Lotterie spielte. Bei der +Klasseneinzahlung bot er in einer Anwandlung froher Laune und gewiß in +der Überzeugung, daß er nichts gewinnen werde, seiner Schwägerin die +Hälfte des Gewinnes an. Das Los kam in der letzten Ziehung mit einem +Gewinn von tausend Talern heraus. Holzwart hielt sich seinem Versprechen +gemäß für verpflichtet, der Schwägerin die Hälfte davon zu zahlen, +obgleich sie kein Recht geltend machen und die Abmachung nur für Scherz +angesehen werden konnte. Er blieb dabei, er müsse das Geld teilen, weil +er es versprochen habe, und er bräche niemals sein Wort. Als ich ihm vor +Jahresfrist aus einer Verlegenheit half, sagte er bewegt zu mir: »Glaube +mir, es wird mir schwerer, dein Geld zu nehmen, als es dir vielleicht +ist, es zu geben.« + +Die Geschichte seines Lebens, die Holzwart vor dem Richter erzählte, +trug das unverkennbare Gepräge der Wahrheit und folgt hier mit seinen +eigenen Worten. + +»Mein Vater hatte mich zum Seifensieder bestimmt, und da ich nun einmal +nicht studieren sollte und durfte, war mir das recht. Mein Vater hatte +mich so sehr an Gehorsam gewöhnt, daß es mir nicht eingefallen wäre, +mich gegen seinen Befehl zu sträuben. Die Wahl des Meisters war nicht +günstig für mich. Ich merkte bald, daß ich unter solcher Anleitung +nichts vom Geschäft begreifen würde. Ich klagte es meinem Vater, daß +mich der Lehrherr mehr zu Hausarbeiten als zum Seifensieden verwende, +doch dies wurde nicht von ihm beachtet. Auch meine Mutter hörte nicht +eher auf diese Klagen, als bis es zu spät war. Das Lehrgeld war +weggeworfen, und nach dreijähriger Lehrzeit ging ich als Geselle aus +diesem Geschäft nicht um ein Haar klüger, als ich hingekommen war. Ich +trat die Wanderschaft an, fand natürlich wegen meiner Unbrauchbarkeit +nirgends lange Arbeit, und um nicht in Not zu geraten, kehrte ich in die +Heimat zurück. Fürs erste blieb ich im elterlichen Hause, wo man eine +wünschenswerte Unterstützung an mir fand. Dann versuchte ich es noch +einmal in Eisleben als Volontär in einem Seifensiedergeschäft, doch +wurde dies meinen Eltern mit der Zeit zu kostspielig, ich gab die +Seifensiederei für immer auf und blieb nun fünf Jahre in meines Vaters +Geschäft. Ich lebte dort in drückenden, sehr unangenehmen Verhältnissen, +die vornehmlich durch meines Vaters Schwäche, mit den Dienstmädchen +allzu vertraulich umzugehen, herbeigeführt wurden. Mein Vater +behandelte mich sehr nachlässig, was bei meinem ohnehin reizbaren +Ehrgefühl eine bedeutende Wirkung auf mich ausübte. Im Hause meiner +Eltern befand sich auch meine nachherige Frau; nicht eigentlich als +Ladenmamsell, sondern mehr aus Gefälligkeit gegen meine Mutter, die die +ganze Last des ausgebreiteten Schmälzergeschäfts allein zu tragen hatte. +Ich gewann das Mädchen lieb und wünschte sie zu heiraten. Im Grunde +meines Herzens trieb mich mehr die Unerträglichkeit meiner Lage als die +Sehnsucht nach der Ehe zu dem Eifer, womit ich meine Eltern um Gründung +eines Haushalts für mich anging. Lange sträubten sie sich gegen die +Verbindung, endlich willigten sie ein und gaben mir hundert Taler Gold +zur Errichtung eines Materialladens; meine Frau brachte mir ungefähr +ebensoviel dazu, und mit diesem Kapital begann ich voller Hoffnung mein +selbständiges Leben und meine Ehe. Die Kaufleute gewährten mir willig +und gern Kredit, so sah ich trotz des geringen Vermögens einer günstigen +Schicksalswendung entgegen. + +Aber wenn früher meine Verhältnisse drückend waren, so verfolgte mich +jetzt ein Unglück nach dem andern. Mit dem besten Willen ging ich an +mein Geschäft, doch schon im ersten Jahre wurde meine Frau nach der +Entbindung krank und blieb volle fünf Vierteljahre in ärztlicher +Behandlung. Sie mußte teure Bäder nehmen, und die Rechnungen für den +Doktor und den Apotheker beliefen sich auf hundertzweiunddreißig Taler. +Ich mußte Schulden machen und erkannte bald die Unmöglichkeit, mich in +der Neustadt zu halten. Ehe noch ein Konkursverfahren eingeleitet werden +konnte, wurde ich mit Hilfe meiner Mutter den Gläubigern gerecht und gab +das Geschäft auf. Ich übernahm nun auf den Vorschlag meiner Eltern den +Laden im Bonteschen Haus auf dem Markt, worin neben einem Schenklokal +ein Handel mit Schmälzerwaren betrieben wurde. Ich sah gleich, daß diese +Art von Wirtschaft nichts für mich war; zu einer Schenkstube gehörte ein +anderes Wesen als das meine. Die Fleischwaren bekam ich aus dem +elterlichen Geschäft und verkaufte sie eigentlich auf Rechnung meines +Vaters, wobei mir nur der kleine Gewinn zufiel, den ich in der +Schenkstube machte. Steuern für das Gewerbe, sowie Ladenmiete mußte ich +aber bezahlen. Dazu kam, daß bei dem Laden keine Wohnung war und ich die +Wohnung für meine Familie apart halten mußte. Es brach zu jener Zeit die +Cholera in Magdeburg aus und raffte sogleich einen der beliebtesten +Gäste meines Lokals, den Goldschmied Schladen, hinweg, die übrigen +Männer bekamen Furcht und mieden meine Schenkstube, sie stand verödet, +und ich mußte neue Gäste anzuwerben suchen. Es schlug fehl, und nach +abermals zwei Jahren mußte ich das Geschäft mit einer baren Einbuße von +sechshundertsechzig Talern auflösen. + +Viele haben den Verfall meines Hauswesens meiner Vorliebe für +wissenschaftliche Beschäftigung zugeschrieben, aber damit hat man mir +unrecht getan. Ich hatte allerdings großes Interesse an der Literatur, +las gerne historische und naturwissenschaftliche Werke, begann auch zur +damaligen Zeit ein Tagebuch, worin ich eigene Ideen und gute +aufgefundene Gedanken verzeichnete, muß auch gestehen, daß ich nach der +Erzählung von Alvensleben »Der Racheschwur« ein Drama zu arbeiten +anfing; aber alles dies füllte nur meine Mußestunden aus, die von +anderen Männern beim Kartenspiel und Biertrinken verbracht wurden. + +Ich versank nun in große Not, und meine Mutter unterstützte mich ein +wenig. Ich faßte den Plan, in die weite Welt zu gehen und zu versuchen, +ob nicht irgendein Platz für mich zu finden sei, wo ich meinen +Lebensunterhalt gewinnen konnte. Mein Blick richtete sich auf Prag, wo +ein Bruder meiner Mutter, der Weißgerber Grosse, in guten Umständen +lebte. Ich trennte mich von meiner Familie. Es war ein schmerzlicher +Abschied, aber ich ging nicht eher von ihnen, als bis mir meine Mutter +in Gegenwart meines Bruders das Versprechen geleistet hatte, mütterlich +für sie zu sorgen. Man schlug mir vor, die französische +Handschuhmacherei zu erlernen, und wirklich schien mir dies ein +Erwerbszweig, der einträglich zu werden versprach. Mein Onkel in Prag +gab das Lehrgeld her, und obwohl ich nicht mehr in den Jahren war, wo +man als Lehrling in einen neuen Beruf tritt und mir die Sache sehr sauer +wurde, stärkte mich doch der Gedanke an meine Familie soweit, daß ich +meinen Vorsatz glücklich durchführte. Nach zehn Monaten war ich Gehilfe +des Meisters, der sich redlich Mühe mit mir gegeben hatte. Wieder in der +Heimat angelangt, setzte ich alles daran, ein Handschuhmachergeschäft +zu gründen. Mit etwas Geldmitteln wäre es mir wohl gelungen, allein ich +hatte kein Geld, mein Vater wollte mir keins geben, die Mutter gab mir +fünfzig Taler. Davon mußte ich die Hälfte für Arbeitszeug verwenden, und +es blieb mir nicht einmal soviel, wie zum Ledereinkauf notwendig war. +Dennoch versuchte ich mein Heil und hielt mich wirklich einige Zeit. +Aber schließlich ging es bergab, und mein Ruin war täglich zu erwarten. +Da starb mein Vater, und ich trat jetzt in das elterliche Geschäft als +Pächter ein. Anfangs machte ich gute Geschäfte, aber bald wurde der +Verdienst geschmälert durch die vielen neuerrichteten Schmälzerläden. Es +trat noch das Mißgeschick hinzu, daß die Schweine plötzlich sehr teuer +wurden, und dies ist ein harter Schlag für den Schmälzer, da die Waren +noch eine Zeitlang in den alten Preisen bleiben, also bei jedem +Schlachten zugesetzt werden muß. Ich blieb mit der Miete an meine Mutter +rückständig, der Magistrat erhöhte die Pacht des Ladens unter dem +Rathaus von sechzig auf hundert Taler, und im dritten Jahre wurde ich +bankrott. Ich übergab meiner Mutter ihr Eigentum wieder, sie verkaufte +das Haus und ließ mir unter Anrechnung auf mein späteres Erbteil +fünfhundert Taler zum Kauf eines kleinen Hauses in der Junkerstraße, wo +ich von neuem eine Schmälzerei anlegte. Ich mußte viel Geld verbauen; es +wäre aber doch gegangen, wenn nicht ein Gläubiger der zweiten Hypothek +mir sein Kapital gekündigt und ich einen neuen hätte erhalten können. +Ich mußte wieder verkaufen und habe großen Schaden erlitten. + +Jetzt war ich vollkommen herunter. Meine Mutter konnte nicht mehr +helfen, mein Bruder hatte ein Gut in Lendorf gekauft und bot mir eine +Freistatt. Ich ging zu ihm, als Arbeitsmann im wahren Sinn des Wortes. +Fünf Monate hielt ich es aus, da trieb mich die Sehnsucht nach den +Meinigen wieder zurück. Meine Frau hatte sich mit dem Schmälzerladen im +Rathaus, der uns noch verblieben war, kümmerlich durchgebracht. Ich +versuchte nun in Magdeburg einen neuen Erwerb und erlernte das +Oblatenbacken. Meine Mutter schoß mir fünfzig Taler vor, und ich begann +dies Geschäft. Aber es war, als hätte das Schicksal nur darauf gewartet, +bis ich wieder Hoffnung gefaßt hatte. Kaum hatte ich einigen Vorrat +liegen, so kamen die neuen Blättchen mit der Namenchiffre auf, meine +Oblaten blieben als altmodisch unverkauft, und ich war wieder fertig. Da +ging ich mit meiner ganzen Familie nach Lendorf zurück, und wir blieben +dort ungefähr ein Jahr. Um diese Zeit verkaufte mein Bruder das Gut, und +meine Mutter starb. Jetzt hatte ich freilich ein Erbteil zu erwarten, +mit dem sich etwas beschaffen ließ. Ich bekam tausend Taler. Mit diesem +Gelde kaufte ich ein Gehöft in Gommern, wo Gastwirtschaft betrieben +wurde. Während meines Aufenthaltes in Lendorf hatte ich mich als +Landwirt tüchtig geübt und Lust zum Feldbau bekommen. Die Frequenz des +Gasthofs war gering, das Feld bestand nur aus zehn Morgen Ackerland, ich +sah, daß nicht viel zu gewinnen sei, und da ich nach einem Jahre +vorteilhaft verkaufen konnte, entledigte ich mich der Wirtschaft früh +genug, um keinen Schaden zu erleiden. Damals gewann ich auch tausend +Taler in der Lotterie, von denen ich die Hälfte meiner Schwägerin gab. +Ich wollte mir nun ein kleines Gütchen kaufen, dazu reichten die Mittel +nicht. Obwohl ungern, entschloß ich mich endlich, wieder eine +Schmälzerei zu errichten, und zwar in der Sudenburg. + +Ich hatte tausend Taler im Besitz. Die Herstellung des Ladens und die +Anschaffung der Utensilien kosteten hundertsechzig Taler. Verdient wurde +wenig. Die Schweine waren in dem Jahre sehr wohlfeil. Der Bauer hatte +kein Futter für das Vieh und mußte verkaufen. Ich glaubte richtig zu +spekulieren, wenn ich Schweine kaufte und steckte zweihundert Taler in +den Handel, um einen ordentlichen Wintervorrat zu haben. Ich hatte mich +leider verrechnet. Alle Leute hatten selbst Schweine gekauft und +geschlachtet. Man holte mir nichts ab. Das Geschäft geriet ganz und gar +ins Stocken. Schinken und Schlackwürste bewahrte ich für den Sommer auf. +Eine entsetzliche Hitze kam und verdarb mir die Vorräte. Im nächsten +Jahre stiegen die Schweine zu einem ungeheuren Preis, aber unsre Ware +blieb auf dem alten Fuß. Ich hatte jetzt nur noch hundertvierzig Taler. +Die Einnahme war erbärmlich; der tägliche Erlös betrug oft nur fünfzehn +Silbergroschen. Wir mußten vom Kapital leben. Beim Ablauf des Jahres war +ich dem Viehhändler hundertsechzig Taler schuldig. Mein Bruder erbot +sich, mir vierhundert Taler zu leihen, und einer von meinen Bekannten +legte hundert Taler dazu. Von diesem Gelde lebte ich mit meiner +Familie, nachdem ich den Viehhändler bezahlt hatte. Ich schlachtete +immer weniger. Im Jahre 1845 war alles Geld rein aufgezehrt. Es nahte +der Winter, und die Not wurde bedrohlich. Abermals mußte ich meinen +armen Bruder um Hilfe ansprechen. Er sendete mir zwanzig Taler, und dann +wieder zwanzig Taler, und gegen Weihnachten aus freien Stücken fünf +Taler zu Geschenken für meine Kinder. Meine Schuld beim Viehhändler war +wieder auf anderthalb hundert Taler gestiegen. + +Jetzt trat der Gedanke immer unwiderstehlicher an mich heran, mich und +meine Familie schmerzlos aus der Welt zu schaffen, wo unserer nur Elend +wartete, ich hatte keine Aussicht, keine Hoffnung mehr. Es blieb nur das +Verhungern übrig. Ich war außerstande, die Meinen vor dem Untergang zu +retten. Diese Gedanken machten mich fast krank, aber ich verriet sie +nicht, und sie kehrten wie im Kreise immer wieder auf den Punkt zurück: +Du bist dem Bettelstab verfallen. Vorwürfe über mein Leben und meine +Geschäftstätigkeit konnte ich mir nicht machen. Ich habe immer geglaubt, +richtige Maßregeln zur Verbesserung meiner Lage ergriffen zu haben, aber +meine Bemühungen sind stets fehlgeschlagen. Verlust über Verlust, was +ich angriff, mißlang. Bei der Erinnerung an all dies Leiden wurde mein +Entschluß fester, und mein Gemüt stählte sich. Die Notwendigkeit trieb +mich zur Tat.« + +Bei gebessertem Gesundheitszustand konnte Holzwart nach einiger Zeit in +das Verhörzimmer geführt werden. Seine Erscheinung war jetzt die eines +zufriedenen und ergebenen Mannes. Es schien, als betrachte er das ihm +neugeschenkte Leben mit einem mitleidigen Lächeln, als wollte er fragen: +wozu? Er wiederholte sein Geständnis, und es war ersichtlich, daß die +Schilderung der Mordnacht ihm eine unaussprechliche Pein verursachte. +Und wieder behauptete er feierlich, seine Tat sei das letzte Werk der +Liebe gewesen. Auf den Einwand, weshalb er bei seiner ersten Vernehmung +im Kochschen Hause nicht sogleich offen bekannt, sondern eine Lüge +angegeben habe, erwiderte er, es sei diese Lüge die einzige in seinem +ganzen Leben. Er habe nur den Fragen genügen, lästiges Zudringen +abwehren wollen, weiter nichts. Daß er verhaftet und vor dem Gesetz +verantwortlich gemacht werden könnte, daran hatte er nicht gedacht. Nach +seiner Meinung war er niemand auf der Erde eine Auskunft zu geben +verpflichtet, und seine Tat mußte vor Gott allein verantwortet werden. + +Eine Tat, straf- und todeswürdig vom Standpunkte des Rechtes, verworfen +und abscheulich von dem der Moral. Der fürchterliche Irrtum, eine +Familie verloren zu glauben, wenn die Hilfsquellen der Existenz +versiegen, beruhte hier auf Charakterfehlern nicht allein, sondern auf +Gemütsanlagen, die mit tragischer Liebe Bande des Blutes als +unauflöslich betrachten. Der Gedanke, daß die geliebten Menschen einzeln +ihre Nahrung suchen sollten, überstieg die Geisteskraft des Vaters; bis +dahin im Schoße der Familie vor dem Unheil geborgen, sollte er sie jetzt +der Verführung und der Verderbnis preisgeben? Die älteste Tochter war +schön, vorzeitig entwickelt, blühend in Gesundheit und reizend durch +freundliches Betragen. »Sie würde ihre Käufer schon gefunden haben,« +warf Holzwart einst im Gespräch mit bitterem Hohne hin, »aber ich habe +ihre Unschuld bewahrt und gerettet.« Der Richter wandte ein, das Mädchen +hätte ja bei seiner Schönheit eine günstige Wendung des Geschickes +erleben können. Da antwortete Holzwart: »Die Möglichkeit lag ferne, denn +sie war arm; jetzt ist ihr Schicksal gesicherter.« + +Im Dezember des Jahres 1846 wurde Holzwart verurteilt, nach dem +Richtplatze geschleift, um mit dem Rade von unten herauf vom Leben zum +Tode gebracht zu werden. Mit derselben Fassung und Haltung, die er +bisher gezeigt, vernahm er das Urteil. Als ihm mitgeteilt wurde, daß ihm +das Rechtsmittel der Appellation zustehe, erwiderte er ohne Besinnen, er +habe die Strafe erwartet und durchaus nichts dagegen einzuwenden; er +wünsche in kürzester Frist zu seinem Ziele zu kommen und wolle auch +nicht von seinem Rechte Gebrauch machen, des Königs Gnade um Milderung +der Strafe anzurufen, um den Vollzug des Verdikts nicht zu verzögern. +Bei dieser Erklärung blieb er, trotzdem sein Verteidiger ihn zu anderer +Ansicht zu bringen suchte. Es blieb diesem nichts weiter übrig, als +seinem Willen entgegen zu handeln und aus eigener Machtvollkommenheit +sich an den König zu wenden. Damit verging Tag um Tag, Woche um Woche, +und Holzwart erwartete vergeblich das Ende eines Lebens, das für ihn +allen Wert und Reiz eingebüßt hatte. Er glaubte, durch seine +Verzichtleistung auf jeden Einspruch alle Hindernisse am besten +beseitigt zu haben, und es gewann den Anschein, als siege wieder sein +altes böses Schicksal, das immer seine Hoffnungen durchkreuzt hatte. +Durch die seltene Verzichtleistung wurde ein Bericht nach dem anderen +nötig, eine Formalität nach der anderen; bis zum September zogen sich +die Verhandlungen hin, bevor man endlich dem König das Todesurteil +vorzulegen bereit war. + +Während der Zeit saß Holzwart geduldig im Gefängnis und harrte auf +seinen Tod. Man gestattete ihm zu lesen, zu schreiben und Schach zu +spielen. Er verfertigte die Schachfiguren aus Brot und malte mit Tinte +ein Schachbrett auf Pappe. Es gehörte zu seiner größten Freude, wenn der +Aufseher Zeit gewann, mit ihm Schach zu spielen. + +Unter den Aufzeichnungen, die er zu Papier brachte, fanden sich Gedichte +wie dieses: + + Ich bin belohnt, daß ich euch glücklich wähne, + Euch überhoben weiß alljeder Erdenträne. + Gibt’s ein Elysium, so ist’s für euch errungen, + Durch euer Blut hab ich es euch erzwungen. + Nichts lastete auf euch, und schuldlos, schön und rein + Gingt ihr verklärt zur ewigen Ruhe ein. + Ich bin belohnt. + +Dann Tagebuchblätter. + + + Am 10. März. + +O könnt ich dem Zauber Worte geben, der wie ein Glück meinen Schlaf +durchzieht. Nicht gaukelnd beschleicht mich der Träume Spiel – nein, +göttlich beglückend – o, welche Wonne, wenn mein Bruder, wenn meine +Kinder, die Mutter, die Eltern erscheinen. – Vor den Richterblicken der +Welt mag es unverdient heißen, doch in Träumen liegt mein Glück. Mein +liebstes Kind saß mir auf meinen Knien – so war es mir heute, ich saß +mit ihr bei allen Meinen. Das Kind umschlang mich süß und dicht, die +andern schmiegten sich an mich – von ferne sah die Mutter dieser Teuern +auf uns und sprach: »Ach, daß du diese Tat hast tun können – wie schwer +muß sie dir geworden sein!« + + + Im April. + +Bedarf es denn vor jenem Weltenrichter des Eingeständnisses der Tat? +Nein! Nein! Er wußt sie ja, er braucht nun nicht zu fragen, er sah sie, +kennt sie also schon genug. Rechtfertgen soll ich sie? Es blieb den +Meinen nur Schmach und Elend – damit rechtfertige ich mich in Ewigkeit. +Verkündet nur bald, wenn alles vollbracht, dem Lebensmüden die ewige +Nacht. + + + Im April. + +Ich will nichts glauben, will nichts denken, was die Vernunft nicht +faßt. Annehmen und feststellen nichts, was gegen die Natur verstößt. Und +doch komme ich immer darauf zurück – es gibt noch ein Etwas, nach +welchem der Blick der Sterblichen vergeblich forschend sich richtet. + + + Im August. + +Fünf Monate nach dem verkündeten Spruche. Himmel, diese Umstände um +einen einzigen Menschen. Ich weiß nicht, ob man bei einer Frage von +Krieg und Frieden so viel Zeit gebraucht, und daran hängt das Leben von +Tausenden! + +Es gibt ein Etwas im großen Weltenraume, das unheilvoll sein Wesen +treibt, und eine dunkle Ahnung sagt mir nur: es waltet gegen dich! Es +waltet unsichtbar, es waltet stumm und grausig, dies dämonische Wesen +des Geisterreichs. + + * * * * * + +Das Jahr ging zu Ende, ohne das vom König bestätigte Urteil zu bringen. +Das Gerücht von der Freigeisterei des seltsamen Verbrechers drang in die +höheren Kreise und füllte manches gläubige Herz mit Entsetzen. Die +entschiedene Weigerung Holzwarts, den Geistlichen zu empfangen, seine +ebenso entschiedene Ablehnung einer geistlichen Begleitung zum +Richtplatz, und das finstere und verschlossene Wesen, das er zeigte, +wenn der Gefangenenprediger bei ihm eintrat, verbreitete ein wahres +Grauen vor ihm. Es wurden Versuche gemacht, ihn zu erleuchten, aber man +stieß auf klare und festgegründete Überzeugungen statt auf bösen Willen +und dumpfe Verstocktheit, die man vorausgesetzt, und dagegen war aller +fromme Bekehrungseifer machtlos. + +Das Jahr 1848 regte seine gewaltigen Schwingen. Die Unruhen wurden +stürmisch. Im Februar unterzeichnete der König das Todesurteil, und +endlich wurden Anstalten zur Hinrichtung getroffen. Es gab bei Magdeburg +einen Anger, wo manches blutige Haupt gesunken, mancher menschliche +Leib von den Rädern zerstampft worden war. Hier sollte auch für Holzwart +das Schafott errichtet werden; die königliche Gnade hatte die Strafe des +Räderns in die der Enthauptung verwandelt. Der Tag wurde anberaumt, eine +Truppenabteilung war schon kommandiert. Noch wußte Holzwart nichts von +den Veranstaltungen zu seinem nahen Ende, aber ihm ahnte etwas. Die +Nachgiebigkeit des Wärters verriet ihm zuerst die Nähe seines Endes. +Aber er fragte nicht, er zagte nicht; sein Auge blieb ruhig und sein +Herz stark. Alles war bereit, der Scharfrichter bestellt, da brach der +Volksaufstand los. Die Bande des Gesetzes waren gelöst, und die Behörde +scheute sich, eine Hinrichtung vollziehen zu lassen. Der Termin wurde +vertagt. + +Vielleicht war dem Gefangenen doch manches Wort zu Ohren gedrungen, das +ihm den Stand der Dinge verraten hatte, und wieder wie ehedem rief es in +ihm: du stirbst nicht, kannst nicht sterben. Es bemächtigte sich seiner +eine schmerzliche Unruhe; seine Geduld wich zuzeiten einer kurzen aber +tiefen Erregung, und seine Papiere bezeugen es, daß ihm davor bangte, +das Leben noch lange ertragen zu sollen. + + + Im Mai 1848. + +Ein Mann, der edlen Trotz besitzt, sollte der voll ruhigen Gleichmuts +nicht in Freude und Leid die Grenzen wissen? Welch ewiges Schwanken +zwischen Leben und Tod, von heute zu morgen, von morgen noch weiter. +Armer König, immer Schach! Immer Schach! Schach bis zum matt. + + + Im Juni. + +Sie zögern. Und ich grüble. Was hält mich? Was möchte ich noch? Das Grab +der Meinen sehen, die Erde küssen, wo die Schlummernden ruhen. +Unbegreiflich, daß ich mich bis jetzt ließ vertrösten. + + * * * * * + +Es findet sich die amtliche Anzeige des Gefängnisinspektors an den +Richter, daß Holzwart seit fünf Tagen die Speisen unangerührt lasse und +auf alle Vorwürfe die Antwort erteilt habe, er werde sein Ziel zu +erreichen wissen. Der Richter stellte ihn ernstlich zur Rede, und +Holzwart scheint Reue empfunden zu haben, denn er schrieb am 4. Juli: + +»Genug, genug! Ich will alles ertragen. Der Ernst in seinem Auge; das +harte Wort: Wenn Sie sich der verdienten Strafe entziehen, muß ich Sie +für einen Feigling halten! Ich beuge mich. Mein Leben sei ein +tributpflichtiges Opfer.« + +Er kehrte zu der geduldigen Gelassenheit zurück, nachdem er vergeblich +den Kampf mit seinem Geschick gewagt hatte. Als im preußischen Staate +die Ordnung wiederhergestellt war, wurde das Todesurteil Holzwarts in +lebenswierige Zuchthausstrafe verwandelt. Es muß ihn ein ungeheurer +Schrecken bei der Verkündigung dieses neuen Urteils erfaßt haben; eine +mit flüchtiger Schrift gemachte Aufzeichnung, die letzte, die überhaupt +vorhanden ist, lautet: Am Leben bleiben, solche Gnade! Gezüchtigt durch +Zuchthaus für eine solche Tat! Es kann nicht sein, es darf nicht sein! + +Seit der Gewißheit seines Schicksals sprach er überhaupt nicht mehr. +Eine kalte Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht, und die freundliche +Ruhe seiner Mienen war düsterem Ernst gewichen. Im Zuchthaus fügte er +sich streng der Ordnung und zeigte sich im Benehmen und im Fleiß +exemplarisch. Daß er still und abgeschlossen seinen Weg verfolgte, +schien jedermann natürlich. Man hatte nicht verfehlt, der Direktion des +Zuchthauses die Selbstmordversuche Holzwarts selbst mitzuteilen, um sich +bei den jetzt vermehrten Gründen zu solcher Tat der Verantwortung zu +entheben. Die Furcht schien unnütz. Ein Monat nach dem andern verlief, +ohne der gesteigerten Aufmerksamkeit den geringsten Verdacht zu geben. +Um so unerwarteter wirkte die amtliche Nachricht von Halle: + +Der von dem Königlichen Kreis- und Stadtgericht hier eingelieferte +Christian Holzwart aus Magdeburg stürzte sich am Sonntag, den 28. Januar +1850 nachmittags um drei Uhr bei Ausgang aus der Kirche von der +Verbindungsbrücke des Flügels #B# und blieb auf der Stelle tot liegen, +indem er sich den Hirnschädel gespalten und fast alle Glieder +zerschmettert hatte. + +So war der unglückliche Mann zur ersehnten Ruhe gekommen. Mit welchen +Gefühlen mag er die acht Monate im Zuchthaus in Gemeinschaft mit +Menschen erlebt haben, die er als das Verächtlichste im weiten +Weltenraum bezeichnet hat? Mit welchen Gefühlen mag er die Tiefe des +Abgrunds ermessen haben, bevor er sich hinunterstürzte? Den Tod zu +zwingen, das war vielleicht seine stärkste Regung. + + + + +Karl August von Weimar + + +Die siebzehnjährige Vormundschaft der Herzogin-Mutter Amalia bedeutet +ein unvergängliches Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte, denn unter +ihr wurde Weimar der Sammelpunkt jener Genien, denen die Unsterblichkeit +sicher ist und durch die der Hof von Weimar einen stillen, aber hohen +Glanz erhielt, wie er von keinem andern deutschen Hof jemals ausgegangen +ist. + +Amalie von Braunschweig war, als sie die Regierung antrat, erst achtzehn +Jahre alt; fünf Jahre des siebenjährigen Krieges fielen noch unter ihre +Herrschaft. Die Männer, die sie im Hof- und Zivildienst vorfand, waren +alle noch aus der alten Schule; desto neuer war ihre Persönlichkeit, und +mit dieser setzte sie es durch, daß man sie ihre eigenen Wege gehen +ließ. Die Erziehung, die sie ihrem Sohne, dem künftigen Herzog, gab, +machte Epoche in der deutschen Prinzenerziehung; sie wagte es, ihn sich +in voller Freiheit entwickeln zu lassen, ja sie berief sogar einen +Poeten zu seinem Erzieher, den heitern Wieland, der damals Professor in +Erfurt war und eben den goldenen Spiegel geschrieben hatte, einen +Fürstenspiegel, der auf den jungen Kaiser Josef gerichtet war. + +Ein ungenannter Turist des achtzehnten Jahrhunderts, der in Weimar zum +Hofball geladen war, schildert die Herzogin wie folgt: »Sie ist klein +von Statur, sieht wohl aus, hat eine spirituelle Physiognomie, eine +braunschweigische Nase, schöne Hände und Füße, einen leichten und doch +majestätischen Gang, spricht sehr schön, aber geschwind, und ihr ganzes +Wesen ist angenehm. Es war auch ein Pharaotisch da, der geringste +Einsatz war ein halber Gulden. Die Herzogin spielte sehr generös und +verlor einige Louisdor; da sie aber gern tanzte, blieb sie nicht lange +beim Spiel. Sie tanzte mit jeder Maske, die ihr entgegenkam, und ging +nicht eher fort als bis um drei Uhr früh, da alles aus war.« + +Gouverneur der Prinzen Karl August und Konstantin war der Graf von +Schlitz-Görtz, ein ernster, gravitätischer und formenstrenger Herr, der +mit Nachdruck auf Etikette hielt, aber doch im privaten Kreis allerlei +Kurzweil zuließ. Friedrich der Große hatte ihn während des bayrischen +Erbfolgekrieges zu einer diplomatischen Mission in München verwendet, +später war er Gesandter beim Reichstag zu Regensburg, wo er das deutsche +Reich begraben sah. Daß er ein Mann von Geist war, bezeugt der Umstand, +daß er Wieland an die Herzogin empfahl. Wieland zog wieder Knebel als +Erzieher des Prinzen Konstantin nach Weimar, und Knebel war es, der dem +jungen Karl August Goethe zuführte. Goethe berief Herder, und Herder +wurde der Magnet für Schiller. + +Karl Ludwig von Knebel war ein gebürtiger Franke; er war Major unter +Friedrich dem Großen und stand in Potsdam in Garnison. Interessant +durch seine barocke Genialität, war er zugleich ein tiefer Hypochonder. +Durch eine krankhafte Empfänglichkeit für unangenehme äußere Eindrücke +war er von ihnen abhängig und durch sie gestört. Wieland war sein +Intimus, Lucrez, den er ins Deutsche übersetzte, sein langjähriges +Studium. Herder nannte ihn seinen lieben alten Mönch und den +menschenfreundlichen Timon. Es war am 11. Februar 1774, als Knebel +seinem Herzog den Verfasser des Götz und des Werther vorstellte. Auf die +Einladung des Grafen Görtz kam Goethe in das rote Haus in Frankfurt, und +in seiner jugendlichen Schönheit und Liebenswürdigkeit schien er dem +Herzog wie geschaffen, der Genosse bei einem lustigen Genieleben zu +werden, wie es ihm damals im Sinne stand. 1775 wurde Goethe förmlich +nach Weimar eingeladen. Der in Karlsruhe zurückgebliebene Kammerjunker +von Kalb hatte den Befehl, Goethe in einem von Straßburg erwarteten +Staatswagen nach Weimar zu bringen. Der Wagen blieb lange aus, Goethes +fürstenfeindlicher Vater hatte ihm schon mit dem spottenden Zuruf: »Nah +bei Hof, nah bei der Höll« die Furcht in die Seele geworfen, er könne +nur der Spielball einer fürstlichen Laune gewesen sein; er hatte bereits +die Flucht angetreten und befand sich in Heidelberg, als er dort noch +aufgehalten wurde. So hing es an einem Faden, daß Goethe nicht nach +Weimar kam; noch in späten Jahren hat er sich des wahrhaft Dämonischen +dieser Situation erinnert. + +»Goethe ging wie ein Stern in Weimar auf, der sich eine Zeitlang in +Wolken und Nebel verhüllte,« schreibt Knebel; »jeder hing an ihm, +sonderlich die Damen. Er hatte noch die Werthersche Montierung an, und +viele kleideten sich danach. Er hatte noch von dem Geist und Sitten des +Romans an sich, und dieses zog an. Sonderlich den jungen Herzog, der +sich dadurch in Geistesverwandtschaft seines Helden zu setzen glaubte. +Manche Exzentrizitäten gingen zur selbigen Zeit vor, die ich nicht zu +beschreiben Lust habe, die uns aber auswärts nicht in den besten Ruf +setzten. Goethes Geist wußte ihnen indessen einen Schimmer von Genie zu +geben.« + +Die Gerüchte über die Zustände in Weimar mußten von recht schlimmer Art +gewesen sein, da sogar Klopstock den auffallenden Schritt tat, sich als +Mentor und Warner einzumischen. Goethe wies ihn mit Entschiedenheit +zurück, und es kam zum Bruch zwischen beiden. + +Einen besondern Hof neben dem des Herzogs, dem regierenden Hof, wie er +hieß, bildete der sogenannte verwitwete Hof der Herzogin Amalie. Wieland +nennt die Herzogin eines der liebenswürdigsten Gemische von Menschheit, +Weiblichkeit und Fürstlichkeit; sie hatte nicht wenig Gefallen an dem +Leben, das ihr Sohn mit Goethe führte, und nahm selbst daran teil. Schon +als Regentin hatte sie wie ein halber Student gelebt; einmal war sie auf +einem Heuwagen mit acht Personen von Tieffurt nach Tennstädt gefahren, +es kam ein Gewitter mit einem heftigen Regenguß, und die Herzogin, die +wie die andern Damen in ganz leichtem Kleide war, zog Wielands Oberrock +an. Sie faßte alles mit Enthusiasmus an und auf. So lernte sie +Griechisch, und zwar so gut, daß sie nach kurzer Zeit den Aristophanes +in der Ursprache lesen konnte. Am begeistertsten trieb sie Musik, malte +auch und schwärmte für Italien und die italienische Literatur, in der +ihr Führer der Rat Jagemann war, ein aus Konstanz entflohener Mönch. Die +theatralischen Feste Amalies wurden entweder in der Stadt abgehalten +oder in den Sommersitzen der Herzogin, in Tieffurt oder in Ettersburg. +Namentlich im Park von Ettersburg wurden vor dem vertrauten Kreise der +Fürstin viele lustige Gelegenheitsstücke gegeben, so 1778 Goethes +Jahrmarkt in Plundersweilen, und 1779, zur Feier von Karl Augusts +Geburtstag, eine derbe Parodie der Wielandschen Alceste. Die Arie: +»Weine nicht, du Abgott meines Lebens« wurde auf die lächerlichste Art +mit dem Posthorn begleitet, und auf den Reim schnuppe ein unendlich +langer Triller gesungen. Nach dem Stück folgte die sogenannte +Kreuzerhöhungsgeschichte mit einem üblen Buch von Jacoby; Merck nagelte +das Buch mit dem Einband an einen Baum, so daß die Blätter im Winde +flatterten, Goethe stieg in den belaubten Wipfel und hielt von dort +herab ein hochnotpeinliches Halsgericht über die Scharteke. + +Neunzehn Jahre war Karl August alt, als er die berühmte Erklärung gab, +die den in sein Konseil einberufenen Dichter betrifft. Sie lautet: +»Einsichtsvolle wünschen mir Glück, diesen Mann zu besitzen. Sein Kopf, +sein Genie ist bekannt. Einen Mann von Genie an einem andern Orte +gebrauchen, als wo er selbst seine außerordentlichen Gaben gebrauchen +kann, heißt ihn mißbrauchen. Was aber den Einwand betrifft, daß dadurch +viele Leute sich für zurückgesetzt erachten würden, so kenne ich erstens +niemand in meiner Dienerschaft, der meines Wissens auf dasselbe hoffte, +und zweitens werde ich nie einen Platz, welcher in so genauer Verbindung +mit mir, mit dem Wohl und Wehe meiner gesamten Untertanen steht, nach +der Anciennität, sondern ich werde ihn immer nur nach Vertrauen geben. +Das Urteil der Welt, welches vielleicht mißbilligt, daß ich den Doktor +Goethe in mein wichtigstes Kollegium setzte, ohne daß er zuvor Amtmann, +Professor, Kammerrat und Regierungsrat war, ändert gar nichts. Die Welt +urteilt nach Vorurteilen. Ich aber sorge und arbeite wie jeder andere, +nicht um des Ruhmes, um des Beifalls der Welt willen, sondern um mich +vor Gott und meinem Gewissen rechtfertigen zu können.« + +Er war eher klein als groß von Gestalt, aber in seiner Erscheinung lag +von der Jugend bis in das späteste Alter etwas Selbständiges und +Energisches in sehr ungebundener und freier, fast studentischer Form; +man pflegte ihn auch den Studenten von Jena zu nennen. Dem Major Knebel +gegenüber legte der vierundzwanzigjährige Fürst einmal folgendes +Selbstbekenntnis ab: »Ich muß erstaunlich wehren, meinem Herzen und den +Leidenschaften nicht die Zügel schießen zu lassen; es ist gar zu schwer, +sich wieder in den unnatürlichen Zustand zu fügen, in dem unsereiner +leben muß und an den man so langsam sich gewöhnt zu haben glaubt.« + +[Illustration: Karl August von Weimar, nach einem Steindruck von C. A. +Schwerdgeburth; 1824.] + +Merck, Goethes wunderbarer Freund, ließ sich, als alle Welt über die +Streiche, die Karl August nach seiner Bekanntschaft mit Goethe machte, +die Köpfe schüttelte, nicht beirren und vertrat nachdrücklich den Wert +des seltenen Fürsten. Am 3. November 1777 schrieb er aus Darmstadt an +den Buchhändler Nikolai in Berlin: »Ich hab Goethe neuerlich auf der +Wartburg besucht, und wir haben zehn Tage zusammen wie die Kinder +gelebt. Mich freuts, daß ich von Angesicht gesehen habe, was an seiner +Situation ist. Das Beste von allem ist der Herzog, den die Esel zu einem +schwachen Menschen gebrandmarkt haben und der ein eisenfester Charakter +ist. Ich würde aus Liebe zu ihm eben das tun, was Goethe tut. Die +Märchen kommen alle von Leuten, die ohngefähr so viel Auge haben, zu +sehen, wie die Bedienten, die hinterm Stuhle stehen, von ihren Herrn und +deren Gespräch beurteilen können. Dazu mischt sich die scheußliche +Anekdotensucht unbedeutender, negligierter, intriganter Menschen, oder +die Bosheit anderer, die noch mehr Vorteil haben, falsch zu sehen. Ich +sage Ihnen aufrichtig, der Herzog ist einer der respektabelsten und +gescheitesten Menschen, die ich gesehen habe.« + +Wie Goethe, liebte es Karl August, sich nach den Aufregungen des +Weltlebens in die Einsamkeit zu begeben. Er suchte dann die Borkenhütte +im Park auf und konnte, während Goethe in seinem Gartenhaus am Stern +weilte, mit dem Freund durch verabredete Zeichen eine telegraphische +Konversation über das Tal der Ilm hinweg herstellen. Im Sommer 1780 +schrieb er aus diesem Retiro an Knebel: »Es hat neun Uhr geschlagen, +und ich sitze hier in meinem Kloster mit einem Licht am Fenster. Der Tag +war außerordentlich schön, ich war so ganz in der Schöpfung, und so weit +vom Erdentreiben. Der Mensch ist doch nicht zu der elenden Philisterei +des Geschäftslebens bestimmt; es ist einem ja nicht größer zumute, als +wenn man so die Sonne untergehen, die Sterne aufgehen, es kühl werden +sieht und fühlt, und das alles so für sich, so wenig der Menschen +halber; und doch genießen sie’s, und so hoch, daß sie glauben, es sei +für sie. Ich will mich baden mit dem Abendstern und neu Leben schöpfen, +der erste Augenblick darauf sei dein. Lebewohl solange.« Nach dem Bad in +der Ilm fährt er fort: »Das Wasser war kalt, denn die Nacht lag schon in +seinem Schoß. Als ich den ersten Schritt hineintat, war’s so rein, so +nächtlich dunkel; über den Berg hinter Oberweimar kam der volle rote +Mond. Es war so ganz still. Wedels Waldhörner hörte man nur von weitem, +und die stille Ferne machte mich reinere Töne hören, als vielleicht die +Luft erreichten.« + +In den achtziger und neunziger Jahren hatte sich der Charakter des +Herzogs zu seiner Reife ausgebildet; der junge Wein hatte sich geklärt, +er stand jetzt goldrein im Pokale. »Täglich wächst der Herzog und ist +mein bester Trost,« schrieb Goethe 1780 an Lavater. Aber in den Briefen +an die Frau von Stein findet sich auch manches schärfere Urteil über +Karl August, das freilich später immer wieder gemildert wurde. Einmal +äußerte er sich: »Mich wundert nun gar nicht mehr, daß Fürsten meist so +dumm, toll und albern sind, nicht leicht hat einer so gute Anlagen als +der Herzog, nicht leicht hat einer so gute und verständige Menschen um +sich und zu Freunden als er, und doch will’s nicht nach Proportion vom +Flecke, und das Kind und der Fischschwanz gucken, eh man sich’s +versieht, wieder hervor.« Vielleicht beirrte es Goethe und machte ihn +ein wenig bitter, daß der Herzog häufig sehr mutwillige Neckerei mit +seiner Beziehung zu Frau von Stein trieb. Einmal enthielt er ihm einen +ihrer Briefe vor und schickte ihn dann durch einen Husaren in zehn +übereinander gesiegelten Kuwerten mit folgenden Verszeilen: + + Es ist doch nichts so zart und klein + So wird’s doch jemand plagen. + Zum Beispiel macht dein Briefelein + Husaren sehr viel klagen. + Heut sagte der, der’s Goethen bracht + Und schwur’s bei seinem Barte, + Viel lieber ging ich in die Schlacht + Als trüg so Brieflein zarte. + Denn wie im Hui ist das Papier + Aus meiner weiten Tasche, + Und wer, wer stehet mir dafür, + Daß ich es wieder hasche. + Unheimlich sagt er, es ihm sei, + Wenn er so etwas trage, + Denn Billetdoux und Zauberei + Ist gleich, nach alter Sage. + Drum schreibe Du, nach altem Brauch, + Auf Groß-Royal-Papiere, + Damit der Träger künftig auch + Ja nichts vom Teufel spüre.« + +Der Herzog hatte aber auch seine Herzensfreundin, und das war die Gräfin +Werthern. Mit seiner Frau vertrug er sich schlecht. Die Herzogin Luise +war eine formenstrenge Dame und hielt so stark auf Zeremoniell, daß es +Mühe kostete, Goethe zur Spielpartie bei ihr einzuschmuggeln. Im +September 1776, vor der Fahrt nach Ilmenau, schrieb Goethe an Charlotte +von Stein: »Es ist mir lieb, daß wir wieder auf eine abenteuerliche +Wirtschaft ausziehen, denn ich halt’s nicht aus. So viel Liebe, so viel +Teilnahme, so viele treffliche Menschen, und so viel Herzensdruck.« + +Die Herzogin war im höchsten Grade schwerblütig und schwerlebig, einsam +in der Welt, ohne Freund, sogar Frau von Stein und Herder waren ihr zu +leicht. Bei der Gräfin Werthern war der unruhige Herzog noch am ehesten +festzuhalten. 1782 schreibt er an Knebel: »Auf Ostern besuche ich die +Gräfin, welche doch die beste aller Gräfinnen ist, die ich kenne.« Um +dieselbe Zeit schreibt Goethe: »Der Herzog ist vergnügt, doch macht ihn +die Liebe nicht glücklich, sein armer Schatz ist gar zu übel dran, an +den leidigsten Narren geschmiedet, krank und für dies Leben verloren. +Sie sieht aus und ist wie eine schöne Seele, die aus den letzten +Flammenspitzen eines nicht verdienten Fegefeuers scheidet und sich nach +dem Himmel sehnend erhebt.« Der Graf Werthern war nämlich ein +hocharistokratischer Sonderling, zuzeiten verschwenderisch, zuzeiten +geizig wie ein Filz. Er hatte eine seltsame, spanisch zeremonielle +Hausordnung eingeführt; kamen vornehme Gäste, so ließ er Bauernjungen, +die als Neger geschwärzt und kostümiert waren, bei Tisch aufwarten. Die +Gräfin war zwar eine kleine Dame, hatte aber die größten Manieren, und +Goethe gestand, daß er alles, was er von Welt besaß, von ihr gelernt +hatte. + +Der Herzog gab sehr viel Geld für Jagd und Tafelfreuden aus, und oft +finden sich unwillige Äußerungen Goethes über die Schmarotzer bei Hof +und ihre Unersättlichkeit. In einem Brief an Knebel heißt es: »Selbst +der Bauersmann, der der Erde das Notdürftige abfordert, hätte ein +behaglich Auskommen, wenn er nur für sich schwitzte. Du weißt aber, wenn +die Blattläuse auf den Rosen sitzen und sich hübsch dick und grün +gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen ihnen den filtrierten +Saft aus den Leibern, und so geht’s weiter, und wir haben’s so weit +gebracht, daß oben immer an einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in +einem beigebracht werden kann.« + +So großmütig und freigebig der Herzog sein konnte, so fehlten ihm doch +häufig die Mittel, um diejenigen, die der Hilfe würdig waren, in +würdiger Weise von Not zu befreien; deshalb mußte auch Schiller am Hof +zu Weimar ein gar trauriges und bedrücktes Leben führen. Es war nicht so +viel Geld für ihn da wie für irgendeinen Kammerjunker, und wie +Beethoven durch englisches, wurde Schiller schließlich durch dänisches +Geld der schlimmsten Sorgen überhoben. Um Charlotte Lengefeld heiraten +zu können mußte er sich um die Professur in Jena bewerben, die +zweihundert Taler trug, aber Schiller war von so edler und vornehmer +Art, daß er dem Herzog selbst für das Wenige, das er für ihn tat oder +tun konnte, Dankbarkeit bewahrte. Karl Augusts Finanzen waren eben zeit +seines Lebens in Unordnung. Fast unmöglich hielt es, ihn zu gewöhnen, +daß er seine Ausgaben in das richtige Verhältnis zu seinen Einnahmen +setzte. In späteren Jahren machte er alle seine Geschäfte mit +Rothschild; wenn er in Geldverlegenheit war, ließ er seinen Wagen +anspannen und fuhr nach Frankfurt. + +Sonderbar waren in ihm die Eigenschaften gemischt, leichter Sinn und +burschikose Laune, und dann wieder sittlicher Ernst und Tiefe des +Gemüts. Von diesem Ernst und dieser Tiefe legt ein überaus herrlicher +Brief Zeugnis ab, den er am 4. Oktober 1781 an Knebel schrieb. Als der +Prinz Konstantin mit dem Mathematiker und Physiker Albrecht auf Reisen +ging, war Knebel, der bisher der Erzieher des Prinzen gewesen war, +pensioniert worden. Im Unmut darüber hatte er den Plan gefaßt, wieder in +preußische Dienste zu treten; von diesem Entschluß brachte ihn der +Herzog durch folgenden Brief ab. + +»Sind denn die, die sich Deiner Freundschaft, Deines Umgangs freuen, so +sklavisch, so sinnlicher Bedürfnisse voll, daß Du nur durch Graben, +Hacken, Ausmisten und Aktenverschmieren ihnen nützen kannst? Ist denn +das Rezeptakulum ihrer Seelen so gering, daß Du nirgends ein Plätzchen +findest, wo Du irgend etwas von dem, was die Deine Schönes, Gutes und +Großes, die innere Existenz der Edlen bessernd und veredelnd, gesammelt +hat, ausfüllen kannst? Sind wir denn so hungrig, daß Du für unser Brot, +so furchtsam und unstet, daß Du für unsere Sicherheit arbeiten mußt? +Sind wir nicht mehrerer Freuden als der des Tisches und der der Ruhe +fähig, können wir keinen Genuß finden, wenn Du, von dem Schmutz und dem +Gestank des Weltgetriebes Reiner, Deine volle Zeit zur Schmückung des +Geistes anwendend, uns, die wir nicht Zeit zum Sammeln haben, den Strauß +von den Blumen des Lebens gebunden vorhältst? Sind unsre Klüfte so +quellenlos, daß wir nicht eines schönen Brunnens brauchen, uns selbst +unsrer Ausflüsse freuend, wenn sie schön in demselben aufgefaßt sind? +Sind wir bloß zu Ambossen der Zeit und des Schicksals gut genug, und +können wir nichts neben uns leiden als Klötze, die uns gleichen und nur +von harter, anhaltender Masse sind? Ist’s denn ein so geringes Los, die +Hebamme guter Gedanken und in der Mutter zusammengelegter Begriffe zu +sein? Ist das Kind dieser Wohltäterin fast nicht ebenso sehr sein Dasein +schuldig als der Mutter, die es gebar? Die Seelen der Menschen sind wie +immer gepflügtes Land; ist’s erniedrigend, der vorsichtige Gärtner zu +sein, der seine Zeit damit zubringt, aus fremden Landen Sämereien holen +zu lassen, sie auszulesen und zu säen? Muß er nicht etwa daneben auch +das Schmiedehandwerk treiben, um seine Existenz recht auszufüllen? Bist +Du nun so im Bösen, so über Dich selbst erblindet, daß Du Dir einbilden +könntest, Du habest uns nie dergleichen Nutzen verschafft, und achtest +Du uns gering genug, daß Du glauben könntest, wir würden Dich so lieben +wie wir tun, wärest Du uns hierin unnütz und überflüssig oder +entbehrlich gewesen? Willst Du nun dieses schöne Geschäft, diese würdige +Laufbahn aufgeben, alle eingewachsenen Bande ausreißen, gleich einem +Anfänger eine neue Existenz ergreifen und Dich, Gott weiß wohin, unter +Menschen, die Dich nichts mehr angehen und mit denen Du kein reines und +Dir gewohntes Verhältnis hast, hinwerfen? Neuen Anteil ergreifen oder +Dir machen, mehr Gute, mehr Böse kennen lernen, sehen, wie die +Abscheulichkeiten so überall zu Hause, das Gute überall so befleckt ist? +Und warum? Um etwa einigen Kanzlistenseelen aus dem Wege zu gehen, die +Dir Deine Semmel, die Du mehr hast als sie, beneiden, weil Du nicht +gleich ihnen Maultierhandwerk treibst? Und wohin willst Du Dich +flüchten? Nimmst Du nicht überall Deine paar Semmeln mit, die Du mehr +und leichter hast als andere? Sind nicht überall Knechte, die es +entbehren und Dich darum beneiden werden? Wirst Du deren Neid besser +aushalten? Dich, weil Du dort ein paar Monate fremd bist, von ihnen mehr +geachtet halten, als Du es hier sein möchtest? Siehst Du etwas +Erreichbares vor Dir, das Dir das, was Du entbehrst, ersetze? Ist dieses +Erreichbare so gewiß? Schlägt’s fehl, kann es Deine Existenz dann +ertragen, immer neue Zwecke zu machen, oft abgeschlagen zu werden und +so herumzuirren? Willst Du also das Beständige für das Unbeständige +hingeben? Laß uns die Sache nicht so feierlich nehmen und das Übel nicht +für so unheilbar halten. Ist’s Deiner Natur gut, sich zu verändern, so +reise. Warum sich immer ersäufen wollen, wenn’s mit einem schönen Bade +getan ist?« + +Es ging damals eine wohltätige Umwandlung mit dem Herzog vor; gleich +Goethe gab er sich mehr und mehr dem Studium der Natur hin, um 1784 +schrieb er an Knebel: »Die Naturwissenschaft ist so menschlich, so wahr, +daß ich jedem Glück wünsche, der sich ihr auch nur etwas ergibt ... Sie +beweist und lehrt so bündig, daß das Größte, das Geheimnisvollste, das +Zauberhafteste so ordentlich, einfach, öffentlich, unmagisch zugeht; sie +muß doch endlich die armen unwissenden Menschen von dem Durst nach dem +Außerordentlichen heilen, da sie ihnen zeigt, daß das Außerordentliche +so nahe, so deutlich, so unaußerordentlich, so bestimmt nahe ist.« + +Das Jahr 1789 brachte auch für den Weimarer Hof Veränderungen mit sich, +besonders im Hinblick auf sparsamere Wirtschaft. Herder schreibt an +Knebel: »Der Hof ist wieder hier und die Tafel an demselben abgeschafft. +Die Herren Mitesser bekommen Kostgeld, die Damen speisen mit dem +fürstlichen Ehepaar auf des Herzogs Zimmer, und jedesmal wird ein +Fremder dazu gebeten. Sie können denken, was die Hofdamen dazu sagen, +und es ist unbegreiflich, daß sie nicht schon aus Furcht vor zukünftiger +langen Weile zum voraus verschmachten.« + +Über die französische Revolution äußerte sich der Herzog am 13. Januar +1793, eine Woche vor der Hinrichtung Ludwigs XVI., wie folgt: »Wer die +Franzosen in der Nähe sieht, muß einen wahren Ekel für sie fassen; sie +sind alle sehr unterrichtet, aber jede Spur eines moralischen Gefühls +ist bei ihnen ausgelöscht ... Der Mensch war nie, die Zone, unter der er +lebte, mag sein wie sie wolle, er war nie, sage ich, zur +Treibhauspflanze bestimmt. Sobald er diese Kultur erhält, geht er +zugrunde; auch beurteilt man die Franzosen falsch, wenn man glaubt, ihre +Reife habe sie auf den jetzigen Punkt gebracht. Eines unterdrückte das +andere im Reich, und nun unterdrücken die Unterdrücker selbst ihre alten +Beherrscher, weil diese nachlässig und stupid waren. Nicht das mindeste +Moralische liegt dabei zum Grunde, sondern man hat jetzt eine Art +Moralität oder eine philosophische Zunft zum Werkzeug gebraucht.« + +Die Abneigung Karl Augusts gegen die Franzosen hatte ihre Ursache darin, +daß er sich ihnen gegenüber ganz und gar als Deutscher fühlte. Karoline +von Wolzogen schrieb darüber einmal an Schiller: »Ich dankte auch dem +Himmel beim Lesen des Mirabeau, daß alles, was mir lieb ist, nichts mit +der Politik zu tun hat. An wie armseligen Fäden hängen diese +Weltbegebenheiten! Es muß ein unsichtbares Gewebe das Menschengeschlecht +umstricken und so zusammenhalten wie es hält; was diese Menschen dabei +zu tun wähnen, kann nicht viel sein. So klein und eng sind sie, keine +Spur eines bessern Wesens, das sich selbst an die allgemeine +Glückseligkeit hingäbe, jeder denkt nur an einen bequemen Platz für +sich, um darauf zuzusehen; sie haben nicht einmal die Energie, um +herrschen zu wollen. Des Mirabeau Nationalstolz ist kindisch und +ärgerlich, man könnte aus Depit deutsch sein wollen, wie der Tempelherr +im Nathan Christ sein wollte, wenn man anders mit ihm zu tun hätte, +glaub ich. Ich will dem Herzog von Weimar wohl darum, daß er Mirabeau +übel begegnet hat.« + +Im übrigen wurde das stille Weimar durch die großen Weltereignisse wenig +berührt. Der Herzog, der zu Goethes Mißvergnügen eine wachsende +Kriegslust an den Tag gelegt hatte, nahm 1794 an dem Feldzug in der +Champagne teil; Goethe begleitete ihn, und wie man weiß, hat er dieses +kriegerische Zwischenspiel wahr und meisterlich beschrieben. Es war in +Karl August ein unstillbarer Drang, sich zu betätigen und auszuleben. So +liebte er auch in seinen Herzensbeziehungen die Abwechslung. Als die +Leidenschaft zur Gräfin Werthern vorüber war, wurde die reizende +Sängerin und Schauspielerin Caroline Jagemann seine Favoritin. Für sie +schrieb Goethe die Eugenie in der natürlichen Tochter. Sie war sehr +schön und sehr ehrgeizig und stand den Werbungen Karl Augusts anfangs +kühl gegenüber, denn eben ihres künstlerischen Ehrgeizes wegen hatte es +nichts Verlockendes für sie, in einer kleinen Stadt und an einer kleinen +Bühne die Mätresse eines Herzogs zu sein. Ihr Widerstreben steigerte die +Leidenschaft Karl Augusts bis zur Verzweiflung. Endlich gab sie nach; +sie blieb beim Theater, wurde aber zur Frau von Heygendorff erhoben. Es +wird berichtet, daß sie noch in ihrem hohen Alter, als schon graue +Locken das Gesicht umrahmten, von bezauberndem Reiz gewesen sei, +besonders habe ihre Stimme etwas unvergleichlich Angenehmes gehabt. +Frisch an Körper und Geist, war sie dem Herzog wie zugeschaffen, seinem +innersten Bedürfnis entsprechend, selbst ihre Art sich auszudrücken war +der seinen gemäß. Ihr Einfluß war groß und dauerte bis zum Tode des +Herzogs. Ihre Hauptfeindin am Hof war die Gemahlin des Erbprinzen, die +russische Großfürstin Marie, und es kam wohl vor, daß sie im Gefühl +ihrer Überlegenheit diese der Zarentochter zu fühlen gab. Einmal hatte +die Erbprinzessin bei einem Gang durch den Park ihre Freude an einer +schönen Baumpartie ausgesprochen; als sie nach ein paar Tagen wieder +vorüber kam, waren die schönen Bäume abgehauen. Frau von Heygendorff +hatte den Herzog bestimmt, hierzu den Befehl zu geben. Weil Karl August +fürchtete, daß seiner geliebten Freundin nach seinem Tod ein übles +Schicksal widerfahren könnte, hatte er seinen Adjutanten unterwiesen, +für den Fall, daß er außerhalb Weimars sterben sollte, den Kurier mit +der Todesnachricht zuallererst zu Frau von Heygendorff zu schicken. +Dieser Fall trat auch ein, und dem Befehl wurde buchstäblich Folge +geleistet. Als die fürstliche Familie die Kunde von dem Tod des Herzogs +bekam, hatte Frau von Heygendorff bereits ihren Wagen anspannen lassen +und befand sich auf der Fahrt nach Mannheim, wo sie vordem, bei Iffland, +ihre Ausbildung genossen hatte. + +Karl August hatte auch für die Literatur der #Ars amandi# viel übrig +und legte sich eine #Bibliotheca erotica# an, welche die seltensten +Exemplare der Gattung enthielt. Er schenkte sie später seiner guten +Freundin, der Gräfin Henckel, die sich sehr für das geheime Fach +interessierte. + +Die Verheiratung des Erbprinzen mit der Großfürstin veränderte alle +Lebensverhältnisse in Weimar. »Sie können kaum einen Begriff haben von +dem Glanz, der uns neuerlich umgibt,« schreibt Fräulein von Göchhausen +im September 1804, »der Herzog ist mit drei russischen ganz von Juwelen +strahlenden Orden geziert. Meine gute Fürstin strahlt nicht weniger ... +Überhaupt reden wir jetzt von Gold, Silber und Edelsteinen wie sonst von +Quarz, Gneis und Glimmer. Die wilden Völker, die noch mehr dergleichen +bringen sollen, werden in diesen Tagen erwartet.« Die wilden Völker, das +waren die Russen. Zwei Monate später schreibt das Fräulein: »Der Einzug +war prächtig durch die unglaubliche Volksmenge, die in geordneten Wagen, +zu Pferd und zu Fuß festlich entgegenwallten ... Es erschien alles ruhig +und würdig, ich möchte es die frohe Teilnahme eines gebildeten Volks +nennen. Am Montag kam die Großfürstin zum erstenmal ins Theater. Sie +können sich den klatschenden Jubel kaum denken. Ein Vorspiel von +Schiller wurde gegeben, hierauf folgte Mitridat. Diese Prinzessin ist +ein Engel an Geist, Güte und Liebenswürdigkeit; auch habe ich noch nie +in Weimar einen solchen Einklang aus allen Herzen über alle Zungen +ergehen hören, als seit sie der Gegenstand aller Gespräche geworden. +Sie tut wirklich Wunder; auch unser Vater Wieland ist begeistert und +macht wieder Verse.« + +Ein Jahr später kam der Kaiser Alexander nach Weimar zum Besuch seiner +Schwester. Er wurde sehr gefeiert und bezauberte jedermann. Nach seiner +Abreise schrieb Fräulein von Göchhausen an Böttiger: »Nächst dem +Andenken im Herzen an den liebenswürdigen Kaiser hinterließ er auch +blitzende Andenken in edlen Steinen. Sogar alle Hofdamen, worunter meine +Wenigkeit sich auch befindet, erhielten reiche Geschenke an blitzenden +Halsbändern, Kämmen und Gürtelschnallen. Der Kaiser, #le comte du Nord,# +schickte Visitenkarten an die Damen vom ersten Rang und auch an Wieland. +Künftigen Donnerstag kommt das erste preußische Regiment hier an; bald +wird es wie in Wallensteins Lager hier aussehen. Unser Ländchen fühlt +die schützende Nachbarschaft schwer. Die aufzubringenden +Getreidelieferungen und die ins Land kommenden sechs- bis achttausend +Mann lassen uns ängstliche Blicke in die Zukunft tun.« + +Während der Einquartierung unterhielten sich einmal einige preußische +Offiziere in einem Weinhaus über die Wohnungen, die sie gefunden hatten. +Ein alter, dickbäuchiger Major sagte: »Ich stehe da bei einem gewissen +Gothe oder Goethe, weiß der Teufel, wie der Kerl heißt.« Man machte ihn +aufmerksam, es sei der berühmte Dichter Goethe, wo er stehe, da +antwortete er: »Kann sein, ja ja, nu nu, das kann wohl sein, ich habe +dem Kerl auf den Zahn gefühlt, und er scheint mir Mucken im Kopfe zu +haben.« + +Es kam nun die furchtbare Katastrophe der Schlacht von Jena und +Auerstädt. Am 4. Oktober fuhren der König und die Königin von Preußen +auf dem Wege nach Erfurt durch Weimar. Der Herzog befand sich bei dem +preußischen Heere, das sein Oheim, der Herzog von Braunschweig, +kommandierte. Die Herzogin-Mutter Amalie war nach Eutin geflohen, und in +Weimar blieb nur die Herzogin Luise. Schon am Abend des Schlachttags +trafen die gefürchteten Chasseurs ein, in der Nacht brach Feuer in der +Nähe des Schlosses aus. Die Stadt wurde von den Franzosen drei Tage lang +geplündert, manche Familie verlor Hab und Gut. Da sich Napoleon sehr +ungehalten darüber zeigte, daß der Herzog von seiner Residenz abwesend +und bei der preußischen Armee war, wurden zwei seiner treuesten Diener, +der Oberforstmeister von Stein und der Leutnant von Seebach, +abgeschickt, ihn zu suchen und zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Ihr +Unternehmen blieb ohne Erfolg, und in der Not verfiel man auf den jungen +Regierungsrat Müller und betraute ihn mit der schwierigen Aufgabe, den +Herzog vom Heeresdienst abzurufen und heimzuholen. Nach vielen +Abenteuern und Irrfahrten traf Müller den Herzog in Berlin, aber Karl +August war durchaus nicht geneigt, den gewünschten Fußfall vor dem +Kaiser zu tun. Napoleon, obwohl höchst ungnädig gegen den Herzog +gestimmt, ließ ihn doch nicht fallen und verwirklichte keine seiner +Drohungen, denn er brauchte ihn zur Vermittlung beim Kaiser Alexander. +Das kleine Land aber wurde durch die Kriegskontributionen in schwere +Drangsale gestürzt, und nicht immer gelang es dem klugen und +diplomatisch geschickten Friedrich von Müller, das größte Elend +abzuwenden. Die Unnachgiebigkeit Karl Augusts, der es immer wieder +verweigerte, vor Napoleon in Audienz zu erscheinen, trug auch nicht dazu +bei, den Kaiser milder zu stimmen, wenngleich er der Herzogin Luise +gegenüber eine große, vielleicht empfundene Hochschätzung an den Tag +legte. + +An den Festlichkeiten des Kongresses zu Erfurt nahm auch Weimar seinen +Anteil. Napoleon hatte gewünscht, dem Kaiser Alexander das Schlachtfeld +von Jena zu zeigen; dazu sollte eine große Jagd am Ettersberg und auf +den Hügeln gegen Jena hin dienen. Friedrich von Müller berichtet darüber +in seinen Memoiren: + +»Am 6. Oktober war der Weg von Erfurt nach dem Ettersberg von früh an +mit unzähligen Wagen, Reitern und Fußgängern bedeckt. Es war der +schönste, klarste Herbsttag, kein Wölkchen am ganzen Himmel. In der +Nacht vorher waren mehrere hundert Hirsche und Rehe aus dem Ettersburger +Walde gegen einen großen freien Rasenplatz zusammengetrieben und umzäunt +worden. In der Mitte dieses freien Platzes hatte man einen ungeheuren +Jagdpavillon errichtet, 450 Schritte lang und 50 Schritte breit, mit +drei Abteilungen, wovon die mittlere für die beiden Kaiser und für die +Könige bestimmt war. Der Pavillon ruhte auf mit Blumen und Zweigen +umschmückten Säulen. Dicht dabei sah man große, freistehende Balkone, +von denen bequem das Ganze überschaut werden konnte. Ringsumher liefen +Buden und Zelte mit Erfrischungen. An der Waldgrenze gruppierten sich +um große Feuer zur Bereitung von warmen Speisen und Getränken eine +Unzahl von Landleuten, die das Zusammentreiben des Wildes die ganze +Nacht hindurch ermüdet hatte. Dazwischen ertönten muntere Jagdhörner und +Gesänge. Die Monarchen, an der Landesgrenze von dem Herzog und der +ganzen Jägerei zu Pferde empfangen, langten mit ihrem Gefolge unter dem +Schalle der Jagdfanfaren gegen ein Uhr mittags an. Nun wurde in +einzelnen Abteilungen das Wild aus dem umzäunten Walde heraus und so +getrieben, daß es am großen Pavillon in Schußweite vorüber mußte. +Napoleon ergötzte sich ungemein an diesem Schauspiel und schien +überhaupt sehr vergnügt. Um vier Uhr endigte die Jagd; nicht der +geringste Unfall hatte sie getrübt. Ich war in Erfurt zurückgeblieben +und beauftragt, dem Kaiser Napoleon noch vor seiner Abfahrt aufzuwarten, +worauf ich mich eiligst nach Weimar verfügen sollte. Es war fünf Uhr, +als die Monarchen unter dem Geläute aller Glocken in Weimar einzogen. +Wie Napoleon sich in die für ihn bereiteten Zimmer begab, war ich +zufällig der erste, auf den seine Blicke im Vorzimmer trafen. Er ging +sehr freundlich auf mich zu, tat mir mehrere Fragen, und ich mußte ihm +einige umstehende, ihm noch nicht bekannte Personen vorstellen. Eine +Stunde darauf ging es zur kaiserlichen Tafel. Unfern davon war in einer +großen Galerie die Marschallstafel von mehr als hundertfünfzig Personen +bereitet. Ich hatte dem Minister, Staatssekretär Maret und dem +Marschall Soult die Honneurs zu machen, bei denen ich saß. Aber wir +waren noch kaum bis zur Hälfte des Diners gekommen, als gemeldet wurde, +daß die Monarchen im Begriff seien, sich von ihrer Tafel zu erheben. Nun +strömte alles dahin. Napoleon liebte bekanntlich sehr rasch zu speisen, +doch hatte er sich dabei lebhaft mit seiner Nachbarin, der Herzogin von +Weimar unterhalten. Nach kurzer Pause fuhr man in das Theater, wohin der +Wagen der beiden Kaiser von weimarischen Husaren eskortiert wurde. Vor +dem Schlosse stand ein sechzig Fuß hoher Obelisk, geschmackvoll +erleuchtet, auf dessen Spitze eine helle Flamme loderte. Das ganze +Schloß und seine Umgebungen sowie alle Straßen bis zum Schauspielhause +waren illuminiert, die innere Einrichtung und Verteilung der Sitze im +Theater ganz wie die zu Erfurt. Die französischen Schauspieler führten, +wie ich schon oben erwähnt, #La mort de César# von Voltaire auf. +Unbeschreiblich war der Eindruck. Talma als Brutus übertraf sich selbst. +Bei der Stelle am Schlusse des ersten Aktes, wo Cäsar dem Antonius, der +ihn vor den Senatoren warnt, antwortet: + + #»Je les aurais punis, si je les pouvais craindre; + Ne me conseillez point de me faire hair. + Je sais combattre, vaincre et ne sais point punir, + Allons, n’écoutons point ni soupçons ni vengeance, + Sur l’univers soumis régnons sans violence,«# + +war es, als ob ein elektrischer Funke mächtig alle Zuschauer +durchzuckte. + +»Hatte die Aufführung des Trauerspiels #La mort de César# immerhin +etwas seltsam Ominöses gehabt, so mußte es auf diejenigen, die diesen +Abend miterlebt hatten, noch lange nachher einen erschütternden Eindruck +machen, als sie erfuhren, wie wenig gefehlt hatte, daß diese Aufführung +wirklich zum größten Trauerspiel der neueren Weltgeschichte geworden +wäre. Es hatte sich nämlich eine kleine Anzahl verwegener preußischer +Offiziere, das Unglück und den trostlosen Zustand ihres Vaterlandes tief +empfindend und von glühendem Haß gegen dessen Unterdrücker erfüllt, +verschworen, den Kaiser Napoleon bei seinem Heraustreten aus dem Theater +zu erschießen. Sie hatten die Lokalität aufs genaueste erkundet, +Voranstalten zu ihrer eiligen Flucht nach vollbrachter Tat getroffen und +sich zum größten Teil in Weimar unbemerkt versammelt, als noch im +letzten Moment einer der Mitverschworenen ausblieb. Sei es, daß dieser +Umstand die übrigen abschreckte, oder daß sie Reue empfanden, genug, das +Vorhaben unterblieb. Welche Verwirrung, welche Greuel das Gelingen so +grausiger Tat unmittelbar und zunächst für Weimar nach sich gezogen +hätte, ist kaum zu ermessen.« + +Die Befreiung Deutschlands wäre durch einen Pistolenschuß erfolgt; die +Hunderttausende von Opfern der nächsten Kriegsjahre hätten nicht +geblutet, aber es hätte auch kein 1813, keine Erhebung des ganzen Volks +gegeben, und so sehen wir wieder das Schicksal abseits von dem Willen +der Menschen seinen ehernen Weg gehen. + +Karl August trat mit den übrigen Fürsten des ernestinischen Hauses dem +Rheinbund bei. 1815 besuchte er den Wiener Kongreß persönlich. Graf +Nostiz notiert über ihn in seinem Tagebuch: »Der alte Herzog von Weimar +lebt so burschikos fort, wie er es immer getrieben. Die Welt gefällt +ihm, und er ist ihr immer durch Lebenslust verbunden, wenn auch die +Jahre seine Beweglichkeit schwächen.« + +Er trat als erster Großherzog zum deutschen Bund. 1825 feierte er sein +fünfzigjähriges Regierungsjubiläum und seine goldene Hochzeit. Im Mai +1827 hatte sich seine Enkelin mit dem Prinzen Karl von Preußen +verheiratet, im Frühjahr darauf reiste Karl August zum Besuche des +jungen Paares nach Berlin, und auf der Rückreise starb er auf dem Gestüt +zu Graditz bei Torgau am 14. Juli 1828, 71 Jahre alt. Er ward beigesetzt +in der Fürstengruft auf dem Friedhof der Jakobskirche zu Weimar, wohin +er wenige Monate früher Schillers sterbliche Reste hatte bringen lassen +und wo vier Jahre später auch Goethe begraben wurde. + +Die letzten Tage vor seinem Tode hatte er in fast beständiger +Gesellschaft Alexanders von Humboldt verbracht, und Humboldt beschrieb +diese Tage in einem Brief an den Kanzler Müller, der seinerseits wieder +Goethe davon Mitteilung machte. In dem unvergleichlich schönen Gespräch, +das Eckermann unterm 23. Oktober 1828 aufzeichnet, ist darüber eingehend +zu lesen, und es möge, auch wegen des profunden und ewig gültigen +Urteils, das Goethe über seinen Herzog fällt, zum Abschluß hier folgen. + +»Es war nicht ohne höhere günstige Einwirkung,« sagt Goethe, »daß einer +der größten Fürsten, die Deutschland je besessen, einen Mann wie +Humboldt zum Zeugen seiner letzten Tage und Stunden hatte. Ich habe mir +von seinem Brief eine Abschrift nehmen lassen und will Ihnen doch +einiges daraus mitteilen.« + +Goethe stand auf und ging zu seinem Pult, wo er den Brief nahm und sich +wieder zu mir an den Tisch setzte. Er las eine Weile im stillen. Ich sah +Tränen in seinen Augen. »Lesen Sie es für sich,« sagte er dann, indem er +mir den Brief zureichte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab, +während ich las. + +»Wer konnte mehr durch das schnelle Hinscheiden des Verewigten +erschüttert werden,« schreibt Humboldt, »als ich, den er seit dreißig +Jahren mit so wohlwollender Auszeichnung, ich darf sagen, mit so +aufrichtiger Vorliebe behandelt hatte. Auch hier wollte er mich fast zu +jeder Stunde um sich haben; und, als sei eine solche Luzidität wie bei +den erhabenen schneebedeckten Alpen der Vorbote des scheidenden Lichtes, +nie habe ich den großen, menschlichen Fürsten lebendiger, geistreicher, +milder und an aller ferneren Entwicklung des Volkslebens teilnehmender +gesehen als in den letzten Tagen, die wir ihn hier besaßen. + +Ich sagte mehrmals zu meinen Freunden ahnungsvoll und beängstigt, daß +diese Lebendigkeit, diese geheimnisvolle Klarheit des Geistes, bei so +viel körperlicher Schwäche, mir ein schreckhaftes Phänomen sei. Er +selbst oszillierte sichtbar zwischen Hoffnung der Genesung und +Erwartung der großen Katastrophe. + +Als ich ihn vierundzwanzig Stunden vor dieser sah, beim Frühstück, krank +und ohne Neigung, etwas zu genießen, fragte er noch lebendig nach den +von Schweden herübergekommenen Granitgeschieben baltischer Länder, nach +Kometschweifen, welche sich unsrer Atmosphäre trübend einmischen +könnten, nach der Ursache der großen Winterkälte an allen östlichen +Küsten. + +Als ich ihn zuletzt sah, drückte er mir zum Abschied die Hand mit den +heiteren Worten: ›Sie glauben, Humboldt, Töplitz und alle warmen Quellen +seien wie Wasser, die man künstlich erwärmt? Das ist nicht Küchenfeuer! +Darüber streiten wir in Töplitz, wenn Sie mit dem Könige kommen. Sie +sollen sehen, Ihr altes Küchenfeuer wird mich doch noch einmal +zusammenhalten.‹ Sonderbar! Denn alles wird bedeutend bei so einem +Manne. + +In Potsdam saß ich mehrere Stunden allein mit ihm auf dem Kanapee; er +trank und schlief abwechselnd, trank wieder, stand auf, um an seine +Gemahlin zu schreiben, dann schlief er wieder. Er war heiter, aber sehr +erschöpft. In den Intervallen bedrängte er mich mit den schwierigsten +Fragen: über Physik, Astronomie, Meteorologie und Geognosie, über +Durchsichtigkeit eines Kometenkerns, über Mondatmosphäre, über die +farbigen Doppelsterne, über Einfluß der Sonnenflecke auf Temperatur, +Erscheinen der organischen Formen in der Urwelt, innere Erdwärme. Er +schlief mitten in seiner und meiner Rede ein, wurde oft unruhig und +sagte dann, über seine scheinbare Unaufmerksamkeit milde und freundlich +um Verzeihung bittend: ›Sie sehen, Humboldt, es ist aus mit mir!‹ + +Auf einmal ging er desultorisch in religiöse Gespräche über. Er klagte +über den einreißenden Pietismus und den Zusammenhang dieser Schwärmerei +mit politischen Tendenzen nach Absolutismus und Niederschlagen aller +freieren Geistesregungen. ›Dazu sind es unwahre, Bursche,‹ rief er aus, +›die sich dadurch den Fürsten angenehm zu machen glauben, um Stellen und +Bänder zu erhalten! – Mit der poetischen Vorliebe zum Mittelalter haben +sie sich eingeschlichen.‹ + +Bald legte sich sein Zorn und er sagte, wie er jetzt viel Tröstliches in +der christlichen Religion finde. ›Das ist eine menschenfreundliche +Lehre,‹ sagte er, ›aber von Anfang an hat man sie verunstaltet. Die +ersten Christen waren die Freigesinnten unter den Ultras.‹« + +Ich gab Goethe über diesen herrlichen Brief meine innige Freude zu +erkennen. »Sie sehen,« sagte Goethe, »was für ein bedeutender Mensch er +war. Aber wie gut ist es von Humboldt, daß er diese wenigen letzten Züge +aufgefaßt, die wirklich als Symbol gelten können, worin die ganze Natur +des vorzüglichen Fürsten sich spiegelt. Ja, so war er! – Ich kann es am +besten sagen, denn es kannte ihn im Grunde niemand so durch und durch +wie ich selber. Ist es aber nicht ein Jammer, daß kein Unterschied ist +und daß auch ein solcher Mensch so früh dahin muß! – Nur ein lumpiges +Jahrhundert länger, und wie würde er an so hoher Stelle seine Zeit +vorwärts gebracht haben! – Aber wissen Sie was? Die Welt soll nicht so +rasch zum Ziele, als wir denken und wünschen. Immer sind die +retardierenden Dämonen da, die überall dazwischen und überall +entgegentreten, so daß es zwar im ganzen vorwärts geht, aber sehr +langsam. Leben Sie nur fort und Sie werden schon finden, daß ich recht +habe.« + +Die Entwicklung der Menschheit scheint auf Jahrtausende angelegt, sagte +ich. + +»Wer weiß,« erwiderte Goethe, »– vielleicht auf Millionen! Aber laß die +Menschheit dauern, so lange sie will, es wird ihr nie an Hindernissen +fehlen, die ihr zu schaffen machen, und nie an allerlei Not, damit sie +ihre Kräfte entwickle. Klüger und einsichtiger wird sie werden, aber +besser, glücklicher und tatkräftiger nicht, oder doch nur auf Epochen. +Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an ihr hat und er +abermals alles zusammenschlagen muß zu einer verjüngten Schöpfung. Ich +bin gewiß, es ist alles danach angelegt und es steht in der fernen +Zukunft schon Zeit und Stunde fest, wann die Verjüngungsepoche eintritt. +Aber bis dahin hat es sicher noch gute Weile, und wir können noch +Jahrtausende und aber Jahrtausende auf dieser lieben, alten Fläche, wie +sie ist, allerlei Spaß haben.« + +Goethe war in besonders guter erhöhter Stimmung. Er ließ eine Flasche +Wein kommen, wovon er sich und mir einschenkte. Unser Gespräch ging +wieder auf den Großherzog Karl August zurück. + +»Sie sehen,« sagte Goethe, »wie sein außerordentlicher Geist das ganze +Reich der Natur umfaßte. Physik, Astronomie, Geognosie, Meteorologie, +Pflanzen- und Tierformen der Umwelt und was sonst dazu gehört, er hatte +für alles Sinn und für alles Interesse. Er war achtzehn Jahre alt, als +ich nach Weimar kam; aber schon damals zeigten seine Keime und Knospen, +was einst der Baum sein würde. Er schloß sich bald auf das innigste an +mich an und nahm an allem, was ich trieb, gründlichen Anteil. Daß ich +fast zehn Jahre älter war als er, kam unserm Verhältnis zugute. Er saß +ganze Abende bei mir in tiefen Gesprächen über Gegenstände der Kunst und +Natur und was sonst allerlei Gutes vorkam. Wir saßen oft tief in die +Nacht hinein, und es war nicht selten, daß wir nebeneinander auf meinem +Sofa einschliefen. Fünfzig Jahre haben wir es miteinander fort +getrieben, und es wäre kein Wunder, wenn wir es endlich zu etwas +gebracht hätten.« + +Eine so gründliche Bildung, sagte ich, wie sie der Großherzog gehabt zu +haben scheint, mag bei fürstlichen Personen selten vorkommen. + +»Sehr selten,« erwiderte Goethe. »Es gibt zwar viele, die fähig sind, +über alles sehr geschickt mitzureden; aber sie haben es nicht im Innern +und krabbeln nur an den Oberflächen. Und es ist kein Wunder, wenn man +die entsetzlichen Zerstreuungen und Zerstückelungen bedenkt, die das +Hofleben mit sich führt und denen ein junger Fürst ausgesetzt ist. Von +allem soll er Notiz nehmen. Er soll ein bißchen Das kennen und ein +bißchen Das, und dann ein bißchen Das und wieder ein bißchen Das. Dabei +kann sich aber nichts setzen und Wurzel schlagen, und es gehört der +Fonds einer gewaltigen Natur dazu, um bei solchen Anforderungen nicht in +Rauch aufzugehen. Der Großherzog war freilich ein geborener großer +Mensch, womit alles gesagt und alles getan ist.« + +Bei allen seinen höheren wissenschaftlichen und geistigen Richtungen, +sagte ich, scheint er doch auch das Regieren verstanden zu haben. + +»Es war ein Mensch aus dem Ganzen,« erwiderte Goethe, »und es kam bei +ihm alles aus einer einzigen großen Quelle. Und wie das Ganze gut war, +so war das Einzelne gut, er mochte tun und treiben, was er wollte. +Übrigens kamen ihm zur Führung des Regiments besonders drei Dinge +zustatten. Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden +und jeden an seinen Platz zu stellen. Das war sehr viel. Dann hatte er +noch etwas, was ebensoviel war, wo nicht noch mehr: Er war beseelt von +dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe und wollte mit +ganzer Seele nur das Beste. Er dachte immer zuerst an das Glück des +Landes und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber. Edlen Menschen +entgegenzukommen, gute Zwecke befördern zu helfen war seine Hand immer +bereit und offen. Es war in ihm viel Göttliches. Er hätte die ganze +Menschheit beglücken mögen. Liebe aber erzeugt Liebe. Wer aber geliebt +ist, hat leicht regieren. + +Und drittens: Er war größer als seine Umgebung. Neben zehn Stimmen, die +ihm über einen gewissen Fall zu Ohren kamen, vernahm er die elfte, +bessere, in sich selber. Fremde Zuflüsterungen glitten an ihm ab, und er +kam nicht leicht in den Fall, etwas Unfürstliches zu begehen, indem er +das zweideutig gemachte Verdienst zurücksetzte und empfohlene Lumpe in +Schutz nahm. Er sah überall selber, urteilte selber, und hatte in allen +Fällen in sich selber die sicherste Basis. Dabei war er schweigsamer +Natur, und seinen Worten folgte die Handlung.« + +Wie leid tut es mir, sagte ich, daß ich nicht viel mehr von ihm gekannt +habe als sein Äußeres; doch das hat sich mir tief eingeprägt. Ich sehe +ihn noch immer auf seiner alten Droschke, im abgetragenen, grauen Mantel +und Militärmütze und eine Zigarre rauchend, wie er auf die Jagd fuhr, +seine Lieblingshunde nebenher. Ich habe ihn nie anders fahren sehen als +auf dieser unansehnlichen alten Droschke. Auch nie anders als +zweispännig. Ein Gepränge mit sechs Pferden und Röcke mit Ordenssternen +scheint nicht sehr nach seinem Geschmack gewesen zu sein. + +»Das ist,« erwiderte Goethe, »bei Fürsten überhaupt kaum mehr an der +Zeit. Es kommt jetzt darauf an, was einer auf der Wage der Menschheit +wiegt; alles übrige ist eitel. Ein Rock mit dem Stern und ein Wagen mit +sechs Pferden imponiert nur noch allenfalls der rohesten Masse und kaum +dieser. Übrigens hing die alte Droschke des Großherzogs kaum in Federn. +Wer mit ihm fuhr, hatte verzweifelte Stöße auszuhalten. Aber das war +ihm eben recht. Er liebte das Derbe und Unbequeme und war ein Feind +aller Verweichlichung.« + +Spuren davon, sagte ich, sieht man schon in Ihrem Gedicht Ilmenau, wo +sie ihn nach dem Leben gezeichnet zu haben scheinen. + +»Er war damals sehr jung,« erwiderte Goethe, »doch ging es mit uns +freilich etwas toll her. Er war wie ein edler Wein, aber noch in +gewaltiger Gärung. Er wußte mit seinen Kräften nicht wo hinaus, und wir +waren oft sehr nahe am Halsbrechen. Auf Parforcepferden über Hecken, +Gräben und durch Flüsse, und bergauf, bergein sich tagelang abarbeiten, +und dann nachts unter freiem Himmel kampieren, etwa bei einem Feuer im +Walde: das war nach seinem Sinne. Ein Herzogtum geerbt zu haben war ihm +nichts, aber hätte er sich eines erringen, erjagen und erstürmen können, +das wäre ihm etwas gewesen. + +Das Ilmenauer Gedicht,« fuhr Goethe fort, »enthält als Episode eine +Epoche, die im Jahre 1783, als ich es schrieb, bereits mehrere Jahre +hinter uns lag, so daß ich mich selber darin als eine historische Figur +zeichnen und mit meinem eigenen Ich früherer Jahre eine Unterhaltung +führen konnte. Es ist darin, wie Sie wissen, eine nächtliche Szene +vorgeführt, etwa nach einer solchen halsbrecherischen Jagd im Gebirge. +Wir hatten uns am Fuße eines Felsens kleine Hütten gebaut und mit +Tannenreisern gedeckt, um darin auf trockenem Boden zu übernachten. Vor +den Hütten brannten mehrere Feuer, und wir kochten und brieten, was die +Jagd gegeben hatte. Knebel, dem schon damals die Tabakspfeife nicht kalt +wurde, saß dem Feuer zunächst und ergötzte die Gesellschaft mit allerlei +trockenen Späßen, während die Weinflasche von Hand zu Hand ging. +Seckendorf, der schlanke, mit den langen, feinen Gliedern, hatte sich +behaglich am Stamm eines Baumes hingestreckt und summte allerlei +Poetisches. Abseits, in einer ähnlichen, kleinen Hütte, lag der Herzog +im tiefen Schlaf. Ich selber saß davor, bei glimmenden Kohlen, in +allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlungen von Bedauern über +mancherlei Unheil, das meine Schriften angerichtet. Knebel und +Seckendorf erscheinen mir noch jetzt gar nicht schlecht gezeichnet, und +auch der junge Fürst nicht, in diesem düstern Ungestüm seines +zwanzigsten Jahres. + + Der Vorwitz lockt ihn in die Weite, + Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal; + Der Unfall lauert an der Seite + Und stürzt ihn in den Arm der Qual. + Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung + Gewaltsam ihn bald da bald dort hinaus, + Und von unmutiger Bewegung + Ruht er unmutig wieder aus. + Und düster wild an heitern Tagen, + Unbändig, ohne froh zu sein, + Schläft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen, + Auf einem harten Lager ein. + +So war er ganz und gar. Es ist darin nicht der kleinste Zug +übertrieben. Doch aus dieser Sturm- und Drangperiode hatte sich der +Herzog bald zu wohltätiger Klarheit durchgearbeitet, so daß ich ihn zu +seinem Geburtstage im Jahre 1783 an diese Gestalt seiner früheren Jahre +sehr wohl erinnern mochte. + +Ich leugne nicht, er hat mir anfänglich manche Not und Sorge gemacht. +Doch seine tüchtige Natur reinigte sich bald und bildete sich bald zum +besten, so daß es eine Freude wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.« + +Sie machten, bemerkte ich, in dieser ersten Zeit mit ihm eine einsame +Reise durch die Schweiz. + +»Er liebte überhaupt das Reisen,« erwiderte Goethe, »doch war es nicht +sowohl, um sich zu amüsieren und zu zerstreuen, als um überall die Augen +und Ohren offen zu haben und auf allerlei Gutes und Nützliches zu +achten, das er in seinem Lande einführen könnte. Ackerbau, Viehzucht und +Industrie sind ihm auf diese Weise unendlich viel schuldig geworden. +Überhaupt waren seine Tendenzen nicht persönlich egoistisch, sondern +rein produktiver Art, und zwar produktiv für das allgemeine Beste. +Dadurch hat er sich denn auch einen Namen gemacht, der über dieses +kleine Land weit hinausgeht.« + +Sein sorgloses einfaches Äußere, sagte ich, schien anzudeuten, daß er +den Ruhm nicht suche und daß er sich wenig aus ihm mache. Es schien, als +sei er berühmt geworden ohne sein weiteres Zutun, bloß wegen seiner +stillen Tüchtigkeit. + +»Es ist damit ein eigenes Ding,« erwiderte Goethe. »Ein Holz brennt, +weil es Stoff dazu in sich hat, und ein Mensch wird berühmt, weil der +Stoff dazu in ihm vorhanden. Suchen läßt sich der Ruhm nicht, und alles +Jagen danach ist eitel. Es kann sich wohl jemand durch kluges Benehmen +und allerlei künstliche Mittel eine Art von Namen machen. Fehlt aber +dabei das innere Juwel, so ist es eitel und hält nicht auf den andern +Tag. + +Ebenso ist es mit der Gunst des Volkes. Er suchte sie nicht und tat den +Leuten keineswegs schön; aber das Volk liebte ihn, weil es fühlte, daß +er ein Herz für sie habe.« + + + + +Werke von Jakob Wassermann + + +Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. Dreizehnte Auflage. + +Der Moloch. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. + +Der niegeküßte Mund – Hilperich. Novellen. + +Alexander in Babylon. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Fünfte Auflage. + +Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage. + +Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. Neue wohlfeile +Ausgabe. Neunte Auflage. + +Die Masken Erwin Reiners. Roman. Achte Auflage. + +Der goldene Spiegel. Erzählungen in einem Rahmen. Achte Auflage. + +Die ungleichen Schalen. Fünf einaktige Dramen. + +Faustina. Ein Gespräch über die Liebe. Zweite Auflage. + +Der Mann von vierzig Jahren. Roman. Zehnte Auflage. + + +S. Fischer, Verlag, Berlin + + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1915 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die +nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten +p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger +p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer +p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer +p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen +p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler +p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn +p 195: Im Jahre 1656 -> 1756 +p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen +p 234: [Punkt ergänzt] wie er selbst es geführt. +p 274: [Punkt ergänzt] alle Zuschauer durchzuckte. + +Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei +folgenden Wörtern: + +Inful: Stirnbinde, Bischofsmütze +Gelahrtheit: veraltet/dichterisch: Gelehrtheit + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1915 by S. Fischer. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten +p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger +p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer +p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer +p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen +p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler +p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn +p 195: Im Jahre 1656 -> 1756 +p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen +p 234: [added period] wie er selbst es geführt. +p 274: [added period] alle Zuschauer durchzuckte. + +The original spelling has been maintained throughout the book. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by +Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE CHARAKTERE *** + +***** This file should be named 18258-0.txt or 18258-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/2/5/18258/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/18258-0.zip b/18258-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0850a3d --- /dev/null +++ b/18258-0.zip diff --git a/18258-8.txt b/18258-8.txt new file mode 100644 index 0000000..81dc5f6 --- /dev/null +++ b/18258-8.txt @@ -0,0 +1,7175 @@ +The Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by +Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Deutsche Charaktere und Begebenheiten + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: April 26, 2006 [EBook #18258] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCH CHARAKTERE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + + + + + + Deutsche Charaktere + und + Begebenheiten + + + Gesammelt und herausgegeben + von + Jakob Wassermann + + + + S. Fischer, Verlag, Berlin + 1915 + + + + Mit elf Abbildungen. + + Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung. + _Erste bis vierte Auflage._ + + + +[Illustration: Hochzeitsfeier im Jahre 1548, nach einem Bildteppich im +Kunstgewerbemuseum zu Berlin.] + + + + +Inhalt + + +Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 + +Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen . . . . . 23 + nach Vehse + +Böttiger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 + nach Vehse + und Schmieder, Geschichte der Alchimi + +Moritz von Sachsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 + nach Vehse + +Wallenstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 + nach Vehse + +Leonhard Thurneyßer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 + nach Vehse + und Dr. Möhsen + +Danckelmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 + nach Vehse + +Kaiser Rudolf II. und sein Hof . . . . . . . . . . . . . 131 + nach Vehse + +Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel, +mit Herrn Reichard Strein . . . . . . . . . . . . . . . . 145 + nach Hohenecks + »Stände Östreichs ob der Ems« + +Friedrich Wilhelm I. von Preußen . . . . . . . . . . . . 148 + nach Vehse + +Joachim Nettelbeck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 + nach seiner Autobiographie + +Christian Holzwart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 + nach dem Neuen Pitaval + +Karl August von Weimar . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 + nach Vehse, Briefen + Eckermanns Gesprächen mit Goethe + + + + +Vorwort + + +Die folgende Zusammenstellung deutscher Schicksale und Ereignisse ist +zum größten Teil bereits vor drei Jahren abgeschlossen gewesen, ich +hatte aber die Veröffentlichung in dem Gefühl verschoben, daß ein +solches Buch mehr als ein anderes von einem Bedürfnis gefordert werden +müsse. Der gegenwärtige Krieg, den wir Deutsche als einen Nationalkrieg +empfinden, macht es zur Pflicht, in der Erinnerung des Volkes die Bilder +einiger seiner merkwürdigsten Männer wachzurufen. Es kam darauf an, das +festzuhalten, was im allgemein Gültigen zugleich das begrenzteste +Persönliche gibt; darum mußte ich den ursprünglichen Plan des Werkes +verändern und diejenigen Lebensbeschreibungen, Erzählungen und Anekdoten +entfernen, die mehr Romanhaftes und Interessantes hatten als +Exemplarisches, mehr äußeren Bezug als inneren, mehr Oberfläche als +Gehalt. Die Darstellung ist nicht die meine, sie ist zumeist wörtlich +die der Historiker und der Quellen, die im Inhaltsverzeichnis namentlich +angeführt werden; ich habe das Material übernommen, wie es sich bot, mit +keinem andern Maßstab messend, als mit dem der fühl- und spürbaren +Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, nur nach dem Gesichtspunkt ordnend, den +ein natürlicher Überblick ergab. Den außerordentlichen Schicksalen, +dient nur das Wort treu ihrem Verlauf, wohnt soviel Überzeugungskraft +von selber inne, daß Stilkünste sie nur verschleiern und verzerren +können, und wenn irgendwo, gilt hier der Feuerbachsche Ausspruch: Stil +ist die Weglassung des Unwesentlichen. Es ist dieselbe Prozedur, die von +der Geschichte, der Überlieferung in den meisten Fällen so gesetzmäßig +und methodisch besorgt wird, wie von einem Strom, der alles trübe +Gemengsel und unreinen Stoffe alsbald an die Ufer schwemmt oder auf den +Grund sinken läßt. + +Ich habe es auch unterlassen, zwischen den losen Stücken durch +Ausdeutung oder Betrachtung künstliche Brücken herzustellen; das +Gemeinsame liegt in ihrem Geist und Wesen, die scheinbare Willkür in der +Wahl kann sich nur auf einen Zwang der Phantasie berufen, die +Entscheidung gab allein ihre deutsche Herkunft und deutsche +Beschaffenheit. + +Unabweisbar drängt sich hier die Frage auf: Was ist ein deutscher +Charakter, was ist ein deutsches Schicksal, was ist ein deutsches +Ereignis? + + * * * * * + +Spreche ich vom Deutschen schlechthin, so postuliere ich eine Gestalt, +die aus der Erfahrung gezogen und zur Idee gesteigert ist; als solche +schließt sie eine Summe von Eigenschaften in sich, welche sowohl dem +Wesen des Volkes als Ganzes zukommen, als auch dem uns überlieferten +Bilde repräsentativer Männer entsprechen. Den Maßstab hierzu liefert +mir das lebendige und fließende Element der Geschichte. Indem sie mir +eine zergliederte, beseelte Nachricht über das Ereignis gibt, wie auch +über die Personen, die in ihm eine Rolle gespielt haben, erlaubt sie mir +zugleich, Ereignis und Figur zu deuten, in freier Betrachtung zu +erweitern und zu verallgemeinern. Das Gesetz begreifen, das Schicksal +fühlen, die auf dem von der Menschheit bisher beschrittenen Weg gewaltet +haben, ist das einzige Mittel, die Wege ihrer Zukunft wenigstens +flüchtig und ahnend zu erleuchten. + +In diesem Sinne hat man vom deutschen Charakter zu reden und ihn als ein +Umgrenztes und Unterscheidendes zu erklären. Es wäre nicht einmal +notwendig, auf Stammeseigentümlichkeiten zu verweisen, auf ausgebildete +und in jeder Landschaft anders geartete Merkmale der Sprache, auf die +Landschaftsformen selbst, auf die wechselnden Lebensbedingungen, das +größere oder geringere Maß von Freiheit, von Wohlfahrt, von +Begünstigungen, die die Natur gewährt oder die durch vornehmliche Kraft, +Tapferkeit, durch Fleiß oder Glück erworben wurden; man kann in einem so +reichen, ja unendlich scheinenden Organismus, wie es eine Nation ist, +eine unendliche Vielfalt und Variabilität der Lebenskristallisationen +feststellen, und doch wird die Nation in ihrer Gesamtheit gegen eine +andere, sei es auch benachbarte, sogar verwandte Nation ein völlig +verschiedenes Lebens- und Wesensbild zeigen. Es eignet eben jeder +Nation, genau wie jedem einzelnen, ihr besonderes Fundament, ihre +besondere Willenskraft, ihre besonderen Ziele, und in der +Zusammenfassung erleidet sie jenes Schicksal, zu dem ihr Charakter den +Grund legt. + +Der Deutsche ward nicht in einem Garten geboren, die Natur hat ihn nicht +verschwenderisch beschenkt. Die Berichte aus der Vorzeit erzählen schon +von dem rauhen Klima und der Kargheit des Landes, das seine Bewohner zu +unermüdlicher Arbeit aufforderte und durch Überfluß nicht verwöhnte. +Seitdem ist die Erde williger geworden, die Atmosphäre milder, aber die +Fülle oder nur die unerwartete Gabe hat der Bauer nie erfahren, der +Gärtner, der Obstzüchter nie; genau nach dem Maß seines Tuns ward ihm +gelohnt. + +Das Leben des Urvolks war gewiß dem Kindheitszustand aller andern Völker +ähnlich; an den Grenzen finden die Feinde nur wenig natürliche +Hindernisse; kriegerische Horden, von Osten und Westen her eindringend, +zerstampfen die Saaten, verwüsten die Siedlungen; kann der Aufruf des +Fürsten Bewaffnete genug erreichen und sammeln, so zieht er dem Bedroher +entgegen und stellt ihn in freier Feldschlacht; ist er zu solchem +Unternehmen zu schwach, so verschanzen sich die Mannen in ihren festen +Plätzen. Immerhin mußte der Deutsche als Bewohner des Herzlands Europas +mehr als andre drauf gefaßt sein, daß alles, was er baute und schuf, was +er säte und sparte, was er liebte und schmückte, seine Bäume und sein +Vieh, sein Heim und seine Kinder, sein Land und alle Werke darin, die +Beute von schweifenden Eroberern wurde. + +Aber da eine feste politische Grenze nicht vorhanden war, konnte jeder +Nachbar jederzeit zum Gegner, der Freund von gestern zum Feind von +morgen werden. Die Folge davon, eine immer größere Zerstückelung des +Gebiets, eine beständige Lostrennung einzelner Teile, die sich dann zu +selbstwilligen und der Gesamtheit trotzig entgegengesetzten +Interessensphären entwickeln, trat gar bald ein und enthüllte sich als +ein nationales Unglück. Um das Jahr 1200 war ganz Deutschland der +Schauplatz aufreibender egoistischer Kämpfe und eines Faustrechts, das +jeden Besitz und jede friedliche Arbeit gefährdete. Um ihren Handel zu +schützen, auf welchem allein der Wohlstand, ja die Existenz des +Bürgertums beruhte, mußten die Städte zu Mitteln greifen, die sie auch +als wehrhafte Macht in Achtung setzten, und nach und nach wurde jede +Stadt, auch die nicht reichsfreie, zu einer Art von Republik. Da +entstand nun die schönste und eigentümlichste Blüte der Volkskraft, ein +beständiges inneres Wachstum bis in die Zeit der Reformation. Die großen +Schwurgesellschaften übernahmen den Schutz des Privatlebens und +ersetzten so den Staat, alle einzelnen traten in Genossenschaften +zusammen, und diese wieder standen durch Bünde gegeneinander. + +Drohende Gefahr macht Wachsamkeit zur ersten Tugend. Ordnung muß die +Vielzahl ersetzen, Zucht ist das Gebot, das die Freiheit fördert. Der +Mann ist König in seinem Haus, Diener in brüderlichen Verbänden. Nur +Arbeit verleiht Würde, nur Bewährung einen Vorrang, und ohne Hingebung +an eine Sache wird der Geist für nichts geachtet. Wenn aber der Geist +sich zur Sachlichkeit gesellt, entsteht die Idee, die das Individuum +formt und das Gemeinwesen entwicklungsfähig macht. Welche Wege auch +immer der Ritter, der Junker, der Gutsherr, der Bauer einschlug, die +Zukunft der Nation lag in den Händen des Bürgers. + +Fast jede Stadt hatte etwas trotzig Ernstes, ja Finsteres; ihre Häuser +drängten sich wie Männer, die Achsel an Achsel stehen, so dicht +zusammen, daß für ein Blumenbeet der Raum nicht blieb. Die +spitzgiebeligen Dächer erschienen als Wahrzeichen der zur Höhe +gedrängten Kraft, die engen Gassen gaben das Gefühl der Umschlossenheit, +und alles Schmuckwerk wuchs gleichsam aus der Not: die Zierlichkeit +massiver Gitter, die geschwungenen Steinquadern unerschütterlicher +Brücken, die Feinheit und zarte Gliederung erhabener Dome, deren +ursprünglich fremde Formen dem deutschen Leben und Wesen immer mehr zu +eigen wurden. + +Während alle andern abendländischen Völker verhältnismäßig früh zur +Bildung eines staatlichen Organismus gelangten, war dies bei den +Deutschen erst im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts der Fall. +Deutsche Zerrissenheit war das Merkwort, mit dem sich der Deutsche +selbst in die Unabänderlichkeit eines Weltzustandes ergab. Dies ist eine +Tatsache, deren Grund zu erforschen sich wohl lohnt. + +Nach allem, was wir von dem Volk der Germanen wissen, scheint es, als ob +ihr religiöses Leben durch den Eintritt in das Christentum eine +bedeutende Störung erlitten, als ob eine natürliche Entfaltung ihrer +religiösen Anlage ein andres Ergebnis gehabt hätte als das durch die +Geschichte hervorgebrachte. Darauf läßt namentlich die immer wieder +zutage tretende Abneigung der Deutschen gegen den Klerus, gegen das +Papsttum und seine unumschränkte Gewalt schließen. Der Papst strebte +nach Weltherrschaft; ein Weltimperium zu schaffen war auch der tiefe +Wille der Deutschen; ist es nicht denkbar, daß die eingeborne Macht +dieser Idee dadurch gebrochen worden ist, daß die Kaisergeschlechter der +Salier, Franken und Schwaben eine Art Kompromiß schlossen, indem sie +eine römische Weltherrschaft auf deutschem Boden gründen, die Nation in +ein römisches Kaisertum verwandeln wollten? Es war dies eine poetische +Idee und nicht eine politische, und darin liegt das Verhängnis, darin +der Irrtum, der Stillstand, die Unfruchtbarkeit. Der Zug über die Alpen: +das romantische Abenteuer; Italien, die zweite Heimat, Provinz des +Lichtes und der Schönheit, der holde Traum, die Lockung der +Jahrhunderte. + +Immer wieder setzen die Kräfte an diesem Punkte an, immer wieder brechen +sie hier. Es lebte im Volk ein unbeirrbarer, bis ins Unbewußte +gedrungener Glaube, daß es die Herrenrolle in Europa wieder übernehmen +werde, die nach alten Überlieferungen die Ahnen der Vorzeit innegehabt; +aber diese Überzeugung kam stets nur in den Leistungen und Werken +einzelner zum Ausdruck und entbehrte dann auch nicht der Schwermut und +Klage; das Staatswesen schien davon unberührt zu bleiben. Während die +Reformation, diese deutscheste Bewegung in der deutschen Geschichte, die +langersehnte geistige Befreiung schafft, findet der Staat im Kaiserhaus +selbst einen Feind, der ihn beständig an Rom und an die Romanen verrät, +und die Hoffnung der Freien und Befreiten wird durch den Dreißigjährigen +Krieg, das größte Unglück, von welchem je ein Volk getroffen wurde, +erstickt. Langsam sammeln sich die Kräfte wieder; es ist ein erhabenes +Zeugnis für die der Nation innewohnende Tüchtigkeit und Kraft, daß sie +kaum eines Jahrhunderts bedarf, um zu einer Blüte der Bildung und des +geistigen Lebens zu gelangen, wie sie die Geschichte keines andern +Volkes kennt, eine Blüte allerdings, die nach Gustav Freytags tiefem +Wort die wundergleiche Schöpfung einer Seele ohne Leib ist. + +Erst mit dem Heraufkommen des preußischen Staates kündigt sich eine neue +und verheißungsvolle Periode des nationalen Lebens an. Ein neues +Lebensgesetz wird von den einzelnen ergriffen und bindet sie. Gleichsam +gereinigt in der Glut geistiger Erlebnisse, vor einen reinen Spiegel +hingestellt durch das Genie der Dichter, das Beispiel großer Feldherrn, +großer Fürsten und im wahren Sinn protestantischer Volksfreunde, +erkennen die Führer, erkennt das Volk die Notwendigkeit politischer +Sammlung und finden den Weg, das Ideal praktisch zu verwirklichen. Alte +Instinkte trotziger Selbständigkeit werden niedergezwungen und dem +Allgemeinen dienstbar gemacht, schädliches Fremdes wird ausgeschieden, +nützlich und tüchtig Fremdes angeschmolzen. + +[Illustration: Ziethen, nach einem Stich von Townley.] + +In preußischer Zucht und Schule wächst das neue Deutschland zur +Erkenntnis und zur Erfüllung seiner Aufgabe heran. Dort vollzieht sich +die Sonderung, die Wandlung, der Zusammenschluß. Ein König, dessen +unerschütterliche Energie im Bewahren, Sammeln und Vorbereiten ihn zum +Werkzeug des Schicksals und zum wahren Zimmermann der Fundamente macht, +gibt aus scheinbar bürgerlicher Enge das ungeheure Wort von der +Suveränität, die er als einen #rocher de bronze# statuiere, und ein +Philosoph in ebenso scheinbarer bürgerlicher Enge formuliert den +kategorischen Imperativ als Stützpunkt einer die ganze moderne Welt +überwölbenden Moral- und Sittenlehre. + +Friedrich der Große war dann der Gestalter, wenn auch nicht der +Vollender, die Verkörperung wesentlicher politischer und +organisatorischer Eigenschaften, mit denen die neue Zeit ihre Arbeit +beginnen konnte. Vielleicht war ihm am Ende seiner unvergleichlichen +Laufbahn noch nicht einmal bewußt, wie sehr er Bürger war, indem er +König war. Und da seine Taten ihn zum Helden machten, schuf er eben +dadurch, daß er König und Bürger zugleich war, einen neuen Begriff des +Heroischen, der durch seine Einfachheit und Menschlichkeit vorbildlich +wurde. In ihm hat das deutsche Gesicht seine krönende Gültigkeit +erhalten und seinen beredtesten Ausdruck. + +Das deutsche Gesicht! Es schwebt mir Christoph Ambergers Bildnis eines +Augsburger Patriziers vor, und Holbeins Bildnis des Bürgermeisters +Meyer, und Lukas Cranachs Bildnis eines alten Mannes; ich denke an +Luthers Gesicht, an Keplers Gesicht, an Scharnhorsts und Nettelbecks +Gesicht, an Sebastian Bachs und an Moltkes Gesicht; es sind immer +dieselben Züge wie die von Brüdern und Gefährten in der Reihe der +wechselnden Geschlechter. + +Sie wissen den Tod, ohne ihn zu sehen, sie spüren ihn, ohne ihn zu +fürchten. Wie der Tod innerstes Gefühl wird, ist in dem Dürerschen +Porträt des Patriziers Oswald Grell über alle Beschreibung wahr +ausgedrückt, neben einem Antlitz von feierlich ernster Versunkenheit ist +eine Landschaft mit zarten Bäumen hingesetzt wie die Vision einer +höheren Welt. + +Was macht ihr Auge so schön, so merkwürdig? Ist es der traumvolle Blick, +der dennoch im Lichte badet, die Güte ohne Weichheit, die Strenge ohne +Härte? Oder das Wissen um menschliche Dinge, um die deutsche Not, die +Menschennot? Es wohnt ein Horchen in ihm, wie durch Stimmen aus der +Überwelt erzeugt, ein ungewisser Schimmer, der auf Vertrautheit mit den +letzten Entscheidungen des Schicksals deutet. Im Schluß der Lippen liegt +ein bewältigter Zorn, der sich bald in Trauer wenden mag, oder eine +Stille, die die Resignation trotzig ablehnt; die Nase ersteht aus +Gruben, die von Seelenleiden ausgehöhlt sind, und um die Schläfen zuckt +es wie Nachgewitter von Leidenschaften, die gegen die Mitte der Stirne +hin sich in einen See ruhiger und reiner Gedanken auflösen. + +Dem Deutschen ward verliehen, die Dinge zu sehen und durch die Dinge +hindurch sich in ein Verhältnis zu Gott zu begeben. Zwischen ihm und +Gott steht das Ding; das Ding wird sein eigen oder Gott wird sein eigen, +er wird Gottes oder auch des Dinges. Symbolisch groß sieht man deshalb +auf der Dürerschen Melancholia eine Leiter, eine Sanduhr, einen Zirkel, +einen Würfel, ein Winkelmaß und manche andere »Dinge«. + +In vielen deutschen Märchen ist der schlummernde Königssohn, der +Schläfer, Siebenschläfer, Scheinschläfer eine Figur wie aus +Selbstanklage und dunkler Verheißung gewebt. Leicht versank der Deutsche +in sich selbst, verlor sich, vergaß sich, verspielte sich, versäumte die +Stunde, die Gelegenheit, die Tat. Kehrte er aber einmal sein Inwendiges +nach außen, so war seine Tat so heftig, wie vorher der Traum von ihr +glühend. Es mußte aber ein Unbedingtes sein, ein Höheres, gleichsam +nicht mehr das Ding, sondern Gott, was ihn wandelte. Dann bot er sich +zum Opfer an, und das Opfer war ihm selbstverständlich, die eigene +Person stets der Preis, den er ohne Prahlerei, mit vollkommener +Einfachheit des Gemütes einsetzte. + +Niemand kann kleiner sein als der Deutsche, wenn ihn die Alltäglichkeit +beherrscht, niemand platter und lichtloser; niemand aber auch größer, +wenn das Unbedingte an ihn herantritt, das Pathos großer Ereignisse ihn +hinaufreißt. In keiner Sprache gibt es ein Wort, das den Zustand +unnützer und spielerischer Wehrhaftigkeit so in den Bereich des +Komischen stellte wie das Wort Spießbürger; aber in keiner auch ein +Wort, das höchste Tugend so karg und metallen ausdrückte, wie das Wort +Held. Spießbürger und Held, das sind die Pole deutschen Lebens, und daß +aus einem Spießbürger ein Held werden kann, hat der Deutsche in jeder +Stunde der Gefahr bewiesen. Hierzu brauchte er nur den Glauben an die +Gerechtigkeit der Sache; es durfte nur der Sache nichts Erschlichenes +anhaften, nichts Künstliches, nichts Verfeinertes, nichts Advokatisches; +sie mußte sozusagen rauh und urtümlich sein und ihn im Mittelpunkt des +Herzens treffen, dann wurde sein Herz zum Mittelpunkt der Welt. + +Seine Anteilnahme kann bis zur Unbequemlichkeit lärmen, doch seine +Begeisterung ist fast immer von stiller Art. Romanischen Völkern eignet +oft eine Begeisterung ohne Tiefe, eine müßige und eitle, der +begleitenden Tat ermangelnde; deutsche Begeisterung ist wie Essenfeuer; +Hammer und Amboß, Huf und Schwert sind nicht weit davon entfernt. Der +still Begeisterte, mehr Erglühte als Entflammte, das ist der Mensch, der +des Fanatismus nicht fähig ist, und die Zustände jenseit der +Selbstbesinnung finden wir beim Deutschen mehr im Gebiet des Religiösen +und rein Geistigen, der Mystik und des Prophetentums, als in dem der +Politik und des gemeinen Lebens. + +So ist auch das Exzentrische dem deutschen Wesen fremd; seine Anlage ist +konzentrisch. Er ist gefaßt; er weiß um seine Grenzen, wennschon sein +Verlangen stets nach dem Grenzenlosen geht. Er ist beschaulich, bleibt +aber nicht im Bilde ruhen, sondern verirrt sich gern in die Labyrinthe +der Spekulation. Alles muß für ihn Bezug haben, Verbindung, Folge, -- +insoweit es das Geistige betrifft; daher seine Schwerfälligkeit, seine +Pedanterie, sein Respekt vor dem Wissen, sein Zuviel an Schulbildung, +sein Mangel an Glätte, an Schmiegsamkeit und an Manier. Insoweit es +aber das Gemüthafte betrifft, braucht er keinen Bezug und achtet keine +Folge; da wird ihm die Welt zum einheitlichen Gebilde, das Schicksal ein +gerechter Herr, und in seiner Seele ist die Menschheit. + +Wichtig vor allem ist ihm die Scholle; erstes Gesetz, die Hantierung, +die er gelernt, zur Vollkommenheit auszubilden; einem Herrn zu dienen +Bedürfnis und Freude; einen großen Gedanken in seiner Brust zu hegen und +zu wärmen beinahe Kultus. In den Zeiten seiner politischen Unreife +übersah er, daß die Scholle nur ein winziger Teil des Ganzen ist und +segensvoller gedeiht, wenn auf der Nachbarscholle nicht der beargwöhnte +Gegner, sondern der mitwirkende Freund haust; bedachte er nicht, daß die +Hantierung vom Allgemeinen aus- und zum Allgemeinen zurückgehen muß, +damit ineinanderwachsende Kräfte durch Überlieferung erstarken und +erblühen können und nicht das einzelne vereinzelt mit sich selber +stirbt; mißkannte er, daß es keinen Herrn gibt, der nicht der Diener +seiner Diener ist; versäumte es, sich zum Herren seiner Herren zu machen +und so, im Geflecht von Ordnung und Herrschaft, von Bürgerpflichten und +Herrenrechten, von Herrenpflichten und Bürgerrechten das glückliche +Glied eines glücklichen Volkes zu werden. + +Dies ist anders geworden. Es war ein Prozeß, so schwierig und +langwierig, daß die Besten immer wieder an ihrer Hoffnung verzweifelten +und das Blut edler Märtyrer vergeblich geopfert schien. Der Prozeß ist +gewonnen. Das verflossene Jahrhundert hat die deutsche Nation +wiedergeboren, sie aus romantischer Dämmerung an den lichten Tag der +Geschichte geführt und ihr, in Pflicht und Liebe, in Neigung und +Interesse das Reich der Realität geöffnet. »Der Realismus, welchen man +rühmend oder zürnend die Signatur der Gegenwart nennt,« sagt Gustav +Freytag, »ist in Kunst und Wissenschaft, im Glauben wie im Staate nichts +als die erste Bildungsstufe einer aufsteigenden Generation, welche das +Detail des gegenwärtigen Lebens nach allen Richtungen zu vergeistigen +sucht, um dem Gemüt neuen Inhalt zu geben.« + +Der Deutsche hat die ihm gemäße Art von Politik gefunden; ich möchte sie +die Politik des unbeirrbaren Triebes nennen; die Politik der Entfaltung, +der Erkenntnis und der Bestimmung. Sie kann der Winkelzüge, der +veralteten Rezepte und geheimen Wege entraten, da sie auf den +natürlichen Rechten des Geistes und Herzens ruht, nicht auf +willkürlichen Machenschaften, sondern auf einer Notwendigkeit und einer +welthistorischen Idee. + +Der Siebenschläfer, aufgewacht ist er ja längst, hat sich auf diesem +Planeten ein gewaltiges Haus gebaut. Gestern ist es unter Dach gebracht +worden. Schon grüßen die Tannenreiser vom First. + + + + +Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen + + +Nach dem glücklich beendeten Siebenjährigen Krieg sah Friedrich unter +seinen Tischgenossen vorzüglich gern den alten General Ziethen. Wenn +gerade keine fürstlichen Personen zugegen waren, mußte Ziethen immer an +der Seite des Königs sitzen. Einstmals hatte er ihn auch zum Mittagessen +am Karfreitag eingeladen, aber Ziethen entschuldigte sich; er könne +nicht erscheinen, weil er an diesem hohen Festtag immer zum heiligen +Abendmahl gehe und dann lieber in seiner andächtigen Stimmung bleibe; er +dürfe sich darin nicht unterbrechen und stören lassen. Als er das +nächstemal zur königlichen Tafel in Sanssouci erschien und die +Unterredung wie stets einen heiteren, fröhlichen und geistreichen Gang +genommen hatte, wandte sich der König mit scherzender Miene an seinen +Nachbar. »Nun, Ziethen,« sagte er, »wie ist Ihm das Abendmahl am +Karfreitag bekommen? Hat Er den wahren Leib und das wahre Blut Christi +auch ordentlich verdaut?« Ein lautes spöttisches Gelächter schallte +durch den Saal der fröhlichen Gäste. Der alte Ziethen aber schüttelte +sein graues Haupt, stand auf, und nachdem er sich vor seinem König tief +gebeugt, antwortete er mit fester Stimme: »Eure Majestät wissen, daß ich +im Kriege keine Gefahren fürchte und überall, wo es darauf ankam, für +Sie und das Vaterland mein Leben gewagt habe. Diese Gesinnung beseelt +mich auch heute noch, und wenn es nützt und Sie es befehlen, lege ich +meinen Kopf gehorsam zu Ihren Füßen. Aber es gibt einen über uns, der +ist mehr als Sie und ich und mehr als alle Menschen, das ist der Heiland +und Erlöser der Welt, der für Sie gestorben und uns alle mit seinem Blut +teuer erkauft hat. Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und +verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube. Mit der Kraft dieses +Glaubens hat Ihre brave Armee mutig gekämpft und gesiegt. Unterminieren +Eure Majestät diesen Glauben, so unterminieren Sie die Staatswohlfahrt. +Das ist gewißlich wahr. Halten zu Gnaden.« + +Die Tafelgesellschaft war totenstill geworden. Der König war sichtbar +ergriffen. Er erhob sich, reichte dem General die rechte Hand, legte die +linke auf seine Schulter und sagte: »Glücklicher Ziethen! Möchte ich es +auch glauben können! Ich habe allen Respekt vor Seinem Glauben. Bewahre +Er ihn. Es soll nicht wieder geschehen.« + +Kein Mensch hatte den Mut, ein Wort weiter zu reden. Auch der König fand +zu einem andern Gespräch keinen schicklichen Übergang, er hob die Tafel +auf und gab das Zeichen zur Entlassung. Dem General Ziethen befahl er: +»Komme Er mit in mein Kabinett.« + + + + +Böttiger + + +Unter die große Zahl merkwürdiger Männer, die das achtzehnte Jahrhundert +in Deutschland hervorbrachte, gehört auch Johann Friedrich von Böttiger, +der zufällige Erfinder des Porzellans. Böttiger war ein geborener +Sachse; er ward geboren zu Schleiz im Vogtlande, wo sein Vater bei der +Münze angestellt war. Da seine Mutter sich zum zweitenmal mit dem +magdeburgischen Stadtmajor und Ingenieur Tiemann verheiratete, erhielt er +frühzeitig Unterricht in der Mathematik und in der Fortifikationskunst, +zeigte aber eine auffallende Neigung zur Chemie. Schon mit zwölf Jahren +kam er als Lehrling in die Zornsche Apotheke nach Berlin, wo er sich +sofort aufs Goldlaborieren legte. Er wurde dabei durch den berühmten +Johann Kunkel aufgemuntert, der im Zornschen Haus verkehrte und von dem +jungen Menschen so bezaubert war, daß er überall seine Talente und +Kenntnisse rühmte. + +Um diese Zeit reiste ein großer Unbekannter durch Europa, der unter +mancherlei Namen und vielfach verkleidet auftrat. Er schien kein anderes +Ziel zu haben, als die Ehre der Alchimie zu retten, und verwendete +darauf ungeheure Summen, wenn auch mit großer Vorsicht. Wenn die +Transmutationen nach seinen Angaben versucht wurden und Aufsehen +erregten, war er immer schon weit entfernt und durch Namenwechsel +unerreichbar geworden. Er kehrte nicht leicht dahin zurück, wo er schon +gewesen, oder doch in ganz veränderter Gestalt. Dieser Unbekannte, +welcher Goldsamen ausstreute, bezeichnete sich, wenn man nach Pässen und +dergleichen fragte, als einen griechischen Bettelmönch und nannte sich +Laskaris; er wollte Archimandrit eines Klosters auf der Insel Mytilene +sein und führte als solcher auch ein Beglaubigungsschreiben des +Patriarchen von Konstantinopel mit sich. Da er das Griechische vollendet +sprach und sich auch sonst keine Blöße gab, wurde seinen Angaben +geglaubt, und man war sogar geneigt, ihn für einen Abkömmling der +kaiserlichen Familie Laskaris zu halten. Er sammelte Almosen zur +Loskaufung von Christen, die in türkische Gefangenschaft geraten waren, +allein man wollte bemerkt haben, daß er weit mehr an die Armen +verschenkte, als ihm die Kollekte eintrug, und demnach mochte es ihm mit +seiner Mission wenig ernst sein. Die Nachrichten über ihn beruhen auf +dem Zeugnis glaubhafter Personen, die ihn als einen Mann von gefälligem +Betragen schildern, sehr unterrichtet und voll von Interessen, was eher +auf einen gebildeten Abendländer, als auf einen morgenländischen +Klosterbruder schließen läßt. + +Als der geheimnisvolle Fremde im Jahre 1701 nach Berlin kam, erkundigte +er sich bei dem Gastwirt, ob es in Berlin auch Alchimisten gebe. An +dergleichen Narren sei kein Mangel, antwortete treuherzig der Wirt und +nannte unter anderen den Apotheker Zorn. Der Fremde ging bald darauf in +die Zornsche Offizin und fragte nach einem chemischen Medikament. Der +Provisor befahl einem Gehilfen, den Laboranten zu rufen. Es erschien ein +junger Mensch, der Lehrling Böttiger. Auf die Frage des Fremden, ob er +dem Laboratorium vorstehe, weil man ihn den Laboranten nenne, erwiderte +er gutmütig lachend, man tue dies zum Spaß, weil er in seinen +Nebenstunden zuweilen chemische Experimente mache. Dem fremden Herrn +gefiel der Jüngling, und zur Einleitung einer näheren Bekanntschaft trug +er ihm auf, ein Antimoniumpräparat herzustellen und ihm dieses ins +Gasthaus zu bringen. + +Als Böttiger das bestellte Präparat brachte, plauderte der Fremde mit +ihm. Böttiger wurde zutraulich und gestand, daß er den Basilius +Valentinus besitze und unverdrossen nach ihm arbeite. Er wiederholte +seine Besuche und gewann die Gunst des Fremden immer mehr. Als dieser +endlich abreisen wollte und die Pferde schon warteten, ließ er Böttiger +noch einmal rufen und eröffnete ihm, daß er selbst das große Geheimnis +besitze, und schenkte ihm zwei Unzen von seiner Tinktur, mit der +Anweisung, daß er noch einige Tage davon schweigen, dann aber die +Wirkung der Tinktur zeigen möge, wenn er wolle, damit man in Berlin die +Alchimisten nicht mehr Narren schelte. + +Nach der Entfernung des Fremden säumte Böttiger nicht, sich von dem Wert +des Geschenks zu überzeugen. Bald zeigte er den Gehilfen, die ihn bis +dahin verspottet hatten, gutes Gold als Produkte seiner Kunst und sagte, +er sei entschlossen, die Pharmazie aufzugeben, nach Halle zu gehen und +Medizin zu studieren. In der Tat nahm er den Abschied von seinem +Prinzipal und bezog eine Mietwohnung. Er verkehrte mit Alchimisten, +vornehmlich mit einem Laboranten namens Siebert. Eines Tages wurde er +von dem Apotheker Zorn zu Tisch gebeten. Er traf dort zwei Freunde, den +Pfarrer Winkler von Magdeburg und den Pfarrer Borst von Malchow. Die +beiden Geistlichen vereinigten sich, dem achtzehnjährigen Menschen +vorzustellen, daß er zum sicheren Broterwerb zurückkehren und nicht +einer eingebildeten Kunst nachhängen solle; das Unmögliche, sagten sie, +könne er doch nicht möglich machen. Er aber erbot sich, das Unmögliche +sogleich möglich zu machen, und forderte sie auf, Zuschauer zu sein. Die +ganze Tischgesellschaft verfügte sich nun mit ihm in das Laboratorium. + +Hier nahm Böttiger einen Tiegel und wollte Blei darin schmelzen, als +aber die Gegner sein Blei verdächtig finden wollten, wählte er statt +dessen Silbergeld von bekanntem Gehalt. Die preußischen +Zweigroschenstücke waren damals fünflötig, und von diesen nahm er +dreizehn Stück. Während sie zusammenschmolzen, brachte er eine silberne +Büchse hervor, die den Stein der Weisen in Gestalt eines feuerroten +Glases enthielt. Er löste davon einige Körnchen ab, streute sie auf das +fließende Metall und verstärkte die Glut. Danach reichte er den +Zweiflern das ausgegossene Metall dar, und staunend überzeugten sich +diese, daß es zum reinsten Gold geworden war. + +Dem Laboranten Siebert zeigte Böttiger eine größere Transmutation in +andern Metallen. Siebert mußte acht Lot Quecksilber in einem Tiegel heiß +machen; auf die Masse warf Böttiger soviel als ein Handkorn groß von +einem braunroten Pulver, das er zuvor in Wachs impastiert hatte. Dadurch +wurde das Quecksilber ganz und gar in Pulver verwandelt, dieses Pulver +wickelte er in Blei und ließ es schmelzen. Nach einer Viertelstunde war +alles Metall zu Gold geworden. + +Diese und andere Proben, welche Böttiger neugierigen Bekannten zeigte, +machten ihn bald zum Helden des Tages, und das um so mehr, als er nicht +für gut fand, die Wahrheit zu gestehen, sondern sich selbst als Erfinder +des Pulvers bewundern zu lassen. Die Erfahrenen nannten ihn Adeptus +ineptus und prophezeiten ihm Unheil, welche Prophezeiung sich auch bald +erfüllte. Die Stadtgespräche drangen in die königlichen Vorzimmer und +bis zu König Friedrich I. selbst. Der König ließ nachfragen und fand es +geboten, sich des jungen Adepten zu versichern. Schon war Befehl +erteilt, ihn zu verhaften, als ein Bekannter ihn warnte. In der Nacht +verließ er Berlin zu Fuß und eilte, Wittenberg zu erreichen. Während er +über die Elbe gesetzt ward, sah er hinter sich ein preußisches Kommando, +das man ihm nachgeschickt hatte. In Wittenberg wohnte seiner Mutter +Bruder, der Professor Kirchmaier, der auch als alchimistischer +Schriftsteller von sich reden gemacht hatte. Bei ihm wäre Böttiger +geborgen gewesen, allein der preußische Hof reklamierte ihn in Dresden +als preußischen Untertan. Der Grund hierzu blieb bei dem erregten +Aufsehen kein Geheimnis; der sächsische Hof ward aufmerksam. Man +verweigerte die Auslieferung, weil sich ergab, daß er in Sachsen geboren +sei. König August II. ließ ihn nach Dresden bringen und freute sich, daß +ihm ein so seltener Vogel zugeflogen war, denn die Nachrichten aus +Berlin ließen ihn nicht daran zweifeln, daß Böttiger wirklich ein Adept +sei. + +Böttiger zeigte dem Statthalter Fürstenberg die Tinktur und ihre +Wirkung. Er überließ ihm eine Probe seines Arkanums, auch ein Gläschen +voll Merkur, und damit reiste Fürstenberg zum König nach Warschau. +Fürstenberg mußte einen Eid leisten, daß er mit dem König nicht früher +eine Probe machen würde, als bis er auf Ehre und Gewissen versprochen +habe, Zeugen nicht zuzulassen, auch weder jetzt noch künftig jemandem +das Geheimnis zu entdecken. Ferner hatte Böttiger es ihm eingeschärft, +nicht ohne Gottesfurcht und Frömmigkeit ans Werk zu gehen, weil darauf +unendlich viel ankomme. + +Kaum war Fürstenberg beim König angelangt, als im Zimmer des Königs ein +Hund die Schachtel umwarf, in der sich das Glas mit Merkur befand, so +daß dieses zerbrach. Böttiger hatte versichert, der Merkur sei von ganz +besonderer Beschaffenheit, er war also in Warschau nicht zu ersetzen. +Nichtsdestoweniger nahmen am zweiten Weihnachtsfeiertag, in tiefer +Nacht, in einem der innersten Zimmer des Schlosses und bei verriegelten +Türen der König und Fürstenberg die Probe vor. Die beiden Tiegel, die +Böttiger mitgegeben hatte, wurden mit Kreide bestrichen, in den größeren +Tiegel die Tinktur mit Merkur, wie er in Warschau zu kaufen war, und +Borax getan, der zweite Tiegel darauf gestürzt und die Masse anderthalb +Stunden lang ins Glühfeuer gestellt. Das Resultat des Prozesses war +nicht Gold, sondern ein so fester Körper, daß man die Tiegel zerschlagen +mußte, um ihn zu gewinnen. Fürstenberg schrieb an Böttiger, daß der +König selbst über zwei Stunden beim Feuer gesessen sei; an der gehörigen +Frömmigkeit habe es bestimmt nicht gefehlt, da der König zwei Tage +vorher das heilige Abendmahl genossen und er, der Fürst, seine Gedanken +ebenfalls einzig auf Gott gerichtet habe; trotzdem sei das Experiment, +dessen Gelingen Böttiger dem König so sicher vorgespiegelt habe, +gänzlich mißlungen. + +Im Januar 1702 kehrte Fürstenberg wieder nach Sachsen zurück. Er traf +Böttiger, der in seinem Hause wie ein Gefangener behandelt wurde, höchst +unzufrieden; der lebenslustige junge Mensch drohte sich zu ermorden, +wenn man ihm nicht die Freiheit gebe. Fürstenberg ließ ihn deshalb auf +die Festung Königstein bringen, doch hier wurde Böttiger noch viel +wilder. Nach einem Bericht des Kommandanten schäumte er wie ein Pferd, +brüllte wie ein Ochse, knirschte mit den Zähnen, rannte mit dem Kopf +gegen die Mauer, arbeitete mit Händen und Füßen, kroch an den Wänden +entlang und zitterte am ganzen Leibe. Zwei starke Soldaten konnten +seiner nicht Herr werden; er hielt den Kommandanten für den Engel +Gabriel, verzweifelte wegen der Sünde an dem heiligen Geist an seiner +ewigen Seligkeit und trank dabei oft zwölf Kannen Bier täglich, ohne +betrunken zu werden. Man konnte nicht klar sehen, ob alles dies auf +Verstellung beruhte. + +Nun kam aber der Befehl vom Statthalter, ihn nach Dresden zu schaffen, +und Fürstenberg nahm ihn wieder in sein Haus. Hier war es, wo er mit dem +berühmten Tschirnhausen bekannt wurde. Ehrenfried Walter von +Tschirnhausen gehörte zu Fürstenbergs vertrautesten Freunden. Sooft er +von seinem alten Stammgut Kieslingswalde nach Dresden kam, wohnte er +beim Statthalter und arbeitete beim Fürsten in dessen Laboratorium. Er +war einer der ausgezeichnetsten Naturverständigen seiner Zeit, durch ihn +sind in Sachsen die Glashütten eingeführt worden. Er hatte zwölf Jahre +lang ganz Europa bereist und war Mitglied der Pariser Akademie der +Wissenschaften. Wie Kunkel in Berlin, so nahm sich Tschirnhausen in +Dresden Böttigers an, und dies verlieh Böttiger auf einmal wieder große +Wichtigkeit, so daß man jahrelang Geduld mit ihm hatte und immer hoffte, +er werde das große Werk leisten. Er selbst hoffte es. + +[Illustration: Joh. Friedr. Böttiger, nach einem Medaillon im Museum zu +Gotha.] + +Böttiger erhielt nun seine Einrichtung im königlichen Schloß. Er +bewohnte zwei Zimmer mit der Aussicht auf den Hofgarten, den sogenannten +Probiersaal und einige Gewölbe zum Laborieren, die große Opernstube als +Billardzimmer und das Kirchstübchen des Gärtners zu seiner Andacht. Alle +Räume waren neu möbliert worden. Er durfte in dem an seine Wohnung +stoßenden Feigengarten spazieren gehen, und wenn er ausfahren wollte, +stand ihm eine königliche Equipage zur Verfügung. Zu seiner +Beaufsichtigung wurde der Sekretär Nemitz bestimmt, der dafür ein +besonderes Zimmer im Schloß hatte, nach Belieben Gäste einladen konnte, +aber bei Verlust seiner Freiheit für Böttiger verantwortlich war. Außer +Tschirnhausen durfte niemand ohne seine Erlaubnis zu Böttiger gehen. Ein +Baron Schenk war angewiesen, Böttiger in dessen freien Stunden +Gesellschaft zu leisten, ihm die Zeit zu vertreiben und, wenn er es +verlangte, im roten Zimmer mit ihm zu speisen. Es speisten auch viele +andere Personen bei ihm, so der Bergrat Pabst von Ohain, der berühmte +Metallurg, der geheime Kammerier Starke, ein Liebling des Königs, der +seine Schatulle besorgte, und der Sekretär Malhieu; Tschirnhausen, der +Böttiger so lieb gewonnen hatte, daß er sich mehr in Dresden als in +Kieslingswalde aufhielt, war häufig sein Gast und brachte manchmal den +Statthalter mit. Böttigers Deputat im Schlosse waren mittags und abends +fünf Gerichte mit Wein und Bier. Das Tafelgerät war aus Silber. Er +konnte Geld haben soviel er wollte, man hielt ihm sogar Mätressen wie +einem vornehmen Kavalier. + +Böttigers Umgang hatte, wenn er bei Laune war, ungemein viel +Anziehendes. Er war ein jovialer Mensch mit der lebendigsten +Unterhaltungsgabe, mit der er alle zu bezaubern wußte. Der Statthalter +lebte mit ihm auf vertrautem Fuß, fuhr oft mit ihm nach Moritzburg auf +die Jagd, die Böttiger leidenschaftlich liebte, und schrieb ihm die +zärtlichsten Briefe. Auch der König, der sich mit Bezug auf Böttiger +überschwenglichen Hoffnungen hingab, behandelte ihn in seinen Briefen +mit großer Rücksicht. Er gratulierte ihm zum neuen Jahr, versichert ihm +wiederholt, daß der Statthalter die Vollmacht habe, alles nach Böttigers +Belieben einzurichten, und ihm niemand aufdringen dürfe, der von +»widrigem Naturell« sei. In Briefen des Königs an andere wird er +Monsieur Schrader genannt oder »die Person« oder »der Bewußte« oder +»l'homme de Wittenberg«; Böttiger selbst unterzeichnete sich nur mit +seinen beiden Vornamen oder mit Notus. + +Anderthalb Jahre lang war Böttiger vor dem Mißtrauen des Königs durch +den Hund geschützt, der in Warschau die Schachtel mit dem Merkurglas +umgeworfen hatte und der Vorwand genug gab, zu sagen, der König und sein +Minister seien bei dem Tingierversuch ohne Geschick verfahren. Während +dieser anderthalb Jahre lebte Böttiger in Herrlichkeit und Freude. Sein +Aufenthalt kostete dem König vierzigtausend Taler. Böttiger war bei den +Leuten von gutem Ton allgemein beliebt. Man speiste gern bei ihm, denn +er legte jedem Gast eine große, goldene Schaumünze von eigener Arbeit +unter den Teller; dies bewog sogar die Damen, sich zahlreich bei ihm +einzufinden. Man spielte auch gern mit ihm, weil er gern verlor. + +Die hohe Ehre hatte seinen Kopf so gänzlich eingenommen, daß er kaum der +Möglichkeit gedachte, sein Schatz könne erschöpft werden. Allenfalls +erwartete er von einigen Winken, die Laskaris im Gespräch hatte fallen +lassen, daß sie ihn auf den rechten Weg führen würden, wenn es Zeit sei, +ihn zu suchen. Diese Zeit schob er leichtsinnig hinaus, bis endlich +Bedürfnis und Verlegenheiten mahnten, an die Auffindung der Goldquelle +mit Ernst zu denken. Da fand er sich aber in seiner Hoffnung bedroht. +Was er auch probierte, alles schlug fehl, und er überzeugte sich, daß er +sich die Sache zu leicht gedacht habe und weit vom Ziel entfernt sei. +Die berechnende Politik seiner Gönner wähnte sich jetzt am Ziel. +Böttigers sechs Bediente waren schon längst gewonnen und belauerten ihn +Tag und Nacht. Was sie berichteten, gefiel nicht mehr. Man argwöhnte, +daß er die Umstellung merke und absichtlich das Rechte verfehle, um +seine Kunst für sich zu behalten. Da erfuhr man, daß er Vorbereitungen +treffe, um heimlich nach Österreich zu entweichen, und nun wurde seine +Wohnung, sogar sein Zimmer mit Wachen besetzt. + +Indessen hatte Laskaris, der noch in Deutschland reiste, seinen jungen +Freund nicht aus den Augen verloren, und der üble Ausgang, welchen +Böttigers Angelegenheiten in Dresden zu nehmen drohten, machte ihm +Sorge, da er sich vorwerfen mußte, den Jüngling in Versuchung geführt zu +haben. Er entschloß sich daher, ihn zu befreien und große Opfer nicht zu +scheuen. In solcher Absicht wagte er sich im Jahre 1703 zum zweitenmal +nach Berlin. Er ließ einen jungen Arzt, den Doktor Pasch, zu sich +kommen, der mit Böttiger vertrauten Umgang gehabt hatte und unternehmend +genug zu sein schien. Diesem eröffnete er alle Schwierigkeiten, trug ihm +auf, nach Dresden zu gehen, dem König Böttigers Unwissenheit zu erklären +und ihm für dessen Freilassung die Summe von achtmalhunderttausend +Dukaten zu bieten, die man in Holland oder in einer beliebig zu +bestimmenden deutschen Reichsstadt erheben könne. Um den Sendboten von +der Aufrichtigkeit seines Anerbietens zu überzeugen zeigte er ihm einen +Vorrat von Tinktur, der über sechs Pfund wog. Er bewies ihm durch +Versuche, daß mit dieser Masse ein Zentner Gold in lauter Tinktur +verwandelt werden könne, die dann noch drei- bis viertausend Teile +Metall in Gold zu veredeln vermöge. Er gab ihm eine Probe für den König +mit und versprach, ihn ebenso reich wie Böttiger zu beschenken, wenn er +sich seines Auftrages gut entledigte. + +Doktor Pasch begab sich auf den Weg. Er war mit zwei Herren verwandt, +die am Dresdner Hof großen Einfluß hatten. Durch ihre Vermittlung hoffte +er leichter zum König zu gelangen und machte ihnen deshalb sein Anliegen +bekannt. Sie urteilten aber, ein so hoher Preis werde den König eher +bestimmen, den Verhafteten noch besser zu bewahren, weil es ja den +Anschein habe, als lasse Böttiger selbst durch dritte Hand soviel für +seine Freiheit bieten. Außerdem meinten sie auch, daß dem König an ein +paar Millionen Talern nicht soviel gelegen sein könne als ihnen, und sie +kamen überein, Böttiger in der Stille fortzuschaffen und den Preis mit +Doktor Pasch zu teilen. + +Auf ihre Veranstaltung bezog Pasch eine Wohnung dicht neben dem Hause, +worin Böttiger bewacht wurde. Er konnte ihm aus dem Fenster zuwinken, +wurde sogleich von ihm erkannt, fand Mittel, ihm Briefe zu schicken, +erhielt auf demselben Weg die Antworten, gab ihm Kunde von der nahenden +Hilfe und verabredete mit ihm den Plan der Flucht. + +Böttigers Bediente ließen sich das Hin- und Hertragen der Briefe gut +bezahlen, berichteten aber höheren Orts über den Briefwechsel und +lieferten die folgenden Briefe aus. Nichtsdestoweniger gelang es +Böttiger zu fliehen. Er kam bis nach Enns in Österreich, wurde aber dort +aufgegriffen und nach Sachsen auf den Sonnenstein zurückgebracht. Doktor +Pasch war dritthalb Jahre lang Gefangener auf der Feste Königstein. Nach +vielen Bemühungen zeigte sich ein Soldat willig, ihm zur Flucht zu +verhelfen. Beide ließen sich an einem Seil herab, welches aber nicht bis +zum Boden reichte; der Soldat kam glücklich an, Pasch jedoch fiel auf +einen Felsen und zerbrach das Brustbein. Sein Gefährte trug ihn bis zur +böhmischen Grenze, und von da gelangte er auf Umwegen nach Berlin +zurück. Den Adepten Laskaris sah er nicht wieder, und seine Klagen, wie +er vergeblich Jugend und Gesundheit zugesetzt habe, wurden stadtkundig +in Berlin. Der König ließ ihn vor sich kommen und hörte seine Erzählung +an. Sein Körper blieb siech von jenem Fall; nach anderthalb Jahren starb +er. + +Auf dem Sonnenstein wurde Böttiger sehr streng bewacht. Im Januar 1704 +kam der König August nach Sachsen und lernte Böttiger persönlich kennen. +Er bestand darauf, daß der Bergrat Pabst zur Bereitung des großen Arkans +bei Böttiger förmlich Unterricht nehme. Pabst, Tschirnhausen und der +Statthalter beschworen nun feierlich sechsunddreißig Kontraktpunkte, die +auch der König durch seinen schriftlichen Eid unverbrüchlich zu halten +versprach. Böttiger machte zur Bedingung, daß von dem gewonnenen Golde +»nichts zur Üppigkeit sündhaften Aktionibus, boshafter Verschwendung, +unnötigen und unbilligen Kriegen verwendet werden dürfe; auch dürfe, wer +das Arkan besitze, nie einem Herrn dienen, der öffentlichen und +schändlichen Ehebruch treibe und unschuldiges Blut vergieße«. + +Im September 1705 übergab Böttiger auf zwanzig Folioseiten einen Prozeß +zum Universal; kurz darauf machte er einen Tingierversuch, welcher +gelang, aber der Kämmerer Starke sagte, es wären verschiedene Umstände +passiert, die »zu einem konzentrierten Betrug ziemlichen Soupson +gegeben«. Wiederholt bat nun Böttiger um seine Freiheit und machte den +König vor Christi Richterstuhl dafür verantwortlich. Der König ließ ihn +aber nicht los; vom Sonnenstein wurde er auf die Albrechtsburg bei +Meißen geschafft, dann kam er wieder auf den Königstein und im Herbst +1707 nach Dresden zurück. + +Hier ließ er nun Materialien aller Art herbeischaffen und verfuhr nach +der berühmten mephistischen Tafel, das heißt, er kochte alles +durcheinander. Und so, ganz zufällig, erfand er eines Tages, es war das +sechste Jahr seiner Haft, das braune Jaspisporzellan und später, als er +schon etwas methodischer zu Werke ging, das weiße Porzellan. Nach +Tschirnhausens Rat bildete er diese Erfindungen technisch aus, wobei er +seiner enthusiastischen Natur gemäß so eifrig war, daß er mehrere +Nächte in kein Bett kam. In einem Schreiben an den König gestand er +endlich, daß er kein Adept sei. + +Der König begnügte sich jedoch mit dem Porzellan, das ihm bei der +damaligen Kostbarkeit des chinesischen Porzellans beinahe so lieb wie +eine Goldfabrik war. Die Manufaktur wurde sofort im großen durch +herbeigezogene holländische Steinbagger betrieben. Das auf der +Albrechtsburg zu Meißen hergestellte Porzellan verdrängte bald das +chinesische und japanische, für das der König August noch Millionen +ausgegeben hatte, und wurde einer der begehrtesten Luxusartikel der +eleganten Welt. Eine Menge Dinge, die bisher aus Marmor, Metall oder +Holz gemacht waren, wurden jetzt aus Porzellan fabriziert, sogar Särge; +die Witwe eines Oberstallmeisters wurde in einem Porzellansarg begraben, +der aber beim Hinuntersenken in die Gruft zerbrach. Wahrscheinlich +hatten neidische Tischler die Leichenträger bestochen. Die +Hauptkunstwerke, die man in Meißen herstellte, waren die kleinen, aufs +feinste und schönste bemalten Figuren, und wie der »zerbrochene +Spiegel«, »das Blumenmädchen«, »die fünf Sinne« beweisen, brachte man es +darin zu einer hohen Vollendung. Der Vertrieb der Fabrik stieg bis über +zweimalhunderttausend Taler, und die Kosten betrugen nur die Hälfte; +gegen achtzig Kommissionslager und Handelshäuser führten das +Verkaufsgeschäft. + +Des Fabrikgeheimnisses wegen mußte Böttiger noch eine Zeitlang +Gefangener bleiben, doch zeigte sich der König sehr gnädig gegen ihn, +besuchte ihn häufig auf der Bastei und schoß mit ihm nach der Scheibe. +Er erhielt Zutritt zu den Privataudienzen, sooft er wünschte, und +wiederholt befahl der König, ihn vor Ärgernis zu schützen. Er schenkte +ihm einen Ring mit seinem Bildnis, einen jungen Bären und ein Paar Affen +und gab ihm offenen Kredit bei dem Hofjuden Meyer. Sechs Jahre nach der +Erfindung wurde ihm die Meißner Porzellanfabrik zur freien Disposition +ohne alle Rechnungslegung überlassen. Er lebte in Dresden auf großem +Fuß, hielt eine zahlreiche Dienerschaft und eine Menge Hunde. +Ausschweifungen in der Liebe und im Trunk verkürzten sein Leben; er +starb im März 1713, erst vierunddreißig Jahre alt. + + + + +Moritz von Sachsen + + +Kurfürst Moritz war der Sohn Herzog Heinrichs des Frommen und am 21. +März 1521 geboren. Er war ein kräftiger Mann, geschmeidigen Körperbaus; +sein braunes Gesicht verkündete den Helden. Seine Augen waren so +glänzend, daß sie funkelten und wie von Flammen sprühten; schaute er +unversehens jemand an, so mußte dieser den Blick niederschlagen. Seltsam +waren in seiner Erziehung die Elemente gemischt. Sein Vater, den die +Untertanen wegen seiner Gutmütigkeit liebten, war bei aller Frömmigkeit +ein Mann ganz eigenen Schlages. Er hatte einen sonderbaren Geschmack am +Bunten und eine sonderbare Vorliebe für Kanonen. Er ließ anstößige +Bilder auf die Kanonen malen, und Lukas Cranach mußte ihm dazu die +Zeichnungen machen. Er kaufte alle schönen Gemälde für seine Kanonen, +die er nur auftreiben konnte, und obgleich er das Geschütz nie brauchte, +konnte man ihm doch keine größere Freude bereiten, als wenn man ihm +sagte, Kaiser Karl habe von seinen Kanonen gesprochen. Vom Hof seines +Vaters kam Moritz an den des Kurfürsten von Mainz und sah hier das üppig +schwelgerische Treiben eines katholischen Kirchenfürsten. Und dann +weilte er bei seinem Vetter Johann Friedrich von Sachsen, wo er die +traurige Einförmigkeit eines protestantischen Hofes der damaligen Zeit +kennen lernte. Johann Friedrich hatte große Schwächen, der kluge Moritz +durchschaute sie, er faßte einen Widerwillen gegen den Vetter, er konnte +ihn nicht leiden, den dicken Hoffart, wie er ihn zu nennen pflegte. + +Noch ehe er zwanzig Jahre alt war, vermählte er sich mit Agnes, der +Tochter Friedrichs des Großmütigen von Hessen. Sein Vater war über die +verfrühte Ehe so unglücklich, daß der Kummer sein Leben verkürzte; er +starb wenige Monate nach der Hochzeit, und Moritz folgte ihm in der +Regierung. Trotz seiner Heiratsungeduld mußte aber seine Frau später +über ihn klagen, daß er die Wildschweinsjagd ihrer Gesellschaft +vorziehe. + +Moritz bekannte sich zur evangelischen Lehre wie sein Vater, aber er +trat nicht in den schmalkaldischen Bund, so oft ihn auch sein Vetter, +der Kurfürst, und sein Schwiegervater, der Landgraf, darum mahnten. Er +vermochte in der neuen Lehre nicht die Summe alles Heils zu sehen. Er +weigerte sich, eine Verbindung gegen den Kaiser abzuschließen, im +Gegenteil, er näherte sich dem Kaiser, je mehr sich die Bundesgenossen +von ihm entfernten. Er wollte nicht der Trabant _dieser_ Bundesgenossen +sein, er fand seinen nächsten und unmittelbaren Vorteil beim Kaiser. +Deshalb ließ er durch seinen Vertrauten Christoph Carlowitz mit +Granvella unterhandeln und kam dann im Mai 1546 persönlich zum Kaiser +nach Regensburg; hier trat er in den Dienst des Kaisers ein. Karl +ernannte ihn nicht nur zum Exekutor, Konservator und Schirmer von +Magdeburg und Halberstadt, nach deren Besitz Moritz schon lange +getrachtet hatte, sondern er versprach ihm auch die Kur Sachsen. Der Tag +von Mühlberg verschaffte ihm den Kurhut wirklich, und es schien ihn +nicht zu beirren, daß durch diese Schlacht sein Vetter in das bitterste +Unglück geriet. Luther hatte wohl recht gehabt, als er einmal bei der +Tafel den Kurfürsten davor gewarnt hatte, in Moritz einen jungen Löwen +aufzuziehen. + +Ende April 1547 rückten das kaiserliche Heer und die Scharen Herzog +Moritz' gegen Mühlberg. Der Kaiser Karl war ritterlich anzusehen, er saß +auf einem andalusischen Roß, das mit einer rotseidenen, goldbefransten +Decke behangen war; er war ganz in blanken Waffen, sein Helm und Panzer +vergoldet, mit dem roten burgundischen Feldzeichen geschmückt; in der +Rechten hielt er eine Lanze. Die Gicht hatte ihn grau und müde gemacht, +sein Gesicht war leichenblaß, die Glieder wie gelähmt, die Stimme so +schwach, daß man sie kaum vernahm. Zu früh aber hatten die Protestanten +ihn wie einen Verstorbenen betrachtet. Karl zitterte jedesmal, bevor er +die Waffenrüstung anlegte, aber dann erfüllte ihn plötzlich der Mut. So +war es auch am Tag von Mühlberg. + +Die ersten, die das Ufer der Elbe erreichten, waren Moritz und Herzog +Alba. Ein Bauer verriet ihnen, daß Johann Friedrich in der Stadtkirche +zu Mühlberg den Sonntagsgottesdienst abwarte, daß er sein Fußvolk schon +nach Wittenberg vorausgeschickt habe und nach der Predigt mit den +Reitern folgen wolle. Die spanischen Hakenschützen erhielten sofort den +Befehl, hinüber zu schwimmen; sie taten es, indem sie sich entkleideten +und die Säbel zwischen die Zähne nahmen. So bemächtigten sie sich der +Brücke, die die Kurfürstlichen vergebens anzuzünden versucht hatten, und +die sie zerstörten. Der Kaiser hatte schon über den dichten Nebel +geklagt, der über der ganzen Gegend lag, jetzt gegen Mittag erhob sich +der Nebel langsam. Er erblickte die Elbe, die Sonne trat heraus, aber +sie war rot wie glühendes Eisen und schien den ganzen Tag über still zu +stehen. Als später der König von Frankreich den Herzog Alba fragte, ob +sich denn wirklich bei dieser Schlacht die Geschichte Josuas erneuert +habe, erwiderte dieser: »Sire, ich hatte zu viel auf Erden zu tun, um +bemerken zu können, was am Himmel vorging.« Gegen alles Erwarten wurde +dem Kaiser durch einen Müller namens Strauch, dem die Kurfürstlichen +zwei Pferde weggeführt hatten, eine Furt gezeigt; Moritz, sein +Landesherr, versprach ihm dafür hundert Kronen, zwei andere Pferde und +einen Herrenhof. Die Furt war von festem Boden, sieben Pferde konnten +nebeneinander gehen, das Wasser reichte den Reitern bis an die Sättel. +Einige Kavaliere des Kaisers hatten große Furcht, wenn der Kaiser selbst +nicht vorangeritten wäre, hätten sie nicht gewagt, sich einer solchen +Gefahr auszusetzen. Am jenseitigen Ufer angelangt, schickte Moritz +einen seiner Offiziere mit einem Trompeter an den Kurfürsten und ließ +ihn auffordern, sich dem Kaiser zu ergeben. Johann Friedrich schlug es +ab. Er glaubte nicht an den Ernst der Dinge. Er konnte nicht glauben, +daß ein ganzes Heer die Elbe durchwaten könne; er vermutete ganz und gar +nicht, daß der Kaiser selbst gegen ihn anziehe; er zog sich vorsichtig +zurück, und seinem bedächtigen Sinn wurde die Situation erst klar, als +die Angriffe der kaiserlichen Armada immer ungestümer wurden. Jetzt +empfand er mit einemmal die große Verantwortlichkeit, daß er sich gegen +den ihm von Gott gesetzten Herrn, gegen das allerhöchste Reichsoberhaupt +vergangen habe. Auf freiem Felde fiel er vor seinen Leuten auf die Knie, +hob die Augen und Hände empor und betete: »Ach Gott im Himmel! Bin ich +mit meinem Vornehmen gegen die Majestät ungerecht, so strafe mich, aber +nicht mein Volk.« + +Er stellte sein kleines Heer in Schlachtordnung auf und bestieg einen +schweren friesischen Hengst; er trug einen schwarzen Harnisch mit weißen +Streifen und darunter noch ein Panzerhemd mit kleinen Ringen. + +Es war vier Uhr nachmittags. Der Vortrab der Kaiserlichen rückte zur +Hauptattacke zusammen; es waren die Reiter von Herzog Moritz, die +Neapolitaner und die Husaren. Mit dem Ruf »Hispania« und »das Reich« +brachen sie los. Die Kurfürstlichen feuerten. Aber von der anderen Seite +her rückten die vollen Gewalthaufen des Kaisers an. Die Haltung ihres +Kriegsfürsten hatte der kleinen sächsischen Armee wenig Zuversicht und +heldenmütiges Vertrauen eingeflößt. Da nun die Gefahr sich deutlich +offenbarte, rief er sie an, getreu bei ihm zu stehen, wie er getreu bei +ihnen stehen werde. Trotzdem kam allgemeine Verwirrung über die Leute. +Aber es traf noch etwas weit schlimmeres ein. Der Patrizier Imhof aus +Nürnberg, der unter Karls Fahnen diente, erzählt: »Es ist seltsam zu +vernehmen, wie des Kurfürsten Räte und große Hansen, so er bei sich +gehabt, mit ihm umgegangen sind. Wie die Schlacht angegangen, hat der +Kurfürst seinem Volke zugeschrien: 'er wolle auf diesen Tag Leib und +Blut bei ihnen lassen, sie sollten auch ehrlich halten bei ihm.' Als nun +das Treffen angegangen, haben seine Räte und großen Hansen, auf die er +sich verlassen, zur Flucht geschrien, auch unter sein eigenes Volk +gehauen und gestochen und die Ordnung seiner Haufen getrennt. Das habe +ich zu Torgau von etlichen von Karl gehört, auch habe ich an der +Walstatt gesehen, daß alles durch Verräterei zugegangen.« + +Das Heer stob auseinander, die Ritter zuerst, und als das Fußvolk die +Ritter fliehen sah, warf es Gewehre und Piken weg und suchte sein Heil +gleichfalls in der Flucht. Die Ritter entkamen, aber das Schicksal des +Fußvolks war schrecklich; obwohl es die Waffen weggeworfen hatte und um +Pardon bat, ward es samt und sonders niedergehauen. Karl, von Gottes +Gnaden römischer Kaiser, allzeit Mehrer des Reiches, zu Hispanien König, +hatte ausdrücklichen Befehl erteilt, alles über die Klinge springen zu +lassen. Damals lernte man im Herzen von Deutschland das Haus +Hispanien-Habsburg mit seinen Husaren kennen. + +Johann Friedrich, den seine Ritter verlassen hatten, sah sich plötzlich +ganz allein im Wald, wo alles voller Leichen lag, von Husaren vorn und +hinten umgeben. Der schwerbeleibte Herr mußte sich zur Wehr setzen, er +tat es ritterlich. Ein Ungar hatte ihn in die linke Backe gehauen, das +Blut rann ihm über das Gesicht auf den schwarz und weißen Harnisch +herab. Dennoch wollte er sich diesen Husaren und auch den +neapolitanischen Reitern, die ihn umdrängten, nicht ergeben. Endlich +sprengte ein Herr vom Hofgesinde des Herzogs Moritz heran, Thilo von +Trotha; dieser rief ihn auf deutsch an, Pardon zu nehmen. Johann +Friedrich ergab sich an diesen Deutschen; er zog einen Ring unter seinem +Panzerhandschuh hervor. Die Waffen des sächsischen Kurfürsten, Schwert +und Dolch, fielen den Ungarn zur Beute zu. + +Thilo von Trotha brachte den gefangenen Kurfürsten unter einer Bedeckung +von neapolitanischen Reitern zum Herzog von Alba. Dieser erstattete dem +Kaiser Meldung. Karl wollte den edlen Fang sogleich sehen, aber dreimal +weigerte sich der sonst so pflichtbewußte Alba, denn aus politischen +Gründen fürchtete er mit Recht, daß Karl in der ersten Hitze den +Kurfürsten allzu ungnädig behandeln werde. Der Kaiser bestand aber auf +seinem Willen. Er hielt in der Heide zu Pferd. + +Als der noch aus seinen Wunden blutende Johann Friedrich des Kaisers +ansichtig wurde, den er in seinen Absagebriefen als »Karl von Gent, der +sich römischer Kaiser heißt« betitelt hatte, seufzte er tief und rief +aus: #»Miserere miserere mei domine, nos sumus jam hic!«# Der Kaiser +erkannte den friesischen Hengst wieder; es war derselbe, den Johann +Friedrich vor drei Jahren auf dem Reichstag zu Speier geritten hatte. +Von Alba unterstützt stieg der Kurfürst vom Pferd, wollte nach +spanischer Sitte vor dem Kaiser aufs Knie fallen und zog auch wieder +nach deutscher Sitte seinen Blechhandschuh aus, um als Kurfürst dem +Kaiser die Hand zu reichen. Karl lehnte sowohl die spanische Devotions- +als die deutsche Vertraulichkeitsbezeigung ab. Er war sehr finster; er +wendete sich zur Seite. Endlich brach der Kurfürst das Stillschweigen +mit der Titulatur, mit der ihm die Kurfürsten schrieben. Er sprach: +»Großmächtigster, allergnädigster Kaiser.« Karl erwiderte: »Ja, ja, nun +bin ich Euer gnädiger Kaiser; Ihr habt mich lange nicht so geheißen.« +Der Kurfürst fuhr fort: »Ich bin auf diesen Tag Euer Gefangener und +bitte um ein fürstlich Gefängnis. Kaiserliche Majestät wolle sich gegen +mich als einen geborenen Fürsten halten.« Darauf sagte der Kaiser +zornig: »Ja, wie Ihr verdient habt. Ich will mich so gegen Euch halten, +wie Ihr Euch gegen mich gehalten habt. Führt ihn hin! Wir wissen uns +wohl zu halten.« + +[Illustration: Moritz von Sachsen, nach einem Holzschnitt aus der +Werkstatt Cranachs.] + +Erst spät in der Nacht kam Herzog Moritz von der Verfolgung der Ritter +und Reiter zurück, bei der ihm heller Mondschein geleuchtet hatte. Mehr +als zwanzig Stunden hatte er an diesem Tag zu Pferde gesessen, war mehr +als einmal dem Tod entgangen, und nun fand er den Stammvetter in +Gefangenschaft. Die Kur Sachsen war auf seinem Haupte fest. + +Karl zog nun vor Wittenberg und belagerte die Stadt. Die Bürger wollten +sich bis auf den letzten Mann wehren, und Johann Friedrich weigerte +sich, sie zur Übergabe aufzufordern. Da ließ der Kaiser durch ein +spanisches Kriegsgericht das Todesurteil über ihn aussprechen, welches +lautete, »daß bemeldeter Hans Friedrich, der Ächter, ihm zur Bestrafung +und andern zum Exempel durch das Schwert vom Leben zum natürlichen +Gericht fürgebracht und solch Urteil auf der im Feld aufgerichteten +Walstatt vollzogen werden solle.« + +Der Kurfürst, dem es im Glück so sehr an der nötigen Energie gemangelt +hatte, bewies im Unglück den ganzen Heldenmut des Glaubens, der sein +einfaches Gemüt durchdrang. Er vernahm das Todesurteil, als er eben mit +seinem Leidensgenossen Franz von Grubenhagen beim Schachbrett saß. Er +erwiderte gelassen: »Ich kann nicht glauben, daß der Kaiser also mit mir +handeln werde, ist es aber bei der kaiserlichen Majestät gänzlich +beschlossen, so begehre ich, man soll es mir fest zu wissen tun, damit +ich bestellen kann, was meine Frau und meine Kinder angeht.« + +Neun Tage lang ließ Karl seinen Gefangenen in der Todesfurcht schweben. +Dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Herzog von Cleve gelang es aber, +das Unheil abzuwenden: die Wittenberger kapitulierten. Johann Friedrich +blieb Gefangener des Kaisers so lange als es diesem gefallen würde; +selbst nach Spanien sollte er ihn schicken dürfen. Zum Unterhalt für ihn +und sein Haus wurde ein Teil von Thüringen mit einem Jahreseinkommen von +fünfzigtausend Gulden bestimmt. Es war ein Artikel in der Kapitulation, +demzufolge Johann Friedrich alles annehmen sollte, was das Konzil zu +Trident oder die kaiserliche Machtvollkommenheit in Sachen der Religion +beschließen werde; diesen Artikel anzunehmen weigerte sich der Kurfürst +beharrlich; Karl strich ihn mit eigener Hand wieder aus. + +Auf einer großen Wiese bei Blesern übertrug der Kaiser dem Herzog Moritz +das Kurfürstentum, und Moritz legte darauf sein Heer als Besatzung in +die Stadt Wittenberg. Das Volk nahm sie mit tiefem Herzeleid auf. Moritz +ritt zornig gerade aufs Schloß und sah keinem Menschen ins Gesicht. Zu +den Ratsmännern, die ihm die Aufwartung machten, sagte er: »Ihr seid +eurem Fürsten, meinem Vetter, so getreu gewesen, das will ich euch ewig +im guten gedenken.« + +Von Wittenberg aus zog der Kaiser gegen den Landgrafen von Hessen. Der +war schon längst kleinmütig geworden, und als er das Schicksal Johann +Friedrichs erfuhr, begann er mit Karl zu unterhandeln. Der Kaiser +forderte, daß er sich auf Gnade und Ungnade ergeben, hundertfünfzigtausend +Goldgulden Buße zahlen, seine Festungen schleifen und seine Kanonen +ausliefern solle. Dagegen wurde ihm schriftlich versichert, daß er Land +und Leben behalten, auch mit »einigem« Gefängnis verschont werden würde. +Die beiden Vermittler, Joachim von Brandenburg und Moritz von Sachsen, +verbürgten sich in dieser Verschreibung mit ihrem Ehrenwort gegen den +Landgrafen. Im Vertrauen auf die Kurfürsten nahm der Landgraf die +Bedingungen an. Moritzens Gemahlin, die Tochter des Landgrafen, tat vor +dem Kaiser einen Fußfall für ihren Vater. Der Kaiser war zu keiner +andern Erklärung zu vermögen, als daß der Landgraf sich auf Gnade oder +Ungnade zu ergeben habe. Nun kam der Landgraf nach Halle; er speiste mit +den beiden Kurfürsten zu Abend; am andern Morgen nahmen die drei Herren +ihr Frühstück bei Granvella, und hier unterzeichneten sie das +verhängnisvolle Schriftstück, in welchem, ohne daß sie es merkten, der +Ausdruck »einiges« Gefängnis verändert war in »ewiges« Gefängnis. Am +Nachmittag fand die Abbitte vor dem Kaiser statt. Der Kaiser saß auf dem +Thron unter einem vergoldeten Himmel, umgeben von seinen spanischen, +italienischen, niederländischen und deutschen Großen. Der Landgraf +Philipp kniete in schwarzsamtenem Kleid mit roter Binde kleinmütig und +traurig auf dem Teppich vor dem Throne, und hinter ihm las sein getreuer +Kanzler Tielemann von Günterode die Abbitte vor. Er las mit kläglichen +Gebärden und in kläglichem Ton; auf dem Gesicht des Landgrafen zeigte +sich ein Lächeln; es war vielleicht die unbewußte Hilfe seiner leichten +Natur gegen das Gefühl der Schmach. Aber der gravitätische Kaiser hob +langsam den Finger auf und sagte in seiner brabantischen Mundart: »Wart, +ik wöll dir laken lehr.« Nachdem der Reichsvizekanzler die Antwort des +Kaisers verlesen, Günterode sich dann höflich bedankt hatte, erwartete +der Landgraf des Kaisers Wink, um sich zu erheben. Dieser Wink erfolgte +nicht. Nun stand der Landgraf von selber auf und wollte dem Kaiser die +Hand reichen. Die kaiserliche Majestät jedoch sah sauer und hielt ihre +Hand zurück. Dafür ergriff Alba die Hand des Landgrafen und lud ihn und +die andern Fürsten zum Nachtmahl bei sich ein. Alba hatte sein Losament +im Schloß. Als die Tafel aufgehoben war, spielte der Landgraf Brett mit +einem der sächsischen Räte, es war zehn Uhr vorüber; da kündigte ihm +Alba auf einmal an, daß er sein Gefangener sei. Zugleich traten hundert +spanische Arkebusiere in den Saal. Die beiden Kurfürsten, die sich für +die Freiheit des Landgrafen verbürgt hatten, waren außer sich; Joachim +von Brandenburg rief, das sei ein Bösewichtsstück, zog den Degen, um +Alba den Schädel zu zerspalten, Moritz aber zeigte sich tief betroffen +und blieb bei seinem Schwiegervater die ganze Nacht hindurch. Er +versicherte ihm, daß da ein Mißverständnis vorliegen müsse, und er werde +mit dem Kaiser sprechen. Dies geschah. Der Kaiser sagte, daß sich ihm +der Landgraf auf Gnade und Ungnade ergeben habe; es sei weder Rede noch +Schrift davon gewesen, daß man ihn mit »einiger« Gefangenschaft +verschonen wolle, nur mit »ewiger« Gefangenschaft habe man ihn +verschonen wollen. Und so fand sich auch die Fassung in der Notel, die +die Kurfürsten am Morgen unterschrieben hatten, ohne sie näher zu +besehen. + +Diese spanische Arglist brachte eine große Wandlung in dem Herzen +Moritzens hervor. Er sah jetzt wohl, daß der Kaiser Karl darauf +ausging, Deutschland spanisch zu machen, aus dem von Schatzungen und +fremdem Kriegsvolk erdrückten Reich alles Wasser auf eine Mühle zu +leiten, und da erwachte in ihm der Deutsche. Ohne seinen kühn +verborgenen und kühn ausgeführten Widerstand wäre die spätere freie +Entwicklung Norddeutschlands unmöglich gewesen, und wenn heute nicht +ganz Deutschland ein österreichisches Gesicht zeigt, so ist es +vielleicht im letzten Grunde der Verwechslung jener Wörtchen »einig« und +»ewig« zu danken. + +Zunächst freilich mußte Moritz warten. Einerseits fürchtete er, der +Kaiser könne seine Drohung wahr machen und den Landgrafen nach Spanien +schicken. Anderseits mußte er gewärtigen, daß der allerdurchlauchtigste, +großmächtigste und unüberwindlichste Kaiser, welchen Titel Karl jetzt +mit einer furchtbaren Realität führte, dem Kurfürsten Johann Friedrich +wieder die Freiheit schenke, wodurch im Lande selbst Hader und Krieg +ausbrechen mußte. Er war jetzt in der Schlinge. Die Rache mußte +aufgeschoben werden. + +Er suchte von nun ab sein Heil in der Verstellung. Gerade weil er sich +zumeist sehr offen und rücksichtslos auszusprechen pflegte, konnte +niemand auf die Vermutung kommen, daß hinter dieser Derbheit eine +Berechnung verborgen sei. Als auf dem Reichstag zu Augsburg sich ein +protestantischer Fürst an den kaiserlichen Tisch setzen wollte, rief er: +»Hier ist kein Platz für Ketzer.« Selbst der undurchdringliche Kaiser +Karl konnte sich bisweilen verraten; er hatte sich in Regensburg durch +ein Lächeln verraten, als ihm die Protestanten ihre Schrift gegen das +Tridentiner Konzil überreichten. Moritz verriet sich niemals. Er pflegte +zu sagen: »Wenn ich wüßte, daß mein eigenes Hemd, das mir zunächst am +Leibe liegt, meine Gedanken kennte, ich würde es austun und verbrennen.« +Kein Mensch in Deutschland, keiner von seinen Freunden und Vertrauten +erfuhr etwas von dem, was er im Schilde führte. Er täuschte den Kaiser, +der ihn einmal getäuscht hatte, so sicher und vollkommen, daß das Stück, +das er vor dem spanischen Senjor aufführte, ohne Zweifel das größte +Meisterstück war, das jemals ein Deutscher zustande gebracht hat. + +Seiner gewöhnlichen Lebensweise nach mußte man glauben, daß nur das +Vergnügen und die Lustbarkeiten Reiz für ihn hätten. In seinem Hoflager +beschäftigte ihn unausgesetzt die Wildbahn im Dresdener Forst; er liebte +Trinkgelage, Ritterspiele und die Freuden der Fastnacht; ebenso suchte +er an fremden Höfen und auf Reichstagen das lustige Leben, und er machte +Kundschaft mit schönen Frauen. So schildert ihn Sastrow während des +Augsburger Reichstages: »Herzog Moritz hatte seine Kurzweil in der +Herberge eines Doktor Haus. Der hatte eine erwachsene Tochter, eine +schöne Metze, hieß Jungfrau Jakobina, mit der badete er und spielte +täglich Pharao mit ihr und dem wilden Markgrafen Albrecht. Sie lachte +fein lieblich und freundlich zu der Fürsten Scherzen und hielten also +Haus, daß der Teufel sich drüber freuen mochte und viel Sagens in der +ganzen Stadt davon war.« Die Befreiung seines Schwiegervaters schien ihm +nicht besonders am Herzen zu liegen. Der Landgraf, der öfter geäußert +hatte, Gefängnis fürchte er weit mehr als den Tod, wurde in Donauwörth, +wohin er gebracht worden war, sehr hart behandelt. Seine spanische Wache +lärmte Tag und Nacht in seinem Quartier; er beklagte sich bitter, daß +sie ihn auch bei Nacht visitierten, ob er nicht durch einen Ritz oder +durch ein Mäuseloch entwischt sei. Einmal schrieb er an Moritz: »Wenn +Euer Liebden so fleißig wären in meinen Sachen als im Bankettieren, +Gastladen und Spielen, wäre meine Sach lang besser.« + +Kein Wunder, daß der Kaiser glaubte, der vermöge am meisten bei Moritz, +der ihm bei seinen Vergnügen Vorschub leiste. Aber der bedächtige und +weitschauende Karl durchschaute den bedächtigeren und viel weiter +schauenden, scheinbar so uninteressierten und doch so interessanten +Moritz mit nichten. Auch die Venezianer, die größten Diplomaten der +damaligen Zeit, durchschauten ihn nicht. Der Gesandte Mocenigo sagt von +ihm: »Moritz hat viel Mut, aber, wie man glaubt, nicht viel Urteil, und +dazu ist er ein sehr leichter Herr. Von ihm hat Karl wenig zu fürchten.« + +Und doch wurde Moritz der Verderber des Kaisers. Als er alles zu seinem +großen Plan vorbereitet hatte, stürzte er wie ein Sturmwind über Karl +her und vernichtete ihn im Wetter. Lange zuvor, ehe der Schlag +ausgeführt wurde, hatte er sich mit dem nötigen Geld zu versehen gewußt. +Bereits im Jahre 1547 hatte er die Kleinodien des Meißner Domkapitels +einliefern lassen. Es waren darunter ausbündige Stücke: das silberne +Bild des Bischofs Bruno, mit Edelsteinen geschmückt, in der einen Hand +den Bischofsstab, in der andern ein Buch haltend, dreiundsiebzig Mark +schwer; Donatis silbernes Bild, zweiundfünfzig Mark schwer; Briccii +Haupt mit goldener Inful; dazu einhundertvierzig Kelche, alles zusammen +im Wert von hundertfünfzigtausend Gulden. Wo diese Schätze hingekommen, +wußte später niemand zu sagen, höchstwahrscheinlich hatte Moritz sie +heimlich einschmelzen lassen. Außerdem hatte er nach und nach bedeutende +Summen aufgenommen; nach seinem Tode hatte sein Bruder eine Schuldenlast +von über zwei Millionen Gulden zu tilgen. + +Im Sommer des Jahres 1550 finden sich die Spuren der ersten Annäherung +an Frankreich, mit dessen Hilfe Moritz den Kaiser zu demütigen dachte. +Im November darauf unternahm er, von Karl hierzu bestimmt, die +Belagerung von Magdeburg. Im Frühjahr des nächsten Jahres hatte er +Zusammenkünfte mit dem Bruder des Kurfürsten von Brandenburg und seinem +Schwager Wilhelm von Hessen und mit dem Herzog von Mecklenburg. Einige +Monate später verhandelte er mit Jean de Bresse, Bischof von Bayonne, +und das Bündnis mit Frankreich kam zustande. Es ward als eine +merkwürdige Vorbedeutung angesehen, daß ein Blitzstrahl durch das Zimmer +fuhr, in welchem der Vertrag abgeschlossen wurde. Im Januar 1552 +beschwor der König von Frankreich die Allianz mit Moritz und den +Kurfürsten. In deren Namen beschwor den Eid der Markgraf Albrecht von +Brandenburg-Kulmbach, der mit Schärtlin nach Chambord gegangen war. Der +französische König erhielt die Aussicht auf die deutsche Kaiserkrone und +unterdessen die drei Bistümer Metz, Toul und Verdun. + +Moritz entließ die vor Magdeburg versammelte Armee nicht, er vermehrte +sie im Gegenteil bis auf fünfundzwanzigtausend Mann. Er nahm Offiziere +in Dienst, die im schmalkaldischen Krieg gegen den Kaiser gedient +hatten. Er war so schlau, die Stärke seines anwachsenden Heeres dadurch +zu verbergen, daß er es verteilte und die Quartiere in den Dörfern +oftmals wechseln ließ. Wohl hatte der Kaiser seine Spione im Lager. +Moritz aber hinterging alle. Der Kaiser besoldete zwei geheime Sekretäre +am sächsischen Hof; Moritz wußte es, verstellte sich, zog sie zu allen +Beratungen, rühmte immer seine Treue gegen den Kaiser, und so meldeten +die bestochenen Leute lauter falsche Dinge. + +Die Venezianer faßten Argwohn, und dieser Argwohn verstärkte sich. Karl +erhielt Warnungsbriefe nach Innsbruck, und sein Bruder Ferdinand riet +ihm, den Landgrafen freizulassen. Der Kaiser antwortete: »Es wäre +seltsam, wenn Herzog Moritz alles vergessen sollte, was ich für ihn +getan, wenngleich die rücksichtslose Verwendung von so vielen Rebellen +in seinem Dienst mich auf einigen Verdacht bringt.« Die drei geistlichen +Kurfürsten wollten, erschreckt durch die Gerüchte, das Konzil zu Trident +plötzlich verlassen. Beruhigend schrieb ihnen der Kaiser: »Moritz hat +mir solche Zusicherungen gemacht, daß ich mir nur Gutes von ihm +verspreche, wenn es noch Glauben gibt im menschlichen Leben.« Seine +ausgesprochene Überzeugung war: »Die tollen und vollen Deutschen +besitzen kein Geschick zu derartigen Ränken.« + +Im März 1552 verließ Moritz Dresden und ging nach Thüringen. Bei Erfurt +und Mühlhausen stand seine Armee. Er zog mit großer Eile nach Augsburg, +wo er am 1. April ankam und sich damit, nach seinem eigenen Ausdruck, +»vor die Spelunke des Fuchses in Innsbruck setzte.« Er hatte sich +unterdessen mit dem Heer seines Schwagers vereinigt. + +Der Kaiser ließ sich trotzig vernehmen, daß er den Leib des Landgrafen +in zwei Teile zerlegen und jeder der Parteien, die ihn zwingen wollten, +einen Teil entgegenschicken werde. In Wirklichkeit war die Lage Karls +verzweifelt. Er hatte weder Truppen noch Geld. Sein Bruder hatte ihm +geschrieben, er brauche seine ganze Macht in Ungarn. Die geistlichen +Kurfürsten und der Herzog von Bayern wichen seiner Forderung um Hilfe +aus. Die Wechselhäuser in Italien und in den Niederlanden, sowie die +Fugger in Augsburg wollten keine Darlehen mehr geben. Karl hatte allen +Kredit verloren, denn er verfolgte die übelste Politik, die man gegen +Handels- und Geldleute treiben kann, nämlich die der Unehrlichkeit. So +erblickte er zum Beispiel die größte Sicherheit für die Treue der +Genuesen darin, daß er beschloß, ihnen die Kapitalien, die er ihnen +schuldig war, nie wieder zu bezahlen; denn, so sagte er sich, sie würden +sich hüten, mit einem Fürsten zu brechen, der ihnen so viel Geld +schuldig war. + +Der Kaiser wollte von Innsbruck aus nach London entfliehen, aber der +zweimal unternommene Versuch mißglückte. In einer Aprilnacht begab er +sich im tiefsten Geheimnis auf den Weg, so schwach und von +Gichtschmerzen geplagt er auch war. In seiner Begleitung befanden sich +nur zwei Kammerherren, zwei Diener und sein getreuer Barbier Van der Fé. +Sie ritten durch Wald und Gebirge und erreichten in der Frühe das Dorf +Nassereit. Hier blieb der Kaiser bis Nachmittag, und dann ritten sie bis +Paschelbach, eine Stunde von der Ehrenberger Klause. Van der Fé ward +aufs Schloß geschickt, um den Befehlshaber um Kundschaft zu erfragen. +Dieser berichtete, Moritz sei schon von Augsburg aufgebrochen und habe +Füssen besetzt, der Weg über Kempten sei unsicher durch des Herzogs +Reiter. Da entschloß sich Karl, wieder nach Innsbruck zurückzukehren. In +demselben tiefen Geheimnis langte er an, kein Mensch erfuhr etwas von +der Reise. + +Beim zweitenmal verkleidete er sich als altes Weib. Der Plan war, in +einem bedeckten Packwagen über Ehrwald und Hohenschwangau zu entkommen. +Der alte Kammerdiener Karls mußte sich in dessen Bett legen, und in der +Küche wurde gekocht, als ob der Kaiser noch im Schlosse wäre. Zwei kurze +Tagereisen wurden zurückgelegt, der neugebahnte Fernpaß überstiegen, und +im Dorfe Lermos stieg Karl aus, um eine Mahlzeit zu nehmen. Ein Mädchen, +das einmal sein Bildnis gesehen, rief bei seinem Anblick: »Ei, wie sieht +die alte Frau dem Kaiser so gleich.« Da erschrak Karl und kehrte +abermals um. + +Inzwischen war es dem König Ferdinand gelungen, Moritz zu einem +Waffenstillstand zu überreden, damit man zu Passau eine Versammlung +einberufen könne, die zu beraten habe, wie die Gebrechen der deutschen +Nation abzustellen seien. Diesen Stillstand benutzte Karl, und es gelang +ihm, einiges Geld und Truppen zu sammeln. Das Heer stand bei Reitti, +unfern der Ehrenberger Klause. Moritz zog zu Felde, schlug die +Kaiserlichen und eroberte die Festung. Nun lag der Weg zum Kaiser offen. +Die verbündeten Fürsten entschlossen sich, den Fuchs in seiner Spelunke +zu suchen -- da trat eine unerwartete Hilfe für den Kaiser ein: Moritz +mußte erst einen Aufstand unterdrücken, der unter einem Teil des +Fußvolks ausgebrochen war; die Leute forderten für den Sturm auf das +Ehrenberger Schloß die doppelte Löhnung. Die Sache stand so schlimm, daß +Moritz in Lebensgefahr war; er mußte fliehen und sich verbergen. So +erhielt der Kaiser Zeit, Innsbruck zu verlassen. Der Herr zweier Welten +mußte in einer kalten Frühlingsnacht, bei strömendem Regen und von +heftigen Schmerzen geplagt, in einer Sänfte fliehen; fliehen beim Schein +brennender Windlichter, mit denen die Diener die Engpässe der +Tiroleralpen erhellten. Alle Brücken wurden hinter ihm abgebrochen. Dem +Kaiser folgte der Kurfürst Johann Friedrich mit seinem alten Freund, dem +Maler Lukas Cranach. Zum erstenmal seit fünf Jahren sah der Kurfürst +sich nicht mehr von seiner spanischen Garde umgeben; er stimmte auf +seinem Wagen ein Lob- und Danklied an. + +Der Kaiser wandte sich nach Villach in Kärnten und blieb dort bis in +die Mitte des Sommers. Moritz zog am vierten Tage nach Karls Flucht in +Innsbruck ein. Alles was den Spaniern, dem Kaiser und dem +Kardinalbischof von Augsburg gehörte, überließ er seinen Landsknechten +als gute Beute; sie stolzierten in den prächtigsten Gewändern herum, auf +ihren Hüten glänzten portugiesische Goldstücke, und einer nannte den +andern »Don«. Moritz' Verbündeter, der König Heinrich von Frankreich, +zog ins Elsaß und erließ Manifeste, in denen viel von deutscher Freiheit +zu lesen war; auf einem sah man sogar einen Freiheitshut mit zwei +Dolchen und das Wort »Libertas« an der Spitze. Vor allem nahm der +Befreier Deutschlands Metz, Toul und Verdun weg. + +Moritz machte sich nun auf den Weg nach Passau, wo er mit dem König +Ferdinand, dem Herzog von Bayern und den Bischöfen von Passau, Salzburg +und Eichstädt den welthistorischen Vertrag abschloß, der den +Protestanten ihre Religionsfreiheit wieder sicherte. Nachdem der Friede +abgeschlossen war, führte er sein Heer dem König Ferdinand zu Hilfe +gegen die Türken, der Kaiser wandte sich gegen die Franzosen nach +Westen, und die gefangenen Herren von Hessen und Sachsen kehrten in ihre +Länder zurück. Karl entließ Johann Friedrich nicht ohne Zeichen der +Achtung, sogar der Rührung. Alle protestantischen Städte, durch die er +auf seinem Weg kam, empfingen ihn wie einen Heiligen und Märtyrer. In +Koburg traf er seine Gemahlin; sie hatte in den fünf Jahren ihre +Trauerkleider nicht abgelegt und fiel in Ohnmacht, als sie ihn +wiedersah. Die Ratsherren in Amtstracht und schwarzen Mänteln gingen ihm +entgegen, die Bürger in ihren Rüstungen und Feiertagsgewändern bildeten +Spalier, auf den Märkten standen die Geistlichen und die jungen Männer +auf der einen Seite, die eisgrauen Leute und die jungen Mädchen mit dem +Rautenkranz im fliegenden Haar auf der anderen, und die Knaben sangen +das Tedeum. Der Fürst schritt mit entblößtem Haupt hindurch, seine +Rückkehr ihrem Gebet zuschreibend, und hinter ihm ging sein lieber Lukas +Cranach. + +Auch der Landgraf von Hessen kehrte aus den Niederlanden nach Kassel +zurück. Er hatte Moritzens Vorhaben gegen den Kaiser durchaus nicht +glauben wollen und geäußert: »Wie will ein Sperling den Geier +angreifen?« Das Wunderliche geschah jetzt, daß man Moritz von allen +Seiten zu mißtrauen anfing. Da er so viele getäuscht, wenn auch zum +guten Zweck getäuscht, verdächtigte man sein Wesen ganz und gar. Wilhelm +von Hessen nannte ihn in einem Wortwechsel einen Verräter. Als er nach +den Passauer Tagen die Stadt Frankfurt am Main auffordern ließ, sich zu +ergeben, wurde ihm geantwortet, er möge erst fromm werden und die +Judasfarbe ablegen. + +Als er aus dem Türkenkrieg zurückgekehrt war, hielt er zur Fastnacht in +Dresden großes Rennen und Stechen, und dann mußte er in den Krieg gegen +seinen ehemaligen Freund und Bundesgenossen, den wilden Markgrafen +Albrecht. Dieser hatte die Friedenspakte nicht geachtet; es gefiel ihm, +das alte Faustrecht noch ferner in Deutschland zu üben, und er war ein +gefürchteter Mann, der seinen eigenen Weg ging. Er behauptete, der +Passauer Vertrag tauge nichts, die Pfaffen müßten gedemütigt werden. +Nebenbei suchte er auch die Pfeffersäcke zu rupfen, wie er die +Kaufherren der Städte nannte. Er umgab sich mit ein paar Tausend +Eisenfressern und zog im Namen des Evangeliums verheerend durch die +fränkischen und sächsischen Lande. + +Bei Sievershausen in der Lüneburgerheide traf Moritz seine plündernden +Scharen. Es gab ein kurzes Gefecht; hoch zu Roß, die rote Feldbinde mit +dem weißen Streifen um die Brust, kämpfte Moritz ritterlich. Eine +silberne Kugel traf ihn von hinten, zerriß seinen Panzer und drang durch +seinen ganzen Körper. Wilhelm von Grumbach, der fränkische Ritter, soll +sein Mörder gewesen sein. In einem Zelte, das man neben einem Zaun +aufgeschlagen hatte, empfing er die erbeuteten Fahnen und die Papiere +des Markgrafen, die er eifrig durchspähte. Er diktierte sein Testament, +und nach zwei Tagen starb er, zweiunddreißig Jahre alt. Sein letztes +Wort war: »Gott wird kommen,« das übrige verstand man nicht. + +Kaiser Karl V. liebte Moritz so sehr, daß er, als man ihm zu Brüssel die +Todesnachricht mitteilte, in die Worte ausbrach: »O, Absalom, mein Sohn, +mein Sohn!« + +Der wilde Markgraf wurde in die Acht getan, scheinbar gegen den Willen +des Kaisers. »Es ist alles dahin gerichtet, Deutschland eine Kappe zu +schneiden,« schrieb der Herzog von Braunschweig, der bei Sievershausen +seine zwei ältesten Söhne verloren hatte, an Philipp von Hessen, »der +Kaiser will die Fürsten nur gegeneinander hetzen. Er hat zwar Albrecht +als seiner Hetzhunde einen gebraucht, würde es aber gern sehen, wenn ihm +ein Rad übers Bein ginge.« + +Albrecht flüchtete nach Frankreich, kehrte später nach Deutschland +zurück und starb elend in Pforzheim, erst fünfunddreißig Jahre alt. + +So endete die Reformation, die als eine Angelegenheit des Volkes +begonnen hatte, als ein Zusammenbruch der Fürsten. + + + + +Wallenstein + + +Albrecht Wenzel Eusebius Baron von Waldstein oder Wallenstein entstammte +einem alten böhmischen Geschlecht, dessen Name schon im zwölften +Jahrhundert zu finden ist. Er war am 15. September 1583 geboren und kam +zwei Monate zu früh auf die Welt. Seine Eltern waren Protestanten, und +beide verlor er bald, den Vater, als er zehn, die Mutter, als er zwölf +Jahre alt war. Sein Oheim, Albrecht Slavata, ließ ihn in der Schule der +böhmischen Brüdergemeinde unterrichten, aber ein zweiter Oheim, Johann +von Ricam, nahm ihn von dort weg und brachte ihn in das adelige +Jesuitenkonvikt nach Olmütz, wo ihn Pater Pachta der katholischen Kirche +zuführte. + +Die im Volk verbreiteten Sagen über den hochfahrenden und trotzigen Sinn +Wallensteins beschäftigten sich auch mit seiner Kindheit. So hieß es, es +habe ihm einst auf der Schule zu Goldberg geträumt, daß Lehrer und +Schüler, ja selbst die Bäume des Waldes sich vor ihm verneigt hätten, +und als er diesen Traum erzählte, sei er lebhaft verspottet worden. + +Von Olmütz aus ging er auf Reisen; er machte mit einem reichen jungen +Edelmann aus Mähren die europäische Kavaliertur nach Holland, England, +Frankreich und Italien. Ihr gelehrter Begleiter war der Mathematiker und +Astrolog Verdungs, ein Franke; durch ihn und den Professor Argoli in +Padua wurde Wallenstein in die geheimen Wissenschaften der Sterne und in +die Kabbala eingeweiht. Nach seiner Rückkehr diente er dem Kaiser Rudolf +gegen die Türken und dem König Ferdinand unter Dampierre gegen die +Venezianer. In diesem Feldzug konnte er schon ein Dragonerregiment auf +eigene Kosten stellen, denn er war durch die Heirat mit einer begüterten +alten Witwe zu Vermögen gekommen. Lukrezia von Landeck hieß die Frau; um +seine Neigung zu gewinnen hatte sie ihm einen Liebestrank eingegeben, +der ihm fast den Tod gebracht hätte. Sie lebte nur wenige Monate an +seiner Seite. + +Nach der Kampagne gegen Venedig erhob ihn der Kaiser Mathias in den +Freiherrenstand und ernannte ihn zum Obrist, Hofkriegsrat und Kämmerer. +Beim Ausbruch der böhmischen Unruhen waren seine Fähigkeiten schon +anerkannt; die Böhmen wollten ihn zu ihrem General machen. Er blieb aber +dem Kaiser treu und flüchtete von Olmütz aus mit der Kriegskasse nach +Wien. Im Jahre der Prager Schlacht erhielt er die Reichsgrafenwürde, und +nach dem Nikolsburger Frieden schenkte ihm der Kaiser die an Schlesien +und an die Lausitz grenzende Herrschaft Friedland, die aus neun Städten +und siebenundfünfzig Dörfern und Schlössern bestand; seitdem hieß man +ihn nur den »Friedländer«. Auch wurde er Fürst des Reiches. Sein +Vermögen entsprach der fürstlichen Würde; er war allmählich durch den +Ankauf konfiszierter Güter, die um einen Spottpreis zu haben waren, der +reichste Grundherr Böhmens geworden. Er betrieb den Güterschacher im +allergrößten Stil, denn er verkaufte auch wieder. Um dieses Freiwerden +adeliger Besitztümer verständlich zu machen ist es notwendig, auf die +Ursache hinzuweisen. + + * * * * * + +Als Ferdinand im Jahre 1619 seinem Vetter Mathias folgte, war er bereits +einundvierzig Jahre alt, ein kleiner, korpulenter Herr von gesunder +Leibesbeschaffenheit und gemäßigter Lebensführung. Der beherrschende Zug +seines Wesens war die Frömmigkeit. Khevenhüller schildert ihn, wie er +einmal während einer Jagd den Trägern des heiligen Sakraments begegnete, +umkehrte und barhäuptig bis an das Lager des Sterbenden folgte. Was +Philipp II. für Spanien gewesen, wollte er für Deutschland sein. »Besser +eine Wüste, als ein Land voll Ketzer,« war sein Wahlspruch. Die Priester +waren für ihn die Stimme Gottes, und jeden einzelnen verehrte er als +überirdische Erscheinung. »Tritt mir ein Priester und ein Engel zugleich +in den Weg,« so soll er sich einst geäußert haben, »so werde ich dem +Priester zuerst meine Ehrfurcht erweisen.« Dies galt freilich nur für +die spanisch-aristokratischen Geistlichen, die sich zu dem System der +unbedingten Ketzerausrottung bekannten. Er hörte alle Tage zwei Messen +in der kaiserlichen Kapelle, am Sonntag außerdem die Messe in der +Kirche, eine deutsche und eine italienische Predigt und nachmittags die +Vesper; während der Adventszeit versäumte er keine Frühmette, und an +allen Prozessionen nahm er zu Fuße teil. Seine Gewissensräte, die +Jesuiten Lamormain und Weingärtner, hatten sein ganzes Herz in der Hand +und lenkten es, wie der Orden wollte. Er war stark durch seinen +Starrsinn. Alles Unglück ertrug er mit der Geduld des Hasses, den er +gegen die Ketzer empfand; all das selbstverschuldete, durch Mangel an +Treu und Glauben herbeigeführte Unglück erschien ihm als eine +vorübergehende Prüfung Gottes. Er war der unversöhnliche Feind der +Protestanten in Deutschland und Böhmen; die Rache, die er an ihnen üben +wollte, war der Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefühle. + +Nach des Kaisers Mathias Tode zog das böhmische Protestantenheer gegen +Wien. Ferdinand befand sich in der Hofburg. Er war ohne Soldaten und +ohne Geld. Er schien verloren. Seine Räte drängten ihn, nach Tirol zu +fliehen, selbst die Jesuiten stimmten für Nachgiebigkeit. Ferdinand +weigerte sich. Die Lage war furchtbar; Geschosse flogen in die +kaiserlichen Fenster, Ferdinand mußte sein Wohnzimmer verlassen. Er +betete gegen seinen Feind. Seine Bedrängnis nutzend, erschienen sechzehn +protestantische Herren der österreichischen Stände vor ihm und +forderten, er solle seine Einwilligung zu der Union mit den Böhmen +geben. Ferdinand weigerte sich, die Schrift zu unterzeichnen. Da faßte +Andreas Thonradtel den Kaiser bei den Wamsknöpfen und rief ihm zu: +»Nandl, gib dich, du mußt unterschreiben.« In diesem Augenblick +schmetterten Trompeten im Burghof; es waren die Dampierreschen +Kürassiere, die durch das Wassertor in die Stadt gedrungen waren. Sie +retteten den Kaiser. Furcht und böses Gewissen trieben die Herren von +der protestantischen Adelskirche aus Wien. Der böhmische General hatte +die Gelegenheit versäumt, und Ferdinand entschloß sich rasch und kühn, +nach Frankfurt zu reisen und sich dort zum Kaiser krönen zu lassen. Aber +gerade in dieser Zeit sprachen ihm die Böhmen in Prag die königliche +Würde ab. Sie entsetzten ihn als einen Erbfeind der Gewissensfreiheit, +als einen Sklaven Spaniens und der Jesuiten, und sie wählten an seiner +Statt den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König, ein +unglücklicher Schritt, der die Erbitterung aller drei Religionsparteien +auf die Spitze trieb, denn Friedrich war Kalvinist, und nach Luthers +Wort waren die Kalvinisten siebenmal ärger als die Päpstlichen. + +Friedrich war ein schöner, stattlicher und galanter Mensch von +dreiundzwanzig Jahren. Als er zu Amberg die Nachricht erhielt, daß er +König geworden sei, war er betroffen und konnte keinen Beschluß fassen. +Erst auf das dritte Schreiben der Böhmen reiste er nach Prag und war nun +guten Mutes. Er verließ sich auf seinen mächtigen Schwiegervater, den +König von England, er verließ sich auf die Hilfe der deutschen Städte, +der Hugenotten in Frankreich und der Graubündtner, die ihm versprachen, +den spanischen Armeen die Pässe zu sperren, und am meisten verließ er +sich auf seine Jugend. + +Doch war er von Anfang an ein verlorener Mann. Wohl stand er an der +Spitze einer evangelischen Union, viel mächtiger aber war die +Vereinigung der katholischen Fürsten, welchen aus Haß gegen die +Kalvinisten auch der protestantische Kurfürst Johann von Sachsen sich +gesellte, und als nun gar der König von Frankreich Gesandte an die +Fürsten der Union schickte, um sie von Friedrich abzubringen, machten +diese ihren Frieden mit der katholischen Liga, und von allen verlassen, +sah Friedrich von allen Seiten her die Feinde gegen sich losstürmen. Er +hatte es nicht verstanden, die böhmischen Herren zu gewinnen; er hatte +es nicht verstanden, sich bei diesen Aristokraten in Respekt zu setzen, +die einen König nur zum Schein haben wollten, und daß er ihnen ihre +krummen Sachen gerade biege. Sie hatten nur ihre Feudalrechte, +Freiheiten und Privilegien im Sinn, nannten den Kaiser einen blinden +Hund, den Herzog Max die bayrische Sau und den Kurfürsten von Sachsen +den meineidigen, trunkenen Klotz, und als Friedrich sie einmal um sieben +Uhr früh zu einer Ratsversammlung bescheiden ließ, wurde ihm erklärt, zu +solcher Tageszeit könnten sie nicht kommen, der Mensch müsse nach der +Arbeit seine Ruhe haben. + +In der Stadt herrschte die größte Unsicherheit. Jeden Tag wurden ein +paar Menschen ermordet. Ehebruch und Hurerei wurden zur Plage. Die +Ernstgesinnten fanden sich durch Friedrichs Vorliebe für französische +Sprache, französische Sitten und Moden beleidigt. Man verspottete ihn, +wenn er im rotsamtenen Pelz, mit weißem Hut und gelben Federn abends im +Schlitten durch die Stadt fuhr. Aber am meisten verdarb er seine Sache +dadurch, daß er die Bilderstürmerei zuließ. Allenthalben wurden die +Altäre zerstört, die Kruzifixe zerschlagen, die Gräber der Schutzpatrone +aufgerissen und beraubt, die Geräte weggeführt, die schönen Stoffe +verbrannt und das geschnitzte Holzwerk zerhackt. Als das große steinerne +Kruzifix auf der Moldaubrücke fallen sollte, entstand ein Aufruhr, und +man mußte der Wache befehlen, jeden in den Fluß zu werfen, der die +Statue anzutasten wage. + +So standen die Dinge, als Max und Tilly heranzogen, die glühenden +Katholiken, die vor Eifer brannten, die böhmische Hauptstadt den Klauen +des Ketzers zu entreißen. Die Jahreszeit war vorgerückt, es fing an rauh +und kalt zu werden. Der General Boucquoy war gegen rasche Maßregeln, +aber Tilly rief jederzeit im Kriegsrat, wo er vor Ingrimm und Ungeduld +stets etwas zu zerknittern oder zu zerreißen pflegte: »Prag, Prag.« Im +Frühnebel des 8. November stand die ligistische Armee endlich vor Prag. +Der Morgen war bitterkalt, der Boden festgefroren. Abermals wollte +Boucquoy den entscheidenden Schlag nicht wagen. Da trat ein spanischer +Karmelitermönch auf, riß ein von den Böhmen verstümmeltes Marienbild aus +der Kutte und hielt es hoch empor. Herzog Max rief überlaut: »Heilige +Maria!« und »heilige Maria« wurde das Feldgeschrei des Tages. Es war +Mittag, und die Sonne trat aus den Nebeln. Das Vorrücken zur Schlacht +geschah in Massenvierecken des Fußvolks, die Reiterei zog auf beiden +Flügeln mit. Die böhmischen Kanonen schossen in die Vierecke, und die +ungarischen Reiter machten einen Angriff. Boucquoy und Herzog Max, die +sich im Rücken der Armee befanden, hielten die Fliehenden mit dem Degen +in der Faust auf. Nun führte der Reiteroberst Pappenheim seine +Kürassiere gegen die Ungarn. Ein junger polnischer Lancier erstach das +Pferd des den Böhmen verbündeten Herzogs von Anhalt. Er stürzte und +wurde gefangen. Dieser Zufall war entscheidend. Die Ungarn ergriffen die +Flucht, ihre Flucht verwirrte die ganze böhmische Schlachtordnung, und +die Neapolitaner erstürmten die Schanzen und nahmen die Batterien. Die +Schlacht war nach einer Stunde zu Ende. Eine einzige Stunde hatte das +Schicksal Böhmens, ja das Schicksal Deutschlands für Jahrhunderte +entschieden. + +Im königlichen Tiergarten hatte Pappenheim gegen eine auserwählte Schar +von jungen Adeligen gekämpft. Mit zahllosen Hieb- und Stichwunden +bedeckt, fiel er und lag die ganze kalte Novembernacht hindurch ohne +Bewußtsein unter Leichen und Pferden. Am andern Morgen kam ein Kroat +über ihn. Er biß ihn in den Finger, weil der schöne Ring, den er trug, +sich nicht anders wollte abziehen lassen. Das herzhafte Zubeißen des +wilden Mannes brachte Pappenheim wieder ins Leben. Er blickte den +Kroaten finster an und fragte: »Kerl, was willst du?« Der Kroat +erwiderte: »Du hast gute Kleider an, du mußt sterben.« Obgleich halbtot, +versetzte ihm Pappenheim eine gewaltige Ohrfeige, versprach aber dann, +ihn gut zu belohnen, wenn er ihn zu einem Wundarzt führe. Der Kroat +willfahrte. + +Am Morgen nach der Schreckensnacht stieg Friedrich, der Winterkönig, in +den Reisewagen, ließ alles im Stich, Krone, Kleinodien, Archiv und +geheime Kanzlei, und fuhr über Breslau und Berlin nach Holland. + +Die Rache des Kaisers war glänzend. Er wartete; er wartete sieben Monate +lang. Er wollte die böhmischen Landherren sorglos machen und die Vögel +sicher ins Garn locken. Es gelang ihm nur zu gut. Max und Tilly hatten +Amnestie verbürgt. Tilly gab den Rat, die Stände nicht zur Verzweiflung +zu treiben; aber die Klugen, die den Kaiser lenkten, waren der Meinung, +daß Leute, die ein schlechtes Gewissen haben, keine verzweifelten +Schritte tun, sondern daß solche Leute es lieben, sich zu ducken. + +Eines Tages wurden plötzlich achtundvierzig Häupter des Aufstandes +verhaftet und auf den Hradschin gefangengesetzt. Noch hatte Ferdinand +seine Bedenken, ob er mit den Rebellen auf spanische Art verfahren +solle. Der Jesuit Lamormain machte dem Spintisieren ein Ende, indem er +erklärte, er nehme alles auf sein Gewissen. Am andern Morgen war der +Blutbote auf dem Wege nach Prag, um dem Statthalter die kaiserlichen +Befehle zu überbringen. + +Schlag vier Uhr früh ertönte der Knall einer Kartaune vom Hradschin. Die +Gefangenen, von einer Reiterschwadron und zweihundert Musketieren +begleitet, wurden in bedeckten Wagen zur Altstadt heruntergeführt. Der +Richtplatz war unmittelbar vor dem Rathaus, gegenüber der Theinkirche, +wo der goldene Hussitenkelch mit dem Schwerte stand. Das Schafott war +mit rotem Tuch behangen; auf einer Bühne unter einem Baldachin saß der +Statthalter und elf vom Kaiser verordnete Kommissarien. Es war ein +regnerischer Junimorgen, aber zum Trost der Märtyrer spannte sich ein +schöner Regenbogen über den Lorenzberg. + +Der Scharfrichter köpfte innerhalb vier Stunden vierundzwanzig Personen, +drei wurden gehenkt. Es waren lauter protestantische Köpfe bis auf den +des Grafen Czernin, der Katholik war. Er mußte sterben, weil man den +Schein retten wollte, daß das Blutgericht keine Religionsverfolgung, +sondern eine abgedrungene politische Maßregel sei. Es waren meist ganz +alte Leute, die exekutiert wurden; zehn von ihnen zählten zusammen über +siebenhundert Jahre. + +Der Kaiser tat noch ein übriges für die Opfer: er betete, während sie +hingerichtet wurden. Er hatte zu diesem Zweck eine Wallfahrt nach +Mariazell angetreten, lag vor dem Bild der Mutter Gottes auf den Knien +und flehte, daß die Böhmen noch vor ihrem Tod in den Schoß der +alleinseligmachenden Kirche zurückgeführt werden möchten. + +Elf Monate nach dem Bluttag ließ Ferdinand einen Generalpardon +verkündigen. Wer sich schuldig fühlte, sollte sich selbst anklagen, um +die kaiserliche Verzeihung zu erhalten. Die Vögel liefen ins Garn. +Siebenhundertachtundzwanzig Herren vom Adel, Ritter und Barone, stellten +sich freiwillig. Sofort wurden ihre Güter konfisziert. Teils ganz, teils +halb, teils ein Drittel. Im kaiserlichen Kabinett fehlte es an Geld. Die +konfiszierten Vermögen ergaben die Summe von dreiundvierzig Millionen +Gulden, eine ungeheure Summe für jene Zeit. Sie erlaubte dem Kaiser, den +Krieg fortzusetzen. Alle Güter kamen in andere Hände. Es wechselte der +ganze Besitzstand. Hundertundfünfundachtzig adelige Geschlechter und +viele Tausende von Bürgerfamilien verließen die Heimat und wanderten ins +Ausland, und ganz Böhmen, ganz Mähren und ganz Österreich wurde mit +Gewalt wieder katholisch gemacht. + + * * * * * + +Der Anteil Wallensteins an der Rebellenbeute betrug nahezu ein Drittel. +Sein Reichtum spielte eine wichtige Rolle in den Ereignissen der Zeit. +Denn als in Deutschland der Krieg erwachte, als der König von Dänemark +sich mit Mansfeld und dem Herzog von Braunschweig verband, als Holland, +England und Frankreich sich anschickten, den Protestanten gegen das Haus +Habsburg Hilfe zu leisten, sah sich der Kaiser ohne genügende Mittel zur +Ausrüstung und Besoldung eines großen Heeres. Da erbot sich Wallenstein, +der unterdessen durch die Heirat mit der Gräfin Harrach, der Tochter +eines Günstlings des Kaisers, höfische Beziehungen erlangt hatte, zum +Helfer. Wallenstein wollte den Krieg in großem Stile führen. Der Kaiser +befahl ihm, ein Heer von zwanzigtausend Mann zu werben. Dies schlug er +aus. Ein Heer von vierzig- bis fünfzigtausend Mann wollte er stellen, +denn ein solches Heer, meinte er, werde sich selbst zu ernähren wissen. +Er erhielt darauf die Vollmacht für diese Zahl und zugleich den +unbeschränkten Oberbefehl als Generalissimus des Kaisers. Wenige Monate +vergingen, und die Armee war beisammen. Sein Name lockte; nicht bloß +unbeschäftigte und hungrige Menschen traten unter seine Fahnen, sondern +es kamen auch als Offiziere Männer von höchstem Rang. Das Hauptquartier +des Heeres war in Eger. + + * * * * * + +Wallenstein war zum Kriegsfürsten geboren. Er trat im höchsten Prunk auf +und imponierte durch seinen Luxus, durch ein glänzendes Gepränge, das +jeden blendete, der ihm nahte. Er wußte die stärksten Leidenschaften der +Menschen zu erregen und sie dadurch auf Tod und Leben sich dienstbar zu +machen. Seine Belohnungen waren königlich, seine Tafel bot +unerschöpfliche Genüsse. Unter der einzigen Bedingung der strengsten +Disziplin ließ er alle Ausschweifungen seiner Soldaten hingehen. Sein +Lager war das lustigste, das Soldaten haben konnten. Er duldete einen +riesigen Train von Bedienten, Troßbuben, Fuhrknechten und Weibern, nur +Pfaffen duldete er im Lager nicht. Freibeuter aller Konfessionen und +jeden Standes zogen ihm zu. Sein scharfes Auge erkannte den Tüchtigen +auf den ersten Blick; der gemeinste Mann vermochte die höchste Stellung +zu erringen. Jede heroische Tat wurde durch Beförderung und Geschenke +ausgezeichnet, aber der Feigling mußte sterben, und über den +Ungehorsamen erging der Befehl, der als Kriegsgerichtsspruch galt: Laßt +die Bestie hängen. + +Er verachtete die Menschen. Sie waren ihm nur Werkzeuge zu seinen +Zwecken. Als ihm einmal Gustav Adolf vor einer Schlacht den Antrag +machen ließ, daß man im äußersten Fall einander Pardon geben möge, +antwortete er: »Die Truppen sollen entweder kombattieren oder +krepieren.« + +Schon sein Äußeres flößte Ehrerbietung und Scheu ein: eine lange, +hagere, stolze Gestalt, das Gesicht immer ernst, bleich oder gelb, die +Stirn hoch und gebieterisch, das schwarze Haar kurz abgeschnitten und +aufwärtsstehend, die Augen klein, schwarz und feurig-stechend, der Blick +finster und voll Argwohn, Lippen und Kinn mit starkem Schnurr- und +Knebelbart bedeckt. Seine gewöhnliche Tracht war ein Reiterrock von +Elensleder, darüber ein weißes Wams, Mantel und Beinkleider von +Scharlach, ein breiter, nach spanischer Art gekräuselter Halskragen, +Korduansstiefel, die des Podagras wegen mit Pelz gefüttert waren, und +eine lange, rote Feder auf dem Hut. + +Mochte es im Lager noch so laut hergehen, in seiner Nähe mußte alles +still sein, seine unmittelbare Umgebung mußte die tiefste Ruhe bewahren. +Weder Wagengerassel noch Stimmen im Vorzimmer konnte er ertragen. Man +sagt, er habe einen Kammerdiener aufknüpfen lassen, der ihn ohne Befehl +geweckt, und einen Offizier heimlich umbringen lassen, weil er mit +lautklirrenden Sporen vor ihn getreten sei. Er war immer in sich selbst +versunken, in sich selbst webend und brütend, nur mit seinen Plänen und +Entwürfen beschäftigt. Er forschte unermüdlich und war unablässig tätig, +aber immer nur aus sich selbst heraus und fremde Einflüsse schroff +abwehrend. Er konnte es nicht einmal leiden, daß man ihn anblickte, wenn +er seine Befehle gab; wenn er durch die Gassen des Lagers +hindurchschritt, mußten die Soldaten so tun, als bemerkten sie ihn +nicht. Ein wunderliches Grauen überfiel die Leute, wenn seine hagere +Gestalt gespenstergleich vorüberging. Es umgab ihn etwas +Geheimnisvolles, Feierliches und Banges. Er schritt eingehüllt in diese +Zauber, und sie bildeten einen Nimbus um ihn. Der Soldat glaubte steif +und fest, daß der General mit dunklen Mächten im Bündnis stehe, daß ihm +die Sterne Bescheid sagten, daß er keinen Hund bellen, keinen Hahn +krähen hören könne, daß er hieb-, kugel- und stichfest sei, und vor +allem, daß er die Fortuna an seine Fahnen gebannt habe. Die Fortuna, die +seine Göttin war, wurde die Göttin des ganzen Heeres. + +Wallenstein war ein Mann von heißestem Temperament, aber äußerlich war +er immer kalt und ruhig. »Laßt fleißig münzen,« schreibt er einmal an +seinen Hauptmann im Herzogtum Friedland, »auf daß ich nicht Ursach hab, +solches zu ahnden, denn ich höre, daß man dem nicht nachkommt, wie ich +es befohlen, welches mir wohl in die Nasen raucht. Ich bin nicht +gewohnt, eine Sache oft zu befehlen.« Er war höchst wortkarg und sprach +recht wenig, dann aber mit Nachdruck. Am wenigsten sprach er von sich +selbst. Der glühendste Ehrgeiz flammte still und lautlos in seiner +Brust; ihm opferte er kaltblütig alles. Er war ein Meister in der +Verstellung; keiner wußte um seine Absichten, und dem Umstand, daß er in +wichtigen Sachen niemals etwas Schriftliches von sich gab, verdankte er +viele seiner Erfolge. Er war zweiundvierzig Jahre alt, als er den +Oberbefehl übernahm. + + * * * * * + +Im Herbst 1625 zog Wallenstein gegen den König von Dänemark. Er +überwinterte in Halberstadt, das er erobert hatte. Im Feldzug des +folgenden Jahres schlug er den Grafen Mansfeld bei der Dessauerbrücke. +Dann gewann er dem Kaiser Schlesien zurück, eroberte die dänischen +Besitzungen und Mecklenburg, das sein Herzogtum wurde. Zum Dank dafür, +und weil er dem Kaiser viel Geld vorstreckte, überließ ihm Ferdinand das +Herzogtum Sagan und verkaufte ihm die Herrschaft Priebus für einen +niedrigen Scheinpreis. Auch wurde er zum General des baltischen und +ozeanischen Meeres ernannt. Österreich wollte nämlich eine Seemacht +werden. Dazu schien alles auf dem besten Wege, Dänemark lag darnieder, +die Hansastädte waren willens, dem Kaiser behilflich zu sein, nur die +Festung Stralsund widerstand. Ein halbes Jahr lang belagerte Wallenstein +diese Stadt; obwohl er schwor, daß er sie einnehmen werde, und wenn sie +mit Ketten an den Himmel gebunden wäre, mußte er unverrichteter Dinge +wieder abziehen. Dieser Mißerfolg untergrub sein Ansehen im Norden +Deutschlands. Auch der Kaiser verlor den Glauben an seine +Unüberwindlichkeit. Jetzt traten die Fürsten mit ihren Klagen über den +beispiellosen Pomp des Emporkömmlings auf. Ein Notschrei erhob sich über +die unerträglichen Brandschatzungen, mit denen der General die besiegten +Länder heimgesucht. Bis dahin hatten alle, verblüfft von seinem +fabelhaften Glück, geschwiegen, nun taten sich die Lippen auf und +ergossen sich in Verwünschungen gegen den Tyrannen, der auf Kosten des +allgemeinen Elends im Überfluß schwelgte. Während Tausende ringsumher +den Hungertod starben, während sich viele Bürger und Bauern entleibten, +um der Not zu entrinnen, lebte jeder Rittmeister der Wallensteinschen +Soldateska wie ein Fürst, und in Schlesien, wo der Bruder den Bruder, +die Eltern ihre Kinder anfielen, um sie aus Hunger zu schlachten, war +der Übermut der Söldlinge am größten. Die Häuser wurden geplündert und +demoliert, ganze Dörfer verbrannt, die Weiber geschändet, den Männern +Nasen und Ohren abgeschnitten; Offiziere, die kurz zuvor bettelarm +gewesen waren, besaßen drei- bis viermalhunderttausend Gulden an barem +Geld. + +Aber noch gehorchte ganz Deutschland dem Winke Wallensteins. Er stand +wie ein Alleinherrscher da. Das Unbegreiflichste an dem unbegreiflichen +Manne war, daß er die Rüstungen umso eifriger betrieb, je mehr die +Feinde schwanden. Das Heer zählte erst fünfzigtausend, dann +hunderttausend, schließlich hundertfünfzigtausend Mann. Diese furchtbare +Armada des Kaisers erweckte bei allen Fürsten Eifersucht und Angst. Die +Kurfürsten und der Papst, die Aristokraten des Reichs und die Jesuiten +standen dagegen auf, aber die Seele aller Ratschläge wider den +übermächtig werdenden Kaiser war der Kardinal Richelieu, der in einem +Bericht an den Papst Urban VIII. unverblümt die Absetzung Wallensteins +forderte. + +[Illustration: Wallenstein, nach einem Stich von Peter de Jode.] + +Dieser Bericht, erfüllt von tiefster pfäffischer Schlauheit, sprach von +Österreich als von einer »Bestia mit vielen Köpfen«, von denen die +abgeschnittenen immer wieder nachwüchsen; Gewalt fruchte nichts, man +müsse das Blatt umkehren und des Kaisers Frömmigkeit ausnutzen. Derart +müsse man seine Gottesfurcht ausnutzen, daß man ihn hetze, die seit dem +Passauer Vertrag eingezogenen Kirchengüter zurückzuverlangen; so werde +er sich alle protestantischen Fürsten auf immer zu Feinden machen. +Ferner müsse man seine Frömmigkeit dadurch ausnutzen, daß man wegen der +üblen Führung des Kriegsvolks sein Gewissen rühre und sein Mitleid +reize. Alsdann solle Frankreich ein großes Heer nach Deutschland +schicken, Gewalt brauchen, wo Gewalt vonnöten und mit dem Versprechen +von Religionsfreiheit nicht sparsam sein. + +Der Papst war mit diesen Vorschlägen einverstanden, und der Kaiser wurde +langsam umgarnt. Sein Beichtvater bedeutete ihm, daß der Passauer und +der Augsburger Religionsfriede ungültig seien, weil sie ohne den Konsens +des Papstes abgeschlossen waren. Darauf erließ der Kaiser das +berüchtigte Restitutionsedikt, welches alles wieder katholisch machte, +was seit siebenundsiebzig Jahren protestantisch geworden war, und sofort +erfolgte die strengste Exekution. Obwohl die norddeutschen Protestanten +erklärten, sie würden eher Gesetz und Sitte von sich werfen und +Germanien wieder in die alte Waldwildnis verwandeln als zugeben, daß das +Edikt vollzogen werde, wurden sie durch die kaiserlichen Heere dazu +gezwungen. Fortwährend lagen die Truppen in allen Ländern der +Protestanten, mit Ausnahme Kursachsens, das noch für zu mächtig erachtet +wurde, und raubten sie aus. Jede Beschwerde wurde höhnisch abgewiesen, +und es fiel das Wort: Der Kaiser will lieber, daß die Deutschen Bettler +seien als Rebellen. + +Indessen verfolgte Wallenstein schweigend seine Entwürfe. Es kam der +Tag, wo er seine Gedanken offen aussprach: »Man braucht keine Fürsten +und Kurfürsten mehr. Jetzo ist es Zeit, daß man ihnen das Gasthütel +abzieht. In Deutschland soll nur der Kaiser allein Herr sein.« Diese +Sprache klang der deutschen Fürstenaristokratie furchtbar in die Ohren. +Wallensteins Plan war, sämtliche kleinen Reichsfürsten mit Arglist oder +mit Gewalt zu vertreiben, ihren Nachlaß zu parzellieren und an die +Offiziere seines Heeres zu verleihen. Zum Teil war dies schon geschehen. +Das neue Kaiserreich sollte sich auf den Soldatenadel stützen. + +Natürlich war der Kaiser nicht sehr geneigt, einen Mann zu entfernen, +der ein solches Machtideal für ihn verwirklichen wollte. Auf dem +Regensburger Fürstentag im Juni 1630 befand sich Ferdinand in einer +verzweifelten Lage. Die Fürsten bedrängten ihn, das über jedes Maß +angeschwollene Heer zu verringern und den unerträglichen Diktator, den +Urheber des allgemeinen Elends, zu entlassen. Weigerte sich der Kaiser, +so drohten sie, sich mit den Protestanten und mit Frankreich zu +verbünden. Auf der andern Seite erbot sich Wallenstein, die Fürsten in +Regensburg zu überrumpeln und unschädlich zu machen. Noch ganz andere +Pläne schwebten vor seinem kühnen Geist, und er wartete nur, daß der +Kaiser sie gutheiße. Er wollte für den Kaiser gegen den Papst ziehen. +Rom sei schon seit hundert Jahren nicht geplündert worden, ließ er sich +vernehmen, es müsse jetzt um vieles reicher sein. Er hatte gegen +hunderttausend Mann seines Heeres nach dem südwestlichen Deutschland +gezogen und wollte sich nicht nur gegen Frankreich und Italien, sondern +auch gegen die katholischen Fürsten Deutschlands wenden. Er und seine +Günstlinge drangen unaufhörlich in den Kaiser, daß er seine Einwilligung +zu den militärischen Operationen geben möge. Aber der Kaiser gab nicht +die Fürsten auf, wie Wallenstein es wollte, er gab Wallenstein auf, wie +die Fürsten es wollten. Dem päpstlichen Nunzius Rocci gelang es, +Ferdinand umzustimmen; es gelang ihm mit Hilfe des feinsten Diplomaten +jener Zeit, des Kapuzinerpaters Joseph, eines Mannes, der, wie sein +Begleiter Herr von Leon sagte, gar keine Seele hatte, sondern nur +Untiefen, in die ein jeder geraten müsse, der mit ihm verhandelte. Der +Kaiser unterzeichnete den Absetzungsbefehl des Friedländers und hieb +sich damit gleichzeitig die rechte Hand vom Arm. In dem Augenblick, wo +alles zu gewinnen war, gab er alles auf. Die kirchliche Politik hat nie +einen größeren Triumph gefeiert. + +Zwei alte Freunde Wallensteins, der Hofkanzler Werdenberg und der +Hofkriegsrat Westenberg, wurden beauftragt, ihm den Absetzungsbefehl zu +überbringen. Sie trafen ihn in seinem Hauptquartier in Memmingen, +anscheinend tief in astrologischen Studien, in Wirklichkeit völlig +beschäftigt mit dem Gedanken an die Überrumpelung der deutschen Fürsten. +Er empfing und bewirtete die kaiserlichen Räte prächtig. Lange Zeit +wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen, die Herren trauten sich +nicht mit der Sprache heraus. Da nahm Wallenstein einige Papiere vom +Tisch und sagte: »Diese Dokumente enthalten des Kaisers und des +Kurfürsten von Bayern Nativität. Aus ihnen könnt Ihr sehen, daß ich +Euren Auftrag kenne. Die Sterne zeigen, daß der Spiritus des Kurfürsten +den des Kaisers dominiert. Aus dieser Ursach messe ich dem Kaiser keine +Schuld bei. Es tut mir weh, daß kaiserliche Majestät mit Abdankung der +Truppen den edelsten Stein aus seiner Krone wegwirft, es tut mir weh, +daß kaiserliche Majestät sich meiner so wenig angenommen hat, aber +Gehorsam will ich leisten.« + +Wallenstein zog sich nun nach Gitschin, der Hauptstadt seines Herzogtums +Friedland, in die Einsamkeit zurück. Von seinem Heere wurden dreißig +Regimenter abgedankt, der Rest vereinigte sich mit Tilly. + + * * * * * + +Es erhob sich aber jetzt für den gefährdeten Protestantismus ein Retter +in der Person Gustav Adolfs von Schweden, der Schneemajestät, wie ihn +die Herren in Wien nannten, die freilich noch nicht wußten, was für +Hitze ihnen dieser Eiskönig machen würde. Bei den Protestanten hieß er +wegen seines blonden Haares und Bartes der Goldkönig, auch den Löwen aus +Mitternacht hießen sie ihn in ihrer gläubigen Hoffnung. + +Gustav Adolf war von ungewöhnlich hohem Wuchs, starkem Knochenbau und +großer Wohlbeleibtheit, so daß nur ein starkes Pferd ihn zu tragen +vermochte. Seine graublauen Augen blickten unter der weiten Stirn mit +freundlichem Ausdruck. Seine Haltung und sein Anstand waren echt +fürstlich, seine ganze Erscheinung trug das Gepräge der Zuversicht und +Offenheit, und seine wohltönende Stimme flößte Vertrauen ein. Er übte +große Macht über die Gemüter, seine Zunge war beredt, und seine +Unterhaltung voll Anmut und Leutseligkeit. Er liebte die Wissenschaften, +sein Lieblingsbuch war das Buch vom Krieg und Frieden von Hugo Grotius, +das er immer mit sich führte. Seit seiner Jugend hatte nur der Krieg für +ihn Reiz, er war zum Helden und zum Herrscher geboren. Er war fromm und +gottesfürchtig, aber er war auch klug; seine Diplomatie hielt gleichen +Schritt mit seiner Heldenschaft. Seine Geschäftsleute wurden hoch +bezahlt, ein Netz von schwedischen Gesandten und Spionen war über die +europäischen Höfe verbreitet, und sein Kabinett war durch seine +undurchdringliche Verschwiegenheit so ausgezeichnet, daß die +französischen Gesandten beständig darüber klagten, nie hinter die +eigentlichen Absichten der Schweden kommen zu können. Fremden Ministern +und Offizieren ließ Gustav, wenn sie in sein Lager zu Unterhandlungen +kamen, ihre Geheimnisse beim Wein entlocken, wozu meist ein schottischer +Oberst verwendet wurde, der übermäßig viel vertragen konnte und dabei +doch den Verstand bewahrte. + +Mit bloß vierzehntausend Mann kam Gustav Adolf nach Deutschland; die +kaiserliche Macht war wenigstens doppelt so stark. Aber er hatte viel +Zulauf von Wallensteins entlassener Armada, und er verließ sich auf die +Sympathie im Volke; in allen Städten, die er durchzog, blies man von +den Türmen: nun kommt der Heiden Heiland. Er nahm Stettin ein, rief die +Mecklenburger von Wallenstein ab und zum Gehorsam gegen die alten +Herzöge zurück, erstürmte Frankfurt an der Oder, bemühte sich, freilich +vergebens, ein Bündnis zwischen den Kurfürsten von Sachsen und +Brandenburg zu erwirken, und sandte, da Magdeburg in großer Not war, +einen der Obersten seiner vierzig deutschen Kompanien, Herrn Dietrich +von Falkenberg, in die belagerte Stadt. Falkenberg, ein sehr tapferer +Edelmann, verkleidete sich als Schiffer und schlich durch Pappenheims +Scharen in die Stadt, wo er alsbald den Kommandantenposten übernahm. +Pappenheim machte den Versuch, ihn durch das Anerbieten einer großen +Summe zu bestechen, er aber erwiderte: »Braucht der Pappenheim einen +Schelmen, so mag er ihn im eigenen Busen suchen.« + +Aber die Stadt war nicht zu halten. Tilly war mit dreißigtausend Mann +vor den Mauern angelangt und eroberte alle Außenwerke, doch hatte er +erfahren, daß der Schwedenkönig in der Nähe stehe, und wollte deshalb +die Belagerung aufheben. Nur Pappenheim bestand im Kriegsrat auf einer +Bestürmung. Am folgenden Tag fiel die Stadt. Pappenheim wurde ihr +Mordbrenner. Um die Feinde zu vertreiben hatte er einige Häuser in Brand +stecken lassen, der Wind blies in die Flammen, die nun alles ergriffen. +Zornig darüber, daß ihnen die Feuersbrunst die erhoffte Beute entzog, +schlugen die kaiserlichen Truppen jeden tot, der ihnen in den Weg kam. +Einige ligistische Offiziere, empört über das teuflische Wüten der +Kroaten, Ungarn und Wallonen, traten vor Tilly und baten ihn, er möge +dem Gemetzel Einhalt tun. Mit finsterem Gesicht antwortete ihnen Tilly: +»Drei Stunden Plünderung ist Kriegsregel. Der Soldat will für Müh und +Gefahr etwas haben.« Pappenheim schrieb nach München: »Magdeburgs +Jungfrauschaft ist weg. Wir haben es mit stürmender Hand erobert, den +Bischof habe ich gefangen, Falkenberg ist niedergehaut samt allen +Bürgern, so in der Wehr gewesen. Was sich von den Menschen in die Keller +oder Böden versteckt hatte, ist alles verbrannt. Ich halt, es seien über +zwanzigtausend Menschen draufgegangen und ist gewiß seit der Zerstörung +Jerusalems kein greulicheres Werk und Straf Gottes gesehen worden.« An +den Kaiser nach Wien schrieb er: »Es ist mir und meinen rätlichen +Spießgesellen bei dieser wunderbaren Viktori nichts abgegangen, als daß +wir nit Eure kaiserliche Majestät und dero kaiserliches Frauenzimmer als +Zuschauer gehabt.« + +Das war die magdeburgische Hochzeit, wie die kaiserliche Soldateska es +nannte. Der Dom war von den Flammen verschont geblieben, in ihm wurde +Messe gelesen und das Tedeum gesungen. + +Das Kriegsvolk aber sang: + + »Magdeburg, du stolze Magd, + Hast dem Kaiser den Tanz versagt, + Jetzt tanze mit dem alten Knecht, + Geschieht dir eben recht.« + +Gustav Adolf hatte nichts zum Entsatz Magdeburgs wagen wollen; in einer +Schutzschrift wälzte er die Schuld auf die beiden Kurfürsten. Endlich +rückte er vor Berlin und forderte eine bestimmte Erklärung. Der Kurfürst +Georg Wilhelm war sein Schwager, aber er war ganz in den Händen seines +Ministers, des Grafen Schwarzenberg, und dieser stand im Solde der +Jesuiten. Der Kurfürst wollte stille sitzen und bangte davor, Land und +Leute zu verlieren, und er fürchtete die Übermacht des Kaisers. Gustav +Adolf zwang ihn jedoch, in sein Lager zu kommen, die Allianz zu +unterzeichnen, und besetzte dann Berlin und Spandau. Darauf zog er +südwärts dem alten Tilly entgegen, und in jenen Herzfeldern +Deutschlands, bei Leipzig, wo mehrmals die deutschen Geschicke +ausgekämpft worden sind, sollte nun die Entscheidung fallen. + +Tilly hatte sein Hauptquartier in einem abgelegenen Hause vor Leipzig, +er merkte erst nachher, daß es des Totengräbers Haus gewesen. Er hatte +seine Befehle in einem Zimmer ausgefertigt, in dem sich lauter Pyramiden +von Totenschädeln und Gebeinen befanden. Eine düstere Ahnung ergriff +ihn, selbst Pappenheim erbleichte. + +Am Morgen des Schlachttages schickte Tilly den Pappenheimer mit +zweitausend Kürassieren aus, damit er rekognosziere. Aber der hitzige +Mann ließ sich in ein Gefecht ein, und um ihn zu retten mußte Tilly +seine ganze Streitmacht entfalten. Seine Völker trugen weiße Bänder auf +Helmen und Hüten und weiße Binden um den Arm; er selbst kommandierte in +einem sonderbaren Kostüm, in einem grünseidenen Schlafrock; auf dem +Kopf hatte er ein Barett mit bunten Federn, und er ritt seinen kleinen +Schimmel. + +Der Schwedenkönig entwickelte sein ganzes Kriegsgenie und zeigte die +Überlegenheit seines leichten Fußvolks. Er machte gegen die andrängenden +Kaiserlichen Front, wendete sich mit der Spitze seiner Kolonne gegen die +Hügel, wo ihre Geschütze standen, und beschoß Tilly mit seinen eigenen +Kanonen. Die Reiterei wurde aus dem Feld geschlagen, das Fußvolk floh, +und nur fünf Wallonenregimenter schlugen sich mit ihrem alten Vater +Tilly unter dem Schutze der Nacht in geschlossener Ordnung durch. Tilly +starrte vor sich hin, die Augen voll von Tränen. Er hatte schon drei +Streifschüsse. In Halle traf er den Pappenheimer, der wieder mit +höchster Bravur gefochten und vierzehn Schweden teils niedergehauen, +teils, weil ihm das Schwert zerbrochen war, wie ein Bär in seinen Armen +erdrückt hatte. Die Schweden erbeuteten das ganze kaiserliche Lager, +alles Geschütz und über hundert Fahnen. + +Jetzt trat in Wien eine andere Stimmung ein; die Hofschranzen und +Weiber, Jesuiten und Kapuziner vermaßen sich nicht mehr, das »neue +Feinderl«, wie sie Gustav Adolf nannten, mit Ruten über die Ostsee +hineinzupeitschen oder das Schneeköniglein zerrinnen zu sehen, wenn es +sich dem Süden näherte. Der Sieg Gustav Adolfs war ein zermalmender +Schlag für den Kaiser und die Katholiken. Der König Sigismund von Polen +jammerte, er könne gar nicht begreifen, warum unser Herrgott lutherisch +geworden sei. Angst und Bedrücktheit wuchsen, als der Schwede durch die +»Pfaffengasse« ins Reich zog, Erfurt, Würzburg, Hanau und Frankfurt +nahm, die Pfalz befreite, mit Bayern unterhandelte, Augsburg eroberte +und mit suveräner Macht jeden Widerstand zerbrach. + +Im Mai des Jahres 1632 hielt er seinen Einzug in München, und in seiner +Begleitung befand sich der vertriebene Böhmenkönig. Das Pfingstfest +feierte er in Augsburg; eine Chronik erzählt davon also: »Am heiligen +Pfingsttag wohnte der König dem öffentlichen Gottesdienst nicht bei, +sondern ließ sich von seinem Hofprediger Doktor Fabricius in seinem +Kabinett predigen. Abends aber bei der Tafel bekam er jählingen Lust zu +tanzen, dahero denn sogleich Anstalt gemacht worden, daß die +Geschlechterstöchter in den Fuggerschen Häusern erschienen, mit welchen +sich sowohl der König wie die anwesenden fürstlichen Personen etliche +Stunden lang mit englischen und deutschen Tänzen erlustiget.« Gustav +Adolf war ein großer Frauenfreund; er wollte eine schöne Augsburgerin +küssen; sie hieß Jakobine Lauber und gefiel ihm sehr, aber sie wehrte +sich und riß dem König die Halskrause ab. + +In diese friedlichen Tage hinein fiel die Nachricht, daß Wallenstein +gegen den König von Schweden heranziehe. + + * * * * * + +In stolzer Ruhe hatte Wallenstein in Gitschin und in Prag gelebt. Schon +von Memmingen aus hatte er für sein neues Schloß Sorge getragen und an +seinen Landeshauptmann geschrieben: »Seht, daß die zwei Kapellen, meine +und meines Weibes, heuer fertig werden; laßt die Altäre darin machen, +wie auch die fünf Altäre in der Kirche verfertigen, daß ich daselbst den +Gottesdienst verrichten könne. So seht ebenmäßig, daß alle Zimmer fertig +werden und mit schönen Bildern versehen, denn in diesem verlasse ich +mich allein auf Euch. So werdet Ihr auch sehen, daß der Garten +verfertigt wird und viel Fontanen daselbst gemacht. Die Loggia laßt +geschwind mit Zwerchgewölben und #lavor di stucco# zieren. Sagt dem +Baumeister, daß gleich in der Mitte auf dem Platz vor der Loggia muß +eine mächtige Fontana sein, dahin alles Wasser laufen wird, alsdann aus +derselben, daß sich das Wasser auf die rechte und linke Hand teilt, und +die andern Fontanen laufen macht. Ich vermeine Mitte Oktober zu Gitschin +zu sein und daselbst zu verbleiben; dahero seht, daß das Gebäu fertig +und die Zimmer mit Damast, Sammet und goldenen Ledern ausgeputzt und +möbliert werden. Laßt mir auch bittern Wermutmost anmachen, der #dulce +picante# ist, auf daß ich ihn kann desto ehender haben. Laßt alle Ställe +verfertigen wie auch den Tummelplatz und das Ballhaus.« + +In Prag lebte Wallenstein mit königlichem Aufwand, aber für seine +Person, wie im Lager, in der tiefsten Abgeschiedenheit. Für den Palast, +den er auf der Kleinseite hatte bauen lassen, waren hundert Häuser +niedergerissen worden, um Platz zu gewinnen. Alle Straßen, die die +Zugänge bildeten, waren mit Ketten gesperrt. Sechs Portale führten zu +dem Palast; im Schloßhof stand eine Leibwache von fünfzig aufs reichste +gekleideten Hellebardieren. Sein Hofstaat zählte an tausend Personen. +Graf Paul Liechtenstein stand als Oberhofmeister an der Spitze, ein Graf +Harrach war Oberstkämmerer, ein Graf Hardegg Oberststallmeister. +Vierundzwanzig Kammerherren bedienten des Friedländers Durchlaucht, +trugen, wie die des Kaisers, die goldenen Schlüssel, und sechzig +Edelknaben aus den vornehmsten Häusern waren um ihn, alle in hellblauen +Samt mit Gold gekleidet. Auch lebten viele seiner ehemaligen Offiziere +bei ihm, denen er Löhnung und freie Tafel gab. Jede Mahlzeit bestand aus +hundert Schüsseln. In den Marmorställen fraßen über tausend Pferde aus +marmornen Krippen, und wenn er reiste, geschah es nicht anders als in +fünfzig vierspännigen Wagen. Im Festsaal des Prager Palastes hatte er +sich als Triumphator malen lassen, von vier Sonnenrossen gezogen, einen +Stern über dem lorbeerbekränzten Haupt. Die langen Zimmerreihen waren +mit astrologischen und mythologischen Figuren geschmückt. Aus einem +Rundgemach führte eine geheime Treppe in eine Badegrotte aus künstlichem +Tropfstein. Aus dieser Grotte trat man in eine hohe Säulenhalle und von +da in den Garten mit seinen Fontänen und fischreichen Kanälen. + +Wallensteins Vermögen war für jene Zeit ungeheuer. Man hat seine +Jahreseinkünfte auf sechs Millionen Gulden geschätzt; er zog sie teils +aus den Kapitalien, die er in den Banken von Venedig und Amsterdam +liegen hatte, teils aus den böhmischen und mährischen Gütern und dem +Fürstentum Sagan. Unausgesetzt erließ er einsichtsvolle Verfügungen für +seinen Besitz, suchte die Jesuiten durch große Stiftungen beim Guten zu +erhalten und berief tüchtige Männer in seinen Dienst. Aber er verkehrte +nur mit sehr wenigen Personen; es lebte der italienische Astrolog Seni +bei ihm, mit dem er viele Nächte in eifrigen Studien verbrachte, und +seine einzigen Vertrauten waren sein Schwager Adam Terzka und dessen +Mutter, die ihm wegen ihrer hohen Klugheit ganz besonders wert war. +Seine Gesundheit hatte durch die Kriegsstrapazen gelitten, er mußte +mäßig leben, und da er vom Podagra geplagt wurde, konnte er nur auf +einen indischen Rohrstock gestützt gehen. + + * * * * * + +Ununterbrochen hatte der Kaiserhof mit Wallenstein korrespondiert. Nach +der furchtbaren Leipziger Schlacht mußte man daran denken, einen Mann +wieder zu gewinnen, dessen Kredit bei der Soldateska ohnegleichen war, +und so wurde Questenberg nach Prag geschickt, um mit Wallenstein wegen +Wiederannahme des Kommandos zu verhandeln. Wallenstein lehnte ab. Darauf +ging Prag fast ohne Schwertstreich verloren. Don Balthasar Maradas zog +mit den Truppen ab, um sie in Sicherheit zu bringen, hatte aber zuvor +Wallenstein um Rat fragen lassen; dieser hatte erwidert, er habe kein +Kommando mehr, Maradas möge tun, was er wolle. Darauf verließ er Prag, +zog nach Gitschin und schickte seine Frau und seinen Vetter Max nach +Wien. Max ward nun vom Kaiser mit einem beweglichen Schreiben an +Wallenstein zurückgeschickt; Ferdinand flehte, er möge ihn doch in der +gegenwärtigen Not nicht im Stiche lassen. Das war es, was Wallenstein +wollte. Er begab sich nun nach Znaim, um mit dem Kaiser weiter zu +unterhandeln. Er bequemte sich, das Kommando wieder zu übernehmen, aber +vorerst nur auf drei Monate. Man drang immer mehr in ihn, und so +entschloß er sich endlich, den Oberbefehl ohne Zeitbestimmung zu +übernehmen, aber #»in absolutissima forma«#. Weder der Kaiser noch sein +Sohn sollten bei der Armee etwas zu schaffen haben; zwei Artikel des +Vertrags gaben Wallenstein unbeschränkte Macht, die Güter rebellischer +Reichsstände einzuziehen, und wen er für schuldig erachte, zu begnaden +oder zu bestrafen. Ausdrücklich war bedungen, daß weder der +Reichshofrat, noch das Kammergericht, noch der Kaiser selbst in solchen +Dingen das geringste einreden dürfe. All das liefert den Beweis, daß +Wallenstein mit ungebrochenem Willen auf sein altes Ziel losging. Als +#»ordinari recompens«# verlangte er kaiserliche Assekuration auf ein +österreichisches Erbland und als #»extra ordinari recompens«# die +Oberlehensherrschaft in den eroberten Ländern. + +Der Vertrag wurde in demselben Monat unterschrieben, in welchem Tilly am +Lech gefallen war. Seine Bedingungen sind von so außerordentlicher Art, +daß sie in der Weltgeschichte ohne Beispiel dastehen. Nur ein so +phantastischer Mann wie Wallenstein konnte sich einbilden, daß er das +Seil ohne Gefahr so straff spannen könne. Nur ein Charakter so voll +Fatum konnte ohne Erbeben ein Schicksal auf sich nehmen, das jede +Erwartung heuchlerisch erfüllt. + +Wenige Monate vergingen, und Wallenstein hatte wieder ein neues Heer +von zweihundertvierzehn Schwadronen Reiterei, hundertzwanzig Kompanien +Fußvolk nebst vierundvierzig Kanonen. Sofort säuberte er Prag und Böhmen +von den Sachsen und vereinte sich in Eger mit dem Herzog von Bayern, der +ihn vordem gestürzt hatte und ihn jetzt als Kriegsherrn anerkennen +mußte. Beide zogen gen Nürnberg, wo der Schwedenkönig sich verschanzt +hatte. Wallenstein besetzte die Anhöhen des Altenbergs und verschanzte +sich gleichfalls. Sein Plan war, keine Schlacht zu liefern; er wollte +Gustav Adolf zeigen, daß er schlagen oder auch nicht schlagen könne, wie +es ihm beliebe. Monatelang stand Wallenstein wie eingefroren. Ringsumher +begannen Hunger und Elend zu wüten. Gustav Adolf mußte kämpfen oder +weichen. Er versuchte einen Sturm auf Wallensteins Linien, der mißlang +aber gänzlich. Von diesem Tag an verlor er seinen frohen Mut und erhielt +ihn nicht wieder. Er ließ Wallenstein Friedensvorschläge machen, aber +noch ehe die Antwort kam, gab er sein Lager auf. Er zog an Wallenstein +vorbei, der unbeweglich blieb, zog an die Donau und dann, dem Hilferuf +des Kurfürsten von Sachsen folgend, an die Saale. Auch Wallenstein +setzte sich jetzt in Bewegung; er ließ sein Lager anzünden, das +anderthalb Meilen im Umfang gehabt hatte. Sein Heer war ein wandernder +Raubstaat. Überall wurden die Herden weggetrieben, die Obstbäume +umgehauen und die Dörfer verbrannt. + +Wieder in den Feldern bei Leipzig trafen sich die Heere. Wallenstein +hatte an Pappenheim geschrieben: »Der Feind marschiert hereinwärts, der +Herr lasse alles stehen und liegen und incaminiere sich herzu mit allem +Volk und Stücken, auf daß Er sich morgen früh bei uns befinde.« Dieser +Befehl ist noch im Wiener Archiv aufbewahrt; er ist getränkt mit dem +Blute Pappenheims, der am Tag von Lützen fiel. + +Wallenstein ließ am Schlachtmorgen die Generale und Obersten an seinen +Wagen kommen, um die Befehle zu erteilen, dann erst bestieg er sein +Schlachtroß, aber die Steigbügel mußten mit seidenen Tüchern umwunden +werden, da ihm die Füße schmerzten. Auf dem ganzen Gefild lag dichter +Nebel. Gustav Adolf hatte ebenfalls sein Leibroß bestiegen und redete +einzeln zu vielen Leuten seines Heeres. Dann ließ er zum hellen Schall +der Trompeten und Pauken: »Eine feste Burg ist unser Gott« und jenes +andere, sein Lieblingslied, anstimmen: »Verzage nicht, du Häuflein +klein, obgleich die Feinde willens sein, dich gänzlich zu zerstören«. + +Die Schlacht begann. Nach dreistündiger Bemühung wurden mehrere der +wallensteinschen Vierecke durch die schwedische Infanterie zersprengt. +Da gewahrte der König die schwarzen Kürassiere Wallensteins mit dem in +blanker Rüstung davor haltenden Oberst Piccolomini. Er befahl dem +finnischen Reiterregiment, sie anzugreifen, erhielt aber die Nachricht, +daß sein Fußvolk wieder zum Weichen gebracht worden sei. Sogleich eilte +er an der Spitze des smaländischen Regiments zu Hilfe. Dem rasch +Voransprengenden konnten nur wenige folgen. Auf einmal befand er sich +mitten unter den schwarzen Reitern. Sein Pferd wird durch den Hals +geschossen, ihm selbst zerschmettert ein Pistolenschuß den linken Arm. +Seine ersten Worte waren: »Es ist nichts, folgt mir.« Aber die Wunde war +so bedeutend, daß die Knochen aus dem Ärmel hervorstarrten. Er wandte +sich, um aus dem Getümmel zu entkommen, im selben Augenblick erhielt er +einen zweiten Pistolenschuß in den Rücken. Mit dem Seufzer: »Mein Gott, +mein Gott,« sinkt er vom Pferd, bleibt aber im Steigbügel hängen, das +Pferd schleift ihn mit sich fort. Seine Begleiter fallen oder fliehen, +nur ein Page bleibt bei ihm. Er lebt noch, der Page will nicht sagen, +daß es der König ist, er wird selbst auf den Tod verwundet. Der König +wird seiner goldenen Halskette beraubt und entkleidet, er ruft endlich: +»Ich bin der König von Schweden.« Die schwarzen Kürassiere wollen ihn +fortschleppen. Da sprengt das Stenbocksche Regiment heran. Die +Kürassiere fliehen; da sie den König nicht mitnehmen können, +durchschießen sie ihm den Kopf und durchstechen ihm den Leib mit vielen +Stichen. Er sinkt zur Erde, der Hufschlag der Rosse braust über den +Leichnam dahin. + +Der verwundete, blutbedeckte, reiterlose Schimmel des Königs +verkündigte, an der schwedischen Front entlang jagend, das geschehene +Unglück. Zuerst entmutigt, dann in ihrem Schmerz zur Rache angespornt, +griffen die Schweden neuerdings an, und wäre jetzt nicht Pappenheim mit +vier frischen Regimentern auf dem Walplatz erschienen, so hätte der +heldenhafte Bernhard von Weimar schon um die dritte Nachmittagsstunde +gesiegt. So begann die Schlacht von neuem, aber auch Pappenheim erlag +vor der unwiderstehlichen Gewalt des jungen Bernhard. Das kaiserliche +Heer ergriff die Flucht. Wallenstein schlug in Prag seine +Winterquartiere auf und ließ viele Offiziere hinrichten, weil durch sie, +wie er sich ausdrückte, die kaiserlichen Waffen unauslöschlichen Spott +erlitten hätten. In Böhmen sollte sich sein dunkles Schicksal erfüllen; +ihm war nicht der Heldentod auf dem Schlachtfeld beschieden. + +Am anderen Morgen suchten die Schweden unter den zahllosen Leichen des +Schlachtfeldes die edelste Leiche, die des Königs. Man fand sie, nackt +ausgezogen, vor Blut und Hufschlägen kaum erkennbar, mit neun Wunden +bedeckt, unfern des großen Steins, der jetzt noch der Schwedenstein +heißt. An der Leiche schworen die Soldaten dem Herzog Bernhard, ihm zu +folgen bis ans Ende der Welt. + +Der unerwartete Tod Gustav Adolfs erregte ganz Europa. Der Kaiser ließ +in allen Kirchen Dankgebete singen, als wenn er den glorreichsten Sieg +erfochten hätte, und er weinte beim Anblick des blutigen Kollers mit den +Schußöffnungen im linken Ärmel, das der König in der Schlacht getragen +hatte. In Madrid wurden Freudenfeste veranstaltet und der Tod des Königs +zum Ergötzen aller Gläubigen im Schauspiel dargestellt. Der Papst, der +es im stillen recht gern gesehen hatte, daß dem Kaiser ein Bedränger +aufgestanden war, ließ eine Messe lesen. Den vertriebenen Winterkönig +rührte bei der Nachricht vor Schrecken der Schlag, und er starb, +sechsunddreißig Jahre alt; er hinterließ dreizehn unmündige Kinder, mit +denen Eleonora, sein Weib, fast dreißig Jahre lang ohne Heimat und oft +ohne Geld umherirren mußte, verfolgt von mancher abenteuerlichen Liebe +und von blutgierigem Haß. + + * * * * * + +Während der schwedische Kanzler Oxenstjerna, der nach dem Tode des +Königs an die Spitze der Geschäfte trat, mit Sachsen und Brandenburg +unterhandelte, während Herzog Bernhard Franken zurückeroberte und sich +am Oberrhein festsetzte und der Feldmarschall Horn die in Deutschland +zerstreuten kaiserlichen Truppen aus dem Felde schlug, blieb Wallenstein +ruhig in seinem Winterquartier und vermehrte sein Heer. Erst Mitte Mai +brach er auf, zog nach Schlesien, gewann es dem Kaiser wieder, schloß +aber bald einen Waffenstillstand mit dem sächsischen General Armin, der +in Schlesien kommandierte. Derselbe auffällige Waffenstillstand wurde +einige Wochen später erneuert. Es war der Plan Wallensteins wie auch der +beiden Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, eine dritte Macht im +Reich herzustellen, eine Mittelmacht zwischen dem Kaiser und den +Schweden. Es lief damals das Gerücht, daß alle Ausgewanderten ihre Güter +zurückerhalten, die Jesuiten aus dem Reich verjagt werden und den +Schweden ihre Kriegskosten ersetzt werden sollten; auch hieß es, daß +Wallenstein in dem geheimen Vertrag mit Kursachsen für sich selbst die +Krone von Böhmen ausbedungen habe. Gewiß ist, daß Wallenstein +gleichzeitig mit Frankreich unterhandelte und zwar über die Krone +Böhmen. Der Kardinal Richelieu, der in den deutschen Angelegenheiten +festen Fuß gefaßt hatte, ließ ihm seinen Beistand, eine Million Livre +jährlich und die Krone anbieten, wenn er vom Kaiser abfallen wolle. Aber +der Botschafter Feuquières brach die Unterhandlungen ab, weil er der +Ansicht war, Wallenstein wolle ihn nur hinters Licht führen und die +Feinde des Kaisers gegeneinander hetzen. Auch mit den Schweden und mit +dem Herzog Bernhard trat er ins Einvernehmen. Das Mißtrauen am Wiener +Hof wurde zur Spannung, als er sich weigerte, dem Herzog von Bayern +gegen Bernhard von Weimar zu Hilfe zu ziehen. Er führte das Heer aus +Schlesien in die Winterquartiere und schickte von Pilsen aus ein +Schreiben nach Wien, worin er seine Obristen ihr Gutachten abgeben ließ, +daß ein Kriegszug in dieser Jahreszeit untunlich sei. + +Seit Gustav Adolfs Tode war dem Kaiser der mit Wallenstein +abgeschlossene Vertrag immer lästiger geworden. Er klagte laut, daß er +gleichsam einen Mitkönig habe und keine freien Dispositionen mehr in +seinem eigenen Lande. Das Wiener Kabinett brach den Verkehr mit +Wallenstein ab, weil die Notwendigkeit drängte, dem Herzog Bernhard in +Süddeutschland entgegenzutreten. Da Wallenstein sich weigerte, dies zu +tun, wurde der Herzog von Feria aus Italien gerufen, und Johann +Altringer, einer von den Generalen Wallensteins, erhielt den Befehl, +sich mit dem Herzog zu vereinigen. Altringer schwankte erst, aber nach +dem Tode Ferias ließ er sich vom Wiener Hof gewinnen. Voll Zorn +zitierte ihn Wallenstein vor sich, Altringer verweigerte den Gehorsam. +Nun beschloß Wallenstein, um nicht zum zweitenmal abgesetzt zu werden, +den Oberbefehl freiwillig niederzulegen, wollte sich jedoch +sicherstellen, daß die Zusagen erfüllt würden, die man ihm gemacht +hatte. Deshalb versammelte er alle in Böhmen, Mähren und Schlesien +stehenden Generale und Obristen in seinem Feldlager zu Pilsen. Dort gab +ihnen der Feldmarschall Illo ein Bankett, bei dem die Herren schließlich +so betrunken waren, daß sie Stühle und Bänke, Ofen und Fenster +zerschlugen. Illo und Graf Terzka, die sich mit Wallenstein verabredet, +stellten ihnen beweglich vor, daß der Oberfeldherr wegen der vom Wiener +Hofe erfahrenen Unbill genötigt sei, das Kommando niederzulegen. Diese +unerwartete Nachricht bestürzte die Offiziere nicht wenig. Sie alle +hatten auf Wallensteins Wort und in der Hoffnung, von ihm entschädigt zu +werden, ihre Regimenter auf eigene Rechnung angeworben und ihr Vermögen +zugesetzt; wenn Wallenstein fiel, drohte ihnen der Ruin. Zu ihrer +Sicherstellung wurde ihnen jetzt ein Revers vorgelegt, und darin wurde +der Kaiser, obwohl er nicht genannt war, hart angeklagt. Nach der +flehentlichen Bitte an Wallenstein verpflichteten sich die Generale und +Obristen, mit Gut und Blut für ihren Feldherrn einzustehen, sich auf +keinerlei Weise von ihm trennen zu lassen, seinen Vorteil nach +Möglichkeit zu befördern und seine Feinde zu verfolgen. + +Vierzig Generale und Obristen unterzeichneten das merkwürdige +Schriftstück. Es befand sich aber in ihrer Mitte auch der Verräter +Piccolomini, der an der Spitze der italienischen Partei stand, und diese +Partei war mit den Jesuiten im Bunde, um den Friedländer zu stürzen. +Wallenstein aber hegte ein unbedingtes Vertrauen gegen Piccolomini, denn +er glaubte aus den Sternen gelesen zu haben, daß er sich auf ihn +verlassen dürfe. Piccolomini berichtete den Inhalt des Reverses nach +Wien und klagte Wallenstein einer gefährlichen Verschwörung an. Zudem +teilte der Herzog von Savoyen den Inhalt der Verhandlungen mit, die +Wallenstein mit dem französischen Hofe gepflogen hatte. Man beschuldigte +Wallenstein der verwegensten Pläne. Es hieß, er habe geäußert: »Ich +dulde Gott nicht, viel weniger werde ich Ferdinand dulden.« Der +spanische Botschafter sagte: »Wozu zaudern? Ein Dolchstoß macht der +Sache ein Ende.« Ferdinand sah sich gedrängt, nicht nur die zweite +Absetzung Wallensteins auszusprechen, sondern auch den Mann, der ihm die +Monarchie gerettet hatte, der äußersten Rache seiner Feinde +preiszugeben. Niedriger Eigennutz war der stärkste Beweggrund der mit +aller Hast herbeigeführten Katastrophe, denn als die Absetzung noch +tiefes Geheimnis war, stritten sich die Herren mit Erbitterung und bis +zum Zweikampf über die Teilung der Beute, der Güter, der Häuser, der +Gärten, ja der Wagen und Pferde Wallensteins und riefen mit schamloser +Stirne sogar den Hof selbst zum Schiedsrichter bei ihren Zwistigkeiten +an. + +Der Hof seinerseits verfuhr gegen den gefährlichen Gegner ungemein +verschlagen. Er schickte einen Erlaß an die Befehlshaber der +Wallensteinschen Armee, worin die Absetzung des Generalobristfeldhauptmanns +vorsichtig angedeutet war, die Offiziere ihrer Verpflichtung entbunden +wurden, ihnen für den Fehltritt bei dem Pilsner Bankett mit Ausnahme +zweier Rädelsführer Verzeihung zugesichert und der Fortbestand des +kaiserlichen Wohlwollens gelobt wurde. Aber wochenlang nach diesem Erlaß +korrespondierte der Kaiser scheinbar ganz harmlos mit Wallenstein über +amtliche Geschäfte, nannte ihn nach wie vor »hochgeborner lieber Oheim +und Fürst« und versicherte ihn mit der gewöhnlichen Courtoisie seiner +Huld und Gnade. + +Unterdessen wurden die Generale und Obristen einzeln nacheinander und im +Geheimen gewonnen. Die Italiener, Spanier und Wallonen waren bald +willig, die Deutschen, Böhmen, Mährer und Schlesier waren dem +Friedländer treu, und man traute ihnen in Wien trotz der gewährten +Amnestie nicht. Nach einem Monat erging ein zweites kaiserliches Mandat, +das schon eine deutlichere Sprache führte und nicht nur an die +Befehlshaber, sondern auch an alle gemeinen Soldaten gerichtet war. Es +sprach davon, daß ihnen männiglich wohl bekannt sein werde, wie er, der +Kaiser, seinen gewesenen Feldhauptmann von Friedland mit allerhand +Guttaten, Gnaden, Freiheiten, Hoheiten und Dignitäten, als nicht bald +bei einem Menschen seines Standes gleich geschehe, begabt und geziert +habe; welchergestalt aber derselbe aus boshaftem Gemüt und ohne Zweifel +längst gefaßtem Vorsatz eine Konspiration wider ihn und sein Haus +angesponnen und durch Verkleinerung der kaiserlichen Person und +eigensinnige Ausdeutung seiner Macht in der kaiserlichen Armada zugetane +Obristen verführt habe. Der Kaiser erklärt, er habe gewisse Nachrichten +erlangt, daß Wallenstein ihn und sein Haus gänzlich auszurotten sich +vernehmen lassen und sich äußersten Fleißes bemühet habe, solche +meineidige Treulosigkeit und barbarische Tyrannei zu vollziehen, +dergleichen nicht gehört, noch #in scriptis# zu finden sei. + +Wallenstein erfuhr erst, woran er war, als Gallas, Altringer, Maradas, +Piccolomini und Colloredo Ordonnanzen erließen, welche den Obristen +untersagten, künftig noch Befehle von Wallenstein, Illo oder Terzka +anzunehmen. Die Obristen erhielten die Weisung, gegen Prag zu ziehen, um +sich der Hauptstadt des Landes zu versichern. Wallenstein ließ nun in +Pilsen eine feierliche Erklärung ausstellen, daß der frühere Revers +nicht das geringste gegen den Kaiser und die Religion bedeutet hätte. Er +befahl seinen Truppen, ebenfalls nach Prag zu ziehen, schickte aber zwei +Offiziere an den Kaiser mit einem Handschreiben, in welchem er sich +erbot, sich nach Danzig oder Hamburg zu begeben; er wünsche nur seine +#ducadi,# seine Herzogtümer, zu behalten. + +Aber gerade jene #ducadi# wollte man sehr gerne in Wien, das wußte +Wallenstein recht wohl. Er beschloß daher, sich in Verfassung zu setzen, +auf alle Fälle, nur nicht auf den Fall, den er keineswegs voraussehen +konnte, da er gegen alle Berechnung war. In seiner tiefen Not wandte er +sich jetzt ernstlich an den Herzog Bernhard von Weimar und ließ ihn +auffordern, nach Böhmen zu kommen. Herzog Bernhard traute nicht. Er +rief aus: »Wer an Gott nicht glaubt, dem kann auch der Mensch nicht +glauben.« Und doch drängte die Zeit. Wallenstein erfuhr den Abfall eines +Generals nach dem andern. Altringer entschuldigte sich von Frauenberg +aus mit Krankheit, Gallas kam nicht wieder, Diodati war heimlich +durchgegangen, dreizehn Kuriere flogen nach Regensburg und zurück, +endlich machte sich Herzog Bernhard langsam auf den Weg. Wallenstein +hatte sich nach Prag begeben wollen, der Abfall der Generale hatte den +Plan vereitelt; auch den Vorsatz, nach Zittau zu marschieren, mußte er +aufgeben; der dritte Ort, den er wählte, um sich mit den Schweden in +Verbindung zu setzen, war Eger. + +Am 22. Februar 1634 morgens gegen zehn Uhr verließ er Pilsen und zog am +24. nachmittags zwischen vier und fünf Uhr in Eger ein. In seiner +Begleitung befanden sich Illo und Terzka mit fünf Kompanien Kürassieren, +fünf Kompanien vom altsächsischen Regiment zu Pferd, die unterwegs +abfielen und nach Prag marschierten, und zweihundert Mann Fußvolk. Bevor +er das erste Nachtquartier erreicht hatte, stieß Oberst Butler mit acht +Kompanien Dragoner zu ihm. + +Butler war ein Irländer von Geburt und Katholik. Er hatte von Pilsen aus +nach seinem Quartier in Gladrup von Wallenstein den Befehl erhalten, mit +seinem Regiment auf Prag zu rücken, -- bei Todesstrafe. Schon diese +Weisung, die Pässe zu verlassen, die aus Böhmen nach der Oberpfalz +führen, hatte seinen Verdacht erregt; jetzt erhielt er die neue Weisung, +Wallenstein nach Eger zu folgen, und er mußte mit seinen Dragonern der +Sänfte des Feldherrn voranreiten. Er schrieb an Gallas und Piccolomini +über seinen wachsenden Argwohn, daß er notgedrungen mit Wallenstein +ziehe, daß er aber vielleicht aus besonderer Schickung Gottes zu diesem +Weg gezwungen werde, um eine besondere heroische Tat zu verrichten. Auf +dem letzten Marsch ließ Wallenstein Butler an seine Sänfte kommen und +entschuldigte sich, daß er bisher nicht mehr für ihn getan habe; er +versprach ihm zwei Regimenter und ein Geschenk von zweimalhunderttausend +Talern. In Eger mußte Butler mit seinen Fahnen in der Stadt bleiben, +während seinen Soldaten auf freiem Feld zu kampieren befohlen war. +Wallenstein wohnte im Haus des Bürgermeisters Bachhälbel auf dem Markt, +Terzka und Kinsky mit ihren Frauen im Hintertrakt desselben Hauses. + +Der Kommandant von Eger war der Obristleutnant in Terzkas Regiment, +Johann Gordon, ein Schotte und Kalvinist. An ihn und an den +Oberstwachtmeister Walter Lesly, ebenfalls einen Schotten, wandte sich +Butler. In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar verschworen sich diese +drei Männer in der Zitadelle bei gezückten Degen, Wallenstein sofort aus +dem Weg zu räumen. Es ward ausgemacht, daß am folgenden Abend Gordon die +Generale zu einem Faschingsschmaus auf die Burg laden solle; bei diesem +Schmaus sei die Tat zu vollbringen. Alles drängte zur Eile, schon hatte +Illo frohlockend die Kunde gegeben, daß am andern Tag die Schweden in +Eger einrücken würden. + +Am 25. Februar, es war ein Samstag, gab Graf Terzka den Offizieren ein +Gastmahl. Darnach, um sechs Uhr abends, fuhr er mit Kinsky, Illo und dem +Rittmeister Neumann in einer Kutsche zum Faschingsschmaus auf die Burg. +Man setzte sich zur Tafel und speiste und zechte lustig. Nach dem Essen +veranstalteten Gordon und Lesly, daß das Obertor der Stadt geöffnet und +hundert Mann von Butlers irischen Dragonern und ebensoviele deutsche +Soldaten in die Stadt gelassen wurden; mit ihnen verstärkte man die +Wache auf der Burg, die nun abgesperrt wurde. Unterdessen war das +Konfekt aufgetragen worden. Da erhielt Gordon ein fingiertes Schreiben, +das angeblich von Kursachsen verfaßt und nun aufgefangen war. Es stand +darin, daß der Kurfürst die Absicht Wallensteins, vom Kaiser abzufallen, +nicht billige, und daß er gesonnen sei, Wallenstein dem Kaiser +auszuliefern, wenn er ihn in seine Gewalt bekomme. Gordon reichte den +Brief Illo hinüber; dieser las ihn und schüttelte den Kopf. Auch die +andern lasen ihn, es erhob sich ein Streit; um freier reden zu können, +wurde die Dienerschaft hinausgeschickt; sie wurde in ein abgelegenes +Gemach zum Essen geführt und dort eingeschlossen. Nun war man mit den +Schlachtopfern allein. + +Kaum hatten sich die Diener entfernt, so traten aus den beiden +Nebenzimmern des Speisesaals der italienische Obristwachtmeister +Geraldino und die irischen Hauptleute Deveroux und Macdonald mit +sechsunddreißig Dragonern. Deveroux rief laut: #»Viva la casa +d'Austria!«# Und Deveroux: »Wer ist gut kaiserlich?« Butler, Gordon und +Lesly antworteten schnell: »Vivat Ferdinandus! Vivat Ferdinandus!« +Ergriffen ihre Degen und jeder einen Leuchter von der Tafel und traten +auf die Seite. Die Irländer schritten auf den Tisch zu und warfen ihn +über den Haufen. Kinsky wurde zuerst niedergestoßen, dann Illo nach +kurzer Gegenwehr; Terzka, der glücklich seinen Degen erlangt hatte, +stellte sich in eine Ecke und verteidigte sich mannhaft. Sein Wams von +Elenshaut schützte ihn gegen mehrere Hiebe, so daß ihn die Dragoner für +einen Gefrorenen hielten; endlich trafen ihn einige Dolchstöße im +Gesicht, er fiel und wurde mit den Kolben der Musketen erschlagen. +Rittmeister Neumann hatte sich verwundet ins Vorhaus geflüchtet und +wurde draußen erstochen. Die Körper der Gemordeten gab man den Dragonern +preis, die sie bis aufs Hemd auszogen. + +Gordon ließ nun den Speisesaal schließen und blieb bei der Wache auf der +Burg, Lesly begab sich auf die Hauptwache am Markt, und Butler besetzte +Wallensteins Wohnung. Es war eine finstere, unfreundliche Nacht, der +Wind heulte und ein feiner Regen klirrte an die Fenster. »Es ist,« heißt +es in den Frankfurter Relationen, »sonderlich zu merken, daß selbige +Nacht um neun Uhr ein erschreckliches Windsbrausen erstanden, welches +bis gegen Mitternacht gewähret. Hat sich also gleichsam das Firmament +über die grausamen Mordtaten entsetzet und einen Abscheu getragen.« + +Deveroux unternahm mit zwölf Mann den Gang zum Herzog. Die Wache am Haus +ließ ihn durch, weil sie glaubte, daß er eine Meldung zu machen habe. Im +Vorzimmer begegnete er dem Kammerdiener Wallensteins, der seinem Herrn, +welcher eben ein Bad genommen hatte und sich zu Bett begeben wollte, den +Nachttrunk brachte, Bier auf goldener Schale; Deveroux ward von ihm +bedeutet, keinen Lärm zu machen. Sein Astrolog Seni hatte Wallenstein +eben verlassen; er soll ihn aus den Sternen gewarnt haben. Wallenstein +hatte den Lärm gehört, den die Aufstellung der Soldaten auf dem Markt +veranlaßt hatte; er hatte das Schreien der Gräfinnen Terzka und Kinsky +im Hintergebäude gehört, denn beide hatten schon von der Ermordung ihrer +Männer auf der Burg erfahren; er war ans Fenster getreten und hatte die +Schildwache gefragt. Deveroux forderte vom Kammerdiener den Schlüssel zu +Wallensteins Zimmer, und als der Diener sich weigerte, sprengte er die +Tür mit dem lauten Ruf: »Rebell! Rebell!« und trat mit seinen +Mordgesellen ein. Wallenstein stand im Nachtkleid an den Tisch gelehnt. +»Du mußt sterben, Schelm!« rief ihm Deveroux zu. Wallenstein eilte ans +Fenster, um Hilfe herbeizurufen, Deveroux folgte ihm mit der Partisane. +Wallenstein breitete die Arme aus, und ohne einen Laut von sich zu geben +empfing der große Mann den Todesstoß. + +Sein Leichnam wurde in einen roten Fußteppich gewickelt und in Leslys +Kutsche auf die Zitadelle gebracht. Da lag er mit den vier Leichnamen +der andern Ermordeten den ganzen Sonntag über. Am Montag wurden alle +nach Mies auf Illos Schloß gebracht und begraben. Bloß Neumann nicht; +wegen seiner lästerlichen Reden beim letzten Bankett, daß er ehestens in +der Herren von Österreich Blut seine Hände zu waschen verhoffe, wurde +er unter dem Galgen eingescharrt. + +Wallensteins Sarg war zu klein geraten, und damit er Platz habe, mußten +ihm die Beine zerbrochen werden. + +Schweigend ist er aus dem Leben geschieden; geheimnisvoll hatte er die +Pläne und Entwürfe, die seine Seele nährten, in tiefster Brust +eingeschlossen, und über seinem Leben und über seinem Tode liegt ein +undurchsichtiger Schleier. + +Die Güter der Ermordeten wurden sämtlich eingezogen; von den Besitzungen +Wallensteins, die auf fünfzig Millionen Gulden geschätzt wurden, fiel +das meiste dem Kaiser zu. Die abtrünnigen Generale wurden reich belohnt, +die Mörder machten ihr Glück und wurden angesehene Leute, aber alle +Anhänger Wallensteins wurden geächtet und vierundzwanzig Obristen und +Hauptleute wurden in Pilsen hingerichtet. + + + + +Leonhard Thurneyßer + + +Leonhard Thurneyßer, genannt zum Thurn, war ein Goldschmiedsohn aus +Basel und 1530, im Jahr der Übergabe der Augsburger Konfession, geboren. +Er sollte wie sein Vater Goldschmied werden, war aber nebenher bei +Doktor Huber, dem er Kräuter sammeln und Arzneien zubereiten half und +aus den Schriften des Paracelsus vorlesen mußte. Schon in seinem +siebzehnten Lebensjahr verheiratete ihn sein Vater mit einer Witwe, die +ihn mit ihrem Vormund betrog. Durch einen falschen Freund kam er in +Händel mit Juden und verließ die Heimat im achtzehnten Jahr seines +Alters. Er ging in die weite Welt, zuerst nach England, dann nach +Frankreich, und wurde hier Soldat unter den wilden Truppen des +Markgrafen Brandenburg-Kulmbach. In der Schlacht von Sievershausen, in +der Moritz von Sachsen fiel, wurde Thurneyßer von Christoph von +Karlowitz gefangengenommen. Er verließ nun den Kriegsdienst und +verschaffte sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in Bergwerken und +Schmelzhütten, auch mit der Goldschmiedekunst und mit Wappen- und +Steinzeichnen. Da seine Frau von ihm geschieden worden war, heiratete +er im Jahre 1558 eine Goldschmiedstochter aus Konstanz und zog mit ihr +nach Imst in Tirol, wo er eine Schmelz- und Schwefelhütte anlegte und +Bergbau auf eigene Rechnung trieb. Zwei Jahre später nahm ihn der +Erzherzog Ferdinand von Tirol, der Gemahl der schönen Philippine Welser, +in Dienst und schickte ihn auf Reisen; er ging nach Schottland und den +orkadischen Inseln, nach Spanien, Portugal und in die Berberei, nach +Äthiopien, Ägypten, Syrien, Arabien und Palästina, wurde auf dem Berg +Sinai, im Katharinenkloster vom Orden des heiligen Basilius, Ritter der +heiligen Katharina und kehrte über Kandia, Griechenland und Italien nach +Tirol zurück. + +Durch seine Kenntnisse als Chemiker und Metallurg, als Botaniker und +besonders als Arzt, wurde er der berühmteste Wundermann seiner Zeit. Er +fing jetzt an, seine Schriften herauszugeben, zuerst das in deutschen +Reimen abgefaßte Buch »Archidoxa«, darin der »wahre Lauf, Wirkung und +Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper, auf alle Gewerbe und +Hantierungen der Menschen und die verborgenen Mysterien der Alchimie« +enthalten waren. Als Wunderdoktor lernte ihn der Kurfürst Joachim +Friedrich von Brandenburg im Jahre 1571 während der Huldigungsfeier zu +Frankfurt an der Oder kennen. Thurneyßer besorgte hier die Publikation +einer andern Schrift, die den Titel hatte: »Pison, von kalten, warmen, +mineralischen und metallischen Wässern samt Vergleichung der Pflanzen«, +und die dem Kurfürsten von Sachsen zugeeignet war. An einer Stelle heißt +es: »Große und starke Personen sind von kalter Natur, haben eine böse, +unreine Komplexion, stinken und schwitzen viel, und solcher Art ist auch +Herr Christoph Sparre, der kurfürstliche Oberhofmeister in Berlin.« +Oder: »Diejenigen, die von Person lang, schmal, dürr und kleine runde +Köpfe haben, besitzen gar keine Geschicklichkeit und führen weibische +Reden wie weiland Kaiser Rudolf von Habsburg.« Er war auch Anatom, und +Kaiser Ferdinand hatte ihm im Jahre 1559 erlaubt, eine Frau zu sezieren, +der zur Strafe die Adern geöffnet waren, daß sie sich totbluten solle. + +[Illustration: Leonhard Thurneyßer, nach einem 1583 erschienenen +Holzschnitt.] + +Das Vertrauen des Kurfürsten erwarb er sich gleich, denn er war ein Mann +von stattlichem Ansehen; die den Schweizern eigene Manier von +Ehrlichkeit, seine Welt- und Menschenkenntnis und sein lebhaftes +Temperament nahmen für ihn ein. Er verstand es, die Schwächen großer +Herren und ihre Neigungen auszuforschen und sich gegen diejenigen klug +zu betragen, an deren Gunst ihm gelegen war. Die Kurfürstin war krank, +Thurneyßer übernahm die Behandlung, und der Erfolg bewirkte, daß von +Stund an sein Glück bei den brandenburgischen Herrschaften gemacht war. +Sie nahmen ihn mit nach Berlin, der Kurfürst ließ auf seine Kosten +Thurneyßers Frau und Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen +hatte, aus Konstanz nach seiner Hauptstadt bringen. + +Thurneyßer hatte dem Kurfürsten Blätter aus dem »Pison« gezeigt, welche +die Flüsse in der Mark und deren unerkannte Reichtümer betrafen. So hieß +es unter anderm darin: »Das Wasser der Spree ist grünfarbig und lauter. +Es führet in seinem Schlich Gold und eine schöne Glasur. Das Gold hält +23 Karat 1/2 Gramm.« Daß die Spree Gold führe, war bisher unerhört, +blieb auch unerhört. Ebenso beschrieb Thurneyßer Orte in der Mark, wo +man Rubine, Smaragde und Saphire finden könne. Bisher hatte man sie +nicht gesucht und nicht gefunden, fand sie auch niemalen. Aber die +glänzenden Verheißungen lockten bei Hof nicht wenig, den Mann +festzuhalten, der so viele Hoffnungen erweckte. Alle Hofleute waren von +ihm entzückt, und sogar das kurfürstliche Hoffrauenzimmer breitete +seinen Ruhm im ganzen Lande aus. Er erhielt Briefe von einigen Fräulein +und verheirateten Damen, die auf dem Lande lebten, worin sie ihn um +Schminke baten, oder um Schönheitsöl, oder um Waschwasser, nebst +Beschreibung des Gebrauchs. Sie schließen gemeiniglich mit dem Ersuchen, +es niemand wissen zu lassen, noch andern davon zu geben. + +Thurneyßer war ein Mann, der sich wohl darauf verstand, die gute Meinung +zu nutzen, die man von ihm gefaßt hatte, um sich bedeutende Reichtümer +zu erwerben. Er wußte sich in seinen Glücksumständen bis an das Ende +seines Lebens zu erhalten, -- wo er dann freilich um Geld und Ehre kam. +Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis und eine nicht zu ermüdende +Wißbegierde. Nach dem Vorbild des Paracelsus hatte er die Natur +unmittelbar aus ihren Werken studiert, und da er mit Aufmerksamkeit eine +Menge von Gegenständen in nahen und weitentlegenen Ländern betrachtet +hatte, war er auch zu einer tiefen Erkenntnis der Natur gelangt. Nicht +so sehr wie Paracelsus war er gegen das Bücherlesen eingenommen; er +hatte mehrere medizinische und historische Werke studiert. Mit dem +Griechischen war er auf seinen Reisen bekannt geworden, auch mit einigen +orientalischen Sprachen, so daß er später eine Schriftgießerei in +ausländischen Lettern anlegen und sogar ein Onomastikon herausgeben +konnte. Lateinisch lernte er noch in seinem sechsundvierzigsten Jahr bei +dem berlinischen Propst Jakob Colerus. Er verstand sich auf die Kunst +des Zeichnens und konnte die für seine anatomischen Handleitungen und +sein Kräuterbuch beschäftigten Formschneider wohl anweisen. Er hatte +eine Karte der Mark Brandenburg aufgenommen, wie man sie damals noch +nicht besaß. Seine Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie und +Astrologie waren nicht unbedeutend, so daß er nicht nur die weit und +breit berühmten Kalender veröffentlichte und sich mit dem Stellen der +Nativität abgeben konnte, sondern er vermochte auch für die Jahre 1580 +bis 1590 die ephemeriden und astronomischen Tabellen zu berechnen. + +Der Kurfürst bestellte ihn zu seinem Leibmedikus, und sein stehendes +Gehalt betrug 1352 Taler, eine für jene Zeit ansehnliche Summe. Daneben +hatte er auf vier Pferde Futter, die Hofkleidung, die Hofdeputate und +bei Reisen Vorspann. Kurfürst und Hof gaben ihm vielerlei Bestellungen +von Einkäufen, die er zu Leipzig, zu Nürnberg und zu Venedig durch seine +Schreiber und Bekanntschaften besorgen mußte. Der Kurfürst war ein +Liebhaber von Silbergerät; die Goldschmiede hatten so viel für den Hof +zu tun, daß Joachim Friedrich viel Silberzeug in Leipzig anfertigen +ließ, und Thurneyßer hatte davon die Kommissionen. Besonders setzte die +Kurprinzessin Katharina von Küstrin ein außerordentliches Vertrauen in +Thurneyßer. Ihr Gemahl war Administrator von Magdeburg, sie selbst +residierte in Halle. Sie ließ ein Laboratorium bauen und ersuchte +Thurneyßer, zu ihr zu kommen. Der Kurfürst gab nur ungern seine +Einwilligung, weil er Thurneyßer stets um sich haben wollte. Katharina +brauchte den gewandten Schweizer in allen ihren Geschäften; wenn sie +Geld nötig hatte, mußte er auf der Leipziger Messe in seinem Namen zwei, +drei und mehrere tausend Taler für sie aufnehmen. Sie ließ durch ihn +Kleinodien und Silberzeug kaufen und verkaufen und schickte ihm Leute +zu, die er zu Laboranten und Provisoren bilden, in der Imitation von +Rubinen und Smaragden und im Wappen- und Steinschneiden unterrichten +sollte. + +Bald nach seiner Ankunft in Berlin hatte ihm der Kurfürst eine geräumige +Wohnung in dem ehemaligen Franziskanerkloster, dem grauen Kloster, +gegeben, damit er Platz zu einer weitläufigen Haushaltung haben möge. Er +richtete sich dort in großem Stile ein. Im Laboratorium wurden nach +seinem silbernen Buch die Arkana präpariert, die geheimen Arzneien, die +ihn zum reichen Mann machten: Goldpulver, Goldtropfen, Amethystenwasser, +Saphir-, Rubinen-, Smaragden-, Perlen- und Korallentinktur, auch +Bernsteinöl. Er hatte Mittel »wider die Vergicht, wider ein Rotgesicht, +dasselbe zu erläutern und zu dealbieren.« Ein Lot #spiritus vini# +kostete vier Taler, ein Lot #Spiritus vini correcti# sogar sechs Taler, +ein Lot Rhabarberextrakt zwei Taler. Der Gräfin Lynar schickte er einmal +einige Öle zum äußerlichen Gebrauch, die fünfunddreißig Taler kosteten, +und schrieb ihr dazu: »Ihre Gnaden würde zum besonderen Vergnügen +gereichen, diese kleinen Unkosten zu tragen, damit Sie nichts einnehmen +dürften.« Er meinte, weil sie ja die Mittel nicht schlucken müsse. + +Er hielt im grauen Kloster eine Art von kleiner Hofstatt, seine +Haushaltung bestand aus mehr als zweihundert Personen, aus Dienern, +Schreibern, Laboranten, Boten zum Verschicken und den Arbeitern in der +weitläufigen Druckerei, die mit deutschen, lateinischen, griechischen, +hebräischen, chaldäischen, syrischen, türkischen, persischen, +arabischen, sogar mit abessinischen Typen versehen war, in der seine +Schriften fortan gedruckt wurden, auch die Schriften von andern +Gelehrten, zum Teil aus fernen Städten, jede mit der Aufschrift: +gedruckt zu Berlin im grauen Kloster. Die Arbeiter und Bedienten waren +fast alle verheiratet und wohnten mit Frauen und Kindern bei Thurneyßer. +Der Aufwand zu ihrem Unterhalt war so groß, daß er monatlich einen +Ochsen schlachten ließ. Er selbst ging stattlich, in schwarzsamtenen und +seidenen Kleidern, was ein besonderes Zeichen der Pracht war, auch +täglich mit seidenen Strümpfen. Noch kurz ehe Thurneyßer nach Berlin +kam, hatte der Markgraf Johann zu Küstrin seinem geheimen Rat Barthold +von Mandelsloh, der die seidenen Strümpfe aus Italien mitgebracht hatte +und einst an einem Wochentag mit ihnen bei Hof erschien, zugerufen: +»Barthold! Ich habe auch seidene Strümpfe, aber ich trage sie nur des +Sonn- und Festtags.« Thurneyßer prangte nicht nur in seidenen Strümpfen +und Kleidern, sondern er trug um den Hals auch goldene Gnadenketten mit +daran hängenden Kur- und Fürstenbildnissen, goldnen Gnadenpfennigen und +Kontrefaitmünzen. Wenn er ausging, begleiteten ihn zwei Edelknaben; 1580 +verrichteten diesen Dienst zwei Vettern, Christoph und Hans Christoph +von Tetzel aus dem alten, reichsadeligen Patriziergeschlecht der Tetzel +von Kirchsittenbach und Vohra zu Nürnberg. Ihre Eltern wohnten in +Denelohe, einem im fränkischen Altmühlkreis gelegenen Reichsrittersitz; +1582 dankte der Vater dem Doktor Thurneyßer dafür, daß er seine Kinder +zu sich genommen; er sei überzeugt, daß sie im ganzen Kurfürstentum +nirgends besser als bei ihm zur Ordnung und Tugend erzogen werden +könnten. Oft speisten große Gesellschaften von den Vornehmsten des Hofes +bei ihm, und wenn auswärtige Herren ankamen, sich seines Rats zu +erholen, nahm er sie im grauen Kloster bei sich auf, wie den Fürsten +Radziwill. Er war das Orakel von aller Welt. König Friedrich II. von +Dänemark bat ihn, die einst von Heinrich dem Löwen verschütteten +Salzbrunnen zu Adeslon zu untersuchen; König Stephan Bathory von Polen, +den er zuweilen mit Antidoten oder Gegengiften versah, sprach ihn um +Hilfe wegen der Bergwerke an; Graf Wilhelm der Weise von Hessen forderte +von ihm eine Erklärung fremder Buchstaben auf einem in der Grafschaft +Katzenellenbogen aufgefundenen Gipsstein. Der König von Schweden +schickte ihm einen schönen Luchspelz. Die Schreiber breiteten seine +Wunderkuren aus und brachten reiches Entgelt, seltene gemalte Bücher, +Handschriften, Erzstufen, Versteinerungen und Kräuter mit. Sie erzählten +auch, was an auswärtigen Höfen und in anderen Ländern vorfiel, und mit +diesen Nachrichten wußte Thurneyßer sich bei seinem Herrn sehr beliebt +zu machen. + +Von seinen Kalendern setzte er ungeheure Auflagen ab. Bei den einzelnen +Monatstagen pflegte er Buchstaben und verblümte Worte als Prognostika +beizufügen, und im folgenden Jahr schickte er dann die Erklärungen, wenn +die Begebenheiten richtig eingetroffen waren. Im Kalender auf 1579 steht +beim 17. Dezember: schändliche Tat einer fürstlichen Person. 1580 +lautete die Erklärung: auf diesen Tag hat Signora Bianca Capelli ihren +Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben, welcher am 18. Dezember +gestorben. + +Als Nativitätssteller begründete er seinen Ruf mit der Versicherung, er +habe dem König Sigismund August von Polen ohne Aberglauben und +Teufelskünste Jahr, Monat und Tag seines Todes prophezeit; sowie in +einer fürstlichen oder gräflichen Familie in Deutschland ein Kind +geboren war, wurde ihm die Geburtsstunde zugeschickt; manchmal kamen +mehrere Boten an einem Tag. Nun suchte er den Stand der Planeten, +forschte, in welchem Zeichen des Tierkreises sie gestanden, bemerkte die +Aspekten gegeneinander und bestimmte daraus die Influenzen auf den +Geborenen. Er beurteilte seine künftigen Schicksale, seine natürlichen +Neigungen und Fähigkeiten, ob er glücklich, reich oder arm, zu Ehren +gelangen werde oder nicht, heiraten werde oder nicht, Kinder bekommen +werde oder nicht, was er für Krankheiten zu erwarten und in welchem +Alter er sterben würde. Das alles interessierte damals die Leute +ungemein, jedermann glaubte steif und fest daran, auf den Universitäten +wurden Collegia über das Nativitätstellen gelesen, und Bischöfe und hohe +Geistliche gaben sich damit ab. + +Die Bestimmung der Nativität hatte keinen Zweck, wenn man nicht die +Talismane trug, die Thurneyßer fabrizierte. Er versah die ganze Mark und +die benachbarten Länder mit Talismanen. Selbst Andreas Osiando, der +berühmte Streittheolog in Königsberg, trug zum Schutz wider den Aussatz +eine Kette um den Hals. Als Thurneyßer, eine goldne Kette um den Hals, +1574 nach Königsberg reiste, um den blödsinnigen Herzog zu heilen, +benutzte er bei seinen Kuren die Talismane. Es waren sogenannte große +Jupiter-Talismane, #Sigilla solis#. Sie finden sich noch in den +Münzkabinetten; Jupiter erscheint auf ihnen wie ein Württemberger +Professor mit Bart und Pelzrock und einem großen Buch, aus dem er +doziert; auf dem Revers befindet sich ein Apucus, ein heiliger +Rechenpfennig, der die Summe 34 gibt, man mag die Zahl in den sechzehn +Feldern der Länge nach oder der Breite nach oder in der Diagonale +addieren. Die #Sigilla solis# waren oft sechs Dukaten schwer. Einer ist +vierzehn Dukaten schwer. Er trägt die Namen Gottes und der zehn Fürsten +der Engel und die hebräischen Worte, die der berühmte Abt Trieheim aus +der Bibel und den Rabbinen entlehnt und Agrippa von Nettelsheim in +seinem Werk #De occulta philosophia# erklärt hatte. Die #Sigilla solis# +waren dazu bestimmt, die solarischen Krankheiten abzuwenden, wozu die +des Gehirns zählten. Es gab auch Talismane mit dem Zeichen der andern +Planeten, und diese verhüteten die astralischen Krankheiten. Ferner gab +es Talismane aus sieben verschiedenen Metallen gemischt, in einem +festgesetzten Verhältnis und mit Beobachtung der Konstellation: wann sie +geschmolzen waren und wann der Stempel aufgeprägt war; diese hatten eine +besondere verborgene Kraft, Menschen, in unglücklicher Stunde geboren, +glücklich zu machen. Andere Talismane verschafften die Gunst großer +Herren, beförderten zu Ehrenstellen, ließen Heiratshändel gelingen, und +wenn Mars beim ersten Eintritt in das Zeichen des Skorpions darauf +geprägt war, verliehen sie dem Soldaten Mut und Sieg. Thurneyßer +verkaufte Talismane zum Besten des ganzen menschlichen Geschlechtes, vom +Kaiser bis zum Bauer herunter. Das sollte die mit dem Zepter kreuzweis +gelegte Sense andeuten, die sich auf den Münzen befinden. Er erzeugte +auch sympathetische Ringe, die von der fallenden Sucht befreiten. + +Durch alle diese Geldquellen wurde Thurneyßer sehr reich. Sein Schatz +bestand aus zwölftausend Goldstücken, teils einfachen und doppelten +Portugalesern, teils vierfachen Kronen, Rosenobeln, Engalotten und +Dukaten. Er besaß über neun Zentner an Trinkgeschirren und einen +silbernen vergoldeten Hirsch, der, nach der Sitte der Zeit mit Leuchtern +ausgeziert, in seinem großen Saale hing. Seine Bibliothek soll +ihresgleichen weit und breit nicht gehabt haben; sein Naturalienkabinett +enthielt eine Sammlung von Pflanzensamen aus allen Teilen der Welt. Er +hatte Präparate von getrockneten Teilen des menschlichen Körpers und von +seltenen Tieren. Er hatte Skorpione in Baumöl, die der gemeine Mann für +entsetzliche Zauberteufel ansah. Sein Garten beim Grauen Kloster war +voll botanischer Kuriositäten, und ein Elentier, das ihm der Fürst +Radziwill geschenkt hatte, schickte er nach seiner Vaterstadt Basel, um +sich bei seinen Landsleuten in Respekt zu setzen. Die frommen Baseler +hielten es aber auch für einen Zauberteufel, und ein altes Weib gab ihm +einen Apfel mit zerbrochenen Nähnadeln zu fressen. + +Thurneyßer zog eine Menge kunstverständige Ausländer nach Berlin und +brachte auf jede Weise viel Geld in Umlauf. Eine Menge Schriftgießer, +Stempelschneider, Kupferstecher, Illuminierer, Buchbinder, Kaufleute und +Goldschmiede hatten beständig für ihn zu tun. Er war der erste, der die +chemischen Arzneien einführte, deren kleine aber wirksame Dosen den +verschleimten Ruppiner- und Bernauerbiermagen des brandenburgischen +Adels annehmlicher dünkten, als die bisherigen kopiosen galenischen +Arzneitränke. Er half den Alaun- und Salpetersiedereien auf, sowie den +Glashütten. Aus der Grimnitzer Glashütte in der Uckermark hatte er einen +gläsernen Vogelbauer, in dessen inwendigem Raum ein Vogel saß, während +außen Fische schwammen. Dieser Vogel war dem gemeinen Mann gleichfalls +ein Zaubervogel, da er scheinbar mitten im Wasser mit schwimmenden +Fischen lustig herumsprang, als ob er in freier Luft lebte. + +Vierzehn Jahre lang erhielt sich Thurneyßer in der unverminderten Gnade +des Hofes. Der Kurfürst gab ihm das Zeugnis, »daß er sich nach seinen +ihm von Gott verliehenen Gaben gegen ihn und dem Hause Brandenburg, auch +vielen anderen hohen und niederen Standespersonen getreu, aufrichtig, +nützlich und wohl erzeiget habe«. Im Jahre 1575 war Thurneyßers Frau +gestorben, das Schweizerheimweh kam über ihn, der Kurfürst wollte ihn +nicht ziehen lassen, nun reiste er wenigstens zu Besuch nach Basel und +heiratete dort 1580 seine dritte Frau, eine Geschlechtertochter aus +Basel, eine Herbrot. Sie war liederlich, er verstieß sie, und sie +brachte ihn um Ehre und Vermögen. Es entspann sich ein skandalöser +Prozeß, worin beide Teile Schriften gegeneinander veröffentlichten, und +seine sämtlichen Habseligkeiten, die er nach Basel geschickt hatte, +wurden mit Beschlag belegt und der Frau zugesprochen. Darauf entstand in +der Mark eine große Hetze gegen ihn, er wurde als Zauberer, Atheist und +Wucherer gebrandmarkt, ein Professor in Greifswalde predigte öffentlich +gegen ihn, warnte die Gemeinden und erachtete ihn des Kirchenbanns für +würdig. Er verließ Berlin, wurde katholisch, ging nach Rom und begab +sich unter den Schutz des Papstes. Beim Kardinal Ferdinand von Medici, +bei dem er speiste, verwandelte er einen eisernen Nagel in Gold. Nach +der Tafel stellte der Kardinal darüber ein Zeugnis aus, das man lange +Zeit nebst dem Nagel als große Merkwürdigkeit den Fremden in Florenz +zeigte. Es fand sich aber später, daß das Wunder durch einen Betrug +zustande gekommen war. + +Thurneyßer lebte ein paar Monate dann in Belvedere, wanderte dann wieder +nach Deutschland und starb endlich in ärmlichen Umständen in einem +Kloster bei Köln, fünfundsechzig Jahre alt, genau an dem Tage, auf den +er sich selbst das Horoskop gestellt hatte. + + + + +Danckelmann + + +Der Kurfürst Friedrich von Brandenburg und spätere erste König von +Preußen überließ sich am Anfang seiner Regierung völlig der Leitung +Danckelmanns, seines ehemaligen Hofmeisters. Eberhard Danckelmann war +1643 geboren; er war ein Fremder, ein Westfale aus der damals noch +nassau-oranischen Stadt Lingen, wo sein Vater, der berühmte gelehrte +Sylvester, Landrichter war. Die Familie war bürgerlich, hatte aber die +Tradition, daß einer ihrer Vorfahren einem deutschen Kaiser durch treue +Wachsamkeit das Leben gerettet und dieser ihm mit den Worten: »Danke, +Mann«, den Ritterschlag erteilt habe. Das Wappen, das dieser Tradition +Wahrscheinlichkeit geben sollte, war ein Kranich. + +Der junge Danckelmann war eine Art Wunderkind gewesen; er hatte in +Utrecht studiert, hatte hier schon in seinem zwölften Jahr eine +Disputation gehalten und dann die europäische Turnee durch England, +Frankreich und Italien gemacht. Er war zwanzig Jahr alt, als ihn der +Große Kurfürst auf einer Reise nach Holland kennen lernte und zum +Lehrer des damals fünfjährigen Prinzen Friedrich Wilhelm annahm. Zwei +Jahre später, 1665, wurde er Titularrat, 1669 Halberstädtischer, 1676 +kurmärkischer Regierungsrat, und noch unter dem Großen Kurfürsten +Kammer- und Lehnsrat. Zweimal vor Friedrichs Regierungsantritt rettete +er dem Prinzen das Leben, 1680 bei dem angeblichen Vergiftungsversuch +durch die Stiefmutter, und sieben Jahre darauf bei einem Stickfluß, wo +er ihm gegen den Rat der Ärzte eine Ader schlagen ließ und ihn so wieder +zum Bewußtsein brachte. Kurz nach seiner Thronbesteigung ernannte ihn +Kurfürst Friedrich zum Regierungspräsidenten in Cleve, und am 2. Juli +1695, bei der Zusammenkunft der sieben Brüder Danckelmann, die alle hohe +Ämter im Brandenburgischen bekleideten, bei offener Tafel zum +Premierminister mit dem ersten Rang am Hofe. Friedrich setzte die +Bestallung eigenhändig auf. Es heißt darin, daß Danckelmann ein +vollständiges Exempel ungefärbter Treue, unablässiger Applikation in der +Beförderung der Gloire des Kurfürsten und aller andern, dem Diener eines +großen Herrn wohlanständigen Tugenden und Qualitäten sei. In demselben +Jahre ließ ihn der Kurfürst mit seinen sechs Brüdern von Kaiser Leopold +in den Reichsfreiherrenstand erheben, und der Kaiser gab ihnen zu dem +bisher im Wappen geführten Kranich sieben mit einem Ring +zusammengehaltene Zepter, »damit deren Posterität aus denen sieben +Zeptern die Urheber dieser unserer ihnen erteilten Gnad und Würde als +sieben Brüder, welche gleichsamb an einem Ring beisammen halten +umbsomehr abnehmen und vermerken können«. So das Diplom; und es besagte +auch, daß Eberhard Danckelmann den ihm angetragenen Grafenstand +abgebeten habe, um mit seinen Brüdern im gleichen Stand zu bleiben. Der +Kurfürst verlieh ihm noch die Erbpostmeisterwürde, die Hauptmannschaft +zu Neufeld an der Dosse und ansehnliche Lehne und Güter. + +Er leitete die Finanzen und alle Hauptgeschäfte. Man nannte ihn den +Colbert der brandenburgischen Staaten. Er vermehrte die Jahreseinkünfte +aus den Domänen um hundertfünfzigtausend Taler. Er regierte mit seinen +sechs Brüdern, von denen er der mittelste war. Man nannte diese +Regierung der sieben Brüder Danckelmann, die als rechtschaffene Männer +im Volk beliebt waren, die Herrschaft der Plejaden oder des +Siebengestirns. Der älteste Bruder war Resident im westfälischen Kreis. +Der zweite außerordentlicher Gesandter beim König von England, der +dritte Kammergerichts- und Konsistorialpräsident, der vierte +Generalkriegskommissär, der fünfte Kanzler zu Halle und +außerordentlicher Gesandter am kaiserlichen Hof und der sechste Kanzler +zu Minden. + +Danckelmann war ein tüchtiger und verdienstvoller, ein sehr +selbstbewußter und gegen den alten Adel sehr stolzer Mann. Er war von +tiefmelancholischem Temperament; man hat ihn niemals lachen gesehen. +Sein Unglück schwebte dunkel vor seiner Seele, als er noch im höchsten +Glücke war. Eines Tages gab er dem Hof zur Einweihung seines neuen +Hauses ein Fest. Die Gesellschaft tanzte im großen Saal, Danckelmann +befand sich mit dem Kurfürsten in seinem Arbeitskabinett. Mit dem +Wohlgefallen eines Kenners betrachtete Friedrich einige Gemälde, die +dort an den Wänden hingen. »Das sind schöne Bilder,« meinte der +Kurfürst. »Ach,« erwiderte Danckelmann mit bitterem Lächeln, »die Bilder +und was ich sonst noch Kostbares besitze, wird ja doch einst, bald +vielleicht, das Eigentum von Eurer kurfürstlichen Gnaden sein, wenn +meinen Feinden gelingt, wonach sie so eifrig trachten, mir die Liebe +meines Herrn zu entfremden.« Da legte der Kurfürst die Hand auf die +Bibel und antwortete, der Fall könne sich nie ereignen. + +Der Fall ereignete sich aber doch, und zwar nicht ohne Danckelmanns +Verschulden. Das Zeremoniell war in jenen Tagen, wo sich alles um die +Hofherrlichkeit drehte, die Schlange, die die gescheitesten Köpfe +verführte. Danckelmann bezeigte sich gegen seine altadeligen Kollegen +hochfahrend, rauh und unfügsam. Er mochte freilich zu tun haben, sich in +Positur gegen sie zu setzen. Er verlangte von sämtlichen Ministern der +auswärtigen Höfe den ersten Besuch; selbst den regierenden Reichsgrafen +wollte er nicht weichen. In die Kirche zu Königsberg, wo der ganze Hof +versammelt war, kam er einst zu spät, die Predigt hatte schon begonnen. +Sein Nachfolger, der spätere Premier Wartenberg und der Feldmarschall +Barfuß sprachen miteinander; Danckelmann fuhr zwischen sie mit den +Worten: »Meine Herren, warum heben Sie mir kein Platz auf?« Wartenberg +erhob sich und sagte: »Hier ist Platz.« Kalt entgegnete Danckelmann: »Es +ist Ihre Schuldigkeit, mir Platz zu machen.« + +[Illustration: Eberhard Danckelmann, nach einem Stich von G. P. Busch.] + +Dergleichen gab böses Blut. Im Gefühl seiner Vorzüge nahm Danckelmann +auch gegen den Kurfürsten einen feierlichen Ton an, der dem hohen Herrn +natürlich zu hoch vorkommen mußte. Er verdarb es auch mit den Damen und +brachte die ganze kurfürstliche Familie gegen sich auf. Sein Sturz +erfolgte auf echt orientalische Weise. Im Vorgefühl seines Schicksals +hatte er seinen Abschied erbeten. Der Kurfürst, der fünfunddreißig Jahre +lang um ihn gewesen war, bewilligte den Abschied. Danckelmann blieb in +Berlin; noch am Abend des 10. Dezember 1697 erschien er bei Hof, und der +Kurfürst unterhielt sich mit ihm aufs freundlichste. In der Nacht darauf +erschien der Gardeoberst von Tettau in Danckelmanns Haus in der alten +Friedrichstraße, dem sogenannten Fürstenhaus. Er wurde arretiert, seine +Effekten wurden versiegelt, und man brachte ihn nach Spandau, später +nach Peitz. Erst zehn Jahre darauf wurde er nebst vielen andern +Staatsgefangenen pardonniert; da er Preußen nicht verlassen durfte, +begab er sich nach Kottbus, wo er eine halbe Freiheit genoß und +zweitausend Taler Pension. Seine sämtlichen Güter wurden ohne Prozeß +konfisziert; das Fürstenhaus, Marzahne, Zimmerbude, Groß- und +Klein-Quittainen in Preußen, Biesenbruch in der Uckermark, Umelingen und +Schönebeck in der Altmark und die Kohlenbergwerke bei Wettin. Die +Familie hat die Güter niemals zurück erhalten. Während der ganzen Zeit +seiner Gefangenschaft war nur seine Frau um ihn, die sich ausgebeten +hatte, seine Haft teilen zu dürfen. Erst nach Friedrichs Tode erhielt +der siebzigjährige Greis eine Ehrenerklärung: König Friedrich Wilhelm +ging öffentlich mit ihm zur Kirche. + + + + +Kaiser Rudolf II. und sein Hof + + +Rudolf, der älteste Sohn des zweiten Maximilian, war zu Wien geboren und +wurde in Spanien erzogen. Seine Mutter war Maria, die Lieblingstochter +Karls V., eine echte Spanierin, streng katholisch, sehr tugendhaft und +sehr düster. Der Aufenthalt am Hofe des unheimlich kalten, ausschweifenden +und grausamen Philipp und die furchtbaren Ereignisse unter dessen +Regierung hinterließen nicht zu verwischende Spuren in Rudolfs Seele. +Ehemals war er sanft, schüchtern und gerechtigkeitsliebend gewesen; als +er im Alter von neunzehn Jahren nach Deutschland zurückkam, um die +römische Königskrone aufs Haupt zu setzen, war er wild, finster und zu +heftigen Zornanfällen geneigt. Mit vierundzwanzig Jahren wurde er +Kaiser. Er schlug seine Hofstatt zu Prag auf. + +Es war eine Drohung über ihm von den Ahnen her. Aber er hatte nicht die +rührende Melancholie Johannas von Kastilien, auch nicht die durch die +Eitelkeit aller irdischen Dinge niedergebeugte stille Größe Karls V., in +ihm war eine Art von Versteinerung. Mit der Ungeduld eines bösen Kindes +sprach er seinen Widerwillen gegen alle Regierungsgeschäfte aus, und +dieser Widerwille endigte erst, wenn er merkte, daß ein anderer sich +ihrer mit Liebe und tätigem Fleiß annahm; dann erwachte in ihm der Neid +und eine verzehrende Eifersucht. + +Er kam niemals ins Reich; er besuchte nie einen Reichstag seit jenem +Regensburger, wozu ihn die Türkennot gedrängt hatte. Er kam auch niemals +nach Wien. Er saß fest auf dem Hradschin; dort hatte er seine Zauber- +und Wunderwerkstatt aufgeschlagen. Wenn die deutschen Fürsten ihm ihre +Gesandten schickten, ließ er ihnen sagen: er sei eben mit andern +Angelegenheiten trefflich molestieret. Ebenso warteten die Boten Ungarns +und Österreichs jahrelang in Prag vergeblich und immer wieder vergeblich +auf eine Audienz. Die Statthalter und Generale wurden ohne +Verhaltungsbefehle gelassen; sie mochten sich helfen, wie sie konnten. +Die Geheimkünste füllten seine ganze Welt aus. + +Er hatte große Schätze, verbarg sie aber sorgfältig in seinen Truhen. Es +kümmerte ihn nicht, wenn den Räten und Hofleuten kein Gehalt ausbezahlt +wurde, wenn sogar in der kaiserlichen Hofhaltung sich Mangel einstellte. +Der bayrische Resident schrieb einmal an seinen Herrn: »Heute hat das +vornehmste Hofgesinde nichts zu essen gehabt, es war kein Geld +vorhanden, um für die Küche einzukaufen.« Von alledem unberührt, +überließ sich Rudolf seiner Leidenschaft für das Mysteriöse und seiner +Sammelwut. + +Er sammelte Naturalien, seltene Steine, ausländische Pflanzen und Tiere. +Löwen, Leoparden und Adler verstand er so zahm zu machen, daß sie mit +ihm im Zimmer herumgingen. Die Welser in Augsburg, die für die zwölf +Tonnen Goldes, welche sie dem Kaiser Karl vorgestreckt, einen +Küstenlandstrich in Südamerika erhalten hatten, ließen von dort her +peruanische Kuriositäten für ihn kommen. Er sammelte römische und +griechische Altertümer, die seine Agenten aufkaufen mußten, Münzen, +Gemmen, Kameen und Statuen. So erwarb er zwei der größten Schätze der +Antike, den Sarkophag mit der Amazonenschlacht und die Onyxtasse mit der +Apotheose des Augustus, für die er fünfzehntausend Dukaten bezahlte. +Seine Schatzkammer war weit und breit berühmt; sie blieb fast +zweihundert Jahre lang im Stande, erst in der Zeit der josefinischen +Aufklärung ging vieles verloren; die Statuen wurden für ein Spottgeld +veräußert, ein herrlicher Torso wurde durch das Fenster in den +Schloßgraben geworfen, die seltenen Münzen wurden nach dem Gewicht +verkauft, und die Tizianische Leda figurierte in einem Inventar unter +dem Titel: ein nacktes Weibsbild von einer bösen Gans gebissen. + +Ein besonderes Wohlgefallen fand Rudolf an der Stempelschneidekunst. Die +Siegel an seinen Diplomen, goldnen Bullen, Lehn- und Gnadenbriefen sind +so fein und zierlich in vollendetstem gotischen Stil ausgeprägt, daß die +Annahme berechtigt erscheint, er habe die größten Meister dieser Kunst +in seinen Dienst gezogen. + +Von seinen Hofleuten wurde Rudolf II. Salomon genannt. Er beherrschte +sechs Sprachen, war bewandert in der Mechanik, Physik und Mathematik +und besonders in der Astrologie, Magie und Alchimie. Er verkehrte +schriftlich mit allen gelehrten Männern im heiligen römischen Reich, und +manchen unscheinbaren Doktor erhob er in den Adelsstand, auch wenn es +ein Lutheraner war. Aber hauptsächlich waren die sonderbaren Leute seine +Leute. Es lebten an seinem Hof eine Menge Uhrmacher und Maler, eine +Menge Astronomen, die ihm Horoskope stellen und Kalender machen mußten; +er verkehrte mit Adepten aller Art, worunter sich viele Scharlatane, +Glücksritter, Quacksalber und Marktschreier befanden; er verkehrte mit +Magiern, Spiegeldeutern, Lebensverlängerern und Menschenmachern; sie +mußten dem Kaiser aus kochendem Wasser weissagen, ihm ihre +Phantasmagorien zeigen und allen Ernstes versuchen, Mumien zu beleben +und in der Retorte Menschen zu erzeugen. + +Der größte Magus an Rudolfs Hof war der Engländer John Dee. Er schloß +dem Kaiser das Geisterreich auf. Er rühmte sich, zu jeder Zeit seinen +Genius vor sich zu sehen, und wenn er seine Studien unterbreche, setze +sich der Genius an seine Stelle hin und studiere weiter; wenn er dann +zurückkehre, brauche er ihn nur auf die Achsel zu klopfen, so stünde der +Genius auf und entferne sich wieder. Rudolf hielt Dee für einen +gewaltigen Zauberer, Dee hielt den Kaiser ebenfalls für einen gewaltigen +Zauberer, und so hatten beide große Furcht und großen Respekt +voreinander. Ein anderer Wundermann war der Italiener Marco Bragadino. +Eigentlich hieß er Mamugna und war ein Grieche. Zu Ende des sechzehnten +Jahrhunderts war er als Graf Mamugnano nach Italien gegangen, trat in +den Kreisen der venezianischen Nobili mit größter Pracht auf und machte +in den Palästen der Dandolo und der Contarini zum Erstaunen aller Gold. +In Prag erschien er stets begleitet von zwei riesigen schwarzen +Bullenbeißern, die er zur Beglaubigung seiner Macht über die Geister mit +sich führte. Er behandelte das Gold wie Messing, verschenkte große +Stücke und hielt stets auf eine reiche Tafel. Als er sich später nach +Münster wandte, verlor er sein Leben am Galgen. Noch größeres Aufsehen +als dieser Bragadino machte ein gewisser Hieronymo Scotto. Er war es, +der dem Kölner Kurfürsten Gebhardt Truchseß durch die Bilder in einem +Zauberspiegel die schöne Gräfin Agnes Mannsfeld verkuppelte, worüber der +geistliche Herr Land und Leute einbüßte. In Koburg verführte der +einschmeichelnde Glücksritter die Gattin des Herzogs, und die +unglückliche Prinzessin schmachtete dafür zwanzig Jahre lang im +Gefängnis. + +Alle fahrenden Alchimisten waren Rudolf willkommen, er hatte täglich +Zuspruch von ihnen und beschenkte sie reichlich, wenn sie interessante +Versuche machen konnten. Man nannte ihn den deutschen #Hermes +trismegistos,# und daß er wirklich ein Adept gewesen, schien nach seinem +Tode klar, denn man fand unter seinem Nachlaß eine graue Tinktur, man +fand vierundachtzig Zentner Gold und sechzig Zentner Silber, die in +Ziegelsteinform gegossen waren. + +Es lebten aber auch drei große Männer an Rudolfs Hof: Tycho de Brahe, +Loncomontanos und der unsterbliche Kepler, der von Prag aus sein +fundamentales Werk #»nova astronomia de stella martis«# in die Welt +sandte. Er hielt sich zwölf Jahr lang an Rudolfs Hof auf und war seit +dem Tode Brahes, der an der Tafel des letzten Rosenbergs in Krumau aus +Etikettenangst starb, als römisch-kaiserlicher Majestät Mathematikus +angestellt. Ein Jahrgehalt von fünfzehnhundert Gulden war ihm +zugesichert; aber er erhielt es selten richtig ausbezahlt. + +Vielleicht war die Zurückgezogenheit, in welcher der Kaiser auf seinem +Zauberschloß lebte, schuld daran, daß sich starke Parteiungen an seinem +Hof bildeten. Den mächtigsten Einfluß hatten die Italiener. Davon +liefert die Geschichte des Feldmarschalls Rusworn einen Beweis; Graf +Khevenhüller erzählt sie in seiner altertümlichen Manier, die ich zu +mildern versuche: + +[Illustration: Kaiser Rudolf II., nach einem Stich von A. Wierx.] + +»Dies Jahr sind zu Prag der Feldmarschall Rusworn und der Begliojoso so +hart aneinandergekommen, daß sie sich mit Worten übel traktiert, was der +Begliojoso von seinem Feldmarschall hat leiden müssen. Seines Unwillens +hat sich ein von Mailand verbannter Kerl namens Furlan bedient; der +Begliojoso hatte in seiner Heimat eines Rechtsgelehrten Weib verführt, +deshalb waren zwölftausend Kronen auf seinen Kopf gesetzt, welche dieser +Furlan zu gewinnen und dabei seiner Acht sich zu entledigen hoffte. Als +nun Begliojoso einmal am Abend auf der Kleinseite spazieren ging, ist +Furlan zu dem Feldmarschall gegangen, der beim Grafen Herberstein +speiste und hat ihm vermeldet, der Begliojoso lauere ihm auf. Darauf +hat der Rusworn um seine Leute und Pistolen geschickt und hat seinen +Kämmerling und den Furlan ihm vorausgehen heißen. Als sie nun den +Begliojoso angetroffen, hat dieser, der nichts Böses im Sinn geführt, +freundlich zu Furlan gesprochen, der aber hat ihm mit der Pistole +geantwortet und ihn durch den Arm geschossen. Darauf hat der Begliojoso +mit der rechten Hand den Degen erwischt, mit großer Wut auf die zwei +losgegangen und sie gegen den Feldmarschall getrieben; der hat gemeint, +die Verräterei sei erwiesen, hat dem Begliojoso stark mit der Wehr +zugesetzt und ihn fast auf den Tod verwundet. Indem hat Furlan den +Begliojoso hinterwärts durch den Kopf geschossen, ist davongelaufen, +aber später ertappt und gehenkt worden. Der Kaiser war zuerst übel +zufrieden, daß man seinen Feldmarschall so traktiert, aber als Rusworns +Widersacher den Kaiser anders informiert, wurde er verarrestiert und die +Sentenz über ihn gesprochen. Der Kaiser hat ihm den Pardon gegeben, der +ist aber aus Praktiken zurückgehalten und die Exekution vorgenommen +worden. Der Feldmarschall hat sich trefflich wohl zum Sterben geschickt, +hat ein gemaltes Kruzifix vor sich ausgebreitet und seines Endes +unerschrocken gewartet. Der Kopf ist ihm gleich zu der Wunde Christi +gefallen, und also hat dieser kühne tapfere Held, so in Ungarn wider den +Türken ansehnliche Dienste geleistet, mit einem schmählichen Streich +sein Leben enden müssen, aus Mißgunst etlicher, die ihn um das Glück +beneidet und denen er im Wege gelegen. Der Kaiser hat seine Übereilung +hoch beklagt. Weil aber die Majestät damals sich ganz versteckt gehalten +und fast niemand gehört, wurde die Sache beschönt und verschwiegen.« + +Gerade weil Rudolf so eingezogen lebte, bedurfte er der Zuträgereien; +die Kammerdiener brachten sie ihm, und nach seiner argwöhnischen +Gemütsart lieh er ihnen ein williges Ohr. Lakaien und Abenteurer waren +es, die im Hradschin kommandierten. Die Stallknechte hatten einen großen +Stand, weil der Marstall des Kaisers Lieblingsaufenthalt war. Viel Macht +übten endlich die listigen Buhlerinnen aus, mit denen der Kaiser in +immer wechselnder wilder Ehe lebte. Die Ursache, weshalb sich Rudolf +nicht vermählte, war das Horoskop, das ihm Tycho de Brahe gestellt +hatte. Es lautete, er dürfe nicht heiraten, denn es drohe ihm Gefahr vom +eigenen Sohn. Zwei Heiratsprojekte lagen vor: mit einer mediceischen +Prinzessin und mit der spanischen Infantin Isabella. Viele Jahre lang +wurde darüber verhandelt, aber jeder Versuch, den Kaiser zur Ehe zu +bewegen, schlug fehl. Um das Jahr 1600, als sich die Heiratsprojekte +endgültig zerschlagen hatten, stieg Rudolfs Trübsinn aufs höchste. Gegen +seinen jüngeren Bruder Mathias faßte er einen unaustilgbaren +Widerwillen. Das Erscheinen des Halleyschen Kometen bestärkte ihn in der +Furcht vor den Anschlägen seiner Verwandten, Anschläge, die der blutige +Schwanzstern ihm recht handgreiflich in der Vorbedeutung anzuzeigen +schien. Vergeblich suchte ihm Kepler seine Angst auszureden. Er war so +mißtrauisch, daß er nicht nur den niedrigsten Verleumdern zugänglich +war, sondern auch alle Personen, die zu ihm kamen, untersuchen ließ, ob +sie heimlich Waffen bei sich führten. Selbst seine Geliebten mußten sich +diesem Zwang unterwerfen. Aus Furcht verließ er das Schloß nicht mehr. +Sein Schlafzimmer glich einer Festung. Oft sprang er aus dem Bett und +ließ durch einen Schloßhauptmann alle Winkel der kaiserlichen Residenz +mitten in der Nacht durchstöbern. Wenn er zur Messe ging, was nur an +hohen Festtagen geschah, saß er in einem gedeckten und stark +vergitterten Oratorium. Um ganz sicher beim Spazierengehen zu sein, ließ +er lange und weite Gänge mit engen schrägen Fensterchen gleich +Schießscharten bauen, durch die hindurch er nicht fürchten mußte, +erschossen zu werden. Diese Gänge führten in seinen prächtigen Marstall; +er hatte hier seine Zusammenkünfte mit den Frauen und besah sich gern +seine Pferde, die er liebte, auf denen er aber niemals ritt. + +Daniel L'Hermite schildert die Erscheinung des siebenundfünfzigjährigen +Kaisers wie folgt: »Viel zu frühe sind ihm Haare und Bart grau geworden. +Die Stirn ist majestätisch, der Mund nicht unangenehm, die Augen sind +feurig, werden aber von starken Wimpern fast gänzlich beschattet. Seine +Gestalt ist mehr gedrückt als aufgerichtet, von alters her ist diese +gedrückte Leibesgestalt im Hause Österreich angeboren. Er trägt noch +immer Kleider nach der alten Sitte, er hält auf diese alte Sitte und +setzt ein Zeichen der Größe daran, nichts an ihr zu ändern; er trägt +einen kurzen, mit Gold eingefaßten Mantel und über der gegürteten +weißen Hose ein spanisches Wams.« + +In Prag wußte man oft monatelang nicht, ob Rudolf noch lebe. Das Volk +fürchtete, die Günstlinge verheimlichten seinen Tod, um seine Schätze an +sich zu bringen. Einmal brach deshalb ein Aufstand aus, und da zeigte +sich der Kaiser nach langen Bitten am Fenster des Hradschins, um den +andrängenden Volkshaufen zu beruhigen. In dumpfem Brüten, und ohne einen +Laut von sich zu geben, saß er oft viele Stunden hindurch und schaute +den Malern und Uhrmachern zu, die in seinem Zimmer arbeiteten. Wurde er +dabei angesprochen, so packte ihn der Jähzorn, und er warf, was er +gerade erreichen konnte, ein Gefäß oder ein Werkzeug, dem Störer mit +Schimpfworten an den Kopf. Bisweilen auch fuhr er aus seinem wehmütig +stieren Sinnen ohne Grund empor und zerschlug alles um sich her. + +Personen, die in Geschäften bei Hof erschienen, fanden es ungemein +schwer, zum Kaiser zu gelangen. Entweder war er im Zimmer bei den Löwen, +Leoparden und Adlern, die er selbst fütterte, oder bei Tycho de Brahe +auf der Sternwarte, oder bei Dee und Bragadino, beschäftigt mit +Schmelztiegeln, Wunderspiegeln, Traumtafeln und Geistererscheinungen, +oder in den Gärten des Hradschins, wo Bäume, Gesträuche und Blumen aus +fernen Weltgegenden blühten und Zaubergrotten und Wasserwerke sich +befanden, aus denen Musik ertönte. Wer ihn sprechen wollte, mußte sich +als Stallknecht verkleiden und ihn im Marstall erwarten. Aber auch hier +war es gefährlich, sich dem seltsamen und gewalttätigen Herrn zu +nähern. Eva, die Tochter des in Ungnade gefallenen Oberst-Burggrafen +Lobkowitz, hatte sich durch Geld eine solche Audienz erkauft, um für +ihren gefangenen Vater Freiheit und Leben zu erbitten. Ein ehrlicher +Stallknecht warnte sie in letzter Stunde, indem er ihr eröffnete, daß +sie zu schön sei, um solches zu wagen, der Kaiser scheue nicht vor +Gewalt zurück. Sie verstand ihn und floh. + +Rudolf ahnte nichts von der Not seiner Völker. Der sturmbewegten Zeit +mußte dieser kranke Träumer auf dem Thron alles schuldig bleiben. Die +Türkengefahr und der Aufstand des Siebenbürgerfürsten vereinigte +sämtliche Erzherzoge des habsburgischen Hauses zu dem Beschluß, den +Kaiser abzusetzen, und der Urheber dieser Maßregel war Clesel, der +Bischof von Wien und Neustadt. Im Juni 1608 mußte Rudolf an seinen +Bruder Mathias die Krone Ungarns und die Lande Österreich und Mähren +gegen ein Jahrgeld gänzlich abtreten, und trotz seines leidenschaftlichen +Widerstandes wurde er gezwungen, den berühmten Majestätsbrief +auszustellen, durch den er den böhmischen Herren unbedingte +Glaubensfreiheit sicherte. Nur das tiefe Zerwürfnis mit Mathias drängte +ihm den Majestätsbrief ab, die Scharteke, wie Kaiser Ferdinand später +die Urkunde verächtlich betitelte, als er sie nach der Schlacht am +Weißen Berg verbrannte. Aber eines glaubte sich Rudolf dadurch gesichert +zu haben: als böhmische Majestät in dem teuren Prag ruhig sterben zu +können. Es war ein Irrtum. Er wurde in seinem Schloß so eng bewacht, +daß ihm nicht einmal verstattet war, in den Garten zu gehen und Luft zu +schöpfen. Einmal, als der römische Kaiser aus dem Tor treten wollte, +schlug die Wache das Gewehr auf ihn an; da kehrte Rudolf in seine +Gemächer zurück, öffnete das Fenster und rief mit erhobener Hand: »Du +undankbares Prag! durch mich bist du erhöht worden, und nun stößt du +deinen Wohltäter von dir. Die Rache Gottes soll dich verfolgen und der +Fluch über dich und ganz Böhmenland kommen.« + +Die Kurfürsten von Mainz und Sachsen verwandten sich für den Kaiser, +indem sie betonten, daß er doch auch noch ein Mitglied des +kurfürstlichen Kollegiums sei. Darauf entgegneten die Stände Böhmens +höhnisch den Abgesandten: »Wir wollen euch den römischen Kaiser samt dem +Kurfürsten von Böhmen zugleich in einem Sack zuschicken.« + +In dieser Bedrängnis war es, wo Mathias seinem Bruder auch die böhmische +Krone raubte. Erbittert darüber, daß die Böhmen Mathias gehuldigt +hatten, schleuderte Rudolf, als er die Abdankungsurkunde unterzeichnet +hatte, im Zorn seinen Hut auf die Erde, zerbiß die Feder und warf sie +dann auf das Diplom, auf dem man noch heutigentags den Tintenfleck +sieht. Ungeachtet seiner hoffnungslosen Lage glaubte der wunderliche +Mann durch die Stiftung eines Ordens von Friedensrittern alles wieder +ins Geleise bringen zu können, und Tag und Nacht arbeitete er an den +Ordensketten. + +Von seinen sämtlichen Kronen besaß er jetzt nur noch die römische +Kaiserkrone. Aber schon lange verachteten ihn auch die deutschen +Fürsten und schickten endlich eine Gesandtschaft, um ihn zu nötigen, zur +Wahl eines anderen Kaisers seine Zustimmung zu geben. Er empfing die +Gesandten unter einem Thronhimmel stehend; die linke Hand hatte er auf +einen Tisch gestützt. Als sie ihr Verlangen vorbrachten, wurde ihm der +Kopf heiß, seine Knie zitterten, und er mußte sich auf einen Sessel +niederlassen. Später sagte er zum Herzog von Braunschweig, seinem +vertrautesten Freund: »Die mir in meinem Ungemach keine Hilfe geleistet +und zu meinem Dienst nicht einmal ein Roß haben satteln lassen, haben +mir jetzt eine Art von Leichenpredigt gehalten. Ohne Zweifel sind sie +mit unserm Herrgott in geheimem Rat gesessen und wissen vielleicht von +daher, daß ich noch in diesem Jahr sterben werde, weil sie gar so stark +auf einen Nachfolger im römischen Reich dringen.« + +Erniedrigung, Verlust der Würden und alle damit verbundenen Leiden hatte +Rudolf ertragen; der Tod seines schönen treuen alten Löwen und zweier +Adler, die er täglich mit eigener Hand gefüttert hatte, brach ihm das +Herz. + +Sein Leichnam wurde in eine mit rotem Damast ausgeschlagene Bahre +gelegt, über der sich ein gläserner Deckel befand; auf der Brust trug er +ein Kreuz, an der linken Seite die Wehr und an der rechten das goldene +Vlies. Rudolfs Minister wurden verhaftet und zur Folter verurteilt; sein +Schatzmeister Roszky, den er vor andern geliebt, erhängte sich im +Gefängnis mit der Schnur, an welcher er den Kammerschlüssel getragen. +Man ließ daher seinen Leib vom Nachrichter vierteilen und auf dem Weißen +Berg bestatten. Allein es hieß, daß er sich an derselben Stelle oftmals +auf einem Bock oder Hirsch reitend zeigte, und so wurde der Körper +wieder ausgegraben, wurde verbrannt und die Asche in die Moldau +geworfen. Als dies geschehen war, verschwand plötzlich der +Schloßhauptmann, und es entstand der Verdacht, daß er den Roszky im +Gefängnis ermordet, ihn aufgehängt und ihm das #aurum purificatum,# das +er aus des Kaisers Schatz zurückbehalten, geraubt habe. + +Der Kaiser Rudolf hinterließ von seinen vielen Geliebten wahrscheinlich +viele Kinder, von denen vier Söhne bekannt geworden sind, die sein +wildes Blut erbten. Don Carlos d'Austria diente dem Kaiser Ferdinand im +Dreißigjährigen Krieg, wurde aber in einer Vorstadt von Wien bei einem +Auflauf um eine öffentliche Dirne, in den er sich mutwillig gemischt +hatte, unerkannt erschlagen. Zwei andere führten ein anonymes Dasein, +der vierte jedoch, Don Cesare d'Austria, hatte an einem Edelfräulein +Gewalt geübt und sie dann aus dem Weg geräumt. Der Kaiser, sein Vater, +ließ ihm in einem warmen Bade die Adern öffnen. + + + + +Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel, mit Herrn Reichard +Strein, Freiherrn zu Schwarzenau, am 24. September 1581 + + +Als Herr Reichard Strein mit zweiundzwanzig Kutschen, in denen seine +nächsten Befreundeten gesessen, beim Grafen Ortenburg angekommen war, +ließ er durch diesen bei Herrn von Tschernembel um die Hand seiner +Tochter Regina werben. Um größere Unkosten zu verhüten und auf seine +ansehnlichen Befreundeten weisend, begehrte Herr Strein, daß nach +schleuniger Begleichung des Zeitlichen und geschehener Zusage die +Hochzeit sogleich vorgenommen werde, und obwohl der andere Teil +Einwendungen gemacht, wurde dem Begehren schließlich doch willfahrt. Die +Brautleute wurden am selben Tag christlich zusammengetan, und der Abend +ward bei guter Traktation fröhlich verbracht. Am folgenden Morgen wurde +die Hochzeitspredigt gehalten; dann fuhr Herr Strein mit Herrn Achaz von +Lohsenstein und seiner Schwester, der Frau Jörgerin, nach Freydek, um +Ordnung zur Heimführung zu geben. + +Am Mittwoch den 27. September wurde zu früher Tageszeit der Brautwagen +mit fünfzig Reitpferden nach Karlspach bei Melk begleitet, dort setzten +sich die Herren in die Kutschen, das Frauenzimmer auf ihre Wägen und +zogen in folgender Ordnung weiter: erstlich die Handrosse, dann die +andern Pferde, deren Zahl sich ebenfalls auf fünfzig belief; dann die +Kutschen mit den Dienern; dann die Herren selbst in ihren Kutschen; dann +drei berittene Trompeter; dann drei Berittene von Adel in meißenischen +Sammetröcken und weißen Kranichfedern auf den Hüten; dann drei +Edelknaben mit weiß und schwarzen Federbüschen auf den überzogenen +Sturmhauben; dann die reisigen Knechte mit goldgeschmückten Röcken; dann +Herrn Streins Pferd; dann wieder drei Berittene von Adel mit schönen +Wehrgehängen und zum Beschluß drei junge Freunde des Herrn Strein. +Hierauf folgte der Brautwagen; er war mit schwarzem Leder überzogen und +mit weißem Atlas ausgefüttert, und das Eisenwerk war versilbert; sechs +gefärbte Rosse zogen ihn, an deren Lederzeug schwarzseidene Fransen +hingen. Die Kutschen der Frauenzimmer waren mit braunem lündischen Tuch +bekleidet; es waren etwa dreißig Kobelwägen. Herr Strein empfing seine +Gäste in Freydek mit ordentlichem Schießen und anderen Ehrenbezeugungen +um zwölf Uhr Mittag. + +Als nun die Herren und Frauen in ihre Zimmer gegangen und sich abgetan, +ist die Mahlzeit mittlerweile bereit und die Speisen aufgetragen +worden. Ein Saal war zum Tanzen zugerichtet und in einer gleichgroßen +Stube standen sieben gedeckte Tafeln. Die Mahlzeit ist so vertraulich +und lieblich abgegangen, daß man weder Fluchen noch unziemliche Reden +gehört. Es ist kein übermäßiger Trunk geschehen, fröhlich ist jedermann +gewesen und hat sich den Wein wohlschmecken lassen. Als nun das Obst- +und Beschauessen zum Teil aufgetragen war und die Herrentafel aufgehoben +werden sollte, fingen unversehens die Stühle an zu sinken; zudem brach +der Boden acht Klafter in der Länge und fünf in der Breite auseinander, +und es entstand ein großes Getümmel. Die Restbäume waren gebrochen und +die Ziegelpflaster des Bodens, die Tische, Stühle, Bänke, Schrägen, +Messer, Teller und alles, was am Herrentisch gesessen, samt etlichen +aufwartenden Personen stürzte dreiundeinhalb Klafter in die Tiefe. + +Die Hochzeitsgäste meinten nichts weniger, als das Jüngste Gericht und +die Auferstehung der Toten sei gekommen. Der vom Schutt aufwirbelnde +Staub war so groß, daß ihn die Leute im Hof für Flammenrauch hielten. +»Ist durch sonderliche Fügung und Barmherzigkeit Gottes,« so lautet der +Bericht, »niemand am Leben verkürzt worden, außer einem, Kleinschopf +genannt, Herrn Gabriel Streinz' Diener, der ist im Saal gewesen und hat +das Krachen gehört, und ist herausgegangen und etlichen andern solches +gesagt und mit dem Vermelden wieder hineingegangen, er wolle sehen, wo +es brechen will. Indem hat ihn der Fall ergriffen und erschlagen.« Einer +vom Adel ist im Saal auf der Bank gelegen und hat geschlafen; dem ist +nichts geschehen, ist auch nicht eher erwacht, als bis Herrn Wolf +Ehrenreich Streinz' Lakai auf ihn gefallen, den er deshalb, unvermerkt +woher er käme, hat schlagen wollen. Herr Adam von Puchheim ist ohne +Schaden auf die Füße heruntergefallen, ist alsbald den andern zu Hilfe +gelaufen und hat zum ersten die Frau Braut Reginam hervorgezogen, welche +außer einem schlechten Riß am Knie keinen Schaden empfangen. Ihr Gemahl +ist an Kopf und Arm ein wenig gestreift worden, zwei Bäume sind +überzwerch auf ihm gelegen, Kalk ist ihm in die Augen gekommen, und er +hat nichts sehen können. + +Die Liste der bei dieser Hochzeit gestürzten Personen der Herren, +Frauen, Fräulein und Bedienten gibt die Zahl achtundzwanzig. + + + + +Friedrich Wilhelm I. von Preußen + + +Friedrich Wilhelm wurde am 14. August 1688 als einziger Sohn Friedrichs +des Ersten und der geistreichen, philosophisch begabten Charlotte von +Hannover geboren, nur wenige Monate nach dem Tode seines Großvaters, des +Großen Kurfürsten. Schon als Kind hatte er einen robusten Körperbau, ein +äußerst widerspenstiges Naturell und zeigte zum Lernen keine Lust. Der +muntere, fast unbändige Knabe war der Abgott seiner Mutter und seiner +Großmutter. Die Kurfürstin Sophie ließ den geliebten Enkelsohn bereits +in seinem fünften Jahre zu sich nach Hannover kommen, aber es war nicht +möglich, ihn dort lange zu behalten, denn er vertrug sich ganz und gar +nicht mit seinem Spielkameraden, dem Prinzen Georg, der später König von +England wurde. Die Abneigung zwischen den beiden blieb eine dauernde; +sie haßten einander bis zur Todesstunde, und Friedrich nannte Georg +nicht anders als: mein Bruder, der Tanzmeister, während Georg +seinerseits: mein Bruder, der Sergeant, sagte. + +Die Personen, die mit dem Prinzen zu tun bekamen, hatten einen schlimmen +Stand mit ihm. Zwei Guvernanten mußten ihn beaufsichtigen, und oft +brachte er durch seine tollen Streiche die beiden Frauen zur +Verzweiflung. Frühzeitig legte er einen Widerwillen gegen allen Pomp und +Luxus an den Tag, und er warf einmal ein Schlafröckchen von Goldstoff, +welches anzuziehen man ihn nötigen wollte, ins Kaminfeuer. Dagegen +bestrich er sich das Gesicht mit Fett und ließ sich in der Sonne braten, +um eine recht braune Soldatenfarbe zu bekommen. + +Wie von dem großen Leibniz bestätigt wird, galt Friedrich Wilhelm als +Knabe für sehr witzig. Auf einem Jahrmarkt in Charlottenburg spielte der +zwölfjährige Prinz den Taschenspieler zum allgemeinen Ergötzen. Die +Herzogin von Orleans schrieb: »Es ist mir immer bang, wenn ich Kinder so +witzig vor dem rechten Alter sehe, denn es ist mir ein Zeichen, daß sie +nicht lange leben. Darum ist mir auch bang für den kleinen Kurprinzen +von Brandenburg.« Friedrich Wilhelm blieb aber ungeachtet seines Witzes +beim Leben, und zwar bei recht gesundem Leben. Nur mit dem Lernen wollte +es gar nicht vorwärts; wie er seinem prunkliebenden Vater eine +entschiedene Abneigung gegen Prunk zeigte, so trotzig verhielt er sich +gegen alle Versuche seiner Mutter, die einen gelehrten Mann, #une belle +âme,# aus ihm machen wollte. In seinem siebenten Jahre war ihm der Graf +Alexander Dohna als Erzieher gegeben worden, ein ehrenfester, +gravitätischer, stolzer Mann. Seine Instruktion besagte, daß er alle +Mühe aufzuwenden habe, um dem Prinzen das Lateinische beizubringen, »da +solches nicht allein die goldene Bulle erfordere, sondern auch die +nötigen Verhandlungen mit den benachbarten Puissancen.« Aber trotz aller +Einreden Dohnas lernte die Königliche Hoheit gar wenig, obwohl ihr ein +ganz außerordentliches Gedächtnis anerschaffen war. Noch schlimmer ging +es mit den Künsten, er wollte weder das Klavier noch die Flöte spielen, +die Musik war ihm geradezu unleidlich. + +In schärfstem Gegensatz zu der Vorliebe seiner Eltern für das +Französische trat alsbald sein ausgeprägtes Deutschtum hervor. Hierin +bestärkte ihn sein erster Lehrer, der Ephorus Friedrich Cramer. Cramer +war ein kenntnisreicher und gebildeter Mann, der einst die Schrift des +Abbé Bouhours: Kann ein Deutscher Geist haben? mit einer grimmigen +Gegenschrift beantwortet hatte. Cramers Einwirkung blieb fest in der +Seele Friedrich Wilhelms, die, wie rasch sie sich auch nach Sympathien +und Antipathien entschied, daran für immer und aufs zäheste festhielt. +Der Nachfolger Cramers war ein Franzose namens Rebeur, ein Emigrant, den +Graf Dohna aus der Schweiz hatte kommen lassen. Aber dieser Rebeur war +ein trauriger Pedant; er plagte den Prinzen fortwährend damit, daß er +ihn lateinische, französische und deutsche Aufsätze über das Alte +Testament machen ließ, und die Folge war, daß Friedrich Wilhelm fortan +einen unbezwinglichen Haß gegen das Alte Testament hegte; sein ganzes +Leben lang konnte es bei ihm nicht wieder zu Ehren gebracht werden, ein +so guter Christ er auch war. + +Seine Mutter verzog ihn gänzlich, und eigentlich hat er ihr das später +nie verziehen. Gerade aus dem Verhältnis zur Mutter entwickelte sich in +ihm die Forderung eines unbedingten blinden Gehorsams, »sonder +Räsonieren«, seine unphilosophische starre Rechtgläubigkeit nach eigenem +Rezept und eigener Vorschrift und die harte Behandlung, die er seinem +Sohn Friedrich angedeihen ließ. + +Er nährte im stillen nur zwei Leidenschaften: die Soldatenliebhaberei +und die Ökonomie in den Finanzen. Schon als Knabe errichtete er von +seinem Taschengeld eine Kompanie adeliger Kadetten. Eine zweite Kompanie +befehligte sein Vetter, der Herzog von Kurland, mit dem er sich auch +sehr übel vertrug, die Mutter kam einmal dazu, wie er ihn wütend bei den +Haaren herumschleppte. Seine Sparsamkeit zeigte sich frühzeitig; er war +acht Jahre alt, als er sich ein Ausgabenbuch anlegte, das den Titel +führte: Rechnung über meine Dukaten. Seine Mutter ängstigte sich, daß +der Geiz ihn verhärten werde, und nicht weniger bekümmerte sie seine +immer mehr zutage tretende Unhöflichkeit gegen die Frauen, die freilich +in einer unbesiegbaren Befangenheit und Schüchternheit begründet war und +auch in dem Umstand, daß die erste zarte Neigung seines Herzens, die zur +Prinzessin Karoline von Ansbach, nicht erwidert wurde. Karoline +heiratete später den englischen Georg. + +In seinem sechzehnten Jahr erhielt der Prinz die Erlaubnis zu einer +Reise nach den Niederlanden und nach England. Der Herzog von Marlborough +hatte ihm bereits ein Schiff zur Überfahrt bestimmt, als er nach Berlin +zurückgerufen wurde; seine Mutter war gestorben. Von nun an lebte er +mit Vorliebe in Wusterhausen, dorthin zog er die Leibkompanie seines +Regiments, die er fleißig exerzieren ließ und die seine höchste Freude +war. Er machte den Feldzug am Rhein unter Marlborough und Prinz Eugen +mit, und im Jahre 1706 vermählte er sich mit der Prinzessin Sophie +Dorothea von Hannover, welche die Mutter des großen Friedrich wurde. Sie +war eine große schlanke Frau mit blauen Augen und braunem Haar, gebildet +und lebhaft, ehrgeizig und stolz. + +Als Friedrich Wilhelm nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1713 zur +Regierung gelangte, änderte er den ganzen Hofhaushalt völlig um. Wer +seine Gunst erlangen wollte, mußte Sturmhaube und Küraß anlegen, alles +war Offizier und Soldat, und zwei Männer gewannen alsbald ausschließlich +sein Vertrauen, der Generalmajor von Grumbkow und der Fürst Leopold von +Anhalt-Dessau. Alle wichtigen Geschäfte gingen durch Grumbkows Hände, +und da er des Königs täglicher Gesellschafter war, wuchs sein Einfluß +beständig. Er fügte sich in des Königs Launen, wußte dessen erste Hitze +abzulenken und leitete ihn, soweit er sich überhaupt leiten ließ, +anscheinend treuherzig, freimütig und bieder. Grumbkow war ein großer +Feinschmecker und konnte ungeheuer viel Wein vertragen, so daß er den +Ehrentitel Biberius erhielt. Für zwölftausend Taler Tafelgelder, die ihm +ausgezahlt wurden, übernahm er die Bewirtung der fremden Prinzen und +Gesandten. Während der König und der übrige Hof in der größten +Sparsamkeit lebten, führte Grumbkow allein einen glänzenden Haushalt. +Der König speiste selbst gern und oft bei ihm und pflegte zu sagen: »Wer +besser essen will als bei mir, der muß zu Grumbkow gehen.« Grumbkows +Verschwendungssucht brachte ihn aber in eine höchst bedenkliche +Abhängigkeit von fremden Höfen; er stand erst im englischen und später +im österreichischen Solde. Seine Hauptfeindin war die Königin Sophie, +deren Lieblingsplan einer Heirat ihres Sohnes Friedrich mit der +englischen Prinzessin Amalia er hintertrieb. Damals beleidigte er die +Königin geradezu durch unziemliche Redensarten, und sie verfluchte ihn +dafür. Sein Ehrgeiz vermaß sich immer höher, geflissentlich säte er +Zwietracht zwischen dem König und der Königin, endlich erschöpfte er die +Langmut seines Herrn und fiel in Ungnade. Als der König seinen Tod +erfuhr, sagte er: »Nun werden die Leute doch endlich einsehen, daß der +Grumbkow nicht alles macht. Hätte er vierzehn Tage länger gelebt, so +hätte ich ihn verhaften lassen.« + +Leopold von Anhalt-Dessau, den der Volksmund und die Geschichte den +Alten Dessauer nennt, war ein Vetter des Königs und seit dem +italienischen Feldzug eng mit ihm befreundet. Leopold verstand sich auf +die Seele des Soldaten, und wenn er fluchte, war es dem gemeinen Mann +wie bei einer Schmeichelei zumute. Er führte die großen Neuerungen in +der preußischen Armee ein, die ihr später in den Schlachten Friedrichs +des Großen die taktische Überlegenheit verschafften: den eisernen +Ladestock und den Gleichschritt der Kolonnen. + +Grumbkow und der Fürst von Dessau waren grimmige Feinde. Den ersten +Streit zwischen ihnen gab es wegen eines merkwürdigen Projektes, das +Leopold dem König kurz nach seinem Regierungsantritt vorschlug. Leopold +hatte in seinem Fürstentum alle Güter aufgekauft, das Land bestand am +Ende nur noch aus Domänen und war ganz sein Eigentum geworden. Er riet +dem König, ein gleiches zu tun, und bewies ihm, daß Dessau jetzt +verhältnismäßig doppelt soviel einbringe, als dem König seine Staaten. +Grumbkow widersetzte sich dem Vorschlag lebhaft und malte die +schädlichen Folgen aus, wenn der König seinen Adel vom Güterbesitz +vertreibe und sich vom baren Geld entblöße. Dem Fürsten schleuderte er +die Anklage entgegen, daß ja in seinem Lande nur noch Juden und Bettler +zu finden seien. Leopold geriet darüber in solchen Zorn, daß er den +Minister auf Pistolen forderte, und nur mit Mühe verglich sie der König +durch sein Dazwischentreten. Von da an war es unmöglich, beide Männer in +leidlichem Einvernehmen zu halten. Zehn Jahre später kam es wegen des +Vorwurfs der englischen Bestechung abermals zu einem Streit und wieder +zu einer Herausforderung. Grumbkow lehnte ab. Um sich zu rächen +verlangte Grumbkow vom Fürsten das Patengeschenk von fünftausend Talern, +das er einst einer seiner Töchter versprochen hatte, wenn sie sich +verheiraten würde. Der Fall war da. Es kam zum Wortwechsel und zu +Beschimpfungen. Der Fürst schickte Grumbkow ein Kartell. Grumbkow +schützte religiöse Bedenken vor und sagte, die Duelle seien nach +göttlichen und menschlichen Gesetzen verboten. Endlich kam es aber doch +zum Zusammentreffen, und beide Teile begaben sich vor das Köpenicker +Tor. Sobald der Fürst, in weiter Ferne noch, seinen Gegner erblickte, +rief er ihm zu, er solle den Degen ziehen. Grumbkow näherte sich mit +langsamen Schritten, übergab dem Fürsten seinen Degen und sagte, er +bitte Seine Durchlaucht untertänigst, das Vorgefallene zu vergessen und +ihm seine Gnade wieder zu schenken. Da warf ihm der Fürst einen +verachtungsvollen Blick zu, kehrte ihm den Rücken, schwang sich auf sein +Pferd und ritt wieder gegen die Stadt. + +Jetzt trat der König ernstlicher als Vermittler auf; er begehrte, daß +Leopold eine Bescheinigung unterschreiben solle, worin Grumbkow das +Zeugnis eines Ehrenmanns ausgestellt war; weigere sich der Fürst, so +werde er, Friedrich Wilhelm, alle Generale zu sich kommen lassen und +erklären, daß, wer den Grumbkow nicht für einen braven Offizier halte, +ein Erzhalunke sei. Es gab weitläufige Verhandlungen, mit Müh und Not +war der Fürst zu einer Abbitte zu bewegen, und bald darauf verließ er +den Hof von Berlin. Sein Regiment stand in Halle und in Magdeburg. In +Halle kam es zu schweren Händeln zwischen ihm und den Studenten, die +beim Rekrutenexerzieren im Frühjahr ein lärmendes Publikum bildeten und +das linkische Wesen der Rekruten verhöhnten. + +Das Kabinettsministerium Friedrich Wilhelms blieb in den Händen des seit +der Verschaffung der Königswürde bewährten Heinrich Rüdiger von Ilgen. +Der kluge Westfale, den schon der große Kurfürst nach seinem Verdienst +erkannt, gehörte zu jenen Bürgerlichen, welchen die Monarchie ihre +Größe verdankt. Ilgen war ein sehr bedeutender Mann. Er allein hielt +dem hartgesottenen Mylord Raby stand, der am Berliner Hof den Meister +spielen wollte, und entfernte ihn endlich, indem er die Gräfin +Wartenberg entfernte. In der gefährlichen Periode nach dem Utrechter +Frieden, wo der Wind der Politik beständig umsprang, lenkte er das +preußische Staatsschiff mit höchster Geistesgegenwart, ungetrübtem +freien Blick und bewußter Energie. Von Jugend auf an Arbeit gewöhnt, +gründlich unterrichtet, dabei welterfahren klug und scharfsinnig, war er +ein Meister in der Kunst der Verstellung, mit der allein man damals +regieren konnte. Er war immer auf der Hut, er verstand es wie +irgendeiner von seinen geschulten Gegnern der alten Kabinette, seine +Absichten zu verbergen, sich zweideutig auszudrücken, mit glatten Worten +sie hinzuhalten, sie zugleich auf weiten Wegen auszuforschen, durch die +stärksten Versicherungen von der richtigen Fährte abzulenken und unter +den heiligsten Beteuerungen doch zu hintergehen, so wie sie ihn +hintergehen wollten. Er hatte sich vollkommen in der Gewalt und +beherrschte mit stets gleichbleibender kalter Besonnenheit sein +Temperament, seine Zunge, sein Gesicht, ja sogar seine Augen. Nichts +verriet ihn und er erriet immer. Alle Staatsgeheimnisse verschloß er in +sich selbst, arbeitete alles selbst, hatte keine einzige Kreatur, auch +seine Verwandten begünstigte er nicht. Seine Gabe, die Menschen zu +erforschen, brachte ihn bei Hofe in den Ruf, daß er die Zukunft +vorhersagen könne. Der König, obwohl er ihn nicht liebte, wußte doch, +was er an ihm besaß. + +Trotz der diplomatischen Kunst seines Ministers war es dem König doch +immer gegenwärtig, daß, um unter den Mächten Europas Bedeutsamkeit zu +erlangen, alles auf Geld und Soldaten ankomme; das übrige fände sich +hernach von selbst. Seine Staatswirtschaft unterschied sich durchaus von +derjenigen aller anderen Reiche und Kronen; sein Muster war und blieb +das Hauswesen eines wohlhabenden Gutsbesitzers. Seine Neigung für das +Soldatenwesen schien ein Spiel, aber hinter diesem Spiel verbarg sich +ein tiefer, zukunftahnender Ernst. Es gibt eine Mitteilung über eine +merkwürdige Stelle in Friedrich Wilhelms Testament; sie stammt vom +Ritter Zimmermann und lautet: Mein ganzes Leben hindurch fand ich mich +genötigt, um dem Neid des österreichischen Hauses zu entgehen, zwei +Leidenschaften auszuhängen, die ich nicht hatte; eine war ungereimter +Geiz und die andere eine ausschweifende Neigung für große Soldaten. Nur +wegen dieser so sehr in die Augen fallenden Schwachheiten vergönnte man +mir das Einsammeln eines großen Schatzes und die Errichtung einer +starken Armee. Beide sind nun da, und nun bedarf mein Nachfolger weiter +keiner Maske. + +Sobald er den Thron bestiegen hatte, begannen die Werbungen in einem +vorher nicht dagewesenen Umfang. Im ganzen Land wurde eine förmliche +Jagd auf Bürger und Bauern veranstaltet. Scharen junger Leute flüchteten +vor dem Korporalstock der Werbewütriche, und es kam vor, daß die Werber +in Kirchen eindrangen und sich der jungen Männer während des +Gottesdienstes bemächtigten. Es fehlte dem König gegenüber nicht an +Klagen und Vorstellungen. Einmal wurde ihm ein Brief in die Hände +gespielt, auf dem zu lesen war: Wer einen Menschen stiehlet und +verkauft, daß man ihn bei ihm findet, der soll des Todes sterben. 2. +Moses 21, 16. Wenn jemand funden wird, der aus seinen Brüdern eine Seele +stiehlet aus den Kindern Israel und versetzt oder verkauft sie, solcher +Dieb soll sterben. 5. Moses 24, 7. Aber das waren Zitate aus dem Alten +Testament, und das Alte Testament war ja dem König verhaßt; auch konnte +der Hofhistoriograph Coßmann aus dem 1. Buch Samuelis, Kapitel 8 +klärlich erweisen, daß es göttliches Recht der Könige sei, Knechte und +Mägde, Söhne und Esel wegzunehmen. Friedrich Wilhelm ereiferte sich +sehr, wenn er vernahm, daß fremde Staaten Verbote gegen seine Werbungen +erlassen hätten; er hielt es für Unrecht, wenn sie ihm lange Kerle +verweigerten, da niemand sie so gut zu schätzen wisse als er. + +Die langen Kerle, das war die berühmte Potsdamer Garde, riesengroße +Leute, die er in seinen eigenen Staaten ausheben, aus allen Weltgegenden +für ansehnlichen Sold und gutes Handgeld sich verschreiben, von +befreundeten Fürsten sich schenken oder im Notfall durch seine Werber +mit Gewalt entführen ließ. Er schrieb einmal an den Grafen Seckendorf: +»Wenn ich kann von meinen beiden Vettern in Anspach und Bayreuth +vierhundert oder sechshundert Mann als Rekruten kriegen, will ich für +jeden nackenden Kerl dreißig Taler geben.« Im Lauf von zwanzig Jahren +schickte er ungefähr zwanzig Millionen Werbetaler in die Fremde. Mit +Pässen, die vom König unterzeichnet waren, machten die Werber in allen +deutschen und in den benachbarten Ländern Jagd auf lange Kerle. Im +Jülichschen passierte es einmal, daß ein Oberstleutnant bei einem sehr +langen Tischlermeister einen Kasten bestellte, der so lang und so breit +sein sollte, wie der Tischler selber war. Als der Oberstleutnant nach +einigen Tagen wiederkam, um den Kasten abzuholen, erklärte er, der +Kasten sei zu kurz. Der Tischler legte sich sofort selbst hinein, um zu +beweisen, daß der Kasten die nötige Länge habe. Geschwind ließ der +Oberstleutnant von seinen Leuten den mitgebrachten Deckel zumachen und +den Kasten von seinen Rekruten davontragen. Als aber der Kasten vor dem +Tor aufgemacht wurde, war der lange Tischlermeister erstickt. Der +Oberstleutnant wurde zwar zum Tode verurteilt, der König begnadigte ihn +aber zu lebenslänglicher Festung. Der österreichische Hof, der russische +und der polnisch-sächsische kamen der Passion des Königs freundlich +entgegen. Für hundert russische Potsdamer, die ihm der Zar Peter, dann +die Kaiserinnen Katharina und Anna zukommen ließen, gab er ihnen als +Gegengeschenk das berühmte Bernsteinkabinett, das sein Vater angelegt +hatte, und später eine bestimmte Zahl ausgebildeter preußischer +Unteroffiziere. Von August dem Starken erwarb er gegen eine Partie +Porzellan die dafür so genannten Porzellanregimenter. + +[Illustration: Friedrich Wilhelm I., nach einem Stich von G. P. Busch.] + +Der gewöhnliche Preis eines langen Kerls von fünf Fuß zehn Zoll +rheinländischen Maßes war siebenhundert Taler; einer von sechs Fuß wurde +mit tausend Talern bezahlt, und war er noch länger, so stieg der Preis +noch höher. Einer der teuersten war der Irländer Kirkland; für diesen +zahlte der preußische Gesandte in London neuntausend Taler. Für einen +andern bekam der General Schmettau fünftausend Taler und eine +Stiftsstelle für seine Schwester. Im Lande selbst ward alles aufgeboten, +damit man sich der tauglichen Subjekte rechtzeitig versichern konnte. +Kinder in der Wiege, die lang zu werden versprachen, bekamen eine rote +Halsbinde und ihre Eltern das Handgeld. Es gab Dorfschulen, wo alle +Knaben solche Binden trugen. Ein sonderbarer Versuch des Königs, recht +lange Potsdamer mit recht langen Frauen zusammenzugeben, um von ihnen +wieder recht lange Kinder zu erhalten und auf solche Art ein Geschlecht +von Giganten aufzuziehen, mißglückte leider. + +Das Infanterieregiment der blauen Grenadiere, das Königsregiment +genannt, war das schönste in ganz Europa. Es bestand aus Leuten von +allen Ecken und Enden der Welt, Deutschen, Holländern, Engländern, +Schweden, Dänen, Russen, Walachen, Ungarn, Polen und Litauern. Franzosen +waren grundsätzlich ausgeschlossen, aber wenn sie sechs Fuß maßen, +konnte der König nicht widerstehen. Die »lieben blauen Kinder« waren +seine größte Freude. Er ging mit ihnen um wie ein Kamerad und wie ein +Vater; jeder Soldat hatte bei ihm freien Zutritt. Die größten hatte er +malen lassen, und ihre Bilder hingen in den Gängen des Potsdamer +Schlosses. Der Flügelmann Jonas mußte sogar in Stein gehauen werden, und +zwar, befahl der König, so ähnlich wie möglich. Es war den lieben blauen +Kindern gestattet, Bier- und Weinhäuser, Material- und Italienerläden zu +halten und Gewerbe zu treiben. Einigen baute der König Häuser, andern +schenkte er Geld und Grundstücke, verheiratete sie und hob ihre Kinder +aus der Taufe. + +Um eine solche durch Zwangswerbung entstandene Armee in Ordnung zu +halten, bedurfte es der schärfsten Disziplin. Die Truppen wurden +jährlich neu gekleidet, die Infanterie blau, die Kavallerie weiß, die +Husaren rot. Alle trugen, wie der König selbst, den langen Zopf und +Puder in den Haaren. Die Monturen waren so eng, daß die Leute oft nicht +wagten, sich zu bewegen, aus Furcht, die Röcke könnten zerreißen. Einmal +bemerkte der König vom Fenster des Schlosses aus einen Offizier, der +einen zu langen Rock an hatte; er ließ ihn sogleich rufen und schnitt +ihm eigenhändig mit der Schere das vorschriftswidrige Stück weg. +Exerziert wurde unaufhörlich, und es war das größte Glück des Königs, +wenn bei jedem Kommando in der ganzen Linie nur ein Griff zu sehen, beim +Marschieren nur ein Tritt und beim Feuern der Rotten nur ein Schuß zu +hören war. Der Ton im Heer war streng und rauh, die Strafen waren +furchtbar. Wenn ein Soldat desertierte, mußten Bürger und Bauern die +Sturmglocken läuten, und wer den Flüchtling wieder einbrachte, bekam +zwölf Taler. Um dem allmählich überhand nehmenden Werbeunfug zu steuern, +erließ der König im Jahre 1733 das berühmte Kantonreglement, das den +Keim und Anfang des allgemeinen Wehrpflichtgesetzes darstellt. Alle +Einwohner des Landes wurden als für die Waffen geboren erklärt; +ausgenommen waren nur die kleinen, die Söhne des Adels und die Söhne +derjenigen Bürger, die einen gewissen Reichtum nachzuweisen vermochten. + +Zeit seines Lebens bezeugte Friedrich Wilhelm für Kaiser und Reich eine +Ehrerbietung und Treue der Gesinnung, die man bei einem so mächtigen +Herrn, welcher achtzigtausend Soldaten unter sich stehen hatte, nicht +vermuten konnte. Er warb um die Gunst der kaiserlichen Minister, und +einmal sagte er: »Ich würde mich begnügen, wenn ich des Kaisers +Kammerpräsident wäre.« + +Alles was nicht deutsch war, war ihm nicht zu Sinne, und sonderlich +waren ihm die Franzosen ein Greuel »mit ihren Quinten und französischen +Winden«. Um den Berlinern die französischen Moden zu verleiden, ließ er +seinen Profosen französische Kleider tragen, grüne Röcke mit +großmächtigen Aufschlägen, gelbe Westen und gelbe Strümpfe, dazu +ungeheuer große Hüte wie Wetterdächer und Haarbeutel wie riesige Säcke. +Auf dem Theater ließ er einmal ein Stück aufführen, das den Titel hatte: +»Der anfangs hitzig und großsprechende, zuletzt aber mit Schlägen +abgefertigte Marquis«. Ebenso verhaßt waren dem König »die hoffärtigen +Leute über dem großen Wassergraben«, wie er die Engländer nannte. Als +ihn zwei reformierte Prediger um die Erlaubnis baten, ihre Söhne nach +England zu den Erzbischöfen von Canterbury und York schicken zu dürfen, +schlug er es mit der Begründung ab, daß in England keine Orthodoxie in +der Religion statuiert werde und es überhaupt ein Sündenland sei. »Der +König,« schreibt Seckendorf 1726 an Prinz Eugen, »ist sehr gegen die +englische Nation pikiert und souteniert nicht ohne Grund, daß selbige +durch ihre Seemacht das Comercium von ganz Europa an sich nehmen wolle.« +Im Jahre 1730 wurden zwischen Deutschland und England Verhandlungen zu +einer Doppelheirat gepflogen; der Kronprinz Friedrich sollte die Tochter +Georgs II. und der Prinz von Wales die Prinzessin Friederike angetraut +bekommen. England forderte nur, daß der König den Minister Grumbkow als +einen Verräter im Dienst und Solde Österreichs entferne, und der +Gesandte Hotham erbot sich, diese Anklage aus aufgefangenen Briefen +Grumbkows zu beweisen. Der Graf Seckendorf stellte aber dem König vor, +daß England den treuen Minister nur deshalb entfernen wolle, um mehr +Einfluß am preußischen Hof zu gewinnen; die aufgefangenen Briefschaften +seien unterschoben und künstlich fabriziert. Als nun Hotham zur Audienz +kam und die Zuversicht aussprach, daß der König den Verräter sofort +entlassen werde, geriet Friedrich Wilhelm in solchen Zorn, daß er dem +Gesandten Großbritanniens die Dokumente ins Gesicht warf und sogar den +Fuß aufhob, als wollte er ihn mit einem Tritt bedienen. Der Gesandte +machte Anstalten zu seiner Abreise, Friedrich Wilhelm erkannte seine +Übereilung und ließ sich zweimal entschuldigen, aber kurz darauf wollte +er seine Gemahlin, die englische Prinzessin, bei der Tafel nötigen, auf +Englands Untergang zu trinken. + +Mit Holland und Sachsen-Polen stand der König gut, aber seine größte +Sympathie hatten doch die Russen. Er war sehr für die russische Allianz, +und der Gedanke des nordischen Drei-Adlerbündnisses schwebte ihm immer +vor der Seele. Der große Kurfürst war anderer Meinung gewesen und hatte +tiefer gesehen, wie sein Wort beweist: Die Russen sind Bären, die man +nicht loslassen muß, weil es schwer ist, sie wieder anzubinden. + +Die Königin Sophie Dorothea verübelte es ihrem Gemahl sehr, daß er sich +allerwegen für das Interesse des Kaisers einsetzte. Einmal sagte sie bei +Tisch vor seinen Vertrauten und Offizieren zu ihm: »Ich will noch +erleben, daß ich Euch Ungläubige will gläubig machen und dartun, wie Ihr +seid betrogen worden.« Aber der König ließ sich nicht irre machen. Einst +schrieb er an Seckendorf: »Meine Feinde mögen tun was sie wollen, so +gehe ich nit ab vom Kaiser, oder der Kaiser muß mich mit Füßen +wegstoßen, sonsten ich mit Treu und Blut sein bin und bis in mein Grab +verbleibe.« Er war auch der Ansicht, die deutschen Fürsten müßten +geradezu gezwungen werden, die pragmatische Sanktion anzuerkennen. +»Weigern sie sich, oder wollen sie sich nit explizieren,« schrieb er, +»so muß man die Laus und Motten nit im Pelz lassen wuchern, daß der +ganze Pelz nit verdorben sei.« Im Jahre 1729 schon drohte der Krieg, und +da schrieb der König an Seckendorf: »Ich wünsche, daß es losgehe und +kann versichern, daß ich mit Gut und Blut beistehen werde, aber es muß +alles reichskonstitutionsmäßig sein, und die Auswärtigen müssen +attackieren, dann ohne Räsonieren drup! drup! Mit die größte Pläsier von +der Welt, die stolzen Leute zur Räson bringen zu helfen, sie sollen +sehen, daß das deutsche Blut nit verwüstet ist.« Aber als es fünf Jahre +später zum Krieg zwischen Frankreich und Österreich kam, wollte er seine +Truppen doch nicht marschieren lassen und sagte: »Ich gebe keinen Mann +und kein Geld. Ich muß wissen woher und wohin.« Dann ließ er aber doch +zehntausend Blauröcke ins Feld rücken. Der Kardinal Fleury schickte ihm +eine künstlich gearbeitete goldene Birne, in welcher ein Wechsel auf +fünf Millionen Pistolen lag, zahlbar, wenn der König sich für Frankreich +erklären würde. Er wies das Anerbieten zurück. In der Folge wurde er +aber vom Kaiser mit Undank belohnt, und als es zum Frieden kam, wurde +Preußens Stimme nicht einmal gehört. Ein halbes Jahr später sagte er bei +einer Unterredung in Potsdam, indem er auf seinen so lange mißhandelten +Sohn Friedrich wies, die berühmten Worte: »Da steht einer, der mich +rächen wird.« Noch zwei Jahre früher freilich hatte er dieses Genie so +über die Achsel angesehen, daß er sich geäußert hatte: »Fritzchen #ne +sait rien du tout des affaires.# Wenn du es nicht recht anfangen wirst +und alles drunter und drüber gehen wird, so werde ich in meinem Grabe +über dich lachen.« + +Als der Kronprinz Friedrich sechs Jahre alt war, erhielt er zwei +militärische Gouverneure von seinem Vater, und diesen ward +eingeschärft, ihn in der Furcht Gottes zu erziehen, denn dies sei das +einzige Mittel, so schreibt der König selbst in seiner Instruktion, die +von menschlichen Gesetzen und Strafen befreite suveräne Macht in den +Schranken der Gebühr zu erhalten. Man müsse ihn zum Guten antreiben und +die Begierde zum Ruhm und zur Bravur in ihm erwecken, von Opern, +Komödien und andern weltlichen Eitelkeiten abhalten und ihm so viel als +möglich Ekel davor machen. Aber alles was zu lernen sei, solle ihm ohne +Ekel und Verdruß beigebracht werden. »Sie müssen ihn nicht bei Leib und +Leben verzärteln oder gar zu weichlich gewöhnen. Vor der Faulheit, als +woraus Verschwendung entsteht, soll ihm der allergrößte Abscheu von der +Welt gemacht werden. Er soll nie allein gelassen werden, weder bei Tag +noch bei Nacht, einer der Gouverneure soll jederzeit bei ihm schlafen. +Da sich bei herannahenden Jahren oftmals das Laster der Hurerei +einzuschleichen pflegt, soll sowohl der Oberhofmeister als auch der +Subgouverneur vor allen Dingen achthaben, daß solches verhütet werde, +widrigenfalls sie mir mit ihren Köpfen davor haften sollen.« Und in +einem späteren Reglement heißt es: »Am Sonntag morgen soll er um sieben +Uhr aufstehen; und sobald er die Pantoffel an hat, soll er vor dem Bette +auf die Knie niederfallen und zu Gott kurz beten, und zwar laut, daß +alle, die im Zimmer sind, es hören können. Dann soll er sich hurtig +anziehen und proper waschen, schwänzen und pudern; dann soll er +frühstücken in sieben Minuten Zeit. Dann sollen alle seine Domestiken +und Duhan hereinkommen, das große Gebet gehalten, auf die Knie, darauf +Duhan ein Kapitel aus der Bibel lesen soll und ein oder ander gutes Lied +singen soll, da es dreiviertel auf acht sein wird. Alsdann wieder alle +Domestiken herausgehen sollen. Duhan soll alsdann mit Meinem Sohn das +Evangelium vom Sonntag lesen, kurz explizieren und dabei allegieren, was +zum wahren Christentum nötig ist, auch etwas von #Katechismo noltenii# +repetieren, und soll dies geschehen bis neun Uhr; alsdann mit Meinem +Sohn zu Mir herunter kommen soll und mit Mir in die Kirche gehen und +essen; der Rest des Tages ist vor Ihn. Des Abends soll er um halb zehn +Uhr von Mir guten Abend sagen, dann gleich nach der Kammer gehen, sich +sehr geschwind ausziehen, die Hände waschen, dann soll Duhan ein Gebet +auf den Knien halten, ein Lied singen, dabei wieder alle Seine +Domestiken zugegen sein sollen, alsdann Mein Sohn gleich zu Bette gehen +soll.« So war auch für die Wochentage die Stundeneinteilung aufs +genaueste geregelt. Das Budget des Prinzen ward ungemein kärglich +bemessen, und der König prüfte alle Rechnungen selbst. + +Friedrich sollte nach dem Willen seines Vaters vor allem ein guter +Soldat werden; aber sein feiner, rascher und feuriger Geist war durch +das pedantische Leben, das er führen mußte, das unablässige Exerzieren, +das Absperren von Musik und Büchern, zu denen ihn seine innerste +Herzensneigung zog und die ihm der Vater beharrlich verwehrte, aufs +tiefste bedrückt. Er lehnte sich auf gegen die Tyrannei, gab sich +Ausschweifungen hin und warf sich mit aller Glut einer jugendlichen und +unbefriedigten Seele der französischen Philosophie in die Arme. Der +König, dem die Änderung im Wesen des Sohnes nicht entgehen konnte, +behandelte ihn nur um so strenger. Die Königin hatte Friedrich heimlich +Unterricht im Flötenspiel geben lassen; er hatte oft in versteckten +Gewölben Konzerte veranstaltet oder seine musikalischen Freunde in den +Wald bestellt; während sein Vater Schweine hetzte, wurden die Flöten und +Geigen aus den Jagdtaschen gezogen und im Waldesdunkel konzertiert. Der +König kannte diese Neigung und nannte seinen Sohn verächtlich den +Querpfeifer und Poeten. Auf Friedrichs Bitten hatte die Königin den +berühmten Flötenspieler Quanz nach Berlin kommen lassen; der König hatte +Nachricht davon erhalten und den Prinzen überrascht; Quanz konnte zwar +noch glücklich in einem Kamin versteckt werden, er erzählte später, daß +ihm nie eine Pause so schwer zu halten gewesen sei, aber der König hatte +im Zimmer des Prinzen brokatne Schlafröcke und französische +Gedichtbücher gefunden. Die Schlafröcke ließ er verbrennen, die Bücher +verkaufen. Wütend darüber, daß sein Sohn den Petitmaitre machte, +schickte der König eines Morgens den Hofbarbier Sternemann zu Friedrich +mit dem Befehl, ihm die schönen, langen, braunen Seitenlocken +abzuschneiden und ihn vorschriftsmäßig einzuschwänzen. Als der gutmütige +Mann den Prinzen weinen sah, legte er die Schere weg und band die Locken +in den Zopf mit ein. Als Friedrich sich bei seiner Tafel statt der +zweizinkigen Eisengabeln gegen den Befehl dreizinkige silberne +anschaffen ließ, ward er geschlagen. Auch bei anderen Gelegenheiten +wurde er von seinem Vater mißhandelt, und seine Lage erschien ihm +plötzlich so unerträglich, daß er den Plan faßte, zu entfliehen. Aber +der unvorsichtige Katte, der überall in Berlin mit der Freundschaft des +Kronprinzen prahlte, hatte geschwatzt, und der König, den sein Sohn auf +einer Rheinreise begleitete, ließ ihn in Wesel verhaften und fragte ihn, +warum er habe desertieren wollen. »Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn, +sondern wie einen niederträchtigen Sklaven behandelt haben,« antwortete +Friedrich. »Ihr seid also nichts weiter als ein feiger Desertör ohne +Ehre?« sagte der König. »Ich habe so viel Ehre wie Sie,« antwortete +Friedrich, »und habe nur das getan, was Sie mir hundertmal gesagt haben, +Sie würden es an meiner Stelle tun.« Der König zog den Degen und wollte +in der Hitze den Sohn erstechen. Der Mut des Kommandanten von Wesel +rettete Friedrich; er warf sich zwischen Vater und Sohn und rief dem +König zu: »Sire, durchbohren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes!« + +Der neunzehnjährige Prinz ward aus der preußischen Armee gestoßen und +auf die Festung Küstrin gebracht. Sein Gefängnis war sehr hart. Die Tür +war mit zwei großen Vorlegeschlössern versperrt, sein Essen, aus der +Garküche mittags für sechs Groschen und abends für vier Groschen, mußte +ihm vorher entzweigeschnitten werden, Messer und Gabel waren verboten, +ebenso Tinte und Feder, Bücher und Flöte. Niemand durfte sich länger als +vier Minuten bei ihm aufhalten, und um acht Uhr abends hatte der +wachthabende Offizier den Befehl, die Kerzen auszulöschen. Einmal +erinnerte er den Prinzen daran, zu Bett zu gehen, und als dieser nicht +darauf achtete, blies er die Lichter aus. Friedrich gab ihm eine +Ohrfeige. Am andern Morgen erschoß sich der Offizier. Die beabsichtigte +Desertion allein hätte nicht des Königs Zorn so erregen können, wie es +der Fall war. Man hatte ihm hinterbracht, und hier hatte wahrscheinlich +Grumbkow seine Hand im Spiele gehabt, daß Friedrich nach Österreich +fliehen gewollt, um katholisch zu werden und sich mit Maria Theresia zu +verheiraten. Katholisch werden, das war für den König der Schrecken und +das Grauen. Grumbkow, der sich überzeugt hatte, daß die Königin und die +Prinzessin Friederike die wichtigsten Papiere beiseite gebracht hatten, +drängte den Prinzen zu Aussagen über einige Punkte. Friedrich antwortete +mit stolzer Verachtung. Da hatte Grumbkow die Stirn, mit der Folter zu +drohen. Friedrich erwiderte, ein Henker könne nur mit Vergnügen von +seinem Henkerhandwerk reden, und er wolle sich nicht zu weiteren +Geständnissen erniedrigen. Die Untersuchung ergab, daß er zur Flucht +fünfzehntausend Taler geborgt hatte, auch wurde ihm ein +Liebesverständnis mit der schönen Potsdamer Kantorstochter Doris Ritter +zur Last gelegt. Der König befahl, das Mädchen auszupeitschen und nach +Spandau ins Spinnhaus bringen zu lassen; der Vater verlor sein Amt. Das +furchtbarste Schicksal aber hatte Katte. Er hatte mit der Flucht +gezögert, weil ein Mädchen ihn hielt, war arretiert und vom +Kriegsgericht zur Ausstoßung aus der Armee und zu lebenslänglicher +Festung verurteilt worden. Der König verschärfte das Urteil auf die +Todesstrafe. Am sechsten November früh sieben Uhr wurde der +zweiundzwanzigjährige Mensch am Schlosse vorbei und auf den Wall +geführt. Friedrich öffnete das Fenster und rief mit lauter Stimme: +»Verzeih mir, lieber Katte.« Katte erwiderte: »Der Tod für einen solchen +Prinzen ist süß.« Damit ging er mutig zum Richtplatz, wo sein Kopf fiel. +Friedrich wurde ohnmächtig und blieb dann bis zum Abend regungslos am +Fenster stehen, den Blick unverwandt auf die Richtstätte gerichtet. +Wahrscheinlich begann mit diesem Tag seine völlige Umkehr und +Verwandlung, zum Heil seines Volkes und der Welt. So ist, was grausam +und dem einzelnen schwer zu tragen scheint, in einem höheren Sinne +Notwendigkeit. + +Der Areopag, vor welchem am Berliner Hofe die Angelegenheiten der innern +und äußern Politik verhandelt wurden, war das Tabakskollegium. Die +Tabaksstube war auf holländische Art wie eine Prachtküche mit einem +hohen Gestell von blauen Tellern eingerichtet; jeden Abend gegen sechs +Uhr kam das Tabakskollegium zusammen und blieb bis zehn Uhr und auch +länger. Es gehörten dem Kollegium an: Grumbkow, der Alte Dessauer, der +Graf Dönhoff, der Oberst von Derschau, die Generale von Gerstorf und von +Sydow, Jean de Forcade, der Kommandant von Berlin, Peter von Blankensee, +bei Hofe der Blitzpeter genannt, Kaspar Otto von Glasenapp, Christoph +Adam von Flanz, der beste Rebhuhnschütze, Dubislav Gundomar von Natzmer, +Heinrich Karl von der Marwitz, Friedrich Wilhelm von Rochow, Wilhelm +Dietrich von Buddenbrock, Arnold Christoph von Waldow, Johann Christoph +Friedrich von Haake und die von Fall zu Fall gebetenen Minister und +Gesandten. + +Um den Haupttisch saßen die Herren mit ihren breiten Ordensbändern und +rauchten aus langen holländischen Pfeifen; vor jedem von ihnen stand ein +weißer Krug mit Ducksteiner Bier und ein Glas. Die nicht wirklich +rauchen konnten, wie der Alte Dessauer und der Graf Seckendorf, mußten +wenigstens eine Pfeife in den Mund nehmen und kalt rauchen; Seckendorf +war sogar so gefällig, sich durch fortwährendes Blasen mit den Lippen +den Anschein eines geübten Rauchers zu geben. Es ergötzte den König +höchlich, wenn fremde Prinzen, die als Gäste anwesend waren, betrunken +gemacht werden konnten oder wenn ihnen das ungewohnte Tabakskraut +Sterbensübelkeit verursachte. Er selbst rauchte passioniert, jeden Abend +dreißig Pfeifen. Auf dem Tische lagen die Zeitungen, die Berliner, die +Hamburger, die Leipziger, die Frankfurter, die Breslauer, die Wiener, +auch holländische und französische. Ein Vorleser war bestellt, der sie +vorlesen, und, was unverständlich war, erklären mußte. Dieser Vorleser +hieß Jakob Paul Freiherr von Gundling. + +Gundling war ein Franke, ein Pfarrerssohn aus Hersbruck bei Nürnberg. Er +war durch Danckelmann nach Berlin gekommen und Professor an der +Ritterakademie gewesen, der König erhob ihn auf Grumbkows Empfehlung zum +Hofrat und Zeitungsreferenten beim Tabakskollegium; er erhielt freie +Tafel bei Hof, Wohnung im Schlosse und mußte den König auf allen seinen +Gängen begleiten, um ihm mit seiner Gelahrtheit und instruktiven +Unterhaltung nahe zu sein. Er galt als ein wichtiger Mann, und der +russische wie der kaiserliche Hof verschmähten es nicht, ihn durch +Gnadenketten zu gewinnen. Um die Gelehrsamkeit, die er wirklich besaß, +recht lächerlich zu machen, mußte er beim König den Hofnarren abgeben. +Der König erhob ihn zu einer bereits abgeschafften Würde, der des +Oberzeremonienmeisters, und schenkte ihm den Anzug des verabschiedeten +Besser, den dieser beim Krönungsfest getragen hatte; es war ein roter, +mit schwarzem Samt ausgeschlagener Leibrock mit großen französischen +Aufschlägen und goldenen Knopflöchern, dazu eine große Staatsperücke mit +langen Locken aus weißen Ziegenhaaren, ein großer Hut mit weißen +Straußfedern, gelbe Beinkleider, seidene Strümpfe mit goldenen Zwickeln +und Schuhe mit roten Absätzen. Der König machte ihn, und zwar an Stelle +des großen Leibniz, zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften. Er +gab ihm den Freiherrntitel und die Kammerherrnwürde. + +In der Trunkenheit schnitt man ihm einst den Kammerherrnschlüssel ab. +Der König drohte, ihn wie einen Soldaten zu behandeln, der sein Gewehr +verloren hat. Nachdem Gundling acht Tage hindurch einen ellenlangen +hölzernen Schlüssel zur Strafe auf der Brust hatte tragen müssen, ward +ihm der verlorene wieder eingehändigt, und er ließ ihn nun von einem +Schlosser mit starkem Draht an seinem Rockschoß befestigen. Alle Würden +und Chargen, auch die des geheimen Oberappellationsrats, des Kriegs- und +Hofkammerrats, des Hof- und Kammergerichtsrats, des Freiherrn und +Historiographen erhielt Gundling nur, um ihn und die Ämter damit zu +verspotten. Einmal machte Gundling den Vorschlag, Maulbeerbäume in der +preußischen Monarchie anzupflanzen; da ernannte ihn der König zum +geheimen Finanzrat mit der Weisung an den vorsitzenden Etatsminister, +»man solle Gundling feierlich in das Kollegium introduzieren, ihn #cum +voto sessionis# anstellen und ihm das Departement aller seidenen Würmer +im ganzen Land übertragen«. + +Dem armen Gundling ward oftmals so stark zugesetzt, daß er seiner nicht +mächtig blieb. Man heftete ihm allerlei Figuren von Eseln, Kamelen und +Ochsen an sein Staatskleid und malte ihm einen Schnurrbart. Man ließ ihn +aus den Zeitungen die boshaftesten Artikel über seine eigene Person +vorlesen, die der König eigens an die Redaktionen hatte schicken lassen. +Man setzte einen Affen, der genau wie Gundling gekleidet und mit dem +Kammerherrnschlüssel geschmückt war, an seine Seite; der König +behauptete, der Affe sei Gundlings natürlicher Sohn, und er wurde +gezwungen, das Tier vor dem ganzen Tabakskollegium zu umarmen. In +Wusterhausen, wo auf dem Schloßplatz immer mehrere junge Bären +herumliefen, legte man ihm einige Bären in sein Bett, die Vorderfüße der +Bestien waren zwar verstümmelt, dennoch hätten sie ihn mit ihren +Umarmungen beinahe totgedrückt, und er bekam den Bluthusten. Einmal im +Winter taumelte er betrunken über die Wusterhausener Schloßbrücke; da +packten ihn auf Befehl des Königs vier handfeste Grenadiere, und an +Stricken ließen sie den schweren Mann solange in den gefrorenen +Schloßgraben hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter, bis er das +Eis durchgestoßen hatte. Diese Szene mußte zur besonderen Ergötzlichkeit +des Königs wiederholt und sogar gemalt werden. Einmal war Gundling zu +Gaste geladen und ließ sich in einer Sänfte tragen. Plötzlich wich der +Boden der Sänfte unter ihm, er schrie den Trägern zu, sie möchten +halten, aber je lauter er rief, je schneller rannten die Träger und +zwangen ihn so, nach Art des Pachter Feldkümmel mit ihnen zu laufen. +Häufig fand Gundling, wenn er nachts nach Hause kam, sein Studierzimmer +zugemauert; anstatt sich zur Ruhe legen zu können mußte er stundenlang +die Türe suchen und endlich an der Treppe schlafen. + +Eines Tages entfloh der schwergeplagte Mann zu seinem Bruder, dem +Professor Nikolaus Hieronymus in Halle. Der König ließ ihn aber wieder +holen und machte Miene, ihn als Desertör zu bestrafen. Da er aber eine +ungewöhnliche Stille an ihm bemerkte, nahm er zu dem alten Köder der +Eitelkeit seine Zuflucht: er erhob ihn in den Freiherrnstand, und zwar +mit der Anciennität von sechzehn Ahnen väterlicher und mütterlicher +Seite. Es dauerte aber nicht lange, und der König ließ wieder einen +seiner derbsten Schwänke an ihm verüben. Auf seinen Befehl schrieb +Faßmann, der Autor der damals beliebten »Gespräche im Reich der Toten« +eine bösartige Satire auf Gundling, betitelt: »Der gelehrte Narr«, und +erhielt den Auftrag, sie Gundling im Tabakskollegium zu überreichen. +Gundling wurde hochrot vor Zorn und kam so in Harnisch, daß er eine der +zum Pfeifenanbrennen mit glühendem Torf gefüllten Pfannen ergriff und +sie Faßmann ins Gesicht schleuderte, wovon diesem die Brauen und Wimpern +versengt wurden. Sofort setzte sich Faßmann vor den Augen Seiner +Majestät in Avantage, entblößte Gundling die hinteren Kleider und +bearbeitete ihn mit der heißen Pfanne dermaßen, daß er vier Wochen lang +nicht sitzen konnte. Seitdem begegneten sich die beiden gelehrten Herrn +im Tabakskollegium niemals, ohne daß es zum Faustkampf kam. Der König, +die Generale, die Minister und die Gesandten sahen den Turnieren zu. +Schließlich verlangte der König, die beiden Herren sollten ihren +Ehrenhandel durch ein Duell zum Austrag bringen. Faßmann forderte +Gundling auf Pistolen, Gundling mußte die Forderung annehmen, er mochte +wollen oder nicht. Als die Kombattanten auf dem Schloßplatz erschienen, +warf Gundling die Pistole weg, Faßmann schoß ihm die seinige, die nur +mit Pulver geladen war, in die Perücke, welche zu brennen anfing; +Gundling fiel vor Schreck auf die Erde, und ein ganzer Eimer kalten +Wassers, den man über ihn schüttete, konnte ihm nicht die Gewißheit +geben, daß er noch lebte. + +Achtundfünfzig Jahre alt, beschloß Gundling sein Dasein. Bei der Sektion +ergab sich, daß er im Magen ein großes Loch hatte; der Magen war vom +vielen Trinken geborsten. Seit zehn Jahren war vom König ein mächtiges +Weinfaß zu seiner letzten Ruhestätte bestimmt worden. In seinem besten +Staatskleid angetan, ward er in dieses Faß gelegt und so in Bornstädt +bei Potsdam trotz des Widerspruchs der Geistlichkeit wirklich begraben. +Faßmann hielt dem preußischen Freiherrn mit der Anciennität von sechzehn +Ahnen, dem preußischen Kammerherrn, Präsidenten, Finanzrat und +Historiographen die Nach- und Trauerrede über seine Weinfaß-Ruhestätte. + +In Potsdam gab der König im Winter einige Assembleen, in Berlin +unterließ er dies aus Sparsamkeitsgründen, da mußten die Generale und +Minister auf ihre Kosten Assembleen geben, aber bei den Diners, wo +Friedrich Wilhelm ein freies Gespräch liebte, verbat er sich die +Anwesenheit von Damen. Der Hauptgastgeber war Grumbkow. Ein wegen seiner +Knauserei bekannter General, bei dem sich der König zu Gast geladen +hatte, entschuldigte sich einst, daß er keine eigene Wirtschaft führe. +Der König verwies ihn zum Gastwirt Nikolai, erschien dort mit großem +Gefolge, und es wurde vortrefflich gegessen und getrunken. Beim +Aufstehen rief der General den Wirt herein und fragte ihn, was das +Gedeck koste. »Ohne den Wein einen Gulden die Person,« antwortete der +Wirt. »Schön,« sagte der General, »hier ist ein Gulden für mich und +einer für Seine Majestät; die andern Herrn, die ich nicht gebeten habe, +bezahlen für sich.« Der König lachte und erwiderte, das sei ganz fein; +er habe den Herrn zu prellen geglaubt, und nun sei er selber geprellt. +Darauf bezahlte er die ganze Rechnung. + +Später wurde die Einrichtung der Assembleen einem herumreisenden +Komödianten übertragen, einem gewissen Karl von Eggenberg. Er war ein +Sattlersohn aus dem Bernburgischen, war vom König von Dänemark geadelt +worden und hatte Friedrich Wilhelm durch seine Körperkraft in Erstaunen +gesetzt; man hieß ihn nur den starken Mann, und er konnte eine zwei +Zentner schwere Kanone samt einem Tambur in die Höhe heben und solange +halten, bis der Tambur ein Glas Wein ausgetrunken hatte. Er kam reich +nach Berlin, baute ein Haus, stand beim König, dem er die Husarenpferde, +dänische Hengste, besorgte, in großer Gunst, und er war es auch, der das +Theater wieder einigermaßen emporbrachte. Vordem hatten nur Seiltänzer, +Gaukler, Taschenspieler, Marktschreier und Marionettenspieler von Zeit +zu Zeit die Erlaubnis erhalten, in Berlin Vorstellungen zu geben, auch +einzelne herumziehende Schauspieler, nur durfte nichts Ärgerliches und +Skandalöses auf der Bühne erscheinen. Eggenberg bekam nun den Titel +eines Königlichen Hofkomödianten und durfte mit einer vom König +besoldeten Truppe Aufführungen veranstalten, »nur keine gottlosen und +dem Christentum nachteilige Dinge, sondern lauter innozente Sachen zum +honetten Amüsement.« Sie spielten auf dem Stallplatz und auf der breiten +Straße; Hauptperson war der Hanswurst; es wurde der Doktor Faust +aufgeführt, wie er vom Teufel geholt, und Haman, wie er gehängt wird. +Der »Premierplatz« kostete acht Groschen. Zuletzt wurde die Komödie auch +in Halle erlaubt, aber die theologische Fakultät erhob wegen des +Gaukel- und Teufelsspiels beim König Protest. Der König schrieb zurück, +es würden auch in Utrecht und Leyden Schauspiele geduldet, und kein +Mensch könne zweifeln, daß dies die beiden ersten Universitäten der Welt +seien. + +Sonst war Friedrich Wilhelm allen Volkslustbarkeiten abhold, er sah +darin nur Üppigkeit. Das Scheibenschießen hob er auf, Tee- und +Kaffeeschenken verschwanden, und wer nach neun Uhr abends sich in den +Wirtshäusern betreffen ließ, wurde von den Patrouillen arretiert. Wenn +der König nach der Friedrichstadt kam, flüchteten die Leute, machten +Türen und Fenster zu, und die Straßen waren öde. Für die Künste hatte +Friedrich Wilhelm keinen Sinn. Er malte zwar selbst, besonders in den +späteren Jahren, wo ihn die Gicht plagte; gewöhnlich waren es Bauern, +die er porträtierte, einmal malte er auch Gundling als Polichinell, aber +die Bilder wurden nur von seinen Schmeichlern gelobt. Für die Musik +hatte er wenig übrig; einmal ließ er Glockenspiele aus Holland kommen, +die von den Türmen geistliche Lieder spielten. Ein paarmal in der Woche +ließ er an Winterabenden Arien und Chöre aus heroischen Opern vorführen, +etwa aus Händels Alessandro oder Siroe, und zwar auf Blasinstrumenten +von den Hoboisten des Garderegiments. Bei diesen Konzerten standen die +Musiker mit ihren Pulten und Lichtern am einen Ende des langen Saals, +und der König saß ganz allein am andern. Zuweilen, nach einem guten +Diner, schlief er auch bei der heroischen Musik ein. Den höchsten Spaß +bereitete ihm ein von Kapellmeister Pepusch für sechs Fagotte +komponiertes Konzert, betitelt: #Porco primo, porco secondo# usw. Er +hielt sich den Bauch dabei vor Lachen. Auch der Kronprinz Friedrich +wollte einmal dieses Konzert hören, und um den Komponisten zu verspotten +lud er eine große Gesellschaft dazu ein. Pepusch wollte ausweichen, +mußte sich aber dem Willen des Prinzen fügen. Er kam nicht mit sechs, +sondern mit sieben Hoboisten, legte die Noten auf die Pulte und schaute +ganz ernsthaft im Saal herum. Der Kronprinz trat auf ihn zu und fragte: +»Herr Kapellmeister, sucht Er etwas?« Pepusch antwortete, es fehle ihm +noch ein Pult. »Ich dachte,« versetzte Friedrich lächelnd, »es seien nur +sechs Schweine in seiner Musik?« -- »Ganz recht, königliche Hoheit,« gab +Pepusch zurück, »aber es ist da noch ein Ferkelchen gekommen, #flauto +solo#.« Und Friedrich, der Flötenspieler, war angeführt. + +Was der große Kurfürst begonnen hatte, vollendete Friedrich Wilhelm mit +der Niederbeugung des Adels; er setzte die Besteuerung durch. Als der +Graf Alexander Dohna, Marschall der Stände Preußens, in seinem Bericht +an den König die Phrase gebracht hatte: #Tout les pays seront ruinés,# +schrieb Friedrich Wilhelm die denkwürdigen, unsterblich gewordenen +Worte: »#les pays seront ruinés? Nihil credo,# aber das #credo,# daß die +Junkers ihre Autorität wird ruiniert werden. Ich stabiliere die +Suveränität wie einen #rocher# von Bronze.« Friedrich Wilhelms Herz +neigte sich mehr zu den Bürgern als zu den Junkern. Wenn er einmal +äußerte, daß er ein wahrer Republikaner sei, so verstand er eigentlich +seine bürgerliche Gesinnung darunter. Er liebte es, mit dem Volke +unmittelbar zu verkehren, und besuchte Gastmähler und Hochzeiten, auch +richtete er sich in Berlin und Potsdam ganz einfach bürgerlich ein, wie +ein guter deutscher Haushalter. Fleißige Handwerker und reinliche +Hausfrauen belobte er sehr. Mit der Reinlichkeit konnte er auch an +seinem ganzen Körper nicht genug tun; ferner war er äußerst +wahrheitsliebend. In der Instruktion für die Räte seines +Generaldirektoriums schrieb er: »Wir wollen die flatterien durchaus +nicht haben, sondern man soll Uns allemal nur die reine Wahrheit sagen.« +Aber er war ein sehr gewalttätiger Herr und König, im Zorne wild und +furchtbar. Friedrich der Große und seine Schwester hatten ihm den +Spitznamen #le ragotin# gegeben. Zuletzt war er so dick geworden, daß +seine Weste fast vier Ellen weit war. + +Er forderte unbedingten Gehorsam ohne Widerspruch. Die Universität Halle +stellte einmal beweglich vor, daß ein Studiosus von einigen Soldaten des +Abends auf der Straße angefallen und zum Tor hinausgeführt worden sei. +Der Bescheid des Königs lautete: »Soll nicht räsonieren! Ist mein +Untertan.« + +Er wollte in seinem Lande nur gute Christen, fleißige Bürger und tapfere +Soldaten haben. Voltaire nannte ihn den Vandalen; aber alle seine +Strenge und Härte entschuldigte Friedrich Wilhelm mit der Pflicht, und +öfters äußerte er: Ich bin nur der erste Diener des Staates; und den +Staat regierte er nach seiner eigentümlichen Weise mit Gewalt, um ihn +zu beglücken. Dabei war er gewissenhaft; einmal hatte er in Stettin +einen Beamten durch den Henker prügeln lassen, kurz darauf stellte sich +die Unschuld des Mannes heraus, da ließ er ihn an seiner Tafel speisen, +um ihm eine öffentliche Genugtuung zu geben. Er glaubte, immer gerecht +zu handeln, doch handelte er nur in dem gerecht, was er selbst für Recht +erkannte. Er war religiös, aber nur in dem, was er bei sich selbst als +Religion gelten ließ; es war eine Religion ganz nach eigenem Rezept. +Bisweilen war er ernstlich gesonnen, abzudanken, weil er glaubte, seine +Pflicht nicht gehörig erfüllen zu können. Er hielt sich in der genauen +Bedeutung des Wortes für einen Knecht Gottes. So wenig er das Alte +Testament achtete, seine Gesetze waren wie die des Alten Testaments. Aus +königlicher Machtvollkommenheit kassierte und annullierte er die Urteile +der Richter und verschärfte sie weit öfter als er sie milderte. Da galt +kein Ansehen der Person. Ein Kriegs- und Domänenrat von Schlubhut in +Königsberg hatte Gelder unterschlagen, die für die Salzburger Emigranten +bestimmt gewesen waren, und das Gericht erkannte auf einige Jahre +Festung. Der König wollte das Urteil nicht bestätigen, verschob den +Spruch bis zu seiner Reise nach Königsberg, befahl den Kriegsrat vor +sich und kündigte ihm an, daß er ihn hängen lassen werde. Schlubhut +erwiderte frech, das sei nicht Manier, so mit einem preußischen Edelmann +zu verfahren, er werde die fehlende Summe ersetzen. Der König geriet in +den höchsten Zorn und schrie: »Ich will dein schelmisches Geld nicht +haben.« Darauf ließ er einen Galgen vor dem Sessionszimmer der Kriegs- +und Domänenkammer errichten und vor den Augen der versammelten Räte +Schlubhut daran aufknüpfen. + +Er haßte die Juristen und hätte sie gerne alle vertilgt, besonders die +Advokaten. Auf dem Lande durfte kein Advokat wohnen, damit die Bauern +nicht prozeßsüchtig würden. Als er an die Stände Preußens das Verbot +erließ, sich aller Beschwerden und Mahnungen und der Hinweisung auf alte +Verheißungen zu enthalten, wagten die Stände einzuwenden, Gott, der +allmächtige Vater, gestatte doch auch, daß man ihm Beschwerden vortrage, +und bleibe nichtsdestoweniger allmächtig, mithin werde es Seine Majestät +ebenfalls nicht ungnädig deuten. Aber Seine Majestät kehrte sich daran +nicht, und in seinen Kabinettsbefehlen hieß es gewöhnlich: Wir sind Herr +und König und tun, was Wir wollen. + +In Reden und Schriften war er ausbündig derb. Die Ehrentitel Hundsfott, +Kujon, Halunke schwebten beständig auf seinen Lippen. Auf Eingaben, die +ihm nicht behagten, malte er Eselsköpfe und -ohren an den Rand, und in +den Resolutionen, die er ausgehen ließ, hieß es fortwährend: Wenn das +und das nicht geschieht, so werde Ich es scharf ansehen, man wird den +König zum Feinde haben, so wird Lärm werden, so wird der Donner +dreinschlagen, eh man es sich vermutet. Wenn ein Minister zu spät in die +Sitzungen kam, mußte er hundert Dukaten Strafe zahlen. »Die Herrn sollen +arbeiten, wofür Wir sie bezahlen,« sagte der König. Einer seiner +Kammerdiener sollte ihm einmal den Abendsegen vorlesen. Als die Worte +kamen: Der Herr segne dich, glaubte der einfältige Mensch in seiner +Unterwürfigkeit »der Herr segne Sie« lesen zu müssen. Da fuhr ihn der +König an: »Hundsfott, lies, was dasteht, vor dem lieben Gott bin Ich +genau so ein Hundsfott wie du.« Die Bedienten waren allerdings ihres +Lebens nicht sicher; er hatte stets zwei mit Salz geladne Pistolen neben +sich liegen, und wenn sie etwas versahen, feuerte er die Pistolen auf +sie ab. + +Seine Sparsamkeit war so pedantisch, daß er sich alle Küchenzettel +vorlegen ließ und an den geringfügigsten Ausgaben mäkelte. Die Zettel +mußten bis auf jede Zitrone und auf jede Mandel Eier spezifiziert sein, +und einmal schrieb er darunter: Ein Taler zu viel. Auf die Eingaben um +Geldbewilligung schrieb er zumeist: #Non habeo pecunia,# oder: #point +d'argent,# oder: Narrenspossen, Narrenspossen! Sogar auf die +Papierersparnis richtete er sein Augenmerk; auf den Rand eines Berichts +des Kammerkollegiums schrieb er: Der Quark ist das schöne Papier nicht +wert, sollen schlecht Papier nehmen, das ist Mir genug. + +Bei alledem konnte er auch freigebig sein. Für den Hofstaat der Königin +hatte er achtzigtausend Taler ausgesetzt, viel mehr, als die erste +Königin gehabt. In ihrem Kabinett war sämtliches Gerät von Gold, Kron-, +Wand- und Armleuchter, Geridone und Tafeln. Einmal schenkte er ihr zu +Weihnachten eine goldene Brandrute für den Kamin, die sechzehnhundert +Taler kostete. + +Er war ein rastlos tätiger Mann, kein Hauch von Phlegma war in ihm. +»Der König,« schreibt Seckendorf im Juni 1726, »kann allem menschlichen +Ansehen nach unmöglich in die Länge die Art zu leben kontinuieren, ohne +an Gemüt und Leib zu leiden, maßen der Herr vom frühen Morgen bis in die +späte Nacht in kontinuierlichem #mouvement# ist, bei sehr früher +Tagesstunde das Gemüt mit verschiedenen und differenten Materien, +Resolutionen und Arbeiten angreifet, hernach den ganzen Tag mit Reiten, +Fahren, Gehen und Stehen sich unglaublich fatigiert, mit starkem Essen +und ziemlichem, doch nicht bis zur #debauche# kommenden starken Getränke +sich erhitzet, wenig und dabei sehr unruhig schläft, folglich sein +ohnedem vehementes Naturell dermaßen echauffiert, daß mit der Zeit üble +Folgen daraus entstehen dürften.« + +Es kam vor, daß Friedrich Wilhelm irgendeinen faulenzenden Berliner +Eckensteher mit eigenen Händen durchprügelte. Ein andres Mal prügelte er +einen verschlafenen Torschreiber, der die Bauern vor dem Tor warten +ließ, mit den Worten: »Guten Morgen, Herr Torschreiber« aus dem Bette. +Recht mißlich war es, ihm zu begegnen. Wer ihm auffiel, an den ritt er +so nahe heran, daß der Kopf des Pferdes dem Manne an die Brust stieß, +und dann begann das Verhör. Sah er einen französischen Prediger, so +fragte er jedesmal, ob sie Molière gelesen hatten, um ihnen damit +anzudeuten, daß er sie für Komödianten halte. Am schlechtesten erging es +denen, die vor ihm die Flucht ergriffen; einmal verfolgte er einen +Juden, der Reißaus genommen hatte, und als er ihn gestellt hatte, sagte +der Jude, er habe sich gefürchtet. Da prügelte ihn der König mit seinem +Stock und schrie dabei in einemfort: »Lieben sollt ihr mich, lieben und +nicht fürchten.« + +So orthodox Friedrich Wilhelm auch war, erklärte er sich doch mit allem +Nachdruck für die Toleranz. Er duldete alle Religionsparteien, nur die +Jesuiten waren ihm zuwider, »die Vögels, die dem Satan Raum geben und +sein Reich vermehren wollen«. Schon im Anfang seiner Regierung erließ er +ein Edikt, worin er den lutherischen und reformierten Religionsverwandten +gebot, aller Schmähungen sich zu enthalten und friedlich miteinander zu +verkehren. Den lebhaftesten Anteil nahm er an dem Schicksal der +Salzburger Emigranten. Er schickte nicht nur Kommissäre zu den Salzburger +Bauern, um sie einzuladen, sich in seinen Staaten niederzulassen, +sondern griff auch, um den Erzbischof Firmian von weiterer Verfolgung +abzuschrecken, zu Repressalien gegen die Katholiken im Bistum +Halberstadt und drohte die Einkünfte der Klöster in Beschlag zu nehmen. +Zwanzigtausend Salzburger fanden damals in Preußen Zuflucht; als der +erste Zug eintraf, begrüßte ihn der König selbst am Leipziger Tor und +hieß die armen Leute als seine lieben Landeskinder willkommen; von der +Königin wurden sie in Monbijou bewirtet. + +Um das Jahr 1727 verfiel Friedrich Wilhelm in eine tiefe religiöse +Schwermut. Er sprach unaufhörlich davon, daß er die Krone niederlegen +und sich in den Haag zurückziehen wollte, wo ihm aus der Erbschaft +Wilhelms des Dritten das Lustschloß Honslardik zugefallen war. Es war +August Hermann Franke, der einen solchen Einfluß auf das Gemüt des +Königs gewonnen hatte. Die Markgräfin von Baireuth schreibt: »Dieser +Geistliche machte die unschuldigsten Dinge zur Gewissenssache, er +verwarf alle Vergnügungen als verdammlich, selbst die Musik und die +Jagd, man sollte nur vom Worte Gottes sprechen, alles andre war +verboten.« Grumbkow und Seckendorf legten dem König immer wieder die +Hindernisse dar, die sich seiner Abdankung entgegensetzten, und wie er +einen solchen Schritt später bereuen würde. Aber der König versank nur +noch tiefer in seine Grübeleien, und man durfte in seiner Nähe nicht +mehr lachen. Da nun alle Worte vergeblich waren, verfielen Grumbkow und +Seckendorf auf ein anderes Mittel. Sie überredeten den König, dem +sächsischen Hof einen Besuch abzustatten, der damals der glänzendste in +Deutschland war. Politische Gründe bestimmten Friedrich Wilhelm, den +Vorschlag anzunehmen. Sobald er nach Dresden kam, wurde er von Fest zu +Fest fortgerissen, die Freuden der Tafel wurden nicht vergessen, der +Ungarwein nicht gespart, und die Freundschaft der beiden Könige war die +innigste. Eines Tages, als man weidlich geschmaust hatte, führte der +König von Polen seinen Gastfreund im Domino auf eine Redute. Immerfort +schwatzend, gingen sie von einem Zimmer in das andere, wobei die +Hofleute und der Kronprinz Friedrich folgten. Endlich gelangten sie in +einen schön verzierten Raum, und während Friedrich Wilhelm das prächtige +Gerät bewunderte, sank eine Tapetenwand nieder, und ein seltsames +Schauspiel bot sich den Blicken dar. Ein Mädchen von vollendeter +Schönheit lag nachlässig auf einem Ruhebette, nackt wie sie Gott +erschaffen, mit einem Körper wie die mediceische Venus. Das Kabinett, +worin sie sich befand, war von so vielen Kerzen erhellt, daß sie das +Tageslicht überstrahlten. Der König von Polen sowohl als Grumbkow +glaubten, daß Friedrich Wilhelm einer solchen Verlockung nicht werde +widerstehen können; allein es kam anders. Bei dem ersten Blick nahm +Friedrich Wilhelm seinen Hut, hielt ihn dem Kronprinzen vor das Gesicht +und befahl ihm, sich zu entfernen. Er selbst wandte sich zum König von +Polen, sagte trocken: »Sie ist recht schön,« und ging fort. An +Seckendorf schrieb er ein paar Tage später: »Ich gehe zu kommendem +Mittwoche nach Hause, fatigieret von allen guten Tagen und Wohlleben; +ist gewiß nit christlich leben hier, aber Gott ist Mein Zeuge, daß Ich +kein Pläsier daran gefunden und noch so rein bin als Ich von Hause +hergekommen und mit Gottes Hilfe beharren werde bis an Mein Ende.« + +Schon im Winter 1735 hatte der König an der Wassersucht gelitten, und +sein Leben war in großer Gefahr gewesen. In dem strengen Winter des +Jahres 1740 erkrankte er von neuem. Er ließ den lutherischen Propst +Roloff kommen, der ihn zum Tod vorbereiten sollte. Er verzieh allen +seinen Feinden, schließlich sogar seinem Schwager, dem König von +England, der ihm doch, wie er sagte, alles gebrannte Herzeleid angetan +habe. Er bereute seine Sünden und zählte sie in Gegenwart vieler +Umstehenden so ausführlich auf, daß Roloff ihn bitten mußte, es zu +unterlassen. Worauf Roloff drang, war Sinnesänderung, dazu aber war der +Herr lange nicht zu bewegen. Er führte auf, daß er die Geistlichkeit +immer respektiert, Gottes Wort immer fleißig gehört habe und seiner Frau +immer unverbrüchlich treu gewesen sei; er behauptete, immer recht +gehandelt und alles zu Gottes Ehre getan zu haben. Roloff widersprach +dem und erinnerte ihn an die Verschärfungen der Todesurteile, an die +ungerechten Hinrichtungen, an das erzwungene Häuserbauen in Berlin, zur +großen Bedrückung seiner Untertanen, und des Königs Verantwortung wollte +er als vor Gott genügend nicht gelten lassen. Da sagte der König: »Er +schont Meiner nicht. Er spricht als ein guter Geist und ein ehrlicher +Mann mit Mir. Ich danke ihm dafür und erkenne nun, daß ich ein großer +Sünder bin.« Im April 1740 konnte er noch nach seinem geliebten Potsdam +fahren; er gab Anordnungen für sein Leichenbegängnis, bei dem das +Leibregiment feuern sollte. Mitten in seinen Schmerzen ließ er sich das +Lied vorsingen: Warum sollt ich mich doch grämen? Als die Stelle kam: +Nackend werd auch ich hinziehen, unterbrach er die Sänger mit den +Worten: »Nein, das ist erlogen, ich will in der Montur begraben sein.« +Bescheiden stellte ihm der Feldprediger vor, daß es dort oben keine +Soldaten gäbe; da rief der König: »Was? Sapperment! Wieso?« Und er +schien nun sehr niedergeschlagen. + +Am Sterbetage, den 31. Mai, nahm er Abschied von seiner Frau, seinen +Söhnen, allen Ministern, Beamten und Offizieren. Er ließ sich ans +Fenster rücken, von wo er den Marstall überblicken konnte, und befahl, +daß man die Pferde herausführe, denn er wollte dem Fürsten von Dessau +und dem General Haake noch ein Pferd schenken. Als ihm sein Leibarzt auf +die Frage, wie lange er noch zu leben habe, antwortete, ungefähr eine +halbe Stunde, forderte er einen Spiegel, schaute hinein und sagte +lächelnd: »Ich bin recht verändert, ich werde beim Sterben ein garstiges +Gesicht machen.« Später wiederholte er die Frage an den Arzt. Der +Leibmedikus befühlte ihm den Puls, zuckte die Achseln und sagte: »Er +steht still.« Da hob der König seinen Arm, schüttelte die Faust und +rief: »Er soll nicht stillstehen.« + +Friedrich Wilhelm starb im zweiundfünfzigsten Jahre seines Alters; er +starb, wie Friedrich der Große an Voltaire schrieb, mit der Neugierde +eines Naturforschers, der beobachten will, was im Augenblick des +Hinscheidens geschieht, und mit dem Heldenmute eines großen Mannes. Er +ward in Potsdam begraben. Bei der Leichenfeier wurden die von ihm selbst +ausgewählten Lieder gesungen und beim Trauermahl zwei von ihm eigens +dazu bestimmte Eimer alten Rheinweins ausgetrunken. + + + + +Joachim Nettelbeck + + +Als Sohn eines Brauers und Branntweinbrenners wurde Joachim Nettelbeck +am 20. September 1738 zu Kolberg geboren. Seine Mutter war aus dem +Geschlecht des Schiffers Blanken; seines Vaters Bruder war ebenfalls +Schiffer. Seine größte Kinderfreude bestand darin, auf Schiffen +herumzuspringen, und sobald er lallen konnte, war sein Sinn auf die +Schifferei gestellt. Sein Hang war so groß, daß er aus jedem Span, aus +jedem Stück Baumrinde, das ihm in die Hände fiel, kleine Schiffe +schnitzelte, sie mit Segeln von Federn oder Papier ausrüstete und damit +auf Rinnsteinen und Teichen oder auf der Persante hantierte. Kein +größeres Vergnügen gab es für ihn, als wenn seines Onkels Schiff im +Hafen lag; da hatte er zu Hause keine Ruhe und bat immerfort, man möchte +ihn nach der Münde lassen. + +Nicht geringere Liebe zeigte er zum Gartenwesen. Sein Großvater war ein +großer Gartenfreund, nahm ihn oft in seinen Garten mit und schenkte ihm +sogar ein Fleckchen Land. Da legte er Obstkerne, pflanzte, verpfropfte +und okulierte. + +[Illustration: Joachim Nettelbeck, nach einer Zeichnung von Ludwig +Heine.] + +Er mochte etwa sechs Jahre alt sein, da entstand eine Hungersnot im +Lande. Es kamen viele arme Leute nach Kolberg, um Korn zu holen, weil +man Getreideschiffe im Hafen erwartete. Als endlich ein Schiff mit +Roggen auf der Reede anlangte, stieß es gegen den Hafendamm und sank in +den Grund. Um es wieder emporzuwinden wurden zwei Schiffe benutzt, deren +eines von seinem Onkel geführt wurde, und der Knabe war beständig +zugegen. Das Fahrzeug wurde gehoben, doch das Korn war durchnäßt; bald +waren alle Straßen mit Laken und Schürzen überdeckt, auf denen das +Getreide der Luft und Sonne ausgesetzt wurde. Endlich kam ein zweites +Kornschiff, und es konnte der Not gesteuert werden. + +Im nächsten Jahre schickte der Große Friedrich von Preußen eine +Wagenladung mit Kartoffeln nach Kolberg. Diese Früchte waren aber damals +noch völlig unbekannt, und die Bürger berieten hin und her, was wohl +damit anzufangen sei. Sie warfen sie den Hunden vor, die sie +beschnupperten und verschmähten. Was sollen uns die Dinger? hieß es; sie +riechen nicht, sie schmecken nicht, und nicht einmal die Hunde mögen sie +fressen. Man glaubte, sie wüchsen auf den Bäumen und man müsse sie +herunterschütteln wie die Äpfel. Alles dieses ward auf dem Markte, vor +seiner Eltern Tür, verhandelt. Erst als der König im andern Jahr eine +zweite Sendung von einem Landreiter begleiten ließ, der des +Kartoffelbaues kundig war, gewann die neue Frucht das Wohlwollen der +Bürger. + +Der Knabe war auch ein großer Liebhaber von Tauben, und er sparte sich +von seinem Frühstücksgeld so viel ab, daß er sich ein paar Tauben kaufen +konnte. Seine Spielereien hielten ihn vom Lernen und von der Schule ab, +und erst die dringenden Ermahnungen seines Paten weckten seinen Ehrgeiz. +In seinem achten Jahre schenkte ihm der Pate zu Weihnachten eine +Anweisung zur Steuermannskunst, und bald ging sein Eifer für diese Sache +soweit, daß er oft im Winter bei strenger Kälte des Nachts, wenn klarer +Himmel war, heimlich auf den Wall ging und mit seinen Instrumenten die +Entfernung der Sterne vom Horizont oder vom Zenit maß und danach die +Polhöhe berechnete. Kam er des Morgens erfroren nach Hause, so +verwunderte sich alles, erklärte ihn für einen überstudierten Narren, +und der Vater schlug ihn. + +Da ein Seemann sich auf die Kletterkunst gut verstehen mußte, übte er +sich in Gemeinschaft mit dem Sohn des Glöckners im Balkenwerk der großen +Kirche in dieser Fertigkeit. Sie krochen überall herum, und oft +verirrten sie sich in der gewaltigen Verzimmerung dergestalt, daß einer +vom andern nichts mehr wußte, und wenn sie wieder zusammenkamen, war des +Erzählens kein Ende, wo sie gewesen waren und was sie gesehen hatten. In +dem inwendigen Holzverband krochen sie auch bis zur Spitze des Turmes +hinauf, bis sie sich in dem beengten Raum nicht mehr rühren konnten. +Diese Gewandtheit und Ortskenntnis kam ihm viele Jahre später wohl +zustatten, als ein Wetterstrahl im Turm gezündet hatte und das Feuer +gelöscht werden mußte. + +Als er elf Jahre alt war, nahm ihn sein Onkel als Kajütenwächter mit +auf sein Schiff, und seine erste Fahrt ging nach Amsterdam. Dort sah er +die großen Indienfahrer und verspürte eine unbezwingliche Sehnsucht, auf +einem solchen Schiff zu dienen. Bei Nacht und Nebel floh er auf einer +Jolle, betrat eines der Schiffe, das er sonderlich ins Auge gefaßt, und +wurde nach vielen Verhandlungen als Seemannsjunge geheuert. Das Schiff +war für den Sklavenhandel nach Guinea bestimmt. Einundzwanzig Monate +später kam er nach Amsterdam zurück, schrieb an seine Eltern, die, froh +erstaunt, ihn noch am Leben zu wissen, ihn nach Kolberg riefen; dort +blieb er nun bis zu seinem vierzehnten Jahr. Länger vermochte er aber +seinem Abenteuer- und Tätigkeitstrieb nicht zu widerstehen: er entfloh +neuerdings und verdingte sich auf einem Schiff, das nach Surinam +bestimmt war. Auf der Heimfahrt fiel der Steuermann über Bord und +ertrank, und Nettelbeck wurde zum Untersteuermann gemacht. + +Im Jahre 1756 nahm er Dienst bei seinem Oheim, der eine Schiffsladung +mit Holz von Rügenwalde nach Lissabon zu bringen hatte. Sein jüngerer +Bruder, ein Knabe von vierzehn Jahren, und des Oheims junger Sohn waren +ebenfalls auf dem Schiffe bedienstet. Sie erlitten an der flandrischen +Küste Schiffbruch und wurden von österreichischen Soldaten gerettet. Der +Oheim hatte aber eine tödliche Verletzung erlitten und starb in einem +Kloster, wohin man ihn in Eile transportiert hatte. Als Ketzer und +Preußen verdächtigt und gemieden, mußten sich die drei jungen Burschen +durch das feindliche Land schlagen, und erst nach schrecklichen Mühsalen +gelangten sie wieder nach Kolberg. Kaum hatte sich Nettelbeck von der +überstandenen schweren Zeit erholt, so brach der Krieg aus, und die +Werber des Königs kamen in die Stadt, um alle jungen Leute zum +Soldatenstand zu pressen. Es war eine wahre Hetzjagd, der Schrecken für +alle Eltern jener Zeit und für alles junge Volk, das eine Flinte +schleppen konnte und nicht mochte. + +Die entschiedene Abneigung des Bürgers gegen den Soldatenstand hatte +ihre Rechtfertigung in der unmenschlichen Art, womit die jungen Leute +von den Unteroffizieren behandelt wurden; so sagt Nettelbeck selbst, und +er fügt hinzu: unter den Fenstern der Eltern wurden sie von den rohen +Menschen aufs Grausamste mißhandelt, und es war ein kläglicher Anblick, +wenn bei solchen Auftritten die Mütter in Haufen daneben standen, +weinten und schrien und von den rauhen Barbaren abgeführt wurden. + +Nettelbeck ergriff die Flucht. Bei Nacht, in Sturm und Schneegestöber +wanderte er zu einem Bauern, welcher ihm genannt worden war, und mußte +sich im Stadtholz eines Rudels Wölfe erwehren. Endlich erreichte er die +Freistatt, hielt sich zwölf Tage dort verborgen, aber er ertrug es +nicht, untätig zu sitzen, und er begab sich wieder nach der Münde. Eines +Nachts erweckte ihn ein Klopfen an den Fensterladen des Kämmerchens, wo +er schlief, und die bekannte Stimme einer getreuen Frauensperson rief +ihm zu: »Joachim, auf! auf aus den Federn! Die Soldaten sind wieder auf +der Münde!« In der Bestürzung griff er nach einem Bund Kleider, stahl +sich im Hemd auf die Straße und bemerkte, als er sich anziehen wollte, +daß er Frauenkleider mitgenommen hatte. Er warf einen roten Friesrock +über die Schultern, da wurde er von den Soldaten gestört, er rannte zum +Hafen, sprang in ein Boot und ruderte hinaus. Jenseits ging er an Land, +wanderte so gut als nackend in der bitterkalten Märznacht vor mehrere +Türen, wurde jedesmal abgewiesen und flüchtete endlich in einen alten +Schiffsrumpf, der im Sommer als Bierschank benutzt wurde. Er kletterte +in das Rauchfangloch und duckte sich vor der Kälte in einen Winkel +zusammen. Am Morgen suchte er sein verlassenes Boot wieder auf und +ruderte sich zu einem Schiffe heran, das einem Königsberger Schiffer +gehörte. Der Mann nahm ihn auf und hielt ihn lange bei sich verborgen. +Zwei Wochen später fuhr er mit einem anderen Schiffer nach Danzig, und +dort wurde er Steuermann auf einer kleinen Jacht, die eine Ladung Hanf +nach Westschottland bringen sollte. Die Schiffahrt in den Gewässern der +Hebriden war der Klippen und starken Strömungen wegen sehr gefährlich, +das Schiff irrte lange herum, geriet im Kanal mit sieben englischen +Kapern zusammen, und alle diese Schnapphähne, so nennt sie Nettelbeck, +stiegen an Bord seines Schiffes und nahmen mit, was nicht niet- und +nagelfest war, Kessel und Pfannen, Tauwerk und Segel, Karten und Kompaß. +Die Aufregung und das beständige Elend machten Nettelbeck krank. Er +mußte in Metemblick zurückbleiben und begab sich zu einem Kompaßmacher +in die Lehre; was er von ihm lernte, war ihm in der Folge von großem +Nutzen. + +Bald darauf rief ihn sein Vater nach Kolberg zurück, und er war noch +nicht vier Wochen in der Heimat, so begann die Belagerung Kolbergs durch +die Russen. Durch die Entschlossenheit der Bürgerwehr blieben die +feindlichen Anstrengungen fruchtlos, und nachdem die Russen eine Menge +Pulver unnütz verschossen hatten, mußten sie wieder abziehen. Nettelbeck +begab sich nach Amsterdam, traf dort mit seinem alten Kapitän Blanken +zusammen und fuhr mit ihm neuerdings nach Surinam; von dort heimgekehrt, +hielt es ihn wieder nicht lange, und er fuhr mit einem andern Schiff +nach Sankt Eustaz. Als er dann in seine Vaterstadt zurückgekehrt war, +wurde diese zum zweitenmal von den Russen belagert, aber der Notstand +dauerte nur drei Wochen. Während der Zeit des Siebenjährigen Krieges +blieb den preußischen Schiffern, wenn sie Erwerb finden wollten, kaum +etwas anderes übrig, als unter der neutralen Danziger Flagge zu fahren. +In solcher Weise ging Nettelbeck von Danzig nach Königsberg und von +Königsberg mit einem Getreideschiff nach Amsterdam. + +Es ist nicht erforderlich, alle diese Fahrten und die späteren im +einzelnen zu verfolgen; diese Begegnungen mit Freund und Feind, dieses +Hin und Her in allen Zonen der Erde, diese Kämpfe mit allen Gefahren und +allen Elementen. Sie bilden ein Leben voll beständiger Unruhe und +beständiger Tätigkeit. Die Kaufleute im fremden Land sind listig und +verschlagen; ihrer Tücke Herr zu werden, gegen ihre Vorteilssucht nicht +des eignen Vorteils verlustig zu gehen, verlangt viel Klugheit, ja +beinahe Weisheit und unendliche Selbstverleugnung. Immer wieder Stürme, +immer wieder Schiffbruch; kaum ist ein kümmerlicher Verdienst in +Sicherheit gebracht, so geht er durch Wagnis oder Unglück wieder +verloren. Bei einer Fahrt in der Nordsee wird der Kapitän wahnsinnig und +trifft Verfügungen, die den Untergang des Schiffes herbeiführen müssen. +Eines Morgens stürzt er vom Steuer in die See und ertrinkt. Nettelbeck +nimmt ein Verzeichnis seiner Habseligkeiten auf, versiegelt die +eingepackten Waren und wirft vor den Augen der Matrosen das hierzu +gebrauchte Petschaft ins Meer. Zu seiner Verwunderung kann er nirgends +die Gelder und Barschaften des verunglückten Schiffers finden, die +Taschenuhr, die silbernen Schuh- und Knieschnallen, die goldenen und +silbernen Galanteriewaren nicht, die er vordem bei ihm gesehen. Als er +mit dem Schiff in den Hafen gelangt, taucht trotz eidlicher Erhärtung +der Verdacht auf, daß er das Gut des Schiffers veruntreut habe. +Lästerung und Verleumdung heftet sich an seine Fersen, und der Kummer, +den er darüber empfindet, raubt ihm allen Mut. Erst viele Jahre später +wurde das Eigentum des toten Schiffers zufällig in einem Verschlag der +Kajüte entdeckt, die Witwe und die Verwandten leisteten Nettelbeck +Abbitte, und die ihn geschmäht und bezichtigt hatten, erhoben ihn in den +Himmel, aber man muß nicht eben Nettelbeck sein, um den von Zufalls +Gnaden gereinigten Schild der Ehre mit bitterem Gefühle zu betrachten. +Allmählich reifte er in der Schule des Lebens zur Resignation heran; +doch seine Kraft, zu handeln, seine wunderbare Kraft, zu helfen, +erlahmte dabei mitnichten. Während des großen Brandes in Königsberg +rettete er auf einem Boote viele Menschen vor dem sicheren und +schrecklichen Tod. Einige Zeit nachher geriet auf dem Pregel ein +holländisches Schiff in Brand. Alle Menschen, so viel deren +herbeigekommen, waren damit beschäftigt, Löcher in das Verdeck zu hauen, +um von oben Wasser in den brennenden Raum zu gießen. Dadurch gewann aber +das Feuer nur um so größeren Zug, und Nettelbeck, der ein so +widersinniges Verfahren nicht gelassen mit anschauen konnte, schrie +ihnen zu, sie arbeiteten sich ja zum Unglück, sie müßten das Schiff +versenken. Es lief aber alles verwirrt durcheinander, und niemand wollte +auf ihn hören. Da griff er einen von seinen Zimmerleuten auf, sprang mit +ihm in das Boot, das zum brennenden Schiff gehörte, und zeigte ihm eine +Planke dicht über dem Wasser, wo er ein Loch ins Schiff hauen sollte. +Das lasse er wohl bleiben, war die Antwort des Mannes, da könne er +schlimmen Lohn dafür haben. Nettelbeck riß ihm die Axt aus den Händen, +schlug selber das Loch, eilte spornstreichs auf das Verdeck, wo sich +Hunderte von Menschen drängten, und schrie: »Herunter vom Schiff, was +nicht ersaufen will, in der Minute wird's sinken.« Und das Schiff sank. +Die holländischen Kaufleute aber verklagten ihn bei der Admiralität und +forderten von ihm den vollen Ersatz des Schadens. Er wurde vor das +Kollegium zitiert und sollte sich verantworten. + +Seine Rede war die: »Tausend Augen haben es mit angesehen, wie das +Schiff in hellem Feuer stand. Hätte das nur noch eine halbe +Viertelstunde so gedauert, so nahm die Flamme dergestalt überhand, daß +es kein Mensch auf dem Schiff aushalten konnte und es mitsamt der Ladung +preisgegeben werden mußte. Und wie sollte es dann fehlen, daß nicht die +Taue mit verbrannten, die es am Bollwerk hielten; daß die flammende +Masse stromabwärts und unter die vielen andern Schiffe trieb und diese +mit ins Verderben zog? Jetzt ist großes und gewisses Unglück mit um so +geringerem Schaden abgewandt, als Schiff und Ladung wohl wieder zu +bergen sein werden. Ich bin daher auch des guten Glaubens, daß ich in +keiner Weise strafbar gehandelt, sondern nur meine Bürgerpflicht erfüllt +habe.« + +Die Sentenz lautete, daß der Schiffer Nettelbeck vollkommen recht und +löblich gehandelt habe und das Kollegium sich vorbehalte, ihm seine +Zufriedenheit und Dankbarkeit durch feierlichen Handschlag zu bezeugen. +Der Kollegiumsdirektor stand von seinem Sitze auf, schüttelte ihm +treuherzig die Hand, dankte ihm im Namen aller Schiffer und im Namen der +Stadt und hieß ihn einen wackeren Mann. Kaufleute, Schiffer und Advokat +sahen einander verlegen an, dann traten sie einer nach dem andern zu ihm +und gaben ihm ebenfalls die Hand. Der Direktor fragte ihn zum Schluß, ob +er nicht, wie er im vorigen Jahr mit dem Bording der Witwe Rollof getan, +das versunkene Schiff aus dem Wasser zu heben versuchen wolle. Und +Nettelbeck sagte zu. Die Hebung gelang unter großen Schwierigkeiten, +und da er von den holländischen Kaufleuten außer dem Ersatz seiner +Auslagen nichts annehmen wollte, machten sie ihm ein Geschenk von +hundert preußischen Gulden samt zehn Pfund Kaffee und zwanzig Pfund +Zucker. Er seinerseits schenkte davon fünfundzwanzig Gulden den Armen, +damit sie auch einmal einen guten Tag haben sollten. + +Es war das Sonderbare seines Geschicks, daß es ihn immer wieder zwang, +gegen die Elemente in den Kampf zu treten und er dem Wasser wie dem +Feuer gegenüber stets die gleiche streitbare Rolle spielt. Als er nach +vielen und gefährlichen Reisen, nach vielen und ermüdenden Versuchen, da +und dort seinen Lebensunterhalt zu erwerben, als beinahe Vierzigjähriger +1777 wieder in seiner Vaterstadt saß, schlug eines Tages im April der +Blitz in den Kirchturm, und im Nu brannte der Turm lichterloh. Die helle +Flamme spritzte bei der Wetterstange gleich einem feurigen Springbrunnen +empor, aus den Schallöchern sprühten die Funken wie Schneeflocken und +fielen bereits in die Domstraße hinüber. Nettelbeck, dies sehend, rannte +nach der Kirche und die Turmtreppe hinan. Im Hinaufsteigen überdachte +er, wie groß das Unglück werden müsse, da es wohl schwerlich jemand +unternehmen werde, bis in die höchste Spitze zu klimmen, wo er in den +finstern Winkeln nicht so bekannt sei wie er selbst, der sie in seiner +frühen Jugend oft mit Lebensgefahr durchkrochen hatte. Er wußte, daß auf +dem Glockenboden stets Wasser und Löscheimer bereitstanden, aber an +einer Handspritze, die hauptsächlich nottat, mochte es fehlen. Er +machte auf der Stelle kehrt, drängte sich an den vielen Menschen +vorüber, die alle hinauf wollten, eilte ins nächste Haus, dann ins +zweite und ins dritte, bis er endlich eine Spritze bekam. Jetzt wieder, +die Angst und der Eifer gaben ihm Flügel, zum Turm hinauf. In der +sogenannten Kunstpfeiferstube, dicht unter der Spitze, fand er mehrere +Maurer und Zimmerleute mit ihren Meistern, aber keiner wußte, was zu tun +sei. »Liebe Leute,« sprach er, unter sie tretend, »hier ist nichts zu +beginnen, wir müssen höher hinauf.« -- »Leicht gesagt, aber schwer +getan,« antwortete einer, »wir haben es schon versucht, doch es geht +nicht. Sobald wir die Falltür über uns haben, fällt ein Regen von +Flammen und glühenden Kohlen herunter und setzt auch hier die Zimmerung +in Brand.« Nettelbeck aber ließ sich die Falltür öffnen, stieg hindurch, +gebot, daß man ihm einen Eimer und die Spritze reiche und die Falltür +wieder schließe, denn das Feuer durfte von unten keinen Zug bekommen. Er +mußte sich den Kopf mit Wasser aus dem Eimer anfeuchten, damit seine +Haare nicht in Brand gerieten, und um die Hände frei zu bekommen, +schnitt er vorn in seinen Rock ein Loch, durch das er die Spritze +steckte. Den Bügel des Eimers nahm er in den Mund und zwischen die +Zähne; so klomm er empor. Die Holzriegel im Innern des Turms mußten ihm +als Leitersprossen dienen, allein wohin er griff, um sich emporzuhelfen, +fand er alles voll glühender Kohlen, nur hatte er nicht Zeit, an den +Schmerz zu denken. Endlich hatte er sich so hoch verstiegen, daß ihm in +der engen Verzimmerung kein Raum blieb, sich noch weiter hinauf zu +winden, und hier sah er den rechten Mittelpunkt des Feuers acht oder +zehn Fuß über sich zischen und sprühen. Er klemmte den Wassereimer +zwischen die Sparren fest, sog die Spritze daraus voll und richtete sie +gegen den Feuerkern. Wasser, Feuer und Kohlen prasselten ihm ins +Gesicht, aber das Feuer verminderte sich alsbald merklich. Nun war aber +auch der Eimer geleert. Aus Leibeskräften schrie er nach Wasser; einer +der Zimmermeister hob die Falltür und rief: »Wasser ist hier, aber wie +bekommst du es hinauf?« Er sagte, sie sollten es ihm nur bis über den +Glockenstuhl schaffen, da wolle er sichs schon selber langen. Jene +wagten es, und er kletterte ihnen von Zeit zu Zeit entgegen, um die +vollen Eimer in Empfang zu nehmen, von denen er dann auch so fleißigen +Gebrauch machte, daß er endlich das Glück hatte, den Brand zu +überwältigen und völlig zu löschen. Und es war hohe Zeit, mit jeder +Minute wurde ihm übler: das zurückspritzende Wasser hatte ihn bis auf +die Haut durchnäßt, und zugleich war eine unerträgliche Hitze im Turm. +Er eilte hinunter, und in der schneidenden Luft bei den Schallöchern +vergingen ihm die Sinne. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem +Kirchhof, ihm zur Seite standen zwei Chirurgen, die ihm an beiden Armen +die Adern geöffnet hatten, und eine Menge neugieriger Menschen schaute +zu. Seine Hände waren überall verletzt, die Haare auf dem Kopf +abgesengt, der Kopf selbst wund und voller Brandblasen; an diesen +Stellen wuchsen die Haare nie wieder, und zwei Finger an der rechten +Hand blieben ihm zeitlebens verkrüppelt. + +Zehn Jahre lang befuhr er noch die Meere, von Danzig bis Lissabon, von +Amsterdam bis Norwegen, von London bis Westindien; bald im eignen +Interesse, das aber nie ein Gelingen bescherte, bald im Auftrag fremder +Reeder. Seine Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit, soviel sie ihm auch +Achtung und Sympathie erweckten, konnten ihm doch nicht zu großem Geld +und Gut verhelfen. Und er war zu unruhig, zu leidenschaftlich und zu +wenig kühler Rechner, um aus geringen Vorteilen mit der Zeit und viel +Geduld bedeutende zu machen. Um das Jahr 1787 wurde er in Kolberg +seßhaft, und seine Mitbürger erwiesen ihm die Ehre, ihn als Verwandten +des Seglerhauses aufzunehmen, welches ein Kollegium war, vor dem alle +Schiffahrtssachen in erster Instanz entschieden wurden. Auch ernannten +sie ihn zum Schiffsvermesser, dessen Amt es war, die Tragkraft der +Fahrzeuge zu berechnen, und wieviel Lasten sie laden und über See führen +konnten. Es gab auch in Kolberg ein Kollegium, die Fünfzehnmänner +geheißen, das die Gerechtsame der Bürgerschaft beim Magistrat zu +vertreten hatte. In dieser Körperschaft waren große Mißstände bemerklich +geworden; die Fünfzehnmänner hatten angefangen, ihr Ansehen mehr zu +ihrem Privatnutzen als zum allgemeinen Besten geltend zu machen, und es +war eine enge Verbrüderung daraus entstanden, die sich einander zu +allerlei heimlichen Praktiken verhalf. Da waren Depositenkassen +angegriffen, Scheinkäufe vorgenommen, Gemeingut widerrechtlich +verschleudert und andere Greuel mehr begangen worden. Furchtlos trat +Nettelbeck in den Sumpf und machte eine lange Reihe von +Ungebührlichkeiten, Veruntreuungen und krummen Schlichen vor Gericht +anhängig. Es kam darüber zu einem langen und verwickelten Prozeß, und +keine Art von Ränken und Rabulistereien blieb gegen ihn unversucht. +Beinahe vier Jahre lang schleppte sich der Rechtsstreit hin, und so wie +er sich die Sache zu Herzen nahm, hatte er während der ganzen Zeit keine +ruhige Stunde. Er gesteht, daß er oft mit Feuer und Schwert hätte +dreinfahren mögen, wenn das heillose Gezücht immer ein neues Mäntelchen +für seine aufgedeckte Bosheit zu erhaschen suchte. Endlich kam die +unsaubere Geschichte doch zu einem leidlichen Schluß; das Kollegium +wurde aufgelöst und durch ein anderes ersetzt, und man bewies ihm das +Vertrauen, ihn in die Zahl der neuen Repräsentanten zu wählen. + +Ergreifend sind die wenigen Seiten seiner von ihm selbst erzählten +Lebensgeschichte, wo er von seinen häuslichen und ehelichen +Verhältnissen erzählt und die Bemerkung macht, daß ihm als Ehemann und +Vater sein besserer Glücksstern erst spät erschienen sei. Nur der +Anschein war günstig, als er sich im Jahre 1762 in Königsberg zu +heiraten entschloß. Er war ein flinker und lebenslustiger Bursche von +vier- oder fünfundzwanzig Jahren, sein junges Weib war sechzehn, und +solange er dort lebte und als Schiffer ab- und anfuhr, war die Ehe ganz +glücklich. Von drei Kindern, die ihm die Frau gebar, blieb indessen nur +ein Sohn am Leben, der ihn auf seinen letzten Seereisen als +unzertrennlicher Gefährte begleitete. Nach siebenjähriger Ehe entdeckte +er, daß ihn die Frau betrog; er verzieh ihr, aber sie zeigte sich +unverbesserlich, da ließ er sich von ihr scheiden, und sie verkam im +Elend. Der Sohn, den er sehr liebte, starb ihm in jungen Jahren, und er +stand nun verlassen in der Welt und wußte nicht, für wen er sich's noch +sauer werden lassen sollte. Es fehlte am festen Kern im inneren +Haushalt, und so wollte er es noch einmal mit der Ehe versuchen. Als +Fünfzigjähriger warf er seine Augen auf eine Schifferswitwe in Stettin, +die er als eine ordentliche und rechtliche Frau zu kennen glaubte. Die +Verbindung kam zustande, aber nun erst gingen ihm die Augen auf. Die +fromme Witwe hatte gern ihr Räuschchen und hielt es eifrig mit +mancherlei andern Dingen, die den Ehefrieden stören mußten. An ein +Zusammenhalten des ehrlich Erworbenen war länger nicht zu denken, +vielmehr sah er den unvermeidlichen Untergang seines kleinen Wohlstands +vor Augen, und was blieb ihm übrig, als eine abermalige Scheidung? Mit +trüben Blicken schaute er in die Zukunft. Er gehörte keinem Menschen an, +war nachgerade ein alter Mann geworden, und fühlte er gleich sein Herz +noch frisch und seinen Geist lebendig, so wollten doch die +stumpfgewordenen Knochen nicht mehr gut tun. Die paar Jahre, die noch +übrig waren, dachte er wohl noch hinzustümpern, und wenn nur noch der +Sarg ehrlich bezahlt werden konnte, mochte man ihn hintun, wo seine +Väter schliefen. Jedoch das Geschick meinte es besser mit ihm. So +klang- und trostlos sollte sein Leben nicht enden. + +Das Jahr 1806 war herangekommen. Joachim Nettelbeck, dem feurigen +Patrioten, der die alten Zeiten und des großen Friedrichs Taten noch im +Sinn hatte, blutete gleich so vielen das Herz bei der Zeitung von den +entsetzlichen Tagen bei Jena und Auerstädt und ihren Folgen. Er hätte +kein Preuße und abtrünnig von König und Vaterland sein müssen, wenn ihm +jetzt, wo alle Unglückswellen über sie zusammenschlugen, nicht so zu +Sinn gewesen wäre, als müßte er Gut und Blut und die letzte Kraft seines +Lebens für sie aufbieten. So lautet sein eigenes Geständnis; nicht mit +Reden und Schreiben, dachte er, aber mit der Tat sei hier zu helfen; +jeder auf seinem Posten, ohne sich erst lange, feig und klug, vor- und +rückwärts umzusehen. + +Als nun Magdeburg und Stettin gefallen waren und die ungestüme +französische Windsbraut sich immer näher und drohender gegen die +Weichsel heranzog, da ließ sich's voraussehen, daß bald genug auch die +Feste Kolberg an die Reihe kommen mochte, und wirklich erschien im +November ein französischer Offizier als Parlamentär in der Stadt und +forderte die Übergabe. Diese wurde zwar verweigert, allein mit allem, +was zu einer rechtschaffenen Verteidigung gehörte, sah es trübselig aus. +Wall und Graben waren verfallen, von Palisaden keine Spur. Nur drei +Kanonen standen in einer Bastion auf Lafetten und dienten bloß zu +Lärmschüssen, wenn Ausreißer von der Besatzung verfolgt werden sollten; +alles übrige Geschütz lag am Boden, hoch von Gras überwachsen, und die +dazu gehörigen Lafetten vermoderten in den Remisen. Die Besatzung war +gering an Zahl, entmutigt durch die Unglücksbotschaften, und der +Kommandant, Oberst von Loucadou, ein alter abgestumpfter Mann, der seit +dem bayrischen Erbfolgekrieg den Ruf eines tüchtigen Offiziers genoß und +dessen Geist so blind an altem Herkommen hing, daß er sich in der neuen +Zeit und Welt nicht mehr zurechtfinden konnte. Während alles, was +Militär hieß, den trägen Schlummer mit ihm zu teilen schien, fühlte sich +die ganze Bürgerschaft von der lebhaftesten Unruhe und Besorgnis +ergriffen, und Nettelbeck wurde als einer der ältesten Bürger +ausgewählt, sich mit dem Kommandanten über die Maßregeln zur +Verteidigung zu verständigen. Dem Obersten erschien dies anmaßend, und +er wußte nicht oder wollte es nicht wissen, daß von ältester Zeit her +die Bürger von Kolberg sich als die natürlichen und gesetzlich berufenen +Verteidiger ihrer Wälle und Mauern betrachteten. Vormals hatte jeder +seinen Bürgereid mit Ober- und Untergewehr geschworen, hatte geschworen, +daß diese Armatur ihm eigen angehöre, geschworen, daß er die Festung +verteidigen helfen wolle mit Gut und Blut. Die Bürgerschaft war in fünf +Kompanien eingeteilt, mit einem Bürgermajor an der Spitze, und wo es im +Ernst gegolten, hatte der Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht +und wesentlichen Nutzen von ihrem Dienst gezogen. Nettelbeck eröffnete +dem Obersten, daß die Bürger mit Gott entschlossen seien, in diesen +bedenklichen Zeitläuften mit dem Militär gleiche Last und Gefahr zu +bestehen, daß sie sich in ein Bataillon mit vollständiger Rüstung +organisieren wollten und bäten, sich vor ihm aufstellen zu dürfen, damit +er Musterung halte und jedem seinen Posten anweise, sie würden ihre +Schuldigkeit tun. Als die Bürgerschaft sich versammelt hatte, kam der +alte Oberst und sagte: »Macht dem Spiel ein Ende, ihr guten Leutchen! +Geht in Gottes Namen nach Hause. Was soll mir's helfen, daß ich euch +sehe?« Und da Nettelbeck neuerdings Vorstellungen machte und sich und +seine Leute zu den nötigen Arbeiten anbot, erwiderte der Kommandant mit +einem höhnischen Lachen: »Die Bürgerschaft und immer wieder die +Bürgerschaft! Ich brauche die Bürgerschaft nicht.« + +Eine solche Geringschätzung erregte Murren und Unwillen, aber Nettelbeck +ließ sich nicht abhalten, zu tun, was ihm Pflicht schien. Er machte den +Oberst darauf aufmerksam, welch gute Dienste in früheren Belagerungen +eine Schanze auf dem hohen Berg, eine Viertelmeile außerhalb der Stadt, +geleistet hatte, und er und seine Freunde seien bereit, die Schanze +wiederherzustellen. Der Oberst antwortete, was außerhalb der Stadt +geschähe, kümmere ihn nicht, die Festung innerhalb werde er schon zu +verteidigen wissen. Und so baute Nettelbeck die Schanze, und es halfen +ihm die Bürger, ihre Gesellen, ihre Lehrjungen und Dienstmägde; als die +Arbeit noch immer zu langsam vonstatten ging, warb er Leute am Hafen und +bezahlte sie aus seiner Tasche. Er sorgte für die Anschaffung von +Lebensmittelvorräten und nahm bei Bäckern, Bauern und Branntweinbrennern +ein Verzeichnis der Bestände auf. Er ging in die umliegenden Dörfer und +sah nach, was an Korn und Schlachtvieh vorhanden war. Mit all seinen +Papieren ging er nun zum Kommandanten, um ihn zu bewegen, daß er die +Vorräte in die Stadt schaffen lasse. Der Oberst aber, als hätte die Pest +an den Papieren geklebt, drückte sie ihm eilig wieder in die Hand und +sagte, er brauche den Plunder nicht und damit Gott befohlen. + +Der Oberst hatte auch eine alte Köchin, und die war jedesmal zugegen, +wenn Nettelbeck kam, und gab ihren Senf mit drein. Auch dieses Mal +schimpfte und maulte sie, bis Nettelbeck die Galle überlief und er dem +unverschämten Weibsbild die Meinung sagte, wodurch er aber den Obersten +nur noch mehr gegen sich in Zorn setzte. + +Um den Magistrat und seine Anstalten stand es auch kläglich, der +Untergang der Stadt schien nicht aufzuhalten, und so entschloß sich +Nettelbeck, der winterlichen Jahreszeit zum Trotz, den König selbst in +Königsberg oder in Memel aufzusuchen und ihm Kolbergs Lage und Not +vorzustellen. Da traf aber der Kriegsrat Wissening von Treptow in +Kolberg ein, ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte. +Der machte sich gegen Nettelbeck erbötig, selber zum König zu gehen und +sein möglichstes zu tun, um den Platz zu retten. Unter den von den +Truppen Versprengten, die täglich in Kolberg Zuflucht suchten, befand +sich auch der Leutnant von Schill; Nettelbeck gewann ihn bald zum +Freund, und der junge Offizier erklärte sich bereit, in Kolberg zu +bleiben, um bei der Verteidigung zu helfen. Er stimmte mit Nettelbeck +darin überein, daß vor allem die Maikule, der Schlüssel zum Hafen, um +jeden Preis festgehalten werden müsse, und doch war zur Verschanzung +dieses entscheidenden Punktes bis jetzt noch keine Schaufel in Bewegung +gesetzt worden. Es waren keine Hände da, um auch nur einige Erdaufwürfe +zustande zu bringen, und Nettelbeck trieb unermüdlich in der +Geldervorstadt und in allen umliegenden Ortschaften Tagelöhner und +Häusler zusammen, versprach und zahlte guten Lohn und verwandte gegen +vierhundert Taler aus seiner Tasche. Tag und Nacht arbeiteten etwa +sechzig Menschen nach dem von Schill entworfenen Plan an den +Befestigungen; weder der Kommandant noch sonst jemand fragte und +kümmerte sich, was da geschafft wurde. Indessen war der Kriegsrat +Wissening mit ausgedehnten Vollmachten vom König zurückgekehrt. Seine +Hilfe brachte neues Leben in die Verwaltung; ganze Herden Schlachtvieh, +lange Reihen Getreidewagen zogen zu den Toren ein, und Heu und Stroh im +Überfluß füllte die Futtermagazine. In der Stadt wurde geschlachtet und +eingesalzen und die Böden der Bürgerhäuser mit Korn beschüttet. + +Um die Mitte März hatten die Franzosen die Umzingelung der Festung +beendet. Die Schanze auf dem hohen Berg ging unter blutigen Kämpfen +verloren, auch die Anhöhen der Altstadt waren besetzt. Es war nun +dringend geboten, die Überschwemmung des Geländes rings um die Festung +zu bewirken, eine Absicht, die auf den hartnäckigen Widerstand der +Grundeigentümer stieß. Auch der Kommandant wollte nichts davon wissen, +bei der darüber geführten Unterredung mischte sich wieder die Köchin in +ihrer gewohnten Weise ein. Nettelbeck schob sie ohne viel Federlesens +zur Türe hinaus, der Oberst geriet in Hitze, griff nach seinem Degen und +würde ihn gegen Nettelbeck gezogen haben, wenn ihm nicht dessen +Begleiter, der Hauptmann von Waldenfels, mit den Worten in den Arm +gefallen wäre: »Beruhigen Sie sich, Nettelbeck hat recht getan.« + +Die Franzosen schickten indessen einen Parlamentär, den der Oberst in +aller Freundlichkeit empfing und mit dem er hinter verschlossener Tür +verhandelte. Nettelbeck argwöhnte Verrat, und in der Fülle seines +beklommenen Herzens schrieb er an den König: Wenn Euere Majestät uns +nicht bald einen andern und braven Kommandanten zuschicken, sind wir +unglücklich und verloren. + +Die Belagerer schritten zum Angriff, die Geldervorstadt geriet in +Gefahr, Loucadou erteilte den Befehl, sie niederzubrennen, aber Schill +stellte ihm das Unnützliche und Übereilte dieser Maßregel mit solchem +Gewicht vor, daß er nachzugeben gezwungen war; dadurch konnten Hunderte +von Menschen die beweglichen Trümmer ihres Besitzes in Sicherheit +bringen, und erst als dies geschehen war, fand die Zerstörung statt. Der +Kommandant aber bezichtigte Schill der Insubordination und ließ ihn in +Arrest setzen. Soldaten und Bürger vernahmen mit Unwillen, was ihrem +Liebling geschehen war. Es entstand ein Gemurmel, ein Reden, Fragen und +Durcheinanderlaufen, das mit jeder Minute lauter und stürmischer wurde. +Man wollte Schill mit Gewalt befreien und den Kommandanten zur +Rechenschaft ziehen. Nettelbeck, lebhaft bestürzt und das Unselige +dieser Volksbewegung erkennend, warf sich unter die Menge, bat sie, +Vernunft anzunehmen und vor allen Dingen Schills eigene Meinung zu +hören. Dies ward angenommen, und Nettelbeck ging zu Schill. Als der +vernahm, wie die Sachen standen, erschrak er heftig, und Nettelbeck an +beiden Händen ergreifend, rief er: »Freund, ich bitte Sie um alles, +stellen Sie die guten Menschen zufrieden. Aufruhr wäre das letzte und +größte Unglück, das uns begegnen könnte. Sagen Sie ihnen, ich sei nicht +arretiert, ich sei krank, sagen Sie, was Sie wollen, wenn sich nur die +Leute zur Ruhe geben.« Nettelbeck begab sich wieder auf den Markt, hielt +eine Ansprache, die Leute kamen zur Besinnung und gingen friedlich +auseinander. Schills Arrest blieb ein leeres Wort, das stillschweigend +zurückgenommen wurde. + +Die feindlichen Granaten schlugen in die Stadt, und der Oberst befahl, +daß die Dächer mit Dünger belegt und das Pflaster aufgerissen werden +sollte, um die Geschosse unschädlicher zu machen. Nettelbeck äußerte +Zweifel über das Förderliche dieses Befehls; da die Dächer eine Neigung +von mehr als fünfundvierzig Grad besaßen, meinte er, der Dünger werde +wohl nicht haften bleiben, auch würden die Bomben vor den so bedeckten +Dächern nicht sonderlich viel Respekt zeigen; das Aufreißen des +Pflasters sei aber bei den engen Gassen sogar gefährlich, weil dann bei +entstandener Feuersgefahr weder Spritzen noch Wasserkufen einen Weg +durch die Steinhaufen und den umgewühlten Boden finden würden. Während +des Gesprächs fuhr in der Nähe eine Bombe nieder und zersprang. Der +Oberst sah sich mit etwas verwirrten Blicken um und stotterte: »Meine +Herren, wenn das so fort geht, so werden wir müssen doch noch zu Kreuze +kriechen.« Mehr konnte er nicht hervorbringen. Nettelbeck, alle +Selbstbeherrschung verlierend, fuhr auf und schrie: »Halt! Der erste, +wer er auch sei, der das verdammte Wort wieder ausspricht, von zu Kreuze +kriechen, stirbt des Todes von meiner Hand.« Dabei riß er den Degen aus +der Scheide, sein Nebenmann faßte ihn von hinten und zog ihn von +Loucadou zurück. »Arretieren,« knirschte der Oberst mit schäumendem +Mund, »gleich arretieren! In Ketten und Banden.« Alles drängte sich um +den Oberst zusammen; Nettelbecks Freunde schoben ihn zurück, und er +ging, wenig zufrieden mit sich selbst und seinem Zorneifer, still nach +Hause. Nachmittags berief der Kommandant den Landrat zu sich und teilte +ihm mit, er werde Nettelbeck vor ein Kriegsgericht stellen und auf dem +Glacis der Festung erschießen lassen. Der Landrat erschrak, machte +eindringliche Vorstellungen, jedoch der Oberst beharrte auf seinem Sinn. +Als die Bürger vernahmen, was im Werke war, geriet alles in die größte +Bewegung, alles ergriff Nettelbecks Partei; der Haufen sammelte sich und +ward mit jeder Minute größer, wälzte sich zu Loucadous Wohnung, umringte +ihn, und die Wortführer bestürmten ihn so lange im guten und im bösen, +bis sie seine Entrüstung einigermaßen milderten oder vielleicht ihn +ahnen ließen, daß er kein so leichtes Spiel haben werde. »Gut, gut,« +sagte er endlich, »so mag der alte Bursche diesmal laufen. Hüt er sich +nur, daß ich ihn nicht wieder fasse.« Nettelbeck hatte von seinem +Fenster aus den Auflauf des Volkes bemerkt, hatte aber kein Arg, daß es +ihn so nahe angehen könne. Erst andern Tags erfuhr er, wie schlimm es +auf ihn und sein Leben gemünzt gewesen. + +Die Belagerung nahm ihren Fortgang, und Not und Elend stiegen von Woche +zu Woche. Es war am 1. Juli, als die Franzosen endlich letzten Ernst zu +machen schienen. In den Morgenstunden eröffneten sie ein furchtbares +Bombardement auf die Stadt. Bald gab es nirgends ein Plätzchen mehr, wo +die zagende Menge vor dem drohenden Verderben sich hätte bergen können. +Überall zerschmetterte Gewölbe, einstürzende Böden, krachende Wände und +aufwirbelnde Säulen von Dampf und Feuer; überall die Gassen wimmelnd von +ratlos umherirrenden Flüchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben hatten +und unter dem Gezisch der kreisenden Feuerbälle sich verfolgt sahen von +Tod und Verstümmelung. Geschrei von Wehklagenden, Geschrei von +Säuglingen und Kindern, Geschrei von Verirrten, die ihre Angehörigen +verloren hatten, Geschrei der Menschen, die mit dem Löschen der Flammen +beschäftigt waren, Lärm der Trommeln, Rasseln der Fuhrwerke, Geklirr der +Waffen, es war herz- und ohrenzerreißend. Im Laufe des Tages erstürmten +die Franzosen die Maikule, und mit dem Verlust dieses wichtigen Punktes +war die Verteidigung gelähmt, und das Münderfort war nun zur +Beschützung des Hafens nicht mehr ausreichend, was sich zeigte, als das +englische Schiff, das den Belagerten zu Hilfe gekommen war, beim +Vordringen der Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder das offene Meer +zu gewinnen. + +Zu spät hatte der König Unterstützungsmannschaften geschickt, zu spät +den unfähigen Kommandanten durch den Major von Gneisenau ersetzt; es +schien, daß die Stadt nicht mehr zu retten war. Inmitten der ringsum +drohenden Gefahr erzeugte sich allmählich eine Gleichgültigkeit bei +vielen, die nichts mehr zu Herzen nahmen. War auch nicht der Mut, so war +doch die Natur erschöpft; Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerwährende +Spannung des Gemüts und Sorgen für Weib und Kind und Eigentum fielen auf +die meisten mit einem solchen Gewichte, daß sie sich in den Trümmern +ihrer Wohnungen ein noch irgend erhaltenes Plätzchen ersahen, um den bis +in den Tod ermatteten Gliedern einige Ruhe zu gönnen. + +Da geschah es, daß eine Bombe, verderblicher als alle andern, in das +Rathaus fuhr, und ein hell aufflackerndes Feuer war die Folge ihres +Zerspringens. Als naher Nachbar sprang Nettelbeck hin, um schnelle +Anstalten zur Brandlöschung zu betreiben, aber ringsum regte sich keine +menschliche Seele. Er lief zu Bekannten, braven und wackeren Männern, um +sie zur Hilfe aufzurufen, doch schlaftrunken und ohne Gefühl beachteten +sie sein Bitten und Ermuntern ebensowenig, wie sein Toben und Schelten. +In steigender Angst rannte er auf die Brandstätte zurück und packte +jeden an, der ihm begegnete. Ein vierschrötiger Kerl, dem er einen +gefüllten Löscheimer aufdrängte, nahm ihn und schlug das Gefäß mit +seinem nicht eben sauberen Inhalt Nettelbeck geradezu um die Ohren, so +daß er fast die Besinnung verlor und von Schmutz und Ruß bedeckt eine +jämmerliche Figur machte. Ohne sich darum zu kümmern eilte er in das +nächste Wachhaus auf dem Walle und stürmte wild in das halbdunkle +Wachzimmer. Auf der hölzernen Pritsche regte sich eine Gestalt. »Bester +Mann, zu Hilfe, das Rathaus steht in Flammen!« schrie Nettelbeck. Der +Offizier erhob sich, schlug die Hände zusammen und rief aus: »Ach, du +armer Nettelbeck!« Jetzt erst erkannte ihn Nettelbeck; es war Gneisenau. +Nun wurde die Lärmtrommel gerührt, die Soldaten erschienen, Patrouillen +durchzogen die Stadt, und die Löschanstalten kamen in Bewegung. Zu +gleicher Zeit hatten die Gefangenen im Stockhaus die allgemeine +Verwirrung benutzt, um auszubrechen, und hatten in den Häusern zu +plündern begonnen; auch Nettelbecks Haus wurde von diesem Schicksal +betroffen. Durch den tätigen Eifer des Militärs wurde die Rotte wieder +eingefangen und unschädlich gemacht. + +So besonnen, wo es zu handeln galt, so allgegenwärtig gleichsam, wo eine +Gefahr nahte, und so beharrlich, wo nur die unabgespannte Kraft zum +Ziele führen konnte, hatte sich der Kommandant Gneisenau immer und +überall seit dem ersten Augenblick seines Auftretens erwiesen. Wochen +hindurch war er so wenig in ein Bett als aus den Kleidern gekommen. +Vater und Freund des Soldaten wie des Bürgers, hielt er beider Herzen +durch den milden Ernst seines Wesens und durch teilnehmende +Freundlichkeit gefesselt. Jeder seiner Anordnungen folgte das +unbedingteste Zutrauen. + +Der Morgen des 2. Juli brach an. Not und Elend, Jammergeschrei und +Auftritte der blutigsten Art, einstürzende Gebäude und prasselnde +Flammen, das war das einzige, was bei jedem Schritt den entsetzten +Sinnen sich darstellte. Gneisenaus scharfes Auge hatte mitten im +gräßlichsten Tumult erkannt, daß der Feind Vorbereitungen traf, sich von +der Wolfsschanze aus über das Münderfort herzustürzen. Es war drei Uhr +nachmittags. Gegenanstalten wurden getroffen, Befehle flogen, alles war +in der lebendigsten Spannung, plötzlich schwieg das feindliche Geschütz +auf allen Batterien. Auf das Krachen eines Donners wie am Tage des +Weltgerichts folgte eine lange, öde Stille. Jeder Atem stockte, niemand +begriff den schnellen Wechsel, das schauerliche Erstarren so gewaltiger +losgelassener Kräfte. Da nahte ein feindlicher Parlamentär, neben ihm +ein preußischer Offizier, und alsbald stürzte dieser mit den atemlos +hervorgestoßenen Worten in den Kreis seiner Bekannten: »Friede! Kolberg +ist gerettet.« + + * * * * * + +Als im Jahre 1809 der König von Memel nach Berlin zurückkehrte, hieß es +zuerst, er werde seinen Weg über Kolberg nehmen; aber die Strenge der +Jahreszeit gebot die kürzeste Richtung, und da es bekannt wurde, daß das +königliche Paar einen Rasttag in Stargard machen wollte, schlug +Nettelbeck den Kolbergern vor, eine Abordnung der Bürgerschaft dorthin +zu senden. Alles war seiner Meinung, aber alles glaubte auch, daß es +dafür zu spät sei, denn um rechtzeitig an Ort und Stelle zu kommen hätte +man sich noch den nämlichen Abend auf den Weg machen müssen. »Und warum +nicht schon in der nämlichen Stunde?« fragte Nettelbeck. »Ich bin dazu +bereit, aber ich bedarf noch eines Gefährten. Wer begleitet mich?« +Schweigen und Kopfschütteln ringsherum, und schon wollte der Alte im +feurigen Unmut auflodern, als ihm der Kaufmann Gölckel die Hand reichte, +sich ihm zum Gefährten erbot und in einer Stunde reisefertig zu sein +versprach. Sie kamen nach Stargard so früh am Morgen, daß sie noch alles +in Finsternis und Schlaf begraben fanden. An einem Haus stiegen sie ab, +klopften an und verlangten Herberge. Die Antwort lautete, alles sei +dicht besetzt und kein Unterkommen mehr möglich. »Aber liebe Leute, den +alten Nettelbeck werdet ihr doch nicht auf der Straße stehen lassen!« +»Nein, wahrhaftig nicht,« scholl eine weibliche Stimme dagegen, +»tausendmal willkommen! Da muß sich schon ein Winkelchen finden.« + +Im königlichen Quartier wurde Nettelbeck von einem General erkannt und +in das Empfangszimmer geführt. Der große Raum war voll von Offizieren, +Damen und Standespersonen. Alles blitzte von Ordenszeichen, und es gab +eine feierliche Stille, als der König und die Königin eintraten. + +Vor Nettelbeck und seinem Begleiter stehend, sagte der König gegen die +glänzende Versammlung hin mit bewegter Stimme: »Wenn jeder so seine +Pflicht getan hätte wie die Kolberger, dann wäre es uns nicht so +unglücklich ergangen.« + +Nach einiger Wechselrede brach aus des alten Nettelbecks Munde das +glühende Wort: »Verflucht sei, wer seinem König und Vaterland nicht treu +ist.« Und dann: »Wir hoffen, Eure Majestät werden uns nicht sinken +lassen.« Der König antwortete und streckte Nettelbeck die Hand entgegen: +»Nein, nicht sinken lassen, nicht sinken lasse ich euch.« + +Diese Stunde war vielleicht die schönste in Nettelbecks Leben, und keine +empfand er dankbarer als Lohn für alle Opfer und Mühen. Er begann nun +seine Hantierung wieder und fand auch ein notdürftiges Auskommen. Doch +fiel es ihm immer schwerer aufs Herz, daß er so abgesondert und +verlassen dastand. Er war nun fünfundsiebzig Jahre alt und sorgte sich +doch noch um die Zukunft. Zuerst lachend, dann in wohlgemeintem Ernst +rieten ihm seine Freunde, es noch einmal mit dem Ehestand zu versuchen, +und nach vielem Bedenken und Zögern folgte er ihrem Rat und heiratete +eine uckermärkische Pfarrerstochter, an deren Seite er noch ein spätes +Glück fand und die ihm sogar im nächsten Jahr eine Tochter schenkte. + +Sein rastloser Geist konnte nicht ruhen. Am Abend seines Lebens +beschäftigte ihn noch ein Projekt, das er schon Jahrzehnte zuvor +gehegt, der Lieblingswunsch, Preußen auch jenseits der Weltmeere groß, +geachtet und blühend zu sehen. Er verfaßte eine Denkschrift, worin er +den Lenkern des Staats den Vorteil auseinandersetzte, der mit dem Erwerb +von Kolonien verbunden war, ja, er machte sich trotz seiner +sechsundsiebzig Jahre erbötig, das erste preußische Schiff, das solchem +Zweck dienen würde, selbst zu führen. Aber wie leicht zu denken, +erweckte sein Vorschlag zu jener Zeit keine ernstliche Beachtung. + +Im Jahre 1824, sechsundachtzig Jahre alt, endete der wunderbare Mann +sein reiches Leben. + + + + +Christian Holzwart + + +Am 29. Dezember 1845, in der Morgenfrühe, kam ein Mann von der +Sudenburg, einer Vorstadt Magdeburgs außerhalb der Ringmauern, und +passierte in Eile durch das eben geöffnete Tor. Er war sonderbar +anzusehen; ein Schlafrock hing über seinem Körper, er war ohne Stiefel, +ohne Strümpfe, ohne Kopfbedeckung, und Haar und Bart waren von Flammen +versengt. Seine Schritte waren ungleich und zeugten von großer +Ermattung. Bei einem Hause an der Johanniskirche, wo der Wundarzt Koch +wohnte, machte er endlich halt und zog hastig die Klingel. Die Straßen +waren noch leer, die Leute schliefen noch, und erst auf sein +wiederholtes Klingeln wurde ihm das Tor aufgemacht. Er taumelte in das +Wohnzimmer und fiel ohnmächtig auf das Sofa nieder. Der Chirurgus Koch +und seine Frau, die ihm beide erschrocken entgegengetreten waren, +fragten gleichzeitig, was geschehen sei und von wo er in einem solchen +Aufzug herkomme. Der Wundarzt nahm das Licht vom Tisch, beleuchtete ihn +und sah, daß nicht nur sein sonst wohlgepflegter Bart verkohlt war, +sondern daß auch seine Hände blutig waren. »Um Gottes willen, Holzwart, +was ist geschehen?« fragte er entsetzt, doch der Mann stammelte nur +verworrene Antworten, sprach von Flammen und daß seine Familie, die Frau +und seine fünf Kinder wohl erstickt seien. Der Wundarzt schickte seinen +Sohn und den Lehrer Zimmermann sofort nach der Sudenburg hinaus, und sie +kamen mit der Unglücksbotschaft zurück, daß man dorten sechs Leichen aus +dem Schutt des niedergebrannten Hauses geschafft habe. Es war auch schon +eine amtliche Anzeige eingegangen, und die Kriminaldeputation fand sich +bei dem Wundarzt Koch ein, um von Holzwart Auskunft über die furchtbare +Katastrophe zu erhalten. + +Sie trafen Holzwart krank und hinfällig durch den erlittenen +Blutverlust, aber doch imstande, ihren Fragen Genüge zu leisten. Er +erzählte, daß ihm in der Nacht ein Mensch in seinen Verkaufsladen +eingetreten sei und ihm zwei Stiche in die Brust versetzt habe; er sei +mit dem Menschen ins Ringen gekommen, habe ihn verfolgt, habe neue +Stiche erhalten, sei dann umgekehrt und habe sein Haus in Flammen +stehend gefunden. Er sei zurückgewichen und fast ohne Besinnung in die +Stadt gelaufen, und da sei er vor dem Kochschen Hause angelangt. + +Das alles klang weniger wie Lüge, als wie die unzusammenhängenden Reden +eines Fiebernden. Die Kleidungsstücke, die Holzwart am Leibe hatte, +waren nicht durchstochen, und die Schnitte am Hals sprachen eher für +einen Selbstmordversuch als für Verwundungen von fremder Hand. Das Haus +war nicht nieder-, sondern ausgebrannt; Türen und Fenster boten den +Anblick einer gewaltsamen Zerstörung. Die verkohlten und verstümmelten +Leichname der Frau, des Sohnes und der vier Töchter wurden in dem Zimmer +neben dem Laden gefunden, und es erwies sich bald, daß an ihnen ein +zwiefaches Verbrechen begangen worden war. Die Körper zeigten deutliche +Spuren der Ermordung; ihr Blut färbte die Dielen der Zimmer, tränkte die +Polster des Sofas, hing in schweren Tropfen noch ungetrocknet an den +Stühlen, hatte die Geschenke des Christabends, die Spielereien der +unschuldigen Kleinen überspritzt. + +Sollte also der Vater dieser schönen, gesunden und wohlgeratenen Kinder +ihr Mörder sein? Aus welchem Grund? Aus Haß? Aus Habsucht? Aus Not? +Hätte er sie gehaßt, so wäre es ja leichter gewesen, sich von ihnen zu +entfernen. Die Welt ist groß, und es hat schon mancher die ihm lästig +gewordenen Familienbande abgeschüttelt, seine Kinder der Willkür des +Geschicks preisgegeben und mit leichtsinnigem Mut in der Fremde +Vergessenheit seiner Pflichten gesucht. Auch waren die Kinder schon über +die Hilflosigkeit der ersten Jugend hinaus; die älteste Tochter war +sechzehn, die zweite vierzehn, die dritte zehn, der Sohn neun Jahre, und +nur das jüngste Kind, ein Mädchen im Alter von vier Jahren, stand in der +ersten, ganz hilfsbedürftigen Jugend. Das Gerücht, daß die Kinder hätten +erben sollen, erwies sich als falsch. Sie waren arm, hatten nie etwas +besessen und auch keine Hoffnung auf Besitz. Daß sich die Familie in Not +befand, war gewiß. Man wußte, daß Holzwarts Verhältnisse von Jahr zu +Jahr zurückgegangen seien, ja daß er ein vollständig ruinierter Mann und +sozusagen am Ende seiner Bahn angekommen war. Dies konnte aber keinen +ausreichenden Anlaß bilden, fünf Kinder und eine Frau zu ermorden und zu +verbrennen. Schon nach den ersten Tagen nannte man ihn Mörder und +Mordbrenner, und daß er selbst tödlich verwundet im Gefängnisse lag und +nach den Berichten der Ärzte einem Verhör noch nicht ausgesetzt werden +durfte, glaubte niemand. Woher sollten ihm die Wunden gekommen sein? Sie +hätten ihn in ein tragisches Licht gestellt, und man wollte von ihm nur +als von einem verworfenen Mörder wissen. Was er gelitten und noch zu +leiden hatte, darum kümmerte sich kein Mensch. Aber der Tag kam, wo +viele in sich gingen. + +Am Morgen des sechsten Tages begab sich der Untersuchungsrichter zu ihm +ins Gefängnis. Der Arzt hatte seinen Zustand soweit gebessert gefunden, +daß eine schonende Vernehmung möglich war. Doch lag er noch im Bette, +sein Äußeres zeigte große Erschöpfung. Nachdem ihn der Richter mit +einigen Fragen über sein körperliches Befinden hingeleitet hatte, +erkundigte er sich, ob er sich zu erinnern vermöge, was für Aussagen er +am Morgen seiner Verhaftung gemacht. Ohne Zögern bejahte Holzwart, fügte +aber sogleich hinzu, daß man ihm noch einige Tage Zeit gönnen möge, dann +würde er sich vollständig über die ganze Begebenheit aussprechen. Der +Richter wendete ein, es wäre besser, wenn er sich sogleich ausspräche, +namentlich wenn er etwas auf dem Herzen hätte, und machte ihm +bemerklich, daß er in seinem Richter nicht den kalten Menschen suchen +solle, der mit Nichtachtung auf den Gesunkenen herabblicke, sondern +einen Teilnehmenden, der mit schmerzlichem Gefühl die Herzen der +Verbrecher auszuforschen beflissen sei. Ganz ruhig richtete er daran die +einfache Frage: »Haben Sie sich vergangen?« Holzwart richtete sich von +seinem Lager auf, stützte sich auf den rechten Arm und sah den Richter +stumm an. »Sind Sie schuldig?« setzte der Richter hastig hinzu. Holzwart +legte sich zurück, sein Auge ruhte fest auf dem Gesicht des Richters, +und eine tiefe Bewegung malte sich in seinen Mienen, als er antwortete: +»Ja, ich bin schuldig.« + +Mit dieser Erklärung mußte sich der Richter vorerst begnügen, wenn er +das Leben des Gefangenen nicht in Gefahr bringen wollte, und erst nach +mehreren Tagen schritt er zu einer eindringlicheren Forschung. Holzwart +zeigte von der Stunde ab ein unbedingtes Vertrauen zu seinem Richter, +und seine Aussagen stimmten so völlig mit allen Ermittlungen überein, +daß man seine Wahrhaftigkeit nirgends in Zweifel ziehen konnte. + +»Ja, ich bin schuldig,« sagte er mit festem und ruhigem Ton; »es ist +aber mein Verbrechen nicht das Werk eines augenblicklichen Einfalls. +Jahrelang hatte ich erfahren müssen, daß ein Unglücksstern über mir und +meiner Familie war. Diese Überzeugung hat mich geleitet, als ich die +Hand gegen die Meinen erhob. Kein andrer Grund als die Liebe hätte mich +veranlassen können, eine so schreckliche Tat zu begehen. Die Liebe gab +mir die Kraft, sie alle, die nach meiner Einsicht bald hilflos und +erniedrigt dastehen würden, auf die schnellste und schmerzloseste Weise +aus der Welt zu schaffen. Sie haben unbewußt und froh die letzten +Minuten ihres Daseins herannahen sehen. Ich begann die Tat mit meiner +Frau und endete sie mit meiner jüngsten Tochter.« Bei dieser Erklärung +durchzuckte ein furchtbarer Krampf den unglücklichen Mann, er preßte die +Augen zu und war unfähig, seine innerliche Erregung mit der Kraft zu +bewältigen, die er bis dahin gezeigt hatte. Erst am nächsten Tage konnte +man das Verhör fortsetzen. + +»Ich bin an Entbehrungen gewöhnt,« sagte er, »aber zur Niedrigkeit bin +ich nie hinabgesunken, habe mich nach meiner Denkungsweise immer fern +von Gemeinem gehalten, und da es zuletzt mit mir so schlecht stand, daß +nur Wohltaten und Almosen mir und meiner Familie das Dasein fristen +konnten, sah ich keinen anderen Ausweg. Wenn mir auch nur der +entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, würde ich nicht die Kraft +zu der Tat gefunden haben. Mit dem ersten Januar trat der Zeitpunkt ein, +wo wir als Bettler vor der Welt dastanden; der Entschluß, den ich schon +lange in mir trug, mußte also vor dem ersten Januar ausgeführt werden. +Je näher mir die schauerliche Notwendigkeit trat, desto mutloser wurde +ich, bis endlich beim Anblick des letzten Talers, den ich vor mir liegen +sah, die Gewalt der Not entschied. Jetzt mußte ich.« + +Dieser letzte Taler, von dem er sprach, war in dem Schutt der +verbrannten Wohnung wirklich gefunden worden. Er war geschwärzt und als +Münze kaum zu erkennen. + +Der Richter wendete ein, daß er doch willens gewesen sei, nach +Magdeburg zu ziehen und sogar schon ein Quartier für hundertdreißig +Taler gemietet habe; wie das mit seinem Vorsatz, die Seinen durch Mord +gegen Not zu schützen, zu vereinen sei. Er antwortete, dies sei nur zur +Beruhigung seiner Frau geschehen; er habe nie geglaubt und nie die +Absicht gehabt, das Quartier wirklich zu beziehen. »Meine Existenzmittel +waren verbraucht, ich sollte bedeutende Zahlungen leisten, und es lagen +nur noch drei Tage vor mir, der Sonntag, der Montag, und der Dienstag. +Mein Entschluß schwankte schon seit dem Weihnachtsfeste; von einem Tag +zum anderen schob ich die Ausführung hinaus. Ich hatte schon überlegt, +ob ich nicht allein aus der Welt gehen sollte; mir war dann wohl nach +dem fürchterlichen Kampf, aber ihnen? Ich sah sie in der Armut, der +Gemeinheit und dem Laster verfallen. Nein, zusammen aus der Welt, +zusammen in den Frieden. Am Sonntag erhob sich der Gedanke in mir in +seiner ganzen Stärke. Um neun Uhr machte ich den Verkaufsladen zu. Meine +Familie hielt sich gewöhnlich in dem Zimmer hinter dem Laden auf, ich +hatte meine Wohnung daneben. Ich ging aus meiner Kammer durch den Laden +und rief meine Frau. Sie folgte mir in mein Zimmer, und dort gab ich ihr +einen Brief meines Bruders zu lesen. Sie saß mit dem Rücken gegen mich +gewendet, ich ergriff die Axt, die ich mir bereitgestellt hatte, und +schlug ihr den Schädel und die Schläfen ein. Sie war augenblicklich tot +und hatte auch nicht die leiseste Ahnung ihres nahen Endes gehabt. Ich +legte die Leiche auf mein Sofa, wo schon mein Bett gerichtet war, doch +so, daß es den Kindern nicht auffallen konnte. Dann ging ich wieder +hinüber und holte meine älteste Tochter. Unter dem Vorwand, daß ich ihr +etwas diktieren müsse, was sie mir aus der Apotheke holen sollte, gebot +ich ihr, sich auf denselben Stuhl zu setzen, auf dem ihre Mutter +gesessen war. Ich diktierte ihr, ich weiß nicht ob Kremortartari oder +sonst so etwas; in dem Augenblick, wo sie sich über den Tisch bückte, +schlug ich ihr ebenfalls den Schädel ein. Sie endete wie ihre Mutter +ohne ein Schmerzgefühl. Ich trug die Leiche über den Flur in die Küche, +und zur Sicherheit schnitt ich mit meinem Rasiermesser die Halsmuskeln +durch. Dann rief ich die zweite Tochter und tötete sie auf dieselbe +Weise, auf demselben Stuhl, mit demselben Beil. Die übrigen drei Kinder +erschlug ich in ihrer Schlafkammer, wo sie in ihren Betten lagen und +schliefen. Allen schnitt ich die Kehle zur Vorsicht durch, damit sie auf +keine Weise noch einen Lebensfunken in sich spüren und Schmerz empfinden +sollten. Jetzt war das Werk vollbracht und mir war leicht. Nur ich +fehlte noch, nur ich und alles war gut.« + +Er erzählte nun, wie er die Betten angezündet, sich daneben hingesetzt +und seinen Hals durchschnitten habe. Aber er starb nicht, er atmete +weiter. Sein Arm erschien ihm plötzlich wie gelähmt und zurückgehalten. +An Mut und Entschlossenheit habe es ihm nie gefehlt; hatte er bis dahin +Kraft bewiesen, so mußte es ihm doch auch gelingen, sein eigenes Leben +zu zerstören. Er versetzte sich noch zwei Stiche in die Brust; es war +umsonst. Sein Blut floß, aber das Leben fühlte er nicht schwinden. Von +diesem Moment trat ein Zustand bei ihm ein, über den er keine +Rechenschaft geben konnte. Er wußte nicht, wie lange er bei den Leichen +gewesen, der Qualm, der sich verbreitete, trieb ihn schließlich auf und +hinaus. Es war ihm, als fliehe ihn der Tod, als müsse er den Tod +verfolgen. Du stirbst nicht, rief es in ihm, du kannst nicht sterben. Er +lief fort, weg- und steglos, irrte lange durch einen Garten und kam +endlich an das Haus des Wundarztes Koch. + +Der Richter fragte: »Was erwarten Sie denn nach einer solchen Tat?« +Holzwart schaute mit einem heiteren Blick empor und antwortete ohne +Zaudern: »Den Tod erwarte ich. Mit Freuden erwarte ich ihn, ich wollte +ihn mir selbst geben, aber es ist mir leider nicht gelungen.« + +Der Richter nennt Holzwart einen ungewöhnlichen Menschen, der sich meist +gewählt ausdrückte und bisweilen sogar in ein gewisses Pathos verfiel. +Er war groß und von stattlichem Körperbau. Sein Gesicht war voll Ruhe, +sein Blick frei, sprechend und sanft. + +Im Publikum erhoben sich Stimmen, die die Liebe zu den Seinigen in +Zweifel stellten. Es wurde gesagt, er habe seine Kinder mit großer +Strenge behandelt und barbarische Züchtigungen über sie verhängt. Bei +näherer Beleuchtung verschwanden diese Anklagen. Was den Schein von +Härte hatte, war Konsequenz gewesen, und es erwies sich auch, daß +Holzwart von den Pflichten eines Vaters ganz andere Begriffe gehabt +hatte als mancher ehrbare Bürger. Man erinnerte sich eines Aufsatzes, +den er viele Jahre vorher in der Magdeburger Zeitung hatte drucken +lassen und worin er die Unerläßlichkeit und heilsame Folge strenger +Zucht betont hatte. Darüber waren alle Zeugen einig, daß es keine +artigeren und besseren Kinder gegeben habe als Holzwarts Kinder, +insbesondere das jüngste sei ein höchst anmutiges Geschöpf gewesen, der +Liebling des Vaters, wurde gesagt. Dies erklärte auch die tiefe und +mächtige Bewegung, die ihn durchzittert hatte, als er bekannte: »Das +jüngste Kind war das letzte, das ich tötete.« + +Der Fleischer Wothge, der Holzwart oft Beistand in seinem +Geschäftsbetrieb gewesen ist, bekundete die bemerkenswerte Tatsache, daß +Holzwart nicht fähig gewesen sei, ein Schwein zu schlachten. Wenn er +dabei behilflich sein sollte, so bebte er vor innerer Aufregung und +Beklemmung. »Er war überhaupt ein sonderbarer Mann,« äußerte sich dieser +Zeuge; »ich kann mich darüber nicht so ausdrücken, wie ich möchte, aber +es scheint mir, als hätte er sich Vorbilder nach Büchern zum Muster +aufgestellt. Ich habe ihn von Abd-el-Kadr, von Faust, von Ibrahim Pascha +mit Lebendigkeit und Begeisterung sprechen hören. Das waren seine Leute. +Er meinte immer: Großartig sterben müsse der Mensch.« + +Und weiter erzählte Wothge: »Im vergangenen Jahre, als das fürchterliche +Gewitter über uns stand, schlachtete ich eines Abends um elf Uhr bei +ihm. Mitten unter dem schauerlichen Donner sagte er zu mir: 'Ich +wollte, alles wäre hin; was ich auch anfange, das Unglück ist immer +hinter mir her.' Es war eine oftmals wiederholte Rede von ihm: 'Man muß +nie müssen, sondern nur wollen. Aber alle im Staate müssen, nur einer +will, das ist der König.' Ein andermal fragte er mich über +Glaubenssachen, und als ich ihm entgegnete, ich glaubte das, was im +Katechismus stehe, rief er: 'Dann sind Sie ein Tor!' und ging von mir +fort. Er war übrigens ein sehr reeller Mann, wußte sich in Respekt zu +setzen und führte immer durch, was er sich vorgenommen hatte. 'Bricht's, +so bricht's', pflegte er zu sagen. Seine Lieblingsbeschäftigung war das +Schachspielen. Drei Freunde aus Magdeburg haben ihn öfters besucht, bloß +um mit ihm Schach zu spielen. Eines Tages kam er auf sein Elternhaus zu +sprechen, und da erzählte er mir, daß zwischen ihm und seinem Vater oft +wilde Szenen vorgekommen seien. Einmal bei einem Streit habe sein Vater +ihm geflucht, und von diesem Augenblick an sei sein Glücksstern +untergegangen.« + +Holzwarts Bruder erklärte dessen Vermögensverfall aus unglücklichen +Konjunkturen und bekräftigte, daß er mit redlichem Willen und +unermüdlichem Eifer stets danach gestrebt habe, sich und seine Familie +zu ernähren. Er sei niemals arbeitsscheu gewesen, sondern es habe immer +den Anschein gehabt, als solle seine Tätigkeit vergeblich sein. Er +schrieb ihm eine Anlage zum Tiefsinn zu, die er vom Vater ererbt hatte. +Es sei ihm nicht möglich gewesen, sich an einen Menschen zutraulich +anzuschließen. In Güte hätte man aber alles von ihm erlangen können; +wenn er aber Widerstand gefunden, wo er im Recht zu sein geglaubt, oder +wenn er sich verkannt gesehen, habe ihn der heftigste Zorn ergriffen. + +»Er hatte einen streng rechtlichen Sinn und ein feines Gefühl,« äußerte +sich weiterhin der Bruder bei einer Zeugenvernehmung. »Es lag ein Stolz +in seinem Charakter, der es ihm unerträglich machte, die Hilfe anderer +in Anspruch nehmen zu müssen. Ebenso unerträglich war ihm der Gedanke, +seine Kinder, die er sehr liebte, nach seinem Tode dem Mitleid fremder +Leute preisgegeben zu sehen. Außerdem hatte er die Idee gefaßt, daß +seinen Sohn ein ebenso unglückliches Dasein erwarte, wie er selbst es +geführt. Wie großmütig und redlich seine Denkungsart war, zeigte sein +Benehmen, als er vor einigen Jahren in der Lotterie spielte. Bei der +Klasseneinzahlung bot er in einer Anwandlung froher Laune und gewiß in +der Überzeugung, daß er nichts gewinnen werde, seiner Schwägerin die +Hälfte des Gewinnes an. Das Los kam in der letzten Ziehung mit einem +Gewinn von tausend Talern heraus. Holzwart hielt sich seinem Versprechen +gemäß für verpflichtet, der Schwägerin die Hälfte davon zu zahlen, +obgleich sie kein Recht geltend machen und die Abmachung nur für Scherz +angesehen werden konnte. Er blieb dabei, er müsse das Geld teilen, weil +er es versprochen habe, und er bräche niemals sein Wort. Als ich ihm vor +Jahresfrist aus einer Verlegenheit half, sagte er bewegt zu mir: »Glaube +mir, es wird mir schwerer, dein Geld zu nehmen, als es dir vielleicht +ist, es zu geben.« + +Die Geschichte seines Lebens, die Holzwart vor dem Richter erzählte, +trug das unverkennbare Gepräge der Wahrheit und folgt hier mit seinen +eigenen Worten. + +»Mein Vater hatte mich zum Seifensieder bestimmt, und da ich nun einmal +nicht studieren sollte und durfte, war mir das recht. Mein Vater hatte +mich so sehr an Gehorsam gewöhnt, daß es mir nicht eingefallen wäre, +mich gegen seinen Befehl zu sträuben. Die Wahl des Meisters war nicht +günstig für mich. Ich merkte bald, daß ich unter solcher Anleitung +nichts vom Geschäft begreifen würde. Ich klagte es meinem Vater, daß +mich der Lehrherr mehr zu Hausarbeiten als zum Seifensieden verwende, +doch dies wurde nicht von ihm beachtet. Auch meine Mutter hörte nicht +eher auf diese Klagen, als bis es zu spät war. Das Lehrgeld war +weggeworfen, und nach dreijähriger Lehrzeit ging ich als Geselle aus +diesem Geschäft nicht um ein Haar klüger, als ich hingekommen war. Ich +trat die Wanderschaft an, fand natürlich wegen meiner Unbrauchbarkeit +nirgends lange Arbeit, und um nicht in Not zu geraten, kehrte ich in die +Heimat zurück. Fürs erste blieb ich im elterlichen Hause, wo man eine +wünschenswerte Unterstützung an mir fand. Dann versuchte ich es noch +einmal in Eisleben als Volontär in einem Seifensiedergeschäft, doch +wurde dies meinen Eltern mit der Zeit zu kostspielig, ich gab die +Seifensiederei für immer auf und blieb nun fünf Jahre in meines Vaters +Geschäft. Ich lebte dort in drückenden, sehr unangenehmen Verhältnissen, +die vornehmlich durch meines Vaters Schwäche, mit den Dienstmädchen +allzu vertraulich umzugehen, herbeigeführt wurden. Mein Vater +behandelte mich sehr nachlässig, was bei meinem ohnehin reizbaren +Ehrgefühl eine bedeutende Wirkung auf mich ausübte. Im Hause meiner +Eltern befand sich auch meine nachherige Frau; nicht eigentlich als +Ladenmamsell, sondern mehr aus Gefälligkeit gegen meine Mutter, die die +ganze Last des ausgebreiteten Schmälzergeschäfts allein zu tragen hatte. +Ich gewann das Mädchen lieb und wünschte sie zu heiraten. Im Grunde +meines Herzens trieb mich mehr die Unerträglichkeit meiner Lage als die +Sehnsucht nach der Ehe zu dem Eifer, womit ich meine Eltern um Gründung +eines Haushalts für mich anging. Lange sträubten sie sich gegen die +Verbindung, endlich willigten sie ein und gaben mir hundert Taler Gold +zur Errichtung eines Materialladens; meine Frau brachte mir ungefähr +ebensoviel dazu, und mit diesem Kapital begann ich voller Hoffnung mein +selbständiges Leben und meine Ehe. Die Kaufleute gewährten mir willig +und gern Kredit, so sah ich trotz des geringen Vermögens einer günstigen +Schicksalswendung entgegen. + +Aber wenn früher meine Verhältnisse drückend waren, so verfolgte mich +jetzt ein Unglück nach dem andern. Mit dem besten Willen ging ich an +mein Geschäft, doch schon im ersten Jahre wurde meine Frau nach der +Entbindung krank und blieb volle fünf Vierteljahre in ärztlicher +Behandlung. Sie mußte teure Bäder nehmen, und die Rechnungen für den +Doktor und den Apotheker beliefen sich auf hundertzweiunddreißig Taler. +Ich mußte Schulden machen und erkannte bald die Unmöglichkeit, mich in +der Neustadt zu halten. Ehe noch ein Konkursverfahren eingeleitet werden +konnte, wurde ich mit Hilfe meiner Mutter den Gläubigern gerecht und gab +das Geschäft auf. Ich übernahm nun auf den Vorschlag meiner Eltern den +Laden im Bonteschen Haus auf dem Markt, worin neben einem Schenklokal +ein Handel mit Schmälzerwaren betrieben wurde. Ich sah gleich, daß diese +Art von Wirtschaft nichts für mich war; zu einer Schenkstube gehörte ein +anderes Wesen als das meine. Die Fleischwaren bekam ich aus dem +elterlichen Geschäft und verkaufte sie eigentlich auf Rechnung meines +Vaters, wobei mir nur der kleine Gewinn zufiel, den ich in der +Schenkstube machte. Steuern für das Gewerbe, sowie Ladenmiete mußte ich +aber bezahlen. Dazu kam, daß bei dem Laden keine Wohnung war und ich die +Wohnung für meine Familie apart halten mußte. Es brach zu jener Zeit die +Cholera in Magdeburg aus und raffte sogleich einen der beliebtesten +Gäste meines Lokals, den Goldschmied Schladen, hinweg, die übrigen +Männer bekamen Furcht und mieden meine Schenkstube, sie stand verödet, +und ich mußte neue Gäste anzuwerben suchen. Es schlug fehl, und nach +abermals zwei Jahren mußte ich das Geschäft mit einer baren Einbuße von +sechshundertsechzig Talern auflösen. + +Viele haben den Verfall meines Hauswesens meiner Vorliebe für +wissenschaftliche Beschäftigung zugeschrieben, aber damit hat man mir +unrecht getan. Ich hatte allerdings großes Interesse an der Literatur, +las gerne historische und naturwissenschaftliche Werke, begann auch zur +damaligen Zeit ein Tagebuch, worin ich eigene Ideen und gute +aufgefundene Gedanken verzeichnete, muß auch gestehen, daß ich nach der +Erzählung von Alvensleben »Der Racheschwur« ein Drama zu arbeiten +anfing; aber alles dies füllte nur meine Mußestunden aus, die von +anderen Männern beim Kartenspiel und Biertrinken verbracht wurden. + +Ich versank nun in große Not, und meine Mutter unterstützte mich ein +wenig. Ich faßte den Plan, in die weite Welt zu gehen und zu versuchen, +ob nicht irgendein Platz für mich zu finden sei, wo ich meinen +Lebensunterhalt gewinnen konnte. Mein Blick richtete sich auf Prag, wo +ein Bruder meiner Mutter, der Weißgerber Grosse, in guten Umständen +lebte. Ich trennte mich von meiner Familie. Es war ein schmerzlicher +Abschied, aber ich ging nicht eher von ihnen, als bis mir meine Mutter +in Gegenwart meines Bruders das Versprechen geleistet hatte, mütterlich +für sie zu sorgen. Man schlug mir vor, die französische +Handschuhmacherei zu erlernen, und wirklich schien mir dies ein +Erwerbszweig, der einträglich zu werden versprach. Mein Onkel in Prag +gab das Lehrgeld her, und obwohl ich nicht mehr in den Jahren war, wo +man als Lehrling in einen neuen Beruf tritt und mir die Sache sehr sauer +wurde, stärkte mich doch der Gedanke an meine Familie soweit, daß ich +meinen Vorsatz glücklich durchführte. Nach zehn Monaten war ich Gehilfe +des Meisters, der sich redlich Mühe mit mir gegeben hatte. Wieder in der +Heimat angelangt, setzte ich alles daran, ein Handschuhmachergeschäft +zu gründen. Mit etwas Geldmitteln wäre es mir wohl gelungen, allein ich +hatte kein Geld, mein Vater wollte mir keins geben, die Mutter gab mir +fünfzig Taler. Davon mußte ich die Hälfte für Arbeitszeug verwenden, und +es blieb mir nicht einmal soviel, wie zum Ledereinkauf notwendig war. +Dennoch versuchte ich mein Heil und hielt mich wirklich einige Zeit. +Aber schließlich ging es bergab, und mein Ruin war täglich zu erwarten. +Da starb mein Vater, und ich trat jetzt in das elterliche Geschäft als +Pächter ein. Anfangs machte ich gute Geschäfte, aber bald wurde der +Verdienst geschmälert durch die vielen neuerrichteten Schmälzerläden. Es +trat noch das Mißgeschick hinzu, daß die Schweine plötzlich sehr teuer +wurden, und dies ist ein harter Schlag für den Schmälzer, da die Waren +noch eine Zeitlang in den alten Preisen bleiben, also bei jedem +Schlachten zugesetzt werden muß. Ich blieb mit der Miete an meine Mutter +rückständig, der Magistrat erhöhte die Pacht des Ladens unter dem +Rathaus von sechzig auf hundert Taler, und im dritten Jahre wurde ich +bankrott. Ich übergab meiner Mutter ihr Eigentum wieder, sie verkaufte +das Haus und ließ mir unter Anrechnung auf mein späteres Erbteil +fünfhundert Taler zum Kauf eines kleinen Hauses in der Junkerstraße, wo +ich von neuem eine Schmälzerei anlegte. Ich mußte viel Geld verbauen; es +wäre aber doch gegangen, wenn nicht ein Gläubiger der zweiten Hypothek +mir sein Kapital gekündigt und ich einen neuen hätte erhalten können. +Ich mußte wieder verkaufen und habe großen Schaden erlitten. + +Jetzt war ich vollkommen herunter. Meine Mutter konnte nicht mehr +helfen, mein Bruder hatte ein Gut in Lendorf gekauft und bot mir eine +Freistatt. Ich ging zu ihm, als Arbeitsmann im wahren Sinn des Wortes. +Fünf Monate hielt ich es aus, da trieb mich die Sehnsucht nach den +Meinigen wieder zurück. Meine Frau hatte sich mit dem Schmälzerladen im +Rathaus, der uns noch verblieben war, kümmerlich durchgebracht. Ich +versuchte nun in Magdeburg einen neuen Erwerb und erlernte das +Oblatenbacken. Meine Mutter schoß mir fünfzig Taler vor, und ich begann +dies Geschäft. Aber es war, als hätte das Schicksal nur darauf gewartet, +bis ich wieder Hoffnung gefaßt hatte. Kaum hatte ich einigen Vorrat +liegen, so kamen die neuen Blättchen mit der Namenchiffre auf, meine +Oblaten blieben als altmodisch unverkauft, und ich war wieder fertig. Da +ging ich mit meiner ganzen Familie nach Lendorf zurück, und wir blieben +dort ungefähr ein Jahr. Um diese Zeit verkaufte mein Bruder das Gut, und +meine Mutter starb. Jetzt hatte ich freilich ein Erbteil zu erwarten, +mit dem sich etwas beschaffen ließ. Ich bekam tausend Taler. Mit diesem +Gelde kaufte ich ein Gehöft in Gommern, wo Gastwirtschaft betrieben +wurde. Während meines Aufenthaltes in Lendorf hatte ich mich als +Landwirt tüchtig geübt und Lust zum Feldbau bekommen. Die Frequenz des +Gasthofs war gering, das Feld bestand nur aus zehn Morgen Ackerland, ich +sah, daß nicht viel zu gewinnen sei, und da ich nach einem Jahre +vorteilhaft verkaufen konnte, entledigte ich mich der Wirtschaft früh +genug, um keinen Schaden zu erleiden. Damals gewann ich auch tausend +Taler in der Lotterie, von denen ich die Hälfte meiner Schwägerin gab. +Ich wollte mir nun ein kleines Gütchen kaufen, dazu reichten die Mittel +nicht. Obwohl ungern, entschloß ich mich endlich, wieder eine +Schmälzerei zu errichten, und zwar in der Sudenburg. + +Ich hatte tausend Taler im Besitz. Die Herstellung des Ladens und die +Anschaffung der Utensilien kosteten hundertsechzig Taler. Verdient wurde +wenig. Die Schweine waren in dem Jahre sehr wohlfeil. Der Bauer hatte +kein Futter für das Vieh und mußte verkaufen. Ich glaubte richtig zu +spekulieren, wenn ich Schweine kaufte und steckte zweihundert Taler in +den Handel, um einen ordentlichen Wintervorrat zu haben. Ich hatte mich +leider verrechnet. Alle Leute hatten selbst Schweine gekauft und +geschlachtet. Man holte mir nichts ab. Das Geschäft geriet ganz und gar +ins Stocken. Schinken und Schlackwürste bewahrte ich für den Sommer auf. +Eine entsetzliche Hitze kam und verdarb mir die Vorräte. Im nächsten +Jahre stiegen die Schweine zu einem ungeheuren Preis, aber unsre Ware +blieb auf dem alten Fuß. Ich hatte jetzt nur noch hundertvierzig Taler. +Die Einnahme war erbärmlich; der tägliche Erlös betrug oft nur fünfzehn +Silbergroschen. Wir mußten vom Kapital leben. Beim Ablauf des Jahres war +ich dem Viehhändler hundertsechzig Taler schuldig. Mein Bruder erbot +sich, mir vierhundert Taler zu leihen, und einer von meinen Bekannten +legte hundert Taler dazu. Von diesem Gelde lebte ich mit meiner +Familie, nachdem ich den Viehhändler bezahlt hatte. Ich schlachtete +immer weniger. Im Jahre 1845 war alles Geld rein aufgezehrt. Es nahte +der Winter, und die Not wurde bedrohlich. Abermals mußte ich meinen +armen Bruder um Hilfe ansprechen. Er sendete mir zwanzig Taler, und dann +wieder zwanzig Taler, und gegen Weihnachten aus freien Stücken fünf +Taler zu Geschenken für meine Kinder. Meine Schuld beim Viehhändler war +wieder auf anderthalb hundert Taler gestiegen. + +Jetzt trat der Gedanke immer unwiderstehlicher an mich heran, mich und +meine Familie schmerzlos aus der Welt zu schaffen, wo unserer nur Elend +wartete, ich hatte keine Aussicht, keine Hoffnung mehr. Es blieb nur das +Verhungern übrig. Ich war außerstande, die Meinen vor dem Untergang zu +retten. Diese Gedanken machten mich fast krank, aber ich verriet sie +nicht, und sie kehrten wie im Kreise immer wieder auf den Punkt zurück: +Du bist dem Bettelstab verfallen. Vorwürfe über mein Leben und meine +Geschäftstätigkeit konnte ich mir nicht machen. Ich habe immer geglaubt, +richtige Maßregeln zur Verbesserung meiner Lage ergriffen zu haben, aber +meine Bemühungen sind stets fehlgeschlagen. Verlust über Verlust, was +ich angriff, mißlang. Bei der Erinnerung an all dies Leiden wurde mein +Entschluß fester, und mein Gemüt stählte sich. Die Notwendigkeit trieb +mich zur Tat.« + +Bei gebessertem Gesundheitszustand konnte Holzwart nach einiger Zeit in +das Verhörzimmer geführt werden. Seine Erscheinung war jetzt die eines +zufriedenen und ergebenen Mannes. Es schien, als betrachte er das ihm +neugeschenkte Leben mit einem mitleidigen Lächeln, als wollte er fragen: +wozu? Er wiederholte sein Geständnis, und es war ersichtlich, daß die +Schilderung der Mordnacht ihm eine unaussprechliche Pein verursachte. +Und wieder behauptete er feierlich, seine Tat sei das letzte Werk der +Liebe gewesen. Auf den Einwand, weshalb er bei seiner ersten Vernehmung +im Kochschen Hause nicht sogleich offen bekannt, sondern eine Lüge +angegeben habe, erwiderte er, es sei diese Lüge die einzige in seinem +ganzen Leben. Er habe nur den Fragen genügen, lästiges Zudringen +abwehren wollen, weiter nichts. Daß er verhaftet und vor dem Gesetz +verantwortlich gemacht werden könnte, daran hatte er nicht gedacht. Nach +seiner Meinung war er niemand auf der Erde eine Auskunft zu geben +verpflichtet, und seine Tat mußte vor Gott allein verantwortet werden. + +Eine Tat, straf- und todeswürdig vom Standpunkte des Rechtes, verworfen +und abscheulich von dem der Moral. Der fürchterliche Irrtum, eine +Familie verloren zu glauben, wenn die Hilfsquellen der Existenz +versiegen, beruhte hier auf Charakterfehlern nicht allein, sondern auf +Gemütsanlagen, die mit tragischer Liebe Bande des Blutes als +unauflöslich betrachten. Der Gedanke, daß die geliebten Menschen einzeln +ihre Nahrung suchen sollten, überstieg die Geisteskraft des Vaters; bis +dahin im Schoße der Familie vor dem Unheil geborgen, sollte er sie jetzt +der Verführung und der Verderbnis preisgeben? Die älteste Tochter war +schön, vorzeitig entwickelt, blühend in Gesundheit und reizend durch +freundliches Betragen. »Sie würde ihre Käufer schon gefunden haben,« +warf Holzwart einst im Gespräch mit bitterem Hohne hin, »aber ich habe +ihre Unschuld bewahrt und gerettet.« Der Richter wandte ein, das Mädchen +hätte ja bei seiner Schönheit eine günstige Wendung des Geschickes +erleben können. Da antwortete Holzwart: »Die Möglichkeit lag ferne, denn +sie war arm; jetzt ist ihr Schicksal gesicherter.« + +Im Dezember des Jahres 1846 wurde Holzwart verurteilt, nach dem +Richtplatze geschleift, um mit dem Rade von unten herauf vom Leben zum +Tode gebracht zu werden. Mit derselben Fassung und Haltung, die er +bisher gezeigt, vernahm er das Urteil. Als ihm mitgeteilt wurde, daß ihm +das Rechtsmittel der Appellation zustehe, erwiderte er ohne Besinnen, er +habe die Strafe erwartet und durchaus nichts dagegen einzuwenden; er +wünsche in kürzester Frist zu seinem Ziele zu kommen und wolle auch +nicht von seinem Rechte Gebrauch machen, des Königs Gnade um Milderung +der Strafe anzurufen, um den Vollzug des Verdikts nicht zu verzögern. +Bei dieser Erklärung blieb er, trotzdem sein Verteidiger ihn zu anderer +Ansicht zu bringen suchte. Es blieb diesem nichts weiter übrig, als +seinem Willen entgegen zu handeln und aus eigener Machtvollkommenheit +sich an den König zu wenden. Damit verging Tag um Tag, Woche um Woche, +und Holzwart erwartete vergeblich das Ende eines Lebens, das für ihn +allen Wert und Reiz eingebüßt hatte. Er glaubte, durch seine +Verzichtleistung auf jeden Einspruch alle Hindernisse am besten +beseitigt zu haben, und es gewann den Anschein, als siege wieder sein +altes böses Schicksal, das immer seine Hoffnungen durchkreuzt hatte. +Durch die seltene Verzichtleistung wurde ein Bericht nach dem anderen +nötig, eine Formalität nach der anderen; bis zum September zogen sich +die Verhandlungen hin, bevor man endlich dem König das Todesurteil +vorzulegen bereit war. + +Während der Zeit saß Holzwart geduldig im Gefängnis und harrte auf +seinen Tod. Man gestattete ihm zu lesen, zu schreiben und Schach zu +spielen. Er verfertigte die Schachfiguren aus Brot und malte mit Tinte +ein Schachbrett auf Pappe. Es gehörte zu seiner größten Freude, wenn der +Aufseher Zeit gewann, mit ihm Schach zu spielen. + +Unter den Aufzeichnungen, die er zu Papier brachte, fanden sich Gedichte +wie dieses: + + Ich bin belohnt, daß ich euch glücklich wähne, + Euch überhoben weiß alljeder Erdenträne. + Gibt's ein Elysium, so ist's für euch errungen, + Durch euer Blut hab ich es euch erzwungen. + Nichts lastete auf euch, und schuldlos, schön und rein + Gingt ihr verklärt zur ewigen Ruhe ein. + Ich bin belohnt. + +Dann Tagebuchblätter. + + + Am 10. März. + +O könnt ich dem Zauber Worte geben, der wie ein Glück meinen Schlaf +durchzieht. Nicht gaukelnd beschleicht mich der Träume Spiel -- nein, +göttlich beglückend -- o, welche Wonne, wenn mein Bruder, wenn meine +Kinder, die Mutter, die Eltern erscheinen. -- Vor den Richterblicken der +Welt mag es unverdient heißen, doch in Träumen liegt mein Glück. Mein +liebstes Kind saß mir auf meinen Knien -- so war es mir heute, ich saß +mit ihr bei allen Meinen. Das Kind umschlang mich süß und dicht, die +andern schmiegten sich an mich -- von ferne sah die Mutter dieser Teuern +auf uns und sprach: »Ach, daß du diese Tat hast tun können -- wie schwer +muß sie dir geworden sein!« + + + Im April. + +Bedarf es denn vor jenem Weltenrichter des Eingeständnisses der Tat? +Nein! Nein! Er wußt sie ja, er braucht nun nicht zu fragen, er sah sie, +kennt sie also schon genug. Rechtfertgen soll ich sie? Es blieb den +Meinen nur Schmach und Elend -- damit rechtfertige ich mich in Ewigkeit. +Verkündet nur bald, wenn alles vollbracht, dem Lebensmüden die ewige +Nacht. + + + Im April. + +Ich will nichts glauben, will nichts denken, was die Vernunft nicht +faßt. Annehmen und feststellen nichts, was gegen die Natur verstößt. Und +doch komme ich immer darauf zurück -- es gibt noch ein Etwas, nach +welchem der Blick der Sterblichen vergeblich forschend sich richtet. + + + Im August. + +Fünf Monate nach dem verkündeten Spruche. Himmel, diese Umstände um +einen einzigen Menschen. Ich weiß nicht, ob man bei einer Frage von +Krieg und Frieden so viel Zeit gebraucht, und daran hängt das Leben von +Tausenden! + +Es gibt ein Etwas im großen Weltenraume, das unheilvoll sein Wesen +treibt, und eine dunkle Ahnung sagt mir nur: es waltet gegen dich! Es +waltet unsichtbar, es waltet stumm und grausig, dies dämonische Wesen +des Geisterreichs. + + * * * * * + +Das Jahr ging zu Ende, ohne das vom König bestätigte Urteil zu bringen. +Das Gerücht von der Freigeisterei des seltsamen Verbrechers drang in die +höheren Kreise und füllte manches gläubige Herz mit Entsetzen. Die +entschiedene Weigerung Holzwarts, den Geistlichen zu empfangen, seine +ebenso entschiedene Ablehnung einer geistlichen Begleitung zum +Richtplatz, und das finstere und verschlossene Wesen, das er zeigte, +wenn der Gefangenenprediger bei ihm eintrat, verbreitete ein wahres +Grauen vor ihm. Es wurden Versuche gemacht, ihn zu erleuchten, aber man +stieß auf klare und festgegründete Überzeugungen statt auf bösen Willen +und dumpfe Verstocktheit, die man vorausgesetzt, und dagegen war aller +fromme Bekehrungseifer machtlos. + +Das Jahr 1848 regte seine gewaltigen Schwingen. Die Unruhen wurden +stürmisch. Im Februar unterzeichnete der König das Todesurteil, und +endlich wurden Anstalten zur Hinrichtung getroffen. Es gab bei Magdeburg +einen Anger, wo manches blutige Haupt gesunken, mancher menschliche +Leib von den Rädern zerstampft worden war. Hier sollte auch für Holzwart +das Schafott errichtet werden; die königliche Gnade hatte die Strafe des +Räderns in die der Enthauptung verwandelt. Der Tag wurde anberaumt, eine +Truppenabteilung war schon kommandiert. Noch wußte Holzwart nichts von +den Veranstaltungen zu seinem nahen Ende, aber ihm ahnte etwas. Die +Nachgiebigkeit des Wärters verriet ihm zuerst die Nähe seines Endes. +Aber er fragte nicht, er zagte nicht; sein Auge blieb ruhig und sein +Herz stark. Alles war bereit, der Scharfrichter bestellt, da brach der +Volksaufstand los. Die Bande des Gesetzes waren gelöst, und die Behörde +scheute sich, eine Hinrichtung vollziehen zu lassen. Der Termin wurde +vertagt. + +Vielleicht war dem Gefangenen doch manches Wort zu Ohren gedrungen, das +ihm den Stand der Dinge verraten hatte, und wieder wie ehedem rief es in +ihm: du stirbst nicht, kannst nicht sterben. Es bemächtigte sich seiner +eine schmerzliche Unruhe; seine Geduld wich zuzeiten einer kurzen aber +tiefen Erregung, und seine Papiere bezeugen es, daß ihm davor bangte, +das Leben noch lange ertragen zu sollen. + + + Im Mai 1848. + +Ein Mann, der edlen Trotz besitzt, sollte der voll ruhigen Gleichmuts +nicht in Freude und Leid die Grenzen wissen? Welch ewiges Schwanken +zwischen Leben und Tod, von heute zu morgen, von morgen noch weiter. +Armer König, immer Schach! Immer Schach! Schach bis zum matt. + + + Im Juni. + +Sie zögern. Und ich grüble. Was hält mich? Was möchte ich noch? Das Grab +der Meinen sehen, die Erde küssen, wo die Schlummernden ruhen. +Unbegreiflich, daß ich mich bis jetzt ließ vertrösten. + + * * * * * + +Es findet sich die amtliche Anzeige des Gefängnisinspektors an den +Richter, daß Holzwart seit fünf Tagen die Speisen unangerührt lasse und +auf alle Vorwürfe die Antwort erteilt habe, er werde sein Ziel zu +erreichen wissen. Der Richter stellte ihn ernstlich zur Rede, und +Holzwart scheint Reue empfunden zu haben, denn er schrieb am 4. Juli: + +»Genug, genug! Ich will alles ertragen. Der Ernst in seinem Auge; das +harte Wort: Wenn Sie sich der verdienten Strafe entziehen, muß ich Sie +für einen Feigling halten! Ich beuge mich. Mein Leben sei ein +tributpflichtiges Opfer.« + +Er kehrte zu der geduldigen Gelassenheit zurück, nachdem er vergeblich +den Kampf mit seinem Geschick gewagt hatte. Als im preußischen Staate +die Ordnung wiederhergestellt war, wurde das Todesurteil Holzwarts in +lebenswierige Zuchthausstrafe verwandelt. Es muß ihn ein ungeheurer +Schrecken bei der Verkündigung dieses neuen Urteils erfaßt haben; eine +mit flüchtiger Schrift gemachte Aufzeichnung, die letzte, die überhaupt +vorhanden ist, lautet: Am Leben bleiben, solche Gnade! Gezüchtigt durch +Zuchthaus für eine solche Tat! Es kann nicht sein, es darf nicht sein! + +Seit der Gewißheit seines Schicksals sprach er überhaupt nicht mehr. +Eine kalte Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht, und die freundliche +Ruhe seiner Mienen war düsterem Ernst gewichen. Im Zuchthaus fügte er +sich streng der Ordnung und zeigte sich im Benehmen und im Fleiß +exemplarisch. Daß er still und abgeschlossen seinen Weg verfolgte, +schien jedermann natürlich. Man hatte nicht verfehlt, der Direktion des +Zuchthauses die Selbstmordversuche Holzwarts selbst mitzuteilen, um sich +bei den jetzt vermehrten Gründen zu solcher Tat der Verantwortung zu +entheben. Die Furcht schien unnütz. Ein Monat nach dem andern verlief, +ohne der gesteigerten Aufmerksamkeit den geringsten Verdacht zu geben. +Um so unerwarteter wirkte die amtliche Nachricht von Halle: + +Der von dem Königlichen Kreis- und Stadtgericht hier eingelieferte +Christian Holzwart aus Magdeburg stürzte sich am Sonntag, den 28. Januar +1850 nachmittags um drei Uhr bei Ausgang aus der Kirche von der +Verbindungsbrücke des Flügels #B# und blieb auf der Stelle tot liegen, +indem er sich den Hirnschädel gespalten und fast alle Glieder +zerschmettert hatte. + +So war der unglückliche Mann zur ersehnten Ruhe gekommen. Mit welchen +Gefühlen mag er die acht Monate im Zuchthaus in Gemeinschaft mit +Menschen erlebt haben, die er als das Verächtlichste im weiten +Weltenraum bezeichnet hat? Mit welchen Gefühlen mag er die Tiefe des +Abgrunds ermessen haben, bevor er sich hinunterstürzte? Den Tod zu +zwingen, das war vielleicht seine stärkste Regung. + + + + +Karl August von Weimar + + +Die siebzehnjährige Vormundschaft der Herzogin-Mutter Amalia bedeutet +ein unvergängliches Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte, denn unter +ihr wurde Weimar der Sammelpunkt jener Genien, denen die Unsterblichkeit +sicher ist und durch die der Hof von Weimar einen stillen, aber hohen +Glanz erhielt, wie er von keinem andern deutschen Hof jemals ausgegangen +ist. + +Amalie von Braunschweig war, als sie die Regierung antrat, erst achtzehn +Jahre alt; fünf Jahre des siebenjährigen Krieges fielen noch unter ihre +Herrschaft. Die Männer, die sie im Hof- und Zivildienst vorfand, waren +alle noch aus der alten Schule; desto neuer war ihre Persönlichkeit, und +mit dieser setzte sie es durch, daß man sie ihre eigenen Wege gehen +ließ. Die Erziehung, die sie ihrem Sohne, dem künftigen Herzog, gab, +machte Epoche in der deutschen Prinzenerziehung; sie wagte es, ihn sich +in voller Freiheit entwickeln zu lassen, ja sie berief sogar einen +Poeten zu seinem Erzieher, den heitern Wieland, der damals Professor in +Erfurt war und eben den goldenen Spiegel geschrieben hatte, einen +Fürstenspiegel, der auf den jungen Kaiser Josef gerichtet war. + +Ein ungenannter Turist des achtzehnten Jahrhunderts, der in Weimar zum +Hofball geladen war, schildert die Herzogin wie folgt: »Sie ist klein +von Statur, sieht wohl aus, hat eine spirituelle Physiognomie, eine +braunschweigische Nase, schöne Hände und Füße, einen leichten und doch +majestätischen Gang, spricht sehr schön, aber geschwind, und ihr ganzes +Wesen ist angenehm. Es war auch ein Pharaotisch da, der geringste +Einsatz war ein halber Gulden. Die Herzogin spielte sehr generös und +verlor einige Louisdor; da sie aber gern tanzte, blieb sie nicht lange +beim Spiel. Sie tanzte mit jeder Maske, die ihr entgegenkam, und ging +nicht eher fort als bis um drei Uhr früh, da alles aus war.« + +Gouverneur der Prinzen Karl August und Konstantin war der Graf von +Schlitz-Görtz, ein ernster, gravitätischer und formenstrenger Herr, der +mit Nachdruck auf Etikette hielt, aber doch im privaten Kreis allerlei +Kurzweil zuließ. Friedrich der Große hatte ihn während des bayrischen +Erbfolgekrieges zu einer diplomatischen Mission in München verwendet, +später war er Gesandter beim Reichstag zu Regensburg, wo er das deutsche +Reich begraben sah. Daß er ein Mann von Geist war, bezeugt der Umstand, +daß er Wieland an die Herzogin empfahl. Wieland zog wieder Knebel als +Erzieher des Prinzen Konstantin nach Weimar, und Knebel war es, der dem +jungen Karl August Goethe zuführte. Goethe berief Herder, und Herder +wurde der Magnet für Schiller. + +Karl Ludwig von Knebel war ein gebürtiger Franke; er war Major unter +Friedrich dem Großen und stand in Potsdam in Garnison. Interessant +durch seine barocke Genialität, war er zugleich ein tiefer Hypochonder. +Durch eine krankhafte Empfänglichkeit für unangenehme äußere Eindrücke +war er von ihnen abhängig und durch sie gestört. Wieland war sein +Intimus, Lucrez, den er ins Deutsche übersetzte, sein langjähriges +Studium. Herder nannte ihn seinen lieben alten Mönch und den +menschenfreundlichen Timon. Es war am 11. Februar 1774, als Knebel +seinem Herzog den Verfasser des Götz und des Werther vorstellte. Auf die +Einladung des Grafen Görtz kam Goethe in das rote Haus in Frankfurt, und +in seiner jugendlichen Schönheit und Liebenswürdigkeit schien er dem +Herzog wie geschaffen, der Genosse bei einem lustigen Genieleben zu +werden, wie es ihm damals im Sinne stand. 1775 wurde Goethe förmlich +nach Weimar eingeladen. Der in Karlsruhe zurückgebliebene Kammerjunker +von Kalb hatte den Befehl, Goethe in einem von Straßburg erwarteten +Staatswagen nach Weimar zu bringen. Der Wagen blieb lange aus, Goethes +fürstenfeindlicher Vater hatte ihm schon mit dem spottenden Zuruf: »Nah +bei Hof, nah bei der Höll« die Furcht in die Seele geworfen, er könne +nur der Spielball einer fürstlichen Laune gewesen sein; er hatte bereits +die Flucht angetreten und befand sich in Heidelberg, als er dort noch +aufgehalten wurde. So hing es an einem Faden, daß Goethe nicht nach +Weimar kam; noch in späten Jahren hat er sich des wahrhaft Dämonischen +dieser Situation erinnert. + +»Goethe ging wie ein Stern in Weimar auf, der sich eine Zeitlang in +Wolken und Nebel verhüllte,« schreibt Knebel; »jeder hing an ihm, +sonderlich die Damen. Er hatte noch die Werthersche Montierung an, und +viele kleideten sich danach. Er hatte noch von dem Geist und Sitten des +Romans an sich, und dieses zog an. Sonderlich den jungen Herzog, der +sich dadurch in Geistesverwandtschaft seines Helden zu setzen glaubte. +Manche Exzentrizitäten gingen zur selbigen Zeit vor, die ich nicht zu +beschreiben Lust habe, die uns aber auswärts nicht in den besten Ruf +setzten. Goethes Geist wußte ihnen indessen einen Schimmer von Genie zu +geben.« + +Die Gerüchte über die Zustände in Weimar mußten von recht schlimmer Art +gewesen sein, da sogar Klopstock den auffallenden Schritt tat, sich als +Mentor und Warner einzumischen. Goethe wies ihn mit Entschiedenheit +zurück, und es kam zum Bruch zwischen beiden. + +Einen besondern Hof neben dem des Herzogs, dem regierenden Hof, wie er +hieß, bildete der sogenannte verwitwete Hof der Herzogin Amalie. Wieland +nennt die Herzogin eines der liebenswürdigsten Gemische von Menschheit, +Weiblichkeit und Fürstlichkeit; sie hatte nicht wenig Gefallen an dem +Leben, das ihr Sohn mit Goethe führte, und nahm selbst daran teil. Schon +als Regentin hatte sie wie ein halber Student gelebt; einmal war sie auf +einem Heuwagen mit acht Personen von Tieffurt nach Tennstädt gefahren, +es kam ein Gewitter mit einem heftigen Regenguß, und die Herzogin, die +wie die andern Damen in ganz leichtem Kleide war, zog Wielands Oberrock +an. Sie faßte alles mit Enthusiasmus an und auf. So lernte sie +Griechisch, und zwar so gut, daß sie nach kurzer Zeit den Aristophanes +in der Ursprache lesen konnte. Am begeistertsten trieb sie Musik, malte +auch und schwärmte für Italien und die italienische Literatur, in der +ihr Führer der Rat Jagemann war, ein aus Konstanz entflohener Mönch. Die +theatralischen Feste Amalies wurden entweder in der Stadt abgehalten +oder in den Sommersitzen der Herzogin, in Tieffurt oder in Ettersburg. +Namentlich im Park von Ettersburg wurden vor dem vertrauten Kreise der +Fürstin viele lustige Gelegenheitsstücke gegeben, so 1778 Goethes +Jahrmarkt in Plundersweilen, und 1779, zur Feier von Karl Augusts +Geburtstag, eine derbe Parodie der Wielandschen Alceste. Die Arie: +»Weine nicht, du Abgott meines Lebens« wurde auf die lächerlichste Art +mit dem Posthorn begleitet, und auf den Reim schnuppe ein unendlich +langer Triller gesungen. Nach dem Stück folgte die sogenannte +Kreuzerhöhungsgeschichte mit einem üblen Buch von Jacoby; Merck nagelte +das Buch mit dem Einband an einen Baum, so daß die Blätter im Winde +flatterten, Goethe stieg in den belaubten Wipfel und hielt von dort +herab ein hochnotpeinliches Halsgericht über die Scharteke. + +Neunzehn Jahre war Karl August alt, als er die berühmte Erklärung gab, +die den in sein Konseil einberufenen Dichter betrifft. Sie lautet: +»Einsichtsvolle wünschen mir Glück, diesen Mann zu besitzen. Sein Kopf, +sein Genie ist bekannt. Einen Mann von Genie an einem andern Orte +gebrauchen, als wo er selbst seine außerordentlichen Gaben gebrauchen +kann, heißt ihn mißbrauchen. Was aber den Einwand betrifft, daß dadurch +viele Leute sich für zurückgesetzt erachten würden, so kenne ich erstens +niemand in meiner Dienerschaft, der meines Wissens auf dasselbe hoffte, +und zweitens werde ich nie einen Platz, welcher in so genauer Verbindung +mit mir, mit dem Wohl und Wehe meiner gesamten Untertanen steht, nach +der Anciennität, sondern ich werde ihn immer nur nach Vertrauen geben. +Das Urteil der Welt, welches vielleicht mißbilligt, daß ich den Doktor +Goethe in mein wichtigstes Kollegium setzte, ohne daß er zuvor Amtmann, +Professor, Kammerrat und Regierungsrat war, ändert gar nichts. Die Welt +urteilt nach Vorurteilen. Ich aber sorge und arbeite wie jeder andere, +nicht um des Ruhmes, um des Beifalls der Welt willen, sondern um mich +vor Gott und meinem Gewissen rechtfertigen zu können.« + +Er war eher klein als groß von Gestalt, aber in seiner Erscheinung lag +von der Jugend bis in das späteste Alter etwas Selbständiges und +Energisches in sehr ungebundener und freier, fast studentischer Form; +man pflegte ihn auch den Studenten von Jena zu nennen. Dem Major Knebel +gegenüber legte der vierundzwanzigjährige Fürst einmal folgendes +Selbstbekenntnis ab: »Ich muß erstaunlich wehren, meinem Herzen und den +Leidenschaften nicht die Zügel schießen zu lassen; es ist gar zu schwer, +sich wieder in den unnatürlichen Zustand zu fügen, in dem unsereiner +leben muß und an den man so langsam sich gewöhnt zu haben glaubt.« + +[Illustration: Karl August von Weimar, nach einem Steindruck von C. A. +Schwerdgeburth; 1824.] + +Merck, Goethes wunderbarer Freund, ließ sich, als alle Welt über die +Streiche, die Karl August nach seiner Bekanntschaft mit Goethe machte, +die Köpfe schüttelte, nicht beirren und vertrat nachdrücklich den Wert +des seltenen Fürsten. Am 3. November 1777 schrieb er aus Darmstadt an +den Buchhändler Nikolai in Berlin: »Ich hab Goethe neuerlich auf der +Wartburg besucht, und wir haben zehn Tage zusammen wie die Kinder +gelebt. Mich freuts, daß ich von Angesicht gesehen habe, was an seiner +Situation ist. Das Beste von allem ist der Herzog, den die Esel zu einem +schwachen Menschen gebrandmarkt haben und der ein eisenfester Charakter +ist. Ich würde aus Liebe zu ihm eben das tun, was Goethe tut. Die +Märchen kommen alle von Leuten, die ohngefähr so viel Auge haben, zu +sehen, wie die Bedienten, die hinterm Stuhle stehen, von ihren Herrn und +deren Gespräch beurteilen können. Dazu mischt sich die scheußliche +Anekdotensucht unbedeutender, negligierter, intriganter Menschen, oder +die Bosheit anderer, die noch mehr Vorteil haben, falsch zu sehen. Ich +sage Ihnen aufrichtig, der Herzog ist einer der respektabelsten und +gescheitesten Menschen, die ich gesehen habe.« + +Wie Goethe, liebte es Karl August, sich nach den Aufregungen des +Weltlebens in die Einsamkeit zu begeben. Er suchte dann die Borkenhütte +im Park auf und konnte, während Goethe in seinem Gartenhaus am Stern +weilte, mit dem Freund durch verabredete Zeichen eine telegraphische +Konversation über das Tal der Ilm hinweg herstellen. Im Sommer 1780 +schrieb er aus diesem Retiro an Knebel: »Es hat neun Uhr geschlagen, +und ich sitze hier in meinem Kloster mit einem Licht am Fenster. Der Tag +war außerordentlich schön, ich war so ganz in der Schöpfung, und so weit +vom Erdentreiben. Der Mensch ist doch nicht zu der elenden Philisterei +des Geschäftslebens bestimmt; es ist einem ja nicht größer zumute, als +wenn man so die Sonne untergehen, die Sterne aufgehen, es kühl werden +sieht und fühlt, und das alles so für sich, so wenig der Menschen +halber; und doch genießen sie's, und so hoch, daß sie glauben, es sei +für sie. Ich will mich baden mit dem Abendstern und neu Leben schöpfen, +der erste Augenblick darauf sei dein. Lebewohl solange.« Nach dem Bad in +der Ilm fährt er fort: »Das Wasser war kalt, denn die Nacht lag schon in +seinem Schoß. Als ich den ersten Schritt hineintat, war's so rein, so +nächtlich dunkel; über den Berg hinter Oberweimar kam der volle rote +Mond. Es war so ganz still. Wedels Waldhörner hörte man nur von weitem, +und die stille Ferne machte mich reinere Töne hören, als vielleicht die +Luft erreichten.« + +In den achtziger und neunziger Jahren hatte sich der Charakter des +Herzogs zu seiner Reife ausgebildet; der junge Wein hatte sich geklärt, +er stand jetzt goldrein im Pokale. »Täglich wächst der Herzog und ist +mein bester Trost,« schrieb Goethe 1780 an Lavater. Aber in den Briefen +an die Frau von Stein findet sich auch manches schärfere Urteil über +Karl August, das freilich später immer wieder gemildert wurde. Einmal +äußerte er sich: »Mich wundert nun gar nicht mehr, daß Fürsten meist so +dumm, toll und albern sind, nicht leicht hat einer so gute Anlagen als +der Herzog, nicht leicht hat einer so gute und verständige Menschen um +sich und zu Freunden als er, und doch will's nicht nach Proportion vom +Flecke, und das Kind und der Fischschwanz gucken, eh man sich's +versieht, wieder hervor.« Vielleicht beirrte es Goethe und machte ihn +ein wenig bitter, daß der Herzog häufig sehr mutwillige Neckerei mit +seiner Beziehung zu Frau von Stein trieb. Einmal enthielt er ihm einen +ihrer Briefe vor und schickte ihn dann durch einen Husaren in zehn +übereinander gesiegelten Kuwerten mit folgenden Verszeilen: + + Es ist doch nichts so zart und klein + So wird's doch jemand plagen. + Zum Beispiel macht dein Briefelein + Husaren sehr viel klagen. + Heut sagte der, der's Goethen bracht + Und schwur's bei seinem Barte, + Viel lieber ging ich in die Schlacht + Als trüg so Brieflein zarte. + Denn wie im Hui ist das Papier + Aus meiner weiten Tasche, + Und wer, wer stehet mir dafür, + Daß ich es wieder hasche. + Unheimlich sagt er, es ihm sei, + Wenn er so etwas trage, + Denn Billetdoux und Zauberei + Ist gleich, nach alter Sage. + Drum schreibe Du, nach altem Brauch, + Auf Groß-Royal-Papiere, + Damit der Träger künftig auch + Ja nichts vom Teufel spüre.« + +Der Herzog hatte aber auch seine Herzensfreundin, und das war die Gräfin +Werthern. Mit seiner Frau vertrug er sich schlecht. Die Herzogin Luise +war eine formenstrenge Dame und hielt so stark auf Zeremoniell, daß es +Mühe kostete, Goethe zur Spielpartie bei ihr einzuschmuggeln. Im +September 1776, vor der Fahrt nach Ilmenau, schrieb Goethe an Charlotte +von Stein: »Es ist mir lieb, daß wir wieder auf eine abenteuerliche +Wirtschaft ausziehen, denn ich halt's nicht aus. So viel Liebe, so viel +Teilnahme, so viele treffliche Menschen, und so viel Herzensdruck.« + +Die Herzogin war im höchsten Grade schwerblütig und schwerlebig, einsam +in der Welt, ohne Freund, sogar Frau von Stein und Herder waren ihr zu +leicht. Bei der Gräfin Werthern war der unruhige Herzog noch am ehesten +festzuhalten. 1782 schreibt er an Knebel: »Auf Ostern besuche ich die +Gräfin, welche doch die beste aller Gräfinnen ist, die ich kenne.« Um +dieselbe Zeit schreibt Goethe: »Der Herzog ist vergnügt, doch macht ihn +die Liebe nicht glücklich, sein armer Schatz ist gar zu übel dran, an +den leidigsten Narren geschmiedet, krank und für dies Leben verloren. +Sie sieht aus und ist wie eine schöne Seele, die aus den letzten +Flammenspitzen eines nicht verdienten Fegefeuers scheidet und sich nach +dem Himmel sehnend erhebt.« Der Graf Werthern war nämlich ein +hocharistokratischer Sonderling, zuzeiten verschwenderisch, zuzeiten +geizig wie ein Filz. Er hatte eine seltsame, spanisch zeremonielle +Hausordnung eingeführt; kamen vornehme Gäste, so ließ er Bauernjungen, +die als Neger geschwärzt und kostümiert waren, bei Tisch aufwarten. Die +Gräfin war zwar eine kleine Dame, hatte aber die größten Manieren, und +Goethe gestand, daß er alles, was er von Welt besaß, von ihr gelernt +hatte. + +Der Herzog gab sehr viel Geld für Jagd und Tafelfreuden aus, und oft +finden sich unwillige Äußerungen Goethes über die Schmarotzer bei Hof +und ihre Unersättlichkeit. In einem Brief an Knebel heißt es: »Selbst +der Bauersmann, der der Erde das Notdürftige abfordert, hätte ein +behaglich Auskommen, wenn er nur für sich schwitzte. Du weißt aber, wenn +die Blattläuse auf den Rosen sitzen und sich hübsch dick und grün +gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen ihnen den filtrierten +Saft aus den Leibern, und so geht's weiter, und wir haben's so weit +gebracht, daß oben immer an einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in +einem beigebracht werden kann.« + +So großmütig und freigebig der Herzog sein konnte, so fehlten ihm doch +häufig die Mittel, um diejenigen, die der Hilfe würdig waren, in +würdiger Weise von Not zu befreien; deshalb mußte auch Schiller am Hof +zu Weimar ein gar trauriges und bedrücktes Leben führen. Es war nicht so +viel Geld für ihn da wie für irgendeinen Kammerjunker, und wie +Beethoven durch englisches, wurde Schiller schließlich durch dänisches +Geld der schlimmsten Sorgen überhoben. Um Charlotte Lengefeld heiraten +zu können mußte er sich um die Professur in Jena bewerben, die +zweihundert Taler trug, aber Schiller war von so edler und vornehmer +Art, daß er dem Herzog selbst für das Wenige, das er für ihn tat oder +tun konnte, Dankbarkeit bewahrte. Karl Augusts Finanzen waren eben zeit +seines Lebens in Unordnung. Fast unmöglich hielt es, ihn zu gewöhnen, +daß er seine Ausgaben in das richtige Verhältnis zu seinen Einnahmen +setzte. In späteren Jahren machte er alle seine Geschäfte mit +Rothschild; wenn er in Geldverlegenheit war, ließ er seinen Wagen +anspannen und fuhr nach Frankfurt. + +Sonderbar waren in ihm die Eigenschaften gemischt, leichter Sinn und +burschikose Laune, und dann wieder sittlicher Ernst und Tiefe des +Gemüts. Von diesem Ernst und dieser Tiefe legt ein überaus herrlicher +Brief Zeugnis ab, den er am 4. Oktober 1781 an Knebel schrieb. Als der +Prinz Konstantin mit dem Mathematiker und Physiker Albrecht auf Reisen +ging, war Knebel, der bisher der Erzieher des Prinzen gewesen war, +pensioniert worden. Im Unmut darüber hatte er den Plan gefaßt, wieder in +preußische Dienste zu treten; von diesem Entschluß brachte ihn der +Herzog durch folgenden Brief ab. + +»Sind denn die, die sich Deiner Freundschaft, Deines Umgangs freuen, so +sklavisch, so sinnlicher Bedürfnisse voll, daß Du nur durch Graben, +Hacken, Ausmisten und Aktenverschmieren ihnen nützen kannst? Ist denn +das Rezeptakulum ihrer Seelen so gering, daß Du nirgends ein Plätzchen +findest, wo Du irgend etwas von dem, was die Deine Schönes, Gutes und +Großes, die innere Existenz der Edlen bessernd und veredelnd, gesammelt +hat, ausfüllen kannst? Sind wir denn so hungrig, daß Du für unser Brot, +so furchtsam und unstet, daß Du für unsere Sicherheit arbeiten mußt? +Sind wir nicht mehrerer Freuden als der des Tisches und der der Ruhe +fähig, können wir keinen Genuß finden, wenn Du, von dem Schmutz und dem +Gestank des Weltgetriebes Reiner, Deine volle Zeit zur Schmückung des +Geistes anwendend, uns, die wir nicht Zeit zum Sammeln haben, den Strauß +von den Blumen des Lebens gebunden vorhältst? Sind unsre Klüfte so +quellenlos, daß wir nicht eines schönen Brunnens brauchen, uns selbst +unsrer Ausflüsse freuend, wenn sie schön in demselben aufgefaßt sind? +Sind wir bloß zu Ambossen der Zeit und des Schicksals gut genug, und +können wir nichts neben uns leiden als Klötze, die uns gleichen und nur +von harter, anhaltender Masse sind? Ist's denn ein so geringes Los, die +Hebamme guter Gedanken und in der Mutter zusammengelegter Begriffe zu +sein? Ist das Kind dieser Wohltäterin fast nicht ebenso sehr sein Dasein +schuldig als der Mutter, die es gebar? Die Seelen der Menschen sind wie +immer gepflügtes Land; ist's erniedrigend, der vorsichtige Gärtner zu +sein, der seine Zeit damit zubringt, aus fremden Landen Sämereien holen +zu lassen, sie auszulesen und zu säen? Muß er nicht etwa daneben auch +das Schmiedehandwerk treiben, um seine Existenz recht auszufüllen? Bist +Du nun so im Bösen, so über Dich selbst erblindet, daß Du Dir einbilden +könntest, Du habest uns nie dergleichen Nutzen verschafft, und achtest +Du uns gering genug, daß Du glauben könntest, wir würden Dich so lieben +wie wir tun, wärest Du uns hierin unnütz und überflüssig oder +entbehrlich gewesen? Willst Du nun dieses schöne Geschäft, diese würdige +Laufbahn aufgeben, alle eingewachsenen Bande ausreißen, gleich einem +Anfänger eine neue Existenz ergreifen und Dich, Gott weiß wohin, unter +Menschen, die Dich nichts mehr angehen und mit denen Du kein reines und +Dir gewohntes Verhältnis hast, hinwerfen? Neuen Anteil ergreifen oder +Dir machen, mehr Gute, mehr Böse kennen lernen, sehen, wie die +Abscheulichkeiten so überall zu Hause, das Gute überall so befleckt ist? +Und warum? Um etwa einigen Kanzlistenseelen aus dem Wege zu gehen, die +Dir Deine Semmel, die Du mehr hast als sie, beneiden, weil Du nicht +gleich ihnen Maultierhandwerk treibst? Und wohin willst Du Dich +flüchten? Nimmst Du nicht überall Deine paar Semmeln mit, die Du mehr +und leichter hast als andere? Sind nicht überall Knechte, die es +entbehren und Dich darum beneiden werden? Wirst Du deren Neid besser +aushalten? Dich, weil Du dort ein paar Monate fremd bist, von ihnen mehr +geachtet halten, als Du es hier sein möchtest? Siehst Du etwas +Erreichbares vor Dir, das Dir das, was Du entbehrst, ersetze? Ist dieses +Erreichbare so gewiß? Schlägt's fehl, kann es Deine Existenz dann +ertragen, immer neue Zwecke zu machen, oft abgeschlagen zu werden und +so herumzuirren? Willst Du also das Beständige für das Unbeständige +hingeben? Laß uns die Sache nicht so feierlich nehmen und das Übel nicht +für so unheilbar halten. Ist's Deiner Natur gut, sich zu verändern, so +reise. Warum sich immer ersäufen wollen, wenn's mit einem schönen Bade +getan ist?« + +Es ging damals eine wohltätige Umwandlung mit dem Herzog vor; gleich +Goethe gab er sich mehr und mehr dem Studium der Natur hin, um 1784 +schrieb er an Knebel: »Die Naturwissenschaft ist so menschlich, so wahr, +daß ich jedem Glück wünsche, der sich ihr auch nur etwas ergibt ... Sie +beweist und lehrt so bündig, daß das Größte, das Geheimnisvollste, das +Zauberhafteste so ordentlich, einfach, öffentlich, unmagisch zugeht; sie +muß doch endlich die armen unwissenden Menschen von dem Durst nach dem +Außerordentlichen heilen, da sie ihnen zeigt, daß das Außerordentliche +so nahe, so deutlich, so unaußerordentlich, so bestimmt nahe ist.« + +Das Jahr 1789 brachte auch für den Weimarer Hof Veränderungen mit sich, +besonders im Hinblick auf sparsamere Wirtschaft. Herder schreibt an +Knebel: »Der Hof ist wieder hier und die Tafel an demselben abgeschafft. +Die Herren Mitesser bekommen Kostgeld, die Damen speisen mit dem +fürstlichen Ehepaar auf des Herzogs Zimmer, und jedesmal wird ein +Fremder dazu gebeten. Sie können denken, was die Hofdamen dazu sagen, +und es ist unbegreiflich, daß sie nicht schon aus Furcht vor zukünftiger +langen Weile zum voraus verschmachten.« + +Über die französische Revolution äußerte sich der Herzog am 13. Januar +1793, eine Woche vor der Hinrichtung Ludwigs XVI., wie folgt: »Wer die +Franzosen in der Nähe sieht, muß einen wahren Ekel für sie fassen; sie +sind alle sehr unterrichtet, aber jede Spur eines moralischen Gefühls +ist bei ihnen ausgelöscht ... Der Mensch war nie, die Zone, unter der er +lebte, mag sein wie sie wolle, er war nie, sage ich, zur +Treibhauspflanze bestimmt. Sobald er diese Kultur erhält, geht er +zugrunde; auch beurteilt man die Franzosen falsch, wenn man glaubt, ihre +Reife habe sie auf den jetzigen Punkt gebracht. Eines unterdrückte das +andere im Reich, und nun unterdrücken die Unterdrücker selbst ihre alten +Beherrscher, weil diese nachlässig und stupid waren. Nicht das mindeste +Moralische liegt dabei zum Grunde, sondern man hat jetzt eine Art +Moralität oder eine philosophische Zunft zum Werkzeug gebraucht.« + +Die Abneigung Karl Augusts gegen die Franzosen hatte ihre Ursache darin, +daß er sich ihnen gegenüber ganz und gar als Deutscher fühlte. Karoline +von Wolzogen schrieb darüber einmal an Schiller: »Ich dankte auch dem +Himmel beim Lesen des Mirabeau, daß alles, was mir lieb ist, nichts mit +der Politik zu tun hat. An wie armseligen Fäden hängen diese +Weltbegebenheiten! Es muß ein unsichtbares Gewebe das Menschengeschlecht +umstricken und so zusammenhalten wie es hält; was diese Menschen dabei +zu tun wähnen, kann nicht viel sein. So klein und eng sind sie, keine +Spur eines bessern Wesens, das sich selbst an die allgemeine +Glückseligkeit hingäbe, jeder denkt nur an einen bequemen Platz für +sich, um darauf zuzusehen; sie haben nicht einmal die Energie, um +herrschen zu wollen. Des Mirabeau Nationalstolz ist kindisch und +ärgerlich, man könnte aus Depit deutsch sein wollen, wie der Tempelherr +im Nathan Christ sein wollte, wenn man anders mit ihm zu tun hätte, +glaub ich. Ich will dem Herzog von Weimar wohl darum, daß er Mirabeau +übel begegnet hat.« + +Im übrigen wurde das stille Weimar durch die großen Weltereignisse wenig +berührt. Der Herzog, der zu Goethes Mißvergnügen eine wachsende +Kriegslust an den Tag gelegt hatte, nahm 1794 an dem Feldzug in der +Champagne teil; Goethe begleitete ihn, und wie man weiß, hat er dieses +kriegerische Zwischenspiel wahr und meisterlich beschrieben. Es war in +Karl August ein unstillbarer Drang, sich zu betätigen und auszuleben. So +liebte er auch in seinen Herzensbeziehungen die Abwechslung. Als die +Leidenschaft zur Gräfin Werthern vorüber war, wurde die reizende +Sängerin und Schauspielerin Caroline Jagemann seine Favoritin. Für sie +schrieb Goethe die Eugenie in der natürlichen Tochter. Sie war sehr +schön und sehr ehrgeizig und stand den Werbungen Karl Augusts anfangs +kühl gegenüber, denn eben ihres künstlerischen Ehrgeizes wegen hatte es +nichts Verlockendes für sie, in einer kleinen Stadt und an einer kleinen +Bühne die Mätresse eines Herzogs zu sein. Ihr Widerstreben steigerte die +Leidenschaft Karl Augusts bis zur Verzweiflung. Endlich gab sie nach; +sie blieb beim Theater, wurde aber zur Frau von Heygendorff erhoben. Es +wird berichtet, daß sie noch in ihrem hohen Alter, als schon graue +Locken das Gesicht umrahmten, von bezauberndem Reiz gewesen sei, +besonders habe ihre Stimme etwas unvergleichlich Angenehmes gehabt. +Frisch an Körper und Geist, war sie dem Herzog wie zugeschaffen, seinem +innersten Bedürfnis entsprechend, selbst ihre Art sich auszudrücken war +der seinen gemäß. Ihr Einfluß war groß und dauerte bis zum Tode des +Herzogs. Ihre Hauptfeindin am Hof war die Gemahlin des Erbprinzen, die +russische Großfürstin Marie, und es kam wohl vor, daß sie im Gefühl +ihrer Überlegenheit diese der Zarentochter zu fühlen gab. Einmal hatte +die Erbprinzessin bei einem Gang durch den Park ihre Freude an einer +schönen Baumpartie ausgesprochen; als sie nach ein paar Tagen wieder +vorüber kam, waren die schönen Bäume abgehauen. Frau von Heygendorff +hatte den Herzog bestimmt, hierzu den Befehl zu geben. Weil Karl August +fürchtete, daß seiner geliebten Freundin nach seinem Tod ein übles +Schicksal widerfahren könnte, hatte er seinen Adjutanten unterwiesen, +für den Fall, daß er außerhalb Weimars sterben sollte, den Kurier mit +der Todesnachricht zuallererst zu Frau von Heygendorff zu schicken. +Dieser Fall trat auch ein, und dem Befehl wurde buchstäblich Folge +geleistet. Als die fürstliche Familie die Kunde von dem Tod des Herzogs +bekam, hatte Frau von Heygendorff bereits ihren Wagen anspannen lassen +und befand sich auf der Fahrt nach Mannheim, wo sie vordem, bei Iffland, +ihre Ausbildung genossen hatte. + +Karl August hatte auch für die Literatur der #Ars amandi# viel übrig +und legte sich eine #Bibliotheca erotica# an, welche die seltensten +Exemplare der Gattung enthielt. Er schenkte sie später seiner guten +Freundin, der Gräfin Henckel, die sich sehr für das geheime Fach +interessierte. + +Die Verheiratung des Erbprinzen mit der Großfürstin veränderte alle +Lebensverhältnisse in Weimar. »Sie können kaum einen Begriff haben von +dem Glanz, der uns neuerlich umgibt,« schreibt Fräulein von Göchhausen +im September 1804, »der Herzog ist mit drei russischen ganz von Juwelen +strahlenden Orden geziert. Meine gute Fürstin strahlt nicht weniger ... +Überhaupt reden wir jetzt von Gold, Silber und Edelsteinen wie sonst von +Quarz, Gneis und Glimmer. Die wilden Völker, die noch mehr dergleichen +bringen sollen, werden in diesen Tagen erwartet.« Die wilden Völker, das +waren die Russen. Zwei Monate später schreibt das Fräulein: »Der Einzug +war prächtig durch die unglaubliche Volksmenge, die in geordneten Wagen, +zu Pferd und zu Fuß festlich entgegenwallten ... Es erschien alles ruhig +und würdig, ich möchte es die frohe Teilnahme eines gebildeten Volks +nennen. Am Montag kam die Großfürstin zum erstenmal ins Theater. Sie +können sich den klatschenden Jubel kaum denken. Ein Vorspiel von +Schiller wurde gegeben, hierauf folgte Mitridat. Diese Prinzessin ist +ein Engel an Geist, Güte und Liebenswürdigkeit; auch habe ich noch nie +in Weimar einen solchen Einklang aus allen Herzen über alle Zungen +ergehen hören, als seit sie der Gegenstand aller Gespräche geworden. +Sie tut wirklich Wunder; auch unser Vater Wieland ist begeistert und +macht wieder Verse.« + +Ein Jahr später kam der Kaiser Alexander nach Weimar zum Besuch seiner +Schwester. Er wurde sehr gefeiert und bezauberte jedermann. Nach seiner +Abreise schrieb Fräulein von Göchhausen an Böttiger: »Nächst dem +Andenken im Herzen an den liebenswürdigen Kaiser hinterließ er auch +blitzende Andenken in edlen Steinen. Sogar alle Hofdamen, worunter meine +Wenigkeit sich auch befindet, erhielten reiche Geschenke an blitzenden +Halsbändern, Kämmen und Gürtelschnallen. Der Kaiser, #le comte du Nord,# +schickte Visitenkarten an die Damen vom ersten Rang und auch an Wieland. +Künftigen Donnerstag kommt das erste preußische Regiment hier an; bald +wird es wie in Wallensteins Lager hier aussehen. Unser Ländchen fühlt +die schützende Nachbarschaft schwer. Die aufzubringenden +Getreidelieferungen und die ins Land kommenden sechs- bis achttausend +Mann lassen uns ängstliche Blicke in die Zukunft tun.« + +Während der Einquartierung unterhielten sich einmal einige preußische +Offiziere in einem Weinhaus über die Wohnungen, die sie gefunden hatten. +Ein alter, dickbäuchiger Major sagte: »Ich stehe da bei einem gewissen +Gothe oder Goethe, weiß der Teufel, wie der Kerl heißt.« Man machte ihn +aufmerksam, es sei der berühmte Dichter Goethe, wo er stehe, da +antwortete er: »Kann sein, ja ja, nu nu, das kann wohl sein, ich habe +dem Kerl auf den Zahn gefühlt, und er scheint mir Mucken im Kopfe zu +haben.« + +Es kam nun die furchtbare Katastrophe der Schlacht von Jena und +Auerstädt. Am 4. Oktober fuhren der König und die Königin von Preußen +auf dem Wege nach Erfurt durch Weimar. Der Herzog befand sich bei dem +preußischen Heere, das sein Oheim, der Herzog von Braunschweig, +kommandierte. Die Herzogin-Mutter Amalie war nach Eutin geflohen, und in +Weimar blieb nur die Herzogin Luise. Schon am Abend des Schlachttags +trafen die gefürchteten Chasseurs ein, in der Nacht brach Feuer in der +Nähe des Schlosses aus. Die Stadt wurde von den Franzosen drei Tage lang +geplündert, manche Familie verlor Hab und Gut. Da sich Napoleon sehr +ungehalten darüber zeigte, daß der Herzog von seiner Residenz abwesend +und bei der preußischen Armee war, wurden zwei seiner treuesten Diener, +der Oberforstmeister von Stein und der Leutnant von Seebach, +abgeschickt, ihn zu suchen und zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Ihr +Unternehmen blieb ohne Erfolg, und in der Not verfiel man auf den jungen +Regierungsrat Müller und betraute ihn mit der schwierigen Aufgabe, den +Herzog vom Heeresdienst abzurufen und heimzuholen. Nach vielen +Abenteuern und Irrfahrten traf Müller den Herzog in Berlin, aber Karl +August war durchaus nicht geneigt, den gewünschten Fußfall vor dem +Kaiser zu tun. Napoleon, obwohl höchst ungnädig gegen den Herzog +gestimmt, ließ ihn doch nicht fallen und verwirklichte keine seiner +Drohungen, denn er brauchte ihn zur Vermittlung beim Kaiser Alexander. +Das kleine Land aber wurde durch die Kriegskontributionen in schwere +Drangsale gestürzt, und nicht immer gelang es dem klugen und +diplomatisch geschickten Friedrich von Müller, das größte Elend +abzuwenden. Die Unnachgiebigkeit Karl Augusts, der es immer wieder +verweigerte, vor Napoleon in Audienz zu erscheinen, trug auch nicht dazu +bei, den Kaiser milder zu stimmen, wenngleich er der Herzogin Luise +gegenüber eine große, vielleicht empfundene Hochschätzung an den Tag +legte. + +An den Festlichkeiten des Kongresses zu Erfurt nahm auch Weimar seinen +Anteil. Napoleon hatte gewünscht, dem Kaiser Alexander das Schlachtfeld +von Jena zu zeigen; dazu sollte eine große Jagd am Ettersberg und auf +den Hügeln gegen Jena hin dienen. Friedrich von Müller berichtet darüber +in seinen Memoiren: + +»Am 6. Oktober war der Weg von Erfurt nach dem Ettersberg von früh an +mit unzähligen Wagen, Reitern und Fußgängern bedeckt. Es war der +schönste, klarste Herbsttag, kein Wölkchen am ganzen Himmel. In der +Nacht vorher waren mehrere hundert Hirsche und Rehe aus dem Ettersburger +Walde gegen einen großen freien Rasenplatz zusammengetrieben und umzäunt +worden. In der Mitte dieses freien Platzes hatte man einen ungeheuren +Jagdpavillon errichtet, 450 Schritte lang und 50 Schritte breit, mit +drei Abteilungen, wovon die mittlere für die beiden Kaiser und für die +Könige bestimmt war. Der Pavillon ruhte auf mit Blumen und Zweigen +umschmückten Säulen. Dicht dabei sah man große, freistehende Balkone, +von denen bequem das Ganze überschaut werden konnte. Ringsumher liefen +Buden und Zelte mit Erfrischungen. An der Waldgrenze gruppierten sich +um große Feuer zur Bereitung von warmen Speisen und Getränken eine +Unzahl von Landleuten, die das Zusammentreiben des Wildes die ganze +Nacht hindurch ermüdet hatte. Dazwischen ertönten muntere Jagdhörner und +Gesänge. Die Monarchen, an der Landesgrenze von dem Herzog und der +ganzen Jägerei zu Pferde empfangen, langten mit ihrem Gefolge unter dem +Schalle der Jagdfanfaren gegen ein Uhr mittags an. Nun wurde in +einzelnen Abteilungen das Wild aus dem umzäunten Walde heraus und so +getrieben, daß es am großen Pavillon in Schußweite vorüber mußte. +Napoleon ergötzte sich ungemein an diesem Schauspiel und schien +überhaupt sehr vergnügt. Um vier Uhr endigte die Jagd; nicht der +geringste Unfall hatte sie getrübt. Ich war in Erfurt zurückgeblieben +und beauftragt, dem Kaiser Napoleon noch vor seiner Abfahrt aufzuwarten, +worauf ich mich eiligst nach Weimar verfügen sollte. Es war fünf Uhr, +als die Monarchen unter dem Geläute aller Glocken in Weimar einzogen. +Wie Napoleon sich in die für ihn bereiteten Zimmer begab, war ich +zufällig der erste, auf den seine Blicke im Vorzimmer trafen. Er ging +sehr freundlich auf mich zu, tat mir mehrere Fragen, und ich mußte ihm +einige umstehende, ihm noch nicht bekannte Personen vorstellen. Eine +Stunde darauf ging es zur kaiserlichen Tafel. Unfern davon war in einer +großen Galerie die Marschallstafel von mehr als hundertfünfzig Personen +bereitet. Ich hatte dem Minister, Staatssekretär Maret und dem +Marschall Soult die Honneurs zu machen, bei denen ich saß. Aber wir +waren noch kaum bis zur Hälfte des Diners gekommen, als gemeldet wurde, +daß die Monarchen im Begriff seien, sich von ihrer Tafel zu erheben. Nun +strömte alles dahin. Napoleon liebte bekanntlich sehr rasch zu speisen, +doch hatte er sich dabei lebhaft mit seiner Nachbarin, der Herzogin von +Weimar unterhalten. Nach kurzer Pause fuhr man in das Theater, wohin der +Wagen der beiden Kaiser von weimarischen Husaren eskortiert wurde. Vor +dem Schlosse stand ein sechzig Fuß hoher Obelisk, geschmackvoll +erleuchtet, auf dessen Spitze eine helle Flamme loderte. Das ganze +Schloß und seine Umgebungen sowie alle Straßen bis zum Schauspielhause +waren illuminiert, die innere Einrichtung und Verteilung der Sitze im +Theater ganz wie die zu Erfurt. Die französischen Schauspieler führten, +wie ich schon oben erwähnt, #La mort de César# von Voltaire auf. +Unbeschreiblich war der Eindruck. Talma als Brutus übertraf sich selbst. +Bei der Stelle am Schlusse des ersten Aktes, wo Cäsar dem Antonius, der +ihn vor den Senatoren warnt, antwortet: + + #»Je les aurais punis, si je les pouvais craindre; + Ne me conseillez point de me faire hair. + Je sais combattre, vaincre et ne sais point punir, + Allons, n'écoutons point ni soupçons ni vengeance, + Sur l'univers soumis régnons sans violence,«# + +war es, als ob ein elektrischer Funke mächtig alle Zuschauer +durchzuckte. + +»Hatte die Aufführung des Trauerspiels #La mort de César# immerhin +etwas seltsam Ominöses gehabt, so mußte es auf diejenigen, die diesen +Abend miterlebt hatten, noch lange nachher einen erschütternden Eindruck +machen, als sie erfuhren, wie wenig gefehlt hatte, daß diese Aufführung +wirklich zum größten Trauerspiel der neueren Weltgeschichte geworden +wäre. Es hatte sich nämlich eine kleine Anzahl verwegener preußischer +Offiziere, das Unglück und den trostlosen Zustand ihres Vaterlandes tief +empfindend und von glühendem Haß gegen dessen Unterdrücker erfüllt, +verschworen, den Kaiser Napoleon bei seinem Heraustreten aus dem Theater +zu erschießen. Sie hatten die Lokalität aufs genaueste erkundet, +Voranstalten zu ihrer eiligen Flucht nach vollbrachter Tat getroffen und +sich zum größten Teil in Weimar unbemerkt versammelt, als noch im +letzten Moment einer der Mitverschworenen ausblieb. Sei es, daß dieser +Umstand die übrigen abschreckte, oder daß sie Reue empfanden, genug, das +Vorhaben unterblieb. Welche Verwirrung, welche Greuel das Gelingen so +grausiger Tat unmittelbar und zunächst für Weimar nach sich gezogen +hätte, ist kaum zu ermessen.« + +Die Befreiung Deutschlands wäre durch einen Pistolenschuß erfolgt; die +Hunderttausende von Opfern der nächsten Kriegsjahre hätten nicht +geblutet, aber es hätte auch kein 1813, keine Erhebung des ganzen Volks +gegeben, und so sehen wir wieder das Schicksal abseits von dem Willen +der Menschen seinen ehernen Weg gehen. + +Karl August trat mit den übrigen Fürsten des ernestinischen Hauses dem +Rheinbund bei. 1815 besuchte er den Wiener Kongreß persönlich. Graf +Nostiz notiert über ihn in seinem Tagebuch: »Der alte Herzog von Weimar +lebt so burschikos fort, wie er es immer getrieben. Die Welt gefällt +ihm, und er ist ihr immer durch Lebenslust verbunden, wenn auch die +Jahre seine Beweglichkeit schwächen.« + +Er trat als erster Großherzog zum deutschen Bund. 1825 feierte er sein +fünfzigjähriges Regierungsjubiläum und seine goldene Hochzeit. Im Mai +1827 hatte sich seine Enkelin mit dem Prinzen Karl von Preußen +verheiratet, im Frühjahr darauf reiste Karl August zum Besuche des +jungen Paares nach Berlin, und auf der Rückreise starb er auf dem Gestüt +zu Graditz bei Torgau am 14. Juli 1828, 71 Jahre alt. Er ward beigesetzt +in der Fürstengruft auf dem Friedhof der Jakobskirche zu Weimar, wohin +er wenige Monate früher Schillers sterbliche Reste hatte bringen lassen +und wo vier Jahre später auch Goethe begraben wurde. + +Die letzten Tage vor seinem Tode hatte er in fast beständiger +Gesellschaft Alexanders von Humboldt verbracht, und Humboldt beschrieb +diese Tage in einem Brief an den Kanzler Müller, der seinerseits wieder +Goethe davon Mitteilung machte. In dem unvergleichlich schönen Gespräch, +das Eckermann unterm 23. Oktober 1828 aufzeichnet, ist darüber eingehend +zu lesen, und es möge, auch wegen des profunden und ewig gültigen +Urteils, das Goethe über seinen Herzog fällt, zum Abschluß hier folgen. + +»Es war nicht ohne höhere günstige Einwirkung,« sagt Goethe, »daß einer +der größten Fürsten, die Deutschland je besessen, einen Mann wie +Humboldt zum Zeugen seiner letzten Tage und Stunden hatte. Ich habe mir +von seinem Brief eine Abschrift nehmen lassen und will Ihnen doch +einiges daraus mitteilen.« + +Goethe stand auf und ging zu seinem Pult, wo er den Brief nahm und sich +wieder zu mir an den Tisch setzte. Er las eine Weile im stillen. Ich sah +Tränen in seinen Augen. »Lesen Sie es für sich,« sagte er dann, indem er +mir den Brief zureichte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab, +während ich las. + +»Wer konnte mehr durch das schnelle Hinscheiden des Verewigten +erschüttert werden,« schreibt Humboldt, »als ich, den er seit dreißig +Jahren mit so wohlwollender Auszeichnung, ich darf sagen, mit so +aufrichtiger Vorliebe behandelt hatte. Auch hier wollte er mich fast zu +jeder Stunde um sich haben; und, als sei eine solche Luzidität wie bei +den erhabenen schneebedeckten Alpen der Vorbote des scheidenden Lichtes, +nie habe ich den großen, menschlichen Fürsten lebendiger, geistreicher, +milder und an aller ferneren Entwicklung des Volkslebens teilnehmender +gesehen als in den letzten Tagen, die wir ihn hier besaßen. + +Ich sagte mehrmals zu meinen Freunden ahnungsvoll und beängstigt, daß +diese Lebendigkeit, diese geheimnisvolle Klarheit des Geistes, bei so +viel körperlicher Schwäche, mir ein schreckhaftes Phänomen sei. Er +selbst oszillierte sichtbar zwischen Hoffnung der Genesung und +Erwartung der großen Katastrophe. + +Als ich ihn vierundzwanzig Stunden vor dieser sah, beim Frühstück, krank +und ohne Neigung, etwas zu genießen, fragte er noch lebendig nach den +von Schweden herübergekommenen Granitgeschieben baltischer Länder, nach +Kometschweifen, welche sich unsrer Atmosphäre trübend einmischen +könnten, nach der Ursache der großen Winterkälte an allen östlichen +Küsten. + +Als ich ihn zuletzt sah, drückte er mir zum Abschied die Hand mit den +heiteren Worten: 'Sie glauben, Humboldt, Töplitz und alle warmen Quellen +seien wie Wasser, die man künstlich erwärmt? Das ist nicht Küchenfeuer! +Darüber streiten wir in Töplitz, wenn Sie mit dem Könige kommen. Sie +sollen sehen, Ihr altes Küchenfeuer wird mich doch noch einmal +zusammenhalten.' Sonderbar! Denn alles wird bedeutend bei so einem +Manne. + +In Potsdam saß ich mehrere Stunden allein mit ihm auf dem Kanapee; er +trank und schlief abwechselnd, trank wieder, stand auf, um an seine +Gemahlin zu schreiben, dann schlief er wieder. Er war heiter, aber sehr +erschöpft. In den Intervallen bedrängte er mich mit den schwierigsten +Fragen: über Physik, Astronomie, Meteorologie und Geognosie, über +Durchsichtigkeit eines Kometenkerns, über Mondatmosphäre, über die +farbigen Doppelsterne, über Einfluß der Sonnenflecke auf Temperatur, +Erscheinen der organischen Formen in der Urwelt, innere Erdwärme. Er +schlief mitten in seiner und meiner Rede ein, wurde oft unruhig und +sagte dann, über seine scheinbare Unaufmerksamkeit milde und freundlich +um Verzeihung bittend: 'Sie sehen, Humboldt, es ist aus mit mir!' + +Auf einmal ging er desultorisch in religiöse Gespräche über. Er klagte +über den einreißenden Pietismus und den Zusammenhang dieser Schwärmerei +mit politischen Tendenzen nach Absolutismus und Niederschlagen aller +freieren Geistesregungen. 'Dazu sind es unwahre, Bursche,' rief er aus, +'die sich dadurch den Fürsten angenehm zu machen glauben, um Stellen und +Bänder zu erhalten! -- Mit der poetischen Vorliebe zum Mittelalter haben +sie sich eingeschlichen.' + +Bald legte sich sein Zorn und er sagte, wie er jetzt viel Tröstliches in +der christlichen Religion finde. 'Das ist eine menschenfreundliche +Lehre,' sagte er, 'aber von Anfang an hat man sie verunstaltet. Die +ersten Christen waren die Freigesinnten unter den Ultras.'« + +Ich gab Goethe über diesen herrlichen Brief meine innige Freude zu +erkennen. »Sie sehen,« sagte Goethe, »was für ein bedeutender Mensch er +war. Aber wie gut ist es von Humboldt, daß er diese wenigen letzten Züge +aufgefaßt, die wirklich als Symbol gelten können, worin die ganze Natur +des vorzüglichen Fürsten sich spiegelt. Ja, so war er! -- Ich kann es am +besten sagen, denn es kannte ihn im Grunde niemand so durch und durch +wie ich selber. Ist es aber nicht ein Jammer, daß kein Unterschied ist +und daß auch ein solcher Mensch so früh dahin muß! -- Nur ein lumpiges +Jahrhundert länger, und wie würde er an so hoher Stelle seine Zeit +vorwärts gebracht haben! -- Aber wissen Sie was? Die Welt soll nicht so +rasch zum Ziele, als wir denken und wünschen. Immer sind die +retardierenden Dämonen da, die überall dazwischen und überall +entgegentreten, so daß es zwar im ganzen vorwärts geht, aber sehr +langsam. Leben Sie nur fort und Sie werden schon finden, daß ich recht +habe.« + +Die Entwicklung der Menschheit scheint auf Jahrtausende angelegt, sagte +ich. + +»Wer weiß,« erwiderte Goethe, »-- vielleicht auf Millionen! Aber laß die +Menschheit dauern, so lange sie will, es wird ihr nie an Hindernissen +fehlen, die ihr zu schaffen machen, und nie an allerlei Not, damit sie +ihre Kräfte entwickle. Klüger und einsichtiger wird sie werden, aber +besser, glücklicher und tatkräftiger nicht, oder doch nur auf Epochen. +Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an ihr hat und er +abermals alles zusammenschlagen muß zu einer verjüngten Schöpfung. Ich +bin gewiß, es ist alles danach angelegt und es steht in der fernen +Zukunft schon Zeit und Stunde fest, wann die Verjüngungsepoche eintritt. +Aber bis dahin hat es sicher noch gute Weile, und wir können noch +Jahrtausende und aber Jahrtausende auf dieser lieben, alten Fläche, wie +sie ist, allerlei Spaß haben.« + +Goethe war in besonders guter erhöhter Stimmung. Er ließ eine Flasche +Wein kommen, wovon er sich und mir einschenkte. Unser Gespräch ging +wieder auf den Großherzog Karl August zurück. + +»Sie sehen,« sagte Goethe, »wie sein außerordentlicher Geist das ganze +Reich der Natur umfaßte. Physik, Astronomie, Geognosie, Meteorologie, +Pflanzen- und Tierformen der Umwelt und was sonst dazu gehört, er hatte +für alles Sinn und für alles Interesse. Er war achtzehn Jahre alt, als +ich nach Weimar kam; aber schon damals zeigten seine Keime und Knospen, +was einst der Baum sein würde. Er schloß sich bald auf das innigste an +mich an und nahm an allem, was ich trieb, gründlichen Anteil. Daß ich +fast zehn Jahre älter war als er, kam unserm Verhältnis zugute. Er saß +ganze Abende bei mir in tiefen Gesprächen über Gegenstände der Kunst und +Natur und was sonst allerlei Gutes vorkam. Wir saßen oft tief in die +Nacht hinein, und es war nicht selten, daß wir nebeneinander auf meinem +Sofa einschliefen. Fünfzig Jahre haben wir es miteinander fort +getrieben, und es wäre kein Wunder, wenn wir es endlich zu etwas +gebracht hätten.« + +Eine so gründliche Bildung, sagte ich, wie sie der Großherzog gehabt zu +haben scheint, mag bei fürstlichen Personen selten vorkommen. + +»Sehr selten,« erwiderte Goethe. »Es gibt zwar viele, die fähig sind, +über alles sehr geschickt mitzureden; aber sie haben es nicht im Innern +und krabbeln nur an den Oberflächen. Und es ist kein Wunder, wenn man +die entsetzlichen Zerstreuungen und Zerstückelungen bedenkt, die das +Hofleben mit sich führt und denen ein junger Fürst ausgesetzt ist. Von +allem soll er Notiz nehmen. Er soll ein bißchen Das kennen und ein +bißchen Das, und dann ein bißchen Das und wieder ein bißchen Das. Dabei +kann sich aber nichts setzen und Wurzel schlagen, und es gehört der +Fonds einer gewaltigen Natur dazu, um bei solchen Anforderungen nicht in +Rauch aufzugehen. Der Großherzog war freilich ein geborener großer +Mensch, womit alles gesagt und alles getan ist.« + +Bei allen seinen höheren wissenschaftlichen und geistigen Richtungen, +sagte ich, scheint er doch auch das Regieren verstanden zu haben. + +»Es war ein Mensch aus dem Ganzen,« erwiderte Goethe, »und es kam bei +ihm alles aus einer einzigen großen Quelle. Und wie das Ganze gut war, +so war das Einzelne gut, er mochte tun und treiben, was er wollte. +Übrigens kamen ihm zur Führung des Regiments besonders drei Dinge +zustatten. Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden +und jeden an seinen Platz zu stellen. Das war sehr viel. Dann hatte er +noch etwas, was ebensoviel war, wo nicht noch mehr: Er war beseelt von +dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe und wollte mit +ganzer Seele nur das Beste. Er dachte immer zuerst an das Glück des +Landes und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber. Edlen Menschen +entgegenzukommen, gute Zwecke befördern zu helfen war seine Hand immer +bereit und offen. Es war in ihm viel Göttliches. Er hätte die ganze +Menschheit beglücken mögen. Liebe aber erzeugt Liebe. Wer aber geliebt +ist, hat leicht regieren. + +Und drittens: Er war größer als seine Umgebung. Neben zehn Stimmen, die +ihm über einen gewissen Fall zu Ohren kamen, vernahm er die elfte, +bessere, in sich selber. Fremde Zuflüsterungen glitten an ihm ab, und er +kam nicht leicht in den Fall, etwas Unfürstliches zu begehen, indem er +das zweideutig gemachte Verdienst zurücksetzte und empfohlene Lumpe in +Schutz nahm. Er sah überall selber, urteilte selber, und hatte in allen +Fällen in sich selber die sicherste Basis. Dabei war er schweigsamer +Natur, und seinen Worten folgte die Handlung.« + +Wie leid tut es mir, sagte ich, daß ich nicht viel mehr von ihm gekannt +habe als sein Äußeres; doch das hat sich mir tief eingeprägt. Ich sehe +ihn noch immer auf seiner alten Droschke, im abgetragenen, grauen Mantel +und Militärmütze und eine Zigarre rauchend, wie er auf die Jagd fuhr, +seine Lieblingshunde nebenher. Ich habe ihn nie anders fahren sehen als +auf dieser unansehnlichen alten Droschke. Auch nie anders als +zweispännig. Ein Gepränge mit sechs Pferden und Röcke mit Ordenssternen +scheint nicht sehr nach seinem Geschmack gewesen zu sein. + +»Das ist,« erwiderte Goethe, »bei Fürsten überhaupt kaum mehr an der +Zeit. Es kommt jetzt darauf an, was einer auf der Wage der Menschheit +wiegt; alles übrige ist eitel. Ein Rock mit dem Stern und ein Wagen mit +sechs Pferden imponiert nur noch allenfalls der rohesten Masse und kaum +dieser. Übrigens hing die alte Droschke des Großherzogs kaum in Federn. +Wer mit ihm fuhr, hatte verzweifelte Stöße auszuhalten. Aber das war +ihm eben recht. Er liebte das Derbe und Unbequeme und war ein Feind +aller Verweichlichung.« + +Spuren davon, sagte ich, sieht man schon in Ihrem Gedicht Ilmenau, wo +sie ihn nach dem Leben gezeichnet zu haben scheinen. + +»Er war damals sehr jung,« erwiderte Goethe, »doch ging es mit uns +freilich etwas toll her. Er war wie ein edler Wein, aber noch in +gewaltiger Gärung. Er wußte mit seinen Kräften nicht wo hinaus, und wir +waren oft sehr nahe am Halsbrechen. Auf Parforcepferden über Hecken, +Gräben und durch Flüsse, und bergauf, bergein sich tagelang abarbeiten, +und dann nachts unter freiem Himmel kampieren, etwa bei einem Feuer im +Walde: das war nach seinem Sinne. Ein Herzogtum geerbt zu haben war ihm +nichts, aber hätte er sich eines erringen, erjagen und erstürmen können, +das wäre ihm etwas gewesen. + +Das Ilmenauer Gedicht,« fuhr Goethe fort, »enthält als Episode eine +Epoche, die im Jahre 1783, als ich es schrieb, bereits mehrere Jahre +hinter uns lag, so daß ich mich selber darin als eine historische Figur +zeichnen und mit meinem eigenen Ich früherer Jahre eine Unterhaltung +führen konnte. Es ist darin, wie Sie wissen, eine nächtliche Szene +vorgeführt, etwa nach einer solchen halsbrecherischen Jagd im Gebirge. +Wir hatten uns am Fuße eines Felsens kleine Hütten gebaut und mit +Tannenreisern gedeckt, um darin auf trockenem Boden zu übernachten. Vor +den Hütten brannten mehrere Feuer, und wir kochten und brieten, was die +Jagd gegeben hatte. Knebel, dem schon damals die Tabakspfeife nicht kalt +wurde, saß dem Feuer zunächst und ergötzte die Gesellschaft mit allerlei +trockenen Späßen, während die Weinflasche von Hand zu Hand ging. +Seckendorf, der schlanke, mit den langen, feinen Gliedern, hatte sich +behaglich am Stamm eines Baumes hingestreckt und summte allerlei +Poetisches. Abseits, in einer ähnlichen, kleinen Hütte, lag der Herzog +im tiefen Schlaf. Ich selber saß davor, bei glimmenden Kohlen, in +allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlungen von Bedauern über +mancherlei Unheil, das meine Schriften angerichtet. Knebel und +Seckendorf erscheinen mir noch jetzt gar nicht schlecht gezeichnet, und +auch der junge Fürst nicht, in diesem düstern Ungestüm seines +zwanzigsten Jahres. + + Der Vorwitz lockt ihn in die Weite, + Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal; + Der Unfall lauert an der Seite + Und stürzt ihn in den Arm der Qual. + Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung + Gewaltsam ihn bald da bald dort hinaus, + Und von unmutiger Bewegung + Ruht er unmutig wieder aus. + Und düster wild an heitern Tagen, + Unbändig, ohne froh zu sein, + Schläft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen, + Auf einem harten Lager ein. + +So war er ganz und gar. Es ist darin nicht der kleinste Zug +übertrieben. Doch aus dieser Sturm- und Drangperiode hatte sich der +Herzog bald zu wohltätiger Klarheit durchgearbeitet, so daß ich ihn zu +seinem Geburtstage im Jahre 1783 an diese Gestalt seiner früheren Jahre +sehr wohl erinnern mochte. + +Ich leugne nicht, er hat mir anfänglich manche Not und Sorge gemacht. +Doch seine tüchtige Natur reinigte sich bald und bildete sich bald zum +besten, so daß es eine Freude wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.« + +Sie machten, bemerkte ich, in dieser ersten Zeit mit ihm eine einsame +Reise durch die Schweiz. + +»Er liebte überhaupt das Reisen,« erwiderte Goethe, »doch war es nicht +sowohl, um sich zu amüsieren und zu zerstreuen, als um überall die Augen +und Ohren offen zu haben und auf allerlei Gutes und Nützliches zu +achten, das er in seinem Lande einführen könnte. Ackerbau, Viehzucht und +Industrie sind ihm auf diese Weise unendlich viel schuldig geworden. +Überhaupt waren seine Tendenzen nicht persönlich egoistisch, sondern +rein produktiver Art, und zwar produktiv für das allgemeine Beste. +Dadurch hat er sich denn auch einen Namen gemacht, der über dieses +kleine Land weit hinausgeht.« + +Sein sorgloses einfaches Äußere, sagte ich, schien anzudeuten, daß er +den Ruhm nicht suche und daß er sich wenig aus ihm mache. Es schien, als +sei er berühmt geworden ohne sein weiteres Zutun, bloß wegen seiner +stillen Tüchtigkeit. + +»Es ist damit ein eigenes Ding,« erwiderte Goethe. »Ein Holz brennt, +weil es Stoff dazu in sich hat, und ein Mensch wird berühmt, weil der +Stoff dazu in ihm vorhanden. Suchen läßt sich der Ruhm nicht, und alles +Jagen danach ist eitel. Es kann sich wohl jemand durch kluges Benehmen +und allerlei künstliche Mittel eine Art von Namen machen. Fehlt aber +dabei das innere Juwel, so ist es eitel und hält nicht auf den andern +Tag. + +Ebenso ist es mit der Gunst des Volkes. Er suchte sie nicht und tat den +Leuten keineswegs schön; aber das Volk liebte ihn, weil es fühlte, daß +er ein Herz für sie habe.« + + + + +Werke von Jakob Wassermann + + +Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. Dreizehnte Auflage. + +Der Moloch. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage. + +Der niegeküßte Mund -- Hilperich. Novellen. + +Alexander in Babylon. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Fünfte Auflage. + +Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage. + +Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. Neue wohlfeile +Ausgabe. Neunte Auflage. + +Die Masken Erwin Reiners. Roman. Achte Auflage. + +Der goldene Spiegel. Erzählungen in einem Rahmen. Achte Auflage. + +Die ungleichen Schalen. Fünf einaktige Dramen. + +Faustina. Ein Gespräch über die Liebe. Zweite Auflage. + +Der Mann von vierzig Jahren. Roman. Zehnte Auflage. + + +S. Fischer, Verlag, Berlin + + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1915 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die +nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten +p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger +p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer +p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer +p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen +p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler +p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn +p 195: Im Jahre 1656 -> 1756 +p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen +p 234: [Punkt ergänzt] wie er selbst es geführt. +p 274: [Punkt ergänzt] alle Zuschauer durchzuckte. + +Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei +folgenden Wörtern: + +Inful: Stirnbinde, Bischofsmütze +Gelahrtheit: veraltet/dichterisch: Gelehrtheit + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1915 by S. Fischer. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten +p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger +p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer +p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer +p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen +p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler +p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn +p 195: Im Jahre 1656 -> 1756 +p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen +p 234: [added period] wie er selbst es geführt. +p 274: [added period] alle Zuschauer durchzuckte. + +The original spelling has been maintained throughout the book. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by +Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCH CHARAKTERE *** + +***** This file should be named 18258-8.txt or 18258-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/2/5/18258/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/18258-8.zip b/18258-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..17999d6 --- /dev/null +++ b/18258-8.zip diff --git a/18258-h.zip b/18258-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fae5f11 --- /dev/null +++ b/18258-h.zip diff --git a/18258-h/18258-h.htm b/18258-h/18258-h.htm new file mode 100644 index 0000000..64c1f8f --- /dev/null +++ b/18258-h/18258-h.htm @@ -0,0 +1,8665 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by Jakob Wassermann. + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + a[title].page { + position: absolute; 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Deutsche Charaktere und Begebenheiten + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: April 26, 2006 [EBook #18258] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE CHARAKTERE *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + + + + + +</pre> + + + +<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p> +<div class="titlepage"> +<h1>Deutsche Charaktere<br /> +<em class="smaller">und</em><br /> +Begebenheiten</h1> + +<h3>Gesammelt und herausgegeben<br /> +von</h3> + +<h2>Jakob Wassermann</h2> + +<h4>S. Fischer, Verlag, Berlin<br /> +1915</h4> +</div> + +<p><a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a></p> + +<p class="copyright">Mit elf Abbildungen.<br /> +<br /> +Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung.<br /> +<em class="gesperrt">Erste bis vierte Auflage.</em><br /> +</p> + + +<table class="illustration"> +<tr><td><a href="./images/hochzeit.png"><img src="./images/hochzeit_th.png" alt="Hochzeitsfeier im Jahre 1548" title="Hochzeitsfeier im Jahre 1548" /></a></td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Hochzeitsfeier im Jahre 1548,</em></td></tr> +<tr><td class="small">nach einem Bildteppich im Kunstgewerbemuseum zu Berlin.</td></tr> +</table> + + +<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a></p> + +<table class="toc"> +<caption>Inhalt</caption> +<colgroup> + <col id="col1" /> + <col id="col2" /> +</colgroup> +<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Vorwort">Vorwort</a></td><td align="right"><a href="#Page_9">9</a></td></tr> +<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Szene">Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen</a></td><td align="right"><a href="#Page_23">23</a></td></tr> +<tr class="source"><td /><td>nach Vehse</td><td /></tr> +<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Boettiger">Böttiger</a></td><td align="right"><a href="#Page_25">25</a></td></tr> +<tr class="source"><td /><td>nach Vehse<br />und Schmieder, Geschichte der Alchimi</td><td /></tr> +<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Moritz_von_Sachsen">Moritz von Sachsen</a></td><td align="right"><a href="#Page_41">41</a></td></tr> +<tr class="source"><td /><td>nach Vehse</td><td /></tr> +<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Wallenstein">Wallenstein</a></td><td align="right"><a href="#Page_65">65</a></td></tr> +<tr class="source"><td /><td>nach Vehse</td><td /></tr> +<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Leonhard_Thurneysser">Leonhard Thurneyßer</a></td><td align="right"><a href="#Page_111">111</a></td></tr> +<tr class="source"><td /><td>nach Vehse<br />und Dr. Möhsen</td><td /></tr> +<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Danckelmann">Danckelmann</a></td><td align="right"><a href="#Page_125">125</a></td></tr> +<tr class="source"><td /><td>nach Vehse</td><td /></tr> +<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Kaiser_Rudolf_II_und_sein_Hof">Kaiser Rudolf II. und sein Hof</a></td><td align="right"><a href="#Page_131">131</a></td></tr> +<tr class="source"><td /><td>nach Vehse</td><td /></tr> +<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Hochzeit">Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel, mit Herrn Reichard Strein</a></td><td align="right"><a href="#Page_145">145</a></td></tr> +<tr class="source"><td /><td>nach Hohenecks<br />»Stände Östreichs ob der Ems«</td><td /></tr> +<tr class="tocent"><td colspan="2"><a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a><a href="#Friedrich_Wilhelm_I_von_Preussen">Friedrich Wilhelm I. von Preußen</a></td><td align="right"><a href="#Page_149">149</a></td></tr> +<tr class="source"><td /><td>nach Vehse</td><td /></tr> +<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Joachim_Nettelbeck">Joachim Nettelbeck</a></td><td align="right"><a href="#Page_192">192</a></td></tr> +<tr class="source"><td /><td>nach seiner Autobiographie</td><td /></tr> +<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Christian_Holzwart">Christian Holzwart</a></td><td align="right"><a href="#Page_223">223</a></td></tr> +<tr class="source"><td /><td>nach dem Neuen Pitaval</td><td /></tr> +<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Karl_August_von_Weimar">Karl August von Weimar</a></td><td align="right"><a href="#Page_251">251</a></td></tr> +<tr class="source"><td /><td>nach Vehse, Briefen<br />Eckermanns Gesprächen mit Goethe</td><td /></tr> +</table> + + + + +<p><a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a></p> +<div class="textbody"> +<h2><a name="Vorwort" id="Vorwort"></a>Vorwort</h2> + + +<p class="newsection">Die folgende Zusammenstellung deutscher Schicksale und +Ereignisse ist zum größten Teil bereits vor drei Jahren abgeschlossen +gewesen, ich hatte aber die Veröffentlichung in dem +Gefühl verschoben, daß ein solches Buch mehr als ein anderes +von einem Bedürfnis gefordert werden müsse. Der gegenwärtige +Krieg, den wir Deutsche als einen Nationalkrieg +empfinden, macht es zur Pflicht, in der Erinnerung des Volkes +die Bilder einiger seiner merkwürdigsten Männer wachzurufen. +Es kam darauf an, das festzuhalten, was im allgemein Gültigen +zugleich das begrenzteste Persönliche gibt; darum mußte +ich den ursprünglichen Plan des Werkes verändern und diejenigen +Lebensbeschreibungen, Erzählungen und Anekdoten +entfernen, die mehr Romanhaftes und Interessantes hatten +als Exemplarisches, mehr äußeren Bezug als inneren, mehr +Oberfläche als Gehalt. Die Darstellung ist nicht die meine, +sie ist zumeist wörtlich die der Historiker und der Quellen, +die im Inhaltsverzeichnis namentlich angeführt werden; ich +habe das Material übernommen, wie es sich bot, mit keinem +andern Maßstab messend, als mit dem der fühl- und spürbaren +<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, nur nach dem Gesichtspunkt +ordnend, den ein natürlicher Überblick ergab. Den +außerordentlichen Schicksalen, dient nur das Wort treu ihrem +Verlauf, wohnt soviel Überzeugungskraft von selber inne, +daß Stilkünste sie nur verschleiern und verzerren können, und +wenn irgendwo, gilt hier der Feuerbachsche Ausspruch: Stil +ist die Weglassung des Unwesentlichen. Es ist dieselbe Prozedur, +die von der Geschichte, der Überlieferung in den meisten +Fällen so gesetzmäßig und methodisch besorgt wird, wie von +einem Strom, der alles trübe Gemengsel und unreinen Stoffe +alsbald an die Ufer schwemmt oder auf den Grund sinken läßt.</p> + +<p>Ich habe es auch unterlassen, zwischen den losen Stücken +durch Ausdeutung oder Betrachtung künstliche Brücken herzustellen; +das Gemeinsame liegt in ihrem Geist und Wesen, +die scheinbare Willkür in der Wahl kann sich nur auf einen +Zwang der Phantasie berufen, die Entscheidung gab allein +ihre deutsche Herkunft und deutsche Beschaffenheit.</p> + +<p>Unabweisbar drängt sich hier die Frage auf: Was ist ein +deutscher Charakter, was ist ein deutsches Schicksal, was ist +ein deutsches Ereignis?</p> + + +<p class="tb">Spreche ich vom Deutschen schlechthin, so postuliere ich +eine Gestalt, die aus der Erfahrung gezogen und zur Idee +gesteigert ist; als solche schließt sie eine Summe von Eigenschaften +in sich, welche sowohl dem Wesen des Volkes als +Ganzes zukommen, als auch dem uns überlieferten Bilde +<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>repräsentativer Männer entsprechen. Den Maßstab hierzu +liefert mir das lebendige und fließende Element der Geschichte. +Indem sie mir eine zergliederte, beseelte Nachricht über das +Ereignis gibt, wie auch über die Personen, die in ihm eine +Rolle gespielt haben, erlaubt sie mir zugleich, Ereignis und +Figur zu deuten, in freier Betrachtung zu erweitern und zu +verallgemeinern. Das Gesetz begreifen, das Schicksal fühlen, +die auf dem von der Menschheit bisher beschrittenen Weg +gewaltet haben, ist das einzige Mittel, die Wege ihrer Zukunft +wenigstens flüchtig und ahnend zu erleuchten.</p> + +<p>In diesem Sinne hat man vom deutschen Charakter zu +reden und ihn als ein Umgrenztes und Unterscheidendes zu erklären. +Es wäre nicht einmal notwendig, auf Stammeseigentümlichkeiten +zu verweisen, auf ausgebildete und in jeder +Landschaft anders geartete Merkmale der Sprache, auf die +Landschaftsformen selbst, auf die wechselnden Lebensbedingungen, +das größere oder geringere Maß von Freiheit, +von Wohlfahrt, von Begünstigungen, die die Natur gewährt +oder die durch vornehmliche Kraft, Tapferkeit, durch +Fleiß oder Glück erworben wurden; man kann in einem so +reichen, ja unendlich scheinenden Organismus, wie es eine +Nation ist, eine unendliche Vielfalt und Variabilität der +Lebenskristallisationen feststellen, und doch wird die Nation +in ihrer Gesamtheit gegen eine andere, sei es auch benachbarte, +sogar verwandte Nation ein völlig verschiedenes Lebens- und +Wesensbild zeigen. Es eignet eben jeder Nation, genau wie +jedem einzelnen, ihr besonderes Fundament, ihre besondere +<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>Willenskraft, ihre besonderen Ziele, und in der Zusammenfassung +erleidet sie jenes Schicksal, zu dem ihr Charakter den +Grund legt.</p> + +<p>Der Deutsche ward nicht in einem Garten geboren, die +Natur hat ihn nicht verschwenderisch beschenkt. Die Berichte +aus der Vorzeit erzählen schon von dem rauhen Klima und +der Kargheit des Landes, das seine Bewohner zu unermüdlicher +Arbeit aufforderte und durch Überfluß nicht verwöhnte. +Seitdem ist die Erde williger geworden, die Atmosphäre +milder, aber die Fülle oder nur die unerwartete Gabe hat +der Bauer nie erfahren, der Gärtner, der Obstzüchter nie; +genau nach dem Maß seines Tuns ward ihm gelohnt.</p> + +<p>Das Leben des Urvolks war gewiß dem Kindheitszustand +aller andern Völker ähnlich; an den Grenzen finden die Feinde +nur wenig natürliche Hindernisse; kriegerische Horden, von +Osten und Westen her eindringend, zerstampfen die Saaten, +verwüsten die Siedlungen; kann der Aufruf des Fürsten Bewaffnete +genug erreichen und sammeln, so zieht er dem Bedroher +entgegen und stellt ihn in freier Feldschlacht; ist er zu solchem +Unternehmen zu schwach, so verschanzen sich die Mannen +in ihren festen Plätzen. Immerhin mußte der Deutsche als +Bewohner des Herzlands Europas mehr als andre drauf gefaßt +sein, daß alles, was er baute und schuf, was er säte und +sparte, was er liebte und schmückte, seine Bäume und sein +Vieh, sein Heim und seine Kinder, sein Land und alle Werke +darin, die Beute von schweifenden Eroberern wurde.</p> + +<p>Aber da eine feste politische Grenze nicht vorhanden war, +<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>konnte jeder Nachbar jederzeit zum Gegner, der Freund von +gestern zum Feind von morgen werden. Die Folge davon, +eine immer größere Zerstückelung des Gebiets, eine beständige +Lostrennung einzelner Teile, die sich dann zu selbstwilligen und +der Gesamtheit trotzig entgegengesetzten Interessensphären entwickeln, +trat gar bald ein und enthüllte sich als ein nationales +Unglück. Um das Jahr 1200 war ganz Deutschland der +Schauplatz aufreibender egoistischer Kämpfe und eines Faustrechts, +das jeden Besitz und jede friedliche Arbeit gefährdete. +Um ihren Handel zu schützen, auf welchem allein der Wohlstand, +ja die Existenz des Bürgertums beruhte, mußten die +Städte zu Mitteln greifen, die sie auch als wehrhafte Macht +in Achtung setzten, und nach und nach wurde jede Stadt, auch +die nicht reichsfreie, zu einer Art von Republik. Da entstand +nun die schönste und eigentümlichste Blüte der Volkskraft, +ein beständiges inneres Wachstum bis in die Zeit der Reformation. +Die großen Schwurgesellschaften übernahmen +den Schutz des Privatlebens und ersetzten so den Staat, alle +einzelnen traten in Genossenschaften zusammen, und diese +wieder standen durch Bünde gegeneinander.</p> + +<p>Drohende Gefahr macht Wachsamkeit zur ersten Tugend. +Ordnung muß die Vielzahl ersetzen, Zucht ist das Gebot, das +die Freiheit fördert. Der Mann ist König in seinem Haus, +Diener in brüderlichen Verbänden. Nur Arbeit verleiht +Würde, nur Bewährung einen Vorrang, und ohne Hingebung +an eine Sache wird der Geist für nichts geachtet. +Wenn aber der Geist sich zur Sachlichkeit gesellt, entsteht +<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>die Idee, die das Individuum formt und das Gemeinwesen +entwicklungsfähig macht. Welche Wege auch immer der +Ritter, der Junker, der Gutsherr, der Bauer einschlug, die +Zukunft der Nation lag in den Händen des Bürgers.</p> + +<p>Fast jede Stadt hatte etwas trotzig Ernstes, ja Finsteres; +ihre Häuser drängten sich wie Männer, die Achsel an Achsel +stehen, so dicht zusammen, daß für ein Blumenbeet der Raum +nicht blieb. Die spitzgiebeligen Dächer erschienen als Wahrzeichen +der zur Höhe gedrängten Kraft, die engen Gassen gaben +das Gefühl der Umschlossenheit, und alles Schmuckwerk +wuchs gleichsam aus der Not: die Zierlichkeit massiver Gitter, +die geschwungenen Steinquadern unerschütterlicher Brücken, +die Feinheit und zarte Gliederung erhabener Dome, deren +ursprünglich fremde Formen dem deutschen Leben und Wesen +immer mehr zu eigen wurden.</p> + +<p>Während alle andern abendländischen Völker verhältnismäßig +früh zur Bildung eines staatlichen Organismus gelangten, +war dies bei den Deutschen erst im Verlauf des +neunzehnten Jahrhunderts der Fall. Deutsche Zerrissenheit +war das Merkwort, mit dem sich der Deutsche selbst in die +Unabänderlichkeit eines Weltzustandes ergab. Dies ist eine +Tatsache, deren Grund zu erforschen sich wohl lohnt.</p> + +<p>Nach allem, was wir von dem Volk der Germanen +wissen, scheint es, als ob ihr religiöses Leben durch den Eintritt +in das Christentum eine bedeutende Störung erlitten, +als ob eine natürliche Entfaltung ihrer religiösen Anlage +ein andres Ergebnis gehabt hätte als das durch die Geschichte +<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>hervorgebrachte. Darauf läßt namentlich die immer +wieder zutage tretende Abneigung der Deutschen gegen den +Klerus, gegen das Papsttum und seine unumschränkte Gewalt +schließen. Der Papst strebte nach Weltherrschaft; ein +Weltimperium zu schaffen war auch der tiefe Wille der +Deutschen; ist es nicht denkbar, daß die eingeborne Macht +dieser Idee dadurch gebrochen worden ist, daß die Kaisergeschlechter +der Salier, Franken und Schwaben eine Art Kompromiß +schlossen, indem sie eine römische Weltherrschaft auf +deutschem Boden gründen, die Nation in ein römisches Kaisertum +verwandeln wollten? Es war dies eine poetische Idee +und nicht eine politische, und darin liegt das Verhängnis, +darin der Irrtum, der Stillstand, die Unfruchtbarkeit. Der +Zug über die Alpen: das romantische Abenteuer; Italien, +die zweite Heimat, Provinz des Lichtes und der Schönheit, +der holde Traum, die Lockung der Jahrhunderte.</p> + +<p>Immer wieder setzen die Kräfte an diesem Punkte an, +immer wieder brechen sie hier. Es lebte im Volk ein unbeirrbarer, +bis ins Unbewußte gedrungener Glaube, daß es die +Herrenrolle in Europa wieder übernehmen werde, die nach +alten Überlieferungen die Ahnen der Vorzeit innegehabt; +aber diese Überzeugung kam stets nur in den Leistungen und +Werken einzelner zum Ausdruck und entbehrte dann auch +nicht der Schwermut und Klage; das Staatswesen schien +davon unberührt zu bleiben. Während die Reformation, +diese deutscheste Bewegung in der deutschen Geschichte, die +langersehnte geistige Befreiung schafft, findet der Staat im +<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Kaiserhaus selbst einen Feind, der ihn beständig an Rom und +an die Romanen verrät, und die Hoffnung der Freien und +Befreiten wird durch den Dreißigjährigen Krieg, das größte +Unglück, von welchem je ein Volk getroffen wurde, erstickt. +Langsam sammeln sich die Kräfte wieder; es ist ein erhabenes +Zeugnis für die der Nation innewohnende Tüchtigkeit und +Kraft, daß sie kaum eines Jahrhunderts bedarf, um zu einer +Blüte der Bildung und des geistigen Lebens zu gelangen, wie +sie die Geschichte keines andern Volkes kennt, eine Blüte allerdings, +die nach Gustav Freytags tiefem Wort die wundergleiche +Schöpfung einer Seele ohne Leib ist.</p> + +<p>Erst mit dem Heraufkommen des preußischen Staates +kündigt sich eine neue und verheißungsvolle Periode des nationalen +Lebens an. Ein neues Lebensgesetz wird von den einzelnen +ergriffen und bindet sie. Gleichsam gereinigt in der +Glut geistiger Erlebnisse, vor einen reinen Spiegel hingestellt +durch das Genie der Dichter, das Beispiel großer Feldherrn, +großer Fürsten und im wahren Sinn protestantischer Volksfreunde, +erkennen die Führer, erkennt das Volk die Notwendigkeit +politischer Sammlung und finden den Weg, das +Ideal praktisch zu verwirklichen. Alte Instinkte trotziger +Selbständigkeit werden niedergezwungen und dem Allgemeinen +dienstbar gemacht, schädliches Fremdes wird ausgeschieden, +nützlich und tüchtig Fremdes angeschmolzen.</p> + +<table class="illustration"> +<tr><td><a href="./images/ziethen.png"><img src="./images/ziethen_th.png" alt="Ziethen" title="Ziethen" /></a></td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Ziethen,</em></td></tr> +<tr><td class="small">nach einem Stich von Townley.</td></tr> +</table> + +<p>In preußischer Zucht und Schule wächst das neue Deutschland +zur Erkenntnis und zur Erfüllung seiner Aufgabe heran. +Dort vollzieht sich die Sonderung, die Wandlung, der +<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>Zusammenschluß. Ein König, dessen unerschütterliche Energie +im Bewahren, Sammeln und Vorbereiten ihn zum Werkzeug +des Schicksals und zum wahren Zimmermann der Fundamente +macht, gibt aus scheinbar bürgerlicher Enge das +ungeheure Wort von der Suveränität, die er als einen +<em class="antiqua">rocher de bronze</em> statuiere, und ein Philosoph in ebenso +scheinbarer bürgerlicher Enge formuliert den kategorischen +Imperativ als Stützpunkt einer die ganze moderne Welt +überwölbenden Moral- und Sittenlehre.</p> + +<p>Friedrich der Große war dann der Gestalter, wenn auch +nicht der Vollender, die Verkörperung wesentlicher politischer +und organisatorischer Eigenschaften, mit denen die neue Zeit +ihre Arbeit beginnen konnte. Vielleicht war ihm am Ende +seiner unvergleichlichen Laufbahn noch nicht einmal bewußt, +wie sehr er Bürger war, indem er König war. Und da seine +Taten ihn zum Helden machten, schuf er eben dadurch, daß +er König und Bürger zugleich war, einen neuen Begriff des +Heroischen, der durch seine Einfachheit und Menschlichkeit +vorbildlich wurde. In ihm hat das deutsche Gesicht seine +krönende Gültigkeit erhalten und seinen beredtesten Ausdruck.</p> + +<p>Das deutsche Gesicht! Es schwebt mir Christoph Ambergers +Bildnis eines Augsburger Patriziers vor, und Holbeins +Bildnis des Bürgermeisters Meyer, und Lukas Cranachs +Bildnis eines alten Mannes; ich denke an Luthers Gesicht, +an Keplers Gesicht, an Scharnhorsts und Nettelbecks Gesicht, +an Sebastian Bachs und an Moltkes Gesicht; es sind immer +<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>dieselben Züge wie die von Brüdern und Gefährten in der +Reihe der wechselnden Geschlechter.</p> + +<p>Sie wissen den Tod, ohne ihn zu sehen, sie spüren ihn, +ohne ihn zu fürchten. Wie der Tod innerstes Gefühl wird, +ist in dem Dürerschen Porträt des Patriziers Oswald Grell +über alle Beschreibung wahr ausgedrückt, neben einem Antlitz +von feierlich ernster Versunkenheit ist eine Landschaft mit +zarten Bäumen hingesetzt wie die Vision einer höheren Welt.</p> + +<p>Was macht ihr Auge so schön, so merkwürdig? Ist es +der traumvolle Blick, der dennoch im Lichte badet, die Güte +ohne Weichheit, die Strenge ohne Härte? Oder das Wissen +um menschliche Dinge, um die deutsche Not, die Menschennot? +Es wohnt ein Horchen in ihm, wie durch Stimmen +aus der Überwelt erzeugt, ein ungewisser Schimmer, der auf +Vertrautheit mit den letzten Entscheidungen des Schicksals +deutet. Im Schluß der Lippen liegt ein bewältigter Zorn, +der sich bald in Trauer wenden mag, oder eine Stille, die +die Resignation trotzig ablehnt; die Nase ersteht aus Gruben, +die von Seelenleiden ausgehöhlt sind, und um die Schläfen +zuckt es wie Nachgewitter von Leidenschaften, die gegen die +Mitte der Stirne hin sich in einen See ruhiger und reiner +Gedanken auflösen.</p> + +<p>Dem Deutschen ward verliehen, die Dinge zu sehen und +durch die Dinge hindurch sich in ein Verhältnis zu Gott zu +begeben. Zwischen ihm und Gott steht das Ding; das Ding +wird sein eigen oder Gott wird sein eigen, er wird Gottes +oder auch des Dinges. Symbolisch groß sieht man deshalb +<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>auf der Dürerschen Melancholia eine Leiter, eine Sanduhr, +einen Zirkel, einen Würfel, ein Winkelmaß und manche +andere »Dinge«.</p> + +<p>In vielen deutschen Märchen ist der schlummernde Königssohn, +der Schläfer, Siebenschläfer, Scheinschläfer eine Figur +wie aus Selbstanklage und dunkler Verheißung gewebt. +Leicht versank der Deutsche in sich selbst, verlor sich, vergaß +sich, verspielte sich, versäumte die Stunde, die Gelegenheit, +die Tat. Kehrte er aber einmal sein Inwendiges nach außen, +so war seine Tat so heftig, wie vorher der Traum von ihr +glühend. Es mußte aber ein Unbedingtes sein, ein Höheres, +gleichsam nicht mehr das Ding, sondern Gott, was ihn +wandelte. Dann bot er sich zum Opfer an, und das Opfer +war ihm selbstverständlich, die eigene Person stets der Preis, +den er ohne Prahlerei, mit vollkommener Einfachheit des +Gemütes einsetzte.</p> + +<p>Niemand kann kleiner sein als der Deutsche, wenn ihn +die Alltäglichkeit beherrscht, niemand platter und lichtloser; +niemand aber auch größer, wenn das Unbedingte an ihn +herantritt, das Pathos großer Ereignisse ihn hinaufreißt. +In keiner Sprache gibt es ein Wort, das den Zustand unnützer +und spielerischer Wehrhaftigkeit so in den Bereich des +Komischen stellte wie das Wort Spießbürger; aber in keiner +auch ein Wort, das höchste Tugend so karg und metallen +ausdrückte, wie das Wort Held. Spießbürger und Held, das +sind die Pole deutschen Lebens, und daß aus einem Spießbürger +ein Held werden kann, hat der Deutsche in jeder Stunde +<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>der Gefahr bewiesen. Hierzu brauchte er nur den Glauben an +die Gerechtigkeit der Sache; es durfte nur der Sache nichts +Erschlichenes anhaften, nichts Künstliches, nichts Verfeinertes, +nichts Advokatisches; sie mußte sozusagen rauh und urtümlich +sein und ihn im Mittelpunkt des Herzens treffen, dann +wurde sein Herz zum Mittelpunkt der Welt.</p> + +<p>Seine Anteilnahme kann bis zur Unbequemlichkeit lärmen, +doch seine Begeisterung ist fast immer von stiller Art. Romanischen +Völkern eignet oft eine Begeisterung ohne Tiefe, eine +müßige und eitle, der begleitenden Tat ermangelnde; deutsche +Begeisterung ist wie Essenfeuer; Hammer und Amboß, Huf +und Schwert sind nicht weit davon entfernt. Der still Begeisterte, +mehr Erglühte als Entflammte, das ist der Mensch, +der des Fanatismus nicht fähig ist, und die Zustände jenseit +der Selbstbesinnung finden wir beim Deutschen mehr im Gebiet +des Religiösen und rein Geistigen, der Mystik und des +Prophetentums, als in dem der Politik und des gemeinen +Lebens.</p> + +<p>So ist auch das Exzentrische dem deutschen Wesen fremd; +seine Anlage ist konzentrisch. Er ist gefaßt; er weiß um seine +Grenzen, wennschon sein Verlangen stets nach dem Grenzenlosen +geht. Er ist beschaulich, bleibt aber nicht im Bilde ruhen, +sondern verirrt sich gern in die Labyrinthe der Spekulation. +Alles muß für ihn Bezug haben, Verbindung, Folge, – +insoweit es das Geistige betrifft; daher seine Schwerfälligkeit, +seine Pedanterie, sein Respekt vor dem Wissen, sein Zuviel +an Schulbildung, sein Mangel an Glätte, an Schmiegsamkeit +<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>und an Manier. Insoweit es aber das Gemüthafte +betrifft, braucht er keinen Bezug und achtet keine Folge; da +wird ihm die Welt zum einheitlichen Gebilde, das Schicksal +ein gerechter Herr, und in seiner Seele ist die Menschheit.</p> + +<p>Wichtig vor allem ist ihm die Scholle; erstes Gesetz, die +Hantierung, die er gelernt, zur Vollkommenheit auszubilden; +einem Herrn zu dienen Bedürfnis und Freude; einen großen +Gedanken in seiner Brust zu hegen und zu wärmen beinahe +Kultus. In den Zeiten seiner politischen Unreife übersah er, +daß die Scholle nur ein winziger Teil des Ganzen ist und +segensvoller gedeiht, wenn auf der Nachbarscholle nicht der +beargwöhnte Gegner, sondern der mitwirkende Freund haust; +bedachte er nicht, daß die Hantierung vom Allgemeinen aus- +und zum Allgemeinen zurückgehen muß, damit ineinanderwachsende +Kräfte durch Überlieferung erstarken und erblühen +können und nicht das einzelne vereinzelt mit sich selber stirbt; +mißkannte er, daß es keinen Herrn gibt, der nicht der Diener +seiner Diener ist; versäumte es, sich zum Herren seiner Herren +zu machen und so, im Geflecht von Ordnung und Herrschaft, +von Bürgerpflichten und Herrenrechten, von Herrenpflichten +und Bürgerrechten das glückliche Glied eines glücklichen Volkes +zu werden.</p> + +<p>Dies ist anders geworden. Es war ein Prozeß, so schwierig +und langwierig, daß die Besten immer wieder an ihrer Hoffnung +verzweifelten und das Blut edler Märtyrer vergeblich +geopfert schien. Der Prozeß ist gewonnen. Das verflossene +<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>Jahrhundert hat die deutsche Nation wiedergeboren, sie aus +romantischer Dämmerung an den lichten Tag der Geschichte +geführt und ihr, in Pflicht und Liebe, in Neigung und Interesse +das Reich der Realität geöffnet. »Der Realismus, +welchen man rühmend oder zürnend die Signatur der Gegenwart +nennt,« sagt Gustav Freytag, »ist in Kunst und +Wissenschaft, im Glauben wie im Staate nichts als die erste +Bildungsstufe einer aufsteigenden Generation, welche das +Detail des gegenwärtigen Lebens nach allen Richtungen zu +vergeistigen sucht, um dem Gemüt neuen Inhalt zu geben.«</p> + +<p>Der Deutsche hat die ihm gemäße Art von Politik gefunden; +ich möchte sie die Politik des unbeirrbaren Triebes +nennen; die Politik der Entfaltung, der Erkenntnis und der +Bestimmung. Sie kann der Winkelzüge, der veralteten Rezepte +und geheimen Wege entraten, da sie auf den natürlichen +Rechten des Geistes und Herzens ruht, nicht auf willkürlichen +Machenschaften, sondern auf einer Notwendigkeit und einer +welthistorischen Idee.</p> + +<p>Der Siebenschläfer, aufgewacht ist er ja längst, hat sich +auf diesem Planeten ein gewaltiges Haus gebaut. Gestern +ist es unter Dach gebracht worden. Schon grüßen die Tannenreiser +vom First.</p> + + + + +<p><a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a></p> +<h2><a name="Szene" id="Szene"></a>Szene zwischen Friedrich dem +Großen und Ziethen</h2> + + +<p class="newsection">Nach dem glücklich beendeten Siebenjährigen Krieg sah +Friedrich unter seinen Tischgenossen vorzüglich gern den alten +General Ziethen. Wenn gerade keine fürstlichen Personen +zugegen waren, mußte Ziethen immer an der Seite des Königs +sitzen. Einstmals hatte er ihn auch zum Mittagessen +am Karfreitag eingeladen, aber Ziethen entschuldigte sich; +er könne nicht erscheinen, weil er an diesem hohen Festtag +immer zum heiligen Abendmahl gehe und dann lieber in seiner +andächtigen Stimmung bleibe; er dürfe sich darin nicht unterbrechen +und stören lassen. Als er das nächstemal zur königlichen +Tafel in Sanssouci erschien und die Unterredung wie +stets einen heiteren, fröhlichen und geistreichen Gang genommen +hatte, wandte sich der König mit scherzender Miene an +seinen Nachbar. »Nun, Ziethen,« sagte er, »wie ist Ihm +das Abendmahl am Karfreitag bekommen? Hat Er den +wahren Leib und das wahre Blut Christi auch ordentlich +verdaut?« Ein lautes spöttisches Gelächter schallte durch den +Saal der fröhlichen Gäste. Der alte Ziethen aber schüttelte +<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>sein graues Haupt, stand auf, und nachdem er sich vor seinem +König tief gebeugt, antwortete er mit fester Stimme: +»Eure Majestät wissen, daß ich im Kriege keine Gefahren +fürchte und überall, wo es darauf ankam, für Sie und das +Vaterland mein Leben gewagt habe. Diese Gesinnung beseelt +mich auch heute noch, und wenn es nützt und Sie es +befehlen, lege ich meinen Kopf gehorsam zu Ihren Füßen. +Aber es gibt einen über uns, der ist mehr als Sie und ich +und mehr als alle Menschen, das ist der Heiland und Erlöser +der Welt, der für Sie gestorben und uns alle mit seinem +Blut teuer erkauft hat. Diesen Heiligen lasse ich nicht +antasten und verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube. +Mit der Kraft dieses Glaubens hat Ihre brave Armee +mutig gekämpft und gesiegt. Unterminieren Eure Majestät +diesen Glauben, so unterminieren Sie die Staatswohlfahrt. +Das ist gewißlich wahr. Halten zu Gnaden.«</p> + +<p>Die Tafelgesellschaft war totenstill geworden. Der König +war sichtbar ergriffen. Er erhob sich, reichte dem General +die rechte Hand, legte die linke auf seine Schulter und sagte: +»Glücklicher Ziethen! Möchte ich es auch glauben können! +Ich habe allen Respekt vor Seinem Glauben. Bewahre +Er ihn. Es soll nicht wieder geschehen.«</p> + +<p>Kein Mensch hatte den Mut, ein Wort weiter zu reden. +Auch der König fand zu einem andern Gespräch keinen +schicklichen Übergang, er hob die Tafel auf und gab das +Zeichen zur Entlassung. Dem General Ziethen befahl er: +»Komme Er mit in mein Kabinett.«</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a></p> +<h2><a name="Boettiger" id="Boettiger"></a>Böttiger</h2> + + +<p class="newsection">Unter die große Zahl merkwürdiger Männer, die das +achtzehnte Jahrhundert in Deutschland hervorbrachte, gehört +auch Johann Friedrich von Böttiger, der zufällige Erfinder +des Porzellans. Böttiger war ein geborener Sachse; er ward +geboren zu Schleiz im Vogtlande, wo sein Vater bei der +Münze angestellt war. Da seine Mutter sich zum zweitenmal +mit dem magdeburgischen Stadtmajor und Ingenieur +Tiemann verheiratete, erhielt er frühzeitig Unterricht in der +Mathematik und in der Fortifikationskunst, zeigte aber +eine auffallende Neigung zur Chemie. Schon mit zwölf +Jahren kam er als Lehrling in die Zornsche Apotheke nach +Berlin, wo er sich sofort aufs Goldlaborieren legte. Er +wurde dabei durch den berühmten Johann Kunkel aufgemuntert, +der im Zornschen Haus verkehrte und von dem +jungen Menschen so bezaubert war, daß er überall seine +Talente und Kenntnisse rühmte.</p> + +<p>Um diese Zeit reiste ein großer Unbekannter durch Europa, +der unter mancherlei Namen und vielfach verkleidet auftrat. +Er schien kein anderes Ziel zu haben, als die Ehre der Alchimie +<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>zu retten, und verwendete darauf ungeheure Summen, +wenn auch mit großer Vorsicht. Wenn die Transmutationen +nach seinen Angaben versucht wurden und Aufsehen erregten, +war er immer schon weit entfernt und durch Namenwechsel +unerreichbar geworden. Er kehrte nicht leicht dahin zurück, +wo er schon gewesen, oder doch in ganz veränderter Gestalt. +Dieser Unbekannte, welcher Goldsamen ausstreute, bezeichnete +sich, wenn man nach Pässen und dergleichen fragte, +als einen griechischen Bettelmönch und nannte sich Laskaris; +er wollte Archimandrit eines Klosters auf der Insel Mytilene +sein und führte als solcher auch ein Beglaubigungsschreiben +des Patriarchen von Konstantinopel mit sich. Da er das +Griechische vollendet sprach und sich auch sonst keine Blöße +gab, wurde seinen Angaben geglaubt, und man war sogar +geneigt, ihn für einen Abkömmling der kaiserlichen Familie +Laskaris zu halten. Er sammelte Almosen zur Loskaufung +von Christen, die in türkische Gefangenschaft geraten waren, +allein man wollte bemerkt haben, daß er weit mehr an die +Armen verschenkte, als ihm die Kollekte eintrug, und demnach +mochte es ihm mit seiner Mission wenig ernst sein. Die +Nachrichten über ihn beruhen auf dem Zeugnis glaubhafter +Personen, die ihn als einen Mann von gefälligem Betragen +schildern, sehr unterrichtet und voll von Interessen, was eher +auf einen gebildeten Abendländer, als auf einen morgenländischen +Klosterbruder schließen läßt.</p> + +<p>Als der geheimnisvolle Fremde im Jahre 1701 nach Berlin +kam, erkundigte er sich bei dem Gastwirt, ob es in Berlin auch +<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>Alchimisten gebe. An dergleichen Narren sei kein Mangel, +antwortete treuherzig der Wirt und nannte unter anderen +den Apotheker Zorn. Der Fremde ging bald darauf in die +Zornsche Offizin und fragte nach einem chemischen Medikament. +Der Provisor befahl einem Gehilfen, den Laboranten +zu rufen. Es erschien ein junger Mensch, der Lehrling Böttiger. +Auf die Frage des Fremden, ob er dem Laboratorium vorstehe, +weil man ihn den Laboranten nenne, erwiderte er gutmütig +lachend, man tue dies zum Spaß, weil er in seinen +Nebenstunden zuweilen chemische Experimente mache. Dem +fremden Herrn gefiel der Jüngling, und zur Einleitung einer +näheren Bekanntschaft trug er ihm auf, ein Antimoniumpräparat +herzustellen und ihm dieses ins Gasthaus zu bringen.</p> + +<p>Als Böttiger das bestellte Präparat brachte, plauderte der +Fremde mit ihm. Böttiger wurde zutraulich und gestand, +daß er den Basilius Valentinus besitze und unverdrossen nach +ihm arbeite. Er wiederholte seine Besuche und gewann die +Gunst des Fremden immer mehr. Als dieser endlich abreisen +wollte und die Pferde schon warteten, ließ er Böttiger noch +einmal rufen und eröffnete ihm, daß er selbst das große Geheimnis +besitze, und schenkte ihm zwei Unzen von seiner Tinktur, +mit der Anweisung, daß er noch einige Tage davon +schweigen, dann aber die Wirkung der Tinktur zeigen möge, +wenn er wolle, damit man in Berlin die Alchimisten nicht +mehr Narren schelte.</p> + +<p>Nach der Entfernung des Fremden säumte Böttiger nicht, +sich von dem Wert des Geschenks zu überzeugen. Bald zeigte +<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>er den Gehilfen, die ihn bis dahin verspottet hatten, gutes +Gold als Produkte seiner Kunst und sagte, er sei entschlossen, +die Pharmazie aufzugeben, nach Halle zu gehen und Medizin +zu studieren. In der Tat nahm er den Abschied von seinem +Prinzipal und bezog eine Mietwohnung. Er verkehrte mit +Alchimisten, vornehmlich mit einem Laboranten namens +Siebert. Eines Tages wurde er von dem Apotheker Zorn +zu Tisch gebeten. Er traf dort zwei Freunde, den Pfarrer +Winkler von Magdeburg und den Pfarrer Borst von Malchow. +Die beiden Geistlichen vereinigten sich, dem achtzehnjährigen +Menschen vorzustellen, daß er zum sicheren Broterwerb +zurückkehren und nicht einer eingebildeten Kunst nachhängen +solle; das Unmögliche, sagten sie, könne er doch nicht +möglich machen. Er aber erbot sich, das Unmögliche sogleich +möglich zu machen, und forderte sie auf, Zuschauer zu sein. +Die ganze Tischgesellschaft verfügte sich nun mit ihm in das +Laboratorium.</p> + +<p>Hier nahm Böttiger einen Tiegel und wollte Blei darin +schmelzen, als aber die Gegner sein Blei verdächtig finden +wollten, wählte er statt dessen Silbergeld von bekanntem Gehalt. +Die preußischen Zweigroschenstücke waren damals fünflötig, +und von diesen nahm er dreizehn Stück. Während sie +zusammenschmolzen, brachte er eine silberne Büchse hervor, +die den Stein der Weisen in Gestalt eines feuerroten Glases +enthielt. Er löste davon einige Körnchen ab, streute sie auf +das fließende Metall und verstärkte die Glut. Danach reichte +er den Zweiflern das ausgegossene Metall dar, und staunend +<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>überzeugten sich diese, daß es zum reinsten Gold geworden +war.</p> + +<p>Dem Laboranten Siebert zeigte Böttiger eine größere +Transmutation in andern Metallen. Siebert mußte acht +Lot Quecksilber in einem Tiegel heiß machen; auf die Masse +warf Böttiger soviel als ein Handkorn groß von einem braunroten +Pulver, das er zuvor in Wachs impastiert hatte. Dadurch +wurde das Quecksilber ganz und gar in Pulver verwandelt, +dieses Pulver wickelte er in Blei und ließ es schmelzen. +Nach einer Viertelstunde war alles Metall zu Gold geworden.</p> + +<p>Diese und andere Proben, welche Böttiger neugierigen +Bekannten zeigte, machten ihn bald zum Helden des Tages, +und das um so mehr, als er nicht für gut fand, die Wahrheit +zu gestehen, sondern sich selbst als Erfinder des Pulvers +bewundern zu lassen. Die Erfahrenen nannten ihn Adeptus +ineptus und prophezeiten ihm Unheil, welche Prophezeiung +sich auch bald erfüllte. Die Stadtgespräche drangen +in die königlichen Vorzimmer und bis zu König Friedrich I. +selbst. Der König ließ nachfragen und fand es geboten, sich +des jungen Adepten zu versichern. Schon war Befehl erteilt, +ihn zu verhaften, als ein Bekannter ihn warnte. In der +Nacht verließ er Berlin zu Fuß und eilte, Wittenberg zu +erreichen. Während er über die Elbe gesetzt ward, sah er +hinter sich ein preußisches Kommando, das man ihm nachgeschickt +hatte. In Wittenberg wohnte seiner Mutter Bruder, +der Professor Kirchmaier, der auch als alchimistischer +Schriftsteller von sich reden gemacht hatte. Bei ihm wäre +<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>Böttiger geborgen gewesen, allein der preußische Hof reklamierte +ihn in Dresden als preußischen Untertan. Der Grund +hierzu blieb bei dem erregten Aufsehen kein Geheimnis; der +sächsische Hof ward aufmerksam. Man verweigerte die Auslieferung, +weil sich ergab, daß er in Sachsen geboren sei. +König August II. ließ ihn nach Dresden bringen und freute +sich, daß ihm ein so seltener Vogel zugeflogen war, denn die +Nachrichten aus Berlin ließen ihn nicht daran zweifeln, +daß Böttiger wirklich ein Adept sei.</p> + +<p>Böttiger zeigte dem Statthalter Fürstenberg die Tinktur +und ihre Wirkung. Er überließ ihm eine Probe seines Arkanums, +auch ein Gläschen voll Merkur, und damit reiste +Fürstenberg zum König nach Warschau. Fürstenberg mußte +einen Eid leisten, daß er mit dem König nicht früher eine +Probe machen würde, als bis er auf Ehre und Gewissen versprochen +habe, Zeugen nicht zuzulassen, auch weder jetzt noch +künftig jemandem das Geheimnis zu entdecken. Ferner hatte +Böttiger es ihm eingeschärft, nicht ohne Gottesfurcht und +Frömmigkeit ans Werk zu gehen, weil darauf unendlich viel +ankomme.</p> + +<p>Kaum war Fürstenberg beim König angelangt, als im +Zimmer des Königs ein Hund die Schachtel umwarf, in der +sich das Glas mit Merkur befand, so daß dieses zerbrach. +Böttiger hatte versichert, der Merkur sei von ganz besonderer +Beschaffenheit, er war also in Warschau nicht zu ersetzen. +Nichtsdestoweniger nahmen am zweiten Weihnachtsfeiertag, +in tiefer Nacht, in einem der innersten Zimmer des Schlosses +<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>und bei verriegelten Türen der König und Fürstenberg die +Probe vor. Die beiden Tiegel, die Böttiger mitgegeben hatte, +wurden mit Kreide bestrichen, in den größeren Tiegel die Tinktur +mit Merkur, wie er in Warschau zu kaufen war, und +Borax getan, der zweite Tiegel darauf gestürzt und die Masse +anderthalb Stunden lang ins Glühfeuer gestellt. Das Resultat +des Prozesses war nicht Gold, sondern ein so fester Körper, +daß man die Tiegel zerschlagen mußte, um ihn zu gewinnen. +Fürstenberg schrieb an Böttiger, daß der König selbst über +zwei Stunden beim Feuer gesessen sei; an der gehörigen Frömmigkeit +habe es bestimmt nicht gefehlt, da der König zwei +Tage vorher das heilige Abendmahl genossen und er, der Fürst, +seine Gedanken ebenfalls einzig auf Gott gerichtet habe; trotzdem +sei das Experiment, dessen Gelingen Böttiger dem König +so sicher vorgespiegelt habe, gänzlich mißlungen.</p> + +<p>Im Januar 1702 kehrte Fürstenberg wieder nach Sachsen +zurück. Er traf Böttiger, der in seinem Hause wie ein Gefangener +behandelt wurde, höchst unzufrieden; der lebenslustige +junge Mensch drohte sich zu ermorden, wenn man ihm nicht +die Freiheit gebe. Fürstenberg ließ ihn deshalb auf die Festung +Königstein bringen, doch hier wurde Böttiger noch viel wilder. +Nach einem Bericht des Kommandanten schäumte er +wie ein Pferd, brüllte wie ein Ochse, knirschte mit den Zähnen, +rannte mit dem Kopf gegen die Mauer, arbeitete mit Händen +und Füßen, kroch an den Wänden entlang und zitterte am +ganzen Leibe. Zwei starke Soldaten konnten seiner nicht Herr +werden; er hielt den Kommandanten für den Engel Gabriel, +<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>verzweifelte wegen der Sünde an dem heiligen Geist an seiner +ewigen Seligkeit und trank dabei oft zwölf Kannen Bier +täglich, ohne betrunken zu werden. Man konnte nicht klar +sehen, ob alles dies auf Verstellung beruhte.</p> + +<p>Nun kam aber der Befehl vom Statthalter, ihn nach +Dresden zu schaffen, und Fürstenberg nahm ihn wieder in +sein Haus. Hier war es, wo er mit dem berühmten Tschirnhausen +bekannt wurde. Ehrenfried Walter von Tschirnhausen +gehörte zu Fürstenbergs vertrautesten Freunden. Sooft er +von seinem alten Stammgut Kieslingswalde nach Dresden +kam, wohnte er beim Statthalter und arbeitete beim Fürsten +in dessen Laboratorium. Er war einer der ausgezeichnetsten +Naturverständigen seiner Zeit, durch ihn sind in Sachsen +die Glashütten eingeführt worden. Er hatte zwölf Jahre +lang ganz Europa bereist und war Mitglied der Pariser +Akademie der Wissenschaften. Wie Kunkel in Berlin, so +nahm sich Tschirnhausen in Dresden Böttigers an, und dies +verlieh Böttiger auf einmal wieder große Wichtigkeit, so daß +man jahrelang Geduld mit ihm hatte und immer hoffte, er +werde das große Werk leisten. Er selbst hoffte es.</p> + +<table class="illustration"> +<tr><td><a href="./images/boettiger.png"><img src="./images/boettiger_th.png" alt="Joh. Friedr. Böttiger" title="Joh. Friedr. Böttiger" /></a></td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Joh. Friedr. Böttiger,</em></td></tr> +<tr><td class="small">nach einem Medaillon im Museum zu Gotha.</td></tr> +</table> + +<p>Böttiger erhielt nun seine Einrichtung im königlichen +Schloß. Er bewohnte zwei Zimmer mit der Aussicht auf +den Hofgarten, den sogenannten Probiersaal und einige Gewölbe +zum Laborieren, die große Opernstube als Billardzimmer +und das Kirchstübchen des Gärtners zu seiner Andacht. +Alle Räume waren neu möbliert worden. Er durfte +in dem an seine Wohnung stoßenden Feigengarten spazieren +<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>gehen, und wenn er ausfahren wollte, stand ihm eine königliche +Equipage zur Verfügung. Zu seiner Beaufsichtigung +wurde der Sekretär Nemitz bestimmt, der dafür ein besonderes +Zimmer im Schloß hatte, nach Belieben Gäste einladen +konnte, aber bei Verlust seiner Freiheit für Böttiger +verantwortlich war. Außer Tschirnhausen durfte niemand +ohne seine Erlaubnis zu Böttiger gehen. Ein Baron Schenk +war angewiesen, Böttiger in dessen freien Stunden Gesellschaft +zu leisten, ihm die Zeit zu vertreiben und, wenn er es +verlangte, im roten Zimmer mit ihm zu speisen. Es speisten auch +viele andere Personen bei ihm, so der Bergrat Pabst von Ohain, +der berühmte Metallurg, der geheime Kammerier Starke, +ein Liebling des Königs, der seine Schatulle besorgte, und +der Sekretär Malhieu; Tschirnhausen, der Böttiger so lieb +gewonnen hatte, daß er sich mehr in Dresden als in Kieslingswalde +aufhielt, war häufig sein Gast und brachte manchmal +den Statthalter mit. Böttigers Deputat im Schlosse +waren mittags und abends fünf Gerichte mit Wein und +Bier. Das Tafelgerät war aus Silber. Er konnte Geld +haben soviel er wollte, man hielt ihm sogar Mätressen wie +einem vornehmen Kavalier.</p> + +<p>Böttigers Umgang hatte, wenn er bei Laune war, ungemein +viel Anziehendes. Er war ein jovialer Mensch mit der +lebendigsten Unterhaltungsgabe, mit der er alle zu bezaubern +wußte. Der Statthalter lebte mit ihm auf vertrautem Fuß, +fuhr oft mit ihm nach Moritzburg auf die Jagd, die Böttiger +leidenschaftlich liebte, und schrieb ihm die zärtlichsten +<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>Briefe. Auch der König, der sich mit Bezug auf Böttiger +überschwenglichen Hoffnungen hingab, behandelte ihn in seinen +Briefen mit großer Rücksicht. Er gratulierte ihm zum +neuen Jahr, versichert ihm wiederholt, daß der Statthalter +die Vollmacht habe, alles nach Böttigers Belieben einzurichten, +und ihm niemand aufdringen dürfe, der von »widrigem +Naturell« sei. In Briefen des Königs an andere wird +er Monsieur Schrader genannt oder »die Person« oder +»der Bewußte« oder »l’homme de Wittenberg«; Böttiger +selbst unterzeichnete sich nur mit seinen beiden Vornamen oder +mit Notus.</p> + +<p>Anderthalb Jahre lang war Böttiger vor dem Mißtrauen +des Königs durch den Hund geschützt, der in Warschau +die Schachtel mit dem Merkurglas umgeworfen hatte +und der Vorwand genug gab, zu sagen, der König und sein +Minister seien bei dem Tingierversuch ohne Geschick verfahren. +Während dieser anderthalb Jahre lebte Böttiger in +Herrlichkeit und Freude. Sein Aufenthalt kostete dem König +vierzigtausend Taler. Böttiger war bei den Leuten von gutem +Ton allgemein beliebt. Man speiste gern bei ihm, denn +er legte jedem Gast eine große, goldene Schaumünze von +eigener Arbeit unter den Teller; dies bewog sogar die Damen, +sich zahlreich bei ihm einzufinden. Man spielte auch gern mit +ihm, weil er gern verlor.</p> + +<p>Die hohe Ehre hatte seinen Kopf so gänzlich eingenommen, +daß er kaum der Möglichkeit gedachte, sein Schatz könne erschöpft +werden. Allenfalls erwartete er von einigen Winken, +<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>die Laskaris im Gespräch hatte fallen lassen, daß sie ihn auf +den rechten Weg führen würden, wenn es Zeit sei, ihn zu +suchen. Diese Zeit schob er leichtsinnig hinaus, bis endlich +Bedürfnis und Verlegenheiten mahnten, an die Auffindung +der Goldquelle mit Ernst zu denken. Da fand er sich aber +in seiner Hoffnung bedroht. Was er auch probierte, alles +schlug fehl, und er überzeugte sich, daß er sich die Sache zu +leicht gedacht habe und weit vom Ziel entfernt sei. Die berechnende +Politik seiner Gönner wähnte sich jetzt am Ziel. +Böttigers sechs Bediente waren schon längst gewonnen und +belauerten ihn Tag und Nacht. Was sie berichteten, gefiel +nicht mehr. Man argwöhnte, daß er die Umstellung merke +und absichtlich das Rechte verfehle, um seine Kunst für sich +zu behalten. Da erfuhr man, daß er Vorbereitungen treffe, +um heimlich nach Österreich zu entweichen, und nun wurde +seine Wohnung, sogar sein Zimmer mit Wachen besetzt.</p> + +<p>Indessen hatte Laskaris, der noch in Deutschland reiste, +seinen jungen Freund nicht aus den Augen verloren, und der +üble Ausgang, welchen Böttigers Angelegenheiten in Dresden +zu nehmen drohten, machte ihm Sorge, da er sich vorwerfen +mußte, den Jüngling in Versuchung geführt zu haben. +Er entschloß sich daher, ihn zu befreien und große Opfer +nicht zu scheuen. In solcher Absicht wagte er sich im Jahre +1703 zum zweitenmal nach Berlin. Er ließ einen jungen +Arzt, den Doktor Pasch, zu sich kommen, der mit Böttiger vertrauten +Umgang gehabt hatte und unternehmend genug zu sein +schien. Diesem eröffnete er alle Schwierigkeiten, trug ihm +<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>auf, nach Dresden zu gehen, dem König Böttigers Unwissenheit +zu erklären und ihm für dessen Freilassung die Summe +von achtmalhunderttausend Dukaten zu bieten, die man in +Holland oder in einer beliebig zu bestimmenden deutschen +Reichsstadt erheben könne. Um den Sendboten von der Aufrichtigkeit +seines Anerbietens zu überzeugen zeigte er ihm einen +Vorrat von Tinktur, der über sechs Pfund wog. Er bewies +ihm durch Versuche, daß mit dieser Masse ein Zentner Gold +in lauter Tinktur verwandelt werden könne, die dann noch +drei- bis viertausend Teile Metall in Gold zu veredeln vermöge. +Er gab ihm eine Probe für den König mit und versprach, +ihn ebenso reich wie Böttiger zu beschenken, wenn er +sich seines Auftrages gut entledigte.</p> + +<p>Doktor Pasch begab sich auf den Weg. Er war mit zwei +Herren verwandt, die am Dresdner Hof großen Einfluß hatten. +Durch ihre Vermittlung hoffte er leichter zum König +zu gelangen und machte ihnen deshalb sein Anliegen bekannt. +Sie urteilten aber, ein so hoher Preis werde den König eher +bestimmen, den Verhafteten noch besser zu bewahren, weil es +ja den Anschein habe, als lasse Böttiger selbst durch dritte +Hand soviel für seine Freiheit bieten. Außerdem meinten sie +auch, daß dem König an ein paar Millionen Talern nicht +soviel gelegen sein könne als ihnen, und sie kamen überein, +Böttiger in der Stille fortzuschaffen und den Preis mit +Doktor Pasch zu teilen.</p> + +<p>Auf ihre Veranstaltung bezog Pasch eine Wohnung dicht +neben dem Hause, worin Böttiger bewacht wurde. Er konnte +<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>ihm aus dem Fenster zuwinken, wurde sogleich von ihm erkannt, +fand Mittel, ihm Briefe zu schicken, erhielt auf demselben +Weg die Antworten, gab ihm Kunde von der nahenden +Hilfe und verabredete mit ihm den Plan der Flucht.</p> + +<p>Böttigers Bediente ließen sich das Hin- und Hertragen +der Briefe gut bezahlen, berichteten aber höheren Orts über +den Briefwechsel und lieferten die folgenden Briefe aus. +Nichtsdestoweniger gelang es Böttiger zu fliehen. Er kam +bis nach Enns in Österreich, wurde aber dort aufgegriffen +und nach Sachsen auf den Sonnenstein zurückgebracht. Doktor +Pasch war dritthalb Jahre lang Gefangener auf der Feste +Königstein. Nach vielen Bemühungen zeigte sich ein Soldat +willig, ihm zur Flucht zu verhelfen. Beide ließen sich an +einem Seil herab, welches aber nicht bis zum Boden reichte; +der Soldat kam glücklich an, Pasch jedoch fiel auf einen +Felsen und zerbrach das Brustbein. Sein Gefährte trug ihn +bis zur böhmischen Grenze, und von da gelangte er auf Umwegen +nach Berlin zurück. Den Adepten Laskaris sah er +nicht wieder, und seine Klagen, wie er vergeblich Jugend +und Gesundheit zugesetzt habe, wurden stadtkundig in Berlin. +Der König ließ ihn vor sich kommen und hörte seine +Erzählung an. Sein Körper blieb siech von jenem Fall; nach +anderthalb Jahren starb er.</p> + +<p>Auf dem Sonnenstein wurde Böttiger sehr streng bewacht. +Im Januar 1704 kam der König August nach Sachsen +und lernte Böttiger persönlich kennen. Er bestand darauf, daß +der Bergrat Pabst zur Bereitung des großen Arkans bei +<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>Böttiger förmlich Unterricht nehme. Pabst, Tschirnhausen +und der Statthalter beschworen nun feierlich sechsunddreißig +Kontraktpunkte, die auch der König durch seinen schriftlichen +Eid unverbrüchlich zu halten versprach. Böttiger machte zur +Bedingung, daß von dem gewonnenen Golde »nichts zur +Üppigkeit sündhaften Aktionibus, boshafter Verschwendung, +unnötigen und unbilligen Kriegen verwendet werden dürfe; +auch dürfe, wer das Arkan besitze, nie einem Herrn dienen, +der öffentlichen und schändlichen Ehebruch treibe und unschuldiges +Blut vergieße«.</p> + +<p>Im September 1705 übergab Böttiger auf zwanzig Folioseiten +einen Prozeß zum Universal; kurz darauf machte er einen +Tingierversuch, welcher gelang, aber der Kämmerer Starke +sagte, es wären verschiedene Umstände passiert, die »zu einem +konzentrierten Betrug ziemlichen Soupson gegeben«. Wiederholt +bat nun Böttiger um seine Freiheit und machte den König +vor Christi Richterstuhl dafür verantwortlich. Der König +ließ ihn aber nicht los; vom Sonnenstein wurde er auf die +Albrechtsburg bei Meißen geschafft, dann kam er wieder auf +den Königstein und im Herbst 1707 nach Dresden zurück.</p> + +<p>Hier ließ er nun Materialien aller Art herbeischaffen und +verfuhr nach der berühmten mephistischen Tafel, das heißt, +er kochte alles durcheinander. Und so, ganz zufällig, erfand +er eines Tages, es war das sechste Jahr seiner Haft, das braune +Jaspisporzellan und später, als er schon etwas methodischer +zu Werke ging, das weiße Porzellan. Nach Tschirnhausens +Rat bildete er diese Erfindungen technisch aus, wobei er seiner +<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>enthusiastischen Natur gemäß so eifrig war, daß er mehrere +Nächte in kein Bett kam. In einem Schreiben an den König +gestand er endlich, daß er kein Adept sei.</p> + +<p>Der König begnügte sich jedoch mit dem Porzellan, das +ihm bei der damaligen Kostbarkeit des chinesischen Porzellans +beinahe so lieb wie eine Goldfabrik war. Die Manufaktur +wurde sofort im großen durch herbeigezogene holländische +Steinbagger betrieben. Das auf der Albrechtsburg zu Meißen +hergestellte Porzellan verdrängte bald das chinesische und japanische, +für das der König August noch Millionen ausgegeben +hatte, und wurde einer der begehrtesten Luxusartikel der +eleganten Welt. Eine Menge Dinge, die bisher aus Marmor, +Metall oder Holz gemacht waren, wurden jetzt aus +Porzellan fabriziert, sogar Särge; die Witwe eines Oberstallmeisters +wurde in einem Porzellansarg begraben, der aber +beim Hinuntersenken in die Gruft zerbrach. Wahrscheinlich +hatten neidische Tischler die Leichenträger bestochen. Die Hauptkunstwerke, +die man in Meißen herstellte, waren die kleinen, +aufs feinste und schönste bemalten Figuren, und wie der »zerbrochene +Spiegel«, »das Blumenmädchen«, »die fünf Sinne« +beweisen, brachte man es darin zu einer hohen Vollendung. +Der Vertrieb der Fabrik stieg bis über zweimalhunderttausend +Taler, und die Kosten betrugen nur die Hälfte; gegen achtzig +Kommissionslager und Handelshäuser führten das Verkaufsgeschäft.</p> + +<p>Des Fabrikgeheimnisses wegen mußte Böttiger noch eine +Zeitlang Gefangener bleiben, doch zeigte sich der König sehr +<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>gnädig gegen ihn, besuchte ihn häufig auf der Bastei und +schoß mit ihm nach der Scheibe. Er erhielt Zutritt zu den +Privataudienzen, sooft er wünschte, und wiederholt befahl +der König, ihn vor Ärgernis zu schützen. Er schenkte ihm +einen Ring mit seinem Bildnis, einen jungen Bären und ein +Paar Affen und gab ihm offenen Kredit bei dem Hofjuden +Meyer. Sechs Jahre nach der Erfindung wurde ihm die +Meißner Porzellanfabrik zur freien Disposition ohne alle +Rechnungslegung überlassen. Er lebte in Dresden auf großem +Fuß, hielt eine zahlreiche Dienerschaft und eine Menge Hunde. +Ausschweifungen in der Liebe und im Trunk verkürzten sein +Leben; er starb im März 1713, erst vierunddreißig Jahre alt.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a></p> +<h2><a name="Moritz_von_Sachsen" id="Moritz_von_Sachsen"></a>Moritz von Sachsen</h2> + + +<p class="newsection">Kurfürst Moritz war der Sohn Herzog Heinrichs des +Frommen und am 21. März 1521 geboren. Er war ein kräftiger +Mann, geschmeidigen Körperbaus; sein braunes Gesicht +verkündete den Helden. Seine Augen waren so glänzend, daß +sie funkelten und wie von Flammen sprühten; schaute er unversehens +jemand an, so mußte dieser den Blick niederschlagen. +Seltsam waren in seiner Erziehung die Elemente gemischt. +Sein Vater, den die Untertanen wegen seiner Gutmütigkeit +liebten, war bei aller Frömmigkeit ein Mann ganz eigenen +Schlages. Er hatte einen sonderbaren Geschmack am Bunten +und eine sonderbare Vorliebe für Kanonen. Er ließ anstößige +Bilder auf die Kanonen malen, und Lukas Cranach +mußte ihm dazu die Zeichnungen machen. Er kaufte alle +schönen Gemälde für seine Kanonen, die er nur auftreiben +konnte, und obgleich er das Geschütz nie brauchte, konnte man +ihm doch keine größere Freude bereiten, als wenn man ihm +sagte, Kaiser Karl habe von seinen Kanonen gesprochen. Vom +Hof seines Vaters kam Moritz an den des Kurfürsten von +Mainz und sah hier das üppig schwelgerische Treiben eines +<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>katholischen Kirchenfürsten. Und dann weilte er bei seinem +Vetter Johann Friedrich von Sachsen, wo er die traurige +Einförmigkeit eines protestantischen Hofes der damaligen +Zeit kennen lernte. Johann Friedrich hatte große Schwächen, +der kluge Moritz durchschaute sie, er faßte einen Widerwillen +gegen den Vetter, er konnte ihn nicht leiden, den dicken +Hoffart, wie er ihn zu nennen pflegte.</p> + +<p>Noch ehe er zwanzig Jahre alt war, vermählte er sich +mit Agnes, der Tochter Friedrichs des Großmütigen von +Hessen. Sein Vater war über die verfrühte Ehe so unglücklich, +daß der Kummer sein Leben verkürzte; er starb wenige +Monate nach der Hochzeit, und Moritz folgte ihm in der +Regierung. Trotz seiner Heiratsungeduld mußte aber seine +Frau später über ihn klagen, daß er die Wildschweinsjagd +ihrer Gesellschaft vorziehe.</p> + +<p>Moritz bekannte sich zur evangelischen Lehre wie sein +Vater, aber er trat nicht in den schmalkaldischen Bund, so +oft ihn auch sein Vetter, der Kurfürst, und sein Schwiegervater, +der Landgraf, darum mahnten. Er vermochte in der +neuen Lehre nicht die Summe alles Heils zu sehen. Er weigerte +sich, eine Verbindung gegen den Kaiser abzuschließen, +im Gegenteil, er näherte sich dem Kaiser, je mehr sich die +Bundesgenossen von ihm entfernten. Er wollte nicht der +Trabant <em class="gesperrt">dieser</em> Bundesgenossen sein, er fand seinen nächsten +und unmittelbaren Vorteil beim Kaiser. Deshalb ließ er +durch seinen Vertrauten Christoph Carlowitz mit Granvella +unterhandeln und kam dann im Mai 1546 persönlich zum +<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>Kaiser nach Regensburg; hier trat er in den Dienst des +Kaisers ein. Karl ernannte ihn nicht nur zum Exekutor, +Konservator und Schirmer von Magdeburg und Halberstadt, +nach deren Besitz Moritz schon lange getrachtet hatte, +sondern er versprach ihm auch die Kur Sachsen. Der Tag +von Mühlberg verschaffte ihm den Kurhut wirklich, und es +schien ihn nicht zu beirren, daß durch diese Schlacht sein +Vetter in das bitterste Unglück geriet. Luther hatte wohl +recht gehabt, als er einmal bei der Tafel den Kurfürsten davor +gewarnt hatte, in Moritz einen jungen Löwen aufzuziehen.</p> + +<p>Ende April 1547 rückten das kaiserliche Heer und die +Scharen Herzog Moritz’ gegen Mühlberg. Der Kaiser +Karl war ritterlich anzusehen, er saß auf einem andalusischen +Roß, das mit einer rotseidenen, goldbefransten Decke behangen +war; er war ganz in blanken Waffen, sein Helm und +Panzer vergoldet, mit dem roten burgundischen Feldzeichen +geschmückt; in der Rechten hielt er eine Lanze. Die Gicht +hatte ihn grau und müde gemacht, sein Gesicht war leichenblaß, +die Glieder wie gelähmt, die Stimme so schwach, daß +man sie kaum vernahm. Zu früh aber hatten die Protestanten +ihn wie einen Verstorbenen betrachtet. Karl zitterte jedesmal, +bevor er die Waffenrüstung anlegte, aber dann erfüllte ihn +plötzlich der Mut. So war es auch am Tag von Mühlberg.</p> + +<p>Die ersten, die das Ufer der Elbe erreichten, waren Moritz +und Herzog Alba. Ein Bauer verriet ihnen, daß Johann +<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>Friedrich in der Stadtkirche zu Mühlberg den Sonntagsgottesdienst +abwarte, daß er sein Fußvolk schon nach Wittenberg +vorausgeschickt habe und nach der Predigt mit den +Reitern folgen wolle. Die spanischen Hakenschützen erhielten +sofort den Befehl, hinüber zu schwimmen; sie taten es, indem +sie sich entkleideten und die Säbel zwischen die Zähne nahmen. +So bemächtigten sie sich der Brücke, die die Kurfürstlichen +vergebens anzuzünden versucht hatten, und die sie zerstörten. +Der Kaiser hatte schon über den dichten Nebel geklagt, +der über der ganzen Gegend lag, jetzt gegen Mittag +erhob sich der Nebel langsam. Er erblickte die Elbe, die Sonne +trat heraus, aber sie war rot wie glühendes Eisen und schien +den ganzen Tag über still zu stehen. Als später der König von +Frankreich den Herzog Alba fragte, ob sich denn wirklich bei +dieser Schlacht die Geschichte Josuas erneuert habe, erwiderte +dieser: »Sire, ich hatte zu viel auf Erden zu tun, +um bemerken zu können, was am Himmel vorging.« Gegen +alles Erwarten wurde dem Kaiser durch einen Müller namens +Strauch, dem die Kurfürstlichen zwei Pferde weggeführt +hatten, eine Furt gezeigt; Moritz, sein Landesherr, +versprach ihm dafür hundert Kronen, zwei andere Pferde +und einen Herrenhof. Die Furt war von festem Boden, +sieben Pferde konnten nebeneinander gehen, das Wasser +reichte den Reitern bis an die Sättel. Einige Kavaliere des +Kaisers hatten große Furcht, wenn der Kaiser selbst nicht +vorangeritten wäre, hätten sie nicht gewagt, sich einer solchen +Gefahr auszusetzen. Am jenseitigen Ufer angelangt, schickte +<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>Moritz einen seiner Offiziere mit einem Trompeter an den +Kurfürsten und ließ ihn auffordern, sich dem Kaiser zu ergeben. +Johann Friedrich schlug es ab. Er glaubte nicht an +den Ernst der Dinge. Er konnte nicht glauben, daß ein +ganzes Heer die Elbe durchwaten könne; er vermutete ganz +und gar nicht, daß der Kaiser selbst gegen ihn anziehe; er +zog sich vorsichtig zurück, und seinem bedächtigen Sinn wurde +die Situation erst klar, als die Angriffe der kaiserlichen +Armada immer ungestümer wurden. Jetzt empfand er mit +einemmal die große Verantwortlichkeit, daß er sich gegen +den ihm von Gott gesetzten Herrn, gegen das allerhöchste +Reichsoberhaupt vergangen habe. Auf freiem Felde fiel er +vor seinen Leuten auf die Knie, hob die Augen und Hände +empor und betete: »Ach Gott im Himmel! Bin ich mit +meinem Vornehmen gegen die Majestät ungerecht, so strafe +mich, aber nicht mein Volk.«</p> + +<p>Er stellte sein kleines Heer in Schlachtordnung auf und +bestieg einen schweren friesischen Hengst; er trug einen schwarzen +Harnisch mit weißen Streifen und darunter noch ein +Panzerhemd mit kleinen Ringen.</p> + +<p>Es war vier Uhr nachmittags. Der Vortrab der Kaiserlichen +rückte zur Hauptattacke zusammen; es waren die Reiter +von Herzog Moritz, die Neapolitaner und die Husaren. +Mit dem Ruf »Hispania« und »das Reich« brachen sie +los. Die Kurfürstlichen feuerten. Aber von der anderen +Seite her rückten die vollen Gewalthaufen des Kaisers an. +Die Haltung ihres Kriegsfürsten hatte der kleinen sächsischen +<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>Armee wenig Zuversicht und heldenmütiges Vertrauen eingeflößt. +Da nun die Gefahr sich deutlich offenbarte, rief +er sie an, getreu bei ihm zu stehen, wie er getreu bei ihnen +stehen werde. Trotzdem kam allgemeine Verwirrung über die +Leute. Aber es traf noch etwas weit schlimmeres ein. Der +Patrizier Imhof aus Nürnberg, der unter Karls Fahnen +diente, erzählt: »Es ist seltsam zu vernehmen, wie des Kurfürsten +Räte und große Hansen, so er bei sich gehabt, mit +ihm umgegangen sind. Wie die Schlacht angegangen, hat +der Kurfürst seinem Volke zugeschrien: ›er wolle auf diesen +Tag Leib und Blut bei ihnen lassen, sie sollten auch ehrlich +halten bei ihm.‹ Als nun das Treffen angegangen, haben +seine Räte und großen Hansen, auf die er sich verlassen, zur +Flucht geschrien, auch unter sein eigenes Volk gehauen und +gestochen und die Ordnung seiner Haufen getrennt. Das +habe ich zu Torgau von etlichen von Karl gehört, auch habe +ich an der Walstatt gesehen, daß alles durch Verräterei zugegangen.«</p> + +<p>Das Heer stob auseinander, die Ritter zuerst, und als das +Fußvolk die Ritter fliehen sah, warf es Gewehre und Piken +weg und suchte sein Heil gleichfalls in der Flucht. Die Ritter +entkamen, aber das Schicksal des Fußvolks war schrecklich; +obwohl es die Waffen weggeworfen hatte und um Pardon +bat, ward es samt und sonders niedergehauen. Karl, von +Gottes Gnaden römischer Kaiser, allzeit Mehrer des Reiches, +zu Hispanien König, hatte ausdrücklichen Befehl erteilt, alles +über die Klinge springen zu lassen. Damals lernte man im +<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>Herzen von Deutschland das Haus Hispanien-Habsburg mit +seinen Husaren kennen.</p> + +<p>Johann Friedrich, den seine Ritter verlassen hatten, sah +sich plötzlich ganz allein im Wald, wo alles voller Leichen +lag, von Husaren vorn und hinten umgeben. Der schwerbeleibte +Herr mußte sich zur Wehr setzen, er tat es ritterlich. +Ein Ungar hatte ihn in die linke Backe gehauen, das Blut +rann ihm über das Gesicht auf den schwarz und weißen Harnisch +herab. Dennoch wollte er sich diesen Husaren und auch +den neapolitanischen Reitern, die ihn umdrängten, nicht ergeben. +Endlich sprengte ein Herr vom Hofgesinde des Herzogs +Moritz heran, Thilo von Trotha; dieser rief ihn auf +deutsch an, Pardon zu nehmen. Johann Friedrich ergab sich +an diesen Deutschen; er zog einen Ring unter seinem Panzerhandschuh +hervor. Die Waffen des sächsischen Kurfürsten, +Schwert und Dolch, fielen den Ungarn zur Beute zu.</p> + +<p>Thilo von Trotha brachte den gefangenen Kurfürsten unter +einer Bedeckung von neapolitanischen Reitern zum Herzog +von Alba. Dieser erstattete dem Kaiser Meldung. Karl +wollte den edlen Fang sogleich sehen, aber dreimal weigerte +sich der sonst so pflichtbewußte Alba, denn aus politischen +Gründen fürchtete er mit Recht, daß Karl in der ersten Hitze +den Kurfürsten allzu ungnädig behandeln werde. Der Kaiser +bestand aber auf seinem Willen. Er hielt in der Heide zu +Pferd.</p> + +<p>Als der noch aus seinen Wunden blutende Johann Friedrich +des Kaisers ansichtig wurde, den er in seinen Absagebriefen +<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>als »Karl von Gent, der sich römischer Kaiser heißt« +betitelt hatte, seufzte er tief und rief aus: <em class="antiqua">»Miserere miserere +mei domine, nos sumus jam hic!«</em> Der Kaiser erkannte +den friesischen Hengst wieder; es war derselbe, den Johann +Friedrich vor drei Jahren auf dem Reichstag zu Speier geritten +hatte. Von Alba unterstützt stieg der Kurfürst vom +Pferd, wollte nach spanischer Sitte vor dem Kaiser aufs +Knie fallen und zog auch wieder nach deutscher Sitte seinen +Blechhandschuh aus, um als Kurfürst dem Kaiser die Hand +zu reichen. Karl lehnte sowohl die spanische Devotions- als +die deutsche Vertraulichkeitsbezeigung ab. Er war sehr finster; +er wendete sich zur Seite. Endlich brach der Kurfürst +das Stillschweigen mit der Titulatur, mit der ihm die Kurfürsten +schrieben. Er sprach: »Großmächtigster, allergnädigster +Kaiser.« Karl erwiderte: »Ja, ja, nun bin ich Euer +gnädiger Kaiser; Ihr habt mich lange nicht so geheißen.« +Der Kurfürst fuhr fort: »Ich bin auf diesen Tag Euer +Gefangener und bitte um ein fürstlich Gefängnis. Kaiserliche +Majestät wolle sich gegen mich als einen geborenen +Fürsten halten.« Darauf sagte der Kaiser zornig: »Ja, wie +Ihr verdient habt. Ich will mich so gegen Euch halten, wie +Ihr Euch gegen mich gehalten habt. Führt ihn hin! Wir +wissen uns wohl zu halten.«</p> + +<table class="illustration"> +<tr><td><a href="./images/moritz.png"><img src="./images/moritz_th.png" alt="Moritz von Sachsen" title="Moritz von Sachsen" /></a></td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Moritz von Sachsen,</em></td></tr> +<tr><td class="small">nach einem Holzschnitt aus der Werkstatt Cranachs.</td></tr> +</table> + +<p>Erst spät in der Nacht kam Herzog Moritz von der Verfolgung +der Ritter und Reiter zurück, bei der ihm heller +Mondschein geleuchtet hatte. Mehr als zwanzig Stunden +hatte er an diesem Tag zu Pferde gesessen, war mehr als einmal +<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>dem Tod entgangen, und nun fand er den Stammvetter +in Gefangenschaft. Die Kur Sachsen war auf seinem +Haupte fest.</p> + +<p>Karl zog nun vor Wittenberg und belagerte die Stadt. +Die Bürger wollten sich bis auf den letzten Mann wehren, +und Johann Friedrich weigerte sich, sie zur Übergabe aufzufordern. +Da ließ der Kaiser durch ein spanisches Kriegsgericht +das Todesurteil über ihn aussprechen, welches lautete, +»daß bemeldeter Hans Friedrich, der Ächter, ihm zur Bestrafung +und andern zum Exempel durch das Schwert vom +Leben zum natürlichen Gericht fürgebracht und solch Urteil +auf der im Feld aufgerichteten Walstatt vollzogen werden +solle.«</p> + +<p>Der Kurfürst, dem es im Glück so sehr an der nötigen +Energie gemangelt hatte, bewies im Unglück den ganzen +Heldenmut des Glaubens, der sein einfaches Gemüt durchdrang. +Er vernahm das Todesurteil, als er eben mit seinem +Leidensgenossen Franz von Grubenhagen beim Schachbrett +saß. Er erwiderte gelassen: »Ich kann nicht glauben, daß +der Kaiser also mit mir handeln werde, ist es aber bei der +kaiserlichen Majestät gänzlich beschlossen, so begehre ich, man +soll es mir fest zu wissen tun, damit ich bestellen kann, was +meine Frau und meine Kinder angeht.«</p> + +<p>Neun Tage lang ließ Karl seinen Gefangenen in der +Todesfurcht schweben. Dem Kurfürsten von Brandenburg +und dem Herzog von Cleve gelang es aber, das Unheil abzuwenden: +die Wittenberger kapitulierten. Johann Friedrich +<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>blieb Gefangener des Kaisers so lange als es diesem gefallen +würde; selbst nach Spanien sollte er ihn schicken dürfen. Zum +Unterhalt für ihn und sein Haus wurde ein Teil von Thüringen +mit einem Jahreseinkommen von fünfzigtausend Gulden +bestimmt. Es war ein Artikel in der Kapitulation, demzufolge +Johann Friedrich alles annehmen sollte, was das +Konzil zu Trident oder die kaiserliche Machtvollkommenheit +in Sachen der Religion beschließen werde; diesen Artikel anzunehmen +weigerte sich der Kurfürst beharrlich; Karl strich +ihn mit eigener Hand wieder aus.</p> + +<p>Auf einer großen Wiese bei Blesern übertrug der Kaiser +dem Herzog Moritz das Kurfürstentum, und Moritz legte +darauf sein Heer als Besatzung in die Stadt Wittenberg. +Das Volk nahm sie mit tiefem Herzeleid auf. Moritz ritt +zornig gerade aufs Schloß und sah keinem Menschen ins +Gesicht. Zu den Ratsmännern, die ihm die Aufwartung machten, +sagte er: »Ihr seid eurem Fürsten, meinem Vetter, so +getreu gewesen, das will ich euch ewig im guten gedenken.«</p> + +<p>Von Wittenberg aus zog der Kaiser gegen den Landgrafen +von Hessen. Der war schon längst kleinmütig geworden, und +als er das Schicksal Johann Friedrichs erfuhr, begann er +mit Karl zu unterhandeln. Der Kaiser forderte, daß er sich +auf Gnade und Ungnade ergeben, hundertfünfzigtausend Goldgulden +Buße zahlen, seine Festungen schleifen und seine Kanonen +ausliefern solle. Dagegen wurde ihm schriftlich versichert, +daß er Land und Leben behalten, auch mit »einigem« +Gefängnis verschont werden würde. Die beiden Vermittler, +<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>Joachim von Brandenburg und Moritz von Sachsen, verbürgten +sich in dieser Verschreibung mit ihrem Ehrenwort +gegen den Landgrafen. Im Vertrauen auf die Kurfürsten +nahm der Landgraf die Bedingungen an. Moritzens Gemahlin, +die Tochter des Landgrafen, tat vor dem Kaiser einen +Fußfall für ihren Vater. Der Kaiser war zu keiner andern +Erklärung zu vermögen, als daß der Landgraf sich auf Gnade +oder Ungnade zu ergeben habe. Nun kam der Landgraf nach +Halle; er speiste mit den beiden Kurfürsten zu Abend; am andern +Morgen nahmen die drei Herren ihr Frühstück bei Granvella, +und hier unterzeichneten sie das verhängnisvolle Schriftstück, +in welchem, ohne daß sie es merkten, der Ausdruck »einiges« +Gefängnis verändert war in »ewiges« Gefängnis. Am Nachmittag +fand die Abbitte vor dem Kaiser statt. Der Kaiser saß +auf dem Thron unter einem vergoldeten Himmel, umgeben +von seinen spanischen, italienischen, niederländischen und deutschen +Großen. Der Landgraf Philipp kniete in schwarzsamtenem +Kleid mit roter Binde kleinmütig und traurig auf dem +Teppich vor dem Throne, und hinter ihm las sein getreuer +Kanzler Tielemann von Günterode die Abbitte vor. Er las +mit kläglichen Gebärden und in kläglichem Ton; auf dem Gesicht +des Landgrafen zeigte sich ein Lächeln; es war vielleicht +die unbewußte Hilfe seiner leichten Natur gegen das Gefühl +der Schmach. Aber der gravitätische Kaiser hob langsam +den Finger auf und sagte in seiner brabantischen Mundart: +»Wart, ik wöll dir laken lehr.« Nachdem der Reichsvizekanzler +die Antwort des Kaisers verlesen, Günterode sich +<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>dann höflich bedankt hatte, erwartete der Landgraf des Kaisers +Wink, um sich zu erheben. Dieser Wink erfolgte nicht. Nun +stand der Landgraf von selber auf und wollte dem Kaiser die +Hand reichen. Die kaiserliche Majestät jedoch sah sauer und +hielt ihre Hand zurück. Dafür ergriff Alba die Hand des +Landgrafen und lud ihn und die andern Fürsten zum Nachtmahl +bei sich ein. Alba hatte sein Losament im Schloß. Als +die Tafel aufgehoben war, spielte der Landgraf Brett mit +einem der sächsischen Räte, es war zehn Uhr vorüber; da kündigte +ihm Alba auf einmal an, daß er sein Gefangener sei. +Zugleich traten hundert spanische Arkebusiere in den Saal. +Die beiden Kurfürsten, die sich für die Freiheit des Landgrafen +verbürgt hatten, waren außer sich; Joachim von Brandenburg +rief, das sei ein Bösewichtsstück, zog den Degen, um +Alba den Schädel zu zerspalten, Moritz aber zeigte sich tief +betroffen und blieb bei seinem Schwiegervater die ganze Nacht +hindurch. Er versicherte ihm, daß da ein Mißverständnis +vorliegen müsse, und er werde mit dem Kaiser sprechen. Dies +geschah. Der Kaiser sagte, daß sich ihm der Landgraf auf +Gnade und Ungnade ergeben habe; es sei weder Rede noch +Schrift davon gewesen, daß man ihn mit »einiger« Gefangenschaft +verschonen wolle, nur mit »ewiger« Gefangenschaft +habe man ihn verschonen wollen. Und so fand sich auch die +Fassung in der Notel, die die Kurfürsten am Morgen unterschrieben +hatten, ohne sie näher zu besehen.</p> + +<p>Diese spanische Arglist brachte eine große Wandlung in +dem Herzen Moritzens hervor. Er sah jetzt wohl, daß der +<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>Kaiser Karl darauf ausging, Deutschland spanisch zu machen, +aus dem von Schatzungen und fremdem Kriegsvolk erdrückten +Reich alles Wasser auf eine Mühle zu leiten, und da erwachte +in ihm der Deutsche. Ohne seinen kühn verborgenen +und kühn ausgeführten Widerstand wäre die spätere freie +Entwicklung Norddeutschlands unmöglich gewesen, und wenn +heute nicht ganz Deutschland ein österreichisches Gesicht zeigt, +so ist es vielleicht im letzten Grunde der Verwechslung jener +Wörtchen »einig« und »ewig« zu danken.</p> + +<p>Zunächst freilich mußte Moritz warten. Einerseits fürchtete +er, der Kaiser könne seine Drohung wahr machen und +den Landgrafen nach Spanien schicken. Anderseits mußte +er gewärtigen, daß der allerdurchlauchtigste, großmächtigste +und unüberwindlichste Kaiser, welchen Titel Karl jetzt mit +einer furchtbaren Realität führte, dem Kurfürsten Johann +Friedrich wieder die Freiheit schenke, wodurch im Lande selbst +Hader und Krieg ausbrechen mußte. Er war jetzt in der +Schlinge. Die Rache mußte aufgeschoben werden.</p> + +<p>Er suchte von nun ab sein Heil in der Verstellung. Gerade +weil er sich zumeist sehr offen und rücksichtslos auszusprechen +pflegte, konnte niemand auf die Vermutung kommen, daß +hinter dieser Derbheit eine Berechnung verborgen sei. Als auf +dem Reichstag zu Augsburg sich ein protestantischer Fürst an +den kaiserlichen Tisch setzen wollte, rief er: »Hier ist kein Platz +für Ketzer.« Selbst der undurchdringliche Kaiser Karl konnte +sich bisweilen verraten; er hatte sich in Regensburg durch ein +Lächeln verraten, als ihm die Protestanten ihre Schrift gegen +<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>das Tridentiner Konzil überreichten. Moritz verriet sich niemals. +Er pflegte zu sagen: »Wenn ich wüßte, daß mein eigenes +Hemd, das mir zunächst am Leibe liegt, meine Gedanken +kennte, ich würde es austun und verbrennen.« Kein Mensch +in Deutschland, keiner von seinen Freunden und Vertrauten +erfuhr etwas von dem, was er im Schilde führte. Er täuschte +den Kaiser, der ihn einmal getäuscht hatte, so sicher und vollkommen, +daß das Stück, das er vor dem spanischen Senjor +aufführte, ohne Zweifel das größte Meisterstück war, das +jemals ein Deutscher zustande gebracht hat.</p> + +<p>Seiner gewöhnlichen Lebensweise nach mußte man glauben, +daß nur das Vergnügen und die Lustbarkeiten Reiz für ihn +hätten. In seinem Hoflager beschäftigte ihn unausgesetzt die +Wildbahn im Dresdener Forst; er liebte Trinkgelage, Ritterspiele +und die Freuden der Fastnacht; ebenso suchte er an +fremden Höfen und auf Reichstagen das lustige Leben, und +er machte Kundschaft mit schönen Frauen. So schildert ihn +Sastrow während des Augsburger Reichstages: »Herzog +Moritz hatte seine Kurzweil in der Herberge eines Doktor +Haus. Der hatte eine erwachsene Tochter, eine schöne Metze, +hieß Jungfrau Jakobina, mit der badete er und spielte täglich +Pharao mit ihr und dem wilden Markgrafen Albrecht. +Sie lachte fein lieblich und freundlich zu der Fürsten Scherzen +und hielten also Haus, daß der Teufel sich drüber freuen +mochte und viel Sagens in der ganzen Stadt davon war.« +Die Befreiung seines Schwiegervaters schien ihm nicht besonders +am Herzen zu liegen. Der Landgraf, der öfter geäußert +<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>hatte, Gefängnis fürchte er weit mehr als den Tod, +wurde in Donauwörth, wohin er gebracht worden war, sehr +hart behandelt. Seine spanische Wache lärmte Tag und Nacht +in seinem Quartier; er beklagte sich bitter, daß sie ihn auch +bei Nacht visitierten, ob er nicht durch einen Ritz oder durch +ein Mäuseloch entwischt sei. Einmal schrieb er an Moritz: +»Wenn Euer Liebden so fleißig wären in meinen Sachen +als im Bankettieren, Gastladen und Spielen, wäre meine +Sach lang besser.«</p> + +<p>Kein Wunder, daß der Kaiser glaubte, der vermöge am +meisten bei Moritz, der ihm bei seinen Vergnügen Vorschub +leiste. Aber der bedächtige und weitschauende Karl +durchschaute den bedächtigeren und viel weiter schauenden, +scheinbar so uninteressierten und doch so interessanten Moritz +mit nichten. Auch die Venezianer, die größten Diplomaten +der damaligen Zeit, durchschauten ihn nicht. Der Gesandte +Mocenigo sagt von ihm: »Moritz hat viel Mut, aber, wie +man glaubt, nicht viel Urteil, und dazu ist er ein sehr leichter +Herr. Von ihm hat Karl wenig zu fürchten.«</p> + +<p>Und doch wurde Moritz der Verderber des Kaisers. Als +er alles zu seinem großen Plan vorbereitet hatte, stürzte er wie +ein Sturmwind über Karl her und vernichtete ihn im Wetter. +Lange zuvor, ehe der Schlag ausgeführt wurde, hatte +er sich mit dem nötigen Geld zu versehen gewußt. Bereits +im Jahre 1547 hatte er die Kleinodien des Meißner Domkapitels +einliefern lassen. Es waren darunter ausbündige +Stücke: das silberne Bild des Bischofs Bruno, mit Edelsteinen +<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>geschmückt, in der einen Hand den Bischofsstab, in +der andern ein Buch haltend, dreiundsiebzig Mark schwer; +Donatis silbernes Bild, zweiundfünfzig Mark schwer; +Briccii Haupt mit goldener Inful; dazu einhundertvierzig +Kelche, alles zusammen im Wert von hundertfünfzigtausend +Gulden. Wo diese Schätze hingekommen, wußte später niemand +zu sagen, höchstwahrscheinlich hatte Moritz sie heimlich +einschmelzen lassen. Außerdem hatte er nach und nach +bedeutende Summen aufgenommen; nach seinem Tode hatte +sein Bruder eine Schuldenlast von über zwei Millionen +Gulden zu tilgen.</p> + +<p>Im Sommer des Jahres 1550 finden sich die Spuren +der ersten Annäherung an Frankreich, mit dessen Hilfe Moritz +den Kaiser zu demütigen dachte. Im November darauf +unternahm er, von Karl hierzu bestimmt, die Belagerung +von Magdeburg. Im Frühjahr des nächsten Jahres hatte +er Zusammenkünfte mit dem Bruder des Kurfürsten von +Brandenburg und seinem Schwager Wilhelm von Hessen +und mit dem Herzog von Mecklenburg. Einige Monate +später verhandelte er mit Jean de Bresse, Bischof von +Bayonne, und das Bündnis mit Frankreich kam zustande. +Es ward als eine merkwürdige Vorbedeutung angesehen, daß +ein Blitzstrahl durch das Zimmer fuhr, in welchem der Vertrag +abgeschlossen wurde. Im Januar 1552 beschwor der +König von Frankreich die Allianz mit Moritz und den Kurfürsten. +In deren Namen beschwor den Eid der Markgraf +Albrecht von Brandenburg-Kulmbach, der mit Schärtlin +<a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>nach Chambord gegangen war. Der französische König erhielt +die Aussicht auf die deutsche Kaiserkrone und unterdessen +die drei Bistümer Metz, Toul und Verdun.</p> + +<p>Moritz entließ die vor Magdeburg versammelte Armee +nicht, er vermehrte sie im Gegenteil bis auf fünfundzwanzigtausend +Mann. Er nahm Offiziere in Dienst, die im schmalkaldischen +Krieg gegen den Kaiser gedient hatten. Er war so +schlau, die Stärke seines anwachsenden Heeres dadurch zu +verbergen, daß er es verteilte und die Quartiere in den Dörfern +oftmals wechseln ließ. Wohl hatte der Kaiser seine +Spione im Lager. Moritz aber hinterging alle. Der Kaiser +besoldete zwei geheime Sekretäre am sächsischen Hof; Moritz +wußte es, verstellte sich, zog sie zu allen Beratungen, rühmte +immer seine Treue gegen den Kaiser, und so meldeten die bestochenen +Leute lauter falsche Dinge.</p> + +<p>Die Venezianer faßten Argwohn, und dieser Argwohn +verstärkte sich. Karl erhielt Warnungsbriefe nach Innsbruck, +und sein Bruder Ferdinand riet ihm, den Landgrafen freizulassen. +Der Kaiser antwortete: »Es wäre seltsam, wenn Herzog +Moritz alles vergessen sollte, was ich für ihn getan, +wenngleich die rücksichtslose Verwendung von so vielen Rebellen +in seinem Dienst mich auf einigen Verdacht bringt.« +Die drei geistlichen Kurfürsten wollten, erschreckt durch die +Gerüchte, das Konzil zu Trident plötzlich verlassen. Beruhigend +schrieb ihnen der Kaiser: »Moritz hat mir solche +Zusicherungen gemacht, daß ich mir nur Gutes von ihm verspreche, +wenn es noch Glauben gibt im menschlichen Leben.« +<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>Seine ausgesprochene Überzeugung war: »Die tollen und +vollen Deutschen besitzen kein Geschick zu derartigen Ränken.«</p> + +<p>Im März 1552 verließ Moritz Dresden und ging nach +Thüringen. Bei Erfurt und Mühlhausen stand seine Armee. +Er zog mit großer Eile nach Augsburg, wo er am +1. April ankam und sich damit, nach seinem eigenen Ausdruck, +»vor die Spelunke des Fuchses in Innsbruck setzte.« +Er hatte sich unterdessen mit dem Heer seines Schwagers +vereinigt.</p> + +<p>Der Kaiser ließ sich trotzig vernehmen, daß er den Leib +des Landgrafen in zwei Teile zerlegen und jeder der Parteien, +die ihn zwingen wollten, einen Teil entgegenschicken werde. +In Wirklichkeit war die Lage Karls verzweifelt. Er hatte +weder Truppen noch Geld. Sein Bruder hatte ihm geschrieben, +er brauche seine ganze Macht in Ungarn. Die geistlichen +Kurfürsten und der Herzog von Bayern wichen seiner Forderung +um Hilfe aus. Die Wechselhäuser in Italien und +in den Niederlanden, sowie die Fugger in Augsburg wollten +keine Darlehen mehr geben. Karl hatte allen Kredit verloren, +denn er verfolgte die übelste Politik, die man gegen Handels- +und Geldleute treiben kann, nämlich die der Unehrlichkeit. +So erblickte er zum Beispiel die größte Sicherheit für die +Treue der Genuesen darin, daß er beschloß, ihnen die Kapitalien, +die er ihnen schuldig war, nie wieder zu bezahlen; +denn, so sagte er sich, sie würden sich hüten, mit einem Fürsten +zu brechen, der ihnen so viel Geld schuldig war.</p> + +<p>Der Kaiser wollte von Innsbruck aus nach London entfliehen, +<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>aber der zweimal unternommene Versuch mißglückte. +In einer Aprilnacht begab er sich im tiefsten Geheimnis auf +den Weg, so schwach und von Gichtschmerzen geplagt er +auch war. In seiner Begleitung befanden sich nur zwei +Kammerherren, zwei Diener und sein getreuer Barbier Van +der Fé. Sie ritten durch Wald und Gebirge und erreichten +in der Frühe das Dorf Nassereit. Hier blieb der Kaiser bis +Nachmittag, und dann ritten sie bis Paschelbach, eine Stunde +von der Ehrenberger Klause. Van der Fé ward aufs Schloß +geschickt, um den Befehlshaber um Kundschaft zu erfragen. +Dieser berichtete, Moritz sei schon von Augsburg aufgebrochen +und habe Füssen besetzt, der Weg über Kempten sei unsicher +durch des Herzogs Reiter. Da entschloß sich Karl, +wieder nach Innsbruck zurückzukehren. In demselben tiefen +Geheimnis langte er an, kein Mensch erfuhr etwas von der +Reise.</p> + +<p>Beim zweitenmal verkleidete er sich als altes Weib. Der +Plan war, in einem bedeckten Packwagen über Ehrwald und +Hohenschwangau zu entkommen. Der alte Kammerdiener +Karls mußte sich in dessen Bett legen, und in der Küche +wurde gekocht, als ob der Kaiser noch im Schlosse wäre. +Zwei kurze Tagereisen wurden zurückgelegt, der neugebahnte +Fernpaß überstiegen, und im Dorfe Lermos stieg Karl aus, +um eine Mahlzeit zu nehmen. Ein Mädchen, das einmal +sein Bildnis gesehen, rief bei seinem Anblick: »Ei, wie sieht +die alte Frau dem Kaiser so gleich.« Da erschrak Karl und +kehrte abermals um.</p> + +<p><a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>Inzwischen war es dem König Ferdinand gelungen, +Moritz zu einem Waffenstillstand zu überreden, damit man +zu Passau eine Versammlung einberufen könne, die zu beraten +habe, wie die Gebrechen der deutschen Nation abzustellen +seien. Diesen Stillstand benutzte Karl, und es gelang +ihm, einiges Geld und Truppen zu sammeln. Das Heer stand +bei Reitti, unfern der Ehrenberger Klause. Moritz zog zu +Felde, schlug die Kaiserlichen und eroberte die Festung. Nun +lag der Weg zum Kaiser offen. Die verbündeten Fürsten +entschlossen sich, den Fuchs in seiner Spelunke zu suchen – +da trat eine unerwartete Hilfe für den Kaiser ein: Moritz +mußte erst einen Aufstand unterdrücken, der unter einem Teil +des Fußvolks ausgebrochen war; die Leute forderten für den +Sturm auf das Ehrenberger Schloß die doppelte Löhnung. +Die Sache stand so schlimm, daß Moritz in Lebensgefahr +war; er mußte fliehen und sich verbergen. So erhielt der +Kaiser Zeit, Innsbruck zu verlassen. Der Herr zweier Welten +mußte in einer kalten Frühlingsnacht, bei strömendem +Regen und von heftigen Schmerzen geplagt, in einer Sänfte +fliehen; fliehen beim Schein brennender Windlichter, mit +denen die Diener die Engpässe der Tiroleralpen erhellten. +Alle Brücken wurden hinter ihm abgebrochen. Dem Kaiser +folgte der Kurfürst Johann Friedrich mit seinem alten Freund, +dem Maler Lukas Cranach. Zum erstenmal seit fünf Jahren +sah der Kurfürst sich nicht mehr von seiner spanischen Garde +umgeben; er stimmte auf seinem Wagen ein Lob- und Danklied +an.</p> + +<p><a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>Der Kaiser wandte sich nach Villach in Kärnten und blieb +dort bis in die Mitte des Sommers. Moritz zog am vierten +Tage nach Karls Flucht in Innsbruck ein. Alles was den +Spaniern, dem Kaiser und dem Kardinalbischof von Augsburg +gehörte, überließ er seinen Landsknechten als gute Beute; +sie stolzierten in den prächtigsten Gewändern herum, auf +ihren Hüten glänzten portugiesische Goldstücke, und einer +nannte den andern »Don«. Moritz’ Verbündeter, der König +Heinrich von Frankreich, zog ins Elsaß und erließ Manifeste, +in denen viel von deutscher Freiheit zu lesen war; auf +einem sah man sogar einen Freiheitshut mit zwei Dolchen +und das Wort »Libertas« an der Spitze. Vor allem nahm +der Befreier Deutschlands Metz, Toul und Verdun weg.</p> + +<p>Moritz machte sich nun auf den Weg nach Passau, wo +er mit dem König Ferdinand, dem Herzog von Bayern und +den Bischöfen von Passau, Salzburg und Eichstädt den welthistorischen +Vertrag abschloß, der den Protestanten ihre Religionsfreiheit +wieder sicherte. Nachdem der Friede abgeschlossen +war, führte er sein Heer dem König Ferdinand zu Hilfe gegen +die Türken, der Kaiser wandte sich gegen die Franzosen nach +Westen, und die gefangenen Herren von Hessen und Sachsen +kehrten in ihre Länder zurück. Karl entließ Johann Friedrich +nicht ohne Zeichen der Achtung, sogar der Rührung. Alle +protestantischen Städte, durch die er auf seinem Weg kam, +empfingen ihn wie einen Heiligen und Märtyrer. In Koburg +traf er seine Gemahlin; sie hatte in den fünf Jahren +ihre Trauerkleider nicht abgelegt und fiel in Ohnmacht, als +<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>sie ihn wiedersah. Die Ratsherren in Amtstracht und schwarzen +Mänteln gingen ihm entgegen, die Bürger in ihren Rüstungen +und Feiertagsgewändern bildeten Spalier, auf den Märkten +standen die Geistlichen und die jungen Männer auf der einen +Seite, die eisgrauen Leute und die jungen Mädchen mit dem +Rautenkranz im fliegenden Haar auf der anderen, und die +Knaben sangen das Tedeum. Der Fürst schritt mit entblößtem +Haupt hindurch, seine Rückkehr ihrem Gebet zuschreibend, +und hinter ihm ging sein lieber Lukas Cranach.</p> + +<p>Auch der Landgraf von Hessen kehrte aus den Niederlanden +nach Kassel zurück. Er hatte Moritzens Vorhaben gegen den +Kaiser durchaus nicht glauben wollen und geäußert: »Wie +will ein Sperling den Geier angreifen?« Das Wunderliche +geschah jetzt, daß man Moritz von allen Seiten zu mißtrauen +anfing. Da er so viele getäuscht, wenn auch zum guten Zweck +getäuscht, verdächtigte man sein Wesen ganz und gar. Wilhelm +von Hessen nannte ihn in einem Wortwechsel einen Verräter. +Als er nach den Passauer Tagen die Stadt Frankfurt +am Main auffordern ließ, sich zu ergeben, wurde ihm +geantwortet, er möge erst fromm werden und die Judasfarbe +ablegen.</p> + +<p>Als er aus dem Türkenkrieg zurückgekehrt war, hielt er +zur Fastnacht in Dresden großes Rennen und Stechen, und +dann mußte er in den Krieg gegen seinen ehemaligen Freund +und Bundesgenossen, den wilden Markgrafen Albrecht. Dieser +hatte die Friedenspakte nicht geachtet; es gefiel ihm, das alte +Faustrecht noch ferner in Deutschland zu üben, und er war +<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>ein gefürchteter Mann, der seinen eigenen Weg ging. Er +behauptete, der Passauer Vertrag tauge nichts, die Pfaffen +müßten gedemütigt werden. Nebenbei suchte er auch die Pfeffersäcke +zu rupfen, wie er die Kaufherren der Städte nannte. +Er umgab sich mit ein paar Tausend Eisenfressern und zog +im Namen des Evangeliums verheerend durch die fränkischen +und sächsischen Lande.</p> + +<p>Bei Sievershausen in der Lüneburgerheide traf Moritz +seine plündernden Scharen. Es gab ein kurzes Gefecht; hoch +zu Roß, die rote Feldbinde mit dem weißen Streifen um die +Brust, kämpfte Moritz ritterlich. Eine silberne Kugel traf +ihn von hinten, zerriß seinen Panzer und drang durch seinen +ganzen Körper. Wilhelm von Grumbach, der fränkische +Ritter, soll sein Mörder gewesen sein. In einem Zelte, das +man neben einem Zaun aufgeschlagen hatte, empfing er die +erbeuteten Fahnen und die Papiere des Markgrafen, die er +eifrig durchspähte. Er diktierte sein Testament, und nach zwei +Tagen starb er, zweiunddreißig Jahre alt. Sein letztes Wort +war: »Gott wird kommen,« das übrige verstand man nicht.</p> + +<p>Kaiser Karl V. liebte Moritz so sehr, daß er, als man ihm +zu Brüssel die Todesnachricht mitteilte, in die Worte ausbrach: +»O, Absalom, mein Sohn, mein Sohn!«</p> + +<p>Der wilde Markgraf wurde in die Acht getan, scheinbar gegen +den Willen des Kaisers. »Es ist alles dahin gerichtet, Deutschland +eine Kappe zu schneiden,« schrieb der Herzog von Braunschweig, +der bei Sievershausen seine zwei ältesten Söhne verloren +hatte, an Philipp von Hessen, »der Kaiser will die +<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>Fürsten nur gegeneinander hetzen. Er hat zwar Albrecht als +seiner Hetzhunde einen gebraucht, würde es aber gern sehen, +wenn ihm ein Rad übers Bein ginge.«</p> + +<p>Albrecht flüchtete nach Frankreich, kehrte später nach +Deutschland zurück und starb elend in Pforzheim, erst fünfunddreißig +Jahre alt.</p> + +<p>So endete die Reformation, die als eine Angelegenheit des +Volkes begonnen hatte, als ein Zusammenbruch der Fürsten.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a></p> +<h2><a name="Wallenstein" id="Wallenstein"></a>Wallenstein</h2> + + +<p class="newsection">Albrecht Wenzel Eusebius Baron von Waldstein oder +Wallenstein entstammte einem alten böhmischen Geschlecht, +dessen Name schon im zwölften Jahrhundert zu finden ist. +Er war am 15. September 1583 geboren und kam zwei +Monate zu früh auf die Welt. Seine Eltern waren Protestanten, +und beide verlor er bald, den Vater, als er zehn, +die Mutter, als er zwölf Jahre alt war. Sein Oheim, +Albrecht Slavata, ließ ihn in der Schule der böhmischen +Brüdergemeinde unterrichten, aber ein zweiter Oheim, Johann +von Ricam, nahm ihn von dort weg und brachte ihn +in das adelige Jesuitenkonvikt nach Olmütz, wo ihn Pater +Pachta der katholischen Kirche zuführte.</p> + +<p>Die im Volk verbreiteten Sagen über den hochfahrenden +und trotzigen Sinn Wallensteins beschäftigten sich auch mit +seiner Kindheit. So hieß es, es habe ihm einst auf der Schule +zu Goldberg geträumt, daß Lehrer und Schüler, ja selbst die +Bäume des Waldes sich vor ihm verneigt hätten, und als +er diesen Traum erzählte, sei er lebhaft verspottet worden.</p> + +<p>Von Olmütz aus ging er auf Reisen; er machte mit einem +<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>reichen jungen Edelmann aus Mähren die europäische Kavaliertur +nach Holland, England, Frankreich und Italien. +Ihr gelehrter Begleiter war der Mathematiker und Astrolog +Verdungs, ein Franke; durch ihn und den Professor +Argoli in Padua wurde Wallenstein in die geheimen Wissenschaften +der Sterne und in die Kabbala eingeweiht. Nach +seiner Rückkehr diente er dem Kaiser Rudolf gegen die Türken +und dem König Ferdinand unter Dampierre gegen die Venezianer. +In diesem Feldzug konnte er schon ein Dragonerregiment +auf eigene Kosten stellen, denn er war durch die +Heirat mit einer begüterten alten Witwe zu Vermögen gekommen. +Lukrezia von Landeck hieß die Frau; um seine +Neigung zu gewinnen hatte sie ihm einen Liebestrank eingegeben, +der ihm fast den Tod gebracht hätte. Sie lebte nur +wenige Monate an seiner Seite.</p> + +<p>Nach der Kampagne gegen Venedig erhob ihn der Kaiser +Mathias in den Freiherrenstand und ernannte ihn zum Obrist, +Hofkriegsrat und Kämmerer. Beim Ausbruch der böhmischen +Unruhen waren seine Fähigkeiten schon anerkannt; die +Böhmen wollten ihn zu ihrem General machen. Er blieb +aber dem Kaiser treu und flüchtete von Olmütz aus mit der +Kriegskasse nach Wien. Im Jahre der Prager Schlacht +erhielt er die Reichsgrafenwürde, und nach dem Nikolsburger +Frieden schenkte ihm der Kaiser die an Schlesien und an die +Lausitz grenzende Herrschaft Friedland, die aus neun Städten +und siebenundfünfzig Dörfern und Schlössern bestand; seitdem +hieß man ihn nur den »Friedländer«. Auch wurde er +<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>Fürst des Reiches. Sein Vermögen entsprach der fürstlichen +Würde; er war allmählich durch den Ankauf konfiszierter +Güter, die um einen Spottpreis zu haben waren, der reichste +Grundherr Böhmens geworden. Er betrieb den Güterschacher +im allergrößten Stil, denn er verkaufte auch wieder. Um +dieses Freiwerden adeliger Besitztümer verständlich zu machen +ist es notwendig, auf die Ursache hinzuweisen.</p> + + +<p class="tb">Als Ferdinand im Jahre 1619 seinem Vetter Mathias +folgte, war er bereits einundvierzig Jahre alt, ein kleiner, +korpulenter Herr von gesunder Leibesbeschaffenheit und gemäßigter +Lebensführung. Der beherrschende Zug seines Wesens +war die Frömmigkeit. Khevenhüller schildert ihn, wie +er einmal während einer Jagd den Trägern des heiligen Sakraments +begegnete, umkehrte und barhäuptig bis an das Lager +des Sterbenden folgte. Was Philipp II. für Spanien gewesen, +wollte er für Deutschland sein. »Besser eine Wüste, +als ein Land voll Ketzer,« war sein Wahlspruch. Die Priester +waren für ihn die Stimme Gottes, und jeden einzelnen verehrte +er als überirdische Erscheinung. »Tritt mir ein Priester +und ein Engel zugleich in den Weg,« so soll er sich einst geäußert +haben, »so werde ich dem Priester zuerst meine Ehrfurcht +erweisen.« Dies galt freilich nur für die spanisch-aristokratischen +Geistlichen, die sich zu dem System der unbedingten +Ketzerausrottung bekannten. Er hörte alle Tage zwei Messen +in der kaiserlichen Kapelle, am Sonntag außerdem die Messe +in der Kirche, eine deutsche und eine italienische Predigt und +<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>nachmittags die Vesper; während der Adventszeit versäumte +er keine Frühmette, und an allen Prozessionen nahm er zu +Fuße teil. Seine Gewissensräte, die Jesuiten Lamormain +und Weingärtner, hatten sein ganzes Herz in der Hand und +lenkten es, wie der Orden wollte. Er war stark durch seinen +Starrsinn. Alles Unglück ertrug er mit der Geduld des +Hasses, den er gegen die Ketzer empfand; all das selbstverschuldete, +durch Mangel an Treu und Glauben herbeigeführte +Unglück erschien ihm als eine vorübergehende Prüfung Gottes. +Er war der unversöhnliche Feind der Protestanten in Deutschland +und Böhmen; die Rache, die er an ihnen üben wollte, +war der Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefühle.</p> + +<p>Nach des Kaisers Mathias Tode zog das böhmische Protestantenheer +gegen Wien. Ferdinand befand sich in der Hofburg. +Er war ohne Soldaten und ohne Geld. Er schien +verloren. Seine Räte drängten ihn, nach Tirol zu fliehen, +selbst die Jesuiten stimmten für Nachgiebigkeit. Ferdinand +weigerte sich. Die Lage war furchtbar; Geschosse flogen in +die kaiserlichen Fenster, Ferdinand mußte sein Wohnzimmer +verlassen. Er betete gegen seinen Feind. Seine Bedrängnis +nutzend, erschienen sechzehn protestantische Herren der österreichischen +Stände vor ihm und forderten, er solle seine Einwilligung +zu der Union mit den Böhmen geben. Ferdinand +weigerte sich, die Schrift zu unterzeichnen. Da faßte Andreas +Thonradtel den Kaiser bei den Wamsknöpfen und rief +ihm zu: »Nandl, gib dich, du mußt unterschreiben.« In +diesem Augenblick schmetterten Trompeten im Burghof; es +<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>waren die Dampierreschen Kürassiere, die durch das Wassertor +in die Stadt gedrungen waren. Sie retteten den Kaiser. +Furcht und böses Gewissen trieben die Herren von der protestantischen +Adelskirche aus Wien. Der böhmische General +hatte die Gelegenheit versäumt, und Ferdinand entschloß sich +rasch und kühn, nach Frankfurt zu reisen und sich dort zum +Kaiser krönen zu lassen. Aber gerade in dieser Zeit sprachen +ihm die Böhmen in Prag die königliche Würde ab. Sie +entsetzten ihn als einen Erbfeind der Gewissensfreiheit, als +einen Sklaven Spaniens und der Jesuiten, und sie wählten +an seiner Statt den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum +König, ein unglücklicher Schritt, der die Erbitterung aller +drei Religionsparteien auf die Spitze trieb, denn Friedrich +war Kalvinist, und nach Luthers Wort waren die Kalvinisten +siebenmal ärger als die Päpstlichen.</p> + +<p>Friedrich war ein schöner, stattlicher und galanter Mensch +von dreiundzwanzig Jahren. Als er zu Amberg die Nachricht +erhielt, daß er König geworden sei, war er betroffen und +konnte keinen Beschluß fassen. Erst auf das dritte Schreiben +der Böhmen reiste er nach Prag und war nun guten Mutes. +Er verließ sich auf seinen mächtigen Schwiegervater, den +König von England, er verließ sich auf die Hilfe der deutschen +Städte, der Hugenotten in Frankreich und der Graubündtner, +die ihm versprachen, den spanischen Armeen die Pässe zu +sperren, und am meisten verließ er sich auf seine Jugend.</p> + +<p>Doch war er von Anfang an ein verlorener Mann. Wohl +stand er an der Spitze einer evangelischen Union, viel mächtiger +<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>aber war die Vereinigung der katholischen Fürsten, +welchen aus Haß gegen die Kalvinisten auch der protestantische +Kurfürst Johann von Sachsen sich gesellte, und als nun +gar der König von Frankreich Gesandte an die Fürsten der +Union schickte, um sie von Friedrich abzubringen, machten +diese ihren Frieden mit der katholischen Liga, und von allen +verlassen, sah Friedrich von allen Seiten her die Feinde gegen +sich losstürmen. Er hatte es nicht verstanden, die böhmischen +Herren zu gewinnen; er hatte es nicht verstanden, sich bei diesen +Aristokraten in Respekt zu setzen, die einen König nur zum +Schein haben wollten, und daß er ihnen ihre krummen Sachen +gerade biege. Sie hatten nur ihre Feudalrechte, Freiheiten +und Privilegien im Sinn, nannten den Kaiser einen blinden +Hund, den Herzog Max die bayrische Sau und den Kurfürsten +von Sachsen den meineidigen, trunkenen Klotz, und +als Friedrich sie einmal um sieben Uhr früh zu einer Ratsversammlung +bescheiden ließ, wurde ihm erklärt, zu solcher +Tageszeit könnten sie nicht kommen, der Mensch müsse nach +der Arbeit seine Ruhe haben.</p> + +<p>In der Stadt herrschte die größte Unsicherheit. Jeden +Tag wurden ein paar Menschen ermordet. Ehebruch und +Hurerei wurden zur Plage. Die Ernstgesinnten fanden sich +durch Friedrichs Vorliebe für französische Sprache, französische +Sitten und Moden beleidigt. Man verspottete ihn, +wenn er im rotsamtenen Pelz, mit weißem Hut und gelben +Federn abends im Schlitten durch die Stadt fuhr. Aber am +meisten verdarb er seine Sache dadurch, daß er die Bilderstürmerei +<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>zuließ. Allenthalben wurden die Altäre zerstört, die +Kruzifixe zerschlagen, die Gräber der Schutzpatrone aufgerissen +und beraubt, die Geräte weggeführt, die schönen Stoffe verbrannt +und das geschnitzte Holzwerk zerhackt. Als das große +steinerne Kruzifix auf der Moldaubrücke fallen sollte, entstand +ein Aufruhr, und man mußte der Wache befehlen, jeden in +den Fluß zu werfen, der die Statue anzutasten wage.</p> + +<p>So standen die Dinge, als Max und Tilly heranzogen, +die glühenden Katholiken, die vor Eifer brannten, die böhmische +Hauptstadt den Klauen des Ketzers zu entreißen. Die Jahreszeit +war vorgerückt, es fing an rauh und kalt zu werden. Der +General Boucquoy war gegen rasche Maßregeln, aber Tilly +rief jederzeit im Kriegsrat, wo er vor Ingrimm und Ungeduld +stets etwas zu zerknittern oder zu zerreißen pflegte: »Prag, +Prag.« Im Frühnebel des 8. November stand die ligistische +Armee endlich vor Prag. Der Morgen war bitterkalt, der +Boden festgefroren. Abermals wollte Boucquoy den entscheidenden +Schlag nicht wagen. Da trat ein spanischer Karmelitermönch +auf, riß ein von den Böhmen verstümmeltes +Marienbild aus der Kutte und hielt es hoch empor. Herzog +Max rief überlaut: »Heilige Maria!« und »heilige Maria« +wurde das Feldgeschrei des Tages. Es war Mittag, und +die Sonne trat aus den Nebeln. Das Vorrücken zur Schlacht +geschah in Massenvierecken des Fußvolks, die Reiterei zog auf +beiden Flügeln mit. Die böhmischen Kanonen schossen in die +Vierecke, und die ungarischen Reiter machten einen Angriff. +Boucquoy und Herzog Max, die sich im Rücken der Armee +<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>befanden, hielten die Fliehenden mit dem Degen in der Faust +auf. Nun führte der Reiteroberst Pappenheim seine Kürassiere +gegen die Ungarn. Ein junger polnischer Lancier erstach +das Pferd des den Böhmen verbündeten Herzogs von Anhalt. +Er stürzte und wurde gefangen. Dieser Zufall war entscheidend. +Die Ungarn ergriffen die Flucht, ihre Flucht verwirrte +die ganze böhmische Schlachtordnung, und die Neapolitaner +erstürmten die Schanzen und nahmen die Batterien. Die +Schlacht war nach einer Stunde zu Ende. Eine einzige +Stunde hatte das Schicksal Böhmens, ja das Schicksal +Deutschlands für Jahrhunderte entschieden.</p> + +<p>Im königlichen Tiergarten hatte Pappenheim gegen eine +auserwählte Schar von jungen Adeligen gekämpft. Mit +zahllosen Hieb- und Stichwunden bedeckt, fiel er und lag die +ganze kalte Novembernacht hindurch ohne Bewußtsein unter +Leichen und Pferden. Am andern Morgen kam ein Kroat +über ihn. Er biß ihn in den Finger, weil der schöne Ring, +den er trug, sich nicht anders wollte abziehen lassen. Das +herzhafte Zubeißen des wilden Mannes brachte Pappenheim +wieder ins Leben. Er blickte den Kroaten finster an und +fragte: »Kerl, was willst du?« Der Kroat erwiderte: »Du +hast gute Kleider an, du mußt sterben.« Obgleich halbtot, +versetzte ihm Pappenheim eine gewaltige Ohrfeige, versprach +aber dann, ihn gut zu belohnen, wenn er ihn zu einem Wundarzt +führe. Der Kroat willfahrte.</p> + +<p>Am Morgen nach der Schreckensnacht stieg Friedrich, +der Winterkönig, in den Reisewagen, ließ alles im Stich, +<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>Krone, Kleinodien, Archiv und geheime Kanzlei, und fuhr +über Breslau und Berlin nach Holland.</p> + +<p>Die Rache des Kaisers war glänzend. Er wartete; er +wartete sieben Monate lang. Er wollte die böhmischen Landherren +sorglos machen und die Vögel sicher ins Garn locken. +Es gelang ihm nur zu gut. Max und Tilly hatten Amnestie +verbürgt. Tilly gab den Rat, die Stände nicht zur +Verzweiflung zu treiben; aber die Klugen, die den Kaiser +lenkten, waren der Meinung, daß Leute, die ein schlechtes +Gewissen haben, keine verzweifelten Schritte tun, sondern +daß solche Leute es lieben, sich zu ducken.</p> + +<p>Eines Tages wurden plötzlich achtundvierzig Häupter des +Aufstandes verhaftet und auf den Hradschin gefangengesetzt. +Noch hatte Ferdinand seine Bedenken, ob er mit den Rebellen +auf spanische Art verfahren solle. Der Jesuit Lamormain +machte dem Spintisieren ein Ende, indem er erklärte, +er nehme alles auf sein Gewissen. Am andern Morgen war +der Blutbote auf dem Wege nach Prag, um dem Statthalter +die kaiserlichen Befehle zu überbringen.</p> + +<p>Schlag vier Uhr früh ertönte der Knall einer Kartaune +vom Hradschin. Die Gefangenen, von einer Reiterschwadron +und zweihundert Musketieren begleitet, wurden in bedeckten +Wagen zur Altstadt heruntergeführt. Der Richtplatz war +unmittelbar vor dem Rathaus, gegenüber der Theinkirche, +wo der goldene Hussitenkelch mit dem Schwerte stand. Das +Schafott war mit rotem Tuch behangen; auf einer Bühne +unter einem Baldachin saß der Statthalter und elf vom +<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>Kaiser verordnete Kommissarien. Es war ein regnerischer +Junimorgen, aber zum Trost der Märtyrer spannte sich ein +schöner Regenbogen über den Lorenzberg.</p> + +<p>Der Scharfrichter köpfte innerhalb vier Stunden vierundzwanzig +Personen, drei wurden gehenkt. Es waren lauter +protestantische Köpfe bis auf den des Grafen Czernin, der +Katholik war. Er mußte sterben, weil man den Schein retten +wollte, daß das Blutgericht keine Religionsverfolgung, +sondern eine abgedrungene politische Maßregel sei. Es waren +meist ganz alte Leute, die exekutiert wurden; zehn von ihnen +zählten zusammen über siebenhundert Jahre.</p> + +<p>Der Kaiser tat noch ein übriges für die Opfer: er betete, +während sie hingerichtet wurden. Er hatte zu diesem Zweck +eine Wallfahrt nach Mariazell angetreten, lag vor dem +Bild der Mutter Gottes auf den Knien und flehte, daß die +Böhmen noch vor ihrem Tod in den Schoß der alleinseligmachenden +Kirche zurückgeführt werden möchten.</p> + +<p>Elf Monate nach dem Bluttag ließ Ferdinand einen +Generalpardon verkündigen. Wer sich schuldig fühlte, sollte +sich selbst anklagen, um die kaiserliche Verzeihung zu erhalten. +Die Vögel liefen ins Garn. Siebenhundertachtundzwanzig +Herren vom Adel, Ritter und Barone, stellten sich freiwillig. +Sofort wurden ihre Güter konfisziert. Teils ganz, teils halb, +teils ein Drittel. Im kaiserlichen Kabinett fehlte es an Geld. +Die konfiszierten Vermögen ergaben die Summe von dreiundvierzig +Millionen Gulden, eine ungeheure Summe für +jene Zeit. Sie erlaubte dem Kaiser, den Krieg fortzusetzen. +<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>Alle Güter kamen in andere Hände. Es wechselte der ganze +Besitzstand. Hundertundfünfundachtzig adelige Geschlechter +und viele Tausende von Bürgerfamilien verließen die Heimat +und wanderten ins Ausland, und ganz Böhmen, ganz Mähren +und ganz Österreich wurde mit Gewalt wieder katholisch +gemacht.</p> + + +<p class="tb">Der Anteil Wallensteins an der Rebellenbeute betrug +nahezu ein Drittel. Sein Reichtum spielte eine wichtige +Rolle in den Ereignissen der Zeit. Denn als in Deutschland +der Krieg erwachte, als der König von Dänemark sich mit +Mansfeld und dem Herzog von Braunschweig verband, als +Holland, England und Frankreich sich anschickten, den Protestanten +gegen das Haus Habsburg Hilfe zu leisten, sah sich +der Kaiser ohne genügende Mittel zur Ausrüstung und Besoldung +eines großen Heeres. Da erbot sich Wallenstein, der +unterdessen durch die Heirat mit der Gräfin Harrach, der +Tochter eines Günstlings des Kaisers, höfische Beziehungen +erlangt hatte, zum Helfer. Wallenstein wollte den Krieg +in großem Stile führen. Der Kaiser befahl ihm, ein Heer +von zwanzigtausend Mann zu werben. Dies schlug er aus. +Ein Heer von vierzig- bis fünfzigtausend Mann wollte er +stellen, denn ein solches Heer, meinte er, werde sich selbst +zu ernähren wissen. Er erhielt darauf die Vollmacht für +diese Zahl und zugleich den unbeschränkten Oberbefehl als +Generalissimus des Kaisers. Wenige Monate vergingen, +und die Armee war beisammen. Sein Name lockte; nicht +<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>bloß unbeschäftigte und hungrige Menschen traten unter +seine Fahnen, sondern es kamen auch als Offiziere Männer +von höchstem Rang. Das Hauptquartier des Heeres war +in Eger.</p> + + +<p class="tb">Wallenstein war zum Kriegsfürsten geboren. Er trat im +höchsten Prunk auf und imponierte durch seinen Luxus, durch +ein glänzendes Gepränge, das jeden blendete, der ihm nahte. +Er wußte die stärksten Leidenschaften der Menschen zu erregen +und sie dadurch auf Tod und Leben sich dienstbar zu +machen. Seine Belohnungen waren königlich, seine Tafel +bot unerschöpfliche Genüsse. Unter der einzigen Bedingung +der strengsten Disziplin ließ er alle Ausschweifungen seiner +Soldaten hingehen. Sein Lager war das lustigste, das +Soldaten haben konnten. Er duldete einen riesigen Train +von Bedienten, Troßbuben, Fuhrknechten und Weibern, nur +Pfaffen duldete er im Lager nicht. Freibeuter aller Konfessionen +und jeden Standes zogen ihm zu. Sein scharfes Auge +erkannte den Tüchtigen auf den ersten Blick; der gemeinste +Mann vermochte die höchste Stellung zu erringen. Jede +heroische Tat wurde durch Beförderung und Geschenke ausgezeichnet, +aber der Feigling mußte sterben, und über den +Ungehorsamen erging der Befehl, der als Kriegsgerichtsspruch +galt: Laßt die Bestie hängen.</p> + +<p>Er verachtete die Menschen. Sie waren ihm nur Werkzeuge +zu seinen Zwecken. Als ihm einmal Gustav Adolf vor +einer Schlacht den Antrag machen ließ, daß man im äußersten +<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>Fall einander Pardon geben möge, antwortete er: »Die +Truppen sollen entweder kombattieren oder krepieren.«</p> + +<p>Schon sein Äußeres flößte Ehrerbietung und Scheu ein: +eine lange, hagere, stolze Gestalt, das Gesicht immer ernst, +bleich oder gelb, die Stirn hoch und gebieterisch, das schwarze +Haar kurz abgeschnitten und aufwärtsstehend, die Augen +klein, schwarz und feurig-stechend, der Blick finster und voll +Argwohn, Lippen und Kinn mit starkem Schnurr- und +Knebelbart bedeckt. Seine gewöhnliche Tracht war ein +Reiterrock von Elensleder, darüber ein weißes Wams, +Mantel und Beinkleider von Scharlach, ein breiter, nach +spanischer Art gekräuselter Halskragen, Korduansstiefel, die +des Podagras wegen mit Pelz gefüttert waren, und eine +lange, rote Feder auf dem Hut.</p> + +<p>Mochte es im Lager noch so laut hergehen, in seiner Nähe +mußte alles still sein, seine unmittelbare Umgebung mußte +die tiefste Ruhe bewahren. Weder Wagengerassel noch +Stimmen im Vorzimmer konnte er ertragen. Man sagt, +er habe einen Kammerdiener aufknüpfen lassen, der ihn ohne +Befehl geweckt, und einen Offizier heimlich umbringen lassen, +weil er mit lautklirrenden Sporen vor ihn getreten sei. +Er war immer in sich selbst versunken, in sich selbst webend +und brütend, nur mit seinen Plänen und Entwürfen beschäftigt. +Er forschte unermüdlich und war unablässig tätig, aber +immer nur aus sich selbst heraus und fremde Einflüsse schroff +abwehrend. Er konnte es nicht einmal leiden, daß man ihn +anblickte, wenn er seine Befehle gab; wenn er durch die +<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>Gassen des Lagers hindurchschritt, mußten die Soldaten so +tun, als bemerkten sie ihn nicht. Ein wunderliches Grauen +überfiel die Leute, wenn seine hagere Gestalt gespenstergleich +vorüberging. Es umgab ihn etwas Geheimnisvolles, Feierliches +und Banges. Er schritt eingehüllt in diese Zauber, und +sie bildeten einen Nimbus um ihn. Der Soldat glaubte steif +und fest, daß der General mit dunklen Mächten im Bündnis +stehe, daß ihm die Sterne Bescheid sagten, daß er keinen +Hund bellen, keinen Hahn krähen hören könne, daß er hieb-, +kugel- und stichfest sei, und vor allem, daß er die Fortuna an +seine Fahnen gebannt habe. Die Fortuna, die seine Göttin +war, wurde die Göttin des ganzen Heeres.</p> + +<p>Wallenstein war ein Mann von heißestem Temperament, +aber äußerlich war er immer kalt und ruhig. »Laßt fleißig +münzen,« schreibt er einmal an seinen Hauptmann im Herzogtum +Friedland, »auf daß ich nicht Ursach hab, solches zu +ahnden, denn ich höre, daß man dem nicht nachkommt, wie +ich es befohlen, welches mir wohl in die Nasen raucht. Ich +bin nicht gewohnt, eine Sache oft zu befehlen.« Er war +höchst wortkarg und sprach recht wenig, dann aber mit Nachdruck. +Am wenigsten sprach er von sich selbst. Der glühendste +Ehrgeiz flammte still und lautlos in seiner Brust; ihm opferte +er kaltblütig alles. Er war ein Meister in der Verstellung; +keiner wußte um seine Absichten, und dem Umstand, daß er +in wichtigen Sachen niemals etwas Schriftliches von sich gab, +verdankte er viele seiner Erfolge. Er war zweiundvierzig Jahre +alt, als er den Oberbefehl übernahm.</p> + + +<p class="tb"><a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>Im Herbst 1625 zog Wallenstein gegen den König von +Dänemark. Er überwinterte in Halberstadt, das er erobert +hatte. Im Feldzug des folgenden Jahres schlug er den Grafen +Mansfeld bei der Dessauerbrücke. Dann gewann er dem +Kaiser Schlesien zurück, eroberte die dänischen Besitzungen +und Mecklenburg, das sein Herzogtum wurde. Zum Dank +dafür, und weil er dem Kaiser viel Geld vorstreckte, überließ +ihm Ferdinand das Herzogtum Sagan und verkaufte ihm +die Herrschaft Priebus für einen niedrigen Scheinpreis. Auch +wurde er zum General des baltischen und ozeanischen Meeres +ernannt. Österreich wollte nämlich eine Seemacht werden. +Dazu schien alles auf dem besten Wege, Dänemark lag darnieder, +die Hansastädte waren willens, dem Kaiser behilflich +zu sein, nur die Festung Stralsund widerstand. Ein halbes +Jahr lang belagerte Wallenstein diese Stadt; obwohl er +schwor, daß er sie einnehmen werde, und wenn sie mit Ketten +an den Himmel gebunden wäre, mußte er unverrichteter Dinge +wieder abziehen. Dieser Mißerfolg untergrub sein Ansehen +im Norden Deutschlands. Auch der Kaiser verlor den Glauben +an seine Unüberwindlichkeit. Jetzt traten die Fürsten mit +ihren Klagen über den beispiellosen Pomp des Emporkömmlings +auf. Ein Notschrei erhob sich über die unerträglichen +Brandschatzungen, mit denen der General die besiegten Länder +heimgesucht. Bis dahin hatten alle, verblüfft von seinem fabelhaften +Glück, geschwiegen, nun taten sich die Lippen auf und +ergossen sich in Verwünschungen gegen den Tyrannen, der +auf Kosten des allgemeinen Elends im Überfluß schwelgte. +<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>Während Tausende ringsumher den Hungertod starben, während +sich viele Bürger und Bauern entleibten, um der Not +zu entrinnen, lebte jeder Rittmeister der Wallensteinschen +Soldateska wie ein Fürst, und in Schlesien, wo der Bruder +den Bruder, die Eltern ihre Kinder anfielen, um sie aus +Hunger zu schlachten, war der Übermut der Söldlinge am +größten. Die Häuser wurden geplündert und demoliert, ganze +Dörfer verbrannt, die Weiber geschändet, den Männern +Nasen und Ohren abgeschnitten; Offiziere, die kurz zuvor +bettelarm gewesen waren, besaßen drei- bis viermalhunderttausend +Gulden an barem Geld.</p> + +<p>Aber noch gehorchte ganz Deutschland dem Winke Wallensteins. +Er stand wie ein Alleinherrscher da. Das Unbegreiflichste +an dem unbegreiflichen Manne war, daß er die +Rüstungen umso eifriger betrieb, je mehr die Feinde schwanden. +Das Heer zählte erst fünfzigtausend, dann hunderttausend, +schließlich hundertfünfzigtausend Mann. Diese +furchtbare Armada des Kaisers erweckte bei allen Fürsten +Eifersucht und Angst. Die Kurfürsten und der Papst, die +Aristokraten des Reichs und die Jesuiten standen dagegen +auf, aber die Seele aller Ratschläge wider den übermächtig +werdenden Kaiser war der Kardinal Richelieu, der in einem +Bericht an den Papst Urban VIII. unverblümt die Absetzung +Wallensteins forderte.</p> + +<table class="illustration"> +<tr><td><a href="./images/wallenstein.png"><img src="./images/wallenstein_th.png" alt="Wallenstein" title="Wallenstein" /></a></td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Wallenstein,</em></td></tr> +<tr><td class="small">nach einem Stich von Peter de Jode.</td></tr> +</table> + +<p>Dieser Bericht, erfüllt von tiefster pfäffischer Schlauheit, +sprach von Österreich als von einer »Bestia mit vielen Köpfen«, +von denen die abgeschnittenen immer wieder nachwüchsen; +<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>Gewalt fruchte nichts, man müsse das Blatt umkehren +und des Kaisers Frömmigkeit ausnutzen. Derart müsse man +seine Gottesfurcht ausnutzen, daß man ihn hetze, die seit dem +Passauer Vertrag eingezogenen Kirchengüter zurückzuverlangen; +so werde er sich alle protestantischen Fürsten auf immer +zu Feinden machen. Ferner müsse man seine Frömmigkeit +dadurch ausnutzen, daß man wegen der üblen Führung des +Kriegsvolks sein Gewissen rühre und sein Mitleid reize. +Alsdann solle Frankreich ein großes Heer nach Deutschland +schicken, Gewalt brauchen, wo Gewalt vonnöten und mit +dem Versprechen von Religionsfreiheit nicht sparsam sein.</p> + +<p>Der Papst war mit diesen Vorschlägen einverstanden, und +der Kaiser wurde langsam umgarnt. Sein Beichtvater bedeutete +ihm, daß der Passauer und der Augsburger Religionsfriede +ungültig seien, weil sie ohne den Konsens des +Papstes abgeschlossen waren. Darauf erließ der Kaiser das +berüchtigte Restitutionsedikt, welches alles wieder katholisch +machte, was seit siebenundsiebzig Jahren protestantisch geworden +war, und sofort erfolgte die strengste Exekution. Obwohl +die norddeutschen Protestanten erklärten, sie würden +eher Gesetz und Sitte von sich werfen und Germanien +wieder in die alte Waldwildnis verwandeln als zugeben, daß +das Edikt vollzogen werde, wurden sie durch die kaiserlichen +Heere dazu gezwungen. Fortwährend lagen die Truppen in +allen Ländern der Protestanten, mit Ausnahme Kursachsens, +das noch für zu mächtig erachtet wurde, und raubten +sie aus. Jede Beschwerde wurde höhnisch abgewiesen, und +<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>es fiel das Wort: Der Kaiser will lieber, daß die Deutschen +Bettler seien als Rebellen.</p> + +<p>Indessen verfolgte Wallenstein schweigend seine Entwürfe. +Es kam der Tag, wo er seine Gedanken offen aussprach: +»Man braucht keine Fürsten und Kurfürsten mehr. Jetzo +ist es Zeit, daß man ihnen das Gasthütel abzieht. In Deutschland +soll nur der Kaiser allein Herr sein.« Diese Sprache +klang der deutschen Fürstenaristokratie furchtbar in die Ohren. +Wallensteins Plan war, sämtliche kleinen Reichsfürsten mit +Arglist oder mit Gewalt zu vertreiben, ihren Nachlaß zu +parzellieren und an die Offiziere seines Heeres zu verleihen. +Zum Teil war dies schon geschehen. Das neue Kaiserreich +sollte sich auf den Soldatenadel stützen.</p> + +<p>Natürlich war der Kaiser nicht sehr geneigt, einen Mann +zu entfernen, der ein solches Machtideal für ihn verwirklichen +wollte. Auf dem Regensburger Fürstentag im Juni 1630 +befand sich Ferdinand in einer verzweifelten Lage. Die Fürsten +bedrängten ihn, das über jedes Maß angeschwollene +Heer zu verringern und den unerträglichen Diktator, den +Urheber des allgemeinen Elends, zu entlassen. Weigerte sich +der Kaiser, so drohten sie, sich mit den Protestanten und mit +Frankreich zu verbünden. Auf der andern Seite erbot sich +Wallenstein, die Fürsten in Regensburg zu überrumpeln und +unschädlich zu machen. Noch ganz andere Pläne schwebten +vor seinem kühnen Geist, und er wartete nur, daß der Kaiser +sie gutheiße. Er wollte für den Kaiser gegen den Papst ziehen. +Rom sei schon seit hundert Jahren nicht geplündert worden, +<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>ließ er sich vernehmen, es müsse jetzt um vieles reicher sein. +Er hatte gegen hunderttausend Mann seines Heeres nach +dem südwestlichen Deutschland gezogen und wollte sich nicht +nur gegen Frankreich und Italien, sondern auch gegen die +katholischen Fürsten Deutschlands wenden. Er und seine +Günstlinge drangen unaufhörlich in den Kaiser, daß er seine +Einwilligung zu den militärischen Operationen geben möge. +Aber der Kaiser gab nicht die Fürsten auf, wie Wallenstein +es wollte, er gab Wallenstein auf, wie die Fürsten es wollten. +Dem päpstlichen Nunzius Rocci gelang es, Ferdinand +umzustimmen; es gelang ihm mit Hilfe des feinsten Diplomaten +jener Zeit, des Kapuzinerpaters Joseph, eines Mannes, +der, wie sein Begleiter Herr von Leon sagte, gar keine +Seele hatte, sondern nur Untiefen, in die ein jeder geraten +müsse, der mit ihm verhandelte. Der Kaiser unterzeichnete +den Absetzungsbefehl des Friedländers und hieb sich damit +gleichzeitig die rechte Hand vom Arm. In dem Augenblick, +wo alles zu gewinnen war, gab er alles auf. Die kirchliche +Politik hat nie einen größeren Triumph gefeiert.</p> + +<p>Zwei alte Freunde Wallensteins, der Hofkanzler Werdenberg +und der Hofkriegsrat Westenberg, wurden beauftragt, +ihm den Absetzungsbefehl zu überbringen. Sie trafen ihn in +seinem Hauptquartier in Memmingen, anscheinend tief in +astrologischen Studien, in Wirklichkeit völlig beschäftigt mit +dem Gedanken an die Überrumpelung der deutschen Fürsten. +Er empfing und bewirtete die kaiserlichen Räte prächtig. Lange +Zeit wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen, die Herren +<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>trauten sich nicht mit der Sprache heraus. Da nahm Wallenstein +einige Papiere vom Tisch und sagte: »Diese Dokumente +enthalten des Kaisers und des Kurfürsten von Bayern Nativität. +Aus ihnen könnt Ihr sehen, daß ich Euren Auftrag +kenne. Die Sterne zeigen, daß der Spiritus des Kurfürsten den +des Kaisers dominiert. Aus dieser Ursach messe ich dem Kaiser +keine Schuld bei. Es tut mir weh, daß kaiserliche Majestät +mit Abdankung der Truppen den edelsten Stein aus seiner +Krone wegwirft, es tut mir weh, daß kaiserliche Majestät sich +meiner so wenig angenommen hat, aber Gehorsam will ich +leisten.«</p> + +<p>Wallenstein zog sich nun nach Gitschin, der Hauptstadt +seines Herzogtums Friedland, in die Einsamkeit zurück. Von +seinem Heere wurden dreißig Regimenter abgedankt, der Rest +vereinigte sich mit Tilly.</p> + + +<p class="tb">Es erhob sich aber jetzt für den gefährdeten Protestantismus +ein Retter in der Person Gustav Adolfs von Schweden, +der Schneemajestät, wie ihn die Herren in Wien nannten, +die freilich noch nicht wußten, was für Hitze ihnen dieser Eiskönig +machen würde. Bei den Protestanten hieß er wegen +seines blonden Haares und Bartes der Goldkönig, auch den +Löwen aus Mitternacht hießen sie ihn in ihrer gläubigen +Hoffnung.</p> + +<p>Gustav Adolf war von ungewöhnlich hohem Wuchs, starkem +Knochenbau und großer Wohlbeleibtheit, so daß nur ein +starkes Pferd ihn zu tragen vermochte. Seine graublauen +<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>Augen blickten unter der weiten Stirn mit freundlichem Ausdruck. +Seine Haltung und sein Anstand waren echt fürstlich, +seine ganze Erscheinung trug das Gepräge der Zuversicht und +Offenheit, und seine wohltönende Stimme flößte Vertrauen +ein. Er übte große Macht über die Gemüter, seine Zunge +war beredt, und seine Unterhaltung voll Anmut und Leutseligkeit. +Er liebte die Wissenschaften, sein Lieblingsbuch war +das Buch vom Krieg und Frieden von Hugo Grotius, das +er immer mit sich führte. Seit seiner Jugend hatte nur der +Krieg für ihn Reiz, er war zum Helden und zum Herrscher +geboren. Er war fromm und gottesfürchtig, aber er war auch +klug; seine Diplomatie hielt gleichen Schritt mit seiner Heldenschaft. +Seine Geschäftsleute wurden hoch bezahlt, ein Netz +von schwedischen Gesandten und Spionen war über die europäischen +Höfe verbreitet, und sein Kabinett war durch seine +undurchdringliche Verschwiegenheit so ausgezeichnet, daß die +französischen Gesandten beständig darüber klagten, nie hinter +die eigentlichen Absichten der Schweden kommen zu können. +Fremden Ministern und Offizieren ließ Gustav, wenn sie in +sein Lager zu Unterhandlungen kamen, ihre Geheimnisse beim +Wein entlocken, wozu meist ein schottischer Oberst verwendet +wurde, der übermäßig viel vertragen konnte und dabei doch +den Verstand bewahrte.</p> + +<p>Mit bloß vierzehntausend Mann kam Gustav Adolf nach +Deutschland; die kaiserliche Macht war wenigstens doppelt +so stark. Aber er hatte viel Zulauf von Wallensteins entlassener +Armada, und er verließ sich auf die Sympathie im +<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>Volke; in allen Städten, die er durchzog, blies man von den +Türmen: nun kommt der Heiden Heiland. Er nahm Stettin +ein, rief die Mecklenburger von Wallenstein ab und zum Gehorsam +gegen die alten Herzöge zurück, erstürmte Frankfurt +an der Oder, bemühte sich, freilich vergebens, ein Bündnis +zwischen den Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg zu +erwirken, und sandte, da Magdeburg in großer Not war, +einen der Obersten seiner vierzig deutschen Kompanien, Herrn +Dietrich von Falkenberg, in die belagerte Stadt. Falkenberg, +ein sehr tapferer Edelmann, verkleidete sich als Schiffer und +schlich durch Pappenheims Scharen in die Stadt, wo er +alsbald den Kommandantenposten übernahm. Pappenheim +machte den Versuch, ihn durch das Anerbieten einer großen +Summe zu bestechen, er aber erwiderte: »Braucht der +Pappenheim einen Schelmen, so mag er ihn im eigenen +Busen suchen.«</p> + +<p>Aber die Stadt war nicht zu halten. Tilly war mit +dreißigtausend Mann vor den Mauern angelangt und eroberte +alle Außenwerke, doch hatte er erfahren, daß der Schwedenkönig +in der Nähe stehe, und wollte deshalb die Belagerung +aufheben. Nur Pappenheim bestand im Kriegsrat auf einer +Bestürmung. Am folgenden Tag fiel die Stadt. Pappenheim +wurde ihr Mordbrenner. Um die Feinde zu vertreiben +hatte er einige Häuser in Brand stecken lassen, der Wind +blies in die Flammen, die nun alles ergriffen. Zornig darüber, +daß ihnen die Feuersbrunst die erhoffte Beute entzog, schlugen +die kaiserlichen Truppen jeden tot, der ihnen in den Weg kam. +<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>Einige ligistische Offiziere, empört über das teuflische Wüten +der Kroaten, Ungarn und Wallonen, traten vor Tilly und +baten ihn, er möge dem Gemetzel Einhalt tun. Mit finsterem +Gesicht antwortete ihnen Tilly: »Drei Stunden Plünderung +ist Kriegsregel. Der Soldat will für Müh und Gefahr etwas +haben.« Pappenheim schrieb nach München: »Magdeburgs +Jungfrauschaft ist weg. Wir haben es mit stürmender +Hand erobert, den Bischof habe ich gefangen, Falkenberg +ist niedergehaut samt allen Bürgern, so in der Wehr gewesen. +Was sich von den Menschen in die Keller oder Böden versteckt +hatte, ist alles verbrannt. Ich halt, es seien über zwanzigtausend +Menschen draufgegangen und ist gewiß seit der +Zerstörung Jerusalems kein greulicheres Werk und Straf +Gottes gesehen worden.« An den Kaiser nach Wien schrieb +er: »Es ist mir und meinen rätlichen Spießgesellen bei dieser +wunderbaren Viktori nichts abgegangen, als daß wir nit +Eure kaiserliche Majestät und dero kaiserliches Frauenzimmer +als Zuschauer gehabt.«</p> + +<p>Das war die magdeburgische Hochzeit, wie die kaiserliche +Soldateska es nannte. Der Dom war von den Flammen +verschont geblieben, in ihm wurde Messe gelesen und das +Tedeum gesungen.</p> + +<p>Das Kriegsvolk aber sang:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Magdeburg, du stolze Magd,<br /></span> +<span class="i0">Hast dem Kaiser den Tanz versagt,<br /></span> +<span class="i0">Jetzt tanze mit dem alten Knecht,<br /></span> +<span class="i0">Geschieht dir eben recht.«<br /></span> +</div></div> + +<p><a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>Gustav Adolf hatte nichts zum Entsatz Magdeburgs +wagen wollen; in einer Schutzschrift wälzte er die Schuld +auf die beiden Kurfürsten. Endlich rückte er vor Berlin und +forderte eine bestimmte Erklärung. Der Kurfürst Georg +Wilhelm war sein Schwager, aber er war ganz in den +Händen seines Ministers, des Grafen Schwarzenberg, und +dieser stand im Solde der Jesuiten. Der Kurfürst wollte +stille sitzen und bangte davor, Land und Leute zu verlieren, +und er fürchtete die Übermacht des Kaisers. Gustav Adolf +zwang ihn jedoch, in sein Lager zu kommen, die Allianz zu +unterzeichnen, und besetzte dann Berlin und Spandau. Darauf +zog er südwärts dem alten Tilly entgegen, und in jenen +Herzfeldern Deutschlands, bei Leipzig, wo mehrmals die deutschen +Geschicke ausgekämpft worden sind, sollte nun die Entscheidung +fallen.</p> + +<p>Tilly hatte sein Hauptquartier in einem abgelegenen Hause +vor Leipzig, er merkte erst nachher, daß es des Totengräbers +Haus gewesen. Er hatte seine Befehle in einem Zimmer +ausgefertigt, in dem sich lauter Pyramiden von Totenschädeln +und Gebeinen befanden. Eine düstere Ahnung ergriff ihn, +selbst Pappenheim erbleichte.</p> + +<p>Am Morgen des Schlachttages schickte Tilly den Pappenheimer +mit zweitausend Kürassieren aus, damit er rekognosziere. +Aber der hitzige Mann ließ sich in ein Gefecht ein, und um +ihn zu retten mußte Tilly seine ganze Streitmacht entfalten. +Seine Völker trugen weiße Bänder auf Helmen und Hüten +und weiße Binden um den Arm; er selbst kommandierte in +<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>einem sonderbaren Kostüm, in einem grünseidenen Schlafrock; +auf dem Kopf hatte er ein Barett mit bunten Federn, und +er ritt seinen kleinen Schimmel.</p> + +<p>Der Schwedenkönig entwickelte sein ganzes Kriegsgenie +und zeigte die Überlegenheit seines leichten Fußvolks. Er machte +gegen die andrängenden Kaiserlichen Front, wendete sich mit +der Spitze seiner Kolonne gegen die Hügel, wo ihre Geschütze +standen, und beschoß Tilly mit seinen eigenen Kanonen. Die +Reiterei wurde aus dem Feld geschlagen, das Fußvolk floh, +und nur fünf Wallonenregimenter schlugen sich mit ihrem +alten Vater Tilly unter dem Schutze der Nacht in geschlossener +Ordnung durch. Tilly starrte vor sich hin, die Augen +voll von Tränen. Er hatte schon drei Streifschüsse. In Halle +traf er den Pappenheimer, der wieder mit höchster Bravur +gefochten und vierzehn Schweden teils niedergehauen, teils, +weil ihm das Schwert zerbrochen war, wie ein Bär in seinen +Armen erdrückt hatte. Die Schweden erbeuteten das ganze +kaiserliche Lager, alles Geschütz und über hundert Fahnen.</p> + +<p>Jetzt trat in Wien eine andere Stimmung ein; die Hofschranzen +und Weiber, Jesuiten und Kapuziner vermaßen +sich nicht mehr, das »neue Feinderl«, wie sie Gustav Adolf +nannten, mit Ruten über die Ostsee hineinzupeitschen oder +das Schneeköniglein zerrinnen zu sehen, wenn es sich dem +Süden näherte. Der Sieg Gustav Adolfs war ein zermalmender +Schlag für den Kaiser und die Katholiken. Der +König Sigismund von Polen jammerte, er könne gar nicht +begreifen, warum unser Herrgott lutherisch geworden sei. +<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>Angst und Bedrücktheit wuchsen, als der Schwede durch die +»Pfaffengasse« ins Reich zog, Erfurt, Würzburg, Hanau +und Frankfurt nahm, die Pfalz befreite, mit Bayern unterhandelte, +Augsburg eroberte und mit suveräner Macht jeden +Widerstand zerbrach.</p> + +<p>Im Mai des Jahres 1632 hielt er seinen Einzug in +München, und in seiner Begleitung befand sich der vertriebene +Böhmenkönig. Das Pfingstfest feierte er in Augsburg; +eine Chronik erzählt davon also: »Am heiligen Pfingsttag +wohnte der König dem öffentlichen Gottesdienst nicht bei, +sondern ließ sich von seinem Hofprediger Doktor Fabricius in +seinem Kabinett predigen. Abends aber bei der Tafel bekam +er jählingen Lust zu tanzen, dahero denn sogleich Anstalt gemacht +worden, daß die Geschlechterstöchter in den Fuggerschen +Häusern erschienen, mit welchen sich sowohl der König +wie die anwesenden fürstlichen Personen etliche Stunden lang +mit englischen und deutschen Tänzen erlustiget.« Gustav +Adolf war ein großer Frauenfreund; er wollte eine schöne +Augsburgerin küssen; sie hieß Jakobine Lauber und gefiel +ihm sehr, aber sie wehrte sich und riß dem König die Halskrause +ab.</p> + +<p>In diese friedlichen Tage hinein fiel die Nachricht, daß +Wallenstein gegen den König von Schweden heranziehe.</p> + + +<p class="tb">In stolzer Ruhe hatte Wallenstein in Gitschin und in +Prag gelebt. Schon von Memmingen aus hatte er für sein +neues Schloß Sorge getragen und an seinen Landeshauptmann +<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>geschrieben: »Seht, daß die zwei Kapellen, meine und +meines Weibes, heuer fertig werden; laßt die Altäre darin +machen, wie auch die fünf Altäre in der Kirche verfertigen, +daß ich daselbst den Gottesdienst verrichten könne. So seht +ebenmäßig, daß alle Zimmer fertig werden und mit schönen +Bildern versehen, denn in diesem verlasse ich mich allein auf +Euch. So werdet Ihr auch sehen, daß der Garten verfertigt +wird und viel Fontanen daselbst gemacht. Die Loggia laßt +geschwind mit Zwerchgewölben und <em class="antiqua">lavor di stucco</em> zieren. +Sagt dem Baumeister, daß gleich in der Mitte auf dem +Platz vor der Loggia muß eine mächtige Fontana sein, dahin +alles Wasser laufen wird, alsdann aus derselben, daß sich +das Wasser auf die rechte und linke Hand teilt, und die andern +Fontanen laufen macht. Ich vermeine Mitte Oktober +zu Gitschin zu sein und daselbst zu verbleiben; dahero seht, +daß das Gebäu fertig und die Zimmer mit Damast, Sammet +und goldenen Ledern ausgeputzt und möbliert werden. Laßt +mir auch bittern Wermutmost anmachen, der <em class="antiqua">dulce picante</em> +ist, auf daß ich ihn kann desto ehender haben. Laßt alle Ställe +verfertigen wie auch den Tummelplatz und das Ballhaus.«</p> + +<p>In Prag lebte Wallenstein mit königlichem Aufwand, +aber für seine Person, wie im Lager, in der tiefsten Abgeschiedenheit. +Für den Palast, den er auf der Kleinseite hatte +bauen lassen, waren hundert Häuser niedergerissen worden, +um Platz zu gewinnen. Alle Straßen, die die Zugänge bildeten, +waren mit Ketten gesperrt. Sechs Portale führten zu +dem Palast; im Schloßhof stand eine Leibwache von fünfzig +<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>aufs reichste gekleideten Hellebardieren. Sein Hofstaat zählte +an tausend Personen. Graf Paul Liechtenstein stand als Oberhofmeister +an der Spitze, ein Graf Harrach war Oberstkämmerer, +ein Graf Hardegg Oberststallmeister. Vierundzwanzig +Kammerherren bedienten des Friedländers Durchlaucht, +trugen, wie die des Kaisers, die goldenen Schlüssel, +und sechzig Edelknaben aus den vornehmsten Häusern waren +um ihn, alle in hellblauen Samt mit Gold gekleidet. Auch +lebten viele seiner ehemaligen Offiziere bei ihm, denen er +Löhnung und freie Tafel gab. Jede Mahlzeit bestand aus +hundert Schüsseln. In den Marmorställen fraßen über tausend +Pferde aus marmornen Krippen, und wenn er reiste, geschah +es nicht anders als in fünfzig vierspännigen Wagen. +Im Festsaal des Prager Palastes hatte er sich als Triumphator +malen lassen, von vier Sonnenrossen gezogen, einen +Stern über dem lorbeerbekränzten Haupt. Die langen Zimmerreihen +waren mit astrologischen und mythologischen Figuren +geschmückt. Aus einem Rundgemach führte eine geheime +Treppe in eine Badegrotte aus künstlichem Tropfstein. Aus +dieser Grotte trat man in eine hohe Säulenhalle und von da +in den Garten mit seinen Fontänen und fischreichen Kanälen.</p> + +<p>Wallensteins Vermögen war für jene Zeit ungeheuer. +Man hat seine Jahreseinkünfte auf sechs Millionen Gulden +geschätzt; er zog sie teils aus den Kapitalien, die er in den +Banken von Venedig und Amsterdam liegen hatte, teils aus +den böhmischen und mährischen Gütern und dem Fürstentum +Sagan. Unausgesetzt erließ er einsichtsvolle Verfügungen +<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>für seinen Besitz, suchte die Jesuiten durch große Stiftungen +beim Guten zu erhalten und berief tüchtige Männer in seinen +Dienst. Aber er verkehrte nur mit sehr wenigen Personen; +es lebte der italienische Astrolog Seni bei ihm, mit dem er +viele Nächte in eifrigen Studien verbrachte, und seine einzigen +Vertrauten waren sein Schwager Adam Terzka und dessen +Mutter, die ihm wegen ihrer hohen Klugheit ganz besonders +wert war. Seine Gesundheit hatte durch die Kriegsstrapazen +gelitten, er mußte mäßig leben, und da er vom Podagra geplagt +wurde, konnte er nur auf einen indischen Rohrstock +gestützt gehen.</p> + + +<p class="tb">Ununterbrochen hatte der Kaiserhof mit Wallenstein korrespondiert. +Nach der furchtbaren Leipziger Schlacht mußte +man daran denken, einen Mann wieder zu gewinnen, dessen +Kredit bei der Soldateska ohnegleichen war, und so wurde +Questenberg nach Prag geschickt, um mit Wallenstein wegen +Wiederannahme des Kommandos zu verhandeln. Wallenstein +lehnte ab. Darauf ging Prag fast ohne Schwertstreich +verloren. Don Balthasar Maradas zog mit den Truppen +ab, um sie in Sicherheit zu bringen, hatte aber zuvor Wallenstein +um Rat fragen lassen; dieser hatte erwidert, er habe kein +Kommando mehr, Maradas möge tun, was er wolle. Darauf +verließ er Prag, zog nach Gitschin und schickte seine Frau +und seinen Vetter Max nach Wien. Max ward nun vom +Kaiser mit einem beweglichen Schreiben an Wallenstein zurückgeschickt; +Ferdinand flehte, er möge ihn doch in der gegenwärtigen +<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>Not nicht im Stiche lassen. Das war es, was +Wallenstein wollte. Er begab sich nun nach Znaim, um mit +dem Kaiser weiter zu unterhandeln. Er bequemte sich, das +Kommando wieder zu übernehmen, aber vorerst nur auf drei +Monate. Man drang immer mehr in ihn, und so entschloß +er sich endlich, den Oberbefehl ohne Zeitbestimmung zu übernehmen, +aber <em class="antiqua">»in absolutissima forma«</em>. Weder der Kaiser +noch sein Sohn sollten bei der Armee etwas zu schaffen haben; +zwei Artikel des Vertrags gaben Wallenstein unbeschränkte +Macht, die Güter rebellischer Reichsstände einzuziehen, und +wen er für schuldig erachte, zu begnaden oder zu bestrafen. +Ausdrücklich war bedungen, daß weder der Reichshofrat, noch +das Kammergericht, noch der Kaiser selbst in solchen Dingen +das geringste einreden dürfe. All das liefert den Beweis, +daß Wallenstein mit ungebrochenem Willen auf sein altes +Ziel losging. Als <em class="antiqua">»ordinari recompens«</em> verlangte er kaiserliche +Assekuration auf ein österreichisches Erbland und als +<em class="antiqua">»extra ordinari recompens«</em> die Oberlehensherrschaft in den +eroberten Ländern.</p> + +<p>Der Vertrag wurde in demselben Monat unterschrieben, +in welchem Tilly am Lech gefallen war. Seine Bedingungen +sind von so außerordentlicher Art, daß sie in der Weltgeschichte +ohne Beispiel dastehen. Nur ein so phantastischer Mann +wie Wallenstein konnte sich einbilden, daß er das Seil ohne +Gefahr so straff spannen könne. Nur ein Charakter so voll +Fatum konnte ohne Erbeben ein Schicksal auf sich nehmen, +das jede Erwartung heuchlerisch erfüllt.</p> + +<p><a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>Wenige Monate vergingen, und Wallenstein hatte wieder +ein neues Heer von zweihundertvierzehn Schwadronen +Reiterei, hundertzwanzig Kompanien Fußvolk nebst vierundvierzig +Kanonen. Sofort säuberte er Prag und Böhmen von +den Sachsen und vereinte sich in Eger mit dem Herzog von +Bayern, der ihn vordem gestürzt hatte und ihn jetzt als Kriegsherrn +anerkennen mußte. Beide zogen gen Nürnberg, wo +der Schwedenkönig sich verschanzt hatte. Wallenstein besetzte +die Anhöhen des Altenbergs und verschanzte sich gleichfalls. +Sein Plan war, keine Schlacht zu liefern; er wollte Gustav +Adolf zeigen, daß er schlagen oder auch nicht schlagen könne, +wie es ihm beliebe. Monatelang stand Wallenstein wie eingefroren. +Ringsumher begannen Hunger und Elend zu wüten. +Gustav Adolf mußte kämpfen oder weichen. Er versuchte +einen Sturm auf Wallensteins Linien, der mißlang aber +gänzlich. Von diesem Tag an verlor er seinen frohen Mut +und erhielt ihn nicht wieder. Er ließ Wallenstein Friedensvorschläge +machen, aber noch ehe die Antwort kam, gab er +sein Lager auf. Er zog an Wallenstein vorbei, der unbeweglich +blieb, zog an die Donau und dann, dem Hilferuf des +Kurfürsten von Sachsen folgend, an die Saale. Auch Wallenstein +setzte sich jetzt in Bewegung; er ließ sein Lager anzünden, +das anderthalb Meilen im Umfang gehabt hatte. Sein Heer +war ein wandernder Raubstaat. Überall wurden die Herden +weggetrieben, die Obstbäume umgehauen und die Dörfer verbrannt.</p> + +<p>Wieder in den Feldern bei Leipzig trafen sich die Heere. +<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>Wallenstein hatte an Pappenheim geschrieben: »Der Feind +marschiert hereinwärts, der Herr lasse alles stehen und liegen +und incaminiere sich herzu mit allem Volk und Stücken, auf +daß Er sich morgen früh bei uns befinde.« Dieser Befehl ist +noch im Wiener Archiv aufbewahrt; er ist getränkt mit dem +Blute Pappenheims, der am Tag von Lützen fiel.</p> + +<p>Wallenstein ließ am Schlachtmorgen die Generale und +Obersten an seinen Wagen kommen, um die Befehle zu erteilen, +dann erst bestieg er sein Schlachtroß, aber die Steigbügel +mußten mit seidenen Tüchern umwunden werden, da +ihm die Füße schmerzten. Auf dem ganzen Gefild lag dichter +Nebel. Gustav Adolf hatte ebenfalls sein Leibroß bestiegen +und redete einzeln zu vielen Leuten seines Heeres. Dann ließ +er zum hellen Schall der Trompeten und Pauken: »Eine +feste Burg ist unser Gott« und jenes andere, sein Lieblingslied, +anstimmen: »Verzage nicht, du Häuflein klein, obgleich +die Feinde willens sein, dich gänzlich zu zerstören«.</p> + +<p>Die Schlacht begann. Nach dreistündiger Bemühung +wurden mehrere der wallensteinschen Vierecke durch die schwedische +Infanterie zersprengt. Da gewahrte der König die +schwarzen Kürassiere Wallensteins mit dem in blanker Rüstung +davor haltenden Oberst Piccolomini. Er befahl dem finnischen +Reiterregiment, sie anzugreifen, erhielt aber die Nachricht, +daß sein Fußvolk wieder zum Weichen gebracht worden sei. +Sogleich eilte er an der Spitze des smaländischen Regiments +zu Hilfe. Dem rasch Voransprengenden konnten nur wenige +folgen. Auf einmal befand er sich mitten unter den schwarzen +<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>Reitern. Sein Pferd wird durch den Hals geschossen, ihm +selbst zerschmettert ein Pistolenschuß den linken Arm. Seine +ersten Worte waren: »Es ist nichts, folgt mir.« Aber die +Wunde war so bedeutend, daß die Knochen aus dem Ärmel +hervorstarrten. Er wandte sich, um aus dem Getümmel zu +entkommen, im selben Augenblick erhielt er einen zweiten +Pistolenschuß in den Rücken. Mit dem Seufzer: »Mein +Gott, mein Gott,« sinkt er vom Pferd, bleibt aber im Steigbügel +hängen, das Pferd schleift ihn mit sich fort. Seine Begleiter +fallen oder fliehen, nur ein Page bleibt bei ihm. Er +lebt noch, der Page will nicht sagen, daß es der König ist, +er wird selbst auf den Tod verwundet. Der König wird seiner +goldenen Halskette beraubt und entkleidet, er ruft endlich: +»Ich bin der König von Schweden.« Die schwarzen Kürassiere +wollen ihn fortschleppen. Da sprengt das Stenbocksche Regiment +heran. Die Kürassiere fliehen; da sie den König nicht +mitnehmen können, durchschießen sie ihm den Kopf und durchstechen +ihm den Leib mit vielen Stichen. Er sinkt zur Erde, +der Hufschlag der Rosse braust über den Leichnam dahin.</p> + +<p>Der verwundete, blutbedeckte, reiterlose Schimmel des +Königs verkündigte, an der schwedischen Front entlang jagend, +das geschehene Unglück. Zuerst entmutigt, dann in ihrem +Schmerz zur Rache angespornt, griffen die Schweden neuerdings +an, und wäre jetzt nicht Pappenheim mit vier frischen +Regimentern auf dem Walplatz erschienen, so hätte der +heldenhafte Bernhard von Weimar schon um die dritte Nachmittagsstunde +gesiegt. So begann die Schlacht von neuem, +<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>aber auch Pappenheim erlag vor der unwiderstehlichen Gewalt +des jungen Bernhard. Das kaiserliche Heer ergriff die +Flucht. Wallenstein schlug in Prag seine Winterquartiere +auf und ließ viele Offiziere hinrichten, weil durch sie, wie er +sich ausdrückte, die kaiserlichen Waffen unauslöschlichen Spott +erlitten hätten. In Böhmen sollte sich sein dunkles Schicksal +erfüllen; ihm war nicht der Heldentod auf dem Schlachtfeld +beschieden.</p> + +<p>Am anderen Morgen suchten die Schweden unter den +zahllosen Leichen des Schlachtfeldes die edelste Leiche, die des +Königs. Man fand sie, nackt ausgezogen, vor Blut und +Hufschlägen kaum erkennbar, mit neun Wunden bedeckt, unfern +des großen Steins, der jetzt noch der Schwedenstein +heißt. An der Leiche schworen die Soldaten dem Herzog +Bernhard, ihm zu folgen bis ans Ende der Welt.</p> + +<p>Der unerwartete Tod Gustav Adolfs erregte ganz Europa. +Der Kaiser ließ in allen Kirchen Dankgebete singen, als wenn +er den glorreichsten Sieg erfochten hätte, und er weinte beim +Anblick des blutigen Kollers mit den Schußöffnungen im +linken Ärmel, das der König in der Schlacht getragen hatte. +In Madrid wurden Freudenfeste veranstaltet und der Tod +des Königs zum Ergötzen aller Gläubigen im Schauspiel +dargestellt. Der Papst, der es im stillen recht gern gesehen +hatte, daß dem Kaiser ein Bedränger aufgestanden war, ließ +eine Messe lesen. Den vertriebenen Winterkönig rührte bei +der Nachricht vor Schrecken der Schlag, und er starb, sechsunddreißig +Jahre alt; er hinterließ dreizehn unmündige Kinder, +<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>mit denen Eleonora, sein Weib, fast dreißig Jahre lang +ohne Heimat und oft ohne Geld umherirren mußte, verfolgt +von mancher abenteuerlichen Liebe und von blutgierigem +Haß.</p> + + +<p class="tb">Während der schwedische Kanzler Oxenstjerna, der nach +dem Tode des Königs an die Spitze der Geschäfte trat, mit +Sachsen und Brandenburg unterhandelte, während Herzog +Bernhard Franken zurückeroberte und sich am Oberrhein festsetzte +und der Feldmarschall Horn die in Deutschland zerstreuten +kaiserlichen Truppen aus dem Felde schlug, blieb +Wallenstein ruhig in seinem Winterquartier und vermehrte +sein Heer. Erst Mitte Mai brach er auf, zog nach Schlesien, +gewann es dem Kaiser wieder, schloß aber bald einen +Waffenstillstand mit dem sächsischen General Armin, der in +Schlesien kommandierte. Derselbe auffällige Waffenstillstand +wurde einige Wochen später erneuert. Es war der Plan +Wallensteins wie auch der beiden Kurfürsten von Sachsen +und Brandenburg, eine dritte Macht im Reich herzustellen, +eine Mittelmacht zwischen dem Kaiser und den Schweden. +Es lief damals das Gerücht, daß alle Ausgewanderten ihre +Güter zurückerhalten, die Jesuiten aus dem Reich verjagt +werden und den Schweden ihre Kriegskosten ersetzt werden +sollten; auch hieß es, daß Wallenstein in dem geheimen Vertrag +mit Kursachsen für sich selbst die Krone von Böhmen +ausbedungen habe. Gewiß ist, daß Wallenstein gleichzeitig +mit Frankreich unterhandelte und zwar über die Krone +<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>Böhmen. Der Kardinal Richelieu, der in den deutschen +Angelegenheiten festen Fuß gefaßt hatte, ließ ihm seinen +Beistand, eine Million Livre jährlich und die Krone anbieten, +wenn er vom Kaiser abfallen wolle. Aber der Botschafter +Feuquières brach die Unterhandlungen ab, weil er +der Ansicht war, Wallenstein wolle ihn nur hinters Licht +führen und die Feinde des Kaisers gegeneinander hetzen. +Auch mit den Schweden und mit dem Herzog Bernhard +trat er ins Einvernehmen. Das Mißtrauen am Wiener +Hof wurde zur Spannung, als er sich weigerte, dem Herzog +von Bayern gegen Bernhard von Weimar zu Hilfe zu +ziehen. Er führte das Heer aus Schlesien in die Winterquartiere +und schickte von Pilsen aus ein Schreiben nach +Wien, worin er seine Obristen ihr Gutachten abgeben ließ, +daß ein Kriegszug in dieser Jahreszeit untunlich sei.</p> + +<p>Seit Gustav Adolfs Tode war dem Kaiser der mit Wallenstein +abgeschlossene Vertrag immer lästiger geworden. Er +klagte laut, daß er gleichsam einen Mitkönig habe und keine +freien Dispositionen mehr in seinem eigenen Lande. Das +Wiener Kabinett brach den Verkehr mit Wallenstein ab, weil +die Notwendigkeit drängte, dem Herzog Bernhard in Süddeutschland +entgegenzutreten. Da Wallenstein sich weigerte, +dies zu tun, wurde der Herzog von Feria aus Italien gerufen, +und Johann Altringer, einer von den Generalen +Wallensteins, erhielt den Befehl, sich mit dem Herzog zu +vereinigen. Altringer schwankte erst, aber nach dem Tode +Ferias ließ er sich vom Wiener Hof gewinnen. Voll Zorn +<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>zitierte ihn Wallenstein vor sich, Altringer verweigerte den +Gehorsam. Nun beschloß Wallenstein, um nicht zum zweitenmal +abgesetzt zu werden, den Oberbefehl freiwillig niederzulegen, +wollte sich jedoch sicherstellen, daß die Zusagen erfüllt +würden, die man ihm gemacht hatte. Deshalb versammelte +er alle in Böhmen, Mähren und Schlesien stehenden +Generale und Obristen in seinem Feldlager zu Pilsen. Dort +gab ihnen der Feldmarschall Illo ein Bankett, bei dem die +Herren schließlich so betrunken waren, daß sie Stühle und +Bänke, Ofen und Fenster zerschlugen. Illo und Graf Terzka, +die sich mit Wallenstein verabredet, stellten ihnen beweglich +vor, daß der Oberfeldherr wegen der vom Wiener Hofe erfahrenen +Unbill genötigt sei, das Kommando niederzulegen. +Diese unerwartete Nachricht bestürzte die Offiziere nicht wenig. +Sie alle hatten auf Wallensteins Wort und in der Hoffnung, +von ihm entschädigt zu werden, ihre Regimenter auf +eigene Rechnung angeworben und ihr Vermögen zugesetzt; +wenn Wallenstein fiel, drohte ihnen der Ruin. Zu ihrer +Sicherstellung wurde ihnen jetzt ein Revers vorgelegt, und +darin wurde der Kaiser, obwohl er nicht genannt war, hart +angeklagt. Nach der flehentlichen Bitte an Wallenstein verpflichteten +sich die Generale und Obristen, mit Gut und Blut +für ihren Feldherrn einzustehen, sich auf keinerlei Weise von +ihm trennen zu lassen, seinen Vorteil nach Möglichkeit zu +befördern und seine Feinde zu verfolgen.</p> + +<p>Vierzig Generale und Obristen unterzeichneten das merkwürdige +Schriftstück. Es befand sich aber in ihrer Mitte +<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>auch der Verräter Piccolomini, der an der Spitze der italienischen +Partei stand, und diese Partei war mit den Jesuiten +im Bunde, um den Friedländer zu stürzen. Wallenstein aber +hegte ein unbedingtes Vertrauen gegen Piccolomini, denn er +glaubte aus den Sternen gelesen zu haben, daß er sich auf ihn +verlassen dürfe. Piccolomini berichtete den Inhalt des Reverses +nach Wien und klagte Wallenstein einer gefährlichen +Verschwörung an. Zudem teilte der Herzog von Savoyen +den Inhalt der Verhandlungen mit, die Wallenstein mit dem +französischen Hofe gepflogen hatte. Man beschuldigte Wallenstein +der verwegensten Pläne. Es hieß, er habe geäußert: +»Ich dulde Gott nicht, viel weniger werde ich Ferdinand dulden.« +Der spanische Botschafter sagte: »Wozu zaudern? +Ein Dolchstoß macht der Sache ein Ende.« Ferdinand sah +sich gedrängt, nicht nur die zweite Absetzung Wallensteins +auszusprechen, sondern auch den Mann, der ihm die Monarchie +gerettet hatte, der äußersten Rache seiner Feinde preiszugeben. +Niedriger Eigennutz war der stärkste Beweggrund +der mit aller Hast herbeigeführten Katastrophe, denn als die +Absetzung noch tiefes Geheimnis war, stritten sich die Herren +mit Erbitterung und bis zum Zweikampf über die Teilung +der Beute, der Güter, der Häuser, der Gärten, ja der Wagen +und Pferde Wallensteins und riefen mit schamloser Stirne +sogar den Hof selbst zum Schiedsrichter bei ihren Zwistigkeiten +an.</p> + +<p>Der Hof seinerseits verfuhr gegen den gefährlichen Gegner +ungemein verschlagen. Er schickte einen Erlaß an die Befehlshaber +<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>der Wallensteinschen Armee, worin die Absetzung +des Generalobristfeldhauptmanns vorsichtig angedeutet war, +die Offiziere ihrer Verpflichtung entbunden wurden, ihnen für +den Fehltritt bei dem Pilsner Bankett mit Ausnahme zweier +Rädelsführer Verzeihung zugesichert und der Fortbestand des +kaiserlichen Wohlwollens gelobt wurde. Aber wochenlang +nach diesem Erlaß korrespondierte der Kaiser scheinbar ganz +harmlos mit Wallenstein über amtliche Geschäfte, nannte +ihn nach wie vor »hochgeborner lieber Oheim und Fürst« +und versicherte ihn mit der gewöhnlichen Courtoisie seiner +Huld und Gnade.</p> + +<p>Unterdessen wurden die Generale und Obristen einzeln nacheinander +und im Geheimen gewonnen. Die Italiener, Spanier +und Wallonen waren bald willig, die Deutschen, Böhmen, +Mährer und Schlesier waren dem Friedländer treu, und +man traute ihnen in Wien trotz der gewährten Amnestie nicht. +Nach einem Monat erging ein zweites kaiserliches Mandat, +das schon eine deutlichere Sprache führte und nicht nur an +die Befehlshaber, sondern auch an alle gemeinen Soldaten +gerichtet war. Es sprach davon, daß ihnen männiglich wohl +bekannt sein werde, wie er, der Kaiser, seinen gewesenen Feldhauptmann +von Friedland mit allerhand Guttaten, Gnaden, +Freiheiten, Hoheiten und Dignitäten, als nicht bald bei einem +Menschen seines Standes gleich geschehe, begabt und geziert +habe; welchergestalt aber derselbe aus boshaftem Gemüt und +ohne Zweifel längst gefaßtem Vorsatz eine Konspiration wider +ihn und sein Haus angesponnen und durch Verkleinerung der +<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>kaiserlichen Person und eigensinnige Ausdeutung seiner Macht +in der kaiserlichen Armada zugetane Obristen verführt habe. +Der Kaiser erklärt, er habe gewisse Nachrichten erlangt, daß +Wallenstein ihn und sein Haus gänzlich auszurotten sich vernehmen +lassen und sich äußersten Fleißes bemühet habe, solche +meineidige Treulosigkeit und barbarische Tyrannei zu vollziehen, +dergleichen nicht gehört, noch <em class="antiqua">in scriptis</em> zu finden sei.</p> + +<p>Wallenstein erfuhr erst, woran er war, als Gallas, Altringer, +Maradas, Piccolomini und Colloredo Ordonnanzen +erließen, welche den Obristen untersagten, künftig noch Befehle +von Wallenstein, Illo oder Terzka anzunehmen. Die +Obristen erhielten die Weisung, gegen Prag zu ziehen, um +sich der Hauptstadt des Landes zu versichern. Wallenstein +ließ nun in Pilsen eine feierliche Erklärung ausstellen, daß +der frühere Revers nicht das geringste gegen den Kaiser und +die Religion bedeutet hätte. Er befahl seinen Truppen, ebenfalls +nach Prag zu ziehen, schickte aber zwei Offiziere an den +Kaiser mit einem Handschreiben, in welchem er sich erbot, +sich nach Danzig oder Hamburg zu begeben; er wünsche nur +seine <em class="antiqua">ducadi,</em> seine Herzogtümer, zu behalten.</p> + +<p>Aber gerade jene <em class="antiqua">ducadi</em> wollte man sehr gerne in Wien, +das wußte Wallenstein recht wohl. Er beschloß daher, sich +in Verfassung zu setzen, auf alle Fälle, nur nicht auf den Fall, +den er keineswegs voraussehen konnte, da er gegen alle Berechnung +war. In seiner tiefen Not wandte er sich jetzt ernstlich +an den Herzog Bernhard von Weimar und ließ ihn auffordern, +nach Böhmen zu kommen. Herzog Bernhard traute +<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>nicht. Er rief aus: »Wer an Gott nicht glaubt, dem kann +auch der Mensch nicht glauben.« Und doch drängte die Zeit. +Wallenstein erfuhr den Abfall eines Generals nach dem andern. +Altringer entschuldigte sich von Frauenberg aus mit +Krankheit, Gallas kam nicht wieder, Diodati war heimlich +durchgegangen, dreizehn Kuriere flogen nach Regensburg und +zurück, endlich machte sich Herzog Bernhard langsam auf +den Weg. Wallenstein hatte sich nach Prag begeben wollen, +der Abfall der Generale hatte den Plan vereitelt; auch den +Vorsatz, nach Zittau zu marschieren, mußte er aufgeben; der +dritte Ort, den er wählte, um sich mit den Schweden in Verbindung +zu setzen, war Eger.</p> + +<p>Am 22. Februar 1634 morgens gegen zehn Uhr verließ +er Pilsen und zog am 24. nachmittags zwischen vier und fünf +Uhr in Eger ein. In seiner Begleitung befanden sich Illo +und Terzka mit fünf Kompanien Kürassieren, fünf Kompanien +vom altsächsischen Regiment zu Pferd, die unterwegs +abfielen und nach Prag marschierten, und zweihundert Mann +Fußvolk. Bevor er das erste Nachtquartier erreicht hatte, +stieß Oberst Butler mit acht Kompanien Dragoner zu ihm.</p> + +<p>Butler war ein Irländer von Geburt und Katholik. Er +hatte von Pilsen aus nach seinem Quartier in Gladrup von +Wallenstein den Befehl erhalten, mit seinem Regiment auf +Prag zu rücken, – bei Todesstrafe. Schon diese Weisung, +die Pässe zu verlassen, die aus Böhmen nach der Oberpfalz +führen, hatte seinen Verdacht erregt; jetzt erhielt er die neue +Weisung, Wallenstein nach Eger zu folgen, und er mußte +<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>mit seinen Dragonern der Sänfte des Feldherrn voranreiten. +Er schrieb an Gallas und Piccolomini über seinen wachsenden +Argwohn, daß er notgedrungen mit Wallenstein ziehe, daß +er aber vielleicht aus besonderer Schickung Gottes zu diesem +Weg gezwungen werde, um eine besondere heroische Tat zu +verrichten. Auf dem letzten Marsch ließ Wallenstein Butler +an seine Sänfte kommen und entschuldigte sich, daß er bisher +nicht mehr für ihn getan habe; er versprach ihm zwei +Regimenter und ein Geschenk von zweimalhunderttausend +Talern. In Eger mußte Butler mit seinen Fahnen in der +Stadt bleiben, während seinen Soldaten auf freiem Feld zu +kampieren befohlen war. Wallenstein wohnte im Haus des +Bürgermeisters Bachhälbel auf dem Markt, Terzka und +Kinsky mit ihren Frauen im Hintertrakt desselben Hauses.</p> + +<p>Der Kommandant von Eger war der Obristleutnant in +Terzkas Regiment, Johann Gordon, ein Schotte und Kalvinist. +An ihn und an den Oberstwachtmeister Walter Lesly, +ebenfalls einen Schotten, wandte sich Butler. In der Nacht +vom 24. auf den 25. Februar verschworen sich diese drei +Männer in der Zitadelle bei gezückten Degen, Wallenstein +sofort aus dem Weg zu räumen. Es ward ausgemacht, daß +am folgenden Abend Gordon die Generale zu einem Faschingsschmaus +auf die Burg laden solle; bei diesem Schmaus sei +die Tat zu vollbringen. Alles drängte zur Eile, schon hatte +Illo frohlockend die Kunde gegeben, daß am andern Tag die +Schweden in Eger einrücken würden.</p> + +<p>Am 25. Februar, es war ein Samstag, gab Graf Terzka +<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>den Offizieren ein Gastmahl. Darnach, um sechs Uhr abends, +fuhr er mit Kinsky, Illo und dem Rittmeister Neumann in +einer Kutsche zum Faschingsschmaus auf die Burg. Man +setzte sich zur Tafel und speiste und zechte lustig. Nach dem +Essen veranstalteten Gordon und Lesly, daß das Obertor der +Stadt geöffnet und hundert Mann von Butlers irischen +Dragonern und ebensoviele deutsche Soldaten in die Stadt +gelassen wurden; mit ihnen verstärkte man die Wache auf +der Burg, die nun abgesperrt wurde. Unterdessen war das +Konfekt aufgetragen worden. Da erhielt Gordon ein fingiertes +Schreiben, das angeblich von Kursachsen verfaßt und nun +aufgefangen war. Es stand darin, daß der Kurfürst die Absicht +Wallensteins, vom Kaiser abzufallen, nicht billige, und +daß er gesonnen sei, Wallenstein dem Kaiser auszuliefern, wenn +er ihn in seine Gewalt bekomme. Gordon reichte den Brief +Illo hinüber; dieser las ihn und schüttelte den Kopf. Auch +die andern lasen ihn, es erhob sich ein Streit; um freier reden +zu können, wurde die Dienerschaft hinausgeschickt; sie wurde +in ein abgelegenes Gemach zum Essen geführt und dort eingeschlossen. +Nun war man mit den Schlachtopfern allein.</p> + +<p>Kaum hatten sich die Diener entfernt, so traten aus den +beiden Nebenzimmern des Speisesaals der italienische Obristwachtmeister +Geraldino und die irischen Hauptleute Deveroux +und Macdonald mit sechsunddreißig Dragonern. Deveroux +rief laut: <em class="antiqua">»Viva la casa d’Austria!«</em> Und Deveroux: »Wer +ist gut kaiserlich?« Butler, Gordon und Lesly antworteten +schnell: »Vivat Ferdinandus! Vivat Ferdinandus!« Ergriffen +<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>ihre Degen und jeder einen Leuchter von der Tafel +und traten auf die Seite. Die Irländer schritten auf den +Tisch zu und warfen ihn über den Haufen. Kinsky wurde +zuerst niedergestoßen, dann Illo nach kurzer Gegenwehr; +Terzka, der glücklich seinen Degen erlangt hatte, stellte sich +in eine Ecke und verteidigte sich mannhaft. Sein Wams +von Elenshaut schützte ihn gegen mehrere Hiebe, so daß ihn +die Dragoner für einen Gefrorenen hielten; endlich trafen +ihn einige Dolchstöße im Gesicht, er fiel und wurde mit den +Kolben der Musketen erschlagen. Rittmeister Neumann +hatte sich verwundet ins Vorhaus geflüchtet und wurde +draußen erstochen. Die Körper der Gemordeten gab man +den Dragonern preis, die sie bis aufs Hemd auszogen.</p> + +<p>Gordon ließ nun den Speisesaal schließen und blieb bei +der Wache auf der Burg, Lesly begab sich auf die Hauptwache +am Markt, und Butler besetzte Wallensteins Wohnung. +Es war eine finstere, unfreundliche Nacht, der Wind +heulte und ein feiner Regen klirrte an die Fenster. »Es ist,« +heißt es in den Frankfurter Relationen, »sonderlich zu merken, +daß selbige Nacht um neun Uhr ein erschreckliches +Windsbrausen erstanden, welches bis gegen Mitternacht +gewähret. Hat sich also gleichsam das Firmament über die +grausamen Mordtaten entsetzet und einen Abscheu getragen.«</p> + +<p>Deveroux unternahm mit zwölf Mann den Gang zum +Herzog. Die Wache am Haus ließ ihn durch, weil sie +glaubte, daß er eine Meldung zu machen habe. Im Vorzimmer +begegnete er dem Kammerdiener Wallensteins, der +<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>seinem Herrn, welcher eben ein Bad genommen hatte und +sich zu Bett begeben wollte, den Nachttrunk brachte, Bier +auf goldener Schale; Deveroux ward von ihm bedeutet, keinen +Lärm zu machen. Sein Astrolog Seni hatte Wallenstein +eben verlassen; er soll ihn aus den Sternen gewarnt +haben. Wallenstein hatte den Lärm gehört, den die Aufstellung +der Soldaten auf dem Markt veranlaßt hatte; er hatte +das Schreien der Gräfinnen Terzka und Kinsky im Hintergebäude +gehört, denn beide hatten schon von der Ermordung +ihrer Männer auf der Burg erfahren; er war ans Fenster +getreten und hatte die Schildwache gefragt. Deveroux forderte +vom Kammerdiener den Schlüssel zu Wallensteins +Zimmer, und als der Diener sich weigerte, sprengte er die +Tür mit dem lauten Ruf: »Rebell! Rebell!« und trat mit +seinen Mordgesellen ein. Wallenstein stand im Nachtkleid +an den Tisch gelehnt. »Du mußt sterben, Schelm!« rief +ihm Deveroux zu. Wallenstein eilte ans Fenster, um Hilfe +herbeizurufen, Deveroux folgte ihm mit der Partisane. Wallenstein +breitete die Arme aus, und ohne einen Laut von sich +zu geben empfing der große Mann den Todesstoß.</p> + +<p>Sein Leichnam wurde in einen roten Fußteppich gewickelt +und in Leslys Kutsche auf die Zitadelle gebracht. Da lag +er mit den vier Leichnamen der andern Ermordeten den ganzen +Sonntag über. Am Montag wurden alle nach Mies +auf Illos Schloß gebracht und begraben. Bloß Neumann +nicht; wegen seiner lästerlichen Reden beim letzten Bankett, +daß er ehestens in der Herren von Österreich Blut seine +<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>Hände zu waschen verhoffe, wurde er unter dem Galgen eingescharrt.</p> + +<p>Wallensteins Sarg war zu klein geraten, und damit er +Platz habe, mußten ihm die Beine zerbrochen werden.</p> + +<p>Schweigend ist er aus dem Leben geschieden; geheimnisvoll +hatte er die Pläne und Entwürfe, die seine Seele nährten, +in tiefster Brust eingeschlossen, und über seinem Leben +und über seinem Tode liegt ein undurchsichtiger Schleier.</p> + +<p>Die Güter der Ermordeten wurden sämtlich eingezogen; +von den Besitzungen Wallensteins, die auf fünfzig Millionen +Gulden geschätzt wurden, fiel das meiste dem Kaiser zu. +Die abtrünnigen Generale wurden reich belohnt, die Mörder +machten ihr Glück und wurden angesehene Leute, aber +alle Anhänger Wallensteins wurden geächtet und vierundzwanzig +Obristen und Hauptleute wurden in Pilsen hingerichtet.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a></p> +<h2><a name="Leonhard_Thurneysser" id="Leonhard_Thurneysser"></a>Leonhard Thurneyßer</h2> + + +<p class="newsection">Leonhard Thurneyßer, genannt zum Thurn, war ein +Goldschmiedsohn aus Basel und 1530, im Jahr der Übergabe +der Augsburger Konfession, geboren. Er sollte wie sein +Vater Goldschmied werden, war aber nebenher bei Doktor Huber, +dem er Kräuter sammeln und Arzneien zubereiten half und +aus den Schriften des Paracelsus vorlesen mußte. Schon +in seinem siebzehnten Lebensjahr verheiratete ihn sein Vater +mit einer Witwe, die ihn mit ihrem Vormund betrog. Durch +einen falschen Freund kam er in Händel mit Juden und verließ +die Heimat im achtzehnten Jahr seines Alters. Er ging +in die weite Welt, zuerst nach England, dann nach Frankreich, +und wurde hier Soldat unter den wilden Truppen des Markgrafen +Brandenburg-Kulmbach. In der Schlacht von Sievershausen, +in der Moritz von Sachsen fiel, wurde Thurneyßer +von Christoph von Karlowitz gefangengenommen. Er verließ +nun den Kriegsdienst und verschaffte sich seinen Lebensunterhalt +als Arbeiter in Bergwerken und Schmelzhütten, +auch mit der Goldschmiedekunst und mit Wappen- und Steinzeichnen. +Da seine Frau von ihm geschieden worden war, +<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>heiratete er im Jahre 1558 eine Goldschmiedstochter aus +Konstanz und zog mit ihr nach Imst in Tirol, wo er eine +Schmelz- und Schwefelhütte anlegte und Bergbau auf eigene +Rechnung trieb. Zwei Jahre später nahm ihn der Erzherzog +Ferdinand von Tirol, der Gemahl der schönen Philippine +Welser, in Dienst und schickte ihn auf Reisen; er ging nach +Schottland und den orkadischen Inseln, nach Spanien, Portugal +und in die Berberei, nach Äthiopien, Ägypten, Syrien, +Arabien und Palästina, wurde auf dem Berg Sinai, im +Katharinenkloster vom Orden des heiligen Basilius, Ritter +der heiligen Katharina und kehrte über Kandia, Griechenland +und Italien nach Tirol zurück.</p> + +<p>Durch seine Kenntnisse als Chemiker und Metallurg, als +Botaniker und besonders als Arzt, wurde er der berühmteste +Wundermann seiner Zeit. Er fing jetzt an, seine Schriften +herauszugeben, zuerst das in deutschen Reimen abgefaßte Buch +»Archidoxa«, darin der »wahre Lauf, Wirkung und Einfluß +der Planeten auf den menschlichen Körper, auf alle Gewerbe +und Hantierungen der Menschen und die verborgenen Mysterien +der Alchimie« enthalten waren. Als Wunderdoktor +lernte ihn der Kurfürst Joachim Friedrich von Brandenburg +im Jahre 1571 während der Huldigungsfeier zu Frankfurt +an der Oder kennen. Thurneyßer besorgte hier die Publikation +einer andern Schrift, die den Titel hatte: »Pison, von kalten, +warmen, mineralischen und metallischen Wässern samt Vergleichung +der Pflanzen«, und die dem Kurfürsten von Sachsen +zugeeignet war. An einer Stelle heißt es: »Große und starke +<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>Personen sind von kalter Natur, haben eine böse, unreine +Komplexion, stinken und schwitzen viel, und solcher Art ist +auch Herr Christoph Sparre, der kurfürstliche Oberhofmeister +in Berlin.« Oder: »Diejenigen, die von Person lang, +schmal, dürr und kleine runde Köpfe haben, besitzen gar keine +Geschicklichkeit und führen weibische Reden wie weiland Kaiser +Rudolf von Habsburg.« Er war auch Anatom, und Kaiser +Ferdinand hatte ihm im Jahre 1559 erlaubt, eine Frau zu +sezieren, der zur Strafe die Adern geöffnet waren, daß sie sich +totbluten solle.</p> + +<table class="illustration"> +<tr><td><a href="./images/thurneysser.png"><img src="./images/thurneysser_th.png" alt="Leonhard Thurneysser" title="Leonhard Thurneysser" /></a></td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Leonhard Thurneyßer,</em></td></tr> +<tr><td class="small">nach einem 1583 erschienenen Holzschnitt.</td></tr> +</table> + +<p>Das Vertrauen des Kurfürsten erwarb er sich gleich, denn +er war ein Mann von stattlichem Ansehen; die den Schweizern +eigene Manier von Ehrlichkeit, seine Welt- und Menschenkenntnis +und sein lebhaftes Temperament nahmen für ihn ein. +Er verstand es, die Schwächen großer Herren und ihre Neigungen +auszuforschen und sich gegen diejenigen klug zu betragen, +an deren Gunst ihm gelegen war. Die Kurfürstin +war krank, Thurneyßer übernahm die Behandlung, und der +Erfolg bewirkte, daß von Stund an sein Glück bei den brandenburgischen +Herrschaften gemacht war. Sie nahmen ihn mit +nach Berlin, der Kurfürst ließ auf seine Kosten Thurneyßers +Frau und Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen hatte, +aus Konstanz nach seiner Hauptstadt bringen.</p> + +<p>Thurneyßer hatte dem Kurfürsten Blätter aus dem »Pison« +gezeigt, welche die Flüsse in der Mark und deren unerkannte +Reichtümer betrafen. So hieß es unter anderm darin: »Das +Wasser der Spree ist grünfarbig und lauter. Es führet in +<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>seinem Schlich Gold und eine schöne Glasur. Das Gold +hält 23 Karat ½ Gramm.« Daß die Spree Gold führe, +war bisher unerhört, blieb auch unerhört. Ebenso beschrieb +Thurneyßer Orte in der Mark, wo man Rubine, Smaragde +und Saphire finden könne. Bisher hatte man sie +nicht gesucht und nicht gefunden, fand sie auch niemalen. +Aber die glänzenden Verheißungen lockten bei Hof nicht wenig, +den Mann festzuhalten, der so viele Hoffnungen erweckte. +Alle Hofleute waren von ihm entzückt, und sogar das kurfürstliche +Hoffrauenzimmer breitete seinen Ruhm im ganzen +Lande aus. Er erhielt Briefe von einigen Fräulein und verheirateten +Damen, die auf dem Lande lebten, worin sie ihn +um Schminke baten, oder um Schönheitsöl, oder um Waschwasser, +nebst Beschreibung des Gebrauchs. Sie schließen +gemeiniglich mit dem Ersuchen, es niemand wissen zu lassen, +noch andern davon zu geben.</p> + +<p>Thurneyßer war ein Mann, der sich wohl darauf verstand, +die gute Meinung zu nutzen, die man von ihm gefaßt +hatte, um sich bedeutende Reichtümer zu erwerben. Er wußte +sich in seinen Glücksumständen bis an das Ende seines Lebens +zu erhalten, – wo er dann freilich um Geld und Ehre kam. +Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis und eine nicht zu ermüdende +Wißbegierde. Nach dem Vorbild des Paracelsus +hatte er die Natur unmittelbar aus ihren Werken studiert, +und da er mit Aufmerksamkeit eine Menge von Gegenständen +in nahen und weitentlegenen Ländern betrachtet hatte, war +er auch zu einer tiefen Erkenntnis der Natur gelangt. Nicht +<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>so sehr wie Paracelsus war er gegen das Bücherlesen eingenommen; +er hatte mehrere medizinische und historische +Werke studiert. Mit dem Griechischen war er auf seinen +Reisen bekannt geworden, auch mit einigen orientalischen +Sprachen, so daß er später eine Schriftgießerei in ausländischen +Lettern anlegen und sogar ein Onomastikon herausgeben +konnte. Lateinisch lernte er noch in seinem sechsundvierzigsten +Jahr bei dem berlinischen Propst Jakob Colerus. Er verstand +sich auf die Kunst des Zeichnens und konnte die für seine +anatomischen Handleitungen und sein Kräuterbuch beschäftigten +Formschneider wohl anweisen. Er hatte eine Karte +der Mark Brandenburg aufgenommen, wie man sie damals +noch nicht besaß. Seine Kenntnisse in der Mathematik, +Astronomie und Astrologie waren nicht unbedeutend, so daß +er nicht nur die weit und breit berühmten Kalender veröffentlichte +und sich mit dem Stellen der Nativität abgeben konnte, +sondern er vermochte auch für die Jahre 1580 bis 1590 +die ephemeriden und astronomischen Tabellen zu berechnen.</p> + +<p>Der Kurfürst bestellte ihn zu seinem Leibmedikus, und sein +stehendes Gehalt betrug 1352 Taler, eine für jene Zeit ansehnliche +Summe. Daneben hatte er auf vier Pferde Futter, +die Hofkleidung, die Hofdeputate und bei Reisen Vorspann. +Kurfürst und Hof gaben ihm vielerlei Bestellungen von Einkäufen, +die er zu Leipzig, zu Nürnberg und zu Venedig durch +seine Schreiber und Bekanntschaften besorgen mußte. Der +Kurfürst war ein Liebhaber von Silbergerät; die Goldschmiede +hatten so viel für den Hof zu tun, daß Joachim +<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>Friedrich viel Silberzeug in Leipzig anfertigen ließ, und +Thurneyßer hatte davon die Kommissionen. Besonders setzte +die Kurprinzessin Katharina von Küstrin ein außerordentliches +Vertrauen in Thurneyßer. Ihr Gemahl war Administrator +von Magdeburg, sie selbst residierte in Halle. +Sie ließ ein Laboratorium bauen und ersuchte Thurneyßer, +zu ihr zu kommen. Der Kurfürst gab nur ungern seine Einwilligung, +weil er Thurneyßer stets um sich haben wollte. +Katharina brauchte den gewandten Schweizer in allen ihren +Geschäften; wenn sie Geld nötig hatte, mußte er auf der +Leipziger Messe in seinem Namen zwei, drei und mehrere +tausend Taler für sie aufnehmen. Sie ließ durch ihn +Kleinodien und Silberzeug kaufen und verkaufen und schickte +ihm Leute zu, die er zu Laboranten und Provisoren bilden, +in der Imitation von Rubinen und Smaragden und im +Wappen- und Steinschneiden unterrichten sollte.</p> + +<p>Bald nach seiner Ankunft in Berlin hatte ihm der Kurfürst +eine geräumige Wohnung in dem ehemaligen Franziskanerkloster, +dem grauen Kloster, gegeben, damit er Platz zu +einer weitläufigen Haushaltung haben möge. Er richtete sich +dort in großem Stile ein. Im Laboratorium wurden nach +seinem silbernen Buch die Arkana präpariert, die geheimen +Arzneien, die ihn zum reichen Mann machten: Goldpulver, +Goldtropfen, Amethystenwasser, Saphir-, Rubinen-, Smaragden-, +Perlen- und Korallentinktur, auch Bernsteinöl. Er +hatte Mittel »wider die Vergicht, wider ein Rotgesicht, dasselbe +zu erläutern und zu dealbieren.« Ein Lot <em class="antiqua">spiritus vini</em> +<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>kostete vier Taler, ein Lot <em class="antiqua">Spiritus vini correcti</em> sogar sechs +Taler, ein Lot Rhabarberextrakt zwei Taler. Der Gräfin +Lynar schickte er einmal einige Öle zum äußerlichen Gebrauch, +die fünfunddreißig Taler kosteten, und schrieb ihr dazu: »Ihre +Gnaden würde zum besonderen Vergnügen gereichen, diese +kleinen Unkosten zu tragen, damit Sie nichts einnehmen +dürften.« Er meinte, weil sie ja die Mittel nicht schlucken +müsse.</p> + +<p>Er hielt im grauen Kloster eine Art von kleiner Hofstatt, +seine Haushaltung bestand aus mehr als zweihundert Personen, +aus Dienern, Schreibern, Laboranten, Boten zum +Verschicken und den Arbeitern in der weitläufigen Druckerei, +die mit deutschen, lateinischen, griechischen, hebräischen, chaldäischen, +syrischen, türkischen, persischen, arabischen, sogar +mit abessinischen Typen versehen war, in der seine Schriften +fortan gedruckt wurden, auch die Schriften von andern Gelehrten, +zum Teil aus fernen Städten, jede mit der Aufschrift: +gedruckt zu Berlin im grauen Kloster. Die Arbeiter +und Bedienten waren fast alle verheiratet und wohnten mit +Frauen und Kindern bei Thurneyßer. Der Aufwand zu +ihrem Unterhalt war so groß, daß er monatlich einen Ochsen +schlachten ließ. Er selbst ging stattlich, in schwarzsamtenen +und seidenen Kleidern, was ein besonderes Zeichen der Pracht +war, auch täglich mit seidenen Strümpfen. Noch kurz ehe +Thurneyßer nach Berlin kam, hatte der Markgraf Johann +zu Küstrin seinem geheimen Rat Barthold von Mandelsloh, +der die seidenen Strümpfe aus Italien mitgebracht hatte +<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>und einst an einem Wochentag mit ihnen bei Hof erschien, +zugerufen: »Barthold! Ich habe auch seidene Strümpfe, +aber ich trage sie nur des Sonn- und Festtags.« Thurneyßer +prangte nicht nur in seidenen Strümpfen und Kleidern, +sondern er trug um den Hals auch goldene Gnadenketten +mit daran hängenden Kur- und Fürstenbildnissen, +goldnen Gnadenpfennigen und Kontrefaitmünzen. Wenn er +ausging, begleiteten ihn zwei Edelknaben; 1580 verrichteten +diesen Dienst zwei Vettern, Christoph und Hans Christoph +von Tetzel aus dem alten, reichsadeligen Patriziergeschlecht +der Tetzel von Kirchsittenbach und Vohra zu Nürnberg. +Ihre Eltern wohnten in Denelohe, einem im fränkischen +Altmühlkreis gelegenen Reichsrittersitz; 1582 dankte der +Vater dem Doktor Thurneyßer dafür, daß er seine Kinder +zu sich genommen; er sei überzeugt, daß sie im ganzen Kurfürstentum +nirgends besser als bei ihm zur Ordnung und +Tugend erzogen werden könnten. Oft speisten große Gesellschaften +von den Vornehmsten des Hofes bei ihm, und wenn +auswärtige Herren ankamen, sich seines Rats zu erholen, +nahm er sie im grauen Kloster bei sich auf, wie den Fürsten +Radziwill. Er war das Orakel von aller Welt. König +Friedrich II. von Dänemark bat ihn, die einst von Heinrich +dem Löwen verschütteten Salzbrunnen zu Adeslon zu +untersuchen; König Stephan Bathory von Polen, den +er zuweilen mit Antidoten oder Gegengiften versah, sprach +ihn um Hilfe wegen der Bergwerke an; Graf Wilhelm +der Weise von Hessen forderte von ihm eine Erklärung +<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>fremder Buchstaben auf einem in der Grafschaft Katzenellenbogen +aufgefundenen Gipsstein. Der König von Schweden +schickte ihm einen schönen Luchspelz. Die Schreiber breiteten +seine Wunderkuren aus und brachten reiches Entgelt, seltene +gemalte Bücher, Handschriften, Erzstufen, Versteinerungen +und Kräuter mit. Sie erzählten auch, was an auswärtigen +Höfen und in anderen Ländern vorfiel, und mit diesen Nachrichten +wußte Thurneyßer sich bei seinem Herrn sehr beliebt +zu machen.</p> + +<p>Von seinen Kalendern setzte er ungeheure Auflagen ab. +Bei den einzelnen Monatstagen pflegte er Buchstaben und +verblümte Worte als Prognostika beizufügen, und im folgenden +Jahr schickte er dann die Erklärungen, wenn die Begebenheiten +richtig eingetroffen waren. Im Kalender auf 1579 +steht beim 17. Dezember: schändliche Tat einer fürstlichen +Person. 1580 lautete die Erklärung: auf diesen Tag hat +Signora Bianca Capelli ihren Stiefsohn zu Florenz mit +Gift vergeben, welcher am 18. Dezember gestorben.</p> + +<p>Als Nativitätssteller begründete er seinen Ruf mit der +Versicherung, er habe dem König Sigismund August von +Polen ohne Aberglauben und Teufelskünste Jahr, Monat +und Tag seines Todes prophezeit; sowie in einer fürstlichen +oder gräflichen Familie in Deutschland ein Kind geboren war, +wurde ihm die Geburtsstunde zugeschickt; manchmal kamen +mehrere Boten an einem Tag. Nun suchte er den Stand +der Planeten, forschte, in welchem Zeichen des Tierkreises sie +gestanden, bemerkte die Aspekten gegeneinander und bestimmte +<a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>daraus die Influenzen auf den Geborenen. Er beurteilte seine +künftigen Schicksale, seine natürlichen Neigungen und Fähigkeiten, +ob er glücklich, reich oder arm, zu Ehren gelangen +werde oder nicht, heiraten werde oder nicht, Kinder bekommen +werde oder nicht, was er für Krankheiten zu erwarten und in +welchem Alter er sterben würde. Das alles interessierte damals +die Leute ungemein, jedermann glaubte steif und fest daran, +auf den Universitäten wurden Collegia über das Nativitätstellen +gelesen, und Bischöfe und hohe Geistliche gaben sich +damit ab.</p> + +<p>Die Bestimmung der Nativität hatte keinen Zweck, wenn +man nicht die Talismane trug, die Thurneyßer fabrizierte. +Er versah die ganze Mark und die benachbarten Länder mit +Talismanen. Selbst Andreas Osiando, der berühmte Streittheolog +in Königsberg, trug zum Schutz wider den Aussatz +eine Kette um den Hals. Als Thurneyßer, eine goldne Kette +um den Hals, 1574 nach Königsberg reiste, um den blödsinnigen +Herzog zu heilen, benutzte er bei seinen Kuren die +Talismane. Es waren sogenannte große Jupiter-Talismane, +<em class="antiqua">Sigilla solis</em>. Sie finden sich noch in den Münzkabinetten; +Jupiter erscheint auf ihnen wie ein Württemberger Professor +mit Bart und Pelzrock und einem großen Buch, aus dem er +doziert; auf dem Revers befindet sich ein Apucus, ein heiliger +Rechenpfennig, der die Summe 34 gibt, man mag die Zahl +in den sechzehn Feldern der Länge nach oder der Breite nach +oder in der Diagonale addieren. Die <em class="antiqua">Sigilla solis</em> waren oft +sechs Dukaten schwer. Einer ist vierzehn Dukaten schwer. +<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>Er trägt die Namen Gottes und der zehn Fürsten der Engel +und die hebräischen Worte, die der berühmte Abt Trieheim +aus der Bibel und den Rabbinen entlehnt und Agrippa von +Nettelsheim in seinem Werk <em class="antiqua">De occulta philosophia</em> erklärt +hatte. Die <em class="antiqua">Sigilla solis</em> waren dazu bestimmt, die solarischen +Krankheiten abzuwenden, wozu die des Gehirns zählten. Es +gab auch Talismane mit dem Zeichen der andern Planeten, +und diese verhüteten die astralischen Krankheiten. Ferner gab +es Talismane aus sieben verschiedenen Metallen gemischt, in +einem festgesetzten Verhältnis und mit Beobachtung der +Konstellation: wann sie geschmolzen waren und wann der +Stempel aufgeprägt war; diese hatten eine besondere verborgene +Kraft, Menschen, in unglücklicher Stunde geboren, +glücklich zu machen. Andere Talismane verschafften die Gunst +großer Herren, beförderten zu Ehrenstellen, ließen Heiratshändel +gelingen, und wenn Mars beim ersten Eintritt in das +Zeichen des Skorpions darauf geprägt war, verliehen sie dem +Soldaten Mut und Sieg. Thurneyßer verkaufte Talismane +zum Besten des ganzen menschlichen Geschlechtes, vom +Kaiser bis zum Bauer herunter. Das sollte die mit dem +Zepter kreuzweis gelegte Sense andeuten, die sich auf den +Münzen befinden. Er erzeugte auch sympathetische Ringe, +die von der fallenden Sucht befreiten.</p> + +<p>Durch alle diese Geldquellen wurde Thurneyßer sehr reich. +Sein Schatz bestand aus zwölftausend Goldstücken, teils einfachen +und doppelten Portugalesern, teils vierfachen Kronen, +Rosenobeln, Engalotten und Dukaten. Er besaß über neun +<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>Zentner an Trinkgeschirren und einen silbernen vergoldeten +Hirsch, der, nach der Sitte der Zeit mit Leuchtern ausgeziert, +in seinem großen Saale hing. Seine Bibliothek soll ihresgleichen +weit und breit nicht gehabt haben; sein Naturalienkabinett +enthielt eine Sammlung von Pflanzensamen aus +allen Teilen der Welt. Er hatte Präparate von getrockneten +Teilen des menschlichen Körpers und von seltenen Tieren. +Er hatte Skorpione in Baumöl, die der gemeine Mann +für entsetzliche Zauberteufel ansah. Sein Garten beim Grauen +Kloster war voll botanischer Kuriositäten, und ein Elentier, +das ihm der Fürst Radziwill geschenkt hatte, schickte er nach +seiner Vaterstadt Basel, um sich bei seinen Landsleuten in +Respekt zu setzen. Die frommen Baseler hielten es aber auch +für einen Zauberteufel, und ein altes Weib gab ihm einen +Apfel mit zerbrochenen Nähnadeln zu fressen.</p> + +<p>Thurneyßer zog eine Menge kunstverständige Ausländer +nach Berlin und brachte auf jede Weise viel Geld in Umlauf. +Eine Menge Schriftgießer, Stempelschneider, Kupferstecher, +Illuminierer, Buchbinder, Kaufleute und Goldschmiede +hatten beständig für ihn zu tun. Er war der erste, +der die chemischen Arzneien einführte, deren kleine aber wirksame +Dosen den verschleimten Ruppiner- und Bernauerbiermagen +des brandenburgischen Adels annehmlicher dünkten, +als die bisherigen kopiosen galenischen Arzneitränke. Er half +den Alaun- und Salpetersiedereien auf, sowie den Glashütten. +Aus der Grimnitzer Glashütte in der Uckermark hatte er einen +gläsernen Vogelbauer, in dessen inwendigem Raum ein Vogel +<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>saß, während außen Fische schwammen. Dieser Vogel war +dem gemeinen Mann gleichfalls ein Zaubervogel, da er scheinbar +mitten im Wasser mit schwimmenden Fischen lustig +herumsprang, als ob er in freier Luft lebte.</p> + +<p>Vierzehn Jahre lang erhielt sich Thurneyßer in der unverminderten +Gnade des Hofes. Der Kurfürst gab ihm das +Zeugnis, »daß er sich nach seinen ihm von Gott verliehenen +Gaben gegen ihn und dem Hause Brandenburg, auch vielen +anderen hohen und niederen Standespersonen getreu, aufrichtig, +nützlich und wohl erzeiget habe«. Im Jahre 1575 +war Thurneyßers Frau gestorben, das Schweizerheimweh +kam über ihn, der Kurfürst wollte ihn nicht ziehen lassen, nun +reiste er wenigstens zu Besuch nach Basel und heiratete dort +1580 seine dritte Frau, eine Geschlechtertochter aus Basel, +eine Herbrot. Sie war liederlich, er verstieß sie, und sie brachte +ihn um Ehre und Vermögen. Es entspann sich ein skandalöser +Prozeß, worin beide Teile Schriften gegeneinander veröffentlichten, +und seine sämtlichen Habseligkeiten, die er nach +Basel geschickt hatte, wurden mit Beschlag belegt und der +Frau zugesprochen. Darauf entstand in der Mark eine große +Hetze gegen ihn, er wurde als Zauberer, Atheist und Wucherer +gebrandmarkt, ein Professor in Greifswalde predigte öffentlich +gegen ihn, warnte die Gemeinden und erachtete ihn des +Kirchenbanns für würdig. Er verließ Berlin, wurde katholisch, +ging nach Rom und begab sich unter den Schutz des +Papstes. Beim Kardinal Ferdinand von Medici, bei dem +er speiste, verwandelte er einen eisernen Nagel in Gold. Nach +<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>der Tafel stellte der Kardinal darüber ein Zeugnis aus, das +man lange Zeit nebst dem Nagel als große Merkwürdigkeit +den Fremden in Florenz zeigte. Es fand sich aber später, daß +das Wunder durch einen Betrug zustande gekommen war.</p> + +<p>Thurneyßer lebte ein paar Monate dann in Belvedere, +wanderte dann wieder nach Deutschland und starb endlich in +ärmlichen Umständen in einem Kloster bei Köln, fünfundsechzig +Jahre alt, genau an dem Tage, auf den er sich selbst +das Horoskop gestellt hatte.</p> + + + + +<p><a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a></p> +<h2><a name="Danckelmann" id="Danckelmann"></a>Danckelmann</h2> + + +<p class="newsection">Der Kurfürst Friedrich von Brandenburg und spätere +erste König von Preußen überließ sich am Anfang seiner Regierung +völlig der Leitung Danckelmanns, seines ehemaligen +Hofmeisters. Eberhard Danckelmann war 1643 geboren; +er war ein Fremder, ein Westfale aus der damals noch +nassau-oranischen Stadt Lingen, wo sein Vater, der berühmte +gelehrte Sylvester, Landrichter war. Die Familie +war bürgerlich, hatte aber die Tradition, daß einer ihrer +Vorfahren einem deutschen Kaiser durch treue Wachsamkeit +das Leben gerettet und dieser ihm mit den Worten: »Danke, +Mann«, den Ritterschlag erteilt habe. Das Wappen, das +dieser Tradition Wahrscheinlichkeit geben sollte, war ein +Kranich.</p> + +<p>Der junge Danckelmann war eine Art Wunderkind gewesen; +er hatte in Utrecht studiert, hatte hier schon in seinem +zwölften Jahr eine Disputation gehalten und dann die europäische +Turnee durch England, Frankreich und Italien gemacht. +Er war zwanzig Jahr alt, als ihn der Große Kurfürst +auf einer Reise nach Holland kennen lernte und zum +<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>Lehrer des damals fünfjährigen Prinzen Friedrich Wilhelm +annahm. Zwei Jahre später, 1665, wurde er Titularrat, +1669 Halberstädtischer, 1676 kurmärkischer Regierungsrat, +und noch unter dem Großen Kurfürsten Kammer- und Lehnsrat. +Zweimal vor Friedrichs Regierungsantritt rettete er dem +Prinzen das Leben, 1680 bei dem angeblichen Vergiftungsversuch +durch die Stiefmutter, und sieben Jahre darauf bei +einem Stickfluß, wo er ihm gegen den Rat der Ärzte eine +Ader schlagen ließ und ihn so wieder zum Bewußtsein brachte. +Kurz nach seiner Thronbesteigung ernannte ihn Kurfürst +Friedrich zum Regierungspräsidenten in Cleve, und am 2. Juli +1695, bei der Zusammenkunft der sieben Brüder Danckelmann, +die alle hohe Ämter im Brandenburgischen bekleideten, +bei offener Tafel zum Premierminister mit dem ersten +Rang am Hofe. Friedrich setzte die Bestallung eigenhändig +auf. Es heißt darin, daß Danckelmann ein vollständiges +Exempel ungefärbter Treue, unablässiger Applikation in der +Beförderung der Gloire des Kurfürsten und aller andern, +dem Diener eines großen Herrn wohlanständigen Tugenden +und Qualitäten sei. In demselben Jahre ließ ihn der +Kurfürst mit seinen sechs Brüdern von Kaiser Leopold in +den Reichsfreiherrenstand erheben, und der Kaiser gab +ihnen zu dem bisher im Wappen geführten Kranich sieben +mit einem Ring zusammengehaltene Zepter, »damit deren +Posterität aus denen sieben Zeptern die Urheber dieser unserer +ihnen erteilten Gnad und Würde als sieben Brüder, +welche gleichsamb an einem Ring beisammen halten umbsomehr +<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>abnehmen und vermerken können«. So das Diplom; +und es besagte auch, daß Eberhard Danckelmann den ihm +angetragenen Grafenstand abgebeten habe, um mit seinen +Brüdern im gleichen Stand zu bleiben. Der Kurfürst verlieh +ihm noch die Erbpostmeisterwürde, die Hauptmannschaft +zu Neufeld an der Dosse und ansehnliche Lehne und +Güter.</p> + +<p>Er leitete die Finanzen und alle Hauptgeschäfte. Man +nannte ihn den Colbert der brandenburgischen Staaten. Er +vermehrte die Jahreseinkünfte aus den Domänen um hundertfünfzigtausend +Taler. Er regierte mit seinen sechs Brüdern, +von denen er der mittelste war. Man nannte diese +Regierung der sieben Brüder Danckelmann, die als rechtschaffene +Männer im Volk beliebt waren, die Herrschaft der +Plejaden oder des Siebengestirns. Der älteste Bruder war +Resident im westfälischen Kreis. Der zweite außerordentlicher +Gesandter beim König von England, der dritte Kammergerichts- +und Konsistorialpräsident, der vierte Generalkriegskommissär, +der fünfte Kanzler zu Halle und außerordentlicher +Gesandter am kaiserlichen Hof und der sechste Kanzler zu +Minden.</p> + +<p>Danckelmann war ein tüchtiger und verdienstvoller, ein +sehr selbstbewußter und gegen den alten Adel sehr stolzer +Mann. Er war von tiefmelancholischem Temperament; +man hat ihn niemals lachen gesehen. Sein Unglück schwebte +dunkel vor seiner Seele, als er noch im höchsten Glücke +war. Eines Tages gab er dem Hof zur Einweihung seines +<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>neuen Hauses ein Fest. Die Gesellschaft tanzte im großen +Saal, Danckelmann befand sich mit dem Kurfürsten in +seinem Arbeitskabinett. Mit dem Wohlgefallen eines Kenners +betrachtete Friedrich einige Gemälde, die dort an den +Wänden hingen. »Das sind schöne Bilder,« meinte der +Kurfürst. »Ach,« erwiderte Danckelmann mit bitterem +Lächeln, »die Bilder und was ich sonst noch Kostbares besitze, +wird ja doch einst, bald vielleicht, das Eigentum von +Eurer kurfürstlichen Gnaden sein, wenn meinen Feinden gelingt, +wonach sie so eifrig trachten, mir die Liebe meines +Herrn zu entfremden.« Da legte der Kurfürst die Hand +auf die Bibel und antwortete, der Fall könne sich nie ereignen.</p> + +<p>Der Fall ereignete sich aber doch, und zwar nicht ohne +Danckelmanns Verschulden. Das Zeremoniell war in jenen +Tagen, wo sich alles um die Hofherrlichkeit drehte, die +Schlange, die die gescheitesten Köpfe verführte. Danckelmann +bezeigte sich gegen seine altadeligen Kollegen hochfahrend, +rauh und unfügsam. Er mochte freilich zu tun haben, +sich in Positur gegen sie zu setzen. Er verlangte von sämtlichen +Ministern der auswärtigen Höfe den ersten Besuch; +selbst den regierenden Reichsgrafen wollte er nicht weichen. +In die Kirche zu Königsberg, wo der ganze Hof versammelt +war, kam er einst zu spät, die Predigt hatte schon begonnen. +Sein Nachfolger, der spätere Premier Wartenberg und +der Feldmarschall Barfuß sprachen miteinander; Danckelmann +fuhr zwischen sie mit den Worten: »Meine Herren, +<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>warum heben Sie mir kein Platz auf?« Wartenberg +erhob sich und sagte: »Hier ist Platz.« Kalt entgegnete +Danckelmann: »Es ist Ihre Schuldigkeit, mir Platz zu +machen.«</p> + +<table class="illustration"> +<tr><td><a href="./images/danckelmann.png"><img src="./images/danckelmann_th.png" alt="Eberhard Danckelmann" title="Eberhard Danckelmann" /></a></td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Eberhard Danckelmann,</em></td></tr> +<tr><td class="small">nach einem Stich von G. P. Busch.</td></tr> +</table> + +<p>Dergleichen gab böses Blut. Im Gefühl seiner Vorzüge +nahm Danckelmann auch gegen den Kurfürsten einen feierlichen +Ton an, der dem hohen Herrn natürlich zu hoch vorkommen +mußte. Er verdarb es auch mit den Damen und +brachte die ganze kurfürstliche Familie gegen sich auf. Sein +Sturz erfolgte auf echt orientalische Weise. Im Vorgefühl +seines Schicksals hatte er seinen Abschied erbeten. Der Kurfürst, +der fünfunddreißig Jahre lang um ihn gewesen war, +bewilligte den Abschied. Danckelmann blieb in Berlin; noch +am Abend des 10. Dezember 1697 erschien er bei Hof, und +der Kurfürst unterhielt sich mit ihm aufs freundlichste. In +der Nacht darauf erschien der Gardeoberst von Tettau in +Danckelmanns Haus in der alten Friedrichstraße, dem sogenannten +Fürstenhaus. Er wurde arretiert, seine Effekten +wurden versiegelt, und man brachte ihn nach Spandau, später +nach Peitz. Erst zehn Jahre darauf wurde er nebst vielen +andern Staatsgefangenen pardonniert; da er Preußen nicht +verlassen durfte, begab er sich nach Kottbus, wo er eine halbe +Freiheit genoß und zweitausend Taler Pension. Seine sämtlichen +Güter wurden ohne Prozeß konfisziert; das Fürstenhaus, +Marzahne, Zimmerbude, Groß- und Klein-Quittainen +in Preußen, Biesenbruch in der Uckermark, Umelingen +und Schönebeck in der Altmark und die Kohlenbergwerke +<a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>bei Wettin. Die Familie hat die Güter niemals zurück erhalten. +Während der ganzen Zeit seiner Gefangenschaft war +nur seine Frau um ihn, die sich ausgebeten hatte, seine Haft +teilen zu dürfen. Erst nach Friedrichs Tode erhielt der siebzigjährige +Greis eine Ehrenerklärung: König Friedrich Wilhelm +ging öffentlich mit ihm zur Kirche.</p> + + + + +<p><a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a></p> +<h2><a name="Kaiser_Rudolf_II_und_sein_Hof" id="Kaiser_Rudolf_II_und_sein_Hof"></a>Kaiser Rudolf II. und sein Hof</h2> + + +<p class="newsection">Rudolf, der älteste Sohn des zweiten Maximilian, war +zu Wien geboren und wurde in Spanien erzogen. Seine +Mutter war Maria, die Lieblingstochter Karls V., eine echte +Spanierin, streng katholisch, sehr tugendhaft und sehr düster. +Der Aufenthalt am Hofe des unheimlich kalten, ausschweifenden +und grausamen Philipp und die furchtbaren Ereignisse +unter dessen Regierung hinterließen nicht zu verwischende +Spuren in Rudolfs Seele. Ehemals war er sanft, schüchtern +und gerechtigkeitsliebend gewesen; als er im Alter von +neunzehn Jahren nach Deutschland zurückkam, um die römische +Königskrone aufs Haupt zu setzen, war er wild, finster +und zu heftigen Zornanfällen geneigt. Mit vierundzwanzig +Jahren wurde er Kaiser. Er schlug seine Hofstatt zu Prag auf.</p> + +<p>Es war eine Drohung über ihm von den Ahnen her. Aber +er hatte nicht die rührende Melancholie Johannas von Kastilien, +auch nicht die durch die Eitelkeit aller irdischen Dinge +niedergebeugte stille Größe Karls V., in ihm war eine Art +von Versteinerung. Mit der Ungeduld eines bösen Kindes +sprach er seinen Widerwillen gegen alle Regierungsgeschäfte +<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>aus, und dieser Widerwille endigte erst, wenn er merkte, +daß ein anderer sich ihrer mit Liebe und tätigem Fleiß annahm; +dann erwachte in ihm der Neid und eine verzehrende +Eifersucht.</p> + +<p>Er kam niemals ins Reich; er besuchte nie einen Reichstag +seit jenem Regensburger, wozu ihn die Türkennot gedrängt +hatte. Er kam auch niemals nach Wien. Er saß fest auf +dem Hradschin; dort hatte er seine Zauber- und Wunderwerkstatt +aufgeschlagen. Wenn die deutschen Fürsten ihm +ihre Gesandten schickten, ließ er ihnen sagen: er sei eben mit +andern Angelegenheiten trefflich molestieret. Ebenso warteten +die Boten Ungarns und Österreichs jahrelang in Prag vergeblich +und immer wieder vergeblich auf eine Audienz. Die +Statthalter und Generale wurden ohne Verhaltungsbefehle +gelassen; sie mochten sich helfen, wie sie konnten. Die Geheimkünste +füllten seine ganze Welt aus.</p> + +<p>Er hatte große Schätze, verbarg sie aber sorgfältig in +seinen Truhen. Es kümmerte ihn nicht, wenn den Räten und +Hofleuten kein Gehalt ausbezahlt wurde, wenn sogar in der +kaiserlichen Hofhaltung sich Mangel einstellte. Der bayrische +Resident schrieb einmal an seinen Herrn: »Heute hat das +vornehmste Hofgesinde nichts zu essen gehabt, es war kein +Geld vorhanden, um für die Küche einzukaufen.« Von alledem +unberührt, überließ sich Rudolf seiner Leidenschaft für +das Mysteriöse und seiner Sammelwut.</p> + +<p>Er sammelte Naturalien, seltene Steine, ausländische +Pflanzen und Tiere. Löwen, Leoparden und Adler verstand +<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>er so zahm zu machen, daß sie mit ihm im Zimmer herumgingen. +Die Welser in Augsburg, die für die zwölf Tonnen +Goldes, welche sie dem Kaiser Karl vorgestreckt, einen Küstenlandstrich +in Südamerika erhalten hatten, ließen von dort +her peruanische Kuriositäten für ihn kommen. Er sammelte +römische und griechische Altertümer, die seine Agenten aufkaufen +mußten, Münzen, Gemmen, Kameen und Statuen. +So erwarb er zwei der größten Schätze der Antike, den +Sarkophag mit der Amazonenschlacht und die Onyxtasse mit +der Apotheose des Augustus, für die er fünfzehntausend Dukaten +bezahlte. Seine Schatzkammer war weit und breit berühmt; +sie blieb fast zweihundert Jahre lang im Stande, erst +in der Zeit der josefinischen Aufklärung ging vieles verloren; +die Statuen wurden für ein Spottgeld veräußert, ein herrlicher +Torso wurde durch das Fenster in den Schloßgraben +geworfen, die seltenen Münzen wurden nach dem Gewicht +verkauft, und die Tizianische Leda figurierte in einem Inventar +unter dem Titel: ein nacktes Weibsbild von einer bösen Gans +gebissen.</p> + +<p>Ein besonderes Wohlgefallen fand Rudolf an der Stempelschneidekunst. +Die Siegel an seinen Diplomen, goldnen +Bullen, Lehn- und Gnadenbriefen sind so fein und zierlich in +vollendetstem gotischen Stil ausgeprägt, daß die Annahme +berechtigt erscheint, er habe die größten Meister dieser Kunst +in seinen Dienst gezogen.</p> + +<p>Von seinen Hofleuten wurde Rudolf II. Salomon genannt. +Er beherrschte sechs Sprachen, war bewandert in +<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>der Mechanik, Physik und Mathematik und besonders in +der Astrologie, Magie und Alchimie. Er verkehrte schriftlich +mit allen gelehrten Männern im heiligen römischen +Reich, und manchen unscheinbaren Doktor erhob er in den +Adelsstand, auch wenn es ein Lutheraner war. Aber hauptsächlich +waren die sonderbaren Leute seine Leute. Es lebten +an seinem Hof eine Menge Uhrmacher und Maler, eine +Menge Astronomen, die ihm Horoskope stellen und Kalender +machen mußten; er verkehrte mit Adepten aller Art, worunter +sich viele Scharlatane, Glücksritter, Quacksalber und Marktschreier +befanden; er verkehrte mit Magiern, Spiegeldeutern, +Lebensverlängerern und Menschenmachern; sie mußten dem +Kaiser aus kochendem Wasser weissagen, ihm ihre Phantasmagorien +zeigen und allen Ernstes versuchen, Mumien zu +beleben und in der Retorte Menschen zu erzeugen.</p> + +<p>Der größte Magus an Rudolfs Hof war der Engländer +John Dee. Er schloß dem Kaiser das Geisterreich auf. Er +rühmte sich, zu jeder Zeit seinen Genius vor sich zu sehen, +und wenn er seine Studien unterbreche, setze sich der Genius +an seine Stelle hin und studiere weiter; wenn er dann zurückkehre, +brauche er ihn nur auf die Achsel zu klopfen, so +stünde der Genius auf und entferne sich wieder. Rudolf hielt +Dee für einen gewaltigen Zauberer, Dee hielt den Kaiser +ebenfalls für einen gewaltigen Zauberer, und so hatten beide +große Furcht und großen Respekt voreinander. Ein anderer +Wundermann war der Italiener Marco Bragadino. Eigentlich +hieß er Mamugna und war ein Grieche. Zu Ende des +<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>sechzehnten Jahrhunderts war er als Graf Mamugnano nach +Italien gegangen, trat in den Kreisen der venezianischen Nobili +mit größter Pracht auf und machte in den Palästen der +Dandolo und der Contarini zum Erstaunen aller Gold. In +Prag erschien er stets begleitet von zwei riesigen schwarzen +Bullenbeißern, die er zur Beglaubigung seiner Macht über +die Geister mit sich führte. Er behandelte das Gold wie +Messing, verschenkte große Stücke und hielt stets auf eine +reiche Tafel. Als er sich später nach Münster wandte, verlor +er sein Leben am Galgen. Noch größeres Aufsehen als +dieser Bragadino machte ein gewisser Hieronymo Scotto. +Er war es, der dem Kölner Kurfürsten Gebhardt Truchseß +durch die Bilder in einem Zauberspiegel die schöne Gräfin +Agnes Mannsfeld verkuppelte, worüber der geistliche Herr +Land und Leute einbüßte. In Koburg verführte der einschmeichelnde +Glücksritter die Gattin des Herzogs, und die +unglückliche Prinzessin schmachtete dafür zwanzig Jahre lang +im Gefängnis.</p> + +<p>Alle fahrenden Alchimisten waren Rudolf willkommen, +er hatte täglich Zuspruch von ihnen und beschenkte sie reichlich, +wenn sie interessante Versuche machen konnten. Man +nannte ihn den deutschen <em class="antiqua">Hermes trismegistos,</em> und daß er +wirklich ein Adept gewesen, schien nach seinem Tode klar, +denn man fand unter seinem Nachlaß eine graue Tinktur, +man fand vierundachtzig Zentner Gold und sechzig Zentner +Silber, die in Ziegelsteinform gegossen waren.</p> + +<p>Es lebten aber auch drei große Männer an Rudolfs Hof: +<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>Tycho de Brahe, Loncomontanos und der unsterbliche Kepler, +der von Prag aus sein fundamentales Werk <em class="antiqua">»nova +astronomia de stella martis«</em> in die Welt sandte. Er hielt +sich zwölf Jahr lang an Rudolfs Hof auf und war seit dem +Tode Brahes, der an der Tafel des letzten Rosenbergs in +Krumau aus Etikettenangst starb, als römisch-kaiserlicher +Majestät Mathematikus angestellt. Ein Jahrgehalt von +fünfzehnhundert Gulden war ihm zugesichert; aber er erhielt +es selten richtig ausbezahlt.</p> + +<p>Vielleicht war die Zurückgezogenheit, in welcher der Kaiser +auf seinem Zauberschloß lebte, schuld daran, daß sich starke +Parteiungen an seinem Hof bildeten. Den mächtigsten Einfluß +hatten die Italiener. Davon liefert die Geschichte des +Feldmarschalls Rusworn einen Beweis; Graf Khevenhüller +erzählt sie in seiner altertümlichen Manier, die ich zu mildern +versuche:</p> + +<table class="illustration"> +<tr><td><a href="./images/rudolf.png"><img src="./images/rudolf_th.png" alt="Kaiser Rudolf II." title="Kaiser Rudolf II." /></a></td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Kaiser Rudolf II.,</em></td></tr> +<tr><td class="small">nach einem Stich von A. Wierx.</td></tr> +</table> + +<p>»Dies Jahr sind zu Prag der Feldmarschall Rusworn +und der Begliojoso so hart aneinandergekommen, daß sie sich +mit Worten übel traktiert, was der Begliojoso von seinem Feldmarschall +hat leiden müssen. Seines Unwillens hat sich ein +von Mailand verbannter Kerl namens Furlan bedient; der +Begliojoso hatte in seiner Heimat eines Rechtsgelehrten Weib +verführt, deshalb waren zwölftausend Kronen auf seinen Kopf +gesetzt, welche dieser Furlan zu gewinnen und dabei seiner +Acht sich zu entledigen hoffte. Als nun Begliojoso einmal +am Abend auf der Kleinseite spazieren ging, ist Furlan zu +dem Feldmarschall gegangen, der beim Grafen Herberstein +<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>speiste und hat ihm vermeldet, der Begliojoso lauere ihm auf. +Darauf hat der Rusworn um seine Leute und Pistolen geschickt +und hat seinen Kämmerling und den Furlan ihm vorausgehen +heißen. Als sie nun den Begliojoso angetroffen, +hat dieser, der nichts Böses im Sinn geführt, freundlich zu +Furlan gesprochen, der aber hat ihm mit der Pistole geantwortet +und ihn durch den Arm geschossen. Darauf hat der +Begliojoso mit der rechten Hand den Degen erwischt, mit +großer Wut auf die zwei losgegangen und sie gegen den +Feldmarschall getrieben; der hat gemeint, die Verräterei sei +erwiesen, hat dem Begliojoso stark mit der Wehr zugesetzt +und ihn fast auf den Tod verwundet. Indem hat Furlan +den Begliojoso hinterwärts durch den Kopf geschossen, ist +davongelaufen, aber später ertappt und gehenkt worden. Der +Kaiser war zuerst übel zufrieden, daß man seinen Feldmarschall +so traktiert, aber als Rusworns Widersacher den Kaiser anders +informiert, wurde er verarrestiert und die Sentenz über +ihn gesprochen. Der Kaiser hat ihm den Pardon gegeben, +der ist aber aus Praktiken zurückgehalten und die Exekution +vorgenommen worden. Der Feldmarschall hat sich +trefflich wohl zum Sterben geschickt, hat ein gemaltes Kruzifix +vor sich ausgebreitet und seines Endes unerschrocken gewartet. +Der Kopf ist ihm gleich zu der Wunde Christi gefallen, +und also hat dieser kühne tapfere Held, so in Ungarn +wider den Türken ansehnliche Dienste geleistet, mit einem +schmählichen Streich sein Leben enden müssen, aus Mißgunst +etlicher, die ihn um das Glück beneidet und denen er +<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>im Wege gelegen. Der Kaiser hat seine Übereilung hoch +beklagt. Weil aber die Majestät damals sich ganz versteckt +gehalten und fast niemand gehört, wurde die Sache beschönt +und verschwiegen.«</p> + +<p>Gerade weil Rudolf so eingezogen lebte, bedurfte er der +Zuträgereien; die Kammerdiener brachten sie ihm, und nach +seiner argwöhnischen Gemütsart lieh er ihnen ein williges +Ohr. Lakaien und Abenteurer waren es, die im Hradschin +kommandierten. Die Stallknechte hatten einen großen Stand, +weil der Marstall des Kaisers Lieblingsaufenthalt war. Viel +Macht übten endlich die listigen Buhlerinnen aus, mit denen +der Kaiser in immer wechselnder wilder Ehe lebte. Die Ursache, +weshalb sich Rudolf nicht vermählte, war das Horoskop, +das ihm Tycho de Brahe gestellt hatte. Es lautete, er dürfe +nicht heiraten, denn es drohe ihm Gefahr vom eigenen Sohn. +Zwei Heiratsprojekte lagen vor: mit einer mediceischen Prinzessin +und mit der spanischen Infantin Isabella. Viele Jahre +lang wurde darüber verhandelt, aber jeder Versuch, den +Kaiser zur Ehe zu bewegen, schlug fehl. Um das Jahr 1600, +als sich die Heiratsprojekte endgültig zerschlagen hatten, stieg +Rudolfs Trübsinn aufs höchste. Gegen seinen jüngeren Bruder +Mathias faßte er einen unaustilgbaren Widerwillen. +Das Erscheinen des Halleyschen Kometen bestärkte ihn in +der Furcht vor den Anschlägen seiner Verwandten, Anschläge, +die der blutige Schwanzstern ihm recht handgreiflich +in der Vorbedeutung anzuzeigen schien. Vergeblich +suchte ihm Kepler seine Angst auszureden. Er war so mißtrauisch, +<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>daß er nicht nur den niedrigsten Verleumdern zugänglich +war, sondern auch alle Personen, die zu ihm kamen, +untersuchen ließ, ob sie heimlich Waffen bei sich führten. +Selbst seine Geliebten mußten sich diesem Zwang unterwerfen. +Aus Furcht verließ er das Schloß nicht mehr. Sein Schlafzimmer +glich einer Festung. Oft sprang er aus dem Bett und +ließ durch einen Schloßhauptmann alle Winkel der kaiserlichen +Residenz mitten in der Nacht durchstöbern. Wenn er +zur Messe ging, was nur an hohen Festtagen geschah, saß +er in einem gedeckten und stark vergitterten Oratorium. Um +ganz sicher beim Spazierengehen zu sein, ließ er lange und +weite Gänge mit engen schrägen Fensterchen gleich Schießscharten +bauen, durch die hindurch er nicht fürchten mußte, +erschossen zu werden. Diese Gänge führten in seinen prächtigen +Marstall; er hatte hier seine Zusammenkünfte mit den +Frauen und besah sich gern seine Pferde, die er liebte, auf +denen er aber niemals ritt.</p> + +<p>Daniel L’Hermite schildert die Erscheinung des siebenundfünfzigjährigen +Kaisers wie folgt: »Viel zu frühe sind ihm +Haare und Bart grau geworden. Die Stirn ist majestätisch, +der Mund nicht unangenehm, die Augen sind feurig, werden +aber von starken Wimpern fast gänzlich beschattet. Seine +Gestalt ist mehr gedrückt als aufgerichtet, von alters her ist +diese gedrückte Leibesgestalt im Hause Österreich angeboren. +Er trägt noch immer Kleider nach der alten Sitte, er hält +auf diese alte Sitte und setzt ein Zeichen der Größe daran, +nichts an ihr zu ändern; er trägt einen kurzen, mit Gold +<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>eingefaßten Mantel und über der gegürteten weißen Hose +ein spanisches Wams.«</p> + +<p>In Prag wußte man oft monatelang nicht, ob Rudolf +noch lebe. Das Volk fürchtete, die Günstlinge verheimlichten +seinen Tod, um seine Schätze an sich zu bringen. Einmal +brach deshalb ein Aufstand aus, und da zeigte sich der Kaiser +nach langen Bitten am Fenster des Hradschins, um den andrängenden +Volkshaufen zu beruhigen. In dumpfem Brüten, +und ohne einen Laut von sich zu geben, saß er oft viele Stunden +hindurch und schaute den Malern und Uhrmachern zu, +die in seinem Zimmer arbeiteten. Wurde er dabei angesprochen, +so packte ihn der Jähzorn, und er warf, was er gerade erreichen +konnte, ein Gefäß oder ein Werkzeug, dem Störer mit +Schimpfworten an den Kopf. Bisweilen auch fuhr er aus +seinem wehmütig stieren Sinnen ohne Grund empor und +zerschlug alles um sich her.</p> + +<p>Personen, die in Geschäften bei Hof erschienen, fanden es +ungemein schwer, zum Kaiser zu gelangen. Entweder war +er im Zimmer bei den Löwen, Leoparden und Adlern, die er +selbst fütterte, oder bei Tycho de Brahe auf der Sternwarte, +oder bei Dee und Bragadino, beschäftigt mit Schmelztiegeln, +Wunderspiegeln, Traumtafeln und Geistererscheinungen, oder +in den Gärten des Hradschins, wo Bäume, Gesträuche und +Blumen aus fernen Weltgegenden blühten und Zaubergrotten +und Wasserwerke sich befanden, aus denen Musik ertönte. +Wer ihn sprechen wollte, mußte sich als Stallknecht verkleiden +und ihn im Marstall erwarten. Aber auch hier war es gefährlich, +<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>sich dem seltsamen und gewalttätigen Herrn zu nähern. +Eva, die Tochter des in Ungnade gefallenen Oberst-Burggrafen +Lobkowitz, hatte sich durch Geld eine solche Audienz +erkauft, um für ihren gefangenen Vater Freiheit und Leben +zu erbitten. Ein ehrlicher Stallknecht warnte sie in letzter +Stunde, indem er ihr eröffnete, daß sie zu schön sei, um solches +zu wagen, der Kaiser scheue nicht vor Gewalt zurück. +Sie verstand ihn und floh.</p> + +<p>Rudolf ahnte nichts von der Not seiner Völker. Der sturmbewegten +Zeit mußte dieser kranke Träumer auf dem Thron +alles schuldig bleiben. Die Türkengefahr und der Aufstand +des Siebenbürgerfürsten vereinigte sämtliche Erzherzoge des +habsburgischen Hauses zu dem Beschluß, den Kaiser abzusetzen, +und der Urheber dieser Maßregel war Clesel, der Bischof +von Wien und Neustadt. Im Juni 1608 mußte Rudolf +an seinen Bruder Mathias die Krone Ungarns und die Lande +Österreich und Mähren gegen ein Jahrgeld gänzlich abtreten, +und trotz seines leidenschaftlichen Widerstandes wurde +er gezwungen, den berühmten Majestätsbrief auszustellen, +durch den er den böhmischen Herren unbedingte Glaubensfreiheit +sicherte. Nur das tiefe Zerwürfnis mit Mathias +drängte ihm den Majestätsbrief ab, die Scharteke, wie Kaiser +Ferdinand später die Urkunde verächtlich betitelte, als er sie +nach der Schlacht am Weißen Berg verbrannte. Aber eines +glaubte sich Rudolf dadurch gesichert zu haben: als böhmische +Majestät in dem teuren Prag ruhig sterben zu können. Es +war ein Irrtum. Er wurde in seinem Schloß so eng bewacht, +<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>daß ihm nicht einmal verstattet war, in den Garten +zu gehen und Luft zu schöpfen. Einmal, als der römische +Kaiser aus dem Tor treten wollte, schlug die Wache das Gewehr +auf ihn an; da kehrte Rudolf in seine Gemächer zurück, +öffnete das Fenster und rief mit erhobener Hand: »Du undankbares +Prag! durch mich bist du erhöht worden, und nun +stößt du deinen Wohltäter von dir. Die Rache Gottes soll +dich verfolgen und der Fluch über dich und ganz Böhmenland +kommen.«</p> + +<p>Die Kurfürsten von Mainz und Sachsen verwandten sich +für den Kaiser, indem sie betonten, daß er doch auch noch ein +Mitglied des kurfürstlichen Kollegiums sei. Darauf entgegneten +die Stände Böhmens höhnisch den Abgesandten: »Wir +wollen euch den römischen Kaiser samt dem Kurfürsten von +Böhmen zugleich in einem Sack zuschicken.«</p> + +<p>In dieser Bedrängnis war es, wo Mathias seinem Bruder +auch die böhmische Krone raubte. Erbittert darüber, daß die +Böhmen Mathias gehuldigt hatten, schleuderte Rudolf, als +er die Abdankungsurkunde unterzeichnet hatte, im Zorn seinen +Hut auf die Erde, zerbiß die Feder und warf sie dann auf +das Diplom, auf dem man noch heutigentags den Tintenfleck +sieht. Ungeachtet seiner hoffnungslosen Lage glaubte der +wunderliche Mann durch die Stiftung eines Ordens von +Friedensrittern alles wieder ins Geleise bringen zu können, und +Tag und Nacht arbeitete er an den Ordensketten.</p> + +<p>Von seinen sämtlichen Kronen besaß er jetzt nur noch die +römische Kaiserkrone. Aber schon lange verachteten ihn auch +<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>die deutschen Fürsten und schickten endlich eine Gesandtschaft, +um ihn zu nötigen, zur Wahl eines anderen Kaisers seine +Zustimmung zu geben. Er empfing die Gesandten unter einem +Thronhimmel stehend; die linke Hand hatte er auf einen Tisch +gestützt. Als sie ihr Verlangen vorbrachten, wurde ihm der +Kopf heiß, seine Knie zitterten, und er mußte sich auf einen +Sessel niederlassen. Später sagte er zum Herzog von Braunschweig, +seinem vertrautesten Freund: »Die mir in meinem +Ungemach keine Hilfe geleistet und zu meinem Dienst nicht +einmal ein Roß haben satteln lassen, haben mir jetzt eine Art +von Leichenpredigt gehalten. Ohne Zweifel sind sie mit unserm +Herrgott in geheimem Rat gesessen und wissen vielleicht von +daher, daß ich noch in diesem Jahr sterben werde, weil sie gar +so stark auf einen Nachfolger im römischen Reich dringen.«</p> + +<p>Erniedrigung, Verlust der Würden und alle damit verbundenen +Leiden hatte Rudolf ertragen; der Tod seines schönen +treuen alten Löwen und zweier Adler, die er täglich mit eigener +Hand gefüttert hatte, brach ihm das Herz.</p> + +<p>Sein Leichnam wurde in eine mit rotem Damast ausgeschlagene +Bahre gelegt, über der sich ein gläserner Deckel +befand; auf der Brust trug er ein Kreuz, an der linken Seite +die Wehr und an der rechten das goldene Vlies. Rudolfs +Minister wurden verhaftet und zur Folter verurteilt; sein +Schatzmeister Roszky, den er vor andern geliebt, erhängte +sich im Gefängnis mit der Schnur, an welcher er den Kammerschlüssel +getragen. Man ließ daher seinen Leib vom Nachrichter +vierteilen und auf dem Weißen Berg bestatten. Allein +<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>es hieß, daß er sich an derselben Stelle oftmals auf einem +Bock oder Hirsch reitend zeigte, und so wurde der Körper +wieder ausgegraben, wurde verbrannt und die Asche in die +Moldau geworfen. Als dies geschehen war, verschwand +plötzlich der Schloßhauptmann, und es entstand der Verdacht, +daß er den Roszky im Gefängnis ermordet, ihn aufgehängt +und ihm das <em class="antiqua">aurum purificatum,</em> das er aus des +Kaisers Schatz zurückbehalten, geraubt habe.</p> + +<p>Der Kaiser Rudolf hinterließ von seinen vielen Geliebten +wahrscheinlich viele Kinder, von denen vier Söhne bekannt +geworden sind, die sein wildes Blut erbten. Don Carlos +d’Austria diente dem Kaiser Ferdinand im Dreißigjährigen +Krieg, wurde aber in einer Vorstadt von Wien bei einem +Auflauf um eine öffentliche Dirne, in den er sich mutwillig +gemischt hatte, unerkannt erschlagen. Zwei andere führten +ein anonymes Dasein, der vierte jedoch, Don Cesare d’Austria, +hatte an einem Edelfräulein Gewalt geübt und sie dann aus +dem Weg geräumt. Der Kaiser, sein Vater, ließ ihm in +einem warmen Bade die Adern öffnen.</p> + + + + +<p><a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a></p> +<h2><a name="Hochzeit" id="Hochzeit"></a>Hochzeit Fräulein Reginens, +Herrin von Tschernembel, +mit Herrn Reichard Strein, +Freiherrn zu Schwarzenau, +am 24. September 1581</h2> + + +<p class="newsection">Als Herr Reichard Strein mit zweiundzwanzig Kutschen, +in denen seine nächsten Befreundeten gesessen, beim Grafen +Ortenburg angekommen war, ließ er durch diesen bei Herrn +von Tschernembel um die Hand seiner Tochter Regina werben. +Um größere Unkosten zu verhüten und auf seine ansehnlichen +Befreundeten weisend, begehrte Herr Strein, daß nach +schleuniger Begleichung des Zeitlichen und geschehener Zusage +die Hochzeit sogleich vorgenommen werde, und obwohl +der andere Teil Einwendungen gemacht, wurde dem Begehren +schließlich doch willfahrt. Die Brautleute wurden +am selben Tag christlich zusammengetan, und der Abend ward +bei guter Traktation fröhlich verbracht. Am folgenden Morgen +wurde die Hochzeitspredigt gehalten; dann fuhr Herr +Strein mit Herrn Achaz von Lohsenstein und seiner Schwester, +<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>der Frau Jörgerin, nach Freydek, um Ordnung zur Heimführung +zu geben.</p> + +<p>Am Mittwoch den 27. September wurde zu früher Tageszeit +der Brautwagen mit fünfzig Reitpferden nach Karlspach +bei Melk begleitet, dort setzten sich die Herren in die Kutschen, +das Frauenzimmer auf ihre Wägen und zogen in folgender +Ordnung weiter: erstlich die Handrosse, dann die andern +Pferde, deren Zahl sich ebenfalls auf fünfzig belief; dann die +Kutschen mit den Dienern; dann die Herren selbst in ihren +Kutschen; dann drei berittene Trompeter; dann drei Berittene +von Adel in meißenischen Sammetröcken und weißen Kranichfedern +auf den Hüten; dann drei Edelknaben mit weiß und +schwarzen Federbüschen auf den überzogenen Sturmhauben; +dann die reisigen Knechte mit goldgeschmückten Röcken; dann +Herrn Streins Pferd; dann wieder drei Berittene von Adel +mit schönen Wehrgehängen und zum Beschluß drei junge +Freunde des Herrn Strein. Hierauf folgte der Brautwagen; +er war mit schwarzem Leder überzogen und mit weißem Atlas +ausgefüttert, und das Eisenwerk war versilbert; sechs gefärbte +Rosse zogen ihn, an deren Lederzeug schwarzseidene +Fransen hingen. Die Kutschen der Frauenzimmer waren mit +braunem lündischen Tuch bekleidet; es waren etwa dreißig +Kobelwägen. Herr Strein empfing seine Gäste in Freydek +mit ordentlichem Schießen und anderen Ehrenbezeugungen +um zwölf Uhr Mittag.</p> + +<p>Als nun die Herren und Frauen in ihre Zimmer gegangen +und sich abgetan, ist die Mahlzeit mittlerweile bereit und die +<a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>Speisen aufgetragen worden. Ein Saal war zum Tanzen +zugerichtet und in einer gleichgroßen Stube standen sieben +gedeckte Tafeln. Die Mahlzeit ist so vertraulich und lieblich +abgegangen, daß man weder Fluchen noch unziemliche Reden +gehört. Es ist kein übermäßiger Trunk geschehen, fröhlich ist +jedermann gewesen und hat sich den Wein wohlschmecken +lassen. Als nun das Obst- und Beschauessen zum Teil aufgetragen +war und die Herrentafel aufgehoben werden sollte, +fingen unversehens die Stühle an zu sinken; zudem brach der +Boden acht Klafter in der Länge und fünf in der Breite +auseinander, und es entstand ein großes Getümmel. Die +Restbäume waren gebrochen und die Ziegelpflaster des Bodens, +die Tische, Stühle, Bänke, Schrägen, Messer, Teller +und alles, was am Herrentisch gesessen, samt etlichen aufwartenden +Personen stürzte dreiundeinhalb Klafter in die Tiefe.</p> + +<p>Die Hochzeitsgäste meinten nichts weniger, als das Jüngste +Gericht und die Auferstehung der Toten sei gekommen. Der +vom Schutt aufwirbelnde Staub war so groß, daß ihn die +Leute im Hof für Flammenrauch hielten. »Ist durch sonderliche +Fügung und Barmherzigkeit Gottes,« so lautet der Bericht, +»niemand am Leben verkürzt worden, außer einem, +Kleinschopf genannt, Herrn Gabriel Streinz’ Diener, der +ist im Saal gewesen und hat das Krachen gehört, und ist +herausgegangen und etlichen andern solches gesagt und mit +dem Vermelden wieder hineingegangen, er wolle sehen, wo +es brechen will. Indem hat ihn der Fall ergriffen und erschlagen.« +Einer vom Adel ist im Saal auf der Bank gelegen +<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>und hat geschlafen; dem ist nichts geschehen, ist auch +nicht eher erwacht, als bis Herrn Wolf Ehrenreich Streinz’ +Lakai auf ihn gefallen, den er deshalb, unvermerkt woher er +käme, hat schlagen wollen. Herr Adam von Puchheim ist +ohne Schaden auf die Füße heruntergefallen, ist alsbald den +andern zu Hilfe gelaufen und hat zum ersten die Frau Braut +Reginam hervorgezogen, welche außer einem schlechten Riß +am Knie keinen Schaden empfangen. Ihr Gemahl ist an +Kopf und Arm ein wenig gestreift worden, zwei Bäume sind +überzwerch auf ihm gelegen, Kalk ist ihm in die Augen gekommen, +und er hat nichts sehen können.</p> + +<p>Die Liste der bei dieser Hochzeit gestürzten Personen der +Herren, Frauen, Fräulein und Bedienten gibt die Zahl achtundzwanzig.</p> + + + + +<p><a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a></p> +<h2><a name="Friedrich_Wilhelm_I_von_Preussen" id="Friedrich_Wilhelm_I_von_Preussen"></a>Friedrich Wilhelm I. von Preußen</h2> + + +<p class="newsection">Friedrich Wilhelm wurde am 14. August 1688 als einziger +Sohn Friedrichs des Ersten und der geistreichen, philosophisch +begabten Charlotte von Hannover geboren, nur +wenige Monate nach dem Tode seines Großvaters, des Großen +Kurfürsten. Schon als Kind hatte er einen robusten Körperbau, +ein äußerst widerspenstiges Naturell und zeigte zum +Lernen keine Lust. Der muntere, fast unbändige Knabe war +der Abgott seiner Mutter und seiner Großmutter. Die Kurfürstin +Sophie ließ den geliebten Enkelsohn bereits in seinem +fünften Jahre zu sich nach Hannover kommen, aber es war +nicht möglich, ihn dort lange zu behalten, denn er vertrug +sich ganz und gar nicht mit seinem Spielkameraden, dem +Prinzen Georg, der später König von England wurde. Die +Abneigung zwischen den beiden blieb eine dauernde; sie haßten +einander bis zur Todesstunde, und Friedrich nannte Georg +nicht anders als: mein Bruder, der Tanzmeister, während +Georg seinerseits: mein Bruder, der Sergeant, sagte.</p> + +<p>Die Personen, die mit dem Prinzen zu tun bekamen, hatten +einen schlimmen Stand mit ihm. Zwei Guvernanten +<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>mußten ihn beaufsichtigen, und oft brachte er durch seine +tollen Streiche die beiden Frauen zur Verzweiflung. Frühzeitig +legte er einen Widerwillen gegen allen Pomp und +Luxus an den Tag, und er warf einmal ein Schlafröckchen +von Goldstoff, welches anzuziehen man ihn nötigen wollte, +ins Kaminfeuer. Dagegen bestrich er sich das Gesicht mit +Fett und ließ sich in der Sonne braten, um eine recht braune +Soldatenfarbe zu bekommen.</p> + +<p>Wie von dem großen Leibniz bestätigt wird, galt Friedrich +Wilhelm als Knabe für sehr witzig. Auf einem Jahrmarkt +in Charlottenburg spielte der zwölfjährige Prinz den +Taschenspieler zum allgemeinen Ergötzen. Die Herzogin von +Orleans schrieb: »Es ist mir immer bang, wenn ich Kinder +so witzig vor dem rechten Alter sehe, denn es ist mir ein +Zeichen, daß sie nicht lange leben. Darum ist mir auch bang +für den kleinen Kurprinzen von Brandenburg.« Friedrich +Wilhelm blieb aber ungeachtet seines Witzes beim Leben, +und zwar bei recht gesundem Leben. Nur mit dem Lernen +wollte es gar nicht vorwärts; wie er seinem prunkliebenden +Vater eine entschiedene Abneigung gegen Prunk zeigte, so +trotzig verhielt er sich gegen alle Versuche seiner Mutter, die +einen gelehrten Mann, <em class="antiqua">une belle âme,</em> aus ihm machen +wollte. In seinem siebenten Jahre war ihm der Graf Alexander +Dohna als Erzieher gegeben worden, ein ehrenfester, +gravitätischer, stolzer Mann. Seine Instruktion besagte, +daß er alle Mühe aufzuwenden habe, um dem Prinzen das +Lateinische beizubringen, »da solches nicht allein die goldene +<a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>Bulle erfordere, sondern auch die nötigen Verhandlungen +mit den benachbarten Puissancen.« Aber trotz aller Einreden +Dohnas lernte die Königliche Hoheit gar wenig, obwohl ihr +ein ganz außerordentliches Gedächtnis anerschaffen war. +Noch schlimmer ging es mit den Künsten, er wollte weder +das Klavier noch die Flöte spielen, die Musik war ihm geradezu +unleidlich.</p> + +<p>In schärfstem Gegensatz zu der Vorliebe seiner Eltern für +das Französische trat alsbald sein ausgeprägtes Deutschtum +hervor. Hierin bestärkte ihn sein erster Lehrer, der +Ephorus Friedrich Cramer. Cramer war ein kenntnisreicher +und gebildeter Mann, der einst die Schrift des Abbé Bouhours: +Kann ein Deutscher Geist haben? mit einer grimmigen +Gegenschrift beantwortet hatte. Cramers Einwirkung +blieb fest in der Seele Friedrich Wilhelms, die, wie rasch sie +sich auch nach Sympathien und Antipathien entschied, daran +für immer und aufs zäheste festhielt. Der Nachfolger Cramers +war ein Franzose namens Rebeur, ein Emigrant, den Graf +Dohna aus der Schweiz hatte kommen lassen. Aber dieser +Rebeur war ein trauriger Pedant; er plagte den Prinzen fortwährend +damit, daß er ihn lateinische, französische und +deutsche Aufsätze über das Alte Testament machen ließ, und +die Folge war, daß Friedrich Wilhelm fortan einen unbezwinglichen +Haß gegen das Alte Testament hegte; sein ganzes +Leben lang konnte es bei ihm nicht wieder zu Ehren gebracht +werden, ein so guter Christ er auch war.</p> + +<p>Seine Mutter verzog ihn gänzlich, und eigentlich hat er +<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>ihr das später nie verziehen. Gerade aus dem Verhältnis zur +Mutter entwickelte sich in ihm die Forderung eines unbedingten +blinden Gehorsams, »sonder Räsonieren«, seine unphilosophische +starre Rechtgläubigkeit nach eigenem Rezept und +eigener Vorschrift und die harte Behandlung, die er seinem +Sohn Friedrich angedeihen ließ.</p> + +<p>Er nährte im stillen nur zwei Leidenschaften: die Soldatenliebhaberei +und die Ökonomie in den Finanzen. Schon +als Knabe errichtete er von seinem Taschengeld eine Kompanie +adeliger Kadetten. Eine zweite Kompanie befehligte +sein Vetter, der Herzog von Kurland, mit dem er sich auch +sehr übel vertrug, die Mutter kam einmal dazu, wie er ihn +wütend bei den Haaren herumschleppte. Seine Sparsamkeit +zeigte sich frühzeitig; er war acht Jahre alt, als er sich ein +Ausgabenbuch anlegte, das den Titel führte: Rechnung über +meine Dukaten. Seine Mutter ängstigte sich, daß der Geiz +ihn verhärten werde, und nicht weniger bekümmerte sie seine +immer mehr zutage tretende Unhöflichkeit gegen die Frauen, +die freilich in einer unbesiegbaren Befangenheit und Schüchternheit +begründet war und auch in dem Umstand, daß die +erste zarte Neigung seines Herzens, die zur Prinzessin Karoline +von Ansbach, nicht erwidert wurde. Karoline heiratete +später den englischen Georg.</p> + +<p>In seinem sechzehnten Jahr erhielt der Prinz die Erlaubnis +zu einer Reise nach den Niederlanden und nach England. +Der Herzog von Marlborough hatte ihm bereits ein Schiff +zur Überfahrt bestimmt, als er nach Berlin zurückgerufen +<a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>wurde; seine Mutter war gestorben. Von nun an lebte er +mit Vorliebe in Wusterhausen, dorthin zog er die Leibkompanie +seines Regiments, die er fleißig exerzieren ließ und die +seine höchste Freude war. Er machte den Feldzug am Rhein +unter Marlborough und Prinz Eugen mit, und im Jahre +1706 vermählte er sich mit der Prinzessin Sophie Dorothea +von Hannover, welche die Mutter des großen Friedrich wurde. +Sie war eine große schlanke Frau mit blauen Augen und +braunem Haar, gebildet und lebhaft, ehrgeizig und stolz.</p> + +<p>Als Friedrich Wilhelm nach dem Tode seines Vaters im +Jahre 1713 zur Regierung gelangte, änderte er den ganzen +Hofhaushalt völlig um. Wer seine Gunst erlangen wollte, +mußte Sturmhaube und Küraß anlegen, alles war Offizier +und Soldat, und zwei Männer gewannen alsbald ausschließlich +sein Vertrauen, der Generalmajor von Grumbkow und +der Fürst Leopold von Anhalt-Dessau. Alle wichtigen Geschäfte +gingen durch Grumbkows Hände, und da er des +Königs täglicher Gesellschafter war, wuchs sein Einfluß beständig. +Er fügte sich in des Königs Launen, wußte dessen +erste Hitze abzulenken und leitete ihn, soweit er sich überhaupt +leiten ließ, anscheinend treuherzig, freimütig und bieder. Grumbkow +war ein großer Feinschmecker und konnte ungeheuer viel +Wein vertragen, so daß er den Ehrentitel Biberius erhielt. +Für zwölftausend Taler Tafelgelder, die ihm ausgezahlt +wurden, übernahm er die Bewirtung der fremden Prinzen +und Gesandten. Während der König und der übrige Hof +in der größten Sparsamkeit lebten, führte Grumbkow allein +<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>einen glänzenden Haushalt. Der König speiste selbst gern und +oft bei ihm und pflegte zu sagen: »Wer besser essen will als +bei mir, der muß zu Grumbkow gehen.« Grumbkows Verschwendungssucht +brachte ihn aber in eine höchst bedenkliche +Abhängigkeit von fremden Höfen; er stand erst im englischen +und später im österreichischen Solde. Seine Hauptfeindin +war die Königin Sophie, deren Lieblingsplan einer Heirat +ihres Sohnes Friedrich mit der englischen Prinzessin Amalia +er hintertrieb. Damals beleidigte er die Königin geradezu +durch unziemliche Redensarten, und sie verfluchte ihn dafür. +Sein Ehrgeiz vermaß sich immer höher, geflissentlich säte er +Zwietracht zwischen dem König und der Königin, endlich erschöpfte +er die Langmut seines Herrn und fiel in Ungnade. +Als der König seinen Tod erfuhr, sagte er: »Nun werden +die Leute doch endlich einsehen, daß der Grumbkow nicht alles +macht. Hätte er vierzehn Tage länger gelebt, so hätte ich ihn +verhaften lassen.«</p> + +<p>Leopold von Anhalt-Dessau, den der Volksmund und die +Geschichte den Alten Dessauer nennt, war ein Vetter des +Königs und seit dem italienischen Feldzug eng mit ihm befreundet. +Leopold verstand sich auf die Seele des Soldaten, und +wenn er fluchte, war es dem gemeinen Mann wie bei einer +Schmeichelei zumute. Er führte die großen Neuerungen in +der preußischen Armee ein, die ihr später in den Schlachten +Friedrichs des Großen die taktische Überlegenheit verschafften: +den eisernen Ladestock und den Gleichschritt der Kolonnen.</p> + +<p>Grumbkow und der Fürst von Dessau waren grimmige +<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>Feinde. Den ersten Streit zwischen ihnen gab es wegen eines +merkwürdigen Projektes, das Leopold dem König kurz nach +seinem Regierungsantritt vorschlug. Leopold hatte in seinem +Fürstentum alle Güter aufgekauft, das Land bestand am Ende +nur noch aus Domänen und war ganz sein Eigentum geworden. +Er riet dem König, ein gleiches zu tun, und bewies +ihm, daß Dessau jetzt verhältnismäßig doppelt soviel einbringe, +als dem König seine Staaten. Grumbkow widersetzte sich +dem Vorschlag lebhaft und malte die schädlichen Folgen aus, +wenn der König seinen Adel vom Güterbesitz vertreibe und +sich vom baren Geld entblöße. Dem Fürsten schleuderte er +die Anklage entgegen, daß ja in seinem Lande nur noch Juden +und Bettler zu finden seien. Leopold geriet darüber in solchen +Zorn, daß er den Minister auf Pistolen forderte, und nur +mit Mühe verglich sie der König durch sein Dazwischentreten. +Von da an war es unmöglich, beide Männer in leidlichem +Einvernehmen zu halten. Zehn Jahre später kam es wegen +des Vorwurfs der englischen Bestechung abermals zu einem +Streit und wieder zu einer Herausforderung. Grumbkow +lehnte ab. Um sich zu rächen verlangte Grumbkow vom +Fürsten das Patengeschenk von fünftausend Talern, das er +einst einer seiner Töchter versprochen hatte, wenn sie sich verheiraten +würde. Der Fall war da. Es kam zum Wortwechsel +und zu Beschimpfungen. Der Fürst schickte Grumbkow +ein Kartell. Grumbkow schützte religiöse Bedenken vor und +sagte, die Duelle seien nach göttlichen und menschlichen Gesetzen +verboten. Endlich kam es aber doch zum Zusammentreffen, +<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>und beide Teile begaben sich vor das Köpenicker Tor. +Sobald der Fürst, in weiter Ferne noch, seinen Gegner erblickte, +rief er ihm zu, er solle den Degen ziehen. Grumbkow +näherte sich mit langsamen Schritten, übergab dem Fürsten +seinen Degen und sagte, er bitte Seine Durchlaucht untertänigst, +das Vorgefallene zu vergessen und ihm seine Gnade +wieder zu schenken. Da warf ihm der Fürst einen verachtungsvollen +Blick zu, kehrte ihm den Rücken, schwang sich auf sein +Pferd und ritt wieder gegen die Stadt.</p> + +<p>Jetzt trat der König ernstlicher als Vermittler auf; er begehrte, +daß Leopold eine Bescheinigung unterschreiben solle, +worin Grumbkow das Zeugnis eines Ehrenmanns ausgestellt +war; weigere sich der Fürst, so werde er, Friedrich Wilhelm, +alle Generale zu sich kommen lassen und erklären, daß, wer +den Grumbkow nicht für einen braven Offizier halte, ein Erzhalunke +sei. Es gab weitläufige Verhandlungen, mit Müh +und Not war der Fürst zu einer Abbitte zu bewegen, und +bald darauf verließ er den Hof von Berlin. Sein Regiment +stand in Halle und in Magdeburg. In Halle kam es zu +schweren Händeln zwischen ihm und den Studenten, die beim +Rekrutenexerzieren im Frühjahr ein lärmendes Publikum bildeten +und das linkische Wesen der Rekruten verhöhnten.</p> + +<p>Das Kabinettsministerium Friedrich Wilhelms blieb in +den Händen des seit der Verschaffung der Königswürde bewährten +Heinrich Rüdiger von Ilgen. Der kluge Westfale, +den schon der große Kurfürst nach seinem Verdienst erkannt, +gehörte zu jenen Bürgerlichen, welchen die Monarchie ihre +<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>Größe verdankt. Ilgen war ein sehr bedeutender Mann. +Er allein hielt dem hartgesottenen Mylord Raby stand, der +am Berliner Hof den Meister spielen wollte, und entfernte +ihn endlich, indem er die Gräfin Wartenberg entfernte. In +der gefährlichen Periode nach dem Utrechter Frieden, wo der +Wind der Politik beständig umsprang, lenkte er das preußische +Staatsschiff mit höchster Geistesgegenwart, ungetrübtem +freien Blick und bewußter Energie. Von Jugend auf an +Arbeit gewöhnt, gründlich unterrichtet, dabei welterfahren +klug und scharfsinnig, war er ein Meister in der Kunst der +Verstellung, mit der allein man damals regieren konnte. Er +war immer auf der Hut, er verstand es wie irgendeiner von +seinen geschulten Gegnern der alten Kabinette, seine Absichten +zu verbergen, sich zweideutig auszudrücken, mit glatten Worten +sie hinzuhalten, sie zugleich auf weiten Wegen auszuforschen, +durch die stärksten Versicherungen von der richtigen +Fährte abzulenken und unter den heiligsten Beteuerungen doch +zu hintergehen, so wie sie ihn hintergehen wollten. Er hatte +sich vollkommen in der Gewalt und beherrschte mit stets gleichbleibender +kalter Besonnenheit sein Temperament, seine Zunge, +sein Gesicht, ja sogar seine Augen. Nichts verriet ihn und +er erriet immer. Alle Staatsgeheimnisse verschloß er in sich +selbst, arbeitete alles selbst, hatte keine einzige Kreatur, auch +seine Verwandten begünstigte er nicht. Seine Gabe, die +Menschen zu erforschen, brachte ihn bei Hofe in den Ruf, +daß er die Zukunft vorhersagen könne. Der König, obwohl +er ihn nicht liebte, wußte doch, was er an ihm besaß.</p> + +<p><a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>Trotz der diplomatischen Kunst seines Ministers war es +dem König doch immer gegenwärtig, daß, um unter den +Mächten Europas Bedeutsamkeit zu erlangen, alles auf +Geld und Soldaten ankomme; das übrige fände sich hernach +von selbst. Seine Staatswirtschaft unterschied sich durchaus +von derjenigen aller anderen Reiche und Kronen; sein Muster +war und blieb das Hauswesen eines wohlhabenden Gutsbesitzers. +Seine Neigung für das Soldatenwesen schien ein +Spiel, aber hinter diesem Spiel verbarg sich ein tiefer, zukunftahnender +Ernst. Es gibt eine Mitteilung über eine merkwürdige +Stelle in Friedrich Wilhelms Testament; sie stammt +vom Ritter Zimmermann und lautet: Mein ganzes Leben +hindurch fand ich mich genötigt, um dem Neid des österreichischen +Hauses zu entgehen, zwei Leidenschaften auszuhängen, +die ich nicht hatte; eine war ungereimter Geiz und +die andere eine ausschweifende Neigung für große Soldaten. +Nur wegen dieser so sehr in die Augen fallenden Schwachheiten +vergönnte man mir das Einsammeln eines großen +Schatzes und die Errichtung einer starken Armee. Beide +sind nun da, und nun bedarf mein Nachfolger weiter keiner +Maske.</p> + +<p>Sobald er den Thron bestiegen hatte, begannen die Werbungen +in einem vorher nicht dagewesenen Umfang. Im +ganzen Land wurde eine förmliche Jagd auf Bürger und +Bauern veranstaltet. Scharen junger Leute flüchteten vor +dem Korporalstock der Werbewütriche, und es kam vor, daß +die Werber in Kirchen eindrangen und sich der jungen Männer +<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>während des Gottesdienstes bemächtigten. Es fehlte dem +König gegenüber nicht an Klagen und Vorstellungen. Einmal +wurde ihm ein Brief in die Hände gespielt, auf dem zu +lesen war: Wer einen Menschen stiehlet und verkauft, daß +man ihn bei ihm findet, der soll des Todes sterben. 2. Moses +21, 16. Wenn jemand funden wird, der aus seinen +Brüdern eine Seele stiehlet aus den Kindern Israel und +versetzt oder verkauft sie, solcher Dieb soll sterben. 5. Moses +24, 7. Aber das waren Zitate aus dem Alten Testament, +und das Alte Testament war ja dem König verhaßt; auch +konnte der Hofhistoriograph Coßmann aus dem 1. Buch +Samuelis, Kapitel 8 klärlich erweisen, daß es göttliches Recht +der Könige sei, Knechte und Mägde, Söhne und Esel wegzunehmen. +Friedrich Wilhelm ereiferte sich sehr, wenn er vernahm, +daß fremde Staaten Verbote gegen seine Werbungen +erlassen hätten; er hielt es für Unrecht, wenn sie ihm lange +Kerle verweigerten, da niemand sie so gut zu schätzen wisse +als er.</p> + +<p>Die langen Kerle, das war die berühmte Potsdamer Garde, +riesengroße Leute, die er in seinen eigenen Staaten ausheben, +aus allen Weltgegenden für ansehnlichen Sold und gutes +Handgeld sich verschreiben, von befreundeten Fürsten sich +schenken oder im Notfall durch seine Werber mit Gewalt +entführen ließ. Er schrieb einmal an den Grafen Seckendorf: +»Wenn ich kann von meinen beiden Vettern in +Anspach und Bayreuth vierhundert oder sechshundert Mann +als Rekruten kriegen, will ich für jeden nackenden Kerl dreißig +<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>Taler geben.« Im Lauf von zwanzig Jahren schickte er ungefähr +zwanzig Millionen Werbetaler in die Fremde. Mit +Pässen, die vom König unterzeichnet waren, machten die +Werber in allen deutschen und in den benachbarten Ländern +Jagd auf lange Kerle. Im Jülichschen passierte es einmal, +daß ein Oberstleutnant bei einem sehr langen Tischlermeister +einen Kasten bestellte, der so lang und so breit sein sollte, wie +der Tischler selber war. Als der Oberstleutnant nach einigen +Tagen wiederkam, um den Kasten abzuholen, erklärte er, der +Kasten sei zu kurz. Der Tischler legte sich sofort selbst hinein, +um zu beweisen, daß der Kasten die nötige Länge habe. Geschwind +ließ der Oberstleutnant von seinen Leuten den mitgebrachten +Deckel zumachen und den Kasten von seinen Rekruten +davontragen. Als aber der Kasten vor dem Tor aufgemacht +wurde, war der lange Tischlermeister erstickt. Der +Oberstleutnant wurde zwar zum Tode verurteilt, der König +begnadigte ihn aber zu lebenslänglicher Festung. Der österreichische +Hof, der russische und der polnisch-sächsische kamen +der Passion des Königs freundlich entgegen. Für hundert +russische Potsdamer, die ihm der Zar Peter, dann die Kaiserinnen +Katharina und Anna zukommen ließen, gab er ihnen +als Gegengeschenk das berühmte Bernsteinkabinett, das sein +Vater angelegt hatte, und später eine bestimmte Zahl ausgebildeter +preußischer Unteroffiziere. Von August dem Starken +erwarb er gegen eine Partie Porzellan die dafür so genannten +Porzellanregimenter.</p> + +<table class="illustration"> +<tr><td><a href="./images/friedrich.png"><img src="./images/friedrich_th.png" alt="Friedrich Wilhelm I." title="Friedrich Wilhelm I." /></a></td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Friedrich Wilhelm I.,</em></td></tr> +<tr><td class="small">nach einem Stich von G. P. Busch.</td></tr> +</table> + +<p>Der gewöhnliche Preis eines langen Kerls von fünf Fuß +<a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>zehn Zoll rheinländischen Maßes war siebenhundert Taler; +einer von sechs Fuß wurde mit tausend Talern bezahlt, und +war er noch länger, so stieg der Preis noch höher. Einer der +teuersten war der Irländer Kirkland; für diesen zahlte der +preußische Gesandte in London neuntausend Taler. Für einen +andern bekam der General Schmettau fünftausend Taler und +eine Stiftsstelle für seine Schwester. Im Lande selbst ward +alles aufgeboten, damit man sich der tauglichen Subjekte +rechtzeitig versichern konnte. Kinder in der Wiege, die lang +zu werden versprachen, bekamen eine rote Halsbinde und ihre +Eltern das Handgeld. Es gab Dorfschulen, wo alle Knaben +solche Binden trugen. Ein sonderbarer Versuch des Königs, +recht lange Potsdamer mit recht langen Frauen zusammenzugeben, +um von ihnen wieder recht lange Kinder zu erhalten +und auf solche Art ein Geschlecht von Giganten aufzuziehen, +mißglückte leider.</p> + +<p>Das Infanterieregiment der blauen Grenadiere, das Königsregiment +genannt, war das schönste in ganz Europa. +Es bestand aus Leuten von allen Ecken und Enden der Welt, +Deutschen, Holländern, Engländern, Schweden, Dänen, +Russen, Walachen, Ungarn, Polen und Litauern. Franzosen +waren grundsätzlich ausgeschlossen, aber wenn sie sechs +Fuß maßen, konnte der König nicht widerstehen. Die »lieben +blauen Kinder« waren seine größte Freude. Er ging mit +ihnen um wie ein Kamerad und wie ein Vater; jeder Soldat +hatte bei ihm freien Zutritt. Die größten hatte er malen +lassen, und ihre Bilder hingen in den Gängen des Potsdamer +<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>Schlosses. Der Flügelmann Jonas mußte sogar in +Stein gehauen werden, und zwar, befahl der König, so ähnlich +wie möglich. Es war den lieben blauen Kindern gestattet, +Bier- und Weinhäuser, Material- und Italienerläden +zu halten und Gewerbe zu treiben. Einigen baute der +König Häuser, andern schenkte er Geld und Grundstücke, +verheiratete sie und hob ihre Kinder aus der Taufe.</p> + +<p>Um eine solche durch Zwangswerbung entstandene Armee +in Ordnung zu halten, bedurfte es der schärfsten Disziplin. +Die Truppen wurden jährlich neu gekleidet, die Infanterie +blau, die Kavallerie weiß, die Husaren rot. Alle trugen, wie +der König selbst, den langen Zopf und Puder in den Haaren. +Die Monturen waren so eng, daß die Leute oft nicht wagten, +sich zu bewegen, aus Furcht, die Röcke könnten zerreißen. +Einmal bemerkte der König vom Fenster des Schlosses aus +einen Offizier, der einen zu langen Rock an hatte; er ließ ihn +sogleich rufen und schnitt ihm eigenhändig mit der Schere +das vorschriftswidrige Stück weg. Exerziert wurde unaufhörlich, +und es war das größte Glück des Königs, wenn bei +jedem Kommando in der ganzen Linie nur ein Griff zu sehen, +beim Marschieren nur ein Tritt und beim Feuern der Rotten +nur ein Schuß zu hören war. Der Ton im Heer war streng +und rauh, die Strafen waren furchtbar. Wenn ein Soldat +desertierte, mußten Bürger und Bauern die Sturmglocken +läuten, und wer den Flüchtling wieder einbrachte, bekam +zwölf Taler. Um dem allmählich überhand nehmenden Werbeunfug +zu steuern, erließ der König im Jahre 1733 das berühmte +<a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>Kantonreglement, das den Keim und Anfang des allgemeinen +Wehrpflichtgesetzes darstellt. Alle Einwohner des +Landes wurden als für die Waffen geboren erklärt; ausgenommen +waren nur die kleinen, die Söhne des Adels und die +Söhne derjenigen Bürger, die einen gewissen Reichtum nachzuweisen +vermochten.</p> + +<p>Zeit seines Lebens bezeugte Friedrich Wilhelm für Kaiser +und Reich eine Ehrerbietung und Treue der Gesinnung, die +man bei einem so mächtigen Herrn, welcher achtzigtausend +Soldaten unter sich stehen hatte, nicht vermuten konnte. Er +warb um die Gunst der kaiserlichen Minister, und einmal +sagte er: »Ich würde mich begnügen, wenn ich des Kaisers +Kammerpräsident wäre.«</p> + +<p>Alles was nicht deutsch war, war ihm nicht zu Sinne, +und sonderlich waren ihm die Franzosen ein Greuel »mit +ihren Quinten und französischen Winden«. Um den Berlinern +die französischen Moden zu verleiden, ließ er seinen +Profosen französische Kleider tragen, grüne Röcke mit großmächtigen +Aufschlägen, gelbe Westen und gelbe Strümpfe, +dazu ungeheuer große Hüte wie Wetterdächer und Haarbeutel +wie riesige Säcke. Auf dem Theater ließ er einmal ein Stück +aufführen, das den Titel hatte: »Der anfangs hitzig und großsprechende, +zuletzt aber mit Schlägen abgefertigte Marquis«. +Ebenso verhaßt waren dem König »die hoffärtigen Leute über +dem großen Wassergraben«, wie er die Engländer nannte. +Als ihn zwei reformierte Prediger um die Erlaubnis baten, +ihre Söhne nach England zu den Erzbischöfen von Canterbury +<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>und York schicken zu dürfen, schlug er es mit der Begründung +ab, daß in England keine Orthodoxie in der Religion statuiert +werde und es überhaupt ein Sündenland sei. »Der König,« +schreibt Seckendorf 1726 an Prinz Eugen, »ist sehr gegen +die englische Nation pikiert und souteniert nicht ohne Grund, +daß selbige durch ihre Seemacht das Comercium von ganz +Europa an sich nehmen wolle.« Im Jahre 1730 wurden +zwischen Deutschland und England Verhandlungen zu einer +Doppelheirat gepflogen; der Kronprinz Friedrich sollte die +Tochter Georgs II. und der Prinz von Wales die Prinzessin +Friederike angetraut bekommen. England forderte nur, +daß der König den Minister Grumbkow als einen Verräter +im Dienst und Solde Österreichs entferne, und der Gesandte +Hotham erbot sich, diese Anklage aus aufgefangenen Briefen +Grumbkows zu beweisen. Der Graf Seckendorf stellte aber +dem König vor, daß England den treuen Minister nur deshalb +entfernen wolle, um mehr Einfluß am preußischen Hof +zu gewinnen; die aufgefangenen Briefschaften seien unterschoben +und künstlich fabriziert. Als nun Hotham zur Audienz +kam und die Zuversicht aussprach, daß der König den Verräter +sofort entlassen werde, geriet Friedrich Wilhelm in +solchen Zorn, daß er dem Gesandten Großbritanniens die +Dokumente ins Gesicht warf und sogar den Fuß aufhob, +als wollte er ihn mit einem Tritt bedienen. Der Gesandte +machte Anstalten zu seiner Abreise, Friedrich Wilhelm erkannte +seine Übereilung und ließ sich zweimal entschuldigen, +aber kurz darauf wollte er seine Gemahlin, die englische Prinzessin, +<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>bei der Tafel nötigen, auf Englands Untergang zu +trinken.</p> + +<p>Mit Holland und Sachsen-Polen stand der König gut, +aber seine größte Sympathie hatten doch die Russen. Er +war sehr für die russische Allianz, und der Gedanke des nordischen +Drei-Adlerbündnisses schwebte ihm immer vor der +Seele. Der große Kurfürst war anderer Meinung gewesen +und hatte tiefer gesehen, wie sein Wort beweist: Die Russen +sind Bären, die man nicht loslassen muß, weil es schwer ist, +sie wieder anzubinden.</p> + +<p>Die Königin Sophie Dorothea verübelte es ihrem Gemahl +sehr, daß er sich allerwegen für das Interesse des Kaisers +einsetzte. Einmal sagte sie bei Tisch vor seinen Vertrauten +und Offizieren zu ihm: »Ich will noch erleben, daß ich Euch +Ungläubige will gläubig machen und dartun, wie Ihr seid +betrogen worden.« Aber der König ließ sich nicht irre machen. +Einst schrieb er an Seckendorf: »Meine Feinde mögen tun +was sie wollen, so gehe ich nit ab vom Kaiser, oder der Kaiser +muß mich mit Füßen wegstoßen, sonsten ich mit Treu und +Blut sein bin und bis in mein Grab verbleibe.« Er war +auch der Ansicht, die deutschen Fürsten müßten geradezu gezwungen +werden, die pragmatische Sanktion anzuerkennen. +»Weigern sie sich, oder wollen sie sich nit explizieren,« schrieb +er, »so muß man die Laus und Motten nit im Pelz lassen +wuchern, daß der ganze Pelz nit verdorben sei.« Im Jahre +1729 schon drohte der Krieg, und da schrieb der König an +Seckendorf: »Ich wünsche, daß es losgehe und kann versichern, +<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>daß ich mit Gut und Blut beistehen werde, aber es +muß alles reichskonstitutionsmäßig sein, und die Auswärtigen +müssen attackieren, dann ohne Räsonieren drup! drup! Mit +die größte Pläsier von der Welt, die stolzen Leute zur Räson +bringen zu helfen, sie sollen sehen, daß das deutsche Blut +nit verwüstet ist.« Aber als es fünf Jahre später zum Krieg +zwischen Frankreich und Österreich kam, wollte er seine Truppen +doch nicht marschieren lassen und sagte: »Ich gebe keinen +Mann und kein Geld. Ich muß wissen woher und wohin.« +Dann ließ er aber doch zehntausend Blauröcke ins Feld +rücken. Der Kardinal Fleury schickte ihm eine künstlich gearbeitete +goldene Birne, in welcher ein Wechsel auf fünf +Millionen Pistolen lag, zahlbar, wenn der König sich für +Frankreich erklären würde. Er wies das Anerbieten zurück. +In der Folge wurde er aber vom Kaiser mit Undank belohnt, +und als es zum Frieden kam, wurde Preußens Stimme nicht +einmal gehört. Ein halbes Jahr später sagte er bei einer +Unterredung in Potsdam, indem er auf seinen so lange mißhandelten +Sohn Friedrich wies, die berühmten Worte: »Da +steht einer, der mich rächen wird.« Noch zwei Jahre früher +freilich hatte er dieses Genie so über die Achsel angesehen, +daß er sich geäußert hatte: »Fritzchen <em class="antiqua">ne sait rien du tout +des affaires.</em> Wenn du es nicht recht anfangen wirst und +alles drunter und drüber gehen wird, so werde ich in meinem +Grabe über dich lachen.«</p> + +<p>Als der Kronprinz Friedrich sechs Jahre alt war, erhielt +er zwei militärische Gouverneure von seinem Vater, und diesen +<a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>ward eingeschärft, ihn in der Furcht Gottes zu erziehen, denn +dies sei das einzige Mittel, so schreibt der König selbst in +seiner Instruktion, die von menschlichen Gesetzen und Strafen +befreite suveräne Macht in den Schranken der Gebühr zu +erhalten. Man müsse ihn zum Guten antreiben und die Begierde +zum Ruhm und zur Bravur in ihm erwecken, von +Opern, Komödien und andern weltlichen Eitelkeiten abhalten +und ihm so viel als möglich Ekel davor machen. Aber alles +was zu lernen sei, solle ihm ohne Ekel und Verdruß beigebracht +werden. »Sie müssen ihn nicht bei Leib und Leben +verzärteln oder gar zu weichlich gewöhnen. Vor der Faulheit, +als woraus Verschwendung entsteht, soll ihm der allergrößte +Abscheu von der Welt gemacht werden. Er soll nie allein +gelassen werden, weder bei Tag noch bei Nacht, einer der +Gouverneure soll jederzeit bei ihm schlafen. Da sich bei herannahenden +Jahren oftmals das Laster der Hurerei einzuschleichen +pflegt, soll sowohl der Oberhofmeister als auch der Subgouverneur +vor allen Dingen achthaben, daß solches verhütet +werde, widrigenfalls sie mir mit ihren Köpfen davor haften +sollen.« Und in einem späteren Reglement heißt es: »Am +Sonntag morgen soll er um sieben Uhr aufstehen; und sobald +er die Pantoffel an hat, soll er vor dem Bette auf die +Knie niederfallen und zu Gott kurz beten, und zwar laut, +daß alle, die im Zimmer sind, es hören können. Dann soll +er sich hurtig anziehen und proper waschen, schwänzen und +pudern; dann soll er frühstücken in sieben Minuten Zeit. +Dann sollen alle seine Domestiken und Duhan hereinkommen, +<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>das große Gebet gehalten, auf die Knie, darauf Duhan ein +Kapitel aus der Bibel lesen soll und ein oder ander gutes Lied +singen soll, da es dreiviertel auf acht sein wird. Alsdann +wieder alle Domestiken herausgehen sollen. Duhan soll alsdann +mit Meinem Sohn das Evangelium vom Sonntag +lesen, kurz explizieren und dabei allegieren, was zum wahren +Christentum nötig ist, auch etwas von <em class="antiqua">Katechismo noltenii</em> +repetieren, und soll dies geschehen bis neun Uhr; alsdann mit +Meinem Sohn zu Mir herunter kommen soll und mit Mir +in die Kirche gehen und essen; der Rest des Tages ist vor +Ihn. Des Abends soll er um halb zehn Uhr von Mir guten +Abend sagen, dann gleich nach der Kammer gehen, sich sehr +geschwind ausziehen, die Hände waschen, dann soll Duhan +ein Gebet auf den Knien halten, ein Lied singen, dabei wieder +alle Seine Domestiken zugegen sein sollen, alsdann Mein +Sohn gleich zu Bette gehen soll.« So war auch für die +Wochentage die Stundeneinteilung aufs genaueste geregelt. +Das Budget des Prinzen ward ungemein kärglich bemessen, +und der König prüfte alle Rechnungen selbst.</p> + +<p>Friedrich sollte nach dem Willen seines Vaters vor allem +ein guter Soldat werden; aber sein feiner, rascher und feuriger +Geist war durch das pedantische Leben, das er führen mußte, +das unablässige Exerzieren, das Absperren von Musik und +Büchern, zu denen ihn seine innerste Herzensneigung zog und +die ihm der Vater beharrlich verwehrte, aufs tiefste bedrückt. +Er lehnte sich auf gegen die Tyrannei, gab sich Ausschweifungen +hin und warf sich mit aller Glut einer jugendlichen +<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>und unbefriedigten Seele der französischen Philosophie in die +Arme. Der König, dem die Änderung im Wesen des Sohnes +nicht entgehen konnte, behandelte ihn nur um so strenger. Die +Königin hatte Friedrich heimlich Unterricht im Flötenspiel +geben lassen; er hatte oft in versteckten Gewölben Konzerte +veranstaltet oder seine musikalischen Freunde in den Wald +bestellt; während sein Vater Schweine hetzte, wurden die +Flöten und Geigen aus den Jagdtaschen gezogen und im +Waldesdunkel konzertiert. Der König kannte diese Neigung +und nannte seinen Sohn verächtlich den Querpfeifer und +Poeten. Auf Friedrichs Bitten hatte die Königin den berühmten +Flötenspieler Quanz nach Berlin kommen lassen; +der König hatte Nachricht davon erhalten und den Prinzen +überrascht; Quanz konnte zwar noch glücklich in einem Kamin +versteckt werden, er erzählte später, daß ihm nie eine +Pause so schwer zu halten gewesen sei, aber der König hatte +im Zimmer des Prinzen brokatne Schlafröcke und französische +Gedichtbücher gefunden. Die Schlafröcke ließ er verbrennen, +die Bücher verkaufen. Wütend darüber, daß sein Sohn den +Petitmaitre machte, schickte der König eines Morgens den +Hofbarbier Sternemann zu Friedrich mit dem Befehl, ihm +die schönen, langen, braunen Seitenlocken abzuschneiden und +ihn vorschriftsmäßig einzuschwänzen. Als der gutmütige +Mann den Prinzen weinen sah, legte er die Schere weg und +band die Locken in den Zopf mit ein. Als Friedrich sich bei +seiner Tafel statt der zweizinkigen Eisengabeln gegen den Befehl +dreizinkige silberne anschaffen ließ, ward er geschlagen. +<a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>Auch bei anderen Gelegenheiten wurde er von seinem Vater +mißhandelt, und seine Lage erschien ihm plötzlich so unerträglich, +daß er den Plan faßte, zu entfliehen. Aber der unvorsichtige +Katte, der überall in Berlin mit der Freundschaft des +Kronprinzen prahlte, hatte geschwatzt, und der König, den +sein Sohn auf einer Rheinreise begleitete, ließ ihn in Wesel +verhaften und fragte ihn, warum er habe desertieren wollen. +»Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn, sondern wie einen +niederträchtigen Sklaven behandelt haben,« antwortete Friedrich. +»Ihr seid also nichts weiter als ein feiger Desertör +ohne Ehre?« sagte der König. »Ich habe so viel Ehre wie +Sie,« antwortete Friedrich, »und habe nur das getan, was +Sie mir hundertmal gesagt haben, Sie würden es an meiner +Stelle tun.« Der König zog den Degen und wollte in der +Hitze den Sohn erstechen. Der Mut des Kommandanten +von Wesel rettete Friedrich; er warf sich zwischen Vater +und Sohn und rief dem König zu: »Sire, durchbohren Sie +mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes!«</p> + +<p>Der neunzehnjährige Prinz ward aus der preußischen +Armee gestoßen und auf die Festung Küstrin gebracht. +Sein Gefängnis war sehr hart. Die Tür war mit zwei +großen Vorlegeschlössern versperrt, sein Essen, aus der Garküche +mittags für sechs Groschen und abends für vier Groschen, +mußte ihm vorher entzweigeschnitten werden, Messer und +Gabel waren verboten, ebenso Tinte und Feder, Bücher und +Flöte. Niemand durfte sich länger als vier Minuten bei ihm +aufhalten, und um acht Uhr abends hatte der wachthabende +<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>Offizier den Befehl, die Kerzen auszulöschen. Einmal erinnerte +er den Prinzen daran, zu Bett zu gehen, und als dieser nicht +darauf achtete, blies er die Lichter aus. Friedrich gab ihm +eine Ohrfeige. Am andern Morgen erschoß sich der Offizier. +Die beabsichtigte Desertion allein hätte nicht des Königs +Zorn so erregen können, wie es der Fall war. Man hatte +ihm hinterbracht, und hier hatte wahrscheinlich Grumbkow +seine Hand im Spiele gehabt, daß Friedrich nach Österreich +fliehen gewollt, um katholisch zu werden und sich mit Maria +Theresia zu verheiraten. Katholisch werden, das war für den +König der Schrecken und das Grauen. Grumbkow, der sich +überzeugt hatte, daß die Königin und die Prinzessin Friederike +die wichtigsten Papiere beiseite gebracht hatten, drängte den +Prinzen zu Aussagen über einige Punkte. Friedrich antwortete +mit stolzer Verachtung. Da hatte Grumbkow die Stirn, mit +der Folter zu drohen. Friedrich erwiderte, ein Henker könne +nur mit Vergnügen von seinem Henkerhandwerk reden, und +er wolle sich nicht zu weiteren Geständnissen erniedrigen. Die +Untersuchung ergab, daß er zur Flucht fünfzehntausend Taler +geborgt hatte, auch wurde ihm ein Liebesverständnis mit der +schönen Potsdamer Kantorstochter Doris Ritter zur Last gelegt. +Der König befahl, das Mädchen auszupeitschen und +nach Spandau ins Spinnhaus bringen zu lassen; der Vater +verlor sein Amt. Das furchtbarste Schicksal aber hatte Katte. +Er hatte mit der Flucht gezögert, weil ein Mädchen ihn hielt, +war arretiert und vom Kriegsgericht zur Ausstoßung aus der +Armee und zu lebenslänglicher Festung verurteilt worden. +<a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>Der König verschärfte das Urteil auf die Todesstrafe. Am +sechsten November früh sieben Uhr wurde der zweiundzwanzigjährige +Mensch am Schlosse vorbei und auf den Wall geführt. +Friedrich öffnete das Fenster und rief mit lauter Stimme: +»Verzeih mir, lieber Katte.« Katte erwiderte: »Der Tod für +einen solchen Prinzen ist süß.« Damit ging er mutig zum +Richtplatz, wo sein Kopf fiel. Friedrich wurde ohnmächtig +und blieb dann bis zum Abend regungslos am Fenster stehen, +den Blick unverwandt auf die Richtstätte gerichtet. Wahrscheinlich +begann mit diesem Tag seine völlige Umkehr und +Verwandlung, zum Heil seines Volkes und der Welt. So +ist, was grausam und dem einzelnen schwer zu tragen scheint, +in einem höheren Sinne Notwendigkeit.</p> + +<p>Der Areopag, vor welchem am Berliner Hofe die Angelegenheiten +der innern und äußern Politik verhandelt wurden, +war das Tabakskollegium. Die Tabaksstube war auf +holländische Art wie eine Prachtküche mit einem hohen Gestell +von blauen Tellern eingerichtet; jeden Abend gegen sechs Uhr +kam das Tabakskollegium zusammen und blieb bis zehn Uhr und +auch länger. Es gehörten dem Kollegium an: Grumbkow, der +Alte Dessauer, der Graf Dönhoff, der Oberst von Derschau, +die Generale von Gerstorf und von Sydow, Jean de Forcade, +der Kommandant von Berlin, Peter von Blankensee, bei Hofe +der Blitzpeter genannt, Kaspar Otto von Glasenapp, Christoph +Adam von Flanz, der beste Rebhuhnschütze, Dubislav +Gundomar von Natzmer, Heinrich Karl von der Marwitz, +Friedrich Wilhelm von Rochow, Wilhelm Dietrich von Buddenbrock, +<a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>Arnold Christoph von Waldow, Johann Christoph +Friedrich von Haake und die von Fall zu Fall gebetenen Minister +und Gesandten.</p> + +<p>Um den Haupttisch saßen die Herren mit ihren breiten +Ordensbändern und rauchten aus langen holländischen Pfeifen; +vor jedem von ihnen stand ein weißer Krug mit Ducksteiner +Bier und ein Glas. Die nicht wirklich rauchen konnten, +wie der Alte Dessauer und der Graf Seckendorf, mußten wenigstens +eine Pfeife in den Mund nehmen und kalt rauchen; +Seckendorf war sogar so gefällig, sich durch fortwährendes +Blasen mit den Lippen den Anschein eines geübten Rauchers +zu geben. Es ergötzte den König höchlich, wenn fremde Prinzen, +die als Gäste anwesend waren, betrunken gemacht werden +konnten oder wenn ihnen das ungewohnte Tabakskraut Sterbensübelkeit +verursachte. Er selbst rauchte passioniert, jeden +Abend dreißig Pfeifen. Auf dem Tische lagen die Zeitungen, +die Berliner, die Hamburger, die Leipziger, die Frankfurter, +die Breslauer, die Wiener, auch holländische und französische. +Ein Vorleser war bestellt, der sie vorlesen, und, was unverständlich +war, erklären mußte. Dieser Vorleser hieß Jakob +Paul Freiherr von Gundling.</p> + +<p>Gundling war ein Franke, ein Pfarrerssohn aus Hersbruck +bei Nürnberg. Er war durch Danckelmann nach Berlin +gekommen und Professor an der Ritterakademie gewesen, der +König erhob ihn auf Grumbkows Empfehlung zum Hofrat +und Zeitungsreferenten beim Tabakskollegium; er erhielt freie +Tafel bei Hof, Wohnung im Schlosse und mußte den König +<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>auf allen seinen Gängen begleiten, um ihm mit seiner Gelahrtheit +und instruktiven Unterhaltung nahe zu sein. Er galt als +ein wichtiger Mann, und der russische wie der kaiserliche Hof +verschmähten es nicht, ihn durch Gnadenketten zu gewinnen. +Um die Gelehrsamkeit, die er wirklich besaß, recht lächerlich +zu machen, mußte er beim König den Hofnarren abgeben. +Der König erhob ihn zu einer bereits abgeschafften Würde, +der des Oberzeremonienmeisters, und schenkte ihm den Anzug +des verabschiedeten Besser, den dieser beim Krönungsfest getragen +hatte; es war ein roter, mit schwarzem Samt ausgeschlagener +Leibrock mit großen französischen Aufschlägen +und goldenen Knopflöchern, dazu eine große Staatsperücke +mit langen Locken aus weißen Ziegenhaaren, ein großer Hut +mit weißen Straußfedern, gelbe Beinkleider, seidene Strümpfe +mit goldenen Zwickeln und Schuhe mit roten Absätzen. Der +König machte ihn, und zwar an Stelle des großen Leibniz, +zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften. Er gab +ihm den Freiherrntitel und die Kammerherrnwürde.</p> + +<p>In der Trunkenheit schnitt man ihm einst den Kammerherrnschlüssel +ab. Der König drohte, ihn wie einen Soldaten +zu behandeln, der sein Gewehr verloren hat. Nachdem Gundling +acht Tage hindurch einen ellenlangen hölzernen Schlüssel +zur Strafe auf der Brust hatte tragen müssen, ward ihm +der verlorene wieder eingehändigt, und er ließ ihn nun von +einem Schlosser mit starkem Draht an seinem Rockschoß befestigen. +Alle Würden und Chargen, auch die des geheimen +Oberappellationsrats, des Kriegs- und Hofkammerrats, des +<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>Hof- und Kammergerichtsrats, des Freiherrn und Historiographen +erhielt Gundling nur, um ihn und die Ämter damit +zu verspotten. Einmal machte Gundling den Vorschlag, +Maulbeerbäume in der preußischen Monarchie anzupflanzen; +da ernannte ihn der König zum geheimen Finanzrat mit der +Weisung an den vorsitzenden Etatsminister, »man solle Gundling +feierlich in das Kollegium introduzieren, ihn <em class="antiqua">cum voto +sessionis</em> anstellen und ihm das Departement aller seidenen +Würmer im ganzen Land übertragen«.</p> + +<p>Dem armen Gundling ward oftmals so stark zugesetzt, +daß er seiner nicht mächtig blieb. Man heftete ihm allerlei +Figuren von Eseln, Kamelen und Ochsen an sein Staatskleid +und malte ihm einen Schnurrbart. Man ließ ihn aus +den Zeitungen die boshaftesten Artikel über seine eigene Person +vorlesen, die der König eigens an die Redaktionen hatte +schicken lassen. Man setzte einen Affen, der genau wie Gundling +gekleidet und mit dem Kammerherrnschlüssel geschmückt +war, an seine Seite; der König behauptete, der Affe sei +Gundlings natürlicher Sohn, und er wurde gezwungen, das +Tier vor dem ganzen Tabakskollegium zu umarmen. In +Wusterhausen, wo auf dem Schloßplatz immer mehrere +junge Bären herumliefen, legte man ihm einige Bären in +sein Bett, die Vorderfüße der Bestien waren zwar verstümmelt, +dennoch hätten sie ihn mit ihren Umarmungen beinahe +totgedrückt, und er bekam den Bluthusten. Einmal im +Winter taumelte er betrunken über die Wusterhausener +Schloßbrücke; da packten ihn auf Befehl des Königs vier +<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>handfeste Grenadiere, und an Stricken ließen sie den schweren +Mann solange in den gefrorenen Schloßgraben hinunter +und wieder hinauf und wieder hinunter, bis er das Eis durchgestoßen +hatte. Diese Szene mußte zur besonderen Ergötzlichkeit +des Königs wiederholt und sogar gemalt werden. Einmal +war Gundling zu Gaste geladen und ließ sich in einer +Sänfte tragen. Plötzlich wich der Boden der Sänfte unter +ihm, er schrie den Trägern zu, sie möchten halten, aber je +lauter er rief, je schneller rannten die Träger und zwangen +ihn so, nach Art des Pachter Feldkümmel mit ihnen zu +laufen. Häufig fand Gundling, wenn er nachts nach Hause +kam, sein Studierzimmer zugemauert; anstatt sich zur Ruhe +legen zu können mußte er stundenlang die Türe suchen und +endlich an der Treppe schlafen.</p> + +<p>Eines Tages entfloh der schwergeplagte Mann zu seinem +Bruder, dem Professor Nikolaus Hieronymus in Halle. +Der König ließ ihn aber wieder holen und machte Miene, +ihn als Desertör zu bestrafen. Da er aber eine ungewöhnliche +Stille an ihm bemerkte, nahm er zu dem alten Köder +der Eitelkeit seine Zuflucht: er erhob ihn in den Freiherrnstand, +und zwar mit der Anciennität von sechzehn Ahnen +väterlicher und mütterlicher Seite. Es dauerte aber nicht +lange, und der König ließ wieder einen seiner derbsten +Schwänke an ihm verüben. Auf seinen Befehl schrieb Faßmann, +der Autor der damals beliebten »Gespräche im Reich +der Toten« eine bösartige Satire auf Gundling, betitelt: +»Der gelehrte Narr«, und erhielt den Auftrag, sie Gundling +<a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>im Tabakskollegium zu überreichen. Gundling wurde +hochrot vor Zorn und kam so in Harnisch, daß er eine der +zum Pfeifenanbrennen mit glühendem Torf gefüllten Pfannen +ergriff und sie Faßmann ins Gesicht schleuderte, wovon +diesem die Brauen und Wimpern versengt wurden. Sofort +setzte sich Faßmann vor den Augen Seiner Majestät in +Avantage, entblößte Gundling die hinteren Kleider und bearbeitete +ihn mit der heißen Pfanne dermaßen, daß er vier +Wochen lang nicht sitzen konnte. Seitdem begegneten sich +die beiden gelehrten Herrn im Tabakskollegium niemals, ohne +daß es zum Faustkampf kam. Der König, die Generale, die +Minister und die Gesandten sahen den Turnieren zu. Schließlich +verlangte der König, die beiden Herren sollten ihren +Ehrenhandel durch ein Duell zum Austrag bringen. Faßmann +forderte Gundling auf Pistolen, Gundling mußte die +Forderung annehmen, er mochte wollen oder nicht. Als die +Kombattanten auf dem Schloßplatz erschienen, warf Gundling +die Pistole weg, Faßmann schoß ihm die seinige, die +nur mit Pulver geladen war, in die Perücke, welche zu +brennen anfing; Gundling fiel vor Schreck auf die Erde, +und ein ganzer Eimer kalten Wassers, den man über ihn +schüttete, konnte ihm nicht die Gewißheit geben, daß er noch +lebte.</p> + +<p>Achtundfünfzig Jahre alt, beschloß Gundling sein Dasein. +Bei der Sektion ergab sich, daß er im Magen ein großes +Loch hatte; der Magen war vom vielen Trinken geborsten. +Seit zehn Jahren war vom König ein mächtiges Weinfaß +<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>zu seiner letzten Ruhestätte bestimmt worden. In seinem +besten Staatskleid angetan, ward er in dieses Faß gelegt +und so in Bornstädt bei Potsdam trotz des Widerspruchs +der Geistlichkeit wirklich begraben. Faßmann hielt dem preußischen +Freiherrn mit der Anciennität von sechzehn Ahnen, +dem preußischen Kammerherrn, Präsidenten, Finanzrat und +Historiographen die Nach- und Trauerrede über seine Weinfaß-Ruhestätte.</p> + +<p>In Potsdam gab der König im Winter einige Assembleen, +in Berlin unterließ er dies aus Sparsamkeitsgründen, +da mußten die Generale und Minister auf ihre Kosten +Assembleen geben, aber bei den Diners, wo Friedrich Wilhelm +ein freies Gespräch liebte, verbat er sich die Anwesenheit +von Damen. Der Hauptgastgeber war Grumbkow. +Ein wegen seiner Knauserei bekannter General, bei dem sich +der König zu Gast geladen hatte, entschuldigte sich einst, daß +er keine eigene Wirtschaft führe. Der König verwies ihn +zum Gastwirt Nikolai, erschien dort mit großem Gefolge, +und es wurde vortrefflich gegessen und getrunken. Beim Aufstehen +rief der General den Wirt herein und fragte ihn, was +das Gedeck koste. »Ohne den Wein einen Gulden die Person,« +antwortete der Wirt. »Schön,« sagte der General, +»hier ist ein Gulden für mich und einer für Seine Majestät; +die andern Herrn, die ich nicht gebeten habe, bezahlen +für sich.« Der König lachte und erwiderte, das sei ganz +fein; er habe den Herrn zu prellen geglaubt, und nun sei er +selber geprellt. Darauf bezahlte er die ganze Rechnung.</p> + +<p><a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>Später wurde die Einrichtung der Assembleen einem herumreisenden +Komödianten übertragen, einem gewissen Karl +von Eggenberg. Er war ein Sattlersohn aus dem Bernburgischen, +war vom König von Dänemark geadelt worden +und hatte Friedrich Wilhelm durch seine Körperkraft in Erstaunen +gesetzt; man hieß ihn nur den starken Mann, und er +konnte eine zwei Zentner schwere Kanone samt einem Tambur +in die Höhe heben und solange halten, bis der Tambur +ein Glas Wein ausgetrunken hatte. Er kam reich nach Berlin, +baute ein Haus, stand beim König, dem er die Husarenpferde, +dänische Hengste, besorgte, in großer Gunst, und er +war es auch, der das Theater wieder einigermaßen emporbrachte. +Vordem hatten nur Seiltänzer, Gaukler, Taschenspieler, +Marktschreier und Marionettenspieler von Zeit zu +Zeit die Erlaubnis erhalten, in Berlin Vorstellungen zu geben, +auch einzelne herumziehende Schauspieler, nur durfte +nichts Ärgerliches und Skandalöses auf der Bühne erscheinen. +Eggenberg bekam nun den Titel eines Königlichen Hofkomödianten +und durfte mit einer vom König besoldeten +Truppe Aufführungen veranstalten, »nur keine gottlosen und +dem Christentum nachteilige Dinge, sondern lauter innozente +Sachen zum honetten Amüsement.« Sie spielten auf dem +Stallplatz und auf der breiten Straße; Hauptperson war +der Hanswurst; es wurde der Doktor Faust aufgeführt, wie +er vom Teufel geholt, und Haman, wie er gehängt wird. +Der »Premierplatz« kostete acht Groschen. Zuletzt wurde +die Komödie auch in Halle erlaubt, aber die theologische +<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>Fakultät erhob wegen des Gaukel- und Teufelsspiels beim +König Protest. Der König schrieb zurück, es würden auch +in Utrecht und Leyden Schauspiele geduldet, und kein Mensch +könne zweifeln, daß dies die beiden ersten Universitäten der +Welt seien.</p> + +<p>Sonst war Friedrich Wilhelm allen Volkslustbarkeiten +abhold, er sah darin nur Üppigkeit. Das Scheibenschießen +hob er auf, Tee- und Kaffeeschenken verschwanden, und wer +nach neun Uhr abends sich in den Wirtshäusern betreffen +ließ, wurde von den Patrouillen arretiert. Wenn der König +nach der Friedrichstadt kam, flüchteten die Leute, machten +Türen und Fenster zu, und die Straßen waren öde. Für die +Künste hatte Friedrich Wilhelm keinen Sinn. Er malte +zwar selbst, besonders in den späteren Jahren, wo ihn die +Gicht plagte; gewöhnlich waren es Bauern, die er porträtierte, +einmal malte er auch Gundling als Polichinell, aber +die Bilder wurden nur von seinen Schmeichlern gelobt. Für +die Musik hatte er wenig übrig; einmal ließ er Glockenspiele +aus Holland kommen, die von den Türmen geistliche Lieder +spielten. Ein paarmal in der Woche ließ er an Winterabenden +Arien und Chöre aus heroischen Opern vorführen, +etwa aus Händels Alessandro oder Siroe, und zwar auf +Blasinstrumenten von den Hoboisten des Garderegiments. +Bei diesen Konzerten standen die Musiker mit ihren Pulten +und Lichtern am einen Ende des langen Saals, und der König +saß ganz allein am andern. Zuweilen, nach einem guten +Diner, schlief er auch bei der heroischen Musik ein. Den +<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>höchsten Spaß bereitete ihm ein von Kapellmeister Pepusch +für sechs Fagotte komponiertes Konzert, betitelt: <em class="antiqua">Porco primo, +porco secondo</em> usw. Er hielt sich den Bauch dabei vor +Lachen. Auch der Kronprinz Friedrich wollte einmal dieses +Konzert hören, und um den Komponisten zu verspotten lud +er eine große Gesellschaft dazu ein. Pepusch wollte ausweichen, +mußte sich aber dem Willen des Prinzen fügen. Er kam +nicht mit sechs, sondern mit sieben Hoboisten, legte die Noten +auf die Pulte und schaute ganz ernsthaft im Saal herum. +Der Kronprinz trat auf ihn zu und fragte: »Herr Kapellmeister, +sucht Er etwas?« Pepusch antwortete, es fehle ihm +noch ein Pult. »Ich dachte,« versetzte Friedrich lächelnd, »es +seien nur sechs Schweine in seiner Musik?« – »Ganz recht, +königliche Hoheit,« gab Pepusch zurück, »aber es ist da noch ein +Ferkelchen gekommen, <em class="antiqua">flauto solo</em>.« Und Friedrich, der +Flötenspieler, war angeführt.</p> + +<p>Was der große Kurfürst begonnen hatte, vollendete Friedrich +Wilhelm mit der Niederbeugung des Adels; er setzte die Besteuerung +durch. Als der Graf Alexander Dohna, Marschall +der Stände Preußens, in seinem Bericht an den König die +Phrase gebracht hatte: <em class="antiqua">Tout les pays seront ruinés,</em> schrieb +Friedrich Wilhelm die denkwürdigen, unsterblich gewordenen +Worte: »<em class="antiqua">les pays seront ruinés? Nihil credo,</em> aber das <em class="antiqua">credo,</em> +daß die Junkers ihre Autorität wird ruiniert werden. Ich +stabiliere die Suveränität wie einen <em class="antiqua">rocher</em> von Bronze.« +Friedrich Wilhelms Herz neigte sich mehr zu den Bürgern +als zu den Junkern. Wenn er einmal äußerte, daß er ein +<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>wahrer Republikaner sei, so verstand er eigentlich seine bürgerliche +Gesinnung darunter. Er liebte es, mit dem Volke +unmittelbar zu verkehren, und besuchte Gastmähler und Hochzeiten, +auch richtete er sich in Berlin und Potsdam ganz einfach +bürgerlich ein, wie ein guter deutscher Haushalter. +Fleißige Handwerker und reinliche Hausfrauen belobte er sehr. +Mit der Reinlichkeit konnte er auch an seinem ganzen Körper +nicht genug tun; ferner war er äußerst wahrheitsliebend. In +der Instruktion für die Räte seines Generaldirektoriums schrieb +er: »Wir wollen die flatterien durchaus nicht haben, sondern +man soll Uns allemal nur die reine Wahrheit sagen.« Aber +er war ein sehr gewalttätiger Herr und König, im Zorne +wild und furchtbar. Friedrich der Große und seine Schwester +hatten ihm den Spitznamen <em class="antiqua">le ragotin</em> gegeben. Zuletzt war +er so dick geworden, daß seine Weste fast vier Ellen weit war.</p> + +<p>Er forderte unbedingten Gehorsam ohne Widerspruch. +Die Universität Halle stellte einmal beweglich vor, daß ein +Studiosus von einigen Soldaten des Abends auf der Straße +angefallen und zum Tor hinausgeführt worden sei. Der Bescheid +des Königs lautete: »Soll nicht räsonieren! Ist mein +Untertan.«</p> + +<p>Er wollte in seinem Lande nur gute Christen, fleißige Bürger +und tapfere Soldaten haben. Voltaire nannte ihn den Vandalen; +aber alle seine Strenge und Härte entschuldigte Friedrich +Wilhelm mit der Pflicht, und öfters äußerte er: Ich +bin nur der erste Diener des Staates; und den Staat regierte +er nach seiner eigentümlichen Weise mit Gewalt, um +<a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>ihn zu beglücken. Dabei war er gewissenhaft; einmal hatte +er in Stettin einen Beamten durch den Henker prügeln lassen, +kurz darauf stellte sich die Unschuld des Mannes heraus, da +ließ er ihn an seiner Tafel speisen, um ihm eine öffentliche +Genugtuung zu geben. Er glaubte, immer gerecht zu handeln, +doch handelte er nur in dem gerecht, was er selbst für Recht +erkannte. Er war religiös, aber nur in dem, was er bei sich +selbst als Religion gelten ließ; es war eine Religion ganz nach +eigenem Rezept. Bisweilen war er ernstlich gesonnen, abzudanken, +weil er glaubte, seine Pflicht nicht gehörig erfüllen +zu können. Er hielt sich in der genauen Bedeutung des Wortes +für einen Knecht Gottes. So wenig er das Alte Testament +achtete, seine Gesetze waren wie die des Alten Testaments. +Aus königlicher Machtvollkommenheit kassierte und annullierte +er die Urteile der Richter und verschärfte sie weit öfter als er +sie milderte. Da galt kein Ansehen der Person. Ein Kriegs- +und Domänenrat von Schlubhut in Königsberg hatte Gelder +unterschlagen, die für die Salzburger Emigranten bestimmt +gewesen waren, und das Gericht erkannte auf einige Jahre +Festung. Der König wollte das Urteil nicht bestätigen, verschob +den Spruch bis zu seiner Reise nach Königsberg, befahl +den Kriegsrat vor sich und kündigte ihm an, daß er ihn hängen +lassen werde. Schlubhut erwiderte frech, das sei nicht Manier, +so mit einem preußischen Edelmann zu verfahren, er +werde die fehlende Summe ersetzen. Der König geriet in den +höchsten Zorn und schrie: »Ich will dein schelmisches Geld +nicht haben.« Darauf ließ er einen Galgen vor dem Sessionszimmer +<a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>der Kriegs- und Domänenkammer errichten und vor +den Augen der versammelten Räte Schlubhut daran aufknüpfen.</p> + +<p>Er haßte die Juristen und hätte sie gerne alle vertilgt, besonders +die Advokaten. Auf dem Lande durfte kein Advokat +wohnen, damit die Bauern nicht prozeßsüchtig würden. Als +er an die Stände Preußens das Verbot erließ, sich aller +Beschwerden und Mahnungen und der Hinweisung auf alte +Verheißungen zu enthalten, wagten die Stände einzuwenden, +Gott, der allmächtige Vater, gestatte doch auch, daß man +ihm Beschwerden vortrage, und bleibe nichtsdestoweniger allmächtig, +mithin werde es Seine Majestät ebenfalls nicht +ungnädig deuten. Aber Seine Majestät kehrte sich daran +nicht, und in seinen Kabinettsbefehlen hieß es gewöhnlich: +Wir sind Herr und König und tun, was Wir wollen.</p> + +<p>In Reden und Schriften war er ausbündig derb. Die +Ehrentitel Hundsfott, Kujon, Halunke schwebten beständig +auf seinen Lippen. Auf Eingaben, die ihm nicht behagten, +malte er Eselsköpfe und -ohren an den Rand, und in den +Resolutionen, die er ausgehen ließ, hieß es fortwährend: +Wenn das und das nicht geschieht, so werde Ich es scharf +ansehen, man wird den König zum Feinde haben, so wird +Lärm werden, so wird der Donner dreinschlagen, eh man +es sich vermutet. Wenn ein Minister zu spät in die Sitzungen +kam, mußte er hundert Dukaten Strafe zahlen. »Die Herrn +sollen arbeiten, wofür Wir sie bezahlen,« sagte der König. +Einer seiner Kammerdiener sollte ihm einmal den Abendsegen +<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>vorlesen. Als die Worte kamen: Der Herr segne dich, glaubte +der einfältige Mensch in seiner Unterwürfigkeit »der Herr +segne Sie« lesen zu müssen. Da fuhr ihn der König an: +»Hundsfott, lies, was dasteht, vor dem lieben Gott bin Ich +genau so ein Hundsfott wie du.« Die Bedienten waren +allerdings ihres Lebens nicht sicher; er hatte stets zwei mit +Salz geladne Pistolen neben sich liegen, und wenn sie etwas +versahen, feuerte er die Pistolen auf sie ab.</p> + +<p>Seine Sparsamkeit war so pedantisch, daß er sich alle +Küchenzettel vorlegen ließ und an den geringfügigsten Ausgaben +mäkelte. Die Zettel mußten bis auf jede Zitrone und +auf jede Mandel Eier spezifiziert sein, und einmal schrieb er +darunter: Ein Taler zu viel. Auf die Eingaben um Geldbewilligung +schrieb er zumeist: <em class="antiqua">Non habeo pecunia,</em> oder: +<em class="antiqua">point d’argent,</em> oder: Narrenspossen, Narrenspossen! Sogar +auf die Papierersparnis richtete er sein Augenmerk; auf +den Rand eines Berichts des Kammerkollegiums schrieb er: +Der Quark ist das schöne Papier nicht wert, sollen schlecht +Papier nehmen, das ist Mir genug.</p> + +<p>Bei alledem konnte er auch freigebig sein. Für den Hofstaat +der Königin hatte er achtzigtausend Taler ausgesetzt, +viel mehr, als die erste Königin gehabt. In ihrem Kabinett +war sämtliches Gerät von Gold, Kron-, Wand- und Armleuchter, +Geridone und Tafeln. Einmal schenkte er ihr zu +Weihnachten eine goldene Brandrute für den Kamin, die +sechzehnhundert Taler kostete.</p> + +<p>Er war ein rastlos tätiger Mann, kein Hauch von Phlegma +<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>war in ihm. »Der König,« schreibt Seckendorf im Juni 1726, +»kann allem menschlichen Ansehen nach unmöglich in die Länge +die Art zu leben kontinuieren, ohne an Gemüt und Leib zu +leiden, maßen der Herr vom frühen Morgen bis in die späte +Nacht in kontinuierlichem <em class="antiqua">mouvement</em> ist, bei sehr früher +Tagesstunde das Gemüt mit verschiedenen und differenten +Materien, Resolutionen und Arbeiten angreifet, hernach den +ganzen Tag mit Reiten, Fahren, Gehen und Stehen sich unglaublich +fatigiert, mit starkem Essen und ziemlichem, doch +nicht bis zur <em class="antiqua">debauche</em> kommenden starken Getränke sich erhitzet, +wenig und dabei sehr unruhig schläft, folglich sein ohnedem +vehementes Naturell dermaßen echauffiert, daß mit der +Zeit üble Folgen daraus entstehen dürften.«</p> + +<p>Es kam vor, daß Friedrich Wilhelm irgendeinen faulenzenden +Berliner Eckensteher mit eigenen Händen durchprügelte. +Ein andres Mal prügelte er einen verschlafenen Torschreiber, +der die Bauern vor dem Tor warten ließ, mit den Worten: +»Guten Morgen, Herr Torschreiber« aus dem Bette. Recht +mißlich war es, ihm zu begegnen. Wer ihm auffiel, an den +ritt er so nahe heran, daß der Kopf des Pferdes dem Manne +an die Brust stieß, und dann begann das Verhör. Sah er +einen französischen Prediger, so fragte er jedesmal, ob sie +Molière gelesen hatten, um ihnen damit anzudeuten, daß er +sie für Komödianten halte. Am schlechtesten erging es denen, +die vor ihm die Flucht ergriffen; einmal verfolgte er einen +Juden, der Reißaus genommen hatte, und als er ihn gestellt +hatte, sagte der Jude, er habe sich gefürchtet. Da prügelte +<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>ihn der König mit seinem Stock und schrie dabei in einemfort: +»Lieben sollt ihr mich, lieben und nicht fürchten.«</p> + +<p>So orthodox Friedrich Wilhelm auch war, erklärte er sich +doch mit allem Nachdruck für die Toleranz. Er duldete alle +Religionsparteien, nur die Jesuiten waren ihm zuwider, »die +Vögels, die dem Satan Raum geben und sein Reich vermehren +wollen«. Schon im Anfang seiner Regierung erließ +er ein Edikt, worin er den lutherischen und reformierten Religionsverwandten +gebot, aller Schmähungen sich zu enthalten +und friedlich miteinander zu verkehren. Den lebhaftesten Anteil +nahm er an dem Schicksal der Salzburger Emigranten. +Er schickte nicht nur Kommissäre zu den Salzburger Bauern, +um sie einzuladen, sich in seinen Staaten niederzulassen, sondern +griff auch, um den Erzbischof Firmian von weiterer +Verfolgung abzuschrecken, zu Repressalien gegen die Katholiken +im Bistum Halberstadt und drohte die Einkünfte der +Klöster in Beschlag zu nehmen. Zwanzigtausend Salzburger +fanden damals in Preußen Zuflucht; als der erste Zug eintraf, +begrüßte ihn der König selbst am Leipziger Tor und hieß +die armen Leute als seine lieben Landeskinder willkommen; +von der Königin wurden sie in Monbijou bewirtet.</p> + +<p>Um das Jahr 1727 verfiel Friedrich Wilhelm in eine +tiefe religiöse Schwermut. Er sprach unaufhörlich davon, +daß er die Krone niederlegen und sich in den Haag zurückziehen +wollte, wo ihm aus der Erbschaft Wilhelms des Dritten +das Lustschloß Honslardik zugefallen war. Es war August +Hermann Franke, der einen solchen Einfluß auf das Gemüt +<a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>des Königs gewonnen hatte. Die Markgräfin von Baireuth +schreibt: »Dieser Geistliche machte die unschuldigsten Dinge +zur Gewissenssache, er verwarf alle Vergnügungen als verdammlich, +selbst die Musik und die Jagd, man sollte nur +vom Worte Gottes sprechen, alles andre war verboten.« +Grumbkow und Seckendorf legten dem König immer wieder +die Hindernisse dar, die sich seiner Abdankung entgegensetzten, +und wie er einen solchen Schritt später bereuen würde. Aber +der König versank nur noch tiefer in seine Grübeleien, und +man durfte in seiner Nähe nicht mehr lachen. Da nun alle +Worte vergeblich waren, verfielen Grumbkow und Seckendorf +auf ein anderes Mittel. Sie überredeten den König, dem +sächsischen Hof einen Besuch abzustatten, der damals der +glänzendste in Deutschland war. Politische Gründe bestimmten +Friedrich Wilhelm, den Vorschlag anzunehmen. Sobald er +nach Dresden kam, wurde er von Fest zu Fest fortgerissen, +die Freuden der Tafel wurden nicht vergessen, der Ungarwein +nicht gespart, und die Freundschaft der beiden Könige war +die innigste. Eines Tages, als man weidlich geschmaust hatte, +führte der König von Polen seinen Gastfreund im Domino +auf eine Redute. Immerfort schwatzend, gingen sie von einem +Zimmer in das andere, wobei die Hofleute und der Kronprinz +Friedrich folgten. Endlich gelangten sie in einen schön verzierten +Raum, und während Friedrich Wilhelm das prächtige +Gerät bewunderte, sank eine Tapetenwand nieder, und +ein seltsames Schauspiel bot sich den Blicken dar. Ein Mädchen +von vollendeter Schönheit lag nachlässig auf einem +<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>Ruhebette, nackt wie sie Gott erschaffen, mit einem Körper +wie die mediceische Venus. Das Kabinett, worin sie sich +befand, war von so vielen Kerzen erhellt, daß sie das Tageslicht +überstrahlten. Der König von Polen sowohl als Grumbkow +glaubten, daß Friedrich Wilhelm einer solchen Verlockung +nicht werde widerstehen können; allein es kam anders. +Bei dem ersten Blick nahm Friedrich Wilhelm seinen Hut, +hielt ihn dem Kronprinzen vor das Gesicht und befahl ihm, +sich zu entfernen. Er selbst wandte sich zum König von Polen, +sagte trocken: »Sie ist recht schön,« und ging fort. An +Seckendorf schrieb er ein paar Tage später: »Ich gehe zu +kommendem Mittwoche nach Hause, fatigieret von allen +guten Tagen und Wohlleben; ist gewiß nit christlich leben +hier, aber Gott ist Mein Zeuge, daß Ich kein Pläsier daran +gefunden und noch so rein bin als Ich von Hause hergekommen +und mit Gottes Hilfe beharren werde bis an Mein Ende.«</p> + +<p>Schon im Winter 1735 hatte der König an der Wassersucht +gelitten, und sein Leben war in großer Gefahr gewesen. +In dem strengen Winter des Jahres 1740 erkrankte er von +neuem. Er ließ den lutherischen Propst Roloff kommen, der +ihn zum Tod vorbereiten sollte. Er verzieh allen seinen Feinden, +schließlich sogar seinem Schwager, dem König von England, +der ihm doch, wie er sagte, alles gebrannte Herzeleid angetan +habe. Er bereute seine Sünden und zählte sie in Gegenwart +vieler Umstehenden so ausführlich auf, daß Roloff ihn bitten +mußte, es zu unterlassen. Worauf Roloff drang, war Sinnesänderung, +dazu aber war der Herr lange nicht zu bewegen. +<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>Er führte auf, daß er die Geistlichkeit immer respektiert, +Gottes Wort immer fleißig gehört habe und seiner Frau +immer unverbrüchlich treu gewesen sei; er behauptete, immer +recht gehandelt und alles zu Gottes Ehre getan zu haben. +Roloff widersprach dem und erinnerte ihn an die Verschärfungen +der Todesurteile, an die ungerechten Hinrichtungen, +an das erzwungene Häuserbauen in Berlin, zur großen Bedrückung +seiner Untertanen, und des Königs Verantwortung +wollte er als vor Gott genügend nicht gelten lassen. Da sagte +der König: »Er schont Meiner nicht. Er spricht als ein +guter Geist und ein ehrlicher Mann mit Mir. Ich danke +ihm dafür und erkenne nun, daß ich ein großer Sünder bin.« +Im April 1740 konnte er noch nach seinem geliebten Potsdam +fahren; er gab Anordnungen für sein Leichenbegängnis, +bei dem das Leibregiment feuern sollte. Mitten in seinen +Schmerzen ließ er sich das Lied vorsingen: Warum sollt +ich mich doch grämen? Als die Stelle kam: Nackend werd +auch ich hinziehen, unterbrach er die Sänger mit den Worten: +»Nein, das ist erlogen, ich will in der Montur begraben +sein.« Bescheiden stellte ihm der Feldprediger vor, daß es +dort oben keine Soldaten gäbe; da rief der König: »Was? +Sapperment! Wieso?« Und er schien nun sehr niedergeschlagen.</p> + +<p>Am Sterbetage, den 31. Mai, nahm er Abschied von +seiner Frau, seinen Söhnen, allen Ministern, Beamten und +Offizieren. Er ließ sich ans Fenster rücken, von wo er den +Marstall überblicken konnte, und befahl, daß man die Pferde +<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>herausführe, denn er wollte dem Fürsten von Dessau und +dem General Haake noch ein Pferd schenken. Als ihm sein +Leibarzt auf die Frage, wie lange er noch zu leben habe, antwortete, +ungefähr eine halbe Stunde, forderte er einen Spiegel, +schaute hinein und sagte lächelnd: »Ich bin recht verändert, +ich werde beim Sterben ein garstiges Gesicht machen.« +Später wiederholte er die Frage an den Arzt. Der Leibmedikus +befühlte ihm den Puls, zuckte die Achseln und sagte: +»Er steht still.« Da hob der König seinen Arm, schüttelte +die Faust und rief: »Er soll nicht stillstehen.«</p> + +<p>Friedrich Wilhelm starb im zweiundfünfzigsten Jahre seines +Alters; er starb, wie Friedrich der Große an Voltaire schrieb, +mit der Neugierde eines Naturforschers, der beobachten will, +was im Augenblick des Hinscheidens geschieht, und mit dem +Heldenmute eines großen Mannes. Er ward in Potsdam +begraben. Bei der Leichenfeier wurden die von ihm selbst ausgewählten +Lieder gesungen und beim Trauermahl zwei von +ihm eigens dazu bestimmte Eimer alten Rheinweins ausgetrunken.</p> + + + + +<p><a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a></p> +<h2><a name="Joachim_Nettelbeck" id="Joachim_Nettelbeck"></a>Joachim Nettelbeck</h2> + + +<p class="newsection">Als Sohn eines Brauers und Branntweinbrenners wurde +Joachim Nettelbeck am 20. September 1738 zu Kolberg +geboren. Seine Mutter war aus dem Geschlecht des Schiffers +Blanken; seines Vaters Bruder war ebenfalls Schiffer. +Seine größte Kinderfreude bestand darin, auf Schiffen herumzuspringen, +und sobald er lallen konnte, war sein Sinn +auf die Schifferei gestellt. Sein Hang war so groß, daß er +aus jedem Span, aus jedem Stück Baumrinde, das ihm in +die Hände fiel, kleine Schiffe schnitzelte, sie mit Segeln von +Federn oder Papier ausrüstete und damit auf Rinnsteinen +und Teichen oder auf der Persante hantierte. Kein größeres +Vergnügen gab es für ihn, als wenn seines Onkels Schiff +im Hafen lag; da hatte er zu Hause keine Ruhe und bat +immerfort, man möchte ihn nach der Münde lassen.</p> + +<p>Nicht geringere Liebe zeigte er zum Gartenwesen. Sein +Großvater war ein großer Gartenfreund, nahm ihn oft in +seinen Garten mit und schenkte ihm sogar ein Fleckchen +Land. Da legte er Obstkerne, pflanzte, verpfropfte und +okulierte.</p> + +<table class="illustration"> +<tr><td><a href="./images/nettelbeck.png"><img src="./images/nettelbeck_th.png" alt="Joachim Nettelbeck" title="Joachim Nettelbeck" /></a></td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Joachim Nettelbeck,</em></td></tr> +<tr><td class="small">nach einer Zeichnung von Ludwig Heine.</td></tr> +</table> + +<p><a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>Er mochte etwa sechs Jahre alt sein, da entstand eine +Hungersnot im Lande. Es kamen viele arme Leute nach +Kolberg, um Korn zu holen, weil man Getreideschiffe im +Hafen erwartete. Als endlich ein Schiff mit Roggen auf +der Reede anlangte, stieß es gegen den Hafendamm und +sank in den Grund. Um es wieder emporzuwinden wurden +zwei Schiffe benutzt, deren eines von seinem Onkel geführt +wurde, und der Knabe war beständig zugegen. Das Fahrzeug +wurde gehoben, doch das Korn war durchnäßt; bald +waren alle Straßen mit Laken und Schürzen überdeckt, auf +denen das Getreide der Luft und Sonne ausgesetzt wurde. +Endlich kam ein zweites Kornschiff, und es konnte der Not +gesteuert werden.</p> + +<p>Im nächsten Jahre schickte der Große Friedrich von +Preußen eine Wagenladung mit Kartoffeln nach Kolberg. +Diese Früchte waren aber damals noch völlig unbekannt, +und die Bürger berieten hin und her, was wohl damit anzufangen +sei. Sie warfen sie den Hunden vor, die sie beschnupperten +und verschmähten. Was sollen uns die Dinger? +hieß es; sie riechen nicht, sie schmecken nicht, und nicht +einmal die Hunde mögen sie fressen. Man glaubte, sie +wüchsen auf den Bäumen und man müsse sie herunterschütteln +wie die Äpfel. Alles dieses ward auf dem Markte, vor +seiner Eltern Tür, verhandelt. Erst als der König im andern +Jahr eine zweite Sendung von einem Landreiter begleiten +ließ, der des Kartoffelbaues kundig war, gewann die neue +Frucht das Wohlwollen der Bürger.</p> + +<p><a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>Der Knabe war auch ein großer Liebhaber von Tauben, +und er sparte sich von seinem Frühstücksgeld so viel ab, daß +er sich ein paar Tauben kaufen konnte. Seine Spielereien +hielten ihn vom Lernen und von der Schule ab, und erst die +dringenden Ermahnungen seines Paten weckten seinen Ehrgeiz. +In seinem achten Jahre schenkte ihm der Pate zu +Weihnachten eine Anweisung zur Steuermannskunst, und +bald ging sein Eifer für diese Sache soweit, daß er oft im +Winter bei strenger Kälte des Nachts, wenn klarer Himmel +war, heimlich auf den Wall ging und mit seinen Instrumenten +die Entfernung der Sterne vom Horizont oder vom Zenit +maß und danach die Polhöhe berechnete. Kam er des Morgens +erfroren nach Hause, so verwunderte sich alles, erklärte ihn +für einen überstudierten Narren, und der Vater schlug ihn.</p> + +<p>Da ein Seemann sich auf die Kletterkunst gut verstehen +mußte, übte er sich in Gemeinschaft mit dem Sohn des +Glöckners im Balkenwerk der großen Kirche in dieser Fertigkeit. +Sie krochen überall herum, und oft verirrten sie sich +in der gewaltigen Verzimmerung dergestalt, daß einer vom +andern nichts mehr wußte, und wenn sie wieder zusammenkamen, +war des Erzählens kein Ende, wo sie gewesen waren +und was sie gesehen hatten. In dem inwendigen Holzverband +krochen sie auch bis zur Spitze des Turmes hinauf, bis sie sich +in dem beengten Raum nicht mehr rühren konnten. Diese +Gewandtheit und Ortskenntnis kam ihm viele Jahre später +wohl zustatten, als ein Wetterstrahl im Turm gezündet hatte +und das Feuer gelöscht werden mußte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>Als er elf Jahre alt war, nahm ihn sein Onkel als Kajütenwächter +mit auf sein Schiff, und seine erste Fahrt ging +nach Amsterdam. Dort sah er die großen Indienfahrer und +verspürte eine unbezwingliche Sehnsucht, auf einem solchen +Schiff zu dienen. Bei Nacht und Nebel floh er auf einer +Jolle, betrat eines der Schiffe, das er sonderlich ins Auge +gefaßt, und wurde nach vielen Verhandlungen als Seemannsjunge +geheuert. Das Schiff war für den Sklavenhandel +nach Guinea bestimmt. Einundzwanzig Monate +später kam er nach Amsterdam zurück, schrieb an seine Eltern, +die, froh erstaunt, ihn noch am Leben zu wissen, ihn +nach Kolberg riefen; dort blieb er nun bis zu seinem vierzehnten +Jahr. Länger vermochte er aber seinem Abenteuer- +und Tätigkeitstrieb nicht zu widerstehen: er entfloh neuerdings +und verdingte sich auf einem Schiff, das nach Surinam +bestimmt war. Auf der Heimfahrt fiel der Steuermann +über Bord und ertrank, und Nettelbeck wurde zum Untersteuermann +gemacht.</p> + +<p>Im Jahre 1756 nahm er Dienst bei seinem Oheim, der +eine Schiffsladung mit Holz von Rügenwalde nach Lissabon +zu bringen hatte. Sein jüngerer Bruder, ein Knabe von vierzehn +Jahren, und des Oheims junger Sohn waren ebenfalls +auf dem Schiffe bedienstet. Sie erlitten an der flandrischen +Küste Schiffbruch und wurden von österreichischen Soldaten +gerettet. Der Oheim hatte aber eine tödliche Verletzung erlitten +und starb in einem Kloster, wohin man ihn in Eile +transportiert hatte. Als Ketzer und Preußen verdächtigt und +<a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>gemieden, mußten sich die drei jungen Burschen durch das +feindliche Land schlagen, und erst nach schrecklichen Mühsalen +gelangten sie wieder nach Kolberg. Kaum hatte sich Nettelbeck +von der überstandenen schweren Zeit erholt, so brach der +Krieg aus, und die Werber des Königs kamen in die Stadt, +um alle jungen Leute zum Soldatenstand zu pressen. Es war +eine wahre Hetzjagd, der Schrecken für alle Eltern jener Zeit +und für alles junge Volk, das eine Flinte schleppen konnte +und nicht mochte.</p> + +<p>Die entschiedene Abneigung des Bürgers gegen den Soldatenstand +hatte ihre Rechtfertigung in der unmenschlichen +Art, womit die jungen Leute von den Unteroffizieren behandelt +wurden; so sagt Nettelbeck selbst, und er fügt hinzu: +unter den Fenstern der Eltern wurden sie von den rohen Menschen +aufs Grausamste mißhandelt, und es war ein kläglicher +Anblick, wenn bei solchen Auftritten die Mütter in Haufen +daneben standen, weinten und schrien und von den rauhen Barbaren +abgeführt wurden.</p> + +<p>Nettelbeck ergriff die Flucht. Bei Nacht, in Sturm und +Schneegestöber wanderte er zu einem Bauern, welcher ihm +genannt worden war, und mußte sich im Stadtholz eines +Rudels Wölfe erwehren. Endlich erreichte er die Freistatt, +hielt sich zwölf Tage dort verborgen, aber er ertrug es nicht, +untätig zu sitzen, und er begab sich wieder nach der Münde. +Eines Nachts erweckte ihn ein Klopfen an den Fensterladen +des Kämmerchens, wo er schlief, und die bekannte Stimme +einer getreuen Frauensperson rief ihm zu: »Joachim, auf! +<a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>auf aus den Federn! Die Soldaten sind wieder auf der +Münde!« In der Bestürzung griff er nach einem Bund +Kleider, stahl sich im Hemd auf die Straße und bemerkte, +als er sich anziehen wollte, daß er Frauenkleider mitgenommen +hatte. Er warf einen roten Friesrock über die Schultern, +da wurde er von den Soldaten gestört, er rannte zum Hafen, +sprang in ein Boot und ruderte hinaus. Jenseits ging er an +Land, wanderte so gut als nackend in der bitterkalten Märznacht +vor mehrere Türen, wurde jedesmal abgewiesen und +flüchtete endlich in einen alten Schiffsrumpf, der im Sommer +als Bierschank benutzt wurde. Er kletterte in das Rauchfangloch +und duckte sich vor der Kälte in einen Winkel zusammen. +Am Morgen suchte er sein verlassenes Boot wieder +auf und ruderte sich zu einem Schiffe heran, das einem +Königsberger Schiffer gehörte. Der Mann nahm ihn auf +und hielt ihn lange bei sich verborgen. Zwei Wochen später +fuhr er mit einem anderen Schiffer nach Danzig, und dort +wurde er Steuermann auf einer kleinen Jacht, die eine Ladung +Hanf nach Westschottland bringen sollte. Die Schiffahrt +in den Gewässern der Hebriden war der Klippen und +starken Strömungen wegen sehr gefährlich, das Schiff irrte +lange herum, geriet im Kanal mit sieben englischen Kapern +zusammen, und alle diese Schnapphähne, so nennt sie Nettelbeck, +stiegen an Bord seines Schiffes und nahmen mit, was +nicht niet- und nagelfest war, Kessel und Pfannen, Tauwerk +und Segel, Karten und Kompaß. Die Aufregung und das +beständige Elend machten Nettelbeck krank. Er mußte in +<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>Metemblick zurückbleiben und begab sich zu einem Kompaßmacher +in die Lehre; was er von ihm lernte, war ihm in +der Folge von großem Nutzen.</p> + +<p>Bald darauf rief ihn sein Vater nach Kolberg zurück, und +er war noch nicht vier Wochen in der Heimat, so begann +die Belagerung Kolbergs durch die Russen. Durch die Entschlossenheit +der Bürgerwehr blieben die feindlichen Anstrengungen +fruchtlos, und nachdem die Russen eine Menge Pulver +unnütz verschossen hatten, mußten sie wieder abziehen. Nettelbeck +begab sich nach Amsterdam, traf dort mit seinem alten +Kapitän Blanken zusammen und fuhr mit ihm neuerdings +nach Surinam; von dort heimgekehrt, hielt es ihn wieder +nicht lange, und er fuhr mit einem andern Schiff nach Sankt +Eustaz. Als er dann in seine Vaterstadt zurückgekehrt war, +wurde diese zum zweitenmal von den Russen belagert, aber +der Notstand dauerte nur drei Wochen. Während der Zeit +des Siebenjährigen Krieges blieb den preußischen Schiffern, +wenn sie Erwerb finden wollten, kaum etwas anderes übrig, +als unter der neutralen Danziger Flagge zu fahren. In solcher +Weise ging Nettelbeck von Danzig nach Königsberg +und von Königsberg mit einem Getreideschiff nach Amsterdam.</p> + +<p>Es ist nicht erforderlich, alle diese Fahrten und die späteren +im einzelnen zu verfolgen; diese Begegnungen mit Freund +und Feind, dieses Hin und Her in allen Zonen der Erde, diese +Kämpfe mit allen Gefahren und allen Elementen. Sie bilden +ein Leben voll beständiger Unruhe und beständiger Tätigkeit. +Die Kaufleute im fremden Land sind listig und verschlagen; +<a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>ihrer Tücke Herr zu werden, gegen ihre Vorteilssucht nicht +des eignen Vorteils verlustig zu gehen, verlangt viel Klugheit, +ja beinahe Weisheit und unendliche Selbstverleugnung. +Immer wieder Stürme, immer wieder Schiffbruch; kaum +ist ein kümmerlicher Verdienst in Sicherheit gebracht, so geht +er durch Wagnis oder Unglück wieder verloren. Bei einer +Fahrt in der Nordsee wird der Kapitän wahnsinnig und +trifft Verfügungen, die den Untergang des Schiffes herbeiführen +müssen. Eines Morgens stürzt er vom Steuer in die +See und ertrinkt. Nettelbeck nimmt ein Verzeichnis seiner +Habseligkeiten auf, versiegelt die eingepackten Waren und +wirft vor den Augen der Matrosen das hierzu gebrauchte +Petschaft ins Meer. Zu seiner Verwunderung kann er nirgends +die Gelder und Barschaften des verunglückten Schiffers +finden, die Taschenuhr, die silbernen Schuh- und Knieschnallen, +die goldenen und silbernen Galanteriewaren nicht, die er vordem +bei ihm gesehen. Als er mit dem Schiff in den Hafen +gelangt, taucht trotz eidlicher Erhärtung der Verdacht auf, +daß er das Gut des Schiffers veruntreut habe. Lästerung +und Verleumdung heftet sich an seine Fersen, und der Kummer, +den er darüber empfindet, raubt ihm allen Mut. Erst +viele Jahre später wurde das Eigentum des toten Schiffers +zufällig in einem Verschlag der Kajüte entdeckt, die Witwe +und die Verwandten leisteten Nettelbeck Abbitte, und die ihn +geschmäht und bezichtigt hatten, erhoben ihn in den Himmel, +aber man muß nicht eben Nettelbeck sein, um den von Zufalls +Gnaden gereinigten Schild der Ehre mit bitterem Gefühle +<a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>zu betrachten. Allmählich reifte er in der Schule des Lebens +zur Resignation heran; doch seine Kraft, zu handeln, seine +wunderbare Kraft, zu helfen, erlahmte dabei mitnichten. Während +des großen Brandes in Königsberg rettete er auf einem +Boote viele Menschen vor dem sicheren und schrecklichen Tod. +Einige Zeit nachher geriet auf dem Pregel ein holländisches +Schiff in Brand. Alle Menschen, so viel deren herbeigekommen, +waren damit beschäftigt, Löcher in das Verdeck zu hauen, +um von oben Wasser in den brennenden Raum zu gießen. +Dadurch gewann aber das Feuer nur um so größeren Zug, +und Nettelbeck, der ein so widersinniges Verfahren nicht gelassen +mit anschauen konnte, schrie ihnen zu, sie arbeiteten sich +ja zum Unglück, sie müßten das Schiff versenken. Es lief +aber alles verwirrt durcheinander, und niemand wollte auf +ihn hören. Da griff er einen von seinen Zimmerleuten auf, +sprang mit ihm in das Boot, das zum brennenden Schiff +gehörte, und zeigte ihm eine Planke dicht über dem Wasser, +wo er ein Loch ins Schiff hauen sollte. Das lasse er wohl +bleiben, war die Antwort des Mannes, da könne er schlimmen +Lohn dafür haben. Nettelbeck riß ihm die Axt aus +den Händen, schlug selber das Loch, eilte spornstreichs auf +das Verdeck, wo sich Hunderte von Menschen drängten, und +schrie: »Herunter vom Schiff, was nicht ersaufen will, in +der Minute wird’s sinken.« Und das Schiff sank. Die holländischen +Kaufleute aber verklagten ihn bei der Admiralität +und forderten von ihm den vollen Ersatz des Schadens. Er +wurde vor das Kollegium zitiert und sollte sich verantworten.</p> + +<p><a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>Seine Rede war die: »Tausend Augen haben es mit angesehen, +wie das Schiff in hellem Feuer stand. Hätte das +nur noch eine halbe Viertelstunde so gedauert, so nahm die +Flamme dergestalt überhand, daß es kein Mensch auf dem +Schiff aushalten konnte und es mitsamt der Ladung preisgegeben +werden mußte. Und wie sollte es dann fehlen, daß +nicht die Taue mit verbrannten, die es am Bollwerk hielten; +daß die flammende Masse stromabwärts und unter die vielen +andern Schiffe trieb und diese mit ins Verderben zog? Jetzt +ist großes und gewisses Unglück mit um so geringerem Schaden +abgewandt, als Schiff und Ladung wohl wieder zu bergen +sein werden. Ich bin daher auch des guten Glaubens, daß +ich in keiner Weise strafbar gehandelt, sondern nur meine +Bürgerpflicht erfüllt habe.«</p> + +<p>Die Sentenz lautete, daß der Schiffer Nettelbeck vollkommen +recht und löblich gehandelt habe und das Kollegium +sich vorbehalte, ihm seine Zufriedenheit und Dankbarkeit durch +feierlichen Handschlag zu bezeugen. Der Kollegiumsdirektor +stand von seinem Sitze auf, schüttelte ihm treuherzig die Hand, +dankte ihm im Namen aller Schiffer und im Namen der +Stadt und hieß ihn einen wackeren Mann. Kaufleute, Schiffer +und Advokat sahen einander verlegen an, dann traten sie +einer nach dem andern zu ihm und gaben ihm ebenfalls die +Hand. Der Direktor fragte ihn zum Schluß, ob er nicht, +wie er im vorigen Jahr mit dem Bording der Witwe Rollof +getan, das versunkene Schiff aus dem Wasser zu heben versuchen +wolle. Und Nettelbeck sagte zu. Die Hebung gelang +<a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>unter großen Schwierigkeiten, und da er von den holländischen +Kaufleuten außer dem Ersatz seiner Auslagen nichts annehmen +wollte, machten sie ihm ein Geschenk von hundert preußischen +Gulden samt zehn Pfund Kaffee und zwanzig Pfund +Zucker. Er seinerseits schenkte davon fünfundzwanzig Gulden +den Armen, damit sie auch einmal einen guten Tag +haben sollten.</p> + +<p>Es war das Sonderbare seines Geschicks, daß es ihn +immer wieder zwang, gegen die Elemente in den Kampf zu +treten und er dem Wasser wie dem Feuer gegenüber stets +die gleiche streitbare Rolle spielt. Als er nach vielen und gefährlichen +Reisen, nach vielen und ermüdenden Versuchen, +da und dort seinen Lebensunterhalt zu erwerben, als beinahe +Vierzigjähriger 1777 wieder in seiner Vaterstadt saß, schlug +eines Tages im April der Blitz in den Kirchturm, und im +Nu brannte der Turm lichterloh. Die helle Flamme spritzte +bei der Wetterstange gleich einem feurigen Springbrunnen +empor, aus den Schallöchern sprühten die Funken wie Schneeflocken +und fielen bereits in die Domstraße hinüber. Nettelbeck, +dies sehend, rannte nach der Kirche und die Turmtreppe +hinan. Im Hinaufsteigen überdachte er, wie groß das Unglück +werden müsse, da es wohl schwerlich jemand unternehmen +werde, bis in die höchste Spitze zu klimmen, wo er +in den finstern Winkeln nicht so bekannt sei wie er selbst, der +sie in seiner frühen Jugend oft mit Lebensgefahr durchkrochen +hatte. Er wußte, daß auf dem Glockenboden stets Wasser +und Löscheimer bereitstanden, aber an einer Handspritze, die +<a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a>hauptsächlich nottat, mochte es fehlen. Er machte auf der +Stelle kehrt, drängte sich an den vielen Menschen vorüber, +die alle hinauf wollten, eilte ins nächste Haus, dann ins +zweite und ins dritte, bis er endlich eine Spritze bekam. +Jetzt wieder, die Angst und der Eifer gaben ihm Flügel, +zum Turm hinauf. In der sogenannten Kunstpfeiferstube, +dicht unter der Spitze, fand er mehrere Maurer und Zimmerleute +mit ihren Meistern, aber keiner wußte, was zu tun +sei. »Liebe Leute,« sprach er, unter sie tretend, »hier ist nichts +zu beginnen, wir müssen höher hinauf.« – »Leicht gesagt, +aber schwer getan,« antwortete einer, »wir haben es schon +versucht, doch es geht nicht. Sobald wir die Falltür über +uns haben, fällt ein Regen von Flammen und glühenden +Kohlen herunter und setzt auch hier die Zimmerung in +Brand.« Nettelbeck aber ließ sich die Falltür öffnen, stieg +hindurch, gebot, daß man ihm einen Eimer und die Spritze +reiche und die Falltür wieder schließe, denn das Feuer durfte +von unten keinen Zug bekommen. Er mußte sich den Kopf +mit Wasser aus dem Eimer anfeuchten, damit seine Haare +nicht in Brand gerieten, und um die Hände frei zu bekommen, +schnitt er vorn in seinen Rock ein Loch, durch das er +die Spritze steckte. Den Bügel des Eimers nahm er in den +Mund und zwischen die Zähne; so klomm er empor. Die +Holzriegel im Innern des Turms mußten ihm als Leitersprossen +dienen, allein wohin er griff, um sich emporzuhelfen, +fand er alles voll glühender Kohlen, nur hatte er nicht Zeit, +an den Schmerz zu denken. Endlich hatte er sich so hoch +<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>verstiegen, daß ihm in der engen Verzimmerung kein Raum +blieb, sich noch weiter hinauf zu winden, und hier sah er den +rechten Mittelpunkt des Feuers acht oder zehn Fuß über sich +zischen und sprühen. Er klemmte den Wassereimer zwischen +die Sparren fest, sog die Spritze daraus voll und richtete sie +gegen den Feuerkern. Wasser, Feuer und Kohlen prasselten +ihm ins Gesicht, aber das Feuer verminderte sich alsbald +merklich. Nun war aber auch der Eimer geleert. Aus Leibeskräften +schrie er nach Wasser; einer der Zimmermeister hob +die Falltür und rief: »Wasser ist hier, aber wie bekommst +du es hinauf?« Er sagte, sie sollten es ihm nur bis über +den Glockenstuhl schaffen, da wolle er sichs schon selber langen. +Jene wagten es, und er kletterte ihnen von Zeit zu Zeit +entgegen, um die vollen Eimer in Empfang zu nehmen, von +denen er dann auch so fleißigen Gebrauch machte, daß er +endlich das Glück hatte, den Brand zu überwältigen und +völlig zu löschen. Und es war hohe Zeit, mit jeder Minute +wurde ihm übler: das zurückspritzende Wasser hatte ihn bis +auf die Haut durchnäßt, und zugleich war eine unerträgliche +Hitze im Turm. Er eilte hinunter, und in der schneidenden +Luft bei den Schallöchern vergingen ihm die Sinne. Als er +wieder zu sich kam, lag er auf dem Kirchhof, ihm zur Seite +standen zwei Chirurgen, die ihm an beiden Armen die Adern +geöffnet hatten, und eine Menge neugieriger Menschen +schaute zu. Seine Hände waren überall verletzt, die Haare +auf dem Kopf abgesengt, der Kopf selbst wund und voller +Brandblasen; an diesen Stellen wuchsen die Haare nie wieder, +<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>und zwei Finger an der rechten Hand blieben ihm zeitlebens +verkrüppelt.</p> + +<p>Zehn Jahre lang befuhr er noch die Meere, von Danzig +bis Lissabon, von Amsterdam bis Norwegen, von London +bis Westindien; bald im eignen Interesse, das aber nie ein +Gelingen bescherte, bald im Auftrag fremder Reeder. Seine +Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit, soviel sie ihm auch +Achtung und Sympathie erweckten, konnten ihm doch nicht +zu großem Geld und Gut verhelfen. Und er war zu unruhig, +zu leidenschaftlich und zu wenig kühler Rechner, um aus geringen +Vorteilen mit der Zeit und viel Geduld bedeutende +zu machen. Um das Jahr 1787 wurde er in Kolberg seßhaft, +und seine Mitbürger erwiesen ihm die Ehre, ihn als +Verwandten des Seglerhauses aufzunehmen, welches ein +Kollegium war, vor dem alle Schiffahrtssachen in erster +Instanz entschieden wurden. Auch ernannten sie ihn zum +Schiffsvermesser, dessen Amt es war, die Tragkraft der +Fahrzeuge zu berechnen, und wieviel Lasten sie laden und +über See führen konnten. Es gab auch in Kolberg ein Kollegium, +die Fünfzehnmänner geheißen, das die Gerechtsame +der Bürgerschaft beim Magistrat zu vertreten hatte. In +dieser Körperschaft waren große Mißstände bemerklich geworden; +die Fünfzehnmänner hatten angefangen, ihr Ansehen +mehr zu ihrem Privatnutzen als zum allgemeinen +Besten geltend zu machen, und es war eine enge Verbrüderung +daraus entstanden, die sich einander zu allerlei heimlichen +Praktiken verhalf. Da waren Depositenkassen angegriffen, +<a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>Scheinkäufe vorgenommen, Gemeingut widerrechtlich +verschleudert und andere Greuel mehr begangen worden. +Furchtlos trat Nettelbeck in den Sumpf und machte eine +lange Reihe von Ungebührlichkeiten, Veruntreuungen und +krummen Schlichen vor Gericht anhängig. Es kam darüber +zu einem langen und verwickelten Prozeß, und keine Art von +Ränken und Rabulistereien blieb gegen ihn unversucht. Beinahe +vier Jahre lang schleppte sich der Rechtsstreit hin, und +so wie er sich die Sache zu Herzen nahm, hatte er während +der ganzen Zeit keine ruhige Stunde. Er gesteht, daß er oft +mit Feuer und Schwert hätte dreinfahren mögen, wenn das +heillose Gezücht immer ein neues Mäntelchen für seine aufgedeckte +Bosheit zu erhaschen suchte. Endlich kam die unsaubere +Geschichte doch zu einem leidlichen Schluß; das Kollegium +wurde aufgelöst und durch ein anderes ersetzt, und +man bewies ihm das Vertrauen, ihn in die Zahl der neuen +Repräsentanten zu wählen.</p> + +<p>Ergreifend sind die wenigen Seiten seiner von ihm selbst +erzählten Lebensgeschichte, wo er von seinen häuslichen und +ehelichen Verhältnissen erzählt und die Bemerkung macht, +daß ihm als Ehemann und Vater sein besserer Glücksstern +erst spät erschienen sei. Nur der Anschein war günstig, als +er sich im Jahre 1762 in Königsberg zu heiraten entschloß. +Er war ein flinker und lebenslustiger Bursche von vier- oder +fünfundzwanzig Jahren, sein junges Weib war sechzehn, +und solange er dort lebte und als Schiffer ab- und anfuhr, +war die Ehe ganz glücklich. Von drei Kindern, die ihm die +<a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>Frau gebar, blieb indessen nur ein Sohn am Leben, der ihn +auf seinen letzten Seereisen als unzertrennlicher Gefährte begleitete. +Nach siebenjähriger Ehe entdeckte er, daß ihn die +Frau betrog; er verzieh ihr, aber sie zeigte sich unverbesserlich, +da ließ er sich von ihr scheiden, und sie verkam im Elend. Der +Sohn, den er sehr liebte, starb ihm in jungen Jahren, und +er stand nun verlassen in der Welt und wußte nicht, für wen +er sich’s noch sauer werden lassen sollte. Es fehlte am festen +Kern im inneren Haushalt, und so wollte er es noch einmal +mit der Ehe versuchen. Als Fünfzigjähriger warf er seine +Augen auf eine Schifferswitwe in Stettin, die er als eine +ordentliche und rechtliche Frau zu kennen glaubte. Die Verbindung +kam zustande, aber nun erst gingen ihm die Augen +auf. Die fromme Witwe hatte gern ihr Räuschchen und +hielt es eifrig mit mancherlei andern Dingen, die den Ehefrieden +stören mußten. An ein Zusammenhalten des ehrlich +Erworbenen war länger nicht zu denken, vielmehr sah er den +unvermeidlichen Untergang seines kleinen Wohlstands vor +Augen, und was blieb ihm übrig, als eine abermalige Scheidung? +Mit trüben Blicken schaute er in die Zukunft. Er +gehörte keinem Menschen an, war nachgerade ein alter Mann +geworden, und fühlte er gleich sein Herz noch frisch und seinen +Geist lebendig, so wollten doch die stumpfgewordenen Knochen +nicht mehr gut tun. Die paar Jahre, die noch übrig waren, +dachte er wohl noch hinzustümpern, und wenn nur noch der +Sarg ehrlich bezahlt werden konnte, mochte man ihn hintun, +wo seine Väter schliefen. Jedoch das Geschick meinte es +<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>besser mit ihm. So klang- und trostlos sollte sein Leben nicht +enden.</p> + +<p>Das Jahr 1806 war herangekommen. Joachim Nettelbeck, +dem feurigen Patrioten, der die alten Zeiten und des +großen Friedrichs Taten noch im Sinn hatte, blutete gleich +so vielen das Herz bei der Zeitung von den entsetzlichen Tagen +bei Jena und Auerstädt und ihren Folgen. Er hätte kein +Preuße und abtrünnig von König und Vaterland sein müssen, +wenn ihm jetzt, wo alle Unglückswellen über sie zusammenschlugen, +nicht so zu Sinn gewesen wäre, als müßte er Gut +und Blut und die letzte Kraft seines Lebens für sie aufbieten. +So lautet sein eigenes Geständnis; nicht mit Reden und +Schreiben, dachte er, aber mit der Tat sei hier zu helfen; +jeder auf seinem Posten, ohne sich erst lange, feig und klug, +vor- und rückwärts umzusehen.</p> + +<p>Als nun Magdeburg und Stettin gefallen waren und die +ungestüme französische Windsbraut sich immer näher und +drohender gegen die Weichsel heranzog, da ließ sich’s voraussehen, +daß bald genug auch die Feste Kolberg an die Reihe +kommen mochte, und wirklich erschien im November ein französischer +Offizier als Parlamentär in der Stadt und forderte +die Übergabe. Diese wurde zwar verweigert, allein mit allem, +was zu einer rechtschaffenen Verteidigung gehörte, sah es +trübselig aus. Wall und Graben waren verfallen, von Palisaden +keine Spur. Nur drei Kanonen standen in einer +Bastion auf Lafetten und dienten bloß zu Lärmschüssen, wenn +Ausreißer von der Besatzung verfolgt werden sollten; alles +<a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>übrige Geschütz lag am Boden, hoch von Gras überwachsen, +und die dazu gehörigen Lafetten vermoderten in den Remisen. +Die Besatzung war gering an Zahl, entmutigt durch die +Unglücksbotschaften, und der Kommandant, Oberst von Loucadou, +ein alter abgestumpfter Mann, der seit dem bayrischen +Erbfolgekrieg den Ruf eines tüchtigen Offiziers genoß und +dessen Geist so blind an altem Herkommen hing, daß er sich +in der neuen Zeit und Welt nicht mehr zurechtfinden konnte. +Während alles, was Militär hieß, den trägen Schlummer +mit ihm zu teilen schien, fühlte sich die ganze Bürgerschaft +von der lebhaftesten Unruhe und Besorgnis ergriffen, und +Nettelbeck wurde als einer der ältesten Bürger ausgewählt, +sich mit dem Kommandanten über die Maßregeln zur Verteidigung +zu verständigen. Dem Obersten erschien dies anmaßend, +und er wußte nicht oder wollte es nicht wissen, daß +von ältester Zeit her die Bürger von Kolberg sich als die +natürlichen und gesetzlich berufenen Verteidiger ihrer Wälle +und Mauern betrachteten. Vormals hatte jeder seinen Bürgereid +mit Ober- und Untergewehr geschworen, hatte geschworen, +daß diese Armatur ihm eigen angehöre, geschworen, daß er +die Festung verteidigen helfen wolle mit Gut und Blut. Die +Bürgerschaft war in fünf Kompanien eingeteilt, mit einem +Bürgermajor an der Spitze, und wo es im Ernst gegolten, +hatte der Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht und +wesentlichen Nutzen von ihrem Dienst gezogen. Nettelbeck +eröffnete dem Obersten, daß die Bürger mit Gott entschlossen +seien, in diesen bedenklichen Zeitläuften mit dem Militär +<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>gleiche Last und Gefahr zu bestehen, daß sie sich in ein Bataillon +mit vollständiger Rüstung organisieren wollten und +bäten, sich vor ihm aufstellen zu dürfen, damit er Musterung +halte und jedem seinen Posten anweise, sie würden ihre Schuldigkeit +tun. Als die Bürgerschaft sich versammelt hatte, kam +der alte Oberst und sagte: »Macht dem Spiel ein Ende, +ihr guten Leutchen! Geht in Gottes Namen nach Hause. +Was soll mir’s helfen, daß ich euch sehe?« Und da Nettelbeck +neuerdings Vorstellungen machte und sich und seine Leute +zu den nötigen Arbeiten anbot, erwiderte der Kommandant +mit einem höhnischen Lachen: »Die Bürgerschaft und immer +wieder die Bürgerschaft! Ich brauche die Bürgerschaft nicht.«</p> + +<p>Eine solche Geringschätzung erregte Murren und Unwillen, +aber Nettelbeck ließ sich nicht abhalten, zu tun, was ihm +Pflicht schien. Er machte den Oberst darauf aufmerksam, +welch gute Dienste in früheren Belagerungen eine Schanze +auf dem hohen Berg, eine Viertelmeile außerhalb der Stadt, +geleistet hatte, und er und seine Freunde seien bereit, die +Schanze wiederherzustellen. Der Oberst antwortete, was +außerhalb der Stadt geschähe, kümmere ihn nicht, die Festung +innerhalb werde er schon zu verteidigen wissen. Und so baute +Nettelbeck die Schanze, und es halfen ihm die Bürger, ihre +Gesellen, ihre Lehrjungen und Dienstmägde; als die Arbeit +noch immer zu langsam vonstatten ging, warb er Leute am +Hafen und bezahlte sie aus seiner Tasche. Er sorgte für die +Anschaffung von Lebensmittelvorräten und nahm bei Bäckern, +Bauern und Branntweinbrennern ein Verzeichnis der Bestände +<a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>auf. Er ging in die umliegenden Dörfer und sah nach, +was an Korn und Schlachtvieh vorhanden war. Mit all +seinen Papieren ging er nun zum Kommandanten, um ihn +zu bewegen, daß er die Vorräte in die Stadt schaffen lasse. +Der Oberst aber, als hätte die Pest an den Papieren geklebt, +drückte sie ihm eilig wieder in die Hand und sagte, er brauche +den Plunder nicht und damit Gott befohlen.</p> + +<p>Der Oberst hatte auch eine alte Köchin, und die war jedesmal +zugegen, wenn Nettelbeck kam, und gab ihren Senf mit +drein. Auch dieses Mal schimpfte und maulte sie, bis Nettelbeck +die Galle überlief und er dem unverschämten Weibsbild +die Meinung sagte, wodurch er aber den Obersten nur noch +mehr gegen sich in Zorn setzte.</p> + +<p>Um den Magistrat und seine Anstalten stand es auch kläglich, +der Untergang der Stadt schien nicht aufzuhalten, und +so entschloß sich Nettelbeck, der winterlichen Jahreszeit zum +Trotz, den König selbst in Königsberg oder in Memel aufzusuchen +und ihm Kolbergs Lage und Not vorzustellen. Da +traf aber der Kriegsrat Wissening von Treptow in Kolberg +ein, ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck +hatte. Der machte sich gegen Nettelbeck erbötig, selber zum +König zu gehen und sein möglichstes zu tun, um den Platz +zu retten. Unter den von den Truppen Versprengten, die täglich +in Kolberg Zuflucht suchten, befand sich auch der Leutnant +von Schill; Nettelbeck gewann ihn bald zum Freund, +und der junge Offizier erklärte sich bereit, in Kolberg zu bleiben, +um bei der Verteidigung zu helfen. Er stimmte mit +<a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>Nettelbeck darin überein, daß vor allem die Maikule, der +Schlüssel zum Hafen, um jeden Preis festgehalten werden +müsse, und doch war zur Verschanzung dieses entscheidenden +Punktes bis jetzt noch keine Schaufel in Bewegung gesetzt +worden. Es waren keine Hände da, um auch nur einige +Erdaufwürfe zustande zu bringen, und Nettelbeck trieb unermüdlich +in der Geldervorstadt und in allen umliegenden Ortschaften +Tagelöhner und Häusler zusammen, versprach und +zahlte guten Lohn und verwandte gegen vierhundert Taler +aus seiner Tasche. Tag und Nacht arbeiteten etwa sechzig +Menschen nach dem von Schill entworfenen Plan an den +Befestigungen; weder der Kommandant noch sonst jemand +fragte und kümmerte sich, was da geschafft wurde. Indessen +war der Kriegsrat Wissening mit ausgedehnten Vollmachten +vom König zurückgekehrt. Seine Hilfe brachte neues Leben +in die Verwaltung; ganze Herden Schlachtvieh, lange Reihen +Getreidewagen zogen zu den Toren ein, und Heu und Stroh +im Überfluß füllte die Futtermagazine. In der Stadt wurde +geschlachtet und eingesalzen und die Böden der Bürgerhäuser +mit Korn beschüttet.</p> + +<p>Um die Mitte März hatten die Franzosen die Umzingelung +der Festung beendet. Die Schanze auf dem hohen Berg +ging unter blutigen Kämpfen verloren, auch die Anhöhen der +Altstadt waren besetzt. Es war nun dringend geboten, die +Überschwemmung des Geländes rings um die Festung zu +bewirken, eine Absicht, die auf den hartnäckigen Widerstand +der Grundeigentümer stieß. Auch der Kommandant wollte +<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>nichts davon wissen, bei der darüber geführten Unterredung +mischte sich wieder die Köchin in ihrer gewohnten Weise ein. +Nettelbeck schob sie ohne viel Federlesens zur Türe hinaus, +der Oberst geriet in Hitze, griff nach seinem Degen und würde +ihn gegen Nettelbeck gezogen haben, wenn ihm nicht dessen +Begleiter, der Hauptmann von Waldenfels, mit den Worten +in den Arm gefallen wäre: »Beruhigen Sie sich, Nettelbeck +hat recht getan.«</p> + +<p>Die Franzosen schickten indessen einen Parlamentär, den +der Oberst in aller Freundlichkeit empfing und mit dem er +hinter verschlossener Tür verhandelte. Nettelbeck argwöhnte +Verrat, und in der Fülle seines beklommenen Herzens schrieb +er an den König: Wenn Euere Majestät uns nicht bald +einen andern und braven Kommandanten zuschicken, sind wir +unglücklich und verloren.</p> + +<p>Die Belagerer schritten zum Angriff, die Geldervorstadt +geriet in Gefahr, Loucadou erteilte den Befehl, sie niederzubrennen, +aber Schill stellte ihm das Unnützliche und Übereilte +dieser Maßregel mit solchem Gewicht vor, daß er nachzugeben +gezwungen war; dadurch konnten Hunderte von +Menschen die beweglichen Trümmer ihres Besitzes in Sicherheit +bringen, und erst als dies geschehen war, fand die Zerstörung +statt. Der Kommandant aber bezichtigte Schill der +Insubordination und ließ ihn in Arrest setzen. Soldaten +und Bürger vernahmen mit Unwillen, was ihrem Liebling +geschehen war. Es entstand ein Gemurmel, ein Reden, Fragen +und Durcheinanderlaufen, das mit jeder Minute lauter +<a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>und stürmischer wurde. Man wollte Schill mit Gewalt +befreien und den Kommandanten zur Rechenschaft ziehen. +Nettelbeck, lebhaft bestürzt und das Unselige dieser Volksbewegung +erkennend, warf sich unter die Menge, bat sie, +Vernunft anzunehmen und vor allen Dingen Schills eigene +Meinung zu hören. Dies ward angenommen, und +Nettelbeck ging zu Schill. Als der vernahm, wie die +Sachen standen, erschrak er heftig, und Nettelbeck an beiden +Händen ergreifend, rief er: »Freund, ich bitte Sie um +alles, stellen Sie die guten Menschen zufrieden. Aufruhr +wäre das letzte und größte Unglück, das uns begegnen könnte. +Sagen Sie ihnen, ich sei nicht arretiert, ich sei krank, sagen +Sie, was Sie wollen, wenn sich nur die Leute zur Ruhe +geben.« Nettelbeck begab sich wieder auf den Markt, hielt +eine Ansprache, die Leute kamen zur Besinnung und gingen +friedlich auseinander. Schills Arrest blieb ein leeres Wort, +das stillschweigend zurückgenommen wurde.</p> + +<p>Die feindlichen Granaten schlugen in die Stadt, und der +Oberst befahl, daß die Dächer mit Dünger belegt und das +Pflaster aufgerissen werden sollte, um die Geschosse unschädlicher +zu machen. Nettelbeck äußerte Zweifel über das Förderliche +dieses Befehls; da die Dächer eine Neigung von mehr +als fünfundvierzig Grad besaßen, meinte er, der Dünger werde +wohl nicht haften bleiben, auch würden die Bomben vor den +so bedeckten Dächern nicht sonderlich viel Respekt zeigen; das +Aufreißen des Pflasters sei aber bei den engen Gassen sogar +gefährlich, weil dann bei entstandener Feuersgefahr weder +<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>Spritzen noch Wasserkufen einen Weg durch die Steinhaufen +und den umgewühlten Boden finden würden. Während des +Gesprächs fuhr in der Nähe eine Bombe nieder und zersprang. +Der Oberst sah sich mit etwas verwirrten Blicken +um und stotterte: »Meine Herren, wenn das so fort geht, +so werden wir müssen doch noch zu Kreuze kriechen.« Mehr +konnte er nicht hervorbringen. Nettelbeck, alle Selbstbeherrschung +verlierend, fuhr auf und schrie: »Halt! Der erste, +wer er auch sei, der das verdammte Wort wieder ausspricht, +von zu Kreuze kriechen, stirbt des Todes von meiner Hand.« +Dabei riß er den Degen aus der Scheide, sein Nebenmann +faßte ihn von hinten und zog ihn von Loucadou zurück. »Arretieren,« +knirschte der Oberst mit schäumendem Mund, »gleich +arretieren! In Ketten und Banden.« Alles drängte sich um +den Oberst zusammen; Nettelbecks Freunde schoben ihn zurück, +und er ging, wenig zufrieden mit sich selbst und seinem Zorneifer, +still nach Hause. Nachmittags berief der Kommandant +den Landrat zu sich und teilte ihm mit, er werde Nettelbeck +vor ein Kriegsgericht stellen und auf dem Glacis der Festung +erschießen lassen. Der Landrat erschrak, machte eindringliche +Vorstellungen, jedoch der Oberst beharrte auf seinem Sinn. +Als die Bürger vernahmen, was im Werke war, geriet alles +in die größte Bewegung, alles ergriff Nettelbecks Partei; +der Haufen sammelte sich und ward mit jeder Minute größer, +wälzte sich zu Loucadous Wohnung, umringte ihn, und die +Wortführer bestürmten ihn so lange im guten und im bösen, +bis sie seine Entrüstung einigermaßen milderten oder vielleicht +<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>ihn ahnen ließen, daß er kein so leichtes Spiel haben werde. +»Gut, gut,« sagte er endlich, »so mag der alte Bursche diesmal +laufen. Hüt er sich nur, daß ich ihn nicht wieder fasse.« +Nettelbeck hatte von seinem Fenster aus den Auflauf des +Volkes bemerkt, hatte aber kein Arg, daß es ihn so nahe angehen +könne. Erst andern Tags erfuhr er, wie schlimm es +auf ihn und sein Leben gemünzt gewesen.</p> + +<p>Die Belagerung nahm ihren Fortgang, und Not und +Elend stiegen von Woche zu Woche. Es war am 1. Juli, +als die Franzosen endlich letzten Ernst zu machen schienen. +In den Morgenstunden eröffneten sie ein furchtbares Bombardement +auf die Stadt. Bald gab es nirgends ein Plätzchen +mehr, wo die zagende Menge vor dem drohenden Verderben +sich hätte bergen können. Überall zerschmetterte Gewölbe, +einstürzende Böden, krachende Wände und aufwirbelnde +Säulen von Dampf und Feuer; überall die Gassen wimmelnd +von ratlos umherirrenden Flüchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben +hatten und unter dem Gezisch der kreisenden Feuerbälle +sich verfolgt sahen von Tod und Verstümmelung. Geschrei +von Wehklagenden, Geschrei von Säuglingen und +Kindern, Geschrei von Verirrten, die ihre Angehörigen verloren +hatten, Geschrei der Menschen, die mit dem Löschen +der Flammen beschäftigt waren, Lärm der Trommeln, Rasseln +der Fuhrwerke, Geklirr der Waffen, es war herz- und +ohrenzerreißend. Im Laufe des Tages erstürmten die Franzosen +die Maikule, und mit dem Verlust dieses wichtigen +Punktes war die Verteidigung gelähmt, und das Münderfort +<a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>war nun zur Beschützung des Hafens nicht mehr ausreichend, +was sich zeigte, als das englische Schiff, das den +Belagerten zu Hilfe gekommen war, beim Vordringen der +Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder das offene Meer +zu gewinnen.</p> + +<p>Zu spät hatte der König Unterstützungsmannschaften geschickt, +zu spät den unfähigen Kommandanten durch den Major +von Gneisenau ersetzt; es schien, daß die Stadt nicht mehr +zu retten war. Inmitten der ringsum drohenden Gefahr erzeugte +sich allmählich eine Gleichgültigkeit bei vielen, die nichts +mehr zu Herzen nahmen. War auch nicht der Mut, so war +doch die Natur erschöpft; Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerwährende +Spannung des Gemüts und Sorgen für Weib +und Kind und Eigentum fielen auf die meisten mit einem +solchen Gewichte, daß sie sich in den Trümmern ihrer Wohnungen +ein noch irgend erhaltenes Plätzchen ersahen, um den +bis in den Tod ermatteten Gliedern einige Ruhe zu gönnen.</p> + +<p>Da geschah es, daß eine Bombe, verderblicher als alle +andern, in das Rathaus fuhr, und ein hell aufflackerndes +Feuer war die Folge ihres Zerspringens. Als naher Nachbar +sprang Nettelbeck hin, um schnelle Anstalten zur Brandlöschung +zu betreiben, aber ringsum regte sich keine menschliche +Seele. Er lief zu Bekannten, braven und wackeren +Männern, um sie zur Hilfe aufzurufen, doch schlaftrunken +und ohne Gefühl beachteten sie sein Bitten und Ermuntern +ebensowenig, wie sein Toben und Schelten. In steigender +Angst rannte er auf die Brandstätte zurück und packte jeden +<a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>an, der ihm begegnete. Ein vierschrötiger Kerl, dem er einen +gefüllten Löscheimer aufdrängte, nahm ihn und schlug das +Gefäß mit seinem nicht eben sauberen Inhalt Nettelbeck geradezu +um die Ohren, so daß er fast die Besinnung verlor +und von Schmutz und Ruß bedeckt eine jämmerliche Figur +machte. Ohne sich darum zu kümmern eilte er in das nächste +Wachhaus auf dem Walle und stürmte wild in das halbdunkle +Wachzimmer. Auf der hölzernen Pritsche regte sich +eine Gestalt. »Bester Mann, zu Hilfe, das Rathaus steht +in Flammen!« schrie Nettelbeck. Der Offizier erhob sich, +schlug die Hände zusammen und rief aus: »Ach, du armer +Nettelbeck!« Jetzt erst erkannte ihn Nettelbeck; es war +Gneisenau. Nun wurde die Lärmtrommel gerührt, die +Soldaten erschienen, Patrouillen durchzogen die Stadt, und +die Löschanstalten kamen in Bewegung. Zu gleicher Zeit +hatten die Gefangenen im Stockhaus die allgemeine Verwirrung +benutzt, um auszubrechen, und hatten in den Häusern +zu plündern begonnen; auch Nettelbecks Haus wurde +von diesem Schicksal betroffen. Durch den tätigen Eifer des +Militärs wurde die Rotte wieder eingefangen und unschädlich +gemacht.</p> + +<p>So besonnen, wo es zu handeln galt, so allgegenwärtig +gleichsam, wo eine Gefahr nahte, und so beharrlich, wo nur +die unabgespannte Kraft zum Ziele führen konnte, hatte sich +der Kommandant Gneisenau immer und überall seit dem +ersten Augenblick seines Auftretens erwiesen. Wochen hindurch +war er so wenig in ein Bett als aus den Kleidern gekommen. +<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>Vater und Freund des Soldaten wie des Bürgers, +hielt er beider Herzen durch den milden Ernst seines +Wesens und durch teilnehmende Freundlichkeit gefesselt. +Jeder seiner Anordnungen folgte das unbedingteste Zutrauen.</p> + +<p>Der Morgen des 2. Juli brach an. Not und Elend, +Jammergeschrei und Auftritte der blutigsten Art, einstürzende +Gebäude und prasselnde Flammen, das war das einzige, was +bei jedem Schritt den entsetzten Sinnen sich darstellte. Gneisenaus +scharfes Auge hatte mitten im gräßlichsten Tumult +erkannt, daß der Feind Vorbereitungen traf, sich von der +Wolfsschanze aus über das Münderfort herzustürzen. Es +war drei Uhr nachmittags. Gegenanstalten wurden getroffen, +Befehle flogen, alles war in der lebendigsten Spannung, +plötzlich schwieg das feindliche Geschütz auf allen Batterien. +Auf das Krachen eines Donners wie am Tage des Weltgerichts +folgte eine lange, öde Stille. Jeder Atem stockte, +niemand begriff den schnellen Wechsel, das schauerliche Erstarren +so gewaltiger losgelassener Kräfte. Da nahte ein +feindlicher Parlamentär, neben ihm ein preußischer Offizier, +und alsbald stürzte dieser mit den atemlos hervorgestoßenen +Worten in den Kreis seiner Bekannten: »Friede! Kolberg +ist gerettet.«</p> + + +<p class="tb">Als im Jahre 1809 der König von Memel nach Berlin +zurückkehrte, hieß es zuerst, er werde seinen Weg über +Kolberg nehmen; aber die Strenge der Jahreszeit gebot die +kürzeste Richtung, und da es bekannt wurde, daß das königliche +<a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>Paar einen Rasttag in Stargard machen wollte, schlug +Nettelbeck den Kolbergern vor, eine Abordnung der Bürgerschaft +dorthin zu senden. Alles war seiner Meinung, aber +alles glaubte auch, daß es dafür zu spät sei, denn um rechtzeitig +an Ort und Stelle zu kommen hätte man sich noch +den nämlichen Abend auf den Weg machen müssen. »Und +warum nicht schon in der nämlichen Stunde?« fragte +Nettelbeck. »Ich bin dazu bereit, aber ich bedarf noch eines +Gefährten. Wer begleitet mich?« Schweigen und Kopfschütteln +ringsherum, und schon wollte der Alte im feurigen +Unmut auflodern, als ihm der Kaufmann Gölckel die Hand +reichte, sich ihm zum Gefährten erbot und in einer Stunde +reisefertig zu sein versprach. Sie kamen nach Stargard so +früh am Morgen, daß sie noch alles in Finsternis und +Schlaf begraben fanden. An einem Haus stiegen sie ab, +klopften an und verlangten Herberge. Die Antwort lautete, +alles sei dicht besetzt und kein Unterkommen mehr möglich. +»Aber liebe Leute, den alten Nettelbeck werdet ihr doch nicht +auf der Straße stehen lassen!« »Nein, wahrhaftig nicht,« +scholl eine weibliche Stimme dagegen, »tausendmal willkommen! +Da muß sich schon ein Winkelchen finden.«</p> + +<p>Im königlichen Quartier wurde Nettelbeck von einem +General erkannt und in das Empfangszimmer geführt. Der +große Raum war voll von Offizieren, Damen und Standespersonen. +Alles blitzte von Ordenszeichen, und es gab +eine feierliche Stille, als der König und die Königin eintraten.</p> + +<p><a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>Vor Nettelbeck und seinem Begleiter stehend, sagte der +König gegen die glänzende Versammlung hin mit bewegter +Stimme: »Wenn jeder so seine Pflicht getan hätte wie +die Kolberger, dann wäre es uns nicht so unglücklich ergangen.«</p> + +<p>Nach einiger Wechselrede brach aus des alten Nettelbecks +Munde das glühende Wort: »Verflucht sei, wer seinem +König und Vaterland nicht treu ist.« Und dann: »Wir +hoffen, Eure Majestät werden uns nicht sinken lassen.« +Der König antwortete und streckte Nettelbeck die Hand +entgegen: »Nein, nicht sinken lassen, nicht sinken lasse ich +euch.«</p> + +<p>Diese Stunde war vielleicht die schönste in Nettelbecks +Leben, und keine empfand er dankbarer als Lohn für alle +Opfer und Mühen. Er begann nun seine Hantierung wieder +und fand auch ein notdürftiges Auskommen. Doch fiel +es ihm immer schwerer aufs Herz, daß er so abgesondert und +verlassen dastand. Er war nun fünfundsiebzig Jahre alt +und sorgte sich doch noch um die Zukunft. Zuerst lachend, +dann in wohlgemeintem Ernst rieten ihm seine Freunde, es +noch einmal mit dem Ehestand zu versuchen, und nach vielem +Bedenken und Zögern folgte er ihrem Rat und heiratete eine +uckermärkische Pfarrerstochter, an deren Seite er noch ein +spätes Glück fand und die ihm sogar im nächsten Jahr eine +Tochter schenkte.</p> + +<p>Sein rastloser Geist konnte nicht ruhen. Am Abend seines +Lebens beschäftigte ihn noch ein Projekt, das er schon Jahrzehnte +<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>zuvor gehegt, der Lieblingswunsch, Preußen auch jenseits +der Weltmeere groß, geachtet und blühend zu sehen. Er +verfaßte eine Denkschrift, worin er den Lenkern des Staats +den Vorteil auseinandersetzte, der mit dem Erwerb von Kolonien +verbunden war, ja, er machte sich trotz seiner sechsundsiebzig +Jahre erbötig, das erste preußische Schiff, das +solchem Zweck dienen würde, selbst zu führen. Aber wie leicht +zu denken, erweckte sein Vorschlag zu jener Zeit keine ernstliche +Beachtung.</p> + +<p>Im Jahre 1824, sechsundachtzig Jahre alt, endete der +wunderbare Mann sein reiches Leben.</p> + + + + +<p><a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a></p> +<h2><a name="Christian_Holzwart" id="Christian_Holzwart"></a>Christian Holzwart</h2> + + +<p class="newsection">Am 29. Dezember 1845, in der Morgenfrühe, kam ein +Mann von der Sudenburg, einer Vorstadt Magdeburgs +außerhalb der Ringmauern, und passierte in Eile durch das +eben geöffnete Tor. Er war sonderbar anzusehen; ein Schlafrock +hing über seinem Körper, er war ohne Stiefel, ohne +Strümpfe, ohne Kopfbedeckung, und Haar und Bart waren +von Flammen versengt. Seine Schritte waren ungleich und +zeugten von großer Ermattung. Bei einem Hause an der +Johanniskirche, wo der Wundarzt Koch wohnte, machte er +endlich halt und zog hastig die Klingel. Die Straßen waren +noch leer, die Leute schliefen noch, und erst auf sein wiederholtes +Klingeln wurde ihm das Tor aufgemacht. Er taumelte +in das Wohnzimmer und fiel ohnmächtig auf das Sofa nieder. +Der Chirurgus Koch und seine Frau, die ihm beide erschrocken +entgegengetreten waren, fragten gleichzeitig, was geschehen sei +und von wo er in einem solchen Aufzug herkomme. Der +Wundarzt nahm das Licht vom Tisch, beleuchtete ihn und +sah, daß nicht nur sein sonst wohlgepflegter Bart verkohlt +war, sondern daß auch seine Hände blutig waren. »Um Gottes +<a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>willen, Holzwart, was ist geschehen?« fragte er entsetzt, doch +der Mann stammelte nur verworrene Antworten, sprach von +Flammen und daß seine Familie, die Frau und seine fünf +Kinder wohl erstickt seien. Der Wundarzt schickte seinen Sohn +und den Lehrer Zimmermann sofort nach der Sudenburg +hinaus, und sie kamen mit der Unglücksbotschaft zurück, daß +man dorten sechs Leichen aus dem Schutt des niedergebrannten +Hauses geschafft habe. Es war auch schon eine amtliche +Anzeige eingegangen, und die Kriminaldeputation fand sich +bei dem Wundarzt Koch ein, um von Holzwart Auskunft +über die furchtbare Katastrophe zu erhalten.</p> + +<p>Sie trafen Holzwart krank und hinfällig durch den erlittenen +Blutverlust, aber doch imstande, ihren Fragen Genüge +zu leisten. Er erzählte, daß ihm in der Nacht ein Mensch +in seinen Verkaufsladen eingetreten sei und ihm zwei Stiche +in die Brust versetzt habe; er sei mit dem Menschen ins Ringen +gekommen, habe ihn verfolgt, habe neue Stiche erhalten, sei +dann umgekehrt und habe sein Haus in Flammen stehend gefunden. +Er sei zurückgewichen und fast ohne Besinnung in +die Stadt gelaufen, und da sei er vor dem Kochschen Hause +angelangt.</p> + +<p>Das alles klang weniger wie Lüge, als wie die unzusammenhängenden +Reden eines Fiebernden. Die Kleidungsstücke, die +Holzwart am Leibe hatte, waren nicht durchstochen, und die +Schnitte am Hals sprachen eher für einen Selbstmordversuch +als für Verwundungen von fremder Hand. Das Haus war +nicht nieder-, sondern ausgebrannt; Türen und Fenster boten +<a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a>den Anblick einer gewaltsamen Zerstörung. Die verkohlten +und verstümmelten Leichname der Frau, des Sohnes und der +vier Töchter wurden in dem Zimmer neben dem Laden gefunden, +und es erwies sich bald, daß an ihnen ein zwiefaches +Verbrechen begangen worden war. Die Körper zeigten deutliche +Spuren der Ermordung; ihr Blut färbte die Dielen +der Zimmer, tränkte die Polster des Sofas, hing in schweren +Tropfen noch ungetrocknet an den Stühlen, hatte die Geschenke +des Christabends, die Spielereien der unschuldigen +Kleinen überspritzt.</p> + +<p>Sollte also der Vater dieser schönen, gesunden und wohlgeratenen +Kinder ihr Mörder sein? Aus welchem Grund? +Aus Haß? Aus Habsucht? Aus Not? Hätte er sie gehaßt, +so wäre es ja leichter gewesen, sich von ihnen zu entfernen. +Die Welt ist groß, und es hat schon mancher die ihm lästig +gewordenen Familienbande abgeschüttelt, seine Kinder der +Willkür des Geschicks preisgegeben und mit leichtsinnigem +Mut in der Fremde Vergessenheit seiner Pflichten gesucht. +Auch waren die Kinder schon über die Hilflosigkeit der ersten +Jugend hinaus; die älteste Tochter war sechzehn, die zweite +vierzehn, die dritte zehn, der Sohn neun Jahre, und nur das +jüngste Kind, ein Mädchen im Alter von vier Jahren, stand +in der ersten, ganz hilfsbedürftigen Jugend. Das Gerücht, +daß die Kinder hätten erben sollen, erwies sich als falsch. Sie +waren arm, hatten nie etwas besessen und auch keine Hoffnung +auf Besitz. Daß sich die Familie in Not befand, war gewiß. +Man wußte, daß Holzwarts Verhältnisse von Jahr +<a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>zu Jahr zurückgegangen seien, ja daß er ein vollständig ruinierter +Mann und sozusagen am Ende seiner Bahn angekommen +war. Dies konnte aber keinen ausreichenden Anlaß +bilden, fünf Kinder und eine Frau zu ermorden und zu verbrennen. +Schon nach den ersten Tagen nannte man ihn +Mörder und Mordbrenner, und daß er selbst tödlich verwundet +im Gefängnisse lag und nach den Berichten der Ärzte +einem Verhör noch nicht ausgesetzt werden durfte, glaubte +niemand. Woher sollten ihm die Wunden gekommen sein? +Sie hätten ihn in ein tragisches Licht gestellt, und man wollte +von ihm nur als von einem verworfenen Mörder wissen. +Was er gelitten und noch zu leiden hatte, darum kümmerte +sich kein Mensch. Aber der Tag kam, wo viele in sich gingen.</p> + +<p>Am Morgen des sechsten Tages begab sich der Untersuchungsrichter +zu ihm ins Gefängnis. Der Arzt hatte seinen +Zustand soweit gebessert gefunden, daß eine schonende Vernehmung +möglich war. Doch lag er noch im Bette, sein +Äußeres zeigte große Erschöpfung. Nachdem ihn der Richter +mit einigen Fragen über sein körperliches Befinden hingeleitet +hatte, erkundigte er sich, ob er sich zu erinnern vermöge, was +für Aussagen er am Morgen seiner Verhaftung gemacht. +Ohne Zögern bejahte Holzwart, fügte aber sogleich hinzu, +daß man ihm noch einige Tage Zeit gönnen möge, dann +würde er sich vollständig über die ganze Begebenheit aussprechen. +Der Richter wendete ein, es wäre besser, wenn er +sich sogleich ausspräche, namentlich wenn er etwas auf dem +Herzen hätte, und machte ihm bemerklich, daß er in seinem +<a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>Richter nicht den kalten Menschen suchen solle, der mit Nichtachtung +auf den Gesunkenen herabblicke, sondern einen Teilnehmenden, +der mit schmerzlichem Gefühl die Herzen der +Verbrecher auszuforschen beflissen sei. Ganz ruhig richtete +er daran die einfache Frage: »Haben Sie sich vergangen?« +Holzwart richtete sich von seinem Lager auf, stützte sich auf +den rechten Arm und sah den Richter stumm an. »Sind Sie +schuldig?« setzte der Richter hastig hinzu. Holzwart legte +sich zurück, sein Auge ruhte fest auf dem Gesicht des Richters, +und eine tiefe Bewegung malte sich in seinen Mienen, als +er antwortete: »Ja, ich bin schuldig.«</p> + +<p>Mit dieser Erklärung mußte sich der Richter vorerst begnügen, +wenn er das Leben des Gefangenen nicht in Gefahr +bringen wollte, und erst nach mehreren Tagen schritt er zu +einer eindringlicheren Forschung. Holzwart zeigte von der +Stunde ab ein unbedingtes Vertrauen zu seinem Richter, und +seine Aussagen stimmten so völlig mit allen Ermittlungen +überein, daß man seine Wahrhaftigkeit nirgends in Zweifel +ziehen konnte.</p> + +<p>»Ja, ich bin schuldig,« sagte er mit festem und ruhigem +Ton; »es ist aber mein Verbrechen nicht das Werk eines augenblicklichen +Einfalls. Jahrelang hatte ich erfahren müssen, daß +ein Unglücksstern über mir und meiner Familie war. Diese +Überzeugung hat mich geleitet, als ich die Hand gegen die +Meinen erhob. Kein andrer Grund als die Liebe hätte mich +veranlassen können, eine so schreckliche Tat zu begehen. Die +Liebe gab mir die Kraft, sie alle, die nach meiner Einsicht +<a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>bald hilflos und erniedrigt dastehen würden, auf die schnellste +und schmerzloseste Weise aus der Welt zu schaffen. Sie haben +unbewußt und froh die letzten Minuten ihres Daseins herannahen +sehen. Ich begann die Tat mit meiner Frau und endete +sie mit meiner jüngsten Tochter.« Bei dieser Erklärung durchzuckte +ein furchtbarer Krampf den unglücklichen Mann, er +preßte die Augen zu und war unfähig, seine innerliche Erregung +mit der Kraft zu bewältigen, die er bis dahin gezeigt +hatte. Erst am nächsten Tage konnte man das Verhör fortsetzen.</p> + +<p>»Ich bin an Entbehrungen gewöhnt,« sagte er, »aber zur +Niedrigkeit bin ich nie hinabgesunken, habe mich nach meiner +Denkungsweise immer fern von Gemeinem gehalten, und da +es zuletzt mit mir so schlecht stand, daß nur Wohltaten +und Almosen mir und meiner Familie das Dasein fristen +konnten, sah ich keinen anderen Ausweg. Wenn mir auch +nur der entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, würde +ich nicht die Kraft zu der Tat gefunden haben. Mit dem +ersten Januar trat der Zeitpunkt ein, wo wir als Bettler vor +der Welt dastanden; der Entschluß, den ich schon lange in +mir trug, mußte also vor dem ersten Januar ausgeführt werden. +Je näher mir die schauerliche Notwendigkeit trat, desto mutloser +wurde ich, bis endlich beim Anblick des letzten Talers, +den ich vor mir liegen sah, die Gewalt der Not entschied. +Jetzt mußte ich.«</p> + +<p>Dieser letzte Taler, von dem er sprach, war in dem Schutt +der verbrannten Wohnung wirklich gefunden worden. Er +war geschwärzt und als Münze kaum zu erkennen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>Der Richter wendete ein, daß er doch willens gewesen sei, +nach Magdeburg zu ziehen und sogar schon ein Quartier +für hundertdreißig Taler gemietet habe; wie das mit seinem +Vorsatz, die Seinen durch Mord gegen Not zu schützen, zu +vereinen sei. Er antwortete, dies sei nur zur Beruhigung +seiner Frau geschehen; er habe nie geglaubt und nie die Absicht +gehabt, das Quartier wirklich zu beziehen. »Meine +Existenzmittel waren verbraucht, ich sollte bedeutende Zahlungen +leisten, und es lagen nur noch drei Tage vor mir, +der Sonntag, der Montag, und der Dienstag. Mein Entschluß +schwankte schon seit dem Weihnachtsfeste; von einem +Tag zum anderen schob ich die Ausführung hinaus. Ich +hatte schon überlegt, ob ich nicht allein aus der Welt gehen +sollte; mir war dann wohl nach dem fürchterlichen Kampf, +aber ihnen? Ich sah sie in der Armut, der Gemeinheit +und dem Laster verfallen. Nein, zusammen aus der Welt, +zusammen in den Frieden. Am Sonntag erhob sich der Gedanke +in mir in seiner ganzen Stärke. Um neun Uhr machte +ich den Verkaufsladen zu. Meine Familie hielt sich gewöhnlich +in dem Zimmer hinter dem Laden auf, ich hatte +meine Wohnung daneben. Ich ging aus meiner Kammer +durch den Laden und rief meine Frau. Sie folgte mir in +mein Zimmer, und dort gab ich ihr einen Brief meines +Bruders zu lesen. Sie saß mit dem Rücken gegen mich gewendet, +ich ergriff die Axt, die ich mir bereitgestellt hatte, und +schlug ihr den Schädel und die Schläfen ein. Sie war +augenblicklich tot und hatte auch nicht die leiseste Ahnung +<a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>ihres nahen Endes gehabt. Ich legte die Leiche auf mein +Sofa, wo schon mein Bett gerichtet war, doch so, daß es +den Kindern nicht auffallen konnte. Dann ging ich wieder +hinüber und holte meine älteste Tochter. Unter dem Vorwand, +daß ich ihr etwas diktieren müsse, was sie mir aus +der Apotheke holen sollte, gebot ich ihr, sich auf denselben +Stuhl zu setzen, auf dem ihre Mutter gesessen war. Ich +diktierte ihr, ich weiß nicht ob Kremortartari oder sonst so +etwas; in dem Augenblick, wo sie sich über den Tisch bückte, +schlug ich ihr ebenfalls den Schädel ein. Sie endete wie ihre +Mutter ohne ein Schmerzgefühl. Ich trug die Leiche über +den Flur in die Küche, und zur Sicherheit schnitt ich mit +meinem Rasiermesser die Halsmuskeln durch. Dann rief ich +die zweite Tochter und tötete sie auf dieselbe Weise, auf demselben +Stuhl, mit demselben Beil. Die übrigen drei Kinder +erschlug ich in ihrer Schlafkammer, wo sie in ihren Betten +lagen und schliefen. Allen schnitt ich die Kehle zur Vorsicht +durch, damit sie auf keine Weise noch einen Lebensfunken in +sich spüren und Schmerz empfinden sollten. Jetzt war das +Werk vollbracht und mir war leicht. Nur ich fehlte noch, +nur ich und alles war gut.«</p> + +<p>Er erzählte nun, wie er die Betten angezündet, sich daneben +hingesetzt und seinen Hals durchschnitten habe. Aber +er starb nicht, er atmete weiter. Sein Arm erschien ihm +plötzlich wie gelähmt und zurückgehalten. An Mut und +Entschlossenheit habe es ihm nie gefehlt; hatte er bis dahin +Kraft bewiesen, so mußte es ihm doch auch gelingen, sein +<a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a>eigenes Leben zu zerstören. Er versetzte sich noch zwei Stiche +in die Brust; es war umsonst. Sein Blut floß, aber das +Leben fühlte er nicht schwinden. Von diesem Moment trat +ein Zustand bei ihm ein, über den er keine Rechenschaft geben +konnte. Er wußte nicht, wie lange er bei den Leichen gewesen, +der Qualm, der sich verbreitete, trieb ihn schließlich auf und +hinaus. Es war ihm, als fliehe ihn der Tod, als müsse er +den Tod verfolgen. Du stirbst nicht, rief es in ihm, du +kannst nicht sterben. Er lief fort, weg- und steglos, irrte lange +durch einen Garten und kam endlich an das Haus des Wundarztes +Koch.</p> + +<p>Der Richter fragte: »Was erwarten Sie denn nach einer +solchen Tat?« Holzwart schaute mit einem heiteren Blick +empor und antwortete ohne Zaudern: »Den Tod erwarte +ich. Mit Freuden erwarte ich ihn, ich wollte ihn mir selbst +geben, aber es ist mir leider nicht gelungen.«</p> + +<p>Der Richter nennt Holzwart einen ungewöhnlichen Menschen, +der sich meist gewählt ausdrückte und bisweilen sogar +in ein gewisses Pathos verfiel. Er war groß und von stattlichem +Körperbau. Sein Gesicht war voll Ruhe, sein Blick +frei, sprechend und sanft.</p> + +<p>Im Publikum erhoben sich Stimmen, die die Liebe zu +den Seinigen in Zweifel stellten. Es wurde gesagt, er habe +seine Kinder mit großer Strenge behandelt und barbarische +Züchtigungen über sie verhängt. Bei näherer Beleuchtung +verschwanden diese Anklagen. Was den Schein von Härte +hatte, war Konsequenz gewesen, und es erwies sich auch, daß +<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>Holzwart von den Pflichten eines Vaters ganz andere Begriffe +gehabt hatte als mancher ehrbare Bürger. Man erinnerte +sich eines Aufsatzes, den er viele Jahre vorher in der +Magdeburger Zeitung hatte drucken lassen und worin er +die Unerläßlichkeit und heilsame Folge strenger Zucht betont +hatte. Darüber waren alle Zeugen einig, daß es keine artigeren +und besseren Kinder gegeben habe als Holzwarts +Kinder, insbesondere das jüngste sei ein höchst anmutiges +Geschöpf gewesen, der Liebling des Vaters, wurde gesagt. +Dies erklärte auch die tiefe und mächtige Bewegung, die ihn +durchzittert hatte, als er bekannte: »Das jüngste Kind war +das letzte, das ich tötete.«</p> + +<p>Der Fleischer Wothge, der Holzwart oft Beistand in +seinem Geschäftsbetrieb gewesen ist, bekundete die bemerkenswerte +Tatsache, daß Holzwart nicht fähig gewesen sei, ein +Schwein zu schlachten. Wenn er dabei behilflich sein sollte, +so bebte er vor innerer Aufregung und Beklemmung. »Er +war überhaupt ein sonderbarer Mann,« äußerte sich dieser +Zeuge; »ich kann mich darüber nicht so ausdrücken, wie ich +möchte, aber es scheint mir, als hätte er sich Vorbilder nach +Büchern zum Muster aufgestellt. Ich habe ihn von Abd-el-Kadr, +von Faust, von Ibrahim Pascha mit Lebendigkeit +und Begeisterung sprechen hören. Das waren seine Leute. +Er meinte immer: Großartig sterben müsse der Mensch.«</p> + +<p>Und weiter erzählte Wothge: »Im vergangenen Jahre, +als das fürchterliche Gewitter über uns stand, schlachtete ich +eines Abends um elf Uhr bei ihm. Mitten unter dem schauerlichen +<a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>Donner sagte er zu mir: ›Ich wollte, alles wäre hin; +was ich auch anfange, das Unglück ist immer hinter mir her.‹ +Es war eine oftmals wiederholte Rede von ihm: ›Man muß +nie müssen, sondern nur wollen. Aber alle im Staate müssen, +nur einer will, das ist der König.‹ Ein andermal fragte er +mich über Glaubenssachen, und als ich ihm entgegnete, ich +glaubte das, was im Katechismus stehe, rief er: ›Dann sind +Sie ein Tor!‹ und ging von mir fort. Er war übrigens ein +sehr reeller Mann, wußte sich in Respekt zu setzen und führte +immer durch, was er sich vorgenommen hatte. ›Bricht’s, so +bricht’s‹, pflegte er zu sagen. Seine Lieblingsbeschäftigung +war das Schachspielen. Drei Freunde aus Magdeburg haben +ihn öfters besucht, bloß um mit ihm Schach zu spielen. Eines +Tages kam er auf sein Elternhaus zu sprechen, und da erzählte +er mir, daß zwischen ihm und seinem Vater oft wilde +Szenen vorgekommen seien. Einmal bei einem Streit habe +sein Vater ihm geflucht, und von diesem Augenblick an sei +sein Glücksstern untergegangen.«</p> + +<p>Holzwarts Bruder erklärte dessen Vermögensverfall aus +unglücklichen Konjunkturen und bekräftigte, daß er mit redlichem +Willen und unermüdlichem Eifer stets danach gestrebt +habe, sich und seine Familie zu ernähren. Er sei niemals arbeitsscheu +gewesen, sondern es habe immer den Anschein gehabt, +als solle seine Tätigkeit vergeblich sein. Er schrieb ihm +eine Anlage zum Tiefsinn zu, die er vom Vater ererbt hatte. +Es sei ihm nicht möglich gewesen, sich an einen Menschen +zutraulich anzuschließen. In Güte hätte man aber alles von +<a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>ihm erlangen können; wenn er aber Widerstand gefunden, +wo er im Recht zu sein geglaubt, oder wenn er sich verkannt +gesehen, habe ihn der heftigste Zorn ergriffen.</p> + +<p>»Er hatte einen streng rechtlichen Sinn und ein feines +Gefühl,« äußerte sich weiterhin der Bruder bei einer Zeugenvernehmung. +»Es lag ein Stolz in seinem Charakter, der +es ihm unerträglich machte, die Hilfe anderer in Anspruch +nehmen zu müssen. Ebenso unerträglich war ihm der Gedanke, +seine Kinder, die er sehr liebte, nach seinem Tode dem +Mitleid fremder Leute preisgegeben zu sehen. Außerdem hatte +er die Idee gefaßt, daß seinen Sohn ein ebenso unglückliches +Dasein erwarte, wie er selbst es geführt. Wie großmütig +und redlich seine Denkungsart war, zeigte sein Benehmen, +als er vor einigen Jahren in der Lotterie spielte. Bei der +Klasseneinzahlung bot er in einer Anwandlung froher Laune +und gewiß in der Überzeugung, daß er nichts gewinnen werde, +seiner Schwägerin die Hälfte des Gewinnes an. Das Los +kam in der letzten Ziehung mit einem Gewinn von tausend +Talern heraus. Holzwart hielt sich seinem Versprechen gemäß +für verpflichtet, der Schwägerin die Hälfte davon zu +zahlen, obgleich sie kein Recht geltend machen und die Abmachung +nur für Scherz angesehen werden konnte. Er blieb +dabei, er müsse das Geld teilen, weil er es versprochen habe, +und er bräche niemals sein Wort. Als ich ihm vor Jahresfrist +aus einer Verlegenheit half, sagte er bewegt zu mir: +»Glaube mir, es wird mir schwerer, dein Geld zu nehmen, +als es dir vielleicht ist, es zu geben.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a>Die Geschichte seines Lebens, die Holzwart vor dem Richter +erzählte, trug das unverkennbare Gepräge der Wahrheit und +folgt hier mit seinen eigenen Worten.</p> + +<p>»Mein Vater hatte mich zum Seifensieder bestimmt, und +da ich nun einmal nicht studieren sollte und durfte, war mir +das recht. Mein Vater hatte mich so sehr an Gehorsam gewöhnt, +daß es mir nicht eingefallen wäre, mich gegen seinen +Befehl zu sträuben. Die Wahl des Meisters war nicht günstig +für mich. Ich merkte bald, daß ich unter solcher Anleitung +nichts vom Geschäft begreifen würde. Ich klagte es meinem +Vater, daß mich der Lehrherr mehr zu Hausarbeiten als zum +Seifensieden verwende, doch dies wurde nicht von ihm beachtet. +Auch meine Mutter hörte nicht eher auf diese Klagen, +als bis es zu spät war. Das Lehrgeld war weggeworfen, und +nach dreijähriger Lehrzeit ging ich als Geselle aus diesem Geschäft +nicht um ein Haar klüger, als ich hingekommen war. +Ich trat die Wanderschaft an, fand natürlich wegen meiner +Unbrauchbarkeit nirgends lange Arbeit, und um nicht in +Not zu geraten, kehrte ich in die Heimat zurück. Fürs erste +blieb ich im elterlichen Hause, wo man eine wünschenswerte +Unterstützung an mir fand. Dann versuchte ich es noch einmal +in Eisleben als Volontär in einem Seifensiedergeschäft, +doch wurde dies meinen Eltern mit der Zeit zu kostspielig, +ich gab die Seifensiederei für immer auf und blieb nun fünf +Jahre in meines Vaters Geschäft. Ich lebte dort in drückenden, +sehr unangenehmen Verhältnissen, die vornehmlich durch +meines Vaters Schwäche, mit den Dienstmädchen allzu vertraulich +<a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>umzugehen, herbeigeführt wurden. Mein Vater +behandelte mich sehr nachlässig, was bei meinem ohnehin +reizbaren Ehrgefühl eine bedeutende Wirkung auf mich ausübte. +Im Hause meiner Eltern befand sich auch meine nachherige +Frau; nicht eigentlich als Ladenmamsell, sondern mehr +aus Gefälligkeit gegen meine Mutter, die die ganze Last des +ausgebreiteten Schmälzergeschäfts allein zu tragen hatte. Ich +gewann das Mädchen lieb und wünschte sie zu heiraten. Im +Grunde meines Herzens trieb mich mehr die Unerträglichkeit +meiner Lage als die Sehnsucht nach der Ehe zu dem Eifer, +womit ich meine Eltern um Gründung eines Haushalts für +mich anging. Lange sträubten sie sich gegen die Verbindung, +endlich willigten sie ein und gaben mir hundert Taler Gold +zur Errichtung eines Materialladens; meine Frau brachte +mir ungefähr ebensoviel dazu, und mit diesem Kapital begann +ich voller Hoffnung mein selbständiges Leben und meine Ehe. +Die Kaufleute gewährten mir willig und gern Kredit, so sah +ich trotz des geringen Vermögens einer günstigen Schicksalswendung +entgegen.</p> + +<p>Aber wenn früher meine Verhältnisse drückend waren, so +verfolgte mich jetzt ein Unglück nach dem andern. Mit dem +besten Willen ging ich an mein Geschäft, doch schon im ersten +Jahre wurde meine Frau nach der Entbindung krank und +blieb volle fünf Vierteljahre in ärztlicher Behandlung. +Sie mußte teure Bäder nehmen, und die Rechnungen für +den Doktor und den Apotheker beliefen sich auf hundertzweiunddreißig +Taler. Ich mußte Schulden machen und erkannte +<a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a>bald die Unmöglichkeit, mich in der Neustadt zu halten. +Ehe noch ein Konkursverfahren eingeleitet werden konnte, +wurde ich mit Hilfe meiner Mutter den Gläubigern gerecht +und gab das Geschäft auf. Ich übernahm nun auf den Vorschlag +meiner Eltern den Laden im Bonteschen Haus auf +dem Markt, worin neben einem Schenklokal ein Handel +mit Schmälzerwaren betrieben wurde. Ich sah gleich, daß +diese Art von Wirtschaft nichts für mich war; zu einer +Schenkstube gehörte ein anderes Wesen als das meine. Die +Fleischwaren bekam ich aus dem elterlichen Geschäft und verkaufte +sie eigentlich auf Rechnung meines Vaters, wobei mir +nur der kleine Gewinn zufiel, den ich in der Schenkstube +machte. Steuern für das Gewerbe, sowie Ladenmiete mußte +ich aber bezahlen. Dazu kam, daß bei dem Laden keine Wohnung +war und ich die Wohnung für meine Familie apart +halten mußte. Es brach zu jener Zeit die Cholera in Magdeburg +aus und raffte sogleich einen der beliebtesten Gäste +meines Lokals, den Goldschmied Schladen, hinweg, die übrigen +Männer bekamen Furcht und mieden meine Schenkstube, +sie stand verödet, und ich mußte neue Gäste anzuwerben suchen. +Es schlug fehl, und nach abermals zwei Jahren mußte ich +das Geschäft mit einer baren Einbuße von sechshundertsechzig +Talern auflösen.</p> + +<p>Viele haben den Verfall meines Hauswesens meiner Vorliebe +für wissenschaftliche Beschäftigung zugeschrieben, aber +damit hat man mir unrecht getan. Ich hatte allerdings +großes Interesse an der Literatur, las gerne historische und +<a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>naturwissenschaftliche Werke, begann auch zur damaligen +Zeit ein Tagebuch, worin ich eigene Ideen und gute aufgefundene +Gedanken verzeichnete, muß auch gestehen, daß ich +nach der Erzählung von Alvensleben »Der Racheschwur« +ein Drama zu arbeiten anfing; aber alles dies füllte nur +meine Mußestunden aus, die von anderen Männern beim +Kartenspiel und Biertrinken verbracht wurden.</p> + +<p>Ich versank nun in große Not, und meine Mutter unterstützte +mich ein wenig. Ich faßte den Plan, in die weite Welt +zu gehen und zu versuchen, ob nicht irgendein Platz für mich +zu finden sei, wo ich meinen Lebensunterhalt gewinnen konnte. +Mein Blick richtete sich auf Prag, wo ein Bruder meiner +Mutter, der Weißgerber Grosse, in guten Umständen lebte. +Ich trennte mich von meiner Familie. Es war ein schmerzlicher +Abschied, aber ich ging nicht eher von ihnen, als bis +mir meine Mutter in Gegenwart meines Bruders das Versprechen +geleistet hatte, mütterlich für sie zu sorgen. Man +schlug mir vor, die französische Handschuhmacherei zu erlernen, +und wirklich schien mir dies ein Erwerbszweig, der einträglich +zu werden versprach. Mein Onkel in Prag gab das Lehrgeld +her, und obwohl ich nicht mehr in den Jahren war, +wo man als Lehrling in einen neuen Beruf tritt und mir die +Sache sehr sauer wurde, stärkte mich doch der Gedanke an +meine Familie soweit, daß ich meinen Vorsatz glücklich durchführte. +Nach zehn Monaten war ich Gehilfe des Meisters, +der sich redlich Mühe mit mir gegeben hatte. Wieder in der +Heimat angelangt, setzte ich alles daran, ein Handschuhmachergeschäft +<a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a>zu gründen. Mit etwas Geldmitteln wäre es +mir wohl gelungen, allein ich hatte kein Geld, mein Vater +wollte mir keins geben, die Mutter gab mir fünfzig Taler. +Davon mußte ich die Hälfte für Arbeitszeug verwenden, und +es blieb mir nicht einmal soviel, wie zum Ledereinkauf notwendig +war. Dennoch versuchte ich mein Heil und hielt mich +wirklich einige Zeit. Aber schließlich ging es bergab, und mein +Ruin war täglich zu erwarten. Da starb mein Vater, und +ich trat jetzt in das elterliche Geschäft als Pächter ein. Anfangs +machte ich gute Geschäfte, aber bald wurde der Verdienst +geschmälert durch die vielen neuerrichteten Schmälzerläden. +Es trat noch das Mißgeschick hinzu, daß die Schweine +plötzlich sehr teuer wurden, und dies ist ein harter Schlag +für den Schmälzer, da die Waren noch eine Zeitlang in den +alten Preisen bleiben, also bei jedem Schlachten zugesetzt +werden muß. Ich blieb mit der Miete an meine Mutter +rückständig, der Magistrat erhöhte die Pacht des Ladens +unter dem Rathaus von sechzig auf hundert Taler, und im +dritten Jahre wurde ich bankrott. Ich übergab meiner Mutter +ihr Eigentum wieder, sie verkaufte das Haus und ließ mir +unter Anrechnung auf mein späteres Erbteil fünfhundert +Taler zum Kauf eines kleinen Hauses in der Junkerstraße, +wo ich von neuem eine Schmälzerei anlegte. Ich mußte viel +Geld verbauen; es wäre aber doch gegangen, wenn nicht ein +Gläubiger der zweiten Hypothek mir sein Kapital gekündigt +und ich einen neuen hätte erhalten können. Ich mußte wieder +verkaufen und habe großen Schaden erlitten.</p> + +<p><a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>Jetzt war ich vollkommen herunter. Meine Mutter +konnte nicht mehr helfen, mein Bruder hatte ein Gut in +Lendorf gekauft und bot mir eine Freistatt. Ich ging zu ihm, +als Arbeitsmann im wahren Sinn des Wortes. Fünf Monate +hielt ich es aus, da trieb mich die Sehnsucht nach den +Meinigen wieder zurück. Meine Frau hatte sich mit dem +Schmälzerladen im Rathaus, der uns noch verblieben war, +kümmerlich durchgebracht. Ich versuchte nun in Magdeburg +einen neuen Erwerb und erlernte das Oblatenbacken. Meine +Mutter schoß mir fünfzig Taler vor, und ich begann dies +Geschäft. Aber es war, als hätte das Schicksal nur darauf +gewartet, bis ich wieder Hoffnung gefaßt hatte. Kaum hatte +ich einigen Vorrat liegen, so kamen die neuen Blättchen mit +der Namenchiffre auf, meine Oblaten blieben als altmodisch +unverkauft, und ich war wieder fertig. Da ging ich mit +meiner ganzen Familie nach Lendorf zurück, und wir blieben +dort ungefähr ein Jahr. Um diese Zeit verkaufte mein Bruder +das Gut, und meine Mutter starb. Jetzt hatte ich freilich +ein Erbteil zu erwarten, mit dem sich etwas beschaffen ließ. +Ich bekam tausend Taler. Mit diesem Gelde kaufte ich ein +Gehöft in Gommern, wo Gastwirtschaft betrieben wurde. +Während meines Aufenthaltes in Lendorf hatte ich mich als +Landwirt tüchtig geübt und Lust zum Feldbau bekommen. +Die Frequenz des Gasthofs war gering, das Feld bestand nur +aus zehn Morgen Ackerland, ich sah, daß nicht viel zu gewinnen +sei, und da ich nach einem Jahre vorteilhaft verkaufen +konnte, entledigte ich mich der Wirtschaft früh genug, um +<a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>keinen Schaden zu erleiden. Damals gewann ich auch tausend +Taler in der Lotterie, von denen ich die Hälfte meiner +Schwägerin gab. Ich wollte mir nun ein kleines Gütchen +kaufen, dazu reichten die Mittel nicht. Obwohl ungern, entschloß +ich mich endlich, wieder eine Schmälzerei zu errichten, +und zwar in der Sudenburg.</p> + +<p>Ich hatte tausend Taler im Besitz. Die Herstellung des +Ladens und die Anschaffung der Utensilien kosteten hundertsechzig +Taler. Verdient wurde wenig. Die Schweine waren +in dem Jahre sehr wohlfeil. Der Bauer hatte kein Futter +für das Vieh und mußte verkaufen. Ich glaubte richtig zu +spekulieren, wenn ich Schweine kaufte und steckte zweihundert +Taler in den Handel, um einen ordentlichen Wintervorrat +zu haben. Ich hatte mich leider verrechnet. Alle Leute hatten +selbst Schweine gekauft und geschlachtet. Man holte mir +nichts ab. Das Geschäft geriet ganz und gar ins Stocken. +Schinken und Schlackwürste bewahrte ich für den Sommer +auf. Eine entsetzliche Hitze kam und verdarb mir die Vorräte. +Im nächsten Jahre stiegen die Schweine zu einem ungeheuren +Preis, aber unsre Ware blieb auf dem alten Fuß. +Ich hatte jetzt nur noch hundertvierzig Taler. Die Einnahme +war erbärmlich; der tägliche Erlös betrug oft nur fünfzehn +Silbergroschen. Wir mußten vom Kapital leben. Beim +Ablauf des Jahres war ich dem Viehhändler hundertsechzig +Taler schuldig. Mein Bruder erbot sich, mir vierhundert +Taler zu leihen, und einer von meinen Bekannten legte hundert +Taler dazu. Von diesem Gelde lebte ich mit meiner +<a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a>Familie, nachdem ich den Viehhändler bezahlt hatte. Ich +schlachtete immer weniger. Im Jahre 1845 war alles Geld +rein aufgezehrt. Es nahte der Winter, und die Not wurde +bedrohlich. Abermals mußte ich meinen armen Bruder um +Hilfe ansprechen. Er sendete mir zwanzig Taler, und dann +wieder zwanzig Taler, und gegen Weihnachten aus freien +Stücken fünf Taler zu Geschenken für meine Kinder. Meine +Schuld beim Viehhändler war wieder auf anderthalb hundert +Taler gestiegen.</p> + +<p>Jetzt trat der Gedanke immer unwiderstehlicher an mich +heran, mich und meine Familie schmerzlos aus der Welt zu +schaffen, wo unserer nur Elend wartete, ich hatte keine Aussicht, +keine Hoffnung mehr. Es blieb nur das Verhungern +übrig. Ich war außerstande, die Meinen vor dem Untergang +zu retten. Diese Gedanken machten mich fast krank, +aber ich verriet sie nicht, und sie kehrten wie im Kreise immer +wieder auf den Punkt zurück: Du bist dem Bettelstab verfallen. +Vorwürfe über mein Leben und meine Geschäftstätigkeit +konnte ich mir nicht machen. Ich habe immer geglaubt, +richtige Maßregeln zur Verbesserung meiner Lage ergriffen zu +haben, aber meine Bemühungen sind stets fehlgeschlagen. Verlust +über Verlust, was ich angriff, mißlang. Bei der Erinnerung +an all dies Leiden wurde mein Entschluß fester, und mein +Gemüt stählte sich. Die Notwendigkeit trieb mich zur Tat.«</p> + +<p>Bei gebessertem Gesundheitszustand konnte Holzwart nach +einiger Zeit in das Verhörzimmer geführt werden. Seine +Erscheinung war jetzt die eines zufriedenen und ergebenen +<a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>Mannes. Es schien, als betrachte er das ihm neugeschenkte +Leben mit einem mitleidigen Lächeln, als wollte er fragen: +wozu? Er wiederholte sein Geständnis, und es war ersichtlich, +daß die Schilderung der Mordnacht ihm eine unaussprechliche +Pein verursachte. Und wieder behauptete er feierlich, +seine Tat sei das letzte Werk der Liebe gewesen. Auf +den Einwand, weshalb er bei seiner ersten Vernehmung im +Kochschen Hause nicht sogleich offen bekannt, sondern eine Lüge +angegeben habe, erwiderte er, es sei diese Lüge die einzige in +seinem ganzen Leben. Er habe nur den Fragen genügen, lästiges +Zudringen abwehren wollen, weiter nichts. Daß er verhaftet +und vor dem Gesetz verantwortlich gemacht werden könnte, +daran hatte er nicht gedacht. Nach seiner Meinung war er +niemand auf der Erde eine Auskunft zu geben verpflichtet, +und seine Tat mußte vor Gott allein verantwortet werden.</p> + +<p>Eine Tat, straf- und todeswürdig vom Standpunkte des +Rechtes, verworfen und abscheulich von dem der Moral. Der +fürchterliche Irrtum, eine Familie verloren zu glauben, wenn +die Hilfsquellen der Existenz versiegen, beruhte hier auf +Charakterfehlern nicht allein, sondern auf Gemütsanlagen, +die mit tragischer Liebe Bande des Blutes als unauflöslich +betrachten. Der Gedanke, daß die geliebten Menschen einzeln +ihre Nahrung suchen sollten, überstieg die Geisteskraft +des Vaters; bis dahin im Schoße der Familie vor dem Unheil +geborgen, sollte er sie jetzt der Verführung und der Verderbnis +preisgeben? Die älteste Tochter war schön, vorzeitig +entwickelt, blühend in Gesundheit und reizend durch freundliches +<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>Betragen. »Sie würde ihre Käufer schon gefunden +haben,« warf Holzwart einst im Gespräch mit bitterem Hohne +hin, »aber ich habe ihre Unschuld bewahrt und gerettet.« +Der Richter wandte ein, das Mädchen hätte ja bei seiner +Schönheit eine günstige Wendung des Geschickes erleben +können. Da antwortete Holzwart: »Die Möglichkeit lag +ferne, denn sie war arm; jetzt ist ihr Schicksal gesicherter.«</p> + +<p>Im Dezember des Jahres 1846 wurde Holzwart verurteilt, +nach dem Richtplatze geschleift, um mit dem Rade +von unten herauf vom Leben zum Tode gebracht zu werden. +Mit derselben Fassung und Haltung, die er bisher gezeigt, +vernahm er das Urteil. Als ihm mitgeteilt wurde, daß ihm +das Rechtsmittel der Appellation zustehe, erwiderte er ohne +Besinnen, er habe die Strafe erwartet und durchaus nichts +dagegen einzuwenden; er wünsche in kürzester Frist zu seinem +Ziele zu kommen und wolle auch nicht von seinem Rechte +Gebrauch machen, des Königs Gnade um Milderung der +Strafe anzurufen, um den Vollzug des Verdikts nicht zu verzögern. +Bei dieser Erklärung blieb er, trotzdem sein Verteidiger +ihn zu anderer Ansicht zu bringen suchte. Es blieb diesem +nichts weiter übrig, als seinem Willen entgegen zu handeln +und aus eigener Machtvollkommenheit sich an den König zu +wenden. Damit verging Tag um Tag, Woche um Woche, +und Holzwart erwartete vergeblich das Ende eines Lebens, +das für ihn allen Wert und Reiz eingebüßt hatte. Er glaubte, +durch seine Verzichtleistung auf jeden Einspruch alle Hindernisse +am besten beseitigt zu haben, und es gewann den Anschein, +<a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>als siege wieder sein altes böses Schicksal, das immer +seine Hoffnungen durchkreuzt hatte. Durch die seltene Verzichtleistung +wurde ein Bericht nach dem anderen nötig, eine +Formalität nach der anderen; bis zum September zogen sich +die Verhandlungen hin, bevor man endlich dem König das +Todesurteil vorzulegen bereit war.</p> + +<p>Während der Zeit saß Holzwart geduldig im Gefängnis +und harrte auf seinen Tod. Man gestattete ihm zu +lesen, zu schreiben und Schach zu spielen. Er verfertigte die +Schachfiguren aus Brot und malte mit Tinte ein Schachbrett +auf Pappe. Es gehörte zu seiner größten Freude, wenn +der Aufseher Zeit gewann, mit ihm Schach zu spielen.</p> + +<p>Unter den Aufzeichnungen, die er zu Papier brachte, fanden +sich Gedichte wie dieses:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ich bin belohnt, daß ich euch glücklich wähne,<br /></span> +<span class="i0">Euch überhoben weiß alljeder Erdenträne.<br /></span> +<span class="i0">Gibt’s ein Elysium, so ist’s für euch errungen,<br /></span> +<span class="i0">Durch euer Blut hab ich es euch erzwungen.<br /></span> +<span class="i0">Nichts lastete auf euch, und schuldlos, schön und rein<br /></span> +<span class="i0">Gingt ihr verklärt zur ewigen Ruhe ein.<br /></span> +<span class="i2">Ich bin belohnt.<br /></span> +</div></div> + +<p class="tb">Dann Tagebuchblätter.</p> + +<p class="diary">Am 10. März.</p> + +<p>O könnt ich dem Zauber Worte geben, der wie ein Glück +meinen Schlaf durchzieht. Nicht gaukelnd beschleicht mich +<a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>der Träume Spiel – nein, göttlich beglückend – o, welche +Wonne, wenn mein Bruder, wenn meine Kinder, die Mutter, +die Eltern erscheinen. – Vor den Richterblicken der Welt +mag es unverdient heißen, doch in Träumen liegt mein Glück. +Mein liebstes Kind saß mir auf meinen Knien – so war +es mir heute, ich saß mit ihr bei allen Meinen. Das Kind +umschlang mich süß und dicht, die andern schmiegten sich an +mich – von ferne sah die Mutter dieser Teuern auf uns +und sprach: »Ach, daß du diese Tat hast tun können – wie +schwer muß sie dir geworden sein!«</p> + +<p class="diary">Im April.</p> + +<p>Bedarf es denn vor jenem Weltenrichter des Eingeständnisses +der Tat? Nein! Nein! Er wußt sie ja, er braucht +nun nicht zu fragen, er sah sie, kennt sie also schon genug. +Rechtfertgen soll ich sie? Es blieb den Meinen nur Schmach +und Elend – damit rechtfertige ich mich in Ewigkeit. Verkündet +nur bald, wenn alles vollbracht, dem Lebensmüden die +ewige Nacht.</p> + +<p class="diary">Im April.</p> + +<p>Ich will nichts glauben, will nichts denken, was die Vernunft +nicht faßt. Annehmen und feststellen nichts, was gegen +die Natur verstößt. Und doch komme ich immer darauf zurück +– es gibt noch ein Etwas, nach welchem der Blick der +Sterblichen vergeblich forschend sich richtet.</p> + +<p class="diary">Im August.</p> + +<p>Fünf Monate nach dem verkündeten Spruche. Himmel, +diese Umstände um einen einzigen Menschen. Ich weiß +<a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>nicht, ob man bei einer Frage von Krieg und Frieden so +viel Zeit gebraucht, und daran hängt das Leben von Tausenden!</p> + +<p>Es gibt ein Etwas im großen Weltenraume, das unheilvoll +sein Wesen treibt, und eine dunkle Ahnung sagt mir +nur: es waltet gegen dich! Es waltet unsichtbar, es waltet +stumm und grausig, dies dämonische Wesen des Geisterreichs.</p> + + +<p class="tb">Das Jahr ging zu Ende, ohne das vom König bestätigte +Urteil zu bringen. Das Gerücht von der Freigeisterei des +seltsamen Verbrechers drang in die höheren Kreise und füllte +manches gläubige Herz mit Entsetzen. Die entschiedene Weigerung +Holzwarts, den Geistlichen zu empfangen, seine ebenso +entschiedene Ablehnung einer geistlichen Begleitung zum Richtplatz, +und das finstere und verschlossene Wesen, das er zeigte, +wenn der Gefangenenprediger bei ihm eintrat, verbreitete ein +wahres Grauen vor ihm. Es wurden Versuche gemacht, ihn +zu erleuchten, aber man stieß auf klare und festgegründete +Überzeugungen statt auf bösen Willen und dumpfe Verstocktheit, +die man vorausgesetzt, und dagegen war aller fromme +Bekehrungseifer machtlos.</p> + +<p>Das Jahr 1848 regte seine gewaltigen Schwingen. +Die Unruhen wurden stürmisch. Im Februar unterzeichnete +der König das Todesurteil, und endlich wurden Anstalten +zur Hinrichtung getroffen. Es gab bei Magdeburg einen +Anger, wo manches blutige Haupt gesunken, mancher menschliche +<a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>Leib von den Rädern zerstampft worden war. Hier sollte +auch für Holzwart das Schafott errichtet werden; die königliche +Gnade hatte die Strafe des Räderns in die der Enthauptung +verwandelt. Der Tag wurde anberaumt, eine +Truppenabteilung war schon kommandiert. Noch wußte +Holzwart nichts von den Veranstaltungen zu seinem nahen +Ende, aber ihm ahnte etwas. Die Nachgiebigkeit des Wärters +verriet ihm zuerst die Nähe seines Endes. Aber er fragte +nicht, er zagte nicht; sein Auge blieb ruhig und sein Herz +stark. Alles war bereit, der Scharfrichter bestellt, da brach +der Volksaufstand los. Die Bande des Gesetzes waren gelöst, +und die Behörde scheute sich, eine Hinrichtung vollziehen +zu lassen. Der Termin wurde vertagt.</p> + +<p>Vielleicht war dem Gefangenen doch manches Wort zu +Ohren gedrungen, das ihm den Stand der Dinge verraten +hatte, und wieder wie ehedem rief es in ihm: du stirbst +nicht, kannst nicht sterben. Es bemächtigte sich seiner eine +schmerzliche Unruhe; seine Geduld wich zuzeiten einer kurzen +aber tiefen Erregung, und seine Papiere bezeugen es, daß ihm +davor bangte, das Leben noch lange ertragen zu sollen.</p> + +<p class="diary">Im Mai 1848.</p> + +<p>Ein Mann, der edlen Trotz besitzt, sollte der voll ruhigen +Gleichmuts nicht in Freude und Leid die Grenzen wissen? +Welch ewiges Schwanken zwischen Leben und Tod, von +heute zu morgen, von morgen noch weiter. Armer König, +immer Schach! Immer Schach! Schach bis zum matt.</p> + +<p><a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a></p> +<p class="diary">Im Juni.</p> + +<p>Sie zögern. Und ich grüble. Was hält mich? Was +möchte ich noch? Das Grab der Meinen sehen, die Erde +küssen, wo die Schlummernden ruhen. Unbegreiflich, daß ich +mich bis jetzt ließ vertrösten.</p> + + +<p class="tb">Es findet sich die amtliche Anzeige des Gefängnisinspektors +an den Richter, daß Holzwart seit fünf Tagen die Speisen unangerührt +lasse und auf alle Vorwürfe die Antwort erteilt +habe, er werde sein Ziel zu erreichen wissen. Der Richter +stellte ihn ernstlich zur Rede, und Holzwart scheint Reue empfunden +zu haben, denn er schrieb am 4. Juli:</p> + +<p>»Genug, genug! Ich will alles ertragen. Der Ernst in +seinem Auge; das harte Wort: Wenn Sie sich der verdienten +Strafe entziehen, muß ich Sie für einen Feigling halten! +Ich beuge mich. Mein Leben sei ein tributpflichtiges +Opfer.«</p> + +<p>Er kehrte zu der geduldigen Gelassenheit zurück, nachdem +er vergeblich den Kampf mit seinem Geschick gewagt hatte. +Als im preußischen Staate die Ordnung wiederhergestellt +war, wurde das Todesurteil Holzwarts in lebenswierige +Zuchthausstrafe verwandelt. Es muß ihn ein ungeheurer +Schrecken bei der Verkündigung dieses neuen Urteils erfaßt +haben; eine mit flüchtiger Schrift gemachte Aufzeichnung, +die letzte, die überhaupt vorhanden ist, lautet: Am Leben +bleiben, solche Gnade! Gezüchtigt durch Zuchthaus für eine +solche Tat! Es kann nicht sein, es darf nicht sein!</p> + +<p><a class="page" name="Page_250" id="Page_250" title="250"></a>Seit der Gewißheit seines Schicksals sprach er überhaupt +nicht mehr. Eine kalte Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht, +und die freundliche Ruhe seiner Mienen war düsterem +Ernst gewichen. Im Zuchthaus fügte er sich streng der Ordnung +und zeigte sich im Benehmen und im Fleiß exemplarisch. +Daß er still und abgeschlossen seinen Weg verfolgte, schien +jedermann natürlich. Man hatte nicht verfehlt, der Direktion +des Zuchthauses die Selbstmordversuche Holzwarts selbst +mitzuteilen, um sich bei den jetzt vermehrten Gründen zu solcher +Tat der Verantwortung zu entheben. Die Furcht schien unnütz. +Ein Monat nach dem andern verlief, ohne der gesteigerten +Aufmerksamkeit den geringsten Verdacht zu geben. Um +so unerwarteter wirkte die amtliche Nachricht von Halle:</p> + +<p>Der von dem Königlichen Kreis- und Stadtgericht hier +eingelieferte Christian Holzwart aus Magdeburg stürzte sich +am Sonntag, den 28. Januar 1850 nachmittags um drei +Uhr bei Ausgang aus der Kirche von der Verbindungsbrücke +des Flügels <em class="antiqua">B</em> und blieb auf der Stelle tot liegen, indem er +sich den Hirnschädel gespalten und fast alle Glieder zerschmettert +hatte.</p> + +<p>So war der unglückliche Mann zur ersehnten Ruhe gekommen. +Mit welchen Gefühlen mag er die acht Monate +im Zuchthaus in Gemeinschaft mit Menschen erlebt haben, +die er als das Verächtlichste im weiten Weltenraum bezeichnet +hat? Mit welchen Gefühlen mag er die Tiefe +des Abgrunds ermessen haben, bevor er sich hinunterstürzte? +Den Tod zu zwingen, das war vielleicht seine stärkste Regung.</p> + + + + +<p><a class="page" name="Page_251" id="Page_251" title="251"></a></p> +<h2><a name="Karl_August_von_Weimar" id="Karl_August_von_Weimar"></a>Karl August von Weimar</h2> + + +<p class="newsection">Die siebzehnjährige Vormundschaft der Herzogin-Mutter +Amalia bedeutet ein unvergängliches Ruhmesblatt in der deutschen +Geschichte, denn unter ihr wurde Weimar der Sammelpunkt +jener Genien, denen die Unsterblichkeit sicher ist und durch +die der Hof von Weimar einen stillen, aber hohen Glanz erhielt, +wie er von keinem andern deutschen Hof jemals ausgegangen ist.</p> + +<p>Amalie von Braunschweig war, als sie die Regierung antrat, +erst achtzehn Jahre alt; fünf Jahre des siebenjährigen +Krieges fielen noch unter ihre Herrschaft. Die Männer, die +sie im Hof- und Zivildienst vorfand, waren alle noch aus der +alten Schule; desto neuer war ihre Persönlichkeit, und mit +dieser setzte sie es durch, daß man sie ihre eigenen Wege gehen +ließ. Die Erziehung, die sie ihrem Sohne, dem künftigen +Herzog, gab, machte Epoche in der deutschen Prinzenerziehung; +sie wagte es, ihn sich in voller Freiheit entwickeln zu lassen, +ja sie berief sogar einen Poeten zu seinem Erzieher, den heitern +Wieland, der damals Professor in Erfurt war und eben den +goldenen Spiegel geschrieben hatte, einen Fürstenspiegel, der +auf den jungen Kaiser Josef gerichtet war.</p> + +<p><a class="page" name="Page_252" id="Page_252" title="252"></a>Ein ungenannter Turist des achtzehnten Jahrhunderts, +der in Weimar zum Hofball geladen war, schildert die Herzogin +wie folgt: »Sie ist klein von Statur, sieht wohl aus, +hat eine spirituelle Physiognomie, eine braunschweigische Nase, +schöne Hände und Füße, einen leichten und doch majestätischen +Gang, spricht sehr schön, aber geschwind, und ihr ganzes +Wesen ist angenehm. Es war auch ein Pharaotisch da, der +geringste Einsatz war ein halber Gulden. Die Herzogin spielte +sehr generös und verlor einige Louisdor; da sie aber gern +tanzte, blieb sie nicht lange beim Spiel. Sie tanzte mit jeder +Maske, die ihr entgegenkam, und ging nicht eher fort als +bis um drei Uhr früh, da alles aus war.«</p> + +<p>Gouverneur der Prinzen Karl August und Konstantin +war der Graf von Schlitz-Görtz, ein ernster, gravitätischer +und formenstrenger Herr, der mit Nachdruck auf Etikette +hielt, aber doch im privaten Kreis allerlei Kurzweil zuließ. +Friedrich der Große hatte ihn während des bayrischen Erbfolgekrieges +zu einer diplomatischen Mission in München +verwendet, später war er Gesandter beim Reichstag zu Regensburg, +wo er das deutsche Reich begraben sah. Daß er ein +Mann von Geist war, bezeugt der Umstand, daß er Wieland +an die Herzogin empfahl. Wieland zog wieder Knebel als +Erzieher des Prinzen Konstantin nach Weimar, und Knebel +war es, der dem jungen Karl August Goethe zuführte. Goethe +berief Herder, und Herder wurde der Magnet für Schiller.</p> + +<p>Karl Ludwig von Knebel war ein gebürtiger Franke; er +war Major unter Friedrich dem Großen und stand in Potsdam +<a class="page" name="Page_253" id="Page_253" title="253"></a>in Garnison. Interessant durch seine barocke Genialität, +war er zugleich ein tiefer Hypochonder. Durch eine krankhafte +Empfänglichkeit für unangenehme äußere Eindrücke +war er von ihnen abhängig und durch sie gestört. Wieland +war sein Intimus, Lucrez, den er ins Deutsche übersetzte, sein +langjähriges Studium. Herder nannte ihn seinen lieben alten +Mönch und den menschenfreundlichen Timon. Es war am +11. Februar 1774, als Knebel seinem Herzog den Verfasser +des Götz und des Werther vorstellte. Auf die Einladung des +Grafen Görtz kam Goethe in das rote Haus in Frankfurt, +und in seiner jugendlichen Schönheit und Liebenswürdigkeit +schien er dem Herzog wie geschaffen, der Genosse bei einem +lustigen Genieleben zu werden, wie es ihm damals im Sinne +stand. 1775 wurde Goethe förmlich nach Weimar eingeladen. +Der in Karlsruhe zurückgebliebene Kammerjunker von +Kalb hatte den Befehl, Goethe in einem von Straßburg erwarteten +Staatswagen nach Weimar zu bringen. Der +Wagen blieb lange aus, Goethes fürstenfeindlicher Vater +hatte ihm schon mit dem spottenden Zuruf: »Nah bei Hof, +nah bei der Höll« die Furcht in die Seele geworfen, er könne +nur der Spielball einer fürstlichen Laune gewesen sein; er +hatte bereits die Flucht angetreten und befand sich in Heidelberg, +als er dort noch aufgehalten wurde. So hing es an +einem Faden, daß Goethe nicht nach Weimar kam; noch +in späten Jahren hat er sich des wahrhaft Dämonischen +dieser Situation erinnert.</p> + +<p>»Goethe ging wie ein Stern in Weimar auf, der sich eine +<a class="page" name="Page_254" id="Page_254" title="254"></a>Zeitlang in Wolken und Nebel verhüllte,« schreibt Knebel; +»jeder hing an ihm, sonderlich die Damen. Er hatte noch +die Werthersche Montierung an, und viele kleideten sich danach. +Er hatte noch von dem Geist und Sitten des Romans an +sich, und dieses zog an. Sonderlich den jungen Herzog, der +sich dadurch in Geistesverwandtschaft seines Helden zu setzen +glaubte. Manche Exzentrizitäten gingen zur selbigen Zeit vor, +die ich nicht zu beschreiben Lust habe, die uns aber auswärts +nicht in den besten Ruf setzten. Goethes Geist wußte ihnen +indessen einen Schimmer von Genie zu geben.«</p> + +<p>Die Gerüchte über die Zustände in Weimar mußten von +recht schlimmer Art gewesen sein, da sogar Klopstock den auffallenden +Schritt tat, sich als Mentor und Warner einzumischen. +Goethe wies ihn mit Entschiedenheit zurück, und es +kam zum Bruch zwischen beiden.</p> + +<p>Einen besondern Hof neben dem des Herzogs, dem regierenden +Hof, wie er hieß, bildete der sogenannte verwitwete +Hof der Herzogin Amalie. Wieland nennt die Herzogin eines +der liebenswürdigsten Gemische von Menschheit, Weiblichkeit +und Fürstlichkeit; sie hatte nicht wenig Gefallen an dem +Leben, das ihr Sohn mit Goethe führte, und nahm selbst daran +teil. Schon als Regentin hatte sie wie ein halber Student +gelebt; einmal war sie auf einem Heuwagen mit acht Personen +von Tieffurt nach Tennstädt gefahren, es kam ein Gewitter +mit einem heftigen Regenguß, und die Herzogin, die +wie die andern Damen in ganz leichtem Kleide war, zog +Wielands Oberrock an. Sie faßte alles mit Enthusiasmus +<a class="page" name="Page_255" id="Page_255" title="255"></a>an und auf. So lernte sie Griechisch, und zwar so gut, daß +sie nach kurzer Zeit den Aristophanes in der Ursprache lesen +konnte. Am begeistertsten trieb sie Musik, malte auch und +schwärmte für Italien und die italienische Literatur, in der +ihr Führer der Rat Jagemann war, ein aus Konstanz entflohener +Mönch. Die theatralischen Feste Amalies wurden +entweder in der Stadt abgehalten oder in den Sommersitzen +der Herzogin, in Tieffurt oder in Ettersburg. Namentlich +im Park von Ettersburg wurden vor dem vertrauten Kreise +der Fürstin viele lustige Gelegenheitsstücke gegeben, so 1778 +Goethes Jahrmarkt in Plundersweilen, und 1779, zur Feier +von Karl Augusts Geburtstag, eine derbe Parodie der Wielandschen +Alceste. Die Arie: »Weine nicht, du Abgott meines +Lebens« wurde auf die lächerlichste Art mit dem Posthorn +begleitet, und auf den Reim schnuppe ein unendlich langer +Triller gesungen. Nach dem Stück folgte die sogenannte +Kreuzerhöhungsgeschichte mit einem üblen Buch von Jacoby; +Merck nagelte das Buch mit dem Einband an einen Baum, +so daß die Blätter im Winde flatterten, Goethe stieg in den +belaubten Wipfel und hielt von dort herab ein hochnotpeinliches +Halsgericht über die Scharteke.</p> + +<p>Neunzehn Jahre war Karl August alt, als er die berühmte +Erklärung gab, die den in sein Konseil einberufenen Dichter +betrifft. Sie lautet: »Einsichtsvolle wünschen mir Glück, +diesen Mann zu besitzen. Sein Kopf, sein Genie ist bekannt. +Einen Mann von Genie an einem andern Orte gebrauchen, +als wo er selbst seine außerordentlichen Gaben gebrauchen kann, +<a class="page" name="Page_256" id="Page_256" title="256"></a>heißt ihn mißbrauchen. Was aber den Einwand betrifft, daß +dadurch viele Leute sich für zurückgesetzt erachten würden, so +kenne ich erstens niemand in meiner Dienerschaft, der meines +Wissens auf dasselbe hoffte, und zweitens werde ich nie einen +Platz, welcher in so genauer Verbindung mit mir, mit dem +Wohl und Wehe meiner gesamten Untertanen steht, nach +der Anciennität, sondern ich werde ihn immer nur nach Vertrauen +geben. Das Urteil der Welt, welches vielleicht mißbilligt, +daß ich den Doktor Goethe in mein wichtigstes Kollegium +setzte, ohne daß er zuvor Amtmann, Professor, Kammerrat +und Regierungsrat war, ändert gar nichts. Die Welt urteilt +nach Vorurteilen. Ich aber sorge und arbeite wie jeder +andere, nicht um des Ruhmes, um des Beifalls der Welt +willen, sondern um mich vor Gott und meinem Gewissen +rechtfertigen zu können.«</p> + +<p>Er war eher klein als groß von Gestalt, aber in seiner +Erscheinung lag von der Jugend bis in das späteste Alter +etwas Selbständiges und Energisches in sehr ungebundener +und freier, fast studentischer Form; man pflegte ihn auch den +Studenten von Jena zu nennen. Dem Major Knebel gegenüber +legte der vierundzwanzigjährige Fürst einmal folgendes +Selbstbekenntnis ab: »Ich muß erstaunlich wehren, meinem +Herzen und den Leidenschaften nicht die Zügel schießen zu lassen; +es ist gar zu schwer, sich wieder in den unnatürlichen +Zustand zu fügen, in dem unsereiner leben muß und an den +man so langsam sich gewöhnt zu haben glaubt.«</p> + +<table class="illustration"> +<tr><td><a href="./images/karl.png"><img src="./images/karl_th.png" alt="Karl August von Weimar" title="Karl August von Weimar" /></a></td></tr> +<tr><td><em class="gesperrt">Karl August von Weimar,</em></td></tr> +<tr><td class="small">nach einem Steindruck von C. A. Schwerdgeburth; 1824.</td></tr> +</table> + +<p>Merck, Goethes wunderbarer Freund, ließ sich, als alle +<a class="page" name="Page_257" id="Page_257" title="257"></a>Welt über die Streiche, die Karl August nach seiner Bekanntschaft +mit Goethe machte, die Köpfe schüttelte, nicht beirren +und vertrat nachdrücklich den Wert des seltenen Fürsten. +Am 3. November 1777 schrieb er aus Darmstadt an den +Buchhändler Nikolai in Berlin: »Ich hab Goethe neuerlich +auf der Wartburg besucht, und wir haben zehn Tage +zusammen wie die Kinder gelebt. Mich freuts, daß ich von +Angesicht gesehen habe, was an seiner Situation ist. Das +Beste von allem ist der Herzog, den die Esel zu einem schwachen +Menschen gebrandmarkt haben und der ein eisenfester Charakter +ist. Ich würde aus Liebe zu ihm eben das tun, was Goethe +tut. Die Märchen kommen alle von Leuten, die ohngefähr +so viel Auge haben, zu sehen, wie die Bedienten, die hinterm +Stuhle stehen, von ihren Herrn und deren Gespräch beurteilen +können. Dazu mischt sich die scheußliche Anekdotensucht +unbedeutender, negligierter, intriganter Menschen, oder +die Bosheit anderer, die noch mehr Vorteil haben, falsch zu +sehen. Ich sage Ihnen aufrichtig, der Herzog ist einer der +respektabelsten und gescheitesten Menschen, die ich gesehen +habe.«</p> + +<p>Wie Goethe, liebte es Karl August, sich nach den Aufregungen +des Weltlebens in die Einsamkeit zu begeben. Er +suchte dann die Borkenhütte im Park auf und konnte, während +Goethe in seinem Gartenhaus am Stern weilte, mit +dem Freund durch verabredete Zeichen eine telegraphische Konversation +über das Tal der Ilm hinweg herstellen. Im +Sommer 1780 schrieb er aus diesem Retiro an Knebel: »Es +<a class="page" name="Page_258" id="Page_258" title="258"></a>hat neun Uhr geschlagen, und ich sitze hier in meinem Kloster +mit einem Licht am Fenster. Der Tag war außerordentlich +schön, ich war so ganz in der Schöpfung, und so weit vom +Erdentreiben. Der Mensch ist doch nicht zu der elenden Philisterei +des Geschäftslebens bestimmt; es ist einem ja nicht +größer zumute, als wenn man so die Sonne untergehen, die +Sterne aufgehen, es kühl werden sieht und fühlt, und das +alles so für sich, so wenig der Menschen halber; und doch +genießen sie’s, und so hoch, daß sie glauben, es sei für sie. +Ich will mich baden mit dem Abendstern und neu Leben +schöpfen, der erste Augenblick darauf sei dein. Lebewohl solange.« +Nach dem Bad in der Ilm fährt er fort: »Das +Wasser war kalt, denn die Nacht lag schon in seinem Schoß. +Als ich den ersten Schritt hineintat, war’s so rein, so nächtlich +dunkel; über den Berg hinter Oberweimar kam der volle +rote Mond. Es war so ganz still. Wedels Waldhörner +hörte man nur von weitem, und die stille Ferne machte mich +reinere Töne hören, als vielleicht die Luft erreichten.«</p> + +<p>In den achtziger und neunziger Jahren hatte sich der Charakter +des Herzogs zu seiner Reife ausgebildet; der junge +Wein hatte sich geklärt, er stand jetzt goldrein im Pokale. +»Täglich wächst der Herzog und ist mein bester Trost,« schrieb +Goethe 1780 an Lavater. Aber in den Briefen an die Frau +von Stein findet sich auch manches schärfere Urteil über Karl +August, das freilich später immer wieder gemildert wurde. +Einmal äußerte er sich: »Mich wundert nun gar nicht mehr, +daß Fürsten meist so dumm, toll und albern sind, nicht leicht +<a class="page" name="Page_259" id="Page_259" title="259"></a>hat einer so gute Anlagen als der Herzog, nicht leicht hat +einer so gute und verständige Menschen um sich und zu +Freunden als er, und doch will’s nicht nach Proportion vom +Flecke, und das Kind und der Fischschwanz gucken, eh man +sich’s versieht, wieder hervor.« Vielleicht beirrte es Goethe und +machte ihn ein wenig bitter, daß der Herzog häufig sehr mutwillige +Neckerei mit seiner Beziehung zu Frau von Stein +trieb. Einmal enthielt er ihm einen ihrer Briefe vor und +schickte ihn dann durch einen Husaren in zehn übereinander +gesiegelten Kuwerten mit folgenden Verszeilen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Es ist doch nichts so zart und klein<br /></span> +<span class="i0">So wird’s doch jemand plagen.<br /></span> +<span class="i0">Zum Beispiel macht dein Briefelein<br /></span> +<span class="i0">Husaren sehr viel klagen.<br /></span> +<span class="i0">Heut sagte der, der’s Goethen bracht<br /></span> +<span class="i0">Und schwur’s bei seinem Barte,<br /></span> +<span class="i0">Viel lieber ging ich in die Schlacht<br /></span> +<span class="i0">Als trüg so Brieflein zarte.<br /></span> +<span class="i0">Denn wie im Hui ist das Papier<br /></span> +<span class="i0">Aus meiner weiten Tasche,<br /></span> +<span class="i0">Und wer, wer stehet mir dafür,<br /></span> +<span class="i0">Daß ich es wieder hasche.<br /></span> +<span class="i0">Unheimlich sagt er, es ihm sei,<br /></span> +<span class="i0">Wenn er so etwas trage,<br /></span> +<span class="i0">Denn Billetdoux und Zauberei<br /></span> +<span class="i0">Ist gleich, nach alter Sage.<br /></span> +<span class="i0"><a class="page" name="Page_260" id="Page_260" title="260"></a>Drum schreibe Du, nach altem Brauch,<br /></span> +<span class="i0">Auf Groß-Royal-Papiere,<br /></span> +<span class="i0">Damit der Träger künftig auch<br /></span> +<span class="i0">Ja nichts vom Teufel spüre.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Der Herzog hatte aber auch seine Herzensfreundin, und das +war die Gräfin Werthern. Mit seiner Frau vertrug er sich +schlecht. Die Herzogin Luise war eine formenstrenge Dame +und hielt so stark auf Zeremoniell, daß es Mühe kostete, +Goethe zur Spielpartie bei ihr einzuschmuggeln. Im September +1776, vor der Fahrt nach Ilmenau, schrieb Goethe +an Charlotte von Stein: »Es ist mir lieb, daß wir wieder +auf eine abenteuerliche Wirtschaft ausziehen, denn ich halt’s +nicht aus. So viel Liebe, so viel Teilnahme, so viele treffliche +Menschen, und so viel Herzensdruck.«</p> + +<p>Die Herzogin war im höchsten Grade schwerblütig und +schwerlebig, einsam in der Welt, ohne Freund, sogar Frau +von Stein und Herder waren ihr zu leicht. Bei der Gräfin +Werthern war der unruhige Herzog noch am ehesten festzuhalten. +1782 schreibt er an Knebel: »Auf Ostern besuche +ich die Gräfin, welche doch die beste aller Gräfinnen ist, die +ich kenne.« Um dieselbe Zeit schreibt Goethe: »Der Herzog +ist vergnügt, doch macht ihn die Liebe nicht glücklich, sein +armer Schatz ist gar zu übel dran, an den leidigsten Narren +geschmiedet, krank und für dies Leben verloren. Sie sieht +aus und ist wie eine schöne Seele, die aus den letzten Flammenspitzen +eines nicht verdienten Fegefeuers scheidet und sich nach +<a class="page" name="Page_261" id="Page_261" title="261"></a>dem Himmel sehnend erhebt.« Der Graf Werthern war +nämlich ein hocharistokratischer Sonderling, zuzeiten verschwenderisch, +zuzeiten geizig wie ein Filz. Er hatte eine seltsame, +spanisch zeremonielle Hausordnung eingeführt; kamen +vornehme Gäste, so ließ er Bauernjungen, die als Neger +geschwärzt und kostümiert waren, bei Tisch aufwarten. Die +Gräfin war zwar eine kleine Dame, hatte aber die größten +Manieren, und Goethe gestand, daß er alles, was er von +Welt besaß, von ihr gelernt hatte.</p> + +<p>Der Herzog gab sehr viel Geld für Jagd und Tafelfreuden +aus, und oft finden sich unwillige Äußerungen Goethes über +die Schmarotzer bei Hof und ihre Unersättlichkeit. In einem +Brief an Knebel heißt es: »Selbst der Bauersmann, der der +Erde das Notdürftige abfordert, hätte ein behaglich Auskommen, +wenn er nur für sich schwitzte. Du weißt aber, wenn +die Blattläuse auf den Rosen sitzen und sich hübsch dick und +grün gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen +ihnen den filtrierten Saft aus den Leibern, und so geht’s +weiter, und wir haben’s so weit gebracht, daß oben immer +an einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in einem beigebracht +werden kann.«</p> + +<p>So großmütig und freigebig der Herzog sein konnte, so +fehlten ihm doch häufig die Mittel, um diejenigen, die der +Hilfe würdig waren, in würdiger Weise von Not zu befreien; +deshalb mußte auch Schiller am Hof zu Weimar ein gar +trauriges und bedrücktes Leben führen. Es war nicht so viel +Geld für ihn da wie für irgendeinen Kammerjunker, und +<a class="page" name="Page_262" id="Page_262" title="262"></a>wie Beethoven durch englisches, wurde Schiller schließlich +durch dänisches Geld der schlimmsten Sorgen überhoben. +Um Charlotte Lengefeld heiraten zu können mußte er sich +um die Professur in Jena bewerben, die zweihundert Taler +trug, aber Schiller war von so edler und vornehmer Art, +daß er dem Herzog selbst für das Wenige, das er für ihn +tat oder tun konnte, Dankbarkeit bewahrte. Karl Augusts +Finanzen waren eben zeit seines Lebens in Unordnung. Fast +unmöglich hielt es, ihn zu gewöhnen, daß er seine Ausgaben +in das richtige Verhältnis zu seinen Einnahmen setzte. In +späteren Jahren machte er alle seine Geschäfte mit Rothschild; +wenn er in Geldverlegenheit war, ließ er seinen Wagen anspannen +und fuhr nach Frankfurt.</p> + +<p>Sonderbar waren in ihm die Eigenschaften gemischt, leichter +Sinn und burschikose Laune, und dann wieder sittlicher Ernst +und Tiefe des Gemüts. Von diesem Ernst und dieser Tiefe +legt ein überaus herrlicher Brief Zeugnis ab, den er am +4. Oktober 1781 an Knebel schrieb. Als der Prinz Konstantin +mit dem Mathematiker und Physiker Albrecht auf Reisen +ging, war Knebel, der bisher der Erzieher des Prinzen gewesen +war, pensioniert worden. Im Unmut darüber hatte er +den Plan gefaßt, wieder in preußische Dienste zu treten; von +diesem Entschluß brachte ihn der Herzog durch folgenden +Brief ab.</p> + +<p>»Sind denn die, die sich Deiner Freundschaft, Deines +Umgangs freuen, so sklavisch, so sinnlicher Bedürfnisse voll, +daß Du nur durch Graben, Hacken, Ausmisten und Aktenverschmieren +<a class="page" name="Page_263" id="Page_263" title="263"></a>ihnen nützen kannst? Ist denn das Rezeptakulum +ihrer Seelen so gering, daß Du nirgends ein Plätzchen findest, +wo Du irgend etwas von dem, was die Deine Schönes, +Gutes und Großes, die innere Existenz der Edlen bessernd +und veredelnd, gesammelt hat, ausfüllen kannst? Sind wir +denn so hungrig, daß Du für unser Brot, so furchtsam und +unstet, daß Du für unsere Sicherheit arbeiten mußt? Sind +wir nicht mehrerer Freuden als der des Tisches und der der +Ruhe fähig, können wir keinen Genuß finden, wenn Du, +von dem Schmutz und dem Gestank des Weltgetriebes +Reiner, Deine volle Zeit zur Schmückung des Geistes anwendend, +uns, die wir nicht Zeit zum Sammeln haben, den +Strauß von den Blumen des Lebens gebunden vorhältst? +Sind unsre Klüfte so quellenlos, daß wir nicht eines schönen +Brunnens brauchen, uns selbst unsrer Ausflüsse freuend, wenn +sie schön in demselben aufgefaßt sind? Sind wir bloß zu +Ambossen der Zeit und des Schicksals gut genug, und können +wir nichts neben uns leiden als Klötze, die uns gleichen und +nur von harter, anhaltender Masse sind? Ist’s denn ein so +geringes Los, die Hebamme guter Gedanken und in der +Mutter zusammengelegter Begriffe zu sein? Ist das Kind +dieser Wohltäterin fast nicht ebenso sehr sein Dasein schuldig +als der Mutter, die es gebar? Die Seelen der Menschen sind +wie immer gepflügtes Land; ist’s erniedrigend, der vorsichtige +Gärtner zu sein, der seine Zeit damit zubringt, aus fremden +Landen Sämereien holen zu lassen, sie auszulesen und zu +säen? Muß er nicht etwa daneben auch das Schmiedehandwerk +<a class="page" name="Page_264" id="Page_264" title="264"></a>treiben, um seine Existenz recht auszufüllen? Bist Du +nun so im Bösen, so über Dich selbst erblindet, daß Du +Dir einbilden könntest, Du habest uns nie dergleichen Nutzen +verschafft, und achtest Du uns gering genug, daß Du glauben +könntest, wir würden Dich so lieben wie wir tun, wärest Du +uns hierin unnütz und überflüssig oder entbehrlich gewesen? +Willst Du nun dieses schöne Geschäft, diese würdige Laufbahn +aufgeben, alle eingewachsenen Bande ausreißen, gleich +einem Anfänger eine neue Existenz ergreifen und Dich, Gott +weiß wohin, unter Menschen, die Dich nichts mehr angehen +und mit denen Du kein reines und Dir gewohntes Verhältnis +hast, hinwerfen? Neuen Anteil ergreifen oder Dir machen, +mehr Gute, mehr Böse kennen lernen, sehen, wie die Abscheulichkeiten +so überall zu Hause, das Gute überall so befleckt +ist? Und warum? Um etwa einigen Kanzlistenseelen +aus dem Wege zu gehen, die Dir Deine Semmel, die Du +mehr hast als sie, beneiden, weil Du nicht gleich ihnen Maultierhandwerk +treibst? Und wohin willst Du Dich flüchten? +Nimmst Du nicht überall Deine paar Semmeln mit, die +Du mehr und leichter hast als andere? Sind nicht überall +Knechte, die es entbehren und Dich darum beneiden werden? +Wirst Du deren Neid besser aushalten? Dich, weil Du dort +ein paar Monate fremd bist, von ihnen mehr geachtet halten, +als Du es hier sein möchtest? Siehst Du etwas Erreichbares +vor Dir, das Dir das, was Du entbehrst, ersetze? Ist dieses +Erreichbare so gewiß? Schlägt’s fehl, kann es Deine Existenz +dann ertragen, immer neue Zwecke zu machen, oft abgeschlagen +<a class="page" name="Page_265" id="Page_265" title="265"></a>zu werden und so herumzuirren? Willst Du also das Beständige +für das Unbeständige hingeben? Laß uns die Sache +nicht so feierlich nehmen und das Übel nicht für so unheilbar +halten. Ist’s Deiner Natur gut, sich zu verändern, so reise. +Warum sich immer ersäufen wollen, wenn’s mit einem schönen +Bade getan ist?«</p> + +<p>Es ging damals eine wohltätige Umwandlung mit dem +Herzog vor; gleich Goethe gab er sich mehr und mehr dem +Studium der Natur hin, um 1784 schrieb er an Knebel: +»Die Naturwissenschaft ist so menschlich, so wahr, daß ich +jedem Glück wünsche, der sich ihr auch nur etwas ergibt ... +Sie beweist und lehrt so bündig, daß das Größte, das Geheimnisvollste, +das Zauberhafteste so ordentlich, einfach, öffentlich, +unmagisch zugeht; sie muß doch endlich die armen unwissenden +Menschen von dem Durst nach dem Außerordentlichen +heilen, da sie ihnen zeigt, daß das Außerordentliche so +nahe, so deutlich, so unaußerordentlich, so bestimmt nahe ist.«</p> + +<p>Das Jahr 1789 brachte auch für den Weimarer Hof +Veränderungen mit sich, besonders im Hinblick auf sparsamere +Wirtschaft. Herder schreibt an Knebel: »Der Hof ist wieder +hier und die Tafel an demselben abgeschafft. Die Herren +Mitesser bekommen Kostgeld, die Damen speisen mit dem +fürstlichen Ehepaar auf des Herzogs Zimmer, und jedesmal +wird ein Fremder dazu gebeten. Sie können denken, was die +Hofdamen dazu sagen, und es ist unbegreiflich, daß sie nicht +schon aus Furcht vor zukünftiger langen Weile zum voraus +verschmachten.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_266" id="Page_266" title="266"></a>Über die französische Revolution äußerte sich der Herzog +am 13. Januar 1793, eine Woche vor der Hinrichtung +Ludwigs XVI., wie folgt: »Wer die Franzosen in der Nähe +sieht, muß einen wahren Ekel für sie fassen; sie sind alle sehr +unterrichtet, aber jede Spur eines moralischen Gefühls ist bei +ihnen ausgelöscht ... Der Mensch war nie, die Zone, unter +der er lebte, mag sein wie sie wolle, er war nie, sage ich, zur +Treibhauspflanze bestimmt. Sobald er diese Kultur erhält, +geht er zugrunde; auch beurteilt man die Franzosen falsch, +wenn man glaubt, ihre Reife habe sie auf den jetzigen Punkt +gebracht. Eines unterdrückte das andere im Reich, und nun +unterdrücken die Unterdrücker selbst ihre alten Beherrscher, +weil diese nachlässig und stupid waren. Nicht das mindeste +Moralische liegt dabei zum Grunde, sondern man hat jetzt +eine Art Moralität oder eine philosophische Zunft zum +Werkzeug gebraucht.«</p> + +<p>Die Abneigung Karl Augusts gegen die Franzosen hatte +ihre Ursache darin, daß er sich ihnen gegenüber ganz und +gar als Deutscher fühlte. Karoline von Wolzogen schrieb +darüber einmal an Schiller: »Ich dankte auch dem Himmel +beim Lesen des Mirabeau, daß alles, was mir lieb ist, nichts +mit der Politik zu tun hat. An wie armseligen Fäden hängen +diese Weltbegebenheiten! Es muß ein unsichtbares Gewebe +das Menschengeschlecht umstricken und so zusammenhalten +wie es hält; was diese Menschen dabei zu tun wähnen, kann +nicht viel sein. So klein und eng sind sie, keine Spur eines +bessern Wesens, das sich selbst an die allgemeine Glückseligkeit +<a class="page" name="Page_267" id="Page_267" title="267"></a>hingäbe, jeder denkt nur an einen bequemen Platz für +sich, um darauf zuzusehen; sie haben nicht einmal die Energie, +um herrschen zu wollen. Des Mirabeau Nationalstolz ist +kindisch und ärgerlich, man könnte aus Depit deutsch sein +wollen, wie der Tempelherr im Nathan Christ sein wollte, +wenn man anders mit ihm zu tun hätte, glaub ich. Ich +will dem Herzog von Weimar wohl darum, daß er Mirabeau +übel begegnet hat.«</p> + +<p>Im übrigen wurde das stille Weimar durch die großen +Weltereignisse wenig berührt. Der Herzog, der zu Goethes +Mißvergnügen eine wachsende Kriegslust an den Tag gelegt +hatte, nahm 1794 an dem Feldzug in der Champagne teil; +Goethe begleitete ihn, und wie man weiß, hat er dieses kriegerische +Zwischenspiel wahr und meisterlich beschrieben. Es +war in Karl August ein unstillbarer Drang, sich zu betätigen +und auszuleben. So liebte er auch in seinen Herzensbeziehungen +die Abwechslung. Als die Leidenschaft zur Gräfin Werthern +vorüber war, wurde die reizende Sängerin und Schauspielerin +Caroline Jagemann seine Favoritin. Für sie schrieb +Goethe die Eugenie in der natürlichen Tochter. Sie war sehr +schön und sehr ehrgeizig und stand den Werbungen Karl +Augusts anfangs kühl gegenüber, denn eben ihres künstlerischen +Ehrgeizes wegen hatte es nichts Verlockendes für +sie, in einer kleinen Stadt und an einer kleinen Bühne die +Mätresse eines Herzogs zu sein. Ihr Widerstreben steigerte +die Leidenschaft Karl Augusts bis zur Verzweiflung. Endlich +gab sie nach; sie blieb beim Theater, wurde aber zur Frau +<a class="page" name="Page_268" id="Page_268" title="268"></a>von Heygendorff erhoben. Es wird berichtet, daß sie noch +in ihrem hohen Alter, als schon graue Locken das Gesicht +umrahmten, von bezauberndem Reiz gewesen sei, besonders +habe ihre Stimme etwas unvergleichlich Angenehmes gehabt. +Frisch an Körper und Geist, war sie dem Herzog wie zugeschaffen, +seinem innersten Bedürfnis entsprechend, selbst ihre +Art sich auszudrücken war der seinen gemäß. Ihr Einfluß +war groß und dauerte bis zum Tode des Herzogs. Ihre +Hauptfeindin am Hof war die Gemahlin des Erbprinzen, +die russische Großfürstin Marie, und es kam wohl vor, daß +sie im Gefühl ihrer Überlegenheit diese der Zarentochter zu +fühlen gab. Einmal hatte die Erbprinzessin bei einem Gang +durch den Park ihre Freude an einer schönen Baumpartie +ausgesprochen; als sie nach ein paar Tagen wieder vorüber +kam, waren die schönen Bäume abgehauen. Frau von +Heygendorff hatte den Herzog bestimmt, hierzu den Befehl +zu geben. Weil Karl August fürchtete, daß seiner geliebten +Freundin nach seinem Tod ein übles Schicksal widerfahren +könnte, hatte er seinen Adjutanten unterwiesen, für den Fall, +daß er außerhalb Weimars sterben sollte, den Kurier mit +der Todesnachricht zuallererst zu Frau von Heygendorff zu +schicken. Dieser Fall trat auch ein, und dem Befehl wurde +buchstäblich Folge geleistet. Als die fürstliche Familie die +Kunde von dem Tod des Herzogs bekam, hatte Frau von +Heygendorff bereits ihren Wagen anspannen lassen und befand +sich auf der Fahrt nach Mannheim, wo sie vordem, +bei Iffland, ihre Ausbildung genossen hatte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_269" id="Page_269" title="269"></a>Karl August hatte auch für die Literatur der <em class="antiqua">Ars amandi</em> +viel übrig und legte sich eine <em class="antiqua">Bibliotheca erotica</em> an, welche +die seltensten Exemplare der Gattung enthielt. Er schenkte +sie später seiner guten Freundin, der Gräfin Henckel, die sich +sehr für das geheime Fach interessierte.</p> + +<p>Die Verheiratung des Erbprinzen mit der Großfürstin +veränderte alle Lebensverhältnisse in Weimar. »Sie können +kaum einen Begriff haben von dem Glanz, der uns neuerlich +umgibt,« schreibt Fräulein von Göchhausen im September +1804, »der Herzog ist mit drei russischen ganz von +Juwelen strahlenden Orden geziert. Meine gute Fürstin +strahlt nicht weniger ... Überhaupt reden wir jetzt von Gold, +Silber und Edelsteinen wie sonst von Quarz, Gneis und +Glimmer. Die wilden Völker, die noch mehr dergleichen +bringen sollen, werden in diesen Tagen erwartet.« Die wilden +Völker, das waren die Russen. Zwei Monate später +schreibt das Fräulein: »Der Einzug war prächtig durch die +unglaubliche Volksmenge, die in geordneten Wagen, zu Pferd +und zu Fuß festlich entgegenwallten ... Es erschien alles +ruhig und würdig, ich möchte es die frohe Teilnahme eines +gebildeten Volks nennen. Am Montag kam die Großfürstin +zum erstenmal ins Theater. Sie können sich den klatschenden +Jubel kaum denken. Ein Vorspiel von Schiller wurde gegeben, +hierauf folgte Mitridat. Diese Prinzessin ist ein +Engel an Geist, Güte und Liebenswürdigkeit; auch habe ich +noch nie in Weimar einen solchen Einklang aus allen Herzen +über alle Zungen ergehen hören, als seit sie der Gegenstand +<a class="page" name="Page_270" id="Page_270" title="270"></a>aller Gespräche geworden. Sie tut wirklich Wunder; auch +unser Vater Wieland ist begeistert und macht wieder Verse.«</p> + +<p>Ein Jahr später kam der Kaiser Alexander nach Weimar +zum Besuch seiner Schwester. Er wurde sehr gefeiert und +bezauberte jedermann. Nach seiner Abreise schrieb Fräulein +von Göchhausen an Böttiger: »Nächst dem Andenken im +Herzen an den liebenswürdigen Kaiser hinterließ er auch +blitzende Andenken in edlen Steinen. Sogar alle Hofdamen, +worunter meine Wenigkeit sich auch befindet, erhielten reiche +Geschenke an blitzenden Halsbändern, Kämmen und Gürtelschnallen. +Der Kaiser, <em class="antiqua">le comte du Nord,</em> schickte Visitenkarten +an die Damen vom ersten Rang und auch an Wieland. +Künftigen Donnerstag kommt das erste preußische +Regiment hier an; bald wird es wie in Wallensteins Lager +hier aussehen. Unser Ländchen fühlt die schützende Nachbarschaft +schwer. Die aufzubringenden Getreidelieferungen und +die ins Land kommenden sechs- bis achttausend Mann lassen +uns ängstliche Blicke in die Zukunft tun.«</p> + +<p>Während der Einquartierung unterhielten sich einmal +einige preußische Offiziere in einem Weinhaus über die +Wohnungen, die sie gefunden hatten. Ein alter, dickbäuchiger +Major sagte: »Ich stehe da bei einem gewissen Gothe oder +Goethe, weiß der Teufel, wie der Kerl heißt.« Man machte +ihn aufmerksam, es sei der berühmte Dichter Goethe, wo er +stehe, da antwortete er: »Kann sein, ja ja, nu nu, das kann +wohl sein, ich habe dem Kerl auf den Zahn gefühlt, und er +scheint mir Mucken im Kopfe zu haben.«</p> + +<p><a class="page" name="Page_271" id="Page_271" title="271"></a>Es kam nun die furchtbare Katastrophe der Schlacht von +Jena und Auerstädt. Am 4. Oktober fuhren der König und +die Königin von Preußen auf dem Wege nach Erfurt durch +Weimar. Der Herzog befand sich bei dem preußischen Heere, +das sein Oheim, der Herzog von Braunschweig, kommandierte. +Die Herzogin-Mutter Amalie war nach Eutin geflohen, +und in Weimar blieb nur die Herzogin Luise. Schon +am Abend des Schlachttags trafen die gefürchteten Chasseurs +ein, in der Nacht brach Feuer in der Nähe des Schlosses +aus. Die Stadt wurde von den Franzosen drei Tage lang +geplündert, manche Familie verlor Hab und Gut. Da sich +Napoleon sehr ungehalten darüber zeigte, daß der Herzog +von seiner Residenz abwesend und bei der preußischen Armee +war, wurden zwei seiner treuesten Diener, der Oberforstmeister +von Stein und der Leutnant von Seebach, abgeschickt, ihn +zu suchen und zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Ihr Unternehmen +blieb ohne Erfolg, und in der Not verfiel man auf +den jungen Regierungsrat Müller und betraute ihn mit der +schwierigen Aufgabe, den Herzog vom Heeresdienst abzurufen +und heimzuholen. Nach vielen Abenteuern und Irrfahrten +traf Müller den Herzog in Berlin, aber Karl August war +durchaus nicht geneigt, den gewünschten Fußfall vor dem +Kaiser zu tun. Napoleon, obwohl höchst ungnädig gegen +den Herzog gestimmt, ließ ihn doch nicht fallen und verwirklichte +keine seiner Drohungen, denn er brauchte ihn zur Vermittlung +beim Kaiser Alexander. Das kleine Land aber +wurde durch die Kriegskontributionen in schwere Drangsale +<a class="page" name="Page_272" id="Page_272" title="272"></a>gestürzt, und nicht immer gelang es dem klugen und diplomatisch +geschickten Friedrich von Müller, das größte Elend +abzuwenden. Die Unnachgiebigkeit Karl Augusts, der es +immer wieder verweigerte, vor Napoleon in Audienz zu erscheinen, +trug auch nicht dazu bei, den Kaiser milder zu +stimmen, wenngleich er der Herzogin Luise gegenüber eine +große, vielleicht empfundene Hochschätzung an den Tag legte.</p> + +<p>An den Festlichkeiten des Kongresses zu Erfurt nahm auch +Weimar seinen Anteil. Napoleon hatte gewünscht, dem +Kaiser Alexander das Schlachtfeld von Jena zu zeigen; dazu +sollte eine große Jagd am Ettersberg und auf den Hügeln +gegen Jena hin dienen. Friedrich von Müller berichtet darüber +in seinen Memoiren:</p> + +<p>»Am 6. Oktober war der Weg von Erfurt nach dem +Ettersberg von früh an mit unzähligen Wagen, Reitern +und Fußgängern bedeckt. Es war der schönste, klarste Herbsttag, +kein Wölkchen am ganzen Himmel. In der Nacht +vorher waren mehrere hundert Hirsche und Rehe aus dem +Ettersburger Walde gegen einen großen freien Rasenplatz +zusammengetrieben und umzäunt worden. In der Mitte +dieses freien Platzes hatte man einen ungeheuren Jagdpavillon +errichtet, 450 Schritte lang und 50 Schritte breit, mit drei +Abteilungen, wovon die mittlere für die beiden Kaiser und +für die Könige bestimmt war. Der Pavillon ruhte auf mit +Blumen und Zweigen umschmückten Säulen. Dicht dabei +sah man große, freistehende Balkone, von denen bequem das +Ganze überschaut werden konnte. Ringsumher liefen Buden +<a class="page" name="Page_273" id="Page_273" title="273"></a>und Zelte mit Erfrischungen. An der Waldgrenze gruppierten +sich um große Feuer zur Bereitung von warmen +Speisen und Getränken eine Unzahl von Landleuten, die das +Zusammentreiben des Wildes die ganze Nacht hindurch ermüdet +hatte. Dazwischen ertönten muntere Jagdhörner und +Gesänge. Die Monarchen, an der Landesgrenze von dem +Herzog und der ganzen Jägerei zu Pferde empfangen, langten +mit ihrem Gefolge unter dem Schalle der Jagdfanfaren +gegen ein Uhr mittags an. Nun wurde in einzelnen Abteilungen +das Wild aus dem umzäunten Walde heraus und +so getrieben, daß es am großen Pavillon in Schußweite +vorüber mußte. Napoleon ergötzte sich ungemein an diesem +Schauspiel und schien überhaupt sehr vergnügt. Um vier Uhr +endigte die Jagd; nicht der geringste Unfall hatte sie getrübt. +Ich war in Erfurt zurückgeblieben und beauftragt, dem +Kaiser Napoleon noch vor seiner Abfahrt aufzuwarten, +worauf ich mich eiligst nach Weimar verfügen sollte. Es +war fünf Uhr, als die Monarchen unter dem Geläute aller +Glocken in Weimar einzogen. Wie Napoleon sich in die +für ihn bereiteten Zimmer begab, war ich zufällig der erste, +auf den seine Blicke im Vorzimmer trafen. Er ging sehr +freundlich auf mich zu, tat mir mehrere Fragen, und ich +mußte ihm einige umstehende, ihm noch nicht bekannte Personen +vorstellen. Eine Stunde darauf ging es zur kaiserlichen +Tafel. Unfern davon war in einer großen Galerie die Marschallstafel +von mehr als hundertfünfzig Personen bereitet. +Ich hatte dem Minister, Staatssekretär Maret und dem +<a class="page" name="Page_274" id="Page_274" title="274"></a>Marschall Soult die Honneurs zu machen, bei denen ich +saß. Aber wir waren noch kaum bis zur Hälfte des Diners +gekommen, als gemeldet wurde, daß die Monarchen im Begriff +seien, sich von ihrer Tafel zu erheben. Nun strömte +alles dahin. Napoleon liebte bekanntlich sehr rasch zu speisen, +doch hatte er sich dabei lebhaft mit seiner Nachbarin, der +Herzogin von Weimar unterhalten. Nach kurzer Pause fuhr +man in das Theater, wohin der Wagen der beiden Kaiser +von weimarischen Husaren eskortiert wurde. Vor dem +Schlosse stand ein sechzig Fuß hoher Obelisk, geschmackvoll +erleuchtet, auf dessen Spitze eine helle Flamme loderte. Das +ganze Schloß und seine Umgebungen sowie alle Straßen bis +zum Schauspielhause waren illuminiert, die innere Einrichtung +und Verteilung der Sitze im Theater ganz wie die zu +Erfurt. Die französischen Schauspieler führten, wie ich schon +oben erwähnt, <em class="antiqua">La mort de César</em> von Voltaire auf. Unbeschreiblich +war der Eindruck. Talma als Brutus übertraf sich +selbst. Bei der Stelle am Schlusse des ersten Aktes, wo Cäsar +dem Antonius, der ihn vor den Senatoren warnt, antwortet:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"><em class="antiqua"> +<span class="i0">«Je les aurais punis, si je les pouvais craindre;<br /></span> +<span class="i0">Ne me conseillez point de me faire hair.<br /></span> +<span class="i0">Je sais combattre, vaincre et ne sais point punir,<br /></span> +<span class="i0">Allons, n’écoutons point ni soupçons ni vengeance,<br /></span> +<span class="i0">Sur l’univers soumis régnons sans violence,»<br /></span> +</em></div></div> + +<p>war es, als ob ein elektrischer Funke mächtig alle Zuschauer +durchzuckte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_275" id="Page_275" title="275"></a>»Hatte die Aufführung des Trauerspiels <em class="antiqua">La mort de +César</em> immerhin etwas seltsam Ominöses gehabt, so mußte +es auf diejenigen, die diesen Abend miterlebt hatten, noch +lange nachher einen erschütternden Eindruck machen, als sie +erfuhren, wie wenig gefehlt hatte, daß diese Aufführung +wirklich zum größten Trauerspiel der neueren Weltgeschichte +geworden wäre. Es hatte sich nämlich eine kleine Anzahl +verwegener preußischer Offiziere, das Unglück und den trostlosen +Zustand ihres Vaterlandes tief empfindend und von +glühendem Haß gegen dessen Unterdrücker erfüllt, verschworen, +den Kaiser Napoleon bei seinem Heraustreten aus dem +Theater zu erschießen. Sie hatten die Lokalität aufs genaueste +erkundet, Voranstalten zu ihrer eiligen Flucht nach +vollbrachter Tat getroffen und sich zum größten Teil in +Weimar unbemerkt versammelt, als noch im letzten Moment +einer der Mitverschworenen ausblieb. Sei es, daß +dieser Umstand die übrigen abschreckte, oder daß sie Reue +empfanden, genug, das Vorhaben unterblieb. Welche Verwirrung, +welche Greuel das Gelingen so grausiger Tat unmittelbar +und zunächst für Weimar nach sich gezogen hätte, +ist kaum zu ermessen.«</p> + +<p>Die Befreiung Deutschlands wäre durch einen Pistolenschuß +erfolgt; die Hunderttausende von Opfern der nächsten +Kriegsjahre hätten nicht geblutet, aber es hätte auch kein 1813, +keine Erhebung des ganzen Volks gegeben, und so sehen wir +wieder das Schicksal abseits von dem Willen der Menschen +seinen ehernen Weg gehen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_276" id="Page_276" title="276"></a>Karl August trat mit den übrigen Fürsten des ernestinischen +Hauses dem Rheinbund bei. 1815 besuchte er den Wiener +Kongreß persönlich. Graf Nostiz notiert über ihn in seinem +Tagebuch: »Der alte Herzog von Weimar lebt so burschikos +fort, wie er es immer getrieben. Die Welt gefällt ihm, und +er ist ihr immer durch Lebenslust verbunden, wenn auch die +Jahre seine Beweglichkeit schwächen.«</p> + +<p>Er trat als erster Großherzog zum deutschen Bund. 1825 +feierte er sein fünfzigjähriges Regierungsjubiläum und seine +goldene Hochzeit. Im Mai 1827 hatte sich seine Enkelin +mit dem Prinzen Karl von Preußen verheiratet, im Frühjahr +darauf reiste Karl August zum Besuche des jungen +Paares nach Berlin, und auf der Rückreise starb er auf dem +Gestüt zu Graditz bei Torgau am 14. Juli 1828, 71 Jahre +alt. Er ward beigesetzt in der Fürstengruft auf dem Friedhof +der Jakobskirche zu Weimar, wohin er wenige Monate +früher Schillers sterbliche Reste hatte bringen lassen und wo +vier Jahre später auch Goethe begraben wurde.</p> + +<p>Die letzten Tage vor seinem Tode hatte er in fast beständiger +Gesellschaft Alexanders von Humboldt verbracht, und +Humboldt beschrieb diese Tage in einem Brief an den Kanzler +Müller, der seinerseits wieder Goethe davon Mitteilung +machte. In dem unvergleichlich schönen Gespräch, das Eckermann +unterm 23. Oktober 1828 aufzeichnet, ist darüber eingehend +zu lesen, und es möge, auch wegen des profunden und +ewig gültigen Urteils, das Goethe über seinen Herzog fällt, +zum Abschluß hier folgen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_277" id="Page_277" title="277"></a>»Es war nicht ohne höhere günstige Einwirkung,« sagt +Goethe, »daß einer der größten Fürsten, die Deutschland je +besessen, einen Mann wie Humboldt zum Zeugen seiner letzten +Tage und Stunden hatte. Ich habe mir von seinem Brief +eine Abschrift nehmen lassen und will Ihnen doch einiges +daraus mitteilen.«</p> + +<p>Goethe stand auf und ging zu seinem Pult, wo er den +Brief nahm und sich wieder zu mir an den Tisch setzte. Er +las eine Weile im stillen. Ich sah Tränen in seinen Augen. +»Lesen Sie es für sich,« sagte er dann, indem er mir den +Brief zureichte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und +ab, während ich las.</p> + +<p>»Wer konnte mehr durch das schnelle Hinscheiden des Verewigten +erschüttert werden,« schreibt Humboldt, »als ich, den +er seit dreißig Jahren mit so wohlwollender Auszeichnung, +ich darf sagen, mit so aufrichtiger Vorliebe behandelt hatte. +Auch hier wollte er mich fast zu jeder Stunde um sich haben; +und, als sei eine solche Luzidität wie bei den erhabenen schneebedeckten +Alpen der Vorbote des scheidenden Lichtes, nie habe +ich den großen, menschlichen Fürsten lebendiger, geistreicher, +milder und an aller ferneren Entwicklung des Volkslebens +teilnehmender gesehen als in den letzten Tagen, die wir ihn +hier besaßen.</p> + +<p>Ich sagte mehrmals zu meinen Freunden ahnungsvoll +und beängstigt, daß diese Lebendigkeit, diese geheimnisvolle +Klarheit des Geistes, bei so viel körperlicher Schwäche, mir +ein schreckhaftes Phänomen sei. Er selbst oszillierte sichtbar +<a class="page" name="Page_278" id="Page_278" title="278"></a>zwischen Hoffnung der Genesung und Erwartung der großen +Katastrophe.</p> + +<p>Als ich ihn vierundzwanzig Stunden vor dieser sah, beim +Frühstück, krank und ohne Neigung, etwas zu genießen, +fragte er noch lebendig nach den von Schweden herübergekommenen +Granitgeschieben baltischer Länder, nach Kometschweifen, +welche sich unsrer Atmosphäre trübend einmischen +könnten, nach der Ursache der großen Winterkälte an allen +östlichen Küsten.</p> + +<p>Als ich ihn zuletzt sah, drückte er mir zum Abschied die +Hand mit den heiteren Worten: ›Sie glauben, Humboldt, +Töplitz und alle warmen Quellen seien wie Wasser, die man +künstlich erwärmt? Das ist nicht Küchenfeuer! Darüber +streiten wir in Töplitz, wenn Sie mit dem Könige kommen. +Sie sollen sehen, Ihr altes Küchenfeuer wird mich doch noch +einmal zusammenhalten.‹ Sonderbar! Denn alles wird bedeutend +bei so einem Manne.</p> + +<p>In Potsdam saß ich mehrere Stunden allein mit ihm +auf dem Kanapee; er trank und schlief abwechselnd, trank +wieder, stand auf, um an seine Gemahlin zu schreiben, dann +schlief er wieder. Er war heiter, aber sehr erschöpft. In den +Intervallen bedrängte er mich mit den schwierigsten Fragen: +über Physik, Astronomie, Meteorologie und Geognosie, +über Durchsichtigkeit eines Kometenkerns, über Mondatmosphäre, +über die farbigen Doppelsterne, über Einfluß der +Sonnenflecke auf Temperatur, Erscheinen der organischen +Formen in der Urwelt, innere Erdwärme. Er schlief mitten +<a class="page" name="Page_279" id="Page_279" title="279"></a>in seiner und meiner Rede ein, wurde oft unruhig und sagte +dann, über seine scheinbare Unaufmerksamkeit milde und +freundlich um Verzeihung bittend: ›Sie sehen, Humboldt, +es ist aus mit mir!‹</p> + +<p>Auf einmal ging er desultorisch in religiöse Gespräche +über. Er klagte über den einreißenden Pietismus und den +Zusammenhang dieser Schwärmerei mit politischen Tendenzen +nach Absolutismus und Niederschlagen aller freieren +Geistesregungen. ›Dazu sind es unwahre, Bursche,‹ rief er +aus, ›die sich dadurch den Fürsten angenehm zu machen +glauben, um Stellen und Bänder zu erhalten! – Mit +der poetischen Vorliebe zum Mittelalter haben sie sich eingeschlichen.‹</p> + +<p>Bald legte sich sein Zorn und er sagte, wie er jetzt viel +Tröstliches in der christlichen Religion finde. ›Das ist eine +menschenfreundliche Lehre,‹ sagte er, ›aber von Anfang an +hat man sie verunstaltet. Die ersten Christen waren die Freigesinnten +unter den Ultras.‹«</p> + +<p>Ich gab Goethe über diesen herrlichen Brief meine innige +Freude zu erkennen. »Sie sehen,« sagte Goethe, »was für +ein bedeutender Mensch er war. Aber wie gut ist es von +Humboldt, daß er diese wenigen letzten Züge aufgefaßt, die +wirklich als Symbol gelten können, worin die ganze Natur +des vorzüglichen Fürsten sich spiegelt. Ja, so war er! – Ich +kann es am besten sagen, denn es kannte ihn im Grunde niemand +so durch und durch wie ich selber. Ist es aber nicht +ein Jammer, daß kein Unterschied ist und daß auch ein solcher +<a class="page" name="Page_280" id="Page_280" title="280"></a>Mensch so früh dahin muß! – Nur ein lumpiges +Jahrhundert länger, und wie würde er an so hoher Stelle +seine Zeit vorwärts gebracht haben! – Aber wissen Sie +was? Die Welt soll nicht so rasch zum Ziele, als wir denken +und wünschen. Immer sind die retardierenden Dämonen +da, die überall dazwischen und überall entgegentreten, so +daß es zwar im ganzen vorwärts geht, aber sehr langsam. +Leben Sie nur fort und Sie werden schon finden, daß ich +recht habe.«</p> + +<p>Die Entwicklung der Menschheit scheint auf Jahrtausende +angelegt, sagte ich.</p> + +<p>»Wer weiß,« erwiderte Goethe, »– vielleicht auf Millionen! +Aber laß die Menschheit dauern, so lange sie will, es +wird ihr nie an Hindernissen fehlen, die ihr zu schaffen machen, +und nie an allerlei Not, damit sie ihre Kräfte entwickle. +Klüger und einsichtiger wird sie werden, aber besser, +glücklicher und tatkräftiger nicht, oder doch nur auf Epochen. +Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an +ihr hat und er abermals alles zusammenschlagen muß zu +einer verjüngten Schöpfung. Ich bin gewiß, es ist alles danach +angelegt und es steht in der fernen Zukunft schon Zeit +und Stunde fest, wann die Verjüngungsepoche eintritt. Aber +bis dahin hat es sicher noch gute Weile, und wir können +noch Jahrtausende und aber Jahrtausende auf dieser lieben, +alten Fläche, wie sie ist, allerlei Spaß haben.«</p> + +<p>Goethe war in besonders guter erhöhter Stimmung. Er +ließ eine Flasche Wein kommen, wovon er sich und mir einschenkte. +<a class="page" name="Page_281" id="Page_281" title="281"></a>Unser Gespräch ging wieder auf den Großherzog +Karl August zurück.</p> + +<p>»Sie sehen,« sagte Goethe, »wie sein außerordentlicher +Geist das ganze Reich der Natur umfaßte. Physik, Astronomie, +Geognosie, Meteorologie, Pflanzen- und Tierformen +der Umwelt und was sonst dazu gehört, er hatte für alles +Sinn und für alles Interesse. Er war achtzehn Jahre alt, +als ich nach Weimar kam; aber schon damals zeigten seine +Keime und Knospen, was einst der Baum sein würde. Er +schloß sich bald auf das innigste an mich an und nahm an +allem, was ich trieb, gründlichen Anteil. Daß ich fast zehn +Jahre älter war als er, kam unserm Verhältnis zugute. +Er saß ganze Abende bei mir in tiefen Gesprächen über Gegenstände +der Kunst und Natur und was sonst allerlei Gutes +vorkam. Wir saßen oft tief in die Nacht hinein, und es war +nicht selten, daß wir nebeneinander auf meinem Sofa einschliefen. +Fünfzig Jahre haben wir es miteinander fort getrieben, +und es wäre kein Wunder, wenn wir es endlich zu +etwas gebracht hätten.«</p> + +<p>Eine so gründliche Bildung, sagte ich, wie sie der Großherzog +gehabt zu haben scheint, mag bei fürstlichen Personen +selten vorkommen.</p> + +<p>»Sehr selten,« erwiderte Goethe. »Es gibt zwar viele, +die fähig sind, über alles sehr geschickt mitzureden; aber sie +haben es nicht im Innern und krabbeln nur an den Oberflächen. +Und es ist kein Wunder, wenn man die entsetzlichen +Zerstreuungen und Zerstückelungen bedenkt, die das Hofleben +<a class="page" name="Page_282" id="Page_282" title="282"></a>mit sich führt und denen ein junger Fürst ausgesetzt ist. Von +allem soll er Notiz nehmen. Er soll ein bißchen Das kennen +und ein bißchen Das, und dann ein bißchen Das und wieder +ein bißchen Das. Dabei kann sich aber nichts setzen und +Wurzel schlagen, und es gehört der Fonds einer gewaltigen +Natur dazu, um bei solchen Anforderungen nicht in Rauch +aufzugehen. Der Großherzog war freilich ein geborener großer +Mensch, womit alles gesagt und alles getan ist.«</p> + +<p>Bei allen seinen höheren wissenschaftlichen und geistigen +Richtungen, sagte ich, scheint er doch auch das Regieren verstanden +zu haben.</p> + +<p>»Es war ein Mensch aus dem Ganzen,« erwiderte Goethe, +»und es kam bei ihm alles aus einer einzigen großen Quelle. +Und wie das Ganze gut war, so war das Einzelne gut, er +mochte tun und treiben, was er wollte. Übrigens kamen ihm +zur Führung des Regiments besonders drei Dinge zustatten. +Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden +und jeden an seinen Platz zu stellen. Das war sehr viel. Dann +hatte er noch etwas, was ebensoviel war, wo nicht noch mehr: +Er war beseelt von dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten +Menschenliebe und wollte mit ganzer Seele nur das Beste. +Er dachte immer zuerst an das Glück des Landes und ganz +zuletzt erst ein wenig an sich selber. Edlen Menschen entgegenzukommen, +gute Zwecke befördern zu helfen war seine Hand +immer bereit und offen. Es war in ihm viel Göttliches. Er +hätte die ganze Menschheit beglücken mögen. Liebe aber erzeugt +Liebe. Wer aber geliebt ist, hat leicht regieren.</p> + +<p><a class="page" name="Page_283" id="Page_283" title="283"></a>Und drittens: Er war größer als seine Umgebung. Neben +zehn Stimmen, die ihm über einen gewissen Fall zu +Ohren kamen, vernahm er die elfte, bessere, in sich selber. +Fremde Zuflüsterungen glitten an ihm ab, und er kam nicht +leicht in den Fall, etwas Unfürstliches zu begehen, indem er +das zweideutig gemachte Verdienst zurücksetzte und empfohlene +Lumpe in Schutz nahm. Er sah überall selber, urteilte selber, +und hatte in allen Fällen in sich selber die sicherste Basis. +Dabei war er schweigsamer Natur, und seinen Worten +folgte die Handlung.«</p> + +<p>Wie leid tut es mir, sagte ich, daß ich nicht viel mehr +von ihm gekannt habe als sein Äußeres; doch das hat sich +mir tief eingeprägt. Ich sehe ihn noch immer auf seiner +alten Droschke, im abgetragenen, grauen Mantel und Militärmütze +und eine Zigarre rauchend, wie er auf die Jagd +fuhr, seine Lieblingshunde nebenher. Ich habe ihn nie anders +fahren sehen als auf dieser unansehnlichen alten Droschke. +Auch nie anders als zweispännig. Ein Gepränge mit sechs +Pferden und Röcke mit Ordenssternen scheint nicht sehr nach +seinem Geschmack gewesen zu sein.</p> + +<p>»Das ist,« erwiderte Goethe, »bei Fürsten überhaupt +kaum mehr an der Zeit. Es kommt jetzt darauf an, was +einer auf der Wage der Menschheit wiegt; alles übrige ist +eitel. Ein Rock mit dem Stern und ein Wagen mit sechs +Pferden imponiert nur noch allenfalls der rohesten Masse +und kaum dieser. Übrigens hing die alte Droschke des +Großherzogs kaum in Federn. Wer mit ihm fuhr, hatte +<a class="page" name="Page_284" id="Page_284" title="284"></a>verzweifelte Stöße auszuhalten. Aber das war ihm eben recht. +Er liebte das Derbe und Unbequeme und war ein Feind aller +Verweichlichung.«</p> + +<p>Spuren davon, sagte ich, sieht man schon in Ihrem Gedicht +Ilmenau, wo sie ihn nach dem Leben gezeichnet zu haben +scheinen.</p> + +<p>»Er war damals sehr jung,« erwiderte Goethe, »doch +ging es mit uns freilich etwas toll her. Er war wie ein edler +Wein, aber noch in gewaltiger Gärung. Er wußte mit +seinen Kräften nicht wo hinaus, und wir waren oft sehr +nahe am Halsbrechen. Auf Parforcepferden über Hecken, +Gräben und durch Flüsse, und bergauf, bergein sich tagelang +abarbeiten, und dann nachts unter freiem Himmel kampieren, +etwa bei einem Feuer im Walde: das war nach seinem Sinne. +Ein Herzogtum geerbt zu haben war ihm nichts, aber hätte +er sich eines erringen, erjagen und erstürmen können, das +wäre ihm etwas gewesen.</p> + +<p>Das Ilmenauer Gedicht,« fuhr Goethe fort, »enthält +als Episode eine Epoche, die im Jahre 1783, als ich es +schrieb, bereits mehrere Jahre hinter uns lag, so daß ich mich +selber darin als eine historische Figur zeichnen und mit meinem +eigenen Ich früherer Jahre eine Unterhaltung führen +konnte. Es ist darin, wie Sie wissen, eine nächtliche Szene +vorgeführt, etwa nach einer solchen halsbrecherischen Jagd +im Gebirge. Wir hatten uns am Fuße eines Felsens kleine +Hütten gebaut und mit Tannenreisern gedeckt, um darin auf +trockenem Boden zu übernachten. Vor den Hütten brannten +<a class="page" name="Page_285" id="Page_285" title="285"></a>mehrere Feuer, und wir kochten und brieten, was die Jagd +gegeben hatte. Knebel, dem schon damals die Tabakspfeife +nicht kalt wurde, saß dem Feuer zunächst und ergötzte die +Gesellschaft mit allerlei trockenen Späßen, während die +Weinflasche von Hand zu Hand ging. Seckendorf, der +schlanke, mit den langen, feinen Gliedern, hatte sich behaglich +am Stamm eines Baumes hingestreckt und summte allerlei +Poetisches. Abseits, in einer ähnlichen, kleinen Hütte, lag der +Herzog im tiefen Schlaf. Ich selber saß davor, bei glimmenden +Kohlen, in allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlungen +von Bedauern über mancherlei Unheil, das meine +Schriften angerichtet. Knebel und Seckendorf erscheinen mir +noch jetzt gar nicht schlecht gezeichnet, und auch der junge Fürst +nicht, in diesem düstern Ungestüm seines zwanzigsten Jahres.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,<br /></span> +<span class="i0">Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;<br /></span> +<span class="i0">Der Unfall lauert an der Seite<br /></span> +<span class="i0">Und stürzt ihn in den Arm der Qual.<br /></span> +<span class="i0">Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung<br /></span> +<span class="i0">Gewaltsam ihn bald da bald dort hinaus,<br /></span> +<span class="i0">Und von unmutiger Bewegung<br /></span> +<span class="i0">Ruht er unmutig wieder aus.<br /></span> +<span class="i0">Und düster wild an heitern Tagen,<br /></span> +<span class="i0">Unbändig, ohne froh zu sein,<br /></span> +<span class="i0">Schläft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen,<br /></span> +<span class="i0">Auf einem harten Lager ein.<br /></span> +</div></div> + +<p><a class="page" name="Page_286" id="Page_286" title="286"></a>So war er ganz und gar. Es ist darin nicht der kleinste +Zug übertrieben. Doch aus dieser Sturm- und Drangperiode +hatte sich der Herzog bald zu wohltätiger Klarheit durchgearbeitet, +so daß ich ihn zu seinem Geburtstage im Jahre +1783 an diese Gestalt seiner früheren Jahre sehr wohl erinnern +mochte.</p> + +<p>Ich leugne nicht, er hat mir anfänglich manche Not +und Sorge gemacht. Doch seine tüchtige Natur reinigte sich +bald und bildete sich bald zum besten, so daß es eine Freude +wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.«</p> + +<p>Sie machten, bemerkte ich, in dieser ersten Zeit mit ihm +eine einsame Reise durch die Schweiz.</p> + +<p>»Er liebte überhaupt das Reisen,« erwiderte Goethe, +»doch war es nicht sowohl, um sich zu amüsieren und zu +zerstreuen, als um überall die Augen und Ohren offen zu +haben und auf allerlei Gutes und Nützliches zu achten, das +er in seinem Lande einführen könnte. Ackerbau, Viehzucht +und Industrie sind ihm auf diese Weise unendlich viel schuldig +geworden. Überhaupt waren seine Tendenzen nicht persönlich +egoistisch, sondern rein produktiver Art, und zwar +produktiv für das allgemeine Beste. Dadurch hat er sich +denn auch einen Namen gemacht, der über dieses kleine Land +weit hinausgeht.«</p> + +<p>Sein sorgloses einfaches Äußere, sagte ich, schien anzudeuten, +daß er den Ruhm nicht suche und daß er sich wenig +aus ihm mache. Es schien, als sei er berühmt geworden ohne +sein weiteres Zutun, bloß wegen seiner stillen Tüchtigkeit.</p> + +<p><a class="page" name="Page_287" id="Page_287" title="287"></a>»Es ist damit ein eigenes Ding,« erwiderte Goethe. »Ein +Holz brennt, weil es Stoff dazu in sich hat, und ein Mensch +wird berühmt, weil der Stoff dazu in ihm vorhanden. +Suchen läßt sich der Ruhm nicht, und alles Jagen danach +ist eitel. Es kann sich wohl jemand durch kluges Benehmen +und allerlei künstliche Mittel eine Art von Namen machen. +Fehlt aber dabei das innere Juwel, so ist es eitel und hält +nicht auf den andern Tag.</p> + +<p>Ebenso ist es mit der Gunst des Volkes. Er suchte sie +nicht und tat den Leuten keineswegs schön; aber das Volk +liebte ihn, weil es fühlte, daß er ein Herz für sie habe.«</p> +</div> + +<p><a class="page" name="Page_288" id="Page_288" title="288"></a></p> +<div class="advertisements"> +<h1>Werke von Jakob Wassermann</h1> + +<p><em class="larger">Die Juden von Zirndorf.</em> Roman. Neubearbeitete Ausgabe. +Vierte Auflage.</p> + +<p><em class="larger">Die Geschichte der jungen Renate Fuchs.</em> Roman. Dreizehnte +Auflage.</p> + +<p><em class="larger">Der Moloch.</em> Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage.</p> + +<p><em class="larger">Der niegeküßte Mund – Hilperich.</em> Novellen.</p> + +<p><em class="larger">Alexander in Babylon.</em> Roman. Neubearbeitete Ausgabe. +Fünfte Auflage.</p> + +<p><em class="larger">Die Schwestern.</em> Drei Novellen. Dritte Auflage.</p> + +<p><em class="larger">Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens.</em> Roman. +Neue wohlfeile Ausgabe. Neunte Auflage.</p> + +<p><em class="larger">Die Masken Erwin Reiners.</em> Roman. Achte Auflage.</p> + +<p><em class="larger">Der goldene Spiegel.</em> Erzählungen in einem Rahmen. Achte +Auflage.</p> + +<p><em class="larger">Die ungleichen Schalen.</em> Fünf einaktige Dramen.</p> + +<p><em class="larger">Faustina.</em> Ein Gespräch über die Liebe. Zweite Auflage.</p> + +<p><em class="larger">Der Mann von vierzig Jahren.</em> Roman. Zehnte Auflage.</p> + + +<h2>S. Fischer, Verlag, Berlin</h2> + + +<p class="printer">Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p>Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der 1915 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p> + +<p> +p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten<br /> +p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger<br /> +p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer<br /> +p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer<br /> +p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen<br /> +p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler<br /> +p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn<br /> +p 195: Im Jahre 1656 -> 1756<br /> +p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen<br /> +p 234: [Punkt ergänzt] wie er selbst es geführt.<br /> +p 274: [Punkt ergänzt] alle Zuschauer durchzuckte. +</p> + +<p>Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei +folgenden Wörtern:</p> + +<p> +Inful: Stirnbinde, Bischofsmütze<br /> +Gelahrtheit: veraltet/dichterisch: Gelehrtheit +</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p>Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print +edition published in 1915 by S. Fischer. The table below lists all +corrections applied to the original text.</p> + +<p> +p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten<br /> +p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger<br /> +p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer<br /> +p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer<br /> +p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen<br /> +p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler<br /> +p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn<br /> +p 195: Im Jahre 1656 -> 1756<br /> +p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen<br /> +p 234: [added period] wie er selbst es geführt.<br /> +p 274: [added period] alle Zuschauer durchzuckte. +</p> + +<p>The original spelling has been maintained throughout the book.</p> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by +Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE CHARAKTERE *** + +***** This file should be named 18258-h.htm or 18258-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/2/5/18258/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://dp.rastko.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/18258-h/images/boettiger.png b/18258-h/images/boettiger.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c7feef9 --- /dev/null +++ b/18258-h/images/boettiger.png diff --git a/18258-h/images/boettiger_th.png b/18258-h/images/boettiger_th.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d8e08c4 --- /dev/null +++ b/18258-h/images/boettiger_th.png diff --git a/18258-h/images/danckelmann.png b/18258-h/images/danckelmann.png Binary files differnew file mode 100644 index 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