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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:52:55 -0700
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@@ -0,0 +1,7175 @@
+The Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by
+Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Deutsche Charaktere und Begebenheiten
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: April 26, 2006 [EBook #18258]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE CHARAKTERE ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://dp.rastko.net
+
+
+
+
+
+
+ Deutsche Charaktere
+ und
+ Begebenheiten
+
+
+ Gesammelt und herausgegeben
+ von
+ Jakob Wassermann
+
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+ 1915
+
+
+
+ Mit elf Abbildungen.
+
+ Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung.
+ _Erste bis vierte Auflage._
+
+
+
+[Illustration: Hochzeitsfeier im Jahre 1548, nach einem Bildteppich im
+Kunstgewerbemuseum zu Berlin.]
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
+
+Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen . . . . . 23
+ nach Vehse
+
+Böttiger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
+ nach Vehse
+ und Schmieder, Geschichte der Alchimi
+
+Moritz von Sachsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
+ nach Vehse
+
+Wallenstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
+ nach Vehse
+
+Leonhard Thurneyßer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
+ nach Vehse
+ und Dr. Möhsen
+
+Danckelmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
+ nach Vehse
+
+Kaiser Rudolf II. und sein Hof . . . . . . . . . . . . . 131
+ nach Vehse
+
+Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel,
+mit Herrn Reichard Strein . . . . . . . . . . . . . . . . 145
+ nach Hohenecks
+ »Stände Östreichs ob der Ems«
+
+Friedrich Wilhelm I. von Preußen . . . . . . . . . . . . 148
+ nach Vehse
+
+Joachim Nettelbeck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
+ nach seiner Autobiographie
+
+Christian Holzwart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
+ nach dem Neuen Pitaval
+
+Karl August von Weimar . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
+ nach Vehse, Briefen
+ Eckermanns Gesprächen mit Goethe
+
+
+
+
+Vorwort
+
+
+Die folgende Zusammenstellung deutscher Schicksale und Ereignisse ist
+zum größten Teil bereits vor drei Jahren abgeschlossen gewesen, ich
+hatte aber die Veröffentlichung in dem Gefühl verschoben, daß ein
+solches Buch mehr als ein anderes von einem Bedürfnis gefordert werden
+müsse. Der gegenwärtige Krieg, den wir Deutsche als einen Nationalkrieg
+empfinden, macht es zur Pflicht, in der Erinnerung des Volkes die Bilder
+einiger seiner merkwürdigsten Männer wachzurufen. Es kam darauf an, das
+festzuhalten, was im allgemein Gültigen zugleich das begrenzteste
+Persönliche gibt; darum mußte ich den ursprünglichen Plan des Werkes
+verändern und diejenigen Lebensbeschreibungen, Erzählungen und Anekdoten
+entfernen, die mehr Romanhaftes und Interessantes hatten als
+Exemplarisches, mehr äußeren Bezug als inneren, mehr Oberfläche als
+Gehalt. Die Darstellung ist nicht die meine, sie ist zumeist wörtlich
+die der Historiker und der Quellen, die im Inhaltsverzeichnis namentlich
+angeführt werden; ich habe das Material übernommen, wie es sich bot, mit
+keinem andern Maßstab messend, als mit dem der fühl- und spürbaren
+Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, nur nach dem Gesichtspunkt ordnend, den
+ein natürlicher Überblick ergab. Den außerordentlichen Schicksalen,
+dient nur das Wort treu ihrem Verlauf, wohnt soviel Überzeugungskraft
+von selber inne, daß Stilkünste sie nur verschleiern und verzerren
+können, und wenn irgendwo, gilt hier der Feuerbachsche Ausspruch: Stil
+ist die Weglassung des Unwesentlichen. Es ist dieselbe Prozedur, die von
+der Geschichte, der Überlieferung in den meisten Fällen so gesetzmäßig
+und methodisch besorgt wird, wie von einem Strom, der alles trübe
+Gemengsel und unreinen Stoffe alsbald an die Ufer schwemmt oder auf den
+Grund sinken läßt.
+
+Ich habe es auch unterlassen, zwischen den losen Stücken durch
+Ausdeutung oder Betrachtung künstliche Brücken herzustellen; das
+Gemeinsame liegt in ihrem Geist und Wesen, die scheinbare Willkür in der
+Wahl kann sich nur auf einen Zwang der Phantasie berufen, die
+Entscheidung gab allein ihre deutsche Herkunft und deutsche
+Beschaffenheit.
+
+Unabweisbar drängt sich hier die Frage auf: Was ist ein deutscher
+Charakter, was ist ein deutsches Schicksal, was ist ein deutsches
+Ereignis?
+
+ * * * * *
+
+Spreche ich vom Deutschen schlechthin, so postuliere ich eine Gestalt,
+die aus der Erfahrung gezogen und zur Idee gesteigert ist; als solche
+schließt sie eine Summe von Eigenschaften in sich, welche sowohl dem
+Wesen des Volkes als Ganzes zukommen, als auch dem uns überlieferten
+Bilde repräsentativer Männer entsprechen. Den Maßstab hierzu liefert
+mir das lebendige und fließende Element der Geschichte. Indem sie mir
+eine zergliederte, beseelte Nachricht über das Ereignis gibt, wie auch
+über die Personen, die in ihm eine Rolle gespielt haben, erlaubt sie mir
+zugleich, Ereignis und Figur zu deuten, in freier Betrachtung zu
+erweitern und zu verallgemeinern. Das Gesetz begreifen, das Schicksal
+fühlen, die auf dem von der Menschheit bisher beschrittenen Weg gewaltet
+haben, ist das einzige Mittel, die Wege ihrer Zukunft wenigstens
+flüchtig und ahnend zu erleuchten.
+
+In diesem Sinne hat man vom deutschen Charakter zu reden und ihn als ein
+Umgrenztes und Unterscheidendes zu erklären. Es wäre nicht einmal
+notwendig, auf Stammeseigentümlichkeiten zu verweisen, auf ausgebildete
+und in jeder Landschaft anders geartete Merkmale der Sprache, auf die
+Landschaftsformen selbst, auf die wechselnden Lebensbedingungen, das
+größere oder geringere Maß von Freiheit, von Wohlfahrt, von
+Begünstigungen, die die Natur gewährt oder die durch vornehmliche Kraft,
+Tapferkeit, durch Fleiß oder Glück erworben wurden; man kann in einem so
+reichen, ja unendlich scheinenden Organismus, wie es eine Nation ist,
+eine unendliche Vielfalt und Variabilität der Lebenskristallisationen
+feststellen, und doch wird die Nation in ihrer Gesamtheit gegen eine
+andere, sei es auch benachbarte, sogar verwandte Nation ein völlig
+verschiedenes Lebens- und Wesensbild zeigen. Es eignet eben jeder
+Nation, genau wie jedem einzelnen, ihr besonderes Fundament, ihre
+besondere Willenskraft, ihre besonderen Ziele, und in der
+Zusammenfassung erleidet sie jenes Schicksal, zu dem ihr Charakter den
+Grund legt.
+
+Der Deutsche ward nicht in einem Garten geboren, die Natur hat ihn nicht
+verschwenderisch beschenkt. Die Berichte aus der Vorzeit erzählen schon
+von dem rauhen Klima und der Kargheit des Landes, das seine Bewohner zu
+unermüdlicher Arbeit aufforderte und durch Überfluß nicht verwöhnte.
+Seitdem ist die Erde williger geworden, die Atmosphäre milder, aber die
+Fülle oder nur die unerwartete Gabe hat der Bauer nie erfahren, der
+Gärtner, der Obstzüchter nie; genau nach dem Maß seines Tuns ward ihm
+gelohnt.
+
+Das Leben des Urvolks war gewiß dem Kindheitszustand aller andern Völker
+ähnlich; an den Grenzen finden die Feinde nur wenig natürliche
+Hindernisse; kriegerische Horden, von Osten und Westen her eindringend,
+zerstampfen die Saaten, verwüsten die Siedlungen; kann der Aufruf des
+Fürsten Bewaffnete genug erreichen und sammeln, so zieht er dem Bedroher
+entgegen und stellt ihn in freier Feldschlacht; ist er zu solchem
+Unternehmen zu schwach, so verschanzen sich die Mannen in ihren festen
+Plätzen. Immerhin mußte der Deutsche als Bewohner des Herzlands Europas
+mehr als andre drauf gefaßt sein, daß alles, was er baute und schuf, was
+er säte und sparte, was er liebte und schmückte, seine Bäume und sein
+Vieh, sein Heim und seine Kinder, sein Land und alle Werke darin, die
+Beute von schweifenden Eroberern wurde.
+
+Aber da eine feste politische Grenze nicht vorhanden war, konnte jeder
+Nachbar jederzeit zum Gegner, der Freund von gestern zum Feind von
+morgen werden. Die Folge davon, eine immer größere Zerstückelung des
+Gebiets, eine beständige Lostrennung einzelner Teile, die sich dann zu
+selbstwilligen und der Gesamtheit trotzig entgegengesetzten
+Interessensphären entwickeln, trat gar bald ein und enthüllte sich als
+ein nationales Unglück. Um das Jahr 1200 war ganz Deutschland der
+Schauplatz aufreibender egoistischer Kämpfe und eines Faustrechts, das
+jeden Besitz und jede friedliche Arbeit gefährdete. Um ihren Handel zu
+schützen, auf welchem allein der Wohlstand, ja die Existenz des
+Bürgertums beruhte, mußten die Städte zu Mitteln greifen, die sie auch
+als wehrhafte Macht in Achtung setzten, und nach und nach wurde jede
+Stadt, auch die nicht reichsfreie, zu einer Art von Republik. Da
+entstand nun die schönste und eigentümlichste Blüte der Volkskraft, ein
+beständiges inneres Wachstum bis in die Zeit der Reformation. Die großen
+Schwurgesellschaften übernahmen den Schutz des Privatlebens und
+ersetzten so den Staat, alle einzelnen traten in Genossenschaften
+zusammen, und diese wieder standen durch Bünde gegeneinander.
+
+Drohende Gefahr macht Wachsamkeit zur ersten Tugend. Ordnung muß die
+Vielzahl ersetzen, Zucht ist das Gebot, das die Freiheit fördert. Der
+Mann ist König in seinem Haus, Diener in brüderlichen Verbänden. Nur
+Arbeit verleiht Würde, nur Bewährung einen Vorrang, und ohne Hingebung
+an eine Sache wird der Geist für nichts geachtet. Wenn aber der Geist
+sich zur Sachlichkeit gesellt, entsteht die Idee, die das Individuum
+formt und das Gemeinwesen entwicklungsfähig macht. Welche Wege auch
+immer der Ritter, der Junker, der Gutsherr, der Bauer einschlug, die
+Zukunft der Nation lag in den Händen des Bürgers.
+
+Fast jede Stadt hatte etwas trotzig Ernstes, ja Finsteres; ihre Häuser
+drängten sich wie Männer, die Achsel an Achsel stehen, so dicht
+zusammen, daß für ein Blumenbeet der Raum nicht blieb. Die
+spitzgiebeligen Dächer erschienen als Wahrzeichen der zur Höhe
+gedrängten Kraft, die engen Gassen gaben das Gefühl der Umschlossenheit,
+und alles Schmuckwerk wuchs gleichsam aus der Not: die Zierlichkeit
+massiver Gitter, die geschwungenen Steinquadern unerschütterlicher
+Brücken, die Feinheit und zarte Gliederung erhabener Dome, deren
+ursprünglich fremde Formen dem deutschen Leben und Wesen immer mehr zu
+eigen wurden.
+
+Während alle andern abendländischen Völker verhältnismäßig früh zur
+Bildung eines staatlichen Organismus gelangten, war dies bei den
+Deutschen erst im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts der Fall.
+Deutsche Zerrissenheit war das Merkwort, mit dem sich der Deutsche
+selbst in die Unabänderlichkeit eines Weltzustandes ergab. Dies ist eine
+Tatsache, deren Grund zu erforschen sich wohl lohnt.
+
+Nach allem, was wir von dem Volk der Germanen wissen, scheint es, als ob
+ihr religiöses Leben durch den Eintritt in das Christentum eine
+bedeutende Störung erlitten, als ob eine natürliche Entfaltung ihrer
+religiösen Anlage ein andres Ergebnis gehabt hätte als das durch die
+Geschichte hervorgebrachte. Darauf läßt namentlich die immer wieder
+zutage tretende Abneigung der Deutschen gegen den Klerus, gegen das
+Papsttum und seine unumschränkte Gewalt schließen. Der Papst strebte
+nach Weltherrschaft; ein Weltimperium zu schaffen war auch der tiefe
+Wille der Deutschen; ist es nicht denkbar, daß die eingeborne Macht
+dieser Idee dadurch gebrochen worden ist, daß die Kaisergeschlechter der
+Salier, Franken und Schwaben eine Art Kompromiß schlossen, indem sie
+eine römische Weltherrschaft auf deutschem Boden gründen, die Nation in
+ein römisches Kaisertum verwandeln wollten? Es war dies eine poetische
+Idee und nicht eine politische, und darin liegt das Verhängnis, darin
+der Irrtum, der Stillstand, die Unfruchtbarkeit. Der Zug über die Alpen:
+das romantische Abenteuer; Italien, die zweite Heimat, Provinz des
+Lichtes und der Schönheit, der holde Traum, die Lockung der
+Jahrhunderte.
+
+Immer wieder setzen die Kräfte an diesem Punkte an, immer wieder brechen
+sie hier. Es lebte im Volk ein unbeirrbarer, bis ins Unbewußte
+gedrungener Glaube, daß es die Herrenrolle in Europa wieder übernehmen
+werde, die nach alten Überlieferungen die Ahnen der Vorzeit innegehabt;
+aber diese Überzeugung kam stets nur in den Leistungen und Werken
+einzelner zum Ausdruck und entbehrte dann auch nicht der Schwermut und
+Klage; das Staatswesen schien davon unberührt zu bleiben. Während die
+Reformation, diese deutscheste Bewegung in der deutschen Geschichte, die
+langersehnte geistige Befreiung schafft, findet der Staat im Kaiserhaus
+selbst einen Feind, der ihn beständig an Rom und an die Romanen verrät,
+und die Hoffnung der Freien und Befreiten wird durch den Dreißigjährigen
+Krieg, das größte Unglück, von welchem je ein Volk getroffen wurde,
+erstickt. Langsam sammeln sich die Kräfte wieder; es ist ein erhabenes
+Zeugnis für die der Nation innewohnende Tüchtigkeit und Kraft, daß sie
+kaum eines Jahrhunderts bedarf, um zu einer Blüte der Bildung und des
+geistigen Lebens zu gelangen, wie sie die Geschichte keines andern
+Volkes kennt, eine Blüte allerdings, die nach Gustav Freytags tiefem
+Wort die wundergleiche Schöpfung einer Seele ohne Leib ist.
+
+Erst mit dem Heraufkommen des preußischen Staates kündigt sich eine neue
+und verheißungsvolle Periode des nationalen Lebens an. Ein neues
+Lebensgesetz wird von den einzelnen ergriffen und bindet sie. Gleichsam
+gereinigt in der Glut geistiger Erlebnisse, vor einen reinen Spiegel
+hingestellt durch das Genie der Dichter, das Beispiel großer Feldherrn,
+großer Fürsten und im wahren Sinn protestantischer Volksfreunde,
+erkennen die Führer, erkennt das Volk die Notwendigkeit politischer
+Sammlung und finden den Weg, das Ideal praktisch zu verwirklichen. Alte
+Instinkte trotziger Selbständigkeit werden niedergezwungen und dem
+Allgemeinen dienstbar gemacht, schädliches Fremdes wird ausgeschieden,
+nützlich und tüchtig Fremdes angeschmolzen.
+
+[Illustration: Ziethen, nach einem Stich von Townley.]
+
+In preußischer Zucht und Schule wächst das neue Deutschland zur
+Erkenntnis und zur Erfüllung seiner Aufgabe heran. Dort vollzieht sich
+die Sonderung, die Wandlung, der Zusammenschluß. Ein König, dessen
+unerschütterliche Energie im Bewahren, Sammeln und Vorbereiten ihn zum
+Werkzeug des Schicksals und zum wahren Zimmermann der Fundamente macht,
+gibt aus scheinbar bürgerlicher Enge das ungeheure Wort von der
+Suveränität, die er als einen #rocher de bronze# statuiere, und ein
+Philosoph in ebenso scheinbarer bürgerlicher Enge formuliert den
+kategorischen Imperativ als Stützpunkt einer die ganze moderne Welt
+überwölbenden Moral- und Sittenlehre.
+
+Friedrich der Große war dann der Gestalter, wenn auch nicht der
+Vollender, die Verkörperung wesentlicher politischer und
+organisatorischer Eigenschaften, mit denen die neue Zeit ihre Arbeit
+beginnen konnte. Vielleicht war ihm am Ende seiner unvergleichlichen
+Laufbahn noch nicht einmal bewußt, wie sehr er Bürger war, indem er
+König war. Und da seine Taten ihn zum Helden machten, schuf er eben
+dadurch, daß er König und Bürger zugleich war, einen neuen Begriff des
+Heroischen, der durch seine Einfachheit und Menschlichkeit vorbildlich
+wurde. In ihm hat das deutsche Gesicht seine krönende Gültigkeit
+erhalten und seinen beredtesten Ausdruck.
+
+Das deutsche Gesicht! Es schwebt mir Christoph Ambergers Bildnis eines
+Augsburger Patriziers vor, und Holbeins Bildnis des Bürgermeisters
+Meyer, und Lukas Cranachs Bildnis eines alten Mannes; ich denke an
+Luthers Gesicht, an Keplers Gesicht, an Scharnhorsts und Nettelbecks
+Gesicht, an Sebastian Bachs und an Moltkes Gesicht; es sind immer
+dieselben Züge wie die von Brüdern und Gefährten in der Reihe der
+wechselnden Geschlechter.
+
+Sie wissen den Tod, ohne ihn zu sehen, sie spüren ihn, ohne ihn zu
+fürchten. Wie der Tod innerstes Gefühl wird, ist in dem Dürerschen
+Porträt des Patriziers Oswald Grell über alle Beschreibung wahr
+ausgedrückt, neben einem Antlitz von feierlich ernster Versunkenheit ist
+eine Landschaft mit zarten Bäumen hingesetzt wie die Vision einer
+höheren Welt.
+
+Was macht ihr Auge so schön, so merkwürdig? Ist es der traumvolle Blick,
+der dennoch im Lichte badet, die Güte ohne Weichheit, die Strenge ohne
+Härte? Oder das Wissen um menschliche Dinge, um die deutsche Not, die
+Menschennot? Es wohnt ein Horchen in ihm, wie durch Stimmen aus der
+Überwelt erzeugt, ein ungewisser Schimmer, der auf Vertrautheit mit den
+letzten Entscheidungen des Schicksals deutet. Im Schluß der Lippen liegt
+ein bewältigter Zorn, der sich bald in Trauer wenden mag, oder eine
+Stille, die die Resignation trotzig ablehnt; die Nase ersteht aus
+Gruben, die von Seelenleiden ausgehöhlt sind, und um die Schläfen zuckt
+es wie Nachgewitter von Leidenschaften, die gegen die Mitte der Stirne
+hin sich in einen See ruhiger und reiner Gedanken auflösen.
+
+Dem Deutschen ward verliehen, die Dinge zu sehen und durch die Dinge
+hindurch sich in ein Verhältnis zu Gott zu begeben. Zwischen ihm und
+Gott steht das Ding; das Ding wird sein eigen oder Gott wird sein eigen,
+er wird Gottes oder auch des Dinges. Symbolisch groß sieht man deshalb
+auf der Dürerschen Melancholia eine Leiter, eine Sanduhr, einen Zirkel,
+einen Würfel, ein Winkelmaß und manche andere »Dinge«.
+
+In vielen deutschen Märchen ist der schlummernde Königssohn, der
+Schläfer, Siebenschläfer, Scheinschläfer eine Figur wie aus
+Selbstanklage und dunkler Verheißung gewebt. Leicht versank der Deutsche
+in sich selbst, verlor sich, vergaß sich, verspielte sich, versäumte die
+Stunde, die Gelegenheit, die Tat. Kehrte er aber einmal sein Inwendiges
+nach außen, so war seine Tat so heftig, wie vorher der Traum von ihr
+glühend. Es mußte aber ein Unbedingtes sein, ein Höheres, gleichsam
+nicht mehr das Ding, sondern Gott, was ihn wandelte. Dann bot er sich
+zum Opfer an, und das Opfer war ihm selbstverständlich, die eigene
+Person stets der Preis, den er ohne Prahlerei, mit vollkommener
+Einfachheit des Gemütes einsetzte.
+
+Niemand kann kleiner sein als der Deutsche, wenn ihn die Alltäglichkeit
+beherrscht, niemand platter und lichtloser; niemand aber auch größer,
+wenn das Unbedingte an ihn herantritt, das Pathos großer Ereignisse ihn
+hinaufreißt. In keiner Sprache gibt es ein Wort, das den Zustand
+unnützer und spielerischer Wehrhaftigkeit so in den Bereich des
+Komischen stellte wie das Wort Spießbürger; aber in keiner auch ein
+Wort, das höchste Tugend so karg und metallen ausdrückte, wie das Wort
+Held. Spießbürger und Held, das sind die Pole deutschen Lebens, und daß
+aus einem Spießbürger ein Held werden kann, hat der Deutsche in jeder
+Stunde der Gefahr bewiesen. Hierzu brauchte er nur den Glauben an die
+Gerechtigkeit der Sache; es durfte nur der Sache nichts Erschlichenes
+anhaften, nichts Künstliches, nichts Verfeinertes, nichts Advokatisches;
+sie mußte sozusagen rauh und urtümlich sein und ihn im Mittelpunkt des
+Herzens treffen, dann wurde sein Herz zum Mittelpunkt der Welt.
+
+Seine Anteilnahme kann bis zur Unbequemlichkeit lärmen, doch seine
+Begeisterung ist fast immer von stiller Art. Romanischen Völkern eignet
+oft eine Begeisterung ohne Tiefe, eine müßige und eitle, der
+begleitenden Tat ermangelnde; deutsche Begeisterung ist wie Essenfeuer;
+Hammer und Amboß, Huf und Schwert sind nicht weit davon entfernt. Der
+still Begeisterte, mehr Erglühte als Entflammte, das ist der Mensch, der
+des Fanatismus nicht fähig ist, und die Zustände jenseit der
+Selbstbesinnung finden wir beim Deutschen mehr im Gebiet des Religiösen
+und rein Geistigen, der Mystik und des Prophetentums, als in dem der
+Politik und des gemeinen Lebens.
+
+So ist auch das Exzentrische dem deutschen Wesen fremd; seine Anlage ist
+konzentrisch. Er ist gefaßt; er weiß um seine Grenzen, wennschon sein
+Verlangen stets nach dem Grenzenlosen geht. Er ist beschaulich, bleibt
+aber nicht im Bilde ruhen, sondern verirrt sich gern in die Labyrinthe
+der Spekulation. Alles muß für ihn Bezug haben, Verbindung, Folge, –
+insoweit es das Geistige betrifft; daher seine Schwerfälligkeit, seine
+Pedanterie, sein Respekt vor dem Wissen, sein Zuviel an Schulbildung,
+sein Mangel an Glätte, an Schmiegsamkeit und an Manier. Insoweit es
+aber das Gemüthafte betrifft, braucht er keinen Bezug und achtet keine
+Folge; da wird ihm die Welt zum einheitlichen Gebilde, das Schicksal ein
+gerechter Herr, und in seiner Seele ist die Menschheit.
+
+Wichtig vor allem ist ihm die Scholle; erstes Gesetz, die Hantierung,
+die er gelernt, zur Vollkommenheit auszubilden; einem Herrn zu dienen
+Bedürfnis und Freude; einen großen Gedanken in seiner Brust zu hegen und
+zu wärmen beinahe Kultus. In den Zeiten seiner politischen Unreife
+übersah er, daß die Scholle nur ein winziger Teil des Ganzen ist und
+segensvoller gedeiht, wenn auf der Nachbarscholle nicht der beargwöhnte
+Gegner, sondern der mitwirkende Freund haust; bedachte er nicht, daß die
+Hantierung vom Allgemeinen aus- und zum Allgemeinen zurückgehen muß,
+damit ineinanderwachsende Kräfte durch Überlieferung erstarken und
+erblühen können und nicht das einzelne vereinzelt mit sich selber
+stirbt; mißkannte er, daß es keinen Herrn gibt, der nicht der Diener
+seiner Diener ist; versäumte es, sich zum Herren seiner Herren zu machen
+und so, im Geflecht von Ordnung und Herrschaft, von Bürgerpflichten und
+Herrenrechten, von Herrenpflichten und Bürgerrechten das glückliche
+Glied eines glücklichen Volkes zu werden.
+
+Dies ist anders geworden. Es war ein Prozeß, so schwierig und
+langwierig, daß die Besten immer wieder an ihrer Hoffnung verzweifelten
+und das Blut edler Märtyrer vergeblich geopfert schien. Der Prozeß ist
+gewonnen. Das verflossene Jahrhundert hat die deutsche Nation
+wiedergeboren, sie aus romantischer Dämmerung an den lichten Tag der
+Geschichte geführt und ihr, in Pflicht und Liebe, in Neigung und
+Interesse das Reich der Realität geöffnet. »Der Realismus, welchen man
+rühmend oder zürnend die Signatur der Gegenwart nennt,« sagt Gustav
+Freytag, »ist in Kunst und Wissenschaft, im Glauben wie im Staate nichts
+als die erste Bildungsstufe einer aufsteigenden Generation, welche das
+Detail des gegenwärtigen Lebens nach allen Richtungen zu vergeistigen
+sucht, um dem Gemüt neuen Inhalt zu geben.«
+
+Der Deutsche hat die ihm gemäße Art von Politik gefunden; ich möchte sie
+die Politik des unbeirrbaren Triebes nennen; die Politik der Entfaltung,
+der Erkenntnis und der Bestimmung. Sie kann der Winkelzüge, der
+veralteten Rezepte und geheimen Wege entraten, da sie auf den
+natürlichen Rechten des Geistes und Herzens ruht, nicht auf
+willkürlichen Machenschaften, sondern auf einer Notwendigkeit und einer
+welthistorischen Idee.
+
+Der Siebenschläfer, aufgewacht ist er ja längst, hat sich auf diesem
+Planeten ein gewaltiges Haus gebaut. Gestern ist es unter Dach gebracht
+worden. Schon grüßen die Tannenreiser vom First.
+
+
+
+
+Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen
+
+
+Nach dem glücklich beendeten Siebenjährigen Krieg sah Friedrich unter
+seinen Tischgenossen vorzüglich gern den alten General Ziethen. Wenn
+gerade keine fürstlichen Personen zugegen waren, mußte Ziethen immer an
+der Seite des Königs sitzen. Einstmals hatte er ihn auch zum Mittagessen
+am Karfreitag eingeladen, aber Ziethen entschuldigte sich; er könne
+nicht erscheinen, weil er an diesem hohen Festtag immer zum heiligen
+Abendmahl gehe und dann lieber in seiner andächtigen Stimmung bleibe; er
+dürfe sich darin nicht unterbrechen und stören lassen. Als er das
+nächstemal zur königlichen Tafel in Sanssouci erschien und die
+Unterredung wie stets einen heiteren, fröhlichen und geistreichen Gang
+genommen hatte, wandte sich der König mit scherzender Miene an seinen
+Nachbar. »Nun, Ziethen,« sagte er, »wie ist Ihm das Abendmahl am
+Karfreitag bekommen? Hat Er den wahren Leib und das wahre Blut Christi
+auch ordentlich verdaut?« Ein lautes spöttisches Gelächter schallte
+durch den Saal der fröhlichen Gäste. Der alte Ziethen aber schüttelte
+sein graues Haupt, stand auf, und nachdem er sich vor seinem König tief
+gebeugt, antwortete er mit fester Stimme: »Eure Majestät wissen, daß ich
+im Kriege keine Gefahren fürchte und überall, wo es darauf ankam, für
+Sie und das Vaterland mein Leben gewagt habe. Diese Gesinnung beseelt
+mich auch heute noch, und wenn es nützt und Sie es befehlen, lege ich
+meinen Kopf gehorsam zu Ihren Füßen. Aber es gibt einen über uns, der
+ist mehr als Sie und ich und mehr als alle Menschen, das ist der Heiland
+und Erlöser der Welt, der für Sie gestorben und uns alle mit seinem Blut
+teuer erkauft hat. Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und
+verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube. Mit der Kraft dieses
+Glaubens hat Ihre brave Armee mutig gekämpft und gesiegt. Unterminieren
+Eure Majestät diesen Glauben, so unterminieren Sie die Staatswohlfahrt.
+Das ist gewißlich wahr. Halten zu Gnaden.«
+
+Die Tafelgesellschaft war totenstill geworden. Der König war sichtbar
+ergriffen. Er erhob sich, reichte dem General die rechte Hand, legte die
+linke auf seine Schulter und sagte: »Glücklicher Ziethen! Möchte ich es
+auch glauben können! Ich habe allen Respekt vor Seinem Glauben. Bewahre
+Er ihn. Es soll nicht wieder geschehen.«
+
+Kein Mensch hatte den Mut, ein Wort weiter zu reden. Auch der König fand
+zu einem andern Gespräch keinen schicklichen Übergang, er hob die Tafel
+auf und gab das Zeichen zur Entlassung. Dem General Ziethen befahl er:
+»Komme Er mit in mein Kabinett.«
+
+
+
+
+Böttiger
+
+
+Unter die große Zahl merkwürdiger Männer, die das achtzehnte Jahrhundert
+in Deutschland hervorbrachte, gehört auch Johann Friedrich von Böttiger,
+der zufällige Erfinder des Porzellans. Böttiger war ein geborener
+Sachse; er ward geboren zu Schleiz im Vogtlande, wo sein Vater bei der
+Münze angestellt war. Da seine Mutter sich zum zweitenmal mit dem
+magdeburgischen Stadtmajor und Ingenieur Tiemann verheiratete, erhielt er
+frühzeitig Unterricht in der Mathematik und in der Fortifikationskunst,
+zeigte aber eine auffallende Neigung zur Chemie. Schon mit zwölf Jahren
+kam er als Lehrling in die Zornsche Apotheke nach Berlin, wo er sich
+sofort aufs Goldlaborieren legte. Er wurde dabei durch den berühmten
+Johann Kunkel aufgemuntert, der im Zornschen Haus verkehrte und von dem
+jungen Menschen so bezaubert war, daß er überall seine Talente und
+Kenntnisse rühmte.
+
+Um diese Zeit reiste ein großer Unbekannter durch Europa, der unter
+mancherlei Namen und vielfach verkleidet auftrat. Er schien kein anderes
+Ziel zu haben, als die Ehre der Alchimie zu retten, und verwendete
+darauf ungeheure Summen, wenn auch mit großer Vorsicht. Wenn die
+Transmutationen nach seinen Angaben versucht wurden und Aufsehen
+erregten, war er immer schon weit entfernt und durch Namenwechsel
+unerreichbar geworden. Er kehrte nicht leicht dahin zurück, wo er schon
+gewesen, oder doch in ganz veränderter Gestalt. Dieser Unbekannte,
+welcher Goldsamen ausstreute, bezeichnete sich, wenn man nach Pässen und
+dergleichen fragte, als einen griechischen Bettelmönch und nannte sich
+Laskaris; er wollte Archimandrit eines Klosters auf der Insel Mytilene
+sein und führte als solcher auch ein Beglaubigungsschreiben des
+Patriarchen von Konstantinopel mit sich. Da er das Griechische vollendet
+sprach und sich auch sonst keine Blöße gab, wurde seinen Angaben
+geglaubt, und man war sogar geneigt, ihn für einen Abkömmling der
+kaiserlichen Familie Laskaris zu halten. Er sammelte Almosen zur
+Loskaufung von Christen, die in türkische Gefangenschaft geraten waren,
+allein man wollte bemerkt haben, daß er weit mehr an die Armen
+verschenkte, als ihm die Kollekte eintrug, und demnach mochte es ihm mit
+seiner Mission wenig ernst sein. Die Nachrichten über ihn beruhen auf
+dem Zeugnis glaubhafter Personen, die ihn als einen Mann von gefälligem
+Betragen schildern, sehr unterrichtet und voll von Interessen, was eher
+auf einen gebildeten Abendländer, als auf einen morgenländischen
+Klosterbruder schließen läßt.
+
+Als der geheimnisvolle Fremde im Jahre 1701 nach Berlin kam, erkundigte
+er sich bei dem Gastwirt, ob es in Berlin auch Alchimisten gebe. An
+dergleichen Narren sei kein Mangel, antwortete treuherzig der Wirt und
+nannte unter anderen den Apotheker Zorn. Der Fremde ging bald darauf in
+die Zornsche Offizin und fragte nach einem chemischen Medikament. Der
+Provisor befahl einem Gehilfen, den Laboranten zu rufen. Es erschien ein
+junger Mensch, der Lehrling Böttiger. Auf die Frage des Fremden, ob er
+dem Laboratorium vorstehe, weil man ihn den Laboranten nenne, erwiderte
+er gutmütig lachend, man tue dies zum Spaß, weil er in seinen
+Nebenstunden zuweilen chemische Experimente mache. Dem fremden Herrn
+gefiel der Jüngling, und zur Einleitung einer näheren Bekanntschaft trug
+er ihm auf, ein Antimoniumpräparat herzustellen und ihm dieses ins
+Gasthaus zu bringen.
+
+Als Böttiger das bestellte Präparat brachte, plauderte der Fremde mit
+ihm. Böttiger wurde zutraulich und gestand, daß er den Basilius
+Valentinus besitze und unverdrossen nach ihm arbeite. Er wiederholte
+seine Besuche und gewann die Gunst des Fremden immer mehr. Als dieser
+endlich abreisen wollte und die Pferde schon warteten, ließ er Böttiger
+noch einmal rufen und eröffnete ihm, daß er selbst das große Geheimnis
+besitze, und schenkte ihm zwei Unzen von seiner Tinktur, mit der
+Anweisung, daß er noch einige Tage davon schweigen, dann aber die
+Wirkung der Tinktur zeigen möge, wenn er wolle, damit man in Berlin die
+Alchimisten nicht mehr Narren schelte.
+
+Nach der Entfernung des Fremden säumte Böttiger nicht, sich von dem Wert
+des Geschenks zu überzeugen. Bald zeigte er den Gehilfen, die ihn bis
+dahin verspottet hatten, gutes Gold als Produkte seiner Kunst und sagte,
+er sei entschlossen, die Pharmazie aufzugeben, nach Halle zu gehen und
+Medizin zu studieren. In der Tat nahm er den Abschied von seinem
+Prinzipal und bezog eine Mietwohnung. Er verkehrte mit Alchimisten,
+vornehmlich mit einem Laboranten namens Siebert. Eines Tages wurde er
+von dem Apotheker Zorn zu Tisch gebeten. Er traf dort zwei Freunde, den
+Pfarrer Winkler von Magdeburg und den Pfarrer Borst von Malchow. Die
+beiden Geistlichen vereinigten sich, dem achtzehnjährigen Menschen
+vorzustellen, daß er zum sicheren Broterwerb zurückkehren und nicht
+einer eingebildeten Kunst nachhängen solle; das Unmögliche, sagten sie,
+könne er doch nicht möglich machen. Er aber erbot sich, das Unmögliche
+sogleich möglich zu machen, und forderte sie auf, Zuschauer zu sein. Die
+ganze Tischgesellschaft verfügte sich nun mit ihm in das Laboratorium.
+
+Hier nahm Böttiger einen Tiegel und wollte Blei darin schmelzen, als
+aber die Gegner sein Blei verdächtig finden wollten, wählte er statt
+dessen Silbergeld von bekanntem Gehalt. Die preußischen
+Zweigroschenstücke waren damals fünflötig, und von diesen nahm er
+dreizehn Stück. Während sie zusammenschmolzen, brachte er eine silberne
+Büchse hervor, die den Stein der Weisen in Gestalt eines feuerroten
+Glases enthielt. Er löste davon einige Körnchen ab, streute sie auf das
+fließende Metall und verstärkte die Glut. Danach reichte er den
+Zweiflern das ausgegossene Metall dar, und staunend überzeugten sich
+diese, daß es zum reinsten Gold geworden war.
+
+Dem Laboranten Siebert zeigte Böttiger eine größere Transmutation in
+andern Metallen. Siebert mußte acht Lot Quecksilber in einem Tiegel heiß
+machen; auf die Masse warf Böttiger soviel als ein Handkorn groß von
+einem braunroten Pulver, das er zuvor in Wachs impastiert hatte. Dadurch
+wurde das Quecksilber ganz und gar in Pulver verwandelt, dieses Pulver
+wickelte er in Blei und ließ es schmelzen. Nach einer Viertelstunde war
+alles Metall zu Gold geworden.
+
+Diese und andere Proben, welche Böttiger neugierigen Bekannten zeigte,
+machten ihn bald zum Helden des Tages, und das um so mehr, als er nicht
+für gut fand, die Wahrheit zu gestehen, sondern sich selbst als Erfinder
+des Pulvers bewundern zu lassen. Die Erfahrenen nannten ihn Adeptus
+ineptus und prophezeiten ihm Unheil, welche Prophezeiung sich auch bald
+erfüllte. Die Stadtgespräche drangen in die königlichen Vorzimmer und
+bis zu König Friedrich I. selbst. Der König ließ nachfragen und fand es
+geboten, sich des jungen Adepten zu versichern. Schon war Befehl
+erteilt, ihn zu verhaften, als ein Bekannter ihn warnte. In der Nacht
+verließ er Berlin zu Fuß und eilte, Wittenberg zu erreichen. Während er
+über die Elbe gesetzt ward, sah er hinter sich ein preußisches Kommando,
+das man ihm nachgeschickt hatte. In Wittenberg wohnte seiner Mutter
+Bruder, der Professor Kirchmaier, der auch als alchimistischer
+Schriftsteller von sich reden gemacht hatte. Bei ihm wäre Böttiger
+geborgen gewesen, allein der preußische Hof reklamierte ihn in Dresden
+als preußischen Untertan. Der Grund hierzu blieb bei dem erregten
+Aufsehen kein Geheimnis; der sächsische Hof ward aufmerksam. Man
+verweigerte die Auslieferung, weil sich ergab, daß er in Sachsen geboren
+sei. König August II. ließ ihn nach Dresden bringen und freute sich, daß
+ihm ein so seltener Vogel zugeflogen war, denn die Nachrichten aus
+Berlin ließen ihn nicht daran zweifeln, daß Böttiger wirklich ein Adept
+sei.
+
+Böttiger zeigte dem Statthalter Fürstenberg die Tinktur und ihre
+Wirkung. Er überließ ihm eine Probe seines Arkanums, auch ein Gläschen
+voll Merkur, und damit reiste Fürstenberg zum König nach Warschau.
+Fürstenberg mußte einen Eid leisten, daß er mit dem König nicht früher
+eine Probe machen würde, als bis er auf Ehre und Gewissen versprochen
+habe, Zeugen nicht zuzulassen, auch weder jetzt noch künftig jemandem
+das Geheimnis zu entdecken. Ferner hatte Böttiger es ihm eingeschärft,
+nicht ohne Gottesfurcht und Frömmigkeit ans Werk zu gehen, weil darauf
+unendlich viel ankomme.
+
+Kaum war Fürstenberg beim König angelangt, als im Zimmer des Königs ein
+Hund die Schachtel umwarf, in der sich das Glas mit Merkur befand, so
+daß dieses zerbrach. Böttiger hatte versichert, der Merkur sei von ganz
+besonderer Beschaffenheit, er war also in Warschau nicht zu ersetzen.
+Nichtsdestoweniger nahmen am zweiten Weihnachtsfeiertag, in tiefer
+Nacht, in einem der innersten Zimmer des Schlosses und bei verriegelten
+Türen der König und Fürstenberg die Probe vor. Die beiden Tiegel, die
+Böttiger mitgegeben hatte, wurden mit Kreide bestrichen, in den größeren
+Tiegel die Tinktur mit Merkur, wie er in Warschau zu kaufen war, und
+Borax getan, der zweite Tiegel darauf gestürzt und die Masse anderthalb
+Stunden lang ins Glühfeuer gestellt. Das Resultat des Prozesses war
+nicht Gold, sondern ein so fester Körper, daß man die Tiegel zerschlagen
+mußte, um ihn zu gewinnen. Fürstenberg schrieb an Böttiger, daß der
+König selbst über zwei Stunden beim Feuer gesessen sei; an der gehörigen
+Frömmigkeit habe es bestimmt nicht gefehlt, da der König zwei Tage
+vorher das heilige Abendmahl genossen und er, der Fürst, seine Gedanken
+ebenfalls einzig auf Gott gerichtet habe; trotzdem sei das Experiment,
+dessen Gelingen Böttiger dem König so sicher vorgespiegelt habe,
+gänzlich mißlungen.
+
+Im Januar 1702 kehrte Fürstenberg wieder nach Sachsen zurück. Er traf
+Böttiger, der in seinem Hause wie ein Gefangener behandelt wurde, höchst
+unzufrieden; der lebenslustige junge Mensch drohte sich zu ermorden,
+wenn man ihm nicht die Freiheit gebe. Fürstenberg ließ ihn deshalb auf
+die Festung Königstein bringen, doch hier wurde Böttiger noch viel
+wilder. Nach einem Bericht des Kommandanten schäumte er wie ein Pferd,
+brüllte wie ein Ochse, knirschte mit den Zähnen, rannte mit dem Kopf
+gegen die Mauer, arbeitete mit Händen und Füßen, kroch an den Wänden
+entlang und zitterte am ganzen Leibe. Zwei starke Soldaten konnten
+seiner nicht Herr werden; er hielt den Kommandanten für den Engel
+Gabriel, verzweifelte wegen der Sünde an dem heiligen Geist an seiner
+ewigen Seligkeit und trank dabei oft zwölf Kannen Bier täglich, ohne
+betrunken zu werden. Man konnte nicht klar sehen, ob alles dies auf
+Verstellung beruhte.
+
+Nun kam aber der Befehl vom Statthalter, ihn nach Dresden zu schaffen,
+und Fürstenberg nahm ihn wieder in sein Haus. Hier war es, wo er mit dem
+berühmten Tschirnhausen bekannt wurde. Ehrenfried Walter von
+Tschirnhausen gehörte zu Fürstenbergs vertrautesten Freunden. Sooft er
+von seinem alten Stammgut Kieslingswalde nach Dresden kam, wohnte er
+beim Statthalter und arbeitete beim Fürsten in dessen Laboratorium. Er
+war einer der ausgezeichnetsten Naturverständigen seiner Zeit, durch ihn
+sind in Sachsen die Glashütten eingeführt worden. Er hatte zwölf Jahre
+lang ganz Europa bereist und war Mitglied der Pariser Akademie der
+Wissenschaften. Wie Kunkel in Berlin, so nahm sich Tschirnhausen in
+Dresden Böttigers an, und dies verlieh Böttiger auf einmal wieder große
+Wichtigkeit, so daß man jahrelang Geduld mit ihm hatte und immer hoffte,
+er werde das große Werk leisten. Er selbst hoffte es.
+
+[Illustration: Joh. Friedr. Böttiger, nach einem Medaillon im Museum zu
+Gotha.]
+
+Böttiger erhielt nun seine Einrichtung im königlichen Schloß. Er
+bewohnte zwei Zimmer mit der Aussicht auf den Hofgarten, den sogenannten
+Probiersaal und einige Gewölbe zum Laborieren, die große Opernstube als
+Billardzimmer und das Kirchstübchen des Gärtners zu seiner Andacht. Alle
+Räume waren neu möbliert worden. Er durfte in dem an seine Wohnung
+stoßenden Feigengarten spazieren gehen, und wenn er ausfahren wollte,
+stand ihm eine königliche Equipage zur Verfügung. Zu seiner
+Beaufsichtigung wurde der Sekretär Nemitz bestimmt, der dafür ein
+besonderes Zimmer im Schloß hatte, nach Belieben Gäste einladen konnte,
+aber bei Verlust seiner Freiheit für Böttiger verantwortlich war. Außer
+Tschirnhausen durfte niemand ohne seine Erlaubnis zu Böttiger gehen. Ein
+Baron Schenk war angewiesen, Böttiger in dessen freien Stunden
+Gesellschaft zu leisten, ihm die Zeit zu vertreiben und, wenn er es
+verlangte, im roten Zimmer mit ihm zu speisen. Es speisten auch viele
+andere Personen bei ihm, so der Bergrat Pabst von Ohain, der berühmte
+Metallurg, der geheime Kammerier Starke, ein Liebling des Königs, der
+seine Schatulle besorgte, und der Sekretär Malhieu; Tschirnhausen, der
+Böttiger so lieb gewonnen hatte, daß er sich mehr in Dresden als in
+Kieslingswalde aufhielt, war häufig sein Gast und brachte manchmal den
+Statthalter mit. Böttigers Deputat im Schlosse waren mittags und abends
+fünf Gerichte mit Wein und Bier. Das Tafelgerät war aus Silber. Er
+konnte Geld haben soviel er wollte, man hielt ihm sogar Mätressen wie
+einem vornehmen Kavalier.
+
+Böttigers Umgang hatte, wenn er bei Laune war, ungemein viel
+Anziehendes. Er war ein jovialer Mensch mit der lebendigsten
+Unterhaltungsgabe, mit der er alle zu bezaubern wußte. Der Statthalter
+lebte mit ihm auf vertrautem Fuß, fuhr oft mit ihm nach Moritzburg auf
+die Jagd, die Böttiger leidenschaftlich liebte, und schrieb ihm die
+zärtlichsten Briefe. Auch der König, der sich mit Bezug auf Böttiger
+überschwenglichen Hoffnungen hingab, behandelte ihn in seinen Briefen
+mit großer Rücksicht. Er gratulierte ihm zum neuen Jahr, versichert ihm
+wiederholt, daß der Statthalter die Vollmacht habe, alles nach Böttigers
+Belieben einzurichten, und ihm niemand aufdringen dürfe, der von
+»widrigem Naturell« sei. In Briefen des Königs an andere wird er
+Monsieur Schrader genannt oder »die Person« oder »der Bewußte« oder
+»l’homme de Wittenberg«; Böttiger selbst unterzeichnete sich nur mit
+seinen beiden Vornamen oder mit Notus.
+
+Anderthalb Jahre lang war Böttiger vor dem Mißtrauen des Königs durch
+den Hund geschützt, der in Warschau die Schachtel mit dem Merkurglas
+umgeworfen hatte und der Vorwand genug gab, zu sagen, der König und sein
+Minister seien bei dem Tingierversuch ohne Geschick verfahren. Während
+dieser anderthalb Jahre lebte Böttiger in Herrlichkeit und Freude. Sein
+Aufenthalt kostete dem König vierzigtausend Taler. Böttiger war bei den
+Leuten von gutem Ton allgemein beliebt. Man speiste gern bei ihm, denn
+er legte jedem Gast eine große, goldene Schaumünze von eigener Arbeit
+unter den Teller; dies bewog sogar die Damen, sich zahlreich bei ihm
+einzufinden. Man spielte auch gern mit ihm, weil er gern verlor.
+
+Die hohe Ehre hatte seinen Kopf so gänzlich eingenommen, daß er kaum der
+Möglichkeit gedachte, sein Schatz könne erschöpft werden. Allenfalls
+erwartete er von einigen Winken, die Laskaris im Gespräch hatte fallen
+lassen, daß sie ihn auf den rechten Weg führen würden, wenn es Zeit sei,
+ihn zu suchen. Diese Zeit schob er leichtsinnig hinaus, bis endlich
+Bedürfnis und Verlegenheiten mahnten, an die Auffindung der Goldquelle
+mit Ernst zu denken. Da fand er sich aber in seiner Hoffnung bedroht.
+Was er auch probierte, alles schlug fehl, und er überzeugte sich, daß er
+sich die Sache zu leicht gedacht habe und weit vom Ziel entfernt sei.
+Die berechnende Politik seiner Gönner wähnte sich jetzt am Ziel.
+Böttigers sechs Bediente waren schon längst gewonnen und belauerten ihn
+Tag und Nacht. Was sie berichteten, gefiel nicht mehr. Man argwöhnte,
+daß er die Umstellung merke und absichtlich das Rechte verfehle, um
+seine Kunst für sich zu behalten. Da erfuhr man, daß er Vorbereitungen
+treffe, um heimlich nach Österreich zu entweichen, und nun wurde seine
+Wohnung, sogar sein Zimmer mit Wachen besetzt.
+
+Indessen hatte Laskaris, der noch in Deutschland reiste, seinen jungen
+Freund nicht aus den Augen verloren, und der üble Ausgang, welchen
+Böttigers Angelegenheiten in Dresden zu nehmen drohten, machte ihm
+Sorge, da er sich vorwerfen mußte, den Jüngling in Versuchung geführt zu
+haben. Er entschloß sich daher, ihn zu befreien und große Opfer nicht zu
+scheuen. In solcher Absicht wagte er sich im Jahre 1703 zum zweitenmal
+nach Berlin. Er ließ einen jungen Arzt, den Doktor Pasch, zu sich
+kommen, der mit Böttiger vertrauten Umgang gehabt hatte und unternehmend
+genug zu sein schien. Diesem eröffnete er alle Schwierigkeiten, trug ihm
+auf, nach Dresden zu gehen, dem König Böttigers Unwissenheit zu erklären
+und ihm für dessen Freilassung die Summe von achtmalhunderttausend
+Dukaten zu bieten, die man in Holland oder in einer beliebig zu
+bestimmenden deutschen Reichsstadt erheben könne. Um den Sendboten von
+der Aufrichtigkeit seines Anerbietens zu überzeugen zeigte er ihm einen
+Vorrat von Tinktur, der über sechs Pfund wog. Er bewies ihm durch
+Versuche, daß mit dieser Masse ein Zentner Gold in lauter Tinktur
+verwandelt werden könne, die dann noch drei- bis viertausend Teile
+Metall in Gold zu veredeln vermöge. Er gab ihm eine Probe für den König
+mit und versprach, ihn ebenso reich wie Böttiger zu beschenken, wenn er
+sich seines Auftrages gut entledigte.
+
+Doktor Pasch begab sich auf den Weg. Er war mit zwei Herren verwandt,
+die am Dresdner Hof großen Einfluß hatten. Durch ihre Vermittlung hoffte
+er leichter zum König zu gelangen und machte ihnen deshalb sein Anliegen
+bekannt. Sie urteilten aber, ein so hoher Preis werde den König eher
+bestimmen, den Verhafteten noch besser zu bewahren, weil es ja den
+Anschein habe, als lasse Böttiger selbst durch dritte Hand soviel für
+seine Freiheit bieten. Außerdem meinten sie auch, daß dem König an ein
+paar Millionen Talern nicht soviel gelegen sein könne als ihnen, und sie
+kamen überein, Böttiger in der Stille fortzuschaffen und den Preis mit
+Doktor Pasch zu teilen.
+
+Auf ihre Veranstaltung bezog Pasch eine Wohnung dicht neben dem Hause,
+worin Böttiger bewacht wurde. Er konnte ihm aus dem Fenster zuwinken,
+wurde sogleich von ihm erkannt, fand Mittel, ihm Briefe zu schicken,
+erhielt auf demselben Weg die Antworten, gab ihm Kunde von der nahenden
+Hilfe und verabredete mit ihm den Plan der Flucht.
+
+Böttigers Bediente ließen sich das Hin- und Hertragen der Briefe gut
+bezahlen, berichteten aber höheren Orts über den Briefwechsel und
+lieferten die folgenden Briefe aus. Nichtsdestoweniger gelang es
+Böttiger zu fliehen. Er kam bis nach Enns in Österreich, wurde aber dort
+aufgegriffen und nach Sachsen auf den Sonnenstein zurückgebracht. Doktor
+Pasch war dritthalb Jahre lang Gefangener auf der Feste Königstein. Nach
+vielen Bemühungen zeigte sich ein Soldat willig, ihm zur Flucht zu
+verhelfen. Beide ließen sich an einem Seil herab, welches aber nicht bis
+zum Boden reichte; der Soldat kam glücklich an, Pasch jedoch fiel auf
+einen Felsen und zerbrach das Brustbein. Sein Gefährte trug ihn bis zur
+böhmischen Grenze, und von da gelangte er auf Umwegen nach Berlin
+zurück. Den Adepten Laskaris sah er nicht wieder, und seine Klagen, wie
+er vergeblich Jugend und Gesundheit zugesetzt habe, wurden stadtkundig
+in Berlin. Der König ließ ihn vor sich kommen und hörte seine Erzählung
+an. Sein Körper blieb siech von jenem Fall; nach anderthalb Jahren starb
+er.
+
+Auf dem Sonnenstein wurde Böttiger sehr streng bewacht. Im Januar 1704
+kam der König August nach Sachsen und lernte Böttiger persönlich kennen.
+Er bestand darauf, daß der Bergrat Pabst zur Bereitung des großen Arkans
+bei Böttiger förmlich Unterricht nehme. Pabst, Tschirnhausen und der
+Statthalter beschworen nun feierlich sechsunddreißig Kontraktpunkte, die
+auch der König durch seinen schriftlichen Eid unverbrüchlich zu halten
+versprach. Böttiger machte zur Bedingung, daß von dem gewonnenen Golde
+»nichts zur Üppigkeit sündhaften Aktionibus, boshafter Verschwendung,
+unnötigen und unbilligen Kriegen verwendet werden dürfe; auch dürfe, wer
+das Arkan besitze, nie einem Herrn dienen, der öffentlichen und
+schändlichen Ehebruch treibe und unschuldiges Blut vergieße«.
+
+Im September 1705 übergab Böttiger auf zwanzig Folioseiten einen Prozeß
+zum Universal; kurz darauf machte er einen Tingierversuch, welcher
+gelang, aber der Kämmerer Starke sagte, es wären verschiedene Umstände
+passiert, die »zu einem konzentrierten Betrug ziemlichen Soupson
+gegeben«. Wiederholt bat nun Böttiger um seine Freiheit und machte den
+König vor Christi Richterstuhl dafür verantwortlich. Der König ließ ihn
+aber nicht los; vom Sonnenstein wurde er auf die Albrechtsburg bei
+Meißen geschafft, dann kam er wieder auf den Königstein und im Herbst
+1707 nach Dresden zurück.
+
+Hier ließ er nun Materialien aller Art herbeischaffen und verfuhr nach
+der berühmten mephistischen Tafel, das heißt, er kochte alles
+durcheinander. Und so, ganz zufällig, erfand er eines Tages, es war das
+sechste Jahr seiner Haft, das braune Jaspisporzellan und später, als er
+schon etwas methodischer zu Werke ging, das weiße Porzellan. Nach
+Tschirnhausens Rat bildete er diese Erfindungen technisch aus, wobei er
+seiner enthusiastischen Natur gemäß so eifrig war, daß er mehrere
+Nächte in kein Bett kam. In einem Schreiben an den König gestand er
+endlich, daß er kein Adept sei.
+
+Der König begnügte sich jedoch mit dem Porzellan, das ihm bei der
+damaligen Kostbarkeit des chinesischen Porzellans beinahe so lieb wie
+eine Goldfabrik war. Die Manufaktur wurde sofort im großen durch
+herbeigezogene holländische Steinbagger betrieben. Das auf der
+Albrechtsburg zu Meißen hergestellte Porzellan verdrängte bald das
+chinesische und japanische, für das der König August noch Millionen
+ausgegeben hatte, und wurde einer der begehrtesten Luxusartikel der
+eleganten Welt. Eine Menge Dinge, die bisher aus Marmor, Metall oder
+Holz gemacht waren, wurden jetzt aus Porzellan fabriziert, sogar Särge;
+die Witwe eines Oberstallmeisters wurde in einem Porzellansarg begraben,
+der aber beim Hinuntersenken in die Gruft zerbrach. Wahrscheinlich
+hatten neidische Tischler die Leichenträger bestochen. Die
+Hauptkunstwerke, die man in Meißen herstellte, waren die kleinen, aufs
+feinste und schönste bemalten Figuren, und wie der »zerbrochene
+Spiegel«, »das Blumenmädchen«, »die fünf Sinne« beweisen, brachte man es
+darin zu einer hohen Vollendung. Der Vertrieb der Fabrik stieg bis über
+zweimalhunderttausend Taler, und die Kosten betrugen nur die Hälfte;
+gegen achtzig Kommissionslager und Handelshäuser führten das
+Verkaufsgeschäft.
+
+Des Fabrikgeheimnisses wegen mußte Böttiger noch eine Zeitlang
+Gefangener bleiben, doch zeigte sich der König sehr gnädig gegen ihn,
+besuchte ihn häufig auf der Bastei und schoß mit ihm nach der Scheibe.
+Er erhielt Zutritt zu den Privataudienzen, sooft er wünschte, und
+wiederholt befahl der König, ihn vor Ärgernis zu schützen. Er schenkte
+ihm einen Ring mit seinem Bildnis, einen jungen Bären und ein Paar Affen
+und gab ihm offenen Kredit bei dem Hofjuden Meyer. Sechs Jahre nach der
+Erfindung wurde ihm die Meißner Porzellanfabrik zur freien Disposition
+ohne alle Rechnungslegung überlassen. Er lebte in Dresden auf großem
+Fuß, hielt eine zahlreiche Dienerschaft und eine Menge Hunde.
+Ausschweifungen in der Liebe und im Trunk verkürzten sein Leben; er
+starb im März 1713, erst vierunddreißig Jahre alt.
+
+
+
+
+Moritz von Sachsen
+
+
+Kurfürst Moritz war der Sohn Herzog Heinrichs des Frommen und am 21.
+März 1521 geboren. Er war ein kräftiger Mann, geschmeidigen Körperbaus;
+sein braunes Gesicht verkündete den Helden. Seine Augen waren so
+glänzend, daß sie funkelten und wie von Flammen sprühten; schaute er
+unversehens jemand an, so mußte dieser den Blick niederschlagen. Seltsam
+waren in seiner Erziehung die Elemente gemischt. Sein Vater, den die
+Untertanen wegen seiner Gutmütigkeit liebten, war bei aller Frömmigkeit
+ein Mann ganz eigenen Schlages. Er hatte einen sonderbaren Geschmack am
+Bunten und eine sonderbare Vorliebe für Kanonen. Er ließ anstößige
+Bilder auf die Kanonen malen, und Lukas Cranach mußte ihm dazu die
+Zeichnungen machen. Er kaufte alle schönen Gemälde für seine Kanonen,
+die er nur auftreiben konnte, und obgleich er das Geschütz nie brauchte,
+konnte man ihm doch keine größere Freude bereiten, als wenn man ihm
+sagte, Kaiser Karl habe von seinen Kanonen gesprochen. Vom Hof seines
+Vaters kam Moritz an den des Kurfürsten von Mainz und sah hier das üppig
+schwelgerische Treiben eines katholischen Kirchenfürsten. Und dann
+weilte er bei seinem Vetter Johann Friedrich von Sachsen, wo er die
+traurige Einförmigkeit eines protestantischen Hofes der damaligen Zeit
+kennen lernte. Johann Friedrich hatte große Schwächen, der kluge Moritz
+durchschaute sie, er faßte einen Widerwillen gegen den Vetter, er konnte
+ihn nicht leiden, den dicken Hoffart, wie er ihn zu nennen pflegte.
+
+Noch ehe er zwanzig Jahre alt war, vermählte er sich mit Agnes, der
+Tochter Friedrichs des Großmütigen von Hessen. Sein Vater war über die
+verfrühte Ehe so unglücklich, daß der Kummer sein Leben verkürzte; er
+starb wenige Monate nach der Hochzeit, und Moritz folgte ihm in der
+Regierung. Trotz seiner Heiratsungeduld mußte aber seine Frau später
+über ihn klagen, daß er die Wildschweinsjagd ihrer Gesellschaft
+vorziehe.
+
+Moritz bekannte sich zur evangelischen Lehre wie sein Vater, aber er
+trat nicht in den schmalkaldischen Bund, so oft ihn auch sein Vetter,
+der Kurfürst, und sein Schwiegervater, der Landgraf, darum mahnten. Er
+vermochte in der neuen Lehre nicht die Summe alles Heils zu sehen. Er
+weigerte sich, eine Verbindung gegen den Kaiser abzuschließen, im
+Gegenteil, er näherte sich dem Kaiser, je mehr sich die Bundesgenossen
+von ihm entfernten. Er wollte nicht der Trabant _dieser_ Bundesgenossen
+sein, er fand seinen nächsten und unmittelbaren Vorteil beim Kaiser.
+Deshalb ließ er durch seinen Vertrauten Christoph Carlowitz mit
+Granvella unterhandeln und kam dann im Mai 1546 persönlich zum Kaiser
+nach Regensburg; hier trat er in den Dienst des Kaisers ein. Karl
+ernannte ihn nicht nur zum Exekutor, Konservator und Schirmer von
+Magdeburg und Halberstadt, nach deren Besitz Moritz schon lange
+getrachtet hatte, sondern er versprach ihm auch die Kur Sachsen. Der Tag
+von Mühlberg verschaffte ihm den Kurhut wirklich, und es schien ihn
+nicht zu beirren, daß durch diese Schlacht sein Vetter in das bitterste
+Unglück geriet. Luther hatte wohl recht gehabt, als er einmal bei der
+Tafel den Kurfürsten davor gewarnt hatte, in Moritz einen jungen Löwen
+aufzuziehen.
+
+Ende April 1547 rückten das kaiserliche Heer und die Scharen Herzog
+Moritz’ gegen Mühlberg. Der Kaiser Karl war ritterlich anzusehen, er saß
+auf einem andalusischen Roß, das mit einer rotseidenen, goldbefransten
+Decke behangen war; er war ganz in blanken Waffen, sein Helm und Panzer
+vergoldet, mit dem roten burgundischen Feldzeichen geschmückt; in der
+Rechten hielt er eine Lanze. Die Gicht hatte ihn grau und müde gemacht,
+sein Gesicht war leichenblaß, die Glieder wie gelähmt, die Stimme so
+schwach, daß man sie kaum vernahm. Zu früh aber hatten die Protestanten
+ihn wie einen Verstorbenen betrachtet. Karl zitterte jedesmal, bevor er
+die Waffenrüstung anlegte, aber dann erfüllte ihn plötzlich der Mut. So
+war es auch am Tag von Mühlberg.
+
+Die ersten, die das Ufer der Elbe erreichten, waren Moritz und Herzog
+Alba. Ein Bauer verriet ihnen, daß Johann Friedrich in der Stadtkirche
+zu Mühlberg den Sonntagsgottesdienst abwarte, daß er sein Fußvolk schon
+nach Wittenberg vorausgeschickt habe und nach der Predigt mit den
+Reitern folgen wolle. Die spanischen Hakenschützen erhielten sofort den
+Befehl, hinüber zu schwimmen; sie taten es, indem sie sich entkleideten
+und die Säbel zwischen die Zähne nahmen. So bemächtigten sie sich der
+Brücke, die die Kurfürstlichen vergebens anzuzünden versucht hatten, und
+die sie zerstörten. Der Kaiser hatte schon über den dichten Nebel
+geklagt, der über der ganzen Gegend lag, jetzt gegen Mittag erhob sich
+der Nebel langsam. Er erblickte die Elbe, die Sonne trat heraus, aber
+sie war rot wie glühendes Eisen und schien den ganzen Tag über still zu
+stehen. Als später der König von Frankreich den Herzog Alba fragte, ob
+sich denn wirklich bei dieser Schlacht die Geschichte Josuas erneuert
+habe, erwiderte dieser: »Sire, ich hatte zu viel auf Erden zu tun, um
+bemerken zu können, was am Himmel vorging.« Gegen alles Erwarten wurde
+dem Kaiser durch einen Müller namens Strauch, dem die Kurfürstlichen
+zwei Pferde weggeführt hatten, eine Furt gezeigt; Moritz, sein
+Landesherr, versprach ihm dafür hundert Kronen, zwei andere Pferde und
+einen Herrenhof. Die Furt war von festem Boden, sieben Pferde konnten
+nebeneinander gehen, das Wasser reichte den Reitern bis an die Sättel.
+Einige Kavaliere des Kaisers hatten große Furcht, wenn der Kaiser selbst
+nicht vorangeritten wäre, hätten sie nicht gewagt, sich einer solchen
+Gefahr auszusetzen. Am jenseitigen Ufer angelangt, schickte Moritz
+einen seiner Offiziere mit einem Trompeter an den Kurfürsten und ließ
+ihn auffordern, sich dem Kaiser zu ergeben. Johann Friedrich schlug es
+ab. Er glaubte nicht an den Ernst der Dinge. Er konnte nicht glauben,
+daß ein ganzes Heer die Elbe durchwaten könne; er vermutete ganz und gar
+nicht, daß der Kaiser selbst gegen ihn anziehe; er zog sich vorsichtig
+zurück, und seinem bedächtigen Sinn wurde die Situation erst klar, als
+die Angriffe der kaiserlichen Armada immer ungestümer wurden. Jetzt
+empfand er mit einemmal die große Verantwortlichkeit, daß er sich gegen
+den ihm von Gott gesetzten Herrn, gegen das allerhöchste Reichsoberhaupt
+vergangen habe. Auf freiem Felde fiel er vor seinen Leuten auf die Knie,
+hob die Augen und Hände empor und betete: »Ach Gott im Himmel! Bin ich
+mit meinem Vornehmen gegen die Majestät ungerecht, so strafe mich, aber
+nicht mein Volk.«
+
+Er stellte sein kleines Heer in Schlachtordnung auf und bestieg einen
+schweren friesischen Hengst; er trug einen schwarzen Harnisch mit weißen
+Streifen und darunter noch ein Panzerhemd mit kleinen Ringen.
+
+Es war vier Uhr nachmittags. Der Vortrab der Kaiserlichen rückte zur
+Hauptattacke zusammen; es waren die Reiter von Herzog Moritz, die
+Neapolitaner und die Husaren. Mit dem Ruf »Hispania« und »das Reich«
+brachen sie los. Die Kurfürstlichen feuerten. Aber von der anderen Seite
+her rückten die vollen Gewalthaufen des Kaisers an. Die Haltung ihres
+Kriegsfürsten hatte der kleinen sächsischen Armee wenig Zuversicht und
+heldenmütiges Vertrauen eingeflößt. Da nun die Gefahr sich deutlich
+offenbarte, rief er sie an, getreu bei ihm zu stehen, wie er getreu bei
+ihnen stehen werde. Trotzdem kam allgemeine Verwirrung über die Leute.
+Aber es traf noch etwas weit schlimmeres ein. Der Patrizier Imhof aus
+Nürnberg, der unter Karls Fahnen diente, erzählt: »Es ist seltsam zu
+vernehmen, wie des Kurfürsten Räte und große Hansen, so er bei sich
+gehabt, mit ihm umgegangen sind. Wie die Schlacht angegangen, hat der
+Kurfürst seinem Volke zugeschrien: ›er wolle auf diesen Tag Leib und
+Blut bei ihnen lassen, sie sollten auch ehrlich halten bei ihm.‹ Als nun
+das Treffen angegangen, haben seine Räte und großen Hansen, auf die er
+sich verlassen, zur Flucht geschrien, auch unter sein eigenes Volk
+gehauen und gestochen und die Ordnung seiner Haufen getrennt. Das habe
+ich zu Torgau von etlichen von Karl gehört, auch habe ich an der
+Walstatt gesehen, daß alles durch Verräterei zugegangen.«
+
+Das Heer stob auseinander, die Ritter zuerst, und als das Fußvolk die
+Ritter fliehen sah, warf es Gewehre und Piken weg und suchte sein Heil
+gleichfalls in der Flucht. Die Ritter entkamen, aber das Schicksal des
+Fußvolks war schrecklich; obwohl es die Waffen weggeworfen hatte und um
+Pardon bat, ward es samt und sonders niedergehauen. Karl, von Gottes
+Gnaden römischer Kaiser, allzeit Mehrer des Reiches, zu Hispanien König,
+hatte ausdrücklichen Befehl erteilt, alles über die Klinge springen zu
+lassen. Damals lernte man im Herzen von Deutschland das Haus
+Hispanien-Habsburg mit seinen Husaren kennen.
+
+Johann Friedrich, den seine Ritter verlassen hatten, sah sich plötzlich
+ganz allein im Wald, wo alles voller Leichen lag, von Husaren vorn und
+hinten umgeben. Der schwerbeleibte Herr mußte sich zur Wehr setzen, er
+tat es ritterlich. Ein Ungar hatte ihn in die linke Backe gehauen, das
+Blut rann ihm über das Gesicht auf den schwarz und weißen Harnisch
+herab. Dennoch wollte er sich diesen Husaren und auch den
+neapolitanischen Reitern, die ihn umdrängten, nicht ergeben. Endlich
+sprengte ein Herr vom Hofgesinde des Herzogs Moritz heran, Thilo von
+Trotha; dieser rief ihn auf deutsch an, Pardon zu nehmen. Johann
+Friedrich ergab sich an diesen Deutschen; er zog einen Ring unter seinem
+Panzerhandschuh hervor. Die Waffen des sächsischen Kurfürsten, Schwert
+und Dolch, fielen den Ungarn zur Beute zu.
+
+Thilo von Trotha brachte den gefangenen Kurfürsten unter einer Bedeckung
+von neapolitanischen Reitern zum Herzog von Alba. Dieser erstattete dem
+Kaiser Meldung. Karl wollte den edlen Fang sogleich sehen, aber dreimal
+weigerte sich der sonst so pflichtbewußte Alba, denn aus politischen
+Gründen fürchtete er mit Recht, daß Karl in der ersten Hitze den
+Kurfürsten allzu ungnädig behandeln werde. Der Kaiser bestand aber auf
+seinem Willen. Er hielt in der Heide zu Pferd.
+
+Als der noch aus seinen Wunden blutende Johann Friedrich des Kaisers
+ansichtig wurde, den er in seinen Absagebriefen als »Karl von Gent, der
+sich römischer Kaiser heißt« betitelt hatte, seufzte er tief und rief
+aus: #»Miserere miserere mei domine, nos sumus jam hic!«# Der Kaiser
+erkannte den friesischen Hengst wieder; es war derselbe, den Johann
+Friedrich vor drei Jahren auf dem Reichstag zu Speier geritten hatte.
+Von Alba unterstützt stieg der Kurfürst vom Pferd, wollte nach
+spanischer Sitte vor dem Kaiser aufs Knie fallen und zog auch wieder
+nach deutscher Sitte seinen Blechhandschuh aus, um als Kurfürst dem
+Kaiser die Hand zu reichen. Karl lehnte sowohl die spanische Devotions-
+als die deutsche Vertraulichkeitsbezeigung ab. Er war sehr finster; er
+wendete sich zur Seite. Endlich brach der Kurfürst das Stillschweigen
+mit der Titulatur, mit der ihm die Kurfürsten schrieben. Er sprach:
+»Großmächtigster, allergnädigster Kaiser.« Karl erwiderte: »Ja, ja, nun
+bin ich Euer gnädiger Kaiser; Ihr habt mich lange nicht so geheißen.«
+Der Kurfürst fuhr fort: »Ich bin auf diesen Tag Euer Gefangener und
+bitte um ein fürstlich Gefängnis. Kaiserliche Majestät wolle sich gegen
+mich als einen geborenen Fürsten halten.« Darauf sagte der Kaiser
+zornig: »Ja, wie Ihr verdient habt. Ich will mich so gegen Euch halten,
+wie Ihr Euch gegen mich gehalten habt. Führt ihn hin! Wir wissen uns
+wohl zu halten.«
+
+[Illustration: Moritz von Sachsen, nach einem Holzschnitt aus der
+Werkstatt Cranachs.]
+
+Erst spät in der Nacht kam Herzog Moritz von der Verfolgung der Ritter
+und Reiter zurück, bei der ihm heller Mondschein geleuchtet hatte. Mehr
+als zwanzig Stunden hatte er an diesem Tag zu Pferde gesessen, war mehr
+als einmal dem Tod entgangen, und nun fand er den Stammvetter in
+Gefangenschaft. Die Kur Sachsen war auf seinem Haupte fest.
+
+Karl zog nun vor Wittenberg und belagerte die Stadt. Die Bürger wollten
+sich bis auf den letzten Mann wehren, und Johann Friedrich weigerte
+sich, sie zur Übergabe aufzufordern. Da ließ der Kaiser durch ein
+spanisches Kriegsgericht das Todesurteil über ihn aussprechen, welches
+lautete, »daß bemeldeter Hans Friedrich, der Ächter, ihm zur Bestrafung
+und andern zum Exempel durch das Schwert vom Leben zum natürlichen
+Gericht fürgebracht und solch Urteil auf der im Feld aufgerichteten
+Walstatt vollzogen werden solle.«
+
+Der Kurfürst, dem es im Glück so sehr an der nötigen Energie gemangelt
+hatte, bewies im Unglück den ganzen Heldenmut des Glaubens, der sein
+einfaches Gemüt durchdrang. Er vernahm das Todesurteil, als er eben mit
+seinem Leidensgenossen Franz von Grubenhagen beim Schachbrett saß. Er
+erwiderte gelassen: »Ich kann nicht glauben, daß der Kaiser also mit mir
+handeln werde, ist es aber bei der kaiserlichen Majestät gänzlich
+beschlossen, so begehre ich, man soll es mir fest zu wissen tun, damit
+ich bestellen kann, was meine Frau und meine Kinder angeht.«
+
+Neun Tage lang ließ Karl seinen Gefangenen in der Todesfurcht schweben.
+Dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Herzog von Cleve gelang es aber,
+das Unheil abzuwenden: die Wittenberger kapitulierten. Johann Friedrich
+blieb Gefangener des Kaisers so lange als es diesem gefallen würde;
+selbst nach Spanien sollte er ihn schicken dürfen. Zum Unterhalt für ihn
+und sein Haus wurde ein Teil von Thüringen mit einem Jahreseinkommen von
+fünfzigtausend Gulden bestimmt. Es war ein Artikel in der Kapitulation,
+demzufolge Johann Friedrich alles annehmen sollte, was das Konzil zu
+Trident oder die kaiserliche Machtvollkommenheit in Sachen der Religion
+beschließen werde; diesen Artikel anzunehmen weigerte sich der Kurfürst
+beharrlich; Karl strich ihn mit eigener Hand wieder aus.
+
+Auf einer großen Wiese bei Blesern übertrug der Kaiser dem Herzog Moritz
+das Kurfürstentum, und Moritz legte darauf sein Heer als Besatzung in
+die Stadt Wittenberg. Das Volk nahm sie mit tiefem Herzeleid auf. Moritz
+ritt zornig gerade aufs Schloß und sah keinem Menschen ins Gesicht. Zu
+den Ratsmännern, die ihm die Aufwartung machten, sagte er: »Ihr seid
+eurem Fürsten, meinem Vetter, so getreu gewesen, das will ich euch ewig
+im guten gedenken.«
+
+Von Wittenberg aus zog der Kaiser gegen den Landgrafen von Hessen. Der
+war schon längst kleinmütig geworden, und als er das Schicksal Johann
+Friedrichs erfuhr, begann er mit Karl zu unterhandeln. Der Kaiser
+forderte, daß er sich auf Gnade und Ungnade ergeben, hundertfünfzigtausend
+Goldgulden Buße zahlen, seine Festungen schleifen und seine Kanonen
+ausliefern solle. Dagegen wurde ihm schriftlich versichert, daß er Land
+und Leben behalten, auch mit »einigem« Gefängnis verschont werden würde.
+Die beiden Vermittler, Joachim von Brandenburg und Moritz von Sachsen,
+verbürgten sich in dieser Verschreibung mit ihrem Ehrenwort gegen den
+Landgrafen. Im Vertrauen auf die Kurfürsten nahm der Landgraf die
+Bedingungen an. Moritzens Gemahlin, die Tochter des Landgrafen, tat vor
+dem Kaiser einen Fußfall für ihren Vater. Der Kaiser war zu keiner
+andern Erklärung zu vermögen, als daß der Landgraf sich auf Gnade oder
+Ungnade zu ergeben habe. Nun kam der Landgraf nach Halle; er speiste mit
+den beiden Kurfürsten zu Abend; am andern Morgen nahmen die drei Herren
+ihr Frühstück bei Granvella, und hier unterzeichneten sie das
+verhängnisvolle Schriftstück, in welchem, ohne daß sie es merkten, der
+Ausdruck »einiges« Gefängnis verändert war in »ewiges« Gefängnis. Am
+Nachmittag fand die Abbitte vor dem Kaiser statt. Der Kaiser saß auf dem
+Thron unter einem vergoldeten Himmel, umgeben von seinen spanischen,
+italienischen, niederländischen und deutschen Großen. Der Landgraf
+Philipp kniete in schwarzsamtenem Kleid mit roter Binde kleinmütig und
+traurig auf dem Teppich vor dem Throne, und hinter ihm las sein getreuer
+Kanzler Tielemann von Günterode die Abbitte vor. Er las mit kläglichen
+Gebärden und in kläglichem Ton; auf dem Gesicht des Landgrafen zeigte
+sich ein Lächeln; es war vielleicht die unbewußte Hilfe seiner leichten
+Natur gegen das Gefühl der Schmach. Aber der gravitätische Kaiser hob
+langsam den Finger auf und sagte in seiner brabantischen Mundart: »Wart,
+ik wöll dir laken lehr.« Nachdem der Reichsvizekanzler die Antwort des
+Kaisers verlesen, Günterode sich dann höflich bedankt hatte, erwartete
+der Landgraf des Kaisers Wink, um sich zu erheben. Dieser Wink erfolgte
+nicht. Nun stand der Landgraf von selber auf und wollte dem Kaiser die
+Hand reichen. Die kaiserliche Majestät jedoch sah sauer und hielt ihre
+Hand zurück. Dafür ergriff Alba die Hand des Landgrafen und lud ihn und
+die andern Fürsten zum Nachtmahl bei sich ein. Alba hatte sein Losament
+im Schloß. Als die Tafel aufgehoben war, spielte der Landgraf Brett mit
+einem der sächsischen Räte, es war zehn Uhr vorüber; da kündigte ihm
+Alba auf einmal an, daß er sein Gefangener sei. Zugleich traten hundert
+spanische Arkebusiere in den Saal. Die beiden Kurfürsten, die sich für
+die Freiheit des Landgrafen verbürgt hatten, waren außer sich; Joachim
+von Brandenburg rief, das sei ein Bösewichtsstück, zog den Degen, um
+Alba den Schädel zu zerspalten, Moritz aber zeigte sich tief betroffen
+und blieb bei seinem Schwiegervater die ganze Nacht hindurch. Er
+versicherte ihm, daß da ein Mißverständnis vorliegen müsse, und er werde
+mit dem Kaiser sprechen. Dies geschah. Der Kaiser sagte, daß sich ihm
+der Landgraf auf Gnade und Ungnade ergeben habe; es sei weder Rede noch
+Schrift davon gewesen, daß man ihn mit »einiger« Gefangenschaft
+verschonen wolle, nur mit »ewiger« Gefangenschaft habe man ihn
+verschonen wollen. Und so fand sich auch die Fassung in der Notel, die
+die Kurfürsten am Morgen unterschrieben hatten, ohne sie näher zu
+besehen.
+
+Diese spanische Arglist brachte eine große Wandlung in dem Herzen
+Moritzens hervor. Er sah jetzt wohl, daß der Kaiser Karl darauf
+ausging, Deutschland spanisch zu machen, aus dem von Schatzungen und
+fremdem Kriegsvolk erdrückten Reich alles Wasser auf eine Mühle zu
+leiten, und da erwachte in ihm der Deutsche. Ohne seinen kühn
+verborgenen und kühn ausgeführten Widerstand wäre die spätere freie
+Entwicklung Norddeutschlands unmöglich gewesen, und wenn heute nicht
+ganz Deutschland ein österreichisches Gesicht zeigt, so ist es
+vielleicht im letzten Grunde der Verwechslung jener Wörtchen »einig« und
+»ewig« zu danken.
+
+Zunächst freilich mußte Moritz warten. Einerseits fürchtete er, der
+Kaiser könne seine Drohung wahr machen und den Landgrafen nach Spanien
+schicken. Anderseits mußte er gewärtigen, daß der allerdurchlauchtigste,
+großmächtigste und unüberwindlichste Kaiser, welchen Titel Karl jetzt
+mit einer furchtbaren Realität führte, dem Kurfürsten Johann Friedrich
+wieder die Freiheit schenke, wodurch im Lande selbst Hader und Krieg
+ausbrechen mußte. Er war jetzt in der Schlinge. Die Rache mußte
+aufgeschoben werden.
+
+Er suchte von nun ab sein Heil in der Verstellung. Gerade weil er sich
+zumeist sehr offen und rücksichtslos auszusprechen pflegte, konnte
+niemand auf die Vermutung kommen, daß hinter dieser Derbheit eine
+Berechnung verborgen sei. Als auf dem Reichstag zu Augsburg sich ein
+protestantischer Fürst an den kaiserlichen Tisch setzen wollte, rief er:
+»Hier ist kein Platz für Ketzer.« Selbst der undurchdringliche Kaiser
+Karl konnte sich bisweilen verraten; er hatte sich in Regensburg durch
+ein Lächeln verraten, als ihm die Protestanten ihre Schrift gegen das
+Tridentiner Konzil überreichten. Moritz verriet sich niemals. Er pflegte
+zu sagen: »Wenn ich wüßte, daß mein eigenes Hemd, das mir zunächst am
+Leibe liegt, meine Gedanken kennte, ich würde es austun und verbrennen.«
+Kein Mensch in Deutschland, keiner von seinen Freunden und Vertrauten
+erfuhr etwas von dem, was er im Schilde führte. Er täuschte den Kaiser,
+der ihn einmal getäuscht hatte, so sicher und vollkommen, daß das Stück,
+das er vor dem spanischen Senjor aufführte, ohne Zweifel das größte
+Meisterstück war, das jemals ein Deutscher zustande gebracht hat.
+
+Seiner gewöhnlichen Lebensweise nach mußte man glauben, daß nur das
+Vergnügen und die Lustbarkeiten Reiz für ihn hätten. In seinem Hoflager
+beschäftigte ihn unausgesetzt die Wildbahn im Dresdener Forst; er liebte
+Trinkgelage, Ritterspiele und die Freuden der Fastnacht; ebenso suchte
+er an fremden Höfen und auf Reichstagen das lustige Leben, und er machte
+Kundschaft mit schönen Frauen. So schildert ihn Sastrow während des
+Augsburger Reichstages: »Herzog Moritz hatte seine Kurzweil in der
+Herberge eines Doktor Haus. Der hatte eine erwachsene Tochter, eine
+schöne Metze, hieß Jungfrau Jakobina, mit der badete er und spielte
+täglich Pharao mit ihr und dem wilden Markgrafen Albrecht. Sie lachte
+fein lieblich und freundlich zu der Fürsten Scherzen und hielten also
+Haus, daß der Teufel sich drüber freuen mochte und viel Sagens in der
+ganzen Stadt davon war.« Die Befreiung seines Schwiegervaters schien ihm
+nicht besonders am Herzen zu liegen. Der Landgraf, der öfter geäußert
+hatte, Gefängnis fürchte er weit mehr als den Tod, wurde in Donauwörth,
+wohin er gebracht worden war, sehr hart behandelt. Seine spanische Wache
+lärmte Tag und Nacht in seinem Quartier; er beklagte sich bitter, daß
+sie ihn auch bei Nacht visitierten, ob er nicht durch einen Ritz oder
+durch ein Mäuseloch entwischt sei. Einmal schrieb er an Moritz: »Wenn
+Euer Liebden so fleißig wären in meinen Sachen als im Bankettieren,
+Gastladen und Spielen, wäre meine Sach lang besser.«
+
+Kein Wunder, daß der Kaiser glaubte, der vermöge am meisten bei Moritz,
+der ihm bei seinen Vergnügen Vorschub leiste. Aber der bedächtige und
+weitschauende Karl durchschaute den bedächtigeren und viel weiter
+schauenden, scheinbar so uninteressierten und doch so interessanten
+Moritz mit nichten. Auch die Venezianer, die größten Diplomaten der
+damaligen Zeit, durchschauten ihn nicht. Der Gesandte Mocenigo sagt von
+ihm: »Moritz hat viel Mut, aber, wie man glaubt, nicht viel Urteil, und
+dazu ist er ein sehr leichter Herr. Von ihm hat Karl wenig zu fürchten.«
+
+Und doch wurde Moritz der Verderber des Kaisers. Als er alles zu seinem
+großen Plan vorbereitet hatte, stürzte er wie ein Sturmwind über Karl
+her und vernichtete ihn im Wetter. Lange zuvor, ehe der Schlag
+ausgeführt wurde, hatte er sich mit dem nötigen Geld zu versehen gewußt.
+Bereits im Jahre 1547 hatte er die Kleinodien des Meißner Domkapitels
+einliefern lassen. Es waren darunter ausbündige Stücke: das silberne
+Bild des Bischofs Bruno, mit Edelsteinen geschmückt, in der einen Hand
+den Bischofsstab, in der andern ein Buch haltend, dreiundsiebzig Mark
+schwer; Donatis silbernes Bild, zweiundfünfzig Mark schwer; Briccii
+Haupt mit goldener Inful; dazu einhundertvierzig Kelche, alles zusammen
+im Wert von hundertfünfzigtausend Gulden. Wo diese Schätze hingekommen,
+wußte später niemand zu sagen, höchstwahrscheinlich hatte Moritz sie
+heimlich einschmelzen lassen. Außerdem hatte er nach und nach bedeutende
+Summen aufgenommen; nach seinem Tode hatte sein Bruder eine Schuldenlast
+von über zwei Millionen Gulden zu tilgen.
+
+Im Sommer des Jahres 1550 finden sich die Spuren der ersten Annäherung
+an Frankreich, mit dessen Hilfe Moritz den Kaiser zu demütigen dachte.
+Im November darauf unternahm er, von Karl hierzu bestimmt, die
+Belagerung von Magdeburg. Im Frühjahr des nächsten Jahres hatte er
+Zusammenkünfte mit dem Bruder des Kurfürsten von Brandenburg und seinem
+Schwager Wilhelm von Hessen und mit dem Herzog von Mecklenburg. Einige
+Monate später verhandelte er mit Jean de Bresse, Bischof von Bayonne,
+und das Bündnis mit Frankreich kam zustande. Es ward als eine
+merkwürdige Vorbedeutung angesehen, daß ein Blitzstrahl durch das Zimmer
+fuhr, in welchem der Vertrag abgeschlossen wurde. Im Januar 1552
+beschwor der König von Frankreich die Allianz mit Moritz und den
+Kurfürsten. In deren Namen beschwor den Eid der Markgraf Albrecht von
+Brandenburg-Kulmbach, der mit Schärtlin nach Chambord gegangen war. Der
+französische König erhielt die Aussicht auf die deutsche Kaiserkrone und
+unterdessen die drei Bistümer Metz, Toul und Verdun.
+
+Moritz entließ die vor Magdeburg versammelte Armee nicht, er vermehrte
+sie im Gegenteil bis auf fünfundzwanzigtausend Mann. Er nahm Offiziere
+in Dienst, die im schmalkaldischen Krieg gegen den Kaiser gedient
+hatten. Er war so schlau, die Stärke seines anwachsenden Heeres dadurch
+zu verbergen, daß er es verteilte und die Quartiere in den Dörfern
+oftmals wechseln ließ. Wohl hatte der Kaiser seine Spione im Lager.
+Moritz aber hinterging alle. Der Kaiser besoldete zwei geheime Sekretäre
+am sächsischen Hof; Moritz wußte es, verstellte sich, zog sie zu allen
+Beratungen, rühmte immer seine Treue gegen den Kaiser, und so meldeten
+die bestochenen Leute lauter falsche Dinge.
+
+Die Venezianer faßten Argwohn, und dieser Argwohn verstärkte sich. Karl
+erhielt Warnungsbriefe nach Innsbruck, und sein Bruder Ferdinand riet
+ihm, den Landgrafen freizulassen. Der Kaiser antwortete: »Es wäre
+seltsam, wenn Herzog Moritz alles vergessen sollte, was ich für ihn
+getan, wenngleich die rücksichtslose Verwendung von so vielen Rebellen
+in seinem Dienst mich auf einigen Verdacht bringt.« Die drei geistlichen
+Kurfürsten wollten, erschreckt durch die Gerüchte, das Konzil zu Trident
+plötzlich verlassen. Beruhigend schrieb ihnen der Kaiser: »Moritz hat
+mir solche Zusicherungen gemacht, daß ich mir nur Gutes von ihm
+verspreche, wenn es noch Glauben gibt im menschlichen Leben.« Seine
+ausgesprochene Überzeugung war: »Die tollen und vollen Deutschen
+besitzen kein Geschick zu derartigen Ränken.«
+
+Im März 1552 verließ Moritz Dresden und ging nach Thüringen. Bei Erfurt
+und Mühlhausen stand seine Armee. Er zog mit großer Eile nach Augsburg,
+wo er am 1. April ankam und sich damit, nach seinem eigenen Ausdruck,
+»vor die Spelunke des Fuchses in Innsbruck setzte.« Er hatte sich
+unterdessen mit dem Heer seines Schwagers vereinigt.
+
+Der Kaiser ließ sich trotzig vernehmen, daß er den Leib des Landgrafen
+in zwei Teile zerlegen und jeder der Parteien, die ihn zwingen wollten,
+einen Teil entgegenschicken werde. In Wirklichkeit war die Lage Karls
+verzweifelt. Er hatte weder Truppen noch Geld. Sein Bruder hatte ihm
+geschrieben, er brauche seine ganze Macht in Ungarn. Die geistlichen
+Kurfürsten und der Herzog von Bayern wichen seiner Forderung um Hilfe
+aus. Die Wechselhäuser in Italien und in den Niederlanden, sowie die
+Fugger in Augsburg wollten keine Darlehen mehr geben. Karl hatte allen
+Kredit verloren, denn er verfolgte die übelste Politik, die man gegen
+Handels- und Geldleute treiben kann, nämlich die der Unehrlichkeit. So
+erblickte er zum Beispiel die größte Sicherheit für die Treue der
+Genuesen darin, daß er beschloß, ihnen die Kapitalien, die er ihnen
+schuldig war, nie wieder zu bezahlen; denn, so sagte er sich, sie würden
+sich hüten, mit einem Fürsten zu brechen, der ihnen so viel Geld
+schuldig war.
+
+Der Kaiser wollte von Innsbruck aus nach London entfliehen, aber der
+zweimal unternommene Versuch mißglückte. In einer Aprilnacht begab er
+sich im tiefsten Geheimnis auf den Weg, so schwach und von
+Gichtschmerzen geplagt er auch war. In seiner Begleitung befanden sich
+nur zwei Kammerherren, zwei Diener und sein getreuer Barbier Van der Fé.
+Sie ritten durch Wald und Gebirge und erreichten in der Frühe das Dorf
+Nassereit. Hier blieb der Kaiser bis Nachmittag, und dann ritten sie bis
+Paschelbach, eine Stunde von der Ehrenberger Klause. Van der Fé ward
+aufs Schloß geschickt, um den Befehlshaber um Kundschaft zu erfragen.
+Dieser berichtete, Moritz sei schon von Augsburg aufgebrochen und habe
+Füssen besetzt, der Weg über Kempten sei unsicher durch des Herzogs
+Reiter. Da entschloß sich Karl, wieder nach Innsbruck zurückzukehren. In
+demselben tiefen Geheimnis langte er an, kein Mensch erfuhr etwas von
+der Reise.
+
+Beim zweitenmal verkleidete er sich als altes Weib. Der Plan war, in
+einem bedeckten Packwagen über Ehrwald und Hohenschwangau zu entkommen.
+Der alte Kammerdiener Karls mußte sich in dessen Bett legen, und in der
+Küche wurde gekocht, als ob der Kaiser noch im Schlosse wäre. Zwei kurze
+Tagereisen wurden zurückgelegt, der neugebahnte Fernpaß überstiegen, und
+im Dorfe Lermos stieg Karl aus, um eine Mahlzeit zu nehmen. Ein Mädchen,
+das einmal sein Bildnis gesehen, rief bei seinem Anblick: »Ei, wie sieht
+die alte Frau dem Kaiser so gleich.« Da erschrak Karl und kehrte
+abermals um.
+
+Inzwischen war es dem König Ferdinand gelungen, Moritz zu einem
+Waffenstillstand zu überreden, damit man zu Passau eine Versammlung
+einberufen könne, die zu beraten habe, wie die Gebrechen der deutschen
+Nation abzustellen seien. Diesen Stillstand benutzte Karl, und es gelang
+ihm, einiges Geld und Truppen zu sammeln. Das Heer stand bei Reitti,
+unfern der Ehrenberger Klause. Moritz zog zu Felde, schlug die
+Kaiserlichen und eroberte die Festung. Nun lag der Weg zum Kaiser offen.
+Die verbündeten Fürsten entschlossen sich, den Fuchs in seiner Spelunke
+zu suchen – da trat eine unerwartete Hilfe für den Kaiser ein: Moritz
+mußte erst einen Aufstand unterdrücken, der unter einem Teil des
+Fußvolks ausgebrochen war; die Leute forderten für den Sturm auf das
+Ehrenberger Schloß die doppelte Löhnung. Die Sache stand so schlimm, daß
+Moritz in Lebensgefahr war; er mußte fliehen und sich verbergen. So
+erhielt der Kaiser Zeit, Innsbruck zu verlassen. Der Herr zweier Welten
+mußte in einer kalten Frühlingsnacht, bei strömendem Regen und von
+heftigen Schmerzen geplagt, in einer Sänfte fliehen; fliehen beim Schein
+brennender Windlichter, mit denen die Diener die Engpässe der
+Tiroleralpen erhellten. Alle Brücken wurden hinter ihm abgebrochen. Dem
+Kaiser folgte der Kurfürst Johann Friedrich mit seinem alten Freund, dem
+Maler Lukas Cranach. Zum erstenmal seit fünf Jahren sah der Kurfürst
+sich nicht mehr von seiner spanischen Garde umgeben; er stimmte auf
+seinem Wagen ein Lob- und Danklied an.
+
+Der Kaiser wandte sich nach Villach in Kärnten und blieb dort bis in
+die Mitte des Sommers. Moritz zog am vierten Tage nach Karls Flucht in
+Innsbruck ein. Alles was den Spaniern, dem Kaiser und dem
+Kardinalbischof von Augsburg gehörte, überließ er seinen Landsknechten
+als gute Beute; sie stolzierten in den prächtigsten Gewändern herum, auf
+ihren Hüten glänzten portugiesische Goldstücke, und einer nannte den
+andern »Don«. Moritz’ Verbündeter, der König Heinrich von Frankreich,
+zog ins Elsaß und erließ Manifeste, in denen viel von deutscher Freiheit
+zu lesen war; auf einem sah man sogar einen Freiheitshut mit zwei
+Dolchen und das Wort »Libertas« an der Spitze. Vor allem nahm der
+Befreier Deutschlands Metz, Toul und Verdun weg.
+
+Moritz machte sich nun auf den Weg nach Passau, wo er mit dem König
+Ferdinand, dem Herzog von Bayern und den Bischöfen von Passau, Salzburg
+und Eichstädt den welthistorischen Vertrag abschloß, der den
+Protestanten ihre Religionsfreiheit wieder sicherte. Nachdem der Friede
+abgeschlossen war, führte er sein Heer dem König Ferdinand zu Hilfe
+gegen die Türken, der Kaiser wandte sich gegen die Franzosen nach
+Westen, und die gefangenen Herren von Hessen und Sachsen kehrten in ihre
+Länder zurück. Karl entließ Johann Friedrich nicht ohne Zeichen der
+Achtung, sogar der Rührung. Alle protestantischen Städte, durch die er
+auf seinem Weg kam, empfingen ihn wie einen Heiligen und Märtyrer. In
+Koburg traf er seine Gemahlin; sie hatte in den fünf Jahren ihre
+Trauerkleider nicht abgelegt und fiel in Ohnmacht, als sie ihn
+wiedersah. Die Ratsherren in Amtstracht und schwarzen Mänteln gingen ihm
+entgegen, die Bürger in ihren Rüstungen und Feiertagsgewändern bildeten
+Spalier, auf den Märkten standen die Geistlichen und die jungen Männer
+auf der einen Seite, die eisgrauen Leute und die jungen Mädchen mit dem
+Rautenkranz im fliegenden Haar auf der anderen, und die Knaben sangen
+das Tedeum. Der Fürst schritt mit entblößtem Haupt hindurch, seine
+Rückkehr ihrem Gebet zuschreibend, und hinter ihm ging sein lieber Lukas
+Cranach.
+
+Auch der Landgraf von Hessen kehrte aus den Niederlanden nach Kassel
+zurück. Er hatte Moritzens Vorhaben gegen den Kaiser durchaus nicht
+glauben wollen und geäußert: »Wie will ein Sperling den Geier
+angreifen?« Das Wunderliche geschah jetzt, daß man Moritz von allen
+Seiten zu mißtrauen anfing. Da er so viele getäuscht, wenn auch zum
+guten Zweck getäuscht, verdächtigte man sein Wesen ganz und gar. Wilhelm
+von Hessen nannte ihn in einem Wortwechsel einen Verräter. Als er nach
+den Passauer Tagen die Stadt Frankfurt am Main auffordern ließ, sich zu
+ergeben, wurde ihm geantwortet, er möge erst fromm werden und die
+Judasfarbe ablegen.
+
+Als er aus dem Türkenkrieg zurückgekehrt war, hielt er zur Fastnacht in
+Dresden großes Rennen und Stechen, und dann mußte er in den Krieg gegen
+seinen ehemaligen Freund und Bundesgenossen, den wilden Markgrafen
+Albrecht. Dieser hatte die Friedenspakte nicht geachtet; es gefiel ihm,
+das alte Faustrecht noch ferner in Deutschland zu üben, und er war ein
+gefürchteter Mann, der seinen eigenen Weg ging. Er behauptete, der
+Passauer Vertrag tauge nichts, die Pfaffen müßten gedemütigt werden.
+Nebenbei suchte er auch die Pfeffersäcke zu rupfen, wie er die
+Kaufherren der Städte nannte. Er umgab sich mit ein paar Tausend
+Eisenfressern und zog im Namen des Evangeliums verheerend durch die
+fränkischen und sächsischen Lande.
+
+Bei Sievershausen in der Lüneburgerheide traf Moritz seine plündernden
+Scharen. Es gab ein kurzes Gefecht; hoch zu Roß, die rote Feldbinde mit
+dem weißen Streifen um die Brust, kämpfte Moritz ritterlich. Eine
+silberne Kugel traf ihn von hinten, zerriß seinen Panzer und drang durch
+seinen ganzen Körper. Wilhelm von Grumbach, der fränkische Ritter, soll
+sein Mörder gewesen sein. In einem Zelte, das man neben einem Zaun
+aufgeschlagen hatte, empfing er die erbeuteten Fahnen und die Papiere
+des Markgrafen, die er eifrig durchspähte. Er diktierte sein Testament,
+und nach zwei Tagen starb er, zweiunddreißig Jahre alt. Sein letztes
+Wort war: »Gott wird kommen,« das übrige verstand man nicht.
+
+Kaiser Karl V. liebte Moritz so sehr, daß er, als man ihm zu Brüssel die
+Todesnachricht mitteilte, in die Worte ausbrach: »O, Absalom, mein Sohn,
+mein Sohn!«
+
+Der wilde Markgraf wurde in die Acht getan, scheinbar gegen den Willen
+des Kaisers. »Es ist alles dahin gerichtet, Deutschland eine Kappe zu
+schneiden,« schrieb der Herzog von Braunschweig, der bei Sievershausen
+seine zwei ältesten Söhne verloren hatte, an Philipp von Hessen, »der
+Kaiser will die Fürsten nur gegeneinander hetzen. Er hat zwar Albrecht
+als seiner Hetzhunde einen gebraucht, würde es aber gern sehen, wenn ihm
+ein Rad übers Bein ginge.«
+
+Albrecht flüchtete nach Frankreich, kehrte später nach Deutschland
+zurück und starb elend in Pforzheim, erst fünfunddreißig Jahre alt.
+
+So endete die Reformation, die als eine Angelegenheit des Volkes
+begonnen hatte, als ein Zusammenbruch der Fürsten.
+
+
+
+
+Wallenstein
+
+
+Albrecht Wenzel Eusebius Baron von Waldstein oder Wallenstein entstammte
+einem alten böhmischen Geschlecht, dessen Name schon im zwölften
+Jahrhundert zu finden ist. Er war am 15. September 1583 geboren und kam
+zwei Monate zu früh auf die Welt. Seine Eltern waren Protestanten, und
+beide verlor er bald, den Vater, als er zehn, die Mutter, als er zwölf
+Jahre alt war. Sein Oheim, Albrecht Slavata, ließ ihn in der Schule der
+böhmischen Brüdergemeinde unterrichten, aber ein zweiter Oheim, Johann
+von Ricam, nahm ihn von dort weg und brachte ihn in das adelige
+Jesuitenkonvikt nach Olmütz, wo ihn Pater Pachta der katholischen Kirche
+zuführte.
+
+Die im Volk verbreiteten Sagen über den hochfahrenden und trotzigen Sinn
+Wallensteins beschäftigten sich auch mit seiner Kindheit. So hieß es, es
+habe ihm einst auf der Schule zu Goldberg geträumt, daß Lehrer und
+Schüler, ja selbst die Bäume des Waldes sich vor ihm verneigt hätten,
+und als er diesen Traum erzählte, sei er lebhaft verspottet worden.
+
+Von Olmütz aus ging er auf Reisen; er machte mit einem reichen jungen
+Edelmann aus Mähren die europäische Kavaliertur nach Holland, England,
+Frankreich und Italien. Ihr gelehrter Begleiter war der Mathematiker und
+Astrolog Verdungs, ein Franke; durch ihn und den Professor Argoli in
+Padua wurde Wallenstein in die geheimen Wissenschaften der Sterne und in
+die Kabbala eingeweiht. Nach seiner Rückkehr diente er dem Kaiser Rudolf
+gegen die Türken und dem König Ferdinand unter Dampierre gegen die
+Venezianer. In diesem Feldzug konnte er schon ein Dragonerregiment auf
+eigene Kosten stellen, denn er war durch die Heirat mit einer begüterten
+alten Witwe zu Vermögen gekommen. Lukrezia von Landeck hieß die Frau; um
+seine Neigung zu gewinnen hatte sie ihm einen Liebestrank eingegeben,
+der ihm fast den Tod gebracht hätte. Sie lebte nur wenige Monate an
+seiner Seite.
+
+Nach der Kampagne gegen Venedig erhob ihn der Kaiser Mathias in den
+Freiherrenstand und ernannte ihn zum Obrist, Hofkriegsrat und Kämmerer.
+Beim Ausbruch der böhmischen Unruhen waren seine Fähigkeiten schon
+anerkannt; die Böhmen wollten ihn zu ihrem General machen. Er blieb aber
+dem Kaiser treu und flüchtete von Olmütz aus mit der Kriegskasse nach
+Wien. Im Jahre der Prager Schlacht erhielt er die Reichsgrafenwürde, und
+nach dem Nikolsburger Frieden schenkte ihm der Kaiser die an Schlesien
+und an die Lausitz grenzende Herrschaft Friedland, die aus neun Städten
+und siebenundfünfzig Dörfern und Schlössern bestand; seitdem hieß man
+ihn nur den »Friedländer«. Auch wurde er Fürst des Reiches. Sein
+Vermögen entsprach der fürstlichen Würde; er war allmählich durch den
+Ankauf konfiszierter Güter, die um einen Spottpreis zu haben waren, der
+reichste Grundherr Böhmens geworden. Er betrieb den Güterschacher im
+allergrößten Stil, denn er verkaufte auch wieder. Um dieses Freiwerden
+adeliger Besitztümer verständlich zu machen ist es notwendig, auf die
+Ursache hinzuweisen.
+
+ * * * * *
+
+Als Ferdinand im Jahre 1619 seinem Vetter Mathias folgte, war er bereits
+einundvierzig Jahre alt, ein kleiner, korpulenter Herr von gesunder
+Leibesbeschaffenheit und gemäßigter Lebensführung. Der beherrschende Zug
+seines Wesens war die Frömmigkeit. Khevenhüller schildert ihn, wie er
+einmal während einer Jagd den Trägern des heiligen Sakraments begegnete,
+umkehrte und barhäuptig bis an das Lager des Sterbenden folgte. Was
+Philipp II. für Spanien gewesen, wollte er für Deutschland sein. »Besser
+eine Wüste, als ein Land voll Ketzer,« war sein Wahlspruch. Die Priester
+waren für ihn die Stimme Gottes, und jeden einzelnen verehrte er als
+überirdische Erscheinung. »Tritt mir ein Priester und ein Engel zugleich
+in den Weg,« so soll er sich einst geäußert haben, »so werde ich dem
+Priester zuerst meine Ehrfurcht erweisen.« Dies galt freilich nur für
+die spanisch-aristokratischen Geistlichen, die sich zu dem System der
+unbedingten Ketzerausrottung bekannten. Er hörte alle Tage zwei Messen
+in der kaiserlichen Kapelle, am Sonntag außerdem die Messe in der
+Kirche, eine deutsche und eine italienische Predigt und nachmittags die
+Vesper; während der Adventszeit versäumte er keine Frühmette, und an
+allen Prozessionen nahm er zu Fuße teil. Seine Gewissensräte, die
+Jesuiten Lamormain und Weingärtner, hatten sein ganzes Herz in der Hand
+und lenkten es, wie der Orden wollte. Er war stark durch seinen
+Starrsinn. Alles Unglück ertrug er mit der Geduld des Hasses, den er
+gegen die Ketzer empfand; all das selbstverschuldete, durch Mangel an
+Treu und Glauben herbeigeführte Unglück erschien ihm als eine
+vorübergehende Prüfung Gottes. Er war der unversöhnliche Feind der
+Protestanten in Deutschland und Böhmen; die Rache, die er an ihnen üben
+wollte, war der Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefühle.
+
+Nach des Kaisers Mathias Tode zog das böhmische Protestantenheer gegen
+Wien. Ferdinand befand sich in der Hofburg. Er war ohne Soldaten und
+ohne Geld. Er schien verloren. Seine Räte drängten ihn, nach Tirol zu
+fliehen, selbst die Jesuiten stimmten für Nachgiebigkeit. Ferdinand
+weigerte sich. Die Lage war furchtbar; Geschosse flogen in die
+kaiserlichen Fenster, Ferdinand mußte sein Wohnzimmer verlassen. Er
+betete gegen seinen Feind. Seine Bedrängnis nutzend, erschienen sechzehn
+protestantische Herren der österreichischen Stände vor ihm und
+forderten, er solle seine Einwilligung zu der Union mit den Böhmen
+geben. Ferdinand weigerte sich, die Schrift zu unterzeichnen. Da faßte
+Andreas Thonradtel den Kaiser bei den Wamsknöpfen und rief ihm zu:
+»Nandl, gib dich, du mußt unterschreiben.« In diesem Augenblick
+schmetterten Trompeten im Burghof; es waren die Dampierreschen
+Kürassiere, die durch das Wassertor in die Stadt gedrungen waren. Sie
+retteten den Kaiser. Furcht und böses Gewissen trieben die Herren von
+der protestantischen Adelskirche aus Wien. Der böhmische General hatte
+die Gelegenheit versäumt, und Ferdinand entschloß sich rasch und kühn,
+nach Frankfurt zu reisen und sich dort zum Kaiser krönen zu lassen. Aber
+gerade in dieser Zeit sprachen ihm die Böhmen in Prag die königliche
+Würde ab. Sie entsetzten ihn als einen Erbfeind der Gewissensfreiheit,
+als einen Sklaven Spaniens und der Jesuiten, und sie wählten an seiner
+Statt den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König, ein
+unglücklicher Schritt, der die Erbitterung aller drei Religionsparteien
+auf die Spitze trieb, denn Friedrich war Kalvinist, und nach Luthers
+Wort waren die Kalvinisten siebenmal ärger als die Päpstlichen.
+
+Friedrich war ein schöner, stattlicher und galanter Mensch von
+dreiundzwanzig Jahren. Als er zu Amberg die Nachricht erhielt, daß er
+König geworden sei, war er betroffen und konnte keinen Beschluß fassen.
+Erst auf das dritte Schreiben der Böhmen reiste er nach Prag und war nun
+guten Mutes. Er verließ sich auf seinen mächtigen Schwiegervater, den
+König von England, er verließ sich auf die Hilfe der deutschen Städte,
+der Hugenotten in Frankreich und der Graubündtner, die ihm versprachen,
+den spanischen Armeen die Pässe zu sperren, und am meisten verließ er
+sich auf seine Jugend.
+
+Doch war er von Anfang an ein verlorener Mann. Wohl stand er an der
+Spitze einer evangelischen Union, viel mächtiger aber war die
+Vereinigung der katholischen Fürsten, welchen aus Haß gegen die
+Kalvinisten auch der protestantische Kurfürst Johann von Sachsen sich
+gesellte, und als nun gar der König von Frankreich Gesandte an die
+Fürsten der Union schickte, um sie von Friedrich abzubringen, machten
+diese ihren Frieden mit der katholischen Liga, und von allen verlassen,
+sah Friedrich von allen Seiten her die Feinde gegen sich losstürmen. Er
+hatte es nicht verstanden, die böhmischen Herren zu gewinnen; er hatte
+es nicht verstanden, sich bei diesen Aristokraten in Respekt zu setzen,
+die einen König nur zum Schein haben wollten, und daß er ihnen ihre
+krummen Sachen gerade biege. Sie hatten nur ihre Feudalrechte,
+Freiheiten und Privilegien im Sinn, nannten den Kaiser einen blinden
+Hund, den Herzog Max die bayrische Sau und den Kurfürsten von Sachsen
+den meineidigen, trunkenen Klotz, und als Friedrich sie einmal um sieben
+Uhr früh zu einer Ratsversammlung bescheiden ließ, wurde ihm erklärt, zu
+solcher Tageszeit könnten sie nicht kommen, der Mensch müsse nach der
+Arbeit seine Ruhe haben.
+
+In der Stadt herrschte die größte Unsicherheit. Jeden Tag wurden ein
+paar Menschen ermordet. Ehebruch und Hurerei wurden zur Plage. Die
+Ernstgesinnten fanden sich durch Friedrichs Vorliebe für französische
+Sprache, französische Sitten und Moden beleidigt. Man verspottete ihn,
+wenn er im rotsamtenen Pelz, mit weißem Hut und gelben Federn abends im
+Schlitten durch die Stadt fuhr. Aber am meisten verdarb er seine Sache
+dadurch, daß er die Bilderstürmerei zuließ. Allenthalben wurden die
+Altäre zerstört, die Kruzifixe zerschlagen, die Gräber der Schutzpatrone
+aufgerissen und beraubt, die Geräte weggeführt, die schönen Stoffe
+verbrannt und das geschnitzte Holzwerk zerhackt. Als das große steinerne
+Kruzifix auf der Moldaubrücke fallen sollte, entstand ein Aufruhr, und
+man mußte der Wache befehlen, jeden in den Fluß zu werfen, der die
+Statue anzutasten wage.
+
+So standen die Dinge, als Max und Tilly heranzogen, die glühenden
+Katholiken, die vor Eifer brannten, die böhmische Hauptstadt den Klauen
+des Ketzers zu entreißen. Die Jahreszeit war vorgerückt, es fing an rauh
+und kalt zu werden. Der General Boucquoy war gegen rasche Maßregeln,
+aber Tilly rief jederzeit im Kriegsrat, wo er vor Ingrimm und Ungeduld
+stets etwas zu zerknittern oder zu zerreißen pflegte: »Prag, Prag.« Im
+Frühnebel des 8. November stand die ligistische Armee endlich vor Prag.
+Der Morgen war bitterkalt, der Boden festgefroren. Abermals wollte
+Boucquoy den entscheidenden Schlag nicht wagen. Da trat ein spanischer
+Karmelitermönch auf, riß ein von den Böhmen verstümmeltes Marienbild aus
+der Kutte und hielt es hoch empor. Herzog Max rief überlaut: »Heilige
+Maria!« und »heilige Maria« wurde das Feldgeschrei des Tages. Es war
+Mittag, und die Sonne trat aus den Nebeln. Das Vorrücken zur Schlacht
+geschah in Massenvierecken des Fußvolks, die Reiterei zog auf beiden
+Flügeln mit. Die böhmischen Kanonen schossen in die Vierecke, und die
+ungarischen Reiter machten einen Angriff. Boucquoy und Herzog Max, die
+sich im Rücken der Armee befanden, hielten die Fliehenden mit dem Degen
+in der Faust auf. Nun führte der Reiteroberst Pappenheim seine
+Kürassiere gegen die Ungarn. Ein junger polnischer Lancier erstach das
+Pferd des den Böhmen verbündeten Herzogs von Anhalt. Er stürzte und
+wurde gefangen. Dieser Zufall war entscheidend. Die Ungarn ergriffen die
+Flucht, ihre Flucht verwirrte die ganze böhmische Schlachtordnung, und
+die Neapolitaner erstürmten die Schanzen und nahmen die Batterien. Die
+Schlacht war nach einer Stunde zu Ende. Eine einzige Stunde hatte das
+Schicksal Böhmens, ja das Schicksal Deutschlands für Jahrhunderte
+entschieden.
+
+Im königlichen Tiergarten hatte Pappenheim gegen eine auserwählte Schar
+von jungen Adeligen gekämpft. Mit zahllosen Hieb- und Stichwunden
+bedeckt, fiel er und lag die ganze kalte Novembernacht hindurch ohne
+Bewußtsein unter Leichen und Pferden. Am andern Morgen kam ein Kroat
+über ihn. Er biß ihn in den Finger, weil der schöne Ring, den er trug,
+sich nicht anders wollte abziehen lassen. Das herzhafte Zubeißen des
+wilden Mannes brachte Pappenheim wieder ins Leben. Er blickte den
+Kroaten finster an und fragte: »Kerl, was willst du?« Der Kroat
+erwiderte: »Du hast gute Kleider an, du mußt sterben.« Obgleich halbtot,
+versetzte ihm Pappenheim eine gewaltige Ohrfeige, versprach aber dann,
+ihn gut zu belohnen, wenn er ihn zu einem Wundarzt führe. Der Kroat
+willfahrte.
+
+Am Morgen nach der Schreckensnacht stieg Friedrich, der Winterkönig, in
+den Reisewagen, ließ alles im Stich, Krone, Kleinodien, Archiv und
+geheime Kanzlei, und fuhr über Breslau und Berlin nach Holland.
+
+Die Rache des Kaisers war glänzend. Er wartete; er wartete sieben Monate
+lang. Er wollte die böhmischen Landherren sorglos machen und die Vögel
+sicher ins Garn locken. Es gelang ihm nur zu gut. Max und Tilly hatten
+Amnestie verbürgt. Tilly gab den Rat, die Stände nicht zur Verzweiflung
+zu treiben; aber die Klugen, die den Kaiser lenkten, waren der Meinung,
+daß Leute, die ein schlechtes Gewissen haben, keine verzweifelten
+Schritte tun, sondern daß solche Leute es lieben, sich zu ducken.
+
+Eines Tages wurden plötzlich achtundvierzig Häupter des Aufstandes
+verhaftet und auf den Hradschin gefangengesetzt. Noch hatte Ferdinand
+seine Bedenken, ob er mit den Rebellen auf spanische Art verfahren
+solle. Der Jesuit Lamormain machte dem Spintisieren ein Ende, indem er
+erklärte, er nehme alles auf sein Gewissen. Am andern Morgen war der
+Blutbote auf dem Wege nach Prag, um dem Statthalter die kaiserlichen
+Befehle zu überbringen.
+
+Schlag vier Uhr früh ertönte der Knall einer Kartaune vom Hradschin. Die
+Gefangenen, von einer Reiterschwadron und zweihundert Musketieren
+begleitet, wurden in bedeckten Wagen zur Altstadt heruntergeführt. Der
+Richtplatz war unmittelbar vor dem Rathaus, gegenüber der Theinkirche,
+wo der goldene Hussitenkelch mit dem Schwerte stand. Das Schafott war
+mit rotem Tuch behangen; auf einer Bühne unter einem Baldachin saß der
+Statthalter und elf vom Kaiser verordnete Kommissarien. Es war ein
+regnerischer Junimorgen, aber zum Trost der Märtyrer spannte sich ein
+schöner Regenbogen über den Lorenzberg.
+
+Der Scharfrichter köpfte innerhalb vier Stunden vierundzwanzig Personen,
+drei wurden gehenkt. Es waren lauter protestantische Köpfe bis auf den
+des Grafen Czernin, der Katholik war. Er mußte sterben, weil man den
+Schein retten wollte, daß das Blutgericht keine Religionsverfolgung,
+sondern eine abgedrungene politische Maßregel sei. Es waren meist ganz
+alte Leute, die exekutiert wurden; zehn von ihnen zählten zusammen über
+siebenhundert Jahre.
+
+Der Kaiser tat noch ein übriges für die Opfer: er betete, während sie
+hingerichtet wurden. Er hatte zu diesem Zweck eine Wallfahrt nach
+Mariazell angetreten, lag vor dem Bild der Mutter Gottes auf den Knien
+und flehte, daß die Böhmen noch vor ihrem Tod in den Schoß der
+alleinseligmachenden Kirche zurückgeführt werden möchten.
+
+Elf Monate nach dem Bluttag ließ Ferdinand einen Generalpardon
+verkündigen. Wer sich schuldig fühlte, sollte sich selbst anklagen, um
+die kaiserliche Verzeihung zu erhalten. Die Vögel liefen ins Garn.
+Siebenhundertachtundzwanzig Herren vom Adel, Ritter und Barone, stellten
+sich freiwillig. Sofort wurden ihre Güter konfisziert. Teils ganz, teils
+halb, teils ein Drittel. Im kaiserlichen Kabinett fehlte es an Geld. Die
+konfiszierten Vermögen ergaben die Summe von dreiundvierzig Millionen
+Gulden, eine ungeheure Summe für jene Zeit. Sie erlaubte dem Kaiser, den
+Krieg fortzusetzen. Alle Güter kamen in andere Hände. Es wechselte der
+ganze Besitzstand. Hundertundfünfundachtzig adelige Geschlechter und
+viele Tausende von Bürgerfamilien verließen die Heimat und wanderten ins
+Ausland, und ganz Böhmen, ganz Mähren und ganz Österreich wurde mit
+Gewalt wieder katholisch gemacht.
+
+ * * * * *
+
+Der Anteil Wallensteins an der Rebellenbeute betrug nahezu ein Drittel.
+Sein Reichtum spielte eine wichtige Rolle in den Ereignissen der Zeit.
+Denn als in Deutschland der Krieg erwachte, als der König von Dänemark
+sich mit Mansfeld und dem Herzog von Braunschweig verband, als Holland,
+England und Frankreich sich anschickten, den Protestanten gegen das Haus
+Habsburg Hilfe zu leisten, sah sich der Kaiser ohne genügende Mittel zur
+Ausrüstung und Besoldung eines großen Heeres. Da erbot sich Wallenstein,
+der unterdessen durch die Heirat mit der Gräfin Harrach, der Tochter
+eines Günstlings des Kaisers, höfische Beziehungen erlangt hatte, zum
+Helfer. Wallenstein wollte den Krieg in großem Stile führen. Der Kaiser
+befahl ihm, ein Heer von zwanzigtausend Mann zu werben. Dies schlug er
+aus. Ein Heer von vierzig- bis fünfzigtausend Mann wollte er stellen,
+denn ein solches Heer, meinte er, werde sich selbst zu ernähren wissen.
+Er erhielt darauf die Vollmacht für diese Zahl und zugleich den
+unbeschränkten Oberbefehl als Generalissimus des Kaisers. Wenige Monate
+vergingen, und die Armee war beisammen. Sein Name lockte; nicht bloß
+unbeschäftigte und hungrige Menschen traten unter seine Fahnen, sondern
+es kamen auch als Offiziere Männer von höchstem Rang. Das Hauptquartier
+des Heeres war in Eger.
+
+ * * * * *
+
+Wallenstein war zum Kriegsfürsten geboren. Er trat im höchsten Prunk auf
+und imponierte durch seinen Luxus, durch ein glänzendes Gepränge, das
+jeden blendete, der ihm nahte. Er wußte die stärksten Leidenschaften der
+Menschen zu erregen und sie dadurch auf Tod und Leben sich dienstbar zu
+machen. Seine Belohnungen waren königlich, seine Tafel bot
+unerschöpfliche Genüsse. Unter der einzigen Bedingung der strengsten
+Disziplin ließ er alle Ausschweifungen seiner Soldaten hingehen. Sein
+Lager war das lustigste, das Soldaten haben konnten. Er duldete einen
+riesigen Train von Bedienten, Troßbuben, Fuhrknechten und Weibern, nur
+Pfaffen duldete er im Lager nicht. Freibeuter aller Konfessionen und
+jeden Standes zogen ihm zu. Sein scharfes Auge erkannte den Tüchtigen
+auf den ersten Blick; der gemeinste Mann vermochte die höchste Stellung
+zu erringen. Jede heroische Tat wurde durch Beförderung und Geschenke
+ausgezeichnet, aber der Feigling mußte sterben, und über den
+Ungehorsamen erging der Befehl, der als Kriegsgerichtsspruch galt: Laßt
+die Bestie hängen.
+
+Er verachtete die Menschen. Sie waren ihm nur Werkzeuge zu seinen
+Zwecken. Als ihm einmal Gustav Adolf vor einer Schlacht den Antrag
+machen ließ, daß man im äußersten Fall einander Pardon geben möge,
+antwortete er: »Die Truppen sollen entweder kombattieren oder
+krepieren.«
+
+Schon sein Äußeres flößte Ehrerbietung und Scheu ein: eine lange,
+hagere, stolze Gestalt, das Gesicht immer ernst, bleich oder gelb, die
+Stirn hoch und gebieterisch, das schwarze Haar kurz abgeschnitten und
+aufwärtsstehend, die Augen klein, schwarz und feurig-stechend, der Blick
+finster und voll Argwohn, Lippen und Kinn mit starkem Schnurr- und
+Knebelbart bedeckt. Seine gewöhnliche Tracht war ein Reiterrock von
+Elensleder, darüber ein weißes Wams, Mantel und Beinkleider von
+Scharlach, ein breiter, nach spanischer Art gekräuselter Halskragen,
+Korduansstiefel, die des Podagras wegen mit Pelz gefüttert waren, und
+eine lange, rote Feder auf dem Hut.
+
+Mochte es im Lager noch so laut hergehen, in seiner Nähe mußte alles
+still sein, seine unmittelbare Umgebung mußte die tiefste Ruhe bewahren.
+Weder Wagengerassel noch Stimmen im Vorzimmer konnte er ertragen. Man
+sagt, er habe einen Kammerdiener aufknüpfen lassen, der ihn ohne Befehl
+geweckt, und einen Offizier heimlich umbringen lassen, weil er mit
+lautklirrenden Sporen vor ihn getreten sei. Er war immer in sich selbst
+versunken, in sich selbst webend und brütend, nur mit seinen Plänen und
+Entwürfen beschäftigt. Er forschte unermüdlich und war unablässig tätig,
+aber immer nur aus sich selbst heraus und fremde Einflüsse schroff
+abwehrend. Er konnte es nicht einmal leiden, daß man ihn anblickte, wenn
+er seine Befehle gab; wenn er durch die Gassen des Lagers
+hindurchschritt, mußten die Soldaten so tun, als bemerkten sie ihn
+nicht. Ein wunderliches Grauen überfiel die Leute, wenn seine hagere
+Gestalt gespenstergleich vorüberging. Es umgab ihn etwas
+Geheimnisvolles, Feierliches und Banges. Er schritt eingehüllt in diese
+Zauber, und sie bildeten einen Nimbus um ihn. Der Soldat glaubte steif
+und fest, daß der General mit dunklen Mächten im Bündnis stehe, daß ihm
+die Sterne Bescheid sagten, daß er keinen Hund bellen, keinen Hahn
+krähen hören könne, daß er hieb-, kugel- und stichfest sei, und vor
+allem, daß er die Fortuna an seine Fahnen gebannt habe. Die Fortuna, die
+seine Göttin war, wurde die Göttin des ganzen Heeres.
+
+Wallenstein war ein Mann von heißestem Temperament, aber äußerlich war
+er immer kalt und ruhig. »Laßt fleißig münzen,« schreibt er einmal an
+seinen Hauptmann im Herzogtum Friedland, »auf daß ich nicht Ursach hab,
+solches zu ahnden, denn ich höre, daß man dem nicht nachkommt, wie ich
+es befohlen, welches mir wohl in die Nasen raucht. Ich bin nicht
+gewohnt, eine Sache oft zu befehlen.« Er war höchst wortkarg und sprach
+recht wenig, dann aber mit Nachdruck. Am wenigsten sprach er von sich
+selbst. Der glühendste Ehrgeiz flammte still und lautlos in seiner
+Brust; ihm opferte er kaltblütig alles. Er war ein Meister in der
+Verstellung; keiner wußte um seine Absichten, und dem Umstand, daß er in
+wichtigen Sachen niemals etwas Schriftliches von sich gab, verdankte er
+viele seiner Erfolge. Er war zweiundvierzig Jahre alt, als er den
+Oberbefehl übernahm.
+
+ * * * * *
+
+Im Herbst 1625 zog Wallenstein gegen den König von Dänemark. Er
+überwinterte in Halberstadt, das er erobert hatte. Im Feldzug des
+folgenden Jahres schlug er den Grafen Mansfeld bei der Dessauerbrücke.
+Dann gewann er dem Kaiser Schlesien zurück, eroberte die dänischen
+Besitzungen und Mecklenburg, das sein Herzogtum wurde. Zum Dank dafür,
+und weil er dem Kaiser viel Geld vorstreckte, überließ ihm Ferdinand das
+Herzogtum Sagan und verkaufte ihm die Herrschaft Priebus für einen
+niedrigen Scheinpreis. Auch wurde er zum General des baltischen und
+ozeanischen Meeres ernannt. Österreich wollte nämlich eine Seemacht
+werden. Dazu schien alles auf dem besten Wege, Dänemark lag darnieder,
+die Hansastädte waren willens, dem Kaiser behilflich zu sein, nur die
+Festung Stralsund widerstand. Ein halbes Jahr lang belagerte Wallenstein
+diese Stadt; obwohl er schwor, daß er sie einnehmen werde, und wenn sie
+mit Ketten an den Himmel gebunden wäre, mußte er unverrichteter Dinge
+wieder abziehen. Dieser Mißerfolg untergrub sein Ansehen im Norden
+Deutschlands. Auch der Kaiser verlor den Glauben an seine
+Unüberwindlichkeit. Jetzt traten die Fürsten mit ihren Klagen über den
+beispiellosen Pomp des Emporkömmlings auf. Ein Notschrei erhob sich über
+die unerträglichen Brandschatzungen, mit denen der General die besiegten
+Länder heimgesucht. Bis dahin hatten alle, verblüfft von seinem
+fabelhaften Glück, geschwiegen, nun taten sich die Lippen auf und
+ergossen sich in Verwünschungen gegen den Tyrannen, der auf Kosten des
+allgemeinen Elends im Überfluß schwelgte. Während Tausende ringsumher
+den Hungertod starben, während sich viele Bürger und Bauern entleibten,
+um der Not zu entrinnen, lebte jeder Rittmeister der Wallensteinschen
+Soldateska wie ein Fürst, und in Schlesien, wo der Bruder den Bruder,
+die Eltern ihre Kinder anfielen, um sie aus Hunger zu schlachten, war
+der Übermut der Söldlinge am größten. Die Häuser wurden geplündert und
+demoliert, ganze Dörfer verbrannt, die Weiber geschändet, den Männern
+Nasen und Ohren abgeschnitten; Offiziere, die kurz zuvor bettelarm
+gewesen waren, besaßen drei- bis viermalhunderttausend Gulden an barem
+Geld.
+
+Aber noch gehorchte ganz Deutschland dem Winke Wallensteins. Er stand
+wie ein Alleinherrscher da. Das Unbegreiflichste an dem unbegreiflichen
+Manne war, daß er die Rüstungen umso eifriger betrieb, je mehr die
+Feinde schwanden. Das Heer zählte erst fünfzigtausend, dann
+hunderttausend, schließlich hundertfünfzigtausend Mann. Diese furchtbare
+Armada des Kaisers erweckte bei allen Fürsten Eifersucht und Angst. Die
+Kurfürsten und der Papst, die Aristokraten des Reichs und die Jesuiten
+standen dagegen auf, aber die Seele aller Ratschläge wider den
+übermächtig werdenden Kaiser war der Kardinal Richelieu, der in einem
+Bericht an den Papst Urban VIII. unverblümt die Absetzung Wallensteins
+forderte.
+
+[Illustration: Wallenstein, nach einem Stich von Peter de Jode.]
+
+Dieser Bericht, erfüllt von tiefster pfäffischer Schlauheit, sprach von
+Österreich als von einer »Bestia mit vielen Köpfen«, von denen die
+abgeschnittenen immer wieder nachwüchsen; Gewalt fruchte nichts, man
+müsse das Blatt umkehren und des Kaisers Frömmigkeit ausnutzen. Derart
+müsse man seine Gottesfurcht ausnutzen, daß man ihn hetze, die seit dem
+Passauer Vertrag eingezogenen Kirchengüter zurückzuverlangen; so werde
+er sich alle protestantischen Fürsten auf immer zu Feinden machen.
+Ferner müsse man seine Frömmigkeit dadurch ausnutzen, daß man wegen der
+üblen Führung des Kriegsvolks sein Gewissen rühre und sein Mitleid
+reize. Alsdann solle Frankreich ein großes Heer nach Deutschland
+schicken, Gewalt brauchen, wo Gewalt vonnöten und mit dem Versprechen
+von Religionsfreiheit nicht sparsam sein.
+
+Der Papst war mit diesen Vorschlägen einverstanden, und der Kaiser wurde
+langsam umgarnt. Sein Beichtvater bedeutete ihm, daß der Passauer und
+der Augsburger Religionsfriede ungültig seien, weil sie ohne den Konsens
+des Papstes abgeschlossen waren. Darauf erließ der Kaiser das
+berüchtigte Restitutionsedikt, welches alles wieder katholisch machte,
+was seit siebenundsiebzig Jahren protestantisch geworden war, und sofort
+erfolgte die strengste Exekution. Obwohl die norddeutschen Protestanten
+erklärten, sie würden eher Gesetz und Sitte von sich werfen und
+Germanien wieder in die alte Waldwildnis verwandeln als zugeben, daß das
+Edikt vollzogen werde, wurden sie durch die kaiserlichen Heere dazu
+gezwungen. Fortwährend lagen die Truppen in allen Ländern der
+Protestanten, mit Ausnahme Kursachsens, das noch für zu mächtig erachtet
+wurde, und raubten sie aus. Jede Beschwerde wurde höhnisch abgewiesen,
+und es fiel das Wort: Der Kaiser will lieber, daß die Deutschen Bettler
+seien als Rebellen.
+
+Indessen verfolgte Wallenstein schweigend seine Entwürfe. Es kam der
+Tag, wo er seine Gedanken offen aussprach: »Man braucht keine Fürsten
+und Kurfürsten mehr. Jetzo ist es Zeit, daß man ihnen das Gasthütel
+abzieht. In Deutschland soll nur der Kaiser allein Herr sein.« Diese
+Sprache klang der deutschen Fürstenaristokratie furchtbar in die Ohren.
+Wallensteins Plan war, sämtliche kleinen Reichsfürsten mit Arglist oder
+mit Gewalt zu vertreiben, ihren Nachlaß zu parzellieren und an die
+Offiziere seines Heeres zu verleihen. Zum Teil war dies schon geschehen.
+Das neue Kaiserreich sollte sich auf den Soldatenadel stützen.
+
+Natürlich war der Kaiser nicht sehr geneigt, einen Mann zu entfernen,
+der ein solches Machtideal für ihn verwirklichen wollte. Auf dem
+Regensburger Fürstentag im Juni 1630 befand sich Ferdinand in einer
+verzweifelten Lage. Die Fürsten bedrängten ihn, das über jedes Maß
+angeschwollene Heer zu verringern und den unerträglichen Diktator, den
+Urheber des allgemeinen Elends, zu entlassen. Weigerte sich der Kaiser,
+so drohten sie, sich mit den Protestanten und mit Frankreich zu
+verbünden. Auf der andern Seite erbot sich Wallenstein, die Fürsten in
+Regensburg zu überrumpeln und unschädlich zu machen. Noch ganz andere
+Pläne schwebten vor seinem kühnen Geist, und er wartete nur, daß der
+Kaiser sie gutheiße. Er wollte für den Kaiser gegen den Papst ziehen.
+Rom sei schon seit hundert Jahren nicht geplündert worden, ließ er sich
+vernehmen, es müsse jetzt um vieles reicher sein. Er hatte gegen
+hunderttausend Mann seines Heeres nach dem südwestlichen Deutschland
+gezogen und wollte sich nicht nur gegen Frankreich und Italien, sondern
+auch gegen die katholischen Fürsten Deutschlands wenden. Er und seine
+Günstlinge drangen unaufhörlich in den Kaiser, daß er seine Einwilligung
+zu den militärischen Operationen geben möge. Aber der Kaiser gab nicht
+die Fürsten auf, wie Wallenstein es wollte, er gab Wallenstein auf, wie
+die Fürsten es wollten. Dem päpstlichen Nunzius Rocci gelang es,
+Ferdinand umzustimmen; es gelang ihm mit Hilfe des feinsten Diplomaten
+jener Zeit, des Kapuzinerpaters Joseph, eines Mannes, der, wie sein
+Begleiter Herr von Leon sagte, gar keine Seele hatte, sondern nur
+Untiefen, in die ein jeder geraten müsse, der mit ihm verhandelte. Der
+Kaiser unterzeichnete den Absetzungsbefehl des Friedländers und hieb
+sich damit gleichzeitig die rechte Hand vom Arm. In dem Augenblick, wo
+alles zu gewinnen war, gab er alles auf. Die kirchliche Politik hat nie
+einen größeren Triumph gefeiert.
+
+Zwei alte Freunde Wallensteins, der Hofkanzler Werdenberg und der
+Hofkriegsrat Westenberg, wurden beauftragt, ihm den Absetzungsbefehl zu
+überbringen. Sie trafen ihn in seinem Hauptquartier in Memmingen,
+anscheinend tief in astrologischen Studien, in Wirklichkeit völlig
+beschäftigt mit dem Gedanken an die Überrumpelung der deutschen Fürsten.
+Er empfing und bewirtete die kaiserlichen Räte prächtig. Lange Zeit
+wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen, die Herren trauten sich
+nicht mit der Sprache heraus. Da nahm Wallenstein einige Papiere vom
+Tisch und sagte: »Diese Dokumente enthalten des Kaisers und des
+Kurfürsten von Bayern Nativität. Aus ihnen könnt Ihr sehen, daß ich
+Euren Auftrag kenne. Die Sterne zeigen, daß der Spiritus des Kurfürsten
+den des Kaisers dominiert. Aus dieser Ursach messe ich dem Kaiser keine
+Schuld bei. Es tut mir weh, daß kaiserliche Majestät mit Abdankung der
+Truppen den edelsten Stein aus seiner Krone wegwirft, es tut mir weh,
+daß kaiserliche Majestät sich meiner so wenig angenommen hat, aber
+Gehorsam will ich leisten.«
+
+Wallenstein zog sich nun nach Gitschin, der Hauptstadt seines Herzogtums
+Friedland, in die Einsamkeit zurück. Von seinem Heere wurden dreißig
+Regimenter abgedankt, der Rest vereinigte sich mit Tilly.
+
+ * * * * *
+
+Es erhob sich aber jetzt für den gefährdeten Protestantismus ein Retter
+in der Person Gustav Adolfs von Schweden, der Schneemajestät, wie ihn
+die Herren in Wien nannten, die freilich noch nicht wußten, was für
+Hitze ihnen dieser Eiskönig machen würde. Bei den Protestanten hieß er
+wegen seines blonden Haares und Bartes der Goldkönig, auch den Löwen aus
+Mitternacht hießen sie ihn in ihrer gläubigen Hoffnung.
+
+Gustav Adolf war von ungewöhnlich hohem Wuchs, starkem Knochenbau und
+großer Wohlbeleibtheit, so daß nur ein starkes Pferd ihn zu tragen
+vermochte. Seine graublauen Augen blickten unter der weiten Stirn mit
+freundlichem Ausdruck. Seine Haltung und sein Anstand waren echt
+fürstlich, seine ganze Erscheinung trug das Gepräge der Zuversicht und
+Offenheit, und seine wohltönende Stimme flößte Vertrauen ein. Er übte
+große Macht über die Gemüter, seine Zunge war beredt, und seine
+Unterhaltung voll Anmut und Leutseligkeit. Er liebte die Wissenschaften,
+sein Lieblingsbuch war das Buch vom Krieg und Frieden von Hugo Grotius,
+das er immer mit sich führte. Seit seiner Jugend hatte nur der Krieg für
+ihn Reiz, er war zum Helden und zum Herrscher geboren. Er war fromm und
+gottesfürchtig, aber er war auch klug; seine Diplomatie hielt gleichen
+Schritt mit seiner Heldenschaft. Seine Geschäftsleute wurden hoch
+bezahlt, ein Netz von schwedischen Gesandten und Spionen war über die
+europäischen Höfe verbreitet, und sein Kabinett war durch seine
+undurchdringliche Verschwiegenheit so ausgezeichnet, daß die
+französischen Gesandten beständig darüber klagten, nie hinter die
+eigentlichen Absichten der Schweden kommen zu können. Fremden Ministern
+und Offizieren ließ Gustav, wenn sie in sein Lager zu Unterhandlungen
+kamen, ihre Geheimnisse beim Wein entlocken, wozu meist ein schottischer
+Oberst verwendet wurde, der übermäßig viel vertragen konnte und dabei
+doch den Verstand bewahrte.
+
+Mit bloß vierzehntausend Mann kam Gustav Adolf nach Deutschland; die
+kaiserliche Macht war wenigstens doppelt so stark. Aber er hatte viel
+Zulauf von Wallensteins entlassener Armada, und er verließ sich auf die
+Sympathie im Volke; in allen Städten, die er durchzog, blies man von
+den Türmen: nun kommt der Heiden Heiland. Er nahm Stettin ein, rief die
+Mecklenburger von Wallenstein ab und zum Gehorsam gegen die alten
+Herzöge zurück, erstürmte Frankfurt an der Oder, bemühte sich, freilich
+vergebens, ein Bündnis zwischen den Kurfürsten von Sachsen und
+Brandenburg zu erwirken, und sandte, da Magdeburg in großer Not war,
+einen der Obersten seiner vierzig deutschen Kompanien, Herrn Dietrich
+von Falkenberg, in die belagerte Stadt. Falkenberg, ein sehr tapferer
+Edelmann, verkleidete sich als Schiffer und schlich durch Pappenheims
+Scharen in die Stadt, wo er alsbald den Kommandantenposten übernahm.
+Pappenheim machte den Versuch, ihn durch das Anerbieten einer großen
+Summe zu bestechen, er aber erwiderte: »Braucht der Pappenheim einen
+Schelmen, so mag er ihn im eigenen Busen suchen.«
+
+Aber die Stadt war nicht zu halten. Tilly war mit dreißigtausend Mann
+vor den Mauern angelangt und eroberte alle Außenwerke, doch hatte er
+erfahren, daß der Schwedenkönig in der Nähe stehe, und wollte deshalb
+die Belagerung aufheben. Nur Pappenheim bestand im Kriegsrat auf einer
+Bestürmung. Am folgenden Tag fiel die Stadt. Pappenheim wurde ihr
+Mordbrenner. Um die Feinde zu vertreiben hatte er einige Häuser in Brand
+stecken lassen, der Wind blies in die Flammen, die nun alles ergriffen.
+Zornig darüber, daß ihnen die Feuersbrunst die erhoffte Beute entzog,
+schlugen die kaiserlichen Truppen jeden tot, der ihnen in den Weg kam.
+Einige ligistische Offiziere, empört über das teuflische Wüten der
+Kroaten, Ungarn und Wallonen, traten vor Tilly und baten ihn, er möge
+dem Gemetzel Einhalt tun. Mit finsterem Gesicht antwortete ihnen Tilly:
+»Drei Stunden Plünderung ist Kriegsregel. Der Soldat will für Müh und
+Gefahr etwas haben.« Pappenheim schrieb nach München: »Magdeburgs
+Jungfrauschaft ist weg. Wir haben es mit stürmender Hand erobert, den
+Bischof habe ich gefangen, Falkenberg ist niedergehaut samt allen
+Bürgern, so in der Wehr gewesen. Was sich von den Menschen in die Keller
+oder Böden versteckt hatte, ist alles verbrannt. Ich halt, es seien über
+zwanzigtausend Menschen draufgegangen und ist gewiß seit der Zerstörung
+Jerusalems kein greulicheres Werk und Straf Gottes gesehen worden.« An
+den Kaiser nach Wien schrieb er: »Es ist mir und meinen rätlichen
+Spießgesellen bei dieser wunderbaren Viktori nichts abgegangen, als daß
+wir nit Eure kaiserliche Majestät und dero kaiserliches Frauenzimmer als
+Zuschauer gehabt.«
+
+Das war die magdeburgische Hochzeit, wie die kaiserliche Soldateska es
+nannte. Der Dom war von den Flammen verschont geblieben, in ihm wurde
+Messe gelesen und das Tedeum gesungen.
+
+Das Kriegsvolk aber sang:
+
+ »Magdeburg, du stolze Magd,
+ Hast dem Kaiser den Tanz versagt,
+ Jetzt tanze mit dem alten Knecht,
+ Geschieht dir eben recht.«
+
+Gustav Adolf hatte nichts zum Entsatz Magdeburgs wagen wollen; in einer
+Schutzschrift wälzte er die Schuld auf die beiden Kurfürsten. Endlich
+rückte er vor Berlin und forderte eine bestimmte Erklärung. Der Kurfürst
+Georg Wilhelm war sein Schwager, aber er war ganz in den Händen seines
+Ministers, des Grafen Schwarzenberg, und dieser stand im Solde der
+Jesuiten. Der Kurfürst wollte stille sitzen und bangte davor, Land und
+Leute zu verlieren, und er fürchtete die Übermacht des Kaisers. Gustav
+Adolf zwang ihn jedoch, in sein Lager zu kommen, die Allianz zu
+unterzeichnen, und besetzte dann Berlin und Spandau. Darauf zog er
+südwärts dem alten Tilly entgegen, und in jenen Herzfeldern
+Deutschlands, bei Leipzig, wo mehrmals die deutschen Geschicke
+ausgekämpft worden sind, sollte nun die Entscheidung fallen.
+
+Tilly hatte sein Hauptquartier in einem abgelegenen Hause vor Leipzig,
+er merkte erst nachher, daß es des Totengräbers Haus gewesen. Er hatte
+seine Befehle in einem Zimmer ausgefertigt, in dem sich lauter Pyramiden
+von Totenschädeln und Gebeinen befanden. Eine düstere Ahnung ergriff
+ihn, selbst Pappenheim erbleichte.
+
+Am Morgen des Schlachttages schickte Tilly den Pappenheimer mit
+zweitausend Kürassieren aus, damit er rekognosziere. Aber der hitzige
+Mann ließ sich in ein Gefecht ein, und um ihn zu retten mußte Tilly
+seine ganze Streitmacht entfalten. Seine Völker trugen weiße Bänder auf
+Helmen und Hüten und weiße Binden um den Arm; er selbst kommandierte in
+einem sonderbaren Kostüm, in einem grünseidenen Schlafrock; auf dem
+Kopf hatte er ein Barett mit bunten Federn, und er ritt seinen kleinen
+Schimmel.
+
+Der Schwedenkönig entwickelte sein ganzes Kriegsgenie und zeigte die
+Überlegenheit seines leichten Fußvolks. Er machte gegen die andrängenden
+Kaiserlichen Front, wendete sich mit der Spitze seiner Kolonne gegen die
+Hügel, wo ihre Geschütze standen, und beschoß Tilly mit seinen eigenen
+Kanonen. Die Reiterei wurde aus dem Feld geschlagen, das Fußvolk floh,
+und nur fünf Wallonenregimenter schlugen sich mit ihrem alten Vater
+Tilly unter dem Schutze der Nacht in geschlossener Ordnung durch. Tilly
+starrte vor sich hin, die Augen voll von Tränen. Er hatte schon drei
+Streifschüsse. In Halle traf er den Pappenheimer, der wieder mit
+höchster Bravur gefochten und vierzehn Schweden teils niedergehauen,
+teils, weil ihm das Schwert zerbrochen war, wie ein Bär in seinen Armen
+erdrückt hatte. Die Schweden erbeuteten das ganze kaiserliche Lager,
+alles Geschütz und über hundert Fahnen.
+
+Jetzt trat in Wien eine andere Stimmung ein; die Hofschranzen und
+Weiber, Jesuiten und Kapuziner vermaßen sich nicht mehr, das »neue
+Feinderl«, wie sie Gustav Adolf nannten, mit Ruten über die Ostsee
+hineinzupeitschen oder das Schneeköniglein zerrinnen zu sehen, wenn es
+sich dem Süden näherte. Der Sieg Gustav Adolfs war ein zermalmender
+Schlag für den Kaiser und die Katholiken. Der König Sigismund von Polen
+jammerte, er könne gar nicht begreifen, warum unser Herrgott lutherisch
+geworden sei. Angst und Bedrücktheit wuchsen, als der Schwede durch die
+»Pfaffengasse« ins Reich zog, Erfurt, Würzburg, Hanau und Frankfurt
+nahm, die Pfalz befreite, mit Bayern unterhandelte, Augsburg eroberte
+und mit suveräner Macht jeden Widerstand zerbrach.
+
+Im Mai des Jahres 1632 hielt er seinen Einzug in München, und in seiner
+Begleitung befand sich der vertriebene Böhmenkönig. Das Pfingstfest
+feierte er in Augsburg; eine Chronik erzählt davon also: »Am heiligen
+Pfingsttag wohnte der König dem öffentlichen Gottesdienst nicht bei,
+sondern ließ sich von seinem Hofprediger Doktor Fabricius in seinem
+Kabinett predigen. Abends aber bei der Tafel bekam er jählingen Lust zu
+tanzen, dahero denn sogleich Anstalt gemacht worden, daß die
+Geschlechterstöchter in den Fuggerschen Häusern erschienen, mit welchen
+sich sowohl der König wie die anwesenden fürstlichen Personen etliche
+Stunden lang mit englischen und deutschen Tänzen erlustiget.« Gustav
+Adolf war ein großer Frauenfreund; er wollte eine schöne Augsburgerin
+küssen; sie hieß Jakobine Lauber und gefiel ihm sehr, aber sie wehrte
+sich und riß dem König die Halskrause ab.
+
+In diese friedlichen Tage hinein fiel die Nachricht, daß Wallenstein
+gegen den König von Schweden heranziehe.
+
+ * * * * *
+
+In stolzer Ruhe hatte Wallenstein in Gitschin und in Prag gelebt. Schon
+von Memmingen aus hatte er für sein neues Schloß Sorge getragen und an
+seinen Landeshauptmann geschrieben: »Seht, daß die zwei Kapellen, meine
+und meines Weibes, heuer fertig werden; laßt die Altäre darin machen,
+wie auch die fünf Altäre in der Kirche verfertigen, daß ich daselbst den
+Gottesdienst verrichten könne. So seht ebenmäßig, daß alle Zimmer fertig
+werden und mit schönen Bildern versehen, denn in diesem verlasse ich
+mich allein auf Euch. So werdet Ihr auch sehen, daß der Garten
+verfertigt wird und viel Fontanen daselbst gemacht. Die Loggia laßt
+geschwind mit Zwerchgewölben und #lavor di stucco# zieren. Sagt dem
+Baumeister, daß gleich in der Mitte auf dem Platz vor der Loggia muß
+eine mächtige Fontana sein, dahin alles Wasser laufen wird, alsdann aus
+derselben, daß sich das Wasser auf die rechte und linke Hand teilt, und
+die andern Fontanen laufen macht. Ich vermeine Mitte Oktober zu Gitschin
+zu sein und daselbst zu verbleiben; dahero seht, daß das Gebäu fertig
+und die Zimmer mit Damast, Sammet und goldenen Ledern ausgeputzt und
+möbliert werden. Laßt mir auch bittern Wermutmost anmachen, der #dulce
+picante# ist, auf daß ich ihn kann desto ehender haben. Laßt alle Ställe
+verfertigen wie auch den Tummelplatz und das Ballhaus.«
+
+In Prag lebte Wallenstein mit königlichem Aufwand, aber für seine
+Person, wie im Lager, in der tiefsten Abgeschiedenheit. Für den Palast,
+den er auf der Kleinseite hatte bauen lassen, waren hundert Häuser
+niedergerissen worden, um Platz zu gewinnen. Alle Straßen, die die
+Zugänge bildeten, waren mit Ketten gesperrt. Sechs Portale führten zu
+dem Palast; im Schloßhof stand eine Leibwache von fünfzig aufs reichste
+gekleideten Hellebardieren. Sein Hofstaat zählte an tausend Personen.
+Graf Paul Liechtenstein stand als Oberhofmeister an der Spitze, ein Graf
+Harrach war Oberstkämmerer, ein Graf Hardegg Oberststallmeister.
+Vierundzwanzig Kammerherren bedienten des Friedländers Durchlaucht,
+trugen, wie die des Kaisers, die goldenen Schlüssel, und sechzig
+Edelknaben aus den vornehmsten Häusern waren um ihn, alle in hellblauen
+Samt mit Gold gekleidet. Auch lebten viele seiner ehemaligen Offiziere
+bei ihm, denen er Löhnung und freie Tafel gab. Jede Mahlzeit bestand aus
+hundert Schüsseln. In den Marmorställen fraßen über tausend Pferde aus
+marmornen Krippen, und wenn er reiste, geschah es nicht anders als in
+fünfzig vierspännigen Wagen. Im Festsaal des Prager Palastes hatte er
+sich als Triumphator malen lassen, von vier Sonnenrossen gezogen, einen
+Stern über dem lorbeerbekränzten Haupt. Die langen Zimmerreihen waren
+mit astrologischen und mythologischen Figuren geschmückt. Aus einem
+Rundgemach führte eine geheime Treppe in eine Badegrotte aus künstlichem
+Tropfstein. Aus dieser Grotte trat man in eine hohe Säulenhalle und von
+da in den Garten mit seinen Fontänen und fischreichen Kanälen.
+
+Wallensteins Vermögen war für jene Zeit ungeheuer. Man hat seine
+Jahreseinkünfte auf sechs Millionen Gulden geschätzt; er zog sie teils
+aus den Kapitalien, die er in den Banken von Venedig und Amsterdam
+liegen hatte, teils aus den böhmischen und mährischen Gütern und dem
+Fürstentum Sagan. Unausgesetzt erließ er einsichtsvolle Verfügungen für
+seinen Besitz, suchte die Jesuiten durch große Stiftungen beim Guten zu
+erhalten und berief tüchtige Männer in seinen Dienst. Aber er verkehrte
+nur mit sehr wenigen Personen; es lebte der italienische Astrolog Seni
+bei ihm, mit dem er viele Nächte in eifrigen Studien verbrachte, und
+seine einzigen Vertrauten waren sein Schwager Adam Terzka und dessen
+Mutter, die ihm wegen ihrer hohen Klugheit ganz besonders wert war.
+Seine Gesundheit hatte durch die Kriegsstrapazen gelitten, er mußte
+mäßig leben, und da er vom Podagra geplagt wurde, konnte er nur auf
+einen indischen Rohrstock gestützt gehen.
+
+ * * * * *
+
+Ununterbrochen hatte der Kaiserhof mit Wallenstein korrespondiert. Nach
+der furchtbaren Leipziger Schlacht mußte man daran denken, einen Mann
+wieder zu gewinnen, dessen Kredit bei der Soldateska ohnegleichen war,
+und so wurde Questenberg nach Prag geschickt, um mit Wallenstein wegen
+Wiederannahme des Kommandos zu verhandeln. Wallenstein lehnte ab. Darauf
+ging Prag fast ohne Schwertstreich verloren. Don Balthasar Maradas zog
+mit den Truppen ab, um sie in Sicherheit zu bringen, hatte aber zuvor
+Wallenstein um Rat fragen lassen; dieser hatte erwidert, er habe kein
+Kommando mehr, Maradas möge tun, was er wolle. Darauf verließ er Prag,
+zog nach Gitschin und schickte seine Frau und seinen Vetter Max nach
+Wien. Max ward nun vom Kaiser mit einem beweglichen Schreiben an
+Wallenstein zurückgeschickt; Ferdinand flehte, er möge ihn doch in der
+gegenwärtigen Not nicht im Stiche lassen. Das war es, was Wallenstein
+wollte. Er begab sich nun nach Znaim, um mit dem Kaiser weiter zu
+unterhandeln. Er bequemte sich, das Kommando wieder zu übernehmen, aber
+vorerst nur auf drei Monate. Man drang immer mehr in ihn, und so
+entschloß er sich endlich, den Oberbefehl ohne Zeitbestimmung zu
+übernehmen, aber #»in absolutissima forma«#. Weder der Kaiser noch sein
+Sohn sollten bei der Armee etwas zu schaffen haben; zwei Artikel des
+Vertrags gaben Wallenstein unbeschränkte Macht, die Güter rebellischer
+Reichsstände einzuziehen, und wen er für schuldig erachte, zu begnaden
+oder zu bestrafen. Ausdrücklich war bedungen, daß weder der
+Reichshofrat, noch das Kammergericht, noch der Kaiser selbst in solchen
+Dingen das geringste einreden dürfe. All das liefert den Beweis, daß
+Wallenstein mit ungebrochenem Willen auf sein altes Ziel losging. Als
+#»ordinari recompens«# verlangte er kaiserliche Assekuration auf ein
+österreichisches Erbland und als #»extra ordinari recompens«# die
+Oberlehensherrschaft in den eroberten Ländern.
+
+Der Vertrag wurde in demselben Monat unterschrieben, in welchem Tilly am
+Lech gefallen war. Seine Bedingungen sind von so außerordentlicher Art,
+daß sie in der Weltgeschichte ohne Beispiel dastehen. Nur ein so
+phantastischer Mann wie Wallenstein konnte sich einbilden, daß er das
+Seil ohne Gefahr so straff spannen könne. Nur ein Charakter so voll
+Fatum konnte ohne Erbeben ein Schicksal auf sich nehmen, das jede
+Erwartung heuchlerisch erfüllt.
+
+Wenige Monate vergingen, und Wallenstein hatte wieder ein neues Heer
+von zweihundertvierzehn Schwadronen Reiterei, hundertzwanzig Kompanien
+Fußvolk nebst vierundvierzig Kanonen. Sofort säuberte er Prag und Böhmen
+von den Sachsen und vereinte sich in Eger mit dem Herzog von Bayern, der
+ihn vordem gestürzt hatte und ihn jetzt als Kriegsherrn anerkennen
+mußte. Beide zogen gen Nürnberg, wo der Schwedenkönig sich verschanzt
+hatte. Wallenstein besetzte die Anhöhen des Altenbergs und verschanzte
+sich gleichfalls. Sein Plan war, keine Schlacht zu liefern; er wollte
+Gustav Adolf zeigen, daß er schlagen oder auch nicht schlagen könne, wie
+es ihm beliebe. Monatelang stand Wallenstein wie eingefroren. Ringsumher
+begannen Hunger und Elend zu wüten. Gustav Adolf mußte kämpfen oder
+weichen. Er versuchte einen Sturm auf Wallensteins Linien, der mißlang
+aber gänzlich. Von diesem Tag an verlor er seinen frohen Mut und erhielt
+ihn nicht wieder. Er ließ Wallenstein Friedensvorschläge machen, aber
+noch ehe die Antwort kam, gab er sein Lager auf. Er zog an Wallenstein
+vorbei, der unbeweglich blieb, zog an die Donau und dann, dem Hilferuf
+des Kurfürsten von Sachsen folgend, an die Saale. Auch Wallenstein
+setzte sich jetzt in Bewegung; er ließ sein Lager anzünden, das
+anderthalb Meilen im Umfang gehabt hatte. Sein Heer war ein wandernder
+Raubstaat. Überall wurden die Herden weggetrieben, die Obstbäume
+umgehauen und die Dörfer verbrannt.
+
+Wieder in den Feldern bei Leipzig trafen sich die Heere. Wallenstein
+hatte an Pappenheim geschrieben: »Der Feind marschiert hereinwärts, der
+Herr lasse alles stehen und liegen und incaminiere sich herzu mit allem
+Volk und Stücken, auf daß Er sich morgen früh bei uns befinde.« Dieser
+Befehl ist noch im Wiener Archiv aufbewahrt; er ist getränkt mit dem
+Blute Pappenheims, der am Tag von Lützen fiel.
+
+Wallenstein ließ am Schlachtmorgen die Generale und Obersten an seinen
+Wagen kommen, um die Befehle zu erteilen, dann erst bestieg er sein
+Schlachtroß, aber die Steigbügel mußten mit seidenen Tüchern umwunden
+werden, da ihm die Füße schmerzten. Auf dem ganzen Gefild lag dichter
+Nebel. Gustav Adolf hatte ebenfalls sein Leibroß bestiegen und redete
+einzeln zu vielen Leuten seines Heeres. Dann ließ er zum hellen Schall
+der Trompeten und Pauken: »Eine feste Burg ist unser Gott« und jenes
+andere, sein Lieblingslied, anstimmen: »Verzage nicht, du Häuflein
+klein, obgleich die Feinde willens sein, dich gänzlich zu zerstören«.
+
+Die Schlacht begann. Nach dreistündiger Bemühung wurden mehrere der
+wallensteinschen Vierecke durch die schwedische Infanterie zersprengt.
+Da gewahrte der König die schwarzen Kürassiere Wallensteins mit dem in
+blanker Rüstung davor haltenden Oberst Piccolomini. Er befahl dem
+finnischen Reiterregiment, sie anzugreifen, erhielt aber die Nachricht,
+daß sein Fußvolk wieder zum Weichen gebracht worden sei. Sogleich eilte
+er an der Spitze des smaländischen Regiments zu Hilfe. Dem rasch
+Voransprengenden konnten nur wenige folgen. Auf einmal befand er sich
+mitten unter den schwarzen Reitern. Sein Pferd wird durch den Hals
+geschossen, ihm selbst zerschmettert ein Pistolenschuß den linken Arm.
+Seine ersten Worte waren: »Es ist nichts, folgt mir.« Aber die Wunde war
+so bedeutend, daß die Knochen aus dem Ärmel hervorstarrten. Er wandte
+sich, um aus dem Getümmel zu entkommen, im selben Augenblick erhielt er
+einen zweiten Pistolenschuß in den Rücken. Mit dem Seufzer: »Mein Gott,
+mein Gott,« sinkt er vom Pferd, bleibt aber im Steigbügel hängen, das
+Pferd schleift ihn mit sich fort. Seine Begleiter fallen oder fliehen,
+nur ein Page bleibt bei ihm. Er lebt noch, der Page will nicht sagen,
+daß es der König ist, er wird selbst auf den Tod verwundet. Der König
+wird seiner goldenen Halskette beraubt und entkleidet, er ruft endlich:
+»Ich bin der König von Schweden.« Die schwarzen Kürassiere wollen ihn
+fortschleppen. Da sprengt das Stenbocksche Regiment heran. Die
+Kürassiere fliehen; da sie den König nicht mitnehmen können,
+durchschießen sie ihm den Kopf und durchstechen ihm den Leib mit vielen
+Stichen. Er sinkt zur Erde, der Hufschlag der Rosse braust über den
+Leichnam dahin.
+
+Der verwundete, blutbedeckte, reiterlose Schimmel des Königs
+verkündigte, an der schwedischen Front entlang jagend, das geschehene
+Unglück. Zuerst entmutigt, dann in ihrem Schmerz zur Rache angespornt,
+griffen die Schweden neuerdings an, und wäre jetzt nicht Pappenheim mit
+vier frischen Regimentern auf dem Walplatz erschienen, so hätte der
+heldenhafte Bernhard von Weimar schon um die dritte Nachmittagsstunde
+gesiegt. So begann die Schlacht von neuem, aber auch Pappenheim erlag
+vor der unwiderstehlichen Gewalt des jungen Bernhard. Das kaiserliche
+Heer ergriff die Flucht. Wallenstein schlug in Prag seine
+Winterquartiere auf und ließ viele Offiziere hinrichten, weil durch sie,
+wie er sich ausdrückte, die kaiserlichen Waffen unauslöschlichen Spott
+erlitten hätten. In Böhmen sollte sich sein dunkles Schicksal erfüllen;
+ihm war nicht der Heldentod auf dem Schlachtfeld beschieden.
+
+Am anderen Morgen suchten die Schweden unter den zahllosen Leichen des
+Schlachtfeldes die edelste Leiche, die des Königs. Man fand sie, nackt
+ausgezogen, vor Blut und Hufschlägen kaum erkennbar, mit neun Wunden
+bedeckt, unfern des großen Steins, der jetzt noch der Schwedenstein
+heißt. An der Leiche schworen die Soldaten dem Herzog Bernhard, ihm zu
+folgen bis ans Ende der Welt.
+
+Der unerwartete Tod Gustav Adolfs erregte ganz Europa. Der Kaiser ließ
+in allen Kirchen Dankgebete singen, als wenn er den glorreichsten Sieg
+erfochten hätte, und er weinte beim Anblick des blutigen Kollers mit den
+Schußöffnungen im linken Ärmel, das der König in der Schlacht getragen
+hatte. In Madrid wurden Freudenfeste veranstaltet und der Tod des Königs
+zum Ergötzen aller Gläubigen im Schauspiel dargestellt. Der Papst, der
+es im stillen recht gern gesehen hatte, daß dem Kaiser ein Bedränger
+aufgestanden war, ließ eine Messe lesen. Den vertriebenen Winterkönig
+rührte bei der Nachricht vor Schrecken der Schlag, und er starb,
+sechsunddreißig Jahre alt; er hinterließ dreizehn unmündige Kinder, mit
+denen Eleonora, sein Weib, fast dreißig Jahre lang ohne Heimat und oft
+ohne Geld umherirren mußte, verfolgt von mancher abenteuerlichen Liebe
+und von blutgierigem Haß.
+
+ * * * * *
+
+Während der schwedische Kanzler Oxenstjerna, der nach dem Tode des
+Königs an die Spitze der Geschäfte trat, mit Sachsen und Brandenburg
+unterhandelte, während Herzog Bernhard Franken zurückeroberte und sich
+am Oberrhein festsetzte und der Feldmarschall Horn die in Deutschland
+zerstreuten kaiserlichen Truppen aus dem Felde schlug, blieb Wallenstein
+ruhig in seinem Winterquartier und vermehrte sein Heer. Erst Mitte Mai
+brach er auf, zog nach Schlesien, gewann es dem Kaiser wieder, schloß
+aber bald einen Waffenstillstand mit dem sächsischen General Armin, der
+in Schlesien kommandierte. Derselbe auffällige Waffenstillstand wurde
+einige Wochen später erneuert. Es war der Plan Wallensteins wie auch der
+beiden Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, eine dritte Macht im
+Reich herzustellen, eine Mittelmacht zwischen dem Kaiser und den
+Schweden. Es lief damals das Gerücht, daß alle Ausgewanderten ihre Güter
+zurückerhalten, die Jesuiten aus dem Reich verjagt werden und den
+Schweden ihre Kriegskosten ersetzt werden sollten; auch hieß es, daß
+Wallenstein in dem geheimen Vertrag mit Kursachsen für sich selbst die
+Krone von Böhmen ausbedungen habe. Gewiß ist, daß Wallenstein
+gleichzeitig mit Frankreich unterhandelte und zwar über die Krone
+Böhmen. Der Kardinal Richelieu, der in den deutschen Angelegenheiten
+festen Fuß gefaßt hatte, ließ ihm seinen Beistand, eine Million Livre
+jährlich und die Krone anbieten, wenn er vom Kaiser abfallen wolle. Aber
+der Botschafter Feuquières brach die Unterhandlungen ab, weil er der
+Ansicht war, Wallenstein wolle ihn nur hinters Licht führen und die
+Feinde des Kaisers gegeneinander hetzen. Auch mit den Schweden und mit
+dem Herzog Bernhard trat er ins Einvernehmen. Das Mißtrauen am Wiener
+Hof wurde zur Spannung, als er sich weigerte, dem Herzog von Bayern
+gegen Bernhard von Weimar zu Hilfe zu ziehen. Er führte das Heer aus
+Schlesien in die Winterquartiere und schickte von Pilsen aus ein
+Schreiben nach Wien, worin er seine Obristen ihr Gutachten abgeben ließ,
+daß ein Kriegszug in dieser Jahreszeit untunlich sei.
+
+Seit Gustav Adolfs Tode war dem Kaiser der mit Wallenstein
+abgeschlossene Vertrag immer lästiger geworden. Er klagte laut, daß er
+gleichsam einen Mitkönig habe und keine freien Dispositionen mehr in
+seinem eigenen Lande. Das Wiener Kabinett brach den Verkehr mit
+Wallenstein ab, weil die Notwendigkeit drängte, dem Herzog Bernhard in
+Süddeutschland entgegenzutreten. Da Wallenstein sich weigerte, dies zu
+tun, wurde der Herzog von Feria aus Italien gerufen, und Johann
+Altringer, einer von den Generalen Wallensteins, erhielt den Befehl,
+sich mit dem Herzog zu vereinigen. Altringer schwankte erst, aber nach
+dem Tode Ferias ließ er sich vom Wiener Hof gewinnen. Voll Zorn
+zitierte ihn Wallenstein vor sich, Altringer verweigerte den Gehorsam.
+Nun beschloß Wallenstein, um nicht zum zweitenmal abgesetzt zu werden,
+den Oberbefehl freiwillig niederzulegen, wollte sich jedoch
+sicherstellen, daß die Zusagen erfüllt würden, die man ihm gemacht
+hatte. Deshalb versammelte er alle in Böhmen, Mähren und Schlesien
+stehenden Generale und Obristen in seinem Feldlager zu Pilsen. Dort gab
+ihnen der Feldmarschall Illo ein Bankett, bei dem die Herren schließlich
+so betrunken waren, daß sie Stühle und Bänke, Ofen und Fenster
+zerschlugen. Illo und Graf Terzka, die sich mit Wallenstein verabredet,
+stellten ihnen beweglich vor, daß der Oberfeldherr wegen der vom Wiener
+Hofe erfahrenen Unbill genötigt sei, das Kommando niederzulegen. Diese
+unerwartete Nachricht bestürzte die Offiziere nicht wenig. Sie alle
+hatten auf Wallensteins Wort und in der Hoffnung, von ihm entschädigt zu
+werden, ihre Regimenter auf eigene Rechnung angeworben und ihr Vermögen
+zugesetzt; wenn Wallenstein fiel, drohte ihnen der Ruin. Zu ihrer
+Sicherstellung wurde ihnen jetzt ein Revers vorgelegt, und darin wurde
+der Kaiser, obwohl er nicht genannt war, hart angeklagt. Nach der
+flehentlichen Bitte an Wallenstein verpflichteten sich die Generale und
+Obristen, mit Gut und Blut für ihren Feldherrn einzustehen, sich auf
+keinerlei Weise von ihm trennen zu lassen, seinen Vorteil nach
+Möglichkeit zu befördern und seine Feinde zu verfolgen.
+
+Vierzig Generale und Obristen unterzeichneten das merkwürdige
+Schriftstück. Es befand sich aber in ihrer Mitte auch der Verräter
+Piccolomini, der an der Spitze der italienischen Partei stand, und diese
+Partei war mit den Jesuiten im Bunde, um den Friedländer zu stürzen.
+Wallenstein aber hegte ein unbedingtes Vertrauen gegen Piccolomini, denn
+er glaubte aus den Sternen gelesen zu haben, daß er sich auf ihn
+verlassen dürfe. Piccolomini berichtete den Inhalt des Reverses nach
+Wien und klagte Wallenstein einer gefährlichen Verschwörung an. Zudem
+teilte der Herzog von Savoyen den Inhalt der Verhandlungen mit, die
+Wallenstein mit dem französischen Hofe gepflogen hatte. Man beschuldigte
+Wallenstein der verwegensten Pläne. Es hieß, er habe geäußert: »Ich
+dulde Gott nicht, viel weniger werde ich Ferdinand dulden.« Der
+spanische Botschafter sagte: »Wozu zaudern? Ein Dolchstoß macht der
+Sache ein Ende.« Ferdinand sah sich gedrängt, nicht nur die zweite
+Absetzung Wallensteins auszusprechen, sondern auch den Mann, der ihm die
+Monarchie gerettet hatte, der äußersten Rache seiner Feinde
+preiszugeben. Niedriger Eigennutz war der stärkste Beweggrund der mit
+aller Hast herbeigeführten Katastrophe, denn als die Absetzung noch
+tiefes Geheimnis war, stritten sich die Herren mit Erbitterung und bis
+zum Zweikampf über die Teilung der Beute, der Güter, der Häuser, der
+Gärten, ja der Wagen und Pferde Wallensteins und riefen mit schamloser
+Stirne sogar den Hof selbst zum Schiedsrichter bei ihren Zwistigkeiten
+an.
+
+Der Hof seinerseits verfuhr gegen den gefährlichen Gegner ungemein
+verschlagen. Er schickte einen Erlaß an die Befehlshaber der
+Wallensteinschen Armee, worin die Absetzung des Generalobristfeldhauptmanns
+vorsichtig angedeutet war, die Offiziere ihrer Verpflichtung entbunden
+wurden, ihnen für den Fehltritt bei dem Pilsner Bankett mit Ausnahme
+zweier Rädelsführer Verzeihung zugesichert und der Fortbestand des
+kaiserlichen Wohlwollens gelobt wurde. Aber wochenlang nach diesem Erlaß
+korrespondierte der Kaiser scheinbar ganz harmlos mit Wallenstein über
+amtliche Geschäfte, nannte ihn nach wie vor »hochgeborner lieber Oheim
+und Fürst« und versicherte ihn mit der gewöhnlichen Courtoisie seiner
+Huld und Gnade.
+
+Unterdessen wurden die Generale und Obristen einzeln nacheinander und im
+Geheimen gewonnen. Die Italiener, Spanier und Wallonen waren bald
+willig, die Deutschen, Böhmen, Mährer und Schlesier waren dem
+Friedländer treu, und man traute ihnen in Wien trotz der gewährten
+Amnestie nicht. Nach einem Monat erging ein zweites kaiserliches Mandat,
+das schon eine deutlichere Sprache führte und nicht nur an die
+Befehlshaber, sondern auch an alle gemeinen Soldaten gerichtet war. Es
+sprach davon, daß ihnen männiglich wohl bekannt sein werde, wie er, der
+Kaiser, seinen gewesenen Feldhauptmann von Friedland mit allerhand
+Guttaten, Gnaden, Freiheiten, Hoheiten und Dignitäten, als nicht bald
+bei einem Menschen seines Standes gleich geschehe, begabt und geziert
+habe; welchergestalt aber derselbe aus boshaftem Gemüt und ohne Zweifel
+längst gefaßtem Vorsatz eine Konspiration wider ihn und sein Haus
+angesponnen und durch Verkleinerung der kaiserlichen Person und
+eigensinnige Ausdeutung seiner Macht in der kaiserlichen Armada zugetane
+Obristen verführt habe. Der Kaiser erklärt, er habe gewisse Nachrichten
+erlangt, daß Wallenstein ihn und sein Haus gänzlich auszurotten sich
+vernehmen lassen und sich äußersten Fleißes bemühet habe, solche
+meineidige Treulosigkeit und barbarische Tyrannei zu vollziehen,
+dergleichen nicht gehört, noch #in scriptis# zu finden sei.
+
+Wallenstein erfuhr erst, woran er war, als Gallas, Altringer, Maradas,
+Piccolomini und Colloredo Ordonnanzen erließen, welche den Obristen
+untersagten, künftig noch Befehle von Wallenstein, Illo oder Terzka
+anzunehmen. Die Obristen erhielten die Weisung, gegen Prag zu ziehen, um
+sich der Hauptstadt des Landes zu versichern. Wallenstein ließ nun in
+Pilsen eine feierliche Erklärung ausstellen, daß der frühere Revers
+nicht das geringste gegen den Kaiser und die Religion bedeutet hätte. Er
+befahl seinen Truppen, ebenfalls nach Prag zu ziehen, schickte aber zwei
+Offiziere an den Kaiser mit einem Handschreiben, in welchem er sich
+erbot, sich nach Danzig oder Hamburg zu begeben; er wünsche nur seine
+#ducadi,# seine Herzogtümer, zu behalten.
+
+Aber gerade jene #ducadi# wollte man sehr gerne in Wien, das wußte
+Wallenstein recht wohl. Er beschloß daher, sich in Verfassung zu setzen,
+auf alle Fälle, nur nicht auf den Fall, den er keineswegs voraussehen
+konnte, da er gegen alle Berechnung war. In seiner tiefen Not wandte er
+sich jetzt ernstlich an den Herzog Bernhard von Weimar und ließ ihn
+auffordern, nach Böhmen zu kommen. Herzog Bernhard traute nicht. Er
+rief aus: »Wer an Gott nicht glaubt, dem kann auch der Mensch nicht
+glauben.« Und doch drängte die Zeit. Wallenstein erfuhr den Abfall eines
+Generals nach dem andern. Altringer entschuldigte sich von Frauenberg
+aus mit Krankheit, Gallas kam nicht wieder, Diodati war heimlich
+durchgegangen, dreizehn Kuriere flogen nach Regensburg und zurück,
+endlich machte sich Herzog Bernhard langsam auf den Weg. Wallenstein
+hatte sich nach Prag begeben wollen, der Abfall der Generale hatte den
+Plan vereitelt; auch den Vorsatz, nach Zittau zu marschieren, mußte er
+aufgeben; der dritte Ort, den er wählte, um sich mit den Schweden in
+Verbindung zu setzen, war Eger.
+
+Am 22. Februar 1634 morgens gegen zehn Uhr verließ er Pilsen und zog am
+24. nachmittags zwischen vier und fünf Uhr in Eger ein. In seiner
+Begleitung befanden sich Illo und Terzka mit fünf Kompanien Kürassieren,
+fünf Kompanien vom altsächsischen Regiment zu Pferd, die unterwegs
+abfielen und nach Prag marschierten, und zweihundert Mann Fußvolk. Bevor
+er das erste Nachtquartier erreicht hatte, stieß Oberst Butler mit acht
+Kompanien Dragoner zu ihm.
+
+Butler war ein Irländer von Geburt und Katholik. Er hatte von Pilsen aus
+nach seinem Quartier in Gladrup von Wallenstein den Befehl erhalten, mit
+seinem Regiment auf Prag zu rücken, – bei Todesstrafe. Schon diese
+Weisung, die Pässe zu verlassen, die aus Böhmen nach der Oberpfalz
+führen, hatte seinen Verdacht erregt; jetzt erhielt er die neue Weisung,
+Wallenstein nach Eger zu folgen, und er mußte mit seinen Dragonern der
+Sänfte des Feldherrn voranreiten. Er schrieb an Gallas und Piccolomini
+über seinen wachsenden Argwohn, daß er notgedrungen mit Wallenstein
+ziehe, daß er aber vielleicht aus besonderer Schickung Gottes zu diesem
+Weg gezwungen werde, um eine besondere heroische Tat zu verrichten. Auf
+dem letzten Marsch ließ Wallenstein Butler an seine Sänfte kommen und
+entschuldigte sich, daß er bisher nicht mehr für ihn getan habe; er
+versprach ihm zwei Regimenter und ein Geschenk von zweimalhunderttausend
+Talern. In Eger mußte Butler mit seinen Fahnen in der Stadt bleiben,
+während seinen Soldaten auf freiem Feld zu kampieren befohlen war.
+Wallenstein wohnte im Haus des Bürgermeisters Bachhälbel auf dem Markt,
+Terzka und Kinsky mit ihren Frauen im Hintertrakt desselben Hauses.
+
+Der Kommandant von Eger war der Obristleutnant in Terzkas Regiment,
+Johann Gordon, ein Schotte und Kalvinist. An ihn und an den
+Oberstwachtmeister Walter Lesly, ebenfalls einen Schotten, wandte sich
+Butler. In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar verschworen sich diese
+drei Männer in der Zitadelle bei gezückten Degen, Wallenstein sofort aus
+dem Weg zu räumen. Es ward ausgemacht, daß am folgenden Abend Gordon die
+Generale zu einem Faschingsschmaus auf die Burg laden solle; bei diesem
+Schmaus sei die Tat zu vollbringen. Alles drängte zur Eile, schon hatte
+Illo frohlockend die Kunde gegeben, daß am andern Tag die Schweden in
+Eger einrücken würden.
+
+Am 25. Februar, es war ein Samstag, gab Graf Terzka den Offizieren ein
+Gastmahl. Darnach, um sechs Uhr abends, fuhr er mit Kinsky, Illo und dem
+Rittmeister Neumann in einer Kutsche zum Faschingsschmaus auf die Burg.
+Man setzte sich zur Tafel und speiste und zechte lustig. Nach dem Essen
+veranstalteten Gordon und Lesly, daß das Obertor der Stadt geöffnet und
+hundert Mann von Butlers irischen Dragonern und ebensoviele deutsche
+Soldaten in die Stadt gelassen wurden; mit ihnen verstärkte man die
+Wache auf der Burg, die nun abgesperrt wurde. Unterdessen war das
+Konfekt aufgetragen worden. Da erhielt Gordon ein fingiertes Schreiben,
+das angeblich von Kursachsen verfaßt und nun aufgefangen war. Es stand
+darin, daß der Kurfürst die Absicht Wallensteins, vom Kaiser abzufallen,
+nicht billige, und daß er gesonnen sei, Wallenstein dem Kaiser
+auszuliefern, wenn er ihn in seine Gewalt bekomme. Gordon reichte den
+Brief Illo hinüber; dieser las ihn und schüttelte den Kopf. Auch die
+andern lasen ihn, es erhob sich ein Streit; um freier reden zu können,
+wurde die Dienerschaft hinausgeschickt; sie wurde in ein abgelegenes
+Gemach zum Essen geführt und dort eingeschlossen. Nun war man mit den
+Schlachtopfern allein.
+
+Kaum hatten sich die Diener entfernt, so traten aus den beiden
+Nebenzimmern des Speisesaals der italienische Obristwachtmeister
+Geraldino und die irischen Hauptleute Deveroux und Macdonald mit
+sechsunddreißig Dragonern. Deveroux rief laut: #»Viva la casa
+d’Austria!«# Und Deveroux: »Wer ist gut kaiserlich?« Butler, Gordon und
+Lesly antworteten schnell: »Vivat Ferdinandus! Vivat Ferdinandus!«
+Ergriffen ihre Degen und jeder einen Leuchter von der Tafel und traten
+auf die Seite. Die Irländer schritten auf den Tisch zu und warfen ihn
+über den Haufen. Kinsky wurde zuerst niedergestoßen, dann Illo nach
+kurzer Gegenwehr; Terzka, der glücklich seinen Degen erlangt hatte,
+stellte sich in eine Ecke und verteidigte sich mannhaft. Sein Wams von
+Elenshaut schützte ihn gegen mehrere Hiebe, so daß ihn die Dragoner für
+einen Gefrorenen hielten; endlich trafen ihn einige Dolchstöße im
+Gesicht, er fiel und wurde mit den Kolben der Musketen erschlagen.
+Rittmeister Neumann hatte sich verwundet ins Vorhaus geflüchtet und
+wurde draußen erstochen. Die Körper der Gemordeten gab man den Dragonern
+preis, die sie bis aufs Hemd auszogen.
+
+Gordon ließ nun den Speisesaal schließen und blieb bei der Wache auf der
+Burg, Lesly begab sich auf die Hauptwache am Markt, und Butler besetzte
+Wallensteins Wohnung. Es war eine finstere, unfreundliche Nacht, der
+Wind heulte und ein feiner Regen klirrte an die Fenster. »Es ist,« heißt
+es in den Frankfurter Relationen, »sonderlich zu merken, daß selbige
+Nacht um neun Uhr ein erschreckliches Windsbrausen erstanden, welches
+bis gegen Mitternacht gewähret. Hat sich also gleichsam das Firmament
+über die grausamen Mordtaten entsetzet und einen Abscheu getragen.«
+
+Deveroux unternahm mit zwölf Mann den Gang zum Herzog. Die Wache am Haus
+ließ ihn durch, weil sie glaubte, daß er eine Meldung zu machen habe. Im
+Vorzimmer begegnete er dem Kammerdiener Wallensteins, der seinem Herrn,
+welcher eben ein Bad genommen hatte und sich zu Bett begeben wollte, den
+Nachttrunk brachte, Bier auf goldener Schale; Deveroux ward von ihm
+bedeutet, keinen Lärm zu machen. Sein Astrolog Seni hatte Wallenstein
+eben verlassen; er soll ihn aus den Sternen gewarnt haben. Wallenstein
+hatte den Lärm gehört, den die Aufstellung der Soldaten auf dem Markt
+veranlaßt hatte; er hatte das Schreien der Gräfinnen Terzka und Kinsky
+im Hintergebäude gehört, denn beide hatten schon von der Ermordung ihrer
+Männer auf der Burg erfahren; er war ans Fenster getreten und hatte die
+Schildwache gefragt. Deveroux forderte vom Kammerdiener den Schlüssel zu
+Wallensteins Zimmer, und als der Diener sich weigerte, sprengte er die
+Tür mit dem lauten Ruf: »Rebell! Rebell!« und trat mit seinen
+Mordgesellen ein. Wallenstein stand im Nachtkleid an den Tisch gelehnt.
+»Du mußt sterben, Schelm!« rief ihm Deveroux zu. Wallenstein eilte ans
+Fenster, um Hilfe herbeizurufen, Deveroux folgte ihm mit der Partisane.
+Wallenstein breitete die Arme aus, und ohne einen Laut von sich zu geben
+empfing der große Mann den Todesstoß.
+
+Sein Leichnam wurde in einen roten Fußteppich gewickelt und in Leslys
+Kutsche auf die Zitadelle gebracht. Da lag er mit den vier Leichnamen
+der andern Ermordeten den ganzen Sonntag über. Am Montag wurden alle
+nach Mies auf Illos Schloß gebracht und begraben. Bloß Neumann nicht;
+wegen seiner lästerlichen Reden beim letzten Bankett, daß er ehestens in
+der Herren von Österreich Blut seine Hände zu waschen verhoffe, wurde
+er unter dem Galgen eingescharrt.
+
+Wallensteins Sarg war zu klein geraten, und damit er Platz habe, mußten
+ihm die Beine zerbrochen werden.
+
+Schweigend ist er aus dem Leben geschieden; geheimnisvoll hatte er die
+Pläne und Entwürfe, die seine Seele nährten, in tiefster Brust
+eingeschlossen, und über seinem Leben und über seinem Tode liegt ein
+undurchsichtiger Schleier.
+
+Die Güter der Ermordeten wurden sämtlich eingezogen; von den Besitzungen
+Wallensteins, die auf fünfzig Millionen Gulden geschätzt wurden, fiel
+das meiste dem Kaiser zu. Die abtrünnigen Generale wurden reich belohnt,
+die Mörder machten ihr Glück und wurden angesehene Leute, aber alle
+Anhänger Wallensteins wurden geächtet und vierundzwanzig Obristen und
+Hauptleute wurden in Pilsen hingerichtet.
+
+
+
+
+Leonhard Thurneyßer
+
+
+Leonhard Thurneyßer, genannt zum Thurn, war ein Goldschmiedsohn aus
+Basel und 1530, im Jahr der Übergabe der Augsburger Konfession, geboren.
+Er sollte wie sein Vater Goldschmied werden, war aber nebenher bei
+Doktor Huber, dem er Kräuter sammeln und Arzneien zubereiten half und
+aus den Schriften des Paracelsus vorlesen mußte. Schon in seinem
+siebzehnten Lebensjahr verheiratete ihn sein Vater mit einer Witwe, die
+ihn mit ihrem Vormund betrog. Durch einen falschen Freund kam er in
+Händel mit Juden und verließ die Heimat im achtzehnten Jahr seines
+Alters. Er ging in die weite Welt, zuerst nach England, dann nach
+Frankreich, und wurde hier Soldat unter den wilden Truppen des
+Markgrafen Brandenburg-Kulmbach. In der Schlacht von Sievershausen, in
+der Moritz von Sachsen fiel, wurde Thurneyßer von Christoph von
+Karlowitz gefangengenommen. Er verließ nun den Kriegsdienst und
+verschaffte sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in Bergwerken und
+Schmelzhütten, auch mit der Goldschmiedekunst und mit Wappen- und
+Steinzeichnen. Da seine Frau von ihm geschieden worden war, heiratete
+er im Jahre 1558 eine Goldschmiedstochter aus Konstanz und zog mit ihr
+nach Imst in Tirol, wo er eine Schmelz- und Schwefelhütte anlegte und
+Bergbau auf eigene Rechnung trieb. Zwei Jahre später nahm ihn der
+Erzherzog Ferdinand von Tirol, der Gemahl der schönen Philippine Welser,
+in Dienst und schickte ihn auf Reisen; er ging nach Schottland und den
+orkadischen Inseln, nach Spanien, Portugal und in die Berberei, nach
+Äthiopien, Ägypten, Syrien, Arabien und Palästina, wurde auf dem Berg
+Sinai, im Katharinenkloster vom Orden des heiligen Basilius, Ritter der
+heiligen Katharina und kehrte über Kandia, Griechenland und Italien nach
+Tirol zurück.
+
+Durch seine Kenntnisse als Chemiker und Metallurg, als Botaniker und
+besonders als Arzt, wurde er der berühmteste Wundermann seiner Zeit. Er
+fing jetzt an, seine Schriften herauszugeben, zuerst das in deutschen
+Reimen abgefaßte Buch »Archidoxa«, darin der »wahre Lauf, Wirkung und
+Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper, auf alle Gewerbe und
+Hantierungen der Menschen und die verborgenen Mysterien der Alchimie«
+enthalten waren. Als Wunderdoktor lernte ihn der Kurfürst Joachim
+Friedrich von Brandenburg im Jahre 1571 während der Huldigungsfeier zu
+Frankfurt an der Oder kennen. Thurneyßer besorgte hier die Publikation
+einer andern Schrift, die den Titel hatte: »Pison, von kalten, warmen,
+mineralischen und metallischen Wässern samt Vergleichung der Pflanzen«,
+und die dem Kurfürsten von Sachsen zugeeignet war. An einer Stelle heißt
+es: »Große und starke Personen sind von kalter Natur, haben eine böse,
+unreine Komplexion, stinken und schwitzen viel, und solcher Art ist auch
+Herr Christoph Sparre, der kurfürstliche Oberhofmeister in Berlin.«
+Oder: »Diejenigen, die von Person lang, schmal, dürr und kleine runde
+Köpfe haben, besitzen gar keine Geschicklichkeit und führen weibische
+Reden wie weiland Kaiser Rudolf von Habsburg.« Er war auch Anatom, und
+Kaiser Ferdinand hatte ihm im Jahre 1559 erlaubt, eine Frau zu sezieren,
+der zur Strafe die Adern geöffnet waren, daß sie sich totbluten solle.
+
+[Illustration: Leonhard Thurneyßer, nach einem 1583 erschienenen
+Holzschnitt.]
+
+Das Vertrauen des Kurfürsten erwarb er sich gleich, denn er war ein Mann
+von stattlichem Ansehen; die den Schweizern eigene Manier von
+Ehrlichkeit, seine Welt- und Menschenkenntnis und sein lebhaftes
+Temperament nahmen für ihn ein. Er verstand es, die Schwächen großer
+Herren und ihre Neigungen auszuforschen und sich gegen diejenigen klug
+zu betragen, an deren Gunst ihm gelegen war. Die Kurfürstin war krank,
+Thurneyßer übernahm die Behandlung, und der Erfolg bewirkte, daß von
+Stund an sein Glück bei den brandenburgischen Herrschaften gemacht war.
+Sie nahmen ihn mit nach Berlin, der Kurfürst ließ auf seine Kosten
+Thurneyßers Frau und Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen
+hatte, aus Konstanz nach seiner Hauptstadt bringen.
+
+Thurneyßer hatte dem Kurfürsten Blätter aus dem »Pison« gezeigt, welche
+die Flüsse in der Mark und deren unerkannte Reichtümer betrafen. So hieß
+es unter anderm darin: »Das Wasser der Spree ist grünfarbig und lauter.
+Es führet in seinem Schlich Gold und eine schöne Glasur. Das Gold hält
+23 Karat 1/2 Gramm.« Daß die Spree Gold führe, war bisher unerhört,
+blieb auch unerhört. Ebenso beschrieb Thurneyßer Orte in der Mark, wo
+man Rubine, Smaragde und Saphire finden könne. Bisher hatte man sie
+nicht gesucht und nicht gefunden, fand sie auch niemalen. Aber die
+glänzenden Verheißungen lockten bei Hof nicht wenig, den Mann
+festzuhalten, der so viele Hoffnungen erweckte. Alle Hofleute waren von
+ihm entzückt, und sogar das kurfürstliche Hoffrauenzimmer breitete
+seinen Ruhm im ganzen Lande aus. Er erhielt Briefe von einigen Fräulein
+und verheirateten Damen, die auf dem Lande lebten, worin sie ihn um
+Schminke baten, oder um Schönheitsöl, oder um Waschwasser, nebst
+Beschreibung des Gebrauchs. Sie schließen gemeiniglich mit dem Ersuchen,
+es niemand wissen zu lassen, noch andern davon zu geben.
+
+Thurneyßer war ein Mann, der sich wohl darauf verstand, die gute Meinung
+zu nutzen, die man von ihm gefaßt hatte, um sich bedeutende Reichtümer
+zu erwerben. Er wußte sich in seinen Glücksumständen bis an das Ende
+seines Lebens zu erhalten, – wo er dann freilich um Geld und Ehre kam.
+Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis und eine nicht zu ermüdende
+Wißbegierde. Nach dem Vorbild des Paracelsus hatte er die Natur
+unmittelbar aus ihren Werken studiert, und da er mit Aufmerksamkeit eine
+Menge von Gegenständen in nahen und weitentlegenen Ländern betrachtet
+hatte, war er auch zu einer tiefen Erkenntnis der Natur gelangt. Nicht
+so sehr wie Paracelsus war er gegen das Bücherlesen eingenommen; er
+hatte mehrere medizinische und historische Werke studiert. Mit dem
+Griechischen war er auf seinen Reisen bekannt geworden, auch mit einigen
+orientalischen Sprachen, so daß er später eine Schriftgießerei in
+ausländischen Lettern anlegen und sogar ein Onomastikon herausgeben
+konnte. Lateinisch lernte er noch in seinem sechsundvierzigsten Jahr bei
+dem berlinischen Propst Jakob Colerus. Er verstand sich auf die Kunst
+des Zeichnens und konnte die für seine anatomischen Handleitungen und
+sein Kräuterbuch beschäftigten Formschneider wohl anweisen. Er hatte
+eine Karte der Mark Brandenburg aufgenommen, wie man sie damals noch
+nicht besaß. Seine Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie und
+Astrologie waren nicht unbedeutend, so daß er nicht nur die weit und
+breit berühmten Kalender veröffentlichte und sich mit dem Stellen der
+Nativität abgeben konnte, sondern er vermochte auch für die Jahre 1580
+bis 1590 die ephemeriden und astronomischen Tabellen zu berechnen.
+
+Der Kurfürst bestellte ihn zu seinem Leibmedikus, und sein stehendes
+Gehalt betrug 1352 Taler, eine für jene Zeit ansehnliche Summe. Daneben
+hatte er auf vier Pferde Futter, die Hofkleidung, die Hofdeputate und
+bei Reisen Vorspann. Kurfürst und Hof gaben ihm vielerlei Bestellungen
+von Einkäufen, die er zu Leipzig, zu Nürnberg und zu Venedig durch seine
+Schreiber und Bekanntschaften besorgen mußte. Der Kurfürst war ein
+Liebhaber von Silbergerät; die Goldschmiede hatten so viel für den Hof
+zu tun, daß Joachim Friedrich viel Silberzeug in Leipzig anfertigen
+ließ, und Thurneyßer hatte davon die Kommissionen. Besonders setzte die
+Kurprinzessin Katharina von Küstrin ein außerordentliches Vertrauen in
+Thurneyßer. Ihr Gemahl war Administrator von Magdeburg, sie selbst
+residierte in Halle. Sie ließ ein Laboratorium bauen und ersuchte
+Thurneyßer, zu ihr zu kommen. Der Kurfürst gab nur ungern seine
+Einwilligung, weil er Thurneyßer stets um sich haben wollte. Katharina
+brauchte den gewandten Schweizer in allen ihren Geschäften; wenn sie
+Geld nötig hatte, mußte er auf der Leipziger Messe in seinem Namen zwei,
+drei und mehrere tausend Taler für sie aufnehmen. Sie ließ durch ihn
+Kleinodien und Silberzeug kaufen und verkaufen und schickte ihm Leute
+zu, die er zu Laboranten und Provisoren bilden, in der Imitation von
+Rubinen und Smaragden und im Wappen- und Steinschneiden unterrichten
+sollte.
+
+Bald nach seiner Ankunft in Berlin hatte ihm der Kurfürst eine geräumige
+Wohnung in dem ehemaligen Franziskanerkloster, dem grauen Kloster,
+gegeben, damit er Platz zu einer weitläufigen Haushaltung haben möge. Er
+richtete sich dort in großem Stile ein. Im Laboratorium wurden nach
+seinem silbernen Buch die Arkana präpariert, die geheimen Arzneien, die
+ihn zum reichen Mann machten: Goldpulver, Goldtropfen, Amethystenwasser,
+Saphir-, Rubinen-, Smaragden-, Perlen- und Korallentinktur, auch
+Bernsteinöl. Er hatte Mittel »wider die Vergicht, wider ein Rotgesicht,
+dasselbe zu erläutern und zu dealbieren.« Ein Lot #spiritus vini#
+kostete vier Taler, ein Lot #Spiritus vini correcti# sogar sechs Taler,
+ein Lot Rhabarberextrakt zwei Taler. Der Gräfin Lynar schickte er einmal
+einige Öle zum äußerlichen Gebrauch, die fünfunddreißig Taler kosteten,
+und schrieb ihr dazu: »Ihre Gnaden würde zum besonderen Vergnügen
+gereichen, diese kleinen Unkosten zu tragen, damit Sie nichts einnehmen
+dürften.« Er meinte, weil sie ja die Mittel nicht schlucken müsse.
+
+Er hielt im grauen Kloster eine Art von kleiner Hofstatt, seine
+Haushaltung bestand aus mehr als zweihundert Personen, aus Dienern,
+Schreibern, Laboranten, Boten zum Verschicken und den Arbeitern in der
+weitläufigen Druckerei, die mit deutschen, lateinischen, griechischen,
+hebräischen, chaldäischen, syrischen, türkischen, persischen,
+arabischen, sogar mit abessinischen Typen versehen war, in der seine
+Schriften fortan gedruckt wurden, auch die Schriften von andern
+Gelehrten, zum Teil aus fernen Städten, jede mit der Aufschrift:
+gedruckt zu Berlin im grauen Kloster. Die Arbeiter und Bedienten waren
+fast alle verheiratet und wohnten mit Frauen und Kindern bei Thurneyßer.
+Der Aufwand zu ihrem Unterhalt war so groß, daß er monatlich einen
+Ochsen schlachten ließ. Er selbst ging stattlich, in schwarzsamtenen und
+seidenen Kleidern, was ein besonderes Zeichen der Pracht war, auch
+täglich mit seidenen Strümpfen. Noch kurz ehe Thurneyßer nach Berlin
+kam, hatte der Markgraf Johann zu Küstrin seinem geheimen Rat Barthold
+von Mandelsloh, der die seidenen Strümpfe aus Italien mitgebracht hatte
+und einst an einem Wochentag mit ihnen bei Hof erschien, zugerufen:
+»Barthold! Ich habe auch seidene Strümpfe, aber ich trage sie nur des
+Sonn- und Festtags.« Thurneyßer prangte nicht nur in seidenen Strümpfen
+und Kleidern, sondern er trug um den Hals auch goldene Gnadenketten mit
+daran hängenden Kur- und Fürstenbildnissen, goldnen Gnadenpfennigen und
+Kontrefaitmünzen. Wenn er ausging, begleiteten ihn zwei Edelknaben; 1580
+verrichteten diesen Dienst zwei Vettern, Christoph und Hans Christoph
+von Tetzel aus dem alten, reichsadeligen Patriziergeschlecht der Tetzel
+von Kirchsittenbach und Vohra zu Nürnberg. Ihre Eltern wohnten in
+Denelohe, einem im fränkischen Altmühlkreis gelegenen Reichsrittersitz;
+1582 dankte der Vater dem Doktor Thurneyßer dafür, daß er seine Kinder
+zu sich genommen; er sei überzeugt, daß sie im ganzen Kurfürstentum
+nirgends besser als bei ihm zur Ordnung und Tugend erzogen werden
+könnten. Oft speisten große Gesellschaften von den Vornehmsten des Hofes
+bei ihm, und wenn auswärtige Herren ankamen, sich seines Rats zu
+erholen, nahm er sie im grauen Kloster bei sich auf, wie den Fürsten
+Radziwill. Er war das Orakel von aller Welt. König Friedrich II. von
+Dänemark bat ihn, die einst von Heinrich dem Löwen verschütteten
+Salzbrunnen zu Adeslon zu untersuchen; König Stephan Bathory von Polen,
+den er zuweilen mit Antidoten oder Gegengiften versah, sprach ihn um
+Hilfe wegen der Bergwerke an; Graf Wilhelm der Weise von Hessen forderte
+von ihm eine Erklärung fremder Buchstaben auf einem in der Grafschaft
+Katzenellenbogen aufgefundenen Gipsstein. Der König von Schweden
+schickte ihm einen schönen Luchspelz. Die Schreiber breiteten seine
+Wunderkuren aus und brachten reiches Entgelt, seltene gemalte Bücher,
+Handschriften, Erzstufen, Versteinerungen und Kräuter mit. Sie erzählten
+auch, was an auswärtigen Höfen und in anderen Ländern vorfiel, und mit
+diesen Nachrichten wußte Thurneyßer sich bei seinem Herrn sehr beliebt
+zu machen.
+
+Von seinen Kalendern setzte er ungeheure Auflagen ab. Bei den einzelnen
+Monatstagen pflegte er Buchstaben und verblümte Worte als Prognostika
+beizufügen, und im folgenden Jahr schickte er dann die Erklärungen, wenn
+die Begebenheiten richtig eingetroffen waren. Im Kalender auf 1579 steht
+beim 17. Dezember: schändliche Tat einer fürstlichen Person. 1580
+lautete die Erklärung: auf diesen Tag hat Signora Bianca Capelli ihren
+Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben, welcher am 18. Dezember
+gestorben.
+
+Als Nativitätssteller begründete er seinen Ruf mit der Versicherung, er
+habe dem König Sigismund August von Polen ohne Aberglauben und
+Teufelskünste Jahr, Monat und Tag seines Todes prophezeit; sowie in
+einer fürstlichen oder gräflichen Familie in Deutschland ein Kind
+geboren war, wurde ihm die Geburtsstunde zugeschickt; manchmal kamen
+mehrere Boten an einem Tag. Nun suchte er den Stand der Planeten,
+forschte, in welchem Zeichen des Tierkreises sie gestanden, bemerkte die
+Aspekten gegeneinander und bestimmte daraus die Influenzen auf den
+Geborenen. Er beurteilte seine künftigen Schicksale, seine natürlichen
+Neigungen und Fähigkeiten, ob er glücklich, reich oder arm, zu Ehren
+gelangen werde oder nicht, heiraten werde oder nicht, Kinder bekommen
+werde oder nicht, was er für Krankheiten zu erwarten und in welchem
+Alter er sterben würde. Das alles interessierte damals die Leute
+ungemein, jedermann glaubte steif und fest daran, auf den Universitäten
+wurden Collegia über das Nativitätstellen gelesen, und Bischöfe und hohe
+Geistliche gaben sich damit ab.
+
+Die Bestimmung der Nativität hatte keinen Zweck, wenn man nicht die
+Talismane trug, die Thurneyßer fabrizierte. Er versah die ganze Mark und
+die benachbarten Länder mit Talismanen. Selbst Andreas Osiando, der
+berühmte Streittheolog in Königsberg, trug zum Schutz wider den Aussatz
+eine Kette um den Hals. Als Thurneyßer, eine goldne Kette um den Hals,
+1574 nach Königsberg reiste, um den blödsinnigen Herzog zu heilen,
+benutzte er bei seinen Kuren die Talismane. Es waren sogenannte große
+Jupiter-Talismane, #Sigilla solis#. Sie finden sich noch in den
+Münzkabinetten; Jupiter erscheint auf ihnen wie ein Württemberger
+Professor mit Bart und Pelzrock und einem großen Buch, aus dem er
+doziert; auf dem Revers befindet sich ein Apucus, ein heiliger
+Rechenpfennig, der die Summe 34 gibt, man mag die Zahl in den sechzehn
+Feldern der Länge nach oder der Breite nach oder in der Diagonale
+addieren. Die #Sigilla solis# waren oft sechs Dukaten schwer. Einer ist
+vierzehn Dukaten schwer. Er trägt die Namen Gottes und der zehn Fürsten
+der Engel und die hebräischen Worte, die der berühmte Abt Trieheim aus
+der Bibel und den Rabbinen entlehnt und Agrippa von Nettelsheim in
+seinem Werk #De occulta philosophia# erklärt hatte. Die #Sigilla solis#
+waren dazu bestimmt, die solarischen Krankheiten abzuwenden, wozu die
+des Gehirns zählten. Es gab auch Talismane mit dem Zeichen der andern
+Planeten, und diese verhüteten die astralischen Krankheiten. Ferner gab
+es Talismane aus sieben verschiedenen Metallen gemischt, in einem
+festgesetzten Verhältnis und mit Beobachtung der Konstellation: wann sie
+geschmolzen waren und wann der Stempel aufgeprägt war; diese hatten eine
+besondere verborgene Kraft, Menschen, in unglücklicher Stunde geboren,
+glücklich zu machen. Andere Talismane verschafften die Gunst großer
+Herren, beförderten zu Ehrenstellen, ließen Heiratshändel gelingen, und
+wenn Mars beim ersten Eintritt in das Zeichen des Skorpions darauf
+geprägt war, verliehen sie dem Soldaten Mut und Sieg. Thurneyßer
+verkaufte Talismane zum Besten des ganzen menschlichen Geschlechtes, vom
+Kaiser bis zum Bauer herunter. Das sollte die mit dem Zepter kreuzweis
+gelegte Sense andeuten, die sich auf den Münzen befinden. Er erzeugte
+auch sympathetische Ringe, die von der fallenden Sucht befreiten.
+
+Durch alle diese Geldquellen wurde Thurneyßer sehr reich. Sein Schatz
+bestand aus zwölftausend Goldstücken, teils einfachen und doppelten
+Portugalesern, teils vierfachen Kronen, Rosenobeln, Engalotten und
+Dukaten. Er besaß über neun Zentner an Trinkgeschirren und einen
+silbernen vergoldeten Hirsch, der, nach der Sitte der Zeit mit Leuchtern
+ausgeziert, in seinem großen Saale hing. Seine Bibliothek soll
+ihresgleichen weit und breit nicht gehabt haben; sein Naturalienkabinett
+enthielt eine Sammlung von Pflanzensamen aus allen Teilen der Welt. Er
+hatte Präparate von getrockneten Teilen des menschlichen Körpers und von
+seltenen Tieren. Er hatte Skorpione in Baumöl, die der gemeine Mann für
+entsetzliche Zauberteufel ansah. Sein Garten beim Grauen Kloster war
+voll botanischer Kuriositäten, und ein Elentier, das ihm der Fürst
+Radziwill geschenkt hatte, schickte er nach seiner Vaterstadt Basel, um
+sich bei seinen Landsleuten in Respekt zu setzen. Die frommen Baseler
+hielten es aber auch für einen Zauberteufel, und ein altes Weib gab ihm
+einen Apfel mit zerbrochenen Nähnadeln zu fressen.
+
+Thurneyßer zog eine Menge kunstverständige Ausländer nach Berlin und
+brachte auf jede Weise viel Geld in Umlauf. Eine Menge Schriftgießer,
+Stempelschneider, Kupferstecher, Illuminierer, Buchbinder, Kaufleute und
+Goldschmiede hatten beständig für ihn zu tun. Er war der erste, der die
+chemischen Arzneien einführte, deren kleine aber wirksame Dosen den
+verschleimten Ruppiner- und Bernauerbiermagen des brandenburgischen
+Adels annehmlicher dünkten, als die bisherigen kopiosen galenischen
+Arzneitränke. Er half den Alaun- und Salpetersiedereien auf, sowie den
+Glashütten. Aus der Grimnitzer Glashütte in der Uckermark hatte er einen
+gläsernen Vogelbauer, in dessen inwendigem Raum ein Vogel saß, während
+außen Fische schwammen. Dieser Vogel war dem gemeinen Mann gleichfalls
+ein Zaubervogel, da er scheinbar mitten im Wasser mit schwimmenden
+Fischen lustig herumsprang, als ob er in freier Luft lebte.
+
+Vierzehn Jahre lang erhielt sich Thurneyßer in der unverminderten Gnade
+des Hofes. Der Kurfürst gab ihm das Zeugnis, »daß er sich nach seinen
+ihm von Gott verliehenen Gaben gegen ihn und dem Hause Brandenburg, auch
+vielen anderen hohen und niederen Standespersonen getreu, aufrichtig,
+nützlich und wohl erzeiget habe«. Im Jahre 1575 war Thurneyßers Frau
+gestorben, das Schweizerheimweh kam über ihn, der Kurfürst wollte ihn
+nicht ziehen lassen, nun reiste er wenigstens zu Besuch nach Basel und
+heiratete dort 1580 seine dritte Frau, eine Geschlechtertochter aus
+Basel, eine Herbrot. Sie war liederlich, er verstieß sie, und sie
+brachte ihn um Ehre und Vermögen. Es entspann sich ein skandalöser
+Prozeß, worin beide Teile Schriften gegeneinander veröffentlichten, und
+seine sämtlichen Habseligkeiten, die er nach Basel geschickt hatte,
+wurden mit Beschlag belegt und der Frau zugesprochen. Darauf entstand in
+der Mark eine große Hetze gegen ihn, er wurde als Zauberer, Atheist und
+Wucherer gebrandmarkt, ein Professor in Greifswalde predigte öffentlich
+gegen ihn, warnte die Gemeinden und erachtete ihn des Kirchenbanns für
+würdig. Er verließ Berlin, wurde katholisch, ging nach Rom und begab
+sich unter den Schutz des Papstes. Beim Kardinal Ferdinand von Medici,
+bei dem er speiste, verwandelte er einen eisernen Nagel in Gold. Nach
+der Tafel stellte der Kardinal darüber ein Zeugnis aus, das man lange
+Zeit nebst dem Nagel als große Merkwürdigkeit den Fremden in Florenz
+zeigte. Es fand sich aber später, daß das Wunder durch einen Betrug
+zustande gekommen war.
+
+Thurneyßer lebte ein paar Monate dann in Belvedere, wanderte dann wieder
+nach Deutschland und starb endlich in ärmlichen Umständen in einem
+Kloster bei Köln, fünfundsechzig Jahre alt, genau an dem Tage, auf den
+er sich selbst das Horoskop gestellt hatte.
+
+
+
+
+Danckelmann
+
+
+Der Kurfürst Friedrich von Brandenburg und spätere erste König von
+Preußen überließ sich am Anfang seiner Regierung völlig der Leitung
+Danckelmanns, seines ehemaligen Hofmeisters. Eberhard Danckelmann war
+1643 geboren; er war ein Fremder, ein Westfale aus der damals noch
+nassau-oranischen Stadt Lingen, wo sein Vater, der berühmte gelehrte
+Sylvester, Landrichter war. Die Familie war bürgerlich, hatte aber die
+Tradition, daß einer ihrer Vorfahren einem deutschen Kaiser durch treue
+Wachsamkeit das Leben gerettet und dieser ihm mit den Worten: »Danke,
+Mann«, den Ritterschlag erteilt habe. Das Wappen, das dieser Tradition
+Wahrscheinlichkeit geben sollte, war ein Kranich.
+
+Der junge Danckelmann war eine Art Wunderkind gewesen; er hatte in
+Utrecht studiert, hatte hier schon in seinem zwölften Jahr eine
+Disputation gehalten und dann die europäische Turnee durch England,
+Frankreich und Italien gemacht. Er war zwanzig Jahr alt, als ihn der
+Große Kurfürst auf einer Reise nach Holland kennen lernte und zum
+Lehrer des damals fünfjährigen Prinzen Friedrich Wilhelm annahm. Zwei
+Jahre später, 1665, wurde er Titularrat, 1669 Halberstädtischer, 1676
+kurmärkischer Regierungsrat, und noch unter dem Großen Kurfürsten
+Kammer- und Lehnsrat. Zweimal vor Friedrichs Regierungsantritt rettete
+er dem Prinzen das Leben, 1680 bei dem angeblichen Vergiftungsversuch
+durch die Stiefmutter, und sieben Jahre darauf bei einem Stickfluß, wo
+er ihm gegen den Rat der Ärzte eine Ader schlagen ließ und ihn so wieder
+zum Bewußtsein brachte. Kurz nach seiner Thronbesteigung ernannte ihn
+Kurfürst Friedrich zum Regierungspräsidenten in Cleve, und am 2. Juli
+1695, bei der Zusammenkunft der sieben Brüder Danckelmann, die alle hohe
+Ämter im Brandenburgischen bekleideten, bei offener Tafel zum
+Premierminister mit dem ersten Rang am Hofe. Friedrich setzte die
+Bestallung eigenhändig auf. Es heißt darin, daß Danckelmann ein
+vollständiges Exempel ungefärbter Treue, unablässiger Applikation in der
+Beförderung der Gloire des Kurfürsten und aller andern, dem Diener eines
+großen Herrn wohlanständigen Tugenden und Qualitäten sei. In demselben
+Jahre ließ ihn der Kurfürst mit seinen sechs Brüdern von Kaiser Leopold
+in den Reichsfreiherrenstand erheben, und der Kaiser gab ihnen zu dem
+bisher im Wappen geführten Kranich sieben mit einem Ring
+zusammengehaltene Zepter, »damit deren Posterität aus denen sieben
+Zeptern die Urheber dieser unserer ihnen erteilten Gnad und Würde als
+sieben Brüder, welche gleichsamb an einem Ring beisammen halten
+umbsomehr abnehmen und vermerken können«. So das Diplom; und es besagte
+auch, daß Eberhard Danckelmann den ihm angetragenen Grafenstand
+abgebeten habe, um mit seinen Brüdern im gleichen Stand zu bleiben. Der
+Kurfürst verlieh ihm noch die Erbpostmeisterwürde, die Hauptmannschaft
+zu Neufeld an der Dosse und ansehnliche Lehne und Güter.
+
+Er leitete die Finanzen und alle Hauptgeschäfte. Man nannte ihn den
+Colbert der brandenburgischen Staaten. Er vermehrte die Jahreseinkünfte
+aus den Domänen um hundertfünfzigtausend Taler. Er regierte mit seinen
+sechs Brüdern, von denen er der mittelste war. Man nannte diese
+Regierung der sieben Brüder Danckelmann, die als rechtschaffene Männer
+im Volk beliebt waren, die Herrschaft der Plejaden oder des
+Siebengestirns. Der älteste Bruder war Resident im westfälischen Kreis.
+Der zweite außerordentlicher Gesandter beim König von England, der
+dritte Kammergerichts- und Konsistorialpräsident, der vierte
+Generalkriegskommissär, der fünfte Kanzler zu Halle und
+außerordentlicher Gesandter am kaiserlichen Hof und der sechste Kanzler
+zu Minden.
+
+Danckelmann war ein tüchtiger und verdienstvoller, ein sehr
+selbstbewußter und gegen den alten Adel sehr stolzer Mann. Er war von
+tiefmelancholischem Temperament; man hat ihn niemals lachen gesehen.
+Sein Unglück schwebte dunkel vor seiner Seele, als er noch im höchsten
+Glücke war. Eines Tages gab er dem Hof zur Einweihung seines neuen
+Hauses ein Fest. Die Gesellschaft tanzte im großen Saal, Danckelmann
+befand sich mit dem Kurfürsten in seinem Arbeitskabinett. Mit dem
+Wohlgefallen eines Kenners betrachtete Friedrich einige Gemälde, die
+dort an den Wänden hingen. »Das sind schöne Bilder,« meinte der
+Kurfürst. »Ach,« erwiderte Danckelmann mit bitterem Lächeln, »die Bilder
+und was ich sonst noch Kostbares besitze, wird ja doch einst, bald
+vielleicht, das Eigentum von Eurer kurfürstlichen Gnaden sein, wenn
+meinen Feinden gelingt, wonach sie so eifrig trachten, mir die Liebe
+meines Herrn zu entfremden.« Da legte der Kurfürst die Hand auf die
+Bibel und antwortete, der Fall könne sich nie ereignen.
+
+Der Fall ereignete sich aber doch, und zwar nicht ohne Danckelmanns
+Verschulden. Das Zeremoniell war in jenen Tagen, wo sich alles um die
+Hofherrlichkeit drehte, die Schlange, die die gescheitesten Köpfe
+verführte. Danckelmann bezeigte sich gegen seine altadeligen Kollegen
+hochfahrend, rauh und unfügsam. Er mochte freilich zu tun haben, sich in
+Positur gegen sie zu setzen. Er verlangte von sämtlichen Ministern der
+auswärtigen Höfe den ersten Besuch; selbst den regierenden Reichsgrafen
+wollte er nicht weichen. In die Kirche zu Königsberg, wo der ganze Hof
+versammelt war, kam er einst zu spät, die Predigt hatte schon begonnen.
+Sein Nachfolger, der spätere Premier Wartenberg und der Feldmarschall
+Barfuß sprachen miteinander; Danckelmann fuhr zwischen sie mit den
+Worten: »Meine Herren, warum heben Sie mir kein Platz auf?« Wartenberg
+erhob sich und sagte: »Hier ist Platz.« Kalt entgegnete Danckelmann: »Es
+ist Ihre Schuldigkeit, mir Platz zu machen.«
+
+[Illustration: Eberhard Danckelmann, nach einem Stich von G. P. Busch.]
+
+Dergleichen gab böses Blut. Im Gefühl seiner Vorzüge nahm Danckelmann
+auch gegen den Kurfürsten einen feierlichen Ton an, der dem hohen Herrn
+natürlich zu hoch vorkommen mußte. Er verdarb es auch mit den Damen und
+brachte die ganze kurfürstliche Familie gegen sich auf. Sein Sturz
+erfolgte auf echt orientalische Weise. Im Vorgefühl seines Schicksals
+hatte er seinen Abschied erbeten. Der Kurfürst, der fünfunddreißig Jahre
+lang um ihn gewesen war, bewilligte den Abschied. Danckelmann blieb in
+Berlin; noch am Abend des 10. Dezember 1697 erschien er bei Hof, und der
+Kurfürst unterhielt sich mit ihm aufs freundlichste. In der Nacht darauf
+erschien der Gardeoberst von Tettau in Danckelmanns Haus in der alten
+Friedrichstraße, dem sogenannten Fürstenhaus. Er wurde arretiert, seine
+Effekten wurden versiegelt, und man brachte ihn nach Spandau, später
+nach Peitz. Erst zehn Jahre darauf wurde er nebst vielen andern
+Staatsgefangenen pardonniert; da er Preußen nicht verlassen durfte,
+begab er sich nach Kottbus, wo er eine halbe Freiheit genoß und
+zweitausend Taler Pension. Seine sämtlichen Güter wurden ohne Prozeß
+konfisziert; das Fürstenhaus, Marzahne, Zimmerbude, Groß- und
+Klein-Quittainen in Preußen, Biesenbruch in der Uckermark, Umelingen und
+Schönebeck in der Altmark und die Kohlenbergwerke bei Wettin. Die
+Familie hat die Güter niemals zurück erhalten. Während der ganzen Zeit
+seiner Gefangenschaft war nur seine Frau um ihn, die sich ausgebeten
+hatte, seine Haft teilen zu dürfen. Erst nach Friedrichs Tode erhielt
+der siebzigjährige Greis eine Ehrenerklärung: König Friedrich Wilhelm
+ging öffentlich mit ihm zur Kirche.
+
+
+
+
+Kaiser Rudolf II. und sein Hof
+
+
+Rudolf, der älteste Sohn des zweiten Maximilian, war zu Wien geboren und
+wurde in Spanien erzogen. Seine Mutter war Maria, die Lieblingstochter
+Karls V., eine echte Spanierin, streng katholisch, sehr tugendhaft und
+sehr düster. Der Aufenthalt am Hofe des unheimlich kalten, ausschweifenden
+und grausamen Philipp und die furchtbaren Ereignisse unter dessen
+Regierung hinterließen nicht zu verwischende Spuren in Rudolfs Seele.
+Ehemals war er sanft, schüchtern und gerechtigkeitsliebend gewesen; als
+er im Alter von neunzehn Jahren nach Deutschland zurückkam, um die
+römische Königskrone aufs Haupt zu setzen, war er wild, finster und zu
+heftigen Zornanfällen geneigt. Mit vierundzwanzig Jahren wurde er
+Kaiser. Er schlug seine Hofstatt zu Prag auf.
+
+Es war eine Drohung über ihm von den Ahnen her. Aber er hatte nicht die
+rührende Melancholie Johannas von Kastilien, auch nicht die durch die
+Eitelkeit aller irdischen Dinge niedergebeugte stille Größe Karls V., in
+ihm war eine Art von Versteinerung. Mit der Ungeduld eines bösen Kindes
+sprach er seinen Widerwillen gegen alle Regierungsgeschäfte aus, und
+dieser Widerwille endigte erst, wenn er merkte, daß ein anderer sich
+ihrer mit Liebe und tätigem Fleiß annahm; dann erwachte in ihm der Neid
+und eine verzehrende Eifersucht.
+
+Er kam niemals ins Reich; er besuchte nie einen Reichstag seit jenem
+Regensburger, wozu ihn die Türkennot gedrängt hatte. Er kam auch niemals
+nach Wien. Er saß fest auf dem Hradschin; dort hatte er seine Zauber-
+und Wunderwerkstatt aufgeschlagen. Wenn die deutschen Fürsten ihm ihre
+Gesandten schickten, ließ er ihnen sagen: er sei eben mit andern
+Angelegenheiten trefflich molestieret. Ebenso warteten die Boten Ungarns
+und Österreichs jahrelang in Prag vergeblich und immer wieder vergeblich
+auf eine Audienz. Die Statthalter und Generale wurden ohne
+Verhaltungsbefehle gelassen; sie mochten sich helfen, wie sie konnten.
+Die Geheimkünste füllten seine ganze Welt aus.
+
+Er hatte große Schätze, verbarg sie aber sorgfältig in seinen Truhen. Es
+kümmerte ihn nicht, wenn den Räten und Hofleuten kein Gehalt ausbezahlt
+wurde, wenn sogar in der kaiserlichen Hofhaltung sich Mangel einstellte.
+Der bayrische Resident schrieb einmal an seinen Herrn: »Heute hat das
+vornehmste Hofgesinde nichts zu essen gehabt, es war kein Geld
+vorhanden, um für die Küche einzukaufen.« Von alledem unberührt,
+überließ sich Rudolf seiner Leidenschaft für das Mysteriöse und seiner
+Sammelwut.
+
+Er sammelte Naturalien, seltene Steine, ausländische Pflanzen und Tiere.
+Löwen, Leoparden und Adler verstand er so zahm zu machen, daß sie mit
+ihm im Zimmer herumgingen. Die Welser in Augsburg, die für die zwölf
+Tonnen Goldes, welche sie dem Kaiser Karl vorgestreckt, einen
+Küstenlandstrich in Südamerika erhalten hatten, ließen von dort her
+peruanische Kuriositäten für ihn kommen. Er sammelte römische und
+griechische Altertümer, die seine Agenten aufkaufen mußten, Münzen,
+Gemmen, Kameen und Statuen. So erwarb er zwei der größten Schätze der
+Antike, den Sarkophag mit der Amazonenschlacht und die Onyxtasse mit der
+Apotheose des Augustus, für die er fünfzehntausend Dukaten bezahlte.
+Seine Schatzkammer war weit und breit berühmt; sie blieb fast
+zweihundert Jahre lang im Stande, erst in der Zeit der josefinischen
+Aufklärung ging vieles verloren; die Statuen wurden für ein Spottgeld
+veräußert, ein herrlicher Torso wurde durch das Fenster in den
+Schloßgraben geworfen, die seltenen Münzen wurden nach dem Gewicht
+verkauft, und die Tizianische Leda figurierte in einem Inventar unter
+dem Titel: ein nacktes Weibsbild von einer bösen Gans gebissen.
+
+Ein besonderes Wohlgefallen fand Rudolf an der Stempelschneidekunst. Die
+Siegel an seinen Diplomen, goldnen Bullen, Lehn- und Gnadenbriefen sind
+so fein und zierlich in vollendetstem gotischen Stil ausgeprägt, daß die
+Annahme berechtigt erscheint, er habe die größten Meister dieser Kunst
+in seinen Dienst gezogen.
+
+Von seinen Hofleuten wurde Rudolf II. Salomon genannt. Er beherrschte
+sechs Sprachen, war bewandert in der Mechanik, Physik und Mathematik
+und besonders in der Astrologie, Magie und Alchimie. Er verkehrte
+schriftlich mit allen gelehrten Männern im heiligen römischen Reich, und
+manchen unscheinbaren Doktor erhob er in den Adelsstand, auch wenn es
+ein Lutheraner war. Aber hauptsächlich waren die sonderbaren Leute seine
+Leute. Es lebten an seinem Hof eine Menge Uhrmacher und Maler, eine
+Menge Astronomen, die ihm Horoskope stellen und Kalender machen mußten;
+er verkehrte mit Adepten aller Art, worunter sich viele Scharlatane,
+Glücksritter, Quacksalber und Marktschreier befanden; er verkehrte mit
+Magiern, Spiegeldeutern, Lebensverlängerern und Menschenmachern; sie
+mußten dem Kaiser aus kochendem Wasser weissagen, ihm ihre
+Phantasmagorien zeigen und allen Ernstes versuchen, Mumien zu beleben
+und in der Retorte Menschen zu erzeugen.
+
+Der größte Magus an Rudolfs Hof war der Engländer John Dee. Er schloß
+dem Kaiser das Geisterreich auf. Er rühmte sich, zu jeder Zeit seinen
+Genius vor sich zu sehen, und wenn er seine Studien unterbreche, setze
+sich der Genius an seine Stelle hin und studiere weiter; wenn er dann
+zurückkehre, brauche er ihn nur auf die Achsel zu klopfen, so stünde der
+Genius auf und entferne sich wieder. Rudolf hielt Dee für einen
+gewaltigen Zauberer, Dee hielt den Kaiser ebenfalls für einen gewaltigen
+Zauberer, und so hatten beide große Furcht und großen Respekt
+voreinander. Ein anderer Wundermann war der Italiener Marco Bragadino.
+Eigentlich hieß er Mamugna und war ein Grieche. Zu Ende des sechzehnten
+Jahrhunderts war er als Graf Mamugnano nach Italien gegangen, trat in
+den Kreisen der venezianischen Nobili mit größter Pracht auf und machte
+in den Palästen der Dandolo und der Contarini zum Erstaunen aller Gold.
+In Prag erschien er stets begleitet von zwei riesigen schwarzen
+Bullenbeißern, die er zur Beglaubigung seiner Macht über die Geister mit
+sich führte. Er behandelte das Gold wie Messing, verschenkte große
+Stücke und hielt stets auf eine reiche Tafel. Als er sich später nach
+Münster wandte, verlor er sein Leben am Galgen. Noch größeres Aufsehen
+als dieser Bragadino machte ein gewisser Hieronymo Scotto. Er war es,
+der dem Kölner Kurfürsten Gebhardt Truchseß durch die Bilder in einem
+Zauberspiegel die schöne Gräfin Agnes Mannsfeld verkuppelte, worüber der
+geistliche Herr Land und Leute einbüßte. In Koburg verführte der
+einschmeichelnde Glücksritter die Gattin des Herzogs, und die
+unglückliche Prinzessin schmachtete dafür zwanzig Jahre lang im
+Gefängnis.
+
+Alle fahrenden Alchimisten waren Rudolf willkommen, er hatte täglich
+Zuspruch von ihnen und beschenkte sie reichlich, wenn sie interessante
+Versuche machen konnten. Man nannte ihn den deutschen #Hermes
+trismegistos,# und daß er wirklich ein Adept gewesen, schien nach seinem
+Tode klar, denn man fand unter seinem Nachlaß eine graue Tinktur, man
+fand vierundachtzig Zentner Gold und sechzig Zentner Silber, die in
+Ziegelsteinform gegossen waren.
+
+Es lebten aber auch drei große Männer an Rudolfs Hof: Tycho de Brahe,
+Loncomontanos und der unsterbliche Kepler, der von Prag aus sein
+fundamentales Werk #»nova astronomia de stella martis«# in die Welt
+sandte. Er hielt sich zwölf Jahr lang an Rudolfs Hof auf und war seit
+dem Tode Brahes, der an der Tafel des letzten Rosenbergs in Krumau aus
+Etikettenangst starb, als römisch-kaiserlicher Majestät Mathematikus
+angestellt. Ein Jahrgehalt von fünfzehnhundert Gulden war ihm
+zugesichert; aber er erhielt es selten richtig ausbezahlt.
+
+Vielleicht war die Zurückgezogenheit, in welcher der Kaiser auf seinem
+Zauberschloß lebte, schuld daran, daß sich starke Parteiungen an seinem
+Hof bildeten. Den mächtigsten Einfluß hatten die Italiener. Davon
+liefert die Geschichte des Feldmarschalls Rusworn einen Beweis; Graf
+Khevenhüller erzählt sie in seiner altertümlichen Manier, die ich zu
+mildern versuche:
+
+[Illustration: Kaiser Rudolf II., nach einem Stich von A. Wierx.]
+
+»Dies Jahr sind zu Prag der Feldmarschall Rusworn und der Begliojoso so
+hart aneinandergekommen, daß sie sich mit Worten übel traktiert, was der
+Begliojoso von seinem Feldmarschall hat leiden müssen. Seines Unwillens
+hat sich ein von Mailand verbannter Kerl namens Furlan bedient; der
+Begliojoso hatte in seiner Heimat eines Rechtsgelehrten Weib verführt,
+deshalb waren zwölftausend Kronen auf seinen Kopf gesetzt, welche dieser
+Furlan zu gewinnen und dabei seiner Acht sich zu entledigen hoffte. Als
+nun Begliojoso einmal am Abend auf der Kleinseite spazieren ging, ist
+Furlan zu dem Feldmarschall gegangen, der beim Grafen Herberstein
+speiste und hat ihm vermeldet, der Begliojoso lauere ihm auf. Darauf
+hat der Rusworn um seine Leute und Pistolen geschickt und hat seinen
+Kämmerling und den Furlan ihm vorausgehen heißen. Als sie nun den
+Begliojoso angetroffen, hat dieser, der nichts Böses im Sinn geführt,
+freundlich zu Furlan gesprochen, der aber hat ihm mit der Pistole
+geantwortet und ihn durch den Arm geschossen. Darauf hat der Begliojoso
+mit der rechten Hand den Degen erwischt, mit großer Wut auf die zwei
+losgegangen und sie gegen den Feldmarschall getrieben; der hat gemeint,
+die Verräterei sei erwiesen, hat dem Begliojoso stark mit der Wehr
+zugesetzt und ihn fast auf den Tod verwundet. Indem hat Furlan den
+Begliojoso hinterwärts durch den Kopf geschossen, ist davongelaufen,
+aber später ertappt und gehenkt worden. Der Kaiser war zuerst übel
+zufrieden, daß man seinen Feldmarschall so traktiert, aber als Rusworns
+Widersacher den Kaiser anders informiert, wurde er verarrestiert und die
+Sentenz über ihn gesprochen. Der Kaiser hat ihm den Pardon gegeben, der
+ist aber aus Praktiken zurückgehalten und die Exekution vorgenommen
+worden. Der Feldmarschall hat sich trefflich wohl zum Sterben geschickt,
+hat ein gemaltes Kruzifix vor sich ausgebreitet und seines Endes
+unerschrocken gewartet. Der Kopf ist ihm gleich zu der Wunde Christi
+gefallen, und also hat dieser kühne tapfere Held, so in Ungarn wider den
+Türken ansehnliche Dienste geleistet, mit einem schmählichen Streich
+sein Leben enden müssen, aus Mißgunst etlicher, die ihn um das Glück
+beneidet und denen er im Wege gelegen. Der Kaiser hat seine Übereilung
+hoch beklagt. Weil aber die Majestät damals sich ganz versteckt gehalten
+und fast niemand gehört, wurde die Sache beschönt und verschwiegen.«
+
+Gerade weil Rudolf so eingezogen lebte, bedurfte er der Zuträgereien;
+die Kammerdiener brachten sie ihm, und nach seiner argwöhnischen
+Gemütsart lieh er ihnen ein williges Ohr. Lakaien und Abenteurer waren
+es, die im Hradschin kommandierten. Die Stallknechte hatten einen großen
+Stand, weil der Marstall des Kaisers Lieblingsaufenthalt war. Viel Macht
+übten endlich die listigen Buhlerinnen aus, mit denen der Kaiser in
+immer wechselnder wilder Ehe lebte. Die Ursache, weshalb sich Rudolf
+nicht vermählte, war das Horoskop, das ihm Tycho de Brahe gestellt
+hatte. Es lautete, er dürfe nicht heiraten, denn es drohe ihm Gefahr vom
+eigenen Sohn. Zwei Heiratsprojekte lagen vor: mit einer mediceischen
+Prinzessin und mit der spanischen Infantin Isabella. Viele Jahre lang
+wurde darüber verhandelt, aber jeder Versuch, den Kaiser zur Ehe zu
+bewegen, schlug fehl. Um das Jahr 1600, als sich die Heiratsprojekte
+endgültig zerschlagen hatten, stieg Rudolfs Trübsinn aufs höchste. Gegen
+seinen jüngeren Bruder Mathias faßte er einen unaustilgbaren
+Widerwillen. Das Erscheinen des Halleyschen Kometen bestärkte ihn in der
+Furcht vor den Anschlägen seiner Verwandten, Anschläge, die der blutige
+Schwanzstern ihm recht handgreiflich in der Vorbedeutung anzuzeigen
+schien. Vergeblich suchte ihm Kepler seine Angst auszureden. Er war so
+mißtrauisch, daß er nicht nur den niedrigsten Verleumdern zugänglich
+war, sondern auch alle Personen, die zu ihm kamen, untersuchen ließ, ob
+sie heimlich Waffen bei sich führten. Selbst seine Geliebten mußten sich
+diesem Zwang unterwerfen. Aus Furcht verließ er das Schloß nicht mehr.
+Sein Schlafzimmer glich einer Festung. Oft sprang er aus dem Bett und
+ließ durch einen Schloßhauptmann alle Winkel der kaiserlichen Residenz
+mitten in der Nacht durchstöbern. Wenn er zur Messe ging, was nur an
+hohen Festtagen geschah, saß er in einem gedeckten und stark
+vergitterten Oratorium. Um ganz sicher beim Spazierengehen zu sein, ließ
+er lange und weite Gänge mit engen schrägen Fensterchen gleich
+Schießscharten bauen, durch die hindurch er nicht fürchten mußte,
+erschossen zu werden. Diese Gänge führten in seinen prächtigen Marstall;
+er hatte hier seine Zusammenkünfte mit den Frauen und besah sich gern
+seine Pferde, die er liebte, auf denen er aber niemals ritt.
+
+Daniel L’Hermite schildert die Erscheinung des siebenundfünfzigjährigen
+Kaisers wie folgt: »Viel zu frühe sind ihm Haare und Bart grau geworden.
+Die Stirn ist majestätisch, der Mund nicht unangenehm, die Augen sind
+feurig, werden aber von starken Wimpern fast gänzlich beschattet. Seine
+Gestalt ist mehr gedrückt als aufgerichtet, von alters her ist diese
+gedrückte Leibesgestalt im Hause Österreich angeboren. Er trägt noch
+immer Kleider nach der alten Sitte, er hält auf diese alte Sitte und
+setzt ein Zeichen der Größe daran, nichts an ihr zu ändern; er trägt
+einen kurzen, mit Gold eingefaßten Mantel und über der gegürteten
+weißen Hose ein spanisches Wams.«
+
+In Prag wußte man oft monatelang nicht, ob Rudolf noch lebe. Das Volk
+fürchtete, die Günstlinge verheimlichten seinen Tod, um seine Schätze an
+sich zu bringen. Einmal brach deshalb ein Aufstand aus, und da zeigte
+sich der Kaiser nach langen Bitten am Fenster des Hradschins, um den
+andrängenden Volkshaufen zu beruhigen. In dumpfem Brüten, und ohne einen
+Laut von sich zu geben, saß er oft viele Stunden hindurch und schaute
+den Malern und Uhrmachern zu, die in seinem Zimmer arbeiteten. Wurde er
+dabei angesprochen, so packte ihn der Jähzorn, und er warf, was er
+gerade erreichen konnte, ein Gefäß oder ein Werkzeug, dem Störer mit
+Schimpfworten an den Kopf. Bisweilen auch fuhr er aus seinem wehmütig
+stieren Sinnen ohne Grund empor und zerschlug alles um sich her.
+
+Personen, die in Geschäften bei Hof erschienen, fanden es ungemein
+schwer, zum Kaiser zu gelangen. Entweder war er im Zimmer bei den Löwen,
+Leoparden und Adlern, die er selbst fütterte, oder bei Tycho de Brahe
+auf der Sternwarte, oder bei Dee und Bragadino, beschäftigt mit
+Schmelztiegeln, Wunderspiegeln, Traumtafeln und Geistererscheinungen,
+oder in den Gärten des Hradschins, wo Bäume, Gesträuche und Blumen aus
+fernen Weltgegenden blühten und Zaubergrotten und Wasserwerke sich
+befanden, aus denen Musik ertönte. Wer ihn sprechen wollte, mußte sich
+als Stallknecht verkleiden und ihn im Marstall erwarten. Aber auch hier
+war es gefährlich, sich dem seltsamen und gewalttätigen Herrn zu
+nähern. Eva, die Tochter des in Ungnade gefallenen Oberst-Burggrafen
+Lobkowitz, hatte sich durch Geld eine solche Audienz erkauft, um für
+ihren gefangenen Vater Freiheit und Leben zu erbitten. Ein ehrlicher
+Stallknecht warnte sie in letzter Stunde, indem er ihr eröffnete, daß
+sie zu schön sei, um solches zu wagen, der Kaiser scheue nicht vor
+Gewalt zurück. Sie verstand ihn und floh.
+
+Rudolf ahnte nichts von der Not seiner Völker. Der sturmbewegten Zeit
+mußte dieser kranke Träumer auf dem Thron alles schuldig bleiben. Die
+Türkengefahr und der Aufstand des Siebenbürgerfürsten vereinigte
+sämtliche Erzherzoge des habsburgischen Hauses zu dem Beschluß, den
+Kaiser abzusetzen, und der Urheber dieser Maßregel war Clesel, der
+Bischof von Wien und Neustadt. Im Juni 1608 mußte Rudolf an seinen
+Bruder Mathias die Krone Ungarns und die Lande Österreich und Mähren
+gegen ein Jahrgeld gänzlich abtreten, und trotz seines leidenschaftlichen
+Widerstandes wurde er gezwungen, den berühmten Majestätsbrief
+auszustellen, durch den er den böhmischen Herren unbedingte
+Glaubensfreiheit sicherte. Nur das tiefe Zerwürfnis mit Mathias drängte
+ihm den Majestätsbrief ab, die Scharteke, wie Kaiser Ferdinand später
+die Urkunde verächtlich betitelte, als er sie nach der Schlacht am
+Weißen Berg verbrannte. Aber eines glaubte sich Rudolf dadurch gesichert
+zu haben: als böhmische Majestät in dem teuren Prag ruhig sterben zu
+können. Es war ein Irrtum. Er wurde in seinem Schloß so eng bewacht,
+daß ihm nicht einmal verstattet war, in den Garten zu gehen und Luft zu
+schöpfen. Einmal, als der römische Kaiser aus dem Tor treten wollte,
+schlug die Wache das Gewehr auf ihn an; da kehrte Rudolf in seine
+Gemächer zurück, öffnete das Fenster und rief mit erhobener Hand: »Du
+undankbares Prag! durch mich bist du erhöht worden, und nun stößt du
+deinen Wohltäter von dir. Die Rache Gottes soll dich verfolgen und der
+Fluch über dich und ganz Böhmenland kommen.«
+
+Die Kurfürsten von Mainz und Sachsen verwandten sich für den Kaiser,
+indem sie betonten, daß er doch auch noch ein Mitglied des
+kurfürstlichen Kollegiums sei. Darauf entgegneten die Stände Böhmens
+höhnisch den Abgesandten: »Wir wollen euch den römischen Kaiser samt dem
+Kurfürsten von Böhmen zugleich in einem Sack zuschicken.«
+
+In dieser Bedrängnis war es, wo Mathias seinem Bruder auch die böhmische
+Krone raubte. Erbittert darüber, daß die Böhmen Mathias gehuldigt
+hatten, schleuderte Rudolf, als er die Abdankungsurkunde unterzeichnet
+hatte, im Zorn seinen Hut auf die Erde, zerbiß die Feder und warf sie
+dann auf das Diplom, auf dem man noch heutigentags den Tintenfleck
+sieht. Ungeachtet seiner hoffnungslosen Lage glaubte der wunderliche
+Mann durch die Stiftung eines Ordens von Friedensrittern alles wieder
+ins Geleise bringen zu können, und Tag und Nacht arbeitete er an den
+Ordensketten.
+
+Von seinen sämtlichen Kronen besaß er jetzt nur noch die römische
+Kaiserkrone. Aber schon lange verachteten ihn auch die deutschen
+Fürsten und schickten endlich eine Gesandtschaft, um ihn zu nötigen, zur
+Wahl eines anderen Kaisers seine Zustimmung zu geben. Er empfing die
+Gesandten unter einem Thronhimmel stehend; die linke Hand hatte er auf
+einen Tisch gestützt. Als sie ihr Verlangen vorbrachten, wurde ihm der
+Kopf heiß, seine Knie zitterten, und er mußte sich auf einen Sessel
+niederlassen. Später sagte er zum Herzog von Braunschweig, seinem
+vertrautesten Freund: »Die mir in meinem Ungemach keine Hilfe geleistet
+und zu meinem Dienst nicht einmal ein Roß haben satteln lassen, haben
+mir jetzt eine Art von Leichenpredigt gehalten. Ohne Zweifel sind sie
+mit unserm Herrgott in geheimem Rat gesessen und wissen vielleicht von
+daher, daß ich noch in diesem Jahr sterben werde, weil sie gar so stark
+auf einen Nachfolger im römischen Reich dringen.«
+
+Erniedrigung, Verlust der Würden und alle damit verbundenen Leiden hatte
+Rudolf ertragen; der Tod seines schönen treuen alten Löwen und zweier
+Adler, die er täglich mit eigener Hand gefüttert hatte, brach ihm das
+Herz.
+
+Sein Leichnam wurde in eine mit rotem Damast ausgeschlagene Bahre
+gelegt, über der sich ein gläserner Deckel befand; auf der Brust trug er
+ein Kreuz, an der linken Seite die Wehr und an der rechten das goldene
+Vlies. Rudolfs Minister wurden verhaftet und zur Folter verurteilt; sein
+Schatzmeister Roszky, den er vor andern geliebt, erhängte sich im
+Gefängnis mit der Schnur, an welcher er den Kammerschlüssel getragen.
+Man ließ daher seinen Leib vom Nachrichter vierteilen und auf dem Weißen
+Berg bestatten. Allein es hieß, daß er sich an derselben Stelle oftmals
+auf einem Bock oder Hirsch reitend zeigte, und so wurde der Körper
+wieder ausgegraben, wurde verbrannt und die Asche in die Moldau
+geworfen. Als dies geschehen war, verschwand plötzlich der
+Schloßhauptmann, und es entstand der Verdacht, daß er den Roszky im
+Gefängnis ermordet, ihn aufgehängt und ihm das #aurum purificatum,# das
+er aus des Kaisers Schatz zurückbehalten, geraubt habe.
+
+Der Kaiser Rudolf hinterließ von seinen vielen Geliebten wahrscheinlich
+viele Kinder, von denen vier Söhne bekannt geworden sind, die sein
+wildes Blut erbten. Don Carlos d’Austria diente dem Kaiser Ferdinand im
+Dreißigjährigen Krieg, wurde aber in einer Vorstadt von Wien bei einem
+Auflauf um eine öffentliche Dirne, in den er sich mutwillig gemischt
+hatte, unerkannt erschlagen. Zwei andere führten ein anonymes Dasein,
+der vierte jedoch, Don Cesare d’Austria, hatte an einem Edelfräulein
+Gewalt geübt und sie dann aus dem Weg geräumt. Der Kaiser, sein Vater,
+ließ ihm in einem warmen Bade die Adern öffnen.
+
+
+
+
+Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel, mit Herrn Reichard
+Strein, Freiherrn zu Schwarzenau, am 24. September 1581
+
+
+Als Herr Reichard Strein mit zweiundzwanzig Kutschen, in denen seine
+nächsten Befreundeten gesessen, beim Grafen Ortenburg angekommen war,
+ließ er durch diesen bei Herrn von Tschernembel um die Hand seiner
+Tochter Regina werben. Um größere Unkosten zu verhüten und auf seine
+ansehnlichen Befreundeten weisend, begehrte Herr Strein, daß nach
+schleuniger Begleichung des Zeitlichen und geschehener Zusage die
+Hochzeit sogleich vorgenommen werde, und obwohl der andere Teil
+Einwendungen gemacht, wurde dem Begehren schließlich doch willfahrt. Die
+Brautleute wurden am selben Tag christlich zusammengetan, und der Abend
+ward bei guter Traktation fröhlich verbracht. Am folgenden Morgen wurde
+die Hochzeitspredigt gehalten; dann fuhr Herr Strein mit Herrn Achaz von
+Lohsenstein und seiner Schwester, der Frau Jörgerin, nach Freydek, um
+Ordnung zur Heimführung zu geben.
+
+Am Mittwoch den 27. September wurde zu früher Tageszeit der Brautwagen
+mit fünfzig Reitpferden nach Karlspach bei Melk begleitet, dort setzten
+sich die Herren in die Kutschen, das Frauenzimmer auf ihre Wägen und
+zogen in folgender Ordnung weiter: erstlich die Handrosse, dann die
+andern Pferde, deren Zahl sich ebenfalls auf fünfzig belief; dann die
+Kutschen mit den Dienern; dann die Herren selbst in ihren Kutschen; dann
+drei berittene Trompeter; dann drei Berittene von Adel in meißenischen
+Sammetröcken und weißen Kranichfedern auf den Hüten; dann drei
+Edelknaben mit weiß und schwarzen Federbüschen auf den überzogenen
+Sturmhauben; dann die reisigen Knechte mit goldgeschmückten Röcken; dann
+Herrn Streins Pferd; dann wieder drei Berittene von Adel mit schönen
+Wehrgehängen und zum Beschluß drei junge Freunde des Herrn Strein.
+Hierauf folgte der Brautwagen; er war mit schwarzem Leder überzogen und
+mit weißem Atlas ausgefüttert, und das Eisenwerk war versilbert; sechs
+gefärbte Rosse zogen ihn, an deren Lederzeug schwarzseidene Fransen
+hingen. Die Kutschen der Frauenzimmer waren mit braunem lündischen Tuch
+bekleidet; es waren etwa dreißig Kobelwägen. Herr Strein empfing seine
+Gäste in Freydek mit ordentlichem Schießen und anderen Ehrenbezeugungen
+um zwölf Uhr Mittag.
+
+Als nun die Herren und Frauen in ihre Zimmer gegangen und sich abgetan,
+ist die Mahlzeit mittlerweile bereit und die Speisen aufgetragen
+worden. Ein Saal war zum Tanzen zugerichtet und in einer gleichgroßen
+Stube standen sieben gedeckte Tafeln. Die Mahlzeit ist so vertraulich
+und lieblich abgegangen, daß man weder Fluchen noch unziemliche Reden
+gehört. Es ist kein übermäßiger Trunk geschehen, fröhlich ist jedermann
+gewesen und hat sich den Wein wohlschmecken lassen. Als nun das Obst-
+und Beschauessen zum Teil aufgetragen war und die Herrentafel aufgehoben
+werden sollte, fingen unversehens die Stühle an zu sinken; zudem brach
+der Boden acht Klafter in der Länge und fünf in der Breite auseinander,
+und es entstand ein großes Getümmel. Die Restbäume waren gebrochen und
+die Ziegelpflaster des Bodens, die Tische, Stühle, Bänke, Schrägen,
+Messer, Teller und alles, was am Herrentisch gesessen, samt etlichen
+aufwartenden Personen stürzte dreiundeinhalb Klafter in die Tiefe.
+
+Die Hochzeitsgäste meinten nichts weniger, als das Jüngste Gericht und
+die Auferstehung der Toten sei gekommen. Der vom Schutt aufwirbelnde
+Staub war so groß, daß ihn die Leute im Hof für Flammenrauch hielten.
+»Ist durch sonderliche Fügung und Barmherzigkeit Gottes,« so lautet der
+Bericht, »niemand am Leben verkürzt worden, außer einem, Kleinschopf
+genannt, Herrn Gabriel Streinz’ Diener, der ist im Saal gewesen und hat
+das Krachen gehört, und ist herausgegangen und etlichen andern solches
+gesagt und mit dem Vermelden wieder hineingegangen, er wolle sehen, wo
+es brechen will. Indem hat ihn der Fall ergriffen und erschlagen.« Einer
+vom Adel ist im Saal auf der Bank gelegen und hat geschlafen; dem ist
+nichts geschehen, ist auch nicht eher erwacht, als bis Herrn Wolf
+Ehrenreich Streinz’ Lakai auf ihn gefallen, den er deshalb, unvermerkt
+woher er käme, hat schlagen wollen. Herr Adam von Puchheim ist ohne
+Schaden auf die Füße heruntergefallen, ist alsbald den andern zu Hilfe
+gelaufen und hat zum ersten die Frau Braut Reginam hervorgezogen, welche
+außer einem schlechten Riß am Knie keinen Schaden empfangen. Ihr Gemahl
+ist an Kopf und Arm ein wenig gestreift worden, zwei Bäume sind
+überzwerch auf ihm gelegen, Kalk ist ihm in die Augen gekommen, und er
+hat nichts sehen können.
+
+Die Liste der bei dieser Hochzeit gestürzten Personen der Herren,
+Frauen, Fräulein und Bedienten gibt die Zahl achtundzwanzig.
+
+
+
+
+Friedrich Wilhelm I. von Preußen
+
+
+Friedrich Wilhelm wurde am 14. August 1688 als einziger Sohn Friedrichs
+des Ersten und der geistreichen, philosophisch begabten Charlotte von
+Hannover geboren, nur wenige Monate nach dem Tode seines Großvaters, des
+Großen Kurfürsten. Schon als Kind hatte er einen robusten Körperbau, ein
+äußerst widerspenstiges Naturell und zeigte zum Lernen keine Lust. Der
+muntere, fast unbändige Knabe war der Abgott seiner Mutter und seiner
+Großmutter. Die Kurfürstin Sophie ließ den geliebten Enkelsohn bereits
+in seinem fünften Jahre zu sich nach Hannover kommen, aber es war nicht
+möglich, ihn dort lange zu behalten, denn er vertrug sich ganz und gar
+nicht mit seinem Spielkameraden, dem Prinzen Georg, der später König von
+England wurde. Die Abneigung zwischen den beiden blieb eine dauernde;
+sie haßten einander bis zur Todesstunde, und Friedrich nannte Georg
+nicht anders als: mein Bruder, der Tanzmeister, während Georg
+seinerseits: mein Bruder, der Sergeant, sagte.
+
+Die Personen, die mit dem Prinzen zu tun bekamen, hatten einen schlimmen
+Stand mit ihm. Zwei Guvernanten mußten ihn beaufsichtigen, und oft
+brachte er durch seine tollen Streiche die beiden Frauen zur
+Verzweiflung. Frühzeitig legte er einen Widerwillen gegen allen Pomp und
+Luxus an den Tag, und er warf einmal ein Schlafröckchen von Goldstoff,
+welches anzuziehen man ihn nötigen wollte, ins Kaminfeuer. Dagegen
+bestrich er sich das Gesicht mit Fett und ließ sich in der Sonne braten,
+um eine recht braune Soldatenfarbe zu bekommen.
+
+Wie von dem großen Leibniz bestätigt wird, galt Friedrich Wilhelm als
+Knabe für sehr witzig. Auf einem Jahrmarkt in Charlottenburg spielte der
+zwölfjährige Prinz den Taschenspieler zum allgemeinen Ergötzen. Die
+Herzogin von Orleans schrieb: »Es ist mir immer bang, wenn ich Kinder so
+witzig vor dem rechten Alter sehe, denn es ist mir ein Zeichen, daß sie
+nicht lange leben. Darum ist mir auch bang für den kleinen Kurprinzen
+von Brandenburg.« Friedrich Wilhelm blieb aber ungeachtet seines Witzes
+beim Leben, und zwar bei recht gesundem Leben. Nur mit dem Lernen wollte
+es gar nicht vorwärts; wie er seinem prunkliebenden Vater eine
+entschiedene Abneigung gegen Prunk zeigte, so trotzig verhielt er sich
+gegen alle Versuche seiner Mutter, die einen gelehrten Mann, #une belle
+âme,# aus ihm machen wollte. In seinem siebenten Jahre war ihm der Graf
+Alexander Dohna als Erzieher gegeben worden, ein ehrenfester,
+gravitätischer, stolzer Mann. Seine Instruktion besagte, daß er alle
+Mühe aufzuwenden habe, um dem Prinzen das Lateinische beizubringen, »da
+solches nicht allein die goldene Bulle erfordere, sondern auch die
+nötigen Verhandlungen mit den benachbarten Puissancen.« Aber trotz aller
+Einreden Dohnas lernte die Königliche Hoheit gar wenig, obwohl ihr ein
+ganz außerordentliches Gedächtnis anerschaffen war. Noch schlimmer ging
+es mit den Künsten, er wollte weder das Klavier noch die Flöte spielen,
+die Musik war ihm geradezu unleidlich.
+
+In schärfstem Gegensatz zu der Vorliebe seiner Eltern für das
+Französische trat alsbald sein ausgeprägtes Deutschtum hervor. Hierin
+bestärkte ihn sein erster Lehrer, der Ephorus Friedrich Cramer. Cramer
+war ein kenntnisreicher und gebildeter Mann, der einst die Schrift des
+Abbé Bouhours: Kann ein Deutscher Geist haben? mit einer grimmigen
+Gegenschrift beantwortet hatte. Cramers Einwirkung blieb fest in der
+Seele Friedrich Wilhelms, die, wie rasch sie sich auch nach Sympathien
+und Antipathien entschied, daran für immer und aufs zäheste festhielt.
+Der Nachfolger Cramers war ein Franzose namens Rebeur, ein Emigrant, den
+Graf Dohna aus der Schweiz hatte kommen lassen. Aber dieser Rebeur war
+ein trauriger Pedant; er plagte den Prinzen fortwährend damit, daß er
+ihn lateinische, französische und deutsche Aufsätze über das Alte
+Testament machen ließ, und die Folge war, daß Friedrich Wilhelm fortan
+einen unbezwinglichen Haß gegen das Alte Testament hegte; sein ganzes
+Leben lang konnte es bei ihm nicht wieder zu Ehren gebracht werden, ein
+so guter Christ er auch war.
+
+Seine Mutter verzog ihn gänzlich, und eigentlich hat er ihr das später
+nie verziehen. Gerade aus dem Verhältnis zur Mutter entwickelte sich in
+ihm die Forderung eines unbedingten blinden Gehorsams, »sonder
+Räsonieren«, seine unphilosophische starre Rechtgläubigkeit nach eigenem
+Rezept und eigener Vorschrift und die harte Behandlung, die er seinem
+Sohn Friedrich angedeihen ließ.
+
+Er nährte im stillen nur zwei Leidenschaften: die Soldatenliebhaberei
+und die Ökonomie in den Finanzen. Schon als Knabe errichtete er von
+seinem Taschengeld eine Kompanie adeliger Kadetten. Eine zweite Kompanie
+befehligte sein Vetter, der Herzog von Kurland, mit dem er sich auch
+sehr übel vertrug, die Mutter kam einmal dazu, wie er ihn wütend bei den
+Haaren herumschleppte. Seine Sparsamkeit zeigte sich frühzeitig; er war
+acht Jahre alt, als er sich ein Ausgabenbuch anlegte, das den Titel
+führte: Rechnung über meine Dukaten. Seine Mutter ängstigte sich, daß
+der Geiz ihn verhärten werde, und nicht weniger bekümmerte sie seine
+immer mehr zutage tretende Unhöflichkeit gegen die Frauen, die freilich
+in einer unbesiegbaren Befangenheit und Schüchternheit begründet war und
+auch in dem Umstand, daß die erste zarte Neigung seines Herzens, die zur
+Prinzessin Karoline von Ansbach, nicht erwidert wurde. Karoline
+heiratete später den englischen Georg.
+
+In seinem sechzehnten Jahr erhielt der Prinz die Erlaubnis zu einer
+Reise nach den Niederlanden und nach England. Der Herzog von Marlborough
+hatte ihm bereits ein Schiff zur Überfahrt bestimmt, als er nach Berlin
+zurückgerufen wurde; seine Mutter war gestorben. Von nun an lebte er
+mit Vorliebe in Wusterhausen, dorthin zog er die Leibkompanie seines
+Regiments, die er fleißig exerzieren ließ und die seine höchste Freude
+war. Er machte den Feldzug am Rhein unter Marlborough und Prinz Eugen
+mit, und im Jahre 1706 vermählte er sich mit der Prinzessin Sophie
+Dorothea von Hannover, welche die Mutter des großen Friedrich wurde. Sie
+war eine große schlanke Frau mit blauen Augen und braunem Haar, gebildet
+und lebhaft, ehrgeizig und stolz.
+
+Als Friedrich Wilhelm nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1713 zur
+Regierung gelangte, änderte er den ganzen Hofhaushalt völlig um. Wer
+seine Gunst erlangen wollte, mußte Sturmhaube und Küraß anlegen, alles
+war Offizier und Soldat, und zwei Männer gewannen alsbald ausschließlich
+sein Vertrauen, der Generalmajor von Grumbkow und der Fürst Leopold von
+Anhalt-Dessau. Alle wichtigen Geschäfte gingen durch Grumbkows Hände,
+und da er des Königs täglicher Gesellschafter war, wuchs sein Einfluß
+beständig. Er fügte sich in des Königs Launen, wußte dessen erste Hitze
+abzulenken und leitete ihn, soweit er sich überhaupt leiten ließ,
+anscheinend treuherzig, freimütig und bieder. Grumbkow war ein großer
+Feinschmecker und konnte ungeheuer viel Wein vertragen, so daß er den
+Ehrentitel Biberius erhielt. Für zwölftausend Taler Tafelgelder, die ihm
+ausgezahlt wurden, übernahm er die Bewirtung der fremden Prinzen und
+Gesandten. Während der König und der übrige Hof in der größten
+Sparsamkeit lebten, führte Grumbkow allein einen glänzenden Haushalt.
+Der König speiste selbst gern und oft bei ihm und pflegte zu sagen: »Wer
+besser essen will als bei mir, der muß zu Grumbkow gehen.« Grumbkows
+Verschwendungssucht brachte ihn aber in eine höchst bedenkliche
+Abhängigkeit von fremden Höfen; er stand erst im englischen und später
+im österreichischen Solde. Seine Hauptfeindin war die Königin Sophie,
+deren Lieblingsplan einer Heirat ihres Sohnes Friedrich mit der
+englischen Prinzessin Amalia er hintertrieb. Damals beleidigte er die
+Königin geradezu durch unziemliche Redensarten, und sie verfluchte ihn
+dafür. Sein Ehrgeiz vermaß sich immer höher, geflissentlich säte er
+Zwietracht zwischen dem König und der Königin, endlich erschöpfte er die
+Langmut seines Herrn und fiel in Ungnade. Als der König seinen Tod
+erfuhr, sagte er: »Nun werden die Leute doch endlich einsehen, daß der
+Grumbkow nicht alles macht. Hätte er vierzehn Tage länger gelebt, so
+hätte ich ihn verhaften lassen.«
+
+Leopold von Anhalt-Dessau, den der Volksmund und die Geschichte den
+Alten Dessauer nennt, war ein Vetter des Königs und seit dem
+italienischen Feldzug eng mit ihm befreundet. Leopold verstand sich auf
+die Seele des Soldaten, und wenn er fluchte, war es dem gemeinen Mann
+wie bei einer Schmeichelei zumute. Er führte die großen Neuerungen in
+der preußischen Armee ein, die ihr später in den Schlachten Friedrichs
+des Großen die taktische Überlegenheit verschafften: den eisernen
+Ladestock und den Gleichschritt der Kolonnen.
+
+Grumbkow und der Fürst von Dessau waren grimmige Feinde. Den ersten
+Streit zwischen ihnen gab es wegen eines merkwürdigen Projektes, das
+Leopold dem König kurz nach seinem Regierungsantritt vorschlug. Leopold
+hatte in seinem Fürstentum alle Güter aufgekauft, das Land bestand am
+Ende nur noch aus Domänen und war ganz sein Eigentum geworden. Er riet
+dem König, ein gleiches zu tun, und bewies ihm, daß Dessau jetzt
+verhältnismäßig doppelt soviel einbringe, als dem König seine Staaten.
+Grumbkow widersetzte sich dem Vorschlag lebhaft und malte die
+schädlichen Folgen aus, wenn der König seinen Adel vom Güterbesitz
+vertreibe und sich vom baren Geld entblöße. Dem Fürsten schleuderte er
+die Anklage entgegen, daß ja in seinem Lande nur noch Juden und Bettler
+zu finden seien. Leopold geriet darüber in solchen Zorn, daß er den
+Minister auf Pistolen forderte, und nur mit Mühe verglich sie der König
+durch sein Dazwischentreten. Von da an war es unmöglich, beide Männer in
+leidlichem Einvernehmen zu halten. Zehn Jahre später kam es wegen des
+Vorwurfs der englischen Bestechung abermals zu einem Streit und wieder
+zu einer Herausforderung. Grumbkow lehnte ab. Um sich zu rächen
+verlangte Grumbkow vom Fürsten das Patengeschenk von fünftausend Talern,
+das er einst einer seiner Töchter versprochen hatte, wenn sie sich
+verheiraten würde. Der Fall war da. Es kam zum Wortwechsel und zu
+Beschimpfungen. Der Fürst schickte Grumbkow ein Kartell. Grumbkow
+schützte religiöse Bedenken vor und sagte, die Duelle seien nach
+göttlichen und menschlichen Gesetzen verboten. Endlich kam es aber doch
+zum Zusammentreffen, und beide Teile begaben sich vor das Köpenicker
+Tor. Sobald der Fürst, in weiter Ferne noch, seinen Gegner erblickte,
+rief er ihm zu, er solle den Degen ziehen. Grumbkow näherte sich mit
+langsamen Schritten, übergab dem Fürsten seinen Degen und sagte, er
+bitte Seine Durchlaucht untertänigst, das Vorgefallene zu vergessen und
+ihm seine Gnade wieder zu schenken. Da warf ihm der Fürst einen
+verachtungsvollen Blick zu, kehrte ihm den Rücken, schwang sich auf sein
+Pferd und ritt wieder gegen die Stadt.
+
+Jetzt trat der König ernstlicher als Vermittler auf; er begehrte, daß
+Leopold eine Bescheinigung unterschreiben solle, worin Grumbkow das
+Zeugnis eines Ehrenmanns ausgestellt war; weigere sich der Fürst, so
+werde er, Friedrich Wilhelm, alle Generale zu sich kommen lassen und
+erklären, daß, wer den Grumbkow nicht für einen braven Offizier halte,
+ein Erzhalunke sei. Es gab weitläufige Verhandlungen, mit Müh und Not
+war der Fürst zu einer Abbitte zu bewegen, und bald darauf verließ er
+den Hof von Berlin. Sein Regiment stand in Halle und in Magdeburg. In
+Halle kam es zu schweren Händeln zwischen ihm und den Studenten, die
+beim Rekrutenexerzieren im Frühjahr ein lärmendes Publikum bildeten und
+das linkische Wesen der Rekruten verhöhnten.
+
+Das Kabinettsministerium Friedrich Wilhelms blieb in den Händen des seit
+der Verschaffung der Königswürde bewährten Heinrich Rüdiger von Ilgen.
+Der kluge Westfale, den schon der große Kurfürst nach seinem Verdienst
+erkannt, gehörte zu jenen Bürgerlichen, welchen die Monarchie ihre
+Größe verdankt. Ilgen war ein sehr bedeutender Mann. Er allein hielt
+dem hartgesottenen Mylord Raby stand, der am Berliner Hof den Meister
+spielen wollte, und entfernte ihn endlich, indem er die Gräfin
+Wartenberg entfernte. In der gefährlichen Periode nach dem Utrechter
+Frieden, wo der Wind der Politik beständig umsprang, lenkte er das
+preußische Staatsschiff mit höchster Geistesgegenwart, ungetrübtem
+freien Blick und bewußter Energie. Von Jugend auf an Arbeit gewöhnt,
+gründlich unterrichtet, dabei welterfahren klug und scharfsinnig, war er
+ein Meister in der Kunst der Verstellung, mit der allein man damals
+regieren konnte. Er war immer auf der Hut, er verstand es wie
+irgendeiner von seinen geschulten Gegnern der alten Kabinette, seine
+Absichten zu verbergen, sich zweideutig auszudrücken, mit glatten Worten
+sie hinzuhalten, sie zugleich auf weiten Wegen auszuforschen, durch die
+stärksten Versicherungen von der richtigen Fährte abzulenken und unter
+den heiligsten Beteuerungen doch zu hintergehen, so wie sie ihn
+hintergehen wollten. Er hatte sich vollkommen in der Gewalt und
+beherrschte mit stets gleichbleibender kalter Besonnenheit sein
+Temperament, seine Zunge, sein Gesicht, ja sogar seine Augen. Nichts
+verriet ihn und er erriet immer. Alle Staatsgeheimnisse verschloß er in
+sich selbst, arbeitete alles selbst, hatte keine einzige Kreatur, auch
+seine Verwandten begünstigte er nicht. Seine Gabe, die Menschen zu
+erforschen, brachte ihn bei Hofe in den Ruf, daß er die Zukunft
+vorhersagen könne. Der König, obwohl er ihn nicht liebte, wußte doch,
+was er an ihm besaß.
+
+Trotz der diplomatischen Kunst seines Ministers war es dem König doch
+immer gegenwärtig, daß, um unter den Mächten Europas Bedeutsamkeit zu
+erlangen, alles auf Geld und Soldaten ankomme; das übrige fände sich
+hernach von selbst. Seine Staatswirtschaft unterschied sich durchaus von
+derjenigen aller anderen Reiche und Kronen; sein Muster war und blieb
+das Hauswesen eines wohlhabenden Gutsbesitzers. Seine Neigung für das
+Soldatenwesen schien ein Spiel, aber hinter diesem Spiel verbarg sich
+ein tiefer, zukunftahnender Ernst. Es gibt eine Mitteilung über eine
+merkwürdige Stelle in Friedrich Wilhelms Testament; sie stammt vom
+Ritter Zimmermann und lautet: Mein ganzes Leben hindurch fand ich mich
+genötigt, um dem Neid des österreichischen Hauses zu entgehen, zwei
+Leidenschaften auszuhängen, die ich nicht hatte; eine war ungereimter
+Geiz und die andere eine ausschweifende Neigung für große Soldaten. Nur
+wegen dieser so sehr in die Augen fallenden Schwachheiten vergönnte man
+mir das Einsammeln eines großen Schatzes und die Errichtung einer
+starken Armee. Beide sind nun da, und nun bedarf mein Nachfolger weiter
+keiner Maske.
+
+Sobald er den Thron bestiegen hatte, begannen die Werbungen in einem
+vorher nicht dagewesenen Umfang. Im ganzen Land wurde eine förmliche
+Jagd auf Bürger und Bauern veranstaltet. Scharen junger Leute flüchteten
+vor dem Korporalstock der Werbewütriche, und es kam vor, daß die Werber
+in Kirchen eindrangen und sich der jungen Männer während des
+Gottesdienstes bemächtigten. Es fehlte dem König gegenüber nicht an
+Klagen und Vorstellungen. Einmal wurde ihm ein Brief in die Hände
+gespielt, auf dem zu lesen war: Wer einen Menschen stiehlet und
+verkauft, daß man ihn bei ihm findet, der soll des Todes sterben. 2.
+Moses 21, 16. Wenn jemand funden wird, der aus seinen Brüdern eine Seele
+stiehlet aus den Kindern Israel und versetzt oder verkauft sie, solcher
+Dieb soll sterben. 5. Moses 24, 7. Aber das waren Zitate aus dem Alten
+Testament, und das Alte Testament war ja dem König verhaßt; auch konnte
+der Hofhistoriograph Coßmann aus dem 1. Buch Samuelis, Kapitel 8
+klärlich erweisen, daß es göttliches Recht der Könige sei, Knechte und
+Mägde, Söhne und Esel wegzunehmen. Friedrich Wilhelm ereiferte sich
+sehr, wenn er vernahm, daß fremde Staaten Verbote gegen seine Werbungen
+erlassen hätten; er hielt es für Unrecht, wenn sie ihm lange Kerle
+verweigerten, da niemand sie so gut zu schätzen wisse als er.
+
+Die langen Kerle, das war die berühmte Potsdamer Garde, riesengroße
+Leute, die er in seinen eigenen Staaten ausheben, aus allen Weltgegenden
+für ansehnlichen Sold und gutes Handgeld sich verschreiben, von
+befreundeten Fürsten sich schenken oder im Notfall durch seine Werber
+mit Gewalt entführen ließ. Er schrieb einmal an den Grafen Seckendorf:
+»Wenn ich kann von meinen beiden Vettern in Anspach und Bayreuth
+vierhundert oder sechshundert Mann als Rekruten kriegen, will ich für
+jeden nackenden Kerl dreißig Taler geben.« Im Lauf von zwanzig Jahren
+schickte er ungefähr zwanzig Millionen Werbetaler in die Fremde. Mit
+Pässen, die vom König unterzeichnet waren, machten die Werber in allen
+deutschen und in den benachbarten Ländern Jagd auf lange Kerle. Im
+Jülichschen passierte es einmal, daß ein Oberstleutnant bei einem sehr
+langen Tischlermeister einen Kasten bestellte, der so lang und so breit
+sein sollte, wie der Tischler selber war. Als der Oberstleutnant nach
+einigen Tagen wiederkam, um den Kasten abzuholen, erklärte er, der
+Kasten sei zu kurz. Der Tischler legte sich sofort selbst hinein, um zu
+beweisen, daß der Kasten die nötige Länge habe. Geschwind ließ der
+Oberstleutnant von seinen Leuten den mitgebrachten Deckel zumachen und
+den Kasten von seinen Rekruten davontragen. Als aber der Kasten vor dem
+Tor aufgemacht wurde, war der lange Tischlermeister erstickt. Der
+Oberstleutnant wurde zwar zum Tode verurteilt, der König begnadigte ihn
+aber zu lebenslänglicher Festung. Der österreichische Hof, der russische
+und der polnisch-sächsische kamen der Passion des Königs freundlich
+entgegen. Für hundert russische Potsdamer, die ihm der Zar Peter, dann
+die Kaiserinnen Katharina und Anna zukommen ließen, gab er ihnen als
+Gegengeschenk das berühmte Bernsteinkabinett, das sein Vater angelegt
+hatte, und später eine bestimmte Zahl ausgebildeter preußischer
+Unteroffiziere. Von August dem Starken erwarb er gegen eine Partie
+Porzellan die dafür so genannten Porzellanregimenter.
+
+[Illustration: Friedrich Wilhelm I., nach einem Stich von G. P. Busch.]
+
+Der gewöhnliche Preis eines langen Kerls von fünf Fuß zehn Zoll
+rheinländischen Maßes war siebenhundert Taler; einer von sechs Fuß wurde
+mit tausend Talern bezahlt, und war er noch länger, so stieg der Preis
+noch höher. Einer der teuersten war der Irländer Kirkland; für diesen
+zahlte der preußische Gesandte in London neuntausend Taler. Für einen
+andern bekam der General Schmettau fünftausend Taler und eine
+Stiftsstelle für seine Schwester. Im Lande selbst ward alles aufgeboten,
+damit man sich der tauglichen Subjekte rechtzeitig versichern konnte.
+Kinder in der Wiege, die lang zu werden versprachen, bekamen eine rote
+Halsbinde und ihre Eltern das Handgeld. Es gab Dorfschulen, wo alle
+Knaben solche Binden trugen. Ein sonderbarer Versuch des Königs, recht
+lange Potsdamer mit recht langen Frauen zusammenzugeben, um von ihnen
+wieder recht lange Kinder zu erhalten und auf solche Art ein Geschlecht
+von Giganten aufzuziehen, mißglückte leider.
+
+Das Infanterieregiment der blauen Grenadiere, das Königsregiment
+genannt, war das schönste in ganz Europa. Es bestand aus Leuten von
+allen Ecken und Enden der Welt, Deutschen, Holländern, Engländern,
+Schweden, Dänen, Russen, Walachen, Ungarn, Polen und Litauern. Franzosen
+waren grundsätzlich ausgeschlossen, aber wenn sie sechs Fuß maßen,
+konnte der König nicht widerstehen. Die »lieben blauen Kinder« waren
+seine größte Freude. Er ging mit ihnen um wie ein Kamerad und wie ein
+Vater; jeder Soldat hatte bei ihm freien Zutritt. Die größten hatte er
+malen lassen, und ihre Bilder hingen in den Gängen des Potsdamer
+Schlosses. Der Flügelmann Jonas mußte sogar in Stein gehauen werden, und
+zwar, befahl der König, so ähnlich wie möglich. Es war den lieben blauen
+Kindern gestattet, Bier- und Weinhäuser, Material- und Italienerläden zu
+halten und Gewerbe zu treiben. Einigen baute der König Häuser, andern
+schenkte er Geld und Grundstücke, verheiratete sie und hob ihre Kinder
+aus der Taufe.
+
+Um eine solche durch Zwangswerbung entstandene Armee in Ordnung zu
+halten, bedurfte es der schärfsten Disziplin. Die Truppen wurden
+jährlich neu gekleidet, die Infanterie blau, die Kavallerie weiß, die
+Husaren rot. Alle trugen, wie der König selbst, den langen Zopf und
+Puder in den Haaren. Die Monturen waren so eng, daß die Leute oft nicht
+wagten, sich zu bewegen, aus Furcht, die Röcke könnten zerreißen. Einmal
+bemerkte der König vom Fenster des Schlosses aus einen Offizier, der
+einen zu langen Rock an hatte; er ließ ihn sogleich rufen und schnitt
+ihm eigenhändig mit der Schere das vorschriftswidrige Stück weg.
+Exerziert wurde unaufhörlich, und es war das größte Glück des Königs,
+wenn bei jedem Kommando in der ganzen Linie nur ein Griff zu sehen, beim
+Marschieren nur ein Tritt und beim Feuern der Rotten nur ein Schuß zu
+hören war. Der Ton im Heer war streng und rauh, die Strafen waren
+furchtbar. Wenn ein Soldat desertierte, mußten Bürger und Bauern die
+Sturmglocken läuten, und wer den Flüchtling wieder einbrachte, bekam
+zwölf Taler. Um dem allmählich überhand nehmenden Werbeunfug zu steuern,
+erließ der König im Jahre 1733 das berühmte Kantonreglement, das den
+Keim und Anfang des allgemeinen Wehrpflichtgesetzes darstellt. Alle
+Einwohner des Landes wurden als für die Waffen geboren erklärt;
+ausgenommen waren nur die kleinen, die Söhne des Adels und die Söhne
+derjenigen Bürger, die einen gewissen Reichtum nachzuweisen vermochten.
+
+Zeit seines Lebens bezeugte Friedrich Wilhelm für Kaiser und Reich eine
+Ehrerbietung und Treue der Gesinnung, die man bei einem so mächtigen
+Herrn, welcher achtzigtausend Soldaten unter sich stehen hatte, nicht
+vermuten konnte. Er warb um die Gunst der kaiserlichen Minister, und
+einmal sagte er: »Ich würde mich begnügen, wenn ich des Kaisers
+Kammerpräsident wäre.«
+
+Alles was nicht deutsch war, war ihm nicht zu Sinne, und sonderlich
+waren ihm die Franzosen ein Greuel »mit ihren Quinten und französischen
+Winden«. Um den Berlinern die französischen Moden zu verleiden, ließ er
+seinen Profosen französische Kleider tragen, grüne Röcke mit
+großmächtigen Aufschlägen, gelbe Westen und gelbe Strümpfe, dazu
+ungeheuer große Hüte wie Wetterdächer und Haarbeutel wie riesige Säcke.
+Auf dem Theater ließ er einmal ein Stück aufführen, das den Titel hatte:
+»Der anfangs hitzig und großsprechende, zuletzt aber mit Schlägen
+abgefertigte Marquis«. Ebenso verhaßt waren dem König »die hoffärtigen
+Leute über dem großen Wassergraben«, wie er die Engländer nannte. Als
+ihn zwei reformierte Prediger um die Erlaubnis baten, ihre Söhne nach
+England zu den Erzbischöfen von Canterbury und York schicken zu dürfen,
+schlug er es mit der Begründung ab, daß in England keine Orthodoxie in
+der Religion statuiert werde und es überhaupt ein Sündenland sei. »Der
+König,« schreibt Seckendorf 1726 an Prinz Eugen, »ist sehr gegen die
+englische Nation pikiert und souteniert nicht ohne Grund, daß selbige
+durch ihre Seemacht das Comercium von ganz Europa an sich nehmen wolle.«
+Im Jahre 1730 wurden zwischen Deutschland und England Verhandlungen zu
+einer Doppelheirat gepflogen; der Kronprinz Friedrich sollte die Tochter
+Georgs II. und der Prinz von Wales die Prinzessin Friederike angetraut
+bekommen. England forderte nur, daß der König den Minister Grumbkow als
+einen Verräter im Dienst und Solde Österreichs entferne, und der
+Gesandte Hotham erbot sich, diese Anklage aus aufgefangenen Briefen
+Grumbkows zu beweisen. Der Graf Seckendorf stellte aber dem König vor,
+daß England den treuen Minister nur deshalb entfernen wolle, um mehr
+Einfluß am preußischen Hof zu gewinnen; die aufgefangenen Briefschaften
+seien unterschoben und künstlich fabriziert. Als nun Hotham zur Audienz
+kam und die Zuversicht aussprach, daß der König den Verräter sofort
+entlassen werde, geriet Friedrich Wilhelm in solchen Zorn, daß er dem
+Gesandten Großbritanniens die Dokumente ins Gesicht warf und sogar den
+Fuß aufhob, als wollte er ihn mit einem Tritt bedienen. Der Gesandte
+machte Anstalten zu seiner Abreise, Friedrich Wilhelm erkannte seine
+Übereilung und ließ sich zweimal entschuldigen, aber kurz darauf wollte
+er seine Gemahlin, die englische Prinzessin, bei der Tafel nötigen, auf
+Englands Untergang zu trinken.
+
+Mit Holland und Sachsen-Polen stand der König gut, aber seine größte
+Sympathie hatten doch die Russen. Er war sehr für die russische Allianz,
+und der Gedanke des nordischen Drei-Adlerbündnisses schwebte ihm immer
+vor der Seele. Der große Kurfürst war anderer Meinung gewesen und hatte
+tiefer gesehen, wie sein Wort beweist: Die Russen sind Bären, die man
+nicht loslassen muß, weil es schwer ist, sie wieder anzubinden.
+
+Die Königin Sophie Dorothea verübelte es ihrem Gemahl sehr, daß er sich
+allerwegen für das Interesse des Kaisers einsetzte. Einmal sagte sie bei
+Tisch vor seinen Vertrauten und Offizieren zu ihm: »Ich will noch
+erleben, daß ich Euch Ungläubige will gläubig machen und dartun, wie Ihr
+seid betrogen worden.« Aber der König ließ sich nicht irre machen. Einst
+schrieb er an Seckendorf: »Meine Feinde mögen tun was sie wollen, so
+gehe ich nit ab vom Kaiser, oder der Kaiser muß mich mit Füßen
+wegstoßen, sonsten ich mit Treu und Blut sein bin und bis in mein Grab
+verbleibe.« Er war auch der Ansicht, die deutschen Fürsten müßten
+geradezu gezwungen werden, die pragmatische Sanktion anzuerkennen.
+»Weigern sie sich, oder wollen sie sich nit explizieren,« schrieb er,
+»so muß man die Laus und Motten nit im Pelz lassen wuchern, daß der
+ganze Pelz nit verdorben sei.« Im Jahre 1729 schon drohte der Krieg, und
+da schrieb der König an Seckendorf: »Ich wünsche, daß es losgehe und
+kann versichern, daß ich mit Gut und Blut beistehen werde, aber es muß
+alles reichskonstitutionsmäßig sein, und die Auswärtigen müssen
+attackieren, dann ohne Räsonieren drup! drup! Mit die größte Pläsier von
+der Welt, die stolzen Leute zur Räson bringen zu helfen, sie sollen
+sehen, daß das deutsche Blut nit verwüstet ist.« Aber als es fünf Jahre
+später zum Krieg zwischen Frankreich und Österreich kam, wollte er seine
+Truppen doch nicht marschieren lassen und sagte: »Ich gebe keinen Mann
+und kein Geld. Ich muß wissen woher und wohin.« Dann ließ er aber doch
+zehntausend Blauröcke ins Feld rücken. Der Kardinal Fleury schickte ihm
+eine künstlich gearbeitete goldene Birne, in welcher ein Wechsel auf
+fünf Millionen Pistolen lag, zahlbar, wenn der König sich für Frankreich
+erklären würde. Er wies das Anerbieten zurück. In der Folge wurde er
+aber vom Kaiser mit Undank belohnt, und als es zum Frieden kam, wurde
+Preußens Stimme nicht einmal gehört. Ein halbes Jahr später sagte er bei
+einer Unterredung in Potsdam, indem er auf seinen so lange mißhandelten
+Sohn Friedrich wies, die berühmten Worte: »Da steht einer, der mich
+rächen wird.« Noch zwei Jahre früher freilich hatte er dieses Genie so
+über die Achsel angesehen, daß er sich geäußert hatte: »Fritzchen #ne
+sait rien du tout des affaires.# Wenn du es nicht recht anfangen wirst
+und alles drunter und drüber gehen wird, so werde ich in meinem Grabe
+über dich lachen.«
+
+Als der Kronprinz Friedrich sechs Jahre alt war, erhielt er zwei
+militärische Gouverneure von seinem Vater, und diesen ward
+eingeschärft, ihn in der Furcht Gottes zu erziehen, denn dies sei das
+einzige Mittel, so schreibt der König selbst in seiner Instruktion, die
+von menschlichen Gesetzen und Strafen befreite suveräne Macht in den
+Schranken der Gebühr zu erhalten. Man müsse ihn zum Guten antreiben und
+die Begierde zum Ruhm und zur Bravur in ihm erwecken, von Opern,
+Komödien und andern weltlichen Eitelkeiten abhalten und ihm so viel als
+möglich Ekel davor machen. Aber alles was zu lernen sei, solle ihm ohne
+Ekel und Verdruß beigebracht werden. »Sie müssen ihn nicht bei Leib und
+Leben verzärteln oder gar zu weichlich gewöhnen. Vor der Faulheit, als
+woraus Verschwendung entsteht, soll ihm der allergrößte Abscheu von der
+Welt gemacht werden. Er soll nie allein gelassen werden, weder bei Tag
+noch bei Nacht, einer der Gouverneure soll jederzeit bei ihm schlafen.
+Da sich bei herannahenden Jahren oftmals das Laster der Hurerei
+einzuschleichen pflegt, soll sowohl der Oberhofmeister als auch der
+Subgouverneur vor allen Dingen achthaben, daß solches verhütet werde,
+widrigenfalls sie mir mit ihren Köpfen davor haften sollen.« Und in
+einem späteren Reglement heißt es: »Am Sonntag morgen soll er um sieben
+Uhr aufstehen; und sobald er die Pantoffel an hat, soll er vor dem Bette
+auf die Knie niederfallen und zu Gott kurz beten, und zwar laut, daß
+alle, die im Zimmer sind, es hören können. Dann soll er sich hurtig
+anziehen und proper waschen, schwänzen und pudern; dann soll er
+frühstücken in sieben Minuten Zeit. Dann sollen alle seine Domestiken
+und Duhan hereinkommen, das große Gebet gehalten, auf die Knie, darauf
+Duhan ein Kapitel aus der Bibel lesen soll und ein oder ander gutes Lied
+singen soll, da es dreiviertel auf acht sein wird. Alsdann wieder alle
+Domestiken herausgehen sollen. Duhan soll alsdann mit Meinem Sohn das
+Evangelium vom Sonntag lesen, kurz explizieren und dabei allegieren, was
+zum wahren Christentum nötig ist, auch etwas von #Katechismo noltenii#
+repetieren, und soll dies geschehen bis neun Uhr; alsdann mit Meinem
+Sohn zu Mir herunter kommen soll und mit Mir in die Kirche gehen und
+essen; der Rest des Tages ist vor Ihn. Des Abends soll er um halb zehn
+Uhr von Mir guten Abend sagen, dann gleich nach der Kammer gehen, sich
+sehr geschwind ausziehen, die Hände waschen, dann soll Duhan ein Gebet
+auf den Knien halten, ein Lied singen, dabei wieder alle Seine
+Domestiken zugegen sein sollen, alsdann Mein Sohn gleich zu Bette gehen
+soll.« So war auch für die Wochentage die Stundeneinteilung aufs
+genaueste geregelt. Das Budget des Prinzen ward ungemein kärglich
+bemessen, und der König prüfte alle Rechnungen selbst.
+
+Friedrich sollte nach dem Willen seines Vaters vor allem ein guter
+Soldat werden; aber sein feiner, rascher und feuriger Geist war durch
+das pedantische Leben, das er führen mußte, das unablässige Exerzieren,
+das Absperren von Musik und Büchern, zu denen ihn seine innerste
+Herzensneigung zog und die ihm der Vater beharrlich verwehrte, aufs
+tiefste bedrückt. Er lehnte sich auf gegen die Tyrannei, gab sich
+Ausschweifungen hin und warf sich mit aller Glut einer jugendlichen und
+unbefriedigten Seele der französischen Philosophie in die Arme. Der
+König, dem die Änderung im Wesen des Sohnes nicht entgehen konnte,
+behandelte ihn nur um so strenger. Die Königin hatte Friedrich heimlich
+Unterricht im Flötenspiel geben lassen; er hatte oft in versteckten
+Gewölben Konzerte veranstaltet oder seine musikalischen Freunde in den
+Wald bestellt; während sein Vater Schweine hetzte, wurden die Flöten und
+Geigen aus den Jagdtaschen gezogen und im Waldesdunkel konzertiert. Der
+König kannte diese Neigung und nannte seinen Sohn verächtlich den
+Querpfeifer und Poeten. Auf Friedrichs Bitten hatte die Königin den
+berühmten Flötenspieler Quanz nach Berlin kommen lassen; der König hatte
+Nachricht davon erhalten und den Prinzen überrascht; Quanz konnte zwar
+noch glücklich in einem Kamin versteckt werden, er erzählte später, daß
+ihm nie eine Pause so schwer zu halten gewesen sei, aber der König hatte
+im Zimmer des Prinzen brokatne Schlafröcke und französische
+Gedichtbücher gefunden. Die Schlafröcke ließ er verbrennen, die Bücher
+verkaufen. Wütend darüber, daß sein Sohn den Petitmaitre machte,
+schickte der König eines Morgens den Hofbarbier Sternemann zu Friedrich
+mit dem Befehl, ihm die schönen, langen, braunen Seitenlocken
+abzuschneiden und ihn vorschriftsmäßig einzuschwänzen. Als der gutmütige
+Mann den Prinzen weinen sah, legte er die Schere weg und band die Locken
+in den Zopf mit ein. Als Friedrich sich bei seiner Tafel statt der
+zweizinkigen Eisengabeln gegen den Befehl dreizinkige silberne
+anschaffen ließ, ward er geschlagen. Auch bei anderen Gelegenheiten
+wurde er von seinem Vater mißhandelt, und seine Lage erschien ihm
+plötzlich so unerträglich, daß er den Plan faßte, zu entfliehen. Aber
+der unvorsichtige Katte, der überall in Berlin mit der Freundschaft des
+Kronprinzen prahlte, hatte geschwatzt, und der König, den sein Sohn auf
+einer Rheinreise begleitete, ließ ihn in Wesel verhaften und fragte ihn,
+warum er habe desertieren wollen. »Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn,
+sondern wie einen niederträchtigen Sklaven behandelt haben,« antwortete
+Friedrich. »Ihr seid also nichts weiter als ein feiger Desertör ohne
+Ehre?« sagte der König. »Ich habe so viel Ehre wie Sie,« antwortete
+Friedrich, »und habe nur das getan, was Sie mir hundertmal gesagt haben,
+Sie würden es an meiner Stelle tun.« Der König zog den Degen und wollte
+in der Hitze den Sohn erstechen. Der Mut des Kommandanten von Wesel
+rettete Friedrich; er warf sich zwischen Vater und Sohn und rief dem
+König zu: »Sire, durchbohren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes!«
+
+Der neunzehnjährige Prinz ward aus der preußischen Armee gestoßen und
+auf die Festung Küstrin gebracht. Sein Gefängnis war sehr hart. Die Tür
+war mit zwei großen Vorlegeschlössern versperrt, sein Essen, aus der
+Garküche mittags für sechs Groschen und abends für vier Groschen, mußte
+ihm vorher entzweigeschnitten werden, Messer und Gabel waren verboten,
+ebenso Tinte und Feder, Bücher und Flöte. Niemand durfte sich länger als
+vier Minuten bei ihm aufhalten, und um acht Uhr abends hatte der
+wachthabende Offizier den Befehl, die Kerzen auszulöschen. Einmal
+erinnerte er den Prinzen daran, zu Bett zu gehen, und als dieser nicht
+darauf achtete, blies er die Lichter aus. Friedrich gab ihm eine
+Ohrfeige. Am andern Morgen erschoß sich der Offizier. Die beabsichtigte
+Desertion allein hätte nicht des Königs Zorn so erregen können, wie es
+der Fall war. Man hatte ihm hinterbracht, und hier hatte wahrscheinlich
+Grumbkow seine Hand im Spiele gehabt, daß Friedrich nach Österreich
+fliehen gewollt, um katholisch zu werden und sich mit Maria Theresia zu
+verheiraten. Katholisch werden, das war für den König der Schrecken und
+das Grauen. Grumbkow, der sich überzeugt hatte, daß die Königin und die
+Prinzessin Friederike die wichtigsten Papiere beiseite gebracht hatten,
+drängte den Prinzen zu Aussagen über einige Punkte. Friedrich antwortete
+mit stolzer Verachtung. Da hatte Grumbkow die Stirn, mit der Folter zu
+drohen. Friedrich erwiderte, ein Henker könne nur mit Vergnügen von
+seinem Henkerhandwerk reden, und er wolle sich nicht zu weiteren
+Geständnissen erniedrigen. Die Untersuchung ergab, daß er zur Flucht
+fünfzehntausend Taler geborgt hatte, auch wurde ihm ein
+Liebesverständnis mit der schönen Potsdamer Kantorstochter Doris Ritter
+zur Last gelegt. Der König befahl, das Mädchen auszupeitschen und nach
+Spandau ins Spinnhaus bringen zu lassen; der Vater verlor sein Amt. Das
+furchtbarste Schicksal aber hatte Katte. Er hatte mit der Flucht
+gezögert, weil ein Mädchen ihn hielt, war arretiert und vom
+Kriegsgericht zur Ausstoßung aus der Armee und zu lebenslänglicher
+Festung verurteilt worden. Der König verschärfte das Urteil auf die
+Todesstrafe. Am sechsten November früh sieben Uhr wurde der
+zweiundzwanzigjährige Mensch am Schlosse vorbei und auf den Wall
+geführt. Friedrich öffnete das Fenster und rief mit lauter Stimme:
+»Verzeih mir, lieber Katte.« Katte erwiderte: »Der Tod für einen solchen
+Prinzen ist süß.« Damit ging er mutig zum Richtplatz, wo sein Kopf fiel.
+Friedrich wurde ohnmächtig und blieb dann bis zum Abend regungslos am
+Fenster stehen, den Blick unverwandt auf die Richtstätte gerichtet.
+Wahrscheinlich begann mit diesem Tag seine völlige Umkehr und
+Verwandlung, zum Heil seines Volkes und der Welt. So ist, was grausam
+und dem einzelnen schwer zu tragen scheint, in einem höheren Sinne
+Notwendigkeit.
+
+Der Areopag, vor welchem am Berliner Hofe die Angelegenheiten der innern
+und äußern Politik verhandelt wurden, war das Tabakskollegium. Die
+Tabaksstube war auf holländische Art wie eine Prachtküche mit einem
+hohen Gestell von blauen Tellern eingerichtet; jeden Abend gegen sechs
+Uhr kam das Tabakskollegium zusammen und blieb bis zehn Uhr und auch
+länger. Es gehörten dem Kollegium an: Grumbkow, der Alte Dessauer, der
+Graf Dönhoff, der Oberst von Derschau, die Generale von Gerstorf und von
+Sydow, Jean de Forcade, der Kommandant von Berlin, Peter von Blankensee,
+bei Hofe der Blitzpeter genannt, Kaspar Otto von Glasenapp, Christoph
+Adam von Flanz, der beste Rebhuhnschütze, Dubislav Gundomar von Natzmer,
+Heinrich Karl von der Marwitz, Friedrich Wilhelm von Rochow, Wilhelm
+Dietrich von Buddenbrock, Arnold Christoph von Waldow, Johann Christoph
+Friedrich von Haake und die von Fall zu Fall gebetenen Minister und
+Gesandten.
+
+Um den Haupttisch saßen die Herren mit ihren breiten Ordensbändern und
+rauchten aus langen holländischen Pfeifen; vor jedem von ihnen stand ein
+weißer Krug mit Ducksteiner Bier und ein Glas. Die nicht wirklich
+rauchen konnten, wie der Alte Dessauer und der Graf Seckendorf, mußten
+wenigstens eine Pfeife in den Mund nehmen und kalt rauchen; Seckendorf
+war sogar so gefällig, sich durch fortwährendes Blasen mit den Lippen
+den Anschein eines geübten Rauchers zu geben. Es ergötzte den König
+höchlich, wenn fremde Prinzen, die als Gäste anwesend waren, betrunken
+gemacht werden konnten oder wenn ihnen das ungewohnte Tabakskraut
+Sterbensübelkeit verursachte. Er selbst rauchte passioniert, jeden Abend
+dreißig Pfeifen. Auf dem Tische lagen die Zeitungen, die Berliner, die
+Hamburger, die Leipziger, die Frankfurter, die Breslauer, die Wiener,
+auch holländische und französische. Ein Vorleser war bestellt, der sie
+vorlesen, und, was unverständlich war, erklären mußte. Dieser Vorleser
+hieß Jakob Paul Freiherr von Gundling.
+
+Gundling war ein Franke, ein Pfarrerssohn aus Hersbruck bei Nürnberg. Er
+war durch Danckelmann nach Berlin gekommen und Professor an der
+Ritterakademie gewesen, der König erhob ihn auf Grumbkows Empfehlung zum
+Hofrat und Zeitungsreferenten beim Tabakskollegium; er erhielt freie
+Tafel bei Hof, Wohnung im Schlosse und mußte den König auf allen seinen
+Gängen begleiten, um ihm mit seiner Gelahrtheit und instruktiven
+Unterhaltung nahe zu sein. Er galt als ein wichtiger Mann, und der
+russische wie der kaiserliche Hof verschmähten es nicht, ihn durch
+Gnadenketten zu gewinnen. Um die Gelehrsamkeit, die er wirklich besaß,
+recht lächerlich zu machen, mußte er beim König den Hofnarren abgeben.
+Der König erhob ihn zu einer bereits abgeschafften Würde, der des
+Oberzeremonienmeisters, und schenkte ihm den Anzug des verabschiedeten
+Besser, den dieser beim Krönungsfest getragen hatte; es war ein roter,
+mit schwarzem Samt ausgeschlagener Leibrock mit großen französischen
+Aufschlägen und goldenen Knopflöchern, dazu eine große Staatsperücke mit
+langen Locken aus weißen Ziegenhaaren, ein großer Hut mit weißen
+Straußfedern, gelbe Beinkleider, seidene Strümpfe mit goldenen Zwickeln
+und Schuhe mit roten Absätzen. Der König machte ihn, und zwar an Stelle
+des großen Leibniz, zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften. Er
+gab ihm den Freiherrntitel und die Kammerherrnwürde.
+
+In der Trunkenheit schnitt man ihm einst den Kammerherrnschlüssel ab.
+Der König drohte, ihn wie einen Soldaten zu behandeln, der sein Gewehr
+verloren hat. Nachdem Gundling acht Tage hindurch einen ellenlangen
+hölzernen Schlüssel zur Strafe auf der Brust hatte tragen müssen, ward
+ihm der verlorene wieder eingehändigt, und er ließ ihn nun von einem
+Schlosser mit starkem Draht an seinem Rockschoß befestigen. Alle Würden
+und Chargen, auch die des geheimen Oberappellationsrats, des Kriegs- und
+Hofkammerrats, des Hof- und Kammergerichtsrats, des Freiherrn und
+Historiographen erhielt Gundling nur, um ihn und die Ämter damit zu
+verspotten. Einmal machte Gundling den Vorschlag, Maulbeerbäume in der
+preußischen Monarchie anzupflanzen; da ernannte ihn der König zum
+geheimen Finanzrat mit der Weisung an den vorsitzenden Etatsminister,
+»man solle Gundling feierlich in das Kollegium introduzieren, ihn #cum
+voto sessionis# anstellen und ihm das Departement aller seidenen Würmer
+im ganzen Land übertragen«.
+
+Dem armen Gundling ward oftmals so stark zugesetzt, daß er seiner nicht
+mächtig blieb. Man heftete ihm allerlei Figuren von Eseln, Kamelen und
+Ochsen an sein Staatskleid und malte ihm einen Schnurrbart. Man ließ ihn
+aus den Zeitungen die boshaftesten Artikel über seine eigene Person
+vorlesen, die der König eigens an die Redaktionen hatte schicken lassen.
+Man setzte einen Affen, der genau wie Gundling gekleidet und mit dem
+Kammerherrnschlüssel geschmückt war, an seine Seite; der König
+behauptete, der Affe sei Gundlings natürlicher Sohn, und er wurde
+gezwungen, das Tier vor dem ganzen Tabakskollegium zu umarmen. In
+Wusterhausen, wo auf dem Schloßplatz immer mehrere junge Bären
+herumliefen, legte man ihm einige Bären in sein Bett, die Vorderfüße der
+Bestien waren zwar verstümmelt, dennoch hätten sie ihn mit ihren
+Umarmungen beinahe totgedrückt, und er bekam den Bluthusten. Einmal im
+Winter taumelte er betrunken über die Wusterhausener Schloßbrücke; da
+packten ihn auf Befehl des Königs vier handfeste Grenadiere, und an
+Stricken ließen sie den schweren Mann solange in den gefrorenen
+Schloßgraben hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter, bis er das
+Eis durchgestoßen hatte. Diese Szene mußte zur besonderen Ergötzlichkeit
+des Königs wiederholt und sogar gemalt werden. Einmal war Gundling zu
+Gaste geladen und ließ sich in einer Sänfte tragen. Plötzlich wich der
+Boden der Sänfte unter ihm, er schrie den Trägern zu, sie möchten
+halten, aber je lauter er rief, je schneller rannten die Träger und
+zwangen ihn so, nach Art des Pachter Feldkümmel mit ihnen zu laufen.
+Häufig fand Gundling, wenn er nachts nach Hause kam, sein Studierzimmer
+zugemauert; anstatt sich zur Ruhe legen zu können mußte er stundenlang
+die Türe suchen und endlich an der Treppe schlafen.
+
+Eines Tages entfloh der schwergeplagte Mann zu seinem Bruder, dem
+Professor Nikolaus Hieronymus in Halle. Der König ließ ihn aber wieder
+holen und machte Miene, ihn als Desertör zu bestrafen. Da er aber eine
+ungewöhnliche Stille an ihm bemerkte, nahm er zu dem alten Köder der
+Eitelkeit seine Zuflucht: er erhob ihn in den Freiherrnstand, und zwar
+mit der Anciennität von sechzehn Ahnen väterlicher und mütterlicher
+Seite. Es dauerte aber nicht lange, und der König ließ wieder einen
+seiner derbsten Schwänke an ihm verüben. Auf seinen Befehl schrieb
+Faßmann, der Autor der damals beliebten »Gespräche im Reich der Toten«
+eine bösartige Satire auf Gundling, betitelt: »Der gelehrte Narr«, und
+erhielt den Auftrag, sie Gundling im Tabakskollegium zu überreichen.
+Gundling wurde hochrot vor Zorn und kam so in Harnisch, daß er eine der
+zum Pfeifenanbrennen mit glühendem Torf gefüllten Pfannen ergriff und
+sie Faßmann ins Gesicht schleuderte, wovon diesem die Brauen und Wimpern
+versengt wurden. Sofort setzte sich Faßmann vor den Augen Seiner
+Majestät in Avantage, entblößte Gundling die hinteren Kleider und
+bearbeitete ihn mit der heißen Pfanne dermaßen, daß er vier Wochen lang
+nicht sitzen konnte. Seitdem begegneten sich die beiden gelehrten Herrn
+im Tabakskollegium niemals, ohne daß es zum Faustkampf kam. Der König,
+die Generale, die Minister und die Gesandten sahen den Turnieren zu.
+Schließlich verlangte der König, die beiden Herren sollten ihren
+Ehrenhandel durch ein Duell zum Austrag bringen. Faßmann forderte
+Gundling auf Pistolen, Gundling mußte die Forderung annehmen, er mochte
+wollen oder nicht. Als die Kombattanten auf dem Schloßplatz erschienen,
+warf Gundling die Pistole weg, Faßmann schoß ihm die seinige, die nur
+mit Pulver geladen war, in die Perücke, welche zu brennen anfing;
+Gundling fiel vor Schreck auf die Erde, und ein ganzer Eimer kalten
+Wassers, den man über ihn schüttete, konnte ihm nicht die Gewißheit
+geben, daß er noch lebte.
+
+Achtundfünfzig Jahre alt, beschloß Gundling sein Dasein. Bei der Sektion
+ergab sich, daß er im Magen ein großes Loch hatte; der Magen war vom
+vielen Trinken geborsten. Seit zehn Jahren war vom König ein mächtiges
+Weinfaß zu seiner letzten Ruhestätte bestimmt worden. In seinem besten
+Staatskleid angetan, ward er in dieses Faß gelegt und so in Bornstädt
+bei Potsdam trotz des Widerspruchs der Geistlichkeit wirklich begraben.
+Faßmann hielt dem preußischen Freiherrn mit der Anciennität von sechzehn
+Ahnen, dem preußischen Kammerherrn, Präsidenten, Finanzrat und
+Historiographen die Nach- und Trauerrede über seine Weinfaß-Ruhestätte.
+
+In Potsdam gab der König im Winter einige Assembleen, in Berlin
+unterließ er dies aus Sparsamkeitsgründen, da mußten die Generale und
+Minister auf ihre Kosten Assembleen geben, aber bei den Diners, wo
+Friedrich Wilhelm ein freies Gespräch liebte, verbat er sich die
+Anwesenheit von Damen. Der Hauptgastgeber war Grumbkow. Ein wegen seiner
+Knauserei bekannter General, bei dem sich der König zu Gast geladen
+hatte, entschuldigte sich einst, daß er keine eigene Wirtschaft führe.
+Der König verwies ihn zum Gastwirt Nikolai, erschien dort mit großem
+Gefolge, und es wurde vortrefflich gegessen und getrunken. Beim
+Aufstehen rief der General den Wirt herein und fragte ihn, was das
+Gedeck koste. »Ohne den Wein einen Gulden die Person,« antwortete der
+Wirt. »Schön,« sagte der General, »hier ist ein Gulden für mich und
+einer für Seine Majestät; die andern Herrn, die ich nicht gebeten habe,
+bezahlen für sich.« Der König lachte und erwiderte, das sei ganz fein;
+er habe den Herrn zu prellen geglaubt, und nun sei er selber geprellt.
+Darauf bezahlte er die ganze Rechnung.
+
+Später wurde die Einrichtung der Assembleen einem herumreisenden
+Komödianten übertragen, einem gewissen Karl von Eggenberg. Er war ein
+Sattlersohn aus dem Bernburgischen, war vom König von Dänemark geadelt
+worden und hatte Friedrich Wilhelm durch seine Körperkraft in Erstaunen
+gesetzt; man hieß ihn nur den starken Mann, und er konnte eine zwei
+Zentner schwere Kanone samt einem Tambur in die Höhe heben und solange
+halten, bis der Tambur ein Glas Wein ausgetrunken hatte. Er kam reich
+nach Berlin, baute ein Haus, stand beim König, dem er die Husarenpferde,
+dänische Hengste, besorgte, in großer Gunst, und er war es auch, der das
+Theater wieder einigermaßen emporbrachte. Vordem hatten nur Seiltänzer,
+Gaukler, Taschenspieler, Marktschreier und Marionettenspieler von Zeit
+zu Zeit die Erlaubnis erhalten, in Berlin Vorstellungen zu geben, auch
+einzelne herumziehende Schauspieler, nur durfte nichts Ärgerliches und
+Skandalöses auf der Bühne erscheinen. Eggenberg bekam nun den Titel
+eines Königlichen Hofkomödianten und durfte mit einer vom König
+besoldeten Truppe Aufführungen veranstalten, »nur keine gottlosen und
+dem Christentum nachteilige Dinge, sondern lauter innozente Sachen zum
+honetten Amüsement.« Sie spielten auf dem Stallplatz und auf der breiten
+Straße; Hauptperson war der Hanswurst; es wurde der Doktor Faust
+aufgeführt, wie er vom Teufel geholt, und Haman, wie er gehängt wird.
+Der »Premierplatz« kostete acht Groschen. Zuletzt wurde die Komödie auch
+in Halle erlaubt, aber die theologische Fakultät erhob wegen des
+Gaukel- und Teufelsspiels beim König Protest. Der König schrieb zurück,
+es würden auch in Utrecht und Leyden Schauspiele geduldet, und kein
+Mensch könne zweifeln, daß dies die beiden ersten Universitäten der Welt
+seien.
+
+Sonst war Friedrich Wilhelm allen Volkslustbarkeiten abhold, er sah
+darin nur Üppigkeit. Das Scheibenschießen hob er auf, Tee- und
+Kaffeeschenken verschwanden, und wer nach neun Uhr abends sich in den
+Wirtshäusern betreffen ließ, wurde von den Patrouillen arretiert. Wenn
+der König nach der Friedrichstadt kam, flüchteten die Leute, machten
+Türen und Fenster zu, und die Straßen waren öde. Für die Künste hatte
+Friedrich Wilhelm keinen Sinn. Er malte zwar selbst, besonders in den
+späteren Jahren, wo ihn die Gicht plagte; gewöhnlich waren es Bauern,
+die er porträtierte, einmal malte er auch Gundling als Polichinell, aber
+die Bilder wurden nur von seinen Schmeichlern gelobt. Für die Musik
+hatte er wenig übrig; einmal ließ er Glockenspiele aus Holland kommen,
+die von den Türmen geistliche Lieder spielten. Ein paarmal in der Woche
+ließ er an Winterabenden Arien und Chöre aus heroischen Opern vorführen,
+etwa aus Händels Alessandro oder Siroe, und zwar auf Blasinstrumenten
+von den Hoboisten des Garderegiments. Bei diesen Konzerten standen die
+Musiker mit ihren Pulten und Lichtern am einen Ende des langen Saals,
+und der König saß ganz allein am andern. Zuweilen, nach einem guten
+Diner, schlief er auch bei der heroischen Musik ein. Den höchsten Spaß
+bereitete ihm ein von Kapellmeister Pepusch für sechs Fagotte
+komponiertes Konzert, betitelt: #Porco primo, porco secondo# usw. Er
+hielt sich den Bauch dabei vor Lachen. Auch der Kronprinz Friedrich
+wollte einmal dieses Konzert hören, und um den Komponisten zu verspotten
+lud er eine große Gesellschaft dazu ein. Pepusch wollte ausweichen,
+mußte sich aber dem Willen des Prinzen fügen. Er kam nicht mit sechs,
+sondern mit sieben Hoboisten, legte die Noten auf die Pulte und schaute
+ganz ernsthaft im Saal herum. Der Kronprinz trat auf ihn zu und fragte:
+»Herr Kapellmeister, sucht Er etwas?« Pepusch antwortete, es fehle ihm
+noch ein Pult. »Ich dachte,« versetzte Friedrich lächelnd, »es seien nur
+sechs Schweine in seiner Musik?« – »Ganz recht, königliche Hoheit,« gab
+Pepusch zurück, »aber es ist da noch ein Ferkelchen gekommen, #flauto
+solo#.« Und Friedrich, der Flötenspieler, war angeführt.
+
+Was der große Kurfürst begonnen hatte, vollendete Friedrich Wilhelm mit
+der Niederbeugung des Adels; er setzte die Besteuerung durch. Als der
+Graf Alexander Dohna, Marschall der Stände Preußens, in seinem Bericht
+an den König die Phrase gebracht hatte: #Tout les pays seront ruinés,#
+schrieb Friedrich Wilhelm die denkwürdigen, unsterblich gewordenen
+Worte: »#les pays seront ruinés? Nihil credo,# aber das #credo,# daß die
+Junkers ihre Autorität wird ruiniert werden. Ich stabiliere die
+Suveränität wie einen #rocher# von Bronze.« Friedrich Wilhelms Herz
+neigte sich mehr zu den Bürgern als zu den Junkern. Wenn er einmal
+äußerte, daß er ein wahrer Republikaner sei, so verstand er eigentlich
+seine bürgerliche Gesinnung darunter. Er liebte es, mit dem Volke
+unmittelbar zu verkehren, und besuchte Gastmähler und Hochzeiten, auch
+richtete er sich in Berlin und Potsdam ganz einfach bürgerlich ein, wie
+ein guter deutscher Haushalter. Fleißige Handwerker und reinliche
+Hausfrauen belobte er sehr. Mit der Reinlichkeit konnte er auch an
+seinem ganzen Körper nicht genug tun; ferner war er äußerst
+wahrheitsliebend. In der Instruktion für die Räte seines
+Generaldirektoriums schrieb er: »Wir wollen die flatterien durchaus
+nicht haben, sondern man soll Uns allemal nur die reine Wahrheit sagen.«
+Aber er war ein sehr gewalttätiger Herr und König, im Zorne wild und
+furchtbar. Friedrich der Große und seine Schwester hatten ihm den
+Spitznamen #le ragotin# gegeben. Zuletzt war er so dick geworden, daß
+seine Weste fast vier Ellen weit war.
+
+Er forderte unbedingten Gehorsam ohne Widerspruch. Die Universität Halle
+stellte einmal beweglich vor, daß ein Studiosus von einigen Soldaten des
+Abends auf der Straße angefallen und zum Tor hinausgeführt worden sei.
+Der Bescheid des Königs lautete: »Soll nicht räsonieren! Ist mein
+Untertan.«
+
+Er wollte in seinem Lande nur gute Christen, fleißige Bürger und tapfere
+Soldaten haben. Voltaire nannte ihn den Vandalen; aber alle seine
+Strenge und Härte entschuldigte Friedrich Wilhelm mit der Pflicht, und
+öfters äußerte er: Ich bin nur der erste Diener des Staates; und den
+Staat regierte er nach seiner eigentümlichen Weise mit Gewalt, um ihn
+zu beglücken. Dabei war er gewissenhaft; einmal hatte er in Stettin
+einen Beamten durch den Henker prügeln lassen, kurz darauf stellte sich
+die Unschuld des Mannes heraus, da ließ er ihn an seiner Tafel speisen,
+um ihm eine öffentliche Genugtuung zu geben. Er glaubte, immer gerecht
+zu handeln, doch handelte er nur in dem gerecht, was er selbst für Recht
+erkannte. Er war religiös, aber nur in dem, was er bei sich selbst als
+Religion gelten ließ; es war eine Religion ganz nach eigenem Rezept.
+Bisweilen war er ernstlich gesonnen, abzudanken, weil er glaubte, seine
+Pflicht nicht gehörig erfüllen zu können. Er hielt sich in der genauen
+Bedeutung des Wortes für einen Knecht Gottes. So wenig er das Alte
+Testament achtete, seine Gesetze waren wie die des Alten Testaments. Aus
+königlicher Machtvollkommenheit kassierte und annullierte er die Urteile
+der Richter und verschärfte sie weit öfter als er sie milderte. Da galt
+kein Ansehen der Person. Ein Kriegs- und Domänenrat von Schlubhut in
+Königsberg hatte Gelder unterschlagen, die für die Salzburger Emigranten
+bestimmt gewesen waren, und das Gericht erkannte auf einige Jahre
+Festung. Der König wollte das Urteil nicht bestätigen, verschob den
+Spruch bis zu seiner Reise nach Königsberg, befahl den Kriegsrat vor
+sich und kündigte ihm an, daß er ihn hängen lassen werde. Schlubhut
+erwiderte frech, das sei nicht Manier, so mit einem preußischen Edelmann
+zu verfahren, er werde die fehlende Summe ersetzen. Der König geriet in
+den höchsten Zorn und schrie: »Ich will dein schelmisches Geld nicht
+haben.« Darauf ließ er einen Galgen vor dem Sessionszimmer der Kriegs-
+und Domänenkammer errichten und vor den Augen der versammelten Räte
+Schlubhut daran aufknüpfen.
+
+Er haßte die Juristen und hätte sie gerne alle vertilgt, besonders die
+Advokaten. Auf dem Lande durfte kein Advokat wohnen, damit die Bauern
+nicht prozeßsüchtig würden. Als er an die Stände Preußens das Verbot
+erließ, sich aller Beschwerden und Mahnungen und der Hinweisung auf alte
+Verheißungen zu enthalten, wagten die Stände einzuwenden, Gott, der
+allmächtige Vater, gestatte doch auch, daß man ihm Beschwerden vortrage,
+und bleibe nichtsdestoweniger allmächtig, mithin werde es Seine Majestät
+ebenfalls nicht ungnädig deuten. Aber Seine Majestät kehrte sich daran
+nicht, und in seinen Kabinettsbefehlen hieß es gewöhnlich: Wir sind Herr
+und König und tun, was Wir wollen.
+
+In Reden und Schriften war er ausbündig derb. Die Ehrentitel Hundsfott,
+Kujon, Halunke schwebten beständig auf seinen Lippen. Auf Eingaben, die
+ihm nicht behagten, malte er Eselsköpfe und -ohren an den Rand, und in
+den Resolutionen, die er ausgehen ließ, hieß es fortwährend: Wenn das
+und das nicht geschieht, so werde Ich es scharf ansehen, man wird den
+König zum Feinde haben, so wird Lärm werden, so wird der Donner
+dreinschlagen, eh man es sich vermutet. Wenn ein Minister zu spät in die
+Sitzungen kam, mußte er hundert Dukaten Strafe zahlen. »Die Herrn sollen
+arbeiten, wofür Wir sie bezahlen,« sagte der König. Einer seiner
+Kammerdiener sollte ihm einmal den Abendsegen vorlesen. Als die Worte
+kamen: Der Herr segne dich, glaubte der einfältige Mensch in seiner
+Unterwürfigkeit »der Herr segne Sie« lesen zu müssen. Da fuhr ihn der
+König an: »Hundsfott, lies, was dasteht, vor dem lieben Gott bin Ich
+genau so ein Hundsfott wie du.« Die Bedienten waren allerdings ihres
+Lebens nicht sicher; er hatte stets zwei mit Salz geladne Pistolen neben
+sich liegen, und wenn sie etwas versahen, feuerte er die Pistolen auf
+sie ab.
+
+Seine Sparsamkeit war so pedantisch, daß er sich alle Küchenzettel
+vorlegen ließ und an den geringfügigsten Ausgaben mäkelte. Die Zettel
+mußten bis auf jede Zitrone und auf jede Mandel Eier spezifiziert sein,
+und einmal schrieb er darunter: Ein Taler zu viel. Auf die Eingaben um
+Geldbewilligung schrieb er zumeist: #Non habeo pecunia,# oder: #point
+d’argent,# oder: Narrenspossen, Narrenspossen! Sogar auf die
+Papierersparnis richtete er sein Augenmerk; auf den Rand eines Berichts
+des Kammerkollegiums schrieb er: Der Quark ist das schöne Papier nicht
+wert, sollen schlecht Papier nehmen, das ist Mir genug.
+
+Bei alledem konnte er auch freigebig sein. Für den Hofstaat der Königin
+hatte er achtzigtausend Taler ausgesetzt, viel mehr, als die erste
+Königin gehabt. In ihrem Kabinett war sämtliches Gerät von Gold, Kron-,
+Wand- und Armleuchter, Geridone und Tafeln. Einmal schenkte er ihr zu
+Weihnachten eine goldene Brandrute für den Kamin, die sechzehnhundert
+Taler kostete.
+
+Er war ein rastlos tätiger Mann, kein Hauch von Phlegma war in ihm.
+»Der König,« schreibt Seckendorf im Juni 1726, »kann allem menschlichen
+Ansehen nach unmöglich in die Länge die Art zu leben kontinuieren, ohne
+an Gemüt und Leib zu leiden, maßen der Herr vom frühen Morgen bis in die
+späte Nacht in kontinuierlichem #mouvement# ist, bei sehr früher
+Tagesstunde das Gemüt mit verschiedenen und differenten Materien,
+Resolutionen und Arbeiten angreifet, hernach den ganzen Tag mit Reiten,
+Fahren, Gehen und Stehen sich unglaublich fatigiert, mit starkem Essen
+und ziemlichem, doch nicht bis zur #debauche# kommenden starken Getränke
+sich erhitzet, wenig und dabei sehr unruhig schläft, folglich sein
+ohnedem vehementes Naturell dermaßen echauffiert, daß mit der Zeit üble
+Folgen daraus entstehen dürften.«
+
+Es kam vor, daß Friedrich Wilhelm irgendeinen faulenzenden Berliner
+Eckensteher mit eigenen Händen durchprügelte. Ein andres Mal prügelte er
+einen verschlafenen Torschreiber, der die Bauern vor dem Tor warten
+ließ, mit den Worten: »Guten Morgen, Herr Torschreiber« aus dem Bette.
+Recht mißlich war es, ihm zu begegnen. Wer ihm auffiel, an den ritt er
+so nahe heran, daß der Kopf des Pferdes dem Manne an die Brust stieß,
+und dann begann das Verhör. Sah er einen französischen Prediger, so
+fragte er jedesmal, ob sie Molière gelesen hatten, um ihnen damit
+anzudeuten, daß er sie für Komödianten halte. Am schlechtesten erging es
+denen, die vor ihm die Flucht ergriffen; einmal verfolgte er einen
+Juden, der Reißaus genommen hatte, und als er ihn gestellt hatte, sagte
+der Jude, er habe sich gefürchtet. Da prügelte ihn der König mit seinem
+Stock und schrie dabei in einemfort: »Lieben sollt ihr mich, lieben und
+nicht fürchten.«
+
+So orthodox Friedrich Wilhelm auch war, erklärte er sich doch mit allem
+Nachdruck für die Toleranz. Er duldete alle Religionsparteien, nur die
+Jesuiten waren ihm zuwider, »die Vögels, die dem Satan Raum geben und
+sein Reich vermehren wollen«. Schon im Anfang seiner Regierung erließ er
+ein Edikt, worin er den lutherischen und reformierten Religionsverwandten
+gebot, aller Schmähungen sich zu enthalten und friedlich miteinander zu
+verkehren. Den lebhaftesten Anteil nahm er an dem Schicksal der
+Salzburger Emigranten. Er schickte nicht nur Kommissäre zu den Salzburger
+Bauern, um sie einzuladen, sich in seinen Staaten niederzulassen,
+sondern griff auch, um den Erzbischof Firmian von weiterer Verfolgung
+abzuschrecken, zu Repressalien gegen die Katholiken im Bistum
+Halberstadt und drohte die Einkünfte der Klöster in Beschlag zu nehmen.
+Zwanzigtausend Salzburger fanden damals in Preußen Zuflucht; als der
+erste Zug eintraf, begrüßte ihn der König selbst am Leipziger Tor und
+hieß die armen Leute als seine lieben Landeskinder willkommen; von der
+Königin wurden sie in Monbijou bewirtet.
+
+Um das Jahr 1727 verfiel Friedrich Wilhelm in eine tiefe religiöse
+Schwermut. Er sprach unaufhörlich davon, daß er die Krone niederlegen
+und sich in den Haag zurückziehen wollte, wo ihm aus der Erbschaft
+Wilhelms des Dritten das Lustschloß Honslardik zugefallen war. Es war
+August Hermann Franke, der einen solchen Einfluß auf das Gemüt des
+Königs gewonnen hatte. Die Markgräfin von Baireuth schreibt: »Dieser
+Geistliche machte die unschuldigsten Dinge zur Gewissenssache, er
+verwarf alle Vergnügungen als verdammlich, selbst die Musik und die
+Jagd, man sollte nur vom Worte Gottes sprechen, alles andre war
+verboten.« Grumbkow und Seckendorf legten dem König immer wieder die
+Hindernisse dar, die sich seiner Abdankung entgegensetzten, und wie er
+einen solchen Schritt später bereuen würde. Aber der König versank nur
+noch tiefer in seine Grübeleien, und man durfte in seiner Nähe nicht
+mehr lachen. Da nun alle Worte vergeblich waren, verfielen Grumbkow und
+Seckendorf auf ein anderes Mittel. Sie überredeten den König, dem
+sächsischen Hof einen Besuch abzustatten, der damals der glänzendste in
+Deutschland war. Politische Gründe bestimmten Friedrich Wilhelm, den
+Vorschlag anzunehmen. Sobald er nach Dresden kam, wurde er von Fest zu
+Fest fortgerissen, die Freuden der Tafel wurden nicht vergessen, der
+Ungarwein nicht gespart, und die Freundschaft der beiden Könige war die
+innigste. Eines Tages, als man weidlich geschmaust hatte, führte der
+König von Polen seinen Gastfreund im Domino auf eine Redute. Immerfort
+schwatzend, gingen sie von einem Zimmer in das andere, wobei die
+Hofleute und der Kronprinz Friedrich folgten. Endlich gelangten sie in
+einen schön verzierten Raum, und während Friedrich Wilhelm das prächtige
+Gerät bewunderte, sank eine Tapetenwand nieder, und ein seltsames
+Schauspiel bot sich den Blicken dar. Ein Mädchen von vollendeter
+Schönheit lag nachlässig auf einem Ruhebette, nackt wie sie Gott
+erschaffen, mit einem Körper wie die mediceische Venus. Das Kabinett,
+worin sie sich befand, war von so vielen Kerzen erhellt, daß sie das
+Tageslicht überstrahlten. Der König von Polen sowohl als Grumbkow
+glaubten, daß Friedrich Wilhelm einer solchen Verlockung nicht werde
+widerstehen können; allein es kam anders. Bei dem ersten Blick nahm
+Friedrich Wilhelm seinen Hut, hielt ihn dem Kronprinzen vor das Gesicht
+und befahl ihm, sich zu entfernen. Er selbst wandte sich zum König von
+Polen, sagte trocken: »Sie ist recht schön,« und ging fort. An
+Seckendorf schrieb er ein paar Tage später: »Ich gehe zu kommendem
+Mittwoche nach Hause, fatigieret von allen guten Tagen und Wohlleben;
+ist gewiß nit christlich leben hier, aber Gott ist Mein Zeuge, daß Ich
+kein Pläsier daran gefunden und noch so rein bin als Ich von Hause
+hergekommen und mit Gottes Hilfe beharren werde bis an Mein Ende.«
+
+Schon im Winter 1735 hatte der König an der Wassersucht gelitten, und
+sein Leben war in großer Gefahr gewesen. In dem strengen Winter des
+Jahres 1740 erkrankte er von neuem. Er ließ den lutherischen Propst
+Roloff kommen, der ihn zum Tod vorbereiten sollte. Er verzieh allen
+seinen Feinden, schließlich sogar seinem Schwager, dem König von
+England, der ihm doch, wie er sagte, alles gebrannte Herzeleid angetan
+habe. Er bereute seine Sünden und zählte sie in Gegenwart vieler
+Umstehenden so ausführlich auf, daß Roloff ihn bitten mußte, es zu
+unterlassen. Worauf Roloff drang, war Sinnesänderung, dazu aber war der
+Herr lange nicht zu bewegen. Er führte auf, daß er die Geistlichkeit
+immer respektiert, Gottes Wort immer fleißig gehört habe und seiner Frau
+immer unverbrüchlich treu gewesen sei; er behauptete, immer recht
+gehandelt und alles zu Gottes Ehre getan zu haben. Roloff widersprach
+dem und erinnerte ihn an die Verschärfungen der Todesurteile, an die
+ungerechten Hinrichtungen, an das erzwungene Häuserbauen in Berlin, zur
+großen Bedrückung seiner Untertanen, und des Königs Verantwortung wollte
+er als vor Gott genügend nicht gelten lassen. Da sagte der König: »Er
+schont Meiner nicht. Er spricht als ein guter Geist und ein ehrlicher
+Mann mit Mir. Ich danke ihm dafür und erkenne nun, daß ich ein großer
+Sünder bin.« Im April 1740 konnte er noch nach seinem geliebten Potsdam
+fahren; er gab Anordnungen für sein Leichenbegängnis, bei dem das
+Leibregiment feuern sollte. Mitten in seinen Schmerzen ließ er sich das
+Lied vorsingen: Warum sollt ich mich doch grämen? Als die Stelle kam:
+Nackend werd auch ich hinziehen, unterbrach er die Sänger mit den
+Worten: »Nein, das ist erlogen, ich will in der Montur begraben sein.«
+Bescheiden stellte ihm der Feldprediger vor, daß es dort oben keine
+Soldaten gäbe; da rief der König: »Was? Sapperment! Wieso?« Und er
+schien nun sehr niedergeschlagen.
+
+Am Sterbetage, den 31. Mai, nahm er Abschied von seiner Frau, seinen
+Söhnen, allen Ministern, Beamten und Offizieren. Er ließ sich ans
+Fenster rücken, von wo er den Marstall überblicken konnte, und befahl,
+daß man die Pferde herausführe, denn er wollte dem Fürsten von Dessau
+und dem General Haake noch ein Pferd schenken. Als ihm sein Leibarzt auf
+die Frage, wie lange er noch zu leben habe, antwortete, ungefähr eine
+halbe Stunde, forderte er einen Spiegel, schaute hinein und sagte
+lächelnd: »Ich bin recht verändert, ich werde beim Sterben ein garstiges
+Gesicht machen.« Später wiederholte er die Frage an den Arzt. Der
+Leibmedikus befühlte ihm den Puls, zuckte die Achseln und sagte: »Er
+steht still.« Da hob der König seinen Arm, schüttelte die Faust und
+rief: »Er soll nicht stillstehen.«
+
+Friedrich Wilhelm starb im zweiundfünfzigsten Jahre seines Alters; er
+starb, wie Friedrich der Große an Voltaire schrieb, mit der Neugierde
+eines Naturforschers, der beobachten will, was im Augenblick des
+Hinscheidens geschieht, und mit dem Heldenmute eines großen Mannes. Er
+ward in Potsdam begraben. Bei der Leichenfeier wurden die von ihm selbst
+ausgewählten Lieder gesungen und beim Trauermahl zwei von ihm eigens
+dazu bestimmte Eimer alten Rheinweins ausgetrunken.
+
+
+
+
+Joachim Nettelbeck
+
+
+Als Sohn eines Brauers und Branntweinbrenners wurde Joachim Nettelbeck
+am 20. September 1738 zu Kolberg geboren. Seine Mutter war aus dem
+Geschlecht des Schiffers Blanken; seines Vaters Bruder war ebenfalls
+Schiffer. Seine größte Kinderfreude bestand darin, auf Schiffen
+herumzuspringen, und sobald er lallen konnte, war sein Sinn auf die
+Schifferei gestellt. Sein Hang war so groß, daß er aus jedem Span, aus
+jedem Stück Baumrinde, das ihm in die Hände fiel, kleine Schiffe
+schnitzelte, sie mit Segeln von Federn oder Papier ausrüstete und damit
+auf Rinnsteinen und Teichen oder auf der Persante hantierte. Kein
+größeres Vergnügen gab es für ihn, als wenn seines Onkels Schiff im
+Hafen lag; da hatte er zu Hause keine Ruhe und bat immerfort, man möchte
+ihn nach der Münde lassen.
+
+Nicht geringere Liebe zeigte er zum Gartenwesen. Sein Großvater war ein
+großer Gartenfreund, nahm ihn oft in seinen Garten mit und schenkte ihm
+sogar ein Fleckchen Land. Da legte er Obstkerne, pflanzte, verpfropfte
+und okulierte.
+
+[Illustration: Joachim Nettelbeck, nach einer Zeichnung von Ludwig
+Heine.]
+
+Er mochte etwa sechs Jahre alt sein, da entstand eine Hungersnot im
+Lande. Es kamen viele arme Leute nach Kolberg, um Korn zu holen, weil
+man Getreideschiffe im Hafen erwartete. Als endlich ein Schiff mit
+Roggen auf der Reede anlangte, stieß es gegen den Hafendamm und sank in
+den Grund. Um es wieder emporzuwinden wurden zwei Schiffe benutzt, deren
+eines von seinem Onkel geführt wurde, und der Knabe war beständig
+zugegen. Das Fahrzeug wurde gehoben, doch das Korn war durchnäßt; bald
+waren alle Straßen mit Laken und Schürzen überdeckt, auf denen das
+Getreide der Luft und Sonne ausgesetzt wurde. Endlich kam ein zweites
+Kornschiff, und es konnte der Not gesteuert werden.
+
+Im nächsten Jahre schickte der Große Friedrich von Preußen eine
+Wagenladung mit Kartoffeln nach Kolberg. Diese Früchte waren aber damals
+noch völlig unbekannt, und die Bürger berieten hin und her, was wohl
+damit anzufangen sei. Sie warfen sie den Hunden vor, die sie
+beschnupperten und verschmähten. Was sollen uns die Dinger? hieß es; sie
+riechen nicht, sie schmecken nicht, und nicht einmal die Hunde mögen sie
+fressen. Man glaubte, sie wüchsen auf den Bäumen und man müsse sie
+herunterschütteln wie die Äpfel. Alles dieses ward auf dem Markte, vor
+seiner Eltern Tür, verhandelt. Erst als der König im andern Jahr eine
+zweite Sendung von einem Landreiter begleiten ließ, der des
+Kartoffelbaues kundig war, gewann die neue Frucht das Wohlwollen der
+Bürger.
+
+Der Knabe war auch ein großer Liebhaber von Tauben, und er sparte sich
+von seinem Frühstücksgeld so viel ab, daß er sich ein paar Tauben kaufen
+konnte. Seine Spielereien hielten ihn vom Lernen und von der Schule ab,
+und erst die dringenden Ermahnungen seines Paten weckten seinen Ehrgeiz.
+In seinem achten Jahre schenkte ihm der Pate zu Weihnachten eine
+Anweisung zur Steuermannskunst, und bald ging sein Eifer für diese Sache
+soweit, daß er oft im Winter bei strenger Kälte des Nachts, wenn klarer
+Himmel war, heimlich auf den Wall ging und mit seinen Instrumenten die
+Entfernung der Sterne vom Horizont oder vom Zenit maß und danach die
+Polhöhe berechnete. Kam er des Morgens erfroren nach Hause, so
+verwunderte sich alles, erklärte ihn für einen überstudierten Narren,
+und der Vater schlug ihn.
+
+Da ein Seemann sich auf die Kletterkunst gut verstehen mußte, übte er
+sich in Gemeinschaft mit dem Sohn des Glöckners im Balkenwerk der großen
+Kirche in dieser Fertigkeit. Sie krochen überall herum, und oft
+verirrten sie sich in der gewaltigen Verzimmerung dergestalt, daß einer
+vom andern nichts mehr wußte, und wenn sie wieder zusammenkamen, war des
+Erzählens kein Ende, wo sie gewesen waren und was sie gesehen hatten. In
+dem inwendigen Holzverband krochen sie auch bis zur Spitze des Turmes
+hinauf, bis sie sich in dem beengten Raum nicht mehr rühren konnten.
+Diese Gewandtheit und Ortskenntnis kam ihm viele Jahre später wohl
+zustatten, als ein Wetterstrahl im Turm gezündet hatte und das Feuer
+gelöscht werden mußte.
+
+Als er elf Jahre alt war, nahm ihn sein Onkel als Kajütenwächter mit
+auf sein Schiff, und seine erste Fahrt ging nach Amsterdam. Dort sah er
+die großen Indienfahrer und verspürte eine unbezwingliche Sehnsucht, auf
+einem solchen Schiff zu dienen. Bei Nacht und Nebel floh er auf einer
+Jolle, betrat eines der Schiffe, das er sonderlich ins Auge gefaßt, und
+wurde nach vielen Verhandlungen als Seemannsjunge geheuert. Das Schiff
+war für den Sklavenhandel nach Guinea bestimmt. Einundzwanzig Monate
+später kam er nach Amsterdam zurück, schrieb an seine Eltern, die, froh
+erstaunt, ihn noch am Leben zu wissen, ihn nach Kolberg riefen; dort
+blieb er nun bis zu seinem vierzehnten Jahr. Länger vermochte er aber
+seinem Abenteuer- und Tätigkeitstrieb nicht zu widerstehen: er entfloh
+neuerdings und verdingte sich auf einem Schiff, das nach Surinam
+bestimmt war. Auf der Heimfahrt fiel der Steuermann über Bord und
+ertrank, und Nettelbeck wurde zum Untersteuermann gemacht.
+
+Im Jahre 1756 nahm er Dienst bei seinem Oheim, der eine Schiffsladung
+mit Holz von Rügenwalde nach Lissabon zu bringen hatte. Sein jüngerer
+Bruder, ein Knabe von vierzehn Jahren, und des Oheims junger Sohn waren
+ebenfalls auf dem Schiffe bedienstet. Sie erlitten an der flandrischen
+Küste Schiffbruch und wurden von österreichischen Soldaten gerettet. Der
+Oheim hatte aber eine tödliche Verletzung erlitten und starb in einem
+Kloster, wohin man ihn in Eile transportiert hatte. Als Ketzer und
+Preußen verdächtigt und gemieden, mußten sich die drei jungen Burschen
+durch das feindliche Land schlagen, und erst nach schrecklichen Mühsalen
+gelangten sie wieder nach Kolberg. Kaum hatte sich Nettelbeck von der
+überstandenen schweren Zeit erholt, so brach der Krieg aus, und die
+Werber des Königs kamen in die Stadt, um alle jungen Leute zum
+Soldatenstand zu pressen. Es war eine wahre Hetzjagd, der Schrecken für
+alle Eltern jener Zeit und für alles junge Volk, das eine Flinte
+schleppen konnte und nicht mochte.
+
+Die entschiedene Abneigung des Bürgers gegen den Soldatenstand hatte
+ihre Rechtfertigung in der unmenschlichen Art, womit die jungen Leute
+von den Unteroffizieren behandelt wurden; so sagt Nettelbeck selbst, und
+er fügt hinzu: unter den Fenstern der Eltern wurden sie von den rohen
+Menschen aufs Grausamste mißhandelt, und es war ein kläglicher Anblick,
+wenn bei solchen Auftritten die Mütter in Haufen daneben standen,
+weinten und schrien und von den rauhen Barbaren abgeführt wurden.
+
+Nettelbeck ergriff die Flucht. Bei Nacht, in Sturm und Schneegestöber
+wanderte er zu einem Bauern, welcher ihm genannt worden war, und mußte
+sich im Stadtholz eines Rudels Wölfe erwehren. Endlich erreichte er die
+Freistatt, hielt sich zwölf Tage dort verborgen, aber er ertrug es
+nicht, untätig zu sitzen, und er begab sich wieder nach der Münde. Eines
+Nachts erweckte ihn ein Klopfen an den Fensterladen des Kämmerchens, wo
+er schlief, und die bekannte Stimme einer getreuen Frauensperson rief
+ihm zu: »Joachim, auf! auf aus den Federn! Die Soldaten sind wieder auf
+der Münde!« In der Bestürzung griff er nach einem Bund Kleider, stahl
+sich im Hemd auf die Straße und bemerkte, als er sich anziehen wollte,
+daß er Frauenkleider mitgenommen hatte. Er warf einen roten Friesrock
+über die Schultern, da wurde er von den Soldaten gestört, er rannte zum
+Hafen, sprang in ein Boot und ruderte hinaus. Jenseits ging er an Land,
+wanderte so gut als nackend in der bitterkalten Märznacht vor mehrere
+Türen, wurde jedesmal abgewiesen und flüchtete endlich in einen alten
+Schiffsrumpf, der im Sommer als Bierschank benutzt wurde. Er kletterte
+in das Rauchfangloch und duckte sich vor der Kälte in einen Winkel
+zusammen. Am Morgen suchte er sein verlassenes Boot wieder auf und
+ruderte sich zu einem Schiffe heran, das einem Königsberger Schiffer
+gehörte. Der Mann nahm ihn auf und hielt ihn lange bei sich verborgen.
+Zwei Wochen später fuhr er mit einem anderen Schiffer nach Danzig, und
+dort wurde er Steuermann auf einer kleinen Jacht, die eine Ladung Hanf
+nach Westschottland bringen sollte. Die Schiffahrt in den Gewässern der
+Hebriden war der Klippen und starken Strömungen wegen sehr gefährlich,
+das Schiff irrte lange herum, geriet im Kanal mit sieben englischen
+Kapern zusammen, und alle diese Schnapphähne, so nennt sie Nettelbeck,
+stiegen an Bord seines Schiffes und nahmen mit, was nicht niet- und
+nagelfest war, Kessel und Pfannen, Tauwerk und Segel, Karten und Kompaß.
+Die Aufregung und das beständige Elend machten Nettelbeck krank. Er
+mußte in Metemblick zurückbleiben und begab sich zu einem Kompaßmacher
+in die Lehre; was er von ihm lernte, war ihm in der Folge von großem
+Nutzen.
+
+Bald darauf rief ihn sein Vater nach Kolberg zurück, und er war noch
+nicht vier Wochen in der Heimat, so begann die Belagerung Kolbergs durch
+die Russen. Durch die Entschlossenheit der Bürgerwehr blieben die
+feindlichen Anstrengungen fruchtlos, und nachdem die Russen eine Menge
+Pulver unnütz verschossen hatten, mußten sie wieder abziehen. Nettelbeck
+begab sich nach Amsterdam, traf dort mit seinem alten Kapitän Blanken
+zusammen und fuhr mit ihm neuerdings nach Surinam; von dort heimgekehrt,
+hielt es ihn wieder nicht lange, und er fuhr mit einem andern Schiff
+nach Sankt Eustaz. Als er dann in seine Vaterstadt zurückgekehrt war,
+wurde diese zum zweitenmal von den Russen belagert, aber der Notstand
+dauerte nur drei Wochen. Während der Zeit des Siebenjährigen Krieges
+blieb den preußischen Schiffern, wenn sie Erwerb finden wollten, kaum
+etwas anderes übrig, als unter der neutralen Danziger Flagge zu fahren.
+In solcher Weise ging Nettelbeck von Danzig nach Königsberg und von
+Königsberg mit einem Getreideschiff nach Amsterdam.
+
+Es ist nicht erforderlich, alle diese Fahrten und die späteren im
+einzelnen zu verfolgen; diese Begegnungen mit Freund und Feind, dieses
+Hin und Her in allen Zonen der Erde, diese Kämpfe mit allen Gefahren und
+allen Elementen. Sie bilden ein Leben voll beständiger Unruhe und
+beständiger Tätigkeit. Die Kaufleute im fremden Land sind listig und
+verschlagen; ihrer Tücke Herr zu werden, gegen ihre Vorteilssucht nicht
+des eignen Vorteils verlustig zu gehen, verlangt viel Klugheit, ja
+beinahe Weisheit und unendliche Selbstverleugnung. Immer wieder Stürme,
+immer wieder Schiffbruch; kaum ist ein kümmerlicher Verdienst in
+Sicherheit gebracht, so geht er durch Wagnis oder Unglück wieder
+verloren. Bei einer Fahrt in der Nordsee wird der Kapitän wahnsinnig und
+trifft Verfügungen, die den Untergang des Schiffes herbeiführen müssen.
+Eines Morgens stürzt er vom Steuer in die See und ertrinkt. Nettelbeck
+nimmt ein Verzeichnis seiner Habseligkeiten auf, versiegelt die
+eingepackten Waren und wirft vor den Augen der Matrosen das hierzu
+gebrauchte Petschaft ins Meer. Zu seiner Verwunderung kann er nirgends
+die Gelder und Barschaften des verunglückten Schiffers finden, die
+Taschenuhr, die silbernen Schuh- und Knieschnallen, die goldenen und
+silbernen Galanteriewaren nicht, die er vordem bei ihm gesehen. Als er
+mit dem Schiff in den Hafen gelangt, taucht trotz eidlicher Erhärtung
+der Verdacht auf, daß er das Gut des Schiffers veruntreut habe.
+Lästerung und Verleumdung heftet sich an seine Fersen, und der Kummer,
+den er darüber empfindet, raubt ihm allen Mut. Erst viele Jahre später
+wurde das Eigentum des toten Schiffers zufällig in einem Verschlag der
+Kajüte entdeckt, die Witwe und die Verwandten leisteten Nettelbeck
+Abbitte, und die ihn geschmäht und bezichtigt hatten, erhoben ihn in den
+Himmel, aber man muß nicht eben Nettelbeck sein, um den von Zufalls
+Gnaden gereinigten Schild der Ehre mit bitterem Gefühle zu betrachten.
+Allmählich reifte er in der Schule des Lebens zur Resignation heran;
+doch seine Kraft, zu handeln, seine wunderbare Kraft, zu helfen,
+erlahmte dabei mitnichten. Während des großen Brandes in Königsberg
+rettete er auf einem Boote viele Menschen vor dem sicheren und
+schrecklichen Tod. Einige Zeit nachher geriet auf dem Pregel ein
+holländisches Schiff in Brand. Alle Menschen, so viel deren
+herbeigekommen, waren damit beschäftigt, Löcher in das Verdeck zu hauen,
+um von oben Wasser in den brennenden Raum zu gießen. Dadurch gewann aber
+das Feuer nur um so größeren Zug, und Nettelbeck, der ein so
+widersinniges Verfahren nicht gelassen mit anschauen konnte, schrie
+ihnen zu, sie arbeiteten sich ja zum Unglück, sie müßten das Schiff
+versenken. Es lief aber alles verwirrt durcheinander, und niemand wollte
+auf ihn hören. Da griff er einen von seinen Zimmerleuten auf, sprang mit
+ihm in das Boot, das zum brennenden Schiff gehörte, und zeigte ihm eine
+Planke dicht über dem Wasser, wo er ein Loch ins Schiff hauen sollte.
+Das lasse er wohl bleiben, war die Antwort des Mannes, da könne er
+schlimmen Lohn dafür haben. Nettelbeck riß ihm die Axt aus den Händen,
+schlug selber das Loch, eilte spornstreichs auf das Verdeck, wo sich
+Hunderte von Menschen drängten, und schrie: »Herunter vom Schiff, was
+nicht ersaufen will, in der Minute wird’s sinken.« Und das Schiff sank.
+Die holländischen Kaufleute aber verklagten ihn bei der Admiralität und
+forderten von ihm den vollen Ersatz des Schadens. Er wurde vor das
+Kollegium zitiert und sollte sich verantworten.
+
+Seine Rede war die: »Tausend Augen haben es mit angesehen, wie das
+Schiff in hellem Feuer stand. Hätte das nur noch eine halbe
+Viertelstunde so gedauert, so nahm die Flamme dergestalt überhand, daß
+es kein Mensch auf dem Schiff aushalten konnte und es mitsamt der Ladung
+preisgegeben werden mußte. Und wie sollte es dann fehlen, daß nicht die
+Taue mit verbrannten, die es am Bollwerk hielten; daß die flammende
+Masse stromabwärts und unter die vielen andern Schiffe trieb und diese
+mit ins Verderben zog? Jetzt ist großes und gewisses Unglück mit um so
+geringerem Schaden abgewandt, als Schiff und Ladung wohl wieder zu
+bergen sein werden. Ich bin daher auch des guten Glaubens, daß ich in
+keiner Weise strafbar gehandelt, sondern nur meine Bürgerpflicht erfüllt
+habe.«
+
+Die Sentenz lautete, daß der Schiffer Nettelbeck vollkommen recht und
+löblich gehandelt habe und das Kollegium sich vorbehalte, ihm seine
+Zufriedenheit und Dankbarkeit durch feierlichen Handschlag zu bezeugen.
+Der Kollegiumsdirektor stand von seinem Sitze auf, schüttelte ihm
+treuherzig die Hand, dankte ihm im Namen aller Schiffer und im Namen der
+Stadt und hieß ihn einen wackeren Mann. Kaufleute, Schiffer und Advokat
+sahen einander verlegen an, dann traten sie einer nach dem andern zu ihm
+und gaben ihm ebenfalls die Hand. Der Direktor fragte ihn zum Schluß, ob
+er nicht, wie er im vorigen Jahr mit dem Bording der Witwe Rollof getan,
+das versunkene Schiff aus dem Wasser zu heben versuchen wolle. Und
+Nettelbeck sagte zu. Die Hebung gelang unter großen Schwierigkeiten,
+und da er von den holländischen Kaufleuten außer dem Ersatz seiner
+Auslagen nichts annehmen wollte, machten sie ihm ein Geschenk von
+hundert preußischen Gulden samt zehn Pfund Kaffee und zwanzig Pfund
+Zucker. Er seinerseits schenkte davon fünfundzwanzig Gulden den Armen,
+damit sie auch einmal einen guten Tag haben sollten.
+
+Es war das Sonderbare seines Geschicks, daß es ihn immer wieder zwang,
+gegen die Elemente in den Kampf zu treten und er dem Wasser wie dem
+Feuer gegenüber stets die gleiche streitbare Rolle spielt. Als er nach
+vielen und gefährlichen Reisen, nach vielen und ermüdenden Versuchen, da
+und dort seinen Lebensunterhalt zu erwerben, als beinahe Vierzigjähriger
+1777 wieder in seiner Vaterstadt saß, schlug eines Tages im April der
+Blitz in den Kirchturm, und im Nu brannte der Turm lichterloh. Die helle
+Flamme spritzte bei der Wetterstange gleich einem feurigen Springbrunnen
+empor, aus den Schallöchern sprühten die Funken wie Schneeflocken und
+fielen bereits in die Domstraße hinüber. Nettelbeck, dies sehend, rannte
+nach der Kirche und die Turmtreppe hinan. Im Hinaufsteigen überdachte
+er, wie groß das Unglück werden müsse, da es wohl schwerlich jemand
+unternehmen werde, bis in die höchste Spitze zu klimmen, wo er in den
+finstern Winkeln nicht so bekannt sei wie er selbst, der sie in seiner
+frühen Jugend oft mit Lebensgefahr durchkrochen hatte. Er wußte, daß auf
+dem Glockenboden stets Wasser und Löscheimer bereitstanden, aber an
+einer Handspritze, die hauptsächlich nottat, mochte es fehlen. Er
+machte auf der Stelle kehrt, drängte sich an den vielen Menschen
+vorüber, die alle hinauf wollten, eilte ins nächste Haus, dann ins
+zweite und ins dritte, bis er endlich eine Spritze bekam. Jetzt wieder,
+die Angst und der Eifer gaben ihm Flügel, zum Turm hinauf. In der
+sogenannten Kunstpfeiferstube, dicht unter der Spitze, fand er mehrere
+Maurer und Zimmerleute mit ihren Meistern, aber keiner wußte, was zu tun
+sei. »Liebe Leute,« sprach er, unter sie tretend, »hier ist nichts zu
+beginnen, wir müssen höher hinauf.« – »Leicht gesagt, aber schwer
+getan,« antwortete einer, »wir haben es schon versucht, doch es geht
+nicht. Sobald wir die Falltür über uns haben, fällt ein Regen von
+Flammen und glühenden Kohlen herunter und setzt auch hier die Zimmerung
+in Brand.« Nettelbeck aber ließ sich die Falltür öffnen, stieg hindurch,
+gebot, daß man ihm einen Eimer und die Spritze reiche und die Falltür
+wieder schließe, denn das Feuer durfte von unten keinen Zug bekommen. Er
+mußte sich den Kopf mit Wasser aus dem Eimer anfeuchten, damit seine
+Haare nicht in Brand gerieten, und um die Hände frei zu bekommen,
+schnitt er vorn in seinen Rock ein Loch, durch das er die Spritze
+steckte. Den Bügel des Eimers nahm er in den Mund und zwischen die
+Zähne; so klomm er empor. Die Holzriegel im Innern des Turms mußten ihm
+als Leitersprossen dienen, allein wohin er griff, um sich emporzuhelfen,
+fand er alles voll glühender Kohlen, nur hatte er nicht Zeit, an den
+Schmerz zu denken. Endlich hatte er sich so hoch verstiegen, daß ihm in
+der engen Verzimmerung kein Raum blieb, sich noch weiter hinauf zu
+winden, und hier sah er den rechten Mittelpunkt des Feuers acht oder
+zehn Fuß über sich zischen und sprühen. Er klemmte den Wassereimer
+zwischen die Sparren fest, sog die Spritze daraus voll und richtete sie
+gegen den Feuerkern. Wasser, Feuer und Kohlen prasselten ihm ins
+Gesicht, aber das Feuer verminderte sich alsbald merklich. Nun war aber
+auch der Eimer geleert. Aus Leibeskräften schrie er nach Wasser; einer
+der Zimmermeister hob die Falltür und rief: »Wasser ist hier, aber wie
+bekommst du es hinauf?« Er sagte, sie sollten es ihm nur bis über den
+Glockenstuhl schaffen, da wolle er sichs schon selber langen. Jene
+wagten es, und er kletterte ihnen von Zeit zu Zeit entgegen, um die
+vollen Eimer in Empfang zu nehmen, von denen er dann auch so fleißigen
+Gebrauch machte, daß er endlich das Glück hatte, den Brand zu
+überwältigen und völlig zu löschen. Und es war hohe Zeit, mit jeder
+Minute wurde ihm übler: das zurückspritzende Wasser hatte ihn bis auf
+die Haut durchnäßt, und zugleich war eine unerträgliche Hitze im Turm.
+Er eilte hinunter, und in der schneidenden Luft bei den Schallöchern
+vergingen ihm die Sinne. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem
+Kirchhof, ihm zur Seite standen zwei Chirurgen, die ihm an beiden Armen
+die Adern geöffnet hatten, und eine Menge neugieriger Menschen schaute
+zu. Seine Hände waren überall verletzt, die Haare auf dem Kopf
+abgesengt, der Kopf selbst wund und voller Brandblasen; an diesen
+Stellen wuchsen die Haare nie wieder, und zwei Finger an der rechten
+Hand blieben ihm zeitlebens verkrüppelt.
+
+Zehn Jahre lang befuhr er noch die Meere, von Danzig bis Lissabon, von
+Amsterdam bis Norwegen, von London bis Westindien; bald im eignen
+Interesse, das aber nie ein Gelingen bescherte, bald im Auftrag fremder
+Reeder. Seine Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit, soviel sie ihm auch
+Achtung und Sympathie erweckten, konnten ihm doch nicht zu großem Geld
+und Gut verhelfen. Und er war zu unruhig, zu leidenschaftlich und zu
+wenig kühler Rechner, um aus geringen Vorteilen mit der Zeit und viel
+Geduld bedeutende zu machen. Um das Jahr 1787 wurde er in Kolberg
+seßhaft, und seine Mitbürger erwiesen ihm die Ehre, ihn als Verwandten
+des Seglerhauses aufzunehmen, welches ein Kollegium war, vor dem alle
+Schiffahrtssachen in erster Instanz entschieden wurden. Auch ernannten
+sie ihn zum Schiffsvermesser, dessen Amt es war, die Tragkraft der
+Fahrzeuge zu berechnen, und wieviel Lasten sie laden und über See führen
+konnten. Es gab auch in Kolberg ein Kollegium, die Fünfzehnmänner
+geheißen, das die Gerechtsame der Bürgerschaft beim Magistrat zu
+vertreten hatte. In dieser Körperschaft waren große Mißstände bemerklich
+geworden; die Fünfzehnmänner hatten angefangen, ihr Ansehen mehr zu
+ihrem Privatnutzen als zum allgemeinen Besten geltend zu machen, und es
+war eine enge Verbrüderung daraus entstanden, die sich einander zu
+allerlei heimlichen Praktiken verhalf. Da waren Depositenkassen
+angegriffen, Scheinkäufe vorgenommen, Gemeingut widerrechtlich
+verschleudert und andere Greuel mehr begangen worden. Furchtlos trat
+Nettelbeck in den Sumpf und machte eine lange Reihe von
+Ungebührlichkeiten, Veruntreuungen und krummen Schlichen vor Gericht
+anhängig. Es kam darüber zu einem langen und verwickelten Prozeß, und
+keine Art von Ränken und Rabulistereien blieb gegen ihn unversucht.
+Beinahe vier Jahre lang schleppte sich der Rechtsstreit hin, und so wie
+er sich die Sache zu Herzen nahm, hatte er während der ganzen Zeit keine
+ruhige Stunde. Er gesteht, daß er oft mit Feuer und Schwert hätte
+dreinfahren mögen, wenn das heillose Gezücht immer ein neues Mäntelchen
+für seine aufgedeckte Bosheit zu erhaschen suchte. Endlich kam die
+unsaubere Geschichte doch zu einem leidlichen Schluß; das Kollegium
+wurde aufgelöst und durch ein anderes ersetzt, und man bewies ihm das
+Vertrauen, ihn in die Zahl der neuen Repräsentanten zu wählen.
+
+Ergreifend sind die wenigen Seiten seiner von ihm selbst erzählten
+Lebensgeschichte, wo er von seinen häuslichen und ehelichen
+Verhältnissen erzählt und die Bemerkung macht, daß ihm als Ehemann und
+Vater sein besserer Glücksstern erst spät erschienen sei. Nur der
+Anschein war günstig, als er sich im Jahre 1762 in Königsberg zu
+heiraten entschloß. Er war ein flinker und lebenslustiger Bursche von
+vier- oder fünfundzwanzig Jahren, sein junges Weib war sechzehn, und
+solange er dort lebte und als Schiffer ab- und anfuhr, war die Ehe ganz
+glücklich. Von drei Kindern, die ihm die Frau gebar, blieb indessen nur
+ein Sohn am Leben, der ihn auf seinen letzten Seereisen als
+unzertrennlicher Gefährte begleitete. Nach siebenjähriger Ehe entdeckte
+er, daß ihn die Frau betrog; er verzieh ihr, aber sie zeigte sich
+unverbesserlich, da ließ er sich von ihr scheiden, und sie verkam im
+Elend. Der Sohn, den er sehr liebte, starb ihm in jungen Jahren, und er
+stand nun verlassen in der Welt und wußte nicht, für wen er sich’s noch
+sauer werden lassen sollte. Es fehlte am festen Kern im inneren
+Haushalt, und so wollte er es noch einmal mit der Ehe versuchen. Als
+Fünfzigjähriger warf er seine Augen auf eine Schifferswitwe in Stettin,
+die er als eine ordentliche und rechtliche Frau zu kennen glaubte. Die
+Verbindung kam zustande, aber nun erst gingen ihm die Augen auf. Die
+fromme Witwe hatte gern ihr Räuschchen und hielt es eifrig mit
+mancherlei andern Dingen, die den Ehefrieden stören mußten. An ein
+Zusammenhalten des ehrlich Erworbenen war länger nicht zu denken,
+vielmehr sah er den unvermeidlichen Untergang seines kleinen Wohlstands
+vor Augen, und was blieb ihm übrig, als eine abermalige Scheidung? Mit
+trüben Blicken schaute er in die Zukunft. Er gehörte keinem Menschen an,
+war nachgerade ein alter Mann geworden, und fühlte er gleich sein Herz
+noch frisch und seinen Geist lebendig, so wollten doch die
+stumpfgewordenen Knochen nicht mehr gut tun. Die paar Jahre, die noch
+übrig waren, dachte er wohl noch hinzustümpern, und wenn nur noch der
+Sarg ehrlich bezahlt werden konnte, mochte man ihn hintun, wo seine
+Väter schliefen. Jedoch das Geschick meinte es besser mit ihm. So
+klang- und trostlos sollte sein Leben nicht enden.
+
+Das Jahr 1806 war herangekommen. Joachim Nettelbeck, dem feurigen
+Patrioten, der die alten Zeiten und des großen Friedrichs Taten noch im
+Sinn hatte, blutete gleich so vielen das Herz bei der Zeitung von den
+entsetzlichen Tagen bei Jena und Auerstädt und ihren Folgen. Er hätte
+kein Preuße und abtrünnig von König und Vaterland sein müssen, wenn ihm
+jetzt, wo alle Unglückswellen über sie zusammenschlugen, nicht so zu
+Sinn gewesen wäre, als müßte er Gut und Blut und die letzte Kraft seines
+Lebens für sie aufbieten. So lautet sein eigenes Geständnis; nicht mit
+Reden und Schreiben, dachte er, aber mit der Tat sei hier zu helfen;
+jeder auf seinem Posten, ohne sich erst lange, feig und klug, vor- und
+rückwärts umzusehen.
+
+Als nun Magdeburg und Stettin gefallen waren und die ungestüme
+französische Windsbraut sich immer näher und drohender gegen die
+Weichsel heranzog, da ließ sich’s voraussehen, daß bald genug auch die
+Feste Kolberg an die Reihe kommen mochte, und wirklich erschien im
+November ein französischer Offizier als Parlamentär in der Stadt und
+forderte die Übergabe. Diese wurde zwar verweigert, allein mit allem,
+was zu einer rechtschaffenen Verteidigung gehörte, sah es trübselig aus.
+Wall und Graben waren verfallen, von Palisaden keine Spur. Nur drei
+Kanonen standen in einer Bastion auf Lafetten und dienten bloß zu
+Lärmschüssen, wenn Ausreißer von der Besatzung verfolgt werden sollten;
+alles übrige Geschütz lag am Boden, hoch von Gras überwachsen, und die
+dazu gehörigen Lafetten vermoderten in den Remisen. Die Besatzung war
+gering an Zahl, entmutigt durch die Unglücksbotschaften, und der
+Kommandant, Oberst von Loucadou, ein alter abgestumpfter Mann, der seit
+dem bayrischen Erbfolgekrieg den Ruf eines tüchtigen Offiziers genoß und
+dessen Geist so blind an altem Herkommen hing, daß er sich in der neuen
+Zeit und Welt nicht mehr zurechtfinden konnte. Während alles, was
+Militär hieß, den trägen Schlummer mit ihm zu teilen schien, fühlte sich
+die ganze Bürgerschaft von der lebhaftesten Unruhe und Besorgnis
+ergriffen, und Nettelbeck wurde als einer der ältesten Bürger
+ausgewählt, sich mit dem Kommandanten über die Maßregeln zur
+Verteidigung zu verständigen. Dem Obersten erschien dies anmaßend, und
+er wußte nicht oder wollte es nicht wissen, daß von ältester Zeit her
+die Bürger von Kolberg sich als die natürlichen und gesetzlich berufenen
+Verteidiger ihrer Wälle und Mauern betrachteten. Vormals hatte jeder
+seinen Bürgereid mit Ober- und Untergewehr geschworen, hatte geschworen,
+daß diese Armatur ihm eigen angehöre, geschworen, daß er die Festung
+verteidigen helfen wolle mit Gut und Blut. Die Bürgerschaft war in fünf
+Kompanien eingeteilt, mit einem Bürgermajor an der Spitze, und wo es im
+Ernst gegolten, hatte der Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht
+und wesentlichen Nutzen von ihrem Dienst gezogen. Nettelbeck eröffnete
+dem Obersten, daß die Bürger mit Gott entschlossen seien, in diesen
+bedenklichen Zeitläuften mit dem Militär gleiche Last und Gefahr zu
+bestehen, daß sie sich in ein Bataillon mit vollständiger Rüstung
+organisieren wollten und bäten, sich vor ihm aufstellen zu dürfen, damit
+er Musterung halte und jedem seinen Posten anweise, sie würden ihre
+Schuldigkeit tun. Als die Bürgerschaft sich versammelt hatte, kam der
+alte Oberst und sagte: »Macht dem Spiel ein Ende, ihr guten Leutchen!
+Geht in Gottes Namen nach Hause. Was soll mir’s helfen, daß ich euch
+sehe?« Und da Nettelbeck neuerdings Vorstellungen machte und sich und
+seine Leute zu den nötigen Arbeiten anbot, erwiderte der Kommandant mit
+einem höhnischen Lachen: »Die Bürgerschaft und immer wieder die
+Bürgerschaft! Ich brauche die Bürgerschaft nicht.«
+
+Eine solche Geringschätzung erregte Murren und Unwillen, aber Nettelbeck
+ließ sich nicht abhalten, zu tun, was ihm Pflicht schien. Er machte den
+Oberst darauf aufmerksam, welch gute Dienste in früheren Belagerungen
+eine Schanze auf dem hohen Berg, eine Viertelmeile außerhalb der Stadt,
+geleistet hatte, und er und seine Freunde seien bereit, die Schanze
+wiederherzustellen. Der Oberst antwortete, was außerhalb der Stadt
+geschähe, kümmere ihn nicht, die Festung innerhalb werde er schon zu
+verteidigen wissen. Und so baute Nettelbeck die Schanze, und es halfen
+ihm die Bürger, ihre Gesellen, ihre Lehrjungen und Dienstmägde; als die
+Arbeit noch immer zu langsam vonstatten ging, warb er Leute am Hafen und
+bezahlte sie aus seiner Tasche. Er sorgte für die Anschaffung von
+Lebensmittelvorräten und nahm bei Bäckern, Bauern und Branntweinbrennern
+ein Verzeichnis der Bestände auf. Er ging in die umliegenden Dörfer und
+sah nach, was an Korn und Schlachtvieh vorhanden war. Mit all seinen
+Papieren ging er nun zum Kommandanten, um ihn zu bewegen, daß er die
+Vorräte in die Stadt schaffen lasse. Der Oberst aber, als hätte die Pest
+an den Papieren geklebt, drückte sie ihm eilig wieder in die Hand und
+sagte, er brauche den Plunder nicht und damit Gott befohlen.
+
+Der Oberst hatte auch eine alte Köchin, und die war jedesmal zugegen,
+wenn Nettelbeck kam, und gab ihren Senf mit drein. Auch dieses Mal
+schimpfte und maulte sie, bis Nettelbeck die Galle überlief und er dem
+unverschämten Weibsbild die Meinung sagte, wodurch er aber den Obersten
+nur noch mehr gegen sich in Zorn setzte.
+
+Um den Magistrat und seine Anstalten stand es auch kläglich, der
+Untergang der Stadt schien nicht aufzuhalten, und so entschloß sich
+Nettelbeck, der winterlichen Jahreszeit zum Trotz, den König selbst in
+Königsberg oder in Memel aufzusuchen und ihm Kolbergs Lage und Not
+vorzustellen. Da traf aber der Kriegsrat Wissening von Treptow in
+Kolberg ein, ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte.
+Der machte sich gegen Nettelbeck erbötig, selber zum König zu gehen und
+sein möglichstes zu tun, um den Platz zu retten. Unter den von den
+Truppen Versprengten, die täglich in Kolberg Zuflucht suchten, befand
+sich auch der Leutnant von Schill; Nettelbeck gewann ihn bald zum
+Freund, und der junge Offizier erklärte sich bereit, in Kolberg zu
+bleiben, um bei der Verteidigung zu helfen. Er stimmte mit Nettelbeck
+darin überein, daß vor allem die Maikule, der Schlüssel zum Hafen, um
+jeden Preis festgehalten werden müsse, und doch war zur Verschanzung
+dieses entscheidenden Punktes bis jetzt noch keine Schaufel in Bewegung
+gesetzt worden. Es waren keine Hände da, um auch nur einige Erdaufwürfe
+zustande zu bringen, und Nettelbeck trieb unermüdlich in der
+Geldervorstadt und in allen umliegenden Ortschaften Tagelöhner und
+Häusler zusammen, versprach und zahlte guten Lohn und verwandte gegen
+vierhundert Taler aus seiner Tasche. Tag und Nacht arbeiteten etwa
+sechzig Menschen nach dem von Schill entworfenen Plan an den
+Befestigungen; weder der Kommandant noch sonst jemand fragte und
+kümmerte sich, was da geschafft wurde. Indessen war der Kriegsrat
+Wissening mit ausgedehnten Vollmachten vom König zurückgekehrt. Seine
+Hilfe brachte neues Leben in die Verwaltung; ganze Herden Schlachtvieh,
+lange Reihen Getreidewagen zogen zu den Toren ein, und Heu und Stroh im
+Überfluß füllte die Futtermagazine. In der Stadt wurde geschlachtet und
+eingesalzen und die Böden der Bürgerhäuser mit Korn beschüttet.
+
+Um die Mitte März hatten die Franzosen die Umzingelung der Festung
+beendet. Die Schanze auf dem hohen Berg ging unter blutigen Kämpfen
+verloren, auch die Anhöhen der Altstadt waren besetzt. Es war nun
+dringend geboten, die Überschwemmung des Geländes rings um die Festung
+zu bewirken, eine Absicht, die auf den hartnäckigen Widerstand der
+Grundeigentümer stieß. Auch der Kommandant wollte nichts davon wissen,
+bei der darüber geführten Unterredung mischte sich wieder die Köchin in
+ihrer gewohnten Weise ein. Nettelbeck schob sie ohne viel Federlesens
+zur Türe hinaus, der Oberst geriet in Hitze, griff nach seinem Degen und
+würde ihn gegen Nettelbeck gezogen haben, wenn ihm nicht dessen
+Begleiter, der Hauptmann von Waldenfels, mit den Worten in den Arm
+gefallen wäre: »Beruhigen Sie sich, Nettelbeck hat recht getan.«
+
+Die Franzosen schickten indessen einen Parlamentär, den der Oberst in
+aller Freundlichkeit empfing und mit dem er hinter verschlossener Tür
+verhandelte. Nettelbeck argwöhnte Verrat, und in der Fülle seines
+beklommenen Herzens schrieb er an den König: Wenn Euere Majestät uns
+nicht bald einen andern und braven Kommandanten zuschicken, sind wir
+unglücklich und verloren.
+
+Die Belagerer schritten zum Angriff, die Geldervorstadt geriet in
+Gefahr, Loucadou erteilte den Befehl, sie niederzubrennen, aber Schill
+stellte ihm das Unnützliche und Übereilte dieser Maßregel mit solchem
+Gewicht vor, daß er nachzugeben gezwungen war; dadurch konnten Hunderte
+von Menschen die beweglichen Trümmer ihres Besitzes in Sicherheit
+bringen, und erst als dies geschehen war, fand die Zerstörung statt. Der
+Kommandant aber bezichtigte Schill der Insubordination und ließ ihn in
+Arrest setzen. Soldaten und Bürger vernahmen mit Unwillen, was ihrem
+Liebling geschehen war. Es entstand ein Gemurmel, ein Reden, Fragen und
+Durcheinanderlaufen, das mit jeder Minute lauter und stürmischer wurde.
+Man wollte Schill mit Gewalt befreien und den Kommandanten zur
+Rechenschaft ziehen. Nettelbeck, lebhaft bestürzt und das Unselige
+dieser Volksbewegung erkennend, warf sich unter die Menge, bat sie,
+Vernunft anzunehmen und vor allen Dingen Schills eigene Meinung zu
+hören. Dies ward angenommen, und Nettelbeck ging zu Schill. Als der
+vernahm, wie die Sachen standen, erschrak er heftig, und Nettelbeck an
+beiden Händen ergreifend, rief er: »Freund, ich bitte Sie um alles,
+stellen Sie die guten Menschen zufrieden. Aufruhr wäre das letzte und
+größte Unglück, das uns begegnen könnte. Sagen Sie ihnen, ich sei nicht
+arretiert, ich sei krank, sagen Sie, was Sie wollen, wenn sich nur die
+Leute zur Ruhe geben.« Nettelbeck begab sich wieder auf den Markt, hielt
+eine Ansprache, die Leute kamen zur Besinnung und gingen friedlich
+auseinander. Schills Arrest blieb ein leeres Wort, das stillschweigend
+zurückgenommen wurde.
+
+Die feindlichen Granaten schlugen in die Stadt, und der Oberst befahl,
+daß die Dächer mit Dünger belegt und das Pflaster aufgerissen werden
+sollte, um die Geschosse unschädlicher zu machen. Nettelbeck äußerte
+Zweifel über das Förderliche dieses Befehls; da die Dächer eine Neigung
+von mehr als fünfundvierzig Grad besaßen, meinte er, der Dünger werde
+wohl nicht haften bleiben, auch würden die Bomben vor den so bedeckten
+Dächern nicht sonderlich viel Respekt zeigen; das Aufreißen des
+Pflasters sei aber bei den engen Gassen sogar gefährlich, weil dann bei
+entstandener Feuersgefahr weder Spritzen noch Wasserkufen einen Weg
+durch die Steinhaufen und den umgewühlten Boden finden würden. Während
+des Gesprächs fuhr in der Nähe eine Bombe nieder und zersprang. Der
+Oberst sah sich mit etwas verwirrten Blicken um und stotterte: »Meine
+Herren, wenn das so fort geht, so werden wir müssen doch noch zu Kreuze
+kriechen.« Mehr konnte er nicht hervorbringen. Nettelbeck, alle
+Selbstbeherrschung verlierend, fuhr auf und schrie: »Halt! Der erste,
+wer er auch sei, der das verdammte Wort wieder ausspricht, von zu Kreuze
+kriechen, stirbt des Todes von meiner Hand.« Dabei riß er den Degen aus
+der Scheide, sein Nebenmann faßte ihn von hinten und zog ihn von
+Loucadou zurück. »Arretieren,« knirschte der Oberst mit schäumendem
+Mund, »gleich arretieren! In Ketten und Banden.« Alles drängte sich um
+den Oberst zusammen; Nettelbecks Freunde schoben ihn zurück, und er
+ging, wenig zufrieden mit sich selbst und seinem Zorneifer, still nach
+Hause. Nachmittags berief der Kommandant den Landrat zu sich und teilte
+ihm mit, er werde Nettelbeck vor ein Kriegsgericht stellen und auf dem
+Glacis der Festung erschießen lassen. Der Landrat erschrak, machte
+eindringliche Vorstellungen, jedoch der Oberst beharrte auf seinem Sinn.
+Als die Bürger vernahmen, was im Werke war, geriet alles in die größte
+Bewegung, alles ergriff Nettelbecks Partei; der Haufen sammelte sich und
+ward mit jeder Minute größer, wälzte sich zu Loucadous Wohnung, umringte
+ihn, und die Wortführer bestürmten ihn so lange im guten und im bösen,
+bis sie seine Entrüstung einigermaßen milderten oder vielleicht ihn
+ahnen ließen, daß er kein so leichtes Spiel haben werde. »Gut, gut,«
+sagte er endlich, »so mag der alte Bursche diesmal laufen. Hüt er sich
+nur, daß ich ihn nicht wieder fasse.« Nettelbeck hatte von seinem
+Fenster aus den Auflauf des Volkes bemerkt, hatte aber kein Arg, daß es
+ihn so nahe angehen könne. Erst andern Tags erfuhr er, wie schlimm es
+auf ihn und sein Leben gemünzt gewesen.
+
+Die Belagerung nahm ihren Fortgang, und Not und Elend stiegen von Woche
+zu Woche. Es war am 1. Juli, als die Franzosen endlich letzten Ernst zu
+machen schienen. In den Morgenstunden eröffneten sie ein furchtbares
+Bombardement auf die Stadt. Bald gab es nirgends ein Plätzchen mehr, wo
+die zagende Menge vor dem drohenden Verderben sich hätte bergen können.
+Überall zerschmetterte Gewölbe, einstürzende Böden, krachende Wände und
+aufwirbelnde Säulen von Dampf und Feuer; überall die Gassen wimmelnd von
+ratlos umherirrenden Flüchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben hatten
+und unter dem Gezisch der kreisenden Feuerbälle sich verfolgt sahen von
+Tod und Verstümmelung. Geschrei von Wehklagenden, Geschrei von
+Säuglingen und Kindern, Geschrei von Verirrten, die ihre Angehörigen
+verloren hatten, Geschrei der Menschen, die mit dem Löschen der Flammen
+beschäftigt waren, Lärm der Trommeln, Rasseln der Fuhrwerke, Geklirr der
+Waffen, es war herz- und ohrenzerreißend. Im Laufe des Tages erstürmten
+die Franzosen die Maikule, und mit dem Verlust dieses wichtigen Punktes
+war die Verteidigung gelähmt, und das Münderfort war nun zur
+Beschützung des Hafens nicht mehr ausreichend, was sich zeigte, als das
+englische Schiff, das den Belagerten zu Hilfe gekommen war, beim
+Vordringen der Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder das offene Meer
+zu gewinnen.
+
+Zu spät hatte der König Unterstützungsmannschaften geschickt, zu spät
+den unfähigen Kommandanten durch den Major von Gneisenau ersetzt; es
+schien, daß die Stadt nicht mehr zu retten war. Inmitten der ringsum
+drohenden Gefahr erzeugte sich allmählich eine Gleichgültigkeit bei
+vielen, die nichts mehr zu Herzen nahmen. War auch nicht der Mut, so war
+doch die Natur erschöpft; Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerwährende
+Spannung des Gemüts und Sorgen für Weib und Kind und Eigentum fielen auf
+die meisten mit einem solchen Gewichte, daß sie sich in den Trümmern
+ihrer Wohnungen ein noch irgend erhaltenes Plätzchen ersahen, um den bis
+in den Tod ermatteten Gliedern einige Ruhe zu gönnen.
+
+Da geschah es, daß eine Bombe, verderblicher als alle andern, in das
+Rathaus fuhr, und ein hell aufflackerndes Feuer war die Folge ihres
+Zerspringens. Als naher Nachbar sprang Nettelbeck hin, um schnelle
+Anstalten zur Brandlöschung zu betreiben, aber ringsum regte sich keine
+menschliche Seele. Er lief zu Bekannten, braven und wackeren Männern, um
+sie zur Hilfe aufzurufen, doch schlaftrunken und ohne Gefühl beachteten
+sie sein Bitten und Ermuntern ebensowenig, wie sein Toben und Schelten.
+In steigender Angst rannte er auf die Brandstätte zurück und packte
+jeden an, der ihm begegnete. Ein vierschrötiger Kerl, dem er einen
+gefüllten Löscheimer aufdrängte, nahm ihn und schlug das Gefäß mit
+seinem nicht eben sauberen Inhalt Nettelbeck geradezu um die Ohren, so
+daß er fast die Besinnung verlor und von Schmutz und Ruß bedeckt eine
+jämmerliche Figur machte. Ohne sich darum zu kümmern eilte er in das
+nächste Wachhaus auf dem Walle und stürmte wild in das halbdunkle
+Wachzimmer. Auf der hölzernen Pritsche regte sich eine Gestalt. »Bester
+Mann, zu Hilfe, das Rathaus steht in Flammen!« schrie Nettelbeck. Der
+Offizier erhob sich, schlug die Hände zusammen und rief aus: »Ach, du
+armer Nettelbeck!« Jetzt erst erkannte ihn Nettelbeck; es war Gneisenau.
+Nun wurde die Lärmtrommel gerührt, die Soldaten erschienen, Patrouillen
+durchzogen die Stadt, und die Löschanstalten kamen in Bewegung. Zu
+gleicher Zeit hatten die Gefangenen im Stockhaus die allgemeine
+Verwirrung benutzt, um auszubrechen, und hatten in den Häusern zu
+plündern begonnen; auch Nettelbecks Haus wurde von diesem Schicksal
+betroffen. Durch den tätigen Eifer des Militärs wurde die Rotte wieder
+eingefangen und unschädlich gemacht.
+
+So besonnen, wo es zu handeln galt, so allgegenwärtig gleichsam, wo eine
+Gefahr nahte, und so beharrlich, wo nur die unabgespannte Kraft zum
+Ziele führen konnte, hatte sich der Kommandant Gneisenau immer und
+überall seit dem ersten Augenblick seines Auftretens erwiesen. Wochen
+hindurch war er so wenig in ein Bett als aus den Kleidern gekommen.
+Vater und Freund des Soldaten wie des Bürgers, hielt er beider Herzen
+durch den milden Ernst seines Wesens und durch teilnehmende
+Freundlichkeit gefesselt. Jeder seiner Anordnungen folgte das
+unbedingteste Zutrauen.
+
+Der Morgen des 2. Juli brach an. Not und Elend, Jammergeschrei und
+Auftritte der blutigsten Art, einstürzende Gebäude und prasselnde
+Flammen, das war das einzige, was bei jedem Schritt den entsetzten
+Sinnen sich darstellte. Gneisenaus scharfes Auge hatte mitten im
+gräßlichsten Tumult erkannt, daß der Feind Vorbereitungen traf, sich von
+der Wolfsschanze aus über das Münderfort herzustürzen. Es war drei Uhr
+nachmittags. Gegenanstalten wurden getroffen, Befehle flogen, alles war
+in der lebendigsten Spannung, plötzlich schwieg das feindliche Geschütz
+auf allen Batterien. Auf das Krachen eines Donners wie am Tage des
+Weltgerichts folgte eine lange, öde Stille. Jeder Atem stockte, niemand
+begriff den schnellen Wechsel, das schauerliche Erstarren so gewaltiger
+losgelassener Kräfte. Da nahte ein feindlicher Parlamentär, neben ihm
+ein preußischer Offizier, und alsbald stürzte dieser mit den atemlos
+hervorgestoßenen Worten in den Kreis seiner Bekannten: »Friede! Kolberg
+ist gerettet.«
+
+ * * * * *
+
+Als im Jahre 1809 der König von Memel nach Berlin zurückkehrte, hieß es
+zuerst, er werde seinen Weg über Kolberg nehmen; aber die Strenge der
+Jahreszeit gebot die kürzeste Richtung, und da es bekannt wurde, daß das
+königliche Paar einen Rasttag in Stargard machen wollte, schlug
+Nettelbeck den Kolbergern vor, eine Abordnung der Bürgerschaft dorthin
+zu senden. Alles war seiner Meinung, aber alles glaubte auch, daß es
+dafür zu spät sei, denn um rechtzeitig an Ort und Stelle zu kommen hätte
+man sich noch den nämlichen Abend auf den Weg machen müssen. »Und warum
+nicht schon in der nämlichen Stunde?« fragte Nettelbeck. »Ich bin dazu
+bereit, aber ich bedarf noch eines Gefährten. Wer begleitet mich?«
+Schweigen und Kopfschütteln ringsherum, und schon wollte der Alte im
+feurigen Unmut auflodern, als ihm der Kaufmann Gölckel die Hand reichte,
+sich ihm zum Gefährten erbot und in einer Stunde reisefertig zu sein
+versprach. Sie kamen nach Stargard so früh am Morgen, daß sie noch alles
+in Finsternis und Schlaf begraben fanden. An einem Haus stiegen sie ab,
+klopften an und verlangten Herberge. Die Antwort lautete, alles sei
+dicht besetzt und kein Unterkommen mehr möglich. »Aber liebe Leute, den
+alten Nettelbeck werdet ihr doch nicht auf der Straße stehen lassen!«
+»Nein, wahrhaftig nicht,« scholl eine weibliche Stimme dagegen,
+»tausendmal willkommen! Da muß sich schon ein Winkelchen finden.«
+
+Im königlichen Quartier wurde Nettelbeck von einem General erkannt und
+in das Empfangszimmer geführt. Der große Raum war voll von Offizieren,
+Damen und Standespersonen. Alles blitzte von Ordenszeichen, und es gab
+eine feierliche Stille, als der König und die Königin eintraten.
+
+Vor Nettelbeck und seinem Begleiter stehend, sagte der König gegen die
+glänzende Versammlung hin mit bewegter Stimme: »Wenn jeder so seine
+Pflicht getan hätte wie die Kolberger, dann wäre es uns nicht so
+unglücklich ergangen.«
+
+Nach einiger Wechselrede brach aus des alten Nettelbecks Munde das
+glühende Wort: »Verflucht sei, wer seinem König und Vaterland nicht treu
+ist.« Und dann: »Wir hoffen, Eure Majestät werden uns nicht sinken
+lassen.« Der König antwortete und streckte Nettelbeck die Hand entgegen:
+»Nein, nicht sinken lassen, nicht sinken lasse ich euch.«
+
+Diese Stunde war vielleicht die schönste in Nettelbecks Leben, und keine
+empfand er dankbarer als Lohn für alle Opfer und Mühen. Er begann nun
+seine Hantierung wieder und fand auch ein notdürftiges Auskommen. Doch
+fiel es ihm immer schwerer aufs Herz, daß er so abgesondert und
+verlassen dastand. Er war nun fünfundsiebzig Jahre alt und sorgte sich
+doch noch um die Zukunft. Zuerst lachend, dann in wohlgemeintem Ernst
+rieten ihm seine Freunde, es noch einmal mit dem Ehestand zu versuchen,
+und nach vielem Bedenken und Zögern folgte er ihrem Rat und heiratete
+eine uckermärkische Pfarrerstochter, an deren Seite er noch ein spätes
+Glück fand und die ihm sogar im nächsten Jahr eine Tochter schenkte.
+
+Sein rastloser Geist konnte nicht ruhen. Am Abend seines Lebens
+beschäftigte ihn noch ein Projekt, das er schon Jahrzehnte zuvor
+gehegt, der Lieblingswunsch, Preußen auch jenseits der Weltmeere groß,
+geachtet und blühend zu sehen. Er verfaßte eine Denkschrift, worin er
+den Lenkern des Staats den Vorteil auseinandersetzte, der mit dem Erwerb
+von Kolonien verbunden war, ja, er machte sich trotz seiner
+sechsundsiebzig Jahre erbötig, das erste preußische Schiff, das solchem
+Zweck dienen würde, selbst zu führen. Aber wie leicht zu denken,
+erweckte sein Vorschlag zu jener Zeit keine ernstliche Beachtung.
+
+Im Jahre 1824, sechsundachtzig Jahre alt, endete der wunderbare Mann
+sein reiches Leben.
+
+
+
+
+Christian Holzwart
+
+
+Am 29. Dezember 1845, in der Morgenfrühe, kam ein Mann von der
+Sudenburg, einer Vorstadt Magdeburgs außerhalb der Ringmauern, und
+passierte in Eile durch das eben geöffnete Tor. Er war sonderbar
+anzusehen; ein Schlafrock hing über seinem Körper, er war ohne Stiefel,
+ohne Strümpfe, ohne Kopfbedeckung, und Haar und Bart waren von Flammen
+versengt. Seine Schritte waren ungleich und zeugten von großer
+Ermattung. Bei einem Hause an der Johanniskirche, wo der Wundarzt Koch
+wohnte, machte er endlich halt und zog hastig die Klingel. Die Straßen
+waren noch leer, die Leute schliefen noch, und erst auf sein
+wiederholtes Klingeln wurde ihm das Tor aufgemacht. Er taumelte in das
+Wohnzimmer und fiel ohnmächtig auf das Sofa nieder. Der Chirurgus Koch
+und seine Frau, die ihm beide erschrocken entgegengetreten waren,
+fragten gleichzeitig, was geschehen sei und von wo er in einem solchen
+Aufzug herkomme. Der Wundarzt nahm das Licht vom Tisch, beleuchtete ihn
+und sah, daß nicht nur sein sonst wohlgepflegter Bart verkohlt war,
+sondern daß auch seine Hände blutig waren. »Um Gottes willen, Holzwart,
+was ist geschehen?« fragte er entsetzt, doch der Mann stammelte nur
+verworrene Antworten, sprach von Flammen und daß seine Familie, die Frau
+und seine fünf Kinder wohl erstickt seien. Der Wundarzt schickte seinen
+Sohn und den Lehrer Zimmermann sofort nach der Sudenburg hinaus, und sie
+kamen mit der Unglücksbotschaft zurück, daß man dorten sechs Leichen aus
+dem Schutt des niedergebrannten Hauses geschafft habe. Es war auch schon
+eine amtliche Anzeige eingegangen, und die Kriminaldeputation fand sich
+bei dem Wundarzt Koch ein, um von Holzwart Auskunft über die furchtbare
+Katastrophe zu erhalten.
+
+Sie trafen Holzwart krank und hinfällig durch den erlittenen
+Blutverlust, aber doch imstande, ihren Fragen Genüge zu leisten. Er
+erzählte, daß ihm in der Nacht ein Mensch in seinen Verkaufsladen
+eingetreten sei und ihm zwei Stiche in die Brust versetzt habe; er sei
+mit dem Menschen ins Ringen gekommen, habe ihn verfolgt, habe neue
+Stiche erhalten, sei dann umgekehrt und habe sein Haus in Flammen
+stehend gefunden. Er sei zurückgewichen und fast ohne Besinnung in die
+Stadt gelaufen, und da sei er vor dem Kochschen Hause angelangt.
+
+Das alles klang weniger wie Lüge, als wie die unzusammenhängenden Reden
+eines Fiebernden. Die Kleidungsstücke, die Holzwart am Leibe hatte,
+waren nicht durchstochen, und die Schnitte am Hals sprachen eher für
+einen Selbstmordversuch als für Verwundungen von fremder Hand. Das Haus
+war nicht nieder-, sondern ausgebrannt; Türen und Fenster boten den
+Anblick einer gewaltsamen Zerstörung. Die verkohlten und verstümmelten
+Leichname der Frau, des Sohnes und der vier Töchter wurden in dem Zimmer
+neben dem Laden gefunden, und es erwies sich bald, daß an ihnen ein
+zwiefaches Verbrechen begangen worden war. Die Körper zeigten deutliche
+Spuren der Ermordung; ihr Blut färbte die Dielen der Zimmer, tränkte die
+Polster des Sofas, hing in schweren Tropfen noch ungetrocknet an den
+Stühlen, hatte die Geschenke des Christabends, die Spielereien der
+unschuldigen Kleinen überspritzt.
+
+Sollte also der Vater dieser schönen, gesunden und wohlgeratenen Kinder
+ihr Mörder sein? Aus welchem Grund? Aus Haß? Aus Habsucht? Aus Not?
+Hätte er sie gehaßt, so wäre es ja leichter gewesen, sich von ihnen zu
+entfernen. Die Welt ist groß, und es hat schon mancher die ihm lästig
+gewordenen Familienbande abgeschüttelt, seine Kinder der Willkür des
+Geschicks preisgegeben und mit leichtsinnigem Mut in der Fremde
+Vergessenheit seiner Pflichten gesucht. Auch waren die Kinder schon über
+die Hilflosigkeit der ersten Jugend hinaus; die älteste Tochter war
+sechzehn, die zweite vierzehn, die dritte zehn, der Sohn neun Jahre, und
+nur das jüngste Kind, ein Mädchen im Alter von vier Jahren, stand in der
+ersten, ganz hilfsbedürftigen Jugend. Das Gerücht, daß die Kinder hätten
+erben sollen, erwies sich als falsch. Sie waren arm, hatten nie etwas
+besessen und auch keine Hoffnung auf Besitz. Daß sich die Familie in Not
+befand, war gewiß. Man wußte, daß Holzwarts Verhältnisse von Jahr zu
+Jahr zurückgegangen seien, ja daß er ein vollständig ruinierter Mann und
+sozusagen am Ende seiner Bahn angekommen war. Dies konnte aber keinen
+ausreichenden Anlaß bilden, fünf Kinder und eine Frau zu ermorden und zu
+verbrennen. Schon nach den ersten Tagen nannte man ihn Mörder und
+Mordbrenner, und daß er selbst tödlich verwundet im Gefängnisse lag und
+nach den Berichten der Ärzte einem Verhör noch nicht ausgesetzt werden
+durfte, glaubte niemand. Woher sollten ihm die Wunden gekommen sein? Sie
+hätten ihn in ein tragisches Licht gestellt, und man wollte von ihm nur
+als von einem verworfenen Mörder wissen. Was er gelitten und noch zu
+leiden hatte, darum kümmerte sich kein Mensch. Aber der Tag kam, wo
+viele in sich gingen.
+
+Am Morgen des sechsten Tages begab sich der Untersuchungsrichter zu ihm
+ins Gefängnis. Der Arzt hatte seinen Zustand soweit gebessert gefunden,
+daß eine schonende Vernehmung möglich war. Doch lag er noch im Bette,
+sein Äußeres zeigte große Erschöpfung. Nachdem ihn der Richter mit
+einigen Fragen über sein körperliches Befinden hingeleitet hatte,
+erkundigte er sich, ob er sich zu erinnern vermöge, was für Aussagen er
+am Morgen seiner Verhaftung gemacht. Ohne Zögern bejahte Holzwart, fügte
+aber sogleich hinzu, daß man ihm noch einige Tage Zeit gönnen möge, dann
+würde er sich vollständig über die ganze Begebenheit aussprechen. Der
+Richter wendete ein, es wäre besser, wenn er sich sogleich ausspräche,
+namentlich wenn er etwas auf dem Herzen hätte, und machte ihm
+bemerklich, daß er in seinem Richter nicht den kalten Menschen suchen
+solle, der mit Nichtachtung auf den Gesunkenen herabblicke, sondern
+einen Teilnehmenden, der mit schmerzlichem Gefühl die Herzen der
+Verbrecher auszuforschen beflissen sei. Ganz ruhig richtete er daran die
+einfache Frage: »Haben Sie sich vergangen?« Holzwart richtete sich von
+seinem Lager auf, stützte sich auf den rechten Arm und sah den Richter
+stumm an. »Sind Sie schuldig?« setzte der Richter hastig hinzu. Holzwart
+legte sich zurück, sein Auge ruhte fest auf dem Gesicht des Richters,
+und eine tiefe Bewegung malte sich in seinen Mienen, als er antwortete:
+»Ja, ich bin schuldig.«
+
+Mit dieser Erklärung mußte sich der Richter vorerst begnügen, wenn er
+das Leben des Gefangenen nicht in Gefahr bringen wollte, und erst nach
+mehreren Tagen schritt er zu einer eindringlicheren Forschung. Holzwart
+zeigte von der Stunde ab ein unbedingtes Vertrauen zu seinem Richter,
+und seine Aussagen stimmten so völlig mit allen Ermittlungen überein,
+daß man seine Wahrhaftigkeit nirgends in Zweifel ziehen konnte.
+
+»Ja, ich bin schuldig,« sagte er mit festem und ruhigem Ton; »es ist
+aber mein Verbrechen nicht das Werk eines augenblicklichen Einfalls.
+Jahrelang hatte ich erfahren müssen, daß ein Unglücksstern über mir und
+meiner Familie war. Diese Überzeugung hat mich geleitet, als ich die
+Hand gegen die Meinen erhob. Kein andrer Grund als die Liebe hätte mich
+veranlassen können, eine so schreckliche Tat zu begehen. Die Liebe gab
+mir die Kraft, sie alle, die nach meiner Einsicht bald hilflos und
+erniedrigt dastehen würden, auf die schnellste und schmerzloseste Weise
+aus der Welt zu schaffen. Sie haben unbewußt und froh die letzten
+Minuten ihres Daseins herannahen sehen. Ich begann die Tat mit meiner
+Frau und endete sie mit meiner jüngsten Tochter.« Bei dieser Erklärung
+durchzuckte ein furchtbarer Krampf den unglücklichen Mann, er preßte die
+Augen zu und war unfähig, seine innerliche Erregung mit der Kraft zu
+bewältigen, die er bis dahin gezeigt hatte. Erst am nächsten Tage konnte
+man das Verhör fortsetzen.
+
+»Ich bin an Entbehrungen gewöhnt,« sagte er, »aber zur Niedrigkeit bin
+ich nie hinabgesunken, habe mich nach meiner Denkungsweise immer fern
+von Gemeinem gehalten, und da es zuletzt mit mir so schlecht stand, daß
+nur Wohltaten und Almosen mir und meiner Familie das Dasein fristen
+konnten, sah ich keinen anderen Ausweg. Wenn mir auch nur der
+entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, würde ich nicht die Kraft
+zu der Tat gefunden haben. Mit dem ersten Januar trat der Zeitpunkt ein,
+wo wir als Bettler vor der Welt dastanden; der Entschluß, den ich schon
+lange in mir trug, mußte also vor dem ersten Januar ausgeführt werden.
+Je näher mir die schauerliche Notwendigkeit trat, desto mutloser wurde
+ich, bis endlich beim Anblick des letzten Talers, den ich vor mir liegen
+sah, die Gewalt der Not entschied. Jetzt mußte ich.«
+
+Dieser letzte Taler, von dem er sprach, war in dem Schutt der
+verbrannten Wohnung wirklich gefunden worden. Er war geschwärzt und als
+Münze kaum zu erkennen.
+
+Der Richter wendete ein, daß er doch willens gewesen sei, nach
+Magdeburg zu ziehen und sogar schon ein Quartier für hundertdreißig
+Taler gemietet habe; wie das mit seinem Vorsatz, die Seinen durch Mord
+gegen Not zu schützen, zu vereinen sei. Er antwortete, dies sei nur zur
+Beruhigung seiner Frau geschehen; er habe nie geglaubt und nie die
+Absicht gehabt, das Quartier wirklich zu beziehen. »Meine Existenzmittel
+waren verbraucht, ich sollte bedeutende Zahlungen leisten, und es lagen
+nur noch drei Tage vor mir, der Sonntag, der Montag, und der Dienstag.
+Mein Entschluß schwankte schon seit dem Weihnachtsfeste; von einem Tag
+zum anderen schob ich die Ausführung hinaus. Ich hatte schon überlegt,
+ob ich nicht allein aus der Welt gehen sollte; mir war dann wohl nach
+dem fürchterlichen Kampf, aber ihnen? Ich sah sie in der Armut, der
+Gemeinheit und dem Laster verfallen. Nein, zusammen aus der Welt,
+zusammen in den Frieden. Am Sonntag erhob sich der Gedanke in mir in
+seiner ganzen Stärke. Um neun Uhr machte ich den Verkaufsladen zu. Meine
+Familie hielt sich gewöhnlich in dem Zimmer hinter dem Laden auf, ich
+hatte meine Wohnung daneben. Ich ging aus meiner Kammer durch den Laden
+und rief meine Frau. Sie folgte mir in mein Zimmer, und dort gab ich ihr
+einen Brief meines Bruders zu lesen. Sie saß mit dem Rücken gegen mich
+gewendet, ich ergriff die Axt, die ich mir bereitgestellt hatte, und
+schlug ihr den Schädel und die Schläfen ein. Sie war augenblicklich tot
+und hatte auch nicht die leiseste Ahnung ihres nahen Endes gehabt. Ich
+legte die Leiche auf mein Sofa, wo schon mein Bett gerichtet war, doch
+so, daß es den Kindern nicht auffallen konnte. Dann ging ich wieder
+hinüber und holte meine älteste Tochter. Unter dem Vorwand, daß ich ihr
+etwas diktieren müsse, was sie mir aus der Apotheke holen sollte, gebot
+ich ihr, sich auf denselben Stuhl zu setzen, auf dem ihre Mutter
+gesessen war. Ich diktierte ihr, ich weiß nicht ob Kremortartari oder
+sonst so etwas; in dem Augenblick, wo sie sich über den Tisch bückte,
+schlug ich ihr ebenfalls den Schädel ein. Sie endete wie ihre Mutter
+ohne ein Schmerzgefühl. Ich trug die Leiche über den Flur in die Küche,
+und zur Sicherheit schnitt ich mit meinem Rasiermesser die Halsmuskeln
+durch. Dann rief ich die zweite Tochter und tötete sie auf dieselbe
+Weise, auf demselben Stuhl, mit demselben Beil. Die übrigen drei Kinder
+erschlug ich in ihrer Schlafkammer, wo sie in ihren Betten lagen und
+schliefen. Allen schnitt ich die Kehle zur Vorsicht durch, damit sie auf
+keine Weise noch einen Lebensfunken in sich spüren und Schmerz empfinden
+sollten. Jetzt war das Werk vollbracht und mir war leicht. Nur ich
+fehlte noch, nur ich und alles war gut.«
+
+Er erzählte nun, wie er die Betten angezündet, sich daneben hingesetzt
+und seinen Hals durchschnitten habe. Aber er starb nicht, er atmete
+weiter. Sein Arm erschien ihm plötzlich wie gelähmt und zurückgehalten.
+An Mut und Entschlossenheit habe es ihm nie gefehlt; hatte er bis dahin
+Kraft bewiesen, so mußte es ihm doch auch gelingen, sein eigenes Leben
+zu zerstören. Er versetzte sich noch zwei Stiche in die Brust; es war
+umsonst. Sein Blut floß, aber das Leben fühlte er nicht schwinden. Von
+diesem Moment trat ein Zustand bei ihm ein, über den er keine
+Rechenschaft geben konnte. Er wußte nicht, wie lange er bei den Leichen
+gewesen, der Qualm, der sich verbreitete, trieb ihn schließlich auf und
+hinaus. Es war ihm, als fliehe ihn der Tod, als müsse er den Tod
+verfolgen. Du stirbst nicht, rief es in ihm, du kannst nicht sterben. Er
+lief fort, weg- und steglos, irrte lange durch einen Garten und kam
+endlich an das Haus des Wundarztes Koch.
+
+Der Richter fragte: »Was erwarten Sie denn nach einer solchen Tat?«
+Holzwart schaute mit einem heiteren Blick empor und antwortete ohne
+Zaudern: »Den Tod erwarte ich. Mit Freuden erwarte ich ihn, ich wollte
+ihn mir selbst geben, aber es ist mir leider nicht gelungen.«
+
+Der Richter nennt Holzwart einen ungewöhnlichen Menschen, der sich meist
+gewählt ausdrückte und bisweilen sogar in ein gewisses Pathos verfiel.
+Er war groß und von stattlichem Körperbau. Sein Gesicht war voll Ruhe,
+sein Blick frei, sprechend und sanft.
+
+Im Publikum erhoben sich Stimmen, die die Liebe zu den Seinigen in
+Zweifel stellten. Es wurde gesagt, er habe seine Kinder mit großer
+Strenge behandelt und barbarische Züchtigungen über sie verhängt. Bei
+näherer Beleuchtung verschwanden diese Anklagen. Was den Schein von
+Härte hatte, war Konsequenz gewesen, und es erwies sich auch, daß
+Holzwart von den Pflichten eines Vaters ganz andere Begriffe gehabt
+hatte als mancher ehrbare Bürger. Man erinnerte sich eines Aufsatzes,
+den er viele Jahre vorher in der Magdeburger Zeitung hatte drucken
+lassen und worin er die Unerläßlichkeit und heilsame Folge strenger
+Zucht betont hatte. Darüber waren alle Zeugen einig, daß es keine
+artigeren und besseren Kinder gegeben habe als Holzwarts Kinder,
+insbesondere das jüngste sei ein höchst anmutiges Geschöpf gewesen, der
+Liebling des Vaters, wurde gesagt. Dies erklärte auch die tiefe und
+mächtige Bewegung, die ihn durchzittert hatte, als er bekannte: »Das
+jüngste Kind war das letzte, das ich tötete.«
+
+Der Fleischer Wothge, der Holzwart oft Beistand in seinem
+Geschäftsbetrieb gewesen ist, bekundete die bemerkenswerte Tatsache, daß
+Holzwart nicht fähig gewesen sei, ein Schwein zu schlachten. Wenn er
+dabei behilflich sein sollte, so bebte er vor innerer Aufregung und
+Beklemmung. »Er war überhaupt ein sonderbarer Mann,« äußerte sich dieser
+Zeuge; »ich kann mich darüber nicht so ausdrücken, wie ich möchte, aber
+es scheint mir, als hätte er sich Vorbilder nach Büchern zum Muster
+aufgestellt. Ich habe ihn von Abd-el-Kadr, von Faust, von Ibrahim Pascha
+mit Lebendigkeit und Begeisterung sprechen hören. Das waren seine Leute.
+Er meinte immer: Großartig sterben müsse der Mensch.«
+
+Und weiter erzählte Wothge: »Im vergangenen Jahre, als das fürchterliche
+Gewitter über uns stand, schlachtete ich eines Abends um elf Uhr bei
+ihm. Mitten unter dem schauerlichen Donner sagte er zu mir: ›Ich
+wollte, alles wäre hin; was ich auch anfange, das Unglück ist immer
+hinter mir her.‹ Es war eine oftmals wiederholte Rede von ihm: ›Man muß
+nie müssen, sondern nur wollen. Aber alle im Staate müssen, nur einer
+will, das ist der König.‹ Ein andermal fragte er mich über
+Glaubenssachen, und als ich ihm entgegnete, ich glaubte das, was im
+Katechismus stehe, rief er: ›Dann sind Sie ein Tor!‹ und ging von mir
+fort. Er war übrigens ein sehr reeller Mann, wußte sich in Respekt zu
+setzen und führte immer durch, was er sich vorgenommen hatte. ›Bricht’s,
+so bricht’s‹, pflegte er zu sagen. Seine Lieblingsbeschäftigung war das
+Schachspielen. Drei Freunde aus Magdeburg haben ihn öfters besucht, bloß
+um mit ihm Schach zu spielen. Eines Tages kam er auf sein Elternhaus zu
+sprechen, und da erzählte er mir, daß zwischen ihm und seinem Vater oft
+wilde Szenen vorgekommen seien. Einmal bei einem Streit habe sein Vater
+ihm geflucht, und von diesem Augenblick an sei sein Glücksstern
+untergegangen.«
+
+Holzwarts Bruder erklärte dessen Vermögensverfall aus unglücklichen
+Konjunkturen und bekräftigte, daß er mit redlichem Willen und
+unermüdlichem Eifer stets danach gestrebt habe, sich und seine Familie
+zu ernähren. Er sei niemals arbeitsscheu gewesen, sondern es habe immer
+den Anschein gehabt, als solle seine Tätigkeit vergeblich sein. Er
+schrieb ihm eine Anlage zum Tiefsinn zu, die er vom Vater ererbt hatte.
+Es sei ihm nicht möglich gewesen, sich an einen Menschen zutraulich
+anzuschließen. In Güte hätte man aber alles von ihm erlangen können;
+wenn er aber Widerstand gefunden, wo er im Recht zu sein geglaubt, oder
+wenn er sich verkannt gesehen, habe ihn der heftigste Zorn ergriffen.
+
+»Er hatte einen streng rechtlichen Sinn und ein feines Gefühl,« äußerte
+sich weiterhin der Bruder bei einer Zeugenvernehmung. »Es lag ein Stolz
+in seinem Charakter, der es ihm unerträglich machte, die Hilfe anderer
+in Anspruch nehmen zu müssen. Ebenso unerträglich war ihm der Gedanke,
+seine Kinder, die er sehr liebte, nach seinem Tode dem Mitleid fremder
+Leute preisgegeben zu sehen. Außerdem hatte er die Idee gefaßt, daß
+seinen Sohn ein ebenso unglückliches Dasein erwarte, wie er selbst es
+geführt. Wie großmütig und redlich seine Denkungsart war, zeigte sein
+Benehmen, als er vor einigen Jahren in der Lotterie spielte. Bei der
+Klasseneinzahlung bot er in einer Anwandlung froher Laune und gewiß in
+der Überzeugung, daß er nichts gewinnen werde, seiner Schwägerin die
+Hälfte des Gewinnes an. Das Los kam in der letzten Ziehung mit einem
+Gewinn von tausend Talern heraus. Holzwart hielt sich seinem Versprechen
+gemäß für verpflichtet, der Schwägerin die Hälfte davon zu zahlen,
+obgleich sie kein Recht geltend machen und die Abmachung nur für Scherz
+angesehen werden konnte. Er blieb dabei, er müsse das Geld teilen, weil
+er es versprochen habe, und er bräche niemals sein Wort. Als ich ihm vor
+Jahresfrist aus einer Verlegenheit half, sagte er bewegt zu mir: »Glaube
+mir, es wird mir schwerer, dein Geld zu nehmen, als es dir vielleicht
+ist, es zu geben.«
+
+Die Geschichte seines Lebens, die Holzwart vor dem Richter erzählte,
+trug das unverkennbare Gepräge der Wahrheit und folgt hier mit seinen
+eigenen Worten.
+
+»Mein Vater hatte mich zum Seifensieder bestimmt, und da ich nun einmal
+nicht studieren sollte und durfte, war mir das recht. Mein Vater hatte
+mich so sehr an Gehorsam gewöhnt, daß es mir nicht eingefallen wäre,
+mich gegen seinen Befehl zu sträuben. Die Wahl des Meisters war nicht
+günstig für mich. Ich merkte bald, daß ich unter solcher Anleitung
+nichts vom Geschäft begreifen würde. Ich klagte es meinem Vater, daß
+mich der Lehrherr mehr zu Hausarbeiten als zum Seifensieden verwende,
+doch dies wurde nicht von ihm beachtet. Auch meine Mutter hörte nicht
+eher auf diese Klagen, als bis es zu spät war. Das Lehrgeld war
+weggeworfen, und nach dreijähriger Lehrzeit ging ich als Geselle aus
+diesem Geschäft nicht um ein Haar klüger, als ich hingekommen war. Ich
+trat die Wanderschaft an, fand natürlich wegen meiner Unbrauchbarkeit
+nirgends lange Arbeit, und um nicht in Not zu geraten, kehrte ich in die
+Heimat zurück. Fürs erste blieb ich im elterlichen Hause, wo man eine
+wünschenswerte Unterstützung an mir fand. Dann versuchte ich es noch
+einmal in Eisleben als Volontär in einem Seifensiedergeschäft, doch
+wurde dies meinen Eltern mit der Zeit zu kostspielig, ich gab die
+Seifensiederei für immer auf und blieb nun fünf Jahre in meines Vaters
+Geschäft. Ich lebte dort in drückenden, sehr unangenehmen Verhältnissen,
+die vornehmlich durch meines Vaters Schwäche, mit den Dienstmädchen
+allzu vertraulich umzugehen, herbeigeführt wurden. Mein Vater
+behandelte mich sehr nachlässig, was bei meinem ohnehin reizbaren
+Ehrgefühl eine bedeutende Wirkung auf mich ausübte. Im Hause meiner
+Eltern befand sich auch meine nachherige Frau; nicht eigentlich als
+Ladenmamsell, sondern mehr aus Gefälligkeit gegen meine Mutter, die die
+ganze Last des ausgebreiteten Schmälzergeschäfts allein zu tragen hatte.
+Ich gewann das Mädchen lieb und wünschte sie zu heiraten. Im Grunde
+meines Herzens trieb mich mehr die Unerträglichkeit meiner Lage als die
+Sehnsucht nach der Ehe zu dem Eifer, womit ich meine Eltern um Gründung
+eines Haushalts für mich anging. Lange sträubten sie sich gegen die
+Verbindung, endlich willigten sie ein und gaben mir hundert Taler Gold
+zur Errichtung eines Materialladens; meine Frau brachte mir ungefähr
+ebensoviel dazu, und mit diesem Kapital begann ich voller Hoffnung mein
+selbständiges Leben und meine Ehe. Die Kaufleute gewährten mir willig
+und gern Kredit, so sah ich trotz des geringen Vermögens einer günstigen
+Schicksalswendung entgegen.
+
+Aber wenn früher meine Verhältnisse drückend waren, so verfolgte mich
+jetzt ein Unglück nach dem andern. Mit dem besten Willen ging ich an
+mein Geschäft, doch schon im ersten Jahre wurde meine Frau nach der
+Entbindung krank und blieb volle fünf Vierteljahre in ärztlicher
+Behandlung. Sie mußte teure Bäder nehmen, und die Rechnungen für den
+Doktor und den Apotheker beliefen sich auf hundertzweiunddreißig Taler.
+Ich mußte Schulden machen und erkannte bald die Unmöglichkeit, mich in
+der Neustadt zu halten. Ehe noch ein Konkursverfahren eingeleitet werden
+konnte, wurde ich mit Hilfe meiner Mutter den Gläubigern gerecht und gab
+das Geschäft auf. Ich übernahm nun auf den Vorschlag meiner Eltern den
+Laden im Bonteschen Haus auf dem Markt, worin neben einem Schenklokal
+ein Handel mit Schmälzerwaren betrieben wurde. Ich sah gleich, daß diese
+Art von Wirtschaft nichts für mich war; zu einer Schenkstube gehörte ein
+anderes Wesen als das meine. Die Fleischwaren bekam ich aus dem
+elterlichen Geschäft und verkaufte sie eigentlich auf Rechnung meines
+Vaters, wobei mir nur der kleine Gewinn zufiel, den ich in der
+Schenkstube machte. Steuern für das Gewerbe, sowie Ladenmiete mußte ich
+aber bezahlen. Dazu kam, daß bei dem Laden keine Wohnung war und ich die
+Wohnung für meine Familie apart halten mußte. Es brach zu jener Zeit die
+Cholera in Magdeburg aus und raffte sogleich einen der beliebtesten
+Gäste meines Lokals, den Goldschmied Schladen, hinweg, die übrigen
+Männer bekamen Furcht und mieden meine Schenkstube, sie stand verödet,
+und ich mußte neue Gäste anzuwerben suchen. Es schlug fehl, und nach
+abermals zwei Jahren mußte ich das Geschäft mit einer baren Einbuße von
+sechshundertsechzig Talern auflösen.
+
+Viele haben den Verfall meines Hauswesens meiner Vorliebe für
+wissenschaftliche Beschäftigung zugeschrieben, aber damit hat man mir
+unrecht getan. Ich hatte allerdings großes Interesse an der Literatur,
+las gerne historische und naturwissenschaftliche Werke, begann auch zur
+damaligen Zeit ein Tagebuch, worin ich eigene Ideen und gute
+aufgefundene Gedanken verzeichnete, muß auch gestehen, daß ich nach der
+Erzählung von Alvensleben »Der Racheschwur« ein Drama zu arbeiten
+anfing; aber alles dies füllte nur meine Mußestunden aus, die von
+anderen Männern beim Kartenspiel und Biertrinken verbracht wurden.
+
+Ich versank nun in große Not, und meine Mutter unterstützte mich ein
+wenig. Ich faßte den Plan, in die weite Welt zu gehen und zu versuchen,
+ob nicht irgendein Platz für mich zu finden sei, wo ich meinen
+Lebensunterhalt gewinnen konnte. Mein Blick richtete sich auf Prag, wo
+ein Bruder meiner Mutter, der Weißgerber Grosse, in guten Umständen
+lebte. Ich trennte mich von meiner Familie. Es war ein schmerzlicher
+Abschied, aber ich ging nicht eher von ihnen, als bis mir meine Mutter
+in Gegenwart meines Bruders das Versprechen geleistet hatte, mütterlich
+für sie zu sorgen. Man schlug mir vor, die französische
+Handschuhmacherei zu erlernen, und wirklich schien mir dies ein
+Erwerbszweig, der einträglich zu werden versprach. Mein Onkel in Prag
+gab das Lehrgeld her, und obwohl ich nicht mehr in den Jahren war, wo
+man als Lehrling in einen neuen Beruf tritt und mir die Sache sehr sauer
+wurde, stärkte mich doch der Gedanke an meine Familie soweit, daß ich
+meinen Vorsatz glücklich durchführte. Nach zehn Monaten war ich Gehilfe
+des Meisters, der sich redlich Mühe mit mir gegeben hatte. Wieder in der
+Heimat angelangt, setzte ich alles daran, ein Handschuhmachergeschäft
+zu gründen. Mit etwas Geldmitteln wäre es mir wohl gelungen, allein ich
+hatte kein Geld, mein Vater wollte mir keins geben, die Mutter gab mir
+fünfzig Taler. Davon mußte ich die Hälfte für Arbeitszeug verwenden, und
+es blieb mir nicht einmal soviel, wie zum Ledereinkauf notwendig war.
+Dennoch versuchte ich mein Heil und hielt mich wirklich einige Zeit.
+Aber schließlich ging es bergab, und mein Ruin war täglich zu erwarten.
+Da starb mein Vater, und ich trat jetzt in das elterliche Geschäft als
+Pächter ein. Anfangs machte ich gute Geschäfte, aber bald wurde der
+Verdienst geschmälert durch die vielen neuerrichteten Schmälzerläden. Es
+trat noch das Mißgeschick hinzu, daß die Schweine plötzlich sehr teuer
+wurden, und dies ist ein harter Schlag für den Schmälzer, da die Waren
+noch eine Zeitlang in den alten Preisen bleiben, also bei jedem
+Schlachten zugesetzt werden muß. Ich blieb mit der Miete an meine Mutter
+rückständig, der Magistrat erhöhte die Pacht des Ladens unter dem
+Rathaus von sechzig auf hundert Taler, und im dritten Jahre wurde ich
+bankrott. Ich übergab meiner Mutter ihr Eigentum wieder, sie verkaufte
+das Haus und ließ mir unter Anrechnung auf mein späteres Erbteil
+fünfhundert Taler zum Kauf eines kleinen Hauses in der Junkerstraße, wo
+ich von neuem eine Schmälzerei anlegte. Ich mußte viel Geld verbauen; es
+wäre aber doch gegangen, wenn nicht ein Gläubiger der zweiten Hypothek
+mir sein Kapital gekündigt und ich einen neuen hätte erhalten können.
+Ich mußte wieder verkaufen und habe großen Schaden erlitten.
+
+Jetzt war ich vollkommen herunter. Meine Mutter konnte nicht mehr
+helfen, mein Bruder hatte ein Gut in Lendorf gekauft und bot mir eine
+Freistatt. Ich ging zu ihm, als Arbeitsmann im wahren Sinn des Wortes.
+Fünf Monate hielt ich es aus, da trieb mich die Sehnsucht nach den
+Meinigen wieder zurück. Meine Frau hatte sich mit dem Schmälzerladen im
+Rathaus, der uns noch verblieben war, kümmerlich durchgebracht. Ich
+versuchte nun in Magdeburg einen neuen Erwerb und erlernte das
+Oblatenbacken. Meine Mutter schoß mir fünfzig Taler vor, und ich begann
+dies Geschäft. Aber es war, als hätte das Schicksal nur darauf gewartet,
+bis ich wieder Hoffnung gefaßt hatte. Kaum hatte ich einigen Vorrat
+liegen, so kamen die neuen Blättchen mit der Namenchiffre auf, meine
+Oblaten blieben als altmodisch unverkauft, und ich war wieder fertig. Da
+ging ich mit meiner ganzen Familie nach Lendorf zurück, und wir blieben
+dort ungefähr ein Jahr. Um diese Zeit verkaufte mein Bruder das Gut, und
+meine Mutter starb. Jetzt hatte ich freilich ein Erbteil zu erwarten,
+mit dem sich etwas beschaffen ließ. Ich bekam tausend Taler. Mit diesem
+Gelde kaufte ich ein Gehöft in Gommern, wo Gastwirtschaft betrieben
+wurde. Während meines Aufenthaltes in Lendorf hatte ich mich als
+Landwirt tüchtig geübt und Lust zum Feldbau bekommen. Die Frequenz des
+Gasthofs war gering, das Feld bestand nur aus zehn Morgen Ackerland, ich
+sah, daß nicht viel zu gewinnen sei, und da ich nach einem Jahre
+vorteilhaft verkaufen konnte, entledigte ich mich der Wirtschaft früh
+genug, um keinen Schaden zu erleiden. Damals gewann ich auch tausend
+Taler in der Lotterie, von denen ich die Hälfte meiner Schwägerin gab.
+Ich wollte mir nun ein kleines Gütchen kaufen, dazu reichten die Mittel
+nicht. Obwohl ungern, entschloß ich mich endlich, wieder eine
+Schmälzerei zu errichten, und zwar in der Sudenburg.
+
+Ich hatte tausend Taler im Besitz. Die Herstellung des Ladens und die
+Anschaffung der Utensilien kosteten hundertsechzig Taler. Verdient wurde
+wenig. Die Schweine waren in dem Jahre sehr wohlfeil. Der Bauer hatte
+kein Futter für das Vieh und mußte verkaufen. Ich glaubte richtig zu
+spekulieren, wenn ich Schweine kaufte und steckte zweihundert Taler in
+den Handel, um einen ordentlichen Wintervorrat zu haben. Ich hatte mich
+leider verrechnet. Alle Leute hatten selbst Schweine gekauft und
+geschlachtet. Man holte mir nichts ab. Das Geschäft geriet ganz und gar
+ins Stocken. Schinken und Schlackwürste bewahrte ich für den Sommer auf.
+Eine entsetzliche Hitze kam und verdarb mir die Vorräte. Im nächsten
+Jahre stiegen die Schweine zu einem ungeheuren Preis, aber unsre Ware
+blieb auf dem alten Fuß. Ich hatte jetzt nur noch hundertvierzig Taler.
+Die Einnahme war erbärmlich; der tägliche Erlös betrug oft nur fünfzehn
+Silbergroschen. Wir mußten vom Kapital leben. Beim Ablauf des Jahres war
+ich dem Viehhändler hundertsechzig Taler schuldig. Mein Bruder erbot
+sich, mir vierhundert Taler zu leihen, und einer von meinen Bekannten
+legte hundert Taler dazu. Von diesem Gelde lebte ich mit meiner
+Familie, nachdem ich den Viehhändler bezahlt hatte. Ich schlachtete
+immer weniger. Im Jahre 1845 war alles Geld rein aufgezehrt. Es nahte
+der Winter, und die Not wurde bedrohlich. Abermals mußte ich meinen
+armen Bruder um Hilfe ansprechen. Er sendete mir zwanzig Taler, und dann
+wieder zwanzig Taler, und gegen Weihnachten aus freien Stücken fünf
+Taler zu Geschenken für meine Kinder. Meine Schuld beim Viehhändler war
+wieder auf anderthalb hundert Taler gestiegen.
+
+Jetzt trat der Gedanke immer unwiderstehlicher an mich heran, mich und
+meine Familie schmerzlos aus der Welt zu schaffen, wo unserer nur Elend
+wartete, ich hatte keine Aussicht, keine Hoffnung mehr. Es blieb nur das
+Verhungern übrig. Ich war außerstande, die Meinen vor dem Untergang zu
+retten. Diese Gedanken machten mich fast krank, aber ich verriet sie
+nicht, und sie kehrten wie im Kreise immer wieder auf den Punkt zurück:
+Du bist dem Bettelstab verfallen. Vorwürfe über mein Leben und meine
+Geschäftstätigkeit konnte ich mir nicht machen. Ich habe immer geglaubt,
+richtige Maßregeln zur Verbesserung meiner Lage ergriffen zu haben, aber
+meine Bemühungen sind stets fehlgeschlagen. Verlust über Verlust, was
+ich angriff, mißlang. Bei der Erinnerung an all dies Leiden wurde mein
+Entschluß fester, und mein Gemüt stählte sich. Die Notwendigkeit trieb
+mich zur Tat.«
+
+Bei gebessertem Gesundheitszustand konnte Holzwart nach einiger Zeit in
+das Verhörzimmer geführt werden. Seine Erscheinung war jetzt die eines
+zufriedenen und ergebenen Mannes. Es schien, als betrachte er das ihm
+neugeschenkte Leben mit einem mitleidigen Lächeln, als wollte er fragen:
+wozu? Er wiederholte sein Geständnis, und es war ersichtlich, daß die
+Schilderung der Mordnacht ihm eine unaussprechliche Pein verursachte.
+Und wieder behauptete er feierlich, seine Tat sei das letzte Werk der
+Liebe gewesen. Auf den Einwand, weshalb er bei seiner ersten Vernehmung
+im Kochschen Hause nicht sogleich offen bekannt, sondern eine Lüge
+angegeben habe, erwiderte er, es sei diese Lüge die einzige in seinem
+ganzen Leben. Er habe nur den Fragen genügen, lästiges Zudringen
+abwehren wollen, weiter nichts. Daß er verhaftet und vor dem Gesetz
+verantwortlich gemacht werden könnte, daran hatte er nicht gedacht. Nach
+seiner Meinung war er niemand auf der Erde eine Auskunft zu geben
+verpflichtet, und seine Tat mußte vor Gott allein verantwortet werden.
+
+Eine Tat, straf- und todeswürdig vom Standpunkte des Rechtes, verworfen
+und abscheulich von dem der Moral. Der fürchterliche Irrtum, eine
+Familie verloren zu glauben, wenn die Hilfsquellen der Existenz
+versiegen, beruhte hier auf Charakterfehlern nicht allein, sondern auf
+Gemütsanlagen, die mit tragischer Liebe Bande des Blutes als
+unauflöslich betrachten. Der Gedanke, daß die geliebten Menschen einzeln
+ihre Nahrung suchen sollten, überstieg die Geisteskraft des Vaters; bis
+dahin im Schoße der Familie vor dem Unheil geborgen, sollte er sie jetzt
+der Verführung und der Verderbnis preisgeben? Die älteste Tochter war
+schön, vorzeitig entwickelt, blühend in Gesundheit und reizend durch
+freundliches Betragen. »Sie würde ihre Käufer schon gefunden haben,«
+warf Holzwart einst im Gespräch mit bitterem Hohne hin, »aber ich habe
+ihre Unschuld bewahrt und gerettet.« Der Richter wandte ein, das Mädchen
+hätte ja bei seiner Schönheit eine günstige Wendung des Geschickes
+erleben können. Da antwortete Holzwart: »Die Möglichkeit lag ferne, denn
+sie war arm; jetzt ist ihr Schicksal gesicherter.«
+
+Im Dezember des Jahres 1846 wurde Holzwart verurteilt, nach dem
+Richtplatze geschleift, um mit dem Rade von unten herauf vom Leben zum
+Tode gebracht zu werden. Mit derselben Fassung und Haltung, die er
+bisher gezeigt, vernahm er das Urteil. Als ihm mitgeteilt wurde, daß ihm
+das Rechtsmittel der Appellation zustehe, erwiderte er ohne Besinnen, er
+habe die Strafe erwartet und durchaus nichts dagegen einzuwenden; er
+wünsche in kürzester Frist zu seinem Ziele zu kommen und wolle auch
+nicht von seinem Rechte Gebrauch machen, des Königs Gnade um Milderung
+der Strafe anzurufen, um den Vollzug des Verdikts nicht zu verzögern.
+Bei dieser Erklärung blieb er, trotzdem sein Verteidiger ihn zu anderer
+Ansicht zu bringen suchte. Es blieb diesem nichts weiter übrig, als
+seinem Willen entgegen zu handeln und aus eigener Machtvollkommenheit
+sich an den König zu wenden. Damit verging Tag um Tag, Woche um Woche,
+und Holzwart erwartete vergeblich das Ende eines Lebens, das für ihn
+allen Wert und Reiz eingebüßt hatte. Er glaubte, durch seine
+Verzichtleistung auf jeden Einspruch alle Hindernisse am besten
+beseitigt zu haben, und es gewann den Anschein, als siege wieder sein
+altes böses Schicksal, das immer seine Hoffnungen durchkreuzt hatte.
+Durch die seltene Verzichtleistung wurde ein Bericht nach dem anderen
+nötig, eine Formalität nach der anderen; bis zum September zogen sich
+die Verhandlungen hin, bevor man endlich dem König das Todesurteil
+vorzulegen bereit war.
+
+Während der Zeit saß Holzwart geduldig im Gefängnis und harrte auf
+seinen Tod. Man gestattete ihm zu lesen, zu schreiben und Schach zu
+spielen. Er verfertigte die Schachfiguren aus Brot und malte mit Tinte
+ein Schachbrett auf Pappe. Es gehörte zu seiner größten Freude, wenn der
+Aufseher Zeit gewann, mit ihm Schach zu spielen.
+
+Unter den Aufzeichnungen, die er zu Papier brachte, fanden sich Gedichte
+wie dieses:
+
+ Ich bin belohnt, daß ich euch glücklich wähne,
+ Euch überhoben weiß alljeder Erdenträne.
+ Gibt’s ein Elysium, so ist’s für euch errungen,
+ Durch euer Blut hab ich es euch erzwungen.
+ Nichts lastete auf euch, und schuldlos, schön und rein
+ Gingt ihr verklärt zur ewigen Ruhe ein.
+ Ich bin belohnt.
+
+Dann Tagebuchblätter.
+
+
+ Am 10. März.
+
+O könnt ich dem Zauber Worte geben, der wie ein Glück meinen Schlaf
+durchzieht. Nicht gaukelnd beschleicht mich der Träume Spiel – nein,
+göttlich beglückend – o, welche Wonne, wenn mein Bruder, wenn meine
+Kinder, die Mutter, die Eltern erscheinen. – Vor den Richterblicken der
+Welt mag es unverdient heißen, doch in Träumen liegt mein Glück. Mein
+liebstes Kind saß mir auf meinen Knien – so war es mir heute, ich saß
+mit ihr bei allen Meinen. Das Kind umschlang mich süß und dicht, die
+andern schmiegten sich an mich – von ferne sah die Mutter dieser Teuern
+auf uns und sprach: »Ach, daß du diese Tat hast tun können – wie schwer
+muß sie dir geworden sein!«
+
+
+ Im April.
+
+Bedarf es denn vor jenem Weltenrichter des Eingeständnisses der Tat?
+Nein! Nein! Er wußt sie ja, er braucht nun nicht zu fragen, er sah sie,
+kennt sie also schon genug. Rechtfertgen soll ich sie? Es blieb den
+Meinen nur Schmach und Elend – damit rechtfertige ich mich in Ewigkeit.
+Verkündet nur bald, wenn alles vollbracht, dem Lebensmüden die ewige
+Nacht.
+
+
+ Im April.
+
+Ich will nichts glauben, will nichts denken, was die Vernunft nicht
+faßt. Annehmen und feststellen nichts, was gegen die Natur verstößt. Und
+doch komme ich immer darauf zurück – es gibt noch ein Etwas, nach
+welchem der Blick der Sterblichen vergeblich forschend sich richtet.
+
+
+ Im August.
+
+Fünf Monate nach dem verkündeten Spruche. Himmel, diese Umstände um
+einen einzigen Menschen. Ich weiß nicht, ob man bei einer Frage von
+Krieg und Frieden so viel Zeit gebraucht, und daran hängt das Leben von
+Tausenden!
+
+Es gibt ein Etwas im großen Weltenraume, das unheilvoll sein Wesen
+treibt, und eine dunkle Ahnung sagt mir nur: es waltet gegen dich! Es
+waltet unsichtbar, es waltet stumm und grausig, dies dämonische Wesen
+des Geisterreichs.
+
+ * * * * *
+
+Das Jahr ging zu Ende, ohne das vom König bestätigte Urteil zu bringen.
+Das Gerücht von der Freigeisterei des seltsamen Verbrechers drang in die
+höheren Kreise und füllte manches gläubige Herz mit Entsetzen. Die
+entschiedene Weigerung Holzwarts, den Geistlichen zu empfangen, seine
+ebenso entschiedene Ablehnung einer geistlichen Begleitung zum
+Richtplatz, und das finstere und verschlossene Wesen, das er zeigte,
+wenn der Gefangenenprediger bei ihm eintrat, verbreitete ein wahres
+Grauen vor ihm. Es wurden Versuche gemacht, ihn zu erleuchten, aber man
+stieß auf klare und festgegründete Überzeugungen statt auf bösen Willen
+und dumpfe Verstocktheit, die man vorausgesetzt, und dagegen war aller
+fromme Bekehrungseifer machtlos.
+
+Das Jahr 1848 regte seine gewaltigen Schwingen. Die Unruhen wurden
+stürmisch. Im Februar unterzeichnete der König das Todesurteil, und
+endlich wurden Anstalten zur Hinrichtung getroffen. Es gab bei Magdeburg
+einen Anger, wo manches blutige Haupt gesunken, mancher menschliche
+Leib von den Rädern zerstampft worden war. Hier sollte auch für Holzwart
+das Schafott errichtet werden; die königliche Gnade hatte die Strafe des
+Räderns in die der Enthauptung verwandelt. Der Tag wurde anberaumt, eine
+Truppenabteilung war schon kommandiert. Noch wußte Holzwart nichts von
+den Veranstaltungen zu seinem nahen Ende, aber ihm ahnte etwas. Die
+Nachgiebigkeit des Wärters verriet ihm zuerst die Nähe seines Endes.
+Aber er fragte nicht, er zagte nicht; sein Auge blieb ruhig und sein
+Herz stark. Alles war bereit, der Scharfrichter bestellt, da brach der
+Volksaufstand los. Die Bande des Gesetzes waren gelöst, und die Behörde
+scheute sich, eine Hinrichtung vollziehen zu lassen. Der Termin wurde
+vertagt.
+
+Vielleicht war dem Gefangenen doch manches Wort zu Ohren gedrungen, das
+ihm den Stand der Dinge verraten hatte, und wieder wie ehedem rief es in
+ihm: du stirbst nicht, kannst nicht sterben. Es bemächtigte sich seiner
+eine schmerzliche Unruhe; seine Geduld wich zuzeiten einer kurzen aber
+tiefen Erregung, und seine Papiere bezeugen es, daß ihm davor bangte,
+das Leben noch lange ertragen zu sollen.
+
+
+ Im Mai 1848.
+
+Ein Mann, der edlen Trotz besitzt, sollte der voll ruhigen Gleichmuts
+nicht in Freude und Leid die Grenzen wissen? Welch ewiges Schwanken
+zwischen Leben und Tod, von heute zu morgen, von morgen noch weiter.
+Armer König, immer Schach! Immer Schach! Schach bis zum matt.
+
+
+ Im Juni.
+
+Sie zögern. Und ich grüble. Was hält mich? Was möchte ich noch? Das Grab
+der Meinen sehen, die Erde küssen, wo die Schlummernden ruhen.
+Unbegreiflich, daß ich mich bis jetzt ließ vertrösten.
+
+ * * * * *
+
+Es findet sich die amtliche Anzeige des Gefängnisinspektors an den
+Richter, daß Holzwart seit fünf Tagen die Speisen unangerührt lasse und
+auf alle Vorwürfe die Antwort erteilt habe, er werde sein Ziel zu
+erreichen wissen. Der Richter stellte ihn ernstlich zur Rede, und
+Holzwart scheint Reue empfunden zu haben, denn er schrieb am 4. Juli:
+
+»Genug, genug! Ich will alles ertragen. Der Ernst in seinem Auge; das
+harte Wort: Wenn Sie sich der verdienten Strafe entziehen, muß ich Sie
+für einen Feigling halten! Ich beuge mich. Mein Leben sei ein
+tributpflichtiges Opfer.«
+
+Er kehrte zu der geduldigen Gelassenheit zurück, nachdem er vergeblich
+den Kampf mit seinem Geschick gewagt hatte. Als im preußischen Staate
+die Ordnung wiederhergestellt war, wurde das Todesurteil Holzwarts in
+lebenswierige Zuchthausstrafe verwandelt. Es muß ihn ein ungeheurer
+Schrecken bei der Verkündigung dieses neuen Urteils erfaßt haben; eine
+mit flüchtiger Schrift gemachte Aufzeichnung, die letzte, die überhaupt
+vorhanden ist, lautet: Am Leben bleiben, solche Gnade! Gezüchtigt durch
+Zuchthaus für eine solche Tat! Es kann nicht sein, es darf nicht sein!
+
+Seit der Gewißheit seines Schicksals sprach er überhaupt nicht mehr.
+Eine kalte Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht, und die freundliche
+Ruhe seiner Mienen war düsterem Ernst gewichen. Im Zuchthaus fügte er
+sich streng der Ordnung und zeigte sich im Benehmen und im Fleiß
+exemplarisch. Daß er still und abgeschlossen seinen Weg verfolgte,
+schien jedermann natürlich. Man hatte nicht verfehlt, der Direktion des
+Zuchthauses die Selbstmordversuche Holzwarts selbst mitzuteilen, um sich
+bei den jetzt vermehrten Gründen zu solcher Tat der Verantwortung zu
+entheben. Die Furcht schien unnütz. Ein Monat nach dem andern verlief,
+ohne der gesteigerten Aufmerksamkeit den geringsten Verdacht zu geben.
+Um so unerwarteter wirkte die amtliche Nachricht von Halle:
+
+Der von dem Königlichen Kreis- und Stadtgericht hier eingelieferte
+Christian Holzwart aus Magdeburg stürzte sich am Sonntag, den 28. Januar
+1850 nachmittags um drei Uhr bei Ausgang aus der Kirche von der
+Verbindungsbrücke des Flügels #B# und blieb auf der Stelle tot liegen,
+indem er sich den Hirnschädel gespalten und fast alle Glieder
+zerschmettert hatte.
+
+So war der unglückliche Mann zur ersehnten Ruhe gekommen. Mit welchen
+Gefühlen mag er die acht Monate im Zuchthaus in Gemeinschaft mit
+Menschen erlebt haben, die er als das Verächtlichste im weiten
+Weltenraum bezeichnet hat? Mit welchen Gefühlen mag er die Tiefe des
+Abgrunds ermessen haben, bevor er sich hinunterstürzte? Den Tod zu
+zwingen, das war vielleicht seine stärkste Regung.
+
+
+
+
+Karl August von Weimar
+
+
+Die siebzehnjährige Vormundschaft der Herzogin-Mutter Amalia bedeutet
+ein unvergängliches Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte, denn unter
+ihr wurde Weimar der Sammelpunkt jener Genien, denen die Unsterblichkeit
+sicher ist und durch die der Hof von Weimar einen stillen, aber hohen
+Glanz erhielt, wie er von keinem andern deutschen Hof jemals ausgegangen
+ist.
+
+Amalie von Braunschweig war, als sie die Regierung antrat, erst achtzehn
+Jahre alt; fünf Jahre des siebenjährigen Krieges fielen noch unter ihre
+Herrschaft. Die Männer, die sie im Hof- und Zivildienst vorfand, waren
+alle noch aus der alten Schule; desto neuer war ihre Persönlichkeit, und
+mit dieser setzte sie es durch, daß man sie ihre eigenen Wege gehen
+ließ. Die Erziehung, die sie ihrem Sohne, dem künftigen Herzog, gab,
+machte Epoche in der deutschen Prinzenerziehung; sie wagte es, ihn sich
+in voller Freiheit entwickeln zu lassen, ja sie berief sogar einen
+Poeten zu seinem Erzieher, den heitern Wieland, der damals Professor in
+Erfurt war und eben den goldenen Spiegel geschrieben hatte, einen
+Fürstenspiegel, der auf den jungen Kaiser Josef gerichtet war.
+
+Ein ungenannter Turist des achtzehnten Jahrhunderts, der in Weimar zum
+Hofball geladen war, schildert die Herzogin wie folgt: »Sie ist klein
+von Statur, sieht wohl aus, hat eine spirituelle Physiognomie, eine
+braunschweigische Nase, schöne Hände und Füße, einen leichten und doch
+majestätischen Gang, spricht sehr schön, aber geschwind, und ihr ganzes
+Wesen ist angenehm. Es war auch ein Pharaotisch da, der geringste
+Einsatz war ein halber Gulden. Die Herzogin spielte sehr generös und
+verlor einige Louisdor; da sie aber gern tanzte, blieb sie nicht lange
+beim Spiel. Sie tanzte mit jeder Maske, die ihr entgegenkam, und ging
+nicht eher fort als bis um drei Uhr früh, da alles aus war.«
+
+Gouverneur der Prinzen Karl August und Konstantin war der Graf von
+Schlitz-Görtz, ein ernster, gravitätischer und formenstrenger Herr, der
+mit Nachdruck auf Etikette hielt, aber doch im privaten Kreis allerlei
+Kurzweil zuließ. Friedrich der Große hatte ihn während des bayrischen
+Erbfolgekrieges zu einer diplomatischen Mission in München verwendet,
+später war er Gesandter beim Reichstag zu Regensburg, wo er das deutsche
+Reich begraben sah. Daß er ein Mann von Geist war, bezeugt der Umstand,
+daß er Wieland an die Herzogin empfahl. Wieland zog wieder Knebel als
+Erzieher des Prinzen Konstantin nach Weimar, und Knebel war es, der dem
+jungen Karl August Goethe zuführte. Goethe berief Herder, und Herder
+wurde der Magnet für Schiller.
+
+Karl Ludwig von Knebel war ein gebürtiger Franke; er war Major unter
+Friedrich dem Großen und stand in Potsdam in Garnison. Interessant
+durch seine barocke Genialität, war er zugleich ein tiefer Hypochonder.
+Durch eine krankhafte Empfänglichkeit für unangenehme äußere Eindrücke
+war er von ihnen abhängig und durch sie gestört. Wieland war sein
+Intimus, Lucrez, den er ins Deutsche übersetzte, sein langjähriges
+Studium. Herder nannte ihn seinen lieben alten Mönch und den
+menschenfreundlichen Timon. Es war am 11. Februar 1774, als Knebel
+seinem Herzog den Verfasser des Götz und des Werther vorstellte. Auf die
+Einladung des Grafen Görtz kam Goethe in das rote Haus in Frankfurt, und
+in seiner jugendlichen Schönheit und Liebenswürdigkeit schien er dem
+Herzog wie geschaffen, der Genosse bei einem lustigen Genieleben zu
+werden, wie es ihm damals im Sinne stand. 1775 wurde Goethe förmlich
+nach Weimar eingeladen. Der in Karlsruhe zurückgebliebene Kammerjunker
+von Kalb hatte den Befehl, Goethe in einem von Straßburg erwarteten
+Staatswagen nach Weimar zu bringen. Der Wagen blieb lange aus, Goethes
+fürstenfeindlicher Vater hatte ihm schon mit dem spottenden Zuruf: »Nah
+bei Hof, nah bei der Höll« die Furcht in die Seele geworfen, er könne
+nur der Spielball einer fürstlichen Laune gewesen sein; er hatte bereits
+die Flucht angetreten und befand sich in Heidelberg, als er dort noch
+aufgehalten wurde. So hing es an einem Faden, daß Goethe nicht nach
+Weimar kam; noch in späten Jahren hat er sich des wahrhaft Dämonischen
+dieser Situation erinnert.
+
+»Goethe ging wie ein Stern in Weimar auf, der sich eine Zeitlang in
+Wolken und Nebel verhüllte,« schreibt Knebel; »jeder hing an ihm,
+sonderlich die Damen. Er hatte noch die Werthersche Montierung an, und
+viele kleideten sich danach. Er hatte noch von dem Geist und Sitten des
+Romans an sich, und dieses zog an. Sonderlich den jungen Herzog, der
+sich dadurch in Geistesverwandtschaft seines Helden zu setzen glaubte.
+Manche Exzentrizitäten gingen zur selbigen Zeit vor, die ich nicht zu
+beschreiben Lust habe, die uns aber auswärts nicht in den besten Ruf
+setzten. Goethes Geist wußte ihnen indessen einen Schimmer von Genie zu
+geben.«
+
+Die Gerüchte über die Zustände in Weimar mußten von recht schlimmer Art
+gewesen sein, da sogar Klopstock den auffallenden Schritt tat, sich als
+Mentor und Warner einzumischen. Goethe wies ihn mit Entschiedenheit
+zurück, und es kam zum Bruch zwischen beiden.
+
+Einen besondern Hof neben dem des Herzogs, dem regierenden Hof, wie er
+hieß, bildete der sogenannte verwitwete Hof der Herzogin Amalie. Wieland
+nennt die Herzogin eines der liebenswürdigsten Gemische von Menschheit,
+Weiblichkeit und Fürstlichkeit; sie hatte nicht wenig Gefallen an dem
+Leben, das ihr Sohn mit Goethe führte, und nahm selbst daran teil. Schon
+als Regentin hatte sie wie ein halber Student gelebt; einmal war sie auf
+einem Heuwagen mit acht Personen von Tieffurt nach Tennstädt gefahren,
+es kam ein Gewitter mit einem heftigen Regenguß, und die Herzogin, die
+wie die andern Damen in ganz leichtem Kleide war, zog Wielands Oberrock
+an. Sie faßte alles mit Enthusiasmus an und auf. So lernte sie
+Griechisch, und zwar so gut, daß sie nach kurzer Zeit den Aristophanes
+in der Ursprache lesen konnte. Am begeistertsten trieb sie Musik, malte
+auch und schwärmte für Italien und die italienische Literatur, in der
+ihr Führer der Rat Jagemann war, ein aus Konstanz entflohener Mönch. Die
+theatralischen Feste Amalies wurden entweder in der Stadt abgehalten
+oder in den Sommersitzen der Herzogin, in Tieffurt oder in Ettersburg.
+Namentlich im Park von Ettersburg wurden vor dem vertrauten Kreise der
+Fürstin viele lustige Gelegenheitsstücke gegeben, so 1778 Goethes
+Jahrmarkt in Plundersweilen, und 1779, zur Feier von Karl Augusts
+Geburtstag, eine derbe Parodie der Wielandschen Alceste. Die Arie:
+»Weine nicht, du Abgott meines Lebens« wurde auf die lächerlichste Art
+mit dem Posthorn begleitet, und auf den Reim schnuppe ein unendlich
+langer Triller gesungen. Nach dem Stück folgte die sogenannte
+Kreuzerhöhungsgeschichte mit einem üblen Buch von Jacoby; Merck nagelte
+das Buch mit dem Einband an einen Baum, so daß die Blätter im Winde
+flatterten, Goethe stieg in den belaubten Wipfel und hielt von dort
+herab ein hochnotpeinliches Halsgericht über die Scharteke.
+
+Neunzehn Jahre war Karl August alt, als er die berühmte Erklärung gab,
+die den in sein Konseil einberufenen Dichter betrifft. Sie lautet:
+»Einsichtsvolle wünschen mir Glück, diesen Mann zu besitzen. Sein Kopf,
+sein Genie ist bekannt. Einen Mann von Genie an einem andern Orte
+gebrauchen, als wo er selbst seine außerordentlichen Gaben gebrauchen
+kann, heißt ihn mißbrauchen. Was aber den Einwand betrifft, daß dadurch
+viele Leute sich für zurückgesetzt erachten würden, so kenne ich erstens
+niemand in meiner Dienerschaft, der meines Wissens auf dasselbe hoffte,
+und zweitens werde ich nie einen Platz, welcher in so genauer Verbindung
+mit mir, mit dem Wohl und Wehe meiner gesamten Untertanen steht, nach
+der Anciennität, sondern ich werde ihn immer nur nach Vertrauen geben.
+Das Urteil der Welt, welches vielleicht mißbilligt, daß ich den Doktor
+Goethe in mein wichtigstes Kollegium setzte, ohne daß er zuvor Amtmann,
+Professor, Kammerrat und Regierungsrat war, ändert gar nichts. Die Welt
+urteilt nach Vorurteilen. Ich aber sorge und arbeite wie jeder andere,
+nicht um des Ruhmes, um des Beifalls der Welt willen, sondern um mich
+vor Gott und meinem Gewissen rechtfertigen zu können.«
+
+Er war eher klein als groß von Gestalt, aber in seiner Erscheinung lag
+von der Jugend bis in das späteste Alter etwas Selbständiges und
+Energisches in sehr ungebundener und freier, fast studentischer Form;
+man pflegte ihn auch den Studenten von Jena zu nennen. Dem Major Knebel
+gegenüber legte der vierundzwanzigjährige Fürst einmal folgendes
+Selbstbekenntnis ab: »Ich muß erstaunlich wehren, meinem Herzen und den
+Leidenschaften nicht die Zügel schießen zu lassen; es ist gar zu schwer,
+sich wieder in den unnatürlichen Zustand zu fügen, in dem unsereiner
+leben muß und an den man so langsam sich gewöhnt zu haben glaubt.«
+
+[Illustration: Karl August von Weimar, nach einem Steindruck von C. A.
+Schwerdgeburth; 1824.]
+
+Merck, Goethes wunderbarer Freund, ließ sich, als alle Welt über die
+Streiche, die Karl August nach seiner Bekanntschaft mit Goethe machte,
+die Köpfe schüttelte, nicht beirren und vertrat nachdrücklich den Wert
+des seltenen Fürsten. Am 3. November 1777 schrieb er aus Darmstadt an
+den Buchhändler Nikolai in Berlin: »Ich hab Goethe neuerlich auf der
+Wartburg besucht, und wir haben zehn Tage zusammen wie die Kinder
+gelebt. Mich freuts, daß ich von Angesicht gesehen habe, was an seiner
+Situation ist. Das Beste von allem ist der Herzog, den die Esel zu einem
+schwachen Menschen gebrandmarkt haben und der ein eisenfester Charakter
+ist. Ich würde aus Liebe zu ihm eben das tun, was Goethe tut. Die
+Märchen kommen alle von Leuten, die ohngefähr so viel Auge haben, zu
+sehen, wie die Bedienten, die hinterm Stuhle stehen, von ihren Herrn und
+deren Gespräch beurteilen können. Dazu mischt sich die scheußliche
+Anekdotensucht unbedeutender, negligierter, intriganter Menschen, oder
+die Bosheit anderer, die noch mehr Vorteil haben, falsch zu sehen. Ich
+sage Ihnen aufrichtig, der Herzog ist einer der respektabelsten und
+gescheitesten Menschen, die ich gesehen habe.«
+
+Wie Goethe, liebte es Karl August, sich nach den Aufregungen des
+Weltlebens in die Einsamkeit zu begeben. Er suchte dann die Borkenhütte
+im Park auf und konnte, während Goethe in seinem Gartenhaus am Stern
+weilte, mit dem Freund durch verabredete Zeichen eine telegraphische
+Konversation über das Tal der Ilm hinweg herstellen. Im Sommer 1780
+schrieb er aus diesem Retiro an Knebel: »Es hat neun Uhr geschlagen,
+und ich sitze hier in meinem Kloster mit einem Licht am Fenster. Der Tag
+war außerordentlich schön, ich war so ganz in der Schöpfung, und so weit
+vom Erdentreiben. Der Mensch ist doch nicht zu der elenden Philisterei
+des Geschäftslebens bestimmt; es ist einem ja nicht größer zumute, als
+wenn man so die Sonne untergehen, die Sterne aufgehen, es kühl werden
+sieht und fühlt, und das alles so für sich, so wenig der Menschen
+halber; und doch genießen sie’s, und so hoch, daß sie glauben, es sei
+für sie. Ich will mich baden mit dem Abendstern und neu Leben schöpfen,
+der erste Augenblick darauf sei dein. Lebewohl solange.« Nach dem Bad in
+der Ilm fährt er fort: »Das Wasser war kalt, denn die Nacht lag schon in
+seinem Schoß. Als ich den ersten Schritt hineintat, war’s so rein, so
+nächtlich dunkel; über den Berg hinter Oberweimar kam der volle rote
+Mond. Es war so ganz still. Wedels Waldhörner hörte man nur von weitem,
+und die stille Ferne machte mich reinere Töne hören, als vielleicht die
+Luft erreichten.«
+
+In den achtziger und neunziger Jahren hatte sich der Charakter des
+Herzogs zu seiner Reife ausgebildet; der junge Wein hatte sich geklärt,
+er stand jetzt goldrein im Pokale. »Täglich wächst der Herzog und ist
+mein bester Trost,« schrieb Goethe 1780 an Lavater. Aber in den Briefen
+an die Frau von Stein findet sich auch manches schärfere Urteil über
+Karl August, das freilich später immer wieder gemildert wurde. Einmal
+äußerte er sich: »Mich wundert nun gar nicht mehr, daß Fürsten meist so
+dumm, toll und albern sind, nicht leicht hat einer so gute Anlagen als
+der Herzog, nicht leicht hat einer so gute und verständige Menschen um
+sich und zu Freunden als er, und doch will’s nicht nach Proportion vom
+Flecke, und das Kind und der Fischschwanz gucken, eh man sich’s
+versieht, wieder hervor.« Vielleicht beirrte es Goethe und machte ihn
+ein wenig bitter, daß der Herzog häufig sehr mutwillige Neckerei mit
+seiner Beziehung zu Frau von Stein trieb. Einmal enthielt er ihm einen
+ihrer Briefe vor und schickte ihn dann durch einen Husaren in zehn
+übereinander gesiegelten Kuwerten mit folgenden Verszeilen:
+
+ Es ist doch nichts so zart und klein
+ So wird’s doch jemand plagen.
+ Zum Beispiel macht dein Briefelein
+ Husaren sehr viel klagen.
+ Heut sagte der, der’s Goethen bracht
+ Und schwur’s bei seinem Barte,
+ Viel lieber ging ich in die Schlacht
+ Als trüg so Brieflein zarte.
+ Denn wie im Hui ist das Papier
+ Aus meiner weiten Tasche,
+ Und wer, wer stehet mir dafür,
+ Daß ich es wieder hasche.
+ Unheimlich sagt er, es ihm sei,
+ Wenn er so etwas trage,
+ Denn Billetdoux und Zauberei
+ Ist gleich, nach alter Sage.
+ Drum schreibe Du, nach altem Brauch,
+ Auf Groß-Royal-Papiere,
+ Damit der Träger künftig auch
+ Ja nichts vom Teufel spüre.«
+
+Der Herzog hatte aber auch seine Herzensfreundin, und das war die Gräfin
+Werthern. Mit seiner Frau vertrug er sich schlecht. Die Herzogin Luise
+war eine formenstrenge Dame und hielt so stark auf Zeremoniell, daß es
+Mühe kostete, Goethe zur Spielpartie bei ihr einzuschmuggeln. Im
+September 1776, vor der Fahrt nach Ilmenau, schrieb Goethe an Charlotte
+von Stein: »Es ist mir lieb, daß wir wieder auf eine abenteuerliche
+Wirtschaft ausziehen, denn ich halt’s nicht aus. So viel Liebe, so viel
+Teilnahme, so viele treffliche Menschen, und so viel Herzensdruck.«
+
+Die Herzogin war im höchsten Grade schwerblütig und schwerlebig, einsam
+in der Welt, ohne Freund, sogar Frau von Stein und Herder waren ihr zu
+leicht. Bei der Gräfin Werthern war der unruhige Herzog noch am ehesten
+festzuhalten. 1782 schreibt er an Knebel: »Auf Ostern besuche ich die
+Gräfin, welche doch die beste aller Gräfinnen ist, die ich kenne.« Um
+dieselbe Zeit schreibt Goethe: »Der Herzog ist vergnügt, doch macht ihn
+die Liebe nicht glücklich, sein armer Schatz ist gar zu übel dran, an
+den leidigsten Narren geschmiedet, krank und für dies Leben verloren.
+Sie sieht aus und ist wie eine schöne Seele, die aus den letzten
+Flammenspitzen eines nicht verdienten Fegefeuers scheidet und sich nach
+dem Himmel sehnend erhebt.« Der Graf Werthern war nämlich ein
+hocharistokratischer Sonderling, zuzeiten verschwenderisch, zuzeiten
+geizig wie ein Filz. Er hatte eine seltsame, spanisch zeremonielle
+Hausordnung eingeführt; kamen vornehme Gäste, so ließ er Bauernjungen,
+die als Neger geschwärzt und kostümiert waren, bei Tisch aufwarten. Die
+Gräfin war zwar eine kleine Dame, hatte aber die größten Manieren, und
+Goethe gestand, daß er alles, was er von Welt besaß, von ihr gelernt
+hatte.
+
+Der Herzog gab sehr viel Geld für Jagd und Tafelfreuden aus, und oft
+finden sich unwillige Äußerungen Goethes über die Schmarotzer bei Hof
+und ihre Unersättlichkeit. In einem Brief an Knebel heißt es: »Selbst
+der Bauersmann, der der Erde das Notdürftige abfordert, hätte ein
+behaglich Auskommen, wenn er nur für sich schwitzte. Du weißt aber, wenn
+die Blattläuse auf den Rosen sitzen und sich hübsch dick und grün
+gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen ihnen den filtrierten
+Saft aus den Leibern, und so geht’s weiter, und wir haben’s so weit
+gebracht, daß oben immer an einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in
+einem beigebracht werden kann.«
+
+So großmütig und freigebig der Herzog sein konnte, so fehlten ihm doch
+häufig die Mittel, um diejenigen, die der Hilfe würdig waren, in
+würdiger Weise von Not zu befreien; deshalb mußte auch Schiller am Hof
+zu Weimar ein gar trauriges und bedrücktes Leben führen. Es war nicht so
+viel Geld für ihn da wie für irgendeinen Kammerjunker, und wie
+Beethoven durch englisches, wurde Schiller schließlich durch dänisches
+Geld der schlimmsten Sorgen überhoben. Um Charlotte Lengefeld heiraten
+zu können mußte er sich um die Professur in Jena bewerben, die
+zweihundert Taler trug, aber Schiller war von so edler und vornehmer
+Art, daß er dem Herzog selbst für das Wenige, das er für ihn tat oder
+tun konnte, Dankbarkeit bewahrte. Karl Augusts Finanzen waren eben zeit
+seines Lebens in Unordnung. Fast unmöglich hielt es, ihn zu gewöhnen,
+daß er seine Ausgaben in das richtige Verhältnis zu seinen Einnahmen
+setzte. In späteren Jahren machte er alle seine Geschäfte mit
+Rothschild; wenn er in Geldverlegenheit war, ließ er seinen Wagen
+anspannen und fuhr nach Frankfurt.
+
+Sonderbar waren in ihm die Eigenschaften gemischt, leichter Sinn und
+burschikose Laune, und dann wieder sittlicher Ernst und Tiefe des
+Gemüts. Von diesem Ernst und dieser Tiefe legt ein überaus herrlicher
+Brief Zeugnis ab, den er am 4. Oktober 1781 an Knebel schrieb. Als der
+Prinz Konstantin mit dem Mathematiker und Physiker Albrecht auf Reisen
+ging, war Knebel, der bisher der Erzieher des Prinzen gewesen war,
+pensioniert worden. Im Unmut darüber hatte er den Plan gefaßt, wieder in
+preußische Dienste zu treten; von diesem Entschluß brachte ihn der
+Herzog durch folgenden Brief ab.
+
+»Sind denn die, die sich Deiner Freundschaft, Deines Umgangs freuen, so
+sklavisch, so sinnlicher Bedürfnisse voll, daß Du nur durch Graben,
+Hacken, Ausmisten und Aktenverschmieren ihnen nützen kannst? Ist denn
+das Rezeptakulum ihrer Seelen so gering, daß Du nirgends ein Plätzchen
+findest, wo Du irgend etwas von dem, was die Deine Schönes, Gutes und
+Großes, die innere Existenz der Edlen bessernd und veredelnd, gesammelt
+hat, ausfüllen kannst? Sind wir denn so hungrig, daß Du für unser Brot,
+so furchtsam und unstet, daß Du für unsere Sicherheit arbeiten mußt?
+Sind wir nicht mehrerer Freuden als der des Tisches und der der Ruhe
+fähig, können wir keinen Genuß finden, wenn Du, von dem Schmutz und dem
+Gestank des Weltgetriebes Reiner, Deine volle Zeit zur Schmückung des
+Geistes anwendend, uns, die wir nicht Zeit zum Sammeln haben, den Strauß
+von den Blumen des Lebens gebunden vorhältst? Sind unsre Klüfte so
+quellenlos, daß wir nicht eines schönen Brunnens brauchen, uns selbst
+unsrer Ausflüsse freuend, wenn sie schön in demselben aufgefaßt sind?
+Sind wir bloß zu Ambossen der Zeit und des Schicksals gut genug, und
+können wir nichts neben uns leiden als Klötze, die uns gleichen und nur
+von harter, anhaltender Masse sind? Ist’s denn ein so geringes Los, die
+Hebamme guter Gedanken und in der Mutter zusammengelegter Begriffe zu
+sein? Ist das Kind dieser Wohltäterin fast nicht ebenso sehr sein Dasein
+schuldig als der Mutter, die es gebar? Die Seelen der Menschen sind wie
+immer gepflügtes Land; ist’s erniedrigend, der vorsichtige Gärtner zu
+sein, der seine Zeit damit zubringt, aus fremden Landen Sämereien holen
+zu lassen, sie auszulesen und zu säen? Muß er nicht etwa daneben auch
+das Schmiedehandwerk treiben, um seine Existenz recht auszufüllen? Bist
+Du nun so im Bösen, so über Dich selbst erblindet, daß Du Dir einbilden
+könntest, Du habest uns nie dergleichen Nutzen verschafft, und achtest
+Du uns gering genug, daß Du glauben könntest, wir würden Dich so lieben
+wie wir tun, wärest Du uns hierin unnütz und überflüssig oder
+entbehrlich gewesen? Willst Du nun dieses schöne Geschäft, diese würdige
+Laufbahn aufgeben, alle eingewachsenen Bande ausreißen, gleich einem
+Anfänger eine neue Existenz ergreifen und Dich, Gott weiß wohin, unter
+Menschen, die Dich nichts mehr angehen und mit denen Du kein reines und
+Dir gewohntes Verhältnis hast, hinwerfen? Neuen Anteil ergreifen oder
+Dir machen, mehr Gute, mehr Böse kennen lernen, sehen, wie die
+Abscheulichkeiten so überall zu Hause, das Gute überall so befleckt ist?
+Und warum? Um etwa einigen Kanzlistenseelen aus dem Wege zu gehen, die
+Dir Deine Semmel, die Du mehr hast als sie, beneiden, weil Du nicht
+gleich ihnen Maultierhandwerk treibst? Und wohin willst Du Dich
+flüchten? Nimmst Du nicht überall Deine paar Semmeln mit, die Du mehr
+und leichter hast als andere? Sind nicht überall Knechte, die es
+entbehren und Dich darum beneiden werden? Wirst Du deren Neid besser
+aushalten? Dich, weil Du dort ein paar Monate fremd bist, von ihnen mehr
+geachtet halten, als Du es hier sein möchtest? Siehst Du etwas
+Erreichbares vor Dir, das Dir das, was Du entbehrst, ersetze? Ist dieses
+Erreichbare so gewiß? Schlägt’s fehl, kann es Deine Existenz dann
+ertragen, immer neue Zwecke zu machen, oft abgeschlagen zu werden und
+so herumzuirren? Willst Du also das Beständige für das Unbeständige
+hingeben? Laß uns die Sache nicht so feierlich nehmen und das Übel nicht
+für so unheilbar halten. Ist’s Deiner Natur gut, sich zu verändern, so
+reise. Warum sich immer ersäufen wollen, wenn’s mit einem schönen Bade
+getan ist?«
+
+Es ging damals eine wohltätige Umwandlung mit dem Herzog vor; gleich
+Goethe gab er sich mehr und mehr dem Studium der Natur hin, um 1784
+schrieb er an Knebel: »Die Naturwissenschaft ist so menschlich, so wahr,
+daß ich jedem Glück wünsche, der sich ihr auch nur etwas ergibt ... Sie
+beweist und lehrt so bündig, daß das Größte, das Geheimnisvollste, das
+Zauberhafteste so ordentlich, einfach, öffentlich, unmagisch zugeht; sie
+muß doch endlich die armen unwissenden Menschen von dem Durst nach dem
+Außerordentlichen heilen, da sie ihnen zeigt, daß das Außerordentliche
+so nahe, so deutlich, so unaußerordentlich, so bestimmt nahe ist.«
+
+Das Jahr 1789 brachte auch für den Weimarer Hof Veränderungen mit sich,
+besonders im Hinblick auf sparsamere Wirtschaft. Herder schreibt an
+Knebel: »Der Hof ist wieder hier und die Tafel an demselben abgeschafft.
+Die Herren Mitesser bekommen Kostgeld, die Damen speisen mit dem
+fürstlichen Ehepaar auf des Herzogs Zimmer, und jedesmal wird ein
+Fremder dazu gebeten. Sie können denken, was die Hofdamen dazu sagen,
+und es ist unbegreiflich, daß sie nicht schon aus Furcht vor zukünftiger
+langen Weile zum voraus verschmachten.«
+
+Über die französische Revolution äußerte sich der Herzog am 13. Januar
+1793, eine Woche vor der Hinrichtung Ludwigs XVI., wie folgt: »Wer die
+Franzosen in der Nähe sieht, muß einen wahren Ekel für sie fassen; sie
+sind alle sehr unterrichtet, aber jede Spur eines moralischen Gefühls
+ist bei ihnen ausgelöscht ... Der Mensch war nie, die Zone, unter der er
+lebte, mag sein wie sie wolle, er war nie, sage ich, zur
+Treibhauspflanze bestimmt. Sobald er diese Kultur erhält, geht er
+zugrunde; auch beurteilt man die Franzosen falsch, wenn man glaubt, ihre
+Reife habe sie auf den jetzigen Punkt gebracht. Eines unterdrückte das
+andere im Reich, und nun unterdrücken die Unterdrücker selbst ihre alten
+Beherrscher, weil diese nachlässig und stupid waren. Nicht das mindeste
+Moralische liegt dabei zum Grunde, sondern man hat jetzt eine Art
+Moralität oder eine philosophische Zunft zum Werkzeug gebraucht.«
+
+Die Abneigung Karl Augusts gegen die Franzosen hatte ihre Ursache darin,
+daß er sich ihnen gegenüber ganz und gar als Deutscher fühlte. Karoline
+von Wolzogen schrieb darüber einmal an Schiller: »Ich dankte auch dem
+Himmel beim Lesen des Mirabeau, daß alles, was mir lieb ist, nichts mit
+der Politik zu tun hat. An wie armseligen Fäden hängen diese
+Weltbegebenheiten! Es muß ein unsichtbares Gewebe das Menschengeschlecht
+umstricken und so zusammenhalten wie es hält; was diese Menschen dabei
+zu tun wähnen, kann nicht viel sein. So klein und eng sind sie, keine
+Spur eines bessern Wesens, das sich selbst an die allgemeine
+Glückseligkeit hingäbe, jeder denkt nur an einen bequemen Platz für
+sich, um darauf zuzusehen; sie haben nicht einmal die Energie, um
+herrschen zu wollen. Des Mirabeau Nationalstolz ist kindisch und
+ärgerlich, man könnte aus Depit deutsch sein wollen, wie der Tempelherr
+im Nathan Christ sein wollte, wenn man anders mit ihm zu tun hätte,
+glaub ich. Ich will dem Herzog von Weimar wohl darum, daß er Mirabeau
+übel begegnet hat.«
+
+Im übrigen wurde das stille Weimar durch die großen Weltereignisse wenig
+berührt. Der Herzog, der zu Goethes Mißvergnügen eine wachsende
+Kriegslust an den Tag gelegt hatte, nahm 1794 an dem Feldzug in der
+Champagne teil; Goethe begleitete ihn, und wie man weiß, hat er dieses
+kriegerische Zwischenspiel wahr und meisterlich beschrieben. Es war in
+Karl August ein unstillbarer Drang, sich zu betätigen und auszuleben. So
+liebte er auch in seinen Herzensbeziehungen die Abwechslung. Als die
+Leidenschaft zur Gräfin Werthern vorüber war, wurde die reizende
+Sängerin und Schauspielerin Caroline Jagemann seine Favoritin. Für sie
+schrieb Goethe die Eugenie in der natürlichen Tochter. Sie war sehr
+schön und sehr ehrgeizig und stand den Werbungen Karl Augusts anfangs
+kühl gegenüber, denn eben ihres künstlerischen Ehrgeizes wegen hatte es
+nichts Verlockendes für sie, in einer kleinen Stadt und an einer kleinen
+Bühne die Mätresse eines Herzogs zu sein. Ihr Widerstreben steigerte die
+Leidenschaft Karl Augusts bis zur Verzweiflung. Endlich gab sie nach;
+sie blieb beim Theater, wurde aber zur Frau von Heygendorff erhoben. Es
+wird berichtet, daß sie noch in ihrem hohen Alter, als schon graue
+Locken das Gesicht umrahmten, von bezauberndem Reiz gewesen sei,
+besonders habe ihre Stimme etwas unvergleichlich Angenehmes gehabt.
+Frisch an Körper und Geist, war sie dem Herzog wie zugeschaffen, seinem
+innersten Bedürfnis entsprechend, selbst ihre Art sich auszudrücken war
+der seinen gemäß. Ihr Einfluß war groß und dauerte bis zum Tode des
+Herzogs. Ihre Hauptfeindin am Hof war die Gemahlin des Erbprinzen, die
+russische Großfürstin Marie, und es kam wohl vor, daß sie im Gefühl
+ihrer Überlegenheit diese der Zarentochter zu fühlen gab. Einmal hatte
+die Erbprinzessin bei einem Gang durch den Park ihre Freude an einer
+schönen Baumpartie ausgesprochen; als sie nach ein paar Tagen wieder
+vorüber kam, waren die schönen Bäume abgehauen. Frau von Heygendorff
+hatte den Herzog bestimmt, hierzu den Befehl zu geben. Weil Karl August
+fürchtete, daß seiner geliebten Freundin nach seinem Tod ein übles
+Schicksal widerfahren könnte, hatte er seinen Adjutanten unterwiesen,
+für den Fall, daß er außerhalb Weimars sterben sollte, den Kurier mit
+der Todesnachricht zuallererst zu Frau von Heygendorff zu schicken.
+Dieser Fall trat auch ein, und dem Befehl wurde buchstäblich Folge
+geleistet. Als die fürstliche Familie die Kunde von dem Tod des Herzogs
+bekam, hatte Frau von Heygendorff bereits ihren Wagen anspannen lassen
+und befand sich auf der Fahrt nach Mannheim, wo sie vordem, bei Iffland,
+ihre Ausbildung genossen hatte.
+
+Karl August hatte auch für die Literatur der #Ars amandi# viel übrig
+und legte sich eine #Bibliotheca erotica# an, welche die seltensten
+Exemplare der Gattung enthielt. Er schenkte sie später seiner guten
+Freundin, der Gräfin Henckel, die sich sehr für das geheime Fach
+interessierte.
+
+Die Verheiratung des Erbprinzen mit der Großfürstin veränderte alle
+Lebensverhältnisse in Weimar. »Sie können kaum einen Begriff haben von
+dem Glanz, der uns neuerlich umgibt,« schreibt Fräulein von Göchhausen
+im September 1804, »der Herzog ist mit drei russischen ganz von Juwelen
+strahlenden Orden geziert. Meine gute Fürstin strahlt nicht weniger ...
+Überhaupt reden wir jetzt von Gold, Silber und Edelsteinen wie sonst von
+Quarz, Gneis und Glimmer. Die wilden Völker, die noch mehr dergleichen
+bringen sollen, werden in diesen Tagen erwartet.« Die wilden Völker, das
+waren die Russen. Zwei Monate später schreibt das Fräulein: »Der Einzug
+war prächtig durch die unglaubliche Volksmenge, die in geordneten Wagen,
+zu Pferd und zu Fuß festlich entgegenwallten ... Es erschien alles ruhig
+und würdig, ich möchte es die frohe Teilnahme eines gebildeten Volks
+nennen. Am Montag kam die Großfürstin zum erstenmal ins Theater. Sie
+können sich den klatschenden Jubel kaum denken. Ein Vorspiel von
+Schiller wurde gegeben, hierauf folgte Mitridat. Diese Prinzessin ist
+ein Engel an Geist, Güte und Liebenswürdigkeit; auch habe ich noch nie
+in Weimar einen solchen Einklang aus allen Herzen über alle Zungen
+ergehen hören, als seit sie der Gegenstand aller Gespräche geworden.
+Sie tut wirklich Wunder; auch unser Vater Wieland ist begeistert und
+macht wieder Verse.«
+
+Ein Jahr später kam der Kaiser Alexander nach Weimar zum Besuch seiner
+Schwester. Er wurde sehr gefeiert und bezauberte jedermann. Nach seiner
+Abreise schrieb Fräulein von Göchhausen an Böttiger: »Nächst dem
+Andenken im Herzen an den liebenswürdigen Kaiser hinterließ er auch
+blitzende Andenken in edlen Steinen. Sogar alle Hofdamen, worunter meine
+Wenigkeit sich auch befindet, erhielten reiche Geschenke an blitzenden
+Halsbändern, Kämmen und Gürtelschnallen. Der Kaiser, #le comte du Nord,#
+schickte Visitenkarten an die Damen vom ersten Rang und auch an Wieland.
+Künftigen Donnerstag kommt das erste preußische Regiment hier an; bald
+wird es wie in Wallensteins Lager hier aussehen. Unser Ländchen fühlt
+die schützende Nachbarschaft schwer. Die aufzubringenden
+Getreidelieferungen und die ins Land kommenden sechs- bis achttausend
+Mann lassen uns ängstliche Blicke in die Zukunft tun.«
+
+Während der Einquartierung unterhielten sich einmal einige preußische
+Offiziere in einem Weinhaus über die Wohnungen, die sie gefunden hatten.
+Ein alter, dickbäuchiger Major sagte: »Ich stehe da bei einem gewissen
+Gothe oder Goethe, weiß der Teufel, wie der Kerl heißt.« Man machte ihn
+aufmerksam, es sei der berühmte Dichter Goethe, wo er stehe, da
+antwortete er: »Kann sein, ja ja, nu nu, das kann wohl sein, ich habe
+dem Kerl auf den Zahn gefühlt, und er scheint mir Mucken im Kopfe zu
+haben.«
+
+Es kam nun die furchtbare Katastrophe der Schlacht von Jena und
+Auerstädt. Am 4. Oktober fuhren der König und die Königin von Preußen
+auf dem Wege nach Erfurt durch Weimar. Der Herzog befand sich bei dem
+preußischen Heere, das sein Oheim, der Herzog von Braunschweig,
+kommandierte. Die Herzogin-Mutter Amalie war nach Eutin geflohen, und in
+Weimar blieb nur die Herzogin Luise. Schon am Abend des Schlachttags
+trafen die gefürchteten Chasseurs ein, in der Nacht brach Feuer in der
+Nähe des Schlosses aus. Die Stadt wurde von den Franzosen drei Tage lang
+geplündert, manche Familie verlor Hab und Gut. Da sich Napoleon sehr
+ungehalten darüber zeigte, daß der Herzog von seiner Residenz abwesend
+und bei der preußischen Armee war, wurden zwei seiner treuesten Diener,
+der Oberforstmeister von Stein und der Leutnant von Seebach,
+abgeschickt, ihn zu suchen und zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Ihr
+Unternehmen blieb ohne Erfolg, und in der Not verfiel man auf den jungen
+Regierungsrat Müller und betraute ihn mit der schwierigen Aufgabe, den
+Herzog vom Heeresdienst abzurufen und heimzuholen. Nach vielen
+Abenteuern und Irrfahrten traf Müller den Herzog in Berlin, aber Karl
+August war durchaus nicht geneigt, den gewünschten Fußfall vor dem
+Kaiser zu tun. Napoleon, obwohl höchst ungnädig gegen den Herzog
+gestimmt, ließ ihn doch nicht fallen und verwirklichte keine seiner
+Drohungen, denn er brauchte ihn zur Vermittlung beim Kaiser Alexander.
+Das kleine Land aber wurde durch die Kriegskontributionen in schwere
+Drangsale gestürzt, und nicht immer gelang es dem klugen und
+diplomatisch geschickten Friedrich von Müller, das größte Elend
+abzuwenden. Die Unnachgiebigkeit Karl Augusts, der es immer wieder
+verweigerte, vor Napoleon in Audienz zu erscheinen, trug auch nicht dazu
+bei, den Kaiser milder zu stimmen, wenngleich er der Herzogin Luise
+gegenüber eine große, vielleicht empfundene Hochschätzung an den Tag
+legte.
+
+An den Festlichkeiten des Kongresses zu Erfurt nahm auch Weimar seinen
+Anteil. Napoleon hatte gewünscht, dem Kaiser Alexander das Schlachtfeld
+von Jena zu zeigen; dazu sollte eine große Jagd am Ettersberg und auf
+den Hügeln gegen Jena hin dienen. Friedrich von Müller berichtet darüber
+in seinen Memoiren:
+
+»Am 6. Oktober war der Weg von Erfurt nach dem Ettersberg von früh an
+mit unzähligen Wagen, Reitern und Fußgängern bedeckt. Es war der
+schönste, klarste Herbsttag, kein Wölkchen am ganzen Himmel. In der
+Nacht vorher waren mehrere hundert Hirsche und Rehe aus dem Ettersburger
+Walde gegen einen großen freien Rasenplatz zusammengetrieben und umzäunt
+worden. In der Mitte dieses freien Platzes hatte man einen ungeheuren
+Jagdpavillon errichtet, 450 Schritte lang und 50 Schritte breit, mit
+drei Abteilungen, wovon die mittlere für die beiden Kaiser und für die
+Könige bestimmt war. Der Pavillon ruhte auf mit Blumen und Zweigen
+umschmückten Säulen. Dicht dabei sah man große, freistehende Balkone,
+von denen bequem das Ganze überschaut werden konnte. Ringsumher liefen
+Buden und Zelte mit Erfrischungen. An der Waldgrenze gruppierten sich
+um große Feuer zur Bereitung von warmen Speisen und Getränken eine
+Unzahl von Landleuten, die das Zusammentreiben des Wildes die ganze
+Nacht hindurch ermüdet hatte. Dazwischen ertönten muntere Jagdhörner und
+Gesänge. Die Monarchen, an der Landesgrenze von dem Herzog und der
+ganzen Jägerei zu Pferde empfangen, langten mit ihrem Gefolge unter dem
+Schalle der Jagdfanfaren gegen ein Uhr mittags an. Nun wurde in
+einzelnen Abteilungen das Wild aus dem umzäunten Walde heraus und so
+getrieben, daß es am großen Pavillon in Schußweite vorüber mußte.
+Napoleon ergötzte sich ungemein an diesem Schauspiel und schien
+überhaupt sehr vergnügt. Um vier Uhr endigte die Jagd; nicht der
+geringste Unfall hatte sie getrübt. Ich war in Erfurt zurückgeblieben
+und beauftragt, dem Kaiser Napoleon noch vor seiner Abfahrt aufzuwarten,
+worauf ich mich eiligst nach Weimar verfügen sollte. Es war fünf Uhr,
+als die Monarchen unter dem Geläute aller Glocken in Weimar einzogen.
+Wie Napoleon sich in die für ihn bereiteten Zimmer begab, war ich
+zufällig der erste, auf den seine Blicke im Vorzimmer trafen. Er ging
+sehr freundlich auf mich zu, tat mir mehrere Fragen, und ich mußte ihm
+einige umstehende, ihm noch nicht bekannte Personen vorstellen. Eine
+Stunde darauf ging es zur kaiserlichen Tafel. Unfern davon war in einer
+großen Galerie die Marschallstafel von mehr als hundertfünfzig Personen
+bereitet. Ich hatte dem Minister, Staatssekretär Maret und dem
+Marschall Soult die Honneurs zu machen, bei denen ich saß. Aber wir
+waren noch kaum bis zur Hälfte des Diners gekommen, als gemeldet wurde,
+daß die Monarchen im Begriff seien, sich von ihrer Tafel zu erheben. Nun
+strömte alles dahin. Napoleon liebte bekanntlich sehr rasch zu speisen,
+doch hatte er sich dabei lebhaft mit seiner Nachbarin, der Herzogin von
+Weimar unterhalten. Nach kurzer Pause fuhr man in das Theater, wohin der
+Wagen der beiden Kaiser von weimarischen Husaren eskortiert wurde. Vor
+dem Schlosse stand ein sechzig Fuß hoher Obelisk, geschmackvoll
+erleuchtet, auf dessen Spitze eine helle Flamme loderte. Das ganze
+Schloß und seine Umgebungen sowie alle Straßen bis zum Schauspielhause
+waren illuminiert, die innere Einrichtung und Verteilung der Sitze im
+Theater ganz wie die zu Erfurt. Die französischen Schauspieler führten,
+wie ich schon oben erwähnt, #La mort de César# von Voltaire auf.
+Unbeschreiblich war der Eindruck. Talma als Brutus übertraf sich selbst.
+Bei der Stelle am Schlusse des ersten Aktes, wo Cäsar dem Antonius, der
+ihn vor den Senatoren warnt, antwortet:
+
+ #»Je les aurais punis, si je les pouvais craindre;
+ Ne me conseillez point de me faire hair.
+ Je sais combattre, vaincre et ne sais point punir,
+ Allons, n’écoutons point ni soupçons ni vengeance,
+ Sur l’univers soumis régnons sans violence,«#
+
+war es, als ob ein elektrischer Funke mächtig alle Zuschauer
+durchzuckte.
+
+»Hatte die Aufführung des Trauerspiels #La mort de César# immerhin
+etwas seltsam Ominöses gehabt, so mußte es auf diejenigen, die diesen
+Abend miterlebt hatten, noch lange nachher einen erschütternden Eindruck
+machen, als sie erfuhren, wie wenig gefehlt hatte, daß diese Aufführung
+wirklich zum größten Trauerspiel der neueren Weltgeschichte geworden
+wäre. Es hatte sich nämlich eine kleine Anzahl verwegener preußischer
+Offiziere, das Unglück und den trostlosen Zustand ihres Vaterlandes tief
+empfindend und von glühendem Haß gegen dessen Unterdrücker erfüllt,
+verschworen, den Kaiser Napoleon bei seinem Heraustreten aus dem Theater
+zu erschießen. Sie hatten die Lokalität aufs genaueste erkundet,
+Voranstalten zu ihrer eiligen Flucht nach vollbrachter Tat getroffen und
+sich zum größten Teil in Weimar unbemerkt versammelt, als noch im
+letzten Moment einer der Mitverschworenen ausblieb. Sei es, daß dieser
+Umstand die übrigen abschreckte, oder daß sie Reue empfanden, genug, das
+Vorhaben unterblieb. Welche Verwirrung, welche Greuel das Gelingen so
+grausiger Tat unmittelbar und zunächst für Weimar nach sich gezogen
+hätte, ist kaum zu ermessen.«
+
+Die Befreiung Deutschlands wäre durch einen Pistolenschuß erfolgt; die
+Hunderttausende von Opfern der nächsten Kriegsjahre hätten nicht
+geblutet, aber es hätte auch kein 1813, keine Erhebung des ganzen Volks
+gegeben, und so sehen wir wieder das Schicksal abseits von dem Willen
+der Menschen seinen ehernen Weg gehen.
+
+Karl August trat mit den übrigen Fürsten des ernestinischen Hauses dem
+Rheinbund bei. 1815 besuchte er den Wiener Kongreß persönlich. Graf
+Nostiz notiert über ihn in seinem Tagebuch: »Der alte Herzog von Weimar
+lebt so burschikos fort, wie er es immer getrieben. Die Welt gefällt
+ihm, und er ist ihr immer durch Lebenslust verbunden, wenn auch die
+Jahre seine Beweglichkeit schwächen.«
+
+Er trat als erster Großherzog zum deutschen Bund. 1825 feierte er sein
+fünfzigjähriges Regierungsjubiläum und seine goldene Hochzeit. Im Mai
+1827 hatte sich seine Enkelin mit dem Prinzen Karl von Preußen
+verheiratet, im Frühjahr darauf reiste Karl August zum Besuche des
+jungen Paares nach Berlin, und auf der Rückreise starb er auf dem Gestüt
+zu Graditz bei Torgau am 14. Juli 1828, 71 Jahre alt. Er ward beigesetzt
+in der Fürstengruft auf dem Friedhof der Jakobskirche zu Weimar, wohin
+er wenige Monate früher Schillers sterbliche Reste hatte bringen lassen
+und wo vier Jahre später auch Goethe begraben wurde.
+
+Die letzten Tage vor seinem Tode hatte er in fast beständiger
+Gesellschaft Alexanders von Humboldt verbracht, und Humboldt beschrieb
+diese Tage in einem Brief an den Kanzler Müller, der seinerseits wieder
+Goethe davon Mitteilung machte. In dem unvergleichlich schönen Gespräch,
+das Eckermann unterm 23. Oktober 1828 aufzeichnet, ist darüber eingehend
+zu lesen, und es möge, auch wegen des profunden und ewig gültigen
+Urteils, das Goethe über seinen Herzog fällt, zum Abschluß hier folgen.
+
+»Es war nicht ohne höhere günstige Einwirkung,« sagt Goethe, »daß einer
+der größten Fürsten, die Deutschland je besessen, einen Mann wie
+Humboldt zum Zeugen seiner letzten Tage und Stunden hatte. Ich habe mir
+von seinem Brief eine Abschrift nehmen lassen und will Ihnen doch
+einiges daraus mitteilen.«
+
+Goethe stand auf und ging zu seinem Pult, wo er den Brief nahm und sich
+wieder zu mir an den Tisch setzte. Er las eine Weile im stillen. Ich sah
+Tränen in seinen Augen. »Lesen Sie es für sich,« sagte er dann, indem er
+mir den Brief zureichte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab,
+während ich las.
+
+»Wer konnte mehr durch das schnelle Hinscheiden des Verewigten
+erschüttert werden,« schreibt Humboldt, »als ich, den er seit dreißig
+Jahren mit so wohlwollender Auszeichnung, ich darf sagen, mit so
+aufrichtiger Vorliebe behandelt hatte. Auch hier wollte er mich fast zu
+jeder Stunde um sich haben; und, als sei eine solche Luzidität wie bei
+den erhabenen schneebedeckten Alpen der Vorbote des scheidenden Lichtes,
+nie habe ich den großen, menschlichen Fürsten lebendiger, geistreicher,
+milder und an aller ferneren Entwicklung des Volkslebens teilnehmender
+gesehen als in den letzten Tagen, die wir ihn hier besaßen.
+
+Ich sagte mehrmals zu meinen Freunden ahnungsvoll und beängstigt, daß
+diese Lebendigkeit, diese geheimnisvolle Klarheit des Geistes, bei so
+viel körperlicher Schwäche, mir ein schreckhaftes Phänomen sei. Er
+selbst oszillierte sichtbar zwischen Hoffnung der Genesung und
+Erwartung der großen Katastrophe.
+
+Als ich ihn vierundzwanzig Stunden vor dieser sah, beim Frühstück, krank
+und ohne Neigung, etwas zu genießen, fragte er noch lebendig nach den
+von Schweden herübergekommenen Granitgeschieben baltischer Länder, nach
+Kometschweifen, welche sich unsrer Atmosphäre trübend einmischen
+könnten, nach der Ursache der großen Winterkälte an allen östlichen
+Küsten.
+
+Als ich ihn zuletzt sah, drückte er mir zum Abschied die Hand mit den
+heiteren Worten: ›Sie glauben, Humboldt, Töplitz und alle warmen Quellen
+seien wie Wasser, die man künstlich erwärmt? Das ist nicht Küchenfeuer!
+Darüber streiten wir in Töplitz, wenn Sie mit dem Könige kommen. Sie
+sollen sehen, Ihr altes Küchenfeuer wird mich doch noch einmal
+zusammenhalten.‹ Sonderbar! Denn alles wird bedeutend bei so einem
+Manne.
+
+In Potsdam saß ich mehrere Stunden allein mit ihm auf dem Kanapee; er
+trank und schlief abwechselnd, trank wieder, stand auf, um an seine
+Gemahlin zu schreiben, dann schlief er wieder. Er war heiter, aber sehr
+erschöpft. In den Intervallen bedrängte er mich mit den schwierigsten
+Fragen: über Physik, Astronomie, Meteorologie und Geognosie, über
+Durchsichtigkeit eines Kometenkerns, über Mondatmosphäre, über die
+farbigen Doppelsterne, über Einfluß der Sonnenflecke auf Temperatur,
+Erscheinen der organischen Formen in der Urwelt, innere Erdwärme. Er
+schlief mitten in seiner und meiner Rede ein, wurde oft unruhig und
+sagte dann, über seine scheinbare Unaufmerksamkeit milde und freundlich
+um Verzeihung bittend: ›Sie sehen, Humboldt, es ist aus mit mir!‹
+
+Auf einmal ging er desultorisch in religiöse Gespräche über. Er klagte
+über den einreißenden Pietismus und den Zusammenhang dieser Schwärmerei
+mit politischen Tendenzen nach Absolutismus und Niederschlagen aller
+freieren Geistesregungen. ›Dazu sind es unwahre, Bursche,‹ rief er aus,
+›die sich dadurch den Fürsten angenehm zu machen glauben, um Stellen und
+Bänder zu erhalten! – Mit der poetischen Vorliebe zum Mittelalter haben
+sie sich eingeschlichen.‹
+
+Bald legte sich sein Zorn und er sagte, wie er jetzt viel Tröstliches in
+der christlichen Religion finde. ›Das ist eine menschenfreundliche
+Lehre,‹ sagte er, ›aber von Anfang an hat man sie verunstaltet. Die
+ersten Christen waren die Freigesinnten unter den Ultras.‹«
+
+Ich gab Goethe über diesen herrlichen Brief meine innige Freude zu
+erkennen. »Sie sehen,« sagte Goethe, »was für ein bedeutender Mensch er
+war. Aber wie gut ist es von Humboldt, daß er diese wenigen letzten Züge
+aufgefaßt, die wirklich als Symbol gelten können, worin die ganze Natur
+des vorzüglichen Fürsten sich spiegelt. Ja, so war er! – Ich kann es am
+besten sagen, denn es kannte ihn im Grunde niemand so durch und durch
+wie ich selber. Ist es aber nicht ein Jammer, daß kein Unterschied ist
+und daß auch ein solcher Mensch so früh dahin muß! – Nur ein lumpiges
+Jahrhundert länger, und wie würde er an so hoher Stelle seine Zeit
+vorwärts gebracht haben! – Aber wissen Sie was? Die Welt soll nicht so
+rasch zum Ziele, als wir denken und wünschen. Immer sind die
+retardierenden Dämonen da, die überall dazwischen und überall
+entgegentreten, so daß es zwar im ganzen vorwärts geht, aber sehr
+langsam. Leben Sie nur fort und Sie werden schon finden, daß ich recht
+habe.«
+
+Die Entwicklung der Menschheit scheint auf Jahrtausende angelegt, sagte
+ich.
+
+»Wer weiß,« erwiderte Goethe, »– vielleicht auf Millionen! Aber laß die
+Menschheit dauern, so lange sie will, es wird ihr nie an Hindernissen
+fehlen, die ihr zu schaffen machen, und nie an allerlei Not, damit sie
+ihre Kräfte entwickle. Klüger und einsichtiger wird sie werden, aber
+besser, glücklicher und tatkräftiger nicht, oder doch nur auf Epochen.
+Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an ihr hat und er
+abermals alles zusammenschlagen muß zu einer verjüngten Schöpfung. Ich
+bin gewiß, es ist alles danach angelegt und es steht in der fernen
+Zukunft schon Zeit und Stunde fest, wann die Verjüngungsepoche eintritt.
+Aber bis dahin hat es sicher noch gute Weile, und wir können noch
+Jahrtausende und aber Jahrtausende auf dieser lieben, alten Fläche, wie
+sie ist, allerlei Spaß haben.«
+
+Goethe war in besonders guter erhöhter Stimmung. Er ließ eine Flasche
+Wein kommen, wovon er sich und mir einschenkte. Unser Gespräch ging
+wieder auf den Großherzog Karl August zurück.
+
+»Sie sehen,« sagte Goethe, »wie sein außerordentlicher Geist das ganze
+Reich der Natur umfaßte. Physik, Astronomie, Geognosie, Meteorologie,
+Pflanzen- und Tierformen der Umwelt und was sonst dazu gehört, er hatte
+für alles Sinn und für alles Interesse. Er war achtzehn Jahre alt, als
+ich nach Weimar kam; aber schon damals zeigten seine Keime und Knospen,
+was einst der Baum sein würde. Er schloß sich bald auf das innigste an
+mich an und nahm an allem, was ich trieb, gründlichen Anteil. Daß ich
+fast zehn Jahre älter war als er, kam unserm Verhältnis zugute. Er saß
+ganze Abende bei mir in tiefen Gesprächen über Gegenstände der Kunst und
+Natur und was sonst allerlei Gutes vorkam. Wir saßen oft tief in die
+Nacht hinein, und es war nicht selten, daß wir nebeneinander auf meinem
+Sofa einschliefen. Fünfzig Jahre haben wir es miteinander fort
+getrieben, und es wäre kein Wunder, wenn wir es endlich zu etwas
+gebracht hätten.«
+
+Eine so gründliche Bildung, sagte ich, wie sie der Großherzog gehabt zu
+haben scheint, mag bei fürstlichen Personen selten vorkommen.
+
+»Sehr selten,« erwiderte Goethe. »Es gibt zwar viele, die fähig sind,
+über alles sehr geschickt mitzureden; aber sie haben es nicht im Innern
+und krabbeln nur an den Oberflächen. Und es ist kein Wunder, wenn man
+die entsetzlichen Zerstreuungen und Zerstückelungen bedenkt, die das
+Hofleben mit sich führt und denen ein junger Fürst ausgesetzt ist. Von
+allem soll er Notiz nehmen. Er soll ein bißchen Das kennen und ein
+bißchen Das, und dann ein bißchen Das und wieder ein bißchen Das. Dabei
+kann sich aber nichts setzen und Wurzel schlagen, und es gehört der
+Fonds einer gewaltigen Natur dazu, um bei solchen Anforderungen nicht in
+Rauch aufzugehen. Der Großherzog war freilich ein geborener großer
+Mensch, womit alles gesagt und alles getan ist.«
+
+Bei allen seinen höheren wissenschaftlichen und geistigen Richtungen,
+sagte ich, scheint er doch auch das Regieren verstanden zu haben.
+
+»Es war ein Mensch aus dem Ganzen,« erwiderte Goethe, »und es kam bei
+ihm alles aus einer einzigen großen Quelle. Und wie das Ganze gut war,
+so war das Einzelne gut, er mochte tun und treiben, was er wollte.
+Übrigens kamen ihm zur Führung des Regiments besonders drei Dinge
+zustatten. Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden
+und jeden an seinen Platz zu stellen. Das war sehr viel. Dann hatte er
+noch etwas, was ebensoviel war, wo nicht noch mehr: Er war beseelt von
+dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe und wollte mit
+ganzer Seele nur das Beste. Er dachte immer zuerst an das Glück des
+Landes und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber. Edlen Menschen
+entgegenzukommen, gute Zwecke befördern zu helfen war seine Hand immer
+bereit und offen. Es war in ihm viel Göttliches. Er hätte die ganze
+Menschheit beglücken mögen. Liebe aber erzeugt Liebe. Wer aber geliebt
+ist, hat leicht regieren.
+
+Und drittens: Er war größer als seine Umgebung. Neben zehn Stimmen, die
+ihm über einen gewissen Fall zu Ohren kamen, vernahm er die elfte,
+bessere, in sich selber. Fremde Zuflüsterungen glitten an ihm ab, und er
+kam nicht leicht in den Fall, etwas Unfürstliches zu begehen, indem er
+das zweideutig gemachte Verdienst zurücksetzte und empfohlene Lumpe in
+Schutz nahm. Er sah überall selber, urteilte selber, und hatte in allen
+Fällen in sich selber die sicherste Basis. Dabei war er schweigsamer
+Natur, und seinen Worten folgte die Handlung.«
+
+Wie leid tut es mir, sagte ich, daß ich nicht viel mehr von ihm gekannt
+habe als sein Äußeres; doch das hat sich mir tief eingeprägt. Ich sehe
+ihn noch immer auf seiner alten Droschke, im abgetragenen, grauen Mantel
+und Militärmütze und eine Zigarre rauchend, wie er auf die Jagd fuhr,
+seine Lieblingshunde nebenher. Ich habe ihn nie anders fahren sehen als
+auf dieser unansehnlichen alten Droschke. Auch nie anders als
+zweispännig. Ein Gepränge mit sechs Pferden und Röcke mit Ordenssternen
+scheint nicht sehr nach seinem Geschmack gewesen zu sein.
+
+»Das ist,« erwiderte Goethe, »bei Fürsten überhaupt kaum mehr an der
+Zeit. Es kommt jetzt darauf an, was einer auf der Wage der Menschheit
+wiegt; alles übrige ist eitel. Ein Rock mit dem Stern und ein Wagen mit
+sechs Pferden imponiert nur noch allenfalls der rohesten Masse und kaum
+dieser. Übrigens hing die alte Droschke des Großherzogs kaum in Federn.
+Wer mit ihm fuhr, hatte verzweifelte Stöße auszuhalten. Aber das war
+ihm eben recht. Er liebte das Derbe und Unbequeme und war ein Feind
+aller Verweichlichung.«
+
+Spuren davon, sagte ich, sieht man schon in Ihrem Gedicht Ilmenau, wo
+sie ihn nach dem Leben gezeichnet zu haben scheinen.
+
+»Er war damals sehr jung,« erwiderte Goethe, »doch ging es mit uns
+freilich etwas toll her. Er war wie ein edler Wein, aber noch in
+gewaltiger Gärung. Er wußte mit seinen Kräften nicht wo hinaus, und wir
+waren oft sehr nahe am Halsbrechen. Auf Parforcepferden über Hecken,
+Gräben und durch Flüsse, und bergauf, bergein sich tagelang abarbeiten,
+und dann nachts unter freiem Himmel kampieren, etwa bei einem Feuer im
+Walde: das war nach seinem Sinne. Ein Herzogtum geerbt zu haben war ihm
+nichts, aber hätte er sich eines erringen, erjagen und erstürmen können,
+das wäre ihm etwas gewesen.
+
+Das Ilmenauer Gedicht,« fuhr Goethe fort, »enthält als Episode eine
+Epoche, die im Jahre 1783, als ich es schrieb, bereits mehrere Jahre
+hinter uns lag, so daß ich mich selber darin als eine historische Figur
+zeichnen und mit meinem eigenen Ich früherer Jahre eine Unterhaltung
+führen konnte. Es ist darin, wie Sie wissen, eine nächtliche Szene
+vorgeführt, etwa nach einer solchen halsbrecherischen Jagd im Gebirge.
+Wir hatten uns am Fuße eines Felsens kleine Hütten gebaut und mit
+Tannenreisern gedeckt, um darin auf trockenem Boden zu übernachten. Vor
+den Hütten brannten mehrere Feuer, und wir kochten und brieten, was die
+Jagd gegeben hatte. Knebel, dem schon damals die Tabakspfeife nicht kalt
+wurde, saß dem Feuer zunächst und ergötzte die Gesellschaft mit allerlei
+trockenen Späßen, während die Weinflasche von Hand zu Hand ging.
+Seckendorf, der schlanke, mit den langen, feinen Gliedern, hatte sich
+behaglich am Stamm eines Baumes hingestreckt und summte allerlei
+Poetisches. Abseits, in einer ähnlichen, kleinen Hütte, lag der Herzog
+im tiefen Schlaf. Ich selber saß davor, bei glimmenden Kohlen, in
+allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlungen von Bedauern über
+mancherlei Unheil, das meine Schriften angerichtet. Knebel und
+Seckendorf erscheinen mir noch jetzt gar nicht schlecht gezeichnet, und
+auch der junge Fürst nicht, in diesem düstern Ungestüm seines
+zwanzigsten Jahres.
+
+ Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,
+ Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;
+ Der Unfall lauert an der Seite
+ Und stürzt ihn in den Arm der Qual.
+ Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung
+ Gewaltsam ihn bald da bald dort hinaus,
+ Und von unmutiger Bewegung
+ Ruht er unmutig wieder aus.
+ Und düster wild an heitern Tagen,
+ Unbändig, ohne froh zu sein,
+ Schläft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen,
+ Auf einem harten Lager ein.
+
+So war er ganz und gar. Es ist darin nicht der kleinste Zug
+übertrieben. Doch aus dieser Sturm- und Drangperiode hatte sich der
+Herzog bald zu wohltätiger Klarheit durchgearbeitet, so daß ich ihn zu
+seinem Geburtstage im Jahre 1783 an diese Gestalt seiner früheren Jahre
+sehr wohl erinnern mochte.
+
+Ich leugne nicht, er hat mir anfänglich manche Not und Sorge gemacht.
+Doch seine tüchtige Natur reinigte sich bald und bildete sich bald zum
+besten, so daß es eine Freude wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.«
+
+Sie machten, bemerkte ich, in dieser ersten Zeit mit ihm eine einsame
+Reise durch die Schweiz.
+
+»Er liebte überhaupt das Reisen,« erwiderte Goethe, »doch war es nicht
+sowohl, um sich zu amüsieren und zu zerstreuen, als um überall die Augen
+und Ohren offen zu haben und auf allerlei Gutes und Nützliches zu
+achten, das er in seinem Lande einführen könnte. Ackerbau, Viehzucht und
+Industrie sind ihm auf diese Weise unendlich viel schuldig geworden.
+Überhaupt waren seine Tendenzen nicht persönlich egoistisch, sondern
+rein produktiver Art, und zwar produktiv für das allgemeine Beste.
+Dadurch hat er sich denn auch einen Namen gemacht, der über dieses
+kleine Land weit hinausgeht.«
+
+Sein sorgloses einfaches Äußere, sagte ich, schien anzudeuten, daß er
+den Ruhm nicht suche und daß er sich wenig aus ihm mache. Es schien, als
+sei er berühmt geworden ohne sein weiteres Zutun, bloß wegen seiner
+stillen Tüchtigkeit.
+
+»Es ist damit ein eigenes Ding,« erwiderte Goethe. »Ein Holz brennt,
+weil es Stoff dazu in sich hat, und ein Mensch wird berühmt, weil der
+Stoff dazu in ihm vorhanden. Suchen läßt sich der Ruhm nicht, und alles
+Jagen danach ist eitel. Es kann sich wohl jemand durch kluges Benehmen
+und allerlei künstliche Mittel eine Art von Namen machen. Fehlt aber
+dabei das innere Juwel, so ist es eitel und hält nicht auf den andern
+Tag.
+
+Ebenso ist es mit der Gunst des Volkes. Er suchte sie nicht und tat den
+Leuten keineswegs schön; aber das Volk liebte ihn, weil es fühlte, daß
+er ein Herz für sie habe.«
+
+
+
+
+Werke von Jakob Wassermann
+
+
+Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage.
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. Dreizehnte Auflage.
+
+Der Moloch. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage.
+
+Der niegeküßte Mund – Hilperich. Novellen.
+
+Alexander in Babylon. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Fünfte Auflage.
+
+Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage.
+
+Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. Neue wohlfeile
+Ausgabe. Neunte Auflage.
+
+Die Masken Erwin Reiners. Roman. Achte Auflage.
+
+Der goldene Spiegel. Erzählungen in einem Rahmen. Achte Auflage.
+
+Die ungleichen Schalen. Fünf einaktige Dramen.
+
+Faustina. Ein Gespräch über die Liebe. Zweite Auflage.
+
+Der Mann von vierzig Jahren. Roman. Zehnte Auflage.
+
+
+S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1915 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten
+p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger
+p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer
+p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer
+p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen
+p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler
+p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn
+p 195: Im Jahre 1656 -> 1756
+p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen
+p 234: [Punkt ergänzt] wie er selbst es geführt.
+p 274: [Punkt ergänzt] alle Zuschauer durchzuckte.
+
+Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
+folgenden Wörtern:
+
+Inful: Stirnbinde, Bischofsmütze
+Gelahrtheit: veraltet/dichterisch: Gelehrtheit
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1915 by S. Fischer. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten
+p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger
+p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer
+p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer
+p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen
+p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler
+p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn
+p 195: Im Jahre 1656 -> 1756
+p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen
+p 234: [added period] wie er selbst es geführt.
+p 274: [added period] alle Zuschauer durchzuckte.
+
+The original spelling has been maintained throughout the book.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by
+Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE CHARAKTERE ***
+
+***** This file should be named 18258-0.txt or 18258-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/8/2/5/18258/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://dp.rastko.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+creating derivative works based on this work or any other Project
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+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
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+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+electronic work or group of works on different terms than are set
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@@ -0,0 +1,7175 @@
+The Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by
+Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Deutsche Charaktere und Begebenheiten
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: April 26, 2006 [EBook #18258]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCH CHARAKTERE ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://dp.rastko.net
+
+
+
+
+
+
+ Deutsche Charaktere
+ und
+ Begebenheiten
+
+
+ Gesammelt und herausgegeben
+ von
+ Jakob Wassermann
+
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+ 1915
+
+
+
+ Mit elf Abbildungen.
+
+ Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung.
+ _Erste bis vierte Auflage._
+
+
+
+[Illustration: Hochzeitsfeier im Jahre 1548, nach einem Bildteppich im
+Kunstgewerbemuseum zu Berlin.]
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
+
+Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen . . . . . 23
+ nach Vehse
+
+Böttiger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
+ nach Vehse
+ und Schmieder, Geschichte der Alchimi
+
+Moritz von Sachsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
+ nach Vehse
+
+Wallenstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
+ nach Vehse
+
+Leonhard Thurneyßer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
+ nach Vehse
+ und Dr. Möhsen
+
+Danckelmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
+ nach Vehse
+
+Kaiser Rudolf II. und sein Hof . . . . . . . . . . . . . 131
+ nach Vehse
+
+Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel,
+mit Herrn Reichard Strein . . . . . . . . . . . . . . . . 145
+ nach Hohenecks
+ »Stände Östreichs ob der Ems«
+
+Friedrich Wilhelm I. von Preußen . . . . . . . . . . . . 148
+ nach Vehse
+
+Joachim Nettelbeck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
+ nach seiner Autobiographie
+
+Christian Holzwart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
+ nach dem Neuen Pitaval
+
+Karl August von Weimar . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
+ nach Vehse, Briefen
+ Eckermanns Gesprächen mit Goethe
+
+
+
+
+Vorwort
+
+
+Die folgende Zusammenstellung deutscher Schicksale und Ereignisse ist
+zum größten Teil bereits vor drei Jahren abgeschlossen gewesen, ich
+hatte aber die Veröffentlichung in dem Gefühl verschoben, daß ein
+solches Buch mehr als ein anderes von einem Bedürfnis gefordert werden
+müsse. Der gegenwärtige Krieg, den wir Deutsche als einen Nationalkrieg
+empfinden, macht es zur Pflicht, in der Erinnerung des Volkes die Bilder
+einiger seiner merkwürdigsten Männer wachzurufen. Es kam darauf an, das
+festzuhalten, was im allgemein Gültigen zugleich das begrenzteste
+Persönliche gibt; darum mußte ich den ursprünglichen Plan des Werkes
+verändern und diejenigen Lebensbeschreibungen, Erzählungen und Anekdoten
+entfernen, die mehr Romanhaftes und Interessantes hatten als
+Exemplarisches, mehr äußeren Bezug als inneren, mehr Oberfläche als
+Gehalt. Die Darstellung ist nicht die meine, sie ist zumeist wörtlich
+die der Historiker und der Quellen, die im Inhaltsverzeichnis namentlich
+angeführt werden; ich habe das Material übernommen, wie es sich bot, mit
+keinem andern Maßstab messend, als mit dem der fühl- und spürbaren
+Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, nur nach dem Gesichtspunkt ordnend, den
+ein natürlicher Überblick ergab. Den außerordentlichen Schicksalen,
+dient nur das Wort treu ihrem Verlauf, wohnt soviel Überzeugungskraft
+von selber inne, daß Stilkünste sie nur verschleiern und verzerren
+können, und wenn irgendwo, gilt hier der Feuerbachsche Ausspruch: Stil
+ist die Weglassung des Unwesentlichen. Es ist dieselbe Prozedur, die von
+der Geschichte, der Überlieferung in den meisten Fällen so gesetzmäßig
+und methodisch besorgt wird, wie von einem Strom, der alles trübe
+Gemengsel und unreinen Stoffe alsbald an die Ufer schwemmt oder auf den
+Grund sinken läßt.
+
+Ich habe es auch unterlassen, zwischen den losen Stücken durch
+Ausdeutung oder Betrachtung künstliche Brücken herzustellen; das
+Gemeinsame liegt in ihrem Geist und Wesen, die scheinbare Willkür in der
+Wahl kann sich nur auf einen Zwang der Phantasie berufen, die
+Entscheidung gab allein ihre deutsche Herkunft und deutsche
+Beschaffenheit.
+
+Unabweisbar drängt sich hier die Frage auf: Was ist ein deutscher
+Charakter, was ist ein deutsches Schicksal, was ist ein deutsches
+Ereignis?
+
+ * * * * *
+
+Spreche ich vom Deutschen schlechthin, so postuliere ich eine Gestalt,
+die aus der Erfahrung gezogen und zur Idee gesteigert ist; als solche
+schließt sie eine Summe von Eigenschaften in sich, welche sowohl dem
+Wesen des Volkes als Ganzes zukommen, als auch dem uns überlieferten
+Bilde repräsentativer Männer entsprechen. Den Maßstab hierzu liefert
+mir das lebendige und fließende Element der Geschichte. Indem sie mir
+eine zergliederte, beseelte Nachricht über das Ereignis gibt, wie auch
+über die Personen, die in ihm eine Rolle gespielt haben, erlaubt sie mir
+zugleich, Ereignis und Figur zu deuten, in freier Betrachtung zu
+erweitern und zu verallgemeinern. Das Gesetz begreifen, das Schicksal
+fühlen, die auf dem von der Menschheit bisher beschrittenen Weg gewaltet
+haben, ist das einzige Mittel, die Wege ihrer Zukunft wenigstens
+flüchtig und ahnend zu erleuchten.
+
+In diesem Sinne hat man vom deutschen Charakter zu reden und ihn als ein
+Umgrenztes und Unterscheidendes zu erklären. Es wäre nicht einmal
+notwendig, auf Stammeseigentümlichkeiten zu verweisen, auf ausgebildete
+und in jeder Landschaft anders geartete Merkmale der Sprache, auf die
+Landschaftsformen selbst, auf die wechselnden Lebensbedingungen, das
+größere oder geringere Maß von Freiheit, von Wohlfahrt, von
+Begünstigungen, die die Natur gewährt oder die durch vornehmliche Kraft,
+Tapferkeit, durch Fleiß oder Glück erworben wurden; man kann in einem so
+reichen, ja unendlich scheinenden Organismus, wie es eine Nation ist,
+eine unendliche Vielfalt und Variabilität der Lebenskristallisationen
+feststellen, und doch wird die Nation in ihrer Gesamtheit gegen eine
+andere, sei es auch benachbarte, sogar verwandte Nation ein völlig
+verschiedenes Lebens- und Wesensbild zeigen. Es eignet eben jeder
+Nation, genau wie jedem einzelnen, ihr besonderes Fundament, ihre
+besondere Willenskraft, ihre besonderen Ziele, und in der
+Zusammenfassung erleidet sie jenes Schicksal, zu dem ihr Charakter den
+Grund legt.
+
+Der Deutsche ward nicht in einem Garten geboren, die Natur hat ihn nicht
+verschwenderisch beschenkt. Die Berichte aus der Vorzeit erzählen schon
+von dem rauhen Klima und der Kargheit des Landes, das seine Bewohner zu
+unermüdlicher Arbeit aufforderte und durch Überfluß nicht verwöhnte.
+Seitdem ist die Erde williger geworden, die Atmosphäre milder, aber die
+Fülle oder nur die unerwartete Gabe hat der Bauer nie erfahren, der
+Gärtner, der Obstzüchter nie; genau nach dem Maß seines Tuns ward ihm
+gelohnt.
+
+Das Leben des Urvolks war gewiß dem Kindheitszustand aller andern Völker
+ähnlich; an den Grenzen finden die Feinde nur wenig natürliche
+Hindernisse; kriegerische Horden, von Osten und Westen her eindringend,
+zerstampfen die Saaten, verwüsten die Siedlungen; kann der Aufruf des
+Fürsten Bewaffnete genug erreichen und sammeln, so zieht er dem Bedroher
+entgegen und stellt ihn in freier Feldschlacht; ist er zu solchem
+Unternehmen zu schwach, so verschanzen sich die Mannen in ihren festen
+Plätzen. Immerhin mußte der Deutsche als Bewohner des Herzlands Europas
+mehr als andre drauf gefaßt sein, daß alles, was er baute und schuf, was
+er säte und sparte, was er liebte und schmückte, seine Bäume und sein
+Vieh, sein Heim und seine Kinder, sein Land und alle Werke darin, die
+Beute von schweifenden Eroberern wurde.
+
+Aber da eine feste politische Grenze nicht vorhanden war, konnte jeder
+Nachbar jederzeit zum Gegner, der Freund von gestern zum Feind von
+morgen werden. Die Folge davon, eine immer größere Zerstückelung des
+Gebiets, eine beständige Lostrennung einzelner Teile, die sich dann zu
+selbstwilligen und der Gesamtheit trotzig entgegengesetzten
+Interessensphären entwickeln, trat gar bald ein und enthüllte sich als
+ein nationales Unglück. Um das Jahr 1200 war ganz Deutschland der
+Schauplatz aufreibender egoistischer Kämpfe und eines Faustrechts, das
+jeden Besitz und jede friedliche Arbeit gefährdete. Um ihren Handel zu
+schützen, auf welchem allein der Wohlstand, ja die Existenz des
+Bürgertums beruhte, mußten die Städte zu Mitteln greifen, die sie auch
+als wehrhafte Macht in Achtung setzten, und nach und nach wurde jede
+Stadt, auch die nicht reichsfreie, zu einer Art von Republik. Da
+entstand nun die schönste und eigentümlichste Blüte der Volkskraft, ein
+beständiges inneres Wachstum bis in die Zeit der Reformation. Die großen
+Schwurgesellschaften übernahmen den Schutz des Privatlebens und
+ersetzten so den Staat, alle einzelnen traten in Genossenschaften
+zusammen, und diese wieder standen durch Bünde gegeneinander.
+
+Drohende Gefahr macht Wachsamkeit zur ersten Tugend. Ordnung muß die
+Vielzahl ersetzen, Zucht ist das Gebot, das die Freiheit fördert. Der
+Mann ist König in seinem Haus, Diener in brüderlichen Verbänden. Nur
+Arbeit verleiht Würde, nur Bewährung einen Vorrang, und ohne Hingebung
+an eine Sache wird der Geist für nichts geachtet. Wenn aber der Geist
+sich zur Sachlichkeit gesellt, entsteht die Idee, die das Individuum
+formt und das Gemeinwesen entwicklungsfähig macht. Welche Wege auch
+immer der Ritter, der Junker, der Gutsherr, der Bauer einschlug, die
+Zukunft der Nation lag in den Händen des Bürgers.
+
+Fast jede Stadt hatte etwas trotzig Ernstes, ja Finsteres; ihre Häuser
+drängten sich wie Männer, die Achsel an Achsel stehen, so dicht
+zusammen, daß für ein Blumenbeet der Raum nicht blieb. Die
+spitzgiebeligen Dächer erschienen als Wahrzeichen der zur Höhe
+gedrängten Kraft, die engen Gassen gaben das Gefühl der Umschlossenheit,
+und alles Schmuckwerk wuchs gleichsam aus der Not: die Zierlichkeit
+massiver Gitter, die geschwungenen Steinquadern unerschütterlicher
+Brücken, die Feinheit und zarte Gliederung erhabener Dome, deren
+ursprünglich fremde Formen dem deutschen Leben und Wesen immer mehr zu
+eigen wurden.
+
+Während alle andern abendländischen Völker verhältnismäßig früh zur
+Bildung eines staatlichen Organismus gelangten, war dies bei den
+Deutschen erst im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts der Fall.
+Deutsche Zerrissenheit war das Merkwort, mit dem sich der Deutsche
+selbst in die Unabänderlichkeit eines Weltzustandes ergab. Dies ist eine
+Tatsache, deren Grund zu erforschen sich wohl lohnt.
+
+Nach allem, was wir von dem Volk der Germanen wissen, scheint es, als ob
+ihr religiöses Leben durch den Eintritt in das Christentum eine
+bedeutende Störung erlitten, als ob eine natürliche Entfaltung ihrer
+religiösen Anlage ein andres Ergebnis gehabt hätte als das durch die
+Geschichte hervorgebrachte. Darauf läßt namentlich die immer wieder
+zutage tretende Abneigung der Deutschen gegen den Klerus, gegen das
+Papsttum und seine unumschränkte Gewalt schließen. Der Papst strebte
+nach Weltherrschaft; ein Weltimperium zu schaffen war auch der tiefe
+Wille der Deutschen; ist es nicht denkbar, daß die eingeborne Macht
+dieser Idee dadurch gebrochen worden ist, daß die Kaisergeschlechter der
+Salier, Franken und Schwaben eine Art Kompromiß schlossen, indem sie
+eine römische Weltherrschaft auf deutschem Boden gründen, die Nation in
+ein römisches Kaisertum verwandeln wollten? Es war dies eine poetische
+Idee und nicht eine politische, und darin liegt das Verhängnis, darin
+der Irrtum, der Stillstand, die Unfruchtbarkeit. Der Zug über die Alpen:
+das romantische Abenteuer; Italien, die zweite Heimat, Provinz des
+Lichtes und der Schönheit, der holde Traum, die Lockung der
+Jahrhunderte.
+
+Immer wieder setzen die Kräfte an diesem Punkte an, immer wieder brechen
+sie hier. Es lebte im Volk ein unbeirrbarer, bis ins Unbewußte
+gedrungener Glaube, daß es die Herrenrolle in Europa wieder übernehmen
+werde, die nach alten Überlieferungen die Ahnen der Vorzeit innegehabt;
+aber diese Überzeugung kam stets nur in den Leistungen und Werken
+einzelner zum Ausdruck und entbehrte dann auch nicht der Schwermut und
+Klage; das Staatswesen schien davon unberührt zu bleiben. Während die
+Reformation, diese deutscheste Bewegung in der deutschen Geschichte, die
+langersehnte geistige Befreiung schafft, findet der Staat im Kaiserhaus
+selbst einen Feind, der ihn beständig an Rom und an die Romanen verrät,
+und die Hoffnung der Freien und Befreiten wird durch den Dreißigjährigen
+Krieg, das größte Unglück, von welchem je ein Volk getroffen wurde,
+erstickt. Langsam sammeln sich die Kräfte wieder; es ist ein erhabenes
+Zeugnis für die der Nation innewohnende Tüchtigkeit und Kraft, daß sie
+kaum eines Jahrhunderts bedarf, um zu einer Blüte der Bildung und des
+geistigen Lebens zu gelangen, wie sie die Geschichte keines andern
+Volkes kennt, eine Blüte allerdings, die nach Gustav Freytags tiefem
+Wort die wundergleiche Schöpfung einer Seele ohne Leib ist.
+
+Erst mit dem Heraufkommen des preußischen Staates kündigt sich eine neue
+und verheißungsvolle Periode des nationalen Lebens an. Ein neues
+Lebensgesetz wird von den einzelnen ergriffen und bindet sie. Gleichsam
+gereinigt in der Glut geistiger Erlebnisse, vor einen reinen Spiegel
+hingestellt durch das Genie der Dichter, das Beispiel großer Feldherrn,
+großer Fürsten und im wahren Sinn protestantischer Volksfreunde,
+erkennen die Führer, erkennt das Volk die Notwendigkeit politischer
+Sammlung und finden den Weg, das Ideal praktisch zu verwirklichen. Alte
+Instinkte trotziger Selbständigkeit werden niedergezwungen und dem
+Allgemeinen dienstbar gemacht, schädliches Fremdes wird ausgeschieden,
+nützlich und tüchtig Fremdes angeschmolzen.
+
+[Illustration: Ziethen, nach einem Stich von Townley.]
+
+In preußischer Zucht und Schule wächst das neue Deutschland zur
+Erkenntnis und zur Erfüllung seiner Aufgabe heran. Dort vollzieht sich
+die Sonderung, die Wandlung, der Zusammenschluß. Ein König, dessen
+unerschütterliche Energie im Bewahren, Sammeln und Vorbereiten ihn zum
+Werkzeug des Schicksals und zum wahren Zimmermann der Fundamente macht,
+gibt aus scheinbar bürgerlicher Enge das ungeheure Wort von der
+Suveränität, die er als einen #rocher de bronze# statuiere, und ein
+Philosoph in ebenso scheinbarer bürgerlicher Enge formuliert den
+kategorischen Imperativ als Stützpunkt einer die ganze moderne Welt
+überwölbenden Moral- und Sittenlehre.
+
+Friedrich der Große war dann der Gestalter, wenn auch nicht der
+Vollender, die Verkörperung wesentlicher politischer und
+organisatorischer Eigenschaften, mit denen die neue Zeit ihre Arbeit
+beginnen konnte. Vielleicht war ihm am Ende seiner unvergleichlichen
+Laufbahn noch nicht einmal bewußt, wie sehr er Bürger war, indem er
+König war. Und da seine Taten ihn zum Helden machten, schuf er eben
+dadurch, daß er König und Bürger zugleich war, einen neuen Begriff des
+Heroischen, der durch seine Einfachheit und Menschlichkeit vorbildlich
+wurde. In ihm hat das deutsche Gesicht seine krönende Gültigkeit
+erhalten und seinen beredtesten Ausdruck.
+
+Das deutsche Gesicht! Es schwebt mir Christoph Ambergers Bildnis eines
+Augsburger Patriziers vor, und Holbeins Bildnis des Bürgermeisters
+Meyer, und Lukas Cranachs Bildnis eines alten Mannes; ich denke an
+Luthers Gesicht, an Keplers Gesicht, an Scharnhorsts und Nettelbecks
+Gesicht, an Sebastian Bachs und an Moltkes Gesicht; es sind immer
+dieselben Züge wie die von Brüdern und Gefährten in der Reihe der
+wechselnden Geschlechter.
+
+Sie wissen den Tod, ohne ihn zu sehen, sie spüren ihn, ohne ihn zu
+fürchten. Wie der Tod innerstes Gefühl wird, ist in dem Dürerschen
+Porträt des Patriziers Oswald Grell über alle Beschreibung wahr
+ausgedrückt, neben einem Antlitz von feierlich ernster Versunkenheit ist
+eine Landschaft mit zarten Bäumen hingesetzt wie die Vision einer
+höheren Welt.
+
+Was macht ihr Auge so schön, so merkwürdig? Ist es der traumvolle Blick,
+der dennoch im Lichte badet, die Güte ohne Weichheit, die Strenge ohne
+Härte? Oder das Wissen um menschliche Dinge, um die deutsche Not, die
+Menschennot? Es wohnt ein Horchen in ihm, wie durch Stimmen aus der
+Überwelt erzeugt, ein ungewisser Schimmer, der auf Vertrautheit mit den
+letzten Entscheidungen des Schicksals deutet. Im Schluß der Lippen liegt
+ein bewältigter Zorn, der sich bald in Trauer wenden mag, oder eine
+Stille, die die Resignation trotzig ablehnt; die Nase ersteht aus
+Gruben, die von Seelenleiden ausgehöhlt sind, und um die Schläfen zuckt
+es wie Nachgewitter von Leidenschaften, die gegen die Mitte der Stirne
+hin sich in einen See ruhiger und reiner Gedanken auflösen.
+
+Dem Deutschen ward verliehen, die Dinge zu sehen und durch die Dinge
+hindurch sich in ein Verhältnis zu Gott zu begeben. Zwischen ihm und
+Gott steht das Ding; das Ding wird sein eigen oder Gott wird sein eigen,
+er wird Gottes oder auch des Dinges. Symbolisch groß sieht man deshalb
+auf der Dürerschen Melancholia eine Leiter, eine Sanduhr, einen Zirkel,
+einen Würfel, ein Winkelmaß und manche andere »Dinge«.
+
+In vielen deutschen Märchen ist der schlummernde Königssohn, der
+Schläfer, Siebenschläfer, Scheinschläfer eine Figur wie aus
+Selbstanklage und dunkler Verheißung gewebt. Leicht versank der Deutsche
+in sich selbst, verlor sich, vergaß sich, verspielte sich, versäumte die
+Stunde, die Gelegenheit, die Tat. Kehrte er aber einmal sein Inwendiges
+nach außen, so war seine Tat so heftig, wie vorher der Traum von ihr
+glühend. Es mußte aber ein Unbedingtes sein, ein Höheres, gleichsam
+nicht mehr das Ding, sondern Gott, was ihn wandelte. Dann bot er sich
+zum Opfer an, und das Opfer war ihm selbstverständlich, die eigene
+Person stets der Preis, den er ohne Prahlerei, mit vollkommener
+Einfachheit des Gemütes einsetzte.
+
+Niemand kann kleiner sein als der Deutsche, wenn ihn die Alltäglichkeit
+beherrscht, niemand platter und lichtloser; niemand aber auch größer,
+wenn das Unbedingte an ihn herantritt, das Pathos großer Ereignisse ihn
+hinaufreißt. In keiner Sprache gibt es ein Wort, das den Zustand
+unnützer und spielerischer Wehrhaftigkeit so in den Bereich des
+Komischen stellte wie das Wort Spießbürger; aber in keiner auch ein
+Wort, das höchste Tugend so karg und metallen ausdrückte, wie das Wort
+Held. Spießbürger und Held, das sind die Pole deutschen Lebens, und daß
+aus einem Spießbürger ein Held werden kann, hat der Deutsche in jeder
+Stunde der Gefahr bewiesen. Hierzu brauchte er nur den Glauben an die
+Gerechtigkeit der Sache; es durfte nur der Sache nichts Erschlichenes
+anhaften, nichts Künstliches, nichts Verfeinertes, nichts Advokatisches;
+sie mußte sozusagen rauh und urtümlich sein und ihn im Mittelpunkt des
+Herzens treffen, dann wurde sein Herz zum Mittelpunkt der Welt.
+
+Seine Anteilnahme kann bis zur Unbequemlichkeit lärmen, doch seine
+Begeisterung ist fast immer von stiller Art. Romanischen Völkern eignet
+oft eine Begeisterung ohne Tiefe, eine müßige und eitle, der
+begleitenden Tat ermangelnde; deutsche Begeisterung ist wie Essenfeuer;
+Hammer und Amboß, Huf und Schwert sind nicht weit davon entfernt. Der
+still Begeisterte, mehr Erglühte als Entflammte, das ist der Mensch, der
+des Fanatismus nicht fähig ist, und die Zustände jenseit der
+Selbstbesinnung finden wir beim Deutschen mehr im Gebiet des Religiösen
+und rein Geistigen, der Mystik und des Prophetentums, als in dem der
+Politik und des gemeinen Lebens.
+
+So ist auch das Exzentrische dem deutschen Wesen fremd; seine Anlage ist
+konzentrisch. Er ist gefaßt; er weiß um seine Grenzen, wennschon sein
+Verlangen stets nach dem Grenzenlosen geht. Er ist beschaulich, bleibt
+aber nicht im Bilde ruhen, sondern verirrt sich gern in die Labyrinthe
+der Spekulation. Alles muß für ihn Bezug haben, Verbindung, Folge, --
+insoweit es das Geistige betrifft; daher seine Schwerfälligkeit, seine
+Pedanterie, sein Respekt vor dem Wissen, sein Zuviel an Schulbildung,
+sein Mangel an Glätte, an Schmiegsamkeit und an Manier. Insoweit es
+aber das Gemüthafte betrifft, braucht er keinen Bezug und achtet keine
+Folge; da wird ihm die Welt zum einheitlichen Gebilde, das Schicksal ein
+gerechter Herr, und in seiner Seele ist die Menschheit.
+
+Wichtig vor allem ist ihm die Scholle; erstes Gesetz, die Hantierung,
+die er gelernt, zur Vollkommenheit auszubilden; einem Herrn zu dienen
+Bedürfnis und Freude; einen großen Gedanken in seiner Brust zu hegen und
+zu wärmen beinahe Kultus. In den Zeiten seiner politischen Unreife
+übersah er, daß die Scholle nur ein winziger Teil des Ganzen ist und
+segensvoller gedeiht, wenn auf der Nachbarscholle nicht der beargwöhnte
+Gegner, sondern der mitwirkende Freund haust; bedachte er nicht, daß die
+Hantierung vom Allgemeinen aus- und zum Allgemeinen zurückgehen muß,
+damit ineinanderwachsende Kräfte durch Überlieferung erstarken und
+erblühen können und nicht das einzelne vereinzelt mit sich selber
+stirbt; mißkannte er, daß es keinen Herrn gibt, der nicht der Diener
+seiner Diener ist; versäumte es, sich zum Herren seiner Herren zu machen
+und so, im Geflecht von Ordnung und Herrschaft, von Bürgerpflichten und
+Herrenrechten, von Herrenpflichten und Bürgerrechten das glückliche
+Glied eines glücklichen Volkes zu werden.
+
+Dies ist anders geworden. Es war ein Prozeß, so schwierig und
+langwierig, daß die Besten immer wieder an ihrer Hoffnung verzweifelten
+und das Blut edler Märtyrer vergeblich geopfert schien. Der Prozeß ist
+gewonnen. Das verflossene Jahrhundert hat die deutsche Nation
+wiedergeboren, sie aus romantischer Dämmerung an den lichten Tag der
+Geschichte geführt und ihr, in Pflicht und Liebe, in Neigung und
+Interesse das Reich der Realität geöffnet. »Der Realismus, welchen man
+rühmend oder zürnend die Signatur der Gegenwart nennt,« sagt Gustav
+Freytag, »ist in Kunst und Wissenschaft, im Glauben wie im Staate nichts
+als die erste Bildungsstufe einer aufsteigenden Generation, welche das
+Detail des gegenwärtigen Lebens nach allen Richtungen zu vergeistigen
+sucht, um dem Gemüt neuen Inhalt zu geben.«
+
+Der Deutsche hat die ihm gemäße Art von Politik gefunden; ich möchte sie
+die Politik des unbeirrbaren Triebes nennen; die Politik der Entfaltung,
+der Erkenntnis und der Bestimmung. Sie kann der Winkelzüge, der
+veralteten Rezepte und geheimen Wege entraten, da sie auf den
+natürlichen Rechten des Geistes und Herzens ruht, nicht auf
+willkürlichen Machenschaften, sondern auf einer Notwendigkeit und einer
+welthistorischen Idee.
+
+Der Siebenschläfer, aufgewacht ist er ja längst, hat sich auf diesem
+Planeten ein gewaltiges Haus gebaut. Gestern ist es unter Dach gebracht
+worden. Schon grüßen die Tannenreiser vom First.
+
+
+
+
+Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen
+
+
+Nach dem glücklich beendeten Siebenjährigen Krieg sah Friedrich unter
+seinen Tischgenossen vorzüglich gern den alten General Ziethen. Wenn
+gerade keine fürstlichen Personen zugegen waren, mußte Ziethen immer an
+der Seite des Königs sitzen. Einstmals hatte er ihn auch zum Mittagessen
+am Karfreitag eingeladen, aber Ziethen entschuldigte sich; er könne
+nicht erscheinen, weil er an diesem hohen Festtag immer zum heiligen
+Abendmahl gehe und dann lieber in seiner andächtigen Stimmung bleibe; er
+dürfe sich darin nicht unterbrechen und stören lassen. Als er das
+nächstemal zur königlichen Tafel in Sanssouci erschien und die
+Unterredung wie stets einen heiteren, fröhlichen und geistreichen Gang
+genommen hatte, wandte sich der König mit scherzender Miene an seinen
+Nachbar. »Nun, Ziethen,« sagte er, »wie ist Ihm das Abendmahl am
+Karfreitag bekommen? Hat Er den wahren Leib und das wahre Blut Christi
+auch ordentlich verdaut?« Ein lautes spöttisches Gelächter schallte
+durch den Saal der fröhlichen Gäste. Der alte Ziethen aber schüttelte
+sein graues Haupt, stand auf, und nachdem er sich vor seinem König tief
+gebeugt, antwortete er mit fester Stimme: »Eure Majestät wissen, daß ich
+im Kriege keine Gefahren fürchte und überall, wo es darauf ankam, für
+Sie und das Vaterland mein Leben gewagt habe. Diese Gesinnung beseelt
+mich auch heute noch, und wenn es nützt und Sie es befehlen, lege ich
+meinen Kopf gehorsam zu Ihren Füßen. Aber es gibt einen über uns, der
+ist mehr als Sie und ich und mehr als alle Menschen, das ist der Heiland
+und Erlöser der Welt, der für Sie gestorben und uns alle mit seinem Blut
+teuer erkauft hat. Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und
+verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube. Mit der Kraft dieses
+Glaubens hat Ihre brave Armee mutig gekämpft und gesiegt. Unterminieren
+Eure Majestät diesen Glauben, so unterminieren Sie die Staatswohlfahrt.
+Das ist gewißlich wahr. Halten zu Gnaden.«
+
+Die Tafelgesellschaft war totenstill geworden. Der König war sichtbar
+ergriffen. Er erhob sich, reichte dem General die rechte Hand, legte die
+linke auf seine Schulter und sagte: »Glücklicher Ziethen! Möchte ich es
+auch glauben können! Ich habe allen Respekt vor Seinem Glauben. Bewahre
+Er ihn. Es soll nicht wieder geschehen.«
+
+Kein Mensch hatte den Mut, ein Wort weiter zu reden. Auch der König fand
+zu einem andern Gespräch keinen schicklichen Übergang, er hob die Tafel
+auf und gab das Zeichen zur Entlassung. Dem General Ziethen befahl er:
+»Komme Er mit in mein Kabinett.«
+
+
+
+
+Böttiger
+
+
+Unter die große Zahl merkwürdiger Männer, die das achtzehnte Jahrhundert
+in Deutschland hervorbrachte, gehört auch Johann Friedrich von Böttiger,
+der zufällige Erfinder des Porzellans. Böttiger war ein geborener
+Sachse; er ward geboren zu Schleiz im Vogtlande, wo sein Vater bei der
+Münze angestellt war. Da seine Mutter sich zum zweitenmal mit dem
+magdeburgischen Stadtmajor und Ingenieur Tiemann verheiratete, erhielt er
+frühzeitig Unterricht in der Mathematik und in der Fortifikationskunst,
+zeigte aber eine auffallende Neigung zur Chemie. Schon mit zwölf Jahren
+kam er als Lehrling in die Zornsche Apotheke nach Berlin, wo er sich
+sofort aufs Goldlaborieren legte. Er wurde dabei durch den berühmten
+Johann Kunkel aufgemuntert, der im Zornschen Haus verkehrte und von dem
+jungen Menschen so bezaubert war, daß er überall seine Talente und
+Kenntnisse rühmte.
+
+Um diese Zeit reiste ein großer Unbekannter durch Europa, der unter
+mancherlei Namen und vielfach verkleidet auftrat. Er schien kein anderes
+Ziel zu haben, als die Ehre der Alchimie zu retten, und verwendete
+darauf ungeheure Summen, wenn auch mit großer Vorsicht. Wenn die
+Transmutationen nach seinen Angaben versucht wurden und Aufsehen
+erregten, war er immer schon weit entfernt und durch Namenwechsel
+unerreichbar geworden. Er kehrte nicht leicht dahin zurück, wo er schon
+gewesen, oder doch in ganz veränderter Gestalt. Dieser Unbekannte,
+welcher Goldsamen ausstreute, bezeichnete sich, wenn man nach Pässen und
+dergleichen fragte, als einen griechischen Bettelmönch und nannte sich
+Laskaris; er wollte Archimandrit eines Klosters auf der Insel Mytilene
+sein und führte als solcher auch ein Beglaubigungsschreiben des
+Patriarchen von Konstantinopel mit sich. Da er das Griechische vollendet
+sprach und sich auch sonst keine Blöße gab, wurde seinen Angaben
+geglaubt, und man war sogar geneigt, ihn für einen Abkömmling der
+kaiserlichen Familie Laskaris zu halten. Er sammelte Almosen zur
+Loskaufung von Christen, die in türkische Gefangenschaft geraten waren,
+allein man wollte bemerkt haben, daß er weit mehr an die Armen
+verschenkte, als ihm die Kollekte eintrug, und demnach mochte es ihm mit
+seiner Mission wenig ernst sein. Die Nachrichten über ihn beruhen auf
+dem Zeugnis glaubhafter Personen, die ihn als einen Mann von gefälligem
+Betragen schildern, sehr unterrichtet und voll von Interessen, was eher
+auf einen gebildeten Abendländer, als auf einen morgenländischen
+Klosterbruder schließen läßt.
+
+Als der geheimnisvolle Fremde im Jahre 1701 nach Berlin kam, erkundigte
+er sich bei dem Gastwirt, ob es in Berlin auch Alchimisten gebe. An
+dergleichen Narren sei kein Mangel, antwortete treuherzig der Wirt und
+nannte unter anderen den Apotheker Zorn. Der Fremde ging bald darauf in
+die Zornsche Offizin und fragte nach einem chemischen Medikament. Der
+Provisor befahl einem Gehilfen, den Laboranten zu rufen. Es erschien ein
+junger Mensch, der Lehrling Böttiger. Auf die Frage des Fremden, ob er
+dem Laboratorium vorstehe, weil man ihn den Laboranten nenne, erwiderte
+er gutmütig lachend, man tue dies zum Spaß, weil er in seinen
+Nebenstunden zuweilen chemische Experimente mache. Dem fremden Herrn
+gefiel der Jüngling, und zur Einleitung einer näheren Bekanntschaft trug
+er ihm auf, ein Antimoniumpräparat herzustellen und ihm dieses ins
+Gasthaus zu bringen.
+
+Als Böttiger das bestellte Präparat brachte, plauderte der Fremde mit
+ihm. Böttiger wurde zutraulich und gestand, daß er den Basilius
+Valentinus besitze und unverdrossen nach ihm arbeite. Er wiederholte
+seine Besuche und gewann die Gunst des Fremden immer mehr. Als dieser
+endlich abreisen wollte und die Pferde schon warteten, ließ er Böttiger
+noch einmal rufen und eröffnete ihm, daß er selbst das große Geheimnis
+besitze, und schenkte ihm zwei Unzen von seiner Tinktur, mit der
+Anweisung, daß er noch einige Tage davon schweigen, dann aber die
+Wirkung der Tinktur zeigen möge, wenn er wolle, damit man in Berlin die
+Alchimisten nicht mehr Narren schelte.
+
+Nach der Entfernung des Fremden säumte Böttiger nicht, sich von dem Wert
+des Geschenks zu überzeugen. Bald zeigte er den Gehilfen, die ihn bis
+dahin verspottet hatten, gutes Gold als Produkte seiner Kunst und sagte,
+er sei entschlossen, die Pharmazie aufzugeben, nach Halle zu gehen und
+Medizin zu studieren. In der Tat nahm er den Abschied von seinem
+Prinzipal und bezog eine Mietwohnung. Er verkehrte mit Alchimisten,
+vornehmlich mit einem Laboranten namens Siebert. Eines Tages wurde er
+von dem Apotheker Zorn zu Tisch gebeten. Er traf dort zwei Freunde, den
+Pfarrer Winkler von Magdeburg und den Pfarrer Borst von Malchow. Die
+beiden Geistlichen vereinigten sich, dem achtzehnjährigen Menschen
+vorzustellen, daß er zum sicheren Broterwerb zurückkehren und nicht
+einer eingebildeten Kunst nachhängen solle; das Unmögliche, sagten sie,
+könne er doch nicht möglich machen. Er aber erbot sich, das Unmögliche
+sogleich möglich zu machen, und forderte sie auf, Zuschauer zu sein. Die
+ganze Tischgesellschaft verfügte sich nun mit ihm in das Laboratorium.
+
+Hier nahm Böttiger einen Tiegel und wollte Blei darin schmelzen, als
+aber die Gegner sein Blei verdächtig finden wollten, wählte er statt
+dessen Silbergeld von bekanntem Gehalt. Die preußischen
+Zweigroschenstücke waren damals fünflötig, und von diesen nahm er
+dreizehn Stück. Während sie zusammenschmolzen, brachte er eine silberne
+Büchse hervor, die den Stein der Weisen in Gestalt eines feuerroten
+Glases enthielt. Er löste davon einige Körnchen ab, streute sie auf das
+fließende Metall und verstärkte die Glut. Danach reichte er den
+Zweiflern das ausgegossene Metall dar, und staunend überzeugten sich
+diese, daß es zum reinsten Gold geworden war.
+
+Dem Laboranten Siebert zeigte Böttiger eine größere Transmutation in
+andern Metallen. Siebert mußte acht Lot Quecksilber in einem Tiegel heiß
+machen; auf die Masse warf Böttiger soviel als ein Handkorn groß von
+einem braunroten Pulver, das er zuvor in Wachs impastiert hatte. Dadurch
+wurde das Quecksilber ganz und gar in Pulver verwandelt, dieses Pulver
+wickelte er in Blei und ließ es schmelzen. Nach einer Viertelstunde war
+alles Metall zu Gold geworden.
+
+Diese und andere Proben, welche Böttiger neugierigen Bekannten zeigte,
+machten ihn bald zum Helden des Tages, und das um so mehr, als er nicht
+für gut fand, die Wahrheit zu gestehen, sondern sich selbst als Erfinder
+des Pulvers bewundern zu lassen. Die Erfahrenen nannten ihn Adeptus
+ineptus und prophezeiten ihm Unheil, welche Prophezeiung sich auch bald
+erfüllte. Die Stadtgespräche drangen in die königlichen Vorzimmer und
+bis zu König Friedrich I. selbst. Der König ließ nachfragen und fand es
+geboten, sich des jungen Adepten zu versichern. Schon war Befehl
+erteilt, ihn zu verhaften, als ein Bekannter ihn warnte. In der Nacht
+verließ er Berlin zu Fuß und eilte, Wittenberg zu erreichen. Während er
+über die Elbe gesetzt ward, sah er hinter sich ein preußisches Kommando,
+das man ihm nachgeschickt hatte. In Wittenberg wohnte seiner Mutter
+Bruder, der Professor Kirchmaier, der auch als alchimistischer
+Schriftsteller von sich reden gemacht hatte. Bei ihm wäre Böttiger
+geborgen gewesen, allein der preußische Hof reklamierte ihn in Dresden
+als preußischen Untertan. Der Grund hierzu blieb bei dem erregten
+Aufsehen kein Geheimnis; der sächsische Hof ward aufmerksam. Man
+verweigerte die Auslieferung, weil sich ergab, daß er in Sachsen geboren
+sei. König August II. ließ ihn nach Dresden bringen und freute sich, daß
+ihm ein so seltener Vogel zugeflogen war, denn die Nachrichten aus
+Berlin ließen ihn nicht daran zweifeln, daß Böttiger wirklich ein Adept
+sei.
+
+Böttiger zeigte dem Statthalter Fürstenberg die Tinktur und ihre
+Wirkung. Er überließ ihm eine Probe seines Arkanums, auch ein Gläschen
+voll Merkur, und damit reiste Fürstenberg zum König nach Warschau.
+Fürstenberg mußte einen Eid leisten, daß er mit dem König nicht früher
+eine Probe machen würde, als bis er auf Ehre und Gewissen versprochen
+habe, Zeugen nicht zuzulassen, auch weder jetzt noch künftig jemandem
+das Geheimnis zu entdecken. Ferner hatte Böttiger es ihm eingeschärft,
+nicht ohne Gottesfurcht und Frömmigkeit ans Werk zu gehen, weil darauf
+unendlich viel ankomme.
+
+Kaum war Fürstenberg beim König angelangt, als im Zimmer des Königs ein
+Hund die Schachtel umwarf, in der sich das Glas mit Merkur befand, so
+daß dieses zerbrach. Böttiger hatte versichert, der Merkur sei von ganz
+besonderer Beschaffenheit, er war also in Warschau nicht zu ersetzen.
+Nichtsdestoweniger nahmen am zweiten Weihnachtsfeiertag, in tiefer
+Nacht, in einem der innersten Zimmer des Schlosses und bei verriegelten
+Türen der König und Fürstenberg die Probe vor. Die beiden Tiegel, die
+Böttiger mitgegeben hatte, wurden mit Kreide bestrichen, in den größeren
+Tiegel die Tinktur mit Merkur, wie er in Warschau zu kaufen war, und
+Borax getan, der zweite Tiegel darauf gestürzt und die Masse anderthalb
+Stunden lang ins Glühfeuer gestellt. Das Resultat des Prozesses war
+nicht Gold, sondern ein so fester Körper, daß man die Tiegel zerschlagen
+mußte, um ihn zu gewinnen. Fürstenberg schrieb an Böttiger, daß der
+König selbst über zwei Stunden beim Feuer gesessen sei; an der gehörigen
+Frömmigkeit habe es bestimmt nicht gefehlt, da der König zwei Tage
+vorher das heilige Abendmahl genossen und er, der Fürst, seine Gedanken
+ebenfalls einzig auf Gott gerichtet habe; trotzdem sei das Experiment,
+dessen Gelingen Böttiger dem König so sicher vorgespiegelt habe,
+gänzlich mißlungen.
+
+Im Januar 1702 kehrte Fürstenberg wieder nach Sachsen zurück. Er traf
+Böttiger, der in seinem Hause wie ein Gefangener behandelt wurde, höchst
+unzufrieden; der lebenslustige junge Mensch drohte sich zu ermorden,
+wenn man ihm nicht die Freiheit gebe. Fürstenberg ließ ihn deshalb auf
+die Festung Königstein bringen, doch hier wurde Böttiger noch viel
+wilder. Nach einem Bericht des Kommandanten schäumte er wie ein Pferd,
+brüllte wie ein Ochse, knirschte mit den Zähnen, rannte mit dem Kopf
+gegen die Mauer, arbeitete mit Händen und Füßen, kroch an den Wänden
+entlang und zitterte am ganzen Leibe. Zwei starke Soldaten konnten
+seiner nicht Herr werden; er hielt den Kommandanten für den Engel
+Gabriel, verzweifelte wegen der Sünde an dem heiligen Geist an seiner
+ewigen Seligkeit und trank dabei oft zwölf Kannen Bier täglich, ohne
+betrunken zu werden. Man konnte nicht klar sehen, ob alles dies auf
+Verstellung beruhte.
+
+Nun kam aber der Befehl vom Statthalter, ihn nach Dresden zu schaffen,
+und Fürstenberg nahm ihn wieder in sein Haus. Hier war es, wo er mit dem
+berühmten Tschirnhausen bekannt wurde. Ehrenfried Walter von
+Tschirnhausen gehörte zu Fürstenbergs vertrautesten Freunden. Sooft er
+von seinem alten Stammgut Kieslingswalde nach Dresden kam, wohnte er
+beim Statthalter und arbeitete beim Fürsten in dessen Laboratorium. Er
+war einer der ausgezeichnetsten Naturverständigen seiner Zeit, durch ihn
+sind in Sachsen die Glashütten eingeführt worden. Er hatte zwölf Jahre
+lang ganz Europa bereist und war Mitglied der Pariser Akademie der
+Wissenschaften. Wie Kunkel in Berlin, so nahm sich Tschirnhausen in
+Dresden Böttigers an, und dies verlieh Böttiger auf einmal wieder große
+Wichtigkeit, so daß man jahrelang Geduld mit ihm hatte und immer hoffte,
+er werde das große Werk leisten. Er selbst hoffte es.
+
+[Illustration: Joh. Friedr. Böttiger, nach einem Medaillon im Museum zu
+Gotha.]
+
+Böttiger erhielt nun seine Einrichtung im königlichen Schloß. Er
+bewohnte zwei Zimmer mit der Aussicht auf den Hofgarten, den sogenannten
+Probiersaal und einige Gewölbe zum Laborieren, die große Opernstube als
+Billardzimmer und das Kirchstübchen des Gärtners zu seiner Andacht. Alle
+Räume waren neu möbliert worden. Er durfte in dem an seine Wohnung
+stoßenden Feigengarten spazieren gehen, und wenn er ausfahren wollte,
+stand ihm eine königliche Equipage zur Verfügung. Zu seiner
+Beaufsichtigung wurde der Sekretär Nemitz bestimmt, der dafür ein
+besonderes Zimmer im Schloß hatte, nach Belieben Gäste einladen konnte,
+aber bei Verlust seiner Freiheit für Böttiger verantwortlich war. Außer
+Tschirnhausen durfte niemand ohne seine Erlaubnis zu Böttiger gehen. Ein
+Baron Schenk war angewiesen, Böttiger in dessen freien Stunden
+Gesellschaft zu leisten, ihm die Zeit zu vertreiben und, wenn er es
+verlangte, im roten Zimmer mit ihm zu speisen. Es speisten auch viele
+andere Personen bei ihm, so der Bergrat Pabst von Ohain, der berühmte
+Metallurg, der geheime Kammerier Starke, ein Liebling des Königs, der
+seine Schatulle besorgte, und der Sekretär Malhieu; Tschirnhausen, der
+Böttiger so lieb gewonnen hatte, daß er sich mehr in Dresden als in
+Kieslingswalde aufhielt, war häufig sein Gast und brachte manchmal den
+Statthalter mit. Böttigers Deputat im Schlosse waren mittags und abends
+fünf Gerichte mit Wein und Bier. Das Tafelgerät war aus Silber. Er
+konnte Geld haben soviel er wollte, man hielt ihm sogar Mätressen wie
+einem vornehmen Kavalier.
+
+Böttigers Umgang hatte, wenn er bei Laune war, ungemein viel
+Anziehendes. Er war ein jovialer Mensch mit der lebendigsten
+Unterhaltungsgabe, mit der er alle zu bezaubern wußte. Der Statthalter
+lebte mit ihm auf vertrautem Fuß, fuhr oft mit ihm nach Moritzburg auf
+die Jagd, die Böttiger leidenschaftlich liebte, und schrieb ihm die
+zärtlichsten Briefe. Auch der König, der sich mit Bezug auf Böttiger
+überschwenglichen Hoffnungen hingab, behandelte ihn in seinen Briefen
+mit großer Rücksicht. Er gratulierte ihm zum neuen Jahr, versichert ihm
+wiederholt, daß der Statthalter die Vollmacht habe, alles nach Böttigers
+Belieben einzurichten, und ihm niemand aufdringen dürfe, der von
+»widrigem Naturell« sei. In Briefen des Königs an andere wird er
+Monsieur Schrader genannt oder »die Person« oder »der Bewußte« oder
+»l'homme de Wittenberg«; Böttiger selbst unterzeichnete sich nur mit
+seinen beiden Vornamen oder mit Notus.
+
+Anderthalb Jahre lang war Böttiger vor dem Mißtrauen des Königs durch
+den Hund geschützt, der in Warschau die Schachtel mit dem Merkurglas
+umgeworfen hatte und der Vorwand genug gab, zu sagen, der König und sein
+Minister seien bei dem Tingierversuch ohne Geschick verfahren. Während
+dieser anderthalb Jahre lebte Böttiger in Herrlichkeit und Freude. Sein
+Aufenthalt kostete dem König vierzigtausend Taler. Böttiger war bei den
+Leuten von gutem Ton allgemein beliebt. Man speiste gern bei ihm, denn
+er legte jedem Gast eine große, goldene Schaumünze von eigener Arbeit
+unter den Teller; dies bewog sogar die Damen, sich zahlreich bei ihm
+einzufinden. Man spielte auch gern mit ihm, weil er gern verlor.
+
+Die hohe Ehre hatte seinen Kopf so gänzlich eingenommen, daß er kaum der
+Möglichkeit gedachte, sein Schatz könne erschöpft werden. Allenfalls
+erwartete er von einigen Winken, die Laskaris im Gespräch hatte fallen
+lassen, daß sie ihn auf den rechten Weg führen würden, wenn es Zeit sei,
+ihn zu suchen. Diese Zeit schob er leichtsinnig hinaus, bis endlich
+Bedürfnis und Verlegenheiten mahnten, an die Auffindung der Goldquelle
+mit Ernst zu denken. Da fand er sich aber in seiner Hoffnung bedroht.
+Was er auch probierte, alles schlug fehl, und er überzeugte sich, daß er
+sich die Sache zu leicht gedacht habe und weit vom Ziel entfernt sei.
+Die berechnende Politik seiner Gönner wähnte sich jetzt am Ziel.
+Böttigers sechs Bediente waren schon längst gewonnen und belauerten ihn
+Tag und Nacht. Was sie berichteten, gefiel nicht mehr. Man argwöhnte,
+daß er die Umstellung merke und absichtlich das Rechte verfehle, um
+seine Kunst für sich zu behalten. Da erfuhr man, daß er Vorbereitungen
+treffe, um heimlich nach Österreich zu entweichen, und nun wurde seine
+Wohnung, sogar sein Zimmer mit Wachen besetzt.
+
+Indessen hatte Laskaris, der noch in Deutschland reiste, seinen jungen
+Freund nicht aus den Augen verloren, und der üble Ausgang, welchen
+Böttigers Angelegenheiten in Dresden zu nehmen drohten, machte ihm
+Sorge, da er sich vorwerfen mußte, den Jüngling in Versuchung geführt zu
+haben. Er entschloß sich daher, ihn zu befreien und große Opfer nicht zu
+scheuen. In solcher Absicht wagte er sich im Jahre 1703 zum zweitenmal
+nach Berlin. Er ließ einen jungen Arzt, den Doktor Pasch, zu sich
+kommen, der mit Böttiger vertrauten Umgang gehabt hatte und unternehmend
+genug zu sein schien. Diesem eröffnete er alle Schwierigkeiten, trug ihm
+auf, nach Dresden zu gehen, dem König Böttigers Unwissenheit zu erklären
+und ihm für dessen Freilassung die Summe von achtmalhunderttausend
+Dukaten zu bieten, die man in Holland oder in einer beliebig zu
+bestimmenden deutschen Reichsstadt erheben könne. Um den Sendboten von
+der Aufrichtigkeit seines Anerbietens zu überzeugen zeigte er ihm einen
+Vorrat von Tinktur, der über sechs Pfund wog. Er bewies ihm durch
+Versuche, daß mit dieser Masse ein Zentner Gold in lauter Tinktur
+verwandelt werden könne, die dann noch drei- bis viertausend Teile
+Metall in Gold zu veredeln vermöge. Er gab ihm eine Probe für den König
+mit und versprach, ihn ebenso reich wie Böttiger zu beschenken, wenn er
+sich seines Auftrages gut entledigte.
+
+Doktor Pasch begab sich auf den Weg. Er war mit zwei Herren verwandt,
+die am Dresdner Hof großen Einfluß hatten. Durch ihre Vermittlung hoffte
+er leichter zum König zu gelangen und machte ihnen deshalb sein Anliegen
+bekannt. Sie urteilten aber, ein so hoher Preis werde den König eher
+bestimmen, den Verhafteten noch besser zu bewahren, weil es ja den
+Anschein habe, als lasse Böttiger selbst durch dritte Hand soviel für
+seine Freiheit bieten. Außerdem meinten sie auch, daß dem König an ein
+paar Millionen Talern nicht soviel gelegen sein könne als ihnen, und sie
+kamen überein, Böttiger in der Stille fortzuschaffen und den Preis mit
+Doktor Pasch zu teilen.
+
+Auf ihre Veranstaltung bezog Pasch eine Wohnung dicht neben dem Hause,
+worin Böttiger bewacht wurde. Er konnte ihm aus dem Fenster zuwinken,
+wurde sogleich von ihm erkannt, fand Mittel, ihm Briefe zu schicken,
+erhielt auf demselben Weg die Antworten, gab ihm Kunde von der nahenden
+Hilfe und verabredete mit ihm den Plan der Flucht.
+
+Böttigers Bediente ließen sich das Hin- und Hertragen der Briefe gut
+bezahlen, berichteten aber höheren Orts über den Briefwechsel und
+lieferten die folgenden Briefe aus. Nichtsdestoweniger gelang es
+Böttiger zu fliehen. Er kam bis nach Enns in Österreich, wurde aber dort
+aufgegriffen und nach Sachsen auf den Sonnenstein zurückgebracht. Doktor
+Pasch war dritthalb Jahre lang Gefangener auf der Feste Königstein. Nach
+vielen Bemühungen zeigte sich ein Soldat willig, ihm zur Flucht zu
+verhelfen. Beide ließen sich an einem Seil herab, welches aber nicht bis
+zum Boden reichte; der Soldat kam glücklich an, Pasch jedoch fiel auf
+einen Felsen und zerbrach das Brustbein. Sein Gefährte trug ihn bis zur
+böhmischen Grenze, und von da gelangte er auf Umwegen nach Berlin
+zurück. Den Adepten Laskaris sah er nicht wieder, und seine Klagen, wie
+er vergeblich Jugend und Gesundheit zugesetzt habe, wurden stadtkundig
+in Berlin. Der König ließ ihn vor sich kommen und hörte seine Erzählung
+an. Sein Körper blieb siech von jenem Fall; nach anderthalb Jahren starb
+er.
+
+Auf dem Sonnenstein wurde Böttiger sehr streng bewacht. Im Januar 1704
+kam der König August nach Sachsen und lernte Böttiger persönlich kennen.
+Er bestand darauf, daß der Bergrat Pabst zur Bereitung des großen Arkans
+bei Böttiger förmlich Unterricht nehme. Pabst, Tschirnhausen und der
+Statthalter beschworen nun feierlich sechsunddreißig Kontraktpunkte, die
+auch der König durch seinen schriftlichen Eid unverbrüchlich zu halten
+versprach. Böttiger machte zur Bedingung, daß von dem gewonnenen Golde
+»nichts zur Üppigkeit sündhaften Aktionibus, boshafter Verschwendung,
+unnötigen und unbilligen Kriegen verwendet werden dürfe; auch dürfe, wer
+das Arkan besitze, nie einem Herrn dienen, der öffentlichen und
+schändlichen Ehebruch treibe und unschuldiges Blut vergieße«.
+
+Im September 1705 übergab Böttiger auf zwanzig Folioseiten einen Prozeß
+zum Universal; kurz darauf machte er einen Tingierversuch, welcher
+gelang, aber der Kämmerer Starke sagte, es wären verschiedene Umstände
+passiert, die »zu einem konzentrierten Betrug ziemlichen Soupson
+gegeben«. Wiederholt bat nun Böttiger um seine Freiheit und machte den
+König vor Christi Richterstuhl dafür verantwortlich. Der König ließ ihn
+aber nicht los; vom Sonnenstein wurde er auf die Albrechtsburg bei
+Meißen geschafft, dann kam er wieder auf den Königstein und im Herbst
+1707 nach Dresden zurück.
+
+Hier ließ er nun Materialien aller Art herbeischaffen und verfuhr nach
+der berühmten mephistischen Tafel, das heißt, er kochte alles
+durcheinander. Und so, ganz zufällig, erfand er eines Tages, es war das
+sechste Jahr seiner Haft, das braune Jaspisporzellan und später, als er
+schon etwas methodischer zu Werke ging, das weiße Porzellan. Nach
+Tschirnhausens Rat bildete er diese Erfindungen technisch aus, wobei er
+seiner enthusiastischen Natur gemäß so eifrig war, daß er mehrere
+Nächte in kein Bett kam. In einem Schreiben an den König gestand er
+endlich, daß er kein Adept sei.
+
+Der König begnügte sich jedoch mit dem Porzellan, das ihm bei der
+damaligen Kostbarkeit des chinesischen Porzellans beinahe so lieb wie
+eine Goldfabrik war. Die Manufaktur wurde sofort im großen durch
+herbeigezogene holländische Steinbagger betrieben. Das auf der
+Albrechtsburg zu Meißen hergestellte Porzellan verdrängte bald das
+chinesische und japanische, für das der König August noch Millionen
+ausgegeben hatte, und wurde einer der begehrtesten Luxusartikel der
+eleganten Welt. Eine Menge Dinge, die bisher aus Marmor, Metall oder
+Holz gemacht waren, wurden jetzt aus Porzellan fabriziert, sogar Särge;
+die Witwe eines Oberstallmeisters wurde in einem Porzellansarg begraben,
+der aber beim Hinuntersenken in die Gruft zerbrach. Wahrscheinlich
+hatten neidische Tischler die Leichenträger bestochen. Die
+Hauptkunstwerke, die man in Meißen herstellte, waren die kleinen, aufs
+feinste und schönste bemalten Figuren, und wie der »zerbrochene
+Spiegel«, »das Blumenmädchen«, »die fünf Sinne« beweisen, brachte man es
+darin zu einer hohen Vollendung. Der Vertrieb der Fabrik stieg bis über
+zweimalhunderttausend Taler, und die Kosten betrugen nur die Hälfte;
+gegen achtzig Kommissionslager und Handelshäuser führten das
+Verkaufsgeschäft.
+
+Des Fabrikgeheimnisses wegen mußte Böttiger noch eine Zeitlang
+Gefangener bleiben, doch zeigte sich der König sehr gnädig gegen ihn,
+besuchte ihn häufig auf der Bastei und schoß mit ihm nach der Scheibe.
+Er erhielt Zutritt zu den Privataudienzen, sooft er wünschte, und
+wiederholt befahl der König, ihn vor Ärgernis zu schützen. Er schenkte
+ihm einen Ring mit seinem Bildnis, einen jungen Bären und ein Paar Affen
+und gab ihm offenen Kredit bei dem Hofjuden Meyer. Sechs Jahre nach der
+Erfindung wurde ihm die Meißner Porzellanfabrik zur freien Disposition
+ohne alle Rechnungslegung überlassen. Er lebte in Dresden auf großem
+Fuß, hielt eine zahlreiche Dienerschaft und eine Menge Hunde.
+Ausschweifungen in der Liebe und im Trunk verkürzten sein Leben; er
+starb im März 1713, erst vierunddreißig Jahre alt.
+
+
+
+
+Moritz von Sachsen
+
+
+Kurfürst Moritz war der Sohn Herzog Heinrichs des Frommen und am 21.
+März 1521 geboren. Er war ein kräftiger Mann, geschmeidigen Körperbaus;
+sein braunes Gesicht verkündete den Helden. Seine Augen waren so
+glänzend, daß sie funkelten und wie von Flammen sprühten; schaute er
+unversehens jemand an, so mußte dieser den Blick niederschlagen. Seltsam
+waren in seiner Erziehung die Elemente gemischt. Sein Vater, den die
+Untertanen wegen seiner Gutmütigkeit liebten, war bei aller Frömmigkeit
+ein Mann ganz eigenen Schlages. Er hatte einen sonderbaren Geschmack am
+Bunten und eine sonderbare Vorliebe für Kanonen. Er ließ anstößige
+Bilder auf die Kanonen malen, und Lukas Cranach mußte ihm dazu die
+Zeichnungen machen. Er kaufte alle schönen Gemälde für seine Kanonen,
+die er nur auftreiben konnte, und obgleich er das Geschütz nie brauchte,
+konnte man ihm doch keine größere Freude bereiten, als wenn man ihm
+sagte, Kaiser Karl habe von seinen Kanonen gesprochen. Vom Hof seines
+Vaters kam Moritz an den des Kurfürsten von Mainz und sah hier das üppig
+schwelgerische Treiben eines katholischen Kirchenfürsten. Und dann
+weilte er bei seinem Vetter Johann Friedrich von Sachsen, wo er die
+traurige Einförmigkeit eines protestantischen Hofes der damaligen Zeit
+kennen lernte. Johann Friedrich hatte große Schwächen, der kluge Moritz
+durchschaute sie, er faßte einen Widerwillen gegen den Vetter, er konnte
+ihn nicht leiden, den dicken Hoffart, wie er ihn zu nennen pflegte.
+
+Noch ehe er zwanzig Jahre alt war, vermählte er sich mit Agnes, der
+Tochter Friedrichs des Großmütigen von Hessen. Sein Vater war über die
+verfrühte Ehe so unglücklich, daß der Kummer sein Leben verkürzte; er
+starb wenige Monate nach der Hochzeit, und Moritz folgte ihm in der
+Regierung. Trotz seiner Heiratsungeduld mußte aber seine Frau später
+über ihn klagen, daß er die Wildschweinsjagd ihrer Gesellschaft
+vorziehe.
+
+Moritz bekannte sich zur evangelischen Lehre wie sein Vater, aber er
+trat nicht in den schmalkaldischen Bund, so oft ihn auch sein Vetter,
+der Kurfürst, und sein Schwiegervater, der Landgraf, darum mahnten. Er
+vermochte in der neuen Lehre nicht die Summe alles Heils zu sehen. Er
+weigerte sich, eine Verbindung gegen den Kaiser abzuschließen, im
+Gegenteil, er näherte sich dem Kaiser, je mehr sich die Bundesgenossen
+von ihm entfernten. Er wollte nicht der Trabant _dieser_ Bundesgenossen
+sein, er fand seinen nächsten und unmittelbaren Vorteil beim Kaiser.
+Deshalb ließ er durch seinen Vertrauten Christoph Carlowitz mit
+Granvella unterhandeln und kam dann im Mai 1546 persönlich zum Kaiser
+nach Regensburg; hier trat er in den Dienst des Kaisers ein. Karl
+ernannte ihn nicht nur zum Exekutor, Konservator und Schirmer von
+Magdeburg und Halberstadt, nach deren Besitz Moritz schon lange
+getrachtet hatte, sondern er versprach ihm auch die Kur Sachsen. Der Tag
+von Mühlberg verschaffte ihm den Kurhut wirklich, und es schien ihn
+nicht zu beirren, daß durch diese Schlacht sein Vetter in das bitterste
+Unglück geriet. Luther hatte wohl recht gehabt, als er einmal bei der
+Tafel den Kurfürsten davor gewarnt hatte, in Moritz einen jungen Löwen
+aufzuziehen.
+
+Ende April 1547 rückten das kaiserliche Heer und die Scharen Herzog
+Moritz' gegen Mühlberg. Der Kaiser Karl war ritterlich anzusehen, er saß
+auf einem andalusischen Roß, das mit einer rotseidenen, goldbefransten
+Decke behangen war; er war ganz in blanken Waffen, sein Helm und Panzer
+vergoldet, mit dem roten burgundischen Feldzeichen geschmückt; in der
+Rechten hielt er eine Lanze. Die Gicht hatte ihn grau und müde gemacht,
+sein Gesicht war leichenblaß, die Glieder wie gelähmt, die Stimme so
+schwach, daß man sie kaum vernahm. Zu früh aber hatten die Protestanten
+ihn wie einen Verstorbenen betrachtet. Karl zitterte jedesmal, bevor er
+die Waffenrüstung anlegte, aber dann erfüllte ihn plötzlich der Mut. So
+war es auch am Tag von Mühlberg.
+
+Die ersten, die das Ufer der Elbe erreichten, waren Moritz und Herzog
+Alba. Ein Bauer verriet ihnen, daß Johann Friedrich in der Stadtkirche
+zu Mühlberg den Sonntagsgottesdienst abwarte, daß er sein Fußvolk schon
+nach Wittenberg vorausgeschickt habe und nach der Predigt mit den
+Reitern folgen wolle. Die spanischen Hakenschützen erhielten sofort den
+Befehl, hinüber zu schwimmen; sie taten es, indem sie sich entkleideten
+und die Säbel zwischen die Zähne nahmen. So bemächtigten sie sich der
+Brücke, die die Kurfürstlichen vergebens anzuzünden versucht hatten, und
+die sie zerstörten. Der Kaiser hatte schon über den dichten Nebel
+geklagt, der über der ganzen Gegend lag, jetzt gegen Mittag erhob sich
+der Nebel langsam. Er erblickte die Elbe, die Sonne trat heraus, aber
+sie war rot wie glühendes Eisen und schien den ganzen Tag über still zu
+stehen. Als später der König von Frankreich den Herzog Alba fragte, ob
+sich denn wirklich bei dieser Schlacht die Geschichte Josuas erneuert
+habe, erwiderte dieser: »Sire, ich hatte zu viel auf Erden zu tun, um
+bemerken zu können, was am Himmel vorging.« Gegen alles Erwarten wurde
+dem Kaiser durch einen Müller namens Strauch, dem die Kurfürstlichen
+zwei Pferde weggeführt hatten, eine Furt gezeigt; Moritz, sein
+Landesherr, versprach ihm dafür hundert Kronen, zwei andere Pferde und
+einen Herrenhof. Die Furt war von festem Boden, sieben Pferde konnten
+nebeneinander gehen, das Wasser reichte den Reitern bis an die Sättel.
+Einige Kavaliere des Kaisers hatten große Furcht, wenn der Kaiser selbst
+nicht vorangeritten wäre, hätten sie nicht gewagt, sich einer solchen
+Gefahr auszusetzen. Am jenseitigen Ufer angelangt, schickte Moritz
+einen seiner Offiziere mit einem Trompeter an den Kurfürsten und ließ
+ihn auffordern, sich dem Kaiser zu ergeben. Johann Friedrich schlug es
+ab. Er glaubte nicht an den Ernst der Dinge. Er konnte nicht glauben,
+daß ein ganzes Heer die Elbe durchwaten könne; er vermutete ganz und gar
+nicht, daß der Kaiser selbst gegen ihn anziehe; er zog sich vorsichtig
+zurück, und seinem bedächtigen Sinn wurde die Situation erst klar, als
+die Angriffe der kaiserlichen Armada immer ungestümer wurden. Jetzt
+empfand er mit einemmal die große Verantwortlichkeit, daß er sich gegen
+den ihm von Gott gesetzten Herrn, gegen das allerhöchste Reichsoberhaupt
+vergangen habe. Auf freiem Felde fiel er vor seinen Leuten auf die Knie,
+hob die Augen und Hände empor und betete: »Ach Gott im Himmel! Bin ich
+mit meinem Vornehmen gegen die Majestät ungerecht, so strafe mich, aber
+nicht mein Volk.«
+
+Er stellte sein kleines Heer in Schlachtordnung auf und bestieg einen
+schweren friesischen Hengst; er trug einen schwarzen Harnisch mit weißen
+Streifen und darunter noch ein Panzerhemd mit kleinen Ringen.
+
+Es war vier Uhr nachmittags. Der Vortrab der Kaiserlichen rückte zur
+Hauptattacke zusammen; es waren die Reiter von Herzog Moritz, die
+Neapolitaner und die Husaren. Mit dem Ruf »Hispania« und »das Reich«
+brachen sie los. Die Kurfürstlichen feuerten. Aber von der anderen Seite
+her rückten die vollen Gewalthaufen des Kaisers an. Die Haltung ihres
+Kriegsfürsten hatte der kleinen sächsischen Armee wenig Zuversicht und
+heldenmütiges Vertrauen eingeflößt. Da nun die Gefahr sich deutlich
+offenbarte, rief er sie an, getreu bei ihm zu stehen, wie er getreu bei
+ihnen stehen werde. Trotzdem kam allgemeine Verwirrung über die Leute.
+Aber es traf noch etwas weit schlimmeres ein. Der Patrizier Imhof aus
+Nürnberg, der unter Karls Fahnen diente, erzählt: »Es ist seltsam zu
+vernehmen, wie des Kurfürsten Räte und große Hansen, so er bei sich
+gehabt, mit ihm umgegangen sind. Wie die Schlacht angegangen, hat der
+Kurfürst seinem Volke zugeschrien: 'er wolle auf diesen Tag Leib und
+Blut bei ihnen lassen, sie sollten auch ehrlich halten bei ihm.' Als nun
+das Treffen angegangen, haben seine Räte und großen Hansen, auf die er
+sich verlassen, zur Flucht geschrien, auch unter sein eigenes Volk
+gehauen und gestochen und die Ordnung seiner Haufen getrennt. Das habe
+ich zu Torgau von etlichen von Karl gehört, auch habe ich an der
+Walstatt gesehen, daß alles durch Verräterei zugegangen.«
+
+Das Heer stob auseinander, die Ritter zuerst, und als das Fußvolk die
+Ritter fliehen sah, warf es Gewehre und Piken weg und suchte sein Heil
+gleichfalls in der Flucht. Die Ritter entkamen, aber das Schicksal des
+Fußvolks war schrecklich; obwohl es die Waffen weggeworfen hatte und um
+Pardon bat, ward es samt und sonders niedergehauen. Karl, von Gottes
+Gnaden römischer Kaiser, allzeit Mehrer des Reiches, zu Hispanien König,
+hatte ausdrücklichen Befehl erteilt, alles über die Klinge springen zu
+lassen. Damals lernte man im Herzen von Deutschland das Haus
+Hispanien-Habsburg mit seinen Husaren kennen.
+
+Johann Friedrich, den seine Ritter verlassen hatten, sah sich plötzlich
+ganz allein im Wald, wo alles voller Leichen lag, von Husaren vorn und
+hinten umgeben. Der schwerbeleibte Herr mußte sich zur Wehr setzen, er
+tat es ritterlich. Ein Ungar hatte ihn in die linke Backe gehauen, das
+Blut rann ihm über das Gesicht auf den schwarz und weißen Harnisch
+herab. Dennoch wollte er sich diesen Husaren und auch den
+neapolitanischen Reitern, die ihn umdrängten, nicht ergeben. Endlich
+sprengte ein Herr vom Hofgesinde des Herzogs Moritz heran, Thilo von
+Trotha; dieser rief ihn auf deutsch an, Pardon zu nehmen. Johann
+Friedrich ergab sich an diesen Deutschen; er zog einen Ring unter seinem
+Panzerhandschuh hervor. Die Waffen des sächsischen Kurfürsten, Schwert
+und Dolch, fielen den Ungarn zur Beute zu.
+
+Thilo von Trotha brachte den gefangenen Kurfürsten unter einer Bedeckung
+von neapolitanischen Reitern zum Herzog von Alba. Dieser erstattete dem
+Kaiser Meldung. Karl wollte den edlen Fang sogleich sehen, aber dreimal
+weigerte sich der sonst so pflichtbewußte Alba, denn aus politischen
+Gründen fürchtete er mit Recht, daß Karl in der ersten Hitze den
+Kurfürsten allzu ungnädig behandeln werde. Der Kaiser bestand aber auf
+seinem Willen. Er hielt in der Heide zu Pferd.
+
+Als der noch aus seinen Wunden blutende Johann Friedrich des Kaisers
+ansichtig wurde, den er in seinen Absagebriefen als »Karl von Gent, der
+sich römischer Kaiser heißt« betitelt hatte, seufzte er tief und rief
+aus: #»Miserere miserere mei domine, nos sumus jam hic!«# Der Kaiser
+erkannte den friesischen Hengst wieder; es war derselbe, den Johann
+Friedrich vor drei Jahren auf dem Reichstag zu Speier geritten hatte.
+Von Alba unterstützt stieg der Kurfürst vom Pferd, wollte nach
+spanischer Sitte vor dem Kaiser aufs Knie fallen und zog auch wieder
+nach deutscher Sitte seinen Blechhandschuh aus, um als Kurfürst dem
+Kaiser die Hand zu reichen. Karl lehnte sowohl die spanische Devotions-
+als die deutsche Vertraulichkeitsbezeigung ab. Er war sehr finster; er
+wendete sich zur Seite. Endlich brach der Kurfürst das Stillschweigen
+mit der Titulatur, mit der ihm die Kurfürsten schrieben. Er sprach:
+»Großmächtigster, allergnädigster Kaiser.« Karl erwiderte: »Ja, ja, nun
+bin ich Euer gnädiger Kaiser; Ihr habt mich lange nicht so geheißen.«
+Der Kurfürst fuhr fort: »Ich bin auf diesen Tag Euer Gefangener und
+bitte um ein fürstlich Gefängnis. Kaiserliche Majestät wolle sich gegen
+mich als einen geborenen Fürsten halten.« Darauf sagte der Kaiser
+zornig: »Ja, wie Ihr verdient habt. Ich will mich so gegen Euch halten,
+wie Ihr Euch gegen mich gehalten habt. Führt ihn hin! Wir wissen uns
+wohl zu halten.«
+
+[Illustration: Moritz von Sachsen, nach einem Holzschnitt aus der
+Werkstatt Cranachs.]
+
+Erst spät in der Nacht kam Herzog Moritz von der Verfolgung der Ritter
+und Reiter zurück, bei der ihm heller Mondschein geleuchtet hatte. Mehr
+als zwanzig Stunden hatte er an diesem Tag zu Pferde gesessen, war mehr
+als einmal dem Tod entgangen, und nun fand er den Stammvetter in
+Gefangenschaft. Die Kur Sachsen war auf seinem Haupte fest.
+
+Karl zog nun vor Wittenberg und belagerte die Stadt. Die Bürger wollten
+sich bis auf den letzten Mann wehren, und Johann Friedrich weigerte
+sich, sie zur Übergabe aufzufordern. Da ließ der Kaiser durch ein
+spanisches Kriegsgericht das Todesurteil über ihn aussprechen, welches
+lautete, »daß bemeldeter Hans Friedrich, der Ächter, ihm zur Bestrafung
+und andern zum Exempel durch das Schwert vom Leben zum natürlichen
+Gericht fürgebracht und solch Urteil auf der im Feld aufgerichteten
+Walstatt vollzogen werden solle.«
+
+Der Kurfürst, dem es im Glück so sehr an der nötigen Energie gemangelt
+hatte, bewies im Unglück den ganzen Heldenmut des Glaubens, der sein
+einfaches Gemüt durchdrang. Er vernahm das Todesurteil, als er eben mit
+seinem Leidensgenossen Franz von Grubenhagen beim Schachbrett saß. Er
+erwiderte gelassen: »Ich kann nicht glauben, daß der Kaiser also mit mir
+handeln werde, ist es aber bei der kaiserlichen Majestät gänzlich
+beschlossen, so begehre ich, man soll es mir fest zu wissen tun, damit
+ich bestellen kann, was meine Frau und meine Kinder angeht.«
+
+Neun Tage lang ließ Karl seinen Gefangenen in der Todesfurcht schweben.
+Dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Herzog von Cleve gelang es aber,
+das Unheil abzuwenden: die Wittenberger kapitulierten. Johann Friedrich
+blieb Gefangener des Kaisers so lange als es diesem gefallen würde;
+selbst nach Spanien sollte er ihn schicken dürfen. Zum Unterhalt für ihn
+und sein Haus wurde ein Teil von Thüringen mit einem Jahreseinkommen von
+fünfzigtausend Gulden bestimmt. Es war ein Artikel in der Kapitulation,
+demzufolge Johann Friedrich alles annehmen sollte, was das Konzil zu
+Trident oder die kaiserliche Machtvollkommenheit in Sachen der Religion
+beschließen werde; diesen Artikel anzunehmen weigerte sich der Kurfürst
+beharrlich; Karl strich ihn mit eigener Hand wieder aus.
+
+Auf einer großen Wiese bei Blesern übertrug der Kaiser dem Herzog Moritz
+das Kurfürstentum, und Moritz legte darauf sein Heer als Besatzung in
+die Stadt Wittenberg. Das Volk nahm sie mit tiefem Herzeleid auf. Moritz
+ritt zornig gerade aufs Schloß und sah keinem Menschen ins Gesicht. Zu
+den Ratsmännern, die ihm die Aufwartung machten, sagte er: »Ihr seid
+eurem Fürsten, meinem Vetter, so getreu gewesen, das will ich euch ewig
+im guten gedenken.«
+
+Von Wittenberg aus zog der Kaiser gegen den Landgrafen von Hessen. Der
+war schon längst kleinmütig geworden, und als er das Schicksal Johann
+Friedrichs erfuhr, begann er mit Karl zu unterhandeln. Der Kaiser
+forderte, daß er sich auf Gnade und Ungnade ergeben, hundertfünfzigtausend
+Goldgulden Buße zahlen, seine Festungen schleifen und seine Kanonen
+ausliefern solle. Dagegen wurde ihm schriftlich versichert, daß er Land
+und Leben behalten, auch mit »einigem« Gefängnis verschont werden würde.
+Die beiden Vermittler, Joachim von Brandenburg und Moritz von Sachsen,
+verbürgten sich in dieser Verschreibung mit ihrem Ehrenwort gegen den
+Landgrafen. Im Vertrauen auf die Kurfürsten nahm der Landgraf die
+Bedingungen an. Moritzens Gemahlin, die Tochter des Landgrafen, tat vor
+dem Kaiser einen Fußfall für ihren Vater. Der Kaiser war zu keiner
+andern Erklärung zu vermögen, als daß der Landgraf sich auf Gnade oder
+Ungnade zu ergeben habe. Nun kam der Landgraf nach Halle; er speiste mit
+den beiden Kurfürsten zu Abend; am andern Morgen nahmen die drei Herren
+ihr Frühstück bei Granvella, und hier unterzeichneten sie das
+verhängnisvolle Schriftstück, in welchem, ohne daß sie es merkten, der
+Ausdruck »einiges« Gefängnis verändert war in »ewiges« Gefängnis. Am
+Nachmittag fand die Abbitte vor dem Kaiser statt. Der Kaiser saß auf dem
+Thron unter einem vergoldeten Himmel, umgeben von seinen spanischen,
+italienischen, niederländischen und deutschen Großen. Der Landgraf
+Philipp kniete in schwarzsamtenem Kleid mit roter Binde kleinmütig und
+traurig auf dem Teppich vor dem Throne, und hinter ihm las sein getreuer
+Kanzler Tielemann von Günterode die Abbitte vor. Er las mit kläglichen
+Gebärden und in kläglichem Ton; auf dem Gesicht des Landgrafen zeigte
+sich ein Lächeln; es war vielleicht die unbewußte Hilfe seiner leichten
+Natur gegen das Gefühl der Schmach. Aber der gravitätische Kaiser hob
+langsam den Finger auf und sagte in seiner brabantischen Mundart: »Wart,
+ik wöll dir laken lehr.« Nachdem der Reichsvizekanzler die Antwort des
+Kaisers verlesen, Günterode sich dann höflich bedankt hatte, erwartete
+der Landgraf des Kaisers Wink, um sich zu erheben. Dieser Wink erfolgte
+nicht. Nun stand der Landgraf von selber auf und wollte dem Kaiser die
+Hand reichen. Die kaiserliche Majestät jedoch sah sauer und hielt ihre
+Hand zurück. Dafür ergriff Alba die Hand des Landgrafen und lud ihn und
+die andern Fürsten zum Nachtmahl bei sich ein. Alba hatte sein Losament
+im Schloß. Als die Tafel aufgehoben war, spielte der Landgraf Brett mit
+einem der sächsischen Räte, es war zehn Uhr vorüber; da kündigte ihm
+Alba auf einmal an, daß er sein Gefangener sei. Zugleich traten hundert
+spanische Arkebusiere in den Saal. Die beiden Kurfürsten, die sich für
+die Freiheit des Landgrafen verbürgt hatten, waren außer sich; Joachim
+von Brandenburg rief, das sei ein Bösewichtsstück, zog den Degen, um
+Alba den Schädel zu zerspalten, Moritz aber zeigte sich tief betroffen
+und blieb bei seinem Schwiegervater die ganze Nacht hindurch. Er
+versicherte ihm, daß da ein Mißverständnis vorliegen müsse, und er werde
+mit dem Kaiser sprechen. Dies geschah. Der Kaiser sagte, daß sich ihm
+der Landgraf auf Gnade und Ungnade ergeben habe; es sei weder Rede noch
+Schrift davon gewesen, daß man ihn mit »einiger« Gefangenschaft
+verschonen wolle, nur mit »ewiger« Gefangenschaft habe man ihn
+verschonen wollen. Und so fand sich auch die Fassung in der Notel, die
+die Kurfürsten am Morgen unterschrieben hatten, ohne sie näher zu
+besehen.
+
+Diese spanische Arglist brachte eine große Wandlung in dem Herzen
+Moritzens hervor. Er sah jetzt wohl, daß der Kaiser Karl darauf
+ausging, Deutschland spanisch zu machen, aus dem von Schatzungen und
+fremdem Kriegsvolk erdrückten Reich alles Wasser auf eine Mühle zu
+leiten, und da erwachte in ihm der Deutsche. Ohne seinen kühn
+verborgenen und kühn ausgeführten Widerstand wäre die spätere freie
+Entwicklung Norddeutschlands unmöglich gewesen, und wenn heute nicht
+ganz Deutschland ein österreichisches Gesicht zeigt, so ist es
+vielleicht im letzten Grunde der Verwechslung jener Wörtchen »einig« und
+»ewig« zu danken.
+
+Zunächst freilich mußte Moritz warten. Einerseits fürchtete er, der
+Kaiser könne seine Drohung wahr machen und den Landgrafen nach Spanien
+schicken. Anderseits mußte er gewärtigen, daß der allerdurchlauchtigste,
+großmächtigste und unüberwindlichste Kaiser, welchen Titel Karl jetzt
+mit einer furchtbaren Realität führte, dem Kurfürsten Johann Friedrich
+wieder die Freiheit schenke, wodurch im Lande selbst Hader und Krieg
+ausbrechen mußte. Er war jetzt in der Schlinge. Die Rache mußte
+aufgeschoben werden.
+
+Er suchte von nun ab sein Heil in der Verstellung. Gerade weil er sich
+zumeist sehr offen und rücksichtslos auszusprechen pflegte, konnte
+niemand auf die Vermutung kommen, daß hinter dieser Derbheit eine
+Berechnung verborgen sei. Als auf dem Reichstag zu Augsburg sich ein
+protestantischer Fürst an den kaiserlichen Tisch setzen wollte, rief er:
+»Hier ist kein Platz für Ketzer.« Selbst der undurchdringliche Kaiser
+Karl konnte sich bisweilen verraten; er hatte sich in Regensburg durch
+ein Lächeln verraten, als ihm die Protestanten ihre Schrift gegen das
+Tridentiner Konzil überreichten. Moritz verriet sich niemals. Er pflegte
+zu sagen: »Wenn ich wüßte, daß mein eigenes Hemd, das mir zunächst am
+Leibe liegt, meine Gedanken kennte, ich würde es austun und verbrennen.«
+Kein Mensch in Deutschland, keiner von seinen Freunden und Vertrauten
+erfuhr etwas von dem, was er im Schilde führte. Er täuschte den Kaiser,
+der ihn einmal getäuscht hatte, so sicher und vollkommen, daß das Stück,
+das er vor dem spanischen Senjor aufführte, ohne Zweifel das größte
+Meisterstück war, das jemals ein Deutscher zustande gebracht hat.
+
+Seiner gewöhnlichen Lebensweise nach mußte man glauben, daß nur das
+Vergnügen und die Lustbarkeiten Reiz für ihn hätten. In seinem Hoflager
+beschäftigte ihn unausgesetzt die Wildbahn im Dresdener Forst; er liebte
+Trinkgelage, Ritterspiele und die Freuden der Fastnacht; ebenso suchte
+er an fremden Höfen und auf Reichstagen das lustige Leben, und er machte
+Kundschaft mit schönen Frauen. So schildert ihn Sastrow während des
+Augsburger Reichstages: »Herzog Moritz hatte seine Kurzweil in der
+Herberge eines Doktor Haus. Der hatte eine erwachsene Tochter, eine
+schöne Metze, hieß Jungfrau Jakobina, mit der badete er und spielte
+täglich Pharao mit ihr und dem wilden Markgrafen Albrecht. Sie lachte
+fein lieblich und freundlich zu der Fürsten Scherzen und hielten also
+Haus, daß der Teufel sich drüber freuen mochte und viel Sagens in der
+ganzen Stadt davon war.« Die Befreiung seines Schwiegervaters schien ihm
+nicht besonders am Herzen zu liegen. Der Landgraf, der öfter geäußert
+hatte, Gefängnis fürchte er weit mehr als den Tod, wurde in Donauwörth,
+wohin er gebracht worden war, sehr hart behandelt. Seine spanische Wache
+lärmte Tag und Nacht in seinem Quartier; er beklagte sich bitter, daß
+sie ihn auch bei Nacht visitierten, ob er nicht durch einen Ritz oder
+durch ein Mäuseloch entwischt sei. Einmal schrieb er an Moritz: »Wenn
+Euer Liebden so fleißig wären in meinen Sachen als im Bankettieren,
+Gastladen und Spielen, wäre meine Sach lang besser.«
+
+Kein Wunder, daß der Kaiser glaubte, der vermöge am meisten bei Moritz,
+der ihm bei seinen Vergnügen Vorschub leiste. Aber der bedächtige und
+weitschauende Karl durchschaute den bedächtigeren und viel weiter
+schauenden, scheinbar so uninteressierten und doch so interessanten
+Moritz mit nichten. Auch die Venezianer, die größten Diplomaten der
+damaligen Zeit, durchschauten ihn nicht. Der Gesandte Mocenigo sagt von
+ihm: »Moritz hat viel Mut, aber, wie man glaubt, nicht viel Urteil, und
+dazu ist er ein sehr leichter Herr. Von ihm hat Karl wenig zu fürchten.«
+
+Und doch wurde Moritz der Verderber des Kaisers. Als er alles zu seinem
+großen Plan vorbereitet hatte, stürzte er wie ein Sturmwind über Karl
+her und vernichtete ihn im Wetter. Lange zuvor, ehe der Schlag
+ausgeführt wurde, hatte er sich mit dem nötigen Geld zu versehen gewußt.
+Bereits im Jahre 1547 hatte er die Kleinodien des Meißner Domkapitels
+einliefern lassen. Es waren darunter ausbündige Stücke: das silberne
+Bild des Bischofs Bruno, mit Edelsteinen geschmückt, in der einen Hand
+den Bischofsstab, in der andern ein Buch haltend, dreiundsiebzig Mark
+schwer; Donatis silbernes Bild, zweiundfünfzig Mark schwer; Briccii
+Haupt mit goldener Inful; dazu einhundertvierzig Kelche, alles zusammen
+im Wert von hundertfünfzigtausend Gulden. Wo diese Schätze hingekommen,
+wußte später niemand zu sagen, höchstwahrscheinlich hatte Moritz sie
+heimlich einschmelzen lassen. Außerdem hatte er nach und nach bedeutende
+Summen aufgenommen; nach seinem Tode hatte sein Bruder eine Schuldenlast
+von über zwei Millionen Gulden zu tilgen.
+
+Im Sommer des Jahres 1550 finden sich die Spuren der ersten Annäherung
+an Frankreich, mit dessen Hilfe Moritz den Kaiser zu demütigen dachte.
+Im November darauf unternahm er, von Karl hierzu bestimmt, die
+Belagerung von Magdeburg. Im Frühjahr des nächsten Jahres hatte er
+Zusammenkünfte mit dem Bruder des Kurfürsten von Brandenburg und seinem
+Schwager Wilhelm von Hessen und mit dem Herzog von Mecklenburg. Einige
+Monate später verhandelte er mit Jean de Bresse, Bischof von Bayonne,
+und das Bündnis mit Frankreich kam zustande. Es ward als eine
+merkwürdige Vorbedeutung angesehen, daß ein Blitzstrahl durch das Zimmer
+fuhr, in welchem der Vertrag abgeschlossen wurde. Im Januar 1552
+beschwor der König von Frankreich die Allianz mit Moritz und den
+Kurfürsten. In deren Namen beschwor den Eid der Markgraf Albrecht von
+Brandenburg-Kulmbach, der mit Schärtlin nach Chambord gegangen war. Der
+französische König erhielt die Aussicht auf die deutsche Kaiserkrone und
+unterdessen die drei Bistümer Metz, Toul und Verdun.
+
+Moritz entließ die vor Magdeburg versammelte Armee nicht, er vermehrte
+sie im Gegenteil bis auf fünfundzwanzigtausend Mann. Er nahm Offiziere
+in Dienst, die im schmalkaldischen Krieg gegen den Kaiser gedient
+hatten. Er war so schlau, die Stärke seines anwachsenden Heeres dadurch
+zu verbergen, daß er es verteilte und die Quartiere in den Dörfern
+oftmals wechseln ließ. Wohl hatte der Kaiser seine Spione im Lager.
+Moritz aber hinterging alle. Der Kaiser besoldete zwei geheime Sekretäre
+am sächsischen Hof; Moritz wußte es, verstellte sich, zog sie zu allen
+Beratungen, rühmte immer seine Treue gegen den Kaiser, und so meldeten
+die bestochenen Leute lauter falsche Dinge.
+
+Die Venezianer faßten Argwohn, und dieser Argwohn verstärkte sich. Karl
+erhielt Warnungsbriefe nach Innsbruck, und sein Bruder Ferdinand riet
+ihm, den Landgrafen freizulassen. Der Kaiser antwortete: »Es wäre
+seltsam, wenn Herzog Moritz alles vergessen sollte, was ich für ihn
+getan, wenngleich die rücksichtslose Verwendung von so vielen Rebellen
+in seinem Dienst mich auf einigen Verdacht bringt.« Die drei geistlichen
+Kurfürsten wollten, erschreckt durch die Gerüchte, das Konzil zu Trident
+plötzlich verlassen. Beruhigend schrieb ihnen der Kaiser: »Moritz hat
+mir solche Zusicherungen gemacht, daß ich mir nur Gutes von ihm
+verspreche, wenn es noch Glauben gibt im menschlichen Leben.« Seine
+ausgesprochene Überzeugung war: »Die tollen und vollen Deutschen
+besitzen kein Geschick zu derartigen Ränken.«
+
+Im März 1552 verließ Moritz Dresden und ging nach Thüringen. Bei Erfurt
+und Mühlhausen stand seine Armee. Er zog mit großer Eile nach Augsburg,
+wo er am 1. April ankam und sich damit, nach seinem eigenen Ausdruck,
+»vor die Spelunke des Fuchses in Innsbruck setzte.« Er hatte sich
+unterdessen mit dem Heer seines Schwagers vereinigt.
+
+Der Kaiser ließ sich trotzig vernehmen, daß er den Leib des Landgrafen
+in zwei Teile zerlegen und jeder der Parteien, die ihn zwingen wollten,
+einen Teil entgegenschicken werde. In Wirklichkeit war die Lage Karls
+verzweifelt. Er hatte weder Truppen noch Geld. Sein Bruder hatte ihm
+geschrieben, er brauche seine ganze Macht in Ungarn. Die geistlichen
+Kurfürsten und der Herzog von Bayern wichen seiner Forderung um Hilfe
+aus. Die Wechselhäuser in Italien und in den Niederlanden, sowie die
+Fugger in Augsburg wollten keine Darlehen mehr geben. Karl hatte allen
+Kredit verloren, denn er verfolgte die übelste Politik, die man gegen
+Handels- und Geldleute treiben kann, nämlich die der Unehrlichkeit. So
+erblickte er zum Beispiel die größte Sicherheit für die Treue der
+Genuesen darin, daß er beschloß, ihnen die Kapitalien, die er ihnen
+schuldig war, nie wieder zu bezahlen; denn, so sagte er sich, sie würden
+sich hüten, mit einem Fürsten zu brechen, der ihnen so viel Geld
+schuldig war.
+
+Der Kaiser wollte von Innsbruck aus nach London entfliehen, aber der
+zweimal unternommene Versuch mißglückte. In einer Aprilnacht begab er
+sich im tiefsten Geheimnis auf den Weg, so schwach und von
+Gichtschmerzen geplagt er auch war. In seiner Begleitung befanden sich
+nur zwei Kammerherren, zwei Diener und sein getreuer Barbier Van der Fé.
+Sie ritten durch Wald und Gebirge und erreichten in der Frühe das Dorf
+Nassereit. Hier blieb der Kaiser bis Nachmittag, und dann ritten sie bis
+Paschelbach, eine Stunde von der Ehrenberger Klause. Van der Fé ward
+aufs Schloß geschickt, um den Befehlshaber um Kundschaft zu erfragen.
+Dieser berichtete, Moritz sei schon von Augsburg aufgebrochen und habe
+Füssen besetzt, der Weg über Kempten sei unsicher durch des Herzogs
+Reiter. Da entschloß sich Karl, wieder nach Innsbruck zurückzukehren. In
+demselben tiefen Geheimnis langte er an, kein Mensch erfuhr etwas von
+der Reise.
+
+Beim zweitenmal verkleidete er sich als altes Weib. Der Plan war, in
+einem bedeckten Packwagen über Ehrwald und Hohenschwangau zu entkommen.
+Der alte Kammerdiener Karls mußte sich in dessen Bett legen, und in der
+Küche wurde gekocht, als ob der Kaiser noch im Schlosse wäre. Zwei kurze
+Tagereisen wurden zurückgelegt, der neugebahnte Fernpaß überstiegen, und
+im Dorfe Lermos stieg Karl aus, um eine Mahlzeit zu nehmen. Ein Mädchen,
+das einmal sein Bildnis gesehen, rief bei seinem Anblick: »Ei, wie sieht
+die alte Frau dem Kaiser so gleich.« Da erschrak Karl und kehrte
+abermals um.
+
+Inzwischen war es dem König Ferdinand gelungen, Moritz zu einem
+Waffenstillstand zu überreden, damit man zu Passau eine Versammlung
+einberufen könne, die zu beraten habe, wie die Gebrechen der deutschen
+Nation abzustellen seien. Diesen Stillstand benutzte Karl, und es gelang
+ihm, einiges Geld und Truppen zu sammeln. Das Heer stand bei Reitti,
+unfern der Ehrenberger Klause. Moritz zog zu Felde, schlug die
+Kaiserlichen und eroberte die Festung. Nun lag der Weg zum Kaiser offen.
+Die verbündeten Fürsten entschlossen sich, den Fuchs in seiner Spelunke
+zu suchen -- da trat eine unerwartete Hilfe für den Kaiser ein: Moritz
+mußte erst einen Aufstand unterdrücken, der unter einem Teil des
+Fußvolks ausgebrochen war; die Leute forderten für den Sturm auf das
+Ehrenberger Schloß die doppelte Löhnung. Die Sache stand so schlimm, daß
+Moritz in Lebensgefahr war; er mußte fliehen und sich verbergen. So
+erhielt der Kaiser Zeit, Innsbruck zu verlassen. Der Herr zweier Welten
+mußte in einer kalten Frühlingsnacht, bei strömendem Regen und von
+heftigen Schmerzen geplagt, in einer Sänfte fliehen; fliehen beim Schein
+brennender Windlichter, mit denen die Diener die Engpässe der
+Tiroleralpen erhellten. Alle Brücken wurden hinter ihm abgebrochen. Dem
+Kaiser folgte der Kurfürst Johann Friedrich mit seinem alten Freund, dem
+Maler Lukas Cranach. Zum erstenmal seit fünf Jahren sah der Kurfürst
+sich nicht mehr von seiner spanischen Garde umgeben; er stimmte auf
+seinem Wagen ein Lob- und Danklied an.
+
+Der Kaiser wandte sich nach Villach in Kärnten und blieb dort bis in
+die Mitte des Sommers. Moritz zog am vierten Tage nach Karls Flucht in
+Innsbruck ein. Alles was den Spaniern, dem Kaiser und dem
+Kardinalbischof von Augsburg gehörte, überließ er seinen Landsknechten
+als gute Beute; sie stolzierten in den prächtigsten Gewändern herum, auf
+ihren Hüten glänzten portugiesische Goldstücke, und einer nannte den
+andern »Don«. Moritz' Verbündeter, der König Heinrich von Frankreich,
+zog ins Elsaß und erließ Manifeste, in denen viel von deutscher Freiheit
+zu lesen war; auf einem sah man sogar einen Freiheitshut mit zwei
+Dolchen und das Wort »Libertas« an der Spitze. Vor allem nahm der
+Befreier Deutschlands Metz, Toul und Verdun weg.
+
+Moritz machte sich nun auf den Weg nach Passau, wo er mit dem König
+Ferdinand, dem Herzog von Bayern und den Bischöfen von Passau, Salzburg
+und Eichstädt den welthistorischen Vertrag abschloß, der den
+Protestanten ihre Religionsfreiheit wieder sicherte. Nachdem der Friede
+abgeschlossen war, führte er sein Heer dem König Ferdinand zu Hilfe
+gegen die Türken, der Kaiser wandte sich gegen die Franzosen nach
+Westen, und die gefangenen Herren von Hessen und Sachsen kehrten in ihre
+Länder zurück. Karl entließ Johann Friedrich nicht ohne Zeichen der
+Achtung, sogar der Rührung. Alle protestantischen Städte, durch die er
+auf seinem Weg kam, empfingen ihn wie einen Heiligen und Märtyrer. In
+Koburg traf er seine Gemahlin; sie hatte in den fünf Jahren ihre
+Trauerkleider nicht abgelegt und fiel in Ohnmacht, als sie ihn
+wiedersah. Die Ratsherren in Amtstracht und schwarzen Mänteln gingen ihm
+entgegen, die Bürger in ihren Rüstungen und Feiertagsgewändern bildeten
+Spalier, auf den Märkten standen die Geistlichen und die jungen Männer
+auf der einen Seite, die eisgrauen Leute und die jungen Mädchen mit dem
+Rautenkranz im fliegenden Haar auf der anderen, und die Knaben sangen
+das Tedeum. Der Fürst schritt mit entblößtem Haupt hindurch, seine
+Rückkehr ihrem Gebet zuschreibend, und hinter ihm ging sein lieber Lukas
+Cranach.
+
+Auch der Landgraf von Hessen kehrte aus den Niederlanden nach Kassel
+zurück. Er hatte Moritzens Vorhaben gegen den Kaiser durchaus nicht
+glauben wollen und geäußert: »Wie will ein Sperling den Geier
+angreifen?« Das Wunderliche geschah jetzt, daß man Moritz von allen
+Seiten zu mißtrauen anfing. Da er so viele getäuscht, wenn auch zum
+guten Zweck getäuscht, verdächtigte man sein Wesen ganz und gar. Wilhelm
+von Hessen nannte ihn in einem Wortwechsel einen Verräter. Als er nach
+den Passauer Tagen die Stadt Frankfurt am Main auffordern ließ, sich zu
+ergeben, wurde ihm geantwortet, er möge erst fromm werden und die
+Judasfarbe ablegen.
+
+Als er aus dem Türkenkrieg zurückgekehrt war, hielt er zur Fastnacht in
+Dresden großes Rennen und Stechen, und dann mußte er in den Krieg gegen
+seinen ehemaligen Freund und Bundesgenossen, den wilden Markgrafen
+Albrecht. Dieser hatte die Friedenspakte nicht geachtet; es gefiel ihm,
+das alte Faustrecht noch ferner in Deutschland zu üben, und er war ein
+gefürchteter Mann, der seinen eigenen Weg ging. Er behauptete, der
+Passauer Vertrag tauge nichts, die Pfaffen müßten gedemütigt werden.
+Nebenbei suchte er auch die Pfeffersäcke zu rupfen, wie er die
+Kaufherren der Städte nannte. Er umgab sich mit ein paar Tausend
+Eisenfressern und zog im Namen des Evangeliums verheerend durch die
+fränkischen und sächsischen Lande.
+
+Bei Sievershausen in der Lüneburgerheide traf Moritz seine plündernden
+Scharen. Es gab ein kurzes Gefecht; hoch zu Roß, die rote Feldbinde mit
+dem weißen Streifen um die Brust, kämpfte Moritz ritterlich. Eine
+silberne Kugel traf ihn von hinten, zerriß seinen Panzer und drang durch
+seinen ganzen Körper. Wilhelm von Grumbach, der fränkische Ritter, soll
+sein Mörder gewesen sein. In einem Zelte, das man neben einem Zaun
+aufgeschlagen hatte, empfing er die erbeuteten Fahnen und die Papiere
+des Markgrafen, die er eifrig durchspähte. Er diktierte sein Testament,
+und nach zwei Tagen starb er, zweiunddreißig Jahre alt. Sein letztes
+Wort war: »Gott wird kommen,« das übrige verstand man nicht.
+
+Kaiser Karl V. liebte Moritz so sehr, daß er, als man ihm zu Brüssel die
+Todesnachricht mitteilte, in die Worte ausbrach: »O, Absalom, mein Sohn,
+mein Sohn!«
+
+Der wilde Markgraf wurde in die Acht getan, scheinbar gegen den Willen
+des Kaisers. »Es ist alles dahin gerichtet, Deutschland eine Kappe zu
+schneiden,« schrieb der Herzog von Braunschweig, der bei Sievershausen
+seine zwei ältesten Söhne verloren hatte, an Philipp von Hessen, »der
+Kaiser will die Fürsten nur gegeneinander hetzen. Er hat zwar Albrecht
+als seiner Hetzhunde einen gebraucht, würde es aber gern sehen, wenn ihm
+ein Rad übers Bein ginge.«
+
+Albrecht flüchtete nach Frankreich, kehrte später nach Deutschland
+zurück und starb elend in Pforzheim, erst fünfunddreißig Jahre alt.
+
+So endete die Reformation, die als eine Angelegenheit des Volkes
+begonnen hatte, als ein Zusammenbruch der Fürsten.
+
+
+
+
+Wallenstein
+
+
+Albrecht Wenzel Eusebius Baron von Waldstein oder Wallenstein entstammte
+einem alten böhmischen Geschlecht, dessen Name schon im zwölften
+Jahrhundert zu finden ist. Er war am 15. September 1583 geboren und kam
+zwei Monate zu früh auf die Welt. Seine Eltern waren Protestanten, und
+beide verlor er bald, den Vater, als er zehn, die Mutter, als er zwölf
+Jahre alt war. Sein Oheim, Albrecht Slavata, ließ ihn in der Schule der
+böhmischen Brüdergemeinde unterrichten, aber ein zweiter Oheim, Johann
+von Ricam, nahm ihn von dort weg und brachte ihn in das adelige
+Jesuitenkonvikt nach Olmütz, wo ihn Pater Pachta der katholischen Kirche
+zuführte.
+
+Die im Volk verbreiteten Sagen über den hochfahrenden und trotzigen Sinn
+Wallensteins beschäftigten sich auch mit seiner Kindheit. So hieß es, es
+habe ihm einst auf der Schule zu Goldberg geträumt, daß Lehrer und
+Schüler, ja selbst die Bäume des Waldes sich vor ihm verneigt hätten,
+und als er diesen Traum erzählte, sei er lebhaft verspottet worden.
+
+Von Olmütz aus ging er auf Reisen; er machte mit einem reichen jungen
+Edelmann aus Mähren die europäische Kavaliertur nach Holland, England,
+Frankreich und Italien. Ihr gelehrter Begleiter war der Mathematiker und
+Astrolog Verdungs, ein Franke; durch ihn und den Professor Argoli in
+Padua wurde Wallenstein in die geheimen Wissenschaften der Sterne und in
+die Kabbala eingeweiht. Nach seiner Rückkehr diente er dem Kaiser Rudolf
+gegen die Türken und dem König Ferdinand unter Dampierre gegen die
+Venezianer. In diesem Feldzug konnte er schon ein Dragonerregiment auf
+eigene Kosten stellen, denn er war durch die Heirat mit einer begüterten
+alten Witwe zu Vermögen gekommen. Lukrezia von Landeck hieß die Frau; um
+seine Neigung zu gewinnen hatte sie ihm einen Liebestrank eingegeben,
+der ihm fast den Tod gebracht hätte. Sie lebte nur wenige Monate an
+seiner Seite.
+
+Nach der Kampagne gegen Venedig erhob ihn der Kaiser Mathias in den
+Freiherrenstand und ernannte ihn zum Obrist, Hofkriegsrat und Kämmerer.
+Beim Ausbruch der böhmischen Unruhen waren seine Fähigkeiten schon
+anerkannt; die Böhmen wollten ihn zu ihrem General machen. Er blieb aber
+dem Kaiser treu und flüchtete von Olmütz aus mit der Kriegskasse nach
+Wien. Im Jahre der Prager Schlacht erhielt er die Reichsgrafenwürde, und
+nach dem Nikolsburger Frieden schenkte ihm der Kaiser die an Schlesien
+und an die Lausitz grenzende Herrschaft Friedland, die aus neun Städten
+und siebenundfünfzig Dörfern und Schlössern bestand; seitdem hieß man
+ihn nur den »Friedländer«. Auch wurde er Fürst des Reiches. Sein
+Vermögen entsprach der fürstlichen Würde; er war allmählich durch den
+Ankauf konfiszierter Güter, die um einen Spottpreis zu haben waren, der
+reichste Grundherr Böhmens geworden. Er betrieb den Güterschacher im
+allergrößten Stil, denn er verkaufte auch wieder. Um dieses Freiwerden
+adeliger Besitztümer verständlich zu machen ist es notwendig, auf die
+Ursache hinzuweisen.
+
+ * * * * *
+
+Als Ferdinand im Jahre 1619 seinem Vetter Mathias folgte, war er bereits
+einundvierzig Jahre alt, ein kleiner, korpulenter Herr von gesunder
+Leibesbeschaffenheit und gemäßigter Lebensführung. Der beherrschende Zug
+seines Wesens war die Frömmigkeit. Khevenhüller schildert ihn, wie er
+einmal während einer Jagd den Trägern des heiligen Sakraments begegnete,
+umkehrte und barhäuptig bis an das Lager des Sterbenden folgte. Was
+Philipp II. für Spanien gewesen, wollte er für Deutschland sein. »Besser
+eine Wüste, als ein Land voll Ketzer,« war sein Wahlspruch. Die Priester
+waren für ihn die Stimme Gottes, und jeden einzelnen verehrte er als
+überirdische Erscheinung. »Tritt mir ein Priester und ein Engel zugleich
+in den Weg,« so soll er sich einst geäußert haben, »so werde ich dem
+Priester zuerst meine Ehrfurcht erweisen.« Dies galt freilich nur für
+die spanisch-aristokratischen Geistlichen, die sich zu dem System der
+unbedingten Ketzerausrottung bekannten. Er hörte alle Tage zwei Messen
+in der kaiserlichen Kapelle, am Sonntag außerdem die Messe in der
+Kirche, eine deutsche und eine italienische Predigt und nachmittags die
+Vesper; während der Adventszeit versäumte er keine Frühmette, und an
+allen Prozessionen nahm er zu Fuße teil. Seine Gewissensräte, die
+Jesuiten Lamormain und Weingärtner, hatten sein ganzes Herz in der Hand
+und lenkten es, wie der Orden wollte. Er war stark durch seinen
+Starrsinn. Alles Unglück ertrug er mit der Geduld des Hasses, den er
+gegen die Ketzer empfand; all das selbstverschuldete, durch Mangel an
+Treu und Glauben herbeigeführte Unglück erschien ihm als eine
+vorübergehende Prüfung Gottes. Er war der unversöhnliche Feind der
+Protestanten in Deutschland und Böhmen; die Rache, die er an ihnen üben
+wollte, war der Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefühle.
+
+Nach des Kaisers Mathias Tode zog das böhmische Protestantenheer gegen
+Wien. Ferdinand befand sich in der Hofburg. Er war ohne Soldaten und
+ohne Geld. Er schien verloren. Seine Räte drängten ihn, nach Tirol zu
+fliehen, selbst die Jesuiten stimmten für Nachgiebigkeit. Ferdinand
+weigerte sich. Die Lage war furchtbar; Geschosse flogen in die
+kaiserlichen Fenster, Ferdinand mußte sein Wohnzimmer verlassen. Er
+betete gegen seinen Feind. Seine Bedrängnis nutzend, erschienen sechzehn
+protestantische Herren der österreichischen Stände vor ihm und
+forderten, er solle seine Einwilligung zu der Union mit den Böhmen
+geben. Ferdinand weigerte sich, die Schrift zu unterzeichnen. Da faßte
+Andreas Thonradtel den Kaiser bei den Wamsknöpfen und rief ihm zu:
+»Nandl, gib dich, du mußt unterschreiben.« In diesem Augenblick
+schmetterten Trompeten im Burghof; es waren die Dampierreschen
+Kürassiere, die durch das Wassertor in die Stadt gedrungen waren. Sie
+retteten den Kaiser. Furcht und böses Gewissen trieben die Herren von
+der protestantischen Adelskirche aus Wien. Der böhmische General hatte
+die Gelegenheit versäumt, und Ferdinand entschloß sich rasch und kühn,
+nach Frankfurt zu reisen und sich dort zum Kaiser krönen zu lassen. Aber
+gerade in dieser Zeit sprachen ihm die Böhmen in Prag die königliche
+Würde ab. Sie entsetzten ihn als einen Erbfeind der Gewissensfreiheit,
+als einen Sklaven Spaniens und der Jesuiten, und sie wählten an seiner
+Statt den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König, ein
+unglücklicher Schritt, der die Erbitterung aller drei Religionsparteien
+auf die Spitze trieb, denn Friedrich war Kalvinist, und nach Luthers
+Wort waren die Kalvinisten siebenmal ärger als die Päpstlichen.
+
+Friedrich war ein schöner, stattlicher und galanter Mensch von
+dreiundzwanzig Jahren. Als er zu Amberg die Nachricht erhielt, daß er
+König geworden sei, war er betroffen und konnte keinen Beschluß fassen.
+Erst auf das dritte Schreiben der Böhmen reiste er nach Prag und war nun
+guten Mutes. Er verließ sich auf seinen mächtigen Schwiegervater, den
+König von England, er verließ sich auf die Hilfe der deutschen Städte,
+der Hugenotten in Frankreich und der Graubündtner, die ihm versprachen,
+den spanischen Armeen die Pässe zu sperren, und am meisten verließ er
+sich auf seine Jugend.
+
+Doch war er von Anfang an ein verlorener Mann. Wohl stand er an der
+Spitze einer evangelischen Union, viel mächtiger aber war die
+Vereinigung der katholischen Fürsten, welchen aus Haß gegen die
+Kalvinisten auch der protestantische Kurfürst Johann von Sachsen sich
+gesellte, und als nun gar der König von Frankreich Gesandte an die
+Fürsten der Union schickte, um sie von Friedrich abzubringen, machten
+diese ihren Frieden mit der katholischen Liga, und von allen verlassen,
+sah Friedrich von allen Seiten her die Feinde gegen sich losstürmen. Er
+hatte es nicht verstanden, die böhmischen Herren zu gewinnen; er hatte
+es nicht verstanden, sich bei diesen Aristokraten in Respekt zu setzen,
+die einen König nur zum Schein haben wollten, und daß er ihnen ihre
+krummen Sachen gerade biege. Sie hatten nur ihre Feudalrechte,
+Freiheiten und Privilegien im Sinn, nannten den Kaiser einen blinden
+Hund, den Herzog Max die bayrische Sau und den Kurfürsten von Sachsen
+den meineidigen, trunkenen Klotz, und als Friedrich sie einmal um sieben
+Uhr früh zu einer Ratsversammlung bescheiden ließ, wurde ihm erklärt, zu
+solcher Tageszeit könnten sie nicht kommen, der Mensch müsse nach der
+Arbeit seine Ruhe haben.
+
+In der Stadt herrschte die größte Unsicherheit. Jeden Tag wurden ein
+paar Menschen ermordet. Ehebruch und Hurerei wurden zur Plage. Die
+Ernstgesinnten fanden sich durch Friedrichs Vorliebe für französische
+Sprache, französische Sitten und Moden beleidigt. Man verspottete ihn,
+wenn er im rotsamtenen Pelz, mit weißem Hut und gelben Federn abends im
+Schlitten durch die Stadt fuhr. Aber am meisten verdarb er seine Sache
+dadurch, daß er die Bilderstürmerei zuließ. Allenthalben wurden die
+Altäre zerstört, die Kruzifixe zerschlagen, die Gräber der Schutzpatrone
+aufgerissen und beraubt, die Geräte weggeführt, die schönen Stoffe
+verbrannt und das geschnitzte Holzwerk zerhackt. Als das große steinerne
+Kruzifix auf der Moldaubrücke fallen sollte, entstand ein Aufruhr, und
+man mußte der Wache befehlen, jeden in den Fluß zu werfen, der die
+Statue anzutasten wage.
+
+So standen die Dinge, als Max und Tilly heranzogen, die glühenden
+Katholiken, die vor Eifer brannten, die böhmische Hauptstadt den Klauen
+des Ketzers zu entreißen. Die Jahreszeit war vorgerückt, es fing an rauh
+und kalt zu werden. Der General Boucquoy war gegen rasche Maßregeln,
+aber Tilly rief jederzeit im Kriegsrat, wo er vor Ingrimm und Ungeduld
+stets etwas zu zerknittern oder zu zerreißen pflegte: »Prag, Prag.« Im
+Frühnebel des 8. November stand die ligistische Armee endlich vor Prag.
+Der Morgen war bitterkalt, der Boden festgefroren. Abermals wollte
+Boucquoy den entscheidenden Schlag nicht wagen. Da trat ein spanischer
+Karmelitermönch auf, riß ein von den Böhmen verstümmeltes Marienbild aus
+der Kutte und hielt es hoch empor. Herzog Max rief überlaut: »Heilige
+Maria!« und »heilige Maria« wurde das Feldgeschrei des Tages. Es war
+Mittag, und die Sonne trat aus den Nebeln. Das Vorrücken zur Schlacht
+geschah in Massenvierecken des Fußvolks, die Reiterei zog auf beiden
+Flügeln mit. Die böhmischen Kanonen schossen in die Vierecke, und die
+ungarischen Reiter machten einen Angriff. Boucquoy und Herzog Max, die
+sich im Rücken der Armee befanden, hielten die Fliehenden mit dem Degen
+in der Faust auf. Nun führte der Reiteroberst Pappenheim seine
+Kürassiere gegen die Ungarn. Ein junger polnischer Lancier erstach das
+Pferd des den Böhmen verbündeten Herzogs von Anhalt. Er stürzte und
+wurde gefangen. Dieser Zufall war entscheidend. Die Ungarn ergriffen die
+Flucht, ihre Flucht verwirrte die ganze böhmische Schlachtordnung, und
+die Neapolitaner erstürmten die Schanzen und nahmen die Batterien. Die
+Schlacht war nach einer Stunde zu Ende. Eine einzige Stunde hatte das
+Schicksal Böhmens, ja das Schicksal Deutschlands für Jahrhunderte
+entschieden.
+
+Im königlichen Tiergarten hatte Pappenheim gegen eine auserwählte Schar
+von jungen Adeligen gekämpft. Mit zahllosen Hieb- und Stichwunden
+bedeckt, fiel er und lag die ganze kalte Novembernacht hindurch ohne
+Bewußtsein unter Leichen und Pferden. Am andern Morgen kam ein Kroat
+über ihn. Er biß ihn in den Finger, weil der schöne Ring, den er trug,
+sich nicht anders wollte abziehen lassen. Das herzhafte Zubeißen des
+wilden Mannes brachte Pappenheim wieder ins Leben. Er blickte den
+Kroaten finster an und fragte: »Kerl, was willst du?« Der Kroat
+erwiderte: »Du hast gute Kleider an, du mußt sterben.« Obgleich halbtot,
+versetzte ihm Pappenheim eine gewaltige Ohrfeige, versprach aber dann,
+ihn gut zu belohnen, wenn er ihn zu einem Wundarzt führe. Der Kroat
+willfahrte.
+
+Am Morgen nach der Schreckensnacht stieg Friedrich, der Winterkönig, in
+den Reisewagen, ließ alles im Stich, Krone, Kleinodien, Archiv und
+geheime Kanzlei, und fuhr über Breslau und Berlin nach Holland.
+
+Die Rache des Kaisers war glänzend. Er wartete; er wartete sieben Monate
+lang. Er wollte die böhmischen Landherren sorglos machen und die Vögel
+sicher ins Garn locken. Es gelang ihm nur zu gut. Max und Tilly hatten
+Amnestie verbürgt. Tilly gab den Rat, die Stände nicht zur Verzweiflung
+zu treiben; aber die Klugen, die den Kaiser lenkten, waren der Meinung,
+daß Leute, die ein schlechtes Gewissen haben, keine verzweifelten
+Schritte tun, sondern daß solche Leute es lieben, sich zu ducken.
+
+Eines Tages wurden plötzlich achtundvierzig Häupter des Aufstandes
+verhaftet und auf den Hradschin gefangengesetzt. Noch hatte Ferdinand
+seine Bedenken, ob er mit den Rebellen auf spanische Art verfahren
+solle. Der Jesuit Lamormain machte dem Spintisieren ein Ende, indem er
+erklärte, er nehme alles auf sein Gewissen. Am andern Morgen war der
+Blutbote auf dem Wege nach Prag, um dem Statthalter die kaiserlichen
+Befehle zu überbringen.
+
+Schlag vier Uhr früh ertönte der Knall einer Kartaune vom Hradschin. Die
+Gefangenen, von einer Reiterschwadron und zweihundert Musketieren
+begleitet, wurden in bedeckten Wagen zur Altstadt heruntergeführt. Der
+Richtplatz war unmittelbar vor dem Rathaus, gegenüber der Theinkirche,
+wo der goldene Hussitenkelch mit dem Schwerte stand. Das Schafott war
+mit rotem Tuch behangen; auf einer Bühne unter einem Baldachin saß der
+Statthalter und elf vom Kaiser verordnete Kommissarien. Es war ein
+regnerischer Junimorgen, aber zum Trost der Märtyrer spannte sich ein
+schöner Regenbogen über den Lorenzberg.
+
+Der Scharfrichter köpfte innerhalb vier Stunden vierundzwanzig Personen,
+drei wurden gehenkt. Es waren lauter protestantische Köpfe bis auf den
+des Grafen Czernin, der Katholik war. Er mußte sterben, weil man den
+Schein retten wollte, daß das Blutgericht keine Religionsverfolgung,
+sondern eine abgedrungene politische Maßregel sei. Es waren meist ganz
+alte Leute, die exekutiert wurden; zehn von ihnen zählten zusammen über
+siebenhundert Jahre.
+
+Der Kaiser tat noch ein übriges für die Opfer: er betete, während sie
+hingerichtet wurden. Er hatte zu diesem Zweck eine Wallfahrt nach
+Mariazell angetreten, lag vor dem Bild der Mutter Gottes auf den Knien
+und flehte, daß die Böhmen noch vor ihrem Tod in den Schoß der
+alleinseligmachenden Kirche zurückgeführt werden möchten.
+
+Elf Monate nach dem Bluttag ließ Ferdinand einen Generalpardon
+verkündigen. Wer sich schuldig fühlte, sollte sich selbst anklagen, um
+die kaiserliche Verzeihung zu erhalten. Die Vögel liefen ins Garn.
+Siebenhundertachtundzwanzig Herren vom Adel, Ritter und Barone, stellten
+sich freiwillig. Sofort wurden ihre Güter konfisziert. Teils ganz, teils
+halb, teils ein Drittel. Im kaiserlichen Kabinett fehlte es an Geld. Die
+konfiszierten Vermögen ergaben die Summe von dreiundvierzig Millionen
+Gulden, eine ungeheure Summe für jene Zeit. Sie erlaubte dem Kaiser, den
+Krieg fortzusetzen. Alle Güter kamen in andere Hände. Es wechselte der
+ganze Besitzstand. Hundertundfünfundachtzig adelige Geschlechter und
+viele Tausende von Bürgerfamilien verließen die Heimat und wanderten ins
+Ausland, und ganz Böhmen, ganz Mähren und ganz Österreich wurde mit
+Gewalt wieder katholisch gemacht.
+
+ * * * * *
+
+Der Anteil Wallensteins an der Rebellenbeute betrug nahezu ein Drittel.
+Sein Reichtum spielte eine wichtige Rolle in den Ereignissen der Zeit.
+Denn als in Deutschland der Krieg erwachte, als der König von Dänemark
+sich mit Mansfeld und dem Herzog von Braunschweig verband, als Holland,
+England und Frankreich sich anschickten, den Protestanten gegen das Haus
+Habsburg Hilfe zu leisten, sah sich der Kaiser ohne genügende Mittel zur
+Ausrüstung und Besoldung eines großen Heeres. Da erbot sich Wallenstein,
+der unterdessen durch die Heirat mit der Gräfin Harrach, der Tochter
+eines Günstlings des Kaisers, höfische Beziehungen erlangt hatte, zum
+Helfer. Wallenstein wollte den Krieg in großem Stile führen. Der Kaiser
+befahl ihm, ein Heer von zwanzigtausend Mann zu werben. Dies schlug er
+aus. Ein Heer von vierzig- bis fünfzigtausend Mann wollte er stellen,
+denn ein solches Heer, meinte er, werde sich selbst zu ernähren wissen.
+Er erhielt darauf die Vollmacht für diese Zahl und zugleich den
+unbeschränkten Oberbefehl als Generalissimus des Kaisers. Wenige Monate
+vergingen, und die Armee war beisammen. Sein Name lockte; nicht bloß
+unbeschäftigte und hungrige Menschen traten unter seine Fahnen, sondern
+es kamen auch als Offiziere Männer von höchstem Rang. Das Hauptquartier
+des Heeres war in Eger.
+
+ * * * * *
+
+Wallenstein war zum Kriegsfürsten geboren. Er trat im höchsten Prunk auf
+und imponierte durch seinen Luxus, durch ein glänzendes Gepränge, das
+jeden blendete, der ihm nahte. Er wußte die stärksten Leidenschaften der
+Menschen zu erregen und sie dadurch auf Tod und Leben sich dienstbar zu
+machen. Seine Belohnungen waren königlich, seine Tafel bot
+unerschöpfliche Genüsse. Unter der einzigen Bedingung der strengsten
+Disziplin ließ er alle Ausschweifungen seiner Soldaten hingehen. Sein
+Lager war das lustigste, das Soldaten haben konnten. Er duldete einen
+riesigen Train von Bedienten, Troßbuben, Fuhrknechten und Weibern, nur
+Pfaffen duldete er im Lager nicht. Freibeuter aller Konfessionen und
+jeden Standes zogen ihm zu. Sein scharfes Auge erkannte den Tüchtigen
+auf den ersten Blick; der gemeinste Mann vermochte die höchste Stellung
+zu erringen. Jede heroische Tat wurde durch Beförderung und Geschenke
+ausgezeichnet, aber der Feigling mußte sterben, und über den
+Ungehorsamen erging der Befehl, der als Kriegsgerichtsspruch galt: Laßt
+die Bestie hängen.
+
+Er verachtete die Menschen. Sie waren ihm nur Werkzeuge zu seinen
+Zwecken. Als ihm einmal Gustav Adolf vor einer Schlacht den Antrag
+machen ließ, daß man im äußersten Fall einander Pardon geben möge,
+antwortete er: »Die Truppen sollen entweder kombattieren oder
+krepieren.«
+
+Schon sein Äußeres flößte Ehrerbietung und Scheu ein: eine lange,
+hagere, stolze Gestalt, das Gesicht immer ernst, bleich oder gelb, die
+Stirn hoch und gebieterisch, das schwarze Haar kurz abgeschnitten und
+aufwärtsstehend, die Augen klein, schwarz und feurig-stechend, der Blick
+finster und voll Argwohn, Lippen und Kinn mit starkem Schnurr- und
+Knebelbart bedeckt. Seine gewöhnliche Tracht war ein Reiterrock von
+Elensleder, darüber ein weißes Wams, Mantel und Beinkleider von
+Scharlach, ein breiter, nach spanischer Art gekräuselter Halskragen,
+Korduansstiefel, die des Podagras wegen mit Pelz gefüttert waren, und
+eine lange, rote Feder auf dem Hut.
+
+Mochte es im Lager noch so laut hergehen, in seiner Nähe mußte alles
+still sein, seine unmittelbare Umgebung mußte die tiefste Ruhe bewahren.
+Weder Wagengerassel noch Stimmen im Vorzimmer konnte er ertragen. Man
+sagt, er habe einen Kammerdiener aufknüpfen lassen, der ihn ohne Befehl
+geweckt, und einen Offizier heimlich umbringen lassen, weil er mit
+lautklirrenden Sporen vor ihn getreten sei. Er war immer in sich selbst
+versunken, in sich selbst webend und brütend, nur mit seinen Plänen und
+Entwürfen beschäftigt. Er forschte unermüdlich und war unablässig tätig,
+aber immer nur aus sich selbst heraus und fremde Einflüsse schroff
+abwehrend. Er konnte es nicht einmal leiden, daß man ihn anblickte, wenn
+er seine Befehle gab; wenn er durch die Gassen des Lagers
+hindurchschritt, mußten die Soldaten so tun, als bemerkten sie ihn
+nicht. Ein wunderliches Grauen überfiel die Leute, wenn seine hagere
+Gestalt gespenstergleich vorüberging. Es umgab ihn etwas
+Geheimnisvolles, Feierliches und Banges. Er schritt eingehüllt in diese
+Zauber, und sie bildeten einen Nimbus um ihn. Der Soldat glaubte steif
+und fest, daß der General mit dunklen Mächten im Bündnis stehe, daß ihm
+die Sterne Bescheid sagten, daß er keinen Hund bellen, keinen Hahn
+krähen hören könne, daß er hieb-, kugel- und stichfest sei, und vor
+allem, daß er die Fortuna an seine Fahnen gebannt habe. Die Fortuna, die
+seine Göttin war, wurde die Göttin des ganzen Heeres.
+
+Wallenstein war ein Mann von heißestem Temperament, aber äußerlich war
+er immer kalt und ruhig. »Laßt fleißig münzen,« schreibt er einmal an
+seinen Hauptmann im Herzogtum Friedland, »auf daß ich nicht Ursach hab,
+solches zu ahnden, denn ich höre, daß man dem nicht nachkommt, wie ich
+es befohlen, welches mir wohl in die Nasen raucht. Ich bin nicht
+gewohnt, eine Sache oft zu befehlen.« Er war höchst wortkarg und sprach
+recht wenig, dann aber mit Nachdruck. Am wenigsten sprach er von sich
+selbst. Der glühendste Ehrgeiz flammte still und lautlos in seiner
+Brust; ihm opferte er kaltblütig alles. Er war ein Meister in der
+Verstellung; keiner wußte um seine Absichten, und dem Umstand, daß er in
+wichtigen Sachen niemals etwas Schriftliches von sich gab, verdankte er
+viele seiner Erfolge. Er war zweiundvierzig Jahre alt, als er den
+Oberbefehl übernahm.
+
+ * * * * *
+
+Im Herbst 1625 zog Wallenstein gegen den König von Dänemark. Er
+überwinterte in Halberstadt, das er erobert hatte. Im Feldzug des
+folgenden Jahres schlug er den Grafen Mansfeld bei der Dessauerbrücke.
+Dann gewann er dem Kaiser Schlesien zurück, eroberte die dänischen
+Besitzungen und Mecklenburg, das sein Herzogtum wurde. Zum Dank dafür,
+und weil er dem Kaiser viel Geld vorstreckte, überließ ihm Ferdinand das
+Herzogtum Sagan und verkaufte ihm die Herrschaft Priebus für einen
+niedrigen Scheinpreis. Auch wurde er zum General des baltischen und
+ozeanischen Meeres ernannt. Österreich wollte nämlich eine Seemacht
+werden. Dazu schien alles auf dem besten Wege, Dänemark lag darnieder,
+die Hansastädte waren willens, dem Kaiser behilflich zu sein, nur die
+Festung Stralsund widerstand. Ein halbes Jahr lang belagerte Wallenstein
+diese Stadt; obwohl er schwor, daß er sie einnehmen werde, und wenn sie
+mit Ketten an den Himmel gebunden wäre, mußte er unverrichteter Dinge
+wieder abziehen. Dieser Mißerfolg untergrub sein Ansehen im Norden
+Deutschlands. Auch der Kaiser verlor den Glauben an seine
+Unüberwindlichkeit. Jetzt traten die Fürsten mit ihren Klagen über den
+beispiellosen Pomp des Emporkömmlings auf. Ein Notschrei erhob sich über
+die unerträglichen Brandschatzungen, mit denen der General die besiegten
+Länder heimgesucht. Bis dahin hatten alle, verblüfft von seinem
+fabelhaften Glück, geschwiegen, nun taten sich die Lippen auf und
+ergossen sich in Verwünschungen gegen den Tyrannen, der auf Kosten des
+allgemeinen Elends im Überfluß schwelgte. Während Tausende ringsumher
+den Hungertod starben, während sich viele Bürger und Bauern entleibten,
+um der Not zu entrinnen, lebte jeder Rittmeister der Wallensteinschen
+Soldateska wie ein Fürst, und in Schlesien, wo der Bruder den Bruder,
+die Eltern ihre Kinder anfielen, um sie aus Hunger zu schlachten, war
+der Übermut der Söldlinge am größten. Die Häuser wurden geplündert und
+demoliert, ganze Dörfer verbrannt, die Weiber geschändet, den Männern
+Nasen und Ohren abgeschnitten; Offiziere, die kurz zuvor bettelarm
+gewesen waren, besaßen drei- bis viermalhunderttausend Gulden an barem
+Geld.
+
+Aber noch gehorchte ganz Deutschland dem Winke Wallensteins. Er stand
+wie ein Alleinherrscher da. Das Unbegreiflichste an dem unbegreiflichen
+Manne war, daß er die Rüstungen umso eifriger betrieb, je mehr die
+Feinde schwanden. Das Heer zählte erst fünfzigtausend, dann
+hunderttausend, schließlich hundertfünfzigtausend Mann. Diese furchtbare
+Armada des Kaisers erweckte bei allen Fürsten Eifersucht und Angst. Die
+Kurfürsten und der Papst, die Aristokraten des Reichs und die Jesuiten
+standen dagegen auf, aber die Seele aller Ratschläge wider den
+übermächtig werdenden Kaiser war der Kardinal Richelieu, der in einem
+Bericht an den Papst Urban VIII. unverblümt die Absetzung Wallensteins
+forderte.
+
+[Illustration: Wallenstein, nach einem Stich von Peter de Jode.]
+
+Dieser Bericht, erfüllt von tiefster pfäffischer Schlauheit, sprach von
+Österreich als von einer »Bestia mit vielen Köpfen«, von denen die
+abgeschnittenen immer wieder nachwüchsen; Gewalt fruchte nichts, man
+müsse das Blatt umkehren und des Kaisers Frömmigkeit ausnutzen. Derart
+müsse man seine Gottesfurcht ausnutzen, daß man ihn hetze, die seit dem
+Passauer Vertrag eingezogenen Kirchengüter zurückzuverlangen; so werde
+er sich alle protestantischen Fürsten auf immer zu Feinden machen.
+Ferner müsse man seine Frömmigkeit dadurch ausnutzen, daß man wegen der
+üblen Führung des Kriegsvolks sein Gewissen rühre und sein Mitleid
+reize. Alsdann solle Frankreich ein großes Heer nach Deutschland
+schicken, Gewalt brauchen, wo Gewalt vonnöten und mit dem Versprechen
+von Religionsfreiheit nicht sparsam sein.
+
+Der Papst war mit diesen Vorschlägen einverstanden, und der Kaiser wurde
+langsam umgarnt. Sein Beichtvater bedeutete ihm, daß der Passauer und
+der Augsburger Religionsfriede ungültig seien, weil sie ohne den Konsens
+des Papstes abgeschlossen waren. Darauf erließ der Kaiser das
+berüchtigte Restitutionsedikt, welches alles wieder katholisch machte,
+was seit siebenundsiebzig Jahren protestantisch geworden war, und sofort
+erfolgte die strengste Exekution. Obwohl die norddeutschen Protestanten
+erklärten, sie würden eher Gesetz und Sitte von sich werfen und
+Germanien wieder in die alte Waldwildnis verwandeln als zugeben, daß das
+Edikt vollzogen werde, wurden sie durch die kaiserlichen Heere dazu
+gezwungen. Fortwährend lagen die Truppen in allen Ländern der
+Protestanten, mit Ausnahme Kursachsens, das noch für zu mächtig erachtet
+wurde, und raubten sie aus. Jede Beschwerde wurde höhnisch abgewiesen,
+und es fiel das Wort: Der Kaiser will lieber, daß die Deutschen Bettler
+seien als Rebellen.
+
+Indessen verfolgte Wallenstein schweigend seine Entwürfe. Es kam der
+Tag, wo er seine Gedanken offen aussprach: »Man braucht keine Fürsten
+und Kurfürsten mehr. Jetzo ist es Zeit, daß man ihnen das Gasthütel
+abzieht. In Deutschland soll nur der Kaiser allein Herr sein.« Diese
+Sprache klang der deutschen Fürstenaristokratie furchtbar in die Ohren.
+Wallensteins Plan war, sämtliche kleinen Reichsfürsten mit Arglist oder
+mit Gewalt zu vertreiben, ihren Nachlaß zu parzellieren und an die
+Offiziere seines Heeres zu verleihen. Zum Teil war dies schon geschehen.
+Das neue Kaiserreich sollte sich auf den Soldatenadel stützen.
+
+Natürlich war der Kaiser nicht sehr geneigt, einen Mann zu entfernen,
+der ein solches Machtideal für ihn verwirklichen wollte. Auf dem
+Regensburger Fürstentag im Juni 1630 befand sich Ferdinand in einer
+verzweifelten Lage. Die Fürsten bedrängten ihn, das über jedes Maß
+angeschwollene Heer zu verringern und den unerträglichen Diktator, den
+Urheber des allgemeinen Elends, zu entlassen. Weigerte sich der Kaiser,
+so drohten sie, sich mit den Protestanten und mit Frankreich zu
+verbünden. Auf der andern Seite erbot sich Wallenstein, die Fürsten in
+Regensburg zu überrumpeln und unschädlich zu machen. Noch ganz andere
+Pläne schwebten vor seinem kühnen Geist, und er wartete nur, daß der
+Kaiser sie gutheiße. Er wollte für den Kaiser gegen den Papst ziehen.
+Rom sei schon seit hundert Jahren nicht geplündert worden, ließ er sich
+vernehmen, es müsse jetzt um vieles reicher sein. Er hatte gegen
+hunderttausend Mann seines Heeres nach dem südwestlichen Deutschland
+gezogen und wollte sich nicht nur gegen Frankreich und Italien, sondern
+auch gegen die katholischen Fürsten Deutschlands wenden. Er und seine
+Günstlinge drangen unaufhörlich in den Kaiser, daß er seine Einwilligung
+zu den militärischen Operationen geben möge. Aber der Kaiser gab nicht
+die Fürsten auf, wie Wallenstein es wollte, er gab Wallenstein auf, wie
+die Fürsten es wollten. Dem päpstlichen Nunzius Rocci gelang es,
+Ferdinand umzustimmen; es gelang ihm mit Hilfe des feinsten Diplomaten
+jener Zeit, des Kapuzinerpaters Joseph, eines Mannes, der, wie sein
+Begleiter Herr von Leon sagte, gar keine Seele hatte, sondern nur
+Untiefen, in die ein jeder geraten müsse, der mit ihm verhandelte. Der
+Kaiser unterzeichnete den Absetzungsbefehl des Friedländers und hieb
+sich damit gleichzeitig die rechte Hand vom Arm. In dem Augenblick, wo
+alles zu gewinnen war, gab er alles auf. Die kirchliche Politik hat nie
+einen größeren Triumph gefeiert.
+
+Zwei alte Freunde Wallensteins, der Hofkanzler Werdenberg und der
+Hofkriegsrat Westenberg, wurden beauftragt, ihm den Absetzungsbefehl zu
+überbringen. Sie trafen ihn in seinem Hauptquartier in Memmingen,
+anscheinend tief in astrologischen Studien, in Wirklichkeit völlig
+beschäftigt mit dem Gedanken an die Überrumpelung der deutschen Fürsten.
+Er empfing und bewirtete die kaiserlichen Räte prächtig. Lange Zeit
+wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen, die Herren trauten sich
+nicht mit der Sprache heraus. Da nahm Wallenstein einige Papiere vom
+Tisch und sagte: »Diese Dokumente enthalten des Kaisers und des
+Kurfürsten von Bayern Nativität. Aus ihnen könnt Ihr sehen, daß ich
+Euren Auftrag kenne. Die Sterne zeigen, daß der Spiritus des Kurfürsten
+den des Kaisers dominiert. Aus dieser Ursach messe ich dem Kaiser keine
+Schuld bei. Es tut mir weh, daß kaiserliche Majestät mit Abdankung der
+Truppen den edelsten Stein aus seiner Krone wegwirft, es tut mir weh,
+daß kaiserliche Majestät sich meiner so wenig angenommen hat, aber
+Gehorsam will ich leisten.«
+
+Wallenstein zog sich nun nach Gitschin, der Hauptstadt seines Herzogtums
+Friedland, in die Einsamkeit zurück. Von seinem Heere wurden dreißig
+Regimenter abgedankt, der Rest vereinigte sich mit Tilly.
+
+ * * * * *
+
+Es erhob sich aber jetzt für den gefährdeten Protestantismus ein Retter
+in der Person Gustav Adolfs von Schweden, der Schneemajestät, wie ihn
+die Herren in Wien nannten, die freilich noch nicht wußten, was für
+Hitze ihnen dieser Eiskönig machen würde. Bei den Protestanten hieß er
+wegen seines blonden Haares und Bartes der Goldkönig, auch den Löwen aus
+Mitternacht hießen sie ihn in ihrer gläubigen Hoffnung.
+
+Gustav Adolf war von ungewöhnlich hohem Wuchs, starkem Knochenbau und
+großer Wohlbeleibtheit, so daß nur ein starkes Pferd ihn zu tragen
+vermochte. Seine graublauen Augen blickten unter der weiten Stirn mit
+freundlichem Ausdruck. Seine Haltung und sein Anstand waren echt
+fürstlich, seine ganze Erscheinung trug das Gepräge der Zuversicht und
+Offenheit, und seine wohltönende Stimme flößte Vertrauen ein. Er übte
+große Macht über die Gemüter, seine Zunge war beredt, und seine
+Unterhaltung voll Anmut und Leutseligkeit. Er liebte die Wissenschaften,
+sein Lieblingsbuch war das Buch vom Krieg und Frieden von Hugo Grotius,
+das er immer mit sich führte. Seit seiner Jugend hatte nur der Krieg für
+ihn Reiz, er war zum Helden und zum Herrscher geboren. Er war fromm und
+gottesfürchtig, aber er war auch klug; seine Diplomatie hielt gleichen
+Schritt mit seiner Heldenschaft. Seine Geschäftsleute wurden hoch
+bezahlt, ein Netz von schwedischen Gesandten und Spionen war über die
+europäischen Höfe verbreitet, und sein Kabinett war durch seine
+undurchdringliche Verschwiegenheit so ausgezeichnet, daß die
+französischen Gesandten beständig darüber klagten, nie hinter die
+eigentlichen Absichten der Schweden kommen zu können. Fremden Ministern
+und Offizieren ließ Gustav, wenn sie in sein Lager zu Unterhandlungen
+kamen, ihre Geheimnisse beim Wein entlocken, wozu meist ein schottischer
+Oberst verwendet wurde, der übermäßig viel vertragen konnte und dabei
+doch den Verstand bewahrte.
+
+Mit bloß vierzehntausend Mann kam Gustav Adolf nach Deutschland; die
+kaiserliche Macht war wenigstens doppelt so stark. Aber er hatte viel
+Zulauf von Wallensteins entlassener Armada, und er verließ sich auf die
+Sympathie im Volke; in allen Städten, die er durchzog, blies man von
+den Türmen: nun kommt der Heiden Heiland. Er nahm Stettin ein, rief die
+Mecklenburger von Wallenstein ab und zum Gehorsam gegen die alten
+Herzöge zurück, erstürmte Frankfurt an der Oder, bemühte sich, freilich
+vergebens, ein Bündnis zwischen den Kurfürsten von Sachsen und
+Brandenburg zu erwirken, und sandte, da Magdeburg in großer Not war,
+einen der Obersten seiner vierzig deutschen Kompanien, Herrn Dietrich
+von Falkenberg, in die belagerte Stadt. Falkenberg, ein sehr tapferer
+Edelmann, verkleidete sich als Schiffer und schlich durch Pappenheims
+Scharen in die Stadt, wo er alsbald den Kommandantenposten übernahm.
+Pappenheim machte den Versuch, ihn durch das Anerbieten einer großen
+Summe zu bestechen, er aber erwiderte: »Braucht der Pappenheim einen
+Schelmen, so mag er ihn im eigenen Busen suchen.«
+
+Aber die Stadt war nicht zu halten. Tilly war mit dreißigtausend Mann
+vor den Mauern angelangt und eroberte alle Außenwerke, doch hatte er
+erfahren, daß der Schwedenkönig in der Nähe stehe, und wollte deshalb
+die Belagerung aufheben. Nur Pappenheim bestand im Kriegsrat auf einer
+Bestürmung. Am folgenden Tag fiel die Stadt. Pappenheim wurde ihr
+Mordbrenner. Um die Feinde zu vertreiben hatte er einige Häuser in Brand
+stecken lassen, der Wind blies in die Flammen, die nun alles ergriffen.
+Zornig darüber, daß ihnen die Feuersbrunst die erhoffte Beute entzog,
+schlugen die kaiserlichen Truppen jeden tot, der ihnen in den Weg kam.
+Einige ligistische Offiziere, empört über das teuflische Wüten der
+Kroaten, Ungarn und Wallonen, traten vor Tilly und baten ihn, er möge
+dem Gemetzel Einhalt tun. Mit finsterem Gesicht antwortete ihnen Tilly:
+»Drei Stunden Plünderung ist Kriegsregel. Der Soldat will für Müh und
+Gefahr etwas haben.« Pappenheim schrieb nach München: »Magdeburgs
+Jungfrauschaft ist weg. Wir haben es mit stürmender Hand erobert, den
+Bischof habe ich gefangen, Falkenberg ist niedergehaut samt allen
+Bürgern, so in der Wehr gewesen. Was sich von den Menschen in die Keller
+oder Böden versteckt hatte, ist alles verbrannt. Ich halt, es seien über
+zwanzigtausend Menschen draufgegangen und ist gewiß seit der Zerstörung
+Jerusalems kein greulicheres Werk und Straf Gottes gesehen worden.« An
+den Kaiser nach Wien schrieb er: »Es ist mir und meinen rätlichen
+Spießgesellen bei dieser wunderbaren Viktori nichts abgegangen, als daß
+wir nit Eure kaiserliche Majestät und dero kaiserliches Frauenzimmer als
+Zuschauer gehabt.«
+
+Das war die magdeburgische Hochzeit, wie die kaiserliche Soldateska es
+nannte. Der Dom war von den Flammen verschont geblieben, in ihm wurde
+Messe gelesen und das Tedeum gesungen.
+
+Das Kriegsvolk aber sang:
+
+ »Magdeburg, du stolze Magd,
+ Hast dem Kaiser den Tanz versagt,
+ Jetzt tanze mit dem alten Knecht,
+ Geschieht dir eben recht.«
+
+Gustav Adolf hatte nichts zum Entsatz Magdeburgs wagen wollen; in einer
+Schutzschrift wälzte er die Schuld auf die beiden Kurfürsten. Endlich
+rückte er vor Berlin und forderte eine bestimmte Erklärung. Der Kurfürst
+Georg Wilhelm war sein Schwager, aber er war ganz in den Händen seines
+Ministers, des Grafen Schwarzenberg, und dieser stand im Solde der
+Jesuiten. Der Kurfürst wollte stille sitzen und bangte davor, Land und
+Leute zu verlieren, und er fürchtete die Übermacht des Kaisers. Gustav
+Adolf zwang ihn jedoch, in sein Lager zu kommen, die Allianz zu
+unterzeichnen, und besetzte dann Berlin und Spandau. Darauf zog er
+südwärts dem alten Tilly entgegen, und in jenen Herzfeldern
+Deutschlands, bei Leipzig, wo mehrmals die deutschen Geschicke
+ausgekämpft worden sind, sollte nun die Entscheidung fallen.
+
+Tilly hatte sein Hauptquartier in einem abgelegenen Hause vor Leipzig,
+er merkte erst nachher, daß es des Totengräbers Haus gewesen. Er hatte
+seine Befehle in einem Zimmer ausgefertigt, in dem sich lauter Pyramiden
+von Totenschädeln und Gebeinen befanden. Eine düstere Ahnung ergriff
+ihn, selbst Pappenheim erbleichte.
+
+Am Morgen des Schlachttages schickte Tilly den Pappenheimer mit
+zweitausend Kürassieren aus, damit er rekognosziere. Aber der hitzige
+Mann ließ sich in ein Gefecht ein, und um ihn zu retten mußte Tilly
+seine ganze Streitmacht entfalten. Seine Völker trugen weiße Bänder auf
+Helmen und Hüten und weiße Binden um den Arm; er selbst kommandierte in
+einem sonderbaren Kostüm, in einem grünseidenen Schlafrock; auf dem
+Kopf hatte er ein Barett mit bunten Federn, und er ritt seinen kleinen
+Schimmel.
+
+Der Schwedenkönig entwickelte sein ganzes Kriegsgenie und zeigte die
+Überlegenheit seines leichten Fußvolks. Er machte gegen die andrängenden
+Kaiserlichen Front, wendete sich mit der Spitze seiner Kolonne gegen die
+Hügel, wo ihre Geschütze standen, und beschoß Tilly mit seinen eigenen
+Kanonen. Die Reiterei wurde aus dem Feld geschlagen, das Fußvolk floh,
+und nur fünf Wallonenregimenter schlugen sich mit ihrem alten Vater
+Tilly unter dem Schutze der Nacht in geschlossener Ordnung durch. Tilly
+starrte vor sich hin, die Augen voll von Tränen. Er hatte schon drei
+Streifschüsse. In Halle traf er den Pappenheimer, der wieder mit
+höchster Bravur gefochten und vierzehn Schweden teils niedergehauen,
+teils, weil ihm das Schwert zerbrochen war, wie ein Bär in seinen Armen
+erdrückt hatte. Die Schweden erbeuteten das ganze kaiserliche Lager,
+alles Geschütz und über hundert Fahnen.
+
+Jetzt trat in Wien eine andere Stimmung ein; die Hofschranzen und
+Weiber, Jesuiten und Kapuziner vermaßen sich nicht mehr, das »neue
+Feinderl«, wie sie Gustav Adolf nannten, mit Ruten über die Ostsee
+hineinzupeitschen oder das Schneeköniglein zerrinnen zu sehen, wenn es
+sich dem Süden näherte. Der Sieg Gustav Adolfs war ein zermalmender
+Schlag für den Kaiser und die Katholiken. Der König Sigismund von Polen
+jammerte, er könne gar nicht begreifen, warum unser Herrgott lutherisch
+geworden sei. Angst und Bedrücktheit wuchsen, als der Schwede durch die
+»Pfaffengasse« ins Reich zog, Erfurt, Würzburg, Hanau und Frankfurt
+nahm, die Pfalz befreite, mit Bayern unterhandelte, Augsburg eroberte
+und mit suveräner Macht jeden Widerstand zerbrach.
+
+Im Mai des Jahres 1632 hielt er seinen Einzug in München, und in seiner
+Begleitung befand sich der vertriebene Böhmenkönig. Das Pfingstfest
+feierte er in Augsburg; eine Chronik erzählt davon also: »Am heiligen
+Pfingsttag wohnte der König dem öffentlichen Gottesdienst nicht bei,
+sondern ließ sich von seinem Hofprediger Doktor Fabricius in seinem
+Kabinett predigen. Abends aber bei der Tafel bekam er jählingen Lust zu
+tanzen, dahero denn sogleich Anstalt gemacht worden, daß die
+Geschlechterstöchter in den Fuggerschen Häusern erschienen, mit welchen
+sich sowohl der König wie die anwesenden fürstlichen Personen etliche
+Stunden lang mit englischen und deutschen Tänzen erlustiget.« Gustav
+Adolf war ein großer Frauenfreund; er wollte eine schöne Augsburgerin
+küssen; sie hieß Jakobine Lauber und gefiel ihm sehr, aber sie wehrte
+sich und riß dem König die Halskrause ab.
+
+In diese friedlichen Tage hinein fiel die Nachricht, daß Wallenstein
+gegen den König von Schweden heranziehe.
+
+ * * * * *
+
+In stolzer Ruhe hatte Wallenstein in Gitschin und in Prag gelebt. Schon
+von Memmingen aus hatte er für sein neues Schloß Sorge getragen und an
+seinen Landeshauptmann geschrieben: »Seht, daß die zwei Kapellen, meine
+und meines Weibes, heuer fertig werden; laßt die Altäre darin machen,
+wie auch die fünf Altäre in der Kirche verfertigen, daß ich daselbst den
+Gottesdienst verrichten könne. So seht ebenmäßig, daß alle Zimmer fertig
+werden und mit schönen Bildern versehen, denn in diesem verlasse ich
+mich allein auf Euch. So werdet Ihr auch sehen, daß der Garten
+verfertigt wird und viel Fontanen daselbst gemacht. Die Loggia laßt
+geschwind mit Zwerchgewölben und #lavor di stucco# zieren. Sagt dem
+Baumeister, daß gleich in der Mitte auf dem Platz vor der Loggia muß
+eine mächtige Fontana sein, dahin alles Wasser laufen wird, alsdann aus
+derselben, daß sich das Wasser auf die rechte und linke Hand teilt, und
+die andern Fontanen laufen macht. Ich vermeine Mitte Oktober zu Gitschin
+zu sein und daselbst zu verbleiben; dahero seht, daß das Gebäu fertig
+und die Zimmer mit Damast, Sammet und goldenen Ledern ausgeputzt und
+möbliert werden. Laßt mir auch bittern Wermutmost anmachen, der #dulce
+picante# ist, auf daß ich ihn kann desto ehender haben. Laßt alle Ställe
+verfertigen wie auch den Tummelplatz und das Ballhaus.«
+
+In Prag lebte Wallenstein mit königlichem Aufwand, aber für seine
+Person, wie im Lager, in der tiefsten Abgeschiedenheit. Für den Palast,
+den er auf der Kleinseite hatte bauen lassen, waren hundert Häuser
+niedergerissen worden, um Platz zu gewinnen. Alle Straßen, die die
+Zugänge bildeten, waren mit Ketten gesperrt. Sechs Portale führten zu
+dem Palast; im Schloßhof stand eine Leibwache von fünfzig aufs reichste
+gekleideten Hellebardieren. Sein Hofstaat zählte an tausend Personen.
+Graf Paul Liechtenstein stand als Oberhofmeister an der Spitze, ein Graf
+Harrach war Oberstkämmerer, ein Graf Hardegg Oberststallmeister.
+Vierundzwanzig Kammerherren bedienten des Friedländers Durchlaucht,
+trugen, wie die des Kaisers, die goldenen Schlüssel, und sechzig
+Edelknaben aus den vornehmsten Häusern waren um ihn, alle in hellblauen
+Samt mit Gold gekleidet. Auch lebten viele seiner ehemaligen Offiziere
+bei ihm, denen er Löhnung und freie Tafel gab. Jede Mahlzeit bestand aus
+hundert Schüsseln. In den Marmorställen fraßen über tausend Pferde aus
+marmornen Krippen, und wenn er reiste, geschah es nicht anders als in
+fünfzig vierspännigen Wagen. Im Festsaal des Prager Palastes hatte er
+sich als Triumphator malen lassen, von vier Sonnenrossen gezogen, einen
+Stern über dem lorbeerbekränzten Haupt. Die langen Zimmerreihen waren
+mit astrologischen und mythologischen Figuren geschmückt. Aus einem
+Rundgemach führte eine geheime Treppe in eine Badegrotte aus künstlichem
+Tropfstein. Aus dieser Grotte trat man in eine hohe Säulenhalle und von
+da in den Garten mit seinen Fontänen und fischreichen Kanälen.
+
+Wallensteins Vermögen war für jene Zeit ungeheuer. Man hat seine
+Jahreseinkünfte auf sechs Millionen Gulden geschätzt; er zog sie teils
+aus den Kapitalien, die er in den Banken von Venedig und Amsterdam
+liegen hatte, teils aus den böhmischen und mährischen Gütern und dem
+Fürstentum Sagan. Unausgesetzt erließ er einsichtsvolle Verfügungen für
+seinen Besitz, suchte die Jesuiten durch große Stiftungen beim Guten zu
+erhalten und berief tüchtige Männer in seinen Dienst. Aber er verkehrte
+nur mit sehr wenigen Personen; es lebte der italienische Astrolog Seni
+bei ihm, mit dem er viele Nächte in eifrigen Studien verbrachte, und
+seine einzigen Vertrauten waren sein Schwager Adam Terzka und dessen
+Mutter, die ihm wegen ihrer hohen Klugheit ganz besonders wert war.
+Seine Gesundheit hatte durch die Kriegsstrapazen gelitten, er mußte
+mäßig leben, und da er vom Podagra geplagt wurde, konnte er nur auf
+einen indischen Rohrstock gestützt gehen.
+
+ * * * * *
+
+Ununterbrochen hatte der Kaiserhof mit Wallenstein korrespondiert. Nach
+der furchtbaren Leipziger Schlacht mußte man daran denken, einen Mann
+wieder zu gewinnen, dessen Kredit bei der Soldateska ohnegleichen war,
+und so wurde Questenberg nach Prag geschickt, um mit Wallenstein wegen
+Wiederannahme des Kommandos zu verhandeln. Wallenstein lehnte ab. Darauf
+ging Prag fast ohne Schwertstreich verloren. Don Balthasar Maradas zog
+mit den Truppen ab, um sie in Sicherheit zu bringen, hatte aber zuvor
+Wallenstein um Rat fragen lassen; dieser hatte erwidert, er habe kein
+Kommando mehr, Maradas möge tun, was er wolle. Darauf verließ er Prag,
+zog nach Gitschin und schickte seine Frau und seinen Vetter Max nach
+Wien. Max ward nun vom Kaiser mit einem beweglichen Schreiben an
+Wallenstein zurückgeschickt; Ferdinand flehte, er möge ihn doch in der
+gegenwärtigen Not nicht im Stiche lassen. Das war es, was Wallenstein
+wollte. Er begab sich nun nach Znaim, um mit dem Kaiser weiter zu
+unterhandeln. Er bequemte sich, das Kommando wieder zu übernehmen, aber
+vorerst nur auf drei Monate. Man drang immer mehr in ihn, und so
+entschloß er sich endlich, den Oberbefehl ohne Zeitbestimmung zu
+übernehmen, aber #»in absolutissima forma«#. Weder der Kaiser noch sein
+Sohn sollten bei der Armee etwas zu schaffen haben; zwei Artikel des
+Vertrags gaben Wallenstein unbeschränkte Macht, die Güter rebellischer
+Reichsstände einzuziehen, und wen er für schuldig erachte, zu begnaden
+oder zu bestrafen. Ausdrücklich war bedungen, daß weder der
+Reichshofrat, noch das Kammergericht, noch der Kaiser selbst in solchen
+Dingen das geringste einreden dürfe. All das liefert den Beweis, daß
+Wallenstein mit ungebrochenem Willen auf sein altes Ziel losging. Als
+#»ordinari recompens«# verlangte er kaiserliche Assekuration auf ein
+österreichisches Erbland und als #»extra ordinari recompens«# die
+Oberlehensherrschaft in den eroberten Ländern.
+
+Der Vertrag wurde in demselben Monat unterschrieben, in welchem Tilly am
+Lech gefallen war. Seine Bedingungen sind von so außerordentlicher Art,
+daß sie in der Weltgeschichte ohne Beispiel dastehen. Nur ein so
+phantastischer Mann wie Wallenstein konnte sich einbilden, daß er das
+Seil ohne Gefahr so straff spannen könne. Nur ein Charakter so voll
+Fatum konnte ohne Erbeben ein Schicksal auf sich nehmen, das jede
+Erwartung heuchlerisch erfüllt.
+
+Wenige Monate vergingen, und Wallenstein hatte wieder ein neues Heer
+von zweihundertvierzehn Schwadronen Reiterei, hundertzwanzig Kompanien
+Fußvolk nebst vierundvierzig Kanonen. Sofort säuberte er Prag und Böhmen
+von den Sachsen und vereinte sich in Eger mit dem Herzog von Bayern, der
+ihn vordem gestürzt hatte und ihn jetzt als Kriegsherrn anerkennen
+mußte. Beide zogen gen Nürnberg, wo der Schwedenkönig sich verschanzt
+hatte. Wallenstein besetzte die Anhöhen des Altenbergs und verschanzte
+sich gleichfalls. Sein Plan war, keine Schlacht zu liefern; er wollte
+Gustav Adolf zeigen, daß er schlagen oder auch nicht schlagen könne, wie
+es ihm beliebe. Monatelang stand Wallenstein wie eingefroren. Ringsumher
+begannen Hunger und Elend zu wüten. Gustav Adolf mußte kämpfen oder
+weichen. Er versuchte einen Sturm auf Wallensteins Linien, der mißlang
+aber gänzlich. Von diesem Tag an verlor er seinen frohen Mut und erhielt
+ihn nicht wieder. Er ließ Wallenstein Friedensvorschläge machen, aber
+noch ehe die Antwort kam, gab er sein Lager auf. Er zog an Wallenstein
+vorbei, der unbeweglich blieb, zog an die Donau und dann, dem Hilferuf
+des Kurfürsten von Sachsen folgend, an die Saale. Auch Wallenstein
+setzte sich jetzt in Bewegung; er ließ sein Lager anzünden, das
+anderthalb Meilen im Umfang gehabt hatte. Sein Heer war ein wandernder
+Raubstaat. Überall wurden die Herden weggetrieben, die Obstbäume
+umgehauen und die Dörfer verbrannt.
+
+Wieder in den Feldern bei Leipzig trafen sich die Heere. Wallenstein
+hatte an Pappenheim geschrieben: »Der Feind marschiert hereinwärts, der
+Herr lasse alles stehen und liegen und incaminiere sich herzu mit allem
+Volk und Stücken, auf daß Er sich morgen früh bei uns befinde.« Dieser
+Befehl ist noch im Wiener Archiv aufbewahrt; er ist getränkt mit dem
+Blute Pappenheims, der am Tag von Lützen fiel.
+
+Wallenstein ließ am Schlachtmorgen die Generale und Obersten an seinen
+Wagen kommen, um die Befehle zu erteilen, dann erst bestieg er sein
+Schlachtroß, aber die Steigbügel mußten mit seidenen Tüchern umwunden
+werden, da ihm die Füße schmerzten. Auf dem ganzen Gefild lag dichter
+Nebel. Gustav Adolf hatte ebenfalls sein Leibroß bestiegen und redete
+einzeln zu vielen Leuten seines Heeres. Dann ließ er zum hellen Schall
+der Trompeten und Pauken: »Eine feste Burg ist unser Gott« und jenes
+andere, sein Lieblingslied, anstimmen: »Verzage nicht, du Häuflein
+klein, obgleich die Feinde willens sein, dich gänzlich zu zerstören«.
+
+Die Schlacht begann. Nach dreistündiger Bemühung wurden mehrere der
+wallensteinschen Vierecke durch die schwedische Infanterie zersprengt.
+Da gewahrte der König die schwarzen Kürassiere Wallensteins mit dem in
+blanker Rüstung davor haltenden Oberst Piccolomini. Er befahl dem
+finnischen Reiterregiment, sie anzugreifen, erhielt aber die Nachricht,
+daß sein Fußvolk wieder zum Weichen gebracht worden sei. Sogleich eilte
+er an der Spitze des smaländischen Regiments zu Hilfe. Dem rasch
+Voransprengenden konnten nur wenige folgen. Auf einmal befand er sich
+mitten unter den schwarzen Reitern. Sein Pferd wird durch den Hals
+geschossen, ihm selbst zerschmettert ein Pistolenschuß den linken Arm.
+Seine ersten Worte waren: »Es ist nichts, folgt mir.« Aber die Wunde war
+so bedeutend, daß die Knochen aus dem Ärmel hervorstarrten. Er wandte
+sich, um aus dem Getümmel zu entkommen, im selben Augenblick erhielt er
+einen zweiten Pistolenschuß in den Rücken. Mit dem Seufzer: »Mein Gott,
+mein Gott,« sinkt er vom Pferd, bleibt aber im Steigbügel hängen, das
+Pferd schleift ihn mit sich fort. Seine Begleiter fallen oder fliehen,
+nur ein Page bleibt bei ihm. Er lebt noch, der Page will nicht sagen,
+daß es der König ist, er wird selbst auf den Tod verwundet. Der König
+wird seiner goldenen Halskette beraubt und entkleidet, er ruft endlich:
+»Ich bin der König von Schweden.« Die schwarzen Kürassiere wollen ihn
+fortschleppen. Da sprengt das Stenbocksche Regiment heran. Die
+Kürassiere fliehen; da sie den König nicht mitnehmen können,
+durchschießen sie ihm den Kopf und durchstechen ihm den Leib mit vielen
+Stichen. Er sinkt zur Erde, der Hufschlag der Rosse braust über den
+Leichnam dahin.
+
+Der verwundete, blutbedeckte, reiterlose Schimmel des Königs
+verkündigte, an der schwedischen Front entlang jagend, das geschehene
+Unglück. Zuerst entmutigt, dann in ihrem Schmerz zur Rache angespornt,
+griffen die Schweden neuerdings an, und wäre jetzt nicht Pappenheim mit
+vier frischen Regimentern auf dem Walplatz erschienen, so hätte der
+heldenhafte Bernhard von Weimar schon um die dritte Nachmittagsstunde
+gesiegt. So begann die Schlacht von neuem, aber auch Pappenheim erlag
+vor der unwiderstehlichen Gewalt des jungen Bernhard. Das kaiserliche
+Heer ergriff die Flucht. Wallenstein schlug in Prag seine
+Winterquartiere auf und ließ viele Offiziere hinrichten, weil durch sie,
+wie er sich ausdrückte, die kaiserlichen Waffen unauslöschlichen Spott
+erlitten hätten. In Böhmen sollte sich sein dunkles Schicksal erfüllen;
+ihm war nicht der Heldentod auf dem Schlachtfeld beschieden.
+
+Am anderen Morgen suchten die Schweden unter den zahllosen Leichen des
+Schlachtfeldes die edelste Leiche, die des Königs. Man fand sie, nackt
+ausgezogen, vor Blut und Hufschlägen kaum erkennbar, mit neun Wunden
+bedeckt, unfern des großen Steins, der jetzt noch der Schwedenstein
+heißt. An der Leiche schworen die Soldaten dem Herzog Bernhard, ihm zu
+folgen bis ans Ende der Welt.
+
+Der unerwartete Tod Gustav Adolfs erregte ganz Europa. Der Kaiser ließ
+in allen Kirchen Dankgebete singen, als wenn er den glorreichsten Sieg
+erfochten hätte, und er weinte beim Anblick des blutigen Kollers mit den
+Schußöffnungen im linken Ärmel, das der König in der Schlacht getragen
+hatte. In Madrid wurden Freudenfeste veranstaltet und der Tod des Königs
+zum Ergötzen aller Gläubigen im Schauspiel dargestellt. Der Papst, der
+es im stillen recht gern gesehen hatte, daß dem Kaiser ein Bedränger
+aufgestanden war, ließ eine Messe lesen. Den vertriebenen Winterkönig
+rührte bei der Nachricht vor Schrecken der Schlag, und er starb,
+sechsunddreißig Jahre alt; er hinterließ dreizehn unmündige Kinder, mit
+denen Eleonora, sein Weib, fast dreißig Jahre lang ohne Heimat und oft
+ohne Geld umherirren mußte, verfolgt von mancher abenteuerlichen Liebe
+und von blutgierigem Haß.
+
+ * * * * *
+
+Während der schwedische Kanzler Oxenstjerna, der nach dem Tode des
+Königs an die Spitze der Geschäfte trat, mit Sachsen und Brandenburg
+unterhandelte, während Herzog Bernhard Franken zurückeroberte und sich
+am Oberrhein festsetzte und der Feldmarschall Horn die in Deutschland
+zerstreuten kaiserlichen Truppen aus dem Felde schlug, blieb Wallenstein
+ruhig in seinem Winterquartier und vermehrte sein Heer. Erst Mitte Mai
+brach er auf, zog nach Schlesien, gewann es dem Kaiser wieder, schloß
+aber bald einen Waffenstillstand mit dem sächsischen General Armin, der
+in Schlesien kommandierte. Derselbe auffällige Waffenstillstand wurde
+einige Wochen später erneuert. Es war der Plan Wallensteins wie auch der
+beiden Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, eine dritte Macht im
+Reich herzustellen, eine Mittelmacht zwischen dem Kaiser und den
+Schweden. Es lief damals das Gerücht, daß alle Ausgewanderten ihre Güter
+zurückerhalten, die Jesuiten aus dem Reich verjagt werden und den
+Schweden ihre Kriegskosten ersetzt werden sollten; auch hieß es, daß
+Wallenstein in dem geheimen Vertrag mit Kursachsen für sich selbst die
+Krone von Böhmen ausbedungen habe. Gewiß ist, daß Wallenstein
+gleichzeitig mit Frankreich unterhandelte und zwar über die Krone
+Böhmen. Der Kardinal Richelieu, der in den deutschen Angelegenheiten
+festen Fuß gefaßt hatte, ließ ihm seinen Beistand, eine Million Livre
+jährlich und die Krone anbieten, wenn er vom Kaiser abfallen wolle. Aber
+der Botschafter Feuquières brach die Unterhandlungen ab, weil er der
+Ansicht war, Wallenstein wolle ihn nur hinters Licht führen und die
+Feinde des Kaisers gegeneinander hetzen. Auch mit den Schweden und mit
+dem Herzog Bernhard trat er ins Einvernehmen. Das Mißtrauen am Wiener
+Hof wurde zur Spannung, als er sich weigerte, dem Herzog von Bayern
+gegen Bernhard von Weimar zu Hilfe zu ziehen. Er führte das Heer aus
+Schlesien in die Winterquartiere und schickte von Pilsen aus ein
+Schreiben nach Wien, worin er seine Obristen ihr Gutachten abgeben ließ,
+daß ein Kriegszug in dieser Jahreszeit untunlich sei.
+
+Seit Gustav Adolfs Tode war dem Kaiser der mit Wallenstein
+abgeschlossene Vertrag immer lästiger geworden. Er klagte laut, daß er
+gleichsam einen Mitkönig habe und keine freien Dispositionen mehr in
+seinem eigenen Lande. Das Wiener Kabinett brach den Verkehr mit
+Wallenstein ab, weil die Notwendigkeit drängte, dem Herzog Bernhard in
+Süddeutschland entgegenzutreten. Da Wallenstein sich weigerte, dies zu
+tun, wurde der Herzog von Feria aus Italien gerufen, und Johann
+Altringer, einer von den Generalen Wallensteins, erhielt den Befehl,
+sich mit dem Herzog zu vereinigen. Altringer schwankte erst, aber nach
+dem Tode Ferias ließ er sich vom Wiener Hof gewinnen. Voll Zorn
+zitierte ihn Wallenstein vor sich, Altringer verweigerte den Gehorsam.
+Nun beschloß Wallenstein, um nicht zum zweitenmal abgesetzt zu werden,
+den Oberbefehl freiwillig niederzulegen, wollte sich jedoch
+sicherstellen, daß die Zusagen erfüllt würden, die man ihm gemacht
+hatte. Deshalb versammelte er alle in Böhmen, Mähren und Schlesien
+stehenden Generale und Obristen in seinem Feldlager zu Pilsen. Dort gab
+ihnen der Feldmarschall Illo ein Bankett, bei dem die Herren schließlich
+so betrunken waren, daß sie Stühle und Bänke, Ofen und Fenster
+zerschlugen. Illo und Graf Terzka, die sich mit Wallenstein verabredet,
+stellten ihnen beweglich vor, daß der Oberfeldherr wegen der vom Wiener
+Hofe erfahrenen Unbill genötigt sei, das Kommando niederzulegen. Diese
+unerwartete Nachricht bestürzte die Offiziere nicht wenig. Sie alle
+hatten auf Wallensteins Wort und in der Hoffnung, von ihm entschädigt zu
+werden, ihre Regimenter auf eigene Rechnung angeworben und ihr Vermögen
+zugesetzt; wenn Wallenstein fiel, drohte ihnen der Ruin. Zu ihrer
+Sicherstellung wurde ihnen jetzt ein Revers vorgelegt, und darin wurde
+der Kaiser, obwohl er nicht genannt war, hart angeklagt. Nach der
+flehentlichen Bitte an Wallenstein verpflichteten sich die Generale und
+Obristen, mit Gut und Blut für ihren Feldherrn einzustehen, sich auf
+keinerlei Weise von ihm trennen zu lassen, seinen Vorteil nach
+Möglichkeit zu befördern und seine Feinde zu verfolgen.
+
+Vierzig Generale und Obristen unterzeichneten das merkwürdige
+Schriftstück. Es befand sich aber in ihrer Mitte auch der Verräter
+Piccolomini, der an der Spitze der italienischen Partei stand, und diese
+Partei war mit den Jesuiten im Bunde, um den Friedländer zu stürzen.
+Wallenstein aber hegte ein unbedingtes Vertrauen gegen Piccolomini, denn
+er glaubte aus den Sternen gelesen zu haben, daß er sich auf ihn
+verlassen dürfe. Piccolomini berichtete den Inhalt des Reverses nach
+Wien und klagte Wallenstein einer gefährlichen Verschwörung an. Zudem
+teilte der Herzog von Savoyen den Inhalt der Verhandlungen mit, die
+Wallenstein mit dem französischen Hofe gepflogen hatte. Man beschuldigte
+Wallenstein der verwegensten Pläne. Es hieß, er habe geäußert: »Ich
+dulde Gott nicht, viel weniger werde ich Ferdinand dulden.« Der
+spanische Botschafter sagte: »Wozu zaudern? Ein Dolchstoß macht der
+Sache ein Ende.« Ferdinand sah sich gedrängt, nicht nur die zweite
+Absetzung Wallensteins auszusprechen, sondern auch den Mann, der ihm die
+Monarchie gerettet hatte, der äußersten Rache seiner Feinde
+preiszugeben. Niedriger Eigennutz war der stärkste Beweggrund der mit
+aller Hast herbeigeführten Katastrophe, denn als die Absetzung noch
+tiefes Geheimnis war, stritten sich die Herren mit Erbitterung und bis
+zum Zweikampf über die Teilung der Beute, der Güter, der Häuser, der
+Gärten, ja der Wagen und Pferde Wallensteins und riefen mit schamloser
+Stirne sogar den Hof selbst zum Schiedsrichter bei ihren Zwistigkeiten
+an.
+
+Der Hof seinerseits verfuhr gegen den gefährlichen Gegner ungemein
+verschlagen. Er schickte einen Erlaß an die Befehlshaber der
+Wallensteinschen Armee, worin die Absetzung des Generalobristfeldhauptmanns
+vorsichtig angedeutet war, die Offiziere ihrer Verpflichtung entbunden
+wurden, ihnen für den Fehltritt bei dem Pilsner Bankett mit Ausnahme
+zweier Rädelsführer Verzeihung zugesichert und der Fortbestand des
+kaiserlichen Wohlwollens gelobt wurde. Aber wochenlang nach diesem Erlaß
+korrespondierte der Kaiser scheinbar ganz harmlos mit Wallenstein über
+amtliche Geschäfte, nannte ihn nach wie vor »hochgeborner lieber Oheim
+und Fürst« und versicherte ihn mit der gewöhnlichen Courtoisie seiner
+Huld und Gnade.
+
+Unterdessen wurden die Generale und Obristen einzeln nacheinander und im
+Geheimen gewonnen. Die Italiener, Spanier und Wallonen waren bald
+willig, die Deutschen, Böhmen, Mährer und Schlesier waren dem
+Friedländer treu, und man traute ihnen in Wien trotz der gewährten
+Amnestie nicht. Nach einem Monat erging ein zweites kaiserliches Mandat,
+das schon eine deutlichere Sprache führte und nicht nur an die
+Befehlshaber, sondern auch an alle gemeinen Soldaten gerichtet war. Es
+sprach davon, daß ihnen männiglich wohl bekannt sein werde, wie er, der
+Kaiser, seinen gewesenen Feldhauptmann von Friedland mit allerhand
+Guttaten, Gnaden, Freiheiten, Hoheiten und Dignitäten, als nicht bald
+bei einem Menschen seines Standes gleich geschehe, begabt und geziert
+habe; welchergestalt aber derselbe aus boshaftem Gemüt und ohne Zweifel
+längst gefaßtem Vorsatz eine Konspiration wider ihn und sein Haus
+angesponnen und durch Verkleinerung der kaiserlichen Person und
+eigensinnige Ausdeutung seiner Macht in der kaiserlichen Armada zugetane
+Obristen verführt habe. Der Kaiser erklärt, er habe gewisse Nachrichten
+erlangt, daß Wallenstein ihn und sein Haus gänzlich auszurotten sich
+vernehmen lassen und sich äußersten Fleißes bemühet habe, solche
+meineidige Treulosigkeit und barbarische Tyrannei zu vollziehen,
+dergleichen nicht gehört, noch #in scriptis# zu finden sei.
+
+Wallenstein erfuhr erst, woran er war, als Gallas, Altringer, Maradas,
+Piccolomini und Colloredo Ordonnanzen erließen, welche den Obristen
+untersagten, künftig noch Befehle von Wallenstein, Illo oder Terzka
+anzunehmen. Die Obristen erhielten die Weisung, gegen Prag zu ziehen, um
+sich der Hauptstadt des Landes zu versichern. Wallenstein ließ nun in
+Pilsen eine feierliche Erklärung ausstellen, daß der frühere Revers
+nicht das geringste gegen den Kaiser und die Religion bedeutet hätte. Er
+befahl seinen Truppen, ebenfalls nach Prag zu ziehen, schickte aber zwei
+Offiziere an den Kaiser mit einem Handschreiben, in welchem er sich
+erbot, sich nach Danzig oder Hamburg zu begeben; er wünsche nur seine
+#ducadi,# seine Herzogtümer, zu behalten.
+
+Aber gerade jene #ducadi# wollte man sehr gerne in Wien, das wußte
+Wallenstein recht wohl. Er beschloß daher, sich in Verfassung zu setzen,
+auf alle Fälle, nur nicht auf den Fall, den er keineswegs voraussehen
+konnte, da er gegen alle Berechnung war. In seiner tiefen Not wandte er
+sich jetzt ernstlich an den Herzog Bernhard von Weimar und ließ ihn
+auffordern, nach Böhmen zu kommen. Herzog Bernhard traute nicht. Er
+rief aus: »Wer an Gott nicht glaubt, dem kann auch der Mensch nicht
+glauben.« Und doch drängte die Zeit. Wallenstein erfuhr den Abfall eines
+Generals nach dem andern. Altringer entschuldigte sich von Frauenberg
+aus mit Krankheit, Gallas kam nicht wieder, Diodati war heimlich
+durchgegangen, dreizehn Kuriere flogen nach Regensburg und zurück,
+endlich machte sich Herzog Bernhard langsam auf den Weg. Wallenstein
+hatte sich nach Prag begeben wollen, der Abfall der Generale hatte den
+Plan vereitelt; auch den Vorsatz, nach Zittau zu marschieren, mußte er
+aufgeben; der dritte Ort, den er wählte, um sich mit den Schweden in
+Verbindung zu setzen, war Eger.
+
+Am 22. Februar 1634 morgens gegen zehn Uhr verließ er Pilsen und zog am
+24. nachmittags zwischen vier und fünf Uhr in Eger ein. In seiner
+Begleitung befanden sich Illo und Terzka mit fünf Kompanien Kürassieren,
+fünf Kompanien vom altsächsischen Regiment zu Pferd, die unterwegs
+abfielen und nach Prag marschierten, und zweihundert Mann Fußvolk. Bevor
+er das erste Nachtquartier erreicht hatte, stieß Oberst Butler mit acht
+Kompanien Dragoner zu ihm.
+
+Butler war ein Irländer von Geburt und Katholik. Er hatte von Pilsen aus
+nach seinem Quartier in Gladrup von Wallenstein den Befehl erhalten, mit
+seinem Regiment auf Prag zu rücken, -- bei Todesstrafe. Schon diese
+Weisung, die Pässe zu verlassen, die aus Böhmen nach der Oberpfalz
+führen, hatte seinen Verdacht erregt; jetzt erhielt er die neue Weisung,
+Wallenstein nach Eger zu folgen, und er mußte mit seinen Dragonern der
+Sänfte des Feldherrn voranreiten. Er schrieb an Gallas und Piccolomini
+über seinen wachsenden Argwohn, daß er notgedrungen mit Wallenstein
+ziehe, daß er aber vielleicht aus besonderer Schickung Gottes zu diesem
+Weg gezwungen werde, um eine besondere heroische Tat zu verrichten. Auf
+dem letzten Marsch ließ Wallenstein Butler an seine Sänfte kommen und
+entschuldigte sich, daß er bisher nicht mehr für ihn getan habe; er
+versprach ihm zwei Regimenter und ein Geschenk von zweimalhunderttausend
+Talern. In Eger mußte Butler mit seinen Fahnen in der Stadt bleiben,
+während seinen Soldaten auf freiem Feld zu kampieren befohlen war.
+Wallenstein wohnte im Haus des Bürgermeisters Bachhälbel auf dem Markt,
+Terzka und Kinsky mit ihren Frauen im Hintertrakt desselben Hauses.
+
+Der Kommandant von Eger war der Obristleutnant in Terzkas Regiment,
+Johann Gordon, ein Schotte und Kalvinist. An ihn und an den
+Oberstwachtmeister Walter Lesly, ebenfalls einen Schotten, wandte sich
+Butler. In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar verschworen sich diese
+drei Männer in der Zitadelle bei gezückten Degen, Wallenstein sofort aus
+dem Weg zu räumen. Es ward ausgemacht, daß am folgenden Abend Gordon die
+Generale zu einem Faschingsschmaus auf die Burg laden solle; bei diesem
+Schmaus sei die Tat zu vollbringen. Alles drängte zur Eile, schon hatte
+Illo frohlockend die Kunde gegeben, daß am andern Tag die Schweden in
+Eger einrücken würden.
+
+Am 25. Februar, es war ein Samstag, gab Graf Terzka den Offizieren ein
+Gastmahl. Darnach, um sechs Uhr abends, fuhr er mit Kinsky, Illo und dem
+Rittmeister Neumann in einer Kutsche zum Faschingsschmaus auf die Burg.
+Man setzte sich zur Tafel und speiste und zechte lustig. Nach dem Essen
+veranstalteten Gordon und Lesly, daß das Obertor der Stadt geöffnet und
+hundert Mann von Butlers irischen Dragonern und ebensoviele deutsche
+Soldaten in die Stadt gelassen wurden; mit ihnen verstärkte man die
+Wache auf der Burg, die nun abgesperrt wurde. Unterdessen war das
+Konfekt aufgetragen worden. Da erhielt Gordon ein fingiertes Schreiben,
+das angeblich von Kursachsen verfaßt und nun aufgefangen war. Es stand
+darin, daß der Kurfürst die Absicht Wallensteins, vom Kaiser abzufallen,
+nicht billige, und daß er gesonnen sei, Wallenstein dem Kaiser
+auszuliefern, wenn er ihn in seine Gewalt bekomme. Gordon reichte den
+Brief Illo hinüber; dieser las ihn und schüttelte den Kopf. Auch die
+andern lasen ihn, es erhob sich ein Streit; um freier reden zu können,
+wurde die Dienerschaft hinausgeschickt; sie wurde in ein abgelegenes
+Gemach zum Essen geführt und dort eingeschlossen. Nun war man mit den
+Schlachtopfern allein.
+
+Kaum hatten sich die Diener entfernt, so traten aus den beiden
+Nebenzimmern des Speisesaals der italienische Obristwachtmeister
+Geraldino und die irischen Hauptleute Deveroux und Macdonald mit
+sechsunddreißig Dragonern. Deveroux rief laut: #»Viva la casa
+d'Austria!«# Und Deveroux: »Wer ist gut kaiserlich?« Butler, Gordon und
+Lesly antworteten schnell: »Vivat Ferdinandus! Vivat Ferdinandus!«
+Ergriffen ihre Degen und jeder einen Leuchter von der Tafel und traten
+auf die Seite. Die Irländer schritten auf den Tisch zu und warfen ihn
+über den Haufen. Kinsky wurde zuerst niedergestoßen, dann Illo nach
+kurzer Gegenwehr; Terzka, der glücklich seinen Degen erlangt hatte,
+stellte sich in eine Ecke und verteidigte sich mannhaft. Sein Wams von
+Elenshaut schützte ihn gegen mehrere Hiebe, so daß ihn die Dragoner für
+einen Gefrorenen hielten; endlich trafen ihn einige Dolchstöße im
+Gesicht, er fiel und wurde mit den Kolben der Musketen erschlagen.
+Rittmeister Neumann hatte sich verwundet ins Vorhaus geflüchtet und
+wurde draußen erstochen. Die Körper der Gemordeten gab man den Dragonern
+preis, die sie bis aufs Hemd auszogen.
+
+Gordon ließ nun den Speisesaal schließen und blieb bei der Wache auf der
+Burg, Lesly begab sich auf die Hauptwache am Markt, und Butler besetzte
+Wallensteins Wohnung. Es war eine finstere, unfreundliche Nacht, der
+Wind heulte und ein feiner Regen klirrte an die Fenster. »Es ist,« heißt
+es in den Frankfurter Relationen, »sonderlich zu merken, daß selbige
+Nacht um neun Uhr ein erschreckliches Windsbrausen erstanden, welches
+bis gegen Mitternacht gewähret. Hat sich also gleichsam das Firmament
+über die grausamen Mordtaten entsetzet und einen Abscheu getragen.«
+
+Deveroux unternahm mit zwölf Mann den Gang zum Herzog. Die Wache am Haus
+ließ ihn durch, weil sie glaubte, daß er eine Meldung zu machen habe. Im
+Vorzimmer begegnete er dem Kammerdiener Wallensteins, der seinem Herrn,
+welcher eben ein Bad genommen hatte und sich zu Bett begeben wollte, den
+Nachttrunk brachte, Bier auf goldener Schale; Deveroux ward von ihm
+bedeutet, keinen Lärm zu machen. Sein Astrolog Seni hatte Wallenstein
+eben verlassen; er soll ihn aus den Sternen gewarnt haben. Wallenstein
+hatte den Lärm gehört, den die Aufstellung der Soldaten auf dem Markt
+veranlaßt hatte; er hatte das Schreien der Gräfinnen Terzka und Kinsky
+im Hintergebäude gehört, denn beide hatten schon von der Ermordung ihrer
+Männer auf der Burg erfahren; er war ans Fenster getreten und hatte die
+Schildwache gefragt. Deveroux forderte vom Kammerdiener den Schlüssel zu
+Wallensteins Zimmer, und als der Diener sich weigerte, sprengte er die
+Tür mit dem lauten Ruf: »Rebell! Rebell!« und trat mit seinen
+Mordgesellen ein. Wallenstein stand im Nachtkleid an den Tisch gelehnt.
+»Du mußt sterben, Schelm!« rief ihm Deveroux zu. Wallenstein eilte ans
+Fenster, um Hilfe herbeizurufen, Deveroux folgte ihm mit der Partisane.
+Wallenstein breitete die Arme aus, und ohne einen Laut von sich zu geben
+empfing der große Mann den Todesstoß.
+
+Sein Leichnam wurde in einen roten Fußteppich gewickelt und in Leslys
+Kutsche auf die Zitadelle gebracht. Da lag er mit den vier Leichnamen
+der andern Ermordeten den ganzen Sonntag über. Am Montag wurden alle
+nach Mies auf Illos Schloß gebracht und begraben. Bloß Neumann nicht;
+wegen seiner lästerlichen Reden beim letzten Bankett, daß er ehestens in
+der Herren von Österreich Blut seine Hände zu waschen verhoffe, wurde
+er unter dem Galgen eingescharrt.
+
+Wallensteins Sarg war zu klein geraten, und damit er Platz habe, mußten
+ihm die Beine zerbrochen werden.
+
+Schweigend ist er aus dem Leben geschieden; geheimnisvoll hatte er die
+Pläne und Entwürfe, die seine Seele nährten, in tiefster Brust
+eingeschlossen, und über seinem Leben und über seinem Tode liegt ein
+undurchsichtiger Schleier.
+
+Die Güter der Ermordeten wurden sämtlich eingezogen; von den Besitzungen
+Wallensteins, die auf fünfzig Millionen Gulden geschätzt wurden, fiel
+das meiste dem Kaiser zu. Die abtrünnigen Generale wurden reich belohnt,
+die Mörder machten ihr Glück und wurden angesehene Leute, aber alle
+Anhänger Wallensteins wurden geächtet und vierundzwanzig Obristen und
+Hauptleute wurden in Pilsen hingerichtet.
+
+
+
+
+Leonhard Thurneyßer
+
+
+Leonhard Thurneyßer, genannt zum Thurn, war ein Goldschmiedsohn aus
+Basel und 1530, im Jahr der Übergabe der Augsburger Konfession, geboren.
+Er sollte wie sein Vater Goldschmied werden, war aber nebenher bei
+Doktor Huber, dem er Kräuter sammeln und Arzneien zubereiten half und
+aus den Schriften des Paracelsus vorlesen mußte. Schon in seinem
+siebzehnten Lebensjahr verheiratete ihn sein Vater mit einer Witwe, die
+ihn mit ihrem Vormund betrog. Durch einen falschen Freund kam er in
+Händel mit Juden und verließ die Heimat im achtzehnten Jahr seines
+Alters. Er ging in die weite Welt, zuerst nach England, dann nach
+Frankreich, und wurde hier Soldat unter den wilden Truppen des
+Markgrafen Brandenburg-Kulmbach. In der Schlacht von Sievershausen, in
+der Moritz von Sachsen fiel, wurde Thurneyßer von Christoph von
+Karlowitz gefangengenommen. Er verließ nun den Kriegsdienst und
+verschaffte sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in Bergwerken und
+Schmelzhütten, auch mit der Goldschmiedekunst und mit Wappen- und
+Steinzeichnen. Da seine Frau von ihm geschieden worden war, heiratete
+er im Jahre 1558 eine Goldschmiedstochter aus Konstanz und zog mit ihr
+nach Imst in Tirol, wo er eine Schmelz- und Schwefelhütte anlegte und
+Bergbau auf eigene Rechnung trieb. Zwei Jahre später nahm ihn der
+Erzherzog Ferdinand von Tirol, der Gemahl der schönen Philippine Welser,
+in Dienst und schickte ihn auf Reisen; er ging nach Schottland und den
+orkadischen Inseln, nach Spanien, Portugal und in die Berberei, nach
+Äthiopien, Ägypten, Syrien, Arabien und Palästina, wurde auf dem Berg
+Sinai, im Katharinenkloster vom Orden des heiligen Basilius, Ritter der
+heiligen Katharina und kehrte über Kandia, Griechenland und Italien nach
+Tirol zurück.
+
+Durch seine Kenntnisse als Chemiker und Metallurg, als Botaniker und
+besonders als Arzt, wurde er der berühmteste Wundermann seiner Zeit. Er
+fing jetzt an, seine Schriften herauszugeben, zuerst das in deutschen
+Reimen abgefaßte Buch »Archidoxa«, darin der »wahre Lauf, Wirkung und
+Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper, auf alle Gewerbe und
+Hantierungen der Menschen und die verborgenen Mysterien der Alchimie«
+enthalten waren. Als Wunderdoktor lernte ihn der Kurfürst Joachim
+Friedrich von Brandenburg im Jahre 1571 während der Huldigungsfeier zu
+Frankfurt an der Oder kennen. Thurneyßer besorgte hier die Publikation
+einer andern Schrift, die den Titel hatte: »Pison, von kalten, warmen,
+mineralischen und metallischen Wässern samt Vergleichung der Pflanzen«,
+und die dem Kurfürsten von Sachsen zugeeignet war. An einer Stelle heißt
+es: »Große und starke Personen sind von kalter Natur, haben eine böse,
+unreine Komplexion, stinken und schwitzen viel, und solcher Art ist auch
+Herr Christoph Sparre, der kurfürstliche Oberhofmeister in Berlin.«
+Oder: »Diejenigen, die von Person lang, schmal, dürr und kleine runde
+Köpfe haben, besitzen gar keine Geschicklichkeit und führen weibische
+Reden wie weiland Kaiser Rudolf von Habsburg.« Er war auch Anatom, und
+Kaiser Ferdinand hatte ihm im Jahre 1559 erlaubt, eine Frau zu sezieren,
+der zur Strafe die Adern geöffnet waren, daß sie sich totbluten solle.
+
+[Illustration: Leonhard Thurneyßer, nach einem 1583 erschienenen
+Holzschnitt.]
+
+Das Vertrauen des Kurfürsten erwarb er sich gleich, denn er war ein Mann
+von stattlichem Ansehen; die den Schweizern eigene Manier von
+Ehrlichkeit, seine Welt- und Menschenkenntnis und sein lebhaftes
+Temperament nahmen für ihn ein. Er verstand es, die Schwächen großer
+Herren und ihre Neigungen auszuforschen und sich gegen diejenigen klug
+zu betragen, an deren Gunst ihm gelegen war. Die Kurfürstin war krank,
+Thurneyßer übernahm die Behandlung, und der Erfolg bewirkte, daß von
+Stund an sein Glück bei den brandenburgischen Herrschaften gemacht war.
+Sie nahmen ihn mit nach Berlin, der Kurfürst ließ auf seine Kosten
+Thurneyßers Frau und Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen
+hatte, aus Konstanz nach seiner Hauptstadt bringen.
+
+Thurneyßer hatte dem Kurfürsten Blätter aus dem »Pison« gezeigt, welche
+die Flüsse in der Mark und deren unerkannte Reichtümer betrafen. So hieß
+es unter anderm darin: »Das Wasser der Spree ist grünfarbig und lauter.
+Es führet in seinem Schlich Gold und eine schöne Glasur. Das Gold hält
+23 Karat 1/2 Gramm.« Daß die Spree Gold führe, war bisher unerhört,
+blieb auch unerhört. Ebenso beschrieb Thurneyßer Orte in der Mark, wo
+man Rubine, Smaragde und Saphire finden könne. Bisher hatte man sie
+nicht gesucht und nicht gefunden, fand sie auch niemalen. Aber die
+glänzenden Verheißungen lockten bei Hof nicht wenig, den Mann
+festzuhalten, der so viele Hoffnungen erweckte. Alle Hofleute waren von
+ihm entzückt, und sogar das kurfürstliche Hoffrauenzimmer breitete
+seinen Ruhm im ganzen Lande aus. Er erhielt Briefe von einigen Fräulein
+und verheirateten Damen, die auf dem Lande lebten, worin sie ihn um
+Schminke baten, oder um Schönheitsöl, oder um Waschwasser, nebst
+Beschreibung des Gebrauchs. Sie schließen gemeiniglich mit dem Ersuchen,
+es niemand wissen zu lassen, noch andern davon zu geben.
+
+Thurneyßer war ein Mann, der sich wohl darauf verstand, die gute Meinung
+zu nutzen, die man von ihm gefaßt hatte, um sich bedeutende Reichtümer
+zu erwerben. Er wußte sich in seinen Glücksumständen bis an das Ende
+seines Lebens zu erhalten, -- wo er dann freilich um Geld und Ehre kam.
+Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis und eine nicht zu ermüdende
+Wißbegierde. Nach dem Vorbild des Paracelsus hatte er die Natur
+unmittelbar aus ihren Werken studiert, und da er mit Aufmerksamkeit eine
+Menge von Gegenständen in nahen und weitentlegenen Ländern betrachtet
+hatte, war er auch zu einer tiefen Erkenntnis der Natur gelangt. Nicht
+so sehr wie Paracelsus war er gegen das Bücherlesen eingenommen; er
+hatte mehrere medizinische und historische Werke studiert. Mit dem
+Griechischen war er auf seinen Reisen bekannt geworden, auch mit einigen
+orientalischen Sprachen, so daß er später eine Schriftgießerei in
+ausländischen Lettern anlegen und sogar ein Onomastikon herausgeben
+konnte. Lateinisch lernte er noch in seinem sechsundvierzigsten Jahr bei
+dem berlinischen Propst Jakob Colerus. Er verstand sich auf die Kunst
+des Zeichnens und konnte die für seine anatomischen Handleitungen und
+sein Kräuterbuch beschäftigten Formschneider wohl anweisen. Er hatte
+eine Karte der Mark Brandenburg aufgenommen, wie man sie damals noch
+nicht besaß. Seine Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie und
+Astrologie waren nicht unbedeutend, so daß er nicht nur die weit und
+breit berühmten Kalender veröffentlichte und sich mit dem Stellen der
+Nativität abgeben konnte, sondern er vermochte auch für die Jahre 1580
+bis 1590 die ephemeriden und astronomischen Tabellen zu berechnen.
+
+Der Kurfürst bestellte ihn zu seinem Leibmedikus, und sein stehendes
+Gehalt betrug 1352 Taler, eine für jene Zeit ansehnliche Summe. Daneben
+hatte er auf vier Pferde Futter, die Hofkleidung, die Hofdeputate und
+bei Reisen Vorspann. Kurfürst und Hof gaben ihm vielerlei Bestellungen
+von Einkäufen, die er zu Leipzig, zu Nürnberg und zu Venedig durch seine
+Schreiber und Bekanntschaften besorgen mußte. Der Kurfürst war ein
+Liebhaber von Silbergerät; die Goldschmiede hatten so viel für den Hof
+zu tun, daß Joachim Friedrich viel Silberzeug in Leipzig anfertigen
+ließ, und Thurneyßer hatte davon die Kommissionen. Besonders setzte die
+Kurprinzessin Katharina von Küstrin ein außerordentliches Vertrauen in
+Thurneyßer. Ihr Gemahl war Administrator von Magdeburg, sie selbst
+residierte in Halle. Sie ließ ein Laboratorium bauen und ersuchte
+Thurneyßer, zu ihr zu kommen. Der Kurfürst gab nur ungern seine
+Einwilligung, weil er Thurneyßer stets um sich haben wollte. Katharina
+brauchte den gewandten Schweizer in allen ihren Geschäften; wenn sie
+Geld nötig hatte, mußte er auf der Leipziger Messe in seinem Namen zwei,
+drei und mehrere tausend Taler für sie aufnehmen. Sie ließ durch ihn
+Kleinodien und Silberzeug kaufen und verkaufen und schickte ihm Leute
+zu, die er zu Laboranten und Provisoren bilden, in der Imitation von
+Rubinen und Smaragden und im Wappen- und Steinschneiden unterrichten
+sollte.
+
+Bald nach seiner Ankunft in Berlin hatte ihm der Kurfürst eine geräumige
+Wohnung in dem ehemaligen Franziskanerkloster, dem grauen Kloster,
+gegeben, damit er Platz zu einer weitläufigen Haushaltung haben möge. Er
+richtete sich dort in großem Stile ein. Im Laboratorium wurden nach
+seinem silbernen Buch die Arkana präpariert, die geheimen Arzneien, die
+ihn zum reichen Mann machten: Goldpulver, Goldtropfen, Amethystenwasser,
+Saphir-, Rubinen-, Smaragden-, Perlen- und Korallentinktur, auch
+Bernsteinöl. Er hatte Mittel »wider die Vergicht, wider ein Rotgesicht,
+dasselbe zu erläutern und zu dealbieren.« Ein Lot #spiritus vini#
+kostete vier Taler, ein Lot #Spiritus vini correcti# sogar sechs Taler,
+ein Lot Rhabarberextrakt zwei Taler. Der Gräfin Lynar schickte er einmal
+einige Öle zum äußerlichen Gebrauch, die fünfunddreißig Taler kosteten,
+und schrieb ihr dazu: »Ihre Gnaden würde zum besonderen Vergnügen
+gereichen, diese kleinen Unkosten zu tragen, damit Sie nichts einnehmen
+dürften.« Er meinte, weil sie ja die Mittel nicht schlucken müsse.
+
+Er hielt im grauen Kloster eine Art von kleiner Hofstatt, seine
+Haushaltung bestand aus mehr als zweihundert Personen, aus Dienern,
+Schreibern, Laboranten, Boten zum Verschicken und den Arbeitern in der
+weitläufigen Druckerei, die mit deutschen, lateinischen, griechischen,
+hebräischen, chaldäischen, syrischen, türkischen, persischen,
+arabischen, sogar mit abessinischen Typen versehen war, in der seine
+Schriften fortan gedruckt wurden, auch die Schriften von andern
+Gelehrten, zum Teil aus fernen Städten, jede mit der Aufschrift:
+gedruckt zu Berlin im grauen Kloster. Die Arbeiter und Bedienten waren
+fast alle verheiratet und wohnten mit Frauen und Kindern bei Thurneyßer.
+Der Aufwand zu ihrem Unterhalt war so groß, daß er monatlich einen
+Ochsen schlachten ließ. Er selbst ging stattlich, in schwarzsamtenen und
+seidenen Kleidern, was ein besonderes Zeichen der Pracht war, auch
+täglich mit seidenen Strümpfen. Noch kurz ehe Thurneyßer nach Berlin
+kam, hatte der Markgraf Johann zu Küstrin seinem geheimen Rat Barthold
+von Mandelsloh, der die seidenen Strümpfe aus Italien mitgebracht hatte
+und einst an einem Wochentag mit ihnen bei Hof erschien, zugerufen:
+»Barthold! Ich habe auch seidene Strümpfe, aber ich trage sie nur des
+Sonn- und Festtags.« Thurneyßer prangte nicht nur in seidenen Strümpfen
+und Kleidern, sondern er trug um den Hals auch goldene Gnadenketten mit
+daran hängenden Kur- und Fürstenbildnissen, goldnen Gnadenpfennigen und
+Kontrefaitmünzen. Wenn er ausging, begleiteten ihn zwei Edelknaben; 1580
+verrichteten diesen Dienst zwei Vettern, Christoph und Hans Christoph
+von Tetzel aus dem alten, reichsadeligen Patriziergeschlecht der Tetzel
+von Kirchsittenbach und Vohra zu Nürnberg. Ihre Eltern wohnten in
+Denelohe, einem im fränkischen Altmühlkreis gelegenen Reichsrittersitz;
+1582 dankte der Vater dem Doktor Thurneyßer dafür, daß er seine Kinder
+zu sich genommen; er sei überzeugt, daß sie im ganzen Kurfürstentum
+nirgends besser als bei ihm zur Ordnung und Tugend erzogen werden
+könnten. Oft speisten große Gesellschaften von den Vornehmsten des Hofes
+bei ihm, und wenn auswärtige Herren ankamen, sich seines Rats zu
+erholen, nahm er sie im grauen Kloster bei sich auf, wie den Fürsten
+Radziwill. Er war das Orakel von aller Welt. König Friedrich II. von
+Dänemark bat ihn, die einst von Heinrich dem Löwen verschütteten
+Salzbrunnen zu Adeslon zu untersuchen; König Stephan Bathory von Polen,
+den er zuweilen mit Antidoten oder Gegengiften versah, sprach ihn um
+Hilfe wegen der Bergwerke an; Graf Wilhelm der Weise von Hessen forderte
+von ihm eine Erklärung fremder Buchstaben auf einem in der Grafschaft
+Katzenellenbogen aufgefundenen Gipsstein. Der König von Schweden
+schickte ihm einen schönen Luchspelz. Die Schreiber breiteten seine
+Wunderkuren aus und brachten reiches Entgelt, seltene gemalte Bücher,
+Handschriften, Erzstufen, Versteinerungen und Kräuter mit. Sie erzählten
+auch, was an auswärtigen Höfen und in anderen Ländern vorfiel, und mit
+diesen Nachrichten wußte Thurneyßer sich bei seinem Herrn sehr beliebt
+zu machen.
+
+Von seinen Kalendern setzte er ungeheure Auflagen ab. Bei den einzelnen
+Monatstagen pflegte er Buchstaben und verblümte Worte als Prognostika
+beizufügen, und im folgenden Jahr schickte er dann die Erklärungen, wenn
+die Begebenheiten richtig eingetroffen waren. Im Kalender auf 1579 steht
+beim 17. Dezember: schändliche Tat einer fürstlichen Person. 1580
+lautete die Erklärung: auf diesen Tag hat Signora Bianca Capelli ihren
+Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben, welcher am 18. Dezember
+gestorben.
+
+Als Nativitätssteller begründete er seinen Ruf mit der Versicherung, er
+habe dem König Sigismund August von Polen ohne Aberglauben und
+Teufelskünste Jahr, Monat und Tag seines Todes prophezeit; sowie in
+einer fürstlichen oder gräflichen Familie in Deutschland ein Kind
+geboren war, wurde ihm die Geburtsstunde zugeschickt; manchmal kamen
+mehrere Boten an einem Tag. Nun suchte er den Stand der Planeten,
+forschte, in welchem Zeichen des Tierkreises sie gestanden, bemerkte die
+Aspekten gegeneinander und bestimmte daraus die Influenzen auf den
+Geborenen. Er beurteilte seine künftigen Schicksale, seine natürlichen
+Neigungen und Fähigkeiten, ob er glücklich, reich oder arm, zu Ehren
+gelangen werde oder nicht, heiraten werde oder nicht, Kinder bekommen
+werde oder nicht, was er für Krankheiten zu erwarten und in welchem
+Alter er sterben würde. Das alles interessierte damals die Leute
+ungemein, jedermann glaubte steif und fest daran, auf den Universitäten
+wurden Collegia über das Nativitätstellen gelesen, und Bischöfe und hohe
+Geistliche gaben sich damit ab.
+
+Die Bestimmung der Nativität hatte keinen Zweck, wenn man nicht die
+Talismane trug, die Thurneyßer fabrizierte. Er versah die ganze Mark und
+die benachbarten Länder mit Talismanen. Selbst Andreas Osiando, der
+berühmte Streittheolog in Königsberg, trug zum Schutz wider den Aussatz
+eine Kette um den Hals. Als Thurneyßer, eine goldne Kette um den Hals,
+1574 nach Königsberg reiste, um den blödsinnigen Herzog zu heilen,
+benutzte er bei seinen Kuren die Talismane. Es waren sogenannte große
+Jupiter-Talismane, #Sigilla solis#. Sie finden sich noch in den
+Münzkabinetten; Jupiter erscheint auf ihnen wie ein Württemberger
+Professor mit Bart und Pelzrock und einem großen Buch, aus dem er
+doziert; auf dem Revers befindet sich ein Apucus, ein heiliger
+Rechenpfennig, der die Summe 34 gibt, man mag die Zahl in den sechzehn
+Feldern der Länge nach oder der Breite nach oder in der Diagonale
+addieren. Die #Sigilla solis# waren oft sechs Dukaten schwer. Einer ist
+vierzehn Dukaten schwer. Er trägt die Namen Gottes und der zehn Fürsten
+der Engel und die hebräischen Worte, die der berühmte Abt Trieheim aus
+der Bibel und den Rabbinen entlehnt und Agrippa von Nettelsheim in
+seinem Werk #De occulta philosophia# erklärt hatte. Die #Sigilla solis#
+waren dazu bestimmt, die solarischen Krankheiten abzuwenden, wozu die
+des Gehirns zählten. Es gab auch Talismane mit dem Zeichen der andern
+Planeten, und diese verhüteten die astralischen Krankheiten. Ferner gab
+es Talismane aus sieben verschiedenen Metallen gemischt, in einem
+festgesetzten Verhältnis und mit Beobachtung der Konstellation: wann sie
+geschmolzen waren und wann der Stempel aufgeprägt war; diese hatten eine
+besondere verborgene Kraft, Menschen, in unglücklicher Stunde geboren,
+glücklich zu machen. Andere Talismane verschafften die Gunst großer
+Herren, beförderten zu Ehrenstellen, ließen Heiratshändel gelingen, und
+wenn Mars beim ersten Eintritt in das Zeichen des Skorpions darauf
+geprägt war, verliehen sie dem Soldaten Mut und Sieg. Thurneyßer
+verkaufte Talismane zum Besten des ganzen menschlichen Geschlechtes, vom
+Kaiser bis zum Bauer herunter. Das sollte die mit dem Zepter kreuzweis
+gelegte Sense andeuten, die sich auf den Münzen befinden. Er erzeugte
+auch sympathetische Ringe, die von der fallenden Sucht befreiten.
+
+Durch alle diese Geldquellen wurde Thurneyßer sehr reich. Sein Schatz
+bestand aus zwölftausend Goldstücken, teils einfachen und doppelten
+Portugalesern, teils vierfachen Kronen, Rosenobeln, Engalotten und
+Dukaten. Er besaß über neun Zentner an Trinkgeschirren und einen
+silbernen vergoldeten Hirsch, der, nach der Sitte der Zeit mit Leuchtern
+ausgeziert, in seinem großen Saale hing. Seine Bibliothek soll
+ihresgleichen weit und breit nicht gehabt haben; sein Naturalienkabinett
+enthielt eine Sammlung von Pflanzensamen aus allen Teilen der Welt. Er
+hatte Präparate von getrockneten Teilen des menschlichen Körpers und von
+seltenen Tieren. Er hatte Skorpione in Baumöl, die der gemeine Mann für
+entsetzliche Zauberteufel ansah. Sein Garten beim Grauen Kloster war
+voll botanischer Kuriositäten, und ein Elentier, das ihm der Fürst
+Radziwill geschenkt hatte, schickte er nach seiner Vaterstadt Basel, um
+sich bei seinen Landsleuten in Respekt zu setzen. Die frommen Baseler
+hielten es aber auch für einen Zauberteufel, und ein altes Weib gab ihm
+einen Apfel mit zerbrochenen Nähnadeln zu fressen.
+
+Thurneyßer zog eine Menge kunstverständige Ausländer nach Berlin und
+brachte auf jede Weise viel Geld in Umlauf. Eine Menge Schriftgießer,
+Stempelschneider, Kupferstecher, Illuminierer, Buchbinder, Kaufleute und
+Goldschmiede hatten beständig für ihn zu tun. Er war der erste, der die
+chemischen Arzneien einführte, deren kleine aber wirksame Dosen den
+verschleimten Ruppiner- und Bernauerbiermagen des brandenburgischen
+Adels annehmlicher dünkten, als die bisherigen kopiosen galenischen
+Arzneitränke. Er half den Alaun- und Salpetersiedereien auf, sowie den
+Glashütten. Aus der Grimnitzer Glashütte in der Uckermark hatte er einen
+gläsernen Vogelbauer, in dessen inwendigem Raum ein Vogel saß, während
+außen Fische schwammen. Dieser Vogel war dem gemeinen Mann gleichfalls
+ein Zaubervogel, da er scheinbar mitten im Wasser mit schwimmenden
+Fischen lustig herumsprang, als ob er in freier Luft lebte.
+
+Vierzehn Jahre lang erhielt sich Thurneyßer in der unverminderten Gnade
+des Hofes. Der Kurfürst gab ihm das Zeugnis, »daß er sich nach seinen
+ihm von Gott verliehenen Gaben gegen ihn und dem Hause Brandenburg, auch
+vielen anderen hohen und niederen Standespersonen getreu, aufrichtig,
+nützlich und wohl erzeiget habe«. Im Jahre 1575 war Thurneyßers Frau
+gestorben, das Schweizerheimweh kam über ihn, der Kurfürst wollte ihn
+nicht ziehen lassen, nun reiste er wenigstens zu Besuch nach Basel und
+heiratete dort 1580 seine dritte Frau, eine Geschlechtertochter aus
+Basel, eine Herbrot. Sie war liederlich, er verstieß sie, und sie
+brachte ihn um Ehre und Vermögen. Es entspann sich ein skandalöser
+Prozeß, worin beide Teile Schriften gegeneinander veröffentlichten, und
+seine sämtlichen Habseligkeiten, die er nach Basel geschickt hatte,
+wurden mit Beschlag belegt und der Frau zugesprochen. Darauf entstand in
+der Mark eine große Hetze gegen ihn, er wurde als Zauberer, Atheist und
+Wucherer gebrandmarkt, ein Professor in Greifswalde predigte öffentlich
+gegen ihn, warnte die Gemeinden und erachtete ihn des Kirchenbanns für
+würdig. Er verließ Berlin, wurde katholisch, ging nach Rom und begab
+sich unter den Schutz des Papstes. Beim Kardinal Ferdinand von Medici,
+bei dem er speiste, verwandelte er einen eisernen Nagel in Gold. Nach
+der Tafel stellte der Kardinal darüber ein Zeugnis aus, das man lange
+Zeit nebst dem Nagel als große Merkwürdigkeit den Fremden in Florenz
+zeigte. Es fand sich aber später, daß das Wunder durch einen Betrug
+zustande gekommen war.
+
+Thurneyßer lebte ein paar Monate dann in Belvedere, wanderte dann wieder
+nach Deutschland und starb endlich in ärmlichen Umständen in einem
+Kloster bei Köln, fünfundsechzig Jahre alt, genau an dem Tage, auf den
+er sich selbst das Horoskop gestellt hatte.
+
+
+
+
+Danckelmann
+
+
+Der Kurfürst Friedrich von Brandenburg und spätere erste König von
+Preußen überließ sich am Anfang seiner Regierung völlig der Leitung
+Danckelmanns, seines ehemaligen Hofmeisters. Eberhard Danckelmann war
+1643 geboren; er war ein Fremder, ein Westfale aus der damals noch
+nassau-oranischen Stadt Lingen, wo sein Vater, der berühmte gelehrte
+Sylvester, Landrichter war. Die Familie war bürgerlich, hatte aber die
+Tradition, daß einer ihrer Vorfahren einem deutschen Kaiser durch treue
+Wachsamkeit das Leben gerettet und dieser ihm mit den Worten: »Danke,
+Mann«, den Ritterschlag erteilt habe. Das Wappen, das dieser Tradition
+Wahrscheinlichkeit geben sollte, war ein Kranich.
+
+Der junge Danckelmann war eine Art Wunderkind gewesen; er hatte in
+Utrecht studiert, hatte hier schon in seinem zwölften Jahr eine
+Disputation gehalten und dann die europäische Turnee durch England,
+Frankreich und Italien gemacht. Er war zwanzig Jahr alt, als ihn der
+Große Kurfürst auf einer Reise nach Holland kennen lernte und zum
+Lehrer des damals fünfjährigen Prinzen Friedrich Wilhelm annahm. Zwei
+Jahre später, 1665, wurde er Titularrat, 1669 Halberstädtischer, 1676
+kurmärkischer Regierungsrat, und noch unter dem Großen Kurfürsten
+Kammer- und Lehnsrat. Zweimal vor Friedrichs Regierungsantritt rettete
+er dem Prinzen das Leben, 1680 bei dem angeblichen Vergiftungsversuch
+durch die Stiefmutter, und sieben Jahre darauf bei einem Stickfluß, wo
+er ihm gegen den Rat der Ärzte eine Ader schlagen ließ und ihn so wieder
+zum Bewußtsein brachte. Kurz nach seiner Thronbesteigung ernannte ihn
+Kurfürst Friedrich zum Regierungspräsidenten in Cleve, und am 2. Juli
+1695, bei der Zusammenkunft der sieben Brüder Danckelmann, die alle hohe
+Ämter im Brandenburgischen bekleideten, bei offener Tafel zum
+Premierminister mit dem ersten Rang am Hofe. Friedrich setzte die
+Bestallung eigenhändig auf. Es heißt darin, daß Danckelmann ein
+vollständiges Exempel ungefärbter Treue, unablässiger Applikation in der
+Beförderung der Gloire des Kurfürsten und aller andern, dem Diener eines
+großen Herrn wohlanständigen Tugenden und Qualitäten sei. In demselben
+Jahre ließ ihn der Kurfürst mit seinen sechs Brüdern von Kaiser Leopold
+in den Reichsfreiherrenstand erheben, und der Kaiser gab ihnen zu dem
+bisher im Wappen geführten Kranich sieben mit einem Ring
+zusammengehaltene Zepter, »damit deren Posterität aus denen sieben
+Zeptern die Urheber dieser unserer ihnen erteilten Gnad und Würde als
+sieben Brüder, welche gleichsamb an einem Ring beisammen halten
+umbsomehr abnehmen und vermerken können«. So das Diplom; und es besagte
+auch, daß Eberhard Danckelmann den ihm angetragenen Grafenstand
+abgebeten habe, um mit seinen Brüdern im gleichen Stand zu bleiben. Der
+Kurfürst verlieh ihm noch die Erbpostmeisterwürde, die Hauptmannschaft
+zu Neufeld an der Dosse und ansehnliche Lehne und Güter.
+
+Er leitete die Finanzen und alle Hauptgeschäfte. Man nannte ihn den
+Colbert der brandenburgischen Staaten. Er vermehrte die Jahreseinkünfte
+aus den Domänen um hundertfünfzigtausend Taler. Er regierte mit seinen
+sechs Brüdern, von denen er der mittelste war. Man nannte diese
+Regierung der sieben Brüder Danckelmann, die als rechtschaffene Männer
+im Volk beliebt waren, die Herrschaft der Plejaden oder des
+Siebengestirns. Der älteste Bruder war Resident im westfälischen Kreis.
+Der zweite außerordentlicher Gesandter beim König von England, der
+dritte Kammergerichts- und Konsistorialpräsident, der vierte
+Generalkriegskommissär, der fünfte Kanzler zu Halle und
+außerordentlicher Gesandter am kaiserlichen Hof und der sechste Kanzler
+zu Minden.
+
+Danckelmann war ein tüchtiger und verdienstvoller, ein sehr
+selbstbewußter und gegen den alten Adel sehr stolzer Mann. Er war von
+tiefmelancholischem Temperament; man hat ihn niemals lachen gesehen.
+Sein Unglück schwebte dunkel vor seiner Seele, als er noch im höchsten
+Glücke war. Eines Tages gab er dem Hof zur Einweihung seines neuen
+Hauses ein Fest. Die Gesellschaft tanzte im großen Saal, Danckelmann
+befand sich mit dem Kurfürsten in seinem Arbeitskabinett. Mit dem
+Wohlgefallen eines Kenners betrachtete Friedrich einige Gemälde, die
+dort an den Wänden hingen. »Das sind schöne Bilder,« meinte der
+Kurfürst. »Ach,« erwiderte Danckelmann mit bitterem Lächeln, »die Bilder
+und was ich sonst noch Kostbares besitze, wird ja doch einst, bald
+vielleicht, das Eigentum von Eurer kurfürstlichen Gnaden sein, wenn
+meinen Feinden gelingt, wonach sie so eifrig trachten, mir die Liebe
+meines Herrn zu entfremden.« Da legte der Kurfürst die Hand auf die
+Bibel und antwortete, der Fall könne sich nie ereignen.
+
+Der Fall ereignete sich aber doch, und zwar nicht ohne Danckelmanns
+Verschulden. Das Zeremoniell war in jenen Tagen, wo sich alles um die
+Hofherrlichkeit drehte, die Schlange, die die gescheitesten Köpfe
+verführte. Danckelmann bezeigte sich gegen seine altadeligen Kollegen
+hochfahrend, rauh und unfügsam. Er mochte freilich zu tun haben, sich in
+Positur gegen sie zu setzen. Er verlangte von sämtlichen Ministern der
+auswärtigen Höfe den ersten Besuch; selbst den regierenden Reichsgrafen
+wollte er nicht weichen. In die Kirche zu Königsberg, wo der ganze Hof
+versammelt war, kam er einst zu spät, die Predigt hatte schon begonnen.
+Sein Nachfolger, der spätere Premier Wartenberg und der Feldmarschall
+Barfuß sprachen miteinander; Danckelmann fuhr zwischen sie mit den
+Worten: »Meine Herren, warum heben Sie mir kein Platz auf?« Wartenberg
+erhob sich und sagte: »Hier ist Platz.« Kalt entgegnete Danckelmann: »Es
+ist Ihre Schuldigkeit, mir Platz zu machen.«
+
+[Illustration: Eberhard Danckelmann, nach einem Stich von G. P. Busch.]
+
+Dergleichen gab böses Blut. Im Gefühl seiner Vorzüge nahm Danckelmann
+auch gegen den Kurfürsten einen feierlichen Ton an, der dem hohen Herrn
+natürlich zu hoch vorkommen mußte. Er verdarb es auch mit den Damen und
+brachte die ganze kurfürstliche Familie gegen sich auf. Sein Sturz
+erfolgte auf echt orientalische Weise. Im Vorgefühl seines Schicksals
+hatte er seinen Abschied erbeten. Der Kurfürst, der fünfunddreißig Jahre
+lang um ihn gewesen war, bewilligte den Abschied. Danckelmann blieb in
+Berlin; noch am Abend des 10. Dezember 1697 erschien er bei Hof, und der
+Kurfürst unterhielt sich mit ihm aufs freundlichste. In der Nacht darauf
+erschien der Gardeoberst von Tettau in Danckelmanns Haus in der alten
+Friedrichstraße, dem sogenannten Fürstenhaus. Er wurde arretiert, seine
+Effekten wurden versiegelt, und man brachte ihn nach Spandau, später
+nach Peitz. Erst zehn Jahre darauf wurde er nebst vielen andern
+Staatsgefangenen pardonniert; da er Preußen nicht verlassen durfte,
+begab er sich nach Kottbus, wo er eine halbe Freiheit genoß und
+zweitausend Taler Pension. Seine sämtlichen Güter wurden ohne Prozeß
+konfisziert; das Fürstenhaus, Marzahne, Zimmerbude, Groß- und
+Klein-Quittainen in Preußen, Biesenbruch in der Uckermark, Umelingen und
+Schönebeck in der Altmark und die Kohlenbergwerke bei Wettin. Die
+Familie hat die Güter niemals zurück erhalten. Während der ganzen Zeit
+seiner Gefangenschaft war nur seine Frau um ihn, die sich ausgebeten
+hatte, seine Haft teilen zu dürfen. Erst nach Friedrichs Tode erhielt
+der siebzigjährige Greis eine Ehrenerklärung: König Friedrich Wilhelm
+ging öffentlich mit ihm zur Kirche.
+
+
+
+
+Kaiser Rudolf II. und sein Hof
+
+
+Rudolf, der älteste Sohn des zweiten Maximilian, war zu Wien geboren und
+wurde in Spanien erzogen. Seine Mutter war Maria, die Lieblingstochter
+Karls V., eine echte Spanierin, streng katholisch, sehr tugendhaft und
+sehr düster. Der Aufenthalt am Hofe des unheimlich kalten, ausschweifenden
+und grausamen Philipp und die furchtbaren Ereignisse unter dessen
+Regierung hinterließen nicht zu verwischende Spuren in Rudolfs Seele.
+Ehemals war er sanft, schüchtern und gerechtigkeitsliebend gewesen; als
+er im Alter von neunzehn Jahren nach Deutschland zurückkam, um die
+römische Königskrone aufs Haupt zu setzen, war er wild, finster und zu
+heftigen Zornanfällen geneigt. Mit vierundzwanzig Jahren wurde er
+Kaiser. Er schlug seine Hofstatt zu Prag auf.
+
+Es war eine Drohung über ihm von den Ahnen her. Aber er hatte nicht die
+rührende Melancholie Johannas von Kastilien, auch nicht die durch die
+Eitelkeit aller irdischen Dinge niedergebeugte stille Größe Karls V., in
+ihm war eine Art von Versteinerung. Mit der Ungeduld eines bösen Kindes
+sprach er seinen Widerwillen gegen alle Regierungsgeschäfte aus, und
+dieser Widerwille endigte erst, wenn er merkte, daß ein anderer sich
+ihrer mit Liebe und tätigem Fleiß annahm; dann erwachte in ihm der Neid
+und eine verzehrende Eifersucht.
+
+Er kam niemals ins Reich; er besuchte nie einen Reichstag seit jenem
+Regensburger, wozu ihn die Türkennot gedrängt hatte. Er kam auch niemals
+nach Wien. Er saß fest auf dem Hradschin; dort hatte er seine Zauber-
+und Wunderwerkstatt aufgeschlagen. Wenn die deutschen Fürsten ihm ihre
+Gesandten schickten, ließ er ihnen sagen: er sei eben mit andern
+Angelegenheiten trefflich molestieret. Ebenso warteten die Boten Ungarns
+und Österreichs jahrelang in Prag vergeblich und immer wieder vergeblich
+auf eine Audienz. Die Statthalter und Generale wurden ohne
+Verhaltungsbefehle gelassen; sie mochten sich helfen, wie sie konnten.
+Die Geheimkünste füllten seine ganze Welt aus.
+
+Er hatte große Schätze, verbarg sie aber sorgfältig in seinen Truhen. Es
+kümmerte ihn nicht, wenn den Räten und Hofleuten kein Gehalt ausbezahlt
+wurde, wenn sogar in der kaiserlichen Hofhaltung sich Mangel einstellte.
+Der bayrische Resident schrieb einmal an seinen Herrn: »Heute hat das
+vornehmste Hofgesinde nichts zu essen gehabt, es war kein Geld
+vorhanden, um für die Küche einzukaufen.« Von alledem unberührt,
+überließ sich Rudolf seiner Leidenschaft für das Mysteriöse und seiner
+Sammelwut.
+
+Er sammelte Naturalien, seltene Steine, ausländische Pflanzen und Tiere.
+Löwen, Leoparden und Adler verstand er so zahm zu machen, daß sie mit
+ihm im Zimmer herumgingen. Die Welser in Augsburg, die für die zwölf
+Tonnen Goldes, welche sie dem Kaiser Karl vorgestreckt, einen
+Küstenlandstrich in Südamerika erhalten hatten, ließen von dort her
+peruanische Kuriositäten für ihn kommen. Er sammelte römische und
+griechische Altertümer, die seine Agenten aufkaufen mußten, Münzen,
+Gemmen, Kameen und Statuen. So erwarb er zwei der größten Schätze der
+Antike, den Sarkophag mit der Amazonenschlacht und die Onyxtasse mit der
+Apotheose des Augustus, für die er fünfzehntausend Dukaten bezahlte.
+Seine Schatzkammer war weit und breit berühmt; sie blieb fast
+zweihundert Jahre lang im Stande, erst in der Zeit der josefinischen
+Aufklärung ging vieles verloren; die Statuen wurden für ein Spottgeld
+veräußert, ein herrlicher Torso wurde durch das Fenster in den
+Schloßgraben geworfen, die seltenen Münzen wurden nach dem Gewicht
+verkauft, und die Tizianische Leda figurierte in einem Inventar unter
+dem Titel: ein nacktes Weibsbild von einer bösen Gans gebissen.
+
+Ein besonderes Wohlgefallen fand Rudolf an der Stempelschneidekunst. Die
+Siegel an seinen Diplomen, goldnen Bullen, Lehn- und Gnadenbriefen sind
+so fein und zierlich in vollendetstem gotischen Stil ausgeprägt, daß die
+Annahme berechtigt erscheint, er habe die größten Meister dieser Kunst
+in seinen Dienst gezogen.
+
+Von seinen Hofleuten wurde Rudolf II. Salomon genannt. Er beherrschte
+sechs Sprachen, war bewandert in der Mechanik, Physik und Mathematik
+und besonders in der Astrologie, Magie und Alchimie. Er verkehrte
+schriftlich mit allen gelehrten Männern im heiligen römischen Reich, und
+manchen unscheinbaren Doktor erhob er in den Adelsstand, auch wenn es
+ein Lutheraner war. Aber hauptsächlich waren die sonderbaren Leute seine
+Leute. Es lebten an seinem Hof eine Menge Uhrmacher und Maler, eine
+Menge Astronomen, die ihm Horoskope stellen und Kalender machen mußten;
+er verkehrte mit Adepten aller Art, worunter sich viele Scharlatane,
+Glücksritter, Quacksalber und Marktschreier befanden; er verkehrte mit
+Magiern, Spiegeldeutern, Lebensverlängerern und Menschenmachern; sie
+mußten dem Kaiser aus kochendem Wasser weissagen, ihm ihre
+Phantasmagorien zeigen und allen Ernstes versuchen, Mumien zu beleben
+und in der Retorte Menschen zu erzeugen.
+
+Der größte Magus an Rudolfs Hof war der Engländer John Dee. Er schloß
+dem Kaiser das Geisterreich auf. Er rühmte sich, zu jeder Zeit seinen
+Genius vor sich zu sehen, und wenn er seine Studien unterbreche, setze
+sich der Genius an seine Stelle hin und studiere weiter; wenn er dann
+zurückkehre, brauche er ihn nur auf die Achsel zu klopfen, so stünde der
+Genius auf und entferne sich wieder. Rudolf hielt Dee für einen
+gewaltigen Zauberer, Dee hielt den Kaiser ebenfalls für einen gewaltigen
+Zauberer, und so hatten beide große Furcht und großen Respekt
+voreinander. Ein anderer Wundermann war der Italiener Marco Bragadino.
+Eigentlich hieß er Mamugna und war ein Grieche. Zu Ende des sechzehnten
+Jahrhunderts war er als Graf Mamugnano nach Italien gegangen, trat in
+den Kreisen der venezianischen Nobili mit größter Pracht auf und machte
+in den Palästen der Dandolo und der Contarini zum Erstaunen aller Gold.
+In Prag erschien er stets begleitet von zwei riesigen schwarzen
+Bullenbeißern, die er zur Beglaubigung seiner Macht über die Geister mit
+sich führte. Er behandelte das Gold wie Messing, verschenkte große
+Stücke und hielt stets auf eine reiche Tafel. Als er sich später nach
+Münster wandte, verlor er sein Leben am Galgen. Noch größeres Aufsehen
+als dieser Bragadino machte ein gewisser Hieronymo Scotto. Er war es,
+der dem Kölner Kurfürsten Gebhardt Truchseß durch die Bilder in einem
+Zauberspiegel die schöne Gräfin Agnes Mannsfeld verkuppelte, worüber der
+geistliche Herr Land und Leute einbüßte. In Koburg verführte der
+einschmeichelnde Glücksritter die Gattin des Herzogs, und die
+unglückliche Prinzessin schmachtete dafür zwanzig Jahre lang im
+Gefängnis.
+
+Alle fahrenden Alchimisten waren Rudolf willkommen, er hatte täglich
+Zuspruch von ihnen und beschenkte sie reichlich, wenn sie interessante
+Versuche machen konnten. Man nannte ihn den deutschen #Hermes
+trismegistos,# und daß er wirklich ein Adept gewesen, schien nach seinem
+Tode klar, denn man fand unter seinem Nachlaß eine graue Tinktur, man
+fand vierundachtzig Zentner Gold und sechzig Zentner Silber, die in
+Ziegelsteinform gegossen waren.
+
+Es lebten aber auch drei große Männer an Rudolfs Hof: Tycho de Brahe,
+Loncomontanos und der unsterbliche Kepler, der von Prag aus sein
+fundamentales Werk #»nova astronomia de stella martis«# in die Welt
+sandte. Er hielt sich zwölf Jahr lang an Rudolfs Hof auf und war seit
+dem Tode Brahes, der an der Tafel des letzten Rosenbergs in Krumau aus
+Etikettenangst starb, als römisch-kaiserlicher Majestät Mathematikus
+angestellt. Ein Jahrgehalt von fünfzehnhundert Gulden war ihm
+zugesichert; aber er erhielt es selten richtig ausbezahlt.
+
+Vielleicht war die Zurückgezogenheit, in welcher der Kaiser auf seinem
+Zauberschloß lebte, schuld daran, daß sich starke Parteiungen an seinem
+Hof bildeten. Den mächtigsten Einfluß hatten die Italiener. Davon
+liefert die Geschichte des Feldmarschalls Rusworn einen Beweis; Graf
+Khevenhüller erzählt sie in seiner altertümlichen Manier, die ich zu
+mildern versuche:
+
+[Illustration: Kaiser Rudolf II., nach einem Stich von A. Wierx.]
+
+»Dies Jahr sind zu Prag der Feldmarschall Rusworn und der Begliojoso so
+hart aneinandergekommen, daß sie sich mit Worten übel traktiert, was der
+Begliojoso von seinem Feldmarschall hat leiden müssen. Seines Unwillens
+hat sich ein von Mailand verbannter Kerl namens Furlan bedient; der
+Begliojoso hatte in seiner Heimat eines Rechtsgelehrten Weib verführt,
+deshalb waren zwölftausend Kronen auf seinen Kopf gesetzt, welche dieser
+Furlan zu gewinnen und dabei seiner Acht sich zu entledigen hoffte. Als
+nun Begliojoso einmal am Abend auf der Kleinseite spazieren ging, ist
+Furlan zu dem Feldmarschall gegangen, der beim Grafen Herberstein
+speiste und hat ihm vermeldet, der Begliojoso lauere ihm auf. Darauf
+hat der Rusworn um seine Leute und Pistolen geschickt und hat seinen
+Kämmerling und den Furlan ihm vorausgehen heißen. Als sie nun den
+Begliojoso angetroffen, hat dieser, der nichts Böses im Sinn geführt,
+freundlich zu Furlan gesprochen, der aber hat ihm mit der Pistole
+geantwortet und ihn durch den Arm geschossen. Darauf hat der Begliojoso
+mit der rechten Hand den Degen erwischt, mit großer Wut auf die zwei
+losgegangen und sie gegen den Feldmarschall getrieben; der hat gemeint,
+die Verräterei sei erwiesen, hat dem Begliojoso stark mit der Wehr
+zugesetzt und ihn fast auf den Tod verwundet. Indem hat Furlan den
+Begliojoso hinterwärts durch den Kopf geschossen, ist davongelaufen,
+aber später ertappt und gehenkt worden. Der Kaiser war zuerst übel
+zufrieden, daß man seinen Feldmarschall so traktiert, aber als Rusworns
+Widersacher den Kaiser anders informiert, wurde er verarrestiert und die
+Sentenz über ihn gesprochen. Der Kaiser hat ihm den Pardon gegeben, der
+ist aber aus Praktiken zurückgehalten und die Exekution vorgenommen
+worden. Der Feldmarschall hat sich trefflich wohl zum Sterben geschickt,
+hat ein gemaltes Kruzifix vor sich ausgebreitet und seines Endes
+unerschrocken gewartet. Der Kopf ist ihm gleich zu der Wunde Christi
+gefallen, und also hat dieser kühne tapfere Held, so in Ungarn wider den
+Türken ansehnliche Dienste geleistet, mit einem schmählichen Streich
+sein Leben enden müssen, aus Mißgunst etlicher, die ihn um das Glück
+beneidet und denen er im Wege gelegen. Der Kaiser hat seine Übereilung
+hoch beklagt. Weil aber die Majestät damals sich ganz versteckt gehalten
+und fast niemand gehört, wurde die Sache beschönt und verschwiegen.«
+
+Gerade weil Rudolf so eingezogen lebte, bedurfte er der Zuträgereien;
+die Kammerdiener brachten sie ihm, und nach seiner argwöhnischen
+Gemütsart lieh er ihnen ein williges Ohr. Lakaien und Abenteurer waren
+es, die im Hradschin kommandierten. Die Stallknechte hatten einen großen
+Stand, weil der Marstall des Kaisers Lieblingsaufenthalt war. Viel Macht
+übten endlich die listigen Buhlerinnen aus, mit denen der Kaiser in
+immer wechselnder wilder Ehe lebte. Die Ursache, weshalb sich Rudolf
+nicht vermählte, war das Horoskop, das ihm Tycho de Brahe gestellt
+hatte. Es lautete, er dürfe nicht heiraten, denn es drohe ihm Gefahr vom
+eigenen Sohn. Zwei Heiratsprojekte lagen vor: mit einer mediceischen
+Prinzessin und mit der spanischen Infantin Isabella. Viele Jahre lang
+wurde darüber verhandelt, aber jeder Versuch, den Kaiser zur Ehe zu
+bewegen, schlug fehl. Um das Jahr 1600, als sich die Heiratsprojekte
+endgültig zerschlagen hatten, stieg Rudolfs Trübsinn aufs höchste. Gegen
+seinen jüngeren Bruder Mathias faßte er einen unaustilgbaren
+Widerwillen. Das Erscheinen des Halleyschen Kometen bestärkte ihn in der
+Furcht vor den Anschlägen seiner Verwandten, Anschläge, die der blutige
+Schwanzstern ihm recht handgreiflich in der Vorbedeutung anzuzeigen
+schien. Vergeblich suchte ihm Kepler seine Angst auszureden. Er war so
+mißtrauisch, daß er nicht nur den niedrigsten Verleumdern zugänglich
+war, sondern auch alle Personen, die zu ihm kamen, untersuchen ließ, ob
+sie heimlich Waffen bei sich führten. Selbst seine Geliebten mußten sich
+diesem Zwang unterwerfen. Aus Furcht verließ er das Schloß nicht mehr.
+Sein Schlafzimmer glich einer Festung. Oft sprang er aus dem Bett und
+ließ durch einen Schloßhauptmann alle Winkel der kaiserlichen Residenz
+mitten in der Nacht durchstöbern. Wenn er zur Messe ging, was nur an
+hohen Festtagen geschah, saß er in einem gedeckten und stark
+vergitterten Oratorium. Um ganz sicher beim Spazierengehen zu sein, ließ
+er lange und weite Gänge mit engen schrägen Fensterchen gleich
+Schießscharten bauen, durch die hindurch er nicht fürchten mußte,
+erschossen zu werden. Diese Gänge führten in seinen prächtigen Marstall;
+er hatte hier seine Zusammenkünfte mit den Frauen und besah sich gern
+seine Pferde, die er liebte, auf denen er aber niemals ritt.
+
+Daniel L'Hermite schildert die Erscheinung des siebenundfünfzigjährigen
+Kaisers wie folgt: »Viel zu frühe sind ihm Haare und Bart grau geworden.
+Die Stirn ist majestätisch, der Mund nicht unangenehm, die Augen sind
+feurig, werden aber von starken Wimpern fast gänzlich beschattet. Seine
+Gestalt ist mehr gedrückt als aufgerichtet, von alters her ist diese
+gedrückte Leibesgestalt im Hause Österreich angeboren. Er trägt noch
+immer Kleider nach der alten Sitte, er hält auf diese alte Sitte und
+setzt ein Zeichen der Größe daran, nichts an ihr zu ändern; er trägt
+einen kurzen, mit Gold eingefaßten Mantel und über der gegürteten
+weißen Hose ein spanisches Wams.«
+
+In Prag wußte man oft monatelang nicht, ob Rudolf noch lebe. Das Volk
+fürchtete, die Günstlinge verheimlichten seinen Tod, um seine Schätze an
+sich zu bringen. Einmal brach deshalb ein Aufstand aus, und da zeigte
+sich der Kaiser nach langen Bitten am Fenster des Hradschins, um den
+andrängenden Volkshaufen zu beruhigen. In dumpfem Brüten, und ohne einen
+Laut von sich zu geben, saß er oft viele Stunden hindurch und schaute
+den Malern und Uhrmachern zu, die in seinem Zimmer arbeiteten. Wurde er
+dabei angesprochen, so packte ihn der Jähzorn, und er warf, was er
+gerade erreichen konnte, ein Gefäß oder ein Werkzeug, dem Störer mit
+Schimpfworten an den Kopf. Bisweilen auch fuhr er aus seinem wehmütig
+stieren Sinnen ohne Grund empor und zerschlug alles um sich her.
+
+Personen, die in Geschäften bei Hof erschienen, fanden es ungemein
+schwer, zum Kaiser zu gelangen. Entweder war er im Zimmer bei den Löwen,
+Leoparden und Adlern, die er selbst fütterte, oder bei Tycho de Brahe
+auf der Sternwarte, oder bei Dee und Bragadino, beschäftigt mit
+Schmelztiegeln, Wunderspiegeln, Traumtafeln und Geistererscheinungen,
+oder in den Gärten des Hradschins, wo Bäume, Gesträuche und Blumen aus
+fernen Weltgegenden blühten und Zaubergrotten und Wasserwerke sich
+befanden, aus denen Musik ertönte. Wer ihn sprechen wollte, mußte sich
+als Stallknecht verkleiden und ihn im Marstall erwarten. Aber auch hier
+war es gefährlich, sich dem seltsamen und gewalttätigen Herrn zu
+nähern. Eva, die Tochter des in Ungnade gefallenen Oberst-Burggrafen
+Lobkowitz, hatte sich durch Geld eine solche Audienz erkauft, um für
+ihren gefangenen Vater Freiheit und Leben zu erbitten. Ein ehrlicher
+Stallknecht warnte sie in letzter Stunde, indem er ihr eröffnete, daß
+sie zu schön sei, um solches zu wagen, der Kaiser scheue nicht vor
+Gewalt zurück. Sie verstand ihn und floh.
+
+Rudolf ahnte nichts von der Not seiner Völker. Der sturmbewegten Zeit
+mußte dieser kranke Träumer auf dem Thron alles schuldig bleiben. Die
+Türkengefahr und der Aufstand des Siebenbürgerfürsten vereinigte
+sämtliche Erzherzoge des habsburgischen Hauses zu dem Beschluß, den
+Kaiser abzusetzen, und der Urheber dieser Maßregel war Clesel, der
+Bischof von Wien und Neustadt. Im Juni 1608 mußte Rudolf an seinen
+Bruder Mathias die Krone Ungarns und die Lande Österreich und Mähren
+gegen ein Jahrgeld gänzlich abtreten, und trotz seines leidenschaftlichen
+Widerstandes wurde er gezwungen, den berühmten Majestätsbrief
+auszustellen, durch den er den böhmischen Herren unbedingte
+Glaubensfreiheit sicherte. Nur das tiefe Zerwürfnis mit Mathias drängte
+ihm den Majestätsbrief ab, die Scharteke, wie Kaiser Ferdinand später
+die Urkunde verächtlich betitelte, als er sie nach der Schlacht am
+Weißen Berg verbrannte. Aber eines glaubte sich Rudolf dadurch gesichert
+zu haben: als böhmische Majestät in dem teuren Prag ruhig sterben zu
+können. Es war ein Irrtum. Er wurde in seinem Schloß so eng bewacht,
+daß ihm nicht einmal verstattet war, in den Garten zu gehen und Luft zu
+schöpfen. Einmal, als der römische Kaiser aus dem Tor treten wollte,
+schlug die Wache das Gewehr auf ihn an; da kehrte Rudolf in seine
+Gemächer zurück, öffnete das Fenster und rief mit erhobener Hand: »Du
+undankbares Prag! durch mich bist du erhöht worden, und nun stößt du
+deinen Wohltäter von dir. Die Rache Gottes soll dich verfolgen und der
+Fluch über dich und ganz Böhmenland kommen.«
+
+Die Kurfürsten von Mainz und Sachsen verwandten sich für den Kaiser,
+indem sie betonten, daß er doch auch noch ein Mitglied des
+kurfürstlichen Kollegiums sei. Darauf entgegneten die Stände Böhmens
+höhnisch den Abgesandten: »Wir wollen euch den römischen Kaiser samt dem
+Kurfürsten von Böhmen zugleich in einem Sack zuschicken.«
+
+In dieser Bedrängnis war es, wo Mathias seinem Bruder auch die böhmische
+Krone raubte. Erbittert darüber, daß die Böhmen Mathias gehuldigt
+hatten, schleuderte Rudolf, als er die Abdankungsurkunde unterzeichnet
+hatte, im Zorn seinen Hut auf die Erde, zerbiß die Feder und warf sie
+dann auf das Diplom, auf dem man noch heutigentags den Tintenfleck
+sieht. Ungeachtet seiner hoffnungslosen Lage glaubte der wunderliche
+Mann durch die Stiftung eines Ordens von Friedensrittern alles wieder
+ins Geleise bringen zu können, und Tag und Nacht arbeitete er an den
+Ordensketten.
+
+Von seinen sämtlichen Kronen besaß er jetzt nur noch die römische
+Kaiserkrone. Aber schon lange verachteten ihn auch die deutschen
+Fürsten und schickten endlich eine Gesandtschaft, um ihn zu nötigen, zur
+Wahl eines anderen Kaisers seine Zustimmung zu geben. Er empfing die
+Gesandten unter einem Thronhimmel stehend; die linke Hand hatte er auf
+einen Tisch gestützt. Als sie ihr Verlangen vorbrachten, wurde ihm der
+Kopf heiß, seine Knie zitterten, und er mußte sich auf einen Sessel
+niederlassen. Später sagte er zum Herzog von Braunschweig, seinem
+vertrautesten Freund: »Die mir in meinem Ungemach keine Hilfe geleistet
+und zu meinem Dienst nicht einmal ein Roß haben satteln lassen, haben
+mir jetzt eine Art von Leichenpredigt gehalten. Ohne Zweifel sind sie
+mit unserm Herrgott in geheimem Rat gesessen und wissen vielleicht von
+daher, daß ich noch in diesem Jahr sterben werde, weil sie gar so stark
+auf einen Nachfolger im römischen Reich dringen.«
+
+Erniedrigung, Verlust der Würden und alle damit verbundenen Leiden hatte
+Rudolf ertragen; der Tod seines schönen treuen alten Löwen und zweier
+Adler, die er täglich mit eigener Hand gefüttert hatte, brach ihm das
+Herz.
+
+Sein Leichnam wurde in eine mit rotem Damast ausgeschlagene Bahre
+gelegt, über der sich ein gläserner Deckel befand; auf der Brust trug er
+ein Kreuz, an der linken Seite die Wehr und an der rechten das goldene
+Vlies. Rudolfs Minister wurden verhaftet und zur Folter verurteilt; sein
+Schatzmeister Roszky, den er vor andern geliebt, erhängte sich im
+Gefängnis mit der Schnur, an welcher er den Kammerschlüssel getragen.
+Man ließ daher seinen Leib vom Nachrichter vierteilen und auf dem Weißen
+Berg bestatten. Allein es hieß, daß er sich an derselben Stelle oftmals
+auf einem Bock oder Hirsch reitend zeigte, und so wurde der Körper
+wieder ausgegraben, wurde verbrannt und die Asche in die Moldau
+geworfen. Als dies geschehen war, verschwand plötzlich der
+Schloßhauptmann, und es entstand der Verdacht, daß er den Roszky im
+Gefängnis ermordet, ihn aufgehängt und ihm das #aurum purificatum,# das
+er aus des Kaisers Schatz zurückbehalten, geraubt habe.
+
+Der Kaiser Rudolf hinterließ von seinen vielen Geliebten wahrscheinlich
+viele Kinder, von denen vier Söhne bekannt geworden sind, die sein
+wildes Blut erbten. Don Carlos d'Austria diente dem Kaiser Ferdinand im
+Dreißigjährigen Krieg, wurde aber in einer Vorstadt von Wien bei einem
+Auflauf um eine öffentliche Dirne, in den er sich mutwillig gemischt
+hatte, unerkannt erschlagen. Zwei andere führten ein anonymes Dasein,
+der vierte jedoch, Don Cesare d'Austria, hatte an einem Edelfräulein
+Gewalt geübt und sie dann aus dem Weg geräumt. Der Kaiser, sein Vater,
+ließ ihm in einem warmen Bade die Adern öffnen.
+
+
+
+
+Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel, mit Herrn Reichard
+Strein, Freiherrn zu Schwarzenau, am 24. September 1581
+
+
+Als Herr Reichard Strein mit zweiundzwanzig Kutschen, in denen seine
+nächsten Befreundeten gesessen, beim Grafen Ortenburg angekommen war,
+ließ er durch diesen bei Herrn von Tschernembel um die Hand seiner
+Tochter Regina werben. Um größere Unkosten zu verhüten und auf seine
+ansehnlichen Befreundeten weisend, begehrte Herr Strein, daß nach
+schleuniger Begleichung des Zeitlichen und geschehener Zusage die
+Hochzeit sogleich vorgenommen werde, und obwohl der andere Teil
+Einwendungen gemacht, wurde dem Begehren schließlich doch willfahrt. Die
+Brautleute wurden am selben Tag christlich zusammengetan, und der Abend
+ward bei guter Traktation fröhlich verbracht. Am folgenden Morgen wurde
+die Hochzeitspredigt gehalten; dann fuhr Herr Strein mit Herrn Achaz von
+Lohsenstein und seiner Schwester, der Frau Jörgerin, nach Freydek, um
+Ordnung zur Heimführung zu geben.
+
+Am Mittwoch den 27. September wurde zu früher Tageszeit der Brautwagen
+mit fünfzig Reitpferden nach Karlspach bei Melk begleitet, dort setzten
+sich die Herren in die Kutschen, das Frauenzimmer auf ihre Wägen und
+zogen in folgender Ordnung weiter: erstlich die Handrosse, dann die
+andern Pferde, deren Zahl sich ebenfalls auf fünfzig belief; dann die
+Kutschen mit den Dienern; dann die Herren selbst in ihren Kutschen; dann
+drei berittene Trompeter; dann drei Berittene von Adel in meißenischen
+Sammetröcken und weißen Kranichfedern auf den Hüten; dann drei
+Edelknaben mit weiß und schwarzen Federbüschen auf den überzogenen
+Sturmhauben; dann die reisigen Knechte mit goldgeschmückten Röcken; dann
+Herrn Streins Pferd; dann wieder drei Berittene von Adel mit schönen
+Wehrgehängen und zum Beschluß drei junge Freunde des Herrn Strein.
+Hierauf folgte der Brautwagen; er war mit schwarzem Leder überzogen und
+mit weißem Atlas ausgefüttert, und das Eisenwerk war versilbert; sechs
+gefärbte Rosse zogen ihn, an deren Lederzeug schwarzseidene Fransen
+hingen. Die Kutschen der Frauenzimmer waren mit braunem lündischen Tuch
+bekleidet; es waren etwa dreißig Kobelwägen. Herr Strein empfing seine
+Gäste in Freydek mit ordentlichem Schießen und anderen Ehrenbezeugungen
+um zwölf Uhr Mittag.
+
+Als nun die Herren und Frauen in ihre Zimmer gegangen und sich abgetan,
+ist die Mahlzeit mittlerweile bereit und die Speisen aufgetragen
+worden. Ein Saal war zum Tanzen zugerichtet und in einer gleichgroßen
+Stube standen sieben gedeckte Tafeln. Die Mahlzeit ist so vertraulich
+und lieblich abgegangen, daß man weder Fluchen noch unziemliche Reden
+gehört. Es ist kein übermäßiger Trunk geschehen, fröhlich ist jedermann
+gewesen und hat sich den Wein wohlschmecken lassen. Als nun das Obst-
+und Beschauessen zum Teil aufgetragen war und die Herrentafel aufgehoben
+werden sollte, fingen unversehens die Stühle an zu sinken; zudem brach
+der Boden acht Klafter in der Länge und fünf in der Breite auseinander,
+und es entstand ein großes Getümmel. Die Restbäume waren gebrochen und
+die Ziegelpflaster des Bodens, die Tische, Stühle, Bänke, Schrägen,
+Messer, Teller und alles, was am Herrentisch gesessen, samt etlichen
+aufwartenden Personen stürzte dreiundeinhalb Klafter in die Tiefe.
+
+Die Hochzeitsgäste meinten nichts weniger, als das Jüngste Gericht und
+die Auferstehung der Toten sei gekommen. Der vom Schutt aufwirbelnde
+Staub war so groß, daß ihn die Leute im Hof für Flammenrauch hielten.
+»Ist durch sonderliche Fügung und Barmherzigkeit Gottes,« so lautet der
+Bericht, »niemand am Leben verkürzt worden, außer einem, Kleinschopf
+genannt, Herrn Gabriel Streinz' Diener, der ist im Saal gewesen und hat
+das Krachen gehört, und ist herausgegangen und etlichen andern solches
+gesagt und mit dem Vermelden wieder hineingegangen, er wolle sehen, wo
+es brechen will. Indem hat ihn der Fall ergriffen und erschlagen.« Einer
+vom Adel ist im Saal auf der Bank gelegen und hat geschlafen; dem ist
+nichts geschehen, ist auch nicht eher erwacht, als bis Herrn Wolf
+Ehrenreich Streinz' Lakai auf ihn gefallen, den er deshalb, unvermerkt
+woher er käme, hat schlagen wollen. Herr Adam von Puchheim ist ohne
+Schaden auf die Füße heruntergefallen, ist alsbald den andern zu Hilfe
+gelaufen und hat zum ersten die Frau Braut Reginam hervorgezogen, welche
+außer einem schlechten Riß am Knie keinen Schaden empfangen. Ihr Gemahl
+ist an Kopf und Arm ein wenig gestreift worden, zwei Bäume sind
+überzwerch auf ihm gelegen, Kalk ist ihm in die Augen gekommen, und er
+hat nichts sehen können.
+
+Die Liste der bei dieser Hochzeit gestürzten Personen der Herren,
+Frauen, Fräulein und Bedienten gibt die Zahl achtundzwanzig.
+
+
+
+
+Friedrich Wilhelm I. von Preußen
+
+
+Friedrich Wilhelm wurde am 14. August 1688 als einziger Sohn Friedrichs
+des Ersten und der geistreichen, philosophisch begabten Charlotte von
+Hannover geboren, nur wenige Monate nach dem Tode seines Großvaters, des
+Großen Kurfürsten. Schon als Kind hatte er einen robusten Körperbau, ein
+äußerst widerspenstiges Naturell und zeigte zum Lernen keine Lust. Der
+muntere, fast unbändige Knabe war der Abgott seiner Mutter und seiner
+Großmutter. Die Kurfürstin Sophie ließ den geliebten Enkelsohn bereits
+in seinem fünften Jahre zu sich nach Hannover kommen, aber es war nicht
+möglich, ihn dort lange zu behalten, denn er vertrug sich ganz und gar
+nicht mit seinem Spielkameraden, dem Prinzen Georg, der später König von
+England wurde. Die Abneigung zwischen den beiden blieb eine dauernde;
+sie haßten einander bis zur Todesstunde, und Friedrich nannte Georg
+nicht anders als: mein Bruder, der Tanzmeister, während Georg
+seinerseits: mein Bruder, der Sergeant, sagte.
+
+Die Personen, die mit dem Prinzen zu tun bekamen, hatten einen schlimmen
+Stand mit ihm. Zwei Guvernanten mußten ihn beaufsichtigen, und oft
+brachte er durch seine tollen Streiche die beiden Frauen zur
+Verzweiflung. Frühzeitig legte er einen Widerwillen gegen allen Pomp und
+Luxus an den Tag, und er warf einmal ein Schlafröckchen von Goldstoff,
+welches anzuziehen man ihn nötigen wollte, ins Kaminfeuer. Dagegen
+bestrich er sich das Gesicht mit Fett und ließ sich in der Sonne braten,
+um eine recht braune Soldatenfarbe zu bekommen.
+
+Wie von dem großen Leibniz bestätigt wird, galt Friedrich Wilhelm als
+Knabe für sehr witzig. Auf einem Jahrmarkt in Charlottenburg spielte der
+zwölfjährige Prinz den Taschenspieler zum allgemeinen Ergötzen. Die
+Herzogin von Orleans schrieb: »Es ist mir immer bang, wenn ich Kinder so
+witzig vor dem rechten Alter sehe, denn es ist mir ein Zeichen, daß sie
+nicht lange leben. Darum ist mir auch bang für den kleinen Kurprinzen
+von Brandenburg.« Friedrich Wilhelm blieb aber ungeachtet seines Witzes
+beim Leben, und zwar bei recht gesundem Leben. Nur mit dem Lernen wollte
+es gar nicht vorwärts; wie er seinem prunkliebenden Vater eine
+entschiedene Abneigung gegen Prunk zeigte, so trotzig verhielt er sich
+gegen alle Versuche seiner Mutter, die einen gelehrten Mann, #une belle
+âme,# aus ihm machen wollte. In seinem siebenten Jahre war ihm der Graf
+Alexander Dohna als Erzieher gegeben worden, ein ehrenfester,
+gravitätischer, stolzer Mann. Seine Instruktion besagte, daß er alle
+Mühe aufzuwenden habe, um dem Prinzen das Lateinische beizubringen, »da
+solches nicht allein die goldene Bulle erfordere, sondern auch die
+nötigen Verhandlungen mit den benachbarten Puissancen.« Aber trotz aller
+Einreden Dohnas lernte die Königliche Hoheit gar wenig, obwohl ihr ein
+ganz außerordentliches Gedächtnis anerschaffen war. Noch schlimmer ging
+es mit den Künsten, er wollte weder das Klavier noch die Flöte spielen,
+die Musik war ihm geradezu unleidlich.
+
+In schärfstem Gegensatz zu der Vorliebe seiner Eltern für das
+Französische trat alsbald sein ausgeprägtes Deutschtum hervor. Hierin
+bestärkte ihn sein erster Lehrer, der Ephorus Friedrich Cramer. Cramer
+war ein kenntnisreicher und gebildeter Mann, der einst die Schrift des
+Abbé Bouhours: Kann ein Deutscher Geist haben? mit einer grimmigen
+Gegenschrift beantwortet hatte. Cramers Einwirkung blieb fest in der
+Seele Friedrich Wilhelms, die, wie rasch sie sich auch nach Sympathien
+und Antipathien entschied, daran für immer und aufs zäheste festhielt.
+Der Nachfolger Cramers war ein Franzose namens Rebeur, ein Emigrant, den
+Graf Dohna aus der Schweiz hatte kommen lassen. Aber dieser Rebeur war
+ein trauriger Pedant; er plagte den Prinzen fortwährend damit, daß er
+ihn lateinische, französische und deutsche Aufsätze über das Alte
+Testament machen ließ, und die Folge war, daß Friedrich Wilhelm fortan
+einen unbezwinglichen Haß gegen das Alte Testament hegte; sein ganzes
+Leben lang konnte es bei ihm nicht wieder zu Ehren gebracht werden, ein
+so guter Christ er auch war.
+
+Seine Mutter verzog ihn gänzlich, und eigentlich hat er ihr das später
+nie verziehen. Gerade aus dem Verhältnis zur Mutter entwickelte sich in
+ihm die Forderung eines unbedingten blinden Gehorsams, »sonder
+Räsonieren«, seine unphilosophische starre Rechtgläubigkeit nach eigenem
+Rezept und eigener Vorschrift und die harte Behandlung, die er seinem
+Sohn Friedrich angedeihen ließ.
+
+Er nährte im stillen nur zwei Leidenschaften: die Soldatenliebhaberei
+und die Ökonomie in den Finanzen. Schon als Knabe errichtete er von
+seinem Taschengeld eine Kompanie adeliger Kadetten. Eine zweite Kompanie
+befehligte sein Vetter, der Herzog von Kurland, mit dem er sich auch
+sehr übel vertrug, die Mutter kam einmal dazu, wie er ihn wütend bei den
+Haaren herumschleppte. Seine Sparsamkeit zeigte sich frühzeitig; er war
+acht Jahre alt, als er sich ein Ausgabenbuch anlegte, das den Titel
+führte: Rechnung über meine Dukaten. Seine Mutter ängstigte sich, daß
+der Geiz ihn verhärten werde, und nicht weniger bekümmerte sie seine
+immer mehr zutage tretende Unhöflichkeit gegen die Frauen, die freilich
+in einer unbesiegbaren Befangenheit und Schüchternheit begründet war und
+auch in dem Umstand, daß die erste zarte Neigung seines Herzens, die zur
+Prinzessin Karoline von Ansbach, nicht erwidert wurde. Karoline
+heiratete später den englischen Georg.
+
+In seinem sechzehnten Jahr erhielt der Prinz die Erlaubnis zu einer
+Reise nach den Niederlanden und nach England. Der Herzog von Marlborough
+hatte ihm bereits ein Schiff zur Überfahrt bestimmt, als er nach Berlin
+zurückgerufen wurde; seine Mutter war gestorben. Von nun an lebte er
+mit Vorliebe in Wusterhausen, dorthin zog er die Leibkompanie seines
+Regiments, die er fleißig exerzieren ließ und die seine höchste Freude
+war. Er machte den Feldzug am Rhein unter Marlborough und Prinz Eugen
+mit, und im Jahre 1706 vermählte er sich mit der Prinzessin Sophie
+Dorothea von Hannover, welche die Mutter des großen Friedrich wurde. Sie
+war eine große schlanke Frau mit blauen Augen und braunem Haar, gebildet
+und lebhaft, ehrgeizig und stolz.
+
+Als Friedrich Wilhelm nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1713 zur
+Regierung gelangte, änderte er den ganzen Hofhaushalt völlig um. Wer
+seine Gunst erlangen wollte, mußte Sturmhaube und Küraß anlegen, alles
+war Offizier und Soldat, und zwei Männer gewannen alsbald ausschließlich
+sein Vertrauen, der Generalmajor von Grumbkow und der Fürst Leopold von
+Anhalt-Dessau. Alle wichtigen Geschäfte gingen durch Grumbkows Hände,
+und da er des Königs täglicher Gesellschafter war, wuchs sein Einfluß
+beständig. Er fügte sich in des Königs Launen, wußte dessen erste Hitze
+abzulenken und leitete ihn, soweit er sich überhaupt leiten ließ,
+anscheinend treuherzig, freimütig und bieder. Grumbkow war ein großer
+Feinschmecker und konnte ungeheuer viel Wein vertragen, so daß er den
+Ehrentitel Biberius erhielt. Für zwölftausend Taler Tafelgelder, die ihm
+ausgezahlt wurden, übernahm er die Bewirtung der fremden Prinzen und
+Gesandten. Während der König und der übrige Hof in der größten
+Sparsamkeit lebten, führte Grumbkow allein einen glänzenden Haushalt.
+Der König speiste selbst gern und oft bei ihm und pflegte zu sagen: »Wer
+besser essen will als bei mir, der muß zu Grumbkow gehen.« Grumbkows
+Verschwendungssucht brachte ihn aber in eine höchst bedenkliche
+Abhängigkeit von fremden Höfen; er stand erst im englischen und später
+im österreichischen Solde. Seine Hauptfeindin war die Königin Sophie,
+deren Lieblingsplan einer Heirat ihres Sohnes Friedrich mit der
+englischen Prinzessin Amalia er hintertrieb. Damals beleidigte er die
+Königin geradezu durch unziemliche Redensarten, und sie verfluchte ihn
+dafür. Sein Ehrgeiz vermaß sich immer höher, geflissentlich säte er
+Zwietracht zwischen dem König und der Königin, endlich erschöpfte er die
+Langmut seines Herrn und fiel in Ungnade. Als der König seinen Tod
+erfuhr, sagte er: »Nun werden die Leute doch endlich einsehen, daß der
+Grumbkow nicht alles macht. Hätte er vierzehn Tage länger gelebt, so
+hätte ich ihn verhaften lassen.«
+
+Leopold von Anhalt-Dessau, den der Volksmund und die Geschichte den
+Alten Dessauer nennt, war ein Vetter des Königs und seit dem
+italienischen Feldzug eng mit ihm befreundet. Leopold verstand sich auf
+die Seele des Soldaten, und wenn er fluchte, war es dem gemeinen Mann
+wie bei einer Schmeichelei zumute. Er führte die großen Neuerungen in
+der preußischen Armee ein, die ihr später in den Schlachten Friedrichs
+des Großen die taktische Überlegenheit verschafften: den eisernen
+Ladestock und den Gleichschritt der Kolonnen.
+
+Grumbkow und der Fürst von Dessau waren grimmige Feinde. Den ersten
+Streit zwischen ihnen gab es wegen eines merkwürdigen Projektes, das
+Leopold dem König kurz nach seinem Regierungsantritt vorschlug. Leopold
+hatte in seinem Fürstentum alle Güter aufgekauft, das Land bestand am
+Ende nur noch aus Domänen und war ganz sein Eigentum geworden. Er riet
+dem König, ein gleiches zu tun, und bewies ihm, daß Dessau jetzt
+verhältnismäßig doppelt soviel einbringe, als dem König seine Staaten.
+Grumbkow widersetzte sich dem Vorschlag lebhaft und malte die
+schädlichen Folgen aus, wenn der König seinen Adel vom Güterbesitz
+vertreibe und sich vom baren Geld entblöße. Dem Fürsten schleuderte er
+die Anklage entgegen, daß ja in seinem Lande nur noch Juden und Bettler
+zu finden seien. Leopold geriet darüber in solchen Zorn, daß er den
+Minister auf Pistolen forderte, und nur mit Mühe verglich sie der König
+durch sein Dazwischentreten. Von da an war es unmöglich, beide Männer in
+leidlichem Einvernehmen zu halten. Zehn Jahre später kam es wegen des
+Vorwurfs der englischen Bestechung abermals zu einem Streit und wieder
+zu einer Herausforderung. Grumbkow lehnte ab. Um sich zu rächen
+verlangte Grumbkow vom Fürsten das Patengeschenk von fünftausend Talern,
+das er einst einer seiner Töchter versprochen hatte, wenn sie sich
+verheiraten würde. Der Fall war da. Es kam zum Wortwechsel und zu
+Beschimpfungen. Der Fürst schickte Grumbkow ein Kartell. Grumbkow
+schützte religiöse Bedenken vor und sagte, die Duelle seien nach
+göttlichen und menschlichen Gesetzen verboten. Endlich kam es aber doch
+zum Zusammentreffen, und beide Teile begaben sich vor das Köpenicker
+Tor. Sobald der Fürst, in weiter Ferne noch, seinen Gegner erblickte,
+rief er ihm zu, er solle den Degen ziehen. Grumbkow näherte sich mit
+langsamen Schritten, übergab dem Fürsten seinen Degen und sagte, er
+bitte Seine Durchlaucht untertänigst, das Vorgefallene zu vergessen und
+ihm seine Gnade wieder zu schenken. Da warf ihm der Fürst einen
+verachtungsvollen Blick zu, kehrte ihm den Rücken, schwang sich auf sein
+Pferd und ritt wieder gegen die Stadt.
+
+Jetzt trat der König ernstlicher als Vermittler auf; er begehrte, daß
+Leopold eine Bescheinigung unterschreiben solle, worin Grumbkow das
+Zeugnis eines Ehrenmanns ausgestellt war; weigere sich der Fürst, so
+werde er, Friedrich Wilhelm, alle Generale zu sich kommen lassen und
+erklären, daß, wer den Grumbkow nicht für einen braven Offizier halte,
+ein Erzhalunke sei. Es gab weitläufige Verhandlungen, mit Müh und Not
+war der Fürst zu einer Abbitte zu bewegen, und bald darauf verließ er
+den Hof von Berlin. Sein Regiment stand in Halle und in Magdeburg. In
+Halle kam es zu schweren Händeln zwischen ihm und den Studenten, die
+beim Rekrutenexerzieren im Frühjahr ein lärmendes Publikum bildeten und
+das linkische Wesen der Rekruten verhöhnten.
+
+Das Kabinettsministerium Friedrich Wilhelms blieb in den Händen des seit
+der Verschaffung der Königswürde bewährten Heinrich Rüdiger von Ilgen.
+Der kluge Westfale, den schon der große Kurfürst nach seinem Verdienst
+erkannt, gehörte zu jenen Bürgerlichen, welchen die Monarchie ihre
+Größe verdankt. Ilgen war ein sehr bedeutender Mann. Er allein hielt
+dem hartgesottenen Mylord Raby stand, der am Berliner Hof den Meister
+spielen wollte, und entfernte ihn endlich, indem er die Gräfin
+Wartenberg entfernte. In der gefährlichen Periode nach dem Utrechter
+Frieden, wo der Wind der Politik beständig umsprang, lenkte er das
+preußische Staatsschiff mit höchster Geistesgegenwart, ungetrübtem
+freien Blick und bewußter Energie. Von Jugend auf an Arbeit gewöhnt,
+gründlich unterrichtet, dabei welterfahren klug und scharfsinnig, war er
+ein Meister in der Kunst der Verstellung, mit der allein man damals
+regieren konnte. Er war immer auf der Hut, er verstand es wie
+irgendeiner von seinen geschulten Gegnern der alten Kabinette, seine
+Absichten zu verbergen, sich zweideutig auszudrücken, mit glatten Worten
+sie hinzuhalten, sie zugleich auf weiten Wegen auszuforschen, durch die
+stärksten Versicherungen von der richtigen Fährte abzulenken und unter
+den heiligsten Beteuerungen doch zu hintergehen, so wie sie ihn
+hintergehen wollten. Er hatte sich vollkommen in der Gewalt und
+beherrschte mit stets gleichbleibender kalter Besonnenheit sein
+Temperament, seine Zunge, sein Gesicht, ja sogar seine Augen. Nichts
+verriet ihn und er erriet immer. Alle Staatsgeheimnisse verschloß er in
+sich selbst, arbeitete alles selbst, hatte keine einzige Kreatur, auch
+seine Verwandten begünstigte er nicht. Seine Gabe, die Menschen zu
+erforschen, brachte ihn bei Hofe in den Ruf, daß er die Zukunft
+vorhersagen könne. Der König, obwohl er ihn nicht liebte, wußte doch,
+was er an ihm besaß.
+
+Trotz der diplomatischen Kunst seines Ministers war es dem König doch
+immer gegenwärtig, daß, um unter den Mächten Europas Bedeutsamkeit zu
+erlangen, alles auf Geld und Soldaten ankomme; das übrige fände sich
+hernach von selbst. Seine Staatswirtschaft unterschied sich durchaus von
+derjenigen aller anderen Reiche und Kronen; sein Muster war und blieb
+das Hauswesen eines wohlhabenden Gutsbesitzers. Seine Neigung für das
+Soldatenwesen schien ein Spiel, aber hinter diesem Spiel verbarg sich
+ein tiefer, zukunftahnender Ernst. Es gibt eine Mitteilung über eine
+merkwürdige Stelle in Friedrich Wilhelms Testament; sie stammt vom
+Ritter Zimmermann und lautet: Mein ganzes Leben hindurch fand ich mich
+genötigt, um dem Neid des österreichischen Hauses zu entgehen, zwei
+Leidenschaften auszuhängen, die ich nicht hatte; eine war ungereimter
+Geiz und die andere eine ausschweifende Neigung für große Soldaten. Nur
+wegen dieser so sehr in die Augen fallenden Schwachheiten vergönnte man
+mir das Einsammeln eines großen Schatzes und die Errichtung einer
+starken Armee. Beide sind nun da, und nun bedarf mein Nachfolger weiter
+keiner Maske.
+
+Sobald er den Thron bestiegen hatte, begannen die Werbungen in einem
+vorher nicht dagewesenen Umfang. Im ganzen Land wurde eine förmliche
+Jagd auf Bürger und Bauern veranstaltet. Scharen junger Leute flüchteten
+vor dem Korporalstock der Werbewütriche, und es kam vor, daß die Werber
+in Kirchen eindrangen und sich der jungen Männer während des
+Gottesdienstes bemächtigten. Es fehlte dem König gegenüber nicht an
+Klagen und Vorstellungen. Einmal wurde ihm ein Brief in die Hände
+gespielt, auf dem zu lesen war: Wer einen Menschen stiehlet und
+verkauft, daß man ihn bei ihm findet, der soll des Todes sterben. 2.
+Moses 21, 16. Wenn jemand funden wird, der aus seinen Brüdern eine Seele
+stiehlet aus den Kindern Israel und versetzt oder verkauft sie, solcher
+Dieb soll sterben. 5. Moses 24, 7. Aber das waren Zitate aus dem Alten
+Testament, und das Alte Testament war ja dem König verhaßt; auch konnte
+der Hofhistoriograph Coßmann aus dem 1. Buch Samuelis, Kapitel 8
+klärlich erweisen, daß es göttliches Recht der Könige sei, Knechte und
+Mägde, Söhne und Esel wegzunehmen. Friedrich Wilhelm ereiferte sich
+sehr, wenn er vernahm, daß fremde Staaten Verbote gegen seine Werbungen
+erlassen hätten; er hielt es für Unrecht, wenn sie ihm lange Kerle
+verweigerten, da niemand sie so gut zu schätzen wisse als er.
+
+Die langen Kerle, das war die berühmte Potsdamer Garde, riesengroße
+Leute, die er in seinen eigenen Staaten ausheben, aus allen Weltgegenden
+für ansehnlichen Sold und gutes Handgeld sich verschreiben, von
+befreundeten Fürsten sich schenken oder im Notfall durch seine Werber
+mit Gewalt entführen ließ. Er schrieb einmal an den Grafen Seckendorf:
+»Wenn ich kann von meinen beiden Vettern in Anspach und Bayreuth
+vierhundert oder sechshundert Mann als Rekruten kriegen, will ich für
+jeden nackenden Kerl dreißig Taler geben.« Im Lauf von zwanzig Jahren
+schickte er ungefähr zwanzig Millionen Werbetaler in die Fremde. Mit
+Pässen, die vom König unterzeichnet waren, machten die Werber in allen
+deutschen und in den benachbarten Ländern Jagd auf lange Kerle. Im
+Jülichschen passierte es einmal, daß ein Oberstleutnant bei einem sehr
+langen Tischlermeister einen Kasten bestellte, der so lang und so breit
+sein sollte, wie der Tischler selber war. Als der Oberstleutnant nach
+einigen Tagen wiederkam, um den Kasten abzuholen, erklärte er, der
+Kasten sei zu kurz. Der Tischler legte sich sofort selbst hinein, um zu
+beweisen, daß der Kasten die nötige Länge habe. Geschwind ließ der
+Oberstleutnant von seinen Leuten den mitgebrachten Deckel zumachen und
+den Kasten von seinen Rekruten davontragen. Als aber der Kasten vor dem
+Tor aufgemacht wurde, war der lange Tischlermeister erstickt. Der
+Oberstleutnant wurde zwar zum Tode verurteilt, der König begnadigte ihn
+aber zu lebenslänglicher Festung. Der österreichische Hof, der russische
+und der polnisch-sächsische kamen der Passion des Königs freundlich
+entgegen. Für hundert russische Potsdamer, die ihm der Zar Peter, dann
+die Kaiserinnen Katharina und Anna zukommen ließen, gab er ihnen als
+Gegengeschenk das berühmte Bernsteinkabinett, das sein Vater angelegt
+hatte, und später eine bestimmte Zahl ausgebildeter preußischer
+Unteroffiziere. Von August dem Starken erwarb er gegen eine Partie
+Porzellan die dafür so genannten Porzellanregimenter.
+
+[Illustration: Friedrich Wilhelm I., nach einem Stich von G. P. Busch.]
+
+Der gewöhnliche Preis eines langen Kerls von fünf Fuß zehn Zoll
+rheinländischen Maßes war siebenhundert Taler; einer von sechs Fuß wurde
+mit tausend Talern bezahlt, und war er noch länger, so stieg der Preis
+noch höher. Einer der teuersten war der Irländer Kirkland; für diesen
+zahlte der preußische Gesandte in London neuntausend Taler. Für einen
+andern bekam der General Schmettau fünftausend Taler und eine
+Stiftsstelle für seine Schwester. Im Lande selbst ward alles aufgeboten,
+damit man sich der tauglichen Subjekte rechtzeitig versichern konnte.
+Kinder in der Wiege, die lang zu werden versprachen, bekamen eine rote
+Halsbinde und ihre Eltern das Handgeld. Es gab Dorfschulen, wo alle
+Knaben solche Binden trugen. Ein sonderbarer Versuch des Königs, recht
+lange Potsdamer mit recht langen Frauen zusammenzugeben, um von ihnen
+wieder recht lange Kinder zu erhalten und auf solche Art ein Geschlecht
+von Giganten aufzuziehen, mißglückte leider.
+
+Das Infanterieregiment der blauen Grenadiere, das Königsregiment
+genannt, war das schönste in ganz Europa. Es bestand aus Leuten von
+allen Ecken und Enden der Welt, Deutschen, Holländern, Engländern,
+Schweden, Dänen, Russen, Walachen, Ungarn, Polen und Litauern. Franzosen
+waren grundsätzlich ausgeschlossen, aber wenn sie sechs Fuß maßen,
+konnte der König nicht widerstehen. Die »lieben blauen Kinder« waren
+seine größte Freude. Er ging mit ihnen um wie ein Kamerad und wie ein
+Vater; jeder Soldat hatte bei ihm freien Zutritt. Die größten hatte er
+malen lassen, und ihre Bilder hingen in den Gängen des Potsdamer
+Schlosses. Der Flügelmann Jonas mußte sogar in Stein gehauen werden, und
+zwar, befahl der König, so ähnlich wie möglich. Es war den lieben blauen
+Kindern gestattet, Bier- und Weinhäuser, Material- und Italienerläden zu
+halten und Gewerbe zu treiben. Einigen baute der König Häuser, andern
+schenkte er Geld und Grundstücke, verheiratete sie und hob ihre Kinder
+aus der Taufe.
+
+Um eine solche durch Zwangswerbung entstandene Armee in Ordnung zu
+halten, bedurfte es der schärfsten Disziplin. Die Truppen wurden
+jährlich neu gekleidet, die Infanterie blau, die Kavallerie weiß, die
+Husaren rot. Alle trugen, wie der König selbst, den langen Zopf und
+Puder in den Haaren. Die Monturen waren so eng, daß die Leute oft nicht
+wagten, sich zu bewegen, aus Furcht, die Röcke könnten zerreißen. Einmal
+bemerkte der König vom Fenster des Schlosses aus einen Offizier, der
+einen zu langen Rock an hatte; er ließ ihn sogleich rufen und schnitt
+ihm eigenhändig mit der Schere das vorschriftswidrige Stück weg.
+Exerziert wurde unaufhörlich, und es war das größte Glück des Königs,
+wenn bei jedem Kommando in der ganzen Linie nur ein Griff zu sehen, beim
+Marschieren nur ein Tritt und beim Feuern der Rotten nur ein Schuß zu
+hören war. Der Ton im Heer war streng und rauh, die Strafen waren
+furchtbar. Wenn ein Soldat desertierte, mußten Bürger und Bauern die
+Sturmglocken läuten, und wer den Flüchtling wieder einbrachte, bekam
+zwölf Taler. Um dem allmählich überhand nehmenden Werbeunfug zu steuern,
+erließ der König im Jahre 1733 das berühmte Kantonreglement, das den
+Keim und Anfang des allgemeinen Wehrpflichtgesetzes darstellt. Alle
+Einwohner des Landes wurden als für die Waffen geboren erklärt;
+ausgenommen waren nur die kleinen, die Söhne des Adels und die Söhne
+derjenigen Bürger, die einen gewissen Reichtum nachzuweisen vermochten.
+
+Zeit seines Lebens bezeugte Friedrich Wilhelm für Kaiser und Reich eine
+Ehrerbietung und Treue der Gesinnung, die man bei einem so mächtigen
+Herrn, welcher achtzigtausend Soldaten unter sich stehen hatte, nicht
+vermuten konnte. Er warb um die Gunst der kaiserlichen Minister, und
+einmal sagte er: »Ich würde mich begnügen, wenn ich des Kaisers
+Kammerpräsident wäre.«
+
+Alles was nicht deutsch war, war ihm nicht zu Sinne, und sonderlich
+waren ihm die Franzosen ein Greuel »mit ihren Quinten und französischen
+Winden«. Um den Berlinern die französischen Moden zu verleiden, ließ er
+seinen Profosen französische Kleider tragen, grüne Röcke mit
+großmächtigen Aufschlägen, gelbe Westen und gelbe Strümpfe, dazu
+ungeheuer große Hüte wie Wetterdächer und Haarbeutel wie riesige Säcke.
+Auf dem Theater ließ er einmal ein Stück aufführen, das den Titel hatte:
+»Der anfangs hitzig und großsprechende, zuletzt aber mit Schlägen
+abgefertigte Marquis«. Ebenso verhaßt waren dem König »die hoffärtigen
+Leute über dem großen Wassergraben«, wie er die Engländer nannte. Als
+ihn zwei reformierte Prediger um die Erlaubnis baten, ihre Söhne nach
+England zu den Erzbischöfen von Canterbury und York schicken zu dürfen,
+schlug er es mit der Begründung ab, daß in England keine Orthodoxie in
+der Religion statuiert werde und es überhaupt ein Sündenland sei. »Der
+König,« schreibt Seckendorf 1726 an Prinz Eugen, »ist sehr gegen die
+englische Nation pikiert und souteniert nicht ohne Grund, daß selbige
+durch ihre Seemacht das Comercium von ganz Europa an sich nehmen wolle.«
+Im Jahre 1730 wurden zwischen Deutschland und England Verhandlungen zu
+einer Doppelheirat gepflogen; der Kronprinz Friedrich sollte die Tochter
+Georgs II. und der Prinz von Wales die Prinzessin Friederike angetraut
+bekommen. England forderte nur, daß der König den Minister Grumbkow als
+einen Verräter im Dienst und Solde Österreichs entferne, und der
+Gesandte Hotham erbot sich, diese Anklage aus aufgefangenen Briefen
+Grumbkows zu beweisen. Der Graf Seckendorf stellte aber dem König vor,
+daß England den treuen Minister nur deshalb entfernen wolle, um mehr
+Einfluß am preußischen Hof zu gewinnen; die aufgefangenen Briefschaften
+seien unterschoben und künstlich fabriziert. Als nun Hotham zur Audienz
+kam und die Zuversicht aussprach, daß der König den Verräter sofort
+entlassen werde, geriet Friedrich Wilhelm in solchen Zorn, daß er dem
+Gesandten Großbritanniens die Dokumente ins Gesicht warf und sogar den
+Fuß aufhob, als wollte er ihn mit einem Tritt bedienen. Der Gesandte
+machte Anstalten zu seiner Abreise, Friedrich Wilhelm erkannte seine
+Übereilung und ließ sich zweimal entschuldigen, aber kurz darauf wollte
+er seine Gemahlin, die englische Prinzessin, bei der Tafel nötigen, auf
+Englands Untergang zu trinken.
+
+Mit Holland und Sachsen-Polen stand der König gut, aber seine größte
+Sympathie hatten doch die Russen. Er war sehr für die russische Allianz,
+und der Gedanke des nordischen Drei-Adlerbündnisses schwebte ihm immer
+vor der Seele. Der große Kurfürst war anderer Meinung gewesen und hatte
+tiefer gesehen, wie sein Wort beweist: Die Russen sind Bären, die man
+nicht loslassen muß, weil es schwer ist, sie wieder anzubinden.
+
+Die Königin Sophie Dorothea verübelte es ihrem Gemahl sehr, daß er sich
+allerwegen für das Interesse des Kaisers einsetzte. Einmal sagte sie bei
+Tisch vor seinen Vertrauten und Offizieren zu ihm: »Ich will noch
+erleben, daß ich Euch Ungläubige will gläubig machen und dartun, wie Ihr
+seid betrogen worden.« Aber der König ließ sich nicht irre machen. Einst
+schrieb er an Seckendorf: »Meine Feinde mögen tun was sie wollen, so
+gehe ich nit ab vom Kaiser, oder der Kaiser muß mich mit Füßen
+wegstoßen, sonsten ich mit Treu und Blut sein bin und bis in mein Grab
+verbleibe.« Er war auch der Ansicht, die deutschen Fürsten müßten
+geradezu gezwungen werden, die pragmatische Sanktion anzuerkennen.
+»Weigern sie sich, oder wollen sie sich nit explizieren,« schrieb er,
+»so muß man die Laus und Motten nit im Pelz lassen wuchern, daß der
+ganze Pelz nit verdorben sei.« Im Jahre 1729 schon drohte der Krieg, und
+da schrieb der König an Seckendorf: »Ich wünsche, daß es losgehe und
+kann versichern, daß ich mit Gut und Blut beistehen werde, aber es muß
+alles reichskonstitutionsmäßig sein, und die Auswärtigen müssen
+attackieren, dann ohne Räsonieren drup! drup! Mit die größte Pläsier von
+der Welt, die stolzen Leute zur Räson bringen zu helfen, sie sollen
+sehen, daß das deutsche Blut nit verwüstet ist.« Aber als es fünf Jahre
+später zum Krieg zwischen Frankreich und Österreich kam, wollte er seine
+Truppen doch nicht marschieren lassen und sagte: »Ich gebe keinen Mann
+und kein Geld. Ich muß wissen woher und wohin.« Dann ließ er aber doch
+zehntausend Blauröcke ins Feld rücken. Der Kardinal Fleury schickte ihm
+eine künstlich gearbeitete goldene Birne, in welcher ein Wechsel auf
+fünf Millionen Pistolen lag, zahlbar, wenn der König sich für Frankreich
+erklären würde. Er wies das Anerbieten zurück. In der Folge wurde er
+aber vom Kaiser mit Undank belohnt, und als es zum Frieden kam, wurde
+Preußens Stimme nicht einmal gehört. Ein halbes Jahr später sagte er bei
+einer Unterredung in Potsdam, indem er auf seinen so lange mißhandelten
+Sohn Friedrich wies, die berühmten Worte: »Da steht einer, der mich
+rächen wird.« Noch zwei Jahre früher freilich hatte er dieses Genie so
+über die Achsel angesehen, daß er sich geäußert hatte: »Fritzchen #ne
+sait rien du tout des affaires.# Wenn du es nicht recht anfangen wirst
+und alles drunter und drüber gehen wird, so werde ich in meinem Grabe
+über dich lachen.«
+
+Als der Kronprinz Friedrich sechs Jahre alt war, erhielt er zwei
+militärische Gouverneure von seinem Vater, und diesen ward
+eingeschärft, ihn in der Furcht Gottes zu erziehen, denn dies sei das
+einzige Mittel, so schreibt der König selbst in seiner Instruktion, die
+von menschlichen Gesetzen und Strafen befreite suveräne Macht in den
+Schranken der Gebühr zu erhalten. Man müsse ihn zum Guten antreiben und
+die Begierde zum Ruhm und zur Bravur in ihm erwecken, von Opern,
+Komödien und andern weltlichen Eitelkeiten abhalten und ihm so viel als
+möglich Ekel davor machen. Aber alles was zu lernen sei, solle ihm ohne
+Ekel und Verdruß beigebracht werden. »Sie müssen ihn nicht bei Leib und
+Leben verzärteln oder gar zu weichlich gewöhnen. Vor der Faulheit, als
+woraus Verschwendung entsteht, soll ihm der allergrößte Abscheu von der
+Welt gemacht werden. Er soll nie allein gelassen werden, weder bei Tag
+noch bei Nacht, einer der Gouverneure soll jederzeit bei ihm schlafen.
+Da sich bei herannahenden Jahren oftmals das Laster der Hurerei
+einzuschleichen pflegt, soll sowohl der Oberhofmeister als auch der
+Subgouverneur vor allen Dingen achthaben, daß solches verhütet werde,
+widrigenfalls sie mir mit ihren Köpfen davor haften sollen.« Und in
+einem späteren Reglement heißt es: »Am Sonntag morgen soll er um sieben
+Uhr aufstehen; und sobald er die Pantoffel an hat, soll er vor dem Bette
+auf die Knie niederfallen und zu Gott kurz beten, und zwar laut, daß
+alle, die im Zimmer sind, es hören können. Dann soll er sich hurtig
+anziehen und proper waschen, schwänzen und pudern; dann soll er
+frühstücken in sieben Minuten Zeit. Dann sollen alle seine Domestiken
+und Duhan hereinkommen, das große Gebet gehalten, auf die Knie, darauf
+Duhan ein Kapitel aus der Bibel lesen soll und ein oder ander gutes Lied
+singen soll, da es dreiviertel auf acht sein wird. Alsdann wieder alle
+Domestiken herausgehen sollen. Duhan soll alsdann mit Meinem Sohn das
+Evangelium vom Sonntag lesen, kurz explizieren und dabei allegieren, was
+zum wahren Christentum nötig ist, auch etwas von #Katechismo noltenii#
+repetieren, und soll dies geschehen bis neun Uhr; alsdann mit Meinem
+Sohn zu Mir herunter kommen soll und mit Mir in die Kirche gehen und
+essen; der Rest des Tages ist vor Ihn. Des Abends soll er um halb zehn
+Uhr von Mir guten Abend sagen, dann gleich nach der Kammer gehen, sich
+sehr geschwind ausziehen, die Hände waschen, dann soll Duhan ein Gebet
+auf den Knien halten, ein Lied singen, dabei wieder alle Seine
+Domestiken zugegen sein sollen, alsdann Mein Sohn gleich zu Bette gehen
+soll.« So war auch für die Wochentage die Stundeneinteilung aufs
+genaueste geregelt. Das Budget des Prinzen ward ungemein kärglich
+bemessen, und der König prüfte alle Rechnungen selbst.
+
+Friedrich sollte nach dem Willen seines Vaters vor allem ein guter
+Soldat werden; aber sein feiner, rascher und feuriger Geist war durch
+das pedantische Leben, das er führen mußte, das unablässige Exerzieren,
+das Absperren von Musik und Büchern, zu denen ihn seine innerste
+Herzensneigung zog und die ihm der Vater beharrlich verwehrte, aufs
+tiefste bedrückt. Er lehnte sich auf gegen die Tyrannei, gab sich
+Ausschweifungen hin und warf sich mit aller Glut einer jugendlichen und
+unbefriedigten Seele der französischen Philosophie in die Arme. Der
+König, dem die Änderung im Wesen des Sohnes nicht entgehen konnte,
+behandelte ihn nur um so strenger. Die Königin hatte Friedrich heimlich
+Unterricht im Flötenspiel geben lassen; er hatte oft in versteckten
+Gewölben Konzerte veranstaltet oder seine musikalischen Freunde in den
+Wald bestellt; während sein Vater Schweine hetzte, wurden die Flöten und
+Geigen aus den Jagdtaschen gezogen und im Waldesdunkel konzertiert. Der
+König kannte diese Neigung und nannte seinen Sohn verächtlich den
+Querpfeifer und Poeten. Auf Friedrichs Bitten hatte die Königin den
+berühmten Flötenspieler Quanz nach Berlin kommen lassen; der König hatte
+Nachricht davon erhalten und den Prinzen überrascht; Quanz konnte zwar
+noch glücklich in einem Kamin versteckt werden, er erzählte später, daß
+ihm nie eine Pause so schwer zu halten gewesen sei, aber der König hatte
+im Zimmer des Prinzen brokatne Schlafröcke und französische
+Gedichtbücher gefunden. Die Schlafröcke ließ er verbrennen, die Bücher
+verkaufen. Wütend darüber, daß sein Sohn den Petitmaitre machte,
+schickte der König eines Morgens den Hofbarbier Sternemann zu Friedrich
+mit dem Befehl, ihm die schönen, langen, braunen Seitenlocken
+abzuschneiden und ihn vorschriftsmäßig einzuschwänzen. Als der gutmütige
+Mann den Prinzen weinen sah, legte er die Schere weg und band die Locken
+in den Zopf mit ein. Als Friedrich sich bei seiner Tafel statt der
+zweizinkigen Eisengabeln gegen den Befehl dreizinkige silberne
+anschaffen ließ, ward er geschlagen. Auch bei anderen Gelegenheiten
+wurde er von seinem Vater mißhandelt, und seine Lage erschien ihm
+plötzlich so unerträglich, daß er den Plan faßte, zu entfliehen. Aber
+der unvorsichtige Katte, der überall in Berlin mit der Freundschaft des
+Kronprinzen prahlte, hatte geschwatzt, und der König, den sein Sohn auf
+einer Rheinreise begleitete, ließ ihn in Wesel verhaften und fragte ihn,
+warum er habe desertieren wollen. »Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn,
+sondern wie einen niederträchtigen Sklaven behandelt haben,« antwortete
+Friedrich. »Ihr seid also nichts weiter als ein feiger Desertör ohne
+Ehre?« sagte der König. »Ich habe so viel Ehre wie Sie,« antwortete
+Friedrich, »und habe nur das getan, was Sie mir hundertmal gesagt haben,
+Sie würden es an meiner Stelle tun.« Der König zog den Degen und wollte
+in der Hitze den Sohn erstechen. Der Mut des Kommandanten von Wesel
+rettete Friedrich; er warf sich zwischen Vater und Sohn und rief dem
+König zu: »Sire, durchbohren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes!«
+
+Der neunzehnjährige Prinz ward aus der preußischen Armee gestoßen und
+auf die Festung Küstrin gebracht. Sein Gefängnis war sehr hart. Die Tür
+war mit zwei großen Vorlegeschlössern versperrt, sein Essen, aus der
+Garküche mittags für sechs Groschen und abends für vier Groschen, mußte
+ihm vorher entzweigeschnitten werden, Messer und Gabel waren verboten,
+ebenso Tinte und Feder, Bücher und Flöte. Niemand durfte sich länger als
+vier Minuten bei ihm aufhalten, und um acht Uhr abends hatte der
+wachthabende Offizier den Befehl, die Kerzen auszulöschen. Einmal
+erinnerte er den Prinzen daran, zu Bett zu gehen, und als dieser nicht
+darauf achtete, blies er die Lichter aus. Friedrich gab ihm eine
+Ohrfeige. Am andern Morgen erschoß sich der Offizier. Die beabsichtigte
+Desertion allein hätte nicht des Königs Zorn so erregen können, wie es
+der Fall war. Man hatte ihm hinterbracht, und hier hatte wahrscheinlich
+Grumbkow seine Hand im Spiele gehabt, daß Friedrich nach Österreich
+fliehen gewollt, um katholisch zu werden und sich mit Maria Theresia zu
+verheiraten. Katholisch werden, das war für den König der Schrecken und
+das Grauen. Grumbkow, der sich überzeugt hatte, daß die Königin und die
+Prinzessin Friederike die wichtigsten Papiere beiseite gebracht hatten,
+drängte den Prinzen zu Aussagen über einige Punkte. Friedrich antwortete
+mit stolzer Verachtung. Da hatte Grumbkow die Stirn, mit der Folter zu
+drohen. Friedrich erwiderte, ein Henker könne nur mit Vergnügen von
+seinem Henkerhandwerk reden, und er wolle sich nicht zu weiteren
+Geständnissen erniedrigen. Die Untersuchung ergab, daß er zur Flucht
+fünfzehntausend Taler geborgt hatte, auch wurde ihm ein
+Liebesverständnis mit der schönen Potsdamer Kantorstochter Doris Ritter
+zur Last gelegt. Der König befahl, das Mädchen auszupeitschen und nach
+Spandau ins Spinnhaus bringen zu lassen; der Vater verlor sein Amt. Das
+furchtbarste Schicksal aber hatte Katte. Er hatte mit der Flucht
+gezögert, weil ein Mädchen ihn hielt, war arretiert und vom
+Kriegsgericht zur Ausstoßung aus der Armee und zu lebenslänglicher
+Festung verurteilt worden. Der König verschärfte das Urteil auf die
+Todesstrafe. Am sechsten November früh sieben Uhr wurde der
+zweiundzwanzigjährige Mensch am Schlosse vorbei und auf den Wall
+geführt. Friedrich öffnete das Fenster und rief mit lauter Stimme:
+»Verzeih mir, lieber Katte.« Katte erwiderte: »Der Tod für einen solchen
+Prinzen ist süß.« Damit ging er mutig zum Richtplatz, wo sein Kopf fiel.
+Friedrich wurde ohnmächtig und blieb dann bis zum Abend regungslos am
+Fenster stehen, den Blick unverwandt auf die Richtstätte gerichtet.
+Wahrscheinlich begann mit diesem Tag seine völlige Umkehr und
+Verwandlung, zum Heil seines Volkes und der Welt. So ist, was grausam
+und dem einzelnen schwer zu tragen scheint, in einem höheren Sinne
+Notwendigkeit.
+
+Der Areopag, vor welchem am Berliner Hofe die Angelegenheiten der innern
+und äußern Politik verhandelt wurden, war das Tabakskollegium. Die
+Tabaksstube war auf holländische Art wie eine Prachtküche mit einem
+hohen Gestell von blauen Tellern eingerichtet; jeden Abend gegen sechs
+Uhr kam das Tabakskollegium zusammen und blieb bis zehn Uhr und auch
+länger. Es gehörten dem Kollegium an: Grumbkow, der Alte Dessauer, der
+Graf Dönhoff, der Oberst von Derschau, die Generale von Gerstorf und von
+Sydow, Jean de Forcade, der Kommandant von Berlin, Peter von Blankensee,
+bei Hofe der Blitzpeter genannt, Kaspar Otto von Glasenapp, Christoph
+Adam von Flanz, der beste Rebhuhnschütze, Dubislav Gundomar von Natzmer,
+Heinrich Karl von der Marwitz, Friedrich Wilhelm von Rochow, Wilhelm
+Dietrich von Buddenbrock, Arnold Christoph von Waldow, Johann Christoph
+Friedrich von Haake und die von Fall zu Fall gebetenen Minister und
+Gesandten.
+
+Um den Haupttisch saßen die Herren mit ihren breiten Ordensbändern und
+rauchten aus langen holländischen Pfeifen; vor jedem von ihnen stand ein
+weißer Krug mit Ducksteiner Bier und ein Glas. Die nicht wirklich
+rauchen konnten, wie der Alte Dessauer und der Graf Seckendorf, mußten
+wenigstens eine Pfeife in den Mund nehmen und kalt rauchen; Seckendorf
+war sogar so gefällig, sich durch fortwährendes Blasen mit den Lippen
+den Anschein eines geübten Rauchers zu geben. Es ergötzte den König
+höchlich, wenn fremde Prinzen, die als Gäste anwesend waren, betrunken
+gemacht werden konnten oder wenn ihnen das ungewohnte Tabakskraut
+Sterbensübelkeit verursachte. Er selbst rauchte passioniert, jeden Abend
+dreißig Pfeifen. Auf dem Tische lagen die Zeitungen, die Berliner, die
+Hamburger, die Leipziger, die Frankfurter, die Breslauer, die Wiener,
+auch holländische und französische. Ein Vorleser war bestellt, der sie
+vorlesen, und, was unverständlich war, erklären mußte. Dieser Vorleser
+hieß Jakob Paul Freiherr von Gundling.
+
+Gundling war ein Franke, ein Pfarrerssohn aus Hersbruck bei Nürnberg. Er
+war durch Danckelmann nach Berlin gekommen und Professor an der
+Ritterakademie gewesen, der König erhob ihn auf Grumbkows Empfehlung zum
+Hofrat und Zeitungsreferenten beim Tabakskollegium; er erhielt freie
+Tafel bei Hof, Wohnung im Schlosse und mußte den König auf allen seinen
+Gängen begleiten, um ihm mit seiner Gelahrtheit und instruktiven
+Unterhaltung nahe zu sein. Er galt als ein wichtiger Mann, und der
+russische wie der kaiserliche Hof verschmähten es nicht, ihn durch
+Gnadenketten zu gewinnen. Um die Gelehrsamkeit, die er wirklich besaß,
+recht lächerlich zu machen, mußte er beim König den Hofnarren abgeben.
+Der König erhob ihn zu einer bereits abgeschafften Würde, der des
+Oberzeremonienmeisters, und schenkte ihm den Anzug des verabschiedeten
+Besser, den dieser beim Krönungsfest getragen hatte; es war ein roter,
+mit schwarzem Samt ausgeschlagener Leibrock mit großen französischen
+Aufschlägen und goldenen Knopflöchern, dazu eine große Staatsperücke mit
+langen Locken aus weißen Ziegenhaaren, ein großer Hut mit weißen
+Straußfedern, gelbe Beinkleider, seidene Strümpfe mit goldenen Zwickeln
+und Schuhe mit roten Absätzen. Der König machte ihn, und zwar an Stelle
+des großen Leibniz, zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften. Er
+gab ihm den Freiherrntitel und die Kammerherrnwürde.
+
+In der Trunkenheit schnitt man ihm einst den Kammerherrnschlüssel ab.
+Der König drohte, ihn wie einen Soldaten zu behandeln, der sein Gewehr
+verloren hat. Nachdem Gundling acht Tage hindurch einen ellenlangen
+hölzernen Schlüssel zur Strafe auf der Brust hatte tragen müssen, ward
+ihm der verlorene wieder eingehändigt, und er ließ ihn nun von einem
+Schlosser mit starkem Draht an seinem Rockschoß befestigen. Alle Würden
+und Chargen, auch die des geheimen Oberappellationsrats, des Kriegs- und
+Hofkammerrats, des Hof- und Kammergerichtsrats, des Freiherrn und
+Historiographen erhielt Gundling nur, um ihn und die Ämter damit zu
+verspotten. Einmal machte Gundling den Vorschlag, Maulbeerbäume in der
+preußischen Monarchie anzupflanzen; da ernannte ihn der König zum
+geheimen Finanzrat mit der Weisung an den vorsitzenden Etatsminister,
+»man solle Gundling feierlich in das Kollegium introduzieren, ihn #cum
+voto sessionis# anstellen und ihm das Departement aller seidenen Würmer
+im ganzen Land übertragen«.
+
+Dem armen Gundling ward oftmals so stark zugesetzt, daß er seiner nicht
+mächtig blieb. Man heftete ihm allerlei Figuren von Eseln, Kamelen und
+Ochsen an sein Staatskleid und malte ihm einen Schnurrbart. Man ließ ihn
+aus den Zeitungen die boshaftesten Artikel über seine eigene Person
+vorlesen, die der König eigens an die Redaktionen hatte schicken lassen.
+Man setzte einen Affen, der genau wie Gundling gekleidet und mit dem
+Kammerherrnschlüssel geschmückt war, an seine Seite; der König
+behauptete, der Affe sei Gundlings natürlicher Sohn, und er wurde
+gezwungen, das Tier vor dem ganzen Tabakskollegium zu umarmen. In
+Wusterhausen, wo auf dem Schloßplatz immer mehrere junge Bären
+herumliefen, legte man ihm einige Bären in sein Bett, die Vorderfüße der
+Bestien waren zwar verstümmelt, dennoch hätten sie ihn mit ihren
+Umarmungen beinahe totgedrückt, und er bekam den Bluthusten. Einmal im
+Winter taumelte er betrunken über die Wusterhausener Schloßbrücke; da
+packten ihn auf Befehl des Königs vier handfeste Grenadiere, und an
+Stricken ließen sie den schweren Mann solange in den gefrorenen
+Schloßgraben hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter, bis er das
+Eis durchgestoßen hatte. Diese Szene mußte zur besonderen Ergötzlichkeit
+des Königs wiederholt und sogar gemalt werden. Einmal war Gundling zu
+Gaste geladen und ließ sich in einer Sänfte tragen. Plötzlich wich der
+Boden der Sänfte unter ihm, er schrie den Trägern zu, sie möchten
+halten, aber je lauter er rief, je schneller rannten die Träger und
+zwangen ihn so, nach Art des Pachter Feldkümmel mit ihnen zu laufen.
+Häufig fand Gundling, wenn er nachts nach Hause kam, sein Studierzimmer
+zugemauert; anstatt sich zur Ruhe legen zu können mußte er stundenlang
+die Türe suchen und endlich an der Treppe schlafen.
+
+Eines Tages entfloh der schwergeplagte Mann zu seinem Bruder, dem
+Professor Nikolaus Hieronymus in Halle. Der König ließ ihn aber wieder
+holen und machte Miene, ihn als Desertör zu bestrafen. Da er aber eine
+ungewöhnliche Stille an ihm bemerkte, nahm er zu dem alten Köder der
+Eitelkeit seine Zuflucht: er erhob ihn in den Freiherrnstand, und zwar
+mit der Anciennität von sechzehn Ahnen väterlicher und mütterlicher
+Seite. Es dauerte aber nicht lange, und der König ließ wieder einen
+seiner derbsten Schwänke an ihm verüben. Auf seinen Befehl schrieb
+Faßmann, der Autor der damals beliebten »Gespräche im Reich der Toten«
+eine bösartige Satire auf Gundling, betitelt: »Der gelehrte Narr«, und
+erhielt den Auftrag, sie Gundling im Tabakskollegium zu überreichen.
+Gundling wurde hochrot vor Zorn und kam so in Harnisch, daß er eine der
+zum Pfeifenanbrennen mit glühendem Torf gefüllten Pfannen ergriff und
+sie Faßmann ins Gesicht schleuderte, wovon diesem die Brauen und Wimpern
+versengt wurden. Sofort setzte sich Faßmann vor den Augen Seiner
+Majestät in Avantage, entblößte Gundling die hinteren Kleider und
+bearbeitete ihn mit der heißen Pfanne dermaßen, daß er vier Wochen lang
+nicht sitzen konnte. Seitdem begegneten sich die beiden gelehrten Herrn
+im Tabakskollegium niemals, ohne daß es zum Faustkampf kam. Der König,
+die Generale, die Minister und die Gesandten sahen den Turnieren zu.
+Schließlich verlangte der König, die beiden Herren sollten ihren
+Ehrenhandel durch ein Duell zum Austrag bringen. Faßmann forderte
+Gundling auf Pistolen, Gundling mußte die Forderung annehmen, er mochte
+wollen oder nicht. Als die Kombattanten auf dem Schloßplatz erschienen,
+warf Gundling die Pistole weg, Faßmann schoß ihm die seinige, die nur
+mit Pulver geladen war, in die Perücke, welche zu brennen anfing;
+Gundling fiel vor Schreck auf die Erde, und ein ganzer Eimer kalten
+Wassers, den man über ihn schüttete, konnte ihm nicht die Gewißheit
+geben, daß er noch lebte.
+
+Achtundfünfzig Jahre alt, beschloß Gundling sein Dasein. Bei der Sektion
+ergab sich, daß er im Magen ein großes Loch hatte; der Magen war vom
+vielen Trinken geborsten. Seit zehn Jahren war vom König ein mächtiges
+Weinfaß zu seiner letzten Ruhestätte bestimmt worden. In seinem besten
+Staatskleid angetan, ward er in dieses Faß gelegt und so in Bornstädt
+bei Potsdam trotz des Widerspruchs der Geistlichkeit wirklich begraben.
+Faßmann hielt dem preußischen Freiherrn mit der Anciennität von sechzehn
+Ahnen, dem preußischen Kammerherrn, Präsidenten, Finanzrat und
+Historiographen die Nach- und Trauerrede über seine Weinfaß-Ruhestätte.
+
+In Potsdam gab der König im Winter einige Assembleen, in Berlin
+unterließ er dies aus Sparsamkeitsgründen, da mußten die Generale und
+Minister auf ihre Kosten Assembleen geben, aber bei den Diners, wo
+Friedrich Wilhelm ein freies Gespräch liebte, verbat er sich die
+Anwesenheit von Damen. Der Hauptgastgeber war Grumbkow. Ein wegen seiner
+Knauserei bekannter General, bei dem sich der König zu Gast geladen
+hatte, entschuldigte sich einst, daß er keine eigene Wirtschaft führe.
+Der König verwies ihn zum Gastwirt Nikolai, erschien dort mit großem
+Gefolge, und es wurde vortrefflich gegessen und getrunken. Beim
+Aufstehen rief der General den Wirt herein und fragte ihn, was das
+Gedeck koste. »Ohne den Wein einen Gulden die Person,« antwortete der
+Wirt. »Schön,« sagte der General, »hier ist ein Gulden für mich und
+einer für Seine Majestät; die andern Herrn, die ich nicht gebeten habe,
+bezahlen für sich.« Der König lachte und erwiderte, das sei ganz fein;
+er habe den Herrn zu prellen geglaubt, und nun sei er selber geprellt.
+Darauf bezahlte er die ganze Rechnung.
+
+Später wurde die Einrichtung der Assembleen einem herumreisenden
+Komödianten übertragen, einem gewissen Karl von Eggenberg. Er war ein
+Sattlersohn aus dem Bernburgischen, war vom König von Dänemark geadelt
+worden und hatte Friedrich Wilhelm durch seine Körperkraft in Erstaunen
+gesetzt; man hieß ihn nur den starken Mann, und er konnte eine zwei
+Zentner schwere Kanone samt einem Tambur in die Höhe heben und solange
+halten, bis der Tambur ein Glas Wein ausgetrunken hatte. Er kam reich
+nach Berlin, baute ein Haus, stand beim König, dem er die Husarenpferde,
+dänische Hengste, besorgte, in großer Gunst, und er war es auch, der das
+Theater wieder einigermaßen emporbrachte. Vordem hatten nur Seiltänzer,
+Gaukler, Taschenspieler, Marktschreier und Marionettenspieler von Zeit
+zu Zeit die Erlaubnis erhalten, in Berlin Vorstellungen zu geben, auch
+einzelne herumziehende Schauspieler, nur durfte nichts Ärgerliches und
+Skandalöses auf der Bühne erscheinen. Eggenberg bekam nun den Titel
+eines Königlichen Hofkomödianten und durfte mit einer vom König
+besoldeten Truppe Aufführungen veranstalten, »nur keine gottlosen und
+dem Christentum nachteilige Dinge, sondern lauter innozente Sachen zum
+honetten Amüsement.« Sie spielten auf dem Stallplatz und auf der breiten
+Straße; Hauptperson war der Hanswurst; es wurde der Doktor Faust
+aufgeführt, wie er vom Teufel geholt, und Haman, wie er gehängt wird.
+Der »Premierplatz« kostete acht Groschen. Zuletzt wurde die Komödie auch
+in Halle erlaubt, aber die theologische Fakultät erhob wegen des
+Gaukel- und Teufelsspiels beim König Protest. Der König schrieb zurück,
+es würden auch in Utrecht und Leyden Schauspiele geduldet, und kein
+Mensch könne zweifeln, daß dies die beiden ersten Universitäten der Welt
+seien.
+
+Sonst war Friedrich Wilhelm allen Volkslustbarkeiten abhold, er sah
+darin nur Üppigkeit. Das Scheibenschießen hob er auf, Tee- und
+Kaffeeschenken verschwanden, und wer nach neun Uhr abends sich in den
+Wirtshäusern betreffen ließ, wurde von den Patrouillen arretiert. Wenn
+der König nach der Friedrichstadt kam, flüchteten die Leute, machten
+Türen und Fenster zu, und die Straßen waren öde. Für die Künste hatte
+Friedrich Wilhelm keinen Sinn. Er malte zwar selbst, besonders in den
+späteren Jahren, wo ihn die Gicht plagte; gewöhnlich waren es Bauern,
+die er porträtierte, einmal malte er auch Gundling als Polichinell, aber
+die Bilder wurden nur von seinen Schmeichlern gelobt. Für die Musik
+hatte er wenig übrig; einmal ließ er Glockenspiele aus Holland kommen,
+die von den Türmen geistliche Lieder spielten. Ein paarmal in der Woche
+ließ er an Winterabenden Arien und Chöre aus heroischen Opern vorführen,
+etwa aus Händels Alessandro oder Siroe, und zwar auf Blasinstrumenten
+von den Hoboisten des Garderegiments. Bei diesen Konzerten standen die
+Musiker mit ihren Pulten und Lichtern am einen Ende des langen Saals,
+und der König saß ganz allein am andern. Zuweilen, nach einem guten
+Diner, schlief er auch bei der heroischen Musik ein. Den höchsten Spaß
+bereitete ihm ein von Kapellmeister Pepusch für sechs Fagotte
+komponiertes Konzert, betitelt: #Porco primo, porco secondo# usw. Er
+hielt sich den Bauch dabei vor Lachen. Auch der Kronprinz Friedrich
+wollte einmal dieses Konzert hören, und um den Komponisten zu verspotten
+lud er eine große Gesellschaft dazu ein. Pepusch wollte ausweichen,
+mußte sich aber dem Willen des Prinzen fügen. Er kam nicht mit sechs,
+sondern mit sieben Hoboisten, legte die Noten auf die Pulte und schaute
+ganz ernsthaft im Saal herum. Der Kronprinz trat auf ihn zu und fragte:
+»Herr Kapellmeister, sucht Er etwas?« Pepusch antwortete, es fehle ihm
+noch ein Pult. »Ich dachte,« versetzte Friedrich lächelnd, »es seien nur
+sechs Schweine in seiner Musik?« -- »Ganz recht, königliche Hoheit,« gab
+Pepusch zurück, »aber es ist da noch ein Ferkelchen gekommen, #flauto
+solo#.« Und Friedrich, der Flötenspieler, war angeführt.
+
+Was der große Kurfürst begonnen hatte, vollendete Friedrich Wilhelm mit
+der Niederbeugung des Adels; er setzte die Besteuerung durch. Als der
+Graf Alexander Dohna, Marschall der Stände Preußens, in seinem Bericht
+an den König die Phrase gebracht hatte: #Tout les pays seront ruinés,#
+schrieb Friedrich Wilhelm die denkwürdigen, unsterblich gewordenen
+Worte: »#les pays seront ruinés? Nihil credo,# aber das #credo,# daß die
+Junkers ihre Autorität wird ruiniert werden. Ich stabiliere die
+Suveränität wie einen #rocher# von Bronze.« Friedrich Wilhelms Herz
+neigte sich mehr zu den Bürgern als zu den Junkern. Wenn er einmal
+äußerte, daß er ein wahrer Republikaner sei, so verstand er eigentlich
+seine bürgerliche Gesinnung darunter. Er liebte es, mit dem Volke
+unmittelbar zu verkehren, und besuchte Gastmähler und Hochzeiten, auch
+richtete er sich in Berlin und Potsdam ganz einfach bürgerlich ein, wie
+ein guter deutscher Haushalter. Fleißige Handwerker und reinliche
+Hausfrauen belobte er sehr. Mit der Reinlichkeit konnte er auch an
+seinem ganzen Körper nicht genug tun; ferner war er äußerst
+wahrheitsliebend. In der Instruktion für die Räte seines
+Generaldirektoriums schrieb er: »Wir wollen die flatterien durchaus
+nicht haben, sondern man soll Uns allemal nur die reine Wahrheit sagen.«
+Aber er war ein sehr gewalttätiger Herr und König, im Zorne wild und
+furchtbar. Friedrich der Große und seine Schwester hatten ihm den
+Spitznamen #le ragotin# gegeben. Zuletzt war er so dick geworden, daß
+seine Weste fast vier Ellen weit war.
+
+Er forderte unbedingten Gehorsam ohne Widerspruch. Die Universität Halle
+stellte einmal beweglich vor, daß ein Studiosus von einigen Soldaten des
+Abends auf der Straße angefallen und zum Tor hinausgeführt worden sei.
+Der Bescheid des Königs lautete: »Soll nicht räsonieren! Ist mein
+Untertan.«
+
+Er wollte in seinem Lande nur gute Christen, fleißige Bürger und tapfere
+Soldaten haben. Voltaire nannte ihn den Vandalen; aber alle seine
+Strenge und Härte entschuldigte Friedrich Wilhelm mit der Pflicht, und
+öfters äußerte er: Ich bin nur der erste Diener des Staates; und den
+Staat regierte er nach seiner eigentümlichen Weise mit Gewalt, um ihn
+zu beglücken. Dabei war er gewissenhaft; einmal hatte er in Stettin
+einen Beamten durch den Henker prügeln lassen, kurz darauf stellte sich
+die Unschuld des Mannes heraus, da ließ er ihn an seiner Tafel speisen,
+um ihm eine öffentliche Genugtuung zu geben. Er glaubte, immer gerecht
+zu handeln, doch handelte er nur in dem gerecht, was er selbst für Recht
+erkannte. Er war religiös, aber nur in dem, was er bei sich selbst als
+Religion gelten ließ; es war eine Religion ganz nach eigenem Rezept.
+Bisweilen war er ernstlich gesonnen, abzudanken, weil er glaubte, seine
+Pflicht nicht gehörig erfüllen zu können. Er hielt sich in der genauen
+Bedeutung des Wortes für einen Knecht Gottes. So wenig er das Alte
+Testament achtete, seine Gesetze waren wie die des Alten Testaments. Aus
+königlicher Machtvollkommenheit kassierte und annullierte er die Urteile
+der Richter und verschärfte sie weit öfter als er sie milderte. Da galt
+kein Ansehen der Person. Ein Kriegs- und Domänenrat von Schlubhut in
+Königsberg hatte Gelder unterschlagen, die für die Salzburger Emigranten
+bestimmt gewesen waren, und das Gericht erkannte auf einige Jahre
+Festung. Der König wollte das Urteil nicht bestätigen, verschob den
+Spruch bis zu seiner Reise nach Königsberg, befahl den Kriegsrat vor
+sich und kündigte ihm an, daß er ihn hängen lassen werde. Schlubhut
+erwiderte frech, das sei nicht Manier, so mit einem preußischen Edelmann
+zu verfahren, er werde die fehlende Summe ersetzen. Der König geriet in
+den höchsten Zorn und schrie: »Ich will dein schelmisches Geld nicht
+haben.« Darauf ließ er einen Galgen vor dem Sessionszimmer der Kriegs-
+und Domänenkammer errichten und vor den Augen der versammelten Räte
+Schlubhut daran aufknüpfen.
+
+Er haßte die Juristen und hätte sie gerne alle vertilgt, besonders die
+Advokaten. Auf dem Lande durfte kein Advokat wohnen, damit die Bauern
+nicht prozeßsüchtig würden. Als er an die Stände Preußens das Verbot
+erließ, sich aller Beschwerden und Mahnungen und der Hinweisung auf alte
+Verheißungen zu enthalten, wagten die Stände einzuwenden, Gott, der
+allmächtige Vater, gestatte doch auch, daß man ihm Beschwerden vortrage,
+und bleibe nichtsdestoweniger allmächtig, mithin werde es Seine Majestät
+ebenfalls nicht ungnädig deuten. Aber Seine Majestät kehrte sich daran
+nicht, und in seinen Kabinettsbefehlen hieß es gewöhnlich: Wir sind Herr
+und König und tun, was Wir wollen.
+
+In Reden und Schriften war er ausbündig derb. Die Ehrentitel Hundsfott,
+Kujon, Halunke schwebten beständig auf seinen Lippen. Auf Eingaben, die
+ihm nicht behagten, malte er Eselsköpfe und -ohren an den Rand, und in
+den Resolutionen, die er ausgehen ließ, hieß es fortwährend: Wenn das
+und das nicht geschieht, so werde Ich es scharf ansehen, man wird den
+König zum Feinde haben, so wird Lärm werden, so wird der Donner
+dreinschlagen, eh man es sich vermutet. Wenn ein Minister zu spät in die
+Sitzungen kam, mußte er hundert Dukaten Strafe zahlen. »Die Herrn sollen
+arbeiten, wofür Wir sie bezahlen,« sagte der König. Einer seiner
+Kammerdiener sollte ihm einmal den Abendsegen vorlesen. Als die Worte
+kamen: Der Herr segne dich, glaubte der einfältige Mensch in seiner
+Unterwürfigkeit »der Herr segne Sie« lesen zu müssen. Da fuhr ihn der
+König an: »Hundsfott, lies, was dasteht, vor dem lieben Gott bin Ich
+genau so ein Hundsfott wie du.« Die Bedienten waren allerdings ihres
+Lebens nicht sicher; er hatte stets zwei mit Salz geladne Pistolen neben
+sich liegen, und wenn sie etwas versahen, feuerte er die Pistolen auf
+sie ab.
+
+Seine Sparsamkeit war so pedantisch, daß er sich alle Küchenzettel
+vorlegen ließ und an den geringfügigsten Ausgaben mäkelte. Die Zettel
+mußten bis auf jede Zitrone und auf jede Mandel Eier spezifiziert sein,
+und einmal schrieb er darunter: Ein Taler zu viel. Auf die Eingaben um
+Geldbewilligung schrieb er zumeist: #Non habeo pecunia,# oder: #point
+d'argent,# oder: Narrenspossen, Narrenspossen! Sogar auf die
+Papierersparnis richtete er sein Augenmerk; auf den Rand eines Berichts
+des Kammerkollegiums schrieb er: Der Quark ist das schöne Papier nicht
+wert, sollen schlecht Papier nehmen, das ist Mir genug.
+
+Bei alledem konnte er auch freigebig sein. Für den Hofstaat der Königin
+hatte er achtzigtausend Taler ausgesetzt, viel mehr, als die erste
+Königin gehabt. In ihrem Kabinett war sämtliches Gerät von Gold, Kron-,
+Wand- und Armleuchter, Geridone und Tafeln. Einmal schenkte er ihr zu
+Weihnachten eine goldene Brandrute für den Kamin, die sechzehnhundert
+Taler kostete.
+
+Er war ein rastlos tätiger Mann, kein Hauch von Phlegma war in ihm.
+»Der König,« schreibt Seckendorf im Juni 1726, »kann allem menschlichen
+Ansehen nach unmöglich in die Länge die Art zu leben kontinuieren, ohne
+an Gemüt und Leib zu leiden, maßen der Herr vom frühen Morgen bis in die
+späte Nacht in kontinuierlichem #mouvement# ist, bei sehr früher
+Tagesstunde das Gemüt mit verschiedenen und differenten Materien,
+Resolutionen und Arbeiten angreifet, hernach den ganzen Tag mit Reiten,
+Fahren, Gehen und Stehen sich unglaublich fatigiert, mit starkem Essen
+und ziemlichem, doch nicht bis zur #debauche# kommenden starken Getränke
+sich erhitzet, wenig und dabei sehr unruhig schläft, folglich sein
+ohnedem vehementes Naturell dermaßen echauffiert, daß mit der Zeit üble
+Folgen daraus entstehen dürften.«
+
+Es kam vor, daß Friedrich Wilhelm irgendeinen faulenzenden Berliner
+Eckensteher mit eigenen Händen durchprügelte. Ein andres Mal prügelte er
+einen verschlafenen Torschreiber, der die Bauern vor dem Tor warten
+ließ, mit den Worten: »Guten Morgen, Herr Torschreiber« aus dem Bette.
+Recht mißlich war es, ihm zu begegnen. Wer ihm auffiel, an den ritt er
+so nahe heran, daß der Kopf des Pferdes dem Manne an die Brust stieß,
+und dann begann das Verhör. Sah er einen französischen Prediger, so
+fragte er jedesmal, ob sie Molière gelesen hatten, um ihnen damit
+anzudeuten, daß er sie für Komödianten halte. Am schlechtesten erging es
+denen, die vor ihm die Flucht ergriffen; einmal verfolgte er einen
+Juden, der Reißaus genommen hatte, und als er ihn gestellt hatte, sagte
+der Jude, er habe sich gefürchtet. Da prügelte ihn der König mit seinem
+Stock und schrie dabei in einemfort: »Lieben sollt ihr mich, lieben und
+nicht fürchten.«
+
+So orthodox Friedrich Wilhelm auch war, erklärte er sich doch mit allem
+Nachdruck für die Toleranz. Er duldete alle Religionsparteien, nur die
+Jesuiten waren ihm zuwider, »die Vögels, die dem Satan Raum geben und
+sein Reich vermehren wollen«. Schon im Anfang seiner Regierung erließ er
+ein Edikt, worin er den lutherischen und reformierten Religionsverwandten
+gebot, aller Schmähungen sich zu enthalten und friedlich miteinander zu
+verkehren. Den lebhaftesten Anteil nahm er an dem Schicksal der
+Salzburger Emigranten. Er schickte nicht nur Kommissäre zu den Salzburger
+Bauern, um sie einzuladen, sich in seinen Staaten niederzulassen,
+sondern griff auch, um den Erzbischof Firmian von weiterer Verfolgung
+abzuschrecken, zu Repressalien gegen die Katholiken im Bistum
+Halberstadt und drohte die Einkünfte der Klöster in Beschlag zu nehmen.
+Zwanzigtausend Salzburger fanden damals in Preußen Zuflucht; als der
+erste Zug eintraf, begrüßte ihn der König selbst am Leipziger Tor und
+hieß die armen Leute als seine lieben Landeskinder willkommen; von der
+Königin wurden sie in Monbijou bewirtet.
+
+Um das Jahr 1727 verfiel Friedrich Wilhelm in eine tiefe religiöse
+Schwermut. Er sprach unaufhörlich davon, daß er die Krone niederlegen
+und sich in den Haag zurückziehen wollte, wo ihm aus der Erbschaft
+Wilhelms des Dritten das Lustschloß Honslardik zugefallen war. Es war
+August Hermann Franke, der einen solchen Einfluß auf das Gemüt des
+Königs gewonnen hatte. Die Markgräfin von Baireuth schreibt: »Dieser
+Geistliche machte die unschuldigsten Dinge zur Gewissenssache, er
+verwarf alle Vergnügungen als verdammlich, selbst die Musik und die
+Jagd, man sollte nur vom Worte Gottes sprechen, alles andre war
+verboten.« Grumbkow und Seckendorf legten dem König immer wieder die
+Hindernisse dar, die sich seiner Abdankung entgegensetzten, und wie er
+einen solchen Schritt später bereuen würde. Aber der König versank nur
+noch tiefer in seine Grübeleien, und man durfte in seiner Nähe nicht
+mehr lachen. Da nun alle Worte vergeblich waren, verfielen Grumbkow und
+Seckendorf auf ein anderes Mittel. Sie überredeten den König, dem
+sächsischen Hof einen Besuch abzustatten, der damals der glänzendste in
+Deutschland war. Politische Gründe bestimmten Friedrich Wilhelm, den
+Vorschlag anzunehmen. Sobald er nach Dresden kam, wurde er von Fest zu
+Fest fortgerissen, die Freuden der Tafel wurden nicht vergessen, der
+Ungarwein nicht gespart, und die Freundschaft der beiden Könige war die
+innigste. Eines Tages, als man weidlich geschmaust hatte, führte der
+König von Polen seinen Gastfreund im Domino auf eine Redute. Immerfort
+schwatzend, gingen sie von einem Zimmer in das andere, wobei die
+Hofleute und der Kronprinz Friedrich folgten. Endlich gelangten sie in
+einen schön verzierten Raum, und während Friedrich Wilhelm das prächtige
+Gerät bewunderte, sank eine Tapetenwand nieder, und ein seltsames
+Schauspiel bot sich den Blicken dar. Ein Mädchen von vollendeter
+Schönheit lag nachlässig auf einem Ruhebette, nackt wie sie Gott
+erschaffen, mit einem Körper wie die mediceische Venus. Das Kabinett,
+worin sie sich befand, war von so vielen Kerzen erhellt, daß sie das
+Tageslicht überstrahlten. Der König von Polen sowohl als Grumbkow
+glaubten, daß Friedrich Wilhelm einer solchen Verlockung nicht werde
+widerstehen können; allein es kam anders. Bei dem ersten Blick nahm
+Friedrich Wilhelm seinen Hut, hielt ihn dem Kronprinzen vor das Gesicht
+und befahl ihm, sich zu entfernen. Er selbst wandte sich zum König von
+Polen, sagte trocken: »Sie ist recht schön,« und ging fort. An
+Seckendorf schrieb er ein paar Tage später: »Ich gehe zu kommendem
+Mittwoche nach Hause, fatigieret von allen guten Tagen und Wohlleben;
+ist gewiß nit christlich leben hier, aber Gott ist Mein Zeuge, daß Ich
+kein Pläsier daran gefunden und noch so rein bin als Ich von Hause
+hergekommen und mit Gottes Hilfe beharren werde bis an Mein Ende.«
+
+Schon im Winter 1735 hatte der König an der Wassersucht gelitten, und
+sein Leben war in großer Gefahr gewesen. In dem strengen Winter des
+Jahres 1740 erkrankte er von neuem. Er ließ den lutherischen Propst
+Roloff kommen, der ihn zum Tod vorbereiten sollte. Er verzieh allen
+seinen Feinden, schließlich sogar seinem Schwager, dem König von
+England, der ihm doch, wie er sagte, alles gebrannte Herzeleid angetan
+habe. Er bereute seine Sünden und zählte sie in Gegenwart vieler
+Umstehenden so ausführlich auf, daß Roloff ihn bitten mußte, es zu
+unterlassen. Worauf Roloff drang, war Sinnesänderung, dazu aber war der
+Herr lange nicht zu bewegen. Er führte auf, daß er die Geistlichkeit
+immer respektiert, Gottes Wort immer fleißig gehört habe und seiner Frau
+immer unverbrüchlich treu gewesen sei; er behauptete, immer recht
+gehandelt und alles zu Gottes Ehre getan zu haben. Roloff widersprach
+dem und erinnerte ihn an die Verschärfungen der Todesurteile, an die
+ungerechten Hinrichtungen, an das erzwungene Häuserbauen in Berlin, zur
+großen Bedrückung seiner Untertanen, und des Königs Verantwortung wollte
+er als vor Gott genügend nicht gelten lassen. Da sagte der König: »Er
+schont Meiner nicht. Er spricht als ein guter Geist und ein ehrlicher
+Mann mit Mir. Ich danke ihm dafür und erkenne nun, daß ich ein großer
+Sünder bin.« Im April 1740 konnte er noch nach seinem geliebten Potsdam
+fahren; er gab Anordnungen für sein Leichenbegängnis, bei dem das
+Leibregiment feuern sollte. Mitten in seinen Schmerzen ließ er sich das
+Lied vorsingen: Warum sollt ich mich doch grämen? Als die Stelle kam:
+Nackend werd auch ich hinziehen, unterbrach er die Sänger mit den
+Worten: »Nein, das ist erlogen, ich will in der Montur begraben sein.«
+Bescheiden stellte ihm der Feldprediger vor, daß es dort oben keine
+Soldaten gäbe; da rief der König: »Was? Sapperment! Wieso?« Und er
+schien nun sehr niedergeschlagen.
+
+Am Sterbetage, den 31. Mai, nahm er Abschied von seiner Frau, seinen
+Söhnen, allen Ministern, Beamten und Offizieren. Er ließ sich ans
+Fenster rücken, von wo er den Marstall überblicken konnte, und befahl,
+daß man die Pferde herausführe, denn er wollte dem Fürsten von Dessau
+und dem General Haake noch ein Pferd schenken. Als ihm sein Leibarzt auf
+die Frage, wie lange er noch zu leben habe, antwortete, ungefähr eine
+halbe Stunde, forderte er einen Spiegel, schaute hinein und sagte
+lächelnd: »Ich bin recht verändert, ich werde beim Sterben ein garstiges
+Gesicht machen.« Später wiederholte er die Frage an den Arzt. Der
+Leibmedikus befühlte ihm den Puls, zuckte die Achseln und sagte: »Er
+steht still.« Da hob der König seinen Arm, schüttelte die Faust und
+rief: »Er soll nicht stillstehen.«
+
+Friedrich Wilhelm starb im zweiundfünfzigsten Jahre seines Alters; er
+starb, wie Friedrich der Große an Voltaire schrieb, mit der Neugierde
+eines Naturforschers, der beobachten will, was im Augenblick des
+Hinscheidens geschieht, und mit dem Heldenmute eines großen Mannes. Er
+ward in Potsdam begraben. Bei der Leichenfeier wurden die von ihm selbst
+ausgewählten Lieder gesungen und beim Trauermahl zwei von ihm eigens
+dazu bestimmte Eimer alten Rheinweins ausgetrunken.
+
+
+
+
+Joachim Nettelbeck
+
+
+Als Sohn eines Brauers und Branntweinbrenners wurde Joachim Nettelbeck
+am 20. September 1738 zu Kolberg geboren. Seine Mutter war aus dem
+Geschlecht des Schiffers Blanken; seines Vaters Bruder war ebenfalls
+Schiffer. Seine größte Kinderfreude bestand darin, auf Schiffen
+herumzuspringen, und sobald er lallen konnte, war sein Sinn auf die
+Schifferei gestellt. Sein Hang war so groß, daß er aus jedem Span, aus
+jedem Stück Baumrinde, das ihm in die Hände fiel, kleine Schiffe
+schnitzelte, sie mit Segeln von Federn oder Papier ausrüstete und damit
+auf Rinnsteinen und Teichen oder auf der Persante hantierte. Kein
+größeres Vergnügen gab es für ihn, als wenn seines Onkels Schiff im
+Hafen lag; da hatte er zu Hause keine Ruhe und bat immerfort, man möchte
+ihn nach der Münde lassen.
+
+Nicht geringere Liebe zeigte er zum Gartenwesen. Sein Großvater war ein
+großer Gartenfreund, nahm ihn oft in seinen Garten mit und schenkte ihm
+sogar ein Fleckchen Land. Da legte er Obstkerne, pflanzte, verpfropfte
+und okulierte.
+
+[Illustration: Joachim Nettelbeck, nach einer Zeichnung von Ludwig
+Heine.]
+
+Er mochte etwa sechs Jahre alt sein, da entstand eine Hungersnot im
+Lande. Es kamen viele arme Leute nach Kolberg, um Korn zu holen, weil
+man Getreideschiffe im Hafen erwartete. Als endlich ein Schiff mit
+Roggen auf der Reede anlangte, stieß es gegen den Hafendamm und sank in
+den Grund. Um es wieder emporzuwinden wurden zwei Schiffe benutzt, deren
+eines von seinem Onkel geführt wurde, und der Knabe war beständig
+zugegen. Das Fahrzeug wurde gehoben, doch das Korn war durchnäßt; bald
+waren alle Straßen mit Laken und Schürzen überdeckt, auf denen das
+Getreide der Luft und Sonne ausgesetzt wurde. Endlich kam ein zweites
+Kornschiff, und es konnte der Not gesteuert werden.
+
+Im nächsten Jahre schickte der Große Friedrich von Preußen eine
+Wagenladung mit Kartoffeln nach Kolberg. Diese Früchte waren aber damals
+noch völlig unbekannt, und die Bürger berieten hin und her, was wohl
+damit anzufangen sei. Sie warfen sie den Hunden vor, die sie
+beschnupperten und verschmähten. Was sollen uns die Dinger? hieß es; sie
+riechen nicht, sie schmecken nicht, und nicht einmal die Hunde mögen sie
+fressen. Man glaubte, sie wüchsen auf den Bäumen und man müsse sie
+herunterschütteln wie die Äpfel. Alles dieses ward auf dem Markte, vor
+seiner Eltern Tür, verhandelt. Erst als der König im andern Jahr eine
+zweite Sendung von einem Landreiter begleiten ließ, der des
+Kartoffelbaues kundig war, gewann die neue Frucht das Wohlwollen der
+Bürger.
+
+Der Knabe war auch ein großer Liebhaber von Tauben, und er sparte sich
+von seinem Frühstücksgeld so viel ab, daß er sich ein paar Tauben kaufen
+konnte. Seine Spielereien hielten ihn vom Lernen und von der Schule ab,
+und erst die dringenden Ermahnungen seines Paten weckten seinen Ehrgeiz.
+In seinem achten Jahre schenkte ihm der Pate zu Weihnachten eine
+Anweisung zur Steuermannskunst, und bald ging sein Eifer für diese Sache
+soweit, daß er oft im Winter bei strenger Kälte des Nachts, wenn klarer
+Himmel war, heimlich auf den Wall ging und mit seinen Instrumenten die
+Entfernung der Sterne vom Horizont oder vom Zenit maß und danach die
+Polhöhe berechnete. Kam er des Morgens erfroren nach Hause, so
+verwunderte sich alles, erklärte ihn für einen überstudierten Narren,
+und der Vater schlug ihn.
+
+Da ein Seemann sich auf die Kletterkunst gut verstehen mußte, übte er
+sich in Gemeinschaft mit dem Sohn des Glöckners im Balkenwerk der großen
+Kirche in dieser Fertigkeit. Sie krochen überall herum, und oft
+verirrten sie sich in der gewaltigen Verzimmerung dergestalt, daß einer
+vom andern nichts mehr wußte, und wenn sie wieder zusammenkamen, war des
+Erzählens kein Ende, wo sie gewesen waren und was sie gesehen hatten. In
+dem inwendigen Holzverband krochen sie auch bis zur Spitze des Turmes
+hinauf, bis sie sich in dem beengten Raum nicht mehr rühren konnten.
+Diese Gewandtheit und Ortskenntnis kam ihm viele Jahre später wohl
+zustatten, als ein Wetterstrahl im Turm gezündet hatte und das Feuer
+gelöscht werden mußte.
+
+Als er elf Jahre alt war, nahm ihn sein Onkel als Kajütenwächter mit
+auf sein Schiff, und seine erste Fahrt ging nach Amsterdam. Dort sah er
+die großen Indienfahrer und verspürte eine unbezwingliche Sehnsucht, auf
+einem solchen Schiff zu dienen. Bei Nacht und Nebel floh er auf einer
+Jolle, betrat eines der Schiffe, das er sonderlich ins Auge gefaßt, und
+wurde nach vielen Verhandlungen als Seemannsjunge geheuert. Das Schiff
+war für den Sklavenhandel nach Guinea bestimmt. Einundzwanzig Monate
+später kam er nach Amsterdam zurück, schrieb an seine Eltern, die, froh
+erstaunt, ihn noch am Leben zu wissen, ihn nach Kolberg riefen; dort
+blieb er nun bis zu seinem vierzehnten Jahr. Länger vermochte er aber
+seinem Abenteuer- und Tätigkeitstrieb nicht zu widerstehen: er entfloh
+neuerdings und verdingte sich auf einem Schiff, das nach Surinam
+bestimmt war. Auf der Heimfahrt fiel der Steuermann über Bord und
+ertrank, und Nettelbeck wurde zum Untersteuermann gemacht.
+
+Im Jahre 1756 nahm er Dienst bei seinem Oheim, der eine Schiffsladung
+mit Holz von Rügenwalde nach Lissabon zu bringen hatte. Sein jüngerer
+Bruder, ein Knabe von vierzehn Jahren, und des Oheims junger Sohn waren
+ebenfalls auf dem Schiffe bedienstet. Sie erlitten an der flandrischen
+Küste Schiffbruch und wurden von österreichischen Soldaten gerettet. Der
+Oheim hatte aber eine tödliche Verletzung erlitten und starb in einem
+Kloster, wohin man ihn in Eile transportiert hatte. Als Ketzer und
+Preußen verdächtigt und gemieden, mußten sich die drei jungen Burschen
+durch das feindliche Land schlagen, und erst nach schrecklichen Mühsalen
+gelangten sie wieder nach Kolberg. Kaum hatte sich Nettelbeck von der
+überstandenen schweren Zeit erholt, so brach der Krieg aus, und die
+Werber des Königs kamen in die Stadt, um alle jungen Leute zum
+Soldatenstand zu pressen. Es war eine wahre Hetzjagd, der Schrecken für
+alle Eltern jener Zeit und für alles junge Volk, das eine Flinte
+schleppen konnte und nicht mochte.
+
+Die entschiedene Abneigung des Bürgers gegen den Soldatenstand hatte
+ihre Rechtfertigung in der unmenschlichen Art, womit die jungen Leute
+von den Unteroffizieren behandelt wurden; so sagt Nettelbeck selbst, und
+er fügt hinzu: unter den Fenstern der Eltern wurden sie von den rohen
+Menschen aufs Grausamste mißhandelt, und es war ein kläglicher Anblick,
+wenn bei solchen Auftritten die Mütter in Haufen daneben standen,
+weinten und schrien und von den rauhen Barbaren abgeführt wurden.
+
+Nettelbeck ergriff die Flucht. Bei Nacht, in Sturm und Schneegestöber
+wanderte er zu einem Bauern, welcher ihm genannt worden war, und mußte
+sich im Stadtholz eines Rudels Wölfe erwehren. Endlich erreichte er die
+Freistatt, hielt sich zwölf Tage dort verborgen, aber er ertrug es
+nicht, untätig zu sitzen, und er begab sich wieder nach der Münde. Eines
+Nachts erweckte ihn ein Klopfen an den Fensterladen des Kämmerchens, wo
+er schlief, und die bekannte Stimme einer getreuen Frauensperson rief
+ihm zu: »Joachim, auf! auf aus den Federn! Die Soldaten sind wieder auf
+der Münde!« In der Bestürzung griff er nach einem Bund Kleider, stahl
+sich im Hemd auf die Straße und bemerkte, als er sich anziehen wollte,
+daß er Frauenkleider mitgenommen hatte. Er warf einen roten Friesrock
+über die Schultern, da wurde er von den Soldaten gestört, er rannte zum
+Hafen, sprang in ein Boot und ruderte hinaus. Jenseits ging er an Land,
+wanderte so gut als nackend in der bitterkalten Märznacht vor mehrere
+Türen, wurde jedesmal abgewiesen und flüchtete endlich in einen alten
+Schiffsrumpf, der im Sommer als Bierschank benutzt wurde. Er kletterte
+in das Rauchfangloch und duckte sich vor der Kälte in einen Winkel
+zusammen. Am Morgen suchte er sein verlassenes Boot wieder auf und
+ruderte sich zu einem Schiffe heran, das einem Königsberger Schiffer
+gehörte. Der Mann nahm ihn auf und hielt ihn lange bei sich verborgen.
+Zwei Wochen später fuhr er mit einem anderen Schiffer nach Danzig, und
+dort wurde er Steuermann auf einer kleinen Jacht, die eine Ladung Hanf
+nach Westschottland bringen sollte. Die Schiffahrt in den Gewässern der
+Hebriden war der Klippen und starken Strömungen wegen sehr gefährlich,
+das Schiff irrte lange herum, geriet im Kanal mit sieben englischen
+Kapern zusammen, und alle diese Schnapphähne, so nennt sie Nettelbeck,
+stiegen an Bord seines Schiffes und nahmen mit, was nicht niet- und
+nagelfest war, Kessel und Pfannen, Tauwerk und Segel, Karten und Kompaß.
+Die Aufregung und das beständige Elend machten Nettelbeck krank. Er
+mußte in Metemblick zurückbleiben und begab sich zu einem Kompaßmacher
+in die Lehre; was er von ihm lernte, war ihm in der Folge von großem
+Nutzen.
+
+Bald darauf rief ihn sein Vater nach Kolberg zurück, und er war noch
+nicht vier Wochen in der Heimat, so begann die Belagerung Kolbergs durch
+die Russen. Durch die Entschlossenheit der Bürgerwehr blieben die
+feindlichen Anstrengungen fruchtlos, und nachdem die Russen eine Menge
+Pulver unnütz verschossen hatten, mußten sie wieder abziehen. Nettelbeck
+begab sich nach Amsterdam, traf dort mit seinem alten Kapitän Blanken
+zusammen und fuhr mit ihm neuerdings nach Surinam; von dort heimgekehrt,
+hielt es ihn wieder nicht lange, und er fuhr mit einem andern Schiff
+nach Sankt Eustaz. Als er dann in seine Vaterstadt zurückgekehrt war,
+wurde diese zum zweitenmal von den Russen belagert, aber der Notstand
+dauerte nur drei Wochen. Während der Zeit des Siebenjährigen Krieges
+blieb den preußischen Schiffern, wenn sie Erwerb finden wollten, kaum
+etwas anderes übrig, als unter der neutralen Danziger Flagge zu fahren.
+In solcher Weise ging Nettelbeck von Danzig nach Königsberg und von
+Königsberg mit einem Getreideschiff nach Amsterdam.
+
+Es ist nicht erforderlich, alle diese Fahrten und die späteren im
+einzelnen zu verfolgen; diese Begegnungen mit Freund und Feind, dieses
+Hin und Her in allen Zonen der Erde, diese Kämpfe mit allen Gefahren und
+allen Elementen. Sie bilden ein Leben voll beständiger Unruhe und
+beständiger Tätigkeit. Die Kaufleute im fremden Land sind listig und
+verschlagen; ihrer Tücke Herr zu werden, gegen ihre Vorteilssucht nicht
+des eignen Vorteils verlustig zu gehen, verlangt viel Klugheit, ja
+beinahe Weisheit und unendliche Selbstverleugnung. Immer wieder Stürme,
+immer wieder Schiffbruch; kaum ist ein kümmerlicher Verdienst in
+Sicherheit gebracht, so geht er durch Wagnis oder Unglück wieder
+verloren. Bei einer Fahrt in der Nordsee wird der Kapitän wahnsinnig und
+trifft Verfügungen, die den Untergang des Schiffes herbeiführen müssen.
+Eines Morgens stürzt er vom Steuer in die See und ertrinkt. Nettelbeck
+nimmt ein Verzeichnis seiner Habseligkeiten auf, versiegelt die
+eingepackten Waren und wirft vor den Augen der Matrosen das hierzu
+gebrauchte Petschaft ins Meer. Zu seiner Verwunderung kann er nirgends
+die Gelder und Barschaften des verunglückten Schiffers finden, die
+Taschenuhr, die silbernen Schuh- und Knieschnallen, die goldenen und
+silbernen Galanteriewaren nicht, die er vordem bei ihm gesehen. Als er
+mit dem Schiff in den Hafen gelangt, taucht trotz eidlicher Erhärtung
+der Verdacht auf, daß er das Gut des Schiffers veruntreut habe.
+Lästerung und Verleumdung heftet sich an seine Fersen, und der Kummer,
+den er darüber empfindet, raubt ihm allen Mut. Erst viele Jahre später
+wurde das Eigentum des toten Schiffers zufällig in einem Verschlag der
+Kajüte entdeckt, die Witwe und die Verwandten leisteten Nettelbeck
+Abbitte, und die ihn geschmäht und bezichtigt hatten, erhoben ihn in den
+Himmel, aber man muß nicht eben Nettelbeck sein, um den von Zufalls
+Gnaden gereinigten Schild der Ehre mit bitterem Gefühle zu betrachten.
+Allmählich reifte er in der Schule des Lebens zur Resignation heran;
+doch seine Kraft, zu handeln, seine wunderbare Kraft, zu helfen,
+erlahmte dabei mitnichten. Während des großen Brandes in Königsberg
+rettete er auf einem Boote viele Menschen vor dem sicheren und
+schrecklichen Tod. Einige Zeit nachher geriet auf dem Pregel ein
+holländisches Schiff in Brand. Alle Menschen, so viel deren
+herbeigekommen, waren damit beschäftigt, Löcher in das Verdeck zu hauen,
+um von oben Wasser in den brennenden Raum zu gießen. Dadurch gewann aber
+das Feuer nur um so größeren Zug, und Nettelbeck, der ein so
+widersinniges Verfahren nicht gelassen mit anschauen konnte, schrie
+ihnen zu, sie arbeiteten sich ja zum Unglück, sie müßten das Schiff
+versenken. Es lief aber alles verwirrt durcheinander, und niemand wollte
+auf ihn hören. Da griff er einen von seinen Zimmerleuten auf, sprang mit
+ihm in das Boot, das zum brennenden Schiff gehörte, und zeigte ihm eine
+Planke dicht über dem Wasser, wo er ein Loch ins Schiff hauen sollte.
+Das lasse er wohl bleiben, war die Antwort des Mannes, da könne er
+schlimmen Lohn dafür haben. Nettelbeck riß ihm die Axt aus den Händen,
+schlug selber das Loch, eilte spornstreichs auf das Verdeck, wo sich
+Hunderte von Menschen drängten, und schrie: »Herunter vom Schiff, was
+nicht ersaufen will, in der Minute wird's sinken.« Und das Schiff sank.
+Die holländischen Kaufleute aber verklagten ihn bei der Admiralität und
+forderten von ihm den vollen Ersatz des Schadens. Er wurde vor das
+Kollegium zitiert und sollte sich verantworten.
+
+Seine Rede war die: »Tausend Augen haben es mit angesehen, wie das
+Schiff in hellem Feuer stand. Hätte das nur noch eine halbe
+Viertelstunde so gedauert, so nahm die Flamme dergestalt überhand, daß
+es kein Mensch auf dem Schiff aushalten konnte und es mitsamt der Ladung
+preisgegeben werden mußte. Und wie sollte es dann fehlen, daß nicht die
+Taue mit verbrannten, die es am Bollwerk hielten; daß die flammende
+Masse stromabwärts und unter die vielen andern Schiffe trieb und diese
+mit ins Verderben zog? Jetzt ist großes und gewisses Unglück mit um so
+geringerem Schaden abgewandt, als Schiff und Ladung wohl wieder zu
+bergen sein werden. Ich bin daher auch des guten Glaubens, daß ich in
+keiner Weise strafbar gehandelt, sondern nur meine Bürgerpflicht erfüllt
+habe.«
+
+Die Sentenz lautete, daß der Schiffer Nettelbeck vollkommen recht und
+löblich gehandelt habe und das Kollegium sich vorbehalte, ihm seine
+Zufriedenheit und Dankbarkeit durch feierlichen Handschlag zu bezeugen.
+Der Kollegiumsdirektor stand von seinem Sitze auf, schüttelte ihm
+treuherzig die Hand, dankte ihm im Namen aller Schiffer und im Namen der
+Stadt und hieß ihn einen wackeren Mann. Kaufleute, Schiffer und Advokat
+sahen einander verlegen an, dann traten sie einer nach dem andern zu ihm
+und gaben ihm ebenfalls die Hand. Der Direktor fragte ihn zum Schluß, ob
+er nicht, wie er im vorigen Jahr mit dem Bording der Witwe Rollof getan,
+das versunkene Schiff aus dem Wasser zu heben versuchen wolle. Und
+Nettelbeck sagte zu. Die Hebung gelang unter großen Schwierigkeiten,
+und da er von den holländischen Kaufleuten außer dem Ersatz seiner
+Auslagen nichts annehmen wollte, machten sie ihm ein Geschenk von
+hundert preußischen Gulden samt zehn Pfund Kaffee und zwanzig Pfund
+Zucker. Er seinerseits schenkte davon fünfundzwanzig Gulden den Armen,
+damit sie auch einmal einen guten Tag haben sollten.
+
+Es war das Sonderbare seines Geschicks, daß es ihn immer wieder zwang,
+gegen die Elemente in den Kampf zu treten und er dem Wasser wie dem
+Feuer gegenüber stets die gleiche streitbare Rolle spielt. Als er nach
+vielen und gefährlichen Reisen, nach vielen und ermüdenden Versuchen, da
+und dort seinen Lebensunterhalt zu erwerben, als beinahe Vierzigjähriger
+1777 wieder in seiner Vaterstadt saß, schlug eines Tages im April der
+Blitz in den Kirchturm, und im Nu brannte der Turm lichterloh. Die helle
+Flamme spritzte bei der Wetterstange gleich einem feurigen Springbrunnen
+empor, aus den Schallöchern sprühten die Funken wie Schneeflocken und
+fielen bereits in die Domstraße hinüber. Nettelbeck, dies sehend, rannte
+nach der Kirche und die Turmtreppe hinan. Im Hinaufsteigen überdachte
+er, wie groß das Unglück werden müsse, da es wohl schwerlich jemand
+unternehmen werde, bis in die höchste Spitze zu klimmen, wo er in den
+finstern Winkeln nicht so bekannt sei wie er selbst, der sie in seiner
+frühen Jugend oft mit Lebensgefahr durchkrochen hatte. Er wußte, daß auf
+dem Glockenboden stets Wasser und Löscheimer bereitstanden, aber an
+einer Handspritze, die hauptsächlich nottat, mochte es fehlen. Er
+machte auf der Stelle kehrt, drängte sich an den vielen Menschen
+vorüber, die alle hinauf wollten, eilte ins nächste Haus, dann ins
+zweite und ins dritte, bis er endlich eine Spritze bekam. Jetzt wieder,
+die Angst und der Eifer gaben ihm Flügel, zum Turm hinauf. In der
+sogenannten Kunstpfeiferstube, dicht unter der Spitze, fand er mehrere
+Maurer und Zimmerleute mit ihren Meistern, aber keiner wußte, was zu tun
+sei. »Liebe Leute,« sprach er, unter sie tretend, »hier ist nichts zu
+beginnen, wir müssen höher hinauf.« -- »Leicht gesagt, aber schwer
+getan,« antwortete einer, »wir haben es schon versucht, doch es geht
+nicht. Sobald wir die Falltür über uns haben, fällt ein Regen von
+Flammen und glühenden Kohlen herunter und setzt auch hier die Zimmerung
+in Brand.« Nettelbeck aber ließ sich die Falltür öffnen, stieg hindurch,
+gebot, daß man ihm einen Eimer und die Spritze reiche und die Falltür
+wieder schließe, denn das Feuer durfte von unten keinen Zug bekommen. Er
+mußte sich den Kopf mit Wasser aus dem Eimer anfeuchten, damit seine
+Haare nicht in Brand gerieten, und um die Hände frei zu bekommen,
+schnitt er vorn in seinen Rock ein Loch, durch das er die Spritze
+steckte. Den Bügel des Eimers nahm er in den Mund und zwischen die
+Zähne; so klomm er empor. Die Holzriegel im Innern des Turms mußten ihm
+als Leitersprossen dienen, allein wohin er griff, um sich emporzuhelfen,
+fand er alles voll glühender Kohlen, nur hatte er nicht Zeit, an den
+Schmerz zu denken. Endlich hatte er sich so hoch verstiegen, daß ihm in
+der engen Verzimmerung kein Raum blieb, sich noch weiter hinauf zu
+winden, und hier sah er den rechten Mittelpunkt des Feuers acht oder
+zehn Fuß über sich zischen und sprühen. Er klemmte den Wassereimer
+zwischen die Sparren fest, sog die Spritze daraus voll und richtete sie
+gegen den Feuerkern. Wasser, Feuer und Kohlen prasselten ihm ins
+Gesicht, aber das Feuer verminderte sich alsbald merklich. Nun war aber
+auch der Eimer geleert. Aus Leibeskräften schrie er nach Wasser; einer
+der Zimmermeister hob die Falltür und rief: »Wasser ist hier, aber wie
+bekommst du es hinauf?« Er sagte, sie sollten es ihm nur bis über den
+Glockenstuhl schaffen, da wolle er sichs schon selber langen. Jene
+wagten es, und er kletterte ihnen von Zeit zu Zeit entgegen, um die
+vollen Eimer in Empfang zu nehmen, von denen er dann auch so fleißigen
+Gebrauch machte, daß er endlich das Glück hatte, den Brand zu
+überwältigen und völlig zu löschen. Und es war hohe Zeit, mit jeder
+Minute wurde ihm übler: das zurückspritzende Wasser hatte ihn bis auf
+die Haut durchnäßt, und zugleich war eine unerträgliche Hitze im Turm.
+Er eilte hinunter, und in der schneidenden Luft bei den Schallöchern
+vergingen ihm die Sinne. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem
+Kirchhof, ihm zur Seite standen zwei Chirurgen, die ihm an beiden Armen
+die Adern geöffnet hatten, und eine Menge neugieriger Menschen schaute
+zu. Seine Hände waren überall verletzt, die Haare auf dem Kopf
+abgesengt, der Kopf selbst wund und voller Brandblasen; an diesen
+Stellen wuchsen die Haare nie wieder, und zwei Finger an der rechten
+Hand blieben ihm zeitlebens verkrüppelt.
+
+Zehn Jahre lang befuhr er noch die Meere, von Danzig bis Lissabon, von
+Amsterdam bis Norwegen, von London bis Westindien; bald im eignen
+Interesse, das aber nie ein Gelingen bescherte, bald im Auftrag fremder
+Reeder. Seine Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit, soviel sie ihm auch
+Achtung und Sympathie erweckten, konnten ihm doch nicht zu großem Geld
+und Gut verhelfen. Und er war zu unruhig, zu leidenschaftlich und zu
+wenig kühler Rechner, um aus geringen Vorteilen mit der Zeit und viel
+Geduld bedeutende zu machen. Um das Jahr 1787 wurde er in Kolberg
+seßhaft, und seine Mitbürger erwiesen ihm die Ehre, ihn als Verwandten
+des Seglerhauses aufzunehmen, welches ein Kollegium war, vor dem alle
+Schiffahrtssachen in erster Instanz entschieden wurden. Auch ernannten
+sie ihn zum Schiffsvermesser, dessen Amt es war, die Tragkraft der
+Fahrzeuge zu berechnen, und wieviel Lasten sie laden und über See führen
+konnten. Es gab auch in Kolberg ein Kollegium, die Fünfzehnmänner
+geheißen, das die Gerechtsame der Bürgerschaft beim Magistrat zu
+vertreten hatte. In dieser Körperschaft waren große Mißstände bemerklich
+geworden; die Fünfzehnmänner hatten angefangen, ihr Ansehen mehr zu
+ihrem Privatnutzen als zum allgemeinen Besten geltend zu machen, und es
+war eine enge Verbrüderung daraus entstanden, die sich einander zu
+allerlei heimlichen Praktiken verhalf. Da waren Depositenkassen
+angegriffen, Scheinkäufe vorgenommen, Gemeingut widerrechtlich
+verschleudert und andere Greuel mehr begangen worden. Furchtlos trat
+Nettelbeck in den Sumpf und machte eine lange Reihe von
+Ungebührlichkeiten, Veruntreuungen und krummen Schlichen vor Gericht
+anhängig. Es kam darüber zu einem langen und verwickelten Prozeß, und
+keine Art von Ränken und Rabulistereien blieb gegen ihn unversucht.
+Beinahe vier Jahre lang schleppte sich der Rechtsstreit hin, und so wie
+er sich die Sache zu Herzen nahm, hatte er während der ganzen Zeit keine
+ruhige Stunde. Er gesteht, daß er oft mit Feuer und Schwert hätte
+dreinfahren mögen, wenn das heillose Gezücht immer ein neues Mäntelchen
+für seine aufgedeckte Bosheit zu erhaschen suchte. Endlich kam die
+unsaubere Geschichte doch zu einem leidlichen Schluß; das Kollegium
+wurde aufgelöst und durch ein anderes ersetzt, und man bewies ihm das
+Vertrauen, ihn in die Zahl der neuen Repräsentanten zu wählen.
+
+Ergreifend sind die wenigen Seiten seiner von ihm selbst erzählten
+Lebensgeschichte, wo er von seinen häuslichen und ehelichen
+Verhältnissen erzählt und die Bemerkung macht, daß ihm als Ehemann und
+Vater sein besserer Glücksstern erst spät erschienen sei. Nur der
+Anschein war günstig, als er sich im Jahre 1762 in Königsberg zu
+heiraten entschloß. Er war ein flinker und lebenslustiger Bursche von
+vier- oder fünfundzwanzig Jahren, sein junges Weib war sechzehn, und
+solange er dort lebte und als Schiffer ab- und anfuhr, war die Ehe ganz
+glücklich. Von drei Kindern, die ihm die Frau gebar, blieb indessen nur
+ein Sohn am Leben, der ihn auf seinen letzten Seereisen als
+unzertrennlicher Gefährte begleitete. Nach siebenjähriger Ehe entdeckte
+er, daß ihn die Frau betrog; er verzieh ihr, aber sie zeigte sich
+unverbesserlich, da ließ er sich von ihr scheiden, und sie verkam im
+Elend. Der Sohn, den er sehr liebte, starb ihm in jungen Jahren, und er
+stand nun verlassen in der Welt und wußte nicht, für wen er sich's noch
+sauer werden lassen sollte. Es fehlte am festen Kern im inneren
+Haushalt, und so wollte er es noch einmal mit der Ehe versuchen. Als
+Fünfzigjähriger warf er seine Augen auf eine Schifferswitwe in Stettin,
+die er als eine ordentliche und rechtliche Frau zu kennen glaubte. Die
+Verbindung kam zustande, aber nun erst gingen ihm die Augen auf. Die
+fromme Witwe hatte gern ihr Räuschchen und hielt es eifrig mit
+mancherlei andern Dingen, die den Ehefrieden stören mußten. An ein
+Zusammenhalten des ehrlich Erworbenen war länger nicht zu denken,
+vielmehr sah er den unvermeidlichen Untergang seines kleinen Wohlstands
+vor Augen, und was blieb ihm übrig, als eine abermalige Scheidung? Mit
+trüben Blicken schaute er in die Zukunft. Er gehörte keinem Menschen an,
+war nachgerade ein alter Mann geworden, und fühlte er gleich sein Herz
+noch frisch und seinen Geist lebendig, so wollten doch die
+stumpfgewordenen Knochen nicht mehr gut tun. Die paar Jahre, die noch
+übrig waren, dachte er wohl noch hinzustümpern, und wenn nur noch der
+Sarg ehrlich bezahlt werden konnte, mochte man ihn hintun, wo seine
+Väter schliefen. Jedoch das Geschick meinte es besser mit ihm. So
+klang- und trostlos sollte sein Leben nicht enden.
+
+Das Jahr 1806 war herangekommen. Joachim Nettelbeck, dem feurigen
+Patrioten, der die alten Zeiten und des großen Friedrichs Taten noch im
+Sinn hatte, blutete gleich so vielen das Herz bei der Zeitung von den
+entsetzlichen Tagen bei Jena und Auerstädt und ihren Folgen. Er hätte
+kein Preuße und abtrünnig von König und Vaterland sein müssen, wenn ihm
+jetzt, wo alle Unglückswellen über sie zusammenschlugen, nicht so zu
+Sinn gewesen wäre, als müßte er Gut und Blut und die letzte Kraft seines
+Lebens für sie aufbieten. So lautet sein eigenes Geständnis; nicht mit
+Reden und Schreiben, dachte er, aber mit der Tat sei hier zu helfen;
+jeder auf seinem Posten, ohne sich erst lange, feig und klug, vor- und
+rückwärts umzusehen.
+
+Als nun Magdeburg und Stettin gefallen waren und die ungestüme
+französische Windsbraut sich immer näher und drohender gegen die
+Weichsel heranzog, da ließ sich's voraussehen, daß bald genug auch die
+Feste Kolberg an die Reihe kommen mochte, und wirklich erschien im
+November ein französischer Offizier als Parlamentär in der Stadt und
+forderte die Übergabe. Diese wurde zwar verweigert, allein mit allem,
+was zu einer rechtschaffenen Verteidigung gehörte, sah es trübselig aus.
+Wall und Graben waren verfallen, von Palisaden keine Spur. Nur drei
+Kanonen standen in einer Bastion auf Lafetten und dienten bloß zu
+Lärmschüssen, wenn Ausreißer von der Besatzung verfolgt werden sollten;
+alles übrige Geschütz lag am Boden, hoch von Gras überwachsen, und die
+dazu gehörigen Lafetten vermoderten in den Remisen. Die Besatzung war
+gering an Zahl, entmutigt durch die Unglücksbotschaften, und der
+Kommandant, Oberst von Loucadou, ein alter abgestumpfter Mann, der seit
+dem bayrischen Erbfolgekrieg den Ruf eines tüchtigen Offiziers genoß und
+dessen Geist so blind an altem Herkommen hing, daß er sich in der neuen
+Zeit und Welt nicht mehr zurechtfinden konnte. Während alles, was
+Militär hieß, den trägen Schlummer mit ihm zu teilen schien, fühlte sich
+die ganze Bürgerschaft von der lebhaftesten Unruhe und Besorgnis
+ergriffen, und Nettelbeck wurde als einer der ältesten Bürger
+ausgewählt, sich mit dem Kommandanten über die Maßregeln zur
+Verteidigung zu verständigen. Dem Obersten erschien dies anmaßend, und
+er wußte nicht oder wollte es nicht wissen, daß von ältester Zeit her
+die Bürger von Kolberg sich als die natürlichen und gesetzlich berufenen
+Verteidiger ihrer Wälle und Mauern betrachteten. Vormals hatte jeder
+seinen Bürgereid mit Ober- und Untergewehr geschworen, hatte geschworen,
+daß diese Armatur ihm eigen angehöre, geschworen, daß er die Festung
+verteidigen helfen wolle mit Gut und Blut. Die Bürgerschaft war in fünf
+Kompanien eingeteilt, mit einem Bürgermajor an der Spitze, und wo es im
+Ernst gegolten, hatte der Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht
+und wesentlichen Nutzen von ihrem Dienst gezogen. Nettelbeck eröffnete
+dem Obersten, daß die Bürger mit Gott entschlossen seien, in diesen
+bedenklichen Zeitläuften mit dem Militär gleiche Last und Gefahr zu
+bestehen, daß sie sich in ein Bataillon mit vollständiger Rüstung
+organisieren wollten und bäten, sich vor ihm aufstellen zu dürfen, damit
+er Musterung halte und jedem seinen Posten anweise, sie würden ihre
+Schuldigkeit tun. Als die Bürgerschaft sich versammelt hatte, kam der
+alte Oberst und sagte: »Macht dem Spiel ein Ende, ihr guten Leutchen!
+Geht in Gottes Namen nach Hause. Was soll mir's helfen, daß ich euch
+sehe?« Und da Nettelbeck neuerdings Vorstellungen machte und sich und
+seine Leute zu den nötigen Arbeiten anbot, erwiderte der Kommandant mit
+einem höhnischen Lachen: »Die Bürgerschaft und immer wieder die
+Bürgerschaft! Ich brauche die Bürgerschaft nicht.«
+
+Eine solche Geringschätzung erregte Murren und Unwillen, aber Nettelbeck
+ließ sich nicht abhalten, zu tun, was ihm Pflicht schien. Er machte den
+Oberst darauf aufmerksam, welch gute Dienste in früheren Belagerungen
+eine Schanze auf dem hohen Berg, eine Viertelmeile außerhalb der Stadt,
+geleistet hatte, und er und seine Freunde seien bereit, die Schanze
+wiederherzustellen. Der Oberst antwortete, was außerhalb der Stadt
+geschähe, kümmere ihn nicht, die Festung innerhalb werde er schon zu
+verteidigen wissen. Und so baute Nettelbeck die Schanze, und es halfen
+ihm die Bürger, ihre Gesellen, ihre Lehrjungen und Dienstmägde; als die
+Arbeit noch immer zu langsam vonstatten ging, warb er Leute am Hafen und
+bezahlte sie aus seiner Tasche. Er sorgte für die Anschaffung von
+Lebensmittelvorräten und nahm bei Bäckern, Bauern und Branntweinbrennern
+ein Verzeichnis der Bestände auf. Er ging in die umliegenden Dörfer und
+sah nach, was an Korn und Schlachtvieh vorhanden war. Mit all seinen
+Papieren ging er nun zum Kommandanten, um ihn zu bewegen, daß er die
+Vorräte in die Stadt schaffen lasse. Der Oberst aber, als hätte die Pest
+an den Papieren geklebt, drückte sie ihm eilig wieder in die Hand und
+sagte, er brauche den Plunder nicht und damit Gott befohlen.
+
+Der Oberst hatte auch eine alte Köchin, und die war jedesmal zugegen,
+wenn Nettelbeck kam, und gab ihren Senf mit drein. Auch dieses Mal
+schimpfte und maulte sie, bis Nettelbeck die Galle überlief und er dem
+unverschämten Weibsbild die Meinung sagte, wodurch er aber den Obersten
+nur noch mehr gegen sich in Zorn setzte.
+
+Um den Magistrat und seine Anstalten stand es auch kläglich, der
+Untergang der Stadt schien nicht aufzuhalten, und so entschloß sich
+Nettelbeck, der winterlichen Jahreszeit zum Trotz, den König selbst in
+Königsberg oder in Memel aufzusuchen und ihm Kolbergs Lage und Not
+vorzustellen. Da traf aber der Kriegsrat Wissening von Treptow in
+Kolberg ein, ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte.
+Der machte sich gegen Nettelbeck erbötig, selber zum König zu gehen und
+sein möglichstes zu tun, um den Platz zu retten. Unter den von den
+Truppen Versprengten, die täglich in Kolberg Zuflucht suchten, befand
+sich auch der Leutnant von Schill; Nettelbeck gewann ihn bald zum
+Freund, und der junge Offizier erklärte sich bereit, in Kolberg zu
+bleiben, um bei der Verteidigung zu helfen. Er stimmte mit Nettelbeck
+darin überein, daß vor allem die Maikule, der Schlüssel zum Hafen, um
+jeden Preis festgehalten werden müsse, und doch war zur Verschanzung
+dieses entscheidenden Punktes bis jetzt noch keine Schaufel in Bewegung
+gesetzt worden. Es waren keine Hände da, um auch nur einige Erdaufwürfe
+zustande zu bringen, und Nettelbeck trieb unermüdlich in der
+Geldervorstadt und in allen umliegenden Ortschaften Tagelöhner und
+Häusler zusammen, versprach und zahlte guten Lohn und verwandte gegen
+vierhundert Taler aus seiner Tasche. Tag und Nacht arbeiteten etwa
+sechzig Menschen nach dem von Schill entworfenen Plan an den
+Befestigungen; weder der Kommandant noch sonst jemand fragte und
+kümmerte sich, was da geschafft wurde. Indessen war der Kriegsrat
+Wissening mit ausgedehnten Vollmachten vom König zurückgekehrt. Seine
+Hilfe brachte neues Leben in die Verwaltung; ganze Herden Schlachtvieh,
+lange Reihen Getreidewagen zogen zu den Toren ein, und Heu und Stroh im
+Überfluß füllte die Futtermagazine. In der Stadt wurde geschlachtet und
+eingesalzen und die Böden der Bürgerhäuser mit Korn beschüttet.
+
+Um die Mitte März hatten die Franzosen die Umzingelung der Festung
+beendet. Die Schanze auf dem hohen Berg ging unter blutigen Kämpfen
+verloren, auch die Anhöhen der Altstadt waren besetzt. Es war nun
+dringend geboten, die Überschwemmung des Geländes rings um die Festung
+zu bewirken, eine Absicht, die auf den hartnäckigen Widerstand der
+Grundeigentümer stieß. Auch der Kommandant wollte nichts davon wissen,
+bei der darüber geführten Unterredung mischte sich wieder die Köchin in
+ihrer gewohnten Weise ein. Nettelbeck schob sie ohne viel Federlesens
+zur Türe hinaus, der Oberst geriet in Hitze, griff nach seinem Degen und
+würde ihn gegen Nettelbeck gezogen haben, wenn ihm nicht dessen
+Begleiter, der Hauptmann von Waldenfels, mit den Worten in den Arm
+gefallen wäre: »Beruhigen Sie sich, Nettelbeck hat recht getan.«
+
+Die Franzosen schickten indessen einen Parlamentär, den der Oberst in
+aller Freundlichkeit empfing und mit dem er hinter verschlossener Tür
+verhandelte. Nettelbeck argwöhnte Verrat, und in der Fülle seines
+beklommenen Herzens schrieb er an den König: Wenn Euere Majestät uns
+nicht bald einen andern und braven Kommandanten zuschicken, sind wir
+unglücklich und verloren.
+
+Die Belagerer schritten zum Angriff, die Geldervorstadt geriet in
+Gefahr, Loucadou erteilte den Befehl, sie niederzubrennen, aber Schill
+stellte ihm das Unnützliche und Übereilte dieser Maßregel mit solchem
+Gewicht vor, daß er nachzugeben gezwungen war; dadurch konnten Hunderte
+von Menschen die beweglichen Trümmer ihres Besitzes in Sicherheit
+bringen, und erst als dies geschehen war, fand die Zerstörung statt. Der
+Kommandant aber bezichtigte Schill der Insubordination und ließ ihn in
+Arrest setzen. Soldaten und Bürger vernahmen mit Unwillen, was ihrem
+Liebling geschehen war. Es entstand ein Gemurmel, ein Reden, Fragen und
+Durcheinanderlaufen, das mit jeder Minute lauter und stürmischer wurde.
+Man wollte Schill mit Gewalt befreien und den Kommandanten zur
+Rechenschaft ziehen. Nettelbeck, lebhaft bestürzt und das Unselige
+dieser Volksbewegung erkennend, warf sich unter die Menge, bat sie,
+Vernunft anzunehmen und vor allen Dingen Schills eigene Meinung zu
+hören. Dies ward angenommen, und Nettelbeck ging zu Schill. Als der
+vernahm, wie die Sachen standen, erschrak er heftig, und Nettelbeck an
+beiden Händen ergreifend, rief er: »Freund, ich bitte Sie um alles,
+stellen Sie die guten Menschen zufrieden. Aufruhr wäre das letzte und
+größte Unglück, das uns begegnen könnte. Sagen Sie ihnen, ich sei nicht
+arretiert, ich sei krank, sagen Sie, was Sie wollen, wenn sich nur die
+Leute zur Ruhe geben.« Nettelbeck begab sich wieder auf den Markt, hielt
+eine Ansprache, die Leute kamen zur Besinnung und gingen friedlich
+auseinander. Schills Arrest blieb ein leeres Wort, das stillschweigend
+zurückgenommen wurde.
+
+Die feindlichen Granaten schlugen in die Stadt, und der Oberst befahl,
+daß die Dächer mit Dünger belegt und das Pflaster aufgerissen werden
+sollte, um die Geschosse unschädlicher zu machen. Nettelbeck äußerte
+Zweifel über das Förderliche dieses Befehls; da die Dächer eine Neigung
+von mehr als fünfundvierzig Grad besaßen, meinte er, der Dünger werde
+wohl nicht haften bleiben, auch würden die Bomben vor den so bedeckten
+Dächern nicht sonderlich viel Respekt zeigen; das Aufreißen des
+Pflasters sei aber bei den engen Gassen sogar gefährlich, weil dann bei
+entstandener Feuersgefahr weder Spritzen noch Wasserkufen einen Weg
+durch die Steinhaufen und den umgewühlten Boden finden würden. Während
+des Gesprächs fuhr in der Nähe eine Bombe nieder und zersprang. Der
+Oberst sah sich mit etwas verwirrten Blicken um und stotterte: »Meine
+Herren, wenn das so fort geht, so werden wir müssen doch noch zu Kreuze
+kriechen.« Mehr konnte er nicht hervorbringen. Nettelbeck, alle
+Selbstbeherrschung verlierend, fuhr auf und schrie: »Halt! Der erste,
+wer er auch sei, der das verdammte Wort wieder ausspricht, von zu Kreuze
+kriechen, stirbt des Todes von meiner Hand.« Dabei riß er den Degen aus
+der Scheide, sein Nebenmann faßte ihn von hinten und zog ihn von
+Loucadou zurück. »Arretieren,« knirschte der Oberst mit schäumendem
+Mund, »gleich arretieren! In Ketten und Banden.« Alles drängte sich um
+den Oberst zusammen; Nettelbecks Freunde schoben ihn zurück, und er
+ging, wenig zufrieden mit sich selbst und seinem Zorneifer, still nach
+Hause. Nachmittags berief der Kommandant den Landrat zu sich und teilte
+ihm mit, er werde Nettelbeck vor ein Kriegsgericht stellen und auf dem
+Glacis der Festung erschießen lassen. Der Landrat erschrak, machte
+eindringliche Vorstellungen, jedoch der Oberst beharrte auf seinem Sinn.
+Als die Bürger vernahmen, was im Werke war, geriet alles in die größte
+Bewegung, alles ergriff Nettelbecks Partei; der Haufen sammelte sich und
+ward mit jeder Minute größer, wälzte sich zu Loucadous Wohnung, umringte
+ihn, und die Wortführer bestürmten ihn so lange im guten und im bösen,
+bis sie seine Entrüstung einigermaßen milderten oder vielleicht ihn
+ahnen ließen, daß er kein so leichtes Spiel haben werde. »Gut, gut,«
+sagte er endlich, »so mag der alte Bursche diesmal laufen. Hüt er sich
+nur, daß ich ihn nicht wieder fasse.« Nettelbeck hatte von seinem
+Fenster aus den Auflauf des Volkes bemerkt, hatte aber kein Arg, daß es
+ihn so nahe angehen könne. Erst andern Tags erfuhr er, wie schlimm es
+auf ihn und sein Leben gemünzt gewesen.
+
+Die Belagerung nahm ihren Fortgang, und Not und Elend stiegen von Woche
+zu Woche. Es war am 1. Juli, als die Franzosen endlich letzten Ernst zu
+machen schienen. In den Morgenstunden eröffneten sie ein furchtbares
+Bombardement auf die Stadt. Bald gab es nirgends ein Plätzchen mehr, wo
+die zagende Menge vor dem drohenden Verderben sich hätte bergen können.
+Überall zerschmetterte Gewölbe, einstürzende Böden, krachende Wände und
+aufwirbelnde Säulen von Dampf und Feuer; überall die Gassen wimmelnd von
+ratlos umherirrenden Flüchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben hatten
+und unter dem Gezisch der kreisenden Feuerbälle sich verfolgt sahen von
+Tod und Verstümmelung. Geschrei von Wehklagenden, Geschrei von
+Säuglingen und Kindern, Geschrei von Verirrten, die ihre Angehörigen
+verloren hatten, Geschrei der Menschen, die mit dem Löschen der Flammen
+beschäftigt waren, Lärm der Trommeln, Rasseln der Fuhrwerke, Geklirr der
+Waffen, es war herz- und ohrenzerreißend. Im Laufe des Tages erstürmten
+die Franzosen die Maikule, und mit dem Verlust dieses wichtigen Punktes
+war die Verteidigung gelähmt, und das Münderfort war nun zur
+Beschützung des Hafens nicht mehr ausreichend, was sich zeigte, als das
+englische Schiff, das den Belagerten zu Hilfe gekommen war, beim
+Vordringen der Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder das offene Meer
+zu gewinnen.
+
+Zu spät hatte der König Unterstützungsmannschaften geschickt, zu spät
+den unfähigen Kommandanten durch den Major von Gneisenau ersetzt; es
+schien, daß die Stadt nicht mehr zu retten war. Inmitten der ringsum
+drohenden Gefahr erzeugte sich allmählich eine Gleichgültigkeit bei
+vielen, die nichts mehr zu Herzen nahmen. War auch nicht der Mut, so war
+doch die Natur erschöpft; Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerwährende
+Spannung des Gemüts und Sorgen für Weib und Kind und Eigentum fielen auf
+die meisten mit einem solchen Gewichte, daß sie sich in den Trümmern
+ihrer Wohnungen ein noch irgend erhaltenes Plätzchen ersahen, um den bis
+in den Tod ermatteten Gliedern einige Ruhe zu gönnen.
+
+Da geschah es, daß eine Bombe, verderblicher als alle andern, in das
+Rathaus fuhr, und ein hell aufflackerndes Feuer war die Folge ihres
+Zerspringens. Als naher Nachbar sprang Nettelbeck hin, um schnelle
+Anstalten zur Brandlöschung zu betreiben, aber ringsum regte sich keine
+menschliche Seele. Er lief zu Bekannten, braven und wackeren Männern, um
+sie zur Hilfe aufzurufen, doch schlaftrunken und ohne Gefühl beachteten
+sie sein Bitten und Ermuntern ebensowenig, wie sein Toben und Schelten.
+In steigender Angst rannte er auf die Brandstätte zurück und packte
+jeden an, der ihm begegnete. Ein vierschrötiger Kerl, dem er einen
+gefüllten Löscheimer aufdrängte, nahm ihn und schlug das Gefäß mit
+seinem nicht eben sauberen Inhalt Nettelbeck geradezu um die Ohren, so
+daß er fast die Besinnung verlor und von Schmutz und Ruß bedeckt eine
+jämmerliche Figur machte. Ohne sich darum zu kümmern eilte er in das
+nächste Wachhaus auf dem Walle und stürmte wild in das halbdunkle
+Wachzimmer. Auf der hölzernen Pritsche regte sich eine Gestalt. »Bester
+Mann, zu Hilfe, das Rathaus steht in Flammen!« schrie Nettelbeck. Der
+Offizier erhob sich, schlug die Hände zusammen und rief aus: »Ach, du
+armer Nettelbeck!« Jetzt erst erkannte ihn Nettelbeck; es war Gneisenau.
+Nun wurde die Lärmtrommel gerührt, die Soldaten erschienen, Patrouillen
+durchzogen die Stadt, und die Löschanstalten kamen in Bewegung. Zu
+gleicher Zeit hatten die Gefangenen im Stockhaus die allgemeine
+Verwirrung benutzt, um auszubrechen, und hatten in den Häusern zu
+plündern begonnen; auch Nettelbecks Haus wurde von diesem Schicksal
+betroffen. Durch den tätigen Eifer des Militärs wurde die Rotte wieder
+eingefangen und unschädlich gemacht.
+
+So besonnen, wo es zu handeln galt, so allgegenwärtig gleichsam, wo eine
+Gefahr nahte, und so beharrlich, wo nur die unabgespannte Kraft zum
+Ziele führen konnte, hatte sich der Kommandant Gneisenau immer und
+überall seit dem ersten Augenblick seines Auftretens erwiesen. Wochen
+hindurch war er so wenig in ein Bett als aus den Kleidern gekommen.
+Vater und Freund des Soldaten wie des Bürgers, hielt er beider Herzen
+durch den milden Ernst seines Wesens und durch teilnehmende
+Freundlichkeit gefesselt. Jeder seiner Anordnungen folgte das
+unbedingteste Zutrauen.
+
+Der Morgen des 2. Juli brach an. Not und Elend, Jammergeschrei und
+Auftritte der blutigsten Art, einstürzende Gebäude und prasselnde
+Flammen, das war das einzige, was bei jedem Schritt den entsetzten
+Sinnen sich darstellte. Gneisenaus scharfes Auge hatte mitten im
+gräßlichsten Tumult erkannt, daß der Feind Vorbereitungen traf, sich von
+der Wolfsschanze aus über das Münderfort herzustürzen. Es war drei Uhr
+nachmittags. Gegenanstalten wurden getroffen, Befehle flogen, alles war
+in der lebendigsten Spannung, plötzlich schwieg das feindliche Geschütz
+auf allen Batterien. Auf das Krachen eines Donners wie am Tage des
+Weltgerichts folgte eine lange, öde Stille. Jeder Atem stockte, niemand
+begriff den schnellen Wechsel, das schauerliche Erstarren so gewaltiger
+losgelassener Kräfte. Da nahte ein feindlicher Parlamentär, neben ihm
+ein preußischer Offizier, und alsbald stürzte dieser mit den atemlos
+hervorgestoßenen Worten in den Kreis seiner Bekannten: »Friede! Kolberg
+ist gerettet.«
+
+ * * * * *
+
+Als im Jahre 1809 der König von Memel nach Berlin zurückkehrte, hieß es
+zuerst, er werde seinen Weg über Kolberg nehmen; aber die Strenge der
+Jahreszeit gebot die kürzeste Richtung, und da es bekannt wurde, daß das
+königliche Paar einen Rasttag in Stargard machen wollte, schlug
+Nettelbeck den Kolbergern vor, eine Abordnung der Bürgerschaft dorthin
+zu senden. Alles war seiner Meinung, aber alles glaubte auch, daß es
+dafür zu spät sei, denn um rechtzeitig an Ort und Stelle zu kommen hätte
+man sich noch den nämlichen Abend auf den Weg machen müssen. »Und warum
+nicht schon in der nämlichen Stunde?« fragte Nettelbeck. »Ich bin dazu
+bereit, aber ich bedarf noch eines Gefährten. Wer begleitet mich?«
+Schweigen und Kopfschütteln ringsherum, und schon wollte der Alte im
+feurigen Unmut auflodern, als ihm der Kaufmann Gölckel die Hand reichte,
+sich ihm zum Gefährten erbot und in einer Stunde reisefertig zu sein
+versprach. Sie kamen nach Stargard so früh am Morgen, daß sie noch alles
+in Finsternis und Schlaf begraben fanden. An einem Haus stiegen sie ab,
+klopften an und verlangten Herberge. Die Antwort lautete, alles sei
+dicht besetzt und kein Unterkommen mehr möglich. »Aber liebe Leute, den
+alten Nettelbeck werdet ihr doch nicht auf der Straße stehen lassen!«
+»Nein, wahrhaftig nicht,« scholl eine weibliche Stimme dagegen,
+»tausendmal willkommen! Da muß sich schon ein Winkelchen finden.«
+
+Im königlichen Quartier wurde Nettelbeck von einem General erkannt und
+in das Empfangszimmer geführt. Der große Raum war voll von Offizieren,
+Damen und Standespersonen. Alles blitzte von Ordenszeichen, und es gab
+eine feierliche Stille, als der König und die Königin eintraten.
+
+Vor Nettelbeck und seinem Begleiter stehend, sagte der König gegen die
+glänzende Versammlung hin mit bewegter Stimme: »Wenn jeder so seine
+Pflicht getan hätte wie die Kolberger, dann wäre es uns nicht so
+unglücklich ergangen.«
+
+Nach einiger Wechselrede brach aus des alten Nettelbecks Munde das
+glühende Wort: »Verflucht sei, wer seinem König und Vaterland nicht treu
+ist.« Und dann: »Wir hoffen, Eure Majestät werden uns nicht sinken
+lassen.« Der König antwortete und streckte Nettelbeck die Hand entgegen:
+»Nein, nicht sinken lassen, nicht sinken lasse ich euch.«
+
+Diese Stunde war vielleicht die schönste in Nettelbecks Leben, und keine
+empfand er dankbarer als Lohn für alle Opfer und Mühen. Er begann nun
+seine Hantierung wieder und fand auch ein notdürftiges Auskommen. Doch
+fiel es ihm immer schwerer aufs Herz, daß er so abgesondert und
+verlassen dastand. Er war nun fünfundsiebzig Jahre alt und sorgte sich
+doch noch um die Zukunft. Zuerst lachend, dann in wohlgemeintem Ernst
+rieten ihm seine Freunde, es noch einmal mit dem Ehestand zu versuchen,
+und nach vielem Bedenken und Zögern folgte er ihrem Rat und heiratete
+eine uckermärkische Pfarrerstochter, an deren Seite er noch ein spätes
+Glück fand und die ihm sogar im nächsten Jahr eine Tochter schenkte.
+
+Sein rastloser Geist konnte nicht ruhen. Am Abend seines Lebens
+beschäftigte ihn noch ein Projekt, das er schon Jahrzehnte zuvor
+gehegt, der Lieblingswunsch, Preußen auch jenseits der Weltmeere groß,
+geachtet und blühend zu sehen. Er verfaßte eine Denkschrift, worin er
+den Lenkern des Staats den Vorteil auseinandersetzte, der mit dem Erwerb
+von Kolonien verbunden war, ja, er machte sich trotz seiner
+sechsundsiebzig Jahre erbötig, das erste preußische Schiff, das solchem
+Zweck dienen würde, selbst zu führen. Aber wie leicht zu denken,
+erweckte sein Vorschlag zu jener Zeit keine ernstliche Beachtung.
+
+Im Jahre 1824, sechsundachtzig Jahre alt, endete der wunderbare Mann
+sein reiches Leben.
+
+
+
+
+Christian Holzwart
+
+
+Am 29. Dezember 1845, in der Morgenfrühe, kam ein Mann von der
+Sudenburg, einer Vorstadt Magdeburgs außerhalb der Ringmauern, und
+passierte in Eile durch das eben geöffnete Tor. Er war sonderbar
+anzusehen; ein Schlafrock hing über seinem Körper, er war ohne Stiefel,
+ohne Strümpfe, ohne Kopfbedeckung, und Haar und Bart waren von Flammen
+versengt. Seine Schritte waren ungleich und zeugten von großer
+Ermattung. Bei einem Hause an der Johanniskirche, wo der Wundarzt Koch
+wohnte, machte er endlich halt und zog hastig die Klingel. Die Straßen
+waren noch leer, die Leute schliefen noch, und erst auf sein
+wiederholtes Klingeln wurde ihm das Tor aufgemacht. Er taumelte in das
+Wohnzimmer und fiel ohnmächtig auf das Sofa nieder. Der Chirurgus Koch
+und seine Frau, die ihm beide erschrocken entgegengetreten waren,
+fragten gleichzeitig, was geschehen sei und von wo er in einem solchen
+Aufzug herkomme. Der Wundarzt nahm das Licht vom Tisch, beleuchtete ihn
+und sah, daß nicht nur sein sonst wohlgepflegter Bart verkohlt war,
+sondern daß auch seine Hände blutig waren. »Um Gottes willen, Holzwart,
+was ist geschehen?« fragte er entsetzt, doch der Mann stammelte nur
+verworrene Antworten, sprach von Flammen und daß seine Familie, die Frau
+und seine fünf Kinder wohl erstickt seien. Der Wundarzt schickte seinen
+Sohn und den Lehrer Zimmermann sofort nach der Sudenburg hinaus, und sie
+kamen mit der Unglücksbotschaft zurück, daß man dorten sechs Leichen aus
+dem Schutt des niedergebrannten Hauses geschafft habe. Es war auch schon
+eine amtliche Anzeige eingegangen, und die Kriminaldeputation fand sich
+bei dem Wundarzt Koch ein, um von Holzwart Auskunft über die furchtbare
+Katastrophe zu erhalten.
+
+Sie trafen Holzwart krank und hinfällig durch den erlittenen
+Blutverlust, aber doch imstande, ihren Fragen Genüge zu leisten. Er
+erzählte, daß ihm in der Nacht ein Mensch in seinen Verkaufsladen
+eingetreten sei und ihm zwei Stiche in die Brust versetzt habe; er sei
+mit dem Menschen ins Ringen gekommen, habe ihn verfolgt, habe neue
+Stiche erhalten, sei dann umgekehrt und habe sein Haus in Flammen
+stehend gefunden. Er sei zurückgewichen und fast ohne Besinnung in die
+Stadt gelaufen, und da sei er vor dem Kochschen Hause angelangt.
+
+Das alles klang weniger wie Lüge, als wie die unzusammenhängenden Reden
+eines Fiebernden. Die Kleidungsstücke, die Holzwart am Leibe hatte,
+waren nicht durchstochen, und die Schnitte am Hals sprachen eher für
+einen Selbstmordversuch als für Verwundungen von fremder Hand. Das Haus
+war nicht nieder-, sondern ausgebrannt; Türen und Fenster boten den
+Anblick einer gewaltsamen Zerstörung. Die verkohlten und verstümmelten
+Leichname der Frau, des Sohnes und der vier Töchter wurden in dem Zimmer
+neben dem Laden gefunden, und es erwies sich bald, daß an ihnen ein
+zwiefaches Verbrechen begangen worden war. Die Körper zeigten deutliche
+Spuren der Ermordung; ihr Blut färbte die Dielen der Zimmer, tränkte die
+Polster des Sofas, hing in schweren Tropfen noch ungetrocknet an den
+Stühlen, hatte die Geschenke des Christabends, die Spielereien der
+unschuldigen Kleinen überspritzt.
+
+Sollte also der Vater dieser schönen, gesunden und wohlgeratenen Kinder
+ihr Mörder sein? Aus welchem Grund? Aus Haß? Aus Habsucht? Aus Not?
+Hätte er sie gehaßt, so wäre es ja leichter gewesen, sich von ihnen zu
+entfernen. Die Welt ist groß, und es hat schon mancher die ihm lästig
+gewordenen Familienbande abgeschüttelt, seine Kinder der Willkür des
+Geschicks preisgegeben und mit leichtsinnigem Mut in der Fremde
+Vergessenheit seiner Pflichten gesucht. Auch waren die Kinder schon über
+die Hilflosigkeit der ersten Jugend hinaus; die älteste Tochter war
+sechzehn, die zweite vierzehn, die dritte zehn, der Sohn neun Jahre, und
+nur das jüngste Kind, ein Mädchen im Alter von vier Jahren, stand in der
+ersten, ganz hilfsbedürftigen Jugend. Das Gerücht, daß die Kinder hätten
+erben sollen, erwies sich als falsch. Sie waren arm, hatten nie etwas
+besessen und auch keine Hoffnung auf Besitz. Daß sich die Familie in Not
+befand, war gewiß. Man wußte, daß Holzwarts Verhältnisse von Jahr zu
+Jahr zurückgegangen seien, ja daß er ein vollständig ruinierter Mann und
+sozusagen am Ende seiner Bahn angekommen war. Dies konnte aber keinen
+ausreichenden Anlaß bilden, fünf Kinder und eine Frau zu ermorden und zu
+verbrennen. Schon nach den ersten Tagen nannte man ihn Mörder und
+Mordbrenner, und daß er selbst tödlich verwundet im Gefängnisse lag und
+nach den Berichten der Ärzte einem Verhör noch nicht ausgesetzt werden
+durfte, glaubte niemand. Woher sollten ihm die Wunden gekommen sein? Sie
+hätten ihn in ein tragisches Licht gestellt, und man wollte von ihm nur
+als von einem verworfenen Mörder wissen. Was er gelitten und noch zu
+leiden hatte, darum kümmerte sich kein Mensch. Aber der Tag kam, wo
+viele in sich gingen.
+
+Am Morgen des sechsten Tages begab sich der Untersuchungsrichter zu ihm
+ins Gefängnis. Der Arzt hatte seinen Zustand soweit gebessert gefunden,
+daß eine schonende Vernehmung möglich war. Doch lag er noch im Bette,
+sein Äußeres zeigte große Erschöpfung. Nachdem ihn der Richter mit
+einigen Fragen über sein körperliches Befinden hingeleitet hatte,
+erkundigte er sich, ob er sich zu erinnern vermöge, was für Aussagen er
+am Morgen seiner Verhaftung gemacht. Ohne Zögern bejahte Holzwart, fügte
+aber sogleich hinzu, daß man ihm noch einige Tage Zeit gönnen möge, dann
+würde er sich vollständig über die ganze Begebenheit aussprechen. Der
+Richter wendete ein, es wäre besser, wenn er sich sogleich ausspräche,
+namentlich wenn er etwas auf dem Herzen hätte, und machte ihm
+bemerklich, daß er in seinem Richter nicht den kalten Menschen suchen
+solle, der mit Nichtachtung auf den Gesunkenen herabblicke, sondern
+einen Teilnehmenden, der mit schmerzlichem Gefühl die Herzen der
+Verbrecher auszuforschen beflissen sei. Ganz ruhig richtete er daran die
+einfache Frage: »Haben Sie sich vergangen?« Holzwart richtete sich von
+seinem Lager auf, stützte sich auf den rechten Arm und sah den Richter
+stumm an. »Sind Sie schuldig?« setzte der Richter hastig hinzu. Holzwart
+legte sich zurück, sein Auge ruhte fest auf dem Gesicht des Richters,
+und eine tiefe Bewegung malte sich in seinen Mienen, als er antwortete:
+»Ja, ich bin schuldig.«
+
+Mit dieser Erklärung mußte sich der Richter vorerst begnügen, wenn er
+das Leben des Gefangenen nicht in Gefahr bringen wollte, und erst nach
+mehreren Tagen schritt er zu einer eindringlicheren Forschung. Holzwart
+zeigte von der Stunde ab ein unbedingtes Vertrauen zu seinem Richter,
+und seine Aussagen stimmten so völlig mit allen Ermittlungen überein,
+daß man seine Wahrhaftigkeit nirgends in Zweifel ziehen konnte.
+
+»Ja, ich bin schuldig,« sagte er mit festem und ruhigem Ton; »es ist
+aber mein Verbrechen nicht das Werk eines augenblicklichen Einfalls.
+Jahrelang hatte ich erfahren müssen, daß ein Unglücksstern über mir und
+meiner Familie war. Diese Überzeugung hat mich geleitet, als ich die
+Hand gegen die Meinen erhob. Kein andrer Grund als die Liebe hätte mich
+veranlassen können, eine so schreckliche Tat zu begehen. Die Liebe gab
+mir die Kraft, sie alle, die nach meiner Einsicht bald hilflos und
+erniedrigt dastehen würden, auf die schnellste und schmerzloseste Weise
+aus der Welt zu schaffen. Sie haben unbewußt und froh die letzten
+Minuten ihres Daseins herannahen sehen. Ich begann die Tat mit meiner
+Frau und endete sie mit meiner jüngsten Tochter.« Bei dieser Erklärung
+durchzuckte ein furchtbarer Krampf den unglücklichen Mann, er preßte die
+Augen zu und war unfähig, seine innerliche Erregung mit der Kraft zu
+bewältigen, die er bis dahin gezeigt hatte. Erst am nächsten Tage konnte
+man das Verhör fortsetzen.
+
+»Ich bin an Entbehrungen gewöhnt,« sagte er, »aber zur Niedrigkeit bin
+ich nie hinabgesunken, habe mich nach meiner Denkungsweise immer fern
+von Gemeinem gehalten, und da es zuletzt mit mir so schlecht stand, daß
+nur Wohltaten und Almosen mir und meiner Familie das Dasein fristen
+konnten, sah ich keinen anderen Ausweg. Wenn mir auch nur der
+entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, würde ich nicht die Kraft
+zu der Tat gefunden haben. Mit dem ersten Januar trat der Zeitpunkt ein,
+wo wir als Bettler vor der Welt dastanden; der Entschluß, den ich schon
+lange in mir trug, mußte also vor dem ersten Januar ausgeführt werden.
+Je näher mir die schauerliche Notwendigkeit trat, desto mutloser wurde
+ich, bis endlich beim Anblick des letzten Talers, den ich vor mir liegen
+sah, die Gewalt der Not entschied. Jetzt mußte ich.«
+
+Dieser letzte Taler, von dem er sprach, war in dem Schutt der
+verbrannten Wohnung wirklich gefunden worden. Er war geschwärzt und als
+Münze kaum zu erkennen.
+
+Der Richter wendete ein, daß er doch willens gewesen sei, nach
+Magdeburg zu ziehen und sogar schon ein Quartier für hundertdreißig
+Taler gemietet habe; wie das mit seinem Vorsatz, die Seinen durch Mord
+gegen Not zu schützen, zu vereinen sei. Er antwortete, dies sei nur zur
+Beruhigung seiner Frau geschehen; er habe nie geglaubt und nie die
+Absicht gehabt, das Quartier wirklich zu beziehen. »Meine Existenzmittel
+waren verbraucht, ich sollte bedeutende Zahlungen leisten, und es lagen
+nur noch drei Tage vor mir, der Sonntag, der Montag, und der Dienstag.
+Mein Entschluß schwankte schon seit dem Weihnachtsfeste; von einem Tag
+zum anderen schob ich die Ausführung hinaus. Ich hatte schon überlegt,
+ob ich nicht allein aus der Welt gehen sollte; mir war dann wohl nach
+dem fürchterlichen Kampf, aber ihnen? Ich sah sie in der Armut, der
+Gemeinheit und dem Laster verfallen. Nein, zusammen aus der Welt,
+zusammen in den Frieden. Am Sonntag erhob sich der Gedanke in mir in
+seiner ganzen Stärke. Um neun Uhr machte ich den Verkaufsladen zu. Meine
+Familie hielt sich gewöhnlich in dem Zimmer hinter dem Laden auf, ich
+hatte meine Wohnung daneben. Ich ging aus meiner Kammer durch den Laden
+und rief meine Frau. Sie folgte mir in mein Zimmer, und dort gab ich ihr
+einen Brief meines Bruders zu lesen. Sie saß mit dem Rücken gegen mich
+gewendet, ich ergriff die Axt, die ich mir bereitgestellt hatte, und
+schlug ihr den Schädel und die Schläfen ein. Sie war augenblicklich tot
+und hatte auch nicht die leiseste Ahnung ihres nahen Endes gehabt. Ich
+legte die Leiche auf mein Sofa, wo schon mein Bett gerichtet war, doch
+so, daß es den Kindern nicht auffallen konnte. Dann ging ich wieder
+hinüber und holte meine älteste Tochter. Unter dem Vorwand, daß ich ihr
+etwas diktieren müsse, was sie mir aus der Apotheke holen sollte, gebot
+ich ihr, sich auf denselben Stuhl zu setzen, auf dem ihre Mutter
+gesessen war. Ich diktierte ihr, ich weiß nicht ob Kremortartari oder
+sonst so etwas; in dem Augenblick, wo sie sich über den Tisch bückte,
+schlug ich ihr ebenfalls den Schädel ein. Sie endete wie ihre Mutter
+ohne ein Schmerzgefühl. Ich trug die Leiche über den Flur in die Küche,
+und zur Sicherheit schnitt ich mit meinem Rasiermesser die Halsmuskeln
+durch. Dann rief ich die zweite Tochter und tötete sie auf dieselbe
+Weise, auf demselben Stuhl, mit demselben Beil. Die übrigen drei Kinder
+erschlug ich in ihrer Schlafkammer, wo sie in ihren Betten lagen und
+schliefen. Allen schnitt ich die Kehle zur Vorsicht durch, damit sie auf
+keine Weise noch einen Lebensfunken in sich spüren und Schmerz empfinden
+sollten. Jetzt war das Werk vollbracht und mir war leicht. Nur ich
+fehlte noch, nur ich und alles war gut.«
+
+Er erzählte nun, wie er die Betten angezündet, sich daneben hingesetzt
+und seinen Hals durchschnitten habe. Aber er starb nicht, er atmete
+weiter. Sein Arm erschien ihm plötzlich wie gelähmt und zurückgehalten.
+An Mut und Entschlossenheit habe es ihm nie gefehlt; hatte er bis dahin
+Kraft bewiesen, so mußte es ihm doch auch gelingen, sein eigenes Leben
+zu zerstören. Er versetzte sich noch zwei Stiche in die Brust; es war
+umsonst. Sein Blut floß, aber das Leben fühlte er nicht schwinden. Von
+diesem Moment trat ein Zustand bei ihm ein, über den er keine
+Rechenschaft geben konnte. Er wußte nicht, wie lange er bei den Leichen
+gewesen, der Qualm, der sich verbreitete, trieb ihn schließlich auf und
+hinaus. Es war ihm, als fliehe ihn der Tod, als müsse er den Tod
+verfolgen. Du stirbst nicht, rief es in ihm, du kannst nicht sterben. Er
+lief fort, weg- und steglos, irrte lange durch einen Garten und kam
+endlich an das Haus des Wundarztes Koch.
+
+Der Richter fragte: »Was erwarten Sie denn nach einer solchen Tat?«
+Holzwart schaute mit einem heiteren Blick empor und antwortete ohne
+Zaudern: »Den Tod erwarte ich. Mit Freuden erwarte ich ihn, ich wollte
+ihn mir selbst geben, aber es ist mir leider nicht gelungen.«
+
+Der Richter nennt Holzwart einen ungewöhnlichen Menschen, der sich meist
+gewählt ausdrückte und bisweilen sogar in ein gewisses Pathos verfiel.
+Er war groß und von stattlichem Körperbau. Sein Gesicht war voll Ruhe,
+sein Blick frei, sprechend und sanft.
+
+Im Publikum erhoben sich Stimmen, die die Liebe zu den Seinigen in
+Zweifel stellten. Es wurde gesagt, er habe seine Kinder mit großer
+Strenge behandelt und barbarische Züchtigungen über sie verhängt. Bei
+näherer Beleuchtung verschwanden diese Anklagen. Was den Schein von
+Härte hatte, war Konsequenz gewesen, und es erwies sich auch, daß
+Holzwart von den Pflichten eines Vaters ganz andere Begriffe gehabt
+hatte als mancher ehrbare Bürger. Man erinnerte sich eines Aufsatzes,
+den er viele Jahre vorher in der Magdeburger Zeitung hatte drucken
+lassen und worin er die Unerläßlichkeit und heilsame Folge strenger
+Zucht betont hatte. Darüber waren alle Zeugen einig, daß es keine
+artigeren und besseren Kinder gegeben habe als Holzwarts Kinder,
+insbesondere das jüngste sei ein höchst anmutiges Geschöpf gewesen, der
+Liebling des Vaters, wurde gesagt. Dies erklärte auch die tiefe und
+mächtige Bewegung, die ihn durchzittert hatte, als er bekannte: »Das
+jüngste Kind war das letzte, das ich tötete.«
+
+Der Fleischer Wothge, der Holzwart oft Beistand in seinem
+Geschäftsbetrieb gewesen ist, bekundete die bemerkenswerte Tatsache, daß
+Holzwart nicht fähig gewesen sei, ein Schwein zu schlachten. Wenn er
+dabei behilflich sein sollte, so bebte er vor innerer Aufregung und
+Beklemmung. »Er war überhaupt ein sonderbarer Mann,« äußerte sich dieser
+Zeuge; »ich kann mich darüber nicht so ausdrücken, wie ich möchte, aber
+es scheint mir, als hätte er sich Vorbilder nach Büchern zum Muster
+aufgestellt. Ich habe ihn von Abd-el-Kadr, von Faust, von Ibrahim Pascha
+mit Lebendigkeit und Begeisterung sprechen hören. Das waren seine Leute.
+Er meinte immer: Großartig sterben müsse der Mensch.«
+
+Und weiter erzählte Wothge: »Im vergangenen Jahre, als das fürchterliche
+Gewitter über uns stand, schlachtete ich eines Abends um elf Uhr bei
+ihm. Mitten unter dem schauerlichen Donner sagte er zu mir: 'Ich
+wollte, alles wäre hin; was ich auch anfange, das Unglück ist immer
+hinter mir her.' Es war eine oftmals wiederholte Rede von ihm: 'Man muß
+nie müssen, sondern nur wollen. Aber alle im Staate müssen, nur einer
+will, das ist der König.' Ein andermal fragte er mich über
+Glaubenssachen, und als ich ihm entgegnete, ich glaubte das, was im
+Katechismus stehe, rief er: 'Dann sind Sie ein Tor!' und ging von mir
+fort. Er war übrigens ein sehr reeller Mann, wußte sich in Respekt zu
+setzen und führte immer durch, was er sich vorgenommen hatte. 'Bricht's,
+so bricht's', pflegte er zu sagen. Seine Lieblingsbeschäftigung war das
+Schachspielen. Drei Freunde aus Magdeburg haben ihn öfters besucht, bloß
+um mit ihm Schach zu spielen. Eines Tages kam er auf sein Elternhaus zu
+sprechen, und da erzählte er mir, daß zwischen ihm und seinem Vater oft
+wilde Szenen vorgekommen seien. Einmal bei einem Streit habe sein Vater
+ihm geflucht, und von diesem Augenblick an sei sein Glücksstern
+untergegangen.«
+
+Holzwarts Bruder erklärte dessen Vermögensverfall aus unglücklichen
+Konjunkturen und bekräftigte, daß er mit redlichem Willen und
+unermüdlichem Eifer stets danach gestrebt habe, sich und seine Familie
+zu ernähren. Er sei niemals arbeitsscheu gewesen, sondern es habe immer
+den Anschein gehabt, als solle seine Tätigkeit vergeblich sein. Er
+schrieb ihm eine Anlage zum Tiefsinn zu, die er vom Vater ererbt hatte.
+Es sei ihm nicht möglich gewesen, sich an einen Menschen zutraulich
+anzuschließen. In Güte hätte man aber alles von ihm erlangen können;
+wenn er aber Widerstand gefunden, wo er im Recht zu sein geglaubt, oder
+wenn er sich verkannt gesehen, habe ihn der heftigste Zorn ergriffen.
+
+»Er hatte einen streng rechtlichen Sinn und ein feines Gefühl,« äußerte
+sich weiterhin der Bruder bei einer Zeugenvernehmung. »Es lag ein Stolz
+in seinem Charakter, der es ihm unerträglich machte, die Hilfe anderer
+in Anspruch nehmen zu müssen. Ebenso unerträglich war ihm der Gedanke,
+seine Kinder, die er sehr liebte, nach seinem Tode dem Mitleid fremder
+Leute preisgegeben zu sehen. Außerdem hatte er die Idee gefaßt, daß
+seinen Sohn ein ebenso unglückliches Dasein erwarte, wie er selbst es
+geführt. Wie großmütig und redlich seine Denkungsart war, zeigte sein
+Benehmen, als er vor einigen Jahren in der Lotterie spielte. Bei der
+Klasseneinzahlung bot er in einer Anwandlung froher Laune und gewiß in
+der Überzeugung, daß er nichts gewinnen werde, seiner Schwägerin die
+Hälfte des Gewinnes an. Das Los kam in der letzten Ziehung mit einem
+Gewinn von tausend Talern heraus. Holzwart hielt sich seinem Versprechen
+gemäß für verpflichtet, der Schwägerin die Hälfte davon zu zahlen,
+obgleich sie kein Recht geltend machen und die Abmachung nur für Scherz
+angesehen werden konnte. Er blieb dabei, er müsse das Geld teilen, weil
+er es versprochen habe, und er bräche niemals sein Wort. Als ich ihm vor
+Jahresfrist aus einer Verlegenheit half, sagte er bewegt zu mir: »Glaube
+mir, es wird mir schwerer, dein Geld zu nehmen, als es dir vielleicht
+ist, es zu geben.«
+
+Die Geschichte seines Lebens, die Holzwart vor dem Richter erzählte,
+trug das unverkennbare Gepräge der Wahrheit und folgt hier mit seinen
+eigenen Worten.
+
+»Mein Vater hatte mich zum Seifensieder bestimmt, und da ich nun einmal
+nicht studieren sollte und durfte, war mir das recht. Mein Vater hatte
+mich so sehr an Gehorsam gewöhnt, daß es mir nicht eingefallen wäre,
+mich gegen seinen Befehl zu sträuben. Die Wahl des Meisters war nicht
+günstig für mich. Ich merkte bald, daß ich unter solcher Anleitung
+nichts vom Geschäft begreifen würde. Ich klagte es meinem Vater, daß
+mich der Lehrherr mehr zu Hausarbeiten als zum Seifensieden verwende,
+doch dies wurde nicht von ihm beachtet. Auch meine Mutter hörte nicht
+eher auf diese Klagen, als bis es zu spät war. Das Lehrgeld war
+weggeworfen, und nach dreijähriger Lehrzeit ging ich als Geselle aus
+diesem Geschäft nicht um ein Haar klüger, als ich hingekommen war. Ich
+trat die Wanderschaft an, fand natürlich wegen meiner Unbrauchbarkeit
+nirgends lange Arbeit, und um nicht in Not zu geraten, kehrte ich in die
+Heimat zurück. Fürs erste blieb ich im elterlichen Hause, wo man eine
+wünschenswerte Unterstützung an mir fand. Dann versuchte ich es noch
+einmal in Eisleben als Volontär in einem Seifensiedergeschäft, doch
+wurde dies meinen Eltern mit der Zeit zu kostspielig, ich gab die
+Seifensiederei für immer auf und blieb nun fünf Jahre in meines Vaters
+Geschäft. Ich lebte dort in drückenden, sehr unangenehmen Verhältnissen,
+die vornehmlich durch meines Vaters Schwäche, mit den Dienstmädchen
+allzu vertraulich umzugehen, herbeigeführt wurden. Mein Vater
+behandelte mich sehr nachlässig, was bei meinem ohnehin reizbaren
+Ehrgefühl eine bedeutende Wirkung auf mich ausübte. Im Hause meiner
+Eltern befand sich auch meine nachherige Frau; nicht eigentlich als
+Ladenmamsell, sondern mehr aus Gefälligkeit gegen meine Mutter, die die
+ganze Last des ausgebreiteten Schmälzergeschäfts allein zu tragen hatte.
+Ich gewann das Mädchen lieb und wünschte sie zu heiraten. Im Grunde
+meines Herzens trieb mich mehr die Unerträglichkeit meiner Lage als die
+Sehnsucht nach der Ehe zu dem Eifer, womit ich meine Eltern um Gründung
+eines Haushalts für mich anging. Lange sträubten sie sich gegen die
+Verbindung, endlich willigten sie ein und gaben mir hundert Taler Gold
+zur Errichtung eines Materialladens; meine Frau brachte mir ungefähr
+ebensoviel dazu, und mit diesem Kapital begann ich voller Hoffnung mein
+selbständiges Leben und meine Ehe. Die Kaufleute gewährten mir willig
+und gern Kredit, so sah ich trotz des geringen Vermögens einer günstigen
+Schicksalswendung entgegen.
+
+Aber wenn früher meine Verhältnisse drückend waren, so verfolgte mich
+jetzt ein Unglück nach dem andern. Mit dem besten Willen ging ich an
+mein Geschäft, doch schon im ersten Jahre wurde meine Frau nach der
+Entbindung krank und blieb volle fünf Vierteljahre in ärztlicher
+Behandlung. Sie mußte teure Bäder nehmen, und die Rechnungen für den
+Doktor und den Apotheker beliefen sich auf hundertzweiunddreißig Taler.
+Ich mußte Schulden machen und erkannte bald die Unmöglichkeit, mich in
+der Neustadt zu halten. Ehe noch ein Konkursverfahren eingeleitet werden
+konnte, wurde ich mit Hilfe meiner Mutter den Gläubigern gerecht und gab
+das Geschäft auf. Ich übernahm nun auf den Vorschlag meiner Eltern den
+Laden im Bonteschen Haus auf dem Markt, worin neben einem Schenklokal
+ein Handel mit Schmälzerwaren betrieben wurde. Ich sah gleich, daß diese
+Art von Wirtschaft nichts für mich war; zu einer Schenkstube gehörte ein
+anderes Wesen als das meine. Die Fleischwaren bekam ich aus dem
+elterlichen Geschäft und verkaufte sie eigentlich auf Rechnung meines
+Vaters, wobei mir nur der kleine Gewinn zufiel, den ich in der
+Schenkstube machte. Steuern für das Gewerbe, sowie Ladenmiete mußte ich
+aber bezahlen. Dazu kam, daß bei dem Laden keine Wohnung war und ich die
+Wohnung für meine Familie apart halten mußte. Es brach zu jener Zeit die
+Cholera in Magdeburg aus und raffte sogleich einen der beliebtesten
+Gäste meines Lokals, den Goldschmied Schladen, hinweg, die übrigen
+Männer bekamen Furcht und mieden meine Schenkstube, sie stand verödet,
+und ich mußte neue Gäste anzuwerben suchen. Es schlug fehl, und nach
+abermals zwei Jahren mußte ich das Geschäft mit einer baren Einbuße von
+sechshundertsechzig Talern auflösen.
+
+Viele haben den Verfall meines Hauswesens meiner Vorliebe für
+wissenschaftliche Beschäftigung zugeschrieben, aber damit hat man mir
+unrecht getan. Ich hatte allerdings großes Interesse an der Literatur,
+las gerne historische und naturwissenschaftliche Werke, begann auch zur
+damaligen Zeit ein Tagebuch, worin ich eigene Ideen und gute
+aufgefundene Gedanken verzeichnete, muß auch gestehen, daß ich nach der
+Erzählung von Alvensleben »Der Racheschwur« ein Drama zu arbeiten
+anfing; aber alles dies füllte nur meine Mußestunden aus, die von
+anderen Männern beim Kartenspiel und Biertrinken verbracht wurden.
+
+Ich versank nun in große Not, und meine Mutter unterstützte mich ein
+wenig. Ich faßte den Plan, in die weite Welt zu gehen und zu versuchen,
+ob nicht irgendein Platz für mich zu finden sei, wo ich meinen
+Lebensunterhalt gewinnen konnte. Mein Blick richtete sich auf Prag, wo
+ein Bruder meiner Mutter, der Weißgerber Grosse, in guten Umständen
+lebte. Ich trennte mich von meiner Familie. Es war ein schmerzlicher
+Abschied, aber ich ging nicht eher von ihnen, als bis mir meine Mutter
+in Gegenwart meines Bruders das Versprechen geleistet hatte, mütterlich
+für sie zu sorgen. Man schlug mir vor, die französische
+Handschuhmacherei zu erlernen, und wirklich schien mir dies ein
+Erwerbszweig, der einträglich zu werden versprach. Mein Onkel in Prag
+gab das Lehrgeld her, und obwohl ich nicht mehr in den Jahren war, wo
+man als Lehrling in einen neuen Beruf tritt und mir die Sache sehr sauer
+wurde, stärkte mich doch der Gedanke an meine Familie soweit, daß ich
+meinen Vorsatz glücklich durchführte. Nach zehn Monaten war ich Gehilfe
+des Meisters, der sich redlich Mühe mit mir gegeben hatte. Wieder in der
+Heimat angelangt, setzte ich alles daran, ein Handschuhmachergeschäft
+zu gründen. Mit etwas Geldmitteln wäre es mir wohl gelungen, allein ich
+hatte kein Geld, mein Vater wollte mir keins geben, die Mutter gab mir
+fünfzig Taler. Davon mußte ich die Hälfte für Arbeitszeug verwenden, und
+es blieb mir nicht einmal soviel, wie zum Ledereinkauf notwendig war.
+Dennoch versuchte ich mein Heil und hielt mich wirklich einige Zeit.
+Aber schließlich ging es bergab, und mein Ruin war täglich zu erwarten.
+Da starb mein Vater, und ich trat jetzt in das elterliche Geschäft als
+Pächter ein. Anfangs machte ich gute Geschäfte, aber bald wurde der
+Verdienst geschmälert durch die vielen neuerrichteten Schmälzerläden. Es
+trat noch das Mißgeschick hinzu, daß die Schweine plötzlich sehr teuer
+wurden, und dies ist ein harter Schlag für den Schmälzer, da die Waren
+noch eine Zeitlang in den alten Preisen bleiben, also bei jedem
+Schlachten zugesetzt werden muß. Ich blieb mit der Miete an meine Mutter
+rückständig, der Magistrat erhöhte die Pacht des Ladens unter dem
+Rathaus von sechzig auf hundert Taler, und im dritten Jahre wurde ich
+bankrott. Ich übergab meiner Mutter ihr Eigentum wieder, sie verkaufte
+das Haus und ließ mir unter Anrechnung auf mein späteres Erbteil
+fünfhundert Taler zum Kauf eines kleinen Hauses in der Junkerstraße, wo
+ich von neuem eine Schmälzerei anlegte. Ich mußte viel Geld verbauen; es
+wäre aber doch gegangen, wenn nicht ein Gläubiger der zweiten Hypothek
+mir sein Kapital gekündigt und ich einen neuen hätte erhalten können.
+Ich mußte wieder verkaufen und habe großen Schaden erlitten.
+
+Jetzt war ich vollkommen herunter. Meine Mutter konnte nicht mehr
+helfen, mein Bruder hatte ein Gut in Lendorf gekauft und bot mir eine
+Freistatt. Ich ging zu ihm, als Arbeitsmann im wahren Sinn des Wortes.
+Fünf Monate hielt ich es aus, da trieb mich die Sehnsucht nach den
+Meinigen wieder zurück. Meine Frau hatte sich mit dem Schmälzerladen im
+Rathaus, der uns noch verblieben war, kümmerlich durchgebracht. Ich
+versuchte nun in Magdeburg einen neuen Erwerb und erlernte das
+Oblatenbacken. Meine Mutter schoß mir fünfzig Taler vor, und ich begann
+dies Geschäft. Aber es war, als hätte das Schicksal nur darauf gewartet,
+bis ich wieder Hoffnung gefaßt hatte. Kaum hatte ich einigen Vorrat
+liegen, so kamen die neuen Blättchen mit der Namenchiffre auf, meine
+Oblaten blieben als altmodisch unverkauft, und ich war wieder fertig. Da
+ging ich mit meiner ganzen Familie nach Lendorf zurück, und wir blieben
+dort ungefähr ein Jahr. Um diese Zeit verkaufte mein Bruder das Gut, und
+meine Mutter starb. Jetzt hatte ich freilich ein Erbteil zu erwarten,
+mit dem sich etwas beschaffen ließ. Ich bekam tausend Taler. Mit diesem
+Gelde kaufte ich ein Gehöft in Gommern, wo Gastwirtschaft betrieben
+wurde. Während meines Aufenthaltes in Lendorf hatte ich mich als
+Landwirt tüchtig geübt und Lust zum Feldbau bekommen. Die Frequenz des
+Gasthofs war gering, das Feld bestand nur aus zehn Morgen Ackerland, ich
+sah, daß nicht viel zu gewinnen sei, und da ich nach einem Jahre
+vorteilhaft verkaufen konnte, entledigte ich mich der Wirtschaft früh
+genug, um keinen Schaden zu erleiden. Damals gewann ich auch tausend
+Taler in der Lotterie, von denen ich die Hälfte meiner Schwägerin gab.
+Ich wollte mir nun ein kleines Gütchen kaufen, dazu reichten die Mittel
+nicht. Obwohl ungern, entschloß ich mich endlich, wieder eine
+Schmälzerei zu errichten, und zwar in der Sudenburg.
+
+Ich hatte tausend Taler im Besitz. Die Herstellung des Ladens und die
+Anschaffung der Utensilien kosteten hundertsechzig Taler. Verdient wurde
+wenig. Die Schweine waren in dem Jahre sehr wohlfeil. Der Bauer hatte
+kein Futter für das Vieh und mußte verkaufen. Ich glaubte richtig zu
+spekulieren, wenn ich Schweine kaufte und steckte zweihundert Taler in
+den Handel, um einen ordentlichen Wintervorrat zu haben. Ich hatte mich
+leider verrechnet. Alle Leute hatten selbst Schweine gekauft und
+geschlachtet. Man holte mir nichts ab. Das Geschäft geriet ganz und gar
+ins Stocken. Schinken und Schlackwürste bewahrte ich für den Sommer auf.
+Eine entsetzliche Hitze kam und verdarb mir die Vorräte. Im nächsten
+Jahre stiegen die Schweine zu einem ungeheuren Preis, aber unsre Ware
+blieb auf dem alten Fuß. Ich hatte jetzt nur noch hundertvierzig Taler.
+Die Einnahme war erbärmlich; der tägliche Erlös betrug oft nur fünfzehn
+Silbergroschen. Wir mußten vom Kapital leben. Beim Ablauf des Jahres war
+ich dem Viehhändler hundertsechzig Taler schuldig. Mein Bruder erbot
+sich, mir vierhundert Taler zu leihen, und einer von meinen Bekannten
+legte hundert Taler dazu. Von diesem Gelde lebte ich mit meiner
+Familie, nachdem ich den Viehhändler bezahlt hatte. Ich schlachtete
+immer weniger. Im Jahre 1845 war alles Geld rein aufgezehrt. Es nahte
+der Winter, und die Not wurde bedrohlich. Abermals mußte ich meinen
+armen Bruder um Hilfe ansprechen. Er sendete mir zwanzig Taler, und dann
+wieder zwanzig Taler, und gegen Weihnachten aus freien Stücken fünf
+Taler zu Geschenken für meine Kinder. Meine Schuld beim Viehhändler war
+wieder auf anderthalb hundert Taler gestiegen.
+
+Jetzt trat der Gedanke immer unwiderstehlicher an mich heran, mich und
+meine Familie schmerzlos aus der Welt zu schaffen, wo unserer nur Elend
+wartete, ich hatte keine Aussicht, keine Hoffnung mehr. Es blieb nur das
+Verhungern übrig. Ich war außerstande, die Meinen vor dem Untergang zu
+retten. Diese Gedanken machten mich fast krank, aber ich verriet sie
+nicht, und sie kehrten wie im Kreise immer wieder auf den Punkt zurück:
+Du bist dem Bettelstab verfallen. Vorwürfe über mein Leben und meine
+Geschäftstätigkeit konnte ich mir nicht machen. Ich habe immer geglaubt,
+richtige Maßregeln zur Verbesserung meiner Lage ergriffen zu haben, aber
+meine Bemühungen sind stets fehlgeschlagen. Verlust über Verlust, was
+ich angriff, mißlang. Bei der Erinnerung an all dies Leiden wurde mein
+Entschluß fester, und mein Gemüt stählte sich. Die Notwendigkeit trieb
+mich zur Tat.«
+
+Bei gebessertem Gesundheitszustand konnte Holzwart nach einiger Zeit in
+das Verhörzimmer geführt werden. Seine Erscheinung war jetzt die eines
+zufriedenen und ergebenen Mannes. Es schien, als betrachte er das ihm
+neugeschenkte Leben mit einem mitleidigen Lächeln, als wollte er fragen:
+wozu? Er wiederholte sein Geständnis, und es war ersichtlich, daß die
+Schilderung der Mordnacht ihm eine unaussprechliche Pein verursachte.
+Und wieder behauptete er feierlich, seine Tat sei das letzte Werk der
+Liebe gewesen. Auf den Einwand, weshalb er bei seiner ersten Vernehmung
+im Kochschen Hause nicht sogleich offen bekannt, sondern eine Lüge
+angegeben habe, erwiderte er, es sei diese Lüge die einzige in seinem
+ganzen Leben. Er habe nur den Fragen genügen, lästiges Zudringen
+abwehren wollen, weiter nichts. Daß er verhaftet und vor dem Gesetz
+verantwortlich gemacht werden könnte, daran hatte er nicht gedacht. Nach
+seiner Meinung war er niemand auf der Erde eine Auskunft zu geben
+verpflichtet, und seine Tat mußte vor Gott allein verantwortet werden.
+
+Eine Tat, straf- und todeswürdig vom Standpunkte des Rechtes, verworfen
+und abscheulich von dem der Moral. Der fürchterliche Irrtum, eine
+Familie verloren zu glauben, wenn die Hilfsquellen der Existenz
+versiegen, beruhte hier auf Charakterfehlern nicht allein, sondern auf
+Gemütsanlagen, die mit tragischer Liebe Bande des Blutes als
+unauflöslich betrachten. Der Gedanke, daß die geliebten Menschen einzeln
+ihre Nahrung suchen sollten, überstieg die Geisteskraft des Vaters; bis
+dahin im Schoße der Familie vor dem Unheil geborgen, sollte er sie jetzt
+der Verführung und der Verderbnis preisgeben? Die älteste Tochter war
+schön, vorzeitig entwickelt, blühend in Gesundheit und reizend durch
+freundliches Betragen. »Sie würde ihre Käufer schon gefunden haben,«
+warf Holzwart einst im Gespräch mit bitterem Hohne hin, »aber ich habe
+ihre Unschuld bewahrt und gerettet.« Der Richter wandte ein, das Mädchen
+hätte ja bei seiner Schönheit eine günstige Wendung des Geschickes
+erleben können. Da antwortete Holzwart: »Die Möglichkeit lag ferne, denn
+sie war arm; jetzt ist ihr Schicksal gesicherter.«
+
+Im Dezember des Jahres 1846 wurde Holzwart verurteilt, nach dem
+Richtplatze geschleift, um mit dem Rade von unten herauf vom Leben zum
+Tode gebracht zu werden. Mit derselben Fassung und Haltung, die er
+bisher gezeigt, vernahm er das Urteil. Als ihm mitgeteilt wurde, daß ihm
+das Rechtsmittel der Appellation zustehe, erwiderte er ohne Besinnen, er
+habe die Strafe erwartet und durchaus nichts dagegen einzuwenden; er
+wünsche in kürzester Frist zu seinem Ziele zu kommen und wolle auch
+nicht von seinem Rechte Gebrauch machen, des Königs Gnade um Milderung
+der Strafe anzurufen, um den Vollzug des Verdikts nicht zu verzögern.
+Bei dieser Erklärung blieb er, trotzdem sein Verteidiger ihn zu anderer
+Ansicht zu bringen suchte. Es blieb diesem nichts weiter übrig, als
+seinem Willen entgegen zu handeln und aus eigener Machtvollkommenheit
+sich an den König zu wenden. Damit verging Tag um Tag, Woche um Woche,
+und Holzwart erwartete vergeblich das Ende eines Lebens, das für ihn
+allen Wert und Reiz eingebüßt hatte. Er glaubte, durch seine
+Verzichtleistung auf jeden Einspruch alle Hindernisse am besten
+beseitigt zu haben, und es gewann den Anschein, als siege wieder sein
+altes böses Schicksal, das immer seine Hoffnungen durchkreuzt hatte.
+Durch die seltene Verzichtleistung wurde ein Bericht nach dem anderen
+nötig, eine Formalität nach der anderen; bis zum September zogen sich
+die Verhandlungen hin, bevor man endlich dem König das Todesurteil
+vorzulegen bereit war.
+
+Während der Zeit saß Holzwart geduldig im Gefängnis und harrte auf
+seinen Tod. Man gestattete ihm zu lesen, zu schreiben und Schach zu
+spielen. Er verfertigte die Schachfiguren aus Brot und malte mit Tinte
+ein Schachbrett auf Pappe. Es gehörte zu seiner größten Freude, wenn der
+Aufseher Zeit gewann, mit ihm Schach zu spielen.
+
+Unter den Aufzeichnungen, die er zu Papier brachte, fanden sich Gedichte
+wie dieses:
+
+ Ich bin belohnt, daß ich euch glücklich wähne,
+ Euch überhoben weiß alljeder Erdenträne.
+ Gibt's ein Elysium, so ist's für euch errungen,
+ Durch euer Blut hab ich es euch erzwungen.
+ Nichts lastete auf euch, und schuldlos, schön und rein
+ Gingt ihr verklärt zur ewigen Ruhe ein.
+ Ich bin belohnt.
+
+Dann Tagebuchblätter.
+
+
+ Am 10. März.
+
+O könnt ich dem Zauber Worte geben, der wie ein Glück meinen Schlaf
+durchzieht. Nicht gaukelnd beschleicht mich der Träume Spiel -- nein,
+göttlich beglückend -- o, welche Wonne, wenn mein Bruder, wenn meine
+Kinder, die Mutter, die Eltern erscheinen. -- Vor den Richterblicken der
+Welt mag es unverdient heißen, doch in Träumen liegt mein Glück. Mein
+liebstes Kind saß mir auf meinen Knien -- so war es mir heute, ich saß
+mit ihr bei allen Meinen. Das Kind umschlang mich süß und dicht, die
+andern schmiegten sich an mich -- von ferne sah die Mutter dieser Teuern
+auf uns und sprach: »Ach, daß du diese Tat hast tun können -- wie schwer
+muß sie dir geworden sein!«
+
+
+ Im April.
+
+Bedarf es denn vor jenem Weltenrichter des Eingeständnisses der Tat?
+Nein! Nein! Er wußt sie ja, er braucht nun nicht zu fragen, er sah sie,
+kennt sie also schon genug. Rechtfertgen soll ich sie? Es blieb den
+Meinen nur Schmach und Elend -- damit rechtfertige ich mich in Ewigkeit.
+Verkündet nur bald, wenn alles vollbracht, dem Lebensmüden die ewige
+Nacht.
+
+
+ Im April.
+
+Ich will nichts glauben, will nichts denken, was die Vernunft nicht
+faßt. Annehmen und feststellen nichts, was gegen die Natur verstößt. Und
+doch komme ich immer darauf zurück -- es gibt noch ein Etwas, nach
+welchem der Blick der Sterblichen vergeblich forschend sich richtet.
+
+
+ Im August.
+
+Fünf Monate nach dem verkündeten Spruche. Himmel, diese Umstände um
+einen einzigen Menschen. Ich weiß nicht, ob man bei einer Frage von
+Krieg und Frieden so viel Zeit gebraucht, und daran hängt das Leben von
+Tausenden!
+
+Es gibt ein Etwas im großen Weltenraume, das unheilvoll sein Wesen
+treibt, und eine dunkle Ahnung sagt mir nur: es waltet gegen dich! Es
+waltet unsichtbar, es waltet stumm und grausig, dies dämonische Wesen
+des Geisterreichs.
+
+ * * * * *
+
+Das Jahr ging zu Ende, ohne das vom König bestätigte Urteil zu bringen.
+Das Gerücht von der Freigeisterei des seltsamen Verbrechers drang in die
+höheren Kreise und füllte manches gläubige Herz mit Entsetzen. Die
+entschiedene Weigerung Holzwarts, den Geistlichen zu empfangen, seine
+ebenso entschiedene Ablehnung einer geistlichen Begleitung zum
+Richtplatz, und das finstere und verschlossene Wesen, das er zeigte,
+wenn der Gefangenenprediger bei ihm eintrat, verbreitete ein wahres
+Grauen vor ihm. Es wurden Versuche gemacht, ihn zu erleuchten, aber man
+stieß auf klare und festgegründete Überzeugungen statt auf bösen Willen
+und dumpfe Verstocktheit, die man vorausgesetzt, und dagegen war aller
+fromme Bekehrungseifer machtlos.
+
+Das Jahr 1848 regte seine gewaltigen Schwingen. Die Unruhen wurden
+stürmisch. Im Februar unterzeichnete der König das Todesurteil, und
+endlich wurden Anstalten zur Hinrichtung getroffen. Es gab bei Magdeburg
+einen Anger, wo manches blutige Haupt gesunken, mancher menschliche
+Leib von den Rädern zerstampft worden war. Hier sollte auch für Holzwart
+das Schafott errichtet werden; die königliche Gnade hatte die Strafe des
+Räderns in die der Enthauptung verwandelt. Der Tag wurde anberaumt, eine
+Truppenabteilung war schon kommandiert. Noch wußte Holzwart nichts von
+den Veranstaltungen zu seinem nahen Ende, aber ihm ahnte etwas. Die
+Nachgiebigkeit des Wärters verriet ihm zuerst die Nähe seines Endes.
+Aber er fragte nicht, er zagte nicht; sein Auge blieb ruhig und sein
+Herz stark. Alles war bereit, der Scharfrichter bestellt, da brach der
+Volksaufstand los. Die Bande des Gesetzes waren gelöst, und die Behörde
+scheute sich, eine Hinrichtung vollziehen zu lassen. Der Termin wurde
+vertagt.
+
+Vielleicht war dem Gefangenen doch manches Wort zu Ohren gedrungen, das
+ihm den Stand der Dinge verraten hatte, und wieder wie ehedem rief es in
+ihm: du stirbst nicht, kannst nicht sterben. Es bemächtigte sich seiner
+eine schmerzliche Unruhe; seine Geduld wich zuzeiten einer kurzen aber
+tiefen Erregung, und seine Papiere bezeugen es, daß ihm davor bangte,
+das Leben noch lange ertragen zu sollen.
+
+
+ Im Mai 1848.
+
+Ein Mann, der edlen Trotz besitzt, sollte der voll ruhigen Gleichmuts
+nicht in Freude und Leid die Grenzen wissen? Welch ewiges Schwanken
+zwischen Leben und Tod, von heute zu morgen, von morgen noch weiter.
+Armer König, immer Schach! Immer Schach! Schach bis zum matt.
+
+
+ Im Juni.
+
+Sie zögern. Und ich grüble. Was hält mich? Was möchte ich noch? Das Grab
+der Meinen sehen, die Erde küssen, wo die Schlummernden ruhen.
+Unbegreiflich, daß ich mich bis jetzt ließ vertrösten.
+
+ * * * * *
+
+Es findet sich die amtliche Anzeige des Gefängnisinspektors an den
+Richter, daß Holzwart seit fünf Tagen die Speisen unangerührt lasse und
+auf alle Vorwürfe die Antwort erteilt habe, er werde sein Ziel zu
+erreichen wissen. Der Richter stellte ihn ernstlich zur Rede, und
+Holzwart scheint Reue empfunden zu haben, denn er schrieb am 4. Juli:
+
+»Genug, genug! Ich will alles ertragen. Der Ernst in seinem Auge; das
+harte Wort: Wenn Sie sich der verdienten Strafe entziehen, muß ich Sie
+für einen Feigling halten! Ich beuge mich. Mein Leben sei ein
+tributpflichtiges Opfer.«
+
+Er kehrte zu der geduldigen Gelassenheit zurück, nachdem er vergeblich
+den Kampf mit seinem Geschick gewagt hatte. Als im preußischen Staate
+die Ordnung wiederhergestellt war, wurde das Todesurteil Holzwarts in
+lebenswierige Zuchthausstrafe verwandelt. Es muß ihn ein ungeheurer
+Schrecken bei der Verkündigung dieses neuen Urteils erfaßt haben; eine
+mit flüchtiger Schrift gemachte Aufzeichnung, die letzte, die überhaupt
+vorhanden ist, lautet: Am Leben bleiben, solche Gnade! Gezüchtigt durch
+Zuchthaus für eine solche Tat! Es kann nicht sein, es darf nicht sein!
+
+Seit der Gewißheit seines Schicksals sprach er überhaupt nicht mehr.
+Eine kalte Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht, und die freundliche
+Ruhe seiner Mienen war düsterem Ernst gewichen. Im Zuchthaus fügte er
+sich streng der Ordnung und zeigte sich im Benehmen und im Fleiß
+exemplarisch. Daß er still und abgeschlossen seinen Weg verfolgte,
+schien jedermann natürlich. Man hatte nicht verfehlt, der Direktion des
+Zuchthauses die Selbstmordversuche Holzwarts selbst mitzuteilen, um sich
+bei den jetzt vermehrten Gründen zu solcher Tat der Verantwortung zu
+entheben. Die Furcht schien unnütz. Ein Monat nach dem andern verlief,
+ohne der gesteigerten Aufmerksamkeit den geringsten Verdacht zu geben.
+Um so unerwarteter wirkte die amtliche Nachricht von Halle:
+
+Der von dem Königlichen Kreis- und Stadtgericht hier eingelieferte
+Christian Holzwart aus Magdeburg stürzte sich am Sonntag, den 28. Januar
+1850 nachmittags um drei Uhr bei Ausgang aus der Kirche von der
+Verbindungsbrücke des Flügels #B# und blieb auf der Stelle tot liegen,
+indem er sich den Hirnschädel gespalten und fast alle Glieder
+zerschmettert hatte.
+
+So war der unglückliche Mann zur ersehnten Ruhe gekommen. Mit welchen
+Gefühlen mag er die acht Monate im Zuchthaus in Gemeinschaft mit
+Menschen erlebt haben, die er als das Verächtlichste im weiten
+Weltenraum bezeichnet hat? Mit welchen Gefühlen mag er die Tiefe des
+Abgrunds ermessen haben, bevor er sich hinunterstürzte? Den Tod zu
+zwingen, das war vielleicht seine stärkste Regung.
+
+
+
+
+Karl August von Weimar
+
+
+Die siebzehnjährige Vormundschaft der Herzogin-Mutter Amalia bedeutet
+ein unvergängliches Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte, denn unter
+ihr wurde Weimar der Sammelpunkt jener Genien, denen die Unsterblichkeit
+sicher ist und durch die der Hof von Weimar einen stillen, aber hohen
+Glanz erhielt, wie er von keinem andern deutschen Hof jemals ausgegangen
+ist.
+
+Amalie von Braunschweig war, als sie die Regierung antrat, erst achtzehn
+Jahre alt; fünf Jahre des siebenjährigen Krieges fielen noch unter ihre
+Herrschaft. Die Männer, die sie im Hof- und Zivildienst vorfand, waren
+alle noch aus der alten Schule; desto neuer war ihre Persönlichkeit, und
+mit dieser setzte sie es durch, daß man sie ihre eigenen Wege gehen
+ließ. Die Erziehung, die sie ihrem Sohne, dem künftigen Herzog, gab,
+machte Epoche in der deutschen Prinzenerziehung; sie wagte es, ihn sich
+in voller Freiheit entwickeln zu lassen, ja sie berief sogar einen
+Poeten zu seinem Erzieher, den heitern Wieland, der damals Professor in
+Erfurt war und eben den goldenen Spiegel geschrieben hatte, einen
+Fürstenspiegel, der auf den jungen Kaiser Josef gerichtet war.
+
+Ein ungenannter Turist des achtzehnten Jahrhunderts, der in Weimar zum
+Hofball geladen war, schildert die Herzogin wie folgt: »Sie ist klein
+von Statur, sieht wohl aus, hat eine spirituelle Physiognomie, eine
+braunschweigische Nase, schöne Hände und Füße, einen leichten und doch
+majestätischen Gang, spricht sehr schön, aber geschwind, und ihr ganzes
+Wesen ist angenehm. Es war auch ein Pharaotisch da, der geringste
+Einsatz war ein halber Gulden. Die Herzogin spielte sehr generös und
+verlor einige Louisdor; da sie aber gern tanzte, blieb sie nicht lange
+beim Spiel. Sie tanzte mit jeder Maske, die ihr entgegenkam, und ging
+nicht eher fort als bis um drei Uhr früh, da alles aus war.«
+
+Gouverneur der Prinzen Karl August und Konstantin war der Graf von
+Schlitz-Görtz, ein ernster, gravitätischer und formenstrenger Herr, der
+mit Nachdruck auf Etikette hielt, aber doch im privaten Kreis allerlei
+Kurzweil zuließ. Friedrich der Große hatte ihn während des bayrischen
+Erbfolgekrieges zu einer diplomatischen Mission in München verwendet,
+später war er Gesandter beim Reichstag zu Regensburg, wo er das deutsche
+Reich begraben sah. Daß er ein Mann von Geist war, bezeugt der Umstand,
+daß er Wieland an die Herzogin empfahl. Wieland zog wieder Knebel als
+Erzieher des Prinzen Konstantin nach Weimar, und Knebel war es, der dem
+jungen Karl August Goethe zuführte. Goethe berief Herder, und Herder
+wurde der Magnet für Schiller.
+
+Karl Ludwig von Knebel war ein gebürtiger Franke; er war Major unter
+Friedrich dem Großen und stand in Potsdam in Garnison. Interessant
+durch seine barocke Genialität, war er zugleich ein tiefer Hypochonder.
+Durch eine krankhafte Empfänglichkeit für unangenehme äußere Eindrücke
+war er von ihnen abhängig und durch sie gestört. Wieland war sein
+Intimus, Lucrez, den er ins Deutsche übersetzte, sein langjähriges
+Studium. Herder nannte ihn seinen lieben alten Mönch und den
+menschenfreundlichen Timon. Es war am 11. Februar 1774, als Knebel
+seinem Herzog den Verfasser des Götz und des Werther vorstellte. Auf die
+Einladung des Grafen Görtz kam Goethe in das rote Haus in Frankfurt, und
+in seiner jugendlichen Schönheit und Liebenswürdigkeit schien er dem
+Herzog wie geschaffen, der Genosse bei einem lustigen Genieleben zu
+werden, wie es ihm damals im Sinne stand. 1775 wurde Goethe förmlich
+nach Weimar eingeladen. Der in Karlsruhe zurückgebliebene Kammerjunker
+von Kalb hatte den Befehl, Goethe in einem von Straßburg erwarteten
+Staatswagen nach Weimar zu bringen. Der Wagen blieb lange aus, Goethes
+fürstenfeindlicher Vater hatte ihm schon mit dem spottenden Zuruf: »Nah
+bei Hof, nah bei der Höll« die Furcht in die Seele geworfen, er könne
+nur der Spielball einer fürstlichen Laune gewesen sein; er hatte bereits
+die Flucht angetreten und befand sich in Heidelberg, als er dort noch
+aufgehalten wurde. So hing es an einem Faden, daß Goethe nicht nach
+Weimar kam; noch in späten Jahren hat er sich des wahrhaft Dämonischen
+dieser Situation erinnert.
+
+»Goethe ging wie ein Stern in Weimar auf, der sich eine Zeitlang in
+Wolken und Nebel verhüllte,« schreibt Knebel; »jeder hing an ihm,
+sonderlich die Damen. Er hatte noch die Werthersche Montierung an, und
+viele kleideten sich danach. Er hatte noch von dem Geist und Sitten des
+Romans an sich, und dieses zog an. Sonderlich den jungen Herzog, der
+sich dadurch in Geistesverwandtschaft seines Helden zu setzen glaubte.
+Manche Exzentrizitäten gingen zur selbigen Zeit vor, die ich nicht zu
+beschreiben Lust habe, die uns aber auswärts nicht in den besten Ruf
+setzten. Goethes Geist wußte ihnen indessen einen Schimmer von Genie zu
+geben.«
+
+Die Gerüchte über die Zustände in Weimar mußten von recht schlimmer Art
+gewesen sein, da sogar Klopstock den auffallenden Schritt tat, sich als
+Mentor und Warner einzumischen. Goethe wies ihn mit Entschiedenheit
+zurück, und es kam zum Bruch zwischen beiden.
+
+Einen besondern Hof neben dem des Herzogs, dem regierenden Hof, wie er
+hieß, bildete der sogenannte verwitwete Hof der Herzogin Amalie. Wieland
+nennt die Herzogin eines der liebenswürdigsten Gemische von Menschheit,
+Weiblichkeit und Fürstlichkeit; sie hatte nicht wenig Gefallen an dem
+Leben, das ihr Sohn mit Goethe führte, und nahm selbst daran teil. Schon
+als Regentin hatte sie wie ein halber Student gelebt; einmal war sie auf
+einem Heuwagen mit acht Personen von Tieffurt nach Tennstädt gefahren,
+es kam ein Gewitter mit einem heftigen Regenguß, und die Herzogin, die
+wie die andern Damen in ganz leichtem Kleide war, zog Wielands Oberrock
+an. Sie faßte alles mit Enthusiasmus an und auf. So lernte sie
+Griechisch, und zwar so gut, daß sie nach kurzer Zeit den Aristophanes
+in der Ursprache lesen konnte. Am begeistertsten trieb sie Musik, malte
+auch und schwärmte für Italien und die italienische Literatur, in der
+ihr Führer der Rat Jagemann war, ein aus Konstanz entflohener Mönch. Die
+theatralischen Feste Amalies wurden entweder in der Stadt abgehalten
+oder in den Sommersitzen der Herzogin, in Tieffurt oder in Ettersburg.
+Namentlich im Park von Ettersburg wurden vor dem vertrauten Kreise der
+Fürstin viele lustige Gelegenheitsstücke gegeben, so 1778 Goethes
+Jahrmarkt in Plundersweilen, und 1779, zur Feier von Karl Augusts
+Geburtstag, eine derbe Parodie der Wielandschen Alceste. Die Arie:
+»Weine nicht, du Abgott meines Lebens« wurde auf die lächerlichste Art
+mit dem Posthorn begleitet, und auf den Reim schnuppe ein unendlich
+langer Triller gesungen. Nach dem Stück folgte die sogenannte
+Kreuzerhöhungsgeschichte mit einem üblen Buch von Jacoby; Merck nagelte
+das Buch mit dem Einband an einen Baum, so daß die Blätter im Winde
+flatterten, Goethe stieg in den belaubten Wipfel und hielt von dort
+herab ein hochnotpeinliches Halsgericht über die Scharteke.
+
+Neunzehn Jahre war Karl August alt, als er die berühmte Erklärung gab,
+die den in sein Konseil einberufenen Dichter betrifft. Sie lautet:
+»Einsichtsvolle wünschen mir Glück, diesen Mann zu besitzen. Sein Kopf,
+sein Genie ist bekannt. Einen Mann von Genie an einem andern Orte
+gebrauchen, als wo er selbst seine außerordentlichen Gaben gebrauchen
+kann, heißt ihn mißbrauchen. Was aber den Einwand betrifft, daß dadurch
+viele Leute sich für zurückgesetzt erachten würden, so kenne ich erstens
+niemand in meiner Dienerschaft, der meines Wissens auf dasselbe hoffte,
+und zweitens werde ich nie einen Platz, welcher in so genauer Verbindung
+mit mir, mit dem Wohl und Wehe meiner gesamten Untertanen steht, nach
+der Anciennität, sondern ich werde ihn immer nur nach Vertrauen geben.
+Das Urteil der Welt, welches vielleicht mißbilligt, daß ich den Doktor
+Goethe in mein wichtigstes Kollegium setzte, ohne daß er zuvor Amtmann,
+Professor, Kammerrat und Regierungsrat war, ändert gar nichts. Die Welt
+urteilt nach Vorurteilen. Ich aber sorge und arbeite wie jeder andere,
+nicht um des Ruhmes, um des Beifalls der Welt willen, sondern um mich
+vor Gott und meinem Gewissen rechtfertigen zu können.«
+
+Er war eher klein als groß von Gestalt, aber in seiner Erscheinung lag
+von der Jugend bis in das späteste Alter etwas Selbständiges und
+Energisches in sehr ungebundener und freier, fast studentischer Form;
+man pflegte ihn auch den Studenten von Jena zu nennen. Dem Major Knebel
+gegenüber legte der vierundzwanzigjährige Fürst einmal folgendes
+Selbstbekenntnis ab: »Ich muß erstaunlich wehren, meinem Herzen und den
+Leidenschaften nicht die Zügel schießen zu lassen; es ist gar zu schwer,
+sich wieder in den unnatürlichen Zustand zu fügen, in dem unsereiner
+leben muß und an den man so langsam sich gewöhnt zu haben glaubt.«
+
+[Illustration: Karl August von Weimar, nach einem Steindruck von C. A.
+Schwerdgeburth; 1824.]
+
+Merck, Goethes wunderbarer Freund, ließ sich, als alle Welt über die
+Streiche, die Karl August nach seiner Bekanntschaft mit Goethe machte,
+die Köpfe schüttelte, nicht beirren und vertrat nachdrücklich den Wert
+des seltenen Fürsten. Am 3. November 1777 schrieb er aus Darmstadt an
+den Buchhändler Nikolai in Berlin: »Ich hab Goethe neuerlich auf der
+Wartburg besucht, und wir haben zehn Tage zusammen wie die Kinder
+gelebt. Mich freuts, daß ich von Angesicht gesehen habe, was an seiner
+Situation ist. Das Beste von allem ist der Herzog, den die Esel zu einem
+schwachen Menschen gebrandmarkt haben und der ein eisenfester Charakter
+ist. Ich würde aus Liebe zu ihm eben das tun, was Goethe tut. Die
+Märchen kommen alle von Leuten, die ohngefähr so viel Auge haben, zu
+sehen, wie die Bedienten, die hinterm Stuhle stehen, von ihren Herrn und
+deren Gespräch beurteilen können. Dazu mischt sich die scheußliche
+Anekdotensucht unbedeutender, negligierter, intriganter Menschen, oder
+die Bosheit anderer, die noch mehr Vorteil haben, falsch zu sehen. Ich
+sage Ihnen aufrichtig, der Herzog ist einer der respektabelsten und
+gescheitesten Menschen, die ich gesehen habe.«
+
+Wie Goethe, liebte es Karl August, sich nach den Aufregungen des
+Weltlebens in die Einsamkeit zu begeben. Er suchte dann die Borkenhütte
+im Park auf und konnte, während Goethe in seinem Gartenhaus am Stern
+weilte, mit dem Freund durch verabredete Zeichen eine telegraphische
+Konversation über das Tal der Ilm hinweg herstellen. Im Sommer 1780
+schrieb er aus diesem Retiro an Knebel: »Es hat neun Uhr geschlagen,
+und ich sitze hier in meinem Kloster mit einem Licht am Fenster. Der Tag
+war außerordentlich schön, ich war so ganz in der Schöpfung, und so weit
+vom Erdentreiben. Der Mensch ist doch nicht zu der elenden Philisterei
+des Geschäftslebens bestimmt; es ist einem ja nicht größer zumute, als
+wenn man so die Sonne untergehen, die Sterne aufgehen, es kühl werden
+sieht und fühlt, und das alles so für sich, so wenig der Menschen
+halber; und doch genießen sie's, und so hoch, daß sie glauben, es sei
+für sie. Ich will mich baden mit dem Abendstern und neu Leben schöpfen,
+der erste Augenblick darauf sei dein. Lebewohl solange.« Nach dem Bad in
+der Ilm fährt er fort: »Das Wasser war kalt, denn die Nacht lag schon in
+seinem Schoß. Als ich den ersten Schritt hineintat, war's so rein, so
+nächtlich dunkel; über den Berg hinter Oberweimar kam der volle rote
+Mond. Es war so ganz still. Wedels Waldhörner hörte man nur von weitem,
+und die stille Ferne machte mich reinere Töne hören, als vielleicht die
+Luft erreichten.«
+
+In den achtziger und neunziger Jahren hatte sich der Charakter des
+Herzogs zu seiner Reife ausgebildet; der junge Wein hatte sich geklärt,
+er stand jetzt goldrein im Pokale. »Täglich wächst der Herzog und ist
+mein bester Trost,« schrieb Goethe 1780 an Lavater. Aber in den Briefen
+an die Frau von Stein findet sich auch manches schärfere Urteil über
+Karl August, das freilich später immer wieder gemildert wurde. Einmal
+äußerte er sich: »Mich wundert nun gar nicht mehr, daß Fürsten meist so
+dumm, toll und albern sind, nicht leicht hat einer so gute Anlagen als
+der Herzog, nicht leicht hat einer so gute und verständige Menschen um
+sich und zu Freunden als er, und doch will's nicht nach Proportion vom
+Flecke, und das Kind und der Fischschwanz gucken, eh man sich's
+versieht, wieder hervor.« Vielleicht beirrte es Goethe und machte ihn
+ein wenig bitter, daß der Herzog häufig sehr mutwillige Neckerei mit
+seiner Beziehung zu Frau von Stein trieb. Einmal enthielt er ihm einen
+ihrer Briefe vor und schickte ihn dann durch einen Husaren in zehn
+übereinander gesiegelten Kuwerten mit folgenden Verszeilen:
+
+ Es ist doch nichts so zart und klein
+ So wird's doch jemand plagen.
+ Zum Beispiel macht dein Briefelein
+ Husaren sehr viel klagen.
+ Heut sagte der, der's Goethen bracht
+ Und schwur's bei seinem Barte,
+ Viel lieber ging ich in die Schlacht
+ Als trüg so Brieflein zarte.
+ Denn wie im Hui ist das Papier
+ Aus meiner weiten Tasche,
+ Und wer, wer stehet mir dafür,
+ Daß ich es wieder hasche.
+ Unheimlich sagt er, es ihm sei,
+ Wenn er so etwas trage,
+ Denn Billetdoux und Zauberei
+ Ist gleich, nach alter Sage.
+ Drum schreibe Du, nach altem Brauch,
+ Auf Groß-Royal-Papiere,
+ Damit der Träger künftig auch
+ Ja nichts vom Teufel spüre.«
+
+Der Herzog hatte aber auch seine Herzensfreundin, und das war die Gräfin
+Werthern. Mit seiner Frau vertrug er sich schlecht. Die Herzogin Luise
+war eine formenstrenge Dame und hielt so stark auf Zeremoniell, daß es
+Mühe kostete, Goethe zur Spielpartie bei ihr einzuschmuggeln. Im
+September 1776, vor der Fahrt nach Ilmenau, schrieb Goethe an Charlotte
+von Stein: »Es ist mir lieb, daß wir wieder auf eine abenteuerliche
+Wirtschaft ausziehen, denn ich halt's nicht aus. So viel Liebe, so viel
+Teilnahme, so viele treffliche Menschen, und so viel Herzensdruck.«
+
+Die Herzogin war im höchsten Grade schwerblütig und schwerlebig, einsam
+in der Welt, ohne Freund, sogar Frau von Stein und Herder waren ihr zu
+leicht. Bei der Gräfin Werthern war der unruhige Herzog noch am ehesten
+festzuhalten. 1782 schreibt er an Knebel: »Auf Ostern besuche ich die
+Gräfin, welche doch die beste aller Gräfinnen ist, die ich kenne.« Um
+dieselbe Zeit schreibt Goethe: »Der Herzog ist vergnügt, doch macht ihn
+die Liebe nicht glücklich, sein armer Schatz ist gar zu übel dran, an
+den leidigsten Narren geschmiedet, krank und für dies Leben verloren.
+Sie sieht aus und ist wie eine schöne Seele, die aus den letzten
+Flammenspitzen eines nicht verdienten Fegefeuers scheidet und sich nach
+dem Himmel sehnend erhebt.« Der Graf Werthern war nämlich ein
+hocharistokratischer Sonderling, zuzeiten verschwenderisch, zuzeiten
+geizig wie ein Filz. Er hatte eine seltsame, spanisch zeremonielle
+Hausordnung eingeführt; kamen vornehme Gäste, so ließ er Bauernjungen,
+die als Neger geschwärzt und kostümiert waren, bei Tisch aufwarten. Die
+Gräfin war zwar eine kleine Dame, hatte aber die größten Manieren, und
+Goethe gestand, daß er alles, was er von Welt besaß, von ihr gelernt
+hatte.
+
+Der Herzog gab sehr viel Geld für Jagd und Tafelfreuden aus, und oft
+finden sich unwillige Äußerungen Goethes über die Schmarotzer bei Hof
+und ihre Unersättlichkeit. In einem Brief an Knebel heißt es: »Selbst
+der Bauersmann, der der Erde das Notdürftige abfordert, hätte ein
+behaglich Auskommen, wenn er nur für sich schwitzte. Du weißt aber, wenn
+die Blattläuse auf den Rosen sitzen und sich hübsch dick und grün
+gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen ihnen den filtrierten
+Saft aus den Leibern, und so geht's weiter, und wir haben's so weit
+gebracht, daß oben immer an einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in
+einem beigebracht werden kann.«
+
+So großmütig und freigebig der Herzog sein konnte, so fehlten ihm doch
+häufig die Mittel, um diejenigen, die der Hilfe würdig waren, in
+würdiger Weise von Not zu befreien; deshalb mußte auch Schiller am Hof
+zu Weimar ein gar trauriges und bedrücktes Leben führen. Es war nicht so
+viel Geld für ihn da wie für irgendeinen Kammerjunker, und wie
+Beethoven durch englisches, wurde Schiller schließlich durch dänisches
+Geld der schlimmsten Sorgen überhoben. Um Charlotte Lengefeld heiraten
+zu können mußte er sich um die Professur in Jena bewerben, die
+zweihundert Taler trug, aber Schiller war von so edler und vornehmer
+Art, daß er dem Herzog selbst für das Wenige, das er für ihn tat oder
+tun konnte, Dankbarkeit bewahrte. Karl Augusts Finanzen waren eben zeit
+seines Lebens in Unordnung. Fast unmöglich hielt es, ihn zu gewöhnen,
+daß er seine Ausgaben in das richtige Verhältnis zu seinen Einnahmen
+setzte. In späteren Jahren machte er alle seine Geschäfte mit
+Rothschild; wenn er in Geldverlegenheit war, ließ er seinen Wagen
+anspannen und fuhr nach Frankfurt.
+
+Sonderbar waren in ihm die Eigenschaften gemischt, leichter Sinn und
+burschikose Laune, und dann wieder sittlicher Ernst und Tiefe des
+Gemüts. Von diesem Ernst und dieser Tiefe legt ein überaus herrlicher
+Brief Zeugnis ab, den er am 4. Oktober 1781 an Knebel schrieb. Als der
+Prinz Konstantin mit dem Mathematiker und Physiker Albrecht auf Reisen
+ging, war Knebel, der bisher der Erzieher des Prinzen gewesen war,
+pensioniert worden. Im Unmut darüber hatte er den Plan gefaßt, wieder in
+preußische Dienste zu treten; von diesem Entschluß brachte ihn der
+Herzog durch folgenden Brief ab.
+
+»Sind denn die, die sich Deiner Freundschaft, Deines Umgangs freuen, so
+sklavisch, so sinnlicher Bedürfnisse voll, daß Du nur durch Graben,
+Hacken, Ausmisten und Aktenverschmieren ihnen nützen kannst? Ist denn
+das Rezeptakulum ihrer Seelen so gering, daß Du nirgends ein Plätzchen
+findest, wo Du irgend etwas von dem, was die Deine Schönes, Gutes und
+Großes, die innere Existenz der Edlen bessernd und veredelnd, gesammelt
+hat, ausfüllen kannst? Sind wir denn so hungrig, daß Du für unser Brot,
+so furchtsam und unstet, daß Du für unsere Sicherheit arbeiten mußt?
+Sind wir nicht mehrerer Freuden als der des Tisches und der der Ruhe
+fähig, können wir keinen Genuß finden, wenn Du, von dem Schmutz und dem
+Gestank des Weltgetriebes Reiner, Deine volle Zeit zur Schmückung des
+Geistes anwendend, uns, die wir nicht Zeit zum Sammeln haben, den Strauß
+von den Blumen des Lebens gebunden vorhältst? Sind unsre Klüfte so
+quellenlos, daß wir nicht eines schönen Brunnens brauchen, uns selbst
+unsrer Ausflüsse freuend, wenn sie schön in demselben aufgefaßt sind?
+Sind wir bloß zu Ambossen der Zeit und des Schicksals gut genug, und
+können wir nichts neben uns leiden als Klötze, die uns gleichen und nur
+von harter, anhaltender Masse sind? Ist's denn ein so geringes Los, die
+Hebamme guter Gedanken und in der Mutter zusammengelegter Begriffe zu
+sein? Ist das Kind dieser Wohltäterin fast nicht ebenso sehr sein Dasein
+schuldig als der Mutter, die es gebar? Die Seelen der Menschen sind wie
+immer gepflügtes Land; ist's erniedrigend, der vorsichtige Gärtner zu
+sein, der seine Zeit damit zubringt, aus fremden Landen Sämereien holen
+zu lassen, sie auszulesen und zu säen? Muß er nicht etwa daneben auch
+das Schmiedehandwerk treiben, um seine Existenz recht auszufüllen? Bist
+Du nun so im Bösen, so über Dich selbst erblindet, daß Du Dir einbilden
+könntest, Du habest uns nie dergleichen Nutzen verschafft, und achtest
+Du uns gering genug, daß Du glauben könntest, wir würden Dich so lieben
+wie wir tun, wärest Du uns hierin unnütz und überflüssig oder
+entbehrlich gewesen? Willst Du nun dieses schöne Geschäft, diese würdige
+Laufbahn aufgeben, alle eingewachsenen Bande ausreißen, gleich einem
+Anfänger eine neue Existenz ergreifen und Dich, Gott weiß wohin, unter
+Menschen, die Dich nichts mehr angehen und mit denen Du kein reines und
+Dir gewohntes Verhältnis hast, hinwerfen? Neuen Anteil ergreifen oder
+Dir machen, mehr Gute, mehr Böse kennen lernen, sehen, wie die
+Abscheulichkeiten so überall zu Hause, das Gute überall so befleckt ist?
+Und warum? Um etwa einigen Kanzlistenseelen aus dem Wege zu gehen, die
+Dir Deine Semmel, die Du mehr hast als sie, beneiden, weil Du nicht
+gleich ihnen Maultierhandwerk treibst? Und wohin willst Du Dich
+flüchten? Nimmst Du nicht überall Deine paar Semmeln mit, die Du mehr
+und leichter hast als andere? Sind nicht überall Knechte, die es
+entbehren und Dich darum beneiden werden? Wirst Du deren Neid besser
+aushalten? Dich, weil Du dort ein paar Monate fremd bist, von ihnen mehr
+geachtet halten, als Du es hier sein möchtest? Siehst Du etwas
+Erreichbares vor Dir, das Dir das, was Du entbehrst, ersetze? Ist dieses
+Erreichbare so gewiß? Schlägt's fehl, kann es Deine Existenz dann
+ertragen, immer neue Zwecke zu machen, oft abgeschlagen zu werden und
+so herumzuirren? Willst Du also das Beständige für das Unbeständige
+hingeben? Laß uns die Sache nicht so feierlich nehmen und das Übel nicht
+für so unheilbar halten. Ist's Deiner Natur gut, sich zu verändern, so
+reise. Warum sich immer ersäufen wollen, wenn's mit einem schönen Bade
+getan ist?«
+
+Es ging damals eine wohltätige Umwandlung mit dem Herzog vor; gleich
+Goethe gab er sich mehr und mehr dem Studium der Natur hin, um 1784
+schrieb er an Knebel: »Die Naturwissenschaft ist so menschlich, so wahr,
+daß ich jedem Glück wünsche, der sich ihr auch nur etwas ergibt ... Sie
+beweist und lehrt so bündig, daß das Größte, das Geheimnisvollste, das
+Zauberhafteste so ordentlich, einfach, öffentlich, unmagisch zugeht; sie
+muß doch endlich die armen unwissenden Menschen von dem Durst nach dem
+Außerordentlichen heilen, da sie ihnen zeigt, daß das Außerordentliche
+so nahe, so deutlich, so unaußerordentlich, so bestimmt nahe ist.«
+
+Das Jahr 1789 brachte auch für den Weimarer Hof Veränderungen mit sich,
+besonders im Hinblick auf sparsamere Wirtschaft. Herder schreibt an
+Knebel: »Der Hof ist wieder hier und die Tafel an demselben abgeschafft.
+Die Herren Mitesser bekommen Kostgeld, die Damen speisen mit dem
+fürstlichen Ehepaar auf des Herzogs Zimmer, und jedesmal wird ein
+Fremder dazu gebeten. Sie können denken, was die Hofdamen dazu sagen,
+und es ist unbegreiflich, daß sie nicht schon aus Furcht vor zukünftiger
+langen Weile zum voraus verschmachten.«
+
+Über die französische Revolution äußerte sich der Herzog am 13. Januar
+1793, eine Woche vor der Hinrichtung Ludwigs XVI., wie folgt: »Wer die
+Franzosen in der Nähe sieht, muß einen wahren Ekel für sie fassen; sie
+sind alle sehr unterrichtet, aber jede Spur eines moralischen Gefühls
+ist bei ihnen ausgelöscht ... Der Mensch war nie, die Zone, unter der er
+lebte, mag sein wie sie wolle, er war nie, sage ich, zur
+Treibhauspflanze bestimmt. Sobald er diese Kultur erhält, geht er
+zugrunde; auch beurteilt man die Franzosen falsch, wenn man glaubt, ihre
+Reife habe sie auf den jetzigen Punkt gebracht. Eines unterdrückte das
+andere im Reich, und nun unterdrücken die Unterdrücker selbst ihre alten
+Beherrscher, weil diese nachlässig und stupid waren. Nicht das mindeste
+Moralische liegt dabei zum Grunde, sondern man hat jetzt eine Art
+Moralität oder eine philosophische Zunft zum Werkzeug gebraucht.«
+
+Die Abneigung Karl Augusts gegen die Franzosen hatte ihre Ursache darin,
+daß er sich ihnen gegenüber ganz und gar als Deutscher fühlte. Karoline
+von Wolzogen schrieb darüber einmal an Schiller: »Ich dankte auch dem
+Himmel beim Lesen des Mirabeau, daß alles, was mir lieb ist, nichts mit
+der Politik zu tun hat. An wie armseligen Fäden hängen diese
+Weltbegebenheiten! Es muß ein unsichtbares Gewebe das Menschengeschlecht
+umstricken und so zusammenhalten wie es hält; was diese Menschen dabei
+zu tun wähnen, kann nicht viel sein. So klein und eng sind sie, keine
+Spur eines bessern Wesens, das sich selbst an die allgemeine
+Glückseligkeit hingäbe, jeder denkt nur an einen bequemen Platz für
+sich, um darauf zuzusehen; sie haben nicht einmal die Energie, um
+herrschen zu wollen. Des Mirabeau Nationalstolz ist kindisch und
+ärgerlich, man könnte aus Depit deutsch sein wollen, wie der Tempelherr
+im Nathan Christ sein wollte, wenn man anders mit ihm zu tun hätte,
+glaub ich. Ich will dem Herzog von Weimar wohl darum, daß er Mirabeau
+übel begegnet hat.«
+
+Im übrigen wurde das stille Weimar durch die großen Weltereignisse wenig
+berührt. Der Herzog, der zu Goethes Mißvergnügen eine wachsende
+Kriegslust an den Tag gelegt hatte, nahm 1794 an dem Feldzug in der
+Champagne teil; Goethe begleitete ihn, und wie man weiß, hat er dieses
+kriegerische Zwischenspiel wahr und meisterlich beschrieben. Es war in
+Karl August ein unstillbarer Drang, sich zu betätigen und auszuleben. So
+liebte er auch in seinen Herzensbeziehungen die Abwechslung. Als die
+Leidenschaft zur Gräfin Werthern vorüber war, wurde die reizende
+Sängerin und Schauspielerin Caroline Jagemann seine Favoritin. Für sie
+schrieb Goethe die Eugenie in der natürlichen Tochter. Sie war sehr
+schön und sehr ehrgeizig und stand den Werbungen Karl Augusts anfangs
+kühl gegenüber, denn eben ihres künstlerischen Ehrgeizes wegen hatte es
+nichts Verlockendes für sie, in einer kleinen Stadt und an einer kleinen
+Bühne die Mätresse eines Herzogs zu sein. Ihr Widerstreben steigerte die
+Leidenschaft Karl Augusts bis zur Verzweiflung. Endlich gab sie nach;
+sie blieb beim Theater, wurde aber zur Frau von Heygendorff erhoben. Es
+wird berichtet, daß sie noch in ihrem hohen Alter, als schon graue
+Locken das Gesicht umrahmten, von bezauberndem Reiz gewesen sei,
+besonders habe ihre Stimme etwas unvergleichlich Angenehmes gehabt.
+Frisch an Körper und Geist, war sie dem Herzog wie zugeschaffen, seinem
+innersten Bedürfnis entsprechend, selbst ihre Art sich auszudrücken war
+der seinen gemäß. Ihr Einfluß war groß und dauerte bis zum Tode des
+Herzogs. Ihre Hauptfeindin am Hof war die Gemahlin des Erbprinzen, die
+russische Großfürstin Marie, und es kam wohl vor, daß sie im Gefühl
+ihrer Überlegenheit diese der Zarentochter zu fühlen gab. Einmal hatte
+die Erbprinzessin bei einem Gang durch den Park ihre Freude an einer
+schönen Baumpartie ausgesprochen; als sie nach ein paar Tagen wieder
+vorüber kam, waren die schönen Bäume abgehauen. Frau von Heygendorff
+hatte den Herzog bestimmt, hierzu den Befehl zu geben. Weil Karl August
+fürchtete, daß seiner geliebten Freundin nach seinem Tod ein übles
+Schicksal widerfahren könnte, hatte er seinen Adjutanten unterwiesen,
+für den Fall, daß er außerhalb Weimars sterben sollte, den Kurier mit
+der Todesnachricht zuallererst zu Frau von Heygendorff zu schicken.
+Dieser Fall trat auch ein, und dem Befehl wurde buchstäblich Folge
+geleistet. Als die fürstliche Familie die Kunde von dem Tod des Herzogs
+bekam, hatte Frau von Heygendorff bereits ihren Wagen anspannen lassen
+und befand sich auf der Fahrt nach Mannheim, wo sie vordem, bei Iffland,
+ihre Ausbildung genossen hatte.
+
+Karl August hatte auch für die Literatur der #Ars amandi# viel übrig
+und legte sich eine #Bibliotheca erotica# an, welche die seltensten
+Exemplare der Gattung enthielt. Er schenkte sie später seiner guten
+Freundin, der Gräfin Henckel, die sich sehr für das geheime Fach
+interessierte.
+
+Die Verheiratung des Erbprinzen mit der Großfürstin veränderte alle
+Lebensverhältnisse in Weimar. »Sie können kaum einen Begriff haben von
+dem Glanz, der uns neuerlich umgibt,« schreibt Fräulein von Göchhausen
+im September 1804, »der Herzog ist mit drei russischen ganz von Juwelen
+strahlenden Orden geziert. Meine gute Fürstin strahlt nicht weniger ...
+Überhaupt reden wir jetzt von Gold, Silber und Edelsteinen wie sonst von
+Quarz, Gneis und Glimmer. Die wilden Völker, die noch mehr dergleichen
+bringen sollen, werden in diesen Tagen erwartet.« Die wilden Völker, das
+waren die Russen. Zwei Monate später schreibt das Fräulein: »Der Einzug
+war prächtig durch die unglaubliche Volksmenge, die in geordneten Wagen,
+zu Pferd und zu Fuß festlich entgegenwallten ... Es erschien alles ruhig
+und würdig, ich möchte es die frohe Teilnahme eines gebildeten Volks
+nennen. Am Montag kam die Großfürstin zum erstenmal ins Theater. Sie
+können sich den klatschenden Jubel kaum denken. Ein Vorspiel von
+Schiller wurde gegeben, hierauf folgte Mitridat. Diese Prinzessin ist
+ein Engel an Geist, Güte und Liebenswürdigkeit; auch habe ich noch nie
+in Weimar einen solchen Einklang aus allen Herzen über alle Zungen
+ergehen hören, als seit sie der Gegenstand aller Gespräche geworden.
+Sie tut wirklich Wunder; auch unser Vater Wieland ist begeistert und
+macht wieder Verse.«
+
+Ein Jahr später kam der Kaiser Alexander nach Weimar zum Besuch seiner
+Schwester. Er wurde sehr gefeiert und bezauberte jedermann. Nach seiner
+Abreise schrieb Fräulein von Göchhausen an Böttiger: »Nächst dem
+Andenken im Herzen an den liebenswürdigen Kaiser hinterließ er auch
+blitzende Andenken in edlen Steinen. Sogar alle Hofdamen, worunter meine
+Wenigkeit sich auch befindet, erhielten reiche Geschenke an blitzenden
+Halsbändern, Kämmen und Gürtelschnallen. Der Kaiser, #le comte du Nord,#
+schickte Visitenkarten an die Damen vom ersten Rang und auch an Wieland.
+Künftigen Donnerstag kommt das erste preußische Regiment hier an; bald
+wird es wie in Wallensteins Lager hier aussehen. Unser Ländchen fühlt
+die schützende Nachbarschaft schwer. Die aufzubringenden
+Getreidelieferungen und die ins Land kommenden sechs- bis achttausend
+Mann lassen uns ängstliche Blicke in die Zukunft tun.«
+
+Während der Einquartierung unterhielten sich einmal einige preußische
+Offiziere in einem Weinhaus über die Wohnungen, die sie gefunden hatten.
+Ein alter, dickbäuchiger Major sagte: »Ich stehe da bei einem gewissen
+Gothe oder Goethe, weiß der Teufel, wie der Kerl heißt.« Man machte ihn
+aufmerksam, es sei der berühmte Dichter Goethe, wo er stehe, da
+antwortete er: »Kann sein, ja ja, nu nu, das kann wohl sein, ich habe
+dem Kerl auf den Zahn gefühlt, und er scheint mir Mucken im Kopfe zu
+haben.«
+
+Es kam nun die furchtbare Katastrophe der Schlacht von Jena und
+Auerstädt. Am 4. Oktober fuhren der König und die Königin von Preußen
+auf dem Wege nach Erfurt durch Weimar. Der Herzog befand sich bei dem
+preußischen Heere, das sein Oheim, der Herzog von Braunschweig,
+kommandierte. Die Herzogin-Mutter Amalie war nach Eutin geflohen, und in
+Weimar blieb nur die Herzogin Luise. Schon am Abend des Schlachttags
+trafen die gefürchteten Chasseurs ein, in der Nacht brach Feuer in der
+Nähe des Schlosses aus. Die Stadt wurde von den Franzosen drei Tage lang
+geplündert, manche Familie verlor Hab und Gut. Da sich Napoleon sehr
+ungehalten darüber zeigte, daß der Herzog von seiner Residenz abwesend
+und bei der preußischen Armee war, wurden zwei seiner treuesten Diener,
+der Oberforstmeister von Stein und der Leutnant von Seebach,
+abgeschickt, ihn zu suchen und zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Ihr
+Unternehmen blieb ohne Erfolg, und in der Not verfiel man auf den jungen
+Regierungsrat Müller und betraute ihn mit der schwierigen Aufgabe, den
+Herzog vom Heeresdienst abzurufen und heimzuholen. Nach vielen
+Abenteuern und Irrfahrten traf Müller den Herzog in Berlin, aber Karl
+August war durchaus nicht geneigt, den gewünschten Fußfall vor dem
+Kaiser zu tun. Napoleon, obwohl höchst ungnädig gegen den Herzog
+gestimmt, ließ ihn doch nicht fallen und verwirklichte keine seiner
+Drohungen, denn er brauchte ihn zur Vermittlung beim Kaiser Alexander.
+Das kleine Land aber wurde durch die Kriegskontributionen in schwere
+Drangsale gestürzt, und nicht immer gelang es dem klugen und
+diplomatisch geschickten Friedrich von Müller, das größte Elend
+abzuwenden. Die Unnachgiebigkeit Karl Augusts, der es immer wieder
+verweigerte, vor Napoleon in Audienz zu erscheinen, trug auch nicht dazu
+bei, den Kaiser milder zu stimmen, wenngleich er der Herzogin Luise
+gegenüber eine große, vielleicht empfundene Hochschätzung an den Tag
+legte.
+
+An den Festlichkeiten des Kongresses zu Erfurt nahm auch Weimar seinen
+Anteil. Napoleon hatte gewünscht, dem Kaiser Alexander das Schlachtfeld
+von Jena zu zeigen; dazu sollte eine große Jagd am Ettersberg und auf
+den Hügeln gegen Jena hin dienen. Friedrich von Müller berichtet darüber
+in seinen Memoiren:
+
+»Am 6. Oktober war der Weg von Erfurt nach dem Ettersberg von früh an
+mit unzähligen Wagen, Reitern und Fußgängern bedeckt. Es war der
+schönste, klarste Herbsttag, kein Wölkchen am ganzen Himmel. In der
+Nacht vorher waren mehrere hundert Hirsche und Rehe aus dem Ettersburger
+Walde gegen einen großen freien Rasenplatz zusammengetrieben und umzäunt
+worden. In der Mitte dieses freien Platzes hatte man einen ungeheuren
+Jagdpavillon errichtet, 450 Schritte lang und 50 Schritte breit, mit
+drei Abteilungen, wovon die mittlere für die beiden Kaiser und für die
+Könige bestimmt war. Der Pavillon ruhte auf mit Blumen und Zweigen
+umschmückten Säulen. Dicht dabei sah man große, freistehende Balkone,
+von denen bequem das Ganze überschaut werden konnte. Ringsumher liefen
+Buden und Zelte mit Erfrischungen. An der Waldgrenze gruppierten sich
+um große Feuer zur Bereitung von warmen Speisen und Getränken eine
+Unzahl von Landleuten, die das Zusammentreiben des Wildes die ganze
+Nacht hindurch ermüdet hatte. Dazwischen ertönten muntere Jagdhörner und
+Gesänge. Die Monarchen, an der Landesgrenze von dem Herzog und der
+ganzen Jägerei zu Pferde empfangen, langten mit ihrem Gefolge unter dem
+Schalle der Jagdfanfaren gegen ein Uhr mittags an. Nun wurde in
+einzelnen Abteilungen das Wild aus dem umzäunten Walde heraus und so
+getrieben, daß es am großen Pavillon in Schußweite vorüber mußte.
+Napoleon ergötzte sich ungemein an diesem Schauspiel und schien
+überhaupt sehr vergnügt. Um vier Uhr endigte die Jagd; nicht der
+geringste Unfall hatte sie getrübt. Ich war in Erfurt zurückgeblieben
+und beauftragt, dem Kaiser Napoleon noch vor seiner Abfahrt aufzuwarten,
+worauf ich mich eiligst nach Weimar verfügen sollte. Es war fünf Uhr,
+als die Monarchen unter dem Geläute aller Glocken in Weimar einzogen.
+Wie Napoleon sich in die für ihn bereiteten Zimmer begab, war ich
+zufällig der erste, auf den seine Blicke im Vorzimmer trafen. Er ging
+sehr freundlich auf mich zu, tat mir mehrere Fragen, und ich mußte ihm
+einige umstehende, ihm noch nicht bekannte Personen vorstellen. Eine
+Stunde darauf ging es zur kaiserlichen Tafel. Unfern davon war in einer
+großen Galerie die Marschallstafel von mehr als hundertfünfzig Personen
+bereitet. Ich hatte dem Minister, Staatssekretär Maret und dem
+Marschall Soult die Honneurs zu machen, bei denen ich saß. Aber wir
+waren noch kaum bis zur Hälfte des Diners gekommen, als gemeldet wurde,
+daß die Monarchen im Begriff seien, sich von ihrer Tafel zu erheben. Nun
+strömte alles dahin. Napoleon liebte bekanntlich sehr rasch zu speisen,
+doch hatte er sich dabei lebhaft mit seiner Nachbarin, der Herzogin von
+Weimar unterhalten. Nach kurzer Pause fuhr man in das Theater, wohin der
+Wagen der beiden Kaiser von weimarischen Husaren eskortiert wurde. Vor
+dem Schlosse stand ein sechzig Fuß hoher Obelisk, geschmackvoll
+erleuchtet, auf dessen Spitze eine helle Flamme loderte. Das ganze
+Schloß und seine Umgebungen sowie alle Straßen bis zum Schauspielhause
+waren illuminiert, die innere Einrichtung und Verteilung der Sitze im
+Theater ganz wie die zu Erfurt. Die französischen Schauspieler führten,
+wie ich schon oben erwähnt, #La mort de César# von Voltaire auf.
+Unbeschreiblich war der Eindruck. Talma als Brutus übertraf sich selbst.
+Bei der Stelle am Schlusse des ersten Aktes, wo Cäsar dem Antonius, der
+ihn vor den Senatoren warnt, antwortet:
+
+ #»Je les aurais punis, si je les pouvais craindre;
+ Ne me conseillez point de me faire hair.
+ Je sais combattre, vaincre et ne sais point punir,
+ Allons, n'écoutons point ni soupçons ni vengeance,
+ Sur l'univers soumis régnons sans violence,«#
+
+war es, als ob ein elektrischer Funke mächtig alle Zuschauer
+durchzuckte.
+
+»Hatte die Aufführung des Trauerspiels #La mort de César# immerhin
+etwas seltsam Ominöses gehabt, so mußte es auf diejenigen, die diesen
+Abend miterlebt hatten, noch lange nachher einen erschütternden Eindruck
+machen, als sie erfuhren, wie wenig gefehlt hatte, daß diese Aufführung
+wirklich zum größten Trauerspiel der neueren Weltgeschichte geworden
+wäre. Es hatte sich nämlich eine kleine Anzahl verwegener preußischer
+Offiziere, das Unglück und den trostlosen Zustand ihres Vaterlandes tief
+empfindend und von glühendem Haß gegen dessen Unterdrücker erfüllt,
+verschworen, den Kaiser Napoleon bei seinem Heraustreten aus dem Theater
+zu erschießen. Sie hatten die Lokalität aufs genaueste erkundet,
+Voranstalten zu ihrer eiligen Flucht nach vollbrachter Tat getroffen und
+sich zum größten Teil in Weimar unbemerkt versammelt, als noch im
+letzten Moment einer der Mitverschworenen ausblieb. Sei es, daß dieser
+Umstand die übrigen abschreckte, oder daß sie Reue empfanden, genug, das
+Vorhaben unterblieb. Welche Verwirrung, welche Greuel das Gelingen so
+grausiger Tat unmittelbar und zunächst für Weimar nach sich gezogen
+hätte, ist kaum zu ermessen.«
+
+Die Befreiung Deutschlands wäre durch einen Pistolenschuß erfolgt; die
+Hunderttausende von Opfern der nächsten Kriegsjahre hätten nicht
+geblutet, aber es hätte auch kein 1813, keine Erhebung des ganzen Volks
+gegeben, und so sehen wir wieder das Schicksal abseits von dem Willen
+der Menschen seinen ehernen Weg gehen.
+
+Karl August trat mit den übrigen Fürsten des ernestinischen Hauses dem
+Rheinbund bei. 1815 besuchte er den Wiener Kongreß persönlich. Graf
+Nostiz notiert über ihn in seinem Tagebuch: »Der alte Herzog von Weimar
+lebt so burschikos fort, wie er es immer getrieben. Die Welt gefällt
+ihm, und er ist ihr immer durch Lebenslust verbunden, wenn auch die
+Jahre seine Beweglichkeit schwächen.«
+
+Er trat als erster Großherzog zum deutschen Bund. 1825 feierte er sein
+fünfzigjähriges Regierungsjubiläum und seine goldene Hochzeit. Im Mai
+1827 hatte sich seine Enkelin mit dem Prinzen Karl von Preußen
+verheiratet, im Frühjahr darauf reiste Karl August zum Besuche des
+jungen Paares nach Berlin, und auf der Rückreise starb er auf dem Gestüt
+zu Graditz bei Torgau am 14. Juli 1828, 71 Jahre alt. Er ward beigesetzt
+in der Fürstengruft auf dem Friedhof der Jakobskirche zu Weimar, wohin
+er wenige Monate früher Schillers sterbliche Reste hatte bringen lassen
+und wo vier Jahre später auch Goethe begraben wurde.
+
+Die letzten Tage vor seinem Tode hatte er in fast beständiger
+Gesellschaft Alexanders von Humboldt verbracht, und Humboldt beschrieb
+diese Tage in einem Brief an den Kanzler Müller, der seinerseits wieder
+Goethe davon Mitteilung machte. In dem unvergleichlich schönen Gespräch,
+das Eckermann unterm 23. Oktober 1828 aufzeichnet, ist darüber eingehend
+zu lesen, und es möge, auch wegen des profunden und ewig gültigen
+Urteils, das Goethe über seinen Herzog fällt, zum Abschluß hier folgen.
+
+»Es war nicht ohne höhere günstige Einwirkung,« sagt Goethe, »daß einer
+der größten Fürsten, die Deutschland je besessen, einen Mann wie
+Humboldt zum Zeugen seiner letzten Tage und Stunden hatte. Ich habe mir
+von seinem Brief eine Abschrift nehmen lassen und will Ihnen doch
+einiges daraus mitteilen.«
+
+Goethe stand auf und ging zu seinem Pult, wo er den Brief nahm und sich
+wieder zu mir an den Tisch setzte. Er las eine Weile im stillen. Ich sah
+Tränen in seinen Augen. »Lesen Sie es für sich,« sagte er dann, indem er
+mir den Brief zureichte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab,
+während ich las.
+
+»Wer konnte mehr durch das schnelle Hinscheiden des Verewigten
+erschüttert werden,« schreibt Humboldt, »als ich, den er seit dreißig
+Jahren mit so wohlwollender Auszeichnung, ich darf sagen, mit so
+aufrichtiger Vorliebe behandelt hatte. Auch hier wollte er mich fast zu
+jeder Stunde um sich haben; und, als sei eine solche Luzidität wie bei
+den erhabenen schneebedeckten Alpen der Vorbote des scheidenden Lichtes,
+nie habe ich den großen, menschlichen Fürsten lebendiger, geistreicher,
+milder und an aller ferneren Entwicklung des Volkslebens teilnehmender
+gesehen als in den letzten Tagen, die wir ihn hier besaßen.
+
+Ich sagte mehrmals zu meinen Freunden ahnungsvoll und beängstigt, daß
+diese Lebendigkeit, diese geheimnisvolle Klarheit des Geistes, bei so
+viel körperlicher Schwäche, mir ein schreckhaftes Phänomen sei. Er
+selbst oszillierte sichtbar zwischen Hoffnung der Genesung und
+Erwartung der großen Katastrophe.
+
+Als ich ihn vierundzwanzig Stunden vor dieser sah, beim Frühstück, krank
+und ohne Neigung, etwas zu genießen, fragte er noch lebendig nach den
+von Schweden herübergekommenen Granitgeschieben baltischer Länder, nach
+Kometschweifen, welche sich unsrer Atmosphäre trübend einmischen
+könnten, nach der Ursache der großen Winterkälte an allen östlichen
+Küsten.
+
+Als ich ihn zuletzt sah, drückte er mir zum Abschied die Hand mit den
+heiteren Worten: 'Sie glauben, Humboldt, Töplitz und alle warmen Quellen
+seien wie Wasser, die man künstlich erwärmt? Das ist nicht Küchenfeuer!
+Darüber streiten wir in Töplitz, wenn Sie mit dem Könige kommen. Sie
+sollen sehen, Ihr altes Küchenfeuer wird mich doch noch einmal
+zusammenhalten.' Sonderbar! Denn alles wird bedeutend bei so einem
+Manne.
+
+In Potsdam saß ich mehrere Stunden allein mit ihm auf dem Kanapee; er
+trank und schlief abwechselnd, trank wieder, stand auf, um an seine
+Gemahlin zu schreiben, dann schlief er wieder. Er war heiter, aber sehr
+erschöpft. In den Intervallen bedrängte er mich mit den schwierigsten
+Fragen: über Physik, Astronomie, Meteorologie und Geognosie, über
+Durchsichtigkeit eines Kometenkerns, über Mondatmosphäre, über die
+farbigen Doppelsterne, über Einfluß der Sonnenflecke auf Temperatur,
+Erscheinen der organischen Formen in der Urwelt, innere Erdwärme. Er
+schlief mitten in seiner und meiner Rede ein, wurde oft unruhig und
+sagte dann, über seine scheinbare Unaufmerksamkeit milde und freundlich
+um Verzeihung bittend: 'Sie sehen, Humboldt, es ist aus mit mir!'
+
+Auf einmal ging er desultorisch in religiöse Gespräche über. Er klagte
+über den einreißenden Pietismus und den Zusammenhang dieser Schwärmerei
+mit politischen Tendenzen nach Absolutismus und Niederschlagen aller
+freieren Geistesregungen. 'Dazu sind es unwahre, Bursche,' rief er aus,
+'die sich dadurch den Fürsten angenehm zu machen glauben, um Stellen und
+Bänder zu erhalten! -- Mit der poetischen Vorliebe zum Mittelalter haben
+sie sich eingeschlichen.'
+
+Bald legte sich sein Zorn und er sagte, wie er jetzt viel Tröstliches in
+der christlichen Religion finde. 'Das ist eine menschenfreundliche
+Lehre,' sagte er, 'aber von Anfang an hat man sie verunstaltet. Die
+ersten Christen waren die Freigesinnten unter den Ultras.'«
+
+Ich gab Goethe über diesen herrlichen Brief meine innige Freude zu
+erkennen. »Sie sehen,« sagte Goethe, »was für ein bedeutender Mensch er
+war. Aber wie gut ist es von Humboldt, daß er diese wenigen letzten Züge
+aufgefaßt, die wirklich als Symbol gelten können, worin die ganze Natur
+des vorzüglichen Fürsten sich spiegelt. Ja, so war er! -- Ich kann es am
+besten sagen, denn es kannte ihn im Grunde niemand so durch und durch
+wie ich selber. Ist es aber nicht ein Jammer, daß kein Unterschied ist
+und daß auch ein solcher Mensch so früh dahin muß! -- Nur ein lumpiges
+Jahrhundert länger, und wie würde er an so hoher Stelle seine Zeit
+vorwärts gebracht haben! -- Aber wissen Sie was? Die Welt soll nicht so
+rasch zum Ziele, als wir denken und wünschen. Immer sind die
+retardierenden Dämonen da, die überall dazwischen und überall
+entgegentreten, so daß es zwar im ganzen vorwärts geht, aber sehr
+langsam. Leben Sie nur fort und Sie werden schon finden, daß ich recht
+habe.«
+
+Die Entwicklung der Menschheit scheint auf Jahrtausende angelegt, sagte
+ich.
+
+»Wer weiß,« erwiderte Goethe, »-- vielleicht auf Millionen! Aber laß die
+Menschheit dauern, so lange sie will, es wird ihr nie an Hindernissen
+fehlen, die ihr zu schaffen machen, und nie an allerlei Not, damit sie
+ihre Kräfte entwickle. Klüger und einsichtiger wird sie werden, aber
+besser, glücklicher und tatkräftiger nicht, oder doch nur auf Epochen.
+Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an ihr hat und er
+abermals alles zusammenschlagen muß zu einer verjüngten Schöpfung. Ich
+bin gewiß, es ist alles danach angelegt und es steht in der fernen
+Zukunft schon Zeit und Stunde fest, wann die Verjüngungsepoche eintritt.
+Aber bis dahin hat es sicher noch gute Weile, und wir können noch
+Jahrtausende und aber Jahrtausende auf dieser lieben, alten Fläche, wie
+sie ist, allerlei Spaß haben.«
+
+Goethe war in besonders guter erhöhter Stimmung. Er ließ eine Flasche
+Wein kommen, wovon er sich und mir einschenkte. Unser Gespräch ging
+wieder auf den Großherzog Karl August zurück.
+
+»Sie sehen,« sagte Goethe, »wie sein außerordentlicher Geist das ganze
+Reich der Natur umfaßte. Physik, Astronomie, Geognosie, Meteorologie,
+Pflanzen- und Tierformen der Umwelt und was sonst dazu gehört, er hatte
+für alles Sinn und für alles Interesse. Er war achtzehn Jahre alt, als
+ich nach Weimar kam; aber schon damals zeigten seine Keime und Knospen,
+was einst der Baum sein würde. Er schloß sich bald auf das innigste an
+mich an und nahm an allem, was ich trieb, gründlichen Anteil. Daß ich
+fast zehn Jahre älter war als er, kam unserm Verhältnis zugute. Er saß
+ganze Abende bei mir in tiefen Gesprächen über Gegenstände der Kunst und
+Natur und was sonst allerlei Gutes vorkam. Wir saßen oft tief in die
+Nacht hinein, und es war nicht selten, daß wir nebeneinander auf meinem
+Sofa einschliefen. Fünfzig Jahre haben wir es miteinander fort
+getrieben, und es wäre kein Wunder, wenn wir es endlich zu etwas
+gebracht hätten.«
+
+Eine so gründliche Bildung, sagte ich, wie sie der Großherzog gehabt zu
+haben scheint, mag bei fürstlichen Personen selten vorkommen.
+
+»Sehr selten,« erwiderte Goethe. »Es gibt zwar viele, die fähig sind,
+über alles sehr geschickt mitzureden; aber sie haben es nicht im Innern
+und krabbeln nur an den Oberflächen. Und es ist kein Wunder, wenn man
+die entsetzlichen Zerstreuungen und Zerstückelungen bedenkt, die das
+Hofleben mit sich führt und denen ein junger Fürst ausgesetzt ist. Von
+allem soll er Notiz nehmen. Er soll ein bißchen Das kennen und ein
+bißchen Das, und dann ein bißchen Das und wieder ein bißchen Das. Dabei
+kann sich aber nichts setzen und Wurzel schlagen, und es gehört der
+Fonds einer gewaltigen Natur dazu, um bei solchen Anforderungen nicht in
+Rauch aufzugehen. Der Großherzog war freilich ein geborener großer
+Mensch, womit alles gesagt und alles getan ist.«
+
+Bei allen seinen höheren wissenschaftlichen und geistigen Richtungen,
+sagte ich, scheint er doch auch das Regieren verstanden zu haben.
+
+»Es war ein Mensch aus dem Ganzen,« erwiderte Goethe, »und es kam bei
+ihm alles aus einer einzigen großen Quelle. Und wie das Ganze gut war,
+so war das Einzelne gut, er mochte tun und treiben, was er wollte.
+Übrigens kamen ihm zur Führung des Regiments besonders drei Dinge
+zustatten. Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden
+und jeden an seinen Platz zu stellen. Das war sehr viel. Dann hatte er
+noch etwas, was ebensoviel war, wo nicht noch mehr: Er war beseelt von
+dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe und wollte mit
+ganzer Seele nur das Beste. Er dachte immer zuerst an das Glück des
+Landes und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber. Edlen Menschen
+entgegenzukommen, gute Zwecke befördern zu helfen war seine Hand immer
+bereit und offen. Es war in ihm viel Göttliches. Er hätte die ganze
+Menschheit beglücken mögen. Liebe aber erzeugt Liebe. Wer aber geliebt
+ist, hat leicht regieren.
+
+Und drittens: Er war größer als seine Umgebung. Neben zehn Stimmen, die
+ihm über einen gewissen Fall zu Ohren kamen, vernahm er die elfte,
+bessere, in sich selber. Fremde Zuflüsterungen glitten an ihm ab, und er
+kam nicht leicht in den Fall, etwas Unfürstliches zu begehen, indem er
+das zweideutig gemachte Verdienst zurücksetzte und empfohlene Lumpe in
+Schutz nahm. Er sah überall selber, urteilte selber, und hatte in allen
+Fällen in sich selber die sicherste Basis. Dabei war er schweigsamer
+Natur, und seinen Worten folgte die Handlung.«
+
+Wie leid tut es mir, sagte ich, daß ich nicht viel mehr von ihm gekannt
+habe als sein Äußeres; doch das hat sich mir tief eingeprägt. Ich sehe
+ihn noch immer auf seiner alten Droschke, im abgetragenen, grauen Mantel
+und Militärmütze und eine Zigarre rauchend, wie er auf die Jagd fuhr,
+seine Lieblingshunde nebenher. Ich habe ihn nie anders fahren sehen als
+auf dieser unansehnlichen alten Droschke. Auch nie anders als
+zweispännig. Ein Gepränge mit sechs Pferden und Röcke mit Ordenssternen
+scheint nicht sehr nach seinem Geschmack gewesen zu sein.
+
+»Das ist,« erwiderte Goethe, »bei Fürsten überhaupt kaum mehr an der
+Zeit. Es kommt jetzt darauf an, was einer auf der Wage der Menschheit
+wiegt; alles übrige ist eitel. Ein Rock mit dem Stern und ein Wagen mit
+sechs Pferden imponiert nur noch allenfalls der rohesten Masse und kaum
+dieser. Übrigens hing die alte Droschke des Großherzogs kaum in Federn.
+Wer mit ihm fuhr, hatte verzweifelte Stöße auszuhalten. Aber das war
+ihm eben recht. Er liebte das Derbe und Unbequeme und war ein Feind
+aller Verweichlichung.«
+
+Spuren davon, sagte ich, sieht man schon in Ihrem Gedicht Ilmenau, wo
+sie ihn nach dem Leben gezeichnet zu haben scheinen.
+
+»Er war damals sehr jung,« erwiderte Goethe, »doch ging es mit uns
+freilich etwas toll her. Er war wie ein edler Wein, aber noch in
+gewaltiger Gärung. Er wußte mit seinen Kräften nicht wo hinaus, und wir
+waren oft sehr nahe am Halsbrechen. Auf Parforcepferden über Hecken,
+Gräben und durch Flüsse, und bergauf, bergein sich tagelang abarbeiten,
+und dann nachts unter freiem Himmel kampieren, etwa bei einem Feuer im
+Walde: das war nach seinem Sinne. Ein Herzogtum geerbt zu haben war ihm
+nichts, aber hätte er sich eines erringen, erjagen und erstürmen können,
+das wäre ihm etwas gewesen.
+
+Das Ilmenauer Gedicht,« fuhr Goethe fort, »enthält als Episode eine
+Epoche, die im Jahre 1783, als ich es schrieb, bereits mehrere Jahre
+hinter uns lag, so daß ich mich selber darin als eine historische Figur
+zeichnen und mit meinem eigenen Ich früherer Jahre eine Unterhaltung
+führen konnte. Es ist darin, wie Sie wissen, eine nächtliche Szene
+vorgeführt, etwa nach einer solchen halsbrecherischen Jagd im Gebirge.
+Wir hatten uns am Fuße eines Felsens kleine Hütten gebaut und mit
+Tannenreisern gedeckt, um darin auf trockenem Boden zu übernachten. Vor
+den Hütten brannten mehrere Feuer, und wir kochten und brieten, was die
+Jagd gegeben hatte. Knebel, dem schon damals die Tabakspfeife nicht kalt
+wurde, saß dem Feuer zunächst und ergötzte die Gesellschaft mit allerlei
+trockenen Späßen, während die Weinflasche von Hand zu Hand ging.
+Seckendorf, der schlanke, mit den langen, feinen Gliedern, hatte sich
+behaglich am Stamm eines Baumes hingestreckt und summte allerlei
+Poetisches. Abseits, in einer ähnlichen, kleinen Hütte, lag der Herzog
+im tiefen Schlaf. Ich selber saß davor, bei glimmenden Kohlen, in
+allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlungen von Bedauern über
+mancherlei Unheil, das meine Schriften angerichtet. Knebel und
+Seckendorf erscheinen mir noch jetzt gar nicht schlecht gezeichnet, und
+auch der junge Fürst nicht, in diesem düstern Ungestüm seines
+zwanzigsten Jahres.
+
+ Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,
+ Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;
+ Der Unfall lauert an der Seite
+ Und stürzt ihn in den Arm der Qual.
+ Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung
+ Gewaltsam ihn bald da bald dort hinaus,
+ Und von unmutiger Bewegung
+ Ruht er unmutig wieder aus.
+ Und düster wild an heitern Tagen,
+ Unbändig, ohne froh zu sein,
+ Schläft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen,
+ Auf einem harten Lager ein.
+
+So war er ganz und gar. Es ist darin nicht der kleinste Zug
+übertrieben. Doch aus dieser Sturm- und Drangperiode hatte sich der
+Herzog bald zu wohltätiger Klarheit durchgearbeitet, so daß ich ihn zu
+seinem Geburtstage im Jahre 1783 an diese Gestalt seiner früheren Jahre
+sehr wohl erinnern mochte.
+
+Ich leugne nicht, er hat mir anfänglich manche Not und Sorge gemacht.
+Doch seine tüchtige Natur reinigte sich bald und bildete sich bald zum
+besten, so daß es eine Freude wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.«
+
+Sie machten, bemerkte ich, in dieser ersten Zeit mit ihm eine einsame
+Reise durch die Schweiz.
+
+»Er liebte überhaupt das Reisen,« erwiderte Goethe, »doch war es nicht
+sowohl, um sich zu amüsieren und zu zerstreuen, als um überall die Augen
+und Ohren offen zu haben und auf allerlei Gutes und Nützliches zu
+achten, das er in seinem Lande einführen könnte. Ackerbau, Viehzucht und
+Industrie sind ihm auf diese Weise unendlich viel schuldig geworden.
+Überhaupt waren seine Tendenzen nicht persönlich egoistisch, sondern
+rein produktiver Art, und zwar produktiv für das allgemeine Beste.
+Dadurch hat er sich denn auch einen Namen gemacht, der über dieses
+kleine Land weit hinausgeht.«
+
+Sein sorgloses einfaches Äußere, sagte ich, schien anzudeuten, daß er
+den Ruhm nicht suche und daß er sich wenig aus ihm mache. Es schien, als
+sei er berühmt geworden ohne sein weiteres Zutun, bloß wegen seiner
+stillen Tüchtigkeit.
+
+»Es ist damit ein eigenes Ding,« erwiderte Goethe. »Ein Holz brennt,
+weil es Stoff dazu in sich hat, und ein Mensch wird berühmt, weil der
+Stoff dazu in ihm vorhanden. Suchen läßt sich der Ruhm nicht, und alles
+Jagen danach ist eitel. Es kann sich wohl jemand durch kluges Benehmen
+und allerlei künstliche Mittel eine Art von Namen machen. Fehlt aber
+dabei das innere Juwel, so ist es eitel und hält nicht auf den andern
+Tag.
+
+Ebenso ist es mit der Gunst des Volkes. Er suchte sie nicht und tat den
+Leuten keineswegs schön; aber das Volk liebte ihn, weil es fühlte, daß
+er ein Herz für sie habe.«
+
+
+
+
+Werke von Jakob Wassermann
+
+
+Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage.
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. Dreizehnte Auflage.
+
+Der Moloch. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage.
+
+Der niegeküßte Mund -- Hilperich. Novellen.
+
+Alexander in Babylon. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Fünfte Auflage.
+
+Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage.
+
+Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. Neue wohlfeile
+Ausgabe. Neunte Auflage.
+
+Die Masken Erwin Reiners. Roman. Achte Auflage.
+
+Der goldene Spiegel. Erzählungen in einem Rahmen. Achte Auflage.
+
+Die ungleichen Schalen. Fünf einaktige Dramen.
+
+Faustina. Ein Gespräch über die Liebe. Zweite Auflage.
+
+Der Mann von vierzig Jahren. Roman. Zehnte Auflage.
+
+
+S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1915 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten
+p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger
+p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer
+p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer
+p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen
+p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler
+p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn
+p 195: Im Jahre 1656 -> 1756
+p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen
+p 234: [Punkt ergänzt] wie er selbst es geführt.
+p 274: [Punkt ergänzt] alle Zuschauer durchzuckte.
+
+Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
+folgenden Wörtern:
+
+Inful: Stirnbinde, Bischofsmütze
+Gelahrtheit: veraltet/dichterisch: Gelehrtheit
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1915 by S. Fischer. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten
+p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger
+p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer
+p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer
+p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen
+p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler
+p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn
+p 195: Im Jahre 1656 -> 1756
+p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen
+p 234: [added period] wie er selbst es geführt.
+p 274: [added period] alle Zuschauer durchzuckte.
+
+The original spelling has been maintained throughout the book.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by
+Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCH CHARAKTERE ***
+
+***** This file should be named 18258-8.txt or 18258-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/8/2/5/18258/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://dp.rastko.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+
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+
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+keeping this work in the same format with its attached full Project
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+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
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+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+ address specified in Section 4, "Information about donations to
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
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+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by
+Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Deutsche Charaktere und Begebenheiten
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: April 26, 2006 [EBook #18258]
+
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE CHARAKTERE ***
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
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+
+<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p>
+<div class="titlepage">
+<h1>Deutsche Charaktere<br />
+<em class="smaller">und</em><br />
+Begebenheiten</h1>
+
+<h3>Gesammelt und herausgegeben<br />
+von</h3>
+
+<h2>Jakob Wassermann</h2>
+
+<h4>S. Fischer, Verlag, Berlin<br />
+1915</h4>
+</div>
+
+<p><a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a></p>
+
+<p class="copyright">Mit elf Abbildungen.<br />
+<br />
+Alle Rechte vorbehalten, besonders die der &Uuml;bersetzung.<br />
+<em class="gesperrt">Erste bis vierte Auflage.</em><br />
+</p>
+
+
+<table class="illustration">
+<tr><td><a href="./images/hochzeit.png"><img src="./images/hochzeit_th.png" alt="Hochzeitsfeier im Jahre 1548" title="Hochzeitsfeier im Jahre 1548" /></a></td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Hochzeitsfeier im Jahre 1548,</em></td></tr>
+<tr><td class="small">nach einem Bildteppich im Kunstgewerbemuseum zu Berlin.</td></tr>
+</table>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a></p>
+
+<table class="toc">
+<caption>Inhalt</caption>
+<colgroup>
+ <col id="col1" />
+ <col id="col2" />
+</colgroup>
+<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Vorwort">Vorwort</a></td><td align="right"><a href="#Page_9">9</a></td></tr>
+<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Szene">Szene zwischen Friedrich dem Gro&szlig;en und Ziethen</a></td><td align="right"><a href="#Page_23">23</a></td></tr>
+<tr class="source"><td /><td>nach Vehse</td><td /></tr>
+<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Boettiger">B&ouml;ttiger</a></td><td align="right"><a href="#Page_25">25</a></td></tr>
+<tr class="source"><td /><td>nach Vehse<br />und Schmieder, Geschichte der Alchimi</td><td /></tr>
+<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Moritz_von_Sachsen">Moritz von Sachsen</a></td><td align="right"><a href="#Page_41">41</a></td></tr>
+<tr class="source"><td /><td>nach Vehse</td><td /></tr>
+<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Wallenstein">Wallenstein</a></td><td align="right"><a href="#Page_65">65</a></td></tr>
+<tr class="source"><td /><td>nach Vehse</td><td /></tr>
+<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Leonhard_Thurneysser">Leonhard Thurney&szlig;er</a></td><td align="right"><a href="#Page_111">111</a></td></tr>
+<tr class="source"><td /><td>nach Vehse<br />und Dr. M&ouml;hsen</td><td /></tr>
+<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Danckelmann">Danckelmann</a></td><td align="right"><a href="#Page_125">125</a></td></tr>
+<tr class="source"><td /><td>nach Vehse</td><td /></tr>
+<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Kaiser_Rudolf_II_und_sein_Hof">Kaiser Rudolf II. und sein Hof</a></td><td align="right"><a href="#Page_131">131</a></td></tr>
+<tr class="source"><td /><td>nach Vehse</td><td /></tr>
+<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Hochzeit">Hochzeit Fr&auml;ulein Reginens, Herrin von Tschernembel, mit Herrn Reichard Strein</a></td><td align="right"><a href="#Page_145">145</a></td></tr>
+<tr class="source"><td /><td>nach Hohenecks<br />&raquo;St&auml;nde &Ouml;streichs ob der Ems&laquo;</td><td /></tr>
+<tr class="tocent"><td colspan="2"><a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a><a href="#Friedrich_Wilhelm_I_von_Preussen">Friedrich Wilhelm I. von Preu&szlig;en</a></td><td align="right"><a href="#Page_149">149</a></td></tr>
+<tr class="source"><td /><td>nach Vehse</td><td /></tr>
+<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Joachim_Nettelbeck">Joachim Nettelbeck</a></td><td align="right"><a href="#Page_192">192</a></td></tr>
+<tr class="source"><td /><td>nach seiner Autobiographie</td><td /></tr>
+<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Christian_Holzwart">Christian Holzwart</a></td><td align="right"><a href="#Page_223">223</a></td></tr>
+<tr class="source"><td /><td>nach dem Neuen Pitaval</td><td /></tr>
+<tr class="tocent"><td colspan="2"><a href="#Karl_August_von_Weimar">Karl August von Weimar</a></td><td align="right"><a href="#Page_251">251</a></td></tr>
+<tr class="source"><td /><td>nach Vehse, Briefen<br />Eckermanns Gespr&auml;chen mit Goethe</td><td /></tr>
+</table>
+
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a></p>
+<div class="textbody">
+<h2><a name="Vorwort" id="Vorwort"></a>Vorwort</h2>
+
+
+<p class="newsection">Die folgende Zusammenstellung deutscher Schicksale und
+Ereignisse ist zum gr&ouml;&szlig;ten Teil bereits vor drei Jahren abgeschlossen
+gewesen, ich hatte aber die Ver&ouml;ffentlichung in dem
+Gef&uuml;hl verschoben, da&szlig; ein solches Buch mehr als ein anderes
+von einem Bed&uuml;rfnis gefordert werden m&uuml;sse. Der gegenw&auml;rtige
+Krieg, den wir Deutsche als einen Nationalkrieg
+empfinden, macht es zur Pflicht, in der Erinnerung des Volkes
+die Bilder einiger seiner merkw&uuml;rdigsten M&auml;nner wachzurufen.
+Es kam darauf an, das festzuhalten, was im allgemein G&uuml;ltigen
+zugleich das begrenzteste Pers&ouml;nliche gibt; darum mu&szlig;te
+ich den urspr&uuml;nglichen Plan des Werkes ver&auml;ndern und diejenigen
+Lebensbeschreibungen, Erz&auml;hlungen und Anekdoten
+entfernen, die mehr Romanhaftes und Interessantes hatten
+als Exemplarisches, mehr &auml;u&szlig;eren Bezug als inneren, mehr
+Oberfl&auml;che als Gehalt. Die Darstellung ist nicht die meine,
+sie ist zumeist w&ouml;rtlich die der Historiker und der Quellen,
+die im Inhaltsverzeichnis namentlich angef&uuml;hrt werden; ich
+habe das Material &uuml;bernommen, wie es sich bot, mit keinem
+andern Ma&szlig;stab messend, als mit dem der f&uuml;hl- und sp&uuml;rbaren
+<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, nur nach dem Gesichtspunkt
+ordnend, den ein nat&uuml;rlicher &Uuml;berblick ergab. Den
+au&szlig;erordentlichen Schicksalen, dient nur das Wort treu ihrem
+Verlauf, wohnt soviel &Uuml;berzeugungskraft von selber inne,
+da&szlig; Stilk&uuml;nste sie nur verschleiern und verzerren k&ouml;nnen, und
+wenn irgendwo, gilt hier der Feuerbachsche Ausspruch: Stil
+ist die Weglassung des Unwesentlichen. Es ist dieselbe Prozedur,
+die von der Geschichte, der &Uuml;berlieferung in den meisten
+F&auml;llen so gesetzm&auml;&szlig;ig und methodisch besorgt wird, wie von
+einem Strom, der alles tr&uuml;be Gemengsel und unreinen Stoffe
+alsbald an die Ufer schwemmt oder auf den Grund sinken l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Ich habe es auch unterlassen, zwischen den losen St&uuml;cken
+durch Ausdeutung oder Betrachtung k&uuml;nstliche Br&uuml;cken herzustellen;
+das Gemeinsame liegt in ihrem Geist und Wesen,
+die scheinbare Willk&uuml;r in der Wahl kann sich nur auf einen
+Zwang der Phantasie berufen, die Entscheidung gab allein
+ihre deutsche Herkunft und deutsche Beschaffenheit.</p>
+
+<p>Unabweisbar dr&auml;ngt sich hier die Frage auf: Was ist ein
+deutscher Charakter, was ist ein deutsches Schicksal, was ist
+ein deutsches Ereignis?</p>
+
+
+<p class="tb">Spreche ich vom Deutschen schlechthin, so postuliere ich
+eine Gestalt, die aus der Erfahrung gezogen und zur Idee
+gesteigert ist; als solche schlie&szlig;t sie eine Summe von Eigenschaften
+in sich, welche sowohl dem Wesen des Volkes als
+Ganzes zukommen, als auch dem uns &uuml;berlieferten Bilde
+<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>repr&auml;sentativer M&auml;nner entsprechen. Den Ma&szlig;stab hierzu
+liefert mir das lebendige und flie&szlig;ende Element der Geschichte.
+Indem sie mir eine zergliederte, beseelte Nachricht &uuml;ber das
+Ereignis gibt, wie auch &uuml;ber die Personen, die in ihm eine
+Rolle gespielt haben, erlaubt sie mir zugleich, Ereignis und
+Figur zu deuten, in freier Betrachtung zu erweitern und zu
+verallgemeinern. Das Gesetz begreifen, das Schicksal f&uuml;hlen,
+die auf dem von der Menschheit bisher beschrittenen Weg
+gewaltet haben, ist das einzige Mittel, die Wege ihrer Zukunft
+wenigstens fl&uuml;chtig und ahnend zu erleuchten.</p>
+
+<p>In diesem Sinne hat man vom deutschen Charakter zu
+reden und ihn als ein Umgrenztes und Unterscheidendes zu erkl&auml;ren.
+Es w&auml;re nicht einmal notwendig, auf Stammeseigent&uuml;mlichkeiten
+zu verweisen, auf ausgebildete und in jeder
+Landschaft anders geartete Merkmale der Sprache, auf die
+Landschaftsformen selbst, auf die wechselnden Lebensbedingungen,
+das gr&ouml;&szlig;ere oder geringere Ma&szlig; von Freiheit,
+von Wohlfahrt, von Beg&uuml;nstigungen, die die Natur gew&auml;hrt
+oder die durch vornehmliche Kraft, Tapferkeit, durch
+Flei&szlig; oder Gl&uuml;ck erworben wurden; man kann in einem so
+reichen, ja unendlich scheinenden Organismus, wie es eine
+Nation ist, eine unendliche Vielfalt und Variabilit&auml;t der
+Lebenskristallisationen feststellen, und doch wird die Nation
+in ihrer Gesamtheit gegen eine andere, sei es auch benachbarte,
+sogar verwandte Nation ein v&ouml;llig verschiedenes Lebens- und
+Wesensbild zeigen. Es eignet eben jeder Nation, genau wie
+jedem einzelnen, ihr besonderes Fundament, ihre besondere
+<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>Willenskraft, ihre besonderen Ziele, und in der Zusammenfassung
+erleidet sie jenes Schicksal, zu dem ihr Charakter den
+Grund legt.</p>
+
+<p>Der Deutsche ward nicht in einem Garten geboren, die
+Natur hat ihn nicht verschwenderisch beschenkt. Die Berichte
+aus der Vorzeit erz&auml;hlen schon von dem rauhen Klima und
+der Kargheit des Landes, das seine Bewohner zu unerm&uuml;dlicher
+Arbeit aufforderte und durch &Uuml;berflu&szlig; nicht verw&ouml;hnte.
+Seitdem ist die Erde williger geworden, die Atmosph&auml;re
+milder, aber die F&uuml;lle oder nur die unerwartete Gabe hat
+der Bauer nie erfahren, der G&auml;rtner, der Obstz&uuml;chter nie;
+genau nach dem Ma&szlig; seines Tuns ward ihm gelohnt.</p>
+
+<p>Das Leben des Urvolks war gewi&szlig; dem Kindheitszustand
+aller andern V&ouml;lker &auml;hnlich; an den Grenzen finden die Feinde
+nur wenig nat&uuml;rliche Hindernisse; kriegerische Horden, von
+Osten und Westen her eindringend, zerstampfen die Saaten,
+verw&uuml;sten die Siedlungen; kann der Aufruf des F&uuml;rsten Bewaffnete
+genug erreichen und sammeln, so zieht er dem Bedroher
+entgegen und stellt ihn in freier Feldschlacht; ist er zu solchem
+Unternehmen zu schwach, so verschanzen sich die Mannen
+in ihren festen Pl&auml;tzen. Immerhin mu&szlig;te der Deutsche als
+Bewohner des Herzlands Europas mehr als andre drauf gefa&szlig;t
+sein, da&szlig; alles, was er baute und schuf, was er s&auml;te und
+sparte, was er liebte und schm&uuml;ckte, seine B&auml;ume und sein
+Vieh, sein Heim und seine Kinder, sein Land und alle Werke
+darin, die Beute von schweifenden Eroberern wurde.</p>
+
+<p>Aber da eine feste politische Grenze nicht vorhanden war,
+<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>konnte jeder Nachbar jederzeit zum Gegner, der Freund von
+gestern zum Feind von morgen werden. Die Folge davon,
+eine immer gr&ouml;&szlig;ere Zerst&uuml;ckelung des Gebiets, eine best&auml;ndige
+Lostrennung einzelner Teile, die sich dann zu selbstwilligen und
+der Gesamtheit trotzig entgegengesetzten Interessensph&auml;ren entwickeln,
+trat gar bald ein und enth&uuml;llte sich als ein nationales
+Ungl&uuml;ck. Um das Jahr 1200 war ganz Deutschland der
+Schauplatz aufreibender egoistischer K&auml;mpfe und eines Faustrechts,
+das jeden Besitz und jede friedliche Arbeit gef&auml;hrdete.
+Um ihren Handel zu sch&uuml;tzen, auf welchem allein der Wohlstand,
+ja die Existenz des B&uuml;rgertums beruhte, mu&szlig;ten die
+St&auml;dte zu Mitteln greifen, die sie auch als wehrhafte Macht
+in Achtung setzten, und nach und nach wurde jede Stadt, auch
+die nicht reichsfreie, zu einer Art von Republik. Da entstand
+nun die sch&ouml;nste und eigent&uuml;mlichste Bl&uuml;te der Volkskraft,
+ein best&auml;ndiges inneres Wachstum bis in die Zeit der Reformation.
+Die gro&szlig;en Schwurgesellschaften &uuml;bernahmen
+den Schutz des Privatlebens und ersetzten so den Staat, alle
+einzelnen traten in Genossenschaften zusammen, und diese
+wieder standen durch B&uuml;nde gegeneinander.</p>
+
+<p>Drohende Gefahr macht Wachsamkeit zur ersten Tugend.
+Ordnung mu&szlig; die Vielzahl ersetzen, Zucht ist das Gebot, das
+die Freiheit f&ouml;rdert. Der Mann ist K&ouml;nig in seinem Haus,
+Diener in br&uuml;derlichen Verb&auml;nden. Nur Arbeit verleiht
+W&uuml;rde, nur Bew&auml;hrung einen Vorrang, und ohne Hingebung
+an eine Sache wird der Geist f&uuml;r nichts geachtet.
+Wenn aber der Geist sich zur Sachlichkeit gesellt, entsteht
+<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>die Idee, die das Individuum formt und das Gemeinwesen
+entwicklungsf&auml;hig macht. Welche Wege auch immer der
+Ritter, der Junker, der Gutsherr, der Bauer einschlug, die
+Zukunft der Nation lag in den H&auml;nden des B&uuml;rgers.</p>
+
+<p>Fast jede Stadt hatte etwas trotzig Ernstes, ja Finsteres;
+ihre H&auml;user dr&auml;ngten sich wie M&auml;nner, die Achsel an Achsel
+stehen, so dicht zusammen, da&szlig; f&uuml;r ein Blumenbeet der Raum
+nicht blieb. Die spitzgiebeligen D&auml;cher erschienen als Wahrzeichen
+der zur H&ouml;he gedr&auml;ngten Kraft, die engen Gassen gaben
+das Gef&uuml;hl der Umschlossenheit, und alles Schmuckwerk
+wuchs gleichsam aus der Not: die Zierlichkeit massiver Gitter,
+die geschwungenen Steinquadern unersch&uuml;tterlicher Br&uuml;cken,
+die Feinheit und zarte Gliederung erhabener Dome, deren
+urspr&uuml;nglich fremde Formen dem deutschen Leben und Wesen
+immer mehr zu eigen wurden.</p>
+
+<p>W&auml;hrend alle andern abendl&auml;ndischen V&ouml;lker verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig
+fr&uuml;h zur Bildung eines staatlichen Organismus gelangten,
+war dies bei den Deutschen erst im Verlauf des
+neunzehnten Jahrhunderts der Fall. Deutsche Zerrissenheit
+war das Merkwort, mit dem sich der Deutsche selbst in die
+Unab&auml;nderlichkeit eines Weltzustandes ergab. Dies ist eine
+Tatsache, deren Grund zu erforschen sich wohl lohnt.</p>
+
+<p>Nach allem, was wir von dem Volk der Germanen
+wissen, scheint es, als ob ihr religi&ouml;ses Leben durch den Eintritt
+in das Christentum eine bedeutende St&ouml;rung erlitten,
+als ob eine nat&uuml;rliche Entfaltung ihrer religi&ouml;sen Anlage
+ein andres Ergebnis gehabt h&auml;tte als das durch die Geschichte
+<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>hervorgebrachte. Darauf l&auml;&szlig;t namentlich die immer
+wieder zutage tretende Abneigung der Deutschen gegen den
+Klerus, gegen das Papsttum und seine unumschr&auml;nkte Gewalt
+schlie&szlig;en. Der Papst strebte nach Weltherrschaft; ein
+Weltimperium zu schaffen war auch der tiefe Wille der
+Deutschen; ist es nicht denkbar, da&szlig; die eingeborne Macht
+dieser Idee dadurch gebrochen worden ist, da&szlig; die Kaisergeschlechter
+der Salier, Franken und Schwaben eine Art Kompromi&szlig;
+schlossen, indem sie eine r&ouml;mische Weltherrschaft auf
+deutschem Boden gr&uuml;nden, die Nation in ein r&ouml;misches Kaisertum
+verwandeln wollten? Es war dies eine poetische Idee
+und nicht eine politische, und darin liegt das Verh&auml;ngnis,
+darin der Irrtum, der Stillstand, die Unfruchtbarkeit. Der
+Zug &uuml;ber die Alpen: das romantische Abenteuer; Italien,
+die zweite Heimat, Provinz des Lichtes und der Sch&ouml;nheit,
+der holde Traum, die Lockung der Jahrhunderte.</p>
+
+<p>Immer wieder setzen die Kr&auml;fte an diesem Punkte an,
+immer wieder brechen sie hier. Es lebte im Volk ein unbeirrbarer,
+bis ins Unbewu&szlig;te gedrungener Glaube, da&szlig; es die
+Herrenrolle in Europa wieder &uuml;bernehmen werde, die nach
+alten &Uuml;berlieferungen die Ahnen der Vorzeit innegehabt;
+aber diese &Uuml;berzeugung kam stets nur in den Leistungen und
+Werken einzelner zum Ausdruck und entbehrte dann auch
+nicht der Schwermut und Klage; das Staatswesen schien
+davon unber&uuml;hrt zu bleiben. W&auml;hrend die Reformation,
+diese deutscheste Bewegung in der deutschen Geschichte, die
+langersehnte geistige Befreiung schafft, findet der Staat im
+<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Kaiserhaus selbst einen Feind, der ihn best&auml;ndig an Rom und
+an die Romanen verr&auml;t, und die Hoffnung der Freien und
+Befreiten wird durch den Drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieg, das gr&ouml;&szlig;te
+Ungl&uuml;ck, von welchem je ein Volk getroffen wurde, erstickt.
+Langsam sammeln sich die Kr&auml;fte wieder; es ist ein erhabenes
+Zeugnis f&uuml;r die der Nation innewohnende T&uuml;chtigkeit und
+Kraft, da&szlig; sie kaum eines Jahrhunderts bedarf, um zu einer
+Bl&uuml;te der Bildung und des geistigen Lebens zu gelangen, wie
+sie die Geschichte keines andern Volkes kennt, eine Bl&uuml;te allerdings,
+die nach Gustav Freytags tiefem Wort die wundergleiche
+Sch&ouml;pfung einer Seele ohne Leib ist.</p>
+
+<p>Erst mit dem Heraufkommen des preu&szlig;ischen Staates
+k&uuml;ndigt sich eine neue und verhei&szlig;ungsvolle Periode des nationalen
+Lebens an. Ein neues Lebensgesetz wird von den einzelnen
+ergriffen und bindet sie. Gleichsam gereinigt in der
+Glut geistiger Erlebnisse, vor einen reinen Spiegel hingestellt
+durch das Genie der Dichter, das Beispiel gro&szlig;er Feldherrn,
+gro&szlig;er F&uuml;rsten und im wahren Sinn protestantischer Volksfreunde,
+erkennen die F&uuml;hrer, erkennt das Volk die Notwendigkeit
+politischer Sammlung und finden den Weg, das
+Ideal praktisch zu verwirklichen. Alte Instinkte trotziger
+Selbst&auml;ndigkeit werden niedergezwungen und dem Allgemeinen
+dienstbar gemacht, sch&auml;dliches Fremdes wird ausgeschieden,
+n&uuml;tzlich und t&uuml;chtig Fremdes angeschmolzen.</p>
+
+<table class="illustration">
+<tr><td><a href="./images/ziethen.png"><img src="./images/ziethen_th.png" alt="Ziethen" title="Ziethen" /></a></td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Ziethen,</em></td></tr>
+<tr><td class="small">nach einem Stich von Townley.</td></tr>
+</table>
+
+<p>In preu&szlig;ischer Zucht und Schule w&auml;chst das neue Deutschland
+zur Erkenntnis und zur Erf&uuml;llung seiner Aufgabe heran.
+Dort vollzieht sich die Sonderung, die Wandlung, der
+<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>Zusammenschlu&szlig;. Ein K&ouml;nig, dessen unersch&uuml;tterliche Energie
+im Bewahren, Sammeln und Vorbereiten ihn zum Werkzeug
+des Schicksals und zum wahren Zimmermann der Fundamente
+macht, gibt aus scheinbar b&uuml;rgerlicher Enge das
+ungeheure Wort von der Suver&auml;nit&auml;t, die er als einen
+<em class="antiqua">rocher de bronze</em> statuiere, und ein Philosoph in ebenso
+scheinbarer b&uuml;rgerlicher Enge formuliert den kategorischen
+Imperativ als St&uuml;tzpunkt einer die ganze moderne Welt
+&uuml;berw&ouml;lbenden Moral- und Sittenlehre.</p>
+
+<p>Friedrich der Gro&szlig;e war dann der Gestalter, wenn auch
+nicht der Vollender, die Verk&ouml;rperung wesentlicher politischer
+und organisatorischer Eigenschaften, mit denen die neue Zeit
+ihre Arbeit beginnen konnte. Vielleicht war ihm am Ende
+seiner unvergleichlichen Laufbahn noch nicht einmal bewu&szlig;t,
+wie sehr er B&uuml;rger war, indem er K&ouml;nig war. Und da seine
+Taten ihn zum Helden machten, schuf er eben dadurch, da&szlig;
+er K&ouml;nig und B&uuml;rger zugleich war, einen neuen Begriff des
+Heroischen, der durch seine Einfachheit und Menschlichkeit
+vorbildlich wurde. In ihm hat das deutsche Gesicht seine
+kr&ouml;nende G&uuml;ltigkeit erhalten und seinen beredtesten Ausdruck.</p>
+
+<p>Das deutsche Gesicht! Es schwebt mir Christoph Ambergers
+Bildnis eines Augsburger Patriziers vor, und Holbeins
+Bildnis des B&uuml;rgermeisters Meyer, und Lukas Cranachs
+Bildnis eines alten Mannes; ich denke an Luthers Gesicht,
+an Keplers Gesicht, an Scharnhorsts und Nettelbecks Gesicht,
+an Sebastian Bachs und an Moltkes Gesicht; es sind immer
+<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>dieselben Z&uuml;ge wie die von Br&uuml;dern und Gef&auml;hrten in der
+Reihe der wechselnden Geschlechter.</p>
+
+<p>Sie wissen den Tod, ohne ihn zu sehen, sie sp&uuml;ren ihn,
+ohne ihn zu f&uuml;rchten. Wie der Tod innerstes Gef&uuml;hl wird,
+ist in dem D&uuml;rerschen Portr&auml;t des Patriziers Oswald Grell
+&uuml;ber alle Beschreibung wahr ausgedr&uuml;ckt, neben einem Antlitz
+von feierlich ernster Versunkenheit ist eine Landschaft mit
+zarten B&auml;umen hingesetzt wie die Vision einer h&ouml;heren Welt.</p>
+
+<p>Was macht ihr Auge so sch&ouml;n, so merkw&uuml;rdig? Ist es
+der traumvolle Blick, der dennoch im Lichte badet, die G&uuml;te
+ohne Weichheit, die Strenge ohne H&auml;rte? Oder das Wissen
+um menschliche Dinge, um die deutsche Not, die Menschennot?
+Es wohnt ein Horchen in ihm, wie durch Stimmen
+aus der &Uuml;berwelt erzeugt, ein ungewisser Schimmer, der auf
+Vertrautheit mit den letzten Entscheidungen des Schicksals
+deutet. Im Schlu&szlig; der Lippen liegt ein bew&auml;ltigter Zorn,
+der sich bald in Trauer wenden mag, oder eine Stille, die
+die Resignation trotzig ablehnt; die Nase ersteht aus Gruben,
+die von Seelenleiden ausgeh&ouml;hlt sind, und um die Schl&auml;fen
+zuckt es wie Nachgewitter von Leidenschaften, die gegen die
+Mitte der Stirne hin sich in einen See ruhiger und reiner
+Gedanken aufl&ouml;sen.</p>
+
+<p>Dem Deutschen ward verliehen, die Dinge zu sehen und
+durch die Dinge hindurch sich in ein Verh&auml;ltnis zu Gott zu
+begeben. Zwischen ihm und Gott steht das Ding; das Ding
+wird sein eigen oder Gott wird sein eigen, er wird Gottes
+oder auch des Dinges. Symbolisch gro&szlig; sieht man deshalb
+<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>auf der D&uuml;rerschen Melancholia eine Leiter, eine Sanduhr,
+einen Zirkel, einen W&uuml;rfel, ein Winkelma&szlig; und manche
+andere &raquo;Dinge&laquo;.</p>
+
+<p>In vielen deutschen M&auml;rchen ist der schlummernde K&ouml;nigssohn,
+der Schl&auml;fer, Siebenschl&auml;fer, Scheinschl&auml;fer eine Figur
+wie aus Selbstanklage und dunkler Verhei&szlig;ung gewebt.
+Leicht versank der Deutsche in sich selbst, verlor sich, verga&szlig;
+sich, verspielte sich, vers&auml;umte die Stunde, die Gelegenheit,
+die Tat. Kehrte er aber einmal sein Inwendiges nach au&szlig;en,
+so war seine Tat so heftig, wie vorher der Traum von ihr
+gl&uuml;hend. Es mu&szlig;te aber ein Unbedingtes sein, ein H&ouml;heres,
+gleichsam nicht mehr das Ding, sondern Gott, was ihn
+wandelte. Dann bot er sich zum Opfer an, und das Opfer
+war ihm selbstverst&auml;ndlich, die eigene Person stets der Preis,
+den er ohne Prahlerei, mit vollkommener Einfachheit des
+Gem&uuml;tes einsetzte.</p>
+
+<p>Niemand kann kleiner sein als der Deutsche, wenn ihn
+die Allt&auml;glichkeit beherrscht, niemand platter und lichtloser;
+niemand aber auch gr&ouml;&szlig;er, wenn das Unbedingte an ihn
+herantritt, das Pathos gro&szlig;er Ereignisse ihn hinaufrei&szlig;t.
+In keiner Sprache gibt es ein Wort, das den Zustand unn&uuml;tzer
+und spielerischer Wehrhaftigkeit so in den Bereich des
+Komischen stellte wie das Wort Spie&szlig;b&uuml;rger; aber in keiner
+auch ein Wort, das h&ouml;chste Tugend so karg und metallen
+ausdr&uuml;ckte, wie das Wort Held. Spie&szlig;b&uuml;rger und Held, das
+sind die Pole deutschen Lebens, und da&szlig; aus einem Spie&szlig;b&uuml;rger
+ein Held werden kann, hat der Deutsche in jeder Stunde
+<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>der Gefahr bewiesen. Hierzu brauchte er nur den Glauben an
+die Gerechtigkeit der Sache; es durfte nur der Sache nichts
+Erschlichenes anhaften, nichts K&uuml;nstliches, nichts Verfeinertes,
+nichts Advokatisches; sie mu&szlig;te sozusagen rauh und urt&uuml;mlich
+sein und ihn im Mittelpunkt des Herzens treffen, dann
+wurde sein Herz zum Mittelpunkt der Welt.</p>
+
+<p>Seine Anteilnahme kann bis zur Unbequemlichkeit l&auml;rmen,
+doch seine Begeisterung ist fast immer von stiller Art. Romanischen
+V&ouml;lkern eignet oft eine Begeisterung ohne Tiefe, eine
+m&uuml;&szlig;ige und eitle, der begleitenden Tat ermangelnde; deutsche
+Begeisterung ist wie Essenfeuer; Hammer und Ambo&szlig;, Huf
+und Schwert sind nicht weit davon entfernt. Der still Begeisterte,
+mehr Ergl&uuml;hte als Entflammte, das ist der Mensch,
+der des Fanatismus nicht f&auml;hig ist, und die Zust&auml;nde jenseit
+der Selbstbesinnung finden wir beim Deutschen mehr im Gebiet
+des Religi&ouml;sen und rein Geistigen, der Mystik und des
+Prophetentums, als in dem der Politik und des gemeinen
+Lebens.</p>
+
+<p>So ist auch das Exzentrische dem deutschen Wesen fremd;
+seine Anlage ist konzentrisch. Er ist gefa&szlig;t; er wei&szlig; um seine
+Grenzen, wennschon sein Verlangen stets nach dem Grenzenlosen
+geht. Er ist beschaulich, bleibt aber nicht im Bilde ruhen,
+sondern verirrt sich gern in die Labyrinthe der Spekulation.
+Alles mu&szlig; f&uuml;r ihn Bezug haben, Verbindung, Folge, &#8211;
+insoweit es das Geistige betrifft; daher seine Schwerf&auml;lligkeit,
+seine Pedanterie, sein Respekt vor dem Wissen, sein Zuviel
+an Schulbildung, sein Mangel an Gl&auml;tte, an Schmiegsamkeit
+<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>und an Manier. Insoweit es aber das Gem&uuml;thafte
+betrifft, braucht er keinen Bezug und achtet keine Folge; da
+wird ihm die Welt zum einheitlichen Gebilde, das Schicksal
+ein gerechter Herr, und in seiner Seele ist die Menschheit.</p>
+
+<p>Wichtig vor allem ist ihm die Scholle; erstes Gesetz, die
+Hantierung, die er gelernt, zur Vollkommenheit auszubilden;
+einem Herrn zu dienen Bed&uuml;rfnis und Freude; einen gro&szlig;en
+Gedanken in seiner Brust zu hegen und zu w&auml;rmen beinahe
+Kultus. In den Zeiten seiner politischen Unreife &uuml;bersah er,
+da&szlig; die Scholle nur ein winziger Teil des Ganzen ist und
+segensvoller gedeiht, wenn auf der Nachbarscholle nicht der
+beargw&ouml;hnte Gegner, sondern der mitwirkende Freund haust;
+bedachte er nicht, da&szlig; die Hantierung vom Allgemeinen aus-
+und zum Allgemeinen zur&uuml;ckgehen mu&szlig;, damit ineinanderwachsende
+Kr&auml;fte durch &Uuml;berlieferung erstarken und erbl&uuml;hen
+k&ouml;nnen und nicht das einzelne vereinzelt mit sich selber stirbt;
+mi&szlig;kannte er, da&szlig; es keinen Herrn gibt, der nicht der Diener
+seiner Diener ist; vers&auml;umte es, sich zum Herren seiner Herren
+zu machen und so, im Geflecht von Ordnung und Herrschaft,
+von B&uuml;rgerpflichten und Herrenrechten, von Herrenpflichten
+und B&uuml;rgerrechten das gl&uuml;ckliche Glied eines gl&uuml;cklichen Volkes
+zu werden.</p>
+
+<p>Dies ist anders geworden. Es war ein Proze&szlig;, so schwierig
+und langwierig, da&szlig; die Besten immer wieder an ihrer Hoffnung
+verzweifelten und das Blut edler M&auml;rtyrer vergeblich
+geopfert schien. Der Proze&szlig; ist gewonnen. Das verflossene
+<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>Jahrhundert hat die deutsche Nation wiedergeboren, sie aus
+romantischer D&auml;mmerung an den lichten Tag der Geschichte
+gef&uuml;hrt und ihr, in Pflicht und Liebe, in Neigung und Interesse
+das Reich der Realit&auml;t ge&ouml;ffnet. &raquo;Der Realismus,
+welchen man r&uuml;hmend oder z&uuml;rnend die Signatur der Gegenwart
+nennt,&laquo; sagt Gustav Freytag, &raquo;ist in Kunst und
+Wissenschaft, im Glauben wie im Staate nichts als die erste
+Bildungsstufe einer aufsteigenden Generation, welche das
+Detail des gegenw&auml;rtigen Lebens nach allen Richtungen zu
+vergeistigen sucht, um dem Gem&uuml;t neuen Inhalt zu geben.&laquo;</p>
+
+<p>Der Deutsche hat die ihm gem&auml;&szlig;e Art von Politik gefunden;
+ich m&ouml;chte sie die Politik des unbeirrbaren Triebes
+nennen; die Politik der Entfaltung, der Erkenntnis und der
+Bestimmung. Sie kann der Winkelz&uuml;ge, der veralteten Rezepte
+und geheimen Wege entraten, da sie auf den nat&uuml;rlichen
+Rechten des Geistes und Herzens ruht, nicht auf willk&uuml;rlichen
+Machenschaften, sondern auf einer Notwendigkeit und einer
+welthistorischen Idee.</p>
+
+<p>Der Siebenschl&auml;fer, aufgewacht ist er ja l&auml;ngst, hat sich
+auf diesem Planeten ein gewaltiges Haus gebaut. Gestern
+ist es unter Dach gebracht worden. Schon gr&uuml;&szlig;en die Tannenreiser
+vom First.</p>
+
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a></p>
+<h2><a name="Szene" id="Szene"></a>Szene zwischen Friedrich dem
+Gro&szlig;en und Ziethen</h2>
+
+
+<p class="newsection">Nach dem gl&uuml;cklich beendeten Siebenj&auml;hrigen Krieg sah
+Friedrich unter seinen Tischgenossen vorz&uuml;glich gern den alten
+General Ziethen. Wenn gerade keine f&uuml;rstlichen Personen
+zugegen waren, mu&szlig;te Ziethen immer an der Seite des K&ouml;nigs
+sitzen. Einstmals hatte er ihn auch zum Mittagessen
+am Karfreitag eingeladen, aber Ziethen entschuldigte sich;
+er k&ouml;nne nicht erscheinen, weil er an diesem hohen Festtag
+immer zum heiligen Abendmahl gehe und dann lieber in seiner
+and&auml;chtigen Stimmung bleibe; er d&uuml;rfe sich darin nicht unterbrechen
+und st&ouml;ren lassen. Als er das n&auml;chstemal zur k&ouml;niglichen
+Tafel in Sanssouci erschien und die Unterredung wie
+stets einen heiteren, fr&ouml;hlichen und geistreichen Gang genommen
+hatte, wandte sich der K&ouml;nig mit scherzender Miene an
+seinen Nachbar. &raquo;Nun, Ziethen,&laquo; sagte er, &raquo;wie ist Ihm
+das Abendmahl am Karfreitag bekommen? Hat Er den
+wahren Leib und das wahre Blut Christi auch ordentlich
+verdaut?&laquo; Ein lautes sp&ouml;ttisches Gel&auml;chter schallte durch den
+Saal der fr&ouml;hlichen G&auml;ste. Der alte Ziethen aber sch&uuml;ttelte
+<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>sein graues Haupt, stand auf, und nachdem er sich vor seinem
+K&ouml;nig tief gebeugt, antwortete er mit fester Stimme:
+&raquo;Eure Majest&auml;t wissen, da&szlig; ich im Kriege keine Gefahren
+f&uuml;rchte und &uuml;berall, wo es darauf ankam, f&uuml;r Sie und das
+Vaterland mein Leben gewagt habe. Diese Gesinnung beseelt
+mich auch heute noch, und wenn es n&uuml;tzt und Sie es
+befehlen, lege ich meinen Kopf gehorsam zu Ihren F&uuml;&szlig;en.
+Aber es gibt einen &uuml;ber uns, der ist mehr als Sie und ich
+und mehr als alle Menschen, das ist der Heiland und Erl&ouml;ser
+der Welt, der f&uuml;r Sie gestorben und uns alle mit seinem
+Blut teuer erkauft hat. Diesen Heiligen lasse ich nicht
+antasten und verh&ouml;hnen, denn auf ihm beruht mein Glaube.
+Mit der Kraft dieses Glaubens hat Ihre brave Armee
+mutig gek&auml;mpft und gesiegt. Unterminieren Eure Majest&auml;t
+diesen Glauben, so unterminieren Sie die Staatswohlfahrt.
+Das ist gewi&szlig;lich wahr. Halten zu Gnaden.&laquo;</p>
+
+<p>Die Tafelgesellschaft war totenstill geworden. Der K&ouml;nig
+war sichtbar ergriffen. Er erhob sich, reichte dem General
+die rechte Hand, legte die linke auf seine Schulter und sagte:
+&raquo;Gl&uuml;cklicher Ziethen! M&ouml;chte ich es auch glauben k&ouml;nnen!
+Ich habe allen Respekt vor Seinem Glauben. Bewahre
+Er ihn. Es soll nicht wieder geschehen.&laquo;</p>
+
+<p>Kein Mensch hatte den Mut, ein Wort weiter zu reden.
+Auch der K&ouml;nig fand zu einem andern Gespr&auml;ch keinen
+schicklichen &Uuml;bergang, er hob die Tafel auf und gab das
+Zeichen zur Entlassung. Dem General Ziethen befahl er:
+&raquo;Komme Er mit in mein Kabinett.&laquo;</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a></p>
+<h2><a name="Boettiger" id="Boettiger"></a>B&ouml;ttiger</h2>
+
+
+<p class="newsection">Unter die gro&szlig;e Zahl merkw&uuml;rdiger M&auml;nner, die das
+achtzehnte Jahrhundert in Deutschland hervorbrachte, geh&ouml;rt
+auch Johann Friedrich von B&ouml;ttiger, der zuf&auml;llige Erfinder
+des Porzellans. B&ouml;ttiger war ein geborener Sachse; er ward
+geboren zu Schleiz im Vogtlande, wo sein Vater bei der
+M&uuml;nze angestellt war. Da seine Mutter sich zum zweitenmal
+mit dem magdeburgischen Stadtmajor und Ingenieur
+Tiemann verheiratete, erhielt er fr&uuml;hzeitig Unterricht in der
+Mathematik und in der Fortifikationskunst, zeigte aber
+eine auffallende Neigung zur Chemie. Schon mit zw&ouml;lf
+Jahren kam er als Lehrling in die Zornsche Apotheke nach
+Berlin, wo er sich sofort aufs Goldlaborieren legte. Er
+wurde dabei durch den ber&uuml;hmten Johann Kunkel aufgemuntert,
+der im Zornschen Haus verkehrte und von dem
+jungen Menschen so bezaubert war, da&szlig; er &uuml;berall seine
+Talente und Kenntnisse r&uuml;hmte.</p>
+
+<p>Um diese Zeit reiste ein gro&szlig;er Unbekannter durch Europa,
+der unter mancherlei Namen und vielfach verkleidet auftrat.
+Er schien kein anderes Ziel zu haben, als die Ehre der Alchimie
+<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>zu retten, und verwendete darauf ungeheure Summen,
+wenn auch mit gro&szlig;er Vorsicht. Wenn die Transmutationen
+nach seinen Angaben versucht wurden und Aufsehen erregten,
+war er immer schon weit entfernt und durch Namenwechsel
+unerreichbar geworden. Er kehrte nicht leicht dahin zur&uuml;ck,
+wo er schon gewesen, oder doch in ganz ver&auml;nderter Gestalt.
+Dieser Unbekannte, welcher Goldsamen ausstreute, bezeichnete
+sich, wenn man nach P&auml;ssen und dergleichen fragte,
+als einen griechischen Bettelm&ouml;nch und nannte sich Laskaris;
+er wollte Archimandrit eines Klosters auf der Insel Mytilene
+sein und f&uuml;hrte als solcher auch ein Beglaubigungsschreiben
+des Patriarchen von Konstantinopel mit sich. Da er das
+Griechische vollendet sprach und sich auch sonst keine Bl&ouml;&szlig;e
+gab, wurde seinen Angaben geglaubt, und man war sogar
+geneigt, ihn f&uuml;r einen Abk&ouml;mmling der kaiserlichen Familie
+Laskaris zu halten. Er sammelte Almosen zur Loskaufung
+von Christen, die in t&uuml;rkische Gefangenschaft geraten waren,
+allein man wollte bemerkt haben, da&szlig; er weit mehr an die
+Armen verschenkte, als ihm die Kollekte eintrug, und demnach
+mochte es ihm mit seiner Mission wenig ernst sein. Die
+Nachrichten &uuml;ber ihn beruhen auf dem Zeugnis glaubhafter
+Personen, die ihn als einen Mann von gef&auml;lligem Betragen
+schildern, sehr unterrichtet und voll von Interessen, was eher
+auf einen gebildeten Abendl&auml;nder, als auf einen morgenl&auml;ndischen
+Klosterbruder schlie&szlig;en l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Als der geheimnisvolle Fremde im Jahre 1701 nach Berlin
+kam, erkundigte er sich bei dem Gastwirt, ob es in Berlin auch
+<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>Alchimisten gebe. An dergleichen Narren sei kein Mangel,
+antwortete treuherzig der Wirt und nannte unter anderen
+den Apotheker Zorn. Der Fremde ging bald darauf in die
+Zornsche Offizin und fragte nach einem chemischen Medikament.
+Der Provisor befahl einem Gehilfen, den Laboranten
+zu rufen. Es erschien ein junger Mensch, der Lehrling B&ouml;ttiger.
+Auf die Frage des Fremden, ob er dem Laboratorium vorstehe,
+weil man ihn den Laboranten nenne, erwiderte er gutm&uuml;tig
+lachend, man tue dies zum Spa&szlig;, weil er in seinen
+Nebenstunden zuweilen chemische Experimente mache. Dem
+fremden Herrn gefiel der J&uuml;ngling, und zur Einleitung einer
+n&auml;heren Bekanntschaft trug er ihm auf, ein Antimoniumpr&auml;parat
+herzustellen und ihm dieses ins Gasthaus zu bringen.</p>
+
+<p>Als B&ouml;ttiger das bestellte Pr&auml;parat brachte, plauderte der
+Fremde mit ihm. B&ouml;ttiger wurde zutraulich und gestand,
+da&szlig; er den Basilius Valentinus besitze und unverdrossen nach
+ihm arbeite. Er wiederholte seine Besuche und gewann die
+Gunst des Fremden immer mehr. Als dieser endlich abreisen
+wollte und die Pferde schon warteten, lie&szlig; er B&ouml;ttiger noch
+einmal rufen und er&ouml;ffnete ihm, da&szlig; er selbst das gro&szlig;e Geheimnis
+besitze, und schenkte ihm zwei Unzen von seiner Tinktur,
+mit der Anweisung, da&szlig; er noch einige Tage davon
+schweigen, dann aber die Wirkung der Tinktur zeigen m&ouml;ge,
+wenn er wolle, damit man in Berlin die Alchimisten nicht
+mehr Narren schelte.</p>
+
+<p>Nach der Entfernung des Fremden s&auml;umte B&ouml;ttiger nicht,
+sich von dem Wert des Geschenks zu &uuml;berzeugen. Bald zeigte
+<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>er den Gehilfen, die ihn bis dahin verspottet hatten, gutes
+Gold als Produkte seiner Kunst und sagte, er sei entschlossen,
+die Pharmazie aufzugeben, nach Halle zu gehen und Medizin
+zu studieren. In der Tat nahm er den Abschied von seinem
+Prinzipal und bezog eine Mietwohnung. Er verkehrte mit
+Alchimisten, vornehmlich mit einem Laboranten namens
+Siebert. Eines Tages wurde er von dem Apotheker Zorn
+zu Tisch gebeten. Er traf dort zwei Freunde, den Pfarrer
+Winkler von Magdeburg und den Pfarrer Borst von Malchow.
+Die beiden Geistlichen vereinigten sich, dem achtzehnj&auml;hrigen
+Menschen vorzustellen, da&szlig; er zum sicheren Broterwerb
+zur&uuml;ckkehren und nicht einer eingebildeten Kunst nachh&auml;ngen
+solle; das Unm&ouml;gliche, sagten sie, k&ouml;nne er doch nicht
+m&ouml;glich machen. Er aber erbot sich, das Unm&ouml;gliche sogleich
+m&ouml;glich zu machen, und forderte sie auf, Zuschauer zu sein.
+Die ganze Tischgesellschaft verf&uuml;gte sich nun mit ihm in das
+Laboratorium.</p>
+
+<p>Hier nahm B&ouml;ttiger einen Tiegel und wollte Blei darin
+schmelzen, als aber die Gegner sein Blei verd&auml;chtig finden
+wollten, w&auml;hlte er statt dessen Silbergeld von bekanntem Gehalt.
+Die preu&szlig;ischen Zweigroschenst&uuml;cke waren damals f&uuml;nfl&ouml;tig,
+und von diesen nahm er dreizehn St&uuml;ck. W&auml;hrend sie
+zusammenschmolzen, brachte er eine silberne B&uuml;chse hervor,
+die den Stein der Weisen in Gestalt eines feuerroten Glases
+enthielt. Er l&ouml;ste davon einige K&ouml;rnchen ab, streute sie auf
+das flie&szlig;ende Metall und verst&auml;rkte die Glut. Danach reichte
+er den Zweiflern das ausgegossene Metall dar, und staunend
+<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>&uuml;berzeugten sich diese, da&szlig; es zum reinsten Gold geworden
+war.</p>
+
+<p>Dem Laboranten Siebert zeigte B&ouml;ttiger eine gr&ouml;&szlig;ere
+Transmutation in andern Metallen. Siebert mu&szlig;te acht
+Lot Quecksilber in einem Tiegel hei&szlig; machen; auf die Masse
+warf B&ouml;ttiger soviel als ein Handkorn gro&szlig; von einem braunroten
+Pulver, das er zuvor in Wachs impastiert hatte. Dadurch
+wurde das Quecksilber ganz und gar in Pulver verwandelt,
+dieses Pulver wickelte er in Blei und lie&szlig; es schmelzen.
+Nach einer Viertelstunde war alles Metall zu Gold geworden.</p>
+
+<p>Diese und andere Proben, welche B&ouml;ttiger neugierigen
+Bekannten zeigte, machten ihn bald zum Helden des Tages,
+und das um so mehr, als er nicht f&uuml;r gut fand, die Wahrheit
+zu gestehen, sondern sich selbst als Erfinder des Pulvers
+bewundern zu lassen. Die Erfahrenen nannten ihn Adeptus
+ineptus und prophezeiten ihm Unheil, welche Prophezeiung
+sich auch bald erf&uuml;llte. Die Stadtgespr&auml;che drangen
+in die k&ouml;niglichen Vorzimmer und bis zu K&ouml;nig Friedrich I.
+selbst. Der K&ouml;nig lie&szlig; nachfragen und fand es geboten, sich
+des jungen Adepten zu versichern. Schon war Befehl erteilt,
+ihn zu verhaften, als ein Bekannter ihn warnte. In der
+Nacht verlie&szlig; er Berlin zu Fu&szlig; und eilte, Wittenberg zu
+erreichen. W&auml;hrend er &uuml;ber die Elbe gesetzt ward, sah er
+hinter sich ein preu&szlig;isches Kommando, das man ihm nachgeschickt
+hatte. In Wittenberg wohnte seiner Mutter Bruder,
+der Professor Kirchmaier, der auch als alchimistischer
+Schriftsteller von sich reden gemacht hatte. Bei ihm w&auml;re
+<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>B&ouml;ttiger geborgen gewesen, allein der preu&szlig;ische Hof reklamierte
+ihn in Dresden als preu&szlig;ischen Untertan. Der Grund
+hierzu blieb bei dem erregten Aufsehen kein Geheimnis; der
+s&auml;chsische Hof ward aufmerksam. Man verweigerte die Auslieferung,
+weil sich ergab, da&szlig; er in Sachsen geboren sei.
+K&ouml;nig August II. lie&szlig; ihn nach Dresden bringen und freute
+sich, da&szlig; ihm ein so seltener Vogel zugeflogen war, denn die
+Nachrichten aus Berlin lie&szlig;en ihn nicht daran zweifeln,
+da&szlig; B&ouml;ttiger wirklich ein Adept sei.</p>
+
+<p>B&ouml;ttiger zeigte dem Statthalter F&uuml;rstenberg die Tinktur
+und ihre Wirkung. Er &uuml;berlie&szlig; ihm eine Probe seines Arkanums,
+auch ein Gl&auml;schen voll Merkur, und damit reiste
+F&uuml;rstenberg zum K&ouml;nig nach Warschau. F&uuml;rstenberg mu&szlig;te
+einen Eid leisten, da&szlig; er mit dem K&ouml;nig nicht fr&uuml;her eine
+Probe machen w&uuml;rde, als bis er auf Ehre und Gewissen versprochen
+habe, Zeugen nicht zuzulassen, auch weder jetzt noch
+k&uuml;nftig jemandem das Geheimnis zu entdecken. Ferner hatte
+B&ouml;ttiger es ihm eingesch&auml;rft, nicht ohne Gottesfurcht und
+Fr&ouml;mmigkeit ans Werk zu gehen, weil darauf unendlich viel
+ankomme.</p>
+
+<p>Kaum war F&uuml;rstenberg beim K&ouml;nig angelangt, als im
+Zimmer des K&ouml;nigs ein Hund die Schachtel umwarf, in der
+sich das Glas mit Merkur befand, so da&szlig; dieses zerbrach.
+B&ouml;ttiger hatte versichert, der Merkur sei von ganz besonderer
+Beschaffenheit, er war also in Warschau nicht zu ersetzen.
+Nichtsdestoweniger nahmen am zweiten Weihnachtsfeiertag,
+in tiefer Nacht, in einem der innersten Zimmer des Schlosses
+<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>und bei verriegelten T&uuml;ren der K&ouml;nig und F&uuml;rstenberg die
+Probe vor. Die beiden Tiegel, die B&ouml;ttiger mitgegeben hatte,
+wurden mit Kreide bestrichen, in den gr&ouml;&szlig;eren Tiegel die Tinktur
+mit Merkur, wie er in Warschau zu kaufen war, und
+Borax getan, der zweite Tiegel darauf gest&uuml;rzt und die Masse
+anderthalb Stunden lang ins Gl&uuml;hfeuer gestellt. Das Resultat
+des Prozesses war nicht Gold, sondern ein so fester K&ouml;rper,
+da&szlig; man die Tiegel zerschlagen mu&szlig;te, um ihn zu gewinnen.
+F&uuml;rstenberg schrieb an B&ouml;ttiger, da&szlig; der K&ouml;nig selbst &uuml;ber
+zwei Stunden beim Feuer gesessen sei; an der geh&ouml;rigen Fr&ouml;mmigkeit
+habe es bestimmt nicht gefehlt, da der K&ouml;nig zwei
+Tage vorher das heilige Abendmahl genossen und er, der F&uuml;rst,
+seine Gedanken ebenfalls einzig auf Gott gerichtet habe; trotzdem
+sei das Experiment, dessen Gelingen B&ouml;ttiger dem K&ouml;nig
+so sicher vorgespiegelt habe, g&auml;nzlich mi&szlig;lungen.</p>
+
+<p>Im Januar 1702 kehrte F&uuml;rstenberg wieder nach Sachsen
+zur&uuml;ck. Er traf B&ouml;ttiger, der in seinem Hause wie ein Gefangener
+behandelt wurde, h&ouml;chst unzufrieden; der lebenslustige
+junge Mensch drohte sich zu ermorden, wenn man ihm nicht
+die Freiheit gebe. F&uuml;rstenberg lie&szlig; ihn deshalb auf die Festung
+K&ouml;nigstein bringen, doch hier wurde B&ouml;ttiger noch viel wilder.
+Nach einem Bericht des Kommandanten sch&auml;umte er
+wie ein Pferd, br&uuml;llte wie ein Ochse, knirschte mit den Z&auml;hnen,
+rannte mit dem Kopf gegen die Mauer, arbeitete mit H&auml;nden
+und F&uuml;&szlig;en, kroch an den W&auml;nden entlang und zitterte am
+ganzen Leibe. Zwei starke Soldaten konnten seiner nicht Herr
+werden; er hielt den Kommandanten f&uuml;r den Engel Gabriel,
+<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>verzweifelte wegen der S&uuml;nde an dem heiligen Geist an seiner
+ewigen Seligkeit und trank dabei oft zw&ouml;lf Kannen Bier
+t&auml;glich, ohne betrunken zu werden. Man konnte nicht klar
+sehen, ob alles dies auf Verstellung beruhte.</p>
+
+<p>Nun kam aber der Befehl vom Statthalter, ihn nach
+Dresden zu schaffen, und F&uuml;rstenberg nahm ihn wieder in
+sein Haus. Hier war es, wo er mit dem ber&uuml;hmten Tschirnhausen
+bekannt wurde. Ehrenfried Walter von Tschirnhausen
+geh&ouml;rte zu F&uuml;rstenbergs vertrautesten Freunden. Sooft er
+von seinem alten Stammgut Kieslingswalde nach Dresden
+kam, wohnte er beim Statthalter und arbeitete beim F&uuml;rsten
+in dessen Laboratorium. Er war einer der ausgezeichnetsten
+Naturverst&auml;ndigen seiner Zeit, durch ihn sind in Sachsen
+die Glash&uuml;tten eingef&uuml;hrt worden. Er hatte zw&ouml;lf Jahre
+lang ganz Europa bereist und war Mitglied der Pariser
+Akademie der Wissenschaften. Wie Kunkel in Berlin, so
+nahm sich Tschirnhausen in Dresden B&ouml;ttigers an, und dies
+verlieh B&ouml;ttiger auf einmal wieder gro&szlig;e Wichtigkeit, so da&szlig;
+man jahrelang Geduld mit ihm hatte und immer hoffte, er
+werde das gro&szlig;e Werk leisten. Er selbst hoffte es.</p>
+
+<table class="illustration">
+<tr><td><a href="./images/boettiger.png"><img src="./images/boettiger_th.png" alt="Joh. Friedr. B&ouml;ttiger" title="Joh. Friedr. B&ouml;ttiger" /></a></td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Joh. Friedr. B&ouml;ttiger,</em></td></tr>
+<tr><td class="small">nach einem Medaillon im Museum zu Gotha.</td></tr>
+</table>
+
+<p>B&ouml;ttiger erhielt nun seine Einrichtung im k&ouml;niglichen
+Schlo&szlig;. Er bewohnte zwei Zimmer mit der Aussicht auf
+den Hofgarten, den sogenannten Probiersaal und einige Gew&ouml;lbe
+zum Laborieren, die gro&szlig;e Opernstube als Billardzimmer
+und das Kirchst&uuml;bchen des G&auml;rtners zu seiner Andacht.
+Alle R&auml;ume waren neu m&ouml;bliert worden. Er durfte
+in dem an seine Wohnung sto&szlig;enden Feigengarten spazieren
+<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>gehen, und wenn er ausfahren wollte, stand ihm eine k&ouml;nigliche
+Equipage zur Verf&uuml;gung. Zu seiner Beaufsichtigung
+wurde der Sekret&auml;r Nemitz bestimmt, der daf&uuml;r ein besonderes
+Zimmer im Schlo&szlig; hatte, nach Belieben G&auml;ste einladen
+konnte, aber bei Verlust seiner Freiheit f&uuml;r B&ouml;ttiger
+verantwortlich war. Au&szlig;er Tschirnhausen durfte niemand
+ohne seine Erlaubnis zu B&ouml;ttiger gehen. Ein Baron Schenk
+war angewiesen, B&ouml;ttiger in dessen freien Stunden Gesellschaft
+zu leisten, ihm die Zeit zu vertreiben und, wenn er es
+verlangte, im roten Zimmer mit ihm zu speisen. Es speisten auch
+viele andere Personen bei ihm, so der Bergrat Pabst von Ohain,
+der ber&uuml;hmte Metallurg, der geheime Kammerier Starke,
+ein Liebling des K&ouml;nigs, der seine Schatulle besorgte, und
+der Sekret&auml;r Malhieu; Tschirnhausen, der B&ouml;ttiger so lieb
+gewonnen hatte, da&szlig; er sich mehr in Dresden als in Kieslingswalde
+aufhielt, war h&auml;ufig sein Gast und brachte manchmal
+den Statthalter mit. B&ouml;ttigers Deputat im Schlosse
+waren mittags und abends f&uuml;nf Gerichte mit Wein und
+Bier. Das Tafelger&auml;t war aus Silber. Er konnte Geld
+haben soviel er wollte, man hielt ihm sogar M&auml;tressen wie
+einem vornehmen Kavalier.</p>
+
+<p>B&ouml;ttigers Umgang hatte, wenn er bei Laune war, ungemein
+viel Anziehendes. Er war ein jovialer Mensch mit der
+lebendigsten Unterhaltungsgabe, mit der er alle zu bezaubern
+wu&szlig;te. Der Statthalter lebte mit ihm auf vertrautem Fu&szlig;,
+fuhr oft mit ihm nach Moritzburg auf die Jagd, die B&ouml;ttiger
+leidenschaftlich liebte, und schrieb ihm die z&auml;rtlichsten
+<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>Briefe. Auch der K&ouml;nig, der sich mit Bezug auf B&ouml;ttiger
+&uuml;berschwenglichen Hoffnungen hingab, behandelte ihn in seinen
+Briefen mit gro&szlig;er R&uuml;cksicht. Er gratulierte ihm zum
+neuen Jahr, versichert ihm wiederholt, da&szlig; der Statthalter
+die Vollmacht habe, alles nach B&ouml;ttigers Belieben einzurichten,
+und ihm niemand aufdringen d&uuml;rfe, der von &raquo;widrigem
+Naturell&laquo; sei. In Briefen des K&ouml;nigs an andere wird
+er Monsieur Schrader genannt oder &raquo;die Person&laquo; oder
+&raquo;der Bewu&szlig;te&laquo; oder &raquo;l&#8217;homme de Wittenberg&laquo;; B&ouml;ttiger
+selbst unterzeichnete sich nur mit seinen beiden Vornamen oder
+mit Notus.</p>
+
+<p>Anderthalb Jahre lang war B&ouml;ttiger vor dem Mi&szlig;trauen
+des K&ouml;nigs durch den Hund gesch&uuml;tzt, der in Warschau
+die Schachtel mit dem Merkurglas umgeworfen hatte
+und der Vorwand genug gab, zu sagen, der K&ouml;nig und sein
+Minister seien bei dem Tingierversuch ohne Geschick verfahren.
+W&auml;hrend dieser anderthalb Jahre lebte B&ouml;ttiger in
+Herrlichkeit und Freude. Sein Aufenthalt kostete dem K&ouml;nig
+vierzigtausend Taler. B&ouml;ttiger war bei den Leuten von gutem
+Ton allgemein beliebt. Man speiste gern bei ihm, denn
+er legte jedem Gast eine gro&szlig;e, goldene Schaum&uuml;nze von
+eigener Arbeit unter den Teller; dies bewog sogar die Damen,
+sich zahlreich bei ihm einzufinden. Man spielte auch gern mit
+ihm, weil er gern verlor.</p>
+
+<p>Die hohe Ehre hatte seinen Kopf so g&auml;nzlich eingenommen,
+da&szlig; er kaum der M&ouml;glichkeit gedachte, sein Schatz k&ouml;nne ersch&ouml;pft
+werden. Allenfalls erwartete er von einigen Winken,
+<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>die Laskaris im Gespr&auml;ch hatte fallen lassen, da&szlig; sie ihn auf
+den rechten Weg f&uuml;hren w&uuml;rden, wenn es Zeit sei, ihn zu
+suchen. Diese Zeit schob er leichtsinnig hinaus, bis endlich
+Bed&uuml;rfnis und Verlegenheiten mahnten, an die Auffindung
+der Goldquelle mit Ernst zu denken. Da fand er sich aber
+in seiner Hoffnung bedroht. Was er auch probierte, alles
+schlug fehl, und er &uuml;berzeugte sich, da&szlig; er sich die Sache zu
+leicht gedacht habe und weit vom Ziel entfernt sei. Die berechnende
+Politik seiner G&ouml;nner w&auml;hnte sich jetzt am Ziel.
+B&ouml;ttigers sechs Bediente waren schon l&auml;ngst gewonnen und
+belauerten ihn Tag und Nacht. Was sie berichteten, gefiel
+nicht mehr. Man argw&ouml;hnte, da&szlig; er die Umstellung merke
+und absichtlich das Rechte verfehle, um seine Kunst f&uuml;r sich
+zu behalten. Da erfuhr man, da&szlig; er Vorbereitungen treffe,
+um heimlich nach &Ouml;sterreich zu entweichen, und nun wurde
+seine Wohnung, sogar sein Zimmer mit Wachen besetzt.</p>
+
+<p>Indessen hatte Laskaris, der noch in Deutschland reiste,
+seinen jungen Freund nicht aus den Augen verloren, und der
+&uuml;ble Ausgang, welchen B&ouml;ttigers Angelegenheiten in Dresden
+zu nehmen drohten, machte ihm Sorge, da er sich vorwerfen
+mu&szlig;te, den J&uuml;ngling in Versuchung gef&uuml;hrt zu haben.
+Er entschlo&szlig; sich daher, ihn zu befreien und gro&szlig;e Opfer
+nicht zu scheuen. In solcher Absicht wagte er sich im Jahre
+1703 zum zweitenmal nach Berlin. Er lie&szlig; einen jungen
+Arzt, den Doktor Pasch, zu sich kommen, der mit B&ouml;ttiger vertrauten
+Umgang gehabt hatte und unternehmend genug zu sein
+schien. Diesem er&ouml;ffnete er alle Schwierigkeiten, trug ihm
+<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>auf, nach Dresden zu gehen, dem K&ouml;nig B&ouml;ttigers Unwissenheit
+zu erkl&auml;ren und ihm f&uuml;r dessen Freilassung die Summe
+von achtmalhunderttausend Dukaten zu bieten, die man in
+Holland oder in einer beliebig zu bestimmenden deutschen
+Reichsstadt erheben k&ouml;nne. Um den Sendboten von der Aufrichtigkeit
+seines Anerbietens zu &uuml;berzeugen zeigte er ihm einen
+Vorrat von Tinktur, der &uuml;ber sechs Pfund wog. Er bewies
+ihm durch Versuche, da&szlig; mit dieser Masse ein Zentner Gold
+in lauter Tinktur verwandelt werden k&ouml;nne, die dann noch
+drei- bis viertausend Teile Metall in Gold zu veredeln verm&ouml;ge.
+Er gab ihm eine Probe f&uuml;r den K&ouml;nig mit und versprach,
+ihn ebenso reich wie B&ouml;ttiger zu beschenken, wenn er
+sich seines Auftrages gut entledigte.</p>
+
+<p>Doktor Pasch begab sich auf den Weg. Er war mit zwei
+Herren verwandt, die am Dresdner Hof gro&szlig;en Einflu&szlig; hatten.
+Durch ihre Vermittlung hoffte er leichter zum K&ouml;nig
+zu gelangen und machte ihnen deshalb sein Anliegen bekannt.
+Sie urteilten aber, ein so hoher Preis werde den K&ouml;nig eher
+bestimmen, den Verhafteten noch besser zu bewahren, weil es
+ja den Anschein habe, als lasse B&ouml;ttiger selbst durch dritte
+Hand soviel f&uuml;r seine Freiheit bieten. Au&szlig;erdem meinten sie
+auch, da&szlig; dem K&ouml;nig an ein paar Millionen Talern nicht
+soviel gelegen sein k&ouml;nne als ihnen, und sie kamen &uuml;berein,
+B&ouml;ttiger in der Stille fortzuschaffen und den Preis mit
+Doktor Pasch zu teilen.</p>
+
+<p>Auf ihre Veranstaltung bezog Pasch eine Wohnung dicht
+neben dem Hause, worin B&ouml;ttiger bewacht wurde. Er konnte
+<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>ihm aus dem Fenster zuwinken, wurde sogleich von ihm erkannt,
+fand Mittel, ihm Briefe zu schicken, erhielt auf demselben
+Weg die Antworten, gab ihm Kunde von der nahenden
+Hilfe und verabredete mit ihm den Plan der Flucht.</p>
+
+<p>B&ouml;ttigers Bediente lie&szlig;en sich das Hin- und Hertragen
+der Briefe gut bezahlen, berichteten aber h&ouml;heren Orts &uuml;ber
+den Briefwechsel und lieferten die folgenden Briefe aus.
+Nichtsdestoweniger gelang es B&ouml;ttiger zu fliehen. Er kam
+bis nach Enns in &Ouml;sterreich, wurde aber dort aufgegriffen
+und nach Sachsen auf den Sonnenstein zur&uuml;ckgebracht. Doktor
+Pasch war dritthalb Jahre lang Gefangener auf der Feste
+K&ouml;nigstein. Nach vielen Bem&uuml;hungen zeigte sich ein Soldat
+willig, ihm zur Flucht zu verhelfen. Beide lie&szlig;en sich an
+einem Seil herab, welches aber nicht bis zum Boden reichte;
+der Soldat kam gl&uuml;cklich an, Pasch jedoch fiel auf einen
+Felsen und zerbrach das Brustbein. Sein Gef&auml;hrte trug ihn
+bis zur b&ouml;hmischen Grenze, und von da gelangte er auf Umwegen
+nach Berlin zur&uuml;ck. Den Adepten Laskaris sah er
+nicht wieder, und seine Klagen, wie er vergeblich Jugend
+und Gesundheit zugesetzt habe, wurden stadtkundig in Berlin.
+Der K&ouml;nig lie&szlig; ihn vor sich kommen und h&ouml;rte seine
+Erz&auml;hlung an. Sein K&ouml;rper blieb siech von jenem Fall; nach
+anderthalb Jahren starb er.</p>
+
+<p>Auf dem Sonnenstein wurde B&ouml;ttiger sehr streng bewacht.
+Im Januar 1704 kam der K&ouml;nig August nach Sachsen
+und lernte B&ouml;ttiger pers&ouml;nlich kennen. Er bestand darauf, da&szlig;
+der Bergrat Pabst zur Bereitung des gro&szlig;en Arkans bei
+<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>B&ouml;ttiger f&ouml;rmlich Unterricht nehme. Pabst, Tschirnhausen
+und der Statthalter beschworen nun feierlich sechsunddrei&szlig;ig
+Kontraktpunkte, die auch der K&ouml;nig durch seinen schriftlichen
+Eid unverbr&uuml;chlich zu halten versprach. B&ouml;ttiger machte zur
+Bedingung, da&szlig; von dem gewonnenen Golde &raquo;nichts zur
+&Uuml;ppigkeit s&uuml;ndhaften Aktionibus, boshafter Verschwendung,
+unn&ouml;tigen und unbilligen Kriegen verwendet werden d&uuml;rfe;
+auch d&uuml;rfe, wer das Arkan besitze, nie einem Herrn dienen,
+der &ouml;ffentlichen und sch&auml;ndlichen Ehebruch treibe und unschuldiges
+Blut vergie&szlig;e&laquo;.</p>
+
+<p>Im September 1705 &uuml;bergab B&ouml;ttiger auf zwanzig Folioseiten
+einen Proze&szlig; zum Universal; kurz darauf machte er einen
+Tingierversuch, welcher gelang, aber der K&auml;mmerer Starke
+sagte, es w&auml;ren verschiedene Umst&auml;nde passiert, die &raquo;zu einem
+konzentrierten Betrug ziemlichen Soupson gegeben&laquo;. Wiederholt
+bat nun B&ouml;ttiger um seine Freiheit und machte den K&ouml;nig
+vor Christi Richterstuhl daf&uuml;r verantwortlich. Der K&ouml;nig
+lie&szlig; ihn aber nicht los; vom Sonnenstein wurde er auf die
+Albrechtsburg bei Mei&szlig;en geschafft, dann kam er wieder auf
+den K&ouml;nigstein und im Herbst 1707 nach Dresden zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Hier lie&szlig; er nun Materialien aller Art herbeischaffen und
+verfuhr nach der ber&uuml;hmten mephistischen Tafel, das hei&szlig;t,
+er kochte alles durcheinander. Und so, ganz zuf&auml;llig, erfand
+er eines Tages, es war das sechste Jahr seiner Haft, das braune
+Jaspisporzellan und sp&auml;ter, als er schon etwas methodischer
+zu Werke ging, das wei&szlig;e Porzellan. Nach Tschirnhausens
+Rat bildete er diese Erfindungen technisch aus, wobei er seiner
+<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>enthusiastischen Natur gem&auml;&szlig; so eifrig war, da&szlig; er mehrere
+N&auml;chte in kein Bett kam. In einem Schreiben an den K&ouml;nig
+gestand er endlich, da&szlig; er kein Adept sei.</p>
+
+<p>Der K&ouml;nig begn&uuml;gte sich jedoch mit dem Porzellan, das
+ihm bei der damaligen Kostbarkeit des chinesischen Porzellans
+beinahe so lieb wie eine Goldfabrik war. Die Manufaktur
+wurde sofort im gro&szlig;en durch herbeigezogene holl&auml;ndische
+Steinbagger betrieben. Das auf der Albrechtsburg zu Mei&szlig;en
+hergestellte Porzellan verdr&auml;ngte bald das chinesische und japanische,
+f&uuml;r das der K&ouml;nig August noch Millionen ausgegeben
+hatte, und wurde einer der begehrtesten Luxusartikel der
+eleganten Welt. Eine Menge Dinge, die bisher aus Marmor,
+Metall oder Holz gemacht waren, wurden jetzt aus
+Porzellan fabriziert, sogar S&auml;rge; die Witwe eines Oberstallmeisters
+wurde in einem Porzellansarg begraben, der aber
+beim Hinuntersenken in die Gruft zerbrach. Wahrscheinlich
+hatten neidische Tischler die Leichentr&auml;ger bestochen. Die Hauptkunstwerke,
+die man in Mei&szlig;en herstellte, waren die kleinen,
+aufs feinste und sch&ouml;nste bemalten Figuren, und wie der &raquo;zerbrochene
+Spiegel&laquo;, &raquo;das Blumenm&auml;dchen&laquo;, &raquo;die f&uuml;nf Sinne&laquo;
+beweisen, brachte man es darin zu einer hohen Vollendung.
+Der Vertrieb der Fabrik stieg bis &uuml;ber zweimalhunderttausend
+Taler, und die Kosten betrugen nur die H&auml;lfte; gegen achtzig
+Kommissionslager und Handelsh&auml;user f&uuml;hrten das Verkaufsgesch&auml;ft.</p>
+
+<p>Des Fabrikgeheimnisses wegen mu&szlig;te B&ouml;ttiger noch eine
+Zeitlang Gefangener bleiben, doch zeigte sich der K&ouml;nig sehr
+<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>gn&auml;dig gegen ihn, besuchte ihn h&auml;ufig auf der Bastei und
+scho&szlig; mit ihm nach der Scheibe. Er erhielt Zutritt zu den
+Privataudienzen, sooft er w&uuml;nschte, und wiederholt befahl
+der K&ouml;nig, ihn vor &Auml;rgernis zu sch&uuml;tzen. Er schenkte ihm
+einen Ring mit seinem Bildnis, einen jungen B&auml;ren und ein
+Paar Affen und gab ihm offenen Kredit bei dem Hofjuden
+Meyer. Sechs Jahre nach der Erfindung wurde ihm die
+Mei&szlig;ner Porzellanfabrik zur freien Disposition ohne alle
+Rechnungslegung &uuml;berlassen. Er lebte in Dresden auf gro&szlig;em
+Fu&szlig;, hielt eine zahlreiche Dienerschaft und eine Menge Hunde.
+Ausschweifungen in der Liebe und im Trunk verk&uuml;rzten sein
+Leben; er starb im M&auml;rz 1713, erst vierunddrei&szlig;ig Jahre alt.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a></p>
+<h2><a name="Moritz_von_Sachsen" id="Moritz_von_Sachsen"></a>Moritz von Sachsen</h2>
+
+
+<p class="newsection">Kurf&uuml;rst Moritz war der Sohn Herzog Heinrichs des
+Frommen und am 21. M&auml;rz 1521 geboren. Er war ein kr&auml;ftiger
+Mann, geschmeidigen K&ouml;rperbaus; sein braunes Gesicht
+verk&uuml;ndete den Helden. Seine Augen waren so gl&auml;nzend, da&szlig;
+sie funkelten und wie von Flammen spr&uuml;hten; schaute er unversehens
+jemand an, so mu&szlig;te dieser den Blick niederschlagen.
+Seltsam waren in seiner Erziehung die Elemente gemischt.
+Sein Vater, den die Untertanen wegen seiner Gutm&uuml;tigkeit
+liebten, war bei aller Fr&ouml;mmigkeit ein Mann ganz eigenen
+Schlages. Er hatte einen sonderbaren Geschmack am Bunten
+und eine sonderbare Vorliebe f&uuml;r Kanonen. Er lie&szlig; anst&ouml;&szlig;ige
+Bilder auf die Kanonen malen, und Lukas Cranach
+mu&szlig;te ihm dazu die Zeichnungen machen. Er kaufte alle
+sch&ouml;nen Gem&auml;lde f&uuml;r seine Kanonen, die er nur auftreiben
+konnte, und obgleich er das Gesch&uuml;tz nie brauchte, konnte man
+ihm doch keine gr&ouml;&szlig;ere Freude bereiten, als wenn man ihm
+sagte, Kaiser Karl habe von seinen Kanonen gesprochen. Vom
+Hof seines Vaters kam Moritz an den des Kurf&uuml;rsten von
+Mainz und sah hier das &uuml;ppig schwelgerische Treiben eines
+<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>katholischen Kirchenf&uuml;rsten. Und dann weilte er bei seinem
+Vetter Johann Friedrich von Sachsen, wo er die traurige
+Einf&ouml;rmigkeit eines protestantischen Hofes der damaligen
+Zeit kennen lernte. Johann Friedrich hatte gro&szlig;e Schw&auml;chen,
+der kluge Moritz durchschaute sie, er fa&szlig;te einen Widerwillen
+gegen den Vetter, er konnte ihn nicht leiden, den dicken
+Hoffart, wie er ihn zu nennen pflegte.</p>
+
+<p>Noch ehe er zwanzig Jahre alt war, verm&auml;hlte er sich
+mit Agnes, der Tochter Friedrichs des Gro&szlig;m&uuml;tigen von
+Hessen. Sein Vater war &uuml;ber die verfr&uuml;hte Ehe so ungl&uuml;cklich,
+da&szlig; der Kummer sein Leben verk&uuml;rzte; er starb wenige
+Monate nach der Hochzeit, und Moritz folgte ihm in der
+Regierung. Trotz seiner Heiratsungeduld mu&szlig;te aber seine
+Frau sp&auml;ter &uuml;ber ihn klagen, da&szlig; er die Wildschweinsjagd
+ihrer Gesellschaft vorziehe.</p>
+
+<p>Moritz bekannte sich zur evangelischen Lehre wie sein
+Vater, aber er trat nicht in den schmalkaldischen Bund, so
+oft ihn auch sein Vetter, der Kurf&uuml;rst, und sein Schwiegervater,
+der Landgraf, darum mahnten. Er vermochte in der
+neuen Lehre nicht die Summe alles Heils zu sehen. Er weigerte
+sich, eine Verbindung gegen den Kaiser abzuschlie&szlig;en,
+im Gegenteil, er n&auml;herte sich dem Kaiser, je mehr sich die
+Bundesgenossen von ihm entfernten. Er wollte nicht der
+Trabant <em class="gesperrt">dieser</em> Bundesgenossen sein, er fand seinen n&auml;chsten
+und unmittelbaren Vorteil beim Kaiser. Deshalb lie&szlig; er
+durch seinen Vertrauten Christoph Carlowitz mit Granvella
+unterhandeln und kam dann im Mai 1546 pers&ouml;nlich zum
+<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>Kaiser nach Regensburg; hier trat er in den Dienst des
+Kaisers ein. Karl ernannte ihn nicht nur zum Exekutor,
+Konservator und Schirmer von Magdeburg und Halberstadt,
+nach deren Besitz Moritz schon lange getrachtet hatte,
+sondern er versprach ihm auch die Kur Sachsen. Der Tag
+von M&uuml;hlberg verschaffte ihm den Kurhut wirklich, und es
+schien ihn nicht zu beirren, da&szlig; durch diese Schlacht sein
+Vetter in das bitterste Ungl&uuml;ck geriet. Luther hatte wohl
+recht gehabt, als er einmal bei der Tafel den Kurf&uuml;rsten davor
+gewarnt hatte, in Moritz einen jungen L&ouml;wen aufzuziehen.</p>
+
+<p>Ende April 1547 r&uuml;ckten das kaiserliche Heer und die
+Scharen Herzog Moritz&#8217; gegen M&uuml;hlberg. Der Kaiser
+Karl war ritterlich anzusehen, er sa&szlig; auf einem andalusischen
+Ro&szlig;, das mit einer rotseidenen, goldbefransten Decke behangen
+war; er war ganz in blanken Waffen, sein Helm und
+Panzer vergoldet, mit dem roten burgundischen Feldzeichen
+geschm&uuml;ckt; in der Rechten hielt er eine Lanze. Die Gicht
+hatte ihn grau und m&uuml;de gemacht, sein Gesicht war leichenbla&szlig;,
+die Glieder wie gel&auml;hmt, die Stimme so schwach, da&szlig;
+man sie kaum vernahm. Zu fr&uuml;h aber hatten die Protestanten
+ihn wie einen Verstorbenen betrachtet. Karl zitterte jedesmal,
+bevor er die Waffenr&uuml;stung anlegte, aber dann erf&uuml;llte ihn
+pl&ouml;tzlich der Mut. So war es auch am Tag von M&uuml;hlberg.</p>
+
+<p>Die ersten, die das Ufer der Elbe erreichten, waren Moritz
+und Herzog Alba. Ein Bauer verriet ihnen, da&szlig; Johann
+<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>Friedrich in der Stadtkirche zu M&uuml;hlberg den Sonntagsgottesdienst
+abwarte, da&szlig; er sein Fu&szlig;volk schon nach Wittenberg
+vorausgeschickt habe und nach der Predigt mit den
+Reitern folgen wolle. Die spanischen Hakensch&uuml;tzen erhielten
+sofort den Befehl, hin&uuml;ber zu schwimmen; sie taten es, indem
+sie sich entkleideten und die S&auml;bel zwischen die Z&auml;hne nahmen.
+So bem&auml;chtigten sie sich der Br&uuml;cke, die die Kurf&uuml;rstlichen
+vergebens anzuz&uuml;nden versucht hatten, und die sie zerst&ouml;rten.
+Der Kaiser hatte schon &uuml;ber den dichten Nebel geklagt,
+der &uuml;ber der ganzen Gegend lag, jetzt gegen Mittag
+erhob sich der Nebel langsam. Er erblickte die Elbe, die Sonne
+trat heraus, aber sie war rot wie gl&uuml;hendes Eisen und schien
+den ganzen Tag &uuml;ber still zu stehen. Als sp&auml;ter der K&ouml;nig von
+Frankreich den Herzog Alba fragte, ob sich denn wirklich bei
+dieser Schlacht die Geschichte Josuas erneuert habe, erwiderte
+dieser: &raquo;Sire, ich hatte zu viel auf Erden zu tun,
+um bemerken zu k&ouml;nnen, was am Himmel vorging.&laquo; Gegen
+alles Erwarten wurde dem Kaiser durch einen M&uuml;ller namens
+Strauch, dem die Kurf&uuml;rstlichen zwei Pferde weggef&uuml;hrt
+hatten, eine Furt gezeigt; Moritz, sein Landesherr,
+versprach ihm daf&uuml;r hundert Kronen, zwei andere Pferde
+und einen Herrenhof. Die Furt war von festem Boden,
+sieben Pferde konnten nebeneinander gehen, das Wasser
+reichte den Reitern bis an die S&auml;ttel. Einige Kavaliere des
+Kaisers hatten gro&szlig;e Furcht, wenn der Kaiser selbst nicht
+vorangeritten w&auml;re, h&auml;tten sie nicht gewagt, sich einer solchen
+Gefahr auszusetzen. Am jenseitigen Ufer angelangt, schickte
+<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>Moritz einen seiner Offiziere mit einem Trompeter an den
+Kurf&uuml;rsten und lie&szlig; ihn auffordern, sich dem Kaiser zu ergeben.
+Johann Friedrich schlug es ab. Er glaubte nicht an
+den Ernst der Dinge. Er konnte nicht glauben, da&szlig; ein
+ganzes Heer die Elbe durchwaten k&ouml;nne; er vermutete ganz
+und gar nicht, da&szlig; der Kaiser selbst gegen ihn anziehe; er
+zog sich vorsichtig zur&uuml;ck, und seinem bed&auml;chtigen Sinn wurde
+die Situation erst klar, als die Angriffe der kaiserlichen
+Armada immer ungest&uuml;mer wurden. Jetzt empfand er mit
+einemmal die gro&szlig;e Verantwortlichkeit, da&szlig; er sich gegen
+den ihm von Gott gesetzten Herrn, gegen das allerh&ouml;chste
+Reichsoberhaupt vergangen habe. Auf freiem Felde fiel er
+vor seinen Leuten auf die Knie, hob die Augen und H&auml;nde
+empor und betete: &raquo;Ach Gott im Himmel! Bin ich mit
+meinem Vornehmen gegen die Majest&auml;t ungerecht, so strafe
+mich, aber nicht mein Volk.&laquo;</p>
+
+<p>Er stellte sein kleines Heer in Schlachtordnung auf und
+bestieg einen schweren friesischen Hengst; er trug einen schwarzen
+Harnisch mit wei&szlig;en Streifen und darunter noch ein
+Panzerhemd mit kleinen Ringen.</p>
+
+<p>Es war vier Uhr nachmittags. Der Vortrab der Kaiserlichen
+r&uuml;ckte zur Hauptattacke zusammen; es waren die Reiter
+von Herzog Moritz, die Neapolitaner und die Husaren.
+Mit dem Ruf &raquo;Hispania&laquo; und &raquo;das Reich&laquo; brachen sie
+los. Die Kurf&uuml;rstlichen feuerten. Aber von der anderen
+Seite her r&uuml;ckten die vollen Gewalthaufen des Kaisers an.
+Die Haltung ihres Kriegsf&uuml;rsten hatte der kleinen s&auml;chsischen
+<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>Armee wenig Zuversicht und heldenm&uuml;tiges Vertrauen eingefl&ouml;&szlig;t.
+Da nun die Gefahr sich deutlich offenbarte, rief
+er sie an, getreu bei ihm zu stehen, wie er getreu bei ihnen
+stehen werde. Trotzdem kam allgemeine Verwirrung &uuml;ber die
+Leute. Aber es traf noch etwas weit schlimmeres ein. Der
+Patrizier Imhof aus N&uuml;rnberg, der unter Karls Fahnen
+diente, erz&auml;hlt: &raquo;Es ist seltsam zu vernehmen, wie des Kurf&uuml;rsten
+R&auml;te und gro&szlig;e Hansen, so er bei sich gehabt, mit
+ihm umgegangen sind. Wie die Schlacht angegangen, hat
+der Kurf&uuml;rst seinem Volke zugeschrien: &#8250;er wolle auf diesen
+Tag Leib und Blut bei ihnen lassen, sie sollten auch ehrlich
+halten bei ihm.&#8249; Als nun das Treffen angegangen, haben
+seine R&auml;te und gro&szlig;en Hansen, auf die er sich verlassen, zur
+Flucht geschrien, auch unter sein eigenes Volk gehauen und
+gestochen und die Ordnung seiner Haufen getrennt. Das
+habe ich zu Torgau von etlichen von Karl geh&ouml;rt, auch habe
+ich an der Walstatt gesehen, da&szlig; alles durch Verr&auml;terei zugegangen.&laquo;</p>
+
+<p>Das Heer stob auseinander, die Ritter zuerst, und als das
+Fu&szlig;volk die Ritter fliehen sah, warf es Gewehre und Piken
+weg und suchte sein Heil gleichfalls in der Flucht. Die Ritter
+entkamen, aber das Schicksal des Fu&szlig;volks war schrecklich;
+obwohl es die Waffen weggeworfen hatte und um Pardon
+bat, ward es samt und sonders niedergehauen. Karl, von
+Gottes Gnaden r&ouml;mischer Kaiser, allzeit Mehrer des Reiches,
+zu Hispanien K&ouml;nig, hatte ausdr&uuml;cklichen Befehl erteilt, alles
+&uuml;ber die Klinge springen zu lassen. Damals lernte man im
+<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>Herzen von Deutschland das Haus Hispanien-Habsburg mit
+seinen Husaren kennen.</p>
+
+<p>Johann Friedrich, den seine Ritter verlassen hatten, sah
+sich pl&ouml;tzlich ganz allein im Wald, wo alles voller Leichen
+lag, von Husaren vorn und hinten umgeben. Der schwerbeleibte
+Herr mu&szlig;te sich zur Wehr setzen, er tat es ritterlich.
+Ein Ungar hatte ihn in die linke Backe gehauen, das Blut
+rann ihm &uuml;ber das Gesicht auf den schwarz und wei&szlig;en Harnisch
+herab. Dennoch wollte er sich diesen Husaren und auch
+den neapolitanischen Reitern, die ihn umdr&auml;ngten, nicht ergeben.
+Endlich sprengte ein Herr vom Hofgesinde des Herzogs
+Moritz heran, Thilo von Trotha; dieser rief ihn auf
+deutsch an, Pardon zu nehmen. Johann Friedrich ergab sich
+an diesen Deutschen; er zog einen Ring unter seinem Panzerhandschuh
+hervor. Die Waffen des s&auml;chsischen Kurf&uuml;rsten,
+Schwert und Dolch, fielen den Ungarn zur Beute zu.</p>
+
+<p>Thilo von Trotha brachte den gefangenen Kurf&uuml;rsten unter
+einer Bedeckung von neapolitanischen Reitern zum Herzog
+von Alba. Dieser erstattete dem Kaiser Meldung. Karl
+wollte den edlen Fang sogleich sehen, aber dreimal weigerte
+sich der sonst so pflichtbewu&szlig;te Alba, denn aus politischen
+Gr&uuml;nden f&uuml;rchtete er mit Recht, da&szlig; Karl in der ersten Hitze
+den Kurf&uuml;rsten allzu ungn&auml;dig behandeln werde. Der Kaiser
+bestand aber auf seinem Willen. Er hielt in der Heide zu
+Pferd.</p>
+
+<p>Als der noch aus seinen Wunden blutende Johann Friedrich
+des Kaisers ansichtig wurde, den er in seinen Absagebriefen
+<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>als &raquo;Karl von Gent, der sich r&ouml;mischer Kaiser hei&szlig;t&laquo;
+betitelt hatte, seufzte er tief und rief aus: <em class="antiqua">&raquo;Miserere miserere
+mei domine, nos sumus jam hic!&laquo;</em> Der Kaiser erkannte
+den friesischen Hengst wieder; es war derselbe, den Johann
+Friedrich vor drei Jahren auf dem Reichstag zu Speier geritten
+hatte. Von Alba unterst&uuml;tzt stieg der Kurf&uuml;rst vom
+Pferd, wollte nach spanischer Sitte vor dem Kaiser aufs
+Knie fallen und zog auch wieder nach deutscher Sitte seinen
+Blechhandschuh aus, um als Kurf&uuml;rst dem Kaiser die Hand
+zu reichen. Karl lehnte sowohl die spanische Devotions- als
+die deutsche Vertraulichkeitsbezeigung ab. Er war sehr finster;
+er wendete sich zur Seite. Endlich brach der Kurf&uuml;rst
+das Stillschweigen mit der Titulatur, mit der ihm die Kurf&uuml;rsten
+schrieben. Er sprach: &raquo;Gro&szlig;m&auml;chtigster, allergn&auml;digster
+Kaiser.&laquo; Karl erwiderte: &raquo;Ja, ja, nun bin ich Euer
+gn&auml;diger Kaiser; Ihr habt mich lange nicht so gehei&szlig;en.&laquo;
+Der Kurf&uuml;rst fuhr fort: &raquo;Ich bin auf diesen Tag Euer
+Gefangener und bitte um ein f&uuml;rstlich Gef&auml;ngnis. Kaiserliche
+Majest&auml;t wolle sich gegen mich als einen geborenen
+F&uuml;rsten halten.&laquo; Darauf sagte der Kaiser zornig: &raquo;Ja, wie
+Ihr verdient habt. Ich will mich so gegen Euch halten, wie
+Ihr Euch gegen mich gehalten habt. F&uuml;hrt ihn hin! Wir
+wissen uns wohl zu halten.&laquo;</p>
+
+<table class="illustration">
+<tr><td><a href="./images/moritz.png"><img src="./images/moritz_th.png" alt="Moritz von Sachsen" title="Moritz von Sachsen" /></a></td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Moritz von Sachsen,</em></td></tr>
+<tr><td class="small">nach einem Holzschnitt aus der Werkstatt Cranachs.</td></tr>
+</table>
+
+<p>Erst sp&auml;t in der Nacht kam Herzog Moritz von der Verfolgung
+der Ritter und Reiter zur&uuml;ck, bei der ihm heller
+Mondschein geleuchtet hatte. Mehr als zwanzig Stunden
+hatte er an diesem Tag zu Pferde gesessen, war mehr als einmal
+<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>dem Tod entgangen, und nun fand er den Stammvetter
+in Gefangenschaft. Die Kur Sachsen war auf seinem
+Haupte fest.</p>
+
+<p>Karl zog nun vor Wittenberg und belagerte die Stadt.
+Die B&uuml;rger wollten sich bis auf den letzten Mann wehren,
+und Johann Friedrich weigerte sich, sie zur &Uuml;bergabe aufzufordern.
+Da lie&szlig; der Kaiser durch ein spanisches Kriegsgericht
+das Todesurteil &uuml;ber ihn aussprechen, welches lautete,
+&raquo;da&szlig; bemeldeter Hans Friedrich, der &Auml;chter, ihm zur Bestrafung
+und andern zum Exempel durch das Schwert vom
+Leben zum nat&uuml;rlichen Gericht f&uuml;rgebracht und solch Urteil
+auf der im Feld aufgerichteten Walstatt vollzogen werden
+solle.&laquo;</p>
+
+<p>Der Kurf&uuml;rst, dem es im Gl&uuml;ck so sehr an der n&ouml;tigen
+Energie gemangelt hatte, bewies im Ungl&uuml;ck den ganzen
+Heldenmut des Glaubens, der sein einfaches Gem&uuml;t durchdrang.
+Er vernahm das Todesurteil, als er eben mit seinem
+Leidensgenossen Franz von Grubenhagen beim Schachbrett
+sa&szlig;. Er erwiderte gelassen: &raquo;Ich kann nicht glauben, da&szlig;
+der Kaiser also mit mir handeln werde, ist es aber bei der
+kaiserlichen Majest&auml;t g&auml;nzlich beschlossen, so begehre ich, man
+soll es mir fest zu wissen tun, damit ich bestellen kann, was
+meine Frau und meine Kinder angeht.&laquo;</p>
+
+<p>Neun Tage lang lie&szlig; Karl seinen Gefangenen in der
+Todesfurcht schweben. Dem Kurf&uuml;rsten von Brandenburg
+und dem Herzog von Cleve gelang es aber, das Unheil abzuwenden:
+die Wittenberger kapitulierten. Johann Friedrich
+<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>blieb Gefangener des Kaisers so lange als es diesem gefallen
+w&uuml;rde; selbst nach Spanien sollte er ihn schicken d&uuml;rfen. Zum
+Unterhalt f&uuml;r ihn und sein Haus wurde ein Teil von Th&uuml;ringen
+mit einem Jahreseinkommen von f&uuml;nfzigtausend Gulden
+bestimmt. Es war ein Artikel in der Kapitulation, demzufolge
+Johann Friedrich alles annehmen sollte, was das
+Konzil zu Trident oder die kaiserliche Machtvollkommenheit
+in Sachen der Religion beschlie&szlig;en werde; diesen Artikel anzunehmen
+weigerte sich der Kurf&uuml;rst beharrlich; Karl strich
+ihn mit eigener Hand wieder aus.</p>
+
+<p>Auf einer gro&szlig;en Wiese bei Blesern &uuml;bertrug der Kaiser
+dem Herzog Moritz das Kurf&uuml;rstentum, und Moritz legte
+darauf sein Heer als Besatzung in die Stadt Wittenberg.
+Das Volk nahm sie mit tiefem Herzeleid auf. Moritz ritt
+zornig gerade aufs Schlo&szlig; und sah keinem Menschen ins
+Gesicht. Zu den Ratsm&auml;nnern, die ihm die Aufwartung machten,
+sagte er: &raquo;Ihr seid eurem F&uuml;rsten, meinem Vetter, so
+getreu gewesen, das will ich euch ewig im guten gedenken.&laquo;</p>
+
+<p>Von Wittenberg aus zog der Kaiser gegen den Landgrafen
+von Hessen. Der war schon l&auml;ngst kleinm&uuml;tig geworden, und
+als er das Schicksal Johann Friedrichs erfuhr, begann er
+mit Karl zu unterhandeln. Der Kaiser forderte, da&szlig; er sich
+auf Gnade und Ungnade ergeben, hundertf&uuml;nfzigtausend Goldgulden
+Bu&szlig;e zahlen, seine Festungen schleifen und seine Kanonen
+ausliefern solle. Dagegen wurde ihm schriftlich versichert,
+da&szlig; er Land und Leben behalten, auch mit &raquo;einigem&laquo;
+Gef&auml;ngnis verschont werden w&uuml;rde. Die beiden Vermittler,
+<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>Joachim von Brandenburg und Moritz von Sachsen, verb&uuml;rgten
+sich in dieser Verschreibung mit ihrem Ehrenwort
+gegen den Landgrafen. Im Vertrauen auf die Kurf&uuml;rsten
+nahm der Landgraf die Bedingungen an. Moritzens Gemahlin,
+die Tochter des Landgrafen, tat vor dem Kaiser einen
+Fu&szlig;fall f&uuml;r ihren Vater. Der Kaiser war zu keiner andern
+Erkl&auml;rung zu verm&ouml;gen, als da&szlig; der Landgraf sich auf Gnade
+oder Ungnade zu ergeben habe. Nun kam der Landgraf nach
+Halle; er speiste mit den beiden Kurf&uuml;rsten zu Abend; am andern
+Morgen nahmen die drei Herren ihr Fr&uuml;hst&uuml;ck bei Granvella,
+und hier unterzeichneten sie das verh&auml;ngnisvolle Schriftst&uuml;ck,
+in welchem, ohne da&szlig; sie es merkten, der Ausdruck &raquo;einiges&laquo;
+Gef&auml;ngnis ver&auml;ndert war in &raquo;ewiges&laquo; Gef&auml;ngnis. Am Nachmittag
+fand die Abbitte vor dem Kaiser statt. Der Kaiser sa&szlig;
+auf dem Thron unter einem vergoldeten Himmel, umgeben
+von seinen spanischen, italienischen, niederl&auml;ndischen und deutschen
+Gro&szlig;en. Der Landgraf Philipp kniete in schwarzsamtenem
+Kleid mit roter Binde kleinm&uuml;tig und traurig auf dem
+Teppich vor dem Throne, und hinter ihm las sein getreuer
+Kanzler Tielemann von G&uuml;nterode die Abbitte vor. Er las
+mit kl&auml;glichen Geb&auml;rden und in kl&auml;glichem Ton; auf dem Gesicht
+des Landgrafen zeigte sich ein L&auml;cheln; es war vielleicht
+die unbewu&szlig;te Hilfe seiner leichten Natur gegen das Gef&uuml;hl
+der Schmach. Aber der gravit&auml;tische Kaiser hob langsam
+den Finger auf und sagte in seiner brabantischen Mundart:
+&raquo;Wart, ik w&ouml;ll dir laken lehr.&laquo; Nachdem der Reichsvizekanzler
+die Antwort des Kaisers verlesen, G&uuml;nterode sich
+<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>dann h&ouml;flich bedankt hatte, erwartete der Landgraf des Kaisers
+Wink, um sich zu erheben. Dieser Wink erfolgte nicht. Nun
+stand der Landgraf von selber auf und wollte dem Kaiser die
+Hand reichen. Die kaiserliche Majest&auml;t jedoch sah sauer und
+hielt ihre Hand zur&uuml;ck. Daf&uuml;r ergriff Alba die Hand des
+Landgrafen und lud ihn und die andern F&uuml;rsten zum Nachtmahl
+bei sich ein. Alba hatte sein Losament im Schlo&szlig;. Als
+die Tafel aufgehoben war, spielte der Landgraf Brett mit
+einem der s&auml;chsischen R&auml;te, es war zehn Uhr vor&uuml;ber; da k&uuml;ndigte
+ihm Alba auf einmal an, da&szlig; er sein Gefangener sei.
+Zugleich traten hundert spanische Arkebusiere in den Saal.
+Die beiden Kurf&uuml;rsten, die sich f&uuml;r die Freiheit des Landgrafen
+verb&uuml;rgt hatten, waren au&szlig;er sich; Joachim von Brandenburg
+rief, das sei ein B&ouml;sewichtsst&uuml;ck, zog den Degen, um
+Alba den Sch&auml;del zu zerspalten, Moritz aber zeigte sich tief
+betroffen und blieb bei seinem Schwiegervater die ganze Nacht
+hindurch. Er versicherte ihm, da&szlig; da ein Mi&szlig;verst&auml;ndnis
+vorliegen m&uuml;sse, und er werde mit dem Kaiser sprechen. Dies
+geschah. Der Kaiser sagte, da&szlig; sich ihm der Landgraf auf
+Gnade und Ungnade ergeben habe; es sei weder Rede noch
+Schrift davon gewesen, da&szlig; man ihn mit &raquo;einiger&laquo; Gefangenschaft
+verschonen wolle, nur mit &raquo;ewiger&laquo; Gefangenschaft
+habe man ihn verschonen wollen. Und so fand sich auch die
+Fassung in der Notel, die die Kurf&uuml;rsten am Morgen unterschrieben
+hatten, ohne sie n&auml;her zu besehen.</p>
+
+<p>Diese spanische Arglist brachte eine gro&szlig;e Wandlung in
+dem Herzen Moritzens hervor. Er sah jetzt wohl, da&szlig; der
+<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>Kaiser Karl darauf ausging, Deutschland spanisch zu machen,
+aus dem von Schatzungen und fremdem Kriegsvolk erdr&uuml;ckten
+Reich alles Wasser auf eine M&uuml;hle zu leiten, und da erwachte
+in ihm der Deutsche. Ohne seinen k&uuml;hn verborgenen
+und k&uuml;hn ausgef&uuml;hrten Widerstand w&auml;re die sp&auml;tere freie
+Entwicklung Norddeutschlands unm&ouml;glich gewesen, und wenn
+heute nicht ganz Deutschland ein &ouml;sterreichisches Gesicht zeigt,
+so ist es vielleicht im letzten Grunde der Verwechslung jener
+W&ouml;rtchen &raquo;einig&laquo; und &raquo;ewig&laquo; zu danken.</p>
+
+<p>Zun&auml;chst freilich mu&szlig;te Moritz warten. Einerseits f&uuml;rchtete
+er, der Kaiser k&ouml;nne seine Drohung wahr machen und
+den Landgrafen nach Spanien schicken. Anderseits mu&szlig;te
+er gew&auml;rtigen, da&szlig; der allerdurchlauchtigste, gro&szlig;m&auml;chtigste
+und un&uuml;berwindlichste Kaiser, welchen Titel Karl jetzt mit
+einer furchtbaren Realit&auml;t f&uuml;hrte, dem Kurf&uuml;rsten Johann
+Friedrich wieder die Freiheit schenke, wodurch im Lande selbst
+Hader und Krieg ausbrechen mu&szlig;te. Er war jetzt in der
+Schlinge. Die Rache mu&szlig;te aufgeschoben werden.</p>
+
+<p>Er suchte von nun ab sein Heil in der Verstellung. Gerade
+weil er sich zumeist sehr offen und r&uuml;cksichtslos auszusprechen
+pflegte, konnte niemand auf die Vermutung kommen, da&szlig;
+hinter dieser Derbheit eine Berechnung verborgen sei. Als auf
+dem Reichstag zu Augsburg sich ein protestantischer F&uuml;rst an
+den kaiserlichen Tisch setzen wollte, rief er: &raquo;Hier ist kein Platz
+f&uuml;r Ketzer.&laquo; Selbst der undurchdringliche Kaiser Karl konnte
+sich bisweilen verraten; er hatte sich in Regensburg durch ein
+L&auml;cheln verraten, als ihm die Protestanten ihre Schrift gegen
+<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>das Tridentiner Konzil &uuml;berreichten. Moritz verriet sich niemals.
+Er pflegte zu sagen: &raquo;Wenn ich w&uuml;&szlig;te, da&szlig; mein eigenes
+Hemd, das mir zun&auml;chst am Leibe liegt, meine Gedanken
+kennte, ich w&uuml;rde es austun und verbrennen.&laquo; Kein Mensch
+in Deutschland, keiner von seinen Freunden und Vertrauten
+erfuhr etwas von dem, was er im Schilde f&uuml;hrte. Er t&auml;uschte
+den Kaiser, der ihn einmal get&auml;uscht hatte, so sicher und vollkommen,
+da&szlig; das St&uuml;ck, das er vor dem spanischen Senjor
+auff&uuml;hrte, ohne Zweifel das gr&ouml;&szlig;te Meisterst&uuml;ck war, das
+jemals ein Deutscher zustande gebracht hat.</p>
+
+<p>Seiner gew&ouml;hnlichen Lebensweise nach mu&szlig;te man glauben,
+da&szlig; nur das Vergn&uuml;gen und die Lustbarkeiten Reiz f&uuml;r ihn
+h&auml;tten. In seinem Hoflager besch&auml;ftigte ihn unausgesetzt die
+Wildbahn im Dresdener Forst; er liebte Trinkgelage, Ritterspiele
+und die Freuden der Fastnacht; ebenso suchte er an
+fremden H&ouml;fen und auf Reichstagen das lustige Leben, und
+er machte Kundschaft mit sch&ouml;nen Frauen. So schildert ihn
+Sastrow w&auml;hrend des Augsburger Reichstages: &raquo;Herzog
+Moritz hatte seine Kurzweil in der Herberge eines Doktor
+Haus. Der hatte eine erwachsene Tochter, eine sch&ouml;ne Metze,
+hie&szlig; Jungfrau Jakobina, mit der badete er und spielte t&auml;glich
+Pharao mit ihr und dem wilden Markgrafen Albrecht.
+Sie lachte fein lieblich und freundlich zu der F&uuml;rsten Scherzen
+und hielten also Haus, da&szlig; der Teufel sich dr&uuml;ber freuen
+mochte und viel Sagens in der ganzen Stadt davon war.&laquo;
+Die Befreiung seines Schwiegervaters schien ihm nicht besonders
+am Herzen zu liegen. Der Landgraf, der &ouml;fter ge&auml;u&szlig;ert
+<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>hatte, Gef&auml;ngnis f&uuml;rchte er weit mehr als den Tod,
+wurde in Donauw&ouml;rth, wohin er gebracht worden war, sehr
+hart behandelt. Seine spanische Wache l&auml;rmte Tag und Nacht
+in seinem Quartier; er beklagte sich bitter, da&szlig; sie ihn auch
+bei Nacht visitierten, ob er nicht durch einen Ritz oder durch
+ein M&auml;useloch entwischt sei. Einmal schrieb er an Moritz:
+&raquo;Wenn Euer Liebden so flei&szlig;ig w&auml;ren in meinen Sachen
+als im Bankettieren, Gastladen und Spielen, w&auml;re meine
+Sach lang besser.&laquo;</p>
+
+<p>Kein Wunder, da&szlig; der Kaiser glaubte, der verm&ouml;ge am
+meisten bei Moritz, der ihm bei seinen Vergn&uuml;gen Vorschub
+leiste. Aber der bed&auml;chtige und weitschauende Karl
+durchschaute den bed&auml;chtigeren und viel weiter schauenden,
+scheinbar so uninteressierten und doch so interessanten Moritz
+mit nichten. Auch die Venezianer, die gr&ouml;&szlig;ten Diplomaten
+der damaligen Zeit, durchschauten ihn nicht. Der Gesandte
+Mocenigo sagt von ihm: &raquo;Moritz hat viel Mut, aber, wie
+man glaubt, nicht viel Urteil, und dazu ist er ein sehr leichter
+Herr. Von ihm hat Karl wenig zu f&uuml;rchten.&laquo;</p>
+
+<p>Und doch wurde Moritz der Verderber des Kaisers. Als
+er alles zu seinem gro&szlig;en Plan vorbereitet hatte, st&uuml;rzte er wie
+ein Sturmwind &uuml;ber Karl her und vernichtete ihn im Wetter.
+Lange zuvor, ehe der Schlag ausgef&uuml;hrt wurde, hatte
+er sich mit dem n&ouml;tigen Geld zu versehen gewu&szlig;t. Bereits
+im Jahre 1547 hatte er die Kleinodien des Mei&szlig;ner Domkapitels
+einliefern lassen. Es waren darunter ausb&uuml;ndige
+St&uuml;cke: das silberne Bild des Bischofs Bruno, mit Edelsteinen
+<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>geschm&uuml;ckt, in der einen Hand den Bischofsstab, in
+der andern ein Buch haltend, dreiundsiebzig Mark schwer;
+Donatis silbernes Bild, zweiundf&uuml;nfzig Mark schwer;
+Briccii Haupt mit goldener Inful; dazu einhundertvierzig
+Kelche, alles zusammen im Wert von hundertf&uuml;nfzigtausend
+Gulden. Wo diese Sch&auml;tze hingekommen, wu&szlig;te sp&auml;ter niemand
+zu sagen, h&ouml;chstwahrscheinlich hatte Moritz sie heimlich
+einschmelzen lassen. Au&szlig;erdem hatte er nach und nach
+bedeutende Summen aufgenommen; nach seinem Tode hatte
+sein Bruder eine Schuldenlast von &uuml;ber zwei Millionen
+Gulden zu tilgen.</p>
+
+<p>Im Sommer des Jahres 1550 finden sich die Spuren
+der ersten Ann&auml;herung an Frankreich, mit dessen Hilfe Moritz
+den Kaiser zu dem&uuml;tigen dachte. Im November darauf
+unternahm er, von Karl hierzu bestimmt, die Belagerung
+von Magdeburg. Im Fr&uuml;hjahr des n&auml;chsten Jahres hatte
+er Zusammenk&uuml;nfte mit dem Bruder des Kurf&uuml;rsten von
+Brandenburg und seinem Schwager Wilhelm von Hessen
+und mit dem Herzog von Mecklenburg. Einige Monate
+sp&auml;ter verhandelte er mit Jean de Bresse, Bischof von
+Bayonne, und das B&uuml;ndnis mit Frankreich kam zustande.
+Es ward als eine merkw&uuml;rdige Vorbedeutung angesehen, da&szlig;
+ein Blitzstrahl durch das Zimmer fuhr, in welchem der Vertrag
+abgeschlossen wurde. Im Januar 1552 beschwor der
+K&ouml;nig von Frankreich die Allianz mit Moritz und den Kurf&uuml;rsten.
+In deren Namen beschwor den Eid der Markgraf
+Albrecht von Brandenburg-Kulmbach, der mit Sch&auml;rtlin
+<a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>nach Chambord gegangen war. Der franz&ouml;sische K&ouml;nig erhielt
+die Aussicht auf die deutsche Kaiserkrone und unterdessen
+die drei Bist&uuml;mer Metz, Toul und Verdun.</p>
+
+<p>Moritz entlie&szlig; die vor Magdeburg versammelte Armee
+nicht, er vermehrte sie im Gegenteil bis auf f&uuml;nfundzwanzigtausend
+Mann. Er nahm Offiziere in Dienst, die im schmalkaldischen
+Krieg gegen den Kaiser gedient hatten. Er war so
+schlau, die St&auml;rke seines anwachsenden Heeres dadurch zu
+verbergen, da&szlig; er es verteilte und die Quartiere in den D&ouml;rfern
+oftmals wechseln lie&szlig;. Wohl hatte der Kaiser seine
+Spione im Lager. Moritz aber hinterging alle. Der Kaiser
+besoldete zwei geheime Sekret&auml;re am s&auml;chsischen Hof; Moritz
+wu&szlig;te es, verstellte sich, zog sie zu allen Beratungen, r&uuml;hmte
+immer seine Treue gegen den Kaiser, und so meldeten die bestochenen
+Leute lauter falsche Dinge.</p>
+
+<p>Die Venezianer fa&szlig;ten Argwohn, und dieser Argwohn
+verst&auml;rkte sich. Karl erhielt Warnungsbriefe nach Innsbruck,
+und sein Bruder Ferdinand riet ihm, den Landgrafen freizulassen.
+Der Kaiser antwortete: &raquo;Es w&auml;re seltsam, wenn Herzog
+Moritz alles vergessen sollte, was ich f&uuml;r ihn getan,
+wenngleich die r&uuml;cksichtslose Verwendung von so vielen Rebellen
+in seinem Dienst mich auf einigen Verdacht bringt.&laquo;
+Die drei geistlichen Kurf&uuml;rsten wollten, erschreckt durch die
+Ger&uuml;chte, das Konzil zu Trident pl&ouml;tzlich verlassen. Beruhigend
+schrieb ihnen der Kaiser: &raquo;Moritz hat mir solche
+Zusicherungen gemacht, da&szlig; ich mir nur Gutes von ihm verspreche,
+wenn es noch Glauben gibt im menschlichen Leben.&laquo;
+<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>Seine ausgesprochene &Uuml;berzeugung war: &raquo;Die tollen und
+vollen Deutschen besitzen kein Geschick zu derartigen R&auml;nken.&laquo;</p>
+
+<p>Im M&auml;rz 1552 verlie&szlig; Moritz Dresden und ging nach
+Th&uuml;ringen. Bei Erfurt und M&uuml;hlhausen stand seine Armee.
+Er zog mit gro&szlig;er Eile nach Augsburg, wo er am
+1. April ankam und sich damit, nach seinem eigenen Ausdruck,
+&raquo;vor die Spelunke des Fuchses in Innsbruck setzte.&laquo;
+Er hatte sich unterdessen mit dem Heer seines Schwagers
+vereinigt.</p>
+
+<p>Der Kaiser lie&szlig; sich trotzig vernehmen, da&szlig; er den Leib
+des Landgrafen in zwei Teile zerlegen und jeder der Parteien,
+die ihn zwingen wollten, einen Teil entgegenschicken werde.
+In Wirklichkeit war die Lage Karls verzweifelt. Er hatte
+weder Truppen noch Geld. Sein Bruder hatte ihm geschrieben,
+er brauche seine ganze Macht in Ungarn. Die geistlichen
+Kurf&uuml;rsten und der Herzog von Bayern wichen seiner Forderung
+um Hilfe aus. Die Wechselh&auml;user in Italien und
+in den Niederlanden, sowie die Fugger in Augsburg wollten
+keine Darlehen mehr geben. Karl hatte allen Kredit verloren,
+denn er verfolgte die &uuml;belste Politik, die man gegen Handels-
+und Geldleute treiben kann, n&auml;mlich die der Unehrlichkeit.
+So erblickte er zum Beispiel die gr&ouml;&szlig;te Sicherheit f&uuml;r die
+Treue der Genuesen darin, da&szlig; er beschlo&szlig;, ihnen die Kapitalien,
+die er ihnen schuldig war, nie wieder zu bezahlen;
+denn, so sagte er sich, sie w&uuml;rden sich h&uuml;ten, mit einem F&uuml;rsten
+zu brechen, der ihnen so viel Geld schuldig war.</p>
+
+<p>Der Kaiser wollte von Innsbruck aus nach London entfliehen,
+<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>aber der zweimal unternommene Versuch mi&szlig;gl&uuml;ckte.
+In einer Aprilnacht begab er sich im tiefsten Geheimnis auf
+den Weg, so schwach und von Gichtschmerzen geplagt er
+auch war. In seiner Begleitung befanden sich nur zwei
+Kammerherren, zwei Diener und sein getreuer Barbier Van
+der F&eacute;. Sie ritten durch Wald und Gebirge und erreichten
+in der Fr&uuml;he das Dorf Nassereit. Hier blieb der Kaiser bis
+Nachmittag, und dann ritten sie bis Paschelbach, eine Stunde
+von der Ehrenberger Klause. Van der F&eacute; ward aufs Schlo&szlig;
+geschickt, um den Befehlshaber um Kundschaft zu erfragen.
+Dieser berichtete, Moritz sei schon von Augsburg aufgebrochen
+und habe F&uuml;ssen besetzt, der Weg &uuml;ber Kempten sei unsicher
+durch des Herzogs Reiter. Da entschlo&szlig; sich Karl,
+wieder nach Innsbruck zur&uuml;ckzukehren. In demselben tiefen
+Geheimnis langte er an, kein Mensch erfuhr etwas von der
+Reise.</p>
+
+<p>Beim zweitenmal verkleidete er sich als altes Weib. Der
+Plan war, in einem bedeckten Packwagen &uuml;ber Ehrwald und
+Hohenschwangau zu entkommen. Der alte Kammerdiener
+Karls mu&szlig;te sich in dessen Bett legen, und in der K&uuml;che
+wurde gekocht, als ob der Kaiser noch im Schlosse w&auml;re.
+Zwei kurze Tagereisen wurden zur&uuml;ckgelegt, der neugebahnte
+Fernpa&szlig; &uuml;berstiegen, und im Dorfe Lermos stieg Karl aus,
+um eine Mahlzeit zu nehmen. Ein M&auml;dchen, das einmal
+sein Bildnis gesehen, rief bei seinem Anblick: &raquo;Ei, wie sieht
+die alte Frau dem Kaiser so gleich.&laquo; Da erschrak Karl und
+kehrte abermals um.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>Inzwischen war es dem K&ouml;nig Ferdinand gelungen,
+Moritz zu einem Waffenstillstand zu &uuml;berreden, damit man
+zu Passau eine Versammlung einberufen k&ouml;nne, die zu beraten
+habe, wie die Gebrechen der deutschen Nation abzustellen
+seien. Diesen Stillstand benutzte Karl, und es gelang
+ihm, einiges Geld und Truppen zu sammeln. Das Heer stand
+bei Reitti, unfern der Ehrenberger Klause. Moritz zog zu
+Felde, schlug die Kaiserlichen und eroberte die Festung. Nun
+lag der Weg zum Kaiser offen. Die verb&uuml;ndeten F&uuml;rsten
+entschlossen sich, den Fuchs in seiner Spelunke zu suchen &#8211;
+da trat eine unerwartete Hilfe f&uuml;r den Kaiser ein: Moritz
+mu&szlig;te erst einen Aufstand unterdr&uuml;cken, der unter einem Teil
+des Fu&szlig;volks ausgebrochen war; die Leute forderten f&uuml;r den
+Sturm auf das Ehrenberger Schlo&szlig; die doppelte L&ouml;hnung.
+Die Sache stand so schlimm, da&szlig; Moritz in Lebensgefahr
+war; er mu&szlig;te fliehen und sich verbergen. So erhielt der
+Kaiser Zeit, Innsbruck zu verlassen. Der Herr zweier Welten
+mu&szlig;te in einer kalten Fr&uuml;hlingsnacht, bei str&ouml;mendem
+Regen und von heftigen Schmerzen geplagt, in einer S&auml;nfte
+fliehen; fliehen beim Schein brennender Windlichter, mit
+denen die Diener die Engp&auml;sse der Tiroleralpen erhellten.
+Alle Br&uuml;cken wurden hinter ihm abgebrochen. Dem Kaiser
+folgte der Kurf&uuml;rst Johann Friedrich mit seinem alten Freund,
+dem Maler Lukas Cranach. Zum erstenmal seit f&uuml;nf Jahren
+sah der Kurf&uuml;rst sich nicht mehr von seiner spanischen Garde
+umgeben; er stimmte auf seinem Wagen ein Lob- und Danklied
+an.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>Der Kaiser wandte sich nach Villach in K&auml;rnten und blieb
+dort bis in die Mitte des Sommers. Moritz zog am vierten
+Tage nach Karls Flucht in Innsbruck ein. Alles was den
+Spaniern, dem Kaiser und dem Kardinalbischof von Augsburg
+geh&ouml;rte, &uuml;berlie&szlig; er seinen Landsknechten als gute Beute;
+sie stolzierten in den pr&auml;chtigsten Gew&auml;ndern herum, auf
+ihren H&uuml;ten gl&auml;nzten portugiesische Goldst&uuml;cke, und einer
+nannte den andern &raquo;Don&laquo;. Moritz&#8217; Verb&uuml;ndeter, der K&ouml;nig
+Heinrich von Frankreich, zog ins Elsa&szlig; und erlie&szlig; Manifeste,
+in denen viel von deutscher Freiheit zu lesen war; auf
+einem sah man sogar einen Freiheitshut mit zwei Dolchen
+und das Wort &raquo;Libertas&laquo; an der Spitze. Vor allem nahm
+der Befreier Deutschlands Metz, Toul und Verdun weg.</p>
+
+<p>Moritz machte sich nun auf den Weg nach Passau, wo
+er mit dem K&ouml;nig Ferdinand, dem Herzog von Bayern und
+den Bisch&ouml;fen von Passau, Salzburg und Eichst&auml;dt den welthistorischen
+Vertrag abschlo&szlig;, der den Protestanten ihre Religionsfreiheit
+wieder sicherte. Nachdem der Friede abgeschlossen
+war, f&uuml;hrte er sein Heer dem K&ouml;nig Ferdinand zu Hilfe gegen
+die T&uuml;rken, der Kaiser wandte sich gegen die Franzosen nach
+Westen, und die gefangenen Herren von Hessen und Sachsen
+kehrten in ihre L&auml;nder zur&uuml;ck. Karl entlie&szlig; Johann Friedrich
+nicht ohne Zeichen der Achtung, sogar der R&uuml;hrung. Alle
+protestantischen St&auml;dte, durch die er auf seinem Weg kam,
+empfingen ihn wie einen Heiligen und M&auml;rtyrer. In Koburg
+traf er seine Gemahlin; sie hatte in den f&uuml;nf Jahren
+ihre Trauerkleider nicht abgelegt und fiel in Ohnmacht, als
+<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>sie ihn wiedersah. Die Ratsherren in Amtstracht und schwarzen
+M&auml;nteln gingen ihm entgegen, die B&uuml;rger in ihren R&uuml;stungen
+und Feiertagsgew&auml;ndern bildeten Spalier, auf den M&auml;rkten
+standen die Geistlichen und die jungen M&auml;nner auf der einen
+Seite, die eisgrauen Leute und die jungen M&auml;dchen mit dem
+Rautenkranz im fliegenden Haar auf der anderen, und die
+Knaben sangen das Tedeum. Der F&uuml;rst schritt mit entbl&ouml;&szlig;tem
+Haupt hindurch, seine R&uuml;ckkehr ihrem Gebet zuschreibend,
+und hinter ihm ging sein lieber Lukas Cranach.</p>
+
+<p>Auch der Landgraf von Hessen kehrte aus den Niederlanden
+nach Kassel zur&uuml;ck. Er hatte Moritzens Vorhaben gegen den
+Kaiser durchaus nicht glauben wollen und ge&auml;u&szlig;ert: &raquo;Wie
+will ein Sperling den Geier angreifen?&laquo; Das Wunderliche
+geschah jetzt, da&szlig; man Moritz von allen Seiten zu mi&szlig;trauen
+anfing. Da er so viele get&auml;uscht, wenn auch zum guten Zweck
+get&auml;uscht, verd&auml;chtigte man sein Wesen ganz und gar. Wilhelm
+von Hessen nannte ihn in einem Wortwechsel einen Verr&auml;ter.
+Als er nach den Passauer Tagen die Stadt Frankfurt
+am Main auffordern lie&szlig;, sich zu ergeben, wurde ihm
+geantwortet, er m&ouml;ge erst fromm werden und die Judasfarbe
+ablegen.</p>
+
+<p>Als er aus dem T&uuml;rkenkrieg zur&uuml;ckgekehrt war, hielt er
+zur Fastnacht in Dresden gro&szlig;es Rennen und Stechen, und
+dann mu&szlig;te er in den Krieg gegen seinen ehemaligen Freund
+und Bundesgenossen, den wilden Markgrafen Albrecht. Dieser
+hatte die Friedenspakte nicht geachtet; es gefiel ihm, das alte
+Faustrecht noch ferner in Deutschland zu &uuml;ben, und er war
+<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>ein gef&uuml;rchteter Mann, der seinen eigenen Weg ging. Er
+behauptete, der Passauer Vertrag tauge nichts, die Pfaffen
+m&uuml;&szlig;ten gedem&uuml;tigt werden. Nebenbei suchte er auch die Pfeffers&auml;cke
+zu rupfen, wie er die Kaufherren der St&auml;dte nannte.
+Er umgab sich mit ein paar Tausend Eisenfressern und zog
+im Namen des Evangeliums verheerend durch die fr&auml;nkischen
+und s&auml;chsischen Lande.</p>
+
+<p>Bei Sievershausen in der L&uuml;neburgerheide traf Moritz
+seine pl&uuml;ndernden Scharen. Es gab ein kurzes Gefecht; hoch
+zu Ro&szlig;, die rote Feldbinde mit dem wei&szlig;en Streifen um die
+Brust, k&auml;mpfte Moritz ritterlich. Eine silberne Kugel traf
+ihn von hinten, zerri&szlig; seinen Panzer und drang durch seinen
+ganzen K&ouml;rper. Wilhelm von Grumbach, der fr&auml;nkische
+Ritter, soll sein M&ouml;rder gewesen sein. In einem Zelte, das
+man neben einem Zaun aufgeschlagen hatte, empfing er die
+erbeuteten Fahnen und die Papiere des Markgrafen, die er
+eifrig durchsp&auml;hte. Er diktierte sein Testament, und nach zwei
+Tagen starb er, zweiunddrei&szlig;ig Jahre alt. Sein letztes Wort
+war: &raquo;Gott wird kommen,&laquo; das &uuml;brige verstand man nicht.</p>
+
+<p>Kaiser Karl V. liebte Moritz so sehr, da&szlig; er, als man ihm
+zu Br&uuml;ssel die Todesnachricht mitteilte, in die Worte ausbrach:
+&raquo;O, Absalom, mein Sohn, mein Sohn!&laquo;</p>
+
+<p>Der wilde Markgraf wurde in die Acht getan, scheinbar gegen
+den Willen des Kaisers. &raquo;Es ist alles dahin gerichtet, Deutschland
+eine Kappe zu schneiden,&laquo; schrieb der Herzog von Braunschweig,
+der bei Sievershausen seine zwei &auml;ltesten S&ouml;hne verloren
+hatte, an Philipp von Hessen, &raquo;der Kaiser will die
+<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>F&uuml;rsten nur gegeneinander hetzen. Er hat zwar Albrecht als
+seiner Hetzhunde einen gebraucht, w&uuml;rde es aber gern sehen,
+wenn ihm ein Rad &uuml;bers Bein ginge.&laquo;</p>
+
+<p>Albrecht fl&uuml;chtete nach Frankreich, kehrte sp&auml;ter nach
+Deutschland zur&uuml;ck und starb elend in Pforzheim, erst f&uuml;nfunddrei&szlig;ig
+Jahre alt.</p>
+
+<p>So endete die Reformation, die als eine Angelegenheit des
+Volkes begonnen hatte, als ein Zusammenbruch der F&uuml;rsten.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a></p>
+<h2><a name="Wallenstein" id="Wallenstein"></a>Wallenstein</h2>
+
+
+<p class="newsection">Albrecht Wenzel Eusebius Baron von Waldstein oder
+Wallenstein entstammte einem alten b&ouml;hmischen Geschlecht,
+dessen Name schon im zw&ouml;lften Jahrhundert zu finden ist.
+Er war am 15. September 1583 geboren und kam zwei
+Monate zu fr&uuml;h auf die Welt. Seine Eltern waren Protestanten,
+und beide verlor er bald, den Vater, als er zehn,
+die Mutter, als er zw&ouml;lf Jahre alt war. Sein Oheim,
+Albrecht Slavata, lie&szlig; ihn in der Schule der b&ouml;hmischen
+Br&uuml;dergemeinde unterrichten, aber ein zweiter Oheim, Johann
+von Ricam, nahm ihn von dort weg und brachte ihn
+in das adelige Jesuitenkonvikt nach Olm&uuml;tz, wo ihn Pater
+Pachta der katholischen Kirche zuf&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Die im Volk verbreiteten Sagen &uuml;ber den hochfahrenden
+und trotzigen Sinn Wallensteins besch&auml;ftigten sich auch mit
+seiner Kindheit. So hie&szlig; es, es habe ihm einst auf der Schule
+zu Goldberg getr&auml;umt, da&szlig; Lehrer und Sch&uuml;ler, ja selbst die
+B&auml;ume des Waldes sich vor ihm verneigt h&auml;tten, und als
+er diesen Traum erz&auml;hlte, sei er lebhaft verspottet worden.</p>
+
+<p>Von Olm&uuml;tz aus ging er auf Reisen; er machte mit einem
+<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>reichen jungen Edelmann aus M&auml;hren die europ&auml;ische Kavaliertur
+nach Holland, England, Frankreich und Italien.
+Ihr gelehrter Begleiter war der Mathematiker und Astrolog
+Verdungs, ein Franke; durch ihn und den Professor
+Argoli in Padua wurde Wallenstein in die geheimen Wissenschaften
+der Sterne und in die Kabbala eingeweiht. Nach
+seiner R&uuml;ckkehr diente er dem Kaiser Rudolf gegen die T&uuml;rken
+und dem K&ouml;nig Ferdinand unter Dampierre gegen die Venezianer.
+In diesem Feldzug konnte er schon ein Dragonerregiment
+auf eigene Kosten stellen, denn er war durch die
+Heirat mit einer beg&uuml;terten alten Witwe zu Verm&ouml;gen gekommen.
+Lukrezia von Landeck hie&szlig; die Frau; um seine
+Neigung zu gewinnen hatte sie ihm einen Liebestrank eingegeben,
+der ihm fast den Tod gebracht h&auml;tte. Sie lebte nur
+wenige Monate an seiner Seite.</p>
+
+<p>Nach der Kampagne gegen Venedig erhob ihn der Kaiser
+Mathias in den Freiherrenstand und ernannte ihn zum Obrist,
+Hofkriegsrat und K&auml;mmerer. Beim Ausbruch der b&ouml;hmischen
+Unruhen waren seine F&auml;higkeiten schon anerkannt; die
+B&ouml;hmen wollten ihn zu ihrem General machen. Er blieb
+aber dem Kaiser treu und fl&uuml;chtete von Olm&uuml;tz aus mit der
+Kriegskasse nach Wien. Im Jahre der Prager Schlacht
+erhielt er die Reichsgrafenw&uuml;rde, und nach dem Nikolsburger
+Frieden schenkte ihm der Kaiser die an Schlesien und an die
+Lausitz grenzende Herrschaft Friedland, die aus neun St&auml;dten
+und siebenundf&uuml;nfzig D&ouml;rfern und Schl&ouml;ssern bestand; seitdem
+hie&szlig; man ihn nur den &raquo;Friedl&auml;nder&laquo;. Auch wurde er
+<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>F&uuml;rst des Reiches. Sein Verm&ouml;gen entsprach der f&uuml;rstlichen
+W&uuml;rde; er war allm&auml;hlich durch den Ankauf konfiszierter
+G&uuml;ter, die um einen Spottpreis zu haben waren, der reichste
+Grundherr B&ouml;hmens geworden. Er betrieb den G&uuml;terschacher
+im allergr&ouml;&szlig;ten Stil, denn er verkaufte auch wieder. Um
+dieses Freiwerden adeliger Besitzt&uuml;mer verst&auml;ndlich zu machen
+ist es notwendig, auf die Ursache hinzuweisen.</p>
+
+
+<p class="tb">Als Ferdinand im Jahre 1619 seinem Vetter Mathias
+folgte, war er bereits einundvierzig Jahre alt, ein kleiner,
+korpulenter Herr von gesunder Leibesbeschaffenheit und gem&auml;&szlig;igter
+Lebensf&uuml;hrung. Der beherrschende Zug seines Wesens
+war die Fr&ouml;mmigkeit. Khevenh&uuml;ller schildert ihn, wie
+er einmal w&auml;hrend einer Jagd den Tr&auml;gern des heiligen Sakraments
+begegnete, umkehrte und barh&auml;uptig bis an das Lager
+des Sterbenden folgte. Was Philipp II. f&uuml;r Spanien gewesen,
+wollte er f&uuml;r Deutschland sein. &raquo;Besser eine W&uuml;ste,
+als ein Land voll Ketzer,&laquo; war sein Wahlspruch. Die Priester
+waren f&uuml;r ihn die Stimme Gottes, und jeden einzelnen verehrte
+er als &uuml;berirdische Erscheinung. &raquo;Tritt mir ein Priester
+und ein Engel zugleich in den Weg,&laquo; so soll er sich einst ge&auml;u&szlig;ert
+haben, &raquo;so werde ich dem Priester zuerst meine Ehrfurcht
+erweisen.&laquo; Dies galt freilich nur f&uuml;r die spanisch-aristokratischen
+Geistlichen, die sich zu dem System der unbedingten
+Ketzerausrottung bekannten. Er h&ouml;rte alle Tage zwei Messen
+in der kaiserlichen Kapelle, am Sonntag au&szlig;erdem die Messe
+in der Kirche, eine deutsche und eine italienische Predigt und
+<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>nachmittags die Vesper; w&auml;hrend der Adventszeit vers&auml;umte
+er keine Fr&uuml;hmette, und an allen Prozessionen nahm er zu
+Fu&szlig;e teil. Seine Gewissensr&auml;te, die Jesuiten Lamormain
+und Weing&auml;rtner, hatten sein ganzes Herz in der Hand und
+lenkten es, wie der Orden wollte. Er war stark durch seinen
+Starrsinn. Alles Ungl&uuml;ck ertrug er mit der Geduld des
+Hasses, den er gegen die Ketzer empfand; all das selbstverschuldete,
+durch Mangel an Treu und Glauben herbeigef&uuml;hrte
+Ungl&uuml;ck erschien ihm als eine vor&uuml;bergehende Pr&uuml;fung Gottes.
+Er war der unvers&ouml;hnliche Feind der Protestanten in Deutschland
+und B&ouml;hmen; die Rache, die er an ihnen &uuml;ben wollte,
+war der Mittelpunkt seiner Gedanken und Gef&uuml;hle.</p>
+
+<p>Nach des Kaisers Mathias Tode zog das b&ouml;hmische Protestantenheer
+gegen Wien. Ferdinand befand sich in der Hofburg.
+Er war ohne Soldaten und ohne Geld. Er schien
+verloren. Seine R&auml;te dr&auml;ngten ihn, nach Tirol zu fliehen,
+selbst die Jesuiten stimmten f&uuml;r Nachgiebigkeit. Ferdinand
+weigerte sich. Die Lage war furchtbar; Geschosse flogen in
+die kaiserlichen Fenster, Ferdinand mu&szlig;te sein Wohnzimmer
+verlassen. Er betete gegen seinen Feind. Seine Bedr&auml;ngnis
+nutzend, erschienen sechzehn protestantische Herren der &ouml;sterreichischen
+St&auml;nde vor ihm und forderten, er solle seine Einwilligung
+zu der Union mit den B&ouml;hmen geben. Ferdinand
+weigerte sich, die Schrift zu unterzeichnen. Da fa&szlig;te Andreas
+Thonradtel den Kaiser bei den Wamskn&ouml;pfen und rief
+ihm zu: &raquo;Nandl, gib dich, du mu&szlig;t unterschreiben.&laquo; In
+diesem Augenblick schmetterten Trompeten im Burghof; es
+<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>waren die Dampierreschen K&uuml;rassiere, die durch das Wassertor
+in die Stadt gedrungen waren. Sie retteten den Kaiser.
+Furcht und b&ouml;ses Gewissen trieben die Herren von der protestantischen
+Adelskirche aus Wien. Der b&ouml;hmische General
+hatte die Gelegenheit vers&auml;umt, und Ferdinand entschlo&szlig; sich
+rasch und k&uuml;hn, nach Frankfurt zu reisen und sich dort zum
+Kaiser kr&ouml;nen zu lassen. Aber gerade in dieser Zeit sprachen
+ihm die B&ouml;hmen in Prag die k&ouml;nigliche W&uuml;rde ab. Sie
+entsetzten ihn als einen Erbfeind der Gewissensfreiheit, als
+einen Sklaven Spaniens und der Jesuiten, und sie w&auml;hlten
+an seiner Statt den Kurf&uuml;rsten Friedrich von der Pfalz zum
+K&ouml;nig, ein ungl&uuml;cklicher Schritt, der die Erbitterung aller
+drei Religionsparteien auf die Spitze trieb, denn Friedrich
+war Kalvinist, und nach Luthers Wort waren die Kalvinisten
+siebenmal &auml;rger als die P&auml;pstlichen.</p>
+
+<p>Friedrich war ein sch&ouml;ner, stattlicher und galanter Mensch
+von dreiundzwanzig Jahren. Als er zu Amberg die Nachricht
+erhielt, da&szlig; er K&ouml;nig geworden sei, war er betroffen und
+konnte keinen Beschlu&szlig; fassen. Erst auf das dritte Schreiben
+der B&ouml;hmen reiste er nach Prag und war nun guten Mutes.
+Er verlie&szlig; sich auf seinen m&auml;chtigen Schwiegervater, den
+K&ouml;nig von England, er verlie&szlig; sich auf die Hilfe der deutschen
+St&auml;dte, der Hugenotten in Frankreich und der Graub&uuml;ndtner,
+die ihm versprachen, den spanischen Armeen die P&auml;sse zu
+sperren, und am meisten verlie&szlig; er sich auf seine Jugend.</p>
+
+<p>Doch war er von Anfang an ein verlorener Mann. Wohl
+stand er an der Spitze einer evangelischen Union, viel m&auml;chtiger
+<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>aber war die Vereinigung der katholischen F&uuml;rsten,
+welchen aus Ha&szlig; gegen die Kalvinisten auch der protestantische
+Kurf&uuml;rst Johann von Sachsen sich gesellte, und als nun
+gar der K&ouml;nig von Frankreich Gesandte an die F&uuml;rsten der
+Union schickte, um sie von Friedrich abzubringen, machten
+diese ihren Frieden mit der katholischen Liga, und von allen
+verlassen, sah Friedrich von allen Seiten her die Feinde gegen
+sich losst&uuml;rmen. Er hatte es nicht verstanden, die b&ouml;hmischen
+Herren zu gewinnen; er hatte es nicht verstanden, sich bei diesen
+Aristokraten in Respekt zu setzen, die einen K&ouml;nig nur zum
+Schein haben wollten, und da&szlig; er ihnen ihre krummen Sachen
+gerade biege. Sie hatten nur ihre Feudalrechte, Freiheiten
+und Privilegien im Sinn, nannten den Kaiser einen blinden
+Hund, den Herzog Max die bayrische Sau und den Kurf&uuml;rsten
+von Sachsen den meineidigen, trunkenen Klotz, und
+als Friedrich sie einmal um sieben Uhr fr&uuml;h zu einer Ratsversammlung
+bescheiden lie&szlig;, wurde ihm erkl&auml;rt, zu solcher
+Tageszeit k&ouml;nnten sie nicht kommen, der Mensch m&uuml;sse nach
+der Arbeit seine Ruhe haben.</p>
+
+<p>In der Stadt herrschte die gr&ouml;&szlig;te Unsicherheit. Jeden
+Tag wurden ein paar Menschen ermordet. Ehebruch und
+Hurerei wurden zur Plage. Die Ernstgesinnten fanden sich
+durch Friedrichs Vorliebe f&uuml;r franz&ouml;sische Sprache, franz&ouml;sische
+Sitten und Moden beleidigt. Man verspottete ihn,
+wenn er im rotsamtenen Pelz, mit wei&szlig;em Hut und gelben
+Federn abends im Schlitten durch die Stadt fuhr. Aber am
+meisten verdarb er seine Sache dadurch, da&szlig; er die Bilderst&uuml;rmerei
+<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>zulie&szlig;. Allenthalben wurden die Alt&auml;re zerst&ouml;rt, die
+Kruzifixe zerschlagen, die Gr&auml;ber der Schutzpatrone aufgerissen
+und beraubt, die Ger&auml;te weggef&uuml;hrt, die sch&ouml;nen Stoffe verbrannt
+und das geschnitzte Holzwerk zerhackt. Als das gro&szlig;e
+steinerne Kruzifix auf der Moldaubr&uuml;cke fallen sollte, entstand
+ein Aufruhr, und man mu&szlig;te der Wache befehlen, jeden in
+den Flu&szlig; zu werfen, der die Statue anzutasten wage.</p>
+
+<p>So standen die Dinge, als Max und Tilly heranzogen,
+die gl&uuml;henden Katholiken, die vor Eifer brannten, die b&ouml;hmische
+Hauptstadt den Klauen des Ketzers zu entrei&szlig;en. Die Jahreszeit
+war vorger&uuml;ckt, es fing an rauh und kalt zu werden. Der
+General Boucquoy war gegen rasche Ma&szlig;regeln, aber Tilly
+rief jederzeit im Kriegsrat, wo er vor Ingrimm und Ungeduld
+stets etwas zu zerknittern oder zu zerrei&szlig;en pflegte: &raquo;Prag,
+Prag.&laquo; Im Fr&uuml;hnebel des 8. November stand die ligistische
+Armee endlich vor Prag. Der Morgen war bitterkalt, der
+Boden festgefroren. Abermals wollte Boucquoy den entscheidenden
+Schlag nicht wagen. Da trat ein spanischer Karmeliterm&ouml;nch
+auf, ri&szlig; ein von den B&ouml;hmen verst&uuml;mmeltes
+Marienbild aus der Kutte und hielt es hoch empor. Herzog
+Max rief &uuml;berlaut: &raquo;Heilige Maria!&laquo; und &raquo;heilige Maria&laquo;
+wurde das Feldgeschrei des Tages. Es war Mittag, und
+die Sonne trat aus den Nebeln. Das Vorr&uuml;cken zur Schlacht
+geschah in Massenvierecken des Fu&szlig;volks, die Reiterei zog auf
+beiden Fl&uuml;geln mit. Die b&ouml;hmischen Kanonen schossen in die
+Vierecke, und die ungarischen Reiter machten einen Angriff.
+Boucquoy und Herzog Max, die sich im R&uuml;cken der Armee
+<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>befanden, hielten die Fliehenden mit dem Degen in der Faust
+auf. Nun f&uuml;hrte der Reiteroberst Pappenheim seine K&uuml;rassiere
+gegen die Ungarn. Ein junger polnischer Lancier erstach
+das Pferd des den B&ouml;hmen verb&uuml;ndeten Herzogs von Anhalt.
+Er st&uuml;rzte und wurde gefangen. Dieser Zufall war entscheidend.
+Die Ungarn ergriffen die Flucht, ihre Flucht verwirrte
+die ganze b&ouml;hmische Schlachtordnung, und die Neapolitaner
+erst&uuml;rmten die Schanzen und nahmen die Batterien. Die
+Schlacht war nach einer Stunde zu Ende. Eine einzige
+Stunde hatte das Schicksal B&ouml;hmens, ja das Schicksal
+Deutschlands f&uuml;r Jahrhunderte entschieden.</p>
+
+<p>Im k&ouml;niglichen Tiergarten hatte Pappenheim gegen eine
+auserw&auml;hlte Schar von jungen Adeligen gek&auml;mpft. Mit
+zahllosen Hieb- und Stichwunden bedeckt, fiel er und lag die
+ganze kalte Novembernacht hindurch ohne Bewu&szlig;tsein unter
+Leichen und Pferden. Am andern Morgen kam ein Kroat
+&uuml;ber ihn. Er bi&szlig; ihn in den Finger, weil der sch&ouml;ne Ring,
+den er trug, sich nicht anders wollte abziehen lassen. Das
+herzhafte Zubei&szlig;en des wilden Mannes brachte Pappenheim
+wieder ins Leben. Er blickte den Kroaten finster an und
+fragte: &raquo;Kerl, was willst du?&laquo; Der Kroat erwiderte: &raquo;Du
+hast gute Kleider an, du mu&szlig;t sterben.&laquo; Obgleich halbtot,
+versetzte ihm Pappenheim eine gewaltige Ohrfeige, versprach
+aber dann, ihn gut zu belohnen, wenn er ihn zu einem Wundarzt
+f&uuml;hre. Der Kroat willfahrte.</p>
+
+<p>Am Morgen nach der Schreckensnacht stieg Friedrich,
+der Winterk&ouml;nig, in den Reisewagen, lie&szlig; alles im Stich,
+<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>Krone, Kleinodien, Archiv und geheime Kanzlei, und fuhr
+&uuml;ber Breslau und Berlin nach Holland.</p>
+
+<p>Die Rache des Kaisers war gl&auml;nzend. Er wartete; er
+wartete sieben Monate lang. Er wollte die b&ouml;hmischen Landherren
+sorglos machen und die V&ouml;gel sicher ins Garn locken.
+Es gelang ihm nur zu gut. Max und Tilly hatten Amnestie
+verb&uuml;rgt. Tilly gab den Rat, die St&auml;nde nicht zur
+Verzweiflung zu treiben; aber die Klugen, die den Kaiser
+lenkten, waren der Meinung, da&szlig; Leute, die ein schlechtes
+Gewissen haben, keine verzweifelten Schritte tun, sondern
+da&szlig; solche Leute es lieben, sich zu ducken.</p>
+
+<p>Eines Tages wurden pl&ouml;tzlich achtundvierzig H&auml;upter des
+Aufstandes verhaftet und auf den Hradschin gefangengesetzt.
+Noch hatte Ferdinand seine Bedenken, ob er mit den Rebellen
+auf spanische Art verfahren solle. Der Jesuit Lamormain
+machte dem Spintisieren ein Ende, indem er erkl&auml;rte,
+er nehme alles auf sein Gewissen. Am andern Morgen war
+der Blutbote auf dem Wege nach Prag, um dem Statthalter
+die kaiserlichen Befehle zu &uuml;berbringen.</p>
+
+<p>Schlag vier Uhr fr&uuml;h ert&ouml;nte der Knall einer Kartaune
+vom Hradschin. Die Gefangenen, von einer Reiterschwadron
+und zweihundert Musketieren begleitet, wurden in bedeckten
+Wagen zur Altstadt heruntergef&uuml;hrt. Der Richtplatz war
+unmittelbar vor dem Rathaus, gegen&uuml;ber der Theinkirche,
+wo der goldene Hussitenkelch mit dem Schwerte stand. Das
+Schafott war mit rotem Tuch behangen; auf einer B&uuml;hne
+unter einem Baldachin sa&szlig; der Statthalter und elf vom
+<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>Kaiser verordnete Kommissarien. Es war ein regnerischer
+Junimorgen, aber zum Trost der M&auml;rtyrer spannte sich ein
+sch&ouml;ner Regenbogen &uuml;ber den Lorenzberg.</p>
+
+<p>Der Scharfrichter k&ouml;pfte innerhalb vier Stunden vierundzwanzig
+Personen, drei wurden gehenkt. Es waren lauter
+protestantische K&ouml;pfe bis auf den des Grafen Czernin, der
+Katholik war. Er mu&szlig;te sterben, weil man den Schein retten
+wollte, da&szlig; das Blutgericht keine Religionsverfolgung,
+sondern eine abgedrungene politische Ma&szlig;regel sei. Es waren
+meist ganz alte Leute, die exekutiert wurden; zehn von ihnen
+z&auml;hlten zusammen &uuml;ber siebenhundert Jahre.</p>
+
+<p>Der Kaiser tat noch ein &uuml;briges f&uuml;r die Opfer: er betete,
+w&auml;hrend sie hingerichtet wurden. Er hatte zu diesem Zweck
+eine Wallfahrt nach Mariazell angetreten, lag vor dem
+Bild der Mutter Gottes auf den Knien und flehte, da&szlig; die
+B&ouml;hmen noch vor ihrem Tod in den Scho&szlig; der alleinseligmachenden
+Kirche zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden m&ouml;chten.</p>
+
+<p>Elf Monate nach dem Bluttag lie&szlig; Ferdinand einen
+Generalpardon verk&uuml;ndigen. Wer sich schuldig f&uuml;hlte, sollte
+sich selbst anklagen, um die kaiserliche Verzeihung zu erhalten.
+Die V&ouml;gel liefen ins Garn. Siebenhundertachtundzwanzig
+Herren vom Adel, Ritter und Barone, stellten sich freiwillig.
+Sofort wurden ihre G&uuml;ter konfisziert. Teils ganz, teils halb,
+teils ein Drittel. Im kaiserlichen Kabinett fehlte es an Geld.
+Die konfiszierten Verm&ouml;gen ergaben die Summe von dreiundvierzig
+Millionen Gulden, eine ungeheure Summe f&uuml;r
+jene Zeit. Sie erlaubte dem Kaiser, den Krieg fortzusetzen.
+<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>Alle G&uuml;ter kamen in andere H&auml;nde. Es wechselte der ganze
+Besitzstand. Hundertundf&uuml;nfundachtzig adelige Geschlechter
+und viele Tausende von B&uuml;rgerfamilien verlie&szlig;en die Heimat
+und wanderten ins Ausland, und ganz B&ouml;hmen, ganz M&auml;hren
+und ganz &Ouml;sterreich wurde mit Gewalt wieder katholisch
+gemacht.</p>
+
+
+<p class="tb">Der Anteil Wallensteins an der Rebellenbeute betrug
+nahezu ein Drittel. Sein Reichtum spielte eine wichtige
+Rolle in den Ereignissen der Zeit. Denn als in Deutschland
+der Krieg erwachte, als der K&ouml;nig von D&auml;nemark sich mit
+Mansfeld und dem Herzog von Braunschweig verband, als
+Holland, England und Frankreich sich anschickten, den Protestanten
+gegen das Haus Habsburg Hilfe zu leisten, sah sich
+der Kaiser ohne gen&uuml;gende Mittel zur Ausr&uuml;stung und Besoldung
+eines gro&szlig;en Heeres. Da erbot sich Wallenstein, der
+unterdessen durch die Heirat mit der Gr&auml;fin Harrach, der
+Tochter eines G&uuml;nstlings des Kaisers, h&ouml;fische Beziehungen
+erlangt hatte, zum Helfer. Wallenstein wollte den Krieg
+in gro&szlig;em Stile f&uuml;hren. Der Kaiser befahl ihm, ein Heer
+von zwanzigtausend Mann zu werben. Dies schlug er aus.
+Ein Heer von vierzig- bis f&uuml;nfzigtausend Mann wollte er
+stellen, denn ein solches Heer, meinte er, werde sich selbst
+zu ern&auml;hren wissen. Er erhielt darauf die Vollmacht f&uuml;r
+diese Zahl und zugleich den unbeschr&auml;nkten Oberbefehl als
+Generalissimus des Kaisers. Wenige Monate vergingen,
+und die Armee war beisammen. Sein Name lockte; nicht
+<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>blo&szlig; unbesch&auml;ftigte und hungrige Menschen traten unter
+seine Fahnen, sondern es kamen auch als Offiziere M&auml;nner
+von h&ouml;chstem Rang. Das Hauptquartier des Heeres war
+in Eger.</p>
+
+
+<p class="tb">Wallenstein war zum Kriegsf&uuml;rsten geboren. Er trat im
+h&ouml;chsten Prunk auf und imponierte durch seinen Luxus, durch
+ein gl&auml;nzendes Gepr&auml;nge, das jeden blendete, der ihm nahte.
+Er wu&szlig;te die st&auml;rksten Leidenschaften der Menschen zu erregen
+und sie dadurch auf Tod und Leben sich dienstbar zu
+machen. Seine Belohnungen waren k&ouml;niglich, seine Tafel
+bot unersch&ouml;pfliche Gen&uuml;sse. Unter der einzigen Bedingung
+der strengsten Disziplin lie&szlig; er alle Ausschweifungen seiner
+Soldaten hingehen. Sein Lager war das lustigste, das
+Soldaten haben konnten. Er duldete einen riesigen Train
+von Bedienten, Tro&szlig;buben, Fuhrknechten und Weibern, nur
+Pfaffen duldete er im Lager nicht. Freibeuter aller Konfessionen
+und jeden Standes zogen ihm zu. Sein scharfes Auge
+erkannte den T&uuml;chtigen auf den ersten Blick; der gemeinste
+Mann vermochte die h&ouml;chste Stellung zu erringen. Jede
+heroische Tat wurde durch Bef&ouml;rderung und Geschenke ausgezeichnet,
+aber der Feigling mu&szlig;te sterben, und &uuml;ber den
+Ungehorsamen erging der Befehl, der als Kriegsgerichtsspruch
+galt: La&szlig;t die Bestie h&auml;ngen.</p>
+
+<p>Er verachtete die Menschen. Sie waren ihm nur Werkzeuge
+zu seinen Zwecken. Als ihm einmal Gustav Adolf vor
+einer Schlacht den Antrag machen lie&szlig;, da&szlig; man im &auml;u&szlig;ersten
+<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>Fall einander Pardon geben m&ouml;ge, antwortete er: &raquo;Die
+Truppen sollen entweder kombattieren oder krepieren.&laquo;</p>
+
+<p>Schon sein &Auml;u&szlig;eres fl&ouml;&szlig;te Ehrerbietung und Scheu ein:
+eine lange, hagere, stolze Gestalt, das Gesicht immer ernst,
+bleich oder gelb, die Stirn hoch und gebieterisch, das schwarze
+Haar kurz abgeschnitten und aufw&auml;rtsstehend, die Augen
+klein, schwarz und feurig-stechend, der Blick finster und voll
+Argwohn, Lippen und Kinn mit starkem Schnurr- und
+Knebelbart bedeckt. Seine gew&ouml;hnliche Tracht war ein
+Reiterrock von Elensleder, dar&uuml;ber ein wei&szlig;es Wams,
+Mantel und Beinkleider von Scharlach, ein breiter, nach
+spanischer Art gekr&auml;uselter Halskragen, Korduansstiefel, die
+des Podagras wegen mit Pelz gef&uuml;ttert waren, und eine
+lange, rote Feder auf dem Hut.</p>
+
+<p>Mochte es im Lager noch so laut hergehen, in seiner N&auml;he
+mu&szlig;te alles still sein, seine unmittelbare Umgebung mu&szlig;te
+die tiefste Ruhe bewahren. Weder Wagengerassel noch
+Stimmen im Vorzimmer konnte er ertragen. Man sagt,
+er habe einen Kammerdiener aufkn&uuml;pfen lassen, der ihn ohne
+Befehl geweckt, und einen Offizier heimlich umbringen lassen,
+weil er mit lautklirrenden Sporen vor ihn getreten sei.
+Er war immer in sich selbst versunken, in sich selbst webend
+und br&uuml;tend, nur mit seinen Pl&auml;nen und Entw&uuml;rfen besch&auml;ftigt.
+Er forschte unerm&uuml;dlich und war unabl&auml;ssig t&auml;tig, aber
+immer nur aus sich selbst heraus und fremde Einfl&uuml;sse schroff
+abwehrend. Er konnte es nicht einmal leiden, da&szlig; man ihn
+anblickte, wenn er seine Befehle gab; wenn er durch die
+<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>Gassen des Lagers hindurchschritt, mu&szlig;ten die Soldaten so
+tun, als bemerkten sie ihn nicht. Ein wunderliches Grauen
+&uuml;berfiel die Leute, wenn seine hagere Gestalt gespenstergleich
+vor&uuml;berging. Es umgab ihn etwas Geheimnisvolles, Feierliches
+und Banges. Er schritt eingeh&uuml;llt in diese Zauber, und
+sie bildeten einen Nimbus um ihn. Der Soldat glaubte steif
+und fest, da&szlig; der General mit dunklen M&auml;chten im B&uuml;ndnis
+stehe, da&szlig; ihm die Sterne Bescheid sagten, da&szlig; er keinen
+Hund bellen, keinen Hahn kr&auml;hen h&ouml;ren k&ouml;nne, da&szlig; er hieb-,
+kugel- und stichfest sei, und vor allem, da&szlig; er die Fortuna an
+seine Fahnen gebannt habe. Die Fortuna, die seine G&ouml;ttin
+war, wurde die G&ouml;ttin des ganzen Heeres.</p>
+
+<p>Wallenstein war ein Mann von hei&szlig;estem Temperament,
+aber &auml;u&szlig;erlich war er immer kalt und ruhig. &raquo;La&szlig;t flei&szlig;ig
+m&uuml;nzen,&laquo; schreibt er einmal an seinen Hauptmann im Herzogtum
+Friedland, &raquo;auf da&szlig; ich nicht Ursach hab, solches zu
+ahnden, denn ich h&ouml;re, da&szlig; man dem nicht nachkommt, wie
+ich es befohlen, welches mir wohl in die Nasen raucht. Ich
+bin nicht gewohnt, eine Sache oft zu befehlen.&laquo; Er war
+h&ouml;chst wortkarg und sprach recht wenig, dann aber mit Nachdruck.
+Am wenigsten sprach er von sich selbst. Der gl&uuml;hendste
+Ehrgeiz flammte still und lautlos in seiner Brust; ihm opferte
+er kaltbl&uuml;tig alles. Er war ein Meister in der Verstellung;
+keiner wu&szlig;te um seine Absichten, und dem Umstand, da&szlig; er
+in wichtigen Sachen niemals etwas Schriftliches von sich gab,
+verdankte er viele seiner Erfolge. Er war zweiundvierzig Jahre
+alt, als er den Oberbefehl &uuml;bernahm.</p>
+
+
+<p class="tb"><a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>Im Herbst 1625 zog Wallenstein gegen den K&ouml;nig von
+D&auml;nemark. Er &uuml;berwinterte in Halberstadt, das er erobert
+hatte. Im Feldzug des folgenden Jahres schlug er den Grafen
+Mansfeld bei der Dessauerbr&uuml;cke. Dann gewann er dem
+Kaiser Schlesien zur&uuml;ck, eroberte die d&auml;nischen Besitzungen
+und Mecklenburg, das sein Herzogtum wurde. Zum Dank
+daf&uuml;r, und weil er dem Kaiser viel Geld vorstreckte, &uuml;berlie&szlig;
+ihm Ferdinand das Herzogtum Sagan und verkaufte ihm
+die Herrschaft Priebus f&uuml;r einen niedrigen Scheinpreis. Auch
+wurde er zum General des baltischen und ozeanischen Meeres
+ernannt. &Ouml;sterreich wollte n&auml;mlich eine Seemacht werden.
+Dazu schien alles auf dem besten Wege, D&auml;nemark lag darnieder,
+die Hansast&auml;dte waren willens, dem Kaiser behilflich
+zu sein, nur die Festung Stralsund widerstand. Ein halbes
+Jahr lang belagerte Wallenstein diese Stadt; obwohl er
+schwor, da&szlig; er sie einnehmen werde, und wenn sie mit Ketten
+an den Himmel gebunden w&auml;re, mu&szlig;te er unverrichteter Dinge
+wieder abziehen. Dieser Mi&szlig;erfolg untergrub sein Ansehen
+im Norden Deutschlands. Auch der Kaiser verlor den Glauben
+an seine Un&uuml;berwindlichkeit. Jetzt traten die F&uuml;rsten mit
+ihren Klagen &uuml;ber den beispiellosen Pomp des Empork&ouml;mmlings
+auf. Ein Notschrei erhob sich &uuml;ber die unertr&auml;glichen
+Brandschatzungen, mit denen der General die besiegten L&auml;nder
+heimgesucht. Bis dahin hatten alle, verbl&uuml;fft von seinem fabelhaften
+Gl&uuml;ck, geschwiegen, nun taten sich die Lippen auf und
+ergossen sich in Verw&uuml;nschungen gegen den Tyrannen, der
+auf Kosten des allgemeinen Elends im &Uuml;berflu&szlig; schwelgte.
+<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>W&auml;hrend Tausende ringsumher den Hungertod starben, w&auml;hrend
+sich viele B&uuml;rger und Bauern entleibten, um der Not
+zu entrinnen, lebte jeder Rittmeister der Wallensteinschen
+Soldateska wie ein F&uuml;rst, und in Schlesien, wo der Bruder
+den Bruder, die Eltern ihre Kinder anfielen, um sie aus
+Hunger zu schlachten, war der &Uuml;bermut der S&ouml;ldlinge am
+gr&ouml;&szlig;ten. Die H&auml;user wurden gepl&uuml;ndert und demoliert, ganze
+D&ouml;rfer verbrannt, die Weiber gesch&auml;ndet, den M&auml;nnern
+Nasen und Ohren abgeschnitten; Offiziere, die kurz zuvor
+bettelarm gewesen waren, besa&szlig;en drei- bis viermalhunderttausend
+Gulden an barem Geld.</p>
+
+<p>Aber noch gehorchte ganz Deutschland dem Winke Wallensteins.
+Er stand wie ein Alleinherrscher da. Das Unbegreiflichste
+an dem unbegreiflichen Manne war, da&szlig; er die
+R&uuml;stungen umso eifriger betrieb, je mehr die Feinde schwanden.
+Das Heer z&auml;hlte erst f&uuml;nfzigtausend, dann hunderttausend,
+schlie&szlig;lich hundertf&uuml;nfzigtausend Mann. Diese
+furchtbare Armada des Kaisers erweckte bei allen F&uuml;rsten
+Eifersucht und Angst. Die Kurf&uuml;rsten und der Papst, die
+Aristokraten des Reichs und die Jesuiten standen dagegen
+auf, aber die Seele aller Ratschl&auml;ge wider den &uuml;berm&auml;chtig
+werdenden Kaiser war der Kardinal Richelieu, der in einem
+Bericht an den Papst Urban VIII. unverbl&uuml;mt die Absetzung
+Wallensteins forderte.</p>
+
+<table class="illustration">
+<tr><td><a href="./images/wallenstein.png"><img src="./images/wallenstein_th.png" alt="Wallenstein" title="Wallenstein" /></a></td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Wallenstein,</em></td></tr>
+<tr><td class="small">nach einem Stich von Peter de Jode.</td></tr>
+</table>
+
+<p>Dieser Bericht, erf&uuml;llt von tiefster pf&auml;ffischer Schlauheit,
+sprach von &Ouml;sterreich als von einer &raquo;Bestia mit vielen K&ouml;pfen&laquo;,
+von denen die abgeschnittenen immer wieder nachw&uuml;chsen;
+<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>Gewalt fruchte nichts, man m&uuml;sse das Blatt umkehren
+und des Kaisers Fr&ouml;mmigkeit ausnutzen. Derart m&uuml;sse man
+seine Gottesfurcht ausnutzen, da&szlig; man ihn hetze, die seit dem
+Passauer Vertrag eingezogenen Kircheng&uuml;ter zur&uuml;ckzuverlangen;
+so werde er sich alle protestantischen F&uuml;rsten auf immer
+zu Feinden machen. Ferner m&uuml;sse man seine Fr&ouml;mmigkeit
+dadurch ausnutzen, da&szlig; man wegen der &uuml;blen F&uuml;hrung des
+Kriegsvolks sein Gewissen r&uuml;hre und sein Mitleid reize.
+Alsdann solle Frankreich ein gro&szlig;es Heer nach Deutschland
+schicken, Gewalt brauchen, wo Gewalt vonn&ouml;ten und mit
+dem Versprechen von Religionsfreiheit nicht sparsam sein.</p>
+
+<p>Der Papst war mit diesen Vorschl&auml;gen einverstanden, und
+der Kaiser wurde langsam umgarnt. Sein Beichtvater bedeutete
+ihm, da&szlig; der Passauer und der Augsburger Religionsfriede
+ung&uuml;ltig seien, weil sie ohne den Konsens des
+Papstes abgeschlossen waren. Darauf erlie&szlig; der Kaiser das
+ber&uuml;chtigte Restitutionsedikt, welches alles wieder katholisch
+machte, was seit siebenundsiebzig Jahren protestantisch geworden
+war, und sofort erfolgte die strengste Exekution. Obwohl
+die norddeutschen Protestanten erkl&auml;rten, sie w&uuml;rden
+eher Gesetz und Sitte von sich werfen und Germanien
+wieder in die alte Waldwildnis verwandeln als zugeben, da&szlig;
+das Edikt vollzogen werde, wurden sie durch die kaiserlichen
+Heere dazu gezwungen. Fortw&auml;hrend lagen die Truppen in
+allen L&auml;ndern der Protestanten, mit Ausnahme Kursachsens,
+das noch f&uuml;r zu m&auml;chtig erachtet wurde, und raubten
+sie aus. Jede Beschwerde wurde h&ouml;hnisch abgewiesen, und
+<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>es fiel das Wort: Der Kaiser will lieber, da&szlig; die Deutschen
+Bettler seien als Rebellen.</p>
+
+<p>Indessen verfolgte Wallenstein schweigend seine Entw&uuml;rfe.
+Es kam der Tag, wo er seine Gedanken offen aussprach:
+&raquo;Man braucht keine F&uuml;rsten und Kurf&uuml;rsten mehr. Jetzo
+ist es Zeit, da&szlig; man ihnen das Gasth&uuml;tel abzieht. In Deutschland
+soll nur der Kaiser allein Herr sein.&laquo; Diese Sprache
+klang der deutschen F&uuml;rstenaristokratie furchtbar in die Ohren.
+Wallensteins Plan war, s&auml;mtliche kleinen Reichsf&uuml;rsten mit
+Arglist oder mit Gewalt zu vertreiben, ihren Nachla&szlig; zu
+parzellieren und an die Offiziere seines Heeres zu verleihen.
+Zum Teil war dies schon geschehen. Das neue Kaiserreich
+sollte sich auf den Soldatenadel st&uuml;tzen.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich war der Kaiser nicht sehr geneigt, einen Mann
+zu entfernen, der ein solches Machtideal f&uuml;r ihn verwirklichen
+wollte. Auf dem Regensburger F&uuml;rstentag im Juni 1630
+befand sich Ferdinand in einer verzweifelten Lage. Die F&uuml;rsten
+bedr&auml;ngten ihn, das &uuml;ber jedes Ma&szlig; angeschwollene
+Heer zu verringern und den unertr&auml;glichen Diktator, den
+Urheber des allgemeinen Elends, zu entlassen. Weigerte sich
+der Kaiser, so drohten sie, sich mit den Protestanten und mit
+Frankreich zu verb&uuml;nden. Auf der andern Seite erbot sich
+Wallenstein, die F&uuml;rsten in Regensburg zu &uuml;berrumpeln und
+unsch&auml;dlich zu machen. Noch ganz andere Pl&auml;ne schwebten
+vor seinem k&uuml;hnen Geist, und er wartete nur, da&szlig; der Kaiser
+sie guthei&szlig;e. Er wollte f&uuml;r den Kaiser gegen den Papst ziehen.
+Rom sei schon seit hundert Jahren nicht gepl&uuml;ndert worden,
+<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>lie&szlig; er sich vernehmen, es m&uuml;sse jetzt um vieles reicher sein.
+Er hatte gegen hunderttausend Mann seines Heeres nach
+dem s&uuml;dwestlichen Deutschland gezogen und wollte sich nicht
+nur gegen Frankreich und Italien, sondern auch gegen die
+katholischen F&uuml;rsten Deutschlands wenden. Er und seine
+G&uuml;nstlinge drangen unaufh&ouml;rlich in den Kaiser, da&szlig; er seine
+Einwilligung zu den milit&auml;rischen Operationen geben m&ouml;ge.
+Aber der Kaiser gab nicht die F&uuml;rsten auf, wie Wallenstein
+es wollte, er gab Wallenstein auf, wie die F&uuml;rsten es wollten.
+Dem p&auml;pstlichen Nunzius Rocci gelang es, Ferdinand
+umzustimmen; es gelang ihm mit Hilfe des feinsten Diplomaten
+jener Zeit, des Kapuzinerpaters Joseph, eines Mannes,
+der, wie sein Begleiter Herr von Leon sagte, gar keine
+Seele hatte, sondern nur Untiefen, in die ein jeder geraten
+m&uuml;sse, der mit ihm verhandelte. Der Kaiser unterzeichnete
+den Absetzungsbefehl des Friedl&auml;nders und hieb sich damit
+gleichzeitig die rechte Hand vom Arm. In dem Augenblick,
+wo alles zu gewinnen war, gab er alles auf. Die kirchliche
+Politik hat nie einen gr&ouml;&szlig;eren Triumph gefeiert.</p>
+
+<p>Zwei alte Freunde Wallensteins, der Hofkanzler Werdenberg
+und der Hofkriegsrat Westenberg, wurden beauftragt,
+ihm den Absetzungsbefehl zu &uuml;berbringen. Sie trafen ihn in
+seinem Hauptquartier in Memmingen, anscheinend tief in
+astrologischen Studien, in Wirklichkeit v&ouml;llig besch&auml;ftigt mit
+dem Gedanken an die &Uuml;berrumpelung der deutschen F&uuml;rsten.
+Er empfing und bewirtete die kaiserlichen R&auml;te pr&auml;chtig. Lange
+Zeit wurde von gleichg&uuml;ltigen Dingen gesprochen, die Herren
+<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>trauten sich nicht mit der Sprache heraus. Da nahm Wallenstein
+einige Papiere vom Tisch und sagte: &raquo;Diese Dokumente
+enthalten des Kaisers und des Kurf&uuml;rsten von Bayern Nativit&auml;t.
+Aus ihnen k&ouml;nnt Ihr sehen, da&szlig; ich Euren Auftrag
+kenne. Die Sterne zeigen, da&szlig; der Spiritus des Kurf&uuml;rsten den
+des Kaisers dominiert. Aus dieser Ursach messe ich dem Kaiser
+keine Schuld bei. Es tut mir weh, da&szlig; kaiserliche Majest&auml;t
+mit Abdankung der Truppen den edelsten Stein aus seiner
+Krone wegwirft, es tut mir weh, da&szlig; kaiserliche Majest&auml;t sich
+meiner so wenig angenommen hat, aber Gehorsam will ich
+leisten.&laquo;</p>
+
+<p>Wallenstein zog sich nun nach Gitschin, der Hauptstadt
+seines Herzogtums Friedland, in die Einsamkeit zur&uuml;ck. Von
+seinem Heere wurden drei&szlig;ig Regimenter abgedankt, der Rest
+vereinigte sich mit Tilly.</p>
+
+
+<p class="tb">Es erhob sich aber jetzt f&uuml;r den gef&auml;hrdeten Protestantismus
+ein Retter in der Person Gustav Adolfs von Schweden,
+der Schneemajest&auml;t, wie ihn die Herren in Wien nannten,
+die freilich noch nicht wu&szlig;ten, was f&uuml;r Hitze ihnen dieser Eisk&ouml;nig
+machen w&uuml;rde. Bei den Protestanten hie&szlig; er wegen
+seines blonden Haares und Bartes der Goldk&ouml;nig, auch den
+L&ouml;wen aus Mitternacht hie&szlig;en sie ihn in ihrer gl&auml;ubigen
+Hoffnung.</p>
+
+<p>Gustav Adolf war von ungew&ouml;hnlich hohem Wuchs, starkem
+Knochenbau und gro&szlig;er Wohlbeleibtheit, so da&szlig; nur ein
+starkes Pferd ihn zu tragen vermochte. Seine graublauen
+<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>Augen blickten unter der weiten Stirn mit freundlichem Ausdruck.
+Seine Haltung und sein Anstand waren echt f&uuml;rstlich,
+seine ganze Erscheinung trug das Gepr&auml;ge der Zuversicht und
+Offenheit, und seine wohlt&ouml;nende Stimme fl&ouml;&szlig;te Vertrauen
+ein. Er &uuml;bte gro&szlig;e Macht &uuml;ber die Gem&uuml;ter, seine Zunge
+war beredt, und seine Unterhaltung voll Anmut und Leutseligkeit.
+Er liebte die Wissenschaften, sein Lieblingsbuch war
+das Buch vom Krieg und Frieden von Hugo Grotius, das
+er immer mit sich f&uuml;hrte. Seit seiner Jugend hatte nur der
+Krieg f&uuml;r ihn Reiz, er war zum Helden und zum Herrscher
+geboren. Er war fromm und gottesf&uuml;rchtig, aber er war auch
+klug; seine Diplomatie hielt gleichen Schritt mit seiner Heldenschaft.
+Seine Gesch&auml;ftsleute wurden hoch bezahlt, ein Netz
+von schwedischen Gesandten und Spionen war &uuml;ber die europ&auml;ischen
+H&ouml;fe verbreitet, und sein Kabinett war durch seine
+undurchdringliche Verschwiegenheit so ausgezeichnet, da&szlig; die
+franz&ouml;sischen Gesandten best&auml;ndig dar&uuml;ber klagten, nie hinter
+die eigentlichen Absichten der Schweden kommen zu k&ouml;nnen.
+Fremden Ministern und Offizieren lie&szlig; Gustav, wenn sie in
+sein Lager zu Unterhandlungen kamen, ihre Geheimnisse beim
+Wein entlocken, wozu meist ein schottischer Oberst verwendet
+wurde, der &uuml;berm&auml;&szlig;ig viel vertragen konnte und dabei doch
+den Verstand bewahrte.</p>
+
+<p>Mit blo&szlig; vierzehntausend Mann kam Gustav Adolf nach
+Deutschland; die kaiserliche Macht war wenigstens doppelt
+so stark. Aber er hatte viel Zulauf von Wallensteins entlassener
+Armada, und er verlie&szlig; sich auf die Sympathie im
+<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>Volke; in allen St&auml;dten, die er durchzog, blies man von den
+T&uuml;rmen: nun kommt der Heiden Heiland. Er nahm Stettin
+ein, rief die Mecklenburger von Wallenstein ab und zum Gehorsam
+gegen die alten Herz&ouml;ge zur&uuml;ck, erst&uuml;rmte Frankfurt
+an der Oder, bem&uuml;hte sich, freilich vergebens, ein B&uuml;ndnis
+zwischen den Kurf&uuml;rsten von Sachsen und Brandenburg zu
+erwirken, und sandte, da Magdeburg in gro&szlig;er Not war,
+einen der Obersten seiner vierzig deutschen Kompanien, Herrn
+Dietrich von Falkenberg, in die belagerte Stadt. Falkenberg,
+ein sehr tapferer Edelmann, verkleidete sich als Schiffer und
+schlich durch Pappenheims Scharen in die Stadt, wo er
+alsbald den Kommandantenposten &uuml;bernahm. Pappenheim
+machte den Versuch, ihn durch das Anerbieten einer gro&szlig;en
+Summe zu bestechen, er aber erwiderte: &raquo;Braucht der
+Pappenheim einen Schelmen, so mag er ihn im eigenen
+Busen suchen.&laquo;</p>
+
+<p>Aber die Stadt war nicht zu halten. Tilly war mit
+drei&szlig;igtausend Mann vor den Mauern angelangt und eroberte
+alle Au&szlig;enwerke, doch hatte er erfahren, da&szlig; der Schwedenk&ouml;nig
+in der N&auml;he stehe, und wollte deshalb die Belagerung
+aufheben. Nur Pappenheim bestand im Kriegsrat auf einer
+Best&uuml;rmung. Am folgenden Tag fiel die Stadt. Pappenheim
+wurde ihr Mordbrenner. Um die Feinde zu vertreiben
+hatte er einige H&auml;user in Brand stecken lassen, der Wind
+blies in die Flammen, die nun alles ergriffen. Zornig dar&uuml;ber,
+da&szlig; ihnen die Feuersbrunst die erhoffte Beute entzog, schlugen
+die kaiserlichen Truppen jeden tot, der ihnen in den Weg kam.
+<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>Einige ligistische Offiziere, emp&ouml;rt &uuml;ber das teuflische W&uuml;ten
+der Kroaten, Ungarn und Wallonen, traten vor Tilly und
+baten ihn, er m&ouml;ge dem Gemetzel Einhalt tun. Mit finsterem
+Gesicht antwortete ihnen Tilly: &raquo;Drei Stunden Pl&uuml;nderung
+ist Kriegsregel. Der Soldat will f&uuml;r M&uuml;h und Gefahr etwas
+haben.&laquo; Pappenheim schrieb nach M&uuml;nchen: &raquo;Magdeburgs
+Jungfrauschaft ist weg. Wir haben es mit st&uuml;rmender
+Hand erobert, den Bischof habe ich gefangen, Falkenberg
+ist niedergehaut samt allen B&uuml;rgern, so in der Wehr gewesen.
+Was sich von den Menschen in die Keller oder B&ouml;den versteckt
+hatte, ist alles verbrannt. Ich halt, es seien &uuml;ber zwanzigtausend
+Menschen draufgegangen und ist gewi&szlig; seit der
+Zerst&ouml;rung Jerusalems kein greulicheres Werk und Straf
+Gottes gesehen worden.&laquo; An den Kaiser nach Wien schrieb
+er: &raquo;Es ist mir und meinen r&auml;tlichen Spie&szlig;gesellen bei dieser
+wunderbaren Viktori nichts abgegangen, als da&szlig; wir nit
+Eure kaiserliche Majest&auml;t und dero kaiserliches Frauenzimmer
+als Zuschauer gehabt.&laquo;</p>
+
+<p>Das war die magdeburgische Hochzeit, wie die kaiserliche
+Soldateska es nannte. Der Dom war von den Flammen
+verschont geblieben, in ihm wurde Messe gelesen und das
+Tedeum gesungen.</p>
+
+<p>Das Kriegsvolk aber sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Magdeburg, du stolze Magd,<br /></span>
+<span class="i0">Hast dem Kaiser den Tanz versagt,<br /></span>
+<span class="i0">Jetzt tanze mit dem alten Knecht,<br /></span>
+<span class="i0">Geschieht dir eben recht.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>Gustav Adolf hatte nichts zum Entsatz Magdeburgs
+wagen wollen; in einer Schutzschrift w&auml;lzte er die Schuld
+auf die beiden Kurf&uuml;rsten. Endlich r&uuml;ckte er vor Berlin und
+forderte eine bestimmte Erkl&auml;rung. Der Kurf&uuml;rst Georg
+Wilhelm war sein Schwager, aber er war ganz in den
+H&auml;nden seines Ministers, des Grafen Schwarzenberg, und
+dieser stand im Solde der Jesuiten. Der Kurf&uuml;rst wollte
+stille sitzen und bangte davor, Land und Leute zu verlieren,
+und er f&uuml;rchtete die &Uuml;bermacht des Kaisers. Gustav Adolf
+zwang ihn jedoch, in sein Lager zu kommen, die Allianz zu
+unterzeichnen, und besetzte dann Berlin und Spandau. Darauf
+zog er s&uuml;dw&auml;rts dem alten Tilly entgegen, und in jenen
+Herzfeldern Deutschlands, bei Leipzig, wo mehrmals die deutschen
+Geschicke ausgek&auml;mpft worden sind, sollte nun die Entscheidung
+fallen.</p>
+
+<p>Tilly hatte sein Hauptquartier in einem abgelegenen Hause
+vor Leipzig, er merkte erst nachher, da&szlig; es des Totengr&auml;bers
+Haus gewesen. Er hatte seine Befehle in einem Zimmer
+ausgefertigt, in dem sich lauter Pyramiden von Totensch&auml;deln
+und Gebeinen befanden. Eine d&uuml;stere Ahnung ergriff ihn,
+selbst Pappenheim erbleichte.</p>
+
+<p>Am Morgen des Schlachttages schickte Tilly den Pappenheimer
+mit zweitausend K&uuml;rassieren aus, damit er rekognosziere.
+Aber der hitzige Mann lie&szlig; sich in ein Gefecht ein, und um
+ihn zu retten mu&szlig;te Tilly seine ganze Streitmacht entfalten.
+Seine V&ouml;lker trugen wei&szlig;e B&auml;nder auf Helmen und H&uuml;ten
+und wei&szlig;e Binden um den Arm; er selbst kommandierte in
+<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>einem sonderbaren Kost&uuml;m, in einem gr&uuml;nseidenen Schlafrock;
+auf dem Kopf hatte er ein Barett mit bunten Federn, und
+er ritt seinen kleinen Schimmel.</p>
+
+<p>Der Schwedenk&ouml;nig entwickelte sein ganzes Kriegsgenie
+und zeigte die &Uuml;berlegenheit seines leichten Fu&szlig;volks. Er machte
+gegen die andr&auml;ngenden Kaiserlichen Front, wendete sich mit
+der Spitze seiner Kolonne gegen die H&uuml;gel, wo ihre Gesch&uuml;tze
+standen, und bescho&szlig; Tilly mit seinen eigenen Kanonen. Die
+Reiterei wurde aus dem Feld geschlagen, das Fu&szlig;volk floh,
+und nur f&uuml;nf Wallonenregimenter schlugen sich mit ihrem
+alten Vater Tilly unter dem Schutze der Nacht in geschlossener
+Ordnung durch. Tilly starrte vor sich hin, die Augen
+voll von Tr&auml;nen. Er hatte schon drei Streifsch&uuml;sse. In Halle
+traf er den Pappenheimer, der wieder mit h&ouml;chster Bravur
+gefochten und vierzehn Schweden teils niedergehauen, teils,
+weil ihm das Schwert zerbrochen war, wie ein B&auml;r in seinen
+Armen erdr&uuml;ckt hatte. Die Schweden erbeuteten das ganze
+kaiserliche Lager, alles Gesch&uuml;tz und &uuml;ber hundert Fahnen.</p>
+
+<p>Jetzt trat in Wien eine andere Stimmung ein; die Hofschranzen
+und Weiber, Jesuiten und Kapuziner verma&szlig;en
+sich nicht mehr, das &raquo;neue Feinderl&laquo;, wie sie Gustav Adolf
+nannten, mit Ruten &uuml;ber die Ostsee hineinzupeitschen oder
+das Schneek&ouml;niglein zerrinnen zu sehen, wenn es sich dem
+S&uuml;den n&auml;herte. Der Sieg Gustav Adolfs war ein zermalmender
+Schlag f&uuml;r den Kaiser und die Katholiken. Der
+K&ouml;nig Sigismund von Polen jammerte, er k&ouml;nne gar nicht
+begreifen, warum unser Herrgott lutherisch geworden sei.
+<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>Angst und Bedr&uuml;cktheit wuchsen, als der Schwede durch die
+&raquo;Pfaffengasse&laquo; ins Reich zog, Erfurt, W&uuml;rzburg, Hanau
+und Frankfurt nahm, die Pfalz befreite, mit Bayern unterhandelte,
+Augsburg eroberte und mit suver&auml;ner Macht jeden
+Widerstand zerbrach.</p>
+
+<p>Im Mai des Jahres 1632 hielt er seinen Einzug in
+M&uuml;nchen, und in seiner Begleitung befand sich der vertriebene
+B&ouml;hmenk&ouml;nig. Das Pfingstfest feierte er in Augsburg;
+eine Chronik erz&auml;hlt davon also: &raquo;Am heiligen Pfingsttag
+wohnte der K&ouml;nig dem &ouml;ffentlichen Gottesdienst nicht bei,
+sondern lie&szlig; sich von seinem Hofprediger Doktor Fabricius in
+seinem Kabinett predigen. Abends aber bei der Tafel bekam
+er j&auml;hlingen Lust zu tanzen, dahero denn sogleich Anstalt gemacht
+worden, da&szlig; die Geschlechterst&ouml;chter in den Fuggerschen
+H&auml;usern erschienen, mit welchen sich sowohl der K&ouml;nig
+wie die anwesenden f&uuml;rstlichen Personen etliche Stunden lang
+mit englischen und deutschen T&auml;nzen erlustiget.&laquo; Gustav
+Adolf war ein gro&szlig;er Frauenfreund; er wollte eine sch&ouml;ne
+Augsburgerin k&uuml;ssen; sie hie&szlig; Jakobine Lauber und gefiel
+ihm sehr, aber sie wehrte sich und ri&szlig; dem K&ouml;nig die Halskrause
+ab.</p>
+
+<p>In diese friedlichen Tage hinein fiel die Nachricht, da&szlig;
+Wallenstein gegen den K&ouml;nig von Schweden heranziehe.</p>
+
+
+<p class="tb">In stolzer Ruhe hatte Wallenstein in Gitschin und in
+Prag gelebt. Schon von Memmingen aus hatte er f&uuml;r sein
+neues Schlo&szlig; Sorge getragen und an seinen Landeshauptmann
+<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>geschrieben: &raquo;Seht, da&szlig; die zwei Kapellen, meine und
+meines Weibes, heuer fertig werden; la&szlig;t die Alt&auml;re darin
+machen, wie auch die f&uuml;nf Alt&auml;re in der Kirche verfertigen,
+da&szlig; ich daselbst den Gottesdienst verrichten k&ouml;nne. So seht
+ebenm&auml;&szlig;ig, da&szlig; alle Zimmer fertig werden und mit sch&ouml;nen
+Bildern versehen, denn in diesem verlasse ich mich allein auf
+Euch. So werdet Ihr auch sehen, da&szlig; der Garten verfertigt
+wird und viel Fontanen daselbst gemacht. Die Loggia la&szlig;t
+geschwind mit Zwerchgew&ouml;lben und <em class="antiqua">lavor di stucco</em> zieren.
+Sagt dem Baumeister, da&szlig; gleich in der Mitte auf dem
+Platz vor der Loggia mu&szlig; eine m&auml;chtige Fontana sein, dahin
+alles Wasser laufen wird, alsdann aus derselben, da&szlig; sich
+das Wasser auf die rechte und linke Hand teilt, und die andern
+Fontanen laufen macht. Ich vermeine Mitte Oktober
+zu Gitschin zu sein und daselbst zu verbleiben; dahero seht,
+da&szlig; das Geb&auml;u fertig und die Zimmer mit Damast, Sammet
+und goldenen Ledern ausgeputzt und m&ouml;bliert werden. La&szlig;t
+mir auch bittern Wermutmost anmachen, der <em class="antiqua">dulce picante</em>
+ist, auf da&szlig; ich ihn kann desto ehender haben. La&szlig;t alle St&auml;lle
+verfertigen wie auch den Tummelplatz und das Ballhaus.&laquo;</p>
+
+<p>In Prag lebte Wallenstein mit k&ouml;niglichem Aufwand,
+aber f&uuml;r seine Person, wie im Lager, in der tiefsten Abgeschiedenheit.
+F&uuml;r den Palast, den er auf der Kleinseite hatte
+bauen lassen, waren hundert H&auml;user niedergerissen worden,
+um Platz zu gewinnen. Alle Stra&szlig;en, die die Zug&auml;nge bildeten,
+waren mit Ketten gesperrt. Sechs Portale f&uuml;hrten zu
+dem Palast; im Schlo&szlig;hof stand eine Leibwache von f&uuml;nfzig
+<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>aufs reichste gekleideten Hellebardieren. Sein Hofstaat z&auml;hlte
+an tausend Personen. Graf Paul Liechtenstein stand als Oberhofmeister
+an der Spitze, ein Graf Harrach war Oberstk&auml;mmerer,
+ein Graf Hardegg Oberststallmeister. Vierundzwanzig
+Kammerherren bedienten des Friedl&auml;nders Durchlaucht,
+trugen, wie die des Kaisers, die goldenen Schl&uuml;ssel,
+und sechzig Edelknaben aus den vornehmsten H&auml;usern waren
+um ihn, alle in hellblauen Samt mit Gold gekleidet. Auch
+lebten viele seiner ehemaligen Offiziere bei ihm, denen er
+L&ouml;hnung und freie Tafel gab. Jede Mahlzeit bestand aus
+hundert Sch&uuml;sseln. In den Marmorst&auml;llen fra&szlig;en &uuml;ber tausend
+Pferde aus marmornen Krippen, und wenn er reiste, geschah
+es nicht anders als in f&uuml;nfzig viersp&auml;nnigen Wagen.
+Im Festsaal des Prager Palastes hatte er sich als Triumphator
+malen lassen, von vier Sonnenrossen gezogen, einen
+Stern &uuml;ber dem lorbeerbekr&auml;nzten Haupt. Die langen Zimmerreihen
+waren mit astrologischen und mythologischen Figuren
+geschm&uuml;ckt. Aus einem Rundgemach f&uuml;hrte eine geheime
+Treppe in eine Badegrotte aus k&uuml;nstlichem Tropfstein. Aus
+dieser Grotte trat man in eine hohe S&auml;ulenhalle und von da
+in den Garten mit seinen Font&auml;nen und fischreichen Kan&auml;len.</p>
+
+<p>Wallensteins Verm&ouml;gen war f&uuml;r jene Zeit ungeheuer.
+Man hat seine Jahreseink&uuml;nfte auf sechs Millionen Gulden
+gesch&auml;tzt; er zog sie teils aus den Kapitalien, die er in den
+Banken von Venedig und Amsterdam liegen hatte, teils aus
+den b&ouml;hmischen und m&auml;hrischen G&uuml;tern und dem F&uuml;rstentum
+Sagan. Unausgesetzt erlie&szlig; er einsichtsvolle Verf&uuml;gungen
+<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>f&uuml;r seinen Besitz, suchte die Jesuiten durch gro&szlig;e Stiftungen
+beim Guten zu erhalten und berief t&uuml;chtige M&auml;nner in seinen
+Dienst. Aber er verkehrte nur mit sehr wenigen Personen;
+es lebte der italienische Astrolog Seni bei ihm, mit dem er
+viele N&auml;chte in eifrigen Studien verbrachte, und seine einzigen
+Vertrauten waren sein Schwager Adam Terzka und dessen
+Mutter, die ihm wegen ihrer hohen Klugheit ganz besonders
+wert war. Seine Gesundheit hatte durch die Kriegsstrapazen
+gelitten, er mu&szlig;te m&auml;&szlig;ig leben, und da er vom Podagra geplagt
+wurde, konnte er nur auf einen indischen Rohrstock
+gest&uuml;tzt gehen.</p>
+
+
+<p class="tb">Ununterbrochen hatte der Kaiserhof mit Wallenstein korrespondiert.
+Nach der furchtbaren Leipziger Schlacht mu&szlig;te
+man daran denken, einen Mann wieder zu gewinnen, dessen
+Kredit bei der Soldateska ohnegleichen war, und so wurde
+Questenberg nach Prag geschickt, um mit Wallenstein wegen
+Wiederannahme des Kommandos zu verhandeln. Wallenstein
+lehnte ab. Darauf ging Prag fast ohne Schwertstreich
+verloren. Don Balthasar Maradas zog mit den Truppen
+ab, um sie in Sicherheit zu bringen, hatte aber zuvor Wallenstein
+um Rat fragen lassen; dieser hatte erwidert, er habe kein
+Kommando mehr, Maradas m&ouml;ge tun, was er wolle. Darauf
+verlie&szlig; er Prag, zog nach Gitschin und schickte seine Frau
+und seinen Vetter Max nach Wien. Max ward nun vom
+Kaiser mit einem beweglichen Schreiben an Wallenstein zur&uuml;ckgeschickt;
+Ferdinand flehte, er m&ouml;ge ihn doch in der gegenw&auml;rtigen
+<a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>Not nicht im Stiche lassen. Das war es, was
+Wallenstein wollte. Er begab sich nun nach Znaim, um mit
+dem Kaiser weiter zu unterhandeln. Er bequemte sich, das
+Kommando wieder zu &uuml;bernehmen, aber vorerst nur auf drei
+Monate. Man drang immer mehr in ihn, und so entschlo&szlig;
+er sich endlich, den Oberbefehl ohne Zeitbestimmung zu &uuml;bernehmen,
+aber <em class="antiqua">&raquo;in absolutissima forma&laquo;</em>. Weder der Kaiser
+noch sein Sohn sollten bei der Armee etwas zu schaffen haben;
+zwei Artikel des Vertrags gaben Wallenstein unbeschr&auml;nkte
+Macht, die G&uuml;ter rebellischer Reichsst&auml;nde einzuziehen, und
+wen er f&uuml;r schuldig erachte, zu begnaden oder zu bestrafen.
+Ausdr&uuml;cklich war bedungen, da&szlig; weder der Reichshofrat, noch
+das Kammergericht, noch der Kaiser selbst in solchen Dingen
+das geringste einreden d&uuml;rfe. All das liefert den Beweis,
+da&szlig; Wallenstein mit ungebrochenem Willen auf sein altes
+Ziel losging. Als <em class="antiqua">&raquo;ordinari recompens&laquo;</em> verlangte er kaiserliche
+Assekuration auf ein &ouml;sterreichisches Erbland und als
+<em class="antiqua">&raquo;extra ordinari recompens&laquo;</em> die Oberlehensherrschaft in den
+eroberten L&auml;ndern.</p>
+
+<p>Der Vertrag wurde in demselben Monat unterschrieben,
+in welchem Tilly am Lech gefallen war. Seine Bedingungen
+sind von so au&szlig;erordentlicher Art, da&szlig; sie in der Weltgeschichte
+ohne Beispiel dastehen. Nur ein so phantastischer Mann
+wie Wallenstein konnte sich einbilden, da&szlig; er das Seil ohne
+Gefahr so straff spannen k&ouml;nne. Nur ein Charakter so voll
+Fatum konnte ohne Erbeben ein Schicksal auf sich nehmen,
+das jede Erwartung heuchlerisch erf&uuml;llt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>Wenige Monate vergingen, und Wallenstein hatte wieder
+ein neues Heer von zweihundertvierzehn Schwadronen
+Reiterei, hundertzwanzig Kompanien Fu&szlig;volk nebst vierundvierzig
+Kanonen. Sofort s&auml;uberte er Prag und B&ouml;hmen von
+den Sachsen und vereinte sich in Eger mit dem Herzog von
+Bayern, der ihn vordem gest&uuml;rzt hatte und ihn jetzt als Kriegsherrn
+anerkennen mu&szlig;te. Beide zogen gen N&uuml;rnberg, wo
+der Schwedenk&ouml;nig sich verschanzt hatte. Wallenstein besetzte
+die Anh&ouml;hen des Altenbergs und verschanzte sich gleichfalls.
+Sein Plan war, keine Schlacht zu liefern; er wollte Gustav
+Adolf zeigen, da&szlig; er schlagen oder auch nicht schlagen k&ouml;nne,
+wie es ihm beliebe. Monatelang stand Wallenstein wie eingefroren.
+Ringsumher begannen Hunger und Elend zu w&uuml;ten.
+Gustav Adolf mu&szlig;te k&auml;mpfen oder weichen. Er versuchte
+einen Sturm auf Wallensteins Linien, der mi&szlig;lang aber
+g&auml;nzlich. Von diesem Tag an verlor er seinen frohen Mut
+und erhielt ihn nicht wieder. Er lie&szlig; Wallenstein Friedensvorschl&auml;ge
+machen, aber noch ehe die Antwort kam, gab er
+sein Lager auf. Er zog an Wallenstein vorbei, der unbeweglich
+blieb, zog an die Donau und dann, dem Hilferuf des
+Kurf&uuml;rsten von Sachsen folgend, an die Saale. Auch Wallenstein
+setzte sich jetzt in Bewegung; er lie&szlig; sein Lager anz&uuml;nden,
+das anderthalb Meilen im Umfang gehabt hatte. Sein Heer
+war ein wandernder Raubstaat. &Uuml;berall wurden die Herden
+weggetrieben, die Obstb&auml;ume umgehauen und die D&ouml;rfer verbrannt.</p>
+
+<p>Wieder in den Feldern bei Leipzig trafen sich die Heere.
+<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>Wallenstein hatte an Pappenheim geschrieben: &raquo;Der Feind
+marschiert hereinw&auml;rts, der Herr lasse alles stehen und liegen
+und incaminiere sich herzu mit allem Volk und St&uuml;cken, auf
+da&szlig; Er sich morgen fr&uuml;h bei uns befinde.&laquo; Dieser Befehl ist
+noch im Wiener Archiv aufbewahrt; er ist getr&auml;nkt mit dem
+Blute Pappenheims, der am Tag von L&uuml;tzen fiel.</p>
+
+<p>Wallenstein lie&szlig; am Schlachtmorgen die Generale und
+Obersten an seinen Wagen kommen, um die Befehle zu erteilen,
+dann erst bestieg er sein Schlachtro&szlig;, aber die Steigb&uuml;gel
+mu&szlig;ten mit seidenen T&uuml;chern umwunden werden, da
+ihm die F&uuml;&szlig;e schmerzten. Auf dem ganzen Gefild lag dichter
+Nebel. Gustav Adolf hatte ebenfalls sein Leibro&szlig; bestiegen
+und redete einzeln zu vielen Leuten seines Heeres. Dann lie&szlig;
+er zum hellen Schall der Trompeten und Pauken: &raquo;Eine
+feste Burg ist unser Gott&laquo; und jenes andere, sein Lieblingslied,
+anstimmen: &raquo;Verzage nicht, du H&auml;uflein klein, obgleich
+die Feinde willens sein, dich g&auml;nzlich zu zerst&ouml;ren&laquo;.</p>
+
+<p>Die Schlacht begann. Nach dreist&uuml;ndiger Bem&uuml;hung
+wurden mehrere der wallensteinschen Vierecke durch die schwedische
+Infanterie zersprengt. Da gewahrte der K&ouml;nig die
+schwarzen K&uuml;rassiere Wallensteins mit dem in blanker R&uuml;stung
+davor haltenden Oberst Piccolomini. Er befahl dem finnischen
+Reiterregiment, sie anzugreifen, erhielt aber die Nachricht,
+da&szlig; sein Fu&szlig;volk wieder zum Weichen gebracht worden sei.
+Sogleich eilte er an der Spitze des smal&auml;ndischen Regiments
+zu Hilfe. Dem rasch Voransprengenden konnten nur wenige
+folgen. Auf einmal befand er sich mitten unter den schwarzen
+<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>Reitern. Sein Pferd wird durch den Hals geschossen, ihm
+selbst zerschmettert ein Pistolenschu&szlig; den linken Arm. Seine
+ersten Worte waren: &raquo;Es ist nichts, folgt mir.&laquo; Aber die
+Wunde war so bedeutend, da&szlig; die Knochen aus dem &Auml;rmel
+hervorstarrten. Er wandte sich, um aus dem Get&uuml;mmel zu
+entkommen, im selben Augenblick erhielt er einen zweiten
+Pistolenschu&szlig; in den R&uuml;cken. Mit dem Seufzer: &raquo;Mein
+Gott, mein Gott,&laquo; sinkt er vom Pferd, bleibt aber im Steigb&uuml;gel
+h&auml;ngen, das Pferd schleift ihn mit sich fort. Seine Begleiter
+fallen oder fliehen, nur ein Page bleibt bei ihm. Er
+lebt noch, der Page will nicht sagen, da&szlig; es der K&ouml;nig ist,
+er wird selbst auf den Tod verwundet. Der K&ouml;nig wird seiner
+goldenen Halskette beraubt und entkleidet, er ruft endlich:
+&raquo;Ich bin der K&ouml;nig von Schweden.&laquo; Die schwarzen K&uuml;rassiere
+wollen ihn fortschleppen. Da sprengt das Stenbocksche Regiment
+heran. Die K&uuml;rassiere fliehen; da sie den K&ouml;nig nicht
+mitnehmen k&ouml;nnen, durchschie&szlig;en sie ihm den Kopf und durchstechen
+ihm den Leib mit vielen Stichen. Er sinkt zur Erde,
+der Hufschlag der Rosse braust &uuml;ber den Leichnam dahin.</p>
+
+<p>Der verwundete, blutbedeckte, reiterlose Schimmel des
+K&ouml;nigs verk&uuml;ndigte, an der schwedischen Front entlang jagend,
+das geschehene Ungl&uuml;ck. Zuerst entmutigt, dann in ihrem
+Schmerz zur Rache angespornt, griffen die Schweden neuerdings
+an, und w&auml;re jetzt nicht Pappenheim mit vier frischen
+Regimentern auf dem Walplatz erschienen, so h&auml;tte der
+heldenhafte Bernhard von Weimar schon um die dritte Nachmittagsstunde
+gesiegt. So begann die Schlacht von neuem,
+<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>aber auch Pappenheim erlag vor der unwiderstehlichen Gewalt
+des jungen Bernhard. Das kaiserliche Heer ergriff die
+Flucht. Wallenstein schlug in Prag seine Winterquartiere
+auf und lie&szlig; viele Offiziere hinrichten, weil durch sie, wie er
+sich ausdr&uuml;ckte, die kaiserlichen Waffen unausl&ouml;schlichen Spott
+erlitten h&auml;tten. In B&ouml;hmen sollte sich sein dunkles Schicksal
+erf&uuml;llen; ihm war nicht der Heldentod auf dem Schlachtfeld
+beschieden.</p>
+
+<p>Am anderen Morgen suchten die Schweden unter den
+zahllosen Leichen des Schlachtfeldes die edelste Leiche, die des
+K&ouml;nigs. Man fand sie, nackt ausgezogen, vor Blut und
+Hufschl&auml;gen kaum erkennbar, mit neun Wunden bedeckt, unfern
+des gro&szlig;en Steins, der jetzt noch der Schwedenstein
+hei&szlig;t. An der Leiche schworen die Soldaten dem Herzog
+Bernhard, ihm zu folgen bis ans Ende der Welt.</p>
+
+<p>Der unerwartete Tod Gustav Adolfs erregte ganz Europa.
+Der Kaiser lie&szlig; in allen Kirchen Dankgebete singen, als wenn
+er den glorreichsten Sieg erfochten h&auml;tte, und er weinte beim
+Anblick des blutigen Kollers mit den Schu&szlig;&ouml;ffnungen im
+linken &Auml;rmel, das der K&ouml;nig in der Schlacht getragen hatte.
+In Madrid wurden Freudenfeste veranstaltet und der Tod
+des K&ouml;nigs zum Erg&ouml;tzen aller Gl&auml;ubigen im Schauspiel
+dargestellt. Der Papst, der es im stillen recht gern gesehen
+hatte, da&szlig; dem Kaiser ein Bedr&auml;nger aufgestanden war, lie&szlig;
+eine Messe lesen. Den vertriebenen Winterk&ouml;nig r&uuml;hrte bei
+der Nachricht vor Schrecken der Schlag, und er starb, sechsunddrei&szlig;ig
+Jahre alt; er hinterlie&szlig; dreizehn unm&uuml;ndige Kinder,
+<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>mit denen Eleonora, sein Weib, fast drei&szlig;ig Jahre lang
+ohne Heimat und oft ohne Geld umherirren mu&szlig;te, verfolgt
+von mancher abenteuerlichen Liebe und von blutgierigem
+Ha&szlig;.</p>
+
+
+<p class="tb">W&auml;hrend der schwedische Kanzler Oxenstjerna, der nach
+dem Tode des K&ouml;nigs an die Spitze der Gesch&auml;fte trat, mit
+Sachsen und Brandenburg unterhandelte, w&auml;hrend Herzog
+Bernhard Franken zur&uuml;ckeroberte und sich am Oberrhein festsetzte
+und der Feldmarschall Horn die in Deutschland zerstreuten
+kaiserlichen Truppen aus dem Felde schlug, blieb
+Wallenstein ruhig in seinem Winterquartier und vermehrte
+sein Heer. Erst Mitte Mai brach er auf, zog nach Schlesien,
+gewann es dem Kaiser wieder, schlo&szlig; aber bald einen
+Waffenstillstand mit dem s&auml;chsischen General Armin, der in
+Schlesien kommandierte. Derselbe auff&auml;llige Waffenstillstand
+wurde einige Wochen sp&auml;ter erneuert. Es war der Plan
+Wallensteins wie auch der beiden Kurf&uuml;rsten von Sachsen
+und Brandenburg, eine dritte Macht im Reich herzustellen,
+eine Mittelmacht zwischen dem Kaiser und den Schweden.
+Es lief damals das Ger&uuml;cht, da&szlig; alle Ausgewanderten ihre
+G&uuml;ter zur&uuml;ckerhalten, die Jesuiten aus dem Reich verjagt
+werden und den Schweden ihre Kriegskosten ersetzt werden
+sollten; auch hie&szlig; es, da&szlig; Wallenstein in dem geheimen Vertrag
+mit Kursachsen f&uuml;r sich selbst die Krone von B&ouml;hmen
+ausbedungen habe. Gewi&szlig; ist, da&szlig; Wallenstein gleichzeitig
+mit Frankreich unterhandelte und zwar &uuml;ber die Krone
+<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>B&ouml;hmen. Der Kardinal Richelieu, der in den deutschen
+Angelegenheiten festen Fu&szlig; gefa&szlig;t hatte, lie&szlig; ihm seinen
+Beistand, eine Million Livre j&auml;hrlich und die Krone anbieten,
+wenn er vom Kaiser abfallen wolle. Aber der Botschafter
+Feuqui&egrave;res brach die Unterhandlungen ab, weil er
+der Ansicht war, Wallenstein wolle ihn nur hinters Licht
+f&uuml;hren und die Feinde des Kaisers gegeneinander hetzen.
+Auch mit den Schweden und mit dem Herzog Bernhard
+trat er ins Einvernehmen. Das Mi&szlig;trauen am Wiener
+Hof wurde zur Spannung, als er sich weigerte, dem Herzog
+von Bayern gegen Bernhard von Weimar zu Hilfe zu
+ziehen. Er f&uuml;hrte das Heer aus Schlesien in die Winterquartiere
+und schickte von Pilsen aus ein Schreiben nach
+Wien, worin er seine Obristen ihr Gutachten abgeben lie&szlig;,
+da&szlig; ein Kriegszug in dieser Jahreszeit untunlich sei.</p>
+
+<p>Seit Gustav Adolfs Tode war dem Kaiser der mit Wallenstein
+abgeschlossene Vertrag immer l&auml;stiger geworden. Er
+klagte laut, da&szlig; er gleichsam einen Mitk&ouml;nig habe und keine
+freien Dispositionen mehr in seinem eigenen Lande. Das
+Wiener Kabinett brach den Verkehr mit Wallenstein ab, weil
+die Notwendigkeit dr&auml;ngte, dem Herzog Bernhard in S&uuml;ddeutschland
+entgegenzutreten. Da Wallenstein sich weigerte,
+dies zu tun, wurde der Herzog von Feria aus Italien gerufen,
+und Johann Altringer, einer von den Generalen
+Wallensteins, erhielt den Befehl, sich mit dem Herzog zu
+vereinigen. Altringer schwankte erst, aber nach dem Tode
+Ferias lie&szlig; er sich vom Wiener Hof gewinnen. Voll Zorn
+<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>zitierte ihn Wallenstein vor sich, Altringer verweigerte den
+Gehorsam. Nun beschlo&szlig; Wallenstein, um nicht zum zweitenmal
+abgesetzt zu werden, den Oberbefehl freiwillig niederzulegen,
+wollte sich jedoch sicherstellen, da&szlig; die Zusagen erf&uuml;llt
+w&uuml;rden, die man ihm gemacht hatte. Deshalb versammelte
+er alle in B&ouml;hmen, M&auml;hren und Schlesien stehenden
+Generale und Obristen in seinem Feldlager zu Pilsen. Dort
+gab ihnen der Feldmarschall Illo ein Bankett, bei dem die
+Herren schlie&szlig;lich so betrunken waren, da&szlig; sie St&uuml;hle und
+B&auml;nke, Ofen und Fenster zerschlugen. Illo und Graf Terzka,
+die sich mit Wallenstein verabredet, stellten ihnen beweglich
+vor, da&szlig; der Oberfeldherr wegen der vom Wiener Hofe erfahrenen
+Unbill gen&ouml;tigt sei, das Kommando niederzulegen.
+Diese unerwartete Nachricht best&uuml;rzte die Offiziere nicht wenig.
+Sie alle hatten auf Wallensteins Wort und in der Hoffnung,
+von ihm entsch&auml;digt zu werden, ihre Regimenter auf
+eigene Rechnung angeworben und ihr Verm&ouml;gen zugesetzt;
+wenn Wallenstein fiel, drohte ihnen der Ruin. Zu ihrer
+Sicherstellung wurde ihnen jetzt ein Revers vorgelegt, und
+darin wurde der Kaiser, obwohl er nicht genannt war, hart
+angeklagt. Nach der flehentlichen Bitte an Wallenstein verpflichteten
+sich die Generale und Obristen, mit Gut und Blut
+f&uuml;r ihren Feldherrn einzustehen, sich auf keinerlei Weise von
+ihm trennen zu lassen, seinen Vorteil nach M&ouml;glichkeit zu
+bef&ouml;rdern und seine Feinde zu verfolgen.</p>
+
+<p>Vierzig Generale und Obristen unterzeichneten das merkw&uuml;rdige
+Schriftst&uuml;ck. Es befand sich aber in ihrer Mitte
+<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>auch der Verr&auml;ter Piccolomini, der an der Spitze der italienischen
+Partei stand, und diese Partei war mit den Jesuiten
+im Bunde, um den Friedl&auml;nder zu st&uuml;rzen. Wallenstein aber
+hegte ein unbedingtes Vertrauen gegen Piccolomini, denn er
+glaubte aus den Sternen gelesen zu haben, da&szlig; er sich auf ihn
+verlassen d&uuml;rfe. Piccolomini berichtete den Inhalt des Reverses
+nach Wien und klagte Wallenstein einer gef&auml;hrlichen
+Verschw&ouml;rung an. Zudem teilte der Herzog von Savoyen
+den Inhalt der Verhandlungen mit, die Wallenstein mit dem
+franz&ouml;sischen Hofe gepflogen hatte. Man beschuldigte Wallenstein
+der verwegensten Pl&auml;ne. Es hie&szlig;, er habe ge&auml;u&szlig;ert:
+&raquo;Ich dulde Gott nicht, viel weniger werde ich Ferdinand dulden.&laquo;
+Der spanische Botschafter sagte: &raquo;Wozu zaudern?
+Ein Dolchsto&szlig; macht der Sache ein Ende.&laquo; Ferdinand sah
+sich gedr&auml;ngt, nicht nur die zweite Absetzung Wallensteins
+auszusprechen, sondern auch den Mann, der ihm die Monarchie
+gerettet hatte, der &auml;u&szlig;ersten Rache seiner Feinde preiszugeben.
+Niedriger Eigennutz war der st&auml;rkste Beweggrund
+der mit aller Hast herbeigef&uuml;hrten Katastrophe, denn als die
+Absetzung noch tiefes Geheimnis war, stritten sich die Herren
+mit Erbitterung und bis zum Zweikampf &uuml;ber die Teilung
+der Beute, der G&uuml;ter, der H&auml;user, der G&auml;rten, ja der Wagen
+und Pferde Wallensteins und riefen mit schamloser Stirne
+sogar den Hof selbst zum Schiedsrichter bei ihren Zwistigkeiten
+an.</p>
+
+<p>Der Hof seinerseits verfuhr gegen den gef&auml;hrlichen Gegner
+ungemein verschlagen. Er schickte einen Erla&szlig; an die Befehlshaber
+<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>der Wallensteinschen Armee, worin die Absetzung
+des Generalobristfeldhauptmanns vorsichtig angedeutet war,
+die Offiziere ihrer Verpflichtung entbunden wurden, ihnen f&uuml;r
+den Fehltritt bei dem Pilsner Bankett mit Ausnahme zweier
+R&auml;delsf&uuml;hrer Verzeihung zugesichert und der Fortbestand des
+kaiserlichen Wohlwollens gelobt wurde. Aber wochenlang
+nach diesem Erla&szlig; korrespondierte der Kaiser scheinbar ganz
+harmlos mit Wallenstein &uuml;ber amtliche Gesch&auml;fte, nannte
+ihn nach wie vor &raquo;hochgeborner lieber Oheim und F&uuml;rst&laquo;
+und versicherte ihn mit der gew&ouml;hnlichen Courtoisie seiner
+Huld und Gnade.</p>
+
+<p>Unterdessen wurden die Generale und Obristen einzeln nacheinander
+und im Geheimen gewonnen. Die Italiener, Spanier
+und Wallonen waren bald willig, die Deutschen, B&ouml;hmen,
+M&auml;hrer und Schlesier waren dem Friedl&auml;nder treu, und
+man traute ihnen in Wien trotz der gew&auml;hrten Amnestie nicht.
+Nach einem Monat erging ein zweites kaiserliches Mandat,
+das schon eine deutlichere Sprache f&uuml;hrte und nicht nur an
+die Befehlshaber, sondern auch an alle gemeinen Soldaten
+gerichtet war. Es sprach davon, da&szlig; ihnen m&auml;nniglich wohl
+bekannt sein werde, wie er, der Kaiser, seinen gewesenen Feldhauptmann
+von Friedland mit allerhand Guttaten, Gnaden,
+Freiheiten, Hoheiten und Dignit&auml;ten, als nicht bald bei einem
+Menschen seines Standes gleich geschehe, begabt und geziert
+habe; welchergestalt aber derselbe aus boshaftem Gem&uuml;t und
+ohne Zweifel l&auml;ngst gefa&szlig;tem Vorsatz eine Konspiration wider
+ihn und sein Haus angesponnen und durch Verkleinerung der
+<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>kaiserlichen Person und eigensinnige Ausdeutung seiner Macht
+in der kaiserlichen Armada zugetane Obristen verf&uuml;hrt habe.
+Der Kaiser erkl&auml;rt, er habe gewisse Nachrichten erlangt, da&szlig;
+Wallenstein ihn und sein Haus g&auml;nzlich auszurotten sich vernehmen
+lassen und sich &auml;u&szlig;ersten Flei&szlig;es bem&uuml;het habe, solche
+meineidige Treulosigkeit und barbarische Tyrannei zu vollziehen,
+dergleichen nicht geh&ouml;rt, noch <em class="antiqua">in scriptis</em> zu finden sei.</p>
+
+<p>Wallenstein erfuhr erst, woran er war, als Gallas, Altringer,
+Maradas, Piccolomini und Colloredo Ordonnanzen
+erlie&szlig;en, welche den Obristen untersagten, k&uuml;nftig noch Befehle
+von Wallenstein, Illo oder Terzka anzunehmen. Die
+Obristen erhielten die Weisung, gegen Prag zu ziehen, um
+sich der Hauptstadt des Landes zu versichern. Wallenstein
+lie&szlig; nun in Pilsen eine feierliche Erkl&auml;rung ausstellen, da&szlig;
+der fr&uuml;here Revers nicht das geringste gegen den Kaiser und
+die Religion bedeutet h&auml;tte. Er befahl seinen Truppen, ebenfalls
+nach Prag zu ziehen, schickte aber zwei Offiziere an den
+Kaiser mit einem Handschreiben, in welchem er sich erbot,
+sich nach Danzig oder Hamburg zu begeben; er w&uuml;nsche nur
+seine <em class="antiqua">ducadi,</em> seine Herzogt&uuml;mer, zu behalten.</p>
+
+<p>Aber gerade jene <em class="antiqua">ducadi</em> wollte man sehr gerne in Wien,
+das wu&szlig;te Wallenstein recht wohl. Er beschlo&szlig; daher, sich
+in Verfassung zu setzen, auf alle F&auml;lle, nur nicht auf den Fall,
+den er keineswegs voraussehen konnte, da er gegen alle Berechnung
+war. In seiner tiefen Not wandte er sich jetzt ernstlich
+an den Herzog Bernhard von Weimar und lie&szlig; ihn auffordern,
+nach B&ouml;hmen zu kommen. Herzog Bernhard traute
+<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>nicht. Er rief aus: &raquo;Wer an Gott nicht glaubt, dem kann
+auch der Mensch nicht glauben.&laquo; Und doch dr&auml;ngte die Zeit.
+Wallenstein erfuhr den Abfall eines Generals nach dem andern.
+Altringer entschuldigte sich von Frauenberg aus mit
+Krankheit, Gallas kam nicht wieder, Diodati war heimlich
+durchgegangen, dreizehn Kuriere flogen nach Regensburg und
+zur&uuml;ck, endlich machte sich Herzog Bernhard langsam auf
+den Weg. Wallenstein hatte sich nach Prag begeben wollen,
+der Abfall der Generale hatte den Plan vereitelt; auch den
+Vorsatz, nach Zittau zu marschieren, mu&szlig;te er aufgeben; der
+dritte Ort, den er w&auml;hlte, um sich mit den Schweden in Verbindung
+zu setzen, war Eger.</p>
+
+<p>Am 22. Februar 1634 morgens gegen zehn Uhr verlie&szlig;
+er Pilsen und zog am 24. nachmittags zwischen vier und f&uuml;nf
+Uhr in Eger ein. In seiner Begleitung befanden sich Illo
+und Terzka mit f&uuml;nf Kompanien K&uuml;rassieren, f&uuml;nf Kompanien
+vom alts&auml;chsischen Regiment zu Pferd, die unterwegs
+abfielen und nach Prag marschierten, und zweihundert Mann
+Fu&szlig;volk. Bevor er das erste Nachtquartier erreicht hatte,
+stie&szlig; Oberst Butler mit acht Kompanien Dragoner zu ihm.</p>
+
+<p>Butler war ein Irl&auml;nder von Geburt und Katholik. Er
+hatte von Pilsen aus nach seinem Quartier in Gladrup von
+Wallenstein den Befehl erhalten, mit seinem Regiment auf
+Prag zu r&uuml;cken, &#8211; bei Todesstrafe. Schon diese Weisung,
+die P&auml;sse zu verlassen, die aus B&ouml;hmen nach der Oberpfalz
+f&uuml;hren, hatte seinen Verdacht erregt; jetzt erhielt er die neue
+Weisung, Wallenstein nach Eger zu folgen, und er mu&szlig;te
+<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>mit seinen Dragonern der S&auml;nfte des Feldherrn voranreiten.
+Er schrieb an Gallas und Piccolomini &uuml;ber seinen wachsenden
+Argwohn, da&szlig; er notgedrungen mit Wallenstein ziehe, da&szlig;
+er aber vielleicht aus besonderer Schickung Gottes zu diesem
+Weg gezwungen werde, um eine besondere heroische Tat zu
+verrichten. Auf dem letzten Marsch lie&szlig; Wallenstein Butler
+an seine S&auml;nfte kommen und entschuldigte sich, da&szlig; er bisher
+nicht mehr f&uuml;r ihn getan habe; er versprach ihm zwei
+Regimenter und ein Geschenk von zweimalhunderttausend
+Talern. In Eger mu&szlig;te Butler mit seinen Fahnen in der
+Stadt bleiben, w&auml;hrend seinen Soldaten auf freiem Feld zu
+kampieren befohlen war. Wallenstein wohnte im Haus des
+B&uuml;rgermeisters Bachh&auml;lbel auf dem Markt, Terzka und
+Kinsky mit ihren Frauen im Hintertrakt desselben Hauses.</p>
+
+<p>Der Kommandant von Eger war der Obristleutnant in
+Terzkas Regiment, Johann Gordon, ein Schotte und Kalvinist.
+An ihn und an den Oberstwachtmeister Walter Lesly,
+ebenfalls einen Schotten, wandte sich Butler. In der Nacht
+vom 24. auf den 25. Februar verschworen sich diese drei
+M&auml;nner in der Zitadelle bei gez&uuml;ckten Degen, Wallenstein
+sofort aus dem Weg zu r&auml;umen. Es ward ausgemacht, da&szlig;
+am folgenden Abend Gordon die Generale zu einem Faschingsschmaus
+auf die Burg laden solle; bei diesem Schmaus sei
+die Tat zu vollbringen. Alles dr&auml;ngte zur Eile, schon hatte
+Illo frohlockend die Kunde gegeben, da&szlig; am andern Tag die
+Schweden in Eger einr&uuml;cken w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Am 25. Februar, es war ein Samstag, gab Graf Terzka
+<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>den Offizieren ein Gastmahl. Darnach, um sechs Uhr abends,
+fuhr er mit Kinsky, Illo und dem Rittmeister Neumann in
+einer Kutsche zum Faschingsschmaus auf die Burg. Man
+setzte sich zur Tafel und speiste und zechte lustig. Nach dem
+Essen veranstalteten Gordon und Lesly, da&szlig; das Obertor der
+Stadt ge&ouml;ffnet und hundert Mann von Butlers irischen
+Dragonern und ebensoviele deutsche Soldaten in die Stadt
+gelassen wurden; mit ihnen verst&auml;rkte man die Wache auf
+der Burg, die nun abgesperrt wurde. Unterdessen war das
+Konfekt aufgetragen worden. Da erhielt Gordon ein fingiertes
+Schreiben, das angeblich von Kursachsen verfa&szlig;t und nun
+aufgefangen war. Es stand darin, da&szlig; der Kurf&uuml;rst die Absicht
+Wallensteins, vom Kaiser abzufallen, nicht billige, und
+da&szlig; er gesonnen sei, Wallenstein dem Kaiser auszuliefern, wenn
+er ihn in seine Gewalt bekomme. Gordon reichte den Brief
+Illo hin&uuml;ber; dieser las ihn und sch&uuml;ttelte den Kopf. Auch
+die andern lasen ihn, es erhob sich ein Streit; um freier reden
+zu k&ouml;nnen, wurde die Dienerschaft hinausgeschickt; sie wurde
+in ein abgelegenes Gemach zum Essen gef&uuml;hrt und dort eingeschlossen.
+Nun war man mit den Schlachtopfern allein.</p>
+
+<p>Kaum hatten sich die Diener entfernt, so traten aus den
+beiden Nebenzimmern des Speisesaals der italienische Obristwachtmeister
+Geraldino und die irischen Hauptleute Deveroux
+und Macdonald mit sechsunddrei&szlig;ig Dragonern. Deveroux
+rief laut: <em class="antiqua">&raquo;Viva la casa d&#8217;Austria!&laquo;</em> Und Deveroux: &raquo;Wer
+ist gut kaiserlich?&laquo; Butler, Gordon und Lesly antworteten
+schnell: &raquo;Vivat Ferdinandus! Vivat Ferdinandus!&laquo; Ergriffen
+<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>ihre Degen und jeder einen Leuchter von der Tafel
+und traten auf die Seite. Die Irl&auml;nder schritten auf den
+Tisch zu und warfen ihn &uuml;ber den Haufen. Kinsky wurde
+zuerst niedergesto&szlig;en, dann Illo nach kurzer Gegenwehr;
+Terzka, der gl&uuml;cklich seinen Degen erlangt hatte, stellte sich
+in eine Ecke und verteidigte sich mannhaft. Sein Wams
+von Elenshaut sch&uuml;tzte ihn gegen mehrere Hiebe, so da&szlig; ihn
+die Dragoner f&uuml;r einen Gefrorenen hielten; endlich trafen
+ihn einige Dolchst&ouml;&szlig;e im Gesicht, er fiel und wurde mit den
+Kolben der Musketen erschlagen. Rittmeister Neumann
+hatte sich verwundet ins Vorhaus gefl&uuml;chtet und wurde
+drau&szlig;en erstochen. Die K&ouml;rper der Gemordeten gab man
+den Dragonern preis, die sie bis aufs Hemd auszogen.</p>
+
+<p>Gordon lie&szlig; nun den Speisesaal schlie&szlig;en und blieb bei
+der Wache auf der Burg, Lesly begab sich auf die Hauptwache
+am Markt, und Butler besetzte Wallensteins Wohnung.
+Es war eine finstere, unfreundliche Nacht, der Wind
+heulte und ein feiner Regen klirrte an die Fenster. &raquo;Es ist,&laquo;
+hei&szlig;t es in den Frankfurter Relationen, &raquo;sonderlich zu merken,
+da&szlig; selbige Nacht um neun Uhr ein erschreckliches
+Windsbrausen erstanden, welches bis gegen Mitternacht
+gew&auml;hret. Hat sich also gleichsam das Firmament &uuml;ber die
+grausamen Mordtaten entsetzet und einen Abscheu getragen.&laquo;</p>
+
+<p>Deveroux unternahm mit zw&ouml;lf Mann den Gang zum
+Herzog. Die Wache am Haus lie&szlig; ihn durch, weil sie
+glaubte, da&szlig; er eine Meldung zu machen habe. Im Vorzimmer
+begegnete er dem Kammerdiener Wallensteins, der
+<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>seinem Herrn, welcher eben ein Bad genommen hatte und
+sich zu Bett begeben wollte, den Nachttrunk brachte, Bier
+auf goldener Schale; Deveroux ward von ihm bedeutet, keinen
+L&auml;rm zu machen. Sein Astrolog Seni hatte Wallenstein
+eben verlassen; er soll ihn aus den Sternen gewarnt
+haben. Wallenstein hatte den L&auml;rm geh&ouml;rt, den die Aufstellung
+der Soldaten auf dem Markt veranla&szlig;t hatte; er hatte
+das Schreien der Gr&auml;finnen Terzka und Kinsky im Hintergeb&auml;ude
+geh&ouml;rt, denn beide hatten schon von der Ermordung
+ihrer M&auml;nner auf der Burg erfahren; er war ans Fenster
+getreten und hatte die Schildwache gefragt. Deveroux forderte
+vom Kammerdiener den Schl&uuml;ssel zu Wallensteins
+Zimmer, und als der Diener sich weigerte, sprengte er die
+T&uuml;r mit dem lauten Ruf: &raquo;Rebell! Rebell!&laquo; und trat mit
+seinen Mordgesellen ein. Wallenstein stand im Nachtkleid
+an den Tisch gelehnt. &raquo;Du mu&szlig;t sterben, Schelm!&laquo; rief
+ihm Deveroux zu. Wallenstein eilte ans Fenster, um Hilfe
+herbeizurufen, Deveroux folgte ihm mit der Partisane. Wallenstein
+breitete die Arme aus, und ohne einen Laut von sich
+zu geben empfing der gro&szlig;e Mann den Todessto&szlig;.</p>
+
+<p>Sein Leichnam wurde in einen roten Fu&szlig;teppich gewickelt
+und in Leslys Kutsche auf die Zitadelle gebracht. Da lag
+er mit den vier Leichnamen der andern Ermordeten den ganzen
+Sonntag &uuml;ber. Am Montag wurden alle nach Mies
+auf Illos Schlo&szlig; gebracht und begraben. Blo&szlig; Neumann
+nicht; wegen seiner l&auml;sterlichen Reden beim letzten Bankett,
+da&szlig; er ehestens in der Herren von &Ouml;sterreich Blut seine
+<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>H&auml;nde zu waschen verhoffe, wurde er unter dem Galgen eingescharrt.</p>
+
+<p>Wallensteins Sarg war zu klein geraten, und damit er
+Platz habe, mu&szlig;ten ihm die Beine zerbrochen werden.</p>
+
+<p>Schweigend ist er aus dem Leben geschieden; geheimnisvoll
+hatte er die Pl&auml;ne und Entw&uuml;rfe, die seine Seele n&auml;hrten,
+in tiefster Brust eingeschlossen, und &uuml;ber seinem Leben
+und &uuml;ber seinem Tode liegt ein undurchsichtiger Schleier.</p>
+
+<p>Die G&uuml;ter der Ermordeten wurden s&auml;mtlich eingezogen;
+von den Besitzungen Wallensteins, die auf f&uuml;nfzig Millionen
+Gulden gesch&auml;tzt wurden, fiel das meiste dem Kaiser zu.
+Die abtr&uuml;nnigen Generale wurden reich belohnt, die M&ouml;rder
+machten ihr Gl&uuml;ck und wurden angesehene Leute, aber
+alle Anh&auml;nger Wallensteins wurden ge&auml;chtet und vierundzwanzig
+Obristen und Hauptleute wurden in Pilsen hingerichtet.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a></p>
+<h2><a name="Leonhard_Thurneysser" id="Leonhard_Thurneysser"></a>Leonhard Thurney&szlig;er</h2>
+
+
+<p class="newsection">Leonhard Thurney&szlig;er, genannt zum Thurn, war ein
+Goldschmiedsohn aus Basel und 1530, im Jahr der &Uuml;bergabe
+der Augsburger Konfession, geboren. Er sollte wie sein
+Vater Goldschmied werden, war aber nebenher bei Doktor Huber,
+dem er Kr&auml;uter sammeln und Arzneien zubereiten half und
+aus den Schriften des Paracelsus vorlesen mu&szlig;te. Schon
+in seinem siebzehnten Lebensjahr verheiratete ihn sein Vater
+mit einer Witwe, die ihn mit ihrem Vormund betrog. Durch
+einen falschen Freund kam er in H&auml;ndel mit Juden und verlie&szlig;
+die Heimat im achtzehnten Jahr seines Alters. Er ging
+in die weite Welt, zuerst nach England, dann nach Frankreich,
+und wurde hier Soldat unter den wilden Truppen des Markgrafen
+Brandenburg-Kulmbach. In der Schlacht von Sievershausen,
+in der Moritz von Sachsen fiel, wurde Thurney&szlig;er
+von Christoph von Karlowitz gefangengenommen. Er verlie&szlig;
+nun den Kriegsdienst und verschaffte sich seinen Lebensunterhalt
+als Arbeiter in Bergwerken und Schmelzh&uuml;tten,
+auch mit der Goldschmiedekunst und mit Wappen- und Steinzeichnen.
+Da seine Frau von ihm geschieden worden war,
+<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>heiratete er im Jahre 1558 eine Goldschmiedstochter aus
+Konstanz und zog mit ihr nach Imst in Tirol, wo er eine
+Schmelz- und Schwefelh&uuml;tte anlegte und Bergbau auf eigene
+Rechnung trieb. Zwei Jahre sp&auml;ter nahm ihn der Erzherzog
+Ferdinand von Tirol, der Gemahl der sch&ouml;nen Philippine
+Welser, in Dienst und schickte ihn auf Reisen; er ging nach
+Schottland und den orkadischen Inseln, nach Spanien, Portugal
+und in die Berberei, nach &Auml;thiopien, &Auml;gypten, Syrien,
+Arabien und Pal&auml;stina, wurde auf dem Berg Sinai, im
+Katharinenkloster vom Orden des heiligen Basilius, Ritter
+der heiligen Katharina und kehrte &uuml;ber Kandia, Griechenland
+und Italien nach Tirol zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Durch seine Kenntnisse als Chemiker und Metallurg, als
+Botaniker und besonders als Arzt, wurde er der ber&uuml;hmteste
+Wundermann seiner Zeit. Er fing jetzt an, seine Schriften
+herauszugeben, zuerst das in deutschen Reimen abgefa&szlig;te Buch
+&raquo;Archidoxa&laquo;, darin der &raquo;wahre Lauf, Wirkung und Einflu&szlig;
+der Planeten auf den menschlichen K&ouml;rper, auf alle Gewerbe
+und Hantierungen der Menschen und die verborgenen Mysterien
+der Alchimie&laquo; enthalten waren. Als Wunderdoktor
+lernte ihn der Kurf&uuml;rst Joachim Friedrich von Brandenburg
+im Jahre 1571 w&auml;hrend der Huldigungsfeier zu Frankfurt
+an der Oder kennen. Thurney&szlig;er besorgte hier die Publikation
+einer andern Schrift, die den Titel hatte: &raquo;Pison, von kalten,
+warmen, mineralischen und metallischen W&auml;ssern samt Vergleichung
+der Pflanzen&laquo;, und die dem Kurf&uuml;rsten von Sachsen
+zugeeignet war. An einer Stelle hei&szlig;t es: &raquo;Gro&szlig;e und starke
+<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>Personen sind von kalter Natur, haben eine b&ouml;se, unreine
+Komplexion, stinken und schwitzen viel, und solcher Art ist
+auch Herr Christoph Sparre, der kurf&uuml;rstliche Oberhofmeister
+in Berlin.&laquo; Oder: &raquo;Diejenigen, die von Person lang,
+schmal, d&uuml;rr und kleine runde K&ouml;pfe haben, besitzen gar keine
+Geschicklichkeit und f&uuml;hren weibische Reden wie weiland Kaiser
+Rudolf von Habsburg.&laquo; Er war auch Anatom, und Kaiser
+Ferdinand hatte ihm im Jahre 1559 erlaubt, eine Frau zu
+sezieren, der zur Strafe die Adern ge&ouml;ffnet waren, da&szlig; sie sich
+totbluten solle.</p>
+
+<table class="illustration">
+<tr><td><a href="./images/thurneysser.png"><img src="./images/thurneysser_th.png" alt="Leonhard Thurneysser" title="Leonhard Thurneysser" /></a></td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Leonhard Thurney&szlig;er,</em></td></tr>
+<tr><td class="small">nach einem 1583 erschienenen Holzschnitt.</td></tr>
+</table>
+
+<p>Das Vertrauen des Kurf&uuml;rsten erwarb er sich gleich, denn
+er war ein Mann von stattlichem Ansehen; die den Schweizern
+eigene Manier von Ehrlichkeit, seine Welt- und Menschenkenntnis
+und sein lebhaftes Temperament nahmen f&uuml;r ihn ein.
+Er verstand es, die Schw&auml;chen gro&szlig;er Herren und ihre Neigungen
+auszuforschen und sich gegen diejenigen klug zu betragen,
+an deren Gunst ihm gelegen war. Die Kurf&uuml;rstin
+war krank, Thurney&szlig;er &uuml;bernahm die Behandlung, und der
+Erfolg bewirkte, da&szlig; von Stund an sein Gl&uuml;ck bei den brandenburgischen
+Herrschaften gemacht war. Sie nahmen ihn mit
+nach Berlin, der Kurf&uuml;rst lie&szlig; auf seine Kosten Thurney&szlig;ers
+Frau und Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen hatte,
+aus Konstanz nach seiner Hauptstadt bringen.</p>
+
+<p>Thurney&szlig;er hatte dem Kurf&uuml;rsten Bl&auml;tter aus dem &raquo;Pison&laquo;
+gezeigt, welche die Fl&uuml;sse in der Mark und deren unerkannte
+Reicht&uuml;mer betrafen. So hie&szlig; es unter anderm darin: &raquo;Das
+Wasser der Spree ist gr&uuml;nfarbig und lauter. Es f&uuml;hret in
+<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>seinem Schlich Gold und eine sch&ouml;ne Glasur. Das Gold
+h&auml;lt 23 Karat &#0189; Gramm.&laquo; Da&szlig; die Spree Gold f&uuml;hre,
+war bisher unerh&ouml;rt, blieb auch unerh&ouml;rt. Ebenso beschrieb
+Thurney&szlig;er Orte in der Mark, wo man Rubine, Smaragde
+und Saphire finden k&ouml;nne. Bisher hatte man sie
+nicht gesucht und nicht gefunden, fand sie auch niemalen.
+Aber die gl&auml;nzenden Verhei&szlig;ungen lockten bei Hof nicht wenig,
+den Mann festzuhalten, der so viele Hoffnungen erweckte.
+Alle Hofleute waren von ihm entz&uuml;ckt, und sogar das kurf&uuml;rstliche
+Hoffrauenzimmer breitete seinen Ruhm im ganzen
+Lande aus. Er erhielt Briefe von einigen Fr&auml;ulein und verheirateten
+Damen, die auf dem Lande lebten, worin sie ihn
+um Schminke baten, oder um Sch&ouml;nheits&ouml;l, oder um Waschwasser,
+nebst Beschreibung des Gebrauchs. Sie schlie&szlig;en
+gemeiniglich mit dem Ersuchen, es niemand wissen zu lassen,
+noch andern davon zu geben.</p>
+
+<p>Thurney&szlig;er war ein Mann, der sich wohl darauf verstand,
+die gute Meinung zu nutzen, die man von ihm gefa&szlig;t
+hatte, um sich bedeutende Reicht&uuml;mer zu erwerben. Er wu&szlig;te
+sich in seinen Gl&uuml;cksumst&auml;nden bis an das Ende seines Lebens
+zu erhalten, &#8211; wo er dann freilich um Geld und Ehre kam.
+Er hatte ein vortreffliches Ged&auml;chtnis und eine nicht zu erm&uuml;dende
+Wi&szlig;begierde. Nach dem Vorbild des Paracelsus
+hatte er die Natur unmittelbar aus ihren Werken studiert,
+und da er mit Aufmerksamkeit eine Menge von Gegenst&auml;nden
+in nahen und weitentlegenen L&auml;ndern betrachtet hatte, war
+er auch zu einer tiefen Erkenntnis der Natur gelangt. Nicht
+<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>so sehr wie Paracelsus war er gegen das B&uuml;cherlesen eingenommen;
+er hatte mehrere medizinische und historische
+Werke studiert. Mit dem Griechischen war er auf seinen
+Reisen bekannt geworden, auch mit einigen orientalischen
+Sprachen, so da&szlig; er sp&auml;ter eine Schriftgie&szlig;erei in ausl&auml;ndischen
+Lettern anlegen und sogar ein Onomastikon herausgeben
+konnte. Lateinisch lernte er noch in seinem sechsundvierzigsten
+Jahr bei dem berlinischen Propst Jakob Colerus. Er verstand
+sich auf die Kunst des Zeichnens und konnte die f&uuml;r seine
+anatomischen Handleitungen und sein Kr&auml;uterbuch besch&auml;ftigten
+Formschneider wohl anweisen. Er hatte eine Karte
+der Mark Brandenburg aufgenommen, wie man sie damals
+noch nicht besa&szlig;. Seine Kenntnisse in der Mathematik,
+Astronomie und Astrologie waren nicht unbedeutend, so da&szlig;
+er nicht nur die weit und breit ber&uuml;hmten Kalender ver&ouml;ffentlichte
+und sich mit dem Stellen der Nativit&auml;t abgeben konnte,
+sondern er vermochte auch f&uuml;r die Jahre 1580 bis 1590
+die ephemeriden und astronomischen Tabellen zu berechnen.</p>
+
+<p>Der Kurf&uuml;rst bestellte ihn zu seinem Leibmedikus, und sein
+stehendes Gehalt betrug 1352 Taler, eine f&uuml;r jene Zeit ansehnliche
+Summe. Daneben hatte er auf vier Pferde Futter,
+die Hofkleidung, die Hofdeputate und bei Reisen Vorspann.
+Kurf&uuml;rst und Hof gaben ihm vielerlei Bestellungen von Eink&auml;ufen,
+die er zu Leipzig, zu N&uuml;rnberg und zu Venedig durch
+seine Schreiber und Bekanntschaften besorgen mu&szlig;te. Der
+Kurf&uuml;rst war ein Liebhaber von Silberger&auml;t; die Goldschmiede
+hatten so viel f&uuml;r den Hof zu tun, da&szlig; Joachim
+<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>Friedrich viel Silberzeug in Leipzig anfertigen lie&szlig;, und
+Thurney&szlig;er hatte davon die Kommissionen. Besonders setzte
+die Kurprinzessin Katharina von K&uuml;strin ein au&szlig;erordentliches
+Vertrauen in Thurney&szlig;er. Ihr Gemahl war Administrator
+von Magdeburg, sie selbst residierte in Halle.
+Sie lie&szlig; ein Laboratorium bauen und ersuchte Thurney&szlig;er,
+zu ihr zu kommen. Der Kurf&uuml;rst gab nur ungern seine Einwilligung,
+weil er Thurney&szlig;er stets um sich haben wollte.
+Katharina brauchte den gewandten Schweizer in allen ihren
+Gesch&auml;ften; wenn sie Geld n&ouml;tig hatte, mu&szlig;te er auf der
+Leipziger Messe in seinem Namen zwei, drei und mehrere
+tausend Taler f&uuml;r sie aufnehmen. Sie lie&szlig; durch ihn
+Kleinodien und Silberzeug kaufen und verkaufen und schickte
+ihm Leute zu, die er zu Laboranten und Provisoren bilden,
+in der Imitation von Rubinen und Smaragden und im
+Wappen- und Steinschneiden unterrichten sollte.</p>
+
+<p>Bald nach seiner Ankunft in Berlin hatte ihm der Kurf&uuml;rst
+eine ger&auml;umige Wohnung in dem ehemaligen Franziskanerkloster,
+dem grauen Kloster, gegeben, damit er Platz zu
+einer weitl&auml;ufigen Haushaltung haben m&ouml;ge. Er richtete sich
+dort in gro&szlig;em Stile ein. Im Laboratorium wurden nach
+seinem silbernen Buch die Arkana pr&auml;pariert, die geheimen
+Arzneien, die ihn zum reichen Mann machten: Goldpulver,
+Goldtropfen, Amethystenwasser, Saphir-, Rubinen-, Smaragden-,
+Perlen- und Korallentinktur, auch Bernstein&ouml;l. Er
+hatte Mittel &raquo;wider die Vergicht, wider ein Rotgesicht, dasselbe
+zu erl&auml;utern und zu dealbieren.&laquo; Ein Lot <em class="antiqua">spiritus vini</em>
+<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>kostete vier Taler, ein Lot <em class="antiqua">Spiritus vini correcti</em> sogar sechs
+Taler, ein Lot Rhabarberextrakt zwei Taler. Der Gr&auml;fin
+Lynar schickte er einmal einige &Ouml;le zum &auml;u&szlig;erlichen Gebrauch,
+die f&uuml;nfunddrei&szlig;ig Taler kosteten, und schrieb ihr dazu: &raquo;Ihre
+Gnaden w&uuml;rde zum besonderen Vergn&uuml;gen gereichen, diese
+kleinen Unkosten zu tragen, damit Sie nichts einnehmen
+d&uuml;rften.&laquo; Er meinte, weil sie ja die Mittel nicht schlucken
+m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Er hielt im grauen Kloster eine Art von kleiner Hofstatt,
+seine Haushaltung bestand aus mehr als zweihundert Personen,
+aus Dienern, Schreibern, Laboranten, Boten zum
+Verschicken und den Arbeitern in der weitl&auml;ufigen Druckerei,
+die mit deutschen, lateinischen, griechischen, hebr&auml;ischen, chald&auml;ischen,
+syrischen, t&uuml;rkischen, persischen, arabischen, sogar
+mit abessinischen Typen versehen war, in der seine Schriften
+fortan gedruckt wurden, auch die Schriften von andern Gelehrten,
+zum Teil aus fernen St&auml;dten, jede mit der Aufschrift:
+gedruckt zu Berlin im grauen Kloster. Die Arbeiter
+und Bedienten waren fast alle verheiratet und wohnten mit
+Frauen und Kindern bei Thurney&szlig;er. Der Aufwand zu
+ihrem Unterhalt war so gro&szlig;, da&szlig; er monatlich einen Ochsen
+schlachten lie&szlig;. Er selbst ging stattlich, in schwarzsamtenen
+und seidenen Kleidern, was ein besonderes Zeichen der Pracht
+war, auch t&auml;glich mit seidenen Str&uuml;mpfen. Noch kurz ehe
+Thurney&szlig;er nach Berlin kam, hatte der Markgraf Johann
+zu K&uuml;strin seinem geheimen Rat Barthold von Mandelsloh,
+der die seidenen Str&uuml;mpfe aus Italien mitgebracht hatte
+<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>und einst an einem Wochentag mit ihnen bei Hof erschien,
+zugerufen: &raquo;Barthold! Ich habe auch seidene Str&uuml;mpfe,
+aber ich trage sie nur des Sonn- und Festtags.&laquo; Thurney&szlig;er
+prangte nicht nur in seidenen Str&uuml;mpfen und Kleidern,
+sondern er trug um den Hals auch goldene Gnadenketten
+mit daran h&auml;ngenden Kur- und F&uuml;rstenbildnissen,
+goldnen Gnadenpfennigen und Kontrefaitm&uuml;nzen. Wenn er
+ausging, begleiteten ihn zwei Edelknaben; 1580 verrichteten
+diesen Dienst zwei Vettern, Christoph und Hans Christoph
+von Tetzel aus dem alten, reichsadeligen Patriziergeschlecht
+der Tetzel von Kirchsittenbach und Vohra zu N&uuml;rnberg.
+Ihre Eltern wohnten in Denelohe, einem im fr&auml;nkischen
+Altm&uuml;hlkreis gelegenen Reichsrittersitz; 1582 dankte der
+Vater dem Doktor Thurney&szlig;er daf&uuml;r, da&szlig; er seine Kinder
+zu sich genommen; er sei &uuml;berzeugt, da&szlig; sie im ganzen Kurf&uuml;rstentum
+nirgends besser als bei ihm zur Ordnung und
+Tugend erzogen werden k&ouml;nnten. Oft speisten gro&szlig;e Gesellschaften
+von den Vornehmsten des Hofes bei ihm, und wenn
+ausw&auml;rtige Herren ankamen, sich seines Rats zu erholen,
+nahm er sie im grauen Kloster bei sich auf, wie den F&uuml;rsten
+Radziwill. Er war das Orakel von aller Welt. K&ouml;nig
+Friedrich II. von D&auml;nemark bat ihn, die einst von Heinrich
+dem L&ouml;wen versch&uuml;tteten Salzbrunnen zu Adeslon zu
+untersuchen; K&ouml;nig Stephan Bathory von Polen, den
+er zuweilen mit Antidoten oder Gegengiften versah, sprach
+ihn um Hilfe wegen der Bergwerke an; Graf Wilhelm
+der Weise von Hessen forderte von ihm eine Erkl&auml;rung
+<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>fremder Buchstaben auf einem in der Grafschaft Katzenellenbogen
+aufgefundenen Gipsstein. Der K&ouml;nig von Schweden
+schickte ihm einen sch&ouml;nen Luchspelz. Die Schreiber breiteten
+seine Wunderkuren aus und brachten reiches Entgelt, seltene
+gemalte B&uuml;cher, Handschriften, Erzstufen, Versteinerungen
+und Kr&auml;uter mit. Sie erz&auml;hlten auch, was an ausw&auml;rtigen
+H&ouml;fen und in anderen L&auml;ndern vorfiel, und mit diesen Nachrichten
+wu&szlig;te Thurney&szlig;er sich bei seinem Herrn sehr beliebt
+zu machen.</p>
+
+<p>Von seinen Kalendern setzte er ungeheure Auflagen ab.
+Bei den einzelnen Monatstagen pflegte er Buchstaben und
+verbl&uuml;mte Worte als Prognostika beizuf&uuml;gen, und im folgenden
+Jahr schickte er dann die Erkl&auml;rungen, wenn die Begebenheiten
+richtig eingetroffen waren. Im Kalender auf 1579
+steht beim 17. Dezember: sch&auml;ndliche Tat einer f&uuml;rstlichen
+Person. 1580 lautete die Erkl&auml;rung: auf diesen Tag hat
+Signora Bianca Capelli ihren Stiefsohn zu Florenz mit
+Gift vergeben, welcher am 18. Dezember gestorben.</p>
+
+<p>Als Nativit&auml;tssteller begr&uuml;ndete er seinen Ruf mit der
+Versicherung, er habe dem K&ouml;nig Sigismund August von
+Polen ohne Aberglauben und Teufelsk&uuml;nste Jahr, Monat
+und Tag seines Todes prophezeit; sowie in einer f&uuml;rstlichen
+oder gr&auml;flichen Familie in Deutschland ein Kind geboren war,
+wurde ihm die Geburtsstunde zugeschickt; manchmal kamen
+mehrere Boten an einem Tag. Nun suchte er den Stand
+der Planeten, forschte, in welchem Zeichen des Tierkreises sie
+gestanden, bemerkte die Aspekten gegeneinander und bestimmte
+<a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>daraus die Influenzen auf den Geborenen. Er beurteilte seine
+k&uuml;nftigen Schicksale, seine nat&uuml;rlichen Neigungen und F&auml;higkeiten,
+ob er gl&uuml;cklich, reich oder arm, zu Ehren gelangen
+werde oder nicht, heiraten werde oder nicht, Kinder bekommen
+werde oder nicht, was er f&uuml;r Krankheiten zu erwarten und in
+welchem Alter er sterben w&uuml;rde. Das alles interessierte damals
+die Leute ungemein, jedermann glaubte steif und fest daran,
+auf den Universit&auml;ten wurden Collegia &uuml;ber das Nativit&auml;tstellen
+gelesen, und Bisch&ouml;fe und hohe Geistliche gaben sich
+damit ab.</p>
+
+<p>Die Bestimmung der Nativit&auml;t hatte keinen Zweck, wenn
+man nicht die Talismane trug, die Thurney&szlig;er fabrizierte.
+Er versah die ganze Mark und die benachbarten L&auml;nder mit
+Talismanen. Selbst Andreas Osiando, der ber&uuml;hmte Streittheolog
+in K&ouml;nigsberg, trug zum Schutz wider den Aussatz
+eine Kette um den Hals. Als Thurney&szlig;er, eine goldne Kette
+um den Hals, 1574 nach K&ouml;nigsberg reiste, um den bl&ouml;dsinnigen
+Herzog zu heilen, benutzte er bei seinen Kuren die
+Talismane. Es waren sogenannte gro&szlig;e Jupiter-Talismane,
+<em class="antiqua">Sigilla solis</em>. Sie finden sich noch in den M&uuml;nzkabinetten;
+Jupiter erscheint auf ihnen wie ein W&uuml;rttemberger Professor
+mit Bart und Pelzrock und einem gro&szlig;en Buch, aus dem er
+doziert; auf dem Revers befindet sich ein Apucus, ein heiliger
+Rechenpfennig, der die Summe 34 gibt, man mag die Zahl
+in den sechzehn Feldern der L&auml;nge nach oder der Breite nach
+oder in der Diagonale addieren. Die <em class="antiqua">Sigilla solis</em> waren oft
+sechs Dukaten schwer. Einer ist vierzehn Dukaten schwer.
+<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>Er tr&auml;gt die Namen Gottes und der zehn F&uuml;rsten der Engel
+und die hebr&auml;ischen Worte, die der ber&uuml;hmte Abt Trieheim
+aus der Bibel und den Rabbinen entlehnt und Agrippa von
+Nettelsheim in seinem Werk <em class="antiqua">De occulta philosophia</em> erkl&auml;rt
+hatte. Die <em class="antiqua">Sigilla solis</em> waren dazu bestimmt, die solarischen
+Krankheiten abzuwenden, wozu die des Gehirns z&auml;hlten. Es
+gab auch Talismane mit dem Zeichen der andern Planeten,
+und diese verh&uuml;teten die astralischen Krankheiten. Ferner gab
+es Talismane aus sieben verschiedenen Metallen gemischt, in
+einem festgesetzten Verh&auml;ltnis und mit Beobachtung der
+Konstellation: wann sie geschmolzen waren und wann der
+Stempel aufgepr&auml;gt war; diese hatten eine besondere verborgene
+Kraft, Menschen, in ungl&uuml;cklicher Stunde geboren,
+gl&uuml;cklich zu machen. Andere Talismane verschafften die Gunst
+gro&szlig;er Herren, bef&ouml;rderten zu Ehrenstellen, lie&szlig;en Heiratsh&auml;ndel
+gelingen, und wenn Mars beim ersten Eintritt in das
+Zeichen des Skorpions darauf gepr&auml;gt war, verliehen sie dem
+Soldaten Mut und Sieg. Thurney&szlig;er verkaufte Talismane
+zum Besten des ganzen menschlichen Geschlechtes, vom
+Kaiser bis zum Bauer herunter. Das sollte die mit dem
+Zepter kreuzweis gelegte Sense andeuten, die sich auf den
+M&uuml;nzen befinden. Er erzeugte auch sympathetische Ringe,
+die von der fallenden Sucht befreiten.</p>
+
+<p>Durch alle diese Geldquellen wurde Thurney&szlig;er sehr reich.
+Sein Schatz bestand aus zw&ouml;lftausend Goldst&uuml;cken, teils einfachen
+und doppelten Portugalesern, teils vierfachen Kronen,
+Rosenobeln, Engalotten und Dukaten. Er besa&szlig; &uuml;ber neun
+<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>Zentner an Trinkgeschirren und einen silbernen vergoldeten
+Hirsch, der, nach der Sitte der Zeit mit Leuchtern ausgeziert,
+in seinem gro&szlig;en Saale hing. Seine Bibliothek soll ihresgleichen
+weit und breit nicht gehabt haben; sein Naturalienkabinett
+enthielt eine Sammlung von Pflanzensamen aus
+allen Teilen der Welt. Er hatte Pr&auml;parate von getrockneten
+Teilen des menschlichen K&ouml;rpers und von seltenen Tieren.
+Er hatte Skorpione in Baum&ouml;l, die der gemeine Mann
+f&uuml;r entsetzliche Zauberteufel ansah. Sein Garten beim Grauen
+Kloster war voll botanischer Kuriosit&auml;ten, und ein Elentier,
+das ihm der F&uuml;rst Radziwill geschenkt hatte, schickte er nach
+seiner Vaterstadt Basel, um sich bei seinen Landsleuten in
+Respekt zu setzen. Die frommen Baseler hielten es aber auch
+f&uuml;r einen Zauberteufel, und ein altes Weib gab ihm einen
+Apfel mit zerbrochenen N&auml;hnadeln zu fressen.</p>
+
+<p>Thurney&szlig;er zog eine Menge kunstverst&auml;ndige Ausl&auml;nder
+nach Berlin und brachte auf jede Weise viel Geld in Umlauf.
+Eine Menge Schriftgie&szlig;er, Stempelschneider, Kupferstecher,
+Illuminierer, Buchbinder, Kaufleute und Goldschmiede
+hatten best&auml;ndig f&uuml;r ihn zu tun. Er war der erste,
+der die chemischen Arzneien einf&uuml;hrte, deren kleine aber wirksame
+Dosen den verschleimten Ruppiner- und Bernauerbiermagen
+des brandenburgischen Adels annehmlicher d&uuml;nkten,
+als die bisherigen kopiosen galenischen Arzneitr&auml;nke. Er half
+den Alaun- und Salpetersiedereien auf, sowie den Glash&uuml;tten.
+Aus der Grimnitzer Glash&uuml;tte in der Uckermark hatte er einen
+gl&auml;sernen Vogelbauer, in dessen inwendigem Raum ein Vogel
+<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>sa&szlig;, w&auml;hrend au&szlig;en Fische schwammen. Dieser Vogel war
+dem gemeinen Mann gleichfalls ein Zaubervogel, da er scheinbar
+mitten im Wasser mit schwimmenden Fischen lustig
+herumsprang, als ob er in freier Luft lebte.</p>
+
+<p>Vierzehn Jahre lang erhielt sich Thurney&szlig;er in der unverminderten
+Gnade des Hofes. Der Kurf&uuml;rst gab ihm das
+Zeugnis, &raquo;da&szlig; er sich nach seinen ihm von Gott verliehenen
+Gaben gegen ihn und dem Hause Brandenburg, auch vielen
+anderen hohen und niederen Standespersonen getreu, aufrichtig,
+n&uuml;tzlich und wohl erzeiget habe&laquo;. Im Jahre 1575
+war Thurney&szlig;ers Frau gestorben, das Schweizerheimweh
+kam &uuml;ber ihn, der Kurf&uuml;rst wollte ihn nicht ziehen lassen, nun
+reiste er wenigstens zu Besuch nach Basel und heiratete dort
+1580 seine dritte Frau, eine Geschlechtertochter aus Basel,
+eine Herbrot. Sie war liederlich, er verstie&szlig; sie, und sie brachte
+ihn um Ehre und Verm&ouml;gen. Es entspann sich ein skandal&ouml;ser
+Proze&szlig;, worin beide Teile Schriften gegeneinander ver&ouml;ffentlichten,
+und seine s&auml;mtlichen Habseligkeiten, die er nach
+Basel geschickt hatte, wurden mit Beschlag belegt und der
+Frau zugesprochen. Darauf entstand in der Mark eine gro&szlig;e
+Hetze gegen ihn, er wurde als Zauberer, Atheist und Wucherer
+gebrandmarkt, ein Professor in Greifswalde predigte &ouml;ffentlich
+gegen ihn, warnte die Gemeinden und erachtete ihn des
+Kirchenbanns f&uuml;r w&uuml;rdig. Er verlie&szlig; Berlin, wurde katholisch,
+ging nach Rom und begab sich unter den Schutz des
+Papstes. Beim Kardinal Ferdinand von Medici, bei dem
+er speiste, verwandelte er einen eisernen Nagel in Gold. Nach
+<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>der Tafel stellte der Kardinal dar&uuml;ber ein Zeugnis aus, das
+man lange Zeit nebst dem Nagel als gro&szlig;e Merkw&uuml;rdigkeit
+den Fremden in Florenz zeigte. Es fand sich aber sp&auml;ter, da&szlig;
+das Wunder durch einen Betrug zustande gekommen war.</p>
+
+<p>Thurney&szlig;er lebte ein paar Monate dann in Belvedere,
+wanderte dann wieder nach Deutschland und starb endlich in
+&auml;rmlichen Umst&auml;nden in einem Kloster bei K&ouml;ln, f&uuml;nfundsechzig
+Jahre alt, genau an dem Tage, auf den er sich selbst
+das Horoskop gestellt hatte.</p>
+
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a></p>
+<h2><a name="Danckelmann" id="Danckelmann"></a>Danckelmann</h2>
+
+
+<p class="newsection">Der Kurf&uuml;rst Friedrich von Brandenburg und sp&auml;tere
+erste K&ouml;nig von Preu&szlig;en &uuml;berlie&szlig; sich am Anfang seiner Regierung
+v&ouml;llig der Leitung Danckelmanns, seines ehemaligen
+Hofmeisters. Eberhard Danckelmann war 1643 geboren;
+er war ein Fremder, ein Westfale aus der damals noch
+nassau-oranischen Stadt Lingen, wo sein Vater, der ber&uuml;hmte
+gelehrte Sylvester, Landrichter war. Die Familie
+war b&uuml;rgerlich, hatte aber die Tradition, da&szlig; einer ihrer
+Vorfahren einem deutschen Kaiser durch treue Wachsamkeit
+das Leben gerettet und dieser ihm mit den Worten: &raquo;Danke,
+Mann&laquo;, den Ritterschlag erteilt habe. Das Wappen, das
+dieser Tradition Wahrscheinlichkeit geben sollte, war ein
+Kranich.</p>
+
+<p>Der junge Danckelmann war eine Art Wunderkind gewesen;
+er hatte in Utrecht studiert, hatte hier schon in seinem
+zw&ouml;lften Jahr eine Disputation gehalten und dann die europ&auml;ische
+Turnee durch England, Frankreich und Italien gemacht.
+Er war zwanzig Jahr alt, als ihn der Gro&szlig;e Kurf&uuml;rst
+auf einer Reise nach Holland kennen lernte und zum
+<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>Lehrer des damals f&uuml;nfj&auml;hrigen Prinzen Friedrich Wilhelm
+annahm. Zwei Jahre sp&auml;ter, 1665, wurde er Titularrat,
+1669 Halberst&auml;dtischer, 1676 kurm&auml;rkischer Regierungsrat,
+und noch unter dem Gro&szlig;en Kurf&uuml;rsten Kammer- und Lehnsrat.
+Zweimal vor Friedrichs Regierungsantritt rettete er dem
+Prinzen das Leben, 1680 bei dem angeblichen Vergiftungsversuch
+durch die Stiefmutter, und sieben Jahre darauf bei
+einem Stickflu&szlig;, wo er ihm gegen den Rat der &Auml;rzte eine
+Ader schlagen lie&szlig; und ihn so wieder zum Bewu&szlig;tsein brachte.
+Kurz nach seiner Thronbesteigung ernannte ihn Kurf&uuml;rst
+Friedrich zum Regierungspr&auml;sidenten in Cleve, und am 2. Juli
+1695, bei der Zusammenkunft der sieben Br&uuml;der Danckelmann,
+die alle hohe &Auml;mter im Brandenburgischen bekleideten,
+bei offener Tafel zum Premierminister mit dem ersten
+Rang am Hofe. Friedrich setzte die Bestallung eigenh&auml;ndig
+auf. Es hei&szlig;t darin, da&szlig; Danckelmann ein vollst&auml;ndiges
+Exempel ungef&auml;rbter Treue, unabl&auml;ssiger Applikation in der
+Bef&ouml;rderung der Gloire des Kurf&uuml;rsten und aller andern,
+dem Diener eines gro&szlig;en Herrn wohlanst&auml;ndigen Tugenden
+und Qualit&auml;ten sei. In demselben Jahre lie&szlig; ihn der
+Kurf&uuml;rst mit seinen sechs Br&uuml;dern von Kaiser Leopold in
+den Reichsfreiherrenstand erheben, und der Kaiser gab
+ihnen zu dem bisher im Wappen gef&uuml;hrten Kranich sieben
+mit einem Ring zusammengehaltene Zepter, &raquo;damit deren
+Posterit&auml;t aus denen sieben Zeptern die Urheber dieser unserer
+ihnen erteilten Gnad und W&uuml;rde als sieben Br&uuml;der,
+welche gleichsamb an einem Ring beisammen halten umbsomehr
+<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>abnehmen und vermerken k&ouml;nnen&laquo;. So das Diplom;
+und es besagte auch, da&szlig; Eberhard Danckelmann den ihm
+angetragenen Grafenstand abgebeten habe, um mit seinen
+Br&uuml;dern im gleichen Stand zu bleiben. Der Kurf&uuml;rst verlieh
+ihm noch die Erbpostmeisterw&uuml;rde, die Hauptmannschaft
+zu Neufeld an der Dosse und ansehnliche Lehne und
+G&uuml;ter.</p>
+
+<p>Er leitete die Finanzen und alle Hauptgesch&auml;fte. Man
+nannte ihn den Colbert der brandenburgischen Staaten. Er
+vermehrte die Jahreseink&uuml;nfte aus den Dom&auml;nen um hundertf&uuml;nfzigtausend
+Taler. Er regierte mit seinen sechs Br&uuml;dern,
+von denen er der mittelste war. Man nannte diese
+Regierung der sieben Br&uuml;der Danckelmann, die als rechtschaffene
+M&auml;nner im Volk beliebt waren, die Herrschaft der
+Plejaden oder des Siebengestirns. Der &auml;lteste Bruder war
+Resident im westf&auml;lischen Kreis. Der zweite au&szlig;erordentlicher
+Gesandter beim K&ouml;nig von England, der dritte Kammergerichts-
+und Konsistorialpr&auml;sident, der vierte Generalkriegskommiss&auml;r,
+der f&uuml;nfte Kanzler zu Halle und au&szlig;erordentlicher
+Gesandter am kaiserlichen Hof und der sechste Kanzler zu
+Minden.</p>
+
+<p>Danckelmann war ein t&uuml;chtiger und verdienstvoller, ein
+sehr selbstbewu&szlig;ter und gegen den alten Adel sehr stolzer
+Mann. Er war von tiefmelancholischem Temperament;
+man hat ihn niemals lachen gesehen. Sein Ungl&uuml;ck schwebte
+dunkel vor seiner Seele, als er noch im h&ouml;chsten Gl&uuml;cke
+war. Eines Tages gab er dem Hof zur Einweihung seines
+<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>neuen Hauses ein Fest. Die Gesellschaft tanzte im gro&szlig;en
+Saal, Danckelmann befand sich mit dem Kurf&uuml;rsten in
+seinem Arbeitskabinett. Mit dem Wohlgefallen eines Kenners
+betrachtete Friedrich einige Gem&auml;lde, die dort an den
+W&auml;nden hingen. &raquo;Das sind sch&ouml;ne Bilder,&laquo; meinte der
+Kurf&uuml;rst. &raquo;Ach,&laquo; erwiderte Danckelmann mit bitterem
+L&auml;cheln, &raquo;die Bilder und was ich sonst noch Kostbares besitze,
+wird ja doch einst, bald vielleicht, das Eigentum von
+Eurer kurf&uuml;rstlichen Gnaden sein, wenn meinen Feinden gelingt,
+wonach sie so eifrig trachten, mir die Liebe meines
+Herrn zu entfremden.&laquo; Da legte der Kurf&uuml;rst die Hand
+auf die Bibel und antwortete, der Fall k&ouml;nne sich nie ereignen.</p>
+
+<p>Der Fall ereignete sich aber doch, und zwar nicht ohne
+Danckelmanns Verschulden. Das Zeremoniell war in jenen
+Tagen, wo sich alles um die Hofherrlichkeit drehte, die
+Schlange, die die gescheitesten K&ouml;pfe verf&uuml;hrte. Danckelmann
+bezeigte sich gegen seine altadeligen Kollegen hochfahrend,
+rauh und unf&uuml;gsam. Er mochte freilich zu tun haben,
+sich in Positur gegen sie zu setzen. Er verlangte von s&auml;mtlichen
+Ministern der ausw&auml;rtigen H&ouml;fe den ersten Besuch;
+selbst den regierenden Reichsgrafen wollte er nicht weichen.
+In die Kirche zu K&ouml;nigsberg, wo der ganze Hof versammelt
+war, kam er einst zu sp&auml;t, die Predigt hatte schon begonnen.
+Sein Nachfolger, der sp&auml;tere Premier Wartenberg und
+der Feldmarschall Barfu&szlig; sprachen miteinander; Danckelmann
+fuhr zwischen sie mit den Worten: &raquo;Meine Herren,
+<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>warum heben Sie mir kein Platz auf?&laquo; Wartenberg
+erhob sich und sagte: &raquo;Hier ist Platz.&laquo; Kalt entgegnete
+Danckelmann: &raquo;Es ist Ihre Schuldigkeit, mir Platz zu
+machen.&laquo;</p>
+
+<table class="illustration">
+<tr><td><a href="./images/danckelmann.png"><img src="./images/danckelmann_th.png" alt="Eberhard Danckelmann" title="Eberhard Danckelmann" /></a></td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Eberhard Danckelmann,</em></td></tr>
+<tr><td class="small">nach einem Stich von G.&nbsp;P. Busch.</td></tr>
+</table>
+
+<p>Dergleichen gab b&ouml;ses Blut. Im Gef&uuml;hl seiner Vorz&uuml;ge
+nahm Danckelmann auch gegen den Kurf&uuml;rsten einen feierlichen
+Ton an, der dem hohen Herrn nat&uuml;rlich zu hoch vorkommen
+mu&szlig;te. Er verdarb es auch mit den Damen und
+brachte die ganze kurf&uuml;rstliche Familie gegen sich auf. Sein
+Sturz erfolgte auf echt orientalische Weise. Im Vorgef&uuml;hl
+seines Schicksals hatte er seinen Abschied erbeten. Der Kurf&uuml;rst,
+der f&uuml;nfunddrei&szlig;ig Jahre lang um ihn gewesen war,
+bewilligte den Abschied. Danckelmann blieb in Berlin; noch
+am Abend des 10. Dezember 1697 erschien er bei Hof, und
+der Kurf&uuml;rst unterhielt sich mit ihm aufs freundlichste. In
+der Nacht darauf erschien der Gardeoberst von Tettau in
+Danckelmanns Haus in der alten Friedrichstra&szlig;e, dem sogenannten
+F&uuml;rstenhaus. Er wurde arretiert, seine Effekten
+wurden versiegelt, und man brachte ihn nach Spandau, sp&auml;ter
+nach Peitz. Erst zehn Jahre darauf wurde er nebst vielen
+andern Staatsgefangenen pardonniert; da er Preu&szlig;en nicht
+verlassen durfte, begab er sich nach Kottbus, wo er eine halbe
+Freiheit geno&szlig; und zweitausend Taler Pension. Seine s&auml;mtlichen
+G&uuml;ter wurden ohne Proze&szlig; konfisziert; das F&uuml;rstenhaus,
+Marzahne, Zimmerbude, Gro&szlig;- und Klein-Quittainen
+in Preu&szlig;en, Biesenbruch in der Uckermark, Umelingen
+und Sch&ouml;nebeck in der Altmark und die Kohlenbergwerke
+<a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>bei Wettin. Die Familie hat die G&uuml;ter niemals zur&uuml;ck erhalten.
+W&auml;hrend der ganzen Zeit seiner Gefangenschaft war
+nur seine Frau um ihn, die sich ausgebeten hatte, seine Haft
+teilen zu d&uuml;rfen. Erst nach Friedrichs Tode erhielt der siebzigj&auml;hrige
+Greis eine Ehrenerkl&auml;rung: K&ouml;nig Friedrich Wilhelm
+ging &ouml;ffentlich mit ihm zur Kirche.</p>
+
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a></p>
+<h2><a name="Kaiser_Rudolf_II_und_sein_Hof" id="Kaiser_Rudolf_II_und_sein_Hof"></a>Kaiser Rudolf II. und sein Hof</h2>
+
+
+<p class="newsection">Rudolf, der &auml;lteste Sohn des zweiten Maximilian, war
+zu Wien geboren und wurde in Spanien erzogen. Seine
+Mutter war Maria, die Lieblingstochter Karls V., eine echte
+Spanierin, streng katholisch, sehr tugendhaft und sehr d&uuml;ster.
+Der Aufenthalt am Hofe des unheimlich kalten, ausschweifenden
+und grausamen Philipp und die furchtbaren Ereignisse
+unter dessen Regierung hinterlie&szlig;en nicht zu verwischende
+Spuren in Rudolfs Seele. Ehemals war er sanft, sch&uuml;chtern
+und gerechtigkeitsliebend gewesen; als er im Alter von
+neunzehn Jahren nach Deutschland zur&uuml;ckkam, um die r&ouml;mische
+K&ouml;nigskrone aufs Haupt zu setzen, war er wild, finster
+und zu heftigen Zornanf&auml;llen geneigt. Mit vierundzwanzig
+Jahren wurde er Kaiser. Er schlug seine Hofstatt zu Prag auf.</p>
+
+<p>Es war eine Drohung &uuml;ber ihm von den Ahnen her. Aber
+er hatte nicht die r&uuml;hrende Melancholie Johannas von Kastilien,
+auch nicht die durch die Eitelkeit aller irdischen Dinge
+niedergebeugte stille Gr&ouml;&szlig;e Karls V., in ihm war eine Art
+von Versteinerung. Mit der Ungeduld eines b&ouml;sen Kindes
+sprach er seinen Widerwillen gegen alle Regierungsgesch&auml;fte
+<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>aus, und dieser Widerwille endigte erst, wenn er merkte,
+da&szlig; ein anderer sich ihrer mit Liebe und t&auml;tigem Flei&szlig; annahm;
+dann erwachte in ihm der Neid und eine verzehrende
+Eifersucht.</p>
+
+<p>Er kam niemals ins Reich; er besuchte nie einen Reichstag
+seit jenem Regensburger, wozu ihn die T&uuml;rkennot gedr&auml;ngt
+hatte. Er kam auch niemals nach Wien. Er sa&szlig; fest auf
+dem Hradschin; dort hatte er seine Zauber- und Wunderwerkstatt
+aufgeschlagen. Wenn die deutschen F&uuml;rsten ihm
+ihre Gesandten schickten, lie&szlig; er ihnen sagen: er sei eben mit
+andern Angelegenheiten trefflich molestieret. Ebenso warteten
+die Boten Ungarns und &Ouml;sterreichs jahrelang in Prag vergeblich
+und immer wieder vergeblich auf eine Audienz. Die
+Statthalter und Generale wurden ohne Verhaltungsbefehle
+gelassen; sie mochten sich helfen, wie sie konnten. Die Geheimk&uuml;nste
+f&uuml;llten seine ganze Welt aus.</p>
+
+<p>Er hatte gro&szlig;e Sch&auml;tze, verbarg sie aber sorgf&auml;ltig in
+seinen Truhen. Es k&uuml;mmerte ihn nicht, wenn den R&auml;ten und
+Hofleuten kein Gehalt ausbezahlt wurde, wenn sogar in der
+kaiserlichen Hofhaltung sich Mangel einstellte. Der bayrische
+Resident schrieb einmal an seinen Herrn: &raquo;Heute hat das
+vornehmste Hofgesinde nichts zu essen gehabt, es war kein
+Geld vorhanden, um f&uuml;r die K&uuml;che einzukaufen.&laquo; Von alledem
+unber&uuml;hrt, &uuml;berlie&szlig; sich Rudolf seiner Leidenschaft f&uuml;r
+das Mysteri&ouml;se und seiner Sammelwut.</p>
+
+<p>Er sammelte Naturalien, seltene Steine, ausl&auml;ndische
+Pflanzen und Tiere. L&ouml;wen, Leoparden und Adler verstand
+<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>er so zahm zu machen, da&szlig; sie mit ihm im Zimmer herumgingen.
+Die Welser in Augsburg, die f&uuml;r die zw&ouml;lf Tonnen
+Goldes, welche sie dem Kaiser Karl vorgestreckt, einen K&uuml;stenlandstrich
+in S&uuml;damerika erhalten hatten, lie&szlig;en von dort
+her peruanische Kuriosit&auml;ten f&uuml;r ihn kommen. Er sammelte
+r&ouml;mische und griechische Altert&uuml;mer, die seine Agenten aufkaufen
+mu&szlig;ten, M&uuml;nzen, Gemmen, Kameen und Statuen.
+So erwarb er zwei der gr&ouml;&szlig;ten Sch&auml;tze der Antike, den
+Sarkophag mit der Amazonenschlacht und die Onyxtasse mit
+der Apotheose des Augustus, f&uuml;r die er f&uuml;nfzehntausend Dukaten
+bezahlte. Seine Schatzkammer war weit und breit ber&uuml;hmt;
+sie blieb fast zweihundert Jahre lang im Stande, erst
+in der Zeit der josefinischen Aufkl&auml;rung ging vieles verloren;
+die Statuen wurden f&uuml;r ein Spottgeld ver&auml;u&szlig;ert, ein herrlicher
+Torso wurde durch das Fenster in den Schlo&szlig;graben
+geworfen, die seltenen M&uuml;nzen wurden nach dem Gewicht
+verkauft, und die Tizianische Leda figurierte in einem Inventar
+unter dem Titel: ein nacktes Weibsbild von einer b&ouml;sen Gans
+gebissen.</p>
+
+<p>Ein besonderes Wohlgefallen fand Rudolf an der Stempelschneidekunst.
+Die Siegel an seinen Diplomen, goldnen
+Bullen, Lehn- und Gnadenbriefen sind so fein und zierlich in
+vollendetstem gotischen Stil ausgepr&auml;gt, da&szlig; die Annahme
+berechtigt erscheint, er habe die gr&ouml;&szlig;ten Meister dieser Kunst
+in seinen Dienst gezogen.</p>
+
+<p>Von seinen Hofleuten wurde Rudolf II. Salomon genannt.
+Er beherrschte sechs Sprachen, war bewandert in
+<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>der Mechanik, Physik und Mathematik und besonders in
+der Astrologie, Magie und Alchimie. Er verkehrte schriftlich
+mit allen gelehrten M&auml;nnern im heiligen r&ouml;mischen
+Reich, und manchen unscheinbaren Doktor erhob er in den
+Adelsstand, auch wenn es ein Lutheraner war. Aber haupts&auml;chlich
+waren die sonderbaren Leute seine Leute. Es lebten
+an seinem Hof eine Menge Uhrmacher und Maler, eine
+Menge Astronomen, die ihm Horoskope stellen und Kalender
+machen mu&szlig;ten; er verkehrte mit Adepten aller Art, worunter
+sich viele Scharlatane, Gl&uuml;cksritter, Quacksalber und Marktschreier
+befanden; er verkehrte mit Magiern, Spiegeldeutern,
+Lebensverl&auml;ngerern und Menschenmachern; sie mu&szlig;ten dem
+Kaiser aus kochendem Wasser weissagen, ihm ihre Phantasmagorien
+zeigen und allen Ernstes versuchen, Mumien zu
+beleben und in der Retorte Menschen zu erzeugen.</p>
+
+<p>Der gr&ouml;&szlig;te Magus an Rudolfs Hof war der Engl&auml;nder
+John Dee. Er schlo&szlig; dem Kaiser das Geisterreich auf. Er
+r&uuml;hmte sich, zu jeder Zeit seinen Genius vor sich zu sehen,
+und wenn er seine Studien unterbreche, setze sich der Genius
+an seine Stelle hin und studiere weiter; wenn er dann zur&uuml;ckkehre,
+brauche er ihn nur auf die Achsel zu klopfen, so
+st&uuml;nde der Genius auf und entferne sich wieder. Rudolf hielt
+Dee f&uuml;r einen gewaltigen Zauberer, Dee hielt den Kaiser
+ebenfalls f&uuml;r einen gewaltigen Zauberer, und so hatten beide
+gro&szlig;e Furcht und gro&szlig;en Respekt voreinander. Ein anderer
+Wundermann war der Italiener Marco Bragadino. Eigentlich
+hie&szlig; er Mamugna und war ein Grieche. Zu Ende des
+<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>sechzehnten Jahrhunderts war er als Graf Mamugnano nach
+Italien gegangen, trat in den Kreisen der venezianischen Nobili
+mit gr&ouml;&szlig;ter Pracht auf und machte in den Pal&auml;sten der
+Dandolo und der Contarini zum Erstaunen aller Gold. In
+Prag erschien er stets begleitet von zwei riesigen schwarzen
+Bullenbei&szlig;ern, die er zur Beglaubigung seiner Macht &uuml;ber
+die Geister mit sich f&uuml;hrte. Er behandelte das Gold wie
+Messing, verschenkte gro&szlig;e St&uuml;cke und hielt stets auf eine
+reiche Tafel. Als er sich sp&auml;ter nach M&uuml;nster wandte, verlor
+er sein Leben am Galgen. Noch gr&ouml;&szlig;eres Aufsehen als
+dieser Bragadino machte ein gewisser Hieronymo Scotto.
+Er war es, der dem K&ouml;lner Kurf&uuml;rsten Gebhardt Truchse&szlig;
+durch die Bilder in einem Zauberspiegel die sch&ouml;ne Gr&auml;fin
+Agnes Mannsfeld verkuppelte, wor&uuml;ber der geistliche Herr
+Land und Leute einb&uuml;&szlig;te. In Koburg verf&uuml;hrte der einschmeichelnde
+Gl&uuml;cksritter die Gattin des Herzogs, und die
+ungl&uuml;ckliche Prinzessin schmachtete daf&uuml;r zwanzig Jahre lang
+im Gef&auml;ngnis.</p>
+
+<p>Alle fahrenden Alchimisten waren Rudolf willkommen,
+er hatte t&auml;glich Zuspruch von ihnen und beschenkte sie reichlich,
+wenn sie interessante Versuche machen konnten. Man
+nannte ihn den deutschen <em class="antiqua">Hermes trismegistos,</em> und da&szlig; er
+wirklich ein Adept gewesen, schien nach seinem Tode klar,
+denn man fand unter seinem Nachla&szlig; eine graue Tinktur,
+man fand vierundachtzig Zentner Gold und sechzig Zentner
+Silber, die in Ziegelsteinform gegossen waren.</p>
+
+<p>Es lebten aber auch drei gro&szlig;e M&auml;nner an Rudolfs Hof:
+<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>Tycho de Brahe, Loncomontanos und der unsterbliche Kepler,
+der von Prag aus sein fundamentales Werk <em class="antiqua">&raquo;nova
+astronomia de stella martis&laquo;</em> in die Welt sandte. Er hielt
+sich zw&ouml;lf Jahr lang an Rudolfs Hof auf und war seit dem
+Tode Brahes, der an der Tafel des letzten Rosenbergs in
+Krumau aus Etikettenangst starb, als r&ouml;misch-kaiserlicher
+Majest&auml;t Mathematikus angestellt. Ein Jahrgehalt von
+f&uuml;nfzehnhundert Gulden war ihm zugesichert; aber er erhielt
+es selten richtig ausbezahlt.</p>
+
+<p>Vielleicht war die Zur&uuml;ckgezogenheit, in welcher der Kaiser
+auf seinem Zauberschlo&szlig; lebte, schuld daran, da&szlig; sich starke
+Parteiungen an seinem Hof bildeten. Den m&auml;chtigsten Einflu&szlig;
+hatten die Italiener. Davon liefert die Geschichte des
+Feldmarschalls Rusworn einen Beweis; Graf Khevenh&uuml;ller
+erz&auml;hlt sie in seiner altert&uuml;mlichen Manier, die ich zu mildern
+versuche:</p>
+
+<table class="illustration">
+<tr><td><a href="./images/rudolf.png"><img src="./images/rudolf_th.png" alt="Kaiser Rudolf II." title="Kaiser Rudolf II." /></a></td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Kaiser Rudolf II.,</em></td></tr>
+<tr><td class="small">nach einem Stich von A. Wierx.</td></tr>
+</table>
+
+<p>&raquo;Dies Jahr sind zu Prag der Feldmarschall Rusworn
+und der Begliojoso so hart aneinandergekommen, da&szlig; sie sich
+mit Worten &uuml;bel traktiert, was der Begliojoso von seinem Feldmarschall
+hat leiden m&uuml;ssen. Seines Unwillens hat sich ein
+von Mailand verbannter Kerl namens Furlan bedient; der
+Begliojoso hatte in seiner Heimat eines Rechtsgelehrten Weib
+verf&uuml;hrt, deshalb waren zw&ouml;lftausend Kronen auf seinen Kopf
+gesetzt, welche dieser Furlan zu gewinnen und dabei seiner
+Acht sich zu entledigen hoffte. Als nun Begliojoso einmal
+am Abend auf der Kleinseite spazieren ging, ist Furlan zu
+dem Feldmarschall gegangen, der beim Grafen Herberstein
+<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>speiste und hat ihm vermeldet, der Begliojoso lauere ihm auf.
+Darauf hat der Rusworn um seine Leute und Pistolen geschickt
+und hat seinen K&auml;mmerling und den Furlan ihm vorausgehen
+hei&szlig;en. Als sie nun den Begliojoso angetroffen,
+hat dieser, der nichts B&ouml;ses im Sinn gef&uuml;hrt, freundlich zu
+Furlan gesprochen, der aber hat ihm mit der Pistole geantwortet
+und ihn durch den Arm geschossen. Darauf hat der
+Begliojoso mit der rechten Hand den Degen erwischt, mit
+gro&szlig;er Wut auf die zwei losgegangen und sie gegen den
+Feldmarschall getrieben; der hat gemeint, die Verr&auml;terei sei
+erwiesen, hat dem Begliojoso stark mit der Wehr zugesetzt
+und ihn fast auf den Tod verwundet. Indem hat Furlan
+den Begliojoso hinterw&auml;rts durch den Kopf geschossen, ist
+davongelaufen, aber sp&auml;ter ertappt und gehenkt worden. Der
+Kaiser war zuerst &uuml;bel zufrieden, da&szlig; man seinen Feldmarschall
+so traktiert, aber als Rusworns Widersacher den Kaiser anders
+informiert, wurde er verarrestiert und die Sentenz &uuml;ber
+ihn gesprochen. Der Kaiser hat ihm den Pardon gegeben,
+der ist aber aus Praktiken zur&uuml;ckgehalten und die Exekution
+vorgenommen worden. Der Feldmarschall hat sich
+trefflich wohl zum Sterben geschickt, hat ein gemaltes Kruzifix
+vor sich ausgebreitet und seines Endes unerschrocken gewartet.
+Der Kopf ist ihm gleich zu der Wunde Christi gefallen,
+und also hat dieser k&uuml;hne tapfere Held, so in Ungarn
+wider den T&uuml;rken ansehnliche Dienste geleistet, mit einem
+schm&auml;hlichen Streich sein Leben enden m&uuml;ssen, aus Mi&szlig;gunst
+etlicher, die ihn um das Gl&uuml;ck beneidet und denen er
+<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>im Wege gelegen. Der Kaiser hat seine &Uuml;bereilung hoch
+beklagt. Weil aber die Majest&auml;t damals sich ganz versteckt
+gehalten und fast niemand geh&ouml;rt, wurde die Sache besch&ouml;nt
+und verschwiegen.&laquo;</p>
+
+<p>Gerade weil Rudolf so eingezogen lebte, bedurfte er der
+Zutr&auml;gereien; die Kammerdiener brachten sie ihm, und nach
+seiner argw&ouml;hnischen Gem&uuml;tsart lieh er ihnen ein williges
+Ohr. Lakaien und Abenteurer waren es, die im Hradschin
+kommandierten. Die Stallknechte hatten einen gro&szlig;en Stand,
+weil der Marstall des Kaisers Lieblingsaufenthalt war. Viel
+Macht &uuml;bten endlich die listigen Buhlerinnen aus, mit denen
+der Kaiser in immer wechselnder wilder Ehe lebte. Die Ursache,
+weshalb sich Rudolf nicht verm&auml;hlte, war das Horoskop,
+das ihm Tycho de Brahe gestellt hatte. Es lautete, er d&uuml;rfe
+nicht heiraten, denn es drohe ihm Gefahr vom eigenen Sohn.
+Zwei Heiratsprojekte lagen vor: mit einer mediceischen Prinzessin
+und mit der spanischen Infantin Isabella. Viele Jahre
+lang wurde dar&uuml;ber verhandelt, aber jeder Versuch, den
+Kaiser zur Ehe zu bewegen, schlug fehl. Um das Jahr 1600,
+als sich die Heiratsprojekte endg&uuml;ltig zerschlagen hatten, stieg
+Rudolfs Tr&uuml;bsinn aufs h&ouml;chste. Gegen seinen j&uuml;ngeren Bruder
+Mathias fa&szlig;te er einen unaustilgbaren Widerwillen.
+Das Erscheinen des Halleyschen Kometen best&auml;rkte ihn in
+der Furcht vor den Anschl&auml;gen seiner Verwandten, Anschl&auml;ge,
+die der blutige Schwanzstern ihm recht handgreiflich
+in der Vorbedeutung anzuzeigen schien. Vergeblich
+suchte ihm Kepler seine Angst auszureden. Er war so mi&szlig;trauisch,
+<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>da&szlig; er nicht nur den niedrigsten Verleumdern zug&auml;nglich
+war, sondern auch alle Personen, die zu ihm kamen,
+untersuchen lie&szlig;, ob sie heimlich Waffen bei sich f&uuml;hrten.
+Selbst seine Geliebten mu&szlig;ten sich diesem Zwang unterwerfen.
+Aus Furcht verlie&szlig; er das Schlo&szlig; nicht mehr. Sein Schlafzimmer
+glich einer Festung. Oft sprang er aus dem Bett und
+lie&szlig; durch einen Schlo&szlig;hauptmann alle Winkel der kaiserlichen
+Residenz mitten in der Nacht durchst&ouml;bern. Wenn er
+zur Messe ging, was nur an hohen Festtagen geschah, sa&szlig;
+er in einem gedeckten und stark vergitterten Oratorium. Um
+ganz sicher beim Spazierengehen zu sein, lie&szlig; er lange und
+weite G&auml;nge mit engen schr&auml;gen Fensterchen gleich Schie&szlig;scharten
+bauen, durch die hindurch er nicht f&uuml;rchten mu&szlig;te,
+erschossen zu werden. Diese G&auml;nge f&uuml;hrten in seinen pr&auml;chtigen
+Marstall; er hatte hier seine Zusammenk&uuml;nfte mit den
+Frauen und besah sich gern seine Pferde, die er liebte, auf
+denen er aber niemals ritt.</p>
+
+<p>Daniel L&#8217;Hermite schildert die Erscheinung des siebenundf&uuml;nfzigj&auml;hrigen
+Kaisers wie folgt: &raquo;Viel zu fr&uuml;he sind ihm
+Haare und Bart grau geworden. Die Stirn ist majest&auml;tisch,
+der Mund nicht unangenehm, die Augen sind feurig, werden
+aber von starken Wimpern fast g&auml;nzlich beschattet. Seine
+Gestalt ist mehr gedr&uuml;ckt als aufgerichtet, von alters her ist
+diese gedr&uuml;ckte Leibesgestalt im Hause &Ouml;sterreich angeboren.
+Er tr&auml;gt noch immer Kleider nach der alten Sitte, er h&auml;lt
+auf diese alte Sitte und setzt ein Zeichen der Gr&ouml;&szlig;e daran,
+nichts an ihr zu &auml;ndern; er tr&auml;gt einen kurzen, mit Gold
+<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>eingefa&szlig;ten Mantel und &uuml;ber der geg&uuml;rteten wei&szlig;en Hose
+ein spanisches Wams.&laquo;</p>
+
+<p>In Prag wu&szlig;te man oft monatelang nicht, ob Rudolf
+noch lebe. Das Volk f&uuml;rchtete, die G&uuml;nstlinge verheimlichten
+seinen Tod, um seine Sch&auml;tze an sich zu bringen. Einmal
+brach deshalb ein Aufstand aus, und da zeigte sich der Kaiser
+nach langen Bitten am Fenster des Hradschins, um den andr&auml;ngenden
+Volkshaufen zu beruhigen. In dumpfem Br&uuml;ten,
+und ohne einen Laut von sich zu geben, sa&szlig; er oft viele Stunden
+hindurch und schaute den Malern und Uhrmachern zu,
+die in seinem Zimmer arbeiteten. Wurde er dabei angesprochen,
+so packte ihn der J&auml;hzorn, und er warf, was er gerade erreichen
+konnte, ein Gef&auml;&szlig; oder ein Werkzeug, dem St&ouml;rer mit
+Schimpfworten an den Kopf. Bisweilen auch fuhr er aus
+seinem wehm&uuml;tig stieren Sinnen ohne Grund empor und
+zerschlug alles um sich her.</p>
+
+<p>Personen, die in Gesch&auml;ften bei Hof erschienen, fanden es
+ungemein schwer, zum Kaiser zu gelangen. Entweder war
+er im Zimmer bei den L&ouml;wen, Leoparden und Adlern, die er
+selbst f&uuml;tterte, oder bei Tycho de Brahe auf der Sternwarte,
+oder bei Dee und Bragadino, besch&auml;ftigt mit Schmelztiegeln,
+Wunderspiegeln, Traumtafeln und Geistererscheinungen, oder
+in den G&auml;rten des Hradschins, wo B&auml;ume, Gestr&auml;uche und
+Blumen aus fernen Weltgegenden bl&uuml;hten und Zaubergrotten
+und Wasserwerke sich befanden, aus denen Musik ert&ouml;nte.
+Wer ihn sprechen wollte, mu&szlig;te sich als Stallknecht verkleiden
+und ihn im Marstall erwarten. Aber auch hier war es gef&auml;hrlich,
+<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>sich dem seltsamen und gewaltt&auml;tigen Herrn zu n&auml;hern.
+Eva, die Tochter des in Ungnade gefallenen Oberst-Burggrafen
+Lobkowitz, hatte sich durch Geld eine solche Audienz
+erkauft, um f&uuml;r ihren gefangenen Vater Freiheit und Leben
+zu erbitten. Ein ehrlicher Stallknecht warnte sie in letzter
+Stunde, indem er ihr er&ouml;ffnete, da&szlig; sie zu sch&ouml;n sei, um solches
+zu wagen, der Kaiser scheue nicht vor Gewalt zur&uuml;ck.
+Sie verstand ihn und floh.</p>
+
+<p>Rudolf ahnte nichts von der Not seiner V&ouml;lker. Der sturmbewegten
+Zeit mu&szlig;te dieser kranke Tr&auml;umer auf dem Thron
+alles schuldig bleiben. Die T&uuml;rkengefahr und der Aufstand
+des Siebenb&uuml;rgerf&uuml;rsten vereinigte s&auml;mtliche Erzherzoge des
+habsburgischen Hauses zu dem Beschlu&szlig;, den Kaiser abzusetzen,
+und der Urheber dieser Ma&szlig;regel war Clesel, der Bischof
+von Wien und Neustadt. Im Juni 1608 mu&szlig;te Rudolf
+an seinen Bruder Mathias die Krone Ungarns und die Lande
+&Ouml;sterreich und M&auml;hren gegen ein Jahrgeld g&auml;nzlich abtreten,
+und trotz seines leidenschaftlichen Widerstandes wurde
+er gezwungen, den ber&uuml;hmten Majest&auml;tsbrief auszustellen,
+durch den er den b&ouml;hmischen Herren unbedingte Glaubensfreiheit
+sicherte. Nur das tiefe Zerw&uuml;rfnis mit Mathias
+dr&auml;ngte ihm den Majest&auml;tsbrief ab, die Scharteke, wie Kaiser
+Ferdinand sp&auml;ter die Urkunde ver&auml;chtlich betitelte, als er sie
+nach der Schlacht am Wei&szlig;en Berg verbrannte. Aber eines
+glaubte sich Rudolf dadurch gesichert zu haben: als b&ouml;hmische
+Majest&auml;t in dem teuren Prag ruhig sterben zu k&ouml;nnen. Es
+war ein Irrtum. Er wurde in seinem Schlo&szlig; so eng bewacht,
+<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>da&szlig; ihm nicht einmal verstattet war, in den Garten
+zu gehen und Luft zu sch&ouml;pfen. Einmal, als der r&ouml;mische
+Kaiser aus dem Tor treten wollte, schlug die Wache das Gewehr
+auf ihn an; da kehrte Rudolf in seine Gem&auml;cher zur&uuml;ck,
+&ouml;ffnete das Fenster und rief mit erhobener Hand: &raquo;Du undankbares
+Prag! durch mich bist du erh&ouml;ht worden, und nun
+st&ouml;&szlig;t du deinen Wohlt&auml;ter von dir. Die Rache Gottes soll
+dich verfolgen und der Fluch &uuml;ber dich und ganz B&ouml;hmenland
+kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Kurf&uuml;rsten von Mainz und Sachsen verwandten sich
+f&uuml;r den Kaiser, indem sie betonten, da&szlig; er doch auch noch ein
+Mitglied des kurf&uuml;rstlichen Kollegiums sei. Darauf entgegneten
+die St&auml;nde B&ouml;hmens h&ouml;hnisch den Abgesandten: &raquo;Wir
+wollen euch den r&ouml;mischen Kaiser samt dem Kurf&uuml;rsten von
+B&ouml;hmen zugleich in einem Sack zuschicken.&laquo;</p>
+
+<p>In dieser Bedr&auml;ngnis war es, wo Mathias seinem Bruder
+auch die b&ouml;hmische Krone raubte. Erbittert dar&uuml;ber, da&szlig; die
+B&ouml;hmen Mathias gehuldigt hatten, schleuderte Rudolf, als
+er die Abdankungsurkunde unterzeichnet hatte, im Zorn seinen
+Hut auf die Erde, zerbi&szlig; die Feder und warf sie dann auf
+das Diplom, auf dem man noch heutigentags den Tintenfleck
+sieht. Ungeachtet seiner hoffnungslosen Lage glaubte der
+wunderliche Mann durch die Stiftung eines Ordens von
+Friedensrittern alles wieder ins Geleise bringen zu k&ouml;nnen, und
+Tag und Nacht arbeitete er an den Ordensketten.</p>
+
+<p>Von seinen s&auml;mtlichen Kronen besa&szlig; er jetzt nur noch die
+r&ouml;mische Kaiserkrone. Aber schon lange verachteten ihn auch
+<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>die deutschen F&uuml;rsten und schickten endlich eine Gesandtschaft,
+um ihn zu n&ouml;tigen, zur Wahl eines anderen Kaisers seine
+Zustimmung zu geben. Er empfing die Gesandten unter einem
+Thronhimmel stehend; die linke Hand hatte er auf einen Tisch
+gest&uuml;tzt. Als sie ihr Verlangen vorbrachten, wurde ihm der
+Kopf hei&szlig;, seine Knie zitterten, und er mu&szlig;te sich auf einen
+Sessel niederlassen. Sp&auml;ter sagte er zum Herzog von Braunschweig,
+seinem vertrautesten Freund: &raquo;Die mir in meinem
+Ungemach keine Hilfe geleistet und zu meinem Dienst nicht
+einmal ein Ro&szlig; haben satteln lassen, haben mir jetzt eine Art
+von Leichenpredigt gehalten. Ohne Zweifel sind sie mit unserm
+Herrgott in geheimem Rat gesessen und wissen vielleicht von
+daher, da&szlig; ich noch in diesem Jahr sterben werde, weil sie gar
+so stark auf einen Nachfolger im r&ouml;mischen Reich dringen.&laquo;</p>
+
+<p>Erniedrigung, Verlust der W&uuml;rden und alle damit verbundenen
+Leiden hatte Rudolf ertragen; der Tod seines sch&ouml;nen
+treuen alten L&ouml;wen und zweier Adler, die er t&auml;glich mit eigener
+Hand gef&uuml;ttert hatte, brach ihm das Herz.</p>
+
+<p>Sein Leichnam wurde in eine mit rotem Damast ausgeschlagene
+Bahre gelegt, &uuml;ber der sich ein gl&auml;serner Deckel
+befand; auf der Brust trug er ein Kreuz, an der linken Seite
+die Wehr und an der rechten das goldene Vlies. Rudolfs
+Minister wurden verhaftet und zur Folter verurteilt; sein
+Schatzmeister Roszky, den er vor andern geliebt, erh&auml;ngte
+sich im Gef&auml;ngnis mit der Schnur, an welcher er den Kammerschl&uuml;ssel
+getragen. Man lie&szlig; daher seinen Leib vom Nachrichter
+vierteilen und auf dem Wei&szlig;en Berg bestatten. Allein
+<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>es hie&szlig;, da&szlig; er sich an derselben Stelle oftmals auf einem
+Bock oder Hirsch reitend zeigte, und so wurde der K&ouml;rper
+wieder ausgegraben, wurde verbrannt und die Asche in die
+Moldau geworfen. Als dies geschehen war, verschwand
+pl&ouml;tzlich der Schlo&szlig;hauptmann, und es entstand der Verdacht,
+da&szlig; er den Roszky im Gef&auml;ngnis ermordet, ihn aufgeh&auml;ngt
+und ihm das <em class="antiqua">aurum purificatum,</em> das er aus des
+Kaisers Schatz zur&uuml;ckbehalten, geraubt habe.</p>
+
+<p>Der Kaiser Rudolf hinterlie&szlig; von seinen vielen Geliebten
+wahrscheinlich viele Kinder, von denen vier S&ouml;hne bekannt
+geworden sind, die sein wildes Blut erbten. Don Carlos
+d&#8217;Austria diente dem Kaiser Ferdinand im Drei&szlig;igj&auml;hrigen
+Krieg, wurde aber in einer Vorstadt von Wien bei einem
+Auflauf um eine &ouml;ffentliche Dirne, in den er sich mutwillig
+gemischt hatte, unerkannt erschlagen. Zwei andere f&uuml;hrten
+ein anonymes Dasein, der vierte jedoch, Don Cesare d&#8217;Austria,
+hatte an einem Edelfr&auml;ulein Gewalt ge&uuml;bt und sie dann aus
+dem Weg ger&auml;umt. Der Kaiser, sein Vater, lie&szlig; ihm in
+einem warmen Bade die Adern &ouml;ffnen.</p>
+
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a></p>
+<h2><a name="Hochzeit" id="Hochzeit"></a>Hochzeit Fr&auml;ulein Reginens,
+Herrin von Tschernembel,
+mit Herrn Reichard Strein,
+Freiherrn zu Schwarzenau,
+am 24. September 1581</h2>
+
+
+<p class="newsection">Als Herr Reichard Strein mit zweiundzwanzig Kutschen,
+in denen seine n&auml;chsten Befreundeten gesessen, beim Grafen
+Ortenburg angekommen war, lie&szlig; er durch diesen bei Herrn
+von Tschernembel um die Hand seiner Tochter Regina werben.
+Um gr&ouml;&szlig;ere Unkosten zu verh&uuml;ten und auf seine ansehnlichen
+Befreundeten weisend, begehrte Herr Strein, da&szlig; nach
+schleuniger Begleichung des Zeitlichen und geschehener Zusage
+die Hochzeit sogleich vorgenommen werde, und obwohl
+der andere Teil Einwendungen gemacht, wurde dem Begehren
+schlie&szlig;lich doch willfahrt. Die Brautleute wurden
+am selben Tag christlich zusammengetan, und der Abend ward
+bei guter Traktation fr&ouml;hlich verbracht. Am folgenden Morgen
+wurde die Hochzeitspredigt gehalten; dann fuhr Herr
+Strein mit Herrn Achaz von Lohsenstein und seiner Schwester,
+<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>der Frau J&ouml;rgerin, nach Freydek, um Ordnung zur Heimf&uuml;hrung
+zu geben.</p>
+
+<p>Am Mittwoch den 27. September wurde zu fr&uuml;her Tageszeit
+der Brautwagen mit f&uuml;nfzig Reitpferden nach Karlspach
+bei Melk begleitet, dort setzten sich die Herren in die Kutschen,
+das Frauenzimmer auf ihre W&auml;gen und zogen in folgender
+Ordnung weiter: erstlich die Handrosse, dann die andern
+Pferde, deren Zahl sich ebenfalls auf f&uuml;nfzig belief; dann die
+Kutschen mit den Dienern; dann die Herren selbst in ihren
+Kutschen; dann drei berittene Trompeter; dann drei Berittene
+von Adel in mei&szlig;enischen Sammetr&ouml;cken und wei&szlig;en Kranichfedern
+auf den H&uuml;ten; dann drei Edelknaben mit wei&szlig; und
+schwarzen Federb&uuml;schen auf den &uuml;berzogenen Sturmhauben;
+dann die reisigen Knechte mit goldgeschm&uuml;ckten R&ouml;cken; dann
+Herrn Streins Pferd; dann wieder drei Berittene von Adel
+mit sch&ouml;nen Wehrgeh&auml;ngen und zum Beschlu&szlig; drei junge
+Freunde des Herrn Strein. Hierauf folgte der Brautwagen;
+er war mit schwarzem Leder &uuml;berzogen und mit wei&szlig;em Atlas
+ausgef&uuml;ttert, und das Eisenwerk war versilbert; sechs gef&auml;rbte
+Rosse zogen ihn, an deren Lederzeug schwarzseidene
+Fransen hingen. Die Kutschen der Frauenzimmer waren mit
+braunem l&uuml;ndischen Tuch bekleidet; es waren etwa drei&szlig;ig
+Kobelw&auml;gen. Herr Strein empfing seine G&auml;ste in Freydek
+mit ordentlichem Schie&szlig;en und anderen Ehrenbezeugungen
+um zw&ouml;lf Uhr Mittag.</p>
+
+<p>Als nun die Herren und Frauen in ihre Zimmer gegangen
+und sich abgetan, ist die Mahlzeit mittlerweile bereit und die
+<a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>Speisen aufgetragen worden. Ein Saal war zum Tanzen
+zugerichtet und in einer gleichgro&szlig;en Stube standen sieben
+gedeckte Tafeln. Die Mahlzeit ist so vertraulich und lieblich
+abgegangen, da&szlig; man weder Fluchen noch unziemliche Reden
+geh&ouml;rt. Es ist kein &uuml;berm&auml;&szlig;iger Trunk geschehen, fr&ouml;hlich ist
+jedermann gewesen und hat sich den Wein wohlschmecken
+lassen. Als nun das Obst- und Beschauessen zum Teil aufgetragen
+war und die Herrentafel aufgehoben werden sollte,
+fingen unversehens die St&uuml;hle an zu sinken; zudem brach der
+Boden acht Klafter in der L&auml;nge und f&uuml;nf in der Breite
+auseinander, und es entstand ein gro&szlig;es Get&uuml;mmel. Die
+Restb&auml;ume waren gebrochen und die Ziegelpflaster des Bodens,
+die Tische, St&uuml;hle, B&auml;nke, Schr&auml;gen, Messer, Teller
+und alles, was am Herrentisch gesessen, samt etlichen aufwartenden
+Personen st&uuml;rzte dreiundeinhalb Klafter in die Tiefe.</p>
+
+<p>Die Hochzeitsg&auml;ste meinten nichts weniger, als das J&uuml;ngste
+Gericht und die Auferstehung der Toten sei gekommen. Der
+vom Schutt aufwirbelnde Staub war so gro&szlig;, da&szlig; ihn die
+Leute im Hof f&uuml;r Flammenrauch hielten. &raquo;Ist durch sonderliche
+F&uuml;gung und Barmherzigkeit Gottes,&laquo; so lautet der Bericht,
+&raquo;niemand am Leben verk&uuml;rzt worden, au&szlig;er einem,
+Kleinschopf genannt, Herrn Gabriel Streinz&#8217; Diener, der
+ist im Saal gewesen und hat das Krachen geh&ouml;rt, und ist
+herausgegangen und etlichen andern solches gesagt und mit
+dem Vermelden wieder hineingegangen, er wolle sehen, wo
+es brechen will. Indem hat ihn der Fall ergriffen und erschlagen.&laquo;
+Einer vom Adel ist im Saal auf der Bank gelegen
+<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>und hat geschlafen; dem ist nichts geschehen, ist auch
+nicht eher erwacht, als bis Herrn Wolf Ehrenreich Streinz&#8217;
+Lakai auf ihn gefallen, den er deshalb, unvermerkt woher er
+k&auml;me, hat schlagen wollen. Herr Adam von Puchheim ist
+ohne Schaden auf die F&uuml;&szlig;e heruntergefallen, ist alsbald den
+andern zu Hilfe gelaufen und hat zum ersten die Frau Braut
+Reginam hervorgezogen, welche au&szlig;er einem schlechten Ri&szlig;
+am Knie keinen Schaden empfangen. Ihr Gemahl ist an
+Kopf und Arm ein wenig gestreift worden, zwei B&auml;ume sind
+&uuml;berzwerch auf ihm gelegen, Kalk ist ihm in die Augen gekommen,
+und er hat nichts sehen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Die Liste der bei dieser Hochzeit gest&uuml;rzten Personen der
+Herren, Frauen, Fr&auml;ulein und Bedienten gibt die Zahl achtundzwanzig.</p>
+
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a></p>
+<h2><a name="Friedrich_Wilhelm_I_von_Preussen" id="Friedrich_Wilhelm_I_von_Preussen"></a>Friedrich Wilhelm I. von Preu&szlig;en</h2>
+
+
+<p class="newsection">Friedrich Wilhelm wurde am 14. August 1688 als einziger
+Sohn Friedrichs des Ersten und der geistreichen, philosophisch
+begabten Charlotte von Hannover geboren, nur
+wenige Monate nach dem Tode seines Gro&szlig;vaters, des Gro&szlig;en
+Kurf&uuml;rsten. Schon als Kind hatte er einen robusten K&ouml;rperbau,
+ein &auml;u&szlig;erst widerspenstiges Naturell und zeigte zum
+Lernen keine Lust. Der muntere, fast unb&auml;ndige Knabe war
+der Abgott seiner Mutter und seiner Gro&szlig;mutter. Die Kurf&uuml;rstin
+Sophie lie&szlig; den geliebten Enkelsohn bereits in seinem
+f&uuml;nften Jahre zu sich nach Hannover kommen, aber es war
+nicht m&ouml;glich, ihn dort lange zu behalten, denn er vertrug
+sich ganz und gar nicht mit seinem Spielkameraden, dem
+Prinzen Georg, der sp&auml;ter K&ouml;nig von England wurde. Die
+Abneigung zwischen den beiden blieb eine dauernde; sie ha&szlig;ten
+einander bis zur Todesstunde, und Friedrich nannte Georg
+nicht anders als: mein Bruder, der Tanzmeister, w&auml;hrend
+Georg seinerseits: mein Bruder, der Sergeant, sagte.</p>
+
+<p>Die Personen, die mit dem Prinzen zu tun bekamen, hatten
+einen schlimmen Stand mit ihm. Zwei Guvernanten
+<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>mu&szlig;ten ihn beaufsichtigen, und oft brachte er durch seine
+tollen Streiche die beiden Frauen zur Verzweiflung. Fr&uuml;hzeitig
+legte er einen Widerwillen gegen allen Pomp und
+Luxus an den Tag, und er warf einmal ein Schlafr&ouml;ckchen
+von Goldstoff, welches anzuziehen man ihn n&ouml;tigen wollte,
+ins Kaminfeuer. Dagegen bestrich er sich das Gesicht mit
+Fett und lie&szlig; sich in der Sonne braten, um eine recht braune
+Soldatenfarbe zu bekommen.</p>
+
+<p>Wie von dem gro&szlig;en Leibniz best&auml;tigt wird, galt Friedrich
+Wilhelm als Knabe f&uuml;r sehr witzig. Auf einem Jahrmarkt
+in Charlottenburg spielte der zw&ouml;lfj&auml;hrige Prinz den
+Taschenspieler zum allgemeinen Erg&ouml;tzen. Die Herzogin von
+Orleans schrieb: &raquo;Es ist mir immer bang, wenn ich Kinder
+so witzig vor dem rechten Alter sehe, denn es ist mir ein
+Zeichen, da&szlig; sie nicht lange leben. Darum ist mir auch bang
+f&uuml;r den kleinen Kurprinzen von Brandenburg.&laquo; Friedrich
+Wilhelm blieb aber ungeachtet seines Witzes beim Leben,
+und zwar bei recht gesundem Leben. Nur mit dem Lernen
+wollte es gar nicht vorw&auml;rts; wie er seinem prunkliebenden
+Vater eine entschiedene Abneigung gegen Prunk zeigte, so
+trotzig verhielt er sich gegen alle Versuche seiner Mutter, die
+einen gelehrten Mann, <em class="antiqua">une belle &acirc;me,</em> aus ihm machen
+wollte. In seinem siebenten Jahre war ihm der Graf Alexander
+Dohna als Erzieher gegeben worden, ein ehrenfester,
+gravit&auml;tischer, stolzer Mann. Seine Instruktion besagte,
+da&szlig; er alle M&uuml;he aufzuwenden habe, um dem Prinzen das
+Lateinische beizubringen, &raquo;da solches nicht allein die goldene
+<a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>Bulle erfordere, sondern auch die n&ouml;tigen Verhandlungen
+mit den benachbarten Puissancen.&laquo; Aber trotz aller Einreden
+Dohnas lernte die K&ouml;nigliche Hoheit gar wenig, obwohl ihr
+ein ganz au&szlig;erordentliches Ged&auml;chtnis anerschaffen war.
+Noch schlimmer ging es mit den K&uuml;nsten, er wollte weder
+das Klavier noch die Fl&ouml;te spielen, die Musik war ihm geradezu
+unleidlich.</p>
+
+<p>In sch&auml;rfstem Gegensatz zu der Vorliebe seiner Eltern f&uuml;r
+das Franz&ouml;sische trat alsbald sein ausgepr&auml;gtes Deutschtum
+hervor. Hierin best&auml;rkte ihn sein erster Lehrer, der
+Ephorus Friedrich Cramer. Cramer war ein kenntnisreicher
+und gebildeter Mann, der einst die Schrift des Abb&eacute; Bouhours:
+Kann ein Deutscher Geist haben? mit einer grimmigen
+Gegenschrift beantwortet hatte. Cramers Einwirkung
+blieb fest in der Seele Friedrich Wilhelms, die, wie rasch sie
+sich auch nach Sympathien und Antipathien entschied, daran
+f&uuml;r immer und aufs z&auml;heste festhielt. Der Nachfolger Cramers
+war ein Franzose namens Rebeur, ein Emigrant, den Graf
+Dohna aus der Schweiz hatte kommen lassen. Aber dieser
+Rebeur war ein trauriger Pedant; er plagte den Prinzen fortw&auml;hrend
+damit, da&szlig; er ihn lateinische, franz&ouml;sische und
+deutsche Aufs&auml;tze &uuml;ber das Alte Testament machen lie&szlig;, und
+die Folge war, da&szlig; Friedrich Wilhelm fortan einen unbezwinglichen
+Ha&szlig; gegen das Alte Testament hegte; sein ganzes
+Leben lang konnte es bei ihm nicht wieder zu Ehren gebracht
+werden, ein so guter Christ er auch war.</p>
+
+<p>Seine Mutter verzog ihn g&auml;nzlich, und eigentlich hat er
+<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>ihr das sp&auml;ter nie verziehen. Gerade aus dem Verh&auml;ltnis zur
+Mutter entwickelte sich in ihm die Forderung eines unbedingten
+blinden Gehorsams, &raquo;sonder R&auml;sonieren&laquo;, seine unphilosophische
+starre Rechtgl&auml;ubigkeit nach eigenem Rezept und
+eigener Vorschrift und die harte Behandlung, die er seinem
+Sohn Friedrich angedeihen lie&szlig;.</p>
+
+<p>Er n&auml;hrte im stillen nur zwei Leidenschaften: die Soldatenliebhaberei
+und die &Ouml;konomie in den Finanzen. Schon
+als Knabe errichtete er von seinem Taschengeld eine Kompanie
+adeliger Kadetten. Eine zweite Kompanie befehligte
+sein Vetter, der Herzog von Kurland, mit dem er sich auch
+sehr &uuml;bel vertrug, die Mutter kam einmal dazu, wie er ihn
+w&uuml;tend bei den Haaren herumschleppte. Seine Sparsamkeit
+zeigte sich fr&uuml;hzeitig; er war acht Jahre alt, als er sich ein
+Ausgabenbuch anlegte, das den Titel f&uuml;hrte: Rechnung &uuml;ber
+meine Dukaten. Seine Mutter &auml;ngstigte sich, da&szlig; der Geiz
+ihn verh&auml;rten werde, und nicht weniger bek&uuml;mmerte sie seine
+immer mehr zutage tretende Unh&ouml;flichkeit gegen die Frauen,
+die freilich in einer unbesiegbaren Befangenheit und Sch&uuml;chternheit
+begr&uuml;ndet war und auch in dem Umstand, da&szlig; die
+erste zarte Neigung seines Herzens, die zur Prinzessin Karoline
+von Ansbach, nicht erwidert wurde. Karoline heiratete
+sp&auml;ter den englischen Georg.</p>
+
+<p>In seinem sechzehnten Jahr erhielt der Prinz die Erlaubnis
+zu einer Reise nach den Niederlanden und nach England.
+Der Herzog von Marlborough hatte ihm bereits ein Schiff
+zur &Uuml;berfahrt bestimmt, als er nach Berlin zur&uuml;ckgerufen
+<a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>wurde; seine Mutter war gestorben. Von nun an lebte er
+mit Vorliebe in Wusterhausen, dorthin zog er die Leibkompanie
+seines Regiments, die er flei&szlig;ig exerzieren lie&szlig; und die
+seine h&ouml;chste Freude war. Er machte den Feldzug am Rhein
+unter Marlborough und Prinz Eugen mit, und im Jahre
+1706 verm&auml;hlte er sich mit der Prinzessin Sophie Dorothea
+von Hannover, welche die Mutter des gro&szlig;en Friedrich wurde.
+Sie war eine gro&szlig;e schlanke Frau mit blauen Augen und
+braunem Haar, gebildet und lebhaft, ehrgeizig und stolz.</p>
+
+<p>Als Friedrich Wilhelm nach dem Tode seines Vaters im
+Jahre 1713 zur Regierung gelangte, &auml;nderte er den ganzen
+Hofhaushalt v&ouml;llig um. Wer seine Gunst erlangen wollte,
+mu&szlig;te Sturmhaube und K&uuml;ra&szlig; anlegen, alles war Offizier
+und Soldat, und zwei M&auml;nner gewannen alsbald ausschlie&szlig;lich
+sein Vertrauen, der Generalmajor von Grumbkow und
+der F&uuml;rst Leopold von Anhalt-Dessau. Alle wichtigen Gesch&auml;fte
+gingen durch Grumbkows H&auml;nde, und da er des
+K&ouml;nigs t&auml;glicher Gesellschafter war, wuchs sein Einflu&szlig; best&auml;ndig.
+Er f&uuml;gte sich in des K&ouml;nigs Launen, wu&szlig;te dessen
+erste Hitze abzulenken und leitete ihn, soweit er sich &uuml;berhaupt
+leiten lie&szlig;, anscheinend treuherzig, freim&uuml;tig und bieder. Grumbkow
+war ein gro&szlig;er Feinschmecker und konnte ungeheuer viel
+Wein vertragen, so da&szlig; er den Ehrentitel Biberius erhielt.
+F&uuml;r zw&ouml;lftausend Taler Tafelgelder, die ihm ausgezahlt
+wurden, &uuml;bernahm er die Bewirtung der fremden Prinzen
+und Gesandten. W&auml;hrend der K&ouml;nig und der &uuml;brige Hof
+in der gr&ouml;&szlig;ten Sparsamkeit lebten, f&uuml;hrte Grumbkow allein
+<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>einen gl&auml;nzenden Haushalt. Der K&ouml;nig speiste selbst gern und
+oft bei ihm und pflegte zu sagen: &raquo;Wer besser essen will als
+bei mir, der mu&szlig; zu Grumbkow gehen.&laquo; Grumbkows Verschwendungssucht
+brachte ihn aber in eine h&ouml;chst bedenkliche
+Abh&auml;ngigkeit von fremden H&ouml;fen; er stand erst im englischen
+und sp&auml;ter im &ouml;sterreichischen Solde. Seine Hauptfeindin
+war die K&ouml;nigin Sophie, deren Lieblingsplan einer Heirat
+ihres Sohnes Friedrich mit der englischen Prinzessin Amalia
+er hintertrieb. Damals beleidigte er die K&ouml;nigin geradezu
+durch unziemliche Redensarten, und sie verfluchte ihn daf&uuml;r.
+Sein Ehrgeiz verma&szlig; sich immer h&ouml;her, geflissentlich s&auml;te er
+Zwietracht zwischen dem K&ouml;nig und der K&ouml;nigin, endlich ersch&ouml;pfte
+er die Langmut seines Herrn und fiel in Ungnade.
+Als der K&ouml;nig seinen Tod erfuhr, sagte er: &raquo;Nun werden
+die Leute doch endlich einsehen, da&szlig; der Grumbkow nicht alles
+macht. H&auml;tte er vierzehn Tage l&auml;nger gelebt, so h&auml;tte ich ihn
+verhaften lassen.&laquo;</p>
+
+<p>Leopold von Anhalt-Dessau, den der Volksmund und die
+Geschichte den Alten Dessauer nennt, war ein Vetter des
+K&ouml;nigs und seit dem italienischen Feldzug eng mit ihm befreundet.
+Leopold verstand sich auf die Seele des Soldaten, und
+wenn er fluchte, war es dem gemeinen Mann wie bei einer
+Schmeichelei zumute. Er f&uuml;hrte die gro&szlig;en Neuerungen in
+der preu&szlig;ischen Armee ein, die ihr sp&auml;ter in den Schlachten
+Friedrichs des Gro&szlig;en die taktische &Uuml;berlegenheit verschafften:
+den eisernen Ladestock und den Gleichschritt der Kolonnen.</p>
+
+<p>Grumbkow und der F&uuml;rst von Dessau waren grimmige
+<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>Feinde. Den ersten Streit zwischen ihnen gab es wegen eines
+merkw&uuml;rdigen Projektes, das Leopold dem K&ouml;nig kurz nach
+seinem Regierungsantritt vorschlug. Leopold hatte in seinem
+F&uuml;rstentum alle G&uuml;ter aufgekauft, das Land bestand am Ende
+nur noch aus Dom&auml;nen und war ganz sein Eigentum geworden.
+Er riet dem K&ouml;nig, ein gleiches zu tun, und bewies
+ihm, da&szlig; Dessau jetzt verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig doppelt soviel einbringe,
+als dem K&ouml;nig seine Staaten. Grumbkow widersetzte sich
+dem Vorschlag lebhaft und malte die sch&auml;dlichen Folgen aus,
+wenn der K&ouml;nig seinen Adel vom G&uuml;terbesitz vertreibe und
+sich vom baren Geld entbl&ouml;&szlig;e. Dem F&uuml;rsten schleuderte er
+die Anklage entgegen, da&szlig; ja in seinem Lande nur noch Juden
+und Bettler zu finden seien. Leopold geriet dar&uuml;ber in solchen
+Zorn, da&szlig; er den Minister auf Pistolen forderte, und nur
+mit M&uuml;he verglich sie der K&ouml;nig durch sein Dazwischentreten.
+Von da an war es unm&ouml;glich, beide M&auml;nner in leidlichem
+Einvernehmen zu halten. Zehn Jahre sp&auml;ter kam es wegen
+des Vorwurfs der englischen Bestechung abermals zu einem
+Streit und wieder zu einer Herausforderung. Grumbkow
+lehnte ab. Um sich zu r&auml;chen verlangte Grumbkow vom
+F&uuml;rsten das Patengeschenk von f&uuml;nftausend Talern, das er
+einst einer seiner T&ouml;chter versprochen hatte, wenn sie sich verheiraten
+w&uuml;rde. Der Fall war da. Es kam zum Wortwechsel
+und zu Beschimpfungen. Der F&uuml;rst schickte Grumbkow
+ein Kartell. Grumbkow sch&uuml;tzte religi&ouml;se Bedenken vor und
+sagte, die Duelle seien nach g&ouml;ttlichen und menschlichen Gesetzen
+verboten. Endlich kam es aber doch zum Zusammentreffen,
+<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>und beide Teile begaben sich vor das K&ouml;penicker Tor.
+Sobald der F&uuml;rst, in weiter Ferne noch, seinen Gegner erblickte,
+rief er ihm zu, er solle den Degen ziehen. Grumbkow
+n&auml;herte sich mit langsamen Schritten, &uuml;bergab dem F&uuml;rsten
+seinen Degen und sagte, er bitte Seine Durchlaucht untert&auml;nigst,
+das Vorgefallene zu vergessen und ihm seine Gnade
+wieder zu schenken. Da warf ihm der F&uuml;rst einen verachtungsvollen
+Blick zu, kehrte ihm den R&uuml;cken, schwang sich auf sein
+Pferd und ritt wieder gegen die Stadt.</p>
+
+<p>Jetzt trat der K&ouml;nig ernstlicher als Vermittler auf; er begehrte,
+da&szlig; Leopold eine Bescheinigung unterschreiben solle,
+worin Grumbkow das Zeugnis eines Ehrenmanns ausgestellt
+war; weigere sich der F&uuml;rst, so werde er, Friedrich Wilhelm,
+alle Generale zu sich kommen lassen und erkl&auml;ren, da&szlig;, wer
+den Grumbkow nicht f&uuml;r einen braven Offizier halte, ein Erzhalunke
+sei. Es gab weitl&auml;ufige Verhandlungen, mit M&uuml;h
+und Not war der F&uuml;rst zu einer Abbitte zu bewegen, und
+bald darauf verlie&szlig; er den Hof von Berlin. Sein Regiment
+stand in Halle und in Magdeburg. In Halle kam es zu
+schweren H&auml;ndeln zwischen ihm und den Studenten, die beim
+Rekrutenexerzieren im Fr&uuml;hjahr ein l&auml;rmendes Publikum bildeten
+und das linkische Wesen der Rekruten verh&ouml;hnten.</p>
+
+<p>Das Kabinettsministerium Friedrich Wilhelms blieb in
+den H&auml;nden des seit der Verschaffung der K&ouml;nigsw&uuml;rde bew&auml;hrten
+Heinrich R&uuml;diger von Ilgen. Der kluge Westfale,
+den schon der gro&szlig;e Kurf&uuml;rst nach seinem Verdienst erkannt,
+geh&ouml;rte zu jenen B&uuml;rgerlichen, welchen die Monarchie ihre
+<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>Gr&ouml;&szlig;e verdankt. Ilgen war ein sehr bedeutender Mann.
+Er allein hielt dem hartgesottenen Mylord Raby stand, der
+am Berliner Hof den Meister spielen wollte, und entfernte
+ihn endlich, indem er die Gr&auml;fin Wartenberg entfernte. In
+der gef&auml;hrlichen Periode nach dem Utrechter Frieden, wo der
+Wind der Politik best&auml;ndig umsprang, lenkte er das preu&szlig;ische
+Staatsschiff mit h&ouml;chster Geistesgegenwart, ungetr&uuml;btem
+freien Blick und bewu&szlig;ter Energie. Von Jugend auf an
+Arbeit gew&ouml;hnt, gr&uuml;ndlich unterrichtet, dabei welterfahren
+klug und scharfsinnig, war er ein Meister in der Kunst der
+Verstellung, mit der allein man damals regieren konnte. Er
+war immer auf der Hut, er verstand es wie irgendeiner von
+seinen geschulten Gegnern der alten Kabinette, seine Absichten
+zu verbergen, sich zweideutig auszudr&uuml;cken, mit glatten Worten
+sie hinzuhalten, sie zugleich auf weiten Wegen auszuforschen,
+durch die st&auml;rksten Versicherungen von der richtigen
+F&auml;hrte abzulenken und unter den heiligsten Beteuerungen doch
+zu hintergehen, so wie sie ihn hintergehen wollten. Er hatte
+sich vollkommen in der Gewalt und beherrschte mit stets gleichbleibender
+kalter Besonnenheit sein Temperament, seine Zunge,
+sein Gesicht, ja sogar seine Augen. Nichts verriet ihn und
+er erriet immer. Alle Staatsgeheimnisse verschlo&szlig; er in sich
+selbst, arbeitete alles selbst, hatte keine einzige Kreatur, auch
+seine Verwandten beg&uuml;nstigte er nicht. Seine Gabe, die
+Menschen zu erforschen, brachte ihn bei Hofe in den Ruf,
+da&szlig; er die Zukunft vorhersagen k&ouml;nne. Der K&ouml;nig, obwohl
+er ihn nicht liebte, wu&szlig;te doch, was er an ihm besa&szlig;.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>Trotz der diplomatischen Kunst seines Ministers war es
+dem K&ouml;nig doch immer gegenw&auml;rtig, da&szlig;, um unter den
+M&auml;chten Europas Bedeutsamkeit zu erlangen, alles auf
+Geld und Soldaten ankomme; das &uuml;brige f&auml;nde sich hernach
+von selbst. Seine Staatswirtschaft unterschied sich durchaus
+von derjenigen aller anderen Reiche und Kronen; sein Muster
+war und blieb das Hauswesen eines wohlhabenden Gutsbesitzers.
+Seine Neigung f&uuml;r das Soldatenwesen schien ein
+Spiel, aber hinter diesem Spiel verbarg sich ein tiefer, zukunftahnender
+Ernst. Es gibt eine Mitteilung &uuml;ber eine merkw&uuml;rdige
+Stelle in Friedrich Wilhelms Testament; sie stammt
+vom Ritter Zimmermann und lautet: Mein ganzes Leben
+hindurch fand ich mich gen&ouml;tigt, um dem Neid des &ouml;sterreichischen
+Hauses zu entgehen, zwei Leidenschaften auszuh&auml;ngen,
+die ich nicht hatte; eine war ungereimter Geiz und
+die andere eine ausschweifende Neigung f&uuml;r gro&szlig;e Soldaten.
+Nur wegen dieser so sehr in die Augen fallenden Schwachheiten
+verg&ouml;nnte man mir das Einsammeln eines gro&szlig;en
+Schatzes und die Errichtung einer starken Armee. Beide
+sind nun da, und nun bedarf mein Nachfolger weiter keiner
+Maske.</p>
+
+<p>Sobald er den Thron bestiegen hatte, begannen die Werbungen
+in einem vorher nicht dagewesenen Umfang. Im
+ganzen Land wurde eine f&ouml;rmliche Jagd auf B&uuml;rger und
+Bauern veranstaltet. Scharen junger Leute fl&uuml;chteten vor
+dem Korporalstock der Werbew&uuml;triche, und es kam vor, da&szlig;
+die Werber in Kirchen eindrangen und sich der jungen M&auml;nner
+<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>w&auml;hrend des Gottesdienstes bem&auml;chtigten. Es fehlte dem
+K&ouml;nig gegen&uuml;ber nicht an Klagen und Vorstellungen. Einmal
+wurde ihm ein Brief in die H&auml;nde gespielt, auf dem zu
+lesen war: Wer einen Menschen stiehlet und verkauft, da&szlig;
+man ihn bei ihm findet, der soll des Todes sterben. 2. Moses
+21, 16. Wenn jemand funden wird, der aus seinen
+Br&uuml;dern eine Seele stiehlet aus den Kindern Israel und
+versetzt oder verkauft sie, solcher Dieb soll sterben. 5. Moses
+24, 7. Aber das waren Zitate aus dem Alten Testament,
+und das Alte Testament war ja dem K&ouml;nig verha&szlig;t; auch
+konnte der Hofhistoriograph Co&szlig;mann aus dem 1. Buch
+Samuelis, Kapitel 8 kl&auml;rlich erweisen, da&szlig; es g&ouml;ttliches Recht
+der K&ouml;nige sei, Knechte und M&auml;gde, S&ouml;hne und Esel wegzunehmen.
+Friedrich Wilhelm ereiferte sich sehr, wenn er vernahm,
+da&szlig; fremde Staaten Verbote gegen seine Werbungen
+erlassen h&auml;tten; er hielt es f&uuml;r Unrecht, wenn sie ihm lange
+Kerle verweigerten, da niemand sie so gut zu sch&auml;tzen wisse
+als er.</p>
+
+<p>Die langen Kerle, das war die ber&uuml;hmte Potsdamer Garde,
+riesengro&szlig;e Leute, die er in seinen eigenen Staaten ausheben,
+aus allen Weltgegenden f&uuml;r ansehnlichen Sold und gutes
+Handgeld sich verschreiben, von befreundeten F&uuml;rsten sich
+schenken oder im Notfall durch seine Werber mit Gewalt
+entf&uuml;hren lie&szlig;. Er schrieb einmal an den Grafen Seckendorf:
+&raquo;Wenn ich kann von meinen beiden Vettern in
+Anspach und Bayreuth vierhundert oder sechshundert Mann
+als Rekruten kriegen, will ich f&uuml;r jeden nackenden Kerl drei&szlig;ig
+<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>Taler geben.&laquo; Im Lauf von zwanzig Jahren schickte er ungef&auml;hr
+zwanzig Millionen Werbetaler in die Fremde. Mit
+P&auml;ssen, die vom K&ouml;nig unterzeichnet waren, machten die
+Werber in allen deutschen und in den benachbarten L&auml;ndern
+Jagd auf lange Kerle. Im J&uuml;lichschen passierte es einmal,
+da&szlig; ein Oberstleutnant bei einem sehr langen Tischlermeister
+einen Kasten bestellte, der so lang und so breit sein sollte, wie
+der Tischler selber war. Als der Oberstleutnant nach einigen
+Tagen wiederkam, um den Kasten abzuholen, erkl&auml;rte er, der
+Kasten sei zu kurz. Der Tischler legte sich sofort selbst hinein,
+um zu beweisen, da&szlig; der Kasten die n&ouml;tige L&auml;nge habe. Geschwind
+lie&szlig; der Oberstleutnant von seinen Leuten den mitgebrachten
+Deckel zumachen und den Kasten von seinen Rekruten
+davontragen. Als aber der Kasten vor dem Tor aufgemacht
+wurde, war der lange Tischlermeister erstickt. Der
+Oberstleutnant wurde zwar zum Tode verurteilt, der K&ouml;nig
+begnadigte ihn aber zu lebensl&auml;nglicher Festung. Der &ouml;sterreichische
+Hof, der russische und der polnisch-s&auml;chsische kamen
+der Passion des K&ouml;nigs freundlich entgegen. F&uuml;r hundert
+russische Potsdamer, die ihm der Zar Peter, dann die Kaiserinnen
+Katharina und Anna zukommen lie&szlig;en, gab er ihnen
+als Gegengeschenk das ber&uuml;hmte Bernsteinkabinett, das sein
+Vater angelegt hatte, und sp&auml;ter eine bestimmte Zahl ausgebildeter
+preu&szlig;ischer Unteroffiziere. Von August dem Starken
+erwarb er gegen eine Partie Porzellan die daf&uuml;r so genannten
+Porzellanregimenter.</p>
+
+<table class="illustration">
+<tr><td><a href="./images/friedrich.png"><img src="./images/friedrich_th.png" alt="Friedrich Wilhelm I." title="Friedrich Wilhelm I." /></a></td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Friedrich Wilhelm I.,</em></td></tr>
+<tr><td class="small">nach einem Stich von G.&nbsp;P. Busch.</td></tr>
+</table>
+
+<p>Der gew&ouml;hnliche Preis eines langen Kerls von f&uuml;nf Fu&szlig;
+<a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>zehn Zoll rheinl&auml;ndischen Ma&szlig;es war siebenhundert Taler;
+einer von sechs Fu&szlig; wurde mit tausend Talern bezahlt, und
+war er noch l&auml;nger, so stieg der Preis noch h&ouml;her. Einer der
+teuersten war der Irl&auml;nder Kirkland; f&uuml;r diesen zahlte der
+preu&szlig;ische Gesandte in London neuntausend Taler. F&uuml;r einen
+andern bekam der General Schmettau f&uuml;nftausend Taler und
+eine Stiftsstelle f&uuml;r seine Schwester. Im Lande selbst ward
+alles aufgeboten, damit man sich der tauglichen Subjekte
+rechtzeitig versichern konnte. Kinder in der Wiege, die lang
+zu werden versprachen, bekamen eine rote Halsbinde und ihre
+Eltern das Handgeld. Es gab Dorfschulen, wo alle Knaben
+solche Binden trugen. Ein sonderbarer Versuch des K&ouml;nigs,
+recht lange Potsdamer mit recht langen Frauen zusammenzugeben,
+um von ihnen wieder recht lange Kinder zu erhalten
+und auf solche Art ein Geschlecht von Giganten aufzuziehen,
+mi&szlig;gl&uuml;ckte leider.</p>
+
+<p>Das Infanterieregiment der blauen Grenadiere, das K&ouml;nigsregiment
+genannt, war das sch&ouml;nste in ganz Europa.
+Es bestand aus Leuten von allen Ecken und Enden der Welt,
+Deutschen, Holl&auml;ndern, Engl&auml;ndern, Schweden, D&auml;nen,
+Russen, Walachen, Ungarn, Polen und Litauern. Franzosen
+waren grunds&auml;tzlich ausgeschlossen, aber wenn sie sechs
+Fu&szlig; ma&szlig;en, konnte der K&ouml;nig nicht widerstehen. Die &raquo;lieben
+blauen Kinder&laquo; waren seine gr&ouml;&szlig;te Freude. Er ging mit
+ihnen um wie ein Kamerad und wie ein Vater; jeder Soldat
+hatte bei ihm freien Zutritt. Die gr&ouml;&szlig;ten hatte er malen
+lassen, und ihre Bilder hingen in den G&auml;ngen des Potsdamer
+<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>Schlosses. Der Fl&uuml;gelmann Jonas mu&szlig;te sogar in
+Stein gehauen werden, und zwar, befahl der K&ouml;nig, so &auml;hnlich
+wie m&ouml;glich. Es war den lieben blauen Kindern gestattet,
+Bier- und Weinh&auml;user, Material- und Italienerl&auml;den
+zu halten und Gewerbe zu treiben. Einigen baute der
+K&ouml;nig H&auml;user, andern schenkte er Geld und Grundst&uuml;cke,
+verheiratete sie und hob ihre Kinder aus der Taufe.</p>
+
+<p>Um eine solche durch Zwangswerbung entstandene Armee
+in Ordnung zu halten, bedurfte es der sch&auml;rfsten Disziplin.
+Die Truppen wurden j&auml;hrlich neu gekleidet, die Infanterie
+blau, die Kavallerie wei&szlig;, die Husaren rot. Alle trugen, wie
+der K&ouml;nig selbst, den langen Zopf und Puder in den Haaren.
+Die Monturen waren so eng, da&szlig; die Leute oft nicht wagten,
+sich zu bewegen, aus Furcht, die R&ouml;cke k&ouml;nnten zerrei&szlig;en.
+Einmal bemerkte der K&ouml;nig vom Fenster des Schlosses aus
+einen Offizier, der einen zu langen Rock an hatte; er lie&szlig; ihn
+sogleich rufen und schnitt ihm eigenh&auml;ndig mit der Schere
+das vorschriftswidrige St&uuml;ck weg. Exerziert wurde unaufh&ouml;rlich,
+und es war das gr&ouml;&szlig;te Gl&uuml;ck des K&ouml;nigs, wenn bei
+jedem Kommando in der ganzen Linie nur ein Griff zu sehen,
+beim Marschieren nur ein Tritt und beim Feuern der Rotten
+nur ein Schu&szlig; zu h&ouml;ren war. Der Ton im Heer war streng
+und rauh, die Strafen waren furchtbar. Wenn ein Soldat
+desertierte, mu&szlig;ten B&uuml;rger und Bauern die Sturmglocken
+l&auml;uten, und wer den Fl&uuml;chtling wieder einbrachte, bekam
+zw&ouml;lf Taler. Um dem allm&auml;hlich &uuml;berhand nehmenden Werbeunfug
+zu steuern, erlie&szlig; der K&ouml;nig im Jahre 1733 das ber&uuml;hmte
+<a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>Kantonreglement, das den Keim und Anfang des allgemeinen
+Wehrpflichtgesetzes darstellt. Alle Einwohner des
+Landes wurden als f&uuml;r die Waffen geboren erkl&auml;rt; ausgenommen
+waren nur die kleinen, die S&ouml;hne des Adels und die
+S&ouml;hne derjenigen B&uuml;rger, die einen gewissen Reichtum nachzuweisen
+vermochten.</p>
+
+<p>Zeit seines Lebens bezeugte Friedrich Wilhelm f&uuml;r Kaiser
+und Reich eine Ehrerbietung und Treue der Gesinnung, die
+man bei einem so m&auml;chtigen Herrn, welcher achtzigtausend
+Soldaten unter sich stehen hatte, nicht vermuten konnte. Er
+warb um die Gunst der kaiserlichen Minister, und einmal
+sagte er: &raquo;Ich w&uuml;rde mich begn&uuml;gen, wenn ich des Kaisers
+Kammerpr&auml;sident w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>Alles was nicht deutsch war, war ihm nicht zu Sinne,
+und sonderlich waren ihm die Franzosen ein Greuel &raquo;mit
+ihren Quinten und franz&ouml;sischen Winden&laquo;. Um den Berlinern
+die franz&ouml;sischen Moden zu verleiden, lie&szlig; er seinen
+Profosen franz&ouml;sische Kleider tragen, gr&uuml;ne R&ouml;cke mit gro&szlig;m&auml;chtigen
+Aufschl&auml;gen, gelbe Westen und gelbe Str&uuml;mpfe,
+dazu ungeheuer gro&szlig;e H&uuml;te wie Wetterd&auml;cher und Haarbeutel
+wie riesige S&auml;cke. Auf dem Theater lie&szlig; er einmal ein St&uuml;ck
+auff&uuml;hren, das den Titel hatte: &raquo;Der anfangs hitzig und gro&szlig;sprechende,
+zuletzt aber mit Schl&auml;gen abgefertigte Marquis&laquo;.
+Ebenso verha&szlig;t waren dem K&ouml;nig &raquo;die hoff&auml;rtigen Leute &uuml;ber
+dem gro&szlig;en Wassergraben&laquo;, wie er die Engl&auml;nder nannte.
+Als ihn zwei reformierte Prediger um die Erlaubnis baten,
+ihre S&ouml;hne nach England zu den Erzbisch&ouml;fen von Canterbury
+<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>und York schicken zu d&uuml;rfen, schlug er es mit der Begr&uuml;ndung
+ab, da&szlig; in England keine Orthodoxie in der Religion statuiert
+werde und es &uuml;berhaupt ein S&uuml;ndenland sei. &raquo;Der K&ouml;nig,&laquo;
+schreibt Seckendorf 1726 an Prinz Eugen, &raquo;ist sehr gegen
+die englische Nation pikiert und souteniert nicht ohne Grund,
+da&szlig; selbige durch ihre Seemacht das Comercium von ganz
+Europa an sich nehmen wolle.&laquo; Im Jahre 1730 wurden
+zwischen Deutschland und England Verhandlungen zu einer
+Doppelheirat gepflogen; der Kronprinz Friedrich sollte die
+Tochter Georgs II. und der Prinz von Wales die Prinzessin
+Friederike angetraut bekommen. England forderte nur,
+da&szlig; der K&ouml;nig den Minister Grumbkow als einen Verr&auml;ter
+im Dienst und Solde &Ouml;sterreichs entferne, und der Gesandte
+Hotham erbot sich, diese Anklage aus aufgefangenen Briefen
+Grumbkows zu beweisen. Der Graf Seckendorf stellte aber
+dem K&ouml;nig vor, da&szlig; England den treuen Minister nur deshalb
+entfernen wolle, um mehr Einflu&szlig; am preu&szlig;ischen Hof
+zu gewinnen; die aufgefangenen Briefschaften seien unterschoben
+und k&uuml;nstlich fabriziert. Als nun Hotham zur Audienz
+kam und die Zuversicht aussprach, da&szlig; der K&ouml;nig den Verr&auml;ter
+sofort entlassen werde, geriet Friedrich Wilhelm in
+solchen Zorn, da&szlig; er dem Gesandten Gro&szlig;britanniens die
+Dokumente ins Gesicht warf und sogar den Fu&szlig; aufhob,
+als wollte er ihn mit einem Tritt bedienen. Der Gesandte
+machte Anstalten zu seiner Abreise, Friedrich Wilhelm erkannte
+seine &Uuml;bereilung und lie&szlig; sich zweimal entschuldigen,
+aber kurz darauf wollte er seine Gemahlin, die englische Prinzessin,
+<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>bei der Tafel n&ouml;tigen, auf Englands Untergang zu
+trinken.</p>
+
+<p>Mit Holland und Sachsen-Polen stand der K&ouml;nig gut,
+aber seine gr&ouml;&szlig;te Sympathie hatten doch die Russen. Er
+war sehr f&uuml;r die russische Allianz, und der Gedanke des nordischen
+Drei-Adlerb&uuml;ndnisses schwebte ihm immer vor der
+Seele. Der gro&szlig;e Kurf&uuml;rst war anderer Meinung gewesen
+und hatte tiefer gesehen, wie sein Wort beweist: Die Russen
+sind B&auml;ren, die man nicht loslassen mu&szlig;, weil es schwer ist,
+sie wieder anzubinden.</p>
+
+<p>Die K&ouml;nigin Sophie Dorothea ver&uuml;belte es ihrem Gemahl
+sehr, da&szlig; er sich allerwegen f&uuml;r das Interesse des Kaisers
+einsetzte. Einmal sagte sie bei Tisch vor seinen Vertrauten
+und Offizieren zu ihm: &raquo;Ich will noch erleben, da&szlig; ich Euch
+Ungl&auml;ubige will gl&auml;ubig machen und dartun, wie Ihr seid
+betrogen worden.&laquo; Aber der K&ouml;nig lie&szlig; sich nicht irre machen.
+Einst schrieb er an Seckendorf: &raquo;Meine Feinde m&ouml;gen tun
+was sie wollen, so gehe ich nit ab vom Kaiser, oder der Kaiser
+mu&szlig; mich mit F&uuml;&szlig;en wegsto&szlig;en, sonsten ich mit Treu und
+Blut sein bin und bis in mein Grab verbleibe.&laquo; Er war
+auch der Ansicht, die deutschen F&uuml;rsten m&uuml;&szlig;ten geradezu gezwungen
+werden, die pragmatische Sanktion anzuerkennen.
+&raquo;Weigern sie sich, oder wollen sie sich nit explizieren,&laquo; schrieb
+er, &raquo;so mu&szlig; man die Laus und Motten nit im Pelz lassen
+wuchern, da&szlig; der ganze Pelz nit verdorben sei.&laquo; Im Jahre
+1729 schon drohte der Krieg, und da schrieb der K&ouml;nig an
+Seckendorf: &raquo;Ich w&uuml;nsche, da&szlig; es losgehe und kann versichern,
+<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>da&szlig; ich mit Gut und Blut beistehen werde, aber es
+mu&szlig; alles reichskonstitutionsm&auml;&szlig;ig sein, und die Ausw&auml;rtigen
+m&uuml;ssen attackieren, dann ohne R&auml;sonieren drup! drup! Mit
+die gr&ouml;&szlig;te Pl&auml;sier von der Welt, die stolzen Leute zur R&auml;son
+bringen zu helfen, sie sollen sehen, da&szlig; das deutsche Blut
+nit verw&uuml;stet ist.&laquo; Aber als es f&uuml;nf Jahre sp&auml;ter zum Krieg
+zwischen Frankreich und &Ouml;sterreich kam, wollte er seine Truppen
+doch nicht marschieren lassen und sagte: &raquo;Ich gebe keinen
+Mann und kein Geld. Ich mu&szlig; wissen woher und wohin.&laquo;
+Dann lie&szlig; er aber doch zehntausend Blaur&ouml;cke ins Feld
+r&uuml;cken. Der Kardinal Fleury schickte ihm eine k&uuml;nstlich gearbeitete
+goldene Birne, in welcher ein Wechsel auf f&uuml;nf
+Millionen Pistolen lag, zahlbar, wenn der K&ouml;nig sich f&uuml;r
+Frankreich erkl&auml;ren w&uuml;rde. Er wies das Anerbieten zur&uuml;ck.
+In der Folge wurde er aber vom Kaiser mit Undank belohnt,
+und als es zum Frieden kam, wurde Preu&szlig;ens Stimme nicht
+einmal geh&ouml;rt. Ein halbes Jahr sp&auml;ter sagte er bei einer
+Unterredung in Potsdam, indem er auf seinen so lange mi&szlig;handelten
+Sohn Friedrich wies, die ber&uuml;hmten Worte: &raquo;Da
+steht einer, der mich r&auml;chen wird.&laquo; Noch zwei Jahre fr&uuml;her
+freilich hatte er dieses Genie so &uuml;ber die Achsel angesehen,
+da&szlig; er sich ge&auml;u&szlig;ert hatte: &raquo;Fritzchen <em class="antiqua">ne sait rien du tout
+des affaires.</em> Wenn du es nicht recht anfangen wirst und
+alles drunter und dr&uuml;ber gehen wird, so werde ich in meinem
+Grabe &uuml;ber dich lachen.&laquo;</p>
+
+<p>Als der Kronprinz Friedrich sechs Jahre alt war, erhielt
+er zwei milit&auml;rische Gouverneure von seinem Vater, und diesen
+<a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>ward eingesch&auml;rft, ihn in der Furcht Gottes zu erziehen, denn
+dies sei das einzige Mittel, so schreibt der K&ouml;nig selbst in
+seiner Instruktion, die von menschlichen Gesetzen und Strafen
+befreite suver&auml;ne Macht in den Schranken der Geb&uuml;hr zu
+erhalten. Man m&uuml;sse ihn zum Guten antreiben und die Begierde
+zum Ruhm und zur Bravur in ihm erwecken, von
+Opern, Kom&ouml;dien und andern weltlichen Eitelkeiten abhalten
+und ihm so viel als m&ouml;glich Ekel davor machen. Aber alles
+was zu lernen sei, solle ihm ohne Ekel und Verdru&szlig; beigebracht
+werden. &raquo;Sie m&uuml;ssen ihn nicht bei Leib und Leben
+verz&auml;rteln oder gar zu weichlich gew&ouml;hnen. Vor der Faulheit,
+als woraus Verschwendung entsteht, soll ihm der allergr&ouml;&szlig;te
+Abscheu von der Welt gemacht werden. Er soll nie allein
+gelassen werden, weder bei Tag noch bei Nacht, einer der
+Gouverneure soll jederzeit bei ihm schlafen. Da sich bei herannahenden
+Jahren oftmals das Laster der Hurerei einzuschleichen
+pflegt, soll sowohl der Oberhofmeister als auch der Subgouverneur
+vor allen Dingen achthaben, da&szlig; solches verh&uuml;tet
+werde, widrigenfalls sie mir mit ihren K&ouml;pfen davor haften
+sollen.&laquo; Und in einem sp&auml;teren Reglement hei&szlig;t es: &raquo;Am
+Sonntag morgen soll er um sieben Uhr aufstehen; und sobald
+er die Pantoffel an hat, soll er vor dem Bette auf die
+Knie niederfallen und zu Gott kurz beten, und zwar laut,
+da&szlig; alle, die im Zimmer sind, es h&ouml;ren k&ouml;nnen. Dann soll
+er sich hurtig anziehen und proper waschen, schw&auml;nzen und
+pudern; dann soll er fr&uuml;hst&uuml;cken in sieben Minuten Zeit.
+Dann sollen alle seine Domestiken und Duhan hereinkommen,
+<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>das gro&szlig;e Gebet gehalten, auf die Knie, darauf Duhan ein
+Kapitel aus der Bibel lesen soll und ein oder ander gutes Lied
+singen soll, da es dreiviertel auf acht sein wird. Alsdann
+wieder alle Domestiken herausgehen sollen. Duhan soll alsdann
+mit Meinem Sohn das Evangelium vom Sonntag
+lesen, kurz explizieren und dabei allegieren, was zum wahren
+Christentum n&ouml;tig ist, auch etwas von <em class="antiqua">Katechismo noltenii</em>
+repetieren, und soll dies geschehen bis neun Uhr; alsdann mit
+Meinem Sohn zu Mir herunter kommen soll und mit Mir
+in die Kirche gehen und essen; der Rest des Tages ist vor
+Ihn. Des Abends soll er um halb zehn Uhr von Mir guten
+Abend sagen, dann gleich nach der Kammer gehen, sich sehr
+geschwind ausziehen, die H&auml;nde waschen, dann soll Duhan
+ein Gebet auf den Knien halten, ein Lied singen, dabei wieder
+alle Seine Domestiken zugegen sein sollen, alsdann Mein
+Sohn gleich zu Bette gehen soll.&laquo; So war auch f&uuml;r die
+Wochentage die Stundeneinteilung aufs genaueste geregelt.
+Das Budget des Prinzen ward ungemein k&auml;rglich bemessen,
+und der K&ouml;nig pr&uuml;fte alle Rechnungen selbst.</p>
+
+<p>Friedrich sollte nach dem Willen seines Vaters vor allem
+ein guter Soldat werden; aber sein feiner, rascher und feuriger
+Geist war durch das pedantische Leben, das er f&uuml;hren mu&szlig;te,
+das unabl&auml;ssige Exerzieren, das Absperren von Musik und
+B&uuml;chern, zu denen ihn seine innerste Herzensneigung zog und
+die ihm der Vater beharrlich verwehrte, aufs tiefste bedr&uuml;ckt.
+Er lehnte sich auf gegen die Tyrannei, gab sich Ausschweifungen
+hin und warf sich mit aller Glut einer jugendlichen
+<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>und unbefriedigten Seele der franz&ouml;sischen Philosophie in die
+Arme. Der K&ouml;nig, dem die &Auml;nderung im Wesen des Sohnes
+nicht entgehen konnte, behandelte ihn nur um so strenger. Die
+K&ouml;nigin hatte Friedrich heimlich Unterricht im Fl&ouml;tenspiel
+geben lassen; er hatte oft in versteckten Gew&ouml;lben Konzerte
+veranstaltet oder seine musikalischen Freunde in den Wald
+bestellt; w&auml;hrend sein Vater Schweine hetzte, wurden die
+Fl&ouml;ten und Geigen aus den Jagdtaschen gezogen und im
+Waldesdunkel konzertiert. Der K&ouml;nig kannte diese Neigung
+und nannte seinen Sohn ver&auml;chtlich den Querpfeifer und
+Poeten. Auf Friedrichs Bitten hatte die K&ouml;nigin den ber&uuml;hmten
+Fl&ouml;tenspieler Quanz nach Berlin kommen lassen;
+der K&ouml;nig hatte Nachricht davon erhalten und den Prinzen
+&uuml;berrascht; Quanz konnte zwar noch gl&uuml;cklich in einem Kamin
+versteckt werden, er erz&auml;hlte sp&auml;ter, da&szlig; ihm nie eine
+Pause so schwer zu halten gewesen sei, aber der K&ouml;nig hatte
+im Zimmer des Prinzen brokatne Schlafr&ouml;cke und franz&ouml;sische
+Gedichtb&uuml;cher gefunden. Die Schlafr&ouml;cke lie&szlig; er verbrennen,
+die B&uuml;cher verkaufen. W&uuml;tend dar&uuml;ber, da&szlig; sein Sohn den
+Petitmaitre machte, schickte der K&ouml;nig eines Morgens den
+Hofbarbier Sternemann zu Friedrich mit dem Befehl, ihm
+die sch&ouml;nen, langen, braunen Seitenlocken abzuschneiden und
+ihn vorschriftsm&auml;&szlig;ig einzuschw&auml;nzen. Als der gutm&uuml;tige
+Mann den Prinzen weinen sah, legte er die Schere weg und
+band die Locken in den Zopf mit ein. Als Friedrich sich bei
+seiner Tafel statt der zweizinkigen Eisengabeln gegen den Befehl
+dreizinkige silberne anschaffen lie&szlig;, ward er geschlagen.
+<a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>Auch bei anderen Gelegenheiten wurde er von seinem Vater
+mi&szlig;handelt, und seine Lage erschien ihm pl&ouml;tzlich so unertr&auml;glich,
+da&szlig; er den Plan fa&szlig;te, zu entfliehen. Aber der unvorsichtige
+Katte, der &uuml;berall in Berlin mit der Freundschaft des
+Kronprinzen prahlte, hatte geschwatzt, und der K&ouml;nig, den
+sein Sohn auf einer Rheinreise begleitete, lie&szlig; ihn in Wesel
+verhaften und fragte ihn, warum er habe desertieren wollen.
+&raquo;Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn, sondern wie einen
+niedertr&auml;chtigen Sklaven behandelt haben,&laquo; antwortete Friedrich.
+&raquo;Ihr seid also nichts weiter als ein feiger Desert&ouml;r
+ohne Ehre?&laquo; sagte der K&ouml;nig. &raquo;Ich habe so viel Ehre wie
+Sie,&laquo; antwortete Friedrich, &raquo;und habe nur das getan, was
+Sie mir hundertmal gesagt haben, Sie w&uuml;rden es an meiner
+Stelle tun.&laquo; Der K&ouml;nig zog den Degen und wollte in der
+Hitze den Sohn erstechen. Der Mut des Kommandanten
+von Wesel rettete Friedrich; er warf sich zwischen Vater
+und Sohn und rief dem K&ouml;nig zu: &raquo;Sire, durchbohren Sie
+mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes!&laquo;</p>
+
+<p>Der neunzehnj&auml;hrige Prinz ward aus der preu&szlig;ischen
+Armee gesto&szlig;en und auf die Festung K&uuml;strin gebracht.
+Sein Gef&auml;ngnis war sehr hart. Die T&uuml;r war mit zwei
+gro&szlig;en Vorlegeschl&ouml;ssern versperrt, sein Essen, aus der Gark&uuml;che
+mittags f&uuml;r sechs Groschen und abends f&uuml;r vier Groschen,
+mu&szlig;te ihm vorher entzweigeschnitten werden, Messer und
+Gabel waren verboten, ebenso Tinte und Feder, B&uuml;cher und
+Fl&ouml;te. Niemand durfte sich l&auml;nger als vier Minuten bei ihm
+aufhalten, und um acht Uhr abends hatte der wachthabende
+<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>Offizier den Befehl, die Kerzen auszul&ouml;schen. Einmal erinnerte
+er den Prinzen daran, zu Bett zu gehen, und als dieser nicht
+darauf achtete, blies er die Lichter aus. Friedrich gab ihm
+eine Ohrfeige. Am andern Morgen erscho&szlig; sich der Offizier.
+Die beabsichtigte Desertion allein h&auml;tte nicht des K&ouml;nigs
+Zorn so erregen k&ouml;nnen, wie es der Fall war. Man hatte
+ihm hinterbracht, und hier hatte wahrscheinlich Grumbkow
+seine Hand im Spiele gehabt, da&szlig; Friedrich nach &Ouml;sterreich
+fliehen gewollt, um katholisch zu werden und sich mit Maria
+Theresia zu verheiraten. Katholisch werden, das war f&uuml;r den
+K&ouml;nig der Schrecken und das Grauen. Grumbkow, der sich
+&uuml;berzeugt hatte, da&szlig; die K&ouml;nigin und die Prinzessin Friederike
+die wichtigsten Papiere beiseite gebracht hatten, dr&auml;ngte den
+Prinzen zu Aussagen &uuml;ber einige Punkte. Friedrich antwortete
+mit stolzer Verachtung. Da hatte Grumbkow die Stirn, mit
+der Folter zu drohen. Friedrich erwiderte, ein Henker k&ouml;nne
+nur mit Vergn&uuml;gen von seinem Henkerhandwerk reden, und
+er wolle sich nicht zu weiteren Gest&auml;ndnissen erniedrigen. Die
+Untersuchung ergab, da&szlig; er zur Flucht f&uuml;nfzehntausend Taler
+geborgt hatte, auch wurde ihm ein Liebesverst&auml;ndnis mit der
+sch&ouml;nen Potsdamer Kantorstochter Doris Ritter zur Last gelegt.
+Der K&ouml;nig befahl, das M&auml;dchen auszupeitschen und
+nach Spandau ins Spinnhaus bringen zu lassen; der Vater
+verlor sein Amt. Das furchtbarste Schicksal aber hatte Katte.
+Er hatte mit der Flucht gez&ouml;gert, weil ein M&auml;dchen ihn hielt,
+war arretiert und vom Kriegsgericht zur Aussto&szlig;ung aus der
+Armee und zu lebensl&auml;nglicher Festung verurteilt worden.
+<a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>Der K&ouml;nig versch&auml;rfte das Urteil auf die Todesstrafe. Am
+sechsten November fr&uuml;h sieben Uhr wurde der zweiundzwanzigj&auml;hrige
+Mensch am Schlosse vorbei und auf den Wall gef&uuml;hrt.
+Friedrich &ouml;ffnete das Fenster und rief mit lauter Stimme:
+&raquo;Verzeih mir, lieber Katte.&laquo; Katte erwiderte: &raquo;Der Tod f&uuml;r
+einen solchen Prinzen ist s&uuml;&szlig;.&laquo; Damit ging er mutig zum
+Richtplatz, wo sein Kopf fiel. Friedrich wurde ohnm&auml;chtig
+und blieb dann bis zum Abend regungslos am Fenster stehen,
+den Blick unverwandt auf die Richtst&auml;tte gerichtet. Wahrscheinlich
+begann mit diesem Tag seine v&ouml;llige Umkehr und
+Verwandlung, zum Heil seines Volkes und der Welt. So
+ist, was grausam und dem einzelnen schwer zu tragen scheint,
+in einem h&ouml;heren Sinne Notwendigkeit.</p>
+
+<p>Der Areopag, vor welchem am Berliner Hofe die Angelegenheiten
+der innern und &auml;u&szlig;ern Politik verhandelt wurden,
+war das Tabakskollegium. Die Tabaksstube war auf
+holl&auml;ndische Art wie eine Prachtk&uuml;che mit einem hohen Gestell
+von blauen Tellern eingerichtet; jeden Abend gegen sechs Uhr
+kam das Tabakskollegium zusammen und blieb bis zehn Uhr und
+auch l&auml;nger. Es geh&ouml;rten dem Kollegium an: Grumbkow, der
+Alte Dessauer, der Graf D&ouml;nhoff, der Oberst von Derschau,
+die Generale von Gerstorf und von Sydow, Jean de Forcade,
+der Kommandant von Berlin, Peter von Blankensee, bei Hofe
+der Blitzpeter genannt, Kaspar Otto von Glasenapp, Christoph
+Adam von Flanz, der beste Rebhuhnsch&uuml;tze, Dubislav
+Gundomar von Natzmer, Heinrich Karl von der Marwitz,
+Friedrich Wilhelm von Rochow, Wilhelm Dietrich von Buddenbrock,
+<a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>Arnold Christoph von Waldow, Johann Christoph
+Friedrich von Haake und die von Fall zu Fall gebetenen Minister
+und Gesandten.</p>
+
+<p>Um den Haupttisch sa&szlig;en die Herren mit ihren breiten
+Ordensb&auml;ndern und rauchten aus langen holl&auml;ndischen Pfeifen;
+vor jedem von ihnen stand ein wei&szlig;er Krug mit Ducksteiner
+Bier und ein Glas. Die nicht wirklich rauchen konnten,
+wie der Alte Dessauer und der Graf Seckendorf, mu&szlig;ten wenigstens
+eine Pfeife in den Mund nehmen und kalt rauchen;
+Seckendorf war sogar so gef&auml;llig, sich durch fortw&auml;hrendes
+Blasen mit den Lippen den Anschein eines ge&uuml;bten Rauchers
+zu geben. Es erg&ouml;tzte den K&ouml;nig h&ouml;chlich, wenn fremde Prinzen,
+die als G&auml;ste anwesend waren, betrunken gemacht werden
+konnten oder wenn ihnen das ungewohnte Tabakskraut Sterbens&uuml;belkeit
+verursachte. Er selbst rauchte passioniert, jeden
+Abend drei&szlig;ig Pfeifen. Auf dem Tische lagen die Zeitungen,
+die Berliner, die Hamburger, die Leipziger, die Frankfurter,
+die Breslauer, die Wiener, auch holl&auml;ndische und franz&ouml;sische.
+Ein Vorleser war bestellt, der sie vorlesen, und, was unverst&auml;ndlich
+war, erkl&auml;ren mu&szlig;te. Dieser Vorleser hie&szlig; Jakob
+Paul Freiherr von Gundling.</p>
+
+<p>Gundling war ein Franke, ein Pfarrerssohn aus Hersbruck
+bei N&uuml;rnberg. Er war durch Danckelmann nach Berlin
+gekommen und Professor an der Ritterakademie gewesen, der
+K&ouml;nig erhob ihn auf Grumbkows Empfehlung zum Hofrat
+und Zeitungsreferenten beim Tabakskollegium; er erhielt freie
+Tafel bei Hof, Wohnung im Schlosse und mu&szlig;te den K&ouml;nig
+<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>auf allen seinen G&auml;ngen begleiten, um ihm mit seiner Gelahrtheit
+und instruktiven Unterhaltung nahe zu sein. Er galt als
+ein wichtiger Mann, und der russische wie der kaiserliche Hof
+verschm&auml;hten es nicht, ihn durch Gnadenketten zu gewinnen.
+Um die Gelehrsamkeit, die er wirklich besa&szlig;, recht l&auml;cherlich
+zu machen, mu&szlig;te er beim K&ouml;nig den Hofnarren abgeben.
+Der K&ouml;nig erhob ihn zu einer bereits abgeschafften W&uuml;rde,
+der des Oberzeremonienmeisters, und schenkte ihm den Anzug
+des verabschiedeten Besser, den dieser beim Kr&ouml;nungsfest getragen
+hatte; es war ein roter, mit schwarzem Samt ausgeschlagener
+Leibrock mit gro&szlig;en franz&ouml;sischen Aufschl&auml;gen
+und goldenen Knopfl&ouml;chern, dazu eine gro&szlig;e Staatsper&uuml;cke
+mit langen Locken aus wei&szlig;en Ziegenhaaren, ein gro&szlig;er Hut
+mit wei&szlig;en Strau&szlig;federn, gelbe Beinkleider, seidene Str&uuml;mpfe
+mit goldenen Zwickeln und Schuhe mit roten Abs&auml;tzen. Der
+K&ouml;nig machte ihn, und zwar an Stelle des gro&szlig;en Leibniz,
+zum Pr&auml;sidenten der Akademie der Wissenschaften. Er gab
+ihm den Freiherrntitel und die Kammerherrnw&uuml;rde.</p>
+
+<p>In der Trunkenheit schnitt man ihm einst den Kammerherrnschl&uuml;ssel
+ab. Der K&ouml;nig drohte, ihn wie einen Soldaten
+zu behandeln, der sein Gewehr verloren hat. Nachdem Gundling
+acht Tage hindurch einen ellenlangen h&ouml;lzernen Schl&uuml;ssel
+zur Strafe auf der Brust hatte tragen m&uuml;ssen, ward ihm
+der verlorene wieder eingeh&auml;ndigt, und er lie&szlig; ihn nun von
+einem Schlosser mit starkem Draht an seinem Rockscho&szlig; befestigen.
+Alle W&uuml;rden und Chargen, auch die des geheimen
+Oberappellationsrats, des Kriegs- und Hofkammerrats, des
+<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>Hof- und Kammergerichtsrats, des Freiherrn und Historiographen
+erhielt Gundling nur, um ihn und die &Auml;mter damit
+zu verspotten. Einmal machte Gundling den Vorschlag,
+Maulbeerb&auml;ume in der preu&szlig;ischen Monarchie anzupflanzen;
+da ernannte ihn der K&ouml;nig zum geheimen Finanzrat mit der
+Weisung an den vorsitzenden Etatsminister, &raquo;man solle Gundling
+feierlich in das Kollegium introduzieren, ihn <em class="antiqua">cum voto
+sessionis</em> anstellen und ihm das Departement aller seidenen
+W&uuml;rmer im ganzen Land &uuml;bertragen&laquo;.</p>
+
+<p>Dem armen Gundling ward oftmals so stark zugesetzt,
+da&szlig; er seiner nicht m&auml;chtig blieb. Man heftete ihm allerlei
+Figuren von Eseln, Kamelen und Ochsen an sein Staatskleid
+und malte ihm einen Schnurrbart. Man lie&szlig; ihn aus
+den Zeitungen die boshaftesten Artikel &uuml;ber seine eigene Person
+vorlesen, die der K&ouml;nig eigens an die Redaktionen hatte
+schicken lassen. Man setzte einen Affen, der genau wie Gundling
+gekleidet und mit dem Kammerherrnschl&uuml;ssel geschm&uuml;ckt
+war, an seine Seite; der K&ouml;nig behauptete, der Affe sei
+Gundlings nat&uuml;rlicher Sohn, und er wurde gezwungen, das
+Tier vor dem ganzen Tabakskollegium zu umarmen. In
+Wusterhausen, wo auf dem Schlo&szlig;platz immer mehrere
+junge B&auml;ren herumliefen, legte man ihm einige B&auml;ren in
+sein Bett, die Vorderf&uuml;&szlig;e der Bestien waren zwar verst&uuml;mmelt,
+dennoch h&auml;tten sie ihn mit ihren Umarmungen beinahe
+totgedr&uuml;ckt, und er bekam den Bluthusten. Einmal im
+Winter taumelte er betrunken &uuml;ber die Wusterhausener
+Schlo&szlig;br&uuml;cke; da packten ihn auf Befehl des K&ouml;nigs vier
+<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>handfeste Grenadiere, und an Stricken lie&szlig;en sie den schweren
+Mann solange in den gefrorenen Schlo&szlig;graben hinunter
+und wieder hinauf und wieder hinunter, bis er das Eis durchgesto&szlig;en
+hatte. Diese Szene mu&szlig;te zur besonderen Erg&ouml;tzlichkeit
+des K&ouml;nigs wiederholt und sogar gemalt werden. Einmal
+war Gundling zu Gaste geladen und lie&szlig; sich in einer
+S&auml;nfte tragen. Pl&ouml;tzlich wich der Boden der S&auml;nfte unter
+ihm, er schrie den Tr&auml;gern zu, sie m&ouml;chten halten, aber je
+lauter er rief, je schneller rannten die Tr&auml;ger und zwangen
+ihn so, nach Art des Pachter Feldk&uuml;mmel mit ihnen zu
+laufen. H&auml;ufig fand Gundling, wenn er nachts nach Hause
+kam, sein Studierzimmer zugemauert; anstatt sich zur Ruhe
+legen zu k&ouml;nnen mu&szlig;te er stundenlang die T&uuml;re suchen und
+endlich an der Treppe schlafen.</p>
+
+<p>Eines Tages entfloh der schwergeplagte Mann zu seinem
+Bruder, dem Professor Nikolaus Hieronymus in Halle.
+Der K&ouml;nig lie&szlig; ihn aber wieder holen und machte Miene,
+ihn als Desert&ouml;r zu bestrafen. Da er aber eine ungew&ouml;hnliche
+Stille an ihm bemerkte, nahm er zu dem alten K&ouml;der
+der Eitelkeit seine Zuflucht: er erhob ihn in den Freiherrnstand,
+und zwar mit der Anciennit&auml;t von sechzehn Ahnen
+v&auml;terlicher und m&uuml;tterlicher Seite. Es dauerte aber nicht
+lange, und der K&ouml;nig lie&szlig; wieder einen seiner derbsten
+Schw&auml;nke an ihm ver&uuml;ben. Auf seinen Befehl schrieb Fa&szlig;mann,
+der Autor der damals beliebten &raquo;Gespr&auml;che im Reich
+der Toten&laquo; eine b&ouml;sartige Satire auf Gundling, betitelt:
+&raquo;Der gelehrte Narr&laquo;, und erhielt den Auftrag, sie Gundling
+<a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>im Tabakskollegium zu &uuml;berreichen. Gundling wurde
+hochrot vor Zorn und kam so in Harnisch, da&szlig; er eine der
+zum Pfeifenanbrennen mit gl&uuml;hendem Torf gef&uuml;llten Pfannen
+ergriff und sie Fa&szlig;mann ins Gesicht schleuderte, wovon
+diesem die Brauen und Wimpern versengt wurden. Sofort
+setzte sich Fa&szlig;mann vor den Augen Seiner Majest&auml;t in
+Avantage, entbl&ouml;&szlig;te Gundling die hinteren Kleider und bearbeitete
+ihn mit der hei&szlig;en Pfanne derma&szlig;en, da&szlig; er vier
+Wochen lang nicht sitzen konnte. Seitdem begegneten sich
+die beiden gelehrten Herrn im Tabakskollegium niemals, ohne
+da&szlig; es zum Faustkampf kam. Der K&ouml;nig, die Generale, die
+Minister und die Gesandten sahen den Turnieren zu. Schlie&szlig;lich
+verlangte der K&ouml;nig, die beiden Herren sollten ihren
+Ehrenhandel durch ein Duell zum Austrag bringen. Fa&szlig;mann
+forderte Gundling auf Pistolen, Gundling mu&szlig;te die
+Forderung annehmen, er mochte wollen oder nicht. Als die
+Kombattanten auf dem Schlo&szlig;platz erschienen, warf Gundling
+die Pistole weg, Fa&szlig;mann scho&szlig; ihm die seinige, die
+nur mit Pulver geladen war, in die Per&uuml;cke, welche zu
+brennen anfing; Gundling fiel vor Schreck auf die Erde,
+und ein ganzer Eimer kalten Wassers, den man &uuml;ber ihn
+sch&uuml;ttete, konnte ihm nicht die Gewi&szlig;heit geben, da&szlig; er noch
+lebte.</p>
+
+<p>Achtundf&uuml;nfzig Jahre alt, beschlo&szlig; Gundling sein Dasein.
+Bei der Sektion ergab sich, da&szlig; er im Magen ein gro&szlig;es
+Loch hatte; der Magen war vom vielen Trinken geborsten.
+Seit zehn Jahren war vom K&ouml;nig ein m&auml;chtiges Weinfa&szlig;
+<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>zu seiner letzten Ruhest&auml;tte bestimmt worden. In seinem
+besten Staatskleid angetan, ward er in dieses Fa&szlig; gelegt
+und so in Bornst&auml;dt bei Potsdam trotz des Widerspruchs
+der Geistlichkeit wirklich begraben. Fa&szlig;mann hielt dem preu&szlig;ischen
+Freiherrn mit der Anciennit&auml;t von sechzehn Ahnen,
+dem preu&szlig;ischen Kammerherrn, Pr&auml;sidenten, Finanzrat und
+Historiographen die Nach- und Trauerrede &uuml;ber seine Weinfa&szlig;-Ruhest&auml;tte.</p>
+
+<p>In Potsdam gab der K&ouml;nig im Winter einige Assembleen,
+in Berlin unterlie&szlig; er dies aus Sparsamkeitsgr&uuml;nden,
+da mu&szlig;ten die Generale und Minister auf ihre Kosten
+Assembleen geben, aber bei den Diners, wo Friedrich Wilhelm
+ein freies Gespr&auml;ch liebte, verbat er sich die Anwesenheit
+von Damen. Der Hauptgastgeber war Grumbkow.
+Ein wegen seiner Knauserei bekannter General, bei dem sich
+der K&ouml;nig zu Gast geladen hatte, entschuldigte sich einst, da&szlig;
+er keine eigene Wirtschaft f&uuml;hre. Der K&ouml;nig verwies ihn
+zum Gastwirt Nikolai, erschien dort mit gro&szlig;em Gefolge,
+und es wurde vortrefflich gegessen und getrunken. Beim Aufstehen
+rief der General den Wirt herein und fragte ihn, was
+das Gedeck koste. &raquo;Ohne den Wein einen Gulden die Person,&laquo;
+antwortete der Wirt. &raquo;Sch&ouml;n,&laquo; sagte der General,
+&raquo;hier ist ein Gulden f&uuml;r mich und einer f&uuml;r Seine Majest&auml;t;
+die andern Herrn, die ich nicht gebeten habe, bezahlen
+f&uuml;r sich.&laquo; Der K&ouml;nig lachte und erwiderte, das sei ganz
+fein; er habe den Herrn zu prellen geglaubt, und nun sei er
+selber geprellt. Darauf bezahlte er die ganze Rechnung.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>Sp&auml;ter wurde die Einrichtung der Assembleen einem herumreisenden
+Kom&ouml;dianten &uuml;bertragen, einem gewissen Karl
+von Eggenberg. Er war ein Sattlersohn aus dem Bernburgischen,
+war vom K&ouml;nig von D&auml;nemark geadelt worden
+und hatte Friedrich Wilhelm durch seine K&ouml;rperkraft in Erstaunen
+gesetzt; man hie&szlig; ihn nur den starken Mann, und er
+konnte eine zwei Zentner schwere Kanone samt einem Tambur
+in die H&ouml;he heben und solange halten, bis der Tambur
+ein Glas Wein ausgetrunken hatte. Er kam reich nach Berlin,
+baute ein Haus, stand beim K&ouml;nig, dem er die Husarenpferde,
+d&auml;nische Hengste, besorgte, in gro&szlig;er Gunst, und er
+war es auch, der das Theater wieder einigerma&szlig;en emporbrachte.
+Vordem hatten nur Seilt&auml;nzer, Gaukler, Taschenspieler,
+Marktschreier und Marionettenspieler von Zeit zu
+Zeit die Erlaubnis erhalten, in Berlin Vorstellungen zu geben,
+auch einzelne herumziehende Schauspieler, nur durfte
+nichts &Auml;rgerliches und Skandal&ouml;ses auf der B&uuml;hne erscheinen.
+Eggenberg bekam nun den Titel eines K&ouml;niglichen Hofkom&ouml;dianten
+und durfte mit einer vom K&ouml;nig besoldeten
+Truppe Auff&uuml;hrungen veranstalten, &raquo;nur keine gottlosen und
+dem Christentum nachteilige Dinge, sondern lauter innozente
+Sachen zum honetten Am&uuml;sement.&laquo; Sie spielten auf dem
+Stallplatz und auf der breiten Stra&szlig;e; Hauptperson war
+der Hanswurst; es wurde der Doktor Faust aufgef&uuml;hrt, wie
+er vom Teufel geholt, und Haman, wie er geh&auml;ngt wird.
+Der &raquo;Premierplatz&laquo; kostete acht Groschen. Zuletzt wurde
+die Kom&ouml;die auch in Halle erlaubt, aber die theologische
+<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>Fakult&auml;t erhob wegen des Gaukel- und Teufelsspiels beim
+K&ouml;nig Protest. Der K&ouml;nig schrieb zur&uuml;ck, es w&uuml;rden auch
+in Utrecht und Leyden Schauspiele geduldet, und kein Mensch
+k&ouml;nne zweifeln, da&szlig; dies die beiden ersten Universit&auml;ten der
+Welt seien.</p>
+
+<p>Sonst war Friedrich Wilhelm allen Volkslustbarkeiten
+abhold, er sah darin nur &Uuml;ppigkeit. Das Scheibenschie&szlig;en
+hob er auf, Tee- und Kaffeeschenken verschwanden, und wer
+nach neun Uhr abends sich in den Wirtsh&auml;usern betreffen
+lie&szlig;, wurde von den Patrouillen arretiert. Wenn der K&ouml;nig
+nach der Friedrichstadt kam, fl&uuml;chteten die Leute, machten
+T&uuml;ren und Fenster zu, und die Stra&szlig;en waren &ouml;de. F&uuml;r die
+K&uuml;nste hatte Friedrich Wilhelm keinen Sinn. Er malte
+zwar selbst, besonders in den sp&auml;teren Jahren, wo ihn die
+Gicht plagte; gew&ouml;hnlich waren es Bauern, die er portr&auml;tierte,
+einmal malte er auch Gundling als Polichinell, aber
+die Bilder wurden nur von seinen Schmeichlern gelobt. F&uuml;r
+die Musik hatte er wenig &uuml;brig; einmal lie&szlig; er Glockenspiele
+aus Holland kommen, die von den T&uuml;rmen geistliche Lieder
+spielten. Ein paarmal in der Woche lie&szlig; er an Winterabenden
+Arien und Ch&ouml;re aus heroischen Opern vorf&uuml;hren,
+etwa aus H&auml;ndels Alessandro oder Siroe, und zwar auf
+Blasinstrumenten von den Hoboisten des Garderegiments.
+Bei diesen Konzerten standen die Musiker mit ihren Pulten
+und Lichtern am einen Ende des langen Saals, und der K&ouml;nig
+sa&szlig; ganz allein am andern. Zuweilen, nach einem guten
+Diner, schlief er auch bei der heroischen Musik ein. Den
+<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>h&ouml;chsten Spa&szlig; bereitete ihm ein von Kapellmeister Pepusch
+f&uuml;r sechs Fagotte komponiertes Konzert, betitelt: <em class="antiqua">Porco primo,
+porco secondo</em> usw. Er hielt sich den Bauch dabei vor
+Lachen. Auch der Kronprinz Friedrich wollte einmal dieses
+Konzert h&ouml;ren, und um den Komponisten zu verspotten lud
+er eine gro&szlig;e Gesellschaft dazu ein. Pepusch wollte ausweichen,
+mu&szlig;te sich aber dem Willen des Prinzen f&uuml;gen. Er kam
+nicht mit sechs, sondern mit sieben Hoboisten, legte die Noten
+auf die Pulte und schaute ganz ernsthaft im Saal herum.
+Der Kronprinz trat auf ihn zu und fragte: &raquo;Herr Kapellmeister,
+sucht Er etwas?&laquo; Pepusch antwortete, es fehle ihm
+noch ein Pult. &raquo;Ich dachte,&laquo; versetzte Friedrich l&auml;chelnd, &raquo;es
+seien nur sechs Schweine in seiner Musik?&laquo; &#8211; &raquo;Ganz recht,
+k&ouml;nigliche Hoheit,&laquo; gab Pepusch zur&uuml;ck, &raquo;aber es ist da noch ein
+Ferkelchen gekommen, <em class="antiqua">flauto solo</em>.&laquo; Und Friedrich, der
+Fl&ouml;tenspieler, war angef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Was der gro&szlig;e Kurf&uuml;rst begonnen hatte, vollendete Friedrich
+Wilhelm mit der Niederbeugung des Adels; er setzte die Besteuerung
+durch. Als der Graf Alexander Dohna, Marschall
+der St&auml;nde Preu&szlig;ens, in seinem Bericht an den K&ouml;nig die
+Phrase gebracht hatte: <em class="antiqua">Tout les pays seront ruin&eacute;s,</em> schrieb
+Friedrich Wilhelm die denkw&uuml;rdigen, unsterblich gewordenen
+Worte: &raquo;<em class="antiqua">les pays seront ruin&eacute;s? Nihil credo,</em> aber das <em class="antiqua">credo,</em>
+da&szlig; die Junkers ihre Autorit&auml;t wird ruiniert werden. Ich
+stabiliere die Suver&auml;nit&auml;t wie einen <em class="antiqua">rocher</em> von Bronze.&laquo;
+Friedrich Wilhelms Herz neigte sich mehr zu den B&uuml;rgern
+als zu den Junkern. Wenn er einmal &auml;u&szlig;erte, da&szlig; er ein
+<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>wahrer Republikaner sei, so verstand er eigentlich seine b&uuml;rgerliche
+Gesinnung darunter. Er liebte es, mit dem Volke
+unmittelbar zu verkehren, und besuchte Gastm&auml;hler und Hochzeiten,
+auch richtete er sich in Berlin und Potsdam ganz einfach
+b&uuml;rgerlich ein, wie ein guter deutscher Haushalter.
+Flei&szlig;ige Handwerker und reinliche Hausfrauen belobte er sehr.
+Mit der Reinlichkeit konnte er auch an seinem ganzen K&ouml;rper
+nicht genug tun; ferner war er &auml;u&szlig;erst wahrheitsliebend. In
+der Instruktion f&uuml;r die R&auml;te seines Generaldirektoriums schrieb
+er: &raquo;Wir wollen die flatterien durchaus nicht haben, sondern
+man soll Uns allemal nur die reine Wahrheit sagen.&laquo; Aber
+er war ein sehr gewaltt&auml;tiger Herr und K&ouml;nig, im Zorne
+wild und furchtbar. Friedrich der Gro&szlig;e und seine Schwester
+hatten ihm den Spitznamen <em class="antiqua">le ragotin</em> gegeben. Zuletzt war
+er so dick geworden, da&szlig; seine Weste fast vier Ellen weit war.</p>
+
+<p>Er forderte unbedingten Gehorsam ohne Widerspruch.
+Die Universit&auml;t Halle stellte einmal beweglich vor, da&szlig; ein
+Studiosus von einigen Soldaten des Abends auf der Stra&szlig;e
+angefallen und zum Tor hinausgef&uuml;hrt worden sei. Der Bescheid
+des K&ouml;nigs lautete: &raquo;Soll nicht r&auml;sonieren! Ist mein
+Untertan.&laquo;</p>
+
+<p>Er wollte in seinem Lande nur gute Christen, flei&szlig;ige B&uuml;rger
+und tapfere Soldaten haben. Voltaire nannte ihn den Vandalen;
+aber alle seine Strenge und H&auml;rte entschuldigte Friedrich
+Wilhelm mit der Pflicht, und &ouml;fters &auml;u&szlig;erte er: Ich
+bin nur der erste Diener des Staates; und den Staat regierte
+er nach seiner eigent&uuml;mlichen Weise mit Gewalt, um
+<a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>ihn zu begl&uuml;cken. Dabei war er gewissenhaft; einmal hatte
+er in Stettin einen Beamten durch den Henker pr&uuml;geln lassen,
+kurz darauf stellte sich die Unschuld des Mannes heraus, da
+lie&szlig; er ihn an seiner Tafel speisen, um ihm eine &ouml;ffentliche
+Genugtuung zu geben. Er glaubte, immer gerecht zu handeln,
+doch handelte er nur in dem gerecht, was er selbst f&uuml;r Recht
+erkannte. Er war religi&ouml;s, aber nur in dem, was er bei sich
+selbst als Religion gelten lie&szlig;; es war eine Religion ganz nach
+eigenem Rezept. Bisweilen war er ernstlich gesonnen, abzudanken,
+weil er glaubte, seine Pflicht nicht geh&ouml;rig erf&uuml;llen
+zu k&ouml;nnen. Er hielt sich in der genauen Bedeutung des Wortes
+f&uuml;r einen Knecht Gottes. So wenig er das Alte Testament
+achtete, seine Gesetze waren wie die des Alten Testaments.
+Aus k&ouml;niglicher Machtvollkommenheit kassierte und annullierte
+er die Urteile der Richter und versch&auml;rfte sie weit &ouml;fter als er
+sie milderte. Da galt kein Ansehen der Person. Ein Kriegs-
+und Dom&auml;nenrat von Schlubhut in K&ouml;nigsberg hatte Gelder
+unterschlagen, die f&uuml;r die Salzburger Emigranten bestimmt
+gewesen waren, und das Gericht erkannte auf einige Jahre
+Festung. Der K&ouml;nig wollte das Urteil nicht best&auml;tigen, verschob
+den Spruch bis zu seiner Reise nach K&ouml;nigsberg, befahl
+den Kriegsrat vor sich und k&uuml;ndigte ihm an, da&szlig; er ihn h&auml;ngen
+lassen werde. Schlubhut erwiderte frech, das sei nicht Manier,
+so mit einem preu&szlig;ischen Edelmann zu verfahren, er
+werde die fehlende Summe ersetzen. Der K&ouml;nig geriet in den
+h&ouml;chsten Zorn und schrie: &raquo;Ich will dein schelmisches Geld
+nicht haben.&laquo; Darauf lie&szlig; er einen Galgen vor dem Sessionszimmer
+<a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>der Kriegs- und Dom&auml;nenkammer errichten und vor
+den Augen der versammelten R&auml;te Schlubhut daran aufkn&uuml;pfen.</p>
+
+<p>Er ha&szlig;te die Juristen und h&auml;tte sie gerne alle vertilgt, besonders
+die Advokaten. Auf dem Lande durfte kein Advokat
+wohnen, damit die Bauern nicht proze&szlig;s&uuml;chtig w&uuml;rden. Als
+er an die St&auml;nde Preu&szlig;ens das Verbot erlie&szlig;, sich aller
+Beschwerden und Mahnungen und der Hinweisung auf alte
+Verhei&szlig;ungen zu enthalten, wagten die St&auml;nde einzuwenden,
+Gott, der allm&auml;chtige Vater, gestatte doch auch, da&szlig; man
+ihm Beschwerden vortrage, und bleibe nichtsdestoweniger allm&auml;chtig,
+mithin werde es Seine Majest&auml;t ebenfalls nicht
+ungn&auml;dig deuten. Aber Seine Majest&auml;t kehrte sich daran
+nicht, und in seinen Kabinettsbefehlen hie&szlig; es gew&ouml;hnlich:
+Wir sind Herr und K&ouml;nig und tun, was Wir wollen.</p>
+
+<p>In Reden und Schriften war er ausb&uuml;ndig derb. Die
+Ehrentitel Hundsfott, Kujon, Halunke schwebten best&auml;ndig
+auf seinen Lippen. Auf Eingaben, die ihm nicht behagten,
+malte er Eselsk&ouml;pfe und -ohren an den Rand, und in den
+Resolutionen, die er ausgehen lie&szlig;, hie&szlig; es fortw&auml;hrend:
+Wenn das und das nicht geschieht, so werde Ich es scharf
+ansehen, man wird den K&ouml;nig zum Feinde haben, so wird
+L&auml;rm werden, so wird der Donner dreinschlagen, eh man
+es sich vermutet. Wenn ein Minister zu sp&auml;t in die Sitzungen
+kam, mu&szlig;te er hundert Dukaten Strafe zahlen. &raquo;Die Herrn
+sollen arbeiten, wof&uuml;r Wir sie bezahlen,&laquo; sagte der K&ouml;nig.
+Einer seiner Kammerdiener sollte ihm einmal den Abendsegen
+<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>vorlesen. Als die Worte kamen: Der Herr segne dich, glaubte
+der einf&auml;ltige Mensch in seiner Unterw&uuml;rfigkeit &raquo;der Herr
+segne Sie&laquo; lesen zu m&uuml;ssen. Da fuhr ihn der K&ouml;nig an:
+&raquo;Hundsfott, lies, was dasteht, vor dem lieben Gott bin Ich
+genau so ein Hundsfott wie du.&laquo; Die Bedienten waren
+allerdings ihres Lebens nicht sicher; er hatte stets zwei mit
+Salz geladne Pistolen neben sich liegen, und wenn sie etwas
+versahen, feuerte er die Pistolen auf sie ab.</p>
+
+<p>Seine Sparsamkeit war so pedantisch, da&szlig; er sich alle
+K&uuml;chenzettel vorlegen lie&szlig; und an den geringf&uuml;gigsten Ausgaben
+m&auml;kelte. Die Zettel mu&szlig;ten bis auf jede Zitrone und
+auf jede Mandel Eier spezifiziert sein, und einmal schrieb er
+darunter: Ein Taler zu viel. Auf die Eingaben um Geldbewilligung
+schrieb er zumeist: <em class="antiqua">Non habeo pecunia,</em> oder:
+<em class="antiqua">point d&#8217;argent,</em> oder: Narrenspossen, Narrenspossen! Sogar
+auf die Papierersparnis richtete er sein Augenmerk; auf
+den Rand eines Berichts des Kammerkollegiums schrieb er:
+Der Quark ist das sch&ouml;ne Papier nicht wert, sollen schlecht
+Papier nehmen, das ist Mir genug.</p>
+
+<p>Bei alledem konnte er auch freigebig sein. F&uuml;r den Hofstaat
+der K&ouml;nigin hatte er achtzigtausend Taler ausgesetzt,
+viel mehr, als die erste K&ouml;nigin gehabt. In ihrem Kabinett
+war s&auml;mtliches Ger&auml;t von Gold, Kron-, Wand- und Armleuchter,
+Geridone und Tafeln. Einmal schenkte er ihr zu
+Weihnachten eine goldene Brandrute f&uuml;r den Kamin, die
+sechzehnhundert Taler kostete.</p>
+
+<p>Er war ein rastlos t&auml;tiger Mann, kein Hauch von Phlegma
+<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>war in ihm. &raquo;Der K&ouml;nig,&laquo; schreibt Seckendorf im Juni 1726,
+&raquo;kann allem menschlichen Ansehen nach unm&ouml;glich in die L&auml;nge
+die Art zu leben kontinuieren, ohne an Gem&uuml;t und Leib zu
+leiden, ma&szlig;en der Herr vom fr&uuml;hen Morgen bis in die sp&auml;te
+Nacht in kontinuierlichem <em class="antiqua">mouvement</em> ist, bei sehr fr&uuml;her
+Tagesstunde das Gem&uuml;t mit verschiedenen und differenten
+Materien, Resolutionen und Arbeiten angreifet, hernach den
+ganzen Tag mit Reiten, Fahren, Gehen und Stehen sich unglaublich
+fatigiert, mit starkem Essen und ziemlichem, doch
+nicht bis zur <em class="antiqua">debauche</em> kommenden starken Getr&auml;nke sich erhitzet,
+wenig und dabei sehr unruhig schl&auml;ft, folglich sein ohnedem
+vehementes Naturell derma&szlig;en echauffiert, da&szlig; mit der
+Zeit &uuml;ble Folgen daraus entstehen d&uuml;rften.&laquo;</p>
+
+<p>Es kam vor, da&szlig; Friedrich Wilhelm irgendeinen faulenzenden
+Berliner Eckensteher mit eigenen H&auml;nden durchpr&uuml;gelte.
+Ein andres Mal pr&uuml;gelte er einen verschlafenen Torschreiber,
+der die Bauern vor dem Tor warten lie&szlig;, mit den Worten:
+&raquo;Guten Morgen, Herr Torschreiber&laquo; aus dem Bette. Recht
+mi&szlig;lich war es, ihm zu begegnen. Wer ihm auffiel, an den
+ritt er so nahe heran, da&szlig; der Kopf des Pferdes dem Manne
+an die Brust stie&szlig;, und dann begann das Verh&ouml;r. Sah er
+einen franz&ouml;sischen Prediger, so fragte er jedesmal, ob sie
+Moli&egrave;re gelesen hatten, um ihnen damit anzudeuten, da&szlig; er
+sie f&uuml;r Kom&ouml;dianten halte. Am schlechtesten erging es denen,
+die vor ihm die Flucht ergriffen; einmal verfolgte er einen
+Juden, der Rei&szlig;aus genommen hatte, und als er ihn gestellt
+hatte, sagte der Jude, er habe sich gef&uuml;rchtet. Da pr&uuml;gelte
+<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>ihn der K&ouml;nig mit seinem Stock und schrie dabei in einemfort:
+&raquo;Lieben sollt ihr mich, lieben und nicht f&uuml;rchten.&laquo;</p>
+
+<p>So orthodox Friedrich Wilhelm auch war, erkl&auml;rte er sich
+doch mit allem Nachdruck f&uuml;r die Toleranz. Er duldete alle
+Religionsparteien, nur die Jesuiten waren ihm zuwider, &raquo;die
+V&ouml;gels, die dem Satan Raum geben und sein Reich vermehren
+wollen&laquo;. Schon im Anfang seiner Regierung erlie&szlig;
+er ein Edikt, worin er den lutherischen und reformierten Religionsverwandten
+gebot, aller Schm&auml;hungen sich zu enthalten
+und friedlich miteinander zu verkehren. Den lebhaftesten Anteil
+nahm er an dem Schicksal der Salzburger Emigranten.
+Er schickte nicht nur Kommiss&auml;re zu den Salzburger Bauern,
+um sie einzuladen, sich in seinen Staaten niederzulassen, sondern
+griff auch, um den Erzbischof Firmian von weiterer
+Verfolgung abzuschrecken, zu Repressalien gegen die Katholiken
+im Bistum Halberstadt und drohte die Eink&uuml;nfte der
+Kl&ouml;ster in Beschlag zu nehmen. Zwanzigtausend Salzburger
+fanden damals in Preu&szlig;en Zuflucht; als der erste Zug eintraf,
+begr&uuml;&szlig;te ihn der K&ouml;nig selbst am Leipziger Tor und hie&szlig;
+die armen Leute als seine lieben Landeskinder willkommen;
+von der K&ouml;nigin wurden sie in Monbijou bewirtet.</p>
+
+<p>Um das Jahr 1727 verfiel Friedrich Wilhelm in eine
+tiefe religi&ouml;se Schwermut. Er sprach unaufh&ouml;rlich davon,
+da&szlig; er die Krone niederlegen und sich in den Haag zur&uuml;ckziehen
+wollte, wo ihm aus der Erbschaft Wilhelms des Dritten
+das Lustschlo&szlig; Honslardik zugefallen war. Es war August
+Hermann Franke, der einen solchen Einflu&szlig; auf das Gem&uuml;t
+<a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>des K&ouml;nigs gewonnen hatte. Die Markgr&auml;fin von Baireuth
+schreibt: &raquo;Dieser Geistliche machte die unschuldigsten Dinge
+zur Gewissenssache, er verwarf alle Vergn&uuml;gungen als verdammlich,
+selbst die Musik und die Jagd, man sollte nur
+vom Worte Gottes sprechen, alles andre war verboten.&laquo;
+Grumbkow und Seckendorf legten dem K&ouml;nig immer wieder
+die Hindernisse dar, die sich seiner Abdankung entgegensetzten,
+und wie er einen solchen Schritt sp&auml;ter bereuen w&uuml;rde. Aber
+der K&ouml;nig versank nur noch tiefer in seine Gr&uuml;beleien, und
+man durfte in seiner N&auml;he nicht mehr lachen. Da nun alle
+Worte vergeblich waren, verfielen Grumbkow und Seckendorf
+auf ein anderes Mittel. Sie &uuml;berredeten den K&ouml;nig, dem
+s&auml;chsischen Hof einen Besuch abzustatten, der damals der
+gl&auml;nzendste in Deutschland war. Politische Gr&uuml;nde bestimmten
+Friedrich Wilhelm, den Vorschlag anzunehmen. Sobald er
+nach Dresden kam, wurde er von Fest zu Fest fortgerissen,
+die Freuden der Tafel wurden nicht vergessen, der Ungarwein
+nicht gespart, und die Freundschaft der beiden K&ouml;nige war
+die innigste. Eines Tages, als man weidlich geschmaust hatte,
+f&uuml;hrte der K&ouml;nig von Polen seinen Gastfreund im Domino
+auf eine Redute. Immerfort schwatzend, gingen sie von einem
+Zimmer in das andere, wobei die Hofleute und der Kronprinz
+Friedrich folgten. Endlich gelangten sie in einen sch&ouml;n verzierten
+Raum, und w&auml;hrend Friedrich Wilhelm das pr&auml;chtige
+Ger&auml;t bewunderte, sank eine Tapetenwand nieder, und
+ein seltsames Schauspiel bot sich den Blicken dar. Ein M&auml;dchen
+von vollendeter Sch&ouml;nheit lag nachl&auml;ssig auf einem
+<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>Ruhebette, nackt wie sie Gott erschaffen, mit einem K&ouml;rper
+wie die mediceische Venus. Das Kabinett, worin sie sich
+befand, war von so vielen Kerzen erhellt, da&szlig; sie das Tageslicht
+&uuml;berstrahlten. Der K&ouml;nig von Polen sowohl als Grumbkow
+glaubten, da&szlig; Friedrich Wilhelm einer solchen Verlockung
+nicht werde widerstehen k&ouml;nnen; allein es kam anders.
+Bei dem ersten Blick nahm Friedrich Wilhelm seinen Hut,
+hielt ihn dem Kronprinzen vor das Gesicht und befahl ihm,
+sich zu entfernen. Er selbst wandte sich zum K&ouml;nig von Polen,
+sagte trocken: &raquo;Sie ist recht sch&ouml;n,&laquo; und ging fort. An
+Seckendorf schrieb er ein paar Tage sp&auml;ter: &raquo;Ich gehe zu
+kommendem Mittwoche nach Hause, fatigieret von allen
+guten Tagen und Wohlleben; ist gewi&szlig; nit christlich leben
+hier, aber Gott ist Mein Zeuge, da&szlig; Ich kein Pl&auml;sier daran
+gefunden und noch so rein bin als Ich von Hause hergekommen
+und mit Gottes Hilfe beharren werde bis an Mein Ende.&laquo;</p>
+
+<p>Schon im Winter 1735 hatte der K&ouml;nig an der Wassersucht
+gelitten, und sein Leben war in gro&szlig;er Gefahr gewesen.
+In dem strengen Winter des Jahres 1740 erkrankte er von
+neuem. Er lie&szlig; den lutherischen Propst Roloff kommen, der
+ihn zum Tod vorbereiten sollte. Er verzieh allen seinen Feinden,
+schlie&szlig;lich sogar seinem Schwager, dem K&ouml;nig von England,
+der ihm doch, wie er sagte, alles gebrannte Herzeleid angetan
+habe. Er bereute seine S&uuml;nden und z&auml;hlte sie in Gegenwart
+vieler Umstehenden so ausf&uuml;hrlich auf, da&szlig; Roloff ihn bitten
+mu&szlig;te, es zu unterlassen. Worauf Roloff drang, war Sinnes&auml;nderung,
+dazu aber war der Herr lange nicht zu bewegen.
+<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>Er f&uuml;hrte auf, da&szlig; er die Geistlichkeit immer respektiert,
+Gottes Wort immer flei&szlig;ig geh&ouml;rt habe und seiner Frau
+immer unverbr&uuml;chlich treu gewesen sei; er behauptete, immer
+recht gehandelt und alles zu Gottes Ehre getan zu haben.
+Roloff widersprach dem und erinnerte ihn an die Versch&auml;rfungen
+der Todesurteile, an die ungerechten Hinrichtungen,
+an das erzwungene H&auml;userbauen in Berlin, zur gro&szlig;en Bedr&uuml;ckung
+seiner Untertanen, und des K&ouml;nigs Verantwortung
+wollte er als vor Gott gen&uuml;gend nicht gelten lassen. Da sagte
+der K&ouml;nig: &raquo;Er schont Meiner nicht. Er spricht als ein
+guter Geist und ein ehrlicher Mann mit Mir. Ich danke
+ihm daf&uuml;r und erkenne nun, da&szlig; ich ein gro&szlig;er S&uuml;nder bin.&laquo;
+Im April 1740 konnte er noch nach seinem geliebten Potsdam
+fahren; er gab Anordnungen f&uuml;r sein Leichenbeg&auml;ngnis,
+bei dem das Leibregiment feuern sollte. Mitten in seinen
+Schmerzen lie&szlig; er sich das Lied vorsingen: Warum sollt
+ich mich doch gr&auml;men? Als die Stelle kam: Nackend werd
+auch ich hinziehen, unterbrach er die S&auml;nger mit den Worten:
+&raquo;Nein, das ist erlogen, ich will in der Montur begraben
+sein.&laquo; Bescheiden stellte ihm der Feldprediger vor, da&szlig; es
+dort oben keine Soldaten g&auml;be; da rief der K&ouml;nig: &raquo;Was?
+Sapperment! Wieso?&laquo; Und er schien nun sehr niedergeschlagen.</p>
+
+<p>Am Sterbetage, den 31. Mai, nahm er Abschied von
+seiner Frau, seinen S&ouml;hnen, allen Ministern, Beamten und
+Offizieren. Er lie&szlig; sich ans Fenster r&uuml;cken, von wo er den
+Marstall &uuml;berblicken konnte, und befahl, da&szlig; man die Pferde
+<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>herausf&uuml;hre, denn er wollte dem F&uuml;rsten von Dessau und
+dem General Haake noch ein Pferd schenken. Als ihm sein
+Leibarzt auf die Frage, wie lange er noch zu leben habe, antwortete,
+ungef&auml;hr eine halbe Stunde, forderte er einen Spiegel,
+schaute hinein und sagte l&auml;chelnd: &raquo;Ich bin recht ver&auml;ndert,
+ich werde beim Sterben ein garstiges Gesicht machen.&laquo;
+Sp&auml;ter wiederholte er die Frage an den Arzt. Der Leibmedikus
+bef&uuml;hlte ihm den Puls, zuckte die Achseln und sagte:
+&raquo;Er steht still.&laquo; Da hob der K&ouml;nig seinen Arm, sch&uuml;ttelte
+die Faust und rief: &raquo;Er soll nicht stillstehen.&laquo;</p>
+
+<p>Friedrich Wilhelm starb im zweiundf&uuml;nfzigsten Jahre seines
+Alters; er starb, wie Friedrich der Gro&szlig;e an Voltaire schrieb,
+mit der Neugierde eines Naturforschers, der beobachten will,
+was im Augenblick des Hinscheidens geschieht, und mit dem
+Heldenmute eines gro&szlig;en Mannes. Er ward in Potsdam
+begraben. Bei der Leichenfeier wurden die von ihm selbst ausgew&auml;hlten
+Lieder gesungen und beim Trauermahl zwei von
+ihm eigens dazu bestimmte Eimer alten Rheinweins ausgetrunken.</p>
+
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a></p>
+<h2><a name="Joachim_Nettelbeck" id="Joachim_Nettelbeck"></a>Joachim Nettelbeck</h2>
+
+
+<p class="newsection">Als Sohn eines Brauers und Branntweinbrenners wurde
+Joachim Nettelbeck am 20. September 1738 zu Kolberg
+geboren. Seine Mutter war aus dem Geschlecht des Schiffers
+Blanken; seines Vaters Bruder war ebenfalls Schiffer.
+Seine gr&ouml;&szlig;te Kinderfreude bestand darin, auf Schiffen herumzuspringen,
+und sobald er lallen konnte, war sein Sinn
+auf die Schifferei gestellt. Sein Hang war so gro&szlig;, da&szlig; er
+aus jedem Span, aus jedem St&uuml;ck Baumrinde, das ihm in
+die H&auml;nde fiel, kleine Schiffe schnitzelte, sie mit Segeln von
+Federn oder Papier ausr&uuml;stete und damit auf Rinnsteinen
+und Teichen oder auf der Persante hantierte. Kein gr&ouml;&szlig;eres
+Vergn&uuml;gen gab es f&uuml;r ihn, als wenn seines Onkels Schiff
+im Hafen lag; da hatte er zu Hause keine Ruhe und bat
+immerfort, man m&ouml;chte ihn nach der M&uuml;nde lassen.</p>
+
+<p>Nicht geringere Liebe zeigte er zum Gartenwesen. Sein
+Gro&szlig;vater war ein gro&szlig;er Gartenfreund, nahm ihn oft in
+seinen Garten mit und schenkte ihm sogar ein Fleckchen
+Land. Da legte er Obstkerne, pflanzte, verpfropfte und
+okulierte.</p>
+
+<table class="illustration">
+<tr><td><a href="./images/nettelbeck.png"><img src="./images/nettelbeck_th.png" alt="Joachim Nettelbeck" title="Joachim Nettelbeck" /></a></td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Joachim Nettelbeck,</em></td></tr>
+<tr><td class="small">nach einer Zeichnung von Ludwig Heine.</td></tr>
+</table>
+
+<p><a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>Er mochte etwa sechs Jahre alt sein, da entstand eine
+Hungersnot im Lande. Es kamen viele arme Leute nach
+Kolberg, um Korn zu holen, weil man Getreideschiffe im
+Hafen erwartete. Als endlich ein Schiff mit Roggen auf
+der Reede anlangte, stie&szlig; es gegen den Hafendamm und
+sank in den Grund. Um es wieder emporzuwinden wurden
+zwei Schiffe benutzt, deren eines von seinem Onkel gef&uuml;hrt
+wurde, und der Knabe war best&auml;ndig zugegen. Das Fahrzeug
+wurde gehoben, doch das Korn war durchn&auml;&szlig;t; bald
+waren alle Stra&szlig;en mit Laken und Sch&uuml;rzen &uuml;berdeckt, auf
+denen das Getreide der Luft und Sonne ausgesetzt wurde.
+Endlich kam ein zweites Kornschiff, und es konnte der Not
+gesteuert werden.</p>
+
+<p>Im n&auml;chsten Jahre schickte der Gro&szlig;e Friedrich von
+Preu&szlig;en eine Wagenladung mit Kartoffeln nach Kolberg.
+Diese Fr&uuml;chte waren aber damals noch v&ouml;llig unbekannt,
+und die B&uuml;rger berieten hin und her, was wohl damit anzufangen
+sei. Sie warfen sie den Hunden vor, die sie beschnupperten
+und verschm&auml;hten. Was sollen uns die Dinger?
+hie&szlig; es; sie riechen nicht, sie schmecken nicht, und nicht
+einmal die Hunde m&ouml;gen sie fressen. Man glaubte, sie
+w&uuml;chsen auf den B&auml;umen und man m&uuml;sse sie heruntersch&uuml;tteln
+wie die &Auml;pfel. Alles dieses ward auf dem Markte, vor
+seiner Eltern T&uuml;r, verhandelt. Erst als der K&ouml;nig im andern
+Jahr eine zweite Sendung von einem Landreiter begleiten
+lie&szlig;, der des Kartoffelbaues kundig war, gewann die neue
+Frucht das Wohlwollen der B&uuml;rger.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>Der Knabe war auch ein gro&szlig;er Liebhaber von Tauben,
+und er sparte sich von seinem Fr&uuml;hst&uuml;cksgeld so viel ab, da&szlig;
+er sich ein paar Tauben kaufen konnte. Seine Spielereien
+hielten ihn vom Lernen und von der Schule ab, und erst die
+dringenden Ermahnungen seines Paten weckten seinen Ehrgeiz.
+In seinem achten Jahre schenkte ihm der Pate zu
+Weihnachten eine Anweisung zur Steuermannskunst, und
+bald ging sein Eifer f&uuml;r diese Sache soweit, da&szlig; er oft im
+Winter bei strenger K&auml;lte des Nachts, wenn klarer Himmel
+war, heimlich auf den Wall ging und mit seinen Instrumenten
+die Entfernung der Sterne vom Horizont oder vom Zenit
+ma&szlig; und danach die Polh&ouml;he berechnete. Kam er des Morgens
+erfroren nach Hause, so verwunderte sich alles, erkl&auml;rte ihn
+f&uuml;r einen &uuml;berstudierten Narren, und der Vater schlug ihn.</p>
+
+<p>Da ein Seemann sich auf die Kletterkunst gut verstehen
+mu&szlig;te, &uuml;bte er sich in Gemeinschaft mit dem Sohn des
+Gl&ouml;ckners im Balkenwerk der gro&szlig;en Kirche in dieser Fertigkeit.
+Sie krochen &uuml;berall herum, und oft verirrten sie sich
+in der gewaltigen Verzimmerung dergestalt, da&szlig; einer vom
+andern nichts mehr wu&szlig;te, und wenn sie wieder zusammenkamen,
+war des Erz&auml;hlens kein Ende, wo sie gewesen waren
+und was sie gesehen hatten. In dem inwendigen Holzverband
+krochen sie auch bis zur Spitze des Turmes hinauf, bis sie sich
+in dem beengten Raum nicht mehr r&uuml;hren konnten. Diese
+Gewandtheit und Ortskenntnis kam ihm viele Jahre sp&auml;ter
+wohl zustatten, als ein Wetterstrahl im Turm gez&uuml;ndet hatte
+und das Feuer gel&ouml;scht werden mu&szlig;te.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>Als er elf Jahre alt war, nahm ihn sein Onkel als Kaj&uuml;tenw&auml;chter
+mit auf sein Schiff, und seine erste Fahrt ging
+nach Amsterdam. Dort sah er die gro&szlig;en Indienfahrer und
+versp&uuml;rte eine unbezwingliche Sehnsucht, auf einem solchen
+Schiff zu dienen. Bei Nacht und Nebel floh er auf einer
+Jolle, betrat eines der Schiffe, das er sonderlich ins Auge
+gefa&szlig;t, und wurde nach vielen Verhandlungen als Seemannsjunge
+geheuert. Das Schiff war f&uuml;r den Sklavenhandel
+nach Guinea bestimmt. Einundzwanzig Monate
+sp&auml;ter kam er nach Amsterdam zur&uuml;ck, schrieb an seine Eltern,
+die, froh erstaunt, ihn noch am Leben zu wissen, ihn
+nach Kolberg riefen; dort blieb er nun bis zu seinem vierzehnten
+Jahr. L&auml;nger vermochte er aber seinem Abenteuer-
+und T&auml;tigkeitstrieb nicht zu widerstehen: er entfloh neuerdings
+und verdingte sich auf einem Schiff, das nach Surinam
+bestimmt war. Auf der Heimfahrt fiel der Steuermann
+&uuml;ber Bord und ertrank, und Nettelbeck wurde zum Untersteuermann
+gemacht.</p>
+
+<p>Im Jahre 1756 nahm er Dienst bei seinem Oheim, der
+eine Schiffsladung mit Holz von R&uuml;genwalde nach Lissabon
+zu bringen hatte. Sein j&uuml;ngerer Bruder, ein Knabe von vierzehn
+Jahren, und des Oheims junger Sohn waren ebenfalls
+auf dem Schiffe bedienstet. Sie erlitten an der flandrischen
+K&uuml;ste Schiffbruch und wurden von &ouml;sterreichischen Soldaten
+gerettet. Der Oheim hatte aber eine t&ouml;dliche Verletzung erlitten
+und starb in einem Kloster, wohin man ihn in Eile
+transportiert hatte. Als Ketzer und Preu&szlig;en verd&auml;chtigt und
+<a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>gemieden, mu&szlig;ten sich die drei jungen Burschen durch das
+feindliche Land schlagen, und erst nach schrecklichen M&uuml;hsalen
+gelangten sie wieder nach Kolberg. Kaum hatte sich Nettelbeck
+von der &uuml;berstandenen schweren Zeit erholt, so brach der
+Krieg aus, und die Werber des K&ouml;nigs kamen in die Stadt,
+um alle jungen Leute zum Soldatenstand zu pressen. Es war
+eine wahre Hetzjagd, der Schrecken f&uuml;r alle Eltern jener Zeit
+und f&uuml;r alles junge Volk, das eine Flinte schleppen konnte
+und nicht mochte.</p>
+
+<p>Die entschiedene Abneigung des B&uuml;rgers gegen den Soldatenstand
+hatte ihre Rechtfertigung in der unmenschlichen
+Art, womit die jungen Leute von den Unteroffizieren behandelt
+wurden; so sagt Nettelbeck selbst, und er f&uuml;gt hinzu:
+unter den Fenstern der Eltern wurden sie von den rohen Menschen
+aufs Grausamste mi&szlig;handelt, und es war ein kl&auml;glicher
+Anblick, wenn bei solchen Auftritten die M&uuml;tter in Haufen
+daneben standen, weinten und schrien und von den rauhen Barbaren
+abgef&uuml;hrt wurden.</p>
+
+<p>Nettelbeck ergriff die Flucht. Bei Nacht, in Sturm und
+Schneegest&ouml;ber wanderte er zu einem Bauern, welcher ihm
+genannt worden war, und mu&szlig;te sich im Stadtholz eines
+Rudels W&ouml;lfe erwehren. Endlich erreichte er die Freistatt,
+hielt sich zw&ouml;lf Tage dort verborgen, aber er ertrug es nicht,
+unt&auml;tig zu sitzen, und er begab sich wieder nach der M&uuml;nde.
+Eines Nachts erweckte ihn ein Klopfen an den Fensterladen
+des K&auml;mmerchens, wo er schlief, und die bekannte Stimme
+einer getreuen Frauensperson rief ihm zu: &raquo;Joachim, auf!
+<a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>auf aus den Federn! Die Soldaten sind wieder auf der
+M&uuml;nde!&laquo; In der Best&uuml;rzung griff er nach einem Bund
+Kleider, stahl sich im Hemd auf die Stra&szlig;e und bemerkte,
+als er sich anziehen wollte, da&szlig; er Frauenkleider mitgenommen
+hatte. Er warf einen roten Friesrock &uuml;ber die Schultern,
+da wurde er von den Soldaten gest&ouml;rt, er rannte zum Hafen,
+sprang in ein Boot und ruderte hinaus. Jenseits ging er an
+Land, wanderte so gut als nackend in der bitterkalten M&auml;rznacht
+vor mehrere T&uuml;ren, wurde jedesmal abgewiesen und
+fl&uuml;chtete endlich in einen alten Schiffsrumpf, der im Sommer
+als Bierschank benutzt wurde. Er kletterte in das Rauchfangloch
+und duckte sich vor der K&auml;lte in einen Winkel zusammen.
+Am Morgen suchte er sein verlassenes Boot wieder
+auf und ruderte sich zu einem Schiffe heran, das einem
+K&ouml;nigsberger Schiffer geh&ouml;rte. Der Mann nahm ihn auf
+und hielt ihn lange bei sich verborgen. Zwei Wochen sp&auml;ter
+fuhr er mit einem anderen Schiffer nach Danzig, und dort
+wurde er Steuermann auf einer kleinen Jacht, die eine Ladung
+Hanf nach Westschottland bringen sollte. Die Schiffahrt
+in den Gew&auml;ssern der Hebriden war der Klippen und
+starken Str&ouml;mungen wegen sehr gef&auml;hrlich, das Schiff irrte
+lange herum, geriet im Kanal mit sieben englischen Kapern
+zusammen, und alle diese Schnapph&auml;hne, so nennt sie Nettelbeck,
+stiegen an Bord seines Schiffes und nahmen mit, was
+nicht niet- und nagelfest war, Kessel und Pfannen, Tauwerk
+und Segel, Karten und Kompa&szlig;. Die Aufregung und das
+best&auml;ndige Elend machten Nettelbeck krank. Er mu&szlig;te in
+<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>Metemblick zur&uuml;ckbleiben und begab sich zu einem Kompa&szlig;macher
+in die Lehre; was er von ihm lernte, war ihm in
+der Folge von gro&szlig;em Nutzen.</p>
+
+<p>Bald darauf rief ihn sein Vater nach Kolberg zur&uuml;ck, und
+er war noch nicht vier Wochen in der Heimat, so begann
+die Belagerung Kolbergs durch die Russen. Durch die Entschlossenheit
+der B&uuml;rgerwehr blieben die feindlichen Anstrengungen
+fruchtlos, und nachdem die Russen eine Menge Pulver
+unn&uuml;tz verschossen hatten, mu&szlig;ten sie wieder abziehen. Nettelbeck
+begab sich nach Amsterdam, traf dort mit seinem alten
+Kapit&auml;n Blanken zusammen und fuhr mit ihm neuerdings
+nach Surinam; von dort heimgekehrt, hielt es ihn wieder
+nicht lange, und er fuhr mit einem andern Schiff nach Sankt
+Eustaz. Als er dann in seine Vaterstadt zur&uuml;ckgekehrt war,
+wurde diese zum zweitenmal von den Russen belagert, aber
+der Notstand dauerte nur drei Wochen. W&auml;hrend der Zeit
+des Siebenj&auml;hrigen Krieges blieb den preu&szlig;ischen Schiffern,
+wenn sie Erwerb finden wollten, kaum etwas anderes &uuml;brig,
+als unter der neutralen Danziger Flagge zu fahren. In solcher
+Weise ging Nettelbeck von Danzig nach K&ouml;nigsberg
+und von K&ouml;nigsberg mit einem Getreideschiff nach Amsterdam.</p>
+
+<p>Es ist nicht erforderlich, alle diese Fahrten und die sp&auml;teren
+im einzelnen zu verfolgen; diese Begegnungen mit Freund
+und Feind, dieses Hin und Her in allen Zonen der Erde, diese
+K&auml;mpfe mit allen Gefahren und allen Elementen. Sie bilden
+ein Leben voll best&auml;ndiger Unruhe und best&auml;ndiger T&auml;tigkeit.
+Die Kaufleute im fremden Land sind listig und verschlagen;
+<a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>ihrer T&uuml;cke Herr zu werden, gegen ihre Vorteilssucht nicht
+des eignen Vorteils verlustig zu gehen, verlangt viel Klugheit,
+ja beinahe Weisheit und unendliche Selbstverleugnung.
+Immer wieder St&uuml;rme, immer wieder Schiffbruch; kaum
+ist ein k&uuml;mmerlicher Verdienst in Sicherheit gebracht, so geht
+er durch Wagnis oder Ungl&uuml;ck wieder verloren. Bei einer
+Fahrt in der Nordsee wird der Kapit&auml;n wahnsinnig und
+trifft Verf&uuml;gungen, die den Untergang des Schiffes herbeif&uuml;hren
+m&uuml;ssen. Eines Morgens st&uuml;rzt er vom Steuer in die
+See und ertrinkt. Nettelbeck nimmt ein Verzeichnis seiner
+Habseligkeiten auf, versiegelt die eingepackten Waren und
+wirft vor den Augen der Matrosen das hierzu gebrauchte
+Petschaft ins Meer. Zu seiner Verwunderung kann er nirgends
+die Gelder und Barschaften des verungl&uuml;ckten Schiffers
+finden, die Taschenuhr, die silbernen Schuh- und Knieschnallen,
+die goldenen und silbernen Galanteriewaren nicht, die er vordem
+bei ihm gesehen. Als er mit dem Schiff in den Hafen
+gelangt, taucht trotz eidlicher Erh&auml;rtung der Verdacht auf,
+da&szlig; er das Gut des Schiffers veruntreut habe. L&auml;sterung
+und Verleumdung heftet sich an seine Fersen, und der Kummer,
+den er dar&uuml;ber empfindet, raubt ihm allen Mut. Erst
+viele Jahre sp&auml;ter wurde das Eigentum des toten Schiffers
+zuf&auml;llig in einem Verschlag der Kaj&uuml;te entdeckt, die Witwe
+und die Verwandten leisteten Nettelbeck Abbitte, und die ihn
+geschm&auml;ht und bezichtigt hatten, erhoben ihn in den Himmel,
+aber man mu&szlig; nicht eben Nettelbeck sein, um den von Zufalls
+Gnaden gereinigten Schild der Ehre mit bitterem Gef&uuml;hle
+<a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>zu betrachten. Allm&auml;hlich reifte er in der Schule des Lebens
+zur Resignation heran; doch seine Kraft, zu handeln, seine
+wunderbare Kraft, zu helfen, erlahmte dabei mitnichten. W&auml;hrend
+des gro&szlig;en Brandes in K&ouml;nigsberg rettete er auf einem
+Boote viele Menschen vor dem sicheren und schrecklichen Tod.
+Einige Zeit nachher geriet auf dem Pregel ein holl&auml;ndisches
+Schiff in Brand. Alle Menschen, so viel deren herbeigekommen,
+waren damit besch&auml;ftigt, L&ouml;cher in das Verdeck zu hauen,
+um von oben Wasser in den brennenden Raum zu gie&szlig;en.
+Dadurch gewann aber das Feuer nur um so gr&ouml;&szlig;eren Zug,
+und Nettelbeck, der ein so widersinniges Verfahren nicht gelassen
+mit anschauen konnte, schrie ihnen zu, sie arbeiteten sich
+ja zum Ungl&uuml;ck, sie m&uuml;&szlig;ten das Schiff versenken. Es lief
+aber alles verwirrt durcheinander, und niemand wollte auf
+ihn h&ouml;ren. Da griff er einen von seinen Zimmerleuten auf,
+sprang mit ihm in das Boot, das zum brennenden Schiff
+geh&ouml;rte, und zeigte ihm eine Planke dicht &uuml;ber dem Wasser,
+wo er ein Loch ins Schiff hauen sollte. Das lasse er wohl
+bleiben, war die Antwort des Mannes, da k&ouml;nne er schlimmen
+Lohn daf&uuml;r haben. Nettelbeck ri&szlig; ihm die Axt aus
+den H&auml;nden, schlug selber das Loch, eilte spornstreichs auf
+das Verdeck, wo sich Hunderte von Menschen dr&auml;ngten, und
+schrie: &raquo;Herunter vom Schiff, was nicht ersaufen will, in
+der Minute wird&#8217;s sinken.&laquo; Und das Schiff sank. Die holl&auml;ndischen
+Kaufleute aber verklagten ihn bei der Admiralit&auml;t
+und forderten von ihm den vollen Ersatz des Schadens. Er
+wurde vor das Kollegium zitiert und sollte sich verantworten.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>Seine Rede war die: &raquo;Tausend Augen haben es mit angesehen,
+wie das Schiff in hellem Feuer stand. H&auml;tte das
+nur noch eine halbe Viertelstunde so gedauert, so nahm die
+Flamme dergestalt &uuml;berhand, da&szlig; es kein Mensch auf dem
+Schiff aushalten konnte und es mitsamt der Ladung preisgegeben
+werden mu&szlig;te. Und wie sollte es dann fehlen, da&szlig;
+nicht die Taue mit verbrannten, die es am Bollwerk hielten;
+da&szlig; die flammende Masse stromabw&auml;rts und unter die vielen
+andern Schiffe trieb und diese mit ins Verderben zog? Jetzt
+ist gro&szlig;es und gewisses Ungl&uuml;ck mit um so geringerem Schaden
+abgewandt, als Schiff und Ladung wohl wieder zu bergen
+sein werden. Ich bin daher auch des guten Glaubens, da&szlig;
+ich in keiner Weise strafbar gehandelt, sondern nur meine
+B&uuml;rgerpflicht erf&uuml;llt habe.&laquo;</p>
+
+<p>Die Sentenz lautete, da&szlig; der Schiffer Nettelbeck vollkommen
+recht und l&ouml;blich gehandelt habe und das Kollegium
+sich vorbehalte, ihm seine Zufriedenheit und Dankbarkeit durch
+feierlichen Handschlag zu bezeugen. Der Kollegiumsdirektor
+stand von seinem Sitze auf, sch&uuml;ttelte ihm treuherzig die Hand,
+dankte ihm im Namen aller Schiffer und im Namen der
+Stadt und hie&szlig; ihn einen wackeren Mann. Kaufleute, Schiffer
+und Advokat sahen einander verlegen an, dann traten sie
+einer nach dem andern zu ihm und gaben ihm ebenfalls die
+Hand. Der Direktor fragte ihn zum Schlu&szlig;, ob er nicht,
+wie er im vorigen Jahr mit dem Bording der Witwe Rollof
+getan, das versunkene Schiff aus dem Wasser zu heben versuchen
+wolle. Und Nettelbeck sagte zu. Die Hebung gelang
+<a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>unter gro&szlig;en Schwierigkeiten, und da er von den holl&auml;ndischen
+Kaufleuten au&szlig;er dem Ersatz seiner Auslagen nichts annehmen
+wollte, machten sie ihm ein Geschenk von hundert preu&szlig;ischen
+Gulden samt zehn Pfund Kaffee und zwanzig Pfund
+Zucker. Er seinerseits schenkte davon f&uuml;nfundzwanzig Gulden
+den Armen, damit sie auch einmal einen guten Tag
+haben sollten.</p>
+
+<p>Es war das Sonderbare seines Geschicks, da&szlig; es ihn
+immer wieder zwang, gegen die Elemente in den Kampf zu
+treten und er dem Wasser wie dem Feuer gegen&uuml;ber stets
+die gleiche streitbare Rolle spielt. Als er nach vielen und gef&auml;hrlichen
+Reisen, nach vielen und erm&uuml;denden Versuchen,
+da und dort seinen Lebensunterhalt zu erwerben, als beinahe
+Vierzigj&auml;hriger 1777 wieder in seiner Vaterstadt sa&szlig;, schlug
+eines Tages im April der Blitz in den Kirchturm, und im
+Nu brannte der Turm lichterloh. Die helle Flamme spritzte
+bei der Wetterstange gleich einem feurigen Springbrunnen
+empor, aus den Schall&ouml;chern spr&uuml;hten die Funken wie Schneeflocken
+und fielen bereits in die Domstra&szlig;e hin&uuml;ber. Nettelbeck,
+dies sehend, rannte nach der Kirche und die Turmtreppe
+hinan. Im Hinaufsteigen &uuml;berdachte er, wie gro&szlig; das Ungl&uuml;ck
+werden m&uuml;sse, da es wohl schwerlich jemand unternehmen
+werde, bis in die h&ouml;chste Spitze zu klimmen, wo er
+in den finstern Winkeln nicht so bekannt sei wie er selbst, der
+sie in seiner fr&uuml;hen Jugend oft mit Lebensgefahr durchkrochen
+hatte. Er wu&szlig;te, da&szlig; auf dem Glockenboden stets Wasser
+und L&ouml;scheimer bereitstanden, aber an einer Handspritze, die
+<a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a>haupts&auml;chlich nottat, mochte es fehlen. Er machte auf der
+Stelle kehrt, dr&auml;ngte sich an den vielen Menschen vor&uuml;ber,
+die alle hinauf wollten, eilte ins n&auml;chste Haus, dann ins
+zweite und ins dritte, bis er endlich eine Spritze bekam.
+Jetzt wieder, die Angst und der Eifer gaben ihm Fl&uuml;gel,
+zum Turm hinauf. In der sogenannten Kunstpfeiferstube,
+dicht unter der Spitze, fand er mehrere Maurer und Zimmerleute
+mit ihren Meistern, aber keiner wu&szlig;te, was zu tun
+sei. &raquo;Liebe Leute,&laquo; sprach er, unter sie tretend, &raquo;hier ist nichts
+zu beginnen, wir m&uuml;ssen h&ouml;her hinauf.&laquo; &#8211; &raquo;Leicht gesagt,
+aber schwer getan,&laquo; antwortete einer, &raquo;wir haben es schon
+versucht, doch es geht nicht. Sobald wir die Fallt&uuml;r &uuml;ber
+uns haben, f&auml;llt ein Regen von Flammen und gl&uuml;henden
+Kohlen herunter und setzt auch hier die Zimmerung in
+Brand.&laquo; Nettelbeck aber lie&szlig; sich die Fallt&uuml;r &ouml;ffnen, stieg
+hindurch, gebot, da&szlig; man ihm einen Eimer und die Spritze
+reiche und die Fallt&uuml;r wieder schlie&szlig;e, denn das Feuer durfte
+von unten keinen Zug bekommen. Er mu&szlig;te sich den Kopf
+mit Wasser aus dem Eimer anfeuchten, damit seine Haare
+nicht in Brand gerieten, und um die H&auml;nde frei zu bekommen,
+schnitt er vorn in seinen Rock ein Loch, durch das er
+die Spritze steckte. Den B&uuml;gel des Eimers nahm er in den
+Mund und zwischen die Z&auml;hne; so klomm er empor. Die
+Holzriegel im Innern des Turms mu&szlig;ten ihm als Leitersprossen
+dienen, allein wohin er griff, um sich emporzuhelfen,
+fand er alles voll gl&uuml;hender Kohlen, nur hatte er nicht Zeit,
+an den Schmerz zu denken. Endlich hatte er sich so hoch
+<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>verstiegen, da&szlig; ihm in der engen Verzimmerung kein Raum
+blieb, sich noch weiter hinauf zu winden, und hier sah er den
+rechten Mittelpunkt des Feuers acht oder zehn Fu&szlig; &uuml;ber sich
+zischen und spr&uuml;hen. Er klemmte den Wassereimer zwischen
+die Sparren fest, sog die Spritze daraus voll und richtete sie
+gegen den Feuerkern. Wasser, Feuer und Kohlen prasselten
+ihm ins Gesicht, aber das Feuer verminderte sich alsbald
+merklich. Nun war aber auch der Eimer geleert. Aus Leibeskr&auml;ften
+schrie er nach Wasser; einer der Zimmermeister hob
+die Fallt&uuml;r und rief: &raquo;Wasser ist hier, aber wie bekommst
+du es hinauf?&laquo; Er sagte, sie sollten es ihm nur bis &uuml;ber
+den Glockenstuhl schaffen, da wolle er sichs schon selber langen.
+Jene wagten es, und er kletterte ihnen von Zeit zu Zeit
+entgegen, um die vollen Eimer in Empfang zu nehmen, von
+denen er dann auch so flei&szlig;igen Gebrauch machte, da&szlig; er
+endlich das Gl&uuml;ck hatte, den Brand zu &uuml;berw&auml;ltigen und
+v&ouml;llig zu l&ouml;schen. Und es war hohe Zeit, mit jeder Minute
+wurde ihm &uuml;bler: das zur&uuml;ckspritzende Wasser hatte ihn bis
+auf die Haut durchn&auml;&szlig;t, und zugleich war eine unertr&auml;gliche
+Hitze im Turm. Er eilte hinunter, und in der schneidenden
+Luft bei den Schall&ouml;chern vergingen ihm die Sinne. Als er
+wieder zu sich kam, lag er auf dem Kirchhof, ihm zur Seite
+standen zwei Chirurgen, die ihm an beiden Armen die Adern
+ge&ouml;ffnet hatten, und eine Menge neugieriger Menschen
+schaute zu. Seine H&auml;nde waren &uuml;berall verletzt, die Haare
+auf dem Kopf abgesengt, der Kopf selbst wund und voller
+Brandblasen; an diesen Stellen wuchsen die Haare nie wieder,
+<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>und zwei Finger an der rechten Hand blieben ihm zeitlebens
+verkr&uuml;ppelt.</p>
+
+<p>Zehn Jahre lang befuhr er noch die Meere, von Danzig
+bis Lissabon, von Amsterdam bis Norwegen, von London
+bis Westindien; bald im eignen Interesse, das aber nie ein
+Gelingen bescherte, bald im Auftrag fremder Reeder. Seine
+Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit, soviel sie ihm auch
+Achtung und Sympathie erweckten, konnten ihm doch nicht
+zu gro&szlig;em Geld und Gut verhelfen. Und er war zu unruhig,
+zu leidenschaftlich und zu wenig k&uuml;hler Rechner, um aus geringen
+Vorteilen mit der Zeit und viel Geduld bedeutende
+zu machen. Um das Jahr 1787 wurde er in Kolberg se&szlig;haft,
+und seine Mitb&uuml;rger erwiesen ihm die Ehre, ihn als
+Verwandten des Seglerhauses aufzunehmen, welches ein
+Kollegium war, vor dem alle Schiffahrtssachen in erster
+Instanz entschieden wurden. Auch ernannten sie ihn zum
+Schiffsvermesser, dessen Amt es war, die Tragkraft der
+Fahrzeuge zu berechnen, und wieviel Lasten sie laden und
+&uuml;ber See f&uuml;hren konnten. Es gab auch in Kolberg ein Kollegium,
+die F&uuml;nfzehnm&auml;nner gehei&szlig;en, das die Gerechtsame
+der B&uuml;rgerschaft beim Magistrat zu vertreten hatte. In
+dieser K&ouml;rperschaft waren gro&szlig;e Mi&szlig;st&auml;nde bemerklich geworden;
+die F&uuml;nfzehnm&auml;nner hatten angefangen, ihr Ansehen
+mehr zu ihrem Privatnutzen als zum allgemeinen
+Besten geltend zu machen, und es war eine enge Verbr&uuml;derung
+daraus entstanden, die sich einander zu allerlei heimlichen
+Praktiken verhalf. Da waren Depositenkassen angegriffen,
+<a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>Scheink&auml;ufe vorgenommen, Gemeingut widerrechtlich
+verschleudert und andere Greuel mehr begangen worden.
+Furchtlos trat Nettelbeck in den Sumpf und machte eine
+lange Reihe von Ungeb&uuml;hrlichkeiten, Veruntreuungen und
+krummen Schlichen vor Gericht anh&auml;ngig. Es kam dar&uuml;ber
+zu einem langen und verwickelten Proze&szlig;, und keine Art von
+R&auml;nken und Rabulistereien blieb gegen ihn unversucht. Beinahe
+vier Jahre lang schleppte sich der Rechtsstreit hin, und
+so wie er sich die Sache zu Herzen nahm, hatte er w&auml;hrend
+der ganzen Zeit keine ruhige Stunde. Er gesteht, da&szlig; er oft
+mit Feuer und Schwert h&auml;tte dreinfahren m&ouml;gen, wenn das
+heillose Gez&uuml;cht immer ein neues M&auml;ntelchen f&uuml;r seine aufgedeckte
+Bosheit zu erhaschen suchte. Endlich kam die unsaubere
+Geschichte doch zu einem leidlichen Schlu&szlig;; das Kollegium
+wurde aufgel&ouml;st und durch ein anderes ersetzt, und
+man bewies ihm das Vertrauen, ihn in die Zahl der neuen
+Repr&auml;sentanten zu w&auml;hlen.</p>
+
+<p>Ergreifend sind die wenigen Seiten seiner von ihm selbst
+erz&auml;hlten Lebensgeschichte, wo er von seinen h&auml;uslichen und
+ehelichen Verh&auml;ltnissen erz&auml;hlt und die Bemerkung macht,
+da&szlig; ihm als Ehemann und Vater sein besserer Gl&uuml;cksstern
+erst sp&auml;t erschienen sei. Nur der Anschein war g&uuml;nstig, als
+er sich im Jahre 1762 in K&ouml;nigsberg zu heiraten entschlo&szlig;.
+Er war ein flinker und lebenslustiger Bursche von vier- oder
+f&uuml;nfundzwanzig Jahren, sein junges Weib war sechzehn,
+und solange er dort lebte und als Schiffer ab- und anfuhr,
+war die Ehe ganz gl&uuml;cklich. Von drei Kindern, die ihm die
+<a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>Frau gebar, blieb indessen nur ein Sohn am Leben, der ihn
+auf seinen letzten Seereisen als unzertrennlicher Gef&auml;hrte begleitete.
+Nach siebenj&auml;hriger Ehe entdeckte er, da&szlig; ihn die
+Frau betrog; er verzieh ihr, aber sie zeigte sich unverbesserlich,
+da lie&szlig; er sich von ihr scheiden, und sie verkam im Elend. Der
+Sohn, den er sehr liebte, starb ihm in jungen Jahren, und
+er stand nun verlassen in der Welt und wu&szlig;te nicht, f&uuml;r wen
+er sich&#8217;s noch sauer werden lassen sollte. Es fehlte am festen
+Kern im inneren Haushalt, und so wollte er es noch einmal
+mit der Ehe versuchen. Als F&uuml;nfzigj&auml;hriger warf er seine
+Augen auf eine Schifferswitwe in Stettin, die er als eine
+ordentliche und rechtliche Frau zu kennen glaubte. Die Verbindung
+kam zustande, aber nun erst gingen ihm die Augen
+auf. Die fromme Witwe hatte gern ihr R&auml;uschchen und
+hielt es eifrig mit mancherlei andern Dingen, die den Ehefrieden
+st&ouml;ren mu&szlig;ten. An ein Zusammenhalten des ehrlich
+Erworbenen war l&auml;nger nicht zu denken, vielmehr sah er den
+unvermeidlichen Untergang seines kleinen Wohlstands vor
+Augen, und was blieb ihm &uuml;brig, als eine abermalige Scheidung?
+Mit tr&uuml;ben Blicken schaute er in die Zukunft. Er
+geh&ouml;rte keinem Menschen an, war nachgerade ein alter Mann
+geworden, und f&uuml;hlte er gleich sein Herz noch frisch und seinen
+Geist lebendig, so wollten doch die stumpfgewordenen Knochen
+nicht mehr gut tun. Die paar Jahre, die noch &uuml;brig waren,
+dachte er wohl noch hinzust&uuml;mpern, und wenn nur noch der
+Sarg ehrlich bezahlt werden konnte, mochte man ihn hintun,
+wo seine V&auml;ter schliefen. Jedoch das Geschick meinte es
+<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>besser mit ihm. So klang- und trostlos sollte sein Leben nicht
+enden.</p>
+
+<p>Das Jahr 1806 war herangekommen. Joachim Nettelbeck,
+dem feurigen Patrioten, der die alten Zeiten und des
+gro&szlig;en Friedrichs Taten noch im Sinn hatte, blutete gleich
+so vielen das Herz bei der Zeitung von den entsetzlichen Tagen
+bei Jena und Auerst&auml;dt und ihren Folgen. Er h&auml;tte kein
+Preu&szlig;e und abtr&uuml;nnig von K&ouml;nig und Vaterland sein m&uuml;ssen,
+wenn ihm jetzt, wo alle Ungl&uuml;ckswellen &uuml;ber sie zusammenschlugen,
+nicht so zu Sinn gewesen w&auml;re, als m&uuml;&szlig;te er Gut
+und Blut und die letzte Kraft seines Lebens f&uuml;r sie aufbieten.
+So lautet sein eigenes Gest&auml;ndnis; nicht mit Reden und
+Schreiben, dachte er, aber mit der Tat sei hier zu helfen;
+jeder auf seinem Posten, ohne sich erst lange, feig und klug,
+vor- und r&uuml;ckw&auml;rts umzusehen.</p>
+
+<p>Als nun Magdeburg und Stettin gefallen waren und die
+ungest&uuml;me franz&ouml;sische Windsbraut sich immer n&auml;her und
+drohender gegen die Weichsel heranzog, da lie&szlig; sich&#8217;s voraussehen,
+da&szlig; bald genug auch die Feste Kolberg an die Reihe
+kommen mochte, und wirklich erschien im November ein franz&ouml;sischer
+Offizier als Parlament&auml;r in der Stadt und forderte
+die &Uuml;bergabe. Diese wurde zwar verweigert, allein mit allem,
+was zu einer rechtschaffenen Verteidigung geh&ouml;rte, sah es
+tr&uuml;bselig aus. Wall und Graben waren verfallen, von Palisaden
+keine Spur. Nur drei Kanonen standen in einer
+Bastion auf Lafetten und dienten blo&szlig; zu L&auml;rmsch&uuml;ssen, wenn
+Ausrei&szlig;er von der Besatzung verfolgt werden sollten; alles
+<a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>&uuml;brige Gesch&uuml;tz lag am Boden, hoch von Gras &uuml;berwachsen,
+und die dazu geh&ouml;rigen Lafetten vermoderten in den Remisen.
+Die Besatzung war gering an Zahl, entmutigt durch die
+Ungl&uuml;cksbotschaften, und der Kommandant, Oberst von Loucadou,
+ein alter abgestumpfter Mann, der seit dem bayrischen
+Erbfolgekrieg den Ruf eines t&uuml;chtigen Offiziers geno&szlig; und
+dessen Geist so blind an altem Herkommen hing, da&szlig; er sich
+in der neuen Zeit und Welt nicht mehr zurechtfinden konnte.
+W&auml;hrend alles, was Milit&auml;r hie&szlig;, den tr&auml;gen Schlummer
+mit ihm zu teilen schien, f&uuml;hlte sich die ganze B&uuml;rgerschaft
+von der lebhaftesten Unruhe und Besorgnis ergriffen, und
+Nettelbeck wurde als einer der &auml;ltesten B&uuml;rger ausgew&auml;hlt,
+sich mit dem Kommandanten &uuml;ber die Ma&szlig;regeln zur Verteidigung
+zu verst&auml;ndigen. Dem Obersten erschien dies anma&szlig;end,
+und er wu&szlig;te nicht oder wollte es nicht wissen, da&szlig;
+von &auml;ltester Zeit her die B&uuml;rger von Kolberg sich als die
+nat&uuml;rlichen und gesetzlich berufenen Verteidiger ihrer W&auml;lle
+und Mauern betrachteten. Vormals hatte jeder seinen B&uuml;rgereid
+mit Ober- und Untergewehr geschworen, hatte geschworen,
+da&szlig; diese Armatur ihm eigen angeh&ouml;re, geschworen, da&szlig; er
+die Festung verteidigen helfen wolle mit Gut und Blut. Die
+B&uuml;rgerschaft war in f&uuml;nf Kompanien eingeteilt, mit einem
+B&uuml;rgermajor an der Spitze, und wo es im Ernst gegolten,
+hatte der Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht und
+wesentlichen Nutzen von ihrem Dienst gezogen. Nettelbeck
+er&ouml;ffnete dem Obersten, da&szlig; die B&uuml;rger mit Gott entschlossen
+seien, in diesen bedenklichen Zeitl&auml;uften mit dem Milit&auml;r
+<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>gleiche Last und Gefahr zu bestehen, da&szlig; sie sich in ein Bataillon
+mit vollst&auml;ndiger R&uuml;stung organisieren wollten und
+b&auml;ten, sich vor ihm aufstellen zu d&uuml;rfen, damit er Musterung
+halte und jedem seinen Posten anweise, sie w&uuml;rden ihre Schuldigkeit
+tun. Als die B&uuml;rgerschaft sich versammelt hatte, kam
+der alte Oberst und sagte: &raquo;Macht dem Spiel ein Ende,
+ihr guten Leutchen! Geht in Gottes Namen nach Hause.
+Was soll mir&#8217;s helfen, da&szlig; ich euch sehe?&laquo; Und da Nettelbeck
+neuerdings Vorstellungen machte und sich und seine Leute
+zu den n&ouml;tigen Arbeiten anbot, erwiderte der Kommandant
+mit einem h&ouml;hnischen Lachen: &raquo;Die B&uuml;rgerschaft und immer
+wieder die B&uuml;rgerschaft! Ich brauche die B&uuml;rgerschaft nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Eine solche Geringsch&auml;tzung erregte Murren und Unwillen,
+aber Nettelbeck lie&szlig; sich nicht abhalten, zu tun, was ihm
+Pflicht schien. Er machte den Oberst darauf aufmerksam,
+welch gute Dienste in fr&uuml;heren Belagerungen eine Schanze
+auf dem hohen Berg, eine Viertelmeile au&szlig;erhalb der Stadt,
+geleistet hatte, und er und seine Freunde seien bereit, die
+Schanze wiederherzustellen. Der Oberst antwortete, was
+au&szlig;erhalb der Stadt gesch&auml;he, k&uuml;mmere ihn nicht, die Festung
+innerhalb werde er schon zu verteidigen wissen. Und so baute
+Nettelbeck die Schanze, und es halfen ihm die B&uuml;rger, ihre
+Gesellen, ihre Lehrjungen und Dienstm&auml;gde; als die Arbeit
+noch immer zu langsam vonstatten ging, warb er Leute am
+Hafen und bezahlte sie aus seiner Tasche. Er sorgte f&uuml;r die
+Anschaffung von Lebensmittelvorr&auml;ten und nahm bei B&auml;ckern,
+Bauern und Branntweinbrennern ein Verzeichnis der Best&auml;nde
+<a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>auf. Er ging in die umliegenden D&ouml;rfer und sah nach,
+was an Korn und Schlachtvieh vorhanden war. Mit all
+seinen Papieren ging er nun zum Kommandanten, um ihn
+zu bewegen, da&szlig; er die Vorr&auml;te in die Stadt schaffen lasse.
+Der Oberst aber, als h&auml;tte die Pest an den Papieren geklebt,
+dr&uuml;ckte sie ihm eilig wieder in die Hand und sagte, er brauche
+den Plunder nicht und damit Gott befohlen.</p>
+
+<p>Der Oberst hatte auch eine alte K&ouml;chin, und die war jedesmal
+zugegen, wenn Nettelbeck kam, und gab ihren Senf mit
+drein. Auch dieses Mal schimpfte und maulte sie, bis Nettelbeck
+die Galle &uuml;berlief und er dem unversch&auml;mten Weibsbild
+die Meinung sagte, wodurch er aber den Obersten nur noch
+mehr gegen sich in Zorn setzte.</p>
+
+<p>Um den Magistrat und seine Anstalten stand es auch kl&auml;glich,
+der Untergang der Stadt schien nicht aufzuhalten, und
+so entschlo&szlig; sich Nettelbeck, der winterlichen Jahreszeit zum
+Trotz, den K&ouml;nig selbst in K&ouml;nigsberg oder in Memel aufzusuchen
+und ihm Kolbergs Lage und Not vorzustellen. Da
+traf aber der Kriegsrat Wissening von Treptow in Kolberg
+ein, ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck
+hatte. Der machte sich gegen Nettelbeck erb&ouml;tig, selber zum
+K&ouml;nig zu gehen und sein m&ouml;glichstes zu tun, um den Platz
+zu retten. Unter den von den Truppen Versprengten, die t&auml;glich
+in Kolberg Zuflucht suchten, befand sich auch der Leutnant
+von Schill; Nettelbeck gewann ihn bald zum Freund,
+und der junge Offizier erkl&auml;rte sich bereit, in Kolberg zu bleiben,
+um bei der Verteidigung zu helfen. Er stimmte mit
+<a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>Nettelbeck darin &uuml;berein, da&szlig; vor allem die Maikule, der
+Schl&uuml;ssel zum Hafen, um jeden Preis festgehalten werden
+m&uuml;sse, und doch war zur Verschanzung dieses entscheidenden
+Punktes bis jetzt noch keine Schaufel in Bewegung gesetzt
+worden. Es waren keine H&auml;nde da, um auch nur einige
+Erdaufw&uuml;rfe zustande zu bringen, und Nettelbeck trieb unerm&uuml;dlich
+in der Geldervorstadt und in allen umliegenden Ortschaften
+Tagel&ouml;hner und H&auml;usler zusammen, versprach und
+zahlte guten Lohn und verwandte gegen vierhundert Taler
+aus seiner Tasche. Tag und Nacht arbeiteten etwa sechzig
+Menschen nach dem von Schill entworfenen Plan an den
+Befestigungen; weder der Kommandant noch sonst jemand
+fragte und k&uuml;mmerte sich, was da geschafft wurde. Indessen
+war der Kriegsrat Wissening mit ausgedehnten Vollmachten
+vom K&ouml;nig zur&uuml;ckgekehrt. Seine Hilfe brachte neues Leben
+in die Verwaltung; ganze Herden Schlachtvieh, lange Reihen
+Getreidewagen zogen zu den Toren ein, und Heu und Stroh
+im &Uuml;berflu&szlig; f&uuml;llte die Futtermagazine. In der Stadt wurde
+geschlachtet und eingesalzen und die B&ouml;den der B&uuml;rgerh&auml;user
+mit Korn besch&uuml;ttet.</p>
+
+<p>Um die Mitte M&auml;rz hatten die Franzosen die Umzingelung
+der Festung beendet. Die Schanze auf dem hohen Berg
+ging unter blutigen K&auml;mpfen verloren, auch die Anh&ouml;hen der
+Altstadt waren besetzt. Es war nun dringend geboten, die
+&Uuml;berschwemmung des Gel&auml;ndes rings um die Festung zu
+bewirken, eine Absicht, die auf den hartn&auml;ckigen Widerstand
+der Grundeigent&uuml;mer stie&szlig;. Auch der Kommandant wollte
+<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>nichts davon wissen, bei der dar&uuml;ber gef&uuml;hrten Unterredung
+mischte sich wieder die K&ouml;chin in ihrer gewohnten Weise ein.
+Nettelbeck schob sie ohne viel Federlesens zur T&uuml;re hinaus,
+der Oberst geriet in Hitze, griff nach seinem Degen und w&uuml;rde
+ihn gegen Nettelbeck gezogen haben, wenn ihm nicht dessen
+Begleiter, der Hauptmann von Waldenfels, mit den Worten
+in den Arm gefallen w&auml;re: &raquo;Beruhigen Sie sich, Nettelbeck
+hat recht getan.&laquo;</p>
+
+<p>Die Franzosen schickten indessen einen Parlament&auml;r, den
+der Oberst in aller Freundlichkeit empfing und mit dem er
+hinter verschlossener T&uuml;r verhandelte. Nettelbeck argw&ouml;hnte
+Verrat, und in der F&uuml;lle seines beklommenen Herzens schrieb
+er an den K&ouml;nig: Wenn Euere Majest&auml;t uns nicht bald
+einen andern und braven Kommandanten zuschicken, sind wir
+ungl&uuml;cklich und verloren.</p>
+
+<p>Die Belagerer schritten zum Angriff, die Geldervorstadt
+geriet in Gefahr, Loucadou erteilte den Befehl, sie niederzubrennen,
+aber Schill stellte ihm das Unn&uuml;tzliche und &Uuml;bereilte
+dieser Ma&szlig;regel mit solchem Gewicht vor, da&szlig; er nachzugeben
+gezwungen war; dadurch konnten Hunderte von
+Menschen die beweglichen Tr&uuml;mmer ihres Besitzes in Sicherheit
+bringen, und erst als dies geschehen war, fand die Zerst&ouml;rung
+statt. Der Kommandant aber bezichtigte Schill der
+Insubordination und lie&szlig; ihn in Arrest setzen. Soldaten
+und B&uuml;rger vernahmen mit Unwillen, was ihrem Liebling
+geschehen war. Es entstand ein Gemurmel, ein Reden, Fragen
+und Durcheinanderlaufen, das mit jeder Minute lauter
+<a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>und st&uuml;rmischer wurde. Man wollte Schill mit Gewalt
+befreien und den Kommandanten zur Rechenschaft ziehen.
+Nettelbeck, lebhaft best&uuml;rzt und das Unselige dieser Volksbewegung
+erkennend, warf sich unter die Menge, bat sie,
+Vernunft anzunehmen und vor allen Dingen Schills eigene
+Meinung zu h&ouml;ren. Dies ward angenommen, und
+Nettelbeck ging zu Schill. Als der vernahm, wie die
+Sachen standen, erschrak er heftig, und Nettelbeck an beiden
+H&auml;nden ergreifend, rief er: &raquo;Freund, ich bitte Sie um
+alles, stellen Sie die guten Menschen zufrieden. Aufruhr
+w&auml;re das letzte und gr&ouml;&szlig;te Ungl&uuml;ck, das uns begegnen k&ouml;nnte.
+Sagen Sie ihnen, ich sei nicht arretiert, ich sei krank, sagen
+Sie, was Sie wollen, wenn sich nur die Leute zur Ruhe
+geben.&laquo; Nettelbeck begab sich wieder auf den Markt, hielt
+eine Ansprache, die Leute kamen zur Besinnung und gingen
+friedlich auseinander. Schills Arrest blieb ein leeres Wort,
+das stillschweigend zur&uuml;ckgenommen wurde.</p>
+
+<p>Die feindlichen Granaten schlugen in die Stadt, und der
+Oberst befahl, da&szlig; die D&auml;cher mit D&uuml;nger belegt und das
+Pflaster aufgerissen werden sollte, um die Geschosse unsch&auml;dlicher
+zu machen. Nettelbeck &auml;u&szlig;erte Zweifel &uuml;ber das F&ouml;rderliche
+dieses Befehls; da die D&auml;cher eine Neigung von mehr
+als f&uuml;nfundvierzig Grad besa&szlig;en, meinte er, der D&uuml;nger werde
+wohl nicht haften bleiben, auch w&uuml;rden die Bomben vor den
+so bedeckten D&auml;chern nicht sonderlich viel Respekt zeigen; das
+Aufrei&szlig;en des Pflasters sei aber bei den engen Gassen sogar
+gef&auml;hrlich, weil dann bei entstandener Feuersgefahr weder
+<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>Spritzen noch Wasserkufen einen Weg durch die Steinhaufen
+und den umgew&uuml;hlten Boden finden w&uuml;rden. W&auml;hrend des
+Gespr&auml;chs fuhr in der N&auml;he eine Bombe nieder und zersprang.
+Der Oberst sah sich mit etwas verwirrten Blicken
+um und stotterte: &raquo;Meine Herren, wenn das so fort geht,
+so werden wir m&uuml;ssen doch noch zu Kreuze kriechen.&laquo; Mehr
+konnte er nicht hervorbringen. Nettelbeck, alle Selbstbeherrschung
+verlierend, fuhr auf und schrie: &raquo;Halt! Der erste,
+wer er auch sei, der das verdammte Wort wieder ausspricht,
+von zu Kreuze kriechen, stirbt des Todes von meiner Hand.&laquo;
+Dabei ri&szlig; er den Degen aus der Scheide, sein Nebenmann
+fa&szlig;te ihn von hinten und zog ihn von Loucadou zur&uuml;ck. &raquo;Arretieren,&laquo;
+knirschte der Oberst mit sch&auml;umendem Mund, &raquo;gleich
+arretieren! In Ketten und Banden.&laquo; Alles dr&auml;ngte sich um
+den Oberst zusammen; Nettelbecks Freunde schoben ihn zur&uuml;ck,
+und er ging, wenig zufrieden mit sich selbst und seinem Zorneifer,
+still nach Hause. Nachmittags berief der Kommandant
+den Landrat zu sich und teilte ihm mit, er werde Nettelbeck
+vor ein Kriegsgericht stellen und auf dem Glacis der Festung
+erschie&szlig;en lassen. Der Landrat erschrak, machte eindringliche
+Vorstellungen, jedoch der Oberst beharrte auf seinem Sinn.
+Als die B&uuml;rger vernahmen, was im Werke war, geriet alles
+in die gr&ouml;&szlig;te Bewegung, alles ergriff Nettelbecks Partei;
+der Haufen sammelte sich und ward mit jeder Minute gr&ouml;&szlig;er,
+w&auml;lzte sich zu Loucadous Wohnung, umringte ihn, und die
+Wortf&uuml;hrer best&uuml;rmten ihn so lange im guten und im b&ouml;sen,
+bis sie seine Entr&uuml;stung einigerma&szlig;en milderten oder vielleicht
+<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>ihn ahnen lie&szlig;en, da&szlig; er kein so leichtes Spiel haben werde.
+&raquo;Gut, gut,&laquo; sagte er endlich, &raquo;so mag der alte Bursche diesmal
+laufen. H&uuml;t er sich nur, da&szlig; ich ihn nicht wieder fasse.&laquo;
+Nettelbeck hatte von seinem Fenster aus den Auflauf des
+Volkes bemerkt, hatte aber kein Arg, da&szlig; es ihn so nahe angehen
+k&ouml;nne. Erst andern Tags erfuhr er, wie schlimm es
+auf ihn und sein Leben gem&uuml;nzt gewesen.</p>
+
+<p>Die Belagerung nahm ihren Fortgang, und Not und
+Elend stiegen von Woche zu Woche. Es war am 1. Juli,
+als die Franzosen endlich letzten Ernst zu machen schienen.
+In den Morgenstunden er&ouml;ffneten sie ein furchtbares Bombardement
+auf die Stadt. Bald gab es nirgends ein Pl&auml;tzchen
+mehr, wo die zagende Menge vor dem drohenden Verderben
+sich h&auml;tte bergen k&ouml;nnen. &Uuml;berall zerschmetterte Gew&ouml;lbe,
+einst&uuml;rzende B&ouml;den, krachende W&auml;nde und aufwirbelnde
+S&auml;ulen von Dampf und Feuer; &uuml;berall die Gassen wimmelnd
+von ratlos umherirrenden Fl&uuml;chtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben
+hatten und unter dem Gezisch der kreisenden Feuerb&auml;lle
+sich verfolgt sahen von Tod und Verst&uuml;mmelung. Geschrei
+von Wehklagenden, Geschrei von S&auml;uglingen und
+Kindern, Geschrei von Verirrten, die ihre Angeh&ouml;rigen verloren
+hatten, Geschrei der Menschen, die mit dem L&ouml;schen
+der Flammen besch&auml;ftigt waren, L&auml;rm der Trommeln, Rasseln
+der Fuhrwerke, Geklirr der Waffen, es war herz- und
+ohrenzerrei&szlig;end. Im Laufe des Tages erst&uuml;rmten die Franzosen
+die Maikule, und mit dem Verlust dieses wichtigen
+Punktes war die Verteidigung gel&auml;hmt, und das M&uuml;nderfort
+<a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>war nun zur Besch&uuml;tzung des Hafens nicht mehr ausreichend,
+was sich zeigte, als das englische Schiff, das den
+Belagerten zu Hilfe gekommen war, beim Vordringen der
+Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder das offene Meer
+zu gewinnen.</p>
+
+<p>Zu sp&auml;t hatte der K&ouml;nig Unterst&uuml;tzungsmannschaften geschickt,
+zu sp&auml;t den unf&auml;higen Kommandanten durch den Major
+von Gneisenau ersetzt; es schien, da&szlig; die Stadt nicht mehr
+zu retten war. Inmitten der ringsum drohenden Gefahr erzeugte
+sich allm&auml;hlich eine Gleichg&uuml;ltigkeit bei vielen, die nichts
+mehr zu Herzen nahmen. War auch nicht der Mut, so war
+doch die Natur ersch&ouml;pft; Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerw&auml;hrende
+Spannung des Gem&uuml;ts und Sorgen f&uuml;r Weib
+und Kind und Eigentum fielen auf die meisten mit einem
+solchen Gewichte, da&szlig; sie sich in den Tr&uuml;mmern ihrer Wohnungen
+ein noch irgend erhaltenes Pl&auml;tzchen ersahen, um den
+bis in den Tod ermatteten Gliedern einige Ruhe zu g&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Da geschah es, da&szlig; eine Bombe, verderblicher als alle
+andern, in das Rathaus fuhr, und ein hell aufflackerndes
+Feuer war die Folge ihres Zerspringens. Als naher Nachbar
+sprang Nettelbeck hin, um schnelle Anstalten zur Brandl&ouml;schung
+zu betreiben, aber ringsum regte sich keine menschliche
+Seele. Er lief zu Bekannten, braven und wackeren
+M&auml;nnern, um sie zur Hilfe aufzurufen, doch schlaftrunken
+und ohne Gef&uuml;hl beachteten sie sein Bitten und Ermuntern
+ebensowenig, wie sein Toben und Schelten. In steigender
+Angst rannte er auf die Brandst&auml;tte zur&uuml;ck und packte jeden
+<a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>an, der ihm begegnete. Ein vierschr&ouml;tiger Kerl, dem er einen
+gef&uuml;llten L&ouml;scheimer aufdr&auml;ngte, nahm ihn und schlug das
+Gef&auml;&szlig; mit seinem nicht eben sauberen Inhalt Nettelbeck geradezu
+um die Ohren, so da&szlig; er fast die Besinnung verlor
+und von Schmutz und Ru&szlig; bedeckt eine j&auml;mmerliche Figur
+machte. Ohne sich darum zu k&uuml;mmern eilte er in das n&auml;chste
+Wachhaus auf dem Walle und st&uuml;rmte wild in das halbdunkle
+Wachzimmer. Auf der h&ouml;lzernen Pritsche regte sich
+eine Gestalt. &raquo;Bester Mann, zu Hilfe, das Rathaus steht
+in Flammen!&laquo; schrie Nettelbeck. Der Offizier erhob sich,
+schlug die H&auml;nde zusammen und rief aus: &raquo;Ach, du armer
+Nettelbeck!&laquo; Jetzt erst erkannte ihn Nettelbeck; es war
+Gneisenau. Nun wurde die L&auml;rmtrommel ger&uuml;hrt, die
+Soldaten erschienen, Patrouillen durchzogen die Stadt, und
+die L&ouml;schanstalten kamen in Bewegung. Zu gleicher Zeit
+hatten die Gefangenen im Stockhaus die allgemeine Verwirrung
+benutzt, um auszubrechen, und hatten in den H&auml;usern
+zu pl&uuml;ndern begonnen; auch Nettelbecks Haus wurde
+von diesem Schicksal betroffen. Durch den t&auml;tigen Eifer des
+Milit&auml;rs wurde die Rotte wieder eingefangen und unsch&auml;dlich
+gemacht.</p>
+
+<p>So besonnen, wo es zu handeln galt, so allgegenw&auml;rtig
+gleichsam, wo eine Gefahr nahte, und so beharrlich, wo nur
+die unabgespannte Kraft zum Ziele f&uuml;hren konnte, hatte sich
+der Kommandant Gneisenau immer und &uuml;berall seit dem
+ersten Augenblick seines Auftretens erwiesen. Wochen hindurch
+war er so wenig in ein Bett als aus den Kleidern gekommen.
+<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>Vater und Freund des Soldaten wie des B&uuml;rgers,
+hielt er beider Herzen durch den milden Ernst seines
+Wesens und durch teilnehmende Freundlichkeit gefesselt.
+Jeder seiner Anordnungen folgte das unbedingteste Zutrauen.</p>
+
+<p>Der Morgen des 2. Juli brach an. Not und Elend,
+Jammergeschrei und Auftritte der blutigsten Art, einst&uuml;rzende
+Geb&auml;ude und prasselnde Flammen, das war das einzige, was
+bei jedem Schritt den entsetzten Sinnen sich darstellte. Gneisenaus
+scharfes Auge hatte mitten im gr&auml;&szlig;lichsten Tumult
+erkannt, da&szlig; der Feind Vorbereitungen traf, sich von der
+Wolfsschanze aus &uuml;ber das M&uuml;nderfort herzust&uuml;rzen. Es
+war drei Uhr nachmittags. Gegenanstalten wurden getroffen,
+Befehle flogen, alles war in der lebendigsten Spannung,
+pl&ouml;tzlich schwieg das feindliche Gesch&uuml;tz auf allen Batterien.
+Auf das Krachen eines Donners wie am Tage des Weltgerichts
+folgte eine lange, &ouml;de Stille. Jeder Atem stockte,
+niemand begriff den schnellen Wechsel, das schauerliche Erstarren
+so gewaltiger losgelassener Kr&auml;fte. Da nahte ein
+feindlicher Parlament&auml;r, neben ihm ein preu&szlig;ischer Offizier,
+und alsbald st&uuml;rzte dieser mit den atemlos hervorgesto&szlig;enen
+Worten in den Kreis seiner Bekannten: &raquo;Friede! Kolberg
+ist gerettet.&laquo;</p>
+
+
+<p class="tb">Als im Jahre 1809 der K&ouml;nig von Memel nach Berlin
+zur&uuml;ckkehrte, hie&szlig; es zuerst, er werde seinen Weg &uuml;ber
+Kolberg nehmen; aber die Strenge der Jahreszeit gebot die
+k&uuml;rzeste Richtung, und da es bekannt wurde, da&szlig; das k&ouml;nigliche
+<a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>Paar einen Rasttag in Stargard machen wollte, schlug
+Nettelbeck den Kolbergern vor, eine Abordnung der B&uuml;rgerschaft
+dorthin zu senden. Alles war seiner Meinung, aber
+alles glaubte auch, da&szlig; es daf&uuml;r zu sp&auml;t sei, denn um rechtzeitig
+an Ort und Stelle zu kommen h&auml;tte man sich noch
+den n&auml;mlichen Abend auf den Weg machen m&uuml;ssen. &raquo;Und
+warum nicht schon in der n&auml;mlichen Stunde?&laquo; fragte
+Nettelbeck. &raquo;Ich bin dazu bereit, aber ich bedarf noch eines
+Gef&auml;hrten. Wer begleitet mich?&laquo; Schweigen und Kopfsch&uuml;tteln
+ringsherum, und schon wollte der Alte im feurigen
+Unmut auflodern, als ihm der Kaufmann G&ouml;lckel die Hand
+reichte, sich ihm zum Gef&auml;hrten erbot und in einer Stunde
+reisefertig zu sein versprach. Sie kamen nach Stargard so
+fr&uuml;h am Morgen, da&szlig; sie noch alles in Finsternis und
+Schlaf begraben fanden. An einem Haus stiegen sie ab,
+klopften an und verlangten Herberge. Die Antwort lautete,
+alles sei dicht besetzt und kein Unterkommen mehr m&ouml;glich.
+&raquo;Aber liebe Leute, den alten Nettelbeck werdet ihr doch nicht
+auf der Stra&szlig;e stehen lassen!&laquo; &raquo;Nein, wahrhaftig nicht,&laquo;
+scholl eine weibliche Stimme dagegen, &raquo;tausendmal willkommen!
+Da mu&szlig; sich schon ein Winkelchen finden.&laquo;</p>
+
+<p>Im k&ouml;niglichen Quartier wurde Nettelbeck von einem
+General erkannt und in das Empfangszimmer gef&uuml;hrt. Der
+gro&szlig;e Raum war voll von Offizieren, Damen und Standespersonen.
+Alles blitzte von Ordenszeichen, und es gab
+eine feierliche Stille, als der K&ouml;nig und die K&ouml;nigin eintraten.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>Vor Nettelbeck und seinem Begleiter stehend, sagte der
+K&ouml;nig gegen die gl&auml;nzende Versammlung hin mit bewegter
+Stimme: &raquo;Wenn jeder so seine Pflicht getan h&auml;tte wie
+die Kolberger, dann w&auml;re es uns nicht so ungl&uuml;cklich ergangen.&laquo;</p>
+
+<p>Nach einiger Wechselrede brach aus des alten Nettelbecks
+Munde das gl&uuml;hende Wort: &raquo;Verflucht sei, wer seinem
+K&ouml;nig und Vaterland nicht treu ist.&laquo; Und dann: &raquo;Wir
+hoffen, Eure Majest&auml;t werden uns nicht sinken lassen.&laquo;
+Der K&ouml;nig antwortete und streckte Nettelbeck die Hand
+entgegen: &raquo;Nein, nicht sinken lassen, nicht sinken lasse ich
+euch.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Stunde war vielleicht die sch&ouml;nste in Nettelbecks
+Leben, und keine empfand er dankbarer als Lohn f&uuml;r alle
+Opfer und M&uuml;hen. Er begann nun seine Hantierung wieder
+und fand auch ein notd&uuml;rftiges Auskommen. Doch fiel
+es ihm immer schwerer aufs Herz, da&szlig; er so abgesondert und
+verlassen dastand. Er war nun f&uuml;nfundsiebzig Jahre alt
+und sorgte sich doch noch um die Zukunft. Zuerst lachend,
+dann in wohlgemeintem Ernst rieten ihm seine Freunde, es
+noch einmal mit dem Ehestand zu versuchen, und nach vielem
+Bedenken und Z&ouml;gern folgte er ihrem Rat und heiratete eine
+uckerm&auml;rkische Pfarrerstochter, an deren Seite er noch ein
+sp&auml;tes Gl&uuml;ck fand und die ihm sogar im n&auml;chsten Jahr eine
+Tochter schenkte.</p>
+
+<p>Sein rastloser Geist konnte nicht ruhen. Am Abend seines
+Lebens besch&auml;ftigte ihn noch ein Projekt, das er schon Jahrzehnte
+<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>zuvor gehegt, der Lieblingswunsch, Preu&szlig;en auch jenseits
+der Weltmeere gro&szlig;, geachtet und bl&uuml;hend zu sehen. Er
+verfa&szlig;te eine Denkschrift, worin er den Lenkern des Staats
+den Vorteil auseinandersetzte, der mit dem Erwerb von Kolonien
+verbunden war, ja, er machte sich trotz seiner sechsundsiebzig
+Jahre erb&ouml;tig, das erste preu&szlig;ische Schiff, das
+solchem Zweck dienen w&uuml;rde, selbst zu f&uuml;hren. Aber wie leicht
+zu denken, erweckte sein Vorschlag zu jener Zeit keine ernstliche
+Beachtung.</p>
+
+<p>Im Jahre 1824, sechsundachtzig Jahre alt, endete der
+wunderbare Mann sein reiches Leben.</p>
+
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a></p>
+<h2><a name="Christian_Holzwart" id="Christian_Holzwart"></a>Christian Holzwart</h2>
+
+
+<p class="newsection">Am 29. Dezember 1845, in der Morgenfr&uuml;he, kam ein
+Mann von der Sudenburg, einer Vorstadt Magdeburgs
+au&szlig;erhalb der Ringmauern, und passierte in Eile durch das
+eben ge&ouml;ffnete Tor. Er war sonderbar anzusehen; ein Schlafrock
+hing &uuml;ber seinem K&ouml;rper, er war ohne Stiefel, ohne
+Str&uuml;mpfe, ohne Kopfbedeckung, und Haar und Bart waren
+von Flammen versengt. Seine Schritte waren ungleich und
+zeugten von gro&szlig;er Ermattung. Bei einem Hause an der
+Johanniskirche, wo der Wundarzt Koch wohnte, machte er
+endlich halt und zog hastig die Klingel. Die Stra&szlig;en waren
+noch leer, die Leute schliefen noch, und erst auf sein wiederholtes
+Klingeln wurde ihm das Tor aufgemacht. Er taumelte
+in das Wohnzimmer und fiel ohnm&auml;chtig auf das Sofa nieder.
+Der Chirurgus Koch und seine Frau, die ihm beide erschrocken
+entgegengetreten waren, fragten gleichzeitig, was geschehen sei
+und von wo er in einem solchen Aufzug herkomme. Der
+Wundarzt nahm das Licht vom Tisch, beleuchtete ihn und
+sah, da&szlig; nicht nur sein sonst wohlgepflegter Bart verkohlt
+war, sondern da&szlig; auch seine H&auml;nde blutig waren. &raquo;Um Gottes
+<a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>willen, Holzwart, was ist geschehen?&laquo; fragte er entsetzt, doch
+der Mann stammelte nur verworrene Antworten, sprach von
+Flammen und da&szlig; seine Familie, die Frau und seine f&uuml;nf
+Kinder wohl erstickt seien. Der Wundarzt schickte seinen Sohn
+und den Lehrer Zimmermann sofort nach der Sudenburg
+hinaus, und sie kamen mit der Ungl&uuml;cksbotschaft zur&uuml;ck, da&szlig;
+man dorten sechs Leichen aus dem Schutt des niedergebrannten
+Hauses geschafft habe. Es war auch schon eine amtliche
+Anzeige eingegangen, und die Kriminaldeputation fand sich
+bei dem Wundarzt Koch ein, um von Holzwart Auskunft
+&uuml;ber die furchtbare Katastrophe zu erhalten.</p>
+
+<p>Sie trafen Holzwart krank und hinf&auml;llig durch den erlittenen
+Blutverlust, aber doch imstande, ihren Fragen Gen&uuml;ge
+zu leisten. Er erz&auml;hlte, da&szlig; ihm in der Nacht ein Mensch
+in seinen Verkaufsladen eingetreten sei und ihm zwei Stiche
+in die Brust versetzt habe; er sei mit dem Menschen ins Ringen
+gekommen, habe ihn verfolgt, habe neue Stiche erhalten, sei
+dann umgekehrt und habe sein Haus in Flammen stehend gefunden.
+Er sei zur&uuml;ckgewichen und fast ohne Besinnung in
+die Stadt gelaufen, und da sei er vor dem Kochschen Hause
+angelangt.</p>
+
+<p>Das alles klang weniger wie L&uuml;ge, als wie die unzusammenh&auml;ngenden
+Reden eines Fiebernden. Die Kleidungsst&uuml;cke, die
+Holzwart am Leibe hatte, waren nicht durchstochen, und die
+Schnitte am Hals sprachen eher f&uuml;r einen Selbstmordversuch
+als f&uuml;r Verwundungen von fremder Hand. Das Haus war
+nicht nieder-, sondern ausgebrannt; T&uuml;ren und Fenster boten
+<a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a>den Anblick einer gewaltsamen Zerst&ouml;rung. Die verkohlten
+und verst&uuml;mmelten Leichname der Frau, des Sohnes und der
+vier T&ouml;chter wurden in dem Zimmer neben dem Laden gefunden,
+und es erwies sich bald, da&szlig; an ihnen ein zwiefaches
+Verbrechen begangen worden war. Die K&ouml;rper zeigten deutliche
+Spuren der Ermordung; ihr Blut f&auml;rbte die Dielen
+der Zimmer, tr&auml;nkte die Polster des Sofas, hing in schweren
+Tropfen noch ungetrocknet an den St&uuml;hlen, hatte die Geschenke
+des Christabends, die Spielereien der unschuldigen
+Kleinen &uuml;berspritzt.</p>
+
+<p>Sollte also der Vater dieser sch&ouml;nen, gesunden und wohlgeratenen
+Kinder ihr M&ouml;rder sein? Aus welchem Grund?
+Aus Ha&szlig;? Aus Habsucht? Aus Not? H&auml;tte er sie geha&szlig;t,
+so w&auml;re es ja leichter gewesen, sich von ihnen zu entfernen.
+Die Welt ist gro&szlig;, und es hat schon mancher die ihm l&auml;stig
+gewordenen Familienbande abgesch&uuml;ttelt, seine Kinder der
+Willk&uuml;r des Geschicks preisgegeben und mit leichtsinnigem
+Mut in der Fremde Vergessenheit seiner Pflichten gesucht.
+Auch waren die Kinder schon &uuml;ber die Hilflosigkeit der ersten
+Jugend hinaus; die &auml;lteste Tochter war sechzehn, die zweite
+vierzehn, die dritte zehn, der Sohn neun Jahre, und nur das
+j&uuml;ngste Kind, ein M&auml;dchen im Alter von vier Jahren, stand
+in der ersten, ganz hilfsbed&uuml;rftigen Jugend. Das Ger&uuml;cht,
+da&szlig; die Kinder h&auml;tten erben sollen, erwies sich als falsch. Sie
+waren arm, hatten nie etwas besessen und auch keine Hoffnung
+auf Besitz. Da&szlig; sich die Familie in Not befand, war gewi&szlig;.
+Man wu&szlig;te, da&szlig; Holzwarts Verh&auml;ltnisse von Jahr
+<a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>zu Jahr zur&uuml;ckgegangen seien, ja da&szlig; er ein vollst&auml;ndig ruinierter
+Mann und sozusagen am Ende seiner Bahn angekommen
+war. Dies konnte aber keinen ausreichenden Anla&szlig;
+bilden, f&uuml;nf Kinder und eine Frau zu ermorden und zu verbrennen.
+Schon nach den ersten Tagen nannte man ihn
+M&ouml;rder und Mordbrenner, und da&szlig; er selbst t&ouml;dlich verwundet
+im Gef&auml;ngnisse lag und nach den Berichten der &Auml;rzte
+einem Verh&ouml;r noch nicht ausgesetzt werden durfte, glaubte
+niemand. Woher sollten ihm die Wunden gekommen sein?
+Sie h&auml;tten ihn in ein tragisches Licht gestellt, und man wollte
+von ihm nur als von einem verworfenen M&ouml;rder wissen.
+Was er gelitten und noch zu leiden hatte, darum k&uuml;mmerte
+sich kein Mensch. Aber der Tag kam, wo viele in sich gingen.</p>
+
+<p>Am Morgen des sechsten Tages begab sich der Untersuchungsrichter
+zu ihm ins Gef&auml;ngnis. Der Arzt hatte seinen
+Zustand soweit gebessert gefunden, da&szlig; eine schonende Vernehmung
+m&ouml;glich war. Doch lag er noch im Bette, sein
+&Auml;u&szlig;eres zeigte gro&szlig;e Ersch&ouml;pfung. Nachdem ihn der Richter
+mit einigen Fragen &uuml;ber sein k&ouml;rperliches Befinden hingeleitet
+hatte, erkundigte er sich, ob er sich zu erinnern verm&ouml;ge, was
+f&uuml;r Aussagen er am Morgen seiner Verhaftung gemacht.
+Ohne Z&ouml;gern bejahte Holzwart, f&uuml;gte aber sogleich hinzu,
+da&szlig; man ihm noch einige Tage Zeit g&ouml;nnen m&ouml;ge, dann
+w&uuml;rde er sich vollst&auml;ndig &uuml;ber die ganze Begebenheit aussprechen.
+Der Richter wendete ein, es w&auml;re besser, wenn er
+sich sogleich ausspr&auml;che, namentlich wenn er etwas auf dem
+Herzen h&auml;tte, und machte ihm bemerklich, da&szlig; er in seinem
+<a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>Richter nicht den kalten Menschen suchen solle, der mit Nichtachtung
+auf den Gesunkenen herabblicke, sondern einen Teilnehmenden,
+der mit schmerzlichem Gef&uuml;hl die Herzen der
+Verbrecher auszuforschen beflissen sei. Ganz ruhig richtete
+er daran die einfache Frage: &raquo;Haben Sie sich vergangen?&laquo;
+Holzwart richtete sich von seinem Lager auf, st&uuml;tzte sich auf
+den rechten Arm und sah den Richter stumm an. &raquo;Sind Sie
+schuldig?&laquo; setzte der Richter hastig hinzu. Holzwart legte
+sich zur&uuml;ck, sein Auge ruhte fest auf dem Gesicht des Richters,
+und eine tiefe Bewegung malte sich in seinen Mienen, als
+er antwortete: &raquo;Ja, ich bin schuldig.&laquo;</p>
+
+<p>Mit dieser Erkl&auml;rung mu&szlig;te sich der Richter vorerst begn&uuml;gen,
+wenn er das Leben des Gefangenen nicht in Gefahr
+bringen wollte, und erst nach mehreren Tagen schritt er zu
+einer eindringlicheren Forschung. Holzwart zeigte von der
+Stunde ab ein unbedingtes Vertrauen zu seinem Richter, und
+seine Aussagen stimmten so v&ouml;llig mit allen Ermittlungen
+&uuml;berein, da&szlig; man seine Wahrhaftigkeit nirgends in Zweifel
+ziehen konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich bin schuldig,&laquo; sagte er mit festem und ruhigem
+Ton; &raquo;es ist aber mein Verbrechen nicht das Werk eines augenblicklichen
+Einfalls. Jahrelang hatte ich erfahren m&uuml;ssen, da&szlig;
+ein Ungl&uuml;cksstern &uuml;ber mir und meiner Familie war. Diese
+&Uuml;berzeugung hat mich geleitet, als ich die Hand gegen die
+Meinen erhob. Kein andrer Grund als die Liebe h&auml;tte mich
+veranlassen k&ouml;nnen, eine so schreckliche Tat zu begehen. Die
+Liebe gab mir die Kraft, sie alle, die nach meiner Einsicht
+<a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>bald hilflos und erniedrigt dastehen w&uuml;rden, auf die schnellste
+und schmerzloseste Weise aus der Welt zu schaffen. Sie haben
+unbewu&szlig;t und froh die letzten Minuten ihres Daseins herannahen
+sehen. Ich begann die Tat mit meiner Frau und endete
+sie mit meiner j&uuml;ngsten Tochter.&laquo; Bei dieser Erkl&auml;rung durchzuckte
+ein furchtbarer Krampf den ungl&uuml;cklichen Mann, er
+pre&szlig;te die Augen zu und war unf&auml;hig, seine innerliche Erregung
+mit der Kraft zu bew&auml;ltigen, die er bis dahin gezeigt
+hatte. Erst am n&auml;chsten Tage konnte man das Verh&ouml;r fortsetzen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin an Entbehrungen gew&ouml;hnt,&laquo; sagte er, &raquo;aber zur
+Niedrigkeit bin ich nie hinabgesunken, habe mich nach meiner
+Denkungsweise immer fern von Gemeinem gehalten, und da
+es zuletzt mit mir so schlecht stand, da&szlig; nur Wohltaten
+und Almosen mir und meiner Familie das Dasein fristen
+konnten, sah ich keinen anderen Ausweg. Wenn mir auch
+nur der entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet h&auml;tte, w&uuml;rde
+ich nicht die Kraft zu der Tat gefunden haben. Mit dem
+ersten Januar trat der Zeitpunkt ein, wo wir als Bettler vor
+der Welt dastanden; der Entschlu&szlig;, den ich schon lange in
+mir trug, mu&szlig;te also vor dem ersten Januar ausgef&uuml;hrt werden.
+Je n&auml;her mir die schauerliche Notwendigkeit trat, desto mutloser
+wurde ich, bis endlich beim Anblick des letzten Talers,
+den ich vor mir liegen sah, die Gewalt der Not entschied.
+Jetzt mu&szlig;te ich.&laquo;</p>
+
+<p>Dieser letzte Taler, von dem er sprach, war in dem Schutt
+der verbrannten Wohnung wirklich gefunden worden. Er
+war geschw&auml;rzt und als M&uuml;nze kaum zu erkennen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>Der Richter wendete ein, da&szlig; er doch willens gewesen sei,
+nach Magdeburg zu ziehen und sogar schon ein Quartier
+f&uuml;r hundertdrei&szlig;ig Taler gemietet habe; wie das mit seinem
+Vorsatz, die Seinen durch Mord gegen Not zu sch&uuml;tzen, zu
+vereinen sei. Er antwortete, dies sei nur zur Beruhigung
+seiner Frau geschehen; er habe nie geglaubt und nie die Absicht
+gehabt, das Quartier wirklich zu beziehen. &raquo;Meine
+Existenzmittel waren verbraucht, ich sollte bedeutende Zahlungen
+leisten, und es lagen nur noch drei Tage vor mir,
+der Sonntag, der Montag, und der Dienstag. Mein Entschlu&szlig;
+schwankte schon seit dem Weihnachtsfeste; von einem
+Tag zum anderen schob ich die Ausf&uuml;hrung hinaus. Ich
+hatte schon &uuml;berlegt, ob ich nicht allein aus der Welt gehen
+sollte; mir war dann wohl nach dem f&uuml;rchterlichen Kampf,
+aber ihnen? Ich sah sie in der Armut, der Gemeinheit
+und dem Laster verfallen. Nein, zusammen aus der Welt,
+zusammen in den Frieden. Am Sonntag erhob sich der Gedanke
+in mir in seiner ganzen St&auml;rke. Um neun Uhr machte
+ich den Verkaufsladen zu. Meine Familie hielt sich gew&ouml;hnlich
+in dem Zimmer hinter dem Laden auf, ich hatte
+meine Wohnung daneben. Ich ging aus meiner Kammer
+durch den Laden und rief meine Frau. Sie folgte mir in
+mein Zimmer, und dort gab ich ihr einen Brief meines
+Bruders zu lesen. Sie sa&szlig; mit dem R&uuml;cken gegen mich gewendet,
+ich ergriff die Axt, die ich mir bereitgestellt hatte, und
+schlug ihr den Sch&auml;del und die Schl&auml;fen ein. Sie war
+augenblicklich tot und hatte auch nicht die leiseste Ahnung
+<a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>ihres nahen Endes gehabt. Ich legte die Leiche auf mein
+Sofa, wo schon mein Bett gerichtet war, doch so, da&szlig; es
+den Kindern nicht auffallen konnte. Dann ging ich wieder
+hin&uuml;ber und holte meine &auml;lteste Tochter. Unter dem Vorwand,
+da&szlig; ich ihr etwas diktieren m&uuml;sse, was sie mir aus
+der Apotheke holen sollte, gebot ich ihr, sich auf denselben
+Stuhl zu setzen, auf dem ihre Mutter gesessen war. Ich
+diktierte ihr, ich wei&szlig; nicht ob Kremortartari oder sonst so
+etwas; in dem Augenblick, wo sie sich &uuml;ber den Tisch b&uuml;ckte,
+schlug ich ihr ebenfalls den Sch&auml;del ein. Sie endete wie ihre
+Mutter ohne ein Schmerzgef&uuml;hl. Ich trug die Leiche &uuml;ber
+den Flur in die K&uuml;che, und zur Sicherheit schnitt ich mit
+meinem Rasiermesser die Halsmuskeln durch. Dann rief ich
+die zweite Tochter und t&ouml;tete sie auf dieselbe Weise, auf demselben
+Stuhl, mit demselben Beil. Die &uuml;brigen drei Kinder
+erschlug ich in ihrer Schlafkammer, wo sie in ihren Betten
+lagen und schliefen. Allen schnitt ich die Kehle zur Vorsicht
+durch, damit sie auf keine Weise noch einen Lebensfunken in
+sich sp&uuml;ren und Schmerz empfinden sollten. Jetzt war das
+Werk vollbracht und mir war leicht. Nur ich fehlte noch,
+nur ich und alles war gut.&laquo;</p>
+
+<p>Er erz&auml;hlte nun, wie er die Betten angez&uuml;ndet, sich daneben
+hingesetzt und seinen Hals durchschnitten habe. Aber
+er starb nicht, er atmete weiter. Sein Arm erschien ihm
+pl&ouml;tzlich wie gel&auml;hmt und zur&uuml;ckgehalten. An Mut und
+Entschlossenheit habe es ihm nie gefehlt; hatte er bis dahin
+Kraft bewiesen, so mu&szlig;te es ihm doch auch gelingen, sein
+<a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a>eigenes Leben zu zerst&ouml;ren. Er versetzte sich noch zwei Stiche
+in die Brust; es war umsonst. Sein Blut flo&szlig;, aber das
+Leben f&uuml;hlte er nicht schwinden. Von diesem Moment trat
+ein Zustand bei ihm ein, &uuml;ber den er keine Rechenschaft geben
+konnte. Er wu&szlig;te nicht, wie lange er bei den Leichen gewesen,
+der Qualm, der sich verbreitete, trieb ihn schlie&szlig;lich auf und
+hinaus. Es war ihm, als fliehe ihn der Tod, als m&uuml;sse er
+den Tod verfolgen. Du stirbst nicht, rief es in ihm, du
+kannst nicht sterben. Er lief fort, weg- und steglos, irrte lange
+durch einen Garten und kam endlich an das Haus des Wundarztes
+Koch.</p>
+
+<p>Der Richter fragte: &raquo;Was erwarten Sie denn nach einer
+solchen Tat?&laquo; Holzwart schaute mit einem heiteren Blick
+empor und antwortete ohne Zaudern: &raquo;Den Tod erwarte
+ich. Mit Freuden erwarte ich ihn, ich wollte ihn mir selbst
+geben, aber es ist mir leider nicht gelungen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Richter nennt Holzwart einen ungew&ouml;hnlichen Menschen,
+der sich meist gew&auml;hlt ausdr&uuml;ckte und bisweilen sogar
+in ein gewisses Pathos verfiel. Er war gro&szlig; und von stattlichem
+K&ouml;rperbau. Sein Gesicht war voll Ruhe, sein Blick
+frei, sprechend und sanft.</p>
+
+<p>Im Publikum erhoben sich Stimmen, die die Liebe zu
+den Seinigen in Zweifel stellten. Es wurde gesagt, er habe
+seine Kinder mit gro&szlig;er Strenge behandelt und barbarische
+Z&uuml;chtigungen &uuml;ber sie verh&auml;ngt. Bei n&auml;herer Beleuchtung
+verschwanden diese Anklagen. Was den Schein von H&auml;rte
+hatte, war Konsequenz gewesen, und es erwies sich auch, da&szlig;
+<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>Holzwart von den Pflichten eines Vaters ganz andere Begriffe
+gehabt hatte als mancher ehrbare B&uuml;rger. Man erinnerte
+sich eines Aufsatzes, den er viele Jahre vorher in der
+Magdeburger Zeitung hatte drucken lassen und worin er
+die Unerl&auml;&szlig;lichkeit und heilsame Folge strenger Zucht betont
+hatte. Dar&uuml;ber waren alle Zeugen einig, da&szlig; es keine artigeren
+und besseren Kinder gegeben habe als Holzwarts
+Kinder, insbesondere das j&uuml;ngste sei ein h&ouml;chst anmutiges
+Gesch&ouml;pf gewesen, der Liebling des Vaters, wurde gesagt.
+Dies erkl&auml;rte auch die tiefe und m&auml;chtige Bewegung, die ihn
+durchzittert hatte, als er bekannte: &raquo;Das j&uuml;ngste Kind war
+das letzte, das ich t&ouml;tete.&laquo;</p>
+
+<p>Der Fleischer Wothge, der Holzwart oft Beistand in
+seinem Gesch&auml;ftsbetrieb gewesen ist, bekundete die bemerkenswerte
+Tatsache, da&szlig; Holzwart nicht f&auml;hig gewesen sei, ein
+Schwein zu schlachten. Wenn er dabei behilflich sein sollte,
+so bebte er vor innerer Aufregung und Beklemmung. &raquo;Er
+war &uuml;berhaupt ein sonderbarer Mann,&laquo; &auml;u&szlig;erte sich dieser
+Zeuge; &raquo;ich kann mich dar&uuml;ber nicht so ausdr&uuml;cken, wie ich
+m&ouml;chte, aber es scheint mir, als h&auml;tte er sich Vorbilder nach
+B&uuml;chern zum Muster aufgestellt. Ich habe ihn von Abd-el-Kadr,
+von Faust, von Ibrahim Pascha mit Lebendigkeit
+und Begeisterung sprechen h&ouml;ren. Das waren seine Leute.
+Er meinte immer: Gro&szlig;artig sterben m&uuml;sse der Mensch.&laquo;</p>
+
+<p>Und weiter erz&auml;hlte Wothge: &raquo;Im vergangenen Jahre,
+als das f&uuml;rchterliche Gewitter &uuml;ber uns stand, schlachtete ich
+eines Abends um elf Uhr bei ihm. Mitten unter dem schauerlichen
+<a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>Donner sagte er zu mir: &#8250;Ich wollte, alles w&auml;re hin;
+was ich auch anfange, das Ungl&uuml;ck ist immer hinter mir her.&#8249;
+Es war eine oftmals wiederholte Rede von ihm: &#8250;Man mu&szlig;
+nie m&uuml;ssen, sondern nur wollen. Aber alle im Staate m&uuml;ssen,
+nur einer will, das ist der K&ouml;nig.&#8249; Ein andermal fragte er
+mich &uuml;ber Glaubenssachen, und als ich ihm entgegnete, ich
+glaubte das, was im Katechismus stehe, rief er: &#8250;Dann sind
+Sie ein Tor!&#8249; und ging von mir fort. Er war &uuml;brigens ein
+sehr reeller Mann, wu&szlig;te sich in Respekt zu setzen und f&uuml;hrte
+immer durch, was er sich vorgenommen hatte. &#8250;Bricht&#8217;s, so
+bricht&#8217;s&#8249;, pflegte er zu sagen. Seine Lieblingsbesch&auml;ftigung
+war das Schachspielen. Drei Freunde aus Magdeburg haben
+ihn &ouml;fters besucht, blo&szlig; um mit ihm Schach zu spielen. Eines
+Tages kam er auf sein Elternhaus zu sprechen, und da erz&auml;hlte
+er mir, da&szlig; zwischen ihm und seinem Vater oft wilde
+Szenen vorgekommen seien. Einmal bei einem Streit habe
+sein Vater ihm geflucht, und von diesem Augenblick an sei
+sein Gl&uuml;cksstern untergegangen.&laquo;</p>
+
+<p>Holzwarts Bruder erkl&auml;rte dessen Verm&ouml;gensverfall aus
+ungl&uuml;cklichen Konjunkturen und bekr&auml;ftigte, da&szlig; er mit redlichem
+Willen und unerm&uuml;dlichem Eifer stets danach gestrebt
+habe, sich und seine Familie zu ern&auml;hren. Er sei niemals arbeitsscheu
+gewesen, sondern es habe immer den Anschein gehabt,
+als solle seine T&auml;tigkeit vergeblich sein. Er schrieb ihm
+eine Anlage zum Tiefsinn zu, die er vom Vater ererbt hatte.
+Es sei ihm nicht m&ouml;glich gewesen, sich an einen Menschen
+zutraulich anzuschlie&szlig;en. In G&uuml;te h&auml;tte man aber alles von
+<a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>ihm erlangen k&ouml;nnen; wenn er aber Widerstand gefunden,
+wo er im Recht zu sein geglaubt, oder wenn er sich verkannt
+gesehen, habe ihn der heftigste Zorn ergriffen.</p>
+
+<p>&raquo;Er hatte einen streng rechtlichen Sinn und ein feines
+Gef&uuml;hl,&laquo; &auml;u&szlig;erte sich weiterhin der Bruder bei einer Zeugenvernehmung.
+&raquo;Es lag ein Stolz in seinem Charakter, der
+es ihm unertr&auml;glich machte, die Hilfe anderer in Anspruch
+nehmen zu m&uuml;ssen. Ebenso unertr&auml;glich war ihm der Gedanke,
+seine Kinder, die er sehr liebte, nach seinem Tode dem
+Mitleid fremder Leute preisgegeben zu sehen. Au&szlig;erdem hatte
+er die Idee gefa&szlig;t, da&szlig; seinen Sohn ein ebenso ungl&uuml;ckliches
+Dasein erwarte, wie er selbst es gef&uuml;hrt. Wie gro&szlig;m&uuml;tig
+und redlich seine Denkungsart war, zeigte sein Benehmen,
+als er vor einigen Jahren in der Lotterie spielte. Bei der
+Klasseneinzahlung bot er in einer Anwandlung froher Laune
+und gewi&szlig; in der &Uuml;berzeugung, da&szlig; er nichts gewinnen werde,
+seiner Schw&auml;gerin die H&auml;lfte des Gewinnes an. Das Los
+kam in der letzten Ziehung mit einem Gewinn von tausend
+Talern heraus. Holzwart hielt sich seinem Versprechen gem&auml;&szlig;
+f&uuml;r verpflichtet, der Schw&auml;gerin die H&auml;lfte davon zu
+zahlen, obgleich sie kein Recht geltend machen und die Abmachung
+nur f&uuml;r Scherz angesehen werden konnte. Er blieb
+dabei, er m&uuml;sse das Geld teilen, weil er es versprochen habe,
+und er br&auml;che niemals sein Wort. Als ich ihm vor Jahresfrist
+aus einer Verlegenheit half, sagte er bewegt zu mir:
+&raquo;Glaube mir, es wird mir schwerer, dein Geld zu nehmen,
+als es dir vielleicht ist, es zu geben.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a>Die Geschichte seines Lebens, die Holzwart vor dem Richter
+erz&auml;hlte, trug das unverkennbare Gepr&auml;ge der Wahrheit und
+folgt hier mit seinen eigenen Worten.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Vater hatte mich zum Seifensieder bestimmt, und
+da ich nun einmal nicht studieren sollte und durfte, war mir
+das recht. Mein Vater hatte mich so sehr an Gehorsam gew&ouml;hnt,
+da&szlig; es mir nicht eingefallen w&auml;re, mich gegen seinen
+Befehl zu str&auml;uben. Die Wahl des Meisters war nicht g&uuml;nstig
+f&uuml;r mich. Ich merkte bald, da&szlig; ich unter solcher Anleitung
+nichts vom Gesch&auml;ft begreifen w&uuml;rde. Ich klagte es meinem
+Vater, da&szlig; mich der Lehrherr mehr zu Hausarbeiten als zum
+Seifensieden verwende, doch dies wurde nicht von ihm beachtet.
+Auch meine Mutter h&ouml;rte nicht eher auf diese Klagen,
+als bis es zu sp&auml;t war. Das Lehrgeld war weggeworfen, und
+nach dreij&auml;hriger Lehrzeit ging ich als Geselle aus diesem Gesch&auml;ft
+nicht um ein Haar kl&uuml;ger, als ich hingekommen war.
+Ich trat die Wanderschaft an, fand nat&uuml;rlich wegen meiner
+Unbrauchbarkeit nirgends lange Arbeit, und um nicht in
+Not zu geraten, kehrte ich in die Heimat zur&uuml;ck. F&uuml;rs erste
+blieb ich im elterlichen Hause, wo man eine w&uuml;nschenswerte
+Unterst&uuml;tzung an mir fand. Dann versuchte ich es noch einmal
+in Eisleben als Volont&auml;r in einem Seifensiedergesch&auml;ft,
+doch wurde dies meinen Eltern mit der Zeit zu kostspielig,
+ich gab die Seifensiederei f&uuml;r immer auf und blieb nun f&uuml;nf
+Jahre in meines Vaters Gesch&auml;ft. Ich lebte dort in dr&uuml;ckenden,
+sehr unangenehmen Verh&auml;ltnissen, die vornehmlich durch
+meines Vaters Schw&auml;che, mit den Dienstm&auml;dchen allzu vertraulich
+<a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>umzugehen, herbeigef&uuml;hrt wurden. Mein Vater
+behandelte mich sehr nachl&auml;ssig, was bei meinem ohnehin
+reizbaren Ehrgef&uuml;hl eine bedeutende Wirkung auf mich aus&uuml;bte.
+Im Hause meiner Eltern befand sich auch meine nachherige
+Frau; nicht eigentlich als Ladenmamsell, sondern mehr
+aus Gef&auml;lligkeit gegen meine Mutter, die die ganze Last des
+ausgebreiteten Schm&auml;lzergesch&auml;fts allein zu tragen hatte. Ich
+gewann das M&auml;dchen lieb und w&uuml;nschte sie zu heiraten. Im
+Grunde meines Herzens trieb mich mehr die Unertr&auml;glichkeit
+meiner Lage als die Sehnsucht nach der Ehe zu dem Eifer,
+womit ich meine Eltern um Gr&uuml;ndung eines Haushalts f&uuml;r
+mich anging. Lange str&auml;ubten sie sich gegen die Verbindung,
+endlich willigten sie ein und gaben mir hundert Taler Gold
+zur Errichtung eines Materialladens; meine Frau brachte
+mir ungef&auml;hr ebensoviel dazu, und mit diesem Kapital begann
+ich voller Hoffnung mein selbst&auml;ndiges Leben und meine Ehe.
+Die Kaufleute gew&auml;hrten mir willig und gern Kredit, so sah
+ich trotz des geringen Verm&ouml;gens einer g&uuml;nstigen Schicksalswendung
+entgegen.</p>
+
+<p>Aber wenn fr&uuml;her meine Verh&auml;ltnisse dr&uuml;ckend waren, so
+verfolgte mich jetzt ein Ungl&uuml;ck nach dem andern. Mit dem
+besten Willen ging ich an mein Gesch&auml;ft, doch schon im ersten
+Jahre wurde meine Frau nach der Entbindung krank und
+blieb volle f&uuml;nf Vierteljahre in &auml;rztlicher Behandlung.
+Sie mu&szlig;te teure B&auml;der nehmen, und die Rechnungen f&uuml;r
+den Doktor und den Apotheker beliefen sich auf hundertzweiunddrei&szlig;ig
+Taler. Ich mu&szlig;te Schulden machen und erkannte
+<a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a>bald die Unm&ouml;glichkeit, mich in der Neustadt zu halten.
+Ehe noch ein Konkursverfahren eingeleitet werden konnte,
+wurde ich mit Hilfe meiner Mutter den Gl&auml;ubigern gerecht
+und gab das Gesch&auml;ft auf. Ich &uuml;bernahm nun auf den Vorschlag
+meiner Eltern den Laden im Bonteschen Haus auf
+dem Markt, worin neben einem Schenklokal ein Handel
+mit Schm&auml;lzerwaren betrieben wurde. Ich sah gleich, da&szlig;
+diese Art von Wirtschaft nichts f&uuml;r mich war; zu einer
+Schenkstube geh&ouml;rte ein anderes Wesen als das meine. Die
+Fleischwaren bekam ich aus dem elterlichen Gesch&auml;ft und verkaufte
+sie eigentlich auf Rechnung meines Vaters, wobei mir
+nur der kleine Gewinn zufiel, den ich in der Schenkstube
+machte. Steuern f&uuml;r das Gewerbe, sowie Ladenmiete mu&szlig;te
+ich aber bezahlen. Dazu kam, da&szlig; bei dem Laden keine Wohnung
+war und ich die Wohnung f&uuml;r meine Familie apart
+halten mu&szlig;te. Es brach zu jener Zeit die Cholera in Magdeburg
+aus und raffte sogleich einen der beliebtesten G&auml;ste
+meines Lokals, den Goldschmied Schladen, hinweg, die &uuml;brigen
+M&auml;nner bekamen Furcht und mieden meine Schenkstube,
+sie stand ver&ouml;det, und ich mu&szlig;te neue G&auml;ste anzuwerben suchen.
+Es schlug fehl, und nach abermals zwei Jahren mu&szlig;te ich
+das Gesch&auml;ft mit einer baren Einbu&szlig;e von sechshundertsechzig
+Talern aufl&ouml;sen.</p>
+
+<p>Viele haben den Verfall meines Hauswesens meiner Vorliebe
+f&uuml;r wissenschaftliche Besch&auml;ftigung zugeschrieben, aber
+damit hat man mir unrecht getan. Ich hatte allerdings
+gro&szlig;es Interesse an der Literatur, las gerne historische und
+<a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>naturwissenschaftliche Werke, begann auch zur damaligen
+Zeit ein Tagebuch, worin ich eigene Ideen und gute aufgefundene
+Gedanken verzeichnete, mu&szlig; auch gestehen, da&szlig; ich
+nach der Erz&auml;hlung von Alvensleben &raquo;Der Racheschwur&laquo;
+ein Drama zu arbeiten anfing; aber alles dies f&uuml;llte nur
+meine Mu&szlig;estunden aus, die von anderen M&auml;nnern beim
+Kartenspiel und Biertrinken verbracht wurden.</p>
+
+<p>Ich versank nun in gro&szlig;e Not, und meine Mutter unterst&uuml;tzte
+mich ein wenig. Ich fa&szlig;te den Plan, in die weite Welt
+zu gehen und zu versuchen, ob nicht irgendein Platz f&uuml;r mich
+zu finden sei, wo ich meinen Lebensunterhalt gewinnen konnte.
+Mein Blick richtete sich auf Prag, wo ein Bruder meiner
+Mutter, der Wei&szlig;gerber Grosse, in guten Umst&auml;nden lebte.
+Ich trennte mich von meiner Familie. Es war ein schmerzlicher
+Abschied, aber ich ging nicht eher von ihnen, als bis
+mir meine Mutter in Gegenwart meines Bruders das Versprechen
+geleistet hatte, m&uuml;tterlich f&uuml;r sie zu sorgen. Man
+schlug mir vor, die franz&ouml;sische Handschuhmacherei zu erlernen,
+und wirklich schien mir dies ein Erwerbszweig, der eintr&auml;glich
+zu werden versprach. Mein Onkel in Prag gab das Lehrgeld
+her, und obwohl ich nicht mehr in den Jahren war,
+wo man als Lehrling in einen neuen Beruf tritt und mir die
+Sache sehr sauer wurde, st&auml;rkte mich doch der Gedanke an
+meine Familie soweit, da&szlig; ich meinen Vorsatz gl&uuml;cklich durchf&uuml;hrte.
+Nach zehn Monaten war ich Gehilfe des Meisters,
+der sich redlich M&uuml;he mit mir gegeben hatte. Wieder in der
+Heimat angelangt, setzte ich alles daran, ein Handschuhmachergesch&auml;ft
+<a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a>zu gr&uuml;nden. Mit etwas Geldmitteln w&auml;re es
+mir wohl gelungen, allein ich hatte kein Geld, mein Vater
+wollte mir keins geben, die Mutter gab mir f&uuml;nfzig Taler.
+Davon mu&szlig;te ich die H&auml;lfte f&uuml;r Arbeitszeug verwenden, und
+es blieb mir nicht einmal soviel, wie zum Ledereinkauf notwendig
+war. Dennoch versuchte ich mein Heil und hielt mich
+wirklich einige Zeit. Aber schlie&szlig;lich ging es bergab, und mein
+Ruin war t&auml;glich zu erwarten. Da starb mein Vater, und
+ich trat jetzt in das elterliche Gesch&auml;ft als P&auml;chter ein. Anfangs
+machte ich gute Gesch&auml;fte, aber bald wurde der Verdienst
+geschm&auml;lert durch die vielen neuerrichteten Schm&auml;lzerl&auml;den.
+Es trat noch das Mi&szlig;geschick hinzu, da&szlig; die Schweine
+pl&ouml;tzlich sehr teuer wurden, und dies ist ein harter Schlag
+f&uuml;r den Schm&auml;lzer, da die Waren noch eine Zeitlang in den
+alten Preisen bleiben, also bei jedem Schlachten zugesetzt
+werden mu&szlig;. Ich blieb mit der Miete an meine Mutter
+r&uuml;ckst&auml;ndig, der Magistrat erh&ouml;hte die Pacht des Ladens
+unter dem Rathaus von sechzig auf hundert Taler, und im
+dritten Jahre wurde ich bankrott. Ich &uuml;bergab meiner Mutter
+ihr Eigentum wieder, sie verkaufte das Haus und lie&szlig; mir
+unter Anrechnung auf mein sp&auml;teres Erbteil f&uuml;nfhundert
+Taler zum Kauf eines kleinen Hauses in der Junkerstra&szlig;e,
+wo ich von neuem eine Schm&auml;lzerei anlegte. Ich mu&szlig;te viel
+Geld verbauen; es w&auml;re aber doch gegangen, wenn nicht ein
+Gl&auml;ubiger der zweiten Hypothek mir sein Kapital gek&uuml;ndigt
+und ich einen neuen h&auml;tte erhalten k&ouml;nnen. Ich mu&szlig;te wieder
+verkaufen und habe gro&szlig;en Schaden erlitten.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>Jetzt war ich vollkommen herunter. Meine Mutter
+konnte nicht mehr helfen, mein Bruder hatte ein Gut in
+Lendorf gekauft und bot mir eine Freistatt. Ich ging zu ihm,
+als Arbeitsmann im wahren Sinn des Wortes. F&uuml;nf Monate
+hielt ich es aus, da trieb mich die Sehnsucht nach den
+Meinigen wieder zur&uuml;ck. Meine Frau hatte sich mit dem
+Schm&auml;lzerladen im Rathaus, der uns noch verblieben war,
+k&uuml;mmerlich durchgebracht. Ich versuchte nun in Magdeburg
+einen neuen Erwerb und erlernte das Oblatenbacken. Meine
+Mutter scho&szlig; mir f&uuml;nfzig Taler vor, und ich begann dies
+Gesch&auml;ft. Aber es war, als h&auml;tte das Schicksal nur darauf
+gewartet, bis ich wieder Hoffnung gefa&szlig;t hatte. Kaum hatte
+ich einigen Vorrat liegen, so kamen die neuen Bl&auml;ttchen mit
+der Namenchiffre auf, meine Oblaten blieben als altmodisch
+unverkauft, und ich war wieder fertig. Da ging ich mit
+meiner ganzen Familie nach Lendorf zur&uuml;ck, und wir blieben
+dort ungef&auml;hr ein Jahr. Um diese Zeit verkaufte mein Bruder
+das Gut, und meine Mutter starb. Jetzt hatte ich freilich
+ein Erbteil zu erwarten, mit dem sich etwas beschaffen lie&szlig;.
+Ich bekam tausend Taler. Mit diesem Gelde kaufte ich ein
+Geh&ouml;ft in Gommern, wo Gastwirtschaft betrieben wurde.
+W&auml;hrend meines Aufenthaltes in Lendorf hatte ich mich als
+Landwirt t&uuml;chtig ge&uuml;bt und Lust zum Feldbau bekommen.
+Die Frequenz des Gasthofs war gering, das Feld bestand nur
+aus zehn Morgen Ackerland, ich sah, da&szlig; nicht viel zu gewinnen
+sei, und da ich nach einem Jahre vorteilhaft verkaufen
+konnte, entledigte ich mich der Wirtschaft fr&uuml;h genug, um
+<a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>keinen Schaden zu erleiden. Damals gewann ich auch tausend
+Taler in der Lotterie, von denen ich die H&auml;lfte meiner
+Schw&auml;gerin gab. Ich wollte mir nun ein kleines G&uuml;tchen
+kaufen, dazu reichten die Mittel nicht. Obwohl ungern, entschlo&szlig;
+ich mich endlich, wieder eine Schm&auml;lzerei zu errichten,
+und zwar in der Sudenburg.</p>
+
+<p>Ich hatte tausend Taler im Besitz. Die Herstellung des
+Ladens und die Anschaffung der Utensilien kosteten hundertsechzig
+Taler. Verdient wurde wenig. Die Schweine waren
+in dem Jahre sehr wohlfeil. Der Bauer hatte kein Futter
+f&uuml;r das Vieh und mu&szlig;te verkaufen. Ich glaubte richtig zu
+spekulieren, wenn ich Schweine kaufte und steckte zweihundert
+Taler in den Handel, um einen ordentlichen Wintervorrat
+zu haben. Ich hatte mich leider verrechnet. Alle Leute hatten
+selbst Schweine gekauft und geschlachtet. Man holte mir
+nichts ab. Das Gesch&auml;ft geriet ganz und gar ins Stocken.
+Schinken und Schlackw&uuml;rste bewahrte ich f&uuml;r den Sommer
+auf. Eine entsetzliche Hitze kam und verdarb mir die Vorr&auml;te.
+Im n&auml;chsten Jahre stiegen die Schweine zu einem ungeheuren
+Preis, aber unsre Ware blieb auf dem alten Fu&szlig;.
+Ich hatte jetzt nur noch hundertvierzig Taler. Die Einnahme
+war erb&auml;rmlich; der t&auml;gliche Erl&ouml;s betrug oft nur f&uuml;nfzehn
+Silbergroschen. Wir mu&szlig;ten vom Kapital leben. Beim
+Ablauf des Jahres war ich dem Viehh&auml;ndler hundertsechzig
+Taler schuldig. Mein Bruder erbot sich, mir vierhundert
+Taler zu leihen, und einer von meinen Bekannten legte hundert
+Taler dazu. Von diesem Gelde lebte ich mit meiner
+<a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a>Familie, nachdem ich den Viehh&auml;ndler bezahlt hatte. Ich
+schlachtete immer weniger. Im Jahre 1845 war alles Geld
+rein aufgezehrt. Es nahte der Winter, und die Not wurde
+bedrohlich. Abermals mu&szlig;te ich meinen armen Bruder um
+Hilfe ansprechen. Er sendete mir zwanzig Taler, und dann
+wieder zwanzig Taler, und gegen Weihnachten aus freien
+St&uuml;cken f&uuml;nf Taler zu Geschenken f&uuml;r meine Kinder. Meine
+Schuld beim Viehh&auml;ndler war wieder auf anderthalb hundert
+Taler gestiegen.</p>
+
+<p>Jetzt trat der Gedanke immer unwiderstehlicher an mich
+heran, mich und meine Familie schmerzlos aus der Welt zu
+schaffen, wo unserer nur Elend wartete, ich hatte keine Aussicht,
+keine Hoffnung mehr. Es blieb nur das Verhungern
+&uuml;brig. Ich war au&szlig;erstande, die Meinen vor dem Untergang
+zu retten. Diese Gedanken machten mich fast krank,
+aber ich verriet sie nicht, und sie kehrten wie im Kreise immer
+wieder auf den Punkt zur&uuml;ck: Du bist dem Bettelstab verfallen.
+Vorw&uuml;rfe &uuml;ber mein Leben und meine Gesch&auml;ftst&auml;tigkeit
+konnte ich mir nicht machen. Ich habe immer geglaubt,
+richtige Ma&szlig;regeln zur Verbesserung meiner Lage ergriffen zu
+haben, aber meine Bem&uuml;hungen sind stets fehlgeschlagen. Verlust
+&uuml;ber Verlust, was ich angriff, mi&szlig;lang. Bei der Erinnerung
+an all dies Leiden wurde mein Entschlu&szlig; fester, und mein
+Gem&uuml;t st&auml;hlte sich. Die Notwendigkeit trieb mich zur Tat.&laquo;</p>
+
+<p>Bei gebessertem Gesundheitszustand konnte Holzwart nach
+einiger Zeit in das Verh&ouml;rzimmer gef&uuml;hrt werden. Seine
+Erscheinung war jetzt die eines zufriedenen und ergebenen
+<a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>Mannes. Es schien, als betrachte er das ihm neugeschenkte
+Leben mit einem mitleidigen L&auml;cheln, als wollte er fragen:
+wozu? Er wiederholte sein Gest&auml;ndnis, und es war ersichtlich,
+da&szlig; die Schilderung der Mordnacht ihm eine unaussprechliche
+Pein verursachte. Und wieder behauptete er feierlich,
+seine Tat sei das letzte Werk der Liebe gewesen. Auf
+den Einwand, weshalb er bei seiner ersten Vernehmung im
+Kochschen Hause nicht sogleich offen bekannt, sondern eine L&uuml;ge
+angegeben habe, erwiderte er, es sei diese L&uuml;ge die einzige in
+seinem ganzen Leben. Er habe nur den Fragen gen&uuml;gen, l&auml;stiges
+Zudringen abwehren wollen, weiter nichts. Da&szlig; er verhaftet
+und vor dem Gesetz verantwortlich gemacht werden k&ouml;nnte,
+daran hatte er nicht gedacht. Nach seiner Meinung war er
+niemand auf der Erde eine Auskunft zu geben verpflichtet,
+und seine Tat mu&szlig;te vor Gott allein verantwortet werden.</p>
+
+<p>Eine Tat, straf- und todesw&uuml;rdig vom Standpunkte des
+Rechtes, verworfen und abscheulich von dem der Moral. Der
+f&uuml;rchterliche Irrtum, eine Familie verloren zu glauben, wenn
+die Hilfsquellen der Existenz versiegen, beruhte hier auf
+Charakterfehlern nicht allein, sondern auf Gem&uuml;tsanlagen,
+die mit tragischer Liebe Bande des Blutes als unaufl&ouml;slich
+betrachten. Der Gedanke, da&szlig; die geliebten Menschen einzeln
+ihre Nahrung suchen sollten, &uuml;berstieg die Geisteskraft
+des Vaters; bis dahin im Scho&szlig;e der Familie vor dem Unheil
+geborgen, sollte er sie jetzt der Verf&uuml;hrung und der Verderbnis
+preisgeben? Die &auml;lteste Tochter war sch&ouml;n, vorzeitig
+entwickelt, bl&uuml;hend in Gesundheit und reizend durch freundliches
+<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>Betragen. &raquo;Sie w&uuml;rde ihre K&auml;ufer schon gefunden
+haben,&laquo; warf Holzwart einst im Gespr&auml;ch mit bitterem Hohne
+hin, &raquo;aber ich habe ihre Unschuld bewahrt und gerettet.&laquo;
+Der Richter wandte ein, das M&auml;dchen h&auml;tte ja bei seiner
+Sch&ouml;nheit eine g&uuml;nstige Wendung des Geschickes erleben
+k&ouml;nnen. Da antwortete Holzwart: &raquo;Die M&ouml;glichkeit lag
+ferne, denn sie war arm; jetzt ist ihr Schicksal gesicherter.&laquo;</p>
+
+<p>Im Dezember des Jahres 1846 wurde Holzwart verurteilt,
+nach dem Richtplatze geschleift, um mit dem Rade
+von unten herauf vom Leben zum Tode gebracht zu werden.
+Mit derselben Fassung und Haltung, die er bisher gezeigt,
+vernahm er das Urteil. Als ihm mitgeteilt wurde, da&szlig; ihm
+das Rechtsmittel der Appellation zustehe, erwiderte er ohne
+Besinnen, er habe die Strafe erwartet und durchaus nichts
+dagegen einzuwenden; er w&uuml;nsche in k&uuml;rzester Frist zu seinem
+Ziele zu kommen und wolle auch nicht von seinem Rechte
+Gebrauch machen, des K&ouml;nigs Gnade um Milderung der
+Strafe anzurufen, um den Vollzug des Verdikts nicht zu verz&ouml;gern.
+Bei dieser Erkl&auml;rung blieb er, trotzdem sein Verteidiger
+ihn zu anderer Ansicht zu bringen suchte. Es blieb diesem
+nichts weiter &uuml;brig, als seinem Willen entgegen zu handeln
+und aus eigener Machtvollkommenheit sich an den K&ouml;nig zu
+wenden. Damit verging Tag um Tag, Woche um Woche,
+und Holzwart erwartete vergeblich das Ende eines Lebens,
+das f&uuml;r ihn allen Wert und Reiz eingeb&uuml;&szlig;t hatte. Er glaubte,
+durch seine Verzichtleistung auf jeden Einspruch alle Hindernisse
+am besten beseitigt zu haben, und es gewann den Anschein,
+<a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>als siege wieder sein altes b&ouml;ses Schicksal, das immer
+seine Hoffnungen durchkreuzt hatte. Durch die seltene Verzichtleistung
+wurde ein Bericht nach dem anderen n&ouml;tig, eine
+Formalit&auml;t nach der anderen; bis zum September zogen sich
+die Verhandlungen hin, bevor man endlich dem K&ouml;nig das
+Todesurteil vorzulegen bereit war.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Zeit sa&szlig; Holzwart geduldig im Gef&auml;ngnis
+und harrte auf seinen Tod. Man gestattete ihm zu
+lesen, zu schreiben und Schach zu spielen. Er verfertigte die
+Schachfiguren aus Brot und malte mit Tinte ein Schachbrett
+auf Pappe. Es geh&ouml;rte zu seiner gr&ouml;&szlig;ten Freude, wenn
+der Aufseher Zeit gewann, mit ihm Schach zu spielen.</p>
+
+<p>Unter den Aufzeichnungen, die er zu Papier brachte, fanden
+sich Gedichte wie dieses:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich bin belohnt, da&szlig; ich euch gl&uuml;cklich w&auml;hne,<br /></span>
+<span class="i0">Euch &uuml;berhoben wei&szlig; alljeder Erdentr&auml;ne.<br /></span>
+<span class="i0">Gibt&#8217;s ein Elysium, so ist&#8217;s f&uuml;r euch errungen,<br /></span>
+<span class="i0">Durch euer Blut hab ich es euch erzwungen.<br /></span>
+<span class="i0">Nichts lastete auf euch, und schuldlos, sch&ouml;n und rein<br /></span>
+<span class="i0">Gingt ihr verkl&auml;rt zur ewigen Ruhe ein.<br /></span>
+<span class="i2">Ich bin belohnt.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p class="tb">Dann Tagebuchbl&auml;tter.</p>
+
+<p class="diary">Am 10. M&auml;rz.</p>
+
+<p>O k&ouml;nnt ich dem Zauber Worte geben, der wie ein Gl&uuml;ck
+meinen Schlaf durchzieht. Nicht gaukelnd beschleicht mich
+<a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>der Tr&auml;ume Spiel &#8211; nein, g&ouml;ttlich begl&uuml;ckend &#8211; o, welche
+Wonne, wenn mein Bruder, wenn meine Kinder, die Mutter,
+die Eltern erscheinen. &#8211; Vor den Richterblicken der Welt
+mag es unverdient hei&szlig;en, doch in Tr&auml;umen liegt mein Gl&uuml;ck.
+Mein liebstes Kind sa&szlig; mir auf meinen Knien &#8211; so war
+es mir heute, ich sa&szlig; mit ihr bei allen Meinen. Das Kind
+umschlang mich s&uuml;&szlig; und dicht, die andern schmiegten sich an
+mich &#8211; von ferne sah die Mutter dieser Teuern auf uns
+und sprach: &raquo;Ach, da&szlig; du diese Tat hast tun k&ouml;nnen &#8211; wie
+schwer mu&szlig; sie dir geworden sein!&laquo;</p>
+
+<p class="diary">Im April.</p>
+
+<p>Bedarf es denn vor jenem Weltenrichter des Eingest&auml;ndnisses
+der Tat? Nein! Nein! Er wu&szlig;t sie ja, er braucht
+nun nicht zu fragen, er sah sie, kennt sie also schon genug.
+Rechtfertgen soll ich sie? Es blieb den Meinen nur Schmach
+und Elend &#8211; damit rechtfertige ich mich in Ewigkeit. Verk&uuml;ndet
+nur bald, wenn alles vollbracht, dem Lebensm&uuml;den die
+ewige Nacht.</p>
+
+<p class="diary">Im April.</p>
+
+<p>Ich will nichts glauben, will nichts denken, was die Vernunft
+nicht fa&szlig;t. Annehmen und feststellen nichts, was gegen
+die Natur verst&ouml;&szlig;t. Und doch komme ich immer darauf zur&uuml;ck
+&#8211; es gibt noch ein Etwas, nach welchem der Blick der
+Sterblichen vergeblich forschend sich richtet.</p>
+
+<p class="diary">Im August.</p>
+
+<p>F&uuml;nf Monate nach dem verk&uuml;ndeten Spruche. Himmel,
+diese Umst&auml;nde um einen einzigen Menschen. Ich wei&szlig;
+<a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>nicht, ob man bei einer Frage von Krieg und Frieden so
+viel Zeit gebraucht, und daran h&auml;ngt das Leben von Tausenden!</p>
+
+<p>Es gibt ein Etwas im gro&szlig;en Weltenraume, das unheilvoll
+sein Wesen treibt, und eine dunkle Ahnung sagt mir
+nur: es waltet gegen dich! Es waltet unsichtbar, es waltet
+stumm und grausig, dies d&auml;monische Wesen des Geisterreichs.</p>
+
+
+<p class="tb">Das Jahr ging zu Ende, ohne das vom K&ouml;nig best&auml;tigte
+Urteil zu bringen. Das Ger&uuml;cht von der Freigeisterei des
+seltsamen Verbrechers drang in die h&ouml;heren Kreise und f&uuml;llte
+manches gl&auml;ubige Herz mit Entsetzen. Die entschiedene Weigerung
+Holzwarts, den Geistlichen zu empfangen, seine ebenso
+entschiedene Ablehnung einer geistlichen Begleitung zum Richtplatz,
+und das finstere und verschlossene Wesen, das er zeigte,
+wenn der Gefangenenprediger bei ihm eintrat, verbreitete ein
+wahres Grauen vor ihm. Es wurden Versuche gemacht, ihn
+zu erleuchten, aber man stie&szlig; auf klare und festgegr&uuml;ndete
+&Uuml;berzeugungen statt auf b&ouml;sen Willen und dumpfe Verstocktheit,
+die man vorausgesetzt, und dagegen war aller fromme
+Bekehrungseifer machtlos.</p>
+
+<p>Das Jahr 1848 regte seine gewaltigen Schwingen.
+Die Unruhen wurden st&uuml;rmisch. Im Februar unterzeichnete
+der K&ouml;nig das Todesurteil, und endlich wurden Anstalten
+zur Hinrichtung getroffen. Es gab bei Magdeburg einen
+Anger, wo manches blutige Haupt gesunken, mancher menschliche
+<a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>Leib von den R&auml;dern zerstampft worden war. Hier sollte
+auch f&uuml;r Holzwart das Schafott errichtet werden; die k&ouml;nigliche
+Gnade hatte die Strafe des R&auml;derns in die der Enthauptung
+verwandelt. Der Tag wurde anberaumt, eine
+Truppenabteilung war schon kommandiert. Noch wu&szlig;te
+Holzwart nichts von den Veranstaltungen zu seinem nahen
+Ende, aber ihm ahnte etwas. Die Nachgiebigkeit des W&auml;rters
+verriet ihm zuerst die N&auml;he seines Endes. Aber er fragte
+nicht, er zagte nicht; sein Auge blieb ruhig und sein Herz
+stark. Alles war bereit, der Scharfrichter bestellt, da brach
+der Volksaufstand los. Die Bande des Gesetzes waren gel&ouml;st,
+und die Beh&ouml;rde scheute sich, eine Hinrichtung vollziehen
+zu lassen. Der Termin wurde vertagt.</p>
+
+<p>Vielleicht war dem Gefangenen doch manches Wort zu
+Ohren gedrungen, das ihm den Stand der Dinge verraten
+hatte, und wieder wie ehedem rief es in ihm: du stirbst
+nicht, kannst nicht sterben. Es bem&auml;chtigte sich seiner eine
+schmerzliche Unruhe; seine Geduld wich zuzeiten einer kurzen
+aber tiefen Erregung, und seine Papiere bezeugen es, da&szlig; ihm
+davor bangte, das Leben noch lange ertragen zu sollen.</p>
+
+<p class="diary">Im Mai 1848.</p>
+
+<p>Ein Mann, der edlen Trotz besitzt, sollte der voll ruhigen
+Gleichmuts nicht in Freude und Leid die Grenzen wissen?
+Welch ewiges Schwanken zwischen Leben und Tod, von
+heute zu morgen, von morgen noch weiter. Armer K&ouml;nig,
+immer Schach! Immer Schach! Schach bis zum matt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a></p>
+<p class="diary">Im Juni.</p>
+
+<p>Sie z&ouml;gern. Und ich gr&uuml;ble. Was h&auml;lt mich? Was
+m&ouml;chte ich noch? Das Grab der Meinen sehen, die Erde
+k&uuml;ssen, wo die Schlummernden ruhen. Unbegreiflich, da&szlig; ich
+mich bis jetzt lie&szlig; vertr&ouml;sten.</p>
+
+
+<p class="tb">Es findet sich die amtliche Anzeige des Gef&auml;ngnisinspektors
+an den Richter, da&szlig; Holzwart seit f&uuml;nf Tagen die Speisen unanger&uuml;hrt
+lasse und auf alle Vorw&uuml;rfe die Antwort erteilt
+habe, er werde sein Ziel zu erreichen wissen. Der Richter
+stellte ihn ernstlich zur Rede, und Holzwart scheint Reue empfunden
+zu haben, denn er schrieb am 4. Juli:</p>
+
+<p>&raquo;Genug, genug! Ich will alles ertragen. Der Ernst in
+seinem Auge; das harte Wort: Wenn Sie sich der verdienten
+Strafe entziehen, mu&szlig; ich Sie f&uuml;r einen Feigling halten!
+Ich beuge mich. Mein Leben sei ein tributpflichtiges
+Opfer.&laquo;</p>
+
+<p>Er kehrte zu der geduldigen Gelassenheit zur&uuml;ck, nachdem
+er vergeblich den Kampf mit seinem Geschick gewagt hatte.
+Als im preu&szlig;ischen Staate die Ordnung wiederhergestellt
+war, wurde das Todesurteil Holzwarts in lebenswierige
+Zuchthausstrafe verwandelt. Es mu&szlig; ihn ein ungeheurer
+Schrecken bei der Verk&uuml;ndigung dieses neuen Urteils erfa&szlig;t
+haben; eine mit fl&uuml;chtiger Schrift gemachte Aufzeichnung,
+die letzte, die &uuml;berhaupt vorhanden ist, lautet: Am Leben
+bleiben, solche Gnade! Gez&uuml;chtigt durch Zuchthaus f&uuml;r eine
+solche Tat! Es kann nicht sein, es darf nicht sein!</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_250" id="Page_250" title="250"></a>Seit der Gewi&szlig;heit seines Schicksals sprach er &uuml;berhaupt
+nicht mehr. Eine kalte Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht,
+und die freundliche Ruhe seiner Mienen war d&uuml;sterem
+Ernst gewichen. Im Zuchthaus f&uuml;gte er sich streng der Ordnung
+und zeigte sich im Benehmen und im Flei&szlig; exemplarisch.
+Da&szlig; er still und abgeschlossen seinen Weg verfolgte, schien
+jedermann nat&uuml;rlich. Man hatte nicht verfehlt, der Direktion
+des Zuchthauses die Selbstmordversuche Holzwarts selbst
+mitzuteilen, um sich bei den jetzt vermehrten Gr&uuml;nden zu solcher
+Tat der Verantwortung zu entheben. Die Furcht schien unn&uuml;tz.
+Ein Monat nach dem andern verlief, ohne der gesteigerten
+Aufmerksamkeit den geringsten Verdacht zu geben. Um
+so unerwarteter wirkte die amtliche Nachricht von Halle:</p>
+
+<p>Der von dem K&ouml;niglichen Kreis- und Stadtgericht hier
+eingelieferte Christian Holzwart aus Magdeburg st&uuml;rzte sich
+am Sonntag, den 28. Januar 1850 nachmittags um drei
+Uhr bei Ausgang aus der Kirche von der Verbindungsbr&uuml;cke
+des Fl&uuml;gels <em class="antiqua">B</em> und blieb auf der Stelle tot liegen, indem er
+sich den Hirnsch&auml;del gespalten und fast alle Glieder zerschmettert
+hatte.</p>
+
+<p>So war der ungl&uuml;ckliche Mann zur ersehnten Ruhe gekommen.
+Mit welchen Gef&uuml;hlen mag er die acht Monate
+im Zuchthaus in Gemeinschaft mit Menschen erlebt haben,
+die er als das Ver&auml;chtlichste im weiten Weltenraum bezeichnet
+hat? Mit welchen Gef&uuml;hlen mag er die Tiefe
+des Abgrunds ermessen haben, bevor er sich hinunterst&uuml;rzte?
+Den Tod zu zwingen, das war vielleicht seine st&auml;rkste Regung.</p>
+
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_251" id="Page_251" title="251"></a></p>
+<h2><a name="Karl_August_von_Weimar" id="Karl_August_von_Weimar"></a>Karl August von Weimar</h2>
+
+
+<p class="newsection">Die siebzehnj&auml;hrige Vormundschaft der Herzogin-Mutter
+Amalia bedeutet ein unverg&auml;ngliches Ruhmesblatt in der deutschen
+Geschichte, denn unter ihr wurde Weimar der Sammelpunkt
+jener Genien, denen die Unsterblichkeit sicher ist und durch
+die der Hof von Weimar einen stillen, aber hohen Glanz erhielt,
+wie er von keinem andern deutschen Hof jemals ausgegangen ist.</p>
+
+<p>Amalie von Braunschweig war, als sie die Regierung antrat,
+erst achtzehn Jahre alt; f&uuml;nf Jahre des siebenj&auml;hrigen
+Krieges fielen noch unter ihre Herrschaft. Die M&auml;nner, die
+sie im Hof- und Zivildienst vorfand, waren alle noch aus der
+alten Schule; desto neuer war ihre Pers&ouml;nlichkeit, und mit
+dieser setzte sie es durch, da&szlig; man sie ihre eigenen Wege gehen
+lie&szlig;. Die Erziehung, die sie ihrem Sohne, dem k&uuml;nftigen
+Herzog, gab, machte Epoche in der deutschen Prinzenerziehung;
+sie wagte es, ihn sich in voller Freiheit entwickeln zu lassen,
+ja sie berief sogar einen Poeten zu seinem Erzieher, den heitern
+Wieland, der damals Professor in Erfurt war und eben den
+goldenen Spiegel geschrieben hatte, einen F&uuml;rstenspiegel, der
+auf den jungen Kaiser Josef gerichtet war.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_252" id="Page_252" title="252"></a>Ein ungenannter Turist des achtzehnten Jahrhunderts,
+der in Weimar zum Hofball geladen war, schildert die Herzogin
+wie folgt: &raquo;Sie ist klein von Statur, sieht wohl aus,
+hat eine spirituelle Physiognomie, eine braunschweigische Nase,
+sch&ouml;ne H&auml;nde und F&uuml;&szlig;e, einen leichten und doch majest&auml;tischen
+Gang, spricht sehr sch&ouml;n, aber geschwind, und ihr ganzes
+Wesen ist angenehm. Es war auch ein Pharaotisch da, der
+geringste Einsatz war ein halber Gulden. Die Herzogin spielte
+sehr gener&ouml;s und verlor einige Louisdor; da sie aber gern
+tanzte, blieb sie nicht lange beim Spiel. Sie tanzte mit jeder
+Maske, die ihr entgegenkam, und ging nicht eher fort als
+bis um drei Uhr fr&uuml;h, da alles aus war.&laquo;</p>
+
+<p>Gouverneur der Prinzen Karl August und Konstantin
+war der Graf von Schlitz-G&ouml;rtz, ein ernster, gravit&auml;tischer
+und formenstrenger Herr, der mit Nachdruck auf Etikette
+hielt, aber doch im privaten Kreis allerlei Kurzweil zulie&szlig;.
+Friedrich der Gro&szlig;e hatte ihn w&auml;hrend des bayrischen Erbfolgekrieges
+zu einer diplomatischen Mission in M&uuml;nchen
+verwendet, sp&auml;ter war er Gesandter beim Reichstag zu Regensburg,
+wo er das deutsche Reich begraben sah. Da&szlig; er ein
+Mann von Geist war, bezeugt der Umstand, da&szlig; er Wieland
+an die Herzogin empfahl. Wieland zog wieder Knebel als
+Erzieher des Prinzen Konstantin nach Weimar, und Knebel
+war es, der dem jungen Karl August Goethe zuf&uuml;hrte. Goethe
+berief Herder, und Herder wurde der Magnet f&uuml;r Schiller.</p>
+
+<p>Karl Ludwig von Knebel war ein geb&uuml;rtiger Franke; er
+war Major unter Friedrich dem Gro&szlig;en und stand in Potsdam
+<a class="page" name="Page_253" id="Page_253" title="253"></a>in Garnison. Interessant durch seine barocke Genialit&auml;t,
+war er zugleich ein tiefer Hypochonder. Durch eine krankhafte
+Empf&auml;nglichkeit f&uuml;r unangenehme &auml;u&szlig;ere Eindr&uuml;cke
+war er von ihnen abh&auml;ngig und durch sie gest&ouml;rt. Wieland
+war sein Intimus, Lucrez, den er ins Deutsche &uuml;bersetzte, sein
+langj&auml;hriges Studium. Herder nannte ihn seinen lieben alten
+M&ouml;nch und den menschenfreundlichen Timon. Es war am
+11. Februar 1774, als Knebel seinem Herzog den Verfasser
+des G&ouml;tz und des Werther vorstellte. Auf die Einladung des
+Grafen G&ouml;rtz kam Goethe in das rote Haus in Frankfurt,
+und in seiner jugendlichen Sch&ouml;nheit und Liebensw&uuml;rdigkeit
+schien er dem Herzog wie geschaffen, der Genosse bei einem
+lustigen Genieleben zu werden, wie es ihm damals im Sinne
+stand. 1775 wurde Goethe f&ouml;rmlich nach Weimar eingeladen.
+Der in Karlsruhe zur&uuml;ckgebliebene Kammerjunker von
+Kalb hatte den Befehl, Goethe in einem von Stra&szlig;burg erwarteten
+Staatswagen nach Weimar zu bringen. Der
+Wagen blieb lange aus, Goethes f&uuml;rstenfeindlicher Vater
+hatte ihm schon mit dem spottenden Zuruf: &raquo;Nah bei Hof,
+nah bei der H&ouml;ll&laquo; die Furcht in die Seele geworfen, er k&ouml;nne
+nur der Spielball einer f&uuml;rstlichen Laune gewesen sein; er
+hatte bereits die Flucht angetreten und befand sich in Heidelberg,
+als er dort noch aufgehalten wurde. So hing es an
+einem Faden, da&szlig; Goethe nicht nach Weimar kam; noch
+in sp&auml;ten Jahren hat er sich des wahrhaft D&auml;monischen
+dieser Situation erinnert.</p>
+
+<p>&raquo;Goethe ging wie ein Stern in Weimar auf, der sich eine
+<a class="page" name="Page_254" id="Page_254" title="254"></a>Zeitlang in Wolken und Nebel verh&uuml;llte,&laquo; schreibt Knebel;
+&raquo;jeder hing an ihm, sonderlich die Damen. Er hatte noch
+die Werthersche Montierung an, und viele kleideten sich danach.
+Er hatte noch von dem Geist und Sitten des Romans an
+sich, und dieses zog an. Sonderlich den jungen Herzog, der
+sich dadurch in Geistesverwandtschaft seines Helden zu setzen
+glaubte. Manche Exzentrizit&auml;ten gingen zur selbigen Zeit vor,
+die ich nicht zu beschreiben Lust habe, die uns aber ausw&auml;rts
+nicht in den besten Ruf setzten. Goethes Geist wu&szlig;te ihnen
+indessen einen Schimmer von Genie zu geben.&laquo;</p>
+
+<p>Die Ger&uuml;chte &uuml;ber die Zust&auml;nde in Weimar mu&szlig;ten von
+recht schlimmer Art gewesen sein, da sogar Klopstock den auffallenden
+Schritt tat, sich als Mentor und Warner einzumischen.
+Goethe wies ihn mit Entschiedenheit zur&uuml;ck, und es
+kam zum Bruch zwischen beiden.</p>
+
+<p>Einen besondern Hof neben dem des Herzogs, dem regierenden
+Hof, wie er hie&szlig;, bildete der sogenannte verwitwete
+Hof der Herzogin Amalie. Wieland nennt die Herzogin eines
+der liebensw&uuml;rdigsten Gemische von Menschheit, Weiblichkeit
+und F&uuml;rstlichkeit; sie hatte nicht wenig Gefallen an dem
+Leben, das ihr Sohn mit Goethe f&uuml;hrte, und nahm selbst daran
+teil. Schon als Regentin hatte sie wie ein halber Student
+gelebt; einmal war sie auf einem Heuwagen mit acht Personen
+von Tieffurt nach Tennst&auml;dt gefahren, es kam ein Gewitter
+mit einem heftigen Regengu&szlig;, und die Herzogin, die
+wie die andern Damen in ganz leichtem Kleide war, zog
+Wielands Oberrock an. Sie fa&szlig;te alles mit Enthusiasmus
+<a class="page" name="Page_255" id="Page_255" title="255"></a>an und auf. So lernte sie Griechisch, und zwar so gut, da&szlig;
+sie nach kurzer Zeit den Aristophanes in der Ursprache lesen
+konnte. Am begeistertsten trieb sie Musik, malte auch und
+schw&auml;rmte f&uuml;r Italien und die italienische Literatur, in der
+ihr F&uuml;hrer der Rat Jagemann war, ein aus Konstanz entflohener
+M&ouml;nch. Die theatralischen Feste Amalies wurden
+entweder in der Stadt abgehalten oder in den Sommersitzen
+der Herzogin, in Tieffurt oder in Ettersburg. Namentlich
+im Park von Ettersburg wurden vor dem vertrauten Kreise
+der F&uuml;rstin viele lustige Gelegenheitsst&uuml;cke gegeben, so 1778
+Goethes Jahrmarkt in Plundersweilen, und 1779, zur Feier
+von Karl Augusts Geburtstag, eine derbe Parodie der Wielandschen
+Alceste. Die Arie: &raquo;Weine nicht, du Abgott meines
+Lebens&laquo; wurde auf die l&auml;cherlichste Art mit dem Posthorn
+begleitet, und auf den Reim schnuppe ein unendlich langer
+Triller gesungen. Nach dem St&uuml;ck folgte die sogenannte
+Kreuzerh&ouml;hungsgeschichte mit einem &uuml;blen Buch von Jacoby;
+Merck nagelte das Buch mit dem Einband an einen Baum,
+so da&szlig; die Bl&auml;tter im Winde flatterten, Goethe stieg in den
+belaubten Wipfel und hielt von dort herab ein hochnotpeinliches
+Halsgericht &uuml;ber die Scharteke.</p>
+
+<p>Neunzehn Jahre war Karl August alt, als er die ber&uuml;hmte
+Erkl&auml;rung gab, die den in sein Konseil einberufenen Dichter
+betrifft. Sie lautet: &raquo;Einsichtsvolle w&uuml;nschen mir Gl&uuml;ck,
+diesen Mann zu besitzen. Sein Kopf, sein Genie ist bekannt.
+Einen Mann von Genie an einem andern Orte gebrauchen,
+als wo er selbst seine au&szlig;erordentlichen Gaben gebrauchen kann,
+<a class="page" name="Page_256" id="Page_256" title="256"></a>hei&szlig;t ihn mi&szlig;brauchen. Was aber den Einwand betrifft, da&szlig;
+dadurch viele Leute sich f&uuml;r zur&uuml;ckgesetzt erachten w&uuml;rden, so
+kenne ich erstens niemand in meiner Dienerschaft, der meines
+Wissens auf dasselbe hoffte, und zweitens werde ich nie einen
+Platz, welcher in so genauer Verbindung mit mir, mit dem
+Wohl und Wehe meiner gesamten Untertanen steht, nach
+der Anciennit&auml;t, sondern ich werde ihn immer nur nach Vertrauen
+geben. Das Urteil der Welt, welches vielleicht mi&szlig;billigt,
+da&szlig; ich den Doktor Goethe in mein wichtigstes Kollegium
+setzte, ohne da&szlig; er zuvor Amtmann, Professor, Kammerrat
+und Regierungsrat war, &auml;ndert gar nichts. Die Welt urteilt
+nach Vorurteilen. Ich aber sorge und arbeite wie jeder
+andere, nicht um des Ruhmes, um des Beifalls der Welt
+willen, sondern um mich vor Gott und meinem Gewissen
+rechtfertigen zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Er war eher klein als gro&szlig; von Gestalt, aber in seiner
+Erscheinung lag von der Jugend bis in das sp&auml;teste Alter
+etwas Selbst&auml;ndiges und Energisches in sehr ungebundener
+und freier, fast studentischer Form; man pflegte ihn auch den
+Studenten von Jena zu nennen. Dem Major Knebel gegen&uuml;ber
+legte der vierundzwanzigj&auml;hrige F&uuml;rst einmal folgendes
+Selbstbekenntnis ab: &raquo;Ich mu&szlig; erstaunlich wehren, meinem
+Herzen und den Leidenschaften nicht die Z&uuml;gel schie&szlig;en zu lassen;
+es ist gar zu schwer, sich wieder in den unnat&uuml;rlichen
+Zustand zu f&uuml;gen, in dem unsereiner leben mu&szlig; und an den
+man so langsam sich gew&ouml;hnt zu haben glaubt.&laquo;</p>
+
+<table class="illustration">
+<tr><td><a href="./images/karl.png"><img src="./images/karl_th.png" alt="Karl August von Weimar" title="Karl August von Weimar" /></a></td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Karl August von Weimar,</em></td></tr>
+<tr><td class="small">nach einem Steindruck von C.&nbsp;A. Schwerdgeburth; 1824.</td></tr>
+</table>
+
+<p>Merck, Goethes wunderbarer Freund, lie&szlig; sich, als alle
+<a class="page" name="Page_257" id="Page_257" title="257"></a>Welt &uuml;ber die Streiche, die Karl August nach seiner Bekanntschaft
+mit Goethe machte, die K&ouml;pfe sch&uuml;ttelte, nicht beirren
+und vertrat nachdr&uuml;cklich den Wert des seltenen F&uuml;rsten.
+Am 3. November 1777 schrieb er aus Darmstadt an den
+Buchh&auml;ndler Nikolai in Berlin: &raquo;Ich hab Goethe neuerlich
+auf der Wartburg besucht, und wir haben zehn Tage
+zusammen wie die Kinder gelebt. Mich freuts, da&szlig; ich von
+Angesicht gesehen habe, was an seiner Situation ist. Das
+Beste von allem ist der Herzog, den die Esel zu einem schwachen
+Menschen gebrandmarkt haben und der ein eisenfester Charakter
+ist. Ich w&uuml;rde aus Liebe zu ihm eben das tun, was Goethe
+tut. Die M&auml;rchen kommen alle von Leuten, die ohngef&auml;hr
+so viel Auge haben, zu sehen, wie die Bedienten, die hinterm
+Stuhle stehen, von ihren Herrn und deren Gespr&auml;ch beurteilen
+k&ouml;nnen. Dazu mischt sich die scheu&szlig;liche Anekdotensucht
+unbedeutender, negligierter, intriganter Menschen, oder
+die Bosheit anderer, die noch mehr Vorteil haben, falsch zu
+sehen. Ich sage Ihnen aufrichtig, der Herzog ist einer der
+respektabelsten und gescheitesten Menschen, die ich gesehen
+habe.&laquo;</p>
+
+<p>Wie Goethe, liebte es Karl August, sich nach den Aufregungen
+des Weltlebens in die Einsamkeit zu begeben. Er
+suchte dann die Borkenh&uuml;tte im Park auf und konnte, w&auml;hrend
+Goethe in seinem Gartenhaus am Stern weilte, mit
+dem Freund durch verabredete Zeichen eine telegraphische Konversation
+&uuml;ber das Tal der Ilm hinweg herstellen. Im
+Sommer 1780 schrieb er aus diesem Retiro an Knebel: &raquo;Es
+<a class="page" name="Page_258" id="Page_258" title="258"></a>hat neun Uhr geschlagen, und ich sitze hier in meinem Kloster
+mit einem Licht am Fenster. Der Tag war au&szlig;erordentlich
+sch&ouml;n, ich war so ganz in der Sch&ouml;pfung, und so weit vom
+Erdentreiben. Der Mensch ist doch nicht zu der elenden Philisterei
+des Gesch&auml;ftslebens bestimmt; es ist einem ja nicht
+gr&ouml;&szlig;er zumute, als wenn man so die Sonne untergehen, die
+Sterne aufgehen, es k&uuml;hl werden sieht und f&uuml;hlt, und das
+alles so f&uuml;r sich, so wenig der Menschen halber; und doch
+genie&szlig;en sie&#8217;s, und so hoch, da&szlig; sie glauben, es sei f&uuml;r sie.
+Ich will mich baden mit dem Abendstern und neu Leben
+sch&ouml;pfen, der erste Augenblick darauf sei dein. Lebewohl solange.&laquo;
+Nach dem Bad in der Ilm f&auml;hrt er fort: &raquo;Das
+Wasser war kalt, denn die Nacht lag schon in seinem Scho&szlig;.
+Als ich den ersten Schritt hineintat, war&#8217;s so rein, so n&auml;chtlich
+dunkel; &uuml;ber den Berg hinter Oberweimar kam der volle
+rote Mond. Es war so ganz still. Wedels Waldh&ouml;rner
+h&ouml;rte man nur von weitem, und die stille Ferne machte mich
+reinere T&ouml;ne h&ouml;ren, als vielleicht die Luft erreichten.&laquo;</p>
+
+<p>In den achtziger und neunziger Jahren hatte sich der Charakter
+des Herzogs zu seiner Reife ausgebildet; der junge
+Wein hatte sich gekl&auml;rt, er stand jetzt goldrein im Pokale.
+&raquo;T&auml;glich w&auml;chst der Herzog und ist mein bester Trost,&laquo; schrieb
+Goethe 1780 an Lavater. Aber in den Briefen an die Frau
+von Stein findet sich auch manches sch&auml;rfere Urteil &uuml;ber Karl
+August, das freilich sp&auml;ter immer wieder gemildert wurde.
+Einmal &auml;u&szlig;erte er sich: &raquo;Mich wundert nun gar nicht mehr,
+da&szlig; F&uuml;rsten meist so dumm, toll und albern sind, nicht leicht
+<a class="page" name="Page_259" id="Page_259" title="259"></a>hat einer so gute Anlagen als der Herzog, nicht leicht hat
+einer so gute und verst&auml;ndige Menschen um sich und zu
+Freunden als er, und doch will&#8217;s nicht nach Proportion vom
+Flecke, und das Kind und der Fischschwanz gucken, eh man
+sich&#8217;s versieht, wieder hervor.&laquo; Vielleicht beirrte es Goethe und
+machte ihn ein wenig bitter, da&szlig; der Herzog h&auml;ufig sehr mutwillige
+Neckerei mit seiner Beziehung zu Frau von Stein
+trieb. Einmal enthielt er ihm einen ihrer Briefe vor und
+schickte ihn dann durch einen Husaren in zehn &uuml;bereinander
+gesiegelten Kuwerten mit folgenden Verszeilen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es ist doch nichts so zart und klein<br /></span>
+<span class="i0">So wird&#8217;s doch jemand plagen.<br /></span>
+<span class="i0">Zum Beispiel macht dein Briefelein<br /></span>
+<span class="i0">Husaren sehr viel klagen.<br /></span>
+<span class="i0">Heut sagte der, der&#8217;s Goethen bracht<br /></span>
+<span class="i0">Und schwur&#8217;s bei seinem Barte,<br /></span>
+<span class="i0">Viel lieber ging ich in die Schlacht<br /></span>
+<span class="i0">Als tr&uuml;g so Brieflein zarte.<br /></span>
+<span class="i0">Denn wie im Hui ist das Papier<br /></span>
+<span class="i0">Aus meiner weiten Tasche,<br /></span>
+<span class="i0">Und wer, wer stehet mir daf&uuml;r,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich es wieder hasche.<br /></span>
+<span class="i0">Unheimlich sagt er, es ihm sei,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn er so etwas trage,<br /></span>
+<span class="i0">Denn Billetdoux und Zauberei<br /></span>
+<span class="i0">Ist gleich, nach alter Sage.<br /></span>
+<span class="i0"><a class="page" name="Page_260" id="Page_260" title="260"></a>Drum schreibe Du, nach altem Brauch,<br /></span>
+<span class="i0">Auf Gro&szlig;-Royal-Papiere,<br /></span>
+<span class="i0">Damit der Tr&auml;ger k&uuml;nftig auch<br /></span>
+<span class="i0">Ja nichts vom Teufel sp&uuml;re.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Der Herzog hatte aber auch seine Herzensfreundin, und das
+war die Gr&auml;fin Werthern. Mit seiner Frau vertrug er sich
+schlecht. Die Herzogin Luise war eine formenstrenge Dame
+und hielt so stark auf Zeremoniell, da&szlig; es M&uuml;he kostete,
+Goethe zur Spielpartie bei ihr einzuschmuggeln. Im September
+1776, vor der Fahrt nach Ilmenau, schrieb Goethe
+an Charlotte von Stein: &raquo;Es ist mir lieb, da&szlig; wir wieder
+auf eine abenteuerliche Wirtschaft ausziehen, denn ich halt&#8217;s
+nicht aus. So viel Liebe, so viel Teilnahme, so viele treffliche
+Menschen, und so viel Herzensdruck.&laquo;</p>
+
+<p>Die Herzogin war im h&ouml;chsten Grade schwerbl&uuml;tig und
+schwerlebig, einsam in der Welt, ohne Freund, sogar Frau
+von Stein und Herder waren ihr zu leicht. Bei der Gr&auml;fin
+Werthern war der unruhige Herzog noch am ehesten festzuhalten.
+1782 schreibt er an Knebel: &raquo;Auf Ostern besuche
+ich die Gr&auml;fin, welche doch die beste aller Gr&auml;finnen ist, die
+ich kenne.&laquo; Um dieselbe Zeit schreibt Goethe: &raquo;Der Herzog
+ist vergn&uuml;gt, doch macht ihn die Liebe nicht gl&uuml;cklich, sein
+armer Schatz ist gar zu &uuml;bel dran, an den leidigsten Narren
+geschmiedet, krank und f&uuml;r dies Leben verloren. Sie sieht
+aus und ist wie eine sch&ouml;ne Seele, die aus den letzten Flammenspitzen
+eines nicht verdienten Fegefeuers scheidet und sich nach
+<a class="page" name="Page_261" id="Page_261" title="261"></a>dem Himmel sehnend erhebt.&laquo; Der Graf Werthern war
+n&auml;mlich ein hocharistokratischer Sonderling, zuzeiten verschwenderisch,
+zuzeiten geizig wie ein Filz. Er hatte eine seltsame,
+spanisch zeremonielle Hausordnung eingef&uuml;hrt; kamen
+vornehme G&auml;ste, so lie&szlig; er Bauernjungen, die als Neger
+geschw&auml;rzt und kost&uuml;miert waren, bei Tisch aufwarten. Die
+Gr&auml;fin war zwar eine kleine Dame, hatte aber die gr&ouml;&szlig;ten
+Manieren, und Goethe gestand, da&szlig; er alles, was er von
+Welt besa&szlig;, von ihr gelernt hatte.</p>
+
+<p>Der Herzog gab sehr viel Geld f&uuml;r Jagd und Tafelfreuden
+aus, und oft finden sich unwillige &Auml;u&szlig;erungen Goethes &uuml;ber
+die Schmarotzer bei Hof und ihre Uners&auml;ttlichkeit. In einem
+Brief an Knebel hei&szlig;t es: &raquo;Selbst der Bauersmann, der der
+Erde das Notd&uuml;rftige abfordert, h&auml;tte ein behaglich Auskommen,
+wenn er nur f&uuml;r sich schwitzte. Du wei&szlig;t aber, wenn
+die Blattl&auml;use auf den Rosen sitzen und sich h&uuml;bsch dick und
+gr&uuml;n gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen
+ihnen den filtrierten Saft aus den Leibern, und so geht&#8217;s
+weiter, und wir haben&#8217;s so weit gebracht, da&szlig; oben immer
+an einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in einem beigebracht
+werden kann.&laquo;</p>
+
+<p>So gro&szlig;m&uuml;tig und freigebig der Herzog sein konnte, so
+fehlten ihm doch h&auml;ufig die Mittel, um diejenigen, die der
+Hilfe w&uuml;rdig waren, in w&uuml;rdiger Weise von Not zu befreien;
+deshalb mu&szlig;te auch Schiller am Hof zu Weimar ein gar
+trauriges und bedr&uuml;cktes Leben f&uuml;hren. Es war nicht so viel
+Geld f&uuml;r ihn da wie f&uuml;r irgendeinen Kammerjunker, und
+<a class="page" name="Page_262" id="Page_262" title="262"></a>wie Beethoven durch englisches, wurde Schiller schlie&szlig;lich
+durch d&auml;nisches Geld der schlimmsten Sorgen &uuml;berhoben.
+Um Charlotte Lengefeld heiraten zu k&ouml;nnen mu&szlig;te er sich
+um die Professur in Jena bewerben, die zweihundert Taler
+trug, aber Schiller war von so edler und vornehmer Art,
+da&szlig; er dem Herzog selbst f&uuml;r das Wenige, das er f&uuml;r ihn
+tat oder tun konnte, Dankbarkeit bewahrte. Karl Augusts
+Finanzen waren eben zeit seines Lebens in Unordnung. Fast
+unm&ouml;glich hielt es, ihn zu gew&ouml;hnen, da&szlig; er seine Ausgaben
+in das richtige Verh&auml;ltnis zu seinen Einnahmen setzte. In
+sp&auml;teren Jahren machte er alle seine Gesch&auml;fte mit Rothschild;
+wenn er in Geldverlegenheit war, lie&szlig; er seinen Wagen anspannen
+und fuhr nach Frankfurt.</p>
+
+<p>Sonderbar waren in ihm die Eigenschaften gemischt, leichter
+Sinn und burschikose Laune, und dann wieder sittlicher Ernst
+und Tiefe des Gem&uuml;ts. Von diesem Ernst und dieser Tiefe
+legt ein &uuml;beraus herrlicher Brief Zeugnis ab, den er am
+4. Oktober 1781 an Knebel schrieb. Als der Prinz Konstantin
+mit dem Mathematiker und Physiker Albrecht auf Reisen
+ging, war Knebel, der bisher der Erzieher des Prinzen gewesen
+war, pensioniert worden. Im Unmut dar&uuml;ber hatte er
+den Plan gefa&szlig;t, wieder in preu&szlig;ische Dienste zu treten; von
+diesem Entschlu&szlig; brachte ihn der Herzog durch folgenden
+Brief ab.</p>
+
+<p>&raquo;Sind denn die, die sich Deiner Freundschaft, Deines
+Umgangs freuen, so sklavisch, so sinnlicher Bed&uuml;rfnisse voll,
+da&szlig; Du nur durch Graben, Hacken, Ausmisten und Aktenverschmieren
+<a class="page" name="Page_263" id="Page_263" title="263"></a>ihnen n&uuml;tzen kannst? Ist denn das Rezeptakulum
+ihrer Seelen so gering, da&szlig; Du nirgends ein Pl&auml;tzchen findest,
+wo Du irgend etwas von dem, was die Deine Sch&ouml;nes,
+Gutes und Gro&szlig;es, die innere Existenz der Edlen bessernd
+und veredelnd, gesammelt hat, ausf&uuml;llen kannst? Sind wir
+denn so hungrig, da&szlig; Du f&uuml;r unser Brot, so furchtsam und
+unstet, da&szlig; Du f&uuml;r unsere Sicherheit arbeiten mu&szlig;t? Sind
+wir nicht mehrerer Freuden als der des Tisches und der der
+Ruhe f&auml;hig, k&ouml;nnen wir keinen Genu&szlig; finden, wenn Du,
+von dem Schmutz und dem Gestank des Weltgetriebes
+Reiner, Deine volle Zeit zur Schm&uuml;ckung des Geistes anwendend,
+uns, die wir nicht Zeit zum Sammeln haben, den
+Strau&szlig; von den Blumen des Lebens gebunden vorh&auml;ltst?
+Sind unsre Kl&uuml;fte so quellenlos, da&szlig; wir nicht eines sch&ouml;nen
+Brunnens brauchen, uns selbst unsrer Ausfl&uuml;sse freuend, wenn
+sie sch&ouml;n in demselben aufgefa&szlig;t sind? Sind wir blo&szlig; zu
+Ambossen der Zeit und des Schicksals gut genug, und k&ouml;nnen
+wir nichts neben uns leiden als Kl&ouml;tze, die uns gleichen und
+nur von harter, anhaltender Masse sind? Ist&#8217;s denn ein so
+geringes Los, die Hebamme guter Gedanken und in der
+Mutter zusammengelegter Begriffe zu sein? Ist das Kind
+dieser Wohlt&auml;terin fast nicht ebenso sehr sein Dasein schuldig
+als der Mutter, die es gebar? Die Seelen der Menschen sind
+wie immer gepfl&uuml;gtes Land; ist&#8217;s erniedrigend, der vorsichtige
+G&auml;rtner zu sein, der seine Zeit damit zubringt, aus fremden
+Landen S&auml;mereien holen zu lassen, sie auszulesen und zu
+s&auml;en? Mu&szlig; er nicht etwa daneben auch das Schmiedehandwerk
+<a class="page" name="Page_264" id="Page_264" title="264"></a>treiben, um seine Existenz recht auszuf&uuml;llen? Bist Du
+nun so im B&ouml;sen, so &uuml;ber Dich selbst erblindet, da&szlig; Du
+Dir einbilden k&ouml;nntest, Du habest uns nie dergleichen Nutzen
+verschafft, und achtest Du uns gering genug, da&szlig; Du glauben
+k&ouml;nntest, wir w&uuml;rden Dich so lieben wie wir tun, w&auml;rest Du
+uns hierin unn&uuml;tz und &uuml;berfl&uuml;ssig oder entbehrlich gewesen?
+Willst Du nun dieses sch&ouml;ne Gesch&auml;ft, diese w&uuml;rdige Laufbahn
+aufgeben, alle eingewachsenen Bande ausrei&szlig;en, gleich
+einem Anf&auml;nger eine neue Existenz ergreifen und Dich, Gott
+wei&szlig; wohin, unter Menschen, die Dich nichts mehr angehen
+und mit denen Du kein reines und Dir gewohntes Verh&auml;ltnis
+hast, hinwerfen? Neuen Anteil ergreifen oder Dir machen,
+mehr Gute, mehr B&ouml;se kennen lernen, sehen, wie die Abscheulichkeiten
+so &uuml;berall zu Hause, das Gute &uuml;berall so befleckt
+ist? Und warum? Um etwa einigen Kanzlistenseelen
+aus dem Wege zu gehen, die Dir Deine Semmel, die Du
+mehr hast als sie, beneiden, weil Du nicht gleich ihnen Maultierhandwerk
+treibst? Und wohin willst Du Dich fl&uuml;chten?
+Nimmst Du nicht &uuml;berall Deine paar Semmeln mit, die
+Du mehr und leichter hast als andere? Sind nicht &uuml;berall
+Knechte, die es entbehren und Dich darum beneiden werden?
+Wirst Du deren Neid besser aushalten? Dich, weil Du dort
+ein paar Monate fremd bist, von ihnen mehr geachtet halten,
+als Du es hier sein m&ouml;chtest? Siehst Du etwas Erreichbares
+vor Dir, das Dir das, was Du entbehrst, ersetze? Ist dieses
+Erreichbare so gewi&szlig;? Schl&auml;gt&#8217;s fehl, kann es Deine Existenz
+dann ertragen, immer neue Zwecke zu machen, oft abgeschlagen
+<a class="page" name="Page_265" id="Page_265" title="265"></a>zu werden und so herumzuirren? Willst Du also das Best&auml;ndige
+f&uuml;r das Unbest&auml;ndige hingeben? La&szlig; uns die Sache
+nicht so feierlich nehmen und das &Uuml;bel nicht f&uuml;r so unheilbar
+halten. Ist&#8217;s Deiner Natur gut, sich zu ver&auml;ndern, so reise.
+Warum sich immer ers&auml;ufen wollen, wenn&#8217;s mit einem sch&ouml;nen
+Bade getan ist?&laquo;</p>
+
+<p>Es ging damals eine wohlt&auml;tige Umwandlung mit dem
+Herzog vor; gleich Goethe gab er sich mehr und mehr dem
+Studium der Natur hin, um 1784 schrieb er an Knebel:
+&raquo;Die Naturwissenschaft ist so menschlich, so wahr, da&szlig; ich
+jedem Gl&uuml;ck w&uuml;nsche, der sich ihr auch nur etwas ergibt ...
+Sie beweist und lehrt so b&uuml;ndig, da&szlig; das Gr&ouml;&szlig;te, das Geheimnisvollste,
+das Zauberhafteste so ordentlich, einfach, &ouml;ffentlich,
+unmagisch zugeht; sie mu&szlig; doch endlich die armen unwissenden
+Menschen von dem Durst nach dem Au&szlig;erordentlichen
+heilen, da sie ihnen zeigt, da&szlig; das Au&szlig;erordentliche so
+nahe, so deutlich, so unau&szlig;erordentlich, so bestimmt nahe ist.&laquo;</p>
+
+<p>Das Jahr 1789 brachte auch f&uuml;r den Weimarer Hof
+Ver&auml;nderungen mit sich, besonders im Hinblick auf sparsamere
+Wirtschaft. Herder schreibt an Knebel: &raquo;Der Hof ist wieder
+hier und die Tafel an demselben abgeschafft. Die Herren
+Mitesser bekommen Kostgeld, die Damen speisen mit dem
+f&uuml;rstlichen Ehepaar auf des Herzogs Zimmer, und jedesmal
+wird ein Fremder dazu gebeten. Sie k&ouml;nnen denken, was die
+Hofdamen dazu sagen, und es ist unbegreiflich, da&szlig; sie nicht
+schon aus Furcht vor zuk&uuml;nftiger langen Weile zum voraus
+verschmachten.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_266" id="Page_266" title="266"></a>&Uuml;ber die franz&ouml;sische Revolution &auml;u&szlig;erte sich der Herzog
+am 13. Januar 1793, eine Woche vor der Hinrichtung
+Ludwigs XVI., wie folgt: &raquo;Wer die Franzosen in der N&auml;he
+sieht, mu&szlig; einen wahren Ekel f&uuml;r sie fassen; sie sind alle sehr
+unterrichtet, aber jede Spur eines moralischen Gef&uuml;hls ist bei
+ihnen ausgel&ouml;scht ... Der Mensch war nie, die Zone, unter
+der er lebte, mag sein wie sie wolle, er war nie, sage ich, zur
+Treibhauspflanze bestimmt. Sobald er diese Kultur erh&auml;lt,
+geht er zugrunde; auch beurteilt man die Franzosen falsch,
+wenn man glaubt, ihre Reife habe sie auf den jetzigen Punkt
+gebracht. Eines unterdr&uuml;ckte das andere im Reich, und nun
+unterdr&uuml;cken die Unterdr&uuml;cker selbst ihre alten Beherrscher,
+weil diese nachl&auml;ssig und stupid waren. Nicht das mindeste
+Moralische liegt dabei zum Grunde, sondern man hat jetzt
+eine Art Moralit&auml;t oder eine philosophische Zunft zum
+Werkzeug gebraucht.&laquo;</p>
+
+<p>Die Abneigung Karl Augusts gegen die Franzosen hatte
+ihre Ursache darin, da&szlig; er sich ihnen gegen&uuml;ber ganz und
+gar als Deutscher f&uuml;hlte. Karoline von Wolzogen schrieb
+dar&uuml;ber einmal an Schiller: &raquo;Ich dankte auch dem Himmel
+beim Lesen des Mirabeau, da&szlig; alles, was mir lieb ist, nichts
+mit der Politik zu tun hat. An wie armseligen F&auml;den h&auml;ngen
+diese Weltbegebenheiten! Es mu&szlig; ein unsichtbares Gewebe
+das Menschengeschlecht umstricken und so zusammenhalten
+wie es h&auml;lt; was diese Menschen dabei zu tun w&auml;hnen, kann
+nicht viel sein. So klein und eng sind sie, keine Spur eines
+bessern Wesens, das sich selbst an die allgemeine Gl&uuml;ckseligkeit
+<a class="page" name="Page_267" id="Page_267" title="267"></a>hing&auml;be, jeder denkt nur an einen bequemen Platz f&uuml;r
+sich, um darauf zuzusehen; sie haben nicht einmal die Energie,
+um herrschen zu wollen. Des Mirabeau Nationalstolz ist
+kindisch und &auml;rgerlich, man k&ouml;nnte aus Depit deutsch sein
+wollen, wie der Tempelherr im Nathan Christ sein wollte,
+wenn man anders mit ihm zu tun h&auml;tte, glaub ich. Ich
+will dem Herzog von Weimar wohl darum, da&szlig; er Mirabeau
+&uuml;bel begegnet hat.&laquo;</p>
+
+<p>Im &uuml;brigen wurde das stille Weimar durch die gro&szlig;en
+Weltereignisse wenig ber&uuml;hrt. Der Herzog, der zu Goethes
+Mi&szlig;vergn&uuml;gen eine wachsende Kriegslust an den Tag gelegt
+hatte, nahm 1794 an dem Feldzug in der Champagne teil;
+Goethe begleitete ihn, und wie man wei&szlig;, hat er dieses kriegerische
+Zwischenspiel wahr und meisterlich beschrieben. Es
+war in Karl August ein unstillbarer Drang, sich zu bet&auml;tigen
+und auszuleben. So liebte er auch in seinen Herzensbeziehungen
+die Abwechslung. Als die Leidenschaft zur Gr&auml;fin Werthern
+vor&uuml;ber war, wurde die reizende S&auml;ngerin und Schauspielerin
+Caroline Jagemann seine Favoritin. F&uuml;r sie schrieb
+Goethe die Eugenie in der nat&uuml;rlichen Tochter. Sie war sehr
+sch&ouml;n und sehr ehrgeizig und stand den Werbungen Karl
+Augusts anfangs k&uuml;hl gegen&uuml;ber, denn eben ihres k&uuml;nstlerischen
+Ehrgeizes wegen hatte es nichts Verlockendes f&uuml;r
+sie, in einer kleinen Stadt und an einer kleinen B&uuml;hne die
+M&auml;tresse eines Herzogs zu sein. Ihr Widerstreben steigerte
+die Leidenschaft Karl Augusts bis zur Verzweiflung. Endlich
+gab sie nach; sie blieb beim Theater, wurde aber zur Frau
+<a class="page" name="Page_268" id="Page_268" title="268"></a>von Heygendorff erhoben. Es wird berichtet, da&szlig; sie noch
+in ihrem hohen Alter, als schon graue Locken das Gesicht
+umrahmten, von bezauberndem Reiz gewesen sei, besonders
+habe ihre Stimme etwas unvergleichlich Angenehmes gehabt.
+Frisch an K&ouml;rper und Geist, war sie dem Herzog wie zugeschaffen,
+seinem innersten Bed&uuml;rfnis entsprechend, selbst ihre
+Art sich auszudr&uuml;cken war der seinen gem&auml;&szlig;. Ihr Einflu&szlig;
+war gro&szlig; und dauerte bis zum Tode des Herzogs. Ihre
+Hauptfeindin am Hof war die Gemahlin des Erbprinzen,
+die russische Gro&szlig;f&uuml;rstin Marie, und es kam wohl vor, da&szlig;
+sie im Gef&uuml;hl ihrer &Uuml;berlegenheit diese der Zarentochter zu
+f&uuml;hlen gab. Einmal hatte die Erbprinzessin bei einem Gang
+durch den Park ihre Freude an einer sch&ouml;nen Baumpartie
+ausgesprochen; als sie nach ein paar Tagen wieder vor&uuml;ber
+kam, waren die sch&ouml;nen B&auml;ume abgehauen. Frau von
+Heygendorff hatte den Herzog bestimmt, hierzu den Befehl
+zu geben. Weil Karl August f&uuml;rchtete, da&szlig; seiner geliebten
+Freundin nach seinem Tod ein &uuml;bles Schicksal widerfahren
+k&ouml;nnte, hatte er seinen Adjutanten unterwiesen, f&uuml;r den Fall,
+da&szlig; er au&szlig;erhalb Weimars sterben sollte, den Kurier mit
+der Todesnachricht zuallererst zu Frau von Heygendorff zu
+schicken. Dieser Fall trat auch ein, und dem Befehl wurde
+buchst&auml;blich Folge geleistet. Als die f&uuml;rstliche Familie die
+Kunde von dem Tod des Herzogs bekam, hatte Frau von
+Heygendorff bereits ihren Wagen anspannen lassen und befand
+sich auf der Fahrt nach Mannheim, wo sie vordem,
+bei Iffland, ihre Ausbildung genossen hatte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_269" id="Page_269" title="269"></a>Karl August hatte auch f&uuml;r die Literatur der <em class="antiqua">Ars amandi</em>
+viel &uuml;brig und legte sich eine <em class="antiqua">Bibliotheca erotica</em> an, welche
+die seltensten Exemplare der Gattung enthielt. Er schenkte
+sie sp&auml;ter seiner guten Freundin, der Gr&auml;fin Henckel, die sich
+sehr f&uuml;r das geheime Fach interessierte.</p>
+
+<p>Die Verheiratung des Erbprinzen mit der Gro&szlig;f&uuml;rstin
+ver&auml;nderte alle Lebensverh&auml;ltnisse in Weimar. &raquo;Sie k&ouml;nnen
+kaum einen Begriff haben von dem Glanz, der uns neuerlich
+umgibt,&laquo; schreibt Fr&auml;ulein von G&ouml;chhausen im September
+1804, &raquo;der Herzog ist mit drei russischen ganz von
+Juwelen strahlenden Orden geziert. Meine gute F&uuml;rstin
+strahlt nicht weniger ... &Uuml;berhaupt reden wir jetzt von Gold,
+Silber und Edelsteinen wie sonst von Quarz, Gneis und
+Glimmer. Die wilden V&ouml;lker, die noch mehr dergleichen
+bringen sollen, werden in diesen Tagen erwartet.&laquo; Die wilden
+V&ouml;lker, das waren die Russen. Zwei Monate sp&auml;ter
+schreibt das Fr&auml;ulein: &raquo;Der Einzug war pr&auml;chtig durch die
+unglaubliche Volksmenge, die in geordneten Wagen, zu Pferd
+und zu Fu&szlig; festlich entgegenwallten ... Es erschien alles
+ruhig und w&uuml;rdig, ich m&ouml;chte es die frohe Teilnahme eines
+gebildeten Volks nennen. Am Montag kam die Gro&szlig;f&uuml;rstin
+zum erstenmal ins Theater. Sie k&ouml;nnen sich den klatschenden
+Jubel kaum denken. Ein Vorspiel von Schiller wurde gegeben,
+hierauf folgte Mitridat. Diese Prinzessin ist ein
+Engel an Geist, G&uuml;te und Liebensw&uuml;rdigkeit; auch habe ich
+noch nie in Weimar einen solchen Einklang aus allen Herzen
+&uuml;ber alle Zungen ergehen h&ouml;ren, als seit sie der Gegenstand
+<a class="page" name="Page_270" id="Page_270" title="270"></a>aller Gespr&auml;che geworden. Sie tut wirklich Wunder; auch
+unser Vater Wieland ist begeistert und macht wieder Verse.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Jahr sp&auml;ter kam der Kaiser Alexander nach Weimar
+zum Besuch seiner Schwester. Er wurde sehr gefeiert und
+bezauberte jedermann. Nach seiner Abreise schrieb Fr&auml;ulein
+von G&ouml;chhausen an B&ouml;ttiger: &raquo;N&auml;chst dem Andenken im
+Herzen an den liebensw&uuml;rdigen Kaiser hinterlie&szlig; er auch
+blitzende Andenken in edlen Steinen. Sogar alle Hofdamen,
+worunter meine Wenigkeit sich auch befindet, erhielten reiche
+Geschenke an blitzenden Halsb&auml;ndern, K&auml;mmen und G&uuml;rtelschnallen.
+Der Kaiser, <em class="antiqua">le comte du Nord,</em> schickte Visitenkarten
+an die Damen vom ersten Rang und auch an Wieland.
+K&uuml;nftigen Donnerstag kommt das erste preu&szlig;ische
+Regiment hier an; bald wird es wie in Wallensteins Lager
+hier aussehen. Unser L&auml;ndchen f&uuml;hlt die sch&uuml;tzende Nachbarschaft
+schwer. Die aufzubringenden Getreidelieferungen und
+die ins Land kommenden sechs- bis achttausend Mann lassen
+uns &auml;ngstliche Blicke in die Zukunft tun.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Einquartierung unterhielten sich einmal
+einige preu&szlig;ische Offiziere in einem Weinhaus &uuml;ber die
+Wohnungen, die sie gefunden hatten. Ein alter, dickb&auml;uchiger
+Major sagte: &raquo;Ich stehe da bei einem gewissen Gothe oder
+Goethe, wei&szlig; der Teufel, wie der Kerl hei&szlig;t.&laquo; Man machte
+ihn aufmerksam, es sei der ber&uuml;hmte Dichter Goethe, wo er
+stehe, da antwortete er: &raquo;Kann sein, ja ja, nu nu, das kann
+wohl sein, ich habe dem Kerl auf den Zahn gef&uuml;hlt, und er
+scheint mir Mucken im Kopfe zu haben.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_271" id="Page_271" title="271"></a>Es kam nun die furchtbare Katastrophe der Schlacht von
+Jena und Auerst&auml;dt. Am 4. Oktober fuhren der K&ouml;nig und
+die K&ouml;nigin von Preu&szlig;en auf dem Wege nach Erfurt durch
+Weimar. Der Herzog befand sich bei dem preu&szlig;ischen Heere,
+das sein Oheim, der Herzog von Braunschweig, kommandierte.
+Die Herzogin-Mutter Amalie war nach Eutin geflohen,
+und in Weimar blieb nur die Herzogin Luise. Schon
+am Abend des Schlachttags trafen die gef&uuml;rchteten Chasseurs
+ein, in der Nacht brach Feuer in der N&auml;he des Schlosses
+aus. Die Stadt wurde von den Franzosen drei Tage lang
+gepl&uuml;ndert, manche Familie verlor Hab und Gut. Da sich
+Napoleon sehr ungehalten dar&uuml;ber zeigte, da&szlig; der Herzog
+von seiner Residenz abwesend und bei der preu&szlig;ischen Armee
+war, wurden zwei seiner treuesten Diener, der Oberforstmeister
+von Stein und der Leutnant von Seebach, abgeschickt, ihn
+zu suchen und zu eiliger R&uuml;ckkehr aufzufordern. Ihr Unternehmen
+blieb ohne Erfolg, und in der Not verfiel man auf
+den jungen Regierungsrat M&uuml;ller und betraute ihn mit der
+schwierigen Aufgabe, den Herzog vom Heeresdienst abzurufen
+und heimzuholen. Nach vielen Abenteuern und Irrfahrten
+traf M&uuml;ller den Herzog in Berlin, aber Karl August war
+durchaus nicht geneigt, den gew&uuml;nschten Fu&szlig;fall vor dem
+Kaiser zu tun. Napoleon, obwohl h&ouml;chst ungn&auml;dig gegen
+den Herzog gestimmt, lie&szlig; ihn doch nicht fallen und verwirklichte
+keine seiner Drohungen, denn er brauchte ihn zur Vermittlung
+beim Kaiser Alexander. Das kleine Land aber
+wurde durch die Kriegskontributionen in schwere Drangsale
+<a class="page" name="Page_272" id="Page_272" title="272"></a>gest&uuml;rzt, und nicht immer gelang es dem klugen und diplomatisch
+geschickten Friedrich von M&uuml;ller, das gr&ouml;&szlig;te Elend
+abzuwenden. Die Unnachgiebigkeit Karl Augusts, der es
+immer wieder verweigerte, vor Napoleon in Audienz zu erscheinen,
+trug auch nicht dazu bei, den Kaiser milder zu
+stimmen, wenngleich er der Herzogin Luise gegen&uuml;ber eine
+gro&szlig;e, vielleicht empfundene Hochsch&auml;tzung an den Tag legte.</p>
+
+<p>An den Festlichkeiten des Kongresses zu Erfurt nahm auch
+Weimar seinen Anteil. Napoleon hatte gew&uuml;nscht, dem
+Kaiser Alexander das Schlachtfeld von Jena zu zeigen; dazu
+sollte eine gro&szlig;e Jagd am Ettersberg und auf den H&uuml;geln
+gegen Jena hin dienen. Friedrich von M&uuml;ller berichtet dar&uuml;ber
+in seinen Memoiren:</p>
+
+<p>&raquo;Am 6. Oktober war der Weg von Erfurt nach dem
+Ettersberg von fr&uuml;h an mit unz&auml;hligen Wagen, Reitern
+und Fu&szlig;g&auml;ngern bedeckt. Es war der sch&ouml;nste, klarste Herbsttag,
+kein W&ouml;lkchen am ganzen Himmel. In der Nacht
+vorher waren mehrere hundert Hirsche und Rehe aus dem
+Ettersburger Walde gegen einen gro&szlig;en freien Rasenplatz
+zusammengetrieben und umz&auml;unt worden. In der Mitte
+dieses freien Platzes hatte man einen ungeheuren Jagdpavillon
+errichtet, 450 Schritte lang und 50 Schritte breit, mit drei
+Abteilungen, wovon die mittlere f&uuml;r die beiden Kaiser und
+f&uuml;r die K&ouml;nige bestimmt war. Der Pavillon ruhte auf mit
+Blumen und Zweigen umschm&uuml;ckten S&auml;ulen. Dicht dabei
+sah man gro&szlig;e, freistehende Balkone, von denen bequem das
+Ganze &uuml;berschaut werden konnte. Ringsumher liefen Buden
+<a class="page" name="Page_273" id="Page_273" title="273"></a>und Zelte mit Erfrischungen. An der Waldgrenze gruppierten
+sich um gro&szlig;e Feuer zur Bereitung von warmen
+Speisen und Getr&auml;nken eine Unzahl von Landleuten, die das
+Zusammentreiben des Wildes die ganze Nacht hindurch erm&uuml;det
+hatte. Dazwischen ert&ouml;nten muntere Jagdh&ouml;rner und
+Ges&auml;nge. Die Monarchen, an der Landesgrenze von dem
+Herzog und der ganzen J&auml;gerei zu Pferde empfangen, langten
+mit ihrem Gefolge unter dem Schalle der Jagdfanfaren
+gegen ein Uhr mittags an. Nun wurde in einzelnen Abteilungen
+das Wild aus dem umz&auml;unten Walde heraus und
+so getrieben, da&szlig; es am gro&szlig;en Pavillon in Schu&szlig;weite
+vor&uuml;ber mu&szlig;te. Napoleon erg&ouml;tzte sich ungemein an diesem
+Schauspiel und schien &uuml;berhaupt sehr vergn&uuml;gt. Um vier Uhr
+endigte die Jagd; nicht der geringste Unfall hatte sie getr&uuml;bt.
+Ich war in Erfurt zur&uuml;ckgeblieben und beauftragt, dem
+Kaiser Napoleon noch vor seiner Abfahrt aufzuwarten,
+worauf ich mich eiligst nach Weimar verf&uuml;gen sollte. Es
+war f&uuml;nf Uhr, als die Monarchen unter dem Gel&auml;ute aller
+Glocken in Weimar einzogen. Wie Napoleon sich in die
+f&uuml;r ihn bereiteten Zimmer begab, war ich zuf&auml;llig der erste,
+auf den seine Blicke im Vorzimmer trafen. Er ging sehr
+freundlich auf mich zu, tat mir mehrere Fragen, und ich
+mu&szlig;te ihm einige umstehende, ihm noch nicht bekannte Personen
+vorstellen. Eine Stunde darauf ging es zur kaiserlichen
+Tafel. Unfern davon war in einer gro&szlig;en Galerie die Marschallstafel
+von mehr als hundertf&uuml;nfzig Personen bereitet.
+Ich hatte dem Minister, Staatssekret&auml;r Maret und dem
+<a class="page" name="Page_274" id="Page_274" title="274"></a>Marschall Soult die Honneurs zu machen, bei denen ich
+sa&szlig;. Aber wir waren noch kaum bis zur H&auml;lfte des Diners
+gekommen, als gemeldet wurde, da&szlig; die Monarchen im Begriff
+seien, sich von ihrer Tafel zu erheben. Nun str&ouml;mte
+alles dahin. Napoleon liebte bekanntlich sehr rasch zu speisen,
+doch hatte er sich dabei lebhaft mit seiner Nachbarin, der
+Herzogin von Weimar unterhalten. Nach kurzer Pause fuhr
+man in das Theater, wohin der Wagen der beiden Kaiser
+von weimarischen Husaren eskortiert wurde. Vor dem
+Schlosse stand ein sechzig Fu&szlig; hoher Obelisk, geschmackvoll
+erleuchtet, auf dessen Spitze eine helle Flamme loderte. Das
+ganze Schlo&szlig; und seine Umgebungen sowie alle Stra&szlig;en bis
+zum Schauspielhause waren illuminiert, die innere Einrichtung
+und Verteilung der Sitze im Theater ganz wie die zu
+Erfurt. Die franz&ouml;sischen Schauspieler f&uuml;hrten, wie ich schon
+oben erw&auml;hnt, <em class="antiqua">La mort de C&eacute;sar</em> von Voltaire auf. Unbeschreiblich
+war der Eindruck. Talma als Brutus &uuml;bertraf sich
+selbst. Bei der Stelle am Schlusse des ersten Aktes, wo C&auml;sar
+dem Antonius, der ihn vor den Senatoren warnt, antwortet:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza"><em class="antiqua">
+<span class="i0">&laquo;Je les aurais punis, si je les pouvais craindre;<br /></span>
+<span class="i0">Ne me conseillez point de me faire hair.<br /></span>
+<span class="i0">Je sais combattre, vaincre et ne sais point punir,<br /></span>
+<span class="i0">Allons, n&#8217;&eacute;coutons point ni soup&ccedil;ons ni vengeance,<br /></span>
+<span class="i0">Sur l&#8217;univers soumis r&eacute;gnons sans violence,&raquo;<br /></span>
+</em></div></div>
+
+<p>war es, als ob ein elektrischer Funke m&auml;chtig alle Zuschauer
+durchzuckte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_275" id="Page_275" title="275"></a>&raquo;Hatte die Auff&uuml;hrung des Trauerspiels <em class="antiqua">La mort de
+C&eacute;sar</em> immerhin etwas seltsam Omin&ouml;ses gehabt, so mu&szlig;te
+es auf diejenigen, die diesen Abend miterlebt hatten, noch
+lange nachher einen ersch&uuml;tternden Eindruck machen, als sie
+erfuhren, wie wenig gefehlt hatte, da&szlig; diese Auff&uuml;hrung
+wirklich zum gr&ouml;&szlig;ten Trauerspiel der neueren Weltgeschichte
+geworden w&auml;re. Es hatte sich n&auml;mlich eine kleine Anzahl
+verwegener preu&szlig;ischer Offiziere, das Ungl&uuml;ck und den trostlosen
+Zustand ihres Vaterlandes tief empfindend und von
+gl&uuml;hendem Ha&szlig; gegen dessen Unterdr&uuml;cker erf&uuml;llt, verschworen,
+den Kaiser Napoleon bei seinem Heraustreten aus dem
+Theater zu erschie&szlig;en. Sie hatten die Lokalit&auml;t aufs genaueste
+erkundet, Voranstalten zu ihrer eiligen Flucht nach
+vollbrachter Tat getroffen und sich zum gr&ouml;&szlig;ten Teil in
+Weimar unbemerkt versammelt, als noch im letzten Moment
+einer der Mitverschworenen ausblieb. Sei es, da&szlig;
+dieser Umstand die &uuml;brigen abschreckte, oder da&szlig; sie Reue
+empfanden, genug, das Vorhaben unterblieb. Welche Verwirrung,
+welche Greuel das Gelingen so grausiger Tat unmittelbar
+und zun&auml;chst f&uuml;r Weimar nach sich gezogen h&auml;tte,
+ist kaum zu ermessen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Befreiung Deutschlands w&auml;re durch einen Pistolenschu&szlig;
+erfolgt; die Hunderttausende von Opfern der n&auml;chsten
+Kriegsjahre h&auml;tten nicht geblutet, aber es h&auml;tte auch kein 1813,
+keine Erhebung des ganzen Volks gegeben, und so sehen wir
+wieder das Schicksal abseits von dem Willen der Menschen
+seinen ehernen Weg gehen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_276" id="Page_276" title="276"></a>Karl August trat mit den &uuml;brigen F&uuml;rsten des ernestinischen
+Hauses dem Rheinbund bei. 1815 besuchte er den Wiener
+Kongre&szlig; pers&ouml;nlich. Graf Nostiz notiert &uuml;ber ihn in seinem
+Tagebuch: &raquo;Der alte Herzog von Weimar lebt so burschikos
+fort, wie er es immer getrieben. Die Welt gef&auml;llt ihm, und
+er ist ihr immer durch Lebenslust verbunden, wenn auch die
+Jahre seine Beweglichkeit schw&auml;chen.&laquo;</p>
+
+<p>Er trat als erster Gro&szlig;herzog zum deutschen Bund. 1825
+feierte er sein f&uuml;nfzigj&auml;hriges Regierungsjubil&auml;um und seine
+goldene Hochzeit. Im Mai 1827 hatte sich seine Enkelin
+mit dem Prinzen Karl von Preu&szlig;en verheiratet, im Fr&uuml;hjahr
+darauf reiste Karl August zum Besuche des jungen
+Paares nach Berlin, und auf der R&uuml;ckreise starb er auf dem
+Gest&uuml;t zu Graditz bei Torgau am 14. Juli 1828, 71 Jahre
+alt. Er ward beigesetzt in der F&uuml;rstengruft auf dem Friedhof
+der Jakobskirche zu Weimar, wohin er wenige Monate
+fr&uuml;her Schillers sterbliche Reste hatte bringen lassen und wo
+vier Jahre sp&auml;ter auch Goethe begraben wurde.</p>
+
+<p>Die letzten Tage vor seinem Tode hatte er in fast best&auml;ndiger
+Gesellschaft Alexanders von Humboldt verbracht, und
+Humboldt beschrieb diese Tage in einem Brief an den Kanzler
+M&uuml;ller, der seinerseits wieder Goethe davon Mitteilung
+machte. In dem unvergleichlich sch&ouml;nen Gespr&auml;ch, das Eckermann
+unterm 23. Oktober 1828 aufzeichnet, ist dar&uuml;ber eingehend
+zu lesen, und es m&ouml;ge, auch wegen des profunden und
+ewig g&uuml;ltigen Urteils, das Goethe &uuml;ber seinen Herzog f&auml;llt,
+zum Abschlu&szlig; hier folgen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_277" id="Page_277" title="277"></a>&raquo;Es war nicht ohne h&ouml;here g&uuml;nstige Einwirkung,&laquo; sagt
+Goethe, &raquo;da&szlig; einer der gr&ouml;&szlig;ten F&uuml;rsten, die Deutschland je
+besessen, einen Mann wie Humboldt zum Zeugen seiner letzten
+Tage und Stunden hatte. Ich habe mir von seinem Brief
+eine Abschrift nehmen lassen und will Ihnen doch einiges
+daraus mitteilen.&laquo;</p>
+
+<p>Goethe stand auf und ging zu seinem Pult, wo er den
+Brief nahm und sich wieder zu mir an den Tisch setzte. Er
+las eine Weile im stillen. Ich sah Tr&auml;nen in seinen Augen.
+&raquo;Lesen Sie es f&uuml;r sich,&laquo; sagte er dann, indem er mir den
+Brief zureichte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und
+ab, w&auml;hrend ich las.</p>
+
+<p>&raquo;Wer konnte mehr durch das schnelle Hinscheiden des Verewigten
+ersch&uuml;ttert werden,&laquo; schreibt Humboldt, &raquo;als ich, den
+er seit drei&szlig;ig Jahren mit so wohlwollender Auszeichnung,
+ich darf sagen, mit so aufrichtiger Vorliebe behandelt hatte.
+Auch hier wollte er mich fast zu jeder Stunde um sich haben;
+und, als sei eine solche Luzidit&auml;t wie bei den erhabenen schneebedeckten
+Alpen der Vorbote des scheidenden Lichtes, nie habe
+ich den gro&szlig;en, menschlichen F&uuml;rsten lebendiger, geistreicher,
+milder und an aller ferneren Entwicklung des Volkslebens
+teilnehmender gesehen als in den letzten Tagen, die wir ihn
+hier besa&szlig;en.</p>
+
+<p>Ich sagte mehrmals zu meinen Freunden ahnungsvoll
+und be&auml;ngstigt, da&szlig; diese Lebendigkeit, diese geheimnisvolle
+Klarheit des Geistes, bei so viel k&ouml;rperlicher Schw&auml;che, mir
+ein schreckhaftes Ph&auml;nomen sei. Er selbst oszillierte sichtbar
+<a class="page" name="Page_278" id="Page_278" title="278"></a>zwischen Hoffnung der Genesung und Erwartung der gro&szlig;en
+Katastrophe.</p>
+
+<p>Als ich ihn vierundzwanzig Stunden vor dieser sah, beim
+Fr&uuml;hst&uuml;ck, krank und ohne Neigung, etwas zu genie&szlig;en,
+fragte er noch lebendig nach den von Schweden her&uuml;bergekommenen
+Granitgeschieben baltischer L&auml;nder, nach Kometschweifen,
+welche sich unsrer Atmosph&auml;re tr&uuml;bend einmischen
+k&ouml;nnten, nach der Ursache der gro&szlig;en Winterk&auml;lte an allen
+&ouml;stlichen K&uuml;sten.</p>
+
+<p>Als ich ihn zuletzt sah, dr&uuml;ckte er mir zum Abschied die
+Hand mit den heiteren Worten: &#8250;Sie glauben, Humboldt,
+T&ouml;plitz und alle warmen Quellen seien wie Wasser, die man
+k&uuml;nstlich erw&auml;rmt? Das ist nicht K&uuml;chenfeuer! Dar&uuml;ber
+streiten wir in T&ouml;plitz, wenn Sie mit dem K&ouml;nige kommen.
+Sie sollen sehen, Ihr altes K&uuml;chenfeuer wird mich doch noch
+einmal zusammenhalten.&#8249; Sonderbar! Denn alles wird bedeutend
+bei so einem Manne.</p>
+
+<p>In Potsdam sa&szlig; ich mehrere Stunden allein mit ihm
+auf dem Kanapee; er trank und schlief abwechselnd, trank
+wieder, stand auf, um an seine Gemahlin zu schreiben, dann
+schlief er wieder. Er war heiter, aber sehr ersch&ouml;pft. In den
+Intervallen bedr&auml;ngte er mich mit den schwierigsten Fragen:
+&uuml;ber Physik, Astronomie, Meteorologie und Geognosie,
+&uuml;ber Durchsichtigkeit eines Kometenkerns, &uuml;ber Mondatmosph&auml;re,
+&uuml;ber die farbigen Doppelsterne, &uuml;ber Einflu&szlig; der
+Sonnenflecke auf Temperatur, Erscheinen der organischen
+Formen in der Urwelt, innere Erdw&auml;rme. Er schlief mitten
+<a class="page" name="Page_279" id="Page_279" title="279"></a>in seiner und meiner Rede ein, wurde oft unruhig und sagte
+dann, &uuml;ber seine scheinbare Unaufmerksamkeit milde und
+freundlich um Verzeihung bittend: &#8250;Sie sehen, Humboldt,
+es ist aus mit mir!&#8249;</p>
+
+<p>Auf einmal ging er desultorisch in religi&ouml;se Gespr&auml;che
+&uuml;ber. Er klagte &uuml;ber den einrei&szlig;enden Pietismus und den
+Zusammenhang dieser Schw&auml;rmerei mit politischen Tendenzen
+nach Absolutismus und Niederschlagen aller freieren
+Geistesregungen. &#8250;Dazu sind es unwahre, Bursche,&#8249; rief er
+aus, &#8250;die sich dadurch den F&uuml;rsten angenehm zu machen
+glauben, um Stellen und B&auml;nder zu erhalten! &#8211; Mit
+der poetischen Vorliebe zum Mittelalter haben sie sich eingeschlichen.&#8249;</p>
+
+<p>Bald legte sich sein Zorn und er sagte, wie er jetzt viel
+Tr&ouml;stliches in der christlichen Religion finde. &#8250;Das ist eine
+menschenfreundliche Lehre,&#8249; sagte er, &#8250;aber von Anfang an
+hat man sie verunstaltet. Die ersten Christen waren die Freigesinnten
+unter den Ultras.&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>Ich gab Goethe &uuml;ber diesen herrlichen Brief meine innige
+Freude zu erkennen. &raquo;Sie sehen,&laquo; sagte Goethe, &raquo;was f&uuml;r
+ein bedeutender Mensch er war. Aber wie gut ist es von
+Humboldt, da&szlig; er diese wenigen letzten Z&uuml;ge aufgefa&szlig;t, die
+wirklich als Symbol gelten k&ouml;nnen, worin die ganze Natur
+des vorz&uuml;glichen F&uuml;rsten sich spiegelt. Ja, so war er! &#8211; Ich
+kann es am besten sagen, denn es kannte ihn im Grunde niemand
+so durch und durch wie ich selber. Ist es aber nicht
+ein Jammer, da&szlig; kein Unterschied ist und da&szlig; auch ein solcher
+<a class="page" name="Page_280" id="Page_280" title="280"></a>Mensch so fr&uuml;h dahin mu&szlig;! &#8211; Nur ein lumpiges
+Jahrhundert l&auml;nger, und wie w&uuml;rde er an so hoher Stelle
+seine Zeit vorw&auml;rts gebracht haben! &#8211; Aber wissen Sie
+was? Die Welt soll nicht so rasch zum Ziele, als wir denken
+und w&uuml;nschen. Immer sind die retardierenden D&auml;monen
+da, die &uuml;berall dazwischen und &uuml;berall entgegentreten, so
+da&szlig; es zwar im ganzen vorw&auml;rts geht, aber sehr langsam.
+Leben Sie nur fort und Sie werden schon finden, da&szlig; ich
+recht habe.&laquo;</p>
+
+<p>Die Entwicklung der Menschheit scheint auf Jahrtausende
+angelegt, sagte ich.</p>
+
+<p>&raquo;Wer wei&szlig;,&laquo; erwiderte Goethe, &raquo;&#8211; vielleicht auf Millionen!
+Aber la&szlig; die Menschheit dauern, so lange sie will, es
+wird ihr nie an Hindernissen fehlen, die ihr zu schaffen machen,
+und nie an allerlei Not, damit sie ihre Kr&auml;fte entwickle.
+Kl&uuml;ger und einsichtiger wird sie werden, aber besser,
+gl&uuml;cklicher und tatkr&auml;ftiger nicht, oder doch nur auf Epochen.
+Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an
+ihr hat und er abermals alles zusammenschlagen mu&szlig; zu
+einer verj&uuml;ngten Sch&ouml;pfung. Ich bin gewi&szlig;, es ist alles danach
+angelegt und es steht in der fernen Zukunft schon Zeit
+und Stunde fest, wann die Verj&uuml;ngungsepoche eintritt. Aber
+bis dahin hat es sicher noch gute Weile, und wir k&ouml;nnen
+noch Jahrtausende und aber Jahrtausende auf dieser lieben,
+alten Fl&auml;che, wie sie ist, allerlei Spa&szlig; haben.&laquo;</p>
+
+<p>Goethe war in besonders guter erh&ouml;hter Stimmung. Er
+lie&szlig; eine Flasche Wein kommen, wovon er sich und mir einschenkte.
+<a class="page" name="Page_281" id="Page_281" title="281"></a>Unser Gespr&auml;ch ging wieder auf den Gro&szlig;herzog
+Karl August zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sehen,&laquo; sagte Goethe, &raquo;wie sein au&szlig;erordentlicher
+Geist das ganze Reich der Natur umfa&szlig;te. Physik, Astronomie,
+Geognosie, Meteorologie, Pflanzen- und Tierformen
+der Umwelt und was sonst dazu geh&ouml;rt, er hatte f&uuml;r alles
+Sinn und f&uuml;r alles Interesse. Er war achtzehn Jahre alt,
+als ich nach Weimar kam; aber schon damals zeigten seine
+Keime und Knospen, was einst der Baum sein w&uuml;rde. Er
+schlo&szlig; sich bald auf das innigste an mich an und nahm an
+allem, was ich trieb, gr&uuml;ndlichen Anteil. Da&szlig; ich fast zehn
+Jahre &auml;lter war als er, kam unserm Verh&auml;ltnis zugute.
+Er sa&szlig; ganze Abende bei mir in tiefen Gespr&auml;chen &uuml;ber Gegenst&auml;nde
+der Kunst und Natur und was sonst allerlei Gutes
+vorkam. Wir sa&szlig;en oft tief in die Nacht hinein, und es war
+nicht selten, da&szlig; wir nebeneinander auf meinem Sofa einschliefen.
+F&uuml;nfzig Jahre haben wir es miteinander fort getrieben,
+und es w&auml;re kein Wunder, wenn wir es endlich zu
+etwas gebracht h&auml;tten.&laquo;</p>
+
+<p>Eine so gr&uuml;ndliche Bildung, sagte ich, wie sie der Gro&szlig;herzog
+gehabt zu haben scheint, mag bei f&uuml;rstlichen Personen
+selten vorkommen.</p>
+
+<p>&raquo;Sehr selten,&laquo; erwiderte Goethe. &raquo;Es gibt zwar viele,
+die f&auml;hig sind, &uuml;ber alles sehr geschickt mitzureden; aber sie
+haben es nicht im Innern und krabbeln nur an den Oberfl&auml;chen.
+Und es ist kein Wunder, wenn man die entsetzlichen
+Zerstreuungen und Zerst&uuml;ckelungen bedenkt, die das Hofleben
+<a class="page" name="Page_282" id="Page_282" title="282"></a>mit sich f&uuml;hrt und denen ein junger F&uuml;rst ausgesetzt ist. Von
+allem soll er Notiz nehmen. Er soll ein bi&szlig;chen Das kennen
+und ein bi&szlig;chen Das, und dann ein bi&szlig;chen Das und wieder
+ein bi&szlig;chen Das. Dabei kann sich aber nichts setzen und
+Wurzel schlagen, und es geh&ouml;rt der Fonds einer gewaltigen
+Natur dazu, um bei solchen Anforderungen nicht in Rauch
+aufzugehen. Der Gro&szlig;herzog war freilich ein geborener gro&szlig;er
+Mensch, womit alles gesagt und alles getan ist.&laquo;</p>
+
+<p>Bei allen seinen h&ouml;heren wissenschaftlichen und geistigen
+Richtungen, sagte ich, scheint er doch auch das Regieren verstanden
+zu haben.</p>
+
+<p>&raquo;Es war ein Mensch aus dem Ganzen,&laquo; erwiderte Goethe,
+&raquo;und es kam bei ihm alles aus einer einzigen gro&szlig;en Quelle.
+Und wie das Ganze gut war, so war das Einzelne gut, er
+mochte tun und treiben, was er wollte. &Uuml;brigens kamen ihm
+zur F&uuml;hrung des Regiments besonders drei Dinge zustatten.
+Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden
+und jeden an seinen Platz zu stellen. Das war sehr viel. Dann
+hatte er noch etwas, was ebensoviel war, wo nicht noch mehr:
+Er war beseelt von dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten
+Menschenliebe und wollte mit ganzer Seele nur das Beste.
+Er dachte immer zuerst an das Gl&uuml;ck des Landes und ganz
+zuletzt erst ein wenig an sich selber. Edlen Menschen entgegenzukommen,
+gute Zwecke bef&ouml;rdern zu helfen war seine Hand
+immer bereit und offen. Es war in ihm viel G&ouml;ttliches. Er
+h&auml;tte die ganze Menschheit begl&uuml;cken m&ouml;gen. Liebe aber erzeugt
+Liebe. Wer aber geliebt ist, hat leicht regieren.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_283" id="Page_283" title="283"></a>Und drittens: Er war gr&ouml;&szlig;er als seine Umgebung. Neben
+zehn Stimmen, die ihm &uuml;ber einen gewissen Fall zu
+Ohren kamen, vernahm er die elfte, bessere, in sich selber.
+Fremde Zufl&uuml;sterungen glitten an ihm ab, und er kam nicht
+leicht in den Fall, etwas Unf&uuml;rstliches zu begehen, indem er
+das zweideutig gemachte Verdienst zur&uuml;cksetzte und empfohlene
+Lumpe in Schutz nahm. Er sah &uuml;berall selber, urteilte selber,
+und hatte in allen F&auml;llen in sich selber die sicherste Basis.
+Dabei war er schweigsamer Natur, und seinen Worten
+folgte die Handlung.&laquo;</p>
+
+<p>Wie leid tut es mir, sagte ich, da&szlig; ich nicht viel mehr
+von ihm gekannt habe als sein &Auml;u&szlig;eres; doch das hat sich
+mir tief eingepr&auml;gt. Ich sehe ihn noch immer auf seiner
+alten Droschke, im abgetragenen, grauen Mantel und Milit&auml;rm&uuml;tze
+und eine Zigarre rauchend, wie er auf die Jagd
+fuhr, seine Lieblingshunde nebenher. Ich habe ihn nie anders
+fahren sehen als auf dieser unansehnlichen alten Droschke.
+Auch nie anders als zweisp&auml;nnig. Ein Gepr&auml;nge mit sechs
+Pferden und R&ouml;cke mit Ordenssternen scheint nicht sehr nach
+seinem Geschmack gewesen zu sein.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist,&laquo; erwiderte Goethe, &raquo;bei F&uuml;rsten &uuml;berhaupt
+kaum mehr an der Zeit. Es kommt jetzt darauf an, was
+einer auf der Wage der Menschheit wiegt; alles &uuml;brige ist
+eitel. Ein Rock mit dem Stern und ein Wagen mit sechs
+Pferden imponiert nur noch allenfalls der rohesten Masse
+und kaum dieser. &Uuml;brigens hing die alte Droschke des
+Gro&szlig;herzogs kaum in Federn. Wer mit ihm fuhr, hatte
+<a class="page" name="Page_284" id="Page_284" title="284"></a>verzweifelte St&ouml;&szlig;e auszuhalten. Aber das war ihm eben recht.
+Er liebte das Derbe und Unbequeme und war ein Feind aller
+Verweichlichung.&laquo;</p>
+
+<p>Spuren davon, sagte ich, sieht man schon in Ihrem Gedicht
+Ilmenau, wo sie ihn nach dem Leben gezeichnet zu haben
+scheinen.</p>
+
+<p>&raquo;Er war damals sehr jung,&laquo; erwiderte Goethe, &raquo;doch
+ging es mit uns freilich etwas toll her. Er war wie ein edler
+Wein, aber noch in gewaltiger G&auml;rung. Er wu&szlig;te mit
+seinen Kr&auml;ften nicht wo hinaus, und wir waren oft sehr
+nahe am Halsbrechen. Auf Parforcepferden &uuml;ber Hecken,
+Gr&auml;ben und durch Fl&uuml;sse, und bergauf, bergein sich tagelang
+abarbeiten, und dann nachts unter freiem Himmel kampieren,
+etwa bei einem Feuer im Walde: das war nach seinem Sinne.
+Ein Herzogtum geerbt zu haben war ihm nichts, aber h&auml;tte
+er sich eines erringen, erjagen und erst&uuml;rmen k&ouml;nnen, das
+w&auml;re ihm etwas gewesen.</p>
+
+<p>Das Ilmenauer Gedicht,&laquo; fuhr Goethe fort, &raquo;enth&auml;lt
+als Episode eine Epoche, die im Jahre 1783, als ich es
+schrieb, bereits mehrere Jahre hinter uns lag, so da&szlig; ich mich
+selber darin als eine historische Figur zeichnen und mit meinem
+eigenen Ich fr&uuml;herer Jahre eine Unterhaltung f&uuml;hren
+konnte. Es ist darin, wie Sie wissen, eine n&auml;chtliche Szene
+vorgef&uuml;hrt, etwa nach einer solchen halsbrecherischen Jagd
+im Gebirge. Wir hatten uns am Fu&szlig;e eines Felsens kleine
+H&uuml;tten gebaut und mit Tannenreisern gedeckt, um darin auf
+trockenem Boden zu &uuml;bernachten. Vor den H&uuml;tten brannten
+<a class="page" name="Page_285" id="Page_285" title="285"></a>mehrere Feuer, und wir kochten und brieten, was die Jagd
+gegeben hatte. Knebel, dem schon damals die Tabakspfeife
+nicht kalt wurde, sa&szlig; dem Feuer zun&auml;chst und erg&ouml;tzte die
+Gesellschaft mit allerlei trockenen Sp&auml;&szlig;en, w&auml;hrend die
+Weinflasche von Hand zu Hand ging. Seckendorf, der
+schlanke, mit den langen, feinen Gliedern, hatte sich behaglich
+am Stamm eines Baumes hingestreckt und summte allerlei
+Poetisches. Abseits, in einer &auml;hnlichen, kleinen H&uuml;tte, lag der
+Herzog im tiefen Schlaf. Ich selber sa&szlig; davor, bei glimmenden
+Kohlen, in allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlungen
+von Bedauern &uuml;ber mancherlei Unheil, das meine
+Schriften angerichtet. Knebel und Seckendorf erscheinen mir
+noch jetzt gar nicht schlecht gezeichnet, und auch der junge F&uuml;rst
+nicht, in diesem d&uuml;stern Ungest&uuml;m seines zwanzigsten Jahres.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,<br /></span>
+<span class="i0">Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;<br /></span>
+<span class="i0">Der Unfall lauert an der Seite<br /></span>
+<span class="i0">Und st&uuml;rzt ihn in den Arm der Qual.<br /></span>
+<span class="i0">Dann treibt die schmerzlich &uuml;berspannte Regung<br /></span>
+<span class="i0">Gewaltsam ihn bald da bald dort hinaus,<br /></span>
+<span class="i0">Und von unmutiger Bewegung<br /></span>
+<span class="i0">Ruht er unmutig wieder aus.<br /></span>
+<span class="i0">Und d&uuml;ster wild an heitern Tagen,<br /></span>
+<span class="i0">Unb&auml;ndig, ohne froh zu sein,<br /></span>
+<span class="i0">Schl&auml;ft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen,<br /></span>
+<span class="i0">Auf einem harten Lager ein.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><a class="page" name="Page_286" id="Page_286" title="286"></a>So war er ganz und gar. Es ist darin nicht der kleinste
+Zug &uuml;bertrieben. Doch aus dieser Sturm- und Drangperiode
+hatte sich der Herzog bald zu wohlt&auml;tiger Klarheit durchgearbeitet,
+so da&szlig; ich ihn zu seinem Geburtstage im Jahre
+1783 an diese Gestalt seiner fr&uuml;heren Jahre sehr wohl erinnern
+mochte.</p>
+
+<p>Ich leugne nicht, er hat mir anf&auml;nglich manche Not
+und Sorge gemacht. Doch seine t&uuml;chtige Natur reinigte sich
+bald und bildete sich bald zum besten, so da&szlig; es eine Freude
+wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.&laquo;</p>
+
+<p>Sie machten, bemerkte ich, in dieser ersten Zeit mit ihm
+eine einsame Reise durch die Schweiz.</p>
+
+<p>&raquo;Er liebte &uuml;berhaupt das Reisen,&laquo; erwiderte Goethe,
+&raquo;doch war es nicht sowohl, um sich zu am&uuml;sieren und zu
+zerstreuen, als um &uuml;berall die Augen und Ohren offen zu
+haben und auf allerlei Gutes und N&uuml;tzliches zu achten, das
+er in seinem Lande einf&uuml;hren k&ouml;nnte. Ackerbau, Viehzucht
+und Industrie sind ihm auf diese Weise unendlich viel schuldig
+geworden. &Uuml;berhaupt waren seine Tendenzen nicht pers&ouml;nlich
+egoistisch, sondern rein produktiver Art, und zwar
+produktiv f&uuml;r das allgemeine Beste. Dadurch hat er sich
+denn auch einen Namen gemacht, der &uuml;ber dieses kleine Land
+weit hinausgeht.&laquo;</p>
+
+<p>Sein sorgloses einfaches &Auml;u&szlig;ere, sagte ich, schien anzudeuten,
+da&szlig; er den Ruhm nicht suche und da&szlig; er sich wenig
+aus ihm mache. Es schien, als sei er ber&uuml;hmt geworden ohne
+sein weiteres Zutun, blo&szlig; wegen seiner stillen T&uuml;chtigkeit.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_287" id="Page_287" title="287"></a>&raquo;Es ist damit ein eigenes Ding,&laquo; erwiderte Goethe. &raquo;Ein
+Holz brennt, weil es Stoff dazu in sich hat, und ein Mensch
+wird ber&uuml;hmt, weil der Stoff dazu in ihm vorhanden.
+Suchen l&auml;&szlig;t sich der Ruhm nicht, und alles Jagen danach
+ist eitel. Es kann sich wohl jemand durch kluges Benehmen
+und allerlei k&uuml;nstliche Mittel eine Art von Namen machen.
+Fehlt aber dabei das innere Juwel, so ist es eitel und h&auml;lt
+nicht auf den andern Tag.</p>
+
+<p>Ebenso ist es mit der Gunst des Volkes. Er suchte sie
+nicht und tat den Leuten keineswegs sch&ouml;n; aber das Volk
+liebte ihn, weil es f&uuml;hlte, da&szlig; er ein Herz f&uuml;r sie habe.&laquo;</p>
+</div>
+
+<p><a class="page" name="Page_288" id="Page_288" title="288"></a></p>
+<div class="advertisements">
+<h1>Werke von Jakob Wassermann</h1>
+
+<p><em class="larger">Die Juden von Zirndorf.</em> Roman. Neubearbeitete Ausgabe.
+Vierte Auflage.</p>
+
+<p><em class="larger">Die Geschichte der jungen Renate Fuchs.</em> Roman. Dreizehnte
+Auflage.</p>
+
+<p><em class="larger">Der Moloch.</em> Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage.</p>
+
+<p><em class="larger">Der niegek&uuml;&szlig;te Mund &#8211; Hilperich.</em> Novellen.</p>
+
+<p><em class="larger">Alexander in Babylon.</em> Roman. Neubearbeitete Ausgabe.
+F&uuml;nfte Auflage.</p>
+
+<p><em class="larger">Die Schwestern.</em> Drei Novellen. Dritte Auflage.</p>
+
+<p><em class="larger">Caspar Hauser oder die Tr&auml;gheit des Herzens.</em> Roman.
+Neue wohlfeile Ausgabe. Neunte Auflage.</p>
+
+<p><em class="larger">Die Masken Erwin Reiners.</em> Roman. Achte Auflage.</p>
+
+<p><em class="larger">Der goldene Spiegel.</em> Erz&auml;hlungen in einem Rahmen. Achte
+Auflage.</p>
+
+<p><em class="larger">Die ungleichen Schalen.</em> F&uuml;nf einaktige Dramen.</p>
+
+<p><em class="larger">Faustina.</em> Ein Gespr&auml;ch &uuml;ber die Liebe. Zweite Auflage.</p>
+
+<p><em class="larger">Der Mann von vierzig Jahren.</em> Roman. Zehnte Auflage.</p>
+
+
+<h2>S. Fischer, Verlag, Berlin</h2>
+
+
+<p class="printer">Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1915 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt.
+Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+<p>
+p 039: die kleinen, aufs feinste und sch&ouml;nste gemalten Figuren -> bemalten<br />
+p 032: [Illustration] Joh. Friedr. B&ouml;ttger -> B&ouml;ttiger<br />
+p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurney&szlig;er<br />
+p 123: erhielt sich Turney&szlig;er -> Thurney&szlig;er<br />
+p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen<br />
+p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler<br />
+p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn<br />
+p 195: Im Jahre 1656 -> 1756<br />
+p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen<br />
+p 234: [Punkt erg&auml;nzt] wie er selbst es gef&uuml;hrt.<br />
+p 274: [Punkt erg&auml;nzt] alle Zuschauer durchzuckte.
+</p>
+
+<p>Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
+folgenden W&ouml;rtern:</p>
+
+<p>
+Inful: Stirnbinde, Bischofsm&uuml;tze<br />
+Gelahrtheit: veraltet/dichterisch: Gelehrtheit
+</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>Transcriber&#8217;s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1915 by S. Fischer. The table below lists all
+corrections applied to the original text.</p>
+
+<p>
+p 039: die kleinen, aufs feinste und sch&ouml;nste gemalten Figuren -> bemalten<br />
+p 032: [Illustration] Joh. Friedr. B&ouml;ttger -> B&ouml;ttiger<br />
+p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurney&szlig;er<br />
+p 123: erhielt sich Turney&szlig;er -> Thurney&szlig;er<br />
+p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen<br />
+p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler<br />
+p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn<br />
+p 195: Im Jahre 1656 -> 1756<br />
+p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen<br />
+p 234: [added period] wie er selbst es gef&uuml;hrt.<br />
+p 274: [added period] alle Zuschauer durchzuckte.
+</p>
+
+<p>The original spelling has been maintained throughout the book.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by
+Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE CHARAKTERE ***
+
+***** This file should be named 18258-h.htm or 18258-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/8/2/5/18258/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://dp.rastko.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+
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+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
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+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
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+
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
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+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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