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+The Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by
+Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Deutsche Charaktere und Begebenheiten
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: April 26, 2006 [EBook #18258]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE CHARAKTERE ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://dp.rastko.net
+
+
+
+
+
+
+ Deutsche Charaktere
+ und
+ Begebenheiten
+
+
+ Gesammelt und herausgegeben
+ von
+ Jakob Wassermann
+
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+ 1915
+
+
+
+ Mit elf Abbildungen.
+
+ Alle Rechte vorbehalten, besonders die der Übersetzung.
+ _Erste bis vierte Auflage._
+
+
+
+[Illustration: Hochzeitsfeier im Jahre 1548, nach einem Bildteppich im
+Kunstgewerbemuseum zu Berlin.]
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
+
+Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen . . . . . 23
+ nach Vehse
+
+Böttiger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
+ nach Vehse
+ und Schmieder, Geschichte der Alchimi
+
+Moritz von Sachsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
+ nach Vehse
+
+Wallenstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
+ nach Vehse
+
+Leonhard Thurneyßer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
+ nach Vehse
+ und Dr. Möhsen
+
+Danckelmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
+ nach Vehse
+
+Kaiser Rudolf II. und sein Hof . . . . . . . . . . . . . 131
+ nach Vehse
+
+Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel,
+mit Herrn Reichard Strein . . . . . . . . . . . . . . . . 145
+ nach Hohenecks
+ »Stände Östreichs ob der Ems«
+
+Friedrich Wilhelm I. von Preußen . . . . . . . . . . . . 148
+ nach Vehse
+
+Joachim Nettelbeck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
+ nach seiner Autobiographie
+
+Christian Holzwart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
+ nach dem Neuen Pitaval
+
+Karl August von Weimar . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
+ nach Vehse, Briefen
+ Eckermanns Gesprächen mit Goethe
+
+
+
+
+Vorwort
+
+
+Die folgende Zusammenstellung deutscher Schicksale und Ereignisse ist
+zum größten Teil bereits vor drei Jahren abgeschlossen gewesen, ich
+hatte aber die Veröffentlichung in dem Gefühl verschoben, daß ein
+solches Buch mehr als ein anderes von einem Bedürfnis gefordert werden
+müsse. Der gegenwärtige Krieg, den wir Deutsche als einen Nationalkrieg
+empfinden, macht es zur Pflicht, in der Erinnerung des Volkes die Bilder
+einiger seiner merkwürdigsten Männer wachzurufen. Es kam darauf an, das
+festzuhalten, was im allgemein Gültigen zugleich das begrenzteste
+Persönliche gibt; darum mußte ich den ursprünglichen Plan des Werkes
+verändern und diejenigen Lebensbeschreibungen, Erzählungen und Anekdoten
+entfernen, die mehr Romanhaftes und Interessantes hatten als
+Exemplarisches, mehr äußeren Bezug als inneren, mehr Oberfläche als
+Gehalt. Die Darstellung ist nicht die meine, sie ist zumeist wörtlich
+die der Historiker und der Quellen, die im Inhaltsverzeichnis namentlich
+angeführt werden; ich habe das Material übernommen, wie es sich bot, mit
+keinem andern Maßstab messend, als mit dem der fühl- und spürbaren
+Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, nur nach dem Gesichtspunkt ordnend, den
+ein natürlicher Überblick ergab. Den außerordentlichen Schicksalen,
+dient nur das Wort treu ihrem Verlauf, wohnt soviel Überzeugungskraft
+von selber inne, daß Stilkünste sie nur verschleiern und verzerren
+können, und wenn irgendwo, gilt hier der Feuerbachsche Ausspruch: Stil
+ist die Weglassung des Unwesentlichen. Es ist dieselbe Prozedur, die von
+der Geschichte, der Überlieferung in den meisten Fällen so gesetzmäßig
+und methodisch besorgt wird, wie von einem Strom, der alles trübe
+Gemengsel und unreinen Stoffe alsbald an die Ufer schwemmt oder auf den
+Grund sinken läßt.
+
+Ich habe es auch unterlassen, zwischen den losen Stücken durch
+Ausdeutung oder Betrachtung künstliche Brücken herzustellen; das
+Gemeinsame liegt in ihrem Geist und Wesen, die scheinbare Willkür in der
+Wahl kann sich nur auf einen Zwang der Phantasie berufen, die
+Entscheidung gab allein ihre deutsche Herkunft und deutsche
+Beschaffenheit.
+
+Unabweisbar drängt sich hier die Frage auf: Was ist ein deutscher
+Charakter, was ist ein deutsches Schicksal, was ist ein deutsches
+Ereignis?
+
+ * * * * *
+
+Spreche ich vom Deutschen schlechthin, so postuliere ich eine Gestalt,
+die aus der Erfahrung gezogen und zur Idee gesteigert ist; als solche
+schließt sie eine Summe von Eigenschaften in sich, welche sowohl dem
+Wesen des Volkes als Ganzes zukommen, als auch dem uns überlieferten
+Bilde repräsentativer Männer entsprechen. Den Maßstab hierzu liefert
+mir das lebendige und fließende Element der Geschichte. Indem sie mir
+eine zergliederte, beseelte Nachricht über das Ereignis gibt, wie auch
+über die Personen, die in ihm eine Rolle gespielt haben, erlaubt sie mir
+zugleich, Ereignis und Figur zu deuten, in freier Betrachtung zu
+erweitern und zu verallgemeinern. Das Gesetz begreifen, das Schicksal
+fühlen, die auf dem von der Menschheit bisher beschrittenen Weg gewaltet
+haben, ist das einzige Mittel, die Wege ihrer Zukunft wenigstens
+flüchtig und ahnend zu erleuchten.
+
+In diesem Sinne hat man vom deutschen Charakter zu reden und ihn als ein
+Umgrenztes und Unterscheidendes zu erklären. Es wäre nicht einmal
+notwendig, auf Stammeseigentümlichkeiten zu verweisen, auf ausgebildete
+und in jeder Landschaft anders geartete Merkmale der Sprache, auf die
+Landschaftsformen selbst, auf die wechselnden Lebensbedingungen, das
+größere oder geringere Maß von Freiheit, von Wohlfahrt, von
+Begünstigungen, die die Natur gewährt oder die durch vornehmliche Kraft,
+Tapferkeit, durch Fleiß oder Glück erworben wurden; man kann in einem so
+reichen, ja unendlich scheinenden Organismus, wie es eine Nation ist,
+eine unendliche Vielfalt und Variabilität der Lebenskristallisationen
+feststellen, und doch wird die Nation in ihrer Gesamtheit gegen eine
+andere, sei es auch benachbarte, sogar verwandte Nation ein völlig
+verschiedenes Lebens- und Wesensbild zeigen. Es eignet eben jeder
+Nation, genau wie jedem einzelnen, ihr besonderes Fundament, ihre
+besondere Willenskraft, ihre besonderen Ziele, und in der
+Zusammenfassung erleidet sie jenes Schicksal, zu dem ihr Charakter den
+Grund legt.
+
+Der Deutsche ward nicht in einem Garten geboren, die Natur hat ihn nicht
+verschwenderisch beschenkt. Die Berichte aus der Vorzeit erzählen schon
+von dem rauhen Klima und der Kargheit des Landes, das seine Bewohner zu
+unermüdlicher Arbeit aufforderte und durch Überfluß nicht verwöhnte.
+Seitdem ist die Erde williger geworden, die Atmosphäre milder, aber die
+Fülle oder nur die unerwartete Gabe hat der Bauer nie erfahren, der
+Gärtner, der Obstzüchter nie; genau nach dem Maß seines Tuns ward ihm
+gelohnt.
+
+Das Leben des Urvolks war gewiß dem Kindheitszustand aller andern Völker
+ähnlich; an den Grenzen finden die Feinde nur wenig natürliche
+Hindernisse; kriegerische Horden, von Osten und Westen her eindringend,
+zerstampfen die Saaten, verwüsten die Siedlungen; kann der Aufruf des
+Fürsten Bewaffnete genug erreichen und sammeln, so zieht er dem Bedroher
+entgegen und stellt ihn in freier Feldschlacht; ist er zu solchem
+Unternehmen zu schwach, so verschanzen sich die Mannen in ihren festen
+Plätzen. Immerhin mußte der Deutsche als Bewohner des Herzlands Europas
+mehr als andre drauf gefaßt sein, daß alles, was er baute und schuf, was
+er säte und sparte, was er liebte und schmückte, seine Bäume und sein
+Vieh, sein Heim und seine Kinder, sein Land und alle Werke darin, die
+Beute von schweifenden Eroberern wurde.
+
+Aber da eine feste politische Grenze nicht vorhanden war, konnte jeder
+Nachbar jederzeit zum Gegner, der Freund von gestern zum Feind von
+morgen werden. Die Folge davon, eine immer größere Zerstückelung des
+Gebiets, eine beständige Lostrennung einzelner Teile, die sich dann zu
+selbstwilligen und der Gesamtheit trotzig entgegengesetzten
+Interessensphären entwickeln, trat gar bald ein und enthüllte sich als
+ein nationales Unglück. Um das Jahr 1200 war ganz Deutschland der
+Schauplatz aufreibender egoistischer Kämpfe und eines Faustrechts, das
+jeden Besitz und jede friedliche Arbeit gefährdete. Um ihren Handel zu
+schützen, auf welchem allein der Wohlstand, ja die Existenz des
+Bürgertums beruhte, mußten die Städte zu Mitteln greifen, die sie auch
+als wehrhafte Macht in Achtung setzten, und nach und nach wurde jede
+Stadt, auch die nicht reichsfreie, zu einer Art von Republik. Da
+entstand nun die schönste und eigentümlichste Blüte der Volkskraft, ein
+beständiges inneres Wachstum bis in die Zeit der Reformation. Die großen
+Schwurgesellschaften übernahmen den Schutz des Privatlebens und
+ersetzten so den Staat, alle einzelnen traten in Genossenschaften
+zusammen, und diese wieder standen durch Bünde gegeneinander.
+
+Drohende Gefahr macht Wachsamkeit zur ersten Tugend. Ordnung muß die
+Vielzahl ersetzen, Zucht ist das Gebot, das die Freiheit fördert. Der
+Mann ist König in seinem Haus, Diener in brüderlichen Verbänden. Nur
+Arbeit verleiht Würde, nur Bewährung einen Vorrang, und ohne Hingebung
+an eine Sache wird der Geist für nichts geachtet. Wenn aber der Geist
+sich zur Sachlichkeit gesellt, entsteht die Idee, die das Individuum
+formt und das Gemeinwesen entwicklungsfähig macht. Welche Wege auch
+immer der Ritter, der Junker, der Gutsherr, der Bauer einschlug, die
+Zukunft der Nation lag in den Händen des Bürgers.
+
+Fast jede Stadt hatte etwas trotzig Ernstes, ja Finsteres; ihre Häuser
+drängten sich wie Männer, die Achsel an Achsel stehen, so dicht
+zusammen, daß für ein Blumenbeet der Raum nicht blieb. Die
+spitzgiebeligen Dächer erschienen als Wahrzeichen der zur Höhe
+gedrängten Kraft, die engen Gassen gaben das Gefühl der Umschlossenheit,
+und alles Schmuckwerk wuchs gleichsam aus der Not: die Zierlichkeit
+massiver Gitter, die geschwungenen Steinquadern unerschütterlicher
+Brücken, die Feinheit und zarte Gliederung erhabener Dome, deren
+ursprünglich fremde Formen dem deutschen Leben und Wesen immer mehr zu
+eigen wurden.
+
+Während alle andern abendländischen Völker verhältnismäßig früh zur
+Bildung eines staatlichen Organismus gelangten, war dies bei den
+Deutschen erst im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts der Fall.
+Deutsche Zerrissenheit war das Merkwort, mit dem sich der Deutsche
+selbst in die Unabänderlichkeit eines Weltzustandes ergab. Dies ist eine
+Tatsache, deren Grund zu erforschen sich wohl lohnt.
+
+Nach allem, was wir von dem Volk der Germanen wissen, scheint es, als ob
+ihr religiöses Leben durch den Eintritt in das Christentum eine
+bedeutende Störung erlitten, als ob eine natürliche Entfaltung ihrer
+religiösen Anlage ein andres Ergebnis gehabt hätte als das durch die
+Geschichte hervorgebrachte. Darauf läßt namentlich die immer wieder
+zutage tretende Abneigung der Deutschen gegen den Klerus, gegen das
+Papsttum und seine unumschränkte Gewalt schließen. Der Papst strebte
+nach Weltherrschaft; ein Weltimperium zu schaffen war auch der tiefe
+Wille der Deutschen; ist es nicht denkbar, daß die eingeborne Macht
+dieser Idee dadurch gebrochen worden ist, daß die Kaisergeschlechter der
+Salier, Franken und Schwaben eine Art Kompromiß schlossen, indem sie
+eine römische Weltherrschaft auf deutschem Boden gründen, die Nation in
+ein römisches Kaisertum verwandeln wollten? Es war dies eine poetische
+Idee und nicht eine politische, und darin liegt das Verhängnis, darin
+der Irrtum, der Stillstand, die Unfruchtbarkeit. Der Zug über die Alpen:
+das romantische Abenteuer; Italien, die zweite Heimat, Provinz des
+Lichtes und der Schönheit, der holde Traum, die Lockung der
+Jahrhunderte.
+
+Immer wieder setzen die Kräfte an diesem Punkte an, immer wieder brechen
+sie hier. Es lebte im Volk ein unbeirrbarer, bis ins Unbewußte
+gedrungener Glaube, daß es die Herrenrolle in Europa wieder übernehmen
+werde, die nach alten Überlieferungen die Ahnen der Vorzeit innegehabt;
+aber diese Überzeugung kam stets nur in den Leistungen und Werken
+einzelner zum Ausdruck und entbehrte dann auch nicht der Schwermut und
+Klage; das Staatswesen schien davon unberührt zu bleiben. Während die
+Reformation, diese deutscheste Bewegung in der deutschen Geschichte, die
+langersehnte geistige Befreiung schafft, findet der Staat im Kaiserhaus
+selbst einen Feind, der ihn beständig an Rom und an die Romanen verrät,
+und die Hoffnung der Freien und Befreiten wird durch den Dreißigjährigen
+Krieg, das größte Unglück, von welchem je ein Volk getroffen wurde,
+erstickt. Langsam sammeln sich die Kräfte wieder; es ist ein erhabenes
+Zeugnis für die der Nation innewohnende Tüchtigkeit und Kraft, daß sie
+kaum eines Jahrhunderts bedarf, um zu einer Blüte der Bildung und des
+geistigen Lebens zu gelangen, wie sie die Geschichte keines andern
+Volkes kennt, eine Blüte allerdings, die nach Gustav Freytags tiefem
+Wort die wundergleiche Schöpfung einer Seele ohne Leib ist.
+
+Erst mit dem Heraufkommen des preußischen Staates kündigt sich eine neue
+und verheißungsvolle Periode des nationalen Lebens an. Ein neues
+Lebensgesetz wird von den einzelnen ergriffen und bindet sie. Gleichsam
+gereinigt in der Glut geistiger Erlebnisse, vor einen reinen Spiegel
+hingestellt durch das Genie der Dichter, das Beispiel großer Feldherrn,
+großer Fürsten und im wahren Sinn protestantischer Volksfreunde,
+erkennen die Führer, erkennt das Volk die Notwendigkeit politischer
+Sammlung und finden den Weg, das Ideal praktisch zu verwirklichen. Alte
+Instinkte trotziger Selbständigkeit werden niedergezwungen und dem
+Allgemeinen dienstbar gemacht, schädliches Fremdes wird ausgeschieden,
+nützlich und tüchtig Fremdes angeschmolzen.
+
+[Illustration: Ziethen, nach einem Stich von Townley.]
+
+In preußischer Zucht und Schule wächst das neue Deutschland zur
+Erkenntnis und zur Erfüllung seiner Aufgabe heran. Dort vollzieht sich
+die Sonderung, die Wandlung, der Zusammenschluß. Ein König, dessen
+unerschütterliche Energie im Bewahren, Sammeln und Vorbereiten ihn zum
+Werkzeug des Schicksals und zum wahren Zimmermann der Fundamente macht,
+gibt aus scheinbar bürgerlicher Enge das ungeheure Wort von der
+Suveränität, die er als einen #rocher de bronze# statuiere, und ein
+Philosoph in ebenso scheinbarer bürgerlicher Enge formuliert den
+kategorischen Imperativ als Stützpunkt einer die ganze moderne Welt
+überwölbenden Moral- und Sittenlehre.
+
+Friedrich der Große war dann der Gestalter, wenn auch nicht der
+Vollender, die Verkörperung wesentlicher politischer und
+organisatorischer Eigenschaften, mit denen die neue Zeit ihre Arbeit
+beginnen konnte. Vielleicht war ihm am Ende seiner unvergleichlichen
+Laufbahn noch nicht einmal bewußt, wie sehr er Bürger war, indem er
+König war. Und da seine Taten ihn zum Helden machten, schuf er eben
+dadurch, daß er König und Bürger zugleich war, einen neuen Begriff des
+Heroischen, der durch seine Einfachheit und Menschlichkeit vorbildlich
+wurde. In ihm hat das deutsche Gesicht seine krönende Gültigkeit
+erhalten und seinen beredtesten Ausdruck.
+
+Das deutsche Gesicht! Es schwebt mir Christoph Ambergers Bildnis eines
+Augsburger Patriziers vor, und Holbeins Bildnis des Bürgermeisters
+Meyer, und Lukas Cranachs Bildnis eines alten Mannes; ich denke an
+Luthers Gesicht, an Keplers Gesicht, an Scharnhorsts und Nettelbecks
+Gesicht, an Sebastian Bachs und an Moltkes Gesicht; es sind immer
+dieselben Züge wie die von Brüdern und Gefährten in der Reihe der
+wechselnden Geschlechter.
+
+Sie wissen den Tod, ohne ihn zu sehen, sie spüren ihn, ohne ihn zu
+fürchten. Wie der Tod innerstes Gefühl wird, ist in dem Dürerschen
+Porträt des Patriziers Oswald Grell über alle Beschreibung wahr
+ausgedrückt, neben einem Antlitz von feierlich ernster Versunkenheit ist
+eine Landschaft mit zarten Bäumen hingesetzt wie die Vision einer
+höheren Welt.
+
+Was macht ihr Auge so schön, so merkwürdig? Ist es der traumvolle Blick,
+der dennoch im Lichte badet, die Güte ohne Weichheit, die Strenge ohne
+Härte? Oder das Wissen um menschliche Dinge, um die deutsche Not, die
+Menschennot? Es wohnt ein Horchen in ihm, wie durch Stimmen aus der
+Überwelt erzeugt, ein ungewisser Schimmer, der auf Vertrautheit mit den
+letzten Entscheidungen des Schicksals deutet. Im Schluß der Lippen liegt
+ein bewältigter Zorn, der sich bald in Trauer wenden mag, oder eine
+Stille, die die Resignation trotzig ablehnt; die Nase ersteht aus
+Gruben, die von Seelenleiden ausgehöhlt sind, und um die Schläfen zuckt
+es wie Nachgewitter von Leidenschaften, die gegen die Mitte der Stirne
+hin sich in einen See ruhiger und reiner Gedanken auflösen.
+
+Dem Deutschen ward verliehen, die Dinge zu sehen und durch die Dinge
+hindurch sich in ein Verhältnis zu Gott zu begeben. Zwischen ihm und
+Gott steht das Ding; das Ding wird sein eigen oder Gott wird sein eigen,
+er wird Gottes oder auch des Dinges. Symbolisch groß sieht man deshalb
+auf der Dürerschen Melancholia eine Leiter, eine Sanduhr, einen Zirkel,
+einen Würfel, ein Winkelmaß und manche andere »Dinge«.
+
+In vielen deutschen Märchen ist der schlummernde Königssohn, der
+Schläfer, Siebenschläfer, Scheinschläfer eine Figur wie aus
+Selbstanklage und dunkler Verheißung gewebt. Leicht versank der Deutsche
+in sich selbst, verlor sich, vergaß sich, verspielte sich, versäumte die
+Stunde, die Gelegenheit, die Tat. Kehrte er aber einmal sein Inwendiges
+nach außen, so war seine Tat so heftig, wie vorher der Traum von ihr
+glühend. Es mußte aber ein Unbedingtes sein, ein Höheres, gleichsam
+nicht mehr das Ding, sondern Gott, was ihn wandelte. Dann bot er sich
+zum Opfer an, und das Opfer war ihm selbstverständlich, die eigene
+Person stets der Preis, den er ohne Prahlerei, mit vollkommener
+Einfachheit des Gemütes einsetzte.
+
+Niemand kann kleiner sein als der Deutsche, wenn ihn die Alltäglichkeit
+beherrscht, niemand platter und lichtloser; niemand aber auch größer,
+wenn das Unbedingte an ihn herantritt, das Pathos großer Ereignisse ihn
+hinaufreißt. In keiner Sprache gibt es ein Wort, das den Zustand
+unnützer und spielerischer Wehrhaftigkeit so in den Bereich des
+Komischen stellte wie das Wort Spießbürger; aber in keiner auch ein
+Wort, das höchste Tugend so karg und metallen ausdrückte, wie das Wort
+Held. Spießbürger und Held, das sind die Pole deutschen Lebens, und daß
+aus einem Spießbürger ein Held werden kann, hat der Deutsche in jeder
+Stunde der Gefahr bewiesen. Hierzu brauchte er nur den Glauben an die
+Gerechtigkeit der Sache; es durfte nur der Sache nichts Erschlichenes
+anhaften, nichts Künstliches, nichts Verfeinertes, nichts Advokatisches;
+sie mußte sozusagen rauh und urtümlich sein und ihn im Mittelpunkt des
+Herzens treffen, dann wurde sein Herz zum Mittelpunkt der Welt.
+
+Seine Anteilnahme kann bis zur Unbequemlichkeit lärmen, doch seine
+Begeisterung ist fast immer von stiller Art. Romanischen Völkern eignet
+oft eine Begeisterung ohne Tiefe, eine müßige und eitle, der
+begleitenden Tat ermangelnde; deutsche Begeisterung ist wie Essenfeuer;
+Hammer und Amboß, Huf und Schwert sind nicht weit davon entfernt. Der
+still Begeisterte, mehr Erglühte als Entflammte, das ist der Mensch, der
+des Fanatismus nicht fähig ist, und die Zustände jenseit der
+Selbstbesinnung finden wir beim Deutschen mehr im Gebiet des Religiösen
+und rein Geistigen, der Mystik und des Prophetentums, als in dem der
+Politik und des gemeinen Lebens.
+
+So ist auch das Exzentrische dem deutschen Wesen fremd; seine Anlage ist
+konzentrisch. Er ist gefaßt; er weiß um seine Grenzen, wennschon sein
+Verlangen stets nach dem Grenzenlosen geht. Er ist beschaulich, bleibt
+aber nicht im Bilde ruhen, sondern verirrt sich gern in die Labyrinthe
+der Spekulation. Alles muß für ihn Bezug haben, Verbindung, Folge, –
+insoweit es das Geistige betrifft; daher seine Schwerfälligkeit, seine
+Pedanterie, sein Respekt vor dem Wissen, sein Zuviel an Schulbildung,
+sein Mangel an Glätte, an Schmiegsamkeit und an Manier. Insoweit es
+aber das Gemüthafte betrifft, braucht er keinen Bezug und achtet keine
+Folge; da wird ihm die Welt zum einheitlichen Gebilde, das Schicksal ein
+gerechter Herr, und in seiner Seele ist die Menschheit.
+
+Wichtig vor allem ist ihm die Scholle; erstes Gesetz, die Hantierung,
+die er gelernt, zur Vollkommenheit auszubilden; einem Herrn zu dienen
+Bedürfnis und Freude; einen großen Gedanken in seiner Brust zu hegen und
+zu wärmen beinahe Kultus. In den Zeiten seiner politischen Unreife
+übersah er, daß die Scholle nur ein winziger Teil des Ganzen ist und
+segensvoller gedeiht, wenn auf der Nachbarscholle nicht der beargwöhnte
+Gegner, sondern der mitwirkende Freund haust; bedachte er nicht, daß die
+Hantierung vom Allgemeinen aus- und zum Allgemeinen zurückgehen muß,
+damit ineinanderwachsende Kräfte durch Überlieferung erstarken und
+erblühen können und nicht das einzelne vereinzelt mit sich selber
+stirbt; mißkannte er, daß es keinen Herrn gibt, der nicht der Diener
+seiner Diener ist; versäumte es, sich zum Herren seiner Herren zu machen
+und so, im Geflecht von Ordnung und Herrschaft, von Bürgerpflichten und
+Herrenrechten, von Herrenpflichten und Bürgerrechten das glückliche
+Glied eines glücklichen Volkes zu werden.
+
+Dies ist anders geworden. Es war ein Prozeß, so schwierig und
+langwierig, daß die Besten immer wieder an ihrer Hoffnung verzweifelten
+und das Blut edler Märtyrer vergeblich geopfert schien. Der Prozeß ist
+gewonnen. Das verflossene Jahrhundert hat die deutsche Nation
+wiedergeboren, sie aus romantischer Dämmerung an den lichten Tag der
+Geschichte geführt und ihr, in Pflicht und Liebe, in Neigung und
+Interesse das Reich der Realität geöffnet. »Der Realismus, welchen man
+rühmend oder zürnend die Signatur der Gegenwart nennt,« sagt Gustav
+Freytag, »ist in Kunst und Wissenschaft, im Glauben wie im Staate nichts
+als die erste Bildungsstufe einer aufsteigenden Generation, welche das
+Detail des gegenwärtigen Lebens nach allen Richtungen zu vergeistigen
+sucht, um dem Gemüt neuen Inhalt zu geben.«
+
+Der Deutsche hat die ihm gemäße Art von Politik gefunden; ich möchte sie
+die Politik des unbeirrbaren Triebes nennen; die Politik der Entfaltung,
+der Erkenntnis und der Bestimmung. Sie kann der Winkelzüge, der
+veralteten Rezepte und geheimen Wege entraten, da sie auf den
+natürlichen Rechten des Geistes und Herzens ruht, nicht auf
+willkürlichen Machenschaften, sondern auf einer Notwendigkeit und einer
+welthistorischen Idee.
+
+Der Siebenschläfer, aufgewacht ist er ja längst, hat sich auf diesem
+Planeten ein gewaltiges Haus gebaut. Gestern ist es unter Dach gebracht
+worden. Schon grüßen die Tannenreiser vom First.
+
+
+
+
+Szene zwischen Friedrich dem Großen und Ziethen
+
+
+Nach dem glücklich beendeten Siebenjährigen Krieg sah Friedrich unter
+seinen Tischgenossen vorzüglich gern den alten General Ziethen. Wenn
+gerade keine fürstlichen Personen zugegen waren, mußte Ziethen immer an
+der Seite des Königs sitzen. Einstmals hatte er ihn auch zum Mittagessen
+am Karfreitag eingeladen, aber Ziethen entschuldigte sich; er könne
+nicht erscheinen, weil er an diesem hohen Festtag immer zum heiligen
+Abendmahl gehe und dann lieber in seiner andächtigen Stimmung bleibe; er
+dürfe sich darin nicht unterbrechen und stören lassen. Als er das
+nächstemal zur königlichen Tafel in Sanssouci erschien und die
+Unterredung wie stets einen heiteren, fröhlichen und geistreichen Gang
+genommen hatte, wandte sich der König mit scherzender Miene an seinen
+Nachbar. »Nun, Ziethen,« sagte er, »wie ist Ihm das Abendmahl am
+Karfreitag bekommen? Hat Er den wahren Leib und das wahre Blut Christi
+auch ordentlich verdaut?« Ein lautes spöttisches Gelächter schallte
+durch den Saal der fröhlichen Gäste. Der alte Ziethen aber schüttelte
+sein graues Haupt, stand auf, und nachdem er sich vor seinem König tief
+gebeugt, antwortete er mit fester Stimme: »Eure Majestät wissen, daß ich
+im Kriege keine Gefahren fürchte und überall, wo es darauf ankam, für
+Sie und das Vaterland mein Leben gewagt habe. Diese Gesinnung beseelt
+mich auch heute noch, und wenn es nützt und Sie es befehlen, lege ich
+meinen Kopf gehorsam zu Ihren Füßen. Aber es gibt einen über uns, der
+ist mehr als Sie und ich und mehr als alle Menschen, das ist der Heiland
+und Erlöser der Welt, der für Sie gestorben und uns alle mit seinem Blut
+teuer erkauft hat. Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und
+verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube. Mit der Kraft dieses
+Glaubens hat Ihre brave Armee mutig gekämpft und gesiegt. Unterminieren
+Eure Majestät diesen Glauben, so unterminieren Sie die Staatswohlfahrt.
+Das ist gewißlich wahr. Halten zu Gnaden.«
+
+Die Tafelgesellschaft war totenstill geworden. Der König war sichtbar
+ergriffen. Er erhob sich, reichte dem General die rechte Hand, legte die
+linke auf seine Schulter und sagte: »Glücklicher Ziethen! Möchte ich es
+auch glauben können! Ich habe allen Respekt vor Seinem Glauben. Bewahre
+Er ihn. Es soll nicht wieder geschehen.«
+
+Kein Mensch hatte den Mut, ein Wort weiter zu reden. Auch der König fand
+zu einem andern Gespräch keinen schicklichen Übergang, er hob die Tafel
+auf und gab das Zeichen zur Entlassung. Dem General Ziethen befahl er:
+»Komme Er mit in mein Kabinett.«
+
+
+
+
+Böttiger
+
+
+Unter die große Zahl merkwürdiger Männer, die das achtzehnte Jahrhundert
+in Deutschland hervorbrachte, gehört auch Johann Friedrich von Böttiger,
+der zufällige Erfinder des Porzellans. Böttiger war ein geborener
+Sachse; er ward geboren zu Schleiz im Vogtlande, wo sein Vater bei der
+Münze angestellt war. Da seine Mutter sich zum zweitenmal mit dem
+magdeburgischen Stadtmajor und Ingenieur Tiemann verheiratete, erhielt er
+frühzeitig Unterricht in der Mathematik und in der Fortifikationskunst,
+zeigte aber eine auffallende Neigung zur Chemie. Schon mit zwölf Jahren
+kam er als Lehrling in die Zornsche Apotheke nach Berlin, wo er sich
+sofort aufs Goldlaborieren legte. Er wurde dabei durch den berühmten
+Johann Kunkel aufgemuntert, der im Zornschen Haus verkehrte und von dem
+jungen Menschen so bezaubert war, daß er überall seine Talente und
+Kenntnisse rühmte.
+
+Um diese Zeit reiste ein großer Unbekannter durch Europa, der unter
+mancherlei Namen und vielfach verkleidet auftrat. Er schien kein anderes
+Ziel zu haben, als die Ehre der Alchimie zu retten, und verwendete
+darauf ungeheure Summen, wenn auch mit großer Vorsicht. Wenn die
+Transmutationen nach seinen Angaben versucht wurden und Aufsehen
+erregten, war er immer schon weit entfernt und durch Namenwechsel
+unerreichbar geworden. Er kehrte nicht leicht dahin zurück, wo er schon
+gewesen, oder doch in ganz veränderter Gestalt. Dieser Unbekannte,
+welcher Goldsamen ausstreute, bezeichnete sich, wenn man nach Pässen und
+dergleichen fragte, als einen griechischen Bettelmönch und nannte sich
+Laskaris; er wollte Archimandrit eines Klosters auf der Insel Mytilene
+sein und führte als solcher auch ein Beglaubigungsschreiben des
+Patriarchen von Konstantinopel mit sich. Da er das Griechische vollendet
+sprach und sich auch sonst keine Blöße gab, wurde seinen Angaben
+geglaubt, und man war sogar geneigt, ihn für einen Abkömmling der
+kaiserlichen Familie Laskaris zu halten. Er sammelte Almosen zur
+Loskaufung von Christen, die in türkische Gefangenschaft geraten waren,
+allein man wollte bemerkt haben, daß er weit mehr an die Armen
+verschenkte, als ihm die Kollekte eintrug, und demnach mochte es ihm mit
+seiner Mission wenig ernst sein. Die Nachrichten über ihn beruhen auf
+dem Zeugnis glaubhafter Personen, die ihn als einen Mann von gefälligem
+Betragen schildern, sehr unterrichtet und voll von Interessen, was eher
+auf einen gebildeten Abendländer, als auf einen morgenländischen
+Klosterbruder schließen läßt.
+
+Als der geheimnisvolle Fremde im Jahre 1701 nach Berlin kam, erkundigte
+er sich bei dem Gastwirt, ob es in Berlin auch Alchimisten gebe. An
+dergleichen Narren sei kein Mangel, antwortete treuherzig der Wirt und
+nannte unter anderen den Apotheker Zorn. Der Fremde ging bald darauf in
+die Zornsche Offizin und fragte nach einem chemischen Medikament. Der
+Provisor befahl einem Gehilfen, den Laboranten zu rufen. Es erschien ein
+junger Mensch, der Lehrling Böttiger. Auf die Frage des Fremden, ob er
+dem Laboratorium vorstehe, weil man ihn den Laboranten nenne, erwiderte
+er gutmütig lachend, man tue dies zum Spaß, weil er in seinen
+Nebenstunden zuweilen chemische Experimente mache. Dem fremden Herrn
+gefiel der Jüngling, und zur Einleitung einer näheren Bekanntschaft trug
+er ihm auf, ein Antimoniumpräparat herzustellen und ihm dieses ins
+Gasthaus zu bringen.
+
+Als Böttiger das bestellte Präparat brachte, plauderte der Fremde mit
+ihm. Böttiger wurde zutraulich und gestand, daß er den Basilius
+Valentinus besitze und unverdrossen nach ihm arbeite. Er wiederholte
+seine Besuche und gewann die Gunst des Fremden immer mehr. Als dieser
+endlich abreisen wollte und die Pferde schon warteten, ließ er Böttiger
+noch einmal rufen und eröffnete ihm, daß er selbst das große Geheimnis
+besitze, und schenkte ihm zwei Unzen von seiner Tinktur, mit der
+Anweisung, daß er noch einige Tage davon schweigen, dann aber die
+Wirkung der Tinktur zeigen möge, wenn er wolle, damit man in Berlin die
+Alchimisten nicht mehr Narren schelte.
+
+Nach der Entfernung des Fremden säumte Böttiger nicht, sich von dem Wert
+des Geschenks zu überzeugen. Bald zeigte er den Gehilfen, die ihn bis
+dahin verspottet hatten, gutes Gold als Produkte seiner Kunst und sagte,
+er sei entschlossen, die Pharmazie aufzugeben, nach Halle zu gehen und
+Medizin zu studieren. In der Tat nahm er den Abschied von seinem
+Prinzipal und bezog eine Mietwohnung. Er verkehrte mit Alchimisten,
+vornehmlich mit einem Laboranten namens Siebert. Eines Tages wurde er
+von dem Apotheker Zorn zu Tisch gebeten. Er traf dort zwei Freunde, den
+Pfarrer Winkler von Magdeburg und den Pfarrer Borst von Malchow. Die
+beiden Geistlichen vereinigten sich, dem achtzehnjährigen Menschen
+vorzustellen, daß er zum sicheren Broterwerb zurückkehren und nicht
+einer eingebildeten Kunst nachhängen solle; das Unmögliche, sagten sie,
+könne er doch nicht möglich machen. Er aber erbot sich, das Unmögliche
+sogleich möglich zu machen, und forderte sie auf, Zuschauer zu sein. Die
+ganze Tischgesellschaft verfügte sich nun mit ihm in das Laboratorium.
+
+Hier nahm Böttiger einen Tiegel und wollte Blei darin schmelzen, als
+aber die Gegner sein Blei verdächtig finden wollten, wählte er statt
+dessen Silbergeld von bekanntem Gehalt. Die preußischen
+Zweigroschenstücke waren damals fünflötig, und von diesen nahm er
+dreizehn Stück. Während sie zusammenschmolzen, brachte er eine silberne
+Büchse hervor, die den Stein der Weisen in Gestalt eines feuerroten
+Glases enthielt. Er löste davon einige Körnchen ab, streute sie auf das
+fließende Metall und verstärkte die Glut. Danach reichte er den
+Zweiflern das ausgegossene Metall dar, und staunend überzeugten sich
+diese, daß es zum reinsten Gold geworden war.
+
+Dem Laboranten Siebert zeigte Böttiger eine größere Transmutation in
+andern Metallen. Siebert mußte acht Lot Quecksilber in einem Tiegel heiß
+machen; auf die Masse warf Böttiger soviel als ein Handkorn groß von
+einem braunroten Pulver, das er zuvor in Wachs impastiert hatte. Dadurch
+wurde das Quecksilber ganz und gar in Pulver verwandelt, dieses Pulver
+wickelte er in Blei und ließ es schmelzen. Nach einer Viertelstunde war
+alles Metall zu Gold geworden.
+
+Diese und andere Proben, welche Böttiger neugierigen Bekannten zeigte,
+machten ihn bald zum Helden des Tages, und das um so mehr, als er nicht
+für gut fand, die Wahrheit zu gestehen, sondern sich selbst als Erfinder
+des Pulvers bewundern zu lassen. Die Erfahrenen nannten ihn Adeptus
+ineptus und prophezeiten ihm Unheil, welche Prophezeiung sich auch bald
+erfüllte. Die Stadtgespräche drangen in die königlichen Vorzimmer und
+bis zu König Friedrich I. selbst. Der König ließ nachfragen und fand es
+geboten, sich des jungen Adepten zu versichern. Schon war Befehl
+erteilt, ihn zu verhaften, als ein Bekannter ihn warnte. In der Nacht
+verließ er Berlin zu Fuß und eilte, Wittenberg zu erreichen. Während er
+über die Elbe gesetzt ward, sah er hinter sich ein preußisches Kommando,
+das man ihm nachgeschickt hatte. In Wittenberg wohnte seiner Mutter
+Bruder, der Professor Kirchmaier, der auch als alchimistischer
+Schriftsteller von sich reden gemacht hatte. Bei ihm wäre Böttiger
+geborgen gewesen, allein der preußische Hof reklamierte ihn in Dresden
+als preußischen Untertan. Der Grund hierzu blieb bei dem erregten
+Aufsehen kein Geheimnis; der sächsische Hof ward aufmerksam. Man
+verweigerte die Auslieferung, weil sich ergab, daß er in Sachsen geboren
+sei. König August II. ließ ihn nach Dresden bringen und freute sich, daß
+ihm ein so seltener Vogel zugeflogen war, denn die Nachrichten aus
+Berlin ließen ihn nicht daran zweifeln, daß Böttiger wirklich ein Adept
+sei.
+
+Böttiger zeigte dem Statthalter Fürstenberg die Tinktur und ihre
+Wirkung. Er überließ ihm eine Probe seines Arkanums, auch ein Gläschen
+voll Merkur, und damit reiste Fürstenberg zum König nach Warschau.
+Fürstenberg mußte einen Eid leisten, daß er mit dem König nicht früher
+eine Probe machen würde, als bis er auf Ehre und Gewissen versprochen
+habe, Zeugen nicht zuzulassen, auch weder jetzt noch künftig jemandem
+das Geheimnis zu entdecken. Ferner hatte Böttiger es ihm eingeschärft,
+nicht ohne Gottesfurcht und Frömmigkeit ans Werk zu gehen, weil darauf
+unendlich viel ankomme.
+
+Kaum war Fürstenberg beim König angelangt, als im Zimmer des Königs ein
+Hund die Schachtel umwarf, in der sich das Glas mit Merkur befand, so
+daß dieses zerbrach. Böttiger hatte versichert, der Merkur sei von ganz
+besonderer Beschaffenheit, er war also in Warschau nicht zu ersetzen.
+Nichtsdestoweniger nahmen am zweiten Weihnachtsfeiertag, in tiefer
+Nacht, in einem der innersten Zimmer des Schlosses und bei verriegelten
+Türen der König und Fürstenberg die Probe vor. Die beiden Tiegel, die
+Böttiger mitgegeben hatte, wurden mit Kreide bestrichen, in den größeren
+Tiegel die Tinktur mit Merkur, wie er in Warschau zu kaufen war, und
+Borax getan, der zweite Tiegel darauf gestürzt und die Masse anderthalb
+Stunden lang ins Glühfeuer gestellt. Das Resultat des Prozesses war
+nicht Gold, sondern ein so fester Körper, daß man die Tiegel zerschlagen
+mußte, um ihn zu gewinnen. Fürstenberg schrieb an Böttiger, daß der
+König selbst über zwei Stunden beim Feuer gesessen sei; an der gehörigen
+Frömmigkeit habe es bestimmt nicht gefehlt, da der König zwei Tage
+vorher das heilige Abendmahl genossen und er, der Fürst, seine Gedanken
+ebenfalls einzig auf Gott gerichtet habe; trotzdem sei das Experiment,
+dessen Gelingen Böttiger dem König so sicher vorgespiegelt habe,
+gänzlich mißlungen.
+
+Im Januar 1702 kehrte Fürstenberg wieder nach Sachsen zurück. Er traf
+Böttiger, der in seinem Hause wie ein Gefangener behandelt wurde, höchst
+unzufrieden; der lebenslustige junge Mensch drohte sich zu ermorden,
+wenn man ihm nicht die Freiheit gebe. Fürstenberg ließ ihn deshalb auf
+die Festung Königstein bringen, doch hier wurde Böttiger noch viel
+wilder. Nach einem Bericht des Kommandanten schäumte er wie ein Pferd,
+brüllte wie ein Ochse, knirschte mit den Zähnen, rannte mit dem Kopf
+gegen die Mauer, arbeitete mit Händen und Füßen, kroch an den Wänden
+entlang und zitterte am ganzen Leibe. Zwei starke Soldaten konnten
+seiner nicht Herr werden; er hielt den Kommandanten für den Engel
+Gabriel, verzweifelte wegen der Sünde an dem heiligen Geist an seiner
+ewigen Seligkeit und trank dabei oft zwölf Kannen Bier täglich, ohne
+betrunken zu werden. Man konnte nicht klar sehen, ob alles dies auf
+Verstellung beruhte.
+
+Nun kam aber der Befehl vom Statthalter, ihn nach Dresden zu schaffen,
+und Fürstenberg nahm ihn wieder in sein Haus. Hier war es, wo er mit dem
+berühmten Tschirnhausen bekannt wurde. Ehrenfried Walter von
+Tschirnhausen gehörte zu Fürstenbergs vertrautesten Freunden. Sooft er
+von seinem alten Stammgut Kieslingswalde nach Dresden kam, wohnte er
+beim Statthalter und arbeitete beim Fürsten in dessen Laboratorium. Er
+war einer der ausgezeichnetsten Naturverständigen seiner Zeit, durch ihn
+sind in Sachsen die Glashütten eingeführt worden. Er hatte zwölf Jahre
+lang ganz Europa bereist und war Mitglied der Pariser Akademie der
+Wissenschaften. Wie Kunkel in Berlin, so nahm sich Tschirnhausen in
+Dresden Böttigers an, und dies verlieh Böttiger auf einmal wieder große
+Wichtigkeit, so daß man jahrelang Geduld mit ihm hatte und immer hoffte,
+er werde das große Werk leisten. Er selbst hoffte es.
+
+[Illustration: Joh. Friedr. Böttiger, nach einem Medaillon im Museum zu
+Gotha.]
+
+Böttiger erhielt nun seine Einrichtung im königlichen Schloß. Er
+bewohnte zwei Zimmer mit der Aussicht auf den Hofgarten, den sogenannten
+Probiersaal und einige Gewölbe zum Laborieren, die große Opernstube als
+Billardzimmer und das Kirchstübchen des Gärtners zu seiner Andacht. Alle
+Räume waren neu möbliert worden. Er durfte in dem an seine Wohnung
+stoßenden Feigengarten spazieren gehen, und wenn er ausfahren wollte,
+stand ihm eine königliche Equipage zur Verfügung. Zu seiner
+Beaufsichtigung wurde der Sekretär Nemitz bestimmt, der dafür ein
+besonderes Zimmer im Schloß hatte, nach Belieben Gäste einladen konnte,
+aber bei Verlust seiner Freiheit für Böttiger verantwortlich war. Außer
+Tschirnhausen durfte niemand ohne seine Erlaubnis zu Böttiger gehen. Ein
+Baron Schenk war angewiesen, Böttiger in dessen freien Stunden
+Gesellschaft zu leisten, ihm die Zeit zu vertreiben und, wenn er es
+verlangte, im roten Zimmer mit ihm zu speisen. Es speisten auch viele
+andere Personen bei ihm, so der Bergrat Pabst von Ohain, der berühmte
+Metallurg, der geheime Kammerier Starke, ein Liebling des Königs, der
+seine Schatulle besorgte, und der Sekretär Malhieu; Tschirnhausen, der
+Böttiger so lieb gewonnen hatte, daß er sich mehr in Dresden als in
+Kieslingswalde aufhielt, war häufig sein Gast und brachte manchmal den
+Statthalter mit. Böttigers Deputat im Schlosse waren mittags und abends
+fünf Gerichte mit Wein und Bier. Das Tafelgerät war aus Silber. Er
+konnte Geld haben soviel er wollte, man hielt ihm sogar Mätressen wie
+einem vornehmen Kavalier.
+
+Böttigers Umgang hatte, wenn er bei Laune war, ungemein viel
+Anziehendes. Er war ein jovialer Mensch mit der lebendigsten
+Unterhaltungsgabe, mit der er alle zu bezaubern wußte. Der Statthalter
+lebte mit ihm auf vertrautem Fuß, fuhr oft mit ihm nach Moritzburg auf
+die Jagd, die Böttiger leidenschaftlich liebte, und schrieb ihm die
+zärtlichsten Briefe. Auch der König, der sich mit Bezug auf Böttiger
+überschwenglichen Hoffnungen hingab, behandelte ihn in seinen Briefen
+mit großer Rücksicht. Er gratulierte ihm zum neuen Jahr, versichert ihm
+wiederholt, daß der Statthalter die Vollmacht habe, alles nach Böttigers
+Belieben einzurichten, und ihm niemand aufdringen dürfe, der von
+»widrigem Naturell« sei. In Briefen des Königs an andere wird er
+Monsieur Schrader genannt oder »die Person« oder »der Bewußte« oder
+»l’homme de Wittenberg«; Böttiger selbst unterzeichnete sich nur mit
+seinen beiden Vornamen oder mit Notus.
+
+Anderthalb Jahre lang war Böttiger vor dem Mißtrauen des Königs durch
+den Hund geschützt, der in Warschau die Schachtel mit dem Merkurglas
+umgeworfen hatte und der Vorwand genug gab, zu sagen, der König und sein
+Minister seien bei dem Tingierversuch ohne Geschick verfahren. Während
+dieser anderthalb Jahre lebte Böttiger in Herrlichkeit und Freude. Sein
+Aufenthalt kostete dem König vierzigtausend Taler. Böttiger war bei den
+Leuten von gutem Ton allgemein beliebt. Man speiste gern bei ihm, denn
+er legte jedem Gast eine große, goldene Schaumünze von eigener Arbeit
+unter den Teller; dies bewog sogar die Damen, sich zahlreich bei ihm
+einzufinden. Man spielte auch gern mit ihm, weil er gern verlor.
+
+Die hohe Ehre hatte seinen Kopf so gänzlich eingenommen, daß er kaum der
+Möglichkeit gedachte, sein Schatz könne erschöpft werden. Allenfalls
+erwartete er von einigen Winken, die Laskaris im Gespräch hatte fallen
+lassen, daß sie ihn auf den rechten Weg führen würden, wenn es Zeit sei,
+ihn zu suchen. Diese Zeit schob er leichtsinnig hinaus, bis endlich
+Bedürfnis und Verlegenheiten mahnten, an die Auffindung der Goldquelle
+mit Ernst zu denken. Da fand er sich aber in seiner Hoffnung bedroht.
+Was er auch probierte, alles schlug fehl, und er überzeugte sich, daß er
+sich die Sache zu leicht gedacht habe und weit vom Ziel entfernt sei.
+Die berechnende Politik seiner Gönner wähnte sich jetzt am Ziel.
+Böttigers sechs Bediente waren schon längst gewonnen und belauerten ihn
+Tag und Nacht. Was sie berichteten, gefiel nicht mehr. Man argwöhnte,
+daß er die Umstellung merke und absichtlich das Rechte verfehle, um
+seine Kunst für sich zu behalten. Da erfuhr man, daß er Vorbereitungen
+treffe, um heimlich nach Österreich zu entweichen, und nun wurde seine
+Wohnung, sogar sein Zimmer mit Wachen besetzt.
+
+Indessen hatte Laskaris, der noch in Deutschland reiste, seinen jungen
+Freund nicht aus den Augen verloren, und der üble Ausgang, welchen
+Böttigers Angelegenheiten in Dresden zu nehmen drohten, machte ihm
+Sorge, da er sich vorwerfen mußte, den Jüngling in Versuchung geführt zu
+haben. Er entschloß sich daher, ihn zu befreien und große Opfer nicht zu
+scheuen. In solcher Absicht wagte er sich im Jahre 1703 zum zweitenmal
+nach Berlin. Er ließ einen jungen Arzt, den Doktor Pasch, zu sich
+kommen, der mit Böttiger vertrauten Umgang gehabt hatte und unternehmend
+genug zu sein schien. Diesem eröffnete er alle Schwierigkeiten, trug ihm
+auf, nach Dresden zu gehen, dem König Böttigers Unwissenheit zu erklären
+und ihm für dessen Freilassung die Summe von achtmalhunderttausend
+Dukaten zu bieten, die man in Holland oder in einer beliebig zu
+bestimmenden deutschen Reichsstadt erheben könne. Um den Sendboten von
+der Aufrichtigkeit seines Anerbietens zu überzeugen zeigte er ihm einen
+Vorrat von Tinktur, der über sechs Pfund wog. Er bewies ihm durch
+Versuche, daß mit dieser Masse ein Zentner Gold in lauter Tinktur
+verwandelt werden könne, die dann noch drei- bis viertausend Teile
+Metall in Gold zu veredeln vermöge. Er gab ihm eine Probe für den König
+mit und versprach, ihn ebenso reich wie Böttiger zu beschenken, wenn er
+sich seines Auftrages gut entledigte.
+
+Doktor Pasch begab sich auf den Weg. Er war mit zwei Herren verwandt,
+die am Dresdner Hof großen Einfluß hatten. Durch ihre Vermittlung hoffte
+er leichter zum König zu gelangen und machte ihnen deshalb sein Anliegen
+bekannt. Sie urteilten aber, ein so hoher Preis werde den König eher
+bestimmen, den Verhafteten noch besser zu bewahren, weil es ja den
+Anschein habe, als lasse Böttiger selbst durch dritte Hand soviel für
+seine Freiheit bieten. Außerdem meinten sie auch, daß dem König an ein
+paar Millionen Talern nicht soviel gelegen sein könne als ihnen, und sie
+kamen überein, Böttiger in der Stille fortzuschaffen und den Preis mit
+Doktor Pasch zu teilen.
+
+Auf ihre Veranstaltung bezog Pasch eine Wohnung dicht neben dem Hause,
+worin Böttiger bewacht wurde. Er konnte ihm aus dem Fenster zuwinken,
+wurde sogleich von ihm erkannt, fand Mittel, ihm Briefe zu schicken,
+erhielt auf demselben Weg die Antworten, gab ihm Kunde von der nahenden
+Hilfe und verabredete mit ihm den Plan der Flucht.
+
+Böttigers Bediente ließen sich das Hin- und Hertragen der Briefe gut
+bezahlen, berichteten aber höheren Orts über den Briefwechsel und
+lieferten die folgenden Briefe aus. Nichtsdestoweniger gelang es
+Böttiger zu fliehen. Er kam bis nach Enns in Österreich, wurde aber dort
+aufgegriffen und nach Sachsen auf den Sonnenstein zurückgebracht. Doktor
+Pasch war dritthalb Jahre lang Gefangener auf der Feste Königstein. Nach
+vielen Bemühungen zeigte sich ein Soldat willig, ihm zur Flucht zu
+verhelfen. Beide ließen sich an einem Seil herab, welches aber nicht bis
+zum Boden reichte; der Soldat kam glücklich an, Pasch jedoch fiel auf
+einen Felsen und zerbrach das Brustbein. Sein Gefährte trug ihn bis zur
+böhmischen Grenze, und von da gelangte er auf Umwegen nach Berlin
+zurück. Den Adepten Laskaris sah er nicht wieder, und seine Klagen, wie
+er vergeblich Jugend und Gesundheit zugesetzt habe, wurden stadtkundig
+in Berlin. Der König ließ ihn vor sich kommen und hörte seine Erzählung
+an. Sein Körper blieb siech von jenem Fall; nach anderthalb Jahren starb
+er.
+
+Auf dem Sonnenstein wurde Böttiger sehr streng bewacht. Im Januar 1704
+kam der König August nach Sachsen und lernte Böttiger persönlich kennen.
+Er bestand darauf, daß der Bergrat Pabst zur Bereitung des großen Arkans
+bei Böttiger förmlich Unterricht nehme. Pabst, Tschirnhausen und der
+Statthalter beschworen nun feierlich sechsunddreißig Kontraktpunkte, die
+auch der König durch seinen schriftlichen Eid unverbrüchlich zu halten
+versprach. Böttiger machte zur Bedingung, daß von dem gewonnenen Golde
+»nichts zur Üppigkeit sündhaften Aktionibus, boshafter Verschwendung,
+unnötigen und unbilligen Kriegen verwendet werden dürfe; auch dürfe, wer
+das Arkan besitze, nie einem Herrn dienen, der öffentlichen und
+schändlichen Ehebruch treibe und unschuldiges Blut vergieße«.
+
+Im September 1705 übergab Böttiger auf zwanzig Folioseiten einen Prozeß
+zum Universal; kurz darauf machte er einen Tingierversuch, welcher
+gelang, aber der Kämmerer Starke sagte, es wären verschiedene Umstände
+passiert, die »zu einem konzentrierten Betrug ziemlichen Soupson
+gegeben«. Wiederholt bat nun Böttiger um seine Freiheit und machte den
+König vor Christi Richterstuhl dafür verantwortlich. Der König ließ ihn
+aber nicht los; vom Sonnenstein wurde er auf die Albrechtsburg bei
+Meißen geschafft, dann kam er wieder auf den Königstein und im Herbst
+1707 nach Dresden zurück.
+
+Hier ließ er nun Materialien aller Art herbeischaffen und verfuhr nach
+der berühmten mephistischen Tafel, das heißt, er kochte alles
+durcheinander. Und so, ganz zufällig, erfand er eines Tages, es war das
+sechste Jahr seiner Haft, das braune Jaspisporzellan und später, als er
+schon etwas methodischer zu Werke ging, das weiße Porzellan. Nach
+Tschirnhausens Rat bildete er diese Erfindungen technisch aus, wobei er
+seiner enthusiastischen Natur gemäß so eifrig war, daß er mehrere
+Nächte in kein Bett kam. In einem Schreiben an den König gestand er
+endlich, daß er kein Adept sei.
+
+Der König begnügte sich jedoch mit dem Porzellan, das ihm bei der
+damaligen Kostbarkeit des chinesischen Porzellans beinahe so lieb wie
+eine Goldfabrik war. Die Manufaktur wurde sofort im großen durch
+herbeigezogene holländische Steinbagger betrieben. Das auf der
+Albrechtsburg zu Meißen hergestellte Porzellan verdrängte bald das
+chinesische und japanische, für das der König August noch Millionen
+ausgegeben hatte, und wurde einer der begehrtesten Luxusartikel der
+eleganten Welt. Eine Menge Dinge, die bisher aus Marmor, Metall oder
+Holz gemacht waren, wurden jetzt aus Porzellan fabriziert, sogar Särge;
+die Witwe eines Oberstallmeisters wurde in einem Porzellansarg begraben,
+der aber beim Hinuntersenken in die Gruft zerbrach. Wahrscheinlich
+hatten neidische Tischler die Leichenträger bestochen. Die
+Hauptkunstwerke, die man in Meißen herstellte, waren die kleinen, aufs
+feinste und schönste bemalten Figuren, und wie der »zerbrochene
+Spiegel«, »das Blumenmädchen«, »die fünf Sinne« beweisen, brachte man es
+darin zu einer hohen Vollendung. Der Vertrieb der Fabrik stieg bis über
+zweimalhunderttausend Taler, und die Kosten betrugen nur die Hälfte;
+gegen achtzig Kommissionslager und Handelshäuser führten das
+Verkaufsgeschäft.
+
+Des Fabrikgeheimnisses wegen mußte Böttiger noch eine Zeitlang
+Gefangener bleiben, doch zeigte sich der König sehr gnädig gegen ihn,
+besuchte ihn häufig auf der Bastei und schoß mit ihm nach der Scheibe.
+Er erhielt Zutritt zu den Privataudienzen, sooft er wünschte, und
+wiederholt befahl der König, ihn vor Ärgernis zu schützen. Er schenkte
+ihm einen Ring mit seinem Bildnis, einen jungen Bären und ein Paar Affen
+und gab ihm offenen Kredit bei dem Hofjuden Meyer. Sechs Jahre nach der
+Erfindung wurde ihm die Meißner Porzellanfabrik zur freien Disposition
+ohne alle Rechnungslegung überlassen. Er lebte in Dresden auf großem
+Fuß, hielt eine zahlreiche Dienerschaft und eine Menge Hunde.
+Ausschweifungen in der Liebe und im Trunk verkürzten sein Leben; er
+starb im März 1713, erst vierunddreißig Jahre alt.
+
+
+
+
+Moritz von Sachsen
+
+
+Kurfürst Moritz war der Sohn Herzog Heinrichs des Frommen und am 21.
+März 1521 geboren. Er war ein kräftiger Mann, geschmeidigen Körperbaus;
+sein braunes Gesicht verkündete den Helden. Seine Augen waren so
+glänzend, daß sie funkelten und wie von Flammen sprühten; schaute er
+unversehens jemand an, so mußte dieser den Blick niederschlagen. Seltsam
+waren in seiner Erziehung die Elemente gemischt. Sein Vater, den die
+Untertanen wegen seiner Gutmütigkeit liebten, war bei aller Frömmigkeit
+ein Mann ganz eigenen Schlages. Er hatte einen sonderbaren Geschmack am
+Bunten und eine sonderbare Vorliebe für Kanonen. Er ließ anstößige
+Bilder auf die Kanonen malen, und Lukas Cranach mußte ihm dazu die
+Zeichnungen machen. Er kaufte alle schönen Gemälde für seine Kanonen,
+die er nur auftreiben konnte, und obgleich er das Geschütz nie brauchte,
+konnte man ihm doch keine größere Freude bereiten, als wenn man ihm
+sagte, Kaiser Karl habe von seinen Kanonen gesprochen. Vom Hof seines
+Vaters kam Moritz an den des Kurfürsten von Mainz und sah hier das üppig
+schwelgerische Treiben eines katholischen Kirchenfürsten. Und dann
+weilte er bei seinem Vetter Johann Friedrich von Sachsen, wo er die
+traurige Einförmigkeit eines protestantischen Hofes der damaligen Zeit
+kennen lernte. Johann Friedrich hatte große Schwächen, der kluge Moritz
+durchschaute sie, er faßte einen Widerwillen gegen den Vetter, er konnte
+ihn nicht leiden, den dicken Hoffart, wie er ihn zu nennen pflegte.
+
+Noch ehe er zwanzig Jahre alt war, vermählte er sich mit Agnes, der
+Tochter Friedrichs des Großmütigen von Hessen. Sein Vater war über die
+verfrühte Ehe so unglücklich, daß der Kummer sein Leben verkürzte; er
+starb wenige Monate nach der Hochzeit, und Moritz folgte ihm in der
+Regierung. Trotz seiner Heiratsungeduld mußte aber seine Frau später
+über ihn klagen, daß er die Wildschweinsjagd ihrer Gesellschaft
+vorziehe.
+
+Moritz bekannte sich zur evangelischen Lehre wie sein Vater, aber er
+trat nicht in den schmalkaldischen Bund, so oft ihn auch sein Vetter,
+der Kurfürst, und sein Schwiegervater, der Landgraf, darum mahnten. Er
+vermochte in der neuen Lehre nicht die Summe alles Heils zu sehen. Er
+weigerte sich, eine Verbindung gegen den Kaiser abzuschließen, im
+Gegenteil, er näherte sich dem Kaiser, je mehr sich die Bundesgenossen
+von ihm entfernten. Er wollte nicht der Trabant _dieser_ Bundesgenossen
+sein, er fand seinen nächsten und unmittelbaren Vorteil beim Kaiser.
+Deshalb ließ er durch seinen Vertrauten Christoph Carlowitz mit
+Granvella unterhandeln und kam dann im Mai 1546 persönlich zum Kaiser
+nach Regensburg; hier trat er in den Dienst des Kaisers ein. Karl
+ernannte ihn nicht nur zum Exekutor, Konservator und Schirmer von
+Magdeburg und Halberstadt, nach deren Besitz Moritz schon lange
+getrachtet hatte, sondern er versprach ihm auch die Kur Sachsen. Der Tag
+von Mühlberg verschaffte ihm den Kurhut wirklich, und es schien ihn
+nicht zu beirren, daß durch diese Schlacht sein Vetter in das bitterste
+Unglück geriet. Luther hatte wohl recht gehabt, als er einmal bei der
+Tafel den Kurfürsten davor gewarnt hatte, in Moritz einen jungen Löwen
+aufzuziehen.
+
+Ende April 1547 rückten das kaiserliche Heer und die Scharen Herzog
+Moritz’ gegen Mühlberg. Der Kaiser Karl war ritterlich anzusehen, er saß
+auf einem andalusischen Roß, das mit einer rotseidenen, goldbefransten
+Decke behangen war; er war ganz in blanken Waffen, sein Helm und Panzer
+vergoldet, mit dem roten burgundischen Feldzeichen geschmückt; in der
+Rechten hielt er eine Lanze. Die Gicht hatte ihn grau und müde gemacht,
+sein Gesicht war leichenblaß, die Glieder wie gelähmt, die Stimme so
+schwach, daß man sie kaum vernahm. Zu früh aber hatten die Protestanten
+ihn wie einen Verstorbenen betrachtet. Karl zitterte jedesmal, bevor er
+die Waffenrüstung anlegte, aber dann erfüllte ihn plötzlich der Mut. So
+war es auch am Tag von Mühlberg.
+
+Die ersten, die das Ufer der Elbe erreichten, waren Moritz und Herzog
+Alba. Ein Bauer verriet ihnen, daß Johann Friedrich in der Stadtkirche
+zu Mühlberg den Sonntagsgottesdienst abwarte, daß er sein Fußvolk schon
+nach Wittenberg vorausgeschickt habe und nach der Predigt mit den
+Reitern folgen wolle. Die spanischen Hakenschützen erhielten sofort den
+Befehl, hinüber zu schwimmen; sie taten es, indem sie sich entkleideten
+und die Säbel zwischen die Zähne nahmen. So bemächtigten sie sich der
+Brücke, die die Kurfürstlichen vergebens anzuzünden versucht hatten, und
+die sie zerstörten. Der Kaiser hatte schon über den dichten Nebel
+geklagt, der über der ganzen Gegend lag, jetzt gegen Mittag erhob sich
+der Nebel langsam. Er erblickte die Elbe, die Sonne trat heraus, aber
+sie war rot wie glühendes Eisen und schien den ganzen Tag über still zu
+stehen. Als später der König von Frankreich den Herzog Alba fragte, ob
+sich denn wirklich bei dieser Schlacht die Geschichte Josuas erneuert
+habe, erwiderte dieser: »Sire, ich hatte zu viel auf Erden zu tun, um
+bemerken zu können, was am Himmel vorging.« Gegen alles Erwarten wurde
+dem Kaiser durch einen Müller namens Strauch, dem die Kurfürstlichen
+zwei Pferde weggeführt hatten, eine Furt gezeigt; Moritz, sein
+Landesherr, versprach ihm dafür hundert Kronen, zwei andere Pferde und
+einen Herrenhof. Die Furt war von festem Boden, sieben Pferde konnten
+nebeneinander gehen, das Wasser reichte den Reitern bis an die Sättel.
+Einige Kavaliere des Kaisers hatten große Furcht, wenn der Kaiser selbst
+nicht vorangeritten wäre, hätten sie nicht gewagt, sich einer solchen
+Gefahr auszusetzen. Am jenseitigen Ufer angelangt, schickte Moritz
+einen seiner Offiziere mit einem Trompeter an den Kurfürsten und ließ
+ihn auffordern, sich dem Kaiser zu ergeben. Johann Friedrich schlug es
+ab. Er glaubte nicht an den Ernst der Dinge. Er konnte nicht glauben,
+daß ein ganzes Heer die Elbe durchwaten könne; er vermutete ganz und gar
+nicht, daß der Kaiser selbst gegen ihn anziehe; er zog sich vorsichtig
+zurück, und seinem bedächtigen Sinn wurde die Situation erst klar, als
+die Angriffe der kaiserlichen Armada immer ungestümer wurden. Jetzt
+empfand er mit einemmal die große Verantwortlichkeit, daß er sich gegen
+den ihm von Gott gesetzten Herrn, gegen das allerhöchste Reichsoberhaupt
+vergangen habe. Auf freiem Felde fiel er vor seinen Leuten auf die Knie,
+hob die Augen und Hände empor und betete: »Ach Gott im Himmel! Bin ich
+mit meinem Vornehmen gegen die Majestät ungerecht, so strafe mich, aber
+nicht mein Volk.«
+
+Er stellte sein kleines Heer in Schlachtordnung auf und bestieg einen
+schweren friesischen Hengst; er trug einen schwarzen Harnisch mit weißen
+Streifen und darunter noch ein Panzerhemd mit kleinen Ringen.
+
+Es war vier Uhr nachmittags. Der Vortrab der Kaiserlichen rückte zur
+Hauptattacke zusammen; es waren die Reiter von Herzog Moritz, die
+Neapolitaner und die Husaren. Mit dem Ruf »Hispania« und »das Reich«
+brachen sie los. Die Kurfürstlichen feuerten. Aber von der anderen Seite
+her rückten die vollen Gewalthaufen des Kaisers an. Die Haltung ihres
+Kriegsfürsten hatte der kleinen sächsischen Armee wenig Zuversicht und
+heldenmütiges Vertrauen eingeflößt. Da nun die Gefahr sich deutlich
+offenbarte, rief er sie an, getreu bei ihm zu stehen, wie er getreu bei
+ihnen stehen werde. Trotzdem kam allgemeine Verwirrung über die Leute.
+Aber es traf noch etwas weit schlimmeres ein. Der Patrizier Imhof aus
+Nürnberg, der unter Karls Fahnen diente, erzählt: »Es ist seltsam zu
+vernehmen, wie des Kurfürsten Räte und große Hansen, so er bei sich
+gehabt, mit ihm umgegangen sind. Wie die Schlacht angegangen, hat der
+Kurfürst seinem Volke zugeschrien: ›er wolle auf diesen Tag Leib und
+Blut bei ihnen lassen, sie sollten auch ehrlich halten bei ihm.‹ Als nun
+das Treffen angegangen, haben seine Räte und großen Hansen, auf die er
+sich verlassen, zur Flucht geschrien, auch unter sein eigenes Volk
+gehauen und gestochen und die Ordnung seiner Haufen getrennt. Das habe
+ich zu Torgau von etlichen von Karl gehört, auch habe ich an der
+Walstatt gesehen, daß alles durch Verräterei zugegangen.«
+
+Das Heer stob auseinander, die Ritter zuerst, und als das Fußvolk die
+Ritter fliehen sah, warf es Gewehre und Piken weg und suchte sein Heil
+gleichfalls in der Flucht. Die Ritter entkamen, aber das Schicksal des
+Fußvolks war schrecklich; obwohl es die Waffen weggeworfen hatte und um
+Pardon bat, ward es samt und sonders niedergehauen. Karl, von Gottes
+Gnaden römischer Kaiser, allzeit Mehrer des Reiches, zu Hispanien König,
+hatte ausdrücklichen Befehl erteilt, alles über die Klinge springen zu
+lassen. Damals lernte man im Herzen von Deutschland das Haus
+Hispanien-Habsburg mit seinen Husaren kennen.
+
+Johann Friedrich, den seine Ritter verlassen hatten, sah sich plötzlich
+ganz allein im Wald, wo alles voller Leichen lag, von Husaren vorn und
+hinten umgeben. Der schwerbeleibte Herr mußte sich zur Wehr setzen, er
+tat es ritterlich. Ein Ungar hatte ihn in die linke Backe gehauen, das
+Blut rann ihm über das Gesicht auf den schwarz und weißen Harnisch
+herab. Dennoch wollte er sich diesen Husaren und auch den
+neapolitanischen Reitern, die ihn umdrängten, nicht ergeben. Endlich
+sprengte ein Herr vom Hofgesinde des Herzogs Moritz heran, Thilo von
+Trotha; dieser rief ihn auf deutsch an, Pardon zu nehmen. Johann
+Friedrich ergab sich an diesen Deutschen; er zog einen Ring unter seinem
+Panzerhandschuh hervor. Die Waffen des sächsischen Kurfürsten, Schwert
+und Dolch, fielen den Ungarn zur Beute zu.
+
+Thilo von Trotha brachte den gefangenen Kurfürsten unter einer Bedeckung
+von neapolitanischen Reitern zum Herzog von Alba. Dieser erstattete dem
+Kaiser Meldung. Karl wollte den edlen Fang sogleich sehen, aber dreimal
+weigerte sich der sonst so pflichtbewußte Alba, denn aus politischen
+Gründen fürchtete er mit Recht, daß Karl in der ersten Hitze den
+Kurfürsten allzu ungnädig behandeln werde. Der Kaiser bestand aber auf
+seinem Willen. Er hielt in der Heide zu Pferd.
+
+Als der noch aus seinen Wunden blutende Johann Friedrich des Kaisers
+ansichtig wurde, den er in seinen Absagebriefen als »Karl von Gent, der
+sich römischer Kaiser heißt« betitelt hatte, seufzte er tief und rief
+aus: #»Miserere miserere mei domine, nos sumus jam hic!«# Der Kaiser
+erkannte den friesischen Hengst wieder; es war derselbe, den Johann
+Friedrich vor drei Jahren auf dem Reichstag zu Speier geritten hatte.
+Von Alba unterstützt stieg der Kurfürst vom Pferd, wollte nach
+spanischer Sitte vor dem Kaiser aufs Knie fallen und zog auch wieder
+nach deutscher Sitte seinen Blechhandschuh aus, um als Kurfürst dem
+Kaiser die Hand zu reichen. Karl lehnte sowohl die spanische Devotions-
+als die deutsche Vertraulichkeitsbezeigung ab. Er war sehr finster; er
+wendete sich zur Seite. Endlich brach der Kurfürst das Stillschweigen
+mit der Titulatur, mit der ihm die Kurfürsten schrieben. Er sprach:
+»Großmächtigster, allergnädigster Kaiser.« Karl erwiderte: »Ja, ja, nun
+bin ich Euer gnädiger Kaiser; Ihr habt mich lange nicht so geheißen.«
+Der Kurfürst fuhr fort: »Ich bin auf diesen Tag Euer Gefangener und
+bitte um ein fürstlich Gefängnis. Kaiserliche Majestät wolle sich gegen
+mich als einen geborenen Fürsten halten.« Darauf sagte der Kaiser
+zornig: »Ja, wie Ihr verdient habt. Ich will mich so gegen Euch halten,
+wie Ihr Euch gegen mich gehalten habt. Führt ihn hin! Wir wissen uns
+wohl zu halten.«
+
+[Illustration: Moritz von Sachsen, nach einem Holzschnitt aus der
+Werkstatt Cranachs.]
+
+Erst spät in der Nacht kam Herzog Moritz von der Verfolgung der Ritter
+und Reiter zurück, bei der ihm heller Mondschein geleuchtet hatte. Mehr
+als zwanzig Stunden hatte er an diesem Tag zu Pferde gesessen, war mehr
+als einmal dem Tod entgangen, und nun fand er den Stammvetter in
+Gefangenschaft. Die Kur Sachsen war auf seinem Haupte fest.
+
+Karl zog nun vor Wittenberg und belagerte die Stadt. Die Bürger wollten
+sich bis auf den letzten Mann wehren, und Johann Friedrich weigerte
+sich, sie zur Übergabe aufzufordern. Da ließ der Kaiser durch ein
+spanisches Kriegsgericht das Todesurteil über ihn aussprechen, welches
+lautete, »daß bemeldeter Hans Friedrich, der Ächter, ihm zur Bestrafung
+und andern zum Exempel durch das Schwert vom Leben zum natürlichen
+Gericht fürgebracht und solch Urteil auf der im Feld aufgerichteten
+Walstatt vollzogen werden solle.«
+
+Der Kurfürst, dem es im Glück so sehr an der nötigen Energie gemangelt
+hatte, bewies im Unglück den ganzen Heldenmut des Glaubens, der sein
+einfaches Gemüt durchdrang. Er vernahm das Todesurteil, als er eben mit
+seinem Leidensgenossen Franz von Grubenhagen beim Schachbrett saß. Er
+erwiderte gelassen: »Ich kann nicht glauben, daß der Kaiser also mit mir
+handeln werde, ist es aber bei der kaiserlichen Majestät gänzlich
+beschlossen, so begehre ich, man soll es mir fest zu wissen tun, damit
+ich bestellen kann, was meine Frau und meine Kinder angeht.«
+
+Neun Tage lang ließ Karl seinen Gefangenen in der Todesfurcht schweben.
+Dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Herzog von Cleve gelang es aber,
+das Unheil abzuwenden: die Wittenberger kapitulierten. Johann Friedrich
+blieb Gefangener des Kaisers so lange als es diesem gefallen würde;
+selbst nach Spanien sollte er ihn schicken dürfen. Zum Unterhalt für ihn
+und sein Haus wurde ein Teil von Thüringen mit einem Jahreseinkommen von
+fünfzigtausend Gulden bestimmt. Es war ein Artikel in der Kapitulation,
+demzufolge Johann Friedrich alles annehmen sollte, was das Konzil zu
+Trident oder die kaiserliche Machtvollkommenheit in Sachen der Religion
+beschließen werde; diesen Artikel anzunehmen weigerte sich der Kurfürst
+beharrlich; Karl strich ihn mit eigener Hand wieder aus.
+
+Auf einer großen Wiese bei Blesern übertrug der Kaiser dem Herzog Moritz
+das Kurfürstentum, und Moritz legte darauf sein Heer als Besatzung in
+die Stadt Wittenberg. Das Volk nahm sie mit tiefem Herzeleid auf. Moritz
+ritt zornig gerade aufs Schloß und sah keinem Menschen ins Gesicht. Zu
+den Ratsmännern, die ihm die Aufwartung machten, sagte er: »Ihr seid
+eurem Fürsten, meinem Vetter, so getreu gewesen, das will ich euch ewig
+im guten gedenken.«
+
+Von Wittenberg aus zog der Kaiser gegen den Landgrafen von Hessen. Der
+war schon längst kleinmütig geworden, und als er das Schicksal Johann
+Friedrichs erfuhr, begann er mit Karl zu unterhandeln. Der Kaiser
+forderte, daß er sich auf Gnade und Ungnade ergeben, hundertfünfzigtausend
+Goldgulden Buße zahlen, seine Festungen schleifen und seine Kanonen
+ausliefern solle. Dagegen wurde ihm schriftlich versichert, daß er Land
+und Leben behalten, auch mit »einigem« Gefängnis verschont werden würde.
+Die beiden Vermittler, Joachim von Brandenburg und Moritz von Sachsen,
+verbürgten sich in dieser Verschreibung mit ihrem Ehrenwort gegen den
+Landgrafen. Im Vertrauen auf die Kurfürsten nahm der Landgraf die
+Bedingungen an. Moritzens Gemahlin, die Tochter des Landgrafen, tat vor
+dem Kaiser einen Fußfall für ihren Vater. Der Kaiser war zu keiner
+andern Erklärung zu vermögen, als daß der Landgraf sich auf Gnade oder
+Ungnade zu ergeben habe. Nun kam der Landgraf nach Halle; er speiste mit
+den beiden Kurfürsten zu Abend; am andern Morgen nahmen die drei Herren
+ihr Frühstück bei Granvella, und hier unterzeichneten sie das
+verhängnisvolle Schriftstück, in welchem, ohne daß sie es merkten, der
+Ausdruck »einiges« Gefängnis verändert war in »ewiges« Gefängnis. Am
+Nachmittag fand die Abbitte vor dem Kaiser statt. Der Kaiser saß auf dem
+Thron unter einem vergoldeten Himmel, umgeben von seinen spanischen,
+italienischen, niederländischen und deutschen Großen. Der Landgraf
+Philipp kniete in schwarzsamtenem Kleid mit roter Binde kleinmütig und
+traurig auf dem Teppich vor dem Throne, und hinter ihm las sein getreuer
+Kanzler Tielemann von Günterode die Abbitte vor. Er las mit kläglichen
+Gebärden und in kläglichem Ton; auf dem Gesicht des Landgrafen zeigte
+sich ein Lächeln; es war vielleicht die unbewußte Hilfe seiner leichten
+Natur gegen das Gefühl der Schmach. Aber der gravitätische Kaiser hob
+langsam den Finger auf und sagte in seiner brabantischen Mundart: »Wart,
+ik wöll dir laken lehr.« Nachdem der Reichsvizekanzler die Antwort des
+Kaisers verlesen, Günterode sich dann höflich bedankt hatte, erwartete
+der Landgraf des Kaisers Wink, um sich zu erheben. Dieser Wink erfolgte
+nicht. Nun stand der Landgraf von selber auf und wollte dem Kaiser die
+Hand reichen. Die kaiserliche Majestät jedoch sah sauer und hielt ihre
+Hand zurück. Dafür ergriff Alba die Hand des Landgrafen und lud ihn und
+die andern Fürsten zum Nachtmahl bei sich ein. Alba hatte sein Losament
+im Schloß. Als die Tafel aufgehoben war, spielte der Landgraf Brett mit
+einem der sächsischen Räte, es war zehn Uhr vorüber; da kündigte ihm
+Alba auf einmal an, daß er sein Gefangener sei. Zugleich traten hundert
+spanische Arkebusiere in den Saal. Die beiden Kurfürsten, die sich für
+die Freiheit des Landgrafen verbürgt hatten, waren außer sich; Joachim
+von Brandenburg rief, das sei ein Bösewichtsstück, zog den Degen, um
+Alba den Schädel zu zerspalten, Moritz aber zeigte sich tief betroffen
+und blieb bei seinem Schwiegervater die ganze Nacht hindurch. Er
+versicherte ihm, daß da ein Mißverständnis vorliegen müsse, und er werde
+mit dem Kaiser sprechen. Dies geschah. Der Kaiser sagte, daß sich ihm
+der Landgraf auf Gnade und Ungnade ergeben habe; es sei weder Rede noch
+Schrift davon gewesen, daß man ihn mit »einiger« Gefangenschaft
+verschonen wolle, nur mit »ewiger« Gefangenschaft habe man ihn
+verschonen wollen. Und so fand sich auch die Fassung in der Notel, die
+die Kurfürsten am Morgen unterschrieben hatten, ohne sie näher zu
+besehen.
+
+Diese spanische Arglist brachte eine große Wandlung in dem Herzen
+Moritzens hervor. Er sah jetzt wohl, daß der Kaiser Karl darauf
+ausging, Deutschland spanisch zu machen, aus dem von Schatzungen und
+fremdem Kriegsvolk erdrückten Reich alles Wasser auf eine Mühle zu
+leiten, und da erwachte in ihm der Deutsche. Ohne seinen kühn
+verborgenen und kühn ausgeführten Widerstand wäre die spätere freie
+Entwicklung Norddeutschlands unmöglich gewesen, und wenn heute nicht
+ganz Deutschland ein österreichisches Gesicht zeigt, so ist es
+vielleicht im letzten Grunde der Verwechslung jener Wörtchen »einig« und
+»ewig« zu danken.
+
+Zunächst freilich mußte Moritz warten. Einerseits fürchtete er, der
+Kaiser könne seine Drohung wahr machen und den Landgrafen nach Spanien
+schicken. Anderseits mußte er gewärtigen, daß der allerdurchlauchtigste,
+großmächtigste und unüberwindlichste Kaiser, welchen Titel Karl jetzt
+mit einer furchtbaren Realität führte, dem Kurfürsten Johann Friedrich
+wieder die Freiheit schenke, wodurch im Lande selbst Hader und Krieg
+ausbrechen mußte. Er war jetzt in der Schlinge. Die Rache mußte
+aufgeschoben werden.
+
+Er suchte von nun ab sein Heil in der Verstellung. Gerade weil er sich
+zumeist sehr offen und rücksichtslos auszusprechen pflegte, konnte
+niemand auf die Vermutung kommen, daß hinter dieser Derbheit eine
+Berechnung verborgen sei. Als auf dem Reichstag zu Augsburg sich ein
+protestantischer Fürst an den kaiserlichen Tisch setzen wollte, rief er:
+»Hier ist kein Platz für Ketzer.« Selbst der undurchdringliche Kaiser
+Karl konnte sich bisweilen verraten; er hatte sich in Regensburg durch
+ein Lächeln verraten, als ihm die Protestanten ihre Schrift gegen das
+Tridentiner Konzil überreichten. Moritz verriet sich niemals. Er pflegte
+zu sagen: »Wenn ich wüßte, daß mein eigenes Hemd, das mir zunächst am
+Leibe liegt, meine Gedanken kennte, ich würde es austun und verbrennen.«
+Kein Mensch in Deutschland, keiner von seinen Freunden und Vertrauten
+erfuhr etwas von dem, was er im Schilde führte. Er täuschte den Kaiser,
+der ihn einmal getäuscht hatte, so sicher und vollkommen, daß das Stück,
+das er vor dem spanischen Senjor aufführte, ohne Zweifel das größte
+Meisterstück war, das jemals ein Deutscher zustande gebracht hat.
+
+Seiner gewöhnlichen Lebensweise nach mußte man glauben, daß nur das
+Vergnügen und die Lustbarkeiten Reiz für ihn hätten. In seinem Hoflager
+beschäftigte ihn unausgesetzt die Wildbahn im Dresdener Forst; er liebte
+Trinkgelage, Ritterspiele und die Freuden der Fastnacht; ebenso suchte
+er an fremden Höfen und auf Reichstagen das lustige Leben, und er machte
+Kundschaft mit schönen Frauen. So schildert ihn Sastrow während des
+Augsburger Reichstages: »Herzog Moritz hatte seine Kurzweil in der
+Herberge eines Doktor Haus. Der hatte eine erwachsene Tochter, eine
+schöne Metze, hieß Jungfrau Jakobina, mit der badete er und spielte
+täglich Pharao mit ihr und dem wilden Markgrafen Albrecht. Sie lachte
+fein lieblich und freundlich zu der Fürsten Scherzen und hielten also
+Haus, daß der Teufel sich drüber freuen mochte und viel Sagens in der
+ganzen Stadt davon war.« Die Befreiung seines Schwiegervaters schien ihm
+nicht besonders am Herzen zu liegen. Der Landgraf, der öfter geäußert
+hatte, Gefängnis fürchte er weit mehr als den Tod, wurde in Donauwörth,
+wohin er gebracht worden war, sehr hart behandelt. Seine spanische Wache
+lärmte Tag und Nacht in seinem Quartier; er beklagte sich bitter, daß
+sie ihn auch bei Nacht visitierten, ob er nicht durch einen Ritz oder
+durch ein Mäuseloch entwischt sei. Einmal schrieb er an Moritz: »Wenn
+Euer Liebden so fleißig wären in meinen Sachen als im Bankettieren,
+Gastladen und Spielen, wäre meine Sach lang besser.«
+
+Kein Wunder, daß der Kaiser glaubte, der vermöge am meisten bei Moritz,
+der ihm bei seinen Vergnügen Vorschub leiste. Aber der bedächtige und
+weitschauende Karl durchschaute den bedächtigeren und viel weiter
+schauenden, scheinbar so uninteressierten und doch so interessanten
+Moritz mit nichten. Auch die Venezianer, die größten Diplomaten der
+damaligen Zeit, durchschauten ihn nicht. Der Gesandte Mocenigo sagt von
+ihm: »Moritz hat viel Mut, aber, wie man glaubt, nicht viel Urteil, und
+dazu ist er ein sehr leichter Herr. Von ihm hat Karl wenig zu fürchten.«
+
+Und doch wurde Moritz der Verderber des Kaisers. Als er alles zu seinem
+großen Plan vorbereitet hatte, stürzte er wie ein Sturmwind über Karl
+her und vernichtete ihn im Wetter. Lange zuvor, ehe der Schlag
+ausgeführt wurde, hatte er sich mit dem nötigen Geld zu versehen gewußt.
+Bereits im Jahre 1547 hatte er die Kleinodien des Meißner Domkapitels
+einliefern lassen. Es waren darunter ausbündige Stücke: das silberne
+Bild des Bischofs Bruno, mit Edelsteinen geschmückt, in der einen Hand
+den Bischofsstab, in der andern ein Buch haltend, dreiundsiebzig Mark
+schwer; Donatis silbernes Bild, zweiundfünfzig Mark schwer; Briccii
+Haupt mit goldener Inful; dazu einhundertvierzig Kelche, alles zusammen
+im Wert von hundertfünfzigtausend Gulden. Wo diese Schätze hingekommen,
+wußte später niemand zu sagen, höchstwahrscheinlich hatte Moritz sie
+heimlich einschmelzen lassen. Außerdem hatte er nach und nach bedeutende
+Summen aufgenommen; nach seinem Tode hatte sein Bruder eine Schuldenlast
+von über zwei Millionen Gulden zu tilgen.
+
+Im Sommer des Jahres 1550 finden sich die Spuren der ersten Annäherung
+an Frankreich, mit dessen Hilfe Moritz den Kaiser zu demütigen dachte.
+Im November darauf unternahm er, von Karl hierzu bestimmt, die
+Belagerung von Magdeburg. Im Frühjahr des nächsten Jahres hatte er
+Zusammenkünfte mit dem Bruder des Kurfürsten von Brandenburg und seinem
+Schwager Wilhelm von Hessen und mit dem Herzog von Mecklenburg. Einige
+Monate später verhandelte er mit Jean de Bresse, Bischof von Bayonne,
+und das Bündnis mit Frankreich kam zustande. Es ward als eine
+merkwürdige Vorbedeutung angesehen, daß ein Blitzstrahl durch das Zimmer
+fuhr, in welchem der Vertrag abgeschlossen wurde. Im Januar 1552
+beschwor der König von Frankreich die Allianz mit Moritz und den
+Kurfürsten. In deren Namen beschwor den Eid der Markgraf Albrecht von
+Brandenburg-Kulmbach, der mit Schärtlin nach Chambord gegangen war. Der
+französische König erhielt die Aussicht auf die deutsche Kaiserkrone und
+unterdessen die drei Bistümer Metz, Toul und Verdun.
+
+Moritz entließ die vor Magdeburg versammelte Armee nicht, er vermehrte
+sie im Gegenteil bis auf fünfundzwanzigtausend Mann. Er nahm Offiziere
+in Dienst, die im schmalkaldischen Krieg gegen den Kaiser gedient
+hatten. Er war so schlau, die Stärke seines anwachsenden Heeres dadurch
+zu verbergen, daß er es verteilte und die Quartiere in den Dörfern
+oftmals wechseln ließ. Wohl hatte der Kaiser seine Spione im Lager.
+Moritz aber hinterging alle. Der Kaiser besoldete zwei geheime Sekretäre
+am sächsischen Hof; Moritz wußte es, verstellte sich, zog sie zu allen
+Beratungen, rühmte immer seine Treue gegen den Kaiser, und so meldeten
+die bestochenen Leute lauter falsche Dinge.
+
+Die Venezianer faßten Argwohn, und dieser Argwohn verstärkte sich. Karl
+erhielt Warnungsbriefe nach Innsbruck, und sein Bruder Ferdinand riet
+ihm, den Landgrafen freizulassen. Der Kaiser antwortete: »Es wäre
+seltsam, wenn Herzog Moritz alles vergessen sollte, was ich für ihn
+getan, wenngleich die rücksichtslose Verwendung von so vielen Rebellen
+in seinem Dienst mich auf einigen Verdacht bringt.« Die drei geistlichen
+Kurfürsten wollten, erschreckt durch die Gerüchte, das Konzil zu Trident
+plötzlich verlassen. Beruhigend schrieb ihnen der Kaiser: »Moritz hat
+mir solche Zusicherungen gemacht, daß ich mir nur Gutes von ihm
+verspreche, wenn es noch Glauben gibt im menschlichen Leben.« Seine
+ausgesprochene Überzeugung war: »Die tollen und vollen Deutschen
+besitzen kein Geschick zu derartigen Ränken.«
+
+Im März 1552 verließ Moritz Dresden und ging nach Thüringen. Bei Erfurt
+und Mühlhausen stand seine Armee. Er zog mit großer Eile nach Augsburg,
+wo er am 1. April ankam und sich damit, nach seinem eigenen Ausdruck,
+»vor die Spelunke des Fuchses in Innsbruck setzte.« Er hatte sich
+unterdessen mit dem Heer seines Schwagers vereinigt.
+
+Der Kaiser ließ sich trotzig vernehmen, daß er den Leib des Landgrafen
+in zwei Teile zerlegen und jeder der Parteien, die ihn zwingen wollten,
+einen Teil entgegenschicken werde. In Wirklichkeit war die Lage Karls
+verzweifelt. Er hatte weder Truppen noch Geld. Sein Bruder hatte ihm
+geschrieben, er brauche seine ganze Macht in Ungarn. Die geistlichen
+Kurfürsten und der Herzog von Bayern wichen seiner Forderung um Hilfe
+aus. Die Wechselhäuser in Italien und in den Niederlanden, sowie die
+Fugger in Augsburg wollten keine Darlehen mehr geben. Karl hatte allen
+Kredit verloren, denn er verfolgte die übelste Politik, die man gegen
+Handels- und Geldleute treiben kann, nämlich die der Unehrlichkeit. So
+erblickte er zum Beispiel die größte Sicherheit für die Treue der
+Genuesen darin, daß er beschloß, ihnen die Kapitalien, die er ihnen
+schuldig war, nie wieder zu bezahlen; denn, so sagte er sich, sie würden
+sich hüten, mit einem Fürsten zu brechen, der ihnen so viel Geld
+schuldig war.
+
+Der Kaiser wollte von Innsbruck aus nach London entfliehen, aber der
+zweimal unternommene Versuch mißglückte. In einer Aprilnacht begab er
+sich im tiefsten Geheimnis auf den Weg, so schwach und von
+Gichtschmerzen geplagt er auch war. In seiner Begleitung befanden sich
+nur zwei Kammerherren, zwei Diener und sein getreuer Barbier Van der Fé.
+Sie ritten durch Wald und Gebirge und erreichten in der Frühe das Dorf
+Nassereit. Hier blieb der Kaiser bis Nachmittag, und dann ritten sie bis
+Paschelbach, eine Stunde von der Ehrenberger Klause. Van der Fé ward
+aufs Schloß geschickt, um den Befehlshaber um Kundschaft zu erfragen.
+Dieser berichtete, Moritz sei schon von Augsburg aufgebrochen und habe
+Füssen besetzt, der Weg über Kempten sei unsicher durch des Herzogs
+Reiter. Da entschloß sich Karl, wieder nach Innsbruck zurückzukehren. In
+demselben tiefen Geheimnis langte er an, kein Mensch erfuhr etwas von
+der Reise.
+
+Beim zweitenmal verkleidete er sich als altes Weib. Der Plan war, in
+einem bedeckten Packwagen über Ehrwald und Hohenschwangau zu entkommen.
+Der alte Kammerdiener Karls mußte sich in dessen Bett legen, und in der
+Küche wurde gekocht, als ob der Kaiser noch im Schlosse wäre. Zwei kurze
+Tagereisen wurden zurückgelegt, der neugebahnte Fernpaß überstiegen, und
+im Dorfe Lermos stieg Karl aus, um eine Mahlzeit zu nehmen. Ein Mädchen,
+das einmal sein Bildnis gesehen, rief bei seinem Anblick: »Ei, wie sieht
+die alte Frau dem Kaiser so gleich.« Da erschrak Karl und kehrte
+abermals um.
+
+Inzwischen war es dem König Ferdinand gelungen, Moritz zu einem
+Waffenstillstand zu überreden, damit man zu Passau eine Versammlung
+einberufen könne, die zu beraten habe, wie die Gebrechen der deutschen
+Nation abzustellen seien. Diesen Stillstand benutzte Karl, und es gelang
+ihm, einiges Geld und Truppen zu sammeln. Das Heer stand bei Reitti,
+unfern der Ehrenberger Klause. Moritz zog zu Felde, schlug die
+Kaiserlichen und eroberte die Festung. Nun lag der Weg zum Kaiser offen.
+Die verbündeten Fürsten entschlossen sich, den Fuchs in seiner Spelunke
+zu suchen – da trat eine unerwartete Hilfe für den Kaiser ein: Moritz
+mußte erst einen Aufstand unterdrücken, der unter einem Teil des
+Fußvolks ausgebrochen war; die Leute forderten für den Sturm auf das
+Ehrenberger Schloß die doppelte Löhnung. Die Sache stand so schlimm, daß
+Moritz in Lebensgefahr war; er mußte fliehen und sich verbergen. So
+erhielt der Kaiser Zeit, Innsbruck zu verlassen. Der Herr zweier Welten
+mußte in einer kalten Frühlingsnacht, bei strömendem Regen und von
+heftigen Schmerzen geplagt, in einer Sänfte fliehen; fliehen beim Schein
+brennender Windlichter, mit denen die Diener die Engpässe der
+Tiroleralpen erhellten. Alle Brücken wurden hinter ihm abgebrochen. Dem
+Kaiser folgte der Kurfürst Johann Friedrich mit seinem alten Freund, dem
+Maler Lukas Cranach. Zum erstenmal seit fünf Jahren sah der Kurfürst
+sich nicht mehr von seiner spanischen Garde umgeben; er stimmte auf
+seinem Wagen ein Lob- und Danklied an.
+
+Der Kaiser wandte sich nach Villach in Kärnten und blieb dort bis in
+die Mitte des Sommers. Moritz zog am vierten Tage nach Karls Flucht in
+Innsbruck ein. Alles was den Spaniern, dem Kaiser und dem
+Kardinalbischof von Augsburg gehörte, überließ er seinen Landsknechten
+als gute Beute; sie stolzierten in den prächtigsten Gewändern herum, auf
+ihren Hüten glänzten portugiesische Goldstücke, und einer nannte den
+andern »Don«. Moritz’ Verbündeter, der König Heinrich von Frankreich,
+zog ins Elsaß und erließ Manifeste, in denen viel von deutscher Freiheit
+zu lesen war; auf einem sah man sogar einen Freiheitshut mit zwei
+Dolchen und das Wort »Libertas« an der Spitze. Vor allem nahm der
+Befreier Deutschlands Metz, Toul und Verdun weg.
+
+Moritz machte sich nun auf den Weg nach Passau, wo er mit dem König
+Ferdinand, dem Herzog von Bayern und den Bischöfen von Passau, Salzburg
+und Eichstädt den welthistorischen Vertrag abschloß, der den
+Protestanten ihre Religionsfreiheit wieder sicherte. Nachdem der Friede
+abgeschlossen war, führte er sein Heer dem König Ferdinand zu Hilfe
+gegen die Türken, der Kaiser wandte sich gegen die Franzosen nach
+Westen, und die gefangenen Herren von Hessen und Sachsen kehrten in ihre
+Länder zurück. Karl entließ Johann Friedrich nicht ohne Zeichen der
+Achtung, sogar der Rührung. Alle protestantischen Städte, durch die er
+auf seinem Weg kam, empfingen ihn wie einen Heiligen und Märtyrer. In
+Koburg traf er seine Gemahlin; sie hatte in den fünf Jahren ihre
+Trauerkleider nicht abgelegt und fiel in Ohnmacht, als sie ihn
+wiedersah. Die Ratsherren in Amtstracht und schwarzen Mänteln gingen ihm
+entgegen, die Bürger in ihren Rüstungen und Feiertagsgewändern bildeten
+Spalier, auf den Märkten standen die Geistlichen und die jungen Männer
+auf der einen Seite, die eisgrauen Leute und die jungen Mädchen mit dem
+Rautenkranz im fliegenden Haar auf der anderen, und die Knaben sangen
+das Tedeum. Der Fürst schritt mit entblößtem Haupt hindurch, seine
+Rückkehr ihrem Gebet zuschreibend, und hinter ihm ging sein lieber Lukas
+Cranach.
+
+Auch der Landgraf von Hessen kehrte aus den Niederlanden nach Kassel
+zurück. Er hatte Moritzens Vorhaben gegen den Kaiser durchaus nicht
+glauben wollen und geäußert: »Wie will ein Sperling den Geier
+angreifen?« Das Wunderliche geschah jetzt, daß man Moritz von allen
+Seiten zu mißtrauen anfing. Da er so viele getäuscht, wenn auch zum
+guten Zweck getäuscht, verdächtigte man sein Wesen ganz und gar. Wilhelm
+von Hessen nannte ihn in einem Wortwechsel einen Verräter. Als er nach
+den Passauer Tagen die Stadt Frankfurt am Main auffordern ließ, sich zu
+ergeben, wurde ihm geantwortet, er möge erst fromm werden und die
+Judasfarbe ablegen.
+
+Als er aus dem Türkenkrieg zurückgekehrt war, hielt er zur Fastnacht in
+Dresden großes Rennen und Stechen, und dann mußte er in den Krieg gegen
+seinen ehemaligen Freund und Bundesgenossen, den wilden Markgrafen
+Albrecht. Dieser hatte die Friedenspakte nicht geachtet; es gefiel ihm,
+das alte Faustrecht noch ferner in Deutschland zu üben, und er war ein
+gefürchteter Mann, der seinen eigenen Weg ging. Er behauptete, der
+Passauer Vertrag tauge nichts, die Pfaffen müßten gedemütigt werden.
+Nebenbei suchte er auch die Pfeffersäcke zu rupfen, wie er die
+Kaufherren der Städte nannte. Er umgab sich mit ein paar Tausend
+Eisenfressern und zog im Namen des Evangeliums verheerend durch die
+fränkischen und sächsischen Lande.
+
+Bei Sievershausen in der Lüneburgerheide traf Moritz seine plündernden
+Scharen. Es gab ein kurzes Gefecht; hoch zu Roß, die rote Feldbinde mit
+dem weißen Streifen um die Brust, kämpfte Moritz ritterlich. Eine
+silberne Kugel traf ihn von hinten, zerriß seinen Panzer und drang durch
+seinen ganzen Körper. Wilhelm von Grumbach, der fränkische Ritter, soll
+sein Mörder gewesen sein. In einem Zelte, das man neben einem Zaun
+aufgeschlagen hatte, empfing er die erbeuteten Fahnen und die Papiere
+des Markgrafen, die er eifrig durchspähte. Er diktierte sein Testament,
+und nach zwei Tagen starb er, zweiunddreißig Jahre alt. Sein letztes
+Wort war: »Gott wird kommen,« das übrige verstand man nicht.
+
+Kaiser Karl V. liebte Moritz so sehr, daß er, als man ihm zu Brüssel die
+Todesnachricht mitteilte, in die Worte ausbrach: »O, Absalom, mein Sohn,
+mein Sohn!«
+
+Der wilde Markgraf wurde in die Acht getan, scheinbar gegen den Willen
+des Kaisers. »Es ist alles dahin gerichtet, Deutschland eine Kappe zu
+schneiden,« schrieb der Herzog von Braunschweig, der bei Sievershausen
+seine zwei ältesten Söhne verloren hatte, an Philipp von Hessen, »der
+Kaiser will die Fürsten nur gegeneinander hetzen. Er hat zwar Albrecht
+als seiner Hetzhunde einen gebraucht, würde es aber gern sehen, wenn ihm
+ein Rad übers Bein ginge.«
+
+Albrecht flüchtete nach Frankreich, kehrte später nach Deutschland
+zurück und starb elend in Pforzheim, erst fünfunddreißig Jahre alt.
+
+So endete die Reformation, die als eine Angelegenheit des Volkes
+begonnen hatte, als ein Zusammenbruch der Fürsten.
+
+
+
+
+Wallenstein
+
+
+Albrecht Wenzel Eusebius Baron von Waldstein oder Wallenstein entstammte
+einem alten böhmischen Geschlecht, dessen Name schon im zwölften
+Jahrhundert zu finden ist. Er war am 15. September 1583 geboren und kam
+zwei Monate zu früh auf die Welt. Seine Eltern waren Protestanten, und
+beide verlor er bald, den Vater, als er zehn, die Mutter, als er zwölf
+Jahre alt war. Sein Oheim, Albrecht Slavata, ließ ihn in der Schule der
+böhmischen Brüdergemeinde unterrichten, aber ein zweiter Oheim, Johann
+von Ricam, nahm ihn von dort weg und brachte ihn in das adelige
+Jesuitenkonvikt nach Olmütz, wo ihn Pater Pachta der katholischen Kirche
+zuführte.
+
+Die im Volk verbreiteten Sagen über den hochfahrenden und trotzigen Sinn
+Wallensteins beschäftigten sich auch mit seiner Kindheit. So hieß es, es
+habe ihm einst auf der Schule zu Goldberg geträumt, daß Lehrer und
+Schüler, ja selbst die Bäume des Waldes sich vor ihm verneigt hätten,
+und als er diesen Traum erzählte, sei er lebhaft verspottet worden.
+
+Von Olmütz aus ging er auf Reisen; er machte mit einem reichen jungen
+Edelmann aus Mähren die europäische Kavaliertur nach Holland, England,
+Frankreich und Italien. Ihr gelehrter Begleiter war der Mathematiker und
+Astrolog Verdungs, ein Franke; durch ihn und den Professor Argoli in
+Padua wurde Wallenstein in die geheimen Wissenschaften der Sterne und in
+die Kabbala eingeweiht. Nach seiner Rückkehr diente er dem Kaiser Rudolf
+gegen die Türken und dem König Ferdinand unter Dampierre gegen die
+Venezianer. In diesem Feldzug konnte er schon ein Dragonerregiment auf
+eigene Kosten stellen, denn er war durch die Heirat mit einer begüterten
+alten Witwe zu Vermögen gekommen. Lukrezia von Landeck hieß die Frau; um
+seine Neigung zu gewinnen hatte sie ihm einen Liebestrank eingegeben,
+der ihm fast den Tod gebracht hätte. Sie lebte nur wenige Monate an
+seiner Seite.
+
+Nach der Kampagne gegen Venedig erhob ihn der Kaiser Mathias in den
+Freiherrenstand und ernannte ihn zum Obrist, Hofkriegsrat und Kämmerer.
+Beim Ausbruch der böhmischen Unruhen waren seine Fähigkeiten schon
+anerkannt; die Böhmen wollten ihn zu ihrem General machen. Er blieb aber
+dem Kaiser treu und flüchtete von Olmütz aus mit der Kriegskasse nach
+Wien. Im Jahre der Prager Schlacht erhielt er die Reichsgrafenwürde, und
+nach dem Nikolsburger Frieden schenkte ihm der Kaiser die an Schlesien
+und an die Lausitz grenzende Herrschaft Friedland, die aus neun Städten
+und siebenundfünfzig Dörfern und Schlössern bestand; seitdem hieß man
+ihn nur den »Friedländer«. Auch wurde er Fürst des Reiches. Sein
+Vermögen entsprach der fürstlichen Würde; er war allmählich durch den
+Ankauf konfiszierter Güter, die um einen Spottpreis zu haben waren, der
+reichste Grundherr Böhmens geworden. Er betrieb den Güterschacher im
+allergrößten Stil, denn er verkaufte auch wieder. Um dieses Freiwerden
+adeliger Besitztümer verständlich zu machen ist es notwendig, auf die
+Ursache hinzuweisen.
+
+ * * * * *
+
+Als Ferdinand im Jahre 1619 seinem Vetter Mathias folgte, war er bereits
+einundvierzig Jahre alt, ein kleiner, korpulenter Herr von gesunder
+Leibesbeschaffenheit und gemäßigter Lebensführung. Der beherrschende Zug
+seines Wesens war die Frömmigkeit. Khevenhüller schildert ihn, wie er
+einmal während einer Jagd den Trägern des heiligen Sakraments begegnete,
+umkehrte und barhäuptig bis an das Lager des Sterbenden folgte. Was
+Philipp II. für Spanien gewesen, wollte er für Deutschland sein. »Besser
+eine Wüste, als ein Land voll Ketzer,« war sein Wahlspruch. Die Priester
+waren für ihn die Stimme Gottes, und jeden einzelnen verehrte er als
+überirdische Erscheinung. »Tritt mir ein Priester und ein Engel zugleich
+in den Weg,« so soll er sich einst geäußert haben, »so werde ich dem
+Priester zuerst meine Ehrfurcht erweisen.« Dies galt freilich nur für
+die spanisch-aristokratischen Geistlichen, die sich zu dem System der
+unbedingten Ketzerausrottung bekannten. Er hörte alle Tage zwei Messen
+in der kaiserlichen Kapelle, am Sonntag außerdem die Messe in der
+Kirche, eine deutsche und eine italienische Predigt und nachmittags die
+Vesper; während der Adventszeit versäumte er keine Frühmette, und an
+allen Prozessionen nahm er zu Fuße teil. Seine Gewissensräte, die
+Jesuiten Lamormain und Weingärtner, hatten sein ganzes Herz in der Hand
+und lenkten es, wie der Orden wollte. Er war stark durch seinen
+Starrsinn. Alles Unglück ertrug er mit der Geduld des Hasses, den er
+gegen die Ketzer empfand; all das selbstverschuldete, durch Mangel an
+Treu und Glauben herbeigeführte Unglück erschien ihm als eine
+vorübergehende Prüfung Gottes. Er war der unversöhnliche Feind der
+Protestanten in Deutschland und Böhmen; die Rache, die er an ihnen üben
+wollte, war der Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefühle.
+
+Nach des Kaisers Mathias Tode zog das böhmische Protestantenheer gegen
+Wien. Ferdinand befand sich in der Hofburg. Er war ohne Soldaten und
+ohne Geld. Er schien verloren. Seine Räte drängten ihn, nach Tirol zu
+fliehen, selbst die Jesuiten stimmten für Nachgiebigkeit. Ferdinand
+weigerte sich. Die Lage war furchtbar; Geschosse flogen in die
+kaiserlichen Fenster, Ferdinand mußte sein Wohnzimmer verlassen. Er
+betete gegen seinen Feind. Seine Bedrängnis nutzend, erschienen sechzehn
+protestantische Herren der österreichischen Stände vor ihm und
+forderten, er solle seine Einwilligung zu der Union mit den Böhmen
+geben. Ferdinand weigerte sich, die Schrift zu unterzeichnen. Da faßte
+Andreas Thonradtel den Kaiser bei den Wamsknöpfen und rief ihm zu:
+»Nandl, gib dich, du mußt unterschreiben.« In diesem Augenblick
+schmetterten Trompeten im Burghof; es waren die Dampierreschen
+Kürassiere, die durch das Wassertor in die Stadt gedrungen waren. Sie
+retteten den Kaiser. Furcht und böses Gewissen trieben die Herren von
+der protestantischen Adelskirche aus Wien. Der böhmische General hatte
+die Gelegenheit versäumt, und Ferdinand entschloß sich rasch und kühn,
+nach Frankfurt zu reisen und sich dort zum Kaiser krönen zu lassen. Aber
+gerade in dieser Zeit sprachen ihm die Böhmen in Prag die königliche
+Würde ab. Sie entsetzten ihn als einen Erbfeind der Gewissensfreiheit,
+als einen Sklaven Spaniens und der Jesuiten, und sie wählten an seiner
+Statt den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König, ein
+unglücklicher Schritt, der die Erbitterung aller drei Religionsparteien
+auf die Spitze trieb, denn Friedrich war Kalvinist, und nach Luthers
+Wort waren die Kalvinisten siebenmal ärger als die Päpstlichen.
+
+Friedrich war ein schöner, stattlicher und galanter Mensch von
+dreiundzwanzig Jahren. Als er zu Amberg die Nachricht erhielt, daß er
+König geworden sei, war er betroffen und konnte keinen Beschluß fassen.
+Erst auf das dritte Schreiben der Böhmen reiste er nach Prag und war nun
+guten Mutes. Er verließ sich auf seinen mächtigen Schwiegervater, den
+König von England, er verließ sich auf die Hilfe der deutschen Städte,
+der Hugenotten in Frankreich und der Graubündtner, die ihm versprachen,
+den spanischen Armeen die Pässe zu sperren, und am meisten verließ er
+sich auf seine Jugend.
+
+Doch war er von Anfang an ein verlorener Mann. Wohl stand er an der
+Spitze einer evangelischen Union, viel mächtiger aber war die
+Vereinigung der katholischen Fürsten, welchen aus Haß gegen die
+Kalvinisten auch der protestantische Kurfürst Johann von Sachsen sich
+gesellte, und als nun gar der König von Frankreich Gesandte an die
+Fürsten der Union schickte, um sie von Friedrich abzubringen, machten
+diese ihren Frieden mit der katholischen Liga, und von allen verlassen,
+sah Friedrich von allen Seiten her die Feinde gegen sich losstürmen. Er
+hatte es nicht verstanden, die böhmischen Herren zu gewinnen; er hatte
+es nicht verstanden, sich bei diesen Aristokraten in Respekt zu setzen,
+die einen König nur zum Schein haben wollten, und daß er ihnen ihre
+krummen Sachen gerade biege. Sie hatten nur ihre Feudalrechte,
+Freiheiten und Privilegien im Sinn, nannten den Kaiser einen blinden
+Hund, den Herzog Max die bayrische Sau und den Kurfürsten von Sachsen
+den meineidigen, trunkenen Klotz, und als Friedrich sie einmal um sieben
+Uhr früh zu einer Ratsversammlung bescheiden ließ, wurde ihm erklärt, zu
+solcher Tageszeit könnten sie nicht kommen, der Mensch müsse nach der
+Arbeit seine Ruhe haben.
+
+In der Stadt herrschte die größte Unsicherheit. Jeden Tag wurden ein
+paar Menschen ermordet. Ehebruch und Hurerei wurden zur Plage. Die
+Ernstgesinnten fanden sich durch Friedrichs Vorliebe für französische
+Sprache, französische Sitten und Moden beleidigt. Man verspottete ihn,
+wenn er im rotsamtenen Pelz, mit weißem Hut und gelben Federn abends im
+Schlitten durch die Stadt fuhr. Aber am meisten verdarb er seine Sache
+dadurch, daß er die Bilderstürmerei zuließ. Allenthalben wurden die
+Altäre zerstört, die Kruzifixe zerschlagen, die Gräber der Schutzpatrone
+aufgerissen und beraubt, die Geräte weggeführt, die schönen Stoffe
+verbrannt und das geschnitzte Holzwerk zerhackt. Als das große steinerne
+Kruzifix auf der Moldaubrücke fallen sollte, entstand ein Aufruhr, und
+man mußte der Wache befehlen, jeden in den Fluß zu werfen, der die
+Statue anzutasten wage.
+
+So standen die Dinge, als Max und Tilly heranzogen, die glühenden
+Katholiken, die vor Eifer brannten, die böhmische Hauptstadt den Klauen
+des Ketzers zu entreißen. Die Jahreszeit war vorgerückt, es fing an rauh
+und kalt zu werden. Der General Boucquoy war gegen rasche Maßregeln,
+aber Tilly rief jederzeit im Kriegsrat, wo er vor Ingrimm und Ungeduld
+stets etwas zu zerknittern oder zu zerreißen pflegte: »Prag, Prag.« Im
+Frühnebel des 8. November stand die ligistische Armee endlich vor Prag.
+Der Morgen war bitterkalt, der Boden festgefroren. Abermals wollte
+Boucquoy den entscheidenden Schlag nicht wagen. Da trat ein spanischer
+Karmelitermönch auf, riß ein von den Böhmen verstümmeltes Marienbild aus
+der Kutte und hielt es hoch empor. Herzog Max rief überlaut: »Heilige
+Maria!« und »heilige Maria« wurde das Feldgeschrei des Tages. Es war
+Mittag, und die Sonne trat aus den Nebeln. Das Vorrücken zur Schlacht
+geschah in Massenvierecken des Fußvolks, die Reiterei zog auf beiden
+Flügeln mit. Die böhmischen Kanonen schossen in die Vierecke, und die
+ungarischen Reiter machten einen Angriff. Boucquoy und Herzog Max, die
+sich im Rücken der Armee befanden, hielten die Fliehenden mit dem Degen
+in der Faust auf. Nun führte der Reiteroberst Pappenheim seine
+Kürassiere gegen die Ungarn. Ein junger polnischer Lancier erstach das
+Pferd des den Böhmen verbündeten Herzogs von Anhalt. Er stürzte und
+wurde gefangen. Dieser Zufall war entscheidend. Die Ungarn ergriffen die
+Flucht, ihre Flucht verwirrte die ganze böhmische Schlachtordnung, und
+die Neapolitaner erstürmten die Schanzen und nahmen die Batterien. Die
+Schlacht war nach einer Stunde zu Ende. Eine einzige Stunde hatte das
+Schicksal Böhmens, ja das Schicksal Deutschlands für Jahrhunderte
+entschieden.
+
+Im königlichen Tiergarten hatte Pappenheim gegen eine auserwählte Schar
+von jungen Adeligen gekämpft. Mit zahllosen Hieb- und Stichwunden
+bedeckt, fiel er und lag die ganze kalte Novembernacht hindurch ohne
+Bewußtsein unter Leichen und Pferden. Am andern Morgen kam ein Kroat
+über ihn. Er biß ihn in den Finger, weil der schöne Ring, den er trug,
+sich nicht anders wollte abziehen lassen. Das herzhafte Zubeißen des
+wilden Mannes brachte Pappenheim wieder ins Leben. Er blickte den
+Kroaten finster an und fragte: »Kerl, was willst du?« Der Kroat
+erwiderte: »Du hast gute Kleider an, du mußt sterben.« Obgleich halbtot,
+versetzte ihm Pappenheim eine gewaltige Ohrfeige, versprach aber dann,
+ihn gut zu belohnen, wenn er ihn zu einem Wundarzt führe. Der Kroat
+willfahrte.
+
+Am Morgen nach der Schreckensnacht stieg Friedrich, der Winterkönig, in
+den Reisewagen, ließ alles im Stich, Krone, Kleinodien, Archiv und
+geheime Kanzlei, und fuhr über Breslau und Berlin nach Holland.
+
+Die Rache des Kaisers war glänzend. Er wartete; er wartete sieben Monate
+lang. Er wollte die böhmischen Landherren sorglos machen und die Vögel
+sicher ins Garn locken. Es gelang ihm nur zu gut. Max und Tilly hatten
+Amnestie verbürgt. Tilly gab den Rat, die Stände nicht zur Verzweiflung
+zu treiben; aber die Klugen, die den Kaiser lenkten, waren der Meinung,
+daß Leute, die ein schlechtes Gewissen haben, keine verzweifelten
+Schritte tun, sondern daß solche Leute es lieben, sich zu ducken.
+
+Eines Tages wurden plötzlich achtundvierzig Häupter des Aufstandes
+verhaftet und auf den Hradschin gefangengesetzt. Noch hatte Ferdinand
+seine Bedenken, ob er mit den Rebellen auf spanische Art verfahren
+solle. Der Jesuit Lamormain machte dem Spintisieren ein Ende, indem er
+erklärte, er nehme alles auf sein Gewissen. Am andern Morgen war der
+Blutbote auf dem Wege nach Prag, um dem Statthalter die kaiserlichen
+Befehle zu überbringen.
+
+Schlag vier Uhr früh ertönte der Knall einer Kartaune vom Hradschin. Die
+Gefangenen, von einer Reiterschwadron und zweihundert Musketieren
+begleitet, wurden in bedeckten Wagen zur Altstadt heruntergeführt. Der
+Richtplatz war unmittelbar vor dem Rathaus, gegenüber der Theinkirche,
+wo der goldene Hussitenkelch mit dem Schwerte stand. Das Schafott war
+mit rotem Tuch behangen; auf einer Bühne unter einem Baldachin saß der
+Statthalter und elf vom Kaiser verordnete Kommissarien. Es war ein
+regnerischer Junimorgen, aber zum Trost der Märtyrer spannte sich ein
+schöner Regenbogen über den Lorenzberg.
+
+Der Scharfrichter köpfte innerhalb vier Stunden vierundzwanzig Personen,
+drei wurden gehenkt. Es waren lauter protestantische Köpfe bis auf den
+des Grafen Czernin, der Katholik war. Er mußte sterben, weil man den
+Schein retten wollte, daß das Blutgericht keine Religionsverfolgung,
+sondern eine abgedrungene politische Maßregel sei. Es waren meist ganz
+alte Leute, die exekutiert wurden; zehn von ihnen zählten zusammen über
+siebenhundert Jahre.
+
+Der Kaiser tat noch ein übriges für die Opfer: er betete, während sie
+hingerichtet wurden. Er hatte zu diesem Zweck eine Wallfahrt nach
+Mariazell angetreten, lag vor dem Bild der Mutter Gottes auf den Knien
+und flehte, daß die Böhmen noch vor ihrem Tod in den Schoß der
+alleinseligmachenden Kirche zurückgeführt werden möchten.
+
+Elf Monate nach dem Bluttag ließ Ferdinand einen Generalpardon
+verkündigen. Wer sich schuldig fühlte, sollte sich selbst anklagen, um
+die kaiserliche Verzeihung zu erhalten. Die Vögel liefen ins Garn.
+Siebenhundertachtundzwanzig Herren vom Adel, Ritter und Barone, stellten
+sich freiwillig. Sofort wurden ihre Güter konfisziert. Teils ganz, teils
+halb, teils ein Drittel. Im kaiserlichen Kabinett fehlte es an Geld. Die
+konfiszierten Vermögen ergaben die Summe von dreiundvierzig Millionen
+Gulden, eine ungeheure Summe für jene Zeit. Sie erlaubte dem Kaiser, den
+Krieg fortzusetzen. Alle Güter kamen in andere Hände. Es wechselte der
+ganze Besitzstand. Hundertundfünfundachtzig adelige Geschlechter und
+viele Tausende von Bürgerfamilien verließen die Heimat und wanderten ins
+Ausland, und ganz Böhmen, ganz Mähren und ganz Österreich wurde mit
+Gewalt wieder katholisch gemacht.
+
+ * * * * *
+
+Der Anteil Wallensteins an der Rebellenbeute betrug nahezu ein Drittel.
+Sein Reichtum spielte eine wichtige Rolle in den Ereignissen der Zeit.
+Denn als in Deutschland der Krieg erwachte, als der König von Dänemark
+sich mit Mansfeld und dem Herzog von Braunschweig verband, als Holland,
+England und Frankreich sich anschickten, den Protestanten gegen das Haus
+Habsburg Hilfe zu leisten, sah sich der Kaiser ohne genügende Mittel zur
+Ausrüstung und Besoldung eines großen Heeres. Da erbot sich Wallenstein,
+der unterdessen durch die Heirat mit der Gräfin Harrach, der Tochter
+eines Günstlings des Kaisers, höfische Beziehungen erlangt hatte, zum
+Helfer. Wallenstein wollte den Krieg in großem Stile führen. Der Kaiser
+befahl ihm, ein Heer von zwanzigtausend Mann zu werben. Dies schlug er
+aus. Ein Heer von vierzig- bis fünfzigtausend Mann wollte er stellen,
+denn ein solches Heer, meinte er, werde sich selbst zu ernähren wissen.
+Er erhielt darauf die Vollmacht für diese Zahl und zugleich den
+unbeschränkten Oberbefehl als Generalissimus des Kaisers. Wenige Monate
+vergingen, und die Armee war beisammen. Sein Name lockte; nicht bloß
+unbeschäftigte und hungrige Menschen traten unter seine Fahnen, sondern
+es kamen auch als Offiziere Männer von höchstem Rang. Das Hauptquartier
+des Heeres war in Eger.
+
+ * * * * *
+
+Wallenstein war zum Kriegsfürsten geboren. Er trat im höchsten Prunk auf
+und imponierte durch seinen Luxus, durch ein glänzendes Gepränge, das
+jeden blendete, der ihm nahte. Er wußte die stärksten Leidenschaften der
+Menschen zu erregen und sie dadurch auf Tod und Leben sich dienstbar zu
+machen. Seine Belohnungen waren königlich, seine Tafel bot
+unerschöpfliche Genüsse. Unter der einzigen Bedingung der strengsten
+Disziplin ließ er alle Ausschweifungen seiner Soldaten hingehen. Sein
+Lager war das lustigste, das Soldaten haben konnten. Er duldete einen
+riesigen Train von Bedienten, Troßbuben, Fuhrknechten und Weibern, nur
+Pfaffen duldete er im Lager nicht. Freibeuter aller Konfessionen und
+jeden Standes zogen ihm zu. Sein scharfes Auge erkannte den Tüchtigen
+auf den ersten Blick; der gemeinste Mann vermochte die höchste Stellung
+zu erringen. Jede heroische Tat wurde durch Beförderung und Geschenke
+ausgezeichnet, aber der Feigling mußte sterben, und über den
+Ungehorsamen erging der Befehl, der als Kriegsgerichtsspruch galt: Laßt
+die Bestie hängen.
+
+Er verachtete die Menschen. Sie waren ihm nur Werkzeuge zu seinen
+Zwecken. Als ihm einmal Gustav Adolf vor einer Schlacht den Antrag
+machen ließ, daß man im äußersten Fall einander Pardon geben möge,
+antwortete er: »Die Truppen sollen entweder kombattieren oder
+krepieren.«
+
+Schon sein Äußeres flößte Ehrerbietung und Scheu ein: eine lange,
+hagere, stolze Gestalt, das Gesicht immer ernst, bleich oder gelb, die
+Stirn hoch und gebieterisch, das schwarze Haar kurz abgeschnitten und
+aufwärtsstehend, die Augen klein, schwarz und feurig-stechend, der Blick
+finster und voll Argwohn, Lippen und Kinn mit starkem Schnurr- und
+Knebelbart bedeckt. Seine gewöhnliche Tracht war ein Reiterrock von
+Elensleder, darüber ein weißes Wams, Mantel und Beinkleider von
+Scharlach, ein breiter, nach spanischer Art gekräuselter Halskragen,
+Korduansstiefel, die des Podagras wegen mit Pelz gefüttert waren, und
+eine lange, rote Feder auf dem Hut.
+
+Mochte es im Lager noch so laut hergehen, in seiner Nähe mußte alles
+still sein, seine unmittelbare Umgebung mußte die tiefste Ruhe bewahren.
+Weder Wagengerassel noch Stimmen im Vorzimmer konnte er ertragen. Man
+sagt, er habe einen Kammerdiener aufknüpfen lassen, der ihn ohne Befehl
+geweckt, und einen Offizier heimlich umbringen lassen, weil er mit
+lautklirrenden Sporen vor ihn getreten sei. Er war immer in sich selbst
+versunken, in sich selbst webend und brütend, nur mit seinen Plänen und
+Entwürfen beschäftigt. Er forschte unermüdlich und war unablässig tätig,
+aber immer nur aus sich selbst heraus und fremde Einflüsse schroff
+abwehrend. Er konnte es nicht einmal leiden, daß man ihn anblickte, wenn
+er seine Befehle gab; wenn er durch die Gassen des Lagers
+hindurchschritt, mußten die Soldaten so tun, als bemerkten sie ihn
+nicht. Ein wunderliches Grauen überfiel die Leute, wenn seine hagere
+Gestalt gespenstergleich vorüberging. Es umgab ihn etwas
+Geheimnisvolles, Feierliches und Banges. Er schritt eingehüllt in diese
+Zauber, und sie bildeten einen Nimbus um ihn. Der Soldat glaubte steif
+und fest, daß der General mit dunklen Mächten im Bündnis stehe, daß ihm
+die Sterne Bescheid sagten, daß er keinen Hund bellen, keinen Hahn
+krähen hören könne, daß er hieb-, kugel- und stichfest sei, und vor
+allem, daß er die Fortuna an seine Fahnen gebannt habe. Die Fortuna, die
+seine Göttin war, wurde die Göttin des ganzen Heeres.
+
+Wallenstein war ein Mann von heißestem Temperament, aber äußerlich war
+er immer kalt und ruhig. »Laßt fleißig münzen,« schreibt er einmal an
+seinen Hauptmann im Herzogtum Friedland, »auf daß ich nicht Ursach hab,
+solches zu ahnden, denn ich höre, daß man dem nicht nachkommt, wie ich
+es befohlen, welches mir wohl in die Nasen raucht. Ich bin nicht
+gewohnt, eine Sache oft zu befehlen.« Er war höchst wortkarg und sprach
+recht wenig, dann aber mit Nachdruck. Am wenigsten sprach er von sich
+selbst. Der glühendste Ehrgeiz flammte still und lautlos in seiner
+Brust; ihm opferte er kaltblütig alles. Er war ein Meister in der
+Verstellung; keiner wußte um seine Absichten, und dem Umstand, daß er in
+wichtigen Sachen niemals etwas Schriftliches von sich gab, verdankte er
+viele seiner Erfolge. Er war zweiundvierzig Jahre alt, als er den
+Oberbefehl übernahm.
+
+ * * * * *
+
+Im Herbst 1625 zog Wallenstein gegen den König von Dänemark. Er
+überwinterte in Halberstadt, das er erobert hatte. Im Feldzug des
+folgenden Jahres schlug er den Grafen Mansfeld bei der Dessauerbrücke.
+Dann gewann er dem Kaiser Schlesien zurück, eroberte die dänischen
+Besitzungen und Mecklenburg, das sein Herzogtum wurde. Zum Dank dafür,
+und weil er dem Kaiser viel Geld vorstreckte, überließ ihm Ferdinand das
+Herzogtum Sagan und verkaufte ihm die Herrschaft Priebus für einen
+niedrigen Scheinpreis. Auch wurde er zum General des baltischen und
+ozeanischen Meeres ernannt. Österreich wollte nämlich eine Seemacht
+werden. Dazu schien alles auf dem besten Wege, Dänemark lag darnieder,
+die Hansastädte waren willens, dem Kaiser behilflich zu sein, nur die
+Festung Stralsund widerstand. Ein halbes Jahr lang belagerte Wallenstein
+diese Stadt; obwohl er schwor, daß er sie einnehmen werde, und wenn sie
+mit Ketten an den Himmel gebunden wäre, mußte er unverrichteter Dinge
+wieder abziehen. Dieser Mißerfolg untergrub sein Ansehen im Norden
+Deutschlands. Auch der Kaiser verlor den Glauben an seine
+Unüberwindlichkeit. Jetzt traten die Fürsten mit ihren Klagen über den
+beispiellosen Pomp des Emporkömmlings auf. Ein Notschrei erhob sich über
+die unerträglichen Brandschatzungen, mit denen der General die besiegten
+Länder heimgesucht. Bis dahin hatten alle, verblüfft von seinem
+fabelhaften Glück, geschwiegen, nun taten sich die Lippen auf und
+ergossen sich in Verwünschungen gegen den Tyrannen, der auf Kosten des
+allgemeinen Elends im Überfluß schwelgte. Während Tausende ringsumher
+den Hungertod starben, während sich viele Bürger und Bauern entleibten,
+um der Not zu entrinnen, lebte jeder Rittmeister der Wallensteinschen
+Soldateska wie ein Fürst, und in Schlesien, wo der Bruder den Bruder,
+die Eltern ihre Kinder anfielen, um sie aus Hunger zu schlachten, war
+der Übermut der Söldlinge am größten. Die Häuser wurden geplündert und
+demoliert, ganze Dörfer verbrannt, die Weiber geschändet, den Männern
+Nasen und Ohren abgeschnitten; Offiziere, die kurz zuvor bettelarm
+gewesen waren, besaßen drei- bis viermalhunderttausend Gulden an barem
+Geld.
+
+Aber noch gehorchte ganz Deutschland dem Winke Wallensteins. Er stand
+wie ein Alleinherrscher da. Das Unbegreiflichste an dem unbegreiflichen
+Manne war, daß er die Rüstungen umso eifriger betrieb, je mehr die
+Feinde schwanden. Das Heer zählte erst fünfzigtausend, dann
+hunderttausend, schließlich hundertfünfzigtausend Mann. Diese furchtbare
+Armada des Kaisers erweckte bei allen Fürsten Eifersucht und Angst. Die
+Kurfürsten und der Papst, die Aristokraten des Reichs und die Jesuiten
+standen dagegen auf, aber die Seele aller Ratschläge wider den
+übermächtig werdenden Kaiser war der Kardinal Richelieu, der in einem
+Bericht an den Papst Urban VIII. unverblümt die Absetzung Wallensteins
+forderte.
+
+[Illustration: Wallenstein, nach einem Stich von Peter de Jode.]
+
+Dieser Bericht, erfüllt von tiefster pfäffischer Schlauheit, sprach von
+Österreich als von einer »Bestia mit vielen Köpfen«, von denen die
+abgeschnittenen immer wieder nachwüchsen; Gewalt fruchte nichts, man
+müsse das Blatt umkehren und des Kaisers Frömmigkeit ausnutzen. Derart
+müsse man seine Gottesfurcht ausnutzen, daß man ihn hetze, die seit dem
+Passauer Vertrag eingezogenen Kirchengüter zurückzuverlangen; so werde
+er sich alle protestantischen Fürsten auf immer zu Feinden machen.
+Ferner müsse man seine Frömmigkeit dadurch ausnutzen, daß man wegen der
+üblen Führung des Kriegsvolks sein Gewissen rühre und sein Mitleid
+reize. Alsdann solle Frankreich ein großes Heer nach Deutschland
+schicken, Gewalt brauchen, wo Gewalt vonnöten und mit dem Versprechen
+von Religionsfreiheit nicht sparsam sein.
+
+Der Papst war mit diesen Vorschlägen einverstanden, und der Kaiser wurde
+langsam umgarnt. Sein Beichtvater bedeutete ihm, daß der Passauer und
+der Augsburger Religionsfriede ungültig seien, weil sie ohne den Konsens
+des Papstes abgeschlossen waren. Darauf erließ der Kaiser das
+berüchtigte Restitutionsedikt, welches alles wieder katholisch machte,
+was seit siebenundsiebzig Jahren protestantisch geworden war, und sofort
+erfolgte die strengste Exekution. Obwohl die norddeutschen Protestanten
+erklärten, sie würden eher Gesetz und Sitte von sich werfen und
+Germanien wieder in die alte Waldwildnis verwandeln als zugeben, daß das
+Edikt vollzogen werde, wurden sie durch die kaiserlichen Heere dazu
+gezwungen. Fortwährend lagen die Truppen in allen Ländern der
+Protestanten, mit Ausnahme Kursachsens, das noch für zu mächtig erachtet
+wurde, und raubten sie aus. Jede Beschwerde wurde höhnisch abgewiesen,
+und es fiel das Wort: Der Kaiser will lieber, daß die Deutschen Bettler
+seien als Rebellen.
+
+Indessen verfolgte Wallenstein schweigend seine Entwürfe. Es kam der
+Tag, wo er seine Gedanken offen aussprach: »Man braucht keine Fürsten
+und Kurfürsten mehr. Jetzo ist es Zeit, daß man ihnen das Gasthütel
+abzieht. In Deutschland soll nur der Kaiser allein Herr sein.« Diese
+Sprache klang der deutschen Fürstenaristokratie furchtbar in die Ohren.
+Wallensteins Plan war, sämtliche kleinen Reichsfürsten mit Arglist oder
+mit Gewalt zu vertreiben, ihren Nachlaß zu parzellieren und an die
+Offiziere seines Heeres zu verleihen. Zum Teil war dies schon geschehen.
+Das neue Kaiserreich sollte sich auf den Soldatenadel stützen.
+
+Natürlich war der Kaiser nicht sehr geneigt, einen Mann zu entfernen,
+der ein solches Machtideal für ihn verwirklichen wollte. Auf dem
+Regensburger Fürstentag im Juni 1630 befand sich Ferdinand in einer
+verzweifelten Lage. Die Fürsten bedrängten ihn, das über jedes Maß
+angeschwollene Heer zu verringern und den unerträglichen Diktator, den
+Urheber des allgemeinen Elends, zu entlassen. Weigerte sich der Kaiser,
+so drohten sie, sich mit den Protestanten und mit Frankreich zu
+verbünden. Auf der andern Seite erbot sich Wallenstein, die Fürsten in
+Regensburg zu überrumpeln und unschädlich zu machen. Noch ganz andere
+Pläne schwebten vor seinem kühnen Geist, und er wartete nur, daß der
+Kaiser sie gutheiße. Er wollte für den Kaiser gegen den Papst ziehen.
+Rom sei schon seit hundert Jahren nicht geplündert worden, ließ er sich
+vernehmen, es müsse jetzt um vieles reicher sein. Er hatte gegen
+hunderttausend Mann seines Heeres nach dem südwestlichen Deutschland
+gezogen und wollte sich nicht nur gegen Frankreich und Italien, sondern
+auch gegen die katholischen Fürsten Deutschlands wenden. Er und seine
+Günstlinge drangen unaufhörlich in den Kaiser, daß er seine Einwilligung
+zu den militärischen Operationen geben möge. Aber der Kaiser gab nicht
+die Fürsten auf, wie Wallenstein es wollte, er gab Wallenstein auf, wie
+die Fürsten es wollten. Dem päpstlichen Nunzius Rocci gelang es,
+Ferdinand umzustimmen; es gelang ihm mit Hilfe des feinsten Diplomaten
+jener Zeit, des Kapuzinerpaters Joseph, eines Mannes, der, wie sein
+Begleiter Herr von Leon sagte, gar keine Seele hatte, sondern nur
+Untiefen, in die ein jeder geraten müsse, der mit ihm verhandelte. Der
+Kaiser unterzeichnete den Absetzungsbefehl des Friedländers und hieb
+sich damit gleichzeitig die rechte Hand vom Arm. In dem Augenblick, wo
+alles zu gewinnen war, gab er alles auf. Die kirchliche Politik hat nie
+einen größeren Triumph gefeiert.
+
+Zwei alte Freunde Wallensteins, der Hofkanzler Werdenberg und der
+Hofkriegsrat Westenberg, wurden beauftragt, ihm den Absetzungsbefehl zu
+überbringen. Sie trafen ihn in seinem Hauptquartier in Memmingen,
+anscheinend tief in astrologischen Studien, in Wirklichkeit völlig
+beschäftigt mit dem Gedanken an die Überrumpelung der deutschen Fürsten.
+Er empfing und bewirtete die kaiserlichen Räte prächtig. Lange Zeit
+wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen, die Herren trauten sich
+nicht mit der Sprache heraus. Da nahm Wallenstein einige Papiere vom
+Tisch und sagte: »Diese Dokumente enthalten des Kaisers und des
+Kurfürsten von Bayern Nativität. Aus ihnen könnt Ihr sehen, daß ich
+Euren Auftrag kenne. Die Sterne zeigen, daß der Spiritus des Kurfürsten
+den des Kaisers dominiert. Aus dieser Ursach messe ich dem Kaiser keine
+Schuld bei. Es tut mir weh, daß kaiserliche Majestät mit Abdankung der
+Truppen den edelsten Stein aus seiner Krone wegwirft, es tut mir weh,
+daß kaiserliche Majestät sich meiner so wenig angenommen hat, aber
+Gehorsam will ich leisten.«
+
+Wallenstein zog sich nun nach Gitschin, der Hauptstadt seines Herzogtums
+Friedland, in die Einsamkeit zurück. Von seinem Heere wurden dreißig
+Regimenter abgedankt, der Rest vereinigte sich mit Tilly.
+
+ * * * * *
+
+Es erhob sich aber jetzt für den gefährdeten Protestantismus ein Retter
+in der Person Gustav Adolfs von Schweden, der Schneemajestät, wie ihn
+die Herren in Wien nannten, die freilich noch nicht wußten, was für
+Hitze ihnen dieser Eiskönig machen würde. Bei den Protestanten hieß er
+wegen seines blonden Haares und Bartes der Goldkönig, auch den Löwen aus
+Mitternacht hießen sie ihn in ihrer gläubigen Hoffnung.
+
+Gustav Adolf war von ungewöhnlich hohem Wuchs, starkem Knochenbau und
+großer Wohlbeleibtheit, so daß nur ein starkes Pferd ihn zu tragen
+vermochte. Seine graublauen Augen blickten unter der weiten Stirn mit
+freundlichem Ausdruck. Seine Haltung und sein Anstand waren echt
+fürstlich, seine ganze Erscheinung trug das Gepräge der Zuversicht und
+Offenheit, und seine wohltönende Stimme flößte Vertrauen ein. Er übte
+große Macht über die Gemüter, seine Zunge war beredt, und seine
+Unterhaltung voll Anmut und Leutseligkeit. Er liebte die Wissenschaften,
+sein Lieblingsbuch war das Buch vom Krieg und Frieden von Hugo Grotius,
+das er immer mit sich führte. Seit seiner Jugend hatte nur der Krieg für
+ihn Reiz, er war zum Helden und zum Herrscher geboren. Er war fromm und
+gottesfürchtig, aber er war auch klug; seine Diplomatie hielt gleichen
+Schritt mit seiner Heldenschaft. Seine Geschäftsleute wurden hoch
+bezahlt, ein Netz von schwedischen Gesandten und Spionen war über die
+europäischen Höfe verbreitet, und sein Kabinett war durch seine
+undurchdringliche Verschwiegenheit so ausgezeichnet, daß die
+französischen Gesandten beständig darüber klagten, nie hinter die
+eigentlichen Absichten der Schweden kommen zu können. Fremden Ministern
+und Offizieren ließ Gustav, wenn sie in sein Lager zu Unterhandlungen
+kamen, ihre Geheimnisse beim Wein entlocken, wozu meist ein schottischer
+Oberst verwendet wurde, der übermäßig viel vertragen konnte und dabei
+doch den Verstand bewahrte.
+
+Mit bloß vierzehntausend Mann kam Gustav Adolf nach Deutschland; die
+kaiserliche Macht war wenigstens doppelt so stark. Aber er hatte viel
+Zulauf von Wallensteins entlassener Armada, und er verließ sich auf die
+Sympathie im Volke; in allen Städten, die er durchzog, blies man von
+den Türmen: nun kommt der Heiden Heiland. Er nahm Stettin ein, rief die
+Mecklenburger von Wallenstein ab und zum Gehorsam gegen die alten
+Herzöge zurück, erstürmte Frankfurt an der Oder, bemühte sich, freilich
+vergebens, ein Bündnis zwischen den Kurfürsten von Sachsen und
+Brandenburg zu erwirken, und sandte, da Magdeburg in großer Not war,
+einen der Obersten seiner vierzig deutschen Kompanien, Herrn Dietrich
+von Falkenberg, in die belagerte Stadt. Falkenberg, ein sehr tapferer
+Edelmann, verkleidete sich als Schiffer und schlich durch Pappenheims
+Scharen in die Stadt, wo er alsbald den Kommandantenposten übernahm.
+Pappenheim machte den Versuch, ihn durch das Anerbieten einer großen
+Summe zu bestechen, er aber erwiderte: »Braucht der Pappenheim einen
+Schelmen, so mag er ihn im eigenen Busen suchen.«
+
+Aber die Stadt war nicht zu halten. Tilly war mit dreißigtausend Mann
+vor den Mauern angelangt und eroberte alle Außenwerke, doch hatte er
+erfahren, daß der Schwedenkönig in der Nähe stehe, und wollte deshalb
+die Belagerung aufheben. Nur Pappenheim bestand im Kriegsrat auf einer
+Bestürmung. Am folgenden Tag fiel die Stadt. Pappenheim wurde ihr
+Mordbrenner. Um die Feinde zu vertreiben hatte er einige Häuser in Brand
+stecken lassen, der Wind blies in die Flammen, die nun alles ergriffen.
+Zornig darüber, daß ihnen die Feuersbrunst die erhoffte Beute entzog,
+schlugen die kaiserlichen Truppen jeden tot, der ihnen in den Weg kam.
+Einige ligistische Offiziere, empört über das teuflische Wüten der
+Kroaten, Ungarn und Wallonen, traten vor Tilly und baten ihn, er möge
+dem Gemetzel Einhalt tun. Mit finsterem Gesicht antwortete ihnen Tilly:
+»Drei Stunden Plünderung ist Kriegsregel. Der Soldat will für Müh und
+Gefahr etwas haben.« Pappenheim schrieb nach München: »Magdeburgs
+Jungfrauschaft ist weg. Wir haben es mit stürmender Hand erobert, den
+Bischof habe ich gefangen, Falkenberg ist niedergehaut samt allen
+Bürgern, so in der Wehr gewesen. Was sich von den Menschen in die Keller
+oder Böden versteckt hatte, ist alles verbrannt. Ich halt, es seien über
+zwanzigtausend Menschen draufgegangen und ist gewiß seit der Zerstörung
+Jerusalems kein greulicheres Werk und Straf Gottes gesehen worden.« An
+den Kaiser nach Wien schrieb er: »Es ist mir und meinen rätlichen
+Spießgesellen bei dieser wunderbaren Viktori nichts abgegangen, als daß
+wir nit Eure kaiserliche Majestät und dero kaiserliches Frauenzimmer als
+Zuschauer gehabt.«
+
+Das war die magdeburgische Hochzeit, wie die kaiserliche Soldateska es
+nannte. Der Dom war von den Flammen verschont geblieben, in ihm wurde
+Messe gelesen und das Tedeum gesungen.
+
+Das Kriegsvolk aber sang:
+
+ »Magdeburg, du stolze Magd,
+ Hast dem Kaiser den Tanz versagt,
+ Jetzt tanze mit dem alten Knecht,
+ Geschieht dir eben recht.«
+
+Gustav Adolf hatte nichts zum Entsatz Magdeburgs wagen wollen; in einer
+Schutzschrift wälzte er die Schuld auf die beiden Kurfürsten. Endlich
+rückte er vor Berlin und forderte eine bestimmte Erklärung. Der Kurfürst
+Georg Wilhelm war sein Schwager, aber er war ganz in den Händen seines
+Ministers, des Grafen Schwarzenberg, und dieser stand im Solde der
+Jesuiten. Der Kurfürst wollte stille sitzen und bangte davor, Land und
+Leute zu verlieren, und er fürchtete die Übermacht des Kaisers. Gustav
+Adolf zwang ihn jedoch, in sein Lager zu kommen, die Allianz zu
+unterzeichnen, und besetzte dann Berlin und Spandau. Darauf zog er
+südwärts dem alten Tilly entgegen, und in jenen Herzfeldern
+Deutschlands, bei Leipzig, wo mehrmals die deutschen Geschicke
+ausgekämpft worden sind, sollte nun die Entscheidung fallen.
+
+Tilly hatte sein Hauptquartier in einem abgelegenen Hause vor Leipzig,
+er merkte erst nachher, daß es des Totengräbers Haus gewesen. Er hatte
+seine Befehle in einem Zimmer ausgefertigt, in dem sich lauter Pyramiden
+von Totenschädeln und Gebeinen befanden. Eine düstere Ahnung ergriff
+ihn, selbst Pappenheim erbleichte.
+
+Am Morgen des Schlachttages schickte Tilly den Pappenheimer mit
+zweitausend Kürassieren aus, damit er rekognosziere. Aber der hitzige
+Mann ließ sich in ein Gefecht ein, und um ihn zu retten mußte Tilly
+seine ganze Streitmacht entfalten. Seine Völker trugen weiße Bänder auf
+Helmen und Hüten und weiße Binden um den Arm; er selbst kommandierte in
+einem sonderbaren Kostüm, in einem grünseidenen Schlafrock; auf dem
+Kopf hatte er ein Barett mit bunten Federn, und er ritt seinen kleinen
+Schimmel.
+
+Der Schwedenkönig entwickelte sein ganzes Kriegsgenie und zeigte die
+Überlegenheit seines leichten Fußvolks. Er machte gegen die andrängenden
+Kaiserlichen Front, wendete sich mit der Spitze seiner Kolonne gegen die
+Hügel, wo ihre Geschütze standen, und beschoß Tilly mit seinen eigenen
+Kanonen. Die Reiterei wurde aus dem Feld geschlagen, das Fußvolk floh,
+und nur fünf Wallonenregimenter schlugen sich mit ihrem alten Vater
+Tilly unter dem Schutze der Nacht in geschlossener Ordnung durch. Tilly
+starrte vor sich hin, die Augen voll von Tränen. Er hatte schon drei
+Streifschüsse. In Halle traf er den Pappenheimer, der wieder mit
+höchster Bravur gefochten und vierzehn Schweden teils niedergehauen,
+teils, weil ihm das Schwert zerbrochen war, wie ein Bär in seinen Armen
+erdrückt hatte. Die Schweden erbeuteten das ganze kaiserliche Lager,
+alles Geschütz und über hundert Fahnen.
+
+Jetzt trat in Wien eine andere Stimmung ein; die Hofschranzen und
+Weiber, Jesuiten und Kapuziner vermaßen sich nicht mehr, das »neue
+Feinderl«, wie sie Gustav Adolf nannten, mit Ruten über die Ostsee
+hineinzupeitschen oder das Schneeköniglein zerrinnen zu sehen, wenn es
+sich dem Süden näherte. Der Sieg Gustav Adolfs war ein zermalmender
+Schlag für den Kaiser und die Katholiken. Der König Sigismund von Polen
+jammerte, er könne gar nicht begreifen, warum unser Herrgott lutherisch
+geworden sei. Angst und Bedrücktheit wuchsen, als der Schwede durch die
+»Pfaffengasse« ins Reich zog, Erfurt, Würzburg, Hanau und Frankfurt
+nahm, die Pfalz befreite, mit Bayern unterhandelte, Augsburg eroberte
+und mit suveräner Macht jeden Widerstand zerbrach.
+
+Im Mai des Jahres 1632 hielt er seinen Einzug in München, und in seiner
+Begleitung befand sich der vertriebene Böhmenkönig. Das Pfingstfest
+feierte er in Augsburg; eine Chronik erzählt davon also: »Am heiligen
+Pfingsttag wohnte der König dem öffentlichen Gottesdienst nicht bei,
+sondern ließ sich von seinem Hofprediger Doktor Fabricius in seinem
+Kabinett predigen. Abends aber bei der Tafel bekam er jählingen Lust zu
+tanzen, dahero denn sogleich Anstalt gemacht worden, daß die
+Geschlechterstöchter in den Fuggerschen Häusern erschienen, mit welchen
+sich sowohl der König wie die anwesenden fürstlichen Personen etliche
+Stunden lang mit englischen und deutschen Tänzen erlustiget.« Gustav
+Adolf war ein großer Frauenfreund; er wollte eine schöne Augsburgerin
+küssen; sie hieß Jakobine Lauber und gefiel ihm sehr, aber sie wehrte
+sich und riß dem König die Halskrause ab.
+
+In diese friedlichen Tage hinein fiel die Nachricht, daß Wallenstein
+gegen den König von Schweden heranziehe.
+
+ * * * * *
+
+In stolzer Ruhe hatte Wallenstein in Gitschin und in Prag gelebt. Schon
+von Memmingen aus hatte er für sein neues Schloß Sorge getragen und an
+seinen Landeshauptmann geschrieben: »Seht, daß die zwei Kapellen, meine
+und meines Weibes, heuer fertig werden; laßt die Altäre darin machen,
+wie auch die fünf Altäre in der Kirche verfertigen, daß ich daselbst den
+Gottesdienst verrichten könne. So seht ebenmäßig, daß alle Zimmer fertig
+werden und mit schönen Bildern versehen, denn in diesem verlasse ich
+mich allein auf Euch. So werdet Ihr auch sehen, daß der Garten
+verfertigt wird und viel Fontanen daselbst gemacht. Die Loggia laßt
+geschwind mit Zwerchgewölben und #lavor di stucco# zieren. Sagt dem
+Baumeister, daß gleich in der Mitte auf dem Platz vor der Loggia muß
+eine mächtige Fontana sein, dahin alles Wasser laufen wird, alsdann aus
+derselben, daß sich das Wasser auf die rechte und linke Hand teilt, und
+die andern Fontanen laufen macht. Ich vermeine Mitte Oktober zu Gitschin
+zu sein und daselbst zu verbleiben; dahero seht, daß das Gebäu fertig
+und die Zimmer mit Damast, Sammet und goldenen Ledern ausgeputzt und
+möbliert werden. Laßt mir auch bittern Wermutmost anmachen, der #dulce
+picante# ist, auf daß ich ihn kann desto ehender haben. Laßt alle Ställe
+verfertigen wie auch den Tummelplatz und das Ballhaus.«
+
+In Prag lebte Wallenstein mit königlichem Aufwand, aber für seine
+Person, wie im Lager, in der tiefsten Abgeschiedenheit. Für den Palast,
+den er auf der Kleinseite hatte bauen lassen, waren hundert Häuser
+niedergerissen worden, um Platz zu gewinnen. Alle Straßen, die die
+Zugänge bildeten, waren mit Ketten gesperrt. Sechs Portale führten zu
+dem Palast; im Schloßhof stand eine Leibwache von fünfzig aufs reichste
+gekleideten Hellebardieren. Sein Hofstaat zählte an tausend Personen.
+Graf Paul Liechtenstein stand als Oberhofmeister an der Spitze, ein Graf
+Harrach war Oberstkämmerer, ein Graf Hardegg Oberststallmeister.
+Vierundzwanzig Kammerherren bedienten des Friedländers Durchlaucht,
+trugen, wie die des Kaisers, die goldenen Schlüssel, und sechzig
+Edelknaben aus den vornehmsten Häusern waren um ihn, alle in hellblauen
+Samt mit Gold gekleidet. Auch lebten viele seiner ehemaligen Offiziere
+bei ihm, denen er Löhnung und freie Tafel gab. Jede Mahlzeit bestand aus
+hundert Schüsseln. In den Marmorställen fraßen über tausend Pferde aus
+marmornen Krippen, und wenn er reiste, geschah es nicht anders als in
+fünfzig vierspännigen Wagen. Im Festsaal des Prager Palastes hatte er
+sich als Triumphator malen lassen, von vier Sonnenrossen gezogen, einen
+Stern über dem lorbeerbekränzten Haupt. Die langen Zimmerreihen waren
+mit astrologischen und mythologischen Figuren geschmückt. Aus einem
+Rundgemach führte eine geheime Treppe in eine Badegrotte aus künstlichem
+Tropfstein. Aus dieser Grotte trat man in eine hohe Säulenhalle und von
+da in den Garten mit seinen Fontänen und fischreichen Kanälen.
+
+Wallensteins Vermögen war für jene Zeit ungeheuer. Man hat seine
+Jahreseinkünfte auf sechs Millionen Gulden geschätzt; er zog sie teils
+aus den Kapitalien, die er in den Banken von Venedig und Amsterdam
+liegen hatte, teils aus den böhmischen und mährischen Gütern und dem
+Fürstentum Sagan. Unausgesetzt erließ er einsichtsvolle Verfügungen für
+seinen Besitz, suchte die Jesuiten durch große Stiftungen beim Guten zu
+erhalten und berief tüchtige Männer in seinen Dienst. Aber er verkehrte
+nur mit sehr wenigen Personen; es lebte der italienische Astrolog Seni
+bei ihm, mit dem er viele Nächte in eifrigen Studien verbrachte, und
+seine einzigen Vertrauten waren sein Schwager Adam Terzka und dessen
+Mutter, die ihm wegen ihrer hohen Klugheit ganz besonders wert war.
+Seine Gesundheit hatte durch die Kriegsstrapazen gelitten, er mußte
+mäßig leben, und da er vom Podagra geplagt wurde, konnte er nur auf
+einen indischen Rohrstock gestützt gehen.
+
+ * * * * *
+
+Ununterbrochen hatte der Kaiserhof mit Wallenstein korrespondiert. Nach
+der furchtbaren Leipziger Schlacht mußte man daran denken, einen Mann
+wieder zu gewinnen, dessen Kredit bei der Soldateska ohnegleichen war,
+und so wurde Questenberg nach Prag geschickt, um mit Wallenstein wegen
+Wiederannahme des Kommandos zu verhandeln. Wallenstein lehnte ab. Darauf
+ging Prag fast ohne Schwertstreich verloren. Don Balthasar Maradas zog
+mit den Truppen ab, um sie in Sicherheit zu bringen, hatte aber zuvor
+Wallenstein um Rat fragen lassen; dieser hatte erwidert, er habe kein
+Kommando mehr, Maradas möge tun, was er wolle. Darauf verließ er Prag,
+zog nach Gitschin und schickte seine Frau und seinen Vetter Max nach
+Wien. Max ward nun vom Kaiser mit einem beweglichen Schreiben an
+Wallenstein zurückgeschickt; Ferdinand flehte, er möge ihn doch in der
+gegenwärtigen Not nicht im Stiche lassen. Das war es, was Wallenstein
+wollte. Er begab sich nun nach Znaim, um mit dem Kaiser weiter zu
+unterhandeln. Er bequemte sich, das Kommando wieder zu übernehmen, aber
+vorerst nur auf drei Monate. Man drang immer mehr in ihn, und so
+entschloß er sich endlich, den Oberbefehl ohne Zeitbestimmung zu
+übernehmen, aber #»in absolutissima forma«#. Weder der Kaiser noch sein
+Sohn sollten bei der Armee etwas zu schaffen haben; zwei Artikel des
+Vertrags gaben Wallenstein unbeschränkte Macht, die Güter rebellischer
+Reichsstände einzuziehen, und wen er für schuldig erachte, zu begnaden
+oder zu bestrafen. Ausdrücklich war bedungen, daß weder der
+Reichshofrat, noch das Kammergericht, noch der Kaiser selbst in solchen
+Dingen das geringste einreden dürfe. All das liefert den Beweis, daß
+Wallenstein mit ungebrochenem Willen auf sein altes Ziel losging. Als
+#»ordinari recompens«# verlangte er kaiserliche Assekuration auf ein
+österreichisches Erbland und als #»extra ordinari recompens«# die
+Oberlehensherrschaft in den eroberten Ländern.
+
+Der Vertrag wurde in demselben Monat unterschrieben, in welchem Tilly am
+Lech gefallen war. Seine Bedingungen sind von so außerordentlicher Art,
+daß sie in der Weltgeschichte ohne Beispiel dastehen. Nur ein so
+phantastischer Mann wie Wallenstein konnte sich einbilden, daß er das
+Seil ohne Gefahr so straff spannen könne. Nur ein Charakter so voll
+Fatum konnte ohne Erbeben ein Schicksal auf sich nehmen, das jede
+Erwartung heuchlerisch erfüllt.
+
+Wenige Monate vergingen, und Wallenstein hatte wieder ein neues Heer
+von zweihundertvierzehn Schwadronen Reiterei, hundertzwanzig Kompanien
+Fußvolk nebst vierundvierzig Kanonen. Sofort säuberte er Prag und Böhmen
+von den Sachsen und vereinte sich in Eger mit dem Herzog von Bayern, der
+ihn vordem gestürzt hatte und ihn jetzt als Kriegsherrn anerkennen
+mußte. Beide zogen gen Nürnberg, wo der Schwedenkönig sich verschanzt
+hatte. Wallenstein besetzte die Anhöhen des Altenbergs und verschanzte
+sich gleichfalls. Sein Plan war, keine Schlacht zu liefern; er wollte
+Gustav Adolf zeigen, daß er schlagen oder auch nicht schlagen könne, wie
+es ihm beliebe. Monatelang stand Wallenstein wie eingefroren. Ringsumher
+begannen Hunger und Elend zu wüten. Gustav Adolf mußte kämpfen oder
+weichen. Er versuchte einen Sturm auf Wallensteins Linien, der mißlang
+aber gänzlich. Von diesem Tag an verlor er seinen frohen Mut und erhielt
+ihn nicht wieder. Er ließ Wallenstein Friedensvorschläge machen, aber
+noch ehe die Antwort kam, gab er sein Lager auf. Er zog an Wallenstein
+vorbei, der unbeweglich blieb, zog an die Donau und dann, dem Hilferuf
+des Kurfürsten von Sachsen folgend, an die Saale. Auch Wallenstein
+setzte sich jetzt in Bewegung; er ließ sein Lager anzünden, das
+anderthalb Meilen im Umfang gehabt hatte. Sein Heer war ein wandernder
+Raubstaat. Überall wurden die Herden weggetrieben, die Obstbäume
+umgehauen und die Dörfer verbrannt.
+
+Wieder in den Feldern bei Leipzig trafen sich die Heere. Wallenstein
+hatte an Pappenheim geschrieben: »Der Feind marschiert hereinwärts, der
+Herr lasse alles stehen und liegen und incaminiere sich herzu mit allem
+Volk und Stücken, auf daß Er sich morgen früh bei uns befinde.« Dieser
+Befehl ist noch im Wiener Archiv aufbewahrt; er ist getränkt mit dem
+Blute Pappenheims, der am Tag von Lützen fiel.
+
+Wallenstein ließ am Schlachtmorgen die Generale und Obersten an seinen
+Wagen kommen, um die Befehle zu erteilen, dann erst bestieg er sein
+Schlachtroß, aber die Steigbügel mußten mit seidenen Tüchern umwunden
+werden, da ihm die Füße schmerzten. Auf dem ganzen Gefild lag dichter
+Nebel. Gustav Adolf hatte ebenfalls sein Leibroß bestiegen und redete
+einzeln zu vielen Leuten seines Heeres. Dann ließ er zum hellen Schall
+der Trompeten und Pauken: »Eine feste Burg ist unser Gott« und jenes
+andere, sein Lieblingslied, anstimmen: »Verzage nicht, du Häuflein
+klein, obgleich die Feinde willens sein, dich gänzlich zu zerstören«.
+
+Die Schlacht begann. Nach dreistündiger Bemühung wurden mehrere der
+wallensteinschen Vierecke durch die schwedische Infanterie zersprengt.
+Da gewahrte der König die schwarzen Kürassiere Wallensteins mit dem in
+blanker Rüstung davor haltenden Oberst Piccolomini. Er befahl dem
+finnischen Reiterregiment, sie anzugreifen, erhielt aber die Nachricht,
+daß sein Fußvolk wieder zum Weichen gebracht worden sei. Sogleich eilte
+er an der Spitze des smaländischen Regiments zu Hilfe. Dem rasch
+Voransprengenden konnten nur wenige folgen. Auf einmal befand er sich
+mitten unter den schwarzen Reitern. Sein Pferd wird durch den Hals
+geschossen, ihm selbst zerschmettert ein Pistolenschuß den linken Arm.
+Seine ersten Worte waren: »Es ist nichts, folgt mir.« Aber die Wunde war
+so bedeutend, daß die Knochen aus dem Ärmel hervorstarrten. Er wandte
+sich, um aus dem Getümmel zu entkommen, im selben Augenblick erhielt er
+einen zweiten Pistolenschuß in den Rücken. Mit dem Seufzer: »Mein Gott,
+mein Gott,« sinkt er vom Pferd, bleibt aber im Steigbügel hängen, das
+Pferd schleift ihn mit sich fort. Seine Begleiter fallen oder fliehen,
+nur ein Page bleibt bei ihm. Er lebt noch, der Page will nicht sagen,
+daß es der König ist, er wird selbst auf den Tod verwundet. Der König
+wird seiner goldenen Halskette beraubt und entkleidet, er ruft endlich:
+»Ich bin der König von Schweden.« Die schwarzen Kürassiere wollen ihn
+fortschleppen. Da sprengt das Stenbocksche Regiment heran. Die
+Kürassiere fliehen; da sie den König nicht mitnehmen können,
+durchschießen sie ihm den Kopf und durchstechen ihm den Leib mit vielen
+Stichen. Er sinkt zur Erde, der Hufschlag der Rosse braust über den
+Leichnam dahin.
+
+Der verwundete, blutbedeckte, reiterlose Schimmel des Königs
+verkündigte, an der schwedischen Front entlang jagend, das geschehene
+Unglück. Zuerst entmutigt, dann in ihrem Schmerz zur Rache angespornt,
+griffen die Schweden neuerdings an, und wäre jetzt nicht Pappenheim mit
+vier frischen Regimentern auf dem Walplatz erschienen, so hätte der
+heldenhafte Bernhard von Weimar schon um die dritte Nachmittagsstunde
+gesiegt. So begann die Schlacht von neuem, aber auch Pappenheim erlag
+vor der unwiderstehlichen Gewalt des jungen Bernhard. Das kaiserliche
+Heer ergriff die Flucht. Wallenstein schlug in Prag seine
+Winterquartiere auf und ließ viele Offiziere hinrichten, weil durch sie,
+wie er sich ausdrückte, die kaiserlichen Waffen unauslöschlichen Spott
+erlitten hätten. In Böhmen sollte sich sein dunkles Schicksal erfüllen;
+ihm war nicht der Heldentod auf dem Schlachtfeld beschieden.
+
+Am anderen Morgen suchten die Schweden unter den zahllosen Leichen des
+Schlachtfeldes die edelste Leiche, die des Königs. Man fand sie, nackt
+ausgezogen, vor Blut und Hufschlägen kaum erkennbar, mit neun Wunden
+bedeckt, unfern des großen Steins, der jetzt noch der Schwedenstein
+heißt. An der Leiche schworen die Soldaten dem Herzog Bernhard, ihm zu
+folgen bis ans Ende der Welt.
+
+Der unerwartete Tod Gustav Adolfs erregte ganz Europa. Der Kaiser ließ
+in allen Kirchen Dankgebete singen, als wenn er den glorreichsten Sieg
+erfochten hätte, und er weinte beim Anblick des blutigen Kollers mit den
+Schußöffnungen im linken Ärmel, das der König in der Schlacht getragen
+hatte. In Madrid wurden Freudenfeste veranstaltet und der Tod des Königs
+zum Ergötzen aller Gläubigen im Schauspiel dargestellt. Der Papst, der
+es im stillen recht gern gesehen hatte, daß dem Kaiser ein Bedränger
+aufgestanden war, ließ eine Messe lesen. Den vertriebenen Winterkönig
+rührte bei der Nachricht vor Schrecken der Schlag, und er starb,
+sechsunddreißig Jahre alt; er hinterließ dreizehn unmündige Kinder, mit
+denen Eleonora, sein Weib, fast dreißig Jahre lang ohne Heimat und oft
+ohne Geld umherirren mußte, verfolgt von mancher abenteuerlichen Liebe
+und von blutgierigem Haß.
+
+ * * * * *
+
+Während der schwedische Kanzler Oxenstjerna, der nach dem Tode des
+Königs an die Spitze der Geschäfte trat, mit Sachsen und Brandenburg
+unterhandelte, während Herzog Bernhard Franken zurückeroberte und sich
+am Oberrhein festsetzte und der Feldmarschall Horn die in Deutschland
+zerstreuten kaiserlichen Truppen aus dem Felde schlug, blieb Wallenstein
+ruhig in seinem Winterquartier und vermehrte sein Heer. Erst Mitte Mai
+brach er auf, zog nach Schlesien, gewann es dem Kaiser wieder, schloß
+aber bald einen Waffenstillstand mit dem sächsischen General Armin, der
+in Schlesien kommandierte. Derselbe auffällige Waffenstillstand wurde
+einige Wochen später erneuert. Es war der Plan Wallensteins wie auch der
+beiden Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, eine dritte Macht im
+Reich herzustellen, eine Mittelmacht zwischen dem Kaiser und den
+Schweden. Es lief damals das Gerücht, daß alle Ausgewanderten ihre Güter
+zurückerhalten, die Jesuiten aus dem Reich verjagt werden und den
+Schweden ihre Kriegskosten ersetzt werden sollten; auch hieß es, daß
+Wallenstein in dem geheimen Vertrag mit Kursachsen für sich selbst die
+Krone von Böhmen ausbedungen habe. Gewiß ist, daß Wallenstein
+gleichzeitig mit Frankreich unterhandelte und zwar über die Krone
+Böhmen. Der Kardinal Richelieu, der in den deutschen Angelegenheiten
+festen Fuß gefaßt hatte, ließ ihm seinen Beistand, eine Million Livre
+jährlich und die Krone anbieten, wenn er vom Kaiser abfallen wolle. Aber
+der Botschafter Feuquières brach die Unterhandlungen ab, weil er der
+Ansicht war, Wallenstein wolle ihn nur hinters Licht führen und die
+Feinde des Kaisers gegeneinander hetzen. Auch mit den Schweden und mit
+dem Herzog Bernhard trat er ins Einvernehmen. Das Mißtrauen am Wiener
+Hof wurde zur Spannung, als er sich weigerte, dem Herzog von Bayern
+gegen Bernhard von Weimar zu Hilfe zu ziehen. Er führte das Heer aus
+Schlesien in die Winterquartiere und schickte von Pilsen aus ein
+Schreiben nach Wien, worin er seine Obristen ihr Gutachten abgeben ließ,
+daß ein Kriegszug in dieser Jahreszeit untunlich sei.
+
+Seit Gustav Adolfs Tode war dem Kaiser der mit Wallenstein
+abgeschlossene Vertrag immer lästiger geworden. Er klagte laut, daß er
+gleichsam einen Mitkönig habe und keine freien Dispositionen mehr in
+seinem eigenen Lande. Das Wiener Kabinett brach den Verkehr mit
+Wallenstein ab, weil die Notwendigkeit drängte, dem Herzog Bernhard in
+Süddeutschland entgegenzutreten. Da Wallenstein sich weigerte, dies zu
+tun, wurde der Herzog von Feria aus Italien gerufen, und Johann
+Altringer, einer von den Generalen Wallensteins, erhielt den Befehl,
+sich mit dem Herzog zu vereinigen. Altringer schwankte erst, aber nach
+dem Tode Ferias ließ er sich vom Wiener Hof gewinnen. Voll Zorn
+zitierte ihn Wallenstein vor sich, Altringer verweigerte den Gehorsam.
+Nun beschloß Wallenstein, um nicht zum zweitenmal abgesetzt zu werden,
+den Oberbefehl freiwillig niederzulegen, wollte sich jedoch
+sicherstellen, daß die Zusagen erfüllt würden, die man ihm gemacht
+hatte. Deshalb versammelte er alle in Böhmen, Mähren und Schlesien
+stehenden Generale und Obristen in seinem Feldlager zu Pilsen. Dort gab
+ihnen der Feldmarschall Illo ein Bankett, bei dem die Herren schließlich
+so betrunken waren, daß sie Stühle und Bänke, Ofen und Fenster
+zerschlugen. Illo und Graf Terzka, die sich mit Wallenstein verabredet,
+stellten ihnen beweglich vor, daß der Oberfeldherr wegen der vom Wiener
+Hofe erfahrenen Unbill genötigt sei, das Kommando niederzulegen. Diese
+unerwartete Nachricht bestürzte die Offiziere nicht wenig. Sie alle
+hatten auf Wallensteins Wort und in der Hoffnung, von ihm entschädigt zu
+werden, ihre Regimenter auf eigene Rechnung angeworben und ihr Vermögen
+zugesetzt; wenn Wallenstein fiel, drohte ihnen der Ruin. Zu ihrer
+Sicherstellung wurde ihnen jetzt ein Revers vorgelegt, und darin wurde
+der Kaiser, obwohl er nicht genannt war, hart angeklagt. Nach der
+flehentlichen Bitte an Wallenstein verpflichteten sich die Generale und
+Obristen, mit Gut und Blut für ihren Feldherrn einzustehen, sich auf
+keinerlei Weise von ihm trennen zu lassen, seinen Vorteil nach
+Möglichkeit zu befördern und seine Feinde zu verfolgen.
+
+Vierzig Generale und Obristen unterzeichneten das merkwürdige
+Schriftstück. Es befand sich aber in ihrer Mitte auch der Verräter
+Piccolomini, der an der Spitze der italienischen Partei stand, und diese
+Partei war mit den Jesuiten im Bunde, um den Friedländer zu stürzen.
+Wallenstein aber hegte ein unbedingtes Vertrauen gegen Piccolomini, denn
+er glaubte aus den Sternen gelesen zu haben, daß er sich auf ihn
+verlassen dürfe. Piccolomini berichtete den Inhalt des Reverses nach
+Wien und klagte Wallenstein einer gefährlichen Verschwörung an. Zudem
+teilte der Herzog von Savoyen den Inhalt der Verhandlungen mit, die
+Wallenstein mit dem französischen Hofe gepflogen hatte. Man beschuldigte
+Wallenstein der verwegensten Pläne. Es hieß, er habe geäußert: »Ich
+dulde Gott nicht, viel weniger werde ich Ferdinand dulden.« Der
+spanische Botschafter sagte: »Wozu zaudern? Ein Dolchstoß macht der
+Sache ein Ende.« Ferdinand sah sich gedrängt, nicht nur die zweite
+Absetzung Wallensteins auszusprechen, sondern auch den Mann, der ihm die
+Monarchie gerettet hatte, der äußersten Rache seiner Feinde
+preiszugeben. Niedriger Eigennutz war der stärkste Beweggrund der mit
+aller Hast herbeigeführten Katastrophe, denn als die Absetzung noch
+tiefes Geheimnis war, stritten sich die Herren mit Erbitterung und bis
+zum Zweikampf über die Teilung der Beute, der Güter, der Häuser, der
+Gärten, ja der Wagen und Pferde Wallensteins und riefen mit schamloser
+Stirne sogar den Hof selbst zum Schiedsrichter bei ihren Zwistigkeiten
+an.
+
+Der Hof seinerseits verfuhr gegen den gefährlichen Gegner ungemein
+verschlagen. Er schickte einen Erlaß an die Befehlshaber der
+Wallensteinschen Armee, worin die Absetzung des Generalobristfeldhauptmanns
+vorsichtig angedeutet war, die Offiziere ihrer Verpflichtung entbunden
+wurden, ihnen für den Fehltritt bei dem Pilsner Bankett mit Ausnahme
+zweier Rädelsführer Verzeihung zugesichert und der Fortbestand des
+kaiserlichen Wohlwollens gelobt wurde. Aber wochenlang nach diesem Erlaß
+korrespondierte der Kaiser scheinbar ganz harmlos mit Wallenstein über
+amtliche Geschäfte, nannte ihn nach wie vor »hochgeborner lieber Oheim
+und Fürst« und versicherte ihn mit der gewöhnlichen Courtoisie seiner
+Huld und Gnade.
+
+Unterdessen wurden die Generale und Obristen einzeln nacheinander und im
+Geheimen gewonnen. Die Italiener, Spanier und Wallonen waren bald
+willig, die Deutschen, Böhmen, Mährer und Schlesier waren dem
+Friedländer treu, und man traute ihnen in Wien trotz der gewährten
+Amnestie nicht. Nach einem Monat erging ein zweites kaiserliches Mandat,
+das schon eine deutlichere Sprache führte und nicht nur an die
+Befehlshaber, sondern auch an alle gemeinen Soldaten gerichtet war. Es
+sprach davon, daß ihnen männiglich wohl bekannt sein werde, wie er, der
+Kaiser, seinen gewesenen Feldhauptmann von Friedland mit allerhand
+Guttaten, Gnaden, Freiheiten, Hoheiten und Dignitäten, als nicht bald
+bei einem Menschen seines Standes gleich geschehe, begabt und geziert
+habe; welchergestalt aber derselbe aus boshaftem Gemüt und ohne Zweifel
+längst gefaßtem Vorsatz eine Konspiration wider ihn und sein Haus
+angesponnen und durch Verkleinerung der kaiserlichen Person und
+eigensinnige Ausdeutung seiner Macht in der kaiserlichen Armada zugetane
+Obristen verführt habe. Der Kaiser erklärt, er habe gewisse Nachrichten
+erlangt, daß Wallenstein ihn und sein Haus gänzlich auszurotten sich
+vernehmen lassen und sich äußersten Fleißes bemühet habe, solche
+meineidige Treulosigkeit und barbarische Tyrannei zu vollziehen,
+dergleichen nicht gehört, noch #in scriptis# zu finden sei.
+
+Wallenstein erfuhr erst, woran er war, als Gallas, Altringer, Maradas,
+Piccolomini und Colloredo Ordonnanzen erließen, welche den Obristen
+untersagten, künftig noch Befehle von Wallenstein, Illo oder Terzka
+anzunehmen. Die Obristen erhielten die Weisung, gegen Prag zu ziehen, um
+sich der Hauptstadt des Landes zu versichern. Wallenstein ließ nun in
+Pilsen eine feierliche Erklärung ausstellen, daß der frühere Revers
+nicht das geringste gegen den Kaiser und die Religion bedeutet hätte. Er
+befahl seinen Truppen, ebenfalls nach Prag zu ziehen, schickte aber zwei
+Offiziere an den Kaiser mit einem Handschreiben, in welchem er sich
+erbot, sich nach Danzig oder Hamburg zu begeben; er wünsche nur seine
+#ducadi,# seine Herzogtümer, zu behalten.
+
+Aber gerade jene #ducadi# wollte man sehr gerne in Wien, das wußte
+Wallenstein recht wohl. Er beschloß daher, sich in Verfassung zu setzen,
+auf alle Fälle, nur nicht auf den Fall, den er keineswegs voraussehen
+konnte, da er gegen alle Berechnung war. In seiner tiefen Not wandte er
+sich jetzt ernstlich an den Herzog Bernhard von Weimar und ließ ihn
+auffordern, nach Böhmen zu kommen. Herzog Bernhard traute nicht. Er
+rief aus: »Wer an Gott nicht glaubt, dem kann auch der Mensch nicht
+glauben.« Und doch drängte die Zeit. Wallenstein erfuhr den Abfall eines
+Generals nach dem andern. Altringer entschuldigte sich von Frauenberg
+aus mit Krankheit, Gallas kam nicht wieder, Diodati war heimlich
+durchgegangen, dreizehn Kuriere flogen nach Regensburg und zurück,
+endlich machte sich Herzog Bernhard langsam auf den Weg. Wallenstein
+hatte sich nach Prag begeben wollen, der Abfall der Generale hatte den
+Plan vereitelt; auch den Vorsatz, nach Zittau zu marschieren, mußte er
+aufgeben; der dritte Ort, den er wählte, um sich mit den Schweden in
+Verbindung zu setzen, war Eger.
+
+Am 22. Februar 1634 morgens gegen zehn Uhr verließ er Pilsen und zog am
+24. nachmittags zwischen vier und fünf Uhr in Eger ein. In seiner
+Begleitung befanden sich Illo und Terzka mit fünf Kompanien Kürassieren,
+fünf Kompanien vom altsächsischen Regiment zu Pferd, die unterwegs
+abfielen und nach Prag marschierten, und zweihundert Mann Fußvolk. Bevor
+er das erste Nachtquartier erreicht hatte, stieß Oberst Butler mit acht
+Kompanien Dragoner zu ihm.
+
+Butler war ein Irländer von Geburt und Katholik. Er hatte von Pilsen aus
+nach seinem Quartier in Gladrup von Wallenstein den Befehl erhalten, mit
+seinem Regiment auf Prag zu rücken, – bei Todesstrafe. Schon diese
+Weisung, die Pässe zu verlassen, die aus Böhmen nach der Oberpfalz
+führen, hatte seinen Verdacht erregt; jetzt erhielt er die neue Weisung,
+Wallenstein nach Eger zu folgen, und er mußte mit seinen Dragonern der
+Sänfte des Feldherrn voranreiten. Er schrieb an Gallas und Piccolomini
+über seinen wachsenden Argwohn, daß er notgedrungen mit Wallenstein
+ziehe, daß er aber vielleicht aus besonderer Schickung Gottes zu diesem
+Weg gezwungen werde, um eine besondere heroische Tat zu verrichten. Auf
+dem letzten Marsch ließ Wallenstein Butler an seine Sänfte kommen und
+entschuldigte sich, daß er bisher nicht mehr für ihn getan habe; er
+versprach ihm zwei Regimenter und ein Geschenk von zweimalhunderttausend
+Talern. In Eger mußte Butler mit seinen Fahnen in der Stadt bleiben,
+während seinen Soldaten auf freiem Feld zu kampieren befohlen war.
+Wallenstein wohnte im Haus des Bürgermeisters Bachhälbel auf dem Markt,
+Terzka und Kinsky mit ihren Frauen im Hintertrakt desselben Hauses.
+
+Der Kommandant von Eger war der Obristleutnant in Terzkas Regiment,
+Johann Gordon, ein Schotte und Kalvinist. An ihn und an den
+Oberstwachtmeister Walter Lesly, ebenfalls einen Schotten, wandte sich
+Butler. In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar verschworen sich diese
+drei Männer in der Zitadelle bei gezückten Degen, Wallenstein sofort aus
+dem Weg zu räumen. Es ward ausgemacht, daß am folgenden Abend Gordon die
+Generale zu einem Faschingsschmaus auf die Burg laden solle; bei diesem
+Schmaus sei die Tat zu vollbringen. Alles drängte zur Eile, schon hatte
+Illo frohlockend die Kunde gegeben, daß am andern Tag die Schweden in
+Eger einrücken würden.
+
+Am 25. Februar, es war ein Samstag, gab Graf Terzka den Offizieren ein
+Gastmahl. Darnach, um sechs Uhr abends, fuhr er mit Kinsky, Illo und dem
+Rittmeister Neumann in einer Kutsche zum Faschingsschmaus auf die Burg.
+Man setzte sich zur Tafel und speiste und zechte lustig. Nach dem Essen
+veranstalteten Gordon und Lesly, daß das Obertor der Stadt geöffnet und
+hundert Mann von Butlers irischen Dragonern und ebensoviele deutsche
+Soldaten in die Stadt gelassen wurden; mit ihnen verstärkte man die
+Wache auf der Burg, die nun abgesperrt wurde. Unterdessen war das
+Konfekt aufgetragen worden. Da erhielt Gordon ein fingiertes Schreiben,
+das angeblich von Kursachsen verfaßt und nun aufgefangen war. Es stand
+darin, daß der Kurfürst die Absicht Wallensteins, vom Kaiser abzufallen,
+nicht billige, und daß er gesonnen sei, Wallenstein dem Kaiser
+auszuliefern, wenn er ihn in seine Gewalt bekomme. Gordon reichte den
+Brief Illo hinüber; dieser las ihn und schüttelte den Kopf. Auch die
+andern lasen ihn, es erhob sich ein Streit; um freier reden zu können,
+wurde die Dienerschaft hinausgeschickt; sie wurde in ein abgelegenes
+Gemach zum Essen geführt und dort eingeschlossen. Nun war man mit den
+Schlachtopfern allein.
+
+Kaum hatten sich die Diener entfernt, so traten aus den beiden
+Nebenzimmern des Speisesaals der italienische Obristwachtmeister
+Geraldino und die irischen Hauptleute Deveroux und Macdonald mit
+sechsunddreißig Dragonern. Deveroux rief laut: #»Viva la casa
+d’Austria!«# Und Deveroux: »Wer ist gut kaiserlich?« Butler, Gordon und
+Lesly antworteten schnell: »Vivat Ferdinandus! Vivat Ferdinandus!«
+Ergriffen ihre Degen und jeder einen Leuchter von der Tafel und traten
+auf die Seite. Die Irländer schritten auf den Tisch zu und warfen ihn
+über den Haufen. Kinsky wurde zuerst niedergestoßen, dann Illo nach
+kurzer Gegenwehr; Terzka, der glücklich seinen Degen erlangt hatte,
+stellte sich in eine Ecke und verteidigte sich mannhaft. Sein Wams von
+Elenshaut schützte ihn gegen mehrere Hiebe, so daß ihn die Dragoner für
+einen Gefrorenen hielten; endlich trafen ihn einige Dolchstöße im
+Gesicht, er fiel und wurde mit den Kolben der Musketen erschlagen.
+Rittmeister Neumann hatte sich verwundet ins Vorhaus geflüchtet und
+wurde draußen erstochen. Die Körper der Gemordeten gab man den Dragonern
+preis, die sie bis aufs Hemd auszogen.
+
+Gordon ließ nun den Speisesaal schließen und blieb bei der Wache auf der
+Burg, Lesly begab sich auf die Hauptwache am Markt, und Butler besetzte
+Wallensteins Wohnung. Es war eine finstere, unfreundliche Nacht, der
+Wind heulte und ein feiner Regen klirrte an die Fenster. »Es ist,« heißt
+es in den Frankfurter Relationen, »sonderlich zu merken, daß selbige
+Nacht um neun Uhr ein erschreckliches Windsbrausen erstanden, welches
+bis gegen Mitternacht gewähret. Hat sich also gleichsam das Firmament
+über die grausamen Mordtaten entsetzet und einen Abscheu getragen.«
+
+Deveroux unternahm mit zwölf Mann den Gang zum Herzog. Die Wache am Haus
+ließ ihn durch, weil sie glaubte, daß er eine Meldung zu machen habe. Im
+Vorzimmer begegnete er dem Kammerdiener Wallensteins, der seinem Herrn,
+welcher eben ein Bad genommen hatte und sich zu Bett begeben wollte, den
+Nachttrunk brachte, Bier auf goldener Schale; Deveroux ward von ihm
+bedeutet, keinen Lärm zu machen. Sein Astrolog Seni hatte Wallenstein
+eben verlassen; er soll ihn aus den Sternen gewarnt haben. Wallenstein
+hatte den Lärm gehört, den die Aufstellung der Soldaten auf dem Markt
+veranlaßt hatte; er hatte das Schreien der Gräfinnen Terzka und Kinsky
+im Hintergebäude gehört, denn beide hatten schon von der Ermordung ihrer
+Männer auf der Burg erfahren; er war ans Fenster getreten und hatte die
+Schildwache gefragt. Deveroux forderte vom Kammerdiener den Schlüssel zu
+Wallensteins Zimmer, und als der Diener sich weigerte, sprengte er die
+Tür mit dem lauten Ruf: »Rebell! Rebell!« und trat mit seinen
+Mordgesellen ein. Wallenstein stand im Nachtkleid an den Tisch gelehnt.
+»Du mußt sterben, Schelm!« rief ihm Deveroux zu. Wallenstein eilte ans
+Fenster, um Hilfe herbeizurufen, Deveroux folgte ihm mit der Partisane.
+Wallenstein breitete die Arme aus, und ohne einen Laut von sich zu geben
+empfing der große Mann den Todesstoß.
+
+Sein Leichnam wurde in einen roten Fußteppich gewickelt und in Leslys
+Kutsche auf die Zitadelle gebracht. Da lag er mit den vier Leichnamen
+der andern Ermordeten den ganzen Sonntag über. Am Montag wurden alle
+nach Mies auf Illos Schloß gebracht und begraben. Bloß Neumann nicht;
+wegen seiner lästerlichen Reden beim letzten Bankett, daß er ehestens in
+der Herren von Österreich Blut seine Hände zu waschen verhoffe, wurde
+er unter dem Galgen eingescharrt.
+
+Wallensteins Sarg war zu klein geraten, und damit er Platz habe, mußten
+ihm die Beine zerbrochen werden.
+
+Schweigend ist er aus dem Leben geschieden; geheimnisvoll hatte er die
+Pläne und Entwürfe, die seine Seele nährten, in tiefster Brust
+eingeschlossen, und über seinem Leben und über seinem Tode liegt ein
+undurchsichtiger Schleier.
+
+Die Güter der Ermordeten wurden sämtlich eingezogen; von den Besitzungen
+Wallensteins, die auf fünfzig Millionen Gulden geschätzt wurden, fiel
+das meiste dem Kaiser zu. Die abtrünnigen Generale wurden reich belohnt,
+die Mörder machten ihr Glück und wurden angesehene Leute, aber alle
+Anhänger Wallensteins wurden geächtet und vierundzwanzig Obristen und
+Hauptleute wurden in Pilsen hingerichtet.
+
+
+
+
+Leonhard Thurneyßer
+
+
+Leonhard Thurneyßer, genannt zum Thurn, war ein Goldschmiedsohn aus
+Basel und 1530, im Jahr der Übergabe der Augsburger Konfession, geboren.
+Er sollte wie sein Vater Goldschmied werden, war aber nebenher bei
+Doktor Huber, dem er Kräuter sammeln und Arzneien zubereiten half und
+aus den Schriften des Paracelsus vorlesen mußte. Schon in seinem
+siebzehnten Lebensjahr verheiratete ihn sein Vater mit einer Witwe, die
+ihn mit ihrem Vormund betrog. Durch einen falschen Freund kam er in
+Händel mit Juden und verließ die Heimat im achtzehnten Jahr seines
+Alters. Er ging in die weite Welt, zuerst nach England, dann nach
+Frankreich, und wurde hier Soldat unter den wilden Truppen des
+Markgrafen Brandenburg-Kulmbach. In der Schlacht von Sievershausen, in
+der Moritz von Sachsen fiel, wurde Thurneyßer von Christoph von
+Karlowitz gefangengenommen. Er verließ nun den Kriegsdienst und
+verschaffte sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in Bergwerken und
+Schmelzhütten, auch mit der Goldschmiedekunst und mit Wappen- und
+Steinzeichnen. Da seine Frau von ihm geschieden worden war, heiratete
+er im Jahre 1558 eine Goldschmiedstochter aus Konstanz und zog mit ihr
+nach Imst in Tirol, wo er eine Schmelz- und Schwefelhütte anlegte und
+Bergbau auf eigene Rechnung trieb. Zwei Jahre später nahm ihn der
+Erzherzog Ferdinand von Tirol, der Gemahl der schönen Philippine Welser,
+in Dienst und schickte ihn auf Reisen; er ging nach Schottland und den
+orkadischen Inseln, nach Spanien, Portugal und in die Berberei, nach
+Äthiopien, Ägypten, Syrien, Arabien und Palästina, wurde auf dem Berg
+Sinai, im Katharinenkloster vom Orden des heiligen Basilius, Ritter der
+heiligen Katharina und kehrte über Kandia, Griechenland und Italien nach
+Tirol zurück.
+
+Durch seine Kenntnisse als Chemiker und Metallurg, als Botaniker und
+besonders als Arzt, wurde er der berühmteste Wundermann seiner Zeit. Er
+fing jetzt an, seine Schriften herauszugeben, zuerst das in deutschen
+Reimen abgefaßte Buch »Archidoxa«, darin der »wahre Lauf, Wirkung und
+Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper, auf alle Gewerbe und
+Hantierungen der Menschen und die verborgenen Mysterien der Alchimie«
+enthalten waren. Als Wunderdoktor lernte ihn der Kurfürst Joachim
+Friedrich von Brandenburg im Jahre 1571 während der Huldigungsfeier zu
+Frankfurt an der Oder kennen. Thurneyßer besorgte hier die Publikation
+einer andern Schrift, die den Titel hatte: »Pison, von kalten, warmen,
+mineralischen und metallischen Wässern samt Vergleichung der Pflanzen«,
+und die dem Kurfürsten von Sachsen zugeeignet war. An einer Stelle heißt
+es: »Große und starke Personen sind von kalter Natur, haben eine böse,
+unreine Komplexion, stinken und schwitzen viel, und solcher Art ist auch
+Herr Christoph Sparre, der kurfürstliche Oberhofmeister in Berlin.«
+Oder: »Diejenigen, die von Person lang, schmal, dürr und kleine runde
+Köpfe haben, besitzen gar keine Geschicklichkeit und führen weibische
+Reden wie weiland Kaiser Rudolf von Habsburg.« Er war auch Anatom, und
+Kaiser Ferdinand hatte ihm im Jahre 1559 erlaubt, eine Frau zu sezieren,
+der zur Strafe die Adern geöffnet waren, daß sie sich totbluten solle.
+
+[Illustration: Leonhard Thurneyßer, nach einem 1583 erschienenen
+Holzschnitt.]
+
+Das Vertrauen des Kurfürsten erwarb er sich gleich, denn er war ein Mann
+von stattlichem Ansehen; die den Schweizern eigene Manier von
+Ehrlichkeit, seine Welt- und Menschenkenntnis und sein lebhaftes
+Temperament nahmen für ihn ein. Er verstand es, die Schwächen großer
+Herren und ihre Neigungen auszuforschen und sich gegen diejenigen klug
+zu betragen, an deren Gunst ihm gelegen war. Die Kurfürstin war krank,
+Thurneyßer übernahm die Behandlung, und der Erfolg bewirkte, daß von
+Stund an sein Glück bei den brandenburgischen Herrschaften gemacht war.
+Sie nahmen ihn mit nach Berlin, der Kurfürst ließ auf seine Kosten
+Thurneyßers Frau und Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen
+hatte, aus Konstanz nach seiner Hauptstadt bringen.
+
+Thurneyßer hatte dem Kurfürsten Blätter aus dem »Pison« gezeigt, welche
+die Flüsse in der Mark und deren unerkannte Reichtümer betrafen. So hieß
+es unter anderm darin: »Das Wasser der Spree ist grünfarbig und lauter.
+Es führet in seinem Schlich Gold und eine schöne Glasur. Das Gold hält
+23 Karat 1/2 Gramm.« Daß die Spree Gold führe, war bisher unerhört,
+blieb auch unerhört. Ebenso beschrieb Thurneyßer Orte in der Mark, wo
+man Rubine, Smaragde und Saphire finden könne. Bisher hatte man sie
+nicht gesucht und nicht gefunden, fand sie auch niemalen. Aber die
+glänzenden Verheißungen lockten bei Hof nicht wenig, den Mann
+festzuhalten, der so viele Hoffnungen erweckte. Alle Hofleute waren von
+ihm entzückt, und sogar das kurfürstliche Hoffrauenzimmer breitete
+seinen Ruhm im ganzen Lande aus. Er erhielt Briefe von einigen Fräulein
+und verheirateten Damen, die auf dem Lande lebten, worin sie ihn um
+Schminke baten, oder um Schönheitsöl, oder um Waschwasser, nebst
+Beschreibung des Gebrauchs. Sie schließen gemeiniglich mit dem Ersuchen,
+es niemand wissen zu lassen, noch andern davon zu geben.
+
+Thurneyßer war ein Mann, der sich wohl darauf verstand, die gute Meinung
+zu nutzen, die man von ihm gefaßt hatte, um sich bedeutende Reichtümer
+zu erwerben. Er wußte sich in seinen Glücksumständen bis an das Ende
+seines Lebens zu erhalten, – wo er dann freilich um Geld und Ehre kam.
+Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis und eine nicht zu ermüdende
+Wißbegierde. Nach dem Vorbild des Paracelsus hatte er die Natur
+unmittelbar aus ihren Werken studiert, und da er mit Aufmerksamkeit eine
+Menge von Gegenständen in nahen und weitentlegenen Ländern betrachtet
+hatte, war er auch zu einer tiefen Erkenntnis der Natur gelangt. Nicht
+so sehr wie Paracelsus war er gegen das Bücherlesen eingenommen; er
+hatte mehrere medizinische und historische Werke studiert. Mit dem
+Griechischen war er auf seinen Reisen bekannt geworden, auch mit einigen
+orientalischen Sprachen, so daß er später eine Schriftgießerei in
+ausländischen Lettern anlegen und sogar ein Onomastikon herausgeben
+konnte. Lateinisch lernte er noch in seinem sechsundvierzigsten Jahr bei
+dem berlinischen Propst Jakob Colerus. Er verstand sich auf die Kunst
+des Zeichnens und konnte die für seine anatomischen Handleitungen und
+sein Kräuterbuch beschäftigten Formschneider wohl anweisen. Er hatte
+eine Karte der Mark Brandenburg aufgenommen, wie man sie damals noch
+nicht besaß. Seine Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie und
+Astrologie waren nicht unbedeutend, so daß er nicht nur die weit und
+breit berühmten Kalender veröffentlichte und sich mit dem Stellen der
+Nativität abgeben konnte, sondern er vermochte auch für die Jahre 1580
+bis 1590 die ephemeriden und astronomischen Tabellen zu berechnen.
+
+Der Kurfürst bestellte ihn zu seinem Leibmedikus, und sein stehendes
+Gehalt betrug 1352 Taler, eine für jene Zeit ansehnliche Summe. Daneben
+hatte er auf vier Pferde Futter, die Hofkleidung, die Hofdeputate und
+bei Reisen Vorspann. Kurfürst und Hof gaben ihm vielerlei Bestellungen
+von Einkäufen, die er zu Leipzig, zu Nürnberg und zu Venedig durch seine
+Schreiber und Bekanntschaften besorgen mußte. Der Kurfürst war ein
+Liebhaber von Silbergerät; die Goldschmiede hatten so viel für den Hof
+zu tun, daß Joachim Friedrich viel Silberzeug in Leipzig anfertigen
+ließ, und Thurneyßer hatte davon die Kommissionen. Besonders setzte die
+Kurprinzessin Katharina von Küstrin ein außerordentliches Vertrauen in
+Thurneyßer. Ihr Gemahl war Administrator von Magdeburg, sie selbst
+residierte in Halle. Sie ließ ein Laboratorium bauen und ersuchte
+Thurneyßer, zu ihr zu kommen. Der Kurfürst gab nur ungern seine
+Einwilligung, weil er Thurneyßer stets um sich haben wollte. Katharina
+brauchte den gewandten Schweizer in allen ihren Geschäften; wenn sie
+Geld nötig hatte, mußte er auf der Leipziger Messe in seinem Namen zwei,
+drei und mehrere tausend Taler für sie aufnehmen. Sie ließ durch ihn
+Kleinodien und Silberzeug kaufen und verkaufen und schickte ihm Leute
+zu, die er zu Laboranten und Provisoren bilden, in der Imitation von
+Rubinen und Smaragden und im Wappen- und Steinschneiden unterrichten
+sollte.
+
+Bald nach seiner Ankunft in Berlin hatte ihm der Kurfürst eine geräumige
+Wohnung in dem ehemaligen Franziskanerkloster, dem grauen Kloster,
+gegeben, damit er Platz zu einer weitläufigen Haushaltung haben möge. Er
+richtete sich dort in großem Stile ein. Im Laboratorium wurden nach
+seinem silbernen Buch die Arkana präpariert, die geheimen Arzneien, die
+ihn zum reichen Mann machten: Goldpulver, Goldtropfen, Amethystenwasser,
+Saphir-, Rubinen-, Smaragden-, Perlen- und Korallentinktur, auch
+Bernsteinöl. Er hatte Mittel »wider die Vergicht, wider ein Rotgesicht,
+dasselbe zu erläutern und zu dealbieren.« Ein Lot #spiritus vini#
+kostete vier Taler, ein Lot #Spiritus vini correcti# sogar sechs Taler,
+ein Lot Rhabarberextrakt zwei Taler. Der Gräfin Lynar schickte er einmal
+einige Öle zum äußerlichen Gebrauch, die fünfunddreißig Taler kosteten,
+und schrieb ihr dazu: »Ihre Gnaden würde zum besonderen Vergnügen
+gereichen, diese kleinen Unkosten zu tragen, damit Sie nichts einnehmen
+dürften.« Er meinte, weil sie ja die Mittel nicht schlucken müsse.
+
+Er hielt im grauen Kloster eine Art von kleiner Hofstatt, seine
+Haushaltung bestand aus mehr als zweihundert Personen, aus Dienern,
+Schreibern, Laboranten, Boten zum Verschicken und den Arbeitern in der
+weitläufigen Druckerei, die mit deutschen, lateinischen, griechischen,
+hebräischen, chaldäischen, syrischen, türkischen, persischen,
+arabischen, sogar mit abessinischen Typen versehen war, in der seine
+Schriften fortan gedruckt wurden, auch die Schriften von andern
+Gelehrten, zum Teil aus fernen Städten, jede mit der Aufschrift:
+gedruckt zu Berlin im grauen Kloster. Die Arbeiter und Bedienten waren
+fast alle verheiratet und wohnten mit Frauen und Kindern bei Thurneyßer.
+Der Aufwand zu ihrem Unterhalt war so groß, daß er monatlich einen
+Ochsen schlachten ließ. Er selbst ging stattlich, in schwarzsamtenen und
+seidenen Kleidern, was ein besonderes Zeichen der Pracht war, auch
+täglich mit seidenen Strümpfen. Noch kurz ehe Thurneyßer nach Berlin
+kam, hatte der Markgraf Johann zu Küstrin seinem geheimen Rat Barthold
+von Mandelsloh, der die seidenen Strümpfe aus Italien mitgebracht hatte
+und einst an einem Wochentag mit ihnen bei Hof erschien, zugerufen:
+»Barthold! Ich habe auch seidene Strümpfe, aber ich trage sie nur des
+Sonn- und Festtags.« Thurneyßer prangte nicht nur in seidenen Strümpfen
+und Kleidern, sondern er trug um den Hals auch goldene Gnadenketten mit
+daran hängenden Kur- und Fürstenbildnissen, goldnen Gnadenpfennigen und
+Kontrefaitmünzen. Wenn er ausging, begleiteten ihn zwei Edelknaben; 1580
+verrichteten diesen Dienst zwei Vettern, Christoph und Hans Christoph
+von Tetzel aus dem alten, reichsadeligen Patriziergeschlecht der Tetzel
+von Kirchsittenbach und Vohra zu Nürnberg. Ihre Eltern wohnten in
+Denelohe, einem im fränkischen Altmühlkreis gelegenen Reichsrittersitz;
+1582 dankte der Vater dem Doktor Thurneyßer dafür, daß er seine Kinder
+zu sich genommen; er sei überzeugt, daß sie im ganzen Kurfürstentum
+nirgends besser als bei ihm zur Ordnung und Tugend erzogen werden
+könnten. Oft speisten große Gesellschaften von den Vornehmsten des Hofes
+bei ihm, und wenn auswärtige Herren ankamen, sich seines Rats zu
+erholen, nahm er sie im grauen Kloster bei sich auf, wie den Fürsten
+Radziwill. Er war das Orakel von aller Welt. König Friedrich II. von
+Dänemark bat ihn, die einst von Heinrich dem Löwen verschütteten
+Salzbrunnen zu Adeslon zu untersuchen; König Stephan Bathory von Polen,
+den er zuweilen mit Antidoten oder Gegengiften versah, sprach ihn um
+Hilfe wegen der Bergwerke an; Graf Wilhelm der Weise von Hessen forderte
+von ihm eine Erklärung fremder Buchstaben auf einem in der Grafschaft
+Katzenellenbogen aufgefundenen Gipsstein. Der König von Schweden
+schickte ihm einen schönen Luchspelz. Die Schreiber breiteten seine
+Wunderkuren aus und brachten reiches Entgelt, seltene gemalte Bücher,
+Handschriften, Erzstufen, Versteinerungen und Kräuter mit. Sie erzählten
+auch, was an auswärtigen Höfen und in anderen Ländern vorfiel, und mit
+diesen Nachrichten wußte Thurneyßer sich bei seinem Herrn sehr beliebt
+zu machen.
+
+Von seinen Kalendern setzte er ungeheure Auflagen ab. Bei den einzelnen
+Monatstagen pflegte er Buchstaben und verblümte Worte als Prognostika
+beizufügen, und im folgenden Jahr schickte er dann die Erklärungen, wenn
+die Begebenheiten richtig eingetroffen waren. Im Kalender auf 1579 steht
+beim 17. Dezember: schändliche Tat einer fürstlichen Person. 1580
+lautete die Erklärung: auf diesen Tag hat Signora Bianca Capelli ihren
+Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben, welcher am 18. Dezember
+gestorben.
+
+Als Nativitätssteller begründete er seinen Ruf mit der Versicherung, er
+habe dem König Sigismund August von Polen ohne Aberglauben und
+Teufelskünste Jahr, Monat und Tag seines Todes prophezeit; sowie in
+einer fürstlichen oder gräflichen Familie in Deutschland ein Kind
+geboren war, wurde ihm die Geburtsstunde zugeschickt; manchmal kamen
+mehrere Boten an einem Tag. Nun suchte er den Stand der Planeten,
+forschte, in welchem Zeichen des Tierkreises sie gestanden, bemerkte die
+Aspekten gegeneinander und bestimmte daraus die Influenzen auf den
+Geborenen. Er beurteilte seine künftigen Schicksale, seine natürlichen
+Neigungen und Fähigkeiten, ob er glücklich, reich oder arm, zu Ehren
+gelangen werde oder nicht, heiraten werde oder nicht, Kinder bekommen
+werde oder nicht, was er für Krankheiten zu erwarten und in welchem
+Alter er sterben würde. Das alles interessierte damals die Leute
+ungemein, jedermann glaubte steif und fest daran, auf den Universitäten
+wurden Collegia über das Nativitätstellen gelesen, und Bischöfe und hohe
+Geistliche gaben sich damit ab.
+
+Die Bestimmung der Nativität hatte keinen Zweck, wenn man nicht die
+Talismane trug, die Thurneyßer fabrizierte. Er versah die ganze Mark und
+die benachbarten Länder mit Talismanen. Selbst Andreas Osiando, der
+berühmte Streittheolog in Königsberg, trug zum Schutz wider den Aussatz
+eine Kette um den Hals. Als Thurneyßer, eine goldne Kette um den Hals,
+1574 nach Königsberg reiste, um den blödsinnigen Herzog zu heilen,
+benutzte er bei seinen Kuren die Talismane. Es waren sogenannte große
+Jupiter-Talismane, #Sigilla solis#. Sie finden sich noch in den
+Münzkabinetten; Jupiter erscheint auf ihnen wie ein Württemberger
+Professor mit Bart und Pelzrock und einem großen Buch, aus dem er
+doziert; auf dem Revers befindet sich ein Apucus, ein heiliger
+Rechenpfennig, der die Summe 34 gibt, man mag die Zahl in den sechzehn
+Feldern der Länge nach oder der Breite nach oder in der Diagonale
+addieren. Die #Sigilla solis# waren oft sechs Dukaten schwer. Einer ist
+vierzehn Dukaten schwer. Er trägt die Namen Gottes und der zehn Fürsten
+der Engel und die hebräischen Worte, die der berühmte Abt Trieheim aus
+der Bibel und den Rabbinen entlehnt und Agrippa von Nettelsheim in
+seinem Werk #De occulta philosophia# erklärt hatte. Die #Sigilla solis#
+waren dazu bestimmt, die solarischen Krankheiten abzuwenden, wozu die
+des Gehirns zählten. Es gab auch Talismane mit dem Zeichen der andern
+Planeten, und diese verhüteten die astralischen Krankheiten. Ferner gab
+es Talismane aus sieben verschiedenen Metallen gemischt, in einem
+festgesetzten Verhältnis und mit Beobachtung der Konstellation: wann sie
+geschmolzen waren und wann der Stempel aufgeprägt war; diese hatten eine
+besondere verborgene Kraft, Menschen, in unglücklicher Stunde geboren,
+glücklich zu machen. Andere Talismane verschafften die Gunst großer
+Herren, beförderten zu Ehrenstellen, ließen Heiratshändel gelingen, und
+wenn Mars beim ersten Eintritt in das Zeichen des Skorpions darauf
+geprägt war, verliehen sie dem Soldaten Mut und Sieg. Thurneyßer
+verkaufte Talismane zum Besten des ganzen menschlichen Geschlechtes, vom
+Kaiser bis zum Bauer herunter. Das sollte die mit dem Zepter kreuzweis
+gelegte Sense andeuten, die sich auf den Münzen befinden. Er erzeugte
+auch sympathetische Ringe, die von der fallenden Sucht befreiten.
+
+Durch alle diese Geldquellen wurde Thurneyßer sehr reich. Sein Schatz
+bestand aus zwölftausend Goldstücken, teils einfachen und doppelten
+Portugalesern, teils vierfachen Kronen, Rosenobeln, Engalotten und
+Dukaten. Er besaß über neun Zentner an Trinkgeschirren und einen
+silbernen vergoldeten Hirsch, der, nach der Sitte der Zeit mit Leuchtern
+ausgeziert, in seinem großen Saale hing. Seine Bibliothek soll
+ihresgleichen weit und breit nicht gehabt haben; sein Naturalienkabinett
+enthielt eine Sammlung von Pflanzensamen aus allen Teilen der Welt. Er
+hatte Präparate von getrockneten Teilen des menschlichen Körpers und von
+seltenen Tieren. Er hatte Skorpione in Baumöl, die der gemeine Mann für
+entsetzliche Zauberteufel ansah. Sein Garten beim Grauen Kloster war
+voll botanischer Kuriositäten, und ein Elentier, das ihm der Fürst
+Radziwill geschenkt hatte, schickte er nach seiner Vaterstadt Basel, um
+sich bei seinen Landsleuten in Respekt zu setzen. Die frommen Baseler
+hielten es aber auch für einen Zauberteufel, und ein altes Weib gab ihm
+einen Apfel mit zerbrochenen Nähnadeln zu fressen.
+
+Thurneyßer zog eine Menge kunstverständige Ausländer nach Berlin und
+brachte auf jede Weise viel Geld in Umlauf. Eine Menge Schriftgießer,
+Stempelschneider, Kupferstecher, Illuminierer, Buchbinder, Kaufleute und
+Goldschmiede hatten beständig für ihn zu tun. Er war der erste, der die
+chemischen Arzneien einführte, deren kleine aber wirksame Dosen den
+verschleimten Ruppiner- und Bernauerbiermagen des brandenburgischen
+Adels annehmlicher dünkten, als die bisherigen kopiosen galenischen
+Arzneitränke. Er half den Alaun- und Salpetersiedereien auf, sowie den
+Glashütten. Aus der Grimnitzer Glashütte in der Uckermark hatte er einen
+gläsernen Vogelbauer, in dessen inwendigem Raum ein Vogel saß, während
+außen Fische schwammen. Dieser Vogel war dem gemeinen Mann gleichfalls
+ein Zaubervogel, da er scheinbar mitten im Wasser mit schwimmenden
+Fischen lustig herumsprang, als ob er in freier Luft lebte.
+
+Vierzehn Jahre lang erhielt sich Thurneyßer in der unverminderten Gnade
+des Hofes. Der Kurfürst gab ihm das Zeugnis, »daß er sich nach seinen
+ihm von Gott verliehenen Gaben gegen ihn und dem Hause Brandenburg, auch
+vielen anderen hohen und niederen Standespersonen getreu, aufrichtig,
+nützlich und wohl erzeiget habe«. Im Jahre 1575 war Thurneyßers Frau
+gestorben, das Schweizerheimweh kam über ihn, der Kurfürst wollte ihn
+nicht ziehen lassen, nun reiste er wenigstens zu Besuch nach Basel und
+heiratete dort 1580 seine dritte Frau, eine Geschlechtertochter aus
+Basel, eine Herbrot. Sie war liederlich, er verstieß sie, und sie
+brachte ihn um Ehre und Vermögen. Es entspann sich ein skandalöser
+Prozeß, worin beide Teile Schriften gegeneinander veröffentlichten, und
+seine sämtlichen Habseligkeiten, die er nach Basel geschickt hatte,
+wurden mit Beschlag belegt und der Frau zugesprochen. Darauf entstand in
+der Mark eine große Hetze gegen ihn, er wurde als Zauberer, Atheist und
+Wucherer gebrandmarkt, ein Professor in Greifswalde predigte öffentlich
+gegen ihn, warnte die Gemeinden und erachtete ihn des Kirchenbanns für
+würdig. Er verließ Berlin, wurde katholisch, ging nach Rom und begab
+sich unter den Schutz des Papstes. Beim Kardinal Ferdinand von Medici,
+bei dem er speiste, verwandelte er einen eisernen Nagel in Gold. Nach
+der Tafel stellte der Kardinal darüber ein Zeugnis aus, das man lange
+Zeit nebst dem Nagel als große Merkwürdigkeit den Fremden in Florenz
+zeigte. Es fand sich aber später, daß das Wunder durch einen Betrug
+zustande gekommen war.
+
+Thurneyßer lebte ein paar Monate dann in Belvedere, wanderte dann wieder
+nach Deutschland und starb endlich in ärmlichen Umständen in einem
+Kloster bei Köln, fünfundsechzig Jahre alt, genau an dem Tage, auf den
+er sich selbst das Horoskop gestellt hatte.
+
+
+
+
+Danckelmann
+
+
+Der Kurfürst Friedrich von Brandenburg und spätere erste König von
+Preußen überließ sich am Anfang seiner Regierung völlig der Leitung
+Danckelmanns, seines ehemaligen Hofmeisters. Eberhard Danckelmann war
+1643 geboren; er war ein Fremder, ein Westfale aus der damals noch
+nassau-oranischen Stadt Lingen, wo sein Vater, der berühmte gelehrte
+Sylvester, Landrichter war. Die Familie war bürgerlich, hatte aber die
+Tradition, daß einer ihrer Vorfahren einem deutschen Kaiser durch treue
+Wachsamkeit das Leben gerettet und dieser ihm mit den Worten: »Danke,
+Mann«, den Ritterschlag erteilt habe. Das Wappen, das dieser Tradition
+Wahrscheinlichkeit geben sollte, war ein Kranich.
+
+Der junge Danckelmann war eine Art Wunderkind gewesen; er hatte in
+Utrecht studiert, hatte hier schon in seinem zwölften Jahr eine
+Disputation gehalten und dann die europäische Turnee durch England,
+Frankreich und Italien gemacht. Er war zwanzig Jahr alt, als ihn der
+Große Kurfürst auf einer Reise nach Holland kennen lernte und zum
+Lehrer des damals fünfjährigen Prinzen Friedrich Wilhelm annahm. Zwei
+Jahre später, 1665, wurde er Titularrat, 1669 Halberstädtischer, 1676
+kurmärkischer Regierungsrat, und noch unter dem Großen Kurfürsten
+Kammer- und Lehnsrat. Zweimal vor Friedrichs Regierungsantritt rettete
+er dem Prinzen das Leben, 1680 bei dem angeblichen Vergiftungsversuch
+durch die Stiefmutter, und sieben Jahre darauf bei einem Stickfluß, wo
+er ihm gegen den Rat der Ärzte eine Ader schlagen ließ und ihn so wieder
+zum Bewußtsein brachte. Kurz nach seiner Thronbesteigung ernannte ihn
+Kurfürst Friedrich zum Regierungspräsidenten in Cleve, und am 2. Juli
+1695, bei der Zusammenkunft der sieben Brüder Danckelmann, die alle hohe
+Ämter im Brandenburgischen bekleideten, bei offener Tafel zum
+Premierminister mit dem ersten Rang am Hofe. Friedrich setzte die
+Bestallung eigenhändig auf. Es heißt darin, daß Danckelmann ein
+vollständiges Exempel ungefärbter Treue, unablässiger Applikation in der
+Beförderung der Gloire des Kurfürsten und aller andern, dem Diener eines
+großen Herrn wohlanständigen Tugenden und Qualitäten sei. In demselben
+Jahre ließ ihn der Kurfürst mit seinen sechs Brüdern von Kaiser Leopold
+in den Reichsfreiherrenstand erheben, und der Kaiser gab ihnen zu dem
+bisher im Wappen geführten Kranich sieben mit einem Ring
+zusammengehaltene Zepter, »damit deren Posterität aus denen sieben
+Zeptern die Urheber dieser unserer ihnen erteilten Gnad und Würde als
+sieben Brüder, welche gleichsamb an einem Ring beisammen halten
+umbsomehr abnehmen und vermerken können«. So das Diplom; und es besagte
+auch, daß Eberhard Danckelmann den ihm angetragenen Grafenstand
+abgebeten habe, um mit seinen Brüdern im gleichen Stand zu bleiben. Der
+Kurfürst verlieh ihm noch die Erbpostmeisterwürde, die Hauptmannschaft
+zu Neufeld an der Dosse und ansehnliche Lehne und Güter.
+
+Er leitete die Finanzen und alle Hauptgeschäfte. Man nannte ihn den
+Colbert der brandenburgischen Staaten. Er vermehrte die Jahreseinkünfte
+aus den Domänen um hundertfünfzigtausend Taler. Er regierte mit seinen
+sechs Brüdern, von denen er der mittelste war. Man nannte diese
+Regierung der sieben Brüder Danckelmann, die als rechtschaffene Männer
+im Volk beliebt waren, die Herrschaft der Plejaden oder des
+Siebengestirns. Der älteste Bruder war Resident im westfälischen Kreis.
+Der zweite außerordentlicher Gesandter beim König von England, der
+dritte Kammergerichts- und Konsistorialpräsident, der vierte
+Generalkriegskommissär, der fünfte Kanzler zu Halle und
+außerordentlicher Gesandter am kaiserlichen Hof und der sechste Kanzler
+zu Minden.
+
+Danckelmann war ein tüchtiger und verdienstvoller, ein sehr
+selbstbewußter und gegen den alten Adel sehr stolzer Mann. Er war von
+tiefmelancholischem Temperament; man hat ihn niemals lachen gesehen.
+Sein Unglück schwebte dunkel vor seiner Seele, als er noch im höchsten
+Glücke war. Eines Tages gab er dem Hof zur Einweihung seines neuen
+Hauses ein Fest. Die Gesellschaft tanzte im großen Saal, Danckelmann
+befand sich mit dem Kurfürsten in seinem Arbeitskabinett. Mit dem
+Wohlgefallen eines Kenners betrachtete Friedrich einige Gemälde, die
+dort an den Wänden hingen. »Das sind schöne Bilder,« meinte der
+Kurfürst. »Ach,« erwiderte Danckelmann mit bitterem Lächeln, »die Bilder
+und was ich sonst noch Kostbares besitze, wird ja doch einst, bald
+vielleicht, das Eigentum von Eurer kurfürstlichen Gnaden sein, wenn
+meinen Feinden gelingt, wonach sie so eifrig trachten, mir die Liebe
+meines Herrn zu entfremden.« Da legte der Kurfürst die Hand auf die
+Bibel und antwortete, der Fall könne sich nie ereignen.
+
+Der Fall ereignete sich aber doch, und zwar nicht ohne Danckelmanns
+Verschulden. Das Zeremoniell war in jenen Tagen, wo sich alles um die
+Hofherrlichkeit drehte, die Schlange, die die gescheitesten Köpfe
+verführte. Danckelmann bezeigte sich gegen seine altadeligen Kollegen
+hochfahrend, rauh und unfügsam. Er mochte freilich zu tun haben, sich in
+Positur gegen sie zu setzen. Er verlangte von sämtlichen Ministern der
+auswärtigen Höfe den ersten Besuch; selbst den regierenden Reichsgrafen
+wollte er nicht weichen. In die Kirche zu Königsberg, wo der ganze Hof
+versammelt war, kam er einst zu spät, die Predigt hatte schon begonnen.
+Sein Nachfolger, der spätere Premier Wartenberg und der Feldmarschall
+Barfuß sprachen miteinander; Danckelmann fuhr zwischen sie mit den
+Worten: »Meine Herren, warum heben Sie mir kein Platz auf?« Wartenberg
+erhob sich und sagte: »Hier ist Platz.« Kalt entgegnete Danckelmann: »Es
+ist Ihre Schuldigkeit, mir Platz zu machen.«
+
+[Illustration: Eberhard Danckelmann, nach einem Stich von G. P. Busch.]
+
+Dergleichen gab böses Blut. Im Gefühl seiner Vorzüge nahm Danckelmann
+auch gegen den Kurfürsten einen feierlichen Ton an, der dem hohen Herrn
+natürlich zu hoch vorkommen mußte. Er verdarb es auch mit den Damen und
+brachte die ganze kurfürstliche Familie gegen sich auf. Sein Sturz
+erfolgte auf echt orientalische Weise. Im Vorgefühl seines Schicksals
+hatte er seinen Abschied erbeten. Der Kurfürst, der fünfunddreißig Jahre
+lang um ihn gewesen war, bewilligte den Abschied. Danckelmann blieb in
+Berlin; noch am Abend des 10. Dezember 1697 erschien er bei Hof, und der
+Kurfürst unterhielt sich mit ihm aufs freundlichste. In der Nacht darauf
+erschien der Gardeoberst von Tettau in Danckelmanns Haus in der alten
+Friedrichstraße, dem sogenannten Fürstenhaus. Er wurde arretiert, seine
+Effekten wurden versiegelt, und man brachte ihn nach Spandau, später
+nach Peitz. Erst zehn Jahre darauf wurde er nebst vielen andern
+Staatsgefangenen pardonniert; da er Preußen nicht verlassen durfte,
+begab er sich nach Kottbus, wo er eine halbe Freiheit genoß und
+zweitausend Taler Pension. Seine sämtlichen Güter wurden ohne Prozeß
+konfisziert; das Fürstenhaus, Marzahne, Zimmerbude, Groß- und
+Klein-Quittainen in Preußen, Biesenbruch in der Uckermark, Umelingen und
+Schönebeck in der Altmark und die Kohlenbergwerke bei Wettin. Die
+Familie hat die Güter niemals zurück erhalten. Während der ganzen Zeit
+seiner Gefangenschaft war nur seine Frau um ihn, die sich ausgebeten
+hatte, seine Haft teilen zu dürfen. Erst nach Friedrichs Tode erhielt
+der siebzigjährige Greis eine Ehrenerklärung: König Friedrich Wilhelm
+ging öffentlich mit ihm zur Kirche.
+
+
+
+
+Kaiser Rudolf II. und sein Hof
+
+
+Rudolf, der älteste Sohn des zweiten Maximilian, war zu Wien geboren und
+wurde in Spanien erzogen. Seine Mutter war Maria, die Lieblingstochter
+Karls V., eine echte Spanierin, streng katholisch, sehr tugendhaft und
+sehr düster. Der Aufenthalt am Hofe des unheimlich kalten, ausschweifenden
+und grausamen Philipp und die furchtbaren Ereignisse unter dessen
+Regierung hinterließen nicht zu verwischende Spuren in Rudolfs Seele.
+Ehemals war er sanft, schüchtern und gerechtigkeitsliebend gewesen; als
+er im Alter von neunzehn Jahren nach Deutschland zurückkam, um die
+römische Königskrone aufs Haupt zu setzen, war er wild, finster und zu
+heftigen Zornanfällen geneigt. Mit vierundzwanzig Jahren wurde er
+Kaiser. Er schlug seine Hofstatt zu Prag auf.
+
+Es war eine Drohung über ihm von den Ahnen her. Aber er hatte nicht die
+rührende Melancholie Johannas von Kastilien, auch nicht die durch die
+Eitelkeit aller irdischen Dinge niedergebeugte stille Größe Karls V., in
+ihm war eine Art von Versteinerung. Mit der Ungeduld eines bösen Kindes
+sprach er seinen Widerwillen gegen alle Regierungsgeschäfte aus, und
+dieser Widerwille endigte erst, wenn er merkte, daß ein anderer sich
+ihrer mit Liebe und tätigem Fleiß annahm; dann erwachte in ihm der Neid
+und eine verzehrende Eifersucht.
+
+Er kam niemals ins Reich; er besuchte nie einen Reichstag seit jenem
+Regensburger, wozu ihn die Türkennot gedrängt hatte. Er kam auch niemals
+nach Wien. Er saß fest auf dem Hradschin; dort hatte er seine Zauber-
+und Wunderwerkstatt aufgeschlagen. Wenn die deutschen Fürsten ihm ihre
+Gesandten schickten, ließ er ihnen sagen: er sei eben mit andern
+Angelegenheiten trefflich molestieret. Ebenso warteten die Boten Ungarns
+und Österreichs jahrelang in Prag vergeblich und immer wieder vergeblich
+auf eine Audienz. Die Statthalter und Generale wurden ohne
+Verhaltungsbefehle gelassen; sie mochten sich helfen, wie sie konnten.
+Die Geheimkünste füllten seine ganze Welt aus.
+
+Er hatte große Schätze, verbarg sie aber sorgfältig in seinen Truhen. Es
+kümmerte ihn nicht, wenn den Räten und Hofleuten kein Gehalt ausbezahlt
+wurde, wenn sogar in der kaiserlichen Hofhaltung sich Mangel einstellte.
+Der bayrische Resident schrieb einmal an seinen Herrn: »Heute hat das
+vornehmste Hofgesinde nichts zu essen gehabt, es war kein Geld
+vorhanden, um für die Küche einzukaufen.« Von alledem unberührt,
+überließ sich Rudolf seiner Leidenschaft für das Mysteriöse und seiner
+Sammelwut.
+
+Er sammelte Naturalien, seltene Steine, ausländische Pflanzen und Tiere.
+Löwen, Leoparden und Adler verstand er so zahm zu machen, daß sie mit
+ihm im Zimmer herumgingen. Die Welser in Augsburg, die für die zwölf
+Tonnen Goldes, welche sie dem Kaiser Karl vorgestreckt, einen
+Küstenlandstrich in Südamerika erhalten hatten, ließen von dort her
+peruanische Kuriositäten für ihn kommen. Er sammelte römische und
+griechische Altertümer, die seine Agenten aufkaufen mußten, Münzen,
+Gemmen, Kameen und Statuen. So erwarb er zwei der größten Schätze der
+Antike, den Sarkophag mit der Amazonenschlacht und die Onyxtasse mit der
+Apotheose des Augustus, für die er fünfzehntausend Dukaten bezahlte.
+Seine Schatzkammer war weit und breit berühmt; sie blieb fast
+zweihundert Jahre lang im Stande, erst in der Zeit der josefinischen
+Aufklärung ging vieles verloren; die Statuen wurden für ein Spottgeld
+veräußert, ein herrlicher Torso wurde durch das Fenster in den
+Schloßgraben geworfen, die seltenen Münzen wurden nach dem Gewicht
+verkauft, und die Tizianische Leda figurierte in einem Inventar unter
+dem Titel: ein nacktes Weibsbild von einer bösen Gans gebissen.
+
+Ein besonderes Wohlgefallen fand Rudolf an der Stempelschneidekunst. Die
+Siegel an seinen Diplomen, goldnen Bullen, Lehn- und Gnadenbriefen sind
+so fein und zierlich in vollendetstem gotischen Stil ausgeprägt, daß die
+Annahme berechtigt erscheint, er habe die größten Meister dieser Kunst
+in seinen Dienst gezogen.
+
+Von seinen Hofleuten wurde Rudolf II. Salomon genannt. Er beherrschte
+sechs Sprachen, war bewandert in der Mechanik, Physik und Mathematik
+und besonders in der Astrologie, Magie und Alchimie. Er verkehrte
+schriftlich mit allen gelehrten Männern im heiligen römischen Reich, und
+manchen unscheinbaren Doktor erhob er in den Adelsstand, auch wenn es
+ein Lutheraner war. Aber hauptsächlich waren die sonderbaren Leute seine
+Leute. Es lebten an seinem Hof eine Menge Uhrmacher und Maler, eine
+Menge Astronomen, die ihm Horoskope stellen und Kalender machen mußten;
+er verkehrte mit Adepten aller Art, worunter sich viele Scharlatane,
+Glücksritter, Quacksalber und Marktschreier befanden; er verkehrte mit
+Magiern, Spiegeldeutern, Lebensverlängerern und Menschenmachern; sie
+mußten dem Kaiser aus kochendem Wasser weissagen, ihm ihre
+Phantasmagorien zeigen und allen Ernstes versuchen, Mumien zu beleben
+und in der Retorte Menschen zu erzeugen.
+
+Der größte Magus an Rudolfs Hof war der Engländer John Dee. Er schloß
+dem Kaiser das Geisterreich auf. Er rühmte sich, zu jeder Zeit seinen
+Genius vor sich zu sehen, und wenn er seine Studien unterbreche, setze
+sich der Genius an seine Stelle hin und studiere weiter; wenn er dann
+zurückkehre, brauche er ihn nur auf die Achsel zu klopfen, so stünde der
+Genius auf und entferne sich wieder. Rudolf hielt Dee für einen
+gewaltigen Zauberer, Dee hielt den Kaiser ebenfalls für einen gewaltigen
+Zauberer, und so hatten beide große Furcht und großen Respekt
+voreinander. Ein anderer Wundermann war der Italiener Marco Bragadino.
+Eigentlich hieß er Mamugna und war ein Grieche. Zu Ende des sechzehnten
+Jahrhunderts war er als Graf Mamugnano nach Italien gegangen, trat in
+den Kreisen der venezianischen Nobili mit größter Pracht auf und machte
+in den Palästen der Dandolo und der Contarini zum Erstaunen aller Gold.
+In Prag erschien er stets begleitet von zwei riesigen schwarzen
+Bullenbeißern, die er zur Beglaubigung seiner Macht über die Geister mit
+sich führte. Er behandelte das Gold wie Messing, verschenkte große
+Stücke und hielt stets auf eine reiche Tafel. Als er sich später nach
+Münster wandte, verlor er sein Leben am Galgen. Noch größeres Aufsehen
+als dieser Bragadino machte ein gewisser Hieronymo Scotto. Er war es,
+der dem Kölner Kurfürsten Gebhardt Truchseß durch die Bilder in einem
+Zauberspiegel die schöne Gräfin Agnes Mannsfeld verkuppelte, worüber der
+geistliche Herr Land und Leute einbüßte. In Koburg verführte der
+einschmeichelnde Glücksritter die Gattin des Herzogs, und die
+unglückliche Prinzessin schmachtete dafür zwanzig Jahre lang im
+Gefängnis.
+
+Alle fahrenden Alchimisten waren Rudolf willkommen, er hatte täglich
+Zuspruch von ihnen und beschenkte sie reichlich, wenn sie interessante
+Versuche machen konnten. Man nannte ihn den deutschen #Hermes
+trismegistos,# und daß er wirklich ein Adept gewesen, schien nach seinem
+Tode klar, denn man fand unter seinem Nachlaß eine graue Tinktur, man
+fand vierundachtzig Zentner Gold und sechzig Zentner Silber, die in
+Ziegelsteinform gegossen waren.
+
+Es lebten aber auch drei große Männer an Rudolfs Hof: Tycho de Brahe,
+Loncomontanos und der unsterbliche Kepler, der von Prag aus sein
+fundamentales Werk #»nova astronomia de stella martis«# in die Welt
+sandte. Er hielt sich zwölf Jahr lang an Rudolfs Hof auf und war seit
+dem Tode Brahes, der an der Tafel des letzten Rosenbergs in Krumau aus
+Etikettenangst starb, als römisch-kaiserlicher Majestät Mathematikus
+angestellt. Ein Jahrgehalt von fünfzehnhundert Gulden war ihm
+zugesichert; aber er erhielt es selten richtig ausbezahlt.
+
+Vielleicht war die Zurückgezogenheit, in welcher der Kaiser auf seinem
+Zauberschloß lebte, schuld daran, daß sich starke Parteiungen an seinem
+Hof bildeten. Den mächtigsten Einfluß hatten die Italiener. Davon
+liefert die Geschichte des Feldmarschalls Rusworn einen Beweis; Graf
+Khevenhüller erzählt sie in seiner altertümlichen Manier, die ich zu
+mildern versuche:
+
+[Illustration: Kaiser Rudolf II., nach einem Stich von A. Wierx.]
+
+»Dies Jahr sind zu Prag der Feldmarschall Rusworn und der Begliojoso so
+hart aneinandergekommen, daß sie sich mit Worten übel traktiert, was der
+Begliojoso von seinem Feldmarschall hat leiden müssen. Seines Unwillens
+hat sich ein von Mailand verbannter Kerl namens Furlan bedient; der
+Begliojoso hatte in seiner Heimat eines Rechtsgelehrten Weib verführt,
+deshalb waren zwölftausend Kronen auf seinen Kopf gesetzt, welche dieser
+Furlan zu gewinnen und dabei seiner Acht sich zu entledigen hoffte. Als
+nun Begliojoso einmal am Abend auf der Kleinseite spazieren ging, ist
+Furlan zu dem Feldmarschall gegangen, der beim Grafen Herberstein
+speiste und hat ihm vermeldet, der Begliojoso lauere ihm auf. Darauf
+hat der Rusworn um seine Leute und Pistolen geschickt und hat seinen
+Kämmerling und den Furlan ihm vorausgehen heißen. Als sie nun den
+Begliojoso angetroffen, hat dieser, der nichts Böses im Sinn geführt,
+freundlich zu Furlan gesprochen, der aber hat ihm mit der Pistole
+geantwortet und ihn durch den Arm geschossen. Darauf hat der Begliojoso
+mit der rechten Hand den Degen erwischt, mit großer Wut auf die zwei
+losgegangen und sie gegen den Feldmarschall getrieben; der hat gemeint,
+die Verräterei sei erwiesen, hat dem Begliojoso stark mit der Wehr
+zugesetzt und ihn fast auf den Tod verwundet. Indem hat Furlan den
+Begliojoso hinterwärts durch den Kopf geschossen, ist davongelaufen,
+aber später ertappt und gehenkt worden. Der Kaiser war zuerst übel
+zufrieden, daß man seinen Feldmarschall so traktiert, aber als Rusworns
+Widersacher den Kaiser anders informiert, wurde er verarrestiert und die
+Sentenz über ihn gesprochen. Der Kaiser hat ihm den Pardon gegeben, der
+ist aber aus Praktiken zurückgehalten und die Exekution vorgenommen
+worden. Der Feldmarschall hat sich trefflich wohl zum Sterben geschickt,
+hat ein gemaltes Kruzifix vor sich ausgebreitet und seines Endes
+unerschrocken gewartet. Der Kopf ist ihm gleich zu der Wunde Christi
+gefallen, und also hat dieser kühne tapfere Held, so in Ungarn wider den
+Türken ansehnliche Dienste geleistet, mit einem schmählichen Streich
+sein Leben enden müssen, aus Mißgunst etlicher, die ihn um das Glück
+beneidet und denen er im Wege gelegen. Der Kaiser hat seine Übereilung
+hoch beklagt. Weil aber die Majestät damals sich ganz versteckt gehalten
+und fast niemand gehört, wurde die Sache beschönt und verschwiegen.«
+
+Gerade weil Rudolf so eingezogen lebte, bedurfte er der Zuträgereien;
+die Kammerdiener brachten sie ihm, und nach seiner argwöhnischen
+Gemütsart lieh er ihnen ein williges Ohr. Lakaien und Abenteurer waren
+es, die im Hradschin kommandierten. Die Stallknechte hatten einen großen
+Stand, weil der Marstall des Kaisers Lieblingsaufenthalt war. Viel Macht
+übten endlich die listigen Buhlerinnen aus, mit denen der Kaiser in
+immer wechselnder wilder Ehe lebte. Die Ursache, weshalb sich Rudolf
+nicht vermählte, war das Horoskop, das ihm Tycho de Brahe gestellt
+hatte. Es lautete, er dürfe nicht heiraten, denn es drohe ihm Gefahr vom
+eigenen Sohn. Zwei Heiratsprojekte lagen vor: mit einer mediceischen
+Prinzessin und mit der spanischen Infantin Isabella. Viele Jahre lang
+wurde darüber verhandelt, aber jeder Versuch, den Kaiser zur Ehe zu
+bewegen, schlug fehl. Um das Jahr 1600, als sich die Heiratsprojekte
+endgültig zerschlagen hatten, stieg Rudolfs Trübsinn aufs höchste. Gegen
+seinen jüngeren Bruder Mathias faßte er einen unaustilgbaren
+Widerwillen. Das Erscheinen des Halleyschen Kometen bestärkte ihn in der
+Furcht vor den Anschlägen seiner Verwandten, Anschläge, die der blutige
+Schwanzstern ihm recht handgreiflich in der Vorbedeutung anzuzeigen
+schien. Vergeblich suchte ihm Kepler seine Angst auszureden. Er war so
+mißtrauisch, daß er nicht nur den niedrigsten Verleumdern zugänglich
+war, sondern auch alle Personen, die zu ihm kamen, untersuchen ließ, ob
+sie heimlich Waffen bei sich führten. Selbst seine Geliebten mußten sich
+diesem Zwang unterwerfen. Aus Furcht verließ er das Schloß nicht mehr.
+Sein Schlafzimmer glich einer Festung. Oft sprang er aus dem Bett und
+ließ durch einen Schloßhauptmann alle Winkel der kaiserlichen Residenz
+mitten in der Nacht durchstöbern. Wenn er zur Messe ging, was nur an
+hohen Festtagen geschah, saß er in einem gedeckten und stark
+vergitterten Oratorium. Um ganz sicher beim Spazierengehen zu sein, ließ
+er lange und weite Gänge mit engen schrägen Fensterchen gleich
+Schießscharten bauen, durch die hindurch er nicht fürchten mußte,
+erschossen zu werden. Diese Gänge führten in seinen prächtigen Marstall;
+er hatte hier seine Zusammenkünfte mit den Frauen und besah sich gern
+seine Pferde, die er liebte, auf denen er aber niemals ritt.
+
+Daniel L’Hermite schildert die Erscheinung des siebenundfünfzigjährigen
+Kaisers wie folgt: »Viel zu frühe sind ihm Haare und Bart grau geworden.
+Die Stirn ist majestätisch, der Mund nicht unangenehm, die Augen sind
+feurig, werden aber von starken Wimpern fast gänzlich beschattet. Seine
+Gestalt ist mehr gedrückt als aufgerichtet, von alters her ist diese
+gedrückte Leibesgestalt im Hause Österreich angeboren. Er trägt noch
+immer Kleider nach der alten Sitte, er hält auf diese alte Sitte und
+setzt ein Zeichen der Größe daran, nichts an ihr zu ändern; er trägt
+einen kurzen, mit Gold eingefaßten Mantel und über der gegürteten
+weißen Hose ein spanisches Wams.«
+
+In Prag wußte man oft monatelang nicht, ob Rudolf noch lebe. Das Volk
+fürchtete, die Günstlinge verheimlichten seinen Tod, um seine Schätze an
+sich zu bringen. Einmal brach deshalb ein Aufstand aus, und da zeigte
+sich der Kaiser nach langen Bitten am Fenster des Hradschins, um den
+andrängenden Volkshaufen zu beruhigen. In dumpfem Brüten, und ohne einen
+Laut von sich zu geben, saß er oft viele Stunden hindurch und schaute
+den Malern und Uhrmachern zu, die in seinem Zimmer arbeiteten. Wurde er
+dabei angesprochen, so packte ihn der Jähzorn, und er warf, was er
+gerade erreichen konnte, ein Gefäß oder ein Werkzeug, dem Störer mit
+Schimpfworten an den Kopf. Bisweilen auch fuhr er aus seinem wehmütig
+stieren Sinnen ohne Grund empor und zerschlug alles um sich her.
+
+Personen, die in Geschäften bei Hof erschienen, fanden es ungemein
+schwer, zum Kaiser zu gelangen. Entweder war er im Zimmer bei den Löwen,
+Leoparden und Adlern, die er selbst fütterte, oder bei Tycho de Brahe
+auf der Sternwarte, oder bei Dee und Bragadino, beschäftigt mit
+Schmelztiegeln, Wunderspiegeln, Traumtafeln und Geistererscheinungen,
+oder in den Gärten des Hradschins, wo Bäume, Gesträuche und Blumen aus
+fernen Weltgegenden blühten und Zaubergrotten und Wasserwerke sich
+befanden, aus denen Musik ertönte. Wer ihn sprechen wollte, mußte sich
+als Stallknecht verkleiden und ihn im Marstall erwarten. Aber auch hier
+war es gefährlich, sich dem seltsamen und gewalttätigen Herrn zu
+nähern. Eva, die Tochter des in Ungnade gefallenen Oberst-Burggrafen
+Lobkowitz, hatte sich durch Geld eine solche Audienz erkauft, um für
+ihren gefangenen Vater Freiheit und Leben zu erbitten. Ein ehrlicher
+Stallknecht warnte sie in letzter Stunde, indem er ihr eröffnete, daß
+sie zu schön sei, um solches zu wagen, der Kaiser scheue nicht vor
+Gewalt zurück. Sie verstand ihn und floh.
+
+Rudolf ahnte nichts von der Not seiner Völker. Der sturmbewegten Zeit
+mußte dieser kranke Träumer auf dem Thron alles schuldig bleiben. Die
+Türkengefahr und der Aufstand des Siebenbürgerfürsten vereinigte
+sämtliche Erzherzoge des habsburgischen Hauses zu dem Beschluß, den
+Kaiser abzusetzen, und der Urheber dieser Maßregel war Clesel, der
+Bischof von Wien und Neustadt. Im Juni 1608 mußte Rudolf an seinen
+Bruder Mathias die Krone Ungarns und die Lande Österreich und Mähren
+gegen ein Jahrgeld gänzlich abtreten, und trotz seines leidenschaftlichen
+Widerstandes wurde er gezwungen, den berühmten Majestätsbrief
+auszustellen, durch den er den böhmischen Herren unbedingte
+Glaubensfreiheit sicherte. Nur das tiefe Zerwürfnis mit Mathias drängte
+ihm den Majestätsbrief ab, die Scharteke, wie Kaiser Ferdinand später
+die Urkunde verächtlich betitelte, als er sie nach der Schlacht am
+Weißen Berg verbrannte. Aber eines glaubte sich Rudolf dadurch gesichert
+zu haben: als böhmische Majestät in dem teuren Prag ruhig sterben zu
+können. Es war ein Irrtum. Er wurde in seinem Schloß so eng bewacht,
+daß ihm nicht einmal verstattet war, in den Garten zu gehen und Luft zu
+schöpfen. Einmal, als der römische Kaiser aus dem Tor treten wollte,
+schlug die Wache das Gewehr auf ihn an; da kehrte Rudolf in seine
+Gemächer zurück, öffnete das Fenster und rief mit erhobener Hand: »Du
+undankbares Prag! durch mich bist du erhöht worden, und nun stößt du
+deinen Wohltäter von dir. Die Rache Gottes soll dich verfolgen und der
+Fluch über dich und ganz Böhmenland kommen.«
+
+Die Kurfürsten von Mainz und Sachsen verwandten sich für den Kaiser,
+indem sie betonten, daß er doch auch noch ein Mitglied des
+kurfürstlichen Kollegiums sei. Darauf entgegneten die Stände Böhmens
+höhnisch den Abgesandten: »Wir wollen euch den römischen Kaiser samt dem
+Kurfürsten von Böhmen zugleich in einem Sack zuschicken.«
+
+In dieser Bedrängnis war es, wo Mathias seinem Bruder auch die böhmische
+Krone raubte. Erbittert darüber, daß die Böhmen Mathias gehuldigt
+hatten, schleuderte Rudolf, als er die Abdankungsurkunde unterzeichnet
+hatte, im Zorn seinen Hut auf die Erde, zerbiß die Feder und warf sie
+dann auf das Diplom, auf dem man noch heutigentags den Tintenfleck
+sieht. Ungeachtet seiner hoffnungslosen Lage glaubte der wunderliche
+Mann durch die Stiftung eines Ordens von Friedensrittern alles wieder
+ins Geleise bringen zu können, und Tag und Nacht arbeitete er an den
+Ordensketten.
+
+Von seinen sämtlichen Kronen besaß er jetzt nur noch die römische
+Kaiserkrone. Aber schon lange verachteten ihn auch die deutschen
+Fürsten und schickten endlich eine Gesandtschaft, um ihn zu nötigen, zur
+Wahl eines anderen Kaisers seine Zustimmung zu geben. Er empfing die
+Gesandten unter einem Thronhimmel stehend; die linke Hand hatte er auf
+einen Tisch gestützt. Als sie ihr Verlangen vorbrachten, wurde ihm der
+Kopf heiß, seine Knie zitterten, und er mußte sich auf einen Sessel
+niederlassen. Später sagte er zum Herzog von Braunschweig, seinem
+vertrautesten Freund: »Die mir in meinem Ungemach keine Hilfe geleistet
+und zu meinem Dienst nicht einmal ein Roß haben satteln lassen, haben
+mir jetzt eine Art von Leichenpredigt gehalten. Ohne Zweifel sind sie
+mit unserm Herrgott in geheimem Rat gesessen und wissen vielleicht von
+daher, daß ich noch in diesem Jahr sterben werde, weil sie gar so stark
+auf einen Nachfolger im römischen Reich dringen.«
+
+Erniedrigung, Verlust der Würden und alle damit verbundenen Leiden hatte
+Rudolf ertragen; der Tod seines schönen treuen alten Löwen und zweier
+Adler, die er täglich mit eigener Hand gefüttert hatte, brach ihm das
+Herz.
+
+Sein Leichnam wurde in eine mit rotem Damast ausgeschlagene Bahre
+gelegt, über der sich ein gläserner Deckel befand; auf der Brust trug er
+ein Kreuz, an der linken Seite die Wehr und an der rechten das goldene
+Vlies. Rudolfs Minister wurden verhaftet und zur Folter verurteilt; sein
+Schatzmeister Roszky, den er vor andern geliebt, erhängte sich im
+Gefängnis mit der Schnur, an welcher er den Kammerschlüssel getragen.
+Man ließ daher seinen Leib vom Nachrichter vierteilen und auf dem Weißen
+Berg bestatten. Allein es hieß, daß er sich an derselben Stelle oftmals
+auf einem Bock oder Hirsch reitend zeigte, und so wurde der Körper
+wieder ausgegraben, wurde verbrannt und die Asche in die Moldau
+geworfen. Als dies geschehen war, verschwand plötzlich der
+Schloßhauptmann, und es entstand der Verdacht, daß er den Roszky im
+Gefängnis ermordet, ihn aufgehängt und ihm das #aurum purificatum,# das
+er aus des Kaisers Schatz zurückbehalten, geraubt habe.
+
+Der Kaiser Rudolf hinterließ von seinen vielen Geliebten wahrscheinlich
+viele Kinder, von denen vier Söhne bekannt geworden sind, die sein
+wildes Blut erbten. Don Carlos d’Austria diente dem Kaiser Ferdinand im
+Dreißigjährigen Krieg, wurde aber in einer Vorstadt von Wien bei einem
+Auflauf um eine öffentliche Dirne, in den er sich mutwillig gemischt
+hatte, unerkannt erschlagen. Zwei andere führten ein anonymes Dasein,
+der vierte jedoch, Don Cesare d’Austria, hatte an einem Edelfräulein
+Gewalt geübt und sie dann aus dem Weg geräumt. Der Kaiser, sein Vater,
+ließ ihm in einem warmen Bade die Adern öffnen.
+
+
+
+
+Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel, mit Herrn Reichard
+Strein, Freiherrn zu Schwarzenau, am 24. September 1581
+
+
+Als Herr Reichard Strein mit zweiundzwanzig Kutschen, in denen seine
+nächsten Befreundeten gesessen, beim Grafen Ortenburg angekommen war,
+ließ er durch diesen bei Herrn von Tschernembel um die Hand seiner
+Tochter Regina werben. Um größere Unkosten zu verhüten und auf seine
+ansehnlichen Befreundeten weisend, begehrte Herr Strein, daß nach
+schleuniger Begleichung des Zeitlichen und geschehener Zusage die
+Hochzeit sogleich vorgenommen werde, und obwohl der andere Teil
+Einwendungen gemacht, wurde dem Begehren schließlich doch willfahrt. Die
+Brautleute wurden am selben Tag christlich zusammengetan, und der Abend
+ward bei guter Traktation fröhlich verbracht. Am folgenden Morgen wurde
+die Hochzeitspredigt gehalten; dann fuhr Herr Strein mit Herrn Achaz von
+Lohsenstein und seiner Schwester, der Frau Jörgerin, nach Freydek, um
+Ordnung zur Heimführung zu geben.
+
+Am Mittwoch den 27. September wurde zu früher Tageszeit der Brautwagen
+mit fünfzig Reitpferden nach Karlspach bei Melk begleitet, dort setzten
+sich die Herren in die Kutschen, das Frauenzimmer auf ihre Wägen und
+zogen in folgender Ordnung weiter: erstlich die Handrosse, dann die
+andern Pferde, deren Zahl sich ebenfalls auf fünfzig belief; dann die
+Kutschen mit den Dienern; dann die Herren selbst in ihren Kutschen; dann
+drei berittene Trompeter; dann drei Berittene von Adel in meißenischen
+Sammetröcken und weißen Kranichfedern auf den Hüten; dann drei
+Edelknaben mit weiß und schwarzen Federbüschen auf den überzogenen
+Sturmhauben; dann die reisigen Knechte mit goldgeschmückten Röcken; dann
+Herrn Streins Pferd; dann wieder drei Berittene von Adel mit schönen
+Wehrgehängen und zum Beschluß drei junge Freunde des Herrn Strein.
+Hierauf folgte der Brautwagen; er war mit schwarzem Leder überzogen und
+mit weißem Atlas ausgefüttert, und das Eisenwerk war versilbert; sechs
+gefärbte Rosse zogen ihn, an deren Lederzeug schwarzseidene Fransen
+hingen. Die Kutschen der Frauenzimmer waren mit braunem lündischen Tuch
+bekleidet; es waren etwa dreißig Kobelwägen. Herr Strein empfing seine
+Gäste in Freydek mit ordentlichem Schießen und anderen Ehrenbezeugungen
+um zwölf Uhr Mittag.
+
+Als nun die Herren und Frauen in ihre Zimmer gegangen und sich abgetan,
+ist die Mahlzeit mittlerweile bereit und die Speisen aufgetragen
+worden. Ein Saal war zum Tanzen zugerichtet und in einer gleichgroßen
+Stube standen sieben gedeckte Tafeln. Die Mahlzeit ist so vertraulich
+und lieblich abgegangen, daß man weder Fluchen noch unziemliche Reden
+gehört. Es ist kein übermäßiger Trunk geschehen, fröhlich ist jedermann
+gewesen und hat sich den Wein wohlschmecken lassen. Als nun das Obst-
+und Beschauessen zum Teil aufgetragen war und die Herrentafel aufgehoben
+werden sollte, fingen unversehens die Stühle an zu sinken; zudem brach
+der Boden acht Klafter in der Länge und fünf in der Breite auseinander,
+und es entstand ein großes Getümmel. Die Restbäume waren gebrochen und
+die Ziegelpflaster des Bodens, die Tische, Stühle, Bänke, Schrägen,
+Messer, Teller und alles, was am Herrentisch gesessen, samt etlichen
+aufwartenden Personen stürzte dreiundeinhalb Klafter in die Tiefe.
+
+Die Hochzeitsgäste meinten nichts weniger, als das Jüngste Gericht und
+die Auferstehung der Toten sei gekommen. Der vom Schutt aufwirbelnde
+Staub war so groß, daß ihn die Leute im Hof für Flammenrauch hielten.
+»Ist durch sonderliche Fügung und Barmherzigkeit Gottes,« so lautet der
+Bericht, »niemand am Leben verkürzt worden, außer einem, Kleinschopf
+genannt, Herrn Gabriel Streinz’ Diener, der ist im Saal gewesen und hat
+das Krachen gehört, und ist herausgegangen und etlichen andern solches
+gesagt und mit dem Vermelden wieder hineingegangen, er wolle sehen, wo
+es brechen will. Indem hat ihn der Fall ergriffen und erschlagen.« Einer
+vom Adel ist im Saal auf der Bank gelegen und hat geschlafen; dem ist
+nichts geschehen, ist auch nicht eher erwacht, als bis Herrn Wolf
+Ehrenreich Streinz’ Lakai auf ihn gefallen, den er deshalb, unvermerkt
+woher er käme, hat schlagen wollen. Herr Adam von Puchheim ist ohne
+Schaden auf die Füße heruntergefallen, ist alsbald den andern zu Hilfe
+gelaufen und hat zum ersten die Frau Braut Reginam hervorgezogen, welche
+außer einem schlechten Riß am Knie keinen Schaden empfangen. Ihr Gemahl
+ist an Kopf und Arm ein wenig gestreift worden, zwei Bäume sind
+überzwerch auf ihm gelegen, Kalk ist ihm in die Augen gekommen, und er
+hat nichts sehen können.
+
+Die Liste der bei dieser Hochzeit gestürzten Personen der Herren,
+Frauen, Fräulein und Bedienten gibt die Zahl achtundzwanzig.
+
+
+
+
+Friedrich Wilhelm I. von Preußen
+
+
+Friedrich Wilhelm wurde am 14. August 1688 als einziger Sohn Friedrichs
+des Ersten und der geistreichen, philosophisch begabten Charlotte von
+Hannover geboren, nur wenige Monate nach dem Tode seines Großvaters, des
+Großen Kurfürsten. Schon als Kind hatte er einen robusten Körperbau, ein
+äußerst widerspenstiges Naturell und zeigte zum Lernen keine Lust. Der
+muntere, fast unbändige Knabe war der Abgott seiner Mutter und seiner
+Großmutter. Die Kurfürstin Sophie ließ den geliebten Enkelsohn bereits
+in seinem fünften Jahre zu sich nach Hannover kommen, aber es war nicht
+möglich, ihn dort lange zu behalten, denn er vertrug sich ganz und gar
+nicht mit seinem Spielkameraden, dem Prinzen Georg, der später König von
+England wurde. Die Abneigung zwischen den beiden blieb eine dauernde;
+sie haßten einander bis zur Todesstunde, und Friedrich nannte Georg
+nicht anders als: mein Bruder, der Tanzmeister, während Georg
+seinerseits: mein Bruder, der Sergeant, sagte.
+
+Die Personen, die mit dem Prinzen zu tun bekamen, hatten einen schlimmen
+Stand mit ihm. Zwei Guvernanten mußten ihn beaufsichtigen, und oft
+brachte er durch seine tollen Streiche die beiden Frauen zur
+Verzweiflung. Frühzeitig legte er einen Widerwillen gegen allen Pomp und
+Luxus an den Tag, und er warf einmal ein Schlafröckchen von Goldstoff,
+welches anzuziehen man ihn nötigen wollte, ins Kaminfeuer. Dagegen
+bestrich er sich das Gesicht mit Fett und ließ sich in der Sonne braten,
+um eine recht braune Soldatenfarbe zu bekommen.
+
+Wie von dem großen Leibniz bestätigt wird, galt Friedrich Wilhelm als
+Knabe für sehr witzig. Auf einem Jahrmarkt in Charlottenburg spielte der
+zwölfjährige Prinz den Taschenspieler zum allgemeinen Ergötzen. Die
+Herzogin von Orleans schrieb: »Es ist mir immer bang, wenn ich Kinder so
+witzig vor dem rechten Alter sehe, denn es ist mir ein Zeichen, daß sie
+nicht lange leben. Darum ist mir auch bang für den kleinen Kurprinzen
+von Brandenburg.« Friedrich Wilhelm blieb aber ungeachtet seines Witzes
+beim Leben, und zwar bei recht gesundem Leben. Nur mit dem Lernen wollte
+es gar nicht vorwärts; wie er seinem prunkliebenden Vater eine
+entschiedene Abneigung gegen Prunk zeigte, so trotzig verhielt er sich
+gegen alle Versuche seiner Mutter, die einen gelehrten Mann, #une belle
+âme,# aus ihm machen wollte. In seinem siebenten Jahre war ihm der Graf
+Alexander Dohna als Erzieher gegeben worden, ein ehrenfester,
+gravitätischer, stolzer Mann. Seine Instruktion besagte, daß er alle
+Mühe aufzuwenden habe, um dem Prinzen das Lateinische beizubringen, »da
+solches nicht allein die goldene Bulle erfordere, sondern auch die
+nötigen Verhandlungen mit den benachbarten Puissancen.« Aber trotz aller
+Einreden Dohnas lernte die Königliche Hoheit gar wenig, obwohl ihr ein
+ganz außerordentliches Gedächtnis anerschaffen war. Noch schlimmer ging
+es mit den Künsten, er wollte weder das Klavier noch die Flöte spielen,
+die Musik war ihm geradezu unleidlich.
+
+In schärfstem Gegensatz zu der Vorliebe seiner Eltern für das
+Französische trat alsbald sein ausgeprägtes Deutschtum hervor. Hierin
+bestärkte ihn sein erster Lehrer, der Ephorus Friedrich Cramer. Cramer
+war ein kenntnisreicher und gebildeter Mann, der einst die Schrift des
+Abbé Bouhours: Kann ein Deutscher Geist haben? mit einer grimmigen
+Gegenschrift beantwortet hatte. Cramers Einwirkung blieb fest in der
+Seele Friedrich Wilhelms, die, wie rasch sie sich auch nach Sympathien
+und Antipathien entschied, daran für immer und aufs zäheste festhielt.
+Der Nachfolger Cramers war ein Franzose namens Rebeur, ein Emigrant, den
+Graf Dohna aus der Schweiz hatte kommen lassen. Aber dieser Rebeur war
+ein trauriger Pedant; er plagte den Prinzen fortwährend damit, daß er
+ihn lateinische, französische und deutsche Aufsätze über das Alte
+Testament machen ließ, und die Folge war, daß Friedrich Wilhelm fortan
+einen unbezwinglichen Haß gegen das Alte Testament hegte; sein ganzes
+Leben lang konnte es bei ihm nicht wieder zu Ehren gebracht werden, ein
+so guter Christ er auch war.
+
+Seine Mutter verzog ihn gänzlich, und eigentlich hat er ihr das später
+nie verziehen. Gerade aus dem Verhältnis zur Mutter entwickelte sich in
+ihm die Forderung eines unbedingten blinden Gehorsams, »sonder
+Räsonieren«, seine unphilosophische starre Rechtgläubigkeit nach eigenem
+Rezept und eigener Vorschrift und die harte Behandlung, die er seinem
+Sohn Friedrich angedeihen ließ.
+
+Er nährte im stillen nur zwei Leidenschaften: die Soldatenliebhaberei
+und die Ökonomie in den Finanzen. Schon als Knabe errichtete er von
+seinem Taschengeld eine Kompanie adeliger Kadetten. Eine zweite Kompanie
+befehligte sein Vetter, der Herzog von Kurland, mit dem er sich auch
+sehr übel vertrug, die Mutter kam einmal dazu, wie er ihn wütend bei den
+Haaren herumschleppte. Seine Sparsamkeit zeigte sich frühzeitig; er war
+acht Jahre alt, als er sich ein Ausgabenbuch anlegte, das den Titel
+führte: Rechnung über meine Dukaten. Seine Mutter ängstigte sich, daß
+der Geiz ihn verhärten werde, und nicht weniger bekümmerte sie seine
+immer mehr zutage tretende Unhöflichkeit gegen die Frauen, die freilich
+in einer unbesiegbaren Befangenheit und Schüchternheit begründet war und
+auch in dem Umstand, daß die erste zarte Neigung seines Herzens, die zur
+Prinzessin Karoline von Ansbach, nicht erwidert wurde. Karoline
+heiratete später den englischen Georg.
+
+In seinem sechzehnten Jahr erhielt der Prinz die Erlaubnis zu einer
+Reise nach den Niederlanden und nach England. Der Herzog von Marlborough
+hatte ihm bereits ein Schiff zur Überfahrt bestimmt, als er nach Berlin
+zurückgerufen wurde; seine Mutter war gestorben. Von nun an lebte er
+mit Vorliebe in Wusterhausen, dorthin zog er die Leibkompanie seines
+Regiments, die er fleißig exerzieren ließ und die seine höchste Freude
+war. Er machte den Feldzug am Rhein unter Marlborough und Prinz Eugen
+mit, und im Jahre 1706 vermählte er sich mit der Prinzessin Sophie
+Dorothea von Hannover, welche die Mutter des großen Friedrich wurde. Sie
+war eine große schlanke Frau mit blauen Augen und braunem Haar, gebildet
+und lebhaft, ehrgeizig und stolz.
+
+Als Friedrich Wilhelm nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1713 zur
+Regierung gelangte, änderte er den ganzen Hofhaushalt völlig um. Wer
+seine Gunst erlangen wollte, mußte Sturmhaube und Küraß anlegen, alles
+war Offizier und Soldat, und zwei Männer gewannen alsbald ausschließlich
+sein Vertrauen, der Generalmajor von Grumbkow und der Fürst Leopold von
+Anhalt-Dessau. Alle wichtigen Geschäfte gingen durch Grumbkows Hände,
+und da er des Königs täglicher Gesellschafter war, wuchs sein Einfluß
+beständig. Er fügte sich in des Königs Launen, wußte dessen erste Hitze
+abzulenken und leitete ihn, soweit er sich überhaupt leiten ließ,
+anscheinend treuherzig, freimütig und bieder. Grumbkow war ein großer
+Feinschmecker und konnte ungeheuer viel Wein vertragen, so daß er den
+Ehrentitel Biberius erhielt. Für zwölftausend Taler Tafelgelder, die ihm
+ausgezahlt wurden, übernahm er die Bewirtung der fremden Prinzen und
+Gesandten. Während der König und der übrige Hof in der größten
+Sparsamkeit lebten, führte Grumbkow allein einen glänzenden Haushalt.
+Der König speiste selbst gern und oft bei ihm und pflegte zu sagen: »Wer
+besser essen will als bei mir, der muß zu Grumbkow gehen.« Grumbkows
+Verschwendungssucht brachte ihn aber in eine höchst bedenkliche
+Abhängigkeit von fremden Höfen; er stand erst im englischen und später
+im österreichischen Solde. Seine Hauptfeindin war die Königin Sophie,
+deren Lieblingsplan einer Heirat ihres Sohnes Friedrich mit der
+englischen Prinzessin Amalia er hintertrieb. Damals beleidigte er die
+Königin geradezu durch unziemliche Redensarten, und sie verfluchte ihn
+dafür. Sein Ehrgeiz vermaß sich immer höher, geflissentlich säte er
+Zwietracht zwischen dem König und der Königin, endlich erschöpfte er die
+Langmut seines Herrn und fiel in Ungnade. Als der König seinen Tod
+erfuhr, sagte er: »Nun werden die Leute doch endlich einsehen, daß der
+Grumbkow nicht alles macht. Hätte er vierzehn Tage länger gelebt, so
+hätte ich ihn verhaften lassen.«
+
+Leopold von Anhalt-Dessau, den der Volksmund und die Geschichte den
+Alten Dessauer nennt, war ein Vetter des Königs und seit dem
+italienischen Feldzug eng mit ihm befreundet. Leopold verstand sich auf
+die Seele des Soldaten, und wenn er fluchte, war es dem gemeinen Mann
+wie bei einer Schmeichelei zumute. Er führte die großen Neuerungen in
+der preußischen Armee ein, die ihr später in den Schlachten Friedrichs
+des Großen die taktische Überlegenheit verschafften: den eisernen
+Ladestock und den Gleichschritt der Kolonnen.
+
+Grumbkow und der Fürst von Dessau waren grimmige Feinde. Den ersten
+Streit zwischen ihnen gab es wegen eines merkwürdigen Projektes, das
+Leopold dem König kurz nach seinem Regierungsantritt vorschlug. Leopold
+hatte in seinem Fürstentum alle Güter aufgekauft, das Land bestand am
+Ende nur noch aus Domänen und war ganz sein Eigentum geworden. Er riet
+dem König, ein gleiches zu tun, und bewies ihm, daß Dessau jetzt
+verhältnismäßig doppelt soviel einbringe, als dem König seine Staaten.
+Grumbkow widersetzte sich dem Vorschlag lebhaft und malte die
+schädlichen Folgen aus, wenn der König seinen Adel vom Güterbesitz
+vertreibe und sich vom baren Geld entblöße. Dem Fürsten schleuderte er
+die Anklage entgegen, daß ja in seinem Lande nur noch Juden und Bettler
+zu finden seien. Leopold geriet darüber in solchen Zorn, daß er den
+Minister auf Pistolen forderte, und nur mit Mühe verglich sie der König
+durch sein Dazwischentreten. Von da an war es unmöglich, beide Männer in
+leidlichem Einvernehmen zu halten. Zehn Jahre später kam es wegen des
+Vorwurfs der englischen Bestechung abermals zu einem Streit und wieder
+zu einer Herausforderung. Grumbkow lehnte ab. Um sich zu rächen
+verlangte Grumbkow vom Fürsten das Patengeschenk von fünftausend Talern,
+das er einst einer seiner Töchter versprochen hatte, wenn sie sich
+verheiraten würde. Der Fall war da. Es kam zum Wortwechsel und zu
+Beschimpfungen. Der Fürst schickte Grumbkow ein Kartell. Grumbkow
+schützte religiöse Bedenken vor und sagte, die Duelle seien nach
+göttlichen und menschlichen Gesetzen verboten. Endlich kam es aber doch
+zum Zusammentreffen, und beide Teile begaben sich vor das Köpenicker
+Tor. Sobald der Fürst, in weiter Ferne noch, seinen Gegner erblickte,
+rief er ihm zu, er solle den Degen ziehen. Grumbkow näherte sich mit
+langsamen Schritten, übergab dem Fürsten seinen Degen und sagte, er
+bitte Seine Durchlaucht untertänigst, das Vorgefallene zu vergessen und
+ihm seine Gnade wieder zu schenken. Da warf ihm der Fürst einen
+verachtungsvollen Blick zu, kehrte ihm den Rücken, schwang sich auf sein
+Pferd und ritt wieder gegen die Stadt.
+
+Jetzt trat der König ernstlicher als Vermittler auf; er begehrte, daß
+Leopold eine Bescheinigung unterschreiben solle, worin Grumbkow das
+Zeugnis eines Ehrenmanns ausgestellt war; weigere sich der Fürst, so
+werde er, Friedrich Wilhelm, alle Generale zu sich kommen lassen und
+erklären, daß, wer den Grumbkow nicht für einen braven Offizier halte,
+ein Erzhalunke sei. Es gab weitläufige Verhandlungen, mit Müh und Not
+war der Fürst zu einer Abbitte zu bewegen, und bald darauf verließ er
+den Hof von Berlin. Sein Regiment stand in Halle und in Magdeburg. In
+Halle kam es zu schweren Händeln zwischen ihm und den Studenten, die
+beim Rekrutenexerzieren im Frühjahr ein lärmendes Publikum bildeten und
+das linkische Wesen der Rekruten verhöhnten.
+
+Das Kabinettsministerium Friedrich Wilhelms blieb in den Händen des seit
+der Verschaffung der Königswürde bewährten Heinrich Rüdiger von Ilgen.
+Der kluge Westfale, den schon der große Kurfürst nach seinem Verdienst
+erkannt, gehörte zu jenen Bürgerlichen, welchen die Monarchie ihre
+Größe verdankt. Ilgen war ein sehr bedeutender Mann. Er allein hielt
+dem hartgesottenen Mylord Raby stand, der am Berliner Hof den Meister
+spielen wollte, und entfernte ihn endlich, indem er die Gräfin
+Wartenberg entfernte. In der gefährlichen Periode nach dem Utrechter
+Frieden, wo der Wind der Politik beständig umsprang, lenkte er das
+preußische Staatsschiff mit höchster Geistesgegenwart, ungetrübtem
+freien Blick und bewußter Energie. Von Jugend auf an Arbeit gewöhnt,
+gründlich unterrichtet, dabei welterfahren klug und scharfsinnig, war er
+ein Meister in der Kunst der Verstellung, mit der allein man damals
+regieren konnte. Er war immer auf der Hut, er verstand es wie
+irgendeiner von seinen geschulten Gegnern der alten Kabinette, seine
+Absichten zu verbergen, sich zweideutig auszudrücken, mit glatten Worten
+sie hinzuhalten, sie zugleich auf weiten Wegen auszuforschen, durch die
+stärksten Versicherungen von der richtigen Fährte abzulenken und unter
+den heiligsten Beteuerungen doch zu hintergehen, so wie sie ihn
+hintergehen wollten. Er hatte sich vollkommen in der Gewalt und
+beherrschte mit stets gleichbleibender kalter Besonnenheit sein
+Temperament, seine Zunge, sein Gesicht, ja sogar seine Augen. Nichts
+verriet ihn und er erriet immer. Alle Staatsgeheimnisse verschloß er in
+sich selbst, arbeitete alles selbst, hatte keine einzige Kreatur, auch
+seine Verwandten begünstigte er nicht. Seine Gabe, die Menschen zu
+erforschen, brachte ihn bei Hofe in den Ruf, daß er die Zukunft
+vorhersagen könne. Der König, obwohl er ihn nicht liebte, wußte doch,
+was er an ihm besaß.
+
+Trotz der diplomatischen Kunst seines Ministers war es dem König doch
+immer gegenwärtig, daß, um unter den Mächten Europas Bedeutsamkeit zu
+erlangen, alles auf Geld und Soldaten ankomme; das übrige fände sich
+hernach von selbst. Seine Staatswirtschaft unterschied sich durchaus von
+derjenigen aller anderen Reiche und Kronen; sein Muster war und blieb
+das Hauswesen eines wohlhabenden Gutsbesitzers. Seine Neigung für das
+Soldatenwesen schien ein Spiel, aber hinter diesem Spiel verbarg sich
+ein tiefer, zukunftahnender Ernst. Es gibt eine Mitteilung über eine
+merkwürdige Stelle in Friedrich Wilhelms Testament; sie stammt vom
+Ritter Zimmermann und lautet: Mein ganzes Leben hindurch fand ich mich
+genötigt, um dem Neid des österreichischen Hauses zu entgehen, zwei
+Leidenschaften auszuhängen, die ich nicht hatte; eine war ungereimter
+Geiz und die andere eine ausschweifende Neigung für große Soldaten. Nur
+wegen dieser so sehr in die Augen fallenden Schwachheiten vergönnte man
+mir das Einsammeln eines großen Schatzes und die Errichtung einer
+starken Armee. Beide sind nun da, und nun bedarf mein Nachfolger weiter
+keiner Maske.
+
+Sobald er den Thron bestiegen hatte, begannen die Werbungen in einem
+vorher nicht dagewesenen Umfang. Im ganzen Land wurde eine förmliche
+Jagd auf Bürger und Bauern veranstaltet. Scharen junger Leute flüchteten
+vor dem Korporalstock der Werbewütriche, und es kam vor, daß die Werber
+in Kirchen eindrangen und sich der jungen Männer während des
+Gottesdienstes bemächtigten. Es fehlte dem König gegenüber nicht an
+Klagen und Vorstellungen. Einmal wurde ihm ein Brief in die Hände
+gespielt, auf dem zu lesen war: Wer einen Menschen stiehlet und
+verkauft, daß man ihn bei ihm findet, der soll des Todes sterben. 2.
+Moses 21, 16. Wenn jemand funden wird, der aus seinen Brüdern eine Seele
+stiehlet aus den Kindern Israel und versetzt oder verkauft sie, solcher
+Dieb soll sterben. 5. Moses 24, 7. Aber das waren Zitate aus dem Alten
+Testament, und das Alte Testament war ja dem König verhaßt; auch konnte
+der Hofhistoriograph Coßmann aus dem 1. Buch Samuelis, Kapitel 8
+klärlich erweisen, daß es göttliches Recht der Könige sei, Knechte und
+Mägde, Söhne und Esel wegzunehmen. Friedrich Wilhelm ereiferte sich
+sehr, wenn er vernahm, daß fremde Staaten Verbote gegen seine Werbungen
+erlassen hätten; er hielt es für Unrecht, wenn sie ihm lange Kerle
+verweigerten, da niemand sie so gut zu schätzen wisse als er.
+
+Die langen Kerle, das war die berühmte Potsdamer Garde, riesengroße
+Leute, die er in seinen eigenen Staaten ausheben, aus allen Weltgegenden
+für ansehnlichen Sold und gutes Handgeld sich verschreiben, von
+befreundeten Fürsten sich schenken oder im Notfall durch seine Werber
+mit Gewalt entführen ließ. Er schrieb einmal an den Grafen Seckendorf:
+»Wenn ich kann von meinen beiden Vettern in Anspach und Bayreuth
+vierhundert oder sechshundert Mann als Rekruten kriegen, will ich für
+jeden nackenden Kerl dreißig Taler geben.« Im Lauf von zwanzig Jahren
+schickte er ungefähr zwanzig Millionen Werbetaler in die Fremde. Mit
+Pässen, die vom König unterzeichnet waren, machten die Werber in allen
+deutschen und in den benachbarten Ländern Jagd auf lange Kerle. Im
+Jülichschen passierte es einmal, daß ein Oberstleutnant bei einem sehr
+langen Tischlermeister einen Kasten bestellte, der so lang und so breit
+sein sollte, wie der Tischler selber war. Als der Oberstleutnant nach
+einigen Tagen wiederkam, um den Kasten abzuholen, erklärte er, der
+Kasten sei zu kurz. Der Tischler legte sich sofort selbst hinein, um zu
+beweisen, daß der Kasten die nötige Länge habe. Geschwind ließ der
+Oberstleutnant von seinen Leuten den mitgebrachten Deckel zumachen und
+den Kasten von seinen Rekruten davontragen. Als aber der Kasten vor dem
+Tor aufgemacht wurde, war der lange Tischlermeister erstickt. Der
+Oberstleutnant wurde zwar zum Tode verurteilt, der König begnadigte ihn
+aber zu lebenslänglicher Festung. Der österreichische Hof, der russische
+und der polnisch-sächsische kamen der Passion des Königs freundlich
+entgegen. Für hundert russische Potsdamer, die ihm der Zar Peter, dann
+die Kaiserinnen Katharina und Anna zukommen ließen, gab er ihnen als
+Gegengeschenk das berühmte Bernsteinkabinett, das sein Vater angelegt
+hatte, und später eine bestimmte Zahl ausgebildeter preußischer
+Unteroffiziere. Von August dem Starken erwarb er gegen eine Partie
+Porzellan die dafür so genannten Porzellanregimenter.
+
+[Illustration: Friedrich Wilhelm I., nach einem Stich von G. P. Busch.]
+
+Der gewöhnliche Preis eines langen Kerls von fünf Fuß zehn Zoll
+rheinländischen Maßes war siebenhundert Taler; einer von sechs Fuß wurde
+mit tausend Talern bezahlt, und war er noch länger, so stieg der Preis
+noch höher. Einer der teuersten war der Irländer Kirkland; für diesen
+zahlte der preußische Gesandte in London neuntausend Taler. Für einen
+andern bekam der General Schmettau fünftausend Taler und eine
+Stiftsstelle für seine Schwester. Im Lande selbst ward alles aufgeboten,
+damit man sich der tauglichen Subjekte rechtzeitig versichern konnte.
+Kinder in der Wiege, die lang zu werden versprachen, bekamen eine rote
+Halsbinde und ihre Eltern das Handgeld. Es gab Dorfschulen, wo alle
+Knaben solche Binden trugen. Ein sonderbarer Versuch des Königs, recht
+lange Potsdamer mit recht langen Frauen zusammenzugeben, um von ihnen
+wieder recht lange Kinder zu erhalten und auf solche Art ein Geschlecht
+von Giganten aufzuziehen, mißglückte leider.
+
+Das Infanterieregiment der blauen Grenadiere, das Königsregiment
+genannt, war das schönste in ganz Europa. Es bestand aus Leuten von
+allen Ecken und Enden der Welt, Deutschen, Holländern, Engländern,
+Schweden, Dänen, Russen, Walachen, Ungarn, Polen und Litauern. Franzosen
+waren grundsätzlich ausgeschlossen, aber wenn sie sechs Fuß maßen,
+konnte der König nicht widerstehen. Die »lieben blauen Kinder« waren
+seine größte Freude. Er ging mit ihnen um wie ein Kamerad und wie ein
+Vater; jeder Soldat hatte bei ihm freien Zutritt. Die größten hatte er
+malen lassen, und ihre Bilder hingen in den Gängen des Potsdamer
+Schlosses. Der Flügelmann Jonas mußte sogar in Stein gehauen werden, und
+zwar, befahl der König, so ähnlich wie möglich. Es war den lieben blauen
+Kindern gestattet, Bier- und Weinhäuser, Material- und Italienerläden zu
+halten und Gewerbe zu treiben. Einigen baute der König Häuser, andern
+schenkte er Geld und Grundstücke, verheiratete sie und hob ihre Kinder
+aus der Taufe.
+
+Um eine solche durch Zwangswerbung entstandene Armee in Ordnung zu
+halten, bedurfte es der schärfsten Disziplin. Die Truppen wurden
+jährlich neu gekleidet, die Infanterie blau, die Kavallerie weiß, die
+Husaren rot. Alle trugen, wie der König selbst, den langen Zopf und
+Puder in den Haaren. Die Monturen waren so eng, daß die Leute oft nicht
+wagten, sich zu bewegen, aus Furcht, die Röcke könnten zerreißen. Einmal
+bemerkte der König vom Fenster des Schlosses aus einen Offizier, der
+einen zu langen Rock an hatte; er ließ ihn sogleich rufen und schnitt
+ihm eigenhändig mit der Schere das vorschriftswidrige Stück weg.
+Exerziert wurde unaufhörlich, und es war das größte Glück des Königs,
+wenn bei jedem Kommando in der ganzen Linie nur ein Griff zu sehen, beim
+Marschieren nur ein Tritt und beim Feuern der Rotten nur ein Schuß zu
+hören war. Der Ton im Heer war streng und rauh, die Strafen waren
+furchtbar. Wenn ein Soldat desertierte, mußten Bürger und Bauern die
+Sturmglocken läuten, und wer den Flüchtling wieder einbrachte, bekam
+zwölf Taler. Um dem allmählich überhand nehmenden Werbeunfug zu steuern,
+erließ der König im Jahre 1733 das berühmte Kantonreglement, das den
+Keim und Anfang des allgemeinen Wehrpflichtgesetzes darstellt. Alle
+Einwohner des Landes wurden als für die Waffen geboren erklärt;
+ausgenommen waren nur die kleinen, die Söhne des Adels und die Söhne
+derjenigen Bürger, die einen gewissen Reichtum nachzuweisen vermochten.
+
+Zeit seines Lebens bezeugte Friedrich Wilhelm für Kaiser und Reich eine
+Ehrerbietung und Treue der Gesinnung, die man bei einem so mächtigen
+Herrn, welcher achtzigtausend Soldaten unter sich stehen hatte, nicht
+vermuten konnte. Er warb um die Gunst der kaiserlichen Minister, und
+einmal sagte er: »Ich würde mich begnügen, wenn ich des Kaisers
+Kammerpräsident wäre.«
+
+Alles was nicht deutsch war, war ihm nicht zu Sinne, und sonderlich
+waren ihm die Franzosen ein Greuel »mit ihren Quinten und französischen
+Winden«. Um den Berlinern die französischen Moden zu verleiden, ließ er
+seinen Profosen französische Kleider tragen, grüne Röcke mit
+großmächtigen Aufschlägen, gelbe Westen und gelbe Strümpfe, dazu
+ungeheuer große Hüte wie Wetterdächer und Haarbeutel wie riesige Säcke.
+Auf dem Theater ließ er einmal ein Stück aufführen, das den Titel hatte:
+»Der anfangs hitzig und großsprechende, zuletzt aber mit Schlägen
+abgefertigte Marquis«. Ebenso verhaßt waren dem König »die hoffärtigen
+Leute über dem großen Wassergraben«, wie er die Engländer nannte. Als
+ihn zwei reformierte Prediger um die Erlaubnis baten, ihre Söhne nach
+England zu den Erzbischöfen von Canterbury und York schicken zu dürfen,
+schlug er es mit der Begründung ab, daß in England keine Orthodoxie in
+der Religion statuiert werde und es überhaupt ein Sündenland sei. »Der
+König,« schreibt Seckendorf 1726 an Prinz Eugen, »ist sehr gegen die
+englische Nation pikiert und souteniert nicht ohne Grund, daß selbige
+durch ihre Seemacht das Comercium von ganz Europa an sich nehmen wolle.«
+Im Jahre 1730 wurden zwischen Deutschland und England Verhandlungen zu
+einer Doppelheirat gepflogen; der Kronprinz Friedrich sollte die Tochter
+Georgs II. und der Prinz von Wales die Prinzessin Friederike angetraut
+bekommen. England forderte nur, daß der König den Minister Grumbkow als
+einen Verräter im Dienst und Solde Österreichs entferne, und der
+Gesandte Hotham erbot sich, diese Anklage aus aufgefangenen Briefen
+Grumbkows zu beweisen. Der Graf Seckendorf stellte aber dem König vor,
+daß England den treuen Minister nur deshalb entfernen wolle, um mehr
+Einfluß am preußischen Hof zu gewinnen; die aufgefangenen Briefschaften
+seien unterschoben und künstlich fabriziert. Als nun Hotham zur Audienz
+kam und die Zuversicht aussprach, daß der König den Verräter sofort
+entlassen werde, geriet Friedrich Wilhelm in solchen Zorn, daß er dem
+Gesandten Großbritanniens die Dokumente ins Gesicht warf und sogar den
+Fuß aufhob, als wollte er ihn mit einem Tritt bedienen. Der Gesandte
+machte Anstalten zu seiner Abreise, Friedrich Wilhelm erkannte seine
+Übereilung und ließ sich zweimal entschuldigen, aber kurz darauf wollte
+er seine Gemahlin, die englische Prinzessin, bei der Tafel nötigen, auf
+Englands Untergang zu trinken.
+
+Mit Holland und Sachsen-Polen stand der König gut, aber seine größte
+Sympathie hatten doch die Russen. Er war sehr für die russische Allianz,
+und der Gedanke des nordischen Drei-Adlerbündnisses schwebte ihm immer
+vor der Seele. Der große Kurfürst war anderer Meinung gewesen und hatte
+tiefer gesehen, wie sein Wort beweist: Die Russen sind Bären, die man
+nicht loslassen muß, weil es schwer ist, sie wieder anzubinden.
+
+Die Königin Sophie Dorothea verübelte es ihrem Gemahl sehr, daß er sich
+allerwegen für das Interesse des Kaisers einsetzte. Einmal sagte sie bei
+Tisch vor seinen Vertrauten und Offizieren zu ihm: »Ich will noch
+erleben, daß ich Euch Ungläubige will gläubig machen und dartun, wie Ihr
+seid betrogen worden.« Aber der König ließ sich nicht irre machen. Einst
+schrieb er an Seckendorf: »Meine Feinde mögen tun was sie wollen, so
+gehe ich nit ab vom Kaiser, oder der Kaiser muß mich mit Füßen
+wegstoßen, sonsten ich mit Treu und Blut sein bin und bis in mein Grab
+verbleibe.« Er war auch der Ansicht, die deutschen Fürsten müßten
+geradezu gezwungen werden, die pragmatische Sanktion anzuerkennen.
+»Weigern sie sich, oder wollen sie sich nit explizieren,« schrieb er,
+»so muß man die Laus und Motten nit im Pelz lassen wuchern, daß der
+ganze Pelz nit verdorben sei.« Im Jahre 1729 schon drohte der Krieg, und
+da schrieb der König an Seckendorf: »Ich wünsche, daß es losgehe und
+kann versichern, daß ich mit Gut und Blut beistehen werde, aber es muß
+alles reichskonstitutionsmäßig sein, und die Auswärtigen müssen
+attackieren, dann ohne Räsonieren drup! drup! Mit die größte Pläsier von
+der Welt, die stolzen Leute zur Räson bringen zu helfen, sie sollen
+sehen, daß das deutsche Blut nit verwüstet ist.« Aber als es fünf Jahre
+später zum Krieg zwischen Frankreich und Österreich kam, wollte er seine
+Truppen doch nicht marschieren lassen und sagte: »Ich gebe keinen Mann
+und kein Geld. Ich muß wissen woher und wohin.« Dann ließ er aber doch
+zehntausend Blauröcke ins Feld rücken. Der Kardinal Fleury schickte ihm
+eine künstlich gearbeitete goldene Birne, in welcher ein Wechsel auf
+fünf Millionen Pistolen lag, zahlbar, wenn der König sich für Frankreich
+erklären würde. Er wies das Anerbieten zurück. In der Folge wurde er
+aber vom Kaiser mit Undank belohnt, und als es zum Frieden kam, wurde
+Preußens Stimme nicht einmal gehört. Ein halbes Jahr später sagte er bei
+einer Unterredung in Potsdam, indem er auf seinen so lange mißhandelten
+Sohn Friedrich wies, die berühmten Worte: »Da steht einer, der mich
+rächen wird.« Noch zwei Jahre früher freilich hatte er dieses Genie so
+über die Achsel angesehen, daß er sich geäußert hatte: »Fritzchen #ne
+sait rien du tout des affaires.# Wenn du es nicht recht anfangen wirst
+und alles drunter und drüber gehen wird, so werde ich in meinem Grabe
+über dich lachen.«
+
+Als der Kronprinz Friedrich sechs Jahre alt war, erhielt er zwei
+militärische Gouverneure von seinem Vater, und diesen ward
+eingeschärft, ihn in der Furcht Gottes zu erziehen, denn dies sei das
+einzige Mittel, so schreibt der König selbst in seiner Instruktion, die
+von menschlichen Gesetzen und Strafen befreite suveräne Macht in den
+Schranken der Gebühr zu erhalten. Man müsse ihn zum Guten antreiben und
+die Begierde zum Ruhm und zur Bravur in ihm erwecken, von Opern,
+Komödien und andern weltlichen Eitelkeiten abhalten und ihm so viel als
+möglich Ekel davor machen. Aber alles was zu lernen sei, solle ihm ohne
+Ekel und Verdruß beigebracht werden. »Sie müssen ihn nicht bei Leib und
+Leben verzärteln oder gar zu weichlich gewöhnen. Vor der Faulheit, als
+woraus Verschwendung entsteht, soll ihm der allergrößte Abscheu von der
+Welt gemacht werden. Er soll nie allein gelassen werden, weder bei Tag
+noch bei Nacht, einer der Gouverneure soll jederzeit bei ihm schlafen.
+Da sich bei herannahenden Jahren oftmals das Laster der Hurerei
+einzuschleichen pflegt, soll sowohl der Oberhofmeister als auch der
+Subgouverneur vor allen Dingen achthaben, daß solches verhütet werde,
+widrigenfalls sie mir mit ihren Köpfen davor haften sollen.« Und in
+einem späteren Reglement heißt es: »Am Sonntag morgen soll er um sieben
+Uhr aufstehen; und sobald er die Pantoffel an hat, soll er vor dem Bette
+auf die Knie niederfallen und zu Gott kurz beten, und zwar laut, daß
+alle, die im Zimmer sind, es hören können. Dann soll er sich hurtig
+anziehen und proper waschen, schwänzen und pudern; dann soll er
+frühstücken in sieben Minuten Zeit. Dann sollen alle seine Domestiken
+und Duhan hereinkommen, das große Gebet gehalten, auf die Knie, darauf
+Duhan ein Kapitel aus der Bibel lesen soll und ein oder ander gutes Lied
+singen soll, da es dreiviertel auf acht sein wird. Alsdann wieder alle
+Domestiken herausgehen sollen. Duhan soll alsdann mit Meinem Sohn das
+Evangelium vom Sonntag lesen, kurz explizieren und dabei allegieren, was
+zum wahren Christentum nötig ist, auch etwas von #Katechismo noltenii#
+repetieren, und soll dies geschehen bis neun Uhr; alsdann mit Meinem
+Sohn zu Mir herunter kommen soll und mit Mir in die Kirche gehen und
+essen; der Rest des Tages ist vor Ihn. Des Abends soll er um halb zehn
+Uhr von Mir guten Abend sagen, dann gleich nach der Kammer gehen, sich
+sehr geschwind ausziehen, die Hände waschen, dann soll Duhan ein Gebet
+auf den Knien halten, ein Lied singen, dabei wieder alle Seine
+Domestiken zugegen sein sollen, alsdann Mein Sohn gleich zu Bette gehen
+soll.« So war auch für die Wochentage die Stundeneinteilung aufs
+genaueste geregelt. Das Budget des Prinzen ward ungemein kärglich
+bemessen, und der König prüfte alle Rechnungen selbst.
+
+Friedrich sollte nach dem Willen seines Vaters vor allem ein guter
+Soldat werden; aber sein feiner, rascher und feuriger Geist war durch
+das pedantische Leben, das er führen mußte, das unablässige Exerzieren,
+das Absperren von Musik und Büchern, zu denen ihn seine innerste
+Herzensneigung zog und die ihm der Vater beharrlich verwehrte, aufs
+tiefste bedrückt. Er lehnte sich auf gegen die Tyrannei, gab sich
+Ausschweifungen hin und warf sich mit aller Glut einer jugendlichen und
+unbefriedigten Seele der französischen Philosophie in die Arme. Der
+König, dem die Änderung im Wesen des Sohnes nicht entgehen konnte,
+behandelte ihn nur um so strenger. Die Königin hatte Friedrich heimlich
+Unterricht im Flötenspiel geben lassen; er hatte oft in versteckten
+Gewölben Konzerte veranstaltet oder seine musikalischen Freunde in den
+Wald bestellt; während sein Vater Schweine hetzte, wurden die Flöten und
+Geigen aus den Jagdtaschen gezogen und im Waldesdunkel konzertiert. Der
+König kannte diese Neigung und nannte seinen Sohn verächtlich den
+Querpfeifer und Poeten. Auf Friedrichs Bitten hatte die Königin den
+berühmten Flötenspieler Quanz nach Berlin kommen lassen; der König hatte
+Nachricht davon erhalten und den Prinzen überrascht; Quanz konnte zwar
+noch glücklich in einem Kamin versteckt werden, er erzählte später, daß
+ihm nie eine Pause so schwer zu halten gewesen sei, aber der König hatte
+im Zimmer des Prinzen brokatne Schlafröcke und französische
+Gedichtbücher gefunden. Die Schlafröcke ließ er verbrennen, die Bücher
+verkaufen. Wütend darüber, daß sein Sohn den Petitmaitre machte,
+schickte der König eines Morgens den Hofbarbier Sternemann zu Friedrich
+mit dem Befehl, ihm die schönen, langen, braunen Seitenlocken
+abzuschneiden und ihn vorschriftsmäßig einzuschwänzen. Als der gutmütige
+Mann den Prinzen weinen sah, legte er die Schere weg und band die Locken
+in den Zopf mit ein. Als Friedrich sich bei seiner Tafel statt der
+zweizinkigen Eisengabeln gegen den Befehl dreizinkige silberne
+anschaffen ließ, ward er geschlagen. Auch bei anderen Gelegenheiten
+wurde er von seinem Vater mißhandelt, und seine Lage erschien ihm
+plötzlich so unerträglich, daß er den Plan faßte, zu entfliehen. Aber
+der unvorsichtige Katte, der überall in Berlin mit der Freundschaft des
+Kronprinzen prahlte, hatte geschwatzt, und der König, den sein Sohn auf
+einer Rheinreise begleitete, ließ ihn in Wesel verhaften und fragte ihn,
+warum er habe desertieren wollen. »Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn,
+sondern wie einen niederträchtigen Sklaven behandelt haben,« antwortete
+Friedrich. »Ihr seid also nichts weiter als ein feiger Desertör ohne
+Ehre?« sagte der König. »Ich habe so viel Ehre wie Sie,« antwortete
+Friedrich, »und habe nur das getan, was Sie mir hundertmal gesagt haben,
+Sie würden es an meiner Stelle tun.« Der König zog den Degen und wollte
+in der Hitze den Sohn erstechen. Der Mut des Kommandanten von Wesel
+rettete Friedrich; er warf sich zwischen Vater und Sohn und rief dem
+König zu: »Sire, durchbohren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes!«
+
+Der neunzehnjährige Prinz ward aus der preußischen Armee gestoßen und
+auf die Festung Küstrin gebracht. Sein Gefängnis war sehr hart. Die Tür
+war mit zwei großen Vorlegeschlössern versperrt, sein Essen, aus der
+Garküche mittags für sechs Groschen und abends für vier Groschen, mußte
+ihm vorher entzweigeschnitten werden, Messer und Gabel waren verboten,
+ebenso Tinte und Feder, Bücher und Flöte. Niemand durfte sich länger als
+vier Minuten bei ihm aufhalten, und um acht Uhr abends hatte der
+wachthabende Offizier den Befehl, die Kerzen auszulöschen. Einmal
+erinnerte er den Prinzen daran, zu Bett zu gehen, und als dieser nicht
+darauf achtete, blies er die Lichter aus. Friedrich gab ihm eine
+Ohrfeige. Am andern Morgen erschoß sich der Offizier. Die beabsichtigte
+Desertion allein hätte nicht des Königs Zorn so erregen können, wie es
+der Fall war. Man hatte ihm hinterbracht, und hier hatte wahrscheinlich
+Grumbkow seine Hand im Spiele gehabt, daß Friedrich nach Österreich
+fliehen gewollt, um katholisch zu werden und sich mit Maria Theresia zu
+verheiraten. Katholisch werden, das war für den König der Schrecken und
+das Grauen. Grumbkow, der sich überzeugt hatte, daß die Königin und die
+Prinzessin Friederike die wichtigsten Papiere beiseite gebracht hatten,
+drängte den Prinzen zu Aussagen über einige Punkte. Friedrich antwortete
+mit stolzer Verachtung. Da hatte Grumbkow die Stirn, mit der Folter zu
+drohen. Friedrich erwiderte, ein Henker könne nur mit Vergnügen von
+seinem Henkerhandwerk reden, und er wolle sich nicht zu weiteren
+Geständnissen erniedrigen. Die Untersuchung ergab, daß er zur Flucht
+fünfzehntausend Taler geborgt hatte, auch wurde ihm ein
+Liebesverständnis mit der schönen Potsdamer Kantorstochter Doris Ritter
+zur Last gelegt. Der König befahl, das Mädchen auszupeitschen und nach
+Spandau ins Spinnhaus bringen zu lassen; der Vater verlor sein Amt. Das
+furchtbarste Schicksal aber hatte Katte. Er hatte mit der Flucht
+gezögert, weil ein Mädchen ihn hielt, war arretiert und vom
+Kriegsgericht zur Ausstoßung aus der Armee und zu lebenslänglicher
+Festung verurteilt worden. Der König verschärfte das Urteil auf die
+Todesstrafe. Am sechsten November früh sieben Uhr wurde der
+zweiundzwanzigjährige Mensch am Schlosse vorbei und auf den Wall
+geführt. Friedrich öffnete das Fenster und rief mit lauter Stimme:
+»Verzeih mir, lieber Katte.« Katte erwiderte: »Der Tod für einen solchen
+Prinzen ist süß.« Damit ging er mutig zum Richtplatz, wo sein Kopf fiel.
+Friedrich wurde ohnmächtig und blieb dann bis zum Abend regungslos am
+Fenster stehen, den Blick unverwandt auf die Richtstätte gerichtet.
+Wahrscheinlich begann mit diesem Tag seine völlige Umkehr und
+Verwandlung, zum Heil seines Volkes und der Welt. So ist, was grausam
+und dem einzelnen schwer zu tragen scheint, in einem höheren Sinne
+Notwendigkeit.
+
+Der Areopag, vor welchem am Berliner Hofe die Angelegenheiten der innern
+und äußern Politik verhandelt wurden, war das Tabakskollegium. Die
+Tabaksstube war auf holländische Art wie eine Prachtküche mit einem
+hohen Gestell von blauen Tellern eingerichtet; jeden Abend gegen sechs
+Uhr kam das Tabakskollegium zusammen und blieb bis zehn Uhr und auch
+länger. Es gehörten dem Kollegium an: Grumbkow, der Alte Dessauer, der
+Graf Dönhoff, der Oberst von Derschau, die Generale von Gerstorf und von
+Sydow, Jean de Forcade, der Kommandant von Berlin, Peter von Blankensee,
+bei Hofe der Blitzpeter genannt, Kaspar Otto von Glasenapp, Christoph
+Adam von Flanz, der beste Rebhuhnschütze, Dubislav Gundomar von Natzmer,
+Heinrich Karl von der Marwitz, Friedrich Wilhelm von Rochow, Wilhelm
+Dietrich von Buddenbrock, Arnold Christoph von Waldow, Johann Christoph
+Friedrich von Haake und die von Fall zu Fall gebetenen Minister und
+Gesandten.
+
+Um den Haupttisch saßen die Herren mit ihren breiten Ordensbändern und
+rauchten aus langen holländischen Pfeifen; vor jedem von ihnen stand ein
+weißer Krug mit Ducksteiner Bier und ein Glas. Die nicht wirklich
+rauchen konnten, wie der Alte Dessauer und der Graf Seckendorf, mußten
+wenigstens eine Pfeife in den Mund nehmen und kalt rauchen; Seckendorf
+war sogar so gefällig, sich durch fortwährendes Blasen mit den Lippen
+den Anschein eines geübten Rauchers zu geben. Es ergötzte den König
+höchlich, wenn fremde Prinzen, die als Gäste anwesend waren, betrunken
+gemacht werden konnten oder wenn ihnen das ungewohnte Tabakskraut
+Sterbensübelkeit verursachte. Er selbst rauchte passioniert, jeden Abend
+dreißig Pfeifen. Auf dem Tische lagen die Zeitungen, die Berliner, die
+Hamburger, die Leipziger, die Frankfurter, die Breslauer, die Wiener,
+auch holländische und französische. Ein Vorleser war bestellt, der sie
+vorlesen, und, was unverständlich war, erklären mußte. Dieser Vorleser
+hieß Jakob Paul Freiherr von Gundling.
+
+Gundling war ein Franke, ein Pfarrerssohn aus Hersbruck bei Nürnberg. Er
+war durch Danckelmann nach Berlin gekommen und Professor an der
+Ritterakademie gewesen, der König erhob ihn auf Grumbkows Empfehlung zum
+Hofrat und Zeitungsreferenten beim Tabakskollegium; er erhielt freie
+Tafel bei Hof, Wohnung im Schlosse und mußte den König auf allen seinen
+Gängen begleiten, um ihm mit seiner Gelahrtheit und instruktiven
+Unterhaltung nahe zu sein. Er galt als ein wichtiger Mann, und der
+russische wie der kaiserliche Hof verschmähten es nicht, ihn durch
+Gnadenketten zu gewinnen. Um die Gelehrsamkeit, die er wirklich besaß,
+recht lächerlich zu machen, mußte er beim König den Hofnarren abgeben.
+Der König erhob ihn zu einer bereits abgeschafften Würde, der des
+Oberzeremonienmeisters, und schenkte ihm den Anzug des verabschiedeten
+Besser, den dieser beim Krönungsfest getragen hatte; es war ein roter,
+mit schwarzem Samt ausgeschlagener Leibrock mit großen französischen
+Aufschlägen und goldenen Knopflöchern, dazu eine große Staatsperücke mit
+langen Locken aus weißen Ziegenhaaren, ein großer Hut mit weißen
+Straußfedern, gelbe Beinkleider, seidene Strümpfe mit goldenen Zwickeln
+und Schuhe mit roten Absätzen. Der König machte ihn, und zwar an Stelle
+des großen Leibniz, zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften. Er
+gab ihm den Freiherrntitel und die Kammerherrnwürde.
+
+In der Trunkenheit schnitt man ihm einst den Kammerherrnschlüssel ab.
+Der König drohte, ihn wie einen Soldaten zu behandeln, der sein Gewehr
+verloren hat. Nachdem Gundling acht Tage hindurch einen ellenlangen
+hölzernen Schlüssel zur Strafe auf der Brust hatte tragen müssen, ward
+ihm der verlorene wieder eingehändigt, und er ließ ihn nun von einem
+Schlosser mit starkem Draht an seinem Rockschoß befestigen. Alle Würden
+und Chargen, auch die des geheimen Oberappellationsrats, des Kriegs- und
+Hofkammerrats, des Hof- und Kammergerichtsrats, des Freiherrn und
+Historiographen erhielt Gundling nur, um ihn und die Ämter damit zu
+verspotten. Einmal machte Gundling den Vorschlag, Maulbeerbäume in der
+preußischen Monarchie anzupflanzen; da ernannte ihn der König zum
+geheimen Finanzrat mit der Weisung an den vorsitzenden Etatsminister,
+»man solle Gundling feierlich in das Kollegium introduzieren, ihn #cum
+voto sessionis# anstellen und ihm das Departement aller seidenen Würmer
+im ganzen Land übertragen«.
+
+Dem armen Gundling ward oftmals so stark zugesetzt, daß er seiner nicht
+mächtig blieb. Man heftete ihm allerlei Figuren von Eseln, Kamelen und
+Ochsen an sein Staatskleid und malte ihm einen Schnurrbart. Man ließ ihn
+aus den Zeitungen die boshaftesten Artikel über seine eigene Person
+vorlesen, die der König eigens an die Redaktionen hatte schicken lassen.
+Man setzte einen Affen, der genau wie Gundling gekleidet und mit dem
+Kammerherrnschlüssel geschmückt war, an seine Seite; der König
+behauptete, der Affe sei Gundlings natürlicher Sohn, und er wurde
+gezwungen, das Tier vor dem ganzen Tabakskollegium zu umarmen. In
+Wusterhausen, wo auf dem Schloßplatz immer mehrere junge Bären
+herumliefen, legte man ihm einige Bären in sein Bett, die Vorderfüße der
+Bestien waren zwar verstümmelt, dennoch hätten sie ihn mit ihren
+Umarmungen beinahe totgedrückt, und er bekam den Bluthusten. Einmal im
+Winter taumelte er betrunken über die Wusterhausener Schloßbrücke; da
+packten ihn auf Befehl des Königs vier handfeste Grenadiere, und an
+Stricken ließen sie den schweren Mann solange in den gefrorenen
+Schloßgraben hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter, bis er das
+Eis durchgestoßen hatte. Diese Szene mußte zur besonderen Ergötzlichkeit
+des Königs wiederholt und sogar gemalt werden. Einmal war Gundling zu
+Gaste geladen und ließ sich in einer Sänfte tragen. Plötzlich wich der
+Boden der Sänfte unter ihm, er schrie den Trägern zu, sie möchten
+halten, aber je lauter er rief, je schneller rannten die Träger und
+zwangen ihn so, nach Art des Pachter Feldkümmel mit ihnen zu laufen.
+Häufig fand Gundling, wenn er nachts nach Hause kam, sein Studierzimmer
+zugemauert; anstatt sich zur Ruhe legen zu können mußte er stundenlang
+die Türe suchen und endlich an der Treppe schlafen.
+
+Eines Tages entfloh der schwergeplagte Mann zu seinem Bruder, dem
+Professor Nikolaus Hieronymus in Halle. Der König ließ ihn aber wieder
+holen und machte Miene, ihn als Desertör zu bestrafen. Da er aber eine
+ungewöhnliche Stille an ihm bemerkte, nahm er zu dem alten Köder der
+Eitelkeit seine Zuflucht: er erhob ihn in den Freiherrnstand, und zwar
+mit der Anciennität von sechzehn Ahnen väterlicher und mütterlicher
+Seite. Es dauerte aber nicht lange, und der König ließ wieder einen
+seiner derbsten Schwänke an ihm verüben. Auf seinen Befehl schrieb
+Faßmann, der Autor der damals beliebten »Gespräche im Reich der Toten«
+eine bösartige Satire auf Gundling, betitelt: »Der gelehrte Narr«, und
+erhielt den Auftrag, sie Gundling im Tabakskollegium zu überreichen.
+Gundling wurde hochrot vor Zorn und kam so in Harnisch, daß er eine der
+zum Pfeifenanbrennen mit glühendem Torf gefüllten Pfannen ergriff und
+sie Faßmann ins Gesicht schleuderte, wovon diesem die Brauen und Wimpern
+versengt wurden. Sofort setzte sich Faßmann vor den Augen Seiner
+Majestät in Avantage, entblößte Gundling die hinteren Kleider und
+bearbeitete ihn mit der heißen Pfanne dermaßen, daß er vier Wochen lang
+nicht sitzen konnte. Seitdem begegneten sich die beiden gelehrten Herrn
+im Tabakskollegium niemals, ohne daß es zum Faustkampf kam. Der König,
+die Generale, die Minister und die Gesandten sahen den Turnieren zu.
+Schließlich verlangte der König, die beiden Herren sollten ihren
+Ehrenhandel durch ein Duell zum Austrag bringen. Faßmann forderte
+Gundling auf Pistolen, Gundling mußte die Forderung annehmen, er mochte
+wollen oder nicht. Als die Kombattanten auf dem Schloßplatz erschienen,
+warf Gundling die Pistole weg, Faßmann schoß ihm die seinige, die nur
+mit Pulver geladen war, in die Perücke, welche zu brennen anfing;
+Gundling fiel vor Schreck auf die Erde, und ein ganzer Eimer kalten
+Wassers, den man über ihn schüttete, konnte ihm nicht die Gewißheit
+geben, daß er noch lebte.
+
+Achtundfünfzig Jahre alt, beschloß Gundling sein Dasein. Bei der Sektion
+ergab sich, daß er im Magen ein großes Loch hatte; der Magen war vom
+vielen Trinken geborsten. Seit zehn Jahren war vom König ein mächtiges
+Weinfaß zu seiner letzten Ruhestätte bestimmt worden. In seinem besten
+Staatskleid angetan, ward er in dieses Faß gelegt und so in Bornstädt
+bei Potsdam trotz des Widerspruchs der Geistlichkeit wirklich begraben.
+Faßmann hielt dem preußischen Freiherrn mit der Anciennität von sechzehn
+Ahnen, dem preußischen Kammerherrn, Präsidenten, Finanzrat und
+Historiographen die Nach- und Trauerrede über seine Weinfaß-Ruhestätte.
+
+In Potsdam gab der König im Winter einige Assembleen, in Berlin
+unterließ er dies aus Sparsamkeitsgründen, da mußten die Generale und
+Minister auf ihre Kosten Assembleen geben, aber bei den Diners, wo
+Friedrich Wilhelm ein freies Gespräch liebte, verbat er sich die
+Anwesenheit von Damen. Der Hauptgastgeber war Grumbkow. Ein wegen seiner
+Knauserei bekannter General, bei dem sich der König zu Gast geladen
+hatte, entschuldigte sich einst, daß er keine eigene Wirtschaft führe.
+Der König verwies ihn zum Gastwirt Nikolai, erschien dort mit großem
+Gefolge, und es wurde vortrefflich gegessen und getrunken. Beim
+Aufstehen rief der General den Wirt herein und fragte ihn, was das
+Gedeck koste. »Ohne den Wein einen Gulden die Person,« antwortete der
+Wirt. »Schön,« sagte der General, »hier ist ein Gulden für mich und
+einer für Seine Majestät; die andern Herrn, die ich nicht gebeten habe,
+bezahlen für sich.« Der König lachte und erwiderte, das sei ganz fein;
+er habe den Herrn zu prellen geglaubt, und nun sei er selber geprellt.
+Darauf bezahlte er die ganze Rechnung.
+
+Später wurde die Einrichtung der Assembleen einem herumreisenden
+Komödianten übertragen, einem gewissen Karl von Eggenberg. Er war ein
+Sattlersohn aus dem Bernburgischen, war vom König von Dänemark geadelt
+worden und hatte Friedrich Wilhelm durch seine Körperkraft in Erstaunen
+gesetzt; man hieß ihn nur den starken Mann, und er konnte eine zwei
+Zentner schwere Kanone samt einem Tambur in die Höhe heben und solange
+halten, bis der Tambur ein Glas Wein ausgetrunken hatte. Er kam reich
+nach Berlin, baute ein Haus, stand beim König, dem er die Husarenpferde,
+dänische Hengste, besorgte, in großer Gunst, und er war es auch, der das
+Theater wieder einigermaßen emporbrachte. Vordem hatten nur Seiltänzer,
+Gaukler, Taschenspieler, Marktschreier und Marionettenspieler von Zeit
+zu Zeit die Erlaubnis erhalten, in Berlin Vorstellungen zu geben, auch
+einzelne herumziehende Schauspieler, nur durfte nichts Ärgerliches und
+Skandalöses auf der Bühne erscheinen. Eggenberg bekam nun den Titel
+eines Königlichen Hofkomödianten und durfte mit einer vom König
+besoldeten Truppe Aufführungen veranstalten, »nur keine gottlosen und
+dem Christentum nachteilige Dinge, sondern lauter innozente Sachen zum
+honetten Amüsement.« Sie spielten auf dem Stallplatz und auf der breiten
+Straße; Hauptperson war der Hanswurst; es wurde der Doktor Faust
+aufgeführt, wie er vom Teufel geholt, und Haman, wie er gehängt wird.
+Der »Premierplatz« kostete acht Groschen. Zuletzt wurde die Komödie auch
+in Halle erlaubt, aber die theologische Fakultät erhob wegen des
+Gaukel- und Teufelsspiels beim König Protest. Der König schrieb zurück,
+es würden auch in Utrecht und Leyden Schauspiele geduldet, und kein
+Mensch könne zweifeln, daß dies die beiden ersten Universitäten der Welt
+seien.
+
+Sonst war Friedrich Wilhelm allen Volkslustbarkeiten abhold, er sah
+darin nur Üppigkeit. Das Scheibenschießen hob er auf, Tee- und
+Kaffeeschenken verschwanden, und wer nach neun Uhr abends sich in den
+Wirtshäusern betreffen ließ, wurde von den Patrouillen arretiert. Wenn
+der König nach der Friedrichstadt kam, flüchteten die Leute, machten
+Türen und Fenster zu, und die Straßen waren öde. Für die Künste hatte
+Friedrich Wilhelm keinen Sinn. Er malte zwar selbst, besonders in den
+späteren Jahren, wo ihn die Gicht plagte; gewöhnlich waren es Bauern,
+die er porträtierte, einmal malte er auch Gundling als Polichinell, aber
+die Bilder wurden nur von seinen Schmeichlern gelobt. Für die Musik
+hatte er wenig übrig; einmal ließ er Glockenspiele aus Holland kommen,
+die von den Türmen geistliche Lieder spielten. Ein paarmal in der Woche
+ließ er an Winterabenden Arien und Chöre aus heroischen Opern vorführen,
+etwa aus Händels Alessandro oder Siroe, und zwar auf Blasinstrumenten
+von den Hoboisten des Garderegiments. Bei diesen Konzerten standen die
+Musiker mit ihren Pulten und Lichtern am einen Ende des langen Saals,
+und der König saß ganz allein am andern. Zuweilen, nach einem guten
+Diner, schlief er auch bei der heroischen Musik ein. Den höchsten Spaß
+bereitete ihm ein von Kapellmeister Pepusch für sechs Fagotte
+komponiertes Konzert, betitelt: #Porco primo, porco secondo# usw. Er
+hielt sich den Bauch dabei vor Lachen. Auch der Kronprinz Friedrich
+wollte einmal dieses Konzert hören, und um den Komponisten zu verspotten
+lud er eine große Gesellschaft dazu ein. Pepusch wollte ausweichen,
+mußte sich aber dem Willen des Prinzen fügen. Er kam nicht mit sechs,
+sondern mit sieben Hoboisten, legte die Noten auf die Pulte und schaute
+ganz ernsthaft im Saal herum. Der Kronprinz trat auf ihn zu und fragte:
+»Herr Kapellmeister, sucht Er etwas?« Pepusch antwortete, es fehle ihm
+noch ein Pult. »Ich dachte,« versetzte Friedrich lächelnd, »es seien nur
+sechs Schweine in seiner Musik?« – »Ganz recht, königliche Hoheit,« gab
+Pepusch zurück, »aber es ist da noch ein Ferkelchen gekommen, #flauto
+solo#.« Und Friedrich, der Flötenspieler, war angeführt.
+
+Was der große Kurfürst begonnen hatte, vollendete Friedrich Wilhelm mit
+der Niederbeugung des Adels; er setzte die Besteuerung durch. Als der
+Graf Alexander Dohna, Marschall der Stände Preußens, in seinem Bericht
+an den König die Phrase gebracht hatte: #Tout les pays seront ruinés,#
+schrieb Friedrich Wilhelm die denkwürdigen, unsterblich gewordenen
+Worte: »#les pays seront ruinés? Nihil credo,# aber das #credo,# daß die
+Junkers ihre Autorität wird ruiniert werden. Ich stabiliere die
+Suveränität wie einen #rocher# von Bronze.« Friedrich Wilhelms Herz
+neigte sich mehr zu den Bürgern als zu den Junkern. Wenn er einmal
+äußerte, daß er ein wahrer Republikaner sei, so verstand er eigentlich
+seine bürgerliche Gesinnung darunter. Er liebte es, mit dem Volke
+unmittelbar zu verkehren, und besuchte Gastmähler und Hochzeiten, auch
+richtete er sich in Berlin und Potsdam ganz einfach bürgerlich ein, wie
+ein guter deutscher Haushalter. Fleißige Handwerker und reinliche
+Hausfrauen belobte er sehr. Mit der Reinlichkeit konnte er auch an
+seinem ganzen Körper nicht genug tun; ferner war er äußerst
+wahrheitsliebend. In der Instruktion für die Räte seines
+Generaldirektoriums schrieb er: »Wir wollen die flatterien durchaus
+nicht haben, sondern man soll Uns allemal nur die reine Wahrheit sagen.«
+Aber er war ein sehr gewalttätiger Herr und König, im Zorne wild und
+furchtbar. Friedrich der Große und seine Schwester hatten ihm den
+Spitznamen #le ragotin# gegeben. Zuletzt war er so dick geworden, daß
+seine Weste fast vier Ellen weit war.
+
+Er forderte unbedingten Gehorsam ohne Widerspruch. Die Universität Halle
+stellte einmal beweglich vor, daß ein Studiosus von einigen Soldaten des
+Abends auf der Straße angefallen und zum Tor hinausgeführt worden sei.
+Der Bescheid des Königs lautete: »Soll nicht räsonieren! Ist mein
+Untertan.«
+
+Er wollte in seinem Lande nur gute Christen, fleißige Bürger und tapfere
+Soldaten haben. Voltaire nannte ihn den Vandalen; aber alle seine
+Strenge und Härte entschuldigte Friedrich Wilhelm mit der Pflicht, und
+öfters äußerte er: Ich bin nur der erste Diener des Staates; und den
+Staat regierte er nach seiner eigentümlichen Weise mit Gewalt, um ihn
+zu beglücken. Dabei war er gewissenhaft; einmal hatte er in Stettin
+einen Beamten durch den Henker prügeln lassen, kurz darauf stellte sich
+die Unschuld des Mannes heraus, da ließ er ihn an seiner Tafel speisen,
+um ihm eine öffentliche Genugtuung zu geben. Er glaubte, immer gerecht
+zu handeln, doch handelte er nur in dem gerecht, was er selbst für Recht
+erkannte. Er war religiös, aber nur in dem, was er bei sich selbst als
+Religion gelten ließ; es war eine Religion ganz nach eigenem Rezept.
+Bisweilen war er ernstlich gesonnen, abzudanken, weil er glaubte, seine
+Pflicht nicht gehörig erfüllen zu können. Er hielt sich in der genauen
+Bedeutung des Wortes für einen Knecht Gottes. So wenig er das Alte
+Testament achtete, seine Gesetze waren wie die des Alten Testaments. Aus
+königlicher Machtvollkommenheit kassierte und annullierte er die Urteile
+der Richter und verschärfte sie weit öfter als er sie milderte. Da galt
+kein Ansehen der Person. Ein Kriegs- und Domänenrat von Schlubhut in
+Königsberg hatte Gelder unterschlagen, die für die Salzburger Emigranten
+bestimmt gewesen waren, und das Gericht erkannte auf einige Jahre
+Festung. Der König wollte das Urteil nicht bestätigen, verschob den
+Spruch bis zu seiner Reise nach Königsberg, befahl den Kriegsrat vor
+sich und kündigte ihm an, daß er ihn hängen lassen werde. Schlubhut
+erwiderte frech, das sei nicht Manier, so mit einem preußischen Edelmann
+zu verfahren, er werde die fehlende Summe ersetzen. Der König geriet in
+den höchsten Zorn und schrie: »Ich will dein schelmisches Geld nicht
+haben.« Darauf ließ er einen Galgen vor dem Sessionszimmer der Kriegs-
+und Domänenkammer errichten und vor den Augen der versammelten Räte
+Schlubhut daran aufknüpfen.
+
+Er haßte die Juristen und hätte sie gerne alle vertilgt, besonders die
+Advokaten. Auf dem Lande durfte kein Advokat wohnen, damit die Bauern
+nicht prozeßsüchtig würden. Als er an die Stände Preußens das Verbot
+erließ, sich aller Beschwerden und Mahnungen und der Hinweisung auf alte
+Verheißungen zu enthalten, wagten die Stände einzuwenden, Gott, der
+allmächtige Vater, gestatte doch auch, daß man ihm Beschwerden vortrage,
+und bleibe nichtsdestoweniger allmächtig, mithin werde es Seine Majestät
+ebenfalls nicht ungnädig deuten. Aber Seine Majestät kehrte sich daran
+nicht, und in seinen Kabinettsbefehlen hieß es gewöhnlich: Wir sind Herr
+und König und tun, was Wir wollen.
+
+In Reden und Schriften war er ausbündig derb. Die Ehrentitel Hundsfott,
+Kujon, Halunke schwebten beständig auf seinen Lippen. Auf Eingaben, die
+ihm nicht behagten, malte er Eselsköpfe und -ohren an den Rand, und in
+den Resolutionen, die er ausgehen ließ, hieß es fortwährend: Wenn das
+und das nicht geschieht, so werde Ich es scharf ansehen, man wird den
+König zum Feinde haben, so wird Lärm werden, so wird der Donner
+dreinschlagen, eh man es sich vermutet. Wenn ein Minister zu spät in die
+Sitzungen kam, mußte er hundert Dukaten Strafe zahlen. »Die Herrn sollen
+arbeiten, wofür Wir sie bezahlen,« sagte der König. Einer seiner
+Kammerdiener sollte ihm einmal den Abendsegen vorlesen. Als die Worte
+kamen: Der Herr segne dich, glaubte der einfältige Mensch in seiner
+Unterwürfigkeit »der Herr segne Sie« lesen zu müssen. Da fuhr ihn der
+König an: »Hundsfott, lies, was dasteht, vor dem lieben Gott bin Ich
+genau so ein Hundsfott wie du.« Die Bedienten waren allerdings ihres
+Lebens nicht sicher; er hatte stets zwei mit Salz geladne Pistolen neben
+sich liegen, und wenn sie etwas versahen, feuerte er die Pistolen auf
+sie ab.
+
+Seine Sparsamkeit war so pedantisch, daß er sich alle Küchenzettel
+vorlegen ließ und an den geringfügigsten Ausgaben mäkelte. Die Zettel
+mußten bis auf jede Zitrone und auf jede Mandel Eier spezifiziert sein,
+und einmal schrieb er darunter: Ein Taler zu viel. Auf die Eingaben um
+Geldbewilligung schrieb er zumeist: #Non habeo pecunia,# oder: #point
+d’argent,# oder: Narrenspossen, Narrenspossen! Sogar auf die
+Papierersparnis richtete er sein Augenmerk; auf den Rand eines Berichts
+des Kammerkollegiums schrieb er: Der Quark ist das schöne Papier nicht
+wert, sollen schlecht Papier nehmen, das ist Mir genug.
+
+Bei alledem konnte er auch freigebig sein. Für den Hofstaat der Königin
+hatte er achtzigtausend Taler ausgesetzt, viel mehr, als die erste
+Königin gehabt. In ihrem Kabinett war sämtliches Gerät von Gold, Kron-,
+Wand- und Armleuchter, Geridone und Tafeln. Einmal schenkte er ihr zu
+Weihnachten eine goldene Brandrute für den Kamin, die sechzehnhundert
+Taler kostete.
+
+Er war ein rastlos tätiger Mann, kein Hauch von Phlegma war in ihm.
+»Der König,« schreibt Seckendorf im Juni 1726, »kann allem menschlichen
+Ansehen nach unmöglich in die Länge die Art zu leben kontinuieren, ohne
+an Gemüt und Leib zu leiden, maßen der Herr vom frühen Morgen bis in die
+späte Nacht in kontinuierlichem #mouvement# ist, bei sehr früher
+Tagesstunde das Gemüt mit verschiedenen und differenten Materien,
+Resolutionen und Arbeiten angreifet, hernach den ganzen Tag mit Reiten,
+Fahren, Gehen und Stehen sich unglaublich fatigiert, mit starkem Essen
+und ziemlichem, doch nicht bis zur #debauche# kommenden starken Getränke
+sich erhitzet, wenig und dabei sehr unruhig schläft, folglich sein
+ohnedem vehementes Naturell dermaßen echauffiert, daß mit der Zeit üble
+Folgen daraus entstehen dürften.«
+
+Es kam vor, daß Friedrich Wilhelm irgendeinen faulenzenden Berliner
+Eckensteher mit eigenen Händen durchprügelte. Ein andres Mal prügelte er
+einen verschlafenen Torschreiber, der die Bauern vor dem Tor warten
+ließ, mit den Worten: »Guten Morgen, Herr Torschreiber« aus dem Bette.
+Recht mißlich war es, ihm zu begegnen. Wer ihm auffiel, an den ritt er
+so nahe heran, daß der Kopf des Pferdes dem Manne an die Brust stieß,
+und dann begann das Verhör. Sah er einen französischen Prediger, so
+fragte er jedesmal, ob sie Molière gelesen hatten, um ihnen damit
+anzudeuten, daß er sie für Komödianten halte. Am schlechtesten erging es
+denen, die vor ihm die Flucht ergriffen; einmal verfolgte er einen
+Juden, der Reißaus genommen hatte, und als er ihn gestellt hatte, sagte
+der Jude, er habe sich gefürchtet. Da prügelte ihn der König mit seinem
+Stock und schrie dabei in einemfort: »Lieben sollt ihr mich, lieben und
+nicht fürchten.«
+
+So orthodox Friedrich Wilhelm auch war, erklärte er sich doch mit allem
+Nachdruck für die Toleranz. Er duldete alle Religionsparteien, nur die
+Jesuiten waren ihm zuwider, »die Vögels, die dem Satan Raum geben und
+sein Reich vermehren wollen«. Schon im Anfang seiner Regierung erließ er
+ein Edikt, worin er den lutherischen und reformierten Religionsverwandten
+gebot, aller Schmähungen sich zu enthalten und friedlich miteinander zu
+verkehren. Den lebhaftesten Anteil nahm er an dem Schicksal der
+Salzburger Emigranten. Er schickte nicht nur Kommissäre zu den Salzburger
+Bauern, um sie einzuladen, sich in seinen Staaten niederzulassen,
+sondern griff auch, um den Erzbischof Firmian von weiterer Verfolgung
+abzuschrecken, zu Repressalien gegen die Katholiken im Bistum
+Halberstadt und drohte die Einkünfte der Klöster in Beschlag zu nehmen.
+Zwanzigtausend Salzburger fanden damals in Preußen Zuflucht; als der
+erste Zug eintraf, begrüßte ihn der König selbst am Leipziger Tor und
+hieß die armen Leute als seine lieben Landeskinder willkommen; von der
+Königin wurden sie in Monbijou bewirtet.
+
+Um das Jahr 1727 verfiel Friedrich Wilhelm in eine tiefe religiöse
+Schwermut. Er sprach unaufhörlich davon, daß er die Krone niederlegen
+und sich in den Haag zurückziehen wollte, wo ihm aus der Erbschaft
+Wilhelms des Dritten das Lustschloß Honslardik zugefallen war. Es war
+August Hermann Franke, der einen solchen Einfluß auf das Gemüt des
+Königs gewonnen hatte. Die Markgräfin von Baireuth schreibt: »Dieser
+Geistliche machte die unschuldigsten Dinge zur Gewissenssache, er
+verwarf alle Vergnügungen als verdammlich, selbst die Musik und die
+Jagd, man sollte nur vom Worte Gottes sprechen, alles andre war
+verboten.« Grumbkow und Seckendorf legten dem König immer wieder die
+Hindernisse dar, die sich seiner Abdankung entgegensetzten, und wie er
+einen solchen Schritt später bereuen würde. Aber der König versank nur
+noch tiefer in seine Grübeleien, und man durfte in seiner Nähe nicht
+mehr lachen. Da nun alle Worte vergeblich waren, verfielen Grumbkow und
+Seckendorf auf ein anderes Mittel. Sie überredeten den König, dem
+sächsischen Hof einen Besuch abzustatten, der damals der glänzendste in
+Deutschland war. Politische Gründe bestimmten Friedrich Wilhelm, den
+Vorschlag anzunehmen. Sobald er nach Dresden kam, wurde er von Fest zu
+Fest fortgerissen, die Freuden der Tafel wurden nicht vergessen, der
+Ungarwein nicht gespart, und die Freundschaft der beiden Könige war die
+innigste. Eines Tages, als man weidlich geschmaust hatte, führte der
+König von Polen seinen Gastfreund im Domino auf eine Redute. Immerfort
+schwatzend, gingen sie von einem Zimmer in das andere, wobei die
+Hofleute und der Kronprinz Friedrich folgten. Endlich gelangten sie in
+einen schön verzierten Raum, und während Friedrich Wilhelm das prächtige
+Gerät bewunderte, sank eine Tapetenwand nieder, und ein seltsames
+Schauspiel bot sich den Blicken dar. Ein Mädchen von vollendeter
+Schönheit lag nachlässig auf einem Ruhebette, nackt wie sie Gott
+erschaffen, mit einem Körper wie die mediceische Venus. Das Kabinett,
+worin sie sich befand, war von so vielen Kerzen erhellt, daß sie das
+Tageslicht überstrahlten. Der König von Polen sowohl als Grumbkow
+glaubten, daß Friedrich Wilhelm einer solchen Verlockung nicht werde
+widerstehen können; allein es kam anders. Bei dem ersten Blick nahm
+Friedrich Wilhelm seinen Hut, hielt ihn dem Kronprinzen vor das Gesicht
+und befahl ihm, sich zu entfernen. Er selbst wandte sich zum König von
+Polen, sagte trocken: »Sie ist recht schön,« und ging fort. An
+Seckendorf schrieb er ein paar Tage später: »Ich gehe zu kommendem
+Mittwoche nach Hause, fatigieret von allen guten Tagen und Wohlleben;
+ist gewiß nit christlich leben hier, aber Gott ist Mein Zeuge, daß Ich
+kein Pläsier daran gefunden und noch so rein bin als Ich von Hause
+hergekommen und mit Gottes Hilfe beharren werde bis an Mein Ende.«
+
+Schon im Winter 1735 hatte der König an der Wassersucht gelitten, und
+sein Leben war in großer Gefahr gewesen. In dem strengen Winter des
+Jahres 1740 erkrankte er von neuem. Er ließ den lutherischen Propst
+Roloff kommen, der ihn zum Tod vorbereiten sollte. Er verzieh allen
+seinen Feinden, schließlich sogar seinem Schwager, dem König von
+England, der ihm doch, wie er sagte, alles gebrannte Herzeleid angetan
+habe. Er bereute seine Sünden und zählte sie in Gegenwart vieler
+Umstehenden so ausführlich auf, daß Roloff ihn bitten mußte, es zu
+unterlassen. Worauf Roloff drang, war Sinnesänderung, dazu aber war der
+Herr lange nicht zu bewegen. Er führte auf, daß er die Geistlichkeit
+immer respektiert, Gottes Wort immer fleißig gehört habe und seiner Frau
+immer unverbrüchlich treu gewesen sei; er behauptete, immer recht
+gehandelt und alles zu Gottes Ehre getan zu haben. Roloff widersprach
+dem und erinnerte ihn an die Verschärfungen der Todesurteile, an die
+ungerechten Hinrichtungen, an das erzwungene Häuserbauen in Berlin, zur
+großen Bedrückung seiner Untertanen, und des Königs Verantwortung wollte
+er als vor Gott genügend nicht gelten lassen. Da sagte der König: »Er
+schont Meiner nicht. Er spricht als ein guter Geist und ein ehrlicher
+Mann mit Mir. Ich danke ihm dafür und erkenne nun, daß ich ein großer
+Sünder bin.« Im April 1740 konnte er noch nach seinem geliebten Potsdam
+fahren; er gab Anordnungen für sein Leichenbegängnis, bei dem das
+Leibregiment feuern sollte. Mitten in seinen Schmerzen ließ er sich das
+Lied vorsingen: Warum sollt ich mich doch grämen? Als die Stelle kam:
+Nackend werd auch ich hinziehen, unterbrach er die Sänger mit den
+Worten: »Nein, das ist erlogen, ich will in der Montur begraben sein.«
+Bescheiden stellte ihm der Feldprediger vor, daß es dort oben keine
+Soldaten gäbe; da rief der König: »Was? Sapperment! Wieso?« Und er
+schien nun sehr niedergeschlagen.
+
+Am Sterbetage, den 31. Mai, nahm er Abschied von seiner Frau, seinen
+Söhnen, allen Ministern, Beamten und Offizieren. Er ließ sich ans
+Fenster rücken, von wo er den Marstall überblicken konnte, und befahl,
+daß man die Pferde herausführe, denn er wollte dem Fürsten von Dessau
+und dem General Haake noch ein Pferd schenken. Als ihm sein Leibarzt auf
+die Frage, wie lange er noch zu leben habe, antwortete, ungefähr eine
+halbe Stunde, forderte er einen Spiegel, schaute hinein und sagte
+lächelnd: »Ich bin recht verändert, ich werde beim Sterben ein garstiges
+Gesicht machen.« Später wiederholte er die Frage an den Arzt. Der
+Leibmedikus befühlte ihm den Puls, zuckte die Achseln und sagte: »Er
+steht still.« Da hob der König seinen Arm, schüttelte die Faust und
+rief: »Er soll nicht stillstehen.«
+
+Friedrich Wilhelm starb im zweiundfünfzigsten Jahre seines Alters; er
+starb, wie Friedrich der Große an Voltaire schrieb, mit der Neugierde
+eines Naturforschers, der beobachten will, was im Augenblick des
+Hinscheidens geschieht, und mit dem Heldenmute eines großen Mannes. Er
+ward in Potsdam begraben. Bei der Leichenfeier wurden die von ihm selbst
+ausgewählten Lieder gesungen und beim Trauermahl zwei von ihm eigens
+dazu bestimmte Eimer alten Rheinweins ausgetrunken.
+
+
+
+
+Joachim Nettelbeck
+
+
+Als Sohn eines Brauers und Branntweinbrenners wurde Joachim Nettelbeck
+am 20. September 1738 zu Kolberg geboren. Seine Mutter war aus dem
+Geschlecht des Schiffers Blanken; seines Vaters Bruder war ebenfalls
+Schiffer. Seine größte Kinderfreude bestand darin, auf Schiffen
+herumzuspringen, und sobald er lallen konnte, war sein Sinn auf die
+Schifferei gestellt. Sein Hang war so groß, daß er aus jedem Span, aus
+jedem Stück Baumrinde, das ihm in die Hände fiel, kleine Schiffe
+schnitzelte, sie mit Segeln von Federn oder Papier ausrüstete und damit
+auf Rinnsteinen und Teichen oder auf der Persante hantierte. Kein
+größeres Vergnügen gab es für ihn, als wenn seines Onkels Schiff im
+Hafen lag; da hatte er zu Hause keine Ruhe und bat immerfort, man möchte
+ihn nach der Münde lassen.
+
+Nicht geringere Liebe zeigte er zum Gartenwesen. Sein Großvater war ein
+großer Gartenfreund, nahm ihn oft in seinen Garten mit und schenkte ihm
+sogar ein Fleckchen Land. Da legte er Obstkerne, pflanzte, verpfropfte
+und okulierte.
+
+[Illustration: Joachim Nettelbeck, nach einer Zeichnung von Ludwig
+Heine.]
+
+Er mochte etwa sechs Jahre alt sein, da entstand eine Hungersnot im
+Lande. Es kamen viele arme Leute nach Kolberg, um Korn zu holen, weil
+man Getreideschiffe im Hafen erwartete. Als endlich ein Schiff mit
+Roggen auf der Reede anlangte, stieß es gegen den Hafendamm und sank in
+den Grund. Um es wieder emporzuwinden wurden zwei Schiffe benutzt, deren
+eines von seinem Onkel geführt wurde, und der Knabe war beständig
+zugegen. Das Fahrzeug wurde gehoben, doch das Korn war durchnäßt; bald
+waren alle Straßen mit Laken und Schürzen überdeckt, auf denen das
+Getreide der Luft und Sonne ausgesetzt wurde. Endlich kam ein zweites
+Kornschiff, und es konnte der Not gesteuert werden.
+
+Im nächsten Jahre schickte der Große Friedrich von Preußen eine
+Wagenladung mit Kartoffeln nach Kolberg. Diese Früchte waren aber damals
+noch völlig unbekannt, und die Bürger berieten hin und her, was wohl
+damit anzufangen sei. Sie warfen sie den Hunden vor, die sie
+beschnupperten und verschmähten. Was sollen uns die Dinger? hieß es; sie
+riechen nicht, sie schmecken nicht, und nicht einmal die Hunde mögen sie
+fressen. Man glaubte, sie wüchsen auf den Bäumen und man müsse sie
+herunterschütteln wie die Äpfel. Alles dieses ward auf dem Markte, vor
+seiner Eltern Tür, verhandelt. Erst als der König im andern Jahr eine
+zweite Sendung von einem Landreiter begleiten ließ, der des
+Kartoffelbaues kundig war, gewann die neue Frucht das Wohlwollen der
+Bürger.
+
+Der Knabe war auch ein großer Liebhaber von Tauben, und er sparte sich
+von seinem Frühstücksgeld so viel ab, daß er sich ein paar Tauben kaufen
+konnte. Seine Spielereien hielten ihn vom Lernen und von der Schule ab,
+und erst die dringenden Ermahnungen seines Paten weckten seinen Ehrgeiz.
+In seinem achten Jahre schenkte ihm der Pate zu Weihnachten eine
+Anweisung zur Steuermannskunst, und bald ging sein Eifer für diese Sache
+soweit, daß er oft im Winter bei strenger Kälte des Nachts, wenn klarer
+Himmel war, heimlich auf den Wall ging und mit seinen Instrumenten die
+Entfernung der Sterne vom Horizont oder vom Zenit maß und danach die
+Polhöhe berechnete. Kam er des Morgens erfroren nach Hause, so
+verwunderte sich alles, erklärte ihn für einen überstudierten Narren,
+und der Vater schlug ihn.
+
+Da ein Seemann sich auf die Kletterkunst gut verstehen mußte, übte er
+sich in Gemeinschaft mit dem Sohn des Glöckners im Balkenwerk der großen
+Kirche in dieser Fertigkeit. Sie krochen überall herum, und oft
+verirrten sie sich in der gewaltigen Verzimmerung dergestalt, daß einer
+vom andern nichts mehr wußte, und wenn sie wieder zusammenkamen, war des
+Erzählens kein Ende, wo sie gewesen waren und was sie gesehen hatten. In
+dem inwendigen Holzverband krochen sie auch bis zur Spitze des Turmes
+hinauf, bis sie sich in dem beengten Raum nicht mehr rühren konnten.
+Diese Gewandtheit und Ortskenntnis kam ihm viele Jahre später wohl
+zustatten, als ein Wetterstrahl im Turm gezündet hatte und das Feuer
+gelöscht werden mußte.
+
+Als er elf Jahre alt war, nahm ihn sein Onkel als Kajütenwächter mit
+auf sein Schiff, und seine erste Fahrt ging nach Amsterdam. Dort sah er
+die großen Indienfahrer und verspürte eine unbezwingliche Sehnsucht, auf
+einem solchen Schiff zu dienen. Bei Nacht und Nebel floh er auf einer
+Jolle, betrat eines der Schiffe, das er sonderlich ins Auge gefaßt, und
+wurde nach vielen Verhandlungen als Seemannsjunge geheuert. Das Schiff
+war für den Sklavenhandel nach Guinea bestimmt. Einundzwanzig Monate
+später kam er nach Amsterdam zurück, schrieb an seine Eltern, die, froh
+erstaunt, ihn noch am Leben zu wissen, ihn nach Kolberg riefen; dort
+blieb er nun bis zu seinem vierzehnten Jahr. Länger vermochte er aber
+seinem Abenteuer- und Tätigkeitstrieb nicht zu widerstehen: er entfloh
+neuerdings und verdingte sich auf einem Schiff, das nach Surinam
+bestimmt war. Auf der Heimfahrt fiel der Steuermann über Bord und
+ertrank, und Nettelbeck wurde zum Untersteuermann gemacht.
+
+Im Jahre 1756 nahm er Dienst bei seinem Oheim, der eine Schiffsladung
+mit Holz von Rügenwalde nach Lissabon zu bringen hatte. Sein jüngerer
+Bruder, ein Knabe von vierzehn Jahren, und des Oheims junger Sohn waren
+ebenfalls auf dem Schiffe bedienstet. Sie erlitten an der flandrischen
+Küste Schiffbruch und wurden von österreichischen Soldaten gerettet. Der
+Oheim hatte aber eine tödliche Verletzung erlitten und starb in einem
+Kloster, wohin man ihn in Eile transportiert hatte. Als Ketzer und
+Preußen verdächtigt und gemieden, mußten sich die drei jungen Burschen
+durch das feindliche Land schlagen, und erst nach schrecklichen Mühsalen
+gelangten sie wieder nach Kolberg. Kaum hatte sich Nettelbeck von der
+überstandenen schweren Zeit erholt, so brach der Krieg aus, und die
+Werber des Königs kamen in die Stadt, um alle jungen Leute zum
+Soldatenstand zu pressen. Es war eine wahre Hetzjagd, der Schrecken für
+alle Eltern jener Zeit und für alles junge Volk, das eine Flinte
+schleppen konnte und nicht mochte.
+
+Die entschiedene Abneigung des Bürgers gegen den Soldatenstand hatte
+ihre Rechtfertigung in der unmenschlichen Art, womit die jungen Leute
+von den Unteroffizieren behandelt wurden; so sagt Nettelbeck selbst, und
+er fügt hinzu: unter den Fenstern der Eltern wurden sie von den rohen
+Menschen aufs Grausamste mißhandelt, und es war ein kläglicher Anblick,
+wenn bei solchen Auftritten die Mütter in Haufen daneben standen,
+weinten und schrien und von den rauhen Barbaren abgeführt wurden.
+
+Nettelbeck ergriff die Flucht. Bei Nacht, in Sturm und Schneegestöber
+wanderte er zu einem Bauern, welcher ihm genannt worden war, und mußte
+sich im Stadtholz eines Rudels Wölfe erwehren. Endlich erreichte er die
+Freistatt, hielt sich zwölf Tage dort verborgen, aber er ertrug es
+nicht, untätig zu sitzen, und er begab sich wieder nach der Münde. Eines
+Nachts erweckte ihn ein Klopfen an den Fensterladen des Kämmerchens, wo
+er schlief, und die bekannte Stimme einer getreuen Frauensperson rief
+ihm zu: »Joachim, auf! auf aus den Federn! Die Soldaten sind wieder auf
+der Münde!« In der Bestürzung griff er nach einem Bund Kleider, stahl
+sich im Hemd auf die Straße und bemerkte, als er sich anziehen wollte,
+daß er Frauenkleider mitgenommen hatte. Er warf einen roten Friesrock
+über die Schultern, da wurde er von den Soldaten gestört, er rannte zum
+Hafen, sprang in ein Boot und ruderte hinaus. Jenseits ging er an Land,
+wanderte so gut als nackend in der bitterkalten Märznacht vor mehrere
+Türen, wurde jedesmal abgewiesen und flüchtete endlich in einen alten
+Schiffsrumpf, der im Sommer als Bierschank benutzt wurde. Er kletterte
+in das Rauchfangloch und duckte sich vor der Kälte in einen Winkel
+zusammen. Am Morgen suchte er sein verlassenes Boot wieder auf und
+ruderte sich zu einem Schiffe heran, das einem Königsberger Schiffer
+gehörte. Der Mann nahm ihn auf und hielt ihn lange bei sich verborgen.
+Zwei Wochen später fuhr er mit einem anderen Schiffer nach Danzig, und
+dort wurde er Steuermann auf einer kleinen Jacht, die eine Ladung Hanf
+nach Westschottland bringen sollte. Die Schiffahrt in den Gewässern der
+Hebriden war der Klippen und starken Strömungen wegen sehr gefährlich,
+das Schiff irrte lange herum, geriet im Kanal mit sieben englischen
+Kapern zusammen, und alle diese Schnapphähne, so nennt sie Nettelbeck,
+stiegen an Bord seines Schiffes und nahmen mit, was nicht niet- und
+nagelfest war, Kessel und Pfannen, Tauwerk und Segel, Karten und Kompaß.
+Die Aufregung und das beständige Elend machten Nettelbeck krank. Er
+mußte in Metemblick zurückbleiben und begab sich zu einem Kompaßmacher
+in die Lehre; was er von ihm lernte, war ihm in der Folge von großem
+Nutzen.
+
+Bald darauf rief ihn sein Vater nach Kolberg zurück, und er war noch
+nicht vier Wochen in der Heimat, so begann die Belagerung Kolbergs durch
+die Russen. Durch die Entschlossenheit der Bürgerwehr blieben die
+feindlichen Anstrengungen fruchtlos, und nachdem die Russen eine Menge
+Pulver unnütz verschossen hatten, mußten sie wieder abziehen. Nettelbeck
+begab sich nach Amsterdam, traf dort mit seinem alten Kapitän Blanken
+zusammen und fuhr mit ihm neuerdings nach Surinam; von dort heimgekehrt,
+hielt es ihn wieder nicht lange, und er fuhr mit einem andern Schiff
+nach Sankt Eustaz. Als er dann in seine Vaterstadt zurückgekehrt war,
+wurde diese zum zweitenmal von den Russen belagert, aber der Notstand
+dauerte nur drei Wochen. Während der Zeit des Siebenjährigen Krieges
+blieb den preußischen Schiffern, wenn sie Erwerb finden wollten, kaum
+etwas anderes übrig, als unter der neutralen Danziger Flagge zu fahren.
+In solcher Weise ging Nettelbeck von Danzig nach Königsberg und von
+Königsberg mit einem Getreideschiff nach Amsterdam.
+
+Es ist nicht erforderlich, alle diese Fahrten und die späteren im
+einzelnen zu verfolgen; diese Begegnungen mit Freund und Feind, dieses
+Hin und Her in allen Zonen der Erde, diese Kämpfe mit allen Gefahren und
+allen Elementen. Sie bilden ein Leben voll beständiger Unruhe und
+beständiger Tätigkeit. Die Kaufleute im fremden Land sind listig und
+verschlagen; ihrer Tücke Herr zu werden, gegen ihre Vorteilssucht nicht
+des eignen Vorteils verlustig zu gehen, verlangt viel Klugheit, ja
+beinahe Weisheit und unendliche Selbstverleugnung. Immer wieder Stürme,
+immer wieder Schiffbruch; kaum ist ein kümmerlicher Verdienst in
+Sicherheit gebracht, so geht er durch Wagnis oder Unglück wieder
+verloren. Bei einer Fahrt in der Nordsee wird der Kapitän wahnsinnig und
+trifft Verfügungen, die den Untergang des Schiffes herbeiführen müssen.
+Eines Morgens stürzt er vom Steuer in die See und ertrinkt. Nettelbeck
+nimmt ein Verzeichnis seiner Habseligkeiten auf, versiegelt die
+eingepackten Waren und wirft vor den Augen der Matrosen das hierzu
+gebrauchte Petschaft ins Meer. Zu seiner Verwunderung kann er nirgends
+die Gelder und Barschaften des verunglückten Schiffers finden, die
+Taschenuhr, die silbernen Schuh- und Knieschnallen, die goldenen und
+silbernen Galanteriewaren nicht, die er vordem bei ihm gesehen. Als er
+mit dem Schiff in den Hafen gelangt, taucht trotz eidlicher Erhärtung
+der Verdacht auf, daß er das Gut des Schiffers veruntreut habe.
+Lästerung und Verleumdung heftet sich an seine Fersen, und der Kummer,
+den er darüber empfindet, raubt ihm allen Mut. Erst viele Jahre später
+wurde das Eigentum des toten Schiffers zufällig in einem Verschlag der
+Kajüte entdeckt, die Witwe und die Verwandten leisteten Nettelbeck
+Abbitte, und die ihn geschmäht und bezichtigt hatten, erhoben ihn in den
+Himmel, aber man muß nicht eben Nettelbeck sein, um den von Zufalls
+Gnaden gereinigten Schild der Ehre mit bitterem Gefühle zu betrachten.
+Allmählich reifte er in der Schule des Lebens zur Resignation heran;
+doch seine Kraft, zu handeln, seine wunderbare Kraft, zu helfen,
+erlahmte dabei mitnichten. Während des großen Brandes in Königsberg
+rettete er auf einem Boote viele Menschen vor dem sicheren und
+schrecklichen Tod. Einige Zeit nachher geriet auf dem Pregel ein
+holländisches Schiff in Brand. Alle Menschen, so viel deren
+herbeigekommen, waren damit beschäftigt, Löcher in das Verdeck zu hauen,
+um von oben Wasser in den brennenden Raum zu gießen. Dadurch gewann aber
+das Feuer nur um so größeren Zug, und Nettelbeck, der ein so
+widersinniges Verfahren nicht gelassen mit anschauen konnte, schrie
+ihnen zu, sie arbeiteten sich ja zum Unglück, sie müßten das Schiff
+versenken. Es lief aber alles verwirrt durcheinander, und niemand wollte
+auf ihn hören. Da griff er einen von seinen Zimmerleuten auf, sprang mit
+ihm in das Boot, das zum brennenden Schiff gehörte, und zeigte ihm eine
+Planke dicht über dem Wasser, wo er ein Loch ins Schiff hauen sollte.
+Das lasse er wohl bleiben, war die Antwort des Mannes, da könne er
+schlimmen Lohn dafür haben. Nettelbeck riß ihm die Axt aus den Händen,
+schlug selber das Loch, eilte spornstreichs auf das Verdeck, wo sich
+Hunderte von Menschen drängten, und schrie: »Herunter vom Schiff, was
+nicht ersaufen will, in der Minute wird’s sinken.« Und das Schiff sank.
+Die holländischen Kaufleute aber verklagten ihn bei der Admiralität und
+forderten von ihm den vollen Ersatz des Schadens. Er wurde vor das
+Kollegium zitiert und sollte sich verantworten.
+
+Seine Rede war die: »Tausend Augen haben es mit angesehen, wie das
+Schiff in hellem Feuer stand. Hätte das nur noch eine halbe
+Viertelstunde so gedauert, so nahm die Flamme dergestalt überhand, daß
+es kein Mensch auf dem Schiff aushalten konnte und es mitsamt der Ladung
+preisgegeben werden mußte. Und wie sollte es dann fehlen, daß nicht die
+Taue mit verbrannten, die es am Bollwerk hielten; daß die flammende
+Masse stromabwärts und unter die vielen andern Schiffe trieb und diese
+mit ins Verderben zog? Jetzt ist großes und gewisses Unglück mit um so
+geringerem Schaden abgewandt, als Schiff und Ladung wohl wieder zu
+bergen sein werden. Ich bin daher auch des guten Glaubens, daß ich in
+keiner Weise strafbar gehandelt, sondern nur meine Bürgerpflicht erfüllt
+habe.«
+
+Die Sentenz lautete, daß der Schiffer Nettelbeck vollkommen recht und
+löblich gehandelt habe und das Kollegium sich vorbehalte, ihm seine
+Zufriedenheit und Dankbarkeit durch feierlichen Handschlag zu bezeugen.
+Der Kollegiumsdirektor stand von seinem Sitze auf, schüttelte ihm
+treuherzig die Hand, dankte ihm im Namen aller Schiffer und im Namen der
+Stadt und hieß ihn einen wackeren Mann. Kaufleute, Schiffer und Advokat
+sahen einander verlegen an, dann traten sie einer nach dem andern zu ihm
+und gaben ihm ebenfalls die Hand. Der Direktor fragte ihn zum Schluß, ob
+er nicht, wie er im vorigen Jahr mit dem Bording der Witwe Rollof getan,
+das versunkene Schiff aus dem Wasser zu heben versuchen wolle. Und
+Nettelbeck sagte zu. Die Hebung gelang unter großen Schwierigkeiten,
+und da er von den holländischen Kaufleuten außer dem Ersatz seiner
+Auslagen nichts annehmen wollte, machten sie ihm ein Geschenk von
+hundert preußischen Gulden samt zehn Pfund Kaffee und zwanzig Pfund
+Zucker. Er seinerseits schenkte davon fünfundzwanzig Gulden den Armen,
+damit sie auch einmal einen guten Tag haben sollten.
+
+Es war das Sonderbare seines Geschicks, daß es ihn immer wieder zwang,
+gegen die Elemente in den Kampf zu treten und er dem Wasser wie dem
+Feuer gegenüber stets die gleiche streitbare Rolle spielt. Als er nach
+vielen und gefährlichen Reisen, nach vielen und ermüdenden Versuchen, da
+und dort seinen Lebensunterhalt zu erwerben, als beinahe Vierzigjähriger
+1777 wieder in seiner Vaterstadt saß, schlug eines Tages im April der
+Blitz in den Kirchturm, und im Nu brannte der Turm lichterloh. Die helle
+Flamme spritzte bei der Wetterstange gleich einem feurigen Springbrunnen
+empor, aus den Schallöchern sprühten die Funken wie Schneeflocken und
+fielen bereits in die Domstraße hinüber. Nettelbeck, dies sehend, rannte
+nach der Kirche und die Turmtreppe hinan. Im Hinaufsteigen überdachte
+er, wie groß das Unglück werden müsse, da es wohl schwerlich jemand
+unternehmen werde, bis in die höchste Spitze zu klimmen, wo er in den
+finstern Winkeln nicht so bekannt sei wie er selbst, der sie in seiner
+frühen Jugend oft mit Lebensgefahr durchkrochen hatte. Er wußte, daß auf
+dem Glockenboden stets Wasser und Löscheimer bereitstanden, aber an
+einer Handspritze, die hauptsächlich nottat, mochte es fehlen. Er
+machte auf der Stelle kehrt, drängte sich an den vielen Menschen
+vorüber, die alle hinauf wollten, eilte ins nächste Haus, dann ins
+zweite und ins dritte, bis er endlich eine Spritze bekam. Jetzt wieder,
+die Angst und der Eifer gaben ihm Flügel, zum Turm hinauf. In der
+sogenannten Kunstpfeiferstube, dicht unter der Spitze, fand er mehrere
+Maurer und Zimmerleute mit ihren Meistern, aber keiner wußte, was zu tun
+sei. »Liebe Leute,« sprach er, unter sie tretend, »hier ist nichts zu
+beginnen, wir müssen höher hinauf.« – »Leicht gesagt, aber schwer
+getan,« antwortete einer, »wir haben es schon versucht, doch es geht
+nicht. Sobald wir die Falltür über uns haben, fällt ein Regen von
+Flammen und glühenden Kohlen herunter und setzt auch hier die Zimmerung
+in Brand.« Nettelbeck aber ließ sich die Falltür öffnen, stieg hindurch,
+gebot, daß man ihm einen Eimer und die Spritze reiche und die Falltür
+wieder schließe, denn das Feuer durfte von unten keinen Zug bekommen. Er
+mußte sich den Kopf mit Wasser aus dem Eimer anfeuchten, damit seine
+Haare nicht in Brand gerieten, und um die Hände frei zu bekommen,
+schnitt er vorn in seinen Rock ein Loch, durch das er die Spritze
+steckte. Den Bügel des Eimers nahm er in den Mund und zwischen die
+Zähne; so klomm er empor. Die Holzriegel im Innern des Turms mußten ihm
+als Leitersprossen dienen, allein wohin er griff, um sich emporzuhelfen,
+fand er alles voll glühender Kohlen, nur hatte er nicht Zeit, an den
+Schmerz zu denken. Endlich hatte er sich so hoch verstiegen, daß ihm in
+der engen Verzimmerung kein Raum blieb, sich noch weiter hinauf zu
+winden, und hier sah er den rechten Mittelpunkt des Feuers acht oder
+zehn Fuß über sich zischen und sprühen. Er klemmte den Wassereimer
+zwischen die Sparren fest, sog die Spritze daraus voll und richtete sie
+gegen den Feuerkern. Wasser, Feuer und Kohlen prasselten ihm ins
+Gesicht, aber das Feuer verminderte sich alsbald merklich. Nun war aber
+auch der Eimer geleert. Aus Leibeskräften schrie er nach Wasser; einer
+der Zimmermeister hob die Falltür und rief: »Wasser ist hier, aber wie
+bekommst du es hinauf?« Er sagte, sie sollten es ihm nur bis über den
+Glockenstuhl schaffen, da wolle er sichs schon selber langen. Jene
+wagten es, und er kletterte ihnen von Zeit zu Zeit entgegen, um die
+vollen Eimer in Empfang zu nehmen, von denen er dann auch so fleißigen
+Gebrauch machte, daß er endlich das Glück hatte, den Brand zu
+überwältigen und völlig zu löschen. Und es war hohe Zeit, mit jeder
+Minute wurde ihm übler: das zurückspritzende Wasser hatte ihn bis auf
+die Haut durchnäßt, und zugleich war eine unerträgliche Hitze im Turm.
+Er eilte hinunter, und in der schneidenden Luft bei den Schallöchern
+vergingen ihm die Sinne. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem
+Kirchhof, ihm zur Seite standen zwei Chirurgen, die ihm an beiden Armen
+die Adern geöffnet hatten, und eine Menge neugieriger Menschen schaute
+zu. Seine Hände waren überall verletzt, die Haare auf dem Kopf
+abgesengt, der Kopf selbst wund und voller Brandblasen; an diesen
+Stellen wuchsen die Haare nie wieder, und zwei Finger an der rechten
+Hand blieben ihm zeitlebens verkrüppelt.
+
+Zehn Jahre lang befuhr er noch die Meere, von Danzig bis Lissabon, von
+Amsterdam bis Norwegen, von London bis Westindien; bald im eignen
+Interesse, das aber nie ein Gelingen bescherte, bald im Auftrag fremder
+Reeder. Seine Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit, soviel sie ihm auch
+Achtung und Sympathie erweckten, konnten ihm doch nicht zu großem Geld
+und Gut verhelfen. Und er war zu unruhig, zu leidenschaftlich und zu
+wenig kühler Rechner, um aus geringen Vorteilen mit der Zeit und viel
+Geduld bedeutende zu machen. Um das Jahr 1787 wurde er in Kolberg
+seßhaft, und seine Mitbürger erwiesen ihm die Ehre, ihn als Verwandten
+des Seglerhauses aufzunehmen, welches ein Kollegium war, vor dem alle
+Schiffahrtssachen in erster Instanz entschieden wurden. Auch ernannten
+sie ihn zum Schiffsvermesser, dessen Amt es war, die Tragkraft der
+Fahrzeuge zu berechnen, und wieviel Lasten sie laden und über See führen
+konnten. Es gab auch in Kolberg ein Kollegium, die Fünfzehnmänner
+geheißen, das die Gerechtsame der Bürgerschaft beim Magistrat zu
+vertreten hatte. In dieser Körperschaft waren große Mißstände bemerklich
+geworden; die Fünfzehnmänner hatten angefangen, ihr Ansehen mehr zu
+ihrem Privatnutzen als zum allgemeinen Besten geltend zu machen, und es
+war eine enge Verbrüderung daraus entstanden, die sich einander zu
+allerlei heimlichen Praktiken verhalf. Da waren Depositenkassen
+angegriffen, Scheinkäufe vorgenommen, Gemeingut widerrechtlich
+verschleudert und andere Greuel mehr begangen worden. Furchtlos trat
+Nettelbeck in den Sumpf und machte eine lange Reihe von
+Ungebührlichkeiten, Veruntreuungen und krummen Schlichen vor Gericht
+anhängig. Es kam darüber zu einem langen und verwickelten Prozeß, und
+keine Art von Ränken und Rabulistereien blieb gegen ihn unversucht.
+Beinahe vier Jahre lang schleppte sich der Rechtsstreit hin, und so wie
+er sich die Sache zu Herzen nahm, hatte er während der ganzen Zeit keine
+ruhige Stunde. Er gesteht, daß er oft mit Feuer und Schwert hätte
+dreinfahren mögen, wenn das heillose Gezücht immer ein neues Mäntelchen
+für seine aufgedeckte Bosheit zu erhaschen suchte. Endlich kam die
+unsaubere Geschichte doch zu einem leidlichen Schluß; das Kollegium
+wurde aufgelöst und durch ein anderes ersetzt, und man bewies ihm das
+Vertrauen, ihn in die Zahl der neuen Repräsentanten zu wählen.
+
+Ergreifend sind die wenigen Seiten seiner von ihm selbst erzählten
+Lebensgeschichte, wo er von seinen häuslichen und ehelichen
+Verhältnissen erzählt und die Bemerkung macht, daß ihm als Ehemann und
+Vater sein besserer Glücksstern erst spät erschienen sei. Nur der
+Anschein war günstig, als er sich im Jahre 1762 in Königsberg zu
+heiraten entschloß. Er war ein flinker und lebenslustiger Bursche von
+vier- oder fünfundzwanzig Jahren, sein junges Weib war sechzehn, und
+solange er dort lebte und als Schiffer ab- und anfuhr, war die Ehe ganz
+glücklich. Von drei Kindern, die ihm die Frau gebar, blieb indessen nur
+ein Sohn am Leben, der ihn auf seinen letzten Seereisen als
+unzertrennlicher Gefährte begleitete. Nach siebenjähriger Ehe entdeckte
+er, daß ihn die Frau betrog; er verzieh ihr, aber sie zeigte sich
+unverbesserlich, da ließ er sich von ihr scheiden, und sie verkam im
+Elend. Der Sohn, den er sehr liebte, starb ihm in jungen Jahren, und er
+stand nun verlassen in der Welt und wußte nicht, für wen er sich’s noch
+sauer werden lassen sollte. Es fehlte am festen Kern im inneren
+Haushalt, und so wollte er es noch einmal mit der Ehe versuchen. Als
+Fünfzigjähriger warf er seine Augen auf eine Schifferswitwe in Stettin,
+die er als eine ordentliche und rechtliche Frau zu kennen glaubte. Die
+Verbindung kam zustande, aber nun erst gingen ihm die Augen auf. Die
+fromme Witwe hatte gern ihr Räuschchen und hielt es eifrig mit
+mancherlei andern Dingen, die den Ehefrieden stören mußten. An ein
+Zusammenhalten des ehrlich Erworbenen war länger nicht zu denken,
+vielmehr sah er den unvermeidlichen Untergang seines kleinen Wohlstands
+vor Augen, und was blieb ihm übrig, als eine abermalige Scheidung? Mit
+trüben Blicken schaute er in die Zukunft. Er gehörte keinem Menschen an,
+war nachgerade ein alter Mann geworden, und fühlte er gleich sein Herz
+noch frisch und seinen Geist lebendig, so wollten doch die
+stumpfgewordenen Knochen nicht mehr gut tun. Die paar Jahre, die noch
+übrig waren, dachte er wohl noch hinzustümpern, und wenn nur noch der
+Sarg ehrlich bezahlt werden konnte, mochte man ihn hintun, wo seine
+Väter schliefen. Jedoch das Geschick meinte es besser mit ihm. So
+klang- und trostlos sollte sein Leben nicht enden.
+
+Das Jahr 1806 war herangekommen. Joachim Nettelbeck, dem feurigen
+Patrioten, der die alten Zeiten und des großen Friedrichs Taten noch im
+Sinn hatte, blutete gleich so vielen das Herz bei der Zeitung von den
+entsetzlichen Tagen bei Jena und Auerstädt und ihren Folgen. Er hätte
+kein Preuße und abtrünnig von König und Vaterland sein müssen, wenn ihm
+jetzt, wo alle Unglückswellen über sie zusammenschlugen, nicht so zu
+Sinn gewesen wäre, als müßte er Gut und Blut und die letzte Kraft seines
+Lebens für sie aufbieten. So lautet sein eigenes Geständnis; nicht mit
+Reden und Schreiben, dachte er, aber mit der Tat sei hier zu helfen;
+jeder auf seinem Posten, ohne sich erst lange, feig und klug, vor- und
+rückwärts umzusehen.
+
+Als nun Magdeburg und Stettin gefallen waren und die ungestüme
+französische Windsbraut sich immer näher und drohender gegen die
+Weichsel heranzog, da ließ sich’s voraussehen, daß bald genug auch die
+Feste Kolberg an die Reihe kommen mochte, und wirklich erschien im
+November ein französischer Offizier als Parlamentär in der Stadt und
+forderte die Übergabe. Diese wurde zwar verweigert, allein mit allem,
+was zu einer rechtschaffenen Verteidigung gehörte, sah es trübselig aus.
+Wall und Graben waren verfallen, von Palisaden keine Spur. Nur drei
+Kanonen standen in einer Bastion auf Lafetten und dienten bloß zu
+Lärmschüssen, wenn Ausreißer von der Besatzung verfolgt werden sollten;
+alles übrige Geschütz lag am Boden, hoch von Gras überwachsen, und die
+dazu gehörigen Lafetten vermoderten in den Remisen. Die Besatzung war
+gering an Zahl, entmutigt durch die Unglücksbotschaften, und der
+Kommandant, Oberst von Loucadou, ein alter abgestumpfter Mann, der seit
+dem bayrischen Erbfolgekrieg den Ruf eines tüchtigen Offiziers genoß und
+dessen Geist so blind an altem Herkommen hing, daß er sich in der neuen
+Zeit und Welt nicht mehr zurechtfinden konnte. Während alles, was
+Militär hieß, den trägen Schlummer mit ihm zu teilen schien, fühlte sich
+die ganze Bürgerschaft von der lebhaftesten Unruhe und Besorgnis
+ergriffen, und Nettelbeck wurde als einer der ältesten Bürger
+ausgewählt, sich mit dem Kommandanten über die Maßregeln zur
+Verteidigung zu verständigen. Dem Obersten erschien dies anmaßend, und
+er wußte nicht oder wollte es nicht wissen, daß von ältester Zeit her
+die Bürger von Kolberg sich als die natürlichen und gesetzlich berufenen
+Verteidiger ihrer Wälle und Mauern betrachteten. Vormals hatte jeder
+seinen Bürgereid mit Ober- und Untergewehr geschworen, hatte geschworen,
+daß diese Armatur ihm eigen angehöre, geschworen, daß er die Festung
+verteidigen helfen wolle mit Gut und Blut. Die Bürgerschaft war in fünf
+Kompanien eingeteilt, mit einem Bürgermajor an der Spitze, und wo es im
+Ernst gegolten, hatte der Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht
+und wesentlichen Nutzen von ihrem Dienst gezogen. Nettelbeck eröffnete
+dem Obersten, daß die Bürger mit Gott entschlossen seien, in diesen
+bedenklichen Zeitläuften mit dem Militär gleiche Last und Gefahr zu
+bestehen, daß sie sich in ein Bataillon mit vollständiger Rüstung
+organisieren wollten und bäten, sich vor ihm aufstellen zu dürfen, damit
+er Musterung halte und jedem seinen Posten anweise, sie würden ihre
+Schuldigkeit tun. Als die Bürgerschaft sich versammelt hatte, kam der
+alte Oberst und sagte: »Macht dem Spiel ein Ende, ihr guten Leutchen!
+Geht in Gottes Namen nach Hause. Was soll mir’s helfen, daß ich euch
+sehe?« Und da Nettelbeck neuerdings Vorstellungen machte und sich und
+seine Leute zu den nötigen Arbeiten anbot, erwiderte der Kommandant mit
+einem höhnischen Lachen: »Die Bürgerschaft und immer wieder die
+Bürgerschaft! Ich brauche die Bürgerschaft nicht.«
+
+Eine solche Geringschätzung erregte Murren und Unwillen, aber Nettelbeck
+ließ sich nicht abhalten, zu tun, was ihm Pflicht schien. Er machte den
+Oberst darauf aufmerksam, welch gute Dienste in früheren Belagerungen
+eine Schanze auf dem hohen Berg, eine Viertelmeile außerhalb der Stadt,
+geleistet hatte, und er und seine Freunde seien bereit, die Schanze
+wiederherzustellen. Der Oberst antwortete, was außerhalb der Stadt
+geschähe, kümmere ihn nicht, die Festung innerhalb werde er schon zu
+verteidigen wissen. Und so baute Nettelbeck die Schanze, und es halfen
+ihm die Bürger, ihre Gesellen, ihre Lehrjungen und Dienstmägde; als die
+Arbeit noch immer zu langsam vonstatten ging, warb er Leute am Hafen und
+bezahlte sie aus seiner Tasche. Er sorgte für die Anschaffung von
+Lebensmittelvorräten und nahm bei Bäckern, Bauern und Branntweinbrennern
+ein Verzeichnis der Bestände auf. Er ging in die umliegenden Dörfer und
+sah nach, was an Korn und Schlachtvieh vorhanden war. Mit all seinen
+Papieren ging er nun zum Kommandanten, um ihn zu bewegen, daß er die
+Vorräte in die Stadt schaffen lasse. Der Oberst aber, als hätte die Pest
+an den Papieren geklebt, drückte sie ihm eilig wieder in die Hand und
+sagte, er brauche den Plunder nicht und damit Gott befohlen.
+
+Der Oberst hatte auch eine alte Köchin, und die war jedesmal zugegen,
+wenn Nettelbeck kam, und gab ihren Senf mit drein. Auch dieses Mal
+schimpfte und maulte sie, bis Nettelbeck die Galle überlief und er dem
+unverschämten Weibsbild die Meinung sagte, wodurch er aber den Obersten
+nur noch mehr gegen sich in Zorn setzte.
+
+Um den Magistrat und seine Anstalten stand es auch kläglich, der
+Untergang der Stadt schien nicht aufzuhalten, und so entschloß sich
+Nettelbeck, der winterlichen Jahreszeit zum Trotz, den König selbst in
+Königsberg oder in Memel aufzusuchen und ihm Kolbergs Lage und Not
+vorzustellen. Da traf aber der Kriegsrat Wissening von Treptow in
+Kolberg ein, ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte.
+Der machte sich gegen Nettelbeck erbötig, selber zum König zu gehen und
+sein möglichstes zu tun, um den Platz zu retten. Unter den von den
+Truppen Versprengten, die täglich in Kolberg Zuflucht suchten, befand
+sich auch der Leutnant von Schill; Nettelbeck gewann ihn bald zum
+Freund, und der junge Offizier erklärte sich bereit, in Kolberg zu
+bleiben, um bei der Verteidigung zu helfen. Er stimmte mit Nettelbeck
+darin überein, daß vor allem die Maikule, der Schlüssel zum Hafen, um
+jeden Preis festgehalten werden müsse, und doch war zur Verschanzung
+dieses entscheidenden Punktes bis jetzt noch keine Schaufel in Bewegung
+gesetzt worden. Es waren keine Hände da, um auch nur einige Erdaufwürfe
+zustande zu bringen, und Nettelbeck trieb unermüdlich in der
+Geldervorstadt und in allen umliegenden Ortschaften Tagelöhner und
+Häusler zusammen, versprach und zahlte guten Lohn und verwandte gegen
+vierhundert Taler aus seiner Tasche. Tag und Nacht arbeiteten etwa
+sechzig Menschen nach dem von Schill entworfenen Plan an den
+Befestigungen; weder der Kommandant noch sonst jemand fragte und
+kümmerte sich, was da geschafft wurde. Indessen war der Kriegsrat
+Wissening mit ausgedehnten Vollmachten vom König zurückgekehrt. Seine
+Hilfe brachte neues Leben in die Verwaltung; ganze Herden Schlachtvieh,
+lange Reihen Getreidewagen zogen zu den Toren ein, und Heu und Stroh im
+Überfluß füllte die Futtermagazine. In der Stadt wurde geschlachtet und
+eingesalzen und die Böden der Bürgerhäuser mit Korn beschüttet.
+
+Um die Mitte März hatten die Franzosen die Umzingelung der Festung
+beendet. Die Schanze auf dem hohen Berg ging unter blutigen Kämpfen
+verloren, auch die Anhöhen der Altstadt waren besetzt. Es war nun
+dringend geboten, die Überschwemmung des Geländes rings um die Festung
+zu bewirken, eine Absicht, die auf den hartnäckigen Widerstand der
+Grundeigentümer stieß. Auch der Kommandant wollte nichts davon wissen,
+bei der darüber geführten Unterredung mischte sich wieder die Köchin in
+ihrer gewohnten Weise ein. Nettelbeck schob sie ohne viel Federlesens
+zur Türe hinaus, der Oberst geriet in Hitze, griff nach seinem Degen und
+würde ihn gegen Nettelbeck gezogen haben, wenn ihm nicht dessen
+Begleiter, der Hauptmann von Waldenfels, mit den Worten in den Arm
+gefallen wäre: »Beruhigen Sie sich, Nettelbeck hat recht getan.«
+
+Die Franzosen schickten indessen einen Parlamentär, den der Oberst in
+aller Freundlichkeit empfing und mit dem er hinter verschlossener Tür
+verhandelte. Nettelbeck argwöhnte Verrat, und in der Fülle seines
+beklommenen Herzens schrieb er an den König: Wenn Euere Majestät uns
+nicht bald einen andern und braven Kommandanten zuschicken, sind wir
+unglücklich und verloren.
+
+Die Belagerer schritten zum Angriff, die Geldervorstadt geriet in
+Gefahr, Loucadou erteilte den Befehl, sie niederzubrennen, aber Schill
+stellte ihm das Unnützliche und Übereilte dieser Maßregel mit solchem
+Gewicht vor, daß er nachzugeben gezwungen war; dadurch konnten Hunderte
+von Menschen die beweglichen Trümmer ihres Besitzes in Sicherheit
+bringen, und erst als dies geschehen war, fand die Zerstörung statt. Der
+Kommandant aber bezichtigte Schill der Insubordination und ließ ihn in
+Arrest setzen. Soldaten und Bürger vernahmen mit Unwillen, was ihrem
+Liebling geschehen war. Es entstand ein Gemurmel, ein Reden, Fragen und
+Durcheinanderlaufen, das mit jeder Minute lauter und stürmischer wurde.
+Man wollte Schill mit Gewalt befreien und den Kommandanten zur
+Rechenschaft ziehen. Nettelbeck, lebhaft bestürzt und das Unselige
+dieser Volksbewegung erkennend, warf sich unter die Menge, bat sie,
+Vernunft anzunehmen und vor allen Dingen Schills eigene Meinung zu
+hören. Dies ward angenommen, und Nettelbeck ging zu Schill. Als der
+vernahm, wie die Sachen standen, erschrak er heftig, und Nettelbeck an
+beiden Händen ergreifend, rief er: »Freund, ich bitte Sie um alles,
+stellen Sie die guten Menschen zufrieden. Aufruhr wäre das letzte und
+größte Unglück, das uns begegnen könnte. Sagen Sie ihnen, ich sei nicht
+arretiert, ich sei krank, sagen Sie, was Sie wollen, wenn sich nur die
+Leute zur Ruhe geben.« Nettelbeck begab sich wieder auf den Markt, hielt
+eine Ansprache, die Leute kamen zur Besinnung und gingen friedlich
+auseinander. Schills Arrest blieb ein leeres Wort, das stillschweigend
+zurückgenommen wurde.
+
+Die feindlichen Granaten schlugen in die Stadt, und der Oberst befahl,
+daß die Dächer mit Dünger belegt und das Pflaster aufgerissen werden
+sollte, um die Geschosse unschädlicher zu machen. Nettelbeck äußerte
+Zweifel über das Förderliche dieses Befehls; da die Dächer eine Neigung
+von mehr als fünfundvierzig Grad besaßen, meinte er, der Dünger werde
+wohl nicht haften bleiben, auch würden die Bomben vor den so bedeckten
+Dächern nicht sonderlich viel Respekt zeigen; das Aufreißen des
+Pflasters sei aber bei den engen Gassen sogar gefährlich, weil dann bei
+entstandener Feuersgefahr weder Spritzen noch Wasserkufen einen Weg
+durch die Steinhaufen und den umgewühlten Boden finden würden. Während
+des Gesprächs fuhr in der Nähe eine Bombe nieder und zersprang. Der
+Oberst sah sich mit etwas verwirrten Blicken um und stotterte: »Meine
+Herren, wenn das so fort geht, so werden wir müssen doch noch zu Kreuze
+kriechen.« Mehr konnte er nicht hervorbringen. Nettelbeck, alle
+Selbstbeherrschung verlierend, fuhr auf und schrie: »Halt! Der erste,
+wer er auch sei, der das verdammte Wort wieder ausspricht, von zu Kreuze
+kriechen, stirbt des Todes von meiner Hand.« Dabei riß er den Degen aus
+der Scheide, sein Nebenmann faßte ihn von hinten und zog ihn von
+Loucadou zurück. »Arretieren,« knirschte der Oberst mit schäumendem
+Mund, »gleich arretieren! In Ketten und Banden.« Alles drängte sich um
+den Oberst zusammen; Nettelbecks Freunde schoben ihn zurück, und er
+ging, wenig zufrieden mit sich selbst und seinem Zorneifer, still nach
+Hause. Nachmittags berief der Kommandant den Landrat zu sich und teilte
+ihm mit, er werde Nettelbeck vor ein Kriegsgericht stellen und auf dem
+Glacis der Festung erschießen lassen. Der Landrat erschrak, machte
+eindringliche Vorstellungen, jedoch der Oberst beharrte auf seinem Sinn.
+Als die Bürger vernahmen, was im Werke war, geriet alles in die größte
+Bewegung, alles ergriff Nettelbecks Partei; der Haufen sammelte sich und
+ward mit jeder Minute größer, wälzte sich zu Loucadous Wohnung, umringte
+ihn, und die Wortführer bestürmten ihn so lange im guten und im bösen,
+bis sie seine Entrüstung einigermaßen milderten oder vielleicht ihn
+ahnen ließen, daß er kein so leichtes Spiel haben werde. »Gut, gut,«
+sagte er endlich, »so mag der alte Bursche diesmal laufen. Hüt er sich
+nur, daß ich ihn nicht wieder fasse.« Nettelbeck hatte von seinem
+Fenster aus den Auflauf des Volkes bemerkt, hatte aber kein Arg, daß es
+ihn so nahe angehen könne. Erst andern Tags erfuhr er, wie schlimm es
+auf ihn und sein Leben gemünzt gewesen.
+
+Die Belagerung nahm ihren Fortgang, und Not und Elend stiegen von Woche
+zu Woche. Es war am 1. Juli, als die Franzosen endlich letzten Ernst zu
+machen schienen. In den Morgenstunden eröffneten sie ein furchtbares
+Bombardement auf die Stadt. Bald gab es nirgends ein Plätzchen mehr, wo
+die zagende Menge vor dem drohenden Verderben sich hätte bergen können.
+Überall zerschmetterte Gewölbe, einstürzende Böden, krachende Wände und
+aufwirbelnde Säulen von Dampf und Feuer; überall die Gassen wimmelnd von
+ratlos umherirrenden Flüchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben hatten
+und unter dem Gezisch der kreisenden Feuerbälle sich verfolgt sahen von
+Tod und Verstümmelung. Geschrei von Wehklagenden, Geschrei von
+Säuglingen und Kindern, Geschrei von Verirrten, die ihre Angehörigen
+verloren hatten, Geschrei der Menschen, die mit dem Löschen der Flammen
+beschäftigt waren, Lärm der Trommeln, Rasseln der Fuhrwerke, Geklirr der
+Waffen, es war herz- und ohrenzerreißend. Im Laufe des Tages erstürmten
+die Franzosen die Maikule, und mit dem Verlust dieses wichtigen Punktes
+war die Verteidigung gelähmt, und das Münderfort war nun zur
+Beschützung des Hafens nicht mehr ausreichend, was sich zeigte, als das
+englische Schiff, das den Belagerten zu Hilfe gekommen war, beim
+Vordringen der Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder das offene Meer
+zu gewinnen.
+
+Zu spät hatte der König Unterstützungsmannschaften geschickt, zu spät
+den unfähigen Kommandanten durch den Major von Gneisenau ersetzt; es
+schien, daß die Stadt nicht mehr zu retten war. Inmitten der ringsum
+drohenden Gefahr erzeugte sich allmählich eine Gleichgültigkeit bei
+vielen, die nichts mehr zu Herzen nahmen. War auch nicht der Mut, so war
+doch die Natur erschöpft; Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerwährende
+Spannung des Gemüts und Sorgen für Weib und Kind und Eigentum fielen auf
+die meisten mit einem solchen Gewichte, daß sie sich in den Trümmern
+ihrer Wohnungen ein noch irgend erhaltenes Plätzchen ersahen, um den bis
+in den Tod ermatteten Gliedern einige Ruhe zu gönnen.
+
+Da geschah es, daß eine Bombe, verderblicher als alle andern, in das
+Rathaus fuhr, und ein hell aufflackerndes Feuer war die Folge ihres
+Zerspringens. Als naher Nachbar sprang Nettelbeck hin, um schnelle
+Anstalten zur Brandlöschung zu betreiben, aber ringsum regte sich keine
+menschliche Seele. Er lief zu Bekannten, braven und wackeren Männern, um
+sie zur Hilfe aufzurufen, doch schlaftrunken und ohne Gefühl beachteten
+sie sein Bitten und Ermuntern ebensowenig, wie sein Toben und Schelten.
+In steigender Angst rannte er auf die Brandstätte zurück und packte
+jeden an, der ihm begegnete. Ein vierschrötiger Kerl, dem er einen
+gefüllten Löscheimer aufdrängte, nahm ihn und schlug das Gefäß mit
+seinem nicht eben sauberen Inhalt Nettelbeck geradezu um die Ohren, so
+daß er fast die Besinnung verlor und von Schmutz und Ruß bedeckt eine
+jämmerliche Figur machte. Ohne sich darum zu kümmern eilte er in das
+nächste Wachhaus auf dem Walle und stürmte wild in das halbdunkle
+Wachzimmer. Auf der hölzernen Pritsche regte sich eine Gestalt. »Bester
+Mann, zu Hilfe, das Rathaus steht in Flammen!« schrie Nettelbeck. Der
+Offizier erhob sich, schlug die Hände zusammen und rief aus: »Ach, du
+armer Nettelbeck!« Jetzt erst erkannte ihn Nettelbeck; es war Gneisenau.
+Nun wurde die Lärmtrommel gerührt, die Soldaten erschienen, Patrouillen
+durchzogen die Stadt, und die Löschanstalten kamen in Bewegung. Zu
+gleicher Zeit hatten die Gefangenen im Stockhaus die allgemeine
+Verwirrung benutzt, um auszubrechen, und hatten in den Häusern zu
+plündern begonnen; auch Nettelbecks Haus wurde von diesem Schicksal
+betroffen. Durch den tätigen Eifer des Militärs wurde die Rotte wieder
+eingefangen und unschädlich gemacht.
+
+So besonnen, wo es zu handeln galt, so allgegenwärtig gleichsam, wo eine
+Gefahr nahte, und so beharrlich, wo nur die unabgespannte Kraft zum
+Ziele führen konnte, hatte sich der Kommandant Gneisenau immer und
+überall seit dem ersten Augenblick seines Auftretens erwiesen. Wochen
+hindurch war er so wenig in ein Bett als aus den Kleidern gekommen.
+Vater und Freund des Soldaten wie des Bürgers, hielt er beider Herzen
+durch den milden Ernst seines Wesens und durch teilnehmende
+Freundlichkeit gefesselt. Jeder seiner Anordnungen folgte das
+unbedingteste Zutrauen.
+
+Der Morgen des 2. Juli brach an. Not und Elend, Jammergeschrei und
+Auftritte der blutigsten Art, einstürzende Gebäude und prasselnde
+Flammen, das war das einzige, was bei jedem Schritt den entsetzten
+Sinnen sich darstellte. Gneisenaus scharfes Auge hatte mitten im
+gräßlichsten Tumult erkannt, daß der Feind Vorbereitungen traf, sich von
+der Wolfsschanze aus über das Münderfort herzustürzen. Es war drei Uhr
+nachmittags. Gegenanstalten wurden getroffen, Befehle flogen, alles war
+in der lebendigsten Spannung, plötzlich schwieg das feindliche Geschütz
+auf allen Batterien. Auf das Krachen eines Donners wie am Tage des
+Weltgerichts folgte eine lange, öde Stille. Jeder Atem stockte, niemand
+begriff den schnellen Wechsel, das schauerliche Erstarren so gewaltiger
+losgelassener Kräfte. Da nahte ein feindlicher Parlamentär, neben ihm
+ein preußischer Offizier, und alsbald stürzte dieser mit den atemlos
+hervorgestoßenen Worten in den Kreis seiner Bekannten: »Friede! Kolberg
+ist gerettet.«
+
+ * * * * *
+
+Als im Jahre 1809 der König von Memel nach Berlin zurückkehrte, hieß es
+zuerst, er werde seinen Weg über Kolberg nehmen; aber die Strenge der
+Jahreszeit gebot die kürzeste Richtung, und da es bekannt wurde, daß das
+königliche Paar einen Rasttag in Stargard machen wollte, schlug
+Nettelbeck den Kolbergern vor, eine Abordnung der Bürgerschaft dorthin
+zu senden. Alles war seiner Meinung, aber alles glaubte auch, daß es
+dafür zu spät sei, denn um rechtzeitig an Ort und Stelle zu kommen hätte
+man sich noch den nämlichen Abend auf den Weg machen müssen. »Und warum
+nicht schon in der nämlichen Stunde?« fragte Nettelbeck. »Ich bin dazu
+bereit, aber ich bedarf noch eines Gefährten. Wer begleitet mich?«
+Schweigen und Kopfschütteln ringsherum, und schon wollte der Alte im
+feurigen Unmut auflodern, als ihm der Kaufmann Gölckel die Hand reichte,
+sich ihm zum Gefährten erbot und in einer Stunde reisefertig zu sein
+versprach. Sie kamen nach Stargard so früh am Morgen, daß sie noch alles
+in Finsternis und Schlaf begraben fanden. An einem Haus stiegen sie ab,
+klopften an und verlangten Herberge. Die Antwort lautete, alles sei
+dicht besetzt und kein Unterkommen mehr möglich. »Aber liebe Leute, den
+alten Nettelbeck werdet ihr doch nicht auf der Straße stehen lassen!«
+»Nein, wahrhaftig nicht,« scholl eine weibliche Stimme dagegen,
+»tausendmal willkommen! Da muß sich schon ein Winkelchen finden.«
+
+Im königlichen Quartier wurde Nettelbeck von einem General erkannt und
+in das Empfangszimmer geführt. Der große Raum war voll von Offizieren,
+Damen und Standespersonen. Alles blitzte von Ordenszeichen, und es gab
+eine feierliche Stille, als der König und die Königin eintraten.
+
+Vor Nettelbeck und seinem Begleiter stehend, sagte der König gegen die
+glänzende Versammlung hin mit bewegter Stimme: »Wenn jeder so seine
+Pflicht getan hätte wie die Kolberger, dann wäre es uns nicht so
+unglücklich ergangen.«
+
+Nach einiger Wechselrede brach aus des alten Nettelbecks Munde das
+glühende Wort: »Verflucht sei, wer seinem König und Vaterland nicht treu
+ist.« Und dann: »Wir hoffen, Eure Majestät werden uns nicht sinken
+lassen.« Der König antwortete und streckte Nettelbeck die Hand entgegen:
+»Nein, nicht sinken lassen, nicht sinken lasse ich euch.«
+
+Diese Stunde war vielleicht die schönste in Nettelbecks Leben, und keine
+empfand er dankbarer als Lohn für alle Opfer und Mühen. Er begann nun
+seine Hantierung wieder und fand auch ein notdürftiges Auskommen. Doch
+fiel es ihm immer schwerer aufs Herz, daß er so abgesondert und
+verlassen dastand. Er war nun fünfundsiebzig Jahre alt und sorgte sich
+doch noch um die Zukunft. Zuerst lachend, dann in wohlgemeintem Ernst
+rieten ihm seine Freunde, es noch einmal mit dem Ehestand zu versuchen,
+und nach vielem Bedenken und Zögern folgte er ihrem Rat und heiratete
+eine uckermärkische Pfarrerstochter, an deren Seite er noch ein spätes
+Glück fand und die ihm sogar im nächsten Jahr eine Tochter schenkte.
+
+Sein rastloser Geist konnte nicht ruhen. Am Abend seines Lebens
+beschäftigte ihn noch ein Projekt, das er schon Jahrzehnte zuvor
+gehegt, der Lieblingswunsch, Preußen auch jenseits der Weltmeere groß,
+geachtet und blühend zu sehen. Er verfaßte eine Denkschrift, worin er
+den Lenkern des Staats den Vorteil auseinandersetzte, der mit dem Erwerb
+von Kolonien verbunden war, ja, er machte sich trotz seiner
+sechsundsiebzig Jahre erbötig, das erste preußische Schiff, das solchem
+Zweck dienen würde, selbst zu führen. Aber wie leicht zu denken,
+erweckte sein Vorschlag zu jener Zeit keine ernstliche Beachtung.
+
+Im Jahre 1824, sechsundachtzig Jahre alt, endete der wunderbare Mann
+sein reiches Leben.
+
+
+
+
+Christian Holzwart
+
+
+Am 29. Dezember 1845, in der Morgenfrühe, kam ein Mann von der
+Sudenburg, einer Vorstadt Magdeburgs außerhalb der Ringmauern, und
+passierte in Eile durch das eben geöffnete Tor. Er war sonderbar
+anzusehen; ein Schlafrock hing über seinem Körper, er war ohne Stiefel,
+ohne Strümpfe, ohne Kopfbedeckung, und Haar und Bart waren von Flammen
+versengt. Seine Schritte waren ungleich und zeugten von großer
+Ermattung. Bei einem Hause an der Johanniskirche, wo der Wundarzt Koch
+wohnte, machte er endlich halt und zog hastig die Klingel. Die Straßen
+waren noch leer, die Leute schliefen noch, und erst auf sein
+wiederholtes Klingeln wurde ihm das Tor aufgemacht. Er taumelte in das
+Wohnzimmer und fiel ohnmächtig auf das Sofa nieder. Der Chirurgus Koch
+und seine Frau, die ihm beide erschrocken entgegengetreten waren,
+fragten gleichzeitig, was geschehen sei und von wo er in einem solchen
+Aufzug herkomme. Der Wundarzt nahm das Licht vom Tisch, beleuchtete ihn
+und sah, daß nicht nur sein sonst wohlgepflegter Bart verkohlt war,
+sondern daß auch seine Hände blutig waren. »Um Gottes willen, Holzwart,
+was ist geschehen?« fragte er entsetzt, doch der Mann stammelte nur
+verworrene Antworten, sprach von Flammen und daß seine Familie, die Frau
+und seine fünf Kinder wohl erstickt seien. Der Wundarzt schickte seinen
+Sohn und den Lehrer Zimmermann sofort nach der Sudenburg hinaus, und sie
+kamen mit der Unglücksbotschaft zurück, daß man dorten sechs Leichen aus
+dem Schutt des niedergebrannten Hauses geschafft habe. Es war auch schon
+eine amtliche Anzeige eingegangen, und die Kriminaldeputation fand sich
+bei dem Wundarzt Koch ein, um von Holzwart Auskunft über die furchtbare
+Katastrophe zu erhalten.
+
+Sie trafen Holzwart krank und hinfällig durch den erlittenen
+Blutverlust, aber doch imstande, ihren Fragen Genüge zu leisten. Er
+erzählte, daß ihm in der Nacht ein Mensch in seinen Verkaufsladen
+eingetreten sei und ihm zwei Stiche in die Brust versetzt habe; er sei
+mit dem Menschen ins Ringen gekommen, habe ihn verfolgt, habe neue
+Stiche erhalten, sei dann umgekehrt und habe sein Haus in Flammen
+stehend gefunden. Er sei zurückgewichen und fast ohne Besinnung in die
+Stadt gelaufen, und da sei er vor dem Kochschen Hause angelangt.
+
+Das alles klang weniger wie Lüge, als wie die unzusammenhängenden Reden
+eines Fiebernden. Die Kleidungsstücke, die Holzwart am Leibe hatte,
+waren nicht durchstochen, und die Schnitte am Hals sprachen eher für
+einen Selbstmordversuch als für Verwundungen von fremder Hand. Das Haus
+war nicht nieder-, sondern ausgebrannt; Türen und Fenster boten den
+Anblick einer gewaltsamen Zerstörung. Die verkohlten und verstümmelten
+Leichname der Frau, des Sohnes und der vier Töchter wurden in dem Zimmer
+neben dem Laden gefunden, und es erwies sich bald, daß an ihnen ein
+zwiefaches Verbrechen begangen worden war. Die Körper zeigten deutliche
+Spuren der Ermordung; ihr Blut färbte die Dielen der Zimmer, tränkte die
+Polster des Sofas, hing in schweren Tropfen noch ungetrocknet an den
+Stühlen, hatte die Geschenke des Christabends, die Spielereien der
+unschuldigen Kleinen überspritzt.
+
+Sollte also der Vater dieser schönen, gesunden und wohlgeratenen Kinder
+ihr Mörder sein? Aus welchem Grund? Aus Haß? Aus Habsucht? Aus Not?
+Hätte er sie gehaßt, so wäre es ja leichter gewesen, sich von ihnen zu
+entfernen. Die Welt ist groß, und es hat schon mancher die ihm lästig
+gewordenen Familienbande abgeschüttelt, seine Kinder der Willkür des
+Geschicks preisgegeben und mit leichtsinnigem Mut in der Fremde
+Vergessenheit seiner Pflichten gesucht. Auch waren die Kinder schon über
+die Hilflosigkeit der ersten Jugend hinaus; die älteste Tochter war
+sechzehn, die zweite vierzehn, die dritte zehn, der Sohn neun Jahre, und
+nur das jüngste Kind, ein Mädchen im Alter von vier Jahren, stand in der
+ersten, ganz hilfsbedürftigen Jugend. Das Gerücht, daß die Kinder hätten
+erben sollen, erwies sich als falsch. Sie waren arm, hatten nie etwas
+besessen und auch keine Hoffnung auf Besitz. Daß sich die Familie in Not
+befand, war gewiß. Man wußte, daß Holzwarts Verhältnisse von Jahr zu
+Jahr zurückgegangen seien, ja daß er ein vollständig ruinierter Mann und
+sozusagen am Ende seiner Bahn angekommen war. Dies konnte aber keinen
+ausreichenden Anlaß bilden, fünf Kinder und eine Frau zu ermorden und zu
+verbrennen. Schon nach den ersten Tagen nannte man ihn Mörder und
+Mordbrenner, und daß er selbst tödlich verwundet im Gefängnisse lag und
+nach den Berichten der Ärzte einem Verhör noch nicht ausgesetzt werden
+durfte, glaubte niemand. Woher sollten ihm die Wunden gekommen sein? Sie
+hätten ihn in ein tragisches Licht gestellt, und man wollte von ihm nur
+als von einem verworfenen Mörder wissen. Was er gelitten und noch zu
+leiden hatte, darum kümmerte sich kein Mensch. Aber der Tag kam, wo
+viele in sich gingen.
+
+Am Morgen des sechsten Tages begab sich der Untersuchungsrichter zu ihm
+ins Gefängnis. Der Arzt hatte seinen Zustand soweit gebessert gefunden,
+daß eine schonende Vernehmung möglich war. Doch lag er noch im Bette,
+sein Äußeres zeigte große Erschöpfung. Nachdem ihn der Richter mit
+einigen Fragen über sein körperliches Befinden hingeleitet hatte,
+erkundigte er sich, ob er sich zu erinnern vermöge, was für Aussagen er
+am Morgen seiner Verhaftung gemacht. Ohne Zögern bejahte Holzwart, fügte
+aber sogleich hinzu, daß man ihm noch einige Tage Zeit gönnen möge, dann
+würde er sich vollständig über die ganze Begebenheit aussprechen. Der
+Richter wendete ein, es wäre besser, wenn er sich sogleich ausspräche,
+namentlich wenn er etwas auf dem Herzen hätte, und machte ihm
+bemerklich, daß er in seinem Richter nicht den kalten Menschen suchen
+solle, der mit Nichtachtung auf den Gesunkenen herabblicke, sondern
+einen Teilnehmenden, der mit schmerzlichem Gefühl die Herzen der
+Verbrecher auszuforschen beflissen sei. Ganz ruhig richtete er daran die
+einfache Frage: »Haben Sie sich vergangen?« Holzwart richtete sich von
+seinem Lager auf, stützte sich auf den rechten Arm und sah den Richter
+stumm an. »Sind Sie schuldig?« setzte der Richter hastig hinzu. Holzwart
+legte sich zurück, sein Auge ruhte fest auf dem Gesicht des Richters,
+und eine tiefe Bewegung malte sich in seinen Mienen, als er antwortete:
+»Ja, ich bin schuldig.«
+
+Mit dieser Erklärung mußte sich der Richter vorerst begnügen, wenn er
+das Leben des Gefangenen nicht in Gefahr bringen wollte, und erst nach
+mehreren Tagen schritt er zu einer eindringlicheren Forschung. Holzwart
+zeigte von der Stunde ab ein unbedingtes Vertrauen zu seinem Richter,
+und seine Aussagen stimmten so völlig mit allen Ermittlungen überein,
+daß man seine Wahrhaftigkeit nirgends in Zweifel ziehen konnte.
+
+»Ja, ich bin schuldig,« sagte er mit festem und ruhigem Ton; »es ist
+aber mein Verbrechen nicht das Werk eines augenblicklichen Einfalls.
+Jahrelang hatte ich erfahren müssen, daß ein Unglücksstern über mir und
+meiner Familie war. Diese Überzeugung hat mich geleitet, als ich die
+Hand gegen die Meinen erhob. Kein andrer Grund als die Liebe hätte mich
+veranlassen können, eine so schreckliche Tat zu begehen. Die Liebe gab
+mir die Kraft, sie alle, die nach meiner Einsicht bald hilflos und
+erniedrigt dastehen würden, auf die schnellste und schmerzloseste Weise
+aus der Welt zu schaffen. Sie haben unbewußt und froh die letzten
+Minuten ihres Daseins herannahen sehen. Ich begann die Tat mit meiner
+Frau und endete sie mit meiner jüngsten Tochter.« Bei dieser Erklärung
+durchzuckte ein furchtbarer Krampf den unglücklichen Mann, er preßte die
+Augen zu und war unfähig, seine innerliche Erregung mit der Kraft zu
+bewältigen, die er bis dahin gezeigt hatte. Erst am nächsten Tage konnte
+man das Verhör fortsetzen.
+
+»Ich bin an Entbehrungen gewöhnt,« sagte er, »aber zur Niedrigkeit bin
+ich nie hinabgesunken, habe mich nach meiner Denkungsweise immer fern
+von Gemeinem gehalten, und da es zuletzt mit mir so schlecht stand, daß
+nur Wohltaten und Almosen mir und meiner Familie das Dasein fristen
+konnten, sah ich keinen anderen Ausweg. Wenn mir auch nur der
+entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, würde ich nicht die Kraft
+zu der Tat gefunden haben. Mit dem ersten Januar trat der Zeitpunkt ein,
+wo wir als Bettler vor der Welt dastanden; der Entschluß, den ich schon
+lange in mir trug, mußte also vor dem ersten Januar ausgeführt werden.
+Je näher mir die schauerliche Notwendigkeit trat, desto mutloser wurde
+ich, bis endlich beim Anblick des letzten Talers, den ich vor mir liegen
+sah, die Gewalt der Not entschied. Jetzt mußte ich.«
+
+Dieser letzte Taler, von dem er sprach, war in dem Schutt der
+verbrannten Wohnung wirklich gefunden worden. Er war geschwärzt und als
+Münze kaum zu erkennen.
+
+Der Richter wendete ein, daß er doch willens gewesen sei, nach
+Magdeburg zu ziehen und sogar schon ein Quartier für hundertdreißig
+Taler gemietet habe; wie das mit seinem Vorsatz, die Seinen durch Mord
+gegen Not zu schützen, zu vereinen sei. Er antwortete, dies sei nur zur
+Beruhigung seiner Frau geschehen; er habe nie geglaubt und nie die
+Absicht gehabt, das Quartier wirklich zu beziehen. »Meine Existenzmittel
+waren verbraucht, ich sollte bedeutende Zahlungen leisten, und es lagen
+nur noch drei Tage vor mir, der Sonntag, der Montag, und der Dienstag.
+Mein Entschluß schwankte schon seit dem Weihnachtsfeste; von einem Tag
+zum anderen schob ich die Ausführung hinaus. Ich hatte schon überlegt,
+ob ich nicht allein aus der Welt gehen sollte; mir war dann wohl nach
+dem fürchterlichen Kampf, aber ihnen? Ich sah sie in der Armut, der
+Gemeinheit und dem Laster verfallen. Nein, zusammen aus der Welt,
+zusammen in den Frieden. Am Sonntag erhob sich der Gedanke in mir in
+seiner ganzen Stärke. Um neun Uhr machte ich den Verkaufsladen zu. Meine
+Familie hielt sich gewöhnlich in dem Zimmer hinter dem Laden auf, ich
+hatte meine Wohnung daneben. Ich ging aus meiner Kammer durch den Laden
+und rief meine Frau. Sie folgte mir in mein Zimmer, und dort gab ich ihr
+einen Brief meines Bruders zu lesen. Sie saß mit dem Rücken gegen mich
+gewendet, ich ergriff die Axt, die ich mir bereitgestellt hatte, und
+schlug ihr den Schädel und die Schläfen ein. Sie war augenblicklich tot
+und hatte auch nicht die leiseste Ahnung ihres nahen Endes gehabt. Ich
+legte die Leiche auf mein Sofa, wo schon mein Bett gerichtet war, doch
+so, daß es den Kindern nicht auffallen konnte. Dann ging ich wieder
+hinüber und holte meine älteste Tochter. Unter dem Vorwand, daß ich ihr
+etwas diktieren müsse, was sie mir aus der Apotheke holen sollte, gebot
+ich ihr, sich auf denselben Stuhl zu setzen, auf dem ihre Mutter
+gesessen war. Ich diktierte ihr, ich weiß nicht ob Kremortartari oder
+sonst so etwas; in dem Augenblick, wo sie sich über den Tisch bückte,
+schlug ich ihr ebenfalls den Schädel ein. Sie endete wie ihre Mutter
+ohne ein Schmerzgefühl. Ich trug die Leiche über den Flur in die Küche,
+und zur Sicherheit schnitt ich mit meinem Rasiermesser die Halsmuskeln
+durch. Dann rief ich die zweite Tochter und tötete sie auf dieselbe
+Weise, auf demselben Stuhl, mit demselben Beil. Die übrigen drei Kinder
+erschlug ich in ihrer Schlafkammer, wo sie in ihren Betten lagen und
+schliefen. Allen schnitt ich die Kehle zur Vorsicht durch, damit sie auf
+keine Weise noch einen Lebensfunken in sich spüren und Schmerz empfinden
+sollten. Jetzt war das Werk vollbracht und mir war leicht. Nur ich
+fehlte noch, nur ich und alles war gut.«
+
+Er erzählte nun, wie er die Betten angezündet, sich daneben hingesetzt
+und seinen Hals durchschnitten habe. Aber er starb nicht, er atmete
+weiter. Sein Arm erschien ihm plötzlich wie gelähmt und zurückgehalten.
+An Mut und Entschlossenheit habe es ihm nie gefehlt; hatte er bis dahin
+Kraft bewiesen, so mußte es ihm doch auch gelingen, sein eigenes Leben
+zu zerstören. Er versetzte sich noch zwei Stiche in die Brust; es war
+umsonst. Sein Blut floß, aber das Leben fühlte er nicht schwinden. Von
+diesem Moment trat ein Zustand bei ihm ein, über den er keine
+Rechenschaft geben konnte. Er wußte nicht, wie lange er bei den Leichen
+gewesen, der Qualm, der sich verbreitete, trieb ihn schließlich auf und
+hinaus. Es war ihm, als fliehe ihn der Tod, als müsse er den Tod
+verfolgen. Du stirbst nicht, rief es in ihm, du kannst nicht sterben. Er
+lief fort, weg- und steglos, irrte lange durch einen Garten und kam
+endlich an das Haus des Wundarztes Koch.
+
+Der Richter fragte: »Was erwarten Sie denn nach einer solchen Tat?«
+Holzwart schaute mit einem heiteren Blick empor und antwortete ohne
+Zaudern: »Den Tod erwarte ich. Mit Freuden erwarte ich ihn, ich wollte
+ihn mir selbst geben, aber es ist mir leider nicht gelungen.«
+
+Der Richter nennt Holzwart einen ungewöhnlichen Menschen, der sich meist
+gewählt ausdrückte und bisweilen sogar in ein gewisses Pathos verfiel.
+Er war groß und von stattlichem Körperbau. Sein Gesicht war voll Ruhe,
+sein Blick frei, sprechend und sanft.
+
+Im Publikum erhoben sich Stimmen, die die Liebe zu den Seinigen in
+Zweifel stellten. Es wurde gesagt, er habe seine Kinder mit großer
+Strenge behandelt und barbarische Züchtigungen über sie verhängt. Bei
+näherer Beleuchtung verschwanden diese Anklagen. Was den Schein von
+Härte hatte, war Konsequenz gewesen, und es erwies sich auch, daß
+Holzwart von den Pflichten eines Vaters ganz andere Begriffe gehabt
+hatte als mancher ehrbare Bürger. Man erinnerte sich eines Aufsatzes,
+den er viele Jahre vorher in der Magdeburger Zeitung hatte drucken
+lassen und worin er die Unerläßlichkeit und heilsame Folge strenger
+Zucht betont hatte. Darüber waren alle Zeugen einig, daß es keine
+artigeren und besseren Kinder gegeben habe als Holzwarts Kinder,
+insbesondere das jüngste sei ein höchst anmutiges Geschöpf gewesen, der
+Liebling des Vaters, wurde gesagt. Dies erklärte auch die tiefe und
+mächtige Bewegung, die ihn durchzittert hatte, als er bekannte: »Das
+jüngste Kind war das letzte, das ich tötete.«
+
+Der Fleischer Wothge, der Holzwart oft Beistand in seinem
+Geschäftsbetrieb gewesen ist, bekundete die bemerkenswerte Tatsache, daß
+Holzwart nicht fähig gewesen sei, ein Schwein zu schlachten. Wenn er
+dabei behilflich sein sollte, so bebte er vor innerer Aufregung und
+Beklemmung. »Er war überhaupt ein sonderbarer Mann,« äußerte sich dieser
+Zeuge; »ich kann mich darüber nicht so ausdrücken, wie ich möchte, aber
+es scheint mir, als hätte er sich Vorbilder nach Büchern zum Muster
+aufgestellt. Ich habe ihn von Abd-el-Kadr, von Faust, von Ibrahim Pascha
+mit Lebendigkeit und Begeisterung sprechen hören. Das waren seine Leute.
+Er meinte immer: Großartig sterben müsse der Mensch.«
+
+Und weiter erzählte Wothge: »Im vergangenen Jahre, als das fürchterliche
+Gewitter über uns stand, schlachtete ich eines Abends um elf Uhr bei
+ihm. Mitten unter dem schauerlichen Donner sagte er zu mir: ›Ich
+wollte, alles wäre hin; was ich auch anfange, das Unglück ist immer
+hinter mir her.‹ Es war eine oftmals wiederholte Rede von ihm: ›Man muß
+nie müssen, sondern nur wollen. Aber alle im Staate müssen, nur einer
+will, das ist der König.‹ Ein andermal fragte er mich über
+Glaubenssachen, und als ich ihm entgegnete, ich glaubte das, was im
+Katechismus stehe, rief er: ›Dann sind Sie ein Tor!‹ und ging von mir
+fort. Er war übrigens ein sehr reeller Mann, wußte sich in Respekt zu
+setzen und führte immer durch, was er sich vorgenommen hatte. ›Bricht’s,
+so bricht’s‹, pflegte er zu sagen. Seine Lieblingsbeschäftigung war das
+Schachspielen. Drei Freunde aus Magdeburg haben ihn öfters besucht, bloß
+um mit ihm Schach zu spielen. Eines Tages kam er auf sein Elternhaus zu
+sprechen, und da erzählte er mir, daß zwischen ihm und seinem Vater oft
+wilde Szenen vorgekommen seien. Einmal bei einem Streit habe sein Vater
+ihm geflucht, und von diesem Augenblick an sei sein Glücksstern
+untergegangen.«
+
+Holzwarts Bruder erklärte dessen Vermögensverfall aus unglücklichen
+Konjunkturen und bekräftigte, daß er mit redlichem Willen und
+unermüdlichem Eifer stets danach gestrebt habe, sich und seine Familie
+zu ernähren. Er sei niemals arbeitsscheu gewesen, sondern es habe immer
+den Anschein gehabt, als solle seine Tätigkeit vergeblich sein. Er
+schrieb ihm eine Anlage zum Tiefsinn zu, die er vom Vater ererbt hatte.
+Es sei ihm nicht möglich gewesen, sich an einen Menschen zutraulich
+anzuschließen. In Güte hätte man aber alles von ihm erlangen können;
+wenn er aber Widerstand gefunden, wo er im Recht zu sein geglaubt, oder
+wenn er sich verkannt gesehen, habe ihn der heftigste Zorn ergriffen.
+
+»Er hatte einen streng rechtlichen Sinn und ein feines Gefühl,« äußerte
+sich weiterhin der Bruder bei einer Zeugenvernehmung. »Es lag ein Stolz
+in seinem Charakter, der es ihm unerträglich machte, die Hilfe anderer
+in Anspruch nehmen zu müssen. Ebenso unerträglich war ihm der Gedanke,
+seine Kinder, die er sehr liebte, nach seinem Tode dem Mitleid fremder
+Leute preisgegeben zu sehen. Außerdem hatte er die Idee gefaßt, daß
+seinen Sohn ein ebenso unglückliches Dasein erwarte, wie er selbst es
+geführt. Wie großmütig und redlich seine Denkungsart war, zeigte sein
+Benehmen, als er vor einigen Jahren in der Lotterie spielte. Bei der
+Klasseneinzahlung bot er in einer Anwandlung froher Laune und gewiß in
+der Überzeugung, daß er nichts gewinnen werde, seiner Schwägerin die
+Hälfte des Gewinnes an. Das Los kam in der letzten Ziehung mit einem
+Gewinn von tausend Talern heraus. Holzwart hielt sich seinem Versprechen
+gemäß für verpflichtet, der Schwägerin die Hälfte davon zu zahlen,
+obgleich sie kein Recht geltend machen und die Abmachung nur für Scherz
+angesehen werden konnte. Er blieb dabei, er müsse das Geld teilen, weil
+er es versprochen habe, und er bräche niemals sein Wort. Als ich ihm vor
+Jahresfrist aus einer Verlegenheit half, sagte er bewegt zu mir: »Glaube
+mir, es wird mir schwerer, dein Geld zu nehmen, als es dir vielleicht
+ist, es zu geben.«
+
+Die Geschichte seines Lebens, die Holzwart vor dem Richter erzählte,
+trug das unverkennbare Gepräge der Wahrheit und folgt hier mit seinen
+eigenen Worten.
+
+»Mein Vater hatte mich zum Seifensieder bestimmt, und da ich nun einmal
+nicht studieren sollte und durfte, war mir das recht. Mein Vater hatte
+mich so sehr an Gehorsam gewöhnt, daß es mir nicht eingefallen wäre,
+mich gegen seinen Befehl zu sträuben. Die Wahl des Meisters war nicht
+günstig für mich. Ich merkte bald, daß ich unter solcher Anleitung
+nichts vom Geschäft begreifen würde. Ich klagte es meinem Vater, daß
+mich der Lehrherr mehr zu Hausarbeiten als zum Seifensieden verwende,
+doch dies wurde nicht von ihm beachtet. Auch meine Mutter hörte nicht
+eher auf diese Klagen, als bis es zu spät war. Das Lehrgeld war
+weggeworfen, und nach dreijähriger Lehrzeit ging ich als Geselle aus
+diesem Geschäft nicht um ein Haar klüger, als ich hingekommen war. Ich
+trat die Wanderschaft an, fand natürlich wegen meiner Unbrauchbarkeit
+nirgends lange Arbeit, und um nicht in Not zu geraten, kehrte ich in die
+Heimat zurück. Fürs erste blieb ich im elterlichen Hause, wo man eine
+wünschenswerte Unterstützung an mir fand. Dann versuchte ich es noch
+einmal in Eisleben als Volontär in einem Seifensiedergeschäft, doch
+wurde dies meinen Eltern mit der Zeit zu kostspielig, ich gab die
+Seifensiederei für immer auf und blieb nun fünf Jahre in meines Vaters
+Geschäft. Ich lebte dort in drückenden, sehr unangenehmen Verhältnissen,
+die vornehmlich durch meines Vaters Schwäche, mit den Dienstmädchen
+allzu vertraulich umzugehen, herbeigeführt wurden. Mein Vater
+behandelte mich sehr nachlässig, was bei meinem ohnehin reizbaren
+Ehrgefühl eine bedeutende Wirkung auf mich ausübte. Im Hause meiner
+Eltern befand sich auch meine nachherige Frau; nicht eigentlich als
+Ladenmamsell, sondern mehr aus Gefälligkeit gegen meine Mutter, die die
+ganze Last des ausgebreiteten Schmälzergeschäfts allein zu tragen hatte.
+Ich gewann das Mädchen lieb und wünschte sie zu heiraten. Im Grunde
+meines Herzens trieb mich mehr die Unerträglichkeit meiner Lage als die
+Sehnsucht nach der Ehe zu dem Eifer, womit ich meine Eltern um Gründung
+eines Haushalts für mich anging. Lange sträubten sie sich gegen die
+Verbindung, endlich willigten sie ein und gaben mir hundert Taler Gold
+zur Errichtung eines Materialladens; meine Frau brachte mir ungefähr
+ebensoviel dazu, und mit diesem Kapital begann ich voller Hoffnung mein
+selbständiges Leben und meine Ehe. Die Kaufleute gewährten mir willig
+und gern Kredit, so sah ich trotz des geringen Vermögens einer günstigen
+Schicksalswendung entgegen.
+
+Aber wenn früher meine Verhältnisse drückend waren, so verfolgte mich
+jetzt ein Unglück nach dem andern. Mit dem besten Willen ging ich an
+mein Geschäft, doch schon im ersten Jahre wurde meine Frau nach der
+Entbindung krank und blieb volle fünf Vierteljahre in ärztlicher
+Behandlung. Sie mußte teure Bäder nehmen, und die Rechnungen für den
+Doktor und den Apotheker beliefen sich auf hundertzweiunddreißig Taler.
+Ich mußte Schulden machen und erkannte bald die Unmöglichkeit, mich in
+der Neustadt zu halten. Ehe noch ein Konkursverfahren eingeleitet werden
+konnte, wurde ich mit Hilfe meiner Mutter den Gläubigern gerecht und gab
+das Geschäft auf. Ich übernahm nun auf den Vorschlag meiner Eltern den
+Laden im Bonteschen Haus auf dem Markt, worin neben einem Schenklokal
+ein Handel mit Schmälzerwaren betrieben wurde. Ich sah gleich, daß diese
+Art von Wirtschaft nichts für mich war; zu einer Schenkstube gehörte ein
+anderes Wesen als das meine. Die Fleischwaren bekam ich aus dem
+elterlichen Geschäft und verkaufte sie eigentlich auf Rechnung meines
+Vaters, wobei mir nur der kleine Gewinn zufiel, den ich in der
+Schenkstube machte. Steuern für das Gewerbe, sowie Ladenmiete mußte ich
+aber bezahlen. Dazu kam, daß bei dem Laden keine Wohnung war und ich die
+Wohnung für meine Familie apart halten mußte. Es brach zu jener Zeit die
+Cholera in Magdeburg aus und raffte sogleich einen der beliebtesten
+Gäste meines Lokals, den Goldschmied Schladen, hinweg, die übrigen
+Männer bekamen Furcht und mieden meine Schenkstube, sie stand verödet,
+und ich mußte neue Gäste anzuwerben suchen. Es schlug fehl, und nach
+abermals zwei Jahren mußte ich das Geschäft mit einer baren Einbuße von
+sechshundertsechzig Talern auflösen.
+
+Viele haben den Verfall meines Hauswesens meiner Vorliebe für
+wissenschaftliche Beschäftigung zugeschrieben, aber damit hat man mir
+unrecht getan. Ich hatte allerdings großes Interesse an der Literatur,
+las gerne historische und naturwissenschaftliche Werke, begann auch zur
+damaligen Zeit ein Tagebuch, worin ich eigene Ideen und gute
+aufgefundene Gedanken verzeichnete, muß auch gestehen, daß ich nach der
+Erzählung von Alvensleben »Der Racheschwur« ein Drama zu arbeiten
+anfing; aber alles dies füllte nur meine Mußestunden aus, die von
+anderen Männern beim Kartenspiel und Biertrinken verbracht wurden.
+
+Ich versank nun in große Not, und meine Mutter unterstützte mich ein
+wenig. Ich faßte den Plan, in die weite Welt zu gehen und zu versuchen,
+ob nicht irgendein Platz für mich zu finden sei, wo ich meinen
+Lebensunterhalt gewinnen konnte. Mein Blick richtete sich auf Prag, wo
+ein Bruder meiner Mutter, der Weißgerber Grosse, in guten Umständen
+lebte. Ich trennte mich von meiner Familie. Es war ein schmerzlicher
+Abschied, aber ich ging nicht eher von ihnen, als bis mir meine Mutter
+in Gegenwart meines Bruders das Versprechen geleistet hatte, mütterlich
+für sie zu sorgen. Man schlug mir vor, die französische
+Handschuhmacherei zu erlernen, und wirklich schien mir dies ein
+Erwerbszweig, der einträglich zu werden versprach. Mein Onkel in Prag
+gab das Lehrgeld her, und obwohl ich nicht mehr in den Jahren war, wo
+man als Lehrling in einen neuen Beruf tritt und mir die Sache sehr sauer
+wurde, stärkte mich doch der Gedanke an meine Familie soweit, daß ich
+meinen Vorsatz glücklich durchführte. Nach zehn Monaten war ich Gehilfe
+des Meisters, der sich redlich Mühe mit mir gegeben hatte. Wieder in der
+Heimat angelangt, setzte ich alles daran, ein Handschuhmachergeschäft
+zu gründen. Mit etwas Geldmitteln wäre es mir wohl gelungen, allein ich
+hatte kein Geld, mein Vater wollte mir keins geben, die Mutter gab mir
+fünfzig Taler. Davon mußte ich die Hälfte für Arbeitszeug verwenden, und
+es blieb mir nicht einmal soviel, wie zum Ledereinkauf notwendig war.
+Dennoch versuchte ich mein Heil und hielt mich wirklich einige Zeit.
+Aber schließlich ging es bergab, und mein Ruin war täglich zu erwarten.
+Da starb mein Vater, und ich trat jetzt in das elterliche Geschäft als
+Pächter ein. Anfangs machte ich gute Geschäfte, aber bald wurde der
+Verdienst geschmälert durch die vielen neuerrichteten Schmälzerläden. Es
+trat noch das Mißgeschick hinzu, daß die Schweine plötzlich sehr teuer
+wurden, und dies ist ein harter Schlag für den Schmälzer, da die Waren
+noch eine Zeitlang in den alten Preisen bleiben, also bei jedem
+Schlachten zugesetzt werden muß. Ich blieb mit der Miete an meine Mutter
+rückständig, der Magistrat erhöhte die Pacht des Ladens unter dem
+Rathaus von sechzig auf hundert Taler, und im dritten Jahre wurde ich
+bankrott. Ich übergab meiner Mutter ihr Eigentum wieder, sie verkaufte
+das Haus und ließ mir unter Anrechnung auf mein späteres Erbteil
+fünfhundert Taler zum Kauf eines kleinen Hauses in der Junkerstraße, wo
+ich von neuem eine Schmälzerei anlegte. Ich mußte viel Geld verbauen; es
+wäre aber doch gegangen, wenn nicht ein Gläubiger der zweiten Hypothek
+mir sein Kapital gekündigt und ich einen neuen hätte erhalten können.
+Ich mußte wieder verkaufen und habe großen Schaden erlitten.
+
+Jetzt war ich vollkommen herunter. Meine Mutter konnte nicht mehr
+helfen, mein Bruder hatte ein Gut in Lendorf gekauft und bot mir eine
+Freistatt. Ich ging zu ihm, als Arbeitsmann im wahren Sinn des Wortes.
+Fünf Monate hielt ich es aus, da trieb mich die Sehnsucht nach den
+Meinigen wieder zurück. Meine Frau hatte sich mit dem Schmälzerladen im
+Rathaus, der uns noch verblieben war, kümmerlich durchgebracht. Ich
+versuchte nun in Magdeburg einen neuen Erwerb und erlernte das
+Oblatenbacken. Meine Mutter schoß mir fünfzig Taler vor, und ich begann
+dies Geschäft. Aber es war, als hätte das Schicksal nur darauf gewartet,
+bis ich wieder Hoffnung gefaßt hatte. Kaum hatte ich einigen Vorrat
+liegen, so kamen die neuen Blättchen mit der Namenchiffre auf, meine
+Oblaten blieben als altmodisch unverkauft, und ich war wieder fertig. Da
+ging ich mit meiner ganzen Familie nach Lendorf zurück, und wir blieben
+dort ungefähr ein Jahr. Um diese Zeit verkaufte mein Bruder das Gut, und
+meine Mutter starb. Jetzt hatte ich freilich ein Erbteil zu erwarten,
+mit dem sich etwas beschaffen ließ. Ich bekam tausend Taler. Mit diesem
+Gelde kaufte ich ein Gehöft in Gommern, wo Gastwirtschaft betrieben
+wurde. Während meines Aufenthaltes in Lendorf hatte ich mich als
+Landwirt tüchtig geübt und Lust zum Feldbau bekommen. Die Frequenz des
+Gasthofs war gering, das Feld bestand nur aus zehn Morgen Ackerland, ich
+sah, daß nicht viel zu gewinnen sei, und da ich nach einem Jahre
+vorteilhaft verkaufen konnte, entledigte ich mich der Wirtschaft früh
+genug, um keinen Schaden zu erleiden. Damals gewann ich auch tausend
+Taler in der Lotterie, von denen ich die Hälfte meiner Schwägerin gab.
+Ich wollte mir nun ein kleines Gütchen kaufen, dazu reichten die Mittel
+nicht. Obwohl ungern, entschloß ich mich endlich, wieder eine
+Schmälzerei zu errichten, und zwar in der Sudenburg.
+
+Ich hatte tausend Taler im Besitz. Die Herstellung des Ladens und die
+Anschaffung der Utensilien kosteten hundertsechzig Taler. Verdient wurde
+wenig. Die Schweine waren in dem Jahre sehr wohlfeil. Der Bauer hatte
+kein Futter für das Vieh und mußte verkaufen. Ich glaubte richtig zu
+spekulieren, wenn ich Schweine kaufte und steckte zweihundert Taler in
+den Handel, um einen ordentlichen Wintervorrat zu haben. Ich hatte mich
+leider verrechnet. Alle Leute hatten selbst Schweine gekauft und
+geschlachtet. Man holte mir nichts ab. Das Geschäft geriet ganz und gar
+ins Stocken. Schinken und Schlackwürste bewahrte ich für den Sommer auf.
+Eine entsetzliche Hitze kam und verdarb mir die Vorräte. Im nächsten
+Jahre stiegen die Schweine zu einem ungeheuren Preis, aber unsre Ware
+blieb auf dem alten Fuß. Ich hatte jetzt nur noch hundertvierzig Taler.
+Die Einnahme war erbärmlich; der tägliche Erlös betrug oft nur fünfzehn
+Silbergroschen. Wir mußten vom Kapital leben. Beim Ablauf des Jahres war
+ich dem Viehhändler hundertsechzig Taler schuldig. Mein Bruder erbot
+sich, mir vierhundert Taler zu leihen, und einer von meinen Bekannten
+legte hundert Taler dazu. Von diesem Gelde lebte ich mit meiner
+Familie, nachdem ich den Viehhändler bezahlt hatte. Ich schlachtete
+immer weniger. Im Jahre 1845 war alles Geld rein aufgezehrt. Es nahte
+der Winter, und die Not wurde bedrohlich. Abermals mußte ich meinen
+armen Bruder um Hilfe ansprechen. Er sendete mir zwanzig Taler, und dann
+wieder zwanzig Taler, und gegen Weihnachten aus freien Stücken fünf
+Taler zu Geschenken für meine Kinder. Meine Schuld beim Viehhändler war
+wieder auf anderthalb hundert Taler gestiegen.
+
+Jetzt trat der Gedanke immer unwiderstehlicher an mich heran, mich und
+meine Familie schmerzlos aus der Welt zu schaffen, wo unserer nur Elend
+wartete, ich hatte keine Aussicht, keine Hoffnung mehr. Es blieb nur das
+Verhungern übrig. Ich war außerstande, die Meinen vor dem Untergang zu
+retten. Diese Gedanken machten mich fast krank, aber ich verriet sie
+nicht, und sie kehrten wie im Kreise immer wieder auf den Punkt zurück:
+Du bist dem Bettelstab verfallen. Vorwürfe über mein Leben und meine
+Geschäftstätigkeit konnte ich mir nicht machen. Ich habe immer geglaubt,
+richtige Maßregeln zur Verbesserung meiner Lage ergriffen zu haben, aber
+meine Bemühungen sind stets fehlgeschlagen. Verlust über Verlust, was
+ich angriff, mißlang. Bei der Erinnerung an all dies Leiden wurde mein
+Entschluß fester, und mein Gemüt stählte sich. Die Notwendigkeit trieb
+mich zur Tat.«
+
+Bei gebessertem Gesundheitszustand konnte Holzwart nach einiger Zeit in
+das Verhörzimmer geführt werden. Seine Erscheinung war jetzt die eines
+zufriedenen und ergebenen Mannes. Es schien, als betrachte er das ihm
+neugeschenkte Leben mit einem mitleidigen Lächeln, als wollte er fragen:
+wozu? Er wiederholte sein Geständnis, und es war ersichtlich, daß die
+Schilderung der Mordnacht ihm eine unaussprechliche Pein verursachte.
+Und wieder behauptete er feierlich, seine Tat sei das letzte Werk der
+Liebe gewesen. Auf den Einwand, weshalb er bei seiner ersten Vernehmung
+im Kochschen Hause nicht sogleich offen bekannt, sondern eine Lüge
+angegeben habe, erwiderte er, es sei diese Lüge die einzige in seinem
+ganzen Leben. Er habe nur den Fragen genügen, lästiges Zudringen
+abwehren wollen, weiter nichts. Daß er verhaftet und vor dem Gesetz
+verantwortlich gemacht werden könnte, daran hatte er nicht gedacht. Nach
+seiner Meinung war er niemand auf der Erde eine Auskunft zu geben
+verpflichtet, und seine Tat mußte vor Gott allein verantwortet werden.
+
+Eine Tat, straf- und todeswürdig vom Standpunkte des Rechtes, verworfen
+und abscheulich von dem der Moral. Der fürchterliche Irrtum, eine
+Familie verloren zu glauben, wenn die Hilfsquellen der Existenz
+versiegen, beruhte hier auf Charakterfehlern nicht allein, sondern auf
+Gemütsanlagen, die mit tragischer Liebe Bande des Blutes als
+unauflöslich betrachten. Der Gedanke, daß die geliebten Menschen einzeln
+ihre Nahrung suchen sollten, überstieg die Geisteskraft des Vaters; bis
+dahin im Schoße der Familie vor dem Unheil geborgen, sollte er sie jetzt
+der Verführung und der Verderbnis preisgeben? Die älteste Tochter war
+schön, vorzeitig entwickelt, blühend in Gesundheit und reizend durch
+freundliches Betragen. »Sie würde ihre Käufer schon gefunden haben,«
+warf Holzwart einst im Gespräch mit bitterem Hohne hin, »aber ich habe
+ihre Unschuld bewahrt und gerettet.« Der Richter wandte ein, das Mädchen
+hätte ja bei seiner Schönheit eine günstige Wendung des Geschickes
+erleben können. Da antwortete Holzwart: »Die Möglichkeit lag ferne, denn
+sie war arm; jetzt ist ihr Schicksal gesicherter.«
+
+Im Dezember des Jahres 1846 wurde Holzwart verurteilt, nach dem
+Richtplatze geschleift, um mit dem Rade von unten herauf vom Leben zum
+Tode gebracht zu werden. Mit derselben Fassung und Haltung, die er
+bisher gezeigt, vernahm er das Urteil. Als ihm mitgeteilt wurde, daß ihm
+das Rechtsmittel der Appellation zustehe, erwiderte er ohne Besinnen, er
+habe die Strafe erwartet und durchaus nichts dagegen einzuwenden; er
+wünsche in kürzester Frist zu seinem Ziele zu kommen und wolle auch
+nicht von seinem Rechte Gebrauch machen, des Königs Gnade um Milderung
+der Strafe anzurufen, um den Vollzug des Verdikts nicht zu verzögern.
+Bei dieser Erklärung blieb er, trotzdem sein Verteidiger ihn zu anderer
+Ansicht zu bringen suchte. Es blieb diesem nichts weiter übrig, als
+seinem Willen entgegen zu handeln und aus eigener Machtvollkommenheit
+sich an den König zu wenden. Damit verging Tag um Tag, Woche um Woche,
+und Holzwart erwartete vergeblich das Ende eines Lebens, das für ihn
+allen Wert und Reiz eingebüßt hatte. Er glaubte, durch seine
+Verzichtleistung auf jeden Einspruch alle Hindernisse am besten
+beseitigt zu haben, und es gewann den Anschein, als siege wieder sein
+altes böses Schicksal, das immer seine Hoffnungen durchkreuzt hatte.
+Durch die seltene Verzichtleistung wurde ein Bericht nach dem anderen
+nötig, eine Formalität nach der anderen; bis zum September zogen sich
+die Verhandlungen hin, bevor man endlich dem König das Todesurteil
+vorzulegen bereit war.
+
+Während der Zeit saß Holzwart geduldig im Gefängnis und harrte auf
+seinen Tod. Man gestattete ihm zu lesen, zu schreiben und Schach zu
+spielen. Er verfertigte die Schachfiguren aus Brot und malte mit Tinte
+ein Schachbrett auf Pappe. Es gehörte zu seiner größten Freude, wenn der
+Aufseher Zeit gewann, mit ihm Schach zu spielen.
+
+Unter den Aufzeichnungen, die er zu Papier brachte, fanden sich Gedichte
+wie dieses:
+
+ Ich bin belohnt, daß ich euch glücklich wähne,
+ Euch überhoben weiß alljeder Erdenträne.
+ Gibt’s ein Elysium, so ist’s für euch errungen,
+ Durch euer Blut hab ich es euch erzwungen.
+ Nichts lastete auf euch, und schuldlos, schön und rein
+ Gingt ihr verklärt zur ewigen Ruhe ein.
+ Ich bin belohnt.
+
+Dann Tagebuchblätter.
+
+
+ Am 10. März.
+
+O könnt ich dem Zauber Worte geben, der wie ein Glück meinen Schlaf
+durchzieht. Nicht gaukelnd beschleicht mich der Träume Spiel – nein,
+göttlich beglückend – o, welche Wonne, wenn mein Bruder, wenn meine
+Kinder, die Mutter, die Eltern erscheinen. – Vor den Richterblicken der
+Welt mag es unverdient heißen, doch in Träumen liegt mein Glück. Mein
+liebstes Kind saß mir auf meinen Knien – so war es mir heute, ich saß
+mit ihr bei allen Meinen. Das Kind umschlang mich süß und dicht, die
+andern schmiegten sich an mich – von ferne sah die Mutter dieser Teuern
+auf uns und sprach: »Ach, daß du diese Tat hast tun können – wie schwer
+muß sie dir geworden sein!«
+
+
+ Im April.
+
+Bedarf es denn vor jenem Weltenrichter des Eingeständnisses der Tat?
+Nein! Nein! Er wußt sie ja, er braucht nun nicht zu fragen, er sah sie,
+kennt sie also schon genug. Rechtfertgen soll ich sie? Es blieb den
+Meinen nur Schmach und Elend – damit rechtfertige ich mich in Ewigkeit.
+Verkündet nur bald, wenn alles vollbracht, dem Lebensmüden die ewige
+Nacht.
+
+
+ Im April.
+
+Ich will nichts glauben, will nichts denken, was die Vernunft nicht
+faßt. Annehmen und feststellen nichts, was gegen die Natur verstößt. Und
+doch komme ich immer darauf zurück – es gibt noch ein Etwas, nach
+welchem der Blick der Sterblichen vergeblich forschend sich richtet.
+
+
+ Im August.
+
+Fünf Monate nach dem verkündeten Spruche. Himmel, diese Umstände um
+einen einzigen Menschen. Ich weiß nicht, ob man bei einer Frage von
+Krieg und Frieden so viel Zeit gebraucht, und daran hängt das Leben von
+Tausenden!
+
+Es gibt ein Etwas im großen Weltenraume, das unheilvoll sein Wesen
+treibt, und eine dunkle Ahnung sagt mir nur: es waltet gegen dich! Es
+waltet unsichtbar, es waltet stumm und grausig, dies dämonische Wesen
+des Geisterreichs.
+
+ * * * * *
+
+Das Jahr ging zu Ende, ohne das vom König bestätigte Urteil zu bringen.
+Das Gerücht von der Freigeisterei des seltsamen Verbrechers drang in die
+höheren Kreise und füllte manches gläubige Herz mit Entsetzen. Die
+entschiedene Weigerung Holzwarts, den Geistlichen zu empfangen, seine
+ebenso entschiedene Ablehnung einer geistlichen Begleitung zum
+Richtplatz, und das finstere und verschlossene Wesen, das er zeigte,
+wenn der Gefangenenprediger bei ihm eintrat, verbreitete ein wahres
+Grauen vor ihm. Es wurden Versuche gemacht, ihn zu erleuchten, aber man
+stieß auf klare und festgegründete Überzeugungen statt auf bösen Willen
+und dumpfe Verstocktheit, die man vorausgesetzt, und dagegen war aller
+fromme Bekehrungseifer machtlos.
+
+Das Jahr 1848 regte seine gewaltigen Schwingen. Die Unruhen wurden
+stürmisch. Im Februar unterzeichnete der König das Todesurteil, und
+endlich wurden Anstalten zur Hinrichtung getroffen. Es gab bei Magdeburg
+einen Anger, wo manches blutige Haupt gesunken, mancher menschliche
+Leib von den Rädern zerstampft worden war. Hier sollte auch für Holzwart
+das Schafott errichtet werden; die königliche Gnade hatte die Strafe des
+Räderns in die der Enthauptung verwandelt. Der Tag wurde anberaumt, eine
+Truppenabteilung war schon kommandiert. Noch wußte Holzwart nichts von
+den Veranstaltungen zu seinem nahen Ende, aber ihm ahnte etwas. Die
+Nachgiebigkeit des Wärters verriet ihm zuerst die Nähe seines Endes.
+Aber er fragte nicht, er zagte nicht; sein Auge blieb ruhig und sein
+Herz stark. Alles war bereit, der Scharfrichter bestellt, da brach der
+Volksaufstand los. Die Bande des Gesetzes waren gelöst, und die Behörde
+scheute sich, eine Hinrichtung vollziehen zu lassen. Der Termin wurde
+vertagt.
+
+Vielleicht war dem Gefangenen doch manches Wort zu Ohren gedrungen, das
+ihm den Stand der Dinge verraten hatte, und wieder wie ehedem rief es in
+ihm: du stirbst nicht, kannst nicht sterben. Es bemächtigte sich seiner
+eine schmerzliche Unruhe; seine Geduld wich zuzeiten einer kurzen aber
+tiefen Erregung, und seine Papiere bezeugen es, daß ihm davor bangte,
+das Leben noch lange ertragen zu sollen.
+
+
+ Im Mai 1848.
+
+Ein Mann, der edlen Trotz besitzt, sollte der voll ruhigen Gleichmuts
+nicht in Freude und Leid die Grenzen wissen? Welch ewiges Schwanken
+zwischen Leben und Tod, von heute zu morgen, von morgen noch weiter.
+Armer König, immer Schach! Immer Schach! Schach bis zum matt.
+
+
+ Im Juni.
+
+Sie zögern. Und ich grüble. Was hält mich? Was möchte ich noch? Das Grab
+der Meinen sehen, die Erde küssen, wo die Schlummernden ruhen.
+Unbegreiflich, daß ich mich bis jetzt ließ vertrösten.
+
+ * * * * *
+
+Es findet sich die amtliche Anzeige des Gefängnisinspektors an den
+Richter, daß Holzwart seit fünf Tagen die Speisen unangerührt lasse und
+auf alle Vorwürfe die Antwort erteilt habe, er werde sein Ziel zu
+erreichen wissen. Der Richter stellte ihn ernstlich zur Rede, und
+Holzwart scheint Reue empfunden zu haben, denn er schrieb am 4. Juli:
+
+»Genug, genug! Ich will alles ertragen. Der Ernst in seinem Auge; das
+harte Wort: Wenn Sie sich der verdienten Strafe entziehen, muß ich Sie
+für einen Feigling halten! Ich beuge mich. Mein Leben sei ein
+tributpflichtiges Opfer.«
+
+Er kehrte zu der geduldigen Gelassenheit zurück, nachdem er vergeblich
+den Kampf mit seinem Geschick gewagt hatte. Als im preußischen Staate
+die Ordnung wiederhergestellt war, wurde das Todesurteil Holzwarts in
+lebenswierige Zuchthausstrafe verwandelt. Es muß ihn ein ungeheurer
+Schrecken bei der Verkündigung dieses neuen Urteils erfaßt haben; eine
+mit flüchtiger Schrift gemachte Aufzeichnung, die letzte, die überhaupt
+vorhanden ist, lautet: Am Leben bleiben, solche Gnade! Gezüchtigt durch
+Zuchthaus für eine solche Tat! Es kann nicht sein, es darf nicht sein!
+
+Seit der Gewißheit seines Schicksals sprach er überhaupt nicht mehr.
+Eine kalte Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht, und die freundliche
+Ruhe seiner Mienen war düsterem Ernst gewichen. Im Zuchthaus fügte er
+sich streng der Ordnung und zeigte sich im Benehmen und im Fleiß
+exemplarisch. Daß er still und abgeschlossen seinen Weg verfolgte,
+schien jedermann natürlich. Man hatte nicht verfehlt, der Direktion des
+Zuchthauses die Selbstmordversuche Holzwarts selbst mitzuteilen, um sich
+bei den jetzt vermehrten Gründen zu solcher Tat der Verantwortung zu
+entheben. Die Furcht schien unnütz. Ein Monat nach dem andern verlief,
+ohne der gesteigerten Aufmerksamkeit den geringsten Verdacht zu geben.
+Um so unerwarteter wirkte die amtliche Nachricht von Halle:
+
+Der von dem Königlichen Kreis- und Stadtgericht hier eingelieferte
+Christian Holzwart aus Magdeburg stürzte sich am Sonntag, den 28. Januar
+1850 nachmittags um drei Uhr bei Ausgang aus der Kirche von der
+Verbindungsbrücke des Flügels #B# und blieb auf der Stelle tot liegen,
+indem er sich den Hirnschädel gespalten und fast alle Glieder
+zerschmettert hatte.
+
+So war der unglückliche Mann zur ersehnten Ruhe gekommen. Mit welchen
+Gefühlen mag er die acht Monate im Zuchthaus in Gemeinschaft mit
+Menschen erlebt haben, die er als das Verächtlichste im weiten
+Weltenraum bezeichnet hat? Mit welchen Gefühlen mag er die Tiefe des
+Abgrunds ermessen haben, bevor er sich hinunterstürzte? Den Tod zu
+zwingen, das war vielleicht seine stärkste Regung.
+
+
+
+
+Karl August von Weimar
+
+
+Die siebzehnjährige Vormundschaft der Herzogin-Mutter Amalia bedeutet
+ein unvergängliches Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte, denn unter
+ihr wurde Weimar der Sammelpunkt jener Genien, denen die Unsterblichkeit
+sicher ist und durch die der Hof von Weimar einen stillen, aber hohen
+Glanz erhielt, wie er von keinem andern deutschen Hof jemals ausgegangen
+ist.
+
+Amalie von Braunschweig war, als sie die Regierung antrat, erst achtzehn
+Jahre alt; fünf Jahre des siebenjährigen Krieges fielen noch unter ihre
+Herrschaft. Die Männer, die sie im Hof- und Zivildienst vorfand, waren
+alle noch aus der alten Schule; desto neuer war ihre Persönlichkeit, und
+mit dieser setzte sie es durch, daß man sie ihre eigenen Wege gehen
+ließ. Die Erziehung, die sie ihrem Sohne, dem künftigen Herzog, gab,
+machte Epoche in der deutschen Prinzenerziehung; sie wagte es, ihn sich
+in voller Freiheit entwickeln zu lassen, ja sie berief sogar einen
+Poeten zu seinem Erzieher, den heitern Wieland, der damals Professor in
+Erfurt war und eben den goldenen Spiegel geschrieben hatte, einen
+Fürstenspiegel, der auf den jungen Kaiser Josef gerichtet war.
+
+Ein ungenannter Turist des achtzehnten Jahrhunderts, der in Weimar zum
+Hofball geladen war, schildert die Herzogin wie folgt: »Sie ist klein
+von Statur, sieht wohl aus, hat eine spirituelle Physiognomie, eine
+braunschweigische Nase, schöne Hände und Füße, einen leichten und doch
+majestätischen Gang, spricht sehr schön, aber geschwind, und ihr ganzes
+Wesen ist angenehm. Es war auch ein Pharaotisch da, der geringste
+Einsatz war ein halber Gulden. Die Herzogin spielte sehr generös und
+verlor einige Louisdor; da sie aber gern tanzte, blieb sie nicht lange
+beim Spiel. Sie tanzte mit jeder Maske, die ihr entgegenkam, und ging
+nicht eher fort als bis um drei Uhr früh, da alles aus war.«
+
+Gouverneur der Prinzen Karl August und Konstantin war der Graf von
+Schlitz-Görtz, ein ernster, gravitätischer und formenstrenger Herr, der
+mit Nachdruck auf Etikette hielt, aber doch im privaten Kreis allerlei
+Kurzweil zuließ. Friedrich der Große hatte ihn während des bayrischen
+Erbfolgekrieges zu einer diplomatischen Mission in München verwendet,
+später war er Gesandter beim Reichstag zu Regensburg, wo er das deutsche
+Reich begraben sah. Daß er ein Mann von Geist war, bezeugt der Umstand,
+daß er Wieland an die Herzogin empfahl. Wieland zog wieder Knebel als
+Erzieher des Prinzen Konstantin nach Weimar, und Knebel war es, der dem
+jungen Karl August Goethe zuführte. Goethe berief Herder, und Herder
+wurde der Magnet für Schiller.
+
+Karl Ludwig von Knebel war ein gebürtiger Franke; er war Major unter
+Friedrich dem Großen und stand in Potsdam in Garnison. Interessant
+durch seine barocke Genialität, war er zugleich ein tiefer Hypochonder.
+Durch eine krankhafte Empfänglichkeit für unangenehme äußere Eindrücke
+war er von ihnen abhängig und durch sie gestört. Wieland war sein
+Intimus, Lucrez, den er ins Deutsche übersetzte, sein langjähriges
+Studium. Herder nannte ihn seinen lieben alten Mönch und den
+menschenfreundlichen Timon. Es war am 11. Februar 1774, als Knebel
+seinem Herzog den Verfasser des Götz und des Werther vorstellte. Auf die
+Einladung des Grafen Görtz kam Goethe in das rote Haus in Frankfurt, und
+in seiner jugendlichen Schönheit und Liebenswürdigkeit schien er dem
+Herzog wie geschaffen, der Genosse bei einem lustigen Genieleben zu
+werden, wie es ihm damals im Sinne stand. 1775 wurde Goethe förmlich
+nach Weimar eingeladen. Der in Karlsruhe zurückgebliebene Kammerjunker
+von Kalb hatte den Befehl, Goethe in einem von Straßburg erwarteten
+Staatswagen nach Weimar zu bringen. Der Wagen blieb lange aus, Goethes
+fürstenfeindlicher Vater hatte ihm schon mit dem spottenden Zuruf: »Nah
+bei Hof, nah bei der Höll« die Furcht in die Seele geworfen, er könne
+nur der Spielball einer fürstlichen Laune gewesen sein; er hatte bereits
+die Flucht angetreten und befand sich in Heidelberg, als er dort noch
+aufgehalten wurde. So hing es an einem Faden, daß Goethe nicht nach
+Weimar kam; noch in späten Jahren hat er sich des wahrhaft Dämonischen
+dieser Situation erinnert.
+
+»Goethe ging wie ein Stern in Weimar auf, der sich eine Zeitlang in
+Wolken und Nebel verhüllte,« schreibt Knebel; »jeder hing an ihm,
+sonderlich die Damen. Er hatte noch die Werthersche Montierung an, und
+viele kleideten sich danach. Er hatte noch von dem Geist und Sitten des
+Romans an sich, und dieses zog an. Sonderlich den jungen Herzog, der
+sich dadurch in Geistesverwandtschaft seines Helden zu setzen glaubte.
+Manche Exzentrizitäten gingen zur selbigen Zeit vor, die ich nicht zu
+beschreiben Lust habe, die uns aber auswärts nicht in den besten Ruf
+setzten. Goethes Geist wußte ihnen indessen einen Schimmer von Genie zu
+geben.«
+
+Die Gerüchte über die Zustände in Weimar mußten von recht schlimmer Art
+gewesen sein, da sogar Klopstock den auffallenden Schritt tat, sich als
+Mentor und Warner einzumischen. Goethe wies ihn mit Entschiedenheit
+zurück, und es kam zum Bruch zwischen beiden.
+
+Einen besondern Hof neben dem des Herzogs, dem regierenden Hof, wie er
+hieß, bildete der sogenannte verwitwete Hof der Herzogin Amalie. Wieland
+nennt die Herzogin eines der liebenswürdigsten Gemische von Menschheit,
+Weiblichkeit und Fürstlichkeit; sie hatte nicht wenig Gefallen an dem
+Leben, das ihr Sohn mit Goethe führte, und nahm selbst daran teil. Schon
+als Regentin hatte sie wie ein halber Student gelebt; einmal war sie auf
+einem Heuwagen mit acht Personen von Tieffurt nach Tennstädt gefahren,
+es kam ein Gewitter mit einem heftigen Regenguß, und die Herzogin, die
+wie die andern Damen in ganz leichtem Kleide war, zog Wielands Oberrock
+an. Sie faßte alles mit Enthusiasmus an und auf. So lernte sie
+Griechisch, und zwar so gut, daß sie nach kurzer Zeit den Aristophanes
+in der Ursprache lesen konnte. Am begeistertsten trieb sie Musik, malte
+auch und schwärmte für Italien und die italienische Literatur, in der
+ihr Führer der Rat Jagemann war, ein aus Konstanz entflohener Mönch. Die
+theatralischen Feste Amalies wurden entweder in der Stadt abgehalten
+oder in den Sommersitzen der Herzogin, in Tieffurt oder in Ettersburg.
+Namentlich im Park von Ettersburg wurden vor dem vertrauten Kreise der
+Fürstin viele lustige Gelegenheitsstücke gegeben, so 1778 Goethes
+Jahrmarkt in Plundersweilen, und 1779, zur Feier von Karl Augusts
+Geburtstag, eine derbe Parodie der Wielandschen Alceste. Die Arie:
+»Weine nicht, du Abgott meines Lebens« wurde auf die lächerlichste Art
+mit dem Posthorn begleitet, und auf den Reim schnuppe ein unendlich
+langer Triller gesungen. Nach dem Stück folgte die sogenannte
+Kreuzerhöhungsgeschichte mit einem üblen Buch von Jacoby; Merck nagelte
+das Buch mit dem Einband an einen Baum, so daß die Blätter im Winde
+flatterten, Goethe stieg in den belaubten Wipfel und hielt von dort
+herab ein hochnotpeinliches Halsgericht über die Scharteke.
+
+Neunzehn Jahre war Karl August alt, als er die berühmte Erklärung gab,
+die den in sein Konseil einberufenen Dichter betrifft. Sie lautet:
+»Einsichtsvolle wünschen mir Glück, diesen Mann zu besitzen. Sein Kopf,
+sein Genie ist bekannt. Einen Mann von Genie an einem andern Orte
+gebrauchen, als wo er selbst seine außerordentlichen Gaben gebrauchen
+kann, heißt ihn mißbrauchen. Was aber den Einwand betrifft, daß dadurch
+viele Leute sich für zurückgesetzt erachten würden, so kenne ich erstens
+niemand in meiner Dienerschaft, der meines Wissens auf dasselbe hoffte,
+und zweitens werde ich nie einen Platz, welcher in so genauer Verbindung
+mit mir, mit dem Wohl und Wehe meiner gesamten Untertanen steht, nach
+der Anciennität, sondern ich werde ihn immer nur nach Vertrauen geben.
+Das Urteil der Welt, welches vielleicht mißbilligt, daß ich den Doktor
+Goethe in mein wichtigstes Kollegium setzte, ohne daß er zuvor Amtmann,
+Professor, Kammerrat und Regierungsrat war, ändert gar nichts. Die Welt
+urteilt nach Vorurteilen. Ich aber sorge und arbeite wie jeder andere,
+nicht um des Ruhmes, um des Beifalls der Welt willen, sondern um mich
+vor Gott und meinem Gewissen rechtfertigen zu können.«
+
+Er war eher klein als groß von Gestalt, aber in seiner Erscheinung lag
+von der Jugend bis in das späteste Alter etwas Selbständiges und
+Energisches in sehr ungebundener und freier, fast studentischer Form;
+man pflegte ihn auch den Studenten von Jena zu nennen. Dem Major Knebel
+gegenüber legte der vierundzwanzigjährige Fürst einmal folgendes
+Selbstbekenntnis ab: »Ich muß erstaunlich wehren, meinem Herzen und den
+Leidenschaften nicht die Zügel schießen zu lassen; es ist gar zu schwer,
+sich wieder in den unnatürlichen Zustand zu fügen, in dem unsereiner
+leben muß und an den man so langsam sich gewöhnt zu haben glaubt.«
+
+[Illustration: Karl August von Weimar, nach einem Steindruck von C. A.
+Schwerdgeburth; 1824.]
+
+Merck, Goethes wunderbarer Freund, ließ sich, als alle Welt über die
+Streiche, die Karl August nach seiner Bekanntschaft mit Goethe machte,
+die Köpfe schüttelte, nicht beirren und vertrat nachdrücklich den Wert
+des seltenen Fürsten. Am 3. November 1777 schrieb er aus Darmstadt an
+den Buchhändler Nikolai in Berlin: »Ich hab Goethe neuerlich auf der
+Wartburg besucht, und wir haben zehn Tage zusammen wie die Kinder
+gelebt. Mich freuts, daß ich von Angesicht gesehen habe, was an seiner
+Situation ist. Das Beste von allem ist der Herzog, den die Esel zu einem
+schwachen Menschen gebrandmarkt haben und der ein eisenfester Charakter
+ist. Ich würde aus Liebe zu ihm eben das tun, was Goethe tut. Die
+Märchen kommen alle von Leuten, die ohngefähr so viel Auge haben, zu
+sehen, wie die Bedienten, die hinterm Stuhle stehen, von ihren Herrn und
+deren Gespräch beurteilen können. Dazu mischt sich die scheußliche
+Anekdotensucht unbedeutender, negligierter, intriganter Menschen, oder
+die Bosheit anderer, die noch mehr Vorteil haben, falsch zu sehen. Ich
+sage Ihnen aufrichtig, der Herzog ist einer der respektabelsten und
+gescheitesten Menschen, die ich gesehen habe.«
+
+Wie Goethe, liebte es Karl August, sich nach den Aufregungen des
+Weltlebens in die Einsamkeit zu begeben. Er suchte dann die Borkenhütte
+im Park auf und konnte, während Goethe in seinem Gartenhaus am Stern
+weilte, mit dem Freund durch verabredete Zeichen eine telegraphische
+Konversation über das Tal der Ilm hinweg herstellen. Im Sommer 1780
+schrieb er aus diesem Retiro an Knebel: »Es hat neun Uhr geschlagen,
+und ich sitze hier in meinem Kloster mit einem Licht am Fenster. Der Tag
+war außerordentlich schön, ich war so ganz in der Schöpfung, und so weit
+vom Erdentreiben. Der Mensch ist doch nicht zu der elenden Philisterei
+des Geschäftslebens bestimmt; es ist einem ja nicht größer zumute, als
+wenn man so die Sonne untergehen, die Sterne aufgehen, es kühl werden
+sieht und fühlt, und das alles so für sich, so wenig der Menschen
+halber; und doch genießen sie’s, und so hoch, daß sie glauben, es sei
+für sie. Ich will mich baden mit dem Abendstern und neu Leben schöpfen,
+der erste Augenblick darauf sei dein. Lebewohl solange.« Nach dem Bad in
+der Ilm fährt er fort: »Das Wasser war kalt, denn die Nacht lag schon in
+seinem Schoß. Als ich den ersten Schritt hineintat, war’s so rein, so
+nächtlich dunkel; über den Berg hinter Oberweimar kam der volle rote
+Mond. Es war so ganz still. Wedels Waldhörner hörte man nur von weitem,
+und die stille Ferne machte mich reinere Töne hören, als vielleicht die
+Luft erreichten.«
+
+In den achtziger und neunziger Jahren hatte sich der Charakter des
+Herzogs zu seiner Reife ausgebildet; der junge Wein hatte sich geklärt,
+er stand jetzt goldrein im Pokale. »Täglich wächst der Herzog und ist
+mein bester Trost,« schrieb Goethe 1780 an Lavater. Aber in den Briefen
+an die Frau von Stein findet sich auch manches schärfere Urteil über
+Karl August, das freilich später immer wieder gemildert wurde. Einmal
+äußerte er sich: »Mich wundert nun gar nicht mehr, daß Fürsten meist so
+dumm, toll und albern sind, nicht leicht hat einer so gute Anlagen als
+der Herzog, nicht leicht hat einer so gute und verständige Menschen um
+sich und zu Freunden als er, und doch will’s nicht nach Proportion vom
+Flecke, und das Kind und der Fischschwanz gucken, eh man sich’s
+versieht, wieder hervor.« Vielleicht beirrte es Goethe und machte ihn
+ein wenig bitter, daß der Herzog häufig sehr mutwillige Neckerei mit
+seiner Beziehung zu Frau von Stein trieb. Einmal enthielt er ihm einen
+ihrer Briefe vor und schickte ihn dann durch einen Husaren in zehn
+übereinander gesiegelten Kuwerten mit folgenden Verszeilen:
+
+ Es ist doch nichts so zart und klein
+ So wird’s doch jemand plagen.
+ Zum Beispiel macht dein Briefelein
+ Husaren sehr viel klagen.
+ Heut sagte der, der’s Goethen bracht
+ Und schwur’s bei seinem Barte,
+ Viel lieber ging ich in die Schlacht
+ Als trüg so Brieflein zarte.
+ Denn wie im Hui ist das Papier
+ Aus meiner weiten Tasche,
+ Und wer, wer stehet mir dafür,
+ Daß ich es wieder hasche.
+ Unheimlich sagt er, es ihm sei,
+ Wenn er so etwas trage,
+ Denn Billetdoux und Zauberei
+ Ist gleich, nach alter Sage.
+ Drum schreibe Du, nach altem Brauch,
+ Auf Groß-Royal-Papiere,
+ Damit der Träger künftig auch
+ Ja nichts vom Teufel spüre.«
+
+Der Herzog hatte aber auch seine Herzensfreundin, und das war die Gräfin
+Werthern. Mit seiner Frau vertrug er sich schlecht. Die Herzogin Luise
+war eine formenstrenge Dame und hielt so stark auf Zeremoniell, daß es
+Mühe kostete, Goethe zur Spielpartie bei ihr einzuschmuggeln. Im
+September 1776, vor der Fahrt nach Ilmenau, schrieb Goethe an Charlotte
+von Stein: »Es ist mir lieb, daß wir wieder auf eine abenteuerliche
+Wirtschaft ausziehen, denn ich halt’s nicht aus. So viel Liebe, so viel
+Teilnahme, so viele treffliche Menschen, und so viel Herzensdruck.«
+
+Die Herzogin war im höchsten Grade schwerblütig und schwerlebig, einsam
+in der Welt, ohne Freund, sogar Frau von Stein und Herder waren ihr zu
+leicht. Bei der Gräfin Werthern war der unruhige Herzog noch am ehesten
+festzuhalten. 1782 schreibt er an Knebel: »Auf Ostern besuche ich die
+Gräfin, welche doch die beste aller Gräfinnen ist, die ich kenne.« Um
+dieselbe Zeit schreibt Goethe: »Der Herzog ist vergnügt, doch macht ihn
+die Liebe nicht glücklich, sein armer Schatz ist gar zu übel dran, an
+den leidigsten Narren geschmiedet, krank und für dies Leben verloren.
+Sie sieht aus und ist wie eine schöne Seele, die aus den letzten
+Flammenspitzen eines nicht verdienten Fegefeuers scheidet und sich nach
+dem Himmel sehnend erhebt.« Der Graf Werthern war nämlich ein
+hocharistokratischer Sonderling, zuzeiten verschwenderisch, zuzeiten
+geizig wie ein Filz. Er hatte eine seltsame, spanisch zeremonielle
+Hausordnung eingeführt; kamen vornehme Gäste, so ließ er Bauernjungen,
+die als Neger geschwärzt und kostümiert waren, bei Tisch aufwarten. Die
+Gräfin war zwar eine kleine Dame, hatte aber die größten Manieren, und
+Goethe gestand, daß er alles, was er von Welt besaß, von ihr gelernt
+hatte.
+
+Der Herzog gab sehr viel Geld für Jagd und Tafelfreuden aus, und oft
+finden sich unwillige Äußerungen Goethes über die Schmarotzer bei Hof
+und ihre Unersättlichkeit. In einem Brief an Knebel heißt es: »Selbst
+der Bauersmann, der der Erde das Notdürftige abfordert, hätte ein
+behaglich Auskommen, wenn er nur für sich schwitzte. Du weißt aber, wenn
+die Blattläuse auf den Rosen sitzen und sich hübsch dick und grün
+gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen ihnen den filtrierten
+Saft aus den Leibern, und so geht’s weiter, und wir haben’s so weit
+gebracht, daß oben immer an einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in
+einem beigebracht werden kann.«
+
+So großmütig und freigebig der Herzog sein konnte, so fehlten ihm doch
+häufig die Mittel, um diejenigen, die der Hilfe würdig waren, in
+würdiger Weise von Not zu befreien; deshalb mußte auch Schiller am Hof
+zu Weimar ein gar trauriges und bedrücktes Leben führen. Es war nicht so
+viel Geld für ihn da wie für irgendeinen Kammerjunker, und wie
+Beethoven durch englisches, wurde Schiller schließlich durch dänisches
+Geld der schlimmsten Sorgen überhoben. Um Charlotte Lengefeld heiraten
+zu können mußte er sich um die Professur in Jena bewerben, die
+zweihundert Taler trug, aber Schiller war von so edler und vornehmer
+Art, daß er dem Herzog selbst für das Wenige, das er für ihn tat oder
+tun konnte, Dankbarkeit bewahrte. Karl Augusts Finanzen waren eben zeit
+seines Lebens in Unordnung. Fast unmöglich hielt es, ihn zu gewöhnen,
+daß er seine Ausgaben in das richtige Verhältnis zu seinen Einnahmen
+setzte. In späteren Jahren machte er alle seine Geschäfte mit
+Rothschild; wenn er in Geldverlegenheit war, ließ er seinen Wagen
+anspannen und fuhr nach Frankfurt.
+
+Sonderbar waren in ihm die Eigenschaften gemischt, leichter Sinn und
+burschikose Laune, und dann wieder sittlicher Ernst und Tiefe des
+Gemüts. Von diesem Ernst und dieser Tiefe legt ein überaus herrlicher
+Brief Zeugnis ab, den er am 4. Oktober 1781 an Knebel schrieb. Als der
+Prinz Konstantin mit dem Mathematiker und Physiker Albrecht auf Reisen
+ging, war Knebel, der bisher der Erzieher des Prinzen gewesen war,
+pensioniert worden. Im Unmut darüber hatte er den Plan gefaßt, wieder in
+preußische Dienste zu treten; von diesem Entschluß brachte ihn der
+Herzog durch folgenden Brief ab.
+
+»Sind denn die, die sich Deiner Freundschaft, Deines Umgangs freuen, so
+sklavisch, so sinnlicher Bedürfnisse voll, daß Du nur durch Graben,
+Hacken, Ausmisten und Aktenverschmieren ihnen nützen kannst? Ist denn
+das Rezeptakulum ihrer Seelen so gering, daß Du nirgends ein Plätzchen
+findest, wo Du irgend etwas von dem, was die Deine Schönes, Gutes und
+Großes, die innere Existenz der Edlen bessernd und veredelnd, gesammelt
+hat, ausfüllen kannst? Sind wir denn so hungrig, daß Du für unser Brot,
+so furchtsam und unstet, daß Du für unsere Sicherheit arbeiten mußt?
+Sind wir nicht mehrerer Freuden als der des Tisches und der der Ruhe
+fähig, können wir keinen Genuß finden, wenn Du, von dem Schmutz und dem
+Gestank des Weltgetriebes Reiner, Deine volle Zeit zur Schmückung des
+Geistes anwendend, uns, die wir nicht Zeit zum Sammeln haben, den Strauß
+von den Blumen des Lebens gebunden vorhältst? Sind unsre Klüfte so
+quellenlos, daß wir nicht eines schönen Brunnens brauchen, uns selbst
+unsrer Ausflüsse freuend, wenn sie schön in demselben aufgefaßt sind?
+Sind wir bloß zu Ambossen der Zeit und des Schicksals gut genug, und
+können wir nichts neben uns leiden als Klötze, die uns gleichen und nur
+von harter, anhaltender Masse sind? Ist’s denn ein so geringes Los, die
+Hebamme guter Gedanken und in der Mutter zusammengelegter Begriffe zu
+sein? Ist das Kind dieser Wohltäterin fast nicht ebenso sehr sein Dasein
+schuldig als der Mutter, die es gebar? Die Seelen der Menschen sind wie
+immer gepflügtes Land; ist’s erniedrigend, der vorsichtige Gärtner zu
+sein, der seine Zeit damit zubringt, aus fremden Landen Sämereien holen
+zu lassen, sie auszulesen und zu säen? Muß er nicht etwa daneben auch
+das Schmiedehandwerk treiben, um seine Existenz recht auszufüllen? Bist
+Du nun so im Bösen, so über Dich selbst erblindet, daß Du Dir einbilden
+könntest, Du habest uns nie dergleichen Nutzen verschafft, und achtest
+Du uns gering genug, daß Du glauben könntest, wir würden Dich so lieben
+wie wir tun, wärest Du uns hierin unnütz und überflüssig oder
+entbehrlich gewesen? Willst Du nun dieses schöne Geschäft, diese würdige
+Laufbahn aufgeben, alle eingewachsenen Bande ausreißen, gleich einem
+Anfänger eine neue Existenz ergreifen und Dich, Gott weiß wohin, unter
+Menschen, die Dich nichts mehr angehen und mit denen Du kein reines und
+Dir gewohntes Verhältnis hast, hinwerfen? Neuen Anteil ergreifen oder
+Dir machen, mehr Gute, mehr Böse kennen lernen, sehen, wie die
+Abscheulichkeiten so überall zu Hause, das Gute überall so befleckt ist?
+Und warum? Um etwa einigen Kanzlistenseelen aus dem Wege zu gehen, die
+Dir Deine Semmel, die Du mehr hast als sie, beneiden, weil Du nicht
+gleich ihnen Maultierhandwerk treibst? Und wohin willst Du Dich
+flüchten? Nimmst Du nicht überall Deine paar Semmeln mit, die Du mehr
+und leichter hast als andere? Sind nicht überall Knechte, die es
+entbehren und Dich darum beneiden werden? Wirst Du deren Neid besser
+aushalten? Dich, weil Du dort ein paar Monate fremd bist, von ihnen mehr
+geachtet halten, als Du es hier sein möchtest? Siehst Du etwas
+Erreichbares vor Dir, das Dir das, was Du entbehrst, ersetze? Ist dieses
+Erreichbare so gewiß? Schlägt’s fehl, kann es Deine Existenz dann
+ertragen, immer neue Zwecke zu machen, oft abgeschlagen zu werden und
+so herumzuirren? Willst Du also das Beständige für das Unbeständige
+hingeben? Laß uns die Sache nicht so feierlich nehmen und das Übel nicht
+für so unheilbar halten. Ist’s Deiner Natur gut, sich zu verändern, so
+reise. Warum sich immer ersäufen wollen, wenn’s mit einem schönen Bade
+getan ist?«
+
+Es ging damals eine wohltätige Umwandlung mit dem Herzog vor; gleich
+Goethe gab er sich mehr und mehr dem Studium der Natur hin, um 1784
+schrieb er an Knebel: »Die Naturwissenschaft ist so menschlich, so wahr,
+daß ich jedem Glück wünsche, der sich ihr auch nur etwas ergibt ... Sie
+beweist und lehrt so bündig, daß das Größte, das Geheimnisvollste, das
+Zauberhafteste so ordentlich, einfach, öffentlich, unmagisch zugeht; sie
+muß doch endlich die armen unwissenden Menschen von dem Durst nach dem
+Außerordentlichen heilen, da sie ihnen zeigt, daß das Außerordentliche
+so nahe, so deutlich, so unaußerordentlich, so bestimmt nahe ist.«
+
+Das Jahr 1789 brachte auch für den Weimarer Hof Veränderungen mit sich,
+besonders im Hinblick auf sparsamere Wirtschaft. Herder schreibt an
+Knebel: »Der Hof ist wieder hier und die Tafel an demselben abgeschafft.
+Die Herren Mitesser bekommen Kostgeld, die Damen speisen mit dem
+fürstlichen Ehepaar auf des Herzogs Zimmer, und jedesmal wird ein
+Fremder dazu gebeten. Sie können denken, was die Hofdamen dazu sagen,
+und es ist unbegreiflich, daß sie nicht schon aus Furcht vor zukünftiger
+langen Weile zum voraus verschmachten.«
+
+Über die französische Revolution äußerte sich der Herzog am 13. Januar
+1793, eine Woche vor der Hinrichtung Ludwigs XVI., wie folgt: »Wer die
+Franzosen in der Nähe sieht, muß einen wahren Ekel für sie fassen; sie
+sind alle sehr unterrichtet, aber jede Spur eines moralischen Gefühls
+ist bei ihnen ausgelöscht ... Der Mensch war nie, die Zone, unter der er
+lebte, mag sein wie sie wolle, er war nie, sage ich, zur
+Treibhauspflanze bestimmt. Sobald er diese Kultur erhält, geht er
+zugrunde; auch beurteilt man die Franzosen falsch, wenn man glaubt, ihre
+Reife habe sie auf den jetzigen Punkt gebracht. Eines unterdrückte das
+andere im Reich, und nun unterdrücken die Unterdrücker selbst ihre alten
+Beherrscher, weil diese nachlässig und stupid waren. Nicht das mindeste
+Moralische liegt dabei zum Grunde, sondern man hat jetzt eine Art
+Moralität oder eine philosophische Zunft zum Werkzeug gebraucht.«
+
+Die Abneigung Karl Augusts gegen die Franzosen hatte ihre Ursache darin,
+daß er sich ihnen gegenüber ganz und gar als Deutscher fühlte. Karoline
+von Wolzogen schrieb darüber einmal an Schiller: »Ich dankte auch dem
+Himmel beim Lesen des Mirabeau, daß alles, was mir lieb ist, nichts mit
+der Politik zu tun hat. An wie armseligen Fäden hängen diese
+Weltbegebenheiten! Es muß ein unsichtbares Gewebe das Menschengeschlecht
+umstricken und so zusammenhalten wie es hält; was diese Menschen dabei
+zu tun wähnen, kann nicht viel sein. So klein und eng sind sie, keine
+Spur eines bessern Wesens, das sich selbst an die allgemeine
+Glückseligkeit hingäbe, jeder denkt nur an einen bequemen Platz für
+sich, um darauf zuzusehen; sie haben nicht einmal die Energie, um
+herrschen zu wollen. Des Mirabeau Nationalstolz ist kindisch und
+ärgerlich, man könnte aus Depit deutsch sein wollen, wie der Tempelherr
+im Nathan Christ sein wollte, wenn man anders mit ihm zu tun hätte,
+glaub ich. Ich will dem Herzog von Weimar wohl darum, daß er Mirabeau
+übel begegnet hat.«
+
+Im übrigen wurde das stille Weimar durch die großen Weltereignisse wenig
+berührt. Der Herzog, der zu Goethes Mißvergnügen eine wachsende
+Kriegslust an den Tag gelegt hatte, nahm 1794 an dem Feldzug in der
+Champagne teil; Goethe begleitete ihn, und wie man weiß, hat er dieses
+kriegerische Zwischenspiel wahr und meisterlich beschrieben. Es war in
+Karl August ein unstillbarer Drang, sich zu betätigen und auszuleben. So
+liebte er auch in seinen Herzensbeziehungen die Abwechslung. Als die
+Leidenschaft zur Gräfin Werthern vorüber war, wurde die reizende
+Sängerin und Schauspielerin Caroline Jagemann seine Favoritin. Für sie
+schrieb Goethe die Eugenie in der natürlichen Tochter. Sie war sehr
+schön und sehr ehrgeizig und stand den Werbungen Karl Augusts anfangs
+kühl gegenüber, denn eben ihres künstlerischen Ehrgeizes wegen hatte es
+nichts Verlockendes für sie, in einer kleinen Stadt und an einer kleinen
+Bühne die Mätresse eines Herzogs zu sein. Ihr Widerstreben steigerte die
+Leidenschaft Karl Augusts bis zur Verzweiflung. Endlich gab sie nach;
+sie blieb beim Theater, wurde aber zur Frau von Heygendorff erhoben. Es
+wird berichtet, daß sie noch in ihrem hohen Alter, als schon graue
+Locken das Gesicht umrahmten, von bezauberndem Reiz gewesen sei,
+besonders habe ihre Stimme etwas unvergleichlich Angenehmes gehabt.
+Frisch an Körper und Geist, war sie dem Herzog wie zugeschaffen, seinem
+innersten Bedürfnis entsprechend, selbst ihre Art sich auszudrücken war
+der seinen gemäß. Ihr Einfluß war groß und dauerte bis zum Tode des
+Herzogs. Ihre Hauptfeindin am Hof war die Gemahlin des Erbprinzen, die
+russische Großfürstin Marie, und es kam wohl vor, daß sie im Gefühl
+ihrer Überlegenheit diese der Zarentochter zu fühlen gab. Einmal hatte
+die Erbprinzessin bei einem Gang durch den Park ihre Freude an einer
+schönen Baumpartie ausgesprochen; als sie nach ein paar Tagen wieder
+vorüber kam, waren die schönen Bäume abgehauen. Frau von Heygendorff
+hatte den Herzog bestimmt, hierzu den Befehl zu geben. Weil Karl August
+fürchtete, daß seiner geliebten Freundin nach seinem Tod ein übles
+Schicksal widerfahren könnte, hatte er seinen Adjutanten unterwiesen,
+für den Fall, daß er außerhalb Weimars sterben sollte, den Kurier mit
+der Todesnachricht zuallererst zu Frau von Heygendorff zu schicken.
+Dieser Fall trat auch ein, und dem Befehl wurde buchstäblich Folge
+geleistet. Als die fürstliche Familie die Kunde von dem Tod des Herzogs
+bekam, hatte Frau von Heygendorff bereits ihren Wagen anspannen lassen
+und befand sich auf der Fahrt nach Mannheim, wo sie vordem, bei Iffland,
+ihre Ausbildung genossen hatte.
+
+Karl August hatte auch für die Literatur der #Ars amandi# viel übrig
+und legte sich eine #Bibliotheca erotica# an, welche die seltensten
+Exemplare der Gattung enthielt. Er schenkte sie später seiner guten
+Freundin, der Gräfin Henckel, die sich sehr für das geheime Fach
+interessierte.
+
+Die Verheiratung des Erbprinzen mit der Großfürstin veränderte alle
+Lebensverhältnisse in Weimar. »Sie können kaum einen Begriff haben von
+dem Glanz, der uns neuerlich umgibt,« schreibt Fräulein von Göchhausen
+im September 1804, »der Herzog ist mit drei russischen ganz von Juwelen
+strahlenden Orden geziert. Meine gute Fürstin strahlt nicht weniger ...
+Überhaupt reden wir jetzt von Gold, Silber und Edelsteinen wie sonst von
+Quarz, Gneis und Glimmer. Die wilden Völker, die noch mehr dergleichen
+bringen sollen, werden in diesen Tagen erwartet.« Die wilden Völker, das
+waren die Russen. Zwei Monate später schreibt das Fräulein: »Der Einzug
+war prächtig durch die unglaubliche Volksmenge, die in geordneten Wagen,
+zu Pferd und zu Fuß festlich entgegenwallten ... Es erschien alles ruhig
+und würdig, ich möchte es die frohe Teilnahme eines gebildeten Volks
+nennen. Am Montag kam die Großfürstin zum erstenmal ins Theater. Sie
+können sich den klatschenden Jubel kaum denken. Ein Vorspiel von
+Schiller wurde gegeben, hierauf folgte Mitridat. Diese Prinzessin ist
+ein Engel an Geist, Güte und Liebenswürdigkeit; auch habe ich noch nie
+in Weimar einen solchen Einklang aus allen Herzen über alle Zungen
+ergehen hören, als seit sie der Gegenstand aller Gespräche geworden.
+Sie tut wirklich Wunder; auch unser Vater Wieland ist begeistert und
+macht wieder Verse.«
+
+Ein Jahr später kam der Kaiser Alexander nach Weimar zum Besuch seiner
+Schwester. Er wurde sehr gefeiert und bezauberte jedermann. Nach seiner
+Abreise schrieb Fräulein von Göchhausen an Böttiger: »Nächst dem
+Andenken im Herzen an den liebenswürdigen Kaiser hinterließ er auch
+blitzende Andenken in edlen Steinen. Sogar alle Hofdamen, worunter meine
+Wenigkeit sich auch befindet, erhielten reiche Geschenke an blitzenden
+Halsbändern, Kämmen und Gürtelschnallen. Der Kaiser, #le comte du Nord,#
+schickte Visitenkarten an die Damen vom ersten Rang und auch an Wieland.
+Künftigen Donnerstag kommt das erste preußische Regiment hier an; bald
+wird es wie in Wallensteins Lager hier aussehen. Unser Ländchen fühlt
+die schützende Nachbarschaft schwer. Die aufzubringenden
+Getreidelieferungen und die ins Land kommenden sechs- bis achttausend
+Mann lassen uns ängstliche Blicke in die Zukunft tun.«
+
+Während der Einquartierung unterhielten sich einmal einige preußische
+Offiziere in einem Weinhaus über die Wohnungen, die sie gefunden hatten.
+Ein alter, dickbäuchiger Major sagte: »Ich stehe da bei einem gewissen
+Gothe oder Goethe, weiß der Teufel, wie der Kerl heißt.« Man machte ihn
+aufmerksam, es sei der berühmte Dichter Goethe, wo er stehe, da
+antwortete er: »Kann sein, ja ja, nu nu, das kann wohl sein, ich habe
+dem Kerl auf den Zahn gefühlt, und er scheint mir Mucken im Kopfe zu
+haben.«
+
+Es kam nun die furchtbare Katastrophe der Schlacht von Jena und
+Auerstädt. Am 4. Oktober fuhren der König und die Königin von Preußen
+auf dem Wege nach Erfurt durch Weimar. Der Herzog befand sich bei dem
+preußischen Heere, das sein Oheim, der Herzog von Braunschweig,
+kommandierte. Die Herzogin-Mutter Amalie war nach Eutin geflohen, und in
+Weimar blieb nur die Herzogin Luise. Schon am Abend des Schlachttags
+trafen die gefürchteten Chasseurs ein, in der Nacht brach Feuer in der
+Nähe des Schlosses aus. Die Stadt wurde von den Franzosen drei Tage lang
+geplündert, manche Familie verlor Hab und Gut. Da sich Napoleon sehr
+ungehalten darüber zeigte, daß der Herzog von seiner Residenz abwesend
+und bei der preußischen Armee war, wurden zwei seiner treuesten Diener,
+der Oberforstmeister von Stein und der Leutnant von Seebach,
+abgeschickt, ihn zu suchen und zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Ihr
+Unternehmen blieb ohne Erfolg, und in der Not verfiel man auf den jungen
+Regierungsrat Müller und betraute ihn mit der schwierigen Aufgabe, den
+Herzog vom Heeresdienst abzurufen und heimzuholen. Nach vielen
+Abenteuern und Irrfahrten traf Müller den Herzog in Berlin, aber Karl
+August war durchaus nicht geneigt, den gewünschten Fußfall vor dem
+Kaiser zu tun. Napoleon, obwohl höchst ungnädig gegen den Herzog
+gestimmt, ließ ihn doch nicht fallen und verwirklichte keine seiner
+Drohungen, denn er brauchte ihn zur Vermittlung beim Kaiser Alexander.
+Das kleine Land aber wurde durch die Kriegskontributionen in schwere
+Drangsale gestürzt, und nicht immer gelang es dem klugen und
+diplomatisch geschickten Friedrich von Müller, das größte Elend
+abzuwenden. Die Unnachgiebigkeit Karl Augusts, der es immer wieder
+verweigerte, vor Napoleon in Audienz zu erscheinen, trug auch nicht dazu
+bei, den Kaiser milder zu stimmen, wenngleich er der Herzogin Luise
+gegenüber eine große, vielleicht empfundene Hochschätzung an den Tag
+legte.
+
+An den Festlichkeiten des Kongresses zu Erfurt nahm auch Weimar seinen
+Anteil. Napoleon hatte gewünscht, dem Kaiser Alexander das Schlachtfeld
+von Jena zu zeigen; dazu sollte eine große Jagd am Ettersberg und auf
+den Hügeln gegen Jena hin dienen. Friedrich von Müller berichtet darüber
+in seinen Memoiren:
+
+»Am 6. Oktober war der Weg von Erfurt nach dem Ettersberg von früh an
+mit unzähligen Wagen, Reitern und Fußgängern bedeckt. Es war der
+schönste, klarste Herbsttag, kein Wölkchen am ganzen Himmel. In der
+Nacht vorher waren mehrere hundert Hirsche und Rehe aus dem Ettersburger
+Walde gegen einen großen freien Rasenplatz zusammengetrieben und umzäunt
+worden. In der Mitte dieses freien Platzes hatte man einen ungeheuren
+Jagdpavillon errichtet, 450 Schritte lang und 50 Schritte breit, mit
+drei Abteilungen, wovon die mittlere für die beiden Kaiser und für die
+Könige bestimmt war. Der Pavillon ruhte auf mit Blumen und Zweigen
+umschmückten Säulen. Dicht dabei sah man große, freistehende Balkone,
+von denen bequem das Ganze überschaut werden konnte. Ringsumher liefen
+Buden und Zelte mit Erfrischungen. An der Waldgrenze gruppierten sich
+um große Feuer zur Bereitung von warmen Speisen und Getränken eine
+Unzahl von Landleuten, die das Zusammentreiben des Wildes die ganze
+Nacht hindurch ermüdet hatte. Dazwischen ertönten muntere Jagdhörner und
+Gesänge. Die Monarchen, an der Landesgrenze von dem Herzog und der
+ganzen Jägerei zu Pferde empfangen, langten mit ihrem Gefolge unter dem
+Schalle der Jagdfanfaren gegen ein Uhr mittags an. Nun wurde in
+einzelnen Abteilungen das Wild aus dem umzäunten Walde heraus und so
+getrieben, daß es am großen Pavillon in Schußweite vorüber mußte.
+Napoleon ergötzte sich ungemein an diesem Schauspiel und schien
+überhaupt sehr vergnügt. Um vier Uhr endigte die Jagd; nicht der
+geringste Unfall hatte sie getrübt. Ich war in Erfurt zurückgeblieben
+und beauftragt, dem Kaiser Napoleon noch vor seiner Abfahrt aufzuwarten,
+worauf ich mich eiligst nach Weimar verfügen sollte. Es war fünf Uhr,
+als die Monarchen unter dem Geläute aller Glocken in Weimar einzogen.
+Wie Napoleon sich in die für ihn bereiteten Zimmer begab, war ich
+zufällig der erste, auf den seine Blicke im Vorzimmer trafen. Er ging
+sehr freundlich auf mich zu, tat mir mehrere Fragen, und ich mußte ihm
+einige umstehende, ihm noch nicht bekannte Personen vorstellen. Eine
+Stunde darauf ging es zur kaiserlichen Tafel. Unfern davon war in einer
+großen Galerie die Marschallstafel von mehr als hundertfünfzig Personen
+bereitet. Ich hatte dem Minister, Staatssekretär Maret und dem
+Marschall Soult die Honneurs zu machen, bei denen ich saß. Aber wir
+waren noch kaum bis zur Hälfte des Diners gekommen, als gemeldet wurde,
+daß die Monarchen im Begriff seien, sich von ihrer Tafel zu erheben. Nun
+strömte alles dahin. Napoleon liebte bekanntlich sehr rasch zu speisen,
+doch hatte er sich dabei lebhaft mit seiner Nachbarin, der Herzogin von
+Weimar unterhalten. Nach kurzer Pause fuhr man in das Theater, wohin der
+Wagen der beiden Kaiser von weimarischen Husaren eskortiert wurde. Vor
+dem Schlosse stand ein sechzig Fuß hoher Obelisk, geschmackvoll
+erleuchtet, auf dessen Spitze eine helle Flamme loderte. Das ganze
+Schloß und seine Umgebungen sowie alle Straßen bis zum Schauspielhause
+waren illuminiert, die innere Einrichtung und Verteilung der Sitze im
+Theater ganz wie die zu Erfurt. Die französischen Schauspieler führten,
+wie ich schon oben erwähnt, #La mort de César# von Voltaire auf.
+Unbeschreiblich war der Eindruck. Talma als Brutus übertraf sich selbst.
+Bei der Stelle am Schlusse des ersten Aktes, wo Cäsar dem Antonius, der
+ihn vor den Senatoren warnt, antwortet:
+
+ #»Je les aurais punis, si je les pouvais craindre;
+ Ne me conseillez point de me faire hair.
+ Je sais combattre, vaincre et ne sais point punir,
+ Allons, n’écoutons point ni soupçons ni vengeance,
+ Sur l’univers soumis régnons sans violence,«#
+
+war es, als ob ein elektrischer Funke mächtig alle Zuschauer
+durchzuckte.
+
+»Hatte die Aufführung des Trauerspiels #La mort de César# immerhin
+etwas seltsam Ominöses gehabt, so mußte es auf diejenigen, die diesen
+Abend miterlebt hatten, noch lange nachher einen erschütternden Eindruck
+machen, als sie erfuhren, wie wenig gefehlt hatte, daß diese Aufführung
+wirklich zum größten Trauerspiel der neueren Weltgeschichte geworden
+wäre. Es hatte sich nämlich eine kleine Anzahl verwegener preußischer
+Offiziere, das Unglück und den trostlosen Zustand ihres Vaterlandes tief
+empfindend und von glühendem Haß gegen dessen Unterdrücker erfüllt,
+verschworen, den Kaiser Napoleon bei seinem Heraustreten aus dem Theater
+zu erschießen. Sie hatten die Lokalität aufs genaueste erkundet,
+Voranstalten zu ihrer eiligen Flucht nach vollbrachter Tat getroffen und
+sich zum größten Teil in Weimar unbemerkt versammelt, als noch im
+letzten Moment einer der Mitverschworenen ausblieb. Sei es, daß dieser
+Umstand die übrigen abschreckte, oder daß sie Reue empfanden, genug, das
+Vorhaben unterblieb. Welche Verwirrung, welche Greuel das Gelingen so
+grausiger Tat unmittelbar und zunächst für Weimar nach sich gezogen
+hätte, ist kaum zu ermessen.«
+
+Die Befreiung Deutschlands wäre durch einen Pistolenschuß erfolgt; die
+Hunderttausende von Opfern der nächsten Kriegsjahre hätten nicht
+geblutet, aber es hätte auch kein 1813, keine Erhebung des ganzen Volks
+gegeben, und so sehen wir wieder das Schicksal abseits von dem Willen
+der Menschen seinen ehernen Weg gehen.
+
+Karl August trat mit den übrigen Fürsten des ernestinischen Hauses dem
+Rheinbund bei. 1815 besuchte er den Wiener Kongreß persönlich. Graf
+Nostiz notiert über ihn in seinem Tagebuch: »Der alte Herzog von Weimar
+lebt so burschikos fort, wie er es immer getrieben. Die Welt gefällt
+ihm, und er ist ihr immer durch Lebenslust verbunden, wenn auch die
+Jahre seine Beweglichkeit schwächen.«
+
+Er trat als erster Großherzog zum deutschen Bund. 1825 feierte er sein
+fünfzigjähriges Regierungsjubiläum und seine goldene Hochzeit. Im Mai
+1827 hatte sich seine Enkelin mit dem Prinzen Karl von Preußen
+verheiratet, im Frühjahr darauf reiste Karl August zum Besuche des
+jungen Paares nach Berlin, und auf der Rückreise starb er auf dem Gestüt
+zu Graditz bei Torgau am 14. Juli 1828, 71 Jahre alt. Er ward beigesetzt
+in der Fürstengruft auf dem Friedhof der Jakobskirche zu Weimar, wohin
+er wenige Monate früher Schillers sterbliche Reste hatte bringen lassen
+und wo vier Jahre später auch Goethe begraben wurde.
+
+Die letzten Tage vor seinem Tode hatte er in fast beständiger
+Gesellschaft Alexanders von Humboldt verbracht, und Humboldt beschrieb
+diese Tage in einem Brief an den Kanzler Müller, der seinerseits wieder
+Goethe davon Mitteilung machte. In dem unvergleichlich schönen Gespräch,
+das Eckermann unterm 23. Oktober 1828 aufzeichnet, ist darüber eingehend
+zu lesen, und es möge, auch wegen des profunden und ewig gültigen
+Urteils, das Goethe über seinen Herzog fällt, zum Abschluß hier folgen.
+
+»Es war nicht ohne höhere günstige Einwirkung,« sagt Goethe, »daß einer
+der größten Fürsten, die Deutschland je besessen, einen Mann wie
+Humboldt zum Zeugen seiner letzten Tage und Stunden hatte. Ich habe mir
+von seinem Brief eine Abschrift nehmen lassen und will Ihnen doch
+einiges daraus mitteilen.«
+
+Goethe stand auf und ging zu seinem Pult, wo er den Brief nahm und sich
+wieder zu mir an den Tisch setzte. Er las eine Weile im stillen. Ich sah
+Tränen in seinen Augen. »Lesen Sie es für sich,« sagte er dann, indem er
+mir den Brief zureichte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab,
+während ich las.
+
+»Wer konnte mehr durch das schnelle Hinscheiden des Verewigten
+erschüttert werden,« schreibt Humboldt, »als ich, den er seit dreißig
+Jahren mit so wohlwollender Auszeichnung, ich darf sagen, mit so
+aufrichtiger Vorliebe behandelt hatte. Auch hier wollte er mich fast zu
+jeder Stunde um sich haben; und, als sei eine solche Luzidität wie bei
+den erhabenen schneebedeckten Alpen der Vorbote des scheidenden Lichtes,
+nie habe ich den großen, menschlichen Fürsten lebendiger, geistreicher,
+milder und an aller ferneren Entwicklung des Volkslebens teilnehmender
+gesehen als in den letzten Tagen, die wir ihn hier besaßen.
+
+Ich sagte mehrmals zu meinen Freunden ahnungsvoll und beängstigt, daß
+diese Lebendigkeit, diese geheimnisvolle Klarheit des Geistes, bei so
+viel körperlicher Schwäche, mir ein schreckhaftes Phänomen sei. Er
+selbst oszillierte sichtbar zwischen Hoffnung der Genesung und
+Erwartung der großen Katastrophe.
+
+Als ich ihn vierundzwanzig Stunden vor dieser sah, beim Frühstück, krank
+und ohne Neigung, etwas zu genießen, fragte er noch lebendig nach den
+von Schweden herübergekommenen Granitgeschieben baltischer Länder, nach
+Kometschweifen, welche sich unsrer Atmosphäre trübend einmischen
+könnten, nach der Ursache der großen Winterkälte an allen östlichen
+Küsten.
+
+Als ich ihn zuletzt sah, drückte er mir zum Abschied die Hand mit den
+heiteren Worten: ›Sie glauben, Humboldt, Töplitz und alle warmen Quellen
+seien wie Wasser, die man künstlich erwärmt? Das ist nicht Küchenfeuer!
+Darüber streiten wir in Töplitz, wenn Sie mit dem Könige kommen. Sie
+sollen sehen, Ihr altes Küchenfeuer wird mich doch noch einmal
+zusammenhalten.‹ Sonderbar! Denn alles wird bedeutend bei so einem
+Manne.
+
+In Potsdam saß ich mehrere Stunden allein mit ihm auf dem Kanapee; er
+trank und schlief abwechselnd, trank wieder, stand auf, um an seine
+Gemahlin zu schreiben, dann schlief er wieder. Er war heiter, aber sehr
+erschöpft. In den Intervallen bedrängte er mich mit den schwierigsten
+Fragen: über Physik, Astronomie, Meteorologie und Geognosie, über
+Durchsichtigkeit eines Kometenkerns, über Mondatmosphäre, über die
+farbigen Doppelsterne, über Einfluß der Sonnenflecke auf Temperatur,
+Erscheinen der organischen Formen in der Urwelt, innere Erdwärme. Er
+schlief mitten in seiner und meiner Rede ein, wurde oft unruhig und
+sagte dann, über seine scheinbare Unaufmerksamkeit milde und freundlich
+um Verzeihung bittend: ›Sie sehen, Humboldt, es ist aus mit mir!‹
+
+Auf einmal ging er desultorisch in religiöse Gespräche über. Er klagte
+über den einreißenden Pietismus und den Zusammenhang dieser Schwärmerei
+mit politischen Tendenzen nach Absolutismus und Niederschlagen aller
+freieren Geistesregungen. ›Dazu sind es unwahre, Bursche,‹ rief er aus,
+›die sich dadurch den Fürsten angenehm zu machen glauben, um Stellen und
+Bänder zu erhalten! – Mit der poetischen Vorliebe zum Mittelalter haben
+sie sich eingeschlichen.‹
+
+Bald legte sich sein Zorn und er sagte, wie er jetzt viel Tröstliches in
+der christlichen Religion finde. ›Das ist eine menschenfreundliche
+Lehre,‹ sagte er, ›aber von Anfang an hat man sie verunstaltet. Die
+ersten Christen waren die Freigesinnten unter den Ultras.‹«
+
+Ich gab Goethe über diesen herrlichen Brief meine innige Freude zu
+erkennen. »Sie sehen,« sagte Goethe, »was für ein bedeutender Mensch er
+war. Aber wie gut ist es von Humboldt, daß er diese wenigen letzten Züge
+aufgefaßt, die wirklich als Symbol gelten können, worin die ganze Natur
+des vorzüglichen Fürsten sich spiegelt. Ja, so war er! – Ich kann es am
+besten sagen, denn es kannte ihn im Grunde niemand so durch und durch
+wie ich selber. Ist es aber nicht ein Jammer, daß kein Unterschied ist
+und daß auch ein solcher Mensch so früh dahin muß! – Nur ein lumpiges
+Jahrhundert länger, und wie würde er an so hoher Stelle seine Zeit
+vorwärts gebracht haben! – Aber wissen Sie was? Die Welt soll nicht so
+rasch zum Ziele, als wir denken und wünschen. Immer sind die
+retardierenden Dämonen da, die überall dazwischen und überall
+entgegentreten, so daß es zwar im ganzen vorwärts geht, aber sehr
+langsam. Leben Sie nur fort und Sie werden schon finden, daß ich recht
+habe.«
+
+Die Entwicklung der Menschheit scheint auf Jahrtausende angelegt, sagte
+ich.
+
+»Wer weiß,« erwiderte Goethe, »– vielleicht auf Millionen! Aber laß die
+Menschheit dauern, so lange sie will, es wird ihr nie an Hindernissen
+fehlen, die ihr zu schaffen machen, und nie an allerlei Not, damit sie
+ihre Kräfte entwickle. Klüger und einsichtiger wird sie werden, aber
+besser, glücklicher und tatkräftiger nicht, oder doch nur auf Epochen.
+Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an ihr hat und er
+abermals alles zusammenschlagen muß zu einer verjüngten Schöpfung. Ich
+bin gewiß, es ist alles danach angelegt und es steht in der fernen
+Zukunft schon Zeit und Stunde fest, wann die Verjüngungsepoche eintritt.
+Aber bis dahin hat es sicher noch gute Weile, und wir können noch
+Jahrtausende und aber Jahrtausende auf dieser lieben, alten Fläche, wie
+sie ist, allerlei Spaß haben.«
+
+Goethe war in besonders guter erhöhter Stimmung. Er ließ eine Flasche
+Wein kommen, wovon er sich und mir einschenkte. Unser Gespräch ging
+wieder auf den Großherzog Karl August zurück.
+
+»Sie sehen,« sagte Goethe, »wie sein außerordentlicher Geist das ganze
+Reich der Natur umfaßte. Physik, Astronomie, Geognosie, Meteorologie,
+Pflanzen- und Tierformen der Umwelt und was sonst dazu gehört, er hatte
+für alles Sinn und für alles Interesse. Er war achtzehn Jahre alt, als
+ich nach Weimar kam; aber schon damals zeigten seine Keime und Knospen,
+was einst der Baum sein würde. Er schloß sich bald auf das innigste an
+mich an und nahm an allem, was ich trieb, gründlichen Anteil. Daß ich
+fast zehn Jahre älter war als er, kam unserm Verhältnis zugute. Er saß
+ganze Abende bei mir in tiefen Gesprächen über Gegenstände der Kunst und
+Natur und was sonst allerlei Gutes vorkam. Wir saßen oft tief in die
+Nacht hinein, und es war nicht selten, daß wir nebeneinander auf meinem
+Sofa einschliefen. Fünfzig Jahre haben wir es miteinander fort
+getrieben, und es wäre kein Wunder, wenn wir es endlich zu etwas
+gebracht hätten.«
+
+Eine so gründliche Bildung, sagte ich, wie sie der Großherzog gehabt zu
+haben scheint, mag bei fürstlichen Personen selten vorkommen.
+
+»Sehr selten,« erwiderte Goethe. »Es gibt zwar viele, die fähig sind,
+über alles sehr geschickt mitzureden; aber sie haben es nicht im Innern
+und krabbeln nur an den Oberflächen. Und es ist kein Wunder, wenn man
+die entsetzlichen Zerstreuungen und Zerstückelungen bedenkt, die das
+Hofleben mit sich führt und denen ein junger Fürst ausgesetzt ist. Von
+allem soll er Notiz nehmen. Er soll ein bißchen Das kennen und ein
+bißchen Das, und dann ein bißchen Das und wieder ein bißchen Das. Dabei
+kann sich aber nichts setzen und Wurzel schlagen, und es gehört der
+Fonds einer gewaltigen Natur dazu, um bei solchen Anforderungen nicht in
+Rauch aufzugehen. Der Großherzog war freilich ein geborener großer
+Mensch, womit alles gesagt und alles getan ist.«
+
+Bei allen seinen höheren wissenschaftlichen und geistigen Richtungen,
+sagte ich, scheint er doch auch das Regieren verstanden zu haben.
+
+»Es war ein Mensch aus dem Ganzen,« erwiderte Goethe, »und es kam bei
+ihm alles aus einer einzigen großen Quelle. Und wie das Ganze gut war,
+so war das Einzelne gut, er mochte tun und treiben, was er wollte.
+Übrigens kamen ihm zur Führung des Regiments besonders drei Dinge
+zustatten. Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden
+und jeden an seinen Platz zu stellen. Das war sehr viel. Dann hatte er
+noch etwas, was ebensoviel war, wo nicht noch mehr: Er war beseelt von
+dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe und wollte mit
+ganzer Seele nur das Beste. Er dachte immer zuerst an das Glück des
+Landes und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber. Edlen Menschen
+entgegenzukommen, gute Zwecke befördern zu helfen war seine Hand immer
+bereit und offen. Es war in ihm viel Göttliches. Er hätte die ganze
+Menschheit beglücken mögen. Liebe aber erzeugt Liebe. Wer aber geliebt
+ist, hat leicht regieren.
+
+Und drittens: Er war größer als seine Umgebung. Neben zehn Stimmen, die
+ihm über einen gewissen Fall zu Ohren kamen, vernahm er die elfte,
+bessere, in sich selber. Fremde Zuflüsterungen glitten an ihm ab, und er
+kam nicht leicht in den Fall, etwas Unfürstliches zu begehen, indem er
+das zweideutig gemachte Verdienst zurücksetzte und empfohlene Lumpe in
+Schutz nahm. Er sah überall selber, urteilte selber, und hatte in allen
+Fällen in sich selber die sicherste Basis. Dabei war er schweigsamer
+Natur, und seinen Worten folgte die Handlung.«
+
+Wie leid tut es mir, sagte ich, daß ich nicht viel mehr von ihm gekannt
+habe als sein Äußeres; doch das hat sich mir tief eingeprägt. Ich sehe
+ihn noch immer auf seiner alten Droschke, im abgetragenen, grauen Mantel
+und Militärmütze und eine Zigarre rauchend, wie er auf die Jagd fuhr,
+seine Lieblingshunde nebenher. Ich habe ihn nie anders fahren sehen als
+auf dieser unansehnlichen alten Droschke. Auch nie anders als
+zweispännig. Ein Gepränge mit sechs Pferden und Röcke mit Ordenssternen
+scheint nicht sehr nach seinem Geschmack gewesen zu sein.
+
+»Das ist,« erwiderte Goethe, »bei Fürsten überhaupt kaum mehr an der
+Zeit. Es kommt jetzt darauf an, was einer auf der Wage der Menschheit
+wiegt; alles übrige ist eitel. Ein Rock mit dem Stern und ein Wagen mit
+sechs Pferden imponiert nur noch allenfalls der rohesten Masse und kaum
+dieser. Übrigens hing die alte Droschke des Großherzogs kaum in Federn.
+Wer mit ihm fuhr, hatte verzweifelte Stöße auszuhalten. Aber das war
+ihm eben recht. Er liebte das Derbe und Unbequeme und war ein Feind
+aller Verweichlichung.«
+
+Spuren davon, sagte ich, sieht man schon in Ihrem Gedicht Ilmenau, wo
+sie ihn nach dem Leben gezeichnet zu haben scheinen.
+
+»Er war damals sehr jung,« erwiderte Goethe, »doch ging es mit uns
+freilich etwas toll her. Er war wie ein edler Wein, aber noch in
+gewaltiger Gärung. Er wußte mit seinen Kräften nicht wo hinaus, und wir
+waren oft sehr nahe am Halsbrechen. Auf Parforcepferden über Hecken,
+Gräben und durch Flüsse, und bergauf, bergein sich tagelang abarbeiten,
+und dann nachts unter freiem Himmel kampieren, etwa bei einem Feuer im
+Walde: das war nach seinem Sinne. Ein Herzogtum geerbt zu haben war ihm
+nichts, aber hätte er sich eines erringen, erjagen und erstürmen können,
+das wäre ihm etwas gewesen.
+
+Das Ilmenauer Gedicht,« fuhr Goethe fort, »enthält als Episode eine
+Epoche, die im Jahre 1783, als ich es schrieb, bereits mehrere Jahre
+hinter uns lag, so daß ich mich selber darin als eine historische Figur
+zeichnen und mit meinem eigenen Ich früherer Jahre eine Unterhaltung
+führen konnte. Es ist darin, wie Sie wissen, eine nächtliche Szene
+vorgeführt, etwa nach einer solchen halsbrecherischen Jagd im Gebirge.
+Wir hatten uns am Fuße eines Felsens kleine Hütten gebaut und mit
+Tannenreisern gedeckt, um darin auf trockenem Boden zu übernachten. Vor
+den Hütten brannten mehrere Feuer, und wir kochten und brieten, was die
+Jagd gegeben hatte. Knebel, dem schon damals die Tabakspfeife nicht kalt
+wurde, saß dem Feuer zunächst und ergötzte die Gesellschaft mit allerlei
+trockenen Späßen, während die Weinflasche von Hand zu Hand ging.
+Seckendorf, der schlanke, mit den langen, feinen Gliedern, hatte sich
+behaglich am Stamm eines Baumes hingestreckt und summte allerlei
+Poetisches. Abseits, in einer ähnlichen, kleinen Hütte, lag der Herzog
+im tiefen Schlaf. Ich selber saß davor, bei glimmenden Kohlen, in
+allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlungen von Bedauern über
+mancherlei Unheil, das meine Schriften angerichtet. Knebel und
+Seckendorf erscheinen mir noch jetzt gar nicht schlecht gezeichnet, und
+auch der junge Fürst nicht, in diesem düstern Ungestüm seines
+zwanzigsten Jahres.
+
+ Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,
+ Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;
+ Der Unfall lauert an der Seite
+ Und stürzt ihn in den Arm der Qual.
+ Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung
+ Gewaltsam ihn bald da bald dort hinaus,
+ Und von unmutiger Bewegung
+ Ruht er unmutig wieder aus.
+ Und düster wild an heitern Tagen,
+ Unbändig, ohne froh zu sein,
+ Schläft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen,
+ Auf einem harten Lager ein.
+
+So war er ganz und gar. Es ist darin nicht der kleinste Zug
+übertrieben. Doch aus dieser Sturm- und Drangperiode hatte sich der
+Herzog bald zu wohltätiger Klarheit durchgearbeitet, so daß ich ihn zu
+seinem Geburtstage im Jahre 1783 an diese Gestalt seiner früheren Jahre
+sehr wohl erinnern mochte.
+
+Ich leugne nicht, er hat mir anfänglich manche Not und Sorge gemacht.
+Doch seine tüchtige Natur reinigte sich bald und bildete sich bald zum
+besten, so daß es eine Freude wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.«
+
+Sie machten, bemerkte ich, in dieser ersten Zeit mit ihm eine einsame
+Reise durch die Schweiz.
+
+»Er liebte überhaupt das Reisen,« erwiderte Goethe, »doch war es nicht
+sowohl, um sich zu amüsieren und zu zerstreuen, als um überall die Augen
+und Ohren offen zu haben und auf allerlei Gutes und Nützliches zu
+achten, das er in seinem Lande einführen könnte. Ackerbau, Viehzucht und
+Industrie sind ihm auf diese Weise unendlich viel schuldig geworden.
+Überhaupt waren seine Tendenzen nicht persönlich egoistisch, sondern
+rein produktiver Art, und zwar produktiv für das allgemeine Beste.
+Dadurch hat er sich denn auch einen Namen gemacht, der über dieses
+kleine Land weit hinausgeht.«
+
+Sein sorgloses einfaches Äußere, sagte ich, schien anzudeuten, daß er
+den Ruhm nicht suche und daß er sich wenig aus ihm mache. Es schien, als
+sei er berühmt geworden ohne sein weiteres Zutun, bloß wegen seiner
+stillen Tüchtigkeit.
+
+»Es ist damit ein eigenes Ding,« erwiderte Goethe. »Ein Holz brennt,
+weil es Stoff dazu in sich hat, und ein Mensch wird berühmt, weil der
+Stoff dazu in ihm vorhanden. Suchen läßt sich der Ruhm nicht, und alles
+Jagen danach ist eitel. Es kann sich wohl jemand durch kluges Benehmen
+und allerlei künstliche Mittel eine Art von Namen machen. Fehlt aber
+dabei das innere Juwel, so ist es eitel und hält nicht auf den andern
+Tag.
+
+Ebenso ist es mit der Gunst des Volkes. Er suchte sie nicht und tat den
+Leuten keineswegs schön; aber das Volk liebte ihn, weil es fühlte, daß
+er ein Herz für sie habe.«
+
+
+
+
+Werke von Jakob Wassermann
+
+
+Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage.
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. Dreizehnte Auflage.
+
+Der Moloch. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage.
+
+Der niegeküßte Mund – Hilperich. Novellen.
+
+Alexander in Babylon. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Fünfte Auflage.
+
+Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage.
+
+Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. Neue wohlfeile
+Ausgabe. Neunte Auflage.
+
+Die Masken Erwin Reiners. Roman. Achte Auflage.
+
+Der goldene Spiegel. Erzählungen in einem Rahmen. Achte Auflage.
+
+Die ungleichen Schalen. Fünf einaktige Dramen.
+
+Faustina. Ein Gespräch über die Liebe. Zweite Auflage.
+
+Der Mann von vierzig Jahren. Roman. Zehnte Auflage.
+
+
+S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1915 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten
+p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger
+p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer
+p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer
+p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen
+p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler
+p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn
+p 195: Im Jahre 1656 -> 1756
+p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen
+p 234: [Punkt ergänzt] wie er selbst es geführt.
+p 274: [Punkt ergänzt] alle Zuschauer durchzuckte.
+
+Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
+folgenden Wörtern:
+
+Inful: Stirnbinde, Bischofsmütze
+Gelahrtheit: veraltet/dichterisch: Gelehrtheit
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
+edition published in 1915 by S. Fischer. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p 039: die kleinen, aufs feinste und schönste gemalten Figuren -> bemalten
+p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Böttger -> Böttiger
+p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyßer
+p 123: erhielt sich Turneyßer -> Thurneyßer
+p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen
+p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler
+p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn
+p 195: Im Jahre 1656 -> 1756
+p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen
+p 234: [added period] wie er selbst es geführt.
+p 274: [added period] alle Zuschauer durchzuckte.
+
+The original spelling has been maintained throughout the book.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by
+Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE CHARAKTERE ***
+
+***** This file should be named 18258-0.txt or 18258-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/8/2/5/18258/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://dp.rastko.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+electronic works
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
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+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
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+particular state visit http://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
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