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+The Project Gutenberg EBook of Versuch einer Kritik aller Offenbarung, by
+Johann Gottlieb Fichte
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Versuch einer Kritik aller Offenbarung
+
+Author: Johann Gottlieb Fichte
+
+Release Date: April 25, 2006 [EBook #18255]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSUCH EINER KRITIK ALLER ***
+
+
+
+
+Produced by Miranda van de Heijning, Ralph Janke and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+(This file was produced from images generously made
+available by the Bibliothèque nationale de France
+(BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr)
+
+
+
+
+
+VERSUCH
+
+EINER KRITIK
+
+ALLER OFFENBARUNG.
+
+VON
+
+JOHANN GOTTLIEB FICHTE.
+
+ * * * * *
+
+_Zweite, vermehrte, und verbesserte Auflage._
+
+ * * * * *
+
+KÖNIGSBERG 1793.
+
+IM VERLAG DER HARTUNGSCHEN BUCHHANDLUNG.
+
+
+
+
+VORREDE.
+
+Dieser Aufsatz heißt ein _Versuch_, nicht als ob man überhaupt bei
+Untersuchungen der Art blind herumtappen und nach Grund fühlen müsse,
+und nie ein sicheres Resultat finden könne; sondern darum, weil _ich_
+mir noch nicht die Reife zutrauen darf, die dazu gehören würde, dies
+sichere Resultat hinzustellen. Wenigstens war diese Schrift ihrer ersten
+Bestimmung nach nicht für die Presse; verehrungswürdige Männer
+beurtheilten sie gütig, und sie waren es, die mir den ersten Gedanken,
+sie dem Publicum vorzulegen, gaben.
+
+Hier ist sie. Stil und Einkleidung sind meine Sache; der Tadel oder die
+Verachtung, die diese trift, trift nur mich, und das ist wenig. Das
+Resultat ist Angelegenheit der Wahrheit, und das ist mehr. Dieses muß
+einer strengen, aber sorgfältigen, und unpartheiischen Prüfung
+unterworfen werden. Ich wenigstens verfuhr unpartheiisch.
+
+Ich kann geirrt haben, und es wäre ein Wunder, wenn ich es nicht hätte.
+Welchen Ton der Zurechtweisung ich verdiene, entscheide das Publicum.
+
+Jede Berichtigung, in welchem Tone sie auch abgefaßt sey, werde ich
+dankbar anerkennen; jedem Einwurfe, der mir der Sache der Wahrheit
+zuwider scheint, begegnen, so gut ich kann. Ihr, der Wahrheit, weihe ich
+mich feierlich, bei meinem ersten Eintritte in's Publicum. Ohne
+Rücksicht auf Parthei, oder auf eigne Ehre, werde ich immer dafür
+anerkennen, was ich dafür halte, es komme, woher es wolle, und nie dafür
+anerkennen, was ich nicht dafür halte. -- Das Publicum verzeihe es mir
+dieses erste und einzige mal, vor ihm von mir gesprochen zu haben. Ihm
+kann diese Versicherung sehr unwichtig seyn; aber mir war es wichtig für
+mich selbst, dasselbe zum Zeugen meines feierlichen Gelübdes zu nehmen.
+
+Königsberg, im December 1791.
+
+DEM
+
+HERRN OBER-HOF-PREDIGER
+
+D. FRANZ VOLKMAR REINHARD
+
+ALS EIN REINES OPFER
+
+DER FREISTEN VEREHRUNG
+
+VOM VERFASSER.
+
+
+_Verehrungswürdigster Mann_,
+
+
+Nicht meine eigne Meinung von dieser Schrift, sondern das vortheilhafte
+Urtheil würdiger Männer über sie, machte mich so kühn, ihr in dieser
+zweiten Auflage jene für sie so ehrenvolle Bestimmung zu geben.
+
+So wenig mir es zukommt, vor dem Publikum Ihre Verdienste zu rühmen, so
+wenig würde Ihnen es möglich seyn, selbst von einem würdigern, das
+anzuhören: das größte Verdienst war immer das bescheidenste.
+
+Doch erlaubt selbst die Gottheit ihren vernünftigen Geschöpfen, die
+Empfindungen ihrer Verehrung und Liebe gegen sie in Worte ausströmen zu
+lassen, um das Bedürfniß ihres vollen Herzens zu befriedigen, und der
+gute Mensch versagt es gewiß nicht dem Menschen.
+
+Gewiß nehmen Sie also die aus der gleichen Quelle fließende Versicherung
+ähnlicher Empfindungen gütig auf von
+
+_Eurer Hochwürdigen_
+_Magnificenz_
+
+innigstem Verehrer
+_Johann Gottlieb Fichte._
+
+
+
+
+VORREDE[1]
+
+ZUR ERSTEN AUFLAGE.
+
+
+Dieser Aufsatz heißt ein _Versuch_, nicht als ob man überhaupt bei
+Untersuchungen der Art blind herumtappen und nach Grund fühlen müsse,
+und nie ein sicheres Resultat finden könne; sondern darum, weil _ich_
+mir noch nicht die Reife zutrauen darf, die dazu gehören würde, dies
+sichere Resultat hinzustellen. Wenigstens war diese Schrift ihrer ersten
+Bestimmung nach nicht für die Presse; verehrungswürdige Männer
+beurtheilten sie gütig, und sie waren es, die mir den ersten Gedanken,
+sie dem Publikum vorzulegen, gaben.
+
+Hier ist sie. Stil und Einkleidung sind meine Sache; der Tadel oder die
+Verachtung, die diese trift, trift nur mich, und das ist wenig. Das
+Resultat ist Angelegenheit der Wahrheit, und das ist mehr. Dieses muß
+einer strengen, aber sorgfältigen, und unpartheiischen Prüfung
+unterworfen werden. Ich wenigstens verfuhr unparteiisch.
+
+Ich kann geirrt haben, und es wäre ein Wunder, wenn ich es nicht hätte.
+Welchen Ton der Zurechtweisung ich verdiene, entscheide das Publikum.
+
+Jede Berichtigung, in welchem Tone sie auch abgefaßt sey, werde ich
+dankbar anerkennen; jedem Einwurfe, der mir der Sache der Wahrheit
+zuwider scheint, begegnen, so gut ich kann. Ihr, der Wahrheit, weihe ich
+mich feierlich, bei meinem ersten Eintritte in's Publikum. Ohne
+Rücksicht auf Parthei, oder auf eigne Ehre, werde ich immer dafür
+anerkennen, was ich dafür halte, es komme, woher es wolle, und nie dafür
+anerkennen, was ich nicht dafür halte. -- Das Publikum verzeihe es mir,
+dieses erste und einzige mal vor ihm von mir gesprochen zu haben. Ihm
+kann diese Versicherung sehr unwichtig seyn; aber mir war es wichtig für
+mich selbst, dasselbe zum Zeugen meines feierlichen Gelübdes zu nehmen.
+
+Königsberg, im December 1791.
+
+
+
+
+VORREDE
+
+ZUR ZWEITEN AUFLAGE.
+
+
+Auch nach dieser zweiten Ausgabe bleibt gegenwärtige Schrift noch immer
+ein Versuch; so unangenehm es mir auch war, mich der gütigen Meinung,
+die ein verehrungswürdiger Theil des Publikums etwa von ihrem Verfasser
+gefaßt haben könnte, nur aus einer großen Entfernung anzunähern. So fest
+auch meines Erachtens noch die Kritik der Offenbarung auf dem Boden der
+praktischen Philosophie als ein einzelnes Nebengebäude stehet; so kommt
+sie doch erst durch eine kritische Untersuchung der ganzen Familie, wozu
+jener Begriff gehört, und welche ich die der Reflexions-Ideen nennen
+möchte, mit dem ganzen Gebäude in Verbindung, und wird erst dadurch
+unzertrennlich mit ihm vereiniget.
+
+Diese Kritik der Reflexions-Ideen war es, welche ich lieber, als eine
+zweite Ausgabe der gegenwärtigen Schrift hätte geben mögen, wenn meine
+Muße hingereicht hätte, mehr zu leisten, als ich wirklich geleistet
+habe. Jedoch werde ich, ohne Anstand, zur Bearbeitung der dafür
+gesammelten Materialien schreiten, und dann wird diese Schrift eine
+weitere Auseinandersetzung eines dort nur kurz zu behandelnden Theils
+jener Kritik seyn.
+
+Was ich in dieser zweiten Ausgabe hinzugefügt, oder geändert habe, und
+warum -- wird hoffentlich jeder Kenner selbst bemerken. Einige
+Erinnerungen, worunter ich deren in den Göttingischen gelehrten Anzeigen
+mit Achtung erwähne, kamen mir zu spät zu Gesicht, als daß ich
+ausdrücklich auf sie hätte Rücksicht nehmen können. Da sie jedoch nicht
+mein Verfahren im Ganzen treffen, sondern durch eine weitläuftigere
+Erläuterung einzelner Resultate zu heben sind, so hoffe ich in der
+künftigen Kritik der Reflexions-Ideen den würdigen Recensenten völlig zu
+befriedigen.
+
+Noch bin ich eine nähere Bestimmung des in der ersten Vorrede gegebnen
+Versprechens, mich auf jeden mir ungegründet scheinenden Einwurf gegen
+diese Kritik einzulassen, dem Publikum schuldig. -- Ich konnte dieses
+Versprechen nur in dem Sinne geben, insofern es mir scheinen würde, daß
+die Wahrheit selbst, oder ihre Darstellung durch Erörterung der Einwürfe
+gewinnen könnte; und dieser Zweck scheint mir auf keine würdigere Art
+erreicht werden zu können, als wenn ich in meinen künftigen Arbeiten auf
+Einwürfe gegen das, was ich wirklich behaupte, oder zu behaupten
+scheine -- nicht aber etwa gegen das, was ich ausdrücklich läugne -- da,
+wo ich den Urheber derselben nicht mit der größten Hochachtung nennen
+könnte, nur stillschweigend Rücksicht nehme.
+
+Zur Jubilate-Messe 1793.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+VERSUCH
+
+EINER
+
+CRITIK ALLER OFFENBARUNG.
+
+
+§. 1.
+
+EINLEITUNG.
+
+Es ist ein wenigstens merkwürdiges Phänomen für den Beobachter, bei
+allen Nationen, so wie sie sich aus dem Zustande der gänzlichen Rohheit
+bis zur Gesellschaftlichkeit emporgehoben haben, Meinungen von einer
+Gegenmittheilung zwischen höhern Wesen, und Menschen, -- Traditionen von
+übernatürlichen Eingebungen, und Einwirkungen der Gottheit auf
+Sterbliche, -- hier roher, da verfeinerter, aber dennoch allgemein, den
+Begriff der _Offenbarung_ vorzufinden. Dieser Begriff scheint also schon
+an sich, wäre es auch nur um seiner Allgemeinheit willen, einige Achtung
+zu verdienen; und es scheint einer gründlichen Philosophie anständiger,
+seinem Ursprunge nachzuspüren, seine Anmaaßungen und Befugnisse zu
+untersuchen, und nach Maaßgabe dieser Entdeckungen ihm sein Urtheil zu
+sprechen, als ihn geradezu, und unverhört, entweder unter die
+Erfindungen der Betrüger, oder in das Land der Träume zu verweisen. Wenn
+diese Untersuchung philosophisch seyn soll, so muß sie aus Principien _a
+priori_, und zwar, wenn dieser Begriff, wie vorläufig wenigstens zu
+vermuthen ist, sich blos auf Religion beziehen sollte, aus denen der
+practischen Vernunft angestellt werden; und wird von dem besondern, das
+in einer gegebenen Offenbarung möglich wäre, gänzlich abstrahiren, ja
+sogar ignoriren, ob irgend eine gegeben sey, um allgemein für jede
+Offenbarung gültige Principien aufzustellen.
+
+Da man bei Prüfung eines Gegenstandes, der so wichtige Folgen für die
+Menschheit zu haben scheint, über den jedes Mitglied derselben sein
+Stimmrecht hat, und bei weitem die meisten, es in Ausübung bringen, und
+der daher entweder unbegränzt verehrt, oder unmäßig verachtet, und
+gehaßt ist, nur zu leicht von einer vorgefaßten Meinung fortgerissen
+wird; so ist es hier doppelt nöthig, blos auf den Weg zu sehen, den die
+Critik vorzeichnet; ihn geradefort, ohne ein mögliches Ziel in den Augen
+zu haben, zu gehen; und ihren Ausspruch zu erwarten, ohne ihn ihr in den
+Mund zu legen.
+
+
+§. 2.
+
+_Theorie des Willens, als Vorbereitung einer Deduction der Religion
+überhaupt._
+
+Sich mit dem Bewußtseyn eigner Thätigkeit zur Hervorbringung einer
+Vorstellung bestimmen, heißt _Wollen_; das Vermögen sich mit diesem
+Bewußtseyn der Selbstthätigkeit zu bestimmen, heißt _das
+Begehrungsvermögen_: beides in der weitesten Bedeutung. Das Wollen
+unterscheidet sich vom Begehrungsvermögen, wie das Wirkliche vom
+Möglichen. -- Ob das im Wollen vorkommende Bewußtseyn der
+Selbstthätigkeit uns nicht vielleicht täuschen möge, bleibt vor der Hand
+ununtersucht, und unentschieden.
+
+Die hervorzubringende Vorstellung ist entweder _gegeben_, insofern
+nemlich eine Vorstellung gegeben seyn kann, die ihrem _Stoffe_ nach, wie
+aus der theoretischen Philosophie als ausgemacht und anerkannt
+vorausgesetzt wird; oder die Selbstthätigkeit _bringt_ sie auch sogar
+ihrem Stoffe nach _hervor_, wovon wir die Möglichkeit oder Unmöglichkeit
+vor der Hand noch ganz an ihrem Orte gestellt seyn lassen.
+
+
+I.
+
+Der Stoff einer Vorstellung kann, wenn er nicht durch absolute
+Spontaneität hervorgebracht seyn soll, nur der Receptivität, und dieses
+nur in der Sinnenempfindung gegeben seyn; -- denn selbst die _a priori_
+gegebnen Formen der Anschauung, und der Begriffe müssen, insofern sie
+den _Stoff_ einer Vorstellung ausmachen sollen, der Empfindung, in
+diesem Falle der innern, gegeben werden; -- folglich steht jedes Object
+des Begehrungsvermögens, dem eine Vorstellung entspricht, deren Stoff
+nicht durch absolute Spontaneität hervorgebracht ist, unter den
+Bedingungen der Sinnlichkeit, und ist empirisch. In dieser Rücksicht
+also ist das Begehrungsvermögen gar keiner Bestimmung _a priori_ fähig;
+was Object desselben werden soll, muß empfunden seyn, und sich empfinden
+lassen, und jedem Wollen muß die Vorstellung der _Materie_ des Wollens
+(des _Stoffs_ der hervorzubringenden Vorstellung) vorhergegangen seyn.
+
+Nun aber ist mit dem bloßen Vermögen, sich durch die Vorstellung des
+Stoffs einer Vorstellung zur Hervorbringung dieser Vorstellung
+selbst -- zu bestimmen, noch gar nicht die Bestimmung gesetzt, so wie
+mit dem Möglichen noch nicht das Wirkliche gesetzt ist. Die Vorstellung
+nemlich soll nicht bestimmen, in welchem Falle sich das Subject blos
+leidend verhielte, -- bestimmt _würde_, nicht aber sich
+_bestimmte_ -- sondern _wir_ sollen uns durch die Vorstellung
+bestimmen, welches »durch« sogleich völlig klar seyn wird. Es muß nemlich
+ein _Medium_ seyn, welches von der einen Seite durch die Vorstellung,
+gegen welche das Subject sich blos leidend verhält, von der ändern durch
+Spontaneität, deren Bewußtseyn der ausschließende Charakter alles
+Wollens ist, bestimmbar sey; und dieses Medium nennen wir _den Trieb_.
+
+Was _von der einen Seite_ das Gemüth in der Sinnenempfindung als blos
+leidend afficirt, ist der Stoff oder die Materie derselben; nicht ihre
+Form, welche ihr vom Gemüthe durch seine Selbstthätigkeit gegeben
+wird[2]. Der Trieb ist also, insofern er auf eine Sinnenempfindung geht,
+nur durch das Materielle derselben, durch das in dem Afficirtwerden
+unmittelbar empfundne, bestimmbar. -- Was in der Materie der
+Sinnenempfindung von der Art ist, daß es den Trieb bestimmt, nennen wir
+_angenehm_, und den Trieb, insofern er dadurch bestimmt wird, den
+_sinnlichen_ Trieb: welche Erklärungen wir vor der Hand für nichts
+weiter, als für Worterklärungen geben.
+
+Nun theilt die Sinnempfindung überhaupt sich in die des _äußern_, und
+die des _innern_ Sinnes; davon der erstere die Veränderungen der
+Erscheinungen im Räume mittelbar, der zweite die Modificationen unsers
+Gemüths, insofern es Erscheinung ist, in der Zeit unmittelbar anschaut;
+und der Trieb kann, insofern er auf Empfindungen der erstem Art geht,
+der _grobsinnliche_, und insofern er durch Empfindungen der zweiten Art
+bestimmt wird, der _feinsinnliche_ genannt werden: aber in beiden Fällen
+bezieht er sich doch blos auf das angenehme, _weil_, und _inwiefern_
+es angenehm ist; ein angemaaßter Vorzug des letztern könnte sich doch auf
+nichts weiter gründen, als daß seine Objecte _mehr_ Lust, nicht aber
+eine _der Art nach_ verschiedene Lust gewährten; jemand, der sich
+vorzugsweise durch ihn bestimmen ließe, könnte höchstens etwa das von
+sich rühmen, daß er sich besser auf das Vergnügen verstehe, und könnte
+auch sogar das dem nicht beweisen, der ihn versicherte: er mache aus
+seinen feinern Vergnügungen einmal nichts, er lobe sich seine
+gröbern; -- da das auf den Sinnengeschmack ankommt, über den sich nicht
+streiten läßt; und da alle angenehme Affectionen des innern Sinnes sich
+doch zuletzt auf angenehme äußere Sensationen dürften zurückführen
+lassen.
+
+Soll _von der andern Seite_ dieser Trieb durch Spontaneität bestimmbar
+seyn; so geschieht diese Bestimmung _entweder_ nach gegebnen
+Gesetzen[TN1], die durch die Spontaneität auf ihn blos angewendet
+werden, mithin nicht unmittelbar durch Spontaneität, _oder_ sie
+geschieht ohne alle Gesetze, mithin unmittelbar durch absolute
+Spontaneität.
+
+Für den erstern Fall ist dasjenige Vermögen in uns, das gegebne Gesetze
+auf gegebnen Stoff anwendet, die Urtheilskraft: folglich müßte die
+Urtheilskraft es seyn, die den sinnlichen Trieb den Gesetzen des
+Verstandes gemäß bestimmte. -- Dies kann sie nun nicht so thun, wie die
+Empfindung es thut, daß sie ihm Stoff gebe, denn die Urtheilskraft giebt
+überhaupt nicht, sondern sie ordnet nur das gegebne Mannigfaltige unter
+die synthetische Einheit.
+
+Zwar geben alle obern Gemüthsvermögen durch ihre Geschäfte reichlichen
+Stoff _für_ den sinnlichen Trieb, aber sie geben ihn nicht _dem_ Triebe;
+ihm giebt sie die Empfindung. Die Thätigkeit des Verstandes bei'm
+Denken, die hohen Aussichten, die uns die Vernunft eröfnet, gegenseitige
+Mittheilung der Gedanken unter vernünftigen Wesen u. dergl. sind
+allerdings ergiebige Quellen des Vergnügens; aber wir schöpfen aus
+diesen Quellen gerade so, wie wir uns vom Küzzel des Gaumens afficiren
+lassen -- durch die Empfindung.
+
+Ferner kann das Mannigfaltige, welches sie _für die Bestimmung des
+sinnlichen Triebes_ ordnet, nicht das _Einer_ gegebnen Anschauung an
+sich seyn, wie sie es für den Verstand, um es zum Behuf einer
+theoretischen Erkenntniß auf Begriffe zu bringen, thun muß; also keine
+Bestimmung des Stoffs durch Form, weil der sinnliche Trieb blos durch
+den Stoff, und gar nicht durch Begriffe bestimmt wird; -- eine
+Anmerkung, die für die Theorie des Begehrungsvermögens sehr wichtig ist,
+da man durch Vernachlässigung derselben von ihr aus in das Gebiet der
+ästhetischen Urtheilskraft irre geleitet wird: -- sondern
+_mannigfaltige_ angenehme Empfindungen. Die Urtheilskraft steht während
+dieses Geschäfts ganz und lediglich im Dienste der Sinnlichkeit; diese
+liefert Mannigfaltiges, und Maaßstab der Vergleichung: der Verstand
+giebt nichts, als die Regeln des Systems.
+
+Der _Qualität_ nach ist das zu beurtheilende durch die Empfindung
+unmittelbar gegeben; es ist positiv _das angenehme_, welches eben so
+viel heißt, als das den sinnlichen Trieb bestimmende, und keiner weitern
+Zergliederung fähig ist. Das Angenehme ist angenehm, weil es den Trieb
+bestimmt, und es bestimmt den Trieb, weil es angenehm ist. _Warum_ etwas
+der Empfindung unmittelbar wohlthue, und _wie_ es beschaffen seyn müsse,
+wenn es ihr wohlthun solle, untersuchen wollen, hieße sich geradezu
+widersprechen; denn dann sollte es ja auf Begriffe zurückgeführt werden,
+mithin der Empfindung nicht unmittelbar; sondern vermittelst eines
+Begriffs wohlthun. Negativ, das unangenehme; limitativ, das
+indifferente für die Empfindung.
+
+Der _Quantität_ nach werden die Objecte des sinnlichen Triebes
+beurtheilt ihrer Extension und Intension nach; alles nach dem Maaßstabe
+der unmittelbaren Empfindung. -- Der _Relation_ nach, wo wieder blos das
+angenehme blos auf das angenehme bezogen wird, 1) in Absicht seines
+Einflusses auf die Beharrlichkeit des Empfindungsvermögens selbst, wie
+sie nemlich unmittelbar durch die Empfindung dargestellt wird, 2) in
+Absicht seines Einflusses auf Entstehung oder Vermehrung andrer
+angenehmen Sinnenempfindungen -- der Causalität des angenehmen aufs
+angenehme, 3) in Absicht der Bestehbarkeit oder Nichtbestehbarkeit
+mehrerer angenehmer Empfindungen neben einander. -- Endlich der
+_Modalität_ nach wird beurtheilt 1) die Möglichkeit, ob eine Empfindung
+angenehm seyn könne, nach Maasgabe vorhergegangener Empfindungen
+ähnlicher Art, 2) die Wirklichkeit -- daß sie angenehm sey; 3) die
+Nothwendigkeit ihrer Annehmlichkeit, wobei der Trieb Instinct wird.
+
+Durch diese Bestimmung des Mannigfaltigen, das in der Empfindung blos
+_angenehm_ ist, nach Verstandesgesetzen, -- durch dieses Ordnen
+desselben entsteht der Begriff des _Glücks_; der Begriff von einem
+Zustande des empfindenden Subjects, in welchem nach Regeln genossen
+wird: so daß eine angenehme Empfindung einer andern von größerer
+Intension, oder Extension, -- eine, die dem Empfindungsvermögen schadet,
+einer andern, die es stärkt -- eine, die in sich isolirt ist, einer
+andern, die selbst wieder Ursache angenehmer Empfindungen wird, oder
+viele andre neben sich duldet, und erhöht -- endlich ein blos möglicher
+Genuß, Empfindungen, die nothwendig angenehm seyn müssen, oder die man
+als wirklich angenehm empfindet, nachgesetzt und aufgeopfert werden.
+Ein nach diesem Grundrisse verfertigtes System gäbe eine
+Glückslehre -- gleichsam eine Rechenkunst des Sinnengenusses[3], welche
+aber keine Gemeingültigkeit haben könnte, da sie blos empirische
+Principien hätte. Jeder müßte sein eignes System haben, da jeder nur
+selbst beurtheilen kann, was _ihm_ angenehm, oder noch angenehmer sey;
+nur in der Form kämen diese individuellen Systeme überein, weil diese
+durch die nothwendigen Verstandesgesetze gegeben ist, nicht aber in der
+Materie. Den Begriff des Glücks, so bestimmt ist es völlig richtig, daß
+wir nicht wissen können, was das Glück des andern befördre, ja, worin
+wir selbst in der nächsten Stunde unser Glück setzen werden.
+
+Wird dieser Begriff des Glücks durch die Vernunft aufs unbedingte und
+unbegränzte ausgedehnt, so entsteht die Idee der Glückseeligkeit,
+welche, als gleichfals lediglich auf empirischen Principien beruhend,
+nie allgemeingültig bestimmt werden kann. Jeder hat in diesem Sinne
+seine eigne Glückseeligkeitslehre: eine auch nur comparativ allgemeine
+ist unmöglich, und widersprechend.
+
+Aber mit einer solchen _blos mittelbaren_ Bestimmbarkeit des sinnlichen
+Triebes durch Spontaneität reichen wir zur Erklärung der wirklichen
+Bestimmung noch gar nicht aus; denn schon für die Möglichkeit dieser
+Bestimmbarkeit mußten wir wenigstens ein Vermögen, die durch die
+Empfindung geschehne Bestimmung des Triebes wenigstens _aufzuhalten_,
+stillschweigend voraussetzen, weil ohne dies eine Vergleichung und
+Unterordnung des verschiedenen Angenehmen unter Verstandesgesetze, zum
+Behuf einer Bestimmung des Willens nach den Resultaten dieser
+Vergleichung, gar nicht möglich wäre. Dieses Aufhalten nemlich kann gar
+nicht durch die Urtheilskraft selbst nach Verstandesgesetzen geschehen;
+denn dann müßten Verstandesgesetze auch practisch seyn können, welches
+ihrer Natur geradezu widerspricht. Wir müssen demnach den obengesetzten
+zweiten Fall annehmen, daß dieses Aufhalten _unmittelbar_ durch die
+Spontaneität geschehe.
+
+Aber nicht nur dieses Aufhalten, sondern auch die endliche wirkliche
+Bestimmung des Willens kann nicht blos durch jene Gesetze vollendet
+werden; denn alles, was wir nach ihnen in unserm Gemüthe zu Stande
+bringen, geschiehet mit dem Gefühle der Nothwendigkeit, welches dem
+jedes Wollen characterisirenden Bewußtseyn der Selbstthätigkeit
+widerstreitet: sondern sie muß unmittelbar durch Spontaneität geschehen.
+
+Aber man beurtheile das hier gesagte ja nicht zu voreilig, als ob wir es
+uns hier bequem machten, und aus unserm Bewußtseyn der Selbstthätigkeit
+im Wollen unmittelbar auf die wirkliche Existenz dieser Selbstthätigkeit
+schlössen. Allerdings _könnte_ nicht blos dies Bewußtseyn der
+Selbstthätigkeit, oder der Freiheit, welches an sich und seiner Natur
+nach nicht anders als negativ (eine Abwesenheit des Gefühls der
+Nothwendigkeit) ist, blos aus dem _Nicht_bewußtseyn der eigentlichen
+erst aufhaltenden, dann bestimmenden Ursache entstehen; sondern wenn wir
+keinen anderweitigen Grund für Freiheit, d. i. Unabhängigkeit vom Zwange
+des Naturgesetzes fänden, _müßte_ es sogar daher entstehen: dann wäre
+die Jochsche Philosophie die einzige wahre, und einzige consequente:
+aber dann gäbe es auch gar keinen Willen, die Erscheinungen desselben
+wären erweisbare Täuschungen, Denken und Wollen wären nur dem Anscheine
+nach verschieden, und der Mensch wäre eine Maschine, in der
+Vorstellungen in Vorstellungen eingriffen, wie in der Uhr Räder in
+Räder. (Gegen diese durch die bündigsten Schlüsse abzuleitenden
+Folgerungen ist keine Rettung, als durch Anerkennung einer practischen
+Vernunft, und, was eben das sagt, eines categorischen Imperativs
+derselben). -- Wir haben also bis jetzt nichts weiter gethan, als den
+_vorausgesetzten_ Begriff eines Willens, insofern er durch das untere
+Begehrungsvermögen bestimmt seyn soll, analysirt; wir haben gezeigt,
+_wenn_ ein Wille sey, wie seine Bestimmung durch den sinnlichen Trieb
+möglich sey; _daß_ aber ein Wille sey, haben wir bis jetzt weder
+erweisen gewollt, noch gekonnt, noch zu erweisen vorgegeben. Ein solcher
+Erweis dürfte vielleicht aus Untersuchung des oben angenommenen zweiten
+Falls, daß nemlich die durch die Handlung des Willens hervorzubringende
+Vorstellung selbst ihrem Stoffe nach, nicht durch Empfindung, sondern
+durch absolute Spontaneität, d. i. durch Spontaneität mit Bewußtseyn
+hervorgebracht sey, sich ergeben.
+
+
+II.
+
+Alles, was bloßer Stoff ist, und nichts anders seyn kann, wird durch die
+Empfindung gegeben; die Spontaneität bringt nur Formen hervor: die
+angenommene Vorstellung müßte demnach eine Vorstellung von so etwas
+seyn, das _an sich Form_, und nur als Object einer Vorstellung von ihr,
+_relativ_ (in Beziehung auf diese Vorstellung) _Stoff_ wäre; so wie
+z. B. Raum und Zeit, -- an sich Formen der Anschauung -- von einer
+Vorstellung von Raum oder Zeit der Stoff sind.
+
+Formen kündigen sich dem Bewußtseyn nur in ihrer Anwendung auf Objecte
+an. Nun werden die in der reinen Vernunft ursprünglich liegenden Formen
+der Anschauung, der Begriffe und der Ideen auf ihre Objecte mit dem
+Gefühl der Nothwendigkeit angewendet; sie kündigen sich demnach dem
+Bewußtseyn _mit Zwang_, und _nicht mit Freiheit_ an, und heißen daher
+auch _gegeben_, nicht _hervorgebracht_.
+
+Soll nun jene gesuchte Form sich dem Bewußtseyn als durch absolute
+Spontaneität hervorgebracht (nicht als mit Zwang gegeben) ankündigen, so
+muß sie es in Anwendung auf ein durch absolute Spontaneität bestimmbares
+Object thun. Nun ist das einzige, was unserm Selbstbewußtseyn als ein
+solches gegeben ist, -- _das Begehrungsvermögen;_ mithin muß jene Form,
+objectiv betrachtet, _Form des Begehrungsvermögens_ seyn. Wird diese
+Form Stoff einer Vorstellung, so ist dieser Vorstellung Stoff durch
+absolute Spontaneität hervorgebracht; wir haben eine Vorstellung, wie
+wir sie suchten -- welches aber die einzige in ihrer Art seyn muß, weil
+die Bedingungen ihrer Möglichkeit einzig auf das Begehrungsvermögen
+passen -- und die aufgegebne Frage ist gelöst. Daß nun wirklich eine
+solche ursprüngliche Form des Begehrungsvermögens, und ein
+ursprüngliches Begehrungsvermögen selbst vermittelst dieser Form sich in
+unserm Gemüthe dem Bewußtseyn ankündige, ist _Thatsache dieses
+Bewußtseyns_; und über dieses letzte, einzig allgemeingeltende Princip
+aller Philosophie hinaus findet keine Philosophie mehr statt. Durch
+diese Thatsache nun wird es erst gesichert, _daß_ der Mensch einen
+Willen habe.
+
+In diesem Zusammenhange wird denn auch, welches wir hier blos im
+Vorbeigehen erinnern, völlig klar, wie Vorstellungen, nemlich jene
+einzige, deren Stoff nicht durch Sinnenempfindung gegeben, sondern durch
+absolute Spontaneität hervorgebracht ist, und die von ihr abgeleiteten,
+möglich sind, welche über alle Erfahrung in der Sinnenwelt
+hinausgehen; -- wie der _Stoff_ dieser Vorstellungen, der reingeistig
+ist, um in's Bewußtseyn aufgenommen werden zu können, durch die uns für
+Gegenstände der Sinnenwelt gegebnen _Formen_ müsse bestimmt werden;
+welche Bestimmungen aber, da sie nicht durch die Bedingungen des Dinges
+an sich, sondern durch die Bedingungen unsers Selbstbewußtseyns
+nothwendig gemacht wurden, nicht für _objectiv_, sondern nur für
+_subjectiv_ -- doch aber, da sie sich auf die Gesetze des reinen
+Selbstbewußtseyns gründen, für _allgemeingültig_ für jeden discursiven
+Verstand angenommen, aber nicht weiter ausgedehnt werden müssen, als
+ihre Aufnehmbarkeit ins reine Selbstbewußtseyn es erfordert, weil sie im
+letztern Falle ihre Allgemeingültigkeit verlieren würden; endlich, daß
+dieser Übergang in das Reich des Übersinnlichen für endliche Wesen der
+einzig mögliche sey.
+
+Insofern nun -- um den Faden unsrer Betrachtung da wieder aufzunehmen,
+wo wir ihn fallen ließen -- insofern dem Begehrungsvermögen ursprünglich
+seine Form bestimt ist, wird es nicht erst durch ein gegebnes Object
+bestimmt, sondern es giebt sich durch diese Form sein Object selbst:
+d. h. wird diese Form Object einer Vorstellung, so ist diese Vorstellung
+Object des Begehrungsvermögens zu nennen. Diese Vorstellung nun ist die
+Idee des _schlechthin rechten_. Auf den Willen bezogen treibt dieses
+Vermögen, -- zu wollen, schlechthin weil man will. Dieses wunderbare
+Vermögen in uns nun nennt man das _obere_ Begehrungsvermögen, und sein
+characteristischer Unterschied von dem _niedern_ Begehrungsvermögen ist
+der, daß dem erstern kein Object gegeben wird, sondern daß es sich
+selbst eins giebt; dem letztern aber sein Object gegeben werden muß.
+Das erstere ist absolut selbstthätig, das letztere in vieler Rücksicht
+blos leidend.
+
+Daß aber dieses obere Begehrungsvermögen, welches auch blos ein
+_Vermögen_ ist, -- ein _Wollen_, als wirkliche _Handlung_ des Gemüths,
+mithin eine empirische Bestimmung, hervorbringe, dazu wird noch etwas
+mehr erfordert. Nemlich jedes Wollen, als Handlung des Gemüths
+betrachtet, geschieht mit dem Bewußtseyn der Selbstthätigkeit. Nun kann
+dasjenige, worauf die Selbstthätigkeit in dieser Handlung wirkt, nicht
+selbst wieder Selbstthätigkeit seyn, wenigstens in dieser Function
+nicht, sondern es ist, insofern die Spontaneität auf dasselbe wirkt,
+blos leidend, mithin eine Affection. Die dem obern Begehrungsvermögen _a
+priori_ beiwohnende nothwendige Willensform aber kann nie durch eine im
+empirischen Selbstbewußtseyn gegebne Spontaneität afficirt werden,
+welches ihrer Ursprünglichkeit und ihrer Nothwendigkeit schlechthin
+widersprechen würde. Soll nun die Bestimmbarkeit des Willens in
+endlichen Wesen durch jene nothwendige Form nicht ganz aufgegeben
+werden, so muß sich ein Medium aufzeigen lassen, das von der einen Seite
+durch die absolute Spontaneität jener Form hervorgebracht, von der
+andern durch die Spontaneität im empirischen Selbstbewußtseyn
+bestimmbar sey[4]. Insofern es das letztere ist, muß es _leidend_
+bestimmbar, mithin eine _Affection des Empfindungsvermögens_ seyn.
+Insofern es aber, der erstern Bedingung gemäß, durch absolute
+Spontaneität hervorgebracht seyn soll, kann es nicht eine Affection der
+Receptivität durch gegebne _Materie_ -- mithin, da sich außer dieser
+keine positive Affection des Empfindungsvermögens denken läßt, überhaupt
+keine positive, sondern nur eine _negative_ Affection -- eine
+Niederdrückung, eine Einschränkung desselben seyn. Nun aber ist das
+Empfindungsvermögen, insofern es _bloße Receptivität_ ist, weder positiv
+noch negativ durch die Spontaneität, sondern blos durchs Gegebenwerden
+eines Materiellen afficirbar; folglich kann die postulirte negative
+Bestimmung überhaupt nicht die Receptivität betreffen (etwa eine
+Verstopfung oder Verengerung der Sinnlichkeit an sich seyn;) sondern sie
+muß sich auf die Sinnlichkeit beziehen, _insofern sie durch Spontaneität
+bestimmbar ist_, (s. oben) _sich auf den Willen bezieht, und sinnlicher
+Trieb heißt_.
+
+Insofern nun diese Bestimmung auf die absolute Spontaneität
+zurückbezogen wird, ist sie blos negativ -- eine Unterdrückung der
+willensbestimmenden Anmaaßung des Triebes; -- insofern sie auf die
+Empfindung dieser geschehenen Unterdrückung bezogen wird, ist sie
+positiv, und heißt das _Gefühl der Achtung_. Dieses Gefühl ist gleichsam
+der Punct, in welchem die vernünftige und die sinnliche Natur endlicher
+Wesen innig zusammenfließen.
+
+Um das höchst möglichste Licht über unsern weitern Weg zu verbreiten,
+wollen wir hier noch über dieses wichtige Gefühl, den Momenten des
+Urtheilens nach, reflectiren. -- Es ist nemlich, wie eben jetzt erörtert
+worden, der _Qualität_ nach eine positive Affection des innern Sinnes,
+die aus der Vernichtung des sinnlichen Triebes, als _alleinigen_
+Bestimmungstriebes des Willens, mithin aus Einschränkung desselben
+entsteht. Die _Quantität_ desselben ist _bedingt-bestimmbar_, der Grade
+der Intension und Extension fähig, in Beziehung der Willensformen
+empirisch-bestimmbares Wesen auf das Gesetz; -- _unbedingt, und völlig
+bestimmt_, keiner Grade der Intension oder Extension fähig, _Achtung
+schlechthin_, gegen die einfache Idee des Gesetzes; -- _unbedingt, und
+unbestimmbar_, unendlich, gegen das Ideal, in welchem Gesetz und
+Willensform Eins ist. Der _Relation_ nach bezieht sich dieses Gefühl auf
+das _Ich_, als Substanz, entweder im _reinen_ Selbstbewußtseyn, und
+wird dann _Achtung unsrer höhern geistigen Natur_, die sich
+ästhetisch im Gefühle des Erhabnen äußert; oder im _empirischen_, in
+Absicht der Congruenz unsrer besondern Willensformen mit dem
+Gesetze -- _Selbstzufriedenheit_, -- _Scham vor sich selbst_: -- oder
+auf _das Gesetz_, als _Grund_ unsrer Verbindlichkeit -- die Achtung
+schlechthin, das Gefühl des nothwendigen Primats des Gesetzes, und
+unsrer nothwendigen Subordination unter dasselbe: -- oder, auf das
+_Gesetz als Substanz_ gedacht, -- unser Ideal. Endlich der _Modalität_
+nach ist Achtung _möglich_ gegen empirisch bestimmbare vernünftige
+Wesen; _wirklich_ gegen das Gesetz, und _nothwendig_ gegen das
+alleinheilige Wesen.
+
+So etwas nun, wie _Achtung_ ist, welches wir hier blos zur Erläuterung
+hinzusetzen, ist zwar in allen, endlichen Wesen anzunehmen, in denen die
+nothwendige Form des Begehrungsvermögens noch nicht nothwendig
+Willensform ist; aber in einem Wesen, in welchem Vermögen und Handlung,
+Denken und Wollen Eins ist, läßt sich Achtung gegen das Gesetz gar nicht
+denken.
+
+Insofern nun dieses Gefühl der Achtung den Willen, als empirisches
+Vermögen, bestimmt; und wieder im Wollen durch Selbstthätigkeit
+bestimmbar ist, als zu welchem Behuf wir ein solches Gefühl in uns
+aufsuchen mußten, heißt es _Trieb_. -- Trieb aber eines wirklichen
+Wollens kann es, da kein Wollen ohne _Selbstbewußtseyn_ (der Freiheit)
+möglich ist, nur durch Beziehung auf das _Ich_, folglich nur in der Form
+der _Selbstachtung_ seyn. -- Daß diese Selbstachtung nun entweder
+_rein_, schlechthin Achtung der Würde der Menschheit in uns, oder
+_empirisch_, Zufriedenheit über die wirkliche Behauptung derselben, sey,
+haben wir eben gesagt. Es scheint in der Betrachtung allerdings weit
+edler und erhabner, sich durch die reine Selbstachtung, -- durch den
+einfachen Gedanken, ich _muß_ so handeln, wenn ich ein Mensch seyn will,
+als durch die empirische, -- durch den Gedanken, wenn ich so handle,
+werde ich als Mensch mit mir zufrieden seyn können, bestimmen zu lassen:
+aber in der Ausübung fließen beide Gedanken so innig in einander, daß es
+selbst dem aufmerksamsten Beobachter schwer werden muß, den Antheil, den
+der eine oder der andre an seiner Willensbestimmung hatte, genau von
+einander zu scheiden. -- Aus dem gesagten erhellet, daß es eine völlig
+richtige Maxime der Sittlichkeit sey: respectire dich selbst; und
+erklärt sich, warum nicht unedle Gemüther vor sich selbst weit mehr
+Furcht und Scheu empfinden, als vor der Macht der gesammten
+Natur, -- und den Beifall ihres eignen Herzens weit höher achten, als
+die Lobpreisungen einer ganzen Welt.
+
+Insofern nun diese Selbstachtung als _activer_, den Willen zwar nicht
+nothwendig zum wirklichen Wollen, aber doch thätig zur Neigung
+bestimmender Trieb betrachtet wird, heißt sie _sittliches Interesse_;
+welches entweder _rein_ ist, -- Interesse für die Würde der Menschheit
+an sich, oder _empirisch_ -- Interesse für die Würde der Menschheit in
+unserm empirisch bestimmbaren Selbst. Interesse aber muß nothwendig von
+einem Gefühle der Lust begleitet seyn, und ein wirklich behauptetes
+Interesse empirisch ein Gefühl der Lust hervorbringen, daher auch die
+empirische Selbstachtung sich als Selbstzufriedenheit äußert[TN2].
+Dieses Interesse bezieht sich allerdings auf das Selbst, aber nicht auf
+die _Liebe_, sondern auf die _Achtung_ dieses Selbst, welches Gefühl
+seinem Ursprunge nach rein sittlich ist. Will man den sinnlichen Trieb,
+den eigennützigen, und den sittlichen den uneigennützigen nennen, so
+kann man zur Erläuterung das wohl thun; aber mir wenigstens scheint
+diese Benennung da, wo es um scharfe Bestimmung zu thun ist, unbequem,
+da auch der sittliche Trieb, um ein wirkliches Wollen zu bewirken, sich
+auf das Selbst beziehen muß; und empirische Merkmale da, wo man die oben
+erörterten transscendentalen hat, überflüssig. -- Daß aber die
+ursprüngliche nothwendige Bestimmung des Begehrungsvermögens ein
+Interesse, und zwar ein alles Sinnliche unterjochendes Interesse
+hervorbringt, entsteht aus der _categorisch_-gesetzlichen Form
+desselben, und ist nur unter dieser Voraussetzung zu erklären[5]. Man
+erlaube mir hierbei einen Augenblick stehen zu bleiben.
+
+Achtung ist das zunächst, und wohl in jedem Menschen sich äußernde
+wunderbare Gefühl, das aus der ganzen sinnlichen Natur desselben sich
+nicht erklären läßt, und auf seinen Zusammenhang mit einer höhern Welt
+unmittelbar hindeutet. Das wunderbarste dabei ist dies, daß dieses
+Gefühl, das an sich doch niederbeugend für unsre Sinnlichkeit ist, von
+einem unnennbaren, der Art nach von jeder Sinnenlust gänzlich
+verschiedenen, dem Grade nach sie unendlich übertreffenden Vergnügen
+begleitet wird. Wer, der dieses Vergnügen nur einmal innig empfand,
+möchte nur z. B. das Hinstaunen in den tobenden Sturz des Rheinfalls,
+oder das Aufblicken an den jeden Augenblick das Herabsinken zu drohen
+scheinenden ewigen Eismassen, unter dem erhebenden Gefühle: _ich_ trotze
+eurer Macht[6] -- oder sein Selbstgefühl bei der freien, und wohl
+überlegten Unterwerfung auch nur unter die Idee des allgemeinen
+nothwendigen Naturgesetzes, dieses Naturgesetz unterjoche nun seine
+Neigung oder seine Meinung -- oder endlich sein Selbstgefühl bei der
+freien Aufopferung seines Theuersten für die Pflicht, gegen irgend einen
+sinnlichen Genuß vertauschen? Daß der sinnliche Trieb von einer, und der
+reinsittliche Trieb von der andern Seite im menschlichen Willen sich die
+Waage halten, ließe sich wohl daraus erklären, weil sie beide in einem
+und eben demselben Subjecte erscheinen; daß aber der erstere dem
+letztern sich so wenig gleich setzt, daß er vielmehr bei der bloßen Idee
+eines Gesetzes sich niederbeugt, und ein weit innigeres Vergnügen aus
+seiner Nichtbefriedigung, als aus seiner Befriedigung gewährt -- dieses,
+oder mit einen Worte, das Categorische, schlechthin unbedingte und
+unbedingbare des Gesetzes deutet auf unsern höhern Ursprung, und auf
+unsre geistige Abkunft -- ist ein göttlicher Funke in uns, und ein
+Unterpfand, daß Wir Seines Geschlechts sind: und hier geht denn die
+Betrachtung in Bewunderung und Erstaunen über. An diesem Puncte stehend
+verzeiht man der kühnsten Phantasie ihren Schwung, und wird mit der
+liebenswürdigen Quelle aller Schwärmereien der Pythagoräer und
+Platoniker, wenn auch nicht mit ihren Ausflüssen völlig ausgesöhnt.
+
+Und hierdurch wäre denn auch die Dunkelheit gehoben, welche noch immer,
+besonders guten Seelen, die sich des dringendsten Interesse fürs
+schlechthin Rechte bewußt waren, das Verstehen des hartscheinenden
+Ausspruchs der Critik, daß das Gute gar nicht auf unsre Glückseeligkeit
+bezogen werden müßte, erschwerte. Sie haben ganz recht, wenn sie auf
+ihrem Selbstgefühle bestehen, daß sie zu wirklich guten Entschließungen
+doch nur durch das Interesse bestimmt werden; nur müssen sie den
+Ursprung dieses Interesse, wenn ihre Entschließung rein sittlich war,
+nicht im Sinnengefühle, sondern in der Gesetzgebung der reinen Vernunft
+aufsuchen. Der nächste, nicht nothwendig bestimmende, aber doch eine
+Neigung verursachende Bestimmungsgrund ihres Willens ist freilich das
+Vergnügen des innern Sinnes aus Anschauung des Rechten; daß aber eine
+solche Anschauung ihnen Vergnügen macht, davon liegt der Grund gar nicht
+in einer etwanigen Affection der innern Receptivität durch den Stoff
+jener Idee, welches schlechthin unmöglich ist; sondern in der _a priori_
+vorhandenen nothwendigen Bestimmung des Begehrungsvermögens, als obern
+Vermögens. -- Wenn ich also jemanden fragte: würdest du, selbst wenn du
+keine Unsterblichkeit der Seele glaubtest, lieber unter tausend Martern
+dein Leben aufopfern, als unrecht thun; und er mir antwortete: auch
+unter dieser Bedingung würde ich lieber sterben, und das _um mein selbst
+willen_, weil ein unter unsäglichen Martern mich vernichtender Tod mir
+weit erträglicher ist, als ein, in dem Gefühle der Unwürdigkeit zu
+leben, unter Schaam und Selbstverachtung hinzubringendes Leben -- so
+würde er darinn, insofern er von dem empirischen Bestimmungstriebe
+seiner Entschließung redete, völlig recht haben. Daß er aber in diesem
+Falle sich selbst würde verachten müssen -- daß die Aussicht auf eine
+solche Selbstverachtung ihm so drückend wäre, daß er lieber sein Leben
+aufopfern, als ihr sich unterwerfen wollte, davon würde er den Grund
+vergebens wieder in der Sinnenempfindung aufsuchen, aus welcher er so
+etwas, wie Achten, oder Verachten, mit aller Mühe nicht würde
+herauskünsteln können.
+
+Selbst dieses Interesse aber bewirkt noch nicht nothwendig ein
+wirkliches Wollen; dazu wird in unserm Bewußtseyn noch eine Handlung der
+Spontaneität erfordert, wodurch das Wollen, als wirkliche Handlung
+unsers Gemüthes, erst vollendet wird. Die in dieser Function des Wählens
+dem Bewußtseyn empirisch gegebne _Freiheit der Willkühr_ (_libertas
+arbitrii_), die auch bei einer Bestimmung des Willens durch die
+sinnliche Neigung vorkommt, und nicht blos in dem Vermögen zwischen der
+Bestimmung nach dem sittlichen, oder nach dem sinnlichen Triebe, sondern
+auch zwischen mehrern sich widerstreitenden Bestimmungen durch den
+letzteren -- zum Behuf einer Beurtheilung derselben -- zu wählen
+besteht, ist wohl zu unterscheiden von der absolut-ersten Äußerung der
+Freiheit durch das practische Vernunftgesetz; wo Freiheit gar nicht etwa
+Willkühr heißt, indem das Gesetz uns keine Wahl läßt, sondern mit
+Nothwendigkeit gebietet, sondern nur negativ gänzliche Befreiung vom
+Zwange der Naturnothwendigkeit bedeutet, so daß das Sittengesetz auf gar
+keinen in der theoretischen Naturphilosophie liegenden Gründen, als
+seinen Prämissen, beruhe, und ein Vermögen im Menschen voraussetze, sich
+unabhängig von Naturnothwendigkeit zu bestimmen. Ohne diese
+absolut-erste Äußerung der Freiheit wäre die zweite blos empirische
+nicht zu retten, sie wäre ein bloßer Schein, und das erste ernsthafte
+Nachdenken vernichtete den schönen Traum, in dem wir uns einen
+Augenblick von der Kette der Naturnothwendigkeit losgefesselt
+wähnten. -- Wo ich nicht irre, so ist die Verwechselung dieser zwei sehr
+verschiednen Äußerungen der Freiheit eine der Hauptursachen, warum man
+sich die _moralische_ (nicht etwa physische) _Nothwendigkeit_, womit ein
+Gesetz der _Freiheit_ gebieten soll, so schwer denken konnte. Denkt man
+nemlich in den Begriff der Freiheit das Merkmal der _Willkühr_ hinein
+(ein Gedanke, dessen noch immer viele sich nicht erwehren können), so
+läßt damit sich freilich auch die _moralische_ Nothwendigkeit nicht
+vereinigen. Aber davon ist bei der ersten ursprünglichen Äußerung der
+Freiheit, durch welche allein sie sich überhaupt bewährt, gar nicht die
+Rede. Die Vernunft giebt sich selbst, unabhängig von irgend etwas außer
+ihr, durch absolut eigne Spontaneität, ein Gesetz; das ist der einzig
+richtige Begriff der transscendentalen Freiheit: dieses Gesetz nun
+gebietet, eben _weil_ es _Gesetz_ ist, nothwendig und unbedingt, und da
+findet keine Willkühr, kein Auswählen zwischen verschiednen
+Bestimmungen durch dieses Gesetz statt, weil es nur auf _eine_ Art
+bestimmt. -- Folgendes noch zur Erläuterung. Diese transscendentale
+Freiheit, als ausschließender Character der Vernunft, insofern sie
+practisch ist, ist jedem moralischen Wesen, folglich auch dem
+Unendlichen beizulegen. Insofern aber diese Freiheit auf empirische
+Bedingungen endlicher Wesen sich bezieht, gelten ihre Äußerungen in
+diesem Falle nur unter diesen Bedingungen; folglich ist eine Freiheit
+der Willkühr da sie auf der Bestimmbarkeit eines Wesens noch durch
+andere als das practische Vernunftgesetz beruht, in Gott, der blos durch
+dieses Gesetz bestimmt wird, eben so wenig, als Achtung fürs Gesetz,
+oder Interesse am Schlechthinrechten anzunehmen; und die Philosophen,
+welche in diesem Sinne des Worts die Freiheit, als durch die Schranken
+der Endlichkeit bedingt, Gott absprachen, hatten daran vollkommen recht.
+
+Damit nun diese Zergliederung, die neben der Hauptabsicht, unbemerkte
+Schwierigkeiten einer Offenbarungscritik zu heben, noch die Nebenabsicht
+hatte, einige Dunkelheiten in der critischen Philosophie überhaupt
+aufzuklären, und den bisherigen Nichtkennern oder Gegnern derselben
+eine neue Thür zu eröfnen, um in sie einzudringen, nicht von critischen
+Philosophen selbst misverstanden, und so gedeutet werde, als sey dadurch
+die Tugend abermals zur Magd der Lust herabgewürdigt, so machen wir
+unsre Gedanken durch folgende Tabelle noch deutlicher:
+
+_Wollen_, die Bestimmung durch Selbstthätigkeit zur Hervorbringung einer
+Vorstellung, als _Handlung_ des Gemüths betrachtet, ist
+
+
+A.
+
+_rein_,
+
+wenn _Vorstellung_ sowohl, als _Bestimmung_, durch absolute
+Selbstthätigkeit hervorgebracht ist. -- Dieses ist nur in einem Wesen
+möglich, das blos _thätig_ und nie _leidend_ ist, in Gott.
+
+
+B.
+
+_nicht rein_,
+
+
+_a._
+
+wenn zwar die _Bestimmung_, aber nicht die _Vorstellung_ durch
+Selbstthätigkeit hervorgebracht wird. -- Bei der Bestimmung durch den
+sinnlichen Trieb in endlichen Wesen.
+
+
+_b._
+
+wenn zwar die _Vorstellung_, aber nicht die _Bestimmung_ durch
+Selbstthätigkeit hervorgebracht wird. -- Nun aber soll schon vermöge des
+Begriffs des Wollens die Bestimmung allemahl durch Selbstthätigkeit
+hervorgebracht werden; folglich ist dieser Fall nur unter der Bedingung
+denkbar, daß zwar die eigentliche _Bestimmung_ als _Handlung_ durch
+Spontaneität geschehe, der _bestimmende Trieb_ aber eine Affection
+sey. -- Sittliche Bestimmung des Willens in endlichen Wesen vermöge des
+Triebs der Selbstachtung, als eines sittlichen Interesse.
+
+Reines _Wollen_ ist demnach in endlichen Wesen nicht möglich,
+weil das Wollen nicht Geschäft des reinen Geistes, sondern
+des empirisch-bestimmbaren Wesens ist; aber wohl ein reines
+_Begehrungsvermögen_, als _Vermögen_, welches nicht dem
+empirisch-bestimmbaren Wesen, sondern dem reinen Geiste beiwohnt, und
+allein durch sein Daseyn unsre geistige Natur offenbart. -- Anders hat
+sich denn auch, so wie ich wenigstens es verstanden habe, die reine
+Vernunft durch ihren bevollmächtigten Interpreten unter uns nicht
+erklärt, wie aus einer Vergleichung dieser Darstellung mit der in der
+Critik der practischen Vernunft sich ergeben dürfte[7].
+
+
+III.
+
+Die Affection des Glückseeligkeitstriebes durch das Sittengesetz
+zur Erregung der Achtung ist, in Beziehung auf ihn, _als_
+Glückseeligkeitstrieb, blos _negativ_: auch die Selbstachtung wirkt so
+wenig Glückseeligkeit, wenn Glückseeligkeit, wie es geschehen muß, blos
+in das _angenehme_ gesetzt wird, daß sie vielmehr steigt, so wie jene
+fällt, und daß man sich nur um so mehr achten kann, je mehr von seiner
+Glückseeligkeit man der Pflicht aufgeopfert hat. Dennoch ist zu
+erwarten, daß das Sittengesetz den Glückseeligkeitstrieb, selbst _als_
+Glückseeligkeitstrieb, wenigstens mittelbar auch _positiv_ afficiren
+werde, um Einheit in den ganzen, rein- und empirisch-bestimmbaren
+Menschen zu bringen; und da dieses Gesetz ein _Primat_ in uns verlangt,
+so ist es sogar zu fordern[8].
+
+Nemlich der Glückseeligkeitstrieb wird vors erste durch das Sittengesetz
+nach Regeln eingeschränkt; ich _darf_ nicht alles wollen, wozu dieser
+Trieb mich bestimmen könnte. Durch diese vors erste blos negative
+Gesetzmäßigkeit nun kommt der Trieb, der vorher gesetzlos und blind vom
+Ohngefähr oder der blinden Naturnothwendigkeit abhing, überhaupt unter
+ein Gesetz, und Wird auch da, wo das Gesetz nicht redet, wenn dieses
+Gesetz nur für ihn _alleingültig_ ist, eben durch das Stillschweigen des
+Gesetzes, _positiv_ gesetzmäßig, (gesetzlich noch nicht). Darf ich
+_nicht_ wollen, was das Sittengesetz verbietet, so darf ich alles
+wollen, was es _nicht_ verbietet -- nicht aber, ich _soll_ es wollen,
+denn das Gesetz schweigt ganz; sondern das hängt ganz von meiner freien
+Willkühr ab. -- Dieses _Dürfen_ ist einer der Begriffe, die ihren
+Ursprung an der Stirne tragen. Er ist nemlich offenbar durch das
+Sittengesetz bedingt; -- die Naturphilosophie weiß nur von _können_,
+oder _nicht können_, aber von keinem _dürfen_: -- aber er ist durch
+dasselbe nur negativ bedingt, und überläßt die positive Bestimmung
+lediglich der Neigung.
+
+Was man, wegen des Stillschweigens des Gesetzes, darf, heißt, insofern
+es auf das Gesetz bezogen wird, negativ _nicht unrecht_; und insofern es
+auf die dadurch entstehende Gesetzmäßigkeit des Triebes bezogen wird,
+positiv _ein Recht_. Zu allem, was _nicht unrecht ist, habe ich ein
+Recht_[9].
+
+Insofern das Gesetz durch sein Stillschweigen dem Triebe ein Recht
+giebt, ist dieser blos _gesetzmäßig_; der Genuß wird durch dieses
+Stillschweigen blos (moralisch) _möglich_. Dies leitet uns auf eine
+Modalität der Berechtigung des Triebes, und es läßt sich erwarten, daß
+der Trieb durch das practische Gesetz mittelbar auch _gesetzlich_ -- daß
+ein Genuß durch dasselbe auch _wirklich_ werden könne. -- Dieser
+letztere Ausdruck kann nun nicht soviel heißen, als ob die Sinnlichkeit
+durch einen ihr vom Sittengesetze gegebnen Stoff in der Receptivität
+positiv angenehm afficirt werden solle, wovon die Unmöglichkeit schon
+oben zur Genüge dargethan worden; -- der Genuß soll nemlich nicht
+_physisch-_, sondern _moralisch-wirklich_ gemacht werden, welcher
+ungewöhnliche Ausdruck sogleich seine völlige Klarheit erhalten wird.
+Eine solche moralische Wirklichmachung des Genusses müßte sich noch
+immer auf jene negative Bestimmung des Triebes durchs Gesetz gründen.
+Durch diese nun erhielt der Trieb vors erste ein Recht. Nun aber können
+Fälle eintreten, wo das Gesetz seine Berechtigung zurücknimmt. So ist
+ohne Zweifel jeder berechtiget zu leben; dennoch aber kann es Pflicht
+werden, sein Leben aufzuopfern. Dieses Zurücknehmen der Berechtigung
+wäre ein förmlicher Widerspruch des Gesetzes mit sich selbst. Nun kann
+das Gesetz sich nicht widersprechen, ohne seinen gesetzlichen Character
+zu verlieren, aufzuhören, ein Gesetz zu seyn, und gänzlich aufgegeben
+werden zu müssen. -- Dieses würde uns nun vors erste darauf führen, daß
+alle Objecte des sinnlichen Triebes, laut der Anforderung des
+Sittengesetzes sich nicht selbst zu widersprechen, nur Erscheinungen,
+nicht Dinge an sich, seyn könnten; daß mithin ein solcher Widerspruch in
+den Objecten, insofern sie Erscheinungen sind, gegründet, mithin nur
+scheinbar sey. Jener Satz ist also eben so gewiß ein Postulat der
+practischen Vernunft, als er ein Theorem der theoretischen ist. Es gäbe
+demnach an sich gar keinen Tod, kein Leiden, keine Aufopferung für die
+Pflicht, sondern der Schein dieser Dinge gründete sich blos auf das, was
+die Dinge zu Erscheinungen macht.
+
+Aber, da unser sinnlicher Trieb doch einmal auf Erscheinungen geht; da
+das Gesetz ihn _als_ solchen, mithin insofern er darauf geht,
+berechtigt, so kann es auch diese Berechtigung nicht zurücknehmen; es
+muß mithin, vermöge seines geforderten Primats, auch über die Welt der
+Erscheinungen gebieten. Nun kann es das nicht _unmittelbar_, da es sich
+_positiv_ nur _an das Ding an sich_, an unser oberes, reingeistiges
+Begehrungsvermögen wendet; es muß also _mittelbar_, mithin _durch den
+sinnlichen Trieb_ geschehen, auf den es negativ allerdings wirkt. Daraus
+nun entsteht eine von der negativen Bestimmung des Triebes durch das
+Gesetz abgeleitete positive _Gesetzlichkeit_ desselben. -- Wer z. B. für
+die Pflicht stirbt, dem nimmt das Sittengesetz ein vorher zugestandnes
+Recht; das kann aber das Gesetz nicht thun, ohne sich UN widersprechen;
+folglich ist ihm dieses Recht nur insofern er Erscheinung ist,
+(hier -- in der Zeit) genommen: sein durch das Gesetz berechtigter
+Lebenstrieb fordert es als Erscheinung, mithin in der Zeit, zurück, und
+wird durch dieses rechtliche Zurückfordern gesetzlich für die Welt der
+Erscheinungen. Wer im Gegentheile auf Anforderung des Gesetzes an ihn
+sein Leben nicht aufgeopfert hat, ist des Lebens unwürdig, und muß es,
+wenn das Sittengesetz auch für die Welt der Erscheinungen gelten soll,
+der Causalität dieses Gesetzes gemäß, als Erscheinung verlieren[10].
+
+Aus dieser Gesetzlichkeit des Triebes entsteht der Begriff der
+_Glückswürdigkeit_, als das zweite Moment der Modalität der
+Berechtigung. -- _Würdig_ ist ein Begriff, der sich offenbar auf
+Sittlichkeit bezieht, und der aus keiner Naturphilosophie zu schöpfen
+ist; ferner sagt _würdig_ offenbar mehr, als ein Recht, -- wir gestehen
+manchem ein Recht zu einem Genusse zu, den wir doch desselben sehr
+unwürdig halten, niemanden aber werden wir umgekehrt eines Glücks würdig
+achten, auf welches er ursprünglich (nicht etwa hypothetisch) kein Recht
+hat; endlich entdeckt man auch im Gebrauche den negativen Ursprung
+dieses Begriffs, denn in der Beurtheilung, ob jemand eines
+Genusses würdig sey, sind wir genöthiget, den wirklichen Genuß
+wegzudenken. -- -- Es ist eine der äußern Anzeigen der Wahrheit der
+critischen Moralphilosophie, daß man keinen Schritt in ihr thun kann,
+ohne auf einen in der allgemeinen Menschenempfindung tief eingeprägten
+Grundsatz zu stoßen, der sich nur aus ihr, und aus ihr leicht und
+faßlich erklärt. So ist hier die Billigung und das Verlangen der
+Wiedervergeltung (_jus talionis_) allgemeine Menschenempfindung. Wir
+gönnen es jedem, daß es ihm eben so gehe, wie ers andern gemacht hat,
+und daß ihm gerade so geschehe, wie er gehandelt hat. Wir betrachten
+demnach, selbst in der gemeinsten Beurtheilung, die Erscheinungen seines
+sinnlichen Triebes, als gesetzlich für die Welt der Erscheinungen; wir
+nehmen an, seine Handlungsarten sollen, in Rücksicht auf ihn, als
+allgemeines Gesetz gelten.
+
+Diese Gesetzlichkeit des Triebes fordert nun die völlige Congruenz der
+Schicksale eines vernünftigen Wesens mit seinem sittlichen Verhalten,
+als erstes Postulat der an sinnliche Wesen sich wendenden practischen
+Vernunft: in welchem verlangt wird, daß stets diejenige Erscheinung
+erfolge, welche, wenn der Trieb legitim durch das Sittengesetz bestimmt,
+und für die Welt der Erscheinungen gesetzgebend gewesen wäre, hätte
+erfolgen müssen. -- Und hier sind wir denn zugleich unvermerkt über
+eine, von keinem Gegner der critischen Philosophie, so viel ich weiß,
+bemerkte, aber darum nicht minder sie drückende Schwierigkeit
+hinweggekommen: wie es nemlich möglich sey, das Sittengesetz, welches an
+sich nur auf die Willensform moralischer Wesen, als solches anwendbar
+ist, auf Erscheinungen in der Sinnenwelt zu beziehen; welches doch, zum
+Behuf einer postulirten Congruenz der Schicksale moralischer Wesen mit
+ihrem Verhalten, und der übrigen daraus zu deducirenden
+Vernunftpostulate, nothwendig geschehen mußte. Diese Anwendbarkeit
+nemlich erhellet blos aus der, von der negativen Bestimmung des
+Glückseeligkeitstriebes abgeleiteten, Gesetzlichkeit desselben für die
+Welt der Erscheinungen.
+
+Werden endlich im dritten Momente der Modalität Recht, und Würdigkeit in
+Verbindung gedacht, in welcher Verbindung das Recht seinen positiven
+Character, als Gesetzmäßigkeit der sinnlichen Neigung[11], und die
+Würdigkeit ihren negativen, als durch Aufhebung eines Rechts durch ein
+Gebot entstanden, verliert; so entsteht ein Begriff, der positiv für uns
+überschwenglich ist, weil alle Schranken aus ihm hinweggedacht
+werden, negativ aber ein Zustand ist, in dem das Sittengesetz
+keine sinnliche Neigung einzuschränken hat, weil keine da
+ist -- unendliche Glückseligkeit mit unendlichem Rechte, und
+Würdigkeit[12] -- _Seeligkeit_ -- eine unbestimmbare Idee, die aber
+dennoch durch das Sittengesetz uns als das letzte Ziel aufgestellt wird,
+und an die wir uns, da die Neigungen in uns immer übereinstimmender mit
+dem Sittengesetze werden, folglich unsre Rechte sich immer mehr
+ausbreiten sollen, stets annähern; aber sie, ohne Vernichtung der
+Schranken der Endlichkeit, nie erreichen können. Und so wäre denn der
+Begriff des ganzen höchsten Guts, oder _der Seeligkeit_, aus der
+Gesetzgebung der practischen Vernunft, deducirbar: der erste Theil
+desselben, die _Heiligkeit, rein_; aus der positiven Bestimmung des
+obern Begehrungsvermögens durch dieses Gesetz, welches in der Critik der
+practischen Vernunft so einleuchtend geschehen ist, daß hier keine
+Wiederholung nöthig war: der zweite Theil, die _Seeligkeit_ (im engern
+Sinne) _nicht rein_; aus der negativen Bestimmung des niedern
+Begehrungsvermögens durch dieses Gesetz. Daß wir aber, um den zweiten
+Theil zu deduciren, von empirischen Prämissen ausgehen mußten, darf uns
+nicht irren; da theils zwar das zu bestimmende empirisch, das
+bestimmende aber rein geistig war; theils in der aus diesen Bestimmungen
+deducirten Vernunftidee der Seeligkeit alles empirische weggedacht, und
+diese Idee rein geistig aufgefaßt werden sollte, welches für sinnliche
+Wesen freilich nicht möglich ist.
+
+
+§. 3.
+
+_Deduction der Religion überhaupt._
+
+Oben wurde, aus der Anforderung des Sittengesetzes, sich durch Aufhebung
+seiner Berechtigungen des sinnlichen Triebes nicht zu widersprechen,
+eine mittelbare Gesetzlichkeit dieses Triebes selbst, und aus ihr eine
+anzunehmende vollkommne Congruenz der Schicksale vernünftiger Wesen mit
+ihren moralischen Gesinnungen deducirt. Nun aber hat der Trieb, ob er
+gleich hierdurch _gesetzliche Rechte_, als _moralisches_ Vermögen,
+bekommt, so wenig eine _gesetzgebende Macht_, als _physisches_ Vermögen;
+daß er vielmehr selbst von empirischen Naturgesetzen abhängig ist, und
+seine Befriedigung lediglich von ihnen leidend erwarten muß. Jener
+Widerspruch des Sittengesetzes mit sich selbst in Anwendung auf
+empirisch-bestimmbare Wesen wäre demnach blos weiter hinausgerückt,
+nicht gründlich gehoben, denn wenn auch das Gesetz dem Triebe ein Recht
+giebt, seine Befriedigung zu fordern, so ist ihm, der nicht blos ein
+Recht sucht, sondern die Behauptung in seinem Rechte, das er selbst
+nicht behaupten kann, damit noch kein Genüge geschehen; er bleibt nach
+wie vor, ohngeachtet der Erlaubniß des Sittengesetzes sich zu
+befriedigen, unbefriedigt. Das Sittengesetz selbst also muß, wenn es
+sich nicht widersprechen, und aufhören soll, ein Gesetz zu seyn, diese
+von ihm selbst ertheilten Rechte behaupten; es muß mithin auch über die
+Natur nicht nur gebieten, sondern herrschen. Das kann es nun nicht in
+Wesen, die selbst von der Natur leidend afficirt werden, sondern nur in
+einem solchen, welches die Natur durchaus selbstthätig bestimmet; in
+welchem moralische Nothwendigkeit, und absolute physische Freiheit sich
+vereinigen. So ein Wesen nennen wir _Gott_. Eines Gottes Existenz ist
+mithin eben so gewiß anzunehmen, als ein _Sittengesetz_. -- Es _ist_ ein
+Gott.
+
+In Gott herrscht _nur_ das Sittengesetz, und dieses _ohne alle
+Einschränkung_. Gott ist _heilig_ und _seelig_, und wenn das letztere in
+Beziehung auf die Sinnenwelt gedacht wird, _allmächtig_.
+
+Gott muß, vermöge der Anforderung des Moralgesetzes an ihn, jene völlige
+Congruenz zwischen der Sittlichkeit und dem Glücke endlicher
+vernünftiger Wesen hervorbringen, da nur durch und in Ihm die Vernunft
+über die sinnliche Natur herrscht: er muß _ganz gerecht_ seyn.
+
+Im Begriffe alles existirenden überhaupt wird nichts gedacht, als die
+Reihe von Ursachen und Wirkungen nach Naturgesetzen in der Sinnenwelt,
+und die freien Entschließungen moralischer Wesen in der übersinnlichen.
+Gott muß die erstere ganz übersehen, denn er muß die Gesetze der Natur
+vermöge seiner Causalität durch Freiheit bestimmt, und, der nach
+denselben fortlaufenden Reihe der Ursachen und Wirkungen den ersten Stoß
+gegeben haben: er muß die letztern alle kennen, denn alle bestimmen den
+Grad der Moralität eines Wesens; und dieser Grad ist der Maaßstab, nach
+welchem die Austheilung des Glücks an vernünftige Wesen, laut des
+Moralgesetzes, dessen Executor er ist, geschehen muß. Da nun außer
+diesen beiden Stücken für uns nichts denkbar ist, so müssen wir Gott
+_allwissend_ denken.
+
+So lange endliche Wesen endlich bleiben, werden sie -- denn das ist der
+Begriff der Endlichkeit in der Moral -- noch unter andern Gesetzen
+stehen, als denen der Vernunft; sie werden folglich die völlige
+Congruenz des Glücks mit der Sittlichkeit durch sich selbst nie
+hervorbringen können. Nun aber fordert das Moralgesetz dies ganz
+unbedingt. Daher kann dieses Gesetz nie aufhören gültig zu seyn, da es
+nie erreicht seyn wird; seine Forderung kann nie ein Ende nehmen, da
+sie nie erfüllt seyn wird. Es gilt für die Ewigkeit. -- Es thut diese
+Forderung an jenes heilige Wesen, in Ewigkeit das höchste Gut in allen
+vernünftigen Naturen zu befördern; in Ewigkeit das Gleichgewicht
+zwischen Sittlichkeit und Glück herzustellen: jenes Wesen muß also
+selbst ewig seyn, um einem ewigen Moralgesetze, das seine Natur
+bestimmt, zu entsprechen; und es muß, diesem Gesetze gemäß, allen
+vernünftigen Wesen, an die dieses Gesetz gerichtet ist, und von welchen
+es Ewigkeit fordert, die Ewigkeit geben. Es muß also ein _ewiger Gott_
+seyn, und jedes moralische Wesen muß _ewig_ fortdauern[TN3], wenn der
+Endzweck des Moralgesetzes nicht unmöglich seyn soll.
+
+Diese Sätze nennen wir, als mit der Anforderung der Vernunft uns
+endlichen Wesen ein practisches _Gesetz_ zu geben, unmittelbar
+verbunden, und von ihr unzertrennlich, _Postulate_ der Vernunft. Nemlich
+diese Sätze werden nicht etwa durch das Gesetz _geboten_, welches ein
+_practisches_ Gesetz für _Theoreme_ nicht kann, sondern sie müssen
+nothwendig angenommen werden, wenn die Vernunft gesetzgebend seyn soll.
+Ein solches Annehmen nun, zu dem die Möglichkeit der Anerkennung eines
+Gesetzes überhaupt uns nöthiget, nennen wir _ein Glauben_. -- Da Da
+jedoch diese Sätze sich blos auf die Anwendung des Sittengesetzes auf
+_endliche_ Wesen, wie sich oben aus der Deduction derselben hinlänglich
+ergeben hat, nicht aber auf die Möglichkeit des Gesetzes an sich, welche
+Untersuchung für uns transscendent ist, sich gründen, so sind sie in
+dieser Form nur _subjectiv_, d. i. nur für endliche Naturen, -- für
+diese aber, da sie auf den bloßen Begriff der moralischen Endlichkeit,
+abgesehen von allen besonderen Modificationen derselben sich gründen,
+_allgemeingültig_. Wie der unendliche Verstand sein Daseyn und seine
+Eigenschaften anschauen möge, können wir, ohne selbst der unendliche
+Verstand zu seyn, nicht wissen.
+
+Die Bestimmungen im Begriffe Gottes, den die durch das Moralgebot
+praktisch bestimmte Vernunft aufstellte, lassen sich in zwei
+Hauptklassen theilen: die erste enthält diejenigen, welche sein Begriff
+selbst unmittelbar giebt, daß er nemlich gänzlich und allein durch das
+Sittengesetz[13] bestimmt sey; die zweite diejenigen, welche ihm in
+Beziehung auf die Möglichkeit endlicher moralischer Wesen zukommen, um
+welcher Möglichkeit willen wir eben seine Existenz annehmen mußten. Die
+erstern stellen Gott dar als die vollkommenste Heiligkeit, in welcher
+das Sittengesetz sich ganz beobachtet darstellt, als das Ideal aller
+moralischen Vollkommenheit; und zugleich als den Alleinseligen, weil er
+der Alleinheilige ist; mithin als Darstellung des erreichten Endzwecks
+der practischen Vernunft, als das _höchste Gut_ selbst, dessen
+Möglichkeit sie postulirte: die zweiten als den obersten Weltregenten
+nach moralischen Gesetzen, als Richter, aller vernünftigen Geister. Die
+erstem betrachten ihn an und für sich selbst, nach seinem _Seyn_, und er
+erscheint durch sie als vollkommenster Beobachter des Moralgesetzes: die
+zweiten nach den Wirkungen dieses Seyns auf andere moralische Wesen, und
+er ist vermöge derselben höchster, niemanden untergeordneter Executor
+der Verheißungen des Moralgesetzes, mithin auch Gesetzgeber; welche
+Folgerung aber noch nicht unmittelbar klar ist, sondern unten
+weitläufiger erörtert werden soll. So lange wir nun bei diesen
+Wahrheiten, als solchen, stehen bleiben, haben wir zwar eine
+_Theologie_, die wir haben mußten, um unsre theoretischen Überzeugungen,
+und unsre practische Willensbestimmung nicht in Widerspruch zu setzen;
+aber noch keine _Religion_, die selbst wieder als Ursache auf diese
+Willensbestimmung einen Einfluß hätte. Wie entsteht nun aus Theologie
+Religion?
+
+Theologie ist bloße Wissenschaft, todte Kenntniß ohne practischen
+Einfluß; Religion aber soll der Wortbedeutung nach (_religio_) etwas
+seyn, das uns _verbindet_, und zwar _stärker_ verbindet, als wir es ohne
+dasselbe waren. In wiefern diese Wortbedeutung hier der Strenge nach
+anwendbar sey, muß sich sogleich ergeben.
+
+Nun scheint es vors erste; daß Theologie auf solche Principien gegründet
+nie bloße Wissenschaft ohne practischen Einfluß seyn könne, sondern daß
+sie, durch vorhergegangene Bestimmung des Begehrungsvermögens bewirkt,
+hinwiederum auf dasselbe zurückwirken müsse. Bei jeder Bestimmung des
+untern Begehrungsvermögens müssen wir wenigstens die Möglichkeit des
+Objects unsrer Begierde annehmen, und durch dieses Annehmen wird die
+Begierde, die vorher blind und unvernünftig war, erst gerechtfertiget,
+und theoretisch vernünftig; hier also findet diese Zurückwirkung
+unmittelbar statt. Die Bestimmung des obern Begehrungsvermögens aber,
+das Gute zu wollen, ist _an sich_ vernünftig, denn sie geschieht
+unmittelbar durch ein Gesetz der Vernunft und bedarf keiner
+Rechtfertigung durch Anerkennung der Möglichkeit ihres Objects: diese
+Möglichkeit aber nicht anerkennen, das wäre gegen die Vernunft, und
+mithin ist das Verhältniß hier umgekehrt. Beim untern Begehrungsvermögen
+geschieht die Bestimmung erst durchs Object; beim obern wird das Object
+erst durch die Bestimmung des Willens realisirt.
+
+Der Begriff von etwas, das schlechthin _recht_ ist[14], hier insbesondre
+von der nothwendigen Congruenz des Grades des Glücks eines vernünftigen,
+oder eines als solches betrachteten Wesens; mit dem Grade seiner
+sittlichen Vollkommenheit, ist in unsrer Natur, unabhängig von
+Naturbegriffen, und von der durch dieselben möglichen Erfahrung, _a
+priori_ da. Betrachten wir diese Idee nur blos als Begriff, ohne
+Rücksicht auf das durch dieselbe bestimmte Begehrungsvermögen, so kann
+sie uns nichts weiter seyn, und werden, als ein durch die Vernunft
+unsrer Urtheilskraft gegebnes Gesetz zur Reflexion, über gewisse Dinge
+in der Natur, sie auch noch in einer andern Absicht, als der ihres
+_Seyns_, nemlich der ihres _Seynsollens_, zu betrachten. In diesem Falle
+scheint es vors erste, daß wir gänzlich gleichgültig gegen die
+Übereinstimmung mit dieser Idee bleiben, und weder Wohlgefallen noch
+Interesse für dieselbe empfinden würden.
+
+Aber auch dann wäre alles, was außer uns mit dem _a priori_ in uns
+vorhandenen Begriffe des Rechts übereinstimmend gefunden würde,
+zweckmäßig für eine uns durch die Vernunft aufgegebne Art über die Dinge
+zu reflectiren, und müßte, da alle Zweckmäßigkeit mit Wohlgefallen
+angeblickt wird, ein Gefühl der Lust in uns erregen. Und so ist es denn,
+auch wirklich. Die Freude über das Mißlingen böser Absichten, und über
+die Entdeckung und Bestrafung des Bösewichts, eben so, wie über das
+Gelingen redlicher Bemühungen, über die Anerkennung der verkannten
+Tugend, und über die Entschädigung des Rechtschaffnen für die auf dem
+Wege der Tugend erlittenen Kränkungen und gemachten Aufopferungen ist
+allgemein, im Innersten der menschlichen Natur gegründet, und die nie
+versiegende Quelle des Interesse, das wir an Dichtungen nehmen. Wir
+gefallen uns in so einer Welt, wo alles der Regel des Rechts gemäß ist,
+weit besser, als in der wirklichen, wo wir so mannigfaltige Verstoße
+gegen dieselbe zu entdecken glauben. -- Aber es kann uns auch etwas,
+ohne daß wir Interesse dafür fühlen, d. i. ohne daß wir das Daseyn des
+Gegenstandes begehren, gefallen; und von der Art ist z. B. das
+Wohlgefallen am Schönen. Wäre es mit dem Wohlgefallen am Rechten eben so
+beschaffen, so wäre dasselbe ein Gegenstand unsrer bloßen Billigung.
+Wenn uns einmal ein Gegenstand gegeben wäre, der diesem Begriffe
+entspräche, so könnten wir nicht vermeiden, Vergnügen, und bei dem
+Anblicke eines Gegenstandes, der ihm widerspräche, Mißvergnügen zu
+empfinden; aber es würde dadurch noch keine Begierde in uns entstehen,
+daß überhaupt etwas gegeben werden möchte, worauf dieser Begriff
+anwendbar sey. Hier wäre also bloße Bestimmung des Gefühls der Lust und
+Unlust, ohne die geringste Bestimmung des Begehrungsvermögens.
+
+Abgerechnet, daß der Begriff des _Sollens_ an sich schon eine Bestimmung
+des Begehrungsvermögens, das Daseyn eines gewissen Objects zu wollen,
+anzeigt: so bestätigt es die Erfahrung eben so allgemein, daß wir auf
+gewisse Gegenstände nothwendig diesen Begriff anwenden, und die
+Übereinstimmung derselben mit ihm unnachläßlich verlangen. So sind wir
+in der Welt der Dichtungen, im Trauerspiele, oder Romane, nicht eher
+befriedigt, bis wenigstens die Ehre des unschuldig Verfolgten gerettet,
+und seine Unschuld anerkannt, der ungerechte Verfolger aber entlarvt
+ist, und die gerechte Strafe erlitten hat, so angemessen es auch dem
+gewöhnlichen Laufe der Dinge in der Welt seyn mag, daß dies nicht
+geschehe; zum sichern Beweise, daß wir es nicht von uns erhalten können,
+dergleichen Gegenstände, wie die Handlungen moralischer Wesen, und ihre
+Folgen sind, blos nach der Causalität der Naturgesetze zu betrachten;
+sondern daß wir sie nothwendig mit dem Begriffe des Rechts vergleichen
+müssen. Wir sagen in solchen Fällen, das Stück sey nicht geendigt; und
+eben so wenig können wir bei Vorfällen in der wirklichen Welt, wenn wir
+z. B. den Bösewicht im höchsten Wohlstände mit Ehre und Gut gekrönt,
+oder den Tugendhaften verkannt, verfolgt, und unter tausend Martern
+sterben sehen, uns befriedigen, wenn nun alles aus, und der Schauplatz
+auf immer geschlossen seyn soll. Unser Wohlgefallen an dem, was recht
+ist, ist also keine bloße Billigung, sondern es ist mit Interesse
+verbunden. -- Es kann aber ein Wohlgefallen gar wohl mit einem Interesse
+verbunden seyn, ohne daß wir darum diesem Wohlgefallen eine Causalität
+zur Hervorbringung des Objects desselben zuschreiben; ohne daß wir auch
+nur das geringste zum Daseyn des Gegenstandes desselben beitragen
+wollen, oder auch nur wollen können. Dann ist das Verlangen nach diesem
+Daseyn ein _müßiger Wunsch_ (_pium desiderium_). Wir mögen es begehren
+so heftig wir wollen, wir müssen uns doch bescheiden, daß wir keinen
+rechtlich gegründeten Anspruch darauf machen können. So ist das Begehren
+vieler Arten des Angenehmen blos ein müßiger Wunsch. Wer verlangt z. B.
+nicht nach anhaltendem ungestümen Wetter einen hellen Tag? aber einem
+solchen Verlangen können wir gar keine Causalität zur Hervorbringung
+eines solchen Tages zuschreiben.
+
+Hätte es mit dem Wohlgefallen am Sittlich-guten eine solche Bewandtniß,
+wie mit irgend einem der Dinge, die wir angeführt haben, so könnten wir
+keine Theologie haben, und bedürften keiner Religion: denn so innig wir
+auch im letzten Falle die Fortdauer der moralischen Wesen, und einen
+allmächtigen, allwissenden und gerechten Vergelter ihrer Handlungen
+wünschen müßten, so wäre es doch sehr vermessen, aus einem bloßen
+Wunsche, so allgemein und so stark er auch wäre, auf die Realität seines
+Objects zu schließen, und dieselbe auch nur als subjectiv-gültig
+anzunehmen.
+
+Aber die Bestimmung des Begehrungsvermögens durch das Moralgesetz, das
+Recht zu wollen, soll eine Causalität haben, es wenigstens zum Theil
+wirklich hervorzubringen. Wir sind unmittelbar genöthigt, das Recht in
+unsrer eignen Natur als von uns abhängig zu betrachten; und wenn wir
+etwas dem Begriffe desselben widerstreitendes in uns entdecken, so
+empfinden wir nicht bloßes Mißvergnügen, wie bei der Nichterfüllung
+eines müßigen Wunsches, oder auch nur bloßen Unwillen gegen uns selbst,
+wie bei der Abwesenheit eines Gegenstandes unsres Interesse, daran wir
+selbst Schuld sind (also bei Vernachlässigung einer Regel der Klugheit),
+sondern Reue, Schaam, Selbstverachtung. In Absicht des Rechts _in uns_
+fordert also das Moralgesetz in uns schlechterdings eine Causalität zur
+Hervorbringung desselben, in Absicht desselben _außer uns_ aber kann es
+dieselbe nicht geradezu fordern, weil wir dasselbe nicht als unmittelbar
+von uns abhängig betrachten können, da dieses nicht durch moralische
+Gesetze, sondern durch physische Macht hervorgebracht werden muß. In
+Absicht des letztern also wirkt das Moralgesetz in uns ein bloßes
+Verlangen des Rechts, aber kein Bestreben es hervorzubringen. Dieses
+Verlangen des Rechts außer uns, d. i. einer dem Grade unsrer Moralität
+angemessenen Glückseligkeit ist wirklich _durch das Moralgesetz_
+entstanden. Glückseligkeit zwar überhaupt zu verlangen, ist ein
+Naturtrieb; diesem gemäß aber verlangen wir sie unbedingt,
+uneingeschränkt, und ohne die geringste Rücksicht auf etwas außer uns;
+mit Moralbegriffen aber, d. i. als vernünftige Wesen, bescheiden wir uns
+bald, gerade nur dasjenige Maaß derselben verlangen zu können, dessen
+wir werth sind, und diese Einschränkung des Glückseligkeitstriebes ist
+unabhängig von aller religiösen Belehrung selbst der ununterrichtetsten
+Menschheit tief eingeprägt, der Grund aller Beurtheilung über die
+Zweckmäßigkeit der menschlichen Schicksale, und jenes eben unter dem
+unbelehrtesten Theile der Menschheit am meisten ausgebreiteten
+Vorurtheils, daß der ein vorzüglich böser Mensch seyn müsse, den
+vorzüglich traurige Schicksale treffen.
+
+Dieses Verlangen aber ist so wenig weder _müßig_, d. i. ein solches,
+dessen Befriedigung wir zwar gerne sehen, bei dessen Nichtbefriedigung
+wir uns aber auch zur Ruhe weisen lassen würden, noch unberechtigt, daß
+vielmehr das Moralgesetz _das Recht in uns_ zur Bedingung _des Rechts
+außer uns_ macht: (das heißt nicht soviel, als ob es nur unter der
+Bedingung Gehorsam von uns verlange, wenn wir die demselben angemessene
+Glückseligkeit erwarten dürfen [denn, es gebietet ohne alle Bedingung],
+sondern, daß es uns alle Glückseligkeit nur als Bedingung unsers
+Gehorsams möglich darstellt; das Gebot nemlich ist das unbedingte, die
+Glückseligkeit aber das dadurch bedingte:) und dies thut es dadurch,
+indem es unsre Handlungen dem Princip der Allgemeingültigkeit
+unterzuordnen befiehlt; da _allgemeines Gelten_ (nicht blos Gültigkeit)
+_des Moralgesetzes_ und _dem Grade der Moralität jedes vernünftigen
+Wesens völlig angemessene Glückseligkeit_ identische Begriffe sind. Wenn
+nun die Regel des Rechts nie allgemeingeltend werden weder würde noch
+könnte, so bliebe zwar darum immer jene Forderung der Causalität des
+Moralgesetzes zur Hervorbringung des Rechts in uns, als Factum da, aber
+es wäre schlechterdings unmöglich, daß sie _in concreto_, in einer Natur
+wie die unsrige, erfüllt werden könnte. Denn sobald wir bei einer
+moralischen Handlung uns nur fragten: was mache ich doch? so müßte unsre
+theoretische Vernunft uns antworten: ich ringe, etwas schlechthin
+unmögliches möglich zu machen, ich laufe nach einer Schimäre, ich handle
+offenbar unvernünftig; und sobald wir wieder auf die Stimme des Gesetzes
+hörten, müßten wir urtheilen: ich denke offenbar unvernünftig, indem ich
+dasjenige, was mir schlechthin als Princip aller meiner Handlungen
+aufgestellt ist, für unmöglich erkläre. Folglich wäre in diesem
+Zustande, so fortdauernd auch die Forderung des Moralgesetzes, eine
+Causalität in uns zu haben, bliebe, eine fortgesetzte Erfüllung
+desselben nach Regeln schlechterdings unmöglich; sondern unser
+Ungehorsam oder Gehorsam hinge davon ab, ob eben der Ausspruch der
+theoretischen, oder der der practischen Vernunft das Übergewicht in
+unserm Gemüthe hätte (wobei jedoch im letztern Falle offenbar die
+theoretischgeleugnete Möglichkeit des Endzwecks des Moralgesetzes
+stillschweigend angenommen, und durch unsre Handlung anerkannt würde);
+worüber wir, nach aufgehobner Machtgewalt des practischen Vermögens über
+das theoretische nichts bestimmen könnten, folglich weder freie, noch
+moralische, noch der Imputation fähige Wesen, sondern wieder ein Spiel
+des Zufalls, oder eine durch Naturgesetze bestimmte Maschine würden.
+Theologie also ist, auf diese Grundsätze gebaut, in Concreto betrachtet
+nie bloße Wissenschaft, sondern wird ganz unmittelbar in ihrer
+Entstehung schon dadurch Religion, indem sie allein, durch
+Aufhebung[TN4] des Widerspruchs zwischen unsrer theoretischen und unsrer
+practischen Vernunft, eine fortgesetzte Causalität des Moralgesetzes in
+uns möglich macht.
+
+Und dies zeigt denn auch, welches wir blos im Vorbeigehn erinnern, das
+eigentliche Moment des moralischen Beweises für das Daseyn Gottes. Wie
+man aus theoretisch anerkannten Wahrheiten practische Folgerungen
+herleiten könne, welche dann eben den Grad der Gewißheit haben, als die
+Wahrheiten, auf welche sie sich gründen, wie z. B. aus unsrer _a priori_
+theoretisch erwiesenen Abhängigkeit von Gott die Pflicht folgen werde,
+sich gegen ihn dieser Abhängigkeit gemäß zu betragen, hat man immer
+leicht einsehen zu können geglaubt, weil man sich an diesen Gang der
+Folgerung gewöhnt hatte, da sie doch eigentlich gar nicht begreiflich
+ist, weil sie nicht richtig ist, indem der theoretischen Vernunft keine
+Machtgewalt über die practische zugeschrieben werden kann. Umgekehrt
+aber können aus einem practischen Gebote, das schlechthin _a priori_
+ist, und sich auf keine theoretischen Sätze, als seine Prämissen,
+gründet, theoretische Sätze abgeleitet werden, weil der practischen
+Vernunft allerdings eine Machtgewalt über die theoretische, doch gemäß
+den eignen Gesetzen derselben, zuzuschreiben ist. Es ist also ganz der
+umgekehrte Gang der Folgerung, und hat man sie je misverstanden, so ist
+es blos daher gekommen, weil man sich das Moralgesetz nicht als
+schlechthin _a priori_, und die Causalität desselben nicht als
+schlechthin (nicht theoretisch, aber practisch) nothwendig dachte.
+
+Der Widerspruch zwischen theoretischer und practischer Vernunft ist nun
+gehoben, und die Handhabung des Rechts ist einem Wesen übertragen
+worden, in welchem die Regel desselben nicht blos _allgemeingültig_,
+sondern _allgemeingeltend_ ist, der also das Recht auch außer uns uns
+zusichern kann. -- Sie ist allgemeingeltend für die Natur, die nicht
+moralisch ist, aber auf die Glückseligkeit moralischer Wesen Einfluß
+hat. Insofern auf diese Glückseligkeit auch andrer moralischen Wesen
+Betragen einfließt, lassen auch diese sich betrachten als Natur. In
+dieser Rücksicht ist Gott der Bestimmer der durch die Causalität ihres
+Willens in der Natur hervorgebrachten Wirkungen, aber nicht ihres
+Willens selbst.
+
+Moralische Wesen aber, _als solche_, d. i. in Absicht ihres Willens,
+können nicht so durch den Willen des allgemeinen Gesetzgebers bestimmt
+werden, wie die unmoralische Natur, denn sonst hörten sie auf es zu
+seyn, und die Bestimmung der erstem durch diesen Willen muß, wenn sich
+ihre Möglichkeit zeigen sollte, ganz etwas anderes seyn, als die der
+letztern. Die letztere kann nie selbst moralisch werden, sondern mir in
+Übereinstimmung mit den moralischen Ideen eines vernünftigen Wesens
+gesetzt werden; die erstem sollen frei, und blos durch sich erste
+Ursachen moralischer Bestimmungen seyn. In Absicht der letztern ist also
+Gott nicht eigentlich Gesetzgeber, sondern Beweger, Bestimmer; sie ist
+bloßes Instrument, und der moralisch handelnde blos Er.
+
+Moralische Wesen sind aber, nicht nur insofern sie nach Naturgesetzen
+_thätig_, sondern auch insofern sie nach denselben _leidend_ sind,
+Theile der Natur, und als solche Gegenstand der Bestimmung der Natur
+nach moralischen Ideen, insofern durch dieselbe ihnen der gebührende
+Grad der Glückseligkeit zugemessen wird, und als solche sind sie völlig
+in der moralischen Ordnung, wenn der Grad ihrer Glückseligkeit dem Grade
+ihrer sittlichen Vollkommenheit völlig angemessen ist.
+
+Dadurch nun kommen wir zuerst, daß ich mich so ausdrücke, in
+Correspondenz mit Gott. Wir sind genöthigt bei allen unsern
+Entschließungen auf ihn aufzusehen, als den, der den moralischen Werth
+derselben allein und genau kennt, da er nach ihnen unsre Schicksale zu
+bestimmen hat, und dessen Billigung oder Misbilligung das einzig
+richtige Unheil über dieselben ist. Unsre Furcht, unsre Hoffnung, alle
+unsre Erwartungen beziehen sich auf ihn: nur in seinem Begriffe von uns
+finden wir unsern wahren Werth. Die heilige Ehrfurcht vor Gott, die
+dadurch nothwendig in uns entstehen muß, verbunden mit der Begierde der
+nur von ihm zu erwartenden Glückseligkeit, bestimmet nicht unser oberes
+Begehrungsvermögen, das Recht überhaupt zu wollen, (das kann sie nie, da
+sie selbst auf die schon geschehene Bestimmung desselben sich gründet)
+sondern unsern empirisch-bestimmbaren Willen, dasselbe wirklich in uns
+anhaltend und fortgesetzt hervorzubringen. Hier ist also schon
+Religion, gegründet auf die Idee von Gott, als Bestimmer der Natur nach
+moralischen Zwecken, und in uns auf die Begierde der Glückseligkeit,
+welche aber gar nicht etwa unsre Verbindlichkeit zur Tugend, sondern nur
+unsre Begierde, dieser Verbindlichkeit Genüge zu thun, vermehrt, und
+verstärkert.
+
+Nun läßt aber ferner das allgemeine Gelten des göttlichen Willens für
+uns als _passive_ Wesen, uns auf die Allgemeingültigkeit desselben für
+uns auch als active Wesen schließen. Gott richtet uns nach einem
+Gesetze, das ihm nicht anders, als durch _seine_ Vernunft gegeben seyn
+kann, folglich nach seinem durch das Moralgesetz bestimmten Willen.
+Seinem Urtheile also liegt sein _Wille, als allgemeingeltendes Gesetz_
+für vernünftige Wesen, auch insofern sie activ sind, zum Grunde, indem
+ihre Übereinstimmung mit demselben der Maaßstab ist, nach welchem ihnen,
+als passiven, ihr Antheil an der Glückseligkeit zugemessen wird. Die
+Anwendbarkeit dieses Maaßstabes erhellet sogleich daraus, weil die
+Vernunft ihr selbst nie widersprechen kann, sondern in allen
+vernünftigen Wesen eben dasselbe aussagen, folglich der durch das
+Moralgesetz bestimmte Wille Gottes völlig gleichlautend mit dem uns
+durch eben dieselbe Vernunft gegebnen Gesetze seyn muß. Es ist nach
+diesem für die _Legalität_ unsrer Handlungen völlig gleichgültig, ob
+wir sie dem Vernunftgesetze darum gemäß einrichten, weil unsre Vernunft
+gebietet; oder darum, weil Gott das will, was unsre Vernunft fordert: ob
+wir unsre Verbindlichkeit vom bloßen Gebote der Vernunft, oder ob wir
+sie vom Willen Gottes herleiten: -- ob es aber für die _Moralität_
+derselben völlig gleichgültig sey, ist dadurch noch nicht klar, und
+bedarf einer weitern Untersuchung.
+
+_Unsre Verbindlichkeit vom Willen Gottes ableiten_, heißt, seinen
+Willen, _als solchen_, für unser Gesetz anerkennen; sich darum zur
+Heiligkeit verbunden erachten, weil Er sie von uns fordert. Es ist also
+dann nicht blos von einer Vollbringung des Willens Gottes, der Materie
+des Wollens nach, sondern von einer auf die Form desselben gegründeten
+Verbindlichkeit die Rede; -- wir handeln dem Gesetze der Vernunft gemäß,
+weil es _Gottes_ Gesetz ist.
+
+Hierbei entstehen folgende zwei Fragen: Giebt es eine Verbindlichkeit,
+dem Willen Gottes, als solchem, zu gehorchen, und worauf könnte sich
+dieselbe gründen? und dann: Wie erkennen wir das Gesetz der Vernunft in
+uns als Gesetz Gottes? Wir gehen an die Beantwortung der ersten.
+
+Schon der Begriff von Gott wird uns blos durch unsre Vernunft gegeben,
+und blos durch sie, insofern sie _a priori_ gebietend ist, realisirt,
+und es ist schlechterdings keine andre Art gedenkbar, auf welche wir zu
+diesem Begriffe kommen könnten. Ferner verbindet uns die Vernunft ihrem
+Gesetze zu gehorchen, ohne Rückweisung an einen Gesetzgeber über sie, so
+daß sie selbst verwirrt und schlechterdings vernichtet wird, und aufhört
+Vernunft zu seyn, wenn man annimmt, daß noch etwas anderes ihr gebiete,
+als sie sich selbst. Stellt sie uns nun den Willen Gottes als völlig
+gleichlautend mit ihrem Gesetze dar, so verbindet sie uns freilich
+mittelbar, auch diesem zu gehorchen; aber diese Verbindlichkeit gründet
+sich auf nichts anders, als auf die Übereinstimmung desselben mit ihrem
+eignen Gesetze, und es ist kein Gehorsam gegen Gott möglich, ohne aus
+Gehorsam gegen die Vernunft. Hieraus erhellet nun vors erste zwar
+soviel, daß es völlig gleich auch für die _Moralität_ unsrer Handlungen
+ist, ob wir uns zu etwas verbunden erachten, darum, weil es unsre
+Vernunft befiehlt, oder darum, weil es Gott befiehlt; aber es läßt sich
+daraus noch gar nicht einsehen, wozu uns die letztere Vorstellung dienen
+soll, da ihre Wirksamkeit die Wirksamkeit der erstern schon voraussetzt,
+da das Gemüth schon bestimmt seyn muß, der Vernunft gehorchen zu wollen,
+ehe der Wille, Gott zu gehorchen, möglich ist; da es mithin scheint, daß
+die letztere Vorstellung uns weder allgemeiner noch stärker bestimmen
+könne, als diejenige, von der sie abhängt, und durch die sie erst
+möglich wird. Gesetzt aber, es ließe sich zeigen, daß sie unter gewissen
+Bedingungen wirklich unsre Willensbestimmung erweitere, so ist vorher
+doch noch auszumachen, ob eine Verbindlichkeit sich ihrer überhaupt zu
+bedienen statt finde: und da folgt denn unmittelbar aus dem obigen, daß,
+obgleich die Vernunft uns verbindet, den Willen Gottes seinem Inhalte
+nach (_voluntati ejus materialiter spectatae_) zu gehorchen, weil dieser
+mit dem Vernunftgesetze völlig gleichlautend ist, sie doch unmittelbar
+keinen Gehorsam fordert, als den für ihr Gesetz, aus keinem andern
+Grunde, als weil es ihr Gesetz ist; daß sie folglich, da nur
+unmittelbare practische Gesetze der Vernunft verbindend sind, zu keinem
+Gehorsam gegen den Willen Gottes, als solchen, (_voluntatem ejus
+formaliter spectatam_) verbinde. Die practische Vernunft enthält mithin
+kein Gebot, uns den Willen Gottes, als solchen, gesetzlich für uns zu
+denken, sondern blos eine Erlaubniß; und sollten wir _a posteriori_
+finden, daß diese Vorstellung uns stärker bestimme, so kann die Klugheit
+anrathen, uns derselben zu bedienen, aber Pflicht kann der Gebrauch
+dieser Vorstellung nie seyn. Zur Religion also, d. i. zur Anerkennung
+Gottes, als moralischen Gesetzgebers, findet keine Verbindlichkeit
+statt; um so weniger, da, so nothwendig es auch ist, die Existenz Gottes
+und die Unsterblichkeit unsrer Seele anzunehmen, weil ohne diese
+Annahme die geforderte Causalität des Moralgesetzes in uns gar nicht
+möglich ist, und diese Nothwendigkeit eben so allgemein gilt, als das
+Moralgesetz selbst, wir doch nicht einmal sagen können, wir seyen
+_verbunden_ diese Sätze anzunehmen, weil Verbindlichkeit nur vom
+Practischen gilt. In wie weit aber die Vorstellung von Gott, als
+Gesetzgeber durch dieses Gesetz in uns, gelte, hängt von der Ausbreitung
+ihres Einflusses auf die Willensbestimmung, und diese hinwiederum von
+den Bedingungen ab, unter welchen vernünftige Wesen durch sie bestimmt
+werden können. Könnte nemlich gezeigt werden, daß diese Vorstellung
+nöthig sey, um dem Gebote der Vernunft überhaupt Gesetzeskraft zu geben
+(wovon aber das Gegentheil gezeigt worden ist), so würde sie für alle
+vernünftige Wesen gelten; kann gezeigt werden, daß sie in allen
+_endlichen_ vernünftigen Wesen die Willensbestimmung erleichtert, so ist
+sie gemeingültig für diese; sind die Bedingungen, unter denen sie diese
+Bestimmung erleichtert und erweitert, nur von der menschlichen Natur
+gedenkbar, so gilt sie, falls sie in allgemeinen Eigenschaften derselben
+liegen, für alle, oder wenn sie in besondern Eigenschaften derselben
+liegen, nur für einige Menschen.
+
+Die Bestimmung des Willens, dem Gesetze Gottes überhaupt zu gehorchen,
+kann nur durch das Gesetz der practischen Vernunft geschehen, und ist
+als bleibender und daurender Entschluß des Gemüths vorauszusetzen. Nun
+aber können einzelne Fälle der Anwendung des Gesetzes gedacht werden, in
+denen die bloße Vernunft nicht Kraft genug haben würde, den Willen zu
+bestimmen, sondern zu Verstärkung ihrer Wirksamkeit noch die Vorstellung
+bedarf, daß eine gewisse Handlung durch Gott geboten sey. Diese
+Unzulänglichkeit des Vernunftgebotes, als solches, kann keinen ändern
+Grund haben, als Verminderung unsrer Achtung gegen die Vernunft in
+diesem besondern Falle; und diese Achtung kann durch nichts anderes
+vermindert worden seyn, als durch ein derselben widerstreitendes
+Naturgesetz, das unsre Neigung bestimmt, und welches mit jenem der
+Vernunft, das unser oberes Begehrungsvermögen bestimmt, _in einem und
+ebendemselben Subjecte!_ nemlich _in uns_ erscheint, und mithin, wenn
+die Würde des Gesetzes blos nach der des gesetzgebenden Subjects
+bestimmt wird, von einerlei Range und Werthe mit jenem zu seyn[TN5]
+scheinen könnte. Hier noch ganz davon abstrahirt, daß wir in einem
+solchen Falle uns täuschen, daß wir die Stimme der Pflicht vor dem
+Schreien der Neigung nicht hören, sondern uns in der Lage zu seyn dünken
+könnten, wo wir unter bloßen Naturgesetzen stehen; sondern
+vorausgesetzt, daß wir die Anforderungen beider Gesetze und ihre Grenze
+richtig unterscheiden, und unwidersprechlich erkennen, was unsre Pflicht
+in diesem Falle sey, so kann es doch leicht geschehen, daß wir uns
+entschließen, nur hier dies einemal eine Ausnahme von der allgemeinen
+Regel zu machen, nur dies einemal wider den klaren Ausspruch der
+Vernunft zu handeln, weil wir dabei niemanden verantwortlich zu seyn
+glauben, als uns selbst, und weil wir meinen, es sey unsre Sache, ob wir
+vernünftig oder unvernünftig handeln wollen; es verschlage niemanden
+etwas, als uns selbst, wenn wir uns dem Nachtheile, der freilich daraus
+für uns entstehen müsse, wenn ein moralischer Richter unsrer Handlungen
+sey, unterwerfen, durch welche Strafe unser Ungehorsam gleichsam
+abgebüßt zu werden scheint; wir sündigten auf eigne Gefahr. Ein solcher
+Mangel an Achtung für die Vernunft gründet sich mithin auf Mangel der
+Achtung gegen uns selbst, welche wir bei uns wol verantworten zu können
+glauben. Erscheint uns aber die in diesem Falle eintretende Pflicht als
+von Gott geboten, oder, welches eben das ist, erscheint das Gesetz der
+Vernunft durchgängig und in allen seinen Anwendungen als Gesetz Gottes,
+so erscheint es in einem Wesen, in Absicht dessen es nicht in unserm
+Belieben steht, ob wir es achten, oder ihm die gebührende Achtung
+versagen wollen; wir machen bei jedem wissentlichen Ungehorsame gegen
+dasselbe nicht etwa nur eine Ausnahme von der Regel, sondern wir
+verleugnen geradezu die Vernunft überhaupt; wir sündigen nicht blos
+gegen eine von derselben abgeleitete Regel, sondern gegen ihr erstes
+Gebot; wir sind nun, die Verantwortlichkeit zur Strafe, die wir
+allenfalls auf uns selbst nehmen könnten, abgerechnet, einem Wesen,
+dessen bloßer Gedanke uns die tiefste Ehrfurcht einprägen muß, und
+welches nicht zu verehren der höchste Unsinn ist, auch noch für
+Verweigerung der ihm schuldigen Ehrfurcht verantwortlich, welche durch
+keine Strafe abzubüßen ist.
+
+Die Idee von Gott, als Gesetzgeber durchs Moralgesetz in uns, gründet
+sich also auf eine Entäußerung des unsrigen, auf Übertragung eines
+Subjectiven in ein Wesen außer uns, und diese Entäußerung ist das
+eigentliche _Princip der Religion_, insofern sie zur Willensbestimmung
+gebraucht werden soll. Sie kann nicht im eigentlichsten Sinne unsre
+Achtung für das Moralgesetz überhaupt verstärken, weil alle Achtung für
+Gott sich blos auf seine anerkannte Übereinstimmung mit diesem Gesetze,
+und folglich auf Achtung für das Gesetz selbst gründet; aber sie kann
+unsre Achtung für die Entscheidungen derselben in einzelnen Fällen, wo
+sich ein starkes Gegengewicht der Neigung zeigt, vermehren; und so ist
+es klar, wie, obgleich die Vernunft uns überhaupt erst bestimmen muß dem
+Willen Gottes zu gehorchen, doch in einzelnen Fällen die Vorstellung
+dieses uns hinwiederum bestimmen könne, der Vernunft zu gehorchen.
+
+Im Vorbeigehn ist noch zu erinnern, daß diese Achtung für Gott, und die
+auf dieselbe gegründete Achtung für das Moralgesetz, als das seinige,
+sich auch blos auf die Übereinstimmung desselben mit diesem Gesetze,
+d. i. auf seine Heiligkeit gründen müsse, weil sie nur unter dieser
+Bedingung Achtung für das Moralgesetz ist, die allein die Triebfeder
+jeder rein moralischen Handlung seyn muß. Gründet sie sich etwa auf die
+Begierde sich in seine Güte einzuschmeicheln, oder auf Furcht vor seiner
+Gerechtigkeit, so läge unserm Gehorsame auch nicht einmal Achtung für
+Gott, sondern Selbstsucht zu Grunde.
+
+Der Pflicht, widerstreitende Neigungen sind wol in allen endlichen Wesen
+anzunehmen, denn das ist eben der Begriff des Endlichen in der Moral,
+daß es noch durch andere Gesetze, als durch das Moralgesetz, d. i. durch
+die Gesetze seiner Natur bestimmt werde; und warum Naturgesetze unter
+irgend einer Bedingung, für Naturwesen, auf welch einer erhabnen Stuffe
+sie auch stehen mögen, stets und immer mit dem Moralgesetze
+zusammenstimmen sollten, läßt sich kein Grund angeben; aber es läßt sich
+gar nicht bestimmen, in wie weit, und warum nothwendig dieser
+Widerstreit der Neigung gegen das Gesetz die Achtung für dasselbe, als
+bloßes Vernunftgesetz, so schwächen solle, daß es, um thätig zu wirken,
+noch durch die Idee einer göttlichen Gesetzgebung geheiligt werden
+müsse; und wir können uns nicht einbrechen, für jedes vernünftige Wesen,
+welches, nicht weil die Neigung in ihm schwächer ist, in welchem Falle
+es kein Verdienst haben würde, sondern weil die Achtung für die Vernunft
+in ihm stärker ist, dieser Vorstellung zur Willensbestimmung nicht
+bedarf, eine weit größere Verehrung zu fühlen, als gegen dasjenige,
+welches ihrer bedarf. Es läßt sich also der Religion, insofern sie nicht
+bloßer Glaube an die Postulate der practischen Vernunft ist, sondern als
+Moment der Willensbestimmung gebraucht werden soll, auch nicht einmal
+für Menschen subjective Allgemeingültigkeit (denn nur von dergleichen
+kann hier die Rede seyn) zusichern; ob wir gleich auch von der ändern
+Seite nicht beweisen können, daß endlichen Wesen überhaupt, oder daß
+insbesondere Menschen in diesem Erdenleben eine Tugend möglich sey, die
+dieses Moments gänzlich entbehren könne.
+
+Diese Übertragung der gesetzgebenden Autorität an Gott nun gründet sich
+laut obigem darauf, daß ihm durch seine eigne Vernunft ein Gesetz
+gegeben seyn muß, welches für uns gültig ist, weil er uns darnach
+richtet, und welches mit dem uns durch unsre eigne Vernunft gegebnen,
+wornach wir handeln sollen, völlig gleichlautend seyn muß. Hier werden
+also zwei an sich von einander gänzlich unabhängige Gesetze, die blos in
+ihrem Princip, der reinen practischen Vernunft, zusammenkommen, beide
+_für uns_ gültig gedacht, ganz gleichlautend in Absicht ihres Inhalts,
+blos in Absicht der Subjecte verschieden, in denen sie[TN6] sich
+befinden. Wir können jetzt bei jeder Forderung des Sittengesetzes in uns
+sicher schließen, daß eine gleichlautende Forderung in Gott an uns
+ergehe, daß also das Gebot des Gesetzes in uns auch Gebot Gottes sey
+_der Materie_ nach: aber wir können noch nicht sagen, das Gebot des
+Gesetzes in uns, sey schon _als solches_, mithin _der Form_ nach, Gebot
+Gottes. Um das letztere annehmen zu dürfen, müssen wir einen Grund
+haben, das Sittengesetz in uns als abhängig von dem Sittengesetze in
+Gott für uns, zu betrachten, d. i. den Willen Gottes als die Ursache
+desselben anzunehmen.
+
+Nun scheint es zwar ganz einerlei zu seyn, ob wir die Befehle unsrer
+Vernunft, als völlig gleichlautend mit dem Befehle Gottes an uns, oder
+ob wir sie selbst unmittelbar als Befehle Gottes ansehen; aber theils
+wird durch das letztere der Begriff der Gesetzgebung erst völlig
+ergänzt, theils aber und vorzüglich muß nothwendig beim Widerstreite der
+Neigung gegen die Pflicht die letztere Vorstellung dem Gebote der
+Vernunft ein neues Gewicht hinzufügen.
+
+Den Willen Gottes als Ursache des Sittengesetzes in uns annehmen, kann
+zweierlei heißen, nemlich daß der Wille Gottes entweder Ursache vom
+_Inhalte_ des Sittengesetzes, oder daß er es nur von _der Existenz des
+Sittengesetzes in uns_ sey. Daß das erstere schlechterdings nicht
+anzunehmen sey, ist schon aus dem obigen klar, denn dadurch würde
+Heteronomie der Vernunft eingeführt, und das Recht einer unbedingten
+Willkühr unterworfen, das heißt, es gäbe gar kein Recht. Ob das zweite
+gedenkbar sey, und ob sich ein vernünftiger Grund dafür finde, bedarf
+einer weitern Untersuchung.
+
+Die Frage also, um deren Beantwortung, es jetzt zu thun ist, ist diese:
+Finden wir irgend einen Grund, Gott als die Ursache der Existenz des
+Moralgesetzes in uns anzusehen? oder als Aufgabe ausgedrückt: wir haben
+ein Princip zu suchen, aus welchem Gottes Wille, als Grund der Existenz
+des Moralgesetzes in uns erkannt werde. Daß das Sittengesetz in uns das
+Gesetz Gottes an uns enthalte, und materialiter sein Gesetz sey, ist aus
+dem obigen klar: ob es auch der Form nach sein Gesetz, d. i. durch ihn
+und als das seinige promulgirt sey, als wodurch der Begriff der
+Gesetzgebung vollständig gemacht wird, davon ist jetzt die Frage, welche
+mithin auch so ausgedrückt werden kann: hat Gott sein Gesetz an uns
+wirklich promulgirt? können wir ein Factum aufweisen, das sich als eine
+dergleichen Promulgation bestätigt?
+
+Würde diese Frage in theoretischer Absicht, blos um unsre Erkenntniß zu
+erweitern, erhoben, so könnten wir uns auch ohne Antwort auf dieselbe
+begnügen, und schon _a priori_ (vor ihrer Beantwortung) sicher seyn, daß
+eine zu dieser Absicht befriedigende Antwort gar nicht möglich sey,
+indem nach der Ursache eines Übernatürlichen, nemlich des Moralgesetzes
+in uns gefragt, mithin die Categorie der Causalität auf ein Numen
+angewendet wird. Da sie aber in practischer Absicht zur Erweiterung der
+Willensbestimmung gethan wird, so können wir theils sie nicht so
+geradezu abweisen, theils bescheiden wir uns schon zum voraus, daß auch
+eine nur subjectiv, d. i. für unsre Denkgesetze, gültige Antwort uns
+befriedigen werde.
+
+
+§. 4.
+
+_Eintheilung der Religion überhaupt, in die natürliche und
+geoffenbarte._
+
+In der _allgemeinsten_ Bedeutung wird Theologie Religion, wenn die um
+unsrer Willensbestimmung durch das Gesetz der Vernunft angenommenen
+Sätze practisch auf uns wirken. Diese Wirkung geschieht _entweder_ auf
+unser ganzes Vermögen, zur Hervorbringung der Harmonie in desselben
+verschiedenen Functionen, indem die theoretische und practische Vernunft
+in Übereinstimmung gesetzt, und die postulirte Causalität der letztern
+in uns möglich gemacht wird. Hierdurch erst wird Einheit in den Menschen
+gebracht, und alle Functionen seines Vermögens auf einen einzigen
+Endzweck hingeleitet. _Oder_ sie geschieht insbesondre, nemlich negativ,
+auf unser Empfindungsvermögen, indem für das höchste Ideal aller
+Vollkommenheit tiefe Ehrfurcht, und für den einzig richtigen Beurtheiler
+unsrer Moralität, und gerechten Bestimmer unsrer Schicksale nach
+derselben, Vertrauen, heilige Scheu, Dankbarkeit gewirkt wird. Diese
+Empfindungen sollen nicht eigentlich den Willen bestimmen; aber sie
+sollen die Wirksamkeit der schon geschehenen Bestimmung vermehren. Man
+würde aber nicht wohl thun, auf eine unbegrenzte Erhöhung dieser
+Empfindungen, besonders insofern sie sich auf den Begriff Gottes als
+unsers moralischen Richters gründen,(und welche zusammen das ausmachen,
+was man _Frömmigkeit_ nennt) hinzuarbeiten, weil dem eigentlichen
+Momente aller Moralität, das was recht ist schlechthin darum zu wollen,
+_weil_ es recht ist, dadurch leicht Abbruch geschehen könnte. _Oder_
+endlich sie geschieht unmittelbar auf unsern Willen, durch das dem
+Gewichte des Gebots hinzugefügte Moment, daß es Gebot Gottes sey; und
+dadurch entsteht Religion in der _eigentlichsten_ Bedeutung.
+
+Daß das Sittengesetz in uns seinem Inhalte nach als Gesetz Gottes in uns
+anzunehmen sey, ist schon aus dem Begriffe Gottes, als unabhängigen
+Executors des Vernunftgesetzes überhaupt, klar. Ob wir einen Grund
+haben, es auch seiner Form nach dafür anzunehmen, ist die jetzt zu
+untersuchende Frage. Da hierbei gar nicht vom Gesetze an sich die Rede
+ist, als welches wir in uns haben, sondern vom Urheber des Gesetzes; so
+können wir im Begriffe der göttlichen Gesetzgebung von dem Inhalte
+(_materia_) derselben hier gänzlich abstrahiren, und haben nur auf ihre
+Form zu sehen. Die gegenwärtige Aufgabe ist also die: ein Princip zu
+suchen, aus welchem Gott als moralischer Gesetzgeber erkannt werde; oder
+es wird gefragt: hat sich Gott uns als moralischer Gesetzgeber
+angekündigt, und _wie_ hat er's?
+
+Dies läßt sich auf zweierlei Art als möglich denken, nemlich daß es
+entweder _in uns_, als moralischen Wesen, in unsrer vernünftigen Natur;
+oder _außer derselben_ geschehen sey. Nun liegt in unsrer Vernunft,
+insofern sie rein _a priori_ gesetzgebend ist, nichts, das uns
+berechtigte, dies anzunehmen: wir müssen uns also nach etwas außer ihr
+umsehen, welches uns wieder an sie zurückweise, um nun aus ihren
+Gesetzen mehr schließen zu können, als wozu diese allein uns
+berechtigen: oder wir müssen es ganz aufgeben, aus diesem Princip Gott
+als Gesetzgeber zu erkennen. Außer unsrer vernünftigen Natur ist das,
+was uns zur Betrachtung und Erkenntniß vorliegt, die Sinnenwelt. In
+dieser finden wir allenthalben Ordnung und Zweckmäßigkeit; alles leitet
+uns auf eine Entstehung derselben nach Begriffen eines vernünftigen
+Wesens. Aber zu allen den Zwecken, auf welche wir durch ihre Betrachtung
+geführt werden, muß unsre Vernunft einen letzten, einen Endzweck, als
+das Unbedingte zu dem Bedingten, suchen. Alles aber in unsrer Erkenntniß
+ist bedingt, außer dem durch die practische Vernunft uns aufgestellten
+Zwecke des höchsten Gutes, welcher schlechthin und unbedingt geboten
+wird. Dieser allein also ist fähig der gesuchte Endzweck zu seyn; und
+wir sind durch die subjective Beschaffenheit unsrer Natur gedrungen, ihn
+dafür anzuerkennen. Kein Wesen konnte diesen Endzweck haben, als
+dasjenige, dessen practisches Vermögen blos durch das Moralgesetz
+bestimmt wird; und keins die Natur demselben anpassen, als dasjenige,
+das die Naturgesetze durch sich selbst bestimmt. Dieses Wesen ist Gott.
+Gott ist also _Weltschöpfer_. Kein Wesen ist fähig Object dieses
+Endzwecks zu seyn, als nur moralische Wesen, weil diese allein des
+höchsten Gutes fähig sind. Wir selbst also sind als moralische Wesen
+(objetiv) Endzweck der Schöpfung. Wir sind aber, als sinnliche, d. i.
+als solche Wesen, die unter den Naturgesetzen stehen, auch Theile der
+Schöpfung, und die ganze Einrichtung unsrer Natur, insofern sie von
+diesen Gesetzen abhängt, ist Werk des Schöpfers, d. i. des Bestimmers
+der Naturgesetze durch seine moralische Natur. Nun hängt es zwar theils
+offenbar nicht von der Natur ab, daß die Vernunft in uns eben so, und
+nicht anders spricht; theils würde die Frage, ob es von ihr abhänge, daß
+_wir_ eben moralische Wesen sind, durchaus dialectisch seyn. Denn
+erstens dächten wir uns da den Begriff der Moralität aus uns weg, und
+nähmen dennoch an, daß wir dann noch _wir_ seyn würden, d. i. unsre
+Identität beibehalten haben würden, welches sich nicht annehmen läßt;
+zweitens geht sie auf objective Behauptungen im Felde des Übersinnlichen
+aus, in welchem wir nichts objectiv behaupten dürfen[15]. Da es aber
+_für uns_ ganz einerlei ist, ob wir uns des Gebots des Moralgesetzes in
+uns nicht _bewußt_ sind, oder ob wir überhaupt keine moralischen Wesen
+sind; da ferner unser Selbstbewußtseyn ganz unter Naturgesetzen steht:
+so folgt daraus sehr richtig, daß es von der Einrichtung der sinnlichen
+Natur endlicher Wesen herkomme, daß sie sich des Moralgesetzes in ihnen
+_bewußt sind_; und wir dürfen, wenn wir uns vorher nur richtig bestimmt
+haben, hinzusetzen: daß sie moralische Wesen _sind_. Da nun Gott der
+Urheber dieser Einrichtung ist, so ist die Ankündigung des Moralgesetzes
+in uns durch das Selbstbewußtseyn, zu betrachten als Seine Ankündigung,
+und der Endzweck, den uns dasselbe aufstellt, als Sein Endzweck, den er
+bei unsrer Hervorbringung hatte. So wie wir ihn also für den Schöpfer
+unsrer Natur erkennen, müssen wir ihn auch für unsern moralischen
+Gesetzgeber anerkennen; weil nur durch eben, eine solche Einrichtung uns
+Bewußtseyn des Moralgesetzes in uns, möglich war. Diese Ankündigung
+Gottes selbst geschieht nun durch das Übernatürliche in uns; und es darf
+uns nicht irren, daß wir, um das zu erkennen, einen Begriff außer
+demselben, nemlich den der Natur, zu Hülfe nehmen mußten. Denn theils
+war es die Vernunft, die uns das, ohne welches jener Begriff uns zu
+unsrer Absicht gar nicht hätte dienen können, den Begriff des möglichen
+Endzwecks, hergab, und dadurch erst die Erkenntniß Gottes als Schöpfers
+möglich machte; theils hätte auch diese Erkenntniß uns Gott noch gar
+nicht als Gesetzgeber darstellen können, ohne das Moralgesetz in uns,
+dessen Daseyn erst die gesuchte Ankündigung Gottes ist.
+
+Die zweite uns gedenkbare Art, wie sich Gott als moralischen Gesetzgeber
+ankündigen konnte, war _außer_ dem Übernatürlichen in uns, also, in der
+_Sinnenwelt_, da wir außer diesen beiden kein drittes Objekt haben. Da
+wir aber, weder aus dem Begriffe der Welt überhaupt, noch aus irgend
+einem Gegenstande oder Vorfalle in derselben insbesondre, mittelst der
+Naturbegriffe, welche die einzigen auf die Sinnenwelt anwendbaren sind,
+auf etwas übernatürliches schließen können; dem Begriffe einer
+Ankündigung Gottes als moralischen Gesetzgeber aber etwas
+übernatürliches zum Grunde liegt: so müßte dies durch ein Faktum in der
+Sinnenwelt geschehen, dessen Kausalität wir _alsbald_, folglich ohne
+erst zu schließen, in ein übernatürliches Wesen setzten, und dessen
+Zweck, es sey eine Ankündigung Gottes, als moralischen Gesetzgebers, wir
+_sogleich_, d. i. unmittelbar durch Wahrnehmung erkennten; wenn dieser
+Fall überhaupt möglich seyn soll.
+
+Diese Untersuchung stellt nun vorläufig zwei Principien der Religion,
+insofern diese sich auf Anerkennung einer formalen Gesetzgebung Gottes
+gründet, dar; deren eines das Princip des Übernatürlichen _in uns_, das
+andere das Princip eines Übernatürlichen _außer uns_ ist. Die
+Möglichkeit des erstem ist schon gezeigt; die Möglichkeit des zweiten,
+um welche es hier eigentlich zu thun ist, müssen wir weiter darthun.
+Eine Religion, die sich auf das erste Princip gründet, können wir, da
+sie den Begriff einer Natur überhaupt zu Hülfe nimmt, Naturreligion
+nennen: und eine solche, der das zweite zum Grunde liegt, nennen wir, da
+sie durch ein geheimnißvolles übernatürliches Mittel zu uns gelangen
+soll, das ganz eigentlich zu dieser Absicht bestimmt ist, _geoffenbarte
+Religion_. Subjektiv, als Habitus eines vernünftigen Geistes (als
+Religiosität) betrachtet, können beide Religionen, da sie zwar
+entgegengesetzte, aber nicht sich widersprechende Principien haben, sich
+in einem Individuo gar wohl vereinigen, und eine einzige ausmachen.
+
+Ehe wir weiter gehen, müssen wir noch anmerken, daß, da hier blos von
+einem Princip der Gesetzgebung ihrer Form nach die Rede gewesen, vom
+Inhalte derselben aber gänzlich abstrahirt worden, die Untersuchung,
+wohin nach diesen beiden verschiedenen Principien die Gesetzgebung ihrem
+Inhalte nach (_legislatio materialiter spectata_) zu setzen sey, nicht
+berührt werden konnte. Daß nach dem ersten Princip, welches, die
+Ankündigung des Gesetzgebers in uns setzt, auch die Gesetzgebung selbst
+in uns, nemlich in unsrer vernünftigen Natur zu suchen sey, ist sogleich
+von selbst klar. Nach dem zweiten Princip aber sind wieder zwei Fälle
+möglich: entweder die Ankündigung des Gesetzgebers außer uns verweist
+uns an unsre vernünftige Natur zurück, und die ganze Offenbarung sagt,
+in Worten ausgedruckt, nur soviel; Gott ist Gesetzgeber; das euch ins
+Herz geschriebne Gesetz ist das Seinige; oder sie schreibt uns auf eben
+dem Wege, auf dem sie Gott als Gesetzgeber bekannt macht, noch sein
+Gesetz besonders vor. Nichts verhindert, daß in einer _in concreto_
+gegebnen Offenbarung nicht beides geschehen könne.
+
+ Man hat seit Erscheinung der Kritik schon mehrmals die Frage
+ aufgeworfen: Wie ist geoffenbarte Religion möglich? -- eine Frage,
+ die sich zwar immer aufdrang, die aber erst, seitdem dieses Licht
+ den Pfad unsrer Untersuchungen beleuchtet, gehörig gestellt werden
+ konnte. Aber wie mir's scheint, hat man in allen Versuchen, die ich
+ wenigstens kenne, den Knoten mehr zerschnitten, als aufgelöst. Der
+ eine deducirt die Möglichkeit der Religion überhaupt richtig,
+ entwickelt ihren Inhalt, stellt ihre Kriterien fest; und gelangt
+ nun durch drei ungeheure Sprünge (1) indem er Religion in der
+ weitesten, und die in der engsten Bedeutung verwechselt, 2) indem
+ er natürliche und geoffenbarte Religion verwechselt, 3) indem er
+ geoffenbarte überhaupt und christliche verwechselt,) zu dem Satze:
+ völlig so eine Vernunftreligion ist die christliche. Ein andrer,
+ dem es sich freilich nicht verbergen konnte, daß diese noch etwas
+ mehr sey, setzt dieses Mehrere blos in größere Versinnlichung der
+ abstracten Ideen jener. Aber die Vernunft giebt _a priori_ gar kein
+ Gesetz, und kann kein's geben, über die Art, wie wir uns die durch
+ ihre Postulate realisirten Ideen vorstellen sollen. Jeder, auch der
+ schärfste Denker, meine ich, denkt sie sich, wenn er sie in
+ praktischer Absicht auf sich anwendet, mit einiger Beimischung von
+ Sinnlichkeit, und so geht es bis zu dem rohsinnlichsten Menschen in
+ unmerkbaren Abstufungen fort. Ganz rein von Sinnlichkeit ist _in
+ concreto_ keine Religion; denn die Religion überhaupt gründet sich
+ auf das Bedürfniß der Sinnlichkeit. Das Mehr oder Weniger aber
+ berechtigt zu keiner Eintheilung. Wo hören denn nach dieser
+ Vorstellungsart die Grenzen der Vernunftreligion auf, und wo gehen
+ die der geoffenbarten an? Es gäbe nach ihr so viele Religionen, als
+ es schriftliche oder mündliche Belehrungen über
+ Religionswahrheiten, als es überhaupt Subjekte gäbe, die an eine
+ Religion glaubten; und es ließe sich durch nichts, als durch das
+ Herkommen begreiflich machen, warum eben diese oder jene
+ Darstellung der Religionswahrheiten die autorisirteste seyn sollte;
+ und durch gar nichts, woher die Berufung auf eine übernatürliche
+ Autorität, käme, die wir als das charakteristische Merkmal aller
+ vorgeblichen Offenbarungen vorfinden. Diese Verirrung vom einzig
+ möglichen Wege einer Deduktion des Offenbarungsbegriffs kam blos
+ daher, daß man jene allbekannte Regel der Logik vernachlässigte:
+ Begriffe, die zu einer Einteilung berechtigen sollen, müssen unter
+ einem höhern Geschlechtsbegriffe enthalten, unter sich aber
+ specifisch verschieden seyn. Der Begriff der Religion überhaupt ist
+ Geschlechtsbegriff. Sollen Natur- und geoffenbarte Religion, als
+ unter ihm enthalten, specifisch verschieden seyn; so müssen sie es
+ entweder in Absicht ihres Inhalts, oder wenn dies, wie schon _a
+ priori_ zu vermuthen, nicht möglich ist, wenigstens in Absicht
+ ihrer Erkenntnißprincipien seyn; oder die ganze Eintheilung ist
+ leer, und wir müssen auf die Befugniß, eine geoffenbarte Religion
+ anzunehmen, gänzlich Verzicht thun. Der oben angezeigte Begriff ist
+ es denn auch, den der Sprachgebrauch von jeher mit dem Worte
+ _Offenbarung_ verknüpft hat. Alle Religionsstifter haben sich zum
+ Beweise der Wahrheit ihrer Lehren nicht auf die Beistimmung unsrer
+ Vernunft, noch auf theoretische Beweise, sondern auf eine
+ übernatürliche Autorität berufen, und den Glauben an diese, als den
+ einzigen rechtmäßigen Weg der Überzeugung, gefordert.
+
+
+§. 5.
+
+_Formale Erörterung des Offenbarungsbegriffs, als Vorbereitung einer
+materialen Erörterung desselben._
+
+Wir kamen im vorigen §. von dem Begriffe der Religion aus auf den
+Begriff einer möglichen Offenbarung, welche Religionsgrundsätze zu ihrem
+Stoff haben könnte. Das wäre, wenn jene jetzt blos vorausgesetzte
+Möglichkeit des Begriffs sich bestätigen sollte, der _materielle Ort_
+dieses Begriffs in unserm Verstände. Jetzt werden wir, nicht um
+systematischer Nothwendigkeit willen, sondern zur Beförderung der
+Deutlichkeit, ihn auch seiner _Form_ nach aufsuchen.
+
+Offenbarung ist der Form nach eine Art von _Bekanntmachung_, und alles,
+was von dieser ihrer Gattung gilt, gilt auch von ihr.
+
+Der _innern_ Bedingungen aller Bekanntmachung sind zwei; nemlich, etwas
+das bekannt gemacht wird, der _Stoff_, und dann, die Art, wie es
+bekannt gemacht wird, die _Form_ der Bekanntmachung _Aeußere_ sind auch
+zwei; ein Bekanntmachender, und einer, dem bekannt gemacht wird. Wir
+gehen von den Innern aus.
+
+Das Bekanntgemachte wird nur dadurch ein Bekannt_gemachtes_, daß ich es
+nicht schon vorher wußte. Wußte ich es schon, so macht mir der andre nur
+das bekannt, daß er's auch wußte; und der Stoff der Bekanntmachung ist
+dann ein andrer. Dinge, die jeder nothwendig weiß, können nicht bekannt
+gemacht werden. _A priori_ mögliche, oder philosophische Erkenntnisse
+werden entwickelt, der andre wird darauf geleitet; ich _zeige_ jemanden
+einen Fehler in seiner Schlußfolge oder die Gleichheit zweier Triangel,
+aber ich _mache_ sie ihm nicht _bekannt_: Erkenntnisse, die nur _a
+posteriori_ möglich sind, historische, werden bekannt gemacht, -- aber
+nicht _bewiesen_, weil man zuletzt doch auf etwas _a priori_ nicht
+abzuleitendes, auf das Zeugniß der empirischen Sinnlichkeit, stößt. Sie
+werden auf Autorität angenommen. Autorität ist das Zutrauen zu unsrer
+richtigen Beobachtungsgabe, und unsrer Wahrhaftigkeit. -- Zwar können
+auch _a priori_ mögliche Erkenntnisse auf Autorität angenommen werden,
+wie z. B. der mechanische Künstler so viele mathematische Sätze ohne
+Untersuchung und Beweis auf das Zeugniß andrer, und seiner eignen
+Erfahrung von der Anwendbarkeit derselben, annimmt. Eine solche
+Erkenntniß nun ist zwar an sich, ihrem Stoffe nach, philosophisch; ihrer
+Form im Subjekte nach aber blos historisch. Sein Annehmen gründet sich
+zuletzt auf das Zeugniß des innern Sinns desjenigen, der den Satz
+untersuche, und wahr befunden hat.
+
+ _Erste Folgerung._ Nur historische Erkenntnisse, die es wenigstens
+ der Form, oder auch wohl der Materie nach sind -- also nur
+ Wahrnehmungen können bekannt gemacht werden. -- Werden weiterhin
+ auf solche Wahrnehmungen Schlüsse gebaut, (comparative) allgemeine
+ Wahrheiten davon abgeleitet, so wird von da an nichts weiter
+ _bekannt gemacht_, sondern nur _gezeigt_.
+
+Können, um zum zweiten innern Merkmale der Bekanntmachung fortzugehen,
+nur in der Form historischer Erkenntnisse Wahrnehmungen bekannt gemacht
+werden, so sind sie, insofern sie das werden, nicht selbst Form, sondern
+Stoff; sie müssen mithin der Receptivität gegeben werden. Dann aber, von
+der äußern Bedingung eines bekanntmachenden abgesehen, wäre unsre ganze
+empirische Erkenntniß bekannt gemacht, denn sie ist durchgängig gegeben.
+Verursacht uns aber jemand eine Sinnenempfindung unmittelbar, so sagen
+wir von der daher entstehenden Erkenntniß nicht, er mache sie uns
+bekannt, sondern wir erkennen dann selbst. Giebt uns z. B. jemand eine
+Rose zu riechen, so sagen wir nicht, er mache uns den Geruch der Rose
+bekannt, d. h. er macht uns eben so wenig bekannt, daß überhaupt _uns_
+die Rose angenehm rieche, noch in welchem Grade; das läßt sich nur durch
+unmittelbare Empfindung beurtheilen. Aber das dürften wir wohl sagen: er
+habe _uns mit_ dem Gerüche der Rose bekannt gemacht, d. h. er habe in
+unsrer Vorstellung unser Subjekt mit der Vorstellung eines gewissen
+Experiments verbunden. Eigentliche Bekanntmachung findet nur dann statt,
+wenn in unsrer Vorstellung nicht _unser_ Subjekt, sondern ein gewisses
+anderes Subjekt mit dem Prädikate einer Wahrnehmung verknüpft wird.
+Diese Verknüpfung selbst nun geschieht freilich wieder zu Folge einer
+subjektiven Wahrnehmung; aber nicht diese Wahrnehmung unsers Subjekts,
+sondern eine andre Wahrnehmung eines andern Subjekts ist Stoff des
+bekanntgemachten.
+
+ _Zweite Folgerung_, Die Wahrnehmung, welche bekannt gemacht wird,
+ ist nicht unmittelbar, sondern sie wird durch Wahrnehmung einer
+ Vorstellung von ihr gegeben. -- Diese eigentlich bekannt gemachte
+ Wahrnehmung nun kann durch eine lange Reihe von Gliedern gehen;
+ dann wird sie durch _Tradition_ fortgepflanzt. -- Der
+ Supernaturalist, der die Existenz Gottes nur durch Offenbarung
+ erkennbar annimmt, nimmt an: Gott sage uns, er selbst (Gott) nehme
+ seine Existenz wahr; nun müsse man doch seiner (Gottes)
+ Versicherung trauen, mithin u. s. w. -- welches ohne Zweifel ein
+ Cirkel im Beweisen ist.
+
+Wir gehen jetzt zu den äußern Bedingungen der Bekanntmachung über. -- Zu
+jeder Bekanntmachung gehört ein Bekannt_machender_. Wenn wir aus
+gewissen Wahrnehmungen am andern selbst schließen, er müsse eine gewisse
+Wahrnehmung gemacht haben, so macht er uns seine Wahrnehmung nicht
+bekannt, sondern sie verräth sich uns -- wir entdecken sie selbst. Wir
+setzen also eine bekanntmachende Spontaneität mit Willkühr, folglich mit
+Bewußtseyn voraus, und nur hierdurch wird er bekanntmachend. -- Er muß
+uns aber nicht nur überhaupt etwas, -- er muß uns eine gewisse bestimmte
+Vorstellung bekannt machen wollen, die er nicht nur selbst hat, sondern
+deren Hervorbringung in uns durch die Kausalität seines Begriffs von
+dieser Hervorbringung er sich denkt. So ein Begriff nun heißt ein
+Begriff vom Zwecke.
+
+ _Dritte Folgerung._ Jede Bekanntmachung setze also im
+ Bekanntmachenden einen Begriff von der hervorzubringenden
+ Vorstellung, als Zwecke seiner Handlung voraus. Mithin muß der
+ Bekanntmachende ein intelligentes Wesen seyn, und seine Handlung,
+ und die dadurch in dem andern erregte Vorstellung müssen sich
+ verhalten, wie _moralischer Grund_ und _Folge_.
+
+Zur Bekanntmachung gehört endlich einer, dem etwas bekannt wird. Wird
+ihm überhaupt nichts bekannt, oder wird ihm nur das nicht bekannt, was
+der andre beabsichtigte, oder wird es ihm vielleicht durch andre Mittel,
+nur nicht durch die Mittheilung des ändern bekannt, so ist wenigstens
+die verlangte Bekanntmachung nicht geschehen.
+
+ _Vierte Folgerung._ Die Handlung des Bekanntmachenden muß sich
+ mithin zu der in dem andern hervorgebrachten Vorstellung verhalten,
+ wie physische Ursache zur Wirkung. -- Daß ein solches Verhältniß
+ möglich sey, d. i. daß ein intelligentes Wesen zu Folge eines
+ Zweckbegriffs durch Freiheit physische Ursache werden könne, wird
+ zur Möglichkeit einer Bekanntmachung überhaupt postulirt, kann aber
+ nicht theoretisch bewiesen werden.
+
+Der Begriff der Offenbarung, als unter diesem Gattungsbegriffe
+enthalten, muß alle die angezeigten Merkmale, aber er kann ihrer noch
+mehrere haben, d. i. er kann gewisse auf verschiedne Art bestimmbare
+Merkmale der Bekanntmachung völlig bestimmen; und wir müssen uns hier,
+da wir ihn bis jetzt als blos empirisch behandeln, an den Sprachgebrauch
+halten.
+
+Gewöhnlich sagt man _offenbaren_ in Absicht _der Materie_ nur von
+sehr wichtig geglaubten, oder von sehr tief verborgnen Erkenntnissen, die
+nicht jeder finden könne. Da dieses Merkmal blos relativ ist, indem die
+Wichtigkeit oder Unwichtigkeit, Schwierigkeit oder Leichtigkeit einer
+Erkenntniß blos von der Meinung des Subjekts abhängt, so ist sogleich
+einleuchtend, daß diese Bestimmung für die Philosophie nicht tauge.
+
+Eben so untauglich ist eine andere Bestimmung im Sprachgebrauche, die
+sich auf _den Bekanntmachenden_ bezieht; da man nemlich offenbaren
+vorzüglich nur von der Mittheilung überirrdischer Wesen, Dämonen, sagt.
+So waren alle heidnische Orakel angebliche Offenbarungen. Daß der
+Offenbarende ein freies und intelligentes Wesen seyn, also unter den
+Gattungsbegriff gehören müsse, unter den auch die Dämonen gehören, liegt
+schon im Begriffe der Bekanntmachung; wie aber Dämonen und z. B.
+Menschen der Art nach scharf zu unterscheiden wären, möchte sich so
+leicht nicht ergeben. Alle Unterscheidungen würden nur relativ
+ausfallen.
+
+Es bliebe uns demnach keine für die Philosophie taugliche scharfe
+Bestimmung übrig, als die, daß in der Bekanntmachung überhaupt jeder
+freie Geist, sey er endlich oder unendlich, in der Offenbarung aber der
+Unendliche Bekanntmachender sey: eine Bedeutung, für welche man auch im
+gemeinen Sprachgebrauche die Wörter: Offenbarung, offenbaren, u. s. f.
+aufsparen möchte.
+
+Die Bestimmungen der Bekanntmachung überhaupt bleiben auch dem
+Offenbarungsbegriffe; mithin werden durch die dritte und vierte
+Folgerung, alle durch Betrachtung der Sinnenwelt, als deren Urgrund
+wir Gott ansehen müssen, mögliche Belehrungen, und Erkenntnisse aus
+dem Begriffe der Offenbarung ausgeschlossen. Es wird uns durch diese
+Betrachtung nichts bekannt _gemacht_, sondern wir erkennen selbst,
+oder meinen vielmehr daraus zu erkennen, was wir selbst erst
+unvermerkt hineintrugen. Nemlich wir betrachten die Erscheinungen in
+der Sinnenwelt theils als Zwecke an sich, theils als Mittel zu ganz
+andern Zwecken, als zu dem, einer möglichen Belehrung, Insofern zwar
+dadurch _auch zugleich_ eine Erkenntniß, und insbesondre eine
+Erkenntniß Gottes, unsrer Abhängigkeit von ihm, und unsrer hieraus
+folgenden Pflichten möglich wäre -- insofern, weil sie möglich wäre,
+der Begriff von einer solchen Erkenntniß in Gott versetzt, und ihm als
+Absicht bei der Weltschöpfung untergelegt werden könnte, dürfte man
+einen Augenblick glauben, das ganze System der Erscheinungen lasse
+sich als Offenbarung ansehen. Aber, hier davon noch abgesehen, daß
+eine solche Erkenntniß des Übersinnlichen von der Sinnenwelt aus ganz
+unmöglich ist, und daß wir erst unvermerkt die auf einem ganz ändern
+Wege gegebnen geistigen Begriffe in die Sinnenwelt hineintragen, die
+wir dann in ihr gefunden zu haben glauben -- so wäre eine solche
+Absicht Gottes doch nicht als die _letzte_, mithin nicht als
+_Endzweck_ der Schöpfung anzuerkennen. Erkenntniß ist unfähig Endzweck
+zu seyn: denn immer bleibt noch die Frage zu beantworten: warum soll
+ich denn nun Gott erkennen? Erkenntniß wäre nur Mittel zu einem hohem
+Zwecke, mithin nicht letzte Absicht der Weltschöpfung, und zwischen
+letzterer und der dabei beabsichtigt seyn sollenden Erkenntniß fiele
+das Verhältniß des Grundes zur Folge weg. -- Ferner ist es auch in
+jenem System gar nicht nothwendig, durch die Betrachtung des
+Weltgebäudes jene Erkenntnisse zu erhalten; die Erfahrung lehrt, daß
+sehr viele es nach ganz ändern Gesetzen beurtheilen, mithin fällt auch
+das Verhältniß der Ursache zur Wirkung weg, und die Schöpfung ist
+keine Offenbarung.
+
+Offenbarung ist, insoweit wir vor jetzt den Begriff bestimmt haben, eine
+Wahrnehmung, die von Gott, gemäß dem Begriffe irgend einer dadurch zu
+gebenden Belehrung,(was auch immer ihr Stoff seyn möge) als _Zwecke_
+derselben, in uns bewirkt wird. -- Man hat dies letztere Verhältniß, um
+welches es hier eigentlich zu thun ist, auch durch das Wort
+_unmittelbar_ bezeichnet; und wenn man damit nur nicht sagen will:
+unsere Wahrnehmung solle _in der Reihe der wirkenden Ursachen zunächst_
+auf die Handlung Gottes folgen, sie solle schlechthin _B_ seyn, als
+worauf es hier gar nicht ankommt, (wenn nur die Handlung Gottes auch in
+dieser Reihe schlechthin _A_ ist, so mögen zwischen ihr und unsrer
+Wahrnehmung der Mittelglieder so viele seyn, als ihrer wollen;) sondern
+nur so viel: der Begriff Gottes von der zu gebenden Belehrung solle in
+der Reihe der _Endursachen A_, und unsere Belehrung solle _B_
+seyn, so ist dies ganz richtig.
+
+Über die logische Möglichkeit dieses Begriffs kann kein Zweifel
+entstehen; denn wenn seine Bestimmungen sich widersprächen, so würde
+dieser Widerspruch sich bald entdeckt haben. Die physische Möglichkeit
+desselben gründet sich auf das Postulat des Sittengesetzes, daß ein
+freies, intelligentes Wesen einem Begriffe vom Zwecke gemäß Ursache in
+der Sinnenwelt seyn könne; welches wir für Gott, um der Möglichkeit
+eines praktischen Gesetzes in sinnlichen Wesen willen, annehmen mußten.
+
+In der Anwendung dieses Begriffs auf ein Faktum aber thun sich große
+Schwierigkeiten hervor. -- Wenn nemlich blos davon die Rede wäre, daß
+eine gewisse Wahrnehmung, und eine dabei beabsichtigte Erkenntniß in uns
+wirklich würde, ohne dass wir nöthig hätten auf den Grund der
+Erscheinung zurückzugehen, so wäre unsre Untersuchung jetzt
+geschlossen. Wir hätten blos auf die Materie einer Offenbarung zu sehen,
+die wir uns ruhig geben liessen. Aber es ist von der Materie am
+allerwenigsten, sondern ganz vorzüglich von der Form der Offenbarung die
+Rede: es soll uns nicht etwa nur überhaupt etwas bekannt gemacht werden,
+sondern dieses etwas wird vorzüglich nur dadurch bekannt, daß wir es für
+offenbart anerkennen. Gott soll uns eine Erkenntniß mittheilen, die nur
+dadurch Erkenntniß wird, weil der Mittheilende kein andrer ist, als
+Gott. -- Dies kommt daher, weil der Glaube an jede Bekanntmachung, der
+Natur dieses Begriffs nach, sich auf nichts anders, als die Autorität
+des Bekanntmachenden gründen kann, wie oben gezeigt worden.
+
+Die wichtigere Frage also, die noch zu beantworten ist, ist die: wie
+sollen wir erkennen, _daß_ Gott, gemäß einem Begriffe vom Zwecke,
+eine gewisse Wahrnehmung in uns bewirkt habe?
+
+Man dürfte etwa einen Augenblick meinen, das könne Stoff der durch die
+Wahrnehmung hervorgebrachten Vorstellung seyn; wenn z. B. jemand eine
+Erscheinung hätte, die sich ihm als Gott ankündigte, und als solcher,
+ihn über manches belehrte. Aber davon ist eben die Frage, wie er
+erkennen solle, daß diese Erscheinung wirklich durch Gott gewirkt sey;
+dass weder er selbst sich, noch ein anderes Wesen ihn täusche; die
+Frage ist von einer Kausal Verbindung, und diese werden nicht
+_wahrgenommen_, es wird auf sie _geschlossen_[16].
+
+Ein solcher Schluß könnte vorläufig auf zweierlei Art möglich scheinen;
+nemlich entweder _a posteriori_, durch das Aufsteigen von der gegebener
+Wahrnehmung als Wirkung, zu ihrer Ursache; oder _a priori_, durch das
+Herabsteigen von der bekannten Ursache zur Wirkung. Wir untersuchen die
+Möglichkeit des erstem Schlusses, den man sich für die Theologie noch
+immer nicht will rauben lassen, ohne erachtet alles mögliche geschehen
+ist, um seine Unrichtigkeit in die Augen springend zu machen.
+
+Es giebt zwei Wege, um von einer Wahrnehmung zur Erkenntniß ihrer, als
+solcher, nicht wahrgenommenen Ursache aufzusteigen; nemlich entweder in
+der Reihe der _wirkenden_, oder der, _der Endursachen_. Im ersten
+Falle bestimme ich den Begriff der Ursache durch die wahrgenommene Wirkung.
+Es wird z. B. eine Last fortgerückt. Ich wende auf diese Wahrnehmung die
+Gesetze der Bewegung an, und schließe: die Ursache sey eine physische
+Kraft, im Räume, wirke mit so oder so viel Kraft; u. s. w. Die
+Wahrnehmung, die mich _a posteriori_ auf den Begriff der Offenbarung
+bringen soll, muss nach physischen Gesetzen nicht erklärbar seyn, sonst
+würde ich ihre Ursache auf dem Gebiete dieser Gesetze suchen, und
+finden, und nicht nöthig haben, sie in den _freien_ Urgrund aller
+Gesetze überzutragen. Das einzige vernunftmäßige Prädikat dieser Ursache
+ist also _subjektiv_ und _negativ: sie ist mir unbestimmbar_ -- ein
+Prädikat, wozu mich das Nichtbewußtseyn meines Bestimmens derselben
+vollkommen berechtigt. Indem ich aber dieses subjektiv unbestimmbare
+_A._ sofort, und ohne allen weitern Grund (und es läßt sich kein andrer
+angeben, als das Nichtbewußtseyn meines Bestimmens) zum absolut- und
+objektiv-unbestimmbaren _A._ mache, so folge ich freilich dem Hange
+meines Geistes, sobald sich's thun läßt, zum schlechthin unbedingten
+fortzuschreiten; aber die Unrechtmäßigkeit dieses Verfahrens sollte doch
+wohl jetzt keiner weitern Rüge bedürfen. -- Wir sind freilich
+genöthiget, überhaupt ein absolut erstes Glied in der Reihe anzunehmen;
+aber bei keinem bestimmten Gliede dürfen wir sagen: _dies_ ist das
+erste. Denn die Reihe (ich rede von der der _wirkenden_ Ursachen) ist
+unendlich, und unser Aufsteigen in ihr ist nie vollendet. Vollenden wir
+sie irgendwo, so nehmen wir ein unendliches an, welches endlich ist; und
+das -- _ist_ ein Widerspruch.
+
+Was wir in der Reihe der wirkenden Ursachen nicht können, laßt uns in
+der der Endursachen versuchen.
+
+Wir machen eine Wahrnehmung, und auf sie zunächst in der Zeit folgt die
+Wahrnehmung einer Erkenntniß in uns, die wir vorher in uns nicht
+wahrgenommen haben. Wir sind durch die Gesetze des Denkens genöthiget,
+beide Wahrnehmungen in Kausalverbindung zu denken: die erstere ist
+Ursache der zweiten, als ihrer Wirkung. Nun wollen wir auch umgekehrt
+die Erkenntniß als Ursache der sie selbst verursachenden Wahrnehmung
+denken, d. i. wir wollen annehmen, dass diese Wahrnehmung nur durch den
+Begriff von der verursachten Erkenntniß, möglich gewesen. Sind wir zu
+dieser Annahme nicht durch Nothwendigkeit getrieben, so nehmen wir etwas
+ganz willkührlich, und ohne Grund an; -- _wir meinen nur
+so._ -- Nothwendigkeit (ob subjektive, oder objektive wird sich gleich
+zeigen) treibt uns zu dieser Annahme nur dann, wenn die Wahrnehmung und
+die dadurch ertheilte Belehrung sich verhalten, wie Theile, und Ganzes,
+und wenn weder ein Theil ohne das Ganze, noch das Ganze ohne alle Theile
+denkbar ist. Ein solches Verhältniß ist nicht nur an sich möglich,
+sondern auch in vielen Fällen der untersuchten Art wirklich. _Ich_ muß
+dann mir beide Dinge in Zweckverbindung denken; _ich_ kann die
+Wahrnehmung nicht erklären, wenn ich nicht den Begriff der dadurch
+entstandenen Erkenntniß, die in der _Zeitreihe_, mithin in der Reihe
+meiner Empfindungen folgt, in _der Reihe meiner Beurtheilungen_, die
+durch Spontaneität geleitet wird, vorher setze. Bis dahin habe ich ganz
+recht. Nun aber trage ich das subjektive Gesetz der Möglichkeit meiner
+Beurtheilung auf die Möglichkeit des Dinges an sich über, und schließe:
+weil ich mir den Begriff der Wirkung vor der Ursache vorher _denken_
+muß, so musste er auch vorher in irgend einem intelligenten Wesen
+_seyn_: ein Schluß, zu dem der Hang, alles Subjektive für
+objektiv-gültig anzunehmen, mich zwar verleitet, aber nicht berechtiget.
+Auf eine solche offenbar erschlichene Schlußfolge läßt sich keine
+vernünftige Überzeugung gründen.
+
+Aber, gesetzt wir ließen euch diesen Schluß gelten, so hättet ihr nun
+zwar allerdings Grund, ein freies intelligentes Wesen, als Ursache der
+untersuchten Erscheinung anzunehmen, für welches das in der Reihe der
+wirkenden Ursachen euch unbestimmbare _A_ bestimmbar wäre; und das kann
+der erste beste Mensch seyn, der ein wenig mehr weiß, als ihr: aber was
+berechtigt euch denn eben das unendliche Wesen dafür anzunehmen? Was
+_ich_ nicht einsehen kann, kann nur der unendliche Verstand
+einsehen: -- dieser Schluß ist vermessen, wenn je einer es war. Weit
+bescheidner, und konsequenter urtheilten die heidnischen Theologen, die
+für Ursache unerklärbarer Erscheinungen schlechthin Dämonen, nicht eben
+den unendlichen Geist annahmen; und unter uns das Volk, das sie für
+Wirkungen der Zauberer, Gespenster, und Kobolde erklärt.
+
+_A posteriori_ ist es also schlechthin unmöglich, eine Erscheinung für
+Offenbarung theoretisch anzuerkennen.
+
+Eben so unmöglich ist ein theoretischer Beweis _a priori_. Man hat nur
+die Erfordernisse eines solchen Beweises zu nennen, um seine
+Unmöglichkeit und seine Widersprüche zu zeigen. Es müßte nemlich aus dem
+_durch theoretische Naturphilosophie a priori_ gegebnen Begriffe von
+Gott die Nothwendigkeit gezeigt werden, daß in Gott der Begriff einer
+gewissen _empirisch-bestimmten_ Offenbarung, und der Entschluß, ihn
+darzustellen, vorhanden sey.
+
+Wir müssen, demnach die Möglichkeit, von der Seite der Form in diesen
+Begriff einzudringen, und, wenn sich kein andrer Weg zeigen sollte, die
+reale Möglichkeit des Begriffes selbst aufgeben. -- Aber wir kamen oben,
+von der Seite seiner Materie, von dem Begriffe der Religion aus, auf
+ihn. Wir haben also noch vermittelst einer materialen Erörterung zu
+versuchen, was uns durch eine formale nicht gelang.
+
+Durch die gezeigte Unhaltbarkeit dieses Begriffs von Seiten seiner
+Form, wird zugleich alles, was nicht Religion betrifft, von welcher
+allein er noch seine Bestätigung erwartet, aus seinem Umfange
+ausgeschlossen, da zuvor über den möglichen Inhalt einer Offenbarung
+nichts zu bestimmen war. Wir fügen also diesem Begriffe noch das Merkmal
+hinzu, daß das in einer Offenbarung bekannt gemachte religiösen Inhalts
+seyn müsse, und hiermit ist denn die Bestimmung dieses Begriffs
+vollendet.
+
+
+§. 6[TN7].
+
+_Materiale Erörterung des Offenbarungsbegriffs, als Vorbereitung einer
+Deduktion desselben._
+
+Alle religiösen Begriffe lassen sich nur _a priori_ von den Postulaten
+der praktischen Vernunft ableiten, wie oben §. 3. durch die wirkliche
+Deduktion derselben gezeigt worden. Da nun der Offenbarungsbegriff eine
+gewisse Form solcher Begriffe zum Gegenstande haben soll, und nicht von
+Seiten seiner Form, (nemlich als Begriff) mithin, wenn seine reale
+Möglichkeit sich soll sichern lassen, nur von Seiten seines Inhalte
+deducirt werden kann, so haben wie seinen Ursprung im Felde der reinen
+praktischen Vernunft aufzusuchen. Er muß sich _a priori_ von Ideen
+dieser Vernunft deduciren lassen, wenn auch nicht ohne Voraussetzung
+aller Erfahrung, dennoch blos mit Voraussetzung einer Erfahrung
+überhaupt, und zwar ohne etwas von ihr entlehnt oder gelernt zu haben,
+sondern um einer gewissen Erfahrung -- die aber nicht als Erfahrung nach
+theoretischen, sondern als Moment der Willensbestimmung nach praktischen
+Gesetzen beurtheilt wird, und bei der es nicht um die Richtigkeit oder
+Unrichtigkeit der gemachten Beobachtung, sondern um ihre praktischen
+Folgen zu thun ist -- selbst das Gesetz nach praktischen Grundsätzen
+vorzuschreiben. Es ist hier nicht wie im Felde der Naturbegriffe, wo wir
+bei Deduktion, eines Begriffs _a priori_, zeigen können und müssen, daß
+ohne ihn entweder Erfahrung überhaupt, wenn er rein ist, oder eine
+gewisse bestimmte Erfahrung, wenn er nicht rein ist, gar nicht möglich
+sey: sondern, da wir im Felde der Vernunft sind, können und dürfen wir
+nur zeigen, daß ohne den Ursprung eines gewissen Begriffs _a priori_
+keine _vernunftmäßige Anerkennung_ einer gewissen Erfahrung für das, für
+was sie sich giebt, möglich sey. Dies ist hier um so nöthiger, da dieser
+Begriff von einem Wege aus, der in dieser Rücksicht schon verdächtig
+ist, uns wer weiß welche Erkenntnisse im Felde des Übersinnlichen
+verspricht, und aller Schwärmerei Thor und Thüre zu öffnen droht, wenn
+er nicht _a priori_ ist, und wir ihm also Gesetze vorschreiben können,
+an welche wir alle seine _a posteriori_ möglichen Anmaaßungen halten,
+und sie nach denselben beschränken können. Es muß also gezeigt werden,
+daß dieser Begriff _vernunftmäßig_ nur _a priori_ möglich sey, und daß
+er also die Gesetze des Princips, durch welches es möglich ist,
+anerkennen müsse; oder, wenn er das nicht sey, und seine Befugnisse
+gänzlich und allein _a posteriori_ zu erweisen Anspruch mache, gänzlich
+falsch und erschlichen sey, und daß von dieser Untersuchung sein ganzes
+Schicksal abhange. Sie ist also der Hauptpunkt dieser Kritik.
+
+Gesetzt nun aber auch, die Möglichkeit seines Ursprungs _a priori_, als
+einer Vernunftidee, ließe sich durch eine Deduktion darthun; so bliebe
+immer noch auszumachen, ob er _a priori gegeben_, oder _gemacht_, und
+_erkünstelt_ sey; und wir gestehen, daß der sonderbare Weg, den er aus
+der Ideen -- in die Sinnenwelt, und aus dieser wieder in jene nimmt, ihn
+des letztem wenigstens sehr verdächtig mache. Sollte sich dies
+bestätigen, so gäbe es freilich vor's erste kein gutes Vorurtheil für
+ihn; da es schon bekannt ist, daß die Vernunft im Felde des
+Übersinnlichen zwar in's Unermeßliche schwärmen, und dichten; aber
+daraus, daß es ihr möglich war sich etwas zu denken, noch nicht einmal
+die Möglichkeit folgern könne, daß dieser Idee überhaupt etwas
+entspreche. Es bleibt aber doch noch ein Weg übrig, diese Idee aus den
+leeren Träumen der Vernunft herauszuheben, wenn sich nemlich in der
+Erfahrung, und zwar -- da hier von einem praktischen Begriffe die Rede
+ist, -- ein empirisch gegebnes praktisches Bedürfniß zeigt, welches
+jenen Begriff, der _a priori_ freilich nicht gegeben war, _a
+posteriori_, zwar nicht giebt aber doch _berechtiget_. Diese Erfahrung
+ergänzt dann, was zur Rechtmäßigkeit dieses Begriffs _a priori_ fehlte;
+sie liefert das vermißte Datum. Daraus nun folgt noch nicht, daß der
+Begriff selbst _a posteriori_ sey, sondern nur, daß sich _a priori_
+nicht zeigen lasse, ob er nicht überhaupt ganz leer sey.
+
+Diese Einschränkung bestimmt denn auch die wahre Beschaffenheit der
+Deduktion dieses Begriffs _a priori_. Es soll nemlich durch dieselbe
+nicht dargethan werden, daß er _wirklich a priori_ da sey, sondern nur,
+daß er _a priori möglich_ sey; nicht daß jede Vernunft ihn nothwendig _a
+priori_ haben _müsse_, sondern daß sie ihn, wenn ihre Ideenreihe
+ohngefähr nach dieser Richtung hingeht, haben _könne_. Das erstere wäre
+nur möglich, wenn ein Datum der reinen Vernunft _a priori_ angezeigt
+werden könnte, wie z. B. bei der Idee von Gott, vom absoluten
+Weltganzen, u. s. w. die nothwendige Aufgabe der Vernunft war, zu allem
+Bedingten das schlechthin Unbedingte zu suchen, welches die Vernunft
+nöthigte, auf diesen Begriff zu kommen. Da aber ein solches Datum _a
+priori_ sich nicht vorfindet, so darf und kann die Deduktion desselben
+nur seine Möglichkeit als _Idee_, und insofern er das ist,
+zeigen. -- Keine historische[17] Deduktion also der Entstehung dieses
+Begriffs unter der Menschheit, welche es auch noch so wahrscheinlich
+machte, daß er zuerst durch wirkliche Fakta in der Sinnenwelt, die man
+aus Unwissenheit übernatürlichen Ursachen zugeschrieben, oder durch
+geflissentlichen Betrug, entstanden sey; selbst kein unwiderlegbarer
+Beweis, daß keine Vernunft ohne jenes empirisch gegebne Bedürfniß je auf
+diese Idee gekommen seyn würde, wenn ein solcher möglich wäre, würde
+dieser Deduktion widersprechen. Denn im ersten Falle wäre der Begriff
+_in concreto_ freilich ganz unrechtmäßig entstanden, welches aber der
+Möglichkeit, sich einen rechtmäßigen Ursprung desselben _in abstracto_
+zu denken, nicht den geringsten Eintrag thun kann: im zweiten wäre jenes
+empirische Datum zwar die _Gelegenheitsursache_ gewesen, auf ihn zu
+kommen; wenn er aber durch den _Inhalt_ der gemachten Erfahrung nur
+nicht bestimmt ist, (und eine Deduktion _a priori_ muß die Unmöglichkeit
+hiervon zeigen) so wäre sie nicht sein Princip gewesen. Ein andres ist
+die _Gültigkeit_ dieses Begriffs, d. i. ob sich vernünftiger Weise
+annehmen lasse, daß ihm etwas außer uns korrespondiren werde; diese kann
+freilich nur empirisch deducirt werden, und erstreckt sich mithin nicht
+weiter, als das Datum gilt, aus dem sie deducirt wird. Laßt uns dies
+durch ein Beispiel erläutern. -- Der Begriff eines bösen Grundprincips
+neben einem guten ist offenbar ein Begriff _a priori_, denn er kann in
+keiner Erfahrung gegeben seyn; und zwar eine Vernunftidee; und sie muß
+sich mithin, ihrer Möglichkeit nach, deduciren lassen, wenn sie nicht
+etwa den Vernunftprincipien gar widerspricht. Diese Idee ist aber _a
+priori_ nicht gegeben, sondern gemacht, denn es läßt sich kein Datum der
+reinen Vernunft für sie anführen. In der Erfahrung aber kommen mehrere
+Data vor, welche diesen Begriff zu berechtigen scheinen, und welche die
+Gelegenheitsursachen seiner Entstehung gewesen seyn können. Wenn nun nur
+diese Data ihn wirklich berechtigten; wenn man ihn nur für ein
+praktisches, wenn gleich empirisch-bedingtes Bedürfniß, und nicht
+lediglich zur theoretischen Naturerklärung hätte brauchen wollen; wenn
+er nur endlich der praktischen Vernunft nicht gar widerspräche: so hätte
+man ihn, ohngeachtet seine Gültigkeit sich nur auf empirische Data
+beruft, wenigstens für eine Idee, der etwas entsprechen _könnte_, wol
+annehmen dürfen.
+
+Durch die erstere Deduktion der Möglichkeit des Begriffs der Offenbarung
+_a priori_ scheint nun nicht viel ausgerichtet zu werden, und es ist
+nicht zu leugnen, daß sie eine sehr leere und unnütze Bemühung seyn
+würde, wenn nicht gezeigt werden könnte, daß dieser Begriff, wenn er
+nicht _a priori_ möglich ist, überhaupt nicht vernunftmäßig ist.
+Folglich hängt sein ganzer Werth von dieser Deduktion ab.
+
+
+§. 7.
+
+_Deduktion des Begriffs der Offenbarung von Principien der reinen
+Vernunft a priori._
+
+Wenn endliche moralische Wesen, d. i. solche Wesen, welche außer dem
+Moralgesetze noch unter Naturgesetzen stehen, als gegeben gedacht
+werden; so läßt sich, da das Moralgesetz nicht blos in demjenigen Theile
+dieser Wesen, der unmittelbar und allein unter desselben Gesetzgebung
+steht, (ihrem obern Begehrungsvermögen) sondern auch in demjenigen, der
+zunächst unter den Naturgesetzen steht, seine Kausalität ausüben soll,
+vermuthen, daß die Wirkungen dieser beiden Kausalitäten, deren Gesetze
+gegenseitig ganz unabhängig von einander sind, auf die Willensbestimmung
+solcher Wesen, in Widerstreit gerathen werden. Dieser Widerstreit des
+Naturgesetzes gegen das Sittengesetz kann nach Maaßgabe der besondern
+Beschaffenheit ihrer sinnlichen Natur der Stärke nach sehr verschieden
+seyn, und es läßt sich ein Grad dieser Stärke denken, bei welchem das
+Sittengesetz seine Kausalität in ihrer sinnlichen Natur entweder auf
+immer, oder nur in gewissen Fällen, gänzlich verliert. Sollen nun solche
+Wesen in diesem Falle der Moralität nicht gänzlich unfähig werden, so
+muß ihre sinnliche Natur selbst, durch sinnliche Antriebe bestimmt
+werden, sich durch das Moralgesetz bestimmen zu lassen. Soll dies kein
+Widerspruch seyn -- und es ist an sich allerdings einer, _sinnliche_
+Antriebe als Bestimmungsgründe _reiner Moralität_ gebrauchen zu
+wollen -- so kann es nichts anders heißen, als daß rein moralische
+Antriebe auf dem Wege der Sinne an sie gebracht werden sollen. Der
+einzige rein moralische Antrieb ist die innere Heiligkeit des Rechts.
+Diese ist durch ein Postulat der reinen praktischen Vernunft in Gott _in
+concreto_, (folglich der Sinnlichkeit zugänglich) und er selbst als
+moralischer Richter aller vernünftigen Wesen nach diesem ihm durch
+_seine_ Vernunft gegebnen Gesetze, mithin als Gesetzgeber jener Wesen,
+dargestellt worden. Diese Idee vom Willen des Heiligsten als
+Sittengesetze für alle moralische Wesen ist nun von der einen Seite
+völlig identisch mit dem Begriffe der innern Heiligkeit des Rechts,
+folglich jener einige rein moralische Antrieb, und von der andern des
+Vehikulums der Sinne fähig. Sie allein also entspricht der zu lösenden
+Aufgabe. Nun aber ist kein Wesen fähig, diese Idee auf dem Wege der
+sinnlichen Natur an sie gelangen zu lassen, oder, wenn sie schon in
+ihnen mit Bewußtseyn vorhanden ist, sie auf demselben zu bestätigen, als
+ein Gesetzgeber dieser Natur, welches denn auch, laut der Postulate der
+praktischen Vernunft, jener moralische Gesetzgeber endlicher
+vernünftiger Wesen ist. Gott selbst also müßte ihnen sich und seinen
+Willen als gesetzlich für sie, in der Sinnenwelt ankündigen. Nun aber
+ist in der Sinnenwelt überhaupt so wenig eine Ankündigung der
+gesetzgebenden Heiligkeit enthalten, daß wir vielmehr von ihr aus durch
+die auf sie anwendbaren Begriffe auf gar nichts Übernatürliches
+schließen können; und ob wir gleich durch Verbindung des Begriffs der
+Freiheit mit diesen Begriffen, und den dadurch möglichen Begriff eines
+moralischen Endzwecks der Welt auf diese Gesetzgebung schließen können
+(§. 4.), so setzt doch dieser Schluß schon eine Kausalität des
+Moralgesetzes in dem so schließenden Subjekte voraus, die nicht nur das
+völlige, nur nach Naturgesetzen mögliche Bewußtseyn seines Gebots,
+sondern auch den festen Willen, die Wirksamkeit desselben in sich durch
+freie Aufsuchung und Gebrauch jedes Mittels zu vermehren, bewirkt hat,
+welche aber in den vorausgesetzten sinnlich-bedingten Wesen nicht
+angenommen worden ist. Gott müsste sich also durch eine besondre
+ausdrücklich dazu und für sie bestimmte Erscheinung in der Sinnenwelt
+ihnen als Gesetzgeber ankündigen. Da Gott durch das Moralgesetz bestimmt
+ist, die höchstmögliche Moralität in allen vernünftigen Wesen durch alle
+moralische Mittel zu befördern, so läßt sich erwarten, dass er, wenn
+dergleichen Wesen wirklich vorhanden seyn sollten, sich dieses Mittels
+bedienen werde, wenn es physisch möglich ist[18].
+
+Diese Deduktion leistet, was sie versprochen. Der deducirte Begriff ist
+wirklich der Begriff der _Offenbarung_, d. i. der Begriff von einer
+durch die Kausalität Gottes in der Sinnenwelt bewirkten Erscheinung,
+wodurch er sich als moralischen Gesetzgeber ankündigt. Er ist aus lauter
+Begriffen _a priori_ der reinen praktischen Vernunft deducirt; aus der
+schlechthin und ohne alle Bedingung geforderten Kausalität des
+Moralgesetzes in allen vernünftigen Wesen, aus dem einzig reinen Motiv
+dieser Kausalität, der innern Heiligkeit des Rechts, aus dem für die
+Möglichkeit der geforderten Kausalität als real anzunehmenden Begriffe
+Gottes, und seiner Bestimmungen. Aus dieser Deduktion ergiebt sich
+unmittelbar die Befugniß, jede angebliche Offenbarung, d. i. jede
+Erscheinung in der Sinnenwelt, welche diesem Begriffe als
+korrespondirend gedacht werden soll, einer Kritik der Vernunft zu
+unterwerfen. Denn wenn es schlechterdings nicht möglich ist, den Begriff
+derselben _a posteriori_ durch die gegebne Erscheinung zu bekommen,
+sondern er selbst, als Begriff, _a priori_ da ist, und nur eine ihm
+entsprechende Erscheinung erwartet, so ist es offenbar Sache der
+Vernunft, zu entscheiden, ob diese gegebne Erscheinung mit ihrem
+Begriffe von derselben übereinkomme, oder nicht; und sie erwartet
+demnach von ihr so wenig das Gesetz, daß sie vielmehr es ihr selbst
+vorschreibt. Aus ihr müssen sich ferner alle Bedingungen ergeben, unter
+denen eine Erscheinung als göttliche Offenbarung angenommen werden kann:
+nemlich, sie kann es nur insofern, als sie mit diesem deducirten
+Begriffe übereinstimmt. Diese Bedingungen nennen wir Kriterien der
+Göttlichkeit einer Offenbarung. Alles also, was als ein dergleichen
+Kriterium aufgestellt wird, muß sich aus dieser Deduktion ableiten
+lassen, und alles was sich aus ihr ableiten läßt, ist ein dergleichen
+Kriterium.
+
+Sie leistet aber auch nicht mehr, als sie versprochen. Der zu
+deducirende Begriff wurde blos als eine Idee angekündigt; sie hat mithin
+keine objektive Gültigkeit desselben zu erweisen, mit welchem Erweise
+sie auch nicht sonderlich fortkommen dürfte. Alles was von ihr gefordert
+wird, ist, zu zeigen, daß der zu deducirende Begriff weder sich selbst,
+noch einem der vorauszusetzenden Principien widerspreche. Er kündigte
+sich ferner nicht als gegeben, sondern als gemacht an, (_conceptus non
+datus, sed ratiocinatus_) sie hat mithin kein Datum der reinen Vernunft
+aufzuzeigen, wodurch er uns gegeben würde, welches sie zu leisten auch
+nicht vorgegeben hat. Aus diesen beiden Bestimmungen ergiebt sich denn
+vorläufig die Folge, daß, wenn auch eine Erscheinung in der Sinnenwelt
+gegeben seyn sollte, welche mit ihm vollkommen übereinstimmte (eine
+Offenbarung, welche alle Kriterien der Göttlichkeit hätte), dennoch
+weder eine objektive, noch selbst für alle vernünftige Wesen subjektive
+Gültigkeit dieser Erscheinung behauptet werden könnte, sondern die
+wirkliche Annehmung derselben, als einer solchen, noch unter andern
+Bedingungen stehen müßte. Das von der reinen Vernunft aus vermißte, nur
+in der Erfahrung mögliche Datum zu diesem Begriffe, daß nemlich
+moralische Wesen gegeben seyen, welche ohne Offenbarung der Moralität
+unfähig seyn würden, wird als Hypothese vorausgesetzt, und eine
+Deduktion des Offenbarungsbegriffs hat nicht die Wirklichkeit desselben
+darzuthun, welches sie ohnehin als Deduktion _a priori_ für ein
+empirisches Datum nicht leisten könnte, sondern es ist für sie völlig
+hinreichend, wenn diese Voraussetzung sich nur nicht widerspricht, und
+demnach nur vollkommen denkbar ist. Aber eben darum, weil dieses Datum
+erst von der Erfahrung erwartet wird, ist dieser Begriff nicht rein _a
+priori_. Die physische Möglichkeit einer diesem Begriffe entsprechenden
+Erscheinung kann eine Deduktion desselben, die nur aus Principien der
+praktischen, nicht der theoretischen Vernunft geführt wird, nicht
+erweisen, sondern muß sie voraussetzen. Ihre moralische Möglichkeit wird
+zur Möglichkeit ihres Begriffs schlechterdings erfordert, und folgt im
+Allgemeinen aus der Möglichkeit obiger Deduktion. Ob aber eine _in
+concreto_ gegebne Offenbarung dieser Erfordernis nicht widerspreche, ist
+das Geschäft einer angewandten Kritik dieser gegebnen Offenbarung; und
+unter welchen Bedingungen sie ihr nicht widerspreche, das Geschäft einer
+Kritik des Offenbarungsbegriffs überhaupt.
+
+Aus allem bis jetzt gesagten ergiebt sich nun auch, welchen Weg unsre
+Untersuchung weiter zu nehmen habe. Die Möglichkeit dieses Begriffs,
+insofern er das ist, d. i. seine Gedenkbarkeit, ist gezeigt. Ob er aber
+nicht etwa überhaupt leer sey, oder ob etwas ihm korrespondirendes sich
+vernünftiger Weise erwarten lasse, hängt von der empirischen Möglichkeit
+(nicht der bloßen Gedenkbarkeit) des in ihm als Bedingung
+vorausgesetzten empirischen Datums ab. Diese also ist es, welche vor
+allen Dingen dargethan werden muß. Eine Kritik aller Offenbarung
+überhaupt hat aber in Rüchsicht[TN8] dieses Datums auch weiter nichts
+darzuthun, als seine absolute Möglichkeit; da hingegen die Kritik einer
+angeblichen Offenbarung _in concreto_ die bestimmte Wirklichkeit des
+vorausgesetzten empirischen Bedürfnisses zu zeigen hätte, wie erst
+weiter unten bewiesen werden kann.
+
+Daß eine durch Freiheit einem Begriffe vom Zwecke gemäß bewirkte
+Erscheinung in der Sinnenwelt überhaupt, folglich auch eine Offenbarung
+sich als physisch möglich denken lasse, bedarf keines Beweises, indem es
+zum Behufe der Möglichkeit der schlechthin geforderten Kausalität des
+Moralgesetzes auf die Sinnenwelt schon angenommen worden ist. Dennoch
+werden wir zur Erläuterung, nicht zum Beweise, und wegen einiger
+daraus herfließender wichtigen Folgen auf Berichtigung des
+Offenbarungsbegriffs, einige Untersuchungen über diese physische
+Möglichkeit anstellen.
+
+Beym Schlusse dieser beiden Untersuchungen muß es völlig klar seyn, ob
+sich vernünftiger Weise etwas dem Offenbarungsbegriffe korrespondirendes
+überhaupt erwarten lasse, oder nicht. Zum Behufe der Möglichkeit aber,
+diesen Begriff auf eine besondre _in concreto_ gegebne Erscheinung
+anzuwenden, bedarf es noch einer genauem Zergliederung des
+Offenbarungsbegriffs selbst, welcher angewendet werden soll. Die
+Bedingungen, unter welchen eine solche Anwendung möglich ist, müssen
+alle im Begriffe liegen, und sich durch eine Analysis desselben aus ihm
+entwickeln lassen. Sie heißen Kriterien. Unser nächstes Geschäft nach
+jenen Untersuchungen wird also das seyn, diese Kriterien aufzustellen,
+und zu beweisen.
+
+Hiedurch wird nun nicht nur die Möglichkeit, für diesen Begriff
+überhaupt etwas ihm korrespondirendes zu erwarten, sondern auch die, ihn
+auf eine wirklich gegebne Erscheinung anzuwenden, völlig gesichert. Wenn
+aber eine solche Anwendung gleich völlig möglich ist, so läßt sich doch
+daraus noch kein Grund erkennen, warum wir sie wirklich machen sollten.
+Nur nach Aufzeigung eines solchen Grundes also ist die Kritik aller
+Offenbarung geschlossen.
+
+
+§. 8.
+
+_Von der Möglichkeit des im Begriffe der Offenbarung vorausgesetzten
+empirischen Datum._
+
+Die in der Deduktion des Begriffs der Offenbarung von praktischen
+Vernunftprincipien _a priori_ vorausgesetzte Erfahrung ist die: es könne
+moralische Wesen geben, in welchen das Moralgesetz seine Kausalität _für
+immer_, oder nur _in gewissen Fällen_ verliere. Das Moralgesetz fordert
+eine Kausalität auf das obere Begehrungsvermögen um die Bestimmung des
+Willens; es fordert vermittelst jenes eine auf das untere, um die
+völlige Freiheit des moralischen Subjekts vom Zwange der Naturtriebe
+hervorzubringen. Ist die erstere Art der Kausalität aufgehoben, so fehlt
+der _Wille_, überhaupt ein Gesetz anzuerkennen, und ihm Gehorsam zu
+leisten; ist nur die zweite gehindert, so ist bei allem guten Willen der
+Mensch zu schwach, das Gute, das er will, _wirklich auszuüben_. Dieser
+Hypothese empirische Möglichkeit soll bewiesen werden, d. h. es soll,
+nicht aus der Einrichtung der menschlichen Natur überhaupt, insofern sie
+allgemein und _a priori_ zu erkennen ist, sondern aus ihren empirischen
+Bestimmungen gezeigt werden, daß es möglich, und wahrscheinlich sey, daß
+das Sittengesetz seine Kausalität in ihnen verlieren könne; wodurch denn
+die Frage beantwortet wird: Warum war eine Offenbarung nöthig, und
+warum konnten die Menschen sich nicht mit der Naturreligion allein
+behelfen? Die Ursachen davon können nicht in der Einrichtung der
+menschlichen Natur überhaupt, insofern sie _a priori_ zu erkennen ist,
+liegen; denn sonst müßten wir das Bedürfniß einer Offenbarung schon _a
+priori_ zeigen können, es müßte sich ein Datum der reinen Vernunft dafür
+anführen lassen, und der Begriff von ihr wäre ein gegebner: sondern in
+zufälligen Bestimmungen derselben. Um aber die völlige Einsicht in die
+Grenzen, innerhalb welcher Vernunftreligion zulänglich ist, innerhalb
+welcher Naturreligion eintritt, und wo endlich geoffenbarte nöthig wird,
+zu eröffnen, wird es sehr dienlich seyn, das Verhältniß der menschlichen
+Natur zur Religion, sowohl überhaupt, als ihren besondern Bestimmungen
+nach, zu untersuchen.
+
+Der Mensch steht, als Theil der Sinnenwelt, unter Naturgesetzen. Er ist
+in Absicht seines Erkenntnißvermögens genöthigt, von Anschauungen, die
+unter den Gesetzen der Sinnlichkeit stehen, zu Begriffen fortzugehen;
+und in Absicht des untern Begehrungsvermögens sich durch sinnliche
+Antriebe bestimmen zu lassen. Als Wesen einer übersinnlichen Welt aber,
+seiner vernünftigen Natur nach, wird sein oberes Begehrungsvermögen,
+durch ein ganz anderes Gesetz bestimmt, und dieses Gesetz eröffnet durch
+seine Anforderungen ihm Aussichten auf Erkenntnisse, die weder unter
+den Bedingungen der Anschauung, noch unter denen der Begriffe stehen. Da
+aber sein Erkenntnißvermögen schlechterdings an jene Bedingungen
+gebunden ist, und er ohne sie sich gar nichts denken kann, so ist er
+genöthigt auch diese Gegenstände einer übernatürlichen Welt unter jene
+Bedingungen zu setzen, ob er gleich erkennt, daß eine solche
+Vorstellungsart nur subjektiv, nicht objektiv gültig sey, und daß sie
+ihn weder zu theoretischen, noch praktischen _Folgerungen_ berechtige.
+Sein unteres, durch sinnliche Antriebe bestimmbares Begehrungsvermögen
+ist dem obern untergeordnet, und es soll nie seinen Willen bestimmen, wo
+die Pflicht redet. Dies ist wesentliche Einrichtung der menschlichen
+Natur. So _soll_ der Mensch seyn, und so _kann_ er auch seyn, denn
+alles, was ihn verhindert, so zu seyn, ist seiner Natur nicht
+wesentlich, sondern zufällig, und kann also nicht nur weggedacht werden,
+sondern auch wirklich weg seyn. In welchem Verhältnisse steht er nun in
+diesem Zustande gegen die Religion? bedarf er ihrer? welcher? und wozu?
+
+Die nächste Folge dieser ursprünglichen Einrichtung der menschlichen
+Natur ist die, daß ihm das Moralgesetz als Gebot, und nicht als Aussage
+erscheint, daß es zu ihm von Sollen redet, und nicht von Seyn; daß er
+sich bewußt ist, auch anders, als dieses Gesetz befiehlt, handeln zu
+_können_; daß er folglich, seiner Vorstellung nach, einen Werth, und ein
+Verdienst erhält, wenn er so handelt. Dieser Werth, den er sich selbst
+giebt, berechtigt ihn, die demselben angemessene Glückseligkeit zu
+erwarten: aber diese kann er sich nicht selbst geben, so wie jenen; er
+erwartet sie also vom höchsten Exekutor des Gesetzes, der ihm durch
+dasselbe angekündigt wird. Dieses Wesen zieht seine ganze Verehrung auf
+sich, weil es einen unendlichen Werth hat, gegen welchen der seinige in
+Nichts verschwindet; und seine ganze Zuneigung, weil er alles von ihm
+erwartet, was er gutes zu erwarten hat. Er kann nicht gleichgültig gegen
+den stets gegenwärtigen Beobachter, Späher, und Beurtheiler seiner
+geheimsten Gedanken, und den gerechtesten Vergelter derselben bleiben.
+Er muß wünschen, ihm seine Bewunderung und Verehrung zu bezeigen, und da
+er's durch nichts anders kann, es durch pünktlichen _in Rücksicht auf
+Ihn_ geleisteten Gehorsam zu thun. -- Dies ist reine Vernunftreligion.
+Religiosität von dieser Art erwartet nicht vom Gedanken des Gesetzgebers
+ein Moment zur Erleichterung der Willensbestimmung, sondern nur
+Befriedigung ihres Bedürfnisses ihm ihre Zuneigung zu erkennen zu geben.
+Sie erwartet keine Anforderung von Gott, ihm zu gehorchen, sondern nur
+die Erlaubniß, bei ihrem willigen Gehorsame auf ihn zu sehen. Sie will
+nicht Gott eine Gunst erweisen, indem sie ihm dient; sondern sie
+erwartet es von ihm als die höchste Gnade, sich von ihr dienen zu
+lassen. -- Dies ist die höchste moralische Vollkommenheit des Menschen.
+Sie setzt nicht nur den festen Willen immer sittlich gut zu handeln,
+sondern auch völlige Freiheit voraus. Es ist _a priori_ unmöglich zu
+bestimmen, ob _in concreto_ irgend ein _Mensch_ dieser moralischen
+Vollkommenheit fähig sey, und es ist bei gegenwärtiger Lage der
+Menschheit gar nicht wahrscheinlich.
+
+Der zweite Grad der moralischen Güte setzt eben diesen festen Willen, im
+Ganzen dem Moralgesetze zu gehorchen, aber keine völlige Freiheit in
+einzelnen Fällen voraus. Die sinnliche Neigung kämpft noch gegen das
+Pflichtgefühl, und ist eben so oft Siegerin[TN9], als besiegt. Die
+Ursachen dieser moralischen Schwäche liegen nicht im Wesentlichen der
+menschlichen Natur, sondern sie sind zufällig: theils bei diesem und
+jenem Subjekte eine körperliche Konstitution, welche die größere
+Heftigkeit, und die anhaltendere Dauer der Leidenschaften begünstigt;
+theils, und hauptsächlich die gegenwärtige Lage der Menschheit, in
+welcher wir weit früher angewöhnt werden, nach Naturtrieben zu handeln,
+als nach moralischen Gründen, und weit öftrer in den Fall kommen, uns
+durch die ersteren bestimmen lassen zu müssen, als durch die letzteren,
+so daß unsre Ausbildung als Naturmenschen meist immer große Vorschritte
+vor unsrer moralischen Bildung voraus hat. Da in diesem Zustande der
+ernste Wille moralisch zu handeln, mithin ein lebhaftes, thätiges,
+sittliches Gefühl vorausgesetzt wird, so muß diese Schwäche dem Menschen
+sehr unangenehm seyn, und er muß begierig jedes Mittel aufsuchen, und
+ergreifen, um seine Bestimmung durchs Moralgesetz zu erleichtern. Wenn
+es darum zu thun ist, der moralischen Neigung das Übergewicht über die
+sinnliche zu verschaffen, so kann dies auf zweierlei Art geschehen,
+theils indem man die sinnliche Neigung schwächt, theils indem man den
+Antrieb des Sittengesetzes, die Achtung für dasselbe, verstärkt. Das
+erste geschieht nach technisch-praktischen Regeln, die auf
+Naturprincipien beruhen, und über welche jeden sein eignes Nachdenken,
+Erfahrung, und empirische Selbstkenntniß belehren muß. Sie liegen außer
+dem Kreise unsrer gegenwärtigen Untersuchung. Der Antrieb des
+Moralgesetzes läßt sich, ohne der Moralität Abbruch zu thun, nicht
+anders verstärken, als durch lebhafte Vorstellung der innern Erhabenheit
+und Heiligkeit seiner Forderungen; durch ein dringenderes Gefühl des
+_Sollens_ und _Müssens_. Und wie kann dies dringender werden, als wenn
+uns stets die Vorstellung eines ganz heiligen Wesens vorschwebt, das
+uns heilig zu seyn befiehlt? In ihm erblicken wir die Übereinstimmung
+mit dem Gesetze nicht mehr blos als etwas, das seyn _soll_, sondern als
+etwas, das _ist_; in ihm erblicken wir die Nothwendigkeit, so zu seyn,
+dargestellt. Wie kann das sittliche Gefühl mehr verstärkt werden, als
+durch die Vorstellung, daß bei unmoralischen Handlungen nicht blos wir
+selbst, die wir unvollkommne Wesen sind -- nein, daß die höchste
+Vollkommenheit uns verachten müsse? daß bei Selbstüberwindung, und
+Aufopferung unsrer liebsten Neigungen für die Pflicht, nicht nur wir
+selbst, sondern die wesentliche Heiligkeit uns ehren müsse? Wie können
+wir aufmerksamer auf die Stimme unsers Gewissens, und gelehriger gegen
+sie werden, als wenn wir in ihr die Stimme des Heiligsten hören, der
+unsichtbar[TN10] uns immer begleitet, und die geheimsten Gedanken unsers
+Herzens späht -- _vor dem wir wandeln?_ Da die Neigung im Subjekte gegen
+dieses neue Moment des Sittengesetzes, welches ihr Abbruch thut,
+streitet, so wird die Vernunft suchen, dasselbe durch völlige Sicherung
+des Grundes, auf dem es beruht, zu befestigen; sie wird einen Beweis für
+den Begriff Gottes als moralischen Gesetzgebers suchen, und sie wird ihn
+im Begriffe desselben, als Weltschöpfers, finden. Dies ist der zweite
+Grad der sittlichen Vollkommenheit, der die Naturreligion
+begründet. -- Diese Religion soll allerdings Mittel der
+Willensbestimmung in einzelnen Fällen, bei eintretendem Kampfe der
+Neigung gegen die Pflicht, werden; aber sie setzt die erste, höchste
+Bestimmung des Willens, dem Moralgesetze überhaupt zu gehorchen, als
+durch dasselbe schon geschehen, voraus, denn sie bietet sich nicht dar,
+sondern sie muß gesucht werden, und niemand kann sie suchen, der sie
+nicht wünscht.
+
+Der tiefste Verfall vernünftiger Wesen in Rücksicht auf Sittlichkeit
+endlich ist es, wenn nicht einmal der Wille da ist, ein Moralgesetz
+anzuerkennen, und ihm zu gehorchen; wenn sinnliche Triebe die einzigen
+Bestimmungsgründe ihres Begehrungsvermögens sind. Es scheint wenigstens,
+vor der Hand gar nichts für die Nothwendigkeit einer Offenbarung zu
+beweisen, wenn man auch in der Gesellschaft unter andern moralisch
+bessern Menschen noch so viele in diesem Grade verdorbne Subjekte sollte
+aufzeigen können: denn es muß den bessern möglich seyn, und es ist ihre
+Pflicht, -- könnte man sagen, -- in den schlechtern durch Belehrung und
+Bildung das moralische Gefühl zu entwickeln, und sie so bis zum
+Bedürfniß einer Religion zu führen. Ohne uns vor der Hand auf diese
+Untersuchung einzulassen, wollen wir die Frage nur so stellen, wie ihre
+Beantwortung für den Erweis eines empirischen Bedürfnisses der
+Offenbarung entscheidend wird: War es möglich, dass die ganze
+Menschheit, oder wenigstens ganze Völker- und Länderstriche in diesen
+tiefen moralischen Verfall gerathen konnten? Um sie beantworten zu
+können, müssen wir erst den Begriff der empirischen Sinnlichkeit etwas
+näher bestimmen.
+
+Sinnlichkeit überhaupt, nemlich empirische, könnte man füglich als eine
+Unfähigkeit zur Vorstellung der Ideen beschreiben; um dadurch zugleich
+den theoretischen Fehler, sich dieselben entweder gar nicht, oder nicht
+anders, als unter den Bedingungen der empirischen Sinnlichkeit, denken
+zu können, und den praktischen, sich nicht durch dieselben bestimmen zu
+lassen, der aus dem erstem nothwendig folgt, zu befassen. Man kann die
+empirische Sinnlichkeit, eben so wie die reine, in zwei Gattungen
+eintheilen, in die _äussere_ und _innere_. Die erstere besteht in
+theoretischer Rücksicht darin, wenn man sich alles unter die empirischen
+Bedingungen der äußern Sinne, alles hörbar, fühlbar, sichtbar u. s. w.
+denkt, und auch alles wirklich sehen, hören, fühlen will, und damit ist
+immer eine gänzliche Unfähigkeit zum Nachdenken, zu Verfolgung einer
+Reihe von Schlüssen, wenn es auch nur über Gegenstände der Natur ist,
+verbunden; und in praktischer, wenn man sich nur durch die Lust des
+äußern Sinns, bestimmen läßt. Dieses ist derjenige Grad derselben, den
+man auch rohe Sinnlichkeit nennt. Die zweite besteht in theoretischer
+Rücksicht darin, daß man sich alles wenigstens unter die empirischen
+Bedingungen unsers innern Sinns, alles modificirbar denkt, und es auch
+wirklich modificiren will; und in praktischer, wenn man sich durch
+nichts höheres bestimmen läßt, als durch die Lust des innern Sinns.
+Dahin gehört die Lust am Spiel, am Dichten, am Schönen (aber nicht am
+Erhabnen), selbst am Nachdenken, am Gefühl seiner Kraft, und sogar das
+Mitgefühl, ob es gleich der edelste aller sinnlichen Triebe ist. Wenn
+diese Sinnlichkeit herrschend ist, d. i. wenn wir blos und lediglich
+durch ihren Antrieb und nie durch das Moralgesetz uns bestimmen lassen,
+so ist klar, dass sie allen Willen gut zu seyn, und alle Moralität
+gänzlich ausschließt. Aber bei den meisten Menschen hat sie zwar bei
+weitem das Übergewicht, und sie werden in den meisten Fällen blos durch
+sie bestimmt; aber dennoch sind sie darum noch nicht überhaupt aller
+reinmoralischen Handlungen unfähig, und haben wenigstens noch soviel
+moralisches Gefühl, um die Sträflichkeit und Unanständigkeit ihrer
+Handlungsart in auffallenden Fällen oder bei gewissen Veranlassungen zu
+fühlen, und sich deren zu schämen. Gesetzt aber, sie wendeten das
+Moralgesetz auch nie auf sich selbst an, und hätten nie Schaam oder
+Reue über ihre eigne Unvollkommenheit empfunden, so zeigt es sich doch
+in ihrer Beurtheilung der Handlungen andrer, in ihrer oft starken
+Misbilligung derselben aus richtigen moralischen Gründen, dass sie des
+moralischen Sinns nicht gänzlich unfähig sind. Auf Menschen von dieser
+Art, sollte man glauben, würde man eben von der Seite aus, wo sie noch
+Empfänglichkeit für Moralität zeigen, wirken, -- man würde sich eben der
+Grundsätze, die sie auf andre anwenden, bedienen können, um ihnen über
+ihren eignen Zustand die Augen zu öffnen, sie so allmählich zum guten
+Willen, und durch ihn endlich zur Religiosität zu führen. Es müsste
+also, zum Behufe der Nothwendigkeit einer Offenbarung gezeigt werden
+können, dass Menschen, und ganze Menschengeschlechter möglich seyen, die
+durch herrschende Sinnlichkeit des Sinns für Moralität entweder
+gänzlich, oder doch in einem so hohen Grade beraubt wären, dass man von
+diesem Wege aus gar nicht auf sie wirken könne; welche sich des
+Moralgesetzes in ihnen entweder gar nicht, oder doch so wenig bewusst
+seyen, dass man auf diesen Grund in ihnen gar nichts bauen könne. Es
+lässt sich _a priori_ wol denken, daß die Menschheit entweder von ihrem
+Ursprünge an, oder durch mancherlei Schicksale in so eine Lage habe
+kommen können, daß sie, in beständigem harten Kampfe mit der Natur um
+ihre Subsistenz, genöthigt gewesen sey, alle ihre Gedanken stets auf
+das, was vor ihren Füßen lag, zu richten; auf nichts denken zu können,
+als auf das Gegenwärtige; und kein ander Gesetz hören zu können, als das
+der Noth. In so einer Lage ist es unmöglich, dass das moralische Gefühl
+erwache, und sittliche Begriffe sich entwickeln: aber die Menschheit
+wird nicht immer, sie wird außer besondern Fällen nicht lange in
+derselben bleiben: sie wird durch Hülfe der Erfahrung sich Regeln
+machen, und Maximen ihres Verhaltens abstrahiren. Diese Maximen, blos
+durch Erfahrung in der Natur entstanden, werden auch blos auf diese
+angewendet seyn, und möglichen moralischen Regeln oft widersprechen. Sie
+werden sich dennoch, durch ihre Anwendbarkeit und durch das allgemeine
+Beispiel bewährt, von Generation auf Generation fortpflanzen, und
+vermehrt werden; und nun werden sie es seyn, die die Möglichkeit der
+Moralität vernichten, nachdem jene dringende Noth, die vor ihnen es
+that, durch sie zum Theil gehoben ist. Denkt man an die Bewohner des
+Feuerlandes, welche ihr Leben in einem Zustande, der so nahe an die
+Thierheit gränzt, hinbringen, an die meisten Bewohner der Südsee-Inseln,
+welchen der Diebstahl etwas ganz gleichgültiges zu seyn, und welche sich
+desselben nicht im geringsten zu schämen scheinen, an jene Negern,
+welche ohne langes Bedenken ihre Frau, oder ihre Kinder gegen einen
+Trunk Brandwein in die Sklaverei verkaufen, so scheint man die erstere
+Bemerkung in der Erfahrung bestätigt zu finden; und um sich von der
+Richtigkeit der zweiten zu überzeugen, hat man nur die Sitten und
+Maximen policirter Völker zu studiren.
+
+Wie soll nun die Menschheit aus diesem Zustande zur Moralität, und durch
+sie zur Religion gelangen? Kann sie dieselbe nicht selbst finden? Um
+diese Frage bestimmter zu beantworten, müssen wir dasjenige, was hierzu
+vorausgesetzt wird, mit ihrem Zustande, vergleichen. Um zu entscheiden,
+ob ein Volk der Sittlichkeit überhaupt in seinem gegenwärtigen Zustande
+fähig sey, oder nicht, ist es nicht genug, ihr Verhalten zu betrachten,
+und der Schluß: ein gewisses Volk begeht allgemein, und ohne Spur der
+geringsten Schaam, Handlungen, die gegen die ersten Grundsätze aller
+Moral streiten, also ist es ohne alles moralisches Gefühl; ist übereilt.
+Man muß untersuchen, ob sich denn nicht einmal der Begriff von Pflicht
+überhaupt, wenn gleich noch so dunkel gedacht, bei ihnen zeige, und wenn
+man denn da z. B. nur soviel findet, daß sie auf die Beobachtung eines
+Vertrags, die sie nicht erzwingen können, auch in dem Falle, da es dem
+zweiten Theile zuträglich wäre ihm nicht zu halten, trauen, und in
+diesem Vertrauen sich wagen; daß sie im Fall der Verletzung desselben
+lebhaftern und bitterern Unwillen zeigen, als sie über den ihnen dadurch
+zugefügten Schaden an sich zeigen würden; so muß man ihnen den Begriff
+der Pflicht überhaupt zugestehen. Nun aber ist ohne dieses Vertrauen
+auf Beobachtung der Verträge es auch nicht einmal möglich, sich
+zur Gesellschaft zu verbinden. Jedes Volk also, das nur in
+gesellschaftlicher Vereinigung lebt, ist nicht ohne allen moralischen
+Sinn. Aber leider ist es allgemeine Gewohnheit aller derer, bei denen
+die Sinnlichkeit herrschend ist, sich dieses Gefühls nicht sowohl als
+Bestimmungsgrundes ihrer eignen Handlungen, als vielmehr blos und
+lediglich als Beurtheilungsprincips der Handlungen anderer zu bedienen.
+Ja, sie gehen wol so weit, besonders wenn die Sinnlichkeit schon in
+Maximen gebracht ist, eine Aufopferung, eine Verleugnung des Eigennutzes
+für die Pflicht, sich als lächerliche Thorheit anzurechnen, und sich
+derselben zu schämen; sich also stets und immer als blos unter dem
+Naturbegriffe stehend zu betrachten; verfahren endlich auch wol so
+konsequent, es auch dem ändern für eben das anzurechnen, wofern sie
+nicht etwa selbst persönlich dabei interessirt, und durch die
+Pflichtverletzung des ändern an ihrem eignen Vortheile gekränkt worden
+sind. Nur im letztern Falle erinnern sie sich, daß es Pflichten giebt;
+und dies macht denn die Entwickelung dieses Begriffs, wo wir ihn mit
+herrschender Sinnlichkeit vereinigt antreffen, sehr verdächtig, und
+berechtigt uns zu glauben, daß blos das Princip der letztern, das des
+Eigennutzes, sie bewirkt habe. Mit herrschender Sinnlichkeit ist also
+sogar der Wille, moralisch gut zu seyn, nicht zu vereinigen. Da aber
+dieser Wille unumgänglich nöthig ist, um eine Religion als Mittel einer
+stärkern Bestimmung durchs Moralgesetz zu _suchen_, so kann die
+Menschheit in diesem Zustande nie von selbst eine Religion finden, denn
+sie kann sie nicht einmal suchen.
+
+Und wenn sie dieselbe auch suchen könnte, so kann sie sie nicht
+_finden_. Um sich auf die oben entwickelte Art zu überzeugen, daß Gott
+es ist, der durchs Moralgesetz zu uns redet, bedarf es vor's erste des
+Begriffe einer Schöpfung der Welt durch eine Ursache außer ihr. Auf
+diesen Begriff wird die Menschheit, selbst die noch sehr ungebildete
+Menschheit, leicht kommen. Sie ist _a priori_ genöthigt, sich absolute
+Totalität der Bedingungen zu denken; und sie schließt die Reihe
+derselben nur eher und schneller, je weniger sie gebildet, und je
+unfähiger sie ist, eine lange Reihe zu verfolgen. Daher wird unter
+rohsinnlichen Menschen alles voll von Glauben an übernatürliche
+Ursachen, an Dämonen ohne Zahl seyn. Eine gebildetere Sinnlichkeit wird
+sich vielleicht zum Begriffe einer einzigen ersten Ursache, eines
+kunstvollen Architekten der Welt erheben. Aber zum Behuf einer Religion
+brauchen, wir nicht diesen, sondern den von einem _moralischen_
+Weltschöpfer, und, um zu ihm zu gelangen, den Begriff eines moralischen
+Endzwecks der Welt. Nun wird abermals die Sinnlichkeit zwar leicht auf
+den Begriff von möglichen Zwecken in der Weit kommen, weil sie selbst
+durch die Vorstellung von Zwecken bei ihren Geschäften hienieden
+geleitet wird: aber der Begriff eines moralischen _Endzwecks_ der
+Schöpfung ist nur dem gebildeten moralischen Gefühle möglich. Der blos
+sinnliche Mensch wird also nie weder auf ihn, noch durch ihn auf das
+Princip einer Religion kommen.
+
+Vor's erste, wenn doch ein Mittel sollte ausfindig gemacht werden,
+Religion an ihn zu bringen, wozu bedarf er ihrer? Der beste moralische
+Mensch, der nicht nur den ernsten Willen hätte, dem Moralgesetze zu
+gehorchen, sondern auch die völlige Freiheit, bedurfte ihrer blos dazu,
+um die Empfindung der Verehrung und Dankbarkeit gegen das höchste Wesen
+auf irgend eine Art zu befriedigen. Derjenige, der zwar eben den ernsten
+Willen, aber nicht völlige Freiheit hatte, bedurfte ihrer, um der
+Autorität des Moralgesetzes ein neues Moment hinzuzufügen, durch
+welches der Stärke der Neigung das Gegengewicht gehalten und die
+Freiheit hergestellt würde. Derjenige, der auch nicht den Willen hat,
+ein sittliches Gesetz anzuerkennen, und ihm zu gehorchen, bedarf ihrer,
+um nur erst diesen Willen, und dann durch ihn die Freiheit in sich
+hervorzubringen. Mit ihm hat also die Religion einen andern Weg zu
+nehmen. Die reine Vernunftreligion, sowohl als die natürliche, gründeten
+sich auf Moralgefühl: die geoffenbarte hingegen soll selbst erst
+Moralgefühl begründen. Die erstere fand gar keinen Widerstand, sondern
+alle Neigungen im Subjekte bereit, sie anzunehmen; die zweite hatte nur
+in einzelnen Fällen die Neigungen zu bekämpfen, kam aber im Ganzen
+erwünscht, und gesucht; die letztere hat nicht nur allen unmoralischen
+Neigungen, sondern sogar dem völligen Widerstreben, überhaupt ein Gesetz
+anzuerkennen, und der Abneigung gegen sie selbst, die sie das Gesetz
+gültig machen will, das Gegengewicht zu haben. Sie kann also und wird
+sich wichtigerer Momente bedienen, so viel es geschehen kann, ohne der
+Freiheit Abbruch zu thun, d. h. ohne gegen ihren eignen Zweck zu
+handeln.
+
+Durch welchen Weg nun kann diese Religion an die so beschaffne
+Menschheit gelangen? Natürlich auf eben dem, auf welchem alles an sie
+gelangt, was sie sich denkt, oder wodurch sie sich bestimmen läßt, auf
+dem der Sinnlichkeit. Gott muß sich ihnen unmittelbar durch die Sinne
+ankündigen, unmittelbar durch die Sinne Gehorsam von ihnen verlangen.
+
+Aber hier sind noch zwei Fälle möglich, nemlich entweder Gott entwickelt
+durch eine übernatürliche Wirkung in der Sinnenwelt in dem Herzen eines
+oder mehrerer, die er zu seinen Mittelspersonen an die Menschheit
+ausersehen hat, auf dem Wege des Nachdenkens das moralische Gefühl, und
+bauet auf eben dem Wege auf dasselbe das Princip aller Religion, mit dem
+Befehle, an den übrigen Menschen eben das zu thun, was er an ihnen
+gethan hat: oder er kündigt geradezu dieses Princip an, und gründet es
+auf seine Autorität, als Herr. Im erstem Falle wären wir nicht einmal
+genöthigt, Gott als unmittelbare Ursache dieser übernatürlichen Wirkung
+anzunehmen, sondern, ob wir gleich ein allgemeines sittliches Verderben
+der Menschheit angenommen haben, so könnte doch recht füglich eins der
+möglichen höhern moralischen Wesen Ursache einer solchen Wirkung seyn.
+Finden wir aber anderweitige Gründe, den Grund einer solchen Wirkung
+unmittelbar in Gott zu setzen, so werden wir diese Gründe dadurch gar
+nicht entkräften, wenn wir sagen, es sey Gott unanständig, den Pädagogen
+zu machen; denn nach unsrer Erkenntniß von Gott ist nichts ihm
+unanständig, als was gegen das Moralgesetz ist. In diesem Falle hätten
+wir denn auch, ununtersucht, welches moralische Wesen die veranlassende
+Ursache dieser Entwickelung sey, keine Offenbarung, sondern eine auf
+einem übernatürlichen Wege an uns gebrachte Naturreligion. Wenn dieses
+Mittel nur möglich und zur Erreichung des Zwecks hinlänglich war, so war
+keine Offenbarung, d. i. keine _unmittelbar_ auf Gottes Autorität
+gegründete Ankündigung desselben, als Gesetzgebers, nöthig. Laßt uns
+einen Augenblick annehmen, Gott wolle sich desselben bedienen. Er wird
+ohne Zweifel in den Seelen derer, auf die er wirkt, die erwartete
+vernünftige Überzeugung hervorbringen. Diese werden seinem Befehle, und
+ihrem eignen Gefühl der Verbindlichkeit, Moralität weiter zu verbreiten,
+gemäß, sich an die übrige Menschheit wenden, und eben diese Überzeugung
+auf eben dem Wege in ihnen aufzubauen suchen, auf welchem sie in ihnen
+selbst aufgebaut wurde. Es liegt weder in der menschlichen Natur
+überhaupt, noch in der empirischen Beschaffenheit der angenommenen
+Menschen insbesondre ein Grund, warum es diesen Abgeordneten unmöglich
+seyn sollte, ihren Zweck zu erreichen, wenn sie nur Gehör finden, wenn
+sie sich nur Aufmerksamkeit verschaffen können. Aber wie wollen sie sich
+diese verschaffen bei Menschen, die schon im Voraus gegen das Resultat
+ihrer Vorstellungen eingenommen seyn müssen? Was wollen sie diesen das
+Nachdenken scheuenden Menschen geben, damit sie die Mühe desselben auf
+sich nehmen, um die Wahrheit einer Religion erkennen zu müssen, welche
+ihre Neigungen einschränken und sie unter ein Gesetz bringen will? Es
+bleibt also nur der letzte Fall übrig: sie müssen ihre Lehren unter
+göttlicher Autorität, und als seine Gesandten an die Menschheit,
+ankündigen.
+
+Auch dies scheint wieder auf zweierlei Art möglich zu seyn, daß nemlich
+Gott entweder auch dieser seiner Gesandten Glauben schlechthin auf
+Autorität gründe, oder daß er nur wolle, und es von ihrer eignen
+Einsicht erwarte, daß sie dasjenige, was auf dem bloßen Wege des
+Nachdenkens durch irgend ein Mittel aus ihrem Herzen entwickelt worden,
+den übrigen Menschen unter göttlicher Autorität ankündigen, insofern sie
+einsehen, daß kein anderes Mittel übrig ist, Religion an sie zu bringen.
+Das letztere aber ist unmöglich; denn dann hätte Gott gewollt, daß diese
+seine Abgeordneten, -- zwar in der wohlthätigsten Absicht, -- aber doch,
+daß sie lügen und betrügen sollten: Lügen und Betrug aber bleibt immer,
+in welcher Absicht er auch geschehe, unrecht, weil das nie Princip einer
+allgemeinen Gesetzgebung werden kann; und Gott kann nie etwas unrechtes
+wollen.
+
+Man könnte endlich sich drittens noch als möglich denken, Gott habe
+gewollt, daß sich diese angeblichen Inspirirten täuschen, und eine auf
+Autorität gegründete Ankündigung der göttlichen Moralgesetzgebung, die
+ganz natürlich, z. B. durch die vom Wunsche darnach aufgeregte Phantasie
+in ihnen entstanden wäre, einer übernatürlichen Ursache zuschreiben
+sollten. Da jede kategorische Antwort auf diese Frage, die bejahende
+sowohl, als die verneinende, sich lediglich auf theoretische Principien
+gründen könnte, weil von Erklärung einer Naturerscheinung nach derselben
+Gesetzen die Rede ist; alle Naturphilosophie aber nicht so weit reicht,
+um zu beweisen, daß etwas in der Sinnenwelt _nur_ durch Gesetze der
+Natur, oder, daß es durch sie _nicht_ möglich sey; so kann diese
+Behauptung, auf Erörterung einer Offenbarung _in concreto_ angewandt,
+nie, weder bewiesen, noch widerlegt werden; sie gehört aber auch nicht
+in die Untersuchung vom möglichen Ursprünge einer geoffenbarten
+Religion, als welche blos aus praktischen Principien angestellt wird.
+Allerdings könnte eine gewisse Wirkung, als Naturerscheinung betrachtet,
+aus uns entdeckbaren Naturgesetzen entstanden seyn, und dennoch könnte
+es zugleich dem Begriffe eines vernünftigen Wesens sehr gemäß seyn, daß
+wir sie, wenigstens bis zur Erreichung ihrer moralischen Absicht, einer
+übernatürlichen Ursache zuschrieben; und jener disjunktive Satz: Gewisse
+angebliche Inspirirten waren entweder wirklich inspirirt, oder sie waren
+Betrüger, oder sie waren Schwärmer -- richtiger, und gelinder
+ausgedrückt, sie waren unvollkommne Naturforscher -- reicht bei weitem
+nicht hin, durch ihn die kategorischen Behauptungen, auf welche er
+ausgeht, zu begründen. Denn erstens heben die Begriffe, die als Glieder
+der Eintheilung neben einander gestellt sind, sich nicht wechselseitig
+auf. Die Möglichkeit, den letztern anzunehmen, muß aus Naturbegriffen
+widerlegt, oder bewiesen werden; die Möglichkeit der beiden erstem aber
+kann nur aus praktischen Principien dargethan werden: beide Principien
+aber treffen, sich nicht, und aus dem einen kann sehr wohl bejaht
+werden, was das andre verneint. Der letzte Fall also, und einer von den
+beiden erstern, sind zugleich möglich, nur die beiden erstern
+widersprechen sich. Zweitens ist die Unmöglichkeit des letztern nie in
+einem gegebnen Falle darzuthun. Aber dies alles wird erst in der Folge,
+wo wir von der physischen Möglichkeit der erwarteten übernatürlichen
+Wirkung in der Sinnenwelt reden werden, seine völlige Deutlichkeit
+erhalten.
+
+Da also die Möglichkeit des letztern Falles, die wir freilich nicht
+wegräumen können, uns nicht irre machen darf, so können wir nun aus
+allem bis jetzt bewiesenen sicher folgende Resultate ziehen: Die
+Menschheit kann so tief in moralischen Verfall gerathen, daß sie nicht
+anders zur Sittlichkeit zurückzubringen ist, als durch die Religion, und
+zur Religion nicht anders, als durch die Sinne: eine Religion, die auf
+solche Menschen wirken soll, kann sich auf nichts anders gründen, als
+unmittelbar auf göttliche Autorität: da Gott nicht wollen kann, daß
+irgend ein moralisches Wesen eine solche Autorität erdichte, so muß er
+selbst es seyn, der sie einer solchen Religion beilegt.
+
+Aber wozu soll nun diese Autorität? und worauf kann Gott, wenn er es mit
+Menschen, die in diesem Grade sinnlich sind, zu thun hat, sie gründen?
+Offenbar nicht auf eine Erhabenheit, für welche sie keinen Sinn und
+keine Ehrfurcht haben, auf seine Heiligkeit, als welches das moralische
+Gefühl in ihnen schon voraussetzen würde, das erst durch die Religion
+entwickelt werden soll; sondern auf diejenige, für deren Bewunderung sie
+aus Naturgründen empfänglich sind, auf seine Größe, und Macht als Herr
+der Natur und als ihr Herr. Nun aber ist es Heteronomie, und bewirkt
+keine Moralität, sondern erzwingt höchstens Legalität, wenn wir nur
+darum uns dem Inhalte des Moralgesetzes gemäß betragen, weil ein
+übermächtiges Wesen es will; und eine auf diese Autorität gegründete
+Religion widerspräche folglich sich selbst. Aber diese Autorität soll
+denn auch nicht Gehorsam, sie soll nur Aufmerksamkeit auf die weiter
+vorzulegenden Motiven des Gehorsams begründen. Aufmerksamkeit aber, als
+eine empirische Bestimmung unsrer Seele, ist durch natürliche Mittel zu
+erregen. Es würde zwar offenbar widersprechend seyn, auch nur diese
+durch Furcht vor angedrohten Strafen dieses mächtigen Wesens, oder wol
+gar durch physische Mittel erzwingen, oder durch verheißne Belohnungen
+erschleichen zu wollen; widersprechend, weil Furcht und Hoffnung die
+Aufmerksamkeit mehr zerstreuen, als erregen, und höchstens nur ein
+mechanisches Nachsagen, aber keine auf vernünftige Überlegung gegründete
+Überzeugung, welche allein der Grund aller Moralität seyn muß,
+hervorbringen können; widersprechend, weil dies gleich anfangs das
+Princip aller Religion verfälschen, und Gott als ein Wesen darstellen
+würde, dem man sich noch durch etwas anderes, als durch moralische
+Gesinnungen, -- hier durch unwilliges Anhören von Dingen, an denen
+man kein Interesse hat, und durch ängstliches Nachplaudern
+derselben -- gefällig machen könnte. Aber die Vorstellung einer noch so
+großen Macht errege auch, so lange wir uns nicht im Widerstreite gegen
+sie denken, nicht Furcht, sondern Bewunderung, und Verehrung, die zwar
+nur auf pathologischen, und nicht moralischen, Gründen beruht, die aber
+unsre Aufmerksamkeit auf alles, was von dem mächtigen Wesen herkommt,
+kräftig hinzieht. So lange sich nun Gott noch nicht als moralischen
+Gesetzgeber, sondern blos als redende Person ankündigt, so denken wir
+uns noch nicht im Widerstreite gegen ihn; und wenn er sich als solchen
+ankündigt, so kündigt er uns zugleich seine Heiligkeit an, welche uns
+alle mögliche Furcht vor seiner Macht benimmt, indem sie uns zusichert,
+daß er nie einen willkührlichen Gebrauch von derselben gegen uns machen,
+sondern daß ihre Wirkungen auf uns gänzlich von uns selbst abhängen
+werden. Die Anforderung Gottes also an uns in einer möglichen
+Offenbarung, ihn _anzuhören_, gründet sich auf seine Allmacht, und
+unendliche Größe, und kann sich auf nichts anders gründen, indem Wesen,
+die einer Offenbarung bedürfen, vor's erste keiner andern Vorstellung
+von ihm fähig sind. Seine Anforderung aber ihm zu _gehorchen_, kann sich
+auf nichts anderes, als auf seine Heiligkeit gründen, weil sonst der
+Zweck aller Offenbarung, reine Moralität zu befördern, nicht erreicht
+würde; aber der Begriff der Heiligkeit sowohl, als die Verehrung gegen
+sie, muß schon vorher durch die Offenbarung entwickelt worden
+seyn. -- Wir haben einen erhabnen Ausspruch, der dies erläutert: Ihr
+sollt heilig seyn, denn ich bin heilig, spricht der Herr. Der Herr
+redet, als Herr, und fordert dadurch alles zur Aufmerksamkeit auf. Aber
+die Forderung der Heiligkeit gründet er nicht auf diese seine
+Herrschaft, sondern auf seine eigne Heiligkeit.
+
+Aber, wie sollen denn diese Menschen, ehe ihr sittliches Gefühl noch
+geweckt ist, beurtheilen, ob es Gott seyn könne, welcher redet? wird
+noch gefragt; und hier kommen wir dann auf die Beantwortung eines
+Einwurfs, der schon seit langem vor der Seele jedes Lesers geschwebt
+haben muß. Wir haben im vorigen §. bewiesen, daß der Begriff der
+Offenbarung vernünftiger Weise nur _a priori_ möglich sey, und _a
+posteriori_ gar nicht rechtmäßig entstehen könne; und in diesem haben
+wir gezeigt, daß es einen Zustand geben könne, ja daß die ganze
+Menschheit in diesen Zustand verfallen könne, in welchem es ihr
+unmöglich ist, _a priori_ auf den Begriff der Religion, und also auch
+der Offenbarung zu kommen. Dies sey ein förmlicher Widerspruch, kann man
+sagen: oder man kann uns das Dilemma vorlegen: Entweder fühlten die
+Menschen schon das sittliche Bedürfniß, das sie treiben konnte, eine
+Religion zu suchen, und hätten schon alle Moralbegriffe, die sie von den
+Wahrheiten derselben vernünftig überzeugen konnten; so bedurften sie
+keiner Offenbarung, sondern hatten schon _a priori_ Religion: oder sie
+fühlten weder jenes Bedürfniß, noch hatten sie jene Begriffe; so
+konnten sie sich nie aus moralischen Gründen von der Göttlichkeit einer
+Religion überzeugen; aus theoretischen konnten sie es auch nicht; sie
+konnten es also überhaupt nicht, und eine Offenbarung ist folglich
+unmöglich. Aber es folgt nicht, daß Menschen, die sich des Moralgebots
+in ihnen wenig bewußt waren, und durch dasselbe nicht zur Aufsuchung
+einer Religion getrieben werden konnten, also der Offenbarung bedurften,
+nicht nachher eben durch Hülfe dieser Offenbarung jenes Gefühl in sich
+entwickeln, und so geschickt werden konnten, eine Offenbarung zu prüfen,
+und so vernünftig zu untersuchen, ob sie göttlichen Ursprungs seyn
+könne, oder nicht. Es kündigte sich ihnen eine Lehre als göttlich an,
+und erregte dadurch wenigstens ihre Aufmerksamkeit. Entweder nahmen sie
+nun dieselbe sogleich für göttlich an; und da sie dies weder aus
+theoretischen Principien folgern, noch nach moralischen untersuchen
+konnten, weil noch bis jetzt ihr Moralgefühl unentwickelt war, nahmen
+sie etwas ganz ohne Grund an, und es war ein Glück für sie, wenn ihnen
+der Zufall nützlich wurde: oder sie verwarfen sie sogleich; so verwarfen
+sie wieder etwas ganz ohne Grund: oder endlich sie ließen die Sache
+unentschieden, bis sie vernünftige Gründe eines Unheils finden würden,
+und in diesem einzigen Falle handelten sie vernünftig. _Daß_ Gott rede,
+oder _daß_ er _nicht_ rede (als kategorische, aus theoretischen Gründen
+mögliche, Behauptung), konnten sie nie beweisen; ob er geredet haben
+_könne_, konnte nur aus dem Inhalte dessen erhellen, was in seinem Namen
+gesagt ward; sie mußten es also vor's, erste anhören. Wenn nun durch
+dieses Anhören ihr moralisches Gefühl entwickelt wurde, so wurde
+zugleich der Begriff einer Religion, und des möglichen Inhalts
+derselben, sie komme nun durch Offenbarung, oder ohne sie an uns,
+entwickelt; und nun konnten, und mußten sie, um zu einem vernünftigen
+Fürwahrhalten zu gelangen, die ihren als göttlich angekündigte
+Offenbarung mit ihrem nun entwickelten Begriffe einer Offenbarung
+_a priori_ vergleichen, und nach der Übereinstimmung oder
+Nichtübereinstimmung mit demselben ein Urtheil über sie fällen: und das
+lös't dann den vermeinten Widerspruch völlig auf. Ein vernünftiges
+Aufnehmen einer gegebnen Offenbarung, als göttlich, ist nur aus Gründen
+_a priori_ möglich, aber _a posteriori_ können, und müssen in gewissen
+Fällen, Gelegenheitsursachen gegeben werden, um diese Gründe zu
+entwickeln.
+
+Alle diese Untersuchungen nun haben den eigentlichen Fragepunkt mehr
+vorbereitet, als bestimmt und entwickelt. Da nemlich nach allem bisher
+gesagten kein vernünftiges Aufnehmen einer Offenbarung als göttlich,
+eher als nach völliger Entwickelung des Moralgefühls in uns, statt
+findet; da ferner nur auf dieses Gefühl, und den dadurch in uns
+begründeten Willen der Vernunft zu gehorchen, jeder Entschluß einem
+Gesetze Gottes zu gehorchen sich gründen kann: (§. 3.) so scheint die
+göttliche Autorität, worauf eine gegebne Offenbarung sich gründen
+könnte, ihren ganzen Nutzen zu verlieren, sobald es möglich wird, sie
+anzuerkennen. So lange nemlich eine solche Offenbarung noch arbeitet, um
+den Menschen zur Empfänglichkeit für Moralität zu bilden, ist es
+demselben völlig problematisch, ob sie göttlichen Ursprungs auch nur
+seyn könne, weil dies sich nur aus einer Beurtheilung derselben nach
+Moralprincipien ergeben, kann; sobald aber nach geschehener Entwickelung
+des Moralgefühls in ihm, eine solche Beurtheilung möglich ist, so
+scheint dies Moralgefühl allein hinlänglich seyn zu können, um ihn zum
+Gehorsam gegen das Moralgesetz, blos als solches, zu bestimmen. Und
+obgleich, wie ebenfalls oben (§. 3.) gezeigt worden, auch bei dem
+festesten Willen dem Moralgesetze, blos als Gesetze der Vernunft, zu
+gehorchen, einzelne Fälle möglich sind, in denen dasselbe einer
+Verstärkerung seiner Kausalität durch die Vorstellung, es sey Gottes
+Gesetz, bedarf, so ist doch in dem durch eine geschehene Offenbarung
+zur Moralität gebildeten Subjekte die Vorstellung dieser göttlichen
+Gesetzgebung sowohl ihrer Materie nach durch praktische
+Vernunftprincipien, als ihrer Form nach durch Anwendung derselben auf
+den Begriff einer Welt, völlig möglich, und es erscheint kein Grund,
+warum er sie sich, als durch eine übernatürliche Wirkung in der
+Sinnenwelt gegeben, denken sollte. Es muß also ein Bedürfniß, freilich
+nur ein empirisches, aufgezeigt werden, welchem nur durch die bestimmte
+Vorstellung einer _durch eine Wirkung in der Sinnenwelt geschehnen_
+Ankündigung Gottes als moralischen Gesetzgebers abgeholfen werden kann,
+wenn diese ganze Vorstellung nicht vergeblich, und der Begriff einer
+Offenbarung nicht leer seyn soll, indem ein Glaube an dieselbe
+allenfalls nützlich seyn könnte, so lange er nicht möglich ist, und
+sobald er möglich wird, seinen ganzen Nutzen verlöhre: denn unmöglich
+können wir die frommen Empfindungen über die zu unsrer Schwachheit sich
+herablassende Güte Gottes, u. dergl., die durch eine solche Vorstellung
+in uns entstehen müssen, als den ganzen bleibenden Nutzen einer
+Offenbarung angeben.
+
+Nun sind in obiger Deduktion des Offenbarungsbegriffs zum Behuf der
+realen Möglichkeit desselben nicht nur solche vernünftige Wesen
+Vorausgesetzt worden, in denen das Moralgesetz seine Kausalität auf
+immer, sondern auch solche, bei denen es dieselbe in einzelnen Fällen
+verlohren habe. Wo auch nicht der Wille ein Sittengesetz anzuerkennen,
+und ihm zu gehorchen, vorhanden ist, ist das Moralgesetz ganz ohne
+Kausalität; wo hingegen zwar dieser, aber nicht die völlige Freiheit da
+ist, verliert es seine Kausalität in einzelnen Fällen. Wie die
+Offenbarung die Wirksamkeit desselben im ersten Falle wieder herstelle,
+ist jetzt gezeigt worden: ob sie auch im zweiten einen ihr wesentlichen,
+nur durch sie möglichen Einfluß habe, davon ist jetzt die Frage. Da im
+ersten Falle die Offenbarung noch gar nicht als das, für was sie sich
+vernünftiger Weise anerkannt werden kann, so könnte man diese ihre
+Funktion -- die der Offenbarung _an sich_, insofern sie von unsrer
+Vorstellungsart ganz unabhängig ist, oder ihrer _Materie_ nach (_functio
+revelationis materialiter spectatae_) nennen; hingegen das, was sie im
+zweiten Falle zu leisten hätte, die Funktion der Offenbarung, insofern
+wir sie dafür anerkennen, oder ihrer _Form_ nach (_functio revelationis
+formaliter spectatae_), und, da Offenbarung eigentlich nur dadurch es
+wird, daß wir sie dafür erkennen, der Offenbarung _im eigentlichsten
+Sinne_.
+
+Wir haben oben bei Erörterung der Funktion einer Offenbarung ihrer
+Materie nach ganz richtig angenommen, daß dieselbe sich nur auf
+Subjekte beziehe, in denen auch nicht einmal der Wille dem
+Vernunftgesetze zu gehorchen vorhanden sey, daß sie hingegen in dieser
+Funktion diejenigen, denen es nicht an diesem Willen, wol aber an
+völliger Freiheit ihn zu vollbringen, mangelt, nicht zu Objekten habe,
+sondern daß zu Herstellung der Freiheit in dergleichen Subjekten die
+Naturreligion hinlänglich sey. Da nun durch die Offenbarung vermittelst
+ihrer ersten Funktion die Willensbestimmung durchs Moralgesetz möglich
+gemacht, mithin alle vernünftige Wesen zur zweiten Stuffe der
+moralischen Vollkommenheit erhoben werden sollen, so würde, wenn Wesen
+auf dieser zweiten Stuffe die Naturreligion stets genugthuend seyn
+könnte, gar keine Funktion der Offenbarung ihrer Form nach, nemlich
+keine Wirksamkeit derselben zu Herstellung der Freiheit statt finden,
+und, da dies die Funktion der Offenbarung im eigentlichsten Sinne ist,
+kein wahres Bedürfniß eines Glaubens an Offenbarung gezeigt werden
+können; fände sie aber statt, so scheint dies dem obigen Satze von der
+Hinlänglichkeit der Naturreligion zur Herstellung der Freiheit zu
+widersprechen. Wir haben also vor's erste zu untersuchen, ob sich ein
+Einfluß der Vorstellung von einer geschehnen Offenbarung auf das Gemüth
+zur Herstellung der gehemmten Freiheit des Willens denken lasse, und
+dann, wenn sich ein solcher Einfluß zeigen sollte, zu untersuchen, ob
+und inwiefern beide Behauptungen beisammenstehen können.
+
+Es ist eine der Eigentümlichkeiten des empirischen Charakters des
+Menschen, daß, so lange eine seiner Gemüthskräfte besonders aufgeregt,
+und in lebhafter Thätigkeit ist, andere, und das um desto mehr, jemehr
+sie sich, von jener entfernen, unthätig, und gleichsam erschlafft sind:
+und daß diese ihre Erschlaffung größer ist, je größer, die Thätigkeit
+jener. So vergeblich man sich bemühen würde, jemanden, der durch
+sinnlichen Reitz bestimmt, oder in einem heftigen Affekte ist, durch
+Vernunftgründe anders zu bestimmen; eben so sicher ist's, daß im
+Gegensatze eine Erhebung der Seele durch Ideen, oder eine Anstrengung
+derselben durch Nachdenken möglich ist, bei welcher sinnliche Eindrücke
+fast ihre ganze Kraft verlieren. Soll in solchen Fällen auf einen
+Menschen gewirkt werden, so kann es fast nicht anders geschehen, als
+vermittelst derjenigen Kraft, die eben jetzt in Thätigkeit ist, indem
+auf die übrigen kaum ein Eindruck zu machen ist, oder wenn er auch zu
+machen wäre, er nicht hinreichend seyn würde, den Willen des Menschen zu
+bestimmen.
+
+Einige Gemüthskräfte haben eine nähere Verwandtschaft, und einen größern
+wechselseitigen Einfluß auf einander, als andere. Denjenigen, der vom
+Sinnenreize fortgerissen ist, wird man durch Vernunftgründe vergeblich
+zurückhalten wollen, aber durch Darstellung eines andern sinnlichen
+Eindrucks vermittelst der Einbildungskraft kann es sehr leicht, ohne
+Anwesenheit des sinnlichen Gegenstandes, also ohne unmittelbare
+Sinnenempfindung, gelingen. Alle durch empirische Sinnlichkeit
+bestimmbare Kräfte stehen in solcher Korrespondenz.
+
+Die der Pflicht widerstreitenden Bestimmungen werden alle durch
+Eindrücke auf diese Kräfte bewirkt; durch Sinnenempfindung, die entweder
+unmittelbar dem Gegenstande außer uns korrespondirt, oder die durch die
+empirische Einbildungskraft reproducirt wird, durch Affekten, durch
+Leidenschaften. Welches Gegengewicht soll nun der Mensch einer solchen
+Bestimmung entgegensetzen, wenn sie so stark ist, daß sie die Stimme der
+Vernunft gänzlich unterdrückt? Offenbar muß dies Gegengewicht durch eine
+Kraft des Gemüths an die Seele gebracht werden, welche von der einen
+Seite sinnlich, und also fähig ist einer Bestimmung der sinnlichen Natur
+des Menschen entgegenzuwirken, von der andern durch Freiheit bestimmbar
+ist, und Spontaneität hat: und diese Kraft des Gemüths ist die
+Einbildungskraft. Durch sie also muß das einzig mögliche Motiv einer
+Moralität, die Vorstellung der Gesetzgebung des Heiligen, an die Seele
+gebracht werden. Diese Vorstellung nun gründet in der Naturreligion sich
+auf Vernunftprincipien; ist aber diese Vernunft, wie wir voraussetzen,
+gänzlich unterdrückt, so erscheinen die Resultate derselben dunkel,
+ungewiß, unzuverlässig. Auch die Principien dieser Vorstellung also
+sollten durch die Einbildungskraft vorstellbar seyn. Dergleichen
+Principien nun wären Fakta in der Sinnenwelt, oder eine
+Offenbarung. -- Gott ist, denn er hat geredet, und gehandelt, muß sich
+der Mensch in solchen Augenblicken sagen können: er will, daß ich jetzt
+nicht so handle, denn er hat es ausdrücklich, mit solchen Worten, unter
+solchen Umständen, u. s. f., verboten; ich werde einst wegen der
+Entschließung, die ich jetzt fassen werde, unter gewissen bestimmten
+Feierlichkeiten ihm Rechenschaft geben. -- Sollen solche Vorstellungen
+aber Eindruck auf ihn machen, so muß er die denselben zum Grunde
+liegenden Fakta als völlig wahr und richtig annehmen können; sie müssen
+also nicht etwan durch seine eigne Einbildungskraft erdichtet, sondern
+ihr gegeben werden. Daß durch eine solche Vorstellung, der reinen
+Moralität einer durch sie bewirkten Handlung kein Abbruch gethan werde,
+folgt unmittelbar aus unsrer Voraussetzung, das durch die
+Einbildungskraft versinnlicht dargestellte Motiv solle kein andres als
+die Heiligkeit des Gesetzgebers, und nur das Vehikulum derselben solle
+sinnlich seyn.
+
+Ob inzwischen die Reinheit des Motivs nicht oft durch die Sinnlichkeit
+des Vehikulums leide, und ob nicht oft Furcht der Strafe, oder Hoffnung
+der Belohnung, auf einen durch die Vorstellung der Offenbarung bewirkten
+Gehorsam weit mehr Einfluß habe, als reine Achtung für die Heiligkeit
+des Gesetzgebers, hat eine allgemeine Kritik des Offenbarungsbegriffs
+eigentlich nicht zu untersuchen; sondern nur zu erweisen, daß dies _in
+abstracto_ nicht nothwendig sey, und _in concreto_ schlechterdings nicht
+geschehen dürfe, wenn die Religiosität ächt und nicht blos feinere
+Selbstsucht seyn solle. Da dies inzwischen nur zu leicht geschehen kann;
+da sich ferner im Allgemeinen nicht zeigen läßt, wenn, in wie weit, und
+warum überhaupt eine solche Verstärkung des Moralgesetzes durch
+Vorstellung einer Offenbarung nöthig sey; da endlich es schlechterdings
+nicht zu leugnen ist, daß nicht ein allgemeiner unbezweifelt auf das
+Moralgesetz gegründeter Trieb in uns sey, ein vernünftiges Wesen mehr zu
+ehren, je weniger Verstärkung die Idee des schlechthin Rechten in seinem
+Gemüthe bedarf, um ihn zu bewegen, es hervorzubringen; so läßt sich auch
+nicht leugnen, daß es weit ehrenvoller für die Menschheit seyn würde,
+wenn die Naturreligion stets hinlänglich wäre, sie in jedem Falle zum
+Gehorsam gegen das Moralgesetz zu bestimmen: und in diesem Sinne können
+denn beide Sätze wohl beisammenstehen, nemlich, daß sich _a priori_ (vor
+der wirklich gemachten Erfahrung) nicht einsehen lasse, warum die
+Vorstellung einer Offenbarung nöthig seyn sollte, um die gehemmte
+Freiheit herzustellen; daß aber die fast allgemeine Erfahrung in uns und
+andern uns fast täglich belehre, daß wir allerdings schwach genug sind,
+einer dergleichen Vorstellung zu bedürfen.
+
+
+§. 9.
+
+_Von der physischen Möglichkeit einer Offenbarung._
+
+Der Begriff der Offenbarung _a priori_, wie er durch Aufzeigung eines
+Bedürfnisses der empirischen Sinnlichkeit _a posteriori_ berechtigt ist,
+erwartet eine übernatürliche Wirkung in der Sinnenwelt. Ist diese auch
+überhaupt möglich? ist es überhaupt gedenkbar, daß etwas _außer_ der
+Natur eine Kausalität _in_ der Natur habe? könnte man dabei noch fragen:
+und wir beantworten diese Frage, um theils in die noch immer dunkle
+Lehre von der Möglichkeit des Beisammenstehens der Nothwendigkeit nach
+Natur-, und der Freiheit nach Moralgesetzen, wenigstens für unsre
+gegenwärtige Absicht, wo möglich, etwas mehr Licht zu bringen, theils um
+aus ihrer Erörterung eine für die Berichtigung des Begriffs der
+Offenbarung nicht unwichtige Folge herzuleiten.
+
+Daß es überhaupt möglich seyn müsse, ist erstes Postulat, das die
+praktische Vernunft _a priori_ macht, indem sie das Übernatürliche in
+uns, unser oberes Begehrungsvermögen, bestimmt, Ursache außer sich in
+der Sinnenwelt, entweder der in uns, oder der außer uns zu werden,
+welches hier Eins ist.
+
+Es ist aber vor's erste zu erinnern, daß es ganz zweierlei ist, ob wir
+sagen: der Wille, als oberes Begehrungsvermögen, ist frei; denn wenn das
+letztere heißt, wie es denn das heißt, er steht nicht unter
+Naturgesetzen, so ist dies sogleich einleuchtend, weil er, als oberes
+Vermögen, gar kein Theil der Natur, sondern etwas übersinnliches
+ist: -- oder ob wir sagen: eine solche Bestimmung des Willens wird
+Kausalität in der Sinnenwelt; wo wir allerdings fordern, daß etwas, das
+unter Naturgesetzen steht, durch etwas, das kein Theil der Natur ist,
+bestimmt werden soll, welches sich zu widersprechen und den Begriff von
+der Naturnothwendigkeit aufzuheben scheint, der doch den Begriff einer
+Natur überhaupt erst möglich macht.
+
+Hierauf ist vor's erste überhaupt zu erinnern, daß, so lange die Rede
+von bloßer Naturerklärung ist, es uns schlechterdings nicht erlaubt ist,
+eine Kausalität durch Freiheit anzunehmen, weil die ganze
+Naturphilosophie von einer solchen Kausalität nichts weiß; und
+hinwiederum, so lange die Rede von bloßer Bestimmung des obern
+Begehrungsvermögens ist, es gar nicht nöthig ist, auf die Existenz
+einer Natur überhaupt Rücksicht zu nehmen. Beide Kausalitäten, die des
+Natur- und die des Moralgesetzes, sind sowohl der Art ihrer Kausalität,
+als ihrer Objekte nach, unendlich verschieden. Das Naturgesetz gebietet
+mit absoluter Nothwendigkeit, das Moralgesetz befiehlt der Freiheit; das
+erstere beherrscht die Natur, das zweite die Geisterwelt. _Muß_, das
+Losungswort des ersten, und _Soll_, das Losungswort des zweiten, reden
+von ganz verschiednen Dingen, und können sich, auch einander
+entgegengesetzt, nicht widersprechen, denn sie begegnen sich nicht.
+
+Ihre Wirkungen in der Sinnenwelt aber begegnen sich, und dürfen sich
+auch nicht widersprechen, wenn nicht entweder Naturerkenntniß von der
+einen, oder die durch die praktische Vernunft geforderte Kausalität der
+Freiheit in der Sinnenwelt von der andern Seite unmöglich seyn soll. Die
+Möglichkeit dieser Übereinkunft zweier von einander selbst gänzlich
+unabhängiger Gesetzgebungen läßt sich nun nicht anders denken, als durch
+ihre gemeinschaftliche Abhängigkeit von einer obern Gesetzgebung, welche
+beiden zum Grunde liegt, die für uns aber gänzlich unzugänglich ist.
+Könnten wir das Princip derselben einer Weltanschauung zum Grunde legen,
+so würde nach ihm, eine, und eben dieselbe Wirkung, die uns auf die
+Sinnenwelt bezogen nach dem Moralgesetze als _frei_, und auf Kausalität
+der Vernunft zurückgeführt, in der Natur als _zufällig_ erscheint, als
+völlig nothwendig erkannt werden. Da wir aber dies nicht können, so
+folgt daraus offenbar, daß wir, sobald wir auf eine Kausalität durch
+Freiheit Rücksicht nehmen, nicht alle Erscheinungen in der Sinnenwelt
+nach bloßen Naturgesetzen als nothwendig, sondern viele nur als zufällig
+annehmen müssen; und daß wir sonach nicht alle _aus_ den Gesetzen der
+Natur, sondern manche blos _nach_ Naturgesetzen erklären dürfen. _Etwas
+blos nach Naturgesetzen erklären_ aber heißt: die Kausalität der Materie
+der Wirkung außer der Natur; die Kausalität der Form der Wirkung aber in
+der Natur annehmen. _Nach_ den Gesetzen der Natur müssen sich alle
+Erscheinungen in der Sinnenwelt erklären lassen, denn sonst könnten sie
+nie ein Gegenstand der Erkenntniß werden.
+
+Laßt uns jetzt diese Grundsätze auf jene erwartete übernatürliche
+Einwirkung Gottes in die Sinnenwelt anwenden. Gott ist, laut der
+Vernunftpostulate, als dasjenige Wesen zu denken, welches die Natur dem
+Moralgesetze gemäß bestimmt. In ihm also ist die Vereinigung beider
+Gesetzgebungen, und seiner Weltanschauung liegt jenes Princip, von
+welchem sie beide gemeinschaftlich abhängen, zum Grunde. Ihm ist also
+nichts natürlich, und nichts übernatürlich, nichts nothwendig, und
+nichts zufällig, nichts möglich, und nichts wirklich. Soviel können wir
+negativ, durch die Gesetze _unsers_ Denkens genöthigt, sicher behaupten;
+wenn wir aber positiv die Modalität seines Verstandes bestimmen wollten,
+so würden wir transscendent. Es kann also die Frage gar nicht davon
+seyn, wie _Gott_ eine übernatürliche Wirkung in der Sinnenwelt sich als
+möglich denken, und wie er sie wirklich machen könne; sondern wie _wir_
+uns eine Erscheinung als durch eine übernatürliche Kausalität Gottes
+gewirkt denken können?
+
+Wir sind durch unsre Vernunft genöthigt, das ganze System der
+Erscheinungen, die ganze Sinnenwelt zuletzt von einer Kausalität durch
+Freiheit nach Vernunftgesetzen, und zwar von der Kausalität Gottes
+abzuleiten. Die ganze Welt ist für uns übernatürliche Wirkung Gottes. Es
+ließe sich also wol denken, daß Gott die erste natürliche Ursache einer
+gewissen Erscheinung, die einer seiner moralischen Absichten gemäß war,
+gleich Anfangs (denn wir dürfen hier ganz menschlich reden, da wir hier
+nicht objektive Wahrheiten, sondern subjektive Denkmöglichkeiten
+aufstellen) in den Plan des Ganzen verflochten habe. Die Einwendung, die
+man dagegen gemacht hat: das heiße durch einen Umweg thun, was man
+geradezu thun könne; gründet sich auf eine grobe Anthropomorphose, als
+ob Gott unter Zeitbedingungen stehe. In diesem Falle würde die
+Erscheinung ganz und vollkommen aus den Gesetzen der Natur, bis zum
+übernatürlichen Ursprünge der ganzen Natur selbst, erklärt werden
+können, wenn wir dieselbe im Zusammenhange Übersehen könnten; und
+dennoch wäre sie auch zugleich, als durch die Kausalität eines
+göttlichen Begriffs vom moralischen dadurch zu erreichenden Zwecke
+bewirkt, anzusehen.
+
+Oder wir könnten für's zweite annehmen, Gott habe wirklich in die schon
+angefangne, und nach Naturgesetzen fortlaufende Reihe der Ursachen und
+Wirkungen einen Eingriff gethan, und durch unmittelbare Kausalität
+seines moralischen Begriffs eine andre Wirkung hervorgebracht, als durch
+die bloße Kausalität der Naturwesen nach Naturgesetzen würde erfolgt
+seyn; so haben wir hierdurch wieder nicht bestimmt, bei _welchem_ Gliede
+der Kette er eingreifen sollte, ob eben bei dem der beabsichtigten
+Wirkung unmittelbar vorhergehenden, oder ob er es nicht auch bei einem
+der Zeit und den Zwischenwirkungen nach vielleicht sehr weit von ihr
+entfernten thun konnte. Nehmen wir den zweiten Fall an, so werden wir,
+wenn wir die Naturgesetze durchaus kennen, die Erscheinung, von der die
+Rede ist, nach Naturgesetzen richtig aus der vorhergehenden, und diese
+wieder aus der vorhergehenden, und so vielleicht ins Unendliche fort,
+erklären können, bis wir endlich freilich auf eine Wirkung stoßen, die
+wir nicht mehr aus, sondern blos nach Naturgesetzen erklären können.
+Gesetzt aber, wir könnten oder wollten dieser Reihe der natürlichen
+Ursachen nur bis auf einen gewissen Punkt nachspüren; so wäre es sehr
+möglich, daß innerhalb dieser uns gesetzten Grenzen jene nicht mehr
+natürlich zu erklärende Wirkung nicht fiele: aber wir wären dadurch noch
+gar nicht berechtiget, zu schließen, daß die untersuchte Erscheinung
+überhaupt nicht durch eine übernatürliche Kausalität bewirkt seyn
+könnte. Nur im ersten Falle also würden wir sogleich von der Erscheinung
+aus auf eine aus Naturgesetzen nicht zu erklärende Kausalität stoßen,
+die es uns theoretisch möglich machte, eine übernatürliche für sie
+anzunehmen.
+
+Aber will Gott nicht, daß der sinnliche Mensch, gegen welchen er sich
+durch diese Wirkung als Urheber der Offenbarung legitimirt, sie für
+übernatürlich anerkennen solle? Es würde nicht anständig seyn, zu sagen,
+Gott wolle, daß wir jenen falschen Schluß machen sollten, auf welchen
+eine _theoretische Anerkennung_ einer Erscheinung in der Natur, als
+durch eine Kausalität außer ihr bewirkt, sich nach obiger Erörterung
+offenbar gründet. Aber da sie denn auch nicht Überzeugung, welches sie
+nicht kann, sondern nur Aufmerksamkeit begründen soll, so ist es für
+diese Absicht völlig hinreichend, wenn wir es indeß, bis wir der
+moralischen Überzeugung fähig sind, theoretisch nur für _möglich_
+annehmen, daß sie durch übernatürliche Kausalität bewirkt worden seyn
+_könne_, und dazu (um es _theoretisch_ möglich zu denken, denn um es
+moralisch _möglich_ zu finden, gehört laut obiger Erörterung auch nicht
+einmal das,) gehört weiter nichts, als daß _wir_ keine natürliche
+Ursachen dieser Erscheinung sehen. Denn es ist der Vernunft ganz gemäß
+gedacht: wenn ich eine Begebenheit nicht aus Naturursachen erklären
+kann, so kommt dies entweder daher, weil ich die Naturgesetze, nach
+denen sie möglich ist, nicht kenne, oder daher, weil sie nach
+dergleichen Gesetzen überhaupt nicht möglich ist[19]. -- Wen faßt nun
+hier dieses _Wir_ in sich? Offenbar diejenigen, und nur sie, welche in
+dem Plane der zu erregenden Aufmerksamkeit befaßt sind. Gesetzt also,
+man könnte, nachdem dieser Zweck erreicht, und die Menschheit zur
+Fähigkeit eines moralischen Glaubens an die Göttlichkeit einer
+Offenbarung erhoben ist, durch erhöhte Einsicht in die Gesetze der Natur
+zeigen, daß gewisse für übernatürlich gehaltne Erscheinungen, auf welche
+diese Offenbarung sich gründet, aus Naturgesetzen völlig erklärbar
+seyen; so würde blos hieraus, wann nur diesem Irrthume nicht
+wilkührlicher geflissentlicher Betrug, sondern blos unwillkührliche
+Täuschung zum Grunde gelegen, gegen die mögliche Göttlichkeit einer
+solchen Offenbarung gar nichts gefolgert werden können: da eine Wirkung,
+besonders wenn sie dem Urgrunde aller Naturgesetze zugeschrieben wird,
+gar wohl völlig natürlich, und doch zugleich übernatürlich, d. i. durch
+die Kausalität seiner Freiheit, gemäß dem Begriffe einer moralischen
+Absicht, gewirkt seyn kann.
+
+Das Resultat des hier gesagten ist, daß, so wenig es dem dogmatischen
+Vertheidiger des Offenbarungsbegriffs erlaubt werden dürfe, aus der
+Unerklärbarkeit einer gewissen Erscheinung aus Naturgesetzen auf eine
+übernatürliche Kausalität, und wol gar geradezu auf die Kausalität
+Gottes zu schließen; eben so wenig sey es dem dogmatischen Gegner
+desselben zu verstatten, aus der Erklärbarkeit eben dieser Erscheinungen
+aus Naturgesetzen zu schließen, daß sie weder durch übernatürliche
+Kausalität überhaupt, noch insbesondre durch Kausalität Gottes möglich
+seyen. Die ganze Frage darf gar nicht dogmatisch, nach theoretischen
+Principien, sondern sie muß moralisch, nach Principien der praktischen
+Vernunft, erörtert werden, wie sich aus allem bisher gesagten zur
+Gnüge[TN11] ergiebt; wie dieses aber geschehen müsse, wird im Verfolge
+dieser Abhandlung gezeigt werden.
+
+
+§. 10.
+
+_Kriterien der Göttlichkeit einer Offenbarung ihrer Form nach._
+
+Um uns von der Möglichkeit, daß eine gegebne Offenbarung von Gott sey,
+vernünftig überzeugen zu können, müssen wir sichere Kriterien dieser
+Göttlichkeit haben. Da der Begriff einer Offenbarung _a priori_ möglich
+ist, so ist es dieser Begriff selbst, an den wir eine _a posteriori_
+gegebne Offenbarung halten müssen, d. i. von diesem Begriffe müssen
+sich die Kriterien ihrer Göttlichkeit ableiten lassen.
+
+Wir haben bisher den Begriff der Offenbarung, blos ihrer Form nach,
+insofern diese religiös seyn muss, mit gänzlicher Abstraktion vom
+möglichen Inhalte einer _in concreto_ gegebnen Offenbarung, erörtert;
+wir haben also vor jetzt nur die Kriterien der Göttlichkeit einer
+Offenbarung in Absicht ihrer Form festzusetzen. An der Form einer
+Offenbarung aber, d. i. an einer bloßen Ankündigung Gottes als
+moralischen Gesetzgebers durch eine übernatürliche Erscheinung in der
+Sinnenwelt, können wir zweierlei unterscheiden, nemlich das _äußere_
+derselben, d. i. die Umstände, unter welchen, und die Mittel, durch
+welche diese Ankündigung geschah, und dann das _innere_, d. i. die
+Ankündigung selbst.
+
+Der Begriff der Offenbarung _a priori_ setzt ein empirisch gegebnes
+moralisches Bedürfniß derselben voraus, ohne welches sich die Vernunft
+eine Veranstaltung der Gottheit, die dann überflüssig, und gänzlich
+zwecklos war, nicht als moralisch möglich denken konnte, und die
+empirische Deduktion der Bedingungen der Wirklichkeit dieses Begriffs
+entwickelte dieses Bedürfniß. Es muß also gezeigt werden können, daß zur
+Zeit der Entstehung einer Offenbarung, die auf einen göttlichen Ursprung
+Anspruch macht, dieses Bedürfniß wirklich da gewesen, und daß nicht
+schon eine andere, alle Kriterien der Göttlichkeit an sich tragende
+Religion unter eben den Menschen, denen sich diese bestimmte, vorhanden,
+oder ihnen leicht durch natürliche Mittel mitzutheilen war. _Eine
+Offenbarung, von der dies gezeigt werden kann, kann von Gott seyn: eine,
+von der das Gegentheil gezeigt werden kann, ist sicher nicht von
+Gott._ -- Es ist nöthig, dieses Kriterium ausdrücklich festzusetzen, um
+aller Schwärmerei und allen möglichen unberufenen Inspirirten jetziger
+oder künftiger Zeiten, Einhalt zu thun. Ist eine Offenbarung, ihrem
+Inhalte nach, verfälscht, so ist es Pflicht und Recht jedes tugendhaften
+Mannes, ihr ihre ursprüngliche Reinigkeit wiederzugeben, aber dazu
+bedarf es keiner neuen göttlichen Autorität, sondern bloßer Berufung auf
+die schon vorhandne, und Entwickelung der Wahrheit aus unserm
+moralischen Gefühle. Auch wird durch dieses Kriterium nicht schlechthin
+die Möglichkeit zweier zugleich existirender göttlicher Offenbarungen
+geleugnet, wenn die Besitzer derselben nur nicht in der Lage sind, sie
+sich mitzutheilen.
+
+Gott soll Ursache der Wirkungen seyn, durch welche die Offenbarung
+geschieht. Alles aber, was unmoralisch ist, widerspricht dem Begriffe
+von Gott. _Jede Offenbarung also, die sich durch unmoralische Mittel
+angekündigt, behauptet, fortgepflanzt hat, ist sicher nicht von
+Gott._ -- Es ist allemal, die Absicht mag seyn, welche sie wolle,
+unmoralisch, zu betrügen. Unterstützt also ein angeblich göttlicher
+Gesandter seine Autorität durch Betrug, so kann das Gott nicht gewollt
+haben. Überdies bedarf ein wirklich von Gott unterstützter Prophet
+keines Betrugs. Er führt nicht seine Absicht, sondern die Absicht Gottes
+aus, und kann es also Gott völlig überlassen, in wie weit, und wie er
+diese Absicht unterstützen wolle. Aber, könnte man noch sagen, der Wille
+des göttlichen Gesandten ist frei, und er kann, vielleicht aus
+wohlmeinender Absicht, mehr thun wollen, als ihm aufgetragen ist, die
+Sache noch mehr beglaubigen wollen, als sie schon beglaubigt ist, und
+dadurch zum Betruge hingerissen werden; und dann ist nicht Gott, sondern
+der Mensch, dessen er sich bediente, Ursache dieses Betruges. -- Wir
+dürfen nicht überhaupt leugnen, daß sich Gott nicht unmoralischer, oder
+moralisch schwacher Menschen zur Ausbreitung einer Offenbarung bedienen
+könne; denn wie, wenn keine andere da sind? und es werden, wo das
+höchste Bedürfniß der Offenbarung vorhanden ist, allerdings keine andere
+seyn. Aber er darf ihnen, wenigstens in Verrichtung seines Auftrags, den
+Gebrauch unmoralischer Mittel auch nicht zulassen; er müßte es durch
+seine Allmacht verhindern, wenn ihr freier Wille sich dahin lenkte. Denn
+wenn der Betrug entdeckt würde, -- und jeder Betrag kann es, -- so sind
+zwei Fälle möglich. Entweder die erregte Aufmerksamkeit verschwindet,
+und an ihre Stelle tritt der Verdruß, sich getäuscht zu sehen, und das
+Mistrauen gegen alles, was aus diesen oder ähnlichen Quellen kommt,
+welches dem bei dieser Anstalt überhaupt beabsichtigten Zwecke
+widerspricht: oder wenn die Lehre schon autorisirt genug ist, so wird
+dadurch auch der Betrug autorisirt; jeder hält sich für völlig erlaubt,
+was ein göttlicher Gesandter sich erlaubte; welches der Moralität, und
+dem Begriffe aller Religion widerspricht.
+
+Der Endzweck jeder Offenbarung ist reine Moralität. Diese ist nur durch
+Freiheit möglich, und läßt sich also nicht erzwingen. Nicht nur sie
+aber, sondern auch die Aufmerksamkeit auf Vorstellungen, welche dahin
+abzwecken, das Gefühl für sie zu entwickeln, und die Bestimmung des
+Willens beim Widerstreite der Neigung zu erleichtern, läßt sich nicht
+erzwingen, sondern Zwang ist ihr vielmehr entgegen. Keine göttliche
+Religion also muß durch Zwang oder Verfolgung sich angekündigt oder
+ausgebreitet haben: denn Gott kann sich keiner zweckwidrigen Mittel
+bedienen, oder den Gebrauch solcher Mittel bei Absichten, die die
+seinigen sind, auch nur zulassen, weil sie dadurch gerechtfertiget
+würden. Jede Offenbarung also, die durch Verfolgung sich angekündigt
+und befestigt hat, ist sicher nicht von Gott. _Diejenige Offenbarung
+aber, die sich keiner andern, als moralischer Mittel, zu ihrer
+Ankündigung und Behauptung bedient hat, kann von Gott seyn._ Dies sind
+die Kriterien der Göttlichkeit einer Offenbarung in Rücksicht auf ihre
+äußere Form. Wir gehen zu denen der Innern fort.
+
+Jede Offenbarung soll Religion begründen, und alle Religion gründet sich
+auf den Begriff Gottes, als moralischen Gesetzgebers. Eine Offenbarung
+also, die uns ihn als etwas anderes ankündigt, welche uns etwa
+theoretisch sein Wesen kennen lehren will, oder ihn als politischen
+Gesetzgeber aufstellt, ist wenigstens das nicht, was wir suchen, sie ist
+nicht geoffenbarte _Religion. Jede Offenbarung also muß uns Gott als
+moralischen Gesetzgeber ankündigen, und nur von derjenigen, deren Zweck
+das ist, können wir aus moralischen Gründen glauben, daß sie von Gott
+sey._
+
+Der Gehorsam gegen die moralischen Befehle Gottes kann sich nur auf
+Verehrung, und Achtung für seine Heiligkeit gründen, weil er nur in
+diesem Falle rein moralisch ist. _Jede Offenbarung also, die uns durch
+andre Motiven_, z. B. _durch angedrohte Strafen, oder versprochne
+Belohnungen, zum Gehorsam bewegen will, kann nicht von Gott seyn_, denn
+dergleichen Motiven widersprechen der reinen Moralität. -- Es ist zwar
+sicher, und wird weiter unten ausgeführt werden, daß eine Offenbarung
+die Verheißungen des Moralgesetzes, als Verheißungen Gottes, entweder
+ausdrücklich enthalten, oder uns auf ihre Aufsuchung in unserm eignen
+Herzen hinleiten könne. Aber sie müssen nur als Folgen, und nicht als
+Motive aufgestellt werden[20].
+
+
+§. 11.
+
+_Kriterien der Göttlichkeit einer Offenbarung in Absicht ihres möglichen
+Inhalts (materiae revelationis)._
+
+Das Wesentliche der Offenbarung überhaupt ist Ankündigung Gottes als
+moralischen Gesetzgebers, durch eine übernatürliche Wirkung in der
+Sinnenwelt. Eine _in concreto_ gegebne Offenbarung kann Erzählungen von
+dieser, oder diesen Wirkungen, Mitteln, Anstalten, Umständen, u. s. w.
+enthalten. Alles, was dahin einschlägt, gehört zur äußern Form der
+Offenbarung, und steht unter derselben Kriterien. Wohin durch diese
+Ankündigung des Gesetzgebers das Gesetz selbst, seinem Inhalte nach,
+gesetzt werde, bleibt dadurch noch gänzlich unentschieden. Sie kann uns
+geradezu an unser Herz verweisen: oder sie kann auch das, was dieses uns
+sagen würde, noch besonders als Aussage Gottes aufstellen, und es nun
+uns selbst überlassen, das letztere mit dem erstem zu vergleichen. Die
+Ankündigung Gottes als Gesetzgebers würde, in Worte verfaßt, so heißen:
+Gott ist moralischer Gesetzgeber; und da wir sie in Worte verfassen
+müssen, so können wir auch dies einen _Inhalt_, nemlich den _der
+Ankündigung_ an sich selbst, die _Bedeutung der Form der Offenbarung_
+nennen. Wird uns aber außer diesem noch mehr gesagt, so ist dies der
+_Inhalt der Offenbarung_. Das erstere können wir _a priori_ uns zwar
+denken, und wenn _a posteriori_ uns das Bedürfniß gegeben wird,
+wünschen, und erwarten; aber nie selbst realisiren, sondern die
+Realisirung dieses Begriffs muß durch ein Faktum in der Sinnenwelt
+geschehen; wir können also nie _a priori_ wissen, wie und auf welche Art
+die Offenbarung wird gegeben werden. Das zweite, daß nemlich eine
+Offenbarung überhaupt einen Inhalt haben werde, können wir _a priori_
+nicht erwarten, denn es gehört nicht zum Wesen der Offenbarung; aber
+dagegen können wir völlig _a priori_ wissen, welches dieser Inhalt seyn
+kann: und hiermit stehen wir denn sogleich bei der Frage: Können wir von
+einer Offenbarung Belehrungen und Aufklärungen erwarten, auf die unsre
+sich selbst überlassene, und durch keine übernatürliche Hülfe geleitete
+Vernunft nicht etwa blos unter den zufälligen Bedingungen, unter denen
+sie sich befunden hat, und befindet, sondern überhaupt ihrer Natur nach
+nie würde haben kommen können? und wir können desto ruhiger zu ihrer
+Beantwortung schreiten, da wir, im Falle daß, wir sie verneinen müßten,
+nach obiger Deduktion, laut welcher es uns eigentlich um die Form der
+Offenbarung zu thun war, nicht mehr den Einwurf zu befürchten haben: die
+Offenbarung sey überhaupt überflüssig, wenn sie uns nichts neues habe
+lehren können.
+
+Diese blos aus übernatürlichen Quellen zu schöpfenden Belehrungen
+könnten entweder Erweiterung unsrer theoretischen Erkenntniß des
+Übersinnlichen, oder nähere Bestimmung unsrer Pflichten zum Gegenstände
+haben. Also, Erweiterung unsrer theoretischen Erkenntniß könnten wir von
+einer Offenbarung erwarten? Die Beantwortung dieser Frage gründet sich
+auf folgende zwei: ist eine solche Erweiterung _moralisch_ möglich,
+d. i. streitet sie nicht gegen reine Moralität? und dann, ist sie
+_physisch_ möglich, widerspricht sie nicht etwa der Natur der Dinge? und
+endlich, widerspricht sie nicht etwa dem Begriffe der Offenbarung, und
+folglich sich selbst[TN12]? --
+
+Ist sie moralisch möglich? Die Ideen vom Übersinnlichen, die durch die
+praktische Vernunft realisirt werden, sind _Freiheit, Gott,
+Unsterblichkeit_. Daß wir, in Absicht unsers obern Begehrungsvermögens,
+frei sind, d. i. daß wir ein oberes von Naturgesetzen unabhängiges
+Begehrungsvermögen haben, ist unmittelbare _Thatsache_. Was wir in
+Absicht des Begriffs von Gott zur moralischen Willensbestimmung
+bedürfen, daß ein Gott _sey_, daß er der _alleinheilige_, der
+_alleingerechte_, der _allmächtige_, der _allwissende_, der oberste
+Gesetzgeber und Richter aller vernünftigen Wesen sey, ist unmittelbar
+durch unsre moralische Bestimmung, den Endzweck des Sittengesetzes zu
+wollen, uns zu glauben auferlegt. Daß wir _unsterblich_ seyn müssen,
+folgt unmittelbar aus der Anforderung das höchste Gut zu realisiren, an
+unsre endliche Naturen, welche als solche nicht fähig sind dieser
+Forderung genugzuthun, aber dazu immer fähiger werden _sollen_, und es
+also _können_ müssen. Was wollen wir über diese Ideen noch weiter
+wissen? Wollen wir die Verbindung des Naturgesetzes, und des für die
+Freiheit im übersinnlichen Substrat der Natur, erblicken? Wenn wir
+nicht zugleich die Kraft erhalten, die Gesetze der Natur durch unsre
+Freiheit zu beherrschen, so kann dies nicht den geringsten praktischen
+Nutzen für uns haben; wenn wir sie aber erhalten, so hören wir auf
+endliche Wesen zu seyn, und werden Götter. Wollen wir einen _bestimmten_
+Begriff von Gott haben; sein Wesen, wie es _an sich ist_, erkennen? Das
+wird reine Moralität nicht nur nicht befördern, sondern sie hindern. Ein
+unendliches Wesen, das wir erkennen, das in seiner ganzen Majestät vor
+unsern Augen schwebt, wird uns mit Gewalt treiben, und drängen, seine
+Befehle zu erfüllen; die Freiheit wird aufgehoben werden; die sinnliche
+Neigung wird auf ewig verstummen, wir werden alles Verdienst, und alle
+Übung, Stärkung, und Freude durch den Kampf, verlieren, und aus freien
+Wesen mit eingeschränkten Kenntnissen, moralische Maschinen mit
+erweiterten Kenntnissen geworden seyn. Wollen wir endlich alle die
+Bestimmungen unsrer künftigen Existenz schon jetzt durchdringen? Das
+wird uns theils aller Empfindungen der Glückseligkeit, die die
+allmähliche Verbesserung unsers Zustandes uns geben kann, berauben; wir
+werden auf einmal verschwelgen, was uns für eine ewige Existenz bestimmt
+ist; theils werden die uns vorschwebenden Belohnungen uns wieder zu
+kräftig bestimmen, und uns Freiheit, Verdienst, und Selbstachtung
+nehmen. Alle solche Kenntnisse werden unsre Moralität nicht vermehren,
+sondern vermindern, und das kann Gott nicht wollen; es ist also
+moralisch unmöglich. Und ist es physisch möglich? Widerstreitet es nicht
+etwa gar den Gesetzen der Natur, d. i. _unsrer_ Natur, an welche diese
+Belehrungen gegeben werden sollen? Mögliche Belehrungen einer
+Offenbarung an uns über das Übersinnliche müssen unserm
+Erkenntnißvermögen angemessen seyn, sie müssen unter den Gesetzen unsers
+Denkens stehen. Diese Gesetze sind die Kategorien, ohne welche uns keine
+bestimmte Vorstellung möglich ist. Wären sie demselben nicht angemessen,
+so wäre der ganze Unterricht für uns verloren, er wäre uns
+schlechterdings unverständlich und unbegreiflich, und es wäre völlig so
+gut, als ob wir ihn nicht hätten. Wären sie ihm angemessen, so würden
+die übersinnlichen Gegenstände in die sinnliche Welt herabgezogen, das
+Übernatürliche würde zu einem Theile der Natur gemacht. Ich untersuche
+hier nicht, ob eine solche für objektiv gültig gegebne Versinnlichung
+nicht der praktischen Vernunft widerspreche, das wird weiter unten klar
+werden: aber das ist sogleich klar, daß wir dadurch eine Erkenntniß
+eines Übersinnlichen bekämen, das kein Übersinnliches wäre, daß wir also
+unsern Zweck, in die Welt der Geister eingeführt zu werden, nicht
+erreichten, sondern selbst diejenige richtige Einsicht in dieselbe, die
+uns von der praktischen Vernunft aus möglich ist, verlöhren.
+Widerspricht endlich eine solche Erwartung nicht etwa der Natur der
+Offenbarung?[21] Da Belehrungen dieser Art an unsere durch das
+Moralgesetz bestimmte Vernunft gar nicht gehalten werden könnten, um sie
+an ihr zu versuchen, ob sie mit derselben übereinkämen, oder nicht,
+indem sie auf _diesen Principien_ sich gar nicht gründeten (denn wenn
+sie sich darauf gründeten, so müßte unsre sich selbst überlassene
+Vernunft ohne alle fremde Beihülfe darauf haben kommen können); so
+könnte der Glaube an ihre Wahrheit sich auf nichts gründen, als etwa auf
+die göttliche _Autorität_, auf welche eine Offenbarung sich beruft. Nun
+aber findet für diese göttliche Autorität selbst kein andrer
+Glaubensgrund statt, als die _Vernunftmäßigkeit_ (die Übereinstimmung
+nicht mit der vernünftelnden, sondern mit der moralischgläubigen
+Vernunft,) der Lehren, die auf sie gegründet werden: mithin _kann diese
+göttliche Autorität nicht selbst wieder Beglaubigungsgrund dessen seyn,
+was erst der ihrige werden soll_. -- Wenn ein andrer Weg gedenkbar wäre,
+zur vernünftigen Anerkennung der Göttlichkeit einer Offenbarung zu
+kommen, als dieser, wenn z. B. Wunder oder Weissagungen, d. h. wenn
+überhaupt die Unerklärbarkeit einer Begebenheit aus natürlichen Ursachen
+uns berechtigen könnte, ihren Ursprung der unmittelbaren Kausalität
+Gottes zuzuschreiben, welcher Schluß aber, wie oben gezeigt ist,
+offenbar falsch seyn würde, so ließe sich denken, wie unsre dadurch
+begründete Überzeugung von der Göttlichkeit einer gegebnen Offenbarung
+überhaupt unsern Glauben an jede ihrer einzelnen Belehrungen begründen
+könnte. Da aber dieser Glaube an die Göttlichkeit einer Offenbarung
+überhaupt nur durch den Glauben an jede ihrer einzelnen Aussagen möglich
+ist, so kann keine Offenbarung, als solche, irgend einer Behauptung die
+Wahrheit versichern, die sich dieselbe nicht selbst versichern kann. An
+keine nur durch Offenbarung mögliche Belehrung ist also vernünftiger
+Weise ein Glaube möglich; und jede Anforderung von dieser Art würde der
+Möglichkeit des Fürwahrhaltens, das bei einer Offenbarung Statt hat,
+folglich dem Begriffe der Offenbarung an sich, widersprechen. Wir
+dürfen also das, was die Kritik uns von Seiten der sich selbst
+gelassenen theoretischen Vernunft vereitelte, einen Übergang in die
+übersinnliche Welt, auch nicht von der Offenbarung erwarten; sondern wir
+müssen diese Hoffnung einer bestimmten Erkenntniß derselben für unsre
+gegenwärtige Natur ganz, und auf immer, und aus jeder Quelle
+aufgeben[22].
+
+Oder können wir von einer Offenbarung vielleicht praktische Maximen,
+Moralvorschriften erwarten, die wir von dem Princip aller Moral, aus und
+durch unsre Vernunft nicht auch selbst ableiten, konnten? Das
+Moralgesetz in uns ist die Stimme der reinen Vernunft, der Vernunft _in
+abstracto_. Vernunft kann sich nicht nur nicht widersprechen, sondern
+sie kann auch in verschiedenen Subjekten nichts verschiedenes aussagen,
+weil ihr Gebot die reinste Einheit ist, und also Verschiedenheit
+zugleich Widersprach seyn würde. Wie die Vernunft zu _uns_ redet, redet
+sie zu allen vernünftigen Wesen, redet sie zu Gott selbst. Er kann uns
+also weder ein anderes Princip, noch Vorschriften für besondere Fälle
+geben, die sich auf ein anderes Princip gründeten, denn Er selbst ist
+durch kein anderes bestimmt. Die besondre Regel, die durch Anwendung des
+Princips auf einen besondern Fall entsteht, ist freilich nach den
+Fällen, in die das Subjekt seiner Natur nach kommen kann,
+verschieden[23], aber alle müssen sich durch eine und eben dieselbe
+Vernunft von einer und eben derselben Vernunft ableiten lassen. Ein
+anderes ists, ob _in concreto_ gegebne empirisch bestimmte Subjekte mit
+gleicher Richtigkeit und Leichtigkeit sie in besondern Fällen ableiten
+werden, und ob sie dabei nicht einer fremden Hülfe bedürfen können, die
+es -- nicht für sie thue, und ihnen nun das Resultat auf ihre Autorität
+als richtig hingebe; dies würde, wenn die Regel auch richtig abgeleitet
+wäre, doch nur Legalität und nicht Moralität begründen; -- sondern die
+sie bei ihrer eignen Ableitung leite: aber dazu bedarf es keiner
+Offenbarung, sondern das kann und soll jeder weisere Mensch dem
+unweiseren leisten.
+
+Es ist also weder moralisch noch theoretisch möglich, daß eine
+Offenbarung uns Belehrungen gebe, auf die unsre Vernunft nicht ohne sie
+hätte kommen können und sollen; _und keine Offenbarung kann für
+dergleichen Belehrungen Glauben fordern;_ denn einer Offenbarung um
+dieser einzigen Ursache willen den göttlichen Ursprung gänzlich
+abläugnen, würde nicht Statt haben, da dergleichen vermeintliche
+Belehrungen, ob sie gleich vom Gesetze der praktischen Vernunft sich
+nicht ableiten lassen, ihm dennoch auch nicht nothwendig widersprechen
+müssen.
+
+Was kann sie aber denn enthalten, wenn sie nichts uns unbekanntes
+enthalten soll? Ohne Zweifel eben das, worauf uns die praktische
+Vernunft _a priori_ leitet: ein Moralgesetz, und die Postulate
+desselben.
+
+In Absicht der durch eine Offenbarung möglichen Moral ist schon oben die
+Unterscheidung gemacht worden, daß dieselbe Offenbarung uns entweder
+geradezu auf das Gesetz der Vernunft in uns, als Gesetz Gottes,
+verweisen; oder, daß sie sowol das Princip derselben an sich, als in
+Anwendung auf mögliche Fälle, unter göttlicher Autorität aufstellen
+könne.
+
+Geschieht das erstere, so enthält eine solche Offenbarung keine Moral,
+sondern unsre eigne Vernunft enthält die Moral derselben. Es ist also
+nur der zweite Fall, der hier in Untersuchung kömmt. Die Offenbarung
+stellt theils das Princip aller Moral in Worte gebracht, theils besondre
+durch Anwendung desselben auf empirisch bedingte Fälle entstandene
+Maximen als Gesetze Gottes auf. Daß das Princip der Moral richtig
+angegeben, d. i. dem des Moralgesetzes in uns völlig gemäß seyn müsse,
+und daß eine Religion, _deren Moralprincip diesem widerspricht, nicht
+von Gott seyn könne_, ist unmittelbar klar; so wie die Befugniß, dieses
+Princip als Gesetz Gottes anzukündigen, schon zur Form einer Offenbarung
+gehört, und zugleich mit ihr deducirt ist. In Absicht der besondern
+moralischen Vorschriften aber entsteht die Frage: soll eine Offenbarung
+jede dieser besondern Regeln von dem als göttliches Gesetz angekündigten
+Moralprincip ableiten, oder darf sie dieselben schlechthin, ohne weitern
+Beweis, auf die göttliche Autorität gründen? -- Wenn die göttliche
+Autorität, uns zu befehlen, nur blos auf seine Heiligkeit gegründet ist,
+welches schon die Form jeder Religion, die göttlich seyn soll;
+erfordert, so ist Achtung für seinen Befehl, _weil_ es sein Befehl ist,
+auch in besondern Fällen, nichts anders, als Achtung für das Moralgesetz
+selbst. Eine Offenbarung darf dergleichen Gebote folglich schlechthin
+als Befehle Gottes, ohne weitere Deduktion vom Princip aufstellen. Eine
+andere Frage aber ists, ob nicht jede dieser besondern Vorschriften
+einer geoffenbarten Moral sich wenigstens hinterher vom Princip richtig
+deduciren lassen, und ob nicht jede Offenbarung am Ende uns doch an
+dieses Princip verweisen müsse.
+
+Da wir uns von der Möglichkeit des göttlichen Ursprungs einer
+Offenbarung sowohl überhaupt, als jedes besondern Theils ihres Inhalts,
+nur durch die völlige Übereinstimmung desselben mit der praktischen
+Vernunft überzeugen können; diese Überzeugung aber bei einer besondern
+moralischen Maxime nur durch ihre Ableitung vom Princip aller Moral
+möglich ist, so folgt daraus unmittelbar, daß jede in einer göttlichen
+Offenbarung als _moralisch_ aufgestellte Maxime sich von diesem Princip
+müsse ableiten lassen. Nun wird zwar eine Maxime dadurch, daß sie sich
+nicht davon _ableiten_ läßt, noch nicht falsch, sondern es folgt daraus
+nur soviel, daß sie nicht in das Feld der Moral gehöre; sie kann aber
+etwa in das Gebiet der Theorie gehören, politisch, technisch, praktisch,
+oder dergl. seyn. So ist z. B. jener Ausspruch: Sollen wir böses thun,
+daß gutes daraus komme? das sey ferne -- allgemeines moralisches Gebot,
+weil es sich vom Princip aller Moral deduciren läßt, und das Gegentheil
+ihm widersprechen würde: hingegen jene Maximen: So jemand mit dir
+rechten will um deinen Rock, dem laß auch den Mantel, u. s. w., sind
+keine Moralvorschriften, sondern nur in besondern Fällen gültige Regeln
+der Politik, die als solche nicht länger gelten, als so lange sie mit
+keiner Moralvorschrift in Kollision kommen, weil diesen alles
+untergeordnet werden muß. Wenn eine Offenbarung nun Regeln der letztern
+Art enthält, so folgt daraus noch gar nicht, daß darum die ganze
+Offenbarung nicht göttlich sey, und eben so wenig, daß jene Regeln
+falsch seyen. -- Das hängt von anderweitigen Beweisen aus den
+Principien, unter denen sie stehen, ab -- sondern nur, daß diese Regeln
+nicht zum Inhalte einer geoffenbarten Religion, als solcher, gehören,
+sondern ihren Werth anderwärtsher ableiten müssen. Eine Offenbarung
+aber, die Maximen enthält, welche dem Princip aller Moral widersprechen,
+die z. B. frommen, oder nicht frommen Betrug, Unduldsamkeit gegen
+Andersdenkende, Verfolgungsgeist, die überhaupt andere Mittel zur
+Ausbreitung der Wahrheit, als Belehrung, autorisirt, ist sicher nicht
+von Gott, denn der Wille Gottes ist dem Moralgesetze gemäß, und was
+diesem widerspricht, kann er weder wollen, noch kann er zulassen, daß
+jemand es als seinen Willen ankündige, der außerdem auf seinen Befehl
+handelt.
+
+Da zweitens alle besondre Fälle, in denen Moralgesetze eintreten, durch
+einen endlichen Verstand unmöglich _a priori_ vorherzusehn, noch durch
+einen unendlichen, der sie vorhersieht, endlichen Wesen mitzutheilen
+sind, folglich keine Offenbarung alle mögliche besondre Regeln der Moral
+enthalten kann, so muß sie uns doch noch zuletzt entweder an das
+Moralgesetz in uns, oder an ein von ihr als göttlich aufgestelltes
+allgemeines Princip desselben, welches mit jenem gleichlautend sey,
+verweisen. Dies gehört schon zur Form, und eine Offenbarung, die dies
+nicht thut, kommt mit ihrem eignen Begriffe nicht überein, und ist keine
+Offenbarung. Ob sie das erstere, oder das letztere, oder beides thun
+wolle, darüber ist _a priori_ kein Gesetz der Vernunft vorhanden.
+
+Das allgemeine Kriterium der Göttlichkeit einer Religion in Absicht
+ihres moralischen Inhalts ist also folgendes: _Nur diejenige
+Offenbarung, welche ein Princip der Moral, welches mit dem Princip der
+praktischen Vernunft übereinkommt, und lauter solche moralische Maximen
+aufstellt, welche sich davon ableiten lassen, kann von Gott seyn._
+
+Der zweite Theil des möglichen Inhalts einer Religion sind jene Sätze,
+welche als Postulate der Vernunft gewiß sind, und welche die Möglichkeit
+des Endzwecks des Moralgesetzes in sinnlich bedingbaren Wesen
+voraussetzt, welche also durch unsre Willensbestimmung zugleich mit
+gegeben, und durch welche hinwiederum gegenseitig unsre
+Willensbestimmung erleichtert wird. Diesen Theil des Inhalts einer
+Religion nennt man _Dogmatik_, und kann ihn ferner so nennen, wenn man
+dabei nur auf die Materie desselben, und nicht auf die Beweisart sieht,
+und sich nicht durch diese Benennung berechtigt glaubt zu
+_dogmatisiren_, d. i. diese Sätze als objektiv gültig darzustellen. Daß
+eine Offenbarung uns über dieselben nichts weiter lehren könne, als was
+aus den Principien der reinen Vernunft folgt, ist schon oben erwiesen.
+Hier ist also blos noch die Frage zu erörtern: worauf kann eine
+Offenbarung unsern Glauben an diese Wahrheiten gründen? Es sind nach
+obigen Erörterungen noch folgende zwei Fälle möglich: Entweder die
+Offenbarung leitet sie von dem Moralgesetze in uns, das sie als Gesetz
+Gottes aufstellt, ab, und giebt sie uns dadurch nur unmittelbar als
+Zusicherungen Gottes; oder sie stellt sie unmittelbar als
+Entschließungen der Gottheit, entweder schlechthin als solche, oder als
+Entschließungen seines durch das Moralgesetz bestimmten Wesens auf, ohne
+sie noch besonders von diesem Gesetze abzuleiten. Die erste Art der
+Begründung unsers Glaubens ist dem Verfahren der Vernunft- und
+Naturreligion ganz gemäß, und die Rechtmäßigkeit desselben ist mithin
+außer Zweifel. Bei der zweiten entstehen folgende zwei Fragen: Thut es
+unsrer Freiheit, und also unsrer Moralität nicht Abbruch, wenn wir die
+blos postulirten Verheißungen des Moralgesetzes als Verheißungen eines
+unendlichen Wesens ansehen; und -- müssen alle diese Zusicherungen sich
+nicht wenigstens hinterher vom Endzwecke des Moralgesetzes ableiten
+lassen? Was die erste anbelangt, so ist sogleich klar, daß, wenn eine
+Offenbarung uns Gott nur als den Alleinheiligen, als den genauesten
+Abdruck des Moralgesetzes dargestellt hat, wie jede Offenbarung das
+soll, aller Glaube an Gott Glaube an das _in concreto_ dargestellte
+Moralgesetz ist. In Absicht des zweiten aber sind, wenn eine gewisse
+Lehre nicht vom Endzwecke des Moralgesetzes abzuleiten ist, wieder zwei
+Fälle möglich; entweder, sie läßt _sich blos nicht ableiten_, oder sie
+_widerspricht_ demselben.
+
+Widersprechen gewisse dogmatische Behauptungen dem Endzwecke des
+Moralgesetzes, so widersprechen sie dem Begriffe von Gott, und dem
+Begriffe aller Religion; _und eine Offenbarung, die dergleichen enthält,
+kann nicht von Gott seyn._ Gott kann zu dergleichen Behauptungen nicht
+nur nicht berechtigen, sondern er kann sie, bei einem Zwecke, der der
+seinige ist, auch nicht einmal zulassen, weil sie seinem Zwecke
+widersprechen. Lassen sich aber einige nur nicht davon ableiten, ohne
+ihnen gerade zu widersprechen, so ist daraus noch nicht zu schließen,
+daß die ganze Offenbarung nicht von Gott seyn könne; denn Gott bedient
+sich des Dienstes von Menschen, welche irren, welche sich selbst ein
+Hirngespinst erdichten können, um es, vielleicht in wohlmeinender
+Absicht, neben göttliche Belehrungen zu stellen, und nach ihrer Meinung
+noch mehr gutes zu stiften; und es ist ihm nicht anständig ihre Freiheit
+einzuschränken, wenn sie nur nicht einen seinem Zwecke geradezu
+entgegenstehenden Gebrauch davon machen wollen: aber das folgt sicher,
+_daß alles von dieser Art nicht Bestandtheil einer göttlichen
+Offenbarung, sondern menschlicher Zusatz ist_, von welchem wir keine
+weitere Notiz zu nehmen haben, als insofern sein Werth aus ändern
+Gründen erhellet. Dergleichen Sätze können, da sie einer moralischen
+Absicht ganz unfähig sind, meist nur theoretische Aufschlüsse
+versprechen: und wenn sie von übernatürlichen Dingen reden, werden sie
+meistens sich gar nicht denken, lassen, weil sie nicht unter den
+Bedingungen der Kategorien stehen können. Stünden sie, als objektive
+Behauptungen, darunter, so würden sie sich nicht blos nicht ableiten
+lassen, sondern sie würden dem Moralgesetze sogar widersprechen, wie im
+folgenden §. dargethan werden wird.
+
+Eine Offenbarung kann endlich gewisse, mit größerer oder geringerer
+Feierlichkeit verbundene, in Gesellschaft oder für sich allein zu
+gebrauchende Aufmunterungs- und Beförderungsmittel zur Tugend
+vorschlagen. Da alle Religion Gott nur als moralischen Gesetzgeber
+darstellt, so ist alles, was nicht Gebot des Moralgesetzes in uns ist,
+auch nicht das seinige, und es ist kein Mittel ihm zu gefallen, als
+durch Beobachtung desselben: diese Beförderungsmittel der Tugend müssen
+sich also nicht in die Tugend selbst, diese _Anempfehlungen_ derselben
+müssen sich nicht in _Gebote_, die uns eine Pflicht auflegen,
+verwandeln, es muß nicht zweideutig gelassen werden, ob man etwa auch
+durch den Gebrauch dieser Mittel, oder vielleicht _nur durch ihn_, sich
+den Beifall der Gottheit erwerben könne, sondern ihr Verhältniß zu dem
+wirklichen Moralgesetze muß genau bestimmt werden. -- Wenn ein weises
+Wesen den Zweck will, will es auch die Mittel, könnte man sagen; aber es
+will sie nur, inwiefern sie wirklich Mittel sind und werden, und, -- da
+dieses in der Sinnenwelt anzuwendende Mittel sind, und wir mithin hier
+in den Bezirk, des Naturbegriffs kommen, -- es kann sie nur wollen,
+inwiefern sie in unsrer Macht stehen. Es ist z. B. sehr wahr, und jeder
+Beter erfährt's, daß das Gebet, es sey nun anbetende Betrachtung Gottes,
+oder Bitte oder Dank, unsre Sinnlichkeit kräftig verstummen macht, und
+unser Herz mächtig zum Gefühl, und zur Liebe unsrer Pflichten
+emporhebt. Aber, wie können wir den kalten, keines Enthusiasmus fähigen
+Mann -- und es ist sehr möglich, daß es deren gebe -- verbinden, seine
+Betrachtung bis zur Anbetung emporzuzwingen, und zu begeistern; wie
+können wir ihn nöthigen, Ideen der Vernunft durch ihre Darstellung
+vermittelst der Einbildungskraft zu beleben, wenn subjektive Ursachen
+ihn dieser Fähigkeit beraubten, da dieselbe eine empirische Bestimmung
+ist; wie können wir ihn nöthigen, irgend ein Bedürfniß so stark zu
+fühlen, so innig zu begehren, daß er sich vergesse dasselbe einem
+übernatürlichen Wesen mitzutheilen, von dem er kalt denkend erkennt, daß
+er's ohne ihn weiß, und daß er's ohne ihm geben wird, wenn er's verdient
+und haben muß, und sein Bedürfniß keine Einbildung ist? -- Dergleichen
+Beförderungsmittel sind also nur darzustellen als das, was sie sind, und
+nicht den durch das Moralgesetz unbedingt gebotnen Handlungen gleich zu
+setzen; sie sind nicht schlechthin zu gebieten, sondern dem, den sein
+Bedürfniß zu ihnen treibt, blos anzuempfehlen; sie sind weniger Befehl,
+als Erlaubniß. _Jede Offenbarung, die sie den Moralgesetzen gleichsetzt,
+ist sicher nicht von Gott;_ denn es widerspricht dem Moralgesetze,
+irgend etwas in gleichen Rang mit seinen Anforderungen zu setzen.
+
+Welche Wirkungen aber auf unsre moralische Natur darf eine Offenbarung
+von dergleichen Mitteln versprechen, blos natürliche, oder
+übernatürliche, d. i. solche, die nach den Gesetzen der Natur mit ihnen,
+als Wirkungen mit ihren Ursachen, nicht nothwendig verbunden sind,
+sondern bei Gelegenheit des Gebrauchs dieser Mittel, durch eine
+übernatürliche Ursache außer uns, gewirkt werden? Laßt uns einen
+Augenblick das letztere annehmen, daß nemlich unser Wille durch eine
+übernatürliche Ursache außer uns _dem Moralgesetze gemäß_ bestimmt
+werde. Nun aber ist keine Bestimmung, die nicht durch und mit Freiheit
+geschieht, dem Moralgesetze gemäß, folglich widerspricht diese Annahme
+sich selbst, und jede durch eine solche Bestimmung erfolgte Handlung
+wäre nicht moralisch; könnte folglich weder das geringste Verdienst
+haben, noch auf irgend eine Art eine Quelle von Achtung und
+Glückseligkeit für uns werden; wir wären in diesem Falle Maschinen, und
+nicht moralische Wesen, und eine dadurch hervorgebrachte Handlung wäre
+in der Reihe unsrer moralischen schlechterdings Null. -- Wenn man aber
+dies auch zugeben müßte, wie man es denn muß, so könnte man noch weiter
+sagen: eine solche Bestimmung sollte, bei Gelegenheit des Gebrauchs
+jener Mittel in uns hervorgebracht werden, nicht, um _unsre_ Moralität
+zu erhöhen, welches freilich nicht möglich wäre, sondern um durch die
+in uns übernatürlich hervorgebrachte Wirkung eine Reihe in der
+Sinnenwelt hervorzubringen, die für die Bestimmung _anderer_ moralischen
+Wesen, nach Gesetzen der Natur, Mittel würde, und wobei _wir_ freilich
+bloße Maschinen wären: daß aber Gott sich vielmehr unsrer, als andrer,
+dazu bediene, hange von der Bedingung des Gebrauchs jenes Mittels
+ab. -- Jetzt ununtersucht, was denn das für einen Werth für uns haben
+könne, ob eben _wir_ als Maschinen, oder ob andere Maschinen zur
+Beförderung des Guten gebraucht würden; kann auch in dieser Absicht
+keine Offenbarung allgemeingültige Verheißungen von dieser Art geben,
+denn wenn jeder die Bedingung derselben erfüllte, jeder dadurch eine
+fremde übernatürliche Kausalität in sich veranlaßte, so würden dadurch
+nicht nur alle Gesetze der Natur außer uns, sondern auch alle Moralität
+in uns aufgehoben. -- Wir dürfen aber nicht schlechthin läugnen, daß
+nicht in besondern Fällen dergleichen Wirkungen in dem Plane der
+Gottheit gewesen seyn konnten, ohne das Princip der Offenbarung
+überhaupt zu läugnen; wir dürfen eben so wenig läugnen, daß nicht einige
+dieser Wirkungen an Bedingungen von Seiten der Werkzeuge könnten
+gebunden gewesen seyn, weil wir das nicht wissen können; aber wenn in
+einer Offenbarung Erzählungen davon, Vorschriften, und Verheißungen
+hierüber vorkommen, so gehören diese zur äußern Form der Offenbarung,
+und nicht zum allgemeinen Inhalte derselben. Bestimmung durch
+übernatürliche Ursachen außer uns hebt die Moralität auf; _jede Religion
+also, die unter irgend einer Bedingung dergleichen Bestimmungen
+verspricht, widerspricht dem Moralgesetze, und ist folglich sicher nicht
+von Gott._
+
+Es bleibt also der Offenbarung von dergleichen Mitteln nichts übrig zu
+versprechen, als natürliche Wirkungen. -- So wie wir von
+Beförderungsmitteln der Tugend reden, sind wir im Gebiete des
+Naturbegriffs. Das Mittel ist in der sinnlichen Natur; das was dadurch
+bestimmt werden soll, ist die sinnliche Natur in uns; unsre unedlen
+Neigungen sollen geschwächt und unterdrückt, unsre edlern sollen
+gestärkt und erhöht werden; die moralische Bestimmung des Willens soll
+dadurch nicht geschehen, sondern nur erleichtert werden. Alles also muß
+nothwendig wie Ursache und Wirkung zusammenhängen, und dieser
+Zusammenhang muß sich klar einsehen lassen. -- Es wird aber hierdurch
+nicht behauptet, daß die Offenbarung in Anspruch genommen werden könne,
+diesen Zusammenhang zu zeigen. Der Zweck der Offenbarung ist praktisch,
+eine solche Deduktion aber theoretisch, und kann demnach dem eignen
+Nachdenken eines jeden überlassen werden. Jene kann sich begnügen,
+diese Mittel, blos als von Gott anempfohlen, aufzustellen. Nur muß sich
+dieser Zusammenhang hinterher zeigen lassen; denn Gott, der unsre
+sinnliche Natur kennt, kann ihr keine Mittel der Besserung anpreisen,
+die den Gesetzen derselben nicht gemäß sind. Jede Offenbarung also,
+welche Mittel zur Beförderung der Tugend vorschlägt, von denen man nicht
+zeigen kann, wie sie natürlich dazu beitragen können, ist, wenigstens
+_inwiefern sie dies thut_, nicht von Gott. -- Wir dürfen hier die
+Einschränkung hinzusetzen: denn wenn solche Mittel nur nicht zu
+Pflichten gemacht werden; wenn nur nicht übernatürliche Wirkungen von
+ihnen versprochen werden; so ist ihre Anempfehlung nicht der Moral
+widersprechend, sie ist blos leer und unnütz[24].
+
+
+§. 12.
+
+_Kriterien der Göttlichkeit einer Offenbarung in Absicht der möglichen
+Darstellung dieses Inhalts._
+
+Da die Offenbarung überhaupt schon ihrer Form nach, für das Bedürfniß
+der Sinnlichkeit da ist, so ist es sehr wahrscheinlich, daß sie sich
+auch in ihrer Darstellung zu derselben herablassen werde, wenn gezeigt
+werden sollte, daß die Sinnlichkeit hierüber besondre Bedürfnisse habe.
+Doch ist diese Darstellung so wenig das Wesentliche und
+Charakteristische einer Offenbarung, daß wir sogar, wie oben gezeigt
+worden ist, _a priori_ nicht einmal fordern können, daß sie einen Inhalt
+habe, oder überhaupt irgend etwas mehr thue, als daß sie Gott für den
+Urheber des Moralgesetzes ankündige.
+
+Die Sinnlichkeit überhaupt ist, wegen des Widerstrebens der Neigung, nur
+zu bereit, die Erfüllung des Moralgesetzes für unmöglich zu halten, und
+das Gebot nicht, als für _sich_ gegeben, anzuerkennen. Nun giebt zwar
+die Offenbarung dies Gesetz ausdrücklich an die Sinnlichkeit; aber doch
+redet in dem sinnlichen Menschen noch immer die Stimme der Pflicht,
+durch das Schreien der Begierde geschwächt, und durch die falschen
+Begriffe, die jene in Menge liefert, gedämpft, nur leise, wenn sie über
+seine eigenen Handlungen sprechen soll -- wenn sie im eigentlichen
+Verstande _gebietend_ ist. Aber auch der rohsinnlichste Mensch hört
+sie, wenn von Beurtheilung einer Handlung die Rede ist, bei welcher
+seine Neigung von keiner Seite mit in's Spiel gezogen wird. Und lernt er
+sie nur dadurch in sich unterscheiden, wird sie nur dadurch aus ihrer
+Unthätigkeit gezogen, und er mit ihr bekannter und vertrauter, so wird
+er endlich doch anfangen, auch an _sich_ zu hassen, was er an andern
+verabscheut, und sich selbst so zu wünschen, wie er andere
+fordert. -- Der Widersinn, alles um sich her gerecht haben, und nur
+allein ungerecht seyn zu wollen, ist zu auffallend, als daß irgend ein
+Mensch sich ihn gern gestehen wolle. Bringe man ihn dahin, daß, im Falle
+er ungerecht ist, er sich ihn gestehen müsse! Wie kann dieser Zweck
+erreicht werden? Durch Aufstellung moralischer Beispiele. Die
+Offenbarung kann also ihre Moral in Erzählungen einkleiden, und sie
+entspricht dem Bedürfniß des Menschen nur um so besser, wenn sie es
+thut. Sie kann ungerechte Handlungen zur Verachtung, gerechte, besonders
+mit großen Aufopferungen und Anstrengungen durchgesetzte, zur
+Bewunderung und Nachahmung aufstellen. Über die Befugniß einer
+Offenbarung, ihre Sittenlehre so vorzutragen, kann keine Frage
+entstehen: und daß die von ihr als mustermäßig aufgestellten Handlungen
+rein moralisch, seyn müssen; daß sie nicht etwa zweideutige, oder wohl
+gar offenbar schlechte Handlungen als gute rühmen, und Leute, die
+dergleichen verrichtet haben, als Muster anpreisen dürfe, folgt aus dem
+Zwecke der Offenbarung. _Jede Offenbarung, die dieses thut, widerspricht
+dem Moralgesetze, und dem Begriffe von Gott, und kann folglich nicht
+göttlichen Ursprungs seyn._
+
+Eine Offenbarung hat die Vernunftideen, Freiheit, Gott, Unsterblichkeit
+darzustellen. -- Daß der Mensch frei sey, lehrt jeden unmittelbar sein
+Selbstbewußtseyn und er zweifelt um so weniger daran, je weniger er
+durch Vernünfteln sein natürliches Gefühl verfälscht hat. Die
+Möglichkeit aller Religion, und aller Offenbarung, setzt die Freiheit
+voraus. Die Darstellung dieser Idee für die sinnlich bedingte Vernunft
+ist also kein Geschäft für eine Offenbarung: und mit Auflösung der
+dialektischen Scheingründe dagegen hat keine Offenbarung es zu thun, als
+welche nicht vernünftelt, sondern gebietet, und sich nicht an
+vernünftelnde, sondern sinnliche Subjekte richtet. -- Aber dagegen ist
+die Idee von Gott es desto mehr. Unter die Bedingungen der reinen
+Sinnlichkeit, Zeit und Raum, Gott sich zu denken, wenn er sich ihn
+denken will, ist jeder gedrungen, der Mensch ist. Wir mögen noch so sehr
+überzeugt seyn, noch so scharf erweisen können, daß sie auf ihn nicht
+passen, so überrascht uns doch dieser Fehler, indem wir ihn noch rügen.
+Wir wollen jetzt uns Gott als uns gegenwärtig denken, und wir können
+nicht verhindern, ihn an den Ort hinzudenken, wo wir sind: wir wollen
+jetzt Gott als den Vorherseher unsrer künftigen Schicksale, unsrer
+freien Entschließungen denken, und wir denken ihn als in der Zeit, in
+der er jetzt ist, blickend in eine Zeit, in der er noch nicht ist.
+Solchen Vorstellungen muß die Darstellung einer Religion sich anpassen;
+denn sie redet mit Menschen, und kann keine andre, als der Menschen
+Sprache reden. -- Aber die empirische Sinnlichkeit bedarf noch mehr. Der
+innere Sinn, das empirische Selbstbewußtseyn steht unter der Bedingung,
+ein mannichfaltiges nach und nach, und allmählich aufzunehmen, und zu
+einander hinzuzusetzen; nichts aufnehmen zu können, was sich nicht von
+den vorherigen unterscheidet, also nur Veränderungen bemerken zu können.
+Seine Welt ist eine unaufhörliche Kette von Modifikationen. Unter dieser
+Bedingung will er sich auch das Selbstbewußtseyn Gottes denken. -- Er
+bedarf z. B. jetzt eines Zeugens der Reinigkeit seiner Gesinnungen bei
+einer gewissen Entschließung. Gott hat _bemerkt_, so denkt er sich's,
+was in meiner Seele vorging. -- Er ist jetzt beschämt über eine
+unmoralische Handlung: sein Gewissen erinnert ihn an die Heiligkeit des
+Gesetzgebers. Er hat sie, er hat das ganze Verderben, das sich darinn
+zeigt, _entdeckt_, denkt er. Aber er bemerkt auch die Reue, die ich
+jetzt darüber empfinde, fährt er fort. -- Er entschließt sich jetzt
+recht stark, hinführe aufmerksam an seiner Heiligung zu arbeiten. Er
+fühlt, daß ihm die Kräfte dazu fehlen. Er ringt mit sich, und zu schwach
+im Kampfe, siehe er sich nach fremder Hülfe um, und betet zu Gott. Gott
+wird auf mein flehentliches, anhaltendes Bitten sich _entschließen_ mir
+beizustehen, denkt er; -- und denkt sich in allen diesen Fällen Gott als
+durch ihn modificirbar. -- Er denkt sich in Gott Affekten, und
+Leidenschaften, damit er Theil nehmen könne an den seinigen; -- Mitleid,
+Bedauren, Erbarmen, Liebe, Vergnügen, u. dergl. -- Die höchste, oder
+tiefste Stufe der Sinnlichkeit, die alles unter die empirischen
+Bedingungen des äussern Sinns setzt, verlangt noch mehr. Sie will einen
+körperlichen Gott, der ihre Handlungen im eigentlichen Verstande
+_sieht_, ihre Worte _hört_, mit dem sie reden könne, wie ein Freund mit
+seinem Freunde. Ob eine Offenbarung sich zu diesen Bedürfnissen
+herablassen könne, ist keine Frage: ob sie aber dürfe, und in wie weit
+sie dürfe, muß eine Kritik der Offenbarung beantworten.
+
+Der Zweck aller dieser Belehrungen ist kein andrer, als Beförderung
+reiner Moralität, und der versinnlichenden Darstellung derselben
+insbesondere Beförderung reiner Moralität in dem sinnlichen Menschen.
+Insofern nur diese Versinnlichung mit diesem Zwecke übereinkommt, kann
+die Offenbarung göttlich seyn: wenn sie ihm aber widerspricht, ist sie
+gewiß nicht göttlich.
+
+Die Versinnlichung des Begriffs von Gott kann den moralischen
+Eigenschaften Gottes, und mithin aller Moralität auf zweierlei Art
+widersprechen: nemlich theils _unmittelbar_, wenn Gott mit
+Leidenschaften dargestellt wird, die geradezu gegen das Moralgesetz
+sind, wenn ihm z. B. Zorn und Rache aus Eigenwillen, Vorliebe oder
+Vorhaß, welche sich auf etwas anders als auf die Moralität der Objekte
+dieser Leidenschaften gründen, zugeschrieben wird. Ein solcher Gott
+würde kein Muster unsrer Nachahmung, und kein Wesen seyn, für welches
+wir Achtung haben könnten, sondern ein Gegenstand einer ängstlichen zur
+Verzweiflung bringenden Furcht. Jedoch widerspricht dieses schon der
+Form aller Offenbarung, welche einen _heiligen_ Gott als Gesetzgeber
+verlangt. Es würde aber dem moralischen Begriffe von Gott gar nicht
+widersprechen, wenn ihm z. B. lebhafter Unwille über das unmoralische
+Verhalten endlicher Wesen zugeschrieben würde; denn das ist blos
+sinnliche Darstellung einer nothwendigen Wirkung der Heiligkeit Gottes,
+die wir, wie sie an sich in Gott ist, gar nicht erkennen können; und
+wenn in einer Sprache, die zu den feinern Modifikationen der Affekten
+keine bestimmten Worte hätte, dieser Unwille auch Zorn genennt würde, so
+widerspricht auch dies, im Geiste der Menschen, die diese Sprache
+redeten, verstanden, dem Begriffe von Gott nicht, _Mittelbar_ würde
+_jede_ sinnliche Darstellung von Gott der Moralität widersprechen, wenn
+sie als _objektiv gültig_, und nicht als bloße Herablassung zu unserm
+_subjektiven Bedürfniß_ vorgestellt würde. Denn alles, was vom Objekte,
+an sich gilt, daraus kann ich Schlüsse ziehen, und das Objekt dadurch
+weiter bestimmen. Leiten wir aber aus irgend einer sinnlichen Bedingung
+Gottes, als objektiv gültig, Schlüsse ab, so verwickeln wir uns mit
+jedem Schlüsse tiefer in Widersprüche gegen seine moralischen
+Eigenschaften. Sieht z. B. und hört Gott wirklich, so muß er auch durch
+diese Sinne des Vergnügens theilhaftig seyn; so ist es sehr möglich, daß
+wir ihm ein sinnliches Vergnügen machen können, daß der Geruch der
+Brandopfer und Speisopfer, ihm wirklich gefallen kann[25], und wir
+haben folglich Mittel ihm durch etwas anderes, als durch Moralität
+gefällig zu werden. Können wir Gott wirklich durch unsre Empfindungen
+bestimmen, ihn zum Mitleiden, zum Erbarmen, zur Freude bewegen, so ist
+er nicht der Unveränderliche, der Alleingenugsame, der Alleinselige, so
+ist er noch durch etwas anderes, als durch das Moralgesetz bestimmbar;
+so können wir auch wol hoffen, ihn durch Winseln und Zerknirschung zu
+bewegen, daß er anders mit uns verfahre, als der Grad unsrer Moralität
+es verdient hätte. Alle diese sinnlichen Darstellungen göttlicher
+Eigenschaften müssen also nicht als objektiv gültig angekündigt werden;
+es muß nicht zweideutig gelassen werden, ob Gott _an sich_ so beschaffen
+sey, oder ob er uns nur zum Behuf unsers sinnlichen Bedürfnisses
+erlauben wolle, ihn so zu denken. -- Außer dieser Bedingung aber können
+wir keiner Offenbarung _a priori_ Gesetze vorschreiben, wie weit sie mit
+der Versinnlichung des Begriffs von Gott gehen dürfe: sondern dies hängt
+gänzlich von dem empirisch gegebnen Bedürfnisse des Zeitalters ab, für
+welches sie zunächst bestimmt ist. Wenn z. B. irgend eine Offenbarung,
+um von einer Seite allen Bedürfnissen der rohsten Sinnlichkeit Genüge zu
+thun, und von der andern Seite dem Begriffe von Gott seine völlige
+Reinheit zu sichern, uns irgend ein ganz sinnlich bedingtes Wesen, als
+einen Abdruck der moralischen Eigenschaften Gottes, insofern sie
+Beziehungen auf Menschen haben, eine verkörperte praktische Vernunft
+λογον [Greek: logon] gleichsam als einen Gott der Menschen, darstellte: so
+wäre dies noch gar kein Grund, so einer Offenbarung überhaupt, oder auch
+nur dieser Darstellung derselben den göttlichen Ursprung abzusprechen;
+wenn nur dieses Wesen so vorgestellt wäre, daß es jener Absicht
+entsprechen könnte, und wenn nur diese Stellvertretung nicht als
+objektiv gültig behauptet, sondern blos als Herablassung zur
+Sinnlichkeit, die derselben bedürfen könnte[26], vorgestellt, und, was
+daraus nothwendig folgt, jedem völlig freigestellt würde, sich dieser
+Vorstellung zu bedienen, oder nicht, je nachdem er es für sich moralisch
+nützlich fände. _Nur eine solche Offenbarung also kann göttlichen
+Ursprungs seyn, die einen anthropomorphosirten Gott, nicht als objektiv,
+sondern blos für subjektiv gültig giebt._
+
+Der Begriff der Unsterblichkeit der Seele gründet sich auf eine
+Abstraktion, die die Sinnlichkeit, besonders der tiefste Grad der
+Sinnlichkeit, nicht macht. Seiner Persönlichkeit ist jeder unmittelbar
+durch das Selbstbewußtseyn sicher; das: Ich bin -- bin selbstständiges
+Wesen, läßt er sich durch keine Vernünfteleien rauben. Aber welche von
+diesen Bestimmungen dieses seines Ich reine, oder empirische, welche für
+und durch den innern oder äußern Sinn, oder welche durch die reine
+Vernunft gegeben, welche wesentlich, und welche nur zufällig seyen, und
+nur von seiner gegenwärtigen Lage abhängen, sondert er nicht ab, und ist
+nicht fähig es zu thun. Er wird vielleicht nie auf den Begriff einer
+Seele, als eines reinen Geistes kommen; und giebt man ihm auch
+denselben, so wird man ihm oft nichts als ein Wort geben, das für ihn
+ohne Bedeutung ist. Er kann also Fortdauer seines Ich sich nicht anders
+denken, als unter der Gestalt der Fortdauer desselben mit allen seinen
+gegenwärtigen Bestimmungen. Wenn eine Offenbarung sich zu dieser
+Schwachheit herablassen will, -- und sie wird es fast müssen, um
+verständlich zu werden, -- so wird sie ihm jene Idee in die Gestalt
+kleiden, in der er allein fähig ist, sie zu denken, in die, der
+Fortdauer alles dessen, was er gegenwärtig zu seinem Ich rechnet; und,
+da er den einstigen Untergang eines Theils desselben offenbar
+vorhersieht, der Wiederauferstehung[27]; und die Hervorbringung der
+völligen Kongruenz zwischen Moralität und Glückseligkeit in das Bild
+eines allgemeinen Verhörs und Gerichtstages, und einer Austheilung von
+Strafen und Belohnungen. -- Aber sie darf diese Bilder nicht als
+objektive Wahrheiten aufstellen. -- Nur eine solche Offenbarung also
+kann göttlich seyn, welche eine versinnlichte Darstellung unsrer
+Unsterblichkeit, und des moralischen Gerichts Gottes über endliche
+Wesen, nicht als objektiv, sondern nur als subjektiv (nemlich nicht für
+Menschen überhaupt, sondern nur für diejenigen sinnlichen Menschen, die
+einer solchen Darstellung bedürfen) gültig giebt. Thut sie das erstere,
+so ist ihr zwar darum noch nicht die Möglichkeit eines göttlichen
+Ursprungs überhaupt abzusprechen, denn eine solche Behauptung
+_widerspricht_ der Moral nicht, sie ist blos _nicht_ von ihren
+Principien _abzuleiten; aber sie ist, wenigstens in Rücksicht dieser
+Behauptung, nicht göttlich._
+
+Ob eine Offenbarung ihren versinnlichenden Vorstellungen reiner
+Vernunftideen objektive, oder blos subjektive Gültigkeit beilege, ist,
+wenn sie es auch nicht ausdrücklich erinnert, welches jedoch zur
+Vermeidung alles möglichen Misverständnisses zu wünschen ist, daraus zu
+ersehen, ob sie auf dieselben Schlüsse bauet oder, nicht. Thut sie das
+erstere, so ist offenbar, daß sie ihnen objektive Gültigkeit beilegt.
+
+Da endlich die empirische Sinnlichkeit sich, ihren besondern
+Modifikationen nach, bei verschiedenen Völkern, und in verschiedenen
+Zeitaltern verändert, und unter der Zucht einer guten Offenbarung sich
+immer mehr verringern soll; so ist es Kriterium, zwar nicht der
+Göttlichkeit einer Offenbarung, aber doch ihrer möglichen Bestimmung für
+viele Völker, und Zeiten, wenn die Körper, in die sie den Geist kleidet,
+nicht zu fest, und zu haltbar, sondern von einem leichten Umrisse, und
+dem Geiste verschiedener Völker und Zeiten ohne Mühe anzupassen
+sind. -- Eben dies gilt von den Aufmunterungs- und Beförderungsmitteln
+zur Moralität, die eine Offenbarung empfiehlt. Unter der Leitung einer
+weisen Offenbarung, die in weisen Händen ist, sollten die erstem und
+letztern immer mehr von ihrer Beimischung grober Sinnlichkeit ablegen,
+weil sie immer entbehrlicher werden sollte.
+
+
+§. 13.
+
+_Systematische Ordnung dieser Kriterien._
+
+Die jetzt aufgestellten Kriterien sind Bedingungen der Möglichkeit
+unsern Begriff _a priori_ von einer Offenbarung auf eine in der
+Sinnenwelt gegebne Erscheinung anzuwenden, und zu urtheilen, sie sey
+eine Offenbarung; nemlich nicht Bedingungen der Anwendung des Begriffs
+überhaupt, denn davon werden wir erst im folgenden §. reden, sondern
+seiner Anwendung auf die bestimmte gegebne Erfahrung. Um sicher zu seyn,
+daß wir diese Bedingungen alle erschöpft haben, und daß es außer den
+angeführten keine mehr gebe, (denn wenn wir etwa im Gegentheile welche
+aufgestellt hätten, die keine sind, so müßte sich das sogleich daraus
+ergeben haben, daß wir sie aus dem Offenbarungsbegriffe nicht hätten
+ableiten können,) müssen wir uns nach einem Leitfaden zur Entdeckung
+aller Bestimmungen dieses Begriffs umsehen; und ein solcher ist bei
+allen möglichen Begriffen die Tafel der Kategorien.
+
+Der Begriff einer Offenbarung ist nemlich ein Begriff von einer
+Erscheinung in der Sinnenwelt, welche der _Qualität_ nach unmittelbar
+durch göttliche Kausalität bewirkt seyn soll. Es ist mithin Kriterium
+einer diesem Begriffe entsprechenden Erscheinung, daß sie durch keine
+Mittel gewirkt sey, die dem Begriffe einer göttlichen Kausalität
+widersprechen; und dieses sind, da wir von Gott nur einen moralischen
+Begriff haben, alle unmoralische. Diese Erscheinung soll _der
+subjektiven Quantität_ nach, (denn die _objektive_ giebt kein
+eigentliches Kriterium ab, sondern auf sie gründet sich blos die
+Erinnerung, daß mehrere Offenbarungen zu gleicher Zeit bei entfernten
+Völkern nicht unmöglich sind,) für alle sinnliche Menschen gelten, die
+derselben bedürfen. Es ist mithin Bedingung jeder _in concreto_ gegebnen
+Offenbarung, daß Menschen mit einem dergleichen Bedürfniß wirklich
+nachzuweisen seyen. -- Dies sind die Kriterien einer Offenbarung ihrer
+äußern Form nach, welche sich aus den mathematischen Bestimmungen ihres
+Begriffs ergeben, was denn der Natur der Sache nach so seyn mußte.
+
+Diese Erscheinung wird in ihrem Begriffe der _Relation_ nach auf einen
+Zweck bezogen, nemlich den, reine Moralität zu befördern: eine _in
+concreto_ gegebne Offenbarung muß folglich diesen Zweck erweislich
+beabsichtigen, -- nicht eben nothwendig erreichen, welches schon dem
+Begriffe moralischer, d. i. freier Wesen, in welchen allein sich
+Moralität hervorbringen läßt, widersprechen würde. Dieses Zwecks
+Beförderung aber ist in sinnlichen Menschen nicht anders, als durch
+Ankündigung Gottes, als moralischen Gesetzgebers, möglich; und der
+Gehorsam gegen diesen Gesetzgeber ist nur dann moralisch, wenn er sich
+auf die Vorstellung seiner Heiligkeit gründet. Diese Ankündigung sowohl,
+als die Reinigkeit des aufgestellten Motivs des geforderten Gehorsams
+ist mithin Kriterium jeder Offenbarung.
+
+In Absicht der _Modalität_ endlich würde eine Offenbarung in ihrem
+Begriffe blos als möglich angenommen, woraus, da es zu dem Begriffe an
+sich nichts hinzuthut, sondern nur das Verhältniß seines Gegenstandes zu
+unserm Verstande ausdrückt, keine Bedingung der Anwendung dieses
+Begriffs auf eine _in concreto_ gegebne Erscheinung, d. i. kein
+Kriterium einer Offenbarung sich ergeben kann. Was aber daraus auf die
+Möglichkeit ihn überhaupt anzuwenden folge, das werden wir im folgenden
+§. sehen.
+
+Dies sind nun die Kriterien einer Offenbarung ihrer Form nach, und, da
+das Wesen der Offenbarung eben in der besondern Form einer schon _a
+priori_ vorhandenen Materie besteht, die einzigen ihr wesentlichen: und
+es sind außer den aufgestellten keine mehr möglich, weil in ihrem
+Begriffe keine Bestimmungen mehr sind.
+
+Die Materie einer Offenbarung ist _a priori_ durch die reine praktische
+Vernunft da, und steht an sich unter eben der Kritik, unter welcher
+letztere selbst steht: mithin ist, sofern sie als Materie einer
+Offenbarung betrachtet wird, sowohl dem Inhalte als der Darstellung
+nach, welche jenen modificirt, ihr einziges Kriterium, daß sie mit der
+Aussage der praktischen Vernunft völlig übereinstimme; der Qualität
+nach, daß sie eben das aussage; der Quantität nach, daß sie nicht mehr
+aussagen zu wollen vorgebe, (denn daß weniger in ihr ausgesagt werde,
+ist unmöglich, da sie ein Princip aufzustellen hat, in welchem alles,
+was Inhalt einer Religion werden kann, wenn auch vielleicht
+unentwickelt, enthalten seyn muß;) der Relation nach, als
+abzuleitend und untergeordnet unter das einzige Moralprincip, und
+der Modalität nach, nicht als objektiv, sondern blos als subjektiv,
+allgemeingültig. -- Nach dem jetztgesagten würde sich leicht eine Tafel
+aller Kriterien jeder möglichen Offenbarung nach der Ordnung der
+Kategorien entwerfen lassen.
+
+
+§. 14.
+
+_Von der Möglichkeit, eine gegebne Erscheinung für göttliche Offenbarung
+aufzunehmen._
+
+Bis jetzt ist eigentlich weiter nichts ausgemacht worden, als die
+völlige Gedenkbarkeit einer Offenbarung überhaupt, d. i. daß der Begriff
+einer dergleichen Offenbarung sich nicht selbst widerspreche; und da in
+demselben eine Erscheinung in der Sinnenwelt postulirt wird, haben die
+Bedingungen festgesetzt werden müssen, unter denen dieser Begriff auf
+eine Erscheinung anwendbar ist. Diese Bedingungen waren die durch eine
+Analysis gefundenen Bestimmungen des anzuwendenden Begriffs.
+
+Was aber noch nicht geschehen ist, ja wozu noch gar keine Anstalten
+gemacht worden sind, ist das, diesem Begriffe eine Realität _außer uns_
+zuzusichern, welches doch, der Natur dieses Begriffs nach, geschehen
+müßte. -- Wenn nemlich ein Begriff _a priori_, als anwendbar in der
+Sinnenwelt, _gegeben_ ist, (wie etwa der der Kausalität,) so sichert
+schon der Erweis, daß er gegeben ist, ihm seine objektive Gültigkeit;
+wenn er aber _a priori_ auch nur _gemacht_ ist, wie etwa der eines
+Dreiecks, oder auch der eines Pegasus, so versichert unmittelbar die
+Konstruktion desselben im Raume ihm diese Realität, und das Urtheil: das
+ist ein Dreieck, oder, das ist ein Pegasus, heißt weiter nichts, als:
+das ist die Darstellung eines Begriffs, den ich mir gemacht habe. Es
+wird in einem solchen Urtheile vorausgesetzt, daß zur Realität des
+Begriffs weiter nichts gehöre, als der Begriff selbst; und daß er allein
+als zureichender Grund des ihm korrespondirenden anzusehen sey. In dem
+_a priori_ gemachten Begriffe der Offenbarung aber wird zur Realität
+desselben allerdings noch etwas ganz anderes vorausgesetzt, als unser
+Begriff von ihr, nemlich, ein Begriff in Gott, der dem unsrigen ähnlich
+sey. Das kategorische Urtheil: das ist eine Offenbarung, heißt nicht
+etwa blos: diese Erscheinung in der Sinnenwelt ist Darstellung eines
+_meiner_ Begriffe, sondern: sie ist Darstellung eines _göttlichen_
+Begriffs, gemäß einem _meiner_ Begriffe. Um ein solches kategorisches
+Urtheil zu berechtigen, d. i. um dem Offenbarungsbegriffe eine Realität
+außer uns zuzusichern, müßte erwiesen werden können, daß ein Begriff von
+derselben in Gott vorhanden, gewesen sey, und daß eine gewisse
+Erscheinung beabsichtigte Darstellung desselben sey.
+
+Ein solcher Beweis könnte entweder _a priori_ geführt werden, nemlich
+so, daß aus dem Begriffe von Gott die Nothwendigkeit gezeigt werde daß
+er diesen Begriff nicht nur habe, sondern auch eine Darstellung
+desselben habe bewirken wollen; etwa so, wie wir aus der Anforderung des
+Moralgesetzes an Gott, endlichen Wesen die Ewigkeit zu geben, damit sie
+dem ewiggültigen Gebote desselben Genüge leisten können, nothwendig
+schließen müssen, daß der Begriff der unendlichen Dauer endlicher
+moralischer Wesen nicht nur als Begriff in Gott sey, sondern daß er ihn
+auch außer sich realisiren müsse. So ein Beweis, der, wie ohne alle
+Erinnerung sich versteht, freilich nur subjektiv, aber dennoch
+allgemeingültig seyn würde, würde sehr viel und mehr noch beweisen, als
+wir wollten, indem er ganz unabhängig von aller Erfahrung in der
+Sinnenwelt uns berechtigte, die absolute Existenz einer Offenbarung
+anzunehmen, es möchte eine dem Begriffe desselben entsprechende
+Erscheinung in der Sinnenwelt gegeben seyn oder nicht. Daß ein solcher
+Beweis aber unmöglich sey, haben wir schon oben gesehen. Wir haben
+nemlich von Gott nur einen moralischen, durch die reine praktische
+Vernunft gegebnen Begriff. Fände in demselben sich ein Datum, das uns
+berechtigte, Gott den Begriff der Offenbarung zuzuschreiben, so wäre
+dieses Datum zugleich dasjenige, was den Offenbarungsbegriff selbst
+gäbe, und zwar _a priori_ gäbe. Nach einem solchen Datum der reinen
+Vernunft aber haben wir uns oben vergeblich umgesehen, und daher von
+diesem Begriffe eingestanden, daß er ein blos gemachter sey.
+
+Oder dieser Beweis könnte _a posteriori_ geführt werden, nämlich so daß
+man aus den Bestimmungen der in der Natur gegebnen Erscheinung darthue,
+sie können nicht anders, als unmittelbar durch göttliche Kausalität, und
+durch diese wieder nicht anders, als nach dem Begriffe der Offenbarung
+gewirkt seyn. Da ein solcher Beweis die Kräfte des menschlichen Geistes
+unendlich übersteige, bedürfte eigentlich nicht dargethan zu werden, da
+man nur die Erfordernisse eines solchen Beweises nennen darf, um ihn von
+Übernehmung desselben zurückzuschrecken; doch ist oben auch das zum
+Überflusse geschehen.
+
+Man könnte aber etwa noch, nachdem man auf die Hoffnung eines strengen
+Beweises Verzicht gethan, glauben, der nicht erweisbare Satz werde sich
+wenigstens wahrscheinlich machen lassen. Wahrscheinlichkeit nemlich
+entsteht, wenn man in die Reihe von Gründen kommt, welche uns auf den
+zureichenden Grund für einen gewissen Satz führen müßte, doch ohne
+diesen zureichenden Grund selbst, oder auch den, der sein zureichender
+ist, u. s. w. als gegeben aufzeigen zu können, und je näher man
+diesem zureichenden Grunde ist, desto höher ist der Grad der
+Wahrscheinlichkeit. Diesen zureichenden Grund konnte man nun entweder _a
+priori_, (durch's Herabsteigen von den Ursachen zu den Wirkungen) oder
+_a posteriori_ (durch's Heraufsteigen von den Wirkungen zu den Ursachen)
+aufsuchen wollen. Im ersten Falle müßte man etwa eine Eigenschaft in
+Gott aufzeigen, welche ihn, wenn etwa noch ein Bestimmungsgrund, der
+sich nicht aufzeigen ließe, dazu käme, bewegen müßte, den Begriff einer
+Offenbarung nicht etwa _überhaupt_ -- denn eine solche Eigenschaft in
+Gott fanden wir oben §. 7. allerdings an seiner Bestimmung durch's
+Sittengesetz, Moralität außer sich durch jedes mögliche Mittel zu
+verbreiten -- sondern _unter den empirisch gegebnen Bestimmungen_ dieser
+besondern Offenbarung zu realisiren; so wie man etwa von der Weisheit
+Gottes, nach der Analogie ihrer Wirkungsart hienieden (also durch
+Verbindung dieses Begriffs _a priori_ mit einer Erfahrung) vermuthen,
+aber nicht beweisen kann, (weil Gründe dagegen seyn möchten, die wir
+nicht wissen) daß endliche Wesen mit Körpern, aber immer sich
+verfeinernden Körpern fortdauern werden. Abgerechnet, daß unser Geist so
+eingerichtet ist daß Wahrscheinlichkeitsgründe _a priori_ nicht das
+geringste Fürwahrhalten in ihm begründen können; so wird man auch eine
+solche Bestimmung in Gott nie auffinden. Oder im zweiten Falle müßte man
+alle Möglichkeiten, daß eine gewisse Begebenheit anders als durch
+göttliche Kausalität bewirkt seyn könnte, bis etwa auf eine, oder zwei,
+u. s. f. wegräumen. In diese Reihe der Gründe, eine göttliche Kausalität
+für gewisse Erscheinungen in der Sinnenwelt anzunehmen, kommen wir denn
+nun allerdings. Denn es ist, theoretisch betrachtet, allerdings der
+erste Grund für den Ursprung einer gewissen Begebenheit durch
+unmittelbare Wirkung Gottes, wenn _wir_ ihre Entstehung aus natürlichen
+Ursachen nicht zu erklären wissen. Aber dieses ist nur das erste Glied
+einer Reihe, deren Ausdehnung wir gar nicht wissen, und welche schon an
+sich aller Wahrscheinlichkeit nach uns ungedenkbar ist, und es
+verschwindet folglich in Nichts vor der unendlichen Menge der möglichen
+übrigen. Wir können mithin für die Befugniß eines kategorischen
+Urtheils, daß etwas eine Offenbarung sey, auch nicht einmal
+Wahrscheinlichkeitsgründe anführen.
+
+Es dürfte etwa jemand noch einen Augenblick glauben, daß diese
+Wahrscheinlichkeit durch die gefundne Übereinstimmung einer angeblichen
+Offenbarung mit den Kriterien derselben begründet werde; daher, und
+zuförderst: wenn eine angebliche Offenbarung vorhanden wäre, an der wir
+alle Kriterien der Wahrheit gefunden hätten, -- welches Urtheil über
+dieselbe würde dies berechtigen? Alle diese Kriterien sind die
+moralischen Bedingungen, unter denen allein, und außer welchen nicht,
+eine solche Erscheinung von Gott, dem Begriffe einer Offenbarung gemäß,
+bewirkt seyn könnte; aber gar nicht umgekehrt, -- die Bedingungen einer
+Wirkung, die blos durch Gott diesem Begriffe gemäß bewirkt seyn könnte.
+Wären sie das letztere, so berechtigten sie durch Ausschließung der
+Kausalität aller übrigen Wesen zu dem Urtheile: das _ist_ Offenbarung;
+da sie aber das nicht, sondern nur das erstere sind, so berechtigen sie
+blos zu dem Urtheile: das _kann_ Offenbarung seyn, d. h. wenn
+vorausgesetzt wird, daß in Gott der Begriff einer Offenbarung vorhanden
+gewesen sey, und daß er ihn habe darstellen wollen, so ist in der
+gegebnen Erscheinung nichts, was der möglichen Annahme, sie sey eine
+dergleichen Darstellung, widersprechen könnte. Es wird also durch eine
+solche Prüfung nach den Kriterien blos problematisch, daß irgend etwas
+eine Offenbarung seyn könne; dieses problematische Urtheil aber ist nun
+auch völlig sicher.
+
+Es wird nemlich in demselben eigentlich zweierlei ausgesagt; zuerst: es
+ist überhaupt möglich, daß Gott den Begriff einer Offenbarung gehabt
+habe, und daß er ihn habe darstellen wollen -- und dies ist schon
+unmittelbar aus der Vernunftmäßigkeit des Offenbarungsbegriffs, in
+welchem diese Möglichkeit angenommen wird, klar; und dann: es ist
+möglich, daß diese bestimmte angebliche Offenbarung eine Darstellung
+desselben sey. Das letztere Urtheil kann nun, und muß der Billigkeit
+gemäß, vor aller Prüfung vorher von jeder als Offenbarung angekündigten
+Erscheinung gefällt werden; in dem Sinne nemlich: es sey möglich, daß
+sie die Kriterien einer Offenbarung an sich haben könne. Hier nemlich
+(vor der Prüfung vorher) ist das problematische Urtheil aus zweien
+problematischen zusammengesetzt. Wenn aber diese Prüfung vollendet, und
+die angekündigte Offenbarung in derselben bewährt gefunden ist, so ist
+das erstere nicht mehr problematisch, sondern völlig sicher; die
+Erscheinung hat alle Kriterien einer Offenbarung au sich: man kann daher
+nun mit völliger Sicherheit, ohne noch ein anderweitiges Datum zu
+erwarten, oder irgend woher einen Einspruch zu befürchten, urtheilen,
+sie _könne_ eine seyn. Aus der Prüfung nach den Kriterien ergiebt sich
+also das, was sich aus ihnen ergeben kann, nicht blos als
+wahrscheinlich, sondern als gewiß, ob sie nemlich göttlichen Ursprungs
+seyn _könne_; ob sie es aber _wirklich sey_, -- darüber ergiebt sich aus
+ihr gar nichts, denn davon ist bei ihrer Übernehmung gar nicht die Frage
+gewesen.
+
+Nach Vollendung dieser Prüfung kommt nun in Absicht auf ein
+kategorisches Urtheil das Gemüth, oder sollte es wenigstens vernünftiger
+Weise, in ein völliges Gleichgewicht zwischen dem Für und dem Wider;
+noch auf keine Seite geneigt, aber bereit, bei dem ersten kleinsten
+Momente sich auf die eine oder die andre hinzuneigen. Für ein
+verneinendes Urtheil ist kein der Vernunft nicht widersprechendes
+Moment denkbar; weder ein strenger, noch ein zur wahrscheinlichen
+Vermuthung hinreichender Beweis; denn der verneinende ist eben so und
+aus eben den Gründen unmöglich als der bejahende; noch eine Bestimmung
+des Begehrungsvermögens durchs praktische Gesetz, weil die Annehmung
+einer alle Kriterien der Göttlichkeit an sich habenden. Offenbarung
+diesem Gesetze in nichts widerspricht. (Es läßt sich zwar allerdings
+eine Bestimmung des untern Begehrungsvermögens durch die Neigung denken,
+welche uns gegen die Anerkennung einer Offenbarung einnehmen könnte, und
+man kann, ohne sich der Lieblosigkeit schuldig zu machen, wol annehmen,
+daß eine solche Bestimmung _bei manchem_ der Grund sey, warum er keine
+Offenbarung annehmen wolle; aber eine solche Neigung widerspricht
+offenbar der praktischen Vernunft.) Es muß sich also, ein Moment für das
+bejahende Urtheil auffinden lassen, oder wir müssen in dieser
+Unentschiedenheit immer bleiben. Da auch dieses Moment weder ein
+strenges, noch ein zur wahrscheinlichen Vermuthung hinreichender Beweis
+seyn kann, so muß es eine Bestimmung des Begehrungsvermögens seyn.
+
+Schon ehemals sind wir mit dem Begriffe von Gott in diesem Falle
+gewesen. Unsere bei allem Bedingten Totalität der Bedingungen suchende
+Vernunft führte uns in der Ontologie auf den Begriff des allerrealsten
+Wesens, in der Cosmologie auf eine erste Ursache, in der Teleologie auf
+ein verständiges Wesen, von dessen Begriffen wir die in der Welt für
+unsre Reflexion allenthalben nothwendig anzunehmende Zweckverbindung
+ableiten könnten; es zeigte sich schlechterdings keine Ursache, warum
+diesem Begriffe nicht etwas außer uns korrespondiren sollte, aber
+dennoch konnte unsre theoretische Vernunft ihm diese Realität durch
+nichts zusichern. Durch das Gesetz der praktischen Vernunft aber wurde
+uns zum Zwecke unsrer Willensform ein Endzweck aufgestellt, dessen
+Möglichkeit für uns nur unter der Voraussetzung der Realität jenes
+Begriffs denkbar war; und da wir diesen Endzweck schlechterdings wollen,
+mithin auch theoretisch seine Möglichkeit annehmen mußten, so mußten wir
+auch zugleich die Bedingungen desselben, die Existenz Gottes, und die
+unendliche Dauer aller moralischen Wesen annehmen. Hier wurde also ein
+Begriff, dessen Gültigkeit vorher schlechterdings problematisch war,
+nicht durch theoretische Beweisgründe, sondern um einer Bestimmung des
+Begehrungsvermögens willen realisirt. -- In Absicht der Aufgabe sind wir
+hier ganz in dem gleichen Falle. Es ist nemlich ein Begriff in unserm
+Gemüthe vorhanden, der blos als solcher vollkommen denkbar ist, und
+nachdem eine alle Kriterien einer Offenbarung an sich habende
+Erscheinung in der Sinnenwelt gegeben ist, so ist schlechterdings nichts
+mehr möglich, was der Annahme seiner Gültigkeit widersprechen könnte; es
+läßt sich aber auch kein theoretischer Beweisgrund aufzeigen, der uns
+berechtigen könnte, diese Gültigkeit anzunehmen. Dieselbe ist also
+völlig problematisch. Daß man aber bei Auflösung dieser Aufgabe mit der
+der obigen nicht völlig gleichen Schritt halten könne, fällt bald in die
+Augen. Der Begriff von Gott nemlich war _a priori_ durch unsre Vernunft
+gegeben, war als solcher uns schlechterdings nothwendig, und wir konnten
+mithin die Aufgabe unsrer Vernunft, über seine Gültigkeit außer uns
+etwas zu entscheiden, nicht so nach Belieben ablehnen; für den einer
+Offenbarung aber haben wir _a priori_ kein dergleichen Datum anzuführen,
+und es wäre mithin recht wohl möglich, diesen Begriff entweder überhaupt
+nicht zu haben, oder die Frage über seine Gültigkeit außer uns als
+völlig unnütz von der Hand zu weisen. Was hieraus, daß er _a priori_
+nicht gegeben ist, schon unmittelbar folgt, daß nemlich auch keine _a
+priori_ geschehne Willensbestimmung sich werde aufzeigen lassen, die uns
+bestimme seine Realität anzunehmen, weil ja dann diese Willensbestimmung
+das vermißte Datum _a priori_ seyn würde, wird völlig klar, wenn man
+sich erinnert, daß, um sich den uns _a priori_ aufgestellten Endzweck
+als möglich zu denken, nichts weiter erfordert wird, als die Existenz
+Gottes, und die Fortdauer endlicher moralischer Wesen anzunehmen, um
+welche Sätze, ihrer Materie nach, es im Begriffe einer Offenbarung gar
+nicht zu thun ist, der sie vielmehr zum Behuf seiner eignen Möglichkeit
+schon als angenommen voraussetzt; es ist vielmehr blos um die Annehmung
+einer gewissen Form der Bestätigung dieser Sätze zu thun. Aus der
+Bestimmung des obern Begehrungsvermögens durch das Moralgesetz läßt
+mithin kein Moment, die Gültigkeit des Offenbarungsbegriffs anzunehmen,
+sich ableiten. Vielleicht aber aus einer durch das obere dem
+Moralgesetze gemäß geschehne Bestimmung des untern? -- Das Moralgesetz
+nemlich gebietet schlechthin, ohne Rücksicht auf die Möglichkeit oder
+Unmöglichkeit, überhaupt, oder in einzelnen Fällen eine Kausalität in
+der Sinnenwelt zu haben; und durch die dadurch geschehne Bestimmung des
+obern Begehrungsvermögens, das Gute schlechthin zu wollen, wird das
+untere auch durch Naturgesetze bestimmbare bestimmt, _die Mittel_ zu
+wollen, dasselbe wenigstens in sich (in seiner sinnlichen Natur)
+hervorzubringen. Das obere Begehrungsvermögen will schlechthin den
+Zweck, das untere will die Mittel dazu. Nun ist es, laut der §. 8.
+geschehnen Entwickelung der formalen Funktion der Offenbarung, welche
+zugleich die einzige ihr wesentliche ist, ein Mittel für sinnlich
+Menschen, im Kampfe der Neigung gegen die Pflicht, der letztern die
+Oberhand über die erstere zu verschaffen, wenn sie sich die Gesetzgebung
+des Heiligsten unter sinnlichen Bedingungen vorstellen dürfen.
+Diese Vorstellung ist denn die einer Offenbarung. Das untere
+Begehrungsvermögen muß mithin unter obigen Bedingungen die Realität des
+Begriffs der Offenbarung nothwendig wollen, und, da gar kein
+vernünftiger Grund dagegen ist, so bestimmt dasselbe das Gemüth, ihn als
+wirklich realisirt anzunehmen, d. h. als bewiesen anzunehmen, eine
+gewisse Erscheinung sey wirklich durch göttliche Kausalität bewirkte
+absichtliche Darstellung dieses Begriffs, und sie dieser Annahme gemäß
+zu brauchen.
+
+Eine Bestimmung durchs untere Begehrungsvermögen die Realität einer
+Vorstellung zu wollen, deren Gegenstand man nicht selbst hervorbringen
+kann, ist, sie sey auch bewirkt durch was sie wolle, ein _Wunsch_;
+mithin liegt der Aufnahme einer gewissen Erscheinung als göttlicher
+Offenbarung, nichts mehr als ein Wunsch zum Grunde. Da nun ein solches
+Verfahren, etwas zu glauben, weil das Herz es wünscht, nicht wenig, und
+nicht mit Unrecht, verschrieen ist, so müssen wir noch einige Worte,
+wenn auch nicht zur Deduktion der Rechtmäßigkeit, doch zur Ablehnung
+aller Einsprüche gegen dieses Verfahren im gegenwärtigen Falle
+hinzusetzen.
+
+Wenn ein bloßer Wunsch uns berechtigen soll, die Realität seines Objekts
+anzunehmen, so muß derselbe sich auf die Bestimmung des obern
+Begehrungsvermögens durchs Moralgesetz gründen, und durch dieselbe
+entstanden seyn; die Annahme der Wirklichkeit seines Objekts muß uns die
+Ausübung unsrer Pflichten, und zwar nicht etwa blos dieser oder jener,
+sondern des pflichtmäßigen Verhaltens überhaupt erleichtern, und von der
+Annahme des Gegentheils muß sich zeigen lassen, daß sie dieses
+pflichtmäßige Verhalten in den wünschenden Subjekten erschweren würde;
+und dieses darum, weil wir nur bei einem Wunsche dieser Art einen Grund
+anführen können, warum wir über die Wirklichkeit seines Objekts
+überhaupt etwas annehmen, und die Frage über dieselbe nicht gänzlich
+abweisen wollen. Daß beim Wunsche einer Offenbarung dieses der Fall sey,
+ist schon oben zur Genüge gezeigt.
+
+Mit diesem Kriterio der Annehmbarkeit eines gewünschten blos um des
+Wunsches willen, muß sich nun auch das zweite vereinigen, nemlich die
+völlige Sicherheit, daß wir nie eines Irrthums bei dieser Annahme werden
+überfuhrt werden können, in welchem Falle die Sache _für uns_ völlig
+wahr, es für uns eben so gut ist, als ob dabei gar kein Irrthum möglich
+wäre. Dies findet nun bei der Annahme einer alle Kriterien der
+Göttlichkeit an sich habenden Offenbarung, d. i. bei der Annahme, daß
+eine gewisse Erscheinung durch unmittelbare göttliche Kausalität dem
+Begriffe einer Offenbarung gemäß bewirkt sey, der höchsten Strenge nach
+statt. Der Irrthum dieser Annahme kann uns, und wenn wir Ewigkeiten
+hindurch an Einsichten zunehmen, nie aus Gründen einleuchten, oder
+dargethan werden; denn dann müßte, da vor der theoretischen Vernunft
+Richterstuhl diese Annahme schlechterdings nicht gehört, gezeigt werden
+können, daß sie der praktischen Vernunft, nemlich dem durch dieselbe
+gegebnen Begriffe von Gott widerspräche, welcher Widerspruch aber, da
+das Moralgesetz für alle vernünftige Wesen auf jeder Stufe ihrer
+Existenz das gleiche ist, schon jetzt erhellen müßte. Eben so wenig kann
+ein solcher Irrthum, wie es bei andern menschlichen Wünschen, die meist
+auf die Zukunft gehen, so oft der Fall ist, durch eine nachmalige
+Erfahrung dargethan werden; denn wie sollte die Erfahrung wol beschaffen
+seyn, die uns belehren könnte, eine einem möglichen Begriffe in Gott
+völlig gemäße Wirkung sey _nicht_ durch die Kausalität dieses Begriffs
+bewirkt? welches eine offenbare Unmöglichkeit ist: oder auch nur die,
+welche wir, im Falle daß sie es sey, machen müßten, und aus deren
+Abwesenheit wir schließen könnten, sie sey es nicht? -- Die Untersuchung
+ist bis zu einem Punkte getrieben, von welchem aus sie für uns nicht
+weiter gehen kann: bis zur Einsicht in die völlige Möglichkeit einer
+Offenbarung sowohl überhaupt, als insbesondre durch eine bestimmt
+gegebne Erscheinung; sie ist _für uns_ (alle endliche Wesen) völlig
+geschlossen; wir sehen am Endpunkte dieser Untersuchung mit völliger
+Sicherheit, daß über die Wirklichkeit einer Offenbarung schlechterdings
+kein Beweis weder für sie, noch wider sie statt finde, noch je statt
+finden werde, und daß, wie es mit der Sache an sich sey, nie irgend ein
+Wesen wissen werde, als Gott allein. -- Wollte man etwa noch zuletzt als
+den einzigen Weg, wie wir hierüber belehrt werden könnten, annehmen,
+Gott selbst könne es uns mittheilen, so wäre dies eine neue Offenbarung,
+über deren objektive Realität die vorige Unwissenheit entstehen würde,
+und bei der wir wieder da seyn würden wo wir vorher waren. -- Da es aus
+allem gesagten völlig sicher ist, daß über diesen Punkt keine
+Überführung des Irrthums, d. i. daß _für uns_ überhaupt kein Irrthum
+darüber möglich sey, eine Bestimmung des Begehrungsvermögens aber uns
+treibt, uns für das bejahende Urtheil zu erklären, so können wir mit
+völliger Sicherheit dieser Bestimmung nachgeben[28].
+
+Diese Annahme einer Offenbarung ist nun, da sie auf eine Bestimmung des
+Begehrungsvermögens rechtmäßig sich gründet ein _Glaube_, den wir zum
+Unterschiede vom _reinen Vernunftglauben_ an Gott und Unsterblichkeit,
+der sich auf etwas _materielles_ bezieht, den _formalen, empirisch
+bedingten, Glauben_ nennen wollen. Der Unterschied beider, und alles,
+was wir über den letztern noch zu sagen haben, wird aus einer
+Vergleichung der Bestimmung des Gemüths bei einem oder dem ändern nach
+Ordnung der Kategorientitel sich ergeben.
+
+Der _Qualität_ nach nemlich ist der Glaube im ersten so wie im zweiten
+Falle eine freie durch keine Gründe erzwungne Annahme der Realität eines
+Begriffs, dem diese Realität durch keine Gründe zugesichert werden kann,
+im ersten Falle eines gegebnen, im zweiten eines gemachten, im ersten um
+einer negativen Bestimmung des untern Begehrungsvermögens (§. 2.) durch
+das obere, im zweiten um einer positiven Bestimmung desselben willen
+vermittelst jener negativen. Dies sind Verschiedenheiten, welche schon
+angezeigt, und deren Folgen schon entwickelt worden. Aber es zeigt sich
+hier noch eine neue. Im reinen Vernunftglauben nemlich wird blos
+angenommen, daß einem Begriffe, dem von Gott, überhaupt ein Gegenstand
+außer uns korrespondire, (denn der Glaube an Unsterblichkeit läßt sich
+als von der Existenz Gottes blos abgeleitet betrachten, und wir haben
+mithin hier keine besondre Rücksicht auf ihn zu nehmen): im
+Offenbarungsglauben aber nicht blos das, sondern auch, daß ein gewisses
+gegebnes ein diesem Begriffe korrespondirendes sey. Im letztern also
+scheint das Gemüth einen Schritt weiter zu gehen, und eine kühnere
+Anmaaßung zu machen, die eine größere Berechtigung für sich anzuführen
+haben sollte. Aber das hegt in der Natur beider Begriffe, und der
+Schritt ist wirklich im letzteren Falle nicht kühner, als im ersteren.
+Der Begriff von Gott nemlich ist schon _a priori_ völlig bestimmt
+gegeben, so weit er nemlich von uns bestimmt werden kann, und läßt durch
+keine Erfahrung, und eben so wenig durch Schlüsse aus der angenommenen
+Existenz sich weiter bestimmen. Eine Realisation desselben kann mithin
+gar nichts, weiter thun, als die Existenz eines demselben
+korrespondirenden Gegenstandes annehmen; sie kann weiter nichts zu ihm
+hinzusetzen, weil dieser Gegenstand nur auf diese eine _a priori_
+gegebne Art bestimmt seyn kann. Im Begriffe der Offenbarung aber wird
+eine zu gebende Erfahrung gedacht, die als solche, und inwiefern sie das
+ist, _a priori_ gar nicht bestimmt werden kann, sondern als _a
+posteriori_ auf mannigfaltige Art bestimmbar angenommen werden muß. Sie
+als realisirt annehmen, heißt nichts anderes, und kann nichts anderes
+heißen, als sie völlig bestimmt gegeben zu denken; diese völlige
+Bestimmung muß aber durch die Erfahrung gegeben werden. Folglich findet
+gar keine Annahme der Realität dieses Begriffs überhaupt (_in
+abstracto_) statt, sondern er kann nur durch Anwendung auf eine
+bestimmte Erscheinung (_in concreto_) realisirt werden, und durch diese
+Anwendung geschieht nichts anderes, als was im reinen Vernunftglauben
+geschieht: es wird angenommen, daß einem _a priori_ vorhandenen Begriffe
+etwas außer ihm entspreche. Wenn von der _Quantität_ des Glaubens die
+Rede ist, so kann damit nur eine _subjektive_ gemeint seyn, weil kein
+Glaube auf objektive Gültigkeit Anspruch macht, in welchem Falle er kein
+Glaube wäre. In dieser Rücksicht ist nun der reine Vernunftglaube
+allgemeingültig für alle endliche vernünftige Wesen, weil er sich auf
+eine _a priori_ geschehne Bestimmung des Begehrungsvermögens durch das
+Moralgesetz, etwas nothwendig zu wollen, gründet, und auf einen _a
+priori_ durch die reine Vernunft gegebnen Begriff geht. Er läßt sich
+zwar niemanden aufdringen, weil er auf eine Bestimmung der Freiheit sich
+gründet, aber er läßt sich von jedermann fordern, und ihm
+ansinnen. -- Es leuchtet sogleich ein, daß der empirisch bedingte Glaube
+auf diese Allgemeingültigkeit nicht Anspruch machen könne. Denn theils
+geht er auf einen nicht gegebnen, sondern gemachten Begriff, der mithin
+nicht nothwendig im menschlichen Gemüthe ist. Wenn nun jemand auf diesen
+Begriff überhaupt nicht käme, so könnte er auch keine Darstellung
+desselben annehmen, und wir wurden mithin diese Annahme vergeblich in
+ihm voraussetzen, da wir nicht einmal den Begriff derselben in ihm mit
+Sicherheit voraussetzen können. Theils aber wird die Bestimmung des
+Gemüths, eine Darstellung dieses Begriffs anzunehmen, nur durch einen
+Wunsch, der sich auf ein empirisches Bedürfniß gründet, bewirkt. Wenn
+nun jemand dieses Bedürfniß _in sich_ nicht fühlt, wenn er auch
+historisch wissen sollte, daß es bei andern vorhanden sey, so kann in
+demselben nimmermehr der Wunsch entstehen, eine Offenbarung annehmen zu
+dürfen, mithin auch kein Glaube an dieselbe. -- Nur ein einziger Fall
+läßt sich denken, in welchem auch ohne das Gefühl dieses Bedürfnisses in
+sich selbst wenigstens ein vorübergehender Glaube möglich ist, wenn
+nemlich jemand in die Nothwendigkeit versetzt wird, durch die
+Vorstellung einer Offenbarung, ohne ihrer eben für sich selbst zu
+bedürfen, auf die Herzen andrer zu wirken, die derselben bedürfen. Der
+lebhafte, seiner Pflicht, Moralität nach seinen Kräften auch außer sich
+zu verbreiten, gemäße Wunsch, vereint mit der Überzeugung, daß dies bei
+den gegebnen Subjekten nur durch diese Vorstellung möglich sey, wird ihn
+treiben, sie zu gebrauchen. Mit wahrer Energie kann er sie nicht
+brauchen, ohne als ein selbst überzeugter und glaubender zu reden.
+Diesen Glauben zu heucheln, wäre gegen die Wahrheit und Lauterkeit des
+Gemüths, und folglich moralisch unmöglich. Das dadurch entstehende
+dringende Gefühl eines Bedürfnisses des Offenbarungsglaubens in dieser
+Lage wird, wenigstens so lange dieses Gefühl dauert; den Glauben selbst
+in ihm hervorbringen, wenn er auch etwa, nachdem er kälter geworden ist,
+diese Vorstellungen allmählig wieder bei Seite legen sollte[29].
+
+Es folgt also aus dem gesagten, daß der Glaube an Offenbarung sich nicht
+nur nicht aufdringen, sondern auch nicht einmal von jedermann fordern,
+oder ihm ansinnen lasse.
+
+So wie der Glaube an Offenbarung nur unter zwei Bedingungen möglich ist,
+daß man nemlich theils gut seyn wolle, theils der Vorstellung einer
+geschehnen Offenbarung als eines Mittels bedürfe, um das Gute in sich
+hervorzubringen[30], so kann auch der Unglaube in Rücksicht auf sie
+zweierlei Ursachen haben, daß man nemlich entweder gar keinen guten
+Willen habe, und mithin, alles, was uns zum Guten antreiben, und unsre
+Neigungen einschränken zu wollen das Ansehen hat, hasse, und von der
+Hand weise, oder daß man bei dem besten Willen nur die Unterstützung
+einer Offenbarung nicht bedürfe, um ihn in's Werk setzen zu können. Die
+erstere Verfassung der Seele ist tiefes moralisches Verderben; die
+letztere ist, wenn sie sich nur etwa nicht auf die natürliche Schwäche
+unsrer Neigungen, oder auf eine dieselben tödtende Lebensart, sondern
+auf wirksame Hochachtung des Guten, um sein selbst willen, gründet,
+wirkliche Stärke, und man darf, ohne Furcht, der Würde der Offenbarung
+dadurch etwas zu benehmen, das sagen, weil bei wirklich vorherrschender
+Liebe des Guten, ohne welche überhaupt kein Glaube möglich ist, nicht zu
+befürchten steht, daß jemand sie von der Hand weisen werde, so lange er
+noch irgend eine gute Wirkung derselben an sich verspürt. Aus welchen
+Ursachen von beiden der Unglaube bei einem bestimmten Subjekte
+entstanden sey, können nur die Früchte lehren.
+
+Zur Ablehnung einer übereilten Folgerung hieraus aber müssen wir schon
+hier anmerken, daß, wenn gleich nicht der Glaube an Offenbarung, dennoch
+die Kritik ihres Begriffs auf Allgemeingültigkeit Anspruch mache. Denn
+letztere hat nichts zu begründen, als die absolute Möglichkeit einer
+Offenbarung, sowohl in ihrem Begriffe, als daß etwas demselben
+korrespondirendes angenommen werden könne, und dies thut sie aus
+Principien _a priori_, mithin allgemeingültig. Jedem also wird durch
+sie angemuthet, zuzugestehen, daß nicht nur überhaupt eine Offenbarung
+möglich sey, sondern auch, daß eine in der Sinnenwelt wirklich gegebne
+Erscheinung, die alle Kriterien derselben an sich hat, eine seyn
+_könne_. Hierbei aber muß sie es bewenden lassen, und hierbei kann und
+muß es vernünftiger Weise jeder, der kein Bedürfniß derselben zum
+Gebrauche weder an sich, noch an ändern fühlt, bewenden lassen; ist aber
+durch die Kritik genöthigt, denen, die an sie glauben, die
+Vernunftmäßigkeit ihres Glaubens zuzugestehen, und sie in völlig ruhigem
+und ungestörtem Besitze und Gebrauche desselben zu lassen.
+
+In Absicht der _Relation_ bezieht sich der reine Vernunftglaube auf
+etwas Materielles, der Offenbarungsglaube aber blos auf eine bestimmte
+Form dieses _a priori_ gegebnen, und schon als angenommen
+vorausgesetzten Materiellen. Dieser Unterschied, der aus allem bisher
+gesagten zur Genüge klar ist, veranlaßt uns blos hier noch die Anmerkung
+zu machen, daß derjenige, der diese bestimmte Form einer Offenbarung
+nicht annimmt, darum das Materielle, Gott und Unsterblichkeit, nicht nur
+nicht nothwendig läugne, sondern daß er auch dem Glauben an dieselben in
+sich nicht nothwendig Abbruch thue, wenn er sie sich außer dieser Form
+eben so gut denken, und sie zur Willensbestimmung brauchen kann.
+
+In Absicht der _Modalität_ endlich drückt sich der reine Vernunftglaube,
+nach Voraussetzung der Möglichkeit des Endzwecks des Moralgesetzes,
+apodiktisch ans; es ist nemlich, einmal angenommen, daß das absolute
+Recht möglich sey, für uns schlechterdings nothwendig zu denken, daß ein
+Gott sey, und daß moralische Wesen ewig dauern. Der Glaube an
+Offenbarung aber kann sich nur kategorisch ausdrücken: eine gewisse
+Erscheinung _ist_ Offenbarung; nicht: sie muß nothwendig Offenbarung
+seyn, weil, so sicher es auch ist, daß uns kein Irrthum in diesem
+Urtheile gezeigt werden kann, das Gegentheil an sich doch immer möglich
+bleibt.
+
+
+§. 15.
+
+_Allgemeine Übersicht dieser Kritik._
+
+Ehe irgend eine Untersuchung über den Offenbarungsbegriff möglich war,
+mußte dieser Begriff wenigstens vorläufig bestimmt werden; und da es uns
+hier nicht so gut ward, wie bei gegebnen Begriffen in der reinen
+Philosophie, denen wir bis zu ihrer ersten Entstehung nachspüren, und
+sie gleichsam werden sehen, da hingegen dieser sich blos als ein
+empirischer ankündiget, und wenigstens, wenn auch bei näherer
+Untersuchung seine Möglichkeit _a priori_ sich ergiebt, nicht das
+Ansehen hat, ein Datum _a priori_ für sich anführen zu können: so hatten
+wir _vor der Hand_ darüber nur den Sprachgebrauch abzuhören. Dies
+geschah §. 5. Da aber dieser Begriff, wie schon vorläufig zu vermuthen,
+§. 5. aber vollkommen erweisbar war, nur in Beziehung auf Religion
+vernunftmäßig ist, so mußte eine Deduktion der Religion überhaupt zum
+Behuf der Ableitung des zu untersuchenden Begriffs aus seinem höhern
+vorausgeschickt werden (§. 2. 3. 4.).
+
+Nach dieser vorläufigen Bestimmung des Begriffs war zu untersuchen, ob
+er überhaupt einer philosophischen Kritik zu unterwerfen, und vor
+welchem Richterstuhle seine Sache anhängig zu machen sey. Das erste hing
+davon ab, ob er _a priori_ möglich sey, und das zweite mußte sich durch
+eine wirkliche Deduktion _a priori_ aus den Principien, von welchen er
+sich ableiten ließ, ergeben; indem offenbar jeder Begriff unter das
+Gebiet desjenigen Princips gehört, von welchem er abgeleitet ist. Diese
+Deduktion wurde §. 5. 6. 7. wirklich gegeben, und aus ihr erhellte, daß
+dieser Begriff vor den Richterstuhl der praktischen Vernunft gehöre. Der
+zweite Punkt, der einer strengen Prüfung unterworfen werden muß, ist
+mithin diese Deduktion _a priori_, weil mit ihrer Möglichkeit die
+Möglichkeit jeder Kritik dieses Begriffs überhaupt, und die Richtigkeit
+der gegebnen, zugleich aber auch die Vernunftmäßigkeit des kritisirten
+Begriffs selbst steht oder fällt.
+
+Da sich bei dieser Deduktion fand, daß der in Untersuchung befindliche
+Begriff kein Datum _a priori_ aufzuweisen habe, sondern dasselbe _a
+posteriori_ erwarte, so mußte die Möglichkeit dieses verlangten Datum in
+der Erfahrung, aber auch nur seine Möglichkeit, gezeigt werden. Dies
+geschah §. 8. Es kommt also bei Prüfung dieses §. blos darauf an, ob ein
+empirisches Bedürfniß einer Offenbarung, welches das verlangte Datum
+ist, nicht etwa wirklich aufgezeigt, sondern nur richtig angezeigt
+worden, und ob aus den empirischen Bestimmungen der Menschheit die
+Möglichkeit abgeleitet worden, daß ein solches Bedürfniß eintreten
+könne.
+
+Mehr um den Satz, daß die Untersuchung der Möglichkeit einer Offenbarung
+schlechterdings nicht vor das Forum der theoretischen Vernunft gehöre,
+welcher schon, aus der Deduktion ihres Begriffs erhellet, noch
+einleuchtender zu machen, als um einer systematischen Nothwendigkeit
+willen, wurde §. 9. noch die physische Möglichkeit einer Offenbarung,
+über welche an sich gar keine Frage entstehen konnte, gezeigt.
+
+Nach Beendigung dieser Untersuchungen muß es völlig klar seyn, daß der
+Begriff der Offenbarung überhaupt nicht nur an sich denkbar sey, sondern
+daß auch, im Falle des eintretenden empirischen Bedürfnisses sich etwas
+ihm korrespondirendes außer ihm erwarten lasse. Da aber dieses
+korrespondirende eine Erscheinung in der Sinnenwelt seyn soll, welche
+_gegeben_ werden muß (nicht _gemacht_ werden kann), so kann nun der
+menschliche Geist hierbei nichts weiter thun, als diesen Begriff auf
+eine dergleichen Erscheinung anwenden, und die Kritik weiter nichts, als
+ihn dabei leiten, d. i. die Bedingungen festsetzen, unter denen eine
+solche Anwendung möglich ist. Diese Bedingungen sind §. 10. 11. 12.
+entwickelt worden. Da dieselben nichts weiter, als die durch eine
+Analysis sich ergebenden Bestimmungen des Offenbarungsbegriffs selbst
+sind, so kommt es bei ihrer Prüfung nur darauf an, ob sie aus diesem
+Begriffe wirklich herfließen, und ob sie alle angegeben sind. Die
+Prüfung des letztern Punktes sucht §. 13. zu erleichtern.
+
+Da aber aus der Art dieses Begriffs sich offenbar ergeben hat, daß seine
+wirkliche Anwendung auf eine gegebne Erfahrung immer nur willkührlich
+ist, und sich auf keine Zunöthigung der Vernunft gründet, so hat §. 14
+noch gezeigt werden müssen, worauf diese Anwendung überhaupt sich
+gründe, und inwiefern sie vernunftmäßig sey. Auch diese Deduktion der
+Vernunftmäßigkeit dieses Verfahrens mit dem Offenbarungsbegriffe bedarf
+einer besondern Prüfung.
+
+Aus dieser kurzen Übersicht erhellet, daß die Kritik der Offenbarung
+aus Principien _a priori_ geführt werde -- denn bei Untersuchung des
+empirischen Datum für den Offenbarungsbegriff ist sie blos gehalten die
+Möglichkeit desselben zu zeigen; daß sie mithin, wenn in keinem der
+angezeigten Punkte ihr ein Fehler nachzuweisen ist, auf allgemeine
+Gültigkeit rechtmäßigen Anspruch mache. Sollten aber in gegenwärtiger
+Bearbeitung dieser Kritik dergleichen Fehler gemacht worden seyn, wie
+wol zu erwarten steht; so müßte es, wenn nur der Weg einer möglichen
+Kritik richtig angegeben ist, welches sich bald zeigen muß, besonders
+durch gemeinschaftliche Bemühungen, leicht seyn, ihnen abzuhelfen, und
+eine allgemeingeltende Kritik aller Offenbarung aufzustellen.
+
+Durch diese Kritik wird nun die Möglichkeit einer Offenbarung an sich,
+und die Möglichkeit eines Glaubens an eine bestimmte gegebne
+insbesondre, wenn dieselbe nur vorher vor dem Richterstuhle ihrer
+besondern Kritik bewährt gefunden, völlig gesichert, alle Einwendungen
+dagegen auf immer zur Ruhe verwiesen, und aller Streit darüber auf ewige
+Zeiten beigelegt[31]. Durch sie wird alle Kritik jeder besondern
+gegebnen Offenbarung begründet, indem sie die allgemeinen Grundsätze
+jeder dergleichen Kritik an den Kriterien aller Offenbarung aufstellt.
+Es wird, nach vorher ausgemachter historischer Frage, _was_ eine gegebne
+Offenbarung eigentlich lehre -- welche in einzelnen Fällen leicht die
+schwerste seyn dürfte, möglich, mit völliger Sicherheit zu entscheiden,
+ob eine Offenbarung göttlichen Ursprungs seyn könne, oder nicht, und im
+ersten Falle ohne alle Furcht irgend einer Störung an sie zu glauben.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[Fußnote 1: Diese Vorrede, und das ächte vom Verfasser mit seinem Namen
+unterzeichnete Titelblatt wurden durch ein Versehen nicht in der
+Ostermesse, aber wohl späterhin, mir ausgegeben.
+
+_Der Verleger._]
+
+[Fußnote 2: Diese Form der empirischen Anschauung, insofern sie
+empirisch ist, ist der Gegenstand des Gefühls des Schönen. _Richtig
+verstanden_ entdeckt dies einen leichtern Weg zum Eindringen in das Feld
+der ästhetischen Urtheilskraft.]
+
+[Fußnote 3: Ehemals auch -- _Sittenlehre_ genannt.]
+
+[Fußnote 4: Es sind nemlich, bei der characteristischen Beschaffenheit
+endlicher Wesen leidend afficirt zu werden, und durch Spontaneität sich
+zu bestimmen, bei jeder Äußerung ihrer Thätigkeit Mittelvermögen
+anzunehmen, die von der einen Seite der Bestimmbarkeit durch Leiden, von
+der andern der Bestimmbarkeit durch Thun fähig sind.]
+
+[Fußnote 5: Ich füge zur Erläuterung auch hier noch hinzu, daß so
+etwas, wie Interesse am Guten blos von endlichen, d. h. empirisch
+bestimmbaren Wesen gelte, von dem Unendlichen aber gar nicht auszusagen
+sey: daß mithin in der reinen Philosophie, wo von allen empirischen
+Bedingungen gänzlich abstrahirt wird, der Satz: das Gute muß schlechthin
+darum geschehen, weil es gut ist -- ohne alle Einschränkung vorzutragen;
+für sinnlich bestimmbare Wesen aber so einzuschränken ist: das Gute
+wirkt Interesse, schlechthin darum, weil es gut ist, und dieses
+Interesse muß den Willen bestimmt haben, es hervorzubringen, wenn die
+Willensform rein moralisch seyn soll.]
+
+[Fußnote 6: Sollten wir nicht bei der Erziehung mehr auf die
+Entwickelung des Gefühls für das Erhabne bedacht seyn? -- ein Weg, den
+uns die Natur selbst öfnete, um von der Sinnlichkeit aus zur Moralität
+überzugehen, und der in unserm Zeitalter uns meist schon sehr früh durch
+Frivolitäten und Colifischets, und unter andern auch durch Theodiceen
+und Glückseeligkeitslehren, verdämmt wird. -- _Nil admirari_ -- _omnia
+humana infra so posita carnere_ -- ist es nicht das unsichtbare Wehen
+dieses Geistes, das uns hier weniger, da mehr an die classischen
+Schriften der Alten anzieht? Was müßten wir bei unsern ohne Zweifel
+entwickeltern Humanitätsgefühlen gegen Jene bald werden, wenn wir ihnen
+nur hierinn ähnlich werden wollten? und was sind wir jetzt gegen sie?]
+
+[Fußnote 7: Welches nicht zum Beweise, sondern κατ' ανθρωπον [Greek:
+kat' anthrôpon] gesetzt wird. Jede Behauptung muß auf sich selbst
+stehen, oder fallen. -- Der _verehrt_ Kanten noch wenig, der es nicht am
+ganzen Umrisse und Vortrage seiner Schriften gemerkt hat, daß er uns
+nicht seinen _Buchstaben, sondern seinen Geist_ mittheilen wollte; und
+er _verdankt_ ihm noch weniger.]
+
+[Fußnote 8: Die Vernachläßigung dieses Theils der Theorie des Willens,
+nemlich der Entwickelung der _positiven_ Bestimmung des sinnlichen
+Triebes durch das Sittengesetz führt nothwendig zum Stoicismus in der
+Sittenlehre -- dem Princip der Selbstgenugsamkeit -- und zur Läugnung
+Gottes und der Unsterblichkeit der Seele, wenn man consequent ist.]
+
+[Fußnote 9: Im Vorbeigehen die Frage: Soll der erste Grundsatz des
+Naturrechts ein Imperativ, oder eine Thesis seyn? Soll diese
+Wissenschaft im Tone der practischen, oder in dem der theoretischen
+Philosophie Vorgetragen werden?]
+
+[Fußnote 10: Welch ein sonderbares Zusammentreffen! -- «Wer sein Leben
+lieb hat, der wird es verlieren; wer es aber verlieret, der wirds
+erhalten zum ewigen Leben:»sagte Jesus; welches gerade so viel heißt,
+als das obige.]
+
+[Fußnote 11: Gott hat keine Rechte: denn er hat keine sinnliche
+Neigung.]
+
+[Fußnote 12: Welche beiden letztern Begriffe hier nur dazu da stehen,
+um die leere Stelle einer Idee zu bezeichnen, die aus ihrer Verbindung
+entsteht, und die für uns undenkbar ist.]
+
+[Fußnote 13: Wenn man von Gott redet, so heißt die Anforderung der
+practischen Vernunft an ihn nicht Gebot, sondern Gesetz. Sie sagt von
+ihm kein _Sollen_, sondern ein _Seyn_ aus; sie ist in Rücksicht auf ihn
+nicht _imperativ_, sondern _constitutiv_.]
+
+[Fußnote 14: Das Wort _recht_ (welches wohl zu unterscheiden ist von
+_einem Rechte_, von welchem die Lehrer des Naturrechts reden,) hat einen
+ihm eigenthümlichen Nachdruck, weil es keiner Grade der Vergleichung
+fähig ist. Nichts ist _so gut_, oder _so edel_, daß sich nicht noch
+etwas _besseres_ oder _edleres_ denken ließe; aber _recht_ ist nur eins:
+alles, worauf dieser Begriff anwendbar ist, ist entweder schlechthin
+recht oder schlechthin unrecht, und da giebt's kein drittes. Weder das
+lateinische _honestum_, noch das griechische καλον κ'αγαθον [Greek:
+kalon k'agathon] hat diesen Nachdruck. (Vielleicht das lateinische
+_par_ -- _egisti uti par est_ --?) Es ist ein Glück für unsre Sprache,
+daß man diesem Worte durch Mißbrauch desselben seinen Nachdruck nicht
+geraubt hat, welches sie ohne Zweifel dem Geschmacke der Superlativen,
+und der Übertreibung, -- der Meinung, daß es eben nicht viel gesagt sey,
+wenn man z. B. eine Handlung _recht_ nenne, und daß sie wenigstens
+_edel_ heißen müsse, zu verdanken hat.]
+
+[Fußnote 15: Die Frage: warum überhaupt moralische Wesen seyn sollten?
+ist leicht zu beantworten: wegen der Anforderung des Moralgesetzes an
+Gott, das höchste Gut außer Sich zu befördern, welches nur durch
+Existenz vernünftiger Wesen möglich ist.]
+
+[Fußnote 16: Wer unwillig wird, daß ich das sagte, dem sagte ich's
+nicht. Ich kenne aber Leser, denen man es allerdings sagen muß.]
+
+[Fußnote 17: Überhaupt haben alle, die durch historische,
+geographische, physische Deduktionen die kritische Philosophie
+_widerlegen_, noch nicht den ersten Satz der Philosophie gefaßt, die sie
+widerlegen.]
+
+[Fußnote 18: Daß dieser Deduktion gar nicht eine _objektive_, einen
+theoretischen Beweis _a priori_ begründende, sondern blos eine
+_subjektive_, für den empirisch-bedingten Glauben hinlängliche,
+Gültigkeit zugeschrieben werde, ist wohl für keinen Leser, der auch nur
+eine dunkle Ahndung von dem Gange und Ziele dieser Abhandlung hat, zu
+erinnern -- auch sogar dann nicht, wenn jemand ihren Sinn vorsätzlich
+misdeuten sollte, um den Leser irre zu führen.]
+
+[Fußnote 19: Ich sehe nicht ab, wie die Bewohner von Hispaniola, wenn
+Christoph Colon, statt durch seine vorgebliche Verfinsterung des Mondes
+nur Lebensmittel von ihnen zu erzwingen, dieselbe als göttliche
+Beglaubigung einer Gesandtschaft von ihm an sie in moralischen Absichten
+gebraucht hätte, ihm vor der Hand vernünftiger Weise ihre Aufmerksamkeit
+hätten versagen können, da der Erfolg dieser Naturbegebenheit nach
+seiner bestimmten Vorherverkündigung ihnen nach Naturgesetzen
+schlechterdings unerklärbar seyn mußte. Und wenn er denn auf diese
+Beglaubigung eine den Principien der Vernunft völlig angemessene
+Religion gegründet hätte, so hätten sie nicht nur auf keinen Fall etwas
+dabei verloren, sondern sie hätten auch diese Religion mit völliger
+Überzeugung so lange für unmittelbar göttlichen Ursprungs halten können,
+bis sie durch eigne Einsicht in die Naturgesetze, und durch die
+historische Belehrung, daß Colon sie eben so gut gekannt, und daß er
+also nicht allerdings ehrlich mit ihnen umgegangen, diese Religion zwar
+nicht mehr für göttliche _Offenbarung_ hätten halten können, aber doch
+verbunden geblieben wären, sie wegen ihrer gänzlichen Übereinstimmung
+mit dem Moralgesetze, für göttliche _Religion_ anzuerkennen.]
+
+[Fußnote 20: Wenn es erwiesen werden könnte, daß ein vernünftiges
+Fürwahrhalten einer Offenbarung Gottes als politischen Gesetzgebers
+(etwa als Vorbereitung auf eine moralische Offenbarung) möglich wäre,
+als mit welcher Möglichkeit des Fürwahrhaltens zugleich die Möglichkeit
+der ganzen Sache steht und fällt (ein Erweis, der aus dem oben §. 5.
+gesagten als fast unmöglich erscheint); so wäre es klar, daß der
+Gehorsam gegen dergleichen Gesetze in einer solchen Offenbarung auf
+Furcht der Strafe, und Hoffnung der Belohnung, nicht nur gegründet
+werden könnte, sondern müßte, da der Endzweck politischer Gesetze bloße
+Legalität ist, und diese durch jene Triebfedern am sichersten bewirkt
+wird.]
+
+[Fußnote 21: Ich bitte jeden, dem die hier zu beweisende Behauptung
+noch anstößig vorkommt, auf das von hier an folgende besonders
+aufzumerken. _Entweder_ die ganze Offenbarungskritik muß umgestoßen, und
+die Möglichkeit einer theoretischen Überzeugung _a posteriori_ von der
+Göttlichkeit einer gegebnen Offenbarung erhärtet werden, (worüber man
+sich an §. 5. zu halten hat:) _oder_ man muß den Satz: daß eine
+Offenbarung unsre übersinnliche Erkenntniß nicht erweitern könne,
+unbedingt zugeben.]
+
+[Fußnote 22: Zu Ablehnung übereilter Konsequenzen und unstatthafter
+Anwendungen merken wir nochmals ausdrücklich an, daß hier nur von als
+_objektiv gültig_ angekündigten Sätzen die Rede sey, und daß vieles, was
+als Erweiterung unsrer Erkenntniß des Übersinnlichen aussehe,
+versinnlichte Darstellung unmittelbarer, oder durch Anwendung dieser auf
+gewisse Erfahrungen entstandener Vernunftpostulate seyn könne; daß es
+mithin, wenn es erweislich das ist, durch dieses Kriterium nicht
+ausgeschlossen werde. Der Erweis davon gehört aber nicht hierher,
+sondern in die angewandte Kritik einer besondern Offenbarung.]
+
+[Fußnote 23: So ist es freilich eine richtige Regel: Fasse nie einen
+Entschluß in der Hitze des Affekts: aber diese Regel, als empirisch
+bedingt, kann sogar nicht auf Menschen allgemeine Anwendung haben, denn
+es ist wol möglich, und soll möglich seyn, sich von allen aufbrausenden
+Affekten gänzlich frei zu machen.]
+
+[Fußnote 24: Es folgt aber gar nicht, daß, weil ein gewisses Mittel für
+ein Subjekt, oder auch für die meisten von keinem Nutzen sey, es darum
+für niemanden einigen Nutzen haben könne; und man ist in den neuern
+Zeiten in Verwerfung vieler ascetischen Uebungen, aus Haß gegen den in
+den ältern damit getriebnen Mißbrauch, zu weit gegangen, wie mir's
+scheint. Daß es überhaupt gut und nützlich sey, seine Sinnlichkeit auch
+zuweilen da, wo kein ausdrückliches Gesetz redet, zu unterdrücken, blos
+um sie zu schwächen und immer freier zu werden, weiß jeder, der an sich
+gearbeitet hat.]
+
+[Fußnote 25: Daß die Juden älterer Zeiten wirklich so schlossen,
+bezeugen die Vorstellungen der Propheten gegen diesen Irrthum; daß sie
+in neuern Zeiten nicht klüger sind, beweisen die lächerlich kindischen
+Vorstellungen von Gott, die ihr Talmud enthält: ob durch Schuld ihrer
+Religion, oder ihre eigne, bleibt hier ununtersucht. -- Woher aber komme
+bei manchen Christen mittlerer und neuerer Zeiten sogar, der Wahn, daß
+gewisse Anrufungen, z. B. Kyrie Eleison, Vater unsers Herrn Jesu
+Christi, u. dergl. ihm besser gefallen, als andere?]
+
+[Fußnote 26: Wer mich siehet, siehet den Vater, -- sagte Jesus nicht
+eher, bis Philippus von ihm verlangte, ihm den Vater zu _zeigen_.]
+
+[Fußnote 27: Daß z. B. Jesus sich Unsterblichkeit gedacht habe, wenn er
+von Auferstehung redete, und daß beide Begriffe damals für völlig gleich
+gegolten, erhellet, außer seinen Reden beim Johannes über diesen
+Gegenstand, wo er die ununterbrochne Fortdauer seiner Anhänger in
+einigen Aussprüchen ganz rein ohne das Bild der Auferstehung, doch ohne
+sich auf den Unterschied zwischen Seele und Körper, und auf die vom
+körperlichen Tode mögliche Einwendung einzulassen, vorträgt; unter
+andern ganz offenbar aus jenem Beweise κατ' ανθρωπον [Greek: kat'
+anthrôpon] gegen die Sadducäer. Der angezogne Ausspruch Gottes konnte,
+alles übrige als richtig zugestanden, nichts weiter als die fortdauernde
+Existenz Abrahams, Isaaks, und Jakobs, zur Zeit Moses, aber keine
+eigentliche Auferstehung des Fleisches beweisen. Daß auch die Sadducäer
+es so verstanden, und nicht blos die körperliche Auferstehung, sondern
+Unsterblichkeit überhaupt, läugneten, folgt daraus, weil sie sich mit
+diesem Beweise Jesu befriedigten.
+
+Die Widersprüche, die aus einer zu groben Vorstellung dieser Lehre
+folgen, nöthigten schon Paulus, sie etwas näher zu bestimmen.]
+
+[Fußnote 28: Lasset uns das hier über die Bedingungen der Erlaubniß
+etwas zu glauben, weil das Herz es wünscht, gesagte, durch ein Beispiel
+vom Gegentheile klärer machen. Man könnte nemlich etwa die
+Wiedererneuerung des Umganges gewesener Freunde im künftigen Leben aus
+dem Verlangen guter zur Freundschaft gestimmter Menschen nach dieser
+Wiedererneuerung erweisen wollen. Mit einem solchen Beweise aber würde
+man dicht wohl fortkommen. Denn ob man gleich etwa sagen könnte, die
+Vollbringung mancher schweren Pflicht werde dem, der einen geliebten
+Freund in der Ewigkeit weiß, durch den Gedanken erleichtert werden, daß
+er sich dadurch des Genusses der Seligkeit mit seinem abgeschiednen
+Freunde immer mehr versichere, so würde, ganz abgerechnet, daß man wol
+unzählige Motiven der Art würde aufweisen können, denen man aber darum
+die objektive Realität zuzusprechen doch ein Bedenken tragen würde,
+dadurch doch gar nicht reine Moralität, sondern blos Legalität befördert
+werden, und es würde demnach eine vergebliche Bemühung seyn, diesen
+Wunsch von der Bestimmung des obern Begehrungsvermögens durch das
+Moralgesetz ableiten zu wollen. Überhaupt sind wol -- der Wunsch,
+überhaupt Spuren der göttlichen moralischen Regierung in der ganzen
+Natur, und vorzüglich in unserm eignen Leben, und der, insbesondre eine
+Offenbarung annehmen zu dürfen, die einzigen, die mit Recht auf eine so
+erhabne Abstammung Ansprach machen möchten. Was die zweite Bedingung
+anbetrifft, so lassen sich schon hienieden der Analogie nach Gründe
+genug vermuthen, die eine solche Wiedervereinigung im künftigen Leben
+zweckwidrig machen könnten, als z. B. daß etwa der Zweck einer
+vielseitigen Ausbildung uns den Umgang des ehemaligen Freundes, dessen
+Absicht für unsre Bildung erreicht ist, unnütz, oder gar schädlich
+machen könnte, -- daß desselben Gegenwart in andern Verbindungen
+nöthiger, und für das Ganze nützlicher sey, -- daß die unsrige in ändern
+Verbindungen es sey u. dgl. Blos der letzten Bedingung entspricht die
+angenommene Realität dieses Wunsches, denn in einer Dauer ohne Ende kann
+diese Wiedervereinigung, wenn sie an keinen bestimmten Punkt dieser
+Dauer gebunden wird, immer noch erwartet werden, und mithin die
+Erfahrung ihrer Wirklichkeit nie widersprechen. Aus diesem Grunde also
+ist kein Beweis der Befriedigung dieses Wunsches möglich; und wenn es
+keinen ändern Beweis giebt (es giebt aber einen, der jedoch auch nur zur
+wahrscheinlichen Vermuthung hinreicht), so müßte das menschliche Gemüth
+sich über dieselbe auf _Hoffnung_, d. i. auf eine durch eine Bestimmung
+des Begehrungsvermögens motivirte Hinneigung des Urtheils auf _eine_
+Seite bei einem Gegenstände, der übrigens als problematisch erkannt
+wird, einschränken.
+
+Übrigens hat es in Absicht der Unwiderlegbarkeit mit den unmittelbaren
+Postulaten der praktischen Vernunft, der Existenz Gottes, und der ewigen
+Fortdauer moralischer Wesen die gleiche Bewandtniß. Unsre Fortdauer zwar
+ist Gegenstand unmittelbarer Erfahrung; der Glaube, an die Fortdauer
+aber kann nie durch Erfahrung widerlegt werden; denn, wenn wir nicht
+existiren, so machen wir gar keine Erfahrung. So lange wir ferner als
+_wir_, d. i. als moralische Wesen, fortdauern, kann auch der Glaube an
+Gott weder durch Gründe, denn auf theoretische gründet er sich nicht,
+und das für die Ewigkeit gültige Gesetz der praktischen Vernunft
+unterstützt ihn, noch durch Erfahrung umgestoßen werden; denn die
+Existenz Gottes kann nie Gegenstand der Erfahrung werden, mithin auch
+aus der Ermangelung einer solchen Erfahrung sich nie auf die
+Nichtexistenz desselben schließen lassen. Aus eben diesen Gründen aber
+können diese Sätze auch nie, für irgend ein endliches Wesen, Gegenstände
+des _Wissens_ werden, sondern müssen in alle Ewigkeit Gegenstände des
+_Glaubens_ bleiben. Denn für die Existenz Gottes werden wir nie andre
+als moralische Gründe haben, da keine andern möglich sind, und unsrer
+eignen Existenz werden wir zwar für jeden Punkt derselben unmittelbar
+durch das Selbstbewußtseyn sicher seyn, für die Zukunft aber sie aus
+keinen ändern, als moralischen Gründen erwarten können.]
+
+[Fußnote 29: Daß dies nicht eine leere Vernünftelei sei, sondern sich
+auch in der Erfahrung, besondere beim Halten öffentlicher Reden an das
+Volk, bestätige, wird uns vielleicht jeder Religionslehrer, der etwa
+sich für seine Person der aus der Offenbarung hergenommenen
+Vorstellungen, nicht bedient, übrigens aber lebhaftes Gefühl seiner
+Bestimmung mit Ehrlichkeit (welches nicht wenig gesagt ist) vereinigt,
+wenn auch nicht öffentlich, doch wenigstens in seinem Herzen
+zugestehen. -- Es geschieht vermittelst der Begeisterung durch die
+Einbildungskraft; und dieser Umstand darf die Sache niemanden verdächtig
+machen, da ja die Offenbarung überhaupt nur durch dieses Vehikulum
+wirken kann, und soll.]
+
+[Fußnote 30: Dies waren auch die Maximen Jesu. In Absicht des erstern:
+So jemand _will_ den Willen thun des der mich gesandt hat, der wird
+innen werden, ob diese Lehre von Gott sey; und im Gegensatze: Wer Arges
+thut, hasset das Licht, und kommt nicht an das Licht. In Absicht des
+letztern: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken;
+ich bin kommen die Sünder zur Busse zu rufen, und nicht, die
+Gerechten -- welche Aussprüche ich nicht für Ironie halte.]
+
+[Fußnote 31: Dieser Streit gründet sich auf eine Antinomie des
+Offenbarungsbegriffs, und ist völlig dialektisch. Anerkennung einer
+Offenbarung ist nicht möglich, sagt der eine Theil; Anerkennung einer
+Offenbarung ist möglich, sagt der zweite; und so ausgedrückt
+widersprechen sich beide Sätze geradezu. Wenn aber der erste so bestimmt
+wird: Anerkennung einer Offenbarung aus theoretischen Gründen ist
+unmöglich; und der zweite: Anerkennung einer Offenbarung um einer
+Bestimmung des Begehrungsvermögens willen, d. i. ein Glaube an
+Offenbarung, ist möglich; so widersprechen sie sich nicht, sondern
+können beide wahr seyn, und sind es beide, laut unsrer Kritik.]
+
+
+
+
+SCHLUSSANMERKUNG.
+
+Es ist eine sehr allgemeine Bemerkung, daß alles, was Spekulation ist,
+oder so aussieht, sehr wenig Eindruck auf das menschliche Gemüth mache.
+Man wird allenfalls angenehm dadurch beschäfftiget; man läßt sich das
+Resultat gefallen, weil man nichts dagegen einwenden kann, würde aber
+auch nichts arges daraus haben, wenn es anders ausgefallen wäre; denkt
+und handelt übrigens in praktischer Rücksicht wie vorher, so daß der auf
+Spekulation gegründete Satz wie ein todtes Kapital ohne alle Zinsen in
+der Seele zu liegen, scheint, und daß man seine Anwesenheit durch nichts
+gewahr wird. So ging es von jeher mit den Spekulationen der Idealisten
+und Skeptiker. Sie dachten, wie niemand, und handelten, wie alle.
+
+Daß gegenwärtige Spekulation, wenn sie auch etwa nicht nothwendig
+praktische Folgen aufs Leben hat, (wie sie doch, wenn sie sich
+behauptet, haben möchte,) dennoch in Absicht des Interesse nicht so kalt
+und gleichgültig werde aufgenommen werden, dafür bürgt ihr wol der
+Gegenstand, den sie behandelt. Es ist nemlich in der menschlichen Seele
+ein nothwendiges Interesse für alles, was auf Religion Bezug hat, und
+das ist denn ganz natürlich daraus zu erklären, weil nur durch
+Bestimmung des Begehrungsvermögens Religion möglich geworden ist; daß
+also diese Theorie durch die allgemeine Erfahrung bestätigt wird, und
+daß man sich fast wundern sollte, warum man nicht längst selbst von
+dieser Erfahrung aus auf sie kam. Wenn jemand etwa einen andern
+unmittelbar gewissen Satz, z. B. daß zwischen zwey Punkten nur Eine
+gerade Linie möglich sey, läugnen würde, so würden wir ihn vielmehr
+verlachen und bedauren, als uns über ihn erzürnen; und wenn ja etwa der
+Mathematiker sich dabey ereifern sollte, so könnte dies nur entweder aus
+Mißvergnügen über sich selbst herkommen, daß er ihn seines Irrthums
+nicht sogleich überführen könne, oder aus der Vermuthung, daß bey diesem
+hartnäckigen Abläugnen der böse Wille, ihn zu ärgern, (mithin doch auch
+etwas unmoralisches) zum Grunde liege: aber dieser Unwille würde doch
+ein ganz anderer seyn, als derjenige, der jeden, und den
+unausgebildetsten Menschen eben am meisten angreift, wenn jemand das
+Daseyn Gottes, oder die Unsterblichkeit der Seele abläugnet; welcher mit
+Furcht und Abscheu vermischt ist, zum deutlichen Zeichen, daß wir diesen
+Glauben als einen theuren Besitz, und denjenigen als unsern persönlichen
+Feind ansehen, der Mine macht, uns in diesem Besitze stören zu wollen.
+Dieses Interesse verbreitet sich denn verhältnißmäßig weiter, je mehrere
+Ideen wir auf die Religion beziehen, und mit ihr in Verbindung bringen
+können; und wir würden daher uns sehr bedenken, zu entscheiden, ob
+vorherrschende Toleranz in einer Seele, in welcher sie sich nicht auf
+langes anhaltendes Nachdenken gründen kann, ein sehr achtungswerther Zug
+sey. Aus eben diesem Interesse läßt sich auch im Gegentheile die
+empfindliche Abneigung erklären, mit der wir gegen Vorstellungen
+eingenommen werden, die wir etwa ehedem für heilig hielten, von denen
+wir aber bey zunehmender Reife uns überzeugt oder überredet haben, daß
+sie es nicht sind. Wir erinnern uns ja andrer Träume unsrer frühern
+Jahre, wie etwa des von einer uneigennützigen Hülfsbereitwilligkeit der
+Menschen, von einer arkadischen Schäferunschuld u. dergl. mit einem
+wehmüthig-frohen Andenken der Jahre, wo wir noch so angenehm träumen
+konnten; ohnerachtet das Gegentheil und die Erfahrungen, wodurch wir
+etwa darüber belehrt worden sind, uns doch an sich unmöglich angenehm
+seyn können. Der Täuschungen von oben angezeigter Art aber erinnern wir
+uns lange mit Verdruß, und es gehört viel Zeit und Nachdenken dazu, um
+auch darüber kalt zu werden; ein Phänomen, welches man gar nicht der
+dunkeln Vorstellung des durch dergleichen Ideen entstehenden Schadens,
+(indem wir ja den offenbaren Schaden selbst mit mehr Gleichmuth
+erblicken,) sondern blos daraus zu erklären hat, daß das Heilige uns
+theuer ist, und daß wir jede Beimischung eines fremdartigen Zusatzes als
+Entweihung desselben ansehen. Dieses Interesse zeigt sich endlich sogar
+darin, daß wir mit keinerlei Art Kenntnissen uns so breit machen, als
+mit vermeinten bessern Religionseinsichten, als ob hierin die größte
+Ehre liege, und daß wir sie -- wenn nicht etwa der gute Ton dergleichen
+Unterhaltungen verbannt hat, wiewohl eben das, daß er sie verbannen
+müßte, eine allgemeine Neigung zu denselben anzuzeigen scheint, -- so
+gern ändern mittheilen mögen, in der sichern Voraussetzung, daß dies ein
+allgemein interessanter Gegenstand sey.
+
+So sicher wir also von dieser Seite seyn dürften, daß gegenwärtige
+Untersuchung nicht ganz ohne Interesse werde aufgenommen werden, so
+haben wir eben von diesem Interesse zu befürchten, daß es sich gegen uns
+kehren, und den Leser in der ruhigen Betrachtung und Abwägung der Gründe
+stören könne, wenn er etwa voraussehen, oder wirklich finden sollte, daß
+das Resultat nicht ganz seiner vorgefaßten Meinung gemäß ausfalle. Es
+scheint also eine nicht ganz vergebliche Arbeit zu seyn, hier noch, ganz
+ohne Rücksicht auf die Begründung des Resultats, und gleich als ob wir
+nicht einen _a priori_ vorgeschriebnen Weg gegangen wären, der uns
+nothwendig auf dasselbe hätte führen müssen, sondern, als ob es gänzlich
+von uns abgehangen hätte, wie dasselbe ausfallen solle, zu untersuchen,
+ob wir Ursache gehabt hätten, ein günstigeres zu wünschen, oder ob
+gegenwärtiges etwa überhaupt das vorteilhafteste sey, das wir uns
+versprechen durften; kurz, dasselbe, ganz ohne Rücksicht auf seine
+Wahrheit, blos von Seiten seiner Nützlichkeit zu untersuchen.
+
+Aber hier stoßen wir denn zuerst auf diejenigen, welche in der besten
+Meinung von der Welt sagen werden, bey einer Untersuchung der Art könne
+überhaupt nichts kluges herauskommen, und es würde besser gewesen seyn,
+gegenwärtige ganz zu unterlassen; die alles, was mit der Offenbarung, in
+Verbindung steht, überhaupt nicht auf Principien zurückgeführt wissen
+wollen; die jede Prüfung derselben scheuen, fürchten, von sich ablehnen.
+Diese werden denn doch, wenn sie aufrichtig seyn wollen, zugestehen, daß
+sie selbst eine schlechte Meinung von ihrem Glauben haben, und mögen
+selbst entscheiden, ob ihnen die Achtung und Schonung derjenigen besser
+gefällt, welche die Sache der Offenbarung schon für völlig
+abgeurtheilt[TN13] und in allen Instanzen verlohren ansehen, und meinen,
+ein Mann, der auf seine Ehre halte, könne einmal mit ihr sich nicht mehr
+befassen, es sey sogar ein schlechtes Heldenstück, sie vollends zu
+Grunde zu richten, und möge man ja auch wohl aus mitleidiger Schonung,
+denen, die nun einmal ihr Herz daran gehängt haben, dies im Grunde
+unschuldige Spielwerk wohl gönnen. Doch haben wir, mit diesen es
+eigentlich hier nicht zu thun, denn von ihnen wird wahrscheinlich keiner
+diese Schrift lesen; sondern nur mit solchen, die eine Prüfung der
+Offenbarung verstatten.
+
+Gegenwärtige sollte unsrer Absicht nach die strengste seyn, welche
+möglich ist. Was haben wir nun durch dieselbe verlohren? was gewonnen?
+wo ist das Übergewicht?
+
+Verlohren haben wir alle unsere Aussichten auf Eroberungen, sowohl
+objektive, als subjektive. Wir können nicht mehr hoffen durch Hülfe
+einer Offenbarung in das Reich des Übersinnlichen einzudringen, und von
+da, wer weiß welche Ausbeute zurückzubringen, sondern müssen uns
+bescheiden, uns mit dem, was uns mit einemmale zu unsrer völligen
+Ausstattung gegeben war, zu begnügen. Eben so wenig dürfen wir weiter
+hoffen andre zu unterjochen, und sie zu zwingen ihren Antheil an dem
+gemeinschaftlichen Erbe, oder an dieser neuen vermeinten Akquisition von
+uns zu Lehn zu nehmen, sondern müssen, jeder für sich, uns auf unsre
+eignen Geschäfte einschränken.
+
+Gewonnen haben wir völlige Ruhe, und Sicherheit in unserm Eigenthume;
+Sicherheit vor den zudringlichen Wohlthätern, die uns ihre Gaben
+aufnöthigen, ohne daß wir etwas damit anzufangen wissen; Sicherheit vor
+Friedensstörern andrer Art, die uns das verleiden möchten, was sie
+selbst nicht zu gebrauchen wissen. Wir haben beide nur an ihre Armuth zu
+erinnern, die sie mit uns gemein haben, und in Absicht welcher wir nur
+darinn von ihnen verschieden sind, daß wir sie wissen, und unsern
+Aufwand darnach einrichten.
+
+Haben wir nun mehr verlohren, oder mehr gewonnen? -- Freilich scheint
+der Verlust der gehofften Einsichten in das Übersinnliche ein
+wesentlicher, ein nicht zu ersetzender, noch zu verschmerzender Verlust;
+wenn es sich aber bey näherer Untersuchung ergeben sollte, daß wir
+dergleichen Einsichten zu gar nichts brauchen, ja daß wir nicht einmal
+sicher seyn können, ob wir sie wirklich besitzen, oder ob wir auch sogar
+hierüber uns täuschen, so möchte es leichter werden, sich darüber zu
+trösten.
+
+Daß von der Realität aller Ideen vom Übersinnlichen keine objektive
+Gewißheit, sondern nur ein Glaube an sie stattfinde, ist nun zur Genüge
+erwiesen. Aller bisher entwickelte Glaube gründet sich auf eine
+Bestimmung des Begehrungsvermögens, (bey der Existenz Gottes, und der
+Seelen Unsterblichkeit auf eine des obern, bey dem Vorsehungs- und
+Offenbarungsbegriffe auf eine durch das obere geschehne Bestimmung, des
+untern,) und erleichtert gegenseitig wieder diese Bestimmung. Daß weiter
+keine Ideen möglich sind, an deren Realität zu glauben eine unmittelbare
+oder mittelbare Bestimmung durch das praktische Gesetz uns bewege, ist
+klärlich gezeigt. Es fragt sich also hier nur noch, ob nicht ein Glaube
+möglich sey, der _nicht_ durch eine dergleichen Bestimmung entsteht, und
+sie _nicht_ wieder erleichtert. Im ersten Falle muß es leicht
+auszumachen seyn, ob der Glaube _in concreto_ wirklich da ist; das muß
+sich nemlich aus den praktischen Folgen ergeben, die er, als die
+Willensbestimmung erleichternd, nothwendig hervorbringen muß. Im
+letztern Falle aber, wo keine dergleichen praktische Folgen möglich
+sind, scheint es, da der Glaube etwas blos subjektives ist, schwer,
+hierüber etwas festes zu bestimmen, und es hat völlig das Ansehen, daß
+uns nichts übrig bleibt, als jedem ehrlichen Manne auf sein Wort zu
+glauben, wenn er uns sagt: ich glaube das, oder ich glaube jenes.
+Dennoch ist es vielleicht möglich auch hierüber etwas auszumitteln. Es
+ist nemlich an sich gar nicht zu läugnen, daß man oft andre, und eben so
+oft sich selbst überredet, man glaube etwas, wenn man blos nichts
+dagegen hat, und es ruhig an seinen Ort gestellt seyn läßt. Von dieser
+Art ist fast aller historischer Glaube, wenn er sich nicht etwa auf
+eine Bestimmung des Begehrungsvermögens gründet, wie der an das
+historische in einer Offenbarung, oder der eines Geschichtforschers von
+Profession, der von der Achtung für sein Geschäft, und von der
+Wichtigkeit, die er in seine mühsamen Untersuchungen schlechterdings
+setzen muß, unzertrennlich ist; oder der einer Nation an eine
+Begebenheit, die ihren Nationalstolz unterstützt. Das Lesen der
+Begebenheiten und Handlungen von Wesen, die gleiche Begriffe und gleiche
+Leidenschaften mit uns haben, beschäftigt uns auf eine angenehme Art,
+und es trägt zur Vermehrung unsers Vergnügens etwas bei, wenn wir
+annehmen dürfen, daß dergleichen Menschen wirklich lebten, und wir
+nehmen dies um so fester an, je mehr die Geschichte uns interessirt, je
+mehr sie Ähnlichkeit mit unsern Begebenheiten oder unsrer Denkungsart
+hat; wir würden aber, besonders in manchen Fällen, auch nicht viel
+dagegen haben, wenn alles bloße Erdichtung wäre. Ist's auch nicht wahr,
+so ist es gut erfunden, möchten wir denken. Wie soll man nun hierüber zu
+einiger Gewißheit über sich selbst kommen? -- Die einzige wahre Probe,
+ob man etwas wirklich annehme, ist die, ob man darnach handelt, oder, im
+vorkommenden Falle der Anwendung, darnach handeln würde. Über Meinungen,
+die an sich keine praktische Anwendung haben, noch haben können, findet
+dennoch zu jeder Zeit ein Experiment statt, daß man sich nemlich aufs
+Gewissen frage, ob man wol für die Richtigkeit einer gewissen Meinung
+einen Theil seines Vermögens, oder das ganze, oder sein Leben, oder
+seine Freiheit verwetten wolle, wenn etwas gewisses darüber auszumachen
+seyn sollte. Man giebt dann einer Meinung, die an sich keine praktischen
+Folgen hat, durch Kunst eine praktische Anwendung. Wenn man auf diese
+Art jemanden eine Wette um sein ganzes Vermögen antrüge, daß kein
+Alexander der Große gelebt habe, so könnte er vielleicht diese Wette
+ohne Bedenken annehmen, weil er bei völliger Redlichkeit dennoch ganz
+dunkel denken möchte, daß diejenige Erfahrung, welche dies entscheiden
+könnte, schlechterdings nicht mehr möglich sey; wenn man aber etwa eben
+demselben die gleiche Wette darauf antrüge, daß kein Dalai Lama
+existire, mit dem Erbieten, die Sache an Ort und Stelle durch die
+unmittelbare Erfahrung zu verificiren, so möchte er vielleicht
+bedenklicher dabei werden, und sich dadurch verrathen, daß er mit seinem
+Glauben über diesen Punkt nicht völlig in Richtigkeit sey. Wenn man nun
+über den Glauben an übersinnliche Dinge, deren Begriff durch die reine
+praktische Vernunft _a priori_ nicht gegeben ist, die mithin an sich gar
+keine praktischen Folgen haben können, sich eben so eine beträchtliche
+Wette antrüge, so wäre es sehr leicht möglich, daß man dadurch, daß man
+sie von der Hand wiese, entdeckte, man habe bisher den Glauben an sie
+nicht gehabt, sondern sich nur überredet, ihn zu haben; wenn man aber
+diese Wette auch wirklich annähme, so könnte man noch immer nicht sicher
+seyn, ob sich nicht das Gemüth ganz dunkel besonnen habe, es habe hier
+noch gar nicht nöthig, sich auf seiner Schalkheit ertappen zu lassen, da
+bei einer solchen Wette gar nichts zu wagen sey, weil die Sache (bei
+dergleichen Ideen) in Ewigkeit nicht, weder durch Gründe, noch durch
+Erfahrungen auszumachen sey. Wenn also auch nicht darzuthun seyn sollte,
+daß an die Realität von dergleichen Ideen gar kein Glaube möglich sey;
+so ergiebt sich hieraus doch leicht soviel, daß es möglich sey, auch nur
+mit sich selbst in's Reine zu kommen, ob man diesen Glauben überhaupt
+habe, welches eben soviel ist, als ob er überhaupt und an sich nicht
+möglich wäre. Es ist hieraus zu beurtheilen, ob wir Ursache haben, über
+den Verlust unsrer Hoffnung durch eine Offenbarung erweiterte Aussichten
+in die übersinnliche Welt zu bekommen, sehr verlegen zu seyn.
+
+In Absicht des zweiten Verlustes bitten wir jeden, sich vor seinem
+Gewissen die Frage zu beantworten, zu welcher Absicht er eigentlich
+eine Religion haben wolle; ob dazu, um sich über andre zu erheben, und
+sich vor ihnen aufzublähen, zur Befriedigung seines Stolzes, seiner
+Herrschsucht über die Gewissen, welche weit ärger ist, als die
+Herrschsucht über die Körper; oder dazu, um sich selbst zum bessern
+Menschen zu bilden. -- Inzwischen bedürfen wir sie auch mit für andre,
+theils um reine Moralität unter ihnen zu verbreiten; aber da darf nur
+dargethan seyn, daß dies auf keinem ändern Wege, als dem angezeigten,
+geschehen könne, so werden wir ja gern, wenn dies wirklich unser Ernst
+ist, jeden andern vermeiden; theils, wenn wir das nicht können sollten,
+uns wenigstens der Legalität von ihnen zu versichern, -- ein Wunsch, der
+an sich völlig rechtmäßig ist. Und in Absicht der Möglichkeit ihn
+dadurch zu erreichen, ist denn ganz sicher nichts leichter, als den
+Menschen, der sich im Dunkeln überhaupt fürchtet, zu schrecken, ihn
+dadurch zu leiten, wohin man will, und ihn zu bewegen, in Hoffnung des
+Paradieses seinen sterblichen Leib brennen zu lassen, so sehr man will;
+wenn aber gezeigt ist, daß durch eine solche Behandlung der Religion die
+Moralität nothwendig gänzlich vernichtet werde, so wird man ja gar gern
+eine Gewalt aufgeben, zu der man kein Recht hat; da zumal diese
+Legalität weit sicherer, und wenigstens ohne schädliche Folgen für die
+Moralität durch andre Mittel erreicht wird.
+
+Dies wäre denn die Berechnung unsers Verlusts. Laßt um nun den Gewinn
+dagegen halten!
+
+Wir gewinnen völlige Sicherheit in unserm Eigenthume. Wir dürfen ohne
+Furcht, daß unser Glaube uns durch irgend eine Vernünftelei geraubt
+werde, ohne Besorgniß, daß man ihn lächerlich machen könne, ohne Scheu
+vor der Bezüchtigung des Blödsinns und der Geistesschwäche, ihn zu
+unserer Verbesserung brauchen. Jede Widerlegung muß falsch seyn, das
+können wir _a priori_ wissen: jeder Spott muß auf den Urheber
+zurückfallen.
+
+Wir gewinnen völlige Gewissensfreiheit, nicht vom Gewissenszwange durch
+physische Mittel, welcher eigentlich nicht statt findet; denn äußerer
+Zwang kann uns zwar nöthigen mit dem Munde zu bekennen, was er will,
+aber nie, im Herzen etwas dem ähnliches zu denken; sondern von dem
+unendlich härteren Geisteszwange durch moralische Bedrückungen und
+Vexationen, durch Zureden, Zunöthigungen, Drohungen, wer weiß welcher
+schlimmen Übel, die man unterm Gemüthe anlegt. Dadurch wird nothwendig
+die Seele in eine ängstliche Furcht versetzt, und quält sich so lange,
+bis sie es endlich so weit bringt, sich selbst zu belügen, und den
+Glauben in sich zu erheucheln; eine Heuchelei, welche weit schrecklicher
+ist, als der völlige Unglaube, weil der letztere den Charakter nur so
+lange, als er dauert, verderbet, die erstere aber ihn ohne Hoffnung
+jemaliger Besserung zu Grunde richtet, so daß ein solcher Mensch nie
+wieder die geringste Achtung oder das geringste Zutrauen zu sich fassen
+kann. Dies ist die Folge, welche das Verfahren, den Glauben auf Furcht
+und Schrecken, und auf diesen erpreßten Glauben erst die Moralität (eine
+Nebensache, die wol ganz gut seyn mag, wenn sie zu haben ist, in
+Ermangelung deren aber auch wol der Glaube allein uns durchhelfen kann,)
+gründen zu wollen, nothwendig haben muß, und welche er auch allemal
+gehabt haben würde, wenn man immer konsequent zu Werke gegangen, und die
+menschliche Natur von ihrem Schöpfer nicht zu gut eingerichtet wäre, als
+daß sie sich so sollte verdrehen lassen.
+
+Nach Maaßgabe dieser Grundsätze würde der einzige Weg -- ein Weg, den
+offenbar auch das Christenthum vorschreibt -- den Glauben in den Herzen
+der Menschen hervorzubringen, der seyn, ihnen durch Entwickelung des
+Moralgefühls das Gute erst recht lieb und werth zu machen, und dadurch
+den Entschluß, gute Menschen zu werden, in ihnen zu erwecken; dann sie
+ihre Schwäche allenthalben fühlen zu lassen, und nun erst ihnen die
+Aussicht auf die Unterstützung einer Offenbarung zu geben, und sie
+würden glauben, ehe man ihnen zugerufen hätte: glaubet!
+
+Und jetzt darf die Entscheidung, wo das Übergewicht sey, ob auf der
+Seite des Gewinns, oder der des Verlusts, dem Herzen eines jeden Lesers
+überlassen werden, mit Zusicherung des beiläufigen Vortheils, daß ein
+jeder dieses Herz selbst aus dem Urtheile, das es hierüber fället, näher
+wird kennen lernen.
+
+ANMERKUNGEN ZUR TRANSKRIPTION:
+
+[Anmerkung TN1: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "Gesezzen" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN2: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "änßert" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN3: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "fordauern" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN4: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "Aufhebug" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN5: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "seyu" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN6: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "sis" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN7: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "4" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN8: Mit großer Wahrscheinlichtkeit ein typographischer Fehler
+im Original, könnte aber auch ein geschriebener Dialekt sein, daher
+nicht verbessert (Rüchsicht an Stelle von Rücksicht).]
+
+[Anmerkung TN9: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "Siegerinn" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN10: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier ein weiteres "bar" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN11: Mit großer Wahrscheinlichtkeit ein typographischer
+Fehler im Original, könnte aber auch ein geschriebener Dialekt sein,
+daher nicht verbessert (Gnüge an Stelle von Genüge).]
+
+[Anmerkung TN12: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "selbt" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN13: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "abgeurthelt" gedruckt.]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Versuch einer Kritik aller Offenbarung, by
+Johann Gottlieb Fichte
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSUCH EINER KRITIK ALLER ***
+
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Project Gutenberg EBook of Versuch einer Kritik aller Offenbarung, by
+Johann Gottlieb Fichte
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Versuch einer Kritik aller Offenbarung
+
+Author: Johann Gottlieb Fichte
+
+Release Date: April 25, 2006 [EBook #18255]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSUCH EINER KRITIK ALLER ***
+
+
+
+
+Produced by Miranda van de Heijning, Ralph Janke and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+(This file was produced from images generously made
+available by the Bibliothque nationale de France
+(BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr)
+
+
+
+
+
+
+VERSUCH
+
+EINER KRITIK
+
+ALLER OFFENBARUNG.
+
+VON
+
+JOHANN GOTTLIEB FICHTE.
+
+ * * * * *
+
+_Zweite, vermehrte, und verbesserte Auflage._
+
+ * * * * *
+
+KNIGSBERG 1793.
+
+IM VERLAG DER HARTUNGSCHEN BUCHHANDLUNG.
+
+
+
+
+VORREDE.
+
+Dieser Aufsatz heit ein _Versuch_, nicht als ob man berhaupt bei
+Untersuchungen der Art blind herumtappen und nach Grund fhlen msse,
+und nie ein sicheres Resultat finden knne; sondern darum, weil _ich_
+mir noch nicht die Reife zutrauen darf, die dazu gehren wrde, dies
+sichere Resultat hinzustellen. Wenigstens war diese Schrift ihrer ersten
+Bestimmung nach nicht fr die Presse; verehrungswrdige Mnner
+beurtheilten sie gtig, und sie waren es, die mir den ersten Gedanken,
+sie dem Publicum vorzulegen, gaben.
+
+Hier ist sie. Stil und Einkleidung sind meine Sache; der Tadel oder die
+Verachtung, die diese trift, trift nur mich, und das ist wenig. Das
+Resultat ist Angelegenheit der Wahrheit, und das ist mehr. Dieses mu
+einer strengen, aber sorgfltigen, und unpartheiischen Prfung
+unterworfen werden. Ich wenigstens verfuhr unpartheiisch.
+
+Ich kann geirrt haben, und es wre ein Wunder, wenn ich es nicht htte.
+Welchen Ton der Zurechtweisung ich verdiene, entscheide das Publicum.
+
+Jede Berichtigung, in welchem Tone sie auch abgefat sey, werde ich
+dankbar anerkennen; jedem Einwurfe, der mir der Sache der Wahrheit
+zuwider scheint, begegnen, so gut ich kann. Ihr, der Wahrheit, weihe ich
+mich feierlich, bei meinem ersten Eintritte in's Publicum. Ohne
+Rcksicht auf Parthei, oder auf eigne Ehre, werde ich immer dafr
+anerkennen, was ich dafr halte, es komme, woher es wolle, und nie dafr
+anerkennen, was ich nicht dafr halte. -- Das Publicum verzeihe es mir
+dieses erste und einzige mal, vor ihm von mir gesprochen zu haben. Ihm
+kann diese Versicherung sehr unwichtig seyn; aber mir war es wichtig fr
+mich selbst, dasselbe zum Zeugen meines feierlichen Gelbdes zu nehmen.
+
+Knigsberg, im December 1791.
+
+DEM
+
+HERRN OBER-HOF-PREDIGER
+
+D. FRANZ VOLKMAR REINHARD
+
+ALS EIN REINES OPFER
+
+DER FREISTEN VEREHRUNG
+
+VOM VERFASSER.
+
+
+_Verehrungswrdigster Mann_,
+
+
+Nicht meine eigne Meinung von dieser Schrift, sondern das vortheilhafte
+Urtheil wrdiger Mnner ber sie, machte mich so khn, ihr in dieser
+zweiten Auflage jene fr sie so ehrenvolle Bestimmung zu geben.
+
+So wenig mir es zukommt, vor dem Publikum Ihre Verdienste zu rhmen, so
+wenig wrde Ihnen es mglich seyn, selbst von einem wrdigern, das
+anzuhren: das grte Verdienst war immer das bescheidenste.
+
+Doch erlaubt selbst die Gottheit ihren vernnftigen Geschpfen, die
+Empfindungen ihrer Verehrung und Liebe gegen sie in Worte ausstrmen zu
+lassen, um das Bedrfni ihres vollen Herzens zu befriedigen, und der
+gute Mensch versagt es gewi nicht dem Menschen.
+
+Gewi nehmen Sie also die aus der gleichen Quelle flieende Versicherung
+hnlicher Empfindungen gtig auf von
+
+_Eurer Hochwrdigen_
+_Magnificenz_
+
+innigstem Verehrer
+_Johann Gottlieb Fichte._
+
+
+
+
+VORREDE[1]
+
+ZUR ERSTEN AUFLAGE.
+
+
+Dieser Aufsatz heit ein _Versuch_, nicht als ob man berhaupt bei
+Untersuchungen der Art blind herumtappen und nach Grund fhlen msse,
+und nie ein sicheres Resultat finden knne; sondern darum, weil _ich_
+mir noch nicht die Reife zutrauen darf, die dazu gehren wrde, dies
+sichere Resultat hinzustellen. Wenigstens war diese Schrift ihrer ersten
+Bestimmung nach nicht fr die Presse; verehrungswrdige Mnner
+beurtheilten sie gtig, und sie waren es, die mir den ersten Gedanken,
+sie dem Publikum vorzulegen, gaben.
+
+Hier ist sie. Stil und Einkleidung sind meine Sache; der Tadel oder die
+Verachtung, die diese trift, trift nur mich, und das ist wenig. Das
+Resultat ist Angelegenheit der Wahrheit, und das ist mehr. Dieses mu
+einer strengen, aber sorgfltigen, und unpartheiischen Prfung
+unterworfen werden. Ich wenigstens verfuhr unparteiisch.
+
+Ich kann geirrt haben, und es wre ein Wunder, wenn ich es nicht htte.
+Welchen Ton der Zurechtweisung ich verdiene, entscheide das Publikum.
+
+Jede Berichtigung, in welchem Tone sie auch abgefat sey, werde ich
+dankbar anerkennen; jedem Einwurfe, der mir der Sache der Wahrheit
+zuwider scheint, begegnen, so gut ich kann. Ihr, der Wahrheit, weihe ich
+mich feierlich, bei meinem ersten Eintritte in's Publikum. Ohne
+Rcksicht auf Parthei, oder auf eigne Ehre, werde ich immer dafr
+anerkennen, was ich dafr halte, es komme, woher es wolle, und nie dafr
+anerkennen, was ich nicht dafr halte. -- Das Publikum verzeihe es mir,
+dieses erste und einzige mal vor ihm von mir gesprochen zu haben. Ihm
+kann diese Versicherung sehr unwichtig seyn; aber mir war es wichtig fr
+mich selbst, dasselbe zum Zeugen meines feierlichen Gelbdes zu nehmen.
+
+Knigsberg, im December 1791.
+
+
+
+
+VORREDE
+
+ZUR ZWEITEN AUFLAGE.
+
+
+Auch nach dieser zweiten Ausgabe bleibt gegenwrtige Schrift noch immer
+ein Versuch; so unangenehm es mir auch war, mich der gtigen Meinung,
+die ein verehrungswrdiger Theil des Publikums etwa von ihrem Verfasser
+gefat haben knnte, nur aus einer groen Entfernung anzunhern. So fest
+auch meines Erachtens noch die Kritik der Offenbarung auf dem Boden der
+praktischen Philosophie als ein einzelnes Nebengebude stehet; so kommt
+sie doch erst durch eine kritische Untersuchung der ganzen Familie, wozu
+jener Begriff gehrt, und welche ich die der Reflexions-Ideen nennen
+mchte, mit dem ganzen Gebude in Verbindung, und wird erst dadurch
+unzertrennlich mit ihm vereiniget.
+
+Diese Kritik der Reflexions-Ideen war es, welche ich lieber, als eine
+zweite Ausgabe der gegenwrtigen Schrift htte geben mgen, wenn meine
+Mue hingereicht htte, mehr zu leisten, als ich wirklich geleistet
+habe. Jedoch werde ich, ohne Anstand, zur Bearbeitung der dafr
+gesammelten Materialien schreiten, und dann wird diese Schrift eine
+weitere Auseinandersetzung eines dort nur kurz zu behandelnden Theils
+jener Kritik seyn.
+
+Was ich in dieser zweiten Ausgabe hinzugefgt, oder gendert habe, und
+warum -- wird hoffentlich jeder Kenner selbst bemerken. Einige
+Erinnerungen, worunter ich deren in den Gttingischen gelehrten Anzeigen
+mit Achtung erwhne, kamen mir zu spt zu Gesicht, als da ich
+ausdrcklich auf sie htte Rcksicht nehmen knnen. Da sie jedoch nicht
+mein Verfahren im Ganzen treffen, sondern durch eine weitluftigere
+Erluterung einzelner Resultate zu heben sind, so hoffe ich in der
+knftigen Kritik der Reflexions-Ideen den wrdigen Recensenten vllig zu
+befriedigen.
+
+Noch bin ich eine nhere Bestimmung des in der ersten Vorrede gegebnen
+Versprechens, mich auf jeden mir ungegrndet scheinenden Einwurf gegen
+diese Kritik einzulassen, dem Publikum schuldig. -- Ich konnte dieses
+Versprechen nur in dem Sinne geben, insofern es mir scheinen wrde, da
+die Wahrheit selbst, oder ihre Darstellung durch Errterung der Einwrfe
+gewinnen knnte; und dieser Zweck scheint mir auf keine wrdigere Art
+erreicht werden zu knnen, als wenn ich in meinen knftigen Arbeiten auf
+Einwrfe gegen das, was ich wirklich behaupte, oder zu behaupten
+scheine -- nicht aber etwa gegen das, was ich ausdrcklich lugne -- da,
+wo ich den Urheber derselben nicht mit der grten Hochachtung nennen
+knnte, nur stillschweigend Rcksicht nehme.
+
+Zur Jubilate-Messe 1793.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+VERSUCH
+
+EINER
+
+CRITIK ALLER OFFENBARUNG.
+
+
+. 1.
+
+EINLEITUNG.
+
+Es ist ein wenigstens merkwrdiges Phnomen fr den Beobachter, bei
+allen Nationen, so wie sie sich aus dem Zustande der gnzlichen Rohheit
+bis zur Gesellschaftlichkeit emporgehoben haben, Meinungen von einer
+Gegenmittheilung zwischen hhern Wesen, und Menschen, -- Traditionen von
+bernatrlichen Eingebungen, und Einwirkungen der Gottheit auf
+Sterbliche, -- hier roher, da verfeinerter, aber dennoch allgemein, den
+Begriff der _Offenbarung_ vorzufinden. Dieser Begriff scheint also schon
+an sich, wre es auch nur um seiner Allgemeinheit willen, einige Achtung
+zu verdienen; und es scheint einer grndlichen Philosophie anstndiger,
+seinem Ursprunge nachzuspren, seine Anmaaungen und Befugnisse zu
+untersuchen, und nach Maagabe dieser Entdeckungen ihm sein Urtheil zu
+sprechen, als ihn geradezu, und unverhrt, entweder unter die
+Erfindungen der Betrger, oder in das Land der Trume zu verweisen. Wenn
+diese Untersuchung philosophisch seyn soll, so mu sie aus Principien _a
+priori_, und zwar, wenn dieser Begriff, wie vorlufig wenigstens zu
+vermuthen ist, sich blos auf Religion beziehen sollte, aus denen der
+practischen Vernunft angestellt werden; und wird von dem besondern, das
+in einer gegebenen Offenbarung mglich wre, gnzlich abstrahiren, ja
+sogar ignoriren, ob irgend eine gegeben sey, um allgemein fr jede
+Offenbarung gltige Principien aufzustellen.
+
+Da man bei Prfung eines Gegenstandes, der so wichtige Folgen fr die
+Menschheit zu haben scheint, ber den jedes Mitglied derselben sein
+Stimmrecht hat, und bei weitem die meisten, es in Ausbung bringen, und
+der daher entweder unbegrnzt verehrt, oder unmig verachtet, und
+gehat ist, nur zu leicht von einer vorgefaten Meinung fortgerissen
+wird; so ist es hier doppelt nthig, blos auf den Weg zu sehen, den die
+Critik vorzeichnet; ihn geradefort, ohne ein mgliches Ziel in den Augen
+zu haben, zu gehen; und ihren Ausspruch zu erwarten, ohne ihn ihr in den
+Mund zu legen.
+
+
+. 2.
+
+_Theorie des Willens, als Vorbereitung einer Deduction der Religion
+berhaupt._
+
+Sich mit dem Bewutseyn eigner Thtigkeit zur Hervorbringung einer
+Vorstellung bestimmen, heit _Wollen_; das Vermgen sich mit diesem
+Bewutseyn der Selbstthtigkeit zu bestimmen, heit _das
+Begehrungsvermgen_: beides in der weitesten Bedeutung. Das Wollen
+unterscheidet sich vom Begehrungsvermgen, wie das Wirkliche vom
+Mglichen. -- Ob das im Wollen vorkommende Bewutseyn der
+Selbstthtigkeit uns nicht vielleicht tuschen mge, bleibt vor der Hand
+ununtersucht, und unentschieden.
+
+Die hervorzubringende Vorstellung ist entweder _gegeben_, insofern
+nemlich eine Vorstellung gegeben seyn kann, die ihrem _Stoffe_ nach, wie
+aus der theoretischen Philosophie als ausgemacht und anerkannt
+vorausgesetzt wird; oder die Selbstthtigkeit _bringt_ sie auch sogar
+ihrem Stoffe nach _hervor_, wovon wir die Mglichkeit oder Unmglichkeit
+vor der Hand noch ganz an ihrem Orte gestellt seyn lassen.
+
+
+I.
+
+Der Stoff einer Vorstellung kann, wenn er nicht durch absolute
+Spontaneitt hervorgebracht seyn soll, nur der Receptivitt, und dieses
+nur in der Sinnenempfindung gegeben seyn; -- denn selbst die _a priori_
+gegebnen Formen der Anschauung, und der Begriffe mssen, insofern sie
+den _Stoff_ einer Vorstellung ausmachen sollen, der Empfindung, in
+diesem Falle der innern, gegeben werden; -- folglich steht jedes Object
+des Begehrungsvermgens, dem eine Vorstellung entspricht, deren Stoff
+nicht durch absolute Spontaneitt hervorgebracht ist, unter den
+Bedingungen der Sinnlichkeit, und ist empirisch. In dieser Rcksicht
+also ist das Begehrungsvermgen gar keiner Bestimmung _a priori_ fhig;
+was Object desselben werden soll, mu empfunden seyn, und sich empfinden
+lassen, und jedem Wollen mu die Vorstellung der _Materie_ des Wollens
+(des _Stoffs_ der hervorzubringenden Vorstellung) vorhergegangen seyn.
+
+Nun aber ist mit dem bloen Vermgen, sich durch die Vorstellung des
+Stoffs einer Vorstellung zur Hervorbringung dieser Vorstellung
+selbst -- zu bestimmen, noch gar nicht die Bestimmung gesetzt, so wie
+mit dem Mglichen noch nicht das Wirkliche gesetzt ist. Die Vorstellung
+nemlich soll nicht bestimmen, in welchem Falle sich das Subject blos
+leidend verhielte, -- bestimmt _wrde_, nicht aber sich
+_bestimmte_ -- sondern _wir_ sollen uns durch die Vorstellung
+bestimmen, welches durch sogleich vllig klar seyn wird. Es mu nemlich
+ein _Medium_ seyn, welches von der einen Seite durch die Vorstellung,
+gegen welche das Subject sich blos leidend verhlt, von der ndern durch
+Spontaneitt, deren Bewutseyn der ausschlieende Charakter alles
+Wollens ist, bestimmbar sey; und dieses Medium nennen wir _den Trieb_.
+
+Was _von der einen Seite_ das Gemth in der Sinnenempfindung als blos
+leidend afficirt, ist der Stoff oder die Materie derselben; nicht ihre
+Form, welche ihr vom Gemthe durch seine Selbstthtigkeit gegeben
+wird[2]. Der Trieb ist also, insofern er auf eine Sinnenempfindung geht,
+nur durch das Materielle derselben, durch das in dem Afficirtwerden
+unmittelbar empfundne, bestimmbar. -- Was in der Materie der
+Sinnenempfindung von der Art ist, da es den Trieb bestimmt, nennen wir
+_angenehm_, und den Trieb, insofern er dadurch bestimmt wird, den
+_sinnlichen_ Trieb: welche Erklrungen wir vor der Hand fr nichts
+weiter, als fr Worterklrungen geben.
+
+Nun theilt die Sinnempfindung berhaupt sich in die des _uern_, und
+die des _innern_ Sinnes; davon der erstere die Vernderungen der
+Erscheinungen im Rume mittelbar, der zweite die Modificationen unsers
+Gemths, insofern es Erscheinung ist, in der Zeit unmittelbar anschaut;
+und der Trieb kann, insofern er auf Empfindungen der erstem Art geht,
+der _grobsinnliche_, und insofern er durch Empfindungen der zweiten Art
+bestimmt wird, der _feinsinnliche_ genannt werden: aber in beiden Fllen
+bezieht er sich doch blos auf das angenehme, _weil_, und _inwiefern_
+es angenehm ist; ein angemaater Vorzug des letztern knnte sich doch auf
+nichts weiter grnden, als da seine Objecte _mehr_ Lust, nicht aber
+eine _der Art nach_ verschiedene Lust gewhrten; jemand, der sich
+vorzugsweise durch ihn bestimmen liee, knnte hchstens etwa das von
+sich rhmen, da er sich besser auf das Vergngen verstehe, und knnte
+auch sogar das dem nicht beweisen, der ihn versicherte: er mache aus
+seinen feinern Vergngungen einmal nichts, er lobe sich seine
+grbern; -- da das auf den Sinnengeschmack ankommt, ber den sich nicht
+streiten lt; und da alle angenehme Affectionen des innern Sinnes sich
+doch zuletzt auf angenehme uere Sensationen drften zurckfhren
+lassen.
+
+Soll _von der andern Seite_ dieser Trieb durch Spontaneitt bestimmbar
+seyn; so geschieht diese Bestimmung _entweder_ nach gegebnen
+Gesetzen[TN1], die durch die Spontaneitt auf ihn blos angewendet
+werden, mithin nicht unmittelbar durch Spontaneitt, _oder_ sie
+geschieht ohne alle Gesetze, mithin unmittelbar durch absolute
+Spontaneitt.
+
+Fr den erstern Fall ist dasjenige Vermgen in uns, das gegebne Gesetze
+auf gegebnen Stoff anwendet, die Urtheilskraft: folglich mte die
+Urtheilskraft es seyn, die den sinnlichen Trieb den Gesetzen des
+Verstandes gem bestimmte. -- Dies kann sie nun nicht so thun, wie die
+Empfindung es thut, da sie ihm Stoff gebe, denn die Urtheilskraft giebt
+berhaupt nicht, sondern sie ordnet nur das gegebne Mannigfaltige unter
+die synthetische Einheit.
+
+Zwar geben alle obern Gemthsvermgen durch ihre Geschfte reichlichen
+Stoff _fr_ den sinnlichen Trieb, aber sie geben ihn nicht _dem_ Triebe;
+ihm giebt sie die Empfindung. Die Thtigkeit des Verstandes bei'm
+Denken, die hohen Aussichten, die uns die Vernunft erfnet, gegenseitige
+Mittheilung der Gedanken unter vernnftigen Wesen u. dergl. sind
+allerdings ergiebige Quellen des Vergngens; aber wir schpfen aus
+diesen Quellen gerade so, wie wir uns vom Kzzel des Gaumens afficiren
+lassen -- durch die Empfindung.
+
+Ferner kann das Mannigfaltige, welches sie _fr die Bestimmung des
+sinnlichen Triebes_ ordnet, nicht das _Einer_ gegebnen Anschauung an
+sich seyn, wie sie es fr den Verstand, um es zum Behuf einer
+theoretischen Erkenntni auf Begriffe zu bringen, thun mu; also keine
+Bestimmung des Stoffs durch Form, weil der sinnliche Trieb blos durch
+den Stoff, und gar nicht durch Begriffe bestimmt wird; -- eine
+Anmerkung, die fr die Theorie des Begehrungsvermgens sehr wichtig ist,
+da man durch Vernachlssigung derselben von ihr aus in das Gebiet der
+sthetischen Urtheilskraft irre geleitet wird: -- sondern
+_mannigfaltige_ angenehme Empfindungen. Die Urtheilskraft steht whrend
+dieses Geschfts ganz und lediglich im Dienste der Sinnlichkeit; diese
+liefert Mannigfaltiges, und Maastab der Vergleichung: der Verstand
+giebt nichts, als die Regeln des Systems.
+
+Der _Qualitt_ nach ist das zu beurtheilende durch die Empfindung
+unmittelbar gegeben; es ist positiv _das angenehme_, welches eben so
+viel heit, als das den sinnlichen Trieb bestimmende, und keiner weitern
+Zergliederung fhig ist. Das Angenehme ist angenehm, weil es den Trieb
+bestimmt, und es bestimmt den Trieb, weil es angenehm ist. _Warum_ etwas
+der Empfindung unmittelbar wohlthue, und _wie_ es beschaffen seyn msse,
+wenn es ihr wohlthun solle, untersuchen wollen, hiee sich geradezu
+widersprechen; denn dann sollte es ja auf Begriffe zurckgefhrt werden,
+mithin der Empfindung nicht unmittelbar; sondern vermittelst eines
+Begriffs wohlthun. Negativ, das unangenehme; limitativ, das
+indifferente fr die Empfindung.
+
+Der _Quantitt_ nach werden die Objecte des sinnlichen Triebes
+beurtheilt ihrer Extension und Intension nach; alles nach dem Maastabe
+der unmittelbaren Empfindung. -- Der _Relation_ nach, wo wieder blos das
+angenehme blos auf das angenehme bezogen wird, 1) in Absicht seines
+Einflusses auf die Beharrlichkeit des Empfindungsvermgens selbst, wie
+sie nemlich unmittelbar durch die Empfindung dargestellt wird, 2) in
+Absicht seines Einflusses auf Entstehung oder Vermehrung andrer
+angenehmen Sinnenempfindungen -- der Causalitt des angenehmen aufs
+angenehme, 3) in Absicht der Bestehbarkeit oder Nichtbestehbarkeit
+mehrerer angenehmer Empfindungen neben einander. -- Endlich der
+_Modalitt_ nach wird beurtheilt 1) die Mglichkeit, ob eine Empfindung
+angenehm seyn knne, nach Maasgabe vorhergegangener Empfindungen
+hnlicher Art, 2) die Wirklichkeit -- da sie angenehm sey; 3) die
+Nothwendigkeit ihrer Annehmlichkeit, wobei der Trieb Instinct wird.
+
+Durch diese Bestimmung des Mannigfaltigen, das in der Empfindung blos
+_angenehm_ ist, nach Verstandesgesetzen, -- durch dieses Ordnen
+desselben entsteht der Begriff des _Glcks_; der Begriff von einem
+Zustande des empfindenden Subjects, in welchem nach Regeln genossen
+wird: so da eine angenehme Empfindung einer andern von grerer
+Intension, oder Extension, -- eine, die dem Empfindungsvermgen schadet,
+einer andern, die es strkt -- eine, die in sich isolirt ist, einer
+andern, die selbst wieder Ursache angenehmer Empfindungen wird, oder
+viele andre neben sich duldet, und erhht -- endlich ein blos mglicher
+Genu, Empfindungen, die nothwendig angenehm seyn mssen, oder die man
+als wirklich angenehm empfindet, nachgesetzt und aufgeopfert werden.
+Ein nach diesem Grundrisse verfertigtes System gbe eine
+Glckslehre -- gleichsam eine Rechenkunst des Sinnengenusses[3], welche
+aber keine Gemeingltigkeit haben knnte, da sie blos empirische
+Principien htte. Jeder mte sein eignes System haben, da jeder nur
+selbst beurtheilen kann, was _ihm_ angenehm, oder noch angenehmer sey;
+nur in der Form kmen diese individuellen Systeme berein, weil diese
+durch die nothwendigen Verstandesgesetze gegeben ist, nicht aber in der
+Materie. Den Begriff des Glcks, so bestimmt ist es vllig richtig, da
+wir nicht wissen knnen, was das Glck des andern befrdre, ja, worin
+wir selbst in der nchsten Stunde unser Glck setzen werden.
+
+Wird dieser Begriff des Glcks durch die Vernunft aufs unbedingte und
+unbegrnzte ausgedehnt, so entsteht die Idee der Glckseeligkeit,
+welche, als gleichfals lediglich auf empirischen Principien beruhend,
+nie allgemeingltig bestimmt werden kann. Jeder hat in diesem Sinne
+seine eigne Glckseeligkeitslehre: eine auch nur comparativ allgemeine
+ist unmglich, und widersprechend.
+
+Aber mit einer solchen _blos mittelbaren_ Bestimmbarkeit des sinnlichen
+Triebes durch Spontaneitt reichen wir zur Erklrung der wirklichen
+Bestimmung noch gar nicht aus; denn schon fr die Mglichkeit dieser
+Bestimmbarkeit muten wir wenigstens ein Vermgen, die durch die
+Empfindung geschehne Bestimmung des Triebes wenigstens _aufzuhalten_,
+stillschweigend voraussetzen, weil ohne dies eine Vergleichung und
+Unterordnung des verschiedenen Angenehmen unter Verstandesgesetze, zum
+Behuf einer Bestimmung des Willens nach den Resultaten dieser
+Vergleichung, gar nicht mglich wre. Dieses Aufhalten nemlich kann gar
+nicht durch die Urtheilskraft selbst nach Verstandesgesetzen geschehen;
+denn dann mten Verstandesgesetze auch practisch seyn knnen, welches
+ihrer Natur geradezu widerspricht. Wir mssen demnach den obengesetzten
+zweiten Fall annehmen, da dieses Aufhalten _unmittelbar_ durch die
+Spontaneitt geschehe.
+
+Aber nicht nur dieses Aufhalten, sondern auch die endliche wirkliche
+Bestimmung des Willens kann nicht blos durch jene Gesetze vollendet
+werden; denn alles, was wir nach ihnen in unserm Gemthe zu Stande
+bringen, geschiehet mit dem Gefhle der Nothwendigkeit, welches dem
+jedes Wollen characterisirenden Bewutseyn der Selbstthtigkeit
+widerstreitet: sondern sie mu unmittelbar durch Spontaneitt geschehen.
+
+Aber man beurtheile das hier gesagte ja nicht zu voreilig, als ob wir es
+uns hier bequem machten, und aus unserm Bewutseyn der Selbstthtigkeit
+im Wollen unmittelbar auf die wirkliche Existenz dieser Selbstthtigkeit
+schlssen. Allerdings _knnte_ nicht blos dies Bewutseyn der
+Selbstthtigkeit, oder der Freiheit, welches an sich und seiner Natur
+nach nicht anders als negativ (eine Abwesenheit des Gefhls der
+Nothwendigkeit) ist, blos aus dem _Nicht_bewutseyn der eigentlichen
+erst aufhaltenden, dann bestimmenden Ursache entstehen; sondern wenn wir
+keinen anderweitigen Grund fr Freiheit, d. i. Unabhngigkeit vom Zwange
+des Naturgesetzes fnden, _mte_ es sogar daher entstehen: dann wre
+die Jochsche Philosophie die einzige wahre, und einzige consequente:
+aber dann gbe es auch gar keinen Willen, die Erscheinungen desselben
+wren erweisbare Tuschungen, Denken und Wollen wren nur dem Anscheine
+nach verschieden, und der Mensch wre eine Maschine, in der
+Vorstellungen in Vorstellungen eingriffen, wie in der Uhr Rder in
+Rder. (Gegen diese durch die bndigsten Schlsse abzuleitenden
+Folgerungen ist keine Rettung, als durch Anerkennung einer practischen
+Vernunft, und, was eben das sagt, eines categorischen Imperativs
+derselben). -- Wir haben also bis jetzt nichts weiter gethan, als den
+_vorausgesetzten_ Begriff eines Willens, insofern er durch das untere
+Begehrungsvermgen bestimmt seyn soll, analysirt; wir haben gezeigt,
+_wenn_ ein Wille sey, wie seine Bestimmung durch den sinnlichen Trieb
+mglich sey; _da_ aber ein Wille sey, haben wir bis jetzt weder
+erweisen gewollt, noch gekonnt, noch zu erweisen vorgegeben. Ein solcher
+Erweis drfte vielleicht aus Untersuchung des oben angenommenen zweiten
+Falls, da nemlich die durch die Handlung des Willens hervorzubringende
+Vorstellung selbst ihrem Stoffe nach, nicht durch Empfindung, sondern
+durch absolute Spontaneitt, d. i. durch Spontaneitt mit Bewutseyn
+hervorgebracht sey, sich ergeben.
+
+
+II.
+
+Alles, was bloer Stoff ist, und nichts anders seyn kann, wird durch die
+Empfindung gegeben; die Spontaneitt bringt nur Formen hervor: die
+angenommene Vorstellung mte demnach eine Vorstellung von so etwas
+seyn, das _an sich Form_, und nur als Object einer Vorstellung von ihr,
+_relativ_ (in Beziehung auf diese Vorstellung) _Stoff_ wre; so wie
+z. B. Raum und Zeit, -- an sich Formen der Anschauung -- von einer
+Vorstellung von Raum oder Zeit der Stoff sind.
+
+Formen kndigen sich dem Bewutseyn nur in ihrer Anwendung auf Objecte
+an. Nun werden die in der reinen Vernunft ursprnglich liegenden Formen
+der Anschauung, der Begriffe und der Ideen auf ihre Objecte mit dem
+Gefhl der Nothwendigkeit angewendet; sie kndigen sich demnach dem
+Bewutseyn _mit Zwang_, und _nicht mit Freiheit_ an, und heien daher
+auch _gegeben_, nicht _hervorgebracht_.
+
+Soll nun jene gesuchte Form sich dem Bewutseyn als durch absolute
+Spontaneitt hervorgebracht (nicht als mit Zwang gegeben) ankndigen, so
+mu sie es in Anwendung auf ein durch absolute Spontaneitt bestimmbares
+Object thun. Nun ist das einzige, was unserm Selbstbewutseyn als ein
+solches gegeben ist, -- _das Begehrungsvermgen;_ mithin mu jene Form,
+objectiv betrachtet, _Form des Begehrungsvermgens_ seyn. Wird diese
+Form Stoff einer Vorstellung, so ist dieser Vorstellung Stoff durch
+absolute Spontaneitt hervorgebracht; wir haben eine Vorstellung, wie
+wir sie suchten -- welches aber die einzige in ihrer Art seyn mu, weil
+die Bedingungen ihrer Mglichkeit einzig auf das Begehrungsvermgen
+passen -- und die aufgegebne Frage ist gelst. Da nun wirklich eine
+solche ursprngliche Form des Begehrungsvermgens, und ein
+ursprngliches Begehrungsvermgen selbst vermittelst dieser Form sich in
+unserm Gemthe dem Bewutseyn ankndige, ist _Thatsache dieses
+Bewutseyns_; und ber dieses letzte, einzig allgemeingeltende Princip
+aller Philosophie hinaus findet keine Philosophie mehr statt. Durch
+diese Thatsache nun wird es erst gesichert, _da_ der Mensch einen
+Willen habe.
+
+In diesem Zusammenhange wird denn auch, welches wir hier blos im
+Vorbeigehen erinnern, vllig klar, wie Vorstellungen, nemlich jene
+einzige, deren Stoff nicht durch Sinnenempfindung gegeben, sondern durch
+absolute Spontaneitt hervorgebracht ist, und die von ihr abgeleiteten,
+mglich sind, welche ber alle Erfahrung in der Sinnenwelt
+hinausgehen; -- wie der _Stoff_ dieser Vorstellungen, der reingeistig
+ist, um in's Bewutseyn aufgenommen werden zu knnen, durch die uns fr
+Gegenstnde der Sinnenwelt gegebnen _Formen_ msse bestimmt werden;
+welche Bestimmungen aber, da sie nicht durch die Bedingungen des Dinges
+an sich, sondern durch die Bedingungen unsers Selbstbewutseyns
+nothwendig gemacht wurden, nicht fr _objectiv_, sondern nur fr
+_subjectiv_ -- doch aber, da sie sich auf die Gesetze des reinen
+Selbstbewutseyns grnden, fr _allgemeingltig_ fr jeden discursiven
+Verstand angenommen, aber nicht weiter ausgedehnt werden mssen, als
+ihre Aufnehmbarkeit ins reine Selbstbewutseyn es erfordert, weil sie im
+letztern Falle ihre Allgemeingltigkeit verlieren wrden; endlich, da
+dieser bergang in das Reich des bersinnlichen fr endliche Wesen der
+einzig mgliche sey.
+
+Insofern nun -- um den Faden unsrer Betrachtung da wieder aufzunehmen,
+wo wir ihn fallen lieen -- insofern dem Begehrungsvermgen ursprnglich
+seine Form bestimt ist, wird es nicht erst durch ein gegebnes Object
+bestimmt, sondern es giebt sich durch diese Form sein Object selbst:
+d. h. wird diese Form Object einer Vorstellung, so ist diese Vorstellung
+Object des Begehrungsvermgens zu nennen. Diese Vorstellung nun ist die
+Idee des _schlechthin rechten_. Auf den Willen bezogen treibt dieses
+Vermgen, -- zu wollen, schlechthin weil man will. Dieses wunderbare
+Vermgen in uns nun nennt man das _obere_ Begehrungsvermgen, und sein
+characteristischer Unterschied von dem _niedern_ Begehrungsvermgen ist
+der, da dem erstern kein Object gegeben wird, sondern da es sich
+selbst eins giebt; dem letztern aber sein Object gegeben werden mu.
+Das erstere ist absolut selbstthtig, das letztere in vieler Rcksicht
+blos leidend.
+
+Da aber dieses obere Begehrungsvermgen, welches auch blos ein
+_Vermgen_ ist, -- ein _Wollen_, als wirkliche _Handlung_ des Gemths,
+mithin eine empirische Bestimmung, hervorbringe, dazu wird noch etwas
+mehr erfordert. Nemlich jedes Wollen, als Handlung des Gemths
+betrachtet, geschieht mit dem Bewutseyn der Selbstthtigkeit. Nun kann
+dasjenige, worauf die Selbstthtigkeit in dieser Handlung wirkt, nicht
+selbst wieder Selbstthtigkeit seyn, wenigstens in dieser Function
+nicht, sondern es ist, insofern die Spontaneitt auf dasselbe wirkt,
+blos leidend, mithin eine Affection. Die dem obern Begehrungsvermgen _a
+priori_ beiwohnende nothwendige Willensform aber kann nie durch eine im
+empirischen Selbstbewutseyn gegebne Spontaneitt afficirt werden,
+welches ihrer Ursprnglichkeit und ihrer Nothwendigkeit schlechthin
+widersprechen wrde. Soll nun die Bestimmbarkeit des Willens in
+endlichen Wesen durch jene nothwendige Form nicht ganz aufgegeben
+werden, so mu sich ein Medium aufzeigen lassen, das von der einen Seite
+durch die absolute Spontaneitt jener Form hervorgebracht, von der
+andern durch die Spontaneitt im empirischen Selbstbewutseyn
+bestimmbar sey[4]. Insofern es das letztere ist, mu es _leidend_
+bestimmbar, mithin eine _Affection des Empfindungsvermgens_ seyn.
+Insofern es aber, der erstern Bedingung gem, durch absolute
+Spontaneitt hervorgebracht seyn soll, kann es nicht eine Affection der
+Receptivitt durch gegebne _Materie_ -- mithin, da sich auer dieser
+keine positive Affection des Empfindungsvermgens denken lt, berhaupt
+keine positive, sondern nur eine _negative_ Affection -- eine
+Niederdrckung, eine Einschrnkung desselben seyn. Nun aber ist das
+Empfindungsvermgen, insofern es _bloe Receptivitt_ ist, weder positiv
+noch negativ durch die Spontaneitt, sondern blos durchs Gegebenwerden
+eines Materiellen afficirbar; folglich kann die postulirte negative
+Bestimmung berhaupt nicht die Receptivitt betreffen (etwa eine
+Verstopfung oder Verengerung der Sinnlichkeit an sich seyn;) sondern sie
+mu sich auf die Sinnlichkeit beziehen, _insofern sie durch Spontaneitt
+bestimmbar ist_, (s. oben) _sich auf den Willen bezieht, und sinnlicher
+Trieb heit_.
+
+Insofern nun diese Bestimmung auf die absolute Spontaneitt
+zurckbezogen wird, ist sie blos negativ -- eine Unterdrckung der
+willensbestimmenden Anmaaung des Triebes; -- insofern sie auf die
+Empfindung dieser geschehenen Unterdrckung bezogen wird, ist sie
+positiv, und heit das _Gefhl der Achtung_. Dieses Gefhl ist gleichsam
+der Punct, in welchem die vernnftige und die sinnliche Natur endlicher
+Wesen innig zusammenflieen.
+
+Um das hchst mglichste Licht ber unsern weitern Weg zu verbreiten,
+wollen wir hier noch ber dieses wichtige Gefhl, den Momenten des
+Urtheilens nach, reflectiren. -- Es ist nemlich, wie eben jetzt errtert
+worden, der _Qualitt_ nach eine positive Affection des innern Sinnes,
+die aus der Vernichtung des sinnlichen Triebes, als _alleinigen_
+Bestimmungstriebes des Willens, mithin aus Einschrnkung desselben
+entsteht. Die _Quantitt_ desselben ist _bedingt-bestimmbar_, der Grade
+der Intension und Extension fhig, in Beziehung der Willensformen
+empirisch-bestimmbares Wesen auf das Gesetz; -- _unbedingt, und vllig
+bestimmt_, keiner Grade der Intension oder Extension fhig, _Achtung
+schlechthin_, gegen die einfache Idee des Gesetzes; -- _unbedingt, und
+unbestimmbar_, unendlich, gegen das Ideal, in welchem Gesetz und
+Willensform Eins ist. Der _Relation_ nach bezieht sich dieses Gefhl auf
+das _Ich_, als Substanz, entweder im _reinen_ Selbstbewutseyn, und
+wird dann _Achtung unsrer hhern geistigen Natur_, die sich
+sthetisch im Gefhle des Erhabnen uert; oder im _empirischen_, in
+Absicht der Congruenz unsrer besondern Willensformen mit dem
+Gesetze -- _Selbstzufriedenheit_, -- _Scham vor sich selbst_: -- oder
+auf _das Gesetz_, als _Grund_ unsrer Verbindlichkeit -- die Achtung
+schlechthin, das Gefhl des nothwendigen Primats des Gesetzes, und
+unsrer nothwendigen Subordination unter dasselbe: -- oder, auf das
+_Gesetz als Substanz_ gedacht, -- unser Ideal. Endlich der _Modalitt_
+nach ist Achtung _mglich_ gegen empirisch bestimmbare vernnftige
+Wesen; _wirklich_ gegen das Gesetz, und _nothwendig_ gegen das
+alleinheilige Wesen.
+
+So etwas nun, wie _Achtung_ ist, welches wir hier blos zur Erluterung
+hinzusetzen, ist zwar in allen, endlichen Wesen anzunehmen, in denen die
+nothwendige Form des Begehrungsvermgens noch nicht nothwendig
+Willensform ist; aber in einem Wesen, in welchem Vermgen und Handlung,
+Denken und Wollen Eins ist, lt sich Achtung gegen das Gesetz gar nicht
+denken.
+
+Insofern nun dieses Gefhl der Achtung den Willen, als empirisches
+Vermgen, bestimmt; und wieder im Wollen durch Selbstthtigkeit
+bestimmbar ist, als zu welchem Behuf wir ein solches Gefhl in uns
+aufsuchen muten, heit es _Trieb_. -- Trieb aber eines wirklichen
+Wollens kann es, da kein Wollen ohne _Selbstbewutseyn_ (der Freiheit)
+mglich ist, nur durch Beziehung auf das _Ich_, folglich nur in der Form
+der _Selbstachtung_ seyn. -- Da diese Selbstachtung nun entweder
+_rein_, schlechthin Achtung der Wrde der Menschheit in uns, oder
+_empirisch_, Zufriedenheit ber die wirkliche Behauptung derselben, sey,
+haben wir eben gesagt. Es scheint in der Betrachtung allerdings weit
+edler und erhabner, sich durch die reine Selbstachtung, -- durch den
+einfachen Gedanken, ich _mu_ so handeln, wenn ich ein Mensch seyn will,
+als durch die empirische, -- durch den Gedanken, wenn ich so handle,
+werde ich als Mensch mit mir zufrieden seyn knnen, bestimmen zu lassen:
+aber in der Ausbung flieen beide Gedanken so innig in einander, da es
+selbst dem aufmerksamsten Beobachter schwer werden mu, den Antheil, den
+der eine oder der andre an seiner Willensbestimmung hatte, genau von
+einander zu scheiden. -- Aus dem gesagten erhellet, da es eine vllig
+richtige Maxime der Sittlichkeit sey: respectire dich selbst; und
+erklrt sich, warum nicht unedle Gemther vor sich selbst weit mehr
+Furcht und Scheu empfinden, als vor der Macht der gesammten
+Natur, -- und den Beifall ihres eignen Herzens weit hher achten, als
+die Lobpreisungen einer ganzen Welt.
+
+Insofern nun diese Selbstachtung als _activer_, den Willen zwar nicht
+nothwendig zum wirklichen Wollen, aber doch thtig zur Neigung
+bestimmender Trieb betrachtet wird, heit sie _sittliches Interesse_;
+welches entweder _rein_ ist, -- Interesse fr die Wrde der Menschheit
+an sich, oder _empirisch_ -- Interesse fr die Wrde der Menschheit in
+unserm empirisch bestimmbaren Selbst. Interesse aber mu nothwendig von
+einem Gefhle der Lust begleitet seyn, und ein wirklich behauptetes
+Interesse empirisch ein Gefhl der Lust hervorbringen, daher auch die
+empirische Selbstachtung sich als Selbstzufriedenheit uert[TN2].
+Dieses Interesse bezieht sich allerdings auf das Selbst, aber nicht auf
+die _Liebe_, sondern auf die _Achtung_ dieses Selbst, welches Gefhl
+seinem Ursprunge nach rein sittlich ist. Will man den sinnlichen Trieb,
+den eigenntzigen, und den sittlichen den uneigenntzigen nennen, so
+kann man zur Erluterung das wohl thun; aber mir wenigstens scheint
+diese Benennung da, wo es um scharfe Bestimmung zu thun ist, unbequem,
+da auch der sittliche Trieb, um ein wirkliches Wollen zu bewirken, sich
+auf das Selbst beziehen mu; und empirische Merkmale da, wo man die oben
+errterten transscendentalen hat, berflssig. -- Da aber die
+ursprngliche nothwendige Bestimmung des Begehrungsvermgens ein
+Interesse, und zwar ein alles Sinnliche unterjochendes Interesse
+hervorbringt, entsteht aus der _categorisch_-gesetzlichen Form
+desselben, und ist nur unter dieser Voraussetzung zu erklren[5]. Man
+erlaube mir hierbei einen Augenblick stehen zu bleiben.
+
+Achtung ist das zunchst, und wohl in jedem Menschen sich uernde
+wunderbare Gefhl, das aus der ganzen sinnlichen Natur desselben sich
+nicht erklren lt, und auf seinen Zusammenhang mit einer hhern Welt
+unmittelbar hindeutet. Das wunderbarste dabei ist dies, da dieses
+Gefhl, das an sich doch niederbeugend fr unsre Sinnlichkeit ist, von
+einem unnennbaren, der Art nach von jeder Sinnenlust gnzlich
+verschiedenen, dem Grade nach sie unendlich bertreffenden Vergngen
+begleitet wird. Wer, der dieses Vergngen nur einmal innig empfand,
+mchte nur z. B. das Hinstaunen in den tobenden Sturz des Rheinfalls,
+oder das Aufblicken an den jeden Augenblick das Herabsinken zu drohen
+scheinenden ewigen Eismassen, unter dem erhebenden Gefhle: _ich_ trotze
+eurer Macht[6] -- oder sein Selbstgefhl bei der freien, und wohl
+berlegten Unterwerfung auch nur unter die Idee des allgemeinen
+nothwendigen Naturgesetzes, dieses Naturgesetz unterjoche nun seine
+Neigung oder seine Meinung -- oder endlich sein Selbstgefhl bei der
+freien Aufopferung seines Theuersten fr die Pflicht, gegen irgend einen
+sinnlichen Genu vertauschen? Da der sinnliche Trieb von einer, und der
+reinsittliche Trieb von der andern Seite im menschlichen Willen sich die
+Waage halten, liee sich wohl daraus erklren, weil sie beide in einem
+und eben demselben Subjecte erscheinen; da aber der erstere dem
+letztern sich so wenig gleich setzt, da er vielmehr bei der bloen Idee
+eines Gesetzes sich niederbeugt, und ein weit innigeres Vergngen aus
+seiner Nichtbefriedigung, als aus seiner Befriedigung gewhrt -- dieses,
+oder mit einen Worte, das Categorische, schlechthin unbedingte und
+unbedingbare des Gesetzes deutet auf unsern hhern Ursprung, und auf
+unsre geistige Abkunft -- ist ein gttlicher Funke in uns, und ein
+Unterpfand, da Wir Seines Geschlechts sind: und hier geht denn die
+Betrachtung in Bewunderung und Erstaunen ber. An diesem Puncte stehend
+verzeiht man der khnsten Phantasie ihren Schwung, und wird mit der
+liebenswrdigen Quelle aller Schwrmereien der Pythagorer und
+Platoniker, wenn auch nicht mit ihren Ausflssen vllig ausgeshnt.
+
+Und hierdurch wre denn auch die Dunkelheit gehoben, welche noch immer,
+besonders guten Seelen, die sich des dringendsten Interesse frs
+schlechthin Rechte bewut waren, das Verstehen des hartscheinenden
+Ausspruchs der Critik, da das Gute gar nicht auf unsre Glckseeligkeit
+bezogen werden mte, erschwerte. Sie haben ganz recht, wenn sie auf
+ihrem Selbstgefhle bestehen, da sie zu wirklich guten Entschlieungen
+doch nur durch das Interesse bestimmt werden; nur mssen sie den
+Ursprung dieses Interesse, wenn ihre Entschlieung rein sittlich war,
+nicht im Sinnengefhle, sondern in der Gesetzgebung der reinen Vernunft
+aufsuchen. Der nchste, nicht nothwendig bestimmende, aber doch eine
+Neigung verursachende Bestimmungsgrund ihres Willens ist freilich das
+Vergngen des innern Sinnes aus Anschauung des Rechten; da aber eine
+solche Anschauung ihnen Vergngen macht, davon liegt der Grund gar nicht
+in einer etwanigen Affection der innern Receptivitt durch den Stoff
+jener Idee, welches schlechthin unmglich ist; sondern in der _a priori_
+vorhandenen nothwendigen Bestimmung des Begehrungsvermgens, als obern
+Vermgens. -- Wenn ich also jemanden fragte: wrdest du, selbst wenn du
+keine Unsterblichkeit der Seele glaubtest, lieber unter tausend Martern
+dein Leben aufopfern, als unrecht thun; und er mir antwortete: auch
+unter dieser Bedingung wrde ich lieber sterben, und das _um mein selbst
+willen_, weil ein unter unsglichen Martern mich vernichtender Tod mir
+weit ertrglicher ist, als ein, in dem Gefhle der Unwrdigkeit zu
+leben, unter Schaam und Selbstverachtung hinzubringendes Leben -- so
+wrde er darinn, insofern er von dem empirischen Bestimmungstriebe
+seiner Entschlieung redete, vllig recht haben. Da er aber in diesem
+Falle sich selbst wrde verachten mssen -- da die Aussicht auf eine
+solche Selbstverachtung ihm so drckend wre, da er lieber sein Leben
+aufopfern, als ihr sich unterwerfen wollte, davon wrde er den Grund
+vergebens wieder in der Sinnenempfindung aufsuchen, aus welcher er so
+etwas, wie Achten, oder Verachten, mit aller Mhe nicht wrde
+herausknsteln knnen.
+
+Selbst dieses Interesse aber bewirkt noch nicht nothwendig ein
+wirkliches Wollen; dazu wird in unserm Bewutseyn noch eine Handlung der
+Spontaneitt erfordert, wodurch das Wollen, als wirkliche Handlung
+unsers Gemthes, erst vollendet wird. Die in dieser Function des Whlens
+dem Bewutseyn empirisch gegebne _Freiheit der Willkhr_ (_libertas
+arbitrii_), die auch bei einer Bestimmung des Willens durch die
+sinnliche Neigung vorkommt, und nicht blos in dem Vermgen zwischen der
+Bestimmung nach dem sittlichen, oder nach dem sinnlichen Triebe, sondern
+auch zwischen mehrern sich widerstreitenden Bestimmungen durch den
+letzteren -- zum Behuf einer Beurtheilung derselben -- zu whlen
+besteht, ist wohl zu unterscheiden von der absolut-ersten uerung der
+Freiheit durch das practische Vernunftgesetz; wo Freiheit gar nicht etwa
+Willkhr heit, indem das Gesetz uns keine Wahl lt, sondern mit
+Nothwendigkeit gebietet, sondern nur negativ gnzliche Befreiung vom
+Zwange der Naturnothwendigkeit bedeutet, so da das Sittengesetz auf gar
+keinen in der theoretischen Naturphilosophie liegenden Grnden, als
+seinen Prmissen, beruhe, und ein Vermgen im Menschen voraussetze, sich
+unabhngig von Naturnothwendigkeit zu bestimmen. Ohne diese
+absolut-erste uerung der Freiheit wre die zweite blos empirische
+nicht zu retten, sie wre ein bloer Schein, und das erste ernsthafte
+Nachdenken vernichtete den schnen Traum, in dem wir uns einen
+Augenblick von der Kette der Naturnothwendigkeit losgefesselt
+whnten. -- Wo ich nicht irre, so ist die Verwechselung dieser zwei sehr
+verschiednen uerungen der Freiheit eine der Hauptursachen, warum man
+sich die _moralische_ (nicht etwa physische) _Nothwendigkeit_, womit ein
+Gesetz der _Freiheit_ gebieten soll, so schwer denken konnte. Denkt man
+nemlich in den Begriff der Freiheit das Merkmal der _Willkhr_ hinein
+(ein Gedanke, dessen noch immer viele sich nicht erwehren knnen), so
+lt damit sich freilich auch die _moralische_ Nothwendigkeit nicht
+vereinigen. Aber davon ist bei der ersten ursprnglichen uerung der
+Freiheit, durch welche allein sie sich berhaupt bewhrt, gar nicht die
+Rede. Die Vernunft giebt sich selbst, unabhngig von irgend etwas auer
+ihr, durch absolut eigne Spontaneitt, ein Gesetz; das ist der einzig
+richtige Begriff der transscendentalen Freiheit: dieses Gesetz nun
+gebietet, eben _weil_ es _Gesetz_ ist, nothwendig und unbedingt, und da
+findet keine Willkhr, kein Auswhlen zwischen verschiednen
+Bestimmungen durch dieses Gesetz statt, weil es nur auf _eine_ Art
+bestimmt. -- Folgendes noch zur Erluterung. Diese transscendentale
+Freiheit, als ausschlieender Character der Vernunft, insofern sie
+practisch ist, ist jedem moralischen Wesen, folglich auch dem
+Unendlichen beizulegen. Insofern aber diese Freiheit auf empirische
+Bedingungen endlicher Wesen sich bezieht, gelten ihre uerungen in
+diesem Falle nur unter diesen Bedingungen; folglich ist eine Freiheit
+der Willkhr da sie auf der Bestimmbarkeit eines Wesens noch durch
+andere als das practische Vernunftgesetz beruht, in Gott, der blos durch
+dieses Gesetz bestimmt wird, eben so wenig, als Achtung frs Gesetz,
+oder Interesse am Schlechthinrechten anzunehmen; und die Philosophen,
+welche in diesem Sinne des Worts die Freiheit, als durch die Schranken
+der Endlichkeit bedingt, Gott absprachen, hatten daran vollkommen recht.
+
+Damit nun diese Zergliederung, die neben der Hauptabsicht, unbemerkte
+Schwierigkeiten einer Offenbarungscritik zu heben, noch die Nebenabsicht
+hatte, einige Dunkelheiten in der critischen Philosophie berhaupt
+aufzuklren, und den bisherigen Nichtkennern oder Gegnern derselben
+eine neue Thr zu erfnen, um in sie einzudringen, nicht von critischen
+Philosophen selbst misverstanden, und so gedeutet werde, als sey dadurch
+die Tugend abermals zur Magd der Lust herabgewrdigt, so machen wir
+unsre Gedanken durch folgende Tabelle noch deutlicher:
+
+_Wollen_, die Bestimmung durch Selbstthtigkeit zur Hervorbringung einer
+Vorstellung, als _Handlung_ des Gemths betrachtet, ist
+
+
+A.
+
+_rein_,
+
+wenn _Vorstellung_ sowohl, als _Bestimmung_, durch absolute
+Selbstthtigkeit hervorgebracht ist. -- Dieses ist nur in einem Wesen
+mglich, das blos _thtig_ und nie _leidend_ ist, in Gott.
+
+
+B.
+
+_nicht rein_,
+
+
+_a._
+
+wenn zwar die _Bestimmung_, aber nicht die _Vorstellung_ durch
+Selbstthtigkeit hervorgebracht wird. -- Bei der Bestimmung durch den
+sinnlichen Trieb in endlichen Wesen.
+
+
+_b._
+
+wenn zwar die _Vorstellung_, aber nicht die _Bestimmung_ durch
+Selbstthtigkeit hervorgebracht wird. -- Nun aber soll schon vermge des
+Begriffs des Wollens die Bestimmung allemahl durch Selbstthtigkeit
+hervorgebracht werden; folglich ist dieser Fall nur unter der Bedingung
+denkbar, da zwar die eigentliche _Bestimmung_ als _Handlung_ durch
+Spontaneitt geschehe, der _bestimmende Trieb_ aber eine Affection
+sey. -- Sittliche Bestimmung des Willens in endlichen Wesen vermge des
+Triebs der Selbstachtung, als eines sittlichen Interesse.
+
+Reines _Wollen_ ist demnach in endlichen Wesen nicht mglich,
+weil das Wollen nicht Geschft des reinen Geistes, sondern
+des empirisch-bestimmbaren Wesens ist; aber wohl ein reines
+_Begehrungsvermgen_, als _Vermgen_, welches nicht dem
+empirisch-bestimmbaren Wesen, sondern dem reinen Geiste beiwohnt, und
+allein durch sein Daseyn unsre geistige Natur offenbart. -- Anders hat
+sich denn auch, so wie ich wenigstens es verstanden habe, die reine
+Vernunft durch ihren bevollmchtigten Interpreten unter uns nicht
+erklrt, wie aus einer Vergleichung dieser Darstellung mit der in der
+Critik der practischen Vernunft sich ergeben drfte[7].
+
+
+III.
+
+Die Affection des Glckseeligkeitstriebes durch das Sittengesetz
+zur Erregung der Achtung ist, in Beziehung auf ihn, _als_
+Glckseeligkeitstrieb, blos _negativ_: auch die Selbstachtung wirkt so
+wenig Glckseeligkeit, wenn Glckseeligkeit, wie es geschehen mu, blos
+in das _angenehme_ gesetzt wird, da sie vielmehr steigt, so wie jene
+fllt, und da man sich nur um so mehr achten kann, je mehr von seiner
+Glckseeligkeit man der Pflicht aufgeopfert hat. Dennoch ist zu
+erwarten, da das Sittengesetz den Glckseeligkeitstrieb, selbst _als_
+Glckseeligkeitstrieb, wenigstens mittelbar auch _positiv_ afficiren
+werde, um Einheit in den ganzen, rein- und empirisch-bestimmbaren
+Menschen zu bringen; und da dieses Gesetz ein _Primat_ in uns verlangt,
+so ist es sogar zu fordern[8].
+
+Nemlich der Glckseeligkeitstrieb wird vors erste durch das Sittengesetz
+nach Regeln eingeschrnkt; ich _darf_ nicht alles wollen, wozu dieser
+Trieb mich bestimmen knnte. Durch diese vors erste blos negative
+Gesetzmigkeit nun kommt der Trieb, der vorher gesetzlos und blind vom
+Ohngefhr oder der blinden Naturnothwendigkeit abhing, berhaupt unter
+ein Gesetz, und Wird auch da, wo das Gesetz nicht redet, wenn dieses
+Gesetz nur fr ihn _alleingltig_ ist, eben durch das Stillschweigen des
+Gesetzes, _positiv_ gesetzmig, (gesetzlich noch nicht). Darf ich
+_nicht_ wollen, was das Sittengesetz verbietet, so darf ich alles
+wollen, was es _nicht_ verbietet -- nicht aber, ich _soll_ es wollen,
+denn das Gesetz schweigt ganz; sondern das hngt ganz von meiner freien
+Willkhr ab. -- Dieses _Drfen_ ist einer der Begriffe, die ihren
+Ursprung an der Stirne tragen. Er ist nemlich offenbar durch das
+Sittengesetz bedingt; -- die Naturphilosophie wei nur von _knnen_,
+oder _nicht knnen_, aber von keinem _drfen_: -- aber er ist durch
+dasselbe nur negativ bedingt, und berlt die positive Bestimmung
+lediglich der Neigung.
+
+Was man, wegen des Stillschweigens des Gesetzes, darf, heit, insofern
+es auf das Gesetz bezogen wird, negativ _nicht unrecht_; und insofern es
+auf die dadurch entstehende Gesetzmigkeit des Triebes bezogen wird,
+positiv _ein Recht_. Zu allem, was _nicht unrecht ist, habe ich ein
+Recht_[9].
+
+Insofern das Gesetz durch sein Stillschweigen dem Triebe ein Recht
+giebt, ist dieser blos _gesetzmig_; der Genu wird durch dieses
+Stillschweigen blos (moralisch) _mglich_. Dies leitet uns auf eine
+Modalitt der Berechtigung des Triebes, und es lt sich erwarten, da
+der Trieb durch das practische Gesetz mittelbar auch _gesetzlich_ -- da
+ein Genu durch dasselbe auch _wirklich_ werden knne. -- Dieser
+letztere Ausdruck kann nun nicht soviel heien, als ob die Sinnlichkeit
+durch einen ihr vom Sittengesetze gegebnen Stoff in der Receptivitt
+positiv angenehm afficirt werden solle, wovon die Unmglichkeit schon
+oben zur Genge dargethan worden; -- der Genu soll nemlich nicht
+_physisch-_, sondern _moralisch-wirklich_ gemacht werden, welcher
+ungewhnliche Ausdruck sogleich seine vllige Klarheit erhalten wird.
+Eine solche moralische Wirklichmachung des Genusses mte sich noch
+immer auf jene negative Bestimmung des Triebes durchs Gesetz grnden.
+Durch diese nun erhielt der Trieb vors erste ein Recht. Nun aber knnen
+Flle eintreten, wo das Gesetz seine Berechtigung zurcknimmt. So ist
+ohne Zweifel jeder berechtiget zu leben; dennoch aber kann es Pflicht
+werden, sein Leben aufzuopfern. Dieses Zurcknehmen der Berechtigung
+wre ein frmlicher Widerspruch des Gesetzes mit sich selbst. Nun kann
+das Gesetz sich nicht widersprechen, ohne seinen gesetzlichen Character
+zu verlieren, aufzuhren, ein Gesetz zu seyn, und gnzlich aufgegeben
+werden zu mssen. -- Dieses wrde uns nun vors erste darauf fhren, da
+alle Objecte des sinnlichen Triebes, laut der Anforderung des
+Sittengesetzes sich nicht selbst zu widersprechen, nur Erscheinungen,
+nicht Dinge an sich, seyn knnten; da mithin ein solcher Widerspruch in
+den Objecten, insofern sie Erscheinungen sind, gegrndet, mithin nur
+scheinbar sey. Jener Satz ist also eben so gewi ein Postulat der
+practischen Vernunft, als er ein Theorem der theoretischen ist. Es gbe
+demnach an sich gar keinen Tod, kein Leiden, keine Aufopferung fr die
+Pflicht, sondern der Schein dieser Dinge grndete sich blos auf das, was
+die Dinge zu Erscheinungen macht.
+
+Aber, da unser sinnlicher Trieb doch einmal auf Erscheinungen geht; da
+das Gesetz ihn _als_ solchen, mithin insofern er darauf geht,
+berechtigt, so kann es auch diese Berechtigung nicht zurcknehmen; es
+mu mithin, vermge seines geforderten Primats, auch ber die Welt der
+Erscheinungen gebieten. Nun kann es das nicht _unmittelbar_, da es sich
+_positiv_ nur _an das Ding an sich_, an unser oberes, reingeistiges
+Begehrungsvermgen wendet; es mu also _mittelbar_, mithin _durch den
+sinnlichen Trieb_ geschehen, auf den es negativ allerdings wirkt. Daraus
+nun entsteht eine von der negativen Bestimmung des Triebes durch das
+Gesetz abgeleitete positive _Gesetzlichkeit_ desselben. -- Wer z. B. fr
+die Pflicht stirbt, dem nimmt das Sittengesetz ein vorher zugestandnes
+Recht; das kann aber das Gesetz nicht thun, ohne sich UN widersprechen;
+folglich ist ihm dieses Recht nur insofern er Erscheinung ist,
+(hier -- in der Zeit) genommen: sein durch das Gesetz berechtigter
+Lebenstrieb fordert es als Erscheinung, mithin in der Zeit, zurck, und
+wird durch dieses rechtliche Zurckfordern gesetzlich fr die Welt der
+Erscheinungen. Wer im Gegentheile auf Anforderung des Gesetzes an ihn
+sein Leben nicht aufgeopfert hat, ist des Lebens unwrdig, und mu es,
+wenn das Sittengesetz auch fr die Welt der Erscheinungen gelten soll,
+der Causalitt dieses Gesetzes gem, als Erscheinung verlieren[10].
+
+Aus dieser Gesetzlichkeit des Triebes entsteht der Begriff der
+_Glckswrdigkeit_, als das zweite Moment der Modalitt der
+Berechtigung. -- _Wrdig_ ist ein Begriff, der sich offenbar auf
+Sittlichkeit bezieht, und der aus keiner Naturphilosophie zu schpfen
+ist; ferner sagt _wrdig_ offenbar mehr, als ein Recht, -- wir gestehen
+manchem ein Recht zu einem Genusse zu, den wir doch desselben sehr
+unwrdig halten, niemanden aber werden wir umgekehrt eines Glcks wrdig
+achten, auf welches er ursprnglich (nicht etwa hypothetisch) kein Recht
+hat; endlich entdeckt man auch im Gebrauche den negativen Ursprung
+dieses Begriffs, denn in der Beurtheilung, ob jemand eines
+Genusses wrdig sey, sind wir genthiget, den wirklichen Genu
+wegzudenken. -- -- Es ist eine der uern Anzeigen der Wahrheit der
+critischen Moralphilosophie, da man keinen Schritt in ihr thun kann,
+ohne auf einen in der allgemeinen Menschenempfindung tief eingeprgten
+Grundsatz zu stoen, der sich nur aus ihr, und aus ihr leicht und
+falich erklrt. So ist hier die Billigung und das Verlangen der
+Wiedervergeltung (_jus talionis_) allgemeine Menschenempfindung. Wir
+gnnen es jedem, da es ihm eben so gehe, wie ers andern gemacht hat,
+und da ihm gerade so geschehe, wie er gehandelt hat. Wir betrachten
+demnach, selbst in der gemeinsten Beurtheilung, die Erscheinungen seines
+sinnlichen Triebes, als gesetzlich fr die Welt der Erscheinungen; wir
+nehmen an, seine Handlungsarten sollen, in Rcksicht auf ihn, als
+allgemeines Gesetz gelten.
+
+Diese Gesetzlichkeit des Triebes fordert nun die vllige Congruenz der
+Schicksale eines vernnftigen Wesens mit seinem sittlichen Verhalten,
+als erstes Postulat der an sinnliche Wesen sich wendenden practischen
+Vernunft: in welchem verlangt wird, da stets diejenige Erscheinung
+erfolge, welche, wenn der Trieb legitim durch das Sittengesetz bestimmt,
+und fr die Welt der Erscheinungen gesetzgebend gewesen wre, htte
+erfolgen mssen. -- Und hier sind wir denn zugleich unvermerkt ber
+eine, von keinem Gegner der critischen Philosophie, so viel ich wei,
+bemerkte, aber darum nicht minder sie drckende Schwierigkeit
+hinweggekommen: wie es nemlich mglich sey, das Sittengesetz, welches an
+sich nur auf die Willensform moralischer Wesen, als solches anwendbar
+ist, auf Erscheinungen in der Sinnenwelt zu beziehen; welches doch, zum
+Behuf einer postulirten Congruenz der Schicksale moralischer Wesen mit
+ihrem Verhalten, und der brigen daraus zu deducirenden
+Vernunftpostulate, nothwendig geschehen mute. Diese Anwendbarkeit
+nemlich erhellet blos aus der, von der negativen Bestimmung des
+Glckseeligkeitstriebes abgeleiteten, Gesetzlichkeit desselben fr die
+Welt der Erscheinungen.
+
+Werden endlich im dritten Momente der Modalitt Recht, und Wrdigkeit in
+Verbindung gedacht, in welcher Verbindung das Recht seinen positiven
+Character, als Gesetzmigkeit der sinnlichen Neigung[11], und die
+Wrdigkeit ihren negativen, als durch Aufhebung eines Rechts durch ein
+Gebot entstanden, verliert; so entsteht ein Begriff, der positiv fr uns
+berschwenglich ist, weil alle Schranken aus ihm hinweggedacht
+werden, negativ aber ein Zustand ist, in dem das Sittengesetz
+keine sinnliche Neigung einzuschrnken hat, weil keine da
+ist -- unendliche Glckseligkeit mit unendlichem Rechte, und
+Wrdigkeit[12] -- _Seeligkeit_ -- eine unbestimmbare Idee, die aber
+dennoch durch das Sittengesetz uns als das letzte Ziel aufgestellt wird,
+und an die wir uns, da die Neigungen in uns immer bereinstimmender mit
+dem Sittengesetze werden, folglich unsre Rechte sich immer mehr
+ausbreiten sollen, stets annhern; aber sie, ohne Vernichtung der
+Schranken der Endlichkeit, nie erreichen knnen. Und so wre denn der
+Begriff des ganzen hchsten Guts, oder _der Seeligkeit_, aus der
+Gesetzgebung der practischen Vernunft, deducirbar: der erste Theil
+desselben, die _Heiligkeit, rein_; aus der positiven Bestimmung des
+obern Begehrungsvermgens durch dieses Gesetz, welches in der Critik der
+practischen Vernunft so einleuchtend geschehen ist, da hier keine
+Wiederholung nthig war: der zweite Theil, die _Seeligkeit_ (im engern
+Sinne) _nicht rein_; aus der negativen Bestimmung des niedern
+Begehrungsvermgens durch dieses Gesetz. Da wir aber, um den zweiten
+Theil zu deduciren, von empirischen Prmissen ausgehen muten, darf uns
+nicht irren; da theils zwar das zu bestimmende empirisch, das
+bestimmende aber rein geistig war; theils in der aus diesen Bestimmungen
+deducirten Vernunftidee der Seeligkeit alles empirische weggedacht, und
+diese Idee rein geistig aufgefat werden sollte, welches fr sinnliche
+Wesen freilich nicht mglich ist.
+
+
+. 3.
+
+_Deduction der Religion berhaupt._
+
+Oben wurde, aus der Anforderung des Sittengesetzes, sich durch Aufhebung
+seiner Berechtigungen des sinnlichen Triebes nicht zu widersprechen,
+eine mittelbare Gesetzlichkeit dieses Triebes selbst, und aus ihr eine
+anzunehmende vollkommne Congruenz der Schicksale vernnftiger Wesen mit
+ihren moralischen Gesinnungen deducirt. Nun aber hat der Trieb, ob er
+gleich hierdurch _gesetzliche Rechte_, als _moralisches_ Vermgen,
+bekommt, so wenig eine _gesetzgebende Macht_, als _physisches_ Vermgen;
+da er vielmehr selbst von empirischen Naturgesetzen abhngig ist, und
+seine Befriedigung lediglich von ihnen leidend erwarten mu. Jener
+Widerspruch des Sittengesetzes mit sich selbst in Anwendung auf
+empirisch-bestimmbare Wesen wre demnach blos weiter hinausgerckt,
+nicht grndlich gehoben, denn wenn auch das Gesetz dem Triebe ein Recht
+giebt, seine Befriedigung zu fordern, so ist ihm, der nicht blos ein
+Recht sucht, sondern die Behauptung in seinem Rechte, das er selbst
+nicht behaupten kann, damit noch kein Genge geschehen; er bleibt nach
+wie vor, ohngeachtet der Erlaubni des Sittengesetzes sich zu
+befriedigen, unbefriedigt. Das Sittengesetz selbst also mu, wenn es
+sich nicht widersprechen, und aufhren soll, ein Gesetz zu seyn, diese
+von ihm selbst ertheilten Rechte behaupten; es mu mithin auch ber die
+Natur nicht nur gebieten, sondern herrschen. Das kann es nun nicht in
+Wesen, die selbst von der Natur leidend afficirt werden, sondern nur in
+einem solchen, welches die Natur durchaus selbstthtig bestimmet; in
+welchem moralische Nothwendigkeit, und absolute physische Freiheit sich
+vereinigen. So ein Wesen nennen wir _Gott_. Eines Gottes Existenz ist
+mithin eben so gewi anzunehmen, als ein _Sittengesetz_. -- Es _ist_ ein
+Gott.
+
+In Gott herrscht _nur_ das Sittengesetz, und dieses _ohne alle
+Einschrnkung_. Gott ist _heilig_ und _seelig_, und wenn das letztere in
+Beziehung auf die Sinnenwelt gedacht wird, _allmchtig_.
+
+Gott mu, vermge der Anforderung des Moralgesetzes an ihn, jene vllige
+Congruenz zwischen der Sittlichkeit und dem Glcke endlicher
+vernnftiger Wesen hervorbringen, da nur durch und in Ihm die Vernunft
+ber die sinnliche Natur herrscht: er mu _ganz gerecht_ seyn.
+
+Im Begriffe alles existirenden berhaupt wird nichts gedacht, als die
+Reihe von Ursachen und Wirkungen nach Naturgesetzen in der Sinnenwelt,
+und die freien Entschlieungen moralischer Wesen in der bersinnlichen.
+Gott mu die erstere ganz bersehen, denn er mu die Gesetze der Natur
+vermge seiner Causalitt durch Freiheit bestimmt, und, der nach
+denselben fortlaufenden Reihe der Ursachen und Wirkungen den ersten Sto
+gegeben haben: er mu die letztern alle kennen, denn alle bestimmen den
+Grad der Moralitt eines Wesens; und dieser Grad ist der Maastab, nach
+welchem die Austheilung des Glcks an vernnftige Wesen, laut des
+Moralgesetzes, dessen Executor er ist, geschehen mu. Da nun auer
+diesen beiden Stcken fr uns nichts denkbar ist, so mssen wir Gott
+_allwissend_ denken.
+
+So lange endliche Wesen endlich bleiben, werden sie -- denn das ist der
+Begriff der Endlichkeit in der Moral -- noch unter andern Gesetzen
+stehen, als denen der Vernunft; sie werden folglich die vllige
+Congruenz des Glcks mit der Sittlichkeit durch sich selbst nie
+hervorbringen knnen. Nun aber fordert das Moralgesetz dies ganz
+unbedingt. Daher kann dieses Gesetz nie aufhren gltig zu seyn, da es
+nie erreicht seyn wird; seine Forderung kann nie ein Ende nehmen, da
+sie nie erfllt seyn wird. Es gilt fr die Ewigkeit. -- Es thut diese
+Forderung an jenes heilige Wesen, in Ewigkeit das hchste Gut in allen
+vernnftigen Naturen zu befrdern; in Ewigkeit das Gleichgewicht
+zwischen Sittlichkeit und Glck herzustellen: jenes Wesen mu also
+selbst ewig seyn, um einem ewigen Moralgesetze, das seine Natur
+bestimmt, zu entsprechen; und es mu, diesem Gesetze gem, allen
+vernnftigen Wesen, an die dieses Gesetz gerichtet ist, und von welchen
+es Ewigkeit fordert, die Ewigkeit geben. Es mu also ein _ewiger Gott_
+seyn, und jedes moralische Wesen mu _ewig_ fortdauern[TN3], wenn der
+Endzweck des Moralgesetzes nicht unmglich seyn soll.
+
+Diese Stze nennen wir, als mit der Anforderung der Vernunft uns
+endlichen Wesen ein practisches _Gesetz_ zu geben, unmittelbar
+verbunden, und von ihr unzertrennlich, _Postulate_ der Vernunft. Nemlich
+diese Stze werden nicht etwa durch das Gesetz _geboten_, welches ein
+_practisches_ Gesetz fr _Theoreme_ nicht kann, sondern sie mssen
+nothwendig angenommen werden, wenn die Vernunft gesetzgebend seyn soll.
+Ein solches Annehmen nun, zu dem die Mglichkeit der Anerkennung eines
+Gesetzes berhaupt uns nthiget, nennen wir _ein Glauben_. -- Da Da
+jedoch diese Stze sich blos auf die Anwendung des Sittengesetzes auf
+_endliche_ Wesen, wie sich oben aus der Deduction derselben hinlnglich
+ergeben hat, nicht aber auf die Mglichkeit des Gesetzes an sich, welche
+Untersuchung fr uns transscendent ist, sich grnden, so sind sie in
+dieser Form nur _subjectiv_, d. i. nur fr endliche Naturen, -- fr
+diese aber, da sie auf den bloen Begriff der moralischen Endlichkeit,
+abgesehen von allen besonderen Modificationen derselben sich grnden,
+_allgemeingltig_. Wie der unendliche Verstand sein Daseyn und seine
+Eigenschaften anschauen mge, knnen wir, ohne selbst der unendliche
+Verstand zu seyn, nicht wissen.
+
+Die Bestimmungen im Begriffe Gottes, den die durch das Moralgebot
+praktisch bestimmte Vernunft aufstellte, lassen sich in zwei
+Hauptklassen theilen: die erste enthlt diejenigen, welche sein Begriff
+selbst unmittelbar giebt, da er nemlich gnzlich und allein durch das
+Sittengesetz[13] bestimmt sey; die zweite diejenigen, welche ihm in
+Beziehung auf die Mglichkeit endlicher moralischer Wesen zukommen, um
+welcher Mglichkeit willen wir eben seine Existenz annehmen muten. Die
+erstern stellen Gott dar als die vollkommenste Heiligkeit, in welcher
+das Sittengesetz sich ganz beobachtet darstellt, als das Ideal aller
+moralischen Vollkommenheit; und zugleich als den Alleinseligen, weil er
+der Alleinheilige ist; mithin als Darstellung des erreichten Endzwecks
+der practischen Vernunft, als das _hchste Gut_ selbst, dessen
+Mglichkeit sie postulirte: die zweiten als den obersten Weltregenten
+nach moralischen Gesetzen, als Richter, aller vernnftigen Geister. Die
+erstem betrachten ihn an und fr sich selbst, nach seinem _Seyn_, und er
+erscheint durch sie als vollkommenster Beobachter des Moralgesetzes: die
+zweiten nach den Wirkungen dieses Seyns auf andere moralische Wesen, und
+er ist vermge derselben hchster, niemanden untergeordneter Executor
+der Verheiungen des Moralgesetzes, mithin auch Gesetzgeber; welche
+Folgerung aber noch nicht unmittelbar klar ist, sondern unten
+weitlufiger errtert werden soll. So lange wir nun bei diesen
+Wahrheiten, als solchen, stehen bleiben, haben wir zwar eine
+_Theologie_, die wir haben muten, um unsre theoretischen berzeugungen,
+und unsre practische Willensbestimmung nicht in Widerspruch zu setzen;
+aber noch keine _Religion_, die selbst wieder als Ursache auf diese
+Willensbestimmung einen Einflu htte. Wie entsteht nun aus Theologie
+Religion?
+
+Theologie ist bloe Wissenschaft, todte Kenntni ohne practischen
+Einflu; Religion aber soll der Wortbedeutung nach (_religio_) etwas
+seyn, das uns _verbindet_, und zwar _strker_ verbindet, als wir es ohne
+dasselbe waren. In wiefern diese Wortbedeutung hier der Strenge nach
+anwendbar sey, mu sich sogleich ergeben.
+
+Nun scheint es vors erste; da Theologie auf solche Principien gegrndet
+nie bloe Wissenschaft ohne practischen Einflu seyn knne, sondern da
+sie, durch vorhergegangene Bestimmung des Begehrungsvermgens bewirkt,
+hinwiederum auf dasselbe zurckwirken msse. Bei jeder Bestimmung des
+untern Begehrungsvermgens mssen wir wenigstens die Mglichkeit des
+Objects unsrer Begierde annehmen, und durch dieses Annehmen wird die
+Begierde, die vorher blind und unvernnftig war, erst gerechtfertiget,
+und theoretisch vernnftig; hier also findet diese Zurckwirkung
+unmittelbar statt. Die Bestimmung des obern Begehrungsvermgens aber,
+das Gute zu wollen, ist _an sich_ vernnftig, denn sie geschieht
+unmittelbar durch ein Gesetz der Vernunft und bedarf keiner
+Rechtfertigung durch Anerkennung der Mglichkeit ihres Objects: diese
+Mglichkeit aber nicht anerkennen, das wre gegen die Vernunft, und
+mithin ist das Verhltni hier umgekehrt. Beim untern Begehrungsvermgen
+geschieht die Bestimmung erst durchs Object; beim obern wird das Object
+erst durch die Bestimmung des Willens realisirt.
+
+Der Begriff von etwas, das schlechthin _recht_ ist[14], hier insbesondre
+von der nothwendigen Congruenz des Grades des Glcks eines vernnftigen,
+oder eines als solches betrachteten Wesens; mit dem Grade seiner
+sittlichen Vollkommenheit, ist in unsrer Natur, unabhngig von
+Naturbegriffen, und von der durch dieselben mglichen Erfahrung, _a
+priori_ da. Betrachten wir diese Idee nur blos als Begriff, ohne
+Rcksicht auf das durch dieselbe bestimmte Begehrungsvermgen, so kann
+sie uns nichts weiter seyn, und werden, als ein durch die Vernunft
+unsrer Urtheilskraft gegebnes Gesetz zur Reflexion, ber gewisse Dinge
+in der Natur, sie auch noch in einer andern Absicht, als der ihres
+_Seyns_, nemlich der ihres _Seynsollens_, zu betrachten. In diesem Falle
+scheint es vors erste, da wir gnzlich gleichgltig gegen die
+bereinstimmung mit dieser Idee bleiben, und weder Wohlgefallen noch
+Interesse fr dieselbe empfinden wrden.
+
+Aber auch dann wre alles, was auer uns mit dem _a priori_ in uns
+vorhandenen Begriffe des Rechts bereinstimmend gefunden wrde,
+zweckmig fr eine uns durch die Vernunft aufgegebne Art ber die Dinge
+zu reflectiren, und mte, da alle Zweckmigkeit mit Wohlgefallen
+angeblickt wird, ein Gefhl der Lust in uns erregen. Und so ist es denn,
+auch wirklich. Die Freude ber das Milingen bser Absichten, und ber
+die Entdeckung und Bestrafung des Bsewichts, eben so, wie ber das
+Gelingen redlicher Bemhungen, ber die Anerkennung der verkannten
+Tugend, und ber die Entschdigung des Rechtschaffnen fr die auf dem
+Wege der Tugend erlittenen Krnkungen und gemachten Aufopferungen ist
+allgemein, im Innersten der menschlichen Natur gegrndet, und die nie
+versiegende Quelle des Interesse, das wir an Dichtungen nehmen. Wir
+gefallen uns in so einer Welt, wo alles der Regel des Rechts gem ist,
+weit besser, als in der wirklichen, wo wir so mannigfaltige Verstoe
+gegen dieselbe zu entdecken glauben. -- Aber es kann uns auch etwas,
+ohne da wir Interesse dafr fhlen, d. i. ohne da wir das Daseyn des
+Gegenstandes begehren, gefallen; und von der Art ist z. B. das
+Wohlgefallen am Schnen. Wre es mit dem Wohlgefallen am Rechten eben so
+beschaffen, so wre dasselbe ein Gegenstand unsrer bloen Billigung.
+Wenn uns einmal ein Gegenstand gegeben wre, der diesem Begriffe
+entsprche, so knnten wir nicht vermeiden, Vergngen, und bei dem
+Anblicke eines Gegenstandes, der ihm widersprche, Mivergngen zu
+empfinden; aber es wrde dadurch noch keine Begierde in uns entstehen,
+da berhaupt etwas gegeben werden mchte, worauf dieser Begriff
+anwendbar sey. Hier wre also bloe Bestimmung des Gefhls der Lust und
+Unlust, ohne die geringste Bestimmung des Begehrungsvermgens.
+
+Abgerechnet, da der Begriff des _Sollens_ an sich schon eine Bestimmung
+des Begehrungsvermgens, das Daseyn eines gewissen Objects zu wollen,
+anzeigt: so besttigt es die Erfahrung eben so allgemein, da wir auf
+gewisse Gegenstnde nothwendig diesen Begriff anwenden, und die
+bereinstimmung derselben mit ihm unnachllich verlangen. So sind wir
+in der Welt der Dichtungen, im Trauerspiele, oder Romane, nicht eher
+befriedigt, bis wenigstens die Ehre des unschuldig Verfolgten gerettet,
+und seine Unschuld anerkannt, der ungerechte Verfolger aber entlarvt
+ist, und die gerechte Strafe erlitten hat, so angemessen es auch dem
+gewhnlichen Laufe der Dinge in der Welt seyn mag, da dies nicht
+geschehe; zum sichern Beweise, da wir es nicht von uns erhalten knnen,
+dergleichen Gegenstnde, wie die Handlungen moralischer Wesen, und ihre
+Folgen sind, blos nach der Causalitt der Naturgesetze zu betrachten;
+sondern da wir sie nothwendig mit dem Begriffe des Rechts vergleichen
+mssen. Wir sagen in solchen Fllen, das Stck sey nicht geendigt; und
+eben so wenig knnen wir bei Vorfllen in der wirklichen Welt, wenn wir
+z. B. den Bsewicht im hchsten Wohlstnde mit Ehre und Gut gekrnt,
+oder den Tugendhaften verkannt, verfolgt, und unter tausend Martern
+sterben sehen, uns befriedigen, wenn nun alles aus, und der Schauplatz
+auf immer geschlossen seyn soll. Unser Wohlgefallen an dem, was recht
+ist, ist also keine bloe Billigung, sondern es ist mit Interesse
+verbunden. -- Es kann aber ein Wohlgefallen gar wohl mit einem Interesse
+verbunden seyn, ohne da wir darum diesem Wohlgefallen eine Causalitt
+zur Hervorbringung des Objects desselben zuschreiben; ohne da wir auch
+nur das geringste zum Daseyn des Gegenstandes desselben beitragen
+wollen, oder auch nur wollen knnen. Dann ist das Verlangen nach diesem
+Daseyn ein _miger Wunsch_ (_pium desiderium_). Wir mgen es begehren
+so heftig wir wollen, wir mssen uns doch bescheiden, da wir keinen
+rechtlich gegrndeten Anspruch darauf machen knnen. So ist das Begehren
+vieler Arten des Angenehmen blos ein miger Wunsch. Wer verlangt z. B.
+nicht nach anhaltendem ungestmen Wetter einen hellen Tag? aber einem
+solchen Verlangen knnen wir gar keine Causalitt zur Hervorbringung
+eines solchen Tages zuschreiben.
+
+Htte es mit dem Wohlgefallen am Sittlich-guten eine solche Bewandtni,
+wie mit irgend einem der Dinge, die wir angefhrt haben, so knnten wir
+keine Theologie haben, und bedrften keiner Religion: denn so innig wir
+auch im letzten Falle die Fortdauer der moralischen Wesen, und einen
+allmchtigen, allwissenden und gerechten Vergelter ihrer Handlungen
+wnschen mten, so wre es doch sehr vermessen, aus einem bloen
+Wunsche, so allgemein und so stark er auch wre, auf die Realitt seines
+Objects zu schlieen, und dieselbe auch nur als subjectiv-gltig
+anzunehmen.
+
+Aber die Bestimmung des Begehrungsvermgens durch das Moralgesetz, das
+Recht zu wollen, soll eine Causalitt haben, es wenigstens zum Theil
+wirklich hervorzubringen. Wir sind unmittelbar genthigt, das Recht in
+unsrer eignen Natur als von uns abhngig zu betrachten; und wenn wir
+etwas dem Begriffe desselben widerstreitendes in uns entdecken, so
+empfinden wir nicht bloes Mivergngen, wie bei der Nichterfllung
+eines migen Wunsches, oder auch nur bloen Unwillen gegen uns selbst,
+wie bei der Abwesenheit eines Gegenstandes unsres Interesse, daran wir
+selbst Schuld sind (also bei Vernachlssigung einer Regel der Klugheit),
+sondern Reue, Schaam, Selbstverachtung. In Absicht des Rechts _in uns_
+fordert also das Moralgesetz in uns schlechterdings eine Causalitt zur
+Hervorbringung desselben, in Absicht desselben _auer uns_ aber kann es
+dieselbe nicht geradezu fordern, weil wir dasselbe nicht als unmittelbar
+von uns abhngig betrachten knnen, da dieses nicht durch moralische
+Gesetze, sondern durch physische Macht hervorgebracht werden mu. In
+Absicht des letztern also wirkt das Moralgesetz in uns ein bloes
+Verlangen des Rechts, aber kein Bestreben es hervorzubringen. Dieses
+Verlangen des Rechts auer uns, d. i. einer dem Grade unsrer Moralitt
+angemessenen Glckseligkeit ist wirklich _durch das Moralgesetz_
+entstanden. Glckseligkeit zwar berhaupt zu verlangen, ist ein
+Naturtrieb; diesem gem aber verlangen wir sie unbedingt,
+uneingeschrnkt, und ohne die geringste Rcksicht auf etwas auer uns;
+mit Moralbegriffen aber, d. i. als vernnftige Wesen, bescheiden wir uns
+bald, gerade nur dasjenige Maa derselben verlangen zu knnen, dessen
+wir werth sind, und diese Einschrnkung des Glckseligkeitstriebes ist
+unabhngig von aller religisen Belehrung selbst der ununterrichtetsten
+Menschheit tief eingeprgt, der Grund aller Beurtheilung ber die
+Zweckmigkeit der menschlichen Schicksale, und jenes eben unter dem
+unbelehrtesten Theile der Menschheit am meisten ausgebreiteten
+Vorurtheils, da der ein vorzglich bser Mensch seyn msse, den
+vorzglich traurige Schicksale treffen.
+
+Dieses Verlangen aber ist so wenig weder _mig_, d. i. ein solches,
+dessen Befriedigung wir zwar gerne sehen, bei dessen Nichtbefriedigung
+wir uns aber auch zur Ruhe weisen lassen wrden, noch unberechtigt, da
+vielmehr das Moralgesetz _das Recht in uns_ zur Bedingung _des Rechts
+auer uns_ macht: (das heit nicht soviel, als ob es nur unter der
+Bedingung Gehorsam von uns verlange, wenn wir die demselben angemessene
+Glckseligkeit erwarten drfen [denn, es gebietet ohne alle Bedingung],
+sondern, da es uns alle Glckseligkeit nur als Bedingung unsers
+Gehorsams mglich darstellt; das Gebot nemlich ist das unbedingte, die
+Glckseligkeit aber das dadurch bedingte:) und dies thut es dadurch,
+indem es unsre Handlungen dem Princip der Allgemeingltigkeit
+unterzuordnen befiehlt; da _allgemeines Gelten_ (nicht blos Gltigkeit)
+_des Moralgesetzes_ und _dem Grade der Moralitt jedes vernnftigen
+Wesens vllig angemessene Glckseligkeit_ identische Begriffe sind. Wenn
+nun die Regel des Rechts nie allgemeingeltend werden weder wrde noch
+knnte, so bliebe zwar darum immer jene Forderung der Causalitt des
+Moralgesetzes zur Hervorbringung des Rechts in uns, als Factum da, aber
+es wre schlechterdings unmglich, da sie _in concreto_, in einer Natur
+wie die unsrige, erfllt werden knnte. Denn sobald wir bei einer
+moralischen Handlung uns nur fragten: was mache ich doch? so mte unsre
+theoretische Vernunft uns antworten: ich ringe, etwas schlechthin
+unmgliches mglich zu machen, ich laufe nach einer Schimre, ich handle
+offenbar unvernnftig; und sobald wir wieder auf die Stimme des Gesetzes
+hrten, mten wir urtheilen: ich denke offenbar unvernnftig, indem ich
+dasjenige, was mir schlechthin als Princip aller meiner Handlungen
+aufgestellt ist, fr unmglich erklre. Folglich wre in diesem
+Zustande, so fortdauernd auch die Forderung des Moralgesetzes, eine
+Causalitt in uns zu haben, bliebe, eine fortgesetzte Erfllung
+desselben nach Regeln schlechterdings unmglich; sondern unser
+Ungehorsam oder Gehorsam hinge davon ab, ob eben der Ausspruch der
+theoretischen, oder der der practischen Vernunft das bergewicht in
+unserm Gemthe htte (wobei jedoch im letztern Falle offenbar die
+theoretischgeleugnete Mglichkeit des Endzwecks des Moralgesetzes
+stillschweigend angenommen, und durch unsre Handlung anerkannt wrde);
+worber wir, nach aufgehobner Machtgewalt des practischen Vermgens ber
+das theoretische nichts bestimmen knnten, folglich weder freie, noch
+moralische, noch der Imputation fhige Wesen, sondern wieder ein Spiel
+des Zufalls, oder eine durch Naturgesetze bestimmte Maschine wrden.
+Theologie also ist, auf diese Grundstze gebaut, in Concreto betrachtet
+nie bloe Wissenschaft, sondern wird ganz unmittelbar in ihrer
+Entstehung schon dadurch Religion, indem sie allein, durch
+Aufhebung[TN4] des Widerspruchs zwischen unsrer theoretischen und unsrer
+practischen Vernunft, eine fortgesetzte Causalitt des Moralgesetzes in
+uns mglich macht.
+
+Und dies zeigt denn auch, welches wir blos im Vorbeigehn erinnern, das
+eigentliche Moment des moralischen Beweises fr das Daseyn Gottes. Wie
+man aus theoretisch anerkannten Wahrheiten practische Folgerungen
+herleiten knne, welche dann eben den Grad der Gewiheit haben, als die
+Wahrheiten, auf welche sie sich grnden, wie z. B. aus unsrer _a priori_
+theoretisch erwiesenen Abhngigkeit von Gott die Pflicht folgen werde,
+sich gegen ihn dieser Abhngigkeit gem zu betragen, hat man immer
+leicht einsehen zu knnen geglaubt, weil man sich an diesen Gang der
+Folgerung gewhnt hatte, da sie doch eigentlich gar nicht begreiflich
+ist, weil sie nicht richtig ist, indem der theoretischen Vernunft keine
+Machtgewalt ber die practische zugeschrieben werden kann. Umgekehrt
+aber knnen aus einem practischen Gebote, das schlechthin _a priori_
+ist, und sich auf keine theoretischen Stze, als seine Prmissen,
+grndet, theoretische Stze abgeleitet werden, weil der practischen
+Vernunft allerdings eine Machtgewalt ber die theoretische, doch gem
+den eignen Gesetzen derselben, zuzuschreiben ist. Es ist also ganz der
+umgekehrte Gang der Folgerung, und hat man sie je misverstanden, so ist
+es blos daher gekommen, weil man sich das Moralgesetz nicht als
+schlechthin _a priori_, und die Causalitt desselben nicht als
+schlechthin (nicht theoretisch, aber practisch) nothwendig dachte.
+
+Der Widerspruch zwischen theoretischer und practischer Vernunft ist nun
+gehoben, und die Handhabung des Rechts ist einem Wesen bertragen
+worden, in welchem die Regel desselben nicht blos _allgemeingltig_,
+sondern _allgemeingeltend_ ist, der also das Recht auch auer uns uns
+zusichern kann. -- Sie ist allgemeingeltend fr die Natur, die nicht
+moralisch ist, aber auf die Glckseligkeit moralischer Wesen Einflu
+hat. Insofern auf diese Glckseligkeit auch andrer moralischen Wesen
+Betragen einfliet, lassen auch diese sich betrachten als Natur. In
+dieser Rcksicht ist Gott der Bestimmer der durch die Causalitt ihres
+Willens in der Natur hervorgebrachten Wirkungen, aber nicht ihres
+Willens selbst.
+
+Moralische Wesen aber, _als solche_, d. i. in Absicht ihres Willens,
+knnen nicht so durch den Willen des allgemeinen Gesetzgebers bestimmt
+werden, wie die unmoralische Natur, denn sonst hrten sie auf es zu
+seyn, und die Bestimmung der erstem durch diesen Willen mu, wenn sich
+ihre Mglichkeit zeigen sollte, ganz etwas anderes seyn, als die der
+letztern. Die letztere kann nie selbst moralisch werden, sondern mir in
+bereinstimmung mit den moralischen Ideen eines vernnftigen Wesens
+gesetzt werden; die erstem sollen frei, und blos durch sich erste
+Ursachen moralischer Bestimmungen seyn. In Absicht der letztern ist also
+Gott nicht eigentlich Gesetzgeber, sondern Beweger, Bestimmer; sie ist
+bloes Instrument, und der moralisch handelnde blos Er.
+
+Moralische Wesen sind aber, nicht nur insofern sie nach Naturgesetzen
+_thtig_, sondern auch insofern sie nach denselben _leidend_ sind,
+Theile der Natur, und als solche Gegenstand der Bestimmung der Natur
+nach moralischen Ideen, insofern durch dieselbe ihnen der gebhrende
+Grad der Glckseligkeit zugemessen wird, und als solche sind sie vllig
+in der moralischen Ordnung, wenn der Grad ihrer Glckseligkeit dem Grade
+ihrer sittlichen Vollkommenheit vllig angemessen ist.
+
+Dadurch nun kommen wir zuerst, da ich mich so ausdrcke, in
+Correspondenz mit Gott. Wir sind genthigt bei allen unsern
+Entschlieungen auf ihn aufzusehen, als den, der den moralischen Werth
+derselben allein und genau kennt, da er nach ihnen unsre Schicksale zu
+bestimmen hat, und dessen Billigung oder Misbilligung das einzig
+richtige Unheil ber dieselben ist. Unsre Furcht, unsre Hoffnung, alle
+unsre Erwartungen beziehen sich auf ihn: nur in seinem Begriffe von uns
+finden wir unsern wahren Werth. Die heilige Ehrfurcht vor Gott, die
+dadurch nothwendig in uns entstehen mu, verbunden mit der Begierde der
+nur von ihm zu erwartenden Glckseligkeit, bestimmet nicht unser oberes
+Begehrungsvermgen, das Recht berhaupt zu wollen, (das kann sie nie, da
+sie selbst auf die schon geschehene Bestimmung desselben sich grndet)
+sondern unsern empirisch-bestimmbaren Willen, dasselbe wirklich in uns
+anhaltend und fortgesetzt hervorzubringen. Hier ist also schon
+Religion, gegrndet auf die Idee von Gott, als Bestimmer der Natur nach
+moralischen Zwecken, und in uns auf die Begierde der Glckseligkeit,
+welche aber gar nicht etwa unsre Verbindlichkeit zur Tugend, sondern nur
+unsre Begierde, dieser Verbindlichkeit Genge zu thun, vermehrt, und
+verstrkert.
+
+Nun lt aber ferner das allgemeine Gelten des gttlichen Willens fr
+uns als _passive_ Wesen, uns auf die Allgemeingltigkeit desselben fr
+uns auch als active Wesen schlieen. Gott richtet uns nach einem
+Gesetze, das ihm nicht anders, als durch _seine_ Vernunft gegeben seyn
+kann, folglich nach seinem durch das Moralgesetz bestimmten Willen.
+Seinem Urtheile also liegt sein _Wille, als allgemeingeltendes Gesetz_
+fr vernnftige Wesen, auch insofern sie activ sind, zum Grunde, indem
+ihre bereinstimmung mit demselben der Maastab ist, nach welchem ihnen,
+als passiven, ihr Antheil an der Glckseligkeit zugemessen wird. Die
+Anwendbarkeit dieses Maastabes erhellet sogleich daraus, weil die
+Vernunft ihr selbst nie widersprechen kann, sondern in allen
+vernnftigen Wesen eben dasselbe aussagen, folglich der durch das
+Moralgesetz bestimmte Wille Gottes vllig gleichlautend mit dem uns
+durch eben dieselbe Vernunft gegebnen Gesetze seyn mu. Es ist nach
+diesem fr die _Legalitt_ unsrer Handlungen vllig gleichgltig, ob
+wir sie dem Vernunftgesetze darum gem einrichten, weil unsre Vernunft
+gebietet; oder darum, weil Gott das will, was unsre Vernunft fordert: ob
+wir unsre Verbindlichkeit vom bloen Gebote der Vernunft, oder ob wir
+sie vom Willen Gottes herleiten: -- ob es aber fr die _Moralitt_
+derselben vllig gleichgltig sey, ist dadurch noch nicht klar, und
+bedarf einer weitern Untersuchung.
+
+_Unsre Verbindlichkeit vom Willen Gottes ableiten_, heit, seinen
+Willen, _als solchen_, fr unser Gesetz anerkennen; sich darum zur
+Heiligkeit verbunden erachten, weil Er sie von uns fordert. Es ist also
+dann nicht blos von einer Vollbringung des Willens Gottes, der Materie
+des Wollens nach, sondern von einer auf die Form desselben gegrndeten
+Verbindlichkeit die Rede; -- wir handeln dem Gesetze der Vernunft gem,
+weil es _Gottes_ Gesetz ist.
+
+Hierbei entstehen folgende zwei Fragen: Giebt es eine Verbindlichkeit,
+dem Willen Gottes, als solchem, zu gehorchen, und worauf knnte sich
+dieselbe grnden? und dann: Wie erkennen wir das Gesetz der Vernunft in
+uns als Gesetz Gottes? Wir gehen an die Beantwortung der ersten.
+
+Schon der Begriff von Gott wird uns blos durch unsre Vernunft gegeben,
+und blos durch sie, insofern sie _a priori_ gebietend ist, realisirt,
+und es ist schlechterdings keine andre Art gedenkbar, auf welche wir zu
+diesem Begriffe kommen knnten. Ferner verbindet uns die Vernunft ihrem
+Gesetze zu gehorchen, ohne Rckweisung an einen Gesetzgeber ber sie, so
+da sie selbst verwirrt und schlechterdings vernichtet wird, und aufhrt
+Vernunft zu seyn, wenn man annimmt, da noch etwas anderes ihr gebiete,
+als sie sich selbst. Stellt sie uns nun den Willen Gottes als vllig
+gleichlautend mit ihrem Gesetze dar, so verbindet sie uns freilich
+mittelbar, auch diesem zu gehorchen; aber diese Verbindlichkeit grndet
+sich auf nichts anders, als auf die bereinstimmung desselben mit ihrem
+eignen Gesetze, und es ist kein Gehorsam gegen Gott mglich, ohne aus
+Gehorsam gegen die Vernunft. Hieraus erhellet nun vors erste zwar
+soviel, da es vllig gleich auch fr die _Moralitt_ unsrer Handlungen
+ist, ob wir uns zu etwas verbunden erachten, darum, weil es unsre
+Vernunft befiehlt, oder darum, weil es Gott befiehlt; aber es lt sich
+daraus noch gar nicht einsehen, wozu uns die letztere Vorstellung dienen
+soll, da ihre Wirksamkeit die Wirksamkeit der erstern schon voraussetzt,
+da das Gemth schon bestimmt seyn mu, der Vernunft gehorchen zu wollen,
+ehe der Wille, Gott zu gehorchen, mglich ist; da es mithin scheint, da
+die letztere Vorstellung uns weder allgemeiner noch strker bestimmen
+knne, als diejenige, von der sie abhngt, und durch die sie erst
+mglich wird. Gesetzt aber, es liee sich zeigen, da sie unter gewissen
+Bedingungen wirklich unsre Willensbestimmung erweitere, so ist vorher
+doch noch auszumachen, ob eine Verbindlichkeit sich ihrer berhaupt zu
+bedienen statt finde: und da folgt denn unmittelbar aus dem obigen, da,
+obgleich die Vernunft uns verbindet, den Willen Gottes seinem Inhalte
+nach (_voluntati ejus materialiter spectatae_) zu gehorchen, weil dieser
+mit dem Vernunftgesetze vllig gleichlautend ist, sie doch unmittelbar
+keinen Gehorsam fordert, als den fr ihr Gesetz, aus keinem andern
+Grunde, als weil es ihr Gesetz ist; da sie folglich, da nur
+unmittelbare practische Gesetze der Vernunft verbindend sind, zu keinem
+Gehorsam gegen den Willen Gottes, als solchen, (_voluntatem ejus
+formaliter spectatam_) verbinde. Die practische Vernunft enthlt mithin
+kein Gebot, uns den Willen Gottes, als solchen, gesetzlich fr uns zu
+denken, sondern blos eine Erlaubni; und sollten wir _a posteriori_
+finden, da diese Vorstellung uns strker bestimme, so kann die Klugheit
+anrathen, uns derselben zu bedienen, aber Pflicht kann der Gebrauch
+dieser Vorstellung nie seyn. Zur Religion also, d. i. zur Anerkennung
+Gottes, als moralischen Gesetzgebers, findet keine Verbindlichkeit
+statt; um so weniger, da, so nothwendig es auch ist, die Existenz Gottes
+und die Unsterblichkeit unsrer Seele anzunehmen, weil ohne diese
+Annahme die geforderte Causalitt des Moralgesetzes in uns gar nicht
+mglich ist, und diese Nothwendigkeit eben so allgemein gilt, als das
+Moralgesetz selbst, wir doch nicht einmal sagen knnen, wir seyen
+_verbunden_ diese Stze anzunehmen, weil Verbindlichkeit nur vom
+Practischen gilt. In wie weit aber die Vorstellung von Gott, als
+Gesetzgeber durch dieses Gesetz in uns, gelte, hngt von der Ausbreitung
+ihres Einflusses auf die Willensbestimmung, und diese hinwiederum von
+den Bedingungen ab, unter welchen vernnftige Wesen durch sie bestimmt
+werden knnen. Knnte nemlich gezeigt werden, da diese Vorstellung
+nthig sey, um dem Gebote der Vernunft berhaupt Gesetzeskraft zu geben
+(wovon aber das Gegentheil gezeigt worden ist), so wrde sie fr alle
+vernnftige Wesen gelten; kann gezeigt werden, da sie in allen
+_endlichen_ vernnftigen Wesen die Willensbestimmung erleichtert, so ist
+sie gemeingltig fr diese; sind die Bedingungen, unter denen sie diese
+Bestimmung erleichtert und erweitert, nur von der menschlichen Natur
+gedenkbar, so gilt sie, falls sie in allgemeinen Eigenschaften derselben
+liegen, fr alle, oder wenn sie in besondern Eigenschaften derselben
+liegen, nur fr einige Menschen.
+
+Die Bestimmung des Willens, dem Gesetze Gottes berhaupt zu gehorchen,
+kann nur durch das Gesetz der practischen Vernunft geschehen, und ist
+als bleibender und daurender Entschlu des Gemths vorauszusetzen. Nun
+aber knnen einzelne Flle der Anwendung des Gesetzes gedacht werden, in
+denen die bloe Vernunft nicht Kraft genug haben wrde, den Willen zu
+bestimmen, sondern zu Verstrkung ihrer Wirksamkeit noch die Vorstellung
+bedarf, da eine gewisse Handlung durch Gott geboten sey. Diese
+Unzulnglichkeit des Vernunftgebotes, als solches, kann keinen ndern
+Grund haben, als Verminderung unsrer Achtung gegen die Vernunft in
+diesem besondern Falle; und diese Achtung kann durch nichts anderes
+vermindert worden seyn, als durch ein derselben widerstreitendes
+Naturgesetz, das unsre Neigung bestimmt, und welches mit jenem der
+Vernunft, das unser oberes Begehrungsvermgen bestimmt, _in einem und
+ebendemselben Subjecte!_ nemlich _in uns_ erscheint, und mithin, wenn
+die Wrde des Gesetzes blos nach der des gesetzgebenden Subjects
+bestimmt wird, von einerlei Range und Werthe mit jenem zu seyn[TN5]
+scheinen knnte. Hier noch ganz davon abstrahirt, da wir in einem
+solchen Falle uns tuschen, da wir die Stimme der Pflicht vor dem
+Schreien der Neigung nicht hren, sondern uns in der Lage zu seyn dnken
+knnten, wo wir unter bloen Naturgesetzen stehen; sondern
+vorausgesetzt, da wir die Anforderungen beider Gesetze und ihre Grenze
+richtig unterscheiden, und unwidersprechlich erkennen, was unsre Pflicht
+in diesem Falle sey, so kann es doch leicht geschehen, da wir uns
+entschlieen, nur hier dies einemal eine Ausnahme von der allgemeinen
+Regel zu machen, nur dies einemal wider den klaren Ausspruch der
+Vernunft zu handeln, weil wir dabei niemanden verantwortlich zu seyn
+glauben, als uns selbst, und weil wir meinen, es sey unsre Sache, ob wir
+vernnftig oder unvernnftig handeln wollen; es verschlage niemanden
+etwas, als uns selbst, wenn wir uns dem Nachtheile, der freilich daraus
+fr uns entstehen msse, wenn ein moralischer Richter unsrer Handlungen
+sey, unterwerfen, durch welche Strafe unser Ungehorsam gleichsam
+abgebt zu werden scheint; wir sndigten auf eigne Gefahr. Ein solcher
+Mangel an Achtung fr die Vernunft grndet sich mithin auf Mangel der
+Achtung gegen uns selbst, welche wir bei uns wol verantworten zu knnen
+glauben. Erscheint uns aber die in diesem Falle eintretende Pflicht als
+von Gott geboten, oder, welches eben das ist, erscheint das Gesetz der
+Vernunft durchgngig und in allen seinen Anwendungen als Gesetz Gottes,
+so erscheint es in einem Wesen, in Absicht dessen es nicht in unserm
+Belieben steht, ob wir es achten, oder ihm die gebhrende Achtung
+versagen wollen; wir machen bei jedem wissentlichen Ungehorsame gegen
+dasselbe nicht etwa nur eine Ausnahme von der Regel, sondern wir
+verleugnen geradezu die Vernunft berhaupt; wir sndigen nicht blos
+gegen eine von derselben abgeleitete Regel, sondern gegen ihr erstes
+Gebot; wir sind nun, die Verantwortlichkeit zur Strafe, die wir
+allenfalls auf uns selbst nehmen knnten, abgerechnet, einem Wesen,
+dessen bloer Gedanke uns die tiefste Ehrfurcht einprgen mu, und
+welches nicht zu verehren der hchste Unsinn ist, auch noch fr
+Verweigerung der ihm schuldigen Ehrfurcht verantwortlich, welche durch
+keine Strafe abzuben ist.
+
+Die Idee von Gott, als Gesetzgeber durchs Moralgesetz in uns, grndet
+sich also auf eine Entuerung des unsrigen, auf bertragung eines
+Subjectiven in ein Wesen auer uns, und diese Entuerung ist das
+eigentliche _Princip der Religion_, insofern sie zur Willensbestimmung
+gebraucht werden soll. Sie kann nicht im eigentlichsten Sinne unsre
+Achtung fr das Moralgesetz berhaupt verstrken, weil alle Achtung fr
+Gott sich blos auf seine anerkannte bereinstimmung mit diesem Gesetze,
+und folglich auf Achtung fr das Gesetz selbst grndet; aber sie kann
+unsre Achtung fr die Entscheidungen derselben in einzelnen Fllen, wo
+sich ein starkes Gegengewicht der Neigung zeigt, vermehren; und so ist
+es klar, wie, obgleich die Vernunft uns berhaupt erst bestimmen mu dem
+Willen Gottes zu gehorchen, doch in einzelnen Fllen die Vorstellung
+dieses uns hinwiederum bestimmen knne, der Vernunft zu gehorchen.
+
+Im Vorbeigehn ist noch zu erinnern, da diese Achtung fr Gott, und die
+auf dieselbe gegrndete Achtung fr das Moralgesetz, als das seinige,
+sich auch blos auf die bereinstimmung desselben mit diesem Gesetze,
+d. i. auf seine Heiligkeit grnden msse, weil sie nur unter dieser
+Bedingung Achtung fr das Moralgesetz ist, die allein die Triebfeder
+jeder rein moralischen Handlung seyn mu. Grndet sie sich etwa auf die
+Begierde sich in seine Gte einzuschmeicheln, oder auf Furcht vor seiner
+Gerechtigkeit, so lge unserm Gehorsame auch nicht einmal Achtung fr
+Gott, sondern Selbstsucht zu Grunde.
+
+Der Pflicht, widerstreitende Neigungen sind wol in allen endlichen Wesen
+anzunehmen, denn das ist eben der Begriff des Endlichen in der Moral,
+da es noch durch andere Gesetze, als durch das Moralgesetz, d. i. durch
+die Gesetze seiner Natur bestimmt werde; und warum Naturgesetze unter
+irgend einer Bedingung, fr Naturwesen, auf welch einer erhabnen Stuffe
+sie auch stehen mgen, stets und immer mit dem Moralgesetze
+zusammenstimmen sollten, lt sich kein Grund angeben; aber es lt sich
+gar nicht bestimmen, in wie weit, und warum nothwendig dieser
+Widerstreit der Neigung gegen das Gesetz die Achtung fr dasselbe, als
+bloes Vernunftgesetz, so schwchen solle, da es, um thtig zu wirken,
+noch durch die Idee einer gttlichen Gesetzgebung geheiligt werden
+msse; und wir knnen uns nicht einbrechen, fr jedes vernnftige Wesen,
+welches, nicht weil die Neigung in ihm schwcher ist, in welchem Falle
+es kein Verdienst haben wrde, sondern weil die Achtung fr die Vernunft
+in ihm strker ist, dieser Vorstellung zur Willensbestimmung nicht
+bedarf, eine weit grere Verehrung zu fhlen, als gegen dasjenige,
+welches ihrer bedarf. Es lt sich also der Religion, insofern sie nicht
+bloer Glaube an die Postulate der practischen Vernunft ist, sondern als
+Moment der Willensbestimmung gebraucht werden soll, auch nicht einmal
+fr Menschen subjective Allgemeingltigkeit (denn nur von dergleichen
+kann hier die Rede seyn) zusichern; ob wir gleich auch von der ndern
+Seite nicht beweisen knnen, da endlichen Wesen berhaupt, oder da
+insbesondere Menschen in diesem Erdenleben eine Tugend mglich sey, die
+dieses Moments gnzlich entbehren knne.
+
+Diese bertragung der gesetzgebenden Autoritt an Gott nun grndet sich
+laut obigem darauf, da ihm durch seine eigne Vernunft ein Gesetz
+gegeben seyn mu, welches fr uns gltig ist, weil er uns darnach
+richtet, und welches mit dem uns durch unsre eigne Vernunft gegebnen,
+wornach wir handeln sollen, vllig gleichlautend seyn mu. Hier werden
+also zwei an sich von einander gnzlich unabhngige Gesetze, die blos in
+ihrem Princip, der reinen practischen Vernunft, zusammenkommen, beide
+_fr uns_ gltig gedacht, ganz gleichlautend in Absicht ihres Inhalts,
+blos in Absicht der Subjecte verschieden, in denen sie[TN6] sich
+befinden. Wir knnen jetzt bei jeder Forderung des Sittengesetzes in uns
+sicher schlieen, da eine gleichlautende Forderung in Gott an uns
+ergehe, da also das Gebot des Gesetzes in uns auch Gebot Gottes sey
+_der Materie_ nach: aber wir knnen noch nicht sagen, das Gebot des
+Gesetzes in uns, sey schon _als solches_, mithin _der Form_ nach, Gebot
+Gottes. Um das letztere annehmen zu drfen, mssen wir einen Grund
+haben, das Sittengesetz in uns als abhngig von dem Sittengesetze in
+Gott fr uns, zu betrachten, d. i. den Willen Gottes als die Ursache
+desselben anzunehmen.
+
+Nun scheint es zwar ganz einerlei zu seyn, ob wir die Befehle unsrer
+Vernunft, als vllig gleichlautend mit dem Befehle Gottes an uns, oder
+ob wir sie selbst unmittelbar als Befehle Gottes ansehen; aber theils
+wird durch das letztere der Begriff der Gesetzgebung erst vllig
+ergnzt, theils aber und vorzglich mu nothwendig beim Widerstreite der
+Neigung gegen die Pflicht die letztere Vorstellung dem Gebote der
+Vernunft ein neues Gewicht hinzufgen.
+
+Den Willen Gottes als Ursache des Sittengesetzes in uns annehmen, kann
+zweierlei heien, nemlich da der Wille Gottes entweder Ursache vom
+_Inhalte_ des Sittengesetzes, oder da er es nur von _der Existenz des
+Sittengesetzes in uns_ sey. Da das erstere schlechterdings nicht
+anzunehmen sey, ist schon aus dem obigen klar, denn dadurch wrde
+Heteronomie der Vernunft eingefhrt, und das Recht einer unbedingten
+Willkhr unterworfen, das heit, es gbe gar kein Recht. Ob das zweite
+gedenkbar sey, und ob sich ein vernnftiger Grund dafr finde, bedarf
+einer weitern Untersuchung.
+
+Die Frage also, um deren Beantwortung, es jetzt zu thun ist, ist diese:
+Finden wir irgend einen Grund, Gott als die Ursache der Existenz des
+Moralgesetzes in uns anzusehen? oder als Aufgabe ausgedrckt: wir haben
+ein Princip zu suchen, aus welchem Gottes Wille, als Grund der Existenz
+des Moralgesetzes in uns erkannt werde. Da das Sittengesetz in uns das
+Gesetz Gottes an uns enthalte, und materialiter sein Gesetz sey, ist aus
+dem obigen klar: ob es auch der Form nach sein Gesetz, d. i. durch ihn
+und als das seinige promulgirt sey, als wodurch der Begriff der
+Gesetzgebung vollstndig gemacht wird, davon ist jetzt die Frage, welche
+mithin auch so ausgedrckt werden kann: hat Gott sein Gesetz an uns
+wirklich promulgirt? knnen wir ein Factum aufweisen, das sich als eine
+dergleichen Promulgation besttigt?
+
+Wrde diese Frage in theoretischer Absicht, blos um unsre Erkenntni zu
+erweitern, erhoben, so knnten wir uns auch ohne Antwort auf dieselbe
+begngen, und schon _a priori_ (vor ihrer Beantwortung) sicher seyn, da
+eine zu dieser Absicht befriedigende Antwort gar nicht mglich sey,
+indem nach der Ursache eines bernatrlichen, nemlich des Moralgesetzes
+in uns gefragt, mithin die Categorie der Causalitt auf ein Numen
+angewendet wird. Da sie aber in practischer Absicht zur Erweiterung der
+Willensbestimmung gethan wird, so knnen wir theils sie nicht so
+geradezu abweisen, theils bescheiden wir uns schon zum voraus, da auch
+eine nur subjectiv, d. i. fr unsre Denkgesetze, gltige Antwort uns
+befriedigen werde.
+
+
+. 4.
+
+_Eintheilung der Religion berhaupt, in die natrliche und
+geoffenbarte._
+
+In der _allgemeinsten_ Bedeutung wird Theologie Religion, wenn die um
+unsrer Willensbestimmung durch das Gesetz der Vernunft angenommenen
+Stze practisch auf uns wirken. Diese Wirkung geschieht _entweder_ auf
+unser ganzes Vermgen, zur Hervorbringung der Harmonie in desselben
+verschiedenen Functionen, indem die theoretische und practische Vernunft
+in bereinstimmung gesetzt, und die postulirte Causalitt der letztern
+in uns mglich gemacht wird. Hierdurch erst wird Einheit in den Menschen
+gebracht, und alle Functionen seines Vermgens auf einen einzigen
+Endzweck hingeleitet. _Oder_ sie geschieht insbesondre, nemlich negativ,
+auf unser Empfindungsvermgen, indem fr das hchste Ideal aller
+Vollkommenheit tiefe Ehrfurcht, und fr den einzig richtigen Beurtheiler
+unsrer Moralitt, und gerechten Bestimmer unsrer Schicksale nach
+derselben, Vertrauen, heilige Scheu, Dankbarkeit gewirkt wird. Diese
+Empfindungen sollen nicht eigentlich den Willen bestimmen; aber sie
+sollen die Wirksamkeit der schon geschehenen Bestimmung vermehren. Man
+wrde aber nicht wohl thun, auf eine unbegrenzte Erhhung dieser
+Empfindungen, besonders insofern sie sich auf den Begriff Gottes als
+unsers moralischen Richters grnden,(und welche zusammen das ausmachen,
+was man _Frmmigkeit_ nennt) hinzuarbeiten, weil dem eigentlichen
+Momente aller Moralitt, das was recht ist schlechthin darum zu wollen,
+_weil_ es recht ist, dadurch leicht Abbruch geschehen knnte. _Oder_
+endlich sie geschieht unmittelbar auf unsern Willen, durch das dem
+Gewichte des Gebots hinzugefgte Moment, da es Gebot Gottes sey; und
+dadurch entsteht Religion in der _eigentlichsten_ Bedeutung.
+
+Da das Sittengesetz in uns seinem Inhalte nach als Gesetz Gottes in uns
+anzunehmen sey, ist schon aus dem Begriffe Gottes, als unabhngigen
+Executors des Vernunftgesetzes berhaupt, klar. Ob wir einen Grund
+haben, es auch seiner Form nach dafr anzunehmen, ist die jetzt zu
+untersuchende Frage. Da hierbei gar nicht vom Gesetze an sich die Rede
+ist, als welches wir in uns haben, sondern vom Urheber des Gesetzes; so
+knnen wir im Begriffe der gttlichen Gesetzgebung von dem Inhalte
+(_materia_) derselben hier gnzlich abstrahiren, und haben nur auf ihre
+Form zu sehen. Die gegenwrtige Aufgabe ist also die: ein Princip zu
+suchen, aus welchem Gott als moralischer Gesetzgeber erkannt werde; oder
+es wird gefragt: hat sich Gott uns als moralischer Gesetzgeber
+angekndigt, und _wie_ hat er's?
+
+Dies lt sich auf zweierlei Art als mglich denken, nemlich da es
+entweder _in uns_, als moralischen Wesen, in unsrer vernnftigen Natur;
+oder _auer derselben_ geschehen sey. Nun liegt in unsrer Vernunft,
+insofern sie rein _a priori_ gesetzgebend ist, nichts, das uns
+berechtigte, dies anzunehmen: wir mssen uns also nach etwas auer ihr
+umsehen, welches uns wieder an sie zurckweise, um nun aus ihren
+Gesetzen mehr schlieen zu knnen, als wozu diese allein uns
+berechtigen: oder wir mssen es ganz aufgeben, aus diesem Princip Gott
+als Gesetzgeber zu erkennen. Auer unsrer vernnftigen Natur ist das,
+was uns zur Betrachtung und Erkenntni vorliegt, die Sinnenwelt. In
+dieser finden wir allenthalben Ordnung und Zweckmigkeit; alles leitet
+uns auf eine Entstehung derselben nach Begriffen eines vernnftigen
+Wesens. Aber zu allen den Zwecken, auf welche wir durch ihre Betrachtung
+gefhrt werden, mu unsre Vernunft einen letzten, einen Endzweck, als
+das Unbedingte zu dem Bedingten, suchen. Alles aber in unsrer Erkenntni
+ist bedingt, auer dem durch die practische Vernunft uns aufgestellten
+Zwecke des hchsten Gutes, welcher schlechthin und unbedingt geboten
+wird. Dieser allein also ist fhig der gesuchte Endzweck zu seyn; und
+wir sind durch die subjective Beschaffenheit unsrer Natur gedrungen, ihn
+dafr anzuerkennen. Kein Wesen konnte diesen Endzweck haben, als
+dasjenige, dessen practisches Vermgen blos durch das Moralgesetz
+bestimmt wird; und keins die Natur demselben anpassen, als dasjenige,
+das die Naturgesetze durch sich selbst bestimmt. Dieses Wesen ist Gott.
+Gott ist also _Weltschpfer_. Kein Wesen ist fhig Object dieses
+Endzwecks zu seyn, als nur moralische Wesen, weil diese allein des
+hchsten Gutes fhig sind. Wir selbst also sind als moralische Wesen
+(objetiv) Endzweck der Schpfung. Wir sind aber, als sinnliche, d. i.
+als solche Wesen, die unter den Naturgesetzen stehen, auch Theile der
+Schpfung, und die ganze Einrichtung unsrer Natur, insofern sie von
+diesen Gesetzen abhngt, ist Werk des Schpfers, d. i. des Bestimmers
+der Naturgesetze durch seine moralische Natur. Nun hngt es zwar theils
+offenbar nicht von der Natur ab, da die Vernunft in uns eben so, und
+nicht anders spricht; theils wrde die Frage, ob es von ihr abhnge, da
+_wir_ eben moralische Wesen sind, durchaus dialectisch seyn. Denn
+erstens dchten wir uns da den Begriff der Moralitt aus uns weg, und
+nhmen dennoch an, da wir dann noch _wir_ seyn wrden, d. i. unsre
+Identitt beibehalten haben wrden, welches sich nicht annehmen lt;
+zweitens geht sie auf objective Behauptungen im Felde des bersinnlichen
+aus, in welchem wir nichts objectiv behaupten drfen[15]. Da es aber
+_fr uns_ ganz einerlei ist, ob wir uns des Gebots des Moralgesetzes in
+uns nicht _bewut_ sind, oder ob wir berhaupt keine moralischen Wesen
+sind; da ferner unser Selbstbewutseyn ganz unter Naturgesetzen steht:
+so folgt daraus sehr richtig, da es von der Einrichtung der sinnlichen
+Natur endlicher Wesen herkomme, da sie sich des Moralgesetzes in ihnen
+_bewut sind_; und wir drfen, wenn wir uns vorher nur richtig bestimmt
+haben, hinzusetzen: da sie moralische Wesen _sind_. Da nun Gott der
+Urheber dieser Einrichtung ist, so ist die Ankndigung des Moralgesetzes
+in uns durch das Selbstbewutseyn, zu betrachten als Seine Ankndigung,
+und der Endzweck, den uns dasselbe aufstellt, als Sein Endzweck, den er
+bei unsrer Hervorbringung hatte. So wie wir ihn also fr den Schpfer
+unsrer Natur erkennen, mssen wir ihn auch fr unsern moralischen
+Gesetzgeber anerkennen; weil nur durch eben, eine solche Einrichtung uns
+Bewutseyn des Moralgesetzes in uns, mglich war. Diese Ankndigung
+Gottes selbst geschieht nun durch das bernatrliche in uns; und es darf
+uns nicht irren, da wir, um das zu erkennen, einen Begriff auer
+demselben, nemlich den der Natur, zu Hlfe nehmen muten. Denn theils
+war es die Vernunft, die uns das, ohne welches jener Begriff uns zu
+unsrer Absicht gar nicht htte dienen knnen, den Begriff des mglichen
+Endzwecks, hergab, und dadurch erst die Erkenntni Gottes als Schpfers
+mglich machte; theils htte auch diese Erkenntni uns Gott noch gar
+nicht als Gesetzgeber darstellen knnen, ohne das Moralgesetz in uns,
+dessen Daseyn erst die gesuchte Ankndigung Gottes ist.
+
+Die zweite uns gedenkbare Art, wie sich Gott als moralischen Gesetzgeber
+ankndigen konnte, war _auer_ dem bernatrlichen in uns, also, in der
+_Sinnenwelt_, da wir auer diesen beiden kein drittes Objekt haben. Da
+wir aber, weder aus dem Begriffe der Welt berhaupt, noch aus irgend
+einem Gegenstande oder Vorfalle in derselben insbesondre, mittelst der
+Naturbegriffe, welche die einzigen auf die Sinnenwelt anwendbaren sind,
+auf etwas bernatrliches schlieen knnen; dem Begriffe einer
+Ankndigung Gottes als moralischen Gesetzgeber aber etwas
+bernatrliches zum Grunde liegt: so mte dies durch ein Faktum in der
+Sinnenwelt geschehen, dessen Kausalitt wir _alsbald_, folglich ohne
+erst zu schlieen, in ein bernatrliches Wesen setzten, und dessen
+Zweck, es sey eine Ankndigung Gottes, als moralischen Gesetzgebers, wir
+_sogleich_, d. i. unmittelbar durch Wahrnehmung erkennten; wenn dieser
+Fall berhaupt mglich seyn soll.
+
+Diese Untersuchung stellt nun vorlufig zwei Principien der Religion,
+insofern diese sich auf Anerkennung einer formalen Gesetzgebung Gottes
+grndet, dar; deren eines das Princip des bernatrlichen _in uns_, das
+andere das Princip eines bernatrlichen _auer uns_ ist. Die
+Mglichkeit des erstem ist schon gezeigt; die Mglichkeit des zweiten,
+um welche es hier eigentlich zu thun ist, mssen wir weiter darthun.
+Eine Religion, die sich auf das erste Princip grndet, knnen wir, da
+sie den Begriff einer Natur berhaupt zu Hlfe nimmt, Naturreligion
+nennen: und eine solche, der das zweite zum Grunde liegt, nennen wir, da
+sie durch ein geheimnivolles bernatrliches Mittel zu uns gelangen
+soll, das ganz eigentlich zu dieser Absicht bestimmt ist, _geoffenbarte
+Religion_. Subjektiv, als Habitus eines vernnftigen Geistes (als
+Religiositt) betrachtet, knnen beide Religionen, da sie zwar
+entgegengesetzte, aber nicht sich widersprechende Principien haben, sich
+in einem Individuo gar wohl vereinigen, und eine einzige ausmachen.
+
+Ehe wir weiter gehen, mssen wir noch anmerken, da, da hier blos von
+einem Princip der Gesetzgebung ihrer Form nach die Rede gewesen, vom
+Inhalte derselben aber gnzlich abstrahirt worden, die Untersuchung,
+wohin nach diesen beiden verschiedenen Principien die Gesetzgebung ihrem
+Inhalte nach (_legislatio materialiter spectata_) zu setzen sey, nicht
+berhrt werden konnte. Da nach dem ersten Princip, welches, die
+Ankndigung des Gesetzgebers in uns setzt, auch die Gesetzgebung selbst
+in uns, nemlich in unsrer vernnftigen Natur zu suchen sey, ist sogleich
+von selbst klar. Nach dem zweiten Princip aber sind wieder zwei Flle
+mglich: entweder die Ankndigung des Gesetzgebers auer uns verweist
+uns an unsre vernnftige Natur zurck, und die ganze Offenbarung sagt,
+in Worten ausgedruckt, nur soviel; Gott ist Gesetzgeber; das euch ins
+Herz geschriebne Gesetz ist das Seinige; oder sie schreibt uns auf eben
+dem Wege, auf dem sie Gott als Gesetzgeber bekannt macht, noch sein
+Gesetz besonders vor. Nichts verhindert, da in einer _in concreto_
+gegebnen Offenbarung nicht beides geschehen knne.
+
+ Man hat seit Erscheinung der Kritik schon mehrmals die Frage
+ aufgeworfen: Wie ist geoffenbarte Religion mglich? -- eine Frage,
+ die sich zwar immer aufdrang, die aber erst, seitdem dieses Licht
+ den Pfad unsrer Untersuchungen beleuchtet, gehrig gestellt werden
+ konnte. Aber wie mir's scheint, hat man in allen Versuchen, die ich
+ wenigstens kenne, den Knoten mehr zerschnitten, als aufgelst. Der
+ eine deducirt die Mglichkeit der Religion berhaupt richtig,
+ entwickelt ihren Inhalt, stellt ihre Kriterien fest; und gelangt
+ nun durch drei ungeheure Sprnge (1) indem er Religion in der
+ weitesten, und die in der engsten Bedeutung verwechselt, 2) indem
+ er natrliche und geoffenbarte Religion verwechselt, 3) indem er
+ geoffenbarte berhaupt und christliche verwechselt,) zu dem Satze:
+ vllig so eine Vernunftreligion ist die christliche. Ein andrer,
+ dem es sich freilich nicht verbergen konnte, da diese noch etwas
+ mehr sey, setzt dieses Mehrere blos in grere Versinnlichung der
+ abstracten Ideen jener. Aber die Vernunft giebt _a priori_ gar kein
+ Gesetz, und kann kein's geben, ber die Art, wie wir uns die durch
+ ihre Postulate realisirten Ideen vorstellen sollen. Jeder, auch der
+ schrfste Denker, meine ich, denkt sie sich, wenn er sie in
+ praktischer Absicht auf sich anwendet, mit einiger Beimischung von
+ Sinnlichkeit, und so geht es bis zu dem rohsinnlichsten Menschen in
+ unmerkbaren Abstufungen fort. Ganz rein von Sinnlichkeit ist _in
+ concreto_ keine Religion; denn die Religion berhaupt grndet sich
+ auf das Bedrfni der Sinnlichkeit. Das Mehr oder Weniger aber
+ berechtigt zu keiner Eintheilung. Wo hren denn nach dieser
+ Vorstellungsart die Grenzen der Vernunftreligion auf, und wo gehen
+ die der geoffenbarten an? Es gbe nach ihr so viele Religionen, als
+ es schriftliche oder mndliche Belehrungen ber
+ Religionswahrheiten, als es berhaupt Subjekte gbe, die an eine
+ Religion glaubten; und es liee sich durch nichts, als durch das
+ Herkommen begreiflich machen, warum eben diese oder jene
+ Darstellung der Religionswahrheiten die autorisirteste seyn sollte;
+ und durch gar nichts, woher die Berufung auf eine bernatrliche
+ Autoritt, kme, die wir als das charakteristische Merkmal aller
+ vorgeblichen Offenbarungen vorfinden. Diese Verirrung vom einzig
+ mglichen Wege einer Deduktion des Offenbarungsbegriffs kam blos
+ daher, da man jene allbekannte Regel der Logik vernachlssigte:
+ Begriffe, die zu einer Einteilung berechtigen sollen, mssen unter
+ einem hhern Geschlechtsbegriffe enthalten, unter sich aber
+ specifisch verschieden seyn. Der Begriff der Religion berhaupt ist
+ Geschlechtsbegriff. Sollen Natur- und geoffenbarte Religion, als
+ unter ihm enthalten, specifisch verschieden seyn; so mssen sie es
+ entweder in Absicht ihres Inhalts, oder wenn dies, wie schon _a
+ priori_ zu vermuthen, nicht mglich ist, wenigstens in Absicht
+ ihrer Erkenntniprincipien seyn; oder die ganze Eintheilung ist
+ leer, und wir mssen auf die Befugni, eine geoffenbarte Religion
+ anzunehmen, gnzlich Verzicht thun. Der oben angezeigte Begriff ist
+ es denn auch, den der Sprachgebrauch von jeher mit dem Worte
+ _Offenbarung_ verknpft hat. Alle Religionsstifter haben sich zum
+ Beweise der Wahrheit ihrer Lehren nicht auf die Beistimmung unsrer
+ Vernunft, noch auf theoretische Beweise, sondern auf eine
+ bernatrliche Autoritt berufen, und den Glauben an diese, als den
+ einzigen rechtmigen Weg der berzeugung, gefordert.
+
+
+. 5.
+
+_Formale Errterung des Offenbarungsbegriffs, als Vorbereitung einer
+materialen Errterung desselben._
+
+Wir kamen im vorigen . von dem Begriffe der Religion aus auf den
+Begriff einer mglichen Offenbarung, welche Religionsgrundstze zu ihrem
+Stoff haben knnte. Das wre, wenn jene jetzt blos vorausgesetzte
+Mglichkeit des Begriffs sich besttigen sollte, der _materielle Ort_
+dieses Begriffs in unserm Verstnde. Jetzt werden wir, nicht um
+systematischer Nothwendigkeit willen, sondern zur Befrderung der
+Deutlichkeit, ihn auch seiner _Form_ nach aufsuchen.
+
+Offenbarung ist der Form nach eine Art von _Bekanntmachung_, und alles,
+was von dieser ihrer Gattung gilt, gilt auch von ihr.
+
+Der _innern_ Bedingungen aller Bekanntmachung sind zwei; nemlich, etwas
+das bekannt gemacht wird, der _Stoff_, und dann, die Art, wie es
+bekannt gemacht wird, die _Form_ der Bekanntmachung _Aeuere_ sind auch
+zwei; ein Bekanntmachender, und einer, dem bekannt gemacht wird. Wir
+gehen von den Innern aus.
+
+Das Bekanntgemachte wird nur dadurch ein Bekannt_gemachtes_, da ich es
+nicht schon vorher wute. Wute ich es schon, so macht mir der andre nur
+das bekannt, da er's auch wute; und der Stoff der Bekanntmachung ist
+dann ein andrer. Dinge, die jeder nothwendig wei, knnen nicht bekannt
+gemacht werden. _A priori_ mgliche, oder philosophische Erkenntnisse
+werden entwickelt, der andre wird darauf geleitet; ich _zeige_ jemanden
+einen Fehler in seiner Schlufolge oder die Gleichheit zweier Triangel,
+aber ich _mache_ sie ihm nicht _bekannt_: Erkenntnisse, die nur _a
+posteriori_ mglich sind, historische, werden bekannt gemacht, -- aber
+nicht _bewiesen_, weil man zuletzt doch auf etwas _a priori_ nicht
+abzuleitendes, auf das Zeugni der empirischen Sinnlichkeit, stt. Sie
+werden auf Autoritt angenommen. Autoritt ist das Zutrauen zu unsrer
+richtigen Beobachtungsgabe, und unsrer Wahrhaftigkeit. -- Zwar knnen
+auch _a priori_ mgliche Erkenntnisse auf Autoritt angenommen werden,
+wie z. B. der mechanische Knstler so viele mathematische Stze ohne
+Untersuchung und Beweis auf das Zeugni andrer, und seiner eignen
+Erfahrung von der Anwendbarkeit derselben, annimmt. Eine solche
+Erkenntni nun ist zwar an sich, ihrem Stoffe nach, philosophisch; ihrer
+Form im Subjekte nach aber blos historisch. Sein Annehmen grndet sich
+zuletzt auf das Zeugni des innern Sinns desjenigen, der den Satz
+untersuche, und wahr befunden hat.
+
+ _Erste Folgerung._ Nur historische Erkenntnisse, die es wenigstens
+ der Form, oder auch wohl der Materie nach sind -- also nur
+ Wahrnehmungen knnen bekannt gemacht werden. -- Werden weiterhin
+ auf solche Wahrnehmungen Schlsse gebaut, (comparative) allgemeine
+ Wahrheiten davon abgeleitet, so wird von da an nichts weiter
+ _bekannt gemacht_, sondern nur _gezeigt_.
+
+Knnen, um zum zweiten innern Merkmale der Bekanntmachung fortzugehen,
+nur in der Form historischer Erkenntnisse Wahrnehmungen bekannt gemacht
+werden, so sind sie, insofern sie das werden, nicht selbst Form, sondern
+Stoff; sie mssen mithin der Receptivitt gegeben werden. Dann aber, von
+der uern Bedingung eines bekanntmachenden abgesehen, wre unsre ganze
+empirische Erkenntni bekannt gemacht, denn sie ist durchgngig gegeben.
+Verursacht uns aber jemand eine Sinnenempfindung unmittelbar, so sagen
+wir von der daher entstehenden Erkenntni nicht, er mache sie uns
+bekannt, sondern wir erkennen dann selbst. Giebt uns z. B. jemand eine
+Rose zu riechen, so sagen wir nicht, er mache uns den Geruch der Rose
+bekannt, d. h. er macht uns eben so wenig bekannt, da berhaupt _uns_
+die Rose angenehm rieche, noch in welchem Grade; das lt sich nur durch
+unmittelbare Empfindung beurtheilen. Aber das drften wir wohl sagen: er
+habe _uns mit_ dem Gerche der Rose bekannt gemacht, d. h. er habe in
+unsrer Vorstellung unser Subjekt mit der Vorstellung eines gewissen
+Experiments verbunden. Eigentliche Bekanntmachung findet nur dann statt,
+wenn in unsrer Vorstellung nicht _unser_ Subjekt, sondern ein gewisses
+anderes Subjekt mit dem Prdikate einer Wahrnehmung verknpft wird.
+Diese Verknpfung selbst nun geschieht freilich wieder zu Folge einer
+subjektiven Wahrnehmung; aber nicht diese Wahrnehmung unsers Subjekts,
+sondern eine andre Wahrnehmung eines andern Subjekts ist Stoff des
+bekanntgemachten.
+
+ _Zweite Folgerung_, Die Wahrnehmung, welche bekannt gemacht wird,
+ ist nicht unmittelbar, sondern sie wird durch Wahrnehmung einer
+ Vorstellung von ihr gegeben. -- Diese eigentlich bekannt gemachte
+ Wahrnehmung nun kann durch eine lange Reihe von Gliedern gehen;
+ dann wird sie durch _Tradition_ fortgepflanzt. -- Der
+ Supernaturalist, der die Existenz Gottes nur durch Offenbarung
+ erkennbar annimmt, nimmt an: Gott sage uns, er selbst (Gott) nehme
+ seine Existenz wahr; nun msse man doch seiner (Gottes)
+ Versicherung trauen, mithin u. s. w. -- welches ohne Zweifel ein
+ Cirkel im Beweisen ist.
+
+Wir gehen jetzt zu den uern Bedingungen der Bekanntmachung ber. -- Zu
+jeder Bekanntmachung gehrt ein Bekannt_machender_. Wenn wir aus
+gewissen Wahrnehmungen am andern selbst schlieen, er msse eine gewisse
+Wahrnehmung gemacht haben, so macht er uns seine Wahrnehmung nicht
+bekannt, sondern sie verrth sich uns -- wir entdecken sie selbst. Wir
+setzen also eine bekanntmachende Spontaneitt mit Willkhr, folglich mit
+Bewutseyn voraus, und nur hierdurch wird er bekanntmachend. -- Er mu
+uns aber nicht nur berhaupt etwas, -- er mu uns eine gewisse bestimmte
+Vorstellung bekannt machen wollen, die er nicht nur selbst hat, sondern
+deren Hervorbringung in uns durch die Kausalitt seines Begriffs von
+dieser Hervorbringung er sich denkt. So ein Begriff nun heit ein
+Begriff vom Zwecke.
+
+ _Dritte Folgerung._ Jede Bekanntmachung setze also im
+ Bekanntmachenden einen Begriff von der hervorzubringenden
+ Vorstellung, als Zwecke seiner Handlung voraus. Mithin mu der
+ Bekanntmachende ein intelligentes Wesen seyn, und seine Handlung,
+ und die dadurch in dem andern erregte Vorstellung mssen sich
+ verhalten, wie _moralischer Grund_ und _Folge_.
+
+Zur Bekanntmachung gehrt endlich einer, dem etwas bekannt wird. Wird
+ihm berhaupt nichts bekannt, oder wird ihm nur das nicht bekannt, was
+der andre beabsichtigte, oder wird es ihm vielleicht durch andre Mittel,
+nur nicht durch die Mittheilung des ndern bekannt, so ist wenigstens
+die verlangte Bekanntmachung nicht geschehen.
+
+ _Vierte Folgerung._ Die Handlung des Bekanntmachenden mu sich
+ mithin zu der in dem andern hervorgebrachten Vorstellung verhalten,
+ wie physische Ursache zur Wirkung. -- Da ein solches Verhltni
+ mglich sey, d. i. da ein intelligentes Wesen zu Folge eines
+ Zweckbegriffs durch Freiheit physische Ursache werden knne, wird
+ zur Mglichkeit einer Bekanntmachung berhaupt postulirt, kann aber
+ nicht theoretisch bewiesen werden.
+
+Der Begriff der Offenbarung, als unter diesem Gattungsbegriffe
+enthalten, mu alle die angezeigten Merkmale, aber er kann ihrer noch
+mehrere haben, d. i. er kann gewisse auf verschiedne Art bestimmbare
+Merkmale der Bekanntmachung vllig bestimmen; und wir mssen uns hier,
+da wir ihn bis jetzt als blos empirisch behandeln, an den Sprachgebrauch
+halten.
+
+Gewhnlich sagt man _offenbaren_ in Absicht _der Materie_ nur von
+sehr wichtig geglaubten, oder von sehr tief verborgnen Erkenntnissen, die
+nicht jeder finden knne. Da dieses Merkmal blos relativ ist, indem die
+Wichtigkeit oder Unwichtigkeit, Schwierigkeit oder Leichtigkeit einer
+Erkenntni blos von der Meinung des Subjekts abhngt, so ist sogleich
+einleuchtend, da diese Bestimmung fr die Philosophie nicht tauge.
+
+Eben so untauglich ist eine andere Bestimmung im Sprachgebrauche, die
+sich auf _den Bekanntmachenden_ bezieht; da man nemlich offenbaren
+vorzglich nur von der Mittheilung berirrdischer Wesen, Dmonen, sagt.
+So waren alle heidnische Orakel angebliche Offenbarungen. Da der
+Offenbarende ein freies und intelligentes Wesen seyn, also unter den
+Gattungsbegriff gehren msse, unter den auch die Dmonen gehren, liegt
+schon im Begriffe der Bekanntmachung; wie aber Dmonen und z. B.
+Menschen der Art nach scharf zu unterscheiden wren, mchte sich so
+leicht nicht ergeben. Alle Unterscheidungen wrden nur relativ
+ausfallen.
+
+Es bliebe uns demnach keine fr die Philosophie taugliche scharfe
+Bestimmung brig, als die, da in der Bekanntmachung berhaupt jeder
+freie Geist, sey er endlich oder unendlich, in der Offenbarung aber der
+Unendliche Bekanntmachender sey: eine Bedeutung, fr welche man auch im
+gemeinen Sprachgebrauche die Wrter: Offenbarung, offenbaren, u. s. f.
+aufsparen mchte.
+
+Die Bestimmungen der Bekanntmachung berhaupt bleiben auch dem
+Offenbarungsbegriffe; mithin werden durch die dritte und vierte
+Folgerung, alle durch Betrachtung der Sinnenwelt, als deren Urgrund
+wir Gott ansehen mssen, mgliche Belehrungen, und Erkenntnisse aus
+dem Begriffe der Offenbarung ausgeschlossen. Es wird uns durch diese
+Betrachtung nichts bekannt _gemacht_, sondern wir erkennen selbst,
+oder meinen vielmehr daraus zu erkennen, was wir selbst erst
+unvermerkt hineintrugen. Nemlich wir betrachten die Erscheinungen in
+der Sinnenwelt theils als Zwecke an sich, theils als Mittel zu ganz
+andern Zwecken, als zu dem, einer mglichen Belehrung, Insofern zwar
+dadurch _auch zugleich_ eine Erkenntni, und insbesondre eine
+Erkenntni Gottes, unsrer Abhngigkeit von ihm, und unsrer hieraus
+folgenden Pflichten mglich wre -- insofern, weil sie mglich wre,
+der Begriff von einer solchen Erkenntni in Gott versetzt, und ihm als
+Absicht bei der Weltschpfung untergelegt werden knnte, drfte man
+einen Augenblick glauben, das ganze System der Erscheinungen lasse
+sich als Offenbarung ansehen. Aber, hier davon noch abgesehen, da
+eine solche Erkenntni des bersinnlichen von der Sinnenwelt aus ganz
+unmglich ist, und da wir erst unvermerkt die auf einem ganz ndern
+Wege gegebnen geistigen Begriffe in die Sinnenwelt hineintragen, die
+wir dann in ihr gefunden zu haben glauben -- so wre eine solche
+Absicht Gottes doch nicht als die _letzte_, mithin nicht als
+_Endzweck_ der Schpfung anzuerkennen. Erkenntni ist unfhig Endzweck
+zu seyn: denn immer bleibt noch die Frage zu beantworten: warum soll
+ich denn nun Gott erkennen? Erkenntni wre nur Mittel zu einem hohem
+Zwecke, mithin nicht letzte Absicht der Weltschpfung, und zwischen
+letzterer und der dabei beabsichtigt seyn sollenden Erkenntni fiele
+das Verhltni des Grundes zur Folge weg. -- Ferner ist es auch in
+jenem System gar nicht nothwendig, durch die Betrachtung des
+Weltgebudes jene Erkenntnisse zu erhalten; die Erfahrung lehrt, da
+sehr viele es nach ganz ndern Gesetzen beurtheilen, mithin fllt auch
+das Verhltni der Ursache zur Wirkung weg, und die Schpfung ist
+keine Offenbarung.
+
+Offenbarung ist, insoweit wir vor jetzt den Begriff bestimmt haben, eine
+Wahrnehmung, die von Gott, gem dem Begriffe irgend einer dadurch zu
+gebenden Belehrung,(was auch immer ihr Stoff seyn mge) als _Zwecke_
+derselben, in uns bewirkt wird. -- Man hat dies letztere Verhltni, um
+welches es hier eigentlich zu thun ist, auch durch das Wort
+_unmittelbar_ bezeichnet; und wenn man damit nur nicht sagen will:
+unsere Wahrnehmung solle _in der Reihe der wirkenden Ursachen zunchst_
+auf die Handlung Gottes folgen, sie solle schlechthin _B_ seyn, als
+worauf es hier gar nicht ankommt, (wenn nur die Handlung Gottes auch in
+dieser Reihe schlechthin _A_ ist, so mgen zwischen ihr und unsrer
+Wahrnehmung der Mittelglieder so viele seyn, als ihrer wollen;) sondern
+nur so viel: der Begriff Gottes von der zu gebenden Belehrung solle in
+der Reihe der _Endursachen A_, und unsere Belehrung solle _B_
+seyn, so ist dies ganz richtig.
+
+ber die logische Mglichkeit dieses Begriffs kann kein Zweifel
+entstehen; denn wenn seine Bestimmungen sich widersprchen, so wrde
+dieser Widerspruch sich bald entdeckt haben. Die physische Mglichkeit
+desselben grndet sich auf das Postulat des Sittengesetzes, da ein
+freies, intelligentes Wesen einem Begriffe vom Zwecke gem Ursache in
+der Sinnenwelt seyn knne; welches wir fr Gott, um der Mglichkeit
+eines praktischen Gesetzes in sinnlichen Wesen willen, annehmen muten.
+
+In der Anwendung dieses Begriffs auf ein Faktum aber thun sich groe
+Schwierigkeiten hervor. -- Wenn nemlich blos davon die Rede wre, da
+eine gewisse Wahrnehmung, und eine dabei beabsichtigte Erkenntni in uns
+wirklich wrde, ohne dass wir nthig htten auf den Grund der
+Erscheinung zurckzugehen, so wre unsre Untersuchung jetzt
+geschlossen. Wir htten blos auf die Materie einer Offenbarung zu sehen,
+die wir uns ruhig geben liessen. Aber es ist von der Materie am
+allerwenigsten, sondern ganz vorzglich von der Form der Offenbarung die
+Rede: es soll uns nicht etwa nur berhaupt etwas bekannt gemacht werden,
+sondern dieses etwas wird vorzglich nur dadurch bekannt, da wir es fr
+offenbart anerkennen. Gott soll uns eine Erkenntni mittheilen, die nur
+dadurch Erkenntni wird, weil der Mittheilende kein andrer ist, als
+Gott. -- Dies kommt daher, weil der Glaube an jede Bekanntmachung, der
+Natur dieses Begriffs nach, sich auf nichts anders, als die Autoritt
+des Bekanntmachenden grnden kann, wie oben gezeigt worden.
+
+Die wichtigere Frage also, die noch zu beantworten ist, ist die: wie
+sollen wir erkennen, _da_ Gott, gem einem Begriffe vom Zwecke,
+eine gewisse Wahrnehmung in uns bewirkt habe?
+
+Man drfte etwa einen Augenblick meinen, das knne Stoff der durch die
+Wahrnehmung hervorgebrachten Vorstellung seyn; wenn z. B. jemand eine
+Erscheinung htte, die sich ihm als Gott ankndigte, und als solcher,
+ihn ber manches belehrte. Aber davon ist eben die Frage, wie er
+erkennen solle, da diese Erscheinung wirklich durch Gott gewirkt sey;
+dass weder er selbst sich, noch ein anderes Wesen ihn tusche; die
+Frage ist von einer Kausal Verbindung, und diese werden nicht
+_wahrgenommen_, es wird auf sie _geschlossen_[16].
+
+Ein solcher Schlu knnte vorlufig auf zweierlei Art mglich scheinen;
+nemlich entweder _a posteriori_, durch das Aufsteigen von der gegebener
+Wahrnehmung als Wirkung, zu ihrer Ursache; oder _a priori_, durch das
+Herabsteigen von der bekannten Ursache zur Wirkung. Wir untersuchen die
+Mglichkeit des erstem Schlusses, den man sich fr die Theologie noch
+immer nicht will rauben lassen, ohne erachtet alles mgliche geschehen
+ist, um seine Unrichtigkeit in die Augen springend zu machen.
+
+Es giebt zwei Wege, um von einer Wahrnehmung zur Erkenntni ihrer, als
+solcher, nicht wahrgenommenen Ursache aufzusteigen; nemlich entweder in
+der Reihe der _wirkenden_, oder der, _der Endursachen_. Im ersten
+Falle bestimme ich den Begriff der Ursache durch die wahrgenommene Wirkung.
+Es wird z. B. eine Last fortgerckt. Ich wende auf diese Wahrnehmung die
+Gesetze der Bewegung an, und schliee: die Ursache sey eine physische
+Kraft, im Rume, wirke mit so oder so viel Kraft; u. s. w. Die
+Wahrnehmung, die mich _a posteriori_ auf den Begriff der Offenbarung
+bringen soll, muss nach physischen Gesetzen nicht erklrbar seyn, sonst
+wrde ich ihre Ursache auf dem Gebiete dieser Gesetze suchen, und
+finden, und nicht nthig haben, sie in den _freien_ Urgrund aller
+Gesetze berzutragen. Das einzige vernunftmige Prdikat dieser Ursache
+ist also _subjektiv_ und _negativ: sie ist mir unbestimmbar_ -- ein
+Prdikat, wozu mich das Nichtbewutseyn meines Bestimmens derselben
+vollkommen berechtigt. Indem ich aber dieses subjektiv unbestimmbare
+_A._ sofort, und ohne allen weitern Grund (und es lt sich kein andrer
+angeben, als das Nichtbewutseyn meines Bestimmens) zum absolut- und
+objektiv-unbestimmbaren _A._ mache, so folge ich freilich dem Hange
+meines Geistes, sobald sich's thun lt, zum schlechthin unbedingten
+fortzuschreiten; aber die Unrechtmigkeit dieses Verfahrens sollte doch
+wohl jetzt keiner weitern Rge bedrfen. -- Wir sind freilich
+genthiget, berhaupt ein absolut erstes Glied in der Reihe anzunehmen;
+aber bei keinem bestimmten Gliede drfen wir sagen: _dies_ ist das
+erste. Denn die Reihe (ich rede von der der _wirkenden_ Ursachen) ist
+unendlich, und unser Aufsteigen in ihr ist nie vollendet. Vollenden wir
+sie irgendwo, so nehmen wir ein unendliches an, welches endlich ist; und
+das -- _ist_ ein Widerspruch.
+
+Was wir in der Reihe der wirkenden Ursachen nicht knnen, lat uns in
+der der Endursachen versuchen.
+
+Wir machen eine Wahrnehmung, und auf sie zunchst in der Zeit folgt die
+Wahrnehmung einer Erkenntni in uns, die wir vorher in uns nicht
+wahrgenommen haben. Wir sind durch die Gesetze des Denkens genthiget,
+beide Wahrnehmungen in Kausalverbindung zu denken: die erstere ist
+Ursache der zweiten, als ihrer Wirkung. Nun wollen wir auch umgekehrt
+die Erkenntni als Ursache der sie selbst verursachenden Wahrnehmung
+denken, d. i. wir wollen annehmen, dass diese Wahrnehmung nur durch den
+Begriff von der verursachten Erkenntni, mglich gewesen. Sind wir zu
+dieser Annahme nicht durch Nothwendigkeit getrieben, so nehmen wir etwas
+ganz willkhrlich, und ohne Grund an; -- _wir meinen nur
+so._ -- Nothwendigkeit (ob subjektive, oder objektive wird sich gleich
+zeigen) treibt uns zu dieser Annahme nur dann, wenn die Wahrnehmung und
+die dadurch ertheilte Belehrung sich verhalten, wie Theile, und Ganzes,
+und wenn weder ein Theil ohne das Ganze, noch das Ganze ohne alle Theile
+denkbar ist. Ein solches Verhltni ist nicht nur an sich mglich,
+sondern auch in vielen Fllen der untersuchten Art wirklich. _Ich_ mu
+dann mir beide Dinge in Zweckverbindung denken; _ich_ kann die
+Wahrnehmung nicht erklren, wenn ich nicht den Begriff der dadurch
+entstandenen Erkenntni, die in der _Zeitreihe_, mithin in der Reihe
+meiner Empfindungen folgt, in _der Reihe meiner Beurtheilungen_, die
+durch Spontaneitt geleitet wird, vorher setze. Bis dahin habe ich ganz
+recht. Nun aber trage ich das subjektive Gesetz der Mglichkeit meiner
+Beurtheilung auf die Mglichkeit des Dinges an sich ber, und schliee:
+weil ich mir den Begriff der Wirkung vor der Ursache vorher _denken_
+mu, so musste er auch vorher in irgend einem intelligenten Wesen
+_seyn_: ein Schlu, zu dem der Hang, alles Subjektive fr
+objektiv-gltig anzunehmen, mich zwar verleitet, aber nicht berechtiget.
+Auf eine solche offenbar erschlichene Schlufolge lt sich keine
+vernnftige berzeugung grnden.
+
+Aber, gesetzt wir lieen euch diesen Schlu gelten, so httet ihr nun
+zwar allerdings Grund, ein freies intelligentes Wesen, als Ursache der
+untersuchten Erscheinung anzunehmen, fr welches das in der Reihe der
+wirkenden Ursachen euch unbestimmbare _A_ bestimmbar wre; und das kann
+der erste beste Mensch seyn, der ein wenig mehr wei, als ihr: aber was
+berechtigt euch denn eben das unendliche Wesen dafr anzunehmen? Was
+_ich_ nicht einsehen kann, kann nur der unendliche Verstand
+einsehen: -- dieser Schlu ist vermessen, wenn je einer es war. Weit
+bescheidner, und konsequenter urtheilten die heidnischen Theologen, die
+fr Ursache unerklrbarer Erscheinungen schlechthin Dmonen, nicht eben
+den unendlichen Geist annahmen; und unter uns das Volk, das sie fr
+Wirkungen der Zauberer, Gespenster, und Kobolde erklrt.
+
+_A posteriori_ ist es also schlechthin unmglich, eine Erscheinung fr
+Offenbarung theoretisch anzuerkennen.
+
+Eben so unmglich ist ein theoretischer Beweis _a priori_. Man hat nur
+die Erfordernisse eines solchen Beweises zu nennen, um seine
+Unmglichkeit und seine Widersprche zu zeigen. Es mte nemlich aus dem
+_durch theoretische Naturphilosophie a priori_ gegebnen Begriffe von
+Gott die Nothwendigkeit gezeigt werden, da in Gott der Begriff einer
+gewissen _empirisch-bestimmten_ Offenbarung, und der Entschlu, ihn
+darzustellen, vorhanden sey.
+
+Wir mssen, demnach die Mglichkeit, von der Seite der Form in diesen
+Begriff einzudringen, und, wenn sich kein andrer Weg zeigen sollte, die
+reale Mglichkeit des Begriffes selbst aufgeben. -- Aber wir kamen oben,
+von der Seite seiner Materie, von dem Begriffe der Religion aus, auf
+ihn. Wir haben also noch vermittelst einer materialen Errterung zu
+versuchen, was uns durch eine formale nicht gelang.
+
+Durch die gezeigte Unhaltbarkeit dieses Begriffs von Seiten seiner
+Form, wird zugleich alles, was nicht Religion betrifft, von welcher
+allein er noch seine Besttigung erwartet, aus seinem Umfange
+ausgeschlossen, da zuvor ber den mglichen Inhalt einer Offenbarung
+nichts zu bestimmen war. Wir fgen also diesem Begriffe noch das Merkmal
+hinzu, da das in einer Offenbarung bekannt gemachte religisen Inhalts
+seyn msse, und hiermit ist denn die Bestimmung dieses Begriffs
+vollendet.
+
+
+. 6[TN7].
+
+_Materiale Errterung des Offenbarungsbegriffs, als Vorbereitung einer
+Deduktion desselben._
+
+Alle religisen Begriffe lassen sich nur _a priori_ von den Postulaten
+der praktischen Vernunft ableiten, wie oben . 3. durch die wirkliche
+Deduktion derselben gezeigt worden. Da nun der Offenbarungsbegriff eine
+gewisse Form solcher Begriffe zum Gegenstande haben soll, und nicht von
+Seiten seiner Form, (nemlich als Begriff) mithin, wenn seine reale
+Mglichkeit sich soll sichern lassen, nur von Seiten seines Inhalte
+deducirt werden kann, so haben wie seinen Ursprung im Felde der reinen
+praktischen Vernunft aufzusuchen. Er mu sich _a priori_ von Ideen
+dieser Vernunft deduciren lassen, wenn auch nicht ohne Voraussetzung
+aller Erfahrung, dennoch blos mit Voraussetzung einer Erfahrung
+berhaupt, und zwar ohne etwas von ihr entlehnt oder gelernt zu haben,
+sondern um einer gewissen Erfahrung -- die aber nicht als Erfahrung nach
+theoretischen, sondern als Moment der Willensbestimmung nach praktischen
+Gesetzen beurtheilt wird, und bei der es nicht um die Richtigkeit oder
+Unrichtigkeit der gemachten Beobachtung, sondern um ihre praktischen
+Folgen zu thun ist -- selbst das Gesetz nach praktischen Grundstzen
+vorzuschreiben. Es ist hier nicht wie im Felde der Naturbegriffe, wo wir
+bei Deduktion, eines Begriffs _a priori_, zeigen knnen und mssen, da
+ohne ihn entweder Erfahrung berhaupt, wenn er rein ist, oder eine
+gewisse bestimmte Erfahrung, wenn er nicht rein ist, gar nicht mglich
+sey: sondern, da wir im Felde der Vernunft sind, knnen und drfen wir
+nur zeigen, da ohne den Ursprung eines gewissen Begriffs _a priori_
+keine _vernunftmige Anerkennung_ einer gewissen Erfahrung fr das, fr
+was sie sich giebt, mglich sey. Dies ist hier um so nthiger, da dieser
+Begriff von einem Wege aus, der in dieser Rcksicht schon verdchtig
+ist, uns wer wei welche Erkenntnisse im Felde des bersinnlichen
+verspricht, und aller Schwrmerei Thor und Thre zu ffnen droht, wenn
+er nicht _a priori_ ist, und wir ihm also Gesetze vorschreiben knnen,
+an welche wir alle seine _a posteriori_ mglichen Anmaaungen halten,
+und sie nach denselben beschrnken knnen. Es mu also gezeigt werden,
+da dieser Begriff _vernunftmig_ nur _a priori_ mglich sey, und da
+er also die Gesetze des Princips, durch welches es mglich ist,
+anerkennen msse; oder, wenn er das nicht sey, und seine Befugnisse
+gnzlich und allein _a posteriori_ zu erweisen Anspruch mache, gnzlich
+falsch und erschlichen sey, und da von dieser Untersuchung sein ganzes
+Schicksal abhange. Sie ist also der Hauptpunkt dieser Kritik.
+
+Gesetzt nun aber auch, die Mglichkeit seines Ursprungs _a priori_, als
+einer Vernunftidee, liee sich durch eine Deduktion darthun; so bliebe
+immer noch auszumachen, ob er _a priori gegeben_, oder _gemacht_, und
+_erknstelt_ sey; und wir gestehen, da der sonderbare Weg, den er aus
+der Ideen -- in die Sinnenwelt, und aus dieser wieder in jene nimmt, ihn
+des letztem wenigstens sehr verdchtig mache. Sollte sich dies
+besttigen, so gbe es freilich vor's erste kein gutes Vorurtheil fr
+ihn; da es schon bekannt ist, da die Vernunft im Felde des
+bersinnlichen zwar in's Unermeliche schwrmen, und dichten; aber
+daraus, da es ihr mglich war sich etwas zu denken, noch nicht einmal
+die Mglichkeit folgern knne, da dieser Idee berhaupt etwas
+entspreche. Es bleibt aber doch noch ein Weg brig, diese Idee aus den
+leeren Trumen der Vernunft herauszuheben, wenn sich nemlich in der
+Erfahrung, und zwar -- da hier von einem praktischen Begriffe die Rede
+ist, -- ein empirisch gegebnes praktisches Bedrfni zeigt, welches
+jenen Begriff, der _a priori_ freilich nicht gegeben war, _a
+posteriori_, zwar nicht giebt aber doch _berechtiget_. Diese Erfahrung
+ergnzt dann, was zur Rechtmigkeit dieses Begriffs _a priori_ fehlte;
+sie liefert das vermite Datum. Daraus nun folgt noch nicht, da der
+Begriff selbst _a posteriori_ sey, sondern nur, da sich _a priori_
+nicht zeigen lasse, ob er nicht berhaupt ganz leer sey.
+
+Diese Einschrnkung bestimmt denn auch die wahre Beschaffenheit der
+Deduktion dieses Begriffs _a priori_. Es soll nemlich durch dieselbe
+nicht dargethan werden, da er _wirklich a priori_ da sey, sondern nur,
+da er _a priori mglich_ sey; nicht da jede Vernunft ihn nothwendig _a
+priori_ haben _msse_, sondern da sie ihn, wenn ihre Ideenreihe
+ohngefhr nach dieser Richtung hingeht, haben _knne_. Das erstere wre
+nur mglich, wenn ein Datum der reinen Vernunft _a priori_ angezeigt
+werden knnte, wie z. B. bei der Idee von Gott, vom absoluten
+Weltganzen, u. s. w. die nothwendige Aufgabe der Vernunft war, zu allem
+Bedingten das schlechthin Unbedingte zu suchen, welches die Vernunft
+nthigte, auf diesen Begriff zu kommen. Da aber ein solches Datum _a
+priori_ sich nicht vorfindet, so darf und kann die Deduktion desselben
+nur seine Mglichkeit als _Idee_, und insofern er das ist,
+zeigen. -- Keine historische[17] Deduktion also der Entstehung dieses
+Begriffs unter der Menschheit, welche es auch noch so wahrscheinlich
+machte, da er zuerst durch wirkliche Fakta in der Sinnenwelt, die man
+aus Unwissenheit bernatrlichen Ursachen zugeschrieben, oder durch
+geflissentlichen Betrug, entstanden sey; selbst kein unwiderlegbarer
+Beweis, da keine Vernunft ohne jenes empirisch gegebne Bedrfni je auf
+diese Idee gekommen seyn wrde, wenn ein solcher mglich wre, wrde
+dieser Deduktion widersprechen. Denn im ersten Falle wre der Begriff
+_in concreto_ freilich ganz unrechtmig entstanden, welches aber der
+Mglichkeit, sich einen rechtmigen Ursprung desselben _in abstracto_
+zu denken, nicht den geringsten Eintrag thun kann: im zweiten wre jenes
+empirische Datum zwar die _Gelegenheitsursache_ gewesen, auf ihn zu
+kommen; wenn er aber durch den _Inhalt_ der gemachten Erfahrung nur
+nicht bestimmt ist, (und eine Deduktion _a priori_ mu die Unmglichkeit
+hiervon zeigen) so wre sie nicht sein Princip gewesen. Ein andres ist
+die _Gltigkeit_ dieses Begriffs, d. i. ob sich vernnftiger Weise
+annehmen lasse, da ihm etwas auer uns korrespondiren werde; diese kann
+freilich nur empirisch deducirt werden, und erstreckt sich mithin nicht
+weiter, als das Datum gilt, aus dem sie deducirt wird. Lat uns dies
+durch ein Beispiel erlutern. -- Der Begriff eines bsen Grundprincips
+neben einem guten ist offenbar ein Begriff _a priori_, denn er kann in
+keiner Erfahrung gegeben seyn; und zwar eine Vernunftidee; und sie mu
+sich mithin, ihrer Mglichkeit nach, deduciren lassen, wenn sie nicht
+etwa den Vernunftprincipien gar widerspricht. Diese Idee ist aber _a
+priori_ nicht gegeben, sondern gemacht, denn es lt sich kein Datum der
+reinen Vernunft fr sie anfhren. In der Erfahrung aber kommen mehrere
+Data vor, welche diesen Begriff zu berechtigen scheinen, und welche die
+Gelegenheitsursachen seiner Entstehung gewesen seyn knnen. Wenn nun nur
+diese Data ihn wirklich berechtigten; wenn man ihn nur fr ein
+praktisches, wenn gleich empirisch-bedingtes Bedrfni, und nicht
+lediglich zur theoretischen Naturerklrung htte brauchen wollen; wenn
+er nur endlich der praktischen Vernunft nicht gar widersprche: so htte
+man ihn, ohngeachtet seine Gltigkeit sich nur auf empirische Data
+beruft, wenigstens fr eine Idee, der etwas entsprechen _knnte_, wol
+annehmen drfen.
+
+Durch die erstere Deduktion der Mglichkeit des Begriffs der Offenbarung
+_a priori_ scheint nun nicht viel ausgerichtet zu werden, und es ist
+nicht zu leugnen, da sie eine sehr leere und unntze Bemhung seyn
+wrde, wenn nicht gezeigt werden knnte, da dieser Begriff, wenn er
+nicht _a priori_ mglich ist, berhaupt nicht vernunftmig ist.
+Folglich hngt sein ganzer Werth von dieser Deduktion ab.
+
+
+. 7.
+
+_Deduktion des Begriffs der Offenbarung von Principien der reinen
+Vernunft a priori._
+
+Wenn endliche moralische Wesen, d. i. solche Wesen, welche auer dem
+Moralgesetze noch unter Naturgesetzen stehen, als gegeben gedacht
+werden; so lt sich, da das Moralgesetz nicht blos in demjenigen Theile
+dieser Wesen, der unmittelbar und allein unter desselben Gesetzgebung
+steht, (ihrem obern Begehrungsvermgen) sondern auch in demjenigen, der
+zunchst unter den Naturgesetzen steht, seine Kausalitt ausben soll,
+vermuthen, da die Wirkungen dieser beiden Kausalitten, deren Gesetze
+gegenseitig ganz unabhngig von einander sind, auf die Willensbestimmung
+solcher Wesen, in Widerstreit gerathen werden. Dieser Widerstreit des
+Naturgesetzes gegen das Sittengesetz kann nach Maagabe der besondern
+Beschaffenheit ihrer sinnlichen Natur der Strke nach sehr verschieden
+seyn, und es lt sich ein Grad dieser Strke denken, bei welchem das
+Sittengesetz seine Kausalitt in ihrer sinnlichen Natur entweder auf
+immer, oder nur in gewissen Fllen, gnzlich verliert. Sollen nun solche
+Wesen in diesem Falle der Moralitt nicht gnzlich unfhig werden, so
+mu ihre sinnliche Natur selbst, durch sinnliche Antriebe bestimmt
+werden, sich durch das Moralgesetz bestimmen zu lassen. Soll dies kein
+Widerspruch seyn -- und es ist an sich allerdings einer, _sinnliche_
+Antriebe als Bestimmungsgrnde _reiner Moralitt_ gebrauchen zu
+wollen -- so kann es nichts anders heien, als da rein moralische
+Antriebe auf dem Wege der Sinne an sie gebracht werden sollen. Der
+einzige rein moralische Antrieb ist die innere Heiligkeit des Rechts.
+Diese ist durch ein Postulat der reinen praktischen Vernunft in Gott _in
+concreto_, (folglich der Sinnlichkeit zugnglich) und er selbst als
+moralischer Richter aller vernnftigen Wesen nach diesem ihm durch
+_seine_ Vernunft gegebnen Gesetze, mithin als Gesetzgeber jener Wesen,
+dargestellt worden. Diese Idee vom Willen des Heiligsten als
+Sittengesetze fr alle moralische Wesen ist nun von der einen Seite
+vllig identisch mit dem Begriffe der innern Heiligkeit des Rechts,
+folglich jener einige rein moralische Antrieb, und von der andern des
+Vehikulums der Sinne fhig. Sie allein also entspricht der zu lsenden
+Aufgabe. Nun aber ist kein Wesen fhig, diese Idee auf dem Wege der
+sinnlichen Natur an sie gelangen zu lassen, oder, wenn sie schon in
+ihnen mit Bewutseyn vorhanden ist, sie auf demselben zu besttigen, als
+ein Gesetzgeber dieser Natur, welches denn auch, laut der Postulate der
+praktischen Vernunft, jener moralische Gesetzgeber endlicher
+vernnftiger Wesen ist. Gott selbst also mte ihnen sich und seinen
+Willen als gesetzlich fr sie, in der Sinnenwelt ankndigen. Nun aber
+ist in der Sinnenwelt berhaupt so wenig eine Ankndigung der
+gesetzgebenden Heiligkeit enthalten, da wir vielmehr von ihr aus durch
+die auf sie anwendbaren Begriffe auf gar nichts bernatrliches
+schlieen knnen; und ob wir gleich durch Verbindung des Begriffs der
+Freiheit mit diesen Begriffen, und den dadurch mglichen Begriff eines
+moralischen Endzwecks der Welt auf diese Gesetzgebung schlieen knnen
+(. 4.), so setzt doch dieser Schlu schon eine Kausalitt des
+Moralgesetzes in dem so schlieenden Subjekte voraus, die nicht nur das
+vllige, nur nach Naturgesetzen mgliche Bewutseyn seines Gebots,
+sondern auch den festen Willen, die Wirksamkeit desselben in sich durch
+freie Aufsuchung und Gebrauch jedes Mittels zu vermehren, bewirkt hat,
+welche aber in den vorausgesetzten sinnlich-bedingten Wesen nicht
+angenommen worden ist. Gott msste sich also durch eine besondre
+ausdrcklich dazu und fr sie bestimmte Erscheinung in der Sinnenwelt
+ihnen als Gesetzgeber ankndigen. Da Gott durch das Moralgesetz bestimmt
+ist, die hchstmgliche Moralitt in allen vernnftigen Wesen durch alle
+moralische Mittel zu befrdern, so lt sich erwarten, dass er, wenn
+dergleichen Wesen wirklich vorhanden seyn sollten, sich dieses Mittels
+bedienen werde, wenn es physisch mglich ist[18].
+
+Diese Deduktion leistet, was sie versprochen. Der deducirte Begriff ist
+wirklich der Begriff der _Offenbarung_, d. i. der Begriff von einer
+durch die Kausalitt Gottes in der Sinnenwelt bewirkten Erscheinung,
+wodurch er sich als moralischen Gesetzgeber ankndigt. Er ist aus lauter
+Begriffen _a priori_ der reinen praktischen Vernunft deducirt; aus der
+schlechthin und ohne alle Bedingung geforderten Kausalitt des
+Moralgesetzes in allen vernnftigen Wesen, aus dem einzig reinen Motiv
+dieser Kausalitt, der innern Heiligkeit des Rechts, aus dem fr die
+Mglichkeit der geforderten Kausalitt als real anzunehmenden Begriffe
+Gottes, und seiner Bestimmungen. Aus dieser Deduktion ergiebt sich
+unmittelbar die Befugni, jede angebliche Offenbarung, d. i. jede
+Erscheinung in der Sinnenwelt, welche diesem Begriffe als
+korrespondirend gedacht werden soll, einer Kritik der Vernunft zu
+unterwerfen. Denn wenn es schlechterdings nicht mglich ist, den Begriff
+derselben _a posteriori_ durch die gegebne Erscheinung zu bekommen,
+sondern er selbst, als Begriff, _a priori_ da ist, und nur eine ihm
+entsprechende Erscheinung erwartet, so ist es offenbar Sache der
+Vernunft, zu entscheiden, ob diese gegebne Erscheinung mit ihrem
+Begriffe von derselben bereinkomme, oder nicht; und sie erwartet
+demnach von ihr so wenig das Gesetz, da sie vielmehr es ihr selbst
+vorschreibt. Aus ihr mssen sich ferner alle Bedingungen ergeben, unter
+denen eine Erscheinung als gttliche Offenbarung angenommen werden kann:
+nemlich, sie kann es nur insofern, als sie mit diesem deducirten
+Begriffe bereinstimmt. Diese Bedingungen nennen wir Kriterien der
+Gttlichkeit einer Offenbarung. Alles also, was als ein dergleichen
+Kriterium aufgestellt wird, mu sich aus dieser Deduktion ableiten
+lassen, und alles was sich aus ihr ableiten lt, ist ein dergleichen
+Kriterium.
+
+Sie leistet aber auch nicht mehr, als sie versprochen. Der zu
+deducirende Begriff wurde blos als eine Idee angekndigt; sie hat mithin
+keine objektive Gltigkeit desselben zu erweisen, mit welchem Erweise
+sie auch nicht sonderlich fortkommen drfte. Alles was von ihr gefordert
+wird, ist, zu zeigen, da der zu deducirende Begriff weder sich selbst,
+noch einem der vorauszusetzenden Principien widerspreche. Er kndigte
+sich ferner nicht als gegeben, sondern als gemacht an, (_conceptus non
+datus, sed ratiocinatus_) sie hat mithin kein Datum der reinen Vernunft
+aufzuzeigen, wodurch er uns gegeben wrde, welches sie zu leisten auch
+nicht vorgegeben hat. Aus diesen beiden Bestimmungen ergiebt sich denn
+vorlufig die Folge, da, wenn auch eine Erscheinung in der Sinnenwelt
+gegeben seyn sollte, welche mit ihm vollkommen bereinstimmte (eine
+Offenbarung, welche alle Kriterien der Gttlichkeit htte), dennoch
+weder eine objektive, noch selbst fr alle vernnftige Wesen subjektive
+Gltigkeit dieser Erscheinung behauptet werden knnte, sondern die
+wirkliche Annehmung derselben, als einer solchen, noch unter andern
+Bedingungen stehen mte. Das von der reinen Vernunft aus vermite, nur
+in der Erfahrung mgliche Datum zu diesem Begriffe, da nemlich
+moralische Wesen gegeben seyen, welche ohne Offenbarung der Moralitt
+unfhig seyn wrden, wird als Hypothese vorausgesetzt, und eine
+Deduktion des Offenbarungsbegriffs hat nicht die Wirklichkeit desselben
+darzuthun, welches sie ohnehin als Deduktion _a priori_ fr ein
+empirisches Datum nicht leisten knnte, sondern es ist fr sie vllig
+hinreichend, wenn diese Voraussetzung sich nur nicht widerspricht, und
+demnach nur vollkommen denkbar ist. Aber eben darum, weil dieses Datum
+erst von der Erfahrung erwartet wird, ist dieser Begriff nicht rein _a
+priori_. Die physische Mglichkeit einer diesem Begriffe entsprechenden
+Erscheinung kann eine Deduktion desselben, die nur aus Principien der
+praktischen, nicht der theoretischen Vernunft gefhrt wird, nicht
+erweisen, sondern mu sie voraussetzen. Ihre moralische Mglichkeit wird
+zur Mglichkeit ihres Begriffs schlechterdings erfordert, und folgt im
+Allgemeinen aus der Mglichkeit obiger Deduktion. Ob aber eine _in
+concreto_ gegebne Offenbarung dieser Erfordernis nicht widerspreche, ist
+das Geschft einer angewandten Kritik dieser gegebnen Offenbarung; und
+unter welchen Bedingungen sie ihr nicht widerspreche, das Geschft einer
+Kritik des Offenbarungsbegriffs berhaupt.
+
+Aus allem bis jetzt gesagten ergiebt sich nun auch, welchen Weg unsre
+Untersuchung weiter zu nehmen habe. Die Mglichkeit dieses Begriffs,
+insofern er das ist, d. i. seine Gedenkbarkeit, ist gezeigt. Ob er aber
+nicht etwa berhaupt leer sey, oder ob etwas ihm korrespondirendes sich
+vernnftiger Weise erwarten lasse, hngt von der empirischen Mglichkeit
+(nicht der bloen Gedenkbarkeit) des in ihm als Bedingung
+vorausgesetzten empirischen Datums ab. Diese also ist es, welche vor
+allen Dingen dargethan werden mu. Eine Kritik aller Offenbarung
+berhaupt hat aber in Rchsicht[TN8] dieses Datums auch weiter nichts
+darzuthun, als seine absolute Mglichkeit; da hingegen die Kritik einer
+angeblichen Offenbarung _in concreto_ die bestimmte Wirklichkeit des
+vorausgesetzten empirischen Bedrfnisses zu zeigen htte, wie erst
+weiter unten bewiesen werden kann.
+
+Da eine durch Freiheit einem Begriffe vom Zwecke gem bewirkte
+Erscheinung in der Sinnenwelt berhaupt, folglich auch eine Offenbarung
+sich als physisch mglich denken lasse, bedarf keines Beweises, indem es
+zum Behufe der Mglichkeit der schlechthin geforderten Kausalitt des
+Moralgesetzes auf die Sinnenwelt schon angenommen worden ist. Dennoch
+werden wir zur Erluterung, nicht zum Beweise, und wegen einiger
+daraus herflieender wichtigen Folgen auf Berichtigung des
+Offenbarungsbegriffs, einige Untersuchungen ber diese physische
+Mglichkeit anstellen.
+
+Beym Schlusse dieser beiden Untersuchungen mu es vllig klar seyn, ob
+sich vernnftiger Weise etwas dem Offenbarungsbegriffe korrespondirendes
+berhaupt erwarten lasse, oder nicht. Zum Behufe der Mglichkeit aber,
+diesen Begriff auf eine besondre _in concreto_ gegebne Erscheinung
+anzuwenden, bedarf es noch einer genauem Zergliederung des
+Offenbarungsbegriffs selbst, welcher angewendet werden soll. Die
+Bedingungen, unter welchen eine solche Anwendung mglich ist, mssen
+alle im Begriffe liegen, und sich durch eine Analysis desselben aus ihm
+entwickeln lassen. Sie heien Kriterien. Unser nchstes Geschft nach
+jenen Untersuchungen wird also das seyn, diese Kriterien aufzustellen,
+und zu beweisen.
+
+Hiedurch wird nun nicht nur die Mglichkeit, fr diesen Begriff
+berhaupt etwas ihm korrespondirendes zu erwarten, sondern auch die, ihn
+auf eine wirklich gegebne Erscheinung anzuwenden, vllig gesichert. Wenn
+aber eine solche Anwendung gleich vllig mglich ist, so lt sich doch
+daraus noch kein Grund erkennen, warum wir sie wirklich machen sollten.
+Nur nach Aufzeigung eines solchen Grundes also ist die Kritik aller
+Offenbarung geschlossen.
+
+
+. 8.
+
+_Von der Mglichkeit des im Begriffe der Offenbarung vorausgesetzten
+empirischen Datum._
+
+Die in der Deduktion des Begriffs der Offenbarung von praktischen
+Vernunftprincipien _a priori_ vorausgesetzte Erfahrung ist die: es knne
+moralische Wesen geben, in welchen das Moralgesetz seine Kausalitt _fr
+immer_, oder nur _in gewissen Fllen_ verliere. Das Moralgesetz fordert
+eine Kausalitt auf das obere Begehrungsvermgen um die Bestimmung des
+Willens; es fordert vermittelst jenes eine auf das untere, um die
+vllige Freiheit des moralischen Subjekts vom Zwange der Naturtriebe
+hervorzubringen. Ist die erstere Art der Kausalitt aufgehoben, so fehlt
+der _Wille_, berhaupt ein Gesetz anzuerkennen, und ihm Gehorsam zu
+leisten; ist nur die zweite gehindert, so ist bei allem guten Willen der
+Mensch zu schwach, das Gute, das er will, _wirklich auszuben_. Dieser
+Hypothese empirische Mglichkeit soll bewiesen werden, d. h. es soll,
+nicht aus der Einrichtung der menschlichen Natur berhaupt, insofern sie
+allgemein und _a priori_ zu erkennen ist, sondern aus ihren empirischen
+Bestimmungen gezeigt werden, da es mglich, und wahrscheinlich sey, da
+das Sittengesetz seine Kausalitt in ihnen verlieren knne; wodurch denn
+die Frage beantwortet wird: Warum war eine Offenbarung nthig, und
+warum konnten die Menschen sich nicht mit der Naturreligion allein
+behelfen? Die Ursachen davon knnen nicht in der Einrichtung der
+menschlichen Natur berhaupt, insofern sie _a priori_ zu erkennen ist,
+liegen; denn sonst mten wir das Bedrfni einer Offenbarung schon _a
+priori_ zeigen knnen, es mte sich ein Datum der reinen Vernunft dafr
+anfhren lassen, und der Begriff von ihr wre ein gegebner: sondern in
+zuflligen Bestimmungen derselben. Um aber die vllige Einsicht in die
+Grenzen, innerhalb welcher Vernunftreligion zulnglich ist, innerhalb
+welcher Naturreligion eintritt, und wo endlich geoffenbarte nthig wird,
+zu erffnen, wird es sehr dienlich seyn, das Verhltni der menschlichen
+Natur zur Religion, sowohl berhaupt, als ihren besondern Bestimmungen
+nach, zu untersuchen.
+
+Der Mensch steht, als Theil der Sinnenwelt, unter Naturgesetzen. Er ist
+in Absicht seines Erkenntnivermgens genthigt, von Anschauungen, die
+unter den Gesetzen der Sinnlichkeit stehen, zu Begriffen fortzugehen;
+und in Absicht des untern Begehrungsvermgens sich durch sinnliche
+Antriebe bestimmen zu lassen. Als Wesen einer bersinnlichen Welt aber,
+seiner vernnftigen Natur nach, wird sein oberes Begehrungsvermgen,
+durch ein ganz anderes Gesetz bestimmt, und dieses Gesetz erffnet durch
+seine Anforderungen ihm Aussichten auf Erkenntnisse, die weder unter
+den Bedingungen der Anschauung, noch unter denen der Begriffe stehen. Da
+aber sein Erkenntnivermgen schlechterdings an jene Bedingungen
+gebunden ist, und er ohne sie sich gar nichts denken kann, so ist er
+genthigt auch diese Gegenstnde einer bernatrlichen Welt unter jene
+Bedingungen zu setzen, ob er gleich erkennt, da eine solche
+Vorstellungsart nur subjektiv, nicht objektiv gltig sey, und da sie
+ihn weder zu theoretischen, noch praktischen _Folgerungen_ berechtige.
+Sein unteres, durch sinnliche Antriebe bestimmbares Begehrungsvermgen
+ist dem obern untergeordnet, und es soll nie seinen Willen bestimmen, wo
+die Pflicht redet. Dies ist wesentliche Einrichtung der menschlichen
+Natur. So _soll_ der Mensch seyn, und so _kann_ er auch seyn, denn
+alles, was ihn verhindert, so zu seyn, ist seiner Natur nicht
+wesentlich, sondern zufllig, und kann also nicht nur weggedacht werden,
+sondern auch wirklich weg seyn. In welchem Verhltnisse steht er nun in
+diesem Zustande gegen die Religion? bedarf er ihrer? welcher? und wozu?
+
+Die nchste Folge dieser ursprnglichen Einrichtung der menschlichen
+Natur ist die, da ihm das Moralgesetz als Gebot, und nicht als Aussage
+erscheint, da es zu ihm von Sollen redet, und nicht von Seyn; da er
+sich bewut ist, auch anders, als dieses Gesetz befiehlt, handeln zu
+_knnen_; da er folglich, seiner Vorstellung nach, einen Werth, und ein
+Verdienst erhlt, wenn er so handelt. Dieser Werth, den er sich selbst
+giebt, berechtigt ihn, die demselben angemessene Glckseligkeit zu
+erwarten: aber diese kann er sich nicht selbst geben, so wie jenen; er
+erwartet sie also vom hchsten Exekutor des Gesetzes, der ihm durch
+dasselbe angekndigt wird. Dieses Wesen zieht seine ganze Verehrung auf
+sich, weil es einen unendlichen Werth hat, gegen welchen der seinige in
+Nichts verschwindet; und seine ganze Zuneigung, weil er alles von ihm
+erwartet, was er gutes zu erwarten hat. Er kann nicht gleichgltig gegen
+den stets gegenwrtigen Beobachter, Spher, und Beurtheiler seiner
+geheimsten Gedanken, und den gerechtesten Vergelter derselben bleiben.
+Er mu wnschen, ihm seine Bewunderung und Verehrung zu bezeigen, und da
+er's durch nichts anders kann, es durch pnktlichen _in Rcksicht auf
+Ihn_ geleisteten Gehorsam zu thun. -- Dies ist reine Vernunftreligion.
+Religiositt von dieser Art erwartet nicht vom Gedanken des Gesetzgebers
+ein Moment zur Erleichterung der Willensbestimmung, sondern nur
+Befriedigung ihres Bedrfnisses ihm ihre Zuneigung zu erkennen zu geben.
+Sie erwartet keine Anforderung von Gott, ihm zu gehorchen, sondern nur
+die Erlaubni, bei ihrem willigen Gehorsame auf ihn zu sehen. Sie will
+nicht Gott eine Gunst erweisen, indem sie ihm dient; sondern sie
+erwartet es von ihm als die hchste Gnade, sich von ihr dienen zu
+lassen. -- Dies ist die hchste moralische Vollkommenheit des Menschen.
+Sie setzt nicht nur den festen Willen immer sittlich gut zu handeln,
+sondern auch vllige Freiheit voraus. Es ist _a priori_ unmglich zu
+bestimmen, ob _in concreto_ irgend ein _Mensch_ dieser moralischen
+Vollkommenheit fhig sey, und es ist bei gegenwrtiger Lage der
+Menschheit gar nicht wahrscheinlich.
+
+Der zweite Grad der moralischen Gte setzt eben diesen festen Willen, im
+Ganzen dem Moralgesetze zu gehorchen, aber keine vllige Freiheit in
+einzelnen Fllen voraus. Die sinnliche Neigung kmpft noch gegen das
+Pflichtgefhl, und ist eben so oft Siegerin[TN9], als besiegt. Die
+Ursachen dieser moralischen Schwche liegen nicht im Wesentlichen der
+menschlichen Natur, sondern sie sind zufllig: theils bei diesem und
+jenem Subjekte eine krperliche Konstitution, welche die grere
+Heftigkeit, und die anhaltendere Dauer der Leidenschaften begnstigt;
+theils, und hauptschlich die gegenwrtige Lage der Menschheit, in
+welcher wir weit frher angewhnt werden, nach Naturtrieben zu handeln,
+als nach moralischen Grnden, und weit ftrer in den Fall kommen, uns
+durch die ersteren bestimmen lassen zu mssen, als durch die letzteren,
+so da unsre Ausbildung als Naturmenschen meist immer groe Vorschritte
+vor unsrer moralischen Bildung voraus hat. Da in diesem Zustande der
+ernste Wille moralisch zu handeln, mithin ein lebhaftes, thtiges,
+sittliches Gefhl vorausgesetzt wird, so mu diese Schwche dem Menschen
+sehr unangenehm seyn, und er mu begierig jedes Mittel aufsuchen, und
+ergreifen, um seine Bestimmung durchs Moralgesetz zu erleichtern. Wenn
+es darum zu thun ist, der moralischen Neigung das bergewicht ber die
+sinnliche zu verschaffen, so kann dies auf zweierlei Art geschehen,
+theils indem man die sinnliche Neigung schwcht, theils indem man den
+Antrieb des Sittengesetzes, die Achtung fr dasselbe, verstrkt. Das
+erste geschieht nach technisch-praktischen Regeln, die auf
+Naturprincipien beruhen, und ber welche jeden sein eignes Nachdenken,
+Erfahrung, und empirische Selbstkenntni belehren mu. Sie liegen auer
+dem Kreise unsrer gegenwrtigen Untersuchung. Der Antrieb des
+Moralgesetzes lt sich, ohne der Moralitt Abbruch zu thun, nicht
+anders verstrken, als durch lebhafte Vorstellung der innern Erhabenheit
+und Heiligkeit seiner Forderungen; durch ein dringenderes Gefhl des
+_Sollens_ und _Mssens_. Und wie kann dies dringender werden, als wenn
+uns stets die Vorstellung eines ganz heiligen Wesens vorschwebt, das
+uns heilig zu seyn befiehlt? In ihm erblicken wir die bereinstimmung
+mit dem Gesetze nicht mehr blos als etwas, das seyn _soll_, sondern als
+etwas, das _ist_; in ihm erblicken wir die Nothwendigkeit, so zu seyn,
+dargestellt. Wie kann das sittliche Gefhl mehr verstrkt werden, als
+durch die Vorstellung, da bei unmoralischen Handlungen nicht blos wir
+selbst, die wir unvollkommne Wesen sind -- nein, da die hchste
+Vollkommenheit uns verachten msse? da bei Selbstberwindung, und
+Aufopferung unsrer liebsten Neigungen fr die Pflicht, nicht nur wir
+selbst, sondern die wesentliche Heiligkeit uns ehren msse? Wie knnen
+wir aufmerksamer auf die Stimme unsers Gewissens, und gelehriger gegen
+sie werden, als wenn wir in ihr die Stimme des Heiligsten hren, der
+unsichtbar[TN10] uns immer begleitet, und die geheimsten Gedanken unsers
+Herzens spht -- _vor dem wir wandeln?_ Da die Neigung im Subjekte gegen
+dieses neue Moment des Sittengesetzes, welches ihr Abbruch thut,
+streitet, so wird die Vernunft suchen, dasselbe durch vllige Sicherung
+des Grundes, auf dem es beruht, zu befestigen; sie wird einen Beweis fr
+den Begriff Gottes als moralischen Gesetzgebers suchen, und sie wird ihn
+im Begriffe desselben, als Weltschpfers, finden. Dies ist der zweite
+Grad der sittlichen Vollkommenheit, der die Naturreligion
+begrndet. -- Diese Religion soll allerdings Mittel der
+Willensbestimmung in einzelnen Fllen, bei eintretendem Kampfe der
+Neigung gegen die Pflicht, werden; aber sie setzt die erste, hchste
+Bestimmung des Willens, dem Moralgesetze berhaupt zu gehorchen, als
+durch dasselbe schon geschehen, voraus, denn sie bietet sich nicht dar,
+sondern sie mu gesucht werden, und niemand kann sie suchen, der sie
+nicht wnscht.
+
+Der tiefste Verfall vernnftiger Wesen in Rcksicht auf Sittlichkeit
+endlich ist es, wenn nicht einmal der Wille da ist, ein Moralgesetz
+anzuerkennen, und ihm zu gehorchen; wenn sinnliche Triebe die einzigen
+Bestimmungsgrnde ihres Begehrungsvermgens sind. Es scheint wenigstens,
+vor der Hand gar nichts fr die Nothwendigkeit einer Offenbarung zu
+beweisen, wenn man auch in der Gesellschaft unter andern moralisch
+bessern Menschen noch so viele in diesem Grade verdorbne Subjekte sollte
+aufzeigen knnen: denn es mu den bessern mglich seyn, und es ist ihre
+Pflicht, -- knnte man sagen, -- in den schlechtern durch Belehrung und
+Bildung das moralische Gefhl zu entwickeln, und sie so bis zum
+Bedrfni einer Religion zu fhren. Ohne uns vor der Hand auf diese
+Untersuchung einzulassen, wollen wir die Frage nur so stellen, wie ihre
+Beantwortung fr den Erweis eines empirischen Bedrfnisses der
+Offenbarung entscheidend wird: War es mglich, dass die ganze
+Menschheit, oder wenigstens ganze Vlker- und Lnderstriche in diesen
+tiefen moralischen Verfall gerathen konnten? Um sie beantworten zu
+knnen, mssen wir erst den Begriff der empirischen Sinnlichkeit etwas
+nher bestimmen.
+
+Sinnlichkeit berhaupt, nemlich empirische, knnte man fglich als eine
+Unfhigkeit zur Vorstellung der Ideen beschreiben; um dadurch zugleich
+den theoretischen Fehler, sich dieselben entweder gar nicht, oder nicht
+anders, als unter den Bedingungen der empirischen Sinnlichkeit, denken
+zu knnen, und den praktischen, sich nicht durch dieselben bestimmen zu
+lassen, der aus dem erstem nothwendig folgt, zu befassen. Man kann die
+empirische Sinnlichkeit, eben so wie die reine, in zwei Gattungen
+eintheilen, in die _ussere_ und _innere_. Die erstere besteht in
+theoretischer Rcksicht darin, wenn man sich alles unter die empirischen
+Bedingungen der uern Sinne, alles hrbar, fhlbar, sichtbar u. s. w.
+denkt, und auch alles wirklich sehen, hren, fhlen will, und damit ist
+immer eine gnzliche Unfhigkeit zum Nachdenken, zu Verfolgung einer
+Reihe von Schlssen, wenn es auch nur ber Gegenstnde der Natur ist,
+verbunden; und in praktischer, wenn man sich nur durch die Lust des
+uern Sinns, bestimmen lt. Dieses ist derjenige Grad derselben, den
+man auch rohe Sinnlichkeit nennt. Die zweite besteht in theoretischer
+Rcksicht darin, da man sich alles wenigstens unter die empirischen
+Bedingungen unsers innern Sinns, alles modificirbar denkt, und es auch
+wirklich modificiren will; und in praktischer, wenn man sich durch
+nichts hheres bestimmen lt, als durch die Lust des innern Sinns.
+Dahin gehrt die Lust am Spiel, am Dichten, am Schnen (aber nicht am
+Erhabnen), selbst am Nachdenken, am Gefhl seiner Kraft, und sogar das
+Mitgefhl, ob es gleich der edelste aller sinnlichen Triebe ist. Wenn
+diese Sinnlichkeit herrschend ist, d. i. wenn wir blos und lediglich
+durch ihren Antrieb und nie durch das Moralgesetz uns bestimmen lassen,
+so ist klar, dass sie allen Willen gut zu seyn, und alle Moralitt
+gnzlich ausschliet. Aber bei den meisten Menschen hat sie zwar bei
+weitem das bergewicht, und sie werden in den meisten Fllen blos durch
+sie bestimmt; aber dennoch sind sie darum noch nicht berhaupt aller
+reinmoralischen Handlungen unfhig, und haben wenigstens noch soviel
+moralisches Gefhl, um die Strflichkeit und Unanstndigkeit ihrer
+Handlungsart in auffallenden Fllen oder bei gewissen Veranlassungen zu
+fhlen, und sich deren zu schmen. Gesetzt aber, sie wendeten das
+Moralgesetz auch nie auf sich selbst an, und htten nie Schaam oder
+Reue ber ihre eigne Unvollkommenheit empfunden, so zeigt es sich doch
+in ihrer Beurtheilung der Handlungen andrer, in ihrer oft starken
+Misbilligung derselben aus richtigen moralischen Grnden, dass sie des
+moralischen Sinns nicht gnzlich unfhig sind. Auf Menschen von dieser
+Art, sollte man glauben, wrde man eben von der Seite aus, wo sie noch
+Empfnglichkeit fr Moralitt zeigen, wirken, -- man wrde sich eben der
+Grundstze, die sie auf andre anwenden, bedienen knnen, um ihnen ber
+ihren eignen Zustand die Augen zu ffnen, sie so allmhlich zum guten
+Willen, und durch ihn endlich zur Religiositt zu fhren. Es msste
+also, zum Behufe der Nothwendigkeit einer Offenbarung gezeigt werden
+knnen, dass Menschen, und ganze Menschengeschlechter mglich seyen, die
+durch herrschende Sinnlichkeit des Sinns fr Moralitt entweder
+gnzlich, oder doch in einem so hohen Grade beraubt wren, dass man von
+diesem Wege aus gar nicht auf sie wirken knne; welche sich des
+Moralgesetzes in ihnen entweder gar nicht, oder doch so wenig bewusst
+seyen, dass man auf diesen Grund in ihnen gar nichts bauen knne. Es
+lsst sich _a priori_ wol denken, da die Menschheit entweder von ihrem
+Ursprnge an, oder durch mancherlei Schicksale in so eine Lage habe
+kommen knnen, da sie, in bestndigem harten Kampfe mit der Natur um
+ihre Subsistenz, genthigt gewesen sey, alle ihre Gedanken stets auf
+das, was vor ihren Fen lag, zu richten; auf nichts denken zu knnen,
+als auf das Gegenwrtige; und kein ander Gesetz hren zu knnen, als das
+der Noth. In so einer Lage ist es unmglich, dass das moralische Gefhl
+erwache, und sittliche Begriffe sich entwickeln: aber die Menschheit
+wird nicht immer, sie wird auer besondern Fllen nicht lange in
+derselben bleiben: sie wird durch Hlfe der Erfahrung sich Regeln
+machen, und Maximen ihres Verhaltens abstrahiren. Diese Maximen, blos
+durch Erfahrung in der Natur entstanden, werden auch blos auf diese
+angewendet seyn, und mglichen moralischen Regeln oft widersprechen. Sie
+werden sich dennoch, durch ihre Anwendbarkeit und durch das allgemeine
+Beispiel bewhrt, von Generation auf Generation fortpflanzen, und
+vermehrt werden; und nun werden sie es seyn, die die Mglichkeit der
+Moralitt vernichten, nachdem jene dringende Noth, die vor ihnen es
+that, durch sie zum Theil gehoben ist. Denkt man an die Bewohner des
+Feuerlandes, welche ihr Leben in einem Zustande, der so nahe an die
+Thierheit grnzt, hinbringen, an die meisten Bewohner der Sdsee-Inseln,
+welchen der Diebstahl etwas ganz gleichgltiges zu seyn, und welche sich
+desselben nicht im geringsten zu schmen scheinen, an jene Negern,
+welche ohne langes Bedenken ihre Frau, oder ihre Kinder gegen einen
+Trunk Brandwein in die Sklaverei verkaufen, so scheint man die erstere
+Bemerkung in der Erfahrung besttigt zu finden; und um sich von der
+Richtigkeit der zweiten zu berzeugen, hat man nur die Sitten und
+Maximen policirter Vlker zu studiren.
+
+Wie soll nun die Menschheit aus diesem Zustande zur Moralitt, und durch
+sie zur Religion gelangen? Kann sie dieselbe nicht selbst finden? Um
+diese Frage bestimmter zu beantworten, mssen wir dasjenige, was hierzu
+vorausgesetzt wird, mit ihrem Zustande, vergleichen. Um zu entscheiden,
+ob ein Volk der Sittlichkeit berhaupt in seinem gegenwrtigen Zustande
+fhig sey, oder nicht, ist es nicht genug, ihr Verhalten zu betrachten,
+und der Schlu: ein gewisses Volk begeht allgemein, und ohne Spur der
+geringsten Schaam, Handlungen, die gegen die ersten Grundstze aller
+Moral streiten, also ist es ohne alles moralisches Gefhl; ist bereilt.
+Man mu untersuchen, ob sich denn nicht einmal der Begriff von Pflicht
+berhaupt, wenn gleich noch so dunkel gedacht, bei ihnen zeige, und wenn
+man denn da z. B. nur soviel findet, da sie auf die Beobachtung eines
+Vertrags, die sie nicht erzwingen knnen, auch in dem Falle, da es dem
+zweiten Theile zutrglich wre ihm nicht zu halten, trauen, und in
+diesem Vertrauen sich wagen; da sie im Fall der Verletzung desselben
+lebhaftern und bitterern Unwillen zeigen, als sie ber den ihnen dadurch
+zugefgten Schaden an sich zeigen wrden; so mu man ihnen den Begriff
+der Pflicht berhaupt zugestehen. Nun aber ist ohne dieses Vertrauen
+auf Beobachtung der Vertrge es auch nicht einmal mglich, sich
+zur Gesellschaft zu verbinden. Jedes Volk also, das nur in
+gesellschaftlicher Vereinigung lebt, ist nicht ohne allen moralischen
+Sinn. Aber leider ist es allgemeine Gewohnheit aller derer, bei denen
+die Sinnlichkeit herrschend ist, sich dieses Gefhls nicht sowohl als
+Bestimmungsgrundes ihrer eignen Handlungen, als vielmehr blos und
+lediglich als Beurtheilungsprincips der Handlungen anderer zu bedienen.
+Ja, sie gehen wol so weit, besonders wenn die Sinnlichkeit schon in
+Maximen gebracht ist, eine Aufopferung, eine Verleugnung des Eigennutzes
+fr die Pflicht, sich als lcherliche Thorheit anzurechnen, und sich
+derselben zu schmen; sich also stets und immer als blos unter dem
+Naturbegriffe stehend zu betrachten; verfahren endlich auch wol so
+konsequent, es auch dem ndern fr eben das anzurechnen, wofern sie
+nicht etwa selbst persnlich dabei interessirt, und durch die
+Pflichtverletzung des ndern an ihrem eignen Vortheile gekrnkt worden
+sind. Nur im letztern Falle erinnern sie sich, da es Pflichten giebt;
+und dies macht denn die Entwickelung dieses Begriffs, wo wir ihn mit
+herrschender Sinnlichkeit vereinigt antreffen, sehr verdchtig, und
+berechtigt uns zu glauben, da blos das Princip der letztern, das des
+Eigennutzes, sie bewirkt habe. Mit herrschender Sinnlichkeit ist also
+sogar der Wille, moralisch gut zu seyn, nicht zu vereinigen. Da aber
+dieser Wille unumgnglich nthig ist, um eine Religion als Mittel einer
+strkern Bestimmung durchs Moralgesetz zu _suchen_, so kann die
+Menschheit in diesem Zustande nie von selbst eine Religion finden, denn
+sie kann sie nicht einmal suchen.
+
+Und wenn sie dieselbe auch suchen knnte, so kann sie sie nicht
+_finden_. Um sich auf die oben entwickelte Art zu berzeugen, da Gott
+es ist, der durchs Moralgesetz zu uns redet, bedarf es vor's erste des
+Begriffe einer Schpfung der Welt durch eine Ursache auer ihr. Auf
+diesen Begriff wird die Menschheit, selbst die noch sehr ungebildete
+Menschheit, leicht kommen. Sie ist _a priori_ genthigt, sich absolute
+Totalitt der Bedingungen zu denken; und sie schliet die Reihe
+derselben nur eher und schneller, je weniger sie gebildet, und je
+unfhiger sie ist, eine lange Reihe zu verfolgen. Daher wird unter
+rohsinnlichen Menschen alles voll von Glauben an bernatrliche
+Ursachen, an Dmonen ohne Zahl seyn. Eine gebildetere Sinnlichkeit wird
+sich vielleicht zum Begriffe einer einzigen ersten Ursache, eines
+kunstvollen Architekten der Welt erheben. Aber zum Behuf einer Religion
+brauchen, wir nicht diesen, sondern den von einem _moralischen_
+Weltschpfer, und, um zu ihm zu gelangen, den Begriff eines moralischen
+Endzwecks der Welt. Nun wird abermals die Sinnlichkeit zwar leicht auf
+den Begriff von mglichen Zwecken in der Weit kommen, weil sie selbst
+durch die Vorstellung von Zwecken bei ihren Geschften hienieden
+geleitet wird: aber der Begriff eines moralischen _Endzwecks_ der
+Schpfung ist nur dem gebildeten moralischen Gefhle mglich. Der blos
+sinnliche Mensch wird also nie weder auf ihn, noch durch ihn auf das
+Princip einer Religion kommen.
+
+Vor's erste, wenn doch ein Mittel sollte ausfindig gemacht werden,
+Religion an ihn zu bringen, wozu bedarf er ihrer? Der beste moralische
+Mensch, der nicht nur den ernsten Willen htte, dem Moralgesetze zu
+gehorchen, sondern auch die vllige Freiheit, bedurfte ihrer blos dazu,
+um die Empfindung der Verehrung und Dankbarkeit gegen das hchste Wesen
+auf irgend eine Art zu befriedigen. Derjenige, der zwar eben den ernsten
+Willen, aber nicht vllige Freiheit hatte, bedurfte ihrer, um der
+Autoritt des Moralgesetzes ein neues Moment hinzuzufgen, durch
+welches der Strke der Neigung das Gegengewicht gehalten und die
+Freiheit hergestellt wrde. Derjenige, der auch nicht den Willen hat,
+ein sittliches Gesetz anzuerkennen, und ihm zu gehorchen, bedarf ihrer,
+um nur erst diesen Willen, und dann durch ihn die Freiheit in sich
+hervorzubringen. Mit ihm hat also die Religion einen andern Weg zu
+nehmen. Die reine Vernunftreligion, sowohl als die natrliche, grndeten
+sich auf Moralgefhl: die geoffenbarte hingegen soll selbst erst
+Moralgefhl begrnden. Die erstere fand gar keinen Widerstand, sondern
+alle Neigungen im Subjekte bereit, sie anzunehmen; die zweite hatte nur
+in einzelnen Fllen die Neigungen zu bekmpfen, kam aber im Ganzen
+erwnscht, und gesucht; die letztere hat nicht nur allen unmoralischen
+Neigungen, sondern sogar dem vlligen Widerstreben, berhaupt ein Gesetz
+anzuerkennen, und der Abneigung gegen sie selbst, die sie das Gesetz
+gltig machen will, das Gegengewicht zu haben. Sie kann also und wird
+sich wichtigerer Momente bedienen, so viel es geschehen kann, ohne der
+Freiheit Abbruch zu thun, d. h. ohne gegen ihren eignen Zweck zu
+handeln.
+
+Durch welchen Weg nun kann diese Religion an die so beschaffne
+Menschheit gelangen? Natrlich auf eben dem, auf welchem alles an sie
+gelangt, was sie sich denkt, oder wodurch sie sich bestimmen lt, auf
+dem der Sinnlichkeit. Gott mu sich ihnen unmittelbar durch die Sinne
+ankndigen, unmittelbar durch die Sinne Gehorsam von ihnen verlangen.
+
+Aber hier sind noch zwei Flle mglich, nemlich entweder Gott entwickelt
+durch eine bernatrliche Wirkung in der Sinnenwelt in dem Herzen eines
+oder mehrerer, die er zu seinen Mittelspersonen an die Menschheit
+ausersehen hat, auf dem Wege des Nachdenkens das moralische Gefhl, und
+bauet auf eben dem Wege auf dasselbe das Princip aller Religion, mit dem
+Befehle, an den brigen Menschen eben das zu thun, was er an ihnen
+gethan hat: oder er kndigt geradezu dieses Princip an, und grndet es
+auf seine Autoritt, als Herr. Im erstem Falle wren wir nicht einmal
+genthigt, Gott als unmittelbare Ursache dieser bernatrlichen Wirkung
+anzunehmen, sondern, ob wir gleich ein allgemeines sittliches Verderben
+der Menschheit angenommen haben, so knnte doch recht fglich eins der
+mglichen hhern moralischen Wesen Ursache einer solchen Wirkung seyn.
+Finden wir aber anderweitige Grnde, den Grund einer solchen Wirkung
+unmittelbar in Gott zu setzen, so werden wir diese Grnde dadurch gar
+nicht entkrften, wenn wir sagen, es sey Gott unanstndig, den Pdagogen
+zu machen; denn nach unsrer Erkenntni von Gott ist nichts ihm
+unanstndig, als was gegen das Moralgesetz ist. In diesem Falle htten
+wir denn auch, ununtersucht, welches moralische Wesen die veranlassende
+Ursache dieser Entwickelung sey, keine Offenbarung, sondern eine auf
+einem bernatrlichen Wege an uns gebrachte Naturreligion. Wenn dieses
+Mittel nur mglich und zur Erreichung des Zwecks hinlnglich war, so war
+keine Offenbarung, d. i. keine _unmittelbar_ auf Gottes Autoritt
+gegrndete Ankndigung desselben, als Gesetzgebers, nthig. Lat uns
+einen Augenblick annehmen, Gott wolle sich desselben bedienen. Er wird
+ohne Zweifel in den Seelen derer, auf die er wirkt, die erwartete
+vernnftige berzeugung hervorbringen. Diese werden seinem Befehle, und
+ihrem eignen Gefhl der Verbindlichkeit, Moralitt weiter zu verbreiten,
+gem, sich an die brige Menschheit wenden, und eben diese berzeugung
+auf eben dem Wege in ihnen aufzubauen suchen, auf welchem sie in ihnen
+selbst aufgebaut wurde. Es liegt weder in der menschlichen Natur
+berhaupt, noch in der empirischen Beschaffenheit der angenommenen
+Menschen insbesondre ein Grund, warum es diesen Abgeordneten unmglich
+seyn sollte, ihren Zweck zu erreichen, wenn sie nur Gehr finden, wenn
+sie sich nur Aufmerksamkeit verschaffen knnen. Aber wie wollen sie sich
+diese verschaffen bei Menschen, die schon im Voraus gegen das Resultat
+ihrer Vorstellungen eingenommen seyn mssen? Was wollen sie diesen das
+Nachdenken scheuenden Menschen geben, damit sie die Mhe desselben auf
+sich nehmen, um die Wahrheit einer Religion erkennen zu mssen, welche
+ihre Neigungen einschrnken und sie unter ein Gesetz bringen will? Es
+bleibt also nur der letzte Fall brig: sie mssen ihre Lehren unter
+gttlicher Autoritt, und als seine Gesandten an die Menschheit,
+ankndigen.
+
+Auch dies scheint wieder auf zweierlei Art mglich zu seyn, da nemlich
+Gott entweder auch dieser seiner Gesandten Glauben schlechthin auf
+Autoritt grnde, oder da er nur wolle, und es von ihrer eignen
+Einsicht erwarte, da sie dasjenige, was auf dem bloen Wege des
+Nachdenkens durch irgend ein Mittel aus ihrem Herzen entwickelt worden,
+den brigen Menschen unter gttlicher Autoritt ankndigen, insofern sie
+einsehen, da kein anderes Mittel brig ist, Religion an sie zu bringen.
+Das letztere aber ist unmglich; denn dann htte Gott gewollt, da diese
+seine Abgeordneten, -- zwar in der wohlthtigsten Absicht, -- aber doch,
+da sie lgen und betrgen sollten: Lgen und Betrug aber bleibt immer,
+in welcher Absicht er auch geschehe, unrecht, weil das nie Princip einer
+allgemeinen Gesetzgebung werden kann; und Gott kann nie etwas unrechtes
+wollen.
+
+Man knnte endlich sich drittens noch als mglich denken, Gott habe
+gewollt, da sich diese angeblichen Inspirirten tuschen, und eine auf
+Autoritt gegrndete Ankndigung der gttlichen Moralgesetzgebung, die
+ganz natrlich, z. B. durch die vom Wunsche darnach aufgeregte Phantasie
+in ihnen entstanden wre, einer bernatrlichen Ursache zuschreiben
+sollten. Da jede kategorische Antwort auf diese Frage, die bejahende
+sowohl, als die verneinende, sich lediglich auf theoretische Principien
+grnden knnte, weil von Erklrung einer Naturerscheinung nach derselben
+Gesetzen die Rede ist; alle Naturphilosophie aber nicht so weit reicht,
+um zu beweisen, da etwas in der Sinnenwelt _nur_ durch Gesetze der
+Natur, oder, da es durch sie _nicht_ mglich sey; so kann diese
+Behauptung, auf Errterung einer Offenbarung _in concreto_ angewandt,
+nie, weder bewiesen, noch widerlegt werden; sie gehrt aber auch nicht
+in die Untersuchung vom mglichen Ursprnge einer geoffenbarten
+Religion, als welche blos aus praktischen Principien angestellt wird.
+Allerdings knnte eine gewisse Wirkung, als Naturerscheinung betrachtet,
+aus uns entdeckbaren Naturgesetzen entstanden seyn, und dennoch knnte
+es zugleich dem Begriffe eines vernnftigen Wesens sehr gem seyn, da
+wir sie, wenigstens bis zur Erreichung ihrer moralischen Absicht, einer
+bernatrlichen Ursache zuschrieben; und jener disjunktive Satz: Gewisse
+angebliche Inspirirten waren entweder wirklich inspirirt, oder sie waren
+Betrger, oder sie waren Schwrmer -- richtiger, und gelinder
+ausgedrckt, sie waren unvollkommne Naturforscher -- reicht bei weitem
+nicht hin, durch ihn die kategorischen Behauptungen, auf welche er
+ausgeht, zu begrnden. Denn erstens heben die Begriffe, die als Glieder
+der Eintheilung neben einander gestellt sind, sich nicht wechselseitig
+auf. Die Mglichkeit, den letztern anzunehmen, mu aus Naturbegriffen
+widerlegt, oder bewiesen werden; die Mglichkeit der beiden erstem aber
+kann nur aus praktischen Principien dargethan werden: beide Principien
+aber treffen, sich nicht, und aus dem einen kann sehr wohl bejaht
+werden, was das andre verneint. Der letzte Fall also, und einer von den
+beiden erstern, sind zugleich mglich, nur die beiden erstern
+widersprechen sich. Zweitens ist die Unmglichkeit des letztern nie in
+einem gegebnen Falle darzuthun. Aber dies alles wird erst in der Folge,
+wo wir von der physischen Mglichkeit der erwarteten bernatrlichen
+Wirkung in der Sinnenwelt reden werden, seine vllige Deutlichkeit
+erhalten.
+
+Da also die Mglichkeit des letztern Falles, die wir freilich nicht
+wegrumen knnen, uns nicht irre machen darf, so knnen wir nun aus
+allem bis jetzt bewiesenen sicher folgende Resultate ziehen: Die
+Menschheit kann so tief in moralischen Verfall gerathen, da sie nicht
+anders zur Sittlichkeit zurckzubringen ist, als durch die Religion, und
+zur Religion nicht anders, als durch die Sinne: eine Religion, die auf
+solche Menschen wirken soll, kann sich auf nichts anders grnden, als
+unmittelbar auf gttliche Autoritt: da Gott nicht wollen kann, da
+irgend ein moralisches Wesen eine solche Autoritt erdichte, so mu er
+selbst es seyn, der sie einer solchen Religion beilegt.
+
+Aber wozu soll nun diese Autoritt? und worauf kann Gott, wenn er es mit
+Menschen, die in diesem Grade sinnlich sind, zu thun hat, sie grnden?
+Offenbar nicht auf eine Erhabenheit, fr welche sie keinen Sinn und
+keine Ehrfurcht haben, auf seine Heiligkeit, als welches das moralische
+Gefhl in ihnen schon voraussetzen wrde, das erst durch die Religion
+entwickelt werden soll; sondern auf diejenige, fr deren Bewunderung sie
+aus Naturgrnden empfnglich sind, auf seine Gre, und Macht als Herr
+der Natur und als ihr Herr. Nun aber ist es Heteronomie, und bewirkt
+keine Moralitt, sondern erzwingt hchstens Legalitt, wenn wir nur
+darum uns dem Inhalte des Moralgesetzes gem betragen, weil ein
+bermchtiges Wesen es will; und eine auf diese Autoritt gegrndete
+Religion widersprche folglich sich selbst. Aber diese Autoritt soll
+denn auch nicht Gehorsam, sie soll nur Aufmerksamkeit auf die weiter
+vorzulegenden Motiven des Gehorsams begrnden. Aufmerksamkeit aber, als
+eine empirische Bestimmung unsrer Seele, ist durch natrliche Mittel zu
+erregen. Es wrde zwar offenbar widersprechend seyn, auch nur diese
+durch Furcht vor angedrohten Strafen dieses mchtigen Wesens, oder wol
+gar durch physische Mittel erzwingen, oder durch verheine Belohnungen
+erschleichen zu wollen; widersprechend, weil Furcht und Hoffnung die
+Aufmerksamkeit mehr zerstreuen, als erregen, und hchstens nur ein
+mechanisches Nachsagen, aber keine auf vernnftige berlegung gegrndete
+berzeugung, welche allein der Grund aller Moralitt seyn mu,
+hervorbringen knnen; widersprechend, weil dies gleich anfangs das
+Princip aller Religion verflschen, und Gott als ein Wesen darstellen
+wrde, dem man sich noch durch etwas anderes, als durch moralische
+Gesinnungen, -- hier durch unwilliges Anhren von Dingen, an denen
+man kein Interesse hat, und durch ngstliches Nachplaudern
+derselben -- gefllig machen knnte. Aber die Vorstellung einer noch so
+groen Macht errege auch, so lange wir uns nicht im Widerstreite gegen
+sie denken, nicht Furcht, sondern Bewunderung, und Verehrung, die zwar
+nur auf pathologischen, und nicht moralischen, Grnden beruht, die aber
+unsre Aufmerksamkeit auf alles, was von dem mchtigen Wesen herkommt,
+krftig hinzieht. So lange sich nun Gott noch nicht als moralischen
+Gesetzgeber, sondern blos als redende Person ankndigt, so denken wir
+uns noch nicht im Widerstreite gegen ihn; und wenn er sich als solchen
+ankndigt, so kndigt er uns zugleich seine Heiligkeit an, welche uns
+alle mgliche Furcht vor seiner Macht benimmt, indem sie uns zusichert,
+da er nie einen willkhrlichen Gebrauch von derselben gegen uns machen,
+sondern da ihre Wirkungen auf uns gnzlich von uns selbst abhngen
+werden. Die Anforderung Gottes also an uns in einer mglichen
+Offenbarung, ihn _anzuhren_, grndet sich auf seine Allmacht, und
+unendliche Gre, und kann sich auf nichts anders grnden, indem Wesen,
+die einer Offenbarung bedrfen, vor's erste keiner andern Vorstellung
+von ihm fhig sind. Seine Anforderung aber ihm zu _gehorchen_, kann sich
+auf nichts anderes, als auf seine Heiligkeit grnden, weil sonst der
+Zweck aller Offenbarung, reine Moralitt zu befrdern, nicht erreicht
+wrde; aber der Begriff der Heiligkeit sowohl, als die Verehrung gegen
+sie, mu schon vorher durch die Offenbarung entwickelt worden
+seyn. -- Wir haben einen erhabnen Ausspruch, der dies erlutert: Ihr
+sollt heilig seyn, denn ich bin heilig, spricht der Herr. Der Herr
+redet, als Herr, und fordert dadurch alles zur Aufmerksamkeit auf. Aber
+die Forderung der Heiligkeit grndet er nicht auf diese seine
+Herrschaft, sondern auf seine eigne Heiligkeit.
+
+Aber, wie sollen denn diese Menschen, ehe ihr sittliches Gefhl noch
+geweckt ist, beurtheilen, ob es Gott seyn knne, welcher redet? wird
+noch gefragt; und hier kommen wir dann auf die Beantwortung eines
+Einwurfs, der schon seit langem vor der Seele jedes Lesers geschwebt
+haben mu. Wir haben im vorigen . bewiesen, da der Begriff der
+Offenbarung vernnftiger Weise nur _a priori_ mglich sey, und _a
+posteriori_ gar nicht rechtmig entstehen knne; und in diesem haben
+wir gezeigt, da es einen Zustand geben knne, ja da die ganze
+Menschheit in diesen Zustand verfallen knne, in welchem es ihr
+unmglich ist, _a priori_ auf den Begriff der Religion, und also auch
+der Offenbarung zu kommen. Dies sey ein frmlicher Widerspruch, kann man
+sagen: oder man kann uns das Dilemma vorlegen: Entweder fhlten die
+Menschen schon das sittliche Bedrfni, das sie treiben konnte, eine
+Religion zu suchen, und htten schon alle Moralbegriffe, die sie von den
+Wahrheiten derselben vernnftig berzeugen konnten; so bedurften sie
+keiner Offenbarung, sondern hatten schon _a priori_ Religion: oder sie
+fhlten weder jenes Bedrfni, noch hatten sie jene Begriffe; so
+konnten sie sich nie aus moralischen Grnden von der Gttlichkeit einer
+Religion berzeugen; aus theoretischen konnten sie es auch nicht; sie
+konnten es also berhaupt nicht, und eine Offenbarung ist folglich
+unmglich. Aber es folgt nicht, da Menschen, die sich des Moralgebots
+in ihnen wenig bewut waren, und durch dasselbe nicht zur Aufsuchung
+einer Religion getrieben werden konnten, also der Offenbarung bedurften,
+nicht nachher eben durch Hlfe dieser Offenbarung jenes Gefhl in sich
+entwickeln, und so geschickt werden konnten, eine Offenbarung zu prfen,
+und so vernnftig zu untersuchen, ob sie gttlichen Ursprungs seyn
+knne, oder nicht. Es kndigte sich ihnen eine Lehre als gttlich an,
+und erregte dadurch wenigstens ihre Aufmerksamkeit. Entweder nahmen sie
+nun dieselbe sogleich fr gttlich an; und da sie dies weder aus
+theoretischen Principien folgern, noch nach moralischen untersuchen
+konnten, weil noch bis jetzt ihr Moralgefhl unentwickelt war, nahmen
+sie etwas ganz ohne Grund an, und es war ein Glck fr sie, wenn ihnen
+der Zufall ntzlich wurde: oder sie verwarfen sie sogleich; so verwarfen
+sie wieder etwas ganz ohne Grund: oder endlich sie lieen die Sache
+unentschieden, bis sie vernnftige Grnde eines Unheils finden wrden,
+und in diesem einzigen Falle handelten sie vernnftig. _Da_ Gott rede,
+oder _da_ er _nicht_ rede (als kategorische, aus theoretischen Grnden
+mgliche, Behauptung), konnten sie nie beweisen; ob er geredet haben
+_knne_, konnte nur aus dem Inhalte dessen erhellen, was in seinem Namen
+gesagt ward; sie muten es also vor's, erste anhren. Wenn nun durch
+dieses Anhren ihr moralisches Gefhl entwickelt wurde, so wurde
+zugleich der Begriff einer Religion, und des mglichen Inhalts
+derselben, sie komme nun durch Offenbarung, oder ohne sie an uns,
+entwickelt; und nun konnten, und muten sie, um zu einem vernnftigen
+Frwahrhalten zu gelangen, die ihren als gttlich angekndigte
+Offenbarung mit ihrem nun entwickelten Begriffe einer Offenbarung
+_a priori_ vergleichen, und nach der bereinstimmung oder
+Nichtbereinstimmung mit demselben ein Urtheil ber sie fllen: und das
+ls't dann den vermeinten Widerspruch vllig auf. Ein vernnftiges
+Aufnehmen einer gegebnen Offenbarung, als gttlich, ist nur aus Grnden
+_a priori_ mglich, aber _a posteriori_ knnen, und mssen in gewissen
+Fllen, Gelegenheitsursachen gegeben werden, um diese Grnde zu
+entwickeln.
+
+Alle diese Untersuchungen nun haben den eigentlichen Fragepunkt mehr
+vorbereitet, als bestimmt und entwickelt. Da nemlich nach allem bisher
+gesagten kein vernnftiges Aufnehmen einer Offenbarung als gttlich,
+eher als nach vlliger Entwickelung des Moralgefhls in uns, statt
+findet; da ferner nur auf dieses Gefhl, und den dadurch in uns
+begrndeten Willen der Vernunft zu gehorchen, jeder Entschlu einem
+Gesetze Gottes zu gehorchen sich grnden kann: (. 3.) so scheint die
+gttliche Autoritt, worauf eine gegebne Offenbarung sich grnden
+knnte, ihren ganzen Nutzen zu verlieren, sobald es mglich wird, sie
+anzuerkennen. So lange nemlich eine solche Offenbarung noch arbeitet, um
+den Menschen zur Empfnglichkeit fr Moralitt zu bilden, ist es
+demselben vllig problematisch, ob sie gttlichen Ursprungs auch nur
+seyn knne, weil dies sich nur aus einer Beurtheilung derselben nach
+Moralprincipien ergeben, kann; sobald aber nach geschehener Entwickelung
+des Moralgefhls in ihm, eine solche Beurtheilung mglich ist, so
+scheint dies Moralgefhl allein hinlnglich seyn zu knnen, um ihn zum
+Gehorsam gegen das Moralgesetz, blos als solches, zu bestimmen. Und
+obgleich, wie ebenfalls oben (. 3.) gezeigt worden, auch bei dem
+festesten Willen dem Moralgesetze, blos als Gesetze der Vernunft, zu
+gehorchen, einzelne Flle mglich sind, in denen dasselbe einer
+Verstrkerung seiner Kausalitt durch die Vorstellung, es sey Gottes
+Gesetz, bedarf, so ist doch in dem durch eine geschehene Offenbarung
+zur Moralitt gebildeten Subjekte die Vorstellung dieser gttlichen
+Gesetzgebung sowohl ihrer Materie nach durch praktische
+Vernunftprincipien, als ihrer Form nach durch Anwendung derselben auf
+den Begriff einer Welt, vllig mglich, und es erscheint kein Grund,
+warum er sie sich, als durch eine bernatrliche Wirkung in der
+Sinnenwelt gegeben, denken sollte. Es mu also ein Bedrfni, freilich
+nur ein empirisches, aufgezeigt werden, welchem nur durch die bestimmte
+Vorstellung einer _durch eine Wirkung in der Sinnenwelt geschehnen_
+Ankndigung Gottes als moralischen Gesetzgebers abgeholfen werden kann,
+wenn diese ganze Vorstellung nicht vergeblich, und der Begriff einer
+Offenbarung nicht leer seyn soll, indem ein Glaube an dieselbe
+allenfalls ntzlich seyn knnte, so lange er nicht mglich ist, und
+sobald er mglich wird, seinen ganzen Nutzen verlhre: denn unmglich
+knnen wir die frommen Empfindungen ber die zu unsrer Schwachheit sich
+herablassende Gte Gottes, u. dergl., die durch eine solche Vorstellung
+in uns entstehen mssen, als den ganzen bleibenden Nutzen einer
+Offenbarung angeben.
+
+Nun sind in obiger Deduktion des Offenbarungsbegriffs zum Behuf der
+realen Mglichkeit desselben nicht nur solche vernnftige Wesen
+Vorausgesetzt worden, in denen das Moralgesetz seine Kausalitt auf
+immer, sondern auch solche, bei denen es dieselbe in einzelnen Fllen
+verlohren habe. Wo auch nicht der Wille ein Sittengesetz anzuerkennen,
+und ihm zu gehorchen, vorhanden ist, ist das Moralgesetz ganz ohne
+Kausalitt; wo hingegen zwar dieser, aber nicht die vllige Freiheit da
+ist, verliert es seine Kausalitt in einzelnen Fllen. Wie die
+Offenbarung die Wirksamkeit desselben im ersten Falle wieder herstelle,
+ist jetzt gezeigt worden: ob sie auch im zweiten einen ihr wesentlichen,
+nur durch sie mglichen Einflu habe, davon ist jetzt die Frage. Da im
+ersten Falle die Offenbarung noch gar nicht als das, fr was sie sich
+vernnftiger Weise anerkannt werden kann, so knnte man diese ihre
+Funktion -- die der Offenbarung _an sich_, insofern sie von unsrer
+Vorstellungsart ganz unabhngig ist, oder ihrer _Materie_ nach (_functio
+revelationis materialiter spectatae_) nennen; hingegen das, was sie im
+zweiten Falle zu leisten htte, die Funktion der Offenbarung, insofern
+wir sie dafr anerkennen, oder ihrer _Form_ nach (_functio revelationis
+formaliter spectatae_), und, da Offenbarung eigentlich nur dadurch es
+wird, da wir sie dafr erkennen, der Offenbarung _im eigentlichsten
+Sinne_.
+
+Wir haben oben bei Errterung der Funktion einer Offenbarung ihrer
+Materie nach ganz richtig angenommen, da dieselbe sich nur auf
+Subjekte beziehe, in denen auch nicht einmal der Wille dem
+Vernunftgesetze zu gehorchen vorhanden sey, da sie hingegen in dieser
+Funktion diejenigen, denen es nicht an diesem Willen, wol aber an
+vlliger Freiheit ihn zu vollbringen, mangelt, nicht zu Objekten habe,
+sondern da zu Herstellung der Freiheit in dergleichen Subjekten die
+Naturreligion hinlnglich sey. Da nun durch die Offenbarung vermittelst
+ihrer ersten Funktion die Willensbestimmung durchs Moralgesetz mglich
+gemacht, mithin alle vernnftige Wesen zur zweiten Stuffe der
+moralischen Vollkommenheit erhoben werden sollen, so wrde, wenn Wesen
+auf dieser zweiten Stuffe die Naturreligion stets genugthuend seyn
+knnte, gar keine Funktion der Offenbarung ihrer Form nach, nemlich
+keine Wirksamkeit derselben zu Herstellung der Freiheit statt finden,
+und, da dies die Funktion der Offenbarung im eigentlichsten Sinne ist,
+kein wahres Bedrfni eines Glaubens an Offenbarung gezeigt werden
+knnen; fnde sie aber statt, so scheint dies dem obigen Satze von der
+Hinlnglichkeit der Naturreligion zur Herstellung der Freiheit zu
+widersprechen. Wir haben also vor's erste zu untersuchen, ob sich ein
+Einflu der Vorstellung von einer geschehnen Offenbarung auf das Gemth
+zur Herstellung der gehemmten Freiheit des Willens denken lasse, und
+dann, wenn sich ein solcher Einflu zeigen sollte, zu untersuchen, ob
+und inwiefern beide Behauptungen beisammenstehen knnen.
+
+Es ist eine der Eigentmlichkeiten des empirischen Charakters des
+Menschen, da, so lange eine seiner Gemthskrfte besonders aufgeregt,
+und in lebhafter Thtigkeit ist, andere, und das um desto mehr, jemehr
+sie sich, von jener entfernen, unthtig, und gleichsam erschlafft sind:
+und da diese ihre Erschlaffung grer ist, je grer, die Thtigkeit
+jener. So vergeblich man sich bemhen wrde, jemanden, der durch
+sinnlichen Reitz bestimmt, oder in einem heftigen Affekte ist, durch
+Vernunftgrnde anders zu bestimmen; eben so sicher ist's, da im
+Gegensatze eine Erhebung der Seele durch Ideen, oder eine Anstrengung
+derselben durch Nachdenken mglich ist, bei welcher sinnliche Eindrcke
+fast ihre ganze Kraft verlieren. Soll in solchen Fllen auf einen
+Menschen gewirkt werden, so kann es fast nicht anders geschehen, als
+vermittelst derjenigen Kraft, die eben jetzt in Thtigkeit ist, indem
+auf die brigen kaum ein Eindruck zu machen ist, oder wenn er auch zu
+machen wre, er nicht hinreichend seyn wrde, den Willen des Menschen zu
+bestimmen.
+
+Einige Gemthskrfte haben eine nhere Verwandtschaft, und einen grern
+wechselseitigen Einflu auf einander, als andere. Denjenigen, der vom
+Sinnenreize fortgerissen ist, wird man durch Vernunftgrnde vergeblich
+zurckhalten wollen, aber durch Darstellung eines andern sinnlichen
+Eindrucks vermittelst der Einbildungskraft kann es sehr leicht, ohne
+Anwesenheit des sinnlichen Gegenstandes, also ohne unmittelbare
+Sinnenempfindung, gelingen. Alle durch empirische Sinnlichkeit
+bestimmbare Krfte stehen in solcher Korrespondenz.
+
+Die der Pflicht widerstreitenden Bestimmungen werden alle durch
+Eindrcke auf diese Krfte bewirkt; durch Sinnenempfindung, die entweder
+unmittelbar dem Gegenstande auer uns korrespondirt, oder die durch die
+empirische Einbildungskraft reproducirt wird, durch Affekten, durch
+Leidenschaften. Welches Gegengewicht soll nun der Mensch einer solchen
+Bestimmung entgegensetzen, wenn sie so stark ist, da sie die Stimme der
+Vernunft gnzlich unterdrckt? Offenbar mu dies Gegengewicht durch eine
+Kraft des Gemths an die Seele gebracht werden, welche von der einen
+Seite sinnlich, und also fhig ist einer Bestimmung der sinnlichen Natur
+des Menschen entgegenzuwirken, von der andern durch Freiheit bestimmbar
+ist, und Spontaneitt hat: und diese Kraft des Gemths ist die
+Einbildungskraft. Durch sie also mu das einzig mgliche Motiv einer
+Moralitt, die Vorstellung der Gesetzgebung des Heiligen, an die Seele
+gebracht werden. Diese Vorstellung nun grndet in der Naturreligion sich
+auf Vernunftprincipien; ist aber diese Vernunft, wie wir voraussetzen,
+gnzlich unterdrckt, so erscheinen die Resultate derselben dunkel,
+ungewi, unzuverlssig. Auch die Principien dieser Vorstellung also
+sollten durch die Einbildungskraft vorstellbar seyn. Dergleichen
+Principien nun wren Fakta in der Sinnenwelt, oder eine
+Offenbarung. -- Gott ist, denn er hat geredet, und gehandelt, mu sich
+der Mensch in solchen Augenblicken sagen knnen: er will, da ich jetzt
+nicht so handle, denn er hat es ausdrcklich, mit solchen Worten, unter
+solchen Umstnden, u. s. f., verboten; ich werde einst wegen der
+Entschlieung, die ich jetzt fassen werde, unter gewissen bestimmten
+Feierlichkeiten ihm Rechenschaft geben. -- Sollen solche Vorstellungen
+aber Eindruck auf ihn machen, so mu er die denselben zum Grunde
+liegenden Fakta als vllig wahr und richtig annehmen knnen; sie mssen
+also nicht etwan durch seine eigne Einbildungskraft erdichtet, sondern
+ihr gegeben werden. Da durch eine solche Vorstellung, der reinen
+Moralitt einer durch sie bewirkten Handlung kein Abbruch gethan werde,
+folgt unmittelbar aus unsrer Voraussetzung, das durch die
+Einbildungskraft versinnlicht dargestellte Motiv solle kein andres als
+die Heiligkeit des Gesetzgebers, und nur das Vehikulum derselben solle
+sinnlich seyn.
+
+Ob inzwischen die Reinheit des Motivs nicht oft durch die Sinnlichkeit
+des Vehikulums leide, und ob nicht oft Furcht der Strafe, oder Hoffnung
+der Belohnung, auf einen durch die Vorstellung der Offenbarung bewirkten
+Gehorsam weit mehr Einflu habe, als reine Achtung fr die Heiligkeit
+des Gesetzgebers, hat eine allgemeine Kritik des Offenbarungsbegriffs
+eigentlich nicht zu untersuchen; sondern nur zu erweisen, da dies _in
+abstracto_ nicht nothwendig sey, und _in concreto_ schlechterdings nicht
+geschehen drfe, wenn die Religiositt cht und nicht blos feinere
+Selbstsucht seyn solle. Da dies inzwischen nur zu leicht geschehen kann;
+da sich ferner im Allgemeinen nicht zeigen lt, wenn, in wie weit, und
+warum berhaupt eine solche Verstrkung des Moralgesetzes durch
+Vorstellung einer Offenbarung nthig sey; da endlich es schlechterdings
+nicht zu leugnen ist, da nicht ein allgemeiner unbezweifelt auf das
+Moralgesetz gegrndeter Trieb in uns sey, ein vernnftiges Wesen mehr zu
+ehren, je weniger Verstrkung die Idee des schlechthin Rechten in seinem
+Gemthe bedarf, um ihn zu bewegen, es hervorzubringen; so lt sich auch
+nicht leugnen, da es weit ehrenvoller fr die Menschheit seyn wrde,
+wenn die Naturreligion stets hinlnglich wre, sie in jedem Falle zum
+Gehorsam gegen das Moralgesetz zu bestimmen: und in diesem Sinne knnen
+denn beide Stze wohl beisammenstehen, nemlich, da sich _a priori_ (vor
+der wirklich gemachten Erfahrung) nicht einsehen lasse, warum die
+Vorstellung einer Offenbarung nthig seyn sollte, um die gehemmte
+Freiheit herzustellen; da aber die fast allgemeine Erfahrung in uns und
+andern uns fast tglich belehre, da wir allerdings schwach genug sind,
+einer dergleichen Vorstellung zu bedrfen.
+
+
+. 9.
+
+_Von der physischen Mglichkeit einer Offenbarung._
+
+Der Begriff der Offenbarung _a priori_, wie er durch Aufzeigung eines
+Bedrfnisses der empirischen Sinnlichkeit _a posteriori_ berechtigt ist,
+erwartet eine bernatrliche Wirkung in der Sinnenwelt. Ist diese auch
+berhaupt mglich? ist es berhaupt gedenkbar, da etwas _auer_ der
+Natur eine Kausalitt _in_ der Natur habe? knnte man dabei noch fragen:
+und wir beantworten diese Frage, um theils in die noch immer dunkle
+Lehre von der Mglichkeit des Beisammenstehens der Nothwendigkeit nach
+Natur-, und der Freiheit nach Moralgesetzen, wenigstens fr unsre
+gegenwrtige Absicht, wo mglich, etwas mehr Licht zu bringen, theils um
+aus ihrer Errterung eine fr die Berichtigung des Begriffs der
+Offenbarung nicht unwichtige Folge herzuleiten.
+
+Da es berhaupt mglich seyn msse, ist erstes Postulat, das die
+praktische Vernunft _a priori_ macht, indem sie das bernatrliche in
+uns, unser oberes Begehrungsvermgen, bestimmt, Ursache auer sich in
+der Sinnenwelt, entweder der in uns, oder der auer uns zu werden,
+welches hier Eins ist.
+
+Es ist aber vor's erste zu erinnern, da es ganz zweierlei ist, ob wir
+sagen: der Wille, als oberes Begehrungsvermgen, ist frei; denn wenn das
+letztere heit, wie es denn das heit, er steht nicht unter
+Naturgesetzen, so ist dies sogleich einleuchtend, weil er, als oberes
+Vermgen, gar kein Theil der Natur, sondern etwas bersinnliches
+ist: -- oder ob wir sagen: eine solche Bestimmung des Willens wird
+Kausalitt in der Sinnenwelt; wo wir allerdings fordern, da etwas, das
+unter Naturgesetzen steht, durch etwas, das kein Theil der Natur ist,
+bestimmt werden soll, welches sich zu widersprechen und den Begriff von
+der Naturnothwendigkeit aufzuheben scheint, der doch den Begriff einer
+Natur berhaupt erst mglich macht.
+
+Hierauf ist vor's erste berhaupt zu erinnern, da, so lange die Rede
+von bloer Naturerklrung ist, es uns schlechterdings nicht erlaubt ist,
+eine Kausalitt durch Freiheit anzunehmen, weil die ganze
+Naturphilosophie von einer solchen Kausalitt nichts wei; und
+hinwiederum, so lange die Rede von bloer Bestimmung des obern
+Begehrungsvermgens ist, es gar nicht nthig ist, auf die Existenz
+einer Natur berhaupt Rcksicht zu nehmen. Beide Kausalitten, die des
+Natur- und die des Moralgesetzes, sind sowohl der Art ihrer Kausalitt,
+als ihrer Objekte nach, unendlich verschieden. Das Naturgesetz gebietet
+mit absoluter Nothwendigkeit, das Moralgesetz befiehlt der Freiheit; das
+erstere beherrscht die Natur, das zweite die Geisterwelt. _Mu_, das
+Losungswort des ersten, und _Soll_, das Losungswort des zweiten, reden
+von ganz verschiednen Dingen, und knnen sich, auch einander
+entgegengesetzt, nicht widersprechen, denn sie begegnen sich nicht.
+
+Ihre Wirkungen in der Sinnenwelt aber begegnen sich, und drfen sich
+auch nicht widersprechen, wenn nicht entweder Naturerkenntni von der
+einen, oder die durch die praktische Vernunft geforderte Kausalitt der
+Freiheit in der Sinnenwelt von der andern Seite unmglich seyn soll. Die
+Mglichkeit dieser bereinkunft zweier von einander selbst gnzlich
+unabhngiger Gesetzgebungen lt sich nun nicht anders denken, als durch
+ihre gemeinschaftliche Abhngigkeit von einer obern Gesetzgebung, welche
+beiden zum Grunde liegt, die fr uns aber gnzlich unzugnglich ist.
+Knnten wir das Princip derselben einer Weltanschauung zum Grunde legen,
+so wrde nach ihm, eine, und eben dieselbe Wirkung, die uns auf die
+Sinnenwelt bezogen nach dem Moralgesetze als _frei_, und auf Kausalitt
+der Vernunft zurckgefhrt, in der Natur als _zufllig_ erscheint, als
+vllig nothwendig erkannt werden. Da wir aber dies nicht knnen, so
+folgt daraus offenbar, da wir, sobald wir auf eine Kausalitt durch
+Freiheit Rcksicht nehmen, nicht alle Erscheinungen in der Sinnenwelt
+nach bloen Naturgesetzen als nothwendig, sondern viele nur als zufllig
+annehmen mssen; und da wir sonach nicht alle _aus_ den Gesetzen der
+Natur, sondern manche blos _nach_ Naturgesetzen erklren drfen. _Etwas
+blos nach Naturgesetzen erklren_ aber heit: die Kausalitt der Materie
+der Wirkung auer der Natur; die Kausalitt der Form der Wirkung aber in
+der Natur annehmen. _Nach_ den Gesetzen der Natur mssen sich alle
+Erscheinungen in der Sinnenwelt erklren lassen, denn sonst knnten sie
+nie ein Gegenstand der Erkenntni werden.
+
+Lat uns jetzt diese Grundstze auf jene erwartete bernatrliche
+Einwirkung Gottes in die Sinnenwelt anwenden. Gott ist, laut der
+Vernunftpostulate, als dasjenige Wesen zu denken, welches die Natur dem
+Moralgesetze gem bestimmt. In ihm also ist die Vereinigung beider
+Gesetzgebungen, und seiner Weltanschauung liegt jenes Princip, von
+welchem sie beide gemeinschaftlich abhngen, zum Grunde. Ihm ist also
+nichts natrlich, und nichts bernatrlich, nichts nothwendig, und
+nichts zufllig, nichts mglich, und nichts wirklich. Soviel knnen wir
+negativ, durch die Gesetze _unsers_ Denkens genthigt, sicher behaupten;
+wenn wir aber positiv die Modalitt seines Verstandes bestimmen wollten,
+so wrden wir transscendent. Es kann also die Frage gar nicht davon
+seyn, wie _Gott_ eine bernatrliche Wirkung in der Sinnenwelt sich als
+mglich denken, und wie er sie wirklich machen knne; sondern wie _wir_
+uns eine Erscheinung als durch eine bernatrliche Kausalitt Gottes
+gewirkt denken knnen?
+
+Wir sind durch unsre Vernunft genthigt, das ganze System der
+Erscheinungen, die ganze Sinnenwelt zuletzt von einer Kausalitt durch
+Freiheit nach Vernunftgesetzen, und zwar von der Kausalitt Gottes
+abzuleiten. Die ganze Welt ist fr uns bernatrliche Wirkung Gottes. Es
+liee sich also wol denken, da Gott die erste natrliche Ursache einer
+gewissen Erscheinung, die einer seiner moralischen Absichten gem war,
+gleich Anfangs (denn wir drfen hier ganz menschlich reden, da wir hier
+nicht objektive Wahrheiten, sondern subjektive Denkmglichkeiten
+aufstellen) in den Plan des Ganzen verflochten habe. Die Einwendung, die
+man dagegen gemacht hat: das heie durch einen Umweg thun, was man
+geradezu thun knne; grndet sich auf eine grobe Anthropomorphose, als
+ob Gott unter Zeitbedingungen stehe. In diesem Falle wrde die
+Erscheinung ganz und vollkommen aus den Gesetzen der Natur, bis zum
+bernatrlichen Ursprnge der ganzen Natur selbst, erklrt werden
+knnen, wenn wir dieselbe im Zusammenhange bersehen knnten; und
+dennoch wre sie auch zugleich, als durch die Kausalitt eines
+gttlichen Begriffs vom moralischen dadurch zu erreichenden Zwecke
+bewirkt, anzusehen.
+
+Oder wir knnten fr's zweite annehmen, Gott habe wirklich in die schon
+angefangne, und nach Naturgesetzen fortlaufende Reihe der Ursachen und
+Wirkungen einen Eingriff gethan, und durch unmittelbare Kausalitt
+seines moralischen Begriffs eine andre Wirkung hervorgebracht, als durch
+die bloe Kausalitt der Naturwesen nach Naturgesetzen wrde erfolgt
+seyn; so haben wir hierdurch wieder nicht bestimmt, bei _welchem_ Gliede
+der Kette er eingreifen sollte, ob eben bei dem der beabsichtigten
+Wirkung unmittelbar vorhergehenden, oder ob er es nicht auch bei einem
+der Zeit und den Zwischenwirkungen nach vielleicht sehr weit von ihr
+entfernten thun konnte. Nehmen wir den zweiten Fall an, so werden wir,
+wenn wir die Naturgesetze durchaus kennen, die Erscheinung, von der die
+Rede ist, nach Naturgesetzen richtig aus der vorhergehenden, und diese
+wieder aus der vorhergehenden, und so vielleicht ins Unendliche fort,
+erklren knnen, bis wir endlich freilich auf eine Wirkung stoen, die
+wir nicht mehr aus, sondern blos nach Naturgesetzen erklren knnen.
+Gesetzt aber, wir knnten oder wollten dieser Reihe der natrlichen
+Ursachen nur bis auf einen gewissen Punkt nachspren; so wre es sehr
+mglich, da innerhalb dieser uns gesetzten Grenzen jene nicht mehr
+natrlich zu erklrende Wirkung nicht fiele: aber wir wren dadurch noch
+gar nicht berechtiget, zu schlieen, da die untersuchte Erscheinung
+berhaupt nicht durch eine bernatrliche Kausalitt bewirkt seyn
+knnte. Nur im ersten Falle also wrden wir sogleich von der Erscheinung
+aus auf eine aus Naturgesetzen nicht zu erklrende Kausalitt stoen,
+die es uns theoretisch mglich machte, eine bernatrliche fr sie
+anzunehmen.
+
+Aber will Gott nicht, da der sinnliche Mensch, gegen welchen er sich
+durch diese Wirkung als Urheber der Offenbarung legitimirt, sie fr
+bernatrlich anerkennen solle? Es wrde nicht anstndig seyn, zu sagen,
+Gott wolle, da wir jenen falschen Schlu machen sollten, auf welchen
+eine _theoretische Anerkennung_ einer Erscheinung in der Natur, als
+durch eine Kausalitt auer ihr bewirkt, sich nach obiger Errterung
+offenbar grndet. Aber da sie denn auch nicht berzeugung, welches sie
+nicht kann, sondern nur Aufmerksamkeit begrnden soll, so ist es fr
+diese Absicht vllig hinreichend, wenn wir es inde, bis wir der
+moralischen berzeugung fhig sind, theoretisch nur fr _mglich_
+annehmen, da sie durch bernatrliche Kausalitt bewirkt worden seyn
+_knne_, und dazu (um es _theoretisch_ mglich zu denken, denn um es
+moralisch _mglich_ zu finden, gehrt laut obiger Errterung auch nicht
+einmal das,) gehrt weiter nichts, als da _wir_ keine natrliche
+Ursachen dieser Erscheinung sehen. Denn es ist der Vernunft ganz gem
+gedacht: wenn ich eine Begebenheit nicht aus Naturursachen erklren
+kann, so kommt dies entweder daher, weil ich die Naturgesetze, nach
+denen sie mglich ist, nicht kenne, oder daher, weil sie nach
+dergleichen Gesetzen berhaupt nicht mglich ist[19]. -- Wen fat nun
+hier dieses _Wir_ in sich? Offenbar diejenigen, und nur sie, welche in
+dem Plane der zu erregenden Aufmerksamkeit befat sind. Gesetzt also,
+man knnte, nachdem dieser Zweck erreicht, und die Menschheit zur
+Fhigkeit eines moralischen Glaubens an die Gttlichkeit einer
+Offenbarung erhoben ist, durch erhhte Einsicht in die Gesetze der Natur
+zeigen, da gewisse fr bernatrlich gehaltne Erscheinungen, auf welche
+diese Offenbarung sich grndet, aus Naturgesetzen vllig erklrbar
+seyen; so wrde blos hieraus, wann nur diesem Irrthume nicht
+wilkhrlicher geflissentlicher Betrug, sondern blos unwillkhrliche
+Tuschung zum Grunde gelegen, gegen die mgliche Gttlichkeit einer
+solchen Offenbarung gar nichts gefolgert werden knnen: da eine Wirkung,
+besonders wenn sie dem Urgrunde aller Naturgesetze zugeschrieben wird,
+gar wohl vllig natrlich, und doch zugleich bernatrlich, d. i. durch
+die Kausalitt seiner Freiheit, gem dem Begriffe einer moralischen
+Absicht, gewirkt seyn kann.
+
+Das Resultat des hier gesagten ist, da, so wenig es dem dogmatischen
+Vertheidiger des Offenbarungsbegriffs erlaubt werden drfe, aus der
+Unerklrbarkeit einer gewissen Erscheinung aus Naturgesetzen auf eine
+bernatrliche Kausalitt, und wol gar geradezu auf die Kausalitt
+Gottes zu schlieen; eben so wenig sey es dem dogmatischen Gegner
+desselben zu verstatten, aus der Erklrbarkeit eben dieser Erscheinungen
+aus Naturgesetzen zu schlieen, da sie weder durch bernatrliche
+Kausalitt berhaupt, noch insbesondre durch Kausalitt Gottes mglich
+seyen. Die ganze Frage darf gar nicht dogmatisch, nach theoretischen
+Principien, sondern sie mu moralisch, nach Principien der praktischen
+Vernunft, errtert werden, wie sich aus allem bisher gesagten zur
+Gnge[TN11] ergiebt; wie dieses aber geschehen msse, wird im Verfolge
+dieser Abhandlung gezeigt werden.
+
+
+. 10.
+
+_Kriterien der Gttlichkeit einer Offenbarung ihrer Form nach._
+
+Um uns von der Mglichkeit, da eine gegebne Offenbarung von Gott sey,
+vernnftig berzeugen zu knnen, mssen wir sichere Kriterien dieser
+Gttlichkeit haben. Da der Begriff einer Offenbarung _a priori_ mglich
+ist, so ist es dieser Begriff selbst, an den wir eine _a posteriori_
+gegebne Offenbarung halten mssen, d. i. von diesem Begriffe mssen
+sich die Kriterien ihrer Gttlichkeit ableiten lassen.
+
+Wir haben bisher den Begriff der Offenbarung, blos ihrer Form nach,
+insofern diese religis seyn muss, mit gnzlicher Abstraktion vom
+mglichen Inhalte einer _in concreto_ gegebnen Offenbarung, errtert;
+wir haben also vor jetzt nur die Kriterien der Gttlichkeit einer
+Offenbarung in Absicht ihrer Form festzusetzen. An der Form einer
+Offenbarung aber, d. i. an einer bloen Ankndigung Gottes als
+moralischen Gesetzgebers durch eine bernatrliche Erscheinung in der
+Sinnenwelt, knnen wir zweierlei unterscheiden, nemlich das _uere_
+derselben, d. i. die Umstnde, unter welchen, und die Mittel, durch
+welche diese Ankndigung geschah, und dann das _innere_, d. i. die
+Ankndigung selbst.
+
+Der Begriff der Offenbarung _a priori_ setzt ein empirisch gegebnes
+moralisches Bedrfni derselben voraus, ohne welches sich die Vernunft
+eine Veranstaltung der Gottheit, die dann berflssig, und gnzlich
+zwecklos war, nicht als moralisch mglich denken konnte, und die
+empirische Deduktion der Bedingungen der Wirklichkeit dieses Begriffs
+entwickelte dieses Bedrfni. Es mu also gezeigt werden knnen, da zur
+Zeit der Entstehung einer Offenbarung, die auf einen gttlichen Ursprung
+Anspruch macht, dieses Bedrfni wirklich da gewesen, und da nicht
+schon eine andere, alle Kriterien der Gttlichkeit an sich tragende
+Religion unter eben den Menschen, denen sich diese bestimmte, vorhanden,
+oder ihnen leicht durch natrliche Mittel mitzutheilen war. _Eine
+Offenbarung, von der dies gezeigt werden kann, kann von Gott seyn: eine,
+von der das Gegentheil gezeigt werden kann, ist sicher nicht von
+Gott._ -- Es ist nthig, dieses Kriterium ausdrcklich festzusetzen, um
+aller Schwrmerei und allen mglichen unberufenen Inspirirten jetziger
+oder knftiger Zeiten, Einhalt zu thun. Ist eine Offenbarung, ihrem
+Inhalte nach, verflscht, so ist es Pflicht und Recht jedes tugendhaften
+Mannes, ihr ihre ursprngliche Reinigkeit wiederzugeben, aber dazu
+bedarf es keiner neuen gttlichen Autoritt, sondern bloer Berufung auf
+die schon vorhandne, und Entwickelung der Wahrheit aus unserm
+moralischen Gefhle. Auch wird durch dieses Kriterium nicht schlechthin
+die Mglichkeit zweier zugleich existirender gttlicher Offenbarungen
+geleugnet, wenn die Besitzer derselben nur nicht in der Lage sind, sie
+sich mitzutheilen.
+
+Gott soll Ursache der Wirkungen seyn, durch welche die Offenbarung
+geschieht. Alles aber, was unmoralisch ist, widerspricht dem Begriffe
+von Gott. _Jede Offenbarung also, die sich durch unmoralische Mittel
+angekndigt, behauptet, fortgepflanzt hat, ist sicher nicht von
+Gott._ -- Es ist allemal, die Absicht mag seyn, welche sie wolle,
+unmoralisch, zu betrgen. Untersttzt also ein angeblich gttlicher
+Gesandter seine Autoritt durch Betrug, so kann das Gott nicht gewollt
+haben. berdies bedarf ein wirklich von Gott untersttzter Prophet
+keines Betrugs. Er fhrt nicht seine Absicht, sondern die Absicht Gottes
+aus, und kann es also Gott vllig berlassen, in wie weit, und wie er
+diese Absicht untersttzen wolle. Aber, knnte man noch sagen, der Wille
+des gttlichen Gesandten ist frei, und er kann, vielleicht aus
+wohlmeinender Absicht, mehr thun wollen, als ihm aufgetragen ist, die
+Sache noch mehr beglaubigen wollen, als sie schon beglaubigt ist, und
+dadurch zum Betruge hingerissen werden; und dann ist nicht Gott, sondern
+der Mensch, dessen er sich bediente, Ursache dieses Betruges. -- Wir
+drfen nicht berhaupt leugnen, da sich Gott nicht unmoralischer, oder
+moralisch schwacher Menschen zur Ausbreitung einer Offenbarung bedienen
+knne; denn wie, wenn keine andere da sind? und es werden, wo das
+hchste Bedrfni der Offenbarung vorhanden ist, allerdings keine andere
+seyn. Aber er darf ihnen, wenigstens in Verrichtung seines Auftrags, den
+Gebrauch unmoralischer Mittel auch nicht zulassen; er mte es durch
+seine Allmacht verhindern, wenn ihr freier Wille sich dahin lenkte. Denn
+wenn der Betrug entdeckt wrde, -- und jeder Betrag kann es, -- so sind
+zwei Flle mglich. Entweder die erregte Aufmerksamkeit verschwindet,
+und an ihre Stelle tritt der Verdru, sich getuscht zu sehen, und das
+Mistrauen gegen alles, was aus diesen oder hnlichen Quellen kommt,
+welches dem bei dieser Anstalt berhaupt beabsichtigten Zwecke
+widerspricht: oder wenn die Lehre schon autorisirt genug ist, so wird
+dadurch auch der Betrug autorisirt; jeder hlt sich fr vllig erlaubt,
+was ein gttlicher Gesandter sich erlaubte; welches der Moralitt, und
+dem Begriffe aller Religion widerspricht.
+
+Der Endzweck jeder Offenbarung ist reine Moralitt. Diese ist nur durch
+Freiheit mglich, und lt sich also nicht erzwingen. Nicht nur sie
+aber, sondern auch die Aufmerksamkeit auf Vorstellungen, welche dahin
+abzwecken, das Gefhl fr sie zu entwickeln, und die Bestimmung des
+Willens beim Widerstreite der Neigung zu erleichtern, lt sich nicht
+erzwingen, sondern Zwang ist ihr vielmehr entgegen. Keine gttliche
+Religion also mu durch Zwang oder Verfolgung sich angekndigt oder
+ausgebreitet haben: denn Gott kann sich keiner zweckwidrigen Mittel
+bedienen, oder den Gebrauch solcher Mittel bei Absichten, die die
+seinigen sind, auch nur zulassen, weil sie dadurch gerechtfertiget
+wrden. Jede Offenbarung also, die durch Verfolgung sich angekndigt
+und befestigt hat, ist sicher nicht von Gott. _Diejenige Offenbarung
+aber, die sich keiner andern, als moralischer Mittel, zu ihrer
+Ankndigung und Behauptung bedient hat, kann von Gott seyn._ Dies sind
+die Kriterien der Gttlichkeit einer Offenbarung in Rcksicht auf ihre
+uere Form. Wir gehen zu denen der Innern fort.
+
+Jede Offenbarung soll Religion begrnden, und alle Religion grndet sich
+auf den Begriff Gottes, als moralischen Gesetzgebers. Eine Offenbarung
+also, die uns ihn als etwas anderes ankndigt, welche uns etwa
+theoretisch sein Wesen kennen lehren will, oder ihn als politischen
+Gesetzgeber aufstellt, ist wenigstens das nicht, was wir suchen, sie ist
+nicht geoffenbarte _Religion. Jede Offenbarung also mu uns Gott als
+moralischen Gesetzgeber ankndigen, und nur von derjenigen, deren Zweck
+das ist, knnen wir aus moralischen Grnden glauben, da sie von Gott
+sey._
+
+Der Gehorsam gegen die moralischen Befehle Gottes kann sich nur auf
+Verehrung, und Achtung fr seine Heiligkeit grnden, weil er nur in
+diesem Falle rein moralisch ist. _Jede Offenbarung also, die uns durch
+andre Motiven_, z. B. _durch angedrohte Strafen, oder versprochne
+Belohnungen, zum Gehorsam bewegen will, kann nicht von Gott seyn_, denn
+dergleichen Motiven widersprechen der reinen Moralitt. -- Es ist zwar
+sicher, und wird weiter unten ausgefhrt werden, da eine Offenbarung
+die Verheiungen des Moralgesetzes, als Verheiungen Gottes, entweder
+ausdrcklich enthalten, oder uns auf ihre Aufsuchung in unserm eignen
+Herzen hinleiten knne. Aber sie mssen nur als Folgen, und nicht als
+Motive aufgestellt werden[20].
+
+
+. 11.
+
+_Kriterien der Gttlichkeit einer Offenbarung in Absicht ihres mglichen
+Inhalts (materiae revelationis)._
+
+Das Wesentliche der Offenbarung berhaupt ist Ankndigung Gottes als
+moralischen Gesetzgebers, durch eine bernatrliche Wirkung in der
+Sinnenwelt. Eine _in concreto_ gegebne Offenbarung kann Erzhlungen von
+dieser, oder diesen Wirkungen, Mitteln, Anstalten, Umstnden, u. s. w.
+enthalten. Alles, was dahin einschlgt, gehrt zur uern Form der
+Offenbarung, und steht unter derselben Kriterien. Wohin durch diese
+Ankndigung des Gesetzgebers das Gesetz selbst, seinem Inhalte nach,
+gesetzt werde, bleibt dadurch noch gnzlich unentschieden. Sie kann uns
+geradezu an unser Herz verweisen: oder sie kann auch das, was dieses uns
+sagen wrde, noch besonders als Aussage Gottes aufstellen, und es nun
+uns selbst berlassen, das letztere mit dem erstem zu vergleichen. Die
+Ankndigung Gottes als Gesetzgebers wrde, in Worte verfat, so heien:
+Gott ist moralischer Gesetzgeber; und da wir sie in Worte verfassen
+mssen, so knnen wir auch dies einen _Inhalt_, nemlich den _der
+Ankndigung_ an sich selbst, die _Bedeutung der Form der Offenbarung_
+nennen. Wird uns aber auer diesem noch mehr gesagt, so ist dies der
+_Inhalt der Offenbarung_. Das erstere knnen wir _a priori_ uns zwar
+denken, und wenn _a posteriori_ uns das Bedrfni gegeben wird,
+wnschen, und erwarten; aber nie selbst realisiren, sondern die
+Realisirung dieses Begriffs mu durch ein Faktum in der Sinnenwelt
+geschehen; wir knnen also nie _a priori_ wissen, wie und auf welche Art
+die Offenbarung wird gegeben werden. Das zweite, da nemlich eine
+Offenbarung berhaupt einen Inhalt haben werde, knnen wir _a priori_
+nicht erwarten, denn es gehrt nicht zum Wesen der Offenbarung; aber
+dagegen knnen wir vllig _a priori_ wissen, welches dieser Inhalt seyn
+kann: und hiermit stehen wir denn sogleich bei der Frage: Knnen wir von
+einer Offenbarung Belehrungen und Aufklrungen erwarten, auf die unsre
+sich selbst berlassene, und durch keine bernatrliche Hlfe geleitete
+Vernunft nicht etwa blos unter den zuflligen Bedingungen, unter denen
+sie sich befunden hat, und befindet, sondern berhaupt ihrer Natur nach
+nie wrde haben kommen knnen? und wir knnen desto ruhiger zu ihrer
+Beantwortung schreiten, da wir, im Falle da, wir sie verneinen mten,
+nach obiger Deduktion, laut welcher es uns eigentlich um die Form der
+Offenbarung zu thun war, nicht mehr den Einwurf zu befrchten haben: die
+Offenbarung sey berhaupt berflssig, wenn sie uns nichts neues habe
+lehren knnen.
+
+Diese blos aus bernatrlichen Quellen zu schpfenden Belehrungen
+knnten entweder Erweiterung unsrer theoretischen Erkenntni des
+bersinnlichen, oder nhere Bestimmung unsrer Pflichten zum Gegenstnde
+haben. Also, Erweiterung unsrer theoretischen Erkenntni knnten wir von
+einer Offenbarung erwarten? Die Beantwortung dieser Frage grndet sich
+auf folgende zwei: ist eine solche Erweiterung _moralisch_ mglich,
+d. i. streitet sie nicht gegen reine Moralitt? und dann, ist sie
+_physisch_ mglich, widerspricht sie nicht etwa der Natur der Dinge? und
+endlich, widerspricht sie nicht etwa dem Begriffe der Offenbarung, und
+folglich sich selbst[TN12]? --
+
+Ist sie moralisch mglich? Die Ideen vom bersinnlichen, die durch die
+praktische Vernunft realisirt werden, sind _Freiheit, Gott,
+Unsterblichkeit_. Da wir, in Absicht unsers obern Begehrungsvermgens,
+frei sind, d. i. da wir ein oberes von Naturgesetzen unabhngiges
+Begehrungsvermgen haben, ist unmittelbare _Thatsache_. Was wir in
+Absicht des Begriffs von Gott zur moralischen Willensbestimmung
+bedrfen, da ein Gott _sey_, da er der _alleinheilige_, der
+_alleingerechte_, der _allmchtige_, der _allwissende_, der oberste
+Gesetzgeber und Richter aller vernnftigen Wesen sey, ist unmittelbar
+durch unsre moralische Bestimmung, den Endzweck des Sittengesetzes zu
+wollen, uns zu glauben auferlegt. Da wir _unsterblich_ seyn mssen,
+folgt unmittelbar aus der Anforderung das hchste Gut zu realisiren, an
+unsre endliche Naturen, welche als solche nicht fhig sind dieser
+Forderung genugzuthun, aber dazu immer fhiger werden _sollen_, und es
+also _knnen_ mssen. Was wollen wir ber diese Ideen noch weiter
+wissen? Wollen wir die Verbindung des Naturgesetzes, und des fr die
+Freiheit im bersinnlichen Substrat der Natur, erblicken? Wenn wir
+nicht zugleich die Kraft erhalten, die Gesetze der Natur durch unsre
+Freiheit zu beherrschen, so kann dies nicht den geringsten praktischen
+Nutzen fr uns haben; wenn wir sie aber erhalten, so hren wir auf
+endliche Wesen zu seyn, und werden Gtter. Wollen wir einen _bestimmten_
+Begriff von Gott haben; sein Wesen, wie es _an sich ist_, erkennen? Das
+wird reine Moralitt nicht nur nicht befrdern, sondern sie hindern. Ein
+unendliches Wesen, das wir erkennen, das in seiner ganzen Majestt vor
+unsern Augen schwebt, wird uns mit Gewalt treiben, und drngen, seine
+Befehle zu erfllen; die Freiheit wird aufgehoben werden; die sinnliche
+Neigung wird auf ewig verstummen, wir werden alles Verdienst, und alle
+bung, Strkung, und Freude durch den Kampf, verlieren, und aus freien
+Wesen mit eingeschrnkten Kenntnissen, moralische Maschinen mit
+erweiterten Kenntnissen geworden seyn. Wollen wir endlich alle die
+Bestimmungen unsrer knftigen Existenz schon jetzt durchdringen? Das
+wird uns theils aller Empfindungen der Glckseligkeit, die die
+allmhliche Verbesserung unsers Zustandes uns geben kann, berauben; wir
+werden auf einmal verschwelgen, was uns fr eine ewige Existenz bestimmt
+ist; theils werden die uns vorschwebenden Belohnungen uns wieder zu
+krftig bestimmen, und uns Freiheit, Verdienst, und Selbstachtung
+nehmen. Alle solche Kenntnisse werden unsre Moralitt nicht vermehren,
+sondern vermindern, und das kann Gott nicht wollen; es ist also
+moralisch unmglich. Und ist es physisch mglich? Widerstreitet es nicht
+etwa gar den Gesetzen der Natur, d. i. _unsrer_ Natur, an welche diese
+Belehrungen gegeben werden sollen? Mgliche Belehrungen einer
+Offenbarung an uns ber das bersinnliche mssen unserm
+Erkenntnivermgen angemessen seyn, sie mssen unter den Gesetzen unsers
+Denkens stehen. Diese Gesetze sind die Kategorien, ohne welche uns keine
+bestimmte Vorstellung mglich ist. Wren sie demselben nicht angemessen,
+so wre der ganze Unterricht fr uns verloren, er wre uns
+schlechterdings unverstndlich und unbegreiflich, und es wre vllig so
+gut, als ob wir ihn nicht htten. Wren sie ihm angemessen, so wrden
+die bersinnlichen Gegenstnde in die sinnliche Welt herabgezogen, das
+bernatrliche wrde zu einem Theile der Natur gemacht. Ich untersuche
+hier nicht, ob eine solche fr objektiv gltig gegebne Versinnlichung
+nicht der praktischen Vernunft widerspreche, das wird weiter unten klar
+werden: aber das ist sogleich klar, da wir dadurch eine Erkenntni
+eines bersinnlichen bekmen, das kein bersinnliches wre, da wir also
+unsern Zweck, in die Welt der Geister eingefhrt zu werden, nicht
+erreichten, sondern selbst diejenige richtige Einsicht in dieselbe, die
+uns von der praktischen Vernunft aus mglich ist, verlhren.
+Widerspricht endlich eine solche Erwartung nicht etwa der Natur der
+Offenbarung?[21] Da Belehrungen dieser Art an unsere durch das
+Moralgesetz bestimmte Vernunft gar nicht gehalten werden knnten, um sie
+an ihr zu versuchen, ob sie mit derselben bereinkmen, oder nicht,
+indem sie auf _diesen Principien_ sich gar nicht grndeten (denn wenn
+sie sich darauf grndeten, so mte unsre sich selbst berlassene
+Vernunft ohne alle fremde Beihlfe darauf haben kommen knnen); so
+knnte der Glaube an ihre Wahrheit sich auf nichts grnden, als etwa auf
+die gttliche _Autoritt_, auf welche eine Offenbarung sich beruft. Nun
+aber findet fr diese gttliche Autoritt selbst kein andrer
+Glaubensgrund statt, als die _Vernunftmigkeit_ (die bereinstimmung
+nicht mit der vernnftelnden, sondern mit der moralischglubigen
+Vernunft,) der Lehren, die auf sie gegrndet werden: mithin _kann diese
+gttliche Autoritt nicht selbst wieder Beglaubigungsgrund dessen seyn,
+was erst der ihrige werden soll_. -- Wenn ein andrer Weg gedenkbar wre,
+zur vernnftigen Anerkennung der Gttlichkeit einer Offenbarung zu
+kommen, als dieser, wenn z. B. Wunder oder Weissagungen, d. h. wenn
+berhaupt die Unerklrbarkeit einer Begebenheit aus natrlichen Ursachen
+uns berechtigen knnte, ihren Ursprung der unmittelbaren Kausalitt
+Gottes zuzuschreiben, welcher Schlu aber, wie oben gezeigt ist,
+offenbar falsch seyn wrde, so liee sich denken, wie unsre dadurch
+begrndete berzeugung von der Gttlichkeit einer gegebnen Offenbarung
+berhaupt unsern Glauben an jede ihrer einzelnen Belehrungen begrnden
+knnte. Da aber dieser Glaube an die Gttlichkeit einer Offenbarung
+berhaupt nur durch den Glauben an jede ihrer einzelnen Aussagen mglich
+ist, so kann keine Offenbarung, als solche, irgend einer Behauptung die
+Wahrheit versichern, die sich dieselbe nicht selbst versichern kann. An
+keine nur durch Offenbarung mgliche Belehrung ist also vernnftiger
+Weise ein Glaube mglich; und jede Anforderung von dieser Art wrde der
+Mglichkeit des Frwahrhaltens, das bei einer Offenbarung Statt hat,
+folglich dem Begriffe der Offenbarung an sich, widersprechen. Wir
+drfen also das, was die Kritik uns von Seiten der sich selbst
+gelassenen theoretischen Vernunft vereitelte, einen bergang in die
+bersinnliche Welt, auch nicht von der Offenbarung erwarten; sondern wir
+mssen diese Hoffnung einer bestimmten Erkenntni derselben fr unsre
+gegenwrtige Natur ganz, und auf immer, und aus jeder Quelle
+aufgeben[22].
+
+Oder knnen wir von einer Offenbarung vielleicht praktische Maximen,
+Moralvorschriften erwarten, die wir von dem Princip aller Moral, aus und
+durch unsre Vernunft nicht auch selbst ableiten, konnten? Das
+Moralgesetz in uns ist die Stimme der reinen Vernunft, der Vernunft _in
+abstracto_. Vernunft kann sich nicht nur nicht widersprechen, sondern
+sie kann auch in verschiedenen Subjekten nichts verschiedenes aussagen,
+weil ihr Gebot die reinste Einheit ist, und also Verschiedenheit
+zugleich Widersprach seyn wrde. Wie die Vernunft zu _uns_ redet, redet
+sie zu allen vernnftigen Wesen, redet sie zu Gott selbst. Er kann uns
+also weder ein anderes Princip, noch Vorschriften fr besondere Flle
+geben, die sich auf ein anderes Princip grndeten, denn Er selbst ist
+durch kein anderes bestimmt. Die besondre Regel, die durch Anwendung des
+Princips auf einen besondern Fall entsteht, ist freilich nach den
+Fllen, in die das Subjekt seiner Natur nach kommen kann,
+verschieden[23], aber alle mssen sich durch eine und eben dieselbe
+Vernunft von einer und eben derselben Vernunft ableiten lassen. Ein
+anderes ists, ob _in concreto_ gegebne empirisch bestimmte Subjekte mit
+gleicher Richtigkeit und Leichtigkeit sie in besondern Fllen ableiten
+werden, und ob sie dabei nicht einer fremden Hlfe bedrfen knnen, die
+es -- nicht fr sie thue, und ihnen nun das Resultat auf ihre Autoritt
+als richtig hingebe; dies wrde, wenn die Regel auch richtig abgeleitet
+wre, doch nur Legalitt und nicht Moralitt begrnden; -- sondern die
+sie bei ihrer eignen Ableitung leite: aber dazu bedarf es keiner
+Offenbarung, sondern das kann und soll jeder weisere Mensch dem
+unweiseren leisten.
+
+Es ist also weder moralisch noch theoretisch mglich, da eine
+Offenbarung uns Belehrungen gebe, auf die unsre Vernunft nicht ohne sie
+htte kommen knnen und sollen; _und keine Offenbarung kann fr
+dergleichen Belehrungen Glauben fordern;_ denn einer Offenbarung um
+dieser einzigen Ursache willen den gttlichen Ursprung gnzlich
+ablugnen, wrde nicht Statt haben, da dergleichen vermeintliche
+Belehrungen, ob sie gleich vom Gesetze der praktischen Vernunft sich
+nicht ableiten lassen, ihm dennoch auch nicht nothwendig widersprechen
+mssen.
+
+Was kann sie aber denn enthalten, wenn sie nichts uns unbekanntes
+enthalten soll? Ohne Zweifel eben das, worauf uns die praktische
+Vernunft _a priori_ leitet: ein Moralgesetz, und die Postulate
+desselben.
+
+In Absicht der durch eine Offenbarung mglichen Moral ist schon oben die
+Unterscheidung gemacht worden, da dieselbe Offenbarung uns entweder
+geradezu auf das Gesetz der Vernunft in uns, als Gesetz Gottes,
+verweisen; oder, da sie sowol das Princip derselben an sich, als in
+Anwendung auf mgliche Flle, unter gttlicher Autoritt aufstellen
+knne.
+
+Geschieht das erstere, so enthlt eine solche Offenbarung keine Moral,
+sondern unsre eigne Vernunft enthlt die Moral derselben. Es ist also
+nur der zweite Fall, der hier in Untersuchung kmmt. Die Offenbarung
+stellt theils das Princip aller Moral in Worte gebracht, theils besondre
+durch Anwendung desselben auf empirisch bedingte Flle entstandene
+Maximen als Gesetze Gottes auf. Da das Princip der Moral richtig
+angegeben, d. i. dem des Moralgesetzes in uns vllig gem seyn msse,
+und da eine Religion, _deren Moralprincip diesem widerspricht, nicht
+von Gott seyn knne_, ist unmittelbar klar; so wie die Befugni, dieses
+Princip als Gesetz Gottes anzukndigen, schon zur Form einer Offenbarung
+gehrt, und zugleich mit ihr deducirt ist. In Absicht der besondern
+moralischen Vorschriften aber entsteht die Frage: soll eine Offenbarung
+jede dieser besondern Regeln von dem als gttliches Gesetz angekndigten
+Moralprincip ableiten, oder darf sie dieselben schlechthin, ohne weitern
+Beweis, auf die gttliche Autoritt grnden? -- Wenn die gttliche
+Autoritt, uns zu befehlen, nur blos auf seine Heiligkeit gegrndet ist,
+welches schon die Form jeder Religion, die gttlich seyn soll;
+erfordert, so ist Achtung fr seinen Befehl, _weil_ es sein Befehl ist,
+auch in besondern Fllen, nichts anders, als Achtung fr das Moralgesetz
+selbst. Eine Offenbarung darf dergleichen Gebote folglich schlechthin
+als Befehle Gottes, ohne weitere Deduktion vom Princip aufstellen. Eine
+andere Frage aber ists, ob nicht jede dieser besondern Vorschriften
+einer geoffenbarten Moral sich wenigstens hinterher vom Princip richtig
+deduciren lassen, und ob nicht jede Offenbarung am Ende uns doch an
+dieses Princip verweisen msse.
+
+Da wir uns von der Mglichkeit des gttlichen Ursprungs einer
+Offenbarung sowohl berhaupt, als jedes besondern Theils ihres Inhalts,
+nur durch die vllige bereinstimmung desselben mit der praktischen
+Vernunft berzeugen knnen; diese berzeugung aber bei einer besondern
+moralischen Maxime nur durch ihre Ableitung vom Princip aller Moral
+mglich ist, so folgt daraus unmittelbar, da jede in einer gttlichen
+Offenbarung als _moralisch_ aufgestellte Maxime sich von diesem Princip
+msse ableiten lassen. Nun wird zwar eine Maxime dadurch, da sie sich
+nicht davon _ableiten_ lt, noch nicht falsch, sondern es folgt daraus
+nur soviel, da sie nicht in das Feld der Moral gehre; sie kann aber
+etwa in das Gebiet der Theorie gehren, politisch, technisch, praktisch,
+oder dergl. seyn. So ist z. B. jener Ausspruch: Sollen wir bses thun,
+da gutes daraus komme? das sey ferne -- allgemeines moralisches Gebot,
+weil es sich vom Princip aller Moral deduciren lt, und das Gegentheil
+ihm widersprechen wrde: hingegen jene Maximen: So jemand mit dir
+rechten will um deinen Rock, dem la auch den Mantel, u. s. w., sind
+keine Moralvorschriften, sondern nur in besondern Fllen gltige Regeln
+der Politik, die als solche nicht lnger gelten, als so lange sie mit
+keiner Moralvorschrift in Kollision kommen, weil diesen alles
+untergeordnet werden mu. Wenn eine Offenbarung nun Regeln der letztern
+Art enthlt, so folgt daraus noch gar nicht, da darum die ganze
+Offenbarung nicht gttlich sey, und eben so wenig, da jene Regeln
+falsch seyen. -- Das hngt von anderweitigen Beweisen aus den
+Principien, unter denen sie stehen, ab -- sondern nur, da diese Regeln
+nicht zum Inhalte einer geoffenbarten Religion, als solcher, gehren,
+sondern ihren Werth anderwrtsher ableiten mssen. Eine Offenbarung
+aber, die Maximen enthlt, welche dem Princip aller Moral widersprechen,
+die z. B. frommen, oder nicht frommen Betrug, Unduldsamkeit gegen
+Andersdenkende, Verfolgungsgeist, die berhaupt andere Mittel zur
+Ausbreitung der Wahrheit, als Belehrung, autorisirt, ist sicher nicht
+von Gott, denn der Wille Gottes ist dem Moralgesetze gem, und was
+diesem widerspricht, kann er weder wollen, noch kann er zulassen, da
+jemand es als seinen Willen ankndige, der auerdem auf seinen Befehl
+handelt.
+
+Da zweitens alle besondre Flle, in denen Moralgesetze eintreten, durch
+einen endlichen Verstand unmglich _a priori_ vorherzusehn, noch durch
+einen unendlichen, der sie vorhersieht, endlichen Wesen mitzutheilen
+sind, folglich keine Offenbarung alle mgliche besondre Regeln der Moral
+enthalten kann, so mu sie uns doch noch zuletzt entweder an das
+Moralgesetz in uns, oder an ein von ihr als gttlich aufgestelltes
+allgemeines Princip desselben, welches mit jenem gleichlautend sey,
+verweisen. Dies gehrt schon zur Form, und eine Offenbarung, die dies
+nicht thut, kommt mit ihrem eignen Begriffe nicht berein, und ist keine
+Offenbarung. Ob sie das erstere, oder das letztere, oder beides thun
+wolle, darber ist _a priori_ kein Gesetz der Vernunft vorhanden.
+
+Das allgemeine Kriterium der Gttlichkeit einer Religion in Absicht
+ihres moralischen Inhalts ist also folgendes: _Nur diejenige
+Offenbarung, welche ein Princip der Moral, welches mit dem Princip der
+praktischen Vernunft bereinkommt, und lauter solche moralische Maximen
+aufstellt, welche sich davon ableiten lassen, kann von Gott seyn._
+
+Der zweite Theil des mglichen Inhalts einer Religion sind jene Stze,
+welche als Postulate der Vernunft gewi sind, und welche die Mglichkeit
+des Endzwecks des Moralgesetzes in sinnlich bedingbaren Wesen
+voraussetzt, welche also durch unsre Willensbestimmung zugleich mit
+gegeben, und durch welche hinwiederum gegenseitig unsre
+Willensbestimmung erleichtert wird. Diesen Theil des Inhalts einer
+Religion nennt man _Dogmatik_, und kann ihn ferner so nennen, wenn man
+dabei nur auf die Materie desselben, und nicht auf die Beweisart sieht,
+und sich nicht durch diese Benennung berechtigt glaubt zu
+_dogmatisiren_, d. i. diese Stze als objektiv gltig darzustellen. Da
+eine Offenbarung uns ber dieselben nichts weiter lehren knne, als was
+aus den Principien der reinen Vernunft folgt, ist schon oben erwiesen.
+Hier ist also blos noch die Frage zu errtern: worauf kann eine
+Offenbarung unsern Glauben an diese Wahrheiten grnden? Es sind nach
+obigen Errterungen noch folgende zwei Flle mglich: Entweder die
+Offenbarung leitet sie von dem Moralgesetze in uns, das sie als Gesetz
+Gottes aufstellt, ab, und giebt sie uns dadurch nur unmittelbar als
+Zusicherungen Gottes; oder sie stellt sie unmittelbar als
+Entschlieungen der Gottheit, entweder schlechthin als solche, oder als
+Entschlieungen seines durch das Moralgesetz bestimmten Wesens auf, ohne
+sie noch besonders von diesem Gesetze abzuleiten. Die erste Art der
+Begrndung unsers Glaubens ist dem Verfahren der Vernunft- und
+Naturreligion ganz gem, und die Rechtmigkeit desselben ist mithin
+auer Zweifel. Bei der zweiten entstehen folgende zwei Fragen: Thut es
+unsrer Freiheit, und also unsrer Moralitt nicht Abbruch, wenn wir die
+blos postulirten Verheiungen des Moralgesetzes als Verheiungen eines
+unendlichen Wesens ansehen; und -- mssen alle diese Zusicherungen sich
+nicht wenigstens hinterher vom Endzwecke des Moralgesetzes ableiten
+lassen? Was die erste anbelangt, so ist sogleich klar, da, wenn eine
+Offenbarung uns Gott nur als den Alleinheiligen, als den genauesten
+Abdruck des Moralgesetzes dargestellt hat, wie jede Offenbarung das
+soll, aller Glaube an Gott Glaube an das _in concreto_ dargestellte
+Moralgesetz ist. In Absicht des zweiten aber sind, wenn eine gewisse
+Lehre nicht vom Endzwecke des Moralgesetzes abzuleiten ist, wieder zwei
+Flle mglich; entweder, sie lt _sich blos nicht ableiten_, oder sie
+_widerspricht_ demselben.
+
+Widersprechen gewisse dogmatische Behauptungen dem Endzwecke des
+Moralgesetzes, so widersprechen sie dem Begriffe von Gott, und dem
+Begriffe aller Religion; _und eine Offenbarung, die dergleichen enthlt,
+kann nicht von Gott seyn._ Gott kann zu dergleichen Behauptungen nicht
+nur nicht berechtigen, sondern er kann sie, bei einem Zwecke, der der
+seinige ist, auch nicht einmal zulassen, weil sie seinem Zwecke
+widersprechen. Lassen sich aber einige nur nicht davon ableiten, ohne
+ihnen gerade zu widersprechen, so ist daraus noch nicht zu schlieen,
+da die ganze Offenbarung nicht von Gott seyn knne; denn Gott bedient
+sich des Dienstes von Menschen, welche irren, welche sich selbst ein
+Hirngespinst erdichten knnen, um es, vielleicht in wohlmeinender
+Absicht, neben gttliche Belehrungen zu stellen, und nach ihrer Meinung
+noch mehr gutes zu stiften; und es ist ihm nicht anstndig ihre Freiheit
+einzuschrnken, wenn sie nur nicht einen seinem Zwecke geradezu
+entgegenstehenden Gebrauch davon machen wollen: aber das folgt sicher,
+_da alles von dieser Art nicht Bestandtheil einer gttlichen
+Offenbarung, sondern menschlicher Zusatz ist_, von welchem wir keine
+weitere Notiz zu nehmen haben, als insofern sein Werth aus ndern
+Grnden erhellet. Dergleichen Stze knnen, da sie einer moralischen
+Absicht ganz unfhig sind, meist nur theoretische Aufschlsse
+versprechen: und wenn sie von bernatrlichen Dingen reden, werden sie
+meistens sich gar nicht denken, lassen, weil sie nicht unter den
+Bedingungen der Kategorien stehen knnen. Stnden sie, als objektive
+Behauptungen, darunter, so wrden sie sich nicht blos nicht ableiten
+lassen, sondern sie wrden dem Moralgesetze sogar widersprechen, wie im
+folgenden . dargethan werden wird.
+
+Eine Offenbarung kann endlich gewisse, mit grerer oder geringerer
+Feierlichkeit verbundene, in Gesellschaft oder fr sich allein zu
+gebrauchende Aufmunterungs- und Befrderungsmittel zur Tugend
+vorschlagen. Da alle Religion Gott nur als moralischen Gesetzgeber
+darstellt, so ist alles, was nicht Gebot des Moralgesetzes in uns ist,
+auch nicht das seinige, und es ist kein Mittel ihm zu gefallen, als
+durch Beobachtung desselben: diese Befrderungsmittel der Tugend mssen
+sich also nicht in die Tugend selbst, diese _Anempfehlungen_ derselben
+mssen sich nicht in _Gebote_, die uns eine Pflicht auflegen,
+verwandeln, es mu nicht zweideutig gelassen werden, ob man etwa auch
+durch den Gebrauch dieser Mittel, oder vielleicht _nur durch ihn_, sich
+den Beifall der Gottheit erwerben knne, sondern ihr Verhltni zu dem
+wirklichen Moralgesetze mu genau bestimmt werden. -- Wenn ein weises
+Wesen den Zweck will, will es auch die Mittel, knnte man sagen; aber es
+will sie nur, inwiefern sie wirklich Mittel sind und werden, und, -- da
+dieses in der Sinnenwelt anzuwendende Mittel sind, und wir mithin hier
+in den Bezirk, des Naturbegriffs kommen, -- es kann sie nur wollen,
+inwiefern sie in unsrer Macht stehen. Es ist z. B. sehr wahr, und jeder
+Beter erfhrt's, da das Gebet, es sey nun anbetende Betrachtung Gottes,
+oder Bitte oder Dank, unsre Sinnlichkeit krftig verstummen macht, und
+unser Herz mchtig zum Gefhl, und zur Liebe unsrer Pflichten
+emporhebt. Aber, wie knnen wir den kalten, keines Enthusiasmus fhigen
+Mann -- und es ist sehr mglich, da es deren gebe -- verbinden, seine
+Betrachtung bis zur Anbetung emporzuzwingen, und zu begeistern; wie
+knnen wir ihn nthigen, Ideen der Vernunft durch ihre Darstellung
+vermittelst der Einbildungskraft zu beleben, wenn subjektive Ursachen
+ihn dieser Fhigkeit beraubten, da dieselbe eine empirische Bestimmung
+ist; wie knnen wir ihn nthigen, irgend ein Bedrfni so stark zu
+fhlen, so innig zu begehren, da er sich vergesse dasselbe einem
+bernatrlichen Wesen mitzutheilen, von dem er kalt denkend erkennt, da
+er's ohne ihn wei, und da er's ohne ihm geben wird, wenn er's verdient
+und haben mu, und sein Bedrfni keine Einbildung ist? -- Dergleichen
+Befrderungsmittel sind also nur darzustellen als das, was sie sind, und
+nicht den durch das Moralgesetz unbedingt gebotnen Handlungen gleich zu
+setzen; sie sind nicht schlechthin zu gebieten, sondern dem, den sein
+Bedrfni zu ihnen treibt, blos anzuempfehlen; sie sind weniger Befehl,
+als Erlaubni. _Jede Offenbarung, die sie den Moralgesetzen gleichsetzt,
+ist sicher nicht von Gott;_ denn es widerspricht dem Moralgesetze,
+irgend etwas in gleichen Rang mit seinen Anforderungen zu setzen.
+
+Welche Wirkungen aber auf unsre moralische Natur darf eine Offenbarung
+von dergleichen Mitteln versprechen, blos natrliche, oder
+bernatrliche, d. i. solche, die nach den Gesetzen der Natur mit ihnen,
+als Wirkungen mit ihren Ursachen, nicht nothwendig verbunden sind,
+sondern bei Gelegenheit des Gebrauchs dieser Mittel, durch eine
+bernatrliche Ursache auer uns, gewirkt werden? Lat uns einen
+Augenblick das letztere annehmen, da nemlich unser Wille durch eine
+bernatrliche Ursache auer uns _dem Moralgesetze gem_ bestimmt
+werde. Nun aber ist keine Bestimmung, die nicht durch und mit Freiheit
+geschieht, dem Moralgesetze gem, folglich widerspricht diese Annahme
+sich selbst, und jede durch eine solche Bestimmung erfolgte Handlung
+wre nicht moralisch; knnte folglich weder das geringste Verdienst
+haben, noch auf irgend eine Art eine Quelle von Achtung und
+Glckseligkeit fr uns werden; wir wren in diesem Falle Maschinen, und
+nicht moralische Wesen, und eine dadurch hervorgebrachte Handlung wre
+in der Reihe unsrer moralischen schlechterdings Null. -- Wenn man aber
+dies auch zugeben mte, wie man es denn mu, so knnte man noch weiter
+sagen: eine solche Bestimmung sollte, bei Gelegenheit des Gebrauchs
+jener Mittel in uns hervorgebracht werden, nicht, um _unsre_ Moralitt
+zu erhhen, welches freilich nicht mglich wre, sondern um durch die
+in uns bernatrlich hervorgebrachte Wirkung eine Reihe in der
+Sinnenwelt hervorzubringen, die fr die Bestimmung _anderer_ moralischen
+Wesen, nach Gesetzen der Natur, Mittel wrde, und wobei _wir_ freilich
+bloe Maschinen wren: da aber Gott sich vielmehr unsrer, als andrer,
+dazu bediene, hange von der Bedingung des Gebrauchs jenes Mittels
+ab. -- Jetzt ununtersucht, was denn das fr einen Werth fr uns haben
+knne, ob eben _wir_ als Maschinen, oder ob andere Maschinen zur
+Befrderung des Guten gebraucht wrden; kann auch in dieser Absicht
+keine Offenbarung allgemeingltige Verheiungen von dieser Art geben,
+denn wenn jeder die Bedingung derselben erfllte, jeder dadurch eine
+fremde bernatrliche Kausalitt in sich veranlate, so wrden dadurch
+nicht nur alle Gesetze der Natur auer uns, sondern auch alle Moralitt
+in uns aufgehoben. -- Wir drfen aber nicht schlechthin lugnen, da
+nicht in besondern Fllen dergleichen Wirkungen in dem Plane der
+Gottheit gewesen seyn konnten, ohne das Princip der Offenbarung
+berhaupt zu lugnen; wir drfen eben so wenig lugnen, da nicht einige
+dieser Wirkungen an Bedingungen von Seiten der Werkzeuge knnten
+gebunden gewesen seyn, weil wir das nicht wissen knnen; aber wenn in
+einer Offenbarung Erzhlungen davon, Vorschriften, und Verheiungen
+hierber vorkommen, so gehren diese zur uern Form der Offenbarung,
+und nicht zum allgemeinen Inhalte derselben. Bestimmung durch
+bernatrliche Ursachen auer uns hebt die Moralitt auf; _jede Religion
+also, die unter irgend einer Bedingung dergleichen Bestimmungen
+verspricht, widerspricht dem Moralgesetze, und ist folglich sicher nicht
+von Gott._
+
+Es bleibt also der Offenbarung von dergleichen Mitteln nichts brig zu
+versprechen, als natrliche Wirkungen. -- So wie wir von
+Befrderungsmitteln der Tugend reden, sind wir im Gebiete des
+Naturbegriffs. Das Mittel ist in der sinnlichen Natur; das was dadurch
+bestimmt werden soll, ist die sinnliche Natur in uns; unsre unedlen
+Neigungen sollen geschwcht und unterdrckt, unsre edlern sollen
+gestrkt und erhht werden; die moralische Bestimmung des Willens soll
+dadurch nicht geschehen, sondern nur erleichtert werden. Alles also mu
+nothwendig wie Ursache und Wirkung zusammenhngen, und dieser
+Zusammenhang mu sich klar einsehen lassen. -- Es wird aber hierdurch
+nicht behauptet, da die Offenbarung in Anspruch genommen werden knne,
+diesen Zusammenhang zu zeigen. Der Zweck der Offenbarung ist praktisch,
+eine solche Deduktion aber theoretisch, und kann demnach dem eignen
+Nachdenken eines jeden berlassen werden. Jene kann sich begngen,
+diese Mittel, blos als von Gott anempfohlen, aufzustellen. Nur mu sich
+dieser Zusammenhang hinterher zeigen lassen; denn Gott, der unsre
+sinnliche Natur kennt, kann ihr keine Mittel der Besserung anpreisen,
+die den Gesetzen derselben nicht gem sind. Jede Offenbarung also,
+welche Mittel zur Befrderung der Tugend vorschlgt, von denen man nicht
+zeigen kann, wie sie natrlich dazu beitragen knnen, ist, wenigstens
+_inwiefern sie dies thut_, nicht von Gott. -- Wir drfen hier die
+Einschrnkung hinzusetzen: denn wenn solche Mittel nur nicht zu
+Pflichten gemacht werden; wenn nur nicht bernatrliche Wirkungen von
+ihnen versprochen werden; so ist ihre Anempfehlung nicht der Moral
+widersprechend, sie ist blos leer und unntz[24].
+
+
+. 12.
+
+_Kriterien der Gttlichkeit einer Offenbarung in Absicht der mglichen
+Darstellung dieses Inhalts._
+
+Da die Offenbarung berhaupt schon ihrer Form nach, fr das Bedrfni
+der Sinnlichkeit da ist, so ist es sehr wahrscheinlich, da sie sich
+auch in ihrer Darstellung zu derselben herablassen werde, wenn gezeigt
+werden sollte, da die Sinnlichkeit hierber besondre Bedrfnisse habe.
+Doch ist diese Darstellung so wenig das Wesentliche und
+Charakteristische einer Offenbarung, da wir sogar, wie oben gezeigt
+worden ist, _a priori_ nicht einmal fordern knnen, da sie einen Inhalt
+habe, oder berhaupt irgend etwas mehr thue, als da sie Gott fr den
+Urheber des Moralgesetzes ankndige.
+
+Die Sinnlichkeit berhaupt ist, wegen des Widerstrebens der Neigung, nur
+zu bereit, die Erfllung des Moralgesetzes fr unmglich zu halten, und
+das Gebot nicht, als fr _sich_ gegeben, anzuerkennen. Nun giebt zwar
+die Offenbarung dies Gesetz ausdrcklich an die Sinnlichkeit; aber doch
+redet in dem sinnlichen Menschen noch immer die Stimme der Pflicht,
+durch das Schreien der Begierde geschwcht, und durch die falschen
+Begriffe, die jene in Menge liefert, gedmpft, nur leise, wenn sie ber
+seine eigenen Handlungen sprechen soll -- wenn sie im eigentlichen
+Verstande _gebietend_ ist. Aber auch der rohsinnlichste Mensch hrt
+sie, wenn von Beurtheilung einer Handlung die Rede ist, bei welcher
+seine Neigung von keiner Seite mit in's Spiel gezogen wird. Und lernt er
+sie nur dadurch in sich unterscheiden, wird sie nur dadurch aus ihrer
+Unthtigkeit gezogen, und er mit ihr bekannter und vertrauter, so wird
+er endlich doch anfangen, auch an _sich_ zu hassen, was er an andern
+verabscheut, und sich selbst so zu wnschen, wie er andere
+fordert. -- Der Widersinn, alles um sich her gerecht haben, und nur
+allein ungerecht seyn zu wollen, ist zu auffallend, als da irgend ein
+Mensch sich ihn gern gestehen wolle. Bringe man ihn dahin, da, im Falle
+er ungerecht ist, er sich ihn gestehen msse! Wie kann dieser Zweck
+erreicht werden? Durch Aufstellung moralischer Beispiele. Die
+Offenbarung kann also ihre Moral in Erzhlungen einkleiden, und sie
+entspricht dem Bedrfni des Menschen nur um so besser, wenn sie es
+thut. Sie kann ungerechte Handlungen zur Verachtung, gerechte, besonders
+mit groen Aufopferungen und Anstrengungen durchgesetzte, zur
+Bewunderung und Nachahmung aufstellen. ber die Befugni einer
+Offenbarung, ihre Sittenlehre so vorzutragen, kann keine Frage
+entstehen: und da die von ihr als mustermig aufgestellten Handlungen
+rein moralisch, seyn mssen; da sie nicht etwa zweideutige, oder wohl
+gar offenbar schlechte Handlungen als gute rhmen, und Leute, die
+dergleichen verrichtet haben, als Muster anpreisen drfe, folgt aus dem
+Zwecke der Offenbarung. _Jede Offenbarung, die dieses thut, widerspricht
+dem Moralgesetze, und dem Begriffe von Gott, und kann folglich nicht
+gttlichen Ursprungs seyn._
+
+Eine Offenbarung hat die Vernunftideen, Freiheit, Gott, Unsterblichkeit
+darzustellen. -- Da der Mensch frei sey, lehrt jeden unmittelbar sein
+Selbstbewutseyn und er zweifelt um so weniger daran, je weniger er
+durch Vernnfteln sein natrliches Gefhl verflscht hat. Die
+Mglichkeit aller Religion, und aller Offenbarung, setzt die Freiheit
+voraus. Die Darstellung dieser Idee fr die sinnlich bedingte Vernunft
+ist also kein Geschft fr eine Offenbarung: und mit Auflsung der
+dialektischen Scheingrnde dagegen hat keine Offenbarung es zu thun, als
+welche nicht vernnftelt, sondern gebietet, und sich nicht an
+vernnftelnde, sondern sinnliche Subjekte richtet. -- Aber dagegen ist
+die Idee von Gott es desto mehr. Unter die Bedingungen der reinen
+Sinnlichkeit, Zeit und Raum, Gott sich zu denken, wenn er sich ihn
+denken will, ist jeder gedrungen, der Mensch ist. Wir mgen noch so sehr
+berzeugt seyn, noch so scharf erweisen knnen, da sie auf ihn nicht
+passen, so berrascht uns doch dieser Fehler, indem wir ihn noch rgen.
+Wir wollen jetzt uns Gott als uns gegenwrtig denken, und wir knnen
+nicht verhindern, ihn an den Ort hinzudenken, wo wir sind: wir wollen
+jetzt Gott als den Vorherseher unsrer knftigen Schicksale, unsrer
+freien Entschlieungen denken, und wir denken ihn als in der Zeit, in
+der er jetzt ist, blickend in eine Zeit, in der er noch nicht ist.
+Solchen Vorstellungen mu die Darstellung einer Religion sich anpassen;
+denn sie redet mit Menschen, und kann keine andre, als der Menschen
+Sprache reden. -- Aber die empirische Sinnlichkeit bedarf noch mehr. Der
+innere Sinn, das empirische Selbstbewutseyn steht unter der Bedingung,
+ein mannichfaltiges nach und nach, und allmhlich aufzunehmen, und zu
+einander hinzuzusetzen; nichts aufnehmen zu knnen, was sich nicht von
+den vorherigen unterscheidet, also nur Vernderungen bemerken zu knnen.
+Seine Welt ist eine unaufhrliche Kette von Modifikationen. Unter dieser
+Bedingung will er sich auch das Selbstbewutseyn Gottes denken. -- Er
+bedarf z. B. jetzt eines Zeugens der Reinigkeit seiner Gesinnungen bei
+einer gewissen Entschlieung. Gott hat _bemerkt_, so denkt er sich's,
+was in meiner Seele vorging. -- Er ist jetzt beschmt ber eine
+unmoralische Handlung: sein Gewissen erinnert ihn an die Heiligkeit des
+Gesetzgebers. Er hat sie, er hat das ganze Verderben, das sich darinn
+zeigt, _entdeckt_, denkt er. Aber er bemerkt auch die Reue, die ich
+jetzt darber empfinde, fhrt er fort. -- Er entschliet sich jetzt
+recht stark, hinfhre aufmerksam an seiner Heiligung zu arbeiten. Er
+fhlt, da ihm die Krfte dazu fehlen. Er ringt mit sich, und zu schwach
+im Kampfe, siehe er sich nach fremder Hlfe um, und betet zu Gott. Gott
+wird auf mein flehentliches, anhaltendes Bitten sich _entschlieen_ mir
+beizustehen, denkt er; -- und denkt sich in allen diesen Fllen Gott als
+durch ihn modificirbar. -- Er denkt sich in Gott Affekten, und
+Leidenschaften, damit er Theil nehmen knne an den seinigen; -- Mitleid,
+Bedauren, Erbarmen, Liebe, Vergngen, u. dergl. -- Die hchste, oder
+tiefste Stufe der Sinnlichkeit, die alles unter die empirischen
+Bedingungen des ussern Sinns setzt, verlangt noch mehr. Sie will einen
+krperlichen Gott, der ihre Handlungen im eigentlichen Verstande
+_sieht_, ihre Worte _hrt_, mit dem sie reden knne, wie ein Freund mit
+seinem Freunde. Ob eine Offenbarung sich zu diesen Bedrfnissen
+herablassen knne, ist keine Frage: ob sie aber drfe, und in wie weit
+sie drfe, mu eine Kritik der Offenbarung beantworten.
+
+Der Zweck aller dieser Belehrungen ist kein andrer, als Befrderung
+reiner Moralitt, und der versinnlichenden Darstellung derselben
+insbesondere Befrderung reiner Moralitt in dem sinnlichen Menschen.
+Insofern nur diese Versinnlichung mit diesem Zwecke bereinkommt, kann
+die Offenbarung gttlich seyn: wenn sie ihm aber widerspricht, ist sie
+gewi nicht gttlich.
+
+Die Versinnlichung des Begriffs von Gott kann den moralischen
+Eigenschaften Gottes, und mithin aller Moralitt auf zweierlei Art
+widersprechen: nemlich theils _unmittelbar_, wenn Gott mit
+Leidenschaften dargestellt wird, die geradezu gegen das Moralgesetz
+sind, wenn ihm z. B. Zorn und Rache aus Eigenwillen, Vorliebe oder
+Vorha, welche sich auf etwas anders als auf die Moralitt der Objekte
+dieser Leidenschaften grnden, zugeschrieben wird. Ein solcher Gott
+wrde kein Muster unsrer Nachahmung, und kein Wesen seyn, fr welches
+wir Achtung haben knnten, sondern ein Gegenstand einer ngstlichen
+zur Verzweiflung bringenden Furcht. Jedoch widerspricht dieses schon
+der Form aller Offenbarung, welche einen _heiligen_ Gott als
+Gesetzgeber verlangt. Es wrde aber dem moralischen Begriffe von Gott
+gar nicht widersprechen, wenn ihm z. B. lebhafter Unwille ber das
+unmoralische Verhalten endlicher Wesen zugeschrieben wrde; denn das
+ist blos sinnliche Darstellung einer nothwendigen Wirkung der
+Heiligkeit Gottes, die wir, wie sie an sich in Gott ist, gar nicht
+erkennen knnen; und wenn in einer Sprache, die zu den feinern
+Modifikationen der Affekten keine bestimmten Worte htte, dieser
+Unwille auch Zorn genennt wrde, so widerspricht auch dies, im Geiste
+der Menschen, die diese Sprache redeten, verstanden, dem Begriffe von
+Gott nicht, _Mittelbar_ wrde _jede_ sinnliche Darstellung von Gott
+der Moralitt widersprechen, wenn sie als _objektiv gltig_, und nicht
+als bloe Herablassung zu unserm _subjektiven Bedrfni_ vorgestellt
+wrde. Denn alles, was vom Objekte, an sich gilt, daraus kann ich
+Schlsse ziehen, und das Objekt dadurch weiter bestimmen. Leiten wir
+aber aus irgend einer sinnlichen Bedingung Gottes, als objektiv
+gltig, Schlsse ab, so verwickeln wir uns mit jedem Schlsse tiefer
+in Widersprche gegen seine moralischen Eigenschaften. Sieht z. B. und
+hrt Gott wirklich, so mu er auch durch diese Sinne des Vergngens
+theilhaftig seyn; so ist es sehr mglich, da wir ihm ein sinnliches
+Vergngen machen knnen, da der Geruch der Brandopfer und Speisopfer,
+ihm wirklich gefallen kann[25], und wir haben folglich Mittel ihm
+durch etwas anderes, als durch Moralitt gefllig zu werden. Knnen
+wir Gott wirklich durch unsre Empfindungen bestimmen, ihn zum
+Mitleiden, zum Erbarmen, zur Freude bewegen, so ist er nicht der
+Unvernderliche, der Alleingenugsame, der Alleinselige, so ist er noch
+durch etwas anderes, als durch das Moralgesetz bestimmbar; so knnen
+wir auch wol hoffen, ihn durch Winseln und Zerknirschung zu bewegen,
+da er anders mit uns verfahre, als der Grad unsrer Moralitt es
+verdient htte. Alle diese sinnlichen Darstellungen gttlicher
+Eigenschaften mssen also nicht als objektiv gltig angekndigt
+werden; es mu nicht zweideutig gelassen werden, ob Gott _an sich_ so
+beschaffen sey, oder ob er uns nur zum Behuf unsers sinnlichen
+Bedrfnisses erlauben wolle, ihn so zu denken. -- Auer dieser
+Bedingung aber knnen wir keiner Offenbarung _a priori_ Gesetze
+vorschreiben, wie weit sie mit der Versinnlichung des Begriffs von
+Gott gehen drfe: sondern dies hngt gnzlich von dem empirisch
+gegebnen Bedrfnisse des Zeitalters ab, fr welches sie zunchst
+bestimmt ist. Wenn z. B. irgend eine Offenbarung, um von einer Seite
+allen Bedrfnissen der rohsten Sinnlichkeit Genge zu thun, und von
+der andern Seite dem Begriffe von Gott seine vllige Reinheit zu
+sichern, uns irgend ein ganz sinnlich bedingtes Wesen, als einen
+Abdruck der moralischen Eigenschaften Gottes, insofern sie Beziehungen
+auf Menschen haben, eine verkrperte praktische Vernunft ([Greek: logon])
+gleichsam als einen Gott der Menschen, darstellte: so wre dies noch
+gar kein Grund, so einer Offenbarung berhaupt, oder auch nur dieser
+Darstellung derselben den gttlichen Ursprung abzusprechen; wenn nur
+dieses Wesen so vorgestellt wre, da es jener Absicht entsprechen
+knnte, und wenn nur diese Stellvertretung nicht als objektiv gltig
+behauptet, sondern blos als Herablassung zur Sinnlichkeit, die
+derselben bedrfen knnte[26], vorgestellt, und, was daraus nothwendig
+folgt, jedem vllig freigestellt wrde, sich dieser Vorstellung zu
+bedienen, oder nicht, je nachdem er es fr sich moralisch ntzlich
+fnde. _Nur eine solche Offenbarung also kann gttlichen Ursprungs
+seyn, die einen anthropomorphosirten Gott, nicht als objektiv, sondern
+blos fr subjektiv gltig giebt._
+
+Der Begriff der Unsterblichkeit der Seele grndet sich auf eine
+Abstraktion, die die Sinnlichkeit, besonders der tiefste Grad der
+Sinnlichkeit, nicht macht. Seiner Persnlichkeit ist jeder unmittelbar
+durch das Selbstbewutseyn sicher; das: Ich bin -- bin selbststndiges
+Wesen, lt er sich durch keine Vernnfteleien rauben. Aber welche von
+diesen Bestimmungen dieses seines Ich reine, oder empirische, welche fr
+und durch den innern oder uern Sinn, oder welche durch die reine
+Vernunft gegeben, welche wesentlich, und welche nur zufllig seyen, und
+nur von seiner gegenwrtigen Lage abhngen, sondert er nicht ab, und ist
+nicht fhig es zu thun. Er wird vielleicht nie auf den Begriff einer
+Seele, als eines reinen Geistes kommen; und giebt man ihm auch
+denselben, so wird man ihm oft nichts als ein Wort geben, das fr ihn
+ohne Bedeutung ist. Er kann also Fortdauer seines Ich sich nicht anders
+denken, als unter der Gestalt der Fortdauer desselben mit allen seinen
+gegenwrtigen Bestimmungen. Wenn eine Offenbarung sich zu dieser
+Schwachheit herablassen will, -- und sie wird es fast mssen, um
+verstndlich zu werden, -- so wird sie ihm jene Idee in die Gestalt
+kleiden, in der er allein fhig ist, sie zu denken, in die, der
+Fortdauer alles dessen, was er gegenwrtig zu seinem Ich rechnet; und,
+da er den einstigen Untergang eines Theils desselben offenbar
+vorhersieht, der Wiederauferstehung[27]; und die Hervorbringung der
+vlligen Kongruenz zwischen Moralitt und Glckseligkeit in das Bild
+eines allgemeinen Verhrs und Gerichtstages, und einer Austheilung von
+Strafen und Belohnungen. -- Aber sie darf diese Bilder nicht als
+objektive Wahrheiten aufstellen. -- Nur eine solche Offenbarung also
+kann gttlich seyn, welche eine versinnlichte Darstellung unsrer
+Unsterblichkeit, und des moralischen Gerichts Gottes ber endliche
+Wesen, nicht als objektiv, sondern nur als subjektiv (nemlich nicht fr
+Menschen berhaupt, sondern nur fr diejenigen sinnlichen Menschen, die
+einer solchen Darstellung bedrfen) gltig giebt. Thut sie das erstere,
+so ist ihr zwar darum noch nicht die Mglichkeit eines gttlichen
+Ursprungs berhaupt abzusprechen, denn eine solche Behauptung
+_widerspricht_ der Moral nicht, sie ist blos _nicht_ von ihren
+Principien _abzuleiten; aber sie ist, wenigstens in Rcksicht dieser
+Behauptung, nicht gttlich._
+
+Ob eine Offenbarung ihren versinnlichenden Vorstellungen reiner
+Vernunftideen objektive, oder blos subjektive Gltigkeit beilege, ist,
+wenn sie es auch nicht ausdrcklich erinnert, welches jedoch zur
+Vermeidung alles mglichen Misverstndnisses zu wnschen ist, daraus zu
+ersehen, ob sie auf dieselben Schlsse bauet oder, nicht. Thut sie das
+erstere, so ist offenbar, da sie ihnen objektive Gltigkeit beilegt.
+
+Da endlich die empirische Sinnlichkeit sich, ihren besondern
+Modifikationen nach, bei verschiedenen Vlkern, und in verschiedenen
+Zeitaltern verndert, und unter der Zucht einer guten Offenbarung sich
+immer mehr verringern soll; so ist es Kriterium, zwar nicht der
+Gttlichkeit einer Offenbarung, aber doch ihrer mglichen Bestimmung fr
+viele Vlker, und Zeiten, wenn die Krper, in die sie den Geist kleidet,
+nicht zu fest, und zu haltbar, sondern von einem leichten Umrisse, und
+dem Geiste verschiedener Vlker und Zeiten ohne Mhe anzupassen
+sind. -- Eben dies gilt von den Aufmunterungs- und Befrderungsmitteln
+zur Moralitt, die eine Offenbarung empfiehlt. Unter der Leitung einer
+weisen Offenbarung, die in weisen Hnden ist, sollten die erstem und
+letztern immer mehr von ihrer Beimischung grober Sinnlichkeit ablegen,
+weil sie immer entbehrlicher werden sollte.
+
+
+. 13.
+
+_Systematische Ordnung dieser Kriterien._
+
+Die jetzt aufgestellten Kriterien sind Bedingungen der Mglichkeit
+unsern Begriff _a priori_ von einer Offenbarung auf eine in der
+Sinnenwelt gegebne Erscheinung anzuwenden, und zu urtheilen, sie sey
+eine Offenbarung; nemlich nicht Bedingungen der Anwendung des Begriffs
+berhaupt, denn davon werden wir erst im folgenden . reden, sondern
+seiner Anwendung auf die bestimmte gegebne Erfahrung. Um sicher zu seyn,
+da wir diese Bedingungen alle erschpft haben, und da es auer den
+angefhrten keine mehr gebe, (denn wenn wir etwa im Gegentheile welche
+aufgestellt htten, die keine sind, so mte sich das sogleich daraus
+ergeben haben, da wir sie aus dem Offenbarungsbegriffe nicht htten
+ableiten knnen,) mssen wir uns nach einem Leitfaden zur Entdeckung
+aller Bestimmungen dieses Begriffs umsehen; und ein solcher ist bei
+allen mglichen Begriffen die Tafel der Kategorien.
+
+Der Begriff einer Offenbarung ist nemlich ein Begriff von einer
+Erscheinung in der Sinnenwelt, welche der _Qualitt_ nach unmittelbar
+durch gttliche Kausalitt bewirkt seyn soll. Es ist mithin Kriterium
+einer diesem Begriffe entsprechenden Erscheinung, da sie durch keine
+Mittel gewirkt sey, die dem Begriffe einer gttlichen Kausalitt
+widersprechen; und dieses sind, da wir von Gott nur einen moralischen
+Begriff haben, alle unmoralische. Diese Erscheinung soll _der
+subjektiven Quantitt_ nach, (denn die _objektive_ giebt kein
+eigentliches Kriterium ab, sondern auf sie grndet sich blos die
+Erinnerung, da mehrere Offenbarungen zu gleicher Zeit bei entfernten
+Vlkern nicht unmglich sind,) fr alle sinnliche Menschen gelten, die
+derselben bedrfen. Es ist mithin Bedingung jeder _in concreto_ gegebnen
+Offenbarung, da Menschen mit einem dergleichen Bedrfni wirklich
+nachzuweisen seyen. -- Dies sind die Kriterien einer Offenbarung ihrer
+uern Form nach, welche sich aus den mathematischen Bestimmungen ihres
+Begriffs ergeben, was denn der Natur der Sache nach so seyn mute.
+
+Diese Erscheinung wird in ihrem Begriffe der _Relation_ nach auf einen
+Zweck bezogen, nemlich den, reine Moralitt zu befrdern: eine _in
+concreto_ gegebne Offenbarung mu folglich diesen Zweck erweislich
+beabsichtigen, -- nicht eben nothwendig erreichen, welches schon dem
+Begriffe moralischer, d. i. freier Wesen, in welchen allein sich
+Moralitt hervorbringen lt, widersprechen wrde. Dieses Zwecks
+Befrderung aber ist in sinnlichen Menschen nicht anders, als durch
+Ankndigung Gottes, als moralischen Gesetzgebers, mglich; und der
+Gehorsam gegen diesen Gesetzgeber ist nur dann moralisch, wenn er sich
+auf die Vorstellung seiner Heiligkeit grndet. Diese Ankndigung sowohl,
+als die Reinigkeit des aufgestellten Motivs des geforderten Gehorsams
+ist mithin Kriterium jeder Offenbarung.
+
+In Absicht der _Modalitt_ endlich wrde eine Offenbarung in ihrem
+Begriffe blos als mglich angenommen, woraus, da es zu dem Begriffe an
+sich nichts hinzuthut, sondern nur das Verhltni seines Gegenstandes zu
+unserm Verstande ausdrckt, keine Bedingung der Anwendung dieses
+Begriffs auf eine _in concreto_ gegebne Erscheinung, d. i. kein
+Kriterium einer Offenbarung sich ergeben kann. Was aber daraus auf die
+Mglichkeit ihn berhaupt anzuwenden folge, das werden wir im folgenden
+. sehen.
+
+Dies sind nun die Kriterien einer Offenbarung ihrer Form nach, und, da
+das Wesen der Offenbarung eben in der besondern Form einer schon _a
+priori_ vorhandenen Materie besteht, die einzigen ihr wesentlichen: und
+es sind auer den aufgestellten keine mehr mglich, weil in ihrem
+Begriffe keine Bestimmungen mehr sind.
+
+Die Materie einer Offenbarung ist _a priori_ durch die reine praktische
+Vernunft da, und steht an sich unter eben der Kritik, unter welcher
+letztere selbst steht: mithin ist, sofern sie als Materie einer
+Offenbarung betrachtet wird, sowohl dem Inhalte als der Darstellung
+nach, welche jenen modificirt, ihr einziges Kriterium, da sie mit der
+Aussage der praktischen Vernunft vllig bereinstimme; der Qualitt
+nach, da sie eben das aussage; der Quantitt nach, da sie nicht mehr
+aussagen zu wollen vorgebe, (denn da weniger in ihr ausgesagt werde,
+ist unmglich, da sie ein Princip aufzustellen hat, in welchem alles,
+was Inhalt einer Religion werden kann, wenn auch vielleicht
+unentwickelt, enthalten seyn mu;) der Relation nach, als
+abzuleitend und untergeordnet unter das einzige Moralprincip, und
+der Modalitt nach, nicht als objektiv, sondern blos als subjektiv,
+allgemeingltig. -- Nach dem jetztgesagten wrde sich leicht eine Tafel
+aller Kriterien jeder mglichen Offenbarung nach der Ordnung der
+Kategorien entwerfen lassen.
+
+
+. 14.
+
+_Von der Mglichkeit, eine gegebne Erscheinung fr gttliche Offenbarung
+aufzunehmen._
+
+Bis jetzt ist eigentlich weiter nichts ausgemacht worden, als die
+vllige Gedenkbarkeit einer Offenbarung berhaupt, d. i. da der Begriff
+einer dergleichen Offenbarung sich nicht selbst widerspreche; und da in
+demselben eine Erscheinung in der Sinnenwelt postulirt wird, haben die
+Bedingungen festgesetzt werden mssen, unter denen dieser Begriff auf
+eine Erscheinung anwendbar ist. Diese Bedingungen waren die durch eine
+Analysis gefundenen Bestimmungen des anzuwendenden Begriffs.
+
+Was aber noch nicht geschehen ist, ja wozu noch gar keine Anstalten
+gemacht worden sind, ist das, diesem Begriffe eine Realitt _auer uns_
+zuzusichern, welches doch, der Natur dieses Begriffs nach, geschehen
+mte. -- Wenn nemlich ein Begriff _a priori_, als anwendbar in der
+Sinnenwelt, _gegeben_ ist, (wie etwa der der Kausalitt,) so sichert
+schon der Erweis, da er gegeben ist, ihm seine objektive Gltigkeit;
+wenn er aber _a priori_ auch nur _gemacht_ ist, wie etwa der eines
+Dreiecks, oder auch der eines Pegasus, so versichert unmittelbar die
+Konstruktion desselben im Raume ihm diese Realitt, und das Urtheil: das
+ist ein Dreieck, oder, das ist ein Pegasus, heit weiter nichts, als:
+das ist die Darstellung eines Begriffs, den ich mir gemacht habe. Es
+wird in einem solchen Urtheile vorausgesetzt, da zur Realitt des
+Begriffs weiter nichts gehre, als der Begriff selbst; und da er allein
+als zureichender Grund des ihm korrespondirenden anzusehen sey. In dem
+_a priori_ gemachten Begriffe der Offenbarung aber wird zur Realitt
+desselben allerdings noch etwas ganz anderes vorausgesetzt, als unser
+Begriff von ihr, nemlich, ein Begriff in Gott, der dem unsrigen hnlich
+sey. Das kategorische Urtheil: das ist eine Offenbarung, heit nicht
+etwa blos: diese Erscheinung in der Sinnenwelt ist Darstellung eines
+_meiner_ Begriffe, sondern: sie ist Darstellung eines _gttlichen_
+Begriffs, gem einem _meiner_ Begriffe. Um ein solches kategorisches
+Urtheil zu berechtigen, d. i. um dem Offenbarungsbegriffe eine Realitt
+auer uns zuzusichern, mte erwiesen werden knnen, da ein Begriff von
+derselben in Gott vorhanden, gewesen sey, und da eine gewisse
+Erscheinung beabsichtigte Darstellung desselben sey.
+
+Ein solcher Beweis knnte entweder _a priori_ gefhrt werden, nemlich
+so, da aus dem Begriffe von Gott die Nothwendigkeit gezeigt werde da
+er diesen Begriff nicht nur habe, sondern auch eine Darstellung
+desselben habe bewirken wollen; etwa so, wie wir aus der Anforderung des
+Moralgesetzes an Gott, endlichen Wesen die Ewigkeit zu geben, damit sie
+dem ewiggltigen Gebote desselben Genge leisten knnen, nothwendig
+schlieen mssen, da der Begriff der unendlichen Dauer endlicher
+moralischer Wesen nicht nur als Begriff in Gott sey, sondern da er ihn
+auch auer sich realisiren msse. So ein Beweis, der, wie ohne alle
+Erinnerung sich versteht, freilich nur subjektiv, aber dennoch
+allgemeingltig seyn wrde, wrde sehr viel und mehr noch beweisen, als
+wir wollten, indem er ganz unabhngig von aller Erfahrung in der
+Sinnenwelt uns berechtigte, die absolute Existenz einer Offenbarung
+anzunehmen, es mchte eine dem Begriffe desselben entsprechende
+Erscheinung in der Sinnenwelt gegeben seyn oder nicht. Da ein solcher
+Beweis aber unmglich sey, haben wir schon oben gesehen. Wir haben
+nemlich von Gott nur einen moralischen, durch die reine praktische
+Vernunft gegebnen Begriff. Fnde in demselben sich ein Datum, das uns
+berechtigte, Gott den Begriff der Offenbarung zuzuschreiben, so wre
+dieses Datum zugleich dasjenige, was den Offenbarungsbegriff selbst
+gbe, und zwar _a priori_ gbe. Nach einem solchen Datum der reinen
+Vernunft aber haben wir uns oben vergeblich umgesehen, und daher von
+diesem Begriffe eingestanden, da er ein blos gemachter sey.
+
+Oder dieser Beweis knnte _a posteriori_ gefhrt werden, nmlich so da
+man aus den Bestimmungen der in der Natur gegebnen Erscheinung darthue,
+sie knnen nicht anders, als unmittelbar durch gttliche Kausalitt, und
+durch diese wieder nicht anders, als nach dem Begriffe der Offenbarung
+gewirkt seyn. Da ein solcher Beweis die Krfte des menschlichen Geistes
+unendlich bersteige, bedrfte eigentlich nicht dargethan zu werden, da
+man nur die Erfordernisse eines solchen Beweises nennen darf, um ihn von
+bernehmung desselben zurckzuschrecken; doch ist oben auch das zum
+berflusse geschehen.
+
+Man knnte aber etwa noch, nachdem man auf die Hoffnung eines strengen
+Beweises Verzicht gethan, glauben, der nicht erweisbare Satz werde sich
+wenigstens wahrscheinlich machen lassen. Wahrscheinlichkeit nemlich
+entsteht, wenn man in die Reihe von Grnden kommt, welche uns auf den
+zureichenden Grund fr einen gewissen Satz fhren mte, doch ohne
+diesen zureichenden Grund selbst, oder auch den, der sein zureichender
+ist, u. s. w. als gegeben aufzeigen zu knnen, und je nher man
+diesem zureichenden Grunde ist, desto hher ist der Grad der
+Wahrscheinlichkeit. Diesen zureichenden Grund konnte man nun entweder _a
+priori_, (durch's Herabsteigen von den Ursachen zu den Wirkungen) oder
+_a posteriori_ (durch's Heraufsteigen von den Wirkungen zu den Ursachen)
+aufsuchen wollen. Im ersten Falle mte man etwa eine Eigenschaft in
+Gott aufzeigen, welche ihn, wenn etwa noch ein Bestimmungsgrund, der
+sich nicht aufzeigen liee, dazu kme, bewegen mte, den Begriff einer
+Offenbarung nicht etwa _berhaupt_ -- denn eine solche Eigenschaft in
+Gott fanden wir oben . 7. allerdings an seiner Bestimmung durch's
+Sittengesetz, Moralitt auer sich durch jedes mgliche Mittel zu
+verbreiten -- sondern _unter den empirisch gegebnen Bestimmungen_ dieser
+besondern Offenbarung zu realisiren; so wie man etwa von der Weisheit
+Gottes, nach der Analogie ihrer Wirkungsart hienieden (also durch
+Verbindung dieses Begriffs _a priori_ mit einer Erfahrung) vermuthen,
+aber nicht beweisen kann, (weil Grnde dagegen seyn mchten, die wir
+nicht wissen) da endliche Wesen mit Krpern, aber immer sich
+verfeinernden Krpern fortdauern werden. Abgerechnet, da unser Geist so
+eingerichtet ist da Wahrscheinlichkeitsgrnde _a priori_ nicht das
+geringste Frwahrhalten in ihm begrnden knnen; so wird man auch eine
+solche Bestimmung in Gott nie auffinden. Oder im zweiten Falle mte man
+alle Mglichkeiten, da eine gewisse Begebenheit anders als durch
+gttliche Kausalitt bewirkt seyn knnte, bis etwa auf eine, oder zwei,
+u. s. f. wegrumen. In diese Reihe der Grnde, eine gttliche Kausalitt
+fr gewisse Erscheinungen in der Sinnenwelt anzunehmen, kommen wir denn
+nun allerdings. Denn es ist, theoretisch betrachtet, allerdings der
+erste Grund fr den Ursprung einer gewissen Begebenheit durch
+unmittelbare Wirkung Gottes, wenn _wir_ ihre Entstehung aus natrlichen
+Ursachen nicht zu erklren wissen. Aber dieses ist nur das erste Glied
+einer Reihe, deren Ausdehnung wir gar nicht wissen, und welche schon an
+sich aller Wahrscheinlichkeit nach uns ungedenkbar ist, und es
+verschwindet folglich in Nichts vor der unendlichen Menge der mglichen
+brigen. Wir knnen mithin fr die Befugni eines kategorischen
+Urtheils, da etwas eine Offenbarung sey, auch nicht einmal
+Wahrscheinlichkeitsgrnde anfhren.
+
+Es drfte etwa jemand noch einen Augenblick glauben, da diese
+Wahrscheinlichkeit durch die gefundne bereinstimmung einer angeblichen
+Offenbarung mit den Kriterien derselben begrndet werde; daher, und
+zufrderst: wenn eine angebliche Offenbarung vorhanden wre, an der wir
+alle Kriterien der Wahrheit gefunden htten, -- welches Urtheil ber
+dieselbe wrde dies berechtigen? Alle diese Kriterien sind die
+moralischen Bedingungen, unter denen allein, und auer welchen nicht,
+eine solche Erscheinung von Gott, dem Begriffe einer Offenbarung gem,
+bewirkt seyn knnte; aber gar nicht umgekehrt, -- die Bedingungen einer
+Wirkung, die blos durch Gott diesem Begriffe gem bewirkt seyn knnte.
+Wren sie das letztere, so berechtigten sie durch Ausschlieung der
+Kausalitt aller brigen Wesen zu dem Urtheile: das _ist_ Offenbarung;
+da sie aber das nicht, sondern nur das erstere sind, so berechtigen sie
+blos zu dem Urtheile: das _kann_ Offenbarung seyn, d. h. wenn
+vorausgesetzt wird, da in Gott der Begriff einer Offenbarung vorhanden
+gewesen sey, und da er ihn habe darstellen wollen, so ist in der
+gegebnen Erscheinung nichts, was der mglichen Annahme, sie sey eine
+dergleichen Darstellung, widersprechen knnte. Es wird also durch eine
+solche Prfung nach den Kriterien blos problematisch, da irgend etwas
+eine Offenbarung seyn knne; dieses problematische Urtheil aber ist nun
+auch vllig sicher.
+
+Es wird nemlich in demselben eigentlich zweierlei ausgesagt; zuerst: es
+ist berhaupt mglich, da Gott den Begriff einer Offenbarung gehabt
+habe, und da er ihn habe darstellen wollen -- und dies ist schon
+unmittelbar aus der Vernunftmigkeit des Offenbarungsbegriffs, in
+welchem diese Mglichkeit angenommen wird, klar; und dann: es ist
+mglich, da diese bestimmte angebliche Offenbarung eine Darstellung
+desselben sey. Das letztere Urtheil kann nun, und mu der Billigkeit
+gem, vor aller Prfung vorher von jeder als Offenbarung angekndigten
+Erscheinung gefllt werden; in dem Sinne nemlich: es sey mglich, da
+sie die Kriterien einer Offenbarung an sich haben knne. Hier nemlich
+(vor der Prfung vorher) ist das problematische Urtheil aus zweien
+problematischen zusammengesetzt. Wenn aber diese Prfung vollendet, und
+die angekndigte Offenbarung in derselben bewhrt gefunden ist, so ist
+das erstere nicht mehr problematisch, sondern vllig sicher; die
+Erscheinung hat alle Kriterien einer Offenbarung au sich: man kann daher
+nun mit vlliger Sicherheit, ohne noch ein anderweitiges Datum zu
+erwarten, oder irgend woher einen Einspruch zu befrchten, urtheilen,
+sie _knne_ eine seyn. Aus der Prfung nach den Kriterien ergiebt sich
+also das, was sich aus ihnen ergeben kann, nicht blos als
+wahrscheinlich, sondern als gewi, ob sie nemlich gttlichen Ursprungs
+seyn _knne_; ob sie es aber _wirklich sey_, -- darber ergiebt sich aus
+ihr gar nichts, denn davon ist bei ihrer bernehmung gar nicht die Frage
+gewesen.
+
+Nach Vollendung dieser Prfung kommt nun in Absicht auf ein
+kategorisches Urtheil das Gemth, oder sollte es wenigstens vernnftiger
+Weise, in ein vlliges Gleichgewicht zwischen dem Fr und dem Wider;
+noch auf keine Seite geneigt, aber bereit, bei dem ersten kleinsten
+Momente sich auf die eine oder die andre hinzuneigen. Fr ein
+verneinendes Urtheil ist kein der Vernunft nicht widersprechendes
+Moment denkbar; weder ein strenger, noch ein zur wahrscheinlichen
+Vermuthung hinreichender Beweis; denn der verneinende ist eben so und
+aus eben den Grnden unmglich als der bejahende; noch eine Bestimmung
+des Begehrungsvermgens durchs praktische Gesetz, weil die Annehmung
+einer alle Kriterien der Gttlichkeit an sich habenden. Offenbarung
+diesem Gesetze in nichts widerspricht. (Es lt sich zwar allerdings
+eine Bestimmung des untern Begehrungsvermgens durch die Neigung denken,
+welche uns gegen die Anerkennung einer Offenbarung einnehmen knnte, und
+man kann, ohne sich der Lieblosigkeit schuldig zu machen, wol annehmen,
+da eine solche Bestimmung _bei manchem_ der Grund sey, warum er keine
+Offenbarung annehmen wolle; aber eine solche Neigung widerspricht
+offenbar der praktischen Vernunft.) Es mu sich also, ein Moment fr das
+bejahende Urtheil auffinden lassen, oder wir mssen in dieser
+Unentschiedenheit immer bleiben. Da auch dieses Moment weder ein
+strenges, noch ein zur wahrscheinlichen Vermuthung hinreichender Beweis
+seyn kann, so mu es eine Bestimmung des Begehrungsvermgens seyn.
+
+Schon ehemals sind wir mit dem Begriffe von Gott in diesem Falle
+gewesen. Unsere bei allem Bedingten Totalitt der Bedingungen suchende
+Vernunft fhrte uns in der Ontologie auf den Begriff des allerrealsten
+Wesens, in der Cosmologie auf eine erste Ursache, in der Teleologie auf
+ein verstndiges Wesen, von dessen Begriffen wir die in der Welt fr
+unsre Reflexion allenthalben nothwendig anzunehmende Zweckverbindung
+ableiten knnten; es zeigte sich schlechterdings keine Ursache, warum
+diesem Begriffe nicht etwas auer uns korrespondiren sollte, aber
+dennoch konnte unsre theoretische Vernunft ihm diese Realitt durch
+nichts zusichern. Durch das Gesetz der praktischen Vernunft aber wurde
+uns zum Zwecke unsrer Willensform ein Endzweck aufgestellt, dessen
+Mglichkeit fr uns nur unter der Voraussetzung der Realitt jenes
+Begriffs denkbar war; und da wir diesen Endzweck schlechterdings wollen,
+mithin auch theoretisch seine Mglichkeit annehmen muten, so muten wir
+auch zugleich die Bedingungen desselben, die Existenz Gottes, und die
+unendliche Dauer aller moralischen Wesen annehmen. Hier wurde also ein
+Begriff, dessen Gltigkeit vorher schlechterdings problematisch war,
+nicht durch theoretische Beweisgrnde, sondern um einer Bestimmung des
+Begehrungsvermgens willen realisirt. -- In Absicht der Aufgabe sind wir
+hier ganz in dem gleichen Falle. Es ist nemlich ein Begriff in unserm
+Gemthe vorhanden, der blos als solcher vollkommen denkbar ist, und
+nachdem eine alle Kriterien einer Offenbarung an sich habende
+Erscheinung in der Sinnenwelt gegeben ist, so ist schlechterdings nichts
+mehr mglich, was der Annahme seiner Gltigkeit widersprechen knnte; es
+lt sich aber auch kein theoretischer Beweisgrund aufzeigen, der uns
+berechtigen knnte, diese Gltigkeit anzunehmen. Dieselbe ist also
+vllig problematisch. Da man aber bei Auflsung dieser Aufgabe mit der
+der obigen nicht vllig gleichen Schritt halten knne, fllt bald in die
+Augen. Der Begriff von Gott nemlich war _a priori_ durch unsre Vernunft
+gegeben, war als solcher uns schlechterdings nothwendig, und wir konnten
+mithin die Aufgabe unsrer Vernunft, ber seine Gltigkeit auer uns
+etwas zu entscheiden, nicht so nach Belieben ablehnen; fr den einer
+Offenbarung aber haben wir _a priori_ kein dergleichen Datum anzufhren,
+und es wre mithin recht wohl mglich, diesen Begriff entweder berhaupt
+nicht zu haben, oder die Frage ber seine Gltigkeit auer uns als
+vllig unntz von der Hand zu weisen. Was hieraus, da er _a priori_
+nicht gegeben ist, schon unmittelbar folgt, da nemlich auch keine _a
+priori_ geschehne Willensbestimmung sich werde aufzeigen lassen, die uns
+bestimme seine Realitt anzunehmen, weil ja dann diese Willensbestimmung
+das vermite Datum _a priori_ seyn wrde, wird vllig klar, wenn man
+sich erinnert, da, um sich den uns _a priori_ aufgestellten Endzweck
+als mglich zu denken, nichts weiter erfordert wird, als die Existenz
+Gottes, und die Fortdauer endlicher moralischer Wesen anzunehmen, um
+welche Stze, ihrer Materie nach, es im Begriffe einer Offenbarung gar
+nicht zu thun ist, der sie vielmehr zum Behuf seiner eignen Mglichkeit
+schon als angenommen voraussetzt; es ist vielmehr blos um die Annehmung
+einer gewissen Form der Besttigung dieser Stze zu thun. Aus der
+Bestimmung des obern Begehrungsvermgens durch das Moralgesetz lt
+mithin kein Moment, die Gltigkeit des Offenbarungsbegriffs anzunehmen,
+sich ableiten. Vielleicht aber aus einer durch das obere dem
+Moralgesetze gem geschehne Bestimmung des untern? -- Das Moralgesetz
+nemlich gebietet schlechthin, ohne Rcksicht auf die Mglichkeit oder
+Unmglichkeit, berhaupt, oder in einzelnen Fllen eine Kausalitt in
+der Sinnenwelt zu haben; und durch die dadurch geschehne Bestimmung des
+obern Begehrungsvermgens, das Gute schlechthin zu wollen, wird das
+untere auch durch Naturgesetze bestimmbare bestimmt, _die Mittel_ zu
+wollen, dasselbe wenigstens in sich (in seiner sinnlichen Natur)
+hervorzubringen. Das obere Begehrungsvermgen will schlechthin den
+Zweck, das untere will die Mittel dazu. Nun ist es, laut der . 8.
+geschehnen Entwickelung der formalen Funktion der Offenbarung, welche
+zugleich die einzige ihr wesentliche ist, ein Mittel fr sinnlich
+Menschen, im Kampfe der Neigung gegen die Pflicht, der letztern die
+Oberhand ber die erstere zu verschaffen, wenn sie sich die Gesetzgebung
+des Heiligsten unter sinnlichen Bedingungen vorstellen drfen.
+Diese Vorstellung ist denn die einer Offenbarung. Das untere
+Begehrungsvermgen mu mithin unter obigen Bedingungen die Realitt des
+Begriffs der Offenbarung nothwendig wollen, und, da gar kein
+vernnftiger Grund dagegen ist, so bestimmt dasselbe das Gemth, ihn als
+wirklich realisirt anzunehmen, d. h. als bewiesen anzunehmen, eine
+gewisse Erscheinung sey wirklich durch gttliche Kausalitt bewirkte
+absichtliche Darstellung dieses Begriffs, und sie dieser Annahme gem
+zu brauchen.
+
+Eine Bestimmung durchs untere Begehrungsvermgen die Realitt einer
+Vorstellung zu wollen, deren Gegenstand man nicht selbst hervorbringen
+kann, ist, sie sey auch bewirkt durch was sie wolle, ein _Wunsch_;
+mithin liegt der Aufnahme einer gewissen Erscheinung als gttlicher
+Offenbarung, nichts mehr als ein Wunsch zum Grunde. Da nun ein solches
+Verfahren, etwas zu glauben, weil das Herz es wnscht, nicht wenig, und
+nicht mit Unrecht, verschrieen ist, so mssen wir noch einige Worte,
+wenn auch nicht zur Deduktion der Rechtmigkeit, doch zur Ablehnung
+aller Einsprche gegen dieses Verfahren im gegenwrtigen Falle
+hinzusetzen.
+
+Wenn ein bloer Wunsch uns berechtigen soll, die Realitt seines Objekts
+anzunehmen, so mu derselbe sich auf die Bestimmung des obern
+Begehrungsvermgens durchs Moralgesetz grnden, und durch dieselbe
+entstanden seyn; die Annahme der Wirklichkeit seines Objekts mu uns die
+Ausbung unsrer Pflichten, und zwar nicht etwa blos dieser oder jener,
+sondern des pflichtmigen Verhaltens berhaupt erleichtern, und von der
+Annahme des Gegentheils mu sich zeigen lassen, da sie dieses
+pflichtmige Verhalten in den wnschenden Subjekten erschweren wrde;
+und dieses darum, weil wir nur bei einem Wunsche dieser Art einen Grund
+anfhren knnen, warum wir ber die Wirklichkeit seines Objekts
+berhaupt etwas annehmen, und die Frage ber dieselbe nicht gnzlich
+abweisen wollen. Da beim Wunsche einer Offenbarung dieses der Fall sey,
+ist schon oben zur Genge gezeigt.
+
+Mit diesem Kriterio der Annehmbarkeit eines gewnschten blos um des
+Wunsches willen, mu sich nun auch das zweite vereinigen, nemlich die
+vllige Sicherheit, da wir nie eines Irrthums bei dieser Annahme werden
+berfuhrt werden knnen, in welchem Falle die Sache _fr uns_ vllig
+wahr, es fr uns eben so gut ist, als ob dabei gar kein Irrthum mglich
+wre. Dies findet nun bei der Annahme einer alle Kriterien der
+Gttlichkeit an sich habenden Offenbarung, d. i. bei der Annahme, da
+eine gewisse Erscheinung durch unmittelbare gttliche Kausalitt dem
+Begriffe einer Offenbarung gem bewirkt sey, der hchsten Strenge nach
+statt. Der Irrthum dieser Annahme kann uns, und wenn wir Ewigkeiten
+hindurch an Einsichten zunehmen, nie aus Grnden einleuchten, oder
+dargethan werden; denn dann mte, da vor der theoretischen Vernunft
+Richterstuhl diese Annahme schlechterdings nicht gehrt, gezeigt werden
+knnen, da sie der praktischen Vernunft, nemlich dem durch dieselbe
+gegebnen Begriffe von Gott widersprche, welcher Widerspruch aber, da
+das Moralgesetz fr alle vernnftige Wesen auf jeder Stufe ihrer
+Existenz das gleiche ist, schon jetzt erhellen mte. Eben so wenig kann
+ein solcher Irrthum, wie es bei andern menschlichen Wnschen, die meist
+auf die Zukunft gehen, so oft der Fall ist, durch eine nachmalige
+Erfahrung dargethan werden; denn wie sollte die Erfahrung wol beschaffen
+seyn, die uns belehren knnte, eine einem mglichen Begriffe in Gott
+vllig geme Wirkung sey _nicht_ durch die Kausalitt dieses Begriffs
+bewirkt? welches eine offenbare Unmglichkeit ist: oder auch nur die,
+welche wir, im Falle da sie es sey, machen mten, und aus deren
+Abwesenheit wir schlieen knnten, sie sey es nicht? -- Die Untersuchung
+ist bis zu einem Punkte getrieben, von welchem aus sie fr uns nicht
+weiter gehen kann: bis zur Einsicht in die vllige Mglichkeit einer
+Offenbarung sowohl berhaupt, als insbesondre durch eine bestimmt
+gegebne Erscheinung; sie ist _fr uns_ (alle endliche Wesen) vllig
+geschlossen; wir sehen am Endpunkte dieser Untersuchung mit vlliger
+Sicherheit, da ber die Wirklichkeit einer Offenbarung schlechterdings
+kein Beweis weder fr sie, noch wider sie statt finde, noch je statt
+finden werde, und da, wie es mit der Sache an sich sey, nie irgend ein
+Wesen wissen werde, als Gott allein. -- Wollte man etwa noch zuletzt als
+den einzigen Weg, wie wir hierber belehrt werden knnten, annehmen,
+Gott selbst knne es uns mittheilen, so wre dies eine neue Offenbarung,
+ber deren objektive Realitt die vorige Unwissenheit entstehen wrde,
+und bei der wir wieder da seyn wrden wo wir vorher waren. -- Da es aus
+allem gesagten vllig sicher ist, da ber diesen Punkt keine
+berfhrung des Irrthums, d. i. da _fr uns_ berhaupt kein Irrthum
+darber mglich sey, eine Bestimmung des Begehrungsvermgens aber uns
+treibt, uns fr das bejahende Urtheil zu erklren, so knnen wir mit
+vlliger Sicherheit dieser Bestimmung nachgeben[28].
+
+Diese Annahme einer Offenbarung ist nun, da sie auf eine Bestimmung des
+Begehrungsvermgens rechtmig sich grndet ein _Glaube_, den wir zum
+Unterschiede vom _reinen Vernunftglauben_ an Gott und Unsterblichkeit,
+der sich auf etwas _materielles_ bezieht, den _formalen, empirisch
+bedingten, Glauben_ nennen wollen. Der Unterschied beider, und alles,
+was wir ber den letztern noch zu sagen haben, wird aus einer
+Vergleichung der Bestimmung des Gemths bei einem oder dem ndern nach
+Ordnung der Kategorientitel sich ergeben.
+
+Der _Qualitt_ nach nemlich ist der Glaube im ersten so wie im zweiten
+Falle eine freie durch keine Grnde erzwungne Annahme der Realitt eines
+Begriffs, dem diese Realitt durch keine Grnde zugesichert werden kann,
+im ersten Falle eines gegebnen, im zweiten eines gemachten, im ersten um
+einer negativen Bestimmung des untern Begehrungsvermgens (. 2.) durch
+das obere, im zweiten um einer positiven Bestimmung desselben willen
+vermittelst jener negativen. Dies sind Verschiedenheiten, welche schon
+angezeigt, und deren Folgen schon entwickelt worden. Aber es zeigt sich
+hier noch eine neue. Im reinen Vernunftglauben nemlich wird blos
+angenommen, da einem Begriffe, dem von Gott, berhaupt ein Gegenstand
+auer uns korrespondire, (denn der Glaube an Unsterblichkeit lt sich
+als von der Existenz Gottes blos abgeleitet betrachten, und wir haben
+mithin hier keine besondre Rcksicht auf ihn zu nehmen): im
+Offenbarungsglauben aber nicht blos das, sondern auch, da ein gewisses
+gegebnes ein diesem Begriffe korrespondirendes sey. Im letztern also
+scheint das Gemth einen Schritt weiter zu gehen, und eine khnere
+Anmaaung zu machen, die eine grere Berechtigung fr sich anzufhren
+haben sollte. Aber das hegt in der Natur beider Begriffe, und der
+Schritt ist wirklich im letzteren Falle nicht khner, als im ersteren.
+Der Begriff von Gott nemlich ist schon _a priori_ vllig bestimmt
+gegeben, so weit er nemlich von uns bestimmt werden kann, und lt durch
+keine Erfahrung, und eben so wenig durch Schlsse aus der angenommenen
+Existenz sich weiter bestimmen. Eine Realisation desselben kann mithin
+gar nichts, weiter thun, als die Existenz eines demselben
+korrespondirenden Gegenstandes annehmen; sie kann weiter nichts zu ihm
+hinzusetzen, weil dieser Gegenstand nur auf diese eine _a priori_
+gegebne Art bestimmt seyn kann. Im Begriffe der Offenbarung aber wird
+eine zu gebende Erfahrung gedacht, die als solche, und inwiefern sie das
+ist, _a priori_ gar nicht bestimmt werden kann, sondern als _a
+posteriori_ auf mannigfaltige Art bestimmbar angenommen werden mu. Sie
+als realisirt annehmen, heit nichts anderes, und kann nichts anderes
+heien, als sie vllig bestimmt gegeben zu denken; diese vllige
+Bestimmung mu aber durch die Erfahrung gegeben werden. Folglich findet
+gar keine Annahme der Realitt dieses Begriffs berhaupt (_in
+abstracto_) statt, sondern er kann nur durch Anwendung auf eine
+bestimmte Erscheinung (_in concreto_) realisirt werden, und durch diese
+Anwendung geschieht nichts anderes, als was im reinen Vernunftglauben
+geschieht: es wird angenommen, da einem _a priori_ vorhandenen Begriffe
+etwas auer ihm entspreche. Wenn von der _Quantitt_ des Glaubens die
+Rede ist, so kann damit nur eine _subjektive_ gemeint seyn, weil kein
+Glaube auf objektive Gltigkeit Anspruch macht, in welchem Falle er kein
+Glaube wre. In dieser Rcksicht ist nun der reine Vernunftglaube
+allgemeingltig fr alle endliche vernnftige Wesen, weil er sich auf
+eine _a priori_ geschehne Bestimmung des Begehrungsvermgens durch das
+Moralgesetz, etwas nothwendig zu wollen, grndet, und auf einen _a
+priori_ durch die reine Vernunft gegebnen Begriff geht. Er lt sich
+zwar niemanden aufdringen, weil er auf eine Bestimmung der Freiheit sich
+grndet, aber er lt sich von jedermann fordern, und ihm
+ansinnen. -- Es leuchtet sogleich ein, da der empirisch bedingte Glaube
+auf diese Allgemeingltigkeit nicht Anspruch machen knne. Denn theils
+geht er auf einen nicht gegebnen, sondern gemachten Begriff, der mithin
+nicht nothwendig im menschlichen Gemthe ist. Wenn nun jemand auf diesen
+Begriff berhaupt nicht kme, so knnte er auch keine Darstellung
+desselben annehmen, und wir wurden mithin diese Annahme vergeblich in
+ihm voraussetzen, da wir nicht einmal den Begriff derselben in ihm mit
+Sicherheit voraussetzen knnen. Theils aber wird die Bestimmung des
+Gemths, eine Darstellung dieses Begriffs anzunehmen, nur durch einen
+Wunsch, der sich auf ein empirisches Bedrfni grndet, bewirkt. Wenn
+nun jemand dieses Bedrfni _in sich_ nicht fhlt, wenn er auch
+historisch wissen sollte, da es bei andern vorhanden sey, so kann in
+demselben nimmermehr der Wunsch entstehen, eine Offenbarung annehmen zu
+drfen, mithin auch kein Glaube an dieselbe. -- Nur ein einziger Fall
+lt sich denken, in welchem auch ohne das Gefhl dieses Bedrfnisses in
+sich selbst wenigstens ein vorbergehender Glaube mglich ist, wenn
+nemlich jemand in die Nothwendigkeit versetzt wird, durch die
+Vorstellung einer Offenbarung, ohne ihrer eben fr sich selbst zu
+bedrfen, auf die Herzen andrer zu wirken, die derselben bedrfen. Der
+lebhafte, seiner Pflicht, Moralitt nach seinen Krften auch auer sich
+zu verbreiten, geme Wunsch, vereint mit der berzeugung, da dies bei
+den gegebnen Subjekten nur durch diese Vorstellung mglich sey, wird ihn
+treiben, sie zu gebrauchen. Mit wahrer Energie kann er sie nicht
+brauchen, ohne als ein selbst berzeugter und glaubender zu reden.
+Diesen Glauben zu heucheln, wre gegen die Wahrheit und Lauterkeit des
+Gemths, und folglich moralisch unmglich. Das dadurch entstehende
+dringende Gefhl eines Bedrfnisses des Offenbarungsglaubens in dieser
+Lage wird, wenigstens so lange dieses Gefhl dauert; den Glauben selbst
+in ihm hervorbringen, wenn er auch etwa, nachdem er klter geworden ist,
+diese Vorstellungen allmhlig wieder bei Seite legen sollte[29].
+
+Es folgt also aus dem gesagten, da der Glaube an Offenbarung sich nicht
+nur nicht aufdringen, sondern auch nicht einmal von jedermann fordern,
+oder ihm ansinnen lasse.
+
+So wie der Glaube an Offenbarung nur unter zwei Bedingungen mglich ist,
+da man nemlich theils gut seyn wolle, theils der Vorstellung einer
+geschehnen Offenbarung als eines Mittels bedrfe, um das Gute in sich
+hervorzubringen[30], so kann auch der Unglaube in Rcksicht auf sie
+zweierlei Ursachen haben, da man nemlich entweder gar keinen guten
+Willen habe, und mithin, alles, was uns zum Guten antreiben, und unsre
+Neigungen einschrnken zu wollen das Ansehen hat, hasse, und von der
+Hand weise, oder da man bei dem besten Willen nur die Untersttzung
+einer Offenbarung nicht bedrfe, um ihn in's Werk setzen zu knnen. Die
+erstere Verfassung der Seele ist tiefes moralisches Verderben; die
+letztere ist, wenn sie sich nur etwa nicht auf die natrliche Schwche
+unsrer Neigungen, oder auf eine dieselben tdtende Lebensart, sondern
+auf wirksame Hochachtung des Guten, um sein selbst willen, grndet,
+wirkliche Strke, und man darf, ohne Furcht, der Wrde der Offenbarung
+dadurch etwas zu benehmen, das sagen, weil bei wirklich vorherrschender
+Liebe des Guten, ohne welche berhaupt kein Glaube mglich ist, nicht zu
+befrchten steht, da jemand sie von der Hand weisen werde, so lange er
+noch irgend eine gute Wirkung derselben an sich versprt. Aus welchen
+Ursachen von beiden der Unglaube bei einem bestimmten Subjekte
+entstanden sey, knnen nur die Frchte lehren.
+
+Zur Ablehnung einer bereilten Folgerung hieraus aber mssen wir schon
+hier anmerken, da, wenn gleich nicht der Glaube an Offenbarung, dennoch
+die Kritik ihres Begriffs auf Allgemeingltigkeit Anspruch mache. Denn
+letztere hat nichts zu begrnden, als die absolute Mglichkeit einer
+Offenbarung, sowohl in ihrem Begriffe, als da etwas demselben
+korrespondirendes angenommen werden knne, und dies thut sie aus
+Principien _a priori_, mithin allgemeingltig. Jedem also wird durch
+sie angemuthet, zuzugestehen, da nicht nur berhaupt eine Offenbarung
+mglich sey, sondern auch, da eine in der Sinnenwelt wirklich gegebne
+Erscheinung, die alle Kriterien derselben an sich hat, eine seyn
+_knne_. Hierbei aber mu sie es bewenden lassen, und hierbei kann und
+mu es vernnftiger Weise jeder, der kein Bedrfni derselben zum
+Gebrauche weder an sich, noch an ndern fhlt, bewenden lassen; ist aber
+durch die Kritik genthigt, denen, die an sie glauben, die
+Vernunftmigkeit ihres Glaubens zuzugestehen, und sie in vllig ruhigem
+und ungestrtem Besitze und Gebrauche desselben zu lassen.
+
+In Absicht der _Relation_ bezieht sich der reine Vernunftglaube auf
+etwas Materielles, der Offenbarungsglaube aber blos auf eine bestimmte
+Form dieses _a priori_ gegebnen, und schon als angenommen
+vorausgesetzten Materiellen. Dieser Unterschied, der aus allem bisher
+gesagten zur Genge klar ist, veranlat uns blos hier noch die Anmerkung
+zu machen, da derjenige, der diese bestimmte Form einer Offenbarung
+nicht annimmt, darum das Materielle, Gott und Unsterblichkeit, nicht nur
+nicht nothwendig lugne, sondern da er auch dem Glauben an dieselben in
+sich nicht nothwendig Abbruch thue, wenn er sie sich auer dieser Form
+eben so gut denken, und sie zur Willensbestimmung brauchen kann.
+
+In Absicht der _Modalitt_ endlich drckt sich der reine Vernunftglaube,
+nach Voraussetzung der Mglichkeit des Endzwecks des Moralgesetzes,
+apodiktisch ans; es ist nemlich, einmal angenommen, da das absolute
+Recht mglich sey, fr uns schlechterdings nothwendig zu denken, da ein
+Gott sey, und da moralische Wesen ewig dauern. Der Glaube an
+Offenbarung aber kann sich nur kategorisch ausdrcken: eine gewisse
+Erscheinung _ist_ Offenbarung; nicht: sie mu nothwendig Offenbarung
+seyn, weil, so sicher es auch ist, da uns kein Irrthum in diesem
+Urtheile gezeigt werden kann, das Gegentheil an sich doch immer mglich
+bleibt.
+
+
+. 15.
+
+_Allgemeine bersicht dieser Kritik._
+
+Ehe irgend eine Untersuchung ber den Offenbarungsbegriff mglich war,
+mute dieser Begriff wenigstens vorlufig bestimmt werden; und da es uns
+hier nicht so gut ward, wie bei gegebnen Begriffen in der reinen
+Philosophie, denen wir bis zu ihrer ersten Entstehung nachspren, und
+sie gleichsam werden sehen, da hingegen dieser sich blos als ein
+empirischer ankndiget, und wenigstens, wenn auch bei nherer
+Untersuchung seine Mglichkeit _a priori_ sich ergiebt, nicht das
+Ansehen hat, ein Datum _a priori_ fr sich anfhren zu knnen: so hatten
+wir _vor der Hand_ darber nur den Sprachgebrauch abzuhren. Dies
+geschah . 5. Da aber dieser Begriff, wie schon vorlufig zu vermuthen,
+. 5. aber vollkommen erweisbar war, nur in Beziehung auf Religion
+vernunftmig ist, so mute eine Deduktion der Religion berhaupt zum
+Behuf der Ableitung des zu untersuchenden Begriffs aus seinem hhern
+vorausgeschickt werden (. 2. 3. 4.).
+
+Nach dieser vorlufigen Bestimmung des Begriffs war zu untersuchen, ob
+er berhaupt einer philosophischen Kritik zu unterwerfen, und vor
+welchem Richterstuhle seine Sache anhngig zu machen sey. Das erste hing
+davon ab, ob er _a priori_ mglich sey, und das zweite mute sich durch
+eine wirkliche Deduktion _a priori_ aus den Principien, von welchen er
+sich ableiten lie, ergeben; indem offenbar jeder Begriff unter das
+Gebiet desjenigen Princips gehrt, von welchem er abgeleitet ist. Diese
+Deduktion wurde . 5. 6. 7. wirklich gegeben, und aus ihr erhellte, da
+dieser Begriff vor den Richterstuhl der praktischen Vernunft gehre. Der
+zweite Punkt, der einer strengen Prfung unterworfen werden mu, ist
+mithin diese Deduktion _a priori_, weil mit ihrer Mglichkeit die
+Mglichkeit jeder Kritik dieses Begriffs berhaupt, und die Richtigkeit
+der gegebnen, zugleich aber auch die Vernunftmigkeit des kritisirten
+Begriffs selbst steht oder fllt.
+
+Da sich bei dieser Deduktion fand, da der in Untersuchung befindliche
+Begriff kein Datum _a priori_ aufzuweisen habe, sondern dasselbe _a
+posteriori_ erwarte, so mute die Mglichkeit dieses verlangten Datum in
+der Erfahrung, aber auch nur seine Mglichkeit, gezeigt werden. Dies
+geschah . 8. Es kommt also bei Prfung dieses . blos darauf an, ob ein
+empirisches Bedrfni einer Offenbarung, welches das verlangte Datum
+ist, nicht etwa wirklich aufgezeigt, sondern nur richtig angezeigt
+worden, und ob aus den empirischen Bestimmungen der Menschheit die
+Mglichkeit abgeleitet worden, da ein solches Bedrfni eintreten
+knne.
+
+Mehr um den Satz, da die Untersuchung der Mglichkeit einer Offenbarung
+schlechterdings nicht vor das Forum der theoretischen Vernunft gehre,
+welcher schon, aus der Deduktion ihres Begriffs erhellet, noch
+einleuchtender zu machen, als um einer systematischen Nothwendigkeit
+willen, wurde . 9. noch die physische Mglichkeit einer Offenbarung,
+ber welche an sich gar keine Frage entstehen konnte, gezeigt.
+
+Nach Beendigung dieser Untersuchungen mu es vllig klar seyn, da der
+Begriff der Offenbarung berhaupt nicht nur an sich denkbar sey, sondern
+da auch, im Falle des eintretenden empirischen Bedrfnisses sich etwas
+ihm korrespondirendes auer ihm erwarten lasse. Da aber dieses
+korrespondirende eine Erscheinung in der Sinnenwelt seyn soll, welche
+_gegeben_ werden mu (nicht _gemacht_ werden kann), so kann nun der
+menschliche Geist hierbei nichts weiter thun, als diesen Begriff auf
+eine dergleichen Erscheinung anwenden, und die Kritik weiter nichts, als
+ihn dabei leiten, d. i. die Bedingungen festsetzen, unter denen eine
+solche Anwendung mglich ist. Diese Bedingungen sind . 10. 11. 12.
+entwickelt worden. Da dieselben nichts weiter, als die durch eine
+Analysis sich ergebenden Bestimmungen des Offenbarungsbegriffs selbst
+sind, so kommt es bei ihrer Prfung nur darauf an, ob sie aus diesem
+Begriffe wirklich herflieen, und ob sie alle angegeben sind. Die
+Prfung des letztern Punktes sucht . 13. zu erleichtern.
+
+Da aber aus der Art dieses Begriffs sich offenbar ergeben hat, da seine
+wirkliche Anwendung auf eine gegebne Erfahrung immer nur willkhrlich
+ist, und sich auf keine Zunthigung der Vernunft grndet, so hat . 14
+noch gezeigt werden mssen, worauf diese Anwendung berhaupt sich
+grnde, und inwiefern sie vernunftmig sey. Auch diese Deduktion der
+Vernunftmigkeit dieses Verfahrens mit dem Offenbarungsbegriffe bedarf
+einer besondern Prfung.
+
+Aus dieser kurzen bersicht erhellet, da die Kritik der Offenbarung
+aus Principien _a priori_ gefhrt werde -- denn bei Untersuchung des
+empirischen Datum fr den Offenbarungsbegriff ist sie blos gehalten die
+Mglichkeit desselben zu zeigen; da sie mithin, wenn in keinem der
+angezeigten Punkte ihr ein Fehler nachzuweisen ist, auf allgemeine
+Gltigkeit rechtmigen Anspruch mache. Sollten aber in gegenwrtiger
+Bearbeitung dieser Kritik dergleichen Fehler gemacht worden seyn, wie
+wol zu erwarten steht; so mte es, wenn nur der Weg einer mglichen
+Kritik richtig angegeben ist, welches sich bald zeigen mu, besonders
+durch gemeinschaftliche Bemhungen, leicht seyn, ihnen abzuhelfen, und
+eine allgemeingeltende Kritik aller Offenbarung aufzustellen.
+
+Durch diese Kritik wird nun die Mglichkeit einer Offenbarung an sich,
+und die Mglichkeit eines Glaubens an eine bestimmte gegebne
+insbesondre, wenn dieselbe nur vorher vor dem Richterstuhle ihrer
+besondern Kritik bewhrt gefunden, vllig gesichert, alle Einwendungen
+dagegen auf immer zur Ruhe verwiesen, und aller Streit darber auf ewige
+Zeiten beigelegt[31]. Durch sie wird alle Kritik jeder besondern
+gegebnen Offenbarung begrndet, indem sie die allgemeinen Grundstze
+jeder dergleichen Kritik an den Kriterien aller Offenbarung aufstellt.
+Es wird, nach vorher ausgemachter historischer Frage, _was_ eine gegebne
+Offenbarung eigentlich lehre -- welche in einzelnen Fllen leicht die
+schwerste seyn drfte, mglich, mit vlliger Sicherheit zu entscheiden,
+ob eine Offenbarung gttlichen Ursprungs seyn knne, oder nicht, und im
+ersten Falle ohne alle Furcht irgend einer Strung an sie zu glauben.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[Funote 1: Diese Vorrede, und das chte vom Verfasser mit seinem Namen
+unterzeichnete Titelblatt wurden durch ein Versehen nicht in der
+Ostermesse, aber wohl spterhin, mir ausgegeben.
+
+_Der Verleger._]
+
+[Funote 2: Diese Form der empirischen Anschauung, insofern sie
+empirisch ist, ist der Gegenstand des Gefhls des Schnen. _Richtig
+verstanden_ entdeckt dies einen leichtern Weg zum Eindringen in das Feld
+der sthetischen Urtheilskraft.]
+
+[Funote 3: Ehemals auch -- _Sittenlehre_ genannt.]
+
+[Funote 4: Es sind nemlich, bei der characteristischen Beschaffenheit
+endlicher Wesen leidend afficirt zu werden, und durch Spontaneitt sich
+zu bestimmen, bei jeder uerung ihrer Thtigkeit Mittelvermgen
+anzunehmen, die von der einen Seite der Bestimmbarkeit durch Leiden, von
+der andern der Bestimmbarkeit durch Thun fhig sind.]
+
+[Funote 5: Ich fge zur Erluterung auch hier noch hinzu, da so
+etwas, wie Interesse am Guten blos von endlichen, d. h. empirisch
+bestimmbaren Wesen gelte, von dem Unendlichen aber gar nicht auszusagen
+sey: da mithin in der reinen Philosophie, wo von allen empirischen
+Bedingungen gnzlich abstrahirt wird, der Satz: das Gute mu schlechthin
+darum geschehen, weil es gut ist -- ohne alle Einschrnkung vorzutragen;
+fr sinnlich bestimmbare Wesen aber so einzuschrnken ist: das Gute
+wirkt Interesse, schlechthin darum, weil es gut ist, und dieses
+Interesse mu den Willen bestimmt haben, es hervorzubringen, wenn die
+Willensform rein moralisch seyn soll.]
+
+[Funote 6: Sollten wir nicht bei der Erziehung mehr auf die
+Entwickelung des Gefhls fr das Erhabne bedacht seyn? -- ein Weg, den
+uns die Natur selbst fnete, um von der Sinnlichkeit aus zur Moralitt
+berzugehen, und der in unserm Zeitalter uns meist schon sehr frh durch
+Frivolitten und Colifischets, und unter andern auch durch Theodiceen
+und Glckseeligkeitslehren, verdmmt wird. -- _Nil admirari_ -- _omnia
+humana infra so posita carnere_ -- ist es nicht das unsichtbare Wehen
+dieses Geistes, das uns hier weniger, da mehr an die classischen
+Schriften der Alten anzieht? Was mten wir bei unsern ohne Zweifel
+entwickeltern Humanittsgefhlen gegen Jene bald werden, wenn wir ihnen
+nur hierinn hnlich werden wollten? und was sind wir jetzt gegen sie?]
+
+[Funote 7: Welches nicht zum Beweise, sondern [Greek: kat' anthrpon]
+gesetzt wird. Jede Behauptung mu auf sich selbst stehen, oder fallen.
+-- Der _verehrt_ Kanten noch wenig, der es nicht am ganzen Umrisse und
+Vortrage seiner Schriften gemerkt hat, da er uns nicht seinen
+_Buchstaben, sondern seinen Geist_ mittheilen wollte; und er
+_verdankt_ ihm noch weniger.]
+
+[Funote 8: Die Vernachligung dieses Theils der Theorie des Willens,
+nemlich der Entwickelung der _positiven_ Bestimmung des sinnlichen
+Triebes durch das Sittengesetz fhrt nothwendig zum Stoicismus in der
+Sittenlehre -- dem Princip der Selbstgenugsamkeit -- und zur Lugnung
+Gottes und der Unsterblichkeit der Seele, wenn man consequent ist.]
+
+[Funote 9: Im Vorbeigehen die Frage: Soll der erste Grundsatz des
+Naturrechts ein Imperativ, oder eine Thesis seyn? Soll diese
+Wissenschaft im Tone der practischen, oder in dem der theoretischen
+Philosophie Vorgetragen werden?]
+
+[Funote 10: Welch ein sonderbares Zusammentreffen! -- Wer sein Leben
+lieb hat, der wird es verlieren; wer es aber verlieret, der wirds
+erhalten zum ewigen Leben:sagte Jesus; welches gerade so viel heit,
+als das obige.]
+
+[Funote 11: Gott hat keine Rechte: denn er hat keine sinnliche
+Neigung.]
+
+[Funote 12: Welche beiden letztern Begriffe hier nur dazu da stehen,
+um die leere Stelle einer Idee zu bezeichnen, die aus ihrer Verbindung
+entsteht, und die fr uns undenkbar ist.]
+
+[Funote 13: Wenn man von Gott redet, so heit die Anforderung der
+practischen Vernunft an ihn nicht Gebot, sondern Gesetz. Sie sagt von
+ihm kein _Sollen_, sondern ein _Seyn_ aus; sie ist in Rcksicht auf ihn
+nicht _imperativ_, sondern _constitutiv_.]
+
+[Funote 14: Das Wort _recht_ (welches wohl zu unterscheiden ist von
+_einem Rechte_, von welchem die Lehrer des Naturrechts reden,) hat
+einen ihm eigenthmlichen Nachdruck, weil es keiner Grade der
+Vergleichung fhig ist. Nichts ist _so gut_, oder _so edel_, da sich
+nicht noch etwas _besseres_ oder _edleres_ denken liee; aber _recht_
+ist nur eins: alles, worauf dieser Begriff anwendbar ist, ist entweder
+schlechthin recht oder schlechthin unrecht, und da giebt's kein
+drittes. Weder das lateinische _honestum_, noch das griechische
+[Greek: kalon k'agathon] hat diesen Nachdruck. (Vielleicht das
+lateinische _par_ --_egisti uti par est_ --?) Es ist ein Glck fr
+unsre Sprache, da man diesem Worte durch Mibrauch desselben seinen
+Nachdruck nicht geraubt hat, welches sie ohne Zweifel dem Geschmacke
+der Superlativen, und der bertreibung, -- der Meinung, da es eben
+nicht viel gesagt sey, wenn man z. B. eine Handlung _recht_ nenne, und
+da sie wenigstens _edel_ heien msse, zu verdanken hat.]
+
+[Funote 15: Die Frage: warum berhaupt moralische Wesen seyn sollten?
+ist leicht zu beantworten: wegen der Anforderung des Moralgesetzes an
+Gott, das hchste Gut auer Sich zu befrdern, welches nur durch
+Existenz vernnftiger Wesen mglich ist.]
+
+[Funote 16: Wer unwillig wird, da ich das sagte, dem sagte ich's
+nicht. Ich kenne aber Leser, denen man es allerdings sagen mu.]
+
+[Funote 17: berhaupt haben alle, die durch historische,
+geographische, physische Deduktionen die kritische Philosophie
+_widerlegen_, noch nicht den ersten Satz der Philosophie gefat, die sie
+widerlegen.]
+
+[Funote 18: Da dieser Deduktion gar nicht eine _objektive_, einen
+theoretischen Beweis _a priori_ begrndende, sondern blos eine
+_subjektive_, fr den empirisch-bedingten Glauben hinlngliche,
+Gltigkeit zugeschrieben werde, ist wohl fr keinen Leser, der auch nur
+eine dunkle Ahndung von dem Gange und Ziele dieser Abhandlung hat, zu
+erinnern -- auch sogar dann nicht, wenn jemand ihren Sinn vorstzlich
+misdeuten sollte, um den Leser irre zu fhren.]
+
+[Funote 19: Ich sehe nicht ab, wie die Bewohner von Hispaniola, wenn
+Christoph Colon, statt durch seine vorgebliche Verfinsterung des Mondes
+nur Lebensmittel von ihnen zu erzwingen, dieselbe als gttliche
+Beglaubigung einer Gesandtschaft von ihm an sie in moralischen Absichten
+gebraucht htte, ihm vor der Hand vernnftiger Weise ihre Aufmerksamkeit
+htten versagen knnen, da der Erfolg dieser Naturbegebenheit nach
+seiner bestimmten Vorherverkndigung ihnen nach Naturgesetzen
+schlechterdings unerklrbar seyn mute. Und wenn er denn auf diese
+Beglaubigung eine den Principien der Vernunft vllig angemessene
+Religion gegrndet htte, so htten sie nicht nur auf keinen Fall etwas
+dabei verloren, sondern sie htten auch diese Religion mit vlliger
+berzeugung so lange fr unmittelbar gttlichen Ursprungs halten knnen,
+bis sie durch eigne Einsicht in die Naturgesetze, und durch die
+historische Belehrung, da Colon sie eben so gut gekannt, und da er
+also nicht allerdings ehrlich mit ihnen umgegangen, diese Religion zwar
+nicht mehr fr gttliche _Offenbarung_ htten halten knnen, aber doch
+verbunden geblieben wren, sie wegen ihrer gnzlichen bereinstimmung
+mit dem Moralgesetze, fr gttliche _Religion_ anzuerkennen.]
+
+[Funote 20: Wenn es erwiesen werden knnte, da ein vernnftiges
+Frwahrhalten einer Offenbarung Gottes als politischen Gesetzgebers
+(etwa als Vorbereitung auf eine moralische Offenbarung) mglich wre,
+als mit welcher Mglichkeit des Frwahrhaltens zugleich die Mglichkeit
+der ganzen Sache steht und fllt (ein Erweis, der aus dem oben . 5.
+gesagten als fast unmglich erscheint); so wre es klar, da der
+Gehorsam gegen dergleichen Gesetze in einer solchen Offenbarung auf
+Furcht der Strafe, und Hoffnung der Belohnung, nicht nur gegrndet
+werden knnte, sondern mte, da der Endzweck politischer Gesetze bloe
+Legalitt ist, und diese durch jene Triebfedern am sichersten bewirkt
+wird.]
+
+[Funote 21: Ich bitte jeden, dem die hier zu beweisende Behauptung
+noch anstig vorkommt, auf das von hier an folgende besonders
+aufzumerken. _Entweder_ die ganze Offenbarungskritik mu umgestoen, und
+die Mglichkeit einer theoretischen berzeugung _a posteriori_ von der
+Gttlichkeit einer gegebnen Offenbarung erhrtet werden, (worber man
+sich an . 5. zu halten hat:) _oder_ man mu den Satz: da eine
+Offenbarung unsre bersinnliche Erkenntni nicht erweitern knne,
+unbedingt zugeben.]
+
+[Funote 22: Zu Ablehnung bereilter Konsequenzen und unstatthafter
+Anwendungen merken wir nochmals ausdrcklich an, da hier nur von als
+_objektiv gltig_ angekndigten Stzen die Rede sey, und da vieles, was
+als Erweiterung unsrer Erkenntni des bersinnlichen aussehe,
+versinnlichte Darstellung unmittelbarer, oder durch Anwendung dieser auf
+gewisse Erfahrungen entstandener Vernunftpostulate seyn knne; da es
+mithin, wenn es erweislich das ist, durch dieses Kriterium nicht
+ausgeschlossen werde. Der Erweis davon gehrt aber nicht hierher,
+sondern in die angewandte Kritik einer besondern Offenbarung.]
+
+[Funote 23: So ist es freilich eine richtige Regel: Fasse nie einen
+Entschlu in der Hitze des Affekts: aber diese Regel, als empirisch
+bedingt, kann sogar nicht auf Menschen allgemeine Anwendung haben, denn
+es ist wol mglich, und soll mglich seyn, sich von allen aufbrausenden
+Affekten gnzlich frei zu machen.]
+
+[Funote 24: Es folgt aber gar nicht, da, weil ein gewisses Mittel fr
+ein Subjekt, oder auch fr die meisten von keinem Nutzen sey, es darum
+fr niemanden einigen Nutzen haben knne; und man ist in den neuern
+Zeiten in Verwerfung vieler ascetischen Uebungen, aus Ha gegen den in
+den ltern damit getriebnen Mibrauch, zu weit gegangen, wie mir's
+scheint. Da es berhaupt gut und ntzlich sey, seine Sinnlichkeit auch
+zuweilen da, wo kein ausdrckliches Gesetz redet, zu unterdrcken, blos
+um sie zu schwchen und immer freier zu werden, wei jeder, der an sich
+gearbeitet hat.]
+
+[Funote 25: Da die Juden lterer Zeiten wirklich so schlossen,
+bezeugen die Vorstellungen der Propheten gegen diesen Irrthum; da sie
+in neuern Zeiten nicht klger sind, beweisen die lcherlich kindischen
+Vorstellungen von Gott, die ihr Talmud enthlt: ob durch Schuld ihrer
+Religion, oder ihre eigne, bleibt hier ununtersucht. -- Woher aber komme
+bei manchen Christen mittlerer und neuerer Zeiten sogar, der Wahn, da
+gewisse Anrufungen, z. B. Kyrie Eleison, Vater unsers Herrn Jesu
+Christi, u. dergl. ihm besser gefallen, als andere?]
+
+[Funote 26: Wer mich siehet, siehet den Vater, -- sagte Jesus nicht
+eher, bis Philippus von ihm verlangte, ihm den Vater zu _zeigen_.]
+
+[Funote 27: Da z. B. Jesus sich Unsterblichkeit gedacht habe, wenn
+er von Auferstehung redete, und da beide Begriffe damals fr vllig
+gleich gegolten, erhellet, auer seinen Reden beim Johannes ber
+diesen Gegenstand, wo er die ununterbrochne Fortdauer seiner Anhnger
+in einigen Aussprchen ganz rein ohne das Bild der Auferstehung, doch
+ohne sich auf den Unterschied zwischen Seele und Krper, und auf die
+vom krperlichen Tode mgliche Einwendung einzulassen, vortrgt; unter
+andern ganz offenbar aus jenem Beweise [Greek: kat' anthrpon] gegen
+die Sadducer. Der angezogne Ausspruch Gottes konnte, alles brige als
+richtig zugestanden, nichts weiter als die fortdauernde Existenz
+Abrahams, Isaaks, und Jakobs, zur Zeit Moses, aber keine eigentliche
+Auferstehung des Fleisches beweisen. Da auch die Sadducer es so
+verstanden, und nicht blos die krperliche Auferstehung, sondern
+Unsterblichkeit berhaupt, lugneten, folgt daraus, weil sie sich mit
+diesem Beweise Jesu befriedigten.
+
+Die Widersprche, die aus einer zu groben Vorstellung dieser Lehre
+folgen, nthigten schon Paulus, sie etwas nher zu bestimmen.]
+
+[Funote 28: Lasset uns das hier ber die Bedingungen der Erlaubni
+etwas zu glauben, weil das Herz es wnscht, gesagte, durch ein Beispiel
+vom Gegentheile klrer machen. Man knnte nemlich etwa die
+Wiedererneuerung des Umganges gewesener Freunde im knftigen Leben aus
+dem Verlangen guter zur Freundschaft gestimmter Menschen nach dieser
+Wiedererneuerung erweisen wollen. Mit einem solchen Beweise aber wrde
+man dicht wohl fortkommen. Denn ob man gleich etwa sagen knnte, die
+Vollbringung mancher schweren Pflicht werde dem, der einen geliebten
+Freund in der Ewigkeit wei, durch den Gedanken erleichtert werden, da
+er sich dadurch des Genusses der Seligkeit mit seinem abgeschiednen
+Freunde immer mehr versichere, so wrde, ganz abgerechnet, da man wol
+unzhlige Motiven der Art wrde aufweisen knnen, denen man aber darum
+die objektive Realitt zuzusprechen doch ein Bedenken tragen wrde,
+dadurch doch gar nicht reine Moralitt, sondern blos Legalitt befrdert
+werden, und es wrde demnach eine vergebliche Bemhung seyn, diesen
+Wunsch von der Bestimmung des obern Begehrungsvermgens durch das
+Moralgesetz ableiten zu wollen. berhaupt sind wol -- der Wunsch,
+berhaupt Spuren der gttlichen moralischen Regierung in der ganzen
+Natur, und vorzglich in unserm eignen Leben, und der, insbesondre eine
+Offenbarung annehmen zu drfen, die einzigen, die mit Recht auf eine so
+erhabne Abstammung Ansprach machen mchten. Was die zweite Bedingung
+anbetrifft, so lassen sich schon hienieden der Analogie nach Grnde
+genug vermuthen, die eine solche Wiedervereinigung im knftigen Leben
+zweckwidrig machen knnten, als z. B. da etwa der Zweck einer
+vielseitigen Ausbildung uns den Umgang des ehemaligen Freundes, dessen
+Absicht fr unsre Bildung erreicht ist, unntz, oder gar schdlich
+machen knnte, -- da desselben Gegenwart in andern Verbindungen
+nthiger, und fr das Ganze ntzlicher sey, -- da die unsrige in ndern
+Verbindungen es sey u. dgl. Blos der letzten Bedingung entspricht die
+angenommene Realitt dieses Wunsches, denn in einer Dauer ohne Ende kann
+diese Wiedervereinigung, wenn sie an keinen bestimmten Punkt dieser
+Dauer gebunden wird, immer noch erwartet werden, und mithin die
+Erfahrung ihrer Wirklichkeit nie widersprechen. Aus diesem Grunde also
+ist kein Beweis der Befriedigung dieses Wunsches mglich; und wenn es
+keinen ndern Beweis giebt (es giebt aber einen, der jedoch auch nur zur
+wahrscheinlichen Vermuthung hinreicht), so mte das menschliche Gemth
+sich ber dieselbe auf _Hoffnung_, d. i. auf eine durch eine Bestimmung
+des Begehrungsvermgens motivirte Hinneigung des Urtheils auf _eine_
+Seite bei einem Gegenstnde, der brigens als problematisch erkannt
+wird, einschrnken.
+
+brigens hat es in Absicht der Unwiderlegbarkeit mit den unmittelbaren
+Postulaten der praktischen Vernunft, der Existenz Gottes, und der ewigen
+Fortdauer moralischer Wesen die gleiche Bewandtni. Unsre Fortdauer zwar
+ist Gegenstand unmittelbarer Erfahrung; der Glaube, an die Fortdauer
+aber kann nie durch Erfahrung widerlegt werden; denn, wenn wir nicht
+existiren, so machen wir gar keine Erfahrung. So lange wir ferner als
+_wir_, d. i. als moralische Wesen, fortdauern, kann auch der Glaube an
+Gott weder durch Grnde, denn auf theoretische grndet er sich nicht,
+und das fr die Ewigkeit gltige Gesetz der praktischen Vernunft
+untersttzt ihn, noch durch Erfahrung umgestoen werden; denn die
+Existenz Gottes kann nie Gegenstand der Erfahrung werden, mithin auch
+aus der Ermangelung einer solchen Erfahrung sich nie auf die
+Nichtexistenz desselben schlieen lassen. Aus eben diesen Grnden aber
+knnen diese Stze auch nie, fr irgend ein endliches Wesen, Gegenstnde
+des _Wissens_ werden, sondern mssen in alle Ewigkeit Gegenstnde des
+_Glaubens_ bleiben. Denn fr die Existenz Gottes werden wir nie andre
+als moralische Grnde haben, da keine andern mglich sind, und unsrer
+eignen Existenz werden wir zwar fr jeden Punkt derselben unmittelbar
+durch das Selbstbewutseyn sicher seyn, fr die Zukunft aber sie aus
+keinen ndern, als moralischen Grnden erwarten knnen.]
+
+[Funote 29: Da dies nicht eine leere Vernnftelei sei, sondern sich
+auch in der Erfahrung, besondere beim Halten ffentlicher Reden an das
+Volk, besttige, wird uns vielleicht jeder Religionslehrer, der etwa
+sich fr seine Person der aus der Offenbarung hergenommenen
+Vorstellungen, nicht bedient, brigens aber lebhaftes Gefhl seiner
+Bestimmung mit Ehrlichkeit (welches nicht wenig gesagt ist) vereinigt,
+wenn auch nicht ffentlich, doch wenigstens in seinem Herzen
+zugestehen. -- Es geschieht vermittelst der Begeisterung durch die
+Einbildungskraft; und dieser Umstand darf die Sache niemanden verdchtig
+machen, da ja die Offenbarung berhaupt nur durch dieses Vehikulum
+wirken kann, und soll.]
+
+[Funote 30: Dies waren auch die Maximen Jesu. In Absicht des erstern:
+So jemand _will_ den Willen thun des der mich gesandt hat, der wird
+innen werden, ob diese Lehre von Gott sey; und im Gegensatze: Wer Arges
+thut, hasset das Licht, und kommt nicht an das Licht. In Absicht des
+letztern: Die Starken bedrfen des Arztes nicht, sondern die Kranken;
+ich bin kommen die Snder zur Busse zu rufen, und nicht, die
+Gerechten -- welche Aussprche ich nicht fr Ironie halte.]
+
+[Funote 31: Dieser Streit grndet sich auf eine Antinomie des
+Offenbarungsbegriffs, und ist vllig dialektisch. Anerkennung einer
+Offenbarung ist nicht mglich, sagt der eine Theil; Anerkennung einer
+Offenbarung ist mglich, sagt der zweite; und so ausgedrckt
+widersprechen sich beide Stze geradezu. Wenn aber der erste so bestimmt
+wird: Anerkennung einer Offenbarung aus theoretischen Grnden ist
+unmglich; und der zweite: Anerkennung einer Offenbarung um einer
+Bestimmung des Begehrungsvermgens willen, d. i. ein Glaube an
+Offenbarung, ist mglich; so widersprechen sie sich nicht, sondern
+knnen beide wahr seyn, und sind es beide, laut unsrer Kritik.]
+
+
+
+
+SCHLUSSANMERKUNG.
+
+Es ist eine sehr allgemeine Bemerkung, da alles, was Spekulation ist,
+oder so aussieht, sehr wenig Eindruck auf das menschliche Gemth mache.
+Man wird allenfalls angenehm dadurch beschfftiget; man lt sich das
+Resultat gefallen, weil man nichts dagegen einwenden kann, wrde aber
+auch nichts arges daraus haben, wenn es anders ausgefallen wre; denkt
+und handelt brigens in praktischer Rcksicht wie vorher, so da der auf
+Spekulation gegrndete Satz wie ein todtes Kapital ohne alle Zinsen in
+der Seele zu liegen, scheint, und da man seine Anwesenheit durch nichts
+gewahr wird. So ging es von jeher mit den Spekulationen der Idealisten
+und Skeptiker. Sie dachten, wie niemand, und handelten, wie alle.
+
+Da gegenwrtige Spekulation, wenn sie auch etwa nicht nothwendig
+praktische Folgen aufs Leben hat, (wie sie doch, wenn sie sich
+behauptet, haben mchte,) dennoch in Absicht des Interesse nicht so kalt
+und gleichgltig werde aufgenommen werden, dafr brgt ihr wol der
+Gegenstand, den sie behandelt. Es ist nemlich in der menschlichen Seele
+ein nothwendiges Interesse fr alles, was auf Religion Bezug hat, und
+das ist denn ganz natrlich daraus zu erklren, weil nur durch
+Bestimmung des Begehrungsvermgens Religion mglich geworden ist; da
+also diese Theorie durch die allgemeine Erfahrung besttigt wird, und
+da man sich fast wundern sollte, warum man nicht lngst selbst von
+dieser Erfahrung aus auf sie kam. Wenn jemand etwa einen andern
+unmittelbar gewissen Satz, z. B. da zwischen zwey Punkten nur Eine
+gerade Linie mglich sey, lugnen wrde, so wrden wir ihn vielmehr
+verlachen und bedauren, als uns ber ihn erzrnen; und wenn ja etwa der
+Mathematiker sich dabey ereifern sollte, so knnte dies nur entweder aus
+Mivergngen ber sich selbst herkommen, da er ihn seines Irrthums
+nicht sogleich berfhren knne, oder aus der Vermuthung, da bey diesem
+hartnckigen Ablugnen der bse Wille, ihn zu rgern, (mithin doch auch
+etwas unmoralisches) zum Grunde liege: aber dieser Unwille wrde doch
+ein ganz anderer seyn, als derjenige, der jeden, und den
+unausgebildetsten Menschen eben am meisten angreift, wenn jemand das
+Daseyn Gottes, oder die Unsterblichkeit der Seele ablugnet; welcher mit
+Furcht und Abscheu vermischt ist, zum deutlichen Zeichen, da wir diesen
+Glauben als einen theuren Besitz, und denjenigen als unsern persnlichen
+Feind ansehen, der Mine macht, uns in diesem Besitze stren zu wollen.
+Dieses Interesse verbreitet sich denn verhltnimig weiter, je mehrere
+Ideen wir auf die Religion beziehen, und mit ihr in Verbindung bringen
+knnen; und wir wrden daher uns sehr bedenken, zu entscheiden, ob
+vorherrschende Toleranz in einer Seele, in welcher sie sich nicht auf
+langes anhaltendes Nachdenken grnden kann, ein sehr achtungswerther Zug
+sey. Aus eben diesem Interesse lt sich auch im Gegentheile die
+empfindliche Abneigung erklren, mit der wir gegen Vorstellungen
+eingenommen werden, die wir etwa ehedem fr heilig hielten, von denen
+wir aber bey zunehmender Reife uns berzeugt oder berredet haben, da
+sie es nicht sind. Wir erinnern uns ja andrer Trume unsrer frhern
+Jahre, wie etwa des von einer uneigenntzigen Hlfsbereitwilligkeit der
+Menschen, von einer arkadischen Schferunschuld u. dergl. mit einem
+wehmthig-frohen Andenken der Jahre, wo wir noch so angenehm trumen
+konnten; ohnerachtet das Gegentheil und die Erfahrungen, wodurch wir
+etwa darber belehrt worden sind, uns doch an sich unmglich angenehm
+seyn knnen. Der Tuschungen von oben angezeigter Art aber erinnern wir
+uns lange mit Verdru, und es gehrt viel Zeit und Nachdenken dazu, um
+auch darber kalt zu werden; ein Phnomen, welches man gar nicht der
+dunkeln Vorstellung des durch dergleichen Ideen entstehenden Schadens,
+(indem wir ja den offenbaren Schaden selbst mit mehr Gleichmuth
+erblicken,) sondern blos daraus zu erklren hat, da das Heilige uns
+theuer ist, und da wir jede Beimischung eines fremdartigen Zusatzes als
+Entweihung desselben ansehen. Dieses Interesse zeigt sich endlich sogar
+darin, da wir mit keinerlei Art Kenntnissen uns so breit machen, als
+mit vermeinten bessern Religionseinsichten, als ob hierin die grte
+Ehre liege, und da wir sie -- wenn nicht etwa der gute Ton dergleichen
+Unterhaltungen verbannt hat, wiewohl eben das, da er sie verbannen
+mte, eine allgemeine Neigung zu denselben anzuzeigen scheint, -- so
+gern ndern mittheilen mgen, in der sichern Voraussetzung, da dies ein
+allgemein interessanter Gegenstand sey.
+
+So sicher wir also von dieser Seite seyn drften, da gegenwrtige
+Untersuchung nicht ganz ohne Interesse werde aufgenommen werden, so
+haben wir eben von diesem Interesse zu befrchten, da es sich gegen uns
+kehren, und den Leser in der ruhigen Betrachtung und Abwgung der Grnde
+stren knne, wenn er etwa voraussehen, oder wirklich finden sollte, da
+das Resultat nicht ganz seiner vorgefaten Meinung gem ausfalle. Es
+scheint also eine nicht ganz vergebliche Arbeit zu seyn, hier noch, ganz
+ohne Rcksicht auf die Begrndung des Resultats, und gleich als ob wir
+nicht einen _a priori_ vorgeschriebnen Weg gegangen wren, der uns
+nothwendig auf dasselbe htte fhren mssen, sondern, als ob es gnzlich
+von uns abgehangen htte, wie dasselbe ausfallen solle, zu untersuchen,
+ob wir Ursache gehabt htten, ein gnstigeres zu wnschen, oder ob
+gegenwrtiges etwa berhaupt das vorteilhafteste sey, das wir uns
+versprechen durften; kurz, dasselbe, ganz ohne Rcksicht auf seine
+Wahrheit, blos von Seiten seiner Ntzlichkeit zu untersuchen.
+
+Aber hier stoen wir denn zuerst auf diejenigen, welche in der besten
+Meinung von der Welt sagen werden, bey einer Untersuchung der Art knne
+berhaupt nichts kluges herauskommen, und es wrde besser gewesen seyn,
+gegenwrtige ganz zu unterlassen; die alles, was mit der Offenbarung, in
+Verbindung steht, berhaupt nicht auf Principien zurckgefhrt wissen
+wollen; die jede Prfung derselben scheuen, frchten, von sich ablehnen.
+Diese werden denn doch, wenn sie aufrichtig seyn wollen, zugestehen, da
+sie selbst eine schlechte Meinung von ihrem Glauben haben, und mgen
+selbst entscheiden, ob ihnen die Achtung und Schonung derjenigen besser
+gefllt, welche die Sache der Offenbarung schon fr vllig
+abgeurtheilt[TN13] und in allen Instanzen verlohren ansehen, und meinen,
+ein Mann, der auf seine Ehre halte, knne einmal mit ihr sich nicht mehr
+befassen, es sey sogar ein schlechtes Heldenstck, sie vollends zu
+Grunde zu richten, und mge man ja auch wohl aus mitleidiger Schonung,
+denen, die nun einmal ihr Herz daran gehngt haben, dies im Grunde
+unschuldige Spielwerk wohl gnnen. Doch haben wir, mit diesen es
+eigentlich hier nicht zu thun, denn von ihnen wird wahrscheinlich keiner
+diese Schrift lesen; sondern nur mit solchen, die eine Prfung der
+Offenbarung verstatten.
+
+Gegenwrtige sollte unsrer Absicht nach die strengste seyn, welche
+mglich ist. Was haben wir nun durch dieselbe verlohren? was gewonnen?
+wo ist das bergewicht?
+
+Verlohren haben wir alle unsere Aussichten auf Eroberungen, sowohl
+objektive, als subjektive. Wir knnen nicht mehr hoffen durch Hlfe
+einer Offenbarung in das Reich des bersinnlichen einzudringen, und von
+da, wer wei welche Ausbeute zurckzubringen, sondern mssen uns
+bescheiden, uns mit dem, was uns mit einemmale zu unsrer vlligen
+Ausstattung gegeben war, zu begngen. Eben so wenig drfen wir weiter
+hoffen andre zu unterjochen, und sie zu zwingen ihren Antheil an dem
+gemeinschaftlichen Erbe, oder an dieser neuen vermeinten Akquisition von
+uns zu Lehn zu nehmen, sondern mssen, jeder fr sich, uns auf unsre
+eignen Geschfte einschrnken.
+
+Gewonnen haben wir vllige Ruhe, und Sicherheit in unserm Eigenthume;
+Sicherheit vor den zudringlichen Wohlthtern, die uns ihre Gaben
+aufnthigen, ohne da wir etwas damit anzufangen wissen; Sicherheit vor
+Friedensstrern andrer Art, die uns das verleiden mchten, was sie
+selbst nicht zu gebrauchen wissen. Wir haben beide nur an ihre Armuth zu
+erinnern, die sie mit uns gemein haben, und in Absicht welcher wir nur
+darinn von ihnen verschieden sind, da wir sie wissen, und unsern
+Aufwand darnach einrichten.
+
+Haben wir nun mehr verlohren, oder mehr gewonnen? -- Freilich scheint
+der Verlust der gehofften Einsichten in das bersinnliche ein
+wesentlicher, ein nicht zu ersetzender, noch zu verschmerzender Verlust;
+wenn es sich aber bey nherer Untersuchung ergeben sollte, da wir
+dergleichen Einsichten zu gar nichts brauchen, ja da wir nicht einmal
+sicher seyn knnen, ob wir sie wirklich besitzen, oder ob wir auch sogar
+hierber uns tuschen, so mchte es leichter werden, sich darber zu
+trsten.
+
+Da von der Realitt aller Ideen vom bersinnlichen keine objektive
+Gewiheit, sondern nur ein Glaube an sie stattfinde, ist nun zur Genge
+erwiesen. Aller bisher entwickelte Glaube grndet sich auf eine
+Bestimmung des Begehrungsvermgens, (bey der Existenz Gottes, und der
+Seelen Unsterblichkeit auf eine des obern, bey dem Vorsehungs- und
+Offenbarungsbegriffe auf eine durch das obere geschehne Bestimmung, des
+untern,) und erleichtert gegenseitig wieder diese Bestimmung. Da weiter
+keine Ideen mglich sind, an deren Realitt zu glauben eine unmittelbare
+oder mittelbare Bestimmung durch das praktische Gesetz uns bewege, ist
+klrlich gezeigt. Es fragt sich also hier nur noch, ob nicht ein Glaube
+mglich sey, der _nicht_ durch eine dergleichen Bestimmung entsteht, und
+sie _nicht_ wieder erleichtert. Im ersten Falle mu es leicht
+auszumachen seyn, ob der Glaube _in concreto_ wirklich da ist; das mu
+sich nemlich aus den praktischen Folgen ergeben, die er, als die
+Willensbestimmung erleichternd, nothwendig hervorbringen mu. Im
+letztern Falle aber, wo keine dergleichen praktische Folgen mglich
+sind, scheint es, da der Glaube etwas blos subjektives ist, schwer,
+hierber etwas festes zu bestimmen, und es hat vllig das Ansehen, da
+uns nichts brig bleibt, als jedem ehrlichen Manne auf sein Wort zu
+glauben, wenn er uns sagt: ich glaube das, oder ich glaube jenes.
+Dennoch ist es vielleicht mglich auch hierber etwas auszumitteln. Es
+ist nemlich an sich gar nicht zu lugnen, da man oft andre, und eben so
+oft sich selbst berredet, man glaube etwas, wenn man blos nichts
+dagegen hat, und es ruhig an seinen Ort gestellt seyn lt. Von dieser
+Art ist fast aller historischer Glaube, wenn er sich nicht etwa auf
+eine Bestimmung des Begehrungsvermgens grndet, wie der an das
+historische in einer Offenbarung, oder der eines Geschichtforschers von
+Profession, der von der Achtung fr sein Geschft, und von der
+Wichtigkeit, die er in seine mhsamen Untersuchungen schlechterdings
+setzen mu, unzertrennlich ist; oder der einer Nation an eine
+Begebenheit, die ihren Nationalstolz untersttzt. Das Lesen der
+Begebenheiten und Handlungen von Wesen, die gleiche Begriffe und gleiche
+Leidenschaften mit uns haben, beschftigt uns auf eine angenehme Art,
+und es trgt zur Vermehrung unsers Vergngens etwas bei, wenn wir
+annehmen drfen, da dergleichen Menschen wirklich lebten, und wir
+nehmen dies um so fester an, je mehr die Geschichte uns interessirt, je
+mehr sie hnlichkeit mit unsern Begebenheiten oder unsrer Denkungsart
+hat; wir wrden aber, besonders in manchen Fllen, auch nicht viel
+dagegen haben, wenn alles bloe Erdichtung wre. Ist's auch nicht wahr,
+so ist es gut erfunden, mchten wir denken. Wie soll man nun hierber zu
+einiger Gewiheit ber sich selbst kommen? -- Die einzige wahre Probe,
+ob man etwas wirklich annehme, ist die, ob man darnach handelt, oder, im
+vorkommenden Falle der Anwendung, darnach handeln wrde. ber Meinungen,
+die an sich keine praktische Anwendung haben, noch haben knnen, findet
+dennoch zu jeder Zeit ein Experiment statt, da man sich nemlich aufs
+Gewissen frage, ob man wol fr die Richtigkeit einer gewissen Meinung
+einen Theil seines Vermgens, oder das ganze, oder sein Leben, oder
+seine Freiheit verwetten wolle, wenn etwas gewisses darber auszumachen
+seyn sollte. Man giebt dann einer Meinung, die an sich keine praktischen
+Folgen hat, durch Kunst eine praktische Anwendung. Wenn man auf diese
+Art jemanden eine Wette um sein ganzes Vermgen antrge, da kein
+Alexander der Groe gelebt habe, so knnte er vielleicht diese Wette
+ohne Bedenken annehmen, weil er bei vlliger Redlichkeit dennoch ganz
+dunkel denken mchte, da diejenige Erfahrung, welche dies entscheiden
+knnte, schlechterdings nicht mehr mglich sey; wenn man aber etwa eben
+demselben die gleiche Wette darauf antrge, da kein Dalai Lama
+existire, mit dem Erbieten, die Sache an Ort und Stelle durch die
+unmittelbare Erfahrung zu verificiren, so mchte er vielleicht
+bedenklicher dabei werden, und sich dadurch verrathen, da er mit seinem
+Glauben ber diesen Punkt nicht vllig in Richtigkeit sey. Wenn man nun
+ber den Glauben an bersinnliche Dinge, deren Begriff durch die reine
+praktische Vernunft _a priori_ nicht gegeben ist, die mithin an sich gar
+keine praktischen Folgen haben knnen, sich eben so eine betrchtliche
+Wette antrge, so wre es sehr leicht mglich, da man dadurch, da man
+sie von der Hand wiese, entdeckte, man habe bisher den Glauben an sie
+nicht gehabt, sondern sich nur berredet, ihn zu haben; wenn man aber
+diese Wette auch wirklich annhme, so knnte man noch immer nicht sicher
+seyn, ob sich nicht das Gemth ganz dunkel besonnen habe, es habe hier
+noch gar nicht nthig, sich auf seiner Schalkheit ertappen zu lassen, da
+bei einer solchen Wette gar nichts zu wagen sey, weil die Sache (bei
+dergleichen Ideen) in Ewigkeit nicht, weder durch Grnde, noch durch
+Erfahrungen auszumachen sey. Wenn also auch nicht darzuthun seyn sollte,
+da an die Realitt von dergleichen Ideen gar kein Glaube mglich sey;
+so ergiebt sich hieraus doch leicht soviel, da es mglich sey, auch nur
+mit sich selbst in's Reine zu kommen, ob man diesen Glauben berhaupt
+habe, welches eben soviel ist, als ob er berhaupt und an sich nicht
+mglich wre. Es ist hieraus zu beurtheilen, ob wir Ursache haben, ber
+den Verlust unsrer Hoffnung durch eine Offenbarung erweiterte Aussichten
+in die bersinnliche Welt zu bekommen, sehr verlegen zu seyn.
+
+In Absicht des zweiten Verlustes bitten wir jeden, sich vor seinem
+Gewissen die Frage zu beantworten, zu welcher Absicht er eigentlich
+eine Religion haben wolle; ob dazu, um sich ber andre zu erheben, und
+sich vor ihnen aufzublhen, zur Befriedigung seines Stolzes, seiner
+Herrschsucht ber die Gewissen, welche weit rger ist, als die
+Herrschsucht ber die Krper; oder dazu, um sich selbst zum bessern
+Menschen zu bilden. -- Inzwischen bedrfen wir sie auch mit fr andre,
+theils um reine Moralitt unter ihnen zu verbreiten; aber da darf nur
+dargethan seyn, da dies auf keinem ndern Wege, als dem angezeigten,
+geschehen knne, so werden wir ja gern, wenn dies wirklich unser Ernst
+ist, jeden andern vermeiden; theils, wenn wir das nicht knnen sollten,
+uns wenigstens der Legalitt von ihnen zu versichern, -- ein Wunsch, der
+an sich vllig rechtmig ist. Und in Absicht der Mglichkeit ihn
+dadurch zu erreichen, ist denn ganz sicher nichts leichter, als den
+Menschen, der sich im Dunkeln berhaupt frchtet, zu schrecken, ihn
+dadurch zu leiten, wohin man will, und ihn zu bewegen, in Hoffnung des
+Paradieses seinen sterblichen Leib brennen zu lassen, so sehr man will;
+wenn aber gezeigt ist, da durch eine solche Behandlung der Religion die
+Moralitt nothwendig gnzlich vernichtet werde, so wird man ja gar gern
+eine Gewalt aufgeben, zu der man kein Recht hat; da zumal diese
+Legalitt weit sicherer, und wenigstens ohne schdliche Folgen fr die
+Moralitt durch andre Mittel erreicht wird.
+
+Dies wre denn die Berechnung unsers Verlusts. Lat um nun den Gewinn
+dagegen halten!
+
+Wir gewinnen vllige Sicherheit in unserm Eigenthume. Wir drfen ohne
+Furcht, da unser Glaube uns durch irgend eine Vernnftelei geraubt
+werde, ohne Besorgni, da man ihn lcherlich machen knne, ohne Scheu
+vor der Bezchtigung des Bldsinns und der Geistesschwche, ihn zu
+unserer Verbesserung brauchen. Jede Widerlegung mu falsch seyn, das
+knnen wir _a priori_ wissen: jeder Spott mu auf den Urheber
+zurckfallen.
+
+Wir gewinnen vllige Gewissensfreiheit, nicht vom Gewissenszwange durch
+physische Mittel, welcher eigentlich nicht statt findet; denn uerer
+Zwang kann uns zwar nthigen mit dem Munde zu bekennen, was er will,
+aber nie, im Herzen etwas dem hnliches zu denken; sondern von dem
+unendlich hrteren Geisteszwange durch moralische Bedrckungen und
+Vexationen, durch Zureden, Zunthigungen, Drohungen, wer wei welcher
+schlimmen bel, die man unterm Gemthe anlegt. Dadurch wird nothwendig
+die Seele in eine ngstliche Furcht versetzt, und qult sich so lange,
+bis sie es endlich so weit bringt, sich selbst zu belgen, und den
+Glauben in sich zu erheucheln; eine Heuchelei, welche weit schrecklicher
+ist, als der vllige Unglaube, weil der letztere den Charakter nur so
+lange, als er dauert, verderbet, die erstere aber ihn ohne Hoffnung
+jemaliger Besserung zu Grunde richtet, so da ein solcher Mensch nie
+wieder die geringste Achtung oder das geringste Zutrauen zu sich fassen
+kann. Dies ist die Folge, welche das Verfahren, den Glauben auf Furcht
+und Schrecken, und auf diesen erpreten Glauben erst die Moralitt (eine
+Nebensache, die wol ganz gut seyn mag, wenn sie zu haben ist, in
+Ermangelung deren aber auch wol der Glaube allein uns durchhelfen kann,)
+grnden zu wollen, nothwendig haben mu, und welche er auch allemal
+gehabt haben wrde, wenn man immer konsequent zu Werke gegangen, und die
+menschliche Natur von ihrem Schpfer nicht zu gut eingerichtet wre, als
+da sie sich so sollte verdrehen lassen.
+
+Nach Maagabe dieser Grundstze wrde der einzige Weg -- ein Weg, den
+offenbar auch das Christenthum vorschreibt -- den Glauben in den Herzen
+der Menschen hervorzubringen, der seyn, ihnen durch Entwickelung des
+Moralgefhls das Gute erst recht lieb und werth zu machen, und dadurch
+den Entschlu, gute Menschen zu werden, in ihnen zu erwecken; dann sie
+ihre Schwche allenthalben fhlen zu lassen, und nun erst ihnen die
+Aussicht auf die Untersttzung einer Offenbarung zu geben, und sie
+wrden glauben, ehe man ihnen zugerufen htte: glaubet!
+
+Und jetzt darf die Entscheidung, wo das bergewicht sey, ob auf der
+Seite des Gewinns, oder der des Verlusts, dem Herzen eines jeden Lesers
+berlassen werden, mit Zusicherung des beilufigen Vortheils, da ein
+jeder dieses Herz selbst aus dem Urtheile, das es hierber fllet, nher
+wird kennen lernen.
+
+
+ANMERKUNGEN ZUR TRANSKRIPTION:
+
+[Anmerkung TN1: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "Gesezzen" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN2: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "nert" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN3: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "fordauern" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN4: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "Aufhebug" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN5: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "seyu" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN6: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "sis" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN7: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "4" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN8: Mit groer Wahrscheinlichtkeit ein typographischer Fehler
+im Original, knnte aber auch ein geschriebener Dialekt sein, daher
+nicht verbessert (Rchsicht an Stelle von Rcksicht).]
+
+[Anmerkung TN9: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "Siegerinn" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN10: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier ein weiteres "bar" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN11: Mit groer Wahrscheinlichtkeit ein typographischer
+Fehler im Original, knnte aber auch ein geschriebener Dialekt sein,
+daher nicht verbessert (Gnge an Stelle von Genge).]
+
+[Anmerkung TN12: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "selbt" gedruckt.]
+
+[Anmerkung TN13: Korrektur eines typographischen Fehlers im Originals. Im
+Original ist hier "abgeurthelt" gedruckt.]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Versuch einer Kritik aller Offenbarung, by
+Johann Gottlieb Fichte
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSUCH EINER KRITIK ALLER ***
+
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+
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+works. See paragraph 1.E below.
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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--- /dev/null
+++ b/18255-h.zip
Binary files differ
diff --git a/18255-h/18255-h.htm b/18255-h/18255-h.htm
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@@ -0,0 +1,8510 @@
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+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Versuch einer Kritik aller Offenbarung, by
+Johann Gottlieb Fichte
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Versuch einer Kritik aller Offenbarung
+
+Author: Johann Gottlieb Fichte
+
+Release Date: April 25, 2006 [EBook #18255]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSUCH EINER KRITIK ALLER ***
+
+
+
+
+Produced by Miranda van de Heijning, Ralph Janke and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+(This file was produced from images generously made
+available by the Bibliothque nationale de France
+(BnF/Gallica) at http://gallica.bnf.fr)
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<hr style="width: 75%;" />
+
+<h2>VERSUCH</h2>
+
+<h2>EINER KRITIK</h2>
+
+<h1>ALLER OFFENBARUNG.</h1>
+
+<p class="center"><br /><br /><br /><br />VON</p>
+
+<h2>JOHANN GOTTLIEB FICHTE.</h2>
+
+<hr style='width: 75%;' />
+
+<p class="center"><i>Zweite, vermehrte, und verbesserte Auflage.</i></p>
+
+<hr style='width: 75%;' />
+
+<h3>K&Ouml;NIGSBERG 1793.</h3>
+
+<h3>IM VERLAG DER HARTUNGSCHEN BUCHHANDLUNG.</h3>
+
+
+
+<hr style="width: 75%;" />
+
+<h2><em class="gesperrt">INHALT</em></h2>
+
+<div class="contents">
+
+<p><br /></p>
+<div class="contents_chapter"><a href="#VORREDE"><b>VORREDE</b></a></div>
+<div class="contents_chapter"><a href="#VORREDE1"><b>VORREDE ZUR ERSTEN AUSGABE</b></a></div>
+<div class="contents_chapter"><a href="#VORREDE"><b>VORREDE ZUR ZWEITEN AUSGABE</b></a></div>
+<div class="contents_chapter"><a href="#VERSUCH"><b>VERSUCH EINER KRITIK ALLER OFFENBARUNG</b></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_1">&sect;.&nbsp;1.&nbsp;<em class="gesperrt">EINLEITUNG</em>.</a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_2">&sect;.&nbsp;2.&nbsp;<i>Theorie des Willens, als Vorbereitung einer Deduction der
+Religion &uuml;berhaupt.</i></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_3">&sect;.&nbsp;3.&nbsp;<i>Deduction der Religion &uuml;berhaupt.</i></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_4">&sect;.&nbsp;4.&nbsp;<i>Eintheilung der Religion &uuml;berhaupt, in die nat&uuml;rliche und
+geoffenbarte.</i></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_5">&sect;.&nbsp;5.&nbsp;<i>Formale Er&ouml;rterung des Offenbarungsbegriffs, als Vorbereitung
+einer materialen Er&ouml;rterung desselben.</i></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_6">&sect;.&nbsp;6.&nbsp;<i>Materiale Er&ouml;rterung des Offenbarungsbegriffs, als Vorbereitung
+einer Deduktion desselben.</i></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_7">&sect;.&nbsp;7.&nbsp;<i>Deduktion des Begriffs der Offenbarung von Principien der
+reinen Vernunft a priori.</i></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_8">&sect;.&nbsp;8.&nbsp;<i>Von der M&ouml;glichkeit des im Begriffe der Offenbarung vorausgesetzten
+empirischen Datum.</i></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_9">&sect;.&nbsp;9.&nbsp;<i>Von der physischen M&ouml;glichkeit einer Offenbarung.</i></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_10">&sect;.&nbsp;10.&nbsp;<i>Kriterien der G&ouml;ttlichkeit einer Offenbarung ihrer Form nach.</i></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_11">&sect;.&nbsp;11.&nbsp;<i>Kriterien der G&ouml;ttlichkeit einer Offenbarung in Absicht ihres
+m&ouml;glichen Inhalts (materiae revelationis).</i></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_12">&sect;.&nbsp;12.&nbsp;<i>Kriterien der G&ouml;ttlichkeit einer Offenbarung in Absicht der
+m&ouml;glichen Darstellung dieses Inhalts.</i></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_13">&sect;.&nbsp;13.&nbsp;<i>Systematische Ordnung dieser Kriterien.</i></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_14">&sect;.&nbsp;14.&nbsp;<i>Von der M&ouml;glichkeit, eine gegebne Erscheinung f&uuml;r g&ouml;ttliche
+Offenbarung aufzunehmen.</i></a></div>
+<div class="contents_section"><a href="#Section_15">&sect;.&nbsp;15.&nbsp;<i>Allgemeine &Uuml;bersicht dieser Kritik.</i></a></div>
+<div class="contents_chapter"><a href="#SCHLUSSANMERKUNG"><b>SCHLUSSANMERKUNG</b></a></div>
+<p><br /></p>
+</div>
+
+<hr style="width: 75%;" />
+
+
+
+<h2><a name="VORREDE" id="VORREDE"></a><em class="gesperrt">VORREDE</em>.</h2>
+
+
+<p class="noindent"><span class="bigcapital">D</span>ieser Aufsatz hei&szlig;t ein <i>Versuch</i>, nicht
+als ob man &uuml;berhaupt bei Untersuchungen
+der Art blind herumtappen und nach Grund
+f&uuml;hlen m&uuml;sse, und nie ein sicheres Resultat
+finden k&ouml;nne; sondern darum, weil <i>ich</i> mir
+noch nicht die Reife zutrauen darf, die dazu
+geh&ouml;ren w&uuml;rde, dies sichere Resultat hinzustellen.
+Wenigstens war diese Schrift ihrer
+ersten Bestimmung nach nicht f&uuml;r die Presse;
+verehrungsw&uuml;rdige M&auml;nner beurtheilten sie
+g&uuml;tig, und sie waren es, die mir den ersten
+Gedanken, sie dem Publicum vorzulegen,
+gaben.</p>
+
+<p>Hier ist sie. Stil und Einkleidung sind
+meine Sache; der Tadel oder die Verachtung,
+die diese trift, trift nur mich, und das ist
+wenig. Das Resultat ist Angelegenheit der
+Wahrheit, und das ist mehr. Dieses mu&szlig;
+einer strengen, aber sorgf&auml;ltigen, und unpartheiischen
+Pr&uuml;fung unterworfen werden.
+Ich wenigstens verfuhr unpartheiisch.</p>
+
+<p>Ich kann geirrt haben, und es w&auml;re ein
+Wunder, wenn ich es nicht h&auml;tte. Welchen
+Ton der Zurechtweisung ich verdiene, entscheide
+das Publicum.</p>
+
+<p>Jede Berichtigung, in welchem Tone
+sie auch abgefa&szlig;t sey, werde ich dankbar
+anerkennen; jedem Einwurfe, der mir der
+Sache der Wahrheit zuwider scheint, begegnen,
+so gut ich kann. Ihr, der Wahrheit,
+weihe ich mich feierlich, bei meinem ersten
+Eintritte in's Publicum. Ohne R&uuml;cksicht auf
+Parthei, oder auf eigne Ehre, werde ich immer
+daf&uuml;r anerkennen, was ich daf&uuml;r halte,
+es komme, woher es wolle, und nie daf&uuml;r
+anerkennen, was ich nicht daf&uuml;r halte.&nbsp;&mdash;&nbsp;Das
+Publicum verzeihe es mir dieses erste
+und einzige mal, vor ihm von mir gesprochen
+zu haben. Ihm kann diese Versicherung
+sehr unwichtig seyn; aber mir war es
+wichtig f&uuml;r mich selbst, dasselbe zum Zeugen
+meines feierlichen Gel&uuml;bdes zu nehmen.</p>
+
+<p>K&ouml;nigsberg, im December 1791.</p>
+
+<hr style='width: 75%;' />
+
+<h3><span class="smcap">Dem</span></h3>
+
+<h2><span class="smcap">Herrn Ober-Hof-Prediger</span></h2>
+
+<h1><span class="smcap">D. Franz Volkmar Reinhard</span></h1>
+
+<p class="center"><span class="smcap">als ein reines Opfer</span></p>
+
+<h3><span class="smcap">der freisten Verehrung</span></h3>
+
+<p><br /><br /></p>
+
+<h3><span class="smcap">vom Verfasser.</span></h3>
+
+<hr style='width: 75%;' />
+
+<p class="noindent"><i>Verehrungsw&uuml;rdigster Mann</i>,
+<a class="page" name="Page_iii" id="Page_iii" title="iii"></a></p>
+
+<p><br /><br /><br /></p>
+
+<p class="noindent"><span class="bigcapital">N</span>icht meine eigne Meinung von
+dieser Schrift, sondern das vortheilhafte
+Urtheil w&uuml;rdiger M&auml;nner &uuml;ber
+sie, machte mich so k&uuml;hn, ihr in
+dieser zweiten Auflage jene f&uuml;r sie
+so ehrenvolle Bestimmung zu geben.</p>
+
+<p>So wenig mir es zukommt, vor
+dem Publikum Ihre Verdienste zu
+r&uuml;hmen, so wenig w&uuml;rde Ihnen es
+m&ouml;glich seyn, selbst von einem w&uuml;rdigern,
+das anzuh&ouml;ren: das gr&ouml;&szlig;te
+Verdienst war immer das bescheidenste.</p>
+
+<p>Doch erlaubt selbst die Gottheit
+ihren vern&uuml;nftigen Gesch&ouml;pfen, die
+Empfindungen<a class="page" name="Page_iv" id="Page_iv" title="iv"></a> ihrer Verehrung und
+Liebe gegen sie in Worte ausstr&ouml;men
+zu lassen, um das Bed&uuml;rfni&szlig;
+ihres vollen Herzens zu befriedigen,
+und der gute Mensch versagt es gewi&szlig;
+nicht dem Menschen.</p>
+
+<p>Gewi&szlig; nehmen Sie also die aus
+der gleichen Quelle flie&szlig;ende Versicherung
+&auml;hnlicher Empfindungen
+g&uuml;tig auf von</p>
+
+<p>
+<i>Eurer Hochw&uuml;rdigen</i><br />
+<span style="margin-left: 3em;"><i>Magnificenz</i></span><br />
+<br /></p>
+
+<p class="right"><span style="margin-right: 1.5em;">innigstem Verehrer</span><br />
+<i>Johann Gottlieb Fichte.</i><br /></p>
+
+<hr style="width: 75%;" />
+<p><a class="page" name="Page_v" id="Page_v" title="v"></a></p>
+<h2><a name="VORREDE1" id="VORREDE1"></a><em class="gesperrt">VORREDE</em><a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a></h2>
+
+<h3><em class="gesperrt">ZUR ERSTEN AUFLAGE</em>.</h3>
+
+<p><br /><br /></p>
+
+<p class="noindent"><span class="bigcapital">D</span>ieser Aufsatz hei&szlig;t ein <i>Versuch</i>, nicht
+als ob man &uuml;berhaupt bei Untersuchungen
+der Art blind herumtappen und nach Grund
+f&uuml;hlen m&uuml;sse, und nie ein sicheres Resultat
+finden k&ouml;nne; sondern darum, weil <i>ich</i> mir
+noch nicht die Reife zutrauen darf, die dazu
+geh&ouml;ren w&uuml;rde, dies sichere Resultat hinzustellen.
+Wenigstens war diese Schrift ihrer
+ersten Bestimmung nach nicht f&uuml;r die Presse;
+verehrungsw&uuml;rdige M&auml;nner beurtheilten sie
+g&uuml;tig, und sie waren es, die mir den ersten
+Gedanken, sie dem Publikum vorzulegen,
+gaben.</p>
+
+<p>Hier ist sie. Stil und Einkleidung sind
+meine Sache; der Tadel oder die Verachtung,
+die diese trift, trift nur mich, und das ist
+wenig. Das Resultat ist Angelegenheit der<a class="page" name="Page_vi" id="Page_vi" title="vi"></a>
+Wahrheit, und das ist mehr. Dieses mu&szlig;
+einer strengen, aber sorgf&auml;ltigen, und unpartheiischen
+Pr&uuml;fung unterworfen werden.
+Ich wenigstens verfuhr unparteiisch.</p>
+
+<p>Ich kann geirrt haben, und es w&auml;re ein
+Wunder, wenn ich es nicht h&auml;tte. Welchen
+Ton der Zurechtweisung ich verdiene, entscheide
+das Publikum.</p>
+
+<p>Jede Berichtigung, in welchem Tone sie
+auch abgefa&szlig;t sey, werde ich dankbar anerkennen;
+jedem Einwurfe, der mir der Sache
+der Wahrheit zuwider scheint, begegnen,
+so gut ich kann. Ihr, der Wahrheit, weihe
+ich mich feierlich, bei meinem ersten Eintritte
+in's Publikum. Ohne R&uuml;cksicht auf
+Parthei, oder auf eigne Ehre, werde ich immer
+daf&uuml;r anerkennen, was ich daf&uuml;r halte,
+es komme, woher es wolle, und nie daf&uuml;r
+anerkennen, was ich nicht daf&uuml;r halte.&nbsp;&mdash;&nbsp;Das
+Publikum verzeihe es mir, dieses erste
+und einzige mal vor ihm von mir gesprochen
+zu haben. Ihm kann diese Versicherung
+sehr unwichtig seyn; aber mir war es
+wichtig f&uuml;r mich selbst, dasselbe zum Zeugen
+meines feierlichen Gel&uuml;bdes zu nehmen.</p>
+
+<p>K&ouml;nigsberg, im December 1791.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 75%;" />
+<p><a class="page" name="Page_vii" id="Page_vii" title="vii"></a></p>
+
+<h2><a name="VORREDE2" id="VORREDE2"></a><em class="gesperrt">VORREDE</em></h2>
+
+<h3><em class="gesperrt">ZUR ZWEITEN AUFLAGE</em>.</h3>
+
+<p><br /><br /></p>
+
+<p class="noindent"><span class="bigcapital">A</span>uch nach dieser zweiten Ausgabe bleibt gegenw&auml;rtige
+Schrift noch immer ein Versuch;
+so unangenehm es mir auch war, mich der
+g&uuml;tigen Meinung, die ein verehrungsw&uuml;rdiger
+Theil des Publikums etwa von ihrem Verfasser
+gefa&szlig;t haben k&ouml;nnte, nur aus einer
+gro&szlig;en Entfernung anzun&auml;hern. So fest
+auch meines Erachtens noch die Kritik der
+Offenbarung auf dem Boden der praktischen
+Philosophie als ein einzelnes Nebengeb&auml;ude
+stehet; so kommt sie doch erst durch eine
+kritische Untersuchung der ganzen Familie,
+wozu jener Begriff geh&ouml;rt, und welche ich
+die der Reflexions-Ideen nennen m&ouml;chte,
+mit dem ganzen Geb&auml;ude in Verbindung,
+und wird erst dadurch unzertrennlich mit
+ihm vereiniget.</p>
+
+<p>Diese Kritik der Reflexions-Ideen war es,
+welche ich lieber, als eine zweite Ausgabe<a class="page" name="Page_viii" id="Page_viii" title="viii"></a>
+der gegenw&auml;rtigen Schrift h&auml;tte geben m&ouml;gen,
+wenn meine Mu&szlig;e hingereicht h&auml;tte,
+mehr zu leisten, als ich wirklich geleistet
+habe. Jedoch werde ich, ohne Anstand, zur
+Bearbeitung der daf&uuml;r gesammelten Materialien
+schreiten, und dann wird diese Schrift
+eine weitere Auseinandersetzung eines dort
+nur kurz zu behandelnden Theils jener Kritik
+seyn.</p>
+
+<p>Was ich in dieser zweiten Ausgabe hinzugef&uuml;gt,
+oder ge&auml;ndert habe, und warum&nbsp;&mdash;&nbsp;wird
+hoffentlich jeder Kenner selbst bemerken.
+Einige Erinnerungen, worunter ich
+deren in den G&ouml;ttingischen gelehrten Anzeigen
+mit Achtung erw&auml;hne, kamen mir zu
+sp&auml;t zu Gesicht, als da&szlig; ich ausdr&uuml;cklich
+auf sie h&auml;tte R&uuml;cksicht nehmen k&ouml;nnen.
+Da sie jedoch nicht mein Verfahren im Ganzen
+treffen, sondern durch eine weitl&auml;uftigere
+Erl&auml;uterung einzelner Resultate zu heben
+sind, so hoffe ich in der k&uuml;nftigen Kritik
+der Reflexions-Ideen den w&uuml;rdigen Recensenten
+v&ouml;llig zu befriedigen.</p>
+
+<p>Noch bin ich eine n&auml;here Bestimmung
+des in der ersten Vorrede gegebnen Versprechens,
+mich auf jeden mir ungegr&uuml;ndet
+scheinenden Einwurf gegen diese Kritik ein<a class="page" name="Page_ix" id="Page_ix" title="ix"></a>zulassen,
+dem Publikum schuldig.&nbsp;&mdash;&nbsp;Ich
+konnte dieses Versprechen nur in dem Sinne
+geben, insofern es mir scheinen w&uuml;rde,
+da&szlig; die Wahrheit selbst, oder ihre Darstellung
+durch Er&ouml;rterung der Einw&uuml;rfe gewinnen
+k&ouml;nnte; und dieser Zweck scheint
+mir auf keine w&uuml;rdigere Art erreicht werden
+zu k&ouml;nnen, als wenn ich in meinen
+k&uuml;nftigen Arbeiten auf Einw&uuml;rfe gegen das,
+was ich wirklich behaupte, oder zu behaupten
+scheine&nbsp;&mdash;&nbsp;nicht aber etwa gegen das,
+was ich ausdr&uuml;cklich l&auml;ugne&nbsp;&mdash;&nbsp;da, wo ich
+den Urheber derselben nicht mit der gr&ouml;&szlig;ten
+Hochachtung nennen k&ouml;nnte, nur stillschweigend
+R&uuml;cksicht nehme.</p>
+
+<p>Zur Jubilate-Messe 1793.</p>
+
+
+<hr style="width: 75%;" />
+
+<p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a></p>
+
+<h2><a name="VERSUCH" id="VERSUCH"></a><em class="gesperrt">VERSUCH</em></h2>
+
+<p class="center">EINER</p>
+
+<h1>CRITIK ALLER OFFENBARUNG.</h1>
+
+<hr style="width: 75%;" />
+
+<p><br /></p>
+
+<h3><a name="Section_1" id="Section_1"></a>&sect;.&nbsp;1.</h3>
+
+<h3><em class="gesperrt">EINLEITUNG</em>.</h3>
+
+<p class="noindent"><span class="bigcapital">E</span>s ist ein wenigstens merkw&uuml;rdiges Ph&auml;nomen
+f&uuml;r den Beobachter, bei allen Nationen, so wie
+sie sich aus dem Zustande der g&auml;nzlichen Rohheit
+bis zur Gesellschaftlichkeit emporgehoben
+haben, Meinungen von einer Gegenmittheilung
+zwischen h&ouml;hern Wesen, und Menschen,&nbsp;&mdash;&nbsp;Traditionen
+von &uuml;bernat&uuml;rlichen Eingebungen, und
+Einwirkungen der Gottheit auf Sterbliche,&nbsp;&mdash;&nbsp;hier
+roher, da verfeinerter, aber dennoch allgemein,
+den Begriff der <i>Offenbarung</i> vorzufinden.
+Dieser Begriff scheint also schon an sich, w&auml;re
+es auch nur um seiner Allgemeinheit willen, einige
+Achtung zu verdienen; und es scheint einer
+gr&uuml;ndlichen Philosophie anst&auml;ndiger, seinem Ur<a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a>sprunge
+nachzusp&uuml;ren, seine Anmaa&szlig;ungen und
+Befugnisse zu untersuchen, und nach Maa&szlig;gabe
+dieser Entdeckungen ihm sein Urtheil zu sprechen,
+als ihn geradezu, und unverh&ouml;rt, entweder
+unter die Erfindungen der Betr&uuml;ger, oder in das
+Land der Tr&auml;ume zu verweisen. Wenn diese
+Untersuchung philosophisch seyn soll, so mu&szlig;
+sie aus Principien <i>a priori</i>, und zwar, wenn dieser
+Begriff, wie vorl&auml;ufig wenigstens zu vermuthen
+ist, sich blos auf Religion beziehen sollte,
+aus denen der practischen Vernunft angestellt
+werden; und wird von dem besondern, das in
+einer gegebenen Offenbarung m&ouml;glich w&auml;re, g&auml;nzlich
+abstrahiren, ja sogar ignoriren, ob irgend
+eine gegeben sey, um allgemein f&uuml;r jede Offenbarung
+g&uuml;ltige Principien aufzustellen.</p>
+
+<p>Da man bei Pr&uuml;fung eines Gegenstandes, der
+so wichtige Folgen f&uuml;r die Menschheit zu haben
+scheint, &uuml;ber den jedes Mitglied derselben sein
+Stimmrecht hat, und bei weitem die meisten, es in
+Aus&uuml;bung bringen, und der daher entweder unbegr&auml;nzt
+verehrt, oder unm&auml;&szlig;ig verachtet, und geha&szlig;t
+ist, nur zu leicht von einer vorgefa&szlig;ten Meinung
+fortgerissen wird; so ist es hier doppelt n&ouml;thig,
+blos auf den Weg zu sehen, den die Critik
+vorzeichnet; ihn geradefort, ohne ein m&ouml;gliches
+Ziel in den Augen zu haben, zu gehen; und ihren
+Ausspruch zu erwarten, ohne ihn ihr in den
+Mund zu legen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a></p>
+<h3><a name="Section_2" id="Section_2"></a>&sect;.&nbsp;2.</h3>
+
+<h3><i>Theorie des Willens, als Vorbereitung einer Deduction der
+Religion &uuml;berhaupt.</i></h3>
+
+<p>Sich mit dem Bewu&szlig;tseyn eigner Th&auml;tigkeit
+zur Hervorbringung einer Vorstellung bestimmen,
+hei&szlig;t <i>Wollen</i>; das Verm&ouml;gen sich mit diesem
+Bewu&szlig;tseyn der Selbstth&auml;tigkeit zu bestimmen,
+hei&szlig;t <i>das Begehrungsverm&ouml;gen</i>: beides in der
+weitesten Bedeutung. Das Wollen unterscheidet
+sich vom Begehrungsverm&ouml;gen, wie das Wirkliche
+vom M&ouml;glichen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Ob das im Wollen
+vorkommende Bewu&szlig;tseyn der Selbstth&auml;tigkeit
+uns nicht vielleicht t&auml;uschen m&ouml;ge, bleibt vor
+der Hand ununtersucht, und unentschieden.</p>
+
+<p>Die hervorzubringende Vorstellung ist entweder
+<i>gegeben</i>, insofern nemlich eine Vorstellung
+gegeben seyn kann, die ihrem <i>Stoffe</i> nach, wie
+aus der theoretischen Philosophie als ausgemacht
+und anerkannt vorausgesetzt wird; oder die
+Selbstth&auml;tigkeit <i>bringt</i> sie auch sogar ihrem Stoffe
+nach <i>hervor</i>, wovon wir die M&ouml;glichkeit oder
+Unm&ouml;glichkeit vor der Hand noch ganz an ihrem
+Orte gestellt seyn lassen.</p>
+
+
+<h4>I.</h4>
+
+<p>Der Stoff einer Vorstellung kann, wenn er
+nicht durch absolute Spontaneit&auml;t hervorgebracht
+seyn soll, nur der Receptivit&auml;t, und dieses nur
+in der Sinnenempfindung gegeben seyn;&nbsp;&mdash;&nbsp;denn<a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a>
+selbst die <i>a priori</i> gegebnen Formen der Anschauung,
+und der Begriffe m&uuml;ssen, insofern sie
+den <i>Stoff</i> einer Vorstellung ausmachen sollen,
+der Empfindung, in diesem Falle der innern, gegeben
+werden;&nbsp;&mdash;&nbsp;folglich steht jedes Object des
+Begehrungsverm&ouml;gens, dem eine Vorstellung entspricht,
+deren Stoff nicht durch absolute Spontaneit&auml;t
+hervorgebracht ist, unter den Bedingungen
+der Sinnlichkeit, und ist empirisch. In dieser
+R&uuml;cksicht also ist das Begehrungsverm&ouml;gen
+gar keiner Bestimmung <i>a priori</i> f&auml;hig; was Object
+desselben werden soll, mu&szlig; empfunden seyn,
+und sich empfinden lassen, und jedem Wollen
+mu&szlig; die Vorstellung der <i>Materie</i> des Wollens
+(des <i>Stoffs</i> der hervorzubringenden Vorstellung)
+vorhergegangen seyn.</p>
+
+<p>Nun aber ist mit dem blo&szlig;en Verm&ouml;gen,
+sich durch die Vorstellung des Stoffs einer Vorstellung
+zur Hervorbringung dieser Vorstellung
+selbst&nbsp;&mdash;&nbsp;zu bestimmen, noch gar nicht die Bestimmung
+gesetzt, so wie mit dem M&ouml;glichen
+noch nicht das Wirkliche gesetzt ist. Die Vorstellung
+nemlich soll nicht bestimmen, in welchem
+Falle sich das Subject blos leidend verhielte,&nbsp;&mdash;&nbsp;bestimmt
+<i>w&uuml;rde</i>, nicht aber sich <i>bestimmte</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;sondern
+<i>wir</i> sollen uns durch die Vorstellung
+bestimmen, welches &raquo;durch&laquo; sogleich
+v&ouml;llig klar seyn wird. Es mu&szlig; nemlich ein <i>Medium</i>
+seyn, welches von der einen Seite durch die<a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a>
+Vorstellung, gegen welche das Subject sich blos
+leidend verh&auml;lt, von der &auml;ndern durch Spontaneit&auml;t,
+deren Bewu&szlig;tseyn der ausschlie&szlig;ende
+Charakter alles Wollens ist, bestimmbar sey; und
+dieses Medium nennen wir <i>den Trieb</i>.</p>
+
+<p>Was <i>von der einen Seite</i> das Gem&uuml;th in der
+Sinnenempfindung als blos leidend afficirt, ist
+der Stoff oder die Materie derselben; nicht ihre
+Form, welche ihr vom Gem&uuml;the durch seine
+Selbstth&auml;tigkeit gegeben wird<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>. Der Trieb ist
+also, insofern er auf eine Sinnenempfindung geht,
+nur durch das Materielle derselben, durch das
+in dem Afficirtwerden unmittelbar empfundne,
+bestimmbar.&nbsp;&mdash;&nbsp;Was in der Materie der Sinnenempfindung
+von der Art ist, da&szlig; es den Trieb
+bestimmt, nennen wir <i>angenehm</i>, und den Trieb,
+insofern er dadurch bestimmt wird, den <i>sinnlichen</i>
+Trieb: welche Erkl&auml;rungen wir vor der
+Hand f&uuml;r nichts weiter, als f&uuml;r Worterkl&auml;rungen
+geben.</p>
+
+<p>Nun theilt die Sinnempfindung &uuml;berhaupt sich
+in die des <i>&auml;u&szlig;ern</i>, und die des <i>innern</i> Sinnes;
+davon der erstere die Ver&auml;nderungen der Erscheinungen
+im R&auml;ume mittelbar, der zweite die Mo<a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a>dificationen
+unsers Gem&uuml;ths, insofern es Erscheinung
+ist, in der Zeit unmittelbar anschaut; und
+der Trieb kann, insofern er auf Empfindungen
+der erstem Art geht, der <i>grobsinnliche</i>, und insofern
+er durch Empfindungen der zweiten Art
+bestimmt wird, der <i>feinsinnliche</i> genannt werden:
+aber in beiden F&auml;llen bezieht er sich doch
+blos auf das angenehme, <i>weil</i>, und <i>inwiefern</i> es
+angenehm ist; ein angemaa&szlig;ter Vorzug des letztern
+k&ouml;nnte sich doch auf nichts weiter gr&uuml;nden,
+als da&szlig; seine Objecte <i>mehr</i> Lust, nicht aber
+eine <i>der Art nach</i> verschiedene Lust gew&auml;hrten;
+jemand, der sich vorzugsweise durch ihn bestimmen
+lie&szlig;e, k&ouml;nnte h&ouml;chstens etwa das von sich
+r&uuml;hmen, da&szlig; er sich besser auf das Vergn&uuml;gen
+verstehe, und k&ouml;nnte auch sogar das dem nicht
+beweisen, der ihn versicherte: er mache aus seinen
+feinern Vergn&uuml;gungen einmal nichts, er lobe
+sich seine gr&ouml;bern;&nbsp;&mdash;&nbsp;da das auf den Sinnengeschmack
+ankommt, &uuml;ber den sich nicht streiten
+l&auml;&szlig;t; und da alle angenehme Affectionen
+des innern Sinnes sich doch zuletzt auf angenehme
+&auml;u&szlig;ere Sensationen d&uuml;rften zur&uuml;ckf&uuml;hren
+lassen.</p>
+
+<p>Soll <i>von der andern Seite</i> dieser Trieb durch
+Spontaneit&auml;t bestimmbar seyn; so geschieht diese
+Bestimmung <i>entweder</i> nach gegebnen <span title="Im Original: Gesezzen">Gesetzen</span><a name="FNanchor_TN1_32" id="FNanchor_TN1_32"></a><a href="#Footnote_TN1_32" class="fnanchor">[TN1]</a>,
+die durch die Spontaneit&auml;t auf ihn blos angewendet
+werden, mithin nicht unmittelbar durch<a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a>
+Spontaneit&auml;t, <i>oder</i> sie geschieht ohne alle Gesetze,
+mithin unmittelbar durch absolute Spontaneit&auml;t.</p>
+
+<p>F&uuml;r den erstern Fall ist dasjenige Verm&ouml;gen
+in uns, das gegebne Gesetze auf gegebnen
+Stoff anwendet, die Urtheilskraft: folglich m&uuml;&szlig;te
+die Urtheilskraft es seyn, die den sinnlichen
+Trieb den Gesetzen des Verstandes gem&auml;&szlig; bestimmte.&nbsp;&mdash;&nbsp;Dies
+kann sie nun nicht so thun, wie
+die Empfindung es thut, da&szlig; sie ihm Stoff gebe,
+denn die Urtheilskraft giebt &uuml;berhaupt nicht,
+sondern sie ordnet nur das gegebne Mannigfaltige
+unter die synthetische Einheit.</p>
+
+<p>Zwar geben alle obern Gem&uuml;thsverm&ouml;gen
+durch ihre Gesch&auml;fte reichlichen Stoff <i>f&uuml;r</i> den
+sinnlichen Trieb, aber sie geben ihn nicht <i>dem</i>
+Triebe; ihm giebt sie die Empfindung. Die Th&auml;tigkeit
+des Verstandes bei'm Denken, die hohen
+Aussichten, die uns die Vernunft er&ouml;fnet, gegenseitige
+Mittheilung der Gedanken unter vern&uuml;nftigen
+Wesen u.&nbsp;dergl. sind allerdings ergiebige
+Quellen des Vergn&uuml;gens; aber wir sch&ouml;pfen aus
+diesen Quellen gerade so, wie wir uns vom K&uuml;zzel
+des Gaumens afficiren lassen&nbsp;&mdash;&nbsp;durch die
+Empfindung.</p>
+
+<p>Ferner kann das Mannigfaltige, welches sie
+<i>f&uuml;r die Bestimmung des sinnlichen Triebes</i> ordnet,
+nicht das <i>Einer</i> gegebnen Anschauung an
+sich seyn, wie sie es f&uuml;r den Verstand, um es<a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>
+zum Behuf einer theoretischen Erkenntni&szlig; auf
+Begriffe zu bringen, thun mu&szlig;; also keine Bestimmung
+des Stoffs durch Form, weil der sinnliche
+Trieb blos durch den Stoff, und gar nicht
+durch Begriffe bestimmt wird;&nbsp;&mdash;&nbsp;eine Anmerkung,
+die f&uuml;r die Theorie des Begehrungsverm&ouml;gens
+sehr wichtig ist, da man durch Vernachl&auml;ssigung
+derselben von ihr aus in das Gebiet der
+&auml;sthetischen Urtheilskraft irre geleitet wird:&nbsp;&mdash;&nbsp;sondern
+<i>mannigfaltige</i> angenehme Empfindungen.
+Die Urtheilskraft steht w&auml;hrend dieses Gesch&auml;fts
+ganz und lediglich im Dienste der Sinnlichkeit;
+diese liefert Mannigfaltiges, und Maa&szlig;stab der
+Vergleichung: der Verstand giebt nichts, als die
+Regeln des Systems.</p>
+
+<p>Der <i>Qualit&auml;t</i> nach ist das zu beurtheilende
+durch die Empfindung unmittelbar gegeben; es
+ist positiv <i>das angenehme</i>, welches eben so viel
+hei&szlig;t, als das den sinnlichen Trieb bestimmende,
+und keiner weitern Zergliederung f&auml;hig ist. Das
+Angenehme ist angenehm, weil es den Trieb bestimmt,
+und es bestimmt den Trieb, weil es angenehm
+ist. <i>Warum</i> etwas der Empfindung unmittelbar
+wohlthue, und <i>wie</i> es beschaffen seyn
+m&uuml;sse, wenn es ihr wohlthun solle, untersuchen
+wollen, hie&szlig;e sich geradezu widersprechen; denn
+dann sollte es ja auf Begriffe zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden,
+mithin der Empfindung nicht unmittelbar;
+sondern vermittelst eines Begriffs wohlthun.<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>
+Negativ, das unangenehme; limitativ, das indifferente
+f&uuml;r die Empfindung.</p>
+
+<p>Der <i>Quantit&auml;t</i> nach werden die Objecte des
+sinnlichen Triebes beurtheilt ihrer Extension und
+Intension nach; alles nach dem Maa&szlig;stabe der
+unmittelbaren Empfindung.&nbsp;&mdash;&nbsp;Der <i>Relation</i> nach,
+wo wieder blos das angenehme blos auf das angenehme
+bezogen wird, 1) in Absicht seines Einflusses
+auf die Beharrlichkeit des Empfindungsverm&ouml;gens
+selbst, wie sie nemlich unmittelbar
+durch die Empfindung dargestellt wird, 2) in
+Absicht seines Einflusses auf Entstehung oder
+Vermehrung andrer angenehmen Sinnenempfindungen&nbsp;&mdash;&nbsp;der
+Causalit&auml;t des angenehmen aufs
+angenehme, 3) in Absicht der Bestehbarkeit
+oder Nichtbestehbarkeit mehrerer angenehmer
+Empfindungen neben einander.&nbsp;&mdash;&nbsp;Endlich der
+<i>Modalit&auml;t</i> nach wird beurtheilt 1) die M&ouml;glichkeit,
+ob eine Empfindung angenehm seyn k&ouml;nne,
+nach Maasgabe vorhergegangener Empfindungen
+&auml;hnlicher Art, 2) die Wirklichkeit&nbsp;&mdash;&nbsp;da&szlig; sie
+angenehm sey; 3) die Nothwendigkeit ihrer Annehmlichkeit,
+wobei der Trieb Instinct wird.</p>
+
+<p>Durch diese Bestimmung des Mannigfaltigen,
+das in der Empfindung blos <i>angenehm</i> ist, nach
+Verstandesgesetzen,&nbsp;&mdash;&nbsp;durch dieses Ordnen desselben
+entsteht der Begriff des <i>Gl&uuml;cks</i>; der Begriff
+von einem Zustande des empfindenden Subjects,
+in welchem nach Regeln genossen wird:<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>
+so da&szlig; eine angenehme Empfindung einer andern
+von gr&ouml;&szlig;erer Intension, oder Extension,&nbsp;&mdash;&nbsp;eine,
+die dem Empfindungsverm&ouml;gen schadet,
+einer andern, die es st&auml;rkt&nbsp;&mdash;&nbsp;eine, die in sich
+isolirt ist, einer andern, die selbst wieder Ursache
+angenehmer Empfindungen wird, oder viele andre
+neben sich duldet, und erh&ouml;ht&nbsp;&mdash;&nbsp;endlich
+ein blos m&ouml;glicher Genu&szlig;, Empfindungen, die
+nothwendig angenehm seyn m&uuml;ssen, oder die
+man als wirklich angenehm empfindet, nachgesetzt
+und aufgeopfert werden. Ein nach diesem
+Grundrisse verfertigtes System g&auml;be eine Gl&uuml;ckslehre&nbsp;&mdash;&nbsp;gleichsam
+eine Rechenkunst des Sinnengenusses<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>,
+welche aber keine Gemeing&uuml;ltigkeit
+haben k&ouml;nnte, da sie blos empirische Principien
+h&auml;tte. Jeder m&uuml;&szlig;te sein eignes System haben,
+da jeder nur selbst beurtheilen kann, was <i>ihm</i>
+angenehm, oder noch angenehmer sey; nur in
+der Form k&auml;men diese individuellen Systeme
+&uuml;berein, weil diese durch die nothwendigen Verstandesgesetze
+gegeben ist, nicht aber in der
+Materie. Den Begriff des Gl&uuml;cks, so bestimmt
+ist es v&ouml;llig richtig, da&szlig; wir nicht wissen k&ouml;nnen,
+was das Gl&uuml;ck des andern bef&ouml;rdre, ja,
+worin wir selbst in der n&auml;chsten Stunde unser
+Gl&uuml;ck setzen werden.</p>
+
+<p>Wird dieser Begriff des Gl&uuml;cks durch die<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>
+Vernunft aufs unbedingte und unbegr&auml;nzte ausgedehnt,
+so entsteht die Idee der Gl&uuml;ckseeligkeit,
+welche, als gleichfals lediglich auf empirischen
+Principien beruhend, nie allgemeing&uuml;ltig bestimmt
+werden kann. Jeder hat in diesem Sinne seine
+eigne Gl&uuml;ckseeligkeitslehre: eine auch nur comparativ
+allgemeine ist unm&ouml;glich, und widersprechend.</p>
+
+<p>Aber mit einer solchen <i>blos mittelbaren</i> Bestimmbarkeit
+des sinnlichen Triebes durch Spontaneit&auml;t
+reichen wir zur Erkl&auml;rung der wirklichen
+Bestimmung noch gar nicht aus; denn schon f&uuml;r
+die M&ouml;glichkeit dieser Bestimmbarkeit mu&szlig;ten
+wir wenigstens ein Verm&ouml;gen, die durch die Empfindung
+geschehne Bestimmung des Triebes wenigstens
+<i>aufzuhalten</i>, stillschweigend voraussetzen,
+weil ohne dies eine Vergleichung und Unterordnung
+des verschiedenen Angenehmen unter
+Verstandesgesetze, zum Behuf einer Bestimmung
+des Willens nach den Resultaten dieser Vergleichung,
+gar nicht m&ouml;glich w&auml;re. Dieses Aufhalten
+nemlich kann gar nicht durch die Urtheilskraft
+selbst nach Verstandesgesetzen geschehen;
+denn dann m&uuml;&szlig;ten Verstandesgesetze auch practisch
+seyn k&ouml;nnen, welches ihrer Natur geradezu
+widerspricht. Wir m&uuml;ssen demnach den obengesetzten
+zweiten Fall annehmen, da&szlig; dieses
+Aufhalten <i>unmittelbar</i> durch die Spontaneit&auml;t
+geschehe.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>Aber nicht nur dieses Aufhalten, sondern
+auch die endliche wirkliche Bestimmung des
+Willens kann nicht blos durch jene Gesetze vollendet
+werden; denn alles, was wir nach ihnen
+in unserm Gem&uuml;the zu Stande bringen, geschiehet
+mit dem Gef&uuml;hle der Nothwendigkeit, welches
+dem jedes Wollen characterisirenden Bewu&szlig;tseyn
+der Selbstth&auml;tigkeit widerstreitet: sondern
+sie mu&szlig; unmittelbar durch Spontaneit&auml;t
+geschehen.</p>
+
+<p>Aber man beurtheile das hier gesagte ja nicht
+zu voreilig, als ob wir es uns hier bequem machten,
+und aus unserm Bewu&szlig;tseyn der Selbstth&auml;tigkeit
+im Wollen unmittelbar auf die wirkliche
+Existenz dieser Selbstth&auml;tigkeit schl&ouml;ssen. Allerdings
+<i>k&ouml;nnte</i> nicht blos dies Bewu&szlig;tseyn der
+Selbstth&auml;tigkeit, oder der Freiheit, welches an
+sich und seiner Natur nach nicht anders als
+negativ (eine Abwesenheit des Gef&uuml;hls der
+Nothwendigkeit) ist, blos aus dem <i>Nicht</i>bewu&szlig;tseyn
+der eigentlichen erst aufhaltenden,
+dann bestimmenden Ursache entstehen; sondern
+wenn wir keinen anderweitigen Grund f&uuml;r Freiheit,
+d. i. Unabh&auml;ngigkeit vom Zwange des
+Naturgesetzes f&auml;nden, <i>m&uuml;&szlig;te</i> es sogar daher
+entstehen: dann w&auml;re die Jochsche Philosophie
+die einzige wahre, und einzige consequente:
+aber dann g&auml;be es auch gar keinen Willen, die
+Erscheinungen desselben w&auml;ren erweisbare T&auml;u<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>schungen,
+Denken und Wollen w&auml;ren nur dem
+Anscheine nach verschieden, und der Mensch
+w&auml;re eine Maschine, in der Vorstellungen in
+Vorstellungen eingriffen, wie in der Uhr R&auml;der
+in R&auml;der. (Gegen diese durch die b&uuml;ndigsten
+Schl&uuml;sse abzuleitenden Folgerungen ist keine Rettung,
+als durch Anerkennung einer practischen
+Vernunft, und, was eben das sagt, eines categorischen
+Imperativs derselben).&nbsp;&mdash;&nbsp;Wir haben also
+bis jetzt nichts weiter gethan, als den <i>vorausgesetzten</i>
+Begriff eines Willens, insofern er durch
+das untere Begehrungsverm&ouml;gen bestimmt seyn
+soll, analysirt; wir haben gezeigt, <i>wenn</i> ein Wille
+sey, wie seine Bestimmung durch den sinnlichen
+Trieb m&ouml;glich sey; <i>da&szlig;</i> aber ein Wille sey, haben
+wir bis jetzt weder erweisen gewollt, noch
+gekonnt, noch zu erweisen vorgegeben. Ein solcher
+Erweis d&uuml;rfte vielleicht aus Untersuchung
+des oben angenommenen zweiten Falls, da&szlig; nemlich
+die durch die Handlung des Willens hervorzubringende
+Vorstellung selbst ihrem Stoffe nach,
+nicht durch Empfindung, sondern durch absolute
+Spontaneit&auml;t, d.&nbsp;i. durch Spontaneit&auml;t mit Bewu&szlig;tseyn
+hervorgebracht sey, sich ergeben.</p>
+
+
+<h4>II.</h4>
+
+<p>Alles, was blo&szlig;er Stoff ist, und nichts anders
+seyn kann, wird durch die Empfindung gegeben;
+die Spontaneit&auml;t bringt nur Formen hervor: die<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>
+angenommene Vorstellung m&uuml;&szlig;te demnach eine
+Vorstellung von so etwas seyn, das <i>an sich
+Form</i>, und nur als Object einer Vorstellung
+von ihr, <i>relativ</i> (in Beziehung auf diese Vorstellung)
+<i>Stoff</i> w&auml;re; so wie z.&nbsp;B. Raum und
+Zeit,&nbsp;&mdash;&nbsp;an sich Formen der Anschauung&nbsp;&mdash;&nbsp;von
+einer Vorstellung von Raum oder Zeit der
+Stoff sind.</p>
+
+<p>Formen k&uuml;ndigen sich dem Bewu&szlig;tseyn nur
+in ihrer Anwendung auf Objecte an. Nun werden
+die in der reinen Vernunft urspr&uuml;nglich liegenden
+Formen der Anschauung, der Begriffe
+und der Ideen auf ihre Objecte mit dem Gef&uuml;hl
+der Nothwendigkeit angewendet; sie k&uuml;ndigen
+sich demnach dem Bewu&szlig;tseyn <i>mit Zwang</i>, und
+<i>nicht mit Freiheit</i> an, und hei&szlig;en daher auch
+<i>gegeben</i>, nicht <i>hervorgebracht</i>.</p>
+
+<p>Soll nun jene gesuchte Form sich dem Bewu&szlig;tseyn
+als durch absolute Spontaneit&auml;t hervorgebracht
+(nicht als mit Zwang gegeben) ank&uuml;ndigen,
+so mu&szlig; sie es in Anwendung auf ein
+durch absolute Spontaneit&auml;t bestimmbares Object
+thun. Nun ist das einzige, was unserm Selbstbewu&szlig;tseyn
+als ein solches gegeben ist,&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>das
+Begehrungsverm&ouml;gen;</i> mithin mu&szlig; jene Form,
+objectiv betrachtet, <i>Form des Begehrungsverm&ouml;gens</i>
+seyn. Wird diese Form Stoff einer Vorstellung,
+so ist dieser Vorstellung Stoff durch absolute
+Spontaneit&auml;t hervorgebracht; wir haben<a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>
+eine Vorstellung, wie wir sie suchten&nbsp;&mdash;&nbsp;welches
+aber die einzige in ihrer Art seyn mu&szlig;, weil die
+Bedingungen ihrer M&ouml;glichkeit einzig auf das
+Begehrungsverm&ouml;gen passen&nbsp;&mdash;&nbsp;und die aufgegebne
+Frage ist gel&ouml;st. Da&szlig; nun wirklich eine
+solche urspr&uuml;ngliche Form des Begehrungsverm&ouml;gens,
+und ein urspr&uuml;ngliches Begehrungsverm&ouml;gen
+selbst vermittelst dieser Form sich in unserm
+Gem&uuml;the dem Bewu&szlig;tseyn ank&uuml;ndige, ist
+<i>Thatsache dieses Bewu&szlig;tseyns</i>; und &uuml;ber dieses
+letzte, einzig allgemeingeltende Princip aller Philosophie
+hinaus findet keine Philosophie mehr
+statt. Durch diese Thatsache nun wird es
+erst gesichert, <i>da&szlig;</i> der Mensch einen Willen
+habe.</p>
+
+<p>In diesem Zusammenhange wird denn auch,
+welches wir hier blos im Vorbeigehen erinnern,
+v&ouml;llig klar, wie Vorstellungen, nemlich jene einzige,
+deren Stoff nicht durch Sinnenempfindung
+gegeben, sondern durch absolute Spontaneit&auml;t
+hervorgebracht ist, und die von ihr abgeleiteten,
+m&ouml;glich sind, welche &uuml;ber alle Erfahrung in der
+Sinnenwelt hinausgehen;&nbsp;&mdash;&nbsp;wie der <i>Stoff</i> dieser
+Vorstellungen, der reingeistig ist, um in's Bewu&szlig;tseyn
+aufgenommen werden zu k&ouml;nnen, durch
+die uns f&uuml;r Gegenst&auml;nde der Sinnenwelt gegebnen
+<i>Formen</i> m&uuml;sse bestimmt werden; welche
+Bestimmungen aber, da sie nicht durch die Bedingungen
+des Dinges an sich, sondern durch<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>
+die Bedingungen unsers Selbstbewu&szlig;tseyns nothwendig
+gemacht wurden, nicht f&uuml;r <i>objectiv</i>, sondern
+nur f&uuml;r <i>subjectiv</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;doch aber, da sie sich
+auf die Gesetze des reinen Selbstbewu&szlig;tseyns
+gr&uuml;nden, f&uuml;r <i>allgemeing&uuml;ltig</i> f&uuml;r jeden discursiven
+Verstand angenommen, aber nicht weiter
+ausgedehnt werden m&uuml;ssen, als ihre Aufnehmbarkeit
+ins reine Selbstbewu&szlig;tseyn es erfordert,
+weil sie im letztern Falle ihre Allgemeing&uuml;ltigkeit
+verlieren w&uuml;rden; endlich, da&szlig; dieser &Uuml;bergang
+in das Reich des &Uuml;bersinnlichen f&uuml;r endliche
+Wesen der einzig m&ouml;gliche sey.</p>
+
+<p>Insofern nun&nbsp;&mdash;&nbsp;um den Faden unsrer Betrachtung
+da wieder aufzunehmen, wo wir ihn
+fallen lie&szlig;en&nbsp;&mdash;&nbsp;insofern dem Begehrungsverm&ouml;gen
+urspr&uuml;nglich seine Form bestimt ist, wird es
+nicht erst durch ein gegebnes Object bestimmt,
+sondern es giebt sich durch diese Form sein Object
+selbst: d.&nbsp;h. wird diese Form Object einer
+Vorstellung, so ist diese Vorstellung Object des
+Begehrungsverm&ouml;gens zu nennen. Diese Vorstellung
+nun ist die Idee des <i>schlechthin rechten</i>.
+Auf den Willen bezogen treibt dieses Verm&ouml;gen,&nbsp;&mdash;&nbsp;zu
+wollen, schlechthin weil man will. Dieses
+wunderbare Verm&ouml;gen in uns nun nennt man
+das <i>obere</i> Begehrungsverm&ouml;gen, und sein characteristischer
+Unterschied von dem <i>niedern</i> Begehrungsverm&ouml;gen
+ist der, da&szlig; dem erstern kein
+Object gegeben wird, sondern da&szlig; es sich selbst<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>
+eins giebt; dem letztern aber sein Object gegeben
+werden mu&szlig;. Das erstere ist absolut
+selbstth&auml;tig, das letztere in vieler R&uuml;cksicht blos
+leidend.</p>
+
+<p>Da&szlig; aber dieses obere Begehrungsverm&ouml;gen,
+welches auch blos ein <i>Verm&ouml;gen</i> ist,&nbsp;&mdash;&nbsp;ein <i>Wollen</i>,
+als wirkliche <i>Handlung</i> des Gem&uuml;ths, mithin
+eine empirische Bestimmung, hervorbringe,
+dazu wird noch etwas mehr erfordert. Nemlich
+jedes Wollen, als Handlung des Gem&uuml;ths betrachtet,
+geschieht mit dem Bewu&szlig;tseyn der
+Selbstth&auml;tigkeit. Nun kann dasjenige, worauf
+die Selbstth&auml;tigkeit in dieser Handlung wirkt,
+nicht selbst wieder Selbstth&auml;tigkeit seyn, wenigstens
+in dieser Function nicht, sondern es ist,
+insofern die Spontaneit&auml;t auf dasselbe wirkt, blos
+leidend, mithin eine Affection. Die dem obern
+Begehrungsverm&ouml;gen <i>a priori</i> beiwohnende nothwendige
+Willensform aber kann nie durch eine
+im empirischen Selbstbewu&szlig;tseyn gegebne Spontaneit&auml;t
+afficirt werden, welches ihrer Urspr&uuml;nglichkeit
+und ihrer Nothwendigkeit schlechthin widersprechen
+w&uuml;rde. Soll nun die Bestimmbarkeit
+des Willens in endlichen Wesen durch jene
+nothwendige Form nicht ganz aufgegeben werden,
+so mu&szlig; sich ein Medium aufzeigen lassen,
+das von der einen Seite durch die absolute Spontaneit&auml;t
+jener Form hervorgebracht, von der andern
+durch die Spontaneit&auml;t im empirischen<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>
+Selbstbewu&szlig;tseyn bestimmbar sey<a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a>. Insofern
+es das letztere ist, mu&szlig; es <i>leidend</i> bestimmbar,
+mithin eine <i>Affection des Empfindungsverm&ouml;gens</i>
+seyn. Insofern es aber, der erstern Bedingung
+gem&auml;&szlig;, durch absolute Spontaneit&auml;t hervorgebracht
+seyn soll, kann es nicht eine Affection
+der Receptivit&auml;t durch gegebne <i>Materie</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;mithin,
+da sich au&szlig;er dieser keine positive Affection
+des Empfindungsverm&ouml;gens denken l&auml;&szlig;t, &uuml;berhaupt
+keine positive, sondern nur eine <i>negative</i>
+Affection&nbsp;&mdash;&nbsp;eine Niederdr&uuml;ckung, eine Einschr&auml;nkung
+desselben seyn. Nun aber ist das
+Empfindungsverm&ouml;gen, insofern es <i>blo&szlig;e Receptivit&auml;t</i>
+ist, weder positiv noch negativ durch die
+Spontaneit&auml;t, sondern blos durchs Gegebenwerden
+eines Materiellen afficirbar; folglich kann die
+postulirte negative Bestimmung &uuml;berhaupt nicht
+die Receptivit&auml;t betreffen (etwa eine Verstopfung
+oder Verengerung der Sinnlichkeit an sich seyn;)
+sondern sie mu&szlig; sich auf die Sinnlichkeit beziehen,
+<i>insofern sie durch Spontaneit&auml;t bestimmbar
+ist</i>, (s. oben) <i>sich auf den Willen bezieht,
+und sinnlicher Trieb hei&szlig;t</i>.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>Insofern nun diese Bestimmung auf die absolute
+Spontaneit&auml;t zur&uuml;ckbezogen wird, ist sie
+blos negativ&nbsp;&mdash;&nbsp;eine Unterdr&uuml;ckung der willensbestimmenden
+Anmaa&szlig;ung des Triebes;&nbsp;&mdash;&nbsp;insofern
+sie auf die Empfindung dieser geschehenen
+Unterdr&uuml;ckung bezogen wird, ist sie positiv, und
+hei&szlig;t das <i>Gef&uuml;hl der Achtung</i>. Dieses Gef&uuml;hl
+ist gleichsam der Punct, in welchem die vern&uuml;nftige
+und die sinnliche Natur endlicher Wesen
+innig zusammenflie&szlig;en.</p>
+
+<p>Um das h&ouml;chst m&ouml;glichste Licht &uuml;ber unsern
+weitern Weg zu verbreiten, wollen wir hier noch
+&uuml;ber dieses wichtige Gef&uuml;hl, den Momenten des
+Urtheilens nach, reflectiren.&nbsp;&mdash;&nbsp;Es ist nemlich,
+wie eben jetzt er&ouml;rtert worden, der <i>Qualit&auml;t</i>
+nach eine positive Affection des innern Sinnes,
+die aus der Vernichtung des sinnlichen Triebes,
+als <i>alleinigen</i> Bestimmungstriebes des Willens,
+mithin aus Einschr&auml;nkung desselben entsteht.
+Die <i>Quantit&auml;t</i> desselben ist <i>bedingt-bestimmbar</i>,
+der Grade der Intension und Extension f&auml;hig,
+in Beziehung der Willensformen empirisch-bestimmbares
+Wesen auf das Gesetz;&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>unbedingt,
+und v&ouml;llig bestimmt</i>, keiner Grade der Intension
+oder Extension f&auml;hig, <i>Achtung schlechthin</i>, gegen
+die einfache Idee des Gesetzes;&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>unbedingt, und
+unbestimmbar</i>, unendlich, gegen das Ideal, in
+welchem Gesetz und Willensform Eins ist. Der
+<i>Relation</i> nach bezieht sich dieses Gef&uuml;hl auf das<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>
+<i>Ich</i>, als Substanz, entweder im <i>reinen</i> Selbstbewu&szlig;tseyn,
+und wird dann <i>Achtung unsrer h&ouml;hern
+geistigen Natur</i>, die sich &auml;sthetisch im Gef&uuml;hle
+des Erhabnen &auml;u&szlig;ert; oder im <i>empirischen</i>,
+in Absicht der Congruenz unsrer besondern Willensformen
+mit dem Gesetze&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>Selbstzufriedenheit</i>,&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>Scham
+vor sich selbst</i>:&nbsp;&mdash;&nbsp;oder auf <i>das
+Gesetz</i>, als <i>Grund</i> unsrer Verbindlichkeit&nbsp;&mdash;&nbsp;die
+Achtung schlechthin, das Gef&uuml;hl des nothwendigen
+Primats des Gesetzes, und unsrer nothwendigen
+Subordination unter dasselbe:&nbsp;&mdash;&nbsp;oder,
+auf das <i>Gesetz als Substanz</i> gedacht,&nbsp;&mdash;&nbsp;unser
+Ideal. Endlich der <i>Modalit&auml;t</i> nach ist Achtung
+<i>m&ouml;glich</i> gegen empirisch bestimmbare vern&uuml;nftige
+Wesen; <i>wirklich</i> gegen das Gesetz, und
+<i>nothwendig</i> gegen das alleinheilige Wesen.</p>
+
+<p>So etwas nun, wie <i>Achtung</i> ist, welches wir
+hier blos zur Erl&auml;uterung hinzusetzen, ist zwar
+in allen, endlichen Wesen anzunehmen, in denen
+die nothwendige Form des Begehrungsverm&ouml;gens
+noch nicht nothwendig Willensform ist; aber in
+einem Wesen, in welchem Verm&ouml;gen und Handlung,
+Denken und Wollen Eins ist, l&auml;&szlig;t sich
+Achtung gegen das Gesetz gar nicht denken.</p>
+
+<p>Insofern nun dieses Gef&uuml;hl der Achtung den
+Willen, als empirisches Verm&ouml;gen, bestimmt; und
+wieder im Wollen durch Selbstth&auml;tigkeit bestimmbar
+ist, als zu welchem Behuf wir ein solches Gef&uuml;hl
+in uns aufsuchen mu&szlig;ten, hei&szlig;t es <i>Trieb</i>.&nbsp;&mdash;&nbsp;<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>Trieb
+aber eines wirklichen Wollens kann es,
+da kein Wollen ohne <i>Selbstbewu&szlig;tseyn</i> (der Freiheit)
+m&ouml;glich ist, nur durch Beziehung auf das
+<i>Ich</i>, folglich nur in der Form der <i>Selbstachtung</i>
+seyn.&nbsp;&mdash;&nbsp;Da&szlig; diese Selbstachtung nun entweder
+<i>rein</i>, schlechthin Achtung der W&uuml;rde der
+Menschheit in uns, oder <i>empirisch</i>, Zufriedenheit
+&uuml;ber die wirkliche Behauptung derselben, sey, haben
+wir eben gesagt. Es scheint in der Betrachtung
+allerdings weit edler und erhabner, sich
+durch die reine Selbstachtung,&nbsp;&mdash;&nbsp;durch den einfachen
+Gedanken, ich <i>mu&szlig;</i> so handeln, wenn
+ich ein Mensch seyn will, als durch die empirische,&nbsp;&mdash;&nbsp;durch
+den Gedanken, wenn ich so
+handle, werde ich als Mensch mit mir zufrieden
+seyn k&ouml;nnen, bestimmen zu lassen: aber in der
+Aus&uuml;bung flie&szlig;en beide Gedanken so innig in
+einander, da&szlig; es selbst dem aufmerksamsten Beobachter
+schwer werden mu&szlig;, den Antheil, den
+der eine oder der andre an seiner Willensbestimmung
+hatte, genau von einander zu scheiden.&nbsp;&mdash;&nbsp;Aus
+dem gesagten erhellet, da&szlig; es eine
+v&ouml;llig richtige Maxime der Sittlichkeit sey: respectire
+dich selbst; und erkl&auml;rt sich, warum
+nicht unedle Gem&uuml;ther vor sich selbst weit mehr
+Furcht und Scheu empfinden, als vor der Macht
+der gesammten Natur,&nbsp;&mdash;&nbsp;und den Beifall ihres
+eignen Herzens weit h&ouml;her achten, als die Lobpreisungen
+einer ganzen Welt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>Insofern nun diese Selbstachtung als <i>activer</i>,
+den Willen zwar nicht nothwendig zum wirklichen
+Wollen, aber doch th&auml;tig zur Neigung bestimmender
+Trieb betrachtet wird, hei&szlig;t sie <i>sittliches
+Interesse</i>; welches entweder <i>rein</i> ist,&nbsp;&mdash;&nbsp;Interesse
+f&uuml;r die W&uuml;rde der Menschheit an sich,
+oder <i>empirisch</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;Interesse f&uuml;r die W&uuml;rde der
+Menschheit in unserm empirisch bestimmbaren
+Selbst. Interesse aber mu&szlig; nothwendig von einem
+Gef&uuml;hle der Lust begleitet seyn, und ein
+wirklich behauptetes Interesse empirisch ein Gef&uuml;hl
+der Lust hervorbringen, daher auch die empirische
+Selbstachtung sich als Selbstzufriedenheit
+<span title="Im Original: &auml;n&szlig;ert">&auml;u&szlig;ert</span><a name="FNanchor_TN2_33" id="FNanchor_TN2_33"></a><a href="#Footnote_TN2_33" class="fnanchor">[TN2]</a>. Dieses Interesse bezieht sich allerdings
+auf das Selbst, aber nicht auf die <i>Liebe</i>, sondern
+auf die <i>Achtung</i> dieses Selbst, welches Gef&uuml;hl
+seinem Ursprunge nach rein sittlich ist. Will
+man den sinnlichen Trieb, den eigenn&uuml;tzigen,
+und den sittlichen den uneigenn&uuml;tzigen nennen,
+so kann man zur Erl&auml;uterung das wohl thun;
+aber mir wenigstens scheint diese Benennung
+da, wo es um scharfe Bestimmung zu thun ist,
+unbequem, da auch der sittliche Trieb, um ein
+wirkliches Wollen zu bewirken, sich auf das
+Selbst beziehen mu&szlig;; und empirische Merkmale
+da, wo man die oben er&ouml;rterten transscendentalen
+hat, &uuml;berfl&uuml;ssig.&nbsp;&mdash;&nbsp;Da&szlig; aber die urspr&uuml;ngliche
+nothwendige Bestimmung des Begehrungsverm&ouml;gens
+ein Interesse, und zwar ein alles<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>
+Sinnliche unterjochendes Interesse hervorbringt,
+entsteht aus der <i>categorisch</i>-gesetzlichen Form
+desselben, und ist nur unter dieser Voraussetzung
+zu erkl&auml;ren<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>. Man erlaube mir hierbei einen
+Augenblick stehen zu bleiben.</p>
+
+<p>Achtung ist das zun&auml;chst, und wohl in jedem
+Menschen sich &auml;u&szlig;ernde wunderbare Gef&uuml;hl, das
+aus der ganzen sinnlichen Natur desselben sich
+nicht erkl&auml;ren l&auml;&szlig;t, und auf seinen Zusammenhang
+mit einer h&ouml;hern Welt unmittelbar hindeutet.
+Das wunderbarste dabei ist dies, da&szlig; dieses
+Gef&uuml;hl, das an sich doch niederbeugend f&uuml;r
+unsre Sinnlichkeit ist, von einem unnennbaren,
+der Art nach von jeder Sinnenlust g&auml;nzlich verschiedenen,
+dem Grade nach sie unendlich &uuml;bertreffenden
+Vergn&uuml;gen begleitet wird. Wer, der
+dieses Vergn&uuml;gen nur einmal innig empfand,
+m&ouml;chte nur z.&nbsp;B. das Hinstaunen in den toben<a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>den
+Sturz des Rheinfalls, oder das Aufblicken
+an den jeden Augenblick das Herabsinken zu
+drohen scheinenden ewigen Eismassen, unter
+dem erhebenden Gef&uuml;hle: <i>ich</i> trotze eurer
+Macht<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>&nbsp;&mdash;&nbsp;oder sein Selbstgef&uuml;hl bei der
+freien, und wohl &uuml;berlegten Unterwerfung auch
+nur unter die Idee des allgemeinen nothwendigen
+Naturgesetzes, dieses Naturgesetz unterjoche
+nun seine Neigung oder seine Meinung&nbsp;&mdash;&nbsp;oder
+endlich sein Selbstgef&uuml;hl bei der
+freien Aufopferung seines Theuersten f&uuml;r die
+Pflicht, gegen irgend einen sinnlichen Genu&szlig;
+vertauschen? Da&szlig; der sinnliche Trieb von
+einer, und der reinsittliche Trieb von der
+andern Seite im menschlichen Willen sich die
+Waage halten, lie&szlig;e sich wohl daraus erkl&auml;ren,<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>
+weil sie beide in einem und eben demselben
+Subjecte erscheinen; da&szlig; aber der erstere dem
+letztern sich so wenig gleich setzt, da&szlig; er vielmehr
+bei der blo&szlig;en Idee eines Gesetzes sich
+niederbeugt, und ein weit innigeres Vergn&uuml;gen
+aus seiner Nichtbefriedigung, als aus seiner Befriedigung
+gew&auml;hrt&nbsp;&mdash;&nbsp;dieses, oder mit einen
+Worte, das Categorische, schlechthin unbedingte
+und unbedingbare des Gesetzes deutet auf unsern
+h&ouml;hern Ursprung, und auf unsre geistige
+Abkunft&nbsp;&mdash;&nbsp;ist ein g&ouml;ttlicher Funke in uns, und
+ein Unterpfand, da&szlig; Wir Seines Geschlechts
+sind: und hier geht denn die Betrachtung in
+Bewunderung und Erstaunen &uuml;ber. An diesem
+Puncte stehend verzeiht man der k&uuml;hnsten Phantasie
+ihren Schwung, und wird mit der liebensw&uuml;rdigen
+Quelle aller Schw&auml;rmereien der Pythagor&auml;er
+und Platoniker, wenn auch nicht mit ihren
+Ausfl&uuml;ssen v&ouml;llig ausges&ouml;hnt.</p>
+
+<p>Und hierdurch w&auml;re denn auch die Dunkelheit
+gehoben, welche noch immer, besonders
+guten Seelen, die sich des dringendsten Interesse
+f&uuml;rs schlechthin Rechte bewu&szlig;t waren, das Verstehen
+des hartscheinenden Ausspruchs der Critik,
+da&szlig; das Gute gar nicht auf unsre Gl&uuml;ckseeligkeit
+bezogen werden m&uuml;&szlig;te, erschwerte. Sie haben
+ganz recht, wenn sie auf ihrem Selbstgef&uuml;hle
+bestehen, da&szlig; sie zu wirklich guten Entschlie&szlig;ungen
+doch nur durch das Interesse bestimmt<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>
+werden; nur m&uuml;ssen sie den Ursprung dieses
+Interesse, wenn ihre Entschlie&szlig;ung rein sittlich
+war, nicht im Sinnengef&uuml;hle, sondern in der Gesetzgebung
+der reinen Vernunft aufsuchen. Der
+n&auml;chste, nicht nothwendig bestimmende, aber
+doch eine Neigung verursachende Bestimmungsgrund
+ihres Willens ist freilich das Vergn&uuml;gen
+des innern Sinnes aus Anschauung des Rechten;
+da&szlig; aber eine solche Anschauung ihnen Vergn&uuml;gen
+macht, davon liegt der Grund gar nicht in
+einer etwanigen Affection der innern Receptivit&auml;t
+durch den Stoff jener Idee, welches schlechthin
+unm&ouml;glich ist; sondern in der <i>a priori</i> vorhandenen
+nothwendigen Bestimmung des Begehrungsverm&ouml;gens,
+als obern Verm&ouml;gens.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wenn
+ich also jemanden fragte: w&uuml;rdest du, selbst
+wenn du keine Unsterblichkeit der Seele glaubtest,
+lieber unter tausend Martern dein Leben
+aufopfern, als unrecht thun; und er mir antwortete:
+auch unter dieser Bedingung w&uuml;rde ich
+lieber sterben, und das <i>um mein selbst willen</i>,
+weil ein unter uns&auml;glichen Martern mich vernichtender
+Tod mir weit ertr&auml;glicher ist, als ein, in
+dem Gef&uuml;hle der Unw&uuml;rdigkeit zu leben, unter
+Schaam und Selbstverachtung hinzubringendes
+Leben&nbsp;&mdash;&nbsp;so w&uuml;rde er darinn, insofern er von
+dem empirischen Bestimmungstriebe seiner Entschlie&szlig;ung
+redete, v&ouml;llig recht haben. Da&szlig; er
+aber in diesem Falle sich selbst w&uuml;rde verachten<a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>
+m&uuml;ssen&nbsp;&mdash;&nbsp;da&szlig; die Aussicht auf eine solche
+Selbstverachtung ihm so dr&uuml;ckend w&auml;re, da&szlig; er
+lieber sein Leben aufopfern, als ihr sich unterwerfen
+wollte, davon w&uuml;rde er den Grund vergebens
+wieder in der Sinnenempfindung aufsuchen,
+aus welcher er so etwas, wie Achten, oder
+Verachten, mit aller M&uuml;he nicht w&uuml;rde herausk&uuml;nsteln
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Selbst dieses Interesse aber bewirkt noch
+nicht nothwendig ein wirkliches Wollen; dazu
+wird in unserm Bewu&szlig;tseyn noch eine Handlung
+der Spontaneit&auml;t erfordert, wodurch das Wollen,
+als wirkliche Handlung unsers Gem&uuml;thes, erst
+vollendet wird. Die in dieser Function des W&auml;hlens
+dem Bewu&szlig;tseyn empirisch gegebne <i>Freiheit
+der Willk&uuml;hr</i> (<i>libertas arbitrii</i>), die auch
+bei einer Bestimmung des Willens durch die
+sinnliche Neigung vorkommt, und nicht blos in
+dem Verm&ouml;gen zwischen der Bestimmung nach
+dem sittlichen, oder nach dem sinnlichen Triebe,
+sondern auch zwischen mehrern sich widerstreitenden
+Bestimmungen durch den letzteren&nbsp;&mdash;&nbsp;zum
+Behuf einer Beurtheilung derselben&nbsp;&mdash;&nbsp;zu w&auml;hlen
+besteht, ist wohl zu unterscheiden von der absolut-ersten
+&Auml;u&szlig;erung der Freiheit durch das practische
+Vernunftgesetz; wo Freiheit gar nicht etwa
+Willk&uuml;hr hei&szlig;t, indem das Gesetz uns keine
+Wahl l&auml;&szlig;t, sondern mit Nothwendigkeit gebietet,
+sondern nur negativ g&auml;nzliche Befreiung vom<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>
+Zwange der Naturnothwendigkeit bedeutet, so
+da&szlig; das Sittengesetz auf gar keinen in der theoretischen
+Naturphilosophie liegenden Gr&uuml;nden,
+als seinen Pr&auml;missen, beruhe, und ein Verm&ouml;gen
+im Menschen voraussetze, sich unabh&auml;ngig von
+Naturnothwendigkeit zu bestimmen. Ohne
+diese absolut-erste &Auml;u&szlig;erung der Freiheit w&auml;re
+die zweite blos empirische nicht zu retten, sie
+w&auml;re ein blo&szlig;er Schein, und das erste ernsthafte
+Nachdenken vernichtete den sch&ouml;nen Traum, in
+dem wir uns einen Augenblick von der Kette
+der Naturnothwendigkeit losgefesselt w&auml;hnten.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wo
+ich nicht irre, so ist die Verwechselung dieser
+zwei sehr verschiednen &Auml;u&szlig;erungen der Freiheit
+eine der Hauptursachen, warum man sich
+die <i>moralische</i> (nicht etwa physische) <i>Nothwendigkeit</i>,
+womit ein Gesetz der <i>Freiheit</i> gebieten
+soll, so schwer denken konnte. Denkt man
+nemlich in den Begriff der Freiheit das Merkmal
+der <i>Willk&uuml;hr</i> hinein (ein Gedanke, dessen noch
+immer viele sich nicht erwehren k&ouml;nnen), so l&auml;&szlig;t
+damit sich freilich auch die <i>moralische</i> Nothwendigkeit
+nicht vereinigen. Aber davon ist bei der
+ersten urspr&uuml;nglichen &Auml;u&szlig;erung der Freiheit,
+durch welche allein sie sich &uuml;berhaupt bew&auml;hrt,
+gar nicht die Rede. Die Vernunft giebt sich
+selbst, unabh&auml;ngig von irgend etwas au&szlig;er ihr,
+durch absolut eigne Spontaneit&auml;t, ein Gesetz;
+das ist der einzig richtige Begriff der transscen<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>dentalen
+Freiheit: dieses Gesetz nun gebietet,
+eben <i>weil</i> es <i>Gesetz</i> ist, nothwendig und unbedingt,
+und da findet keine Willk&uuml;hr, kein Ausw&auml;hlen
+zwischen verschiednen Bestimmungen
+durch dieses Gesetz statt, weil es nur auf <i>eine</i>
+Art bestimmt.&nbsp;&mdash;&nbsp;Folgendes noch zur Erl&auml;uterung.
+Diese transscendentale Freiheit, als ausschlie&szlig;ender
+Character der Vernunft, insofern
+sie practisch ist, ist jedem moralischen Wesen,
+folglich auch dem Unendlichen beizulegen. Insofern
+aber diese Freiheit auf empirische Bedingungen
+endlicher Wesen sich bezieht, gelten ihre
+&Auml;u&szlig;erungen in diesem Falle nur unter diesen
+Bedingungen; folglich ist eine Freiheit der Willk&uuml;hr
+da sie auf der Bestimmbarkeit eines Wesens
+noch durch andere als das practische Vernunftgesetz
+beruht, in Gott, der blos durch dieses
+Gesetz bestimmt wird, eben so wenig, als
+Achtung f&uuml;rs Gesetz, oder Interesse am Schlechthinrechten
+anzunehmen; und die Philosophen,
+welche in diesem Sinne des Worts die Freiheit,
+als durch die Schranken der Endlichkeit bedingt,
+Gott absprachen, hatten daran vollkommen recht.</p>
+
+<p>Damit nun diese Zergliederung, die neben
+der Hauptabsicht, unbemerkte Schwierigkeiten
+einer Offenbarungscritik zu heben, noch die
+Nebenabsicht hatte, einige Dunkelheiten in der
+critischen Philosophie &uuml;berhaupt aufzukl&auml;ren, und
+den bisherigen Nichtkennern oder Gegnern der<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>selben
+eine neue Th&uuml;r zu er&ouml;fnen, um in sie
+einzudringen, nicht von critischen Philosophen
+selbst misverstanden, und so gedeutet werde,
+als sey dadurch die Tugend abermals zur Magd
+der Lust herabgew&uuml;rdigt, so machen wir unsre Gedanken
+durch folgende Tabelle noch deutlicher:</p>
+
+<p><i>Wollen</i>, die Bestimmung durch Selbstth&auml;tigkeit
+zur Hervorbringung einer Vorstellung,
+als <i>Handlung</i> des Gem&uuml;ths betrachtet,
+ist</p>
+
+
+<table border="0" cellpadding="5" summary="">
+<tr>
+<td><p class="center">A.</p></td>
+<td colspan="2"><p class="center">B.</p></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td><p class="center"><i>rein</i>,</p></td>
+<td colspan="2"><p class="center"><i>nicht rein</i>,</p></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td valign="baseline">
+<p class="noindent">wenn <i>Vorstellung</i> sowohl,
+als <i>Bestimmung</i>, durch absolute
+Selbstth&auml;tigkeit hervorgebracht ist.&nbsp;&mdash;&nbsp;Dieses
+ist nur in einem Wesen
+m&ouml;glich, das blos <i>th&auml;tig</i> und nie
+<i>leidend </i> ist, in Gott.</p>
+</td>
+
+<td valign="baseline">
+<p class="center"><i>a.</i></p>
+
+<p class="noindent">wenn zwar die
+<i>Bestimmung</i>, aber nicht die
+<i>Vorstellung</i>
+durch Selbstth&auml;tigkeit
+hervorgebracht
+wird.&nbsp;&mdash;&nbsp;Bei der Bestimmung
+durch den sinnlichen Trieb in endlichen
+Wesen.</p>
+</td>
+
+<td valign="baseline">
+<p class="center"><i>b.</i></p>
+
+<p class="noindent">wenn zwar die <i>Vorstellung</i>,
+aber nicht die <i>Bestimmung</i>
+durch Selbstth&auml;tigkeit
+hervorgebracht
+wird.&nbsp;&mdash;&nbsp;Nun aber soll
+schon verm&ouml;ge des Begriffs
+des Wollens die Bestimmung
+allemahl durch Selbstth&auml;tigkeit
+hervorgebracht
+werden; folglich
+ist dieser Fall nur unter
+der Bedingung denkbar,
+da&szlig; zwar die eigentliche
+<i>Bestimmung</i> als <i>Handlung</i>
+durch Spontaneit&auml;t
+geschehe, der <i>bestimmende
+Trieb</i> aber eine Affection
+sey.&nbsp;&mdash;&nbsp;Sittliche Bestimmung
+des Willens in
+endlichen Wesen verm&ouml;ge
+des Triebs der Selbstachtung,
+als eines sittlichen
+Interesse.</p>
+</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>Reines<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a> <i>Wollen</i> ist demnach in endlichen Wesen
+nicht m&ouml;glich, weil das Wollen nicht Gesch&auml;ft
+des reinen Geistes, sondern des empirisch-bestimmbaren
+Wesens ist; aber wohl ein reines <i>Begehrungsverm&ouml;gen</i>,
+als <i>Verm&ouml;gen</i>, welches nicht
+dem empirisch-bestimmbaren Wesen, sondern
+dem reinen Geiste beiwohnt, und allein durch
+sein Daseyn unsre geistige Natur offenbart.&nbsp;&mdash;&nbsp;Anders
+hat sich denn auch, so wie ich wenigstens
+es verstanden habe, die reine Vernunft
+durch ihren bevollm&auml;chtigten Interpreten unter
+uns nicht erkl&auml;rt, wie aus einer Vergleichung
+dieser Darstellung mit der in der Critik der
+practischen Vernunft sich ergeben d&uuml;rfte<a name="FNanchor_7_7" id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a>.</p>
+
+
+<h4>III.</h4>
+
+<p>Die Affection des Gl&uuml;ckseeligkeitstriebes durch
+das Sittengesetz zur Erregung der Achtung ist,
+in Beziehung auf ihn, <i>als</i> Gl&uuml;ckseeligkeitstrieb,
+blos <i>negativ</i>: auch die Selbstachtung wirkt so
+wenig Gl&uuml;ckseeligkeit, wenn Gl&uuml;ckseeligkeit, wie
+es geschehen mu&szlig;, blos in das <i>angenehme</i> gesetzt
+wird, da&szlig; sie vielmehr steigt, so wie jene<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>
+f&auml;llt, und da&szlig; man sich nur um so mehr achten
+kann, je mehr von seiner Gl&uuml;ckseeligkeit man
+der Pflicht aufgeopfert hat. Dennoch ist zu erwarten,
+da&szlig; das Sittengesetz den Gl&uuml;ckseeligkeitstrieb,
+selbst <i>als</i> Gl&uuml;ckseeligkeitstrieb, wenigstens
+mittelbar auch <i>positiv</i> afficiren werde, um
+Einheit in den ganzen, rein- und empirisch-bestimmbaren
+Menschen zu bringen; und da dieses
+Gesetz ein <i>Primat</i> in uns verlangt, so ist es sogar
+zu fordern<a name="FNanchor_8_8" id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>.</p>
+
+<p>Nemlich der Gl&uuml;ckseeligkeitstrieb wird vors
+erste durch das Sittengesetz nach Regeln eingeschr&auml;nkt;
+ich <i>darf</i> nicht alles wollen, wozu dieser
+Trieb mich bestimmen k&ouml;nnte. Durch diese
+vors erste blos negative Gesetzm&auml;&szlig;igkeit nun
+kommt der Trieb, der vorher gesetzlos und blind
+vom Ohngef&auml;hr oder der blinden Naturnothwendigkeit
+abhing, &uuml;berhaupt unter ein Gesetz, und
+Wird auch da, wo das Gesetz nicht redet, wenn
+dieses Gesetz nur f&uuml;r ihn <i>alleing&uuml;ltig</i> ist, eben
+durch das Stillschweigen des Gesetzes, <i>positiv</i>
+gesetzm&auml;&szlig;ig, (gesetzlich noch nicht). Darf ich<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>
+<i>nicht</i> wollen, was das Sittengesetz verbietet, so
+darf ich alles wollen, was es <i>nicht</i> verbietet&nbsp;&mdash;&nbsp;nicht
+aber, ich <i>soll</i> es wollen, denn das Gesetz
+schweigt ganz; sondern das h&auml;ngt ganz von meiner
+freien Willk&uuml;hr ab.&nbsp;&mdash;&nbsp;Dieses <i>D&uuml;rfen</i> ist
+einer der Begriffe, die ihren Ursprung an der
+Stirne tragen. Er ist nemlich offenbar durch
+das Sittengesetz bedingt;&nbsp;&mdash;&nbsp;die Naturphilosophie
+wei&szlig; nur von <i>k&ouml;nnen</i>, oder <i>nicht k&ouml;nnen</i>, aber
+von keinem <i>d&uuml;rfen</i>:&nbsp;&mdash;&nbsp;aber er ist durch dasselbe
+nur negativ bedingt, und &uuml;berl&auml;&szlig;t die positive
+Bestimmung lediglich der Neigung.</p>
+
+<p>Was man, wegen des Stillschweigens des Gesetzes,
+darf, hei&szlig;t, insofern es auf das Gesetz
+bezogen wird, negativ <i>nicht unrecht</i>; und insofern
+es auf die dadurch entstehende Gesetzm&auml;&szlig;igkeit
+des Triebes bezogen wird, positiv <i>ein
+Recht</i>. Zu allem, was <i>nicht unrecht ist, habe
+ich ein Recht</i><a name="FNanchor_9_9" id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a>.</p>
+
+<p>Insofern das Gesetz durch sein Stillschweigen
+dem Triebe ein Recht giebt, ist dieser blos <i>gesetzm&auml;&szlig;ig</i>;
+der Genu&szlig; wird durch dieses Stillschweigen
+blos (moralisch) <i>m&ouml;glich</i>. Dies leitet
+uns auf eine Modalit&auml;t der Berechtigung des<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>
+Triebes, und es l&auml;&szlig;t sich erwarten, da&szlig; der
+Trieb durch das practische Gesetz mittelbar auch
+<i>gesetzlich</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;da&szlig; ein Genu&szlig; durch dasselbe
+auch <i>wirklich</i> werden k&ouml;nne.&nbsp;&mdash;&nbsp;Dieser letztere
+Ausdruck kann nun nicht soviel hei&szlig;en, als ob
+die Sinnlichkeit durch einen ihr vom Sittengesetze
+gegebnen Stoff in der Receptivit&auml;t positiv
+angenehm afficirt werden solle, wovon die Unm&ouml;glichkeit
+schon oben zur Gen&uuml;ge dargethan
+worden;&nbsp;&mdash;&nbsp;der Genu&szlig; soll nemlich nicht <i>physisch-</i>,
+sondern <i>moralisch-wirklich</i> gemacht werden,
+welcher ungew&ouml;hnliche Ausdruck sogleich
+seine v&ouml;llige Klarheit erhalten wird. Eine solche
+moralische Wirklichmachung des Genusses m&uuml;&szlig;te
+sich noch immer auf jene negative Bestimmung
+des Triebes durchs Gesetz gr&uuml;nden. Durch diese
+nun erhielt der Trieb vors erste ein Recht. Nun
+aber k&ouml;nnen F&auml;lle eintreten, wo das Gesetz seine
+Berechtigung zur&uuml;cknimmt. So ist ohne Zweifel
+jeder berechtiget zu leben; dennoch aber kann es
+Pflicht werden, sein Leben aufzuopfern. Dieses
+Zur&uuml;cknehmen der Berechtigung w&auml;re ein f&ouml;rmlicher
+Widerspruch des Gesetzes mit sich selbst.
+Nun kann das Gesetz sich nicht widersprechen,
+ohne seinen gesetzlichen Character zu verlieren,
+aufzuh&ouml;ren, ein Gesetz zu seyn, und g&auml;nzlich
+aufgegeben werden zu m&uuml;ssen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Dieses w&uuml;rde
+uns nun vors erste darauf f&uuml;hren, da&szlig; alle Objecte
+des sinnlichen Triebes, laut der Anforde<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>rung
+des Sittengesetzes sich nicht selbst zu widersprechen,
+nur Erscheinungen, nicht Dinge
+an sich, seyn k&ouml;nnten; da&szlig; mithin ein solcher
+Widerspruch in den Objecten, insofern sie Erscheinungen
+sind, gegr&uuml;ndet, mithin nur scheinbar
+sey. Jener Satz ist also eben so gewi&szlig; ein
+Postulat der practischen Vernunft, als er ein
+Theorem der theoretischen ist. Es g&auml;be demnach
+an sich gar keinen Tod, kein Leiden, keine Aufopferung
+f&uuml;r die Pflicht, sondern der Schein dieser
+Dinge gr&uuml;ndete sich blos auf das, was die
+Dinge zu Erscheinungen macht.</p>
+
+<p>Aber, da unser sinnlicher Trieb doch einmal
+auf Erscheinungen geht; da das Gesetz ihn <i>als</i>
+solchen, mithin insofern er darauf geht, berechtigt,
+so kann es auch diese Berechtigung nicht
+zur&uuml;cknehmen; es mu&szlig; mithin, verm&ouml;ge seines
+geforderten Primats, auch &uuml;ber die Welt der Erscheinungen
+gebieten. Nun kann es das nicht
+<i>unmittelbar</i>, da es sich <i>positiv</i> nur <i>an das Ding
+an sich</i>, an unser oberes, reingeistiges Begehrungsverm&ouml;gen
+wendet; es mu&szlig; also <i>mittelbar</i>,
+mithin <i>durch den sinnlichen Trieb</i> geschehen,
+auf den es negativ allerdings wirkt. Daraus nun
+entsteht eine von der negativen Bestimmung des
+Triebes durch das Gesetz abgeleitete positive
+<i>Gesetzlichkeit</i> desselben.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wer z.&nbsp;B. f&uuml;r die
+Pflicht stirbt, dem nimmt das Sittengesetz ein
+vorher zugestandnes Recht; das kann aber das<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>
+Gesetz nicht thun, ohne sich UN widersprechen;
+folglich ist ihm dieses Recht nur insofern er Erscheinung
+ist, (hier&nbsp;&mdash;&nbsp;in der Zeit) genommen:
+sein durch das Gesetz berechtigter Lebenstrieb
+fordert es als Erscheinung, mithin in der Zeit,
+zur&uuml;ck, und wird durch dieses rechtliche Zur&uuml;ckfordern
+gesetzlich f&uuml;r die Welt der Erscheinungen.
+Wer im Gegentheile auf Anforderung des
+Gesetzes an ihn sein Leben nicht aufgeopfert
+hat, ist des Lebens unw&uuml;rdig, und mu&szlig; es,
+wenn das Sittengesetz auch f&uuml;r die Welt der Erscheinungen
+gelten soll, der Causalit&auml;t dieses
+Gesetzes gem&auml;&szlig;, als Erscheinung verlieren<a name="FNanchor_10_10" id="FNanchor_10_10"></a><a href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a>.</p>
+
+<p>Aus dieser Gesetzlichkeit des Triebes entsteht
+der Begriff der <i>Gl&uuml;cksw&uuml;rdigkeit</i>, als das zweite
+Moment der Modalit&auml;t der Berechtigung.&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>W&uuml;rdig</i>
+ist ein Begriff, der sich offenbar auf Sittlichkeit
+bezieht, und der aus keiner Naturphilosophie
+zu sch&ouml;pfen ist; ferner sagt <i>w&uuml;rdig</i> offenbar
+mehr, als ein Recht,&nbsp;&mdash;&nbsp;wir gestehen manchem
+ein Recht zu einem Genusse zu, den wir doch
+desselben sehr unw&uuml;rdig halten, niemanden aber
+werden wir umgekehrt eines Gl&uuml;cks w&uuml;rdig achten,
+auf welches er urspr&uuml;nglich (nicht etwa hypothetisch)
+kein Recht hat; endlich entdeckt<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>
+man auch im Gebrauche den negativen Ursprung
+dieses Begriffs, denn in der Beurtheilung, ob jemand
+eines Genusses w&uuml;rdig sey, sind wir gen&ouml;thiget,
+den wirklichen Genu&szlig; wegzudenken.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;Es ist eine der &auml;u&szlig;ern Anzeigen der
+Wahrheit der critischen Moralphilosophie, da&szlig;
+man keinen Schritt in ihr thun kann, ohne auf
+einen in der allgemeinen Menschenempfindung
+tief eingepr&auml;gten Grundsatz zu sto&szlig;en, der sich
+nur aus ihr, und aus ihr leicht und fa&szlig;lich erkl&auml;rt.
+So ist hier die Billigung und das Verlangen
+der Wiedervergeltung (<i>jus talionis</i>) allgemeine
+Menschenempfindung. Wir g&ouml;nnen es jedem,
+da&szlig; es ihm eben so gehe, wie ers andern
+gemacht hat, und da&szlig; ihm gerade so geschehe,
+wie er gehandelt hat. Wir betrachten demnach,
+selbst in der gemeinsten Beurtheilung, die Erscheinungen
+seines sinnlichen Triebes, als gesetzlich
+f&uuml;r die Welt der Erscheinungen; wir nehmen
+an, seine Handlungsarten sollen, in R&uuml;cksicht
+auf ihn, als allgemeines Gesetz gelten.</p>
+
+<p>Diese Gesetzlichkeit des Triebes fordert nun
+die v&ouml;llige Congruenz der Schicksale eines vern&uuml;nftigen
+Wesens mit seinem sittlichen Verhalten,
+als erstes Postulat der an sinnliche Wesen sich
+wendenden practischen Vernunft: in welchem
+verlangt wird, da&szlig; stets diejenige Erscheinung
+erfolge, welche, wenn der Trieb legitim durch
+das Sittengesetz bestimmt, und f&uuml;r die Welt der<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>
+Erscheinungen gesetzgebend gewesen w&auml;re, h&auml;tte
+erfolgen m&uuml;ssen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Und hier sind wir denn
+zugleich unvermerkt &uuml;ber eine, von keinem Gegner
+der critischen Philosophie, so viel ich wei&szlig;,
+bemerkte, aber darum nicht minder sie dr&uuml;ckende
+Schwierigkeit hinweggekommen: wie es
+nemlich m&ouml;glich sey, das Sittengesetz, welches
+an sich nur auf die Willensform moralischer Wesen,
+als solches anwendbar ist, auf Erscheinungen
+in der Sinnenwelt zu beziehen; welches doch,
+zum Behuf einer postulirten Congruenz der
+Schicksale moralischer Wesen mit ihrem Verhalten,
+und der &uuml;brigen daraus zu deducirenden
+Vernunftpostulate, nothwendig geschehen mu&szlig;te.
+Diese Anwendbarkeit nemlich erhellet blos aus
+der, von der negativen Bestimmung des Gl&uuml;ckseeligkeitstriebes
+abgeleiteten, Gesetzlichkeit desselben
+f&uuml;r die Welt der Erscheinungen.</p>
+
+<p>Werden endlich im dritten Momente der Modalit&auml;t
+Recht, und W&uuml;rdigkeit in Verbindung gedacht,
+in welcher Verbindung das Recht seinen
+positiven Character, als Gesetzm&auml;&szlig;igkeit der
+sinnlichen Neigung<a name="FNanchor_11_11" id="FNanchor_11_11"></a><a href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>, und die W&uuml;rdigkeit ihren
+negativen, als durch Aufhebung eines Rechts
+durch ein Gebot entstanden, verliert; so entsteht
+ein Begriff, der positiv f&uuml;r uns &uuml;berschwenglich
+ist, weil alle Schranken aus ihm hinweggedacht<a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>
+werden, negativ aber ein Zustand ist, in dem
+das Sittengesetz keine sinnliche Neigung einzuschr&auml;nken
+hat, weil keine da ist&nbsp;&mdash;&nbsp;unendliche
+Gl&uuml;ckseligkeit mit unendlichem Rechte, und
+W&uuml;rdigkeit<a name="FNanchor_12_12" id="FNanchor_12_12"></a><a href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a>&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>Seeligkeit</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;eine unbestimmbare
+Idee, die aber dennoch durch das
+Sittengesetz uns als das letzte Ziel aufgestellt
+wird, und an die wir uns, da die Neigungen in
+uns immer &uuml;bereinstimmender mit dem Sittengesetze
+werden, folglich unsre Rechte sich immer
+mehr ausbreiten sollen, stets ann&auml;hern; aber sie,
+ohne Vernichtung der Schranken der Endlichkeit,
+nie erreichen k&ouml;nnen. Und so w&auml;re denn der
+Begriff des ganzen h&ouml;chsten Guts, oder <i>der Seeligkeit</i>,
+aus der Gesetzgebung der practischen
+Vernunft, deducirbar: der erste Theil desselben,
+die <i>Heiligkeit, rein</i>; aus der positiven Bestimmung
+des obern Begehrungsverm&ouml;gens durch dieses
+Gesetz, welches in der Critik der practischen
+Vernunft so einleuchtend geschehen ist, da&szlig; hier
+keine Wiederholung n&ouml;thig war: der zweite Theil,
+die <i>Seeligkeit</i> (im engern Sinne) <i>nicht rein</i>; aus
+der negativen Bestimmung des niedern Begehrungsverm&ouml;gens
+durch dieses Gesetz. Da&szlig; wir
+aber, um den zweiten Theil zu deduciren, von<a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>
+empirischen Pr&auml;missen ausgehen mu&szlig;ten, darf
+uns nicht irren; da theils zwar das zu bestimmende
+empirisch, das bestimmende aber rein
+geistig war; theils in der aus diesen Bestimmungen
+deducirten Vernunftidee der Seeligkeit alles
+empirische weggedacht, und diese Idee rein geistig
+aufgefa&szlig;t werden sollte, welches f&uuml;r sinnliche
+Wesen freilich nicht m&ouml;glich ist.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="Section_3" id="Section_3"></a>&sect;.&nbsp;3.</h3>
+
+<h3><i>Deduction der Religion &uuml;berhaupt.</i></h3>
+
+<p>Oben wurde, aus der Anforderung des Sittengesetzes,
+sich durch Aufhebung seiner Berechtigungen
+des sinnlichen Triebes nicht zu widersprechen,
+eine mittelbare Gesetzlichkeit dieses
+Triebes selbst, und aus ihr eine anzunehmende
+vollkommne Congruenz der Schicksale vern&uuml;nftiger
+Wesen mit ihren moralischen Gesinnungen
+deducirt. Nun aber hat der Trieb, ob er gleich
+hierdurch <i>gesetzliche Rechte</i>, als <i>moralisches</i> Verm&ouml;gen,
+bekommt, so wenig eine <i>gesetzgebende
+Macht</i>, als <i>physisches</i> Verm&ouml;gen; da&szlig; er vielmehr
+selbst von empirischen Naturgesetzen abh&auml;ngig
+ist, und seine Befriedigung lediglich von
+ihnen leidend erwarten mu&szlig;. Jener Widerspruch
+des Sittengesetzes mit sich selbst in Anwendung
+auf empirisch-bestimmbare Wesen w&auml;re demnach
+blos weiter hinausger&uuml;ckt, nicht gr&uuml;ndlich gehoben,
+denn wenn auch das Gesetz dem Triebe<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>
+ein Recht giebt, seine Befriedigung zu fordern,
+so ist ihm, der nicht blos ein Recht sucht,
+sondern die Behauptung in seinem Rechte, das
+er selbst nicht behaupten kann, damit noch
+kein Gen&uuml;ge geschehen; er bleibt nach wie vor,
+ohngeachtet der Erlaubni&szlig; des Sittengesetzes sich
+zu befriedigen, unbefriedigt. Das Sittengesetz
+selbst also mu&szlig;, wenn es sich nicht widersprechen,
+und aufh&ouml;ren soll, ein Gesetz zu seyn,
+diese von ihm selbst ertheilten Rechte behaupten;
+es mu&szlig; mithin auch &uuml;ber die Natur nicht
+nur gebieten, sondern herrschen. Das kann es
+nun nicht in Wesen, die selbst von der Natur
+leidend afficirt werden, sondern nur in einem
+solchen, welches die Natur durchaus selbstth&auml;tig
+bestimmet; in welchem moralische Nothwendigkeit,
+und absolute physische Freiheit sich vereinigen.
+So ein Wesen nennen wir <i>Gott</i>. Eines
+Gottes Existenz ist mithin eben so gewi&szlig; anzunehmen,
+als ein <i>Sittengesetz</i>.&nbsp;&mdash;&nbsp;Es <i>ist</i> ein Gott.</p>
+
+<p>In Gott herrscht <i>nur</i> das Sittengesetz, und
+dieses <i>ohne alle Einschr&auml;nkung</i>. Gott ist <i>heilig</i>
+und <i>seelig</i>, und wenn das letztere in Beziehung
+auf die Sinnenwelt gedacht wird, <i>allm&auml;chtig</i>.</p>
+
+<p>Gott mu&szlig;, verm&ouml;ge der Anforderung des
+Moralgesetzes an ihn, jene v&ouml;llige Congruenz
+zwischen der Sittlichkeit und dem Gl&uuml;cke endlicher
+vern&uuml;nftiger Wesen hervorbringen, da nur
+durch und in Ihm die Vernunft &uuml;ber die sinn<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>liche
+Natur herrscht: er mu&szlig; <i>ganz gerecht</i>
+seyn.</p>
+
+<p>Im Begriffe alles existirenden &uuml;berhaupt wird
+nichts gedacht, als die Reihe von Ursachen und
+Wirkungen nach Naturgesetzen in der Sinnenwelt,
+und die freien Entschlie&szlig;ungen moralischer
+Wesen in der &uuml;bersinnlichen. Gott mu&szlig; die
+erstere ganz &uuml;bersehen, denn er mu&szlig; die Gesetze
+der Natur verm&ouml;ge seiner Causalitat durch
+Freiheit bestimmt, und, der nach denselben fortlaufenden
+Reihe der Ursachen und Wirkungen
+den ersten Sto&szlig; gegeben haben: er mu&szlig; die
+letztern alle kennen, denn alle bestimmen den
+Grad der Moralit&auml;t eines Wesens; und dieser
+Grad ist der Maa&szlig;stab, nach welchem die Austheilung
+des Gl&uuml;cks an vern&uuml;nftige Wesen, laut
+des Moralgesetzes, dessen Executor er ist, geschehen
+mu&szlig;. Da nun au&szlig;er diesen beiden
+St&uuml;cken f&uuml;r uns nichts denkbar ist, so m&uuml;ssen
+wir Gott <i>allwissend</i> denken.</p>
+
+<p>So lange endliche Wesen endlich bleiben,
+werden sie&nbsp;&mdash;&nbsp;denn das ist der Begriff der Endlichkeit
+in der Moral&nbsp;&mdash;&nbsp;noch unter andern Gesetzen
+stehen, als denen der Vernunft; sie werden
+folglich die v&ouml;llige Congruenz des Gl&uuml;cks
+mit der Sittlichkeit durch sich selbst nie hervorbringen
+k&ouml;nnen. Nun aber fordert das Moralgesetz
+dies ganz unbedingt. Daher kann dieses
+Gesetz nie aufh&ouml;ren g&uuml;ltig zu seyn, da es nie<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>
+erreicht seyn wird; seine Forderung kann nie ein
+Ende nehmen, da sie nie erf&uuml;llt seyn wird. Es
+gilt f&uuml;r die Ewigkeit.&nbsp;&mdash;&nbsp;Es thut diese Forderung
+an jenes heilige Wesen, in Ewigkeit das h&ouml;chste
+Gut in allen vern&uuml;nftigen Naturen zu bef&ouml;rdern;
+in Ewigkeit das Gleichgewicht zwischen Sittlichkeit
+und Gl&uuml;ck herzustellen: jenes Wesen mu&szlig;
+also selbst ewig seyn, um einem ewigen Moralgesetze,
+das seine Natur bestimmt, zu entsprechen;
+und es mu&szlig;, diesem Gesetze gem&auml;&szlig;, allen
+vern&uuml;nftigen Wesen, an die dieses Gesetz
+gerichtet ist, und von welchen es Ewigkeit fordert,
+die Ewigkeit geben. Es mu&szlig; also ein <i>ewiger
+Gott</i> seyn, und jedes moralische Wesen
+mu&szlig; <i>ewig</i> <span title="Im Original: fordauern">fortdauern</span><a name="FNanchor_TN3_34" id="FNanchor_TN3_34"></a><a href="#Footnote_TN3_34" class="fnanchor">[TN3]</a>, wenn der Endzweck des
+Moralgesetzes nicht unm&ouml;glich seyn soll.</p>
+
+<p>Diese S&auml;tze nennen wir, als mit der Anforderung
+der Vernunft uns endlichen Wesen ein
+practisches <i>Gesetz</i> zu geben, unmittelbar verbunden,
+und von ihr unzertrennlich, <i>Postulate</i>
+der Vernunft. Nemlich diese S&auml;tze werden nicht
+etwa durch das Gesetz <i>geboten</i>, welches ein
+<i>practisches</i> Gesetz f&uuml;r <i>Theoreme</i> nicht kann,
+sondern sie m&uuml;ssen nothwendig angenommen
+werden, wenn die Vernunft gesetzgebend seyn
+soll. Ein solches Annehmen nun, zu dem die
+M&ouml;glichkeit der Anerkennung eines Gesetzes
+&uuml;berhaupt uns n&ouml;thiget, nennen wir <i>ein Glauben</i>.&nbsp;&mdash;&nbsp;Da
+Da jedoch diese S&auml;tze sich blos auf die An<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>wendung
+des Sittengesetzes auf <i>endliche</i> Wesen,
+wie sich oben aus der Deduction derselben hinl&auml;nglich
+ergeben hat, nicht aber auf die M&ouml;glichkeit
+des Gesetzes an sich, welche Untersuchung
+f&uuml;r uns transscendent ist, sich gr&uuml;nden, so
+sind sie in dieser Form nur <i>subjectiv</i>, d.&nbsp;i. nur
+f&uuml;r endliche Naturen,&nbsp;&mdash;&nbsp;f&uuml;r diese aber, da sie
+auf den blo&szlig;en Begriff der moralischen Endlichkeit,
+abgesehen von allen besonderen Modificationen
+derselben sich gr&uuml;nden, <i>allgemeing&uuml;ltig</i>.
+Wie der unendliche Verstand sein Daseyn und
+seine Eigenschaften anschauen m&ouml;ge, k&ouml;nnen wir,
+ohne selbst der unendliche Verstand zu seyn,
+nicht wissen.</p>
+
+<p>Die Bestimmungen im Begriffe Gottes, den
+die durch das Moralgebot praktisch bestimmte
+Vernunft aufstellte, lassen sich in zwei Hauptklassen
+theilen: die erste enth&auml;lt diejenigen, welche
+sein Begriff selbst unmittelbar giebt, da&szlig; er
+nemlich g&auml;nzlich und allein durch das Sittengesetz<a name="FNanchor_13_13" id="FNanchor_13_13"></a><a href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a>
+bestimmt sey; die zweite diejenigen, welche
+ihm in Beziehung auf die M&ouml;glichkeit endlicher
+moralischer Wesen zukommen, um welcher
+M&ouml;glichkeit willen wir eben seine Existenz<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>
+annehmen mu&szlig;ten. Die erstern stellen Gott dar
+als die vollkommenste Heiligkeit, in welcher das
+Sittengesetz sich ganz beobachtet darstellt, als
+das Ideal aller moralischen Vollkommenheit; und
+zugleich als den Alleinseligen, weil er der Alleinheilige
+ist; mithin als Darstellung des erreichten
+Endzwecks der practischen Vernunft, als das
+<i>h&ouml;chste Gut</i> selbst, dessen M&ouml;glichkeit sie postulirte:
+die zweiten als den obersten Weltregenten
+nach moralischen Gesetzen, als Richter, aller vern&uuml;nftigen
+Geister. Die erstem betrachten ihn
+an und f&uuml;r sich selbst, nach seinem <i>Seyn</i>, und
+er erscheint durch sie als vollkommenster Beobachter
+des Moralgesetzes: die zweiten nach den
+Wirkungen dieses Seyns auf andere moralische
+Wesen, und er ist verm&ouml;ge derselben h&ouml;chster,
+niemanden untergeordneter Executor der Verhei&szlig;ungen
+des Moralgesetzes, mithin auch Gesetzgeber;
+welche Folgerung aber noch nicht unmittelbar
+klar ist, sondern unten weitl&auml;ufiger
+er&ouml;rtert werden soll. So lange wir nun bei diesen
+Wahrheiten, als solchen, stehen bleiben, haben
+wir zwar eine <i>Theologie</i>, die wir haben
+mu&szlig;ten, um unsre theoretischen &Uuml;berzeugungen,
+und unsre practische Willensbestimmung
+nicht in Widerspruch zu setzen; aber noch keine
+<i>Religion</i>, die selbst wieder als Ursache auf diese
+Willensbestimmung einen Einflu&szlig; h&auml;tte. Wie
+entsteht nun aus Theologie Religion?</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>Theologie ist blo&szlig;e Wissenschaft, todte Kenntni&szlig;
+ohne practischen Einflu&szlig;; Religion aber soll
+der Wortbedeutung nach (<i>religio</i>) etwas seyn,
+das uns <i>verbindet</i>, und zwar <i>st&auml;rker</i> verbindet,
+als wir es ohne dasselbe waren. In wiefern diese
+Wortbedeutung hier der Strenge nach anwendbar
+sey, mu&szlig; sich sogleich ergeben.</p>
+
+<p>Nun scheint es vors erste; da&szlig; Theologie
+auf solche Principien gegr&uuml;ndet nie blo&szlig;e Wissenschaft
+ohne practischen Einflu&szlig; seyn k&ouml;nne,
+sondern da&szlig; sie, durch vorhergegangene Bestimmung
+des Begehrungsverm&ouml;gens bewirkt, hinwiederum
+auf dasselbe zur&uuml;ckwirken m&uuml;sse. Bei
+jeder Bestimmung des untern Begehrungsverm&ouml;gens
+m&uuml;ssen wir wenigstens die M&ouml;glichkeit des
+Objects unsrer Begierde annehmen, und durch
+dieses Annehmen wird die Begierde, die vorher
+blind und unvern&uuml;nftig war, erst gerechtfertiget,
+und theoretisch vern&uuml;nftig; hier also findet diese
+Zur&uuml;ckwirkung unmittelbar statt. Die Bestimmung
+des obern Begehrungsverm&ouml;gens aber, das
+Gute zu wollen, ist <i>an sich</i> vern&uuml;nftig, denn sie
+geschieht unmittelbar durch ein Gesetz der Vernunft
+und bedarf keiner Rechtfertigung durch
+Anerkennung der M&ouml;glichkeit ihres Objects:
+diese M&ouml;glichkeit aber nicht anerkennen, das
+w&auml;re gegen die Vernunft, und mithin ist das
+Verh&auml;ltni&szlig; hier umgekehrt. Beim untern Begehrungsverm&ouml;gen
+geschieht die Bestimmung erst<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>
+durchs Object; beim obern wird das Object erst
+durch die Bestimmung des Willens realisirt.</p>
+
+<p>Der Begriff von etwas, das schlechthin <i>recht</i>
+ist<a name="FNanchor_14_14" id="FNanchor_14_14"></a><a href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>, hier insbesondre von der nothwendigen
+Congruenz des Grades des Gl&uuml;cks eines vern&uuml;nftigen,
+oder eines als solches betrachteten Wesens;
+mit dem Grade seiner sittlichen Vollkommenheit,
+ist in unsrer Natur, unabh&auml;ngig von
+Naturbegriffen, und von der durch dieselben
+m&ouml;glichen Erfahrung, <i>a priori</i> da. Betrachten
+wir diese Idee nur blos als Begriff, ohne R&uuml;cksicht
+auf das durch dieselbe bestimmte Begehrungsverm&ouml;gen,
+so kann sie uns nichts weiter
+seyn, und werden, als ein durch die Vernunft<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>
+unsrer Urtheilskraft gegebnes Gesetz zur Reflexion,
+&uuml;ber gewisse Dinge in der Natur, sie
+auch noch in einer andern Absicht, als der ihres
+<i>Seyns</i>, nemlich der ihres <i>Seynsollens</i>, zu betrachten.
+In diesem Falle scheint es vors erste, da&szlig;
+wir g&auml;nzlich gleichg&uuml;ltig gegen die &Uuml;bereinstimmung
+mit dieser Idee bleiben, und weder Wohlgefallen
+noch Interesse f&uuml;r dieselbe empfinden
+w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Aber auch dann w&auml;re alles, was au&szlig;er uns
+mit dem <i>a priori</i> in uns vorhandenen Begriffe
+des Rechts &uuml;bereinstimmend gefunden w&uuml;rde,
+zweckm&auml;&szlig;ig f&uuml;r eine uns durch die Vernunft
+aufgegebne Art &uuml;ber die Dinge zu reflectiren,
+und m&uuml;&szlig;te, da alle Zweckm&auml;&szlig;igkeit mit Wohlgefallen
+angeblickt wird, ein Gef&uuml;hl der Lust in
+uns erregen. Und so ist es denn, auch wirklich.
+Die Freude &uuml;ber das Mi&szlig;lingen b&ouml;ser Absichten,
+und &uuml;ber die Entdeckung und Bestrafung des
+B&ouml;sewichts, eben so, wie &uuml;ber das Gelingen redlicher
+Bem&uuml;hungen, &uuml;ber die Anerkennung der
+verkannten Tugend, und &uuml;ber die Entsch&auml;digung
+des Rechtschaffnen f&uuml;r die auf dem Wege der
+Tugend erlittenen Kr&auml;nkungen und gemachten
+Aufopferungen ist allgemein, im Innersten der
+menschlichen Natur gegr&uuml;ndet, und die nie versiegende
+Quelle des Interesse, das wir an Dichtungen
+nehmen. Wir gefallen uns in so einer
+Welt, wo alles der Regel des Rechts gem&auml;&szlig; ist,<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>
+weit besser, als in der wirklichen, wo wir so
+mannigfaltige Versto&szlig;e gegen dieselbe zu entdecken
+glauben.&nbsp;&mdash;&nbsp;Aber es kann uns auch etwas,
+ohne da&szlig; wir Interesse daf&uuml;r f&uuml;hlen, d.&nbsp;i.
+ohne da&szlig; wir das Daseyn des Gegenstandes begehren,
+gefallen; und von der Art ist z.&nbsp;B. das
+Wohlgefallen am Sch&ouml;nen. W&auml;re es mit dem
+Wohlgefallen am Rechten eben so beschaffen,
+so w&auml;re dasselbe ein Gegenstand unsrer blo&szlig;en
+Billigung. Wenn uns einmal ein Gegenstand
+gegeben w&auml;re, der diesem Begriffe entspr&auml;che,
+so k&ouml;nnten wir nicht vermeiden, Vergn&uuml;gen, und
+bei dem Anblicke eines Gegenstandes, der ihm
+widerspr&auml;che, Mi&szlig;vergn&uuml;gen zu empfinden; aber
+es w&uuml;rde dadurch noch keine Begierde in uns
+entstehen, da&szlig; &uuml;berhaupt etwas gegeben werden
+m&ouml;chte, worauf dieser Begriff anwendbar sey.
+Hier w&auml;re also blo&szlig;e Bestimmung des Gef&uuml;hls
+der Lust und Unlust, ohne die geringste Bestimmung
+des Begehrungsverm&ouml;gens.</p>
+
+<p>Abgerechnet, da&szlig; der Begriff des <i>Sollens</i> an
+sich schon eine Bestimmung des Begehrungsverm&ouml;gens,
+das Daseyn eines gewissen Objects zu
+wollen, anzeigt: so best&auml;tigt es die Erfahrung
+eben so allgemein, da&szlig; wir auf gewisse Gegenst&auml;nde
+nothwendig diesen Begriff anwenden, und
+die &Uuml;bereinstimmung derselben mit ihm unnachl&auml;&szlig;lich
+verlangen. So sind wir in der Welt der
+Dichtungen, im Trauerspiele, oder Romane, nicht<a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>
+eher befriedigt, bis wenigstens die Ehre des unschuldig
+Verfolgten gerettet, und seine Unschuld
+anerkannt, der ungerechte Verfolger aber entlarvt
+ist, und die gerechte Strafe erlitten hat,
+so angemessen es auch dem gew&ouml;hnlichen Laufe
+der Dinge in der Welt seyn mag, da&szlig; dies nicht
+geschehe; zum sichern Beweise, da&szlig; wir es nicht
+von uns erhalten k&ouml;nnen, dergleichen Gegenst&auml;nde,
+wie die Handlungen moralischer Wesen,
+und ihre Folgen sind, blos nach der Causalit&auml;t
+der Naturgesetze zu betrachten; sondern da&szlig;
+wir sie nothwendig mit dem Begriffe des Rechts
+vergleichen m&uuml;ssen. Wir sagen in solchen F&auml;llen,
+das St&uuml;ck sey nicht geendigt; und eben so
+wenig k&ouml;nnen wir bei Vorf&auml;llen in der wirklichen
+Welt, wenn wir z.&nbsp;B. den B&ouml;sewicht im
+h&ouml;chsten Wohlst&auml;nde mit Ehre und Gut gekr&ouml;nt,
+oder den Tugendhaften verkannt, verfolgt, und
+unter tausend Martern sterben sehen, uns befriedigen,
+wenn nun alles aus, und der Schauplatz
+auf immer geschlossen seyn soll. Unser
+Wohlgefallen an dem, was recht ist, ist also
+keine blo&szlig;e Billigung, sondern es ist mit Interesse
+verbunden.&nbsp;&mdash;&nbsp;Es kann aber ein Wohlgefallen
+gar wohl mit einem Interesse verbunden
+seyn, ohne da&szlig; wir darum diesem Wohlgefallen
+eine Causalit&auml;t zur Hervorbringung des Objects
+desselben zuschreiben; ohne da&szlig; wir auch nur
+das geringste zum Daseyn des Gegenstandes des<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>selben
+beitragen wollen, oder auch nur wollen
+k&ouml;nnen. Dann ist das Verlangen nach diesem
+Daseyn ein <i>m&uuml;&szlig;iger Wunsch</i> (<i>pium desiderium</i>).
+Wir m&ouml;gen es begehren so heftig wir wollen,
+wir m&uuml;ssen uns doch bescheiden, da&szlig; wir keinen
+rechtlich gegr&uuml;ndeten Anspruch darauf machen
+k&ouml;nnen. So ist das Begehren vieler Arten
+des Angenehmen blos ein m&uuml;&szlig;iger Wunsch.
+Wer verlangt z.&nbsp;B. nicht nach anhaltendem ungest&uuml;men
+Wetter einen hellen Tag? aber einem
+solchen Verlangen k&ouml;nnen wir gar keine Causalit&auml;t
+zur Hervorbringung eines solchen Tages zuschreiben.</p>
+
+<p>H&auml;tte es mit dem Wohlgefallen am Sittlich-guten
+eine solche Bewandtni&szlig;, wie mit irgend
+einem der Dinge, die wir angef&uuml;hrt haben, so
+k&ouml;nnten wir keine Theologie haben, und bed&uuml;rften
+keiner Religion: denn so innig wir auch im
+letzten Falle die Fortdauer der moralischen Wesen,
+und einen allm&auml;chtigen, allwissenden und
+gerechten Vergelter ihrer Handlungen w&uuml;nschen
+m&uuml;&szlig;ten, so w&auml;re es doch sehr vermessen, aus
+einem blo&szlig;en Wunsche, so allgemein und so
+stark er auch w&auml;re, auf die Realit&auml;t seines Objects
+zu schlie&szlig;en, und dieselbe auch nur als
+subjectiv-g&uuml;ltig anzunehmen.</p>
+
+<p>Aber die Bestimmung des Begehrungsverm&ouml;gens
+durch das Moralgesetz, das Recht zu wollen,
+soll eine Causalit&auml;t haben, es wenigstens<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>
+zum Theil wirklich hervorzubringen. Wir sind
+unmittelbar gen&ouml;thigt, das Recht in unsrer eignen
+Natur als von uns abh&auml;ngig zu betrachten;
+und wenn wir etwas dem Begriffe desselben widerstreitendes
+in uns entdecken, so empfinden
+wir nicht blo&szlig;es Mi&szlig;vergn&uuml;gen, wie bei der
+Nichterf&uuml;llung eines m&uuml;&szlig;igen Wunsches, oder
+auch nur blo&szlig;en Unwillen gegen uns selbst, wie
+bei der Abwesenheit eines Gegenstandes unsres
+Interesse, daran wir selbst Schuld sind (also bei
+Vernachl&auml;ssigung einer Regel der Klugheit), sondern
+Reue, Schaam, Selbstverachtung. In Absicht
+des Rechts <i>in uns</i> fordert also das Moralgesetz
+in uns schlechterdings eine Causalit&auml;t zur
+Hervorbringung desselben, in Absicht desselben
+<i>au&szlig;er uns</i> aber kann es dieselbe nicht geradezu
+fordern, weil wir dasselbe nicht als unmittelbar
+von uns abh&auml;ngig betrachten k&ouml;nnen, da dieses
+nicht durch moralische Gesetze, sondern durch
+physische Macht hervorgebracht werden mu&szlig;.
+In Absicht des letztern also wirkt das Moralgesetz
+in uns ein blo&szlig;es Verlangen des Rechts,
+aber kein Bestreben es hervorzubringen. Dieses
+Verlangen des Rechts au&szlig;er uns, d.&nbsp;i. einer dem
+Grade unsrer Moralit&auml;t angemessenen Gl&uuml;ckseligkeit
+ist wirklich <i>durch das Moralgesetz</i> entstanden.
+Gl&uuml;ckseligkeit zwar &uuml;berhaupt zu verlangen,
+ist ein Naturtrieb; diesem gem&auml;&szlig; aber
+verlangen wir sie unbedingt, uneingeschr&auml;nkt,<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>
+und ohne die geringste R&uuml;cksicht auf etwas
+au&szlig;er uns; mit Moralbegriffen aber, d.&nbsp;i. als vern&uuml;nftige
+Wesen, bescheiden wir uns bald, gerade
+nur dasjenige Maa&szlig; derselben verlangen zu k&ouml;nnen,
+dessen wir werth sind, und diese Einschr&auml;nkung
+des Gl&uuml;ckseligkeitstriebes ist unabh&auml;ngig
+von aller religi&ouml;sen Belehrung selbst der ununterrichtetsten
+Menschheit tief eingepr&auml;gt, der
+Grund aller Beurtheilung &uuml;ber die Zweckm&auml;&szlig;igkeit
+der menschlichen Schicksale, und jenes eben
+unter dem unbelehrtesten Theile der Menschheit
+am meisten ausgebreiteten Vorurtheils, da&szlig;
+der ein vorz&uuml;glich b&ouml;ser Mensch seyn m&uuml;sse,
+den vorz&uuml;glich traurige Schicksale treffen.</p>
+
+<p>Dieses Verlangen aber ist so wenig weder
+<i>m&uuml;&szlig;ig</i>, d.&nbsp;i. ein solches, dessen Befriedigung wir
+zwar gerne sehen, bei dessen Nichtbefriedigung
+wir uns aber auch zur Ruhe weisen lassen w&uuml;rden,
+noch unberechtigt, da&szlig; vielmehr das Moralgesetz
+<i>das Recht in uns</i> zur Bedingung <i>des
+Rechts au&szlig;er uns</i> macht: (das hei&szlig;t nicht soviel,
+als ob es nur unter der Bedingung Gehorsam
+von uns verlange, wenn wir die demselben angemessene
+Gl&uuml;ckseligkeit erwarten d&uuml;rfen [denn,
+es gebietet ohne alle Bedingung], sondern, da&szlig;
+es uns alle Gl&uuml;ckseligkeit nur als Bedingung unsers
+Gehorsams m&ouml;glich darstellt; das Gebot nemlich
+ist das unbedingte, die Gl&uuml;ckseligkeit aber
+das dadurch bedingte:) und dies thut es dadurch,<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>
+indem es unsre Handlungen dem Princip der
+Allgemeing&uuml;ltigkeit unterzuordnen befiehlt; da
+<i>allgemeines Gelten</i> (nicht blos G&uuml;ltigkeit) <i>des
+Moralgesetzes</i> und <i>dem Grade der Moralit&auml;t jedes
+vern&uuml;nftigen Wesens v&ouml;llig angemessene Gl&uuml;ckseligkeit</i>
+identische Begriffe sind. Wenn nun die
+Regel des Rechts nie allgemeingeltend werden
+weder w&uuml;rde noch k&ouml;nnte, so bliebe zwar darum
+immer jene Forderung der Causalit&auml;t des Moralgesetzes
+zur Hervorbringung des Rechts in uns,
+als Factum da, aber es w&auml;re schlechterdings unm&ouml;glich,
+da&szlig; sie <i>in concreto</i>, in einer Natur wie
+die unsrige, erf&uuml;llt werden k&ouml;nnte. Denn sobald
+wir bei einer moralischen Handlung uns nur
+fragten: was mache ich doch? so m&uuml;&szlig;te unsre
+theoretische Vernunft uns antworten: ich ringe,
+etwas schlechthin unm&ouml;gliches m&ouml;glich zu machen,
+ich laufe nach einer Schim&auml;re, ich handle
+offenbar unvern&uuml;nftig; und sobald wir wieder
+auf die Stimme des Gesetzes h&ouml;rten, m&uuml;&szlig;ten
+wir urtheilen: ich denke offenbar unvern&uuml;nftig,
+indem ich dasjenige, was mir schlechthin als Princip
+aller meiner Handlungen aufgestellt ist, f&uuml;r
+unm&ouml;glich erkl&auml;re. Folglich w&auml;re in diesem Zustande,
+so fortdauernd auch die Forderung des
+Moralgesetzes, eine Causalit&auml;t in uns zu haben,
+bliebe, eine fortgesetzte Erf&uuml;llung desselben nach
+Regeln schlechterdings unm&ouml;glich; sondern unser
+Ungehorsam oder Gehorsam hinge davon ab, ob<a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>
+eben der Ausspruch der theoretischen, oder der
+der practischen Vernunft das &Uuml;bergewicht in unserm
+Gem&uuml;the h&auml;tte (wobei jedoch im letztern
+Falle offenbar die theoretischgeleugnete M&ouml;glichkeit
+des Endzwecks des Moralgesetzes stillschweigend
+angenommen, und durch unsre Handlung
+anerkannt w&uuml;rde); wor&uuml;ber wir, nach aufgehobner
+Machtgewalt des practischen Verm&ouml;gens &uuml;ber
+das theoretische nichts bestimmen k&ouml;nnten, folglich
+weder freie, noch moralische, noch der Imputation
+f&auml;hige Wesen, sondern wieder ein Spiel
+des Zufalls, oder eine durch Naturgesetze bestimmte
+Maschine w&uuml;rden. Theologie also ist,
+auf diese Grunds&auml;tze gebaut, in Concreto betrachtet
+nie blo&szlig;e Wissenschaft, sondern wird
+ganz unmittelbar in ihrer Entstehung schon dadurch
+Religion, indem sie allein, durch <span title="Im Original: Aufhebug">Aufhebung</span><a name="FNanchor_TN4_35" id="FNanchor_TN4_35"></a><a href="#Footnote_TN4_35" class="fnanchor">[TN4]</a>
+des Widerspruchs zwischen unsrer theoretischen
+und unsrer practischen Vernunft, eine
+fortgesetzte Causalit&auml;t des Moralgesetzes in uns
+m&ouml;glich macht.</p>
+
+<p>Und dies zeigt denn auch, welches wir blos
+im Vorbeigehn erinnern, das eigentliche Moment
+des moralischen Beweises f&uuml;r das Daseyn Gottes.
+Wie man aus theoretisch anerkannten Wahrheiten
+practische Folgerungen herleiten k&ouml;nne, welche
+dann eben den Grad der Gewi&szlig;heit haben,
+als die Wahrheiten, auf welche sie sich gr&uuml;nden,
+wie z.&nbsp;B. aus unsrer <i>a priori</i> theoretisch erwiese<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>nen
+Abh&auml;ngigkeit von Gott die Pflicht folgen
+werde, sich gegen ihn dieser Abh&auml;ngigkeit gem&auml;&szlig;
+zu betragen, hat man immer leicht einsehen zu
+k&ouml;nnen geglaubt, weil man sich an diesen Gang
+der Folgerung gew&ouml;hnt hatte, da sie doch eigentlich
+gar nicht begreiflich ist, weil sie nicht richtig
+ist, indem der theoretischen Vernunft keine
+Machtgewalt &uuml;ber die practische zugeschrieben
+werden kann. Umgekehrt aber k&ouml;nnen aus einem
+practischen Gebote, das schlechthin <i>a priori</i>
+ist, und sich auf keine theoretischen S&auml;tze, als
+seine Pr&auml;missen, gr&uuml;ndet, theoretische S&auml;tze abgeleitet
+werden, weil der practischen Vernunft
+allerdings eine Machtgewalt &uuml;ber die theoretische,
+doch gem&auml;&szlig; den eignen Gesetzen derselben, zuzuschreiben
+ist. Es ist also ganz der umgekehrte
+Gang der Folgerung, und hat man sie je misverstanden,
+so ist es blos daher gekommen, weil
+man sich das Moralgesetz nicht als schlechthin
+<i>a priori</i>, und die Causalit&auml;t desselben nicht als
+schlechthin (nicht theoretisch, aber practisch)
+nothwendig dachte.</p>
+
+<p>Der Widerspruch zwischen theoretischer und
+practischer Vernunft ist nun gehoben, und die
+Handhabung des Rechts ist einem Wesen &uuml;bertragen
+worden, in welchem die Regel desselben
+nicht blos <i>allgemeing&uuml;ltig</i>, sondern <i>allgemeingeltend</i>
+ist, der also das Recht auch au&szlig;er uns uns
+zusichern kann.&nbsp;&mdash;&nbsp;Sie ist allgemeingeltend f&uuml;r<a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>
+die Natur, die nicht moralisch ist, aber auf die
+Gl&uuml;ckseligkeit moralischer Wesen Einflu&szlig; hat.
+Insofern auf diese Gl&uuml;ckseligkeit auch andrer
+moralischen Wesen Betragen einflie&szlig;t, lassen
+auch diese sich betrachten als Natur. In dieser
+R&uuml;cksicht ist Gott der Bestimmer der durch die
+Causalit&auml;t ihres Willens in der Natur hervorgebrachten
+Wirkungen, aber nicht ihres Willens
+selbst.</p>
+
+<p>Moralische Wesen aber, <i>als solche</i>, d.&nbsp;i. in
+Absicht ihres Willens, k&ouml;nnen nicht so durch
+den Willen des allgemeinen Gesetzgebers bestimmt
+werden, wie die unmoralische Natur,
+denn sonst h&ouml;rten sie auf es zu seyn, und die
+Bestimmung der erstem durch diesen Willen
+mu&szlig;, wenn sich ihre M&ouml;glichkeit zeigen sollte,
+ganz etwas anderes seyn, als die der letztern. Die
+letztere kann nie selbst moralisch werden, sondern
+mir in &Uuml;bereinstimmung mit den moralischen
+Ideen eines vern&uuml;nftigen Wesens gesetzt
+werden; die erstem sollen frei, und blos durch
+sich erste Ursachen moralischer Bestimmungen
+seyn. In Absicht der letztern ist also Gott nicht
+eigentlich Gesetzgeber, sondern Beweger, Bestimmer;
+sie ist blo&szlig;es Instrument, und der moralisch
+handelnde blos Er.</p>
+
+<p>Moralische Wesen sind aber, nicht nur insofern
+sie nach Naturgesetzen <i>th&auml;tig</i>, sondern auch
+insofern sie nach denselben <i>leidend</i> sind, Theile<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>
+der Natur, und als solche Gegenstand der Bestimmung
+der Natur nach moralischen Ideen,
+insofern durch dieselbe ihnen der geb&uuml;hrende
+Grad der Gl&uuml;ckseligkeit zugemessen wird, und
+als solche sind sie v&ouml;llig in der moralischen Ordnung,
+wenn der Grad ihrer Gl&uuml;ckseligkeit dem
+Grade ihrer sittlichen Vollkommenheit v&ouml;llig angemessen
+ist.</p>
+
+<p>Dadurch nun kommen wir zuerst, da&szlig; ich
+mich so ausdr&uuml;cke, in Correspondenz mit Gott.
+Wir sind gen&ouml;thigt bei allen unsern Entschlie&szlig;ungen
+auf ihn aufzusehen, als den, der den
+moralischen Werth derselben allein und genau
+kennt, da er nach ihnen unsre Schicksale zu bestimmen
+hat, und dessen Billigung oder Misbilligung
+das einzig richtige Unheil &uuml;ber dieselben
+ist. Unsre Furcht, unsre Hoffnung, alle unsre
+Erwartungen beziehen sich auf ihn: nur in
+seinem Begriffe von uns finden wir unsern wahren
+Werth. Die heilige Ehrfurcht vor Gott, die
+dadurch nothwendig in uns entstehen mu&szlig;, verbunden
+mit der Begierde der nur von ihm zu
+erwartenden Gl&uuml;ckseligkeit, bestimmet nicht unser
+oberes Begehrungsverm&ouml;gen, das Recht &uuml;berhaupt
+zu wollen, (das kann sie nie, da sie selbst
+auf die schon geschehene Bestimmung desselben
+sich gr&uuml;ndet) sondern unsern empirisch-bestimmbaren
+Willen, dasselbe wirklich in uns anhaltend
+und fortgesetzt hervorzubringen. Hier ist also<a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>
+schon Religion, gegr&uuml;ndet auf die Idee von Gott,
+als Bestimmer der Natur nach moralischen Zwecken,
+und in uns auf die Begierde der Gl&uuml;ckseligkeit,
+welche aber gar nicht etwa unsre Verbindlichkeit
+zur Tugend, sondern nur unsre Begierde,
+dieser Verbindlichkeit Gen&uuml;ge zu thun,
+vermehrt, und verst&auml;rkert.</p>
+
+<p>Nun l&auml;&szlig;t aber ferner das allgemeine Gelten
+des g&ouml;ttlichen Willens f&uuml;r uns als <i>passive</i> Wesen,
+uns auf die Allgemeing&uuml;ltigkeit desselben f&uuml;r uns
+auch als active Wesen schlie&szlig;en. Gott richtet
+uns nach einem Gesetze, das ihm nicht anders,
+als durch <i>seine</i> Vernunft gegeben seyn kann,
+folglich nach seinem durch das Moralgesetz bestimmten
+Willen. Seinem Urtheile also liegt
+sein <i>Wille, als allgemeingeltendes Gesetz</i> f&uuml;r
+vern&uuml;nftige Wesen, auch insofern sie activ sind,
+zum Grunde, indem ihre &Uuml;bereinstimmung mit
+demselben der Maa&szlig;stab ist, nach welchem ihnen,
+als passiven, ihr Antheil an der Gl&uuml;ckseligkeit
+zugemessen wird. Die Anwendbarkeit dieses
+Maa&szlig;stabes erhellet sogleich daraus, weil die
+Vernunft ihr selbst nie widersprechen kann, sondern
+in allen vern&uuml;nftigen Wesen eben dasselbe
+aussagen, folglich der durch das Moralgesetz bestimmte
+Wille Gottes v&ouml;llig gleichlautend mit
+dem uns durch eben dieselbe Vernunft gegebnen
+Gesetze seyn mu&szlig;. Es ist nach diesem f&uuml;r die
+<i>Legalit&auml;t</i> unsrer Handlungen v&ouml;llig gleichg&uuml;ltig,<a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>
+ob wir sie dem Vernunftgesetze darum gem&auml;&szlig;
+einrichten, weil unsre Vernunft gebietet; oder
+darum, weil Gott das will, was unsre Vernunft
+fordert: ob wir unsre Verbindlichkeit vom blo&szlig;en
+Gebote der Vernunft, oder ob wir sie vom
+Willen Gottes herleiten:&nbsp;&mdash;&nbsp;ob es aber f&uuml;r die
+<i>Moralit&auml;t</i> derselben v&ouml;llig gleichg&uuml;ltig sey, ist
+dadurch noch nicht klar, und bedarf einer weitern
+Untersuchung.</p>
+
+<p><i>Unsre Verbindlichkeit vom Willen Gottes ableiten</i>,
+hei&szlig;t, seinen Willen, <i>als solchen</i>, f&uuml;r unser
+Gesetz anerkennen; sich darum zur Heiligkeit
+verbunden erachten, weil Er sie von uns
+fordert. Es ist also dann nicht blos von einer
+Vollbringung des Willens Gottes, der Materie des
+Wollens nach, sondern von einer auf die Form
+desselben gegr&uuml;ndeten Verbindlichkeit die Rede;&nbsp;&mdash;&nbsp;wir
+handeln dem Gesetze der Vernunft gem&auml;&szlig;,
+weil es <i>Gottes</i> Gesetz ist.</p>
+
+<p>Hierbei entstehen folgende zwei Fragen: Giebt
+es eine Verbindlichkeit, dem Willen Gottes, als
+solchem, zu gehorchen, und worauf k&ouml;nnte sich
+dieselbe gr&uuml;nden? und dann: Wie erkennen wir
+das Gesetz der Vernunft in uns als Gesetz Gottes?
+Wir gehen an die Beantwortung der ersten.</p>
+
+<p>Schon der Begriff von Gott wird uns blos
+durch unsre Vernunft gegeben, und blos durch
+sie, insofern sie <i>a priori</i> gebietend ist, realisirt,
+und es ist schlechterdings keine andre Art ge<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>denkbar,
+auf welche wir zu diesem Begriffe kommen
+k&ouml;nnten. Ferner verbindet uns die Vernunft
+ihrem Gesetze zu gehorchen, ohne R&uuml;ckweisung
+an einen Gesetzgeber &uuml;ber sie, so da&szlig;
+sie selbst verwirrt und schlechterdings vernichtet
+wird, und aufh&ouml;rt Vernunft zu seyn, wenn man
+annimmt, da&szlig; noch etwas anderes ihr gebiete, als
+sie sich selbst. Stellt sie uns nun den Willen
+Gottes als v&ouml;llig gleichlautend mit ihrem Gesetze
+dar, so verbindet sie uns freilich mittelbar, auch
+diesem zu gehorchen; aber diese Verbindlichkeit
+gr&uuml;ndet sich auf nichts anders, als auf die &Uuml;bereinstimmung
+desselben mit ihrem eignen Gesetze,
+und es ist kein Gehorsam gegen Gott m&ouml;glich,
+ohne aus Gehorsam gegen die Vernunft. Hieraus
+erhellet nun vors erste zwar soviel, da&szlig; es v&ouml;llig
+gleich auch f&uuml;r die <i>Moralit&auml;t</i> unsrer Handlungen
+ist, ob wir uns zu etwas verbunden erachten,
+darum, weil es unsre Vernunft befiehlt, oder
+darum, weil es Gott befiehlt; aber es l&auml;&szlig;t sich
+daraus noch gar nicht einsehen, wozu uns die
+letztere Vorstellung dienen soll, da ihre Wirksamkeit
+die Wirksamkeit der erstern schon voraussetzt,
+da das Gem&uuml;th schon bestimmt seyn
+mu&szlig;, der Vernunft gehorchen zu wollen, ehe
+der Wille, Gott zu gehorchen, m&ouml;glich ist; da
+es mithin scheint, da&szlig; die letztere Vorstellung
+uns weder allgemeiner noch st&auml;rker bestimmen
+k&ouml;nne, als diejenige, von der sie abh&auml;ngt, und<a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>
+durch die sie erst m&ouml;glich wird. Gesetzt aber,
+es lie&szlig;e sich zeigen, da&szlig; sie unter gewissen Bedingungen
+wirklich unsre Willensbestimmung erweitere,
+so ist vorher doch noch auszumachen,
+ob eine Verbindlichkeit sich ihrer &uuml;berhaupt zu
+bedienen statt finde: und da folgt denn unmittelbar
+aus dem obigen, da&szlig;, obgleich die Vernunft
+uns verbindet, den Willen Gottes seinem
+Inhalte nach (<i>voluntati ejus materialiter spectatae</i>)
+zu gehorchen, weil dieser mit dem Vernunftgesetze
+v&ouml;llig gleichlautend ist, sie doch unmittelbar
+keinen Gehorsam fordert, als den f&uuml;r ihr
+Gesetz, aus keinem andern Grunde, als weil es
+ihr Gesetz ist; da&szlig; sie folglich, da nur unmittelbare
+practische Gesetze der Vernunft verbindend
+sind, zu keinem Gehorsam gegen den Willen
+Gottes, als solchen, (<i>voluntatem ejus formaliter
+spectatam</i>) verbinde. Die practische Vernunft
+enth&auml;lt mithin kein Gebot, uns den Willen Gottes,
+als solchen, gesetzlich f&uuml;r uns zu denken,
+sondern blos eine Erlaubni&szlig;; und sollten wir
+<i>a posteriori</i> finden, da&szlig; diese Vorstellung uns
+st&auml;rker bestimme, so kann die Klugheit anrathen,
+uns derselben zu bedienen, aber Pflicht kann
+der Gebrauch dieser Vorstellung nie seyn. Zur
+Religion also, d.&nbsp;i. zur Anerkennung Gottes, als
+moralischen Gesetzgebers, findet keine Verbindlichkeit
+statt; um so weniger, da, so nothwendig
+es auch ist, die Existenz Gottes und die Unsterb<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>lichkeit
+unsrer Seele anzunehmen, weil ohne
+diese Annahme die geforderte Causalit&auml;t des
+Moralgesetzes in uns gar nicht m&ouml;glich ist, und
+diese Nothwendigkeit eben so allgemein gilt, als
+das Moralgesetz selbst, wir doch nicht einmal
+sagen k&ouml;nnen, wir seyen <i>verbunden</i> diese S&auml;tze
+anzunehmen, weil Verbindlichkeit nur vom Practischen
+gilt. In wie weit aber die Vorstellung
+von Gott, als Gesetzgeber durch dieses Gesetz
+in uns, gelte, h&auml;ngt von der Ausbreitung ihres
+Einflusses auf die Willensbestimmung, und diese
+hinwiederum von den Bedingungen ab, unter welchen
+vern&uuml;nftige Wesen durch sie bestimmt werden
+k&ouml;nnen. K&ouml;nnte nemlich gezeigt werden,
+da&szlig; diese Vorstellung n&ouml;thig sey, um dem Gebote
+der Vernunft &uuml;berhaupt Gesetzeskraft zu geben
+(wovon aber das Gegentheil gezeigt worden
+ist), so w&uuml;rde sie f&uuml;r alle vern&uuml;nftige Wesen
+gelten; kann gezeigt werden, da&szlig; sie in allen
+<i>endlichen</i> vern&uuml;nftigen Wesen die Willensbestimmung
+erleichtert, so ist sie gemeing&uuml;ltig f&uuml;r
+diese; sind die Bedingungen, unter denen sie
+diese Bestimmung erleichtert und erweitert, nur
+von der menschlichen Natur gedenkbar, so gilt
+sie, falls sie in allgemeinen Eigenschaften derselben
+liegen, f&uuml;r alle, oder wenn sie in besondern
+Eigenschaften derselben liegen, nur f&uuml;r einige
+Menschen.</p>
+
+<p>Die Bestimmung des Willens, dem Gesetze<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>
+Gottes &uuml;berhaupt zu gehorchen, kann nur durch
+das Gesetz der practischen Vernunft geschehen,
+und ist als bleibender und daurender Entschlu&szlig;
+des Gem&uuml;ths vorauszusetzen. Nun aber k&ouml;nnen
+einzelne F&auml;lle der Anwendung des Gesetzes gedacht
+werden, in denen die blo&szlig;e Vernunft
+nicht Kraft genug haben w&uuml;rde, den Willen zu
+bestimmen, sondern zu Verst&auml;rkung ihrer Wirksamkeit
+noch die Vorstellung bedarf, da&szlig; eine
+gewisse Handlung durch Gott geboten sey. Diese
+Unzul&auml;nglichkeit des Vernunftgebotes, als solches,
+kann keinen &auml;ndern Grund haben, als Verminderung
+unsrer Achtung gegen die Vernunft
+in diesem besondern Falle; und diese Achtung
+kann durch nichts anderes vermindert worden
+seyn, als durch ein derselben widerstreitendes
+Naturgesetz, das unsre Neigung bestimmt, und
+welches mit jenem der Vernunft, das unser oberes
+Begehrungsverm&ouml;gen bestimmt, <i>in einem
+und ebendemselben Subjecte!</i> nemlich
+<i>in uns</i> erscheint,
+und mithin, wenn die W&uuml;rde des Gesetzes
+blos nach der des gesetzgebenden Subjects
+bestimmt wird, von einerlei Range und Werthe
+mit jenem zu <span title="Im Original: seyu">seyn</span><a name="FNanchor_TN5_36" id="FNanchor_TN5_36"></a><a href="#Footnote_TN5_36" class="fnanchor">[TN5]</a> scheinen k&ouml;nnte. Hier noch
+ganz davon abstrahirt, da&szlig; wir in einem solchen
+Falle uns t&auml;uschen, da&szlig; wir die Stimme der
+Pflicht vor dem Schreien der Neigung nicht h&ouml;ren,
+sondern uns in der Lage zu seyn d&uuml;nken
+k&ouml;nnten, wo wir unter blo&szlig;en Naturgesetzen<a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>
+stehen; sondern vorausgesetzt, da&szlig; wir die Anforderungen
+beider Gesetze und ihre Grenze
+richtig unterscheiden, und unwidersprechlich erkennen,
+was unsre Pflicht in diesem Falle sey,
+so kann es doch leicht geschehen, da&szlig; wir uns
+entschlie&szlig;en, nur hier dies einemal eine Ausnahme
+von der allgemeinen Regel zu machen,
+nur dies einemal wider den klaren Ausspruch
+der Vernunft zu handeln, weil wir dabei niemanden
+verantwortlich zu seyn glauben, als uns
+selbst, und weil wir meinen, es sey unsre Sache,
+ob wir vern&uuml;nftig oder unvern&uuml;nftig handeln
+wollen; es verschlage niemanden etwas, als uns
+selbst, wenn wir uns dem Nachtheile, der freilich
+daraus f&uuml;r uns entstehen m&uuml;sse, wenn ein moralischer
+Richter unsrer Handlungen sey, unterwerfen,
+durch welche Strafe unser Ungehorsam
+gleichsam abgeb&uuml;&szlig;t zu werden scheint; wir s&uuml;ndigten
+auf eigne Gefahr. Ein solcher Mangel an
+Achtung f&uuml;r die Vernunft gr&uuml;ndet sich mithin
+auf Mangel der Achtung gegen uns selbst, welche
+wir bei uns wol verantworten zu k&ouml;nnen
+glauben. Erscheint uns aber die in diesem Falle
+eintretende Pflicht als von Gott geboten, oder,
+welches eben das ist, erscheint das Gesetz der
+Vernunft durchg&auml;ngig und in allen seinen Anwendungen
+als Gesetz Gottes, so erscheint es in
+einem Wesen, in Absicht dessen es nicht in unserm
+Belieben steht, ob wir es achten, oder ihm<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>
+die geb&uuml;hrende Achtung versagen wollen; wir
+machen bei jedem wissentlichen Ungehorsame
+gegen dasselbe nicht etwa nur eine Ausnahme
+von der Regel, sondern wir verleugnen geradezu
+die Vernunft &uuml;berhaupt; wir s&uuml;ndigen
+nicht blos gegen eine von derselben abgeleitete
+Regel, sondern gegen ihr erstes Gebot; wir sind
+nun, die Verantwortlichkeit zur Strafe, die wir
+allenfalls auf uns selbst nehmen k&ouml;nnten, abgerechnet,
+einem Wesen, dessen blo&szlig;er Gedanke
+uns die tiefste Ehrfurcht einpr&auml;gen mu&szlig;, und
+welches nicht zu verehren der h&ouml;chste Unsinn
+ist, auch noch f&uuml;r Verweigerung der ihm schuldigen
+Ehrfurcht verantwortlich, welche durch
+keine Strafe abzub&uuml;&szlig;en ist.</p>
+
+<p>Die Idee von Gott, als Gesetzgeber durchs
+Moralgesetz in uns, gr&uuml;ndet sich also auf eine
+Ent&auml;u&szlig;erung des unsrigen, auf &Uuml;bertragung eines
+Subjectiven in ein Wesen au&szlig;er uns, und diese
+Ent&auml;u&szlig;erung ist das eigentliche <i>Princip der Religion</i>,
+insofern sie zur Willensbestimmung gebraucht
+werden soll. Sie kann nicht im eigentlichsten
+Sinne unsre Achtung f&uuml;r das Moralgesetz
+&uuml;berhaupt verst&auml;rken, weil alle Achtung f&uuml;r
+Gott sich blos auf seine anerkannte &Uuml;bereinstimmung
+mit diesem Gesetze, und folglich auf
+Achtung f&uuml;r das Gesetz selbst gr&uuml;ndet; aber sie
+kann unsre Achtung f&uuml;r die Entscheidungen derselben
+in einzelnen F&auml;llen, wo sich ein starkes<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>
+Gegengewicht der Neigung zeigt, vermehren;
+und so ist es klar, wie, obgleich die Vernunft
+uns &uuml;berhaupt erst bestimmen mu&szlig; dem Willen
+Gottes zu gehorchen, doch in einzelnen F&auml;llen
+die Vorstellung dieses uns hinwiederum bestimmen
+k&ouml;nne, der Vernunft zu gehorchen.</p>
+
+<p>Im Vorbeigehn ist noch zu erinnern, da&szlig;
+diese Achtung f&uuml;r Gott, und die auf dieselbe
+gegr&uuml;ndete Achtung f&uuml;r das Moralgesetz, als das
+seinige, sich auch blos auf die &Uuml;bereinstimmung
+desselben mit diesem Gesetze, d.&nbsp;i. auf seine
+Heiligkeit gr&uuml;nden m&uuml;sse, weil sie nur unter
+dieser Bedingung Achtung f&uuml;r das Moralgesetz
+ist, die allein die Triebfeder jeder rein moralischen
+Handlung seyn mu&szlig;. Gr&uuml;ndet sie sich
+etwa auf die Begierde sich in seine G&uuml;te einzuschmeicheln,
+oder auf Furcht vor seiner Gerechtigkeit,
+so l&auml;ge unserm Gehorsame auch nicht
+einmal Achtung f&uuml;r Gott, sondern Selbstsucht
+zu Grunde.</p>
+
+<p>Der Pflicht, widerstreitende Neigungen sind
+wol in allen endlichen Wesen anzunehmen, denn
+das ist eben der Begriff des Endlichen in der
+Moral, da&szlig; es noch durch andere Gesetze, als
+durch das Moralgesetz, d.&nbsp;i. durch die Gesetze
+seiner Natur bestimmt werde; und warum Naturgesetze
+unter irgend einer Bedingung, f&uuml;r Naturwesen,
+auf welch einer erhabnen Stuffe sie
+auch stehen m&ouml;gen, stets und immer mit dem<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>
+Moralgesetze zusammenstimmen sollten, l&auml;&szlig;t sich
+kein Grund angeben; aber es l&auml;&szlig;t sich gar nicht
+bestimmen, in wie weit, und warum nothwendig
+dieser Widerstreit der Neigung gegen das Gesetz
+die Achtung f&uuml;r dasselbe, als blo&szlig;es Vernunftgesetz,
+so schw&auml;chen solle, da&szlig; es, um th&auml;tig
+zu wirken, noch durch die Idee einer g&ouml;ttlichen
+Gesetzgebung geheiligt werden m&uuml;sse; und wir
+k&ouml;nnen uns nicht einbrechen, f&uuml;r jedes vern&uuml;nftige
+Wesen, welches, nicht weil die Neigung in
+ihm schw&auml;cher ist, in welchem Falle es kein
+Verdienst haben w&uuml;rde, sondern weil die Achtung
+f&uuml;r die Vernunft in ihm st&auml;rker ist, dieser
+Vorstellung zur Willensbestimmung nicht bedarf,
+eine weit gr&ouml;&szlig;ere Verehrung zu f&uuml;hlen, als gegen
+dasjenige, welches ihrer bedarf. Es l&auml;&szlig;t sich
+also der Religion, insofern sie nicht blo&szlig;er Glaube
+an die Postulate der practischen Vernunft ist,
+sondern als Moment der Willensbestimmung gebraucht
+werden soll, auch nicht einmal f&uuml;r Menschen
+subjective Allgemeing&uuml;ltigkeit (denn nur
+von dergleichen kann hier die Rede seyn) zusichern;
+ob wir gleich auch von der &auml;ndern Seite
+nicht beweisen k&ouml;nnen, da&szlig; endlichen Wesen
+&uuml;berhaupt, oder da&szlig; insbesondere Menschen in
+diesem Erdenleben eine Tugend m&ouml;glich sey, die
+dieses Moments g&auml;nzlich entbehren k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Diese &Uuml;bertragung der gesetzgebenden Autorit&auml;t
+an Gott nun gr&uuml;ndet sich laut obigem<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>
+darauf, da&szlig; ihm durch seine eigne Vernunft ein
+Gesetz gegeben seyn mu&szlig;, welches f&uuml;r uns g&uuml;ltig
+ist, weil er uns darnach richtet, und welches
+mit dem uns durch unsre eigne Vernunft gegebnen,
+wornach wir handeln sollen, v&ouml;llig gleichlautend
+seyn mu&szlig;. Hier werden also zwei an
+sich von einander g&auml;nzlich unabh&auml;ngige Gesetze,
+die blos in ihrem Princip, der reinen practischen
+Vernunft, zusammenkommen, beide <i>f&uuml;r uns</i> g&uuml;ltig
+gedacht, ganz gleichlautend in Absicht ihres
+Inhalts, blos in Absicht der Subjecte verschieden,
+in denen <span title="Im Original: sis">sie</span><a name="FNanchor_TN6_37" id="FNanchor_TN6_37"></a><a href="#Footnote_TN6_37" class="fnanchor">[TN6]</a> sich befinden. Wir k&ouml;nnen jetzt
+bei jeder Forderung des Sittengesetzes in uns
+sicher schlie&szlig;en, da&szlig; eine gleichlautende Forderung
+in Gott an uns ergehe, da&szlig; also das Gebot
+des Gesetzes in uns auch Gebot Gottes sey
+<i>der Materie</i> nach: aber wir k&ouml;nnen noch nicht
+sagen, das Gebot des Gesetzes in uns, sey schon
+<i>als solches</i>, mithin <i>der Form</i> nach, Gebot Gottes.
+Um das letztere annehmen zu d&uuml;rfen, m&uuml;ssen
+wir einen Grund haben, das Sittengesetz in uns
+als abh&auml;ngig von dem Sittengesetze in Gott f&uuml;r
+uns, zu betrachten, d.&nbsp;i. den Willen Gottes als
+die Ursache desselben anzunehmen.</p>
+
+<p>Nun scheint es zwar ganz einerlei zu seyn,
+ob wir die Befehle unsrer Vernunft, als v&ouml;llig
+gleichlautend mit dem Befehle Gottes an uns,
+oder ob wir sie selbst unmittelbar als Befehle
+Gottes ansehen; aber theils wird durch das letz<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>tere
+der Begriff der Gesetzgebung erst v&ouml;llig erg&auml;nzt,
+theils aber und vorz&uuml;glich mu&szlig; nothwendig
+beim Widerstreite der Neigung gegen die
+Pflicht die letztere Vorstellung dem Gebote der
+Vernunft ein neues Gewicht hinzuf&uuml;gen.</p>
+
+<p>Den Willen Gottes als Ursache des Sittengesetzes
+in uns annehmen, kann zweierlei hei&szlig;en,
+nemlich da&szlig; der Wille Gottes entweder Ursache
+vom <i>Inhalte</i> des Sittengesetzes, oder da&szlig; er es
+nur von <i>der Existenz des Sittengesetzes in uns</i>
+sey. Da&szlig; das erstere schlechterdings nicht anzunehmen
+sey, ist schon aus dem obigen klar,
+denn dadurch w&uuml;rde Heteronomie der Vernunft
+eingef&uuml;hrt, und das Recht einer unbedingten
+Willk&uuml;hr unterworfen, das hei&szlig;t, es g&auml;be gar
+kein Recht. Ob das zweite gedenkbar sey, und
+ob sich ein vern&uuml;nftiger Grund daf&uuml;r finde, bedarf
+einer weitern Untersuchung.</p>
+
+<p>Die Frage also, um deren Beantwortung, es
+jetzt zu thun ist, ist diese: Finden wir irgend
+einen Grund, Gott als die Ursache der Existenz
+des Moralgesetzes in uns anzusehen? oder als
+Aufgabe ausgedr&uuml;ckt: wir haben ein Princip zu
+suchen, aus welchem Gottes Wille, als Grund
+der Existenz des Moralgesetzes in uns erkannt
+werde. Da&szlig; das Sittengesetz in uns das Gesetz
+Gottes an uns enthalte, und materialiter sein Gesetz
+sey, ist aus dem obigen klar: ob es auch
+der Form nach sein Gesetz, d.&nbsp;i. durch ihn und<a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>
+als das seinige promulgirt sey, als wodurch der
+Begriff der Gesetzgebung vollst&auml;ndig gemacht
+wird, davon ist jetzt die Frage, welche mithin
+auch so ausgedr&uuml;ckt werden kann: hat Gott sein
+Gesetz an uns wirklich promulgirt? k&ouml;nnen wir
+ein Factum aufweisen, das sich als eine dergleichen
+Promulgation best&auml;tigt?</p>
+
+<p>W&uuml;rde diese Frage in theoretischer Absicht,
+blos um unsre Erkenntni&szlig; zu erweitern, erhoben,
+so k&ouml;nnten wir uns auch ohne Antwort auf
+dieselbe begn&uuml;gen, und schon <i>a priori</i> (vor ihrer
+Beantwortung) sicher seyn, da&szlig; eine zu dieser
+Absicht befriedigende Antwort gar nicht m&ouml;glich
+sey, indem nach der Ursache eines &Uuml;bernat&uuml;rlichen,
+nemlich des Moralgesetzes in uns gefragt,
+mithin die Categorie der Causalit&auml;t auf ein Numen
+angewendet wird. Da sie aber in practischer
+Absicht zur Erweiterung der Willensbestimmung
+gethan wird, so k&ouml;nnen wir theils sie
+nicht so geradezu abweisen, theils bescheiden wir
+uns schon zum voraus, da&szlig; auch eine nur subjectiv,
+d.&nbsp;i. f&uuml;r unsre Denkgesetze, g&uuml;ltige Antwort
+uns befriedigen werde.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="Section_4" id="Section_4"></a>&sect;.&nbsp;4.</h3>
+
+<h3><i>Eintheilung der Religion &uuml;berhaupt, in die nat&uuml;rliche und
+geoffenbarte.</i></h3>
+
+<p>In der <i>allgemeinsten</i> Bedeutung wird Theologie
+Religion, wenn die um unsrer Willensbe<a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>stimmung
+durch das Gesetz der Vernunft angenommenen
+S&auml;tze practisch auf uns wirken. Diese
+Wirkung geschieht <i>entweder</i> auf unser ganzes
+Verm&ouml;gen, zur Hervorbringung der Harmonie in
+desselben verschiedenen Functionen, indem die
+theoretische und practische Vernunft in &Uuml;bereinstimmung
+gesetzt, und die postulirte Causalit&auml;t
+der letztern in uns m&ouml;glich gemacht wird.
+Hierdurch erst wird Einheit in den Menschen
+gebracht, und alle Functionen seines Verm&ouml;gens
+auf einen einzigen Endzweck hingeleitet. <i>Oder</i>
+sie geschieht insbesondre, nemlich negativ, auf
+unser Empfindungsverm&ouml;gen, indem f&uuml;r das h&ouml;chste
+Ideal aller Vollkommenheit tiefe Ehrfurcht,
+und f&uuml;r den einzig richtigen Beurtheiler unsrer
+Moralit&auml;t, und gerechten Bestimmer unsrer Schicksale
+nach derselben, Vertrauen, heilige Scheu,
+Dankbarkeit gewirkt wird. Diese Empfindungen
+sollen nicht eigentlich den Willen bestimmen;
+aber sie sollen die Wirksamkeit der schon geschehenen
+Bestimmung vermehren. Man w&uuml;rde
+aber nicht wohl thun, auf eine unbegrenzte Erh&ouml;hung
+dieser Empfindungen, besonders insofern
+sie sich auf den Begriff Gottes als unsers moralischen
+Richters gr&uuml;nden,(und welche zusammen
+das ausmachen, was man <i>Fr&ouml;mmigkeit</i> nennt)
+hinzuarbeiten, weil dem eigentlichen Momente
+aller Moralit&auml;t, das was recht ist schlechthin
+darum zu wollen, <i>weil</i> es recht ist, dadurch leicht<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>
+Abbruch geschehen k&ouml;nnte. <i>Oder</i> endlich sie
+geschieht unmittelbar auf unsern Willen, durch
+das dem Gewichte des Gebots hinzugef&uuml;gte Moment,
+da&szlig; es Gebot Gottes sey; und dadurch
+entsteht Religion in der <i>eigentlichsten</i> Bedeutung.</p>
+
+<p>Da&szlig; das Sittengesetz in uns seinem Inhalte
+nach als Gesetz Gottes in uns anzunehmen sey,
+ist schon aus dem Begriffe Gottes, als unabh&auml;ngigen
+Executors des Vernunftgesetzes &uuml;berhaupt,
+klar. Ob wir einen Grund haben, es auch seiner
+Form nach daf&uuml;r anzunehmen, ist die jetzt
+zu untersuchende Frage. Da hierbei gar nicht
+vom Gesetze an sich die Rede ist, als welches
+wir in uns haben, sondern vom Urheber des Gesetzes;
+so k&ouml;nnen wir im Begriffe der g&ouml;ttlichen
+Gesetzgebung von dem Inhalte (<i>materia</i>) derselben
+hier g&auml;nzlich abstrahiren, und haben nur auf
+ihre Form zu sehen. Die gegenw&auml;rtige Aufgabe
+ist also die: ein Princip zu suchen, aus welchem
+Gott als moralischer Gesetzgeber erkannt werde;
+oder es wird gefragt: hat sich Gott uns als
+moralischer Gesetzgeber angek&uuml;ndigt, und <i>wie</i>
+hat er's?</p>
+
+<p>Dies l&auml;&szlig;t sich auf zweierlei Art als m&ouml;glich
+denken, nemlich da&szlig; es entweder <i>in uns</i>, als
+moralischen Wesen, in unsrer vern&uuml;nftigen Natur;
+oder <i>au&szlig;er derselben</i> geschehen sey. Nun
+liegt in unsrer Vernunft, insofern sie rein <i>a priori</i>
+gesetzgebend ist, nichts, das uns berechtigte, dies<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>
+anzunehmen: wir m&uuml;ssen uns also nach etwas
+au&szlig;er ihr umsehen, welches uns wieder an sie
+zur&uuml;ckweise, um nun aus ihren Gesetzen mehr
+schlie&szlig;en zu k&ouml;nnen, als wozu diese allein uns
+berechtigen: oder wir m&uuml;ssen es ganz aufgeben,
+aus diesem Princip Gott als Gesetzgeber zu erkennen.
+Au&szlig;er unsrer vern&uuml;nftigen Natur ist
+das, was uns zur Betrachtung und Erkenntni&szlig;
+vorliegt, die Sinnenwelt. In dieser finden wir
+allenthalben Ordnung und Zweckm&auml;&szlig;igkeit; alles
+leitet uns auf eine Entstehung derselben nach
+Begriffen eines vern&uuml;nftigen Wesens. Aber zu
+allen den Zwecken, auf welche wir durch ihre
+Betrachtung gef&uuml;hrt werden, mu&szlig; unsre Vernunft
+einen letzten, einen Endzweck, als das Unbedingte
+zu dem Bedingten, suchen. Alles aber
+in unsrer Erkenntni&szlig; ist bedingt, au&szlig;er dem
+durch die practische Vernunft uns aufgestellten
+Zwecke des h&ouml;chsten Gutes, welcher schlechthin
+und unbedingt geboten wird. Dieser allein also
+ist f&auml;hig der gesuchte Endzweck zu seyn; und
+wir sind durch die subjective Beschaffenheit unsrer
+Natur gedrungen, ihn daf&uuml;r anzuerkennen.
+Kein Wesen konnte diesen Endzweck haben,
+als dasjenige, dessen practisches Verm&ouml;gen blos
+durch das Moralgesetz bestimmt wird; und keins
+die Natur demselben anpassen, als dasjenige, das
+die Naturgesetze durch sich selbst bestimmt.
+Dieses Wesen ist Gott. Gott ist also <i>Weltsch&ouml;p<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>fer</i>.
+Kein Wesen ist f&auml;hig Object dieses Endzwecks
+zu seyn, als nur moralische Wesen, weil
+diese allein des h&ouml;chsten Gutes f&auml;hig sind. Wir
+selbst also sind als moralische Wesen (objetiv)
+Endzweck der Sch&ouml;pfung. Wir sind aber, als
+sinnliche, d.&nbsp;i. als solche Wesen, die unter den
+Naturgesetzen stehen, auch Theile der Sch&ouml;pfung,
+und die ganze Einrichtung unsrer Natur, insofern
+sie von diesen Gesetzen abh&auml;ngt, ist Werk
+des Sch&ouml;pfers, d.&nbsp;i. des Bestimmers der Naturgesetze
+durch seine moralische Natur. Nun
+h&auml;ngt es zwar theils offenbar nicht von der Natur
+ab, da&szlig; die Vernunft in uns eben so, und
+nicht anders spricht; theils w&uuml;rde die Frage, ob
+es von ihr abh&auml;nge, da&szlig; <i>wir</i> eben moralische
+Wesen sind, durchaus dialectisch seyn. Denn
+erstens d&auml;chten wir uns da den Begriff der Moralit&auml;t
+aus uns weg, und n&auml;hmen dennoch an,
+da&szlig; wir dann noch <i>wir</i> seyn w&uuml;rden, d.&nbsp;i. unsre
+Identit&auml;t beibehalten haben w&uuml;rden, welches sich
+nicht annehmen l&auml;&szlig;t; zweitens geht sie auf objective
+Behauptungen im Felde des &Uuml;bersinnlichen
+aus, in welchem wir nichts objectiv behaupten
+d&uuml;rfen<a name="FNanchor_15_15" id="FNanchor_15_15"></a><a href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>.
+Da es aber <i>f&uuml;r uns</i> ganz ei<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>nerlei
+ist, ob wir uns des Gebots des Moralgesetzes
+in uns nicht <i>bewu&szlig;t</i> sind, oder ob wir
+&uuml;berhaupt keine moralischen Wesen sind; da
+ferner unser Selbstbewu&szlig;tseyn ganz unter Naturgesetzen
+steht: so folgt daraus sehr richtig,
+da&szlig; es von der Einrichtung der sinnlichen Natur
+endlicher Wesen herkomme, da&szlig; sie sich
+des Moralgesetzes in ihnen <i>bewu&szlig;t sind</i>; und
+wir d&uuml;rfen, wenn wir uns vorher nur richtig
+bestimmt haben, hinzusetzen: da&szlig; sie moralische
+Wesen <i>sind</i>. Da nun Gott der Urheber
+dieser Einrichtung ist, so ist die Ank&uuml;ndigung
+des Moralgesetzes in uns durch das Selbstbewu&szlig;tseyn,
+zu betrachten als Seine Ank&uuml;ndigung,
+und der Endzweck, den uns dasselbe aufstellt,
+als Sein Endzweck, den er bei unsrer
+Hervorbringung hatte. So wie wir ihn also f&uuml;r
+den Sch&ouml;pfer unsrer Natur erkennen, m&uuml;ssen
+wir ihn auch f&uuml;r unsern moralischen Gesetzgeber
+anerkennen; weil nur durch eben, eine solche
+Einrichtung uns Bewu&szlig;tseyn des Moralgesetzes
+in uns, m&ouml;glich war. Diese Ank&uuml;ndigung Gottes
+selbst geschieht nun durch das &Uuml;bernat&uuml;rliche
+in uns; und es darf uns nicht irren, da&szlig;
+wir, um das zu erkennen, einen Begriff au&szlig;er
+demselben, nemlich den der Natur, zu H&uuml;lfe
+nehmen mu&szlig;ten. Denn theils war es die Vernunft,
+die uns das, ohne welches jener Begriff
+uns zu unsrer Absicht gar nicht h&auml;tte dienen<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>
+k&ouml;nnen, den Begriff des m&ouml;glichen Endzwecks,
+hergab, und dadurch erst die Erkenntni&szlig; Gottes
+als Sch&ouml;pfers m&ouml;glich machte; theils h&auml;tte auch
+diese Erkenntni&szlig; uns Gott noch gar nicht als
+Gesetzgeber darstellen k&ouml;nnen, ohne das Moralgesetz
+in uns, dessen Daseyn erst die gesuchte
+Ank&uuml;ndigung Gottes ist.</p>
+
+<p>Die zweite uns gedenkbare Art, wie sich Gott
+als moralischen Gesetzgeber ank&uuml;ndigen konnte,
+war <i>au&szlig;er</i> dem &Uuml;bernat&uuml;rlichen in uns, also, in
+der <i>Sinnenwelt</i>, da wir au&szlig;er diesen beiden
+kein drittes Objekt haben. Da wir aber, weder
+aus dem Begriffe der Welt &uuml;berhaupt, noch aus
+irgend einem Gegenstande oder Vorfalle in derselben
+insbesondre, mittelst der Naturbegriffe,
+welche die einzigen auf die Sinnenwelt anwendbaren
+sind, auf etwas &uuml;bernat&uuml;rliches schlie&szlig;en
+k&ouml;nnen; dem Begriffe einer Ank&uuml;ndigung Gottes
+als moralischen Gesetzgeber aber etwas
+&uuml;bernat&uuml;rliches zum Grunde liegt: so m&uuml;&szlig;te dies
+durch ein Faktum in der Sinnenwelt geschehen,
+dessen Kausalit&auml;t wir <i>alsbald</i>, folglich ohne erst
+zu schlie&szlig;en, in ein &uuml;bernat&uuml;rliches Wesen setzten,
+und dessen Zweck, es sey eine Ank&uuml;ndigung
+Gottes, als moralischen Gesetzgebers, wir
+<i>sogleich</i>, d.&nbsp;i. unmittelbar durch Wahrnehmung
+erkennten; wenn dieser Fall &uuml;berhaupt m&ouml;glich
+seyn soll.</p>
+
+<p>Diese Untersuchung stellt nun vorl&auml;ufig zwei<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>
+Principien der Religion, insofern diese sich auf
+Anerkennung einer formalen Gesetzgebung Gottes
+gr&uuml;ndet, dar; deren eines das Princip des
+&Uuml;bernat&uuml;rlichen <i>in uns</i>, das andere das Princip
+eines &Uuml;bernat&uuml;rlichen <i>au&szlig;er uns</i> ist. Die M&ouml;glichkeit
+des erstem ist schon gezeigt; die M&ouml;glichkeit
+des zweiten, um welche es hier eigentlich
+zu thun ist, m&uuml;ssen wir weiter darthun.
+Eine Religion, die sich auf das erste Princip
+gr&uuml;ndet, k&ouml;nnen wir, da sie den Begriff einer
+Natur &uuml;berhaupt zu H&uuml;lfe nimmt, Naturreligion
+nennen: und eine solche, der das zweite zum
+Grunde liegt, nennen wir, da sie durch ein geheimni&szlig;volles
+&uuml;bernat&uuml;rliches Mittel zu uns gelangen
+soll, das ganz eigentlich zu dieser Absicht
+bestimmt ist, <i>geoffenbarte Religion</i>. Subjektiv, als
+Habitus eines vern&uuml;nftigen Geistes (als Religiosit&auml;t)
+betrachtet, k&ouml;nnen beide Religionen, da
+sie zwar entgegengesetzte, aber nicht sich widersprechende
+Principien haben, sich in einem Individuo
+gar wohl vereinigen, und eine einzige
+ausmachen.</p>
+
+<p>Ehe wir weiter gehen, m&uuml;ssen wir noch anmerken,
+da&szlig;, da hier blos von einem Princip
+der Gesetzgebung ihrer Form nach die Rede gewesen,
+vom Inhalte derselben aber g&auml;nzlich abstrahirt
+worden, die Untersuchung, wohin nach
+diesen beiden verschiedenen Principien die Gesetzgebung
+ihrem Inhalte nach (<i>legislatio materialiter<a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>
+spectata</i>) zu setzen sey, nicht ber&uuml;hrt werden konnte.
+Da&szlig; nach dem ersten Princip, welches, die Ank&uuml;ndigung
+des Gesetzgebers in uns setzt, auch die
+Gesetzgebung selbst in uns, nemlich in unsrer vern&uuml;nftigen
+Natur zu suchen sey, ist sogleich von
+selbst klar. Nach dem zweiten Princip aber sind
+wieder zwei F&auml;lle m&ouml;glich: entweder die Ank&uuml;ndigung
+des Gesetzgebers au&szlig;er uns verweist uns
+an unsre vern&uuml;nftige Natur zur&uuml;ck, und die
+ganze Offenbarung sagt, in Worten ausgedruckt,
+nur soviel; Gott ist Gesetzgeber; das euch ins
+Herz geschriebne Gesetz ist das Seinige; oder
+sie schreibt uns auf eben dem Wege, auf dem
+sie Gott als Gesetzgeber bekannt macht, noch
+sein Gesetz besonders vor. Nichts verhindert,
+da&szlig; in einer <i>in concreto</i> gegebnen Offenbarung
+nicht beides geschehen k&ouml;nne.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Man hat seit Erscheinung der Kritik schon mehrmals die
+Frage aufgeworfen: Wie ist geoffenbarte Religion m&ouml;glich?&nbsp;&mdash;&nbsp;eine
+Frage, die sich zwar immer aufdrang, die
+aber erst, seitdem dieses Licht den Pfad unsrer Untersuchungen
+beleuchtet, geh&ouml;rig gestellt werden konnte.
+Aber wie mir's scheint, hat man in allen Versuchen, die
+ich wenigstens kenne, den Knoten mehr zerschnitten, als
+aufgel&ouml;st. Der eine deducirt die M&ouml;glichkeit der Religion
+&uuml;berhaupt richtig, entwickelt ihren Inhalt, stellt
+ihre Kriterien fest; und gelangt nun durch drei ungeheure
+Spr&uuml;nge (1) indem er Religion in der weitesten,
+und die in der engsten Bedeutung verwechselt, 2) indem
+er nat&uuml;rliche und geoffenbarte Religion verwechselt,
+3) indem er geoffenbarte &uuml;berhaupt und christliche verwechselt,)
+zu dem Satze: v&ouml;llig so eine Vernunftreligion<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>
+ist die christliche. Ein andrer, dem es sich freilich
+nicht verbergen konnte, da&szlig; diese noch etwas mehr sey,
+setzt dieses Mehrere blos in gr&ouml;&szlig;ere Versinnlichung der
+abstracten Ideen jener. Aber die Vernunft giebt <i>a priori</i>
+gar kein Gesetz, und kann kein's geben, &uuml;ber die Art,
+wie wir uns die durch ihre Postulate realisirten Ideen
+vorstellen sollen. Jeder, auch der sch&auml;rfste Denker,
+meine ich, denkt sie sich, wenn er sie in praktischer
+Absicht auf sich anwendet, mit einiger Beimischung von
+Sinnlichkeit, und so geht es bis zu dem rohsinnlichsten
+Menschen in unmerkbaren Abstufungen fort. Ganz rein
+von Sinnlichkeit ist <i>in concreto</i> keine Religion; denn
+die Religion &uuml;berhaupt gr&uuml;ndet sich auf das Bed&uuml;rfni&szlig;
+der Sinnlichkeit. Das Mehr oder Weniger aber berechtigt
+zu keiner Eintheilung. Wo h&ouml;ren denn nach dieser
+Vorstellungsart die Grenzen der Vernunftreligion auf,
+und wo gehen die der geoffenbarten an? Es g&auml;be nach
+ihr so viele Religionen, als es schriftliche oder m&uuml;ndliche
+Belehrungen &uuml;ber Religionswahrheiten, als es &uuml;berhaupt
+Subjekte g&auml;be, die an eine Religion glaubten; und
+es lie&szlig;e sich durch nichts, als durch das Herkommen
+begreiflich machen, warum eben diese oder jene Darstellung
+der Religionswahrheiten die autorisirteste seyn
+sollte; und durch gar nichts, woher die Berufung auf
+eine &uuml;bernat&uuml;rliche Autorit&auml;t, k&auml;me, die wir als das charakteristische
+Merkmal aller vorgeblichen Offenbarungen
+vorfinden. Diese Verirrung vom einzig m&ouml;glichen Wege
+einer Deduktion des Offenbarungsbegriffs kam blos daher,
+da&szlig; man jene allbekannte Regel der Logik vernachl&auml;ssigte:
+Begriffe, die zu einer Einteilung berechtigen
+sollen, m&uuml;ssen unter einem h&ouml;hern Geschlechtsbegriffe
+enthalten, unter sich aber specifisch verschieden seyn.
+Der Begriff der Religion &uuml;berhaupt ist Geschlechtsbegriff.
+Sollen Natur- und geoffenbarte Religion, als unter
+ihm enthalten, specifisch verschieden seyn; so m&uuml;ssen
+sie es entweder in Absicht ihres Inhalts, oder wenn
+dies, wie schon <i>a priori</i> zu vermuthen, nicht m&ouml;glich
+ist, wenigstens in Absicht ihrer Erkenntni&szlig;principien<a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>
+seyn; oder die ganze Eintheilung ist leer, und wir m&uuml;ssen
+auf die Befugni&szlig;, eine geoffenbarte Religion anzunehmen,
+g&auml;nzlich Verzicht thun. Der oben angezeigte
+Begriff ist es denn auch, den der Sprachgebrauch von
+jeher mit dem Worte <i>Offenbarung</i> verkn&uuml;pft hat. Alle
+Religionsstifter haben sich zum Beweise der Wahrheit
+ihrer Lehren nicht auf die Beistimmung unsrer Vernunft,
+noch auf theoretische Beweise, sondern auf eine &uuml;bernat&uuml;rliche
+Autorit&auml;t berufen, und den Glauben an diese,
+als den einzigen rechtm&auml;&szlig;igen Weg der &Uuml;berzeugung,
+gefordert.</p></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="Section_5" id="Section_5"></a>&sect;.&nbsp;5.</h3>
+
+<h3><i>Formale Er&ouml;rterung des Offenbarungsbegriffs, als Vorbereitung
+einer materialen Er&ouml;rterung desselben.</i></h3>
+
+<p>Wir kamen im vorigen &sect;. von dem Begriffe
+der Religion aus auf den Begriff einer m&ouml;glichen
+Offenbarung, welche Religionsgrunds&auml;tze zu ihrem
+Stoff haben k&ouml;nnte. Das w&auml;re, wenn jene
+jetzt blos vorausgesetzte M&ouml;glichkeit des Begriffs
+sich best&auml;tigen sollte, der <i>materielle Ort</i> dieses
+Begriffs in unserm Verst&auml;nde. Jetzt werden
+wir, nicht um systematischer Nothwendigkeit
+willen, sondern zur Bef&ouml;rderung der Deutlichkeit,
+ihn auch seiner <i>Form</i> nach aufsuchen.</p>
+
+<p>Offenbarung ist der Form nach eine Art von
+<i>Bekanntmachung</i>, und alles, was von dieser ihrer
+Gattung gilt, gilt auch von ihr.</p>
+
+<p>Der <i>innern</i> Bedingungen aller Bekanntmachung
+sind zwei; nemlich, etwas das bekannt
+gemacht wird, der <i>Stoff</i>, und dann, die Art,<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>
+wie es bekannt gemacht wird, die <i>Form</i> der Bekanntmachung
+<i>Aeu&szlig;ere</i> sind auch zwei; ein Bekanntmachender,
+und einer, dem bekannt gemacht wird. Wir gehen von den Innern aus.</p>
+
+<p>Das Bekanntgemachte wird nur dadurch ein
+Bekannt<i>gemachtes</i>, da&szlig; ich es nicht schon vorher
+wu&szlig;te. Wu&szlig;te ich es schon, so macht mir
+der andre nur das bekannt, da&szlig; er's auch wu&szlig;te;
+und der Stoff der Bekanntmachung ist dann ein
+andrer. Dinge, die jeder nothwendig wei&szlig;, k&ouml;nnen
+nicht bekannt gemacht werden. <i>A priori</i>
+m&ouml;gliche, oder philosophische Erkenntnisse werden
+entwickelt, der andre wird darauf geleitet;
+ich <i>zeige</i> jemanden einen Fehler in seiner Schlu&szlig;folge
+oder die Gleichheit zweier Triangel, aber
+ich <i>mache</i> sie ihm nicht <i>bekannt</i>: Erkenntnisse,
+die nur <i>a posteriori</i> m&ouml;glich sind, historische,
+werden bekannt gemacht,&nbsp;&mdash;&nbsp;aber nicht <i>bewiesen</i>,
+weil man zuletzt doch auf etwas <i>a priori</i>
+nicht abzuleitendes, auf das Zeugni&szlig; der empirischen
+Sinnlichkeit, st&ouml;&szlig;t. Sie werden auf Autorit&auml;t
+angenommen. Autorit&auml;t ist das Zutrauen
+zu unsrer richtigen Beobachtungsgabe, und unsrer
+Wahrhaftigkeit.&nbsp;&mdash;&nbsp;Zwar k&ouml;nnen auch <i>a priori</i>
+m&ouml;gliche Erkenntnisse auf Autorit&auml;t angenommen
+werden, wie z.&nbsp;B. der mechanische K&uuml;nstler
+so viele mathematische S&auml;tze ohne Untersuchung
+und Beweis auf das Zeugni&szlig; andrer, und
+seiner eignen Erfahrung von der Anwendbarkeit<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>
+derselben, annimmt. Eine solche Erkenntni&szlig;
+nun ist zwar an sich, ihrem Stoffe nach, philosophisch;
+ihrer Form im Subjekte nach aber blos
+historisch. Sein Annehmen gr&uuml;ndet sich zuletzt
+auf das Zeugni&szlig; des innern Sinns desjenigen, der
+den Satz untersuche, und wahr befunden hat.</p>
+
+<div class="blockquot"><p><i>Erste Folgerung.</i> Nur historische Erkenntnisse,
+die es wenigstens der Form, oder auch wohl
+der Materie nach sind&nbsp;&mdash;&nbsp;also nur Wahrnehmungen
+k&ouml;nnen bekannt gemacht werden.&nbsp;&mdash;&nbsp;Werden
+weiterhin auf solche Wahrnehmungen
+Schl&uuml;sse gebaut, (comparative) allgemeine
+Wahrheiten davon abgeleitet, so wird von
+da an nichts weiter <i>bekannt gemacht</i>, sondern
+nur <i>gezeigt</i>.</p></div>
+
+<p>K&ouml;nnen, um zum zweiten innern Merkmale der
+Bekanntmachung fortzugehen, nur in der Form
+historischer Erkenntnisse Wahrnehmungen bekannt
+gemacht werden, so sind sie, insofern sie
+das werden, nicht selbst Form, sondern Stoff; sie
+m&uuml;ssen mithin der Receptivit&auml;t gegeben werden.
+Dann aber, von der &auml;u&szlig;ern Bedingung eines bekanntmachenden
+abgesehen, w&auml;re unsre ganze
+empirische Erkenntni&szlig; bekannt gemacht, denn
+sie ist durchg&auml;ngig gegeben. Verursacht uns
+aber jemand eine Sinnenempfindung unmittelbar,
+so sagen wir von der daher entstehenden Erkenntni&szlig;
+nicht, er mache sie uns bekannt, sondern
+wir erkennen dann selbst. Giebt uns z.&nbsp;B.<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>
+jemand eine Rose zu riechen, so sagen wir nicht,
+er mache uns den Geruch der Rose bekannt,
+d. h. er macht uns eben so wenig bekannt, da&szlig;
+&uuml;berhaupt <i>uns</i> die Rose angenehm rieche, noch
+in welchem Grade; das l&auml;&szlig;t sich nur durch unmittelbare
+Empfindung beurtheilen. Aber das
+d&uuml;rften wir wohl sagen: er habe <i>uns mit</i> dem
+Ger&uuml;che der Rose bekannt gemacht, d.&nbsp;h. er habe
+in unsrer Vorstellung unser Subjekt mit der Vorstellung
+eines gewissen Experiments verbunden.
+Eigentliche Bekanntmachung findet nur dann
+statt, wenn in unsrer Vorstellung nicht <i>unser</i>
+Subjekt, sondern ein gewisses anderes Subjekt
+mit dem Pr&auml;dikate einer Wahrnehmung verkn&uuml;pft
+wird. Diese Verkn&uuml;pfung selbst nun geschieht
+freilich wieder zu Folge einer subjektiven Wahrnehmung;
+aber nicht diese Wahrnehmung unsers
+Subjekts, sondern eine andre Wahrnehmung eines
+andern Subjekts ist Stoff des bekanntgemachten.</p>
+
+<div class="blockquot"><p><i>Zweite Folgerung</i>, Die Wahrnehmung, welche
+bekannt gemacht wird, ist nicht unmittelbar,
+sondern sie wird durch Wahrnehmung einer
+Vorstellung von ihr gegeben.&nbsp;&mdash;&nbsp;Diese eigentlich
+bekannt gemachte Wahrnehmung nun
+kann durch eine lange Reihe von Gliedern
+gehen; dann wird sie durch <i>Tradition</i> fortgepflanzt.&nbsp;&mdash;&nbsp;Der
+Supernaturalist, der die
+Existenz Gottes nur durch Offenbarung erkennbar
+annimmt, nimmt an: Gott sage uns,<a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>
+er selbst (Gott) nehme seine Existenz wahr;
+nun m&uuml;sse man doch seiner (Gottes) Versicherung
+trauen, mithin u.&nbsp;s.&nbsp;w.&nbsp;&mdash;&nbsp;welches
+ohne Zweifel ein Cirkel im Beweisen ist.</p></div>
+
+<p>Wir gehen jetzt zu den &auml;u&szlig;ern Bedingungen der
+Bekanntmachung &uuml;ber.&nbsp;&mdash;&nbsp;Zu jeder Bekanntmachung
+geh&ouml;rt ein Bekannt<i>machender</i>. Wenn wir
+aus gewissen Wahrnehmungen am andern selbst
+schlie&szlig;en, er m&uuml;sse eine gewisse Wahrnehmung
+gemacht haben, so macht er uns seine Wahrnehmung
+nicht bekannt, sondern sie verr&auml;th sich
+uns&nbsp;&mdash;&nbsp;wir entdecken sie selbst. Wir setzen
+also eine bekanntmachende Spontaneit&auml;t mit Willk&uuml;hr,
+folglich mit Bewu&szlig;tseyn voraus, und nur
+hierdurch wird er bekanntmachend.&nbsp;&mdash;&nbsp;Er mu&szlig;
+uns aber nicht nur &uuml;berhaupt etwas,&nbsp;&mdash;&nbsp;er mu&szlig;
+uns eine gewisse bestimmte Vorstellung bekannt
+machen wollen, die er nicht nur selbst hat, sondern
+deren Hervorbringung in uns durch die
+Kausalit&auml;t seines Begriffs von dieser Hervorbringung
+er sich denkt. So ein Begriff nun hei&szlig;t
+ein Begriff vom Zwecke.</p>
+
+<div class="blockquot"><p><i>Dritte Folgerung.</i> Jede Bekanntmachung setze
+also im Bekanntmachenden einen Begriff von
+der hervorzubringenden Vorstellung, als Zwecke
+seiner Handlung voraus. Mithin mu&szlig; der
+Bekanntmachende ein intelligentes Wesen
+seyn, und seine Handlung, und die dadurch
+in dem andern erregte Vorstellung m&uuml;ssen<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>
+sich verhalten, wie <i>moralischer Grund</i> und
+<i>Folge</i>.</p></div>
+
+<p>Zur Bekanntmachung geh&ouml;rt endlich einer, dem
+etwas bekannt wird. Wird ihm &uuml;berhaupt nichts
+bekannt, oder wird ihm nur das nicht bekannt,
+was der andre beabsichtigte, oder wird es ihm
+vielleicht durch andre Mittel, nur nicht durch die
+Mittheilung des &auml;ndern bekannt, so ist wenigstens
+die verlangte Bekanntmachung nicht geschehen.</p>
+
+<div class="blockquot"><p><i>Vierte Folgerung.</i> Die Handlung des Bekanntmachenden
+mu&szlig; sich mithin zu der in dem
+andern hervorgebrachten Vorstellung verhalten,
+wie physische Ursache zur Wirkung.&nbsp;&mdash;&nbsp;Da&szlig;
+ein solches Verh&auml;ltni&szlig; m&ouml;glich sey, d.&nbsp;i.
+da&szlig; ein intelligentes Wesen zu Folge eines
+Zweckbegriffs durch Freiheit physische Ursache
+werden k&ouml;nne, wird zur M&ouml;glichkeit einer
+Bekanntmachung &uuml;berhaupt postulirt, kann
+aber nicht theoretisch bewiesen werden.</p></div>
+
+<p>Der Begriff der Offenbarung, als unter diesem
+Gattungsbegriffe enthalten, mu&szlig; alle die angezeigten
+Merkmale, aber er kann ihrer noch
+mehrere haben, d.&nbsp;i. er kann gewisse auf verschiedne
+Art bestimmbare Merkmale der Bekanntmachung
+v&ouml;llig bestimmen; und wir m&uuml;ssen
+uns hier, da wir ihn bis jetzt als blos empirisch
+behandeln, an den Sprachgebrauch halten.</p>
+
+<p>Gew&ouml;hnlich sagt man <i>offenbaren</i> in Absicht
+<i>der Materie</i> nur von sehr wichtig geglaubten,<a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>
+oder von sehr tief verborgnen Erkenntnissen, die
+nicht jeder finden k&ouml;nne. Da dieses Merkmal
+blos relativ ist, indem die Wichtigkeit oder Unwichtigkeit,
+Schwierigkeit oder Leichtigkeit einer
+Erkenntni&szlig; blos von der Meinung des Subjekts
+abh&auml;ngt, so ist sogleich einleuchtend, da&szlig; diese
+Bestimmung f&uuml;r die Philosophie nicht tauge.</p>
+
+<p>Eben so untauglich ist eine andere Bestimmung
+im Sprachgebrauche, die sich auf <i>den Bekanntmachenden</i>
+bezieht; da man nemlich offenbaren
+vorz&uuml;glich nur von der Mittheilung &uuml;berirrdischer
+Wesen, D&auml;monen, sagt. So waren
+alle heidnische Orakel angebliche Offenbarungen.
+Da&szlig; der Offenbarende ein freies und intelligentes
+Wesen seyn, also unter den Gattungsbegriff
+geh&ouml;ren m&uuml;sse, unter den auch die D&auml;monen geh&ouml;ren,
+liegt schon im Begriffe der Bekanntmachung;
+wie aber D&auml;monen und z.&nbsp;B. Menschen
+der Art nach scharf zu unterscheiden w&auml;ren,
+m&ouml;chte sich so leicht nicht ergeben. Alle Unterscheidungen
+w&uuml;rden nur relativ ausfallen.</p>
+
+<p>Es bliebe uns demnach keine f&uuml;r die Philosophie
+taugliche scharfe Bestimmung &uuml;brig, als
+die, da&szlig; in der Bekanntmachung &uuml;berhaupt jeder
+freie Geist, sey er endlich oder unendlich, in
+der Offenbarung aber der Unendliche Bekanntmachender
+sey: eine Bedeutung, f&uuml;r welche man
+auch im gemeinen Sprachgebrauche die W&ouml;rter:
+Offenbarung, offenbaren, u.&nbsp;s.&nbsp;f. aufsparen m&ouml;chte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>
+Die Bestimmungen der Bekanntmachung &uuml;berhaupt
+bleiben auch dem Offenbarungsbegriffe;
+mithin werden durch die dritte und vierte Folgerung,
+alle durch Betrachtung der Sinnenwelt,
+als deren Urgrund wir Gott ansehen m&uuml;ssen,
+m&ouml;gliche Belehrungen, und Erkenntnisse aus
+dem Begriffe der Offenbarung ausgeschlossen.
+Es wird uns durch diese Betrachtung nichts bekannt
+<i>gemacht</i>, sondern wir erkennen selbst,
+oder meinen vielmehr daraus zu erkennen, was
+wir selbst erst unvermerkt hineintrugen. Nemlich
+wir betrachten die Erscheinungen in der
+Sinnenwelt theils als Zwecke an sich, theils als
+Mittel zu ganz andern Zwecken, als zu dem, einer
+m&ouml;glichen Belehrung, Insofern zwar dadurch
+<i>auch zugleich</i> eine Erkenntni&szlig;, und insbesondre
+eine Erkenntni&szlig; Gottes, unsrer Abh&auml;ngigkeit
+von ihm, und unsrer hieraus folgenden
+Pflichten m&ouml;glich w&auml;re&nbsp;&mdash;&nbsp;insofern, weil sie
+m&ouml;glich w&auml;re, der Begriff von einer solchen Erkenntni&szlig;
+in Gott versetzt, und ihm als Absicht
+bei der Weltsch&ouml;pfung untergelegt werden k&ouml;nnte,
+d&uuml;rfte man einen Augenblick glauben, das
+ganze System der Erscheinungen lasse sich als
+Offenbarung ansehen. Aber, hier davon noch
+abgesehen, da&szlig; eine solche Erkenntni&szlig; des &Uuml;bersinnlichen
+von der Sinnenwelt aus ganz unm&ouml;glich
+ist, und da&szlig; wir erst unvermerkt die auf
+einem ganz &auml;ndern Wege gegebnen geistigen Be<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>griffe
+in die Sinnenwelt hineintragen, die wir
+dann in ihr gefunden zu haben glauben&nbsp;&mdash;&nbsp;so
+w&auml;re eine solche Absicht Gottes doch nicht als
+die <i>letzte</i>, mithin nicht als <i>Endzweck</i> der Sch&ouml;pfung
+anzuerkennen. Erkenntni&szlig; ist unf&auml;hig Endzweck
+zu seyn: denn immer bleibt noch die
+Frage zu beantworten: warum soll ich denn nun
+Gott erkennen? Erkenntni&szlig; w&auml;re nur Mittel
+zu einem hohem Zwecke, mithin nicht letzte Absicht
+der Weltsch&ouml;pfung, und zwischen letzterer
+und der dabei beabsichtigt seyn sollenden Erkenntni&szlig;
+fiele das Verh&auml;ltni&szlig; des Grundes zur
+Folge weg.&nbsp;&mdash;&nbsp;Ferner ist es auch in jenem System
+gar nicht nothwendig, durch die Betrachtung
+des Weltgeb&auml;udes jene Erkenntnisse zu erhalten;
+die Erfahrung lehrt, da&szlig; sehr viele es
+nach ganz &auml;ndern Gesetzen beurtheilen, mithin
+f&auml;llt auch das Verh&auml;ltni&szlig; der Ursache zur Wirkung
+weg, und die Sch&ouml;pfung ist keine Offenbarung.</p>
+
+<p>Offenbarung ist, insoweit wir vor jetzt den
+Begriff bestimmt haben, eine Wahrnehmung, die
+von Gott, gem&auml;&szlig; dem Begriffe irgend einer dadurch
+zu gebenden Belehrung,(was auch immer
+ihr Stoff seyn m&ouml;ge) als <i>Zwecke</i> derselben, in
+uns bewirkt wird.&nbsp;&mdash;&nbsp;Man hat dies letztere
+Verh&auml;ltni&szlig;, um welches es hier eigentlich zu
+thun ist, auch durch das Wort <i>unmittelbar</i> bezeichnet;
+und wenn man damit nur nicht sagen<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>
+will: unsere Wahrnehmung solle <i>in der Reihe der
+wirkenden Ursachen zun&auml;chst</i> auf die Handlung
+Gottes folgen, sie solle schlechthin <i>B</i> seyn, als
+worauf es hier gar nicht ankommt, (wenn nur
+die Handlung Gottes auch in dieser Reihe schlechthin
+<i>A</i> ist, so m&ouml;gen zwischen ihr und unsrer
+Wahrnehmung der Mittelglieder so viele seyn,
+als ihrer wollen;) sondern nur so viel: der Begriff
+Gottes von der zu gebenden Belehrung
+solle in der Reihe der <i>Endursachen A</i>, und unsere
+Belehrung solle <i>B</i> seyn, so ist dies ganz richtig.</p>
+
+<p>&Uuml;ber die logische M&ouml;glichkeit dieses Begriffs
+kann kein Zweifel entstehen; denn wenn seine
+Bestimmungen sich widerspr&auml;chen, so w&uuml;rde dieser
+Widerspruch sich bald entdeckt haben. Die
+physische M&ouml;glichkeit desselben gr&uuml;ndet sich auf
+das Postulat des Sittengesetzes, da&szlig; ein freies,
+intelligentes Wesen einem Begriffe vom Zwecke
+gem&auml;&szlig; Ursache in der Sinnenwelt seyn k&ouml;nne;
+welches wir f&uuml;r Gott, um der M&ouml;glichkeit eines
+praktischen Gesetzes in sinnlichen Wesen willen,
+annehmen mu&szlig;ten.</p>
+
+<p>In der Anwendung dieses Begriffs auf ein
+Faktum aber thun sich gro&szlig;e Schwierigkeiten
+hervor.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wenn nemlich blos davon die Rede
+w&auml;re, da&szlig; eine gewisse Wahrnehmung, und eine
+dabei beabsichtigte Erkenntni&szlig; in uns wirklich
+w&uuml;rde, ohne dass wir n&ouml;thig h&auml;tten auf den
+Grund der Erscheinung zur&uuml;ckzugehen, so w&auml;re<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>
+unsre Untersuchung jetzt geschlossen. Wir h&auml;tten
+blos auf die Materie einer Offenbarung zu
+sehen, die wir uns ruhig geben liessen. Aber es
+ist von der Materie am allerwenigsten, sondern
+ganz vorz&uuml;glich von der Form der Offenbarung
+die Rede: es soll uns nicht etwa nur &uuml;berhaupt
+etwas bekannt gemacht werden, sondern dieses
+etwas wird vorz&uuml;glich nur dadurch bekannt, da&szlig;
+wir es f&uuml;r offenbart anerkennen. Gott soll uns
+eine Erkenntni&szlig; mittheilen, die nur dadurch Erkenntni&szlig;
+wird, weil der Mittheilende kein andrer
+ist, als Gott.&nbsp;&mdash;&nbsp;Dies kommt daher, weil
+der Glaube an jede Bekanntmachung, der Natur
+dieses Begriffs nach, sich auf nichts anders, als
+die Autorit&auml;t des Bekanntmachenden gr&uuml;nden
+kann, wie oben gezeigt worden.</p>
+
+<p>Die wichtigere Frage also, die noch zu beantworten
+ist, ist die: wie sollen wir erkennen, <i>da&szlig;</i>
+Gott, gem&auml;&szlig; einem Begriffe vom Zwecke, eine
+gewisse Wahrnehmung in uns bewirkt habe?</p>
+
+<p>Man d&uuml;rfte etwa einen Augenblick meinen,
+das k&ouml;nne Stoff der durch die Wahrnehmung
+hervorgebrachten Vorstellung seyn; wenn z.&nbsp;B.
+jemand eine Erscheinung h&auml;tte, die sich ihm als
+Gott ank&uuml;ndigte, und als solcher, ihn &uuml;ber manches
+belehrte. Aber davon ist eben die Frage,
+wie er erkennen solle, da&szlig; diese Erscheinung
+wirklich durch Gott gewirkt sey; dass weder er
+selbst sich, noch ein anderes Wesen ihn t&auml;usche;<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>
+die Frage ist von einer Kausal Verbindung, und
+diese werden nicht <i>wahrgenommen</i>, es wird auf
+sie <i>geschlossen</i><a name="FNanchor_16_16" id="FNanchor_16_16"></a><a href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a>.</p>
+
+<p>Ein solcher Schlu&szlig; k&ouml;nnte vorl&auml;ufig auf zweierlei
+Art m&ouml;glich scheinen; nemlich entweder
+<i>a posteriori</i>, durch das Aufsteigen von der gegebener
+Wahrnehmung als Wirkung, zu ihrer Ursache;
+oder <i>a priori</i>, durch das Herabsteigen
+von der bekannten Ursache zur Wirkung. Wir
+untersuchen die M&ouml;glichkeit des erstem Schlusses,
+den man sich f&uuml;r die Theologie noch immer
+nicht will rauben lassen, ohne erachtet alles
+m&ouml;gliche geschehen ist, um seine Unrichtigkeit
+in die Augen springend zu machen.</p>
+
+<p>Es giebt zwei Wege, um von einer Wahrnehmung
+zur Erkenntni&szlig; ihrer, als solcher, nicht
+wahrgenommenen Ursache aufzusteigen; nemlich
+entweder in der Reihe der <i>wirkenden</i>, oder der,
+<i>der Endursachen</i>. Im ersten Falle bestimme ich
+den Begriff der Ursache durch die wahrgenommene
+Wirkung. Es wird z.&nbsp;B. eine Last fortger&uuml;ckt.
+Ich wende auf diese Wahrnehmung die
+Gesetze der Bewegung an, und schlie&szlig;e: die
+Ursache sey eine physische Kraft, im R&auml;ume,
+wirke mit so oder so viel Kraft; u.&nbsp;s.&nbsp;w. Die<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>
+Wahrnehmung, die mich <i>a posteriori</i> auf den
+Begriff der Offenbarung bringen soll, muss nach
+physischen Gesetzen nicht erkl&auml;rbar seyn, sonst
+w&uuml;rde ich ihre Ursache auf dem Gebiete dieser
+Gesetze suchen, und finden, und nicht n&ouml;thig
+haben, sie in den <i>freien</i> Urgrund aller Gesetze
+&uuml;berzutragen. Das einzige vernunftm&auml;&szlig;ige Pr&auml;dikat
+dieser Ursache ist also <i>subjektiv</i> und <i>negativ:
+sie ist mir unbestimmbar</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;ein Pr&auml;dikat, wozu
+mich das Nichtbewu&szlig;tseyn meines Bestimmens
+derselben vollkommen berechtigt. Indem ich
+aber dieses subjektiv unbestimmbare <i>A.</i> sofort, und
+ohne allen weitern Grund (und es l&auml;&szlig;t sich kein
+andrer angeben, als das Nichtbewu&szlig;tseyn meines
+Bestimmens) zum absolut- und objektiv-unbestimmbaren
+<i>A.</i> mache, so folge ich freilich
+dem Hange meines Geistes, sobald sich's thun
+l&auml;&szlig;t, zum schlechthin unbedingten fortzuschreiten;
+aber die Unrechtm&auml;&szlig;igkeit dieses Verfahrens
+sollte doch wohl jetzt keiner weitern R&uuml;ge
+bed&uuml;rfen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wir sind freilich gen&ouml;thiget, &uuml;berhaupt
+ein absolut erstes Glied in der Reihe anzunehmen;
+aber bei keinem bestimmten Gliede
+d&uuml;rfen wir sagen: <i>dies</i> ist das erste. Denn die
+Reihe (ich rede von der der <i>wirkenden</i> Ursachen)
+ist unendlich, und unser Aufsteigen in ihr ist
+nie vollendet. Vollenden wir sie irgendwo, so
+nehmen wir ein unendliches an, welches endlich
+ist; und das&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>ist</i> ein Widerspruch.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>Was wir in der Reihe der wirkenden Ursachen
+nicht k&ouml;nnen, la&szlig;t uns in der der Endursachen
+versuchen.</p>
+
+<p>Wir machen eine Wahrnehmung, und auf sie
+zun&auml;chst in der Zeit folgt die Wahrnehmung einer
+Erkenntni&szlig; in uns, die wir vorher in uns
+nicht wahrgenommen haben. Wir sind durch
+die Gesetze des Denkens gen&ouml;thiget, beide Wahrnehmungen
+in Kausalverbindung zu denken: die
+erstere ist Ursache der zweiten, als ihrer Wirkung.
+Nun wollen wir auch umgekehrt die Erkenntni&szlig;
+als Ursache der sie selbst verursachenden
+Wahrnehmung denken, d.&nbsp;i. wir wollen annehmen,
+dass diese Wahrnehmung nur durch den Begriff
+von der verursachten Erkenntni&szlig;, m&ouml;glich gewesen.
+Sind wir zu dieser Annahme nicht durch Nothwendigkeit
+getrieben, so nehmen wir etwas ganz
+willk&uuml;hrlich, und ohne Grund an;&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>wir meinen
+nur so.</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;Nothwendigkeit (ob subjektive, oder
+objektive wird sich gleich zeigen) treibt uns zu
+dieser Annahme nur dann, wenn die Wahrnehmung
+und die dadurch ertheilte Belehrung sich
+verhalten, wie Theile, und Ganzes, und wenn
+weder ein Theil ohne das Ganze, noch das Ganze
+ohne alle Theile denkbar ist. Ein solches Verh&auml;ltni&szlig;
+ist nicht nur an sich m&ouml;glich, sondern
+auch in vielen F&auml;llen der untersuchten Art wirklich.
+<i>Ich</i> mu&szlig; dann mir beide Dinge in Zweckverbindung
+denken; <i>ich</i> kann die Wahrnehmung<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>
+nicht erkl&auml;ren, wenn ich nicht den Begriff der
+dadurch entstandenen Erkenntni&szlig;, die in der
+<i>Zeitreihe</i>, mithin in der Reihe meiner Empfindungen
+folgt, in <i>der Reihe meiner Beurtheilungen</i>,
+die durch Spontaneit&auml;t geleitet wird, vorher
+setze. Bis dahin habe ich ganz recht. Nun aber
+trage ich das subjektive Gesetz der M&ouml;glichkeit
+meiner Beurtheilung auf die M&ouml;glichkeit des
+Dinges an sich &uuml;ber, und schlie&szlig;e: weil ich mir
+den Begriff der Wirkung vor der Ursache vorher
+<i>denken</i> mu&szlig;, so musste er auch vorher in
+irgend einem intelligenten Wesen <i>seyn</i>: ein
+Schlu&szlig;, zu dem der Hang, alles Subjektive f&uuml;r
+objektiv-g&uuml;ltig anzunehmen, mich zwar verleitet,
+aber nicht berechtiget. Auf eine solche offenbar
+erschlichene Schlu&szlig;folge l&auml;&szlig;t sich keine vern&uuml;nftige
+&Uuml;berzeugung gr&uuml;nden.</p>
+
+<p>Aber, gesetzt wir lie&szlig;en euch diesen Schlu&szlig;
+gelten, so h&auml;ttet ihr nun zwar allerdings Grund,
+ein freies intelligentes Wesen, als Ursache der
+untersuchten Erscheinung anzunehmen, f&uuml;r welches
+das in der Reihe der wirkenden Ursachen
+euch unbestimmbare <i>A</i> bestimmbar w&auml;re; und
+das kann der erste beste Mensch seyn, der ein
+wenig mehr wei&szlig;, als ihr: aber was berechtigt
+euch denn eben das unendliche Wesen daf&uuml;r anzunehmen?
+Was <i>ich</i> nicht einsehen kann, kann
+nur der unendliche Verstand einsehen:&nbsp;&mdash;&nbsp;dieser
+Schlu&szlig; ist vermessen, wenn je einer es war.<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>
+Weit bescheidner, und konsequenter urtheilten
+die heidnischen Theologen, die f&uuml;r Ursache unerkl&auml;rbarer
+Erscheinungen schlechthin D&auml;monen,
+nicht eben den unendlichen Geist annahmen; und
+unter uns das Volk, das sie f&uuml;r Wirkungen der
+Zauberer, Gespenster, und Kobolde erkl&auml;rt.</p>
+
+<p><i>A posteriori</i> ist es also schlechthin unm&ouml;glich,
+eine Erscheinung f&uuml;r Offenbarung theoretisch
+anzuerkennen.</p>
+
+<p>Eben so unm&ouml;glich ist ein theoretischer Beweis
+<i>a priori</i>. Man hat nur die Erfordernisse
+eines solchen Beweises zu nennen, um seine Unm&ouml;glichkeit
+und seine Widerspr&uuml;che zu zeigen.
+Es m&uuml;&szlig;te nemlich aus dem <i>durch theoretische
+Naturphilosophie a priori</i> gegebnen Begriffe von
+Gott die Nothwendigkeit gezeigt werden, da&szlig; in
+Gott der Begriff einer gewissen <i>empirisch-bestimmten</i>
+Offenbarung, und der Entschlu&szlig;, ihn
+darzustellen, vorhanden sey.</p>
+
+<p>Wir m&uuml;ssen, demnach die M&ouml;glichkeit, von
+der Seite der Form in diesen Begriff einzudringen,
+und, wenn sich kein andrer Weg zeigen
+sollte, die reale M&ouml;glichkeit des Begriffes selbst
+aufgeben.&nbsp;&mdash;&nbsp;Aber wir kamen oben, von der
+Seite seiner Materie, von dem Begriffe der Religion
+aus, auf ihn. Wir haben also noch vermittelst
+einer materialen Er&ouml;rterung zu versuchen,
+was uns durch eine formale nicht gelang.</p>
+
+<p>Durch die gezeigte Unhaltbarkeit dieses Be<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>griffs
+von Seiten seiner Form, wird zugleich alles,
+was nicht Religion betrifft, von welcher allein
+er noch seine Best&auml;tigung erwartet, aus seinem
+Umfange ausgeschlossen, da zuvor &uuml;ber den
+m&ouml;glichen Inhalt einer Offenbarung nichts zu bestimmen
+war. Wir f&uuml;gen also diesem Begriffe
+noch das Merkmal hinzu, da&szlig; das in einer Offenbarung
+bekannt gemachte religi&ouml;sen Inhalts
+seyn m&uuml;sse, und hiermit ist denn die Bestimmung
+dieses Begriffs vollendet.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="Section_6" id="Section_6"></a>&sect;.&nbsp;<span title="Im Original: 4">6</span><a name="FNanchor_TN7_38" id="FNanchor_TN7_38"></a><a href="#Footnote_TN7_38" class="fnanchor">[TN7]</a>.</h3>
+
+<h3><i>Materiale Er&ouml;rterung des Offenbarungsbegriffs, als Vorbereitung
+einer Deduktion desselben.</i></h3>
+
+<p>Alle religi&ouml;sen Begriffe lassen sich nur
+<i>a priori</i> von den Postulaten der praktischen Vernunft
+ableiten, wie oben &sect;.&nbsp;3. durch die wirkliche
+Deduktion derselben gezeigt worden. Da
+nun der Offenbarungsbegriff eine gewisse Form
+solcher Begriffe zum Gegenstande haben soll,
+und nicht von Seiten seiner Form, (nemlich als
+Begriff) mithin, wenn seine reale M&ouml;glichkeit
+sich soll sichern lassen, nur von Seiten seines
+Inhalte deducirt werden kann, so haben wie seinen
+Ursprung im Felde der reinen praktischen
+Vernunft aufzusuchen. Er mu&szlig; sich <i>a priori</i>
+von Ideen dieser Vernunft deduciren lassen, wenn
+auch nicht ohne Voraussetzung aller Erfahrung,
+dennoch blos mit Voraussetzung einer Erfahrung<a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>
+&uuml;berhaupt, und zwar ohne etwas von ihr entlehnt
+oder gelernt zu haben, sondern um einer gewissen
+Erfahrung&nbsp;&mdash;&nbsp;die aber nicht als Erfahrung
+nach theoretischen, sondern als Moment der Willensbestimmung
+nach praktischen Gesetzen beurtheilt
+wird, und bei der es nicht um die Richtigkeit
+oder Unrichtigkeit der gemachten Beobachtung,
+sondern um ihre praktischen Folgen zu
+thun ist&nbsp;&mdash;&nbsp;selbst das Gesetz nach praktischen
+Grunds&auml;tzen vorzuschreiben. Es ist hier nicht
+wie im Felde der Naturbegriffe, wo wir bei Deduktion,
+eines Begriffs <i>a priori</i>, zeigen k&ouml;nnen
+und m&uuml;ssen, da&szlig; ohne ihn entweder Erfahrung
+&uuml;berhaupt, wenn er rein ist, oder eine gewisse
+bestimmte Erfahrung, wenn er nicht rein ist, gar
+nicht m&ouml;glich sey: sondern, da wir im Felde der
+Vernunft sind, k&ouml;nnen und d&uuml;rfen wir nur zeigen,
+da&szlig; ohne den Ursprung eines gewissen Begriffs
+<i>a priori</i> keine <i>vernunftm&auml;&szlig;ige Anerkennung</i>
+einer gewissen Erfahrung f&uuml;r das, f&uuml;r was
+sie sich giebt, m&ouml;glich sey. Dies ist hier um so
+n&ouml;thiger, da dieser Begriff von einem Wege aus,
+der in dieser R&uuml;cksicht schon verd&auml;chtig ist, uns
+wer wei&szlig; welche Erkenntnisse im Felde des
+&Uuml;bersinnlichen verspricht, und aller Schw&auml;rmerei
+Thor und Th&uuml;re zu &ouml;ffnen droht, wenn er nicht
+<i>a priori</i> ist, und wir ihm also Gesetze vorschreiben
+k&ouml;nnen, an welche wir alle seine <i>a posteriori</i>
+m&ouml;glichen Anmaa&szlig;ungen halten, und sie nach<a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>
+denselben beschr&auml;nken k&ouml;nnen. Es mu&szlig; also
+gezeigt werden, da&szlig; dieser Begriff <i>vernunftm&auml;&szlig;ig</i>
+nur <i>a priori</i> m&ouml;glich sey, und da&szlig; er also
+die Gesetze des Princips, durch welches es m&ouml;glich
+ist, anerkennen m&uuml;sse; oder, wenn er das
+nicht sey, und seine Befugnisse g&auml;nzlich und allein
+<i>a posteriori</i> zu erweisen Anspruch mache,
+g&auml;nzlich falsch und erschlichen sey, und da&szlig;
+von dieser Untersuchung sein ganzes Schicksal
+abhange. Sie ist also der Hauptpunkt dieser
+Kritik.</p>
+
+<p>Gesetzt nun aber auch, die M&ouml;glichkeit seines
+Ursprungs <i>a priori</i>, als einer Vernunftidee,
+lie&szlig;e sich durch eine Deduktion darthun; so
+bliebe immer noch auszumachen, ob er <i>a priori
+gegeben</i>, oder <i>gemacht</i>, und <i>erk&uuml;nstelt</i> sey; und
+wir gestehen, da&szlig; der sonderbare Weg, den er
+aus der Ideen&nbsp;&mdash;&nbsp;in die Sinnenwelt, und aus dieser
+wieder in jene nimmt, ihn des letztem wenigstens
+sehr verd&auml;chtig mache. Sollte sich dies
+best&auml;tigen, so g&auml;be es freilich vor's erste kein
+gutes Vorurtheil f&uuml;r ihn; da es schon bekannt
+ist, da&szlig; die Vernunft im Felde des &Uuml;bersinnlichen
+zwar in's Unerme&szlig;liche schw&auml;rmen, und
+dichten; aber daraus, da&szlig; es ihr m&ouml;glich war
+sich etwas zu denken, noch nicht einmal die
+M&ouml;glichkeit folgern k&ouml;nne, da&szlig; dieser Idee &uuml;berhaupt
+etwas entspreche. Es bleibt aber doch
+noch ein Weg &uuml;brig, diese Idee aus den leeren<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>
+Tr&auml;umen der Vernunft herauszuheben, wenn
+sich nemlich in der Erfahrung, und zwar&nbsp;&mdash;&nbsp;da
+hier von einem praktischen Begriffe die Rede ist,&nbsp;&mdash;&nbsp;ein
+empirisch gegebnes praktisches Bed&uuml;rfni&szlig;
+zeigt, welches jenen Begriff, der <i>a priori</i> freilich
+nicht gegeben war, <i>a posteriori</i>, zwar nicht giebt
+aber doch <i>berechtiget</i>. Diese Erfahrung erg&auml;nzt
+dann, was zur Rechtm&auml;&szlig;igkeit dieses Begriffs
+<i>a priori</i> fehlte; sie liefert das vermi&szlig;te Datum.
+Daraus nun folgt noch nicht, da&szlig; der Begriff
+selbst <i>a posteriori</i> sey, sondern nur, da&szlig; sich
+<i>a priori</i> nicht zeigen lasse, ob er nicht &uuml;berhaupt
+ganz leer sey.</p>
+
+<p>Diese Einschr&auml;nkung bestimmt denn auch die
+wahre Beschaffenheit der Deduktion dieses Begriffs
+<i>a priori</i>. Es soll nemlich durch dieselbe
+nicht dargethan werden, da&szlig; er <i>wirklich a priori</i>
+da sey, sondern nur, da&szlig; er <i>a priori m&ouml;glich</i>
+sey; nicht da&szlig; jede Vernunft ihn nothwendig
+<i>a priori</i> haben <i>m&uuml;sse</i>, sondern da&szlig; sie ihn,
+wenn ihre Ideenreihe ohngef&auml;hr nach dieser
+Richtung hingeht, haben <i>k&ouml;nne</i>. Das erstere
+w&auml;re nur m&ouml;glich, wenn ein Datum der reinen
+Vernunft <i>a priori</i> angezeigt werden k&ouml;nnte, wie
+z.&nbsp;B. bei der Idee von Gott, vom absoluten
+Weltganzen, u.&nbsp;s.&nbsp;w. die nothwendige Aufgabe
+der Vernunft war, zu allem Bedingten das schlechthin
+Unbedingte zu suchen, welches die Vernunft
+n&ouml;thigte, auf diesen Begriff zu kommen. Da<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>
+aber ein solches Datum <i>a priori</i> sich nicht vorfindet,
+so darf und kann die Deduktion desselben
+nur seine M&ouml;glichkeit als <i>Idee</i>, und insofern
+er das ist, zeigen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Keine historische<a name="FNanchor_17_17" id="FNanchor_17_17"></a><a href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a>
+Deduktion also der Entstehung dieses Begriffs unter
+der Menschheit, welche es auch noch so
+wahrscheinlich machte, da&szlig; er zuerst durch wirkliche
+Fakta in der Sinnenwelt, die man aus Unwissenheit
+&uuml;bernat&uuml;rlichen Ursachen zugeschrieben,
+oder durch geflissentlichen Betrug, entstanden
+sey; selbst kein unwiderlegbarer Beweis,
+da&szlig; keine Vernunft ohne jenes empirisch gegebne
+Bed&uuml;rfni&szlig; je auf diese Idee gekommen
+seyn w&uuml;rde, wenn ein solcher m&ouml;glich w&auml;re,
+w&uuml;rde dieser Deduktion widersprechen. Denn
+im ersten Falle w&auml;re der Begriff <i>in concreto</i>
+freilich ganz unrechtm&auml;&szlig;ig entstanden, welches
+aber der M&ouml;glichkeit, sich einen rechtm&auml;&szlig;igen
+Ursprung desselben <i>in abstracto</i> zu denken, nicht
+den geringsten Eintrag thun kann: im zweiten
+w&auml;re jenes empirische Datum zwar die <i>Gelegenheitsursache</i>
+gewesen, auf ihn zu kommen; wenn
+er aber durch den <i>Inhalt</i> der gemachten Erfahrung
+nur nicht bestimmt ist, (und eine Deduktion
+<i>a priori</i> mu&szlig; die Unm&ouml;glichkeit hiervon<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>
+zeigen) so w&auml;re sie nicht sein Princip gewesen.
+Ein andres ist die <i>G&uuml;ltigkeit</i> dieses Begriffs, d.&nbsp;i.
+ob sich vern&uuml;nftiger Weise annehmen lasse, da&szlig;
+ihm etwas au&szlig;er uns korrespondiren werde;
+diese kann freilich nur empirisch deducirt werden,
+und erstreckt sich mithin nicht weiter, als
+das Datum gilt, aus dem sie deducirt wird.
+La&szlig;t uns dies durch ein Beispiel erl&auml;utern.&nbsp;&mdash;&nbsp;Der
+Begriff eines b&ouml;sen Grundprincips neben einem
+guten ist offenbar ein Begriff <i>a priori</i>, denn
+er kann in keiner Erfahrung gegeben seyn; und
+zwar eine Vernunftidee; und sie mu&szlig; sich mithin,
+ihrer M&ouml;glichkeit nach, deduciren lassen,
+wenn sie nicht etwa den Vernunftprincipien gar
+widerspricht. Diese Idee ist aber <i>a priori</i> nicht
+gegeben, sondern gemacht, denn es l&auml;&szlig;t sich
+kein Datum der reinen Vernunft f&uuml;r sie anf&uuml;hren.
+In der Erfahrung aber kommen mehrere
+Data vor, welche diesen Begriff zu berechtigen
+scheinen, und welche die Gelegenheitsursachen
+seiner Entstehung gewesen seyn k&ouml;nnen. Wenn
+nun nur diese Data ihn wirklich berechtigten;
+wenn man ihn nur f&uuml;r ein praktisches, wenn
+gleich empirisch-bedingtes Bed&uuml;rfni&szlig;, und nicht
+lediglich zur theoretischen Naturerkl&auml;rung h&auml;tte
+brauchen wollen; wenn er nur endlich der praktischen
+Vernunft nicht gar widerspr&auml;che: so
+h&auml;tte man ihn, ohngeachtet seine G&uuml;ltigkeit sich
+nur auf empirische Data beruft, wenigstens f&uuml;r<a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>
+eine Idee, der etwas entsprechen <i>k&ouml;nnte</i>, wol
+annehmen d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Durch die erstere Deduktion der M&ouml;glichkeit
+des Begriffs der Offenbarung <i>a priori</i> scheint
+nun nicht viel ausgerichtet zu werden, und es
+ist nicht zu leugnen, da&szlig; sie eine sehr leere und
+unn&uuml;tze Bem&uuml;hung seyn w&uuml;rde, wenn nicht gezeigt
+werden k&ouml;nnte, da&szlig; dieser Begriff, wenn
+er nicht <i>a priori</i> m&ouml;glich ist, &uuml;berhaupt nicht
+vernunftm&auml;&szlig;ig ist. Folglich h&auml;ngt sein ganzer
+Werth von dieser Deduktion ab.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="Section_7" id="Section_7"></a>&sect;.&nbsp;7.</h3>
+
+<h3><i>Deduktion des Begriffs der Offenbarung von Principien der
+reinen Vernunft a priori.</i></h3>
+
+<p>Wenn endliche moralische Wesen, d.&nbsp;i. solche
+Wesen, welche au&szlig;er dem Moralgesetze
+noch unter Naturgesetzen stehen, als gegeben
+gedacht werden; so l&auml;&szlig;t sich, da das Moralgesetz
+nicht blos in demjenigen Theile dieser Wesen,
+der unmittelbar und allein unter desselben
+Gesetzgebung steht, (ihrem obern Begehrungsverm&ouml;gen)
+sondern auch in demjenigen, der zun&auml;chst
+unter den Naturgesetzen steht, seine Kausalit&auml;t
+aus&uuml;ben soll, vermuthen, da&szlig; die Wirkungen
+dieser beiden Kausalit&auml;ten, deren Gesetze
+gegenseitig ganz unabh&auml;ngig von einander
+sind, auf die Willensbestimmung solcher Wesen,
+in Widerstreit gerathen werden. Dieser Wider<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>streit
+des Naturgesetzes gegen das Sittengesetz
+kann nach Maa&szlig;gabe der besondern Beschaffenheit
+ihrer sinnlichen Natur der St&auml;rke nach sehr
+verschieden seyn, und es l&auml;&szlig;t sich ein Grad dieser
+St&auml;rke denken, bei welchem das Sittengesetz
+seine Kausalit&auml;t in ihrer sinnlichen Natur entweder
+auf immer, oder nur in gewissen F&auml;llen,
+g&auml;nzlich verliert. Sollen nun solche Wesen in
+diesem Falle der Moralit&auml;t nicht g&auml;nzlich unf&auml;hig
+werden, so mu&szlig; ihre sinnliche Natur selbst,
+durch sinnliche Antriebe bestimmt werden, sich
+durch das Moralgesetz bestimmen zu lassen. Soll
+dies kein Widerspruch seyn&nbsp;&mdash;&nbsp;und es ist an
+sich allerdings einer, <i>sinnliche</i> Antriebe als Bestimmungsgr&uuml;nde
+<i>reiner Moralit&auml;t</i> gebrauchen zu
+wollen&nbsp;&mdash;&nbsp;so kann es nichts anders hei&szlig;en, als
+da&szlig; rein moralische Antriebe auf dem Wege
+der Sinne an sie gebracht werden sollen. Der
+einzige rein moralische Antrieb ist die innere
+Heiligkeit des Rechts. Diese ist durch ein Postulat
+der reinen praktischen Vernunft in Gott
+<i>in concreto</i>, (folglich der Sinnlichkeit zug&auml;nglich)
+und er selbst als moralischer Richter aller vern&uuml;nftigen
+Wesen nach diesem ihm durch <i>seine</i>
+Vernunft gegebnen Gesetze, mithin als Gesetzgeber
+jener Wesen, dargestellt worden. Diese
+Idee vom Willen des Heiligsten als Sittengesetze
+f&uuml;r alle moralische Wesen ist nun von der einen
+Seite v&ouml;llig identisch mit dem Begriffe der in<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>nern
+Heiligkeit des Rechts, folglich jener einige
+rein moralische Antrieb, und von der andern des
+Vehikulums der Sinne f&auml;hig. Sie allein also entspricht
+der zu l&ouml;senden Aufgabe. Nun aber ist
+kein Wesen f&auml;hig, diese Idee auf dem Wege der
+sinnlichen Natur an sie gelangen zu lassen, oder,
+wenn sie schon in ihnen mit Bewu&szlig;tseyn vorhanden
+ist, sie auf demselben zu best&auml;tigen, als
+ein Gesetzgeber dieser Natur, welches denn auch,
+laut der Postulate der praktischen Vernunft, jener
+moralische Gesetzgeber endlicher vern&uuml;nftiger
+Wesen ist. Gott selbst also m&uuml;&szlig;te ihnen
+sich und seinen Willen als gesetzlich f&uuml;r sie, in
+der Sinnenwelt ank&uuml;ndigen. Nun aber ist in
+der Sinnenwelt &uuml;berhaupt so wenig eine Ank&uuml;ndigung
+der gesetzgebenden Heiligkeit enthalten,
+da&szlig; wir vielmehr von ihr aus durch die auf sie
+anwendbaren Begriffe auf gar nichts &Uuml;bernat&uuml;rliches
+schlie&szlig;en k&ouml;nnen; und ob wir gleich durch
+Verbindung des Begriffs der Freiheit mit diesen
+Begriffen, und den dadurch m&ouml;glichen Begriff
+eines moralischen Endzwecks der Welt auf diese
+Gesetzgebung schlie&szlig;en k&ouml;nnen (&sect;.&nbsp;4.), so setzt
+doch dieser Schlu&szlig; schon eine Kausalit&auml;t des
+Moralgesetzes in dem so schlie&szlig;enden Subjekte
+voraus, die nicht nur das v&ouml;llige, nur nach Naturgesetzen
+m&ouml;gliche Bewu&szlig;tseyn seines Gebots,
+sondern auch den festen Willen, die Wirksamkeit
+desselben in sich durch freie Aufsuchung<a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>
+und Gebrauch jedes Mittels zu vermehren, bewirkt
+hat, welche aber in den vorausgesetzten
+sinnlich-bedingten Wesen nicht angenommen
+worden ist. Gott m&uuml;sste sich also durch eine
+besondre ausdr&uuml;cklich dazu und f&uuml;r sie bestimmte
+Erscheinung in der Sinnenwelt ihnen als Gesetzgeber
+ank&uuml;ndigen. Da Gott durch das Moralgesetz
+bestimmt ist, die h&ouml;chstm&ouml;gliche Moralit&auml;t
+in allen vern&uuml;nftigen Wesen durch alle moralische
+Mittel zu bef&ouml;rdern, so l&auml;&szlig;t sich erwarten,
+dass er, wenn dergleichen Wesen wirklich vorhanden
+seyn sollten, sich dieses Mittels bedienen
+werde, wenn es physisch m&ouml;glich ist<a name="FNanchor_18_18" id="FNanchor_18_18"></a><a href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a>.</p>
+
+<p>Diese Deduktion leistet, was sie versprochen.
+Der deducirte Begriff ist wirklich der Begriff der
+<i>Offenbarung</i>, d.&nbsp;i. der Begriff von einer durch
+die Kausalit&auml;t Gottes in der Sinnenwelt bewirkten
+Erscheinung, wodurch er sich als moralischen
+Gesetzgeber ank&uuml;ndigt. Er ist aus lauter Begriffen
+<i>a priori</i> der reinen praktischen Vernunft deducirt;
+aus der schlechthin und ohne alle Bedin<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>gung
+geforderten Kausalit&auml;t des Moralgesetzes in
+allen vern&uuml;nftigen Wesen, aus dem einzig reinen
+Motiv dieser Kausalit&auml;t, der innern Heiligkeit
+des Rechts, aus dem f&uuml;r die M&ouml;glichkeit der
+geforderten Kausalit&auml;t als real anzunehmenden
+Begriffe Gottes, und seiner Bestimmungen. Aus
+dieser Deduktion ergiebt sich unmittelbar die
+Befugni&szlig;, jede angebliche Offenbarung, d.&nbsp;i. jede
+Erscheinung in der Sinnenwelt, welche diesem
+Begriffe als korrespondirend gedacht werden soll,
+einer Kritik der Vernunft zu unterwerfen. Denn
+wenn es schlechterdings nicht m&ouml;glich ist, den
+Begriff derselben <i>a posteriori</i> durch die gegebne
+Erscheinung zu bekommen, sondern er selbst,
+als Begriff, <i>a priori</i> da ist, und nur eine ihm
+entsprechende Erscheinung erwartet, so ist es
+offenbar Sache der Vernunft, zu entscheiden, ob
+diese gegebne Erscheinung mit ihrem Begriffe
+von derselben &uuml;bereinkomme, oder nicht; und
+sie erwartet demnach von ihr so wenig das Gesetz,
+da&szlig; sie vielmehr es ihr selbst vorschreibt.
+Aus ihr m&uuml;ssen sich ferner alle Bedingungen ergeben,
+unter denen eine Erscheinung als g&ouml;ttliche
+Offenbarung angenommen werden kann:
+nemlich, sie kann es nur insofern, als sie mit
+diesem deducirten Begriffe &uuml;bereinstimmt. Diese
+Bedingungen nennen wir Kriterien der G&ouml;ttlichkeit
+einer Offenbarung. Alles also, was als ein
+dergleichen Kriterium aufgestellt wird, mu&szlig; sich<a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>
+aus dieser Deduktion ableiten lassen, und alles
+was sich aus ihr ableiten l&auml;&szlig;t, ist ein dergleichen
+Kriterium.</p>
+
+<p>Sie leistet aber auch nicht mehr, als sie versprochen.
+Der zu deducirende Begriff wurde
+blos als eine Idee angek&uuml;ndigt; sie hat mithin
+keine objektive G&uuml;ltigkeit desselben zu erweisen,
+mit welchem Erweise sie auch nicht sonderlich
+fortkommen d&uuml;rfte. Alles was von ihr gefordert
+wird, ist, zu zeigen, da&szlig; der zu deducirende Begriff
+weder sich selbst, noch einem der vorauszusetzenden
+Principien widerspreche. Er k&uuml;ndigte
+sich ferner nicht als gegeben, sondern als
+gemacht an, (<i>conceptus non datus, sed ratiocinatus</i>)
+sie hat mithin kein Datum der reinen Vernunft
+aufzuzeigen, wodurch er uns gegeben
+w&uuml;rde, welches sie zu leisten auch nicht vorgegeben
+hat. Aus diesen beiden Bestimmungen
+ergiebt sich denn vorl&auml;ufig die Folge, da&szlig;, wenn
+auch eine Erscheinung in der Sinnenwelt gegeben
+seyn sollte, welche mit ihm vollkommen
+&uuml;bereinstimmte (eine Offenbarung, welche alle
+Kriterien der G&ouml;ttlichkeit h&auml;tte), dennoch weder
+eine objektive, noch selbst f&uuml;r alle vern&uuml;nftige
+Wesen subjektive G&uuml;ltigkeit dieser Erscheinung
+behauptet werden k&ouml;nnte, sondern die wirkliche
+Annehmung derselben, als einer solchen, noch
+unter andern Bedingungen stehen m&uuml;&szlig;te. Das
+von der reinen Vernunft aus vermi&szlig;te, nur in<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>
+der Erfahrung m&ouml;gliche Datum zu diesem Begriffe,
+da&szlig; nemlich moralische Wesen gegeben seyen,
+welche ohne Offenbarung der Moralit&auml;t unf&auml;hig
+seyn w&uuml;rden, wird als Hypothese vorausgesetzt,
+und eine Deduktion des Offenbarungsbegriffs hat
+nicht die Wirklichkeit desselben darzuthun, welches
+sie ohnehin als Deduktion <i>a priori</i> f&uuml;r ein
+empirisches Datum nicht leisten k&ouml;nnte, sondern
+es ist f&uuml;r sie v&ouml;llig hinreichend, wenn diese Voraussetzung
+sich nur nicht widerspricht, und demnach
+nur vollkommen denkbar ist. Aber eben
+darum, weil dieses Datum erst von der Erfahrung
+erwartet wird, ist dieser Begriff nicht rein
+<i>a priori</i>. Die physische M&ouml;glichkeit einer diesem
+Begriffe entsprechenden Erscheinung kann
+eine Deduktion desselben, die nur aus Principien
+der praktischen, nicht der theoretischen Vernunft
+gef&uuml;hrt wird, nicht erweisen, sondern mu&szlig; sie
+voraussetzen. Ihre moralische M&ouml;glichkeit wird
+zur M&ouml;glichkeit ihres Begriffs schlechterdings erfordert,
+und folgt im Allgemeinen aus der M&ouml;glichkeit
+obiger Deduktion. Ob aber eine <i>in concreto</i>
+gegebne Offenbarung dieser Erfordernis
+nicht widerspreche, ist das Gesch&auml;ft einer angewandten
+Kritik dieser gegebnen Offenbarung;
+und unter welchen Bedingungen sie ihr nicht
+widerspreche, das Gesch&auml;ft einer Kritik des Offenbarungsbegriffs
+&uuml;berhaupt.</p>
+
+<p>Aus allem bis jetzt gesagten ergiebt sich nun<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>
+auch, welchen Weg unsre Untersuchung weiter
+zu nehmen habe. Die M&ouml;glichkeit dieses Begriffs,
+insofern er das ist, d.&nbsp;i. seine Gedenkbarkeit,
+ist gezeigt. Ob er aber nicht etwa &uuml;berhaupt
+leer sey, oder ob etwas ihm korrespondirendes
+sich vern&uuml;nftiger Weise erwarten lasse,
+h&auml;ngt von der empirischen M&ouml;glichkeit (nicht der
+blo&szlig;en Gedenkbarkeit) des in ihm als Bedingung
+vorausgesetzten empirischen Datums ab. Diese
+also ist es, welche vor allen Dingen dargethan
+werden mu&szlig;. Eine Kritik aller Offenbarung
+&uuml;berhaupt hat aber in <span title="Dies sollte wahrscheinlich besser R&uuml;cksicht sein">R&uuml;chsicht</span><a name="FNanchor_TN8_39" id="FNanchor_TN8_39"></a><a href="#Footnote_TN8_39" class="fnanchor">[TN8]</a> dieses Datums
+auch weiter nichts darzuthun, als seine absolute
+M&ouml;glichkeit; da hingegen die Kritik einer angeblichen
+Offenbarung <i>in concreto</i> die bestimmte
+Wirklichkeit des vorausgesetzten empirischen
+Bed&uuml;rfnisses zu zeigen h&auml;tte, wie erst weiter unten
+bewiesen werden kann.</p>
+
+<p>Da&szlig; eine durch Freiheit einem Begriffe vom
+Zwecke gem&auml;&szlig; bewirkte Erscheinung in der Sinnenwelt
+&uuml;berhaupt, folglich auch eine Offenbarung
+sich als physisch m&ouml;glich denken lasse, bedarf
+keines Beweises, indem es zum Behufe der
+M&ouml;glichkeit der schlechthin geforderten Kausalit&auml;t
+des Moralgesetzes auf die Sinnenwelt schon
+angenommen worden ist. Dennoch werden wir
+zur Erl&auml;uterung, nicht zum Beweise, und wegen
+einiger daraus herflie&szlig;ender wichtigen Folgen auf
+Berichtigung des Offenbarungsbegriffs, einige Un<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>tersuchungen
+&uuml;ber diese physische M&ouml;glichkeit
+anstellen.</p>
+
+<p>Beym Schlusse dieser beiden Untersuchungen
+mu&szlig; es v&ouml;llig klar seyn, ob sich vern&uuml;nftiger
+Weise etwas dem Offenbarungsbegriffe korrespondirendes
+&uuml;berhaupt erwarten lasse, oder
+nicht. Zum Behufe der M&ouml;glichkeit aber, diesen
+Begriff auf eine besondre <i>in concreto</i> gegebne
+Erscheinung anzuwenden, bedarf es noch einer
+genauem Zergliederung des Offenbarungsbegriffs
+selbst, welcher angewendet werden soll. Die
+Bedingungen, unter welchen eine solche Anwendung
+m&ouml;glich ist, m&uuml;ssen alle im Begriffe liegen,
+und sich durch eine Analysis desselben aus ihm
+entwickeln lassen. Sie hei&szlig;en Kriterien. Unser
+n&auml;chstes Gesch&auml;ft nach jenen Untersuchungen
+wird also das seyn, diese Kriterien aufzustellen,
+und zu beweisen.</p>
+
+<p>Hiedurch wird nun nicht nur die M&ouml;glichkeit,
+f&uuml;r diesen Begriff &uuml;berhaupt etwas ihm korrespondirendes
+zu erwarten, sondern auch die,
+ihn auf eine wirklich gegebne Erscheinung anzuwenden,
+v&ouml;llig gesichert. Wenn aber eine solche
+Anwendung gleich v&ouml;llig m&ouml;glich ist, so l&auml;&szlig;t
+sich doch daraus noch kein Grund erkennen,
+warum wir sie wirklich machen sollten. Nur
+nach Aufzeigung eines solchen Grundes also ist
+die Kritik aller Offenbarung geschlossen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a></p>
+<h3><a name="Section_8" id="Section_8"></a>&sect;.&nbsp;8.</h3>
+
+<h3><i>Von der M&ouml;glichkeit des im Begriffe der Offenbarung vorausgesetzten
+empirischen Datum.</i></h3>
+
+<p>Die in der Deduktion des Begriffs der Offenbarung
+von praktischen Vernunftprincipien
+<i>a priori</i> vorausgesetzte Erfahrung ist die: es
+k&ouml;nne moralische Wesen geben, in welchen das
+Moralgesetz seine Kausalit&auml;t <i>f&uuml;r immer</i>, oder nur
+<i>in gewissen F&auml;llen</i> verliere. Das Moralgesetz
+fordert eine Kausalit&auml;t auf das obere Begehrungsverm&ouml;gen
+um die Bestimmung des Willens; es
+fordert vermittelst jenes eine auf das untere,
+um die v&ouml;llige Freiheit des moralischen Subjekts
+vom Zwange der Naturtriebe hervorzubringen.
+Ist die erstere Art der Kausalit&auml;t aufgehoben,
+so fehlt der <i>Wille</i>, &uuml;berhaupt ein Gesetz anzuerkennen,
+und ihm Gehorsam zu leisten; ist nur
+die zweite gehindert, so ist bei allem guten Willen
+der Mensch zu schwach, das Gute, das er
+will, <i>wirklich auszu&uuml;ben</i>. Dieser Hypothese empirische
+M&ouml;glichkeit soll bewiesen werden, d.&nbsp;h.
+es soll, nicht aus der Einrichtung der menschlichen
+Natur &uuml;berhaupt, insofern sie allgemein
+und <i>a priori</i> zu erkennen ist, sondern aus ihren
+empirischen Bestimmungen gezeigt werden, da&szlig;
+es m&ouml;glich, und wahrscheinlich sey, da&szlig; das Sittengesetz
+seine Kausalit&auml;t in ihnen verlieren
+k&ouml;nne; wodurch denn die Frage beantwortet
+wird: Warum war eine Offenbarung n&ouml;thig, und<a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>
+warum konnten die Menschen sich nicht mit der
+Naturreligion allein behelfen? Die Ursachen davon
+k&ouml;nnen nicht in der Einrichtung der menschlichen
+Natur &uuml;berhaupt, insofern sie <i>a priori</i> zu
+erkennen ist, liegen; denn sonst m&uuml;&szlig;ten wir
+das Bed&uuml;rfni&szlig; einer Offenbarung schon <i>a priori</i>
+zeigen k&ouml;nnen, es m&uuml;&szlig;te sich ein Datum der
+reinen Vernunft daf&uuml;r anf&uuml;hren lassen, und der
+Begriff von ihr w&auml;re ein gegebner: sondern in
+zuf&auml;lligen Bestimmungen derselben. Um aber
+die v&ouml;llige Einsicht in die Grenzen, innerhalb
+welcher Vernunftreligion zul&auml;nglich ist, innerhalb
+welcher Naturreligion eintritt, und wo endlich
+geoffenbarte n&ouml;thig wird, zu er&ouml;ffnen, wird es
+sehr dienlich seyn, das Verh&auml;ltni&szlig; der menschlichen
+Natur zur Religion, sowohl &uuml;berhaupt, als
+ihren besondern Bestimmungen nach, zu untersuchen.</p>
+
+<p>Der Mensch steht, als Theil der Sinnenwelt,
+unter Naturgesetzen. Er ist in Absicht seines
+Erkenntni&szlig;verm&ouml;gens gen&ouml;thigt, von Anschauungen,
+die unter den Gesetzen der Sinnlichkeit
+stehen, zu Begriffen fortzugehen; und in Absicht
+des untern Begehrungsverm&ouml;gens sich durch sinnliche
+Antriebe bestimmen zu lassen. Als Wesen
+einer &uuml;bersinnlichen Welt aber, seiner vern&uuml;nftigen
+Natur nach, wird sein oberes Begehrungsverm&ouml;gen,
+durch ein ganz anderes Gesetz bestimmt,
+und dieses Gesetz er&ouml;ffnet durch seine<a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>
+Anforderungen ihm Aussichten auf Erkenntnisse,
+die weder unter den Bedingungen der Anschauung,
+noch unter denen der Begriffe stehen. Da
+aber sein Erkenntni&szlig;verm&ouml;gen schlechterdings
+an jene Bedingungen gebunden ist, und er ohne
+sie sich gar nichts denken kann, so ist er gen&ouml;thigt
+auch diese Gegenst&auml;nde einer &uuml;bernat&uuml;rlichen
+Welt unter jene Bedingungen zu setzen,
+ob er gleich erkennt, da&szlig; eine solche Vorstellungsart
+nur subjektiv, nicht objektiv g&uuml;ltig sey,
+und da&szlig; sie ihn weder zu theoretischen, noch
+praktischen <i>Folgerungen</i> berechtige. Sein unteres,
+durch sinnliche Antriebe bestimmbares Begehrungsverm&ouml;gen
+ist dem obern untergeordnet,
+und es soll nie seinen Willen bestimmen, wo
+die Pflicht redet. Dies ist wesentliche Einrichtung
+der menschlichen Natur. So <i>soll</i> der Mensch
+seyn, und so <i>kann</i> er auch seyn, denn alles, was
+ihn verhindert, so zu seyn, ist seiner Natur nicht
+wesentlich, sondern zuf&auml;llig, und kann also nicht
+nur weggedacht werden, sondern auch wirklich
+weg seyn. In welchem Verh&auml;ltnisse steht er
+nun in diesem Zustande gegen die Religion? bedarf
+er ihrer? welcher? und wozu?</p>
+
+<p>Die n&auml;chste Folge dieser urspr&uuml;nglichen Einrichtung
+der menschlichen Natur ist die, da&szlig;
+ihm das Moralgesetz als Gebot, und nicht als
+Aussage erscheint, da&szlig; es zu ihm von Sollen
+redet, und nicht von Seyn; da&szlig; er sich bewu&szlig;t<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>
+ist, auch anders, als dieses Gesetz befiehlt, handeln
+zu <i>k&ouml;nnen</i>; da&szlig; er folglich, seiner Vorstellung
+nach, einen Werth, und ein Verdienst erh&auml;lt,
+wenn er so handelt. Dieser Werth, den
+er sich selbst giebt, berechtigt ihn, die demselben
+angemessene Gl&uuml;ckseligkeit zu erwarten:
+aber diese kann er sich nicht selbst geben, so
+wie jenen; er erwartet sie also vom h&ouml;chsten
+Exekutor des Gesetzes, der ihm durch dasselbe
+angek&uuml;ndigt wird. Dieses Wesen zieht seine
+ganze Verehrung auf sich, weil es einen unendlichen
+Werth hat, gegen welchen der seinige in
+Nichts verschwindet; und seine ganze Zuneigung,
+weil er alles von ihm erwartet, was er gutes zu
+erwarten hat. Er kann nicht gleichg&uuml;ltig gegen
+den stets gegenw&auml;rtigen Beobachter, Sp&auml;her, und
+Beurtheiler seiner geheimsten Gedanken, und
+den gerechtesten Vergelter derselben bleiben.
+Er mu&szlig; w&uuml;nschen, ihm seine Bewunderung und
+Verehrung zu bezeigen, und da er's durch nichts
+anders kann, es durch p&uuml;nktlichen <i>in R&uuml;cksicht
+auf Ihn</i> geleisteten Gehorsam zu thun.&nbsp;&mdash;&nbsp;Dies
+ist reine Vernunftreligion. Religiosit&auml;t von dieser
+Art erwartet nicht vom Gedanken des Gesetzgebers
+ein Moment zur Erleichterung der
+Willensbestimmung, sondern nur Befriedigung
+ihres Bed&uuml;rfnisses ihm ihre Zuneigung zu erkennen
+zu geben. Sie erwartet keine Anforderung
+von Gott, ihm zu gehorchen, sondern nur die<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>
+Erlaubni&szlig;, bei ihrem willigen Gehorsame auf
+ihn zu sehen. Sie will nicht Gott eine Gunst
+erweisen, indem sie ihm dient; sondern sie erwartet
+es von ihm als die h&ouml;chste Gnade, sich
+von ihr dienen zu lassen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Dies ist die h&ouml;chste
+moralische Vollkommenheit des Menschen. Sie
+setzt nicht nur den festen Willen immer sittlich
+gut zu handeln, sondern auch v&ouml;llige Freiheit
+voraus. Es ist <i>a priori</i> unm&ouml;glich zu bestimmen,
+ob <i>in concreto</i> irgend ein <i>Mensch</i> dieser moralischen
+Vollkommenheit f&auml;hig sey, und es ist bei
+gegenw&auml;rtiger Lage der Menschheit gar nicht
+wahrscheinlich.</p>
+
+<p>Der zweite Grad der moralischen G&uuml;te setzt
+eben diesen festen Willen, im Ganzen dem Moralgesetze
+zu gehorchen, aber keine v&ouml;llige Freiheit
+in einzelnen F&auml;llen voraus. Die sinnliche
+Neigung k&auml;mpft noch gegen das Pflichtgef&uuml;hl,
+und ist eben so oft <span title="Im Original: Siegerinn">Siegerin</span><a name="FNanchor_TN9_40" id="FNanchor_TN9_40"></a><a href="#Footnote_TN9_40" class="fnanchor">[TN9]</a>, als besiegt. Die
+Ursachen dieser moralischen Schw&auml;che liegen
+nicht im Wesentlichen der menschlichen Natur,
+sondern sie sind zuf&auml;llig: theils bei diesem und
+jenem Subjekte eine k&ouml;rperliche Konstitution,
+welche die gr&ouml;&szlig;ere Heftigkeit, und die anhaltendere
+Dauer der Leidenschaften beg&uuml;nstigt;
+theils, und haupts&auml;chlich die gegenw&auml;rtige Lage
+der Menschheit, in welcher wir weit fr&uuml;her angew&ouml;hnt
+werden, nach Naturtrieben zu handeln,
+als nach moralischen Gr&uuml;nden, und weit &ouml;ftrer<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>
+in den Fall kommen, uns durch die ersteren bestimmen
+lassen zu m&uuml;ssen, als durch die letzteren,
+so da&szlig; unsre Ausbildung als Naturmenschen
+meist immer gro&szlig;e Vorschritte vor unsrer moralischen
+Bildung voraus hat. Da in diesem Zustande
+der ernste Wille moralisch zu handeln,
+mithin ein lebhaftes, th&auml;tiges, sittliches Gef&uuml;hl
+vorausgesetzt wird, so mu&szlig; diese Schw&auml;che dem
+Menschen sehr unangenehm seyn, und er mu&szlig;
+begierig jedes Mittel aufsuchen, und ergreifen,
+um seine Bestimmung durchs Moralgesetz zu erleichtern.
+Wenn es darum zu thun ist, der moralischen
+Neigung das &Uuml;bergewicht &uuml;ber die
+sinnliche zu verschaffen, so kann dies auf zweierlei
+Art geschehen, theils indem man die sinnliche
+Neigung schw&auml;cht, theils indem man den Antrieb
+des Sittengesetzes, die Achtung f&uuml;r dasselbe, verst&auml;rkt.
+Das erste geschieht nach technisch-praktischen
+Regeln, die auf Naturprincipien beruhen,
+und &uuml;ber welche jeden sein eignes Nachdenken,
+Erfahrung, und empirische Selbstkenntni&szlig; belehren
+mu&szlig;. Sie liegen au&szlig;er dem Kreise unsrer
+gegenw&auml;rtigen Untersuchung. Der Antrieb des
+Moralgesetzes l&auml;&szlig;t sich, ohne der Moralit&auml;t Abbruch
+zu thun, nicht anders verst&auml;rken, als durch
+lebhafte Vorstellung der innern Erhabenheit und
+Heiligkeit seiner Forderungen; durch ein dringenderes
+Gef&uuml;hl des <i>Sollens</i> und <i>M&uuml;ssens</i>. Und
+wie kann dies dringender werden, als wenn uns<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>
+stets die Vorstellung eines ganz heiligen Wesens
+vorschwebt, das uns heilig zu seyn befiehlt? In
+ihm erblicken wir die &Uuml;bereinstimmung mit dem
+Gesetze nicht mehr blos als etwas, das seyn <i>soll</i>,
+sondern als etwas, das <i>ist</i>; in ihm erblicken wir
+die Nothwendigkeit, so zu seyn, dargestellt. Wie
+kann das sittliche Gef&uuml;hl mehr verst&auml;rkt werden,
+als durch die Vorstellung, da&szlig; bei unmoralischen
+Handlungen nicht blos wir selbst, die wir unvollkommne
+Wesen sind&nbsp;&mdash;&nbsp;nein, da&szlig; die h&ouml;chste
+Vollkommenheit uns verachten m&uuml;sse? da&szlig;
+bei Selbst&uuml;berwindung, und Aufopferung unsrer
+liebsten Neigungen f&uuml;r die Pflicht, nicht nur wir
+selbst, sondern die wesentliche Heiligkeit uns
+ehren m&uuml;sse? Wie k&ouml;nnen wir aufmerksamer
+auf die Stimme unsers Gewissens, und gelehriger
+gegen sie werden, als wenn wir in ihr die
+Stimme des Heiligsten h&ouml;ren, der <span title="Im Original folgt hier ein weiteres 'bar' nach unsichtbar">unsichtbar</span><a name="FNanchor_TN10_41" id="FNanchor_TN10_41"></a><a href="#Footnote_TN10_41" class="fnanchor">[TN10]</a>
+uns immer begleitet, und die geheimsten
+Gedanken unsers Herzens sp&auml;ht&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>vor dem wir
+wandeln?</i> Da die Neigung im Subjekte gegen
+dieses neue Moment des Sittengesetzes, welches
+ihr Abbruch thut, streitet, so wird die Vernunft
+suchen, dasselbe durch v&ouml;llige Sicherung des
+Grundes, auf dem es beruht, zu befestigen; sie
+wird einen Beweis f&uuml;r den Begriff Gottes als
+moralischen Gesetzgebers suchen, und sie wird
+ihn im Begriffe desselben, als Weltsch&ouml;pfers, finden.
+Dies ist der zweite Grad der sittlichen<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>
+Vollkommenheit, der die Naturreligion begr&uuml;ndet.&nbsp;&mdash;&nbsp;Diese
+Religion soll allerdings Mittel
+der Willensbestimmung in einzelnen F&auml;llen, bei
+eintretendem Kampfe der Neigung gegen die
+Pflicht, werden; aber sie setzt die erste, h&ouml;chste
+Bestimmung des Willens, dem Moralgesetze
+&uuml;berhaupt zu gehorchen, als durch dasselbe
+schon geschehen, voraus, denn sie bietet sich
+nicht dar, sondern sie mu&szlig; gesucht werden, und
+niemand kann sie suchen, der sie nicht w&uuml;nscht.</p>
+
+<p>Der tiefste Verfall vern&uuml;nftiger Wesen in
+R&uuml;cksicht auf Sittlichkeit endlich ist es, wenn
+nicht einmal der Wille da ist, ein Moralgesetz
+anzuerkennen, und ihm zu gehorchen; wenn
+sinnliche Triebe die einzigen Bestimmungsgr&uuml;nde
+ihres Begehrungsverm&ouml;gens sind. Es scheint wenigstens,
+vor der Hand gar nichts f&uuml;r die Nothwendigkeit
+einer Offenbarung zu beweisen, wenn
+man auch in der Gesellschaft unter andern moralisch
+bessern Menschen noch so viele in diesem
+Grade verdorbne Subjekte sollte aufzeigen
+k&ouml;nnen: denn es mu&szlig; den bessern m&ouml;glich
+seyn, und es ist ihre Pflicht,&nbsp;&mdash;&nbsp;k&ouml;nnte man
+sagen,&nbsp;&mdash;&nbsp;in den schlechtern durch Belehrung
+und Bildung das moralische Gef&uuml;hl zu entwickeln,
+und sie so bis zum Bed&uuml;rfni&szlig; einer Religion zu
+f&uuml;hren. Ohne uns vor der Hand auf diese Untersuchung
+einzulassen, wollen wir die Frage nur
+so stellen, wie ihre Beantwortung f&uuml;r den Erweis<a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>
+eines empirischen Bed&uuml;rfnisses der Offenbarung
+entscheidend wird: War es m&ouml;glich, dass die
+ganze Menschheit, oder wenigstens ganze
+V&ouml;lker- und L&auml;nderstriche in diesen tiefen moralischen
+Verfall gerathen konnten? Um sie beantworten
+zu k&ouml;nnen, m&uuml;ssen wir erst den Begriff der empirischen
+Sinnlichkeit etwas n&auml;her bestimmen.</p>
+
+<p>Sinnlichkeit &uuml;berhaupt, nemlich empirische,
+k&ouml;nnte man f&uuml;glich als eine Unf&auml;higkeit zur
+Vorstellung der Ideen beschreiben; um dadurch
+zugleich den theoretischen Fehler, sich dieselben
+entweder gar nicht, oder nicht anders, als unter
+den Bedingungen der empirischen Sinnlichkeit,
+denken zu k&ouml;nnen, und den praktischen, sich
+nicht durch dieselben bestimmen zu lassen, der
+aus dem erstem nothwendig folgt, zu befassen.
+Man kann die empirische Sinnlichkeit, eben so
+wie die reine, in zwei Gattungen eintheilen, in
+die <i>&auml;ussere</i> und <i>innere</i>. Die erstere besteht in
+theoretischer R&uuml;cksicht darin, wenn man sich
+alles unter die empirischen Bedingungen der
+&auml;u&szlig;ern Sinne, alles h&ouml;rbar, f&uuml;hlbar, sichtbar u.&nbsp;s.&nbsp;w.
+denkt, und auch alles wirklich sehen, h&ouml;ren,
+f&uuml;hlen will, und damit ist immer eine g&auml;nzliche
+Unf&auml;higkeit zum Nachdenken, zu Verfolgung einer
+Reihe von Schl&uuml;ssen, wenn es auch nur
+&uuml;ber Gegenst&auml;nde der Natur ist, verbunden;
+und in praktischer, wenn man sich nur durch
+die Lust des &auml;u&szlig;ern Sinns, bestimmen l&auml;&szlig;t.<a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>
+Dieses ist derjenige Grad derselben, den man
+auch rohe Sinnlichkeit nennt. Die zweite besteht
+in theoretischer R&uuml;cksicht darin, da&szlig; man
+sich alles wenigstens unter die empirischen Bedingungen
+unsers innern Sinns, alles modificirbar
+denkt, und es auch wirklich modificiren
+will; und in praktischer, wenn man sich durch
+nichts h&ouml;heres bestimmen l&auml;&szlig;t, als durch die
+Lust des innern Sinns. Dahin geh&ouml;rt die Lust
+am Spiel, am Dichten, am Sch&ouml;nen (aber nicht
+am Erhabnen), selbst am Nachdenken, am Gef&uuml;hl
+seiner Kraft, und sogar das Mitgef&uuml;hl, ob
+es gleich der edelste aller sinnlichen Triebe ist.
+Wenn diese Sinnlichkeit herrschend ist, d.&nbsp;i.
+wenn wir blos und lediglich durch ihren Antrieb
+und nie durch das Moralgesetz uns bestimmen
+lassen, so ist klar, dass sie allen Willen gut zu
+seyn, und alle Moralit&auml;t g&auml;nzlich ausschlie&szlig;t.
+Aber bei den meisten Menschen hat sie zwar
+bei weitem das &Uuml;bergewicht, und sie werden in
+den meisten F&auml;llen blos durch sie bestimmt;
+aber dennoch sind sie darum noch nicht &uuml;berhaupt
+aller reinmoralischen Handlungen unf&auml;hig,
+und haben wenigstens noch soviel moralisches
+Gef&uuml;hl, um die Str&auml;flichkeit und Unanst&auml;ndigkeit
+ihrer Handlungsart in auffallenden F&auml;llen
+oder bei gewissen Veranlassungen zu f&uuml;hlen,
+und sich deren zu sch&auml;men. Gesetzt aber, sie
+wendeten das Moralgesetz auch nie auf sich<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>
+selbst an, und h&auml;tten nie Schaam oder Reue
+&uuml;ber ihre eigne Unvollkommenheit empfunden,
+so zeigt es sich doch in ihrer Beurtheilung der
+Handlungen andrer, in ihrer oft starken Misbilligung
+derselben aus richtigen moralischen Gr&uuml;nden,
+dass sie des moralischen Sinns nicht g&auml;nzlich
+unf&auml;hig sind. Auf Menschen von dieser
+Art, sollte man glauben, w&uuml;rde man eben von
+der Seite aus, wo sie noch Empf&auml;nglichkeit f&uuml;r
+Moralit&auml;t zeigen, wirken,&nbsp;&mdash;&nbsp;man w&uuml;rde sich
+eben der Grunds&auml;tze, die sie auf andre anwenden,
+bedienen k&ouml;nnen, um ihnen &uuml;ber ihren
+eignen Zustand die Augen zu &ouml;ffnen, sie so allm&auml;hlich
+zum guten Willen, und durch ihn endlich
+zur Religiosit&auml;t zu f&uuml;hren. Es m&uuml;sste also,
+zum Behufe der Nothwendigkeit einer Offenbarung
+gezeigt werden k&ouml;nnen, dass Menschen,
+und ganze Menschengeschlechter m&ouml;glich seyen,
+die durch herrschende Sinnlichkeit des Sinns f&uuml;r
+Moralit&auml;t entweder g&auml;nzlich, oder doch in einem
+so hohen Grade beraubt w&auml;ren, dass man von
+diesem Wege aus gar nicht auf sie wirken k&ouml;nne;
+welche sich des Moralgesetzes in ihnen entweder
+gar nicht, oder doch so wenig bewusst seyen,
+dass man auf diesen Grund in ihnen gar nichts
+bauen k&ouml;nne. Es l&auml;sst sich <i>a priori</i> wol denken,
+da&szlig; die Menschheit entweder von ihrem Urspr&uuml;nge
+an, oder durch mancherlei Schicksale in
+so eine Lage habe kommen k&ouml;nnen, da&szlig; sie, in<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>
+best&auml;ndigem harten Kampfe mit der Natur um
+ihre Subsistenz, gen&ouml;thigt gewesen sey, alle ihre
+Gedanken stets auf das, was vor ihren F&uuml;&szlig;en
+lag, zu richten; auf nichts denken zu k&ouml;nnen,
+als auf das Gegenw&auml;rtige; und kein ander Gesetz
+h&ouml;ren zu k&ouml;nnen, als das der Noth. In so
+einer Lage ist es unm&ouml;glich, dass das moralische
+Gef&uuml;hl erwache, und sittliche Begriffe sich entwickeln:
+aber die Menschheit wird nicht immer,
+sie wird au&szlig;er besondern F&auml;llen nicht lange in
+derselben bleiben: sie wird durch H&uuml;lfe der Erfahrung
+sich Regeln machen, und Maximen ihres
+Verhaltens abstrahiren. Diese Maximen, blos
+durch Erfahrung in der Natur entstanden, werden
+auch blos auf diese angewendet seyn, und
+m&ouml;glichen moralischen Regeln oft widersprechen.
+Sie werden sich dennoch, durch ihre Anwendbarkeit
+und durch das allgemeine Beispiel bew&auml;hrt,
+von Generation auf Generation fortpflanzen,
+und vermehrt werden; und nun werden sie
+es seyn, die die M&ouml;glichkeit der Moralit&auml;t vernichten,
+nachdem jene dringende Noth, die vor
+ihnen es that, durch sie zum Theil gehoben ist.
+Denkt man an die Bewohner des Feuerlandes,
+welche ihr Leben in einem Zustande, der so
+nahe an die Thierheit gr&auml;nzt, hinbringen, an die
+meisten Bewohner der S&uuml;dsee-Inseln, welchen
+der Diebstahl etwas ganz gleichg&uuml;ltiges zu seyn,
+und welche sich desselben nicht im geringsten<a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>
+zu sch&auml;men scheinen, an jene Negern, welche
+ohne langes Bedenken ihre Frau, oder ihre Kinder
+gegen einen Trunk Brandwein in die Sklaverei
+verkaufen, so scheint man die erstere Bemerkung
+in der Erfahrung best&auml;tigt zu finden;
+und um sich von der Richtigkeit der zweiten zu
+&uuml;berzeugen, hat man nur die Sitten und Maximen
+policirter V&ouml;lker zu studiren.</p>
+
+<p>Wie soll nun die Menschheit aus diesem Zustande
+zur Moralit&auml;t, und durch sie zur Religion
+gelangen? Kann sie dieselbe nicht selbst finden?
+Um diese Frage bestimmter zu beantworten,
+m&uuml;ssen wir dasjenige, was hierzu vorausgesetzt
+wird, mit ihrem Zustande, vergleichen. Um zu
+entscheiden, ob ein Volk der Sittlichkeit &uuml;berhaupt
+in seinem gegenw&auml;rtigen Zustande f&auml;hig
+sey, oder nicht, ist es nicht genug, ihr Verhalten
+zu betrachten, und der Schlu&szlig;: ein gewisses
+Volk begeht allgemein, und ohne Spur der geringsten
+Schaam, Handlungen, die gegen die ersten
+Grunds&auml;tze aller Moral streiten, also ist es
+ohne alles moralisches Gef&uuml;hl; ist &uuml;bereilt. Man
+mu&szlig; untersuchen, ob sich denn nicht einmal
+der Begriff von Pflicht &uuml;berhaupt, wenn gleich
+noch so dunkel gedacht, bei ihnen zeige, und
+wenn man denn da z.&nbsp;B. nur soviel findet, da&szlig;
+sie auf die Beobachtung eines Vertrags, die sie
+nicht erzwingen k&ouml;nnen, auch in dem Falle, da
+es dem zweiten Theile zutr&auml;glich w&auml;re ihm nicht<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>
+zu halten, trauen, und in diesem Vertrauen sich
+wagen; da&szlig; sie im Fall der Verletzung desselben
+lebhaftern und bitterern Unwillen zeigen,
+als sie &uuml;ber den ihnen dadurch zugef&uuml;gten Schaden
+an sich zeigen w&uuml;rden; so mu&szlig; man ihnen
+den Begriff der Pflicht &uuml;berhaupt zugestehen.
+Nun aber ist ohne dieses Vertrauen auf Beobachtung
+der Vertr&auml;ge es auch nicht einmal m&ouml;glich,
+sich zur Gesellschaft zu verbinden. Jedes
+Volk also, das nur in gesellschaftlicher Vereinigung
+lebt, ist nicht ohne allen moralischen Sinn.
+Aber leider ist es allgemeine Gewohnheit aller
+derer, bei denen die Sinnlichkeit herrschend ist,
+sich dieses Gef&uuml;hls nicht sowohl als Bestimmungsgrundes
+ihrer eignen Handlungen, als vielmehr
+blos und lediglich als Beurtheilungsprincips der
+Handlungen anderer zu bedienen. Ja, sie gehen
+wol so weit, besonders wenn die Sinnlichkeit
+schon in Maximen gebracht ist, eine Aufopferung,
+eine Verleugnung des Eigennutzes f&uuml;r die Pflicht,
+sich als l&auml;cherliche Thorheit anzurechnen, und
+sich derselben zu sch&auml;men; sich also stets und
+immer als blos unter dem Naturbegriffe stehend
+zu betrachten; verfahren endlich auch wol so
+konsequent, es auch dem &auml;ndern f&uuml;r eben das
+anzurechnen, wofern sie nicht etwa selbst pers&ouml;nlich
+dabei interessirt, und durch die Pflichtverletzung
+des &auml;ndern an ihrem eignen Vortheile
+gekr&auml;nkt worden sind. Nur im letztern Falle<a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>
+erinnern sie sich, da&szlig; es Pflichten giebt; und
+dies macht denn die Entwickelung dieses Begriffs,
+wo wir ihn mit herrschender Sinnlichkeit
+vereinigt antreffen, sehr verd&auml;chtig, und berechtigt
+uns zu glauben, da&szlig; blos das Princip der
+letztern, das des Eigennutzes, sie bewirkt habe.
+Mit herrschender Sinnlichkeit ist also sogar der
+Wille, moralisch gut zu seyn, nicht zu vereinigen.
+Da aber dieser Wille unumg&auml;nglich n&ouml;thig
+ist, um eine Religion als Mittel einer st&auml;rkern
+Bestimmung durchs Moralgesetz zu <i>suchen</i>, so
+kann die Menschheit in diesem Zustande nie
+von selbst eine Religion finden, denn sie kann
+sie nicht einmal suchen.</p>
+
+<p>Und wenn sie dieselbe auch suchen k&ouml;nnte,
+so kann sie sie nicht <i>finden</i>. Um sich auf die
+oben entwickelte Art zu &uuml;berzeugen, da&szlig; Gott
+es ist, der durchs Moralgesetz zu uns redet, bedarf
+es vor's erste des Begriffe einer Sch&ouml;pfung
+der Welt durch eine Ursache au&szlig;er ihr. Auf diesen
+Begriff wird die Menschheit, selbst die noch
+sehr ungebildete Menschheit, leicht kommen.
+Sie ist <i>a priori</i> gen&ouml;thigt, sich absolute Totalit&auml;t
+der Bedingungen zu denken; und sie schlie&szlig;t
+die Reihe derselben nur eher und schneller, je
+weniger sie gebildet, und je unf&auml;higer sie ist,
+eine lange Reihe zu verfolgen. Daher wird unter
+rohsinnlichen Menschen alles voll von Glauben
+an &uuml;bernat&uuml;rliche Ursachen, an D&auml;monen<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>
+ohne Zahl seyn. Eine gebildetere Sinnlichkeit
+wird sich vielleicht zum Begriffe einer einzigen
+ersten Ursache, eines kunstvollen Architekten
+der Welt erheben. Aber zum Behuf einer Religion
+brauchen, wir nicht diesen, sondern den
+von einem <i>moralischen</i> Weltsch&ouml;pfer, und, um
+zu ihm zu gelangen, den Begriff eines moralischen
+Endzwecks der Welt. Nun wird abermals
+die Sinnlichkeit zwar leicht auf den Begriff von
+m&ouml;glichen Zwecken in der Weit kommen, weil
+sie selbst durch die Vorstellung von Zwecken
+bei ihren Gesch&auml;ften hienieden geleitet wird:
+aber der Begriff eines moralischen <i>Endzwecks</i>
+der Sch&ouml;pfung ist nur dem gebildeten moralischen
+Gef&uuml;hle m&ouml;glich. Der blos sinnliche
+Mensch wird also nie weder auf ihn, noch durch
+ihn auf das Princip einer Religion kommen.</p>
+
+<p>Vor's erste, wenn doch ein Mittel sollte ausfindig
+gemacht werden, Religion an ihn zu bringen,
+wozu bedarf er ihrer? Der beste moralische
+Mensch, der nicht nur den ernsten Willen
+h&auml;tte, dem Moralgesetze zu gehorchen, sondern
+auch die v&ouml;llige Freiheit, bedurfte ihrer blos
+dazu, um die Empfindung der Verehrung und
+Dankbarkeit gegen das h&ouml;chste Wesen auf irgend
+eine Art zu befriedigen. Derjenige, der
+zwar eben den ernsten Willen, aber nicht v&ouml;llige
+Freiheit hatte, bedurfte ihrer, um der Autorit&auml;t
+des Moralgesetzes ein neues Moment hinzuzuf&uuml;g<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>en,
+durch welches der St&auml;rke der Neigung das
+Gegengewicht gehalten und die Freiheit hergestellt
+w&uuml;rde. Derjenige, der auch nicht den
+Willen hat, ein sittliches Gesetz anzuerkennen,
+und ihm zu gehorchen, bedarf ihrer, um nur erst
+diesen Willen, und dann durch ihn die Freiheit
+in sich hervorzubringen. Mit ihm hat also die
+Religion einen andern Weg zu nehmen. Die
+reine Vernunftreligion, sowohl als die nat&uuml;rliche,
+gr&uuml;ndeten sich auf Moralgef&uuml;hl: die geoffenbarte
+hingegen soll selbst erst Moralgef&uuml;hl begr&uuml;nden.
+Die erstere fand gar keinen Widerstand, sondern
+alle Neigungen im Subjekte bereit, sie anzunehmen;
+die zweite hatte nur in einzelnen F&auml;llen
+die Neigungen zu bek&auml;mpfen, kam aber im Ganzen
+erw&uuml;nscht, und gesucht; die letztere hat
+nicht nur allen unmoralischen Neigungen, sondern
+sogar dem v&ouml;lligen Widerstreben, &uuml;berhaupt
+ein Gesetz anzuerkennen, und der Abneigung
+gegen sie selbst, die sie das Gesetz g&uuml;ltig machen
+will, das Gegengewicht zu haben. Sie
+kann also und wird sich wichtigerer Momente
+bedienen, so viel es geschehen kann, ohne der
+Freiheit Abbruch zu thun, d.&nbsp;h. ohne gegen ihren
+eignen Zweck zu handeln.</p>
+
+<p>Durch welchen Weg nun kann diese Religion
+an die so beschaffne Menschheit gelangen? Nat&uuml;rlich
+auf eben dem, auf welchem alles an sie
+gelangt, was sie sich denkt, oder wodurch sie<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>
+sich bestimmen l&auml;&szlig;t, auf dem der Sinnlichkeit.
+Gott mu&szlig; sich ihnen unmittelbar durch die
+Sinne ank&uuml;ndigen, unmittelbar durch die Sinne
+Gehorsam von ihnen verlangen.</p>
+
+<p>Aber hier sind noch zwei F&auml;lle m&ouml;glich, nemlich
+entweder Gott entwickelt durch eine &uuml;bernat&uuml;rliche
+Wirkung in der Sinnenwelt in dem
+Herzen eines oder mehrerer, die er zu seinen
+Mittelspersonen an die Menschheit ausersehen
+hat, auf dem Wege des Nachdenkens das moralische
+Gef&uuml;hl, und bauet auf eben dem Wege
+auf dasselbe das Princip aller Religion, mit dem
+Befehle, an den &uuml;brigen Menschen eben das zu
+thun, was er an ihnen gethan hat: oder er k&uuml;ndigt
+geradezu dieses Princip an, und gr&uuml;ndet es auf
+seine Autorit&auml;t, als Herr. Im erstem Falle w&auml;ren
+wir nicht einmal gen&ouml;thigt, Gott als unmittelbare
+Ursache dieser &uuml;bernat&uuml;rlichen Wirkung
+anzunehmen, sondern, ob wir gleich ein allgemeines
+sittliches Verderben der Menschheit angenommen
+haben, so k&ouml;nnte doch recht f&uuml;glich
+eins der m&ouml;glichen h&ouml;hern moralischen Wesen
+Ursache einer solchen Wirkung seyn. Finden
+wir aber anderweitige Gr&uuml;nde, den Grund einer
+solchen Wirkung unmittelbar in Gott zu setzen,
+so werden wir diese Gr&uuml;nde dadurch gar nicht
+entkr&auml;ften, wenn wir sagen, es sey Gott unanst&auml;ndig,
+den P&auml;dagogen zu machen; denn nach
+unsrer Erkenntni&szlig; von Gott ist nichts ihm <a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>unanst&auml;ndig,
+als was gegen das Moralgesetz ist.
+In diesem Falle h&auml;tten wir denn auch, ununtersucht,
+welches moralische Wesen die veranlassende
+Ursache dieser Entwickelung sey, keine
+Offenbarung, sondern eine auf einem &uuml;bernat&uuml;rlichen
+Wege an uns gebrachte Naturreligion.
+Wenn dieses Mittel nur m&ouml;glich und zur Erreichung
+des Zwecks hinl&auml;nglich war, so war keine
+Offenbarung, d.&nbsp;i. keine <i>unmittelbar</i> auf Gottes
+Autorit&auml;t gegr&uuml;ndete Ank&uuml;ndigung desselben, als
+Gesetzgebers, n&ouml;thig. La&szlig;t uns einen Augenblick
+annehmen, Gott wolle sich desselben bedienen.
+Er wird ohne Zweifel in den Seelen
+derer, auf die er wirkt, die erwartete vern&uuml;nftige
+&Uuml;berzeugung hervorbringen. Diese werden seinem
+Befehle, und ihrem eignen Gef&uuml;hl der Verbindlichkeit,
+Moralit&auml;t weiter zu verbreiten, gem&auml;&szlig;,
+sich an die &uuml;brige Menschheit wenden,
+und eben diese &Uuml;berzeugung auf eben dem Wege
+in ihnen aufzubauen suchen, auf welchem sie in
+ihnen selbst aufgebaut wurde. Es liegt weder in
+der menschlichen Natur &uuml;berhaupt, noch in der
+empirischen Beschaffenheit der angenommenen
+Menschen insbesondre ein Grund, warum es diesen
+Abgeordneten unm&ouml;glich seyn sollte, ihren Zweck
+zu erreichen, wenn sie nur Geh&ouml;r finden, wenn
+sie sich nur Aufmerksamkeit verschaffen k&ouml;nnen.
+Aber wie wollen sie sich diese verschaffen bei
+Menschen, die schon im Voraus gegen das Re<a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>sultat
+ihrer Vorstellungen eingenommen seyn
+m&uuml;ssen? Was wollen sie diesen das Nachdenken
+scheuenden Menschen geben, damit sie die
+M&uuml;he desselben auf sich nehmen, um die Wahrheit
+einer Religion erkennen zu m&uuml;ssen, welche
+ihre Neigungen einschr&auml;nken und sie unter ein
+Gesetz bringen will? Es bleibt also nur der
+letzte Fall &uuml;brig: sie m&uuml;ssen ihre Lehren unter
+g&ouml;ttlicher Autorit&auml;t, und als seine Gesandten an
+die Menschheit, ank&uuml;ndigen.</p>
+
+<p>Auch dies scheint wieder auf zweierlei Art
+m&ouml;glich zu seyn, da&szlig; nemlich Gott entweder
+auch dieser seiner Gesandten Glauben schlechthin
+auf Autorit&auml;t gr&uuml;nde, oder da&szlig; er nur wolle,
+und es von ihrer eignen Einsicht erwarte, da&szlig;
+sie dasjenige, was auf dem blo&szlig;en Wege des
+Nachdenkens durch irgend ein Mittel aus ihrem
+Herzen entwickelt worden, den &uuml;brigen Menschen
+unter g&ouml;ttlicher Autorit&auml;t ank&uuml;ndigen, insofern
+sie einsehen, da&szlig; kein anderes Mittel &uuml;brig ist,
+Religion an sie zu bringen. Das letztere aber
+ist unm&ouml;glich; denn dann h&auml;tte Gott gewollt,
+da&szlig; diese seine Abgeordneten,&nbsp;&mdash;&nbsp;zwar in der
+wohlth&auml;tigsten Absicht,&nbsp;&mdash;&nbsp;aber doch, da&szlig; sie
+l&uuml;gen und betr&uuml;gen sollten: L&uuml;gen und Betrug
+aber bleibt immer, in welcher Absicht er auch
+geschehe, unrecht, weil das nie Princip einer
+allgemeinen Gesetzgebung werden kann; und
+Gott kann nie etwas unrechtes wollen.</p>
+
+<p>Man<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a> k&ouml;nnte endlich sich drittens noch als
+m&ouml;glich denken, Gott habe gewollt, da&szlig; sich
+diese angeblichen Inspirirten t&auml;uschen, und eine
+auf Autorit&auml;t gegr&uuml;ndete Ank&uuml;ndigung der g&ouml;ttlichen
+Moralgesetzgebung, die ganz nat&uuml;rlich,
+z.&nbsp;B. durch die vom Wunsche darnach aufgeregte
+Phantasie in ihnen entstanden w&auml;re, einer &uuml;bernat&uuml;rlichen
+Ursache zuschreiben sollten. Da
+jede kategorische Antwort auf diese Frage, die
+bejahende sowohl, als die verneinende, sich lediglich
+auf theoretische Principien gr&uuml;nden k&ouml;nnte,
+weil von Erkl&auml;rung einer Naturerscheinung
+nach derselben Gesetzen die Rede ist; alle Naturphilosophie
+aber nicht so weit reicht, um zu
+beweisen, da&szlig; etwas in der Sinnenwelt <i>nur</i>
+durch Gesetze der Natur, oder, da&szlig; es durch
+sie <i>nicht</i> m&ouml;glich sey; so kann diese Behauptung,
+auf Er&ouml;rterung einer Offenbarung <i>in concreto</i>
+angewandt, nie, weder bewiesen, noch widerlegt
+werden; sie geh&ouml;rt aber auch nicht in die Untersuchung
+vom m&ouml;glichen Urspr&uuml;nge einer geoffenbarten
+Religion, als welche blos aus praktischen
+Principien angestellt wird. Allerdings
+k&ouml;nnte eine gewisse Wirkung, als Naturerscheinung
+betrachtet, aus uns entdeckbaren Naturgesetzen
+entstanden seyn, und dennoch k&ouml;nnte
+es zugleich dem Begriffe eines vern&uuml;nftigen Wesens
+sehr gem&auml;&szlig; seyn, da&szlig; wir sie, wenigstens
+bis zur Erreichung ihrer moralischen Absicht,<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>
+einer &uuml;bernat&uuml;rlichen Ursache zuschrieben; und
+jener disjunktive Satz: Gewisse angebliche Inspirirten
+waren entweder wirklich inspirirt, oder
+sie waren Betr&uuml;ger, oder sie waren Schw&auml;rmer&nbsp;&mdash;&nbsp;richtiger,
+und gelinder ausgedr&uuml;ckt, sie waren
+unvollkommne Naturforscher&nbsp;&mdash;&nbsp;reicht bei weitem
+nicht hin, durch ihn die kategorischen Behauptungen,
+auf welche er ausgeht, zu begr&uuml;nden.
+Denn erstens heben die Begriffe, die als
+Glieder der Eintheilung neben einander gestellt
+sind, sich nicht wechselseitig auf. Die M&ouml;glichkeit,
+den letztern anzunehmen, mu&szlig; aus Naturbegriffen
+widerlegt, oder bewiesen werden; die
+M&ouml;glichkeit der beiden erstem aber kann nur
+aus praktischen Principien dargethan werden:
+beide Principien aber treffen, sich nicht, und aus
+dem einen kann sehr wohl bejaht werden, was
+das andre verneint. Der letzte Fall also, und
+einer von den beiden erstern, sind zugleich m&ouml;glich,
+nur die beiden erstern widersprechen sich.
+Zweitens ist die Unm&ouml;glichkeit des letztern nie
+in einem gegebnen Falle darzuthun. Aber dies
+alles wird erst in der Folge, wo wir von der
+physischen M&ouml;glichkeit der erwarteten &uuml;bernat&uuml;rlichen
+Wirkung in der Sinnenwelt reden werden,
+seine v&ouml;llige Deutlichkeit erhalten.</p>
+
+<p>Da also die M&ouml;glichkeit des letztern Falles,
+die wir freilich nicht wegr&auml;umen k&ouml;nnen, uns
+nicht irre machen darf, so k&ouml;nnen wir nun aus<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>
+allem bis jetzt bewiesenen sicher folgende Resultate
+ziehen: Die Menschheit kann so tief in moralischen
+Verfall gerathen, da&szlig; sie nicht anders
+zur Sittlichkeit zur&uuml;ckzubringen ist, als durch
+die Religion, und zur Religion nicht anders, als
+durch die Sinne: eine Religion, die auf solche
+Menschen wirken soll, kann sich auf nichts anders
+gr&uuml;nden, als unmittelbar auf g&ouml;ttliche Autorit&auml;t:
+da Gott nicht wollen kann, da&szlig; irgend
+ein moralisches Wesen eine solche Autorit&auml;t erdichte,
+so mu&szlig; er selbst es seyn, der sie einer
+solchen Religion beilegt.</p>
+
+<p>Aber wozu soll nun diese Autorit&auml;t? und
+worauf kann Gott, wenn er es mit Menschen,
+die in diesem Grade sinnlich sind, zu thun hat,
+sie gr&uuml;nden? Offenbar nicht auf eine Erhabenheit,
+f&uuml;r welche sie keinen Sinn und keine Ehrfurcht
+haben, auf seine Heiligkeit, als welches
+das moralische Gef&uuml;hl in ihnen schon voraussetzen
+w&uuml;rde, das erst durch die Religion entwickelt
+werden soll; sondern auf diejenige, f&uuml;r
+deren Bewunderung sie aus Naturgr&uuml;nden empf&auml;nglich
+sind, auf seine Gr&ouml;&szlig;e, und Macht als
+Herr der Natur und als ihr Herr. Nun aber
+ist es Heteronomie, und bewirkt keine Moralit&auml;t,
+sondern erzwingt h&ouml;chstens Legalit&auml;t, wenn wir
+nur darum uns dem Inhalte des Moralgesetzes
+gem&auml;&szlig; betragen, weil ein &uuml;berm&auml;chtiges Wesen
+es will; und eine auf diese Autorit&auml;t gegr&uuml;n<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>dete
+Religion widerspr&auml;che folglich sich selbst.
+Aber diese Autorit&auml;t soll denn auch nicht Gehorsam,
+sie soll nur Aufmerksamkeit auf die
+weiter vorzulegenden Motiven des Gehorsams
+begr&uuml;nden. Aufmerksamkeit aber, als eine empirische
+Bestimmung unsrer Seele, ist durch nat&uuml;rliche
+Mittel zu erregen. Es w&uuml;rde zwar offenbar
+widersprechend seyn, auch nur diese
+durch Furcht vor angedrohten Strafen dieses
+m&auml;chtigen Wesens, oder wol gar durch physische
+Mittel erzwingen, oder durch verhei&szlig;ne Belohnungen
+erschleichen zu wollen; widersprechend,
+weil Furcht und Hoffnung die Aufmerksamkeit
+mehr zerstreuen, als erregen, und h&ouml;chstens nur
+ein mechanisches Nachsagen, aber keine auf vern&uuml;nftige
+&Uuml;berlegung gegr&uuml;ndete &Uuml;berzeugung,
+welche allein der Grund aller Moralit&auml;t seyn
+mu&szlig;, hervorbringen k&ouml;nnen; widersprechend,
+weil dies gleich anfangs das Princip aller Religion
+verf&auml;lschen, und Gott als ein Wesen darstellen
+w&uuml;rde, dem man sich noch durch etwas anderes,
+als durch moralische Gesinnungen,&nbsp;&mdash;&nbsp;hier durch
+unwilliges Anh&ouml;ren von Dingen, an denen man
+kein Interesse hat, und durch &auml;ngstliches Nachplaudern
+derselben&nbsp;&mdash;&nbsp;gef&auml;llig machen k&ouml;nnte.
+Aber die Vorstellung einer noch so gro&szlig;en
+Macht errege auch, so lange wir uns nicht im
+Widerstreite gegen sie denken, nicht Furcht,
+sondern Bewunderung, und Verehrung, die zwar<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>
+nur auf pathologischen, und nicht moralischen,
+Gr&uuml;nden beruht, die aber unsre Aufmerksamkeit
+auf alles, was von dem m&auml;chtigen Wesen herkommt,
+kr&auml;ftig hinzieht. So lange sich nun Gott
+noch nicht als moralischen Gesetzgeber, sondern
+blos als redende Person ank&uuml;ndigt, so denken
+wir uns noch nicht im Widerstreite gegen ihn;
+und wenn er sich als solchen ank&uuml;ndigt, so k&uuml;ndigt
+er uns zugleich seine Heiligkeit an, welche
+uns alle m&ouml;gliche Furcht vor seiner Macht benimmt,
+indem sie uns zusichert, da&szlig; er nie einen
+willk&uuml;hrlichen Gebrauch von derselben gegen
+uns machen, sondern da&szlig; ihre Wirkungen auf
+uns g&auml;nzlich von uns selbst abh&auml;ngen werden.
+Die Anforderung Gottes also an uns in einer
+m&ouml;glichen Offenbarung, ihn <i>anzuh&ouml;ren</i>, gr&uuml;ndet
+sich auf seine Allmacht, und unendliche Gr&ouml;&szlig;e,
+und kann sich auf nichts anders gr&uuml;nden, indem
+Wesen, die einer Offenbarung bed&uuml;rfen, vor's
+erste keiner andern Vorstellung von ihm f&auml;hig
+sind. Seine Anforderung aber ihm zu <i>gehorchen</i>,
+kann sich auf nichts anderes, als auf seine Heiligkeit
+gr&uuml;nden, weil sonst der Zweck aller Offenbarung,
+reine Moralit&auml;t zu bef&ouml;rdern, nicht
+erreicht w&uuml;rde; aber der Begriff der Heiligkeit
+sowohl, als die Verehrung gegen sie, mu&szlig; schon
+vorher durch die Offenbarung entwickelt worden
+seyn.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wir haben einen erhabnen Ausspruch,
+der dies erl&auml;utert: Ihr sollt heilig seyn, denn<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>
+ich bin heilig, spricht der Herr. Der Herr redet,
+als Herr, und fordert dadurch alles zur Aufmerksamkeit
+auf. Aber die Forderung der Heiligkeit
+gr&uuml;ndet er nicht auf diese seine Herrschaft,
+sondern auf seine eigne Heiligkeit.</p>
+
+<p>Aber, wie sollen denn diese Menschen, ehe ihr
+sittliches Gef&uuml;hl noch geweckt ist, beurtheilen,
+ob es Gott seyn k&ouml;nne, welcher redet? wird
+noch gefragt; und hier kommen wir dann auf
+die Beantwortung eines Einwurfs, der schon seit
+langem vor der Seele jedes Lesers geschwebt
+haben mu&szlig;. Wir haben im vorigen &sect;. bewiesen,
+da&szlig; der Begriff der Offenbarung vern&uuml;nftiger
+Weise nur <i>a priori</i> m&ouml;glich sey, und <i>a posteriori</i>
+gar nicht rechtm&auml;&szlig;ig entstehen k&ouml;nne; und in
+diesem haben wir gezeigt, da&szlig; es einen Zustand
+geben k&ouml;nne, ja da&szlig; die ganze Menschheit in
+diesen Zustand verfallen k&ouml;nne, in welchem es
+ihr unm&ouml;glich ist, <i>a priori</i> auf den Begriff der
+Religion, und also auch der Offenbarung zu
+kommen. Dies sey ein f&ouml;rmlicher Widerspruch,
+kann man sagen: oder man kann uns das Dilemma
+vorlegen: Entweder f&uuml;hlten die Menschen
+schon das sittliche Bed&uuml;rfni&szlig;, das sie treiben
+konnte, eine Religion zu suchen, und h&auml;tten
+schon alle Moralbegriffe, die sie von den Wahrheiten
+derselben vern&uuml;nftig &uuml;berzeugen konnten;
+so bedurften sie keiner Offenbarung, sondern
+hatten schon <i>a priori</i> Religion: oder sie f&uuml;hlten<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>
+weder jenes Bed&uuml;rfni&szlig;, noch hatten sie jene Begriffe;
+so konnten sie sich nie aus moralischen
+Gr&uuml;nden von der G&ouml;ttlichkeit einer Religion
+&uuml;berzeugen; aus theoretischen konnten sie es
+auch nicht; sie konnten es also &uuml;berhaupt nicht,
+und eine Offenbarung ist folglich unm&ouml;glich.
+Aber es folgt nicht, da&szlig; Menschen, die sich des
+Moralgebots in ihnen wenig bewu&szlig;t waren, und
+durch dasselbe nicht zur Aufsuchung einer Religion
+getrieben werden konnten, also der Offenbarung
+bedurften, nicht nachher eben durch
+H&uuml;lfe dieser Offenbarung jenes Gef&uuml;hl in sich
+entwickeln, und so geschickt werden konnten,
+eine Offenbarung zu pr&uuml;fen, und so vern&uuml;nftig
+zu untersuchen, ob sie g&ouml;ttlichen Ursprungs
+seyn k&ouml;nne, oder nicht. Es k&uuml;ndigte sich ihnen
+eine Lehre als g&ouml;ttlich an, und erregte dadurch
+wenigstens ihre Aufmerksamkeit. Entweder nahmen
+sie nun dieselbe sogleich f&uuml;r g&ouml;ttlich an;
+und da sie dies weder aus theoretischen Principien
+folgern, noch nach moralischen untersuchen
+konnten, weil noch bis jetzt ihr Moralgef&uuml;hl unentwickelt
+war, nahmen sie etwas ganz ohne
+Grund an, und es war ein Gl&uuml;ck f&uuml;r sie, wenn
+ihnen der Zufall n&uuml;tzlich wurde: oder sie verwarfen
+sie sogleich; so verwarfen sie wieder etwas
+ganz ohne Grund: oder endlich sie lie&szlig;en
+die Sache unentschieden, bis sie vern&uuml;nftige
+Gr&uuml;nde eines Unheils finden w&uuml;rden, und in<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>
+diesem einzigen Falle handelten sie vern&uuml;nftig.
+<i>Da&szlig;</i> Gott rede, oder <i>da&szlig;</i> er <i>nicht</i> rede (als kategorische,
+aus theoretischen Gr&uuml;nden m&ouml;gliche,
+Behauptung), konnten sie nie beweisen; ob er
+geredet haben <i>k&ouml;nne</i>, konnte nur aus dem Inhalte
+dessen erhellen, was in seinem Namen gesagt
+ward; sie mu&szlig;ten es also vor's, erste anh&ouml;ren.
+Wenn nun durch dieses Anh&ouml;ren ihr moralisches
+Gef&uuml;hl entwickelt wurde, so wurde zugleich
+der Begriff einer Religion, und des m&ouml;glichen
+Inhalts derselben, sie komme nun durch
+Offenbarung, oder ohne sie an uns, entwickelt;
+und nun konnten, und mu&szlig;ten sie, um zu einem
+vern&uuml;nftigen F&uuml;rwahrhalten zu gelangen, die ihren
+als g&ouml;ttlich angek&uuml;ndigte Offenbarung mit
+ihrem nun entwickelten Begriffe einer Offenbarung
+<i>a priori</i> vergleichen, und nach der &Uuml;bereinstimmung
+oder Nicht&uuml;bereinstimmung mit
+demselben ein Urtheil &uuml;ber sie f&auml;llen: und das
+l&ouml;s't dann den vermeinten Widerspruch v&ouml;llig
+auf. Ein vern&uuml;nftiges Aufnehmen einer gegebnen
+Offenbarung, als g&ouml;ttlich, ist nur aus Gr&uuml;nden
+<i>a priori</i> m&ouml;glich, aber <i>a posteriori</i> k&ouml;nnen,
+und m&uuml;ssen in gewissen F&auml;llen, Gelegenheitsursachen
+gegeben werden, um diese Gr&uuml;nde zu
+entwickeln.</p>
+
+<p>Alle diese Untersuchungen nun haben den eigentlichen
+Fragepunkt mehr vorbereitet, als bestimmt
+und entwickelt. Da nemlich nach allem<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>
+bisher gesagten kein vern&uuml;nftiges Aufnehmen
+einer Offenbarung als g&ouml;ttlich, eher als nach
+v&ouml;lliger Entwickelung des Moralgef&uuml;hls in uns,
+statt findet; da ferner nur auf dieses Gef&uuml;hl,
+und den dadurch in uns begr&uuml;ndeten Willen der
+Vernunft zu gehorchen, jeder Entschlu&szlig; einem
+Gesetze Gottes zu gehorchen sich gr&uuml;nden kann:
+(&sect;.&nbsp;3.) so scheint die g&ouml;ttliche Autorit&auml;t, worauf
+eine gegebne Offenbarung sich gr&uuml;nden k&ouml;nnte,
+ihren ganzen Nutzen zu verlieren, sobald es m&ouml;glich
+wird, sie anzuerkennen. So lange nemlich
+eine solche Offenbarung noch arbeitet, um den
+Menschen zur Empf&auml;nglichkeit f&uuml;r Moralit&auml;t zu
+bilden, ist es demselben v&ouml;llig problematisch,
+ob sie g&ouml;ttlichen Ursprungs auch nur seyn k&ouml;nne,
+weil dies sich nur aus einer Beurtheilung derselben
+nach Moralprincipien ergeben, kann; sobald
+aber nach geschehener Entwickelung des Moralgef&uuml;hls
+in ihm, eine solche Beurtheilung m&ouml;glich
+ist, so scheint dies Moralgef&uuml;hl allein hinl&auml;nglich
+seyn zu k&ouml;nnen, um ihn zum Gehorsam gegen
+das Moralgesetz, blos als solches, zu bestimmen.
+Und obgleich, wie ebenfalls oben (&sect;.&nbsp;3.) gezeigt
+worden, auch bei dem festesten Willen dem Moralgesetze,
+blos als Gesetze der Vernunft, zu gehorchen,
+einzelne F&auml;lle m&ouml;glich sind, in denen dasselbe
+einer Verst&auml;rkerung seiner Kausalit&auml;t durch
+die Vorstellung, es sey Gottes Gesetz, bedarf,
+so ist doch in dem durch eine geschehene Offen<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>barung
+zur Moralit&auml;t gebildeten Subjekte die
+Vorstellung dieser g&ouml;ttlichen Gesetzgebung sowohl
+ihrer Materie nach durch praktische Vernunftprincipien,
+als ihrer Form nach durch Anwendung
+derselben auf den Begriff einer Welt,
+v&ouml;llig m&ouml;glich, und es erscheint kein Grund,
+warum er sie sich, als durch eine &uuml;bernat&uuml;rliche
+Wirkung in der Sinnenwelt gegeben, denken
+sollte. Es mu&szlig; also ein Bed&uuml;rfni&szlig;, freilich nur
+ein empirisches, aufgezeigt werden, welchem nur
+durch die bestimmte Vorstellung einer <i>durch eine
+Wirkung in der Sinnenwelt geschehnen</i> Ank&uuml;ndigung
+Gottes als moralischen Gesetzgebers abgeholfen
+werden kann, wenn diese ganze Vorstellung
+nicht vergeblich, und der Begriff einer
+Offenbarung nicht leer seyn soll, indem ein
+Glaube an dieselbe allenfalls n&uuml;tzlich seyn k&ouml;nnte,
+so lange er nicht m&ouml;glich ist, und sobald er
+m&ouml;glich wird, seinen ganzen Nutzen verl&ouml;hre:
+denn unm&ouml;glich k&ouml;nnen wir die frommen Empfindungen
+&uuml;ber die zu unsrer Schwachheit sich
+herablassende G&uuml;te Gottes, u.&nbsp;dergl., die durch
+eine solche Vorstellung in uns entstehen m&uuml;ssen,
+als den ganzen bleibenden Nutzen einer Offenbarung
+angeben.</p>
+
+<p>Nun sind in obiger Deduktion des Offenbarungsbegriffs
+zum Behuf der realen M&ouml;glichkeit
+desselben nicht nur solche vern&uuml;nftige Wesen
+Vorausgesetzt worden, in denen das Moralgesetz<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>
+seine Kausalit&auml;t auf immer, sondern auch solche,
+bei denen es dieselbe in einzelnen F&auml;llen verlohren
+habe. Wo auch nicht der Wille ein Sittengesetz
+anzuerkennen, und ihm zu gehorchen,
+vorhanden ist, ist das Moralgesetz ganz ohne
+Kausalit&auml;t; wo hingegen zwar dieser, aber nicht
+die v&ouml;llige Freiheit da ist, verliert es seine Kausalit&auml;t
+in einzelnen F&auml;llen. Wie die Offenbarung
+die Wirksamkeit desselben im ersten Falle wieder
+herstelle, ist jetzt gezeigt worden: ob sie
+auch im zweiten einen ihr wesentlichen, nur
+durch sie m&ouml;glichen Einflu&szlig; habe, davon ist
+jetzt die Frage. Da im ersten Falle die Offenbarung
+noch gar nicht als das, f&uuml;r was sie sich
+vern&uuml;nftiger Weise anerkannt werden
+kann, so k&ouml;nnte man diese ihre Funktion&nbsp;&mdash;&nbsp;die
+der Offenbarung <i>an sich</i>, insofern sie von unsrer
+Vorstellungsart ganz unabh&auml;ngig ist, oder ihrer
+<i>Materie</i> nach (<i>functio revelationis materialiter
+spectatae</i>) nennen; hingegen das, was sie im
+zweiten Falle zu leisten h&auml;tte, die Funktion der
+Offenbarung, insofern wir sie daf&uuml;r anerkennen,
+oder ihrer <i>Form</i> nach (<i>functio revelationis formaliter
+spectatae</i>), und, da Offenbarung eigentlich
+nur dadurch es wird, da&szlig; wir sie daf&uuml;r erkennen,
+der Offenbarung <i>im eigentlichsten Sinne</i>.</p>
+
+<p>Wir haben oben bei Er&ouml;rterung der Funktion
+einer Offenbarung ihrer Materie nach ganz richtig
+angenommen, da&szlig; dieselbe sich nur auf Sub<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>jekte
+beziehe, in denen auch nicht einmal der
+Wille dem Vernunftgesetze zu gehorchen vorhanden
+sey, da&szlig; sie hingegen in dieser Funktion
+diejenigen, denen es nicht an diesem Willen,
+wol aber an v&ouml;lliger Freiheit ihn zu vollbringen,
+mangelt, nicht zu Objekten habe, sondern da&szlig;
+zu Herstellung der Freiheit in dergleichen Subjekten
+die Naturreligion hinl&auml;nglich sey. Da nun
+durch die Offenbarung vermittelst ihrer ersten
+Funktion die Willensbestimmung durchs Moralgesetz
+m&ouml;glich gemacht, mithin alle vern&uuml;nftige
+Wesen zur zweiten Stuffe der moralischen Vollkommenheit
+erhoben werden sollen, so w&uuml;rde,
+wenn Wesen auf dieser zweiten Stuffe die Naturreligion
+stets genugthuend seyn k&ouml;nnte, gar
+keine Funktion der Offenbarung ihrer Form nach,
+nemlich keine Wirksamkeit derselben zu Herstellung
+der Freiheit statt finden, und, da dies
+die Funktion der Offenbarung im eigentlichsten
+Sinne ist, kein wahres Bed&uuml;rfni&szlig; eines Glaubens
+an Offenbarung gezeigt werden k&ouml;nnen;
+f&auml;nde sie aber statt, so scheint dies dem obigen
+Satze von der Hinl&auml;nglichkeit der Naturreligion
+zur Herstellung der Freiheit zu widersprechen.
+Wir haben also vor's erste zu untersuchen, ob
+sich ein Einflu&szlig; der Vorstellung von einer geschehnen
+Offenbarung auf das Gem&uuml;th zur Herstellung
+der gehemmten Freiheit des Willens denken
+lasse, und dann, wenn sich ein solcher Ein<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>flu&szlig;
+zeigen sollte, zu untersuchen, ob und inwiefern
+beide Behauptungen beisammenstehen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Es ist eine der Eigent&uuml;mlichkeiten des empirischen
+Charakters des Menschen, da&szlig;, so
+lange eine seiner Gem&uuml;thskr&auml;fte besonders aufgeregt,
+und in lebhafter Th&auml;tigkeit ist, andere,
+und das um desto mehr, jemehr sie sich, von
+jener entfernen, unth&auml;tig, und gleichsam erschlafft
+sind: und da&szlig; diese ihre Erschlaffung
+gr&ouml;&szlig;er ist, je gr&ouml;&szlig;er, die Th&auml;tigkeit jener. So
+vergeblich man sich bem&uuml;hen w&uuml;rde, jemanden,
+der durch sinnlichen Reitz bestimmt, oder in einem
+heftigen Affekte ist, durch Vernunftgr&uuml;nde
+anders zu bestimmen; eben so sicher ist's, da&szlig;
+im Gegensatze eine Erhebung der Seele durch
+Ideen, oder eine Anstrengung derselben durch
+Nachdenken m&ouml;glich ist, bei welcher sinnliche
+Eindr&uuml;cke fast ihre ganze Kraft verlieren. Soll
+in solchen F&auml;llen auf einen Menschen gewirkt
+werden, so kann es fast nicht anders geschehen,
+als vermittelst derjenigen Kraft, die eben jetzt
+in Th&auml;tigkeit ist, indem auf die &uuml;brigen kaum
+ein Eindruck zu machen ist, oder wenn er auch
+zu machen w&auml;re, er nicht hinreichend seyn
+w&uuml;rde, den Willen des Menschen zu bestimmen.</p>
+
+<p>Einige Gem&uuml;thskr&auml;fte haben eine n&auml;here Verwandtschaft,
+und einen gr&ouml;&szlig;ern wechselseitigen
+Einflu&szlig; auf einander, als andere. Denjenigen,
+der vom Sinnenreize fortgerissen ist, wird man
+durch Vernunftgr&uuml;nde vergeblich zur&uuml;ckhalten<a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>
+wollen, aber durch Darstellung eines andern
+sinnlichen Eindrucks vermittelst der Einbildungskraft
+kann es sehr leicht, ohne Anwesenheit des
+sinnlichen Gegenstandes, also ohne unmittelbare
+Sinnenempfindung, gelingen. Alle durch empirische
+Sinnlichkeit bestimmbare Kr&auml;fte stehen in
+solcher Korrespondenz.</p>
+
+<p>Die der Pflicht widerstreitenden Bestimmungen
+werden alle durch Eindr&uuml;cke auf diese Kr&auml;fte
+bewirkt; durch Sinnenempfindung, die entweder
+unmittelbar dem Gegenstande au&szlig;er uns korrespondirt,
+oder die durch die empirische Einbildungskraft
+reproducirt wird, durch Affekten,
+durch Leidenschaften. Welches Gegengewicht
+soll nun der Mensch einer solchen Bestimmung
+entgegensetzen, wenn sie so stark ist, da&szlig; sie
+die Stimme der Vernunft g&auml;nzlich unterdr&uuml;ckt?
+Offenbar mu&szlig; dies Gegengewicht durch eine
+Kraft des Gem&uuml;ths an die Seele gebracht werden,
+welche von der einen Seite sinnlich, und
+also f&auml;hig ist einer Bestimmung der sinnlichen
+Natur des Menschen entgegenzuwirken, von der
+andern durch Freiheit bestimmbar ist, und Spontaneit&auml;t
+hat: und diese Kraft des Gem&uuml;ths ist
+die Einbildungskraft. Durch sie also mu&szlig; das
+einzig m&ouml;gliche Motiv einer Moralit&auml;t, die Vorstellung
+der Gesetzgebung des Heiligen, an die
+Seele gebracht werden. Diese Vorstellung nun
+gr&uuml;ndet in der Naturreligion sich auf Vernunftprincipien;
+ist aber diese Vernunft, wie wir vor<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>aussetzen,
+g&auml;nzlich unterdr&uuml;ckt, so erscheinen
+die Resultate derselben dunkel, ungewi&szlig;, unzuverl&auml;ssig.
+Auch die Principien dieser Vorstellung
+also sollten durch die Einbildungskraft vorstellbar
+seyn. Dergleichen Principien nun w&auml;ren Fakta
+in der Sinnenwelt, oder eine Offenbarung.&nbsp;&mdash;&nbsp;Gott
+ist, denn er hat geredet, und gehandelt,
+mu&szlig; sich der Mensch in solchen Augenblicken
+sagen k&ouml;nnen: er will, da&szlig; ich jetzt nicht so
+handle, denn er hat es ausdr&uuml;cklich, mit solchen
+Worten, unter solchen Umst&auml;nden, u.&nbsp;s.&nbsp;f., verboten;
+ich werde einst wegen der Entschlie&szlig;ung,
+die ich jetzt fassen werde, unter gewissen bestimmten
+Feierlichkeiten ihm Rechenschaft geben.&nbsp;&mdash;&nbsp;Sollen
+solche Vorstellungen aber Eindruck
+auf ihn machen, so mu&szlig; er die denselben
+zum Grunde liegenden Fakta als v&ouml;llig wahr und
+richtig annehmen k&ouml;nnen; sie m&uuml;ssen also nicht
+etwan durch seine eigne Einbildungskraft erdichtet,
+sondern ihr gegeben werden. Da&szlig; durch
+eine solche Vorstellung, der reinen Moralit&auml;t einer
+durch sie bewirkten Handlung kein Abbruch
+gethan werde, folgt unmittelbar aus unsrer Voraussetzung,
+das durch die Einbildungskraft versinnlicht
+dargestellte Motiv solle kein andres als
+die Heiligkeit des Gesetzgebers, und nur das
+Vehikulum derselben solle sinnlich seyn.</p>
+
+<p>Ob inzwischen die Reinheit des Motivs nicht
+oft durch die Sinnlichkeit des Vehikulums leide,<a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>
+und ob nicht oft Furcht der Strafe, oder Hoffnung
+der Belohnung, auf einen durch die Vorstellung
+der Offenbarung bewirkten Gehorsam
+weit mehr Einflu&szlig; habe, als reine Achtung f&uuml;r
+die Heiligkeit des Gesetzgebers, hat eine allgemeine
+Kritik des Offenbarungsbegriffs eigentlich
+nicht zu untersuchen; sondern nur zu erweisen,
+da&szlig; dies <i>in abstracto</i> nicht nothwendig sey, und
+<i>in concreto</i> schlechterdings nicht geschehen d&uuml;rfe,
+wenn die Religiosit&auml;t &auml;cht und nicht blos feinere
+Selbstsucht seyn solle. Da dies inzwischen nur
+zu leicht geschehen kann; da sich ferner im Allgemeinen
+nicht zeigen l&auml;&szlig;t, wenn, in wie weit,
+und warum &uuml;berhaupt eine solche Verst&auml;rkung
+des Moralgesetzes durch Vorstellung einer Offenbarung
+n&ouml;thig sey; da endlich es schlechterdings
+nicht zu leugnen ist, da&szlig; nicht ein allgemeiner
+unbezweifelt auf das Moralgesetz gegr&uuml;ndeter
+Trieb in uns sey, ein vern&uuml;nftiges Wesen mehr
+zu ehren, je weniger Verst&auml;rkung die Idee des
+schlechthin Rechten in seinem Gem&uuml;the bedarf,
+um ihn zu bewegen, es hervorzubringen; so l&auml;&szlig;t
+sich auch nicht leugnen, da&szlig; es weit ehrenvoller
+f&uuml;r die Menschheit seyn w&uuml;rde, wenn die Naturreligion
+stets hinl&auml;nglich w&auml;re, sie in jedem
+Falle zum Gehorsam gegen das Moralgesetz zu
+bestimmen: und in diesem Sinne k&ouml;nnen denn
+beide S&auml;tze wohl beisammenstehen, nemlich, da&szlig;
+sich <i>a priori</i> (vor der wirklich gemachten Erfahr<a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>ung)
+nicht einsehen lasse, warum die Vorstellung
+einer Offenbarung n&ouml;thig seyn sollte, um
+die gehemmte Freiheit herzustellen; da&szlig; aber
+die fast allgemeine Erfahrung in uns und andern
+uns fast t&auml;glich belehre, da&szlig; wir allerdings
+schwach genug sind, einer dergleichen Vorstellung
+zu bed&uuml;rfen.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="Section_9" id="Section_9"></a>&sect;.&nbsp;9.</h3>
+
+<h3><i>Von der physischen M&ouml;glichkeit einer Offenbarung.</i></h3>
+
+<p>Der Begriff der Offenbarung <i>a priori</i>, wie
+er durch Aufzeigung eines Bed&uuml;rfnisses der empirischen
+Sinnlichkeit <i>a posteriori</i> berechtigt ist,
+erwartet eine &uuml;bernat&uuml;rliche Wirkung in der
+Sinnenwelt. Ist diese auch &uuml;berhaupt m&ouml;glich?
+ist es &uuml;berhaupt gedenkbar, da&szlig; etwas <i>au&szlig;er</i>
+der Natur eine Kausalit&auml;t <i>in</i> der Natur habe?
+k&ouml;nnte man dabei noch fragen: und wir beantworten
+diese Frage, um theils in die noch immer
+dunkle Lehre von der M&ouml;glichkeit des Beisammenstehens
+der Nothwendigkeit nach Natur-,
+und der Freiheit nach Moralgesetzen, wenigstens
+f&uuml;r unsre gegenw&auml;rtige Absicht, wo m&ouml;glich,
+etwas mehr Licht zu bringen, theils um aus ihrer
+Er&ouml;rterung eine f&uuml;r die Berichtigung des Begriffs
+der Offenbarung nicht unwichtige Folge
+herzuleiten.</p>
+
+<p>Da&szlig; es &uuml;berhaupt m&ouml;glich seyn m&uuml;sse, ist
+erstes Postulat, das die praktische Vernunft<a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>
+<i>a priori</i> macht, indem sie das &Uuml;bernat&uuml;rliche
+in uns, unser oberes Begehrungsverm&ouml;gen, bestimmt,
+Ursache au&szlig;er sich in der Sinnenwelt,
+entweder der in uns, oder der au&szlig;er uns zu
+werden, welches hier Eins ist.</p>
+
+<p>Es ist aber vor's erste zu erinnern, da&szlig; es
+ganz zweierlei ist, ob wir sagen: der Wille, als
+oberes Begehrungsverm&ouml;gen, ist frei; denn wenn
+das letztere hei&szlig;t, wie es denn das hei&szlig;t, er
+steht nicht unter Naturgesetzen, so ist dies sogleich
+einleuchtend, weil er, als oberes Verm&ouml;gen,
+gar kein Theil der Natur, sondern etwas
+&uuml;bersinnliches ist:&nbsp;&mdash;&nbsp;oder ob wir sagen: eine
+solche Bestimmung des Willens wird Kausalit&auml;t
+in der Sinnenwelt; wo wir allerdings fordern,
+da&szlig; etwas, das unter Naturgesetzen steht, durch
+etwas, das kein Theil der Natur ist, bestimmt
+werden soll, welches sich zu widersprechen und
+den Begriff von der Naturnothwendigkeit aufzuheben
+scheint, der doch den Begriff einer
+Natur &uuml;berhaupt erst m&ouml;glich macht.</p>
+
+<p>Hierauf ist vor's erste &uuml;berhaupt zu erinnern,
+da&szlig;, so lange die Rede von blo&szlig;er Naturerkl&auml;rung
+ist, es uns schlechterdings nicht erlaubt ist,
+eine Kausalit&auml;t durch Freiheit anzunehmen, weil
+die ganze Naturphilosophie von einer solchen
+Kausalit&auml;t nichts wei&szlig;; und hinwiederum, so
+lange die Rede von blo&szlig;er Bestimmung des
+obern Begehrungsverm&ouml;gens ist, es gar nicht n&ouml;<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>thig
+ist, auf die Existenz einer Natur &uuml;berhaupt
+R&uuml;cksicht zu nehmen. Beide Kausalit&auml;ten, die
+des Natur- und die des Moralgesetzes, sind sowohl
+der Art ihrer Kausalit&auml;t, als ihrer Objekte
+nach, unendlich verschieden. Das Naturgesetz
+gebietet mit absoluter Nothwendigkeit, das Moralgesetz
+befiehlt der Freiheit; das erstere beherrscht
+die Natur, das zweite die Geisterwelt.
+<i>Mu&szlig;</i>, das Losungswort des ersten, und <i>Soll</i>,
+das Losungswort des zweiten, reden von ganz
+verschiednen Dingen, und k&ouml;nnen sich, auch einander
+entgegengesetzt, nicht widersprechen, denn
+sie begegnen sich nicht.</p>
+
+<p>Ihre Wirkungen in der Sinnenwelt aber begegnen
+sich, und d&uuml;rfen sich auch nicht widersprechen,
+wenn nicht entweder Naturerkenntni&szlig;
+von der einen, oder die durch die praktische
+Vernunft geforderte Kausalit&auml;t der Freiheit in
+der Sinnenwelt von der andern Seite unm&ouml;glich
+seyn soll. Die M&ouml;glichkeit dieser &Uuml;bereinkunft
+zweier von einander selbst g&auml;nzlich unabh&auml;ngiger
+Gesetzgebungen l&auml;&szlig;t sich nun nicht anders denken,
+als durch ihre gemeinschaftliche Abh&auml;ngigkeit
+von einer obern Gesetzgebung, welche beiden
+zum Grunde liegt, die f&uuml;r uns aber g&auml;nzlich
+unzug&auml;nglich ist. K&ouml;nnten wir das Princip derselben
+einer Weltanschauung zum Grunde legen,
+so w&uuml;rde nach ihm, eine, und eben dieselbe Wirkung,
+die uns auf die Sinnenwelt bezogen nach<a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>
+dem Moralgesetze als <i>frei</i>, und auf Kausalit&auml;t
+der Vernunft zur&uuml;ckgef&uuml;hrt, in der Natur als
+<i>zuf&auml;llig</i> erscheint, als v&ouml;llig nothwendig erkannt
+werden. Da wir aber dies nicht k&ouml;nnen, so
+folgt daraus offenbar, da&szlig; wir, sobald wir auf
+eine Kausalit&auml;t durch Freiheit R&uuml;cksicht nehmen,
+nicht alle Erscheinungen in der Sinnenwelt nach
+blo&szlig;en Naturgesetzen als nothwendig, sondern
+viele nur als zuf&auml;llig annehmen m&uuml;ssen; und
+da&szlig; wir sonach nicht alle <i>aus</i> den Gesetzen der
+Natur, sondern manche blos <i>nach</i> Naturgesetzen
+erkl&auml;ren d&uuml;rfen. <i>Etwas blos nach Naturgesetzen
+erkl&auml;ren</i> aber hei&szlig;t: die Kausalit&auml;t der Materie
+der Wirkung au&szlig;er der Natur; die Kausalit&auml;t
+der Form der Wirkung aber in der Natur annehmen.
+<i>Nach</i> den Gesetzen der Natur m&uuml;ssen
+sich alle Erscheinungen in der Sinnenwelt erkl&auml;ren
+lassen, denn sonst k&ouml;nnten sie nie ein Gegenstand
+der Erkenntni&szlig; werden.</p>
+
+<p>La&szlig;t uns jetzt diese Grunds&auml;tze auf jene
+erwartete &uuml;bernat&uuml;rliche Einwirkung Gottes in
+die Sinnenwelt anwenden. Gott ist, laut der
+Vernunftpostulate, als dasjenige Wesen zu denken,
+welches die Natur dem Moralgesetze gem&auml;&szlig;
+bestimmt. In ihm also ist die Vereinigung beider
+Gesetzgebungen, und seiner Weltanschauung
+liegt jenes Princip, von welchem sie beide gemeinschaftlich
+abh&auml;ngen, zum Grunde. Ihm ist
+also nichts nat&uuml;rlich, und nichts &uuml;bernat&uuml;rlich,<a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>
+nichts nothwendig, und nichts zuf&auml;llig, nichts
+m&ouml;glich, und nichts wirklich. Soviel k&ouml;nnen wir
+negativ, durch die Gesetze <i>unsers</i> Denkens gen&ouml;thigt,
+sicher behaupten; wenn wir aber positiv
+die Modalit&auml;t seines Verstandes bestimmen wollten,
+so w&uuml;rden wir transscendent. Es kann also
+die Frage gar nicht davon seyn, wie <i>Gott</i> eine
+&uuml;bernat&uuml;rliche Wirkung in der Sinnenwelt sich
+als m&ouml;glich denken, und wie er sie wirklich
+machen k&ouml;nne; sondern wie <i>wir</i> uns eine Erscheinung
+als durch eine &uuml;bernat&uuml;rliche Kausalit&auml;t
+Gottes gewirkt denken k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>Wir sind durch unsre Vernunft gen&ouml;thigt,
+das ganze System der Erscheinungen, die ganze
+Sinnenwelt zuletzt von einer Kausalit&auml;t durch
+Freiheit nach Vernunftgesetzen, und zwar von
+der Kausalit&auml;t Gottes abzuleiten. Die ganze
+Welt ist f&uuml;r uns &uuml;bernat&uuml;rliche Wirkung Gottes.
+Es lie&szlig;e sich also wol denken, da&szlig; Gott die
+erste nat&uuml;rliche Ursache einer gewissen Erscheinung,
+die einer seiner moralischen Absichten gem&auml;&szlig;
+war, gleich Anfangs (denn wir d&uuml;rfen hier
+ganz menschlich reden, da wir hier nicht objektive
+Wahrheiten, sondern subjektive Denkm&ouml;glichkeiten
+aufstellen) in den Plan des Ganzen
+verflochten habe. Die Einwendung, die man
+dagegen gemacht hat: das hei&szlig;e durch einen
+Umweg thun, was man geradezu thun k&ouml;nne;
+gr&uuml;ndet sich auf eine grobe Anthropomorphose,<a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>
+als ob Gott unter Zeitbedingungen stehe. In
+diesem Falle w&uuml;rde die Erscheinung ganz und
+vollkommen aus den Gesetzen der Natur, bis
+zum &uuml;bernat&uuml;rlichen Urspr&uuml;nge der ganzen Natur
+selbst, erkl&auml;rt werden k&ouml;nnen, wenn wir dieselbe
+im Zusammenhange &Uuml;bersehen k&ouml;nnten;
+und dennoch w&auml;re sie auch zugleich, als durch
+die Kausalit&auml;t eines g&ouml;ttlichen Begriffs vom moralischen
+dadurch zu erreichenden Zwecke bewirkt,
+anzusehen.</p>
+
+<p>Oder wir k&ouml;nnten f&uuml;r's zweite annehmen,
+Gott habe wirklich in die schon angefangne, und
+nach Naturgesetzen fortlaufende Reihe der Ursachen
+und Wirkungen einen Eingriff gethan,
+und durch unmittelbare Kausalit&auml;t seines moralischen
+Begriffs eine andre Wirkung hervorgebracht,
+als durch die blo&szlig;e Kausalit&auml;t der Naturwesen
+nach Naturgesetzen w&uuml;rde erfolgt seyn;
+so haben wir hierdurch wieder nicht bestimmt,
+bei <i>welchem</i> Gliede der Kette er eingreifen
+sollte, ob eben bei dem der beabsichtigten Wirkung
+unmittelbar vorhergehenden, oder ob er es
+nicht auch bei einem der Zeit und den Zwischenwirkungen
+nach vielleicht sehr weit von ihr entfernten
+thun konnte. Nehmen wir den zweiten
+Fall an, so werden wir, wenn wir die Naturgesetze
+durchaus kennen, die Erscheinung, von
+der die Rede ist, nach Naturgesetzen richtig aus
+der vorhergehenden, und diese wieder aus der<a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>
+vorhergehenden, und so vielleicht ins Unendliche
+fort, erkl&auml;ren k&ouml;nnen, bis wir endlich freilich
+auf eine Wirkung sto&szlig;en, die wir nicht mehr
+aus, sondern blos nach Naturgesetzen erkl&auml;ren
+k&ouml;nnen. Gesetzt aber, wir k&ouml;nnten oder wollten
+dieser Reihe der nat&uuml;rlichen Ursachen nur bis
+auf einen gewissen Punkt nachsp&uuml;ren; so w&auml;re
+es sehr m&ouml;glich, da&szlig; innerhalb dieser uns gesetzten
+Grenzen jene nicht mehr nat&uuml;rlich zu erkl&auml;rende
+Wirkung nicht fiele: aber wir w&auml;ren dadurch
+noch gar nicht berechtiget, zu schlie&szlig;en,
+da&szlig; die untersuchte Erscheinung &uuml;berhaupt nicht
+durch eine &uuml;bernat&uuml;rliche Kausalit&auml;t bewirkt
+seyn k&ouml;nnte. Nur im ersten Falle also w&uuml;rden
+wir sogleich von der Erscheinung aus auf eine
+aus Naturgesetzen nicht zu erkl&auml;rende Kausalit&auml;t
+sto&szlig;en, die es uns theoretisch m&ouml;glich machte,
+eine &uuml;bernat&uuml;rliche f&uuml;r sie anzunehmen.</p>
+
+<p>Aber will Gott nicht, da&szlig; der sinnliche
+Mensch, gegen welchen er sich durch diese Wirkung
+als Urheber der Offenbarung legitimirt, sie
+f&uuml;r &uuml;bernat&uuml;rlich anerkennen solle? Es w&uuml;rde
+nicht anst&auml;ndig seyn, zu sagen, Gott wolle, da&szlig;
+wir jenen falschen Schlu&szlig; machen sollten, auf
+welchen eine <i>theoretische Anerkennung</i> einer
+Erscheinung in der Natur, als durch eine Kausalit&auml;t
+au&szlig;er ihr bewirkt, sich nach obiger Er&ouml;rterung
+offenbar gr&uuml;ndet. Aber da sie denn auch
+nicht &Uuml;berzeugung, welches sie nicht kann, son<a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>dern
+nur Aufmerksamkeit begr&uuml;nden soll, so ist
+es f&uuml;r diese Absicht v&ouml;llig hinreichend, wenn
+wir es inde&szlig;, bis wir der moralischen &Uuml;berzeugung
+f&auml;hig sind, theoretisch nur f&uuml;r <i>m&ouml;glich</i>
+annehmen, da&szlig; sie durch &uuml;bernat&uuml;rliche Kausalit&auml;t
+bewirkt worden seyn <i>k&ouml;nne</i>, und dazu (um
+es <i>theoretisch</i> m&ouml;glich zu denken, denn um es
+moralisch <i>m&ouml;glich</i> zu finden, geh&ouml;rt laut obiger
+Er&ouml;rterung auch nicht einmal das,) geh&ouml;rt weiter
+nichts, als da&szlig; <i>wir</i> keine nat&uuml;rliche Ursachen
+dieser Erscheinung sehen. Denn es ist der Vernunft
+ganz gem&auml;&szlig; gedacht: wenn ich eine Begebenheit
+nicht aus Naturursachen erkl&auml;ren kann,
+so kommt dies entweder daher, weil ich die Naturgesetze,
+nach denen sie m&ouml;glich ist, nicht
+kenne, oder daher, weil sie nach dergleichen
+Gesetzen &uuml;berhaupt nicht m&ouml;glich ist<a name="FNanchor_19_19" id="FNanchor_19_19"></a><a href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a>.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wen
+fa&szlig;t nun hier dieses <i>Wir</i> in sich? Offenbar
+diejenigen, und nur sie, welche in dem Plane<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>
+der zu erregenden Aufmerksamkeit befa&szlig;t sind.
+Gesetzt also, man k&ouml;nnte, nachdem dieser Zweck
+erreicht, und die Menschheit zur F&auml;higkeit eines
+moralischen Glaubens an die G&ouml;ttlichkeit einer
+Offenbarung erhoben ist, durch erh&ouml;hte Einsicht
+in die Gesetze der Natur zeigen, da&szlig; gewisse
+f&uuml;r &uuml;bernat&uuml;rlich gehaltne Erscheinungen, auf
+welche diese Offenbarung sich gr&uuml;ndet, aus
+Naturgesetzen v&ouml;llig erkl&auml;rbar seyen; so w&uuml;rde
+blos hieraus, wann nur diesem Irrthume nicht
+wilk&uuml;hrlicher geflissentlicher Betrug, sondern
+blos unwillk&uuml;hrliche T&auml;uschung zum Grunde
+gelegen, gegen die m&ouml;gliche G&ouml;ttlichkeit einer
+solchen Offenbarung gar nichts gefolgert werden
+k&ouml;nnen: da eine Wirkung, besonders wenn sie
+dem Urgrunde aller Naturgesetze zugeschrieben
+wird, gar wohl v&ouml;llig nat&uuml;rlich, und doch zugleich
+&uuml;bernat&uuml;rlich, d.&nbsp;i. durch die Kausalit&auml;t seiner
+Freiheit, gem&auml;&szlig; dem Begriffe einer moralischen
+Absicht, gewirkt seyn kann.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>Das Resultat des hier gesagten ist, da&szlig;, so
+wenig es dem dogmatischen Vertheidiger des
+Offenbarungsbegriffs erlaubt werden d&uuml;rfe, aus
+der Unerkl&auml;rbarkeit einer gewissen Erscheinung
+aus Naturgesetzen auf eine &uuml;bernat&uuml;rliche Kausalit&auml;t,
+und wol gar geradezu auf die Kausalit&auml;t
+Gottes zu schlie&szlig;en; eben so wenig sey es dem
+dogmatischen Gegner desselben zu verstatten,
+aus der Erkl&auml;rbarkeit eben dieser Erscheinungen
+aus Naturgesetzen zu schlie&szlig;en, da&szlig; sie weder
+durch &uuml;bernat&uuml;rliche Kausalit&auml;t &uuml;berhaupt, noch
+insbesondre durch Kausalit&auml;t Gottes m&ouml;glich
+seyen. Die ganze Frage darf gar nicht dogmatisch,
+nach theoretischen Principien, sondern sie
+mu&szlig; moralisch, nach Principien der praktischen
+Vernunft, er&ouml;rtert werden, wie sich aus allem
+bisher gesagten zur <span title="Dies soll wahrscheinlich Gen&uuml;ge sein">Gn&uuml;ge</span><a name="FNanchor_TN11_42" id="FNanchor_TN11_42"></a><a href="#Footnote_TN11_42" class="fnanchor">[TN11]</a> ergiebt; wie dieses
+aber geschehen m&uuml;sse, wird im Verfolge dieser
+Abhandlung gezeigt werden.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="Section_10" id="Section_10"></a>&sect;.&nbsp;10.</h3>
+
+<h3><i>Kriterien der G&ouml;ttlichkeit einer Offenbarung ihrer Form nach.</i></h3>
+
+<p>Um uns von der M&ouml;glichkeit, da&szlig; eine gegebne
+Offenbarung von Gott sey, vern&uuml;nftig
+&uuml;berzeugen zu k&ouml;nnen, m&uuml;ssen wir sichere Kriterien
+dieser G&ouml;ttlichkeit haben. Da der Begriff
+einer Offenbarung <i>a priori</i> m&ouml;glich ist, so ist es
+dieser Begriff selbst, an den wir eine <i>a posteriori</i>
+gegebne Offenbarung halten m&uuml;ssen, d.&nbsp;i. von<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>
+diesem Begriffe m&uuml;ssen sich die Kriterien ihrer
+G&ouml;ttlichkeit ableiten lassen.</p>
+
+<p>Wir haben bisher den Begriff der Offenbarung,
+blos ihrer Form nach, insofern diese religi&ouml;s
+seyn muss, mit g&auml;nzlicher Abstraktion vom
+m&ouml;glichen Inhalte einer <i>in concreto</i> gegebnen
+Offenbarung, er&ouml;rtert; wir haben also vor jetzt
+nur die Kriterien der G&ouml;ttlichkeit einer Offenbarung
+in Absicht ihrer Form festzusetzen. An
+der Form einer Offenbarung aber, d.&nbsp;i. an einer
+blo&szlig;en Ank&uuml;ndigung Gottes als moralischen Gesetzgebers
+durch eine &uuml;bernat&uuml;rliche Erscheinung
+in der Sinnenwelt, k&ouml;nnen wir zweierlei unterscheiden,
+nemlich das <i>&auml;u&szlig;ere</i> derselben, d.&nbsp;i. die
+Umst&auml;nde, unter welchen, und die Mittel, durch
+welche diese Ank&uuml;ndigung geschah, und dann
+das <i>innere</i>, d.&nbsp;i. die Ank&uuml;ndigung selbst.</p>
+
+<p>Der Begriff der Offenbarung <i>a priori</i> setzt
+ein empirisch gegebnes moralisches Bed&uuml;rfni&szlig;
+derselben voraus, ohne welches sich die Vernunft
+eine Veranstaltung der Gottheit, die dann &uuml;berfl&uuml;ssig,
+und g&auml;nzlich zwecklos war, nicht als moralisch
+m&ouml;glich denken konnte, und die empirische
+Deduktion der Bedingungen der Wirklichkeit
+dieses Begriffs entwickelte dieses Bed&uuml;rfni&szlig;.
+Es mu&szlig; also gezeigt werden k&ouml;nnen, da&szlig; zur
+Zeit der Entstehung einer Offenbarung, die auf
+einen g&ouml;ttlichen Ursprung Anspruch macht, dieses
+Bed&uuml;rfni&szlig; wirklich da gewesen, und da&szlig;<a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>
+nicht schon eine andere, alle Kriterien der G&ouml;ttlichkeit
+an sich tragende Religion unter eben
+den Menschen, denen sich diese bestimmte, vorhanden,
+oder ihnen leicht durch nat&uuml;rliche Mittel
+mitzutheilen war. <i>Eine Offenbarung, von
+der dies gezeigt werden kann, kann von Gott
+seyn: eine, von der das Gegentheil gezeigt werden
+kann, ist sicher nicht von Gott.</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;Es ist
+n&ouml;thig, dieses Kriterium ausdr&uuml;cklich festzusetzen,
+um aller Schw&auml;rmerei und allen m&ouml;glichen unberufenen
+Inspirirten jetziger oder k&uuml;nftiger Zeiten,
+Einhalt zu thun. Ist eine Offenbarung, ihrem
+Inhalte nach, verf&auml;lscht, so ist es Pflicht und
+Recht jedes tugendhaften Mannes, ihr ihre urspr&uuml;ngliche
+Reinigkeit wiederzugeben, aber dazu
+bedarf es keiner neuen g&ouml;ttlichen Autorit&auml;t, sondern
+blo&szlig;er Berufung auf die schon vorhandne,
+und Entwickelung der Wahrheit aus unserm
+moralischen Gef&uuml;hle. Auch wird durch dieses
+Kriterium nicht schlechthin die M&ouml;glichkeit zweier
+zugleich existirender g&ouml;ttlicher Offenbarungen geleugnet,
+wenn die Besitzer derselben nur nicht
+in der Lage sind, sie sich mitzutheilen.</p>
+
+<p>Gott soll Ursache der Wirkungen seyn, durch
+welche die Offenbarung geschieht. Alles aber,
+was unmoralisch ist, widerspricht dem Begriffe
+von Gott. <i>Jede Offenbarung also, die sich durch
+unmoralische Mittel angek&uuml;ndigt, behauptet, fortgepflanzt
+hat, ist sicher nicht von Gott.</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;Es<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>
+ist allemal, die Absicht mag seyn, welche sie
+wolle, unmoralisch, zu betr&uuml;gen. Unterst&uuml;tzt
+also ein angeblich g&ouml;ttlicher Gesandter seine Autorit&auml;t
+durch Betrug, so kann das Gott nicht
+gewollt haben. &Uuml;berdies bedarf ein wirklich
+von Gott unterst&uuml;tzter Prophet keines Betrugs.
+Er f&uuml;hrt nicht seine Absicht, sondern die Absicht
+Gottes aus, und kann es also Gott v&ouml;llig &uuml;berlassen,
+in wie weit, und wie er diese Absicht
+unterst&uuml;tzen wolle. Aber, k&ouml;nnte man noch sagen,
+der Wille des g&ouml;ttlichen Gesandten ist frei,
+und er kann, vielleicht aus wohlmeinender Absicht,
+mehr thun wollen, als ihm aufgetragen
+ist, die Sache noch mehr beglaubigen wollen, als
+sie schon beglaubigt ist, und dadurch zum Betruge
+hingerissen werden; und dann ist nicht
+Gott, sondern der Mensch, dessen er sich bediente,
+Ursache dieses Betruges.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wir d&uuml;rfen
+nicht &uuml;berhaupt leugnen, da&szlig; sich Gott nicht
+unmoralischer, oder moralisch schwacher Menschen
+zur Ausbreitung einer Offenbarung bedienen
+k&ouml;nne; denn wie, wenn keine andere da
+sind? und es werden, wo das h&ouml;chste Bed&uuml;rfni&szlig;
+der Offenbarung vorhanden ist, allerdings keine
+andere seyn. Aber er darf ihnen, wenigstens
+in Verrichtung seines Auftrags, den Gebrauch
+unmoralischer Mittel auch nicht zulassen; er
+m&uuml;&szlig;te es durch seine Allmacht verhindern, wenn
+ihr freier Wille sich dahin lenkte. Denn wenn<a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>
+der Betrug entdeckt w&uuml;rde,&nbsp;&mdash;&nbsp;und jeder Betrag
+kann es,&nbsp;&mdash;&nbsp;so sind zwei F&auml;lle m&ouml;glich. Entweder
+die erregte Aufmerksamkeit verschwindet,
+und an ihre Stelle tritt der Verdru&szlig;, sich get&auml;uscht
+zu sehen, und das Mistrauen gegen alles,
+was aus diesen oder &auml;hnlichen Quellen kommt,
+welches dem bei dieser Anstalt &uuml;berhaupt beabsichtigten
+Zwecke widerspricht: oder wenn die
+Lehre schon autorisirt genug ist, so wird dadurch
+auch der Betrug autorisirt; jeder h&auml;lt sich f&uuml;r
+v&ouml;llig erlaubt, was ein g&ouml;ttlicher Gesandter sich
+erlaubte; welches der Moralit&auml;t, und dem Begriffe
+aller Religion widerspricht.</p>
+
+<p>Der Endzweck jeder Offenbarung ist reine
+Moralit&auml;t. Diese ist nur durch Freiheit m&ouml;glich,
+und l&auml;&szlig;t sich also nicht erzwingen. Nicht nur
+sie aber, sondern auch die Aufmerksamkeit auf
+Vorstellungen, welche dahin abzwecken, das Gef&uuml;hl
+f&uuml;r sie zu entwickeln, und die Bestimmung
+des Willens beim Widerstreite der Neigung zu
+erleichtern, l&auml;&szlig;t sich nicht erzwingen, sondern
+Zwang ist ihr vielmehr entgegen. Keine g&ouml;ttliche
+Religion also mu&szlig; durch Zwang oder Verfolgung
+sich angek&uuml;ndigt oder ausgebreitet haben: denn
+Gott kann sich keiner zweckwidrigen Mittel bedienen,
+oder den Gebrauch solcher Mittel bei
+Absichten, die die seinigen sind, auch nur zulassen,
+weil sie dadurch gerechtfertiget w&uuml;rden.
+Jede Offenbarung also, die durch Verfolgung<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>
+sich angek&uuml;ndigt und befestigt hat, ist sicher
+nicht von Gott. <i>Diejenige Offenbarung aber,
+die sich keiner andern, als moralischer Mittel,
+zu ihrer Ank&uuml;ndigung und Behauptung bedient
+hat, kann von Gott seyn.</i> Dies sind die Kriterien der
+G&ouml;ttlichkeit einer Offenbarung in R&uuml;cksicht
+auf ihre &auml;u&szlig;ere Form. Wir gehen zu denen
+der Innern fort.</p>
+
+<p>Jede Offenbarung soll Religion begr&uuml;nden,
+und alle Religion gr&uuml;ndet sich auf den Begriff
+Gottes, als moralischen Gesetzgebers. Eine Offenbarung
+also, die uns ihn als etwas anderes
+ank&uuml;ndigt, welche uns etwa theoretisch sein Wesen
+kennen lehren will, oder ihn als politischen
+Gesetzgeber aufstellt, ist wenigstens das nicht,
+was wir suchen, sie ist nicht geoffenbarte <i>Religion.
+Jede Offenbarung also mu&szlig; uns Gott
+als moralischen Gesetzgeber ank&uuml;ndigen, und
+nur von derjenigen, deren Zweck das ist, k&ouml;nnen
+wir aus moralischen Gr&uuml;nden glauben, da&szlig; sie
+von Gott sey.</i></p>
+
+<p>Der Gehorsam gegen die moralischen Befehle
+Gottes kann sich nur auf Verehrung, und Achtung
+f&uuml;r seine Heiligkeit gr&uuml;nden, weil er nur
+in diesem Falle rein moralisch ist. <i>Jede Offenbarung
+also, die uns durch andre Motiven</i>, z.&nbsp;B.
+<i>durch angedrohte Strafen, oder versprochne Belohnungen,
+zum Gehorsam bewegen will, kann
+nicht von Gott seyn</i>, denn dergleichen Motiven<a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>
+widersprechen der reinen Moralit&auml;t.&nbsp;&mdash;&nbsp;Es ist
+zwar sicher, und wird weiter unten ausgef&uuml;hrt
+werden, da&szlig; eine Offenbarung die Verhei&szlig;ungen
+des Moralgesetzes, als Verhei&szlig;ungen Gottes, entweder
+ausdr&uuml;cklich enthalten, oder uns auf ihre
+Aufsuchung in unserm eignen Herzen hinleiten
+k&ouml;nne. Aber sie m&uuml;ssen nur als Folgen, und
+nicht als Motive aufgestellt werden<a name="FNanchor_20_20" id="FNanchor_20_20"></a><a href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a>.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="Section_11" id="Section_11"></a>&sect;.&nbsp;11.</h3>
+
+<h3><i>Kriterien der G&ouml;ttlichkeit einer Offenbarung in Absicht ihres
+m&ouml;glichen Inhalts (materiae revelationis).</i></h3>
+
+<p>Das Wesentliche der Offenbarung &uuml;berhaupt
+ist Ank&uuml;ndigung Gottes als moralischen Gesetzgebers,
+durch eine &uuml;bernat&uuml;rliche Wirkung in
+der Sinnenwelt. Eine <i>in concreto</i> gegebne Offenbarung
+kann Erz&auml;hlungen von dieser, oder diesen
+Wirkungen, Mitteln, Anstalten, Umst&auml;nden,<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>
+u.&nbsp;s.&nbsp;w. enthalten. Alles, was dahin einschl&auml;gt,
+geh&ouml;rt zur &auml;u&szlig;ern Form der Offenbarung, und
+steht unter derselben Kriterien. Wohin durch
+diese Ank&uuml;ndigung des Gesetzgebers das Gesetz
+selbst, seinem Inhalte nach, gesetzt werde, bleibt
+dadurch noch g&auml;nzlich unentschieden. Sie kann
+uns geradezu an unser Herz verweisen: oder sie
+kann auch das, was dieses uns sagen w&uuml;rde,
+noch besonders als Aussage Gottes aufstellen,
+und es nun uns selbst &uuml;berlassen, das letztere
+mit dem erstem zu vergleichen. Die Ank&uuml;ndigung
+Gottes als Gesetzgebers w&uuml;rde, in Worte
+verfa&szlig;t, so hei&szlig;en: Gott ist moralischer Gesetzgeber;
+und da wir sie in Worte verfassen m&uuml;ssen,
+so k&ouml;nnen wir auch dies einen <i>Inhalt</i>, nemlich
+den <i>der Ank&uuml;ndigung</i> an sich selbst, die <i>Bedeutung
+der Form der Offenbarung</i> nennen.
+Wird uns aber au&szlig;er diesem noch mehr gesagt,
+so ist dies der <i>Inhalt der Offenbarung</i>. Das
+erstere k&ouml;nnen wir <i>a priori</i> uns zwar denken,
+und wenn <i>a posteriori</i> uns das Bed&uuml;rfni&szlig; gegeben
+wird, w&uuml;nschen, und erwarten; aber nie
+selbst realisiren, sondern die Realisirung dieses
+Begriffs mu&szlig; durch ein Faktum in der Sinnenwelt
+geschehen; wir k&ouml;nnen also nie <i>a priori</i>
+wissen, wie und auf welche Art die Offenbarung
+wird gegeben werden. Das zweite, da&szlig; nemlich
+eine Offenbarung &uuml;berhaupt einen Inhalt haben
+werde, k&ouml;nnen wir <i>a priori</i> nicht erwarten, denn<a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>
+es geh&ouml;rt nicht zum Wesen der Offenbarung;
+aber dagegen k&ouml;nnen wir v&ouml;llig <i>a priori</i> wissen,
+welches dieser Inhalt seyn kann: und hiermit stehen
+wir denn sogleich bei der Frage: K&ouml;nnen
+wir von einer Offenbarung Belehrungen und Aufkl&auml;rungen
+erwarten, auf die unsre sich selbst
+&uuml;berlassene, und durch keine &uuml;bernat&uuml;rliche
+H&uuml;lfe geleitete Vernunft nicht etwa blos unter
+den zuf&auml;lligen Bedingungen, unter denen sie sich
+befunden hat, und befindet, sondern &uuml;berhaupt
+ihrer Natur nach nie w&uuml;rde haben kommen k&ouml;nnen?
+und wir k&ouml;nnen desto ruhiger zu ihrer Beantwortung
+schreiten, da wir, im Falle da&szlig;, wir
+sie verneinen m&uuml;&szlig;ten, nach obiger Deduktion,
+laut welcher es uns eigentlich um die Form der
+Offenbarung zu thun war, nicht mehr den Einwurf
+zu bef&uuml;rchten haben: die Offenbarung sey
+&uuml;berhaupt &uuml;berfl&uuml;ssig, wenn sie uns nichts neues
+habe lehren k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Diese blos aus &uuml;bernat&uuml;rlichen Quellen zu
+sch&ouml;pfenden Belehrungen k&ouml;nnten entweder Erweiterung
+unsrer theoretischen Erkenntni&szlig; des
+&Uuml;bersinnlichen, oder n&auml;here Bestimmung unsrer
+Pflichten zum Gegenst&auml;nde haben. Also, Erweiterung
+unsrer theoretischen Erkenntni&szlig; k&ouml;nnten
+wir von einer Offenbarung erwarten? Die Beantwortung
+dieser Frage gr&uuml;ndet sich auf folgende
+zwei: ist eine solche Erweiterung <i>moralisch</i> m&ouml;glich,
+d.&nbsp;i. streitet sie nicht gegen reine Moralit&auml;t?<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>
+und dann, ist sie <i>physisch</i> m&ouml;glich, widerspricht
+sie nicht etwa der Natur der Dinge? und endlich,
+widerspricht sie nicht etwa dem Begriffe
+der Offenbarung, und folglich sich <span title="Im Original: selbt">selbst</span><a name="FNanchor_TN12_43" id="FNanchor_TN12_43"></a><a href="#Footnote_TN12_43" class="fnanchor">[TN12]</a>?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ist sie moralisch m&ouml;glich? Die Ideen vom
+&Uuml;bersinnlichen, die durch die praktische Vernunft
+realisirt werden, sind <i>Freiheit, Gott, Unsterblichkeit</i>.
+Da&szlig; wir, in Absicht unsers obern
+Begehrungsverm&ouml;gens, frei sind, d.&nbsp;i. da&szlig; wir ein
+oberes von Naturgesetzen unabh&auml;ngiges Begehrungsverm&ouml;gen
+haben, ist unmittelbare <i>Thatsache</i>.
+Was wir in Absicht des Begriffs von
+Gott zur moralischen Willensbestimmung bed&uuml;rfen,
+da&szlig; ein Gott <i>sey</i>, da&szlig; er der <i>alleinheilige</i>,
+der <i>alleingerechte</i>, der <i>allm&auml;chtige</i>, der <i>allwissende</i>,
+der oberste Gesetzgeber und Richter aller
+vern&uuml;nftigen Wesen sey, ist unmittelbar durch
+unsre moralische Bestimmung, den Endzweck
+des Sittengesetzes zu wollen, uns zu glauben auferlegt.
+Da&szlig; wir <i>unsterblich</i> seyn m&uuml;ssen, folgt
+unmittelbar aus der Anforderung das h&ouml;chste
+Gut zu realisiren, an unsre endliche Naturen,
+welche als solche nicht f&auml;hig sind dieser Forderung
+genugzuthun, aber dazu immer f&auml;higer werden
+<i>sollen</i>, und es also <i>k&ouml;nnen</i> m&uuml;ssen. Was
+wollen wir &uuml;ber diese Ideen noch weiter wissen?
+Wollen wir die Verbindung des Naturgesetzes,
+und des f&uuml;r die Freiheit im &uuml;bersinnlichen Substrat
+der Natur, erblicken? Wenn wir nicht<a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>
+zugleich die Kraft erhalten, die Gesetze der Natur
+durch unsre Freiheit zu beherrschen, so
+kann dies nicht den geringsten praktischen Nutzen
+f&uuml;r uns haben; wenn wir sie aber erhalten,
+so h&ouml;ren wir auf endliche Wesen zu seyn, und
+werden G&ouml;tter. Wollen wir einen <i>bestimmten</i>
+Begriff von Gott haben; sein Wesen, wie es <i>an
+sich ist</i>, erkennen? Das wird reine Moralit&auml;t
+nicht nur nicht bef&ouml;rdern, sondern sie hindern.
+Ein unendliches Wesen, das wir erkennen, das
+in seiner ganzen Majest&auml;t vor unsern Augen
+schwebt, wird uns mit Gewalt treiben, und dr&auml;ngen,
+seine Befehle zu erf&uuml;llen; die Freiheit wird
+aufgehoben werden; die sinnliche Neigung wird
+auf ewig verstummen, wir werden alles Verdienst,
+und alle &Uuml;bung, St&auml;rkung, und Freude
+durch den Kampf, verlieren, und aus freien Wesen
+mit eingeschr&auml;nkten Kenntnissen, moralische
+Maschinen mit erweiterten Kenntnissen geworden seyn.
+Wollen wir endlich alle die Bestimmungen
+unsrer k&uuml;nftigen Existenz schon jetzt
+durchdringen? Das wird uns theils aller Empfindungen
+der Gl&uuml;ckseligkeit, die die allm&auml;hliche
+Verbesserung unsers Zustandes uns geben kann,
+berauben; wir werden auf einmal verschwelgen,
+was uns f&uuml;r eine ewige Existenz bestimmt ist;
+theils werden die uns vorschwebenden Belohnungen
+uns wieder zu kr&auml;ftig bestimmen, und uns
+Freiheit, Verdienst, und Selbstachtung nehmen.<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>
+Alle solche Kenntnisse werden unsre Moralit&auml;t
+nicht vermehren, sondern vermindern, und das
+kann Gott nicht wollen; es ist also moralisch
+unm&ouml;glich. Und ist es physisch m&ouml;glich? Widerstreitet
+es nicht etwa gar den Gesetzen der
+Natur, d.&nbsp;i. <i>unsrer</i> Natur, an welche diese Belehrungen
+gegeben werden sollen? M&ouml;gliche Belehrungen
+einer Offenbarung an uns &uuml;ber das
+&Uuml;bersinnliche m&uuml;ssen unserm Erkenntni&szlig;verm&ouml;gen
+angemessen seyn, sie m&uuml;ssen unter den Gesetzen
+unsers Denkens stehen. Diese Gesetze
+sind die Kategorien, ohne welche uns keine bestimmte
+Vorstellung m&ouml;glich ist. W&auml;ren sie demselben
+nicht angemessen, so w&auml;re der ganze Unterricht
+f&uuml;r uns verloren, er w&auml;re uns schlechterdings
+unverst&auml;ndlich und unbegreiflich, und
+es w&auml;re v&ouml;llig so gut, als ob wir ihn nicht h&auml;tten.
+W&auml;ren sie ihm angemessen, so w&uuml;rden die
+&uuml;bersinnlichen Gegenst&auml;nde in die sinnliche Welt
+herabgezogen, das &Uuml;bernat&uuml;rliche w&uuml;rde zu einem
+Theile der Natur gemacht. Ich untersuche
+hier nicht, ob eine solche f&uuml;r objektiv g&uuml;ltig gegebne
+Versinnlichung nicht der praktischen Vernunft
+widerspreche, das wird weiter unten klar
+werden: aber das ist sogleich klar, da&szlig; wir dadurch
+eine Erkenntni&szlig; eines &Uuml;bersinnlichen bek&auml;men,
+das kein &Uuml;bersinnliches w&auml;re, da&szlig; wir
+also unsern Zweck, in die Welt der Geister eingef&uuml;hrt
+zu werden, nicht erreichten, sondern<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>
+selbst diejenige richtige Einsicht in dieselbe, die
+uns von der praktischen Vernunft aus m&ouml;glich
+ist, verl&ouml;hren. Widerspricht endlich eine solche
+Erwartung nicht etwa der Natur der Offenbarung?<a name="FNanchor_21_21" id="FNanchor_21_21"></a><a href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a>
+Da Belehrungen dieser Art an unsere
+durch das Moralgesetz bestimmte Vernunft gar
+nicht gehalten werden k&ouml;nnten, um sie an ihr
+zu versuchen, ob sie mit derselben &uuml;bereink&auml;men,
+oder nicht, indem sie auf <i>diesen Principien</i> sich
+gar nicht gr&uuml;ndeten (denn wenn sie sich darauf
+gr&uuml;ndeten, so m&uuml;&szlig;te unsre sich selbst &uuml;berlassene
+Vernunft ohne alle fremde Beih&uuml;lfe darauf
+haben kommen k&ouml;nnen); so k&ouml;nnte der Glaube
+an ihre Wahrheit sich auf nichts gr&uuml;nden, als
+etwa auf die g&ouml;ttliche <i>Autorit&auml;t</i>, auf welche eine
+Offenbarung sich beruft. Nun aber findet f&uuml;r
+diese g&ouml;ttliche Autorit&auml;t selbst kein andrer Glaubensgrund
+statt, als die <i>Vernunftm&auml;&szlig;igkeit</i> (die
+&Uuml;bereinstimmung nicht mit der vern&uuml;nftelnden,
+sondern mit der moralischgl&auml;ubigen Vernunft,)<a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>
+der Lehren, die auf sie gegr&uuml;ndet werden: mithin
+<i>kann diese g&ouml;ttliche Autorit&auml;t nicht selbst
+wieder Beglaubigungsgrund dessen seyn, was erst
+der ihrige werden soll</i>.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wenn ein andrer
+Weg gedenkbar w&auml;re, zur vern&uuml;nftigen Anerkennung
+der G&ouml;ttlichkeit einer Offenbarung zu
+kommen, als dieser, wenn z.&nbsp;B. Wunder oder
+Weissagungen, d.&nbsp;h. wenn &uuml;berhaupt die Unerkl&auml;rbarkeit
+einer Begebenheit aus nat&uuml;rlichen
+Ursachen uns berechtigen k&ouml;nnte, ihren Ursprung
+der unmittelbaren Kausalit&auml;t Gottes zuzuschreiben,
+welcher Schlu&szlig; aber, wie oben gezeigt
+ist, offenbar falsch seyn w&uuml;rde, so lie&szlig;e
+sich denken, wie unsre dadurch begr&uuml;ndete &Uuml;berzeugung
+von der G&ouml;ttlichkeit einer gegebnen
+Offenbarung &uuml;berhaupt unsern Glauben an jede
+ihrer einzelnen Belehrungen begr&uuml;nden k&ouml;nnte.
+Da aber dieser Glaube an die G&ouml;ttlichkeit einer
+Offenbarung &uuml;berhaupt nur durch den Glauben
+an jede ihrer einzelnen Aussagen m&ouml;glich ist,
+so kann keine Offenbarung, als solche, irgend
+einer Behauptung die Wahrheit versichern, die
+sich dieselbe nicht selbst versichern kann. An
+keine nur durch Offenbarung m&ouml;gliche Belehrung
+ist also vern&uuml;nftiger Weise ein Glaube m&ouml;glich;
+und jede Anforderung von dieser Art w&uuml;rde der
+M&ouml;glichkeit des F&uuml;rwahrhaltens, das bei einer
+Offenbarung Statt hat, folglich dem Begriffe der
+Offenbarung an sich, widersprechen. Wir d&uuml;rfen<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>
+also das, was die Kritik uns von Seiten der sich
+selbst gelassenen theoretischen Vernunft vereitelte,
+einen &Uuml;bergang in die &uuml;bersinnliche Welt,
+auch nicht von der Offenbarung erwarten; sondern
+wir m&uuml;ssen diese Hoffnung einer bestimmten
+Erkenntni&szlig; derselben f&uuml;r unsre gegenw&auml;rtige
+Natur ganz, und auf immer, und aus jeder
+Quelle aufgeben<a name="FNanchor_22_22" id="FNanchor_22_22"></a><a href="#Footnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a>.</p>
+
+<p>Oder k&ouml;nnen wir von einer Offenbarung vielleicht
+praktische Maximen, Moralvorschriften erwarten,
+die wir von dem Princip aller Moral,
+aus und durch unsre Vernunft nicht auch selbst
+ableiten, konnten? Das Moralgesetz in uns ist
+die Stimme der reinen Vernunft, der Vernunft
+<i>in abstracto</i>. Vernunft kann sich nicht nur nicht
+widersprechen, sondern sie kann auch in verschiedenen
+Subjekten nichts verschiedenes aussagen,
+weil ihr Gebot die reinste Einheit ist, und also
+Verschiedenheit zugleich Widersprach seyn w&uuml;rde.<a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>
+Wie die Vernunft zu <i>uns</i> redet, redet sie zu
+allen vern&uuml;nftigen Wesen, redet sie zu Gott
+selbst. Er kann uns also weder ein anderes
+Princip, noch Vorschriften f&uuml;r besondere F&auml;lle
+geben, die sich auf ein anderes Princip gr&uuml;ndeten,
+denn Er selbst ist durch kein anderes bestimmt.
+Die besondre Regel, die durch Anwendung
+des Princips auf einen besondern Fall entsteht,
+ist freilich nach den F&auml;llen, in die das Subjekt
+seiner Natur nach kommen kann, verschieden<a name="FNanchor_23_23" id="FNanchor_23_23"></a><a href="#Footnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a>,
+aber alle m&uuml;ssen sich durch eine und eben
+dieselbe Vernunft von einer und eben derselben
+Vernunft ableiten lassen. Ein anderes ists, ob <i>in
+concreto</i> gegebne empirisch bestimmte Subjekte
+mit gleicher Richtigkeit und Leichtigkeit sie in besondern
+F&auml;llen ableiten werden, und ob sie dabei
+nicht einer fremden H&uuml;lfe bed&uuml;rfen k&ouml;nnen,
+die es&nbsp;&mdash;&nbsp;nicht f&uuml;r sie thue, und ihnen nun das
+Resultat auf ihre Autorit&auml;t als richtig hingebe;
+dies w&uuml;rde, wenn die Regel auch richtig abgeleitet
+w&auml;re, doch nur Legalit&auml;t und nicht Moralit&auml;t
+begr&uuml;nden;&nbsp;&mdash;&nbsp;sondern die sie bei ihrer eignen<a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>
+Ableitung leite: aber dazu bedarf es keiner Offenbarung,
+sondern das kann und soll jeder weisere
+Mensch dem unweiseren leisten.</p>
+
+<p>Es ist also weder moralisch noch theoretisch
+m&ouml;glich, da&szlig; eine Offenbarung uns Belehrungen
+gebe, auf die unsre Vernunft nicht ohne sie
+h&auml;tte kommen k&ouml;nnen und sollen; <i>und keine
+Offenbarung kann f&uuml;r dergleichen Belehrungen
+Glauben fordern;</i> denn einer Offenbarung um
+dieser einzigen Ursache willen den g&ouml;ttlichen
+Ursprung g&auml;nzlich abl&auml;ugnen, w&uuml;rde nicht Statt
+haben, da dergleichen vermeintliche Belehrungen,
+ob sie gleich vom Gesetze der praktischen Vernunft
+sich nicht ableiten lassen, ihm dennoch
+auch nicht nothwendig widersprechen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Was kann sie aber denn enthalten, wenn sie
+nichts uns unbekanntes enthalten soll? Ohne
+Zweifel eben das, worauf uns die praktische Vernunft
+<i>a priori</i> leitet: ein Moralgesetz, und die
+Postulate desselben.</p>
+
+<p>In Absicht der durch eine Offenbarung m&ouml;glichen
+Moral ist schon oben die Unterscheidung
+gemacht worden, da&szlig; dieselbe Offenbarung uns
+entweder geradezu auf das Gesetz der Vernunft
+in uns, als Gesetz Gottes, verweisen; oder, da&szlig;
+sie sowol das Princip derselben an sich, als in
+Anwendung auf m&ouml;gliche F&auml;lle, unter g&ouml;ttlicher
+Autorit&auml;t aufstellen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Geschieht das erstere, so enth&auml;lt eine solche<a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>
+Offenbarung keine Moral, sondern unsre eigne
+Vernunft enth&auml;lt die Moral derselben. Es ist
+also nur der zweite Fall, der hier in Untersuchung
+k&ouml;mmt. Die Offenbarung stellt theils das
+Princip aller Moral in Worte gebracht, theils
+besondre durch Anwendung desselben auf empirisch
+bedingte F&auml;lle entstandene Maximen als
+Gesetze Gottes auf. Da&szlig; das Princip der Moral
+richtig angegeben, d.&nbsp;i. dem des Moralgesetzes in
+uns v&ouml;llig gem&auml;&szlig; seyn m&uuml;sse, und da&szlig; eine
+Religion, <i>deren Moralprincip diesem widerspricht,
+nicht von Gott seyn k&ouml;nne</i>, ist unmittelbar klar;
+so wie die Befugni&szlig;, dieses Princip als Gesetz
+Gottes anzuk&uuml;ndigen, schon zur Form einer Offenbarung
+geh&ouml;rt, und zugleich mit ihr deducirt
+ist. In Absicht der besondern moralischen Vorschriften
+aber entsteht die Frage: soll eine Offenbarung
+jede dieser besondern Regeln von dem
+als g&ouml;ttliches Gesetz angek&uuml;ndigten Moralprincip
+ableiten, oder darf sie dieselben schlechthin, ohne
+weitern Beweis, auf die g&ouml;ttliche Autorit&auml;t gr&uuml;nden?&nbsp;&mdash;&nbsp;Wenn
+die g&ouml;ttliche Autorit&auml;t, uns zu
+befehlen, nur blos auf seine Heiligkeit gegr&uuml;ndet
+ist, welches schon die Form jeder Religion, die
+g&ouml;ttlich seyn soll; erfordert, so ist Achtung f&uuml;r
+seinen Befehl, <i>weil</i> es sein Befehl ist, auch in
+besondern F&auml;llen, nichts anders, als Achtung f&uuml;r
+das Moralgesetz selbst. Eine Offenbarung darf
+dergleichen Gebote folglich schlechthin als Be<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>fehle
+Gottes, ohne weitere Deduktion vom Princip
+aufstellen. Eine andere Frage aber ists, ob
+nicht jede dieser besondern Vorschriften einer
+geoffenbarten Moral sich wenigstens hinterher
+vom Princip richtig deduciren lassen, und ob
+nicht jede Offenbarung am Ende uns doch
+an dieses Princip verweisen m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Da wir uns von der M&ouml;glichkeit des g&ouml;ttlichen
+Ursprungs einer Offenbarung sowohl &uuml;berhaupt,
+als jedes besondern Theils ihres Inhalts,
+nur durch die v&ouml;llige &Uuml;bereinstimmung desselben
+mit der praktischen Vernunft &uuml;berzeugen k&ouml;nnen;
+diese &Uuml;berzeugung aber bei einer besondern
+moralischen Maxime nur durch ihre Ableitung
+vom Princip aller Moral m&ouml;glich ist, so
+folgt daraus unmittelbar, da&szlig; jede in einer g&ouml;ttlichen
+Offenbarung als <i>moralisch</i> aufgestellte
+Maxime sich von diesem Princip m&uuml;sse ableiten
+lassen. Nun wird zwar eine Maxime dadurch,
+da&szlig; sie sich nicht davon <i>ableiten</i> l&auml;&szlig;t, noch nicht
+falsch, sondern es folgt daraus nur soviel, da&szlig;
+sie nicht in das Feld der Moral geh&ouml;re; sie kann
+aber etwa in das Gebiet der Theorie geh&ouml;ren,
+politisch, technisch, praktisch, oder dergl. seyn.
+So ist z.&nbsp;B. jener Ausspruch: Sollen wir b&ouml;ses
+thun, da&szlig; gutes daraus komme? das sey ferne&nbsp;&mdash;&nbsp;allgemeines
+moralisches Gebot, weil es sich
+vom Princip aller Moral deduciren l&auml;&szlig;t, und das
+Gegentheil ihm widersprechen w&uuml;rde: hingegen<a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>
+jene Maximen: So jemand mit dir rechten will
+um deinen Rock, dem la&szlig; auch den Mantel,
+u.&nbsp;s.&nbsp;w., sind keine Moralvorschriften, sondern
+nur in besondern F&auml;llen g&uuml;ltige Regeln der Politik,
+die als solche nicht l&auml;nger gelten, als so
+lange sie mit keiner Moralvorschrift in Kollision
+kommen, weil diesen alles untergeordnet werden
+mu&szlig;. Wenn eine Offenbarung nun Regeln der
+letztern Art enth&auml;lt, so folgt daraus noch gar
+nicht, da&szlig; darum die ganze Offenbarung nicht
+g&ouml;ttlich sey, und eben so wenig, da&szlig; jene Regeln
+falsch seyen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Das h&auml;ngt von anderweitigen
+Beweisen aus den Principien, unter denen
+sie stehen, ab&nbsp;&mdash;&nbsp;sondern nur, da&szlig; diese Regeln
+nicht zum Inhalte einer geoffenbarten Religion,
+als solcher, geh&ouml;ren, sondern ihren Werth anderw&auml;rtsher
+ableiten m&uuml;ssen. Eine Offenbarung
+aber, die Maximen enth&auml;lt, welche dem Princip
+aller Moral widersprechen, die z.&nbsp;B. frommen,
+oder nicht frommen Betrug, Unduldsamkeit gegen
+Andersdenkende, Verfolgungsgeist, die &uuml;berhaupt
+andere Mittel zur Ausbreitung der Wahrheit,
+als Belehrung, autorisirt, ist sicher nicht
+von Gott, denn der Wille Gottes ist dem
+Moralgesetze gem&auml;&szlig;, und was diesem widerspricht,
+kann er weder wollen, noch kann er zulassen,
+da&szlig; jemand es als seinen Willen ank&uuml;ndige,
+der au&szlig;erdem auf seinen Befehl handelt.</p>
+
+<p>Da zweitens alle besondre F&auml;lle, in denen<a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>
+Moralgesetze eintreten, durch einen endlichen
+Verstand unm&ouml;glich <i>a priori</i> vorherzusehn, noch
+durch einen unendlichen, der sie vorhersieht,
+endlichen Wesen mitzutheilen sind, folglich keine
+Offenbarung alle m&ouml;gliche besondre Regeln der
+Moral enthalten kann, so mu&szlig; sie uns doch
+noch zuletzt entweder an das Moralgesetz in
+uns, oder an ein von ihr als g&ouml;ttlich aufgestelltes
+allgemeines Princip desselben, welches mit
+jenem gleichlautend sey, verweisen. Dies geh&ouml;rt
+schon zur Form, und eine Offenbarung, die dies
+nicht thut, kommt mit ihrem eignen Begriffe
+nicht &uuml;berein, und ist keine Offenbarung. Ob
+sie das erstere, oder das letztere, oder beides
+thun wolle, dar&uuml;ber ist <i>a priori</i> kein Gesetz der
+Vernunft vorhanden.</p>
+
+<p>Das allgemeine Kriterium der G&ouml;ttlichkeit einer
+Religion in Absicht ihres moralischen Inhalts
+ist also folgendes: <i>Nur diejenige Offenbarung,
+welche ein Princip der Moral, welches mit dem
+Princip der praktischen Vernunft &uuml;bereinkommt,
+und lauter solche moralische Maximen aufstellt,
+welche sich davon ableiten lassen, kann von
+Gott seyn.</i></p>
+
+<p>Der zweite Theil des m&ouml;glichen Inhalts einer
+Religion sind jene S&auml;tze, welche als Postulate
+der Vernunft gewi&szlig; sind, und welche die M&ouml;glichkeit
+des Endzwecks des Moralgesetzes in sinnlich
+bedingbaren Wesen voraussetzt, welche also<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>
+durch unsre Willensbestimmung zugleich mit gegeben,
+und durch welche hinwiederum gegenseitig
+unsre Willensbestimmung erleichtert wird.
+Diesen Theil des Inhalts einer Religion nennt
+man <i>Dogmatik</i>, und kann ihn ferner so nennen,
+wenn man dabei nur auf die Materie desselben,
+und nicht auf die Beweisart sieht, und sich nicht
+durch diese Benennung berechtigt glaubt zu <i>dogmatisiren</i>,
+d.&nbsp;i. diese S&auml;tze als objektiv g&uuml;ltig
+darzustellen. Da&szlig; eine Offenbarung uns &uuml;ber
+dieselben nichts weiter lehren k&ouml;nne, als was
+aus den Principien der reinen Vernunft folgt,
+ist schon oben erwiesen. Hier ist also blos noch
+die Frage zu er&ouml;rtern: worauf kann eine Offenbarung
+unsern Glauben an diese Wahrheiten gr&uuml;nden?
+Es sind nach obigen Er&ouml;rterungen noch
+folgende zwei F&auml;lle m&ouml;glich: Entweder die Offenbarung
+leitet sie von dem Moralgesetze in
+uns, das sie als Gesetz Gottes aufstellt, ab, und
+giebt sie uns dadurch nur unmittelbar als Zusicherungen
+Gottes; oder sie stellt sie unmittelbar
+als Entschlie&szlig;ungen der Gottheit, entweder
+schlechthin als solche, oder als Entschlie&szlig;ungen
+seines durch das Moralgesetz bestimmten Wesens
+auf, ohne sie noch besonders von diesem Gesetze
+abzuleiten. Die erste Art der Begr&uuml;ndung unsers
+Glaubens ist dem Verfahren der Vernunft- und
+Naturreligion ganz gem&auml;&szlig;, und die Rechtm&auml;&szlig;igkeit
+desselben ist mithin au&szlig;er Zweifel.<a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>
+Bei der zweiten entstehen folgende zwei Fragen:
+Thut es unsrer Freiheit, und also unsrer Moralit&auml;t
+nicht Abbruch, wenn wir die blos postulirten
+Verhei&szlig;ungen des Moralgesetzes als Verhei&szlig;ungen
+eines unendlichen Wesens ansehen; und&nbsp;&mdash;&nbsp;m&uuml;ssen
+alle diese Zusicherungen sich nicht wenigstens
+hinterher vom Endzwecke des Moralgesetzes
+ableiten lassen? Was die erste anbelangt,
+so ist sogleich klar, da&szlig;, wenn eine Offenbarung
+uns Gott nur als den Alleinheiligen, als den genauesten
+Abdruck des Moralgesetzes dargestellt
+hat, wie jede Offenbarung das soll, aller Glaube
+an Gott Glaube an das <i>in concreto</i> dargestellte
+Moralgesetz ist. In Absicht des zweiten aber
+sind, wenn eine gewisse Lehre nicht vom Endzwecke
+des Moralgesetzes abzuleiten ist, wieder
+zwei F&auml;lle m&ouml;glich; entweder, sie l&auml;&szlig;t <i>sich blos
+nicht ableiten</i>, oder sie <i>widerspricht</i> demselben.</p>
+
+<p>Widersprechen gewisse dogmatische Behauptungen
+dem Endzwecke des Moralgesetzes, so
+widersprechen sie dem Begriffe von Gott, und
+dem Begriffe aller Religion; <i>und eine Offenbarung,
+die dergleichen enth&auml;lt, kann nicht von
+Gott seyn.</i> Gott kann zu dergleichen Behauptungen
+nicht nur nicht berechtigen, sondern er
+kann sie, bei einem Zwecke, der der seinige ist,
+auch nicht einmal zulassen, weil sie seinem
+Zwecke widersprechen. Lassen sich aber einige
+nur nicht davon ableiten, ohne ihnen gerade zu<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>
+widersprechen, so ist daraus noch nicht zu
+schlie&szlig;en, da&szlig; die ganze Offenbarung nicht von
+Gott seyn k&ouml;nne; denn Gott bedient sich des
+Dienstes von Menschen, welche irren, welche
+sich selbst ein Hirngespinst erdichten k&ouml;nnen,
+um es, vielleicht in wohlmeinender Absicht, neben
+g&ouml;ttliche Belehrungen zu stellen, und nach
+ihrer Meinung noch mehr gutes zu stiften; und
+es ist ihm nicht anst&auml;ndig ihre Freiheit einzuschr&auml;nken,
+wenn sie nur nicht einen seinem
+Zwecke geradezu entgegenstehenden Gebrauch
+davon machen wollen: aber das folgt sicher, <i>da&szlig;
+alles von dieser Art nicht Bestandtheil einer
+g&ouml;ttlichen Offenbarung, sondern menschlicher
+Zusatz ist</i>, von welchem wir keine weitere Notiz
+zu nehmen haben, als insofern sein Werth
+aus &auml;ndern Gr&uuml;nden erhellet. Dergleichen S&auml;tze
+k&ouml;nnen, da sie einer moralischen Absicht ganz
+unf&auml;hig sind, meist nur theoretische Aufschl&uuml;sse
+versprechen: und wenn sie von &uuml;bernat&uuml;rlichen
+Dingen reden, werden sie meistens sich gar
+nicht denken, lassen, weil sie nicht unter den
+Bedingungen der Kategorien stehen k&ouml;nnen.
+St&uuml;nden sie, als objektive Behauptungen, darunter,
+so w&uuml;rden sie sich nicht blos nicht ableiten
+lassen, sondern sie w&uuml;rden dem Moralgesetze
+sogar widersprechen, wie im folgenden &sect;.
+dargethan werden wird.</p>
+
+<p>Eine Offenbarung kann endlich gewisse, mit<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>
+gr&ouml;&szlig;erer oder geringerer Feierlichkeit verbundene,
+in Gesellschaft oder f&uuml;r sich allein zu gebrauchende
+Aufmunterungs- und Bef&ouml;rderungsmittel
+zur Tugend vorschlagen. Da alle Religion Gott
+nur als moralischen Gesetzgeber darstellt, so ist
+alles, was nicht Gebot des Moralgesetzes in uns
+ist, auch nicht das seinige, und es ist kein Mittel
+ihm zu gefallen, als durch Beobachtung desselben:
+diese Bef&ouml;rderungsmittel der Tugend
+m&uuml;ssen sich also nicht in die Tugend selbst,
+diese <i>Anempfehlungen</i> derselben m&uuml;ssen sich
+nicht in <i>Gebote</i>, die uns eine Pflicht auflegen,
+verwandeln, es mu&szlig; nicht zweideutig gelassen
+werden, ob man etwa auch durch den Gebrauch
+dieser Mittel, oder vielleicht <i>nur durch ihn</i>, sich
+den Beifall der Gottheit erwerben k&ouml;nne, sondern
+ihr Verh&auml;ltni&szlig; zu dem wirklichen Moralgesetze
+mu&szlig; genau bestimmt werden.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wenn
+ein weises Wesen den Zweck will, will es auch
+die Mittel, k&ouml;nnte man sagen; aber es will sie
+nur, inwiefern sie wirklich Mittel sind und werden,
+und,&nbsp;&mdash;&nbsp;da dieses in der Sinnenwelt anzuwendende
+Mittel sind, und wir mithin hier in den Bezirk,
+des Naturbegriffs kommen,&nbsp;&mdash;&nbsp;es kann sie
+nur wollen, inwiefern sie in unsrer Macht stehen.
+Es ist z.&nbsp;B. sehr wahr, und jeder Beter erf&auml;hrt's,
+da&szlig; das Gebet, es sey nun anbetende Betrachtung
+Gottes, oder Bitte oder Dank, unsre Sinnlichkeit
+kr&auml;ftig verstummen macht, und unser<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>
+Herz m&auml;chtig zum Gef&uuml;hl, und zur Liebe unsrer
+Pflichten emporhebt. Aber, wie k&ouml;nnen wir den
+kalten, keines Enthusiasmus f&auml;higen Mann&nbsp;&mdash;&nbsp;und
+es ist sehr m&ouml;glich, da&szlig; es deren gebe&nbsp;&mdash;&nbsp;verbinden,
+seine Betrachtung bis zur Anbetung
+emporzuzwingen, und zu begeistern; wie k&ouml;nnen
+wir ihn n&ouml;thigen, Ideen der Vernunft durch
+ihre Darstellung vermittelst der Einbildungskraft
+zu beleben, wenn subjektive Ursachen ihn dieser
+F&auml;higkeit beraubten, da dieselbe eine empirische
+Bestimmung ist; wie k&ouml;nnen wir ihn n&ouml;thigen,
+irgend ein Bed&uuml;rfni&szlig; so stark zu f&uuml;hlen, so innig
+zu begehren, da&szlig; er sich vergesse dasselbe einem
+&uuml;bernat&uuml;rlichen Wesen mitzutheilen, von dem er
+kalt denkend erkennt, da&szlig; er's ohne ihn wei&szlig;,
+und da&szlig; er's ohne ihm geben wird, wenn er's
+verdient und haben mu&szlig;, und sein Bed&uuml;rfni&szlig;
+keine Einbildung ist?&nbsp;&mdash;&nbsp;Dergleichen Bef&ouml;rderungsmittel
+sind also nur darzustellen als das,
+was sie sind, und nicht den durch das Moralgesetz
+unbedingt gebotnen Handlungen gleich zu
+setzen; sie sind nicht schlechthin zu gebieten,
+sondern dem, den sein Bed&uuml;rfni&szlig; zu ihnen treibt,
+blos anzuempfehlen; sie sind weniger Befehl, als
+Erlaubni&szlig;. <i>Jede Offenbarung, die sie den Moralgesetzen
+gleichsetzt, ist sicher nicht von Gott;</i>
+denn es widerspricht dem Moralgesetze, irgend
+etwas in gleichen Rang mit seinen Anforderungen
+zu setzen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>Welche Wirkungen aber auf unsre moralische
+Natur darf eine Offenbarung von dergleichen
+Mitteln versprechen, blos nat&uuml;rliche, oder &uuml;bernat&uuml;rliche,
+d.&nbsp;i. solche, die nach den Gesetzen
+der Natur mit ihnen, als Wirkungen mit ihren
+Ursachen, nicht nothwendig verbunden sind, sondern
+bei Gelegenheit des Gebrauchs dieser Mittel,
+durch eine &uuml;bernat&uuml;rliche Ursache au&szlig;er uns,
+gewirkt werden? La&szlig;t uns einen Augenblick
+das letztere annehmen, da&szlig; nemlich unser Wille
+durch eine &uuml;bernat&uuml;rliche Ursache au&szlig;er uns
+<i>dem Moralgesetze gem&auml;&szlig;</i> bestimmt werde. Nun
+aber ist keine Bestimmung, die nicht durch und
+mit Freiheit geschieht, dem Moralgesetze gem&auml;&szlig;,
+folglich widerspricht diese Annahme sich selbst,
+und jede durch eine solche Bestimmung erfolgte
+Handlung w&auml;re nicht moralisch; k&ouml;nnte folglich
+weder das geringste Verdienst haben, noch auf
+irgend eine Art eine Quelle von Achtung und
+Gl&uuml;ckseligkeit f&uuml;r uns werden; wir w&auml;ren in
+diesem Falle Maschinen, und nicht moralische
+Wesen, und eine dadurch hervorgebrachte Handlung
+w&auml;re in der Reihe unsrer moralischen schlechterdings
+Null.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wenn man aber dies auch zugeben
+m&uuml;&szlig;te, wie man es denn mu&szlig;, so k&ouml;nnte
+man noch weiter sagen: eine solche Bestimmung
+sollte, bei Gelegenheit des Gebrauchs jener Mittel
+in uns hervorgebracht werden, nicht, um <i>unsre</i>
+Moralit&auml;t zu erh&ouml;hen, welches freilich nicht<a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>
+m&ouml;glich w&auml;re, sondern um durch die in uns &uuml;bernat&uuml;rlich
+hervorgebrachte Wirkung eine Reihe in
+der Sinnenwelt hervorzubringen, die f&uuml;r die Bestimmung
+<i>anderer</i> moralischen Wesen, nach Gesetzen
+der Natur, Mittel w&uuml;rde, und wobei <i>wir</i>
+freilich blo&szlig;e Maschinen w&auml;ren: da&szlig; aber Gott
+sich vielmehr unsrer, als andrer, dazu bediene,
+hange von der Bedingung des Gebrauchs jenes
+Mittels ab.&nbsp;&mdash;&nbsp;Jetzt ununtersucht, was denn
+das f&uuml;r einen Werth f&uuml;r uns haben k&ouml;nne, ob
+eben <i>wir</i> als Maschinen, oder ob andere Maschinen
+zur Bef&ouml;rderung des Guten gebraucht w&uuml;rden;
+kann auch in dieser Absicht keine Offenbarung
+allgemeing&uuml;ltige Verhei&szlig;ungen von dieser
+Art geben, denn wenn jeder die Bedingung derselben
+erf&uuml;llte, jeder dadurch eine fremde &uuml;bernat&uuml;rliche
+Kausalit&auml;t in sich veranla&szlig;te, so w&uuml;rden
+dadurch nicht nur alle Gesetze der Natur
+au&szlig;er uns, sondern auch alle Moralit&auml;t in uns
+aufgehoben.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wir d&uuml;rfen aber nicht schlechthin
+l&auml;ugnen, da&szlig; nicht in besondern F&auml;llen dergleichen
+Wirkungen in dem Plane der Gottheit
+gewesen seyn konnten, ohne das Princip der Offenbarung
+&uuml;berhaupt zu l&auml;ugnen; wir d&uuml;rfen eben
+so wenig l&auml;ugnen, da&szlig; nicht einige dieser Wirkungen
+an Bedingungen von Seiten der Werkzeuge
+k&ouml;nnten gebunden gewesen seyn, weil wir
+das nicht wissen k&ouml;nnen; aber wenn in einer
+Offenbarung Erz&auml;hlungen davon, Vorschriften,<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>
+und Verhei&szlig;ungen hier&uuml;ber vorkommen, so geh&ouml;ren
+diese zur &auml;u&szlig;ern Form der Offenbarung,
+und nicht zum allgemeinen Inhalte derselben.
+Bestimmung durch &uuml;bernat&uuml;rliche Ursachen au&szlig;er
+uns hebt die Moralit&auml;t auf; <i>jede Religion also,
+die unter irgend einer Bedingung dergleichen
+Bestimmungen verspricht, widerspricht dem Moralgesetze,
+und ist folglich sicher nicht von Gott.</i></p>
+
+<p>Es bleibt also der Offenbarung von dergleichen
+Mitteln nichts &uuml;brig zu versprechen, als
+nat&uuml;rliche Wirkungen.&nbsp;&mdash;&nbsp;So wie wir von Bef&ouml;rderungsmitteln
+der Tugend reden, sind wir im
+Gebiete des Naturbegriffs. Das Mittel ist in der
+sinnlichen Natur; das was dadurch bestimmt
+werden soll, ist die sinnliche Natur in uns; unsre
+unedlen Neigungen sollen geschw&auml;cht und
+unterdr&uuml;ckt, unsre edlern sollen gest&auml;rkt und
+erh&ouml;ht werden; die moralische Bestimmung des
+Willens soll dadurch nicht geschehen, sondern
+nur erleichtert werden. Alles also mu&szlig; nothwendig
+wie Ursache und Wirkung zusammenh&auml;ngen,
+und dieser Zusammenhang mu&szlig; sich klar
+einsehen lassen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Es wird aber hierdurch nicht
+behauptet, da&szlig; die Offenbarung in Anspruch
+genommen werden k&ouml;nne, diesen Zusammenhang
+zu zeigen. Der Zweck der Offenbarung
+ist praktisch, eine solche Deduktion aber theoretisch,
+und kann demnach dem eignen Nachdenken
+<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>eines jeden &uuml;berlassen werden. Jene
+kann sich begn&uuml;gen, diese Mittel, blos als von
+Gott anempfohlen, aufzustellen. Nur mu&szlig; sich
+dieser Zusammenhang hinterher zeigen lassen;
+denn Gott, der unsre sinnliche Natur kennt,
+kann ihr keine Mittel der Besserung anpreisen,
+die den Gesetzen derselben nicht gem&auml;&szlig; sind.
+Jede Offenbarung also, welche Mittel zur Bef&ouml;rderung
+der Tugend vorschl&auml;gt, von denen
+man nicht zeigen kann, wie sie nat&uuml;rlich dazu
+beitragen k&ouml;nnen, ist, wenigstens <i>inwiefern sie
+dies thut</i>, nicht von Gott.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wir d&uuml;rfen hier
+die Einschr&auml;nkung hinzusetzen: denn wenn solche
+Mittel nur nicht zu Pflichten gemacht werden;
+wenn nur nicht &uuml;bernat&uuml;rliche Wirkungen
+von ihnen versprochen werden; so ist ihre Anempfehlung
+nicht der Moral widersprechend, sie
+ist blos leer und unn&uuml;tz<a name="FNanchor_24_24" id="FNanchor_24_24"></a><a href="#Footnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="Section_12" id="Section_12"></a>&sect;.&nbsp;12.</h3>
+
+<h3><i>Kriterien der G&ouml;ttlichkeit einer Offenbarung in Absicht der
+m&ouml;glichen Darstellung dieses Inhalts.</i></h3>
+
+<p>Da die Offenbarung &uuml;berhaupt schon ihrer
+Form nach, f&uuml;r das Bed&uuml;rfni&szlig; der Sinnlichkeit<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>
+da ist, so ist es sehr wahrscheinlich, da&szlig; sie
+sich auch in ihrer Darstellung zu derselben herablassen
+werde, wenn gezeigt werden sollte, da&szlig;
+die Sinnlichkeit hier&uuml;ber besondre Bed&uuml;rfnisse habe.
+Doch ist diese Darstellung so wenig das
+Wesentliche und Charakteristische einer Offenbarung,
+da&szlig; wir sogar, wie oben gezeigt worden
+ist, <i>a priori</i> nicht einmal fordern k&ouml;nnen,
+da&szlig; sie einen Inhalt habe, oder &uuml;berhaupt irgend
+etwas mehr thue, als da&szlig; sie Gott f&uuml;r den
+Urheber des Moralgesetzes ank&uuml;ndige.</p>
+
+<p>Die Sinnlichkeit &uuml;berhaupt ist, wegen des
+Widerstrebens der Neigung, nur zu bereit, die
+Erf&uuml;llung des Moralgesetzes f&uuml;r unm&ouml;glich zu
+halten, und das Gebot nicht, als f&uuml;r <i>sich</i> gegeben,
+anzuerkennen. Nun giebt zwar die Offenbarung
+dies Gesetz ausdr&uuml;cklich an die Sinnlichkeit;
+aber doch redet in dem sinnlichen
+Menschen noch immer die Stimme der Pflicht,
+durch das Schreien der Begierde geschw&auml;cht,
+und durch die falschen Begriffe, die jene in
+Menge liefert, ged&auml;mpft, nur leise, wenn sie
+&uuml;ber seine eigenen Handlungen sprechen soll&nbsp;&mdash;&nbsp;wenn
+sie im eigentlichen Verstande <i>gebietend</i><a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>
+ist. Aber auch der rohsinnlichste Mensch h&ouml;rt
+sie, wenn von Beurtheilung einer Handlung die
+Rede ist, bei welcher seine Neigung von keiner
+Seite mit in's Spiel gezogen wird. Und lernt
+er sie nur dadurch in sich unterscheiden, wird
+sie nur dadurch aus ihrer Unth&auml;tigkeit gezogen,
+und er mit ihr bekannter und vertrauter, so
+wird er endlich doch anfangen, auch an <i>sich</i>
+zu hassen, was er an andern verabscheut, und
+sich selbst so zu w&uuml;nschen, wie er andere fordert.&nbsp;&mdash;&nbsp;Der
+Widersinn, alles um sich her gerecht
+haben, und nur allein ungerecht seyn zu
+wollen, ist zu auffallend, als da&szlig; irgend ein
+Mensch sich ihn gern gestehen wolle. Bringe
+man ihn dahin, da&szlig;, im Falle er ungerecht
+ist, er sich ihn gestehen m&uuml;sse! Wie kann
+dieser Zweck erreicht werden? Durch Aufstellung
+moralischer Beispiele. Die Offenbarung
+kann also ihre Moral in Erz&auml;hlungen einkleiden,
+und sie entspricht dem Bed&uuml;rfni&szlig; des Menschen
+nur um so besser, wenn sie es thut. Sie kann
+ungerechte Handlungen zur Verachtung, gerechte,
+besonders mit gro&szlig;en Aufopferungen und
+Anstrengungen durchgesetzte, zur Bewunderung
+und Nachahmung aufstellen. &Uuml;ber die Befugni&szlig;
+einer Offenbarung, ihre Sittenlehre so vorzutragen,
+kann keine Frage entstehen: und da&szlig;
+die von ihr als musterm&auml;&szlig;ig aufgestellten Handlungen
+rein moralisch, seyn m&uuml;ssen; da&szlig; sie<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>
+nicht etwa zweideutige, oder wohl gar offenbar
+schlechte Handlungen als gute r&uuml;hmen, und
+Leute, die dergleichen verrichtet haben, als
+Muster anpreisen d&uuml;rfe, folgt aus dem Zwecke
+der Offenbarung. <i>Jede Offenbarung, die dieses
+thut, widerspricht dem Moralgesetze, und
+dem Begriffe von Gott, und kann folglich
+nicht g&ouml;ttlichen Ursprungs seyn.</i></p>
+
+<p>Eine Offenbarung hat die Vernunftideen,
+Freiheit, Gott, Unsterblichkeit darzustellen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Da&szlig;
+der Mensch frei sey, lehrt jeden unmittelbar
+sein Selbstbewu&szlig;tseyn und er zweifelt
+um so weniger daran, je weniger er durch Vern&uuml;nfteln
+sein nat&uuml;rliches Gef&uuml;hl verf&auml;lscht hat.
+Die M&ouml;glichkeit aller Religion, und aller Offenbarung,
+setzt die Freiheit voraus. Die Darstellung
+dieser Idee f&uuml;r die sinnlich bedingte Vernunft
+ist also kein Gesch&auml;ft f&uuml;r eine Offenbarung: und
+mit Aufl&ouml;sung der dialektischen Scheingr&uuml;nde
+dagegen hat keine Offenbarung es zu thun, als
+welche nicht vern&uuml;nftelt, sondern gebietet, und
+sich nicht an vern&uuml;nftelnde, sondern sinnliche
+Subjekte richtet.&nbsp;&mdash;&nbsp;Aber dagegen ist die Idee
+von Gott es desto mehr. Unter die Bedingungen
+der reinen Sinnlichkeit, Zeit und Raum,
+Gott sich zu denken, wenn er sich ihn denken
+will, ist jeder gedrungen, der Mensch ist.
+Wir m&ouml;gen noch so sehr &uuml;berzeugt seyn, noch
+so scharf erweisen k&ouml;nnen, da&szlig; sie auf ihn<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>
+nicht passen, so &uuml;berrascht uns doch dieser Fehler,
+indem wir ihn noch r&uuml;gen. Wir wollen
+jetzt uns Gott als uns gegenw&auml;rtig denken, und
+wir k&ouml;nnen nicht verhindern, ihn an den Ort
+hinzudenken, wo wir sind: wir wollen jetzt
+Gott als den Vorherseher unsrer k&uuml;nftigen Schicksale,
+unsrer freien Entschlie&szlig;ungen denken, und
+wir denken ihn als in der Zeit, in der er jetzt
+ist, blickend in eine Zeit, in der er noch nicht
+ist. Solchen Vorstellungen mu&szlig; die Darstellung
+einer Religion sich anpassen; denn sie redet
+mit Menschen, und kann keine andre, als der
+Menschen Sprache reden.&nbsp;&mdash;&nbsp;Aber die empirische
+Sinnlichkeit bedarf noch mehr. Der innere Sinn,
+das empirische Selbstbewu&szlig;tseyn steht unter der
+Bedingung, ein mannichfaltiges nach und nach,
+und allm&auml;hlich aufzunehmen, und zu einander
+hinzuzusetzen; nichts aufnehmen zu k&ouml;nnen,
+was sich nicht von den vorherigen unterscheidet,
+also nur Ver&auml;nderungen bemerken zu k&ouml;nnen.
+Seine Welt ist eine unaufh&ouml;rliche Kette
+von Modifikationen. Unter dieser Bedingung will
+er sich auch das Selbstbewu&szlig;tseyn Gottes denken.&nbsp;&mdash;&nbsp;Er
+bedarf z.&nbsp;B. jetzt eines Zeugens der
+Reinigkeit seiner Gesinnungen bei einer gewissen
+Entschlie&szlig;ung. Gott hat <i>bemerkt</i>, so denkt
+er sich's, was in meiner Seele vorging.&nbsp;&mdash;&nbsp;Er
+ist jetzt besch&auml;mt &uuml;ber eine unmoralische Handlung:
+sein Gewissen erinnert ihn an die Hei<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>ligkeit
+des Gesetzgebers. Er hat sie, er hat das
+ganze Verderben, das sich darinn zeigt, <i>entdeckt</i>,
+denkt er. Aber er bemerkt auch die Reue, die
+ich jetzt dar&uuml;ber empfinde, f&auml;hrt er fort.&nbsp;&mdash;&nbsp;Er
+entschlie&szlig;t sich jetzt recht stark, hinf&uuml;hre aufmerksam
+an seiner Heiligung zu arbeiten. Er
+f&uuml;hlt, da&szlig; ihm die Kr&auml;fte dazu fehlen. Er ringt
+mit sich, und zu schwach im Kampfe, siehe er
+sich nach fremder H&uuml;lfe um, und betet zu Gott.
+Gott wird auf mein flehentliches, anhaltendes
+Bitten sich <i>entschlie&szlig;en</i> mir beizustehen, denkt
+er;&nbsp;&mdash;&nbsp;und denkt sich in allen diesen F&auml;llen
+Gott als durch ihn modificirbar.&nbsp;&mdash;&nbsp;Er denkt
+sich in Gott Affekten, und Leidenschaften, damit
+er Theil nehmen k&ouml;nne an den seinigen;&nbsp;&mdash;&nbsp;Mitleid,
+Bedauren, Erbarmen, Liebe, Vergn&uuml;gen,
+u.&nbsp;dergl.&nbsp;&mdash;&nbsp;Die h&ouml;chste, oder tiefste
+Stufe der Sinnlichkeit, die alles unter die empirischen
+Bedingungen des &auml;ussern Sinns setzt,
+verlangt noch mehr. Sie will einen k&ouml;rperlichen
+Gott, der ihre Handlungen im eigentlichen Verstande
+<i>sieht</i>, ihre Worte <i>h&ouml;rt</i>, mit dem sie
+reden k&ouml;nne, wie ein Freund mit seinem Freunde.
+Ob eine Offenbarung sich zu diesen Bed&uuml;rfnissen
+herablassen k&ouml;nne, ist keine Frage: ob
+sie aber d&uuml;rfe, und in wie weit sie d&uuml;rfe, mu&szlig;
+eine Kritik der Offenbarung beantworten.</p>
+
+<p>Der Zweck aller dieser Belehrungen ist kein
+andrer, als Bef&ouml;rderung reiner Moralit&auml;t, und<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>
+der versinnlichenden Darstellung derselben insbesondere
+Bef&ouml;rderung reiner Moralit&auml;t in dem
+sinnlichen Menschen. Insofern nur diese Versinnlichung
+mit diesem Zwecke &uuml;bereinkommt,
+kann die Offenbarung g&ouml;ttlich seyn: wenn sie
+ihm aber widerspricht, ist sie gewi&szlig; nicht
+g&ouml;ttlich.</p>
+
+<p>Die Versinnlichung des Begriffs von Gott
+kann den moralischen Eigenschaften Gottes, und
+mithin aller Moralit&auml;t auf zweierlei Art widersprechen:
+nemlich theils <i>unmittelbar</i>, wenn
+Gott mit Leidenschaften dargestellt wird, die
+geradezu gegen das Moralgesetz sind, wenn
+ihm z.&nbsp;B. Zorn und Rache aus Eigenwillen, Vorliebe
+oder Vorha&szlig;, welche sich auf etwas anders
+als auf die Moralit&auml;t der Objekte dieser
+Leidenschaften gr&uuml;nden, zugeschrieben wird.
+Ein solcher Gott w&uuml;rde kein Muster unsrer Nachahmung,
+und kein Wesen seyn, f&uuml;r welches
+wir Achtung haben k&ouml;nnten, sondern ein Gegenstand
+einer &auml;ngstlichen zur Verzweiflung bringenden
+Furcht. Jedoch widerspricht dieses schon
+der Form aller Offenbarung, welche einen <i>heiligen</i>
+Gott als Gesetzgeber verlangt. Es w&uuml;rde
+aber dem moralischen Begriffe von Gott gar
+nicht widersprechen, wenn ihm z.&nbsp;B. lebhafter
+Unwille &uuml;ber das unmoralische Verhalten endlicher
+Wesen zugeschrieben w&uuml;rde; denn das ist
+blos sinnliche Darstellung einer nothwendigen<a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>
+Wirkung der Heiligkeit Gottes, die wir, wie sie
+an sich in Gott ist, gar nicht erkennen k&ouml;nnen;
+und wenn in einer Sprache, die zu den feinern
+Modifikationen der Affekten keine bestimmten
+Worte h&auml;tte, dieser Unwille auch Zorn genennt
+w&uuml;rde, so widerspricht auch dies, im Geiste der
+Menschen, die diese Sprache redeten, verstanden,
+dem Begriffe von Gott nicht, <i>Mittelbar</i> w&uuml;rde
+<i>jede</i> sinnliche Darstellung von Gott der Moralit&auml;t
+widersprechen, wenn sie als <i>objektiv g&uuml;ltig</i>, und
+nicht als blo&szlig;e Herablassung zu unserm <i>subjektiven
+Bed&uuml;rfni&szlig;</i> vorgestellt w&uuml;rde. Denn alles,
+was vom Objekte, an sich gilt, daraus kann ich
+Schl&uuml;sse ziehen, und das Objekt dadurch weiter
+bestimmen. Leiten wir aber aus irgend einer
+sinnlichen Bedingung Gottes, als objektiv g&uuml;ltig,
+Schl&uuml;sse ab, so verwickeln wir uns mit jedem
+Schl&uuml;sse tiefer in Widerspr&uuml;che gegen seine moralischen
+Eigenschaften. Sieht z.&nbsp;B. und h&ouml;rt
+Gott wirklich, so mu&szlig; er auch durch diese Sinne
+des Vergn&uuml;gens theilhaftig seyn; so ist es sehr
+m&ouml;glich, da&szlig; wir ihm ein sinnliches Vergn&uuml;gen
+machen k&ouml;nnen, da&szlig; der Geruch der Brandopfer
+und Speisopfer, ihm wirklich gefallen kann<a name="FNanchor_25_25" id="FNanchor_25_25"></a><a href="#Footnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a>, und<a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>
+wir haben folglich Mittel ihm durch etwas anderes,
+als durch Moralit&auml;t gef&auml;llig zu werden.
+K&ouml;nnen wir Gott wirklich durch unsre Empfindungen
+bestimmen, ihn zum Mitleiden, zum Erbarmen,
+zur Freude bewegen, so ist er nicht der
+Unver&auml;nderliche, der Alleingenugsame, der Alleinselige,
+so ist er noch durch etwas anderes,
+als durch das Moralgesetz bestimmbar; so k&ouml;nnen
+wir auch wol hoffen, ihn durch Winseln und
+Zerknirschung zu bewegen, da&szlig; er anders mit
+uns verfahre, als der Grad unsrer Moralit&auml;t es
+verdient h&auml;tte. Alle diese sinnlichen Darstellungen
+g&ouml;ttlicher Eigenschaften m&uuml;ssen also nicht
+als objektiv g&uuml;ltig angek&uuml;ndigt werden; es mu&szlig;
+nicht zweideutig gelassen werden, ob Gott <i>an
+sich</i> so beschaffen sey, oder ob er uns nur zum
+Behuf unsers sinnlichen Bed&uuml;rfnisses erlauben
+wolle, ihn so zu denken.&nbsp;&mdash;&nbsp;Au&szlig;er dieser Bedingung
+aber k&ouml;nnen wir keiner Offenbarung
+<i>a priori</i> Gesetze vorschreiben, wie weit sie mit der
+Versinnlichung des Begriffs von Gott gehen d&uuml;rfe:
+sondern dies h&auml;ngt g&auml;nzlich von dem empirisch
+gegebnen Bed&uuml;rfnisse des Zeitalters ab, f&uuml;r welches
+sie zun&auml;chst bestimmt ist. Wenn z.&nbsp;B. ir<a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>gend
+eine Offenbarung, um von einer Seite allen
+Bed&uuml;rfnissen der rohsten Sinnlichkeit Gen&uuml;ge zu
+thun, und von der andern Seite dem Begriffe
+von Gott seine v&ouml;llige Reinheit zu sichern, uns
+irgend ein ganz sinnlich bedingtes Wesen, als einen
+Abdruck der moralischen Eigenschaften Gottes,
+insofern sie Beziehungen auf Menschen haben,
+eine verk&ouml;rperte praktische Vernunft <span title="[Greek: logon]">&#955;&#959;&#947;&#959;&#957;</span>
+gleichsam als einen Gott der Menschen, darstellte:
+so w&auml;re dies noch gar kein Grund, so
+einer Offenbarung &uuml;berhaupt, oder auch nur dieser
+Darstellung derselben den g&ouml;ttlichen Ursprung
+abzusprechen; wenn nur dieses Wesen so vorgestellt
+w&auml;re, da&szlig; es jener Absicht entsprechen
+k&ouml;nnte, und wenn nur diese Stellvertretung nicht
+als objektiv g&uuml;ltig behauptet, sondern blos als
+Herablassung zur Sinnlichkeit, die derselben bed&uuml;rfen
+k&ouml;nnte<a name="FNanchor_26_26" id="FNanchor_26_26"></a><a href="#Footnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a>, vorgestellt, und, was daraus
+nothwendig folgt, jedem v&ouml;llig freigestellt w&uuml;rde,
+sich dieser Vorstellung zu bedienen, oder nicht, je
+nachdem er es f&uuml;r sich moralisch n&uuml;tzlich f&auml;nde.
+<i>Nur eine solche Offenbarung also kann g&ouml;ttlichen
+Ursprungs seyn, die einen anthropomorphosirten
+Gott, nicht als objektiv, sondern blos f&uuml;r subjektiv
+g&uuml;ltig giebt.</i></p>
+
+<p>Der Begriff der Unsterblichkeit der Seele<a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>
+gr&uuml;ndet sich auf eine Abstraktion, die die Sinnlichkeit,
+besonders der tiefste Grad der Sinnlichkeit,
+nicht macht. Seiner Pers&ouml;nlichkeit ist jeder
+unmittelbar durch das Selbstbewu&szlig;tseyn sicher;
+das: Ich bin&nbsp;&mdash;&nbsp;bin selbstst&auml;ndiges Wesen, l&auml;&szlig;t
+er sich durch keine Vern&uuml;nfteleien rauben. Aber
+welche von diesen Bestimmungen dieses seines
+Ich reine, oder empirische, welche f&uuml;r und durch
+den innern oder &auml;u&szlig;ern Sinn, oder welche durch
+die reine Vernunft gegeben, welche wesentlich,
+und welche nur zuf&auml;llig seyen, und nur von seiner
+gegenw&auml;rtigen Lage abh&auml;ngen, sondert er
+nicht ab, und ist nicht f&auml;hig es zu thun. Er
+wird vielleicht nie auf den Begriff einer Seele,
+als eines reinen Geistes kommen; und giebt man
+ihm auch denselben, so wird man ihm oft nichts
+als ein Wort geben, das f&uuml;r ihn ohne Bedeutung
+ist. Er kann also Fortdauer seines Ich sich nicht
+anders denken, als unter der Gestalt der Fortdauer
+desselben mit allen seinen gegenw&auml;rtigen
+Bestimmungen. Wenn eine Offenbarung sich zu
+dieser Schwachheit herablassen will,&nbsp;&mdash;&nbsp;und sie
+wird es fast m&uuml;ssen, um verst&auml;ndlich zu werden,&nbsp;&mdash;&nbsp;so
+wird sie ihm jene Idee in die Gestalt
+kleiden, in der er allein f&auml;hig ist, sie zu
+denken, in die, der Fortdauer alles dessen, was
+er gegenw&auml;rtig zu seinem Ich rechnet; und, da
+er den einstigen Untergang eines Theils desselben
+offenbar vorhersieht, der Wiederauferste<a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>hung<a name="FNanchor_27_27" id="FNanchor_27_27"></a><a href="#Footnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a>;
+und die Hervorbringung der v&ouml;lligen
+Kongruenz zwischen Moralit&auml;t und Gl&uuml;ckseligkeit
+in das Bild eines allgemeinen Verh&ouml;rs und Gerichtstages,
+und einer Austheilung von Strafen
+und Belohnungen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Aber sie darf diese Bilder
+nicht als objektive Wahrheiten aufstellen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Nur
+eine solche Offenbarung also kann g&ouml;ttlich
+seyn, welche eine versinnlichte Darstellung
+unsrer Unsterblichkeit, und des moralischen Gerichts
+Gottes &uuml;ber endliche Wesen, nicht als objektiv,
+sondern nur als subjektiv (nemlich nicht<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>
+f&uuml;r Menschen &uuml;berhaupt, sondern nur f&uuml;r diejenigen
+sinnlichen Menschen, die einer solchen
+Darstellung bed&uuml;rfen) g&uuml;ltig giebt. Thut sie das
+erstere, so ist ihr zwar darum noch nicht die
+M&ouml;glichkeit eines g&ouml;ttlichen Ursprungs &uuml;berhaupt
+abzusprechen, denn eine solche Behauptung <i>widerspricht</i>
+der Moral nicht, sie ist blos <i>nicht</i> von
+ihren Principien <i>abzuleiten; aber sie ist, wenigstens
+in R&uuml;cksicht dieser Behauptung, nicht
+g&ouml;ttlich.</i></p>
+
+<p>Ob eine Offenbarung ihren versinnlichenden
+Vorstellungen reiner Vernunftideen objektive,
+oder blos subjektive G&uuml;ltigkeit beilege, ist, wenn
+sie es auch nicht ausdr&uuml;cklich erinnert, welches
+jedoch zur Vermeidung alles m&ouml;glichen Misverst&auml;ndnisses
+zu w&uuml;nschen ist, daraus zu ersehen,
+ob sie auf dieselben Schl&uuml;sse bauet oder, nicht.
+Thut sie das erstere, so ist offenbar, da&szlig; sie
+ihnen objektive G&uuml;ltigkeit beilegt.</p>
+
+<p>Da endlich die empirische Sinnlichkeit sich,
+ihren besondern Modifikationen nach, bei verschiedenen
+V&ouml;lkern, und in verschiedenen Zeitaltern
+ver&auml;ndert, und unter der Zucht einer guten
+Offenbarung sich immer mehr verringern
+soll; so ist es Kriterium, zwar nicht der G&ouml;ttlichkeit
+einer Offenbarung, aber doch ihrer m&ouml;glichen
+Bestimmung f&uuml;r viele V&ouml;lker, und Zeiten,
+wenn die K&ouml;rper, in die sie den Geist kleidet,
+nicht zu fest, und zu haltbar, sondern von einem<a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>
+leichten Umrisse, und dem Geiste verschiedener
+V&ouml;lker und Zeiten ohne M&uuml;he anzupassen sind.&nbsp;&mdash;&nbsp;Eben
+dies gilt von den Aufmunterungs- und Bef&ouml;rderungsmitteln
+zur Moralit&auml;t, die eine Offenbarung
+empfiehlt. Unter der Leitung einer weisen
+Offenbarung, die in weisen H&auml;nden ist, sollten die
+erstem und letztern immer mehr von ihrer Beimischung
+grober Sinnlichkeit ablegen, weil sie
+immer entbehrlicher werden sollte.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="Section_13" id="Section_13"></a>&sect;.&nbsp;13.</h3>
+
+<h3><i>Systematische Ordnung dieser Kriterien.</i></h3>
+
+<p>Die jetzt aufgestellten Kriterien sind Bedingungen
+der M&ouml;glichkeit unsern Begriff <i>a priori</i>
+von einer Offenbarung auf eine in der Sinnenwelt
+gegebne Erscheinung anzuwenden, und zu
+urtheilen, sie sey eine Offenbarung; nemlich
+nicht Bedingungen der Anwendung des Begriffs
+&uuml;berhaupt, denn davon werden wir erst im folgenden
+&sect;. reden, sondern seiner Anwendung auf
+die bestimmte gegebne Erfahrung. Um sicher
+zu seyn, da&szlig; wir diese Bedingungen alle ersch&ouml;pft
+haben, und da&szlig; es au&szlig;er den angef&uuml;hrten
+keine mehr gebe, (denn wenn wir etwa im
+Gegentheile welche aufgestellt h&auml;tten, die keine
+sind, so m&uuml;&szlig;te sich das sogleich daraus ergeben
+haben, da&szlig; wir sie aus dem Offenbarungsbegriffe
+nicht h&auml;tten ableiten k&ouml;nnen,) m&uuml;ssen wir uns
+nach einem Leitfaden zur Entdeckung aller Be<a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>stimmungen
+dieses Begriffs umsehen; und ein
+solcher ist bei allen m&ouml;glichen Begriffen die Tafel
+der Kategorien.</p>
+
+<p>Der Begriff einer Offenbarung ist nemlich ein
+Begriff von einer Erscheinung in der Sinnenwelt,
+welche der <i>Qualit&auml;t</i> nach unmittelbar durch
+g&ouml;ttliche Kausalit&auml;t bewirkt seyn soll. Es ist
+mithin Kriterium einer diesem Begriffe entsprechenden
+Erscheinung, da&szlig; sie durch keine Mittel
+gewirkt sey, die dem Begriffe einer g&ouml;ttlichen
+Kausalit&auml;t widersprechen; und dieses sind, da
+wir von Gott nur einen moralischen Begriff haben,
+alle unmoralische. Diese Erscheinung soll
+<i>der subjektiven Quantit&auml;t</i> nach, (denn die <i>objektive</i>
+giebt kein eigentliches Kriterium ab, sondern
+auf sie gr&uuml;ndet sich blos die Erinnerung, da&szlig;
+mehrere Offenbarungen zu gleicher Zeit bei entfernten
+V&ouml;lkern nicht unm&ouml;glich sind,) f&uuml;r alle
+sinnliche Menschen gelten, die derselben bed&uuml;rfen.
+Es ist mithin Bedingung jeder <i>in concreto</i>
+gegebnen Offenbarung, da&szlig; Menschen mit einem
+dergleichen Bed&uuml;rfni&szlig; wirklich nachzuweisen
+seyen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Dies sind die Kriterien einer Offenbarung
+ihrer &auml;u&szlig;ern Form nach, welche sich aus
+den mathematischen Bestimmungen ihres Begriffs
+ergeben, was denn der Natur der Sache nach
+so seyn mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Diese Erscheinung wird in ihrem Begriffe der
+<i>Relation</i> nach auf einen Zweck bezogen, nemlich<a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>
+den, reine Moralit&auml;t zu bef&ouml;rdern: eine <i>in concreto</i>
+gegebne Offenbarung mu&szlig; folglich diesen
+Zweck erweislich beabsichtigen,&nbsp;&mdash;&nbsp;nicht eben
+nothwendig erreichen, welches schon dem Begriffe
+moralischer, d.&nbsp;i. freier Wesen, in welchen
+allein sich Moralit&auml;t hervorbringen l&auml;&szlig;t,
+widersprechen w&uuml;rde. Dieses Zwecks Bef&ouml;rderung
+aber ist in sinnlichen Menschen nicht anders,
+als durch Ank&uuml;ndigung Gottes, als moralischen
+Gesetzgebers, m&ouml;glich; und der Gehorsam
+gegen diesen Gesetzgeber ist nur dann moralisch,
+wenn er sich auf die Vorstellung seiner Heiligkeit
+gr&uuml;ndet. Diese Ank&uuml;ndigung sowohl, als
+die Reinigkeit des aufgestellten Motivs des geforderten
+Gehorsams ist mithin Kriterium jeder
+Offenbarung.</p>
+
+<p>In Absicht der <i>Modalit&auml;t</i> endlich w&uuml;rde eine
+Offenbarung in ihrem Begriffe blos als m&ouml;glich
+angenommen, woraus, da es zu dem Begriffe an
+sich nichts hinzuthut, sondern nur das Verh&auml;ltni&szlig;
+seines Gegenstandes zu unserm Verstande ausdr&uuml;ckt,
+keine Bedingung der Anwendung dieses
+Begriffs auf eine <i>in concreto</i> gegebne Erscheinung,
+d.&nbsp;i. kein Kriterium einer Offenbarung sich
+ergeben kann. Was aber daraus auf die M&ouml;glichkeit
+ihn &uuml;berhaupt anzuwenden folge, das
+werden wir im folgenden &sect;. sehen.</p>
+
+<p>Dies sind nun die Kriterien einer Offenbarung
+ihrer Form nach, und, da das Wesen der Offen<a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>barung
+eben in der besondern Form einer schon
+<i>a priori</i> vorhandenen Materie besteht, die einzigen
+ihr wesentlichen: und es sind au&szlig;er den
+aufgestellten keine mehr m&ouml;glich, weil in ihrem
+Begriffe keine Bestimmungen mehr sind.</p>
+
+<p>Die Materie einer Offenbarung ist <i>a priori</i>
+durch die reine praktische Vernunft da, und
+steht an sich unter eben der Kritik, unter welcher
+letztere selbst steht: mithin ist, sofern sie
+als Materie einer Offenbarung betrachtet wird,
+sowohl dem Inhalte als der Darstellung nach,
+welche jenen modificirt, ihr einziges Kriterium,
+da&szlig; sie mit der Aussage der praktischen Vernunft
+v&ouml;llig &uuml;bereinstimme; der Qualit&auml;t nach,
+da&szlig; sie eben das aussage; der Quantit&auml;t nach,
+da&szlig; sie nicht mehr aussagen zu wollen vorgebe,
+(denn da&szlig; weniger in ihr ausgesagt werde, ist
+unm&ouml;glich, da sie ein Princip aufzustellen hat,
+in welchem alles, was Inhalt einer Religion werden
+kann, wenn auch vielleicht unentwickelt,
+enthalten seyn mu&szlig;;) der Relation nach, als abzuleitend
+und untergeordnet unter das einzige
+Moralprincip, und der Modalit&auml;t nach, nicht als
+objektiv, sondern blos als subjektiv, allgemeing&uuml;ltig.&nbsp;&mdash;&nbsp;Nach
+dem jetztgesagten w&uuml;rde sich
+leicht eine Tafel aller Kriterien jeder m&ouml;glichen
+Offenbarung nach der Ordnung der Kategorien
+entwerfen lassen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a></p>
+<h3><a name="Section_14" id="Section_14"></a>&sect;.&nbsp;14.</h3>
+
+<h3><i>Von der M&ouml;glichkeit, eine gegebne Erscheinung f&uuml;r g&ouml;ttliche
+Offenbarung aufzunehmen.</i></h3>
+
+<p>Bis jetzt ist eigentlich weiter nichts ausgemacht
+worden, als die v&ouml;llige Gedenkbarkeit einer
+Offenbarung &uuml;berhaupt, d.&nbsp;i. da&szlig; der Begriff
+einer dergleichen Offenbarung sich nicht selbst
+widerspreche; und da in demselben eine Erscheinung
+in der Sinnenwelt postulirt wird, haben die
+Bedingungen festgesetzt werden m&uuml;ssen, unter
+denen dieser Begriff auf eine Erscheinung anwendbar
+ist. Diese Bedingungen waren die durch
+eine Analysis gefundenen Bestimmungen des anzuwendenden
+Begriffs.</p>
+
+<p>Was aber noch nicht geschehen ist, ja wozu
+noch gar keine Anstalten gemacht worden sind,
+ist das, diesem Begriffe eine Realit&auml;t <i>au&szlig;er uns</i>
+zuzusichern, welches doch, der Natur dieses Begriffs
+nach, geschehen m&uuml;&szlig;te.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wenn nemlich
+ein Begriff <i>a priori</i>, als anwendbar in der
+Sinnenwelt, <i>gegeben</i> ist, (wie etwa der der Kausalit&auml;t,)
+so sichert schon der Erweis, da&szlig; er gegeben
+ist, ihm seine objektive G&uuml;ltigkeit; wenn
+er aber <i>a priori</i> auch nur <i>gemacht</i> ist, wie etwa
+der eines Dreiecks, oder auch der eines Pegasus,
+so versichert unmittelbar die Konstruktion desselben
+im Raume ihm diese Realit&auml;t, und das
+Urtheil: das ist ein Dreieck, oder, das ist ein
+Pegasus, hei&szlig;t weiter nichts, als: das ist die<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>
+Darstellung eines Begriffs, den ich mir gemacht
+habe. Es wird in einem solchen Urtheile vorausgesetzt,
+da&szlig; zur Realit&auml;t des Begriffs weiter
+nichts geh&ouml;re, als der Begriff selbst; und da&szlig; er
+allein als zureichender Grund des ihm korrespondirenden
+anzusehen sey. In dem <i>a priori</i> gemachten
+Begriffe der Offenbarung aber wird zur
+Realit&auml;t desselben allerdings noch etwas ganz
+anderes vorausgesetzt, als unser Begriff von ihr,
+nemlich, ein Begriff in Gott, der dem unsrigen
+&auml;hnlich sey. Das kategorische Urtheil: das ist
+eine Offenbarung, hei&szlig;t nicht etwa blos: diese
+Erscheinung in der Sinnenwelt ist Darstellung
+eines <i>meiner</i> Begriffe, sondern: sie ist Darstellung
+eines <i>g&ouml;ttlichen</i> Begriffs, gem&auml;&szlig; einem
+<i>meiner</i> Begriffe. Um ein solches kategorisches
+Urtheil zu berechtigen, d.&nbsp;i. um dem Offenbarungsbegriffe
+eine Realit&auml;t au&szlig;er uns zuzusichern,
+m&uuml;&szlig;te erwiesen werden k&ouml;nnen, da&szlig;
+ein Begriff von derselben in Gott vorhanden, gewesen
+sey, und da&szlig; eine gewisse Erscheinung
+beabsichtigte Darstellung desselben sey.</p>
+
+<p>Ein solcher Beweis k&ouml;nnte entweder <i>a priori</i>
+gef&uuml;hrt werden, nemlich so, da&szlig; aus dem Begriffe
+von Gott die Nothwendigkeit gezeigt werde
+da&szlig; er diesen Begriff nicht nur habe, sondern
+auch eine Darstellung desselben habe bewirken
+wollen; etwa so, wie wir aus der Anforderung
+des Moralgesetzes an Gott, endlichen<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>
+Wesen die Ewigkeit zu geben, damit sie dem
+ewigg&uuml;ltigen Gebote desselben Gen&uuml;ge leisten
+k&ouml;nnen, nothwendig schlie&szlig;en m&uuml;ssen, da&szlig; der
+Begriff der unendlichen Dauer endlicher moralischer
+Wesen nicht nur als Begriff in Gott sey,
+sondern da&szlig; er ihn auch au&szlig;er sich realisiren
+m&uuml;sse. So ein Beweis, der, wie ohne alle Erinnerung
+sich versteht, freilich nur subjektiv, aber
+dennoch allgemeing&uuml;ltig seyn w&uuml;rde, w&uuml;rde sehr
+viel und mehr noch beweisen, als wir wollten,
+indem er ganz unabh&auml;ngig von aller Erfahrung
+in der Sinnenwelt uns berechtigte, die absolute
+Existenz einer Offenbarung anzunehmen, es
+m&ouml;chte eine dem Begriffe desselben entsprechende
+Erscheinung in der Sinnenwelt gegeben
+seyn oder nicht. Da&szlig; ein solcher Beweis aber
+unm&ouml;glich sey, haben wir schon oben gesehen.
+Wir haben nemlich von Gott nur einen moralischen,
+durch die reine praktische Vernunft gegebnen
+Begriff. F&auml;nde in demselben sich ein
+Datum, das uns berechtigte, Gott den Begriff
+der Offenbarung zuzuschreiben, so w&auml;re dieses
+Datum zugleich dasjenige, was den Offenbarungsbegriff
+selbst g&auml;be, und zwar <i>a priori</i> g&auml;be.
+Nach einem solchen Datum der reinen Vernunft
+aber haben wir uns oben vergeblich umgesehen,
+und daher von diesem Begriffe eingestanden, da&szlig;
+er ein blos gemachter sey.</p>
+
+<p>Oder dieser Beweis k&ouml;nnte <i>a posteriori</i> ge<a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>f&uuml;hrt
+werden, n&auml;mlich so da&szlig; man aus den Bestimmungen
+der in der Natur gegebnen Erscheinung darthue,
+sie k&ouml;nnen nicht anders, als unmittelbar
+durch g&ouml;ttliche Kausalit&auml;t, und durch
+diese wieder nicht anders, als nach dem Begriffe
+der Offenbarung gewirkt seyn. Da ein solcher
+Beweis die Kr&auml;fte des menschlichen Geistes unendlich
+&uuml;bersteige, bed&uuml;rfte eigentlich nicht dargethan
+zu werden, da man nur die Erfordernisse
+eines solchen Beweises nennen darf, um ihn von
+&Uuml;bernehmung desselben zur&uuml;ckzuschrecken; doch
+ist oben auch das zum &Uuml;berflusse geschehen.</p>
+
+<p>Man k&ouml;nnte aber etwa noch, nachdem man
+auf die Hoffnung eines strengen Beweises Verzicht
+gethan, glauben, der nicht erweisbare Satz
+werde sich wenigstens wahrscheinlich machen
+lassen. Wahrscheinlichkeit nemlich entsteht,
+wenn man in die Reihe von Gr&uuml;nden kommt,
+welche uns auf den zureichenden Grund f&uuml;r einen
+gewissen Satz f&uuml;hren m&uuml;&szlig;te, doch ohne diesen
+zureichenden Grund selbst, oder auch den,
+der sein zureichender ist, u.&nbsp;s.&nbsp;w. als gegeben
+aufzeigen zu k&ouml;nnen, und je n&auml;her man diesem
+zureichenden Grunde ist, desto h&ouml;her ist der
+Grad der Wahrscheinlichkeit. Diesen zureichenden
+Grund konnte man nun entweder <i>a priori</i>,
+(durch's Herabsteigen von den Ursachen zu den
+Wirkungen) oder <i>a posteriori</i> (durch's Heraufsteigen
+von den Wirkungen zu den Ursachen)
+aufsuchen wollen. Im ersten Falle m&uuml;&szlig;te man<a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>
+etwa eine Eigenschaft in Gott aufzeigen, welche
+ihn, wenn etwa noch ein Bestimmungsgrund, der
+sich nicht aufzeigen lie&szlig;e, dazu k&auml;me, bewegen
+m&uuml;&szlig;te, den Begriff einer Offenbarung nicht etwa
+<i>&uuml;berhaupt</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;denn eine solche Eigenschaft in
+Gott fanden wir oben &sect;.&nbsp;7. allerdings an seiner
+Bestimmung durch's Sittengesetz, Moralit&auml;t au&szlig;er
+sich durch jedes m&ouml;gliche Mittel zu verbreiten&nbsp;&mdash;&nbsp;sondern
+<i>unter den empirisch gegebnen
+Bestimmungen</i> dieser besondern Offenbarung zu
+realisiren; so wie man etwa von der Weisheit
+Gottes, nach der Analogie ihrer Wirkungsart
+hienieden (also durch Verbindung dieses Begriffs
+<i>a priori</i> mit einer Erfahrung) vermuthen, aber
+nicht beweisen kann, (weil Gr&uuml;nde dagegen
+seyn m&ouml;chten, die wir nicht wissen) da&szlig; endliche
+Wesen mit K&ouml;rpern, aber immer sich verfeinernden
+K&ouml;rpern fortdauern werden. Abgerechnet,
+da&szlig; unser Geist so eingerichtet ist da&szlig;
+Wahrscheinlichkeitsgr&uuml;nde <i>a priori</i> nicht das geringste
+F&uuml;rwahrhalten in ihm begr&uuml;nden k&ouml;nnen;
+so wird man auch eine solche Bestimmung in
+Gott nie auffinden. Oder im zweiten Falle
+m&uuml;&szlig;te man alle M&ouml;glichkeiten, da&szlig; eine gewisse
+Begebenheit anders als durch g&ouml;ttliche Kausalit&auml;t
+bewirkt seyn k&ouml;nnte, bis etwa auf eine, oder
+zwei, u.&nbsp;s.&nbsp;f. wegr&auml;umen. In diese Reihe der
+Gr&uuml;nde, eine g&ouml;ttliche Kausalit&auml;t f&uuml;r gewisse Erscheinungen
+in der Sinnenwelt anzunehmen, kom<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>men
+wir denn nun allerdings. Denn es ist,
+theoretisch betrachtet, allerdings der erste Grund
+f&uuml;r den Ursprung einer gewissen Begebenheit
+durch unmittelbare Wirkung Gottes, wenn <i>wir</i>
+ihre Entstehung aus nat&uuml;rlichen Ursachen nicht
+zu erkl&auml;ren wissen. Aber dieses ist nur das erste
+Glied einer Reihe, deren Ausdehnung wir gar
+nicht wissen, und welche schon an sich aller
+Wahrscheinlichkeit nach uns ungedenkbar ist,
+und es verschwindet folglich in Nichts vor der
+unendlichen Menge der m&ouml;glichen &uuml;brigen. Wir
+k&ouml;nnen mithin f&uuml;r die Befugni&szlig; eines kategorischen
+Urtheils, da&szlig; etwas eine Offenbarung sey,
+auch nicht einmal Wahrscheinlichkeitsgr&uuml;nde anf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Es d&uuml;rfte etwa jemand noch einen Augenblick
+glauben, da&szlig; diese Wahrscheinlichkeit durch
+die gefundne &Uuml;bereinstimmung einer angeblichen
+Offenbarung mit den Kriterien derselben begr&uuml;ndet
+werde; daher, und zuf&ouml;rderst: wenn eine angebliche
+Offenbarung vorhanden w&auml;re, an der wir
+alle Kriterien der Wahrheit gefunden h&auml;tten,&nbsp;&mdash;&nbsp;welches
+Urtheil &uuml;ber dieselbe w&uuml;rde dies berechtigen?
+Alle diese Kriterien sind die moralischen Bedingungen,
+unter denen allein, und au&szlig;er welchen
+nicht, eine solche Erscheinung von Gott, dem
+Begriffe einer Offenbarung gem&auml;&szlig;, bewirkt seyn
+k&ouml;nnte; aber gar nicht umgekehrt,&nbsp;&mdash;&nbsp;die Bedingungen
+einer Wirkung, die blos durch Gott diesem
+Begriffe gem&auml;&szlig; bewirkt seyn k&ouml;nnte. W&auml;<a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>ren
+sie das letztere, so berechtigten sie durch
+Ausschlie&szlig;ung der Kausalit&auml;t aller &uuml;brigen Wesen
+zu dem Urtheile: das <i>ist</i> Offenbarung; da
+sie aber das nicht, sondern nur das erstere sind,
+so berechtigen sie blos zu dem Urtheile: das
+<i>kann</i> Offenbarung seyn, d.&nbsp;h. wenn vorausgesetzt
+wird, da&szlig; in Gott der Begriff einer Offenbarung
+vorhanden gewesen sey, und da&szlig; er ihn habe
+darstellen wollen, so ist in der gegebnen Erscheinung
+nichts, was der m&ouml;glichen Annahme, sie
+sey eine dergleichen Darstellung, widersprechen
+k&ouml;nnte. Es wird also durch eine solche Pr&uuml;fung
+nach den Kriterien blos problematisch, da&szlig; irgend
+etwas eine Offenbarung seyn k&ouml;nne; dieses
+problematische Urtheil aber ist nun auch
+v&ouml;llig sicher.</p>
+
+<p>Es wird nemlich in demselben eigentlich
+zweierlei ausgesagt; zuerst: es ist &uuml;berhaupt
+m&ouml;glich, da&szlig; Gott den Begriff einer Offenbarung
+gehabt habe, und da&szlig; er ihn habe darstellen
+wollen&nbsp;&mdash;&nbsp;und dies ist schon unmittelbar aus
+der Vernunftm&auml;&szlig;igkeit des Offenbarungsbegriffs,
+in welchem diese M&ouml;glichkeit angenommen wird,
+klar; und dann: es ist m&ouml;glich, da&szlig; diese bestimmte
+angebliche Offenbarung eine Darstellung
+desselben sey. Das letztere Urtheil kann nun,
+und mu&szlig; der Billigkeit gem&auml;&szlig;, vor aller Pr&uuml;fung
+vorher von jeder als Offenbarung angek&uuml;ndigten
+Erscheinung gef&auml;llt werden; in dem Sinne nem<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>lich:
+es sey m&ouml;glich, da&szlig; sie die Kriterien einer
+Offenbarung an sich haben k&ouml;nne. Hier nemlich
+(vor der Pr&uuml;fung vorher) ist das problematische
+Urtheil aus zweien problematischen zusammengesetzt.
+Wenn aber diese Pr&uuml;fung vollendet,
+und die angek&uuml;ndigte Offenbarung in derselben
+bew&auml;hrt gefunden ist, so ist das erstere
+nicht mehr problematisch, sondern v&ouml;llig sicher;
+die Erscheinung hat alle Kriterien einer Offenbarung
+au sich: man kann daher nun mit v&ouml;lliger
+Sicherheit, ohne noch ein anderweitiges Datum
+zu erwarten, oder irgend woher einen Einspruch
+zu bef&uuml;rchten, urtheilen, sie <i>k&ouml;nne</i> eine
+seyn. Aus der Pr&uuml;fung nach den Kriterien ergiebt
+sich also das, was sich aus ihnen ergeben
+kann, nicht blos als wahrscheinlich, sondern als
+gewi&szlig;, ob sie nemlich g&ouml;ttlichen Ursprungs seyn
+<i>k&ouml;nne</i>; ob sie es aber <i>wirklich sey</i>,&nbsp;&mdash;&nbsp;dar&uuml;ber
+ergiebt sich aus ihr gar nichts, denn davon ist
+bei ihrer &Uuml;bernehmung gar nicht die Frage gewesen.</p>
+
+<p>Nach Vollendung dieser Pr&uuml;fung kommt nun
+in Absicht auf ein kategorisches Urtheil das Gem&uuml;th,
+oder sollte es wenigstens vern&uuml;nftiger
+Weise, in ein v&ouml;lliges Gleichgewicht zwischen
+dem F&uuml;r und dem Wider; noch auf keine Seite
+geneigt, aber bereit, bei dem ersten kleinsten
+Momente sich auf die eine oder die andre hinzuneigen.
+F&uuml;r ein verneinendes Urtheil ist kein<a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>
+der Vernunft nicht widersprechendes Moment
+denkbar; weder ein strenger, noch ein zur wahrscheinlichen
+Vermuthung hinreichender Beweis;
+denn der verneinende ist eben so und aus eben
+den Gr&uuml;nden unm&ouml;glich als der bejahende; noch
+eine Bestimmung des Begehrungsverm&ouml;gens durchs
+praktische Gesetz, weil die Annehmung einer alle
+Kriterien der G&ouml;ttlichkeit an sich habenden. Offenbarung
+diesem Gesetze in nichts widerspricht.
+(Es l&auml;&szlig;t sich zwar allerdings eine Bestimmung
+des untern Begehrungsverm&ouml;gens durch die Neigung
+denken, welche uns gegen die Anerkennung
+einer Offenbarung einnehmen k&ouml;nnte, und man
+kann, ohne sich der Lieblosigkeit schuldig zu
+machen, wol annehmen, da&szlig; eine solche Bestimmung
+<i>bei manchem</i> der Grund sey, warum er
+keine Offenbarung annehmen wolle; aber eine
+solche Neigung widerspricht offenbar der praktischen
+Vernunft.) Es mu&szlig; sich also, ein Moment
+f&uuml;r das bejahende Urtheil auffinden lassen,
+oder wir m&uuml;ssen in dieser Unentschiedenheit immer
+bleiben. Da auch dieses Moment weder
+ein strenges, noch ein zur wahrscheinlichen Vermuthung
+hinreichender Beweis seyn kann, so
+mu&szlig; es eine Bestimmung des Begehrungsverm&ouml;gens
+seyn.</p>
+
+<p>Schon ehemals sind wir mit dem Begriffe von
+Gott in diesem Falle gewesen. Unsere bei allem
+Bedingten Totalit&auml;t der Bedingungen suchende Ver<a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>nunft
+f&uuml;hrte uns in der Ontologie auf den Begriff
+des allerrealsten Wesens, in der Cosmologie
+auf eine erste Ursache, in der Teleologie auf
+ein verst&auml;ndiges Wesen, von dessen Begriffen
+wir die in der Welt f&uuml;r unsre Reflexion allenthalben
+nothwendig anzunehmende Zweckverbindung
+ableiten k&ouml;nnten; es zeigte sich schlechterdings
+keine Ursache, warum diesem Begriffe
+nicht etwas au&szlig;er uns korrespondiren sollte, aber
+dennoch konnte unsre theoretische Vernunft ihm
+diese Realit&auml;t durch nichts zusichern. Durch
+das Gesetz der praktischen Vernunft aber wurde
+uns zum Zwecke unsrer Willensform ein Endzweck
+aufgestellt, dessen M&ouml;glichkeit f&uuml;r uns
+nur unter der Voraussetzung der Realit&auml;t jenes
+Begriffs denkbar war; und da wir diesen Endzweck
+schlechterdings wollen, mithin auch theoretisch
+seine M&ouml;glichkeit annehmen mu&szlig;ten, so
+mu&szlig;ten wir auch zugleich die Bedingungen desselben,
+die Existenz Gottes, und die unendliche
+Dauer aller moralischen Wesen annehmen. Hier
+wurde also ein Begriff, dessen G&uuml;ltigkeit vorher
+schlechterdings problematisch war, nicht durch
+theoretische Beweisgr&uuml;nde, sondern um einer
+Bestimmung des Begehrungsverm&ouml;gens willen
+realisirt.&nbsp;&mdash;&nbsp;In Absicht der Aufgabe sind wir
+hier ganz in dem gleichen Falle. Es ist nemlich
+ein Begriff in unserm Gem&uuml;the vorhanden, der
+blos als solcher vollkommen denkbar ist, und<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>
+nachdem eine alle Kriterien einer Offenbarung
+an sich habende Erscheinung in der Sinnenwelt
+gegeben ist, so ist schlechterdings nichts mehr
+m&ouml;glich, was der Annahme seiner G&uuml;ltigkeit widersprechen
+k&ouml;nnte; es l&auml;&szlig;t sich aber auch kein
+theoretischer Beweisgrund aufzeigen, der uns berechtigen
+k&ouml;nnte, diese G&uuml;ltigkeit anzunehmen.
+Dieselbe ist also v&ouml;llig problematisch. Da&szlig; man
+aber bei Aufl&ouml;sung dieser Aufgabe mit der der
+obigen nicht v&ouml;llig gleichen Schritt halten k&ouml;nne,
+f&auml;llt bald in die Augen. Der Begriff von Gott
+nemlich war <i>a priori</i> durch unsre Vernunft gegeben,
+war als solcher uns schlechterdings nothwendig,
+und wir konnten mithin die Aufgabe unsrer
+Vernunft, &uuml;ber seine G&uuml;ltigkeit au&szlig;er uns
+etwas zu entscheiden, nicht so nach Belieben ablehnen;
+f&uuml;r den einer Offenbarung aber haben
+wir <i>a priori</i> kein dergleichen Datum anzuf&uuml;hren,
+und es w&auml;re mithin recht wohl m&ouml;glich, diesen
+Begriff entweder &uuml;berhaupt nicht zu haben, oder
+die Frage &uuml;ber seine G&uuml;ltigkeit au&szlig;er uns als
+v&ouml;llig unn&uuml;tz von der Hand zu weisen. Was
+hieraus, da&szlig; er <i>a priori</i> nicht gegeben ist, schon
+unmittelbar folgt, da&szlig; nemlich auch keine <i>a priori</i>
+geschehne Willensbestimmung sich werde aufzeigen
+lassen, die uns bestimme seine Realit&auml;t anzunehmen,
+weil ja dann diese Willensbestimmung
+das vermi&szlig;te Datum <i>a priori</i> seyn w&uuml;rde, wird
+v&ouml;llig klar, wenn man sich erinnert, da&szlig;, um<a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>
+sich den uns <i>a priori</i> aufgestellten Endzweck
+als m&ouml;glich zu denken, nichts weiter erfordert
+wird, als die Existenz Gottes, und die Fortdauer
+endlicher moralischer Wesen anzunehmen, um
+welche S&auml;tze, ihrer Materie nach, es im Begriffe
+einer Offenbarung gar nicht zu thun ist, der sie
+vielmehr zum Behuf seiner eignen M&ouml;glichkeit
+schon als angenommen voraussetzt; es ist vielmehr
+blos um die Annehmung einer gewissen
+Form der Best&auml;tigung dieser S&auml;tze zu thun. Aus
+der Bestimmung des obern Begehrungsverm&ouml;gens
+durch das Moralgesetz l&auml;&szlig;t mithin kein Moment,
+die G&uuml;ltigkeit des Offenbarungsbegriffs anzunehmen,
+sich ableiten. Vielleicht aber aus einer
+durch das obere dem Moralgesetze gem&auml;&szlig; geschehne
+Bestimmung des untern?&nbsp;&mdash;&nbsp;Das Moralgesetz
+nemlich gebietet schlechthin, ohne R&uuml;cksicht
+auf die M&ouml;glichkeit oder Unm&ouml;glichkeit,
+&uuml;berhaupt, oder in einzelnen F&auml;llen eine Kausalit&auml;t
+in der Sinnenwelt zu haben; und durch die
+dadurch geschehne Bestimmung des obern Begehrungsverm&ouml;gens,
+das Gute schlechthin zu
+wollen, wird das untere auch durch Naturgesetze
+bestimmbare bestimmt, <i>die Mittel</i> zu wollen,
+dasselbe wenigstens in sich (in seiner sinnlichen
+Natur) hervorzubringen. Das obere Begehrungsverm&ouml;gen
+will schlechthin den Zweck,
+das untere will die Mittel dazu. Nun ist es,
+laut der &sect;.&nbsp;8. geschehnen Entwickelung der for<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>malen
+Funktion der Offenbarung, welche zugleich
+die einzige ihr wesentliche ist, ein Mittel f&uuml;r
+sinnlich Menschen, im Kampfe der Neigung gegen
+die Pflicht, der letztern die Oberhand &uuml;ber
+die erstere zu verschaffen, wenn sie sich die
+Gesetzgebung des Heiligsten unter sinnlichen
+Bedingungen vorstellen d&uuml;rfen. Diese Vorstellung
+ist denn die einer Offenbarung. Das untere Begehrungsverm&ouml;gen
+mu&szlig; mithin unter obigen Bedingungen
+die Realit&auml;t des Begriffs der Offenbarung
+nothwendig wollen, und, da gar kein vern&uuml;nftiger
+Grund dagegen ist, so bestimmt dasselbe
+das Gem&uuml;th, ihn als wirklich realisirt anzunehmen,
+d.&nbsp;h. als bewiesen anzunehmen, eine
+gewisse Erscheinung sey wirklich durch g&ouml;ttliche
+Kausalit&auml;t bewirkte absichtliche Darstellung dieses
+Begriffs, und sie dieser Annahme gem&auml;&szlig; zu
+brauchen.</p>
+
+<p>Eine Bestimmung durchs untere Begehrungsverm&ouml;gen
+die Realit&auml;t einer Vorstellung zu wollen,
+deren Gegenstand man nicht selbst hervorbringen
+kann, ist, sie sey auch bewirkt durch
+was sie wolle, ein <i>Wunsch</i>; mithin liegt der
+Aufnahme einer gewissen Erscheinung als g&ouml;ttlicher
+Offenbarung, nichts mehr als ein Wunsch
+zum Grunde. Da nun ein solches Verfahren,
+etwas zu glauben, weil das Herz es w&uuml;nscht,
+nicht wenig, und nicht mit Unrecht, verschrieen
+ist, so m&uuml;ssen wir noch einige Worte, wenn<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>
+auch nicht zur Deduktion der Rechtm&auml;&szlig;igkeit,
+doch zur Ablehnung aller Einspr&uuml;che gegen dieses
+Verfahren im gegenw&auml;rtigen Falle hinzusetzen.</p>
+
+<p>Wenn ein blo&szlig;er Wunsch uns berechtigen
+soll, die Realit&auml;t seines Objekts anzunehmen, so
+mu&szlig; derselbe sich auf die Bestimmung des obern
+Begehrungsverm&ouml;gens durchs Moralgesetz gr&uuml;nden,
+und durch dieselbe entstanden seyn; die
+Annahme der Wirklichkeit seines Objekts mu&szlig;
+uns die Aus&uuml;bung unsrer Pflichten, und zwar
+nicht etwa blos dieser oder jener, sondern des
+pflichtm&auml;&szlig;igen Verhaltens &uuml;berhaupt erleichtern,
+und von der Annahme des Gegentheils mu&szlig;
+sich zeigen lassen, da&szlig; sie dieses pflichtm&auml;&szlig;ige
+Verhalten in den w&uuml;nschenden Subjekten erschweren
+w&uuml;rde; und dieses darum, weil wir
+nur bei einem Wunsche dieser Art einen Grund
+anf&uuml;hren k&ouml;nnen, warum wir &uuml;ber die Wirklichkeit
+seines Objekts &uuml;berhaupt etwas annehmen,
+und die Frage &uuml;ber dieselbe nicht g&auml;nzlich abweisen
+wollen. Da&szlig; beim Wunsche einer Offenbarung
+dieses der Fall sey, ist schon oben zur
+Gen&uuml;ge gezeigt.</p>
+
+<p>Mit diesem Kriterio der Annehmbarkeit eines
+gew&uuml;nschten blos um des Wunsches willen, mu&szlig;
+sich nun auch das zweite vereinigen, nemlich die
+v&ouml;llige Sicherheit, da&szlig; wir nie eines Irrthums
+bei dieser Annahme werden &uuml;berfuhrt werden<a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>
+k&ouml;nnen, in welchem Falle die Sache <i>f&uuml;r uns</i> v&ouml;llig
+wahr, es f&uuml;r uns eben so gut ist, als ob dabei
+gar kein Irrthum m&ouml;glich w&auml;re. Dies findet nun
+bei der Annahme einer alle Kriterien der G&ouml;ttlichkeit
+an sich habenden Offenbarung, d.&nbsp;i. bei der
+Annahme, da&szlig; eine gewisse Erscheinung durch unmittelbare
+g&ouml;ttliche Kausalit&auml;t dem Begriffe einer
+Offenbarung gem&auml;&szlig; bewirkt sey, der h&ouml;chsten
+Strenge nach statt. Der Irrthum dieser Annahme
+kann uns, und wenn wir Ewigkeiten hindurch
+an Einsichten zunehmen, nie aus Gr&uuml;nden einleuchten,
+oder dargethan werden; denn dann
+m&uuml;&szlig;te, da vor der theoretischen Vernunft Richterstuhl
+diese Annahme schlechterdings nicht geh&ouml;rt,
+gezeigt werden k&ouml;nnen, da&szlig; sie der praktischen
+Vernunft, nemlich dem durch dieselbe
+gegebnen Begriffe von Gott widerspr&auml;che, welcher
+Widerspruch aber, da das Moralgesetz f&uuml;r
+alle vern&uuml;nftige Wesen auf jeder Stufe ihrer
+Existenz das gleiche ist, schon jetzt erhellen
+m&uuml;&szlig;te. Eben so wenig kann ein solcher Irrthum,
+wie es bei andern menschlichen W&uuml;nschen,
+die meist auf die Zukunft gehen, so oft der Fall
+ist, durch eine nachmalige Erfahrung dargethan
+werden; denn wie sollte die Erfahrung wol beschaffen
+seyn, die uns belehren k&ouml;nnte, eine
+einem m&ouml;glichen Begriffe in Gott v&ouml;llig gem&auml;&szlig;e
+Wirkung sey <i>nicht</i> durch die Kausalit&auml;t dieses
+Begriffs bewirkt? welches eine offenbare Unm&ouml;g<a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>lichkeit
+ist: oder auch nur die, welche wir, im
+Falle da&szlig; sie es sey, machen m&uuml;&szlig;ten, und aus
+deren Abwesenheit wir schlie&szlig;en k&ouml;nnten, sie
+sey es nicht?&nbsp;&mdash;&nbsp;Die Untersuchung ist bis zu
+einem Punkte getrieben, von welchem aus sie
+f&uuml;r uns nicht weiter gehen kann: bis zur Einsicht
+in die v&ouml;llige M&ouml;glichkeit einer Offenbarung
+sowohl &uuml;berhaupt, als insbesondre durch
+eine bestimmt gegebne Erscheinung; sie ist <i>f&uuml;r
+uns</i> (alle endliche Wesen) v&ouml;llig geschlossen;
+wir sehen am Endpunkte dieser Untersuchung
+mit v&ouml;lliger Sicherheit, da&szlig; &uuml;ber die Wirklichkeit
+einer Offenbarung schlechterdings kein Beweis
+weder f&uuml;r sie, noch wider sie statt finde,
+noch je statt finden werde, und da&szlig;, wie es mit
+der Sache an sich sey, nie irgend ein Wesen
+wissen werde, als Gott allein.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wollte
+man etwa noch zuletzt als den einzigen Weg,
+wie wir hier&uuml;ber belehrt werden k&ouml;nnten, annehmen,
+Gott selbst k&ouml;nne es uns mittheilen,
+so w&auml;re dies eine neue Offenbarung, &uuml;ber deren
+objektive Realit&auml;t die vorige Unwissenheit entstehen
+w&uuml;rde, und bei der wir wieder da seyn
+w&uuml;rden wo wir vorher waren.&nbsp;&mdash;&nbsp;Da es aus
+allem gesagten v&ouml;llig sicher ist, da&szlig; &uuml;ber diesen
+Punkt keine &Uuml;berf&uuml;hrung des Irrthums, d.&nbsp;i. da&szlig;
+<i>f&uuml;r uns</i> &uuml;berhaupt kein Irrthum dar&uuml;ber m&ouml;glich
+sey, eine Bestimmung des Begehrungsverm&ouml;gens
+aber uns treibt, uns f&uuml;r das bejahende<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>
+Urtheil zu erkl&auml;ren, so k&ouml;nnen wir mit v&ouml;lliger
+Sicherheit dieser Bestimmung nachgeben<a name="FNanchor_28_28" id="FNanchor_28_28"></a><a href="#Footnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a>.</p>
+
+<p>Diese Annahme einer Offenbarung ist nun,
+da sie auf eine Bestimmung des Begehrungsverm&ouml;gens
+rechtm&auml;&szlig;ig sich gr&uuml;ndet ein <i>Glaube</i>,
+den wir zum Unterschiede vom <i>reinen Vernunftglauben</i>
+an Gott und Unsterblichkeit, der sich<a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>
+auf etwas <i>materielles</i> bezieht, den <i>formalen, empirisch
+bedingten, Glauben</i> nennen wollen. Der
+Unterschied beider, und alles, was wir &uuml;ber den
+letztern noch zu sagen haben, wird aus einer Vergleichung
+der Bestimmung des Gem&uuml;ths bei einem
+oder dem &auml;ndern nach Ordnung der Kategorientitel sich ergeben.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>Der <i>Qualit&auml;t</i> nach nemlich ist der Glaube
+im ersten so wie im zweiten Falle eine freie
+durch keine Gr&uuml;nde erzwungne Annahme der
+Realit&auml;t eines Begriffs, dem diese Realit&auml;t durch
+keine Gr&uuml;nde zugesichert werden kann, im ersten
+Falle eines gegebnen, im zweiten eines gemachten,
+im ersten um einer negativen Bestim<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>mung
+des untern Begehrungsverm&ouml;gens (&sect;.&nbsp;2.)
+durch das obere, im zweiten um einer positiven
+Bestimmung desselben willen vermittelst jener
+negativen. Dies sind Verschiedenheiten, welche
+schon angezeigt, und deren Folgen schon entwickelt
+worden. Aber es zeigt sich hier noch
+eine neue. Im reinen Vernunftglauben nemlich
+wird blos angenommen, da&szlig; einem Begriffe, dem
+von Gott, &uuml;berhaupt ein Gegenstand au&szlig;er uns
+korrespondire, (denn der Glaube an Unsterblichkeit
+l&auml;&szlig;t sich als von der Existenz Gottes blos
+abgeleitet betrachten, und wir haben mithin
+hier keine besondre R&uuml;cksicht auf ihn zu nehmen):
+im Offenbarungsglauben aber nicht blos
+das, sondern auch, da&szlig; ein gewisses gegebnes
+ein diesem Begriffe korrespondirendes sey. Im
+letztern also scheint das Gem&uuml;th einen Schritt
+weiter zu gehen, und eine k&uuml;hnere Anmaa&szlig;ung
+zu machen, die eine gr&ouml;&szlig;ere Berechtigung f&uuml;r
+sich anzuf&uuml;hren haben sollte. Aber das hegt in
+der Natur beider Begriffe, und der Schritt ist
+wirklich im letzteren Falle nicht k&uuml;hner, als im
+ersteren. Der Begriff von Gott nemlich ist
+schon <i>a priori</i> v&ouml;llig bestimmt gegeben, so weit
+er nemlich von uns bestimmt werden kann, und
+l&auml;&szlig;t durch keine Erfahrung, und eben so wenig
+durch Schl&uuml;sse aus der angenommenen Existenz
+sich weiter bestimmen. Eine Realisation desselben
+kann mithin gar nichts, weiter thun, als die
+Existenz eines demselben korrespondirenden Ge<a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a>genstandes
+annehmen; sie kann weiter nichts
+zu ihm hinzusetzen, weil dieser Gegenstand nur
+auf diese eine <i>a priori</i> gegebne Art bestimmt
+seyn kann. Im Begriffe der Offenbarung aber
+wird eine zu gebende Erfahrung gedacht, die als
+solche, und inwiefern sie das ist, <i>a priori</i> gar
+nicht bestimmt werden kann, sondern als <i>a posteriori</i>
+auf mannigfaltige Art bestimmbar angenommen
+werden mu&szlig;. Sie als realisirt annehmen,
+hei&szlig;t nichts anderes, und kann nichts anderes
+hei&szlig;en, als sie v&ouml;llig bestimmt gegeben zu
+denken; diese v&ouml;llige Bestimmung mu&szlig; aber
+durch die Erfahrung gegeben werden. Folglich
+findet gar keine Annahme der Realit&auml;t dieses
+Begriffs &uuml;berhaupt (<i>in abstracto</i>) statt, sondern
+er kann nur durch Anwendung auf eine bestimmte
+Erscheinung (<i>in concreto</i>) realisirt werden,
+und durch diese Anwendung geschieht
+nichts anderes, als was im reinen Vernunftglauben
+geschieht: es wird angenommen, da&szlig; einem
+<i>a priori</i> vorhandenen Begriffe etwas au&szlig;er ihm
+entspreche. Wenn von der <i>Quantit&auml;t</i> des Glaubens
+die Rede ist, so kann damit nur eine <i>subjektive</i>
+gemeint seyn, weil kein Glaube auf objektive
+G&uuml;ltigkeit Anspruch macht, in welchem
+Falle er kein Glaube w&auml;re. In dieser R&uuml;cksicht
+ist nun der reine Vernunftglaube allgemeing&uuml;ltig
+f&uuml;r alle endliche vern&uuml;nftige Wesen, weil er
+sich auf eine <i>a priori</i> geschehne Bestimmung des<a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>
+Begehrungsverm&ouml;gens durch das Moralgesetz, etwas
+nothwendig zu wollen, gr&uuml;ndet, und auf einen
+<i>a priori</i> durch die reine Vernunft gegebnen
+Begriff geht. Er l&auml;&szlig;t sich zwar niemanden aufdringen,
+weil er auf eine Bestimmung der Freiheit
+sich gr&uuml;ndet, aber er l&auml;&szlig;t sich von jedermann
+fordern, und ihm ansinnen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Es leuchtet
+sogleich ein, da&szlig; der empirisch bedingte
+Glaube auf diese Allgemeing&uuml;ltigkeit nicht Anspruch
+machen k&ouml;nne. Denn theils geht er auf
+einen nicht gegebnen, sondern gemachten Begriff,
+der mithin nicht nothwendig im menschlichen
+Gem&uuml;the ist. Wenn nun jemand auf diesen
+Begriff &uuml;berhaupt nicht k&auml;me, so k&ouml;nnte er
+auch keine Darstellung desselben annehmen, und
+wir wurden mithin diese Annahme vergeblich
+in ihm voraussetzen, da wir nicht einmal den Begriff
+derselben in ihm mit Sicherheit voraussetzen
+k&ouml;nnen. Theils aber wird die Bestimmung des Gem&uuml;ths,
+eine Darstellung dieses Begriffs anzunehmen,
+nur durch einen Wunsch, der sich auf ein
+empirisches Bed&uuml;rfni&szlig; gr&uuml;ndet, bewirkt. Wenn
+nun jemand dieses Bed&uuml;rfni&szlig; <i>in sich</i> nicht f&uuml;hlt,
+wenn er auch historisch wissen sollte, da&szlig; es bei
+andern vorhanden sey, so kann in demselben nimmermehr
+der Wunsch entstehen, eine Offenbarung
+annehmen zu d&uuml;rfen, mithin auch kein Glaube an
+dieselbe.&nbsp;&mdash;&nbsp;Nur ein einziger Fall l&auml;&szlig;t sich denken,
+in welchem auch ohne das Gef&uuml;hl dieses Bed&uuml;rfnisses
+in sich selbst wenigstens ein vor&uuml;berge<a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a>hender
+Glaube m&ouml;glich ist, wenn nemlich jemand
+in die Nothwendigkeit versetzt wird, durch
+die Vorstellung einer Offenbarung, ohne ihrer
+eben f&uuml;r sich selbst zu bed&uuml;rfen, auf die Herzen
+andrer zu wirken, die derselben bed&uuml;rfen. Der lebhafte,
+seiner Pflicht, Moralit&auml;t nach seinen Kr&auml;ften
+auch au&szlig;er sich zu verbreiten, gem&auml;&szlig;e Wunsch,
+vereint mit der &Uuml;berzeugung, da&szlig; dies bei den
+gegebnen Subjekten nur durch diese Vorstellung
+m&ouml;glich sey, wird ihn treiben, sie zu gebrauchen.
+Mit wahrer Energie kann er sie nicht brauchen,
+ohne als ein selbst &uuml;berzeugter und glaubender
+zu reden. Diesen Glauben zu heucheln, w&auml;re
+gegen die Wahrheit und Lauterkeit des Gem&uuml;ths,
+und folglich moralisch unm&ouml;glich. Das dadurch
+entstehende dringende Gef&uuml;hl eines Bed&uuml;rfnisses
+des Offenbarungsglaubens in dieser Lage wird,
+wenigstens so lange dieses Gef&uuml;hl dauert; den
+Glauben selbst in ihm hervorbringen, wenn er
+auch etwa, nachdem er k&auml;lter geworden ist,
+diese Vorstellungen allm&auml;hlig wieder bei Seite
+legen sollte<a name="FNanchor_29_29" id="FNanchor_29_29"></a><a href="#Footnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a>.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>Es folgt also aus dem gesagten, da&szlig; der
+Glaube an Offenbarung sich nicht nur nicht aufdringen,
+sondern auch nicht einmal von jedermann
+fordern, oder ihm ansinnen lasse.</p>
+
+<p>So wie der Glaube an Offenbarung nur unter
+zwei Bedingungen m&ouml;glich ist, da&szlig; man nemlich
+theils gut seyn wolle, theils der Vorstellung einer
+geschehnen Offenbarung als eines Mittels
+bed&uuml;rfe, um das Gute in sich hervorzubringen<a name="FNanchor_30_30" id="FNanchor_30_30"></a><a href="#Footnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a>,
+so kann auch der Unglaube in R&uuml;cksicht auf sie
+zweierlei Ursachen haben, da&szlig; man nemlich entweder
+gar keinen guten Willen habe, und mithin,
+alles, was uns zum Guten antreiben, und
+unsre Neigungen einschr&auml;nken zu wollen das
+Ansehen hat, hasse, und von der Hand weise,
+oder da&szlig; man bei dem besten Willen nur die<a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>
+Unterst&uuml;tzung einer Offenbarung nicht bed&uuml;rfe,
+um ihn in's Werk setzen zu k&ouml;nnen. Die erstere
+Verfassung der Seele ist tiefes moralisches
+Verderben; die letztere ist, wenn sie sich nur
+etwa nicht auf die nat&uuml;rliche Schw&auml;che unsrer
+Neigungen, oder auf eine dieselben t&ouml;dtende
+Lebensart, sondern auf wirksame Hochachtung
+des Guten, um sein selbst willen, gr&uuml;ndet, wirkliche
+St&auml;rke, und man darf, ohne Furcht, der
+W&uuml;rde der Offenbarung dadurch etwas zu benehmen,
+das sagen, weil bei wirklich vorherrschender
+Liebe des Guten, ohne welche &uuml;berhaupt
+kein Glaube m&ouml;glich ist, nicht zu bef&uuml;rchten
+steht, da&szlig; jemand sie von der Hand weisen
+werde, so lange er noch irgend eine gute Wirkung
+derselben an sich versp&uuml;rt. Aus welchen
+Ursachen von beiden der Unglaube bei einem
+bestimmten Subjekte entstanden sey, k&ouml;nnen
+nur die Fr&uuml;chte lehren.</p>
+
+<p>Zur Ablehnung einer &uuml;bereilten Folgerung
+hieraus aber m&uuml;ssen wir schon hier anmerken,
+da&szlig;, wenn gleich nicht der Glaube an Offenbarung,
+dennoch die Kritik ihres Begriffs auf Allgemeing&uuml;ltigkeit
+Anspruch mache. Denn letztere
+hat nichts zu begr&uuml;nden, als die absolute
+M&ouml;glichkeit einer Offenbarung, sowohl in ihrem
+Begriffe, als da&szlig; etwas demselben korrespondirendes
+angenommen werden k&ouml;nne, und dies
+thut sie aus Principien <i>a priori</i>, mithin allge<a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>meing&uuml;ltig.
+Jedem also wird durch sie angemuthet,
+zuzugestehen, da&szlig; nicht nur &uuml;berhaupt
+eine Offenbarung m&ouml;glich sey, sondern auch,
+da&szlig; eine in der Sinnenwelt wirklich gegebne Erscheinung,
+die alle Kriterien derselben an sich
+hat, eine seyn <i>k&ouml;nne</i>. Hierbei aber mu&szlig; sie es
+bewenden lassen, und hierbei kann und mu&szlig; es
+vern&uuml;nftiger Weise jeder, der kein Bed&uuml;rfni&szlig;
+derselben zum Gebrauche weder an sich, noch
+an &auml;ndern f&uuml;hlt, bewenden lassen; ist aber durch
+die Kritik gen&ouml;thigt, denen, die an sie glauben,
+die Vernunftm&auml;&szlig;igkeit ihres Glaubens zuzugestehen,
+und sie in v&ouml;llig ruhigem und ungest&ouml;rtem
+Besitze und Gebrauche desselben zu lassen.</p>
+
+<p>In Absicht der <i>Relation</i> bezieht sich der reine
+Vernunftglaube auf etwas Materielles, der Offenbarungsglaube
+aber blos auf eine bestimmte Form
+dieses <i>a priori</i> gegebnen, und schon als angenommen
+vorausgesetzten Materiellen. Dieser
+Unterschied, der aus allem bisher gesagten zur
+Gen&uuml;ge klar ist, veranla&szlig;t uns blos hier noch
+die Anmerkung zu machen, da&szlig; derjenige, der
+diese bestimmte Form einer Offenbarung nicht
+annimmt, darum das Materielle, Gott und Unsterblichkeit,
+nicht nur nicht nothwendig l&auml;ugne,
+sondern da&szlig; er auch dem Glauben an dieselben
+in sich nicht nothwendig Abbruch thue, wenn er
+sie sich au&szlig;er dieser Form eben so gut denken,
+und sie zur Willensbestimmung brauchen kann.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>In Absicht der <i>Modalit&auml;t</i> endlich dr&uuml;ckt sich
+der reine Vernunftglaube, nach Voraussetzung
+der M&ouml;glichkeit des Endzwecks des Moralgesetzes,
+apodiktisch ans; es ist nemlich, einmal angenommen,
+da&szlig; das absolute Recht m&ouml;glich sey,
+f&uuml;r uns schlechterdings nothwendig zu denken,
+da&szlig; ein Gott sey, und da&szlig; moralische Wesen
+ewig dauern. Der Glaube an Offenbarung aber
+kann sich nur kategorisch ausdr&uuml;cken: eine gewisse
+Erscheinung <i>ist</i> Offenbarung; nicht: sie
+mu&szlig; nothwendig Offenbarung seyn, weil, so sicher
+es auch ist, da&szlig; uns kein Irrthum in diesem
+Urtheile gezeigt werden kann, das Gegentheil
+an sich doch immer m&ouml;glich bleibt.</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="Section_15" id="Section_15"></a>&sect;.&nbsp;15.</h3>
+
+<h3><i>Allgemeine &Uuml;bersicht dieser Kritik.</i></h3>
+
+<p>Ehe irgend eine Untersuchung &uuml;ber den Offenbarungsbegriff
+m&ouml;glich war, mu&szlig;te dieser Begriff
+wenigstens vorl&auml;ufig bestimmt werden; und
+da es uns hier nicht so gut ward, wie bei gegebnen
+Begriffen in der reinen Philosophie, denen
+wir bis zu ihrer ersten Entstehung nachsp&uuml;ren,
+und sie gleichsam werden sehen, da hingegen
+dieser sich blos als ein empirischer ank&uuml;ndiget,
+und wenigstens, wenn auch bei n&auml;herer
+Untersuchung seine M&ouml;glichkeit <i>a priori</i> sich ergiebt,
+nicht das Ansehen hat, ein Datum <i>a priori</i>
+f&uuml;r sich anf&uuml;hren zu k&ouml;nnen: so hatten wir <i>vor<a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>
+der Hand</i> dar&uuml;ber nur den Sprachgebrauch abzuh&ouml;ren.
+Dies geschah &sect;.&nbsp;5. Da aber dieser
+Begriff, wie schon vorl&auml;ufig zu vermuthen, &sect;.&nbsp;5.
+aber vollkommen erweisbar war, nur in Beziehung
+auf Religion vernunftm&auml;&szlig;ig ist, so mu&szlig;te
+eine Deduktion der Religion &uuml;berhaupt zum Behuf
+der Ableitung des zu untersuchenden Begriffs
+aus seinem h&ouml;hern vorausgeschickt werden
+(&sect;.&nbsp;2.&nbsp;3.&nbsp;4.).</p>
+
+<p>Nach dieser vorl&auml;ufigen Bestimmung des Begriffs
+war zu untersuchen, ob er &uuml;berhaupt einer
+philosophischen Kritik zu unterwerfen, und
+vor welchem Richterstuhle seine Sache anh&auml;ngig
+zu machen sey. Das erste hing davon ab, ob
+er <i>a priori</i> m&ouml;glich sey, und das zweite mu&szlig;te
+sich durch eine wirkliche Deduktion <i>a priori</i>
+aus den Principien, von welchen er sich ableiten
+lie&szlig;, ergeben; indem offenbar jeder Begriff unter
+das Gebiet desjenigen Princips geh&ouml;rt, von
+welchem er abgeleitet ist. Diese Deduktion
+wurde &sect;.&nbsp;5.&nbsp;6.&nbsp;7. wirklich gegeben, und aus ihr
+erhellte, da&szlig; dieser Begriff vor den Richterstuhl
+der praktischen Vernunft geh&ouml;re. Der zweite
+Punkt, der einer strengen Pr&uuml;fung unterworfen
+werden mu&szlig;, ist mithin diese Deduktion <i>a priori</i>,
+weil mit ihrer M&ouml;glichkeit die M&ouml;glichkeit jeder
+Kritik dieses Begriffs &uuml;berhaupt, und die Richtigkeit
+der gegebnen, zugleich aber auch die Vernunftm&auml;&szlig;igkeit
+des kritisirten Begriffs selbst
+steht oder f&auml;llt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a>Da sich bei dieser Deduktion fand, da&szlig; der
+in Untersuchung befindliche Begriff kein Datum
+<i>a priori</i> aufzuweisen habe, sondern dasselbe <i>a posteriori</i>
+erwarte, so mu&szlig;te die M&ouml;glichkeit dieses
+verlangten Datum in der Erfahrung, aber auch
+nur seine M&ouml;glichkeit, gezeigt werden. Dies geschah
+&sect;.&nbsp;8. Es kommt also bei Pr&uuml;fung dieses &sect;.
+blos darauf an, ob ein empirisches Bed&uuml;rfni&szlig;
+einer Offenbarung, welches das verlangte Datum
+ist, nicht etwa wirklich aufgezeigt, sondern nur
+richtig angezeigt worden, und ob aus den empirischen
+Bestimmungen der Menschheit die M&ouml;glichkeit
+abgeleitet worden, da&szlig; ein solches Bed&uuml;rfni&szlig;
+eintreten k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Mehr um den Satz, da&szlig; die Untersuchung
+der M&ouml;glichkeit einer Offenbarung schlechterdings
+nicht vor das Forum der theoretischen
+Vernunft geh&ouml;re, welcher schon, aus der Deduktion
+ihres Begriffs erhellet, noch einleuchtender
+zu machen, als um einer systematischen Nothwendigkeit
+willen, wurde &sect;.&nbsp;9. noch die physische
+M&ouml;glichkeit einer Offenbarung, &uuml;ber welche
+an sich gar keine Frage entstehen konnte,
+gezeigt.</p>
+
+<p>Nach Beendigung dieser Untersuchungen
+mu&szlig; es v&ouml;llig klar seyn, da&szlig; der Begriff der
+Offenbarung &uuml;berhaupt nicht nur an sich denkbar
+sey, sondern da&szlig; auch, im Falle des eintretenden
+empirischen Bed&uuml;rfnisses sich etwas ihm<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>
+korrespondirendes au&szlig;er ihm erwarten lasse.
+Da aber dieses korrespondirende eine Erscheinung
+in der Sinnenwelt seyn soll, welche <i>gegeben</i>
+werden mu&szlig; (nicht <i>gemacht</i> werden kann), so
+kann nun der menschliche Geist hierbei nichts
+weiter thun, als diesen Begriff auf eine dergleichen
+Erscheinung anwenden, und die Kritik weiter
+nichts, als ihn dabei leiten, d.&nbsp;i. die Bedingungen
+festsetzen, unter denen eine solche Anwendung
+m&ouml;glich ist. Diese Bedingungen sind
+&sect;.&nbsp;10.&nbsp;11.&nbsp;12. entwickelt worden. Da dieselben
+nichts weiter, als die durch eine Analysis sich
+ergebenden Bestimmungen des Offenbarungsbegriffs
+selbst sind, so kommt es bei ihrer Pr&uuml;fung
+nur darauf an, ob sie aus diesem Begriffe wirklich
+herflie&szlig;en, und ob sie alle angegeben sind.
+Die Pr&uuml;fung des letztern Punktes sucht &sect;.&nbsp;13.
+zu erleichtern.</p>
+
+<p>Da aber aus der Art dieses Begriffs sich offenbar
+ergeben hat, da&szlig; seine wirkliche Anwendung
+auf eine gegebne Erfahrung immer nur
+willk&uuml;hrlich ist, und sich auf keine Zun&ouml;thigung
+der Vernunft gr&uuml;ndet, so hat &sect;.&nbsp;14 noch gezeigt
+werden m&uuml;ssen, worauf diese Anwendung &uuml;berhaupt
+sich gr&uuml;nde, und inwiefern sie vernunftm&auml;&szlig;ig
+sey. Auch diese Deduktion der Vernunftm&auml;&szlig;igkeit
+dieses Verfahrens mit dem Offenbarungsbegriffe
+bedarf einer besondern Pr&uuml;fung.</p>
+
+<p>Aus dieser kurzen &Uuml;bersicht erhellet, da&szlig;<a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>
+die Kritik der Offenbarung aus Principien <i>a priori</i>
+gef&uuml;hrt werde&nbsp;&mdash;&nbsp;denn bei Untersuchung des
+empirischen Datum f&uuml;r den Offenbarungsbegriff
+ist sie blos gehalten die M&ouml;glichkeit desselben
+zu zeigen; da&szlig; sie mithin, wenn in keinem der
+angezeigten Punkte ihr ein Fehler nachzuweisen
+ist, auf allgemeine G&uuml;ltigkeit rechtm&auml;&szlig;igen Anspruch
+mache. Sollten aber in gegenw&auml;rtiger
+Bearbeitung dieser Kritik dergleichen Fehler gemacht
+worden seyn, wie wol zu erwarten steht;
+so m&uuml;&szlig;te es, wenn nur der Weg einer m&ouml;glichen
+Kritik richtig angegeben ist, welches sich
+bald zeigen mu&szlig;, besonders durch gemeinschaftliche
+Bem&uuml;hungen, leicht seyn, ihnen abzuhelfen,
+und eine allgemeingeltende Kritik aller Offenbarung
+aufzustellen.</p>
+
+<p>Durch diese Kritik wird nun die M&ouml;glichkeit
+einer Offenbarung an sich, und die M&ouml;glichkeit
+eines Glaubens an eine bestimmte gegebne insbesondre,
+wenn dieselbe nur vorher vor dem
+Richterstuhle ihrer besondern Kritik bew&auml;hrt gefunden,
+v&ouml;llig gesichert, alle Einwendungen dagegen
+auf immer zur Ruhe verwiesen, und aller
+Streit dar&uuml;ber auf ewige Zeiten beigelegt<a name="FNanchor_31_31" id="FNanchor_31_31"></a><a href="#Footnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a>.<a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>
+Durch sie wird alle Kritik jeder besondern gegebnen
+Offenbarung begr&uuml;ndet, indem sie die
+allgemeinen Grunds&auml;tze jeder dergleichen Kritik
+an den Kriterien aller Offenbarung aufstellt. Es
+wird, nach vorher ausgemachter historischer
+Frage, <i>was</i> eine gegebne Offenbarung eigentlich
+lehre&nbsp;&mdash;&nbsp;welche in einzelnen F&auml;llen leicht die
+schwerste seyn d&uuml;rfte, m&ouml;glich, mit v&ouml;lliger Sicherheit
+zu entscheiden, ob eine Offenbarung
+g&ouml;ttlichen Ursprungs seyn k&ouml;nne, oder nicht,
+und im ersten Falle ohne alle Furcht irgend einer
+St&ouml;rung an sie zu glauben.</p>
+
+<div class="footnotes"><h3>Funoten:</h3>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Diese Vorrede, und das &auml;chte vom Verfasser mit seinem
+Namen unterzeichnete Titelblatt wurden durch ein Versehen
+nicht in der Ostermesse, aber wohl sp&auml;terhin, mir
+ausgegeben.
+</p><p>
+<i>Der Verleger.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Diese Form der empirischen Anschauung, insofern sie
+empirisch ist, ist der Gegenstand des Gef&uuml;hls des Sch&ouml;nen.
+<i>Richtig verstanden</i> entdeckt dies einen leichtern
+Weg zum Eindringen in das Feld der &auml;sthetischen Urtheilskraft.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Ehemals auch&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>Sittenlehre</i> genannt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Es sind nemlich, bei der characteristischen Beschaffenheit
+endlicher Wesen leidend afficirt zu werden, und
+durch Spontaneit&auml;t sich zu bestimmen, bei jeder &Auml;u&szlig;erung
+ihrer Th&auml;tigkeit Mittelverm&ouml;gen anzunehmen, die
+von der einen Seite der Bestimmbarkeit durch Leiden,
+von der andern der Bestimmbarkeit durch Thun f&auml;hig
+sind.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Ich f&uuml;ge zur Erl&auml;uterung auch hier noch hinzu, da&szlig;
+so etwas, wie Interesse am Guten blos von endlichen,
+d.&nbsp;h. empirisch bestimmbaren Wesen gelte, von dem
+Unendlichen aber gar nicht auszusagen sey: da&szlig; mithin
+in der reinen Philosophie, wo von allen empirischen
+Bedingungen g&auml;nzlich abstrahirt wird, der Satz: das
+Gute mu&szlig; schlechthin darum geschehen, weil es gut
+ist&nbsp;&mdash;&nbsp;ohne alle Einschr&auml;nkung vorzutragen; f&uuml;r sinnlich
+bestimmbare Wesen aber so einzuschr&auml;nken ist:
+das Gute wirkt Interesse, schlechthin darum, weil es
+gut ist, und dieses Interesse mu&szlig; den Willen bestimmt
+haben, es hervorzubringen, wenn die Willensform rein
+moralisch seyn soll.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Sollten wir nicht bei der Erziehung mehr auf die Entwickelung
+des Gef&uuml;hls f&uuml;r das Erhabne bedacht seyn?&nbsp;&mdash;&nbsp;ein
+Weg, den uns die Natur selbst &ouml;fnete, um von der
+Sinnlichkeit aus zur Moralit&auml;t &uuml;berzugehen, und der in
+unserm Zeitalter uns meist schon sehr fr&uuml;h durch Frivolit&auml;ten
+und Colifischets, und unter andern auch durch
+Theodiceen und Gl&uuml;ckseeligkeitslehren, verd&auml;mmt wird.&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>Nil
+admirari</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>omnia humana infra so posita
+carnere</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;ist es nicht das unsichtbare Wehen dieses
+Geistes, das uns hier weniger, da mehr an die classischen
+Schriften der Alten anzieht? Was m&uuml;&szlig;ten wir
+bei unsern ohne Zweifel entwickeltern Humanit&auml;tsgef&uuml;hlen
+gegen Jene bald werden, wenn wir ihnen nur hierinn
+&auml;hnlich werden wollten? und was sind wir jetzt gegen
+sie?</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Welches nicht zum Beweise, sondern <span title="[Greek: kat' anthr&ocirc;pon]">&#954;&#945;&#964;'&nbsp;&#945;&#957;&#952;&#961;&#969;&#960;&#959;&#957;</span>
+gesetzt wird. Jede Behauptung mu&szlig; auf sich selbst
+stehen, oder fallen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Der <i>verehrt</i> Kanten noch wenig,
+der es nicht am ganzen Umrisse und Vortrage seiner
+Schriften gemerkt hat, da&szlig; er uns nicht seinen <i>Buchstaben,
+sondern seinen Geist</i> mittheilen wollte; und er
+<i>verdankt</i> ihm noch weniger.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Die Vernachl&auml;&szlig;igung dieses Theils der Theorie des
+Willens, nemlich der Entwickelung der <i>positiven</i> Bestimmung
+des sinnlichen Triebes durch das Sittengesetz
+f&uuml;hrt nothwendig zum Stoicismus in der Sittenlehre&nbsp;&mdash;&nbsp;dem
+Princip der Selbstgenugsamkeit&nbsp;&mdash;&nbsp;und zur L&auml;ugnung
+Gottes und der Unsterblichkeit der Seele, wenn
+man consequent ist.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Im Vorbeigehen die Frage: Soll der erste Grundsatz
+des Naturrechts ein Imperativ, oder eine Thesis seyn?
+Soll diese Wissenschaft im Tone der practischen, oder
+in dem der theoretischen Philosophie Vorgetragen werden?</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_10_10" id="Footnote_10_10"></a><a href="#FNanchor_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Welch ein sonderbares Zusammentreffen!&nbsp;&mdash;&nbsp;&laquo;Wer sein
+Leben lieb hat, der wird es verlieren; wer es aber verlieret,
+der wirds erhalten zum ewigen Leben:&raquo;sagte Jesus;
+welches gerade so viel hei&szlig;t, als das obige.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_11_11" id="Footnote_11_11"></a><a href="#FNanchor_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Gott hat keine Rechte: denn er hat keine sinnliche
+Neigung.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_12_12" id="Footnote_12_12"></a><a href="#FNanchor_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Welche beiden letztern Begriffe hier nur dazu da stehen,
+um die leere Stelle einer Idee zu bezeichnen, die
+aus ihrer Verbindung entsteht, und die f&uuml;r uns undenkbar
+ist.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_13_13" id="Footnote_13_13"></a><a href="#FNanchor_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Wenn man von Gott redet, so hei&szlig;t die Anforderung
+der practischen Vernunft an ihn nicht Gebot, sondern
+Gesetz. Sie sagt von ihm kein <i>Sollen</i>, sondern ein
+<i>Seyn</i> aus; sie ist in R&uuml;cksicht auf ihn nicht <i>imperativ</i>,
+sondern <i>constitutiv</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_14_14" id="Footnote_14_14"></a><a href="#FNanchor_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Das Wort <i>recht</i> (welches wohl zu unterscheiden ist von
+<i>einem Rechte</i>, von welchem die Lehrer des Naturrechts
+reden,) hat einen ihm eigenth&uuml;mlichen Nachdruck, weil
+es keiner Grade der Vergleichung f&auml;hig ist. Nichts ist
+<i>so gut</i>, oder <i>so edel</i>, da&szlig; sich nicht noch etwas <i>besseres</i>
+oder <i>edleres</i> denken lie&szlig;e; aber <i>recht</i> ist nur eins:
+alles, worauf dieser Begriff anwendbar ist, ist entweder
+schlechthin recht oder schlechthin unrecht, und da
+giebt's kein drittes. Weder das lateinische <i>honestum</i>,
+noch das griechische <span title="[Greek: kalon k'agathon]">&#954;&#945;&#955;&#959;&#957;&nbsp;&#954;'&#945;&#947;&#945;&#952;&#959;&#957;</span> hat diesen Nachdruck.
+(Vielleicht das lateinische <i>par</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>egisti uti par est</i>&nbsp;&mdash;?)
+Es ist ein Gl&uuml;ck f&uuml;r unsre Sprache, da&szlig;
+man diesem Worte durch Mi&szlig;brauch desselben seinen
+Nachdruck nicht geraubt hat, welches sie ohne Zweifel
+dem Geschmacke der Superlativen, und der &Uuml;bertreibung,&nbsp;&mdash;&nbsp;der
+Meinung, da&szlig; es eben nicht viel gesagt
+sey, wenn man z.&nbsp;B. eine Handlung <i>recht</i> nenne, und
+da&szlig; sie wenigstens <i>edel</i> hei&szlig;en m&uuml;sse, zu verdanken hat.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_15_15" id="Footnote_15_15"></a><a href="#FNanchor_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Die Frage: warum &uuml;berhaupt moralische Wesen
+seyn sollten? ist leicht zu beantworten: wegen der Anforderung
+des Moralgesetzes an Gott, das h&ouml;chste Gut au&szlig;er
+Sich zu bef&ouml;rdern, welches nur durch Existenz vern&uuml;nftiger
+Wesen m&ouml;glich ist.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_16_16" id="Footnote_16_16"></a><a href="#FNanchor_16_16"><span class="label">[16]</span></a> Wer unwillig wird, da&szlig; ich das sagte, dem sagte ich's
+nicht. Ich kenne aber Leser, denen man es allerdings
+sagen mu&szlig;.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_17_17" id="Footnote_17_17"></a><a href="#FNanchor_17_17"><span class="label">[17]</span></a> &Uuml;berhaupt haben alle, die durch historische, geographische,
+physische Deduktionen die kritische Philosophie
+<i>widerlegen</i>, noch nicht den ersten Satz der Philosophie
+gefa&szlig;t, die sie widerlegen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_18_18" id="Footnote_18_18"></a><a href="#FNanchor_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Da&szlig; dieser Deduktion gar nicht eine <i>objektive</i>, einen
+theoretischen Beweis <i>a priori</i> begr&uuml;ndende, sondern
+blos eine <i>subjektive</i>, f&uuml;r den empirisch-bedingten Glauben
+hinl&auml;ngliche, G&uuml;ltigkeit zugeschrieben werde, ist
+wohl f&uuml;r keinen Leser, der auch nur eine dunkle Ahndung
+von dem Gange und Ziele dieser Abhandlung
+hat, zu erinnern&nbsp;&mdash;&nbsp;auch sogar dann nicht, wenn jemand
+ihren Sinn vors&auml;tzlich misdeuten sollte, um den
+Leser irre zu f&uuml;hren.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_19_19" id="Footnote_19_19"></a><a href="#FNanchor_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Ich sehe nicht ab, wie die Bewohner von Hispaniola,
+wenn Christoph Colon, statt durch seine vorgebliche
+Verfinsterung des Mondes nur Lebensmittel von ihnen
+zu erzwingen, dieselbe als g&ouml;ttliche Beglaubigung einer
+Gesandtschaft von ihm an sie in moralischen Absichten
+gebraucht h&auml;tte, ihm vor der Hand vern&uuml;nftiger Weise
+ihre Aufmerksamkeit h&auml;tten versagen k&ouml;nnen, da der
+Erfolg dieser Naturbegebenheit nach seiner bestimmten
+Vorherverk&uuml;ndigung ihnen nach Naturgesetzen schlechterdings
+unerkl&auml;rbar seyn mu&szlig;te. Und wenn er denn
+auf diese Beglaubigung eine den Principien der Vernunft
+v&ouml;llig angemessene Religion gegr&uuml;ndet h&auml;tte, so h&auml;tten
+sie nicht nur auf keinen Fall etwas dabei verloren, sondern
+sie h&auml;tten auch diese Religion mit v&ouml;lliger &Uuml;berzeugung
+so lange f&uuml;r unmittelbar g&ouml;ttlichen Ursprungs
+halten k&ouml;nnen, bis sie durch eigne Einsicht in die Naturgesetze,
+und durch die historische Belehrung, da&szlig;
+Colon sie eben so gut gekannt, und da&szlig; er also nicht
+allerdings ehrlich mit ihnen umgegangen, diese Religion
+zwar nicht mehr f&uuml;r g&ouml;ttliche <i>Offenbarung</i> h&auml;tten halten
+k&ouml;nnen, aber doch verbunden geblieben w&auml;ren, sie wegen
+ihrer g&auml;nzlichen &Uuml;bereinstimmung mit dem Moralgesetze,
+f&uuml;r g&ouml;ttliche <i>Religion</i> anzuerkennen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_20_20" id="Footnote_20_20"></a><a href="#FNanchor_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Wenn es erwiesen werden k&ouml;nnte, da&szlig; ein vern&uuml;nftiges
+F&uuml;rwahrhalten einer Offenbarung Gottes als politischen
+Gesetzgebers (etwa als Vorbereitung auf eine
+moralische Offenbarung) m&ouml;glich w&auml;re, als mit welcher
+M&ouml;glichkeit des F&uuml;rwahrhaltens zugleich die M&ouml;glichkeit
+der ganzen Sache steht und f&auml;llt (ein Erweis, der
+aus dem oben &sect;.&nbsp;5. gesagten als fast unm&ouml;glich erscheint);
+so w&auml;re es klar, da&szlig; der Gehorsam gegen
+dergleichen Gesetze in einer solchen Offenbarung auf
+Furcht der Strafe, und Hoffnung der Belohnung, nicht
+nur gegr&uuml;ndet werden k&ouml;nnte, sondern m&uuml;&szlig;te, da der
+Endzweck politischer Gesetze blo&szlig;e Legalit&auml;t ist, und
+diese durch jene Triebfedern am sichersten bewirkt
+wird.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_21_21" id="Footnote_21_21"></a><a href="#FNanchor_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Ich bitte jeden, dem die hier zu beweisende Behauptung
+noch anst&ouml;&szlig;ig vorkommt, auf das von hier an folgende
+besonders aufzumerken. <i>Entweder</i> die ganze Offenbarungskritik
+mu&szlig; umgesto&szlig;en, und die M&ouml;glichkeit einer
+theoretischen &Uuml;berzeugung <i>a posteriori</i> von der
+G&ouml;ttlichkeit einer gegebnen Offenbarung erh&auml;rtet werden,
+(wor&uuml;ber man sich an &sect;.&nbsp;5. zu halten hat:) <i>oder</i>
+man mu&szlig; den Satz: da&szlig; eine Offenbarung unsre &uuml;bersinnliche
+Erkenntni&szlig; nicht erweitern k&ouml;nne, unbedingt
+zugeben.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_22_22" id="Footnote_22_22"></a><a href="#FNanchor_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Zu Ablehnung &uuml;bereilter Konsequenzen und unstatthafter
+Anwendungen merken wir nochmals ausdr&uuml;cklich an,
+da&szlig; hier nur von als <i>objektiv g&uuml;ltig</i> angek&uuml;ndigten S&auml;tzen
+die Rede sey, und da&szlig; vieles, was als Erweiterung unsrer
+Erkenntni&szlig; des &Uuml;bersinnlichen aussehe, versinnlichte
+Darstellung unmittelbarer, oder durch Anwendung
+dieser auf gewisse Erfahrungen entstandener Vernunftpostulate
+seyn k&ouml;nne; da&szlig; es mithin, wenn es erweislich
+das ist, durch dieses Kriterium nicht ausgeschlossen
+werde. Der Erweis davon geh&ouml;rt aber nicht hierher,
+sondern in die angewandte Kritik einer besondern
+Offenbarung.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_23_23" id="Footnote_23_23"></a><a href="#FNanchor_23_23"><span class="label">[23]</span></a> So ist es freilich eine richtige Regel: Fasse nie einen
+Entschlu&szlig; in der Hitze des Affekts: aber diese Regel,
+als empirisch bedingt, kann sogar nicht auf Menschen
+allgemeine Anwendung haben, denn es ist wol m&ouml;glich,
+und soll m&ouml;glich seyn, sich von allen aufbrausenden
+Affekten g&auml;nzlich frei zu machen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_24_24" id="Footnote_24_24"></a><a href="#FNanchor_24_24"><span class="label">[24]</span></a> Es folgt aber gar nicht, da&szlig;, weil ein gewisses Mittel
+f&uuml;r ein Subjekt, oder auch f&uuml;r die meisten von keinem
+Nutzen sey, es darum f&uuml;r niemanden einigen
+Nutzen haben k&ouml;nne; und man ist in den neuern
+Zeiten in Verwerfung vieler ascetischen Uebungen, aus
+Ha&szlig; gegen den in den &auml;ltern damit getriebnen Mi&szlig;brauch,
+zu weit gegangen, wie mir's scheint. Da&szlig;
+es &uuml;berhaupt gut und n&uuml;tzlich sey, seine Sinnlichkeit
+auch zuweilen da, wo kein ausdr&uuml;ckliches Gesetz redet,
+zu unterdr&uuml;cken, blos um sie zu schw&auml;chen
+und immer freier zu werden, wei&szlig; jeder, der an
+sich gearbeitet hat.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_25_25" id="Footnote_25_25"></a><a href="#FNanchor_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Da&szlig; die Juden &auml;lterer Zeiten wirklich so schlossen,
+bezeugen die Vorstellungen der Propheten gegen diesen
+Irrthum; da&szlig; sie in neuern Zeiten nicht kl&uuml;ger sind,
+beweisen die l&auml;cherlich kindischen Vorstellungen von
+Gott, die ihr Talmud enth&auml;lt: ob durch Schuld ihrer
+Religion, oder ihre eigne, bleibt hier ununtersucht.&nbsp;&mdash;&nbsp;Woher
+aber komme bei manchen Christen mittlerer
+und neuerer Zeiten sogar, der Wahn, da&szlig; gewisse Anrufungen,
+z.&nbsp;B. Kyrie Eleison, Vater unsers Herrn Jesu
+Christi, u.&nbsp;dergl. ihm besser gefallen, als andere?</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_26_26" id="Footnote_26_26"></a><a href="#FNanchor_26_26"><span class="label">[26]</span></a> Wer mich siehet, siehet den Vater,&nbsp;&mdash;&nbsp;sagte Jesus
+nicht eher, bis Philippus von ihm verlangte, ihm den
+Vater zu <i>zeigen</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_27_27" id="Footnote_27_27"></a><a href="#FNanchor_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Da&szlig; z.&nbsp;B. Jesus sich Unsterblichkeit gedacht habe,
+wenn er von Auferstehung redete, und da&szlig; beide Begriffe
+damals f&uuml;r v&ouml;llig gleich gegolten, erhellet, au&szlig;er
+seinen Reden beim Johannes &uuml;ber diesen Gegenstand,
+wo er die ununterbrochne Fortdauer seiner Anh&auml;nger
+in einigen Ausspr&uuml;chen ganz rein ohne das Bild der
+Auferstehung, doch ohne sich auf den Unterschied
+zwischen Seele und K&ouml;rper, und auf die vom k&ouml;rperlichen
+Tode m&ouml;gliche Einwendung einzulassen, vortr&auml;gt;
+unter andern ganz offenbar aus jenem Beweise <span title="[Greek: kat' anthr&ocirc;pon]">&#954;&#945;&#964;'&nbsp;&#945;&#957;&#952;&#961;&#969;&#960;&#959;&#957;</span>
+gegen die Sadduc&auml;er. Der angezogne Ausspruch
+Gottes konnte, alles &uuml;brige als richtig zugestanden,
+nichts weiter als die fortdauernde Existenz Abrahams,
+Isaaks, und Jakobs, zur Zeit Moses, aber keine eigentliche
+Auferstehung des Fleisches beweisen. Da&szlig; auch
+die Sadduc&auml;er es so verstanden, und nicht blos die
+k&ouml;rperliche Auferstehung, sondern Unsterblichkeit &uuml;berhaupt,
+l&auml;ugneten, folgt daraus, weil sie sich mit diesem
+Beweise Jesu befriedigten.
+</p><p>
+Die Widerspr&uuml;che, die aus einer zu groben Vorstellung
+dieser Lehre folgen, n&ouml;thigten schon Paulus,
+sie etwas n&auml;her zu bestimmen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_28_28" id="Footnote_28_28"></a><a href="#FNanchor_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Lasset uns das hier &uuml;ber die Bedingungen der Erlaubni&szlig;
+etwas zu glauben, weil das Herz es w&uuml;nscht, gesagte,
+durch ein Beispiel vom Gegentheile kl&auml;rer machen.
+Man k&ouml;nnte nemlich etwa die Wiedererneuerung
+des Umganges gewesener Freunde im k&uuml;nftigen Leben
+aus dem Verlangen guter zur Freundschaft gestimmter
+Menschen nach dieser Wiedererneuerung erweisen wollen.
+Mit einem solchen Beweise aber w&uuml;rde man
+dicht wohl fortkommen. Denn ob man gleich etwa
+sagen k&ouml;nnte, die Vollbringung mancher schweren
+Pflicht werde dem, der einen geliebten Freund in der
+Ewigkeit wei&szlig;, durch den Gedanken erleichtert werden,
+da&szlig; er sich dadurch des Genusses der Seligkeit mit
+seinem abgeschiednen Freunde immer mehr versichere,
+so w&uuml;rde, ganz abgerechnet, da&szlig; man wol unz&auml;hlige
+Motiven der Art w&uuml;rde aufweisen k&ouml;nnen, denen man
+aber darum die objektive Realit&auml;t zuzusprechen doch
+ein Bedenken tragen w&uuml;rde, dadurch doch gar nicht
+reine Moralit&auml;t, sondern blos Legalit&auml;t bef&ouml;rdert werden,
+und es w&uuml;rde demnach eine vergebliche Bem&uuml;hung
+seyn, diesen Wunsch von der Bestimmung des
+obern Begehrungsverm&ouml;gens durch das Moralgesetz ableiten
+zu wollen. &Uuml;berhaupt sind wol&nbsp;&mdash;&nbsp;der Wunsch,
+&uuml;berhaupt Spuren der g&ouml;ttlichen moralischen Regierung
+in der ganzen Natur, und vorz&uuml;glich in unserm eignen
+Leben, und der, insbesondre eine Offenbarung annehmen
+zu d&uuml;rfen, die einzigen, die mit Recht auf eine
+so erhabne Abstammung Ansprach machen m&ouml;chten.
+Was die zweite Bedingung anbetrifft, so lassen sich
+schon hienieden der Analogie nach Gr&uuml;nde genug vermuthen,
+die eine solche Wiedervereinigung im k&uuml;nftigen
+Leben zweckwidrig machen k&ouml;nnten, als z.&nbsp;B. da&szlig;
+etwa der Zweck einer vielseitigen Ausbildung uns den
+Umgang des ehemaligen Freundes, dessen Absicht f&uuml;r
+unsre Bildung erreicht ist, unn&uuml;tz, oder gar sch&auml;dlich
+machen k&ouml;nnte,&nbsp;&mdash;&nbsp;da&szlig; desselben Gegenwart in andern
+Verbindungen n&ouml;thiger, und f&uuml;r das Ganze n&uuml;tzlicher
+sey,&nbsp;&mdash;&nbsp;da&szlig; die unsrige in &auml;ndern Verbindungen es
+sey u.&nbsp;dgl. Blos der letzten Bedingung entspricht die
+angenommene Realit&auml;t dieses Wunsches, denn in einer
+Dauer ohne Ende kann diese Wiedervereinigung, wenn
+sie an keinen bestimmten Punkt dieser Dauer gebunden
+wird, immer noch erwartet werden, und mithin die
+Erfahrung ihrer Wirklichkeit nie widersprechen. Aus
+diesem Grunde also ist kein Beweis der Befriedigung
+dieses Wunsches m&ouml;glich; und wenn es keinen &auml;ndern
+Beweis giebt (es giebt aber einen, der jedoch auch nur
+zur wahrscheinlichen Vermuthung hinreicht), so m&uuml;&szlig;te
+das menschliche Gem&uuml;th sich &uuml;ber dieselbe auf <i>Hoffnung</i>,
+d.&nbsp;i. auf eine durch eine Bestimmung des Begehrungsverm&ouml;gens
+motivirte Hinneigung des Urtheils
+auf <i>eine</i> Seite bei einem Gegenst&auml;nde, der &uuml;brigens als
+problematisch erkannt wird, einschr&auml;nken.
+</p><p>
+&Uuml;brigens hat es in Absicht der Unwiderlegbarkeit
+mit den unmittelbaren Postulaten der praktischen Vernunft,
+der Existenz Gottes, und der ewigen Fortdauer
+moralischer Wesen die gleiche Bewandtni&szlig;. Unsre
+Fortdauer zwar ist Gegenstand unmittelbarer Erfahrung;
+der Glaube, an die Fortdauer aber kann nie durch Erfahrung
+widerlegt werden; denn, wenn wir nicht existiren,
+so machen wir gar keine Erfahrung. So lange
+wir ferner als <i>wir</i>, d.&nbsp;i. als moralische Wesen, fortdauern,
+kann auch der Glaube an Gott weder durch
+Gr&uuml;nde, denn auf theoretische gr&uuml;ndet er sich nicht,
+und das f&uuml;r die Ewigkeit g&uuml;ltige Gesetz der praktischen
+Vernunft unterst&uuml;tzt ihn, noch durch Erfahrung umgesto&szlig;en
+werden; denn die Existenz Gottes kann nie
+Gegenstand der Erfahrung werden, mithin auch aus
+der Ermangelung einer solchen Erfahrung sich nie auf
+die Nichtexistenz desselben schlie&szlig;en lassen. Aus eben
+diesen Gr&uuml;nden aber k&ouml;nnen diese S&auml;tze auch nie, f&uuml;r
+irgend ein endliches Wesen, Gegenst&auml;nde des <i>Wissens</i>
+werden, sondern m&uuml;ssen in alle Ewigkeit Gegenst&auml;nde
+des <i>Glaubens</i> bleiben. Denn f&uuml;r die Existenz Gottes
+werden wir nie andre als moralische Gr&uuml;nde haben,
+da keine andern m&ouml;glich sind, und unsrer eignen Existenz
+werden wir zwar f&uuml;r jeden Punkt derselben unmittelbar
+durch das Selbstbewu&szlig;tseyn sicher seyn, f&uuml;r
+die Zukunft aber sie aus keinen &auml;ndern, als moralischen
+Gr&uuml;nden erwarten k&ouml;nnen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_29_29" id="Footnote_29_29"></a><a href="#FNanchor_29_29"><span class="label">[29]</span></a> Da&szlig; dies nicht eine leere Vern&uuml;nftelei sei, sondern
+sich auch in der Erfahrung, besondere beim Halten &ouml;ffentlicher
+Reden an das Volk, best&auml;tige, wird uns vielleicht
+jeder Religionslehrer, der etwa sich f&uuml;r seine
+Person der aus der Offenbarung hergenommenen Vorstellungen,
+nicht bedient, &uuml;brigens aber lebhaftes Gef&uuml;hl
+seiner Bestimmung mit Ehrlichkeit (welches nicht wenig
+gesagt ist) vereinigt, wenn auch nicht &ouml;ffentlich,
+doch wenigstens in seinem Herzen zugestehen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Es
+geschieht vermittelst der Begeisterung durch die Einbildungskraft;
+und dieser Umstand darf die Sache niemanden
+verd&auml;chtig machen, da ja die Offenbarung
+&uuml;berhaupt nur durch dieses Vehikulum wirken kann,
+und soll.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_30_30" id="Footnote_30_30"></a><a href="#FNanchor_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Dies waren auch die Maximen Jesu. In Absicht des erstern:
+So jemand <i>will</i> den Willen thun des der mich
+gesandt hat, der wird innen werden, ob diese Lehre
+von Gott sey; und im Gegensatze: Wer Arges thut,
+hasset das Licht, und kommt nicht an das Licht. In
+Absicht des letztern: Die Starken bed&uuml;rfen des Arztes
+nicht, sondern die Kranken; ich bin kommen die S&uuml;nder
+zur Busse zu rufen, und nicht, die Gerechten&nbsp;&mdash;&nbsp;welche
+Ausspr&uuml;che ich nicht f&uuml;r Ironie halte.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_31_31" id="Footnote_31_31"></a><a href="#FNanchor_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Dieser Streit gr&uuml;ndet sich auf eine Antinomie des Offenbarungsbegriffs,
+und ist v&ouml;llig dialektisch. Anerkennung
+einer Offenbarung ist nicht m&ouml;glich, sagt der
+eine Theil; Anerkennung einer Offenbarung ist m&ouml;glich,
+sagt der zweite; und so ausgedr&uuml;ckt widersprechen
+sich beide S&auml;tze geradezu. Wenn aber der erste so
+bestimmt wird: Anerkennung einer Offenbarung aus
+theoretischen Gr&uuml;nden ist unm&ouml;glich; und der zweite:
+Anerkennung einer Offenbarung um einer Bestimmung
+des Begehrungsverm&ouml;gens willen, d.&nbsp;i. ein Glaube an
+Offenbarung, ist m&ouml;glich; so widersprechen sie sich
+nicht, sondern k&ouml;nnen beide wahr seyn, und sind es
+beide, laut unsrer Kritik.</p></div>
+</div>
+
+
+<hr style="width: 75%;" />
+<p><a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a></p>
+<h2><a name="SCHLUSSANMERKUNG" id="SCHLUSSANMERKUNG"></a>SCHLUSSANMERKUNG.</h2>
+
+<p>Es ist eine sehr allgemeine Bemerkung, da&szlig;
+alles, was Spekulation ist, oder so aussieht, sehr
+wenig Eindruck auf das menschliche Gem&uuml;th
+mache. Man wird allenfalls angenehm dadurch
+besch&auml;fftiget; man l&auml;&szlig;t sich das Resultat gefallen,
+weil man nichts dagegen einwenden kann,
+w&uuml;rde aber auch nichts arges daraus haben, wenn
+es anders ausgefallen w&auml;re; denkt und handelt
+&uuml;brigens in praktischer R&uuml;cksicht wie vorher, so
+da&szlig; der auf Spekulation gegr&uuml;ndete Satz wie ein
+todtes Kapital ohne alle Zinsen in der Seele zu
+liegen, scheint, und da&szlig; man seine Anwesenheit
+durch nichts gewahr wird. So ging es von jeher
+mit den Spekulationen der Idealisten und
+Skeptiker. Sie dachten, wie niemand, und handelten,
+wie alle.</p>
+
+<p>Da&szlig; gegenw&auml;rtige Spekulation, wenn sie
+auch etwa nicht nothwendig praktische Folgen
+aufs Leben hat, (wie sie doch, wenn sie sich
+behauptet, haben m&ouml;chte,) dennoch in Absicht
+des Interesse nicht so kalt und gleichg&uuml;ltig werde
+aufgenommen werden, daf&uuml;r b&uuml;rgt ihr wol
+der Gegenstand, den sie behandelt. Es ist nemlich
+in der menschlichen Seele ein nothwendiges
+Interesse f&uuml;r alles, was auf Religion Bezug hat,
+und das ist denn ganz nat&uuml;rlich daraus zu erkl&auml;ren,
+weil nur durch Bestimmung des Begeh<a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>rungsverm&ouml;gens
+Religion m&ouml;glich geworden ist;
+da&szlig; also diese Theorie durch die allgemeine Erfahrung
+best&auml;tigt wird, und da&szlig; man sich fast
+wundern sollte, warum man nicht l&auml;ngst selbst
+von dieser Erfahrung aus auf sie kam. Wenn
+jemand etwa einen andern unmittelbar gewissen
+Satz, z.&nbsp;B. da&szlig; zwischen zwey Punkten nur Eine
+gerade Linie m&ouml;glich sey, l&auml;ugnen w&uuml;rde, so
+w&uuml;rden wir ihn vielmehr verlachen und bedauren,
+als uns &uuml;ber ihn erz&uuml;rnen; und wenn ja etwa
+der Mathematiker sich dabey ereifern sollte,
+so k&ouml;nnte dies nur entweder aus Mi&szlig;vergn&uuml;gen
+&uuml;ber sich selbst herkommen, da&szlig; er ihn seines
+Irrthums nicht sogleich &uuml;berf&uuml;hren k&ouml;nne, oder
+aus der Vermuthung, da&szlig; bey diesem hartn&auml;ckigen
+Abl&auml;ugnen der b&ouml;se Wille, ihn zu &auml;rgern,
+(mithin doch auch etwas unmoralisches) zum
+Grunde liege: aber dieser Unwille w&uuml;rde doch
+ein ganz anderer seyn, als derjenige, der jeden,
+und den unausgebildetsten Menschen eben am
+meisten angreift, wenn jemand das Daseyn Gottes,
+oder die Unsterblichkeit der Seele abl&auml;ugnet;
+welcher mit Furcht und Abscheu vermischt
+ist, zum deutlichen Zeichen, da&szlig; wir diesen
+Glauben als einen theuren Besitz, und denjenigen
+als unsern pers&ouml;nlichen Feind ansehen, der
+Mine macht, uns in diesem Besitze st&ouml;ren zu
+wollen. Dieses Interesse verbreitet sich denn
+verh&auml;ltni&szlig;m&auml;&szlig;ig weiter, je mehrere Ideen wir auf<a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a>
+die Religion beziehen, und mit ihr in Verbindung
+bringen k&ouml;nnen; und wir w&uuml;rden daher
+uns sehr bedenken, zu entscheiden, ob vorherrschende
+Toleranz in einer Seele, in welcher
+sie sich nicht auf langes anhaltendes Nachdenken
+gr&uuml;nden kann, ein sehr achtungswerther
+Zug sey. Aus eben diesem Interesse l&auml;&szlig;t sich
+auch im Gegentheile die empfindliche Abneigung
+erkl&auml;ren, mit der wir gegen Vorstellungen
+eingenommen werden, die wir etwa ehedem f&uuml;r
+heilig hielten, von denen wir aber bey zunehmender
+Reife uns &uuml;berzeugt oder &uuml;berredet haben,
+da&szlig; sie es nicht sind. Wir erinnern uns
+ja andrer Tr&auml;ume unsrer fr&uuml;hern Jahre, wie etwa
+des von einer uneigenn&uuml;tzigen H&uuml;lfsbereitwilligkeit
+der Menschen, von einer arkadischen
+Sch&auml;ferunschuld u.&nbsp;dergl. mit einem wehm&uuml;thig-frohen
+Andenken der Jahre, wo wir noch so angenehm
+tr&auml;umen konnten; ohnerachtet das Gegentheil
+und die Erfahrungen, wodurch wir etwa
+dar&uuml;ber belehrt worden sind, uns doch an sich
+unm&ouml;glich angenehm seyn k&ouml;nnen. Der T&auml;uschungen
+von oben angezeigter Art aber erinnern
+wir uns lange mit Verdru&szlig;, und es geh&ouml;rt viel
+Zeit und Nachdenken dazu, um auch dar&uuml;ber kalt
+zu werden; ein Ph&auml;nomen, welches man gar
+nicht der dunkeln Vorstellung des durch dergleichen
+Ideen entstehenden Schadens, (indem
+wir ja den offenbaren Schaden selbst mit mehr<a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>
+Gleichmuth erblicken,) sondern blos daraus zu
+erkl&auml;ren hat, da&szlig; das Heilige uns theuer ist, und
+da&szlig; wir jede Beimischung eines fremdartigen
+Zusatzes als Entweihung desselben ansehen. Dieses
+Interesse zeigt sich endlich sogar darin, da&szlig;
+wir mit keinerlei Art Kenntnissen uns so breit
+machen, als mit vermeinten bessern Religionseinsichten,
+als ob hierin die gr&ouml;&szlig;te Ehre liege,
+und da&szlig; wir sie&nbsp;&mdash;&nbsp;wenn nicht etwa der gute
+Ton dergleichen Unterhaltungen verbannt hat,
+wiewohl eben das, da&szlig; er sie verbannen m&uuml;&szlig;te,
+eine allgemeine Neigung zu denselben anzuzeigen
+scheint,&nbsp;&mdash;&nbsp;so gern &auml;ndern mittheilen m&ouml;gen,
+in der sichern Voraussetzung, da&szlig; dies ein
+allgemein interessanter Gegenstand sey.</p>
+
+<p>So sicher wir also von dieser Seite seyn d&uuml;rften,
+da&szlig; gegenw&auml;rtige Untersuchung nicht ganz
+ohne Interesse werde aufgenommen werden, so
+haben wir eben von diesem Interesse zu bef&uuml;rchten,
+da&szlig; es sich gegen uns kehren, und
+den Leser in der ruhigen Betrachtung und Abw&auml;gung
+der Gr&uuml;nde st&ouml;ren k&ouml;nne, wenn er etwa
+voraussehen, oder wirklich finden sollte, da&szlig; das
+Resultat nicht ganz seiner vorgefa&szlig;ten Meinung
+gem&auml;&szlig; ausfalle. Es scheint also eine nicht ganz
+vergebliche Arbeit zu seyn, hier noch, ganz ohne
+R&uuml;cksicht auf die Begr&uuml;ndung des Resultats,
+und gleich als ob wir nicht einen <i>a priori</i> vorgeschriebnen
+Weg gegangen w&auml;ren, der uns<a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a>
+nothwendig auf dasselbe h&auml;tte f&uuml;hren m&uuml;ssen,
+sondern, als ob es g&auml;nzlich von uns abgehangen
+h&auml;tte, wie dasselbe ausfallen solle, zu untersuchen,
+ob wir Ursache gehabt h&auml;tten, ein g&uuml;nstigeres
+zu w&uuml;nschen, oder ob gegenw&auml;rtiges etwa
+&uuml;berhaupt das vorteilhafteste sey, das wir uns
+versprechen durften; kurz, dasselbe, ganz ohne
+R&uuml;cksicht auf seine Wahrheit, blos von Seiten
+seiner N&uuml;tzlichkeit zu untersuchen.</p>
+
+<p>Aber hier sto&szlig;en wir denn zuerst auf diejenigen,
+welche in der besten Meinung von der
+Welt sagen werden, bey einer Untersuchung der
+Art k&ouml;nne &uuml;berhaupt nichts kluges herauskommen,
+und es w&uuml;rde besser gewesen seyn, gegenw&auml;rtige
+ganz zu unterlassen; die alles, was mit
+der Offenbarung, in Verbindung steht, &uuml;berhaupt
+nicht auf Principien zur&uuml;ckgef&uuml;hrt wissen wollen;
+die jede Pr&uuml;fung derselben scheuen, f&uuml;rchten,
+von sich ablehnen. Diese werden denn
+doch, wenn sie aufrichtig seyn wollen, zugestehen,
+da&szlig; sie selbst eine schlechte Meinung von
+ihrem Glauben haben, und m&ouml;gen selbst entscheiden,
+ob ihnen die Achtung und Schonung
+derjenigen besser gef&auml;llt, welche die Sache der
+Offenbarung schon f&uuml;r v&ouml;llig <span title="Im Original: abgeurthelt">abgeurtheilt</span><a name="FNanchor_TN13_44" id="FNanchor_TN13_44"></a><a href="#Footnote_TN13_44" class="fnanchor">[TN13]</a> und
+in allen Instanzen verlohren ansehen, und meinen,
+ein Mann, der auf seine Ehre halte, k&ouml;nne
+einmal mit ihr sich nicht mehr befassen, es
+sey sogar ein schlechtes Heldenst&uuml;ck, sie vol<a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>lends
+zu Grunde zu richten, und m&ouml;ge man ja
+auch wohl aus mitleidiger Schonung, denen, die
+nun einmal ihr Herz daran geh&auml;ngt haben, dies
+im Grunde unschuldige Spielwerk wohl g&ouml;nnen.
+Doch haben wir, mit diesen es eigentlich
+hier nicht zu thun, denn von ihnen wird wahrscheinlich
+keiner diese Schrift lesen; sondern
+nur mit solchen, die eine Pr&uuml;fung der Offenbarung
+verstatten.</p>
+
+<p>Gegenw&auml;rtige sollte unsrer Absicht nach die
+strengste seyn, welche m&ouml;glich ist. Was haben
+wir nun durch dieselbe verlohren? was gewonnen?
+wo ist das &Uuml;bergewicht?</p>
+
+<p>Verlohren haben wir alle unsere Aussichten
+auf Eroberungen, sowohl objektive, als subjektive.
+Wir k&ouml;nnen nicht mehr hoffen durch
+H&uuml;lfe einer Offenbarung in das Reich des &Uuml;bersinnlichen
+einzudringen, und von da, wer wei&szlig;
+welche Ausbeute zur&uuml;ckzubringen, sondern m&uuml;ssen
+uns bescheiden, uns mit dem, was uns mit
+einemmale zu unsrer v&ouml;lligen Ausstattung gegeben
+war, zu begn&uuml;gen. Eben so wenig d&uuml;rfen
+wir weiter hoffen andre zu unterjochen, und sie
+zu zwingen ihren Antheil an dem gemeinschaftlichen
+Erbe, oder an dieser neuen vermeinten
+Akquisition von uns zu Lehn zu nehmen, sondern
+m&uuml;ssen, jeder f&uuml;r sich, uns auf unsre eignen
+Gesch&auml;fte einschr&auml;nken.</p>
+
+<p>Gewonnen haben wir v&ouml;llige Ruhe, und<a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>
+Sicherheit in unserm Eigenthume; Sicherheit vor
+den zudringlichen Wohlth&auml;tern, die uns ihre Gaben
+aufn&ouml;thigen, ohne da&szlig; wir etwas damit anzufangen
+wissen; Sicherheit vor Friedensst&ouml;rern
+andrer Art, die uns das verleiden m&ouml;chten,
+was sie selbst nicht zu gebrauchen wissen. Wir
+haben beide nur an ihre Armuth zu erinnern,
+die sie mit uns gemein haben, und in Absicht
+welcher wir nur darinn von ihnen verschieden
+sind, da&szlig; wir sie wissen, und unsern Aufwand
+darnach einrichten.</p>
+
+<p>Haben wir nun mehr verlohren, oder mehr
+gewonnen?&nbsp;&mdash;&nbsp;Freilich scheint der Verlust der
+gehofften Einsichten in das &Uuml;bersinnliche ein
+wesentlicher, ein nicht zu ersetzender, noch zu
+verschmerzender Verlust; wenn es sich aber bey
+n&auml;herer Untersuchung ergeben sollte, da&szlig; wir
+dergleichen Einsichten zu gar nichts brauchen,
+ja da&szlig; wir nicht einmal sicher seyn k&ouml;nnen, ob
+wir sie wirklich besitzen, oder ob wir auch sogar
+hier&uuml;ber uns t&auml;uschen, so m&ouml;chte es leichter
+werden, sich dar&uuml;ber zu tr&ouml;sten.</p>
+
+<p>Da&szlig; von der Realit&auml;t aller Ideen vom &Uuml;bersinnlichen
+keine objektive Gewi&szlig;heit, sondern
+nur ein Glaube an sie stattfinde, ist nun zur
+Gen&uuml;ge erwiesen. Aller bisher entwickelte Glaube
+gr&uuml;ndet sich auf eine Bestimmung des Begehrungsverm&ouml;gens,
+(bey der Existenz Gottes,
+und der Seelen Unsterblichkeit auf eine des<a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a>
+obern, bey dem Vorsehungs- und Offenbarungsbegriffe
+auf eine durch das obere geschehne
+Bestimmung, des untern,) und erleichtert gegenseitig
+wieder diese Bestimmung. Da&szlig; weiter
+keine Ideen m&ouml;glich sind, an deren Realit&auml;t zu
+glauben eine unmittelbare oder mittelbare Bestimmung
+durch das praktische Gesetz uns bewege,
+ist kl&auml;rlich gezeigt. Es fragt sich also hier
+nur noch, ob nicht ein Glaube m&ouml;glich sey,
+der <i>nicht</i> durch eine dergleichen Bestimmung
+entsteht, und sie <i>nicht</i> wieder erleichtert. Im
+ersten Falle mu&szlig; es leicht auszumachen seyn,
+ob der Glaube <i>in concreto</i> wirklich da ist; das
+mu&szlig; sich nemlich aus den praktischen Folgen
+ergeben, die er, als die Willensbestimmung erleichternd,
+nothwendig hervorbringen mu&szlig;. Im
+letztern Falle aber, wo keine dergleichen praktische
+Folgen m&ouml;glich sind, scheint es, da der Glaube
+etwas blos subjektives ist, schwer, hier&uuml;ber etwas
+festes zu bestimmen, und es hat v&ouml;llig das
+Ansehen, da&szlig; uns nichts &uuml;brig bleibt, als jedem
+ehrlichen Manne auf sein Wort zu glauben, wenn er
+uns sagt: ich glaube das, oder ich glaube jenes.
+Dennoch ist es vielleicht m&ouml;glich auch hier&uuml;ber
+etwas auszumitteln. Es ist nemlich an sich
+gar nicht zu l&auml;ugnen, da&szlig; man oft andre, und
+eben so oft sich selbst &uuml;berredet, man glaube
+etwas, wenn man blos nichts dagegen hat, und
+es ruhig an seinen Ort gestellt seyn l&auml;&szlig;t. Von
+dieser Art ist fast aller historischer Glaube, wenn<a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>
+er sich nicht etwa auf eine Bestimmung des Begehrungsverm&ouml;gens
+gr&uuml;ndet, wie der an das historische
+in einer Offenbarung, oder der eines
+Geschichtforschers von Profession, der von der
+Achtung f&uuml;r sein Gesch&auml;ft, und von der Wichtigkeit,
+die er in seine m&uuml;hsamen Untersuchungen
+schlechterdings setzen mu&szlig;, unzertrennlich
+ist; oder der einer Nation an eine Begebenheit,
+die ihren Nationalstolz unterst&uuml;tzt. Das Lesen der
+Begebenheiten und Handlungen von Wesen, die
+gleiche Begriffe und gleiche Leidenschaften mit
+uns haben, besch&auml;ftigt uns auf eine angenehme
+Art, und es tr&auml;gt zur Vermehrung unsers Vergn&uuml;gens
+etwas bei, wenn wir annehmen d&uuml;rfen,
+da&szlig; dergleichen Menschen wirklich lebten, und
+wir nehmen dies um so fester an, je mehr die
+Geschichte uns interessirt, je mehr sie &Auml;hnlichkeit
+mit unsern Begebenheiten oder unsrer
+Denkungsart hat; wir w&uuml;rden aber, besonders
+in manchen F&auml;llen, auch nicht viel dagegen haben,
+wenn alles blo&szlig;e Erdichtung w&auml;re. Ist's
+auch nicht wahr, so ist es gut erfunden, m&ouml;chten
+wir denken. Wie soll man nun hier&uuml;ber zu
+einiger Gewi&szlig;heit &uuml;ber sich selbst kommen?&nbsp;&mdash;&nbsp;Die
+einzige wahre Probe, ob man etwas wirklich
+annehme, ist die, ob man darnach handelt, oder,
+im vorkommenden Falle der Anwendung, darnach
+handeln w&uuml;rde. &Uuml;ber Meinungen, die an sich
+keine praktische Anwendung haben, noch haben<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>
+k&ouml;nnen, findet dennoch zu jeder Zeit ein Experiment
+statt, da&szlig; man sich nemlich aufs Gewissen
+frage, ob man wol f&uuml;r die Richtigkeit einer
+gewissen Meinung einen Theil seines Verm&ouml;gens,
+oder das ganze, oder sein Leben, oder seine
+Freiheit verwetten wolle, wenn etwas gewisses
+dar&uuml;ber auszumachen seyn sollte. Man giebt
+dann einer Meinung, die an sich keine praktischen
+Folgen hat, durch Kunst eine praktische
+Anwendung. Wenn man auf diese Art jemanden
+eine Wette um sein ganzes Verm&ouml;gen antr&uuml;ge,
+da&szlig; kein Alexander der Gro&szlig;e gelebt
+habe, so k&ouml;nnte er vielleicht diese Wette ohne
+Bedenken annehmen, weil er bei v&ouml;lliger Redlichkeit
+dennoch ganz dunkel denken m&ouml;chte,
+da&szlig; diejenige Erfahrung, welche dies entscheiden
+k&ouml;nnte, schlechterdings nicht mehr m&ouml;glich sey;
+wenn man aber etwa eben demselben die gleiche
+Wette darauf antr&uuml;ge, da&szlig; kein Dalai Lama
+existire, mit dem Erbieten, die Sache an Ort
+und Stelle durch die unmittelbare Erfahrung zu
+verificiren, so m&ouml;chte er vielleicht bedenklicher
+dabei werden, und sich dadurch verrathen, da&szlig;
+er mit seinem Glauben &uuml;ber diesen Punkt nicht
+v&ouml;llig in Richtigkeit sey. Wenn man nun &uuml;ber
+den Glauben an &uuml;bersinnliche Dinge, deren Begriff
+durch die reine praktische Vernunft <i>a priori</i>
+nicht gegeben ist, die mithin an sich gar keine
+praktischen Folgen haben k&ouml;nnen, sich eben so<a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>
+eine betr&auml;chtliche Wette antr&uuml;ge, so w&auml;re es
+sehr leicht m&ouml;glich, da&szlig; man dadurch, da&szlig; man
+sie von der Hand wiese, entdeckte, man habe
+bisher den Glauben an sie nicht gehabt, sondern
+sich nur &uuml;berredet, ihn zu haben; wenn man
+aber diese Wette auch wirklich ann&auml;hme, so
+k&ouml;nnte man noch immer nicht sicher seyn, ob
+sich nicht das Gem&uuml;th ganz dunkel besonnen
+habe, es habe hier noch gar nicht n&ouml;thig, sich
+auf seiner Schalkheit ertappen zu lassen, da bei
+einer solchen Wette gar nichts zu wagen sey,
+weil die Sache (bei dergleichen Ideen) in Ewigkeit
+nicht, weder durch Gr&uuml;nde, noch durch
+Erfahrungen auszumachen sey. Wenn also auch
+nicht darzuthun seyn sollte, da&szlig; an die Realit&auml;t
+von dergleichen Ideen gar kein Glaube m&ouml;glich
+sey; so ergiebt sich hieraus doch leicht soviel,
+da&szlig; es m&ouml;glich sey, auch nur mit sich selbst
+in's Reine zu kommen, ob man diesen Glauben
+&uuml;berhaupt habe, welches eben soviel ist, als ob
+er &uuml;berhaupt und an sich nicht m&ouml;glich w&auml;re.
+Es ist hieraus zu beurtheilen, ob wir Ursache
+haben, &uuml;ber den Verlust unsrer Hoffnung durch
+eine Offenbarung erweiterte Aussichten in die
+&uuml;bersinnliche Welt zu bekommen, sehr verlegen
+zu seyn.</p>
+
+<p>In Absicht des zweiten Verlustes bitten wir
+jeden, sich vor seinem Gewissen die Frage zu
+beantworten, zu welcher Absicht er eigentlich<a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>
+eine Religion haben wolle; ob dazu, um sich
+&uuml;ber andre zu erheben, und sich vor ihnen aufzubl&auml;hen,
+zur Befriedigung seines Stolzes, seiner
+Herrschsucht &uuml;ber die Gewissen, welche weit
+&auml;rger ist, als die Herrschsucht &uuml;ber die K&ouml;rper;
+oder dazu, um sich selbst zum bessern Menschen
+zu bilden.&nbsp;&mdash;&nbsp;Inzwischen bed&uuml;rfen wir sie auch
+mit f&uuml;r andre, theils um reine Moralit&auml;t unter
+ihnen zu verbreiten; aber da darf nur dargethan
+seyn, da&szlig; dies auf keinem &auml;ndern Wege, als
+dem angezeigten, geschehen k&ouml;nne, so werden
+wir ja gern, wenn dies wirklich unser Ernst ist,
+jeden andern vermeiden; theils, wenn wir das
+nicht k&ouml;nnen sollten, uns wenigstens der Legalit&auml;t
+von ihnen zu versichern,&nbsp;&mdash;&nbsp;ein Wunsch,
+der an sich v&ouml;llig rechtm&auml;&szlig;ig ist. Und in Absicht
+der M&ouml;glichkeit ihn dadurch zu erreichen,
+ist denn ganz sicher nichts leichter, als den Menschen,
+der sich im Dunkeln &uuml;berhaupt f&uuml;rchtet,
+zu schrecken, ihn dadurch zu leiten, wohin man
+will, und ihn zu bewegen, in Hoffnung des Paradieses
+seinen sterblichen Leib brennen zu lassen,
+so sehr man will; wenn aber gezeigt ist,
+da&szlig; durch eine solche Behandlung der Religion
+die Moralit&auml;t nothwendig g&auml;nzlich vernichtet
+werde, so wird man ja gar gern eine Gewalt
+aufgeben, zu der man kein Recht hat; da zumal
+diese Legalit&auml;t weit sicherer, und wenigstens
+ohne sch&auml;dliche Folgen f&uuml;r die Moralit&auml;t durch
+andre Mittel erreicht wird.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>Dies w&auml;re denn die Berechnung unsers Verlusts.
+La&szlig;t um nun den Gewinn dagegen halten!</p>
+
+<p>Wir gewinnen v&ouml;llige Sicherheit in unserm
+Eigenthume. Wir d&uuml;rfen ohne Furcht, da&szlig; unser
+Glaube uns durch irgend eine Vern&uuml;nftelei
+geraubt werde, ohne Besorgni&szlig;, da&szlig; man ihn
+l&auml;cherlich machen k&ouml;nne, ohne Scheu vor der
+Bez&uuml;chtigung des Bl&ouml;dsinns und der Geistesschw&auml;che,
+ihn zu unserer Verbesserung brauchen.
+Jede Widerlegung mu&szlig; falsch seyn, das k&ouml;nnen
+wir <i>a priori</i> wissen: jeder Spott mu&szlig; auf den
+Urheber zur&uuml;ckfallen.</p>
+
+<p>Wir gewinnen v&ouml;llige Gewissensfreiheit, nicht
+vom Gewissenszwange durch physische Mittel,
+welcher eigentlich nicht statt findet; denn &auml;u&szlig;erer
+Zwang kann uns zwar n&ouml;thigen mit dem
+Munde zu bekennen, was er will, aber nie, im
+Herzen etwas dem &auml;hnliches zu denken; sondern
+von dem unendlich h&auml;rteren Geisteszwange durch
+moralische Bedr&uuml;ckungen und Vexationen, durch
+Zureden, Zun&ouml;thigungen, Drohungen, wer wei&szlig;
+welcher schlimmen &Uuml;bel, die man unterm Gem&uuml;the
+anlegt. Dadurch wird nothwendig die
+Seele in eine &auml;ngstliche Furcht versetzt, und
+qu&auml;lt sich so lange, bis sie es endlich so weit
+bringt, sich selbst zu bel&uuml;gen, und den Glauben
+in sich zu erheucheln; eine Heuchelei, welche
+weit schrecklicher ist, als der v&ouml;llige Unglaube,
+weil der letztere den Charakter nur so lange,<a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>
+als er dauert, verderbet, die erstere aber ihn
+ohne Hoffnung jemaliger Besserung zu Grunde
+richtet, so da&szlig; ein solcher Mensch nie wieder
+die geringste Achtung oder das geringste Zutrauen
+zu sich fassen kann. Dies ist die Folge,
+welche das Verfahren, den Glauben auf Furcht
+und Schrecken, und auf diesen erpre&szlig;ten Glauben
+erst die Moralit&auml;t (eine Nebensache, die
+wol ganz gut seyn mag, wenn sie zu haben ist,
+in Ermangelung deren aber auch wol der Glaube
+allein uns durchhelfen kann,) gr&uuml;nden zu wollen,
+nothwendig haben mu&szlig;, und welche er auch allemal
+gehabt haben w&uuml;rde, wenn man immer konsequent
+zu Werke gegangen, und die menschliche
+Natur von ihrem Sch&ouml;pfer nicht zu gut eingerichtet
+w&auml;re, als da&szlig; sie sich so sollte verdrehen
+lassen.</p>
+
+<p>Nach Maa&szlig;gabe dieser Grunds&auml;tze w&uuml;rde
+der einzige Weg&nbsp;&mdash;&nbsp;ein Weg, den offenbar auch
+das Christenthum vorschreibt&nbsp;&mdash;&nbsp;den Glauben in
+den Herzen der Menschen hervorzubringen, der
+seyn, ihnen durch Entwickelung des Moralgef&uuml;hls
+das Gute erst recht lieb und werth zu machen,
+und dadurch den Entschlu&szlig;, gute Menschen zu
+werden, in ihnen zu erwecken; dann sie ihre
+Schw&auml;che allenthalben f&uuml;hlen zu lassen, und nun
+erst ihnen die Aussicht auf die Unterst&uuml;tzung
+einer Offenbarung zu geben, und sie w&uuml;rden glauben,
+ehe man ihnen zugerufen h&auml;tte: glaubet!</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a>Und jetzt darf die Entscheidung, wo das
+&Uuml;bergewicht sey, ob auf der Seite des Gewinns,
+oder der des Verlusts, dem Herzen eines jeden
+Lesers &uuml;berlassen werden, mit Zusicherung des
+beil&auml;ufigen Vortheils, da&szlig; ein jeder dieses Herz
+selbst aus dem Urtheile, das es hier&uuml;ber f&auml;llet,
+n&auml;her wird kennen lernen.</p>
+
+<p><br /><br /></p>
+<div class="trnotes"><h3>Ansmerkungen zur Transkription:</h3>
+
+<div class="trnote"><p><a name="Footnote_TN1_32" id="Footnote_TN1_32"></a><a href="#FNanchor_TN1_32"><span class="label">[TN1]</span></a> Korrektur eines typographischen Fehlers im
+Originals. Im Original ist hier "Gesezzen" gedruckt.</p></div>
+
+<div class="trnote"><p><a name="Footnote_TN2_33" id="Footnote_TN2_33"></a><a href="#FNanchor_TN2_33"><span class="label">[TN2]</span></a> Korrektur eines typographischen Fehlers im
+Originals. Im Original ist hier "&auml;n&szlig;ert" gedruckt.</p></div>
+
+<div class="trnote"><p><a name="Footnote_TN3_34" id="Footnote_TN3_34"></a><a href="#FNanchor_TN3_34"><span class="label">[TN3]</span></a> Korrektur eines typographischen Fehlers im
+Originals. Im Original ist hier "fordauern" gedruckt.</p></div>
+
+<div class="trnote"><p><a name="Footnote_TN4_35" id="Footnote_TN4_35"></a><a href="#FNanchor_TN4_35"><span class="label">[TN4]</span></a> Korrektur eines typographischen Fehlers im
+Originals. Im Original ist hier "Aufhebug" gedruckt.</p></div>
+
+<div class="trnote"><p><a name="Footnote_TN5_36" id="Footnote_TN5_36"></a><a href="#FNanchor_TN5_36"><span class="label">[TN5]</span></a> Korrektur eines typographischen Fehlers im
+Originals. Im Original ist hier "seyu" gedruckt.</p></div>
+
+<div class="trnote"><p><a name="Footnote_TN6_37" id="Footnote_TN6_37"></a><a href="#FNanchor_TN6_37"><span class="label">[TN6]</span></a> Korrektur eines typographischen Fehlers im
+Originals. Im Original ist hier "sis" gedruckt.</p></div>
+
+<div class="trnote"><p><a name="Footnote_TN7_38" id="Footnote_TN7_38"></a><a href="#FNanchor_TN7_38"><span class="label">[TN7]</span></a> Korrektur eines typographischen Fehlers im
+Originals. Im Original ist hier "4" gedruckt.</p></div>
+
+<div class="trnote"><p><a name="Footnote_TN8_39" id="Footnote_TN8_39"></a><a href="#FNanchor_TN8_39"><span class="label">[TN8]</span></a> Mit gro&szlig;er Wahrscheinlichtkeit ein typographischer
+Fehler im Original, k&ouml;nnte aber auch ein geschriebener Dialekt
+sein, daher nicht verbessert (R&uuml;chsicht an Stelle von R&uuml;cksicht).</p></div>
+
+<div class="trnote"><p><a name="Footnote_TN9_40" id="Footnote_TN9_40"></a><a href="#FNanchor_TN9_40"><span class="label">[TN9]</span></a> Korrektur eines typographischen Fehlers im
+Originals. Im Original ist hier "Siegerinn" gedruckt.</p></div>
+
+<div class="trnote"><p><a name="Footnote_TN10_41" id="Footnote_TN10_41"></a><a href="#FNanchor_TN10_41"><span class="label">[TN10]</span></a> Korrektur eines typographischen Fehlers im
+Originals. Im Original ist hier ein weiteres "bar" gedruckt.</p></div>
+
+<div class="trnote"><p><a name="Footnote_TN11_42" id="Footnote_TN11_42"></a><a href="#FNanchor_TN11_42"><span class="label">[TN11]</span></a> Mit gro&szlig;er Wahrscheinlichtkeit ein typographischer
+Fehler im Original, k&ouml;nnte aber auch ein geschriebener Dialekt
+sein, daher nicht verbessert (Gn&uuml;ge an Stelle von Gen&uuml;ge).</p></div>
+
+<div class="trnote"><p><a name="Footnote_TN12_43" id="Footnote_TN12_43"></a><a href="#FNanchor_TN12_43"><span class="label">[TN12]</span></a> Korrektur eines typographischen Fehlers im
+Originals. Im Original ist hier "selbt" gedruckt.</p></div>
+
+<div class="trnote"><p><a name="Footnote_TN13_44" id="Footnote_TN13_44"></a><a href="#FNanchor_TN13_44"><span class="label">[TN13]</span></a> Korrektur eines typographischen Fehlers im
+Originals. Im Original ist hier "abgeurthelt" gedruckt.</p></div>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Versuch einer Kritik aller Offenbarung, by
+Johann Gottlieb Fichte
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERSUCH EINER KRITIK ALLER ***
+
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+
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
+
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+
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+
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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