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+The Project Gutenberg EBook of Die Last, by Georg Engel
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Last
+
+Author: Georg Engel
+
+Release Date: April 22, 2006 [EBook #18231]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LAST ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Die Last
+
+ Roman von
+ Georg Engel
+
+
+ Ullstein & Co
+ Berlin • Wien
+
+
+
+
+ Motto:
+
+ Nicht an einer Person hängen bleiben: und
+ sei sie die geliebteste – jede Person ist
+ ein Gefängnis, auch ein Winkel.
+
+ – – Nicht an einem Mitleiden hängen
+ bleiben: und gälte es höheren Menschen, in
+ deren seltne Marter und Hilflosigkeit uns
+ ein Zufall hat blicken lassen.
+
+ Friedr. Nietzsche
+
+
+
+
+Erstes Buch.
+
+I.
+
+
+Es war Tag geworden.
+
+Noch immer rieselte der Regen und troff an den kleinen Fenstern der
+Krankenstube herunter. Bleigraues Licht stahl sich zögernd durch die
+Gardinen und mischte sich mit dem Schein der Lampe, die auch jetzt noch
+vor dem Bette brannte.
+
+Auf dem großen Bauerngutshof erwachte einiges Leben. Man hörte zuweilen
+ein dumpfes Aufbrüllen der Kühe, und dazwischen das vereinzelte Rufen
+der Knechte. Doch klang alles gedämpft, als fürchte man, die Kranke zu
+stören.
+
+Etwas Totes, Gedrücktes lag über dem Gehöft; und je mehr das trübe
+Sonnenlicht vorrückte, in desto größere Lautlosigkeit verfiel das
+Anwesen.
+
+In dem weiten, zur ebenen Erde gelegenen Zimmer wurde ein schwacher Ruf
+laut. Kränklich, hohl, gebrochen, ein wenig gereizt klang er, aber so
+leise die Stimme auch flüsterte, sofort fuhr aus dem ledernen Sessel
+neben dem Bette ein Mann von mächtiger, imposanter Gestalt auf, rieb
+sich ein wenig die Augen, strich ein paarmal energisch über seine
+dicken, kurzgeschorenen Haare und legte dann seine Finger behutsam auf
+die Hand der leidenden Frau.
+
+»Na, Elsing,« forschte er aufmunternd, wobei er seine Stimme soviel als
+möglich herabdämpfte, »geht’s ein bißchen besser?«
+
+Statt einer Antwort rang die Angeredete die Hände und vergrub ihr
+Antlitz in die Kissen: »Du lieber Gott,« stöhnte sie leise, und es war
+beinahe, als ob aus dem weißen Linnen ein Schluchzen dränge.
+
+Der Mann ließ seine Hand aufs Knie sinken und starrte auf den hellen,
+sandbestreuten Estrich der Stube.
+
+Plötzlich warf sich das junge Weib herum und forschte hastig: »Du bist
+wohl eingeschlafen, Wilms?«
+
+Seltsam, – neidisch fast schien die Frage.
+
+»Ja, ich bin ein wenig eingenickt,« gab der Gatte zu. Und wieder konnte
+man leise Entschuldigung aus den Worten hören. »Ich sitz’ ja nun auch
+bald die vierte Nacht so,« murmelte er halb für sich.
+
+Es wurde still.
+
+Aus der Ecke nur tönte das schwere Tick-tack einer unförmlichen
+Kastenuhr, und zuweilen knirschte der Sand unter dem Stiefel des Mannes.
+
+Die Leidende seufzte und schien die rechte Lage nicht finden zu können.
+Endlich streckte sie sich und blickte in das trostlose Grau des
+Regentages hinaus.
+
+Welche Traurigkeit dort draußen und hier drinnen.
+
+Gegen die Fenster stäubte der Regen, Hagelkörner schlugen scharf gegen
+die Scheiben, und über die Wangen der Liegenden floß eine Träne.
+
+»Lösch’ die Lampe aus, Wilms,« bat sie, »meine Augen – es tut mir weh.«
+
+Er schraubte das Licht herunter, sofort sah es in der Stube noch fahler
+aus.
+
+»Armes Weib,« murmelte er, »armes Weib.« Er strich über ihre Haare und
+richtete sich langsam auf. Dann schritt er zur Tür. – Aber er sollte
+nicht hinausgelangen.
+
+»Wilms.«
+
+Sein Weib hatte sich aufgerafft. »Du sollst nicht fort,« rief sie
+angstvoll, »ich kann nicht allein bleiben – mich friert, wenn du draußen
+bist!«
+
+»Elsing – unsere Wirtschaft leidet darunter – ich muß –«
+
+»Ja, ja – die Wirtschaft – immer die Wirtschaft,« stieß die Kranke
+hervor und fiel erschöpft in ihre Kissen zurück, »und ich liege hier in
+meinem Elend – zwei Jahre – zwei ganze Jahre schon, und keiner hilft
+mir, keiner, zur Last falle ich jedem – auch dir –«
+
+»Elsing, ich –«
+
+»Ja, auch dir,« fuhr sie atemlos fort, »ich merk’ das sehr wohl – du
+hast nur Mitleid für mich – nur Mitleid. Und wir haben uns doch aus
+Liebe geheiratet.«
+
+Er war zögernd an ihr Bett getreten und plötzlich umschlang sie seinen
+Hals: »O Gott – o Gott, ich bin wohl sehr häßlich geworden?« forschte
+sie, am ganzen Leibe zitternd. »Nicht wahr, gesteh’s nur ganz offen.«
+
+»Elsing,« – die Stimme des Mannes zitterte leicht. Er hatte sich auf den
+Bettrand gesetzt und ließ ein paar Strähnen ihrer langen, blonden Haare
+durch seine Finger gleiten. »Elsing,« beteuerte er dann, »für mich bist
+du noch so schön, wie in der ersten Stunde – sieh doch bloß deine
+langen, weichen Flechten – und der kleine Mund und die lieben, blauen
+Augen – alles so hübsch, mein armes Kind.«
+
+Es mußte ihn doch übermannt haben, denn er schloß sein Weib in beide
+Arme und küßte es zärtlich auf die Lippen. Die Kranke schmiegte sich
+befriedigt an seine Brust und für einen Augenblick schien sie beglückt
+und hoffnungsfreudig. Wenigstens wandte sie sich bald auf die Seite und
+forderte ihn mit ihrer erregten Stimme auf: »Wilms, gib mir die Bibel
+von dem Tisch – so, und nun geh – geh nur und schlag ein Auge auf die
+Wirtschaft – es muß ja doch sein.«
+
+Da ging der Mann schwerfällig hinaus; allein als sich die Tür
+geschlossen hatte, blieb er stehen und lauschte zurück.
+
+Und trübe schüttelte er den Kopf. – Mit welch fieberhafter,
+leidenschaftlicher Glut sein Weib dort drinnen las. Sie sang beinahe; –
+ekstatisch, wie berauscht tönten die heiligen Worte:
+
+›Und siehe, ein Weib, das zwölf Jahre siech war, trat zu ihm und rührete
+seines Kleides Saum an.
+
+Da wandte sich Jesus um und sahe sie und sprach: Sei getrost, meine
+Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und das Weib ward gesund zur
+selbigen Stunde.‹
+
+»Und ward gesund zur selbigen Stunde,« wiederholte es drinnen, wie
+verzückt. Dann einen Moment Stille, aber plötzlich mit herzzerreißendem
+Schluchzen: »O Gott – und ward gesund – lieber – lieber – Gott.«
+
+
+
+
+II.
+
+
+Als Wilms auf den Hof heraustrat, atmete er tief auf. Hier wehte doch
+frische Luft, hier beengte ihn die Hitze der Krankenstube nicht mehr,
+und erfrischend rieselte der Regen auf sein entblößtes Haupt.
+
+Merkwürdig. – Er hatte doch schon so oft mitten auf seinem Gehöft
+gestanden, aber heute befiel ihn zum erstenmal der Gedanke, daß all sein
+Hab, Häuser und Scheunen, Ställe und Gerätschaften, Menschen und Vieh
+wie von einem drückenden Traum befangen wären.
+
+Es zerfiel und zerbröckelte alles, es wurde morsch und verging. – Und er
+selbst?
+
+Erschreckt fuhr er auf.
+
+Drüben in dem Strohdach der Kornscheuer klaffte eine beträchtliche
+Spalte. Ungehindert floß der Regen hindurch und machte ihm die
+Wintersaat faulen. Keiner meldete ihm den Schaden, er selbst hatte ihn
+nicht bemerkt.
+
+Früher war er als der werktätigste Landwirt Vorpommerns bekannt
+gewesen; er allein wußte, wie durch Zauber, dem fetten Boden dreifach
+die goldigen, Nahrung bringenden Körner abzugewinnen; jetzt stand es
+anders. – Es ging bergab mit ihm.
+
+Ein Lastwagen lag in einer Ecke des Hofes auf drei Rädern. Das vierte
+gebrochen daneben. – Ob man nach dem Stellmacher geschickt hatte?
+
+Gerade schlich ein Knecht hinter dem Gefährt träge dahin, Wilms rief ihn
+laut an; aber der Mann wußte von nichts, und schon wollte ihn der
+Landwirt mit einem kräftigen Fluch zurechtweisen, da dachte er an die
+Kranke, und beinahe flüsternd befahl er dem Manne, den Stellmacher zu
+holen.
+
+Der Knecht trottete davon, und Wilms setzte seine grobe Mütze auf und
+schritt schwerfällig die Landstraße entlang. Zu beiden Seiten dehnten
+sich seine Felder.
+
+Auf das braunschollige Ackerland rauschte hörbar der Regen, und nur
+allmählich vermochte der Landwirt seine Leute zu erkennen, so dicht
+wogte der schwere Nebel um sie herum. Grau und gespenstig tauchten
+Männer und Frauen aus den Wolken hervor, und verschwanden bald wieder,
+als hätte sie der Boden eingesogen.
+
+»Wie steht’s mit den Kartoffeln, Karl?« fragte Wilms endlich einen
+jungen, flachsköpfigen Burschen, der tiefgebückt die gesammelten Knollen
+in einen Korb warf.
+
+»Der Herr weiß ja – der Regen – es dauert schon zu lang.«
+
+»Ja, ja« – Wilms ballte die Fäuste, und in sein ernstes, ehrliches
+Antlitz gruben sich tiefe Falten. Wie er sich jetzt langsam und ermüdet
+auf einen eisernen Pflug niederließ, der auf dem kotigen Acker herumlag,
+da hätte man ihn für einen alten, gebrochenen Mann halten können. Und er
+zählte doch erst zweiunddreißig Jahre und stand in der Blüte der Kraft.
+
+Und die Nebel krochen um ihn herum, formten sich, ballten sich, und es
+war, als ob sie ein häßliches, graues Weib bildeten, zahnlos, mit
+wackelndem Kopf – eine dürre Vettel, wohlbekannt allen Bedrückten – die
+Not, die grinsende Not, und sie hinkte auf ihn zu und streichelte ihn.
+
+Er sank immer tiefer in sich zusammen und ließ seine Leute schaffen, was
+sie wollten.
+
+Da klang Wagengerassel die Landstraße herab. Ein elendes, ächzendes
+Gefährt näherte sich, und herab stieg ein wohlbeleibter Mann mit grauem
+Stoppelbart, und in den Stoppeln saß ein sehr rotes, verschwollenes
+Gesicht, aus dem ein Paar wässerige Äuglein und eine Hakennase lustig
+hervorlugten. Der Ankömmling hieß »Herr Rosenblüt«, klimperte im
+Augenblick mit einer dicken goldenen Kette und war der Kompagnon einer
+in dem Landstädtchen Grimmen sehr angesehenen Viehexportfirma. – Ein
+gesetzter, umgänglicher Mann.
+
+Heute zeigte sich der Viehhändler indes sehr aufgeregt. Er schritt
+gleich auf den Landmann zu und pflanzte sich prustend und atemholend vor
+ihm auf.
+
+»Herr Wilms,« begann er unvermittelt und fuchtelte mit seinem Stock hin
+und her. »Was soll das heißen? – Was ist denn geschehen – bei Ihnen zu
+Haus? Als ich vorbeigefahren bin ...«
+
+»Doch nicht meine Frau?« stammelte Wilms und sprang auf – »nicht wahr? –
+So sagen Sie’s doch,« wiederholte der unglückliche Mann heiser.
+
+»Nein, nein, nicht Ihre Frau – ich meine bloß – – es ist da einer von
+den Blauen, von den Gerichtsvollziehern. Na kommen Sie schnell auf
+meinen Wagen« – und leise setzte er hinzu: »Was wollen Sie erst einen
+Aufstand vor Ihren Leuten machen? Beeilen Sie sich, Herr Wilms.« Bald
+knarrte und ächzte das Fuhrwerk auf Wilms’ Gehöft zu, und Herr
+Rosenblüt saß neben dem Besitzer und starrte ihm ängstlich ins Gesicht,
+bis sie den Wirtschaftshof erreicht hatten.
+
+Hier hielt der Wagen, und der Bauer sprang herab und blickte sich scheu
+um.
+
+Mitten auf dem Platze stand der Gerichtsvollzieher von Grimmen und
+unterhandelte laut und barsch mit Jochen, dem Pferdeknecht, der von Zeit
+zu Zeit einen ängstlichen Blick auf die Fenster der Krankenstube warf
+und den Beamten zu bitten schien, leiser zu verfahren.
+
+Alle Leute des Anwesens waren an diese Rücksicht auf die leidende Frau
+gewöhnt; ein lautes Wort, mitten in der dumpfen Stille, war unerhört,
+erschreckte alle förmlich.
+
+»Da is uns’ Herr,« sagte der Knecht endlich erleichtert, als er des
+Bauern und seines Begleiters ansichtig wurde. Wilms kam schwerfällig
+näher, seine Gestalt sank immer mehr zusammen, als ob auf seinem Nacken
+sichtbarlich eine allzu schwere Last gelegt sei, und auf der Stirn
+perlten große Tropfen. Mit flüsternder, heiserer Stimme bat er den
+Beamten, mit ihm in die nächste Scheuer zu kommen. – Nur nicht hier –
+hier könnte man die Kranke stören, sie dürfte ja von nichts wissen; das
+könnte ihr den Rest geben. »Ich bitt’ Sie, kommen Sie mit mir – ein
+paar Schritte.«
+
+Jedoch der Gerichtsvollzieher hielt das für überflüssige Zeitvergeudung.
+Er knöpfte seinen Rock auf, nahm ein gestempeltes Papier heraus, das er
+prüfend überflog, und während er sich dazu wohlgefällig und amtswürdig
+seinen militärischen Schnurrbart strich, las er trocken vor: »Beauftragt
+vom Grafen Brachwitz auf Boltenhagen – Zahlung der rückständigen Pacht
+vom 1. April – 3600 Mark – – nicht eingegangen – hm – vorzunehmende
+Zwangspfändung.«
+
+»Was? Vom April sind Sie dem Grafen noch schuldig?« warf der Viehhändler
+dazwischen.
+
+Der Gerichtsvollzieher faltete das Blatt wieder zusammen und pflanzte
+sich vor dem Besitzer auf:
+
+»Können Sie zahlen, Herr Wilms?« fragte er prompt.
+
+»Nein.«
+
+»Na, dann muß ich anfangen. Nehmen Sie’s nicht übel.«
+
+»Aber – wenn Sie mir nur – nur bis morgen Zeit lassen wollten,« stöhnte
+Wilms und legte sich die Hand vor die Stirn. »Nur bis morgen – ich
+könnte mich ja noch an jemanden wenden. – Ich hatte in der letzten Zeit
+mit meiner Frau so viel – aber es ist doch vielleicht noch möglich.«
+
+»Tut mir leid – strenge Ordre.« Der Gerichtsvollzieher knöpfte dabei
+seinen Rock zu und wandte sich an den Knecht.
+
+»Wollen gleich mit dem Vieh anfangen,« befahl er kurz. »Wo haben Sie die
+Schweine?«
+
+»Dann zeig dem Herrn, Jochen.« Wilms hatte es tonlos gesprochen und
+wandte sich jetzt schnell ab. Selbst dem Viehhändler hatte er nicht mehr
+die Hand zum Abschiede gereicht. Er ging langsam in das Wohnhaus und
+trat in das Zimmer seines Weibes.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Wie er sie verlassen, ebenso lag Else noch jetzt. Mit der linken Hand
+hatte sie die Bibel umklammert, die rechte fingerte nervös an der Wand,
+und ihre krankhaft leuchtenden Augen waren auf das Fenster gerichtet.
+Die ungewohnte Bewegung auf dem Hof, das Knarren der Torflügel, das
+jetzt laut werdende Grunzen der Schweine, alles störte sie. Sie war ganz
+aufgeregt, und als Wilms sich neben ihr Bett setzte, forschte sie
+atemlos nach dem Grund all dieses Lärms. – – Ja der Grund –
+
+Durfte ihr der Mann die wahre Ursache verraten? Konnte er gestehen, daß
+man jetzt den besten Teil seines Besitztums forttriebe, daß andere
+Trümmer bald folgen, und alle Pfosten seines Hauses um ihn
+zusammenbrechen würden, um ihn, den starken, kräftigen Mann, der nun
+schon seit Jahren, wie gelähmt, an dieses Bett geschmiedet war, so fest,
+daß alle Bewegungsfähigkeit gehemmt schien? – Merkwürdig, ihm war es,
+als wäre sein Weib gesünder, als er; und er selbst gebrochen,
+ausgezehrt, kraftlos, ein toter Mann, der in dem großen Lehnstuhl hockte
+und vor sich hinstarrte.
+
+»Was hantieren sie denn dort draußen so laut?« klagte das Weib und
+klappte nervös mit dem Deckel der Bibel – »soll denn gar nicht ein
+bißchen Rücksicht auf mich genommen werden, Wilms?«
+
+Der Landmann raffte sich zusammen. Nur schonen die arme Frau, war sein
+einziger Gedanke. – Der Gedanke, der ihm die Not ins Haus gerufen.
+
+»I, Elsing, das wird wohl bald wieder aufhören.«
+
+»Ja, aber was machen sie denn?«
+
+»Ach, Rosenblüt ist bloß da und – und kauft mir Vieh ab.«
+
+»Der Jude?« rief die Kranke und richtete sich auf. – »Sieh – sieh da,«
+stotterte sie und zeigte gerade aus, »da steht er vor dem Fenster – und
+guckt hinein, gerade auf mein Bett.« Entsetzt fiel sie zurück und zog
+die Decke hoch, so daß sie nicht mehr bemerken konnte, wie Rosenblüt mit
+allerlei Grimassen ihren Mann hinauswinkte. »Wilms, ich kann den Juden
+einmal nicht leiden – was hast du auch immer mit ihm. Immerfort was. Der
+Herr Pastor sagt auch, daß du dich zuviel mit ihm abgibst.«
+
+»Still, Elsing, ich hab’ schon manch gutes Stück Geld an dem Mann
+verdient.«
+
+»Ach wo – die betrügen ja alle. Du verstehst bloß die Wirtschaft nicht.«
+– Das war ein böses Wort.
+
+Wilms zuckte zusammen und griff nach seiner Brust. Draußen winkte Herr
+Rosenblüt immer energischer.
+
+»Ich muß jetzt aber doch einen Augenblick auf den Hof, Elsing,«
+ermunterte sich der Mann endlich.
+
+»Schon wieder?«
+
+Sie warf ihm einen flehenden Blick zu und ergriff seine Hand: »Du bist
+ja eben erst hereingekommen. – Und dann – mir ist immer so wohl, wenn du
+bei mir bist, sobald du mich aber allein läßt, dann überfällt mich
+wieder die schreckliche Angst – du weißt ja – als ob mir was auf der
+Brust säße« – sie keuchte – »nicht wahr, du bleibst?«
+
+Er blieb und sank ohne eine Antwort in dem hohen Lehnstuhl zusammen. Das
+war das Bild seines Lebens. – Die Last zog an ihm und zog ihn abwärts.
+
+Jetzt sprach und fragte sie immer hastiger weiter. Wie es mit der
+Wirtschaft stünde? – Doch gut? Und der Pastor hätte ihr eine Annonce
+gebracht, in der ein beweglicher Krankenstuhl nicht allzu teuer
+angepriesen würde. 150 Mk. »Nicht wahr, das ist nicht zu viel? – Das
+erübrigst du doch für deine Frau? Du hast mich doch lieb? Nicht wahr?« –
+Und dann kamen die Erinnerungen. Wie sie noch frisch und gesund in ihrem
+Hauswesen herumgesprungen wäre, und wie furchtbar verliebt Wilms sich
+als junger Ehemann gebärdete. Hinter jeder Tür, wo es die Leute nicht
+sehen konnten, hätte er um einen Kuß gebettelt. »Ach, küsse mich noch
+einmal so. – Ich bin doch eigentlich noch so jung.«
+
+Halb betäubt sank sein Haupt an ihre Brust. Er war so zerschmettert, daß
+er für nichts mehr das volle Verständnis besaß.
+
+Da wurde an die Tür geklopft. Erst leise, dann energisch, und
+schließlich trat Herr Rosenblüt ins Zimmer und blickte sich verdutzt in
+der Krankenstube um. Die dumpfe Luft und das Bild der beiden sich
+umschlungen haltenden Gatten ließ ihn einen Moment verstummen, eine Art
+Rührung zuckte in den Zügen des Händlers auf, dann aber drängte die Zeit
+gar zu gewaltig, und er räusperte sich stark: »Guten Morgen – Frau Wilms
+– ich bitte um Entschuldigung – wie geht es Ihnen? – aber es ist die
+höchste Zeit, Herr Wilms – ich muß mit Ihnen reden, jetzt sofort. Der
+Kerl ruiniert Ihnen ja die ganze Wirtschaft.«
+
+Die fremde Stimme traf Else wie ein Schuß.
+
+»Großer Gott, wer ist das?« stammelte die Kranke, als sie den
+Eindringling, der ihr eine linkische Verbeugung machte, gewahrte, und
+über ihr Gesicht flutete eine brennende Röte: »Was will er hier? –
+Wilms, mein Zimmer ist doch nicht zu Geschäften da? Warum gehst du mit
+dem Herrn nicht in die Wohnstube?«
+
+Es war ein unfreundlicher Gruß, und Herr Rosenblüt stand wie
+angedonnert. Erst als Wilms ihn unter den Arm faßte und begütigend
+aufforderte, ihm zu folgen, hatte sich der Händler soweit gefaßt, daß er
+energisch den Hut schwenken und gereizt auffahren konnte:
+
+»Wozu? Da kann ich ja auch gehen. Adieu auch, Herr Wilms, empfehle mich
+Ihnen, verehrte Frau.« Aber Wilms ließ ihn nicht, und mit vielen Bitten
+und Entschuldigungen schob er ihn durch eine braunlackierte Tür, in
+deren Mitte ein großes, ovales, durch eine Gardine verdecktes
+Guckfensterchen angebracht war, aus dem Zimmer. In der Wohnstube standen
+einfache grüne Ripsmöbel, gestickte Deckchen prangten auf dem Sofa, und
+mitten durch die Zimmerdecke zog sich ein großer, tapetenüberklebter
+Balken. Hier fiel Wilms in einen der Polsterstühle nieder, stützte
+seinen Kopf in die Hand und fragte endlich den Geschäftsfreund nach
+dessen Begehr, aber es klang alles so zerstreut, so fern und tonlos, als
+ob der Geist des Mannes auf düsteren Irrpfaden wandele. Und dieses
+Gebrochensein, dieses vollständige Einschlafen einer ehemals großen
+Kraft erschütterte den andern. Mitleidig halb, und halb furchtsam, trat
+er auf ihn zu. Dann berührte er mit seinem Stock die Schulter des
+Sitzenden, und während er ihm nun unaufhörlich leise auf die Achsel
+schlug, redete er eindringlich auf ihn ein. Es war ein langer Vortrag,
+aber Wilms hörte nur eins heraus, und das war etwas Hoffnungsfreudiges,
+mitten in seiner trostlosen Nacht, ein Frührotschimmer, ein
+aufblitzendes Licht. – Herr Rosenblüt war über die Pfändung empört. –
+Der Beamte hätte gewiß das Doppelte des Werts aus der Wirtschaft
+gezogen, die schönsten Stücke Vieh, ohne die der Besitzer gar nicht
+weiter existieren konnte. Seine Entrüstung war zu ehrlich, es sprudelte
+nur so aus ihm. – »Was soll das heißen? – Daran verdient der Graf ja ein
+Heidengeld? – Die besten Tiere – Kunststück. – Wilms, wissen Sie was?
+Ich zahle Ihnen die 3600 Mark, und Sie stellen mir dafür die
+gepfändeten Stücke beiseite. Und wenn Sie in acht Tagen die Summe nicht
+an mich zurückerstatten können, dann, nun dann gehört alles mir. – Das
+ist ’ne Spekulation. – Ich bin ein Geschäftsmann – das ist ’n Geschäft –
+wollen Sie?«
+
+»Ja, ja.« O, es war ja dem Verschmachtenden, als hätte ihm eine
+freundliche Hand einen Trunk kalten Wassers nach staubiger Wanderung
+gereicht. Er fühlte förmlich, wie ihn etwas erfrischend, wohlig
+durchrieselte. Langsam stand er auf und reckte sich. – Acht Tage Zeit –
+noch eine ganze Woche? – Ja, bis dahin mußte ja Rettung kommen, irgend
+woher, gleichviel, jedenfalls war vorläufig die entsetzlichste Last von
+seiner Seele gewälzt. Tief atmete er auf, seine Brust hob und senkte
+sich rasch.
+
+»Ja, alter Freund, natürlich, ich nehme es an, mit tausend Freuden,
+geben Sie her.«
+
+Der Händler jedoch hielt noch einen Augenblick mißtrauisch inne.
+
+»Herr Wilms, nehmen Sie mir’s nicht übel, ich habe noch eine Bedingung.«
+
+»Ach wohl wegen der Zinsen?«
+
+»Bewahre – das wird sich schon finden, versteht sich, Zinsen auch. Nein,
+es betrifft etwas anderes, aber das sag’ ich Ihnen später. Jetzt gehen
+Sie raus, und machen Sie Ihre Sache mit dem Blutsauger da draußen ab. –
+Vorwärts.«
+
+Damit zählte er eine Anzahl Kassenscheine auf den Tisch. Wilms griff
+danach und schritt ohne ein weiteres Wort auf den Hof hinaus, wo der
+Vollzugsbeamte in dem Viehstall sein Werk gerade beendet hatte.
+
+In wenigen Minuten hielt der Überraschte die fragliche Summe in der
+Hand, schrieb noch im Stehen eine Quittung, schüttelte Wilms die Hand,
+sprang auf seinen Wagen und rasselte vom Hof herunter.
+
+Das Werk eines Augenblicks, es war alles wie ein verfließender, böser
+Traum. Wilms und Rosenblüt standen unter dem morschen Tor und blickten
+dem entschwindenden Gefährt nach. Als es jedoch hinter dem Tannenschlag
+in einer Senkung der Chaussee untergetaucht war, pflanzte sich der
+Händler vor seinem ernsten Geschäftsfreund auf, steckte die eine Hand in
+die Tasche und klapperte mit seinem Stock an den Stangen des Zaunes hin
+und her.
+
+»Hören Sie mal, alter Freund,« begann er endlich unruhig und spie vor
+sich hin. »Jetzt will ich Ihnen auch sagen, was ich von Ihnen verlange.
+Wenn ich um mein Geld unbesorgt sein soll, dann müssen Sie sich wieder
+ausschließlich um Ihre Wirtschaft kümmern. – Und das können Sie nur,
+wenn Sie sich bei Ihrer Frau eine Vertretung anschaffen. ’ne Pflegerin,
+oder so was Ähnliches. Es gibt ja Krankenschwestern genug. Auch kann ich
+mich ja mal in Grimmen danach umsehen.«
+
+Wilms strich mit der Hand über die Stirn. Das, was er eben vernommen,
+klang wie eine eherne Anklage in ihm fort. »Ja, ja,« murmelte er halb
+für sich, »ich habe ja auch schon daran gedacht – aber es geht doch
+nicht.«
+
+»Geht nicht?«
+
+Herr Rosenblüt fing an, sich zu ärgern.
+
+»Ja, warum denn nicht?«
+
+»Weil meine Frau keine Fremde im Hause dulden will. – Ich muß ihr den
+Willen tun, dem armen, gequälten Weib.«
+
+»Zum Teufel, dann lassen Sie doch eine Verwandte kommen. – Und ja –
+hören Sie mal« –
+
+Der Redende richtete sich plötzlich auf und schlug dem Hofbesitzer
+energisch auf die Schulter – »Donnerwetter, da fällt mir etwas ein.
+Wilms, Ihre kleine Schwägerin ist ja vor ein paar Tagen aus Stralsund
+zurückgekommen. Ich sah sie gerade aus dem Wagen steigen, als sie in
+das Haus Ihres Schwiegervaters ging. Ein strammes Ding, so groß« – Herr
+Rosenblüt zeigte eine gigantische Höhe – »die nehmen Sie sich – die wird
+hier schon Ordnung schaffen. Na, und wenn Sie wollen, will ich selbst in
+Grimmen mit dem Alten ein paar Worte reden. – Na also?«
+
+Wilms war gepackt. Fest starrte er den Händler mit seinen überbuschten,
+blauen Augen an und sann nach. Zwar kannte er die jüngere Schwester
+seiner Frau kaum. Als er damals um Else freite, war die kleine Hedwig
+ein sechzehnjähriges, schweigsames scheues Mädchen gewesen, dem er nicht
+viel Beachtung geschenkt hatte. Ja, er besann sich, daß ihr eigentümlich
+lauerndes, verschlossenes Wesen ihn manchmal verdrossen, aber doch – –
+der praktische Händler hatte offenbar das Rechte getroffen.
+
+Gegen ihre Schwester konnte Else nichts einwenden. Und vor allen Dingen:
+er wurde frei, frei und unbehindert für sein mühseliges Gewerbe. – Noch
+einen Augenblick schwankte er, noch einmal überflog er kurz das Fenster
+der Krankenstube, dann erklärte er dem Händler entschlossen, daß er
+seinen Rat befolgen würde. Noch heute sollte ein Brief an den
+Schwiegervater des Landmanns, den alten Rendanten Schröder zu Grimmen,
+abgehen.
+
+»Bravo! – ein Mann ein Wort, Herr Wilms,« mahnte der Kaufmann dringend,
+als er seinen harrenden Wagen bestieg, »nicht wahr?«
+
+Der Angeredete nickte mit dem gewaltigen Haupt:
+
+»Seien Sie unbesorgt, Herr Rosenblüt.«
+
+»Und wenn ich wiederkomm’, sieht es hier anders aus,« rief der
+Scheidende zurück, dann ein Händedruck, und auch der zweite Wagen rollte
+davon.
+
+Wilms aber stand mitten auf der Landstraße und sah ihm nach.
+
+Eine seltsame, beklommene Freudigkeit befiel ihn. Und langsam und
+sinnend schritt er in sein Haus zurück.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Es war an einem Sonntag.
+
+Der Regen hatte aufgehört. Ein frischer Wind fuhr über die herbstlichen
+Felder. Weit und mächtig spannte sich der blaue Himmel aus, und über
+Baum und Strauch, Weg und Steg lag heller Sonnenschein.
+
+Von der Stationsuhr des winzigen Sekundärbahnhofs von Boltenhagen schlug
+es elf. – Um diese Stunde mußte Wilms’ junge Schwägerin eintreffen.
+
+Hinter dem Bretterverschlag, welcher den Warteraum vorstellte, obwohl er
+vollständig unbedeckt war und mitten auf freiem Felde lag, hielt der
+Pächter bereits seit einer Viertelstunde mit einem bequemen Korbwagen
+und blickte nachdenklich auf die glänzenden Schienen, die im
+Sonnenlichte gleißten und funkelten.
+
+Er dachte daran, ob ihm auf dem eisernen Wege wohl etwas Gutes entgegen
+rollen würde? Ob er in Hedwig jene Stütze und Hilfe finden könnte, die
+er suchte? – Merkwürdig, so oft er an das Mädchen dachte, befiel ihn
+wieder dasselbe unangenehme Gefühl, das sie ihm als Kind bereits
+eingeflößt. – – Aber sie konnte sich doch in der Zwischenzeit geändert
+haben. Zwei Jahre bewirkten ja viel, und sie hatte gewiß in der
+Stralsunder Pension sich außerordentlich vervollkommnet. Natürlich, es
+war lächerlich, immerfort an dieser instinktiven Abneigung
+herumzugrübeln.
+
+Nein, er wollte – – –
+
+Ein eleganter Jagdwagen fuhr in diesem Augenblick vor und schreckte den
+Landmann aus seinen Betrachtungen auf. Gravitätisch stieg der Kutscher
+in einer reichen, silberüberladenen Livree vom Bock, und Wilms erkannte,
+daß sein Gutsherr Graf Brachwitz, derselbe, der so streng auf die
+Eintreibung des Pachtgeldes bestanden, ebenfalls einen Gast erwarten
+müsse. Jedoch der Landmann war nicht neugierig, der Kutscher schritt
+vornehm an ihm vorüber, und um dieselbe Zeit verkündete ein rasches
+Keuchen und Prusten das Nahen des Zuges. Mit einem Sprung war Wilms an
+den Schienen, die Bahnhofsglocke erklang, langsam und kreischend hielten
+ein paar Waggons mitten auf dem freien Felde an. Und da – aus einem
+Coupé sprang rasch und elastisch eine schlanke und dabei doch voll und
+kräftig gewachsene Mädchengestalt heraus, sah sich um, und hatte mit
+einem, einzigen, klaren, zielbewußten Blick den Wartenden erkannt.
+
+»Schwager.«
+
+Wilms horchte auf. Die Stimme tönte so frisch und hell, so
+willenskräftig, beinahe, als wenn sie das Befehlen gewohnt wäre. –
+Seltsam, das Mädchen war auch zweiter Klasse gefahren; das war ja eine
+Dame. Und als er nun endlich vor ihr stand, ihr die Hand
+entgegenstreckte und ein paar ungeschickte Begrüßungsworte
+hervorbrachte, da leuchteten ein paar große, braune Augen erst einen
+Moment forschend in die seinen hinauf, dann reichte sie ihm unbefangen
+den Mund, und mit einer gewissen peinlichen Beklemmung mußte sich der
+große ungeschickte Mann herabbeugen, um die roten Lippen einer ihm
+beinahe fremden Person zu küssen. Eine fröstelnde, unangenehme
+Empfindung beschlich ihn dabei. – Und diese vornehme Gestalt sollte bei
+ihm die Wirtschaft führen? – Rasch nahm er ihr eine kleine Handtasche
+ab, und wollte sie eben zu seinem Wagen geleiten, als er plötzlich von
+einem jungen Herrn im Jagdkostüm angesprochen wurde, der sich ihm
+lachend in den Weg stellte.
+
+»Halt, Herr Wilms, nicht so schnell – na, Mensch, kennen Sie Ihre alten
+Freunde nicht mehr?« Dabei lüftete der Jäger vor Hedwig höflich die
+grüne Mütze, während er sich seine Doppelflinte gewandt an einem Riemen
+über die Schulter warf. Wie er so dastand, bildete er den Typus eines
+hübschen, jungen, eleganten Aristokraten, mit seinem schwarzen
+Schnurrbärtchen in dem braunen Gesicht, und mit dem lässigen,
+kraftbewußten Wesen seiner Kaste. Hinter ihm verharrte ein
+Livreebedienter mit abgezogenem Hut, und an den Taschen des jungen Herrn
+schnupperte ein brauner Jagdhund herum.
+
+»Herr Fritz – Herr Graf« – fuhr Wilms heraus.
+
+»Ach was,« schnitt der Weidmann ab und schüttelte dem Pächter
+wohlwollend die Hand: »Sagen Sie, wie Sie Lust haben. Hier draußen
+kommt’s ja doch nicht drauf an. – Habe nämlich quittieren müssen – Papas
+Wunsch, verstehen Sie? Damit ich auf dem Gut vernünftig werden soll. Als
+wenn ich nicht schon so vernünftig wäre, daß es einen Hund jammern
+könnte,« setzte er hinzu und wandte sich wieder an Wilms’ Begleiterin.
+
+»Gnädiges Fräulein besinnen sich wohl nicht mehr auf mich?« fuhr er
+liebenswürdig fort. »Auch nicht auf den Pensionsball, wo ich das Glück
+hatte, mehrfach bevorzugter Tänzer zu sein – wirklich nicht? –
+Allerdings, wenn man so belagert wird.« Und wieder lüftete er freundlich
+die Mütze. – »Sind Sie denn mit Herrn Wilms bekannt, verwandt,
+verschwägert, oder wie ist das?«
+
+»Jawohl, ich bin die Schwägerin des Herrn,« gab das Mädchen höflich zu,
+und doch hörte der Landmann wieder einen kühlen abweisenden Ton heraus,
+der sich mehr für eine Komtesse, als für die Tochter des Rendanten
+Schröder aus Grimmen schickte. Auch der junge Graf starrte ihr einen
+Augenblick betreten ins Gesicht, dann schien er plötzlich an der
+Unterhaltung keinen Gefallen mehr zu finden, denn er sah sich, ohne auf
+das Mädchen weiter Rücksicht zu nehmen, nach seinem Bedienten um, und
+forderte, indem er eine Zigarre in den Mund steckte, mit undeutlichem
+Murmeln Feuer.
+
+»Gut – brennt schon – na, auf Wiedersehen, Wilms – (er vergaß beiläufig
+das ›Herr‹) habe die Ehre, mein Fräulein – heda, Hektor.« Er pfiff dem
+Hunde, grüßte leichthin und sprang auf den Wagen, dessen Zügel er
+ergriff. Hinter ihn setzte sich der Kutscher, und mit elegantem,
+unhörbarem Rollen flog das Gefährt davon.
+
+Da, wo die Chaussee in den Tannenschlag abbog, blickte sich der Jäger
+noch einmal um und spähte scharf zurück. Hedwig, die bereits neben Wilms
+auf dem Korbwagen Platz genommen hatte, bemerkte es, ein keckes,
+spöttisches Lächeln flog um ihre frischen Lippen, immer heimlich von dem
+Landmann beobachtet, der in sich gekehrt neben ihr saß und kutschierte.
+Scheu blickte er manchmal von der Seite auf sie hin. Wie kam das junge
+Mädchen zu solchen Bekanntschaften? – Sie schien den jungen Herrn doch
+besser zu kennen, als sie zugeben wollte? Und weshalb behandelte sie ihn
+so von oben herab? Wilms seufzte tief auf. Nein, das war nicht die
+Person, die er brauchte, damit sie Else pflegen und ihm selbst in der
+Wirtschaft helfen sollte. Sein erster instinktiver Widerwille war
+berechtigt gewesen. Wie sie jetzt neben ihm saß, die schlanke Figur ein
+wenig vornüber geneigt, die großen, braunen Augen durstig in die sonnige
+Ferne gerichtet, die Lippen geöffnet, als tränke sie die einströmende
+Luft, so war sie ihm ein zu feines, ein zu fremdes Wesen.
+
+»Mein Gott, was wird Else dazu sagen?« dachte er bekümmert. »Und was sie
+für einen Hut trägt, was für Handschuhe?«
+
+Heftig schlug er auf die Pferde ein, wie einer, der etwas Unangenehmes
+rasch zu Ende bringen will, und im scharfen Trab rollte das Gefährt
+dahin, ohne daß Hedwig das eingetretene Stillschweigen unterbrochen
+hätte.
+
+Nur einmal fragte sie beinahe gleichgültig, immer die Augen in die Weite
+gerichtet: »Ist Else noch so hübsch, wie sie war?«
+
+Wilms biß sich auf die Lippen, die Zügel in seiner Hand lockerten sich
+unwillkürlich.
+
+Hatte er recht vernommen? Ihre frische, klare Stimme tönte genau so
+kühl, so obenhin, so völlig uninteressiert, als hätte ihre Frage einer
+ganz nebensächlichen Person gegolten.
+
+Und das war die Schwester, die sich nach seinem armen gequälten Weibe
+erkundigte?
+
+»Ja,« fuhr er rauh heraus, »gerade noch so hübsch – genau so – –
+allerdings spazieren gehen kann sie nicht mehr und sich putzen.«
+
+Anklagend und beleidigt klangen die wenigen Worte, und Hedwig richtete
+zum erstenmal ihren Blick forschend auf ihren Schwager. Sie schien
+verwundert und warf ein wenig die Lippen auf. Und beinahe mit
+absichtlicher Herbheit setzte sie hinzu: »Die lange Krankheit hat wohl
+viel Geld gekostet?«
+
+Wilms schwoll der Unmut bis an die Kehle. Wie ein Wütender hieb er auf
+die Tiere ein, im gestreckten Galopp ging’s weiter.
+
+Die beiden sprachen nicht mehr miteinander. Im ungemütlichen Schweigen
+durchfuhren sie das Dorf, bis sie endlich auf dem Pachthof anlangten.
+
+Verträumt, verfallen, lautlos wie immer lag er da. Und diese Todesstille
+lockte Hedwig das erste Wort ab.
+
+»Merkwürdig,« murmelte sie befangen, als Wilms ihr zum Herabsteigen die
+Hand bot, »das hätt’ ich mir anders gedacht. Ist es hier immer so
+lautlos?«
+
+»Ja, mein Kind, immer. Aus Rücksicht für Else. Und dann ist auch heute
+Sonntag.«
+
+»Ja, so – so, so,« wiederholte sie in sich gekehrt. Wilms sah, daß sie
+noch einmal mit einem ihrer langen, klaren Blicke das Anwesen überflog.
+Dann strich sie sich über die Stirn und äußerte rasch und dringend, als
+ob sie dem Anblick entfliehen wollte: »Komm – gehen wir zur Schwester.«
+
+
+
+
+V.
+
+
+Der Nachmittag war im Verdämmern. Auf dem Hof webten bereits graue
+Schatten und krochen an den Wänden der Scheunen empor, aber in dem
+Krankenzimmer brannte eine große schöne Stehlampe, ein Hochzeitsgeschenk,
+das noch nie benutzt war, und das jetzt eine strahlende, gemütliche
+Helle verbreitete.
+
+»Hier muß es doppelt licht sein,« hatte die jüngere Schwester gemeint
+und dann die Staatslampe einfach von der Glasservante heruntergenommen
+und sie instand gesetzt.
+
+Still und zufrieden lag die Kranke jetzt in ihrem Bett und sah mit
+blinzelnden Augen in die Lichtstrahlen hinein, während sie die Hand der
+Schwester, die neben dem Lager saß, mit ihren schmalen Fingern fest
+umspannt hielt.
+
+In der Mitte der Stube, vor dem großen Tisch, hatte Wilms Platz genommen
+und beugte sich eifrig über ein Wirtschaftsbuch, das seit vielen Monaten
+vernachlässigt war. Nur langsam und schwerfällig vermochte der große
+Mann zu rechnen, aber es tat ihm schon unsäglich wohl, endlich einmal
+Klarheit in seine Verhältnisse bringen zu können. So mühte er sich fort,
+und nur von Zeit zu Zeit hob er das Haupt und lauschte zu den beiden
+Frauen hinüber.
+
+Dort drüben las Hedwig der Kranken vor. Seltsam, nicht aus der Bibel.
+Die neue Pflegerin hatte sofort erklärt, es sei nicht zweckmäßig, einer
+Leidenden etwas vorzutragen, was diese beinahe auswendig wisse und zudem
+auch ihre Gedanken stets auf Tod und Vergänglichkeit hinweise. – Nein,
+etwas Neues, Heitres müsse gewählt werden, und sofort war sie in ihr
+Dachstübchen hinaufgeeilt, um das Versprochene zu bringen. – Als sie
+nach einiger Zeit zurückkehrte, hatte sie auch die Kleidung gewechselt.
+– Ein schwarzes Gewand legte sich einfach und straff um den schlanken
+Körper und ließ sie noch kräftiger und selbstbewußter als bisher
+erscheinen. Lächelnd setzte sie sich an das Lager und begann vorzulesen.
+Es war die von einem modernen, schwedischen Satyriker verfaßte
+Geschichte eines jungen Mädchens, das mit zwei Liebhabern zugleich
+tändelt, um schließlich eine Geldheirat einzugehen, in die sie als
+einzige Aussteuer die beiden Verlassenen als Hausfreunde mit
+hineinbringt.
+
+Else verstand die Anspielungen wohl nicht recht. – Sie hatte sich in
+ihren Kissen aufgerichtet und folgte den feinen Spöttereien mit
+befriedigter Verwunderung. Zuweilen huschte sogar ein schwaches Lächeln
+über ihr blasses Gesicht.
+
+Wie lange hatte Wilms solch ein freundliches Zeichen herbeigesehnt, und
+jetzt schien die Ärmste ihr Leiden beinahe vergessen zu haben.
+
+Unwillkürlich verfing sich auch der Landmann in den liebenswürdigen
+Worten, die von Hedwigs Lippen so frisch und hell hinabströmten. Er
+stützte das Haupt und sah aufmerksam zu ihr hinüber. – Und doch –
+während er mit Behagen auf ihren lebendigen Vortrag hörte, nagte sich
+leise wieder jene unerklärliche Abneigung gegen das Mädchen in sein
+ehrliches Gemüt hinein, die er nicht bannen konnte, die ihn förmlich
+verfolgte.
+
+Schon wie sie dasaß, tief in ihren Stuhl zurückgelehnt, daß alle Formen
+des jugendfrischen Leibes einen Kampf gegen das einengende Gewand
+führten, so ungebunden, so ohne Rücksicht auf ihn, als ob er gar nicht
+vorhanden wäre, den Kopf zur Seite geneigt und auf ihren Zügen all jenen
+wechselnden, prickelnden Spott, wie wenn sich auf dem feinen Gesicht der
+Inhalt des Buches wiederspiegele, – das gehörte alles nicht hierher,
+nicht in die pommersche Krankenstube hinein, das war etwas Unreines,
+Unerträgliches. – Und jetzt empfand er auch, wie frech und unpassend das
+war, was sie las.
+
+Die Röte stieg ihm in die Stirn. Schwerfällig erhob er sich, ging
+mehrmals im Zimmer auf und ab, und räusperte sich endlich stark:
+
+»Wollen wir jetzt nicht mit Lesen aufhören?« Und da geschah das
+Unerwartete.
+
+»Nein,« – Else fröstelte und schüttelte unwillig den Kopf: »Du mußt auch
+immer stören,« beklagte sie sich. – »Laß uns doch unser Vergnügen. Ich
+bin ja so froh, daß ich endlich ein wenig Abwechslung finde.« – Und
+wieder drückte sie der Schwester die Hand.
+
+Das auch noch.
+
+Etwas Unverständliches murmelte der Pächter vor sich hin, heftig wollte
+er erwidern, aber die Gewohnheit, sein Weib unter allen Umständen zu
+schonen, war stärker. Mühsam bezwang er den aufsteigenden Zorn und
+verließ mit starken Schritten das Zimmer.
+
+Als er die Tür schloß, hörte er das Mädchen wieder laut und fröhlich
+weiterlesen.
+
+Ein paar Stunden lief er draußen in der Dunkelheit umher, immer die
+gerade Chaussee entlang, und suchte seinen Unmut abzuschütteln.
+
+Gleich am ersten Tage brachte sie ihm Unruhe und Unfrieden ins Haus. Er
+hatte es ja voraus gewußt. – Das Mädchen paßte eben nicht in den
+beschränkten Kreis. Ob es nicht das beste wäre, sie wieder zum Gehen zu
+veranlassen? – Er seufzte – – das durfte man leider nicht wagen. – Und
+dann, wie gleichgültig und verächtlich sie ihn selbst behandelte. Das
+Achselzucken und das über ihn Fortsprechen. Er galt dem Fräulein eben
+nur als »Bauer«.
+
+»Ha – ha!« Unvermittelt blieb der Pächter stehen und atmete tief auf. –
+Ihn bedrückten ja ganz andere Sorgen, als dieses fremde Mädchen. Wie
+konnte er es nur einen Augenblick vergessen?
+
+Die Schuldenlast – die entsetzliche Schuld. Acht Tage Frist hatte er, in
+dieser Zeit mußte er 1200 Taler schaffen, sonst gehörte sein ganzes
+Inventar dem Juden. Aber woher? – woher?
+
+Laut stöhnte er auf, und so heftig packte ihn wieder die Verzweiflung,
+daß er eine Pappel der Chaussee umklammerte und den starken Stamm
+schüttelte und stieß, bis eine Wolke dürrer Blätter auf ihn herunter
+raschelte.
+
+Ein kalter Nachtwind strich durch die Zweige, alles war dunkel und
+still. Nur die raschen Blätter dort oben begannen wieder durcheinander
+zu rauschen.
+
+War das nicht, als ob ein Mensch spräche?
+
+Hedwigs Stimme – deutlich vernahm er sie wieder in der Höhe lesen,
+lachen und kichern.
+
+Der Einsame zuckte zusammen und horchte um sich. – Ja, es war etwas
+krank in ihm, es schmerzte ihn in der Brust. Und blitzartig durchfuhr
+ihn das Bewußtsein, daß die kranke Frau zu Hause, die er so
+leidenschaftlich, so tief, so gramerfüllt liebte, ihn zum Schwächling
+gemacht, daß dieses blasse, abgezehrte Weib seine Kraft gestohlen, daß
+es täglich sein Blut aussauge, um davon selbst das Dasein zu fristen,
+genau wie jener gespenstische Vogel, von dem er als Knabe gelernt, daß
+er den Verfallenen die Adern aufbeiße.
+
+»Gott schütz’ mich – Elsing – Elsing, was ist mir nur?« stammelte Wilms
+und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn – »nach Hause – nach
+Hause.«
+
+Er lief, er stürmte dahin, bis er mit keuchender Brust den öden,
+schlummernden Hof erreicht hatte. Auf den Zehen schlich er dann durch
+den Flur und öffnete geräuschlos das Zimmer.
+
+Ein Nachtlicht brannte auf dem Tisch. Aus dem Halbdunkel, aus dem die
+unruhigen Atemzüge der Kranken herauszitterten, erhob sich eine schlanke
+Gestalt und kam unhörbar auf den Eindringling zu.
+
+Jetzt stand Hedwig vor ihm. Sie legte die Finger auf die Lippen und
+raunte kurz:
+
+»Sie schläft – ich werde heute bei ihr wachen.«
+
+»Du?«
+
+»Ja.«
+
+»Du? Nein, das – das will ich nicht.«
+
+Das Mädchen beugte sich plötzlich vor, daß er ihren Atem fühlte.
+
+»Und warum nicht?«
+
+Trotz der Dunkelheit trafen sich ihre Blicke und blieben erstaunt und
+fragend aneinander hängen. Da rollte die Uhr; die Liegende regte sich,
+und dann – Wilms trat zurück und murmelte müde:
+
+»Meinetwegen.«
+
+Damit schloß er die Tür, um sich draußen leise über die knarrende Treppe
+nach jener Kammer unter dem Strohdach zurechtzutasten, wo er schon oft
+genächtigt hatte.
+
+Und so gleichgültig und abgespannt fühlte er sich, daß er sich selbst
+gar nicht die Frage vorlegte, warum er dem Mädchen nachgegeben.
+
+Oben in der kahlen, weißgetünchten Stube entkleidete er sich schnell,
+und bald lag er ausgestreckt in dem hohen Bett, ohne jedoch die ersehnte
+Ruhe finden zu können.
+
+Die niedrige Decke drückte ihn beinahe auf den Kopf, und immer wieder
+hob er das Haupt und lauschte auf das Ächzen und Pfeifen des Windes, der
+klagend über das Dach strich.
+
+Es klang ebenfalls wie das Stöhnen eines gefolterten, riesenhaften
+Leibes.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Die zehnte Stunde des Vormittags war bereits angebrochen, als Hedwig in
+die Stube trat, die sie kurz vorher verlassen, ein modernes Hütchen auf
+dem braunen Haar, und über der Taille ein elegantes, offenes Jackett,
+das ihren vollendeten Wuchs erst recht hervorhob.
+
+Sie streifte sich Handschuhe auf und spähte dabei aufmerksam zum Fenster
+hinaus, wie nach dem Stand des Wetters.
+
+»Du willst fort?« forschte die Kranke mit leisem Vorwurf, während eine
+Wolke über ihre Stirn flog, denn die Bedauernswerte hatte bereits die
+feste Überzeugung gewonnen, daß sie sich in Gegenwart ihrer Schwester
+wohler befinde.
+
+»Ja,« versetzte die Jüngere aufatmend und ohne die verborgene Rüge
+sonderlich zu beachten: »Es ist heute so frisch draußen – wirklich
+prachtvoll – überall ziehen Sommerfäden – sieh nur – und hier drinnen –«
+sie vollendete nicht, sondern setzte rasch hinzu: »Ich bin das Wachen
+doch wohl noch nicht so recht gewohnt – und dir geht es ja heute besser
+– da will ich einmal einen Gang durch eure Wirtschaft machen. In einer
+Stunde bin ich wieder zurück.«
+
+»Aber Hedwig, wenn ich so allein –«
+
+»Ich bringe dir auch was Schönes mit,« schnitt die andere lächelnd ab
+und war im nächsten Augenblick verschwunden.
+
+Seufzend richtete sich die Verlassene auf und blickte sehnsüchtig durch
+die Fensterscheiben der schlanken Mädchengestalt nach, die draußen
+bereits ohne sonderliche Eile mit leichten kräftigen Bewegungen über den
+Hof schritt.
+
+»Wer doch auch so –,« flüsterte die Kranke endlich, »einmal noch, nur
+einmal – –« Krampfhaft faltete sie die Hände, und ihre Seele hob sich
+wieder in jenem einen brünstigen Gebete zu Gott.
+
+Unterdessen hatte Hedwig den Hof durchmessen. Wer sie so sah, mit dem
+eleganten, dünnen Sonnenschirm in der Hand, und ihrer modernen Kleidung,
+der hätte kaum geglaubt, daß den braunen, blitzenden Augen dieser jungen
+Dame nicht der kleinste Schaden im Strohdach einer Scheune entging.
+
+Sie bemerkte alles. Auch für das Geringfügigste in diesem schweigenden
+Gehöft schien sie ein Interesse zu empfinden.
+
+Vor dem offnen Kuhstall, aus dem ein warmer Dunst herausschlug, hockte
+auf einem Prellstein ein alter, verwitterter Mann, ein greises, dürres,
+zahnloses Menschenkind, das kopfwackelnd dasaß und sich zu sonnen
+schien. Neben ihm, auf dem Holzpantoffel des Alten stand ein zerzauster
+Rabe auf einem Bein und war gleichfalls in den allgemeinen bleiernen
+Schlaf versunken, der wie verwunschen die gesamte kleine Besitzung
+umfangen hielt.
+
+»Alterchen,« rief Hedwig, als sie ihn erreicht hatte, und stampfte
+leicht mit ihrem Schirm auf den Boden: »Warum sieht der Hof so schmutzig
+aus?«
+
+»He?« grunzte der Alte und hob nach Art der Schwerhörigen das Ohr. Dabei
+blinzelten seine erloschenen, blöden Augen in das frische, blühende
+Mädchengesicht empor, und der zahnlose Mund begann zu kauen.
+
+Das junge, kräftige Leben da vor ihm gefiel ihm augenscheinlich nicht.
+Auch redete sie ihn mit zu wenig Hochachtung an, denn der alte Krischan
+aß schon seit Menschengedenken auf dem Hof das Gnadenbrot und stand
+außerdem im Rufe dunkler lichtscheuer Künste. Der Rabe galt dabei als
+eine Art dienender böser Geist oder mindestens doch als Bundesgenosse
+zu allerlei schwarzen Taten.
+
+»Schnell – nehmt einen Besen und fegt einmal ordentlich aus,« rief
+plötzlich das schöne Mädchen dringend dazwischen. Ihr war es, als könnte
+man damit alles Häßliche und Kranke, was sie hier vorgefunden, mit
+starker Hand hinauskehren.
+
+Der Alte regte sich nicht.
+
+Sie stieß ihn an.
+
+Da zog ein leises Grinsen über das verrunzelte Gesicht, der Mund hob an
+zu schmunzeln, und ohne sich von der Stelle zu rühren, keuchte er heiser
+zur Antwort:
+
+»Arbeiten? – ne, vörbi – all lang vörbi – ne, ne, min Döchting, wenn Sei
+hier wat utkihren willen, denn mötens sülwst dauhn.«
+
+»Und Sie, was treiben Sie hier?« rief Hedwig scharf dagegen. Durch ihren
+Körper zuckte es. Die schlaffe Faulheit des Alten empörte sie.
+
+»Ick? – ick töw [Fußnote: warte] ups Starwen.«
+
+»Aufs Sterben?«
+
+Unwillkürlich erblaßte die Angreiferin und trat zurück. Der Alte warf
+ihr einen schielenden bösen Blick nach, und der Rabe erhob sich
+plötzlich und schlug krächzend und hackend mit den Flügeln nach ihr.
+
+Es war, als ob sich die alte Zeit in diesem Gehöft gegen sie wehren
+wollte.
+
+Allein der neue Ankömmling war nicht von der Art, sich von derlei
+unklaren Vorstellungen lange beeinflussen zu lassen.
+
+Stolz hob sie das Haupt und ließ kühl die Worte fallen: »Ich werde mit
+meinem Schwager über Sie sprechen.«
+
+Im nächsten Augenblick wandte sie sich und eilte grußlos auf die
+Landstraße hinaus.
+
+Wie frisch und hell war es hier draußen. Über ihr das unendliche,
+leuchtende Blau, vor ihr Felder und Äcker, grüne und braune Flächen, die
+einen noch im reifen Schmuck der Spätsaat, die andern bereits wieder
+umgepflügt, dazwischen kleine, helle Wässerchen, wie Silberbänder auf
+einem bunten Tuch, Duft und Dämmer und blauneblige Wälder in der Ferne,
+und über alles hinweg der über den Boden flüsternde Frühwind, der einen
+kräftigen Erdgeruch mit sich führte.
+
+Hedwig sog ihn tief ein. Der kleine Zwischenfall mit dem Alten war
+bereits vergessen. Hurtig setzte sie über den Graben der Landstraße und
+schlug den ersten besten Feldweg ein, der quer über ein Stoppelfeld
+führte, auf welchem in unsicherer Weite ein paar dunkle Punkte auf und
+ab schwankten.
+
+Wie einsam es hier überall war. Nur eine Schar Krähen hüpfte auf dem
+abgemähten Boden umher, und bei einer Biegung sah sie auf einem wilden
+Dornbusch einen zierlichen, bunten Stieglitz sitzen, der im Sonnenschein
+sein kräftiges Liedchen sang. Sonst webte über allem eine heilige
+wohltuende Ruhe.
+
+Hedwig blieb stehen und ließ ihren Blick weit umherschweifen.
+
+Also hier sollte sie fortan ihre Tage verbringen? So allein, so
+ausgesetzt unter fremden Menschen? Denn ihr herber Verstand sagte ihr,
+daß auch Else ihr eine Fremde bleiben würde, eine Bedauernswerte, für
+die sie sich höchstens ein unangenehmes Gefühl des Mitleids würde
+abzwingen können.
+
+Und die lautlose Einsamkeit fing an, sie zu bedrücken.
+
+Wie etwas Schattenhaftes flog es über die Heide, kam auf sie zu und
+quälte und ängstigte sie.
+
+Sie dachte an ihren letzten Aufenthalt in der Stralsunder Pension und
+zusammenzuckend empfand sie wieder jenes eine Ereignis, vor dem ihr
+bisheriges Leben zusammengebrochen war, jene eine entsetzliche Stunde,
+an der alle ihre Gedanken sich festgesogen hatten, so fest, daß ihr
+Körper eigentlich halb träumend herumwandelte, beinahe getrennt von
+einer leitenden Seele. Und sie fühlte wieder, daß sie etwas in ihrem
+Leben vergessen müßte, und daß diese weite Ödnis ringsumher vielleicht
+jene stumpfe Ergebenheit in ihr erzeugen könnte, nach der sie sich
+sehnte.
+
+Und merkwürdig. – Noch sann sie diesen dunklen fernen Traum, da erweckte
+sie etwas. – Ein flüchtender Hase streifte ihren Weg, fuhr vor ihr
+zurück und setzte dann seitwärts über das Feld.
+
+Das Mädchen lachte plötzlich hell auf.
+
+Das frische, selbstbewußte Lachen eines kräftigen Menschen. Was brauchte
+sie sich in solchen Hirngespinsten zu verfangen? Es war ja alles
+vorüber, bald überhaupt nicht mehr gewesen, nur eine seltsame
+verflatternde Erinnerung. Erhobenen Hauptes eilte sie weiter; ab und zu
+schlug sie mit dem Sonnenschirm spielend an die den Weg begrenzenden
+Büsche, und dann verweilte sie wieder, um sich von dem säuselnden Wind
+die Wangen kühlen zu lassen.
+
+So war sie in einen Hohlweg geraten. Fast in Manneshöhe über ihr erhob
+sich zu beiden Seiten das Feld. An den Abhängen blühten noch wilde
+Rosen, ganze rotbraune Bündel von Erika sproßten dort empor, und hier
+und da nickten violette Glockenblumen dazwischen.
+
+Gedankenlos pflückte das Mädchen einen Strauß, vielleicht für die eigene
+Brust bestimmt, vielleicht für Else, da hörte sie unvermutet hoch über
+sich Stimmen laut werden und einen Wortwechsel sich entspinnen.
+
+Und jetzt erkannte sie auch, wer dort sprach. Es war Wilms, den seine
+Tagelöhner um eine rückständige Schuld zu mahnen schienen.
+
+Vier bis fünf Männer redeten dort oben durcheinander.
+
+»Leute, ich hab’ euch doch gegeben, was ich hatte – nun geduldet euch
+noch die paar Tage – ihr wißt ja, was ich inzwischen selbst alles
+durchmachen mußte – eine kleine Weile, dann ist ja alles wieder ins
+gleiche gebracht. – Nicht wahr?«
+
+»Ja Herr, wir haben ja auch Vertrauen zu Sie, aber bei uns zu Haus
+sieht’s auch man mager aus.«
+
+»I ne wir wollen Ihnen nicht drängen ne – dat tun wir nich –«
+
+»Ne Herr Wilms, Sie sind ja auch immer gut zu uns gewesen, und werden’s
+woll jetzt allein nich so haben, – bloß Frau und Kinners –«
+
+»Man kann sie doch nich hungern lassen, Herr.«
+
+Einen Augenblick trat Stille ein. Die Männer schienen stehen geblieben
+zu sein, und die Lauscherin vernahm wieder, wie der Wind durch das
+Heidekraut strich. Dann sagte der Pächter mit seiner tiefen treuherzigen
+Stimme: »Kommt morgen abend zu mir, Leute, dann sollt ihr bestimmt euer
+Geld bekommen – so oder so.« Und in festerem Tone setzte er hinzu: »Und
+jetzt geht wieder an eure Arbeit.«
+
+»Na, dann bedanken wir uns auch vielmals, Herr. Adjüs!«
+
+»Guten Morgen.«
+
+Man hörte, wie sich die Tagelöhner entfernten, und etwas später bemerkte
+Hedwig, daß schwere Tritte den Hohlweg herabknirschten.
+
+Jetzt mußte er kommen. Unwillkürlich trat das Mädchen hinter den
+Dornenbusch zurück, als wollte sie den Nahenden ungestört vorüberlassen.
+
+Auch der Pächter hatte keine Ahnung von der Nähe eines fremden Wesens,
+das ihn und seine Qual erforschen könnte, sonst würde er sicherlich
+schnell vorübergeschritten sein; so aber hielt er an der tiefsten Stelle
+des Weges an, senkte den Kopf auf die Brust und preßte mit einer müden,
+schlaffen Bewegung die Hand gegen die Stirn.
+
+Es lag soviel Müdigkeit darin, soviel verschlossenes Weh.
+
+Jedoch kein Stöhnen quoll über die geschlossenen Lippen, lautlos, ohne
+Wort verharrte die große Gestalt, es war ein Trauern, das man mit sich
+und mit Gott allein abmacht, versteckt und geschützt durch die
+Einsamkeit.
+
+Kein fremdes Auge darf dergleichen erspähen.
+
+Mit ihren kühlen, scharfen Blicken hatte Wilms’ Schwägerin dies alles
+erfaßt, nun sah sie, wie sich der Pächter die graue Forstjoppe strammer
+zog, die Inspektormütze zurechtrückte und festen Schrittes weiterging.
+
+Gott sei Dank. Es war auch besser so.
+
+Bald mußte er verschwunden sein.
+
+Und doch – ihr Geschick zwang sie plötzlich, sich fast gegen ihren
+Willen in das Schicksal dieses Mannes einzumischen.
+
+Schon hatte er die höher gelegene Ebene erreicht.
+
+Ein Stein löste sich von der Böschung, wo das Mädchen stand, und rollte
+mit Gepolter in den Hohlweg hinab.
+
+Wilms wandte sich ruckartig zurück.
+
+Täuschte er sich denn nicht? Das junge, elegant gekleidete Weib dort
+unten war wirklich – ja es war Hedwig, sie mußte ihn schon früher
+überrascht haben.
+
+Die Züge des Pächters verzerrten sich, etwas Brutales stieg in ihnen
+auf, und die Äderchen in seinen Augen wurden blutig.
+
+»Wie kommst du dorthin?«
+
+»Ich?« – sie schlenkerte nachlässig den Schirm und kam näher – »ich ging
+ein bißchen spazieren.«
+
+»Warum bliebst du denn nicht bei Else?«
+
+»Weil ich es nicht länger aushielt – das Wachen, glaube ich, hat mich zu
+sehr angestrengt.«
+
+Wilms brach los: »Und nun gehst du hier so – so – was machst du denn
+eigentlich hier?«
+
+Er hatte sich vorgebeugt, seine Lippen bebten.
+
+Aber in dem Mädchen war plötzlich etwas geweckt, etwas vor dem sie sich
+selbst graute, und an das sie vorhin so stark gedacht hatte.
+
+Ganz nahe trat sie an den aufgeregten Mann heran und warf ihm einen
+einzigen Blick zu: »Ich sagte ja, ich gehe spazieren,« kam es scharf und
+trotzig hervor.
+
+Ihre Fäuste in dem zarten Glacéleder ballten sich, ihr Körper zuckte.
+
+Im Moment glich sie einer Katze, die sich zum Sprung anschickt. Aus
+ihren blitzenden Augen leuchtete die Lust, mit ihrem Bedränger zu
+ringen. Brust an Brust. Um irgend etwas Unerkanntes – Kostbares – um
+sich selbst.
+
+Das alles war dem rohen, gutmütigen Bauer so neu, so unfaßbar, daß er
+das im Zorn bebende Geschöpf vor ihm minutenlang kopfschüttelnd
+anstarrte.
+
+»Was willst du eigentlich von mir?« murmelte er endlich verständnislos.
+
+»Ich?«
+
+Sie erwachte plötzlich wie aus einem wohltuenden Traume und eine
+brennende Röte jagte über ihre Züge.
+
+Beide starrten sich noch immer, wie aus allen Himmeln gefallen, an.
+Langsam ließ das Mädchen den erhobenen Schirm niedergleiten und richtete
+sich straff auf.
+
+Ein verächtlicher Zug flog um ihre frischen Lippen.
+
+Es war wohl ihr Schicksal, überall mit den Männern im wirklichen,
+körperlichen Kampfe streiten zu müssen. Dieser da schien ihr wenigstens
+nicht gefährlich.
+
+»Ich wollte einmal mit dir über deine Verhältnisse sprechen,« begann sie
+kurz und herb.
+
+Er stand so groß und kräftig, und doch so ungeschickt vor ihr.
+
+O, wie sie es reizte, diesen ungebärdigen Riesen ihre Macht fühlen zu
+lassen.
+
+»Über meine Verhältnisse?« wiederholte der Pächter, kalter Schweiß trat
+ihm auf die Stirn.
+
+»Da hast du also vorhin alles mit angehört, wirklich alles?«
+
+»Ja, ich weiß, daß du dich in Geldverlegenheit befindest.«
+
+Eine Sekunde noch dauerte das peinliche Schweigen, die Brust des Mannes
+hob und senkte sich, als wollte sie etwas von sich abwälzen, den Kopf
+schob er stierartig vor, die Zähne knirschten mechanisch übereinander.
+
+Dann stürzte es aus ihm heraus.
+
+»Und du – – was hast du dich da rein zu mischen, du freche Dirn? – – –
+Was geht dich das alles überhaupt an? Nein, nein, du mußt fort, – aus
+dem Haus – heute noch.«
+
+Schrie und brüllte er dem Mädchen wirklich all diese Schmähungen ins
+Gesicht? Nein, ach nein, matt und schmerzhaft stachen ihm die Worte nur
+durchs Gehirn, über die halbgeöffneten Lippen aber quoll dumpf und
+heiser:
+
+»Was geht dich das an? – Was soll das alles? Wozu drängst du dich in
+meine Angelegenheiten? Was?«
+
+»Wozu? – Weil ich mir Klarheit über die Menschen verschaffen will, bei
+denen ich von jetzt an leben soll.«
+
+»Willst – du denn wirklich bei uns bleiben? – Hedwig – aber – aber du –
+du paßt ja gar nicht hierher, du taugst nicht in so viel Traurigkeit –
+du solltest lieber wieder gehen.«
+
+Unwillkürlich hatten beide den Weg von neuem aufgenommen und schritten
+nebeneinander über die leere Heide.
+
+Der Mann in sich zusammengesunken, das Mädchen schlank aufgerichtet und
+geschmeidig, von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf den Begleiter
+heftend.
+
+Und wieder sagte er eindringlich vor sich hin: »Ja, ja, du solltest
+gehen.«
+
+Da faßte Hedwig seinen Arm und legte den ihrigen hinein.
+
+Es waren die Bewegung und die Manier, wie sie sie drüben in der
+aristokratischen Tanzstunde in der alten Hansastadt gelernt hatte.
+
+Stirnrunzelnd ließ es Wilms geschehen, innerlich jedoch empörte ihn dies
+elegante Gebaren, obgleich es sich leicht und anmutig genug ausnahm.
+
+»Schwager, hast du eigentlich etwas gegen mich?« fragte sie plötzlich
+und ließ ihre klugen braunen Augen fest auf ihm ruhen.
+
+Ihr Arm drückte noch gegen den seinen, so daß sie sein Erschrecken
+merken mußte. Den ehrlichen Mann brachte die Lüge, die nun gebraucht
+werden sollte, in gänzliche Verwirrung.
+
+»Ich – nein, – was denkst du, – ich habe nichts gegen dich.«
+
+»Und Else?«
+
+»Meine arme Frau wohl auch nichts – bloß –«
+
+Er stockte und über seine offnen Züge breitete sich wieder jene große
+Verlegenheit.
+
+»Bloß – nun also?«
+
+»Nun, du bist uns wohl nur zu sehr überlegen« – stammelte er. »Du hast
+soviel Bildung genossen – drüben in der feinen Pension – Else und ich,
+wir sind doch nur einfache Leute. Und dann meine schmalen Einkünfte, du
+hast es ja selbst gehört, das wird dir doch auf die Dauer nicht
+gefallen.«
+
+Sie schmiegte sich an ihn, bis er fast ihre weichen Glieder fühlen
+konnte, und flüsterte rasch und mit einem Ausdruck der Teilnahme: »Aber
+ich möchte ja so gern meine Kräfte für euch einsetzen, ich bin stark,
+Schwager, und möchte euch gern helfen.«
+
+»Wirklich?« fuhr er auf und wandte sich voll zu ihr. »Das willst du in
+der Tat?«
+
+Sie nickte und sah ihn ernst an. »Und wieder ein bißchen Ruhe und
+Gemütlichkeit bei euch verbreiten. Das fehlt doch bei dir?«
+
+Der Pächter entgegnete nichts, aber er seufzte tief auf und schaute in
+sich gekehrt auf den Waldessaum, dem sie jetzt zustrebten.
+
+Hedwig aber hing sich fester an ihn und fuhr interessiert fort:
+
+»Früher warst du doch selbst gewiß viel heiterer?«
+
+»Ja früher« – wiederholte der Landmann, tief Atem holend – »früher – da
+mag’s wohl so gewesen sein. Damals waren wir noch guter Dinge. Da ging
+ich auch oft mit Else über das Feld – –«
+
+»Wie jetzt?« warf sie rasch dazwischen.
+
+Wilms ließ einen scheuen Blick über sie fortgleiten und löste seinen Arm
+ungeschickt von dem ihren. »Ja, mein Kind, beinahe so,« äußerte er
+gedrückt. Und nach einer Pause setzte er fast abfällig hinzu: »Du siehst
+ihr eigentlich gar nicht ähnlich.«
+
+»Nein,« bestätigte seine Begleiterin.
+
+Es klang scharf und herb.
+
+Wortlos schlugen die beiden nebeneinander den Waldpfad ein.
+
+Es war ein weitgedehntes Kieferngehölz, mit regelmäßig ausgehauenen
+Wegen, die schnurgerade wie schmale Chausseen den Wald durchschnitten
+und sich in Dämmerung zu verlieren schienen.
+
+Die Wipfel der Bäume waren in helles Sonnenlicht getaucht und wiegten
+sich in dem leisen Luftzug hin und her. Ein starker Harzgeruch entquoll
+den Stämmen. Von fern hörte man das eintönige Geräusch der fällenden
+Axt. Und laut und stark schrie ein Häher in der Luft.
+
+Die beiden einander so fremden Menschen waren schon weit in den
+einsamen, schlummernden Wald eingedrungen, da begann Hedwig unvermutet
+von neuem das Gespräch. Ihre Gestalt richtete sich dabei auf, die
+dunklen Augenbrauen hatten sich zusammengezogen, ihr ganzes Wesen schien
+von einem festen Entschluß beherrscht zu sein.
+
+»Wohin gehst du jetzt?« forschte sie kurz.
+
+Und gerade diesen Ton konnte der Landmann nicht vertragen. Mißmutig
+schüttelte er den Kopf und schien nichts vernommen zu haben.
+
+Sie blieb plötzlich stehen.
+
+Er wandte sich unwillig zurück und winkte, aber sie rührte sich nicht
+von der Stelle.
+
+In dem enganliegenden Jäckchen, dem modischen Hut und ihrem blühenden
+Gesicht darunter, nahm sie sich seltsam aus zwischen den hohen, uralten
+Kiefern.
+
+»Wohin du gehst, möchte ich wissen?«
+
+Und merkwürdig, ihr Blick traf so fest und ernst den seinen, sie standen
+sich wieder so dicht gegenüber, daß es dem Manne peinlich wurde.
+
+»Zum Förster,« gab er nach, und unwillkürlich murmelte er hinzu: »Ich
+will ihm Heu verkaufen.«
+
+»Du brauchst das Geld wohl für die Tagelöhner von vorhin. Nicht wahr?«
+
+Wie sie das riet. Wie praktisch das Mädchen dachte, es tat dem leidenden
+Manne ordentlich wohl, daß sie das Rechte getroffen.
+
+»Ja, ja,« brachte er voller Angst hervor, »wenn er es nur kaufen
+möchte.«
+
+Um die frischen, etwas aufgeworfenen Lippen des Mädchens glitt ein
+hochmütiger Zug. »Er wird schon,« entgegnete sie bestimmt, »hat er eine
+Frau?«
+
+»Ja, jung verheiratet.«
+
+»Gut, dann werde ich mitgehen und die Frau zu bestimmen suchen.
+
+»Ach ja, Hedwig, das wäre – sehr schön – von dir –« stotterte er mit
+niedergeschlagenen Augen.
+
+Ein heißes Gefühl stieg in ihm auf, etwas wie Dankbarkeit, etwas wie die
+Lust, sich anzuschließen an ein Wesen, das ihm helfen wollte. Und doch
+– große Schweißtropfen der Scham perlten ihm dabei auf der Stirn. Sie
+bemerkte es und bat ihn, ihr den Weg zu zeigen. Ohne Widerspruch ließ er
+es geschehen, daß sie ihren Arm unter den seinen legte, und eilte mit
+ihr dann stürmisch in ungewöhnlicher Hast vorwärts.
+
+Ihre Kleider flatterten dabei, durch ihre Wangen ebbte das Blut, er sah
+sie an und merkte, wie ihre Brust sich beschleunigt hob, ihr Atem
+strömte ihm frisch entgegen.
+
+Oh, sie war vielleicht doch die treue Gehilfin, die er suchte, die
+Schwester seines armen, geliebten Weibes, die ihm Trost bringen wollte.
+
+Wie jugendfrisch und kräftig sie war.
+
+»Hedwig, du fragtest vorhin – – –«
+
+»Nach deinen Verhältnissen, ja.«
+
+»Ich – ich – Hedwig – wenn ich nur Vertrauen – –«
+
+Und dann wurde die Sehnsucht, sich mitzuteilen, übermächtig. Er vergaß,
+wer sie war, er ergriff ihre Hand, wie die eines anderen Mannes, und mit
+stammelnden stockenden Worten, dann aber mit dem tiefen Gemüt dieser
+verschlossenen Seele offenbarte er sich, entlastete er sich von dem
+überschweren Druck, schüttete er all sein Weh vor dem schönen Mädchen
+aus.
+
+Und wahrlich, sie war schön.
+
+Denn während er sprach, hob sich ihre Gestalt, ihre Glieder schienen
+sich zu dehnen, üppiger zu werden, und während er von der rückständigen
+Pacht erzählte, von der achttägigen Frist, die ihm der Handelsmann in
+Grimmen gelassen, von seiner vollständigen Zerrüttung, da war es, als ob
+sie mit gieriger Lust all diese Mühsal auf ihre Schultern zöge, um sie
+fortan allein und ungebeugt zu tragen. Als Wilms geendet hatte, sah er
+sie an und erschrak.
+
+Ihre Augen hingen an den seinen. Im Feuer seiner Erzählung hatte er sie
+an sich gepreßt, als ob er sie umfangen wollte.
+
+Entsetzt, erwachend, fuhr er zurück.
+
+»Dort – dort ist das Forsthaus,« stammelte er.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Wieder brannte die große Staatslampe in dem weiten Wohnzimmer des
+Pächters. Und es war wirklich schon gemütlicher geworden.
+
+Ein eiskalter Regen hatte sich draußen eingestellt, und während man
+sonst in dieser Übergangszeit frierend und schauernd seine Zeit
+verbrachte, knisterte jetzt ein lustiges Feuer in dem mächtigen
+Kachelofen, und ließ von Zeit zu Zeit das wohltuende Geräusch der
+berstenden und knackenden Holzklötze vernehmen.
+
+Hedwig, lachend über die Beschränktheit, welche mit der Heizung
+kalendermäßig erst beginnen will, wenn der erste Schnee fällt, hatte
+selbst dem alten Kachel-Patriarchen die erste reichliche Nahrung
+zugeführt, und jetzt saß die Kranke in einem gewaltigen Lehnstuhl mit
+Decken eingehüllt davor, wärmte sich, und wartete auf die Wiederkehr von
+Mann und Schwester, die gemeinsam zum Pastor des großen Dorfes gewandert
+waren, um den Geistlichen mit Familie zu einem Besuch in das Haus des
+Pächters abzuholen. Auch der Förster mit seiner Frau wollte
+herüberkommen. Hedwig hatte darauf bestanden, denn um jeden Preis
+gedachte sie, Menschen und Geselligkeit in dies verödete Heim
+zurückzuführen.
+
+So saß die Leidende und hielt oft die Hand vor das zuckende Feuer, bis
+sie ihr Blut durch die Haut hindurchschimmern sah.
+
+Eine wohlige Wärme durchströmte sie. Beinahe hätte sie sich behaglich
+gefühlt. – Wenn sie nur nicht so verlassen und einsam geblieben wäre.
+
+Wozu mußten auch die beiden gemeinsam gehen? Hedwig allein hätte doch
+auch genügt. Aber Wilms hatte sie durchaus in dem Wetter nicht
+unbegleitet aufbrechen lassen wollen – »es schicke sich nicht,« hatte er
+geäußert, und nun waren sie schon über eine Stunde fort.
+
+Die Uhr schlug.
+
+Die Kranke wurde immer ungeduldiger. Mägde und Knechte kümmerten sich
+nicht um sie. Seit langer Zeit zum erstenmal wurde im Hause flott
+gearbeitet; der Pächter hatte mit Hedwigs Hilfe eine Molkerei
+eingerichtet. Heute war die dazu nötige Maschine aus Stralsund
+eingetroffen, welche ein Freund des Mädchens auf Kredit geliefert, und
+das Gesinde setzte sie gegenwärtig instand.
+
+Else konnte deutlich das Lachen und Schwatzen der Leute vernehmen.
+
+Nicht einmal eine Klingel war ihr zur Hand, mit der sie vielleicht hätte
+läuten können.
+
+Ganz verlassen – ohne jede fremde Hilfe.
+
+Sie begann sich zu ängstigen.
+
+Wilms könnte doch wirklich längst zurück sein. Das war doch
+rücksichtslos von ihm und namentlich ihr, der Verzärtelten, etwas völlig
+Ungewohntes.
+
+Leise begann sie zu stöhnen und rückte in dem Sessel hin und her – dann
+hielt sie wieder die Hand vor die Glut und lauschte.
+
+Draußen prasselte gleichmäßig der Regen hernieder. Man hörte förmlich
+die Blasen platzen – – aber plötzlich, die Kranke horchte angestrengt,
+ein rascher, dumpfer Hufschlag tönte dazwischen, dann kam etwas auf den
+Hof gesprengt – – ein Pferd wieherte hell und anhaltend – ein kurzer
+Stimmwechsel – –
+
+Und es wurde an die Tür geklopft. Rasch und energisch, und ehe die
+überraschte Frau sich noch besinnen konnte, trat ein junger Mann in
+Joppe und Reithosen in die Stube und machte ihr an der Schwelle eine
+kurze liebenswürdige Verbeugung.
+
+Die Sporen klirrten dabei hell an den hohen Stiefeln, und von der
+Lodenjoppe troff das Wasser herunter.
+
+»Pardon,« begann er und zog ein wenig befangen die Mütze – »ich weiß, es
+ist eine große Freiheit, daß ich hier gleich die ganze Landstraße mit
+hineinbringe. Nicht wahr? – Treffe ich Herrn Wilms wohl zu Hause?«
+
+»Nein – nein – leider« – Else machte vergebliche Anstrengungen, sich zu
+erheben – »mein Mann und meine Schwester sind fort – aber wer – – mit
+wem habe ich denn –?«
+
+Und wieder versuchte sie, sich auf den kraftlosen Füßen aufzurichten,
+wurde jedoch durch das höfliche und doch zwanglose Nähertreten des
+Reiters daran verhindert.
+
+»Oh« – meinte er gutmütig, während er bedauernd den Kopf schüttelte –
+»ich hörte schon, Sie seien nicht wohl, liebe Frau, und nun tut es mir
+doppelt leid, daß ich Sie so erschrecken muß. – Aber dieses
+niederträchtige Wetter draußen – Sie sehen ja, ich bin durchnäßt, wie
+eine Morchel – und da dacht’ ich, Herr Wilms würde mich wohl ein
+Stündchen bei sich aufnehmen. – Ich bin nämlich der Graf Brachwitz, der
+Sohn natürlich – Ihr Mann kennt mich ganz genau – vielleicht haben auch
+Sie schon von mir gehört – – ist’s wirklich erlaubt? Sie sind zu
+liebenswürdig.«
+
+Damit zog er sich den von Else angebotenen Stuhl ganz in die Nähe der
+Kranken, musterte sie halb teilnahmsvoll, halb verlegen und streckte
+dann die Hand befriedigt dem mächtigen Ofenfeuer entgegen.
+
+»Prachtvoll,« äußerte er behaglich und zog den einen mächtigen
+Stulpenstiefel auf das Knie herauf, wobei er sich trotzdem leicht gegen
+die Hausfrau verneigte: »Habe ich wirklich Ihre gütige Erlaubnis, auf
+Herrn Wilms zu warten, bis er wieder kommt, oder der Regen aufhört? –
+Oder falle ich Ihnen lästig?«
+
+»O – bewahre,« hüstelte die Kranke.
+
+Und sie sprach die Wahrheit. Der vornehme Besuch, der sie, ohne daß sie
+es recht empfand, so höflich und dabei doch etwas von oben herab
+behandelte, schmeichelte und imponierte ihr auf das äußerste. Noch nie
+hatte die Grafenfamilie in der Umgegend jemals Besuche abgestattet, und
+jetzt saß wie durch ein Wunder der junge, jugendschöne Aristokrat vor
+ihr und bemühte sich, ihr allerlei Artigkeiten zu sagen.
+
+Er hörte Elses Krankengeschichte geduldig an und lächelte nur ein wenig
+suffisant, als Else ihm mitteilte, daß sie als Mädchen stets gesund
+gewesen, und ihr Leiden erst in der Ehe begonnen habe.
+
+»So? – hm« – der junge Graf streichelte sich den Bart und nickte weise:
+»Ja, ja, verehrte Frau, das Heiraten. – Ich bin auch prinzipiell
+dagegen. Wenn es nur ein anderes Mittel gäbe, zu einem Majoratsherrn zu
+gelangen, dächte ich gar nicht daran. Ich habe überhaupt etwas Solides
+in meiner Natur. Nicht wahr, das sieht man mir an? – hm« – – – er schlug
+mit seiner Reitpeitsche, die er noch in der Hand hielt, lässig gegen ein
+Stuhlbein und begann sich ein wenig ungeduldig im Zimmer umzusehen.
+Augenscheinlich fing ihm das Tete-a-tete mit der Kranken an langweilig
+zu werden.
+
+»Würden der Herr Graf vielleicht irgendeine Erfrischung zu sich nehmen
+wollen?«
+
+»Nein – nein – bewahre – lassen Sie sich nur nicht stören – wir plaudern
+ja hier ganz vorzüglich. Hm – ein recht gemütliches Zimmer – ein bißchen
+groß – – ja – sitzen Sie oft so allein? Mir ist es doch, als wenn ich
+neulich eine Verwandte von Ihnen am Bahnhof getroffen hätte. Oder schon
+wieder abgefahren?«
+
+»Wirklich, der Herr Graf haben das bemerkt? Nein, meine Schwester
+Hedwig ist noch hier und wird überhaupt lange Zeit bei uns bleiben.«
+
+»So? Na da mache ich Ihnen mein Kompliment, eine außergewöhnlich hübsche
+junge Dame – also, Ihre Schwester? – Na ja, die Ähnlichkeit ist
+unverkennbar« – hier verbeugte sich der Reiter wieder mit jener
+verbindlichen Art, die ihn unbewußt so prächtig kleidete. – »Ein
+Fräulein Schröder, das sich jetzt längere Zeit in Stralsund aufhielt –
+nicht wahr?«
+
+»Das wissen Sie ebenfalls?« flüsterte die Kranke, sichtlich
+geschmeichelt.
+
+Es fiel ihr nicht auf, daß der Aristokrat seinen Kopf vom Feuer
+zurückwandte, in das er bisher eifrig hineingestarrt, um seine scharfen
+blitzenden Augen minutenlang forschend auf ihr eingefallenes, blasses
+Antlitz zu richten, als ob er in ihr etwas Verborgenes, Geheimnisvolles
+suchen wolle. – Dann aber schien er befriedigt zu sein. »Ja, ja« – fuhr
+er gleichgültig fort: »Wir kennen uns – oberflächlich natürlich nur,
+denn solch zartes Pensionsfräulein wird mit einem Offizier nicht gerne
+zusammengebracht – das können Sie sich doch denken.«
+
+»Ach – der Herr Graf scherzen nur –«
+
+»Durchaus nicht – man erzählt die schauderhaftesten Geschichten von mir
+– – na hier wird es ja auch bald losgehen und – –«
+
+Er unterbrach sich, stand auf und lauschte: »Hören Sie? – Dort draußen
+fährt ein Wagen über die Chaussee – zwei feste Traber übrigens, jetzt
+lenken sie über die Brücke – das dürften wohl Ihr Mann und Fräulein
+Schwester sein.«
+
+»Ja wahrscheinlich, und sie bringen Pastors gleich mit.«
+
+»So? Das kleine Pastorenfräulein hat sich gut entwickelt, seit ich es
+nicht mehr gesehen habe. Sehr nett. Ein bißchen blaß, englisch
+Teegesicht, aber man muß auch damit vorlieb nehmen.«
+
+Else rückte in ihrem Stuhl hin und her. Ein unbestimmtes Gefühl sagte
+ihr, daß ihr Gast einen Ton gegen sie anschlug, der sich nicht paßte.
+
+»Und die Försterfamilie kommt heute ebenfalls,« brachte sie rasch
+hervor, während ihre glänzenden Augen sich ungeduldig auf die Tür
+richteten, durch die die Erwarteten im nächsten Augenblick eintreten
+mußten. »Ich erhalte heute zum erstenmal Besuch, Herr Graf – seit – seit
+langer Zeit.«
+
+»Ach das freut mich in Ihrem Interesse wirklich ganz außerordentlich,«
+meinte der Reiter und schritt langsam ans Fenster, ohne auf den langen
+Seufzer der Kranken die geringste Rücksicht zu nehmen. »Also der Herr
+Förster ebenfalls mit Gemahlin,« murmelte er dabei vor sich hin, und bei
+sich dachte er noch: »Merkwürdig, wie mir das Herz schlägt. – Ich habe
+doch Angst, diesem Mädchen wieder entgegenzutreten.«
+
+ * * * * *
+
+Die erste Begrüßung war vorüber. Die beiden Damen der Pastorenfamilie
+waren bereits auf das mächtige, schwarze Ledersofa plaziert hinter dem
+gewaltigen, runden Tisch und warfen von dort aus erstaunte Blicke auf
+den Grafen Brachwitz; der Geistliche selbst, ein kleines gebücktes,
+weißhaariges Männchen, das durchaus nicht zu seiner hageren, übergroßen
+Ehehälfte zu passen schien, sprach über Elses Stuhl gebeugt der Kranken
+jene Trostesworte zu, die er bei seinen häufigen Besuchen mit denselben
+Worten fast mechanisch wiederholte. Aber auch er zwinkerte unter seinen
+Brillengläsern verdutzt zu dem Reiter hinüber, als könne er sich dessen
+Anwesenheit nicht erklären, und Wilms stand bei seinem vornehmen Gast in
+der Fensternische, schüttelte ihm befangen die Hand und verwickelte ihn
+in allerlei landwirtschaftliche Fragen, ohne sich innerlich jedoch von
+der ängstlichen Vorstellung lösen zu können, was dieser Besuch wohl
+bedeute.
+
+So vergingen die ersten Minuten des Beisammenseins. Bis die Kranke
+endlich fragte: »Wo bleibt denn Hedwig?« Alle hatten das Mädchen mit
+hereintreten sehen, aber dann mußte sie sich gleich wieder entfernt
+haben.
+
+»Vielleicht ordnet sie noch in der Küche etwas an,« entschuldigte Wilms.
+Aber wieder mußte er auf den jungen Brachwitz sehen, der unruhig neben
+ihm verharrte.
+
+»So? In der Küche?« warf dieser hin. »Dann erscheint wohl bald die
+Aufwartung. Vermutlich ein tüchtiges Glas Glühwein bei der Nässe draußen
+und der famose Landschinken, den Sie hier besitzen – na ängstigen Sie
+sich nicht, Herr Wilms, ich drücke mich sofort, den ungebetenen Gast
+werden Sie los.«
+
+»Aber Sie werden uns doch die Ehre schenken und erst eine Kleinigkeit zu
+sich nehmen, Herr Graf,« drängte die Kranke mit schwacher Stimme von
+ihrem Stuhl aus.
+
+»Sie wollen mich also wirklich mit durchfüttern, verehrte Frau? –
+Abgemacht – dann bleibe ich. – Na, lieber Pastor, besinnen Sie sich
+noch, wie Sie mich konfirmiert haben? Seitdem haben wir uns selten
+gesehen. Fräulein Paula ist inzwischen eine Dame geworden. – Guten
+Abend, mein liebes Fräulein – alle Wetter, ich wage gar nicht mehr ›Du‹
+zu sagen. Oder darf ich es doch noch?«
+
+So sagte der Edelmann jedem etwas Angenehmes, lachte und plauderte und
+hatte sich überraschend schnell die Neigung der Anwesenden gewonnen.
+
+Endlich erschien auch die Försterfamilie. Der Förster, eine herkulische
+Gestalt mit langem, fuchsrotem Bart, dröhnender Stimme, großer
+Gutmütigkeit und voller Kriegserinnerungen. Ein behäbiger Vierziger. Die
+Försterin, eine schlanke, üppige Erscheinung mit tiefblauen,
+gefährlichen Augen, einem wunderbar weißen, frischen Teint, und
+beständiger Neigung zur Fröhlichkeit. Ein schönes Weib, das in naiver
+Koketterie gefallen wollte.
+
+Man stellte die Stühle um den Tisch. Zwei Mägde deckten frisches Linnen
+darüber, Wilms schob den Lehnstuhl der Kranken heran und brachte auch
+einen Sitz für Hedwig herbei.
+
+Wo sie nur bleiben mochte?
+
+»Ist denn das Fräulein noch in der Küche?« fragte er zum Schluß eine der
+Mägde.
+
+»Nein, Herr, das Fräulein is oben in ihr Zimmer.«
+
+»Wilms, dann hole sie doch bitte herunter,« forderte ihn Else erregt
+auf und fingerte krampfhaft auf der Tischplatte herum. »Warum hält sie
+uns so lange auf? Ich versteh’ das gar nicht – der Herr Graf kennt sie
+doch auch.«
+
+»Gewiß,« unterbrach der junge Brachwitz seine Unterhaltung mit der
+Försterin, »und ich würde mich aufrichtig freuen, unsre flüchtige
+Bekanntschaft wieder anzuknüpfen.«
+
+»So geh doch,« drängte die Kranke erregt.
+
+Da ging der Landmann zögernd hinaus und stieg wieder die schmale Treppe
+hinan, die unter das Dach führte. Neben der Kammer, die er selbst seit
+der Krankheit seiner Frau bewohnte, lag das Zimmerchen, das man Hedwig
+eingeräumt hatte. Unsicher tastete er sich in dem dunklen Gang zurecht.
+Ihre Tür stand offen.
+
+Es war so seltsam still dort drinnen.
+
+Sollte sie auch hier nicht zu finden sein?
+
+Es wurde ihm so beklommen, eine peinigende Furcht bedrückte den großen
+Mann, das Mädchen könnte sich heimlich entfernt haben.
+
+Er sagte sich zwar gleich, daß er sie nicht vermissen würde, aber es lag
+hier etwas Verstecktes, Geheimnisvolles in der Luft, das ihm den Atem
+benahm.
+
+Fürchtete er wirklich so sehr ihre Flucht?
+
+Sein Herz klopfte, zögernd trat er näher.
+
+In dem kleinen, kahlen Raum verbreitete ein Lichtstümpfchen einige
+Helle. Dunkle Schatten kämpften gegen die schwachen Lichtwellen. Das
+Fenster stand offen. In dem Luftzug zuckte das kleine Flämmchen auf und
+ab. Ein Bett war zu sehen, ein eleganter Lederkoffer, ein Waschtisch,
+ein Schrank, zwei Rohrstühle, sonst nichts. Vor dem Fenster aber ragte
+die Gestalt der Bewohnerin auf.
+
+Sie mußte sich eben gewaschen, oder Haupt und Brust im Wasser gekühlt
+haben, denn sie umklammerte noch mit entblößten Armen das Fensterkreuz
+und lehnte regungslos in den kalten Regen hinaus, den man dumpf und
+eintönig auf den Blechbeschlag spritzen hörte.
+
+Arm und Nacken weiß und rosig, als wäre ein verwunschenes, wunderschönes
+Marmorbild lebendig geworden. Deutlich sah der Pächter, daß die feine
+Haut vor Frost schauderte, und doch gab sie sich unbeweglich der Kälte
+preis, als wäre ein Übermaß von Glut und Lebenstrotz in ihr.
+
+Wilms wollte zurücktreten, allein er fand sich wie festgewurzelt. O, wie
+unrein erschien ihm das Bild, unpassend, widerwärtig, und doch konnte er
+der eigenen Erstarrung kein Ende bereiten, immer mußte er hinblicken,
+während Haß, Abneigung, Bewunderung, und ein fernes, verabscheutes
+Verlangen in seinem ehrlichen Gemüt durcheinander irrten.
+
+Ja, ähnlich hatte Else ausgesehen – damals in den Stunden des Glücks –
+aber doch entfernt nicht so sicher, so stolz, so seltsam in ihrer
+Schönheit.
+
+Seine Lippen bebten.
+
+Der Frost begann ihn ebenso zu schütteln, wie das schöne Geschöpf dort
+drinnen.
+
+Da schlug der Wind die Tür zu. Krachend fuhr sie ins Schloß. Das ganze
+Haus hallte. Und Wilms taumelte auf und raffte sich empor.
+
+»Wie Else über den Knall zusammengefahren sein wird – das arme Weib,« –
+war sein erster, unwilliger Gedanke, – dann wartete er noch ein paar
+Minuten, klopfte schließlich laut an die Tür und überschritt auf ein
+verwundertes »Herein« die Schwelle. Hedwig nestelte noch an ihrer
+schwarzen Taille und machte eben die letzten Knöpfe zu. – Langsam wandte
+sie ihm den Rücken und fragte rasch über ihre Schulter fort.
+
+»Warum kommst du hier herauf? Geht es Else etwa wieder schlechter?«
+
+»Nein, Gottlob nicht, ich soll dich hinunterholen.«
+
+»Mich? – Ja, ich wollte mich erst ein wenig säubern nach dem
+schmutzigen Weg von vorhin. Du siehst ja. – Sind denn unsere Gäste schon
+alle versammelt?«
+
+»Ja, es sind alle da. Auch der Förster. Er will mir das Heu abkaufen,
+Gott sei Dank. Du hast also bei der Frau deinen Willen durchgesetzt, ich
+danke dir dafür, mein Kind. Und – und Herr von Brachwitz befindet sich
+ebenfalls unten. Du hast ihn wohl schon vorhin bemerkt?«
+
+»Ja, ich sah ihn.«
+
+»Sag’ einmal – Hedwig – gehört denn der Herr zu deinen Freunden?«
+
+»Nein.«
+
+»Also bloß solch eine flüchtige Bekanntschaft?«
+
+»Ja – nein – das heißt, ich kenne ihn näher.«
+
+»Sieh – ich will mich nicht ’rein mischen – es geht mich ja nichts an –
+aber – er hat dir wohl drüben den Hof gemacht? Nicht?«
+
+»Auch das.«
+
+Das Mädchen wandte sich jetzt langsam, so daß der Pächter voll in ihr
+eigentümlich blasses Antlitz blicken konnte, und maß ihn forschend mit
+ihren braunen, spähenden Augen. »Aber weshalb fragst du?« fuhr sie
+langsam fort, »besucht er euch denn sonst nicht?«
+
+»Nein – nie.«
+
+»Nie?«
+
+Über die Gestalt der Fragenden lief ein Zittern, die dunklen Augen in
+dem blassen Gesicht brannten in unterdrückter, schmerzlicher Glut.
+
+Schweigend trat sie vor einen schmalen Hängespiegel, zog ihre straff
+sitzende Taille zurecht und strich über ihr bräunliches, glänzendes
+Haar.
+
+Wilms, der ebenfalls seinen Blick auf das Glas wenden mußte, sah, wie
+die vollen blühenden Lippen des jungen Weibes zuckten, wie ihre weißen
+Zähne sich hineingruben, und sich über das ganze Antlitz wieder jener
+lächelnde, trotzige, wildbegehrliche Zug verbreitete, den der Pächter in
+seiner verständnislosen Befangenheit nicht begriff, über den er
+nachgrübelte, und der ihn anwiderte.
+
+»Hedwig« – – murmelte er unwillkürlich.
+
+»Ja, Schwager,« antwortete sie leise.
+
+Er schritt zur Tür und wandte sich verlegen hin und her.
+
+»Ich glaube,« stieß er heiser hervor, »er kommt deinetwegen.«
+
+Die Sprache versagte dem kräftigen Manne.
+
+Ohne daß er es wußte, packte ihn grenzenlose, tiefe Scham, daß er sich
+in die Herzensangelegenheiten dieses Mädchen drängen wollte, und doch –
+eine zehrende Neugier nagte in seiner Brust weiter, wie weit die
+Beziehungen der beiden wohl gediehen seien, ob überhaupt von einem
+innigen Gefühl gesprochen werden könnte – oder ob – das Blut stieg ihm
+dabei in die Stirn – ob sich etwas Unreines, Gemeines hineinmische.
+
+»Nicht wahr,« wiederholte er, »er kommt wohl deinetwegen?«
+
+»Meinetwegen?« sprach sie gedankenverloren nach.
+
+Ein Windstoß fegte plötzlich zum Fenster hinein. Klirrend warf er die
+Scheiben gegeneinander und blies das Lichtstümpfchen auf dem Tisch aus,
+so daß völlige Dunkelheit entstand.
+
+Der Pächter hörte, wie Hedwig tief aufatmete. Dann trat sie zu ihm auf
+die Schwelle und sagte, während sie beide aus dem finsteren Raum
+hinausschritten, mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit:
+
+»Lassen wir doch den Grafen. – Er ist eine häßliche Erinnerung für mich,
+die ich gern abschütteln möchte. – Übrigens« – lachte sie leicht –
+»brauchst du dir dabei gar nichts Besonderes zu denken, Schwager – eine
+ganz alltägliche Dummheit. – –«
+
+Sie unterbrach sich und klagte über die dicke Finsternis, die Gang und
+Treppe einhülle. Mühsam tasteten sie sich zurecht. Beide dicht
+beieinander. Ihr Kleid streifte seinen Fuß und es war ihm, als wenn eine
+wohltuende Wärme von ihr ausströme.
+
+Da stieß sie einen leichten Schrei aus.
+
+Auf dem obersten Absatz der Treppe hatte sie fehlgetreten und griff nach
+dem Arm des Mannes, was er erschrocken duldete. So stiegen sie hinab.
+Langsam, als ob sie tiefen Gedanken nachhingen.
+
+Erst als das Öllämpchen des Flures ihre Gesichter matt erhellte, kehrte
+sie sich ihrem Schwager voll zu und meinte mit der alten unbeirrten Ruhe
+und ihrer klaren Stimme: »Es trifft sich aber doch gut, daß Herr von
+Brachwitz dich einmal besucht. Nach allem, was du mir gesagt hast, wird
+es doch notwendig sein, mit ihm über eine Herabsetzung der Pacht
+ernsthaft Rücksprache zu nehmen.«
+
+Das schlug Wilms wie eine schwere Keule gegen die Stirn. – »Ja, ja,«
+stotterte er und neigte schwerfällig den Kopf. – Seine Schuldenlast, die
+ganze Zerfahrenheit seiner Besitzung, die kranke Frau dort drinnen,
+Mißernte und die hohe Pacht – alles zusammen stürzte plötzlich wieder
+auf ihn ein und legte sich eisern, klammerfest um sein banges Herz.
+
+Not, Sorge, Krankheit standen wieder auf dem ziegelsteingepflasterten
+Flur, bereit, den Herabsteigenden zu empfangen. Dort oben in Hedwigs
+Kammer hatte er gar nicht an diese seine grauen Gäste gedacht.
+
+Leise stöhnend, ließ er das Mädchen an sich vorüberschreiten und folgte
+ihr dann schweren Trittes.
+
+Als sie das Wohnzimmer öffnete, hatten sich seine müden, schleppenden
+Gedanken wieder so völlig verschoben, daß er im Rücken Hedwigs mit
+mattem Erstaunen darüber nachdachte, wie scharf das schwarze Sammetband,
+das sie um den Hals gelegt hatte, von der weißen Haut seiner Schwägerin
+abstach.
+
+»Wie sich die beiden wohl begrüßen werden?« grübelte er noch, dann
+strömte ihnen die Helle des erleuchteten Zimmers entgegen.
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+»Ha, ha, ganz ausgezeichnet – ganz ausgezeichnet« schrie der Förster
+Eltze, streckte seine Beine von sich und goß seiner Frau mit kühnem
+Schwung neuen Rheinwein ins Glas: »Hier, Annchen – stoß mit dem Herrn
+Grafen an – – Ihr Wohlsein, Herr Graf – ganz großartig – wahrhaftig. So
+was von Dressur von einem Hunde ist noch gar nicht dagewesen. – Nicht
+wahr, Anning, nicht wahr, Frau Pastorin? – Liebesbriefe unter das
+Hundehalsband zu binden, und dann von dem Köter in die Mädchenpension
+tragen zu lassen, ha, ha, ha, zu komische Idee, zu ko – –«
+
+Er verschluckte sich, wurde kirschrot im Gesicht und der winzige Pastor
+Schirmer, der neben ihm saß, mußte dem Riesen auf den Rücken klopfen:
+
+»Lieber Freund, beruhigen Sie sich doch,« fistelte der Geistliche und
+schickte einen unruhigen Blick zu Gattin und Tochter hinüber, von denen
+die letztere sich weit über den Tisch lehnte, um den keck vorgetragenen
+Geschichtchen des jungen Brachwitz mit heißen Wangen zu lauschen.
+
+Alle Schüchternheit des Landgänschens war verflogen.
+
+Auch die Förstersfrau folgte lächelnd den Anekdoten des jungen
+Aristokraten.
+
+»Mein Gott« – schoß es dem verwirrten Pastor durch das zitternde
+Greisenköpfchen. »Die Weiber – die Weiber – gar nicht auszustudieren –
+Die Förster Eltze und meine Paula, die frömmsten aus meiner Gemeinde,
+jeden Sonntag in der Kirche, dazu noch eine Erbauungsstunde – und nun
+dieses Benehmen, sobald ihnen der erste hübsche, junge Mensch über den
+Weg läuft.«
+
+»Ha, ha, was die Mädchen wohl für Gesichter gemacht haben mögen, als der
+Köter kam,« grunzte der Förster von neuem und reckte eine Faust in die
+Höhe.
+
+Der Landedelmann, der neben Elses Krankenstuhl saß und ihr gutmütig von
+Zeit zu Zeit allerlei kleine Dienste erwies, entzündete jetzt mit
+Erlaubnis der Hausfrau eine seiner eigenen feinen Zigarren, und warf,
+sich zurücklehnend, gespannt und erwartend dazwischen:
+
+»Na, lieber Eltze, das wird uns am besten Fräulein Hedwig, – Fräulein
+Schröder,« verbesserte er sich – »sagen können. Denn sie hat sich ja
+auch in dieser Pension befunden.«
+
+»Was, das ist Ihre Pension, Fräulein Hedwig?« rief Paula Schirmer
+lebhaft dazwischen.
+
+Und der Förster schrie schallend: »Donnerwetter, unser schönes Fräulein
+Hedwig war auch eine von den Kötermamsells? – Na, wie war’s denn?«
+
+»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« forschten jetzt
+auch gespannt die beiden verheirateten Frauen wie aus einem Munde.
+
+Alles sah auf Hedwig.
+
+Sie hatte neben Wilms Platz genommen und, mit der Bewirtung beschäftigt,
+sich bis dahin wenig an der Unterhaltung beteiligt.
+
+»Was sie jetzt wohl antworten wird?« dachte der Pächter in seinem
+dumpfen Hinbrüten. Von seinen Sorgen zu Boden gedrückt, und in seiner
+Brust ein bohrendes Angstgefühl, hatte er bis jetzt auf die Tischplatte
+gestarrt, und nur manchmal sah er auf sein blasses, angestrengtes Weib
+herüber, scheu und mißtrauisch, als ob er auf einem Verbrechen ertappt
+wäre.
+
+Was hatte sich nur in seinem Gewissen geändert?
+
+O, es war nur die Angst, die entsetzliche Furcht um seine Existenz,
+überredete sich der unglückliche Mann selbst.
+
+»Weiter nichts – gewiß – gar nichts weiter.«
+
+»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« tönte es in seine
+Gedanken hinein. – Was sie jetzt wohl antworten würde?
+
+Und ohne Erregung, klangvoll und ruhig gab Hedwig zurück, obwohl sie den
+Grafen zum erstenmal fest ansah:
+
+»O ja – der Herr Leutnant besuchte ja oft die Bälle unserer Pension. Ich
+selbst habe sogar einmal einen seiner Briefe dem großen Hunde
+abgebunden.«
+
+Leicht, kalt, liebenswürdig hatte sie das alles hingeworfen, jetzt erhob
+sie sich mit ihrer tadellosen Haltung, um dem Pastor einen Teller mit
+Kuchen und Früchten zu präsentieren. Sie war eine vollkommene Dame.
+
+»Bitte, Herr Pastor – nicht ein Pfefferkuchen gefällig? – Nein? – Nun
+dann aber einen Apfel, – ich werde ihn gleich schälen – Sie erlauben.«
+
+In der Gesellschaft war eine peinliche Stille entstanden. Selbst die
+Wangen der Kranken, die solange teilnahmslos in ihrem Stuhle gelegen
+hatte, färbten sich hektisch rot; mit heftigem, unvorsichtigem Tonfall
+flüsterte sie kurzatmig und gereizt:
+
+»Einen Brief vom Herrn Grafen an dich? – Hedwig, das ist doch nur
+Scherz, nicht wahr? – Sag’ das doch den Herrschaften.«
+
+Ja, sie waren alle sehr begierig, dies zu wissen. Die Försterin, deren
+tiefblaue Nixenaugen vor Neugier strahlten und leuchteten; die Pastorin,
+die wie ein Pfahl dasaß und alles in hohem Grade unmoralisch fand; und
+die dumme, kleine, dralle Paula, die es gar nicht erwarten konnte, in
+solche Heimlichkeiten einzudringen.
+
+Ach, sie fand Hedwig »süß« und »wundervoll«.
+
+Aber der junge Brachwitz ließ die Aufgerufene zu keiner Antwort kommen:
+
+»Ein Scherz?« wiederholte er dringend, indem er Hedwig aufmerksam
+betrachtete. »Ja, leider wurde es von den jungen Damen nur als Scherz
+aufgefaßt, obgleich es mir verteufelt bittrer Ernst war. Warum übrigens
+nicht? – Ich war jung und hatte mich in ein paar von den allerliebsten
+Pensionärinnen wirklich verliebt. Wissen Sie noch, Fräulein Hedwig?«
+
+Hedwig wurde plötzlich sehr blaß, der Pächter bemerkte, wie ihre Hand
+sich unwillkürlich öffnete und zuckend wieder schloß, aber äußerlich
+erwiderte sie gelassen, während sie den Hahn der Teemaschine drehte:
+»Gewiß – Sie machten es uns ja oft recht deutlich, Herr Graf« –
+
+»Gleich in ein paar?« echote die Pastorin, die Worte des Grafen
+wiederholend, leise und entrüstet. Die Unterhaltung des jungen Herrn
+begann allen sichtlich zu mißfallen.
+
+Und wieder trat eine lange, drückende Pause ein, die keiner zu
+unterbrechen wagte. Es wurde sehr ungemütlich. Else fing vor
+Verlegenheit an zu zittern. Wenn der Graf nur gegangen wäre. Aber er
+blieb und begann jede Bewegung ihrer Schwester zu verfolgen.
+
+Was das nur bedeutete?
+
+Die Kranke regte sich so auf, daß ihre Zähne leise zusammenschlugen. Sie
+merkte, daß sie fieberte, aber mit letzter Kraft hielt sie sich
+aufrecht.
+
+Auch die Blicke ihres Mannes hingen so sonderbar an Hedwig. Erst jetzt
+fiel ihr das auf.
+
+Ob die beiden Männer von dem Mädchen irgend etwas wußten?
+
+Aber was?
+
+Und die beiden verheirateten Frauen flüsterten miteinander so leise.
+
+Worüber?
+
+Vor den Augen der Gepeinigten flimmerte es, ein langer stechender
+Schmerz durchschnitt sie.
+
+»Gott im Himmel – Hedwig,« ächzte sie halblaut, um nur irgend etwas zu
+sagen, »ich möchte – du solltest – etwas singen – so lange habe ich
+nichts gehört.« Sie schauerte zusammen.
+
+Alle riefen Beifall. Der Förster, der dem Rheinwein zu stark
+zugesprochen hatte, schwankte nach dem alten Klavier, das in der Ecke
+stand, und trug grunzend zwei Lichter herbei. Paula Schirmer sorgte für
+einen Stuhl, und Hedwig erhob sich willig, um aus dem guten Zimmer die
+Noten zu holen.
+
+In dem Nebenraum herrschte Dunkelheit.
+
+Sofort ergriff der junge Brachwitz, der das Mädchen nicht mehr aus den
+Augen gelassen, einen der Leuchter und folgte Hedwig galant mit dem
+Lichte.
+
+Und wie von selbst fiel die Tür hinter beiden ins Schloß.
+
+Und jetzt sah der Edelmann, wie das schöne Mädchen über dem
+Notenschränkchen gebückt stand und suchte.
+
+Voll und reif boten sich die edlen Linien dieses jugendlichen
+Frauenleibes dar, in ihren Wangen strömte das Blut, über den braunen
+Haaren schienen im Schimmer des Lichts knisternde Goldfunken zu tanzen,
+und Brachwitz sauste und summte das Blut ungestüm in den Adern, ebenso
+unbezähmbar wie damals, als er das halbe Verbrechen, die grenzenlose
+Roheit gegen sie verübt hatte.
+
+Wieder konnte er dem weichen, trotzigen Zauber, den dieses Weib
+ausströmte, jener schweigenden, üppigen Verlockung nicht widerstehen.
+
+Und die aufkochende, jede Vernunft überschäumende Tollheit machte ihn
+völlig besinnungslos.
+
+»Hedwig,« flüsterte er, in seiner Spannung erzitternd, und griff keck
+nach ihrer Schulter: »Antworten Sie mir doch endlich. – Können Sie denn
+die Dummheit von damals nicht vergessen?«
+
+Wie langsam und schwerfällig sie sich aufrichtete! Und jetzt bemerkte
+Brachwitz mit Schrecken, welch eine Veränderung in ihrem Antlitz
+vorging. Starre Marmorblässe jagte das eben noch so prangende Rot, alles
+an ihr schien so gelähmt, so unbeweglich, nur die großen Augen richteten
+sich haßerfüllt, und doch mit flammendem, unausgesprochen begehrlichem
+Feuer auf den Bedränger, so daß der Reiter verwirrt und schwankend die
+Hand von ihrer Schulter gleiten ließ.
+
+War das Zorn, war es Sehnsucht, was ihm da entgegensprühte?
+
+»Liebe Hedwig, wenn – –«
+
+»Still – ich will das nicht –« befahl sie flüsternd und heiser.
+
+»Aber Sie wissen ja nicht – –«
+
+Jedoch unvermittelt unterbrach er sich und trat zurück.
+
+Was war das?
+
+Mit einer einzigen Bewegung glitt sie auf ihn zu, ganz dicht stand sie
+vor ihm, ihr Mund verzog sich, die Lippen bebten lechzend, als ob sie
+ihn küssen oder ihm die Zähne ins Fleisch schlagen wolle. Jede Fiber
+zuckte und zitterte in dem schönen Gesicht, und ohne Überlegung,
+zusammenhanglos, sich die Hände vor die Augen schlagend, stieß sie
+hervor: »Nein, Sie wissen nicht – Sie – Sie wissen nicht, was Sie aus
+mir gemacht haben – Sie – –«
+
+»Was denn?« flüsterte Brachwitz verlegen.
+
+Als sie seine Stimme vernahm, fuhr das Mädchen auf, wie wenn sie
+plötzlich erst zum Bewußtsein ihrer Lage käme.
+
+Wortlos, keiner Bewegung mächtig, starrte sie ihn an.
+
+Was hatte sie nur vorgebracht? – Hatte sie ihm etwa das dunkle, häßliche
+Geheimnis verraten, das ihre Seele, ihr Denken seit jenem einen Tag
+befleckte und verdarb? Das ängstlich behütete, das aussätzige Geheimnis,
+das ihr heimlich Schrecken und Entsetzen einflößte?
+
+Hedwig fühlte, daß sie dieses wortlose Gegenüberstehen nicht lange würde
+ertragen können, daß irgend etwas Schreckliches, Ungeahntes eintreten
+müßte.
+
+Er begann wieder zu lächeln.
+
+Jenes gutmütige, frech zutrauliche Lächeln, das sie schon damals wehrlos
+gemacht.
+
+Ihre Brust flog. O! wenn doch jetzt jemand in das einsame Zimmer treten,
+oder wenn sie Mut genug besitzen möchte, den Bedränger zur Seite zu
+werfen. Aber nichts regte sich.
+
+Und er hatte die Verwegenheit, seine Augen mit dem heißen Ausdruck des
+künftigen, sicheren Besitzes in die ihren zu tauchen, ein Verführer, der
+seiner erprobten Macht sicher ist, und jetzt setzte er langsam das Licht
+aus der Hand. Hedwig staunte ihn an.
+
+»Was nun wohl folgen wird?« dachte sie dumpf. Aber da – Gott sei Dank,
+sie hatte es ja erwartet, da ging endlich, endlich die Tür, Wilms große
+Gestalt stand plötzlich neben den beiden, und mit warmer Dankbarkeit
+hörte das Mädchen, wie ihr Schwager nach einer unangenehmen Pause
+unsicher und gepreßt zu dem Grafen sagte, er wolle mit ihm ein paar
+Worte ungestört über die Pachtverhältnisse sprechen. Der junge Herr
+solle es nicht übel nehmen. – Gott sei Dank, diese entsetzliche Minute
+war vorüber. Von da an geschah alles in wilder Hast. Jeder von den drei
+Menschen in der frostigen Stube schien das Geheimnis der anderen zu
+ahnen. Man sprach und rechtete, ohne innerlich bei der Sache zu sein.
+Der Pächter bat um Herabsetzung seiner Lasten, der Graf zuckte
+widerwillig die Achseln und meinte, daß das alles Sache seines Vaters
+wäre. Schließlich kam man überein, daß der Pächter in den nächsten Tagen
+den alten Gutsherrn persönlich aufsuchen solle. Vielleicht könnte auch
+Hedwig die Vermittlung übernehmen, da der alte Brachwitz gegen Wilms zu
+schlecht gestimmt sei.
+
+Hedwig?
+
+Beide Männer schwiegen wie auf Verabredung und blickten sonderbar auf
+sie hin.
+
+Wollte man sie herausfordern?
+
+»Ja, ja, ich komme,« nickte sie halb geistesabwesend und doch ihre alte
+Kraft zusammenraffend.
+
+Und dann empfand Hedwig alles Spätere gleichsam wie durch einen dicken
+Nebel hindurch.
+
+Wie man wieder in das große Zimmer zurückgekehrt war. Wie sie dann am
+Klavier gestanden, und, von Paula Schirmer begleitet, das Heinesche Lied
+gesungen:
+
+ »Täglich ging die wunderschöne
+ Sultanstochter auf und nieder
+ Um die Abendzeit am Springbrunn,
+ Wo die weißen Wasser plätschern.«
+
+Wie es dann so still um sie her geworden und plötzlich ein wildes
+Durcheinander entstanden war. Else hatte schon längst zitternd und aller
+Kräfte beraubt dagesessen, beim Schluß des Liedes stieß sie vor
+Anstrengung bewußtlos einen klagenden Ruf aus und sank ohnmächtig
+zusammen.
+
+Hedwig erinnerte sich noch, wie blaß und leichenhaft schön ihr das
+Antlitz der Schwester erschienen war. Scheu und hastig waren dann die
+Gäste enteilt, Wilms und das Mädchen hatten die Ohnmächtige entkleidet
+und, als sie wieder den ersten Seufzer von sich gab, zu Bett gebracht.
+
+Auf einem Sofa, neben dem Krankenlager, schlief Hedwig diese Nacht Hand
+in Hand mit der Schwester, die ihre Finger wie ein trostspendendes
+Amulett umspannt hielt.
+
+
+
+
+IX.
+
+
+Am nächsten Morgen ganz in der Frühe kam der Arzt. Es war der
+Kreisphysikus aus Grimmen, der die Leidende allwöchentlich besuchte und
+als Freund des alten Rendanten die beiden Schwestern seit ihrer Kindheit
+kannte.
+
+Ein kleiner, fetter, fröhlicher Herr, behaftet mit einem unförmlichen
+Bauch, einem verwitterten roten Weintrinkergesicht und mit einer
+burschikosen Neigung zu allen hübschen Mädchen und Frauen, trotzdem er
+in seiner eigenen Familie deren bereits eine stattliche Anzahl besaß.
+
+Schon bei seinem Eintritt begrüßte der kleine Dr. Rumpf die Anwesenden
+mit einem lauten: »Morgen, Kindtings; na, wie geht’s?« stiefelte mitten
+in das große Zimmer hinein und blieb dort ein wenig verwundert stehen.
+
+In dem Bett lag die Kranke so unbeweglich und weiß, als wenn sie bereits
+verschieden wäre. Und der Mann, sowie das junge Mädchen am Kopf- und
+Fußende schienen gleichfalls schon viele Stunden an dem Lager zu
+wachen.
+
+Das stimmte den Arzt doch bedenklich.
+
+Als aber Else langsam und begrüßend die abgezehrte Hand gegen ihn
+ausstreckte, ermannte sich Dr. Rumpf, schritt schnell an das Bett und
+küßte seiner Patientin zuvörderst zärtlich die Hand.
+
+Sein stachliger, weißer Knebelbart kratzte dabei die Ärmste, daß sie das
+Gesicht vor Schmerz verzog.
+
+»Schlimmer, mein Kindting?« fragte er teilnehmend, ohne sich um die
+andern zu kümmern, »schlimmer?« Damit entblößte er ungeniert die Brust
+der Kranken, horchte aufmerksam herum und schüttelte endlich den Kopf.
+
+Wenn der Physikus so sehr zärtlich wurde, so galt es immer für ein
+schlechtes Zeichen.
+
+»Herr Doktor,« hauchte die Liegende kaum hörbar, »steht es sehr trostlos
+mit mir? – Sagen Sie es – sagen Sie es, bitte,« wiederholte sie
+dringend, »ich bin ja auf alles gefaßt.«
+
+»So? gefaßt? ja, ja, mein Liebchen,« murmelte der Doktor achtlos und
+bewegte im Selbstgespräch die Lippen. »Raus,« schloß er plötzlich sein
+Nachdenken und machte den beiden anderen eine energische Bewegung mit
+dem Kopf, daß sie sich entfernen sollten.
+
+Wilms und Hedwig begaben sich in das niedrige frostige Wohnzimmer mit
+den grünen Ripsmöbeln.
+
+Matt und in sich versunken lehnte das Mädchen hier auf dem Sofa, über
+das noch immer der graue Leinwandbezug gezogen war, während Wilms
+schweigend durch das einzige Fenster auf den Hühnerhof hinausblickte.
+
+Seit dem gestrigen Abend hatten die beiden noch kein Wort miteinander
+gewechselt.
+
+Ein seltsames Schweigen herrschte wieder zwischen ihnen.
+
+Eine lange, bange Viertelstunde verstrich.
+
+Dann trat der Physikus endlich breitbeinig herein und schloß die Tür
+hinter sich zu.
+
+»Nun, Herr Doktor?« fragte Wilms dumpf, der sich im selben Augenblick
+zurückgewendet hatte. Aus den grob gemeißelten Zügen des Mannes sprach
+arbeitende, zurückgedämmte Angst, die ihm die Augen stier aus den Höhlen
+heraustrieb und sich auch Hedwig mitteilte. Aber sonderbar! Als sie
+ihren Blick flüchtig über den zitternden Riesen fortgleiten ließ, da
+drang zugleich ein spöttisches Mitleid gegen diesen besorgten Gatten in
+ihr Denken.
+
+Mitten in ihrer Spannung lächelte sie spöttisch.
+
+»Können Sie mir denn nicht ein bißchen Trost schenken?« stammelte der
+Pächter von neuem. »Ich kann’s ja gar nicht mehr mit ansehen.«
+
+»Trost? – hm ja.« – Der Physikus ließ seinen dicken Leib schwerfällig in
+einen Polsterstuhl fallen und streichelte Hedwig, die sich erhoben
+hatte, freundlich die Hand.
+
+»Na, Kindchen, immer hübsch artig hier draußen?«
+
+»Ich will Ihnen was sagen, lieber Wilms,« fuhr er dann ganz ernsthaft
+fort, »das Unterleibsleiden Ihrer Frau hat sich verschlimmert.«
+
+»Großer Gott – das – das hätt’ ich nicht erwartet.«
+
+Der Pächter murmelte es in stumpfer Verzweiflung und lehnte sich, nach
+Atem ringend, an die Wand. Und nach einer Weile brachte er hervor: »Das
+ertragen wir nicht, sie nicht, und ich nicht.«
+
+»Armer Kerl,« murmelte der Physikus und schüttelte bedenklich den Kopf,
+»leider werden sich jetzt noch Krampfanfälle einstellen – ich hab’ mir’s
+längst gedacht, längst. Und dann – –«
+
+»Und dann?« unterbrach ihn Hedwig heftig und scharf und trat
+aufgerichtet vor den Arzt hin. »Nun muß doch etwas Energisches
+geschehen, lieber Herr Doktor. Man kann es doch nicht einfach so
+fortgehen lassen. Wollen Sie es nicht mit einer Operation versuchen?«
+
+In ihrer Heftigkeit stampfte sie leicht mit dem Fuß und preßte die Hände
+gegeneinander.
+
+»Eine Operation?« knurrte der Physikus in sich hinein. Er schüttelte den
+Kopf, erhob sich ächzend und begann eine Wanderung durch die Stube. So
+oft er dabei an dem Landmann vorüberkam, drehte er ein bißchen an dessen
+Rockknöpfen; streifte er dagegen an Hedwig, so nickte er ihr in seinem
+Selbstgespräch gedankenlos zu.
+
+Endlich blieb er stehen und, indem er sich befriedigt den weißen
+Stoppelbart rieb, als wenn dieser hauptsächlich an der Entwickelung
+vorzüglicher Gedanken beteiligt wäre, gab er laut und bestimmt sein
+Urteil ab: »Nein, keine Operation; aber sie muß in ein Solbad – ja, ja –
+ganz recht – und zwar sofort, denn es ist die allerhöchste Zeit.«
+
+»In ein Bad?« wiederholte Wilms verwirrt, während er sich langsam über
+die Stirn strich.
+
+Und ihm fiel wieder die unselige Schuld ein, die uneingelöste, und wie
+ihm beinahe alles fehlte, um nur die Haushaltung zu bestreiten. Die
+Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, nur mit schwerer Zunge konnte
+er einwerfen: »Aber – aber die Mittel dazu werden wohl sehr große sein?«
+
+»Ja, billig ist’s nicht,« meinte Dr. Rumpf und sah den Pächter
+teilnehmend an: »Also morgen schreibe ich Ihnen, wohin Ihre Frau zu
+gehen hat.«
+
+Damit verabschiedete er sich, ergriff seinen Stock, schüttelte Wilms die
+Hand und wollte eben dem Mädchen väterlich galant die Fingerspitzen
+küssen, als er ordentlich erschreckt von ihr zurückfuhr und mit lautem
+Ruf aus seiner Brusttasche einen mehrfach versiegelten Brief
+hervorbrachte. »Das hätte ich beinahe vergessen,« strafte er sich
+selbst, »Kindchen, hier – dein Vater hat es mir mitgegeben. – Es ist
+Geld drinnen, und er sagte mir, daß du es bereits erwartest. Ei, das
+wäre ja eine schöne Geschichte geworden. Was? Na, adieu, Kindting.«
+Damit schritt Dr. Rumpf breitbeinig und ehrwürdig zur Türe hinaus und
+fuhr geradeswegs zur Försterin, deren zarte Haut noch am Abend allerlei
+Kratzabzeichen aufwies, die des Physici Stoppelbart und seine
+Heilmethode jedesmal hinterließen. – – –
+
+In der ungemütlichen »guten Stube« des Pachthauses blieben die zwei
+Menschen allein.
+
+Beide sahen sich an, der Landmann scheu und mit Herzklopfen, das Mädchen
+fest und beinahe auffordernd, als erwarte sie, der Schwager möchte sie
+nun fragen, warum sie sich das Geld habe nachsenden lassen.
+
+Bezeichnend drückte sie den Brief gegen ihre Brust und ließ ihre braunen
+Augen ermunternd an den seinen hängen, jedoch Wilms schwieg und biß die
+Lippen fest zusammen.
+
+Eine Demütigung sollte nun folgen – »nur kein Geld von ihr – nur das
+nicht«, fuhr es ihm durch den Sinn, und er raffte sich auf und wollte
+hinausgehen.
+
+Da tönte aus dem Krankenzimmer eine schwache, röchelnde Stimme
+dazwischen.
+
+»Wilms – Hedwig – kommt zu mir.«
+
+Beide erschraken.
+
+Es klang so fern, so geisterhaft.
+
+Nun mußte es geschehen.
+
+Ehe es sich Wilms versah, stand Hedwig dicht vor dem Landmann, und
+bewußt und als gäbe es keinen Widerspruch, drückte sie ihm mit einem
+festen Blick den Brief in die Hand.
+
+Er schob ihn zurück, als ob das Papier zwischen seinen Fingern beißendes
+Feuer würde, aber heftig, zornig stieß das Mädchen das Dargebotene noch
+einmal von sich.
+
+»Kommt doch zu mir,« klagte es abermals von drinnen, »weshalb bleibt
+ihr so lange?«
+
+»Hedwig – was soll ich damit?« stammelte Wilms, auf den Brief weisend.
+
+»Schnell! – Es sind 5000 Mark – ein Drittel meines Erbteils – Wilms,
+damit mußt du dir helfen und dann Elses Reise bezahlen, hörst du?«
+
+»Ich kann nicht – ich darf ja nicht, Hedwig.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Weil – weil – –« er fand keine Antwort und hielt nur, wie von Ekel
+erfaßt, das Geld weit von sich.
+
+»Willst du gerade mir nicht verpflichtet sein?«
+
+»Ja,« stöhnte er.
+
+»Und aus welchem Grunde?«
+
+»Weil – –«
+
+Dem Bauern flimmerte es vor den Augen, die Kehle war ihm wie
+zugeschnürt. O, er fühlte deutlich, daß er das Geld nicht nehmen dürfe,
+weil dieses Mädchen, das so blühend, so kräftig vor ihm stand, weil
+dieses schöne fremde Weib sich in sein Denken geschoben hatte, sündhaft
+und abscheuerregend und dennoch etwas Unerkanntes in ihm erweckend, das
+sich qualvoll und erfrischend zugleich in ihm emporhob.
+
+»Und wenn ich dich so recht darum bitte?« drängte Hedwig einfach und
+legte ihm vertrauensvoll die Hand auf die Schulter.
+
+Beide blickten sich eine Sekunde lang an.
+
+Da war es wieder. Da brach es wieder aus ihm hervor. Wilms zitterte am
+ganzen Körper, tausend widersprechende Stimmen schrien in ihm
+durcheinander.
+
+»Schlag sie nieder,« reizten die einen.
+
+»Hast du nicht lange genug ein Weib entbehrt?« flüsterten die andern,
+»umarm’ sie, küss’ sie.«
+
+»Großer Gott, was machst du aus mir, Hedwig?« stieß er tonlos hervor.
+»Ich darf ja nicht!«
+
+»Und Elsen willst du nicht helfen?« bat sie von neuem. Noch niemals
+hatte sie so sanft zu ihm gesprochen.
+
+Aus dem Krankenzimmer drang ein matter, ersterbender Laut.
+
+Da preßte Wilms plötzlich mit seiner brutalen Riesenkraft ihre beiden
+Hände in die seinen, die noch den Brief umschlossen, und näherte sein
+Haupt dem ihren, als ob er dem Mädchen etwas zuraunen wollte. Aber kein
+Wort ging über seine Lippen, er sah sie nur an, und erst nach geraumer
+Zeit drang es stückweise hervor: »Ich nehm’ es ja – wenn du es willst –
+denn du bist gut – ja du bist gut.«
+
+Es war wie ein geheimes Einverständnis über beide gekommen. Und jetzt
+lächelte sie ihn auch frisch und freimütig an, als sie ihn bat, nach
+seiner Wirtschaft zu sehen, denn sie selbst würde Else alles, was über
+die bevorstehende Reise beschlossen sei, schonend und ruhig mitteilen.
+
+Er nickte und wandte sich langsam ab. Aber noch an der Tür streckte er
+ihr in überwallendem Gefühl zum zweitenmal die Hand entgegen.
+
+Hedwig stand noch immer und lächelte.
+
+»Geh nur.«
+
+»Ja, ja,« murmelte Wilms wie im Traum, und mit einem langen Blick: »Du
+bist gut.«
+
+
+
+
+X.
+
+
+Am Nachmittag waren die beiden Schwestern allein. Wilms war in die Stadt
+gefahren, um Herrn Rosenblüt das vorgeschossene Geld zurückzuzahlen.
+
+Es war gerade der achte Tag.
+
+Und so waren die beiden Frauen auf sich selbst angewiesen. Bewegungslos
+lag die Kranke in ihrem Bett, vor sich die Bibel, auf deren Deckel sie
+leise hin- und herkratzte, und starrte apathisch auf den Hof hinaus, der
+sich bereits in Dämmerung hüllte.
+
+Hedwig hatte bis dahin munter und emsig an einer eleganten
+Seidenstickerei gearbeitet, jetzt aber ließ sie sich ebenfalls am
+Fenster nieder, und den Kopf auf die Hand gestützt, träumte sie nun,
+leise eine Melodie summend, in den sinkenden Tag hinaus.
+
+Dunkelrot ging die Sonne hinter der Scheune zur Rüste. Einen Augenblick
+lang war das ganze Zimmer in magischen Glanz getaucht, selbst das
+Antlitz der Kranken strahlte in wunderbarer Pracht.
+
+»Wie schön du bist, Hedwig,« murmelte die Liegende, als ihr Blick die
+Schwester traf, auf deren goldbraunen Haaren die Lichter purpurn, wie in
+Verklärung spielten. Und gleich darauf wimmerte sie: »Gott – so war ich
+auch einmal, und nun elend, gelähmt, immer auf fremde Leute angewiesen.«
+
+»Jesus Christus,« schrie sie plötzlich in ekstatischer Glut und hob die
+abgemagerten Hände in die leuchtende Höhe, daß sie wie mit Blut befleckt
+erschienen. »Nimm mich doch zu dir, mach doch ein Ende mit mir elendem
+Krüppel – ich ertrag’s ja nicht länger, wenn ich andere sehe, so schön,
+so jung, und ich – – ach, in dem Bade wird’s ja auch nicht besser
+werden.«
+
+Hedwig rührte sich nicht.
+
+Die Kranke starrte ängstlich nach ihr hin und schien sie etwas fragen zu
+wollen, aber nur ihre Brust hob sich etwas flüchtiger als sonst.
+
+Da schlich der alte Krischan, der zahnlose, taube Greis, ins Zimmer,
+legte mit seiner zitternden Hand ein Zeitungsblatt auf den Tisch, und
+entfernte sich wortlos, wie er erschienen war.
+
+Seit Hedwig auf dem Pachthof weilte, wurde ihr aus der Stadt eine
+Zeitung nachgesandt; und eilfertig erhob sich das Mädchen deshalb, um
+die Lampe zu entzünden und einen Blick in das Blatt werfen zu können.
+
+»Hedwig,« rief die Kranke mit zitternder Stimme dazwischen, als das
+Mädchen bereits ruhig ein paar Minuten im Schein der Lampe die
+Tagesereignisse verfolgt hatte. Dabei war der Leserin allerdings
+entgangen, wie ihre Schwester keinen Blick von ihr verwandt hatte,
+obgleich sie sich erregt hin und her warf.
+
+»Willst du jetzt schon deine Medizin nehmen?« fragte die Gerufene
+willig, indem sie die Zeitung hinlegte.
+
+»Nein, mein Kind, noch nicht – ich möchte, – setze dich doch her zu mir
+ans Bett, – – Wenn ich nun doch in das Bad soll, dann werden wir ja
+nicht mehr lange so sitzen.«
+
+Schweigend folgte Hedwig dem Wunsch der Schwester und setzte sich auf
+einen Korblehnstuhl, der zu Häupten des Bettes stand.
+
+Die Kranke kauerte sich mit ihrem Kopf ganz in die Nähe der Schwester,
+ergriff schließlich Hedwigs Hand und legte sie sich auf die Brust.
+
+Deutlich fühlte das Mädchen, wie keuchend und rasch der Atem ging.
+
+Eine Zeitlang verharrte sie so, als jedoch nach einer Weile die Jüngere
+von neuem nach der Medizinflasche griff, schüttelte Else nervös den Kopf
+und fragte überstürzt, als ob ihr dies schon lange auf der Seele
+gelegen hätte:
+
+»Hedwig, ich wollte dich einmal fragen, gefällt es dir denn bei uns?«
+
+Es lag etwas so Ängstliches im Ton der armen Frau, daß Hedwig unruhig
+wurde.
+
+»Gewiß,« gab sie rasch zurück, »überdies kam ich doch auch nur, um dich
+zu pflegen –«
+
+Die Kranke richtete sich mühsam auf: »Und was denkst du – von Wilms?«
+fuhr sie hastig fort, ohne auf das eben Gehörte einzugehen.
+
+Hedwig erschrak. Sie wußte selbst nicht warum. Unwillkürlich mußte sie
+sich gerade jetzt daran erinnern, wie eisern fest Wilms heute vormittag
+ihre Hände umklammert hatte. Dem starken Mädchen wurde plötzlich das
+Alleinsein mit der aufgeregten Kranken drückend und unheimlich.
+
+»Kannst du ihn leiden?« forschte die letztere dringender, und umschlang
+in ihrer sitzenden Stellung den Hals der Schwester.
+
+»O ja« – murmelte diese verwirrt – »dein Mann macht einen braven,
+rechtschaffenen Eindruck. Und vor allen Dingen scheint er um dich so
+aufrichtig besorgt.«
+
+»Glaubst du?« seufzte die Kranke erleichtert auf. – Dann drückte sie
+sich erregter an die Schwester, so daß ihre Wange an der Hedwigs ruhte.
+
+Schaudernd empfand die Jüngere die Berührung der feuchten
+fiebergeschüttelten Haut, ja ein leiser Widerwille beschlich sie, als
+sie von der Kranken jetzt heiß und zärtlich auf die Wange geküßt wurde.
+
+»Ja, Gottlob,« raunte die Ärmste dabei dicht vor dem Ohr der Schwester.
+»Er liebt mich noch immer. – Aber – aber – o Gott, Hedwig, ich will dir
+etwas anvertrauen. Sieh, wenn ich dich sehe, so schön und gesund, gerade
+wie ich jetzt auch sein könnte, wenn ich mir unsere fröhliche Jugendzeit
+vorstelle, dann ist es mir manchmal, als ob ich Wilms – o Gott –
+verzeih’ mir die Sünde, rechne es mir nicht an, aus mir spricht ja nur
+das Elend« – wimmerte sie dazwischen – »Hedwig, dann ist es mir
+manchmal, als ob ich meinen Mann haßte, – hörst du? – der mich zu
+alledem gemacht hat. Bitter und giftig, wie ich noch nie einen Menschen
+gehaßt habe. Und dabei – ach, du kannst es ja nicht verstehen – dabei
+sehne ich mich ja so nach ihm, dabei muß ich immer an die ersten Monate
+unserer Ehe denken, wo ich so glücklich bei ihm war und wir uns
+herzten,« sie zuckte zusammen und riß die glänzenden Augen weit auf.
+
+»Nein – nein – nein – ach, du mein Gott, was sag’ ich nur alles – das
+ist ja alles Todsünde – Hedwig, glaube kein Wort davon, ich fiebere –
+höre nicht darauf.«
+
+Und unvermittelt hob sie laut an zu beten; wirr durcheinander, mit den
+Worten des Psalms:
+
+ »Herr Gott, mein Heiland, wie schreie ich Tag und Nacht vor dir.
+ Du hast mich in die Grube hinuntergeleget in die Finsternis.
+ Wirst du unter den Toten nicht endlich ein Wunder tun? –
+ Erbarm’ dich meiner – Sela – Sela.«
+
+Nach diesem Ausbruch fiel sie, wie ein lebloser Stein, schwer und dumpf
+in ihre Kissen zurück, und blieb mit langsam verlöschenden Augen liegen.
+
+Kalt durchfröstelt, und doch voller Widerwillen gegen diese ekstatische
+Art flößte Hedwig der Erschöpften, welche die Zähne krampfartig
+zusammenbiß, einige Tropfen der beruhigenden Medizin ein. Dann wischte
+sie ihr den Schweiß von der Stirn, was die Leidende alles mit denselben
+erstarrten, ausdruckslosen Zügen geschehen ließ.
+
+Fast eine Stunde verrann so.
+
+Kein Laut regte sich mehr in dem großen Zimmer. Traulich dämmernd, wie
+immer, verbreitete die große Stehlampe ihr Licht, und Hedwig saß an dem
+Bett und sah scheu auf die Frau hin, die ihren Mann als den Zerstörer
+ihrer Gesundheit haßte und sich zugleich nach ihm sehnte in einer
+wilden, unreinen Leidenschaft.
+
+»Unrein?«
+
+Mit schwachem Lächeln zuckte die Pflegerin die Achseln und lenkte ihre
+Gedanken wieder auf sich selbst und jene eine Begebenheit zurück, wo
+zuerst ein Mann ihren Lebensweg gekreuzt hatte. Nur trat ihr dabei, so
+sehr sie sich auch Mühe gab, nicht der freche Brachwitz vor Augen –
+nein, seltsam – beinahe lächerlich – immer fort, und je länger desto
+deutlicher, drang der starke Wilms auf sie ein, faßte sie an beiden
+Armen und beugte sich über sie, immer gewaltsamer – mit seinem ehrlichen
+Gesicht, das doch so roh und zornig blicken konnte. O, es war ein so
+schmerzhaftes, unselig-frohes Gefühl. – – Und sie sagte sich in ihrem
+Hinträumen, daß alles nur der Nachklang von Elses Erzählung wäre, und
+sie stellte sich vor, wie warm und weich ihre Schwester wohl an Wilms
+Halse gehangen hätte, und dennoch – und dennoch – die Ahnung wurde immer
+deutlicher, bis sie sich schaudernd aufraffte und sich schüttelte.
+
+Verwirrt strich sie ihr braunes Haar zurecht.
+
+Aus der großen Kastenuhr schlug es achtmal.
+
+»So spät schon? – Wo Wilms nur bleiben mochte?« Und wieder erschrak sie
+darüber, daß sie ihn erwarte.
+
+Da – sie fuhr auf.
+
+Sprach ihr zur Seite nicht etwas?
+
+»Ach, mir ist viel besser,« flüsterte die Kranke leise sich regend und
+legte ihre feuchte Hand wieder auf die der Schwester: »Du bist auch so
+still und sanft, mein süßes Heting.«
+
+Wohl eine Stunde hatte die Ärmste vor Ermattung in tiefem Schlummer
+gelegen, jetzt erhob sie sich müde und zerschlagen und blickte sich
+dumpf im Zimmer um.
+
+»Ist Wilms noch nicht zurück?«
+
+»Nein, noch nicht.«
+
+»Wo fuhr er denn hin?«
+
+»Nach Grimmen.«
+
+»So?« murmelte die Kranke in sich zusammensinkend – »Erzählte er dir
+das?« Und nach einiger Zeit setzte sie gleichgültig hinzu: »Er hat wohl
+viel Vertrauen zu dir?«
+
+»Ja, ich denke.«
+
+Die Kranke nahm von Hedwigs Hand ihre Medizin, das Mädchen schlug ihr
+die Kissen zurecht, sodaß sich die Leidende besänftigt und ruhiger als
+bisher ausstrecken konnte.
+
+Dann lag sie und blickte ihrer schönen Schwester mehrere Minuten lang
+unausgesetzt und grübelnd ins Gesicht. Hedwig schoß das Blut in die
+Wangen.
+
+Sie wußte selbst nicht warum.
+
+»Wünschst du etwas?« forschte sie rasch.
+
+»Nein, nein, nichts. Komm, mein Liebling, ich will dich etwas fragen –
+Ich bin doch deine Schwester, und du bist nun erwachsen – Sieh, da
+möcht’ ich gern wissen, mein Heting, – du darfst es mir aber nicht übel
+nehmen – ob du – was du dort drüben so in der Pension erlebt hast?«
+
+Es klang ein wenig ängstlich, aber doch mehr zudringlich und neugierig.
+
+Statt einer Antwort lehnte sich Hedwig tief in ihren Lehnstuhl zurück
+und schloß die Augen. – Es war ihr, als senke sich die Decke des
+niedrigen Zimmers immer tiefer auf sie herab, als fehle es ihr an Luft,
+als wäre alles zu eng und öde auf diesem weltverlassenen Pachthofe. –
+Was wollte nur die Schwester mit dieser albernen Frage? – Wieviel
+Spießbürgerlichkeit lag darin. Was ging sie das alles an?
+
+»Ah, jetzt verstehe ich dich,« sagte sie endlich mit ihrer klaren
+Stimme. »Du denkst an das, was Graf Brachwitz gestern erzählte.«
+
+Sie zog dabei die Arme hinter das Haupt und schaukelte mit dem Stuhl
+leise hin und her.
+
+»Ja, ja,« pflichtete Else bei, »das geht mir gar nicht aus dem Kopf. Und
+daß gerade die beiden Frauen dabei waren. Es klang alles so dunkel,
+Hedwig, sag’ mir doch, mein Liebling, was hattest du mit dem Grafen?«
+
+»Was ich mit ihm hatte?«
+
+»Ja – du mußt mich recht verstehen – – ach, es regt mich so auf und jagt
+mir soviel Angst ein – – du bist ja auch noch so unerfahren – – diese
+schreckliche Unruhe hat mich seit gestern vollständig niedergeworfen. –
+Wir haben doch beide keine Mutter mehr, Hedwig, und da bin ich –«
+
+»Was ich mit ihm hatte?«
+
+Über das Antlitz der Jüngeren glitt ein kaltes, merkwürdiges Lächeln,
+das wohl dem häßlichen Ausdruck galt, welchen die Kranke gewählt hatte.
+Dann dehnte sie ihre volle, im Sessel ruhende Gestalt und schüttelte den
+Kopf, als wollte sie damit das Gespräch ein für allemal abschneiden.
+
+»Hedwig, peinige mich nicht,« rief die Kranke plötzlich mit spitzer,
+gereizter Stimme. »Was hattest du mit ihm?«
+
+Die Jüngere wollte aufstehen. Die Gewöhnlichkeit des Ausdruckes stach
+sie geradezu, aber die Schwüle, die von dieser abgezehrten Frau ausging,
+die dumpfe Schwere, die bereits den kräftigen Wilms zermürbt hatte,
+preßte auch sie in ihren Stuhl zurück.
+
+»Willst du mir keine Antwort geben?«
+
+»Ja,« antwortete Hedwig.
+
+»Nun also – ich bitte dich.«
+
+»Ganz einfach, Else. – Der Graf ist, wie du weißt, ein Lebemann –«
+
+»O Gott – und?«
+
+»Du hörtest ja gestern. Deshalb drängte er sich, weil er viele hübsche
+Mädchen dort vermutete, in unsre Pension ein und versuchte dann allerlei
+lockere Tändeleien anzuknüpfen.«
+
+»Aber mit dir – Hedwig – mit dir?«
+
+»Mit mir?«
+
+»Ja.«
+
+Ein rascher Atemzug wurde hörbar. Der prachtvolle, junge Leib dieses
+schönen Weibes wand sich, als ob er eine schmerzhafte Berührung
+empfände, ein Schauer rieselte beinahe sichtbarlich über sie hin, dann
+aber stürzte es rasch und wie gehetzt über ihre Lippen:
+
+»Er hat einmal versucht, mich gewaltsam zu küssen – weiter nichts.«
+
+»Weiter nichts?«
+
+Zuvörderst ein langer befriedigter Seufzer der gesättigten Neugier. Dann
+raffte sich die Kranke mühsam auf und blickte die schlanke,
+zurückgelehnte Gestalt der Schwester mit furchtsamen, vor Erstaunen,
+Neid und Bewunderung glühenden Augen an.
+
+»Ja,« schoß es ihr durch die krankhaft erregten Sinne, während sie
+beinahe gierig nach dieser frischen Jugend hinstarrte, »ja sie ist
+verführerisch schön, dieses hingestreckte Ding mit den lichtbraunen,
+goldfunkelnden Haaren.« Und mit heftig erwachender Neigung überflog sie
+die blühende Gesichtsfarbe der Schwester, entzückte sich an dem
+verschleierten Leuchten und Blitzen der Augen und empfand, wie vornehm
+das straffe schwarze Kleid die ganze Gestalt umschloß.
+
+»Heting, mein süßes Kind,« stammelte sie und überdeckte unvermutet die
+Hand der Überraschten mit brennenden Küssen. Eine irre, praktische
+Hoffnung dämmerte dabei in ihr auf: »Liebt dich denn der Graf so sehr?«
+
+Hedwig zuckte zusammen und wurde sehr blaß.
+
+Else bemerkte es.
+
+»Laß das,« erwiderte die Jüngere endlich herb, erhob sich und schritt
+rasch bis zum Tisch, um an der Lampe zu schrauben.
+
+»Nein?« rief Else entsetzt, »ja aber aus welchem Grunde?«
+
+»Er ist einfach frech gewesen.«
+
+»Frech? – Großer Gott – Hedwig, dreh’ dich doch um – dann – dann
+durftest du ja hier gar nicht mit ihm zusammentreffen – wenn ich das
+gewußt hätt’ – – Du hast dich doch damals gewehrt? Nicht wahr?«
+
+»Ja,« flog es halblaut vom Tisch herüber.
+
+Es klang wie von zusammengepreßten Lippen.
+
+»Hedwig, du sollst dich umdrehen. – Ich will dich sehen können,« schrie
+die Kranke mit durchdringender Stimme.
+
+Und in demselben Augenblick wendete sich das Mädchen, und die Leidende,
+so erschöpft sie war, sah voller Verwunderung, wie Hedwig, die
+Medizinflasche in der Hand, mit ihrem sicheren, selbstbewußten Ausdruck
+und achselzuckend auf das Bett zuschritt.
+
+»Heting, mein Liebling,« flüsterte sie, »beruhige mich doch. Weiter ist
+zwischen euch nichts vorgefallen?«
+
+»Nichts,« entgegnete die andere, die Augenbrauen zusammenziehend.
+»Siehst du, daß du doch diese ganze dumme Geschichte viel zu ernst
+nimmst? Hier trink’ deine Medizin.«
+
+»Nein, laß noch – Heting – wirklich weiter nichts? – Weiter nichts?«
+
+War es möglich?
+
+Die Kranke schluchzte, flehte, bettelte plötzlich halb besinnungslos um
+eine Entgegnung und hob ihren mageren Körper weit in die Höhe.
+
+Eine Pause entstand.
+
+Die Gefragte blickte starr auf sie hin. Dann glitt von neuem ein
+verächtliches Zucken um die aufgeworfenen Mädchenlippen und kurz und
+gereizt kam die Antwort: »Ich bitte dich, gib dich nun zur Ruhe. Was
+soll denn noch alles vorgefallen sein? – Komm’, Else, du mußt deine
+Medizin nehmen.«
+
+So endete dieses Gespräch. Die Krankheit trat wieder in ihre Rechte. Es
+wurde spät. Jeder Laut auf dem Gute erstarb, und noch immer war Wilms
+nicht heimgekehrt. Erst als die große Kastenuhr bereits die elfte Stunde
+gemeldet hatte, hörten die beiden Schwestern seinen Wagen durch den
+Torweg rollen.
+
+»Wo ist Hedwig?« fragte Wilms noch unter der Tür. Aber er forschte
+vergeblich.
+
+Beim ersten Geräusch war Hedwig bereits aufgesprungen, hatte die
+Schwester auf die Stirn geküßt und war dann sofort in ihre Kammer
+hinaufgestiegen.
+
+»Schon zu Bett,« entgegnete die Kranke matt, und es fiel ihr nicht auf,
+daß der Pächter, der heute so frisch und froh und stattlich wie selten
+aussah, zuerst nach dem Mädchen gefragt hatte.
+
+Und siehe – eine Stunde später, da war der frohe Schein von seiner Stirn
+verschwunden.
+
+Zusammengeduckt saß der große Mann in dem Lehnstuhl, welchen Hedwig
+vorhin verlassen, und lauschte gedankenlos auf die raschen, röchelnden
+Atemzüge seines Weibes. Es war ganz dunkel ringsumher. Nur aus einem
+Glase flackerte ein auf Öl schwimmendes Nachtlichtchen heraus.
+
+Und der Mann saß und dachte an das, was ihm sein armes Weib eben
+anvertraut hatte.
+
+»Geküßt hatte sie der junge, lebenstrotzende Mensch?«
+
+Es war eine grobe Beleidigung – auch für den Landmann. Aber das fühlte
+er nicht.
+
+Er nickte und hockte und das Herz drückte ihm etwas weh und wund.
+
+»Ob sie sich wohl gewehrt hat?« dachte er müde.
+
+Ein Ächzen seines Weibes schob sich dazwischen. Er beugte sich leise zu
+ihr hinüber und fuhr ihr beruhigend mit seiner groben Hand über Wange
+und Hals.
+
+Und dabei irrten seine Gedanken wieder zu dem jungen Geschöpf, das dort
+oben unter dem Dach schlummerte, ebenso wie hier sein Weib, und das sich
+vielleicht sehnte und verlangend die weißen Arme nach dem Verführer
+ausstreckte.
+
+Halb betäubt vor Müdigkeit sank sein mächtiges Haupt endlich schwer auf
+die Kissen, so daß Else davon erwachte und zärtlich ihre Arme um seinen
+Nacken schlang.
+
+Und mit irrer Sehnsucht und verlöschendem Bewußtsein preßte er seine
+Lippen auf den abgezehrten Arm der Bedauernswerten und stöhnte in
+verzweifelter Seelenqual tief und markerschütternd auf.
+
+ * * * * *
+
+Aber als die Wünsche des unglücklichen Mannes scheu in das
+Dachkämmerchen drangen, wo er das schönere jüngere Weib auf seinem Lager
+ruhend vermutete, da hatte er recht geahnt, beinahe wie wenn sein
+geistiges Auge die Mauern hätte durchdringen können.
+
+Da lag sie, vor Lebensglut und Herzensangst zitternd, und streckte die
+weißen Arme aus. Aber nicht nach dem Verführer, nein, nach etwas
+anderem, Unbekannten, das sie nicht nennen konnte.
+
+Der Schlaf wollte sich nicht einstellen, unruhig, schauernd, sich selbst
+unerklärlich, warf sie sich herum, stützte den Kopf in die weichen Hände
+und schaute regungslos durch das kleine Fensterchen zum Sternenhimmel
+empor. Über das Strohdach, dicht über ihr säuselte der Nachtwind. Sie
+hörte das heimliche Geräusch, wenn er mit den losen Halmen spielte, und
+ihr war es, als schlüge wieder die heiße, glühende Stimme des jungen,
+frechen Edelmannes an ihr Ohr. Ihre Brust ging auf und ab. Und da – da
+stieg es wieder herauf – da sah sie von neuem das ganze Bild jener
+unseligen Stunde vor sich, deren Einzelheiten sie vorhin ihrer Schwester
+so sorglich verborgen hatte.
+
+Da fand sie sich wieder in dem kleinen Pensionsstübchen, ein vor
+Überraschung und Angst gelähmtes Geschöpf, das von dem liebestollen
+Eindringling mit Küssen überdeckt wird, – das vor Scham nur leise Bitten
+hervorstammeln und um Schonung flehen kann, und das, nachdem einmal die
+Binde roh von seinen Augen gerissen ist, sich wehrt, – wehrt mit
+verzweifelter, glühender, endlich siegreicher Kraft gegen einen
+Angriff, von dem sie ahnt, daß er ihr etwas Kostbares, Höchstes rauben
+muß! Großer Gott, was ist seitdem aus ihr geworden? – Was!! Sie wirft
+sich nieder und preßt ihr Gesicht in die Kissen. Seitdem ringt sie ja
+täglich so. Nicht mit dem einen, nein, mit allen, allen. Sie schleicht
+sich in ihrer Vorstellung an diese Rohen, Verhaßten heran, wie das
+hungrige Meer dort drüben nahe der Insel, das gegen die Felsblöcke
+schlägt und donnert, und das die Steine zu sich herabziehen will, um sie
+zu küssen, zu umarmen und zu ersäufen.
+
+»Großer Gott!« – Sie will beten. Aber sie kann nicht beten. Sie verlacht
+ja den geoffenbarten Glauben. Das hat sie auch drüben gelernt von ein
+paar schwedischen Mitschülerinnen, welche ihr all jene Bücher geborgt
+haben, die wie Sturmwind Nebel und Wolken verjagen, aber auch das Meer
+der Leidenschaft immer wilder in die Höhe peitschen.
+
+Jetzt schäumt’s und brandet’s. Hui, der Sturm pfeift.
+
+Großer Gott – Großer Gott.
+
+Und dann stößt sie die Decken von sich, daß der Mond ihre weißen Glieder
+küßt, und weint bitterlich.
+
+Frühlingsschauer!
+
+
+
+
+Zweites Buch.
+
+I.
+
+
+Wilmshus liegt versunken im tiefen Schnee. Zeitig ist der Winter
+hereingebrochen und hat den öden Pachthof völlig verschneit. Und doch
+regt sich Leben in der weltabgeschiedenen Besitzung. Seit die Kranke,
+von Hedwig begleitet, in dem fernen Solbad weilt, ist der lastende
+Zauber von der Wirtschaft gewichen.
+
+Lichter Rauch steigt aus dem Schornstein in die blaue, kalte Luft, Wilms
+steht mit seinen großen Transtiefeln, das Wams bis an den Hals
+zugeknöpft, frisch und rüstig auf dem Hof und läßt die Scheunen
+ausbessern, Viehzucht und Molkerei gedeihen, überall Tätigkeit in dem
+einsamen Winkel, Spuren künftigen, rückkehrenden Wohlstandes.
+
+Da klingelt ein Schlitten auf der Landstraße heran. Vielstimmiges
+Hundegebell wird laut, und da hält auch schon der unförmige Kasten und
+enthüllt seine seltsam gemischte Ladung. Es sind der junge Graf
+Brachwitz und Förster Eltze, welche zur Jagd fahren, mit dem Pastor
+Schirmer, der Wilms aufsuchen will, und deshalb allein aussteigt.
+
+»Ho, ho – Wilms, hier heran, – hier heran,« brüllt inzwischen der
+gutmütige Förster, während er mit seinen Riesenfäusten, die in
+kolossalen Pelzhandschuhen stecken, aus Leibeskräften winkt, und als
+Wilms an den Schlitten tritt, um den jungen Edelmann befangen und
+einsilbig zu begrüßen, wird dem Pächter von dem Weidmann ein großes
+Paket unter den Arm geschoben.
+
+»Hier, Wilms – von meiner Frau. – Ein paar Würste und so was. Na schon
+gut. – Bei Ihnen als Strohwitwer wird ja diesmal davon wenig zu spüren
+sein, was?«
+
+»Ja, sagen Sie mal, lieber Nachbar,« wirft der junge Brachwitz
+dazwischen, der in seinem pelzbesetzten Jagdkostüm zurücklehnt und eine
+Zigarre raucht. »Wie geht es eigentlich Ihrer Frau? – Gute Nachrichten?«
+
+Einsilbig erzählt der Pächter, daß er kürzlich von seiner Schwägerin
+einen Brief erhalten, wonach der Zustand der Kranken sich schon etwas
+gebessert hätte.
+
+»Nun, da gratuliere ich Ihnen von Herzen, lieber Herr Wilms,« entgegnet
+der Graf aufmerksam, und nachdem er dem Pächter eine Zigarre angeboten,
+erkundigt er sich leichthin:
+
+»Ihr Fräulein Schwägerin kommt ja wohl in Kürze wieder hierher zurück?«
+
+Wilms Antlitz verfinstert sich. Er nickt bloß.
+
+»Und wann, wenn ich fragen darf?«
+
+»Das ist unbestimmt,« sagt der Landmann düster, und tritt dem Schlitten
+etwas näher.
+
+»So, so,« der Graf mißt den kräftigen Pächter von oben bis unten, wobei
+er unwillkürlich an das Gewehr greift, dann gibt er dem Kutscher
+lächelnd das Zeichen zum Weiterfahren, nicht jedoch, ohne vorher mit
+großer Höflichkeit die Hoffnung ausgesprochen zu haben, den Pächter bald
+wieder begrüßen zu können.
+
+»Vorwärts.«
+
+Der Schlitten fliegt davon.
+
+ * * * * *
+
+Pastor Schirmer blieb über den Kaffee da.
+
+In dem großen Zimmer, in dem noch immer das Krankenbett wie eine düstere
+Mahnung stand, dampfte in großen altfränkischen Schalen der braune Trank
+auf dem Tische, und die beiden Herren saßen gemütlich dahinter und
+plauderten.
+
+Die Hofarbeit war vollendet, das Tagewerk vollbracht, nun konnte der
+emsige Landmann der Ruhe pflegen. Man steckte zwei große, lange Pfeifen
+an, die Wilms in den Krankheitsjahren unbenutzt im Schrank verborgen
+hatte, und in kurzer Zeit hatten die beiden Herren, jeder behaglich im
+Sofa zurückgelehnt, mächtige blaue Wolken um sich verbreitet.
+
+Ein süßer, angenehmer Tabaksduft füllte die Stube.
+
+»Ja, ja,« sprach der Landmann nachdenklich vor sich hin, »meine arme
+Frau konnte den Geruch nicht vertragen, er verursachte ihr Hustenreiz
+und ich – –« kam es unwillkürlich heraus, »hab’ ihn dabei so gern.«
+
+»Lieber Freund, man muß sich eben fügen,« paffte der kleine Pastor und
+nahm einen Schluck Kaffee, »ja, muß sich fügen. Darin besteht
+schließlich unser ganzes Christentum. – Was ich sagen wollte – – Ihre
+liebe Frau – – – Sie bangen sich doch wohl schon sehr nach ihr?«
+
+Wilms nickte und rauchte in langen Zügen weiter.
+
+Ja, es fehlte ihm etwas, er sehnte sich nach irgend etwas, sein Haus
+erschien ihm jetzt oft so leer und freudlos, und dennoch zog sich sein
+Herz vor Furcht zusammen, wenn er an Elses Rückkehr dachte. Sein
+jetziges einsames Dasein schien ihm dann erträglicher. Wenn er nur
+dieses schmerzliche Sehnsuchtsgefühl aus seiner Brust hätte verbannen
+können. Es galt ja doch bloß seinem Weibe. Nur ihr.
+
+»Freilich, solch ewiges Leid,« murmelte der kleine Pastor mit seiner
+dünnen Stimme weiter, »das schließt die Menschen wie mit eisernen
+Ketten aneinander, nicht wahr?«
+
+»Ewiges – Leid,« wiederholte der andere mechanisch und blickte starr auf
+das Bett hinüber. »Ja, Sie haben recht, Herr Pastor.« Eine Zeitlang
+schwiegen die beiden Freunde und hingen ihren Gedanken nach.
+
+Die Pfeifen glimmten, draußen fiel Schnee, es war behaglich warm im
+Zimmer.
+
+So merkten sie nicht, daß sich inzwischen die Tür leise geöffnet und der
+dicke Kreisphysikus Dr. Rumpf unbemerkt hereingetreten war. In seinem
+Pelz, in Pelzmütze und derben Wasserstiefeln sah er wie ein borstiges
+Ungeheuer aus. »’n Abend, Kindtings, ’n Abend,« ächzte er.
+
+Kaum hatte Wilms seinen muntern Gast erfreut seiner zottigen Hüllen
+beraubt, so warf sich der Physikus pustend neben dem Pastor auf einen
+Lehnstuhl nieder, nahm dem Geistlichen einfach die Tasse weg, trank dann
+mehrere Schalen des heißen Getränks und schien endlich erwärmt zu sein.
+
+»Verdammter Frost,« schnaufte er zuletzt und schlug sich befriedigt auf
+seinen Kugelbauch. »Komme hier bloß ’raus, Wilms, um Ihnen zu erzählen,
+daß ich einen Brief vom Anstaltsarzt in Inowrazlaw erhalten habe.«
+
+»Nun, was denn, Herr Doktor, was gibt es denn?« rief der Landmann
+aufgeschreckt und sprang auf.
+
+»Na, es geht ganz leidlich, schreibt er. Sehen Sie, ich hab’s gleich
+gesagt. Nun soll sie nur noch an größere Selbständigkeit gewöhnt werden,
+und deshalb schickt er Ihre Schwägerin nach Hause. In diesen Tagen sogar
+schon. – Ein reizendes Ding übrigens, die kleine Hete, was?« schmunzelte
+der Physikus plötzlich über das ganze Gesicht und kratzte in seinem
+Stoppelbart; »ich freue mich ordentlich darauf, daß wir sie bald wieder
+nach Grimmen bekommen.«
+
+Wilms blieb stehen. »Nach Grimmen?« wiederholte er schwerfällig. »Geht
+denn – Hedwig zu meinem Schwiegervater zurück?«
+
+»Na, vermutlich doch; oder haben Sie sie hier nötig, Wilms?«
+
+»Ich?«
+
+Eine Unruhe befiel den starken Mann, er strich mit seiner Hand über die
+kurzgeschorenen Haare, dann äußerte er auffallend hart und abweisend:
+»Nein, ich nicht.«
+
+»Na, sehen Sie,« sagte der Physikus gemütlich. Dann klopfte er mit der
+Hand auf den Tisch. »Vorwärts, meine Herren, jetzt machen wir ein
+Skätchen; Karten hab’ ich bei mir, und Sie stecken die Lampe an,
+Wilms.«
+
+»Lieber Doktor, das viele Kartenspielen halte ich für – – –« wollte
+Pastor Schirmer kleinlaut einwenden, aber der Physikus schlug noch
+energischer auf den Tisch und knurrte: »Ach Unsinn, machen Sie weiter
+keine Umstände, Pastor, – und solange Sie gewinnen, ist Ihre liebe Frau
+mit allem einverstanden. – Wer gibt? – Na also – Wilms, bringen Sie die
+Lampe – Tourné, Pastor? Solettchen auch? Na dann Eichel. Raus mit den
+Triümphern, meine Herren, – Wilms, die Lampe blakt – was gibt’s Neues,
+Pastor?«
+
+In bester Eintracht spielten die Herren fort.
+
+Nur Wilms, der sonst ein vorzüglicher Spieler war, beging einen Fehler
+nach dem andern, zuletzt störte er sogar offenbar die Pläne seines
+Partners.
+
+Der Pastor legte sanft die Karten auf den Tisch.
+
+»Na hören Sie mal, Wilms« – sagte er bedenklich, »so was ist noch gar
+nicht dagewesen – haben die Treffzehn blank und werfen Sie mir nicht
+’rein?«
+
+»Ja, und ziehen dem geistlichen Herrn das Geld aus der Tasche?« schrie
+der Physikus.
+
+»Worüber grübeln Sie denn immerfort? Müssen auch nicht zu viel an Ihre
+Frau denken.«
+
+An seine Frau? Ja, er grübelte und quälte sich und sann – – aber die
+Hände mit den Karten begannen ihm vor Schreck zu zittern, bleischwer
+fiel es ihm aufs Herz, er dachte ja gar nicht an sein unglückliches
+Weib, all seine Erinnerung galt der Jüngeren, diesem herrlichen jungen
+Geschöpfe, dessen Bild er nicht bannen konnte, das er immer wieder sah,
+weiß und rosig, so wie damals als sie ihre junge Schönheit dem Regen
+preisgab. Den Sinn verwirrte es ihm noch.
+
+Und sie wollte zu ihrem Vater zurückkehren, und nicht zu ihm, nicht in
+dies Haus, das so leer war?
+
+Die Herren spielten weiter. Noch ein paar Stunden, dann trennte man
+sich.
+
+ * * * * *
+
+Einige Tage verstrichen, emsig wurde geschafft, nur mit der Molkerei,
+die Wilms mit Hedwig eingerichtet, wollte es nicht mehr glücken. Hier
+fehlte die anordnende, weibliche Hand.
+
+»Wenn das Fräulein man wieder da wär,« klagte die Obermagd eines Tages
+dem Landmann.
+
+»Sie geht zu ihrem Vater,« dachte Wilms trübe. »Was kümmern wir sie.«
+
+Ernst und verschlossen ging er seitdem umher. Der Schnee fiel draußen
+immer dichter und legte sich wie ein weißer Wall um das Gehöft.
+
+Dadurch wurde es wieder so still und einsam, wie je zuvor. Ein Tag nach
+dem andern verfloß. In der Landwirtschaft gab es jetzt nichts mehr zu
+wirken. Schweigend saß der Pächter oft stundenlang am Fenster, blickte
+über den verschneiten Hof und wartete, ob ihm nicht der Landbriefträger
+ein Lebenszeichen von den beiden Frauen bringen würde.
+
+Aber nichts von alledem geschah.
+
+Und allmählich verfiel er wieder in sein düsteres Hinbrüten; der große
+Mann mit den kurzgeschorenen, blonden Haaren verbrachte dann ganze
+Stunden im Zimmer. Er wanderte auf und ab, sah dabei auf das reinlich
+zugedeckte Krankenlager seines Weibes, oder nahm ihre Bibel in die Hand
+und starrte interesselos hinein, während er sich an die von ihr mit
+Vorliebe gebrauchten Gebete erinnerte.
+
+Dann begann er einige der Verse nachzusprechen und schüttelte sich
+zuweilen plötzlich, als ob ihn etwas Widerliches überliefe. Oft auch
+nahm er ein Bild von der Spiegelkommode, das Else als Braut darstellte,
+um es lange und aufmerksam zu betrachten. Wie blond sich ihre Zöpfe
+damals ums Haupt ringelten. – Wie ähnlich sie zu jener Zeit Hedwig
+gewesen! Rasch stellte er bei solcher Gelegenheit die Photographie
+wieder an ihren Platz und lief auf den Hof hinaus, wo er mit seinen
+Leuten schalt und haderte.
+
+Sie wunderten sich über den Herrn. So hatte man ihn selten gesehen.
+
+Und noch immer langte die erwünschte Nachricht nicht an.
+
+Da endlich, eines Morgens, – Wilms saß noch beim Kaffee – da schlich der
+taube Krischan in die Stube, schielte seinen Herrn an und legte
+schweigend einen Brief auf den Tisch.
+
+Wilms klopfte das Herz. Mit zitternden Fingern erbrach er das Schreiben,
+nachdem sich der Alte entfernt hatte, aber es war nur ein gedrucktes
+Formular, das eine Einladung zu einer ländlichen Versammlung enthielt,
+die der ältere Graf Brachwitz einberief.
+
+Wilms warf den Fetzen achtlos auf die Erde und seufzte tief auf. Er
+interessierte sich nicht für Politik.
+
+»Jawoll,« meinte der Förster, der nachmittags im Vorbeigehen vorsprach,
+indem er das Zirkular bemerkte. »Der Graf will sich ja in den Reichstag
+wählen lassen. Dazu soll hier ein Verein gegründet werden. Zur Hebung
+der Sittlichkeit auf dem Lande. Na ja, alter Freund, es soll ja bei uns
+auch ganz doll zugehen. – Die verdammten Weibsbilder – haben Sie’s nicht
+auch schon bemerkt, Wilms? Kaum hat man mal eine für die Hofarbeit in
+Lohn genommen – pardauz muß man sie wieder entlassen. – Is da was los
+mit so ner Person. – Ne – die Sittlichkeit, – weiß der Deuwel – man kann
+den Frauenzimmern nicht trauen.«
+
+Er kraute sich hinter den Ohren. »Da soll ja neulich auch was mit einer
+Verheirateten vorgekommen sein, – warten Sie mal – es war sogar ’ne
+Adlige hier in der Nähe. Aber lachen Sie mich nicht aus, ich glaub’s
+nicht, weil bei Eheleuten ’ne zu große Portion Schlechtigkeit dazu
+gehört – Pfui Deuwel, kann ich bloß sagen.«
+
+Wilms blickte den gutmütigen Riesen starr an. Seine Lippen bewegten
+sich, aber er erwiderte kein Wort.
+
+»Na guten Morgen, Wilms, wie geht’s Ihrer Frau?«
+
+»Besser.«
+
+»Und Ihrer Schwägerin?«
+
+Wilms rührte sich nicht: »Darüber weiß ich nichts.«
+
+»Na, denn Adieu!«
+
+»Adieu auch, Eltze.«
+
+Aber lange noch, während er über seinen Wirtschaftsbüchern rechnete und
+schrieb, tönte es vor seinen Ohren:
+
+»Bei Eheleuten gehört eine zu große Schlechtigkeit dazu.«
+
+Der Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Die Zahlen vor ihm fingen an zu
+tanzen. – Wenn er nur Kraft finden könnte, sich gegen die bösen Gedanken
+zu wehren. Aber da nagte und biß schon wieder solch tückischer Einfall.
+»Bei Eheleuten« hieß es – Ja, aber war er denn eigentlich verheiratet?
+Besaß er denn ein Weib? – – – oder hatte Gott der Allmächtige nicht eine
+Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet?
+
+»Nur das nicht,« stöhnte er, »nur das nicht. Nur nicht diese
+entsetzlichen, verzweifelten Anklagen.« Und er vergrub sich von neuem in
+seine Papiere und arbeitete, bis die Lampe zu verlöschen drohte.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Tage erhielt er abermals ein gleichlautendes Zirkular.
+Zugleich erschien bei ihm der Inspektor Grothe aus Boltenhagen, ein
+großer, breitschultriger Mann, der das Hauptgut des Grafen Brachwitz
+bewirtschaftete. Er sollte den Pächter noch besonders zu der Versammlung
+einladen.
+
+»Nein, ich komm nicht,« entgegnete Wilms, während sich der Inspektor in
+der großen Stube den Schnee abschüttelte, und der Abgesandte räusperte
+sich zufrieden und meinte: »Da haben Sie auch recht.«
+
+»Na, wieso, Herr Grothe, es handelt sich doch eigentlich um einen guten
+Zweck.«
+
+»Schönen guten Zweck,« brummte der andre, indem er den Mund verzog:
+»Sittlichkeit – da soll sich der Graf man zuerst um seinen Sohn kümmern.
+Aber da werden alle Dirns auf dem Hofe unsicher gemacht, daß es eine
+Schande ist, und dann soll so’n Verein gegründet werden.«
+
+Sobald der Pächter den Namen des jungen Brachwitz vernahm, stieg ihm
+langsam das Blut in die Schläfen, so daß er kaum dem anderen seine
+Bewegung verbergen konnte. »Lassen Sie man, Grothe,« schnitt er kurz ab,
+»ich hör’ so was nicht gern.«
+
+»I – ich sag ja auch gar nichts gegen den jungen Mann. – Is sogar ein
+ganz netter, liebenswürdiger Mensch. Und es is ’ne wahre Dummheit vom
+Alten, daß er den Jungen nicht bei’s Militär gelassen. Hier in der
+Wirtschaft versteht das natürlich nichts, und weiß das nichts – und
+verfällt auf lauter Dummheiten. – Die Förstersfrau kann ihn ja auch
+nicht los werden,« setzte er leiser hinzu, »aber sie soll ihm ja neulich
+gehörig die Tür gewiesen haben.«
+
+Wilms konnte nicht länger zuhören.
+
+»Herr Grothe – ich muß jetzt – ich hab noch notwendig was zu tun –
+Grüßen Sie den Herrn Grafen, und – ja ich werd’ woll auch kommen.«
+
+»Na schön,« verabschiedete sich der Inspektor. »Geht’s Ihrer lieben Frau
+gut?«
+
+»Ja, ich danke.«
+
+Sie schüttelten sich die Hände, und der Abgesandte des Grafen ritt
+langsam vom Hof herunter.
+
+ * * * * *
+
+Aber der Besuch hatte seine Folge.
+
+In der langen Zeit, in der sich Wilms in dem schneeverwehten Gehöft so
+einsam fühlte und mit all seinen sehnsüchtigen Gedanken an der fernen
+Hedwig hing, da hatte er alles vergessen, was er von ihr zu wissen
+glaubte, da war sie ihm als die reine, herbe unerreichbar hohe Jungfrau
+erschienen. Jetzt, als ihm das wilde Treiben des Junkers geschildert
+wurde, da erhoben die häßlichen Zweifel abermals ihr Haupt, da erwachte
+er wieder zur Wirklichkeit, ein kräftiges Gefühl der Verachtung gegen
+sich selbst regte sich in ihm, und mit aller Macht suchte er die
+häßliche aufkeimende Neigung abzuschütteln.
+
+Zehnmal des Tages las er jetzt die wenigen Zeilen, die ihm Else bereits
+wöchentlich schreiben konnte, fuhr dann mit seiner rauhen Hand zärtlich
+über das Papier, und legte es schließlich in das Paket, in dem er die
+Briefe aus der Brautzeit bewahrte.
+
+»Mein Elsing – sie wird nun bald ganz gesund sein – und dann werden wir
+mit Gottes Hilfe wieder glücklich – ach so glücklich, wie damals, eh’
+die schwere Zeit begann.« Er seufzte. »Wenn sie doch erst da wär.«
+
+ * * * * *
+
+Immer mehr rückte der Winter vor. Es ging stark auf Weihnachten. Wilms
+merkte, daß seine Leute kleine Geschenke für ihre Familien einkauften.
+
+Das bewegte ihm das Herz. Wieder mußte er an sein fernes Weib denken.
+
+»Soll ich für den Herrn auch ’ne schöne Tann’ putzen?« fragte die
+Obermagd.
+
+Es klang wie Mitgefühl aus den wenigen Worten, als sie auf den einsamen
+Mann blickte.
+
+Wilms dankte.
+
+»Ne, laß man, Dörthe – für mich allein. – Es hat keinen Zweck.«
+
+Aber nachmittags ließ er den Schlitten anspannen und fuhr zur Stadt. Er
+wollte Else etwas kaufen, seinem armen, langsam gesundenden Weibe eine
+Freude bereiten.
+
+Über die verschneite, dunkle Landstraße klingelte er endlich in Grimmen
+ein und wählte bei dem einzigen Juwelier des Städtchens ein kleines
+goldnes Herz an einer dünnen Kette.
+
+Er stand dabei, als man seinen Namen »Wilms« in das Gold eingrub.
+
+Mit der Poesie einfacher Naturen wollte er damit dartun, daß sein ganzes
+Herz auf ewig seinem Weibe gehöre. In dem Gasthof, in welchem er seinen
+Schlitten eingestellt hatte, saß er noch eine Weile bei einem Glase Grog
+und plauderte mit dem Wirt in der dunkelbraun verräucherten Gaststube.
+Der Pächter erfuhr, daß sein Schwiegervater, der alte Rendant Schröder,
+noch allabendlich die Honoratiorenstube besuche.
+
+»Hedwig ist wohl noch nicht zurück?« erkundigte sich der Landmann
+leichthin.
+
+Der Wirt mit dem grünen Sammetmützchen verneinte. Da bezahlte Wilms und
+brach auf.
+
+Es war dunkel und kalt auf dem Heimweg. Der Wind strich scharf über den
+offenen Schlitten und warf dem Landmann spitze Eisnadeln ins Gesicht.
+Eine Sehnsucht nach einer warmen, gemütlichen Stube beschlich ihn, wo
+ein helles Feuer brannte, und eine liebe weibliche Hand dem Eintretenden
+den dick beschneiten Pelz abnahm.
+
+Die Luft wurde immer schneidender. Hochoben flimmerten ein paar
+frostige Sterne. Wilms fror. Manchmal konnte er bei einzelnen
+freistehenden Häusern, an denen sie vorbeiflogen, in die trüb
+erleuchteten Stuben blicken. Da sah man schon Christbäume, welche
+geschmückt wurden. Im Hauptgut Boltenhagen klangen Kirchenglocken durch
+die Nacht. Hohl und feierlich läuteten sie das Fest ein. Vorboten der
+großen Freude.
+
+Wilms faßte unwillkürlich an die Brusttasche, in der das Päckchen mit
+dem Goldherz verborgen war, und trieb seinen Kutscher zu größerer Eile
+an.
+
+Die Glockentöne verklangen, wieder Schnee, Dunkelheit, Landstraße und
+weißes Feld – halb erlahmt vor Nässe und Kälte langten Mensch und Vieh
+endlich auf dem Pachtgut Wilmshus an und fuhren in den einsamen, von
+dickem Schneewall umgebenen Hof.
+
+Rings lag alles in Dunkelheit gehüllt. Nur hinter den herabgelassenen
+Rouleaux der großen Stube leuchtete Licht.
+
+»Hübsch von Dörthe,« dachte Wilms, während er über den Flur schritt,
+»die Dirn hat Mitleid mit mir.«
+
+Er öffnete gleichgültig, zuckte zusammen und blieb starr und groß unter
+den Pfosten stehen.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Dicht vor ihm stand Hedwig in ihrem einfachen, schwarzen Kleid und
+streckte ihm mit froher Herzlichkeit die Hand entgegen. Ein anmutiges
+Lächeln umspielte dabei ihr blühendes Antlitz. »Na, Schwager,« neckte
+sie leicht, »der neue Gast gefällt dir wohl nicht?«
+
+In dem Ofen brannte ein flackerndes Feuer, in der hellen, durchwärmten
+Stube weilte ein liebes, reizendes Geschöpf, bereit, den großen Mann von
+seinem schweren Pelze zu befreien; es war alles so, wie er es sich
+gedacht hatte.
+
+Aber den ungeschickten Mann würgte es zuerst, als ob von unsichtbarer
+Hand seine Kehle zusammengepreßt würde. – Halb religiöse Vorstellungen
+durchflogen ihn, wie er sie als Knabe gehegt, oder von Else angenommen
+hatte.
+
+Sie war da.
+
+Die Versuchung war wieder da.
+
+All die Angst, die er ihretwegen in der langen Zeit erduldet, stürzte in
+seine Erinnerung und wandelte seinen Gegengruß, als er sich endlich
+aufraffte, zu einem unverständlichen Murmeln.
+
+»Hedwig – – willkommen – du –«
+
+Dann bemerkte er, daß sie ihm noch immer die Hand entgegenhielt, und
+preßte sie unbeholfen zwischen seinen Fingern.
+
+»O –« sie verzog schmerzhaft den Mund.
+
+Von seinem Pelz troff das Eiswasser auf ihr Kleid.
+
+Er entschuldigte sich und wurde verlegen, als sie ihm beim Ausziehen
+behilflich war.
+
+Der Tisch war weiß gedeckt, ein heißer Grog dampfte schon, alles war für
+ein schmackhaftes Abendbrot zubereitet. Sogar die beiden Servietten
+waren in anmutige Falten gelegt. Man konnte merken, daß diesmal eine
+Frau von guter Erziehung den Tisch besorgt hatte.
+
+Verblüfft musterte Wilms diese Anstalten.
+
+Es kam ihm alles so überraschend, er konnte sich so gar nicht in den
+neuen Zustand finden. Ungelenk nötigte er endlich den Gast auf das Sofa
+und setzte sich dem Mädchen auf einem Stuhl gegenüber.
+
+Lächelnd über seine Verlegenheit wollte ihm Hedwig einige Speisen
+vorlegen, jedoch er hielt plötzlich ihre schon erhobene Hand fest und
+begann ungestüm zu fragen:
+
+»Noch nicht – noch nicht – vor allen Dingen, wie geht es meiner Frau?«
+
+Das Mädchen nickte ermunternd: »Gut – überhaupt überraschend – so gut,
+daß sie schon in acht Tagen hier eintreffen wird.«
+
+»Was? Gott sei Dank,« murmelte Wilms. »Kann sie denn schon gehen?«
+
+»Ja, zwar noch auf einen Stock gestützt, aber es wird mit jedem Tag
+besser.«
+
+»Und du, Hedwig?« stockte er und sah sie wieder so verständnislos an,
+daß sie in ein fröhliches Gelächter ausbrach.
+
+»Du willst fragen, was ich nun eigentlich hier bei dir will?« begann sie
+endlich.
+
+»Ja, – das heißt – –«
+
+»Kannst du dir’s wirklich nicht denken? Was seid ihr Männer doch
+schwerfällig. – Vorausgeschickt bin ich – aufräumen soll ich, das
+Unterste zu oberst kehren, damit Else alles fein sauber vorfindet. Nicht
+wahr, Schwager, das gefällt dir nicht?«
+
+»Mir? Warum?«
+
+»Weil du ein so grämliches Gesicht dazu machst.«
+
+»Bewahre, Hedwig – du weißt doch, daß du uns immer willkommen bist.«
+
+»Wirklich?«
+
+Er schlug die Augen nieder und begann zu essen.
+
+Sie dagegen nippte nur von allem und erzählte ihm unaufhörlich von Else
+und beschrieb alle Einzelheiten ihres Aufenthalts. Die halb polnische
+Stadt, die Anstalt, den Arzt, die andern Kranken, alle Einrichtungen,
+die Bäder, und das Ganze so nüchtern und verständlich, daß Wilms längst
+Messer und Gabel hingelegt hatte, um ihr mit lebhafter Spannung zu
+lauschen.
+
+Von Zeit zu Zeit goß sie ihm den angenehm erwärmenden Trank ein und
+lächelte liebenswürdig, wenn er ihr zaghaft zutrank.
+
+Plötzlich trat dennoch eine Beklemmung zwischen beiden ein. Hedwig hatte
+aufgehört zu erzählen und lehnte sich in die Sofaecke zurück, da die
+Reise sie wahrscheinlich ermüdet hatte. Auch Wilms hielt eine Scheu
+davon ab, jetzt irgend etwas Gleichgültiges vorzubringen.
+
+Er blickte mehrfach rasch zu ihr hinüber, beobachtete dann das
+verglimmende Ofenfeuer, faltete umständlich die Serviette, und sah von
+neuem unruhig auf das junge Mädchen hin.
+
+Sie träumte an ihm vorbei, den Kopf in die Hand gestützt, schien sie an
+etwas Fernes zu denken.
+
+Der Pächter wurde unruhig.
+
+»Hedwig,« räusperte er sich halblaut.
+
+»Ja, Schwager.«
+
+Sofort richtete sich das Mädchen auf und drückte flüchtig beide Hände
+gegen die Schläfen, als wollte sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den
+Fragenden lenken.
+
+»Warst du noch gar nicht in der Stadt bei deinem Vater?«
+
+»Nein, ich bin direkt hierher gefahren.«
+
+»Sofort hierher?« wiederholte Wilms. Eine peinliche Verstimmung stieg in
+ihm auf. Was konnte sie nur in dem menschenverlassenen, verschneiten
+Gehöft suchen? Hastig gedachte er weiter zu fragen, wie jedoch sein
+Blick ihre ruhigen, braunen Augen traf, verstummte er wieder und kratzte
+verlegen auf dem Tisch hin und her.
+
+Eine Zeitlang blieb es still.
+
+Aber gerade dieses ruhige Beisammensein konnte Wilms nicht ertragen.
+Etwas quälte und marterte ihn dabei grenzenlos.
+
+»Hedwig,« fing er mit Überwindung plötzlich an und zum erstenmal wendete
+er ihr ganz sein ehrliches Gesicht zu. »Es muß mal zwischen uns zur
+Sprache kommen. Es liegt mir schon zu lange auf dem Herzen. – Weshalb
+bist du eigentlich – ich – mein Kind – ich meine, warum bist du
+eigentlich so gut zu uns?«
+
+»Gut?«
+
+»Sieh, Heting, erst hast du mir eine Summe deines Erbteils geborgt, und
+ich hab mir damit helfen können. Das hätt’ mir schon kein anderer getan,
+– nein, laß – ich muß es mal sagen, auch meine Frau hast du gepflegt, um
+die es nur wenige aushalten konnten. Und nu – nu kommst du wieder
+hierher zurück, in diese Einsamkeit, und willst uns wieder helfen und
+unterstützen und aufrichten, und das alles soll ich mir gefallen lassen,
+ohne eigentlich zu wissen, warum du das alles tust; ich kann’s mir ja
+gar nicht erklären, du paßt ja zu so was gar nicht, du bist ja wie eine
+vornehme, junge Dame, warum bestehst du also darauf?«
+
+Das letzte rief der große Mann in einem heftigen, beinahe unglücklichen
+Ton.
+
+Statt einer Antwort erhob sich Hedwig. Ihre Wangen erblaßten etwas, aber
+sonst strömte ihr Wesen unveränderlich jene ernste Ruhe aus, die ihr
+eigentümlich war. Langsam schritt sie zum Ofen, wärmte sich die Hände,
+durchmaß dann mit gesenktem Haupt mehrmals das Zimmer, als ob sie
+nachdenke, und blieb endlich an dem Tisch stehen, wo sie ihre Finger auf
+die Glocke der Lampe legte, daß Wilms das Blut hindurchrinnen sah.
+
+Ihre schlanke Gestalt stand dicht neben seinem Stuhl, er konnte das
+Webemuster ihres Kleides erkennen.
+
+Unwillkürlich wandte er den Kopf fort.
+
+»Siehst du, Schwager,« hob sie nach schwerer Pause klar und bedacht an
+zu sprechen, immer den Blick auf ihre durchleuchteten Finger gerichtet:
+»Ich habe auch schon darüber nachgesonnen, warum ich so gern hierher
+zurückkam in eure Einsamkeit.«
+
+»Gern?« unterbrach sie der Pächter erstaunt.
+
+»Ja, ich kam gern,« fuhr sie hastiger fort, »gerade weil es hier so
+still ist. – Mir ist diese Stille Bedürfnis. – Ich verabscheute schon
+als Kind alles Unruhige und Geräuschvolle. Aber das ist nicht der
+Hauptgrund,« setzte sie sinnend hinzu: »ich kam wohl zumeist
+deinetwegen, Schwager.«
+
+»Meinetwegen?« schreckte Wilms auf. Aber es war alles so
+leidenschaftslos, so überlegt und ohne eine Spur von Zärtlichkeit
+hingesprochen, daß der Pächter fühlte, er müßte ihre Worte falsch
+aufgefaßt haben.
+
+Jedoch das Blut war ihm bis in die Augen geschossen, er scharrte
+ungeduldig mit den Füßen und blickte erregt zu ihr auf.
+
+»Ja, Hedwig, wie meinst du denn das?« murmelte er.
+
+Sie zog langsam die Hände von dem Glase zurück und ließ sich wieder auf
+das Sofa nieder.
+
+»Ich sagte mir, du bist durch unsere Familie unglücklich geworden,
+Wilms.«
+
+»Das bin ich nicht.«
+
+»Das bist du doch, Schwager. Bist du nicht, wie jeder andere Mann, eine
+Ehe eingegangen, um eine Häuslichkeit zu besitzen? – Nun, und hast du
+sie gefunden? – Nein, das ging dir alles durch die lange Krankheit
+verloren – und auch jetzt, Schwager, – ich muß es dir sagen, mit vielem
+Schmerz, glaub’ mir das – auch jetzt wird dir meine arme Schwester
+dieses Glück nicht schaffen können.«
+
+»Nicht schaffen können?« echote Wilms entsetzt. Eiseskälte durchströmte
+ihn, wie vorhin, als er auf dem Schlitten saß.
+
+Im Moment haßte er das Mädchen, welches ihm das alles so schonungslos
+enthüllte.
+
+»Und warum nicht, Hedwig?« flüsterte er.
+
+»Weil mir der Arzt bei meiner Abreise vertraute,« schloß Hedwig leise,
+als wenn sie ihn nicht noch mehr erregen wollte, »daß Else nach wie vor
+aufs äußerste geschont werden muß, und daß sie nie wieder als eine
+Gesunde, sondern stets nur wie eine Kranke behandelt werden darf – du
+armer Mann.«
+
+Ein leises Stöhnen unterbrach sie.
+
+»Sieh,« beendete sie hastig, indem sie auffallend die Farbe wechselte,
+»und da stand es bei mir fest, daß ich hier vielleicht den Wirkungskreis
+aufnehmen könnte, den meine Schwester nicht ausfüllen wird, damit du
+wenigstens nicht allzuviel entbehrst, der du schon so viel gelitten.«
+
+»Und da wolltest du – –?« stammelte er.
+
+Er begriff es nicht.
+
+»Ja, ich sehne mich nach einer ruhigen, gleichmäßigen Beschäftigung.«
+
+»Aber – aber willst du denn nicht heiraten?« fuhr es ihm heraus. Er
+schämte sich, als er es sagte.
+
+Sie schlug die Augen nieder und zuckte die Achseln: »Schwerlich,«
+erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe als Tochter eines kleinen Beamten
+den törichten Wunsch nach besserer Erziehung gehegt, aber –« – sie
+zögerte und wurde zum erstenmal unruhig – »das ist mir wohl nicht zum
+Heile ausgeschlagen. Und deshalb wird auch kaum jemand kommen, dem ich
+gefalle, und der zu mir paßt.«
+
+»O Hedwig, doch – doch –« widersprach Wilms gedankenlos, – »du bist ja
+schön und klug, das wird sich schon finden.« Aber während er es sprach,
+mußte er plötzlich widerwillig daran denken, daß diese vollen, roten
+Lippen schon stürmisch und sündhaft geküßt worden seien.
+
+Das verdarb ihm den Abend vollends.
+
+Auch Hedwig schwieg. Sie ruhte wie erschöpft in ihrer Sofaecke. – Nur
+als er äußerte, daß sie schön und klug sei, traf ihn ein kurzer,
+erstaunter Blick. Dann schlug sie wieder müde die Augen nieder.
+
+So saßen sie noch eine Stunde zusammen und sprachen über alles, was in
+der Umgegend in der Zwischenzeit geschehen sei. Eingehend erkundigte
+sich Hedwig nach den Wirtschaftsverhältnissen.
+
+Er gab über alles genau Auskunft.
+
+Dann schlug die Uhr in dem Kasten zehn, und Hedwig erhob sich.
+
+Wilms empfand, daß er gehen müsse.
+
+Er stand sofort auf.
+
+»Noch eins,« sagte er, »hier hast du die Schlüssel.«
+
+Er nahm aus einem Körbchen, das auf dem Nähtisch am Fenster stand, ein
+Schlüsselbund und händigte es seiner Schwägerin ein.
+
+Achtlos empfing das Mädchen die klirrenden Dinger und hing sie sich in
+den Gürtel, aber Wilms beschlich ein schmerzliches Gefühl dabei, daß
+Elsens Befugnisse damit gleichermaßen auf ihre Schwester übergingen.
+Sie erschien ihm auch nicht mehr so schön, wie früher.
+
+Dann reichten sie sich die Hände und wünschten sich »Gute Nacht«.
+
+»Schläfst du hier?« fragte Wilms.
+
+»Ja, in Elses Bett.«
+
+»Nun, gute Nacht.«
+
+»Gute Nacht, Schwager.«
+
+ * * * * *
+
+Wilms betrat seine Dachkammer. Auf dem Tisch brannte ein Licht, darunter
+lag ein großes Kuvert, das Elses Aufschrift trug.
+
+Hastig zerriß Wilms den Umschlag. Drinnen fand er ein Bild und einen
+Zettel mit den wenigen Worten:
+
+
+ »Lieber, guter, einziger Mann!
+
+ Wie gern möchte ich das Fest mit Dir feiern, denn mir ist so sehr
+ bange nach Dir, aber bald, bald, wenn es Gott so fügt, bin ich
+ wieder bei Dir.
+
+ Mit tausend innigen Küssen
+
+ Deine arme Else.«
+
+
+Wilms griff nach dem Bilde.
+
+Auf einem Polsterstuhl saß die Kranke, das schmale Gesicht mit den
+großen Augen ein wenig vornüber geneigt. Neben ihr Hedwig, schlank
+aufgerichtet, der vollendete Wuchs zum Greifen deutlich, als wenn
+Gesundheit und Verfall gegen einander kontrastieren sollten.
+
+Der Pächter schauerte, als er es sah.
+
+Auf dem Antlitz des Mädchens ruhte ein so sicherer, triumphierender
+Schein.
+
+Freut sie sich, daß sie leben wird, und die Schwester dem Tode zuwankt?
+dachte Wilms erschüttert.
+
+In der Kammer war nicht geheizt. Ein Frösteln durchlief den Einsamen vom
+Kopf bis zu den Füßen. Mit Abscheu, als ob die Photographie Hedwig
+allein darstelle, warf er das Bild von sich auf den Tisch und suchte
+müde und zerbrochen sein Lager auf.
+
+Bald erlosch das Licht.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Am frühen Morgen, als Wilms aufstand, hörte er, wie seine Schwägerin den
+Mägden im Hausflur schon etwas auftrug.
+
+Er sah auf die Uhr. Es war erst sechs. Und noch stockfinster.
+
+Das lockte ihm den Seufzer ab: »Ach, wenn Else das doch auch vermöchte.«
+
+Eine Viertelstunde später, er hatte sich kaum völlig angekleidet,
+brachte ihm Dörthe Kaffee und Frühstück. Der Landmann erstaunte.
+
+»Soll ich denn hier oben frühstücken?« fragte er.
+
+»Ja, Herr, das Fräulein hat schon unten getrunken.«
+
+»Na, wie sie will. Es is gut.«
+
+Die Obermagd ging.
+
+Wilms saß eine Weile allein und wunderte sich, mit welcher Willenskraft
+Hedwig ihre neue Aufgabe gleich erfaßte.
+
+Dann fuhr er sich mit der groben Hand unwillig über die Stirn.
+
+Immerfort zwang ihn das Mädchen, sich mit ihr zu beschäftigen. Aber er
+wollte ihr an Regsamkeit nicht nachstehen. Er hatte ja einige wichtige
+Geschäfte in der Nähe abzuwickeln, und deshalb wollte er fortreiten,
+damit er erst gegen Mittag wieder zurückzukehren brauchte.
+
+»Möglichst wenig mit ihr zusammen sein,« dachte er.
+
+Mit diesem Entschluß trat er an das kleine Kammerfenster und sah auf den
+schneebedeckten Hof herunter.
+
+In einem steinernen Seitengebäude hörte er viele weibliche Stimmen
+durcheinander sprechen, lachen und plaudern. Es war die Molkerei, die
+solange auf Hedwig geharrt hatte.
+
+»Sollte sie schon unten sein?« dachte er verwundert.
+
+Als er etwas später über den Hof schritt, um sich im Stall sein Pferd zu
+satteln, machte er den Umweg am Seitenhaus vorbei und warf einen raschen
+Blick in den von einer Lampe erleuchteten, ziegelsteingepflasterten
+Raum.
+
+Richtig – umgeben von ihren Mägden sah er Hedwig vor einem großen Fasse
+stehen und mit ihren jugendlichen Kräften den großen Klüngel heben und
+wieder herunterstampfen. Beifällig murmelten die Mägde und versuchten,
+es ihr an zwei anderen Fässern nachzuahmen.
+
+Sie hatte sich von Dörthe eine gewöhnliche Arbeitsbluse geborgt, an der
+die Ärmel fehlten, und nun sah der Pächter, wie ihre vollen Arme vor
+Anstrengung sich röteten. Ihr Atem umdampfte sie in der kalten Küche wie
+eine Wolke.
+
+Dem Lauscher fiel wieder jener Abend ein, als er sie allein in ihrer
+Kammer getroffen, und augenblicklich war seine Freude an dem
+arbeitsfrohen Bild wie fortgescheucht.
+
+Widerwillig murmelte er etwas vor sich hin, schlug dann mit Geräusch die
+Stalltür auf und ritt nach einiger Zeit grußlos vom Hof herunter. Als er
+sich auf der Landstraße noch einmal umwandte, glaubte er Hedwig unter
+der Tür des Seitenhauses zu erkennen, die ihm nachblickte.
+
+ * * * * *
+
+»Was ißt der Herr gerne?« befragte Hedwig die Obermagd, ehe sie die
+Molkerei verließ.
+
+Dörthe sann nach. Dann gab sie Kartoffelsuppe an. »Und der Herr hat
+gestern selbst einen Hasen geschossen. Der hängt noch.«
+
+Hedwig war zufrieden. Sie wollte selbst alles zubereiten. Der taube
+Krischan wurde ins Dorf nach allerlei Zutaten zum Krämer geschickt.
+
+Er hinkte unlustig vom Hof herunter.
+
+Bewundernd lugten die Obermagd und ihre Untergebenen dem Mädchen nach,
+als sie eilig dem Hause zuschritt.
+
+»Die versteht’s,« urteilte Dörthe, »schade, daß die Frau nich auch so
+is.«
+
+Den ganzen Vormittag über revidierte Hedwig das Haus vom Keller bis
+unter das Dach. Mit Elsens Schlüsseln öffnete sie alle Schränke, zählte
+nach und legte zurecht, als ob alles ihr gehöre. Ihre Wangen röteten
+sich dabei vor Vergnügen. Sie erschien sich wie eine Hausfrau, die für
+Mann und Heim zu sorgen hat.
+
+Dann waltete sie in der Küche. Zuletzt gab sie Dörthe den Auftrag, eine
+kleine Tanne schlagen zu lassen.
+
+»Ja, aber Fräulen,« meinte die Magd bedenklich, »der Herr will aber
+keine.«
+
+»Warum denn nicht?«
+
+»Er sagte, weil er so allein is. – Und – dann – unsre Frau fehlt auch.«
+
+»Sagte er das?«
+
+»Ja, so ähnlich sagte er woll.«
+
+Das Mädchen sah einen Augenblick zu Boden. Dann entschied sie lächelnd:
+»Ich bin ja da – höre, Dörthe, es muß eine recht schöne Tanne sein. –
+Haben wir etwas zum Putzen?«
+
+»Ne, Fräulen, daß ich nich wüßte.«
+
+»Nun, dann machen wir es uns heute selbst. – Und für euch auch,« setzte
+sie hinzu. »Christian soll buntes Papier holen.«
+
+»Sie is zu nett,« sprach die Obermagd dankbar hinter ihr her.
+
+ * * * * *
+
+Wilms merkte bei Tisch, daß gerade seine Lieblingsspeisen gewählt seien,
+und als er sich in seiner ruhigen Weise dafür bedankte, glitt ein
+heiteres, selbstzufriedenes Lächeln über Hedwigs schönes Gesicht.
+
+Es bereitete ihr Freude, für die Bedürfnisse eines Menschen sorgen zu
+dürfen, und namentlich für diesen großen, unbeholfenen Mann, dem das
+Schicksal schon so grausam mitgespielt hatte.
+
+Freundlich plauderten sie wieder über allerlei. Das Mädchen erzählte von
+ihren Erfahrungen bei der Molkerei. Wilms sagte ihr, daß er ihre Kraft
+und Energie bewundere. Dann berichtete er von den Geschäften, die er
+vormittags betrieben.
+
+Es kam ihm ganz selbstverständlich vor, daß er dergleichen mit Hedwig
+bespräche. Ja, er glaubte, daß ihm noch einmal so gute Eingebungen
+kämen, wenn sie ihn mit ihren klugen, aufmunternden Augen dazu
+anblickte.
+
+Nach Tisch führte er sie in den Pferdestall. Hedwig riet ihm dringend,
+einige von den Tieren zu verkaufen. Es war in den nächsten Tagen gerade
+Pferdemarkt in Grimmen, und Wilms gestand, daß er selbst etwas Ähnliches
+geplant habe.
+
+Dann trennten sie sich.
+
+Als der Landmann zum Kaffee erschien, fand er ihren Platz leer. Er
+fragte mehrfach nach ihr, endlich erfuhr er von Dörthe, die ein
+geheimnisvolles Gesicht aufsetzte, daß das Fräulein beschäftigt wäre.
+
+Wilms verstand das nicht und trank mit einem merkwürdigen Gefühl seinen
+Kaffee allein.
+
+Er wollte sich nicht eingestehen, daß er ihre stets dienstbereite
+Gesellschaft vermisse.
+
+Zum Abendbrot dagegen erschien Hedwig wieder und zeigte sich so
+aufgeräumt und heiter wie selten. Sie erzählte allerhand lustige
+Geschichten und Witze und brachte Wilms oft zum Lachen.
+
+Wenn sie etwas Anzügliches vorbrachte, dann sah ihr Gesicht so reizend
+aus, um ihren vollen Mund zuckte dann oft ein so feiner,
+liebenswürdig-frecher Zug, daß ihr Gegenüber unwillkürlich mitlachen
+mußte.
+
+Und so fremd dem Landmann zuerst dies alles war, so stark fühlte er sich
+bald davon angemutet. Auch er besaß eine Art derben, tiefen Humors, und
+es dauerte nicht lange, so ging der Pächter gemütlich auf ihre Scherze
+ein.
+
+Gelassen nickte er, wenn sie ihn mit seiner groben Unbehilflichkeit
+neckte.
+
+Nur als er seine große Pfeife in Brand setzte und ein paar mächtige
+Dampfstöße herausjagte, verzog sie die Brauen.
+
+Wilms hörte auf. »Stört es dich?« fragte er bedauernd.
+
+Ungern hätte er auf dieses Vergnügen verzichtet. »Sollte sie etwa
+dieselbe Abneigung dagegen empfinden wie meine arme Else?« dachte er ein
+wenig verstimmt. Allein Hedwig zog ihr parfümiertes Taschentuch hervor
+und während sie sich Luft zufächelte, äußerte sie leichthin: »Bis morgen
+darfst du so rauchen, lieber Wilms, aber länger nicht.«
+
+»Bis morgen?« dachte Wilms verwundert.
+
+Er verstand sie wieder nicht.
+
+Ferne, langhinhallende Töne mischten sich in ihr Gespräch. Von der
+Kirche des Hauptgutes, die fast eine Viertelstunde entfernt lag,
+begannen wiederum die Glocken zu läuten, zum letztenmal vor dem Fest.
+
+Wie ein feiner, verträumter Silberton zog es durch die Luft. Hedwig
+erhob sich. Sie trat ans Fenster und zog den Vorhang fort.
+
+Draußen weißer, blinkender Schnee, die graue Luft ganz erfüllt von
+großen Flocken, die langsam und schwer herabfielen. Wie erstarrt
+schienen die weichen Daunen manchmal im leeren Raum festhalten zu
+wollen.
+
+Als sie so in das Gestöber hineinblickte, beschlich das Mädchen eine
+stille Wehmut: »Morgen ist Weihnachten,« sagte sie leise. Nichts regte
+sich hinter ihr. Keine Antwort wurde laut. Langsam wendete sie sich
+zurück.
+
+Am Tisch saß Wilms, den schweren Kopf auf die Hand gestützt, und
+betrachtete das kleine Goldherz, das er vor kurzem gekauft. Eine Träne
+war auf das Gold gerollt, gerade auf seinen Namen, der dort eingraviert
+stand.
+
+Jetzt sah er auf:
+
+»In acht Tagen ist sie wieder bei uns,« sagte er weich, als ob er seine
+schwere Empfindung zurückdrängen wollte.
+
+»Else?« fragte das Mädchen rasch.
+
+»Ja. – Komm, Hedwig – ich will ihr dieses Herz zum Fest schicken. Wir
+wollen es einpacken.«
+
+Das Mädchen richtete sich auf. Langsam schritt sie zum Tisch, langsam
+wog sie das kleine Herz in der Hand. Erst als sie den eingeprägten Namen
+bemerkte, blickte sie ihrem Schwager, der sich ebenfalls erhoben hatte,
+fest und nachdenklich in die gutmütigen Augen.
+
+»Sie wird sich freuen,« sagte sie schwer und nachdrücklich.
+
+Das Kästchen wurde verschnürt, Wilms schrieb die Adresse, Hedwig trug
+ihm Licht und Siegellack hinzu. Er drückte das Petschaft darauf.
+
+Mit seltsam starren Blicken verfolgte sie sein Tun. Ein Atom von dem
+flüssigen Siegellack fiel auf ihre Hand und lag auf der weißen Fläche,
+wie ein runder Blutstropfen.
+
+»O« – rief Wilms erschreckt, »ich habe dir weh getan.«
+
+»Mir?«
+
+Sie hatte kaum etwas gemerkt.
+
+»Es brennt nicht mehr,« beruhigte sie den Landmann abwehrend.
+
+Gleich darauf nickte sie ihm freundlich zu und ging zur Tür. – Dabei sah
+sie wohl nicht, daß er ihr die Hand entgegengestreckt hatte, wie er es
+immer tat, wenn er ihr »Gute Nacht« bot.
+
+Die Tür schloß sich, bevor sie seinen Wunsch vernehmen konnte. Befremdet
+blickte ihr der Pächter nach. Dann ging er noch lange in dem großen
+Zimmer auf und nieder, bis er endlich unter das Fenster trat, genau
+dort, wo Hedwig vorhin gestanden hatte.
+
+Und ebenso, wie sie, spähte er in das lautlose Schneetreiben hinein, er
+drückte die Stirn an das eisige Glas und regte sich nicht. Dachte er an
+sein fernes Weib?
+
+Er stellte sich vor, wie sie sich das goldene Herzchen um den weißen
+abgemagerten Hals schlingen würde, aber während er sich es ausmalte,
+wurde draußen das Getriebe immer stürmischer, die Flocken wirbelten und
+balgten sich immer toller – das verwirrte seine Gedanken.
+
+»Was wohl Hedwig sagen würde,« raunte etwas in ihm, »wenn ich ihr morgen
+das dünne Kettchen um den Nacken legen würde?« Er wollte den Gedanken
+abschütteln, aber im Geist beugte er sich und küßte sie auf diesen
+weißen, blühenden Nacken. Und immer heißer und toller braute seine
+Phantasie. »Ob sie dann wohl die Arme um ihn schlingen und ihren roten
+Mund zu ihm erheben würde, wie ein liebendes Weib, das sich an den Mann
+schmiegt?«
+
+Ein irres Lächeln umspielte seine Lippen.
+
+Plötzlich fuhr er auf und brach in ein gewaltsames, schmerzliches
+Stöhnen aus:
+
+»Jesus Christus – nicht in Versuchung,« stammelte er, »o Gott, nicht in
+Versuchung.«
+
+Wie im Krampf faltete er die Hände.
+
+Und draußen klangen noch immer die Glocken, bim – bum – bim – bum,
+feierlich leise, wie Gesang mahnender Geister, welche die Botschaft vom
+Heiland auch in dies verlassene, im Schnee versunkene Gehöft trugen.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+So war das Fest herangekommen.
+
+Schon am Nachmittag bat Hedwig den Pächter, er möchte das große
+Wohnzimmer verlassen. Irgend etwas Geheimnisvolles bereite sich vor.
+
+Mürrisch und verdrießlich, wie er sich sonst nie gegen das Mädchen
+betragen hatte, ging Wilms hierauf aus der Stube, ohne ein Wort und
+indem er es vermied, sie anzusehen. Jedoch mitten in den Vorbereitungen
+für den Heiligen Abend fiel Hedwig dies Benehmen nicht sonderlich auf,
+sie rief ihre getreue Dörthe und arbeitete mit ihr hinter verschlossenen
+Türen.
+
+Unterdessen saß Wilms in seiner Kammer und schrieb an Else einen Brief.
+Heiß und dringend flehte er sein Weib an, zurückzukehren, sobald es ihre
+Gesundheit nur irgendwie gestatte. Er freue sich auf ihre Rückkehr, wie
+auf ein Fest. Überall fehle sie ihm. Alles erinnerte ihn an sie. Ach,
+wenn sie doch erst da wäre. – Ganz am Schluß erwähnte er auch Hedwig.
+Sie führe das Hauswesen zu seiner Zufriedenheit, aber sein armes,
+geliebtes Weib könne sie natürlich doch nicht ersetzen. Er stockte, da
+er es schrieb. Das Blut sauste und summte durch alle seine Adern.
+»Gelogen – gelogen,« tönte es deutlich vor seinen Ohren. Hastig schloß
+er das Schreiben, und saß dann stundenlang in dem immer dunkler
+werdenden Raum.
+
+Er wußte, daß Hedwig unten einen Christbaum schmücke. Für seine Leute
+natürlich, suchte er sich einzureden. Jedoch gleichviel. Bald würde sie
+nach ihm schicken, damit er teilnehmen solle an der allgemeinen, großen
+Freude. »Und er sollte dann mit ihr zusammen unter den flimmernden
+Lichtern stehen?« grübelte er, »und dann allein sein mit dem Mädchen,
+während der Baum seinen kräftigen Tannengeruch verbreitete und die
+Flämmchen darauf hell und aufrecht in die Höhe züngelten? Würden dann
+nicht die aufreizenden Gedanken wiederkehren, die ihn gestern bis zum
+Wahnsinn gepeinigt? – Nein, nein – nur das nicht mehr. – Wie wäre es,
+wenn er sich still aus dem Hause schliche und den Abend wo anders
+zubrächte, vielleicht beim Pastor?«
+
+Wie gehetzt erhob er sich, warf seinen Mantel um und tappte leise über
+die dunkle Treppe nach unten. Er durchschritt den Hausflur, da öffnete
+sich die Tür des großen Zimmers, eine Gestalt trat heraus.
+
+Wilms fuhr zusammen und blieb unwillkürlich stehen. Die Dunkelheit
+verhinderte ein Erkennen.
+
+Unsicher näherte sich Hedwig dem Schweigenden.
+
+»Du willst noch ausgehen, Schwager?«
+
+»Ja.«
+
+»Jetzt?«
+
+»Ja, ich hab’ noch einen notwendigen Gang.«
+
+»Aber doch jetzt nicht,« drängte das Mädchen und faßte leicht seinen
+Mantel. »Ich wollte dich ja gerade holen; Wilms, du wirst uns doch am
+Heiligen Abend nicht allein lassen?«
+
+Der Pächter wand sich hin und her, je mehr sie ihn bat, desto qualvoller
+glaubte er sich gefoltert: »Mir macht das ja aber alles keine Freude,
+Hedwig,« brachte er hervor. »Mich peinigt das geradezu.«
+
+»O – nein, nein,« widersprach sie und ergriff seine Hand.
+
+Das verwirrte ihn immer heftiger.
+
+»Hedwig, ich kann’s nicht mehr mit ansehen, wenn andere sich freuen und
+ich allein davon ausgeschlossen sein soll. Laß mich lieber fort, mein
+Kind, ich will –«
+
+Aber sie hielt ihn noch. Fest lag ihre Hand in der seinen.
+
+»Dazu bist du ja viel zu gut,« sagte sie weich und mitleidig, wie
+selten ein Mensch zu dem Unglücklichen gesprochen. »Willst du mir denn
+auch die ganze Freude rauben?«
+
+»Dir auch?«
+
+»Ja natürlich – für dich haben wir doch den Baum geputzt.« Immer noch
+ruhte ihre Hand in der seinigen, jedoch mit der anderen riß sie jetzt
+hastig die Tür auf.
+
+Ein breiter, strahlender Lichtschein fiel auf den dunklen Flur und
+übergoß das eng beieinanderstehende Paar mit seiner Helle.
+
+Groß, dunkelgrün, mit weithin reichenden Zweigen stand der Tannenbaum
+mitten in der Stube, bunte Papierketten ringelten sich von Ast zu Ast,
+unzählige Wachskerzen flimmerten, und hinter ihm harrten die Leute des
+Gehöfts, Männer und Frauen, alle sonntäglich gekleidet, daß der Herr des
+Hauses das Fest mit ihnen begehen solle. Ganz vorn vor dem Baum aber
+hatte Hedwig zwei kleine Mädchen aufgestellt, Kinder, die Hofleuten
+gehörten. Sie hielten rote Papierrosen in den Händen und sangen mit
+schwachen Stimmen ein Liedchen, das mit den Worten schloß:
+
+»Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.«
+
+Als sie ausgesungen hatten und Wilms in den Lichterglanz hineinsah und
+in die erwartungsvoll-feierlichen Gesichter seiner Leute, da hielt er
+sich nicht länger, er legte langsam die Hand vor die Augen und weinte
+bitterlich.
+
+Und die Hofleute nickten einander zu und stießen sich heimlich an, als
+wüßten sie, was ihren Herrn bedrücke.
+
+Aber nur wenige Sekunden ließ sich Wilms so übermannen. Dann richtete er
+sich auf und sah auf das Mädchen, das alles nur für ihn angeordnet
+hatte. Das Licht flutete über ihre braunen Haare, ihre großen Augen
+hingen fest und fragend an den seinigen. Sie stand noch immer dicht
+neben ihm.
+
+»Ich dank’ dir, Hedwig,« sagte er einfach und preßte ihre Hand mit
+verzweiflungsvoller Glut. »So schön haben wir in Wilmshus Weihnachten
+noch nie gefeiert.« Er ließ sie voranschreiten und folgte ihr dann in
+die Stube.
+
+Freudig erregt saß der Pächter nachher in seiner Sofaecke und verfolgte
+Hedwig, wie sie jedem der Hofangehörigen ein kleines Geldgeschenk
+überreichte, das Wilms für seine Leute bestimmt hatte, und für sich
+selbst außerdem noch eine Aufmerksamkeit hinzufügte. Dörthe bekam eine
+Schürze, der alte Krischan einen Tabaksbeutel, die beiden kleinen
+Mädchen küßte Hedwig und band ihnen seidene Halstücher um.
+
+Hierauf allgemeines Knixen und Handschütteln.
+
+»Ich dank’ auch, Herr – schönen Dank auch, Fräulen – ne es is auch gar
+zu viel – so was hätt’ ich mich nich vermutet – Herrje und was die
+Leinwand schön is.«
+
+Damit entfernten sich die Leute und Hedwig ging mit ihnen.
+
+Wieder saß der Pächter allein und blickte träumerisch in die ruhig
+brennenden Lichter hinüber.
+
+Da flog die Tür noch einmal auf: »Julklapp,« rief es und dann noch
+zweimal »Julklapp – Julklapp.«
+
+Drei Pakete polterten in das Zimmer, und da nur Hedwig so frisch und
+hell rufen konnte, so wußte der Landmann, daß die drei Geschenke für ihn
+bestimmt seien. Er wartete, ob Hedwig nicht wieder zurückkehren würde,
+aber als er allein blieb, öffnete er die Schachteln. In der ersten fand
+er eine Kiste feiner Zigarren, sodann eine Meerschaumspitze, in der
+letzten endlich einen ledernen Bilderrahmen, auf dem mit Seide ein Kranz
+blauer Veilchen gestickt war. Ein Zettel war mit einer Stecknadel daran
+befestigt, darauf stand »von Else«.
+
+War es möglich?
+
+Behutsam nahm der Landmann den Rahmen in die Hand. Und diesen
+wundervollen leuchtenden Kranz sollte sein armes Weib mit ihren
+zitternden Fingern hergestellt haben? Ein Zweifel beschlich ihn.
+
+Aber wer sonst?
+
+Hinter ihm näherte sich etwas, ein leises Knistern wurde hörbar, Wilms
+kehrte sich um und sah in das liebenswürdige Gesicht Hedwigs.
+
+Er hob die Stickerei in die Höhe und fragte erregt: »Wirklich von Else?«
+
+Ein Schatten flog über die Stirn des Mädchens, aber sie bejahte. Allein
+den Ungläubigen überzeugte sie nicht.
+
+»Hedwig – ich glaub’s nicht – Else hat ja so feine Arbeit gar nicht
+gelernt – nicht wahr – du – von dir?«
+
+Wieder schüttelte sie leise das Haupt.
+
+»So sag’s doch,« rief er dringend.
+
+Endlich gab sie es zu: »Nun ja, es ist von mir,« gestand sie, »Else
+wollte dir gern etwas Derartiges anfertigen, aber sie vermochte es noch
+nicht. Da habe ich es übernommen.«
+
+»Also auch von dir?« murmelte der Pächter mit zitternder Stimme. Eine
+Weile stand er in Gedanken versunken unter dem leuchtenden Baum; ohne
+ein Wort des Dankes zu sprechen. »Und ich,« überlegte er bei sich, »ich
+habe gar nicht daran gedacht, diesem lieben, reizenden Geschöpf eine
+kleine Freude zu bereiten. Mit leeren Händen steh’ ich vor ihr, als
+gehörte sie gar nicht in mein Haus! Während sie –«
+
+Es überlief ihn heiß und kalt. Vor Beschämung wagte er gar nicht die
+Augen zu erheben. Langsam und beklommen drängte es sich über seine
+Lippen.
+
+»Und die Zigarren und die Spitze, Hedwig, von wem sind die?«
+
+Aus ihren Augen sprühte ein spitzbübischer Funke, um ihren Mund flog ein
+schelmischer Zug. – Die seltsame Unbehilflichkeit des Mannes ergötzte
+sie.
+
+»Von wem sie sind? – Wer weiß?«
+
+Sie zuckte die Achseln, aber als sein verstörtes Antlitz sie darüber
+belehrte, daß er sich härmte und litt, tat es ihr leid, diese
+verschlossene Natur, deren tiefes Gemüt sie immer stärker und gewaltiger
+anzog, verletzt zu haben.
+
+Die Lichter brannten noch immer, es war so gemütlich im Zimmer, tiefe
+Stille umgab die beiden.
+
+Wilms fuhr auf. Er hatte in seinem Hinbrüten nicht bemerkt, wie das
+schöne Mädchen, nachdem sie lange auf ein Dankeswort geharrt, sich
+enttäuscht abgewendet und an das Klavier gesetzt hatte.
+
+Sie spielte jetzt. Ganz leise klang unter ihren Fingern ein altes
+Kinderlied, das sie variierte und umbildete.
+
+»Schlaf, Kindchen, schlaf.«
+
+Der Bauer horchte hoch auf. Wie weich das tönte, wie wenn eine Mutter
+ihr unruhiges Kind einwiegt. Ja, und dasselbe hatte ja auch seine Mutter
+ihm vorgesungen. Eine arme Fischersfrau in der Katenhütte am Strand. Ach
+er sehnte sich so nach Ruhe, sein Herz war müde und wollte schlafen, so
+traumlos wie damals in Mutters Schoß.
+
+Hedwig spielte immer ernster und gewaltiger. Alle Saiten brausten, wie
+ein Choral tönte es jetzt, das alte Lied.
+
+Der Pächter schauerte, unwillkürlich fiel sein Blick auf einen einfachen
+Silberring, den er seiner sterbenden Mutter vom Finger gezogen und
+seitdem an der Uhrkette trug. Verstohlen küßte er den Reif und trat
+hinter Hedwigs Stuhl.
+
+Und das Brausen und Donnern löste sich, der gewaltige Orgelton verlor
+sich in der Ferne, wie ein süßer, gestammelter Kindergruß klang es aus.
+
+Noch spielte sie die letzten ersterbenden Töne, da fühlte sie, wie
+Wilms seine Hand auf ihr Haupt legte und leise ihr Haar streichelte. –
+Sachte, sachte, eine scheue, zaghafte Liebkosung.
+
+Sofort brach das Spiel ab, aber sie hob die langen Wimpern nicht auf.
+
+Noch einmal fuhr er ihr leicht über die Flechten, dann – ihr stockte das
+Herz – dann fühlte sie, wie er ihre Hand ergriff und sanft einen
+silbernen Ring an ihren Finger schob.
+
+»Da, Heting,« sprach er weich, »du hast so schön gespielt – ich schenk’
+ihn dir – er is von meiner Mutter.«
+
+Sie zuckte krampfhaft zusammen, blickte mit ihren braunen, ernsten Augen
+zu ihm empor und wollte etwas erwidern, aber die Zunge war ihr wie
+gelähmt. Nur eine düsterrote Glut stieg ihr langsam über Hals und
+Wangen.
+
+Da wurde plötzlich seine Hand, die noch liebkosend auf ihren Haaren
+ruhte, drückend und schwer, als ob sie sich in Eisen verwandele.
+
+Hedwig hätte aufschreien mögen, so schmerzte es sie.
+
+»Was ist dir, Schwager?«
+
+Oh, es bedeutete nur eine Kleinigkeit, fast gar nichts; es war nur
+unheimlich, die hervorquillenden Augen zu sehen, die unverwandt auf das
+Bett starrten. Ganz zufällig war der Blick des Pächters über das
+reinlich zugedeckte Lager geglitten und da, – da wurde eben seine Hand
+so schwer, als würde sie Eisen.
+
+In dem Bett lag Else, schattenhaft, abgemagert, blaß und streckte die
+Arme nach dem Manne aus, der ihre Schwester streichelte.
+
+»Wilms,« rief Hedwig entsetzt und sprang auf. Ihre kräftige Stimme
+verscheuchte den Spuk.
+
+»Ja, ja – Hedwig – willst du etwas?«
+
+»Um Gottes willen, Schwager – was ist dir? – fühlst du dich krank?«
+
+»Nein – ich? bewahre – mir war nur so – seltsam. – Ich glaubte – es ist
+lächerlich – mir kam es vor, als läge Else mit einemmal dort drüben in
+ihrem Bett,« murmelte er einfach, und doch mit hervorbrechendem inneren
+Entsetzen.
+
+»Else?« stammelte das Mädchen.
+
+Beide starrten sich an, beide versuchten ein Lächeln zu erzwingen, aber
+die Furcht schüttelte sie, wie wenn ein kaltes, graues Gespenst zwischen
+ihnen stände.
+
+Das war das erstemal, daß es sie auseinander trieb.
+
+Der Landmann faßte sich zuerst. »Wollen ein Ende für heute machen,«
+ermannte er sich kurz – »es ist schon spät – gute Nacht, mein Kind.«
+
+Sie reichten sich wie immer die Hände. Die Finger des Mädchens waren
+eiskalt. Dann trat Wilms an den Baum und löschte die Lichter aus.
+
+Es wurde immer dunkler und dunkler, gleichgültig sah Hedwig zu, wie ein
+Flämmchen nach dem anderen unter seinen Fingern erstarb, zuletzt
+brannten nur noch die Kerzen zu beiden Seiten des Instrumentes.
+
+»Gute Nacht,« murmelte Wilms noch einmal, dann hatte er das Zimmer
+hastig verlassen.
+
+Hedwig war es, als müßte sie ihm nacheilen, sich in seine Arme werfen
+und Schutz suchen, Hilfe gegen die Traumgestalt dort in dem Bette, das
+auch sie jetzt aufnehmen sollte.
+
+Wenn sie das Phantom dann ebenfalls bemerkte, wenn es neben ihr läge und
+sie mit dürren, weißen Armen umfing, um sie zu würgen!
+
+»Warum?«
+
+»Weil du denselben Mann begehrst, der mir gehört – mir.«
+
+Einen leisen Angstschrei stieß Hedwig aus.
+
+»Gib mir den Ring,« klagte es neben ihr weiter. »Er gebührt dir nicht!«
+
+»Licht – Licht.«
+
+Mit zitternden Händen entzündete Hedwig die große Stehlampe und blickte
+sich um. Rings lag alles friedlich und still, alles in den traulichen
+Schein der Lampe getaucht. Jetzt lächelte Hedwig und setzte sich an den
+Tisch, aber es war ein müdes, herzzerreißendes Lächeln, und als das
+Mädchen den Reif an ihrem Finger fühlte, war es ihr, als ob er sie
+stäche.
+
+»Weißes Silber bedeutet Tränen, sagen die Leute,« dachte sie.
+
+Ermattet schritt sie wieder zum Klavier und ließ noch einmal die Finger
+über die Tasten eilen. Leise drangen die Töne durch das Haus, und Wilms,
+der oben in seinem Bett den Kopf gegen die Wand preßte und den Schlummer
+herbeiflehte – ihn umschmeichelte plötzlich die liebe, alte Melodie, das
+Lied, mit dem ihn seine Mutter schon eingesungen hatte:
+
+»Schlaf, Kindchen, schlaf.«
+
+Aber es hatte seine Zauberwirkung verloren. Er fand keine Ruhe mehr,
+sondern dachte unausgesetzt an das wunderbare, schöne Weib, dem er den
+Silberring geschenkt.
+
+So endete der Weihnachtsabend in Wilmshus.
+
+
+
+
+V.
+
+
+»Komm, Hedwig – willst du nicht mit in die Kirche?« fragte am nächsten
+Morgen der Pächter, indem er im Sonntagsrock, das Gesangbuch unter dem
+Arm, in das Wohnzimmer trat, in welchem Hedwig vor dem Fenster saß und
+las.
+
+Die Gefragte blickte auf. Sie sah heute abgespannt und blaß aus, und
+auch der Pächter mißfiel ihr in seinem langen, schwarzen Gehrock. Die
+Tracht ließ ihn altfränkisch, kleinbürgerlich erscheinen. – Früher, in
+dem Pensionat würde Hedwig über eine solche Figur gelacht haben.
+
+Was war nur aus ihr geworden?
+
+»Guten Morgen, Hedwig, willst du mich nicht in die Kirche begleiten?«
+wiederholte der Landmann dringender. Ihm erschien der Kirchgang am
+ersten Feiertag als selbstverständlich.
+
+Hedwig schwieg, drehte an dem Reif, den er ihr gestern geschenkt, und
+lehnte dann seine Aufforderung mit kurzen Worten ab.
+
+»Du willst nicht?« stotterte Wilms, als wenn er es nicht glauben könne.
+
+Das Mädchen tippte auf ihr Buch und schüttelte den Kopf. »Geh nur
+allein, Schwager. In der Kirche ist es mir zu voll. Die vielen Leute
+stören mich dort.«
+
+»Stören dich?«
+
+»Auch kann ich keine vorgeschriebenen Gebete absagen, weißt du, der
+Gott, an den ich glaube, der kümmert sich um das Singen gar nicht.«
+
+Verständnislos, mit weitaufgerissenen Augen starrte sie der Pächter an.
+Eine tiefe Trauer zog allmählich über sein ehrliches Gesicht. – Sie war
+so schön, wenn sie so heftig sprach, der kleine volle Mund zuckte so
+trotzig dabei. Schwer seufzte der Landmann auf und erwiderte kleinlaut:
+
+»Ich hab’ dir das Gesangbuch meiner Frau mitgebracht – – ich wußte ja
+nicht, daß du – daß du so gesonnen bist – – und also –« er drehte das
+kleine Buch hin und her, »du begleitest mich also nicht?«
+
+Es sprach soviel schwermütige Bitte daraus, daß Hedwigs Herz
+unwillkürlich schneller schlug. Aber ein Blick auf den altväterlichen
+Bratenrock und das abgegriffene Gebetbuch stimmte sie wieder um.
+
+Ihre heftig brennende Neigung kam ihr plötzlich wie ein Traum vor. Nach
+Liebe sehnte sie sich, nach Sturm und Trotz gegen den Mann, nach irgend
+etwas, was sie noch nicht kannte, – und nun dieser schwarzgekleidete,
+unbehilfliche Mann mit seiner Atmosphäre von dumpfer Kirchenluft.
+
+Sie erwachte förmlich. Die Stunde in dem Pensionsstübchen fiel ihr ein,
+– und – –
+
+»Nein, ich gehe nicht,« entschied sie entschlossen.
+
+Wilms nickte und ließ noch einmal seine blauen Augen voll auf ihr ruhen.
+»Wie du willst. – Dann ruh’ dich hier aus, Heting. Und wenn ich
+wiederkomm’, singst du wieder so schön wie gestern.«
+
+Er konnte ihr Erröten nicht mehr wahrnehmen, ebenso wenig wie die
+heftige Bewegung, als wenn sie ihn dennoch zurückhalten wolle.
+
+Langsam schritt er über den Hof in den klaren Wintertag hinein, während
+das Mädchen ihm durch das Fenster ernst und düster nachschaute.
+
+In der Kirche von Boltenhagen, zwischen den hohen Eichenstühlen blieb
+ein Platz neben Wilms frei. Hier hatte Else früher gesessen, und der
+Pächter hatte es sich reizend ausgemalt, heute am hohen Festtag diesen
+Raum von Hedwig eingenommen zu sehen.
+
+Wie silberhell würde ihre Stimme, die ihm gestern abend das ganze Herz
+gerührt hatte, wohl geklungen haben, wenn sie beide zusammen, Haupt an
+Haupt, aus dem kleinen Büchlein die Psalmen verfolgt hätten. Und nun
+– – – die Orgel rauschte, die Gemeinde stimmte ein, aber Wilms Lippen
+bewegten sich nur mechanisch, er dachte immerfort an das schöne, junge
+Geschöpf daheim, das an dem Christenglauben keine Freude fand.
+
+Er wunderte sich, warum er nicht ungehalten auf sie sein konnte, warum
+sich nicht zwischen dem Frommen und ihr, der Gottlosen, eine noch höhere
+Scheidewand aufrichte – aber seltsam, auch ihn erbaute heute der Dienst
+des Herrn nicht, keine Tröstung fand er in den Worten des kleinen Pastor
+Schirmer, immer wieder beschäftigten sich seine Gedanken mit dem
+Mädchen, er empfand eine heftige Sehnsucht nach ihr und verstand es
+nicht, warum er nicht bei ihr geblieben sei. Und doch brauste die Orgel
+so herrlich und doch feierte man die Geburt des Herrn.
+
+Er entsetzte sich. Er dachte schon ganz mit ihren Gedanken. Er besaß
+auch keinen Gott mehr, nur ein Weib, das er umfassen und küssen und
+immer wieder küssen wollte, sein Heiland war ein Mädchen, das ihn
+fortlockte, fort zu Lust und Leben und Arbeit.
+
+»Wirf die Last von dir,« zuckte es durch seine Sinne.
+
+Hatte es der Pastor gesprochen? – War es ein Bibelwort? – Er wußte es
+nicht.
+
+ * * * * *
+
+Als Wilms seine Schwägerin verlassen hatte, war Hedwig noch einige Zeit
+regungslos am Fenster sitzen geblieben. Bald betrachtete sie den
+schmalen, silbernen Reif an ihrem Finger, bald sah sie sich erstaunt in
+dem weiten Zimmer um, als begriffe sie gar nicht, wer sie hierher
+versetzt hätte. Ihr war plötzlich alles zu eng und dumpf. Die
+entsetzliche Angst von gestern drückte noch auf ihr Gemüt, ihr dämmerte
+es, als wäre sie bis jetzt von einem häßlichen Zauberschlaf umsponnen
+worden.
+
+»Luft – Licht.«
+
+Sie spähte an sich herunter. Das einfache, schwarze Kleid kam ihr
+ärmlich vor.
+
+Was war nur in der Zwischenzeit aus ihr geworden? Draußen blitzte und
+funkelte die Landschaft. – Die dickbeschneiten Bäume der Straße sahen
+wie ungeheure, weiße Korallen aus.
+
+Das Mädchen befiel ein ungestümer, heißer Drang, dort draußen
+hinzustürmen, sich auszutummeln, ihre frische, schwellende Kraft zu
+betätigen. Ja, sie wollte ebenfalls das Fest begehen. Es war ja ein
+kleiner winziger Schlitten im Hause. Den selbst lenken und dann
+hinfliegen auf der glatten Bahn, das würde sie wieder gesund machen.
+
+Kaum gedacht, war sie in ihr enges, kleidsames Pelzjäckchen geschlüpft,
+hatte sich ihr keckes Barett aufgesetzt und lief jetzt über den
+einsamen, menschenverlassenen Hof.
+
+»Ich glaube, ich bin ganz allein in diesem frommen Hause.«
+
+Jedoch sie täuschte sich.
+
+Vor dem Stall saß der alte Krischan, der Zauberer des Hofes, und
+zitterte vor Frost oder vor Schwäche. Neben ihm hielt der Rabe seinen
+beständigen Schlaf und zitterte ebenfalls.
+
+Hedwig war dieses Paar von Anfang an unsympathisch.
+
+»Alterchen,« befahl sie, »holen Sie mir mal den Schlitten aus dem Stall
+und das braune Handpferd dazu.«
+
+Der Alte erwachte aus seinem Schlummer und grinste sie an.
+
+»Willen dat Fräulen utführen?« hustete er.
+
+»Ja, und nun schnell.«
+
+Allein der Greis hatte nicht gehört, oder wollte den Befehl nicht
+ausführen. Langsam schlich er zur Seite und schüttelte den Kopf.
+
+Das Mädchen blickte ihn an: »Was soll das heißen? Haben Sie mich denn
+nicht verstanden?«
+
+Der Alte schüttelte wieder und steckte die Hände in die Hosentaschen.
+Dann begann er von neuem zu zittern, wie ein Knochengerüst, das im Winde
+klappert.
+
+Ein widerwärtiger Anblick.
+
+Hedwig stieg das Blut ins Gesicht, sie trat dicht an den häßlichen Alten
+heran und sagte scharf und bestimmt:
+
+»Christian, es wird Zeit, daß Sie vom Hof herunter und in das
+Gemeindehaus kommen. – Verstehen Sie mich? Hier können Sie nichts mehr
+leisten, dort dagegen können Sie sich ausruhen. – Mein Schwager wird Sie
+beköstigen. Wollen Sie?«
+
+Ganz genau hatte der Alte verstanden. Er zitterte, kaute weiter und
+murmelte gelassen:
+
+»Ick bliew hier. Se sünd nich de Fru. Se hewwen hier nix tau seggen.«
+
+»Was?« entgegnete Hedwig erblassend, »das wird sich finden.« Mit
+schnellem Atem betrat sie den Stall, wo sie einen Hofjungen fand, der
+sein flachsblondes Haupt an die Krippe lehnte und eingeschlafen war. Sie
+rief ihn an und mit seiner Hilfe war der kleine, blaue Schlitten bald
+herausgehoben und mit dem schönen braunen Pferde bespannt.
+
+Hedwig setzte sich hinein.
+
+»Aber der Kutscher is in die Kirche,« meinte der Junge.
+
+»Schadet nicht – ich fahre allein – adieu!«
+
+Sie hieb mit der Peitsche zu, der Braune, ein Renner mit halbenglischem
+Blut, machte einen Seitensprung und flog mit ihr vom Hofe herunter.
+
+Windschnell ging es über die weiße Landstraße. Die kleinen
+Schlittenglocken klangen und klingelten, ringsum war keine Menschenseele
+zu erspähen, alle hatten die Kirche aufgesucht, nur sie, sie allein
+genoß jetzt die weiße, blitzende Landschaft.
+
+Wie ihre Wangen sich röteten, wie die Augen vor Lust und Freude
+blitzten. Die letzten, dumpfen Wochen waren vergessen, das war wieder
+die Hedwig von ehemals.
+
+Als sie bei der Kirche von Boltenhagen vorbeiglitt, kamen die Gläubigen
+gerade heraus, der ganze Platz wimmelte von festlich gekleideten Männern
+und Frauen. Ihr war es auch, als hätte sie auf der Portaltreppe ihren
+Schwager erkannt, der in seinem langen, schwarzen Rock und seinem
+wolligen Zylinder auf den Stufen stand und nach dem Gespann hinübersah.
+
+Hui! Ein neuer Schlag traf den Braunen, so daß das kleine Gefährt wie
+ein Gedanke vorüberschoß. Sie wollte einmal allein sein, alles
+vergessen, alles abschütteln.
+
+»War sie’s? – War sie’s nicht?« dachte Wilms und strengte seine Augen
+aufs äußerste an. »Nein, sie hat ja auch versprochen, mich zu erwarten,«
+beruhigte er sich dann. Die Sehnsucht von vorhin ergriff ihn immer
+heftiger. Mächtig schritt er aus, um heimzugelangen.
+
+Währenddem war Hedwig auf freies Feld gelangt. Wie ein ungeheures,
+erstarrtes Meer dehnte es sich zu beiden Seiten der Chaussee, die
+Grenzbüsche und die kleinen eisbereiften Tannenschläge schienen enorme
+Sturzwellen, die in der Höhe festgebannt waren. Nur leichte
+Schaumflocken trieb der Wind manchmal ab.
+
+Tief aufatmend fuhr Hedwig dahin und gönnte ihrem dampfenden Braunen
+jetzt größere Ruhe. Und Schritt vor Schritt, manchmal mit lautem
+Wiehern, zog das Tier den Schlitten durch den tiefen Schnee, wohl zwei
+Meilen Wegs, bis sie ein winziges an der Landstraße liegendes Gasthaus
+erreicht hatten, das man in dortiger Gegend »Krug« nennt.
+
+Hier warf das Mädchen dem Braunen eine Decke über, stieg ab und betrat
+die niedrige weißgetünchte Gaststube. Ein kolossaler Kachelofen
+verbreitete hier eine enorme Hitze. Ein derber, weißgescheuerter
+Kieferntisch stand vor dem Fenster, ein paar ungefüge Stühle davor,
+sonst bildeten nur noch ein schwarzes, fettglänzendes Ledersofa und
+mehrere Öldruckbilder, welche glückliche Familienszenen darstellten, das
+Meublement der verlassenen Gaststube.
+
+Und verödet blieb sie noch eine Weile. Hätte nicht eine unsichtbare
+Klingel bei Hedwigs Eintritt hell geläutet, die Krugwirte würden
+überhaupt nichts von ihrem Besuch erfahren haben.
+
+So jedoch erschien nach einiger Zeit ein kleines blasses Weib, an deren
+Röcken sich zwei Kinder festklammerten, während es ein drittes, einen
+Säugling, auf dem Arm trug, und versprach, auf Hedwigs Wunsch, ein Glas
+Milch zu bringen.
+
+Hedwig ließ sich an dem weißgescheuerten Tisch nieder, streifte sich die
+Handschuhe ab und sah durch das kleine pappgeflickte Fenster der
+Gaststube auf das blinkende Feld hinüber.
+
+Draußen stand ihr Brauner, schüttelte sich und wieherte laut.
+
+Das gab ihren Gedanken die Richtung.
+
+»Am besten wär’s,« überlegte sie sich, »ich bestieg wieder den
+Schlitten, und dann rasch, weit fort von hier in die Stadt und von dort
+wieder weiter, viel weiter, wo ich nichts mehr höre von alledem, was ich
+hier zurückgelassen. O, es wäre so gut, wenn ich jetzt ginge, bevor – ja
+bevor irgend etwas Schlechtes sich ereignet. Denn kommen wird es. Ich
+weiß nicht weshalb, aber es ist alles so ungesund in Wilmshus, so
+ansteckend, ich wünschte, ich wäre nie dort eingekehrt. – Warum mir das
+heut wohl gerade einfällt?«
+
+Sie stützte den Kopf in beide Hände und saß eine Zeitlang regungslos.
+Das eiserne Blech vor dem Ofen knackte und bog sich regelmäßig hin und
+her. Durch den Hausflur schallten streitende Stimmen hinein. Hinten auf
+dem Hof des Hauses schienen mehrere Männer miteinander zu sprechen.
+
+Das Mädchen regte sich. Sie war also nicht allein hier? Auch brachte die
+Krugwirtin das Verlangte noch immer nicht. Sie wurde ungeduldig. Endlich
+erschien das blasse Weib wieder und stellte einen Seidel frische Milch
+vor ihrem Gast nieder. Hedwig erkundigte sich, ob sie noch andere Gäste
+beherberge.
+
+»Nein, Fräulein, mein Mann hat bloß Besuch. Wir woll’n Pferd verkaufen.«
+
+Damit ging sie wieder hinaus.
+
+Aber während Hedwig an dem Glase nippte, wurde draußen wiederum die
+Flurtür geöffnet, und das Mädchen hörte eine kräftige Männerstimme
+sprechen.
+
+Sie griff nach ihren Handschuhen und horchte. Allein sie vernahm nichts
+mehr. Das laute Gespräch hatte sich wieder verloren. Dennoch wurde sie
+von einer merkwürdigen Unruhe ergriffen. Sie wollte aufbrechen. Rasch
+schritt sie zur Tür und rief die Wirtin: die erschien auch
+bereitwilligst mit ihrem Säugling auf dem Arm und wischte mit einem Tuch
+den Tisch sauber.
+
+»Nun, ist das Pferd schon verkauft?« fragte Hedwig.
+
+»Ja, sie sind woll schon einig.«
+
+»Wer ist denn der Käufer?«
+
+»Je, ich kenn’ ihm auch nich. Mein Mann sagt ja woll ›Herr Graf‹ zu
+ihm.«
+
+»Graf?« stotterte die andere erblassend, »vielleicht Graf Brachwitz?«
+
+»Ja, so kann er woll heißen,« antwortete die Wirtin gleichgültig und
+trocknete sich die Hand ab, um die Bezahlung entgegenzunehmen.
+
+»Hier, liebe Frau, hier haben Sie – – hier haben Sie.« Hedwigs
+Bewegungen wurden immer hastiger. Vergeblich durchwühlte sie ihre
+Taschen, ohne jedoch ihr Portemonnaie finden zu können. Wahrscheinlich
+hatte sie bei ihrer eiligen Ausfahrt überhaupt vergessen, Geld zu sich
+zu stecken.
+
+»Na, das schad’t ja nich,« tröstete die Krugwirtin verwundert, »das
+Fräulein schickt mich’s dann.«
+
+»Ja, ja, ich schicke es Ihnen.«
+
+Nur noch das Barett aufgesetzt, das sie abgelegt hatte, und sie konnte
+hinauseilen. Mit hastigen Fingern rückte sie es sich zurecht, da
+schallten Tritte den Flur entlang, und gleichzeitig sah Hedwig durch das
+Fenster, wie der Krugwirt ein gesatteltes Reitpferd dicht neben ihren
+Schlitten hinausführte.
+
+Jetzt hoffte das Mädchen nur noch, daß der Mann, dem das Roß dort
+draußen gehörte, an der geschlossenen Tür der Gaststube vorübergehen
+würde. Aber das Schicksal wollte es anders. Die Tür wurde aufgemacht,
+ein schlanker Mann, in grauem Wams und Pelzmütze, guckte herein und rief
+gutmütig:
+
+»Sie, Frau Wirtin, ich hab’ doch noch die paar Taler zugelegt – wir sind
+jetzt einig. Aber wehe Ihnen, wenn’s nicht wirklich eine Whalebonestute
+ist. – Na, guten – – –«
+
+»Morgen,« wollte er sagen, indessen mitten im Wort fiel sein Blick auf
+die Dame, die ihm zuvor den Rücken wandte, deren Gestalt ihm aber so
+einzig vorkam, daß er sie sofort erkannte. Da erblaßte auch er und
+verlor die Herrschaft über sich. Allerlei Entschlüsse fuhren ihm wild
+durcheinander. Sollte er nicht lieber einfach aufbrechen? Oder wollte er
+es doch noch einmal wagen, vor das schöne Mädchen, das er so beleidigt
+hatte, hinzutreten?
+
+Wenn sie ihm nun vor der Krugwirtin die Tür wies?
+
+Er starrte ungewiß auf sie hin und merkte, daß über ihre abgewandte
+Figur ein Zittern lief, als wenn sie ebenfalls mit sich kämpfe.
+Plötzlich kehrte sie sich hastig um. »Wie gesagt, ich habe das Geld
+vergessen – ja, ich – ich schicke es Ihnen aber, liebe Frau,« brachte
+sie verworren hervor, um nur irgend etwas zu äußern, und schritt rasch
+auf die Tür zu, auf deren Schwelle ihr Bedränger von ehemals noch immer
+verharrte.
+
+Sie blickte nicht auf. Jedoch in ihrer ganzen Art drückte sich soviel
+Trotz, Kraft und Selbstbewußtsein aus, sie war in ihrer Verwirrung so
+eigenartig schön, daß Brachwitz vollkommen überwältigt zurücktrat und
+die Mütze vom Kopf riß.
+
+»Guten Morgen,« murmelte er mit einer respektvollen Verbeugung, während
+sie an ihm vorüberschritt.
+
+Sie neigte unmerklich das Haupt, und flog dann auf die Landstraße
+hinaus. Dort hatte der Krugwirt ihrem Braunen einen Futtertrog
+umgehängt, und hielt nun den Rappen seines vornehmen Gastes, so daß er
+dem Mädchen nicht behilflich sein konnte, ihr Tier von der umgehängten
+Blechbüchse wieder zu befreien.
+
+Sie stampfte vor Ungeduld mit den Füßen, in der Eile überhastete sie
+alles. Auch die Decke konnte sie nicht schnell genug zusammenfalten.
+
+Am liebsten wäre sie zu Fuß durch den Schnee davongerannt.
+
+Der junge Graf Brachwitz stand unterdessen auf den niedrigen Stufen des
+Gasthauses und beobachtete das Treiben des Mädchens eine Zeitlang
+gespannt. Dann strich er unmutig seinen Schnurrbart. Es tat ihm ehrlich
+leid, daß Hedwig eine so schlechte Meinung von ihm hatte, und er
+verwünschte sein ungestümes Blut, das ihn damals zu dem offenbaren
+Frevel gegen sie getrieben. Entschlossen sprang er zu Hedwigs Braunem,
+nahm unbeirrt von ihrem Zurückweichen dem Tiere den Trog ab, dann
+faltete er die Decke und trat höflich an den Schlitten, den Hedwig
+inzwischen ratlos bestiegen hatte.
+
+»Darf ich die Decke hier hereinlegen?« murmelte er kleinlaut.
+
+Sie nickte und wandte sich ab, als er ihr den wollenen Fries leicht
+über die Füße warf.
+
+»Keinen Kutscher?« fragte er dann erstaunt, während er ihr die Zügel in
+die Hände gab.
+
+»Nein,« versetzte sie fest, »ich fahre selbst.«
+
+Sie hob die Peitsche.
+
+Allein bevor der Braune anzog, war Brachwitz auf die Schwelle des
+Schlittens getreten. »Ich möchte Sie bitten – gnädiges Fräulein, daß Sie
+mir die Zügel überlassen,« bat er leise und verwirrt.
+
+Der Ton war ehrlich, die Anrede ehrerbietig.
+
+Hedwig wandte ihre großen, braunen Augen auf den hübschen Menschen. Ihr
+Blick war seltsam. Es schien, als wollte sie sein ganzes Wesen lesen.
+Und nach kurzer Frist sagte sie kurz und herb, jedoch mit zitternder
+Stimme:
+
+»Treten Sie dort herunter, Herr von Brachwitz, ich muß Ihre Begleitung
+bestimmt ablehnen. – Ein für allemal.«
+
+»Ein für allemal?« wiederholte er.
+
+»Vorwärts!«
+
+Wiederum hob sie die Peitsche, aber die Hand des Grafen legte sich sanft
+auf den Griff.
+
+Hedwig fuhr zusammen und richtete sich schwer atmend auf.
+
+»Liebes Fräulein,« bat er dringend, »ich bitte Sie – bitte Sie von
+Herzen – hören Sie mich doch nur ein paar Minuten an. Sie wissen ja gar
+nicht, wieviel mir daran liegt, mich vor Ihnen zu – – nun ja, zu
+rechtfertigen. Darf ich denn nicht, wenn Sie mich nicht bei sich im
+Schlitten dulden wollen, wenigstens nebenher gehen, natürlich nur so
+lange es Ihnen gefällt, langsam zu fahren? – Ich möchte doch gar zu gern
+Ihre Verzeihung erhalten, darf ich?«
+
+Er ergriff die Zügel seines Pferdes, und da Hedwig nichts antwortete, so
+hielt er es für Zustimmung und schämte sich nicht, zu Fuß neben dem
+langsam gleitenden Schlitten herzuschreiten und sein Tier mit sich zu
+führen.
+
+Hedwig selbst kam es wie eine Art Bußwanderung vor, als wenn der junge
+Mann, der sie so beleidigt hatte, sich allein demütigen wollte. Mit
+Interesse blickte sie auf ihn hin. In demselben Moment aber fiel ihr
+ein, wie heiß und wahnsinnig dieser fremde Mensch sie schon einmal
+geküßt hatte. Das empörte sie plötzlich wieder so ungestüm, daß sie der
+Szene ein Ende zu machen beschloß.
+
+»Was wollen Sie also von mir?« forschte sie hart.
+
+»Endlich Ihre Verzeihung erlangen,« erwiderte der Graf treuherzig. –
+»Ich schäme mich aufrichtig, daß ich so häßlich gegen Sie gehandelt
+habe; Fräulein Hedwig – gnädiges Fräulein, wollen Sie mir nicht die
+Versicherung geben, daß Sie mir nicht mehr zürnen?«
+
+»Ja, das will ich. Aber unter der Bedingung, daß damit unsere
+Unterredung zu Ende ist, und sich unsere Wege nie mehr kreuzen.«
+
+»Nie mehr?«
+
+»Nein.«
+
+»Und warum nicht?«
+
+»Das wissen Sie doch – weil es zwecklos wäre, Herr Graf.«
+
+Sein dunkles Gesicht färbte sich höher, er sah sie voll an und empfand
+wieder ihre Schönheit. Leicht seufzte er auf und legte die eine Hand auf
+die Lehne des Schlittens.
+
+»Sie haben recht,« gab er endlich in sich gekehrt zu, und über seine
+frischen, offnen Züge legte sich ein Schatten. »Ach, Unsinn, Fräulein
+Hedwig, ich muß es Ihnen einmal sagen, wir wollen ehrlich miteinander
+handeln. Es ist tatsächlich zwecklos. Obgleich ich Ihnen wirklich gut
+war – nein, werden Sie mir nicht böse, Ihnen war ich wirklich gut, wenn
+ich Sie auch in meiner Tollheit geradezu mißhandelt habe, ich
+unterschätzte Sie vielleicht – – aber das ist es nicht allein –«
+
+»Nun, aber?« fragte das Mädchen hastig. Ihr Herz klopfte. Unvermittelt
+blitzte es ihr auf, als ob dieser junge Aristokrat, der ihr eben so
+treuherzig seine Liebe gestand, die Hände ausstrecken würde, um sie vor
+dem Fall zu bewahren, den sie ahnte. »Nun, aber?« kam es zitternd über
+ihre Lippen. »Was wollen Sie mir noch mitteilen?«
+
+Sie wußte jetzt, sie liebte ihn nicht, aber sie wollte gerettet werden.
+
+»Aber,« murmelte er widerwillig und riß an dem Zügel seines Pferdes –
+»man hat mich da vorige Woche in der Hauptstadt verlobt.«
+
+»Sie?«
+
+Sie rief es beinahe entsetzt. Alles Blut entwich ihren Wangen. Und doch
+durchschauerte sie es nur deshalb so kalt, weil sie sich jetzt vom
+Schicksal zum Untergang bestimmt hielt.
+
+»Und wer ist Ihre Braut?« wollte sie stammeln, aber in demselben
+Augenblick hatte sie ihrem Braunen mit voller Wucht die Peitsche
+versetzt, das Tier zuckte in die Höhe und raste dann in voller Wut mit
+dem Schlitten die schneebedeckte Chaussee herunter. Kaum hörte sie
+noch, was ihr überraschter Begleiter ihr nachrief.
+
+Mit aller Kraft riß und zerrte sie an den Zügeln, jedoch sie hatte ganz
+die Gewalt über das schäumende Tier verloren. Wie jagende Traumbilder
+schossen Bäume, Häuser und Menschen an ihr vorüber, die vorübersausende
+Luft nahm ihr den Atem.
+
+ * * * * *
+
+In dem Pachthaus hatte der Landmann die Gesuchte nicht gefunden. Er
+fragte den alten Krischan. Der zuckte die Achseln und wies auf die
+Landstraße hinaus.
+
+»Da is sie fortgefahren, Krischan?« forschte Wilms betroffen – »allein?
+Saß sie nicht im Schlitten?«
+
+Der Alte nickte und schlotterte weiter.
+
+»Fort?« murmelte Wilms, während er in sein Haus zurückschritt. Und er
+hatte sich so gefreut, mit ihr zusammen zu sein. Das einsame große
+Zimmer schien ihm ohne sie unwirtlich. Als das Mädchen nach einer Stunde
+nicht zurückgekehrt war, warf er sich in seine gewöhnliche Joppe, band
+den Hofhund los und wanderte die Landstraße nach Boltenhagen zu.
+
+In dem harten Schnee sah man noch die Schlittengleise, in denen sie
+gefahren war. Wilms Herz zog sich zusammen. Da er das Mädchen jetzt
+schon entbehrte, wie sollte es werden, wenn sie ihn gänzlich verließ,
+sobald sein Weib zurückgekehrt war?
+
+Kurz vor Boltenhagen hörte er etwas über die Chaussee klingeln. Der
+ferne Punkt, den er wahrnahm, wurde größer und größer, schon vernahm er
+das Schnaufen und Keuchen des gereizten Pferdes.
+
+Er sprang zur Seite.
+
+»Halt!« rief er mit harter Stimme den Anstürmenden entgegen.
+
+Hedwig sah ihn, hörte ihn, aber dem Durchbrenner konnte und wollte sie
+keinen Einhalt tun. Nur vorbei, nur nicht gefragt werden, nur weiter
+sich austoben können, hart begleitet von der Gefahr.
+
+Schon waren sie nahe.
+
+»Halt,« schrie Wilms noch einmal.
+
+Sein ganzer Kopf rötete sich. Er hielt dieses Vorübersausen für
+beabsichtigt, um ihm zu entgehen. Schon heute früh war sie an der Kirche
+so vor ihm entflohen.
+
+»Ich bin’s, Hedwig,« brüllte er noch einmal.
+
+Keine Antwort.
+
+Immer näher.
+
+Da erhebt sich das Rohe, Gewaltsame in dem Bauern. Er springt vor, seine
+gutmütigen Augen drohen, ein mächtiger Faustschlag trifft das Pferd vor
+die Stirn, daß es hoch in die Höhe steigt. Der Schlitten wird
+umgeschleudert und das Mädchen schlägt hart in den Schnee, wo es mit
+weitaufgerissenen Augen liegen bleibt, als hätte sie der Blitz
+getroffen.
+
+»Wilms,« murmelt sie betäubt.
+
+Er hob sie auf, und noch halb über sie gebeugt, gurgelte er heiser vor
+Aufregung: »Hedwig, dir is doch nichts? Sag’ doch, Heting, dir is doch
+nichts?«
+
+Er wußte gar nicht, was er getan hatte.
+
+»Nein, nein – Wilms, ich will nach Hause.«
+
+»Ja, wir wollen nach Hause, Heting,« brachte er bestürzt heraus, »komm’,
+ich heb’ dich in den Schlitten.« Und während er das Mädchen in das
+wieder aufgerichtete Gefährt niederließ, befühlte und betastete er sie
+ängstlich, ob sie auch keinen Schaden genommen hätte.
+
+»Heting, sag’ mir bloß, wo bist du denn gewesen?«
+
+Allein sie saß wie erstarrt.
+
+»Frag’ mich jetzt nicht – ich will nach Haus.«
+
+»Wie du willst, dann will ich dich jetzt auch nicht fragen,« gab er
+sofort nach. »Aber nicht wahr, Heting, dir fehlt doch nichts?«
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+»Dann kommt es bloß vom Schreck,« tröstete er sich und sie. Er nahm
+neben ihr Platz, ergriff die Zügel, und der gebändigte Braune begann
+folgsam im Trabe zu laufen.
+
+Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt. Gedankenlos saß
+Hedwig neben dem Pächter und hörte auf das Läuten der Glöckchen. Nur
+einmal stieg ihr schwache Verwunderung auf, warum jetzt das Tier jeder
+Bewegung des Lenkers folge, das vorher so wild gewesen.
+
+Verstohlen blickte sie auf den Mann an ihrer Seite und merkte, daß seine
+Augen gleichfalls auf ihr hafteten, voller Angst.
+
+Er sah jetzt ganz anders aus, wie vorhin, als er das Pferd
+zurückgeschlagen hatte.
+
+Als sie daran dachte, zuckte sie zusammen, als habe sie selbst der
+Faustschlag getroffen.
+
+Was sollte daraus noch werden?
+
+Es war ihr, als hätte er damit auch sie gebändigt.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Und die Erkenntnis, daß sie langsam unterlag, rührte ihr ganzes Wesen
+auf.
+
+Kaum waren sie in dem Pachthause angelangt, so setzte sich Hedwig völlig
+erschöpft in eine Sofaecke und begann plötzlich heftig zu schluchzen.
+Wilms sah bestürzt, daß all ihre Glieder bebten und zitterten wie
+Grashalme, über die der Sturm rauscht.
+
+»Heting – liebes Heting,« murmelte er und fuhr ihr unbeholfen über das
+Haar. – »Bist du krank? – Willst du mir nicht sagen, warum du weinst?«
+
+Immer heftiger flossen ihre Tränen. Wie ein plötzlicher Regenhusch, der
+das Gewitter anzeigt.
+
+»Heting, das kann ich nicht mit ansehen. Bist noch böse auf mich von
+vorhin?«
+
+Er meinte, weil er sie so roh aus dem Schlitten gestürzt.
+
+»O nein.«
+
+Sie schüttelte den Kopf und drückte krampfhaft seine Hand.
+
+»Wilms – ich bitte dich, Schwager,« flüsterte sie dringend. »Geh’ jetzt
+hinaus und laß mich allein – ganz allein – nicht wahr, du tust mir den
+Gefallen?«
+
+»Natürlich, Heting, ich tu’ ja alles, was du willst,« erwiderte der
+Landmann. »Bloß sag’ mir noch, bist du vielleicht ungehalten, weil ich
+heute ohne dich in die Kirche ging? Sieh, wenn du es nicht für recht
+hältst, dann will ich ja überhaupt nicht mehr hingehen.«
+
+Sie machte nur eine stumme Bewegung der Verneinung, und der Pächter
+schritt schwer und erschüttert hinaus. Kaum hatte er die Tür hinter sich
+geschlossen, so erhob sich Hedwig und warf sich vollkommen durchrüttelt
+und kraftlos vor Elses Bett in die Knie, wo sie ihren Kopf in die Kissen
+grub.
+
+»Schwester – Schwester,« murmelte sie halb betäubt vor Seelenangst.
+
+Unterdessen schritt Wilms in dumpfer Verzweiflung auf dem Hof hin und
+her. Und immer wieder richteten sich seine überbuschten Augen auf das
+Fenster, hinter dem früher seine kranke Frau gelegen hatte und ihm Qual
+bereitete. Jetzt spähte er nach der gesunden Schwester.
+
+Er griff nach seiner Stirn und wunderte sich.
+
+Unter ihm lag noch immer die Erde fest und bebte nicht, über ihm
+schwamm der Schneehimmel und spie keine Feuerballen aus, um ihn herum
+ragten Haus und Scheunen festgefügt wie sonst, und doch brütete der
+Mann, der nicht mehr in die Kirche gehen wollte, über eine der Todsünden
+nach.
+
+»Gedankensünden,« hatte der Pastor einmal gesagt, »Gedankensünden.«
+
+Es sollte noch schlimmer kommen.
+
+Der kleine Hofjunge trat auf ihn zu und händigte ihm einen Brief aus. Er
+enthielt eine Einladung für den heutigen Abend zur Försterfamilie. Die
+Försterin hatte ihn selbst mit zierlicher Handschrift geschrieben.
+
+Als Wilms zur Mittagszeit in das Wohnzimmer trat, fand er seine junge
+Schwägerin am Nähtisch emsig mit einem Brief beschäftigt.
+
+»An wen schreibst du, Heting?« fragte er zaghaft.
+
+Sie blickte mit trübem Lächeln zu ihm auf. »An Else,« antwortete sie
+stockend.
+
+Der Pächter stutzte. »An meine Frau?« wiederholte er düster und blickte
+zu Boden.
+
+»Ja, ich frage sie an, wann sie wiederkommt.« Sie senkte dabei das
+Haupt, schrieb noch ein paar Zeilen und übergab Wilms dann den
+geschlossenen Brief zur Besorgung.
+
+Eine drückende Stille trat ein, wie sie jetzt immer entstand, wenn der
+Entfernten zwischen beiden Erwähnung geschah.
+
+»Wann sie wiederkommt,« dachte der Landmann mutlos. Er reckte sich. »Ist
+dir bange nach ihr, Heting?«
+
+Es sollte gleichgültig klingen, aber seine tiefe Stimme bebte leicht.
+
+Zitternd wandte sich das Mädchen ab und antwortete nicht.
+
+»Nur von etwas anderem sprechen,« dachte Wilms, »von etwas anderem.« Da
+erwähnte er die Einladung, die er eben erhalten. Natürlich würde Hedwig
+ablehnen, glaubte er; auffallend war ja ihre Blässe, und sie hatte noch
+eben über ihr Befinden geklagt. Aber zu seinem Erstaunen rief sie
+erregt: »Ja, wir wollen hin. Warte, ich kleide mich gleich um.«
+
+Kopfschüttelnd blieb er zurück.
+
+Schon nach dem Kaffee fuhren sie vom Hof herunter in demselben
+Schlitten, den Hedwig heute vormittag benutzt hatte.
+
+In dem gemütlichen Försterhäuschen mitten im Walde ging es hoch her.
+Vielstimmiger Gesang, Geigen- und Trompetenklang empfingen sie schon
+bei ihrer Ankunft. Der Förster hatte von der benachbarten Akademie
+mehrere Forsteleven, selbst einen Assessor eingeladen. Der hatte seine
+Geige mitgebracht zur Verschönerung des Festes. Auch des Pastors
+Töchterlein war da.
+
+In einer der braungetäfelten Stuben mit den vielen Hirschgeweihen
+brannte noch der Tannenbaum. Darunter saß das blonde Töchterchen der
+Forstleute in seinem Wägelchen und streckte die Arme nach den Lichtern
+aus.
+
+Hedwig nahm das Kind in die Höhe und küßte es. Als sie sich umwandte,
+stand Wilms hinter ihr, dessen Augen mit besonderem Ausdruck auf ihr
+ruhten.
+
+Er hatte sich in tiefster Seele gedacht: »Warum gehört mir dieses schöne
+Weib nicht und dieses Kind?« Langsam fuhr er sich über die Stirn und
+ging zu den Männern.
+
+Es wurde spät.
+
+Der Abend verfloß in lauter Fröhlichkeit.
+
+Hedwig wurde von den jungen Leuten der Hof gemacht, Paula Schirmer
+schmiegte sich an sie, sie mußte singen. Zum Schluß spielte der
+Forstassessor zum Tanz auf. Da war es selbstverständlich, daß das
+Mädchen von einem Arm in den andern flog. Nur Wilms stand ernsthaft
+beiseite, er hielt es für unpassend zu tanzen, solange sein Weib fern in
+der Klinik weilte.
+
+Stirnrunzelnd überkam es ihn, als ob seine Jugend in Trauer verfließe.
+Und wie anmutig Hedwig tanzte, sie lenkte aller Augen auf sich, nur zu
+wild erschienen ihm manchmal ihre Bewegungen, es lag dann etwas Rasendes
+darin.
+
+Er schüttelte den Kopf.
+
+»Hören Sie auf, Fräulein Hedwig,« mahnte auch die Försterin, »sonst wird
+es zuviel.«
+
+Sie zog das Mädchen mit sich fort und stäubte ihr in ihrem Schlafzimmer
+etwas Kölnisches Wasser ins erhitzte Gesicht.
+
+»Wie geht es Ihrer Schwester?« fragte sie dabei.
+
+»Das weiß ich nicht,« versetzte Hedwig geistesabwesend.
+
+Die Försterin starrte sie an. Sie merkte, daß die Erregung ihres jungen
+Besuches unnatürlich sei. Jedoch sie glaubte die rechte Spur gefunden zu
+haben.
+
+»Wissen Sie schon, daß sich der junge Graf Brachwitz verlobt hat?«
+forschte sie gespannt.
+
+»Ja, ich hörte schon davon,« nickte Hedwig gleichgültig und wollte
+wieder zu den andern.
+
+Die Försterin verstand nicht, was sie aus ihr machen sollte. Sie hielt
+das Mädchen am Arm fest und klopfte ihr fast mütterlich die Wangen. Eine
+Regung des Mitleids überkam sie für dies schöne, fiebernde Geschöpf.
+Wenigstens einen guten Rat wollte sie ihr erteilen, geschöpft aus den
+Erfahrungen einer reifen Frau. Und ganz ehrlich und aufrichtig kam es
+heraus: »Fräulein Hedwig, ich wollte schon immer einmal mit Ihnen
+darüber sprechen. Bleiben Sie nicht mehr lange allein mit Ihrem Schwager
+in Wilmshus. – Hören Sie?«
+
+»Warum?« wandte sich Hedwig ruckartig um.
+
+Sie war leichenblaß geworden, nur die braunen Augen glänzten und
+funkelten wie feurige Kohlen.
+
+»Weil,« fuhr die Frau eindringlich fort, »die Lästerzungen in der
+Umgegend sich schon darüber aufhalten. Ich rate Ihnen gut, wenn auch
+nichts daran ist, gehen Sie dem Gerede lieber doch aus dem Wege.«
+
+Da raffte sich Hedwig auf, alles Blut schoß ihr zum Herzen, es war ihr
+so weh, daß sie laut hätte schreien mögen, denn sie fühlte, daß sie
+jetzt den Scheideweg erreicht habe.
+
+»Liebe Frau Annchen,« sprach sie dennoch straff aufgerichtet, obwohl die
+vollen Lippen in dem bleichen Gesicht bebten, so daß ihr Gegenüber nur
+mit Mühe ihre Worte verstand. »Solch müßiges Geschwätz ist mir
+gleichgültig. Ich tue das, was ich für recht halte, und scheue niemand.«
+
+Damit riß sie sich heftig los und ging in der großen Stube mitten durch
+die Fröhlichen hindurch, gerade auf Wilms zu, um ihn zum Tanz
+aufzufordern.
+
+Die Försterin wurde rot vor Unwillen, als sie es sah, und flüsterte
+aufgeregt mit ihrem Manne.
+
+»Heting,« sprach Wilms betreten, »ich möchte nicht gern. Solange Else
+fort ist – –«
+
+Sie achtete nicht darauf. »Komm, Schwager, – wenn ich dich bitte?«
+
+Dabei sah sie ihn an mit ihren fieberigen Augen so heiß, so flehend, als
+ob er ihr damit das Leben retten könnte, als ob ihr ganzes Dasein an
+diesem einen Tanze hing.
+
+Da schlug es auch über ihm zusammen. Weib – Ruf – die Furcht vor dem
+Gerede, alles ging unter in dem einen Wunsche, dieses lebenstrotzende
+Wesen einmal umschlingen und forttragen zu dürfen.
+
+Er packte sie, gewaltsam, verzweiflungsvoll, als wollte er sie an seiner
+Brust zerpressen.
+
+»Bravo,« riefen der Forstassessor wie die Eleven und ließen ihre
+Instrumente noch lauter jubeln. Und unter Geigenspiel und
+Trompetenklang schwenkte er sie herum, schwer, wuchtig, als ob es sich
+um Leben und Tod handele.
+
+Er sah auf sie herab.
+
+Ihr Gesicht war schmerzverzogen, ihr Atem ging stöhnend, wie wenn sie
+mit jedem Schritt über spitze Messer dahinglitte, und doch lag sie eng
+und voll in seinen Armen, daß er gänzlich die Besinnung verlor.
+
+»Süßes, liebes, Heting,« flüsterte er.
+
+Sie zuckte zusammen und schloß die Augen.
+
+Da war auch der Tanz zu Ende, sie trennten sich hastig und kamen erst
+wieder zusammen, als man aufbrach.
+
+»Adschö auch.«
+
+»Auf Wiedersehen.«
+
+Die Förstersleute versprachen bald auf Wilmshus vorzusprechen. »Wenn
+Ihre Frau erst zurück ist, Wilms,« meinte der Förster, »das ist doch
+jetzt bald.«
+
+»Ja, das ist bald,« bestätigte Wilms überstürzt, »das ist bald.«
+
+Wieder saßen sie im Schlitten, der Landmann hatte ein Tuch um das
+Mädchen geschlagen, daß man fast nichts von ihr sah. Dann ging es durch
+den nächtigen Wald, in dem die Schlittenglocken seltsam wiedertönten.
+
+»Kling-ling – Kling-ling.«
+
+Hedwigs Haupt neigte sich leicht gegen seine Schulter. Ihr war so
+bleischwer in allen Gliedern, der Schlaf schien sie erdrücken zu wollen.
+Wie im Traum zog es ihr durch den Sinn, daß sie mit diesem Mann nicht
+länger allein in einem Hause bleiben solle. Aber die silbernen Schellen
+verscheuchten den Spuk gleich wieder:
+
+»Kling-ling – Kling-ling.«
+
+In dem dunklen Gehöft zu Wilmshus war keine Menschenseele zu erspähen.
+Schwärzer als anderswo lag die Nacht auf diesem Ort. Fürsorglich hob der
+Landmann seine Schwägerin aus dem Gefährt und sie duldete es, obwohl sie
+fühlte, wie seine Arme zitterten. Da erleuchtete sich die Nacht. Aus dem
+Hause schlürfte etwas heran, der alte Krischan schlich heraus, seinen
+Herrn zu empfangen, eine Stallaterne warf einen breiten Schein über den
+Hof. Da machte sich Hedwig ungestüm frei.
+
+Erst auf dem dunklen Flur vor der Tür des Wohnzimmers, wo sie in Elses
+Bett schlief, erreichte der Pächter seine Begleiterin noch einmal.
+
+Rabenschwärze herrschte hier.
+
+Zaghaft ergriff er ihre Hand und drängte sich scheu an sie.
+
+»Heting,« flüsterte er leise und berührte furchtsam ihre Schulter.
+
+»Wilms, versprich mir was.«
+
+»Alles, Heting, was du willst.«
+
+»Dann soll Christian aus dem Hause und ins Altenheim.«
+
+»Ja, dann soll er fort,« wiederholte Wilms ohne Überlegung. Halb betäubt
+beugte er sich zu ihr hinab.
+
+Und derselbe schlürfende Greis, den sie eben verleugnet hatten, bewahrte
+die beiden, die nicht mehr gerettet sein wollten, zum letzten Male.
+
+An der Schwelle klapperten seine hölzernen Pantoffeln, in den Flur ergoß
+sich matter Lichtschimmer, eben als Hedwig, die gegen die Tür lehnte,
+fühlte, daß der Boden unter ihr zittere und schwanke und daß sie in jene
+Arme stürzen würde, die nach ihr tasteten.
+
+»Gute Nacht, Wilms,« stotterte sie auffahrend.
+
+»Ach, gute Nacht, Heting,« klagte der Pächter und starrte sinnlos auf
+die Tür, die sich rasch hinter ihr schloß.
+
+Der Alte war unterdes vorüber geschlichen und hatte seine Schlafstelle
+aufgesucht. Stille, webende, undurchdringliche Nacht umgab den Einsamen
+wieder.
+
+Er horchte und lauschte.
+
+Kein Laut regte sich mehr, alles schlief, nur er stand noch wie ein Dieb
+und wollte stehlen.
+
+Dort drinnen also, dort drinnen.
+
+Er wußte, es war unverschlossen.
+
+Die grobe, arbeitsgewohnte Hand reckte sich aus nach der Klinke, aber
+über dem Messing, in der Luft blieb sie, wie auf einer unsichtbaren
+Mauer, liegen.
+
+Das vermochte er nicht. Das wagte er nicht. Der Frost schüttelte ihn,
+daß ihm die Zähne klapperten. Er schlug die Hände vors Gesicht und stieg
+wie vernichtet und zerbrochen in seine Kammer hinauf.
+
+Er hatte einen schlimmen Traum.
+
+Da sah er sein Weib auf der Totenbahre liegen, gelb und wächsern. Sie
+war endlich gestorben. Fröhlich tönten Geigen und Trompeten dazu, und er
+selbst hatte Hedwig im Arm und tanzte jauchzend mit ihr um den Sarg
+herum und küßte sie auf den Mund. Die Leiche aber lag im Brautkleid und
+öffnete die Augen und Pastor Schirmer predigte über ihr: »Wirf die Last
+von dir. Sei mutig.«
+
+Er wälzte sich im Schweiß und schrie so laut auf, daß er erwachte.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+So war der Winter hingeschwunden.
+
+Der Schnee schmolz. Frühlingsstürme bogen und peitschten die Pappeln der
+Landstraße, in allen Lachen spiegelte sich blendender Sonnenschein, an
+den Birkenbüschen begann es grün zu schimmern, und an einem frischen
+Morgen vernahm Hedwig, die barhäuptig auf dem Hof stand, rauschenden
+Flügelschlag vor ihren Ohren, so daß sie danach ausschauen mußte.
+
+Mit lautem Gezirp umkreisten die Hausschwalben das Dach und suchten ihr
+Nest.
+
+Das Mädchen, das ganz sonnenüberglänzt dastand, legte die Hand vor die
+Augen und blickte hinauf. Ja, es wurde wahr, der Frühling zog wieder ins
+Land. Sie wohnte nun bald ein Jahr in diesem Gehöft.
+
+Und noch immer war Else nicht zurückgekehrt.
+
+Von Woche zu Woche zog es sich hin. Immer trat wieder etwas dazwischen,
+Monate wurden daraus. Wenn Hedwig dem Pächter nicht noch einmal von
+ihrem Erbteil vorgestreckt hätte, er hätte die Pension der letzten
+Wochen nicht bestreiten können. Zumal er jetzt alles Vorhandene zur
+Saatzeit brauchte. Das zog ihm die Stirn oft sorgenvoll in Falten, aber
+Hedwig hatte ihm die Summe aufgedrängt, ungeduldig, stürmisch. Da hatte
+er sie genommen. Sie gehörten ja zusammen, das Gedächtnis an Else wurde
+jetzt seltener. Zwar langten wöchentlich Briefe von der Kranken an, die
+von einer immer fortschreitenden Besserung berichteten, doch diese
+Mahnungen hatten das Schreckhafte verloren und schienen aus unbestimmter
+Ferne zu stammen. Elses Gestalt wurde ihnen allmählich unpersönlich und
+verfloß.
+
+Dafür hatten sie sich gegenseitig immer enger aneinander angeschlossen.
+Wilms blickte auf die stillen Wintertage als auf die glücklichsten
+seines Lebens zurück. Ja, er hatte wieder ein Heim, in das er beseeligt
+zurückeilte. Alles war wieder fest, gemütlich, geordnet. Auch hatte er
+die Wintermußestunden benutzt, um von ihr zu lernen. Da hatten sie
+zusammen unter der großen Stehlampe gesessen und die modernen Bücher
+gelesen, die Hedwig kommen ließ. Selbst seine politischen Ansichten
+wurden durch sie geklärt. Und allmählich begann er mit anderen Augen auf
+Nahes und Fernes zu blicken. Die sklavische Gottesfurcht, die in dem
+Höchsten einen Schergen sieht, einen kleinlichen Späher und Topfgucker,
+entschwand ihm, erst zaghaft und scheu, bald aber sicherer fing er an,
+nach dem Muster der Geliebten für sich selbst Gutes und Böses zu
+unterscheiden. Der schüchterne Mann erwachte, er erhob sich wie aus
+einer Gruft und sah sich erstaunt in der Welt um. Frische Luft wehte
+überall, dem Starken gehörte überall auch das Recht.
+
+Ja, der Krankendunst war aus seinem Heim herausgezogen.
+
+Und Hedwig liebte ihren Schüler. In dem reichen Geben und sich Mitteilen
+vergaß sie, daß sie sich nach ihm sehnte. Ihre verschwenderische Natur
+fand Befriedigung.
+
+Oft auch kam Besuch zu ihnen. Einmal die Förstersleute mit ihren Eleven,
+dann Pastor Schirmer mit seiner Tochter, zuweilen auch der Inspektor von
+Boltenhagen, sehr oft der schmeerbäuchige Kreisphysikus aus Grimmen. Nur
+die Frau Pastorin hielt sich zurück. Hedwig fragte nicht nach ihr und
+suchte nach keinem Grunde.
+
+Dann wurde musiziert und gesungen, häufig auch getanzt oder ernsthafte
+Gespräche geführt, und alle fühlten sich von dem klugen, liebenswürdigen
+Mädchen angeregt. Wilms wurde allmählich stolz auf sie.
+
+Ihr Widersacher, der taube Krischan, war vom Hofe entfernt worden. Das
+hatte sich jedoch nicht so glatt abgewickelt und war jetzt die Ursache
+zu vielem Verdruß.
+
+»Wat soll ick?« hatte der Greis gefragt, als Wilms ihm seinen Entschluß
+ein wenig zögernd eröffnete. »Wo soll ick hen?« Dabei hob er das taube
+Ohr empor und wackelte kraftlos mit dem Kopfe.
+
+»Ins Altenheim. Da wirst du’s gut haben.«
+
+»Ne,« hauchte der Alte und kaute widerwärtig mit dem stoppelbewachsenen
+Kinn: »Ick bünn nu all’ fifuntwintig Johr up dit Flag. – De Fru hett mi
+verspraken, dat ick hier starwen künn.«
+
+Wilms wurde ungeduldig. »Meine Frau is aber jetzt fort,« rief er heftig.
+
+»Sei ward äwer wedderkamen,« grinste der Alte und lachte kauend.
+
+Das war dem Landmann zuviel. Hedwig hatte auch darin recht. Es wurde dem
+Tauben kurz und entschieden ein Termin zum Abzug gestellt.
+
+Gelassen hörte der Greis die Entscheidung an.
+
+Aber als der Tag herangekommen war, war der Alte nirgends zu finden.
+Knechte und Mägde suchten ihn im ganzen Hause vergeblich, auch seine
+Schlafstelle war leer, schon munkelten die Leute, daß der Alte, den
+niemand leiden konnte, in den Teich gesprungen sei. Da entdeckte Dörthe,
+die Obermagd, ein Zeichen. Sie hörte über sich krächzendes
+Rabengeschrei, und als sie aufblickte, sah sie, wie der zerzauste Vogel
+des Vermißten in die offene Luke des Heubodens flog.
+
+Da fanden sie ihn. In dem tiefsten Winkel, verborgen im warmen Heu, lag
+er und wehrte sich halb blödsinnig gegen die Knechte. Ein Gensdarm
+brachte ihn und seine Habseligkeiten endlich vom Hof herunter und
+lieferte beides im Altenheim ab. Dort wurde er krank und man dachte an
+seinen Tod. Allein in wenigen Tagen erholte er sich bei der guten Pflege
+und unter der Obhut der Ärzte. Und bald sah man ihn täglich die
+Landstraße hinunterschlottern, bis nach Wilmshus, wo er sich auf einen
+Grabenstein setzte und ins Gehöft hineinstarrte.
+
+Das konnte ihm niemand verwehren, die Straße war frei. Wenn Hedwig
+vorüberkam, schüttelte er sich und grinste in sich hinein.
+
+»Er wird mir noch mal das Haus über dem Kopf anstecken,« murmelte Wilms
+einmal ingrimmig.
+
+Hedwig redete ihm das aus.
+
+Auf dem Schlosse zu Boltenhagen war in der Zwischenzeit ein großes Fest
+gefeiert worden. Die Braut des jungen Herrn hatte dem alten Grafen
+einen Besuch abgestattet. Hedwig sah sie vorüberfahren, und der
+Bräutigam, der neben der Erwählten saß, hatte sie ernst und ehrerbietig
+gegrüßt. Er wandte sich noch einmal nach ihr um. Am Abend sprühte ein
+prächtiges Feuerwerk herüber. Leuchtkugeln und Raketen zischten durch
+die winterstille Luft, und Wilms, der neben Hedwig am Fenster lehnte,
+kehrte sich ihr beklommen zu, wie wenn er ihre Augen ergründen wollte.
+Aber sie lächelte wehmütig und sah ihn groß und ehrlich an. Da beruhigte
+sich der Ängstliche wieder.
+
+Wer nach langer Armut Reichtum erlangt, wird ein Geizhals und fürchtet
+das Gewonnene wieder zu verlieren.
+
+Das Schönste aber, was Hedwig dem öden Besitztum gewonnen hatte, war der
+Garten hinter dem Hause. Zur Saatzeit, wo Wilms meistenteils auf seinen
+Feldern weilte, hatte sie mit Dörthe von der jahrelangen Verwilderung
+Besitz ergriffen. Beete wurden gegraben, mit heimischen, wie
+ausländischen Blumensaaten bepflanzt, Gänge abgesteckt, Rasenteppiche
+angelegt. Der riesige Apfelbaum in der Mitte ward beschnitten, die
+verwilderten Johannis- und Stachelbeerhecken zu ordentlichen Grenzen
+gerundet, das schwierigste aber mit den zerstreuten Fliederbäumchen
+vorgenommen. Hedwig ließ eine dünne Laube zurechtschlagen und die
+Stämmchen rings herumsetzen. Der gute Gärtner im Himmel gab seinen Segen
+dazu, er ließ seinerseits in linden Nächten warmen Regen träufeln, und
+als die Störche auf dem Schindeldach des Pachthauses erschienen, da
+hatten sich die Zweige zusammengeschlossen, da bildeten weiße und blaue
+Fliederbüsche ein duftendes Dach, und an hellen Mondscheinabenden sahen
+die Zugeflogenen den Pächter und seine junge Begleiterin in der Laube
+sitzen und hörten, wie sie beide zusammen heitere und traurige Weisen
+sangen.
+
+Solche Töne waren hier selten vernommen worden.
+
+Der Flieder streute seine Blüten über sie, und vom blühenden Apfelbaum
+quoll ein wundervoller Duft herüber, der Storchvater klapperte im Traum
+leise dazwischen. Den beiden Menschenkindern aber unten klopfte das Herz
+heiß und voll und sie schwiegen noch immer.
+
+ * * * * *
+
+Es war an einem Maienabend. Wilms, Hedwig und der kleine Pastor Schirmer
+saßen in der Fliederlaube und schwatzten über dies und das. Ein
+Windlicht leuchtete auf dem Tisch. Die Luft ging so sacht, daß selbst
+der winzige geistliche Herr mit seinen spärlichen Silberlocken
+barhäuptig saß.
+
+Da knirschte ein starker Schritt den Gang entlang. Ein paar Zweige
+wurden zurückgeschoben, die mächtige Gestalt des Försters wurde
+sichtbar.
+
+»’n Abend meine Herrschaften,« rief er fröhlich und schüttelte allen die
+Hand. »Sie haben hier ein schönes Plätzchen – wahrhaftig. – ’n Abend
+Fräulein Hedwig, Ihnen bring’ ich was ganz Besonderes mit –« er
+schnalzte mit der Zunge – »hier.«
+
+Dabei reichte er dem Mädchen ein starkes Bündel grüner Kräuter herüber.
+Die strömten einen würzigen Duft aus.
+
+»Waldmeister?« sprach Hedwig überrascht.
+
+»Richtig – meine Frau hat ihn selbst gepflückt. Er blüht in diesem Jahr
+so prächtig, daß – –«
+
+»Daß man ihn nicht umkommen lassen darf,« ergänzte die junge Wirtin
+anmutig, »wie wär’s, Herr Forstmeister, wenn wir gleich eine Bowle
+zusammen brauten? Sie haben doch nichts dagegen?«
+
+»Dagegen?« schrie der Weidmann und sah sich so triumphierend um, als
+hätte er eben ein gutes Werk zustande gebracht. »Deshalb habe ich ihn ja
+gerade zu mir gesteckt. Und mit Ihnen in der Küche, Fräulein Hedwig? –
+Herrje, wenn meine Frau das wüßte, daß ich mich jetzt noch mit Kochen
+abgebe. Aber das soll auch ein Schlückchen werden, passen Sie mal auf,
+Herr Pastor, was da rauskommt.«
+
+Die andern riefen Beifall. Und nach kurzer Zeit erschien Hedwig wieder
+mit einer großen Terrine, hinter ihr der Förster, der noch eine Flasche
+Rheinwein unter dem Arm trug. »Wenn’s zu dünn sein sollte,« erklärte er
+augenblinzelnd.
+
+Aber es war nicht zu dünn.
+
+Sie ließen die Gläser klingen, rötlich spiegelte sich das Windlicht in
+dem gelben Naß, fein läutete der silberne Ton in die Maiennacht hinaus.
+
+»Schön,« rief der Förster und legte sich befriedigt die Hände auf den
+Leib, »sehr schön.«
+
+»Ich dank’ dir, Heting,« sprach Wilms mit einem langen bewundernden
+Blick und hob das Glas.
+
+Und der kleine Pastor leckte sich die Lippen und nickte nachdenklich
+lächelnd: »Die Bibel hat einen Trinkspruch dafür, meine Freunde,« sagte
+er vor sich hin und faltete die Hände um das Glas. »Psalm 65 – 11, 12
+und 14.«
+
+»Jawohl,« sagte der Förster beifällig, »sehr schön.« Er hielt bereits
+beim dritten Becher und man wußte nicht, ob er den passenden Vers oder
+Hedwigs gelungene Bowle so sehr bewundere. Dann zog er ein Päckchen der
+Stralsunder Fabrik hervor und sprach halb bittend, halb verschämt: »Ein
+Skätchen?«
+
+Und ohne abzuwarten fuhr er fort: »Wilms gibt.«
+
+Lächelnd griffen die Herren zu den Karten, die Zigarren wurden
+entzündet, und bald fielen die bekannten Worte:
+
+»Tourné? – Solo? – Pastor, zeigen Sie mir Ihre Karten nicht.«
+
+Hedwig schritt leise aus der Laube hinaus. Langsam wandelte sie im
+Garten herum, der Mond stand voll am Himmel und beleuchtete die schmalen
+Pfade. An einem blühenden Rotdorn wandte sich das Mädchen und blickte in
+die helle Laube zurück. Da saßen die drei unter den weißen und blauen
+Fliederbüschen, schlürften den guten Wein und spielten munter fort.
+
+Es nahm sich aus wie ein Bild der Behaglichkeit.
+
+»Und das hast du geschaffen,« wollte es in Hedwig auftönen, aber sie
+sprach es nicht aus, nur ein Gefühl der Ruhe und des Stolzes überkam
+sie.
+
+Unhörbar öffnete sie die Gartentür, ging leise über den schweigenden
+Hof, bis sie die Einfahrt an der Landstraße erreicht hatte.
+
+Hier war sie vor einem Jahr zuerst eingefahren. Vieles hatte sich
+seitdem geändert.
+
+Ausruhend blickte sie die Landstraße hinunter. Dort atmete alles
+tiefste Stille, zwischen den Stämmen der Pappeln spann sich blaugraue
+Dämmerung, nur die Grillen in dem Graben zirpten ohne Unterlaß.
+
+Da tönte ein fernes Rollen dazwischen. Es wurde wieder still, aber dann
+– von einer Biegung der Chaussee hörte man deutlich Peitschenklang und
+das Nahen eines Wagens. Ein paar Laternen blitzten auf.
+
+Hedwig trat zurück. Kam das Gefährt nicht aus Boltenhagen? Wohin ging so
+spät noch eine Equipage? Sollte in der gräflichen Familie jemand krank
+geworden sein?
+
+Die Chaise hielt an, gerade vor der Einfahrt des Gehöftes, wo das
+Mädchen stand.
+
+Hedwig begann das Herz zu schlagen.
+
+Aus dem Lederverschlag streckte sich ein unförmlicher Kopf heraus und
+eine belegte Stimme rief: »Fräulein Schröder? Sind Sie’s, Fräulein
+Schröder? Ich bin’s, Rosenblüt aus Grimmen, Sie wissen schon, ein guter
+Freund von Ihrem Herrn Vater.«
+
+Hedwig trat an den Schlag heran und reichte dem Geschäftsmann die Hand.
+Verwundert fragte sie, ob er denn aus der Stadt eine Bestellung an sie
+hätte.
+
+Der Händler wiegte den Kopf: »Wissen Sie’s denn noch nicht? Das heißt
+wieso sollen Sie’s wissen?« wiederholte er sich selbst. »Da hab’ ich
+heut den Kreisarzt getroffen, Rumpf – behandelt mir auch wegen mein
+Steinleiden, macht ümmer faule Witze, sagt ümmer ›Se müssen’s aushalten
+Herr Rosenblüt, Sie sind eben ’n steinreicher Mann.‹«
+
+»Ja, aber Herr Rosenblüt – –«
+
+Der Händler besann sich: »Da hat mir der Kreisarzt aufgetragen, Ihnen
+’ne Überraschung zu machen. Nu, wissen Sie’s noch immer nicht? Ihre Frau
+Schwester ist zurück – bei Ihrem Herrn Vater – und morgen wird sie hier
+ankommen.«
+
+»Wer ist zurück?« fragte Hedwig ganz leise.
+
+»Nu, die Frau Wilms. Und aussehen soll se, ich sag’ Ihnen, so gesund,
+wie Sie und ich. Kann mir denken. Es ist ne große Freude für Sie. Na,
+grüßen Sie mir den Herrn Wilms – ich lass’ ihm gratulieren. – Gute
+Nacht, Fräulein Schröder.«
+
+»Ich danke Ihnen auch bestens,« sagte Hedwig und reichte ihm die Hand.
+
+Der Wagen rollte weiter.
+
+»E seltsam ruhiges Mädchen,« dachte der Händler, während er sich in die
+Kissen zurückdrückte. »Sie bleibt sich immer gleich – in Freud und
+Leid.«
+
+Hedwig ging langsam über den Hof zurück und betrat wieder den Garten.
+Lange stand sie hinter der erleuchteten Laube und zupfte gedankenlos
+einen Zweig des weißen Flieders ab. Drinnen hatten die Herren die Karten
+zusammengeschoben, sie stießen noch einmal zum Abschied mit den Gläsern
+an und der Förster reckte sich, strich das gewonnene Geld ein und summte
+vor sich hin:
+
+ »Im Wald und auf der Heide,
+ Da such ich meine Freude.
+ Ich bin ein Jägersmann,
+ Ich bin ein Jägersmann.«
+
+Fröhlich klang die Weise in die Nacht hinaus. Und der kleine Pastor, der
+nicht viel vertragen konnte, schob seinen Arm unter den des Sängers und
+murmelte undeutlich:
+
+»Lieber Freund – Sie – Sie begleiten mich nach Hause, nicht wahr?«
+
+»Natürlich – wird besorgt werden, Herr Pastor,« lachte der Förster mit
+einem Seitenblick, »wird alles pünktlich abgeliefert. Gute Nacht, Wilms,
+grüß die kleine Hedwig. Ein famoses Ding. Donnerwetter, wenn ich jung
+wär – wenn ich jung wär –«
+
+»Gute Nacht.«
+
+Die beiden Herren zogen ab, Wilms gab ihnen bis zur Einfahrt das Geleit,
+und noch auf der Chaussee konnte man den Förster das Jägerlied singen
+hören.
+
+Heiter begab sich Wilms in den Garten zurück. Als er in die Laube trat,
+fand er Hedwig dort, die am Tisch saß und den Kopf in die Hand stützte.
+
+Er stockte.
+
+»Heting, du? – Ich glaubte, du wärst schon zu Bett gegangen?«
+
+»Nein, Wilms, ich wollte dich noch erwarten.«
+
+»Wirklich? – Das ist schön. – Na, da komm, Heting, wir trinken noch ein
+letztes Glas zusammen. – Wir haben ja heut noch gar nicht zusammen
+angestoßen. – Willst du?«
+
+Er setzte sich ihr gegenüber und schob ein volles Glas vor sie hin, aber
+sie verhielt sich so regungslos, sie hatte das Haupt so trübe gesenkt,
+daß Wilms sie befremdet anstarrte.
+
+»Heting, du bist doch nicht etwa krank?« stotterte er.
+
+»Nein, nein, Schwager –« sie richtete sich auf und lächelte ein wenig.
+»Ich habe dir sogar etwas sehr Gutes mitzuteilen.«
+
+»Sehr Gutes? – Und dabei siehst du so traurig aus?«
+
+»Traurig?« entgegnete sie verwirrt, und plötzlich überzog eine tiefe
+Blässe ihr Gesicht. Wilms sah, wie ihre Hände sich zitternd bewegten.
+»Die Frühlingsluft wohl – ich habe Kopfschmerzen – ich freue mich auch
+so sehr – Wilms, Else ist nach Grimmen zurückgekommen und morgen trifft
+sie hier ein.«
+
+Der Landmann ließ sein Glas niedersinken und tat einen tiefen Atemzug.
+
+Da erzählte sie ihm alles. »Und,« schloß sie unsicher, »sie soll ganz
+hergestellt sein. – Gottlob.« Aber sie vermied es, ihn anzublicken.
+
+Wilms regte sich. »Gottlob,« murmelte er mechanisch. Dann reckte er
+sich, legte sich die Hand vor die Stirn und schritt wortlos in den
+Garten hinein. Seine Gestalt bückte sich dabei, als ob er etwas trüge.
+
+Nach einiger Zeit kehrte er langsam zurück. In seinem Gesicht zuckte es,
+wie er seinen Platz ihr gegenüber wieder einnahm. Die gutmütigen blauen
+Augen schienen ganz überbuscht. Er reckte die Hand aus und ergriff die
+ihrige.
+
+»Ich dank’ dir auch für alles, Heting, was du an mir getan hast,« sprach
+er mit zitternder Stimme und umklammerte krampfhaft ihre Finger, »auch
+dafür, Heting, daß du wieder ein bißchen Zufriedenheit in mein Haus
+gebracht hast. – Ich hab’ mich so wohl gefühlt –« murmelte er leise und
+aus seinem Auge drang ein großer, schwerer Tropfen hervor: »Gott geb’s,
+daß alles so bleibt.«
+
+Da senkte Hedwig ihr Haupt auf seine Hand hernieder und blieb unbewegt
+so liegen, daß er ihre goldbraunen Flechten im flüchtigen Glanz des
+Windlichtes schimmern sah. Ihre Stirn brannte auf seiner Haut.
+
+Die Brust des Mannes hob sich immer mühsamer. Sanft zog er seine Hand
+zurück.
+
+»Wollen’s uns nich noch schwerer machen, Heting,« sagte er mit
+Aufbietung aller Kräfte. »Es is ja so nich leicht. – Komm, Heting,
+wollen darauf anstoßen, daß wir immer gute Freunde bleiben, so wie
+heut.«
+
+Langsam erhob sie sich. Schlank und aufrecht stand sie vor ihm, als sie
+das Glas ergriff, aber ihre Augen hingen an den seinen, so dringend, so
+unabwendbar, so gewaltig ernst, daß er beinahe davor erschrak.
+
+Die Bibel hat ein Wort für diese Liebe: »Feurig, wie die Flamme des
+Herrn und stark, wie der Tod.«
+
+Die Gläser klangen zusammen, sie sahen sich noch einmal in die Augen,
+dann reichten sie sich die Hände und gingen schweigend in das Pachthaus
+zurück.
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+»Willkommen« stand über der Haustür geschrieben, und grüne Guirlanden
+mit roten und weißen Gartenblumen schmückten die Pfosten, als die Herrin
+des Hauses zum erstenmal wieder über die Schwelle von Wilmshus schritt.
+
+Wilms und Hedwig hatten sie gemeinsam vom Bahnhof abgeholt.
+
+»Ach, wie schön habt ihr alles für mich gemacht,« flüsterte Else erregt,
+als sie an der Hand ihres Mannes den Flur betrat, und warf sich an seine
+Brust.
+
+»O Gott, wie danke ich dir, daß du mich das noch erleben ließest. –
+Erwartet mich der Pastor nicht hier?« setzte sie begierig hinzu.
+
+»Nein, mein Kind,« entgegnete Wilms, »ich dachte, wir wollten zuerst
+unter uns sein.«
+
+Else nickte: »Ja, du hast recht. Kommt nur schnell in die Stube.« Und
+als sie in das große Wohnzimmer eingetreten waren, wo bereits ein
+festlicher, mit Blumen geschmückter Tisch ihrer harrte, da umarmte sie
+ihre Schwester und küßte sie stürmisch auf den Mund:
+
+»Liebes Heting, das kommt von dir. Nein, wie freue ich mich, daß ich
+wieder in meinem eigenen Heim bin. Und noch dazu wieder ganz erholt.« –
+Sie stellte sich vor den Spiegel und nahm sich den Hut ab. »Nicht wahr,
+Wilms,« fuhr sie hastig fort, »man merkt mir doch gar nichts mehr an?
+Ich sehe beinahe wieder so aus, wie zu unserer Hochzeit? – Oder findest
+du nicht?«
+
+»Ja, mein Kind,« antwortete Wilms gedrückt, »du hast dich sehr – sehr
+erholt.«
+
+Hedwig und er warfen sich dabei einen Blick zu. Beide bemerkten, wie
+hektisch rot ihre Wangen gefärbt waren und welch tiefe, blaue Ringe die
+Augen der Heimgekehrten umränderten. Ihre Gestalt war leicht nach vorn
+geneigt und auch die Schultern vornüber gezogen. Und doch ließ das
+schmale Gesichtchen noch immer Spuren einstiger Schönheit erkennen.
+
+Unterdessen hatte Else sich wieder zu ihrem Manne gekehrt, sie legte ihm
+beide Hände auf die Brust und rief zwischen Lachen und Weinen:
+
+»Freust du dich denn gar nicht, Wilms, daß ich wieder da bin? Du bist
+ja so still.«
+
+Zärtlich hob sie den Mund zu ihm empor und schloß die Augen, als Wilms
+sich schwer und wortlos zu ihr niederbeugte. Aber während er es tat,
+streifte sein Blick ängstlich die Jüngere. Schweigend wandte sich Hedwig
+zum Fenster.
+
+»Und nun wollen wir zu Tisch gehen,« rief Else. »Ihr sollt mal sehen,
+wieviel ich jetzt essen kann. Nicht mehr so wie früher.«
+
+Mit diesen Worten ließ sie sich auf das Sofa nieder, wo Hedwig sonst bei
+Tisch gesessen hatte, und zog Wilms neben sich.
+
+Die Schwester mußte ihr gegenüber auf einem Stuhl Platz nehmen.
+
+Dann teilte sie selbst in eifriger Geschäftigkeit die Speisen aus, ja
+die Heimgekehrte schien an einem Tage alles wieder einholen zu wollen,
+was sie in jahrelanger Krankheit in der Wirtschaft verabsäumt hatte. Zum
+mindesten wünschte sie dem Gatten ihre frischgewonnene Kraft zu zeigen,
+damit er sich daran erfreue.
+
+Und dann begann sie ihre Erlebnisse in der Klinik zu erzählen.
+
+Wilms Stirn verdüsterte sich immer mehr.
+
+Seit Monden schon hatte ihn bei seinem Verkehr mit Hedwig nicht mehr die
+leiseste Andeutung daran erinnert, daß sein Heim einmal einem Lazarett
+geglichen, in dem nur über Ärzte, Krankheit und Medikamente verhandelt
+worden war. Jetzt, während Else umständlich ihre überstandenen Leiden
+beschrieb, erhob sich förmlich wieder jener laue Krankheits- und
+Verwesungsgeruch, der jahrelang seine Sinne niedergedrückt hatte.
+
+Hilfesuchend sah er auf Hedwig, aber das Mädchen schien aufmerksam
+zuzuhören und auch seine Abneigung nicht zu teilen. Das verdarb ihm das
+erste Mittagsmahl vollständig. Nur zum Schein hielt er noch Messer und
+Gabel in der Hand, ja er dankte Gott, als seine Frau, die trotz ihres
+gerühmten Appetites von allem nur flüchtig genippt hatte, endlich die
+Tafel aufhob.
+
+»Weißt du, Heting,« sagte sie zur Schwester und klopfte ihr beim
+Aufstehen mütterlich die Wange: »Du siehst blaß aus. Gewiß hast du dich
+in der letzten Zeit hier überanstrengt. Aber jetzt soll das alles anders
+werden. Ach, Wilms, wie glücklich bin ich darüber, daß ich jetzt selbst
+wieder alles in die Hand nehmen werde. Und paßt nur auf, wie rasch ich
+mich wieder hineinfinde. Dann will ich dich auch ordentlich pflegen,
+mein kleines Heting.«
+
+Die Angeredete lächelte wehmütig, und wieder trafen sich ihre und des
+Landmanns Augen in einem langen, vielsagenden Blick.
+
+Es war bereits das drittemal, daß sie so stumm und traurig miteinander
+sprachen.
+
+Bedrückt und nicht fähig, sich länger zu beherrschen, riß sich endlich
+Wilms los. Er verabschiedete sich von seiner Frau, um aufs Feld zu
+gehen, die Saat weiter zu beaufsichtigen.
+
+Aber das alte Spiel wiederholte sich, Else haschte rasch nach seiner
+Hand.
+
+»Wilms, du willst mich jetzt schon allein lassen?« rief sie mit leisem
+Ton des Unmuts, »gleich den ersten Tag, wo ich hier bin?«
+
+Dabei wurden ihre Wangen glühend rot, mit den Zähnen nagte sie an der
+Unterlippe. »Das wirst du doch nicht tun, nicht wahr?«
+
+Hier schon war es ersichtlich, daß die Halbgenesene eine Aufregung oder
+gar einen Streit nicht würde ertragen können.
+
+Der Landmann blieb stehen.
+
+Das also war seine Zukunft? Sollte er wieder gefesselt werden, daß er
+der daherfahrenden Not abermals gebunden und widerstandslos überliefert
+war?
+
+Die Angst um seine Existenz, die ihn schon einmal erfüllt hatte, und die
+erst seit kurzem gebannt war, von jenem stillen, schweigenden Mädchen
+dort, das lähmende Entsetzen wollte ihn von neuem erfassen. Aber nur
+einen Augenblick, dann richtete sich der große Mann entschlossen auf,
+bereit, endlich, endlich seine Manneswürde gegenüber der Krankheit zu
+behaupten.
+
+Jedoch er sollte zu keinem unvorsichtigen Wort gelangen. Hedwig hatte in
+seinen Mienen die heftige Bewegung gelesen und rasch eilte sie, ihm zu
+helfen.
+
+»Elsing,« erklärte sie mit ihrer freundlichen, aber doch so stolzen
+Bestimmtheit, als wenn ein Widerspruch von vornherein ausgeschlossen
+wäre, und legte ihr leicht die Hand auf den Arm: »Dein Mann hat für uns
+gar keine Zeit weiter, du mußt ihn schon gehen lassen. Es steht zu viel
+Geldverlust auf dem Spiel, wenn er in diesen Monaten aufgehalten wird.«
+
+Die Kranke warf der Schwester einen überraschten Blick zu:
+
+»So?« sprach sie dann, noch immer ein wenig spitz, »du scheinst hier ja
+schon viel in der Landwirtschaft gelernt zu haben, Hedwig?«
+
+Allein ganz unvermittelt gab sie nach und winkte lächelnd mit der Hand,
+daß er sich entfernen solle.
+
+»Geh nur, Wilms – geh. Ihr habt ja recht. Es ist ja wahr. Mir ist es
+nur, als ob ich mich jetzt gar nicht von euch trennen könnte – aber geh
+nur.«
+
+Da ging Wilms schwerfällig und bedrückt hinaus. Und als er langsam über
+seine Felder schritt, auf denen geharkt und gesät wurde, da war ihm weh
+zumute, viel schlimmer als damals, als sein Weib auf dem Krankenlager
+gelegen. Wie sollte das enden?
+
+Mitten in seiner schweren Arbeit tanzte ihm alles durcheinander. Hedwigs
+fragende Augen, ihr herrlicher Wuchs, ihre roten Lippen und daneben
+wieder das zarte, nervöse Bild der Heimgekehrten, das sich zärtlich an
+ihn schmiegte, um ihn zu küssen.
+
+Er schauderte zusammen, rings lag heißer Sonnendunst auf der Erde, und
+doch war es ihm, als hätte eben etwas Kaltes seinen Mund berührt. Ein
+heftiger, körperlicher Widerwille beschlich ihn, als er sich an die
+Liebkosungen seines Weibes erinnerte.
+
+»Nein – nein – Gott schütz’ mich – bewahr mich davor. – Das darf ich ja
+nicht denken – Karl, Jochen,« rief er laut seinen Leuten zu.
+
+Er wollte Menschen um sich haben, um die Gespenster mitten in der
+Sonnenglut zu scheuchen.
+
+ * * * * *
+
+Inzwischen waren die beiden Schwestern allein.
+
+Hedwig riet der Kranken, sie solle sich jetzt etwas niederlegen, allein
+Else wollte davon nichts wissen, obwohl ihre Bewegungen seit Wilms
+Fortgange sichtlich matter geworden waren.
+
+»Nein, nein, Heting,« lehnte sie hastig ab, »glaub’ mir, das hab’ ich
+jetzt nicht mehr nötig. Wir wollen jetzt lieber die Wirtschaft ein
+bißchen durchmustern, vor allen Dingen meine Schränke. Darauf freue ich
+mich schon wochenlang. Hast du sie auch hübsch in Ordnung gehalten?«
+
+Die andere bejahte leidend und schloß im Wohnzimmer einen Wäscheschrank
+auf, aber Else ging das alles zu langsam. In der Hast riß sie der
+Jüngeren das Schlüsselbund aus der Hand und lief damit von einem Schrank
+zum andern. Überall sah sie hinein. Dann hing sie sich die Schlüssel in
+den Gürtel.
+
+»Ich möchte sie jetzt doch lieber wieder selbst behalten,« erklärte sie
+Hedwig mit vor Vergnügen gerötetem Gesicht. »Von jetzt an werde ich ja
+wieder alles allein beaufsichtigen.« Und sie küßte ihre Schwester
+stürmisch auf die Wange: »Nicht wahr, Heting, du freust dich doch
+darüber?«
+
+Die Jüngere nickte ernst. Ein wehmütiges Lächeln spielte um ihre Lippen,
+als die klappernden Dinger wieder den Gürtel ihrer Schwester schmückten.
+
+Jetzt war sie also abgesetzt, sie kam sich überflüssig vor. Mutlos
+blickte sie zu Boden. Dagegen gab es keinen Kampf. Der Aufenthalt im
+Zimmer wurde ihr drückend.
+
+»Komm, Else,« nahm sie sich zusammen, »ich habe noch eine Überraschung
+für dich. Komm mit.«
+
+Sie gedachte der Heimgekehrten den Platz zu zeigen, der früher mit
+wildem Gestrüpp bedeckt gewesen und sich nun unter Hedwigs Hand in einen
+blühenden Garten verwandelt hatte.
+
+Sie schritten dorthin.
+
+Und Elses Entzücken war zuerst ganz aufrichtig. Still und selig schlang
+sie den Arm um Hedwigs Schulter, und so saßen die beiden Schwestern in
+der blühenden Fliederlaube und träumten in den sinkenden, rosigen Tag
+hinaus.
+
+Hedwig erinnerte sich an den vergangenen Abend. In ihrem Ohr klang der
+silberne Ton wieder, wie gestern, als sich ihr Glas mit dem des
+Landmanns berührt hatte.
+
+So würde fortan Else mit ihrem Mann hier sitzen, dachte das Mädchen, sie
+aber würde gehen. Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und sah über
+die Stachelbeerhecken fort auf die angrenzende weite grüne Wiese hin,
+auf der zahllose Schmetterlinge im letzten Abendsonnenschein
+herumgaukelten.
+
+»Du bist so still?« fragte Else.
+
+In demselben Augenblick kehrte Wilms zurück. Er freute sich darüber, die
+beiden Frauen an der liebgewordenen Stätte zu finden, und erzählte Else,
+wie oft sie hier schon gemütlich gespeist hätten. Zum Schluß bat er, daß
+auch heute an dieser Gewohnheit festgehalten werde.
+
+Else sah erstaunt zu dem vor ihr Stehenden auf.
+
+»Hier?« fragte sie verwundert. »Aber hier wird es doch bald zu kühl?«
+
+»Bewahre, Elsing,« widerlegte Wilms, »wir haben ja gestern erst mit
+Hedwig hier gesessen, sogar bis spät in die Nacht hinein.«
+
+»So?« entgegnete Else gedehnt. Eine leichte Wolke zog über ihre Stirn,
+die Falten um ihren Mund prägten sich etwas schärfer aus, es war nur
+eine ganz leise Andeutung von Verstimmung und ebenso schnell wieder
+entschwunden, wie sie entstanden war.
+
+Noch war kein Argwohn in der Leidenden erwacht.
+
+»Dann habt ihr euch ja in meiner Abwesenheit ganz gut unterhalten,«
+meinte sie achselzuckend.
+
+Sie lächelte dabei, wie wenn sie das Ganze für einen Scherz hielte, und
+liebkoste die Hand ihrer Schwester. Gleich darauf aber verzog sie die
+Schultern.
+
+Eben war die Sonne hinter rotglühenden Streifen verschwunden, ein laues
+Lüftchen strich über die Wiesen.
+
+»Mir wird doch zu kalt,« sagte Else matt und erhob sich rasch, »und ich
+denke, wir wollen deshalb lieber im Zimmer essen. Dafür sind wir ja auch
+alle drei wieder zusammen.«
+
+Sofort erhoben sich auch die andern. Der Wille der Kranken war mächtiger
+als ihre eigenen Neigungen. Sitte und Gewohnheit geboten immer dieselbe
+rücksichtsvolle Unterordnung.
+
+Sorglich legte ihr Hedwig ein Tuch um die Schultern, Else nahm den Arm
+der Jüngeren, und nach all der selbst auferlegten Anstrengung dieses
+Tages wandelte sie matt und müde neben der jugendfrischen Führerin her.
+
+Wilms folgte ihnen.
+
+Finster sah er auf die beiden so verschiedenen Gestalten, aber er wagte
+keinen Vergleich mehr. Nur am Ausgang des Gartens wandte er sich noch
+einmal nach der blühenden Fliederlaube zurück. Ein schwerer Duft wehte
+herüber.
+
+»Auch das vorbei,« murmelte Wilms. Verstört riß er sich los. Die
+Lebensfreude entfloh von ihm, wie ein vorbeipfeifender Vogel, und der
+düstere Geist der Verzweiflung beschattete ihn wieder mit seinen dunklen
+Fledermausflügeln.
+
+
+
+
+IX.
+
+
+Am nächsten Morgen erschien der dicke Kreisphysikus.
+
+Aus seinem äußeren Gebaren konnte man schwer enträtseln, was er von dem
+Zustand der Pächterfrau hielt. Er küßte ihr zwar ein paarmal die
+Fingerspitzen, aber doch mit Zurückhaltung.
+
+Das war ein seltsames Zeichen, denn Patienten, an denen der beleibte
+alte Dr. Rumpf Freude erlebte, beehrte er mit seiner stürmischsten
+Zärtlichkeit.
+
+Bei Else jedoch benahm er sich beinahe mitleidig. Er streichelte ihr
+nach der Untersuchung das feine blonde Haar aus der Stirn und sagte
+begütigend wie zu einem kleinen Kinde:
+
+»Na, es macht sich ja. Aber schonen, mein Kinding, immer hübsch schonen.
+Nur recht still, das ist die Hauptsache.«
+
+Damit begab er sich in den Garten, wo Wilms und Hedwig seiner schon
+harrten.
+
+»Ja,« meinte er dort mit leisem Kopfschütteln, »es ist ja zum Stillstand
+gekommen bei Ihrer Frau, lieber Wilms – wollen ’s Beste hoffen. Aber
+keine Aufregungen, hören Sie, davor müssen Sie sie in acht nehmen, ich
+sage es Ihnen ausdrücklich, eine Erregung wäre das reine Gift für die
+Kranke.«
+
+Als der Physikus kurz nachher vom Hofe heruntergefahren war, blieben der
+Pächter und das Mädchen noch einen Augenblick nebeneinander im Garten
+stehen.
+
+Tiefe Niedergeschlagenheit malte sich in den ehrlichen Zügen des
+Landmanns.
+
+»Heting,« begann er endlich heiser, während er sich scheu umblickte, und
+seine Brust hob sich so gewaltsam, als ob er unter Bergesschwere seufze:
+»Es ist schrecklich, was mir fortwährend im Kopf herumgeht, aber nicht
+wahr, du wirst keinen Abscheu vor mir bekommen? Heting,« er ergriff ihre
+Hand und keuchend flüsterte er weiter, als ob’s ein Geheimnis wäre: »Ich
+kann das Ungewisse nicht mehr ertragen, es geht über meine Kräfte. Ich
+wünschte, es wäre so oder so, biegen oder brechen, entweder sie würde
+gesund, oder – sie ginge von uns.«
+
+Dabei stierte er erhobenen Hauptes verzweifelt in den blauen Himmel
+hinauf, wie wenn er von dort oben eine tröstende Antwort erwarte.
+
+Aber nichts regte sich, nur der Wind führte Wiesenduft in den Garten
+hinein.
+
+Wilms preßte plötzlich mit beiden Händen seinen mächtigen Kopf und
+stöhnte laut auf: »Großer Gott – wie kann ich nur an so was denken? – –
+Ich bin ja woll selbst schon wahnsinnig geworden – schon wahnsinnig,«
+wiederholte er tonlos.
+
+»Warum soll man nicht einen Wunsch hegen?« sprach Hedwig verloren vor
+sich hin.
+
+Sie hatte bis jetzt wie ein weißes Marmorbild den Jammer des Mannes, den
+sie glücklich machen wollte, mitangesehen, jedoch während sie das letzte
+sprach, erweiterten sich ihre großen Augen schreckhaft weit. Regungslos
+starrte sie in die Ferne. Etwas Rotes, Blutendes flimmerte ihr dort
+undeutlich entgegen, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und als sie Wilms
+noch einmal anblickte, wurde sie leichenblaß.
+
+Entsetzen.
+
+Sie mußte etwas Gräßliches erschaut haben.
+
+Grußlos gingen die beiden auseinander. Bald darauf betrat Wilms das
+Wohnzimmer, um sich von seinem Weibe zu verabschieden. Munter und emsig
+fand er Else an ihrem Nähtisch sitzen, eifrig damit beschäftigt,
+Leinenzeug zusammenzusticheln.
+
+»Wo ist Hedwig?« fragte sie rasch bei seinem Eintritt und hob ihre
+hellen Augen.
+
+Wilms stutzte: »Wahrscheinlich in der Küche,« gab er unbeholfen zurück.
+Er log. Etwas Unerkanntes, Dunkles zwang ihn dazu.
+
+Sein Weib ließ ihre Arbeit langsam in den Schoß sinken und sah ihn an.
+Eben hatte ihr Dörthe, die Obermagd, erzählt, daß sich Hedwig mit dem
+Herrn im Garten erginge. Und doch sagte er, daß er mit ihrer Schwester
+nicht zusammengetroffen wäre?
+
+Sie atmete rasch, ihre Finger erzitterten ein wenig, in der Hast stach
+sie sich mit der Nadel, daß ein kleiner Blutstropfen hervorquoll.
+
+Wilms wollte ihr rasch sein Taschentuch herumwinden. Sie wehrte ihn ab:
+
+»Laß das. – Es macht nichts,« sagte sie fest, obwohl ihre schwache
+Stimme leise zitterte. Dann wandte sie sich und schaute eine Zeitlang
+still zum Fenster hinaus. Als sie ihrem Mann ihr Antlitz wieder
+zukehrte, hatte es seinen alten Ausdruck zurückgewonnen, nur ihre Augen
+blickten nachdenklich und grübelnd vor sich hin.
+
+»Adieu Wilms,« sagte sie etwas gezwungen, und nachdem sie sich noch die
+Hände gereicht hatten, bat sie ihren Gatten: »Schick’ mir doch Christian
+einmal herein. Er soll eine Einladung zu Pastors tragen.«
+
+Wilms stand bereits an der Tür. Er wurde verlegen. »Wen soll ich – –?«
+fragte er zögernd.
+
+»Nun den alten Christian.«
+
+»Ach so den – – ja – den – Elsing – den hab’ ich entlassen.«
+
+Wilms wußte, daß er Unrecht auf sich geladen hatte, er hatte den Alten
+fortgejagt aus Liebe zu dem schönen Weibe, vor deren Kammer er damals
+gestanden. Der Mann hatte ein Menschenalter auf dem Hofe gedient. Der
+Schweiß brach ihm aus der Stirn, in seiner Befangenheit scharrte er mit
+den Stiefeln auf dem sandbestreuten Estrich der Stube hin und her und
+wagte die Augen nicht zu seinem Weibe zu erheben. Aber Else saß zuerst
+ganz stumm. »Du hast den alten Christian entlassen?« murmelte sie
+endlich ungläubig. »Im Ernst?«
+
+Der Pächter nickte.
+
+Die Kranke fuhr auf: »Aber weißt du denn nicht, daß ich dem Alten
+versprochen hatte, er könne hier sein Leben beschließen!« rief sie
+entrüstet.
+
+In heftigem Unmut warf sie ihr Leinenzeug von sich und preßte beide
+Hände an die Schläfen. Die Augen, die sich immer dunkler umränderten,
+begannen krankhaft zu leuchten.
+
+Auch Wilms bemerkte es. Angsterfüllt trat er näher: »Du sollst dich doch
+nicht aufregen, Elsing,« bat er atemlos. »Hörst du, mein Kind, nicht
+deswegen.«
+
+Allein Elses Geduld war erschöpft. Ein Tränenstrom brach hervor, sie
+schleuderte die Schere auf den Fußboden, daß sie klirrte, und war ganz
+fassungslos.
+
+»Ich will endlich wissen, was hier hinter meinem Rücken vorgegangen
+ist?« rief sie empört, obgleich sie nach Luft rang. »Warum hast du denn
+nur den alten Mann entfernt, wie?«
+
+»Weil er sich ausverschämt benommen hat.«
+
+»Gegen dich?«
+
+Da kam die Frage. Wilms stotterte. Das Blut stieg ihm zu Kopfe.
+
+»Gegen mich – Elsing? – Nein, das gerade nicht.«
+
+»Gegen wen denn?«
+
+»Gegen – gegen deine Schwester – gegen Hedwig.«
+
+Else zuckte schmerzhaft zusammen. Dann schnellte sie empor und machte
+ein paar widerspruchsvolle Bewegungen.
+
+»Und da hat Hedwig wohl auch verlangt,« schluchzte sie wütend, »daß er
+fort soll? – Nicht wahr?«
+
+Jedoch gerade der Ausbruch ihres Zornes verstockte den Landmann. Über
+der Nase zogen sich bei ihm ein paar tiefe Falten zusammen:
+
+»Natürlich,« gab er langsam zurück, »auf Hedwigs Wunsch hab’ ich’s dann
+getan.«
+
+Da verlor die Leidende allen Halt.
+
+»Aber sie hat hier nichts zu wünschen,« schrie sie jetzt gänzlich
+sinnlos. »Was geht dich überhaupt meine Schwester an, während du doch
+ganz genau wußtest, daß ich nie und nimmer meine Einwilligung zu dieser
+Entlassung geben würde? – Sag mir bloß, was geht dich dabei Hedwig an?«
+
+Sie wollte noch weiter klagen, aber plötzlich brach sie ab, und ihr
+Blick richtete sich verwirrt auf ihren Mann.
+
+Was ging so schnell mit ihm vor?
+
+Er sah sie groß an, der ungelenke Riese, als ob er dieses schwache
+Frauenbild zum erstenmal sähe. Die Fäuste ballten und öffneten sich
+wieder, seltsam schwer ging die Brust.
+
+»Elsing,« kam es dumpf heraus, indem er schwerfällig auf sie zutrat –
+»nu is es genug – nu will ich nichts weiter davon hören, du bist krank,
+das halt ich dir zugut.«
+
+Wuchtig und nachdrücklich wie nie hatte er gesprochen. Es klang hart
+und herb, als ob Steine aufeinander geworfen werden.
+
+Kopfnickend schritt er dann zur Tür. Jedoch eh’ er sie erreicht hatte,
+schwankte plötzlich sein Weib auf ihn zu, um mit ihren schwachen Armen
+seine Brust zu umklammern:
+
+»Wilms, ich weiß ja nicht, was ich spreche,« stammelte sie halb
+ohnmächtig, und in dem blassen Gesicht schlossen sich müde die Augen,
+»ich – ich – ach Gott, ich tu’ ja alles aus Liebe zu dir. – Glaubst du
+das denn nicht?«
+
+Kraftlos lag sie in seinen Armen, Wilms mußte sie aufheben.
+
+»Ja, ja, das glaub’ ich,« murmelte er durch das eine Wort verwandelt und
+bezwungen – »du arme Dirn – komm, Elsing.«
+
+Er trug sie zum Sofa und bettete sie sanft hinauf.
+
+Wie er sich aber zu ihr niederbeugte, warf sie die Arme um seinen Hals
+und hob ihre Lippen stürmisch zu den seinen.
+
+»Nicht wahr, du bist wieder gut?« lächelte sie.
+
+»Ja, ja, Elsing.«
+
+Ein heißer Kuß brannte auf seinem Munde. Dann befand er sich draußen
+und schritt gebeugter, als je zuvor, seinen Feldern zu.
+
+In einer Furche lag ein Schmetterling, der von einem Sandklos getroffen
+war. Mitleidslos stampfte ihn der Landmann mit schwerem Stiefel in die
+Erde.
+
+»Dir is wohl,« sprach er rauh.
+
+ * * * * *
+
+Und dieselbe Hedwig, auf welche die Kranke eben anfing neidisch zu
+werden, trat zur Türe herein und brachte der völlig erschöpft Liegenden
+eine Tasse Bouillon. Das rührte die Leidende und stimmte sie um. Zwar
+flossen noch immer Tränen aus ihren Augen, aber sie zog dennoch das
+schöne blühende Mädchen zu sich nieder und streichelte zärtlich sein
+braunes, goldig schimmerndes Haar. »Nicht wahr, Heting,« flüsterte sie
+kaum vernehmbar, »du bist nicht schlecht zu mir, nicht wahr?« Und sie
+hob das Gesicht der Schwester empor und forschte in ihren dunklen,
+sprechenden Augen: »Nein, nein, du wirst mir nicht weh tun,« setzte sie
+getröstet hinzu.
+
+Später, als Hedwig sie schon wieder verlassen hatte, nahm die Leidende,
+die da glaubte genesen zu sein, die Bibel und versuchte, ihre bösen
+Gedanken durch die heiligen Worte zu bemeistern. Jedoch verständnislos
+überflog sie die breiten Zeilen, und ihre Lippen murmelten allerlei
+abgebrochene Laute, die nicht hierher gehörten. Zerstreut erhob sie sich
+endlich und schritt mehrmals unsicher durch das weite Zimmer.
+
+»Weshalb er mich wohl belogen hat?« sann sie, ohne eine Antwort finden
+zu können. Müde und abgespannt lehnte sie endlich am Fenster und blickte
+auf den Hof hinaus, über dem warmer Sonnenschein lag.
+
+Da wurde sie aufmerksam. Welch eine Gestalt saß dort draußen auf dem
+Prellstein vor dem Tor? Ein schlotterndes abgelebtes Menschenkind hockte
+dort und richtete seine erloschenen Augen unverwandt auf das Gehöft.
+
+Die Spähende beugte sich vor. Das war ja der alte Krischan? Eine
+merkwürdige Freude befiel die Leidende. Sie fragte sich nicht, ob es
+passend sei, mit dem entlassenen Knecht zu verkehren, hastig, mit
+fieberischer Eile lief sie auf ihn zu und berührte seine Schulter.
+
+Mühsam hob der Greis das nickende Haupt, und als er die Frau in dem
+einfachen, grauen Kleide erkannte, lief ein schwaches Lächeln über die
+vertrockneten Lippen.
+
+Für Else war er stets ein treuer Kettenhund gewesen.
+
+»Arm’ Fru,« sagte er und strich mit seiner welken, zitternden Hand an
+ihrem Arm herunter. »Arm’ Fru.«
+
+Das war die Begrüßung.
+
+»Nein, nein,« rief Else laut, damit er sie verstände. »Ich bin nicht
+mehr krank, Krischan, ich fühle mich viel wohler.«
+
+»Arm’ Fru,« nickte der Alte unverändert, beinahe mitleidig.
+
+Else erschrak. Was meinte der Taube damit? Ohne Überlegung, mit jähem
+Erröten fragte sie ihn, warum er ihre Schwester denn beleidigt hätte?
+
+»Ick?« flüsterte der Alte und hob das Kinn. Dann raffte er sich auf und
+keuchte der Wartenden etwas ins Ohr.
+
+Ein paar Worte nur, aber Else taumelte zurück und wurde schneeweiß. Nur
+ein paar helle, rote Flecken glühten auf ihren Wangen.
+
+»Du lügst, Krischan,« schrie sie auf. »Das ist nicht wahr.«
+
+Allein der Greis verstand das unglückliche Weib nicht, oder ließ sich
+nicht stören. Denn von neuem streichelte er mit seiner Knochenhand über
+ihren Arm und brachte mit Anstrengung hervor:
+
+»Arm’ Fru – ne, ne, ick heww’s sülwst seihn, as sei tausamen in’n
+Schlidden seten hewwen. De beiden täuben [Fußnote: warten] nu all
+ungedüllig.«
+
+»Warten?« stöhnte die Ärmste schwach. Alles drehte sich vor ihr. Sie
+mußte sich an die Mauer der Einfahrt lehnen.
+
+»Dat Sei, min arm’ Fru, starwen süllen. Se luren all up den Dod von de
+Fru. Dann willen sei sick friegen.«
+
+Ein herzzerreißender Schrei, schrill, kreischend gellte über die
+Landstraße und wurde von den Mauern des Pachthauses zurückgeworfen.
+
+Die Gepeinigte glaubte zu ersticken, eine eisige Hand griff nach ihrer
+Kehle, das Gesicht des Krüppels tanzte wie hundert Fratzen um sie herum.
+Noch gurgelte sie etwas.
+
+»Hilfe – – Hilfe.«
+
+Dann ein dumpfer Fall.
+
+»Arm’ Fru,« ächzte der greise Knecht und beugte sich zu ihr hinab, »arm’
+Kinding, sei hed di ümbracht, de anner Dirn.«
+
+ * * * * *
+
+Aber Else war nicht gestorben.
+
+»Klang das nicht wie ein Hilferuf?« fragte Hedwig die Obermagd, mit der
+sie gemeinsam in der Molkerei weilte. Auch Dörthe hatte den schrillen
+Ruf vernommen. Als sie nachforschten, fanden sie die Herrin des Hauses
+unter dem Unkraut des Grabenbords hingestreckt, weiß wie eine
+zertrümmerte Statue, die, in Schmutz und Unrat, der Vergessenheit
+anheimgefallen.
+
+Ein zerschlagenes Menschenbild.
+
+Beim Fall hatte sie einen Stein gestreift, eine blutige Narbe zog sich
+davon über die Stirn.
+
+Da warf sich das schöne Mädchen in die Knie. Ihr Mund öffnete sich:
+
+»Ist – sie tot – Dörthe?«
+
+Die Magd schrie auf. »Ne, ne, Fräulein, sie bewegt sich ja – heben Sie
+ihr den Kopf.«
+
+»Ja, ja – sie lebt,« wiederholte Hedwig erwachend.
+
+Gottlob, was eben vor ihren Ohren gesaust und gebraust hatte, war nicht
+wahr. – Sie hatte ihr wohl den Tod gewünscht, aber das war im
+Fiebertraum, in einer Vision geschehen. – Sie lebte ja – sie lebte –
+Gott sei Dank. Jetzt waren es nur Gedanken gewesen, schlimme Gedanken,
+aber kraftlos – großer Gott – sie lebte ja.
+
+Mit starken Armen umfaßte sie den starren, zuckenden Leib und trug ihn,
+wankend und zitternd unter der Last, zum Erstaunen der Magd allein, ohne
+Hilfe in das große Zimmer. Dort entkleidete sie die Schwester und
+bettete sie auf das Lager, das die Hausherrin wieder aufnahm in seine
+weißen Kissen.
+
+Ja, die Kranke kehrte zurück in die linnene Gruft.
+
+Ob für immer?
+
+»Nein, dann gab es ja noch die feuchte, die schwarze Ruhestätte, auf der
+Blumen blühen,« dachte Hedwig, die wie früher an dem Bett saß und auf
+die sich regenden Atemzüge der Kranken lauschte. Und diese Behausung
+hatte sie der Schwester gewünscht, grübelte sie weiter, um allein den
+Mann zu besitzen, dessen Herz ihr schon gehörte, den sie erzogen,
+gebildet, veredelt hatte, und der sich nach ihr sehnte, wie nach der
+Erlösung. Der morsche Körper dort sollte im Grabe liegen, und der junge
+blühende Leib bei dem geliebten Manne. Sie fuhr auf und blickte nach der
+Kranken hin. Inzwischen hatte sie ihre ganze Kraft und Besonnenheit
+zurückgewonnen. Sah das wächserne, bleiche Gesicht der Leidenden nicht
+schon aus, wie das einer Leiche? – Ja, Hedwig war sich jetzt völlig
+klar. Die Kranke unten – sie selbst oben. Das war das Rechte, keine
+Sünde, es zu wünschen, nur der Lauf der Natur.
+
+Leise erhob sie sich, um durch das Fenster auf die Landstraße
+hinauszuspähen; ob Wilms und der Arzt noch nicht kämen, nach denen sie
+sofort geschickt hatte. Dabei mußte sie an dem langen Mahagonispiegel
+vorüber. Unwillkürlich blieb sie vor ihm stehen und zog sich die Taille
+zurecht.
+
+Das Glas zeigte ein wunderschönes, zur Reife strebendes Weib, ganz dazu
+geboren, um zu wirken, zu schaffen und glücklich zu machen. Sie lächelte
+schwermütig, als sie sich musterte. Noch sah sie hinein, da befremdete
+sie etwas. Auch das Bett hinter ihr spiegelte sich in der Scheibe und
+jetzt – täuschte sie sich? nein, die Kissen bewegten sich, die magere
+Gestalt richtete sich auf, und ein paar umflorte, düster umschleierte
+Augen starrten nach ihr hin.
+
+»Hed – wig,« stöhnte etwas.
+
+Die Gerufene flog zu Else hin und ergriff ihre Hand, die Kranke schaute
+sie gläsern an, als suche sie sich zu besinnen.
+
+»Wie komm’ ich hierher?« flüsterte sie und befühlte angsterfüllt die
+Kissen des Bettes.
+
+Plötzlich schob sie sich an Hedwigs Brust, stieß jedoch plötzlich die
+Schwester mit heftigstem Abscheu von sich.
+
+»Else, ich bin es ja,« rief Hedwig befremdet, »erkennst du mich denn
+nicht?«
+
+Allein die Bedauernswerte schien schon zu phantasieren. Sie wälzte sich
+stöhnend herum und bedeckte ihre Augen mit einem Kissen, wie wenn sie
+dem Anblick der Schwester entfliehen wollte.
+
+»Ja, ich erkenne dich,« wimmerte sie mit so schriller Stimme, daß es die
+Jüngere wie mit spitzen Nadeln durchdrang. »Du hast dich hier
+eingeschlichen, um mir mein Glück zu stehlen. – Du wartest nur auf
+meinen Tod! – – Aber ich sterbe noch nicht – ich mache dir nicht Platz –
+ich will leben – hörst du, ich will leben!«
+
+Hedwig verstand, um was es sich handelte. Kalt rann es ihr über den
+Rücken hinab. Immer den Blick auf das schluchzende, schmerzzerwühlte
+Weib gerichtet, tastete sie sich rückwärts zum Tisch und umklammerte
+dort fest die Kante. Auch sie mußte sich halten. Alles schwankte und
+fiel in ihr, aber während des Hinstarrens biß sie noch immer die Zähne
+trotzig zusammen.
+
+Nie war sie so schön, wie in diesem stummen Ringen mit der Sterbenden.
+
+Da raffte sich die Fiebernde nochmals auf und krallte beide Fäuste nach
+der Schwester. Der höchste Paroxysmus war erreicht. Hedwig grauste.
+Gespenstisch sah die Verfallene mit dem schwarzen Schatten im Gesicht
+bereits aus, als ob eine Tote noch die Fäuste schüttele.
+
+»Geh’ mir aus den Augen,« kreischte das arme Weib – »fort – fort – ich
+will dich nicht sehen – du willst mich vergiften –! – Meinen Mann hast
+du auch verführt, – heut nacht warst du bei ihm – ich weiß alles – Jesus
+Christus, Ehebrecherin du! – Jesus – Erbarmen.« Dann ein langes Röcheln,
+und sie fiel ohnmächtig auf ihr Lager zurück.
+
+In demselben Moment betrat Wilms das Zimmer.
+
+
+
+
+X.
+
+
+Ein sanfter Maientag ging zur Rüste.
+
+Am Horizont lösten sich prachtvolle Farben ab. Ein Spiel von Gelb,
+Tiefblau und Rot wogte durcheinander, und durch die Äste der
+Fliederlaube fielen die letzten rötlichen Lichter. Ein leises Lüftchen
+wehte durch den Garten, sonst atmete alles Beruhigung und Abendstille.
+
+Aber zu dieser friedlichen Umgebung paßte schlecht die wilde Bewegung,
+die in dem Pachthause ausgebrochen war.
+
+Scheu und lautlos wie früher schlichen Knechte und Mägde umher, die
+Türangeln wurden eingeölt, damit sie die Kranke nicht durch Knarren
+störten, alles im Hause hüllte sich wieder in Schweigen, eine dumpfe,
+düstere Feierlichkeit drückte abermals auf Menschen und Gehöft herab.
+
+Am Abend war der Kreisphysikus eingetroffen und weilte jetzt allein in
+dem großen Wohnzimmer. Immer stiller wurde es im Haus, nur zuweilen
+hörte man einen schrillen Wehruf aus der Krankenstube.
+
+In der Fliederlaube aber saßen zwei schweigsame Menschen, die fuhren
+zusammen, wenn solch ein klagender Laut heraustönte, und hielten den
+Atem an, ob er sich nicht wiederhole.
+
+Immer heimlicher und dämmernder wurde es um sie herum, hinter Baum und
+Strauch quollen lichte, weiße Nebel hervor, und die beiden verängsteten
+Menschen konnten kaum noch ihre Züge erkennen.
+
+»Heting, nun geh zu meiner Frau,« forderte endlich der Pächter
+undeutlich, indem er noch tiefer in den Schatten der Laube rückte, »und
+sieh dich um, warum der Doktor gar nicht zurückkommt.«
+
+Damit sank die große Gestalt wieder in sich zusammen und brütete so
+verloren vor sich hin, daß der Landmann nicht bemerkte, wie Hedwig
+seinem Wunsch nicht Folge leistete, sondern still neben ihm sitzen
+blieb.
+
+Endlich strich sie sich das Haar aus der Stirn. Das gewahrte Wilms.
+
+»Hedwig, wolltest du nicht – –?«
+
+»Nein, Schwager, ich gehe nicht zu deiner Frau.«
+
+»Du – gehst nicht?«
+
+»Nein – nicht – bitte, Wilms – laß mich nicht mehr hinein.«
+
+»Ja – aber – Heting, warum denn?«
+
+»Weil – weil ich mich vor ihr fürchte,« kam es bebend über ihre Lippen.
+
+Der Pächter starrte sie an – verständnislos – und faßte sich an den
+Kopf.
+
+Noch wußte der Hofpächter ja nicht, was sich heute morgen zwischen den
+beiden Schwestern abgespielt hatte. Schweigend hatte Hedwig alles in
+sich verschlossen; der zartfühlende, weichherzige Mann brauchte es ja
+nicht zu erfahren, daß sie entdeckt seien, daß ihre heimliche Sehnsucht,
+die sich noch niemals geäußert, die noch Wunsch war ohne Erfüllung, daß
+diese bereits belauert und verflucht sei von der Scheidenden, die sie
+nun bald nicht mehr stören würde.
+
+Alles wollte sie kalt und stolz von ihm fernhalten, um selbst zu harren
+und zu lauern, bis die Erlösung endlich da wäre – der Anfang des Glücks.
+
+Aber jetzt – jetzt, wenn die wilden Wehlaute herausdrangen bis in den
+stillen Garten, dann ertrug sie es nicht. Dann schreckte sie zusammen
+und zitterte. Wie Eis lag es ihr ums Herz. War sie wirklich schuld, daß
+ein Menschenleben dort drinnen scheiden mußte? Hatte sie wirklich eine
+Verzweifelte in den Tod getrieben?
+
+Wieder schlug ein Schmerzensschrei an ihr Ohr.
+
+Das überwältigte sie, dem war sie nicht gewachsen, alles schrie in ihr
+nach Trost – Ruhe – Verzeihung.
+
+Ein Wort der Liebe entbehrte sie, ein einziges Wort von dem Manne, dem
+sie ihre Jugend schenken wollte, dem sie sich hingeben wollte,
+bedingungslos, jetzt, wo es auch immer sei, weil er sie mit seiner
+dumpfen Hilflosigkeit von Anfang an betört hatte.
+
+Aber der Pächter saß verstört da und regte sich nicht.
+
+Da ließ Hedwig mutlos die Hände in den Schoß sinken und verzweifelt
+murmelte sie:
+
+»Ich wünschte, ich wäre es, die sich zur ewigen Ruhe legen könnte, und
+bei euch bliebe alles beim alten. – Ich stürbe so gern.«
+
+Aber der Tod hatte noch keine Gewalt über sie, das Leben schlug vielmehr
+brausend über ihr zusammen.
+
+Wilms packte krampfhaft ihre Hand: »Du – Heting?« stammelte er, »nein,
+nein – nur nicht du – das könnt’ ich nicht ertragen – nur du nicht – wir
+wollen ja zusammen bleiben.« Er umklammerte sie und drückte sie an sich.
+
+Und dann war es plötzlich da, was sich seit Monden näher und näher
+geschlichen hatte.
+
+Ohne Übergang fühlte sie seine zuckenden Lippen auf den ihren, sie
+schlang ihre Arme um den gewaltigen Nacken des Mannes und unter
+schmerzhaften Küssen merkte sie, wie seine Tränen ihr Gesicht netzten.
+Auch sie schluchzte. Als ob sie sich trösten wollten, lagen sie einander
+in den Armen.
+
+Es war kein freudiges Finden.
+
+ * * * * *
+
+In dem weiten, ungemütlichen Wohnzimmer war es inzwischen stiller
+geworden. Der dicke Kreisphysikus hatte seine Untersuchung beendet und
+die Schwerleidende schonend befragt, durch was sie denn so plötzlich in
+Erregung versetzt worden wäre. Lange hatte das matte Weib seinem Drängen
+widerstanden, endlich jedoch, als der alte Herr sie gar so väterlich und
+gut in die Arme nahm, faßte sie sich ein Herz, und wie ein kleines Kind
+an den alten Freund geschmiegt, flüsterte sie ihm stockend und weinend
+ihre entsetzliche Entdeckung zu.
+
+»O, Gott, das hätt’ ich nicht geglaubt – aber es ist wahr, Herr Doktor,
+Krischan hat es selbst gesehen.«
+
+Der alte Arzt schüttelte den Kopf und redete ihr aus voller Überzeugung
+solche Vermutungen aus. »Ach, Unsinn – mein Kinding – Gesindegeklätsch.«
+
+»Wirklich?« hauchte sie schwach. Aus ihren Augen brach ein
+Hoffnungsstrahl.
+
+»Selbstverständlich – da kenn’ ich die beiden zu gut.«
+
+»Ach, ja,« flüsterte die Liegende dankbar, dann hob sie den müden Blick
+zur Decke empor, auf welche die brennende Lampe ihren gelben Kreis warf,
+und drückte dem Physikus zum Schluß die Hand, »ich glaube es ja auch
+nicht,« sagte sie mit zuckenden Lippen, »nein, ich glaub’ es nicht –
+glaub’ es nicht.«
+
+Wilms trat ein.
+
+Sein Weib lächelte ihn an und bewegte die Lippen. Jedoch es war
+unverständlich, was sie verlangte.
+
+Der Arzt beugte sich über sie.
+
+»Wilms, Ihre Frau wünscht auch ihre Schwester zu sehen,« erklärte er
+sodann und begab sich selbst in den Garten, um das Mädchen zu holen. In
+der Laube traf er sie. Es herrschte schon Finsternis.
+
+»Nach mir verlangt Else?« sprach Hedwig verwirrt, aber den langjährigen
+Freund durfte sie die Unruhe, die in ihr stürmte, nicht merken lassen.
+»Ja, wir wollen zu ihr.«
+
+Welch ein Gang. Noch brannten die ersten Küsse auf ihrem Munde, noch
+wußte sie nicht, wie das alles möglich war, und was nun folgen sollte.
+
+»Wird sie noch lange leiden?« forschte sie atemlos.
+
+Ob der kleine Physikus den nachzitternden Wunsch aus dieser Frage
+herausgehört hatte? Vor dem Hausflur blieb er stehen und strich ihr
+gedankenvoll über die welligen Haare.
+
+»Ja, sie kann noch sehr lange leiden,« gab er halblaut zurück, »und
+deshalb – Heting, ich glaube, es wäre gut, wenn du jetzt dauernd von
+hier fortgingst.«
+
+»Ich?« Sie erschrak; – wußte er schon etwas?
+
+»Der Aufenthalt hier ist dir nicht gut bekommen. Du kamst hier als eine
+Dame an, und – ich weiß nicht, aber du hast hier draußen etwas Hartes,
+Bäuerisches angenommen, und – es wäre wirklich für alle gut, verstehst
+du,« brach er ab, »wenn du zu deinem Vater zurückgingst.«
+
+Keine Antwort.
+
+Starr und groß blickte das Mädchen durch die Dunkelheit zu dem alten
+Freunde hinüber. Es war ihr zumute, als sollte sie ihm jetzt um den Hals
+stürzen, um ihm all ihre peinigenden Gedanken, die gierig um den Tod der
+eigenen Schwester herumflatterten, zu beichten und anzuvertrauen. Aber
+noch war ihre Kraft nicht erschöpft.
+
+Sie faßte sich und gab dem Doktor ruhig zur Antwort: »Es ist vor allen
+Dingen meine Pflicht, hierzubleiben, solange Else mich nötig hat. – Ich
+danke Ihnen aber für Ihren Ratschlag,« setzte sie beklommen hinzu,
+während sie schon durch den Flur schritten.
+
+»Es war gut gemeint,« sprach der kleine Physikus nachdrücklich.
+
+Die Ansicht über die Unschuld des Mädchens stand nicht mehr so
+felsenfest bei ihm. Er maß seine Begleiterin mit einem mißtrauischen
+Blick.
+
+Sie traten ein.
+
+An dem Bette der Kranken saß Wilms, das Haupt mit den kurzgeschorenen
+blonden Haaren tief auf die Brust gesenkt. Er hob es auch nicht, als er
+den Schritt des Mädchens hörte. Seine große Hand ruhte in der seines
+Weibes.
+
+Die Trostesworte des Arztes mußten der Hingestreckten Linderung
+verschafft haben, denn sie lag jetzt still und nickte Hedwig eifrig zu,
+näher heranzukommen.
+
+Die Jüngere gehorchte. Dabei empfand sie, daß die Blicke der Kranken sie
+durchdrangen, und obwohl es ihr schien, als ob der silberne Ring, den
+ihr Wilms geschenkt hatte, jetzt an ihrem Finger weißglühend würde, und
+trotzdem sie glaubte, ihre Lippen würden nun von selbst die heimlichen
+Küsse bekennen, so bezwang sie sich dennoch und sah die Kranke groß und
+ruhig an.
+
+Nur ihre Brust hob sich ängstlich. Die Blicke der beiden Schwestern
+trafen sich, und als Else in diese stillen, braunen Augen hineinsah,
+schien sie Beruhigung zu schöpfen. Wenigstens zog sie Hedwig bis auf den
+Bettrand nieder und streichelte ihr stumm die Wange. Aber im
+Niederbeugen streifte Hedwigs Gewand den sitzenden Wilms. Ein Schlag
+durchzuckte das junge, aufgeregte Weib. Wieder war ein Moment gekommen,
+wo sie sich beinahe über die Leidende geworfen hätte, um die Last von
+sich zu werfen und all ihre Schuld zu gestehen. Aber der Aufbruch des
+Arztes drängte sich zwischen ihre Gedanken. Nachdem der Physikus dem
+Pächter noch einige Verhaltungsmaßregeln erteilt hatte, verabschiedete
+sich der treue Hausfreund, und bald verkündete ein leises Rollen, daß er
+vom Hofe heruntergefahren sei.
+
+Die drei bedrückten und beladenen Menschen blieben allein. Tiefes,
+anhaltendes Schweigen herrschte, nur zuweilen knirschte der Sand auf dem
+Fußboden, oder die Uhr in dem Kasten regte sich und schlug. Die Kranke
+lag und hatte die Augen geschlossen, aber unter den gesenkten Wimpern
+lenkte sie heimlich ihren Blick von Wilms auf Hedwig und von dem Mädchen
+wieder spähend auf den Mann.
+
+Doch ihrem Argwohn wurde keine Nahrung zugeführt.
+
+Die beiden saßen sich gegenüber, als wären sie sich völlig fremd und
+gleichgültig.
+
+»Sollte der alte Knecht nur aus Haß gesprochen haben?« dachte Else
+erleichtert, »ach, wenn das doch wahr wäre.« Eine lange Zeit verging. Da
+bemerkte Else, die nach Art der Kranken nervös mit dem kleinen Goldherz
+auf ihrer Brust spielte, wie ihre Schwester sich hinüberbeugte, als
+wünsche sie mit dem gänzlich in sich versunkenen Manne zu reden.
+
+»Nein – nein.« Das wollte die Leidende nicht. Mitten in ihrer Qual wurde
+sie eifersüchtig auf die junge Schönheit, die so ruhig auf dem Bettrand
+saß in ihrem weißen, mit Rosenknöspchen gemusterten Kleide, das leicht
+und knapp am Körper herunterfloß.
+
+Wie voll sie erblüht war. – Nein, nein, sie sollte mit Wilms nicht
+reden. Else wollte allein sein mit ihrem Manne. Und jetzt fiel ihr auch
+auf, wie sonderbar Hedwig das Goldherz betrachtete. Das flößte der
+Kranken Furcht ein.
+
+»Das Herz – ist – ein Andenken – von Wilms,« brachte sie mit
+Anstrengung hervor, indem sie das winzige Kleinod küßte, »und nun,
+Hedwig – geh’ schlafen. – Wilms soll heut bei mir bleiben – ich – ich
+will allein sein mit – meinem Manne – hörst du?«
+
+Es war so bezeichnend gesprochen und von so unverkennbarer Abneigung
+begleitet, daß Hedwig sich rasch erhob und ohne ein weiteres Wort aus
+der dumpfen Krankenstube hinauseilte. Kaum war sie draußen, so atmete
+sie erleichtert auf und flog in ihr Kämmerchen empor, das sie seit Elses
+Rückkunft wieder bewohnte.
+
+Dort oben entzündete sie Licht, öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus
+und sog den warmen betäubenden Nachtduft ein, der von Wiesen und Äckern
+herüberquoll.
+
+»Wie lange mag sie wohl noch leben?« ging es wieder ungeduldig durch
+ihre Sinne. Sie harrte jetzt schon wie eine Verzweifelte. Und während
+sie bereits halb entkleidet auf ihrem Bette kniete, streckte sie noch
+einmal sehnend die Arme aus, als wollte sie jemand umfangen,
+unauflöslich an ihrer Brust verstricken. Glut und Begehren schwemmten
+alle Angst fort. Wild, ohne alle Eindämmung, lag sie im Bette und
+lauschte, ob nicht Wilms kommen würde, ihr das Abscheiden der
+Verfallenen zu melden.
+
+Ein längstvergessener Liedvers fiel ihr ein. Den summte sie in ihrer
+Aufregung vor sich hin:
+
+ »Der schwarze Reiter hält vorm Haus.
+ Komm’ feine Frau zu mir heraus,
+ Ein Hemd genügt – mußt eilen,
+ Daß ich vom ersten Morgenstrahl
+ Zurück bin über See und Tal;
+ Wir reiten viele Meilen.«
+
+Aber der schwarze Reiter hielt noch nicht vor dem Pachthof, das
+Stundenglas rann noch weiter.
+
+ * * * * *
+
+Es schlug eins.
+
+Die Kranke regte sich. Mit feuchter Hand hielt sie noch immer die Rechte
+des Gatten umspannt. »Wilms,« flüsterte sie heiser.
+
+Aufgescheucht fuhr der Pächter empor. In seiner Betäubung hatte er dem
+Schlummer nachgegeben und merkte erst jetzt, daß die erloschnen Augen
+seiner Frau schon lange stumpf und starr auf ihm ruhen mußten.
+
+»Was willst du, Elsing?«
+
+»Ich glaube – es geht bald – mit mir zu Ende,« röchelte sein Weib, und
+es klang, als ob ihr der Tod bereits auf der Brust säße.
+
+»Elsing – um Gottes willen – bist du denn kränker geworden?«
+
+»Ja, ich glaub’ wohl. – Wilms – ich dank’ dir auch für alle Liebe – – –
+nur zuletzt – aber sag’ mir die Wahrheit; du hast mich nie belogen: –
+Wenn ich nun gestorben bin – willst – willst du dann Hedwig heiraten?«
+
+Es war schon, wie wenn die Stimme von jenseits des Grabes dränge, der
+Pächter umklammerte die Lehne seines Stuhls, er konnte kein Wort
+hervorbringen, die Zunge klebte ihm am Gaumen, seiner selbst kaum
+mächtig, schüttelte er nur den Kopf, während das Bild der immer mehr
+sich verfärbenden Frau seine ganze Seele gefangen nahm.
+
+Langsam hob die Scheidende den Finger und bewegte ihn, wie man einem
+kleinen Kinde droht. Dann winkte sie ihm, er solle sich über sie beugen,
+und während sie den plumpen Mann mit verendender Leidenschaft küßte,
+flüsterte sie ihm vernehmlich zu: »Hör’ auf mich – Hedwig ist nichts für
+dich – ihr paßt nicht zusammen, – weil – ach, weil sie viel mehr ist
+als du – und erinnere dich, mein armer Mann – erinnerst du dich nicht –
+was ich dir – von Hedwig und dem Grafen damals erzählte –« Ein
+befriedigtes Lächeln spielte kaum merklich um die Lippen der Liegenden,
+diese letzte Rache schien ihr wohlzutun, namentlich als sie empfand, daß
+ihr Mann getroffen zusammenzuckte. Noch einmal öffnete sie die Augen, um
+dies Bild voll zu genießen, dann hauchte sie noch: »Sie ist nicht rein –
+nicht so, wie ich – wie ich – – wie – –«
+
+Die Worte verklangen im Wesenlosen, eine neue Ohnmacht nahm sie hinweg,
+und nur auf Momente erwachte die Gequälte wieder und schrie laut auf.
+Kaltes Entsetzen hatte Wilms gepackt, nein, er vermochte es nicht mehr,
+mit der Ringenden allein zu bleiben. Er sprang zur Tür und schallend
+rief er durch das Haus: »Hedwig – Hedwig.«
+
+Schlaflos lag das Mädchen noch oben in ihrer Kammer, denn sie erwartete
+ja etwas Ähnliches, daß Wilms ihr ein Zeichen geben würde.
+
+Ob das schon das Ende war?
+
+Eine nie gefühlte Lust durchdrang sie, ein schauerlich schöner Zustand,
+und doch klopfte ihr Herz wie eine Glocke, und die Angst übergoß sie mit
+schüttelndem Frost. Es war ihr, als fühlte sie Todeswehen um sich, als
+flöhe die Seele der Geschiedenen eben an ihr vorbei.
+
+»Hedwig – Hedwig.«
+
+Es klang so flehentlich. Notdürftig hüllte sie sich in Kleider und fuhr
+lautlos die Treppe hinab. Am untersten Absatz stand Wilms und starrte
+hinauf.
+
+»Ist sie nun tot?« fragte Hedwig, sich gänzlich vergessend.
+
+Der Landmann schüttelte den Kopf, jedoch er begriff sie wohl nicht.
+
+»Noch nicht,« gab er tonlos zurück – »aber ich kann nicht mehr mit ihr
+allein bleiben, – komm’ rein.« Er öffnete und ließ das Mädchen
+voranschreiten. Dann setzten sie sich dicht nebeneinander an das Fenster
+und sahen wortlos zu dem gefolterten Körper hinüber, der nicht leben und
+nicht sterben konnte. Dieses jammervolle Bild konnte die Jüngere nicht
+ertragen. Instinktiv, und nur ihrem stärksten Trieb folgend, überall
+einzugreifen, nahm sie das Fläschchen mit dem giftigen Beruhigungsmittel,
+und ließ die Tropfen in den Löffel herabträufeln. Mechanisch zählte
+Wilms mit. – Fünf – sechs – sieben.« Das Mädchen setzte ab und flößte
+der Leidenden den Trank ein, wonach sie bald einem bleiernen Schlaf
+anheimfiel.
+
+Aber Wilms Gedanken flogen weiter. Wär’s ein Verbrechen gewesen, wenn
+man der Kranken die ganze Flasche gereicht hätte? grübelte er. Dann
+hätte sie endlich die Erlösung gefunden, sie wäre eingeschlummert, um
+nicht mehr aufzuwachen, und Ruhe wäre in das Haus eingezogen und
+Frieden.
+
+Ein scheuer Seitenblick streifte das Mädchen, das müde neben ihm saß,
+und jetzt merkte der Pächter erst, wie fest sie sich an ihn lehnte, um
+keinen Blick von der Ruhenden zu verwenden. Merkwürdig – Hedwigs Lippen
+bewegten sich leise, es war, als ob sie die Atemzüge der Schwester
+zähle. Und in diesen Minuten der Stille sah auch der Pächter, daß sie
+nur locker und leicht bekleidet war, überall schimmerte ihm ihre
+Schönheit entgegen. Er bedeckte die Augen mit der Hand, um es nicht zu
+beachten, aber er sah es doch. Die Frau, die sich dort immer tiefer in
+den Schlaf hineinwiegte, war im Augenblick, als ob sie schon versunken
+und vergessen wäre.
+
+Leise und weich schmiegte sich Hedwig an ihn, als ob sie einschlummern
+wollte.
+
+Beide Schwestern waren müde, sehr müde.
+
+Wilms wurde immer seltsamer zumute. Da wurde leise an der Haustür
+geklopft.
+
+Als der Pächter öffnete, sah er draußen in der klaren, sternenhellen
+Nacht Pastor Schirmer im vollen Ornat stehen, nach welchem Wilms auf
+der Sterbenden Wunsch geschickt hatte.
+
+Schweigend führte er den späten Gast ins Wohnzimmer. Der Geistliche
+mußte irgendwo im Vorüberwandern einen Zweig blühend roten Rotdorns
+abgepflückt haben. Den legte er als letzte Gabe auf das weiße Linnen.
+Dann wurde das Kruzifix vor das Bett gerückt, die Lichter angesteckt,
+und das zitternde Männchen wollte der Schlummertrunkenen die
+Sterbesakramente spenden. Jedoch still und starr lag die Wegbereite und
+hörte nichts von dem, was sie sonst leidenschaftlich in sich aufgenommen
+hätte. Aber die Gebete, die der Geistliche statt der heiligen Handlung
+vor sich hinmurmelte, waren doch nicht in den Wind gesprochen. Wenn es
+der einen Schwester auch verloren ging, die jüngere und schönere folgte
+seit langer Zeit zum erstenmal einer kirchlichen Handlung mit
+zurückgehaltenem Atem und brennenden Augen.
+
+Es war ihr, als wären dies die Hochzeitsweisen, die für sie und den Mann
+neben ihr gehalten würden – dicht neben dem Lager der Scheidenden.
+
+»Amen, – Amen,« schloß der Priester.
+
+»Amen,« wiederholte Hedwig fest und mutig.
+
+Der Pastor wollte allein bei Else bleiben, und so gingen die beiden
+andern still hinaus. Vor der Tür verharrten sie noch einen Augenblick
+und lauschten zurück. Drinnen hörten sie, wie der Priester mit lauter,
+erregter Stimme Gebete aufsagte.
+
+Dann trennten sie sich, ohne sich die Hand zu reichen, ja, ohne Gruß. So
+hoch war schon die Spannung zwischen ihnen gestiegen, daß sie sich
+nichts mehr zu sagen hatten.
+
+Es war nur noch ein Hindrängen.
+
+Müde und gleichgültig suchte Hedwig ihr Lager auf, und Wilms wachte in
+der dunklen guten Stube neben Elsens Zimmer die bange, traurige Nacht
+durch.
+
+Drinnen sang das zitternde, greise Männchen immer hingebungsvoller, und
+was ärztliche Kunst nie vermocht hätte, das geschah hier.
+
+Else schlug plötzlich die müden Augen auf, und ein seliges Lächeln
+verbreitete sich über ihr ganzes Gesicht. Das Tiefste in ihrem Leben war
+getroffen und klang jetzt aus. Ja, sie wollte wie ein Kind Gottes, wie
+eine Fromme sterben. Mit unsäglicher Mühe richtete sie sich auf und
+klammerte sich vor Freude weinend an den Geistlichen: »Sie – sind – es,
+Herr Pastor?« hauchte sie, »o, wie schön – – dann ist mir wohl – o, so
+wohl –«
+
+Und sie legte ihren Kopf andächtig gegen das weiße Greisenhaupt, und
+während sie durch das Fenster zu den hellflimmernden Sternen hinaufsah,
+sang sie ganz leise mit ersterbender Stimme das Auferstehungslied mit:
+
+ »O selig, der das Heil erwirbt,
+ Der in dem Herrn, dem Mittler stirbt!
+ O selig, wer, vom Laufe matt,
+ Die Gottesstadt,
+ Die droben ist, gefunden hat.
+
+ Nun, Tor des Friedens öffne dich:
+ Hinein! Hier schließt die Wallfahrt sich.
+ Ihr Schlafenden im Friedensreich,
+ Gönnt allzugleich
+ Auch mir ein Räumlein neben euch.«
+
+Im dunklen Nebenzimmer saß ein Mann und hörte alles, was sich drinnen
+begab. – Wehmut, Verzweiflung, Leidenschaft stiegen in ihm auf, ein
+krampfhaftes Schluchzen drängte sich in seine Kehle; bebend, überwältigt
+faltete er die Hände und stammelte das nach, was zu ihm hereinschallte.
+
+Er wußte nicht mehr, was er betete.
+
+
+
+
+XI.
+
+
+Der letzte Morgen für die Kranke brach an.
+
+Pastor Schirmer, der gutmütige, greise Geistliche, hatte seinem
+Pfarrkind versprochen, bei ihm auszuhalten, und so fand das einströmende
+Tageslicht die blonde Frau in einem tiefen Schlaf, aus dem sie erquickt
+erwachte. Zu seinem Erstaunen erfuhr der Pastor, daß die Leidende sich
+wohler fühle. Nur das, was sie sprach, erschien ihm gereizt, wirr,
+unzusammenhängend, auch funkelten die Augen unruhig über alle
+Gegenstände im Zimmer umher. Ihre mageren Finger befanden sich in
+beständiger Bewegung und kratzten auf der Bettdecke auf und ab.
+
+»Hedwig – soll kommen – und mich kämmen – und waschen,« verlangte die
+Kranke dann, »und soll – einen Spiegel mitbringen.«
+
+Der Geistliche schüttelte besorgt das Haupt, aber er schickte doch nach
+dem Mädchen hinauf, um sich dann selbst mit herzlichen Worten zu
+verabschieden.
+
+Wilms trat leise in das Wohnzimmer, jedoch sein Weib beachtete ihn gar
+nicht und erst, als er ihr scheu »Guten Morgen, Elsing« bot, lächelte
+sie sanft und sah vor sich nieder. Sie schien sich mit ihren Gedanken
+kurz nach ihrer Hochzeit zu befinden, denn sie flüsterte verschämt:
+
+»Wenn ich – ein Kind bekomm’, – und es – wird ein Mädchen, dann – soll
+Hedwig – Pate stehen. – – Ist Hedwig noch nicht da?«
+
+Und immer in tiefen Gedanken löste sie ihr Haar, nahm es nach vorn und
+wickelte eine Strähne um ihren Finger. Als Hedwig endlich erschien,
+blickten sich die beiden Schwestern einen Moment lang seltsam an. Else
+sanft und glückselig lächelnd, die Jüngere hingegen erschrak und konnte
+sich das Bild nicht erklären.
+
+»Komm’, Heting,« flüsterte die Kranke, die von allen Schmerzen befreit
+schien, »waschen und – kämmen – das viele Haar drückt mich auf den Kopf
+– hast du auch so weiches Haar? – Sieh mal, ich kann mich ganz drin
+einwickeln – Wilms freute sich immer damit – – – Heting« – hier herzte
+sie die jüngere Schwester zärtlich und streichelte ihr die Wange, »wenn
+du seine Frau bist, mußt du es auch immer aufmachen. – Dann küßt er
+es. –« – Und während sie mit ihrem fahlen Gesicht in den Spiegel sah,
+summte sie:
+
+ »Ihr Schlafenden im Friedensreich
+ Gönnt allzugleich
+ Auch mir ein Räumlein neben euch.«
+
+Aber es war eine Tanzmelodie, wonach sie sang, und sie machte ihrem
+Spiegelbild ein neckisches Gesicht, als ob sie sich sehr schön fände.
+
+Kalt durchschauert blickten die beiden anderen auf sie hin. Dies war das
+Furchtbarste, was sie mit der Leidenden bis jetzt durchgemacht hatten.
+
+Hedwig erfüllte mit leichter Hand alle Wünsche der Kranken, bis die
+Schwester plötzlich zusammenfuhr, um das Mädchen starr anzublicken.
+
+Sie hatte etwas entdeckt.
+
+Dann schaute sie wieder auf Hedwigs Finger hinunter, um endlich von
+neuem ihre funkelnden Augen über ihre Pflegerin gleiten zu lassen.
+
+Einen Moment sann sie nach.
+
+»Heting,« begann sie mit singender Stimme, »was trägst du da für einen
+Ring? – sieh mal, von Silber – den wollte mein Mann mir ja immer
+schenken, und nun hat er ihn dir gegeben – – sieh mal – bist du nun
+seine Braut?«
+
+»Else – laß meinen Finger – es tut mir weh.«
+
+»Bist du seine Braut? – Komm’, Heting, ich will dir was sagen,« sie
+beugte sich herab und kreischte plötzlich mit schneidender Stimme:
+»Ehebrecherin!« – Ehe der entsetzte Mann das Mädchen noch von den
+umklammernden Griffen befreien konnte, führte die Rasende die Hand
+Hedwigs zum Munde und biß, wie laut die Vergewaltigte auch schrie, in
+den Ringfinger hinein und kratzte sie und zerrte sie an den Haaren.
+
+»Hilfe – Hilfe,« rief Wilms. Mit einem Sprung war er am Bett, hob das
+Mädchen hoch in die Höhe und schleppte die Halbbetäubte ins Nebenzimmer
+hinein. Sie zitterte am ganzen Leibe und schlang schluchzend und Hilfe
+flehend die Arme um seinen Hals.
+
+Da vergaß sich Wilms.
+
+Er raffte das Mädchen, das er noch immer trug, an sich und voll wehen
+Mitleids preßte er ihr wütende Küsse auf Mund, Stirn und Hände, als
+müsse er alles gut machen, was eben an der Mißhandelten verschuldet war.
+
+»Heting, mein liebes Heting – großer Gott – wenn’s nur schon vorüber
+wär’.«
+
+Und seinem Wunsch sollte Erfüllung werden. Ein seltsam verröchelnder
+Laut tönte hinter ihnen auf, Else war, als man ihr die Jüngere geraubt
+hatte, ihrem kranken, delirierenden Gehirn nachgebend, aus dem Bett
+gesprungen, hatte mit nackten Füßen die anstoßende Tür erreicht und
+geöffnet.
+
+Da sah sie das Bild und hörte die Küsse.
+
+Langsam legte sie ihren Arm an das kalte Holz, machte mit der andern
+Hand eine matte Bewegung in die Luft hinein, und neigte darauf ihr Haupt
+wie müde, gegen den erhobenen Arm zurück.
+
+Und sie hatte auch genug geschaut.
+
+Ein Röcheln, ein schwerer, dumpfer Fall, die Augen schlossen sich, und
+im weißen Hemde lag eine Leiche auf dem Estrich.
+
+»Elsing – sie stirbt.«
+
+Keine Antwort.
+
+Da schleuderte der Landmann das Mädchen von sich und stierte wie
+geistesabwesend auf die starre Hülle seines Weibes herab.
+
+In der Kastenuhr schlug es die zehnte Morgenstunde, ein Pferd wieherte
+gerade im Stall.
+
+Der schwarze Reiter hatte die feine Frau im weißen Hemde geholt und
+jagte donnernd mit ihr über die Brücke, die in die Ewigkeit
+hinüberführt.
+
+ * * * * *
+
+Es war nach dem Begräbnis.
+
+Die Leidtragenden hatten sich entfernt, und nun wollte sich auch der
+Rendant Schröder, der Vater der beiden Schwestern, verabschieden. Er sah
+der Verstorbenen sehr ähnlich, der alte Herr, trotz seines würdigen,
+schwarzen Gehrocks, des militärisch gescheitelten schneeweißen Haars,
+und der winzigen Ordensrosette im Knopfloch. Traurig ging er auf Wilms
+zu, der teilnahmslos in der Sofaecke saß, und drückte ihm schwermütig
+die Hand: »Gott hat Schweres über uns verhängt,« sagte er unsicher, »wir
+müssen uns aber in seinen Willen fügen, mein Sohn – ich hätt’ auch nicht
+geglaubt, daß ich das noch erleben würde.«
+
+Damit zog er ein weißes Taschentuch und weinte bitterlich hinein.
+Allmählich ermannte er sich und wandte sich an Hedwig, die
+schwarzgekleidet am Fenster saß und träumerisch über den Hof fort auf
+die sonnige Landstraße hinausblickte.
+
+»Komm, Heting, mein Wagen hält schon draußen, deine Sachen können dir
+nachgeschickt werden. Ich will jetzt wenigstens meine Einzige um mich
+haben.«
+
+Sie sollte fort?
+
+Eine lähmende Verwunderung erfüllte das Mädchen; an diese Möglichkeit
+hatte sie gar nicht gedacht. – Und doch, es war ja so natürlich, sie
+konnte doch vor den Augen der Welt nicht allein mit dem Mann im öden
+Pachthof bleiben.
+
+Sie erhob sich. Unterstützung heischend, sah sie zu Wilms herüber.
+
+Aber der rührte sich nicht. Er empfand nicht, wie schön sie war, immer
+mit demselben unbeweglichen Gesicht saß er geduckt in seiner Ecke und
+sah schweigend und gleichgültig vor sich hin. Mit der gleichen Miene
+hatte er in den letzten Tagen alles an sich vorüberziehen lassen. Den
+Sarg, die Leiche, die brennenden Lichter, die singenden Dorfkinder, den
+alten würdigen gebeugten Vater, die in die Gruft polternden Erdschollen,
+nichts hatte dieses stumpfe, gelassene Schweigen zu brechen vermocht.
+
+Aber jetzt – jetzt, wo man ihm die Geliebte entreißen wollte – da
+erwartete Hedwig, und ihre Augen begannen immer sehnsuchtsvoller zu
+leuchten – jetzt mußte er doch alle Erinnerungen von sich werfen, um
+sich das Weib seiner Wahl nicht nehmen zu lassen.
+
+O, sie war ja überzeugt, nun würde er aufflammen, nun – – sie horchte
+und wartete, allein immer dasselbe Schweigen.
+
+Sie scharrte ungeduldig mit dem Fuß.
+
+»Wilms,« sagte sie leise.
+
+Jedoch der Mann in der Ecke bewegte sich gar nicht, düstere Bilder
+mußten vor seiner Seele stehen, denn er wandte den Kopf und starrte auf
+die Stelle, wo Else im weißen Hemde gelegen hatte. Dann schauerte er
+zusammen.
+
+»Komm, Heting,« drängte der Vater. »Es wird nun Zeit, wenn wir noch vor
+Abend zurück sein wollen.«
+
+Der alte Herr griff nach seinem Hut und sah sich noch einmal still und
+betrübt in dem weiten Zimmer um, wo seine Tochter gestorben war.
+
+Da tat das Mädchen einen tiefen Atemzug, ihre ganze Gestalt reckte sich:
+»Vater,« entgegnete sie rasch und bestimmt, »ich kann dich jetzt nicht
+begleiten, ich muß noch etwa eine Woche hier bleiben, weil ich Wilms
+versprochen habe, ihm alles in der Wirtschaft zu zählen und instand zu
+setzen, was durch Elses Krankheit in Unordnung geraten ist. Aber dann« –
+und wieder atmete sie seltsam schwer – »dann komm’ ich dir nach.«
+
+Der Rendant stutzte. »Eine Woche noch?« wiederholte er verlegen und
+putzte an seinem Zylinder. »So? – Mein Sohn,« kehrte er sich fragend zu
+dem Landmann, »wäre es dir lieber, wenn Hedwig noch – noch hier bliebe?
+Ja?« Er wartete noch eine Weile, und da Wilms ihn augenscheinlich gar
+nicht gehört hatte, mußte er dieses Schweigen wohl für Zustimmung
+halten, denn er fuhr langsam und bedenklich fort: »Nun, wenn du es
+verlangst – natürlich – du hast ja auch einen so großen Verlust
+erlitten, daß du dich gewiß ein bißchen nach Gesellschaft sehnst, na,
+dann kann ja Hedwig auch noch acht Tage hier bleiben, ich habe nichts
+dagegen – obwohl, hm, ja, ich wünschte nur, du würdest mit der Zeit ein
+wenig ruhiger – und – nun adieu, Wilms – und daß wir uns zu besserer
+Gelegenheit wiedersehen, mein Sohn. Immer Kopf oben – hörst du?«
+
+Hier schwankte die Stimme des alten Beamten doch bedenklich, er kehrte
+sich rasch ab, und bald nachher fuhr er als der letzte Leidtragende von
+dannen.
+
+Hedwig und der Pächter befanden sich wieder allein.
+
+In den ersten Stunden konnte Hedwig ihr Herz klopfen hören, so hell und
+erwartungsvoll pochte es. »Was nun wohl folgen würde?« dachte sie. – Der
+Weg war frei, die Last abgeschüttelt, versunken, endlich gab es nichts
+Trennendes mehr zwischen ihnen, und mit verzehrender Gewalt verlangte es
+sie danach, daß der starke Mann sie nun in die Arme nehmen und sie
+küssen und wiegen sollte, noch zärtlicher und glühender, als vor wenig
+Tagen, da Else darüber gestorben war.
+
+Aber der Tag verfloß, ohne daß der stille Mann von ihr etwas verlangte
+oder begehrte; schweigend nahm er die Mahlzeiten ein, stumpf und
+trübsinnig brach er des Abends auf, um sich in seine Kammer hinauf zu
+begeben.
+
+Er hatte während der langen Zeit nicht ein Wort mit dem Mädchen
+gewechselt. Wie ein Alp bedrückte es bereits ihre Brust.
+
+Schon befand sich die große gebeugte Gestalt an der Tür, da rief ihn
+Hedwig atemlos an.
+
+»Wilms.«
+
+Er blieb stehen, hob aber nicht den Blick.
+
+»Willst du – willst du morgen nicht auf deine Felder gehen?«
+
+Der Landmann nickte gleichgültig und legte die Hand auf die Türklinke.
+
+Jetzt würde er verschwinden.
+
+Es war die höchste Zeit.
+
+»Wilms – willst du nicht noch hier bleiben?«
+
+Ein scheuer Blick streifte das schöne Geschöpf, dann irrte er an ihr
+vorüber und fiel auf das große zugedeckte Bett, das einst die Heimstätte
+der Kranken gebildet.
+
+Eine mächtige Bewegung lief durch den riesenhaften, ungelenken Körper,
+man sah ihm an, daß er sich beherrschen und bezwingen wollte, dann aber
+schlug Wilms beide Hände vors Gesicht, und ein halblautes, ersticktes
+Stöhnen drang zu der Erschreckten hinüber.
+
+Es war das wilde Schluchzen eines verzweifelten Menschen, eine
+erschütternde, trostlose Selbstanklage.
+
+Im nächsten Moment war der Pächter hinter der Tür verschwunden, und die
+Zurückbleibende vernahm nur noch, wie seine Tritte auf der knarrenden
+Treppe verhallten.
+
+Da stand sie und starrte mit bangem Entsetzen auf die leere Pforte.
+
+War es wirklich Wahrheit? – Sie befand sich jetzt allein? Der Mann, den
+sie erheben, befreien, glücklich machen wollte, dem sie mit weichen
+Händen unter Küssen die Schmerzenslast von den wunden Schultern zu
+nehmen gedachte, der flüchtete vor ihr? Der würdigte sie keines Wortes?
+
+Sie sah sich im weiten, hellerleuchteten Zimmer um.
+
+Nein, nein, an Schatten, an wiederkehrende Geister, die die Stätten der
+Sünde umschweben, glaubte sie ja nicht. Wilms war nur überreizt, unter
+ihrer Pflege würde ihm die Gesundheit schon wiederkehren, und die Lust
+am Leben, und die Lust an ihr.
+
+Trotzig zog sie das Goldherz aus ihrem Kleide, das sie der Toten mit
+fester Hand abgenommen, und las mit ihren roten zitternden Lippen den
+Namen »Wilms«.
+
+Dann entkleidete sie sich, und ohne Furcht, mit einem seltsamen, fast
+übermütigen Lächeln, suchte sie ihr Lager auf und beschloß, von Wilms zu
+träumen.
+
+Nein, nein, der Schatten war beschworen, Gespenster kehren nicht wieder,
+die Toten stören die Lebenden nicht, getrost bettete sie ihr Haupt auf
+den weißen Arm, und im Traum, der sie zu dem geliebten Manne führte,
+lächelte sie wieder ihr stolzes, verführerisches Lächeln.
+
+
+
+
+XII.
+
+
+Am nächsten Tag feierte man Christi Himmelfahrt.
+
+Zum erstenmal saßen Wilms und Hedwig in der Fliederlaube beim Kaffee.
+
+Schwüle, dumpfig-warme Luft strich über die Erde, Bäume und Blumen
+standen regungslos, als sähen sie furchtsam zu den grauen Wolken empor,
+die sich dort oben zu gewaltigen schwarzen Bergen zusammenballten, die
+Hofschwalben umkreisten die Scheunen in schrägem, niedrigem Flug, dumpfe
+Gewitterstille ließ Menschen und Vieh verstummen, nur die Heuschrecken
+und Frösche auf der Wiese summten und quakten lauter als je.
+
+Und still und schwül türmte sich auch etwas zwischen den beiden Menschen
+auf, die lautlos einander in der Laube gegenüber saßen. Geschäftig und
+leidenschaftlich für ihn besorgt, hatte Hedwig dem Pächter alles
+bereitet und zurecht gemacht, er hatte auch manchmal wie zum Dank mit
+dem Kopf genickt, jetzt aber brütete er wieder, das Haupt in die Hand
+gestützt, düster in das brauende Unwetter hinein, das wie an ungeheuren
+schwarzen Seilen bereits vom Himmel herunterhing. Schon klatschten
+einzelne, schwere Tropfen von der Höhe auf den Rasen.
+
+Da erhob sich der Landmann, und Hedwig vernahm, wie er nach dem Kutscher
+rief, zugleich bemerkte sie auch, daß vor der Einfahrt bereits das
+Korbfuhrwerk wartete.
+
+»Willst du fortfahren?« begann sie befangen.
+
+Wilms nickte.
+
+»Geschäftlich?«
+
+Wieder neigte der Pächter schwerfällig das Haupt.
+
+»Wirst du lange fort bleiben, Wilms?«
+
+Noch immer suchten die Augen des Mannes scheu den Boden, aber zum
+erstenmal seit Tagen erteilte er doch eine Antwort. Gepreßt kam es
+heraus: »Ja, es kann woll – ein paar Tage dauern.«
+
+Da freute sich das Mädchen, daß sie die erste war, die wieder seine
+Stimme vernahm, und im überwallenden Gefühl streckte sie ihm beide Hände
+entgegen, um sich von ihm zu verabschieden.
+
+Aber er rührte ihre Finger nicht an. Düster stand der große Mann vor
+ihr. Wohl blieben seine überbuschten Augen groß und starr an ihrer
+rosigen Haut haften, wie wenn sie sich von dem Anblick nicht trennen
+könnten, als er aber scheu den Kopf hob, da umfaßte er das Mädchen mit
+einem so jammervollen, so verängsteten und geistig zerrütteten Ausdruck,
+seine breiten Lippen zitterten derartig krampfhaft, daß das Mädchen in
+jähem Entsetzen zurückbebte.
+
+Ein kalter Schrecken rann durch alle ihre Glieder.
+
+Sah sie nicht, daß der gequälte Mann mehrfach ansetzte, als wollte er
+dennoch ihre Hand ergreifen, um bald darauf seine Rechte wieder sinken
+zu lassen?
+
+Was hinderte ihn nur?
+
+Etwas Unsichtbares, Unerklärliches mußte sich regelmäßig vor ihm
+erheben, und mit einem plötzlichen Entschluß riß er sich jäh von dem
+Mädchen los und lief, ohne ein weiteres Wort, wie gehetzt zu seinem
+Wagen.
+
+Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, und bald hörte die
+Zurückbleibende, wie der Wagen davonrollte.
+
+Matt lehnte sie sich an die Wand der Laube und sah abgespannt in den
+grauumzogenen Himmel hinauf, von dem der Gewitterregen noch immer nicht
+auf das lechzende Land niederrauschen wollte.
+
+»Das also ist das Ende?« dachte sie. Sie griff sich an die Stirn und
+fuhr auf. Ihre ganze Umgebung schien ihr plötzlich so fremd; wie konnte
+sie nur in diesem öden, verwunschenen Gehöft so lange gesäumt und
+geharrt haben, sie, die doch mit ganz anderen Hoffnungen in die Welt
+hinausgetreten war?
+
+Ein langes blendendes Leuchten ging über den Horizont, ein dumpfes
+fernes Murren schob sich dazwischen, und ein kurzer Regenguß pfiff über
+das Land.
+
+Die Bäume schüttelten sich und richteten sich auf. Auf Blättern und
+Halmen perlten große Tropfen.
+
+Aber auch Hedwig war aufs neue erfrischt, sie hatte ihre Schwäche
+überwunden. – Spielend dehnte sie ihre Gestalt und schritt mit ihrem
+kräftigen Gang in die Wirtschaftsgebäude, um ruhig und sicher, wie
+früher, das Gesinde zu leiten und in Wilms Abwesenheit die Geschäfte des
+kleinen Gutes zu besorgen.
+
+»Nimm die leeren Säcke dort vor dem Fenster fort, Dörthe,« ordnete sie
+mit ihrer frischen Stimme an.
+
+»Ja Fräulen, die liegen man noch da, damit die sel’ge Frau nich durch
+das Wagengerassel gestört werden sollt.«
+
+»Nun ja – aber meine Schwester braucht sie jetzt nicht mehr, wir aber
+könnten die Säcke vielleicht noch nötig haben.«
+
+Die Leute gehorchten ihr. Unbedingte Ordnung und widerspruchsloser
+Gehorsam waren in das Gehöft eingekehrt.
+
+Und Hedwig selbst hatte ihre ganze Sicherheit zurückgewonnen.
+
+Sie wußte jetzt, daß über Wilms der finstere Geist der Schwermut
+schwebe, daß die Tote dennoch aus dem Grabe auferstanden sei, um
+unversöhnt die beiden, die nach einander verlangten, auseinander zu
+scheuchen. Aber sie scheute die Frau im weißen Hemde nicht. Die Lebende
+war vor ihr gewichen, und deshalb wollte sie alle Kraft einsetzen, um
+auch den blutlosen Schatten aus dem Hause zu jagen.
+
+Draußen schlugen harte Tropfen gegen das Wirtschaftsgebäude, aus den
+grauen Nebelwänden rollte und polterte es dumpf heran.
+
+Eine zischende Windsbraut wirbelte über das Gehöft.
+
+ * * * * *
+
+Wilms fuhr die Landstraße entlang. Sein Ziel waren ein paar große Güter
+in der Umgegend von Greifswald. Als er an der Kirche von Boltenhagen
+vorüberkam, schallte Orgelklang und Gesang heraus, so daß er aus seiner
+Versunkenheit aufgestört wurde.
+
+Er wunderte sich.
+
+»Jochen, was is heut für ein Tag?« fragte er seinen Kutscher.
+
+»Ja Herr, weiten Se dat nich? Hüt hewwen wi ja unsen Herrn Christ sin
+Himmelfahrt.«
+
+Wilms faßte sich an den Kopf.
+
+Hatte er denn alle Zeitrechnung verloren, daß er von dem hohem Festtag
+gar nichts wußte? Früher hatte er an diesem Tage stets neben Else im
+eichenen Kirchenstuhl gesessen und andächtig mitgesungen. – Seitdem aber
+Hedwig auf dem Gehöft wirkte – – – nein, nein, er wollte nicht weiter
+denken.
+
+Rasch sprang er vom Wagen herab und schritt hastig über die Treppen in
+das Gotteshaus hinein.
+
+Vielleicht wohnte hier doch das Heil, vielleicht konnte hier die
+unselige, feige Angst von ihm genommen werden.
+
+Die Kirche war gedrängt voll. Eben schwieg die Orgel, und der kleine
+Pastor Schirmer begann von der Kanzel zu predigen. Rührend und beweglich
+schilderte er die Leiden und göttliche Sanftmut des Gottessohnes, und
+wie er nach seiner Auferstehung den Jüngern, die ihn nicht kannten, in
+seinem weißen Gewande am See Tiberias erschienen sei, um sie den
+gesegneten Fischzug tun zu lassen.
+
+»Und seine Gestalt war wie der Blitz, und sein Kleid weiß wie der
+Schnee.«
+
+Da zuckte Wilms, der auf der hintersten Bank Platz genommen hatte,
+erbleichend zusammen. Das Wahnbild, das ihm vorschwebte, trat wieder vor
+seine Augen, es wurde schwarz vor ihm, Kirche und Menschen drehten sich
+im Kreise.
+
+Die stürmische Angst jagte ihn von dannen.
+
+Nur hinaus – in die Luft – ins Freie, daß er atmen konnte. Schwankend
+erhob er sich.
+
+Allein der Eintritt des Pächters war von seinen Nachbarn bemerkt worden.
+Leise flüsterten sie sich zu, wie elend, krank und abgezehrt der
+Landmann aussehe, und Förster Eltze, der in seiner Nähe gesessen, folgte
+ihm hinaus.
+
+Und gerade als der nach Luft Ringende seinen Wagen erreicht hatte,
+ergriff der gutmütige Riese die Hand des Pächters und hielt ihn zurück.
+
+»Wilms, sind Sie krank?«
+
+Der Pächter starrte den andern an.
+
+»Ja – Eltze – ich kann – in der Nacht nich mehr schlafen.«
+
+»Ach, Unsinn, alter Freund, warum denn nicht?«
+
+»Weil – weil meine Frau immer bei mir is.«
+
+»Wilms – um Gottes willen – alter Freund, das reden Sie sich bloß ein.«
+
+Der Pächter zuckte die Achseln, und während er sein Gefährt bestieg,
+antwortete er wehmütig: »Das kann woll sein,« dann grüßte er den Förster
+noch kurz, und im nächsten Moment rollte das Fuhrwerk in das graue
+Unwetter hinein.
+
+»Jochen, gib auf den Herrn Obacht,« rief Eltze voller Besorgnis den
+Abfahrenden nach.
+
+Und er hatte recht mit seiner Warnung, der gutmütige Weidmann.
+
+Der finstere Geist, der den Unglücklichen mit seinen schwarzen Fittichen
+beschattete, senkte sich immer tiefer auf sein Opfer herab, so daß die
+Nacht noch düsterer in ihm wurde.
+
+Am Himmel zuckte und leuchtete es, in langen Linien schossen die
+schmalen Feuerstreifen dahin, aus den dunklen Wolkengründen heraus
+rollte der Donner und hallte verendend über die weite Ebene.
+
+So waren die Reisenden an einen unbeträchtlichen Landsee gelangt, der
+mit einem Wasserarm die Chaussee unterbrach, so daß sie an dieser Stelle
+überbrückt war.
+
+Aus Binsen und Schilf, die das unbewegte Wasser umgaben, quollen feuchte
+graue Dünste empor, fahl und farblos lag die Fläche, nur an der Brücke
+erhoben sich ein paar verkrüppelte Silberweiden.
+
+Eben rasselte das Gefährt über das morsche Holz, als Wilms Blick
+gleichgültig über den schweigenden See schweifte.
+
+Aber dann – der Pächter richtete sich auf und stierte auf das jenseitige
+Ufer hinüber.
+
+Er mußte etwas Furchtbares erschauen, denn kalter Fieberschweiß brach
+ihm aus allen Poren, mit der Hand umfaßte er die Schulter seines
+Knechtes.
+
+»Jochen,« schrie er, »kehr’ um.«
+
+»Herr – Herr Jesus – wat is denn?«
+
+»Jochen – Jochen – kehr’ um.«
+
+Der Kutscher begann am ganzen Leibe zu zittern:
+
+»Herr, Se sünd woll krank? Wat is denn dor äwern See? – Seggen Se mi’s
+doch – ick fürcht mi.«
+
+Aber der Landmann brachte kein Wort hervor. Mit weit aufgerissenen Augen
+starrte er über die graue Fläche, denn der düstere Geist, der über ihm
+war, malte ein entsetzliches Bild.
+
+Dort drüben stand eine weibliche Gestalt, ihr Hemd war »weiß wie der
+Schnee«, ihre Augen funkelten wie grelle Blitze, und über ihr entlud
+sich schmetternd ein krachender Donnerschlag.
+
+Da begann es dem Knecht vor dem hinstarrenden Manne zu grausen, mit
+aller Kraft warf er die Pferde herum und jagte unter prasselndem Regen
+mit seinem ohnmächtigen Insassen den Weg, den er gekommen, wieder
+zurück.
+
+ * * * * *
+
+Zwei lange, bange Wochen verstrichen, dann konnte der Pächter das große
+Bett in der Wohnstube, an dem Hedwig Tag und Nacht gewacht hatte,
+verlassen.
+
+Es schnitt allen ins Herz, als sich der ehemals so riesenhafte Mann
+kraftlos reckte und sich mit einem wehmütig lächelnden Blick im Spiegel
+beschaute.
+
+»Na, Wilms, nu frische Luft,« rief der dicke Dr. Rumpf – »und dann,
+Kinding, die Fenster auf und was Ordentliches für den Magen – – paar
+Buddeln Rotspohn, und Hauptsache: raus, raus!«
+
+Und am Arm des Physikus ließ sich Wilms in den Garten leiten, in dem
+jetzt die Linden blühten und einen erquickenden, würzigen Duft
+verbreiteten.
+
+»Ach, hier ist es schön,« sagte der Landmann, als er in der Laube saß,
+bewundernd, »komm, Heting – und Sie auch, Herr Doktor, wir wollen noch
+ein bißchen zusammenbleiben.«
+
+Die beiden andern warfen sich einen bedeutsamen Blick zu und gedachten
+ihn durch ein harmloses Gespräch ein wenig aufzumuntern, jedoch der
+Pächter ließ sie nicht zu Worte kommen.
+
+Er war so gesprächig, wie seit vielen Jahren nicht. Alles, womit ihn die
+Natur umgab, erinnerte ihn an Begebenheiten aus seiner Jugend, aus
+seinen Lehrjahren und erweckte auch das Andenken an seine Mutter.
+
+»Trägst du noch den Ring, Heting? – Nicht wahr, den wirst du doch immer
+in Ehren halten? Weißt du noch – am Weihnachtsabend?«
+
+Nur Else erwähnte er nicht. Es schien, als ob das Grab sie nun doch
+festhalte, als ob die Erde sich endlich dauernd über ihr geschlossen
+hatte.
+
+Als der Physikus nach einiger Zeit seinen Wagen bestieg, folgte ihm
+Hedwig und fragte rasch und verzweifelt:
+
+»Nun, Herr Doktor, nun?«
+
+»Ja, was soll ich sagen? – Ernährung, mein Kind, Ernährung. Das ist das
+allereinzigste Mittel.«
+
+»Ja aber, Herr Doktor, er ißt ja fast gar nichts.«
+
+»Heting,« sprach der Physikus ernst und strich dem Mädchen über die
+heiße Stirn, »jetzt hängt alles von dir ab, verstehst du?«
+
+»Nein.«
+
+»Der Mann ist seelisch krank,« sagte der Doktor langsam, indem er ihr
+fest in die Augen sah, »verstehst du jetzt, warum alles von dir
+abhängt?«
+
+Da wurde das Mädchen blaß und wieder dunkelrot und sah vor dem alten
+Freunde zu Boden.
+
+Sie verstand ihn.
+
+»Und morgen komm’ ich wieder,« rief der Physikus in anderem Ton, küßte
+seiner jungen Freundin im Vorübergehen die Hand und fuhr vom Hofe
+herunter.
+
+Mit glühenden Wangen lief Hedwig in den Garten, jetzt wußte sie es, was
+der erfahrene Arzt verlangte, sie sollte den geliebten Mann verlassen. –
+Sie – sie selbst hielt man für die Ursache, daß er nicht zur Ruhe kommen
+könnte; war es möglich, daß ihre Gegenwart ihn quälte und peinigte? –
+Glaubte er sich wirklich sündenbeladen, weil er ihr blühendes Leben der
+Todverfallenen vorgezogen? – Die Tote siegte, die Tote ging im Hause
+umher, die Tote behauptete den Platz an seiner Seite. – Nein, so konnte
+sie sich nicht verscheuchen lassen. – Schmeichelnd setzte sie sich neben
+Wilms, und als er sie musternd anlächelte, schlang sie ihre weichen Arme
+um den abgezehrten Mann, und flüsterte mit ihrer angsterfüllten bebenden
+Stimme: »Wilms, ich liebe dich ja so sehr, nicht wahr, jetzt wirst du
+auch wieder gesund werden?«
+
+Und wie ihre Lippen sich auf die seinen legten, da war es ihm, als ob
+ein köstlicher, erfrischender Heiltrank in ihn hinüberströme, der alle
+seine Glieder mit einer wohltuenden Schlaffheit erfüllte, so daß er sein
+Haupt müde an ihre Brust lehnte und dort zu schlummern strebte.
+
+»Ja, Heting,« murmelte er erquickt, »nun werden wir bald sehr glücklich
+sein.«
+
+»Und nicht wahr, an Else erinnerst du dich nicht mehr so wie damals?«
+
+»Nein, nein, Heting – laß das – an meine Frau denke ich nich mehr – will
+nich mehr – nur du.«
+
+Waren es die Lindenblüten, die der leise Wind von den Zweigen
+schaukelte, war es Hedwigs Nähe, der müde Mann schlummerte an ihrer
+atmenden Brust wie ein beruhigtes Kind sanft und sicher ein.
+
+Eine Schwarzdrossel nistete oben in der Krone der Linde. Die sang das
+Schlummerlied.
+
+Aber in dem Mädchen zehrte und bohrte der Gedanke an die verlangte
+Trennung weiter.
+
+ * * * * *
+
+Ein andermal sah der Kranke aufmerksam und nachdenklich auf Hedwigs
+stolzen, weißen Hals, von dem sich ein schmales, goldenes Kettchen
+abhob.
+
+»Heting, trägst du da nicht – – –?«
+
+»Ja, Elsens Goldherz.«
+
+»Das besitzt du?«
+
+»Ja, ich hab’ es ihr abgenommen.«
+
+Der Pächter stützte das Haupt und blickte sinnend vor sich hin.
+
+»Mir is es doch lieb,« sagte er endlich, »daß sie es nicht mitgenommen
+hat in die Erde. – Mir wär’ es dann immer gewesen, als wär mein Herz mit
+begraben. – So aber liegt es bei dir.«
+
+Dann streckte er die Arme aus und zog sie an sich. Und beide klammerten
+sich aneinander, als ob sie Schutz suchten vor dem weißen Schatten, der
+unerbittlich durch das Haus ging.
+
+Und als sie sich immer leidenschaftlicher in seine Arme schmiegte, da
+ging es wie ein Beben durch den kranken Körper. »Heting – Heting,«
+stammelte er, »ich werd’ – wohl nie wieder ganz glücklich werden.«
+
+Da fröstelte das liebeglühende Mädchen zusammen und verstand ihn.
+
+ * * * * *
+
+Wilms Seelenzustand wurde immer trübsinniger. Oft, wenn Hedwig
+unvermutet zur Tür hereintrat, dann traf sie ihn, wie er starr auf die
+Schwelle hinblickte, auf der einst Else entseelt dahingesunken, und wenn
+sie dann auf ihn zuflog, um ihn durch ihre Liebe zu ermuntern, dann kam
+ein Ausdruck von Furcht in seine Augen, als wenn ihn ihre Zärtlichkeit
+quäle.
+
+Und einmal rang er sich schwer die Worte ab: »Heting, küß mich nich so –
+mir is es immer, als wenn Else zusäh.«
+
+Da zuckte das Mädchen zusammen, und so oft sie sich ihm in den nächsten
+Tagen näherte, immer glaubte sie etwas Kaltes, Frostiges zu spüren, das
+an ihr vorbei strich.
+
+Sie faßte sich an die Stirn und begann schmerzlich zu lächeln. Sie fing
+an, an Gespenster zu glauben.
+
+Mit der Zeit begann der Kranke auch Elses Namen immer häufiger in seine
+Reden zu mischen. Bald erinnerte er sich an Worte seiner Frau, bald an
+allerlei Eigentümlichkeiten, und eines Tages, beim Mittagbrot, merkte
+Hedwig, daß sie der Pächter mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen
+beobachtete:
+
+»Was hast du denn, Wilms?«
+
+»Du – du siehst – ihr doch sehr ähnlich,« stammelte der Landmann
+fassungslos und ließ Messer und Gabel aus seiner Hand klirren.
+
+Und am Nachmittag nahm Hedwig aus der Nebenstube wahr, daß Wilms,
+anstatt zu schlafen, bitterlich vor sich hin schluchzte.
+
+Dagegen vermochte sie nichts. Die Tote siegte.
+
+Ihr wunderbarer, prachtvoller Körper blühte neben ihm, und der Kranke
+koste und scherzte mit der Verwesten.
+
+ * * * * *
+
+»Onkel Doktor,« weinte Hedwig vor sich hin, als sie mit dem weißbärtigen
+Physikus, den sie hatte holen lassen, in der Laube saß, »was soll ich
+dagegen tun?«
+
+Sie hatte dem alten Freunde alles gebeichtet, was sie seit dem einen
+Jahre auf diesem Gehöft erlebt hatte.
+
+»Was du tun sollst?« fragte der alte Herr und legte die beiden Hände des
+jungen, fiebernden Geschöpfes in die seinen. »Heting, mein Kind, ich
+hab’ dich lieb und habe Wilms lieb, und deshalb sag’ ich, du mußt fort.«
+
+Sie starrte ihn mit ihren großen, braunen Augen an, und der Physikus
+fühlte an ihren Händen, wie das Blut in den Adern hämmerte und schoß.
+
+»Still, Kind, still,« sagte er, »du willst ihn doch nicht zugrunde
+richten, und sieh, so oft er dich anblickt, immer wird er in dir die
+Ursache sehen, die die Verstorbene in den Tod getrieben. – Nein, nein,
+mein Kind, bleib ruhig, ich weiß ja, du liebst ihn sehr, aber eben
+deshalb, Heting, bitt’ ich dich, befrei’ den armen Kerl von all’ den
+bösen Erinnerungen. Glaub mir, so lange du hier bleibst, bleibt auch die
+Tote bei ihm. – Nicht wahr, das hast du doch selbst schon bemerkt?«
+
+Hedwig senkte das Haupt, aber sie nickte leise. Dann sah sie mit
+sehnsüchtigem Blick auf den blühenden Garten hinaus, auf die anstoßende,
+saftige Wiese, auf die fernen Äcker, auf denen sonnendurchleuchteter
+Staub dahinzog.
+
+Überall hatte sie hier gewirkt und geschafft. Ordnung und Wohlstand
+hatte sie zurückgezwungen. Das hatte die Tote doch nicht vermocht.
+
+Unter ihren Tränen zog ein trotziges Lächeln über das blasse Gesicht.
+
+»Nun, Heting,« fragte der Physikus und stand auf: »Weißt du nun, was du
+zu tun hast?«
+
+Sie nahm noch immer das Bild der blühenden Felder in sich auf, mit
+bebender Brust sog sie die frische Landluft in sich ein. Ja, sie hatte
+alles für eine glückliche Zukunft vorbereitet, aber einwandern sollte
+sie nicht in das gelobte Land.
+
+»Heting?« fragte der Arzt dringender.
+
+»Sehen Sie, Herr Doktor,« rief das Mädchen, indem sie mit der Hand nach
+dem schönen Gut zeigte: »Diese Saat habe ich bestellt, sehen Sie dort
+drüben die grünen Halme? Aber ernten mag sie ein anderer,« flüsterte sie
+mit erstickter Stimme.
+
+Da streichelte der alte Herr dem jungen Geschöpf die welligen braunen
+Haare aus der heißen Stirn, nahm sie in seine Arme, und während ihr
+Schluchzen zu ihm heraufdrang, sagte er wie zu einem kleinen Kinde:
+
+»Recht – recht – du bist ein tapferes, kleines Ding, es wird auch alles
+wieder gut.«
+
+ * * * * *
+
+»Heting,« sagte Wilms an einem der nächsten Tage, als sie nach dem
+Kaffee in der Wohnstube zusammen saßen, »du bist ja so vornehm
+angezogen, willst du ausfahren?«
+
+Das Mädchen sah ihn lange und ernsthaft an, als wollte sie sich jeden
+seiner Züge einprägen, dann schüttelte sie trübe lächelnd das Haupt,
+aber sie wandte sich ab und ließ ihren Blick lange auf dem Hof ruhen
+und sah grüßend zu den Pappeln der Landstraße hinüber.
+
+Nach einer Weile kehrte sie dem gebeugten Mann ihr schönes Gesicht zu
+und fragte einfach und doch voll verschlossenen Wehs:
+
+»Wilms, hast du mich wirklich ein bißchen liebgewonnen?«
+
+»Wie kannst du nur so fragen, Heting.«
+
+»Und mehr – mehr als Else?«
+
+»Ich bitt’ dich, Kind – daran mußt du nicht rühren – laß sie doch
+ruhen.«
+
+Er verzog die Stirn und schüttelte matt den Kopf.
+
+»Bist du mir böse?« rief Hedwig plötzlich leidenschaftlich, und während
+sie sich vor dem Stuhl des gebeugten Mannes in die Knie warf, umschlang
+sie den Kranken und hob sich selbst zu ihm empor: »Nicht wahr, du bist
+nicht böse auf mich?« flüsterte sie mit schwankender Stimme und
+schmiegte sich an ihn, »ich habe doch alles bloß aus Liebe zu dir getan,
+das weißt du doch, Wilms?«
+
+Der Landmann wurde gerührt. »Ja, mein Kinding, ja,« sprach er liebevoll
+und streichelte ihr das goldglänzende, braune Haar.
+
+Da stand Hedwig langsam auf und sah sich noch einmal aufmerksam in der
+Stube um. Dann schritt sie rasch zum Klavier, um Wilms, wie sie das um
+diese Zeit schon gewöhnt war, etwas vorzuspielen. Müde und erschlafft,
+wie er war, wiegten ihn die Töne noch immer am leichtesten in den
+ersehnten Schlummer.
+
+»Was soll ich spielen?«
+
+»Ganz gleich, es is ja alles schön.«
+
+»Nein, was du gern hast.«
+
+»Nun, dann das von Weihnachten, du weißt ja, Heting.«
+
+Sie schloß die Augen, ein süßer Schauer durchfuhr sie zum letztenmal.
+Und dann spielte sie das alte Volkslied, das schon so unendlich viel
+Müde eingesungen.
+
+Draußen rollte ein Wagen auf der Chaussee heran, Hedwigs Herz klopfte
+zum Zerspringen, aber sie ließ sich nichts merken und spielte tapfer den
+alten Sang, so leise und wehmütig und klagend, daß dem Kranken, der doch
+nicht wußte, was ihm bevorstand, die Tränen in die Augen traten.
+
+Und er schlummerte wirklich sanft und lächelnd ein, während das
+Abschiedslied leise austönte. Als er erwachte, war das Zimmer leer.
+Alles war still, nur von der Landstraße hörte man dumpfen Hufschlag und
+das Rollen eines enteilenden Gefährts.
+
+ * * * * *
+
+Der Förster hatte Hedwig in seinem Wagen zur Bahn gebracht, und sah zu
+ihr bewundernd in das Coupé hinauf.
+
+Feurig und blutrot ging am Himmel die Sonne zur Rüste, davon mochte das
+Mädchen so rosig übergossen sein, als sie zum Fenster hinaus nach der
+Gegend spähte, wo Wilmshus lag.
+
+Aber das Gehöft war längst hinter dem Tannenschlag versunken, und
+merkwürdig, wie Hedwig jetzt am Fenster lehnte, war sie wieder die
+vornehme, junge Dame, die vor mehr als einem Jahr an dieser Stelle
+angekommen war.
+
+Sie begriff sich selbst nicht; seit der öde Pachthof hinter ihr
+verschwunden war, strömte ihr frischere Luft entgegen, ihr war es, als
+hätte sie selbst ein Jahr lang siech gelegen und sollte jetzt zum
+erstenmal wieder in die lachende, sonnenfunkelnde Welt hinaus.
+
+»Wohin gehen Sie jetzt, Fräulein Hedwig?« fragte der Förster.
+
+»Ich weiß nicht. – Überall, wo es für mich etwas zu tun und zu schaffen
+gibt. – Die Welt ist groß.«
+
+»Da haben Sie recht. – Und kommen Sie vielleicht bald hierher wieder
+zurück?«
+
+»Auch das kann sein. Wir Menschen wissen ja nie, was die nächste Stunde
+bringt.«
+
+Die Glocke klang. – Der Förster schwenkte seinen grünen Hut.
+
+»Grüßen Sie Wilms,« rief Hedwig mit hervorbrechenden Tränen.
+
+Der Zug bewegte sich, und rascher und rascher fuhr er in die rotgoldene
+Abendglut hinein.
+
+Hedwig sah nicht mehr zurück.
+
+
+
+
+Von Georg Engel erschienen ferner:
+
+Hann Klüth. Roman.
+Der Reiter auf dem Regenbogen. Roman.
+Der verbotene Rausch. Heitere Novellen.
+Zauberin Circe. Berliner Liebesroman.
+Die Furcht vor dem Weibe. Roman.
+Das Hungerdorf.
+
+
+
+
+Ullstein-Bücher
+
+
+Bis jetzt sind erschienen:
+
+#Clara Viebig# Dilettanten des Lebens
+#Georg von Ompteda# Maria da Caza
+#Heinz Tovote# Frau Agna
+#Rudolph Stratz# Arme Thea
+#Fedor von Zobeltitz# Das Gasthaus zur Ehe
+#Paul Oskar Höcker# Die Sonne von St. Moritz
+#Ernst von Wolzogen# Mein erstes Abenteuer
+#Georg Engel# Die Last
+#Kurt Aram# Violet
+#Richard Voß# Der Todesweg auf den Piz Palü
+#Otto Ernst# Laßt Sonne herein
+#Max Kretzer# Der Mann ohne Gewissen
+#Wilhelm Jensen# Unter heißerer Sonne
+#Karl Rosner# Sehnsucht
+#Wilhelm Hegeler# Der Mut zum Glück
+#Peter Rosegger# Die Försterbuben
+#Rudolf Herzog# Nur eine Schauspielerin
+#Joseph Lauff# Marie Verwahnen
+#Rudolf Hans Bartsch# Elisabeth Kött
+#Franz Adam Beyerlein# Similde Hegewalt
+#Walter Bloem# Sonnenland
+#Richard Strowronnek# Bruder Leichtfuß
+#Felix Hollaender# Charlotte Adutti
+#Heinz Tovote# Mutter!..
+#Karl Rosner# Georg Bangs Liebe
+#Korfiz Holm# Thomas Kerkhoven
+#Ludwig Ganghofer# Gewitter im Mai
+#Georg von Ompteda# Denise de Montmidi
+
+Jeder Band 1.– Mark
+
+
+
+
+Musik für Alle
+
+Jeden Monat erscheint ein Notenheft
+
+
+Bisher sind unter anderen erschienen:
+
+Tannhäuser, zwei Hefte – Tristan und Isolde – Lohengrin – Meistersinger
+von Nürnberg, zwei Hefte – Der fliegende Holländer – Rienzi –
+Sommernachtstraum – Carmen, zwei Hefte – Der Evangelimann – Brahms-Heft
+– Cavalleria rusticana – Fra Diavolo – Margarethe, zwei Hefte – Die
+Geisha – Hänsel u. Gretel-Heft – Dollarprinzessin – Der fidele Bauer –
+Der Graf von Luxemburg – Wiener Frauen – Der Vogelhändler – Hoffmanns
+Erzählungen – Die Zauberflöte – Die weiße Dame
+
+Jedes Heft 50 Pf. (60 h)
+
+Ausführliche Inhaltsverzeichnisse aller bisher erschienenen Hefte stehen
+auf Wunsch kostenlos zur Verfügung. Erhältlich in allen Buch- und
+Musikalienhandlungen sowie direkt vom
+
+Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der um 1910 bei Ullstein erschienenen Ausgabe erstellt. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 008: »Wie steht’s mit den Kartoffeln, Korl?« -> Karl
+p 009: öffnende Anführungszeichen ergänzt: sprang auf – »nicht wahr?
+p 119: Förster Elze -> Eltze
+p 148: Dörte -> Dörthe
+p 150: schließende Anführungszeichen ergänzt: Der hängt noch.«
+p 240: Komma entfernt: Else zuckte schmerzhaft zusammen,. ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the Ullstein
+edition, published around 1910. The table below lists all corrections
+applied to the original text.
+
+p 008: »Wie steht’s mit den Kartoffeln, Korl?« -> Karl
+p 009: added opening quotes: sprang auf – »nicht wahr?
+p 119: Förster Elze -> Eltze
+p 148: Dörte -> Dörthe
+p 150: added closing quotes: Der hängt noch.«
+p 240: removed comma: Else zuckte schmerzhaft zusammen,. ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Last, by Georg Engel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LAST ***
+
+***** This file should be named 18231-0.txt or 18231-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/8/2/3/18231/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+1.E.9.
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+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
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+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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