diff options
Diffstat (limited to '18231-0.txt')
| -rw-r--r-- | 18231-0.txt | 8144 |
1 files changed, 8144 insertions, 0 deletions
diff --git a/18231-0.txt b/18231-0.txt new file mode 100644 index 0000000..66f2364 --- /dev/null +++ b/18231-0.txt @@ -0,0 +1,8144 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Last, by Georg Engel + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Last + +Author: Georg Engel + +Release Date: April 22, 2006 [EBook #18231] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LAST *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Die Last + + Roman von + Georg Engel + + + Ullstein & Co + Berlin • Wien + + + + + Motto: + + Nicht an einer Person hängen bleiben: und + sei sie die geliebteste – jede Person ist + ein Gefängnis, auch ein Winkel. + + – – Nicht an einem Mitleiden hängen + bleiben: und gälte es höheren Menschen, in + deren seltne Marter und Hilflosigkeit uns + ein Zufall hat blicken lassen. + + Friedr. Nietzsche + + + + +Erstes Buch. + +I. + + +Es war Tag geworden. + +Noch immer rieselte der Regen und troff an den kleinen Fenstern der +Krankenstube herunter. Bleigraues Licht stahl sich zögernd durch die +Gardinen und mischte sich mit dem Schein der Lampe, die auch jetzt noch +vor dem Bette brannte. + +Auf dem großen Bauerngutshof erwachte einiges Leben. Man hörte zuweilen +ein dumpfes Aufbrüllen der Kühe, und dazwischen das vereinzelte Rufen +der Knechte. Doch klang alles gedämpft, als fürchte man, die Kranke zu +stören. + +Etwas Totes, Gedrücktes lag über dem Gehöft; und je mehr das trübe +Sonnenlicht vorrückte, in desto größere Lautlosigkeit verfiel das +Anwesen. + +In dem weiten, zur ebenen Erde gelegenen Zimmer wurde ein schwacher Ruf +laut. Kränklich, hohl, gebrochen, ein wenig gereizt klang er, aber so +leise die Stimme auch flüsterte, sofort fuhr aus dem ledernen Sessel +neben dem Bette ein Mann von mächtiger, imposanter Gestalt auf, rieb +sich ein wenig die Augen, strich ein paarmal energisch über seine +dicken, kurzgeschorenen Haare und legte dann seine Finger behutsam auf +die Hand der leidenden Frau. + +»Na, Elsing,« forschte er aufmunternd, wobei er seine Stimme soviel als +möglich herabdämpfte, »geht’s ein bißchen besser?« + +Statt einer Antwort rang die Angeredete die Hände und vergrub ihr +Antlitz in die Kissen: »Du lieber Gott,« stöhnte sie leise, und es war +beinahe, als ob aus dem weißen Linnen ein Schluchzen dränge. + +Der Mann ließ seine Hand aufs Knie sinken und starrte auf den hellen, +sandbestreuten Estrich der Stube. + +Plötzlich warf sich das junge Weib herum und forschte hastig: »Du bist +wohl eingeschlafen, Wilms?« + +Seltsam, – neidisch fast schien die Frage. + +»Ja, ich bin ein wenig eingenickt,« gab der Gatte zu. Und wieder konnte +man leise Entschuldigung aus den Worten hören. »Ich sitz’ ja nun auch +bald die vierte Nacht so,« murmelte er halb für sich. + +Es wurde still. + +Aus der Ecke nur tönte das schwere Tick-tack einer unförmlichen +Kastenuhr, und zuweilen knirschte der Sand unter dem Stiefel des Mannes. + +Die Leidende seufzte und schien die rechte Lage nicht finden zu können. +Endlich streckte sie sich und blickte in das trostlose Grau des +Regentages hinaus. + +Welche Traurigkeit dort draußen und hier drinnen. + +Gegen die Fenster stäubte der Regen, Hagelkörner schlugen scharf gegen +die Scheiben, und über die Wangen der Liegenden floß eine Träne. + +»Lösch’ die Lampe aus, Wilms,« bat sie, »meine Augen – es tut mir weh.« + +Er schraubte das Licht herunter, sofort sah es in der Stube noch fahler +aus. + +»Armes Weib,« murmelte er, »armes Weib.« Er strich über ihre Haare und +richtete sich langsam auf. Dann schritt er zur Tür. – Aber er sollte +nicht hinausgelangen. + +»Wilms.« + +Sein Weib hatte sich aufgerafft. »Du sollst nicht fort,« rief sie +angstvoll, »ich kann nicht allein bleiben – mich friert, wenn du draußen +bist!« + +»Elsing – unsere Wirtschaft leidet darunter – ich muß –« + +»Ja, ja – die Wirtschaft – immer die Wirtschaft,« stieß die Kranke +hervor und fiel erschöpft in ihre Kissen zurück, »und ich liege hier in +meinem Elend – zwei Jahre – zwei ganze Jahre schon, und keiner hilft +mir, keiner, zur Last falle ich jedem – auch dir –« + +»Elsing, ich –« + +»Ja, auch dir,« fuhr sie atemlos fort, »ich merk’ das sehr wohl – du +hast nur Mitleid für mich – nur Mitleid. Und wir haben uns doch aus +Liebe geheiratet.« + +Er war zögernd an ihr Bett getreten und plötzlich umschlang sie seinen +Hals: »O Gott – o Gott, ich bin wohl sehr häßlich geworden?« forschte +sie, am ganzen Leibe zitternd. »Nicht wahr, gesteh’s nur ganz offen.« + +»Elsing,« – die Stimme des Mannes zitterte leicht. Er hatte sich auf den +Bettrand gesetzt und ließ ein paar Strähnen ihrer langen, blonden Haare +durch seine Finger gleiten. »Elsing,« beteuerte er dann, »für mich bist +du noch so schön, wie in der ersten Stunde – sieh doch bloß deine +langen, weichen Flechten – und der kleine Mund und die lieben, blauen +Augen – alles so hübsch, mein armes Kind.« + +Es mußte ihn doch übermannt haben, denn er schloß sein Weib in beide +Arme und küßte es zärtlich auf die Lippen. Die Kranke schmiegte sich +befriedigt an seine Brust und für einen Augenblick schien sie beglückt +und hoffnungsfreudig. Wenigstens wandte sie sich bald auf die Seite und +forderte ihn mit ihrer erregten Stimme auf: »Wilms, gib mir die Bibel +von dem Tisch – so, und nun geh – geh nur und schlag ein Auge auf die +Wirtschaft – es muß ja doch sein.« + +Da ging der Mann schwerfällig hinaus; allein als sich die Tür +geschlossen hatte, blieb er stehen und lauschte zurück. + +Und trübe schüttelte er den Kopf. – Mit welch fieberhafter, +leidenschaftlicher Glut sein Weib dort drinnen las. Sie sang beinahe; – +ekstatisch, wie berauscht tönten die heiligen Worte: + +›Und siehe, ein Weib, das zwölf Jahre siech war, trat zu ihm und rührete +seines Kleides Saum an. + +Da wandte sich Jesus um und sahe sie und sprach: Sei getrost, meine +Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und das Weib ward gesund zur +selbigen Stunde.‹ + +»Und ward gesund zur selbigen Stunde,« wiederholte es drinnen, wie +verzückt. Dann einen Moment Stille, aber plötzlich mit herzzerreißendem +Schluchzen: »O Gott – und ward gesund – lieber – lieber – Gott.« + + + + +II. + + +Als Wilms auf den Hof heraustrat, atmete er tief auf. Hier wehte doch +frische Luft, hier beengte ihn die Hitze der Krankenstube nicht mehr, +und erfrischend rieselte der Regen auf sein entblößtes Haupt. + +Merkwürdig. – Er hatte doch schon so oft mitten auf seinem Gehöft +gestanden, aber heute befiel ihn zum erstenmal der Gedanke, daß all sein +Hab, Häuser und Scheunen, Ställe und Gerätschaften, Menschen und Vieh +wie von einem drückenden Traum befangen wären. + +Es zerfiel und zerbröckelte alles, es wurde morsch und verging. – Und er +selbst? + +Erschreckt fuhr er auf. + +Drüben in dem Strohdach der Kornscheuer klaffte eine beträchtliche +Spalte. Ungehindert floß der Regen hindurch und machte ihm die +Wintersaat faulen. Keiner meldete ihm den Schaden, er selbst hatte ihn +nicht bemerkt. + +Früher war er als der werktätigste Landwirt Vorpommerns bekannt +gewesen; er allein wußte, wie durch Zauber, dem fetten Boden dreifach +die goldigen, Nahrung bringenden Körner abzugewinnen; jetzt stand es +anders. – Es ging bergab mit ihm. + +Ein Lastwagen lag in einer Ecke des Hofes auf drei Rädern. Das vierte +gebrochen daneben. – Ob man nach dem Stellmacher geschickt hatte? + +Gerade schlich ein Knecht hinter dem Gefährt träge dahin, Wilms rief ihn +laut an; aber der Mann wußte von nichts, und schon wollte ihn der +Landwirt mit einem kräftigen Fluch zurechtweisen, da dachte er an die +Kranke, und beinahe flüsternd befahl er dem Manne, den Stellmacher zu +holen. + +Der Knecht trottete davon, und Wilms setzte seine grobe Mütze auf und +schritt schwerfällig die Landstraße entlang. Zu beiden Seiten dehnten +sich seine Felder. + +Auf das braunschollige Ackerland rauschte hörbar der Regen, und nur +allmählich vermochte der Landwirt seine Leute zu erkennen, so dicht +wogte der schwere Nebel um sie herum. Grau und gespenstig tauchten +Männer und Frauen aus den Wolken hervor, und verschwanden bald wieder, +als hätte sie der Boden eingesogen. + +»Wie steht’s mit den Kartoffeln, Karl?« fragte Wilms endlich einen +jungen, flachsköpfigen Burschen, der tiefgebückt die gesammelten Knollen +in einen Korb warf. + +»Der Herr weiß ja – der Regen – es dauert schon zu lang.« + +»Ja, ja« – Wilms ballte die Fäuste, und in sein ernstes, ehrliches +Antlitz gruben sich tiefe Falten. Wie er sich jetzt langsam und ermüdet +auf einen eisernen Pflug niederließ, der auf dem kotigen Acker herumlag, +da hätte man ihn für einen alten, gebrochenen Mann halten können. Und er +zählte doch erst zweiunddreißig Jahre und stand in der Blüte der Kraft. + +Und die Nebel krochen um ihn herum, formten sich, ballten sich, und es +war, als ob sie ein häßliches, graues Weib bildeten, zahnlos, mit +wackelndem Kopf – eine dürre Vettel, wohlbekannt allen Bedrückten – die +Not, die grinsende Not, und sie hinkte auf ihn zu und streichelte ihn. + +Er sank immer tiefer in sich zusammen und ließ seine Leute schaffen, was +sie wollten. + +Da klang Wagengerassel die Landstraße herab. Ein elendes, ächzendes +Gefährt näherte sich, und herab stieg ein wohlbeleibter Mann mit grauem +Stoppelbart, und in den Stoppeln saß ein sehr rotes, verschwollenes +Gesicht, aus dem ein Paar wässerige Äuglein und eine Hakennase lustig +hervorlugten. Der Ankömmling hieß »Herr Rosenblüt«, klimperte im +Augenblick mit einer dicken goldenen Kette und war der Kompagnon einer +in dem Landstädtchen Grimmen sehr angesehenen Viehexportfirma. – Ein +gesetzter, umgänglicher Mann. + +Heute zeigte sich der Viehhändler indes sehr aufgeregt. Er schritt +gleich auf den Landmann zu und pflanzte sich prustend und atemholend vor +ihm auf. + +»Herr Wilms,« begann er unvermittelt und fuchtelte mit seinem Stock hin +und her. »Was soll das heißen? – Was ist denn geschehen – bei Ihnen zu +Haus? Als ich vorbeigefahren bin ...« + +»Doch nicht meine Frau?« stammelte Wilms und sprang auf – »nicht wahr? – +So sagen Sie’s doch,« wiederholte der unglückliche Mann heiser. + +»Nein, nein, nicht Ihre Frau – ich meine bloß – – es ist da einer von +den Blauen, von den Gerichtsvollziehern. Na kommen Sie schnell auf +meinen Wagen« – und leise setzte er hinzu: »Was wollen Sie erst einen +Aufstand vor Ihren Leuten machen? Beeilen Sie sich, Herr Wilms.« Bald +knarrte und ächzte das Fuhrwerk auf Wilms’ Gehöft zu, und Herr +Rosenblüt saß neben dem Besitzer und starrte ihm ängstlich ins Gesicht, +bis sie den Wirtschaftshof erreicht hatten. + +Hier hielt der Wagen, und der Bauer sprang herab und blickte sich scheu +um. + +Mitten auf dem Platze stand der Gerichtsvollzieher von Grimmen und +unterhandelte laut und barsch mit Jochen, dem Pferdeknecht, der von Zeit +zu Zeit einen ängstlichen Blick auf die Fenster der Krankenstube warf +und den Beamten zu bitten schien, leiser zu verfahren. + +Alle Leute des Anwesens waren an diese Rücksicht auf die leidende Frau +gewöhnt; ein lautes Wort, mitten in der dumpfen Stille, war unerhört, +erschreckte alle förmlich. + +»Da is uns’ Herr,« sagte der Knecht endlich erleichtert, als er des +Bauern und seines Begleiters ansichtig wurde. Wilms kam schwerfällig +näher, seine Gestalt sank immer mehr zusammen, als ob auf seinem Nacken +sichtbarlich eine allzu schwere Last gelegt sei, und auf der Stirn +perlten große Tropfen. Mit flüsternder, heiserer Stimme bat er den +Beamten, mit ihm in die nächste Scheuer zu kommen. – Nur nicht hier – +hier könnte man die Kranke stören, sie dürfte ja von nichts wissen; das +könnte ihr den Rest geben. »Ich bitt’ Sie, kommen Sie mit mir – ein +paar Schritte.« + +Jedoch der Gerichtsvollzieher hielt das für überflüssige Zeitvergeudung. +Er knöpfte seinen Rock auf, nahm ein gestempeltes Papier heraus, das er +prüfend überflog, und während er sich dazu wohlgefällig und amtswürdig +seinen militärischen Schnurrbart strich, las er trocken vor: »Beauftragt +vom Grafen Brachwitz auf Boltenhagen – Zahlung der rückständigen Pacht +vom 1. April – 3600 Mark – – nicht eingegangen – hm – vorzunehmende +Zwangspfändung.« + +»Was? Vom April sind Sie dem Grafen noch schuldig?« warf der Viehhändler +dazwischen. + +Der Gerichtsvollzieher faltete das Blatt wieder zusammen und pflanzte +sich vor dem Besitzer auf: + +»Können Sie zahlen, Herr Wilms?« fragte er prompt. + +»Nein.« + +»Na, dann muß ich anfangen. Nehmen Sie’s nicht übel.« + +»Aber – wenn Sie mir nur – nur bis morgen Zeit lassen wollten,« stöhnte +Wilms und legte sich die Hand vor die Stirn. »Nur bis morgen – ich +könnte mich ja noch an jemanden wenden. – Ich hatte in der letzten Zeit +mit meiner Frau so viel – aber es ist doch vielleicht noch möglich.« + +»Tut mir leid – strenge Ordre.« Der Gerichtsvollzieher knöpfte dabei +seinen Rock zu und wandte sich an den Knecht. + +»Wollen gleich mit dem Vieh anfangen,« befahl er kurz. »Wo haben Sie die +Schweine?« + +»Dann zeig dem Herrn, Jochen.« Wilms hatte es tonlos gesprochen und +wandte sich jetzt schnell ab. Selbst dem Viehhändler hatte er nicht mehr +die Hand zum Abschiede gereicht. Er ging langsam in das Wohnhaus und +trat in das Zimmer seines Weibes. + + + + +III. + + +Wie er sie verlassen, ebenso lag Else noch jetzt. Mit der linken Hand +hatte sie die Bibel umklammert, die rechte fingerte nervös an der Wand, +und ihre krankhaft leuchtenden Augen waren auf das Fenster gerichtet. +Die ungewohnte Bewegung auf dem Hof, das Knarren der Torflügel, das +jetzt laut werdende Grunzen der Schweine, alles störte sie. Sie war ganz +aufgeregt, und als Wilms sich neben ihr Bett setzte, forschte sie +atemlos nach dem Grund all dieses Lärms. – – Ja der Grund – + +Durfte ihr der Mann die wahre Ursache verraten? Konnte er gestehen, daß +man jetzt den besten Teil seines Besitztums forttriebe, daß andere +Trümmer bald folgen, und alle Pfosten seines Hauses um ihn +zusammenbrechen würden, um ihn, den starken, kräftigen Mann, der nun +schon seit Jahren, wie gelähmt, an dieses Bett geschmiedet war, so fest, +daß alle Bewegungsfähigkeit gehemmt schien? – Merkwürdig, ihm war es, +als wäre sein Weib gesünder, als er; und er selbst gebrochen, +ausgezehrt, kraftlos, ein toter Mann, der in dem großen Lehnstuhl hockte +und vor sich hinstarrte. + +»Was hantieren sie denn dort draußen so laut?« klagte das Weib und +klappte nervös mit dem Deckel der Bibel – »soll denn gar nicht ein +bißchen Rücksicht auf mich genommen werden, Wilms?« + +Der Landmann raffte sich zusammen. Nur schonen die arme Frau, war sein +einziger Gedanke. – Der Gedanke, der ihm die Not ins Haus gerufen. + +»I, Elsing, das wird wohl bald wieder aufhören.« + +»Ja, aber was machen sie denn?« + +»Ach, Rosenblüt ist bloß da und – und kauft mir Vieh ab.« + +»Der Jude?« rief die Kranke und richtete sich auf. – »Sieh – sieh da,« +stotterte sie und zeigte gerade aus, »da steht er vor dem Fenster – und +guckt hinein, gerade auf mein Bett.« Entsetzt fiel sie zurück und zog +die Decke hoch, so daß sie nicht mehr bemerken konnte, wie Rosenblüt mit +allerlei Grimassen ihren Mann hinauswinkte. »Wilms, ich kann den Juden +einmal nicht leiden – was hast du auch immer mit ihm. Immerfort was. Der +Herr Pastor sagt auch, daß du dich zuviel mit ihm abgibst.« + +»Still, Elsing, ich hab’ schon manch gutes Stück Geld an dem Mann +verdient.« + +»Ach wo – die betrügen ja alle. Du verstehst bloß die Wirtschaft nicht.« +– Das war ein böses Wort. + +Wilms zuckte zusammen und griff nach seiner Brust. Draußen winkte Herr +Rosenblüt immer energischer. + +»Ich muß jetzt aber doch einen Augenblick auf den Hof, Elsing,« +ermunterte sich der Mann endlich. + +»Schon wieder?« + +Sie warf ihm einen flehenden Blick zu und ergriff seine Hand: »Du bist +ja eben erst hereingekommen. – Und dann – mir ist immer so wohl, wenn du +bei mir bist, sobald du mich aber allein läßt, dann überfällt mich +wieder die schreckliche Angst – du weißt ja – als ob mir was auf der +Brust säße« – sie keuchte – »nicht wahr, du bleibst?« + +Er blieb und sank ohne eine Antwort in dem hohen Lehnstuhl zusammen. Das +war das Bild seines Lebens. – Die Last zog an ihm und zog ihn abwärts. + +Jetzt sprach und fragte sie immer hastiger weiter. Wie es mit der +Wirtschaft stünde? – Doch gut? Und der Pastor hätte ihr eine Annonce +gebracht, in der ein beweglicher Krankenstuhl nicht allzu teuer +angepriesen würde. 150 Mk. »Nicht wahr, das ist nicht zu viel? – Das +erübrigst du doch für deine Frau? Du hast mich doch lieb? Nicht wahr?« – +Und dann kamen die Erinnerungen. Wie sie noch frisch und gesund in ihrem +Hauswesen herumgesprungen wäre, und wie furchtbar verliebt Wilms sich +als junger Ehemann gebärdete. Hinter jeder Tür, wo es die Leute nicht +sehen konnten, hätte er um einen Kuß gebettelt. »Ach, küsse mich noch +einmal so. – Ich bin doch eigentlich noch so jung.« + +Halb betäubt sank sein Haupt an ihre Brust. Er war so zerschmettert, daß +er für nichts mehr das volle Verständnis besaß. + +Da wurde an die Tür geklopft. Erst leise, dann energisch, und +schließlich trat Herr Rosenblüt ins Zimmer und blickte sich verdutzt in +der Krankenstube um. Die dumpfe Luft und das Bild der beiden sich +umschlungen haltenden Gatten ließ ihn einen Moment verstummen, eine Art +Rührung zuckte in den Zügen des Händlers auf, dann aber drängte die Zeit +gar zu gewaltig, und er räusperte sich stark: »Guten Morgen – Frau Wilms +– ich bitte um Entschuldigung – wie geht es Ihnen? – aber es ist die +höchste Zeit, Herr Wilms – ich muß mit Ihnen reden, jetzt sofort. Der +Kerl ruiniert Ihnen ja die ganze Wirtschaft.« + +Die fremde Stimme traf Else wie ein Schuß. + +»Großer Gott, wer ist das?« stammelte die Kranke, als sie den +Eindringling, der ihr eine linkische Verbeugung machte, gewahrte, und +über ihr Gesicht flutete eine brennende Röte: »Was will er hier? – +Wilms, mein Zimmer ist doch nicht zu Geschäften da? Warum gehst du mit +dem Herrn nicht in die Wohnstube?« + +Es war ein unfreundlicher Gruß, und Herr Rosenblüt stand wie +angedonnert. Erst als Wilms ihn unter den Arm faßte und begütigend +aufforderte, ihm zu folgen, hatte sich der Händler soweit gefaßt, daß er +energisch den Hut schwenken und gereizt auffahren konnte: + +»Wozu? Da kann ich ja auch gehen. Adieu auch, Herr Wilms, empfehle mich +Ihnen, verehrte Frau.« Aber Wilms ließ ihn nicht, und mit vielen Bitten +und Entschuldigungen schob er ihn durch eine braunlackierte Tür, in +deren Mitte ein großes, ovales, durch eine Gardine verdecktes +Guckfensterchen angebracht war, aus dem Zimmer. In der Wohnstube standen +einfache grüne Ripsmöbel, gestickte Deckchen prangten auf dem Sofa, und +mitten durch die Zimmerdecke zog sich ein großer, tapetenüberklebter +Balken. Hier fiel Wilms in einen der Polsterstühle nieder, stützte +seinen Kopf in die Hand und fragte endlich den Geschäftsfreund nach +dessen Begehr, aber es klang alles so zerstreut, so fern und tonlos, als +ob der Geist des Mannes auf düsteren Irrpfaden wandele. Und dieses +Gebrochensein, dieses vollständige Einschlafen einer ehemals großen +Kraft erschütterte den andern. Mitleidig halb, und halb furchtsam, trat +er auf ihn zu. Dann berührte er mit seinem Stock die Schulter des +Sitzenden, und während er ihm nun unaufhörlich leise auf die Achsel +schlug, redete er eindringlich auf ihn ein. Es war ein langer Vortrag, +aber Wilms hörte nur eins heraus, und das war etwas Hoffnungsfreudiges, +mitten in seiner trostlosen Nacht, ein Frührotschimmer, ein +aufblitzendes Licht. – Herr Rosenblüt war über die Pfändung empört. – +Der Beamte hätte gewiß das Doppelte des Werts aus der Wirtschaft +gezogen, die schönsten Stücke Vieh, ohne die der Besitzer gar nicht +weiter existieren konnte. Seine Entrüstung war zu ehrlich, es sprudelte +nur so aus ihm. – »Was soll das heißen? – Daran verdient der Graf ja ein +Heidengeld? – Die besten Tiere – Kunststück. – Wilms, wissen Sie was? +Ich zahle Ihnen die 3600 Mark, und Sie stellen mir dafür die +gepfändeten Stücke beiseite. Und wenn Sie in acht Tagen die Summe nicht +an mich zurückerstatten können, dann, nun dann gehört alles mir. – Das +ist ’ne Spekulation. – Ich bin ein Geschäftsmann – das ist ’n Geschäft – +wollen Sie?« + +»Ja, ja.« O, es war ja dem Verschmachtenden, als hätte ihm eine +freundliche Hand einen Trunk kalten Wassers nach staubiger Wanderung +gereicht. Er fühlte förmlich, wie ihn etwas erfrischend, wohlig +durchrieselte. Langsam stand er auf und reckte sich. – Acht Tage Zeit – +noch eine ganze Woche? – Ja, bis dahin mußte ja Rettung kommen, irgend +woher, gleichviel, jedenfalls war vorläufig die entsetzlichste Last von +seiner Seele gewälzt. Tief atmete er auf, seine Brust hob und senkte +sich rasch. + +»Ja, alter Freund, natürlich, ich nehme es an, mit tausend Freuden, +geben Sie her.« + +Der Händler jedoch hielt noch einen Augenblick mißtrauisch inne. + +»Herr Wilms, nehmen Sie mir’s nicht übel, ich habe noch eine Bedingung.« + +»Ach wohl wegen der Zinsen?« + +»Bewahre – das wird sich schon finden, versteht sich, Zinsen auch. Nein, +es betrifft etwas anderes, aber das sag’ ich Ihnen später. Jetzt gehen +Sie raus, und machen Sie Ihre Sache mit dem Blutsauger da draußen ab. – +Vorwärts.« + +Damit zählte er eine Anzahl Kassenscheine auf den Tisch. Wilms griff +danach und schritt ohne ein weiteres Wort auf den Hof hinaus, wo der +Vollzugsbeamte in dem Viehstall sein Werk gerade beendet hatte. + +In wenigen Minuten hielt der Überraschte die fragliche Summe in der +Hand, schrieb noch im Stehen eine Quittung, schüttelte Wilms die Hand, +sprang auf seinen Wagen und rasselte vom Hof herunter. + +Das Werk eines Augenblicks, es war alles wie ein verfließender, böser +Traum. Wilms und Rosenblüt standen unter dem morschen Tor und blickten +dem entschwindenden Gefährt nach. Als es jedoch hinter dem Tannenschlag +in einer Senkung der Chaussee untergetaucht war, pflanzte sich der +Händler vor seinem ernsten Geschäftsfreund auf, steckte die eine Hand in +die Tasche und klapperte mit seinem Stock an den Stangen des Zaunes hin +und her. + +»Hören Sie mal, alter Freund,« begann er endlich unruhig und spie vor +sich hin. »Jetzt will ich Ihnen auch sagen, was ich von Ihnen verlange. +Wenn ich um mein Geld unbesorgt sein soll, dann müssen Sie sich wieder +ausschließlich um Ihre Wirtschaft kümmern. – Und das können Sie nur, +wenn Sie sich bei Ihrer Frau eine Vertretung anschaffen. ’ne Pflegerin, +oder so was Ähnliches. Es gibt ja Krankenschwestern genug. Auch kann ich +mich ja mal in Grimmen danach umsehen.« + +Wilms strich mit der Hand über die Stirn. Das, was er eben vernommen, +klang wie eine eherne Anklage in ihm fort. »Ja, ja,« murmelte er halb +für sich, »ich habe ja auch schon daran gedacht – aber es geht doch +nicht.« + +»Geht nicht?« + +Herr Rosenblüt fing an, sich zu ärgern. + +»Ja, warum denn nicht?« + +»Weil meine Frau keine Fremde im Hause dulden will. – Ich muß ihr den +Willen tun, dem armen, gequälten Weib.« + +»Zum Teufel, dann lassen Sie doch eine Verwandte kommen. – Und ja – +hören Sie mal« – + +Der Redende richtete sich plötzlich auf und schlug dem Hofbesitzer +energisch auf die Schulter – »Donnerwetter, da fällt mir etwas ein. +Wilms, Ihre kleine Schwägerin ist ja vor ein paar Tagen aus Stralsund +zurückgekommen. Ich sah sie gerade aus dem Wagen steigen, als sie in +das Haus Ihres Schwiegervaters ging. Ein strammes Ding, so groß« – Herr +Rosenblüt zeigte eine gigantische Höhe – »die nehmen Sie sich – die wird +hier schon Ordnung schaffen. Na, und wenn Sie wollen, will ich selbst in +Grimmen mit dem Alten ein paar Worte reden. – Na also?« + +Wilms war gepackt. Fest starrte er den Händler mit seinen überbuschten, +blauen Augen an und sann nach. Zwar kannte er die jüngere Schwester +seiner Frau kaum. Als er damals um Else freite, war die kleine Hedwig +ein sechzehnjähriges, schweigsames scheues Mädchen gewesen, dem er nicht +viel Beachtung geschenkt hatte. Ja, er besann sich, daß ihr eigentümlich +lauerndes, verschlossenes Wesen ihn manchmal verdrossen, aber doch – – +der praktische Händler hatte offenbar das Rechte getroffen. + +Gegen ihre Schwester konnte Else nichts einwenden. Und vor allen Dingen: +er wurde frei, frei und unbehindert für sein mühseliges Gewerbe. – Noch +einen Augenblick schwankte er, noch einmal überflog er kurz das Fenster +der Krankenstube, dann erklärte er dem Händler entschlossen, daß er +seinen Rat befolgen würde. Noch heute sollte ein Brief an den +Schwiegervater des Landmanns, den alten Rendanten Schröder zu Grimmen, +abgehen. + +»Bravo! – ein Mann ein Wort, Herr Wilms,« mahnte der Kaufmann dringend, +als er seinen harrenden Wagen bestieg, »nicht wahr?« + +Der Angeredete nickte mit dem gewaltigen Haupt: + +»Seien Sie unbesorgt, Herr Rosenblüt.« + +»Und wenn ich wiederkomm’, sieht es hier anders aus,« rief der +Scheidende zurück, dann ein Händedruck, und auch der zweite Wagen rollte +davon. + +Wilms aber stand mitten auf der Landstraße und sah ihm nach. + +Eine seltsame, beklommene Freudigkeit befiel ihn. Und langsam und +sinnend schritt er in sein Haus zurück. + + + + +IV. + + +Es war an einem Sonntag. + +Der Regen hatte aufgehört. Ein frischer Wind fuhr über die herbstlichen +Felder. Weit und mächtig spannte sich der blaue Himmel aus, und über +Baum und Strauch, Weg und Steg lag heller Sonnenschein. + +Von der Stationsuhr des winzigen Sekundärbahnhofs von Boltenhagen schlug +es elf. – Um diese Stunde mußte Wilms’ junge Schwägerin eintreffen. + +Hinter dem Bretterverschlag, welcher den Warteraum vorstellte, obwohl er +vollständig unbedeckt war und mitten auf freiem Felde lag, hielt der +Pächter bereits seit einer Viertelstunde mit einem bequemen Korbwagen +und blickte nachdenklich auf die glänzenden Schienen, die im +Sonnenlichte gleißten und funkelten. + +Er dachte daran, ob ihm auf dem eisernen Wege wohl etwas Gutes entgegen +rollen würde? Ob er in Hedwig jene Stütze und Hilfe finden könnte, die +er suchte? – Merkwürdig, so oft er an das Mädchen dachte, befiel ihn +wieder dasselbe unangenehme Gefühl, das sie ihm als Kind bereits +eingeflößt. – – Aber sie konnte sich doch in der Zwischenzeit geändert +haben. Zwei Jahre bewirkten ja viel, und sie hatte gewiß in der +Stralsunder Pension sich außerordentlich vervollkommnet. Natürlich, es +war lächerlich, immerfort an dieser instinktiven Abneigung +herumzugrübeln. + +Nein, er wollte – – – + +Ein eleganter Jagdwagen fuhr in diesem Augenblick vor und schreckte den +Landmann aus seinen Betrachtungen auf. Gravitätisch stieg der Kutscher +in einer reichen, silberüberladenen Livree vom Bock, und Wilms erkannte, +daß sein Gutsherr Graf Brachwitz, derselbe, der so streng auf die +Eintreibung des Pachtgeldes bestanden, ebenfalls einen Gast erwarten +müsse. Jedoch der Landmann war nicht neugierig, der Kutscher schritt +vornehm an ihm vorüber, und um dieselbe Zeit verkündete ein rasches +Keuchen und Prusten das Nahen des Zuges. Mit einem Sprung war Wilms an +den Schienen, die Bahnhofsglocke erklang, langsam und kreischend hielten +ein paar Waggons mitten auf dem freien Felde an. Und da – aus einem +Coupé sprang rasch und elastisch eine schlanke und dabei doch voll und +kräftig gewachsene Mädchengestalt heraus, sah sich um, und hatte mit +einem, einzigen, klaren, zielbewußten Blick den Wartenden erkannt. + +»Schwager.« + +Wilms horchte auf. Die Stimme tönte so frisch und hell, so +willenskräftig, beinahe, als wenn sie das Befehlen gewohnt wäre. – +Seltsam, das Mädchen war auch zweiter Klasse gefahren; das war ja eine +Dame. Und als er nun endlich vor ihr stand, ihr die Hand +entgegenstreckte und ein paar ungeschickte Begrüßungsworte +hervorbrachte, da leuchteten ein paar große, braune Augen erst einen +Moment forschend in die seinen hinauf, dann reichte sie ihm unbefangen +den Mund, und mit einer gewissen peinlichen Beklemmung mußte sich der +große ungeschickte Mann herabbeugen, um die roten Lippen einer ihm +beinahe fremden Person zu küssen. Eine fröstelnde, unangenehme +Empfindung beschlich ihn dabei. – Und diese vornehme Gestalt sollte bei +ihm die Wirtschaft führen? – Rasch nahm er ihr eine kleine Handtasche +ab, und wollte sie eben zu seinem Wagen geleiten, als er plötzlich von +einem jungen Herrn im Jagdkostüm angesprochen wurde, der sich ihm +lachend in den Weg stellte. + +»Halt, Herr Wilms, nicht so schnell – na, Mensch, kennen Sie Ihre alten +Freunde nicht mehr?« Dabei lüftete der Jäger vor Hedwig höflich die +grüne Mütze, während er sich seine Doppelflinte gewandt an einem Riemen +über die Schulter warf. Wie er so dastand, bildete er den Typus eines +hübschen, jungen, eleganten Aristokraten, mit seinem schwarzen +Schnurrbärtchen in dem braunen Gesicht, und mit dem lässigen, +kraftbewußten Wesen seiner Kaste. Hinter ihm verharrte ein +Livreebedienter mit abgezogenem Hut, und an den Taschen des jungen Herrn +schnupperte ein brauner Jagdhund herum. + +»Herr Fritz – Herr Graf« – fuhr Wilms heraus. + +»Ach was,« schnitt der Weidmann ab und schüttelte dem Pächter +wohlwollend die Hand: »Sagen Sie, wie Sie Lust haben. Hier draußen +kommt’s ja doch nicht drauf an. – Habe nämlich quittieren müssen – Papas +Wunsch, verstehen Sie? Damit ich auf dem Gut vernünftig werden soll. Als +wenn ich nicht schon so vernünftig wäre, daß es einen Hund jammern +könnte,« setzte er hinzu und wandte sich wieder an Wilms’ Begleiterin. + +»Gnädiges Fräulein besinnen sich wohl nicht mehr auf mich?« fuhr er +liebenswürdig fort. »Auch nicht auf den Pensionsball, wo ich das Glück +hatte, mehrfach bevorzugter Tänzer zu sein – wirklich nicht? – +Allerdings, wenn man so belagert wird.« Und wieder lüftete er freundlich +die Mütze. – »Sind Sie denn mit Herrn Wilms bekannt, verwandt, +verschwägert, oder wie ist das?« + +»Jawohl, ich bin die Schwägerin des Herrn,« gab das Mädchen höflich zu, +und doch hörte der Landmann wieder einen kühlen abweisenden Ton heraus, +der sich mehr für eine Komtesse, als für die Tochter des Rendanten +Schröder aus Grimmen schickte. Auch der junge Graf starrte ihr einen +Augenblick betreten ins Gesicht, dann schien er plötzlich an der +Unterhaltung keinen Gefallen mehr zu finden, denn er sah sich, ohne auf +das Mädchen weiter Rücksicht zu nehmen, nach seinem Bedienten um, und +forderte, indem er eine Zigarre in den Mund steckte, mit undeutlichem +Murmeln Feuer. + +»Gut – brennt schon – na, auf Wiedersehen, Wilms – (er vergaß beiläufig +das ›Herr‹) habe die Ehre, mein Fräulein – heda, Hektor.« Er pfiff dem +Hunde, grüßte leichthin und sprang auf den Wagen, dessen Zügel er +ergriff. Hinter ihn setzte sich der Kutscher, und mit elegantem, +unhörbarem Rollen flog das Gefährt davon. + +Da, wo die Chaussee in den Tannenschlag abbog, blickte sich der Jäger +noch einmal um und spähte scharf zurück. Hedwig, die bereits neben Wilms +auf dem Korbwagen Platz genommen hatte, bemerkte es, ein keckes, +spöttisches Lächeln flog um ihre frischen Lippen, immer heimlich von dem +Landmann beobachtet, der in sich gekehrt neben ihr saß und kutschierte. +Scheu blickte er manchmal von der Seite auf sie hin. Wie kam das junge +Mädchen zu solchen Bekanntschaften? – Sie schien den jungen Herrn doch +besser zu kennen, als sie zugeben wollte? Und weshalb behandelte sie ihn +so von oben herab? Wilms seufzte tief auf. Nein, das war nicht die +Person, die er brauchte, damit sie Else pflegen und ihm selbst in der +Wirtschaft helfen sollte. Sein erster instinktiver Widerwille war +berechtigt gewesen. Wie sie jetzt neben ihm saß, die schlanke Figur ein +wenig vornüber geneigt, die großen, braunen Augen durstig in die sonnige +Ferne gerichtet, die Lippen geöffnet, als tränke sie die einströmende +Luft, so war sie ihm ein zu feines, ein zu fremdes Wesen. + +»Mein Gott, was wird Else dazu sagen?« dachte er bekümmert. »Und was sie +für einen Hut trägt, was für Handschuhe?« + +Heftig schlug er auf die Pferde ein, wie einer, der etwas Unangenehmes +rasch zu Ende bringen will, und im scharfen Trab rollte das Gefährt +dahin, ohne daß Hedwig das eingetretene Stillschweigen unterbrochen +hätte. + +Nur einmal fragte sie beinahe gleichgültig, immer die Augen in die Weite +gerichtet: »Ist Else noch so hübsch, wie sie war?« + +Wilms biß sich auf die Lippen, die Zügel in seiner Hand lockerten sich +unwillkürlich. + +Hatte er recht vernommen? Ihre frische, klare Stimme tönte genau so +kühl, so obenhin, so völlig uninteressiert, als hätte ihre Frage einer +ganz nebensächlichen Person gegolten. + +Und das war die Schwester, die sich nach seinem armen gequälten Weibe +erkundigte? + +»Ja,« fuhr er rauh heraus, »gerade noch so hübsch – genau so – – +allerdings spazieren gehen kann sie nicht mehr und sich putzen.« + +Anklagend und beleidigt klangen die wenigen Worte, und Hedwig richtete +zum erstenmal ihren Blick forschend auf ihren Schwager. Sie schien +verwundert und warf ein wenig die Lippen auf. Und beinahe mit +absichtlicher Herbheit setzte sie hinzu: »Die lange Krankheit hat wohl +viel Geld gekostet?« + +Wilms schwoll der Unmut bis an die Kehle. Wie ein Wütender hieb er auf +die Tiere ein, im gestreckten Galopp ging’s weiter. + +Die beiden sprachen nicht mehr miteinander. Im ungemütlichen Schweigen +durchfuhren sie das Dorf, bis sie endlich auf dem Pachthof anlangten. + +Verträumt, verfallen, lautlos wie immer lag er da. Und diese Todesstille +lockte Hedwig das erste Wort ab. + +»Merkwürdig,« murmelte sie befangen, als Wilms ihr zum Herabsteigen die +Hand bot, »das hätt’ ich mir anders gedacht. Ist es hier immer so +lautlos?« + +»Ja, mein Kind, immer. Aus Rücksicht für Else. Und dann ist auch heute +Sonntag.« + +»Ja, so – so, so,« wiederholte sie in sich gekehrt. Wilms sah, daß sie +noch einmal mit einem ihrer langen, klaren Blicke das Anwesen überflog. +Dann strich sie sich über die Stirn und äußerte rasch und dringend, als +ob sie dem Anblick entfliehen wollte: »Komm – gehen wir zur Schwester.« + + + + +V. + + +Der Nachmittag war im Verdämmern. Auf dem Hof webten bereits graue +Schatten und krochen an den Wänden der Scheunen empor, aber in dem +Krankenzimmer brannte eine große schöne Stehlampe, ein Hochzeitsgeschenk, +das noch nie benutzt war, und das jetzt eine strahlende, gemütliche +Helle verbreitete. + +»Hier muß es doppelt licht sein,« hatte die jüngere Schwester gemeint +und dann die Staatslampe einfach von der Glasservante heruntergenommen +und sie instand gesetzt. + +Still und zufrieden lag die Kranke jetzt in ihrem Bett und sah mit +blinzelnden Augen in die Lichtstrahlen hinein, während sie die Hand der +Schwester, die neben dem Lager saß, mit ihren schmalen Fingern fest +umspannt hielt. + +In der Mitte der Stube, vor dem großen Tisch, hatte Wilms Platz genommen +und beugte sich eifrig über ein Wirtschaftsbuch, das seit vielen Monaten +vernachlässigt war. Nur langsam und schwerfällig vermochte der große +Mann zu rechnen, aber es tat ihm schon unsäglich wohl, endlich einmal +Klarheit in seine Verhältnisse bringen zu können. So mühte er sich fort, +und nur von Zeit zu Zeit hob er das Haupt und lauschte zu den beiden +Frauen hinüber. + +Dort drüben las Hedwig der Kranken vor. Seltsam, nicht aus der Bibel. +Die neue Pflegerin hatte sofort erklärt, es sei nicht zweckmäßig, einer +Leidenden etwas vorzutragen, was diese beinahe auswendig wisse und zudem +auch ihre Gedanken stets auf Tod und Vergänglichkeit hinweise. – Nein, +etwas Neues, Heitres müsse gewählt werden, und sofort war sie in ihr +Dachstübchen hinaufgeeilt, um das Versprochene zu bringen. – Als sie +nach einiger Zeit zurückkehrte, hatte sie auch die Kleidung gewechselt. +– Ein schwarzes Gewand legte sich einfach und straff um den schlanken +Körper und ließ sie noch kräftiger und selbstbewußter als bisher +erscheinen. Lächelnd setzte sie sich an das Lager und begann vorzulesen. +Es war die von einem modernen, schwedischen Satyriker verfaßte +Geschichte eines jungen Mädchens, das mit zwei Liebhabern zugleich +tändelt, um schließlich eine Geldheirat einzugehen, in die sie als +einzige Aussteuer die beiden Verlassenen als Hausfreunde mit +hineinbringt. + +Else verstand die Anspielungen wohl nicht recht. – Sie hatte sich in +ihren Kissen aufgerichtet und folgte den feinen Spöttereien mit +befriedigter Verwunderung. Zuweilen huschte sogar ein schwaches Lächeln +über ihr blasses Gesicht. + +Wie lange hatte Wilms solch ein freundliches Zeichen herbeigesehnt, und +jetzt schien die Ärmste ihr Leiden beinahe vergessen zu haben. + +Unwillkürlich verfing sich auch der Landmann in den liebenswürdigen +Worten, die von Hedwigs Lippen so frisch und hell hinabströmten. Er +stützte das Haupt und sah aufmerksam zu ihr hinüber. – Und doch – +während er mit Behagen auf ihren lebendigen Vortrag hörte, nagte sich +leise wieder jene unerklärliche Abneigung gegen das Mädchen in sein +ehrliches Gemüt hinein, die er nicht bannen konnte, die ihn förmlich +verfolgte. + +Schon wie sie dasaß, tief in ihren Stuhl zurückgelehnt, daß alle Formen +des jugendfrischen Leibes einen Kampf gegen das einengende Gewand +führten, so ungebunden, so ohne Rücksicht auf ihn, als ob er gar nicht +vorhanden wäre, den Kopf zur Seite geneigt und auf ihren Zügen all jenen +wechselnden, prickelnden Spott, wie wenn sich auf dem feinen Gesicht der +Inhalt des Buches wiederspiegele, – das gehörte alles nicht hierher, +nicht in die pommersche Krankenstube hinein, das war etwas Unreines, +Unerträgliches. – Und jetzt empfand er auch, wie frech und unpassend das +war, was sie las. + +Die Röte stieg ihm in die Stirn. Schwerfällig erhob er sich, ging +mehrmals im Zimmer auf und ab, und räusperte sich endlich stark: + +»Wollen wir jetzt nicht mit Lesen aufhören?« Und da geschah das +Unerwartete. + +»Nein,« – Else fröstelte und schüttelte unwillig den Kopf: »Du mußt auch +immer stören,« beklagte sie sich. – »Laß uns doch unser Vergnügen. Ich +bin ja so froh, daß ich endlich ein wenig Abwechslung finde.« – Und +wieder drückte sie der Schwester die Hand. + +Das auch noch. + +Etwas Unverständliches murmelte der Pächter vor sich hin, heftig wollte +er erwidern, aber die Gewohnheit, sein Weib unter allen Umständen zu +schonen, war stärker. Mühsam bezwang er den aufsteigenden Zorn und +verließ mit starken Schritten das Zimmer. + +Als er die Tür schloß, hörte er das Mädchen wieder laut und fröhlich +weiterlesen. + +Ein paar Stunden lief er draußen in der Dunkelheit umher, immer die +gerade Chaussee entlang, und suchte seinen Unmut abzuschütteln. + +Gleich am ersten Tage brachte sie ihm Unruhe und Unfrieden ins Haus. Er +hatte es ja voraus gewußt. – Das Mädchen paßte eben nicht in den +beschränkten Kreis. Ob es nicht das beste wäre, sie wieder zum Gehen zu +veranlassen? – Er seufzte – – das durfte man leider nicht wagen. – Und +dann, wie gleichgültig und verächtlich sie ihn selbst behandelte. Das +Achselzucken und das über ihn Fortsprechen. Er galt dem Fräulein eben +nur als »Bauer«. + +»Ha – ha!« Unvermittelt blieb der Pächter stehen und atmete tief auf. – +Ihn bedrückten ja ganz andere Sorgen, als dieses fremde Mädchen. Wie +konnte er es nur einen Augenblick vergessen? + +Die Schuldenlast – die entsetzliche Schuld. Acht Tage Frist hatte er, in +dieser Zeit mußte er 1200 Taler schaffen, sonst gehörte sein ganzes +Inventar dem Juden. Aber woher? – woher? + +Laut stöhnte er auf, und so heftig packte ihn wieder die Verzweiflung, +daß er eine Pappel der Chaussee umklammerte und den starken Stamm +schüttelte und stieß, bis eine Wolke dürrer Blätter auf ihn herunter +raschelte. + +Ein kalter Nachtwind strich durch die Zweige, alles war dunkel und +still. Nur die raschen Blätter dort oben begannen wieder durcheinander +zu rauschen. + +War das nicht, als ob ein Mensch spräche? + +Hedwigs Stimme – deutlich vernahm er sie wieder in der Höhe lesen, +lachen und kichern. + +Der Einsame zuckte zusammen und horchte um sich. – Ja, es war etwas +krank in ihm, es schmerzte ihn in der Brust. Und blitzartig durchfuhr +ihn das Bewußtsein, daß die kranke Frau zu Hause, die er so +leidenschaftlich, so tief, so gramerfüllt liebte, ihn zum Schwächling +gemacht, daß dieses blasse, abgezehrte Weib seine Kraft gestohlen, daß +es täglich sein Blut aussauge, um davon selbst das Dasein zu fristen, +genau wie jener gespenstische Vogel, von dem er als Knabe gelernt, daß +er den Verfallenen die Adern aufbeiße. + +»Gott schütz’ mich – Elsing – Elsing, was ist mir nur?« stammelte Wilms +und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn – »nach Hause – nach +Hause.« + +Er lief, er stürmte dahin, bis er mit keuchender Brust den öden, +schlummernden Hof erreicht hatte. Auf den Zehen schlich er dann durch +den Flur und öffnete geräuschlos das Zimmer. + +Ein Nachtlicht brannte auf dem Tisch. Aus dem Halbdunkel, aus dem die +unruhigen Atemzüge der Kranken herauszitterten, erhob sich eine schlanke +Gestalt und kam unhörbar auf den Eindringling zu. + +Jetzt stand Hedwig vor ihm. Sie legte die Finger auf die Lippen und +raunte kurz: + +»Sie schläft – ich werde heute bei ihr wachen.« + +»Du?« + +»Ja.« + +»Du? Nein, das – das will ich nicht.« + +Das Mädchen beugte sich plötzlich vor, daß er ihren Atem fühlte. + +»Und warum nicht?« + +Trotz der Dunkelheit trafen sich ihre Blicke und blieben erstaunt und +fragend aneinander hängen. Da rollte die Uhr; die Liegende regte sich, +und dann – Wilms trat zurück und murmelte müde: + +»Meinetwegen.« + +Damit schloß er die Tür, um sich draußen leise über die knarrende Treppe +nach jener Kammer unter dem Strohdach zurechtzutasten, wo er schon oft +genächtigt hatte. + +Und so gleichgültig und abgespannt fühlte er sich, daß er sich selbst +gar nicht die Frage vorlegte, warum er dem Mädchen nachgegeben. + +Oben in der kahlen, weißgetünchten Stube entkleidete er sich schnell, +und bald lag er ausgestreckt in dem hohen Bett, ohne jedoch die ersehnte +Ruhe finden zu können. + +Die niedrige Decke drückte ihn beinahe auf den Kopf, und immer wieder +hob er das Haupt und lauschte auf das Ächzen und Pfeifen des Windes, der +klagend über das Dach strich. + +Es klang ebenfalls wie das Stöhnen eines gefolterten, riesenhaften +Leibes. + + + + +VI. + + +Die zehnte Stunde des Vormittags war bereits angebrochen, als Hedwig in +die Stube trat, die sie kurz vorher verlassen, ein modernes Hütchen auf +dem braunen Haar, und über der Taille ein elegantes, offenes Jackett, +das ihren vollendeten Wuchs erst recht hervorhob. + +Sie streifte sich Handschuhe auf und spähte dabei aufmerksam zum Fenster +hinaus, wie nach dem Stand des Wetters. + +»Du willst fort?« forschte die Kranke mit leisem Vorwurf, während eine +Wolke über ihre Stirn flog, denn die Bedauernswerte hatte bereits die +feste Überzeugung gewonnen, daß sie sich in Gegenwart ihrer Schwester +wohler befinde. + +»Ja,« versetzte die Jüngere aufatmend und ohne die verborgene Rüge +sonderlich zu beachten: »Es ist heute so frisch draußen – wirklich +prachtvoll – überall ziehen Sommerfäden – sieh nur – und hier drinnen –« +sie vollendete nicht, sondern setzte rasch hinzu: »Ich bin das Wachen +doch wohl noch nicht so recht gewohnt – und dir geht es ja heute besser +– da will ich einmal einen Gang durch eure Wirtschaft machen. In einer +Stunde bin ich wieder zurück.« + +»Aber Hedwig, wenn ich so allein –« + +»Ich bringe dir auch was Schönes mit,« schnitt die andere lächelnd ab +und war im nächsten Augenblick verschwunden. + +Seufzend richtete sich die Verlassene auf und blickte sehnsüchtig durch +die Fensterscheiben der schlanken Mädchengestalt nach, die draußen +bereits ohne sonderliche Eile mit leichten kräftigen Bewegungen über den +Hof schritt. + +»Wer doch auch so –,« flüsterte die Kranke endlich, »einmal noch, nur +einmal – –« Krampfhaft faltete sie die Hände, und ihre Seele hob sich +wieder in jenem einen brünstigen Gebete zu Gott. + +Unterdessen hatte Hedwig den Hof durchmessen. Wer sie so sah, mit dem +eleganten, dünnen Sonnenschirm in der Hand, und ihrer modernen Kleidung, +der hätte kaum geglaubt, daß den braunen, blitzenden Augen dieser jungen +Dame nicht der kleinste Schaden im Strohdach einer Scheune entging. + +Sie bemerkte alles. Auch für das Geringfügigste in diesem schweigenden +Gehöft schien sie ein Interesse zu empfinden. + +Vor dem offnen Kuhstall, aus dem ein warmer Dunst herausschlug, hockte +auf einem Prellstein ein alter, verwitterter Mann, ein greises, dürres, +zahnloses Menschenkind, das kopfwackelnd dasaß und sich zu sonnen +schien. Neben ihm, auf dem Holzpantoffel des Alten stand ein zerzauster +Rabe auf einem Bein und war gleichfalls in den allgemeinen bleiernen +Schlaf versunken, der wie verwunschen die gesamte kleine Besitzung +umfangen hielt. + +»Alterchen,« rief Hedwig, als sie ihn erreicht hatte, und stampfte +leicht mit ihrem Schirm auf den Boden: »Warum sieht der Hof so schmutzig +aus?« + +»He?« grunzte der Alte und hob nach Art der Schwerhörigen das Ohr. Dabei +blinzelten seine erloschenen, blöden Augen in das frische, blühende +Mädchengesicht empor, und der zahnlose Mund begann zu kauen. + +Das junge, kräftige Leben da vor ihm gefiel ihm augenscheinlich nicht. +Auch redete sie ihn mit zu wenig Hochachtung an, denn der alte Krischan +aß schon seit Menschengedenken auf dem Hof das Gnadenbrot und stand +außerdem im Rufe dunkler lichtscheuer Künste. Der Rabe galt dabei als +eine Art dienender böser Geist oder mindestens doch als Bundesgenosse +zu allerlei schwarzen Taten. + +»Schnell – nehmt einen Besen und fegt einmal ordentlich aus,« rief +plötzlich das schöne Mädchen dringend dazwischen. Ihr war es, als könnte +man damit alles Häßliche und Kranke, was sie hier vorgefunden, mit +starker Hand hinauskehren. + +Der Alte regte sich nicht. + +Sie stieß ihn an. + +Da zog ein leises Grinsen über das verrunzelte Gesicht, der Mund hob an +zu schmunzeln, und ohne sich von der Stelle zu rühren, keuchte er heiser +zur Antwort: + +»Arbeiten? – ne, vörbi – all lang vörbi – ne, ne, min Döchting, wenn Sei +hier wat utkihren willen, denn mötens sülwst dauhn.« + +»Und Sie, was treiben Sie hier?« rief Hedwig scharf dagegen. Durch ihren +Körper zuckte es. Die schlaffe Faulheit des Alten empörte sie. + +»Ick? – ick töw [Fußnote: warte] ups Starwen.« + +»Aufs Sterben?« + +Unwillkürlich erblaßte die Angreiferin und trat zurück. Der Alte warf +ihr einen schielenden bösen Blick nach, und der Rabe erhob sich +plötzlich und schlug krächzend und hackend mit den Flügeln nach ihr. + +Es war, als ob sich die alte Zeit in diesem Gehöft gegen sie wehren +wollte. + +Allein der neue Ankömmling war nicht von der Art, sich von derlei +unklaren Vorstellungen lange beeinflussen zu lassen. + +Stolz hob sie das Haupt und ließ kühl die Worte fallen: »Ich werde mit +meinem Schwager über Sie sprechen.« + +Im nächsten Augenblick wandte sie sich und eilte grußlos auf die +Landstraße hinaus. + +Wie frisch und hell war es hier draußen. Über ihr das unendliche, +leuchtende Blau, vor ihr Felder und Äcker, grüne und braune Flächen, die +einen noch im reifen Schmuck der Spätsaat, die andern bereits wieder +umgepflügt, dazwischen kleine, helle Wässerchen, wie Silberbänder auf +einem bunten Tuch, Duft und Dämmer und blauneblige Wälder in der Ferne, +und über alles hinweg der über den Boden flüsternde Frühwind, der einen +kräftigen Erdgeruch mit sich führte. + +Hedwig sog ihn tief ein. Der kleine Zwischenfall mit dem Alten war +bereits vergessen. Hurtig setzte sie über den Graben der Landstraße und +schlug den ersten besten Feldweg ein, der quer über ein Stoppelfeld +führte, auf welchem in unsicherer Weite ein paar dunkle Punkte auf und +ab schwankten. + +Wie einsam es hier überall war. Nur eine Schar Krähen hüpfte auf dem +abgemähten Boden umher, und bei einer Biegung sah sie auf einem wilden +Dornbusch einen zierlichen, bunten Stieglitz sitzen, der im Sonnenschein +sein kräftiges Liedchen sang. Sonst webte über allem eine heilige +wohltuende Ruhe. + +Hedwig blieb stehen und ließ ihren Blick weit umherschweifen. + +Also hier sollte sie fortan ihre Tage verbringen? So allein, so +ausgesetzt unter fremden Menschen? Denn ihr herber Verstand sagte ihr, +daß auch Else ihr eine Fremde bleiben würde, eine Bedauernswerte, für +die sie sich höchstens ein unangenehmes Gefühl des Mitleids würde +abzwingen können. + +Und die lautlose Einsamkeit fing an, sie zu bedrücken. + +Wie etwas Schattenhaftes flog es über die Heide, kam auf sie zu und +quälte und ängstigte sie. + +Sie dachte an ihren letzten Aufenthalt in der Stralsunder Pension und +zusammenzuckend empfand sie wieder jenes eine Ereignis, vor dem ihr +bisheriges Leben zusammengebrochen war, jene eine entsetzliche Stunde, +an der alle ihre Gedanken sich festgesogen hatten, so fest, daß ihr +Körper eigentlich halb träumend herumwandelte, beinahe getrennt von +einer leitenden Seele. Und sie fühlte wieder, daß sie etwas in ihrem +Leben vergessen müßte, und daß diese weite Ödnis ringsumher vielleicht +jene stumpfe Ergebenheit in ihr erzeugen könnte, nach der sie sich +sehnte. + +Und merkwürdig. – Noch sann sie diesen dunklen fernen Traum, da erweckte +sie etwas. – Ein flüchtender Hase streifte ihren Weg, fuhr vor ihr +zurück und setzte dann seitwärts über das Feld. + +Das Mädchen lachte plötzlich hell auf. + +Das frische, selbstbewußte Lachen eines kräftigen Menschen. Was brauchte +sie sich in solchen Hirngespinsten zu verfangen? Es war ja alles +vorüber, bald überhaupt nicht mehr gewesen, nur eine seltsame +verflatternde Erinnerung. Erhobenen Hauptes eilte sie weiter; ab und zu +schlug sie mit dem Sonnenschirm spielend an die den Weg begrenzenden +Büsche, und dann verweilte sie wieder, um sich von dem säuselnden Wind +die Wangen kühlen zu lassen. + +So war sie in einen Hohlweg geraten. Fast in Manneshöhe über ihr erhob +sich zu beiden Seiten das Feld. An den Abhängen blühten noch wilde +Rosen, ganze rotbraune Bündel von Erika sproßten dort empor, und hier +und da nickten violette Glockenblumen dazwischen. + +Gedankenlos pflückte das Mädchen einen Strauß, vielleicht für die eigene +Brust bestimmt, vielleicht für Else, da hörte sie unvermutet hoch über +sich Stimmen laut werden und einen Wortwechsel sich entspinnen. + +Und jetzt erkannte sie auch, wer dort sprach. Es war Wilms, den seine +Tagelöhner um eine rückständige Schuld zu mahnen schienen. + +Vier bis fünf Männer redeten dort oben durcheinander. + +»Leute, ich hab’ euch doch gegeben, was ich hatte – nun geduldet euch +noch die paar Tage – ihr wißt ja, was ich inzwischen selbst alles +durchmachen mußte – eine kleine Weile, dann ist ja alles wieder ins +gleiche gebracht. – Nicht wahr?« + +»Ja Herr, wir haben ja auch Vertrauen zu Sie, aber bei uns zu Haus +sieht’s auch man mager aus.« + +»I ne wir wollen Ihnen nicht drängen ne – dat tun wir nich –« + +»Ne Herr Wilms, Sie sind ja auch immer gut zu uns gewesen, und werden’s +woll jetzt allein nich so haben, – bloß Frau und Kinners –« + +»Man kann sie doch nich hungern lassen, Herr.« + +Einen Augenblick trat Stille ein. Die Männer schienen stehen geblieben +zu sein, und die Lauscherin vernahm wieder, wie der Wind durch das +Heidekraut strich. Dann sagte der Pächter mit seiner tiefen treuherzigen +Stimme: »Kommt morgen abend zu mir, Leute, dann sollt ihr bestimmt euer +Geld bekommen – so oder so.« Und in festerem Tone setzte er hinzu: »Und +jetzt geht wieder an eure Arbeit.« + +»Na, dann bedanken wir uns auch vielmals, Herr. Adjüs!« + +»Guten Morgen.« + +Man hörte, wie sich die Tagelöhner entfernten, und etwas später bemerkte +Hedwig, daß schwere Tritte den Hohlweg herabknirschten. + +Jetzt mußte er kommen. Unwillkürlich trat das Mädchen hinter den +Dornenbusch zurück, als wollte sie den Nahenden ungestört vorüberlassen. + +Auch der Pächter hatte keine Ahnung von der Nähe eines fremden Wesens, +das ihn und seine Qual erforschen könnte, sonst würde er sicherlich +schnell vorübergeschritten sein; so aber hielt er an der tiefsten Stelle +des Weges an, senkte den Kopf auf die Brust und preßte mit einer müden, +schlaffen Bewegung die Hand gegen die Stirn. + +Es lag soviel Müdigkeit darin, soviel verschlossenes Weh. + +Jedoch kein Stöhnen quoll über die geschlossenen Lippen, lautlos, ohne +Wort verharrte die große Gestalt, es war ein Trauern, das man mit sich +und mit Gott allein abmacht, versteckt und geschützt durch die +Einsamkeit. + +Kein fremdes Auge darf dergleichen erspähen. + +Mit ihren kühlen, scharfen Blicken hatte Wilms’ Schwägerin dies alles +erfaßt, nun sah sie, wie sich der Pächter die graue Forstjoppe strammer +zog, die Inspektormütze zurechtrückte und festen Schrittes weiterging. + +Gott sei Dank. Es war auch besser so. + +Bald mußte er verschwunden sein. + +Und doch – ihr Geschick zwang sie plötzlich, sich fast gegen ihren +Willen in das Schicksal dieses Mannes einzumischen. + +Schon hatte er die höher gelegene Ebene erreicht. + +Ein Stein löste sich von der Böschung, wo das Mädchen stand, und rollte +mit Gepolter in den Hohlweg hinab. + +Wilms wandte sich ruckartig zurück. + +Täuschte er sich denn nicht? Das junge, elegant gekleidete Weib dort +unten war wirklich – ja es war Hedwig, sie mußte ihn schon früher +überrascht haben. + +Die Züge des Pächters verzerrten sich, etwas Brutales stieg in ihnen +auf, und die Äderchen in seinen Augen wurden blutig. + +»Wie kommst du dorthin?« + +»Ich?« – sie schlenkerte nachlässig den Schirm und kam näher – »ich ging +ein bißchen spazieren.« + +»Warum bliebst du denn nicht bei Else?« + +»Weil ich es nicht länger aushielt – das Wachen, glaube ich, hat mich zu +sehr angestrengt.« + +Wilms brach los: »Und nun gehst du hier so – so – was machst du denn +eigentlich hier?« + +Er hatte sich vorgebeugt, seine Lippen bebten. + +Aber in dem Mädchen war plötzlich etwas geweckt, etwas vor dem sie sich +selbst graute, und an das sie vorhin so stark gedacht hatte. + +Ganz nahe trat sie an den aufgeregten Mann heran und warf ihm einen +einzigen Blick zu: »Ich sagte ja, ich gehe spazieren,« kam es scharf und +trotzig hervor. + +Ihre Fäuste in dem zarten Glacéleder ballten sich, ihr Körper zuckte. + +Im Moment glich sie einer Katze, die sich zum Sprung anschickt. Aus +ihren blitzenden Augen leuchtete die Lust, mit ihrem Bedränger zu +ringen. Brust an Brust. Um irgend etwas Unerkanntes – Kostbares – um +sich selbst. + +Das alles war dem rohen, gutmütigen Bauer so neu, so unfaßbar, daß er +das im Zorn bebende Geschöpf vor ihm minutenlang kopfschüttelnd +anstarrte. + +»Was willst du eigentlich von mir?« murmelte er endlich verständnislos. + +»Ich?« + +Sie erwachte plötzlich wie aus einem wohltuenden Traume und eine +brennende Röte jagte über ihre Züge. + +Beide starrten sich noch immer, wie aus allen Himmeln gefallen, an. +Langsam ließ das Mädchen den erhobenen Schirm niedergleiten und richtete +sich straff auf. + +Ein verächtlicher Zug flog um ihre frischen Lippen. + +Es war wohl ihr Schicksal, überall mit den Männern im wirklichen, +körperlichen Kampfe streiten zu müssen. Dieser da schien ihr wenigstens +nicht gefährlich. + +»Ich wollte einmal mit dir über deine Verhältnisse sprechen,« begann sie +kurz und herb. + +Er stand so groß und kräftig, und doch so ungeschickt vor ihr. + +O, wie sie es reizte, diesen ungebärdigen Riesen ihre Macht fühlen zu +lassen. + +»Über meine Verhältnisse?« wiederholte der Pächter, kalter Schweiß trat +ihm auf die Stirn. + +»Da hast du also vorhin alles mit angehört, wirklich alles?« + +»Ja, ich weiß, daß du dich in Geldverlegenheit befindest.« + +Eine Sekunde noch dauerte das peinliche Schweigen, die Brust des Mannes +hob und senkte sich, als wollte sie etwas von sich abwälzen, den Kopf +schob er stierartig vor, die Zähne knirschten mechanisch übereinander. + +Dann stürzte es aus ihm heraus. + +»Und du – – was hast du dich da rein zu mischen, du freche Dirn? – – – +Was geht dich das alles überhaupt an? Nein, nein, du mußt fort, – aus +dem Haus – heute noch.« + +Schrie und brüllte er dem Mädchen wirklich all diese Schmähungen ins +Gesicht? Nein, ach nein, matt und schmerzhaft stachen ihm die Worte nur +durchs Gehirn, über die halbgeöffneten Lippen aber quoll dumpf und +heiser: + +»Was geht dich das an? – Was soll das alles? Wozu drängst du dich in +meine Angelegenheiten? Was?« + +»Wozu? – Weil ich mir Klarheit über die Menschen verschaffen will, bei +denen ich von jetzt an leben soll.« + +»Willst – du denn wirklich bei uns bleiben? – Hedwig – aber – aber du – +du paßt ja gar nicht hierher, du taugst nicht in so viel Traurigkeit – +du solltest lieber wieder gehen.« + +Unwillkürlich hatten beide den Weg von neuem aufgenommen und schritten +nebeneinander über die leere Heide. + +Der Mann in sich zusammengesunken, das Mädchen schlank aufgerichtet und +geschmeidig, von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf den Begleiter +heftend. + +Und wieder sagte er eindringlich vor sich hin: »Ja, ja, du solltest +gehen.« + +Da faßte Hedwig seinen Arm und legte den ihrigen hinein. + +Es waren die Bewegung und die Manier, wie sie sie drüben in der +aristokratischen Tanzstunde in der alten Hansastadt gelernt hatte. + +Stirnrunzelnd ließ es Wilms geschehen, innerlich jedoch empörte ihn dies +elegante Gebaren, obgleich es sich leicht und anmutig genug ausnahm. + +»Schwager, hast du eigentlich etwas gegen mich?« fragte sie plötzlich +und ließ ihre klugen braunen Augen fest auf ihm ruhen. + +Ihr Arm drückte noch gegen den seinen, so daß sie sein Erschrecken +merken mußte. Den ehrlichen Mann brachte die Lüge, die nun gebraucht +werden sollte, in gänzliche Verwirrung. + +»Ich – nein, – was denkst du, – ich habe nichts gegen dich.« + +»Und Else?« + +»Meine arme Frau wohl auch nichts – bloß –« + +Er stockte und über seine offnen Züge breitete sich wieder jene große +Verlegenheit. + +»Bloß – nun also?« + +»Nun, du bist uns wohl nur zu sehr überlegen« – stammelte er. »Du hast +soviel Bildung genossen – drüben in der feinen Pension – Else und ich, +wir sind doch nur einfache Leute. Und dann meine schmalen Einkünfte, du +hast es ja selbst gehört, das wird dir doch auf die Dauer nicht +gefallen.« + +Sie schmiegte sich an ihn, bis er fast ihre weichen Glieder fühlen +konnte, und flüsterte rasch und mit einem Ausdruck der Teilnahme: »Aber +ich möchte ja so gern meine Kräfte für euch einsetzen, ich bin stark, +Schwager, und möchte euch gern helfen.« + +»Wirklich?« fuhr er auf und wandte sich voll zu ihr. »Das willst du in +der Tat?« + +Sie nickte und sah ihn ernst an. »Und wieder ein bißchen Ruhe und +Gemütlichkeit bei euch verbreiten. Das fehlt doch bei dir?« + +Der Pächter entgegnete nichts, aber er seufzte tief auf und schaute in +sich gekehrt auf den Waldessaum, dem sie jetzt zustrebten. + +Hedwig aber hing sich fester an ihn und fuhr interessiert fort: + +»Früher warst du doch selbst gewiß viel heiterer?« + +»Ja früher« – wiederholte der Landmann, tief Atem holend – »früher – da +mag’s wohl so gewesen sein. Damals waren wir noch guter Dinge. Da ging +ich auch oft mit Else über das Feld – –« + +»Wie jetzt?« warf sie rasch dazwischen. + +Wilms ließ einen scheuen Blick über sie fortgleiten und löste seinen Arm +ungeschickt von dem ihren. »Ja, mein Kind, beinahe so,« äußerte er +gedrückt. Und nach einer Pause setzte er fast abfällig hinzu: »Du siehst +ihr eigentlich gar nicht ähnlich.« + +»Nein,« bestätigte seine Begleiterin. + +Es klang scharf und herb. + +Wortlos schlugen die beiden nebeneinander den Waldpfad ein. + +Es war ein weitgedehntes Kieferngehölz, mit regelmäßig ausgehauenen +Wegen, die schnurgerade wie schmale Chausseen den Wald durchschnitten +und sich in Dämmerung zu verlieren schienen. + +Die Wipfel der Bäume waren in helles Sonnenlicht getaucht und wiegten +sich in dem leisen Luftzug hin und her. Ein starker Harzgeruch entquoll +den Stämmen. Von fern hörte man das eintönige Geräusch der fällenden +Axt. Und laut und stark schrie ein Häher in der Luft. + +Die beiden einander so fremden Menschen waren schon weit in den +einsamen, schlummernden Wald eingedrungen, da begann Hedwig unvermutet +von neuem das Gespräch. Ihre Gestalt richtete sich dabei auf, die +dunklen Augenbrauen hatten sich zusammengezogen, ihr ganzes Wesen schien +von einem festen Entschluß beherrscht zu sein. + +»Wohin gehst du jetzt?« forschte sie kurz. + +Und gerade diesen Ton konnte der Landmann nicht vertragen. Mißmutig +schüttelte er den Kopf und schien nichts vernommen zu haben. + +Sie blieb plötzlich stehen. + +Er wandte sich unwillig zurück und winkte, aber sie rührte sich nicht +von der Stelle. + +In dem enganliegenden Jäckchen, dem modischen Hut und ihrem blühenden +Gesicht darunter, nahm sie sich seltsam aus zwischen den hohen, uralten +Kiefern. + +»Wohin du gehst, möchte ich wissen?« + +Und merkwürdig, ihr Blick traf so fest und ernst den seinen, sie standen +sich wieder so dicht gegenüber, daß es dem Manne peinlich wurde. + +»Zum Förster,« gab er nach, und unwillkürlich murmelte er hinzu: »Ich +will ihm Heu verkaufen.« + +»Du brauchst das Geld wohl für die Tagelöhner von vorhin. Nicht wahr?« + +Wie sie das riet. Wie praktisch das Mädchen dachte, es tat dem leidenden +Manne ordentlich wohl, daß sie das Rechte getroffen. + +»Ja, ja,« brachte er voller Angst hervor, »wenn er es nur kaufen +möchte.« + +Um die frischen, etwas aufgeworfenen Lippen des Mädchens glitt ein +hochmütiger Zug. »Er wird schon,« entgegnete sie bestimmt, »hat er eine +Frau?« + +»Ja, jung verheiratet.« + +»Gut, dann werde ich mitgehen und die Frau zu bestimmen suchen. + +»Ach ja, Hedwig, das wäre – sehr schön – von dir –« stotterte er mit +niedergeschlagenen Augen. + +Ein heißes Gefühl stieg in ihm auf, etwas wie Dankbarkeit, etwas wie die +Lust, sich anzuschließen an ein Wesen, das ihm helfen wollte. Und doch +– große Schweißtropfen der Scham perlten ihm dabei auf der Stirn. Sie +bemerkte es und bat ihn, ihr den Weg zu zeigen. Ohne Widerspruch ließ er +es geschehen, daß sie ihren Arm unter den seinen legte, und eilte mit +ihr dann stürmisch in ungewöhnlicher Hast vorwärts. + +Ihre Kleider flatterten dabei, durch ihre Wangen ebbte das Blut, er sah +sie an und merkte, wie ihre Brust sich beschleunigt hob, ihr Atem +strömte ihm frisch entgegen. + +Oh, sie war vielleicht doch die treue Gehilfin, die er suchte, die +Schwester seines armen, geliebten Weibes, die ihm Trost bringen wollte. + +Wie jugendfrisch und kräftig sie war. + +»Hedwig, du fragtest vorhin – – –« + +»Nach deinen Verhältnissen, ja.« + +»Ich – ich – Hedwig – wenn ich nur Vertrauen – –« + +Und dann wurde die Sehnsucht, sich mitzuteilen, übermächtig. Er vergaß, +wer sie war, er ergriff ihre Hand, wie die eines anderen Mannes, und mit +stammelnden stockenden Worten, dann aber mit dem tiefen Gemüt dieser +verschlossenen Seele offenbarte er sich, entlastete er sich von dem +überschweren Druck, schüttete er all sein Weh vor dem schönen Mädchen +aus. + +Und wahrlich, sie war schön. + +Denn während er sprach, hob sich ihre Gestalt, ihre Glieder schienen +sich zu dehnen, üppiger zu werden, und während er von der rückständigen +Pacht erzählte, von der achttägigen Frist, die ihm der Handelsmann in +Grimmen gelassen, von seiner vollständigen Zerrüttung, da war es, als ob +sie mit gieriger Lust all diese Mühsal auf ihre Schultern zöge, um sie +fortan allein und ungebeugt zu tragen. Als Wilms geendet hatte, sah er +sie an und erschrak. + +Ihre Augen hingen an den seinen. Im Feuer seiner Erzählung hatte er sie +an sich gepreßt, als ob er sie umfangen wollte. + +Entsetzt, erwachend, fuhr er zurück. + +»Dort – dort ist das Forsthaus,« stammelte er. + + + + +VII. + + +Wieder brannte die große Staatslampe in dem weiten Wohnzimmer des +Pächters. Und es war wirklich schon gemütlicher geworden. + +Ein eiskalter Regen hatte sich draußen eingestellt, und während man +sonst in dieser Übergangszeit frierend und schauernd seine Zeit +verbrachte, knisterte jetzt ein lustiges Feuer in dem mächtigen +Kachelofen, und ließ von Zeit zu Zeit das wohltuende Geräusch der +berstenden und knackenden Holzklötze vernehmen. + +Hedwig, lachend über die Beschränktheit, welche mit der Heizung +kalendermäßig erst beginnen will, wenn der erste Schnee fällt, hatte +selbst dem alten Kachel-Patriarchen die erste reichliche Nahrung +zugeführt, und jetzt saß die Kranke in einem gewaltigen Lehnstuhl mit +Decken eingehüllt davor, wärmte sich, und wartete auf die Wiederkehr von +Mann und Schwester, die gemeinsam zum Pastor des großen Dorfes gewandert +waren, um den Geistlichen mit Familie zu einem Besuch in das Haus des +Pächters abzuholen. Auch der Förster mit seiner Frau wollte +herüberkommen. Hedwig hatte darauf bestanden, denn um jeden Preis +gedachte sie, Menschen und Geselligkeit in dies verödete Heim +zurückzuführen. + +So saß die Leidende und hielt oft die Hand vor das zuckende Feuer, bis +sie ihr Blut durch die Haut hindurchschimmern sah. + +Eine wohlige Wärme durchströmte sie. Beinahe hätte sie sich behaglich +gefühlt. – Wenn sie nur nicht so verlassen und einsam geblieben wäre. + +Wozu mußten auch die beiden gemeinsam gehen? Hedwig allein hätte doch +auch genügt. Aber Wilms hatte sie durchaus in dem Wetter nicht +unbegleitet aufbrechen lassen wollen – »es schicke sich nicht,« hatte er +geäußert, und nun waren sie schon über eine Stunde fort. + +Die Uhr schlug. + +Die Kranke wurde immer ungeduldiger. Mägde und Knechte kümmerten sich +nicht um sie. Seit langer Zeit zum erstenmal wurde im Hause flott +gearbeitet; der Pächter hatte mit Hedwigs Hilfe eine Molkerei +eingerichtet. Heute war die dazu nötige Maschine aus Stralsund +eingetroffen, welche ein Freund des Mädchens auf Kredit geliefert, und +das Gesinde setzte sie gegenwärtig instand. + +Else konnte deutlich das Lachen und Schwatzen der Leute vernehmen. + +Nicht einmal eine Klingel war ihr zur Hand, mit der sie vielleicht hätte +läuten können. + +Ganz verlassen – ohne jede fremde Hilfe. + +Sie begann sich zu ängstigen. + +Wilms könnte doch wirklich längst zurück sein. Das war doch +rücksichtslos von ihm und namentlich ihr, der Verzärtelten, etwas völlig +Ungewohntes. + +Leise begann sie zu stöhnen und rückte in dem Sessel hin und her – dann +hielt sie wieder die Hand vor die Glut und lauschte. + +Draußen prasselte gleichmäßig der Regen hernieder. Man hörte förmlich +die Blasen platzen – – aber plötzlich, die Kranke horchte angestrengt, +ein rascher, dumpfer Hufschlag tönte dazwischen, dann kam etwas auf den +Hof gesprengt – – ein Pferd wieherte hell und anhaltend – ein kurzer +Stimmwechsel – – + +Und es wurde an die Tür geklopft. Rasch und energisch, und ehe die +überraschte Frau sich noch besinnen konnte, trat ein junger Mann in +Joppe und Reithosen in die Stube und machte ihr an der Schwelle eine +kurze liebenswürdige Verbeugung. + +Die Sporen klirrten dabei hell an den hohen Stiefeln, und von der +Lodenjoppe troff das Wasser herunter. + +»Pardon,« begann er und zog ein wenig befangen die Mütze – »ich weiß, es +ist eine große Freiheit, daß ich hier gleich die ganze Landstraße mit +hineinbringe. Nicht wahr? – Treffe ich Herrn Wilms wohl zu Hause?« + +»Nein – nein – leider« – Else machte vergebliche Anstrengungen, sich zu +erheben – »mein Mann und meine Schwester sind fort – aber wer – – mit +wem habe ich denn –?« + +Und wieder versuchte sie, sich auf den kraftlosen Füßen aufzurichten, +wurde jedoch durch das höfliche und doch zwanglose Nähertreten des +Reiters daran verhindert. + +»Oh« – meinte er gutmütig, während er bedauernd den Kopf schüttelte – +»ich hörte schon, Sie seien nicht wohl, liebe Frau, und nun tut es mir +doppelt leid, daß ich Sie so erschrecken muß. – Aber dieses +niederträchtige Wetter draußen – Sie sehen ja, ich bin durchnäßt, wie +eine Morchel – und da dacht’ ich, Herr Wilms würde mich wohl ein +Stündchen bei sich aufnehmen. – Ich bin nämlich der Graf Brachwitz, der +Sohn natürlich – Ihr Mann kennt mich ganz genau – vielleicht haben auch +Sie schon von mir gehört – – ist’s wirklich erlaubt? Sie sind zu +liebenswürdig.« + +Damit zog er sich den von Else angebotenen Stuhl ganz in die Nähe der +Kranken, musterte sie halb teilnahmsvoll, halb verlegen und streckte +dann die Hand befriedigt dem mächtigen Ofenfeuer entgegen. + +»Prachtvoll,« äußerte er behaglich und zog den einen mächtigen +Stulpenstiefel auf das Knie herauf, wobei er sich trotzdem leicht gegen +die Hausfrau verneigte: »Habe ich wirklich Ihre gütige Erlaubnis, auf +Herrn Wilms zu warten, bis er wieder kommt, oder der Regen aufhört? – +Oder falle ich Ihnen lästig?« + +»O – bewahre,« hüstelte die Kranke. + +Und sie sprach die Wahrheit. Der vornehme Besuch, der sie, ohne daß sie +es recht empfand, so höflich und dabei doch etwas von oben herab +behandelte, schmeichelte und imponierte ihr auf das äußerste. Noch nie +hatte die Grafenfamilie in der Umgegend jemals Besuche abgestattet, und +jetzt saß wie durch ein Wunder der junge, jugendschöne Aristokrat vor +ihr und bemühte sich, ihr allerlei Artigkeiten zu sagen. + +Er hörte Elses Krankengeschichte geduldig an und lächelte nur ein wenig +suffisant, als Else ihm mitteilte, daß sie als Mädchen stets gesund +gewesen, und ihr Leiden erst in der Ehe begonnen habe. + +»So? – hm« – der junge Graf streichelte sich den Bart und nickte weise: +»Ja, ja, verehrte Frau, das Heiraten. – Ich bin auch prinzipiell +dagegen. Wenn es nur ein anderes Mittel gäbe, zu einem Majoratsherrn zu +gelangen, dächte ich gar nicht daran. Ich habe überhaupt etwas Solides +in meiner Natur. Nicht wahr, das sieht man mir an? – hm« – – – er schlug +mit seiner Reitpeitsche, die er noch in der Hand hielt, lässig gegen ein +Stuhlbein und begann sich ein wenig ungeduldig im Zimmer umzusehen. +Augenscheinlich fing ihm das Tete-a-tete mit der Kranken an langweilig +zu werden. + +»Würden der Herr Graf vielleicht irgendeine Erfrischung zu sich nehmen +wollen?« + +»Nein – nein – bewahre – lassen Sie sich nur nicht stören – wir plaudern +ja hier ganz vorzüglich. Hm – ein recht gemütliches Zimmer – ein bißchen +groß – – ja – sitzen Sie oft so allein? Mir ist es doch, als wenn ich +neulich eine Verwandte von Ihnen am Bahnhof getroffen hätte. Oder schon +wieder abgefahren?« + +»Wirklich, der Herr Graf haben das bemerkt? Nein, meine Schwester +Hedwig ist noch hier und wird überhaupt lange Zeit bei uns bleiben.« + +»So? Na da mache ich Ihnen mein Kompliment, eine außergewöhnlich hübsche +junge Dame – also, Ihre Schwester? – Na ja, die Ähnlichkeit ist +unverkennbar« – hier verbeugte sich der Reiter wieder mit jener +verbindlichen Art, die ihn unbewußt so prächtig kleidete. – »Ein +Fräulein Schröder, das sich jetzt längere Zeit in Stralsund aufhielt – +nicht wahr?« + +»Das wissen Sie ebenfalls?« flüsterte die Kranke, sichtlich +geschmeichelt. + +Es fiel ihr nicht auf, daß der Aristokrat seinen Kopf vom Feuer +zurückwandte, in das er bisher eifrig hineingestarrt, um seine scharfen +blitzenden Augen minutenlang forschend auf ihr eingefallenes, blasses +Antlitz zu richten, als ob er in ihr etwas Verborgenes, Geheimnisvolles +suchen wolle. – Dann aber schien er befriedigt zu sein. »Ja, ja« – fuhr +er gleichgültig fort: »Wir kennen uns – oberflächlich natürlich nur, +denn solch zartes Pensionsfräulein wird mit einem Offizier nicht gerne +zusammengebracht – das können Sie sich doch denken.« + +»Ach – der Herr Graf scherzen nur –« + +»Durchaus nicht – man erzählt die schauderhaftesten Geschichten von mir +– – na hier wird es ja auch bald losgehen und – –« + +Er unterbrach sich, stand auf und lauschte: »Hören Sie? – Dort draußen +fährt ein Wagen über die Chaussee – zwei feste Traber übrigens, jetzt +lenken sie über die Brücke – das dürften wohl Ihr Mann und Fräulein +Schwester sein.« + +»Ja wahrscheinlich, und sie bringen Pastors gleich mit.« + +»So? Das kleine Pastorenfräulein hat sich gut entwickelt, seit ich es +nicht mehr gesehen habe. Sehr nett. Ein bißchen blaß, englisch +Teegesicht, aber man muß auch damit vorlieb nehmen.« + +Else rückte in ihrem Stuhl hin und her. Ein unbestimmtes Gefühl sagte +ihr, daß ihr Gast einen Ton gegen sie anschlug, der sich nicht paßte. + +»Und die Försterfamilie kommt heute ebenfalls,« brachte sie rasch +hervor, während ihre glänzenden Augen sich ungeduldig auf die Tür +richteten, durch die die Erwarteten im nächsten Augenblick eintreten +mußten. »Ich erhalte heute zum erstenmal Besuch, Herr Graf – seit – seit +langer Zeit.« + +»Ach das freut mich in Ihrem Interesse wirklich ganz außerordentlich,« +meinte der Reiter und schritt langsam ans Fenster, ohne auf den langen +Seufzer der Kranken die geringste Rücksicht zu nehmen. »Also der Herr +Förster ebenfalls mit Gemahlin,« murmelte er dabei vor sich hin, und bei +sich dachte er noch: »Merkwürdig, wie mir das Herz schlägt. – Ich habe +doch Angst, diesem Mädchen wieder entgegenzutreten.« + + * * * * * + +Die erste Begrüßung war vorüber. Die beiden Damen der Pastorenfamilie +waren bereits auf das mächtige, schwarze Ledersofa plaziert hinter dem +gewaltigen, runden Tisch und warfen von dort aus erstaunte Blicke auf +den Grafen Brachwitz; der Geistliche selbst, ein kleines gebücktes, +weißhaariges Männchen, das durchaus nicht zu seiner hageren, übergroßen +Ehehälfte zu passen schien, sprach über Elses Stuhl gebeugt der Kranken +jene Trostesworte zu, die er bei seinen häufigen Besuchen mit denselben +Worten fast mechanisch wiederholte. Aber auch er zwinkerte unter seinen +Brillengläsern verdutzt zu dem Reiter hinüber, als könne er sich dessen +Anwesenheit nicht erklären, und Wilms stand bei seinem vornehmen Gast in +der Fensternische, schüttelte ihm befangen die Hand und verwickelte ihn +in allerlei landwirtschaftliche Fragen, ohne sich innerlich jedoch von +der ängstlichen Vorstellung lösen zu können, was dieser Besuch wohl +bedeute. + +So vergingen die ersten Minuten des Beisammenseins. Bis die Kranke +endlich fragte: »Wo bleibt denn Hedwig?« Alle hatten das Mädchen mit +hereintreten sehen, aber dann mußte sie sich gleich wieder entfernt +haben. + +»Vielleicht ordnet sie noch in der Küche etwas an,« entschuldigte Wilms. +Aber wieder mußte er auf den jungen Brachwitz sehen, der unruhig neben +ihm verharrte. + +»So? In der Küche?« warf dieser hin. »Dann erscheint wohl bald die +Aufwartung. Vermutlich ein tüchtiges Glas Glühwein bei der Nässe draußen +und der famose Landschinken, den Sie hier besitzen – na ängstigen Sie +sich nicht, Herr Wilms, ich drücke mich sofort, den ungebetenen Gast +werden Sie los.« + +»Aber Sie werden uns doch die Ehre schenken und erst eine Kleinigkeit zu +sich nehmen, Herr Graf,« drängte die Kranke mit schwacher Stimme von +ihrem Stuhl aus. + +»Sie wollen mich also wirklich mit durchfüttern, verehrte Frau? – +Abgemacht – dann bleibe ich. – Na, lieber Pastor, besinnen Sie sich +noch, wie Sie mich konfirmiert haben? Seitdem haben wir uns selten +gesehen. Fräulein Paula ist inzwischen eine Dame geworden. – Guten +Abend, mein liebes Fräulein – alle Wetter, ich wage gar nicht mehr ›Du‹ +zu sagen. Oder darf ich es doch noch?« + +So sagte der Edelmann jedem etwas Angenehmes, lachte und plauderte und +hatte sich überraschend schnell die Neigung der Anwesenden gewonnen. + +Endlich erschien auch die Försterfamilie. Der Förster, eine herkulische +Gestalt mit langem, fuchsrotem Bart, dröhnender Stimme, großer +Gutmütigkeit und voller Kriegserinnerungen. Ein behäbiger Vierziger. Die +Försterin, eine schlanke, üppige Erscheinung mit tiefblauen, +gefährlichen Augen, einem wunderbar weißen, frischen Teint, und +beständiger Neigung zur Fröhlichkeit. Ein schönes Weib, das in naiver +Koketterie gefallen wollte. + +Man stellte die Stühle um den Tisch. Zwei Mägde deckten frisches Linnen +darüber, Wilms schob den Lehnstuhl der Kranken heran und brachte auch +einen Sitz für Hedwig herbei. + +Wo sie nur bleiben mochte? + +»Ist denn das Fräulein noch in der Küche?« fragte er zum Schluß eine der +Mägde. + +»Nein, Herr, das Fräulein is oben in ihr Zimmer.« + +»Wilms, dann hole sie doch bitte herunter,« forderte ihn Else erregt +auf und fingerte krampfhaft auf der Tischplatte herum. »Warum hält sie +uns so lange auf? Ich versteh’ das gar nicht – der Herr Graf kennt sie +doch auch.« + +»Gewiß,« unterbrach der junge Brachwitz seine Unterhaltung mit der +Försterin, »und ich würde mich aufrichtig freuen, unsre flüchtige +Bekanntschaft wieder anzuknüpfen.« + +»So geh doch,« drängte die Kranke erregt. + +Da ging der Landmann zögernd hinaus und stieg wieder die schmale Treppe +hinan, die unter das Dach führte. Neben der Kammer, die er selbst seit +der Krankheit seiner Frau bewohnte, lag das Zimmerchen, das man Hedwig +eingeräumt hatte. Unsicher tastete er sich in dem dunklen Gang zurecht. +Ihre Tür stand offen. + +Es war so seltsam still dort drinnen. + +Sollte sie auch hier nicht zu finden sein? + +Es wurde ihm so beklommen, eine peinigende Furcht bedrückte den großen +Mann, das Mädchen könnte sich heimlich entfernt haben. + +Er sagte sich zwar gleich, daß er sie nicht vermissen würde, aber es lag +hier etwas Verstecktes, Geheimnisvolles in der Luft, das ihm den Atem +benahm. + +Fürchtete er wirklich so sehr ihre Flucht? + +Sein Herz klopfte, zögernd trat er näher. + +In dem kleinen, kahlen Raum verbreitete ein Lichtstümpfchen einige +Helle. Dunkle Schatten kämpften gegen die schwachen Lichtwellen. Das +Fenster stand offen. In dem Luftzug zuckte das kleine Flämmchen auf und +ab. Ein Bett war zu sehen, ein eleganter Lederkoffer, ein Waschtisch, +ein Schrank, zwei Rohrstühle, sonst nichts. Vor dem Fenster aber ragte +die Gestalt der Bewohnerin auf. + +Sie mußte sich eben gewaschen, oder Haupt und Brust im Wasser gekühlt +haben, denn sie umklammerte noch mit entblößten Armen das Fensterkreuz +und lehnte regungslos in den kalten Regen hinaus, den man dumpf und +eintönig auf den Blechbeschlag spritzen hörte. + +Arm und Nacken weiß und rosig, als wäre ein verwunschenes, wunderschönes +Marmorbild lebendig geworden. Deutlich sah der Pächter, daß die feine +Haut vor Frost schauderte, und doch gab sie sich unbeweglich der Kälte +preis, als wäre ein Übermaß von Glut und Lebenstrotz in ihr. + +Wilms wollte zurücktreten, allein er fand sich wie festgewurzelt. O, wie +unrein erschien ihm das Bild, unpassend, widerwärtig, und doch konnte er +der eigenen Erstarrung kein Ende bereiten, immer mußte er hinblicken, +während Haß, Abneigung, Bewunderung, und ein fernes, verabscheutes +Verlangen in seinem ehrlichen Gemüt durcheinander irrten. + +Ja, ähnlich hatte Else ausgesehen – damals in den Stunden des Glücks – +aber doch entfernt nicht so sicher, so stolz, so seltsam in ihrer +Schönheit. + +Seine Lippen bebten. + +Der Frost begann ihn ebenso zu schütteln, wie das schöne Geschöpf dort +drinnen. + +Da schlug der Wind die Tür zu. Krachend fuhr sie ins Schloß. Das ganze +Haus hallte. Und Wilms taumelte auf und raffte sich empor. + +»Wie Else über den Knall zusammengefahren sein wird – das arme Weib,« – +war sein erster, unwilliger Gedanke, – dann wartete er noch ein paar +Minuten, klopfte schließlich laut an die Tür und überschritt auf ein +verwundertes »Herein« die Schwelle. Hedwig nestelte noch an ihrer +schwarzen Taille und machte eben die letzten Knöpfe zu. – Langsam wandte +sie ihm den Rücken und fragte rasch über ihre Schulter fort. + +»Warum kommst du hier herauf? Geht es Else etwa wieder schlechter?« + +»Nein, Gottlob nicht, ich soll dich hinunterholen.« + +»Mich? – Ja, ich wollte mich erst ein wenig säubern nach dem +schmutzigen Weg von vorhin. Du siehst ja. – Sind denn unsere Gäste schon +alle versammelt?« + +»Ja, es sind alle da. Auch der Förster. Er will mir das Heu abkaufen, +Gott sei Dank. Du hast also bei der Frau deinen Willen durchgesetzt, ich +danke dir dafür, mein Kind. Und – und Herr von Brachwitz befindet sich +ebenfalls unten. Du hast ihn wohl schon vorhin bemerkt?« + +»Ja, ich sah ihn.« + +»Sag’ einmal – Hedwig – gehört denn der Herr zu deinen Freunden?« + +»Nein.« + +»Also bloß solch eine flüchtige Bekanntschaft?« + +»Ja – nein – das heißt, ich kenne ihn näher.« + +»Sieh – ich will mich nicht ’rein mischen – es geht mich ja nichts an – +aber – er hat dir wohl drüben den Hof gemacht? Nicht?« + +»Auch das.« + +Das Mädchen wandte sich jetzt langsam, so daß der Pächter voll in ihr +eigentümlich blasses Antlitz blicken konnte, und maß ihn forschend mit +ihren braunen, spähenden Augen. »Aber weshalb fragst du?« fuhr sie +langsam fort, »besucht er euch denn sonst nicht?« + +»Nein – nie.« + +»Nie?« + +Über die Gestalt der Fragenden lief ein Zittern, die dunklen Augen in +dem blassen Gesicht brannten in unterdrückter, schmerzlicher Glut. + +Schweigend trat sie vor einen schmalen Hängespiegel, zog ihre straff +sitzende Taille zurecht und strich über ihr bräunliches, glänzendes +Haar. + +Wilms, der ebenfalls seinen Blick auf das Glas wenden mußte, sah, wie +die vollen blühenden Lippen des jungen Weibes zuckten, wie ihre weißen +Zähne sich hineingruben, und sich über das ganze Antlitz wieder jener +lächelnde, trotzige, wildbegehrliche Zug verbreitete, den der Pächter in +seiner verständnislosen Befangenheit nicht begriff, über den er +nachgrübelte, und der ihn anwiderte. + +»Hedwig« – – murmelte er unwillkürlich. + +»Ja, Schwager,« antwortete sie leise. + +Er schritt zur Tür und wandte sich verlegen hin und her. + +»Ich glaube,« stieß er heiser hervor, »er kommt deinetwegen.« + +Die Sprache versagte dem kräftigen Manne. + +Ohne daß er es wußte, packte ihn grenzenlose, tiefe Scham, daß er sich +in die Herzensangelegenheiten dieses Mädchen drängen wollte, und doch – +eine zehrende Neugier nagte in seiner Brust weiter, wie weit die +Beziehungen der beiden wohl gediehen seien, ob überhaupt von einem +innigen Gefühl gesprochen werden könnte – oder ob – das Blut stieg ihm +dabei in die Stirn – ob sich etwas Unreines, Gemeines hineinmische. + +»Nicht wahr,« wiederholte er, »er kommt wohl deinetwegen?« + +»Meinetwegen?« sprach sie gedankenverloren nach. + +Ein Windstoß fegte plötzlich zum Fenster hinein. Klirrend warf er die +Scheiben gegeneinander und blies das Lichtstümpfchen auf dem Tisch aus, +so daß völlige Dunkelheit entstand. + +Der Pächter hörte, wie Hedwig tief aufatmete. Dann trat sie zu ihm auf +die Schwelle und sagte, während sie beide aus dem finsteren Raum +hinausschritten, mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit: + +»Lassen wir doch den Grafen. – Er ist eine häßliche Erinnerung für mich, +die ich gern abschütteln möchte. – Übrigens« – lachte sie leicht – +»brauchst du dir dabei gar nichts Besonderes zu denken, Schwager – eine +ganz alltägliche Dummheit. – –« + +Sie unterbrach sich und klagte über die dicke Finsternis, die Gang und +Treppe einhülle. Mühsam tasteten sie sich zurecht. Beide dicht +beieinander. Ihr Kleid streifte seinen Fuß und es war ihm, als wenn eine +wohltuende Wärme von ihr ausströme. + +Da stieß sie einen leichten Schrei aus. + +Auf dem obersten Absatz der Treppe hatte sie fehlgetreten und griff nach +dem Arm des Mannes, was er erschrocken duldete. So stiegen sie hinab. +Langsam, als ob sie tiefen Gedanken nachhingen. + +Erst als das Öllämpchen des Flures ihre Gesichter matt erhellte, kehrte +sie sich ihrem Schwager voll zu und meinte mit der alten unbeirrten Ruhe +und ihrer klaren Stimme: »Es trifft sich aber doch gut, daß Herr von +Brachwitz dich einmal besucht. Nach allem, was du mir gesagt hast, wird +es doch notwendig sein, mit ihm über eine Herabsetzung der Pacht +ernsthaft Rücksprache zu nehmen.« + +Das schlug Wilms wie eine schwere Keule gegen die Stirn. – »Ja, ja,« +stotterte er und neigte schwerfällig den Kopf. – Seine Schuldenlast, die +ganze Zerfahrenheit seiner Besitzung, die kranke Frau dort drinnen, +Mißernte und die hohe Pacht – alles zusammen stürzte plötzlich wieder +auf ihn ein und legte sich eisern, klammerfest um sein banges Herz. + +Not, Sorge, Krankheit standen wieder auf dem ziegelsteingepflasterten +Flur, bereit, den Herabsteigenden zu empfangen. Dort oben in Hedwigs +Kammer hatte er gar nicht an diese seine grauen Gäste gedacht. + +Leise stöhnend, ließ er das Mädchen an sich vorüberschreiten und folgte +ihr dann schweren Trittes. + +Als sie das Wohnzimmer öffnete, hatten sich seine müden, schleppenden +Gedanken wieder so völlig verschoben, daß er im Rücken Hedwigs mit +mattem Erstaunen darüber nachdachte, wie scharf das schwarze Sammetband, +das sie um den Hals gelegt hatte, von der weißen Haut seiner Schwägerin +abstach. + +»Wie sich die beiden wohl begrüßen werden?« grübelte er noch, dann +strömte ihnen die Helle des erleuchteten Zimmers entgegen. + + + + +VIII. + + +»Ha, ha, ganz ausgezeichnet – ganz ausgezeichnet« schrie der Förster +Eltze, streckte seine Beine von sich und goß seiner Frau mit kühnem +Schwung neuen Rheinwein ins Glas: »Hier, Annchen – stoß mit dem Herrn +Grafen an – – Ihr Wohlsein, Herr Graf – ganz großartig – wahrhaftig. So +was von Dressur von einem Hunde ist noch gar nicht dagewesen. – Nicht +wahr, Anning, nicht wahr, Frau Pastorin? – Liebesbriefe unter das +Hundehalsband zu binden, und dann von dem Köter in die Mädchenpension +tragen zu lassen, ha, ha, ha, zu komische Idee, zu ko – –« + +Er verschluckte sich, wurde kirschrot im Gesicht und der winzige Pastor +Schirmer, der neben ihm saß, mußte dem Riesen auf den Rücken klopfen: + +»Lieber Freund, beruhigen Sie sich doch,« fistelte der Geistliche und +schickte einen unruhigen Blick zu Gattin und Tochter hinüber, von denen +die letztere sich weit über den Tisch lehnte, um den keck vorgetragenen +Geschichtchen des jungen Brachwitz mit heißen Wangen zu lauschen. + +Alle Schüchternheit des Landgänschens war verflogen. + +Auch die Förstersfrau folgte lächelnd den Anekdoten des jungen +Aristokraten. + +»Mein Gott« – schoß es dem verwirrten Pastor durch das zitternde +Greisenköpfchen. »Die Weiber – die Weiber – gar nicht auszustudieren – +Die Förster Eltze und meine Paula, die frömmsten aus meiner Gemeinde, +jeden Sonntag in der Kirche, dazu noch eine Erbauungsstunde – und nun +dieses Benehmen, sobald ihnen der erste hübsche, junge Mensch über den +Weg läuft.« + +»Ha, ha, was die Mädchen wohl für Gesichter gemacht haben mögen, als der +Köter kam,« grunzte der Förster von neuem und reckte eine Faust in die +Höhe. + +Der Landedelmann, der neben Elses Krankenstuhl saß und ihr gutmütig von +Zeit zu Zeit allerlei kleine Dienste erwies, entzündete jetzt mit +Erlaubnis der Hausfrau eine seiner eigenen feinen Zigarren, und warf, +sich zurücklehnend, gespannt und erwartend dazwischen: + +»Na, lieber Eltze, das wird uns am besten Fräulein Hedwig, – Fräulein +Schröder,« verbesserte er sich – »sagen können. Denn sie hat sich ja +auch in dieser Pension befunden.« + +»Was, das ist Ihre Pension, Fräulein Hedwig?« rief Paula Schirmer +lebhaft dazwischen. + +Und der Förster schrie schallend: »Donnerwetter, unser schönes Fräulein +Hedwig war auch eine von den Kötermamsells? – Na, wie war’s denn?« + +»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« forschten jetzt +auch gespannt die beiden verheirateten Frauen wie aus einem Munde. + +Alles sah auf Hedwig. + +Sie hatte neben Wilms Platz genommen und, mit der Bewirtung beschäftigt, +sich bis dahin wenig an der Unterhaltung beteiligt. + +»Was sie jetzt wohl antworten wird?« dachte der Pächter in seinem +dumpfen Hinbrüten. Von seinen Sorgen zu Boden gedrückt, und in seiner +Brust ein bohrendes Angstgefühl, hatte er bis jetzt auf die Tischplatte +gestarrt, und nur manchmal sah er auf sein blasses, angestrengtes Weib +herüber, scheu und mißtrauisch, als ob er auf einem Verbrechen ertappt +wäre. + +Was hatte sich nur in seinem Gewissen geändert? + +O, es war nur die Angst, die entsetzliche Furcht um seine Existenz, +überredete sich der unglückliche Mann selbst. + +»Weiter nichts – gewiß – gar nichts weiter.« + +»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« tönte es in seine +Gedanken hinein. – Was sie jetzt wohl antworten würde? + +Und ohne Erregung, klangvoll und ruhig gab Hedwig zurück, obwohl sie den +Grafen zum erstenmal fest ansah: + +»O ja – der Herr Leutnant besuchte ja oft die Bälle unserer Pension. Ich +selbst habe sogar einmal einen seiner Briefe dem großen Hunde +abgebunden.« + +Leicht, kalt, liebenswürdig hatte sie das alles hingeworfen, jetzt erhob +sie sich mit ihrer tadellosen Haltung, um dem Pastor einen Teller mit +Kuchen und Früchten zu präsentieren. Sie war eine vollkommene Dame. + +»Bitte, Herr Pastor – nicht ein Pfefferkuchen gefällig? – Nein? – Nun +dann aber einen Apfel, – ich werde ihn gleich schälen – Sie erlauben.« + +In der Gesellschaft war eine peinliche Stille entstanden. Selbst die +Wangen der Kranken, die solange teilnahmslos in ihrem Stuhle gelegen +hatte, färbten sich hektisch rot; mit heftigem, unvorsichtigem Tonfall +flüsterte sie kurzatmig und gereizt: + +»Einen Brief vom Herrn Grafen an dich? – Hedwig, das ist doch nur +Scherz, nicht wahr? – Sag’ das doch den Herrschaften.« + +Ja, sie waren alle sehr begierig, dies zu wissen. Die Försterin, deren +tiefblaue Nixenaugen vor Neugier strahlten und leuchteten; die Pastorin, +die wie ein Pfahl dasaß und alles in hohem Grade unmoralisch fand; und +die dumme, kleine, dralle Paula, die es gar nicht erwarten konnte, in +solche Heimlichkeiten einzudringen. + +Ach, sie fand Hedwig »süß« und »wundervoll«. + +Aber der junge Brachwitz ließ die Aufgerufene zu keiner Antwort kommen: + +»Ein Scherz?« wiederholte er dringend, indem er Hedwig aufmerksam +betrachtete. »Ja, leider wurde es von den jungen Damen nur als Scherz +aufgefaßt, obgleich es mir verteufelt bittrer Ernst war. Warum übrigens +nicht? – Ich war jung und hatte mich in ein paar von den allerliebsten +Pensionärinnen wirklich verliebt. Wissen Sie noch, Fräulein Hedwig?« + +Hedwig wurde plötzlich sehr blaß, der Pächter bemerkte, wie ihre Hand +sich unwillkürlich öffnete und zuckend wieder schloß, aber äußerlich +erwiderte sie gelassen, während sie den Hahn der Teemaschine drehte: +»Gewiß – Sie machten es uns ja oft recht deutlich, Herr Graf« – + +»Gleich in ein paar?« echote die Pastorin, die Worte des Grafen +wiederholend, leise und entrüstet. Die Unterhaltung des jungen Herrn +begann allen sichtlich zu mißfallen. + +Und wieder trat eine lange, drückende Pause ein, die keiner zu +unterbrechen wagte. Es wurde sehr ungemütlich. Else fing vor +Verlegenheit an zu zittern. Wenn der Graf nur gegangen wäre. Aber er +blieb und begann jede Bewegung ihrer Schwester zu verfolgen. + +Was das nur bedeutete? + +Die Kranke regte sich so auf, daß ihre Zähne leise zusammenschlugen. Sie +merkte, daß sie fieberte, aber mit letzter Kraft hielt sie sich +aufrecht. + +Auch die Blicke ihres Mannes hingen so sonderbar an Hedwig. Erst jetzt +fiel ihr das auf. + +Ob die beiden Männer von dem Mädchen irgend etwas wußten? + +Aber was? + +Und die beiden verheirateten Frauen flüsterten miteinander so leise. + +Worüber? + +Vor den Augen der Gepeinigten flimmerte es, ein langer stechender +Schmerz durchschnitt sie. + +»Gott im Himmel – Hedwig,« ächzte sie halblaut, um nur irgend etwas zu +sagen, »ich möchte – du solltest – etwas singen – so lange habe ich +nichts gehört.« Sie schauerte zusammen. + +Alle riefen Beifall. Der Förster, der dem Rheinwein zu stark +zugesprochen hatte, schwankte nach dem alten Klavier, das in der Ecke +stand, und trug grunzend zwei Lichter herbei. Paula Schirmer sorgte für +einen Stuhl, und Hedwig erhob sich willig, um aus dem guten Zimmer die +Noten zu holen. + +In dem Nebenraum herrschte Dunkelheit. + +Sofort ergriff der junge Brachwitz, der das Mädchen nicht mehr aus den +Augen gelassen, einen der Leuchter und folgte Hedwig galant mit dem +Lichte. + +Und wie von selbst fiel die Tür hinter beiden ins Schloß. + +Und jetzt sah der Edelmann, wie das schöne Mädchen über dem +Notenschränkchen gebückt stand und suchte. + +Voll und reif boten sich die edlen Linien dieses jugendlichen +Frauenleibes dar, in ihren Wangen strömte das Blut, über den braunen +Haaren schienen im Schimmer des Lichts knisternde Goldfunken zu tanzen, +und Brachwitz sauste und summte das Blut ungestüm in den Adern, ebenso +unbezähmbar wie damals, als er das halbe Verbrechen, die grenzenlose +Roheit gegen sie verübt hatte. + +Wieder konnte er dem weichen, trotzigen Zauber, den dieses Weib +ausströmte, jener schweigenden, üppigen Verlockung nicht widerstehen. + +Und die aufkochende, jede Vernunft überschäumende Tollheit machte ihn +völlig besinnungslos. + +»Hedwig,« flüsterte er, in seiner Spannung erzitternd, und griff keck +nach ihrer Schulter: »Antworten Sie mir doch endlich. – Können Sie denn +die Dummheit von damals nicht vergessen?« + +Wie langsam und schwerfällig sie sich aufrichtete! Und jetzt bemerkte +Brachwitz mit Schrecken, welch eine Veränderung in ihrem Antlitz +vorging. Starre Marmorblässe jagte das eben noch so prangende Rot, alles +an ihr schien so gelähmt, so unbeweglich, nur die großen Augen richteten +sich haßerfüllt, und doch mit flammendem, unausgesprochen begehrlichem +Feuer auf den Bedränger, so daß der Reiter verwirrt und schwankend die +Hand von ihrer Schulter gleiten ließ. + +War das Zorn, war es Sehnsucht, was ihm da entgegensprühte? + +»Liebe Hedwig, wenn – –« + +»Still – ich will das nicht –« befahl sie flüsternd und heiser. + +»Aber Sie wissen ja nicht – –« + +Jedoch unvermittelt unterbrach er sich und trat zurück. + +Was war das? + +Mit einer einzigen Bewegung glitt sie auf ihn zu, ganz dicht stand sie +vor ihm, ihr Mund verzog sich, die Lippen bebten lechzend, als ob sie +ihn küssen oder ihm die Zähne ins Fleisch schlagen wolle. Jede Fiber +zuckte und zitterte in dem schönen Gesicht, und ohne Überlegung, +zusammenhanglos, sich die Hände vor die Augen schlagend, stieß sie +hervor: »Nein, Sie wissen nicht – Sie – Sie wissen nicht, was Sie aus +mir gemacht haben – Sie – –« + +»Was denn?« flüsterte Brachwitz verlegen. + +Als sie seine Stimme vernahm, fuhr das Mädchen auf, wie wenn sie +plötzlich erst zum Bewußtsein ihrer Lage käme. + +Wortlos, keiner Bewegung mächtig, starrte sie ihn an. + +Was hatte sie nur vorgebracht? – Hatte sie ihm etwa das dunkle, häßliche +Geheimnis verraten, das ihre Seele, ihr Denken seit jenem einen Tag +befleckte und verdarb? Das ängstlich behütete, das aussätzige Geheimnis, +das ihr heimlich Schrecken und Entsetzen einflößte? + +Hedwig fühlte, daß sie dieses wortlose Gegenüberstehen nicht lange würde +ertragen können, daß irgend etwas Schreckliches, Ungeahntes eintreten +müßte. + +Er begann wieder zu lächeln. + +Jenes gutmütige, frech zutrauliche Lächeln, das sie schon damals wehrlos +gemacht. + +Ihre Brust flog. O! wenn doch jetzt jemand in das einsame Zimmer treten, +oder wenn sie Mut genug besitzen möchte, den Bedränger zur Seite zu +werfen. Aber nichts regte sich. + +Und er hatte die Verwegenheit, seine Augen mit dem heißen Ausdruck des +künftigen, sicheren Besitzes in die ihren zu tauchen, ein Verführer, der +seiner erprobten Macht sicher ist, und jetzt setzte er langsam das Licht +aus der Hand. Hedwig staunte ihn an. + +»Was nun wohl folgen wird?« dachte sie dumpf. Aber da – Gott sei Dank, +sie hatte es ja erwartet, da ging endlich, endlich die Tür, Wilms große +Gestalt stand plötzlich neben den beiden, und mit warmer Dankbarkeit +hörte das Mädchen, wie ihr Schwager nach einer unangenehmen Pause +unsicher und gepreßt zu dem Grafen sagte, er wolle mit ihm ein paar +Worte ungestört über die Pachtverhältnisse sprechen. Der junge Herr +solle es nicht übel nehmen. – Gott sei Dank, diese entsetzliche Minute +war vorüber. Von da an geschah alles in wilder Hast. Jeder von den drei +Menschen in der frostigen Stube schien das Geheimnis der anderen zu +ahnen. Man sprach und rechtete, ohne innerlich bei der Sache zu sein. +Der Pächter bat um Herabsetzung seiner Lasten, der Graf zuckte +widerwillig die Achseln und meinte, daß das alles Sache seines Vaters +wäre. Schließlich kam man überein, daß der Pächter in den nächsten Tagen +den alten Gutsherrn persönlich aufsuchen solle. Vielleicht könnte auch +Hedwig die Vermittlung übernehmen, da der alte Brachwitz gegen Wilms zu +schlecht gestimmt sei. + +Hedwig? + +Beide Männer schwiegen wie auf Verabredung und blickten sonderbar auf +sie hin. + +Wollte man sie herausfordern? + +»Ja, ja, ich komme,« nickte sie halb geistesabwesend und doch ihre alte +Kraft zusammenraffend. + +Und dann empfand Hedwig alles Spätere gleichsam wie durch einen dicken +Nebel hindurch. + +Wie man wieder in das große Zimmer zurückgekehrt war. Wie sie dann am +Klavier gestanden, und, von Paula Schirmer begleitet, das Heinesche Lied +gesungen: + + »Täglich ging die wunderschöne + Sultanstochter auf und nieder + Um die Abendzeit am Springbrunn, + Wo die weißen Wasser plätschern.« + +Wie es dann so still um sie her geworden und plötzlich ein wildes +Durcheinander entstanden war. Else hatte schon längst zitternd und aller +Kräfte beraubt dagesessen, beim Schluß des Liedes stieß sie vor +Anstrengung bewußtlos einen klagenden Ruf aus und sank ohnmächtig +zusammen. + +Hedwig erinnerte sich noch, wie blaß und leichenhaft schön ihr das +Antlitz der Schwester erschienen war. Scheu und hastig waren dann die +Gäste enteilt, Wilms und das Mädchen hatten die Ohnmächtige entkleidet +und, als sie wieder den ersten Seufzer von sich gab, zu Bett gebracht. + +Auf einem Sofa, neben dem Krankenlager, schlief Hedwig diese Nacht Hand +in Hand mit der Schwester, die ihre Finger wie ein trostspendendes +Amulett umspannt hielt. + + + + +IX. + + +Am nächsten Morgen ganz in der Frühe kam der Arzt. Es war der +Kreisphysikus aus Grimmen, der die Leidende allwöchentlich besuchte und +als Freund des alten Rendanten die beiden Schwestern seit ihrer Kindheit +kannte. + +Ein kleiner, fetter, fröhlicher Herr, behaftet mit einem unförmlichen +Bauch, einem verwitterten roten Weintrinkergesicht und mit einer +burschikosen Neigung zu allen hübschen Mädchen und Frauen, trotzdem er +in seiner eigenen Familie deren bereits eine stattliche Anzahl besaß. + +Schon bei seinem Eintritt begrüßte der kleine Dr. Rumpf die Anwesenden +mit einem lauten: »Morgen, Kindtings; na, wie geht’s?« stiefelte mitten +in das große Zimmer hinein und blieb dort ein wenig verwundert stehen. + +In dem Bett lag die Kranke so unbeweglich und weiß, als wenn sie bereits +verschieden wäre. Und der Mann, sowie das junge Mädchen am Kopf- und +Fußende schienen gleichfalls schon viele Stunden an dem Lager zu +wachen. + +Das stimmte den Arzt doch bedenklich. + +Als aber Else langsam und begrüßend die abgezehrte Hand gegen ihn +ausstreckte, ermannte sich Dr. Rumpf, schritt schnell an das Bett und +küßte seiner Patientin zuvörderst zärtlich die Hand. + +Sein stachliger, weißer Knebelbart kratzte dabei die Ärmste, daß sie das +Gesicht vor Schmerz verzog. + +»Schlimmer, mein Kindting?« fragte er teilnehmend, ohne sich um die +andern zu kümmern, »schlimmer?« Damit entblößte er ungeniert die Brust +der Kranken, horchte aufmerksam herum und schüttelte endlich den Kopf. + +Wenn der Physikus so sehr zärtlich wurde, so galt es immer für ein +schlechtes Zeichen. + +»Herr Doktor,« hauchte die Liegende kaum hörbar, »steht es sehr trostlos +mit mir? – Sagen Sie es – sagen Sie es, bitte,« wiederholte sie +dringend, »ich bin ja auf alles gefaßt.« + +»So? gefaßt? ja, ja, mein Liebchen,« murmelte der Doktor achtlos und +bewegte im Selbstgespräch die Lippen. »Raus,« schloß er plötzlich sein +Nachdenken und machte den beiden anderen eine energische Bewegung mit +dem Kopf, daß sie sich entfernen sollten. + +Wilms und Hedwig begaben sich in das niedrige frostige Wohnzimmer mit +den grünen Ripsmöbeln. + +Matt und in sich versunken lehnte das Mädchen hier auf dem Sofa, über +das noch immer der graue Leinwandbezug gezogen war, während Wilms +schweigend durch das einzige Fenster auf den Hühnerhof hinausblickte. + +Seit dem gestrigen Abend hatten die beiden noch kein Wort miteinander +gewechselt. + +Ein seltsames Schweigen herrschte wieder zwischen ihnen. + +Eine lange, bange Viertelstunde verstrich. + +Dann trat der Physikus endlich breitbeinig herein und schloß die Tür +hinter sich zu. + +»Nun, Herr Doktor?« fragte Wilms dumpf, der sich im selben Augenblick +zurückgewendet hatte. Aus den grob gemeißelten Zügen des Mannes sprach +arbeitende, zurückgedämmte Angst, die ihm die Augen stier aus den Höhlen +heraustrieb und sich auch Hedwig mitteilte. Aber sonderbar! Als sie +ihren Blick flüchtig über den zitternden Riesen fortgleiten ließ, da +drang zugleich ein spöttisches Mitleid gegen diesen besorgten Gatten in +ihr Denken. + +Mitten in ihrer Spannung lächelte sie spöttisch. + +»Können Sie mir denn nicht ein bißchen Trost schenken?« stammelte der +Pächter von neuem. »Ich kann’s ja gar nicht mehr mit ansehen.« + +»Trost? – hm ja.« – Der Physikus ließ seinen dicken Leib schwerfällig in +einen Polsterstuhl fallen und streichelte Hedwig, die sich erhoben +hatte, freundlich die Hand. + +»Na, Kindchen, immer hübsch artig hier draußen?« + +»Ich will Ihnen was sagen, lieber Wilms,« fuhr er dann ganz ernsthaft +fort, »das Unterleibsleiden Ihrer Frau hat sich verschlimmert.« + +»Großer Gott – das – das hätt’ ich nicht erwartet.« + +Der Pächter murmelte es in stumpfer Verzweiflung und lehnte sich, nach +Atem ringend, an die Wand. Und nach einer Weile brachte er hervor: »Das +ertragen wir nicht, sie nicht, und ich nicht.« + +»Armer Kerl,« murmelte der Physikus und schüttelte bedenklich den Kopf, +»leider werden sich jetzt noch Krampfanfälle einstellen – ich hab’ mir’s +längst gedacht, längst. Und dann – –« + +»Und dann?« unterbrach ihn Hedwig heftig und scharf und trat +aufgerichtet vor den Arzt hin. »Nun muß doch etwas Energisches +geschehen, lieber Herr Doktor. Man kann es doch nicht einfach so +fortgehen lassen. Wollen Sie es nicht mit einer Operation versuchen?« + +In ihrer Heftigkeit stampfte sie leicht mit dem Fuß und preßte die Hände +gegeneinander. + +»Eine Operation?« knurrte der Physikus in sich hinein. Er schüttelte den +Kopf, erhob sich ächzend und begann eine Wanderung durch die Stube. So +oft er dabei an dem Landmann vorüberkam, drehte er ein bißchen an dessen +Rockknöpfen; streifte er dagegen an Hedwig, so nickte er ihr in seinem +Selbstgespräch gedankenlos zu. + +Endlich blieb er stehen und, indem er sich befriedigt den weißen +Stoppelbart rieb, als wenn dieser hauptsächlich an der Entwickelung +vorzüglicher Gedanken beteiligt wäre, gab er laut und bestimmt sein +Urteil ab: »Nein, keine Operation; aber sie muß in ein Solbad – ja, ja – +ganz recht – und zwar sofort, denn es ist die allerhöchste Zeit.« + +»In ein Bad?« wiederholte Wilms verwirrt, während er sich langsam über +die Stirn strich. + +Und ihm fiel wieder die unselige Schuld ein, die uneingelöste, und wie +ihm beinahe alles fehlte, um nur die Haushaltung zu bestreiten. Die +Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, nur mit schwerer Zunge konnte +er einwerfen: »Aber – aber die Mittel dazu werden wohl sehr große sein?« + +»Ja, billig ist’s nicht,« meinte Dr. Rumpf und sah den Pächter +teilnehmend an: »Also morgen schreibe ich Ihnen, wohin Ihre Frau zu +gehen hat.« + +Damit verabschiedete er sich, ergriff seinen Stock, schüttelte Wilms die +Hand und wollte eben dem Mädchen väterlich galant die Fingerspitzen +küssen, als er ordentlich erschreckt von ihr zurückfuhr und mit lautem +Ruf aus seiner Brusttasche einen mehrfach versiegelten Brief +hervorbrachte. »Das hätte ich beinahe vergessen,« strafte er sich +selbst, »Kindchen, hier – dein Vater hat es mir mitgegeben. – Es ist +Geld drinnen, und er sagte mir, daß du es bereits erwartest. Ei, das +wäre ja eine schöne Geschichte geworden. Was? Na, adieu, Kindting.« +Damit schritt Dr. Rumpf breitbeinig und ehrwürdig zur Türe hinaus und +fuhr geradeswegs zur Försterin, deren zarte Haut noch am Abend allerlei +Kratzabzeichen aufwies, die des Physici Stoppelbart und seine +Heilmethode jedesmal hinterließen. – – – + +In der ungemütlichen »guten Stube« des Pachthauses blieben die zwei +Menschen allein. + +Beide sahen sich an, der Landmann scheu und mit Herzklopfen, das Mädchen +fest und beinahe auffordernd, als erwarte sie, der Schwager möchte sie +nun fragen, warum sie sich das Geld habe nachsenden lassen. + +Bezeichnend drückte sie den Brief gegen ihre Brust und ließ ihre braunen +Augen ermunternd an den seinen hängen, jedoch Wilms schwieg und biß die +Lippen fest zusammen. + +Eine Demütigung sollte nun folgen – »nur kein Geld von ihr – nur das +nicht«, fuhr es ihm durch den Sinn, und er raffte sich auf und wollte +hinausgehen. + +Da tönte aus dem Krankenzimmer eine schwache, röchelnde Stimme +dazwischen. + +»Wilms – Hedwig – kommt zu mir.« + +Beide erschraken. + +Es klang so fern, so geisterhaft. + +Nun mußte es geschehen. + +Ehe es sich Wilms versah, stand Hedwig dicht vor dem Landmann, und +bewußt und als gäbe es keinen Widerspruch, drückte sie ihm mit einem +festen Blick den Brief in die Hand. + +Er schob ihn zurück, als ob das Papier zwischen seinen Fingern beißendes +Feuer würde, aber heftig, zornig stieß das Mädchen das Dargebotene noch +einmal von sich. + +»Kommt doch zu mir,« klagte es abermals von drinnen, »weshalb bleibt +ihr so lange?« + +»Hedwig – was soll ich damit?« stammelte Wilms, auf den Brief weisend. + +»Schnell! – Es sind 5000 Mark – ein Drittel meines Erbteils – Wilms, +damit mußt du dir helfen und dann Elses Reise bezahlen, hörst du?« + +»Ich kann nicht – ich darf ja nicht, Hedwig.« + +»Warum nicht?« + +»Weil – weil – –« er fand keine Antwort und hielt nur, wie von Ekel +erfaßt, das Geld weit von sich. + +»Willst du gerade mir nicht verpflichtet sein?« + +»Ja,« stöhnte er. + +»Und aus welchem Grunde?« + +»Weil – –« + +Dem Bauern flimmerte es vor den Augen, die Kehle war ihm wie +zugeschnürt. O, er fühlte deutlich, daß er das Geld nicht nehmen dürfe, +weil dieses Mädchen, das so blühend, so kräftig vor ihm stand, weil +dieses schöne fremde Weib sich in sein Denken geschoben hatte, sündhaft +und abscheuerregend und dennoch etwas Unerkanntes in ihm erweckend, das +sich qualvoll und erfrischend zugleich in ihm emporhob. + +»Und wenn ich dich so recht darum bitte?« drängte Hedwig einfach und +legte ihm vertrauensvoll die Hand auf die Schulter. + +Beide blickten sich eine Sekunde lang an. + +Da war es wieder. Da brach es wieder aus ihm hervor. Wilms zitterte am +ganzen Körper, tausend widersprechende Stimmen schrien in ihm +durcheinander. + +»Schlag sie nieder,« reizten die einen. + +»Hast du nicht lange genug ein Weib entbehrt?« flüsterten die andern, +»umarm’ sie, küss’ sie.« + +»Großer Gott, was machst du aus mir, Hedwig?« stieß er tonlos hervor. +»Ich darf ja nicht!« + +»Und Elsen willst du nicht helfen?« bat sie von neuem. Noch niemals +hatte sie so sanft zu ihm gesprochen. + +Aus dem Krankenzimmer drang ein matter, ersterbender Laut. + +Da preßte Wilms plötzlich mit seiner brutalen Riesenkraft ihre beiden +Hände in die seinen, die noch den Brief umschlossen, und näherte sein +Haupt dem ihren, als ob er dem Mädchen etwas zuraunen wollte. Aber kein +Wort ging über seine Lippen, er sah sie nur an, und erst nach geraumer +Zeit drang es stückweise hervor: »Ich nehm’ es ja – wenn du es willst – +denn du bist gut – ja du bist gut.« + +Es war wie ein geheimes Einverständnis über beide gekommen. Und jetzt +lächelte sie ihn auch frisch und freimütig an, als sie ihn bat, nach +seiner Wirtschaft zu sehen, denn sie selbst würde Else alles, was über +die bevorstehende Reise beschlossen sei, schonend und ruhig mitteilen. + +Er nickte und wandte sich langsam ab. Aber noch an der Tür streckte er +ihr in überwallendem Gefühl zum zweitenmal die Hand entgegen. + +Hedwig stand noch immer und lächelte. + +»Geh nur.« + +»Ja, ja,« murmelte Wilms wie im Traum, und mit einem langen Blick: »Du +bist gut.« + + + + +X. + + +Am Nachmittag waren die beiden Schwestern allein. Wilms war in die Stadt +gefahren, um Herrn Rosenblüt das vorgeschossene Geld zurückzuzahlen. + +Es war gerade der achte Tag. + +Und so waren die beiden Frauen auf sich selbst angewiesen. Bewegungslos +lag die Kranke in ihrem Bett, vor sich die Bibel, auf deren Deckel sie +leise hin- und herkratzte, und starrte apathisch auf den Hof hinaus, der +sich bereits in Dämmerung hüllte. + +Hedwig hatte bis dahin munter und emsig an einer eleganten +Seidenstickerei gearbeitet, jetzt aber ließ sie sich ebenfalls am +Fenster nieder, und den Kopf auf die Hand gestützt, träumte sie nun, +leise eine Melodie summend, in den sinkenden Tag hinaus. + +Dunkelrot ging die Sonne hinter der Scheune zur Rüste. Einen Augenblick +lang war das ganze Zimmer in magischen Glanz getaucht, selbst das +Antlitz der Kranken strahlte in wunderbarer Pracht. + +»Wie schön du bist, Hedwig,« murmelte die Liegende, als ihr Blick die +Schwester traf, auf deren goldbraunen Haaren die Lichter purpurn, wie in +Verklärung spielten. Und gleich darauf wimmerte sie: »Gott – so war ich +auch einmal, und nun elend, gelähmt, immer auf fremde Leute angewiesen.« + +»Jesus Christus,« schrie sie plötzlich in ekstatischer Glut und hob die +abgemagerten Hände in die leuchtende Höhe, daß sie wie mit Blut befleckt +erschienen. »Nimm mich doch zu dir, mach doch ein Ende mit mir elendem +Krüppel – ich ertrag’s ja nicht länger, wenn ich andere sehe, so schön, +so jung, und ich – – ach, in dem Bade wird’s ja auch nicht besser +werden.« + +Hedwig rührte sich nicht. + +Die Kranke starrte ängstlich nach ihr hin und schien sie etwas fragen zu +wollen, aber nur ihre Brust hob sich etwas flüchtiger als sonst. + +Da schlich der alte Krischan, der zahnlose, taube Greis, ins Zimmer, +legte mit seiner zitternden Hand ein Zeitungsblatt auf den Tisch, und +entfernte sich wortlos, wie er erschienen war. + +Seit Hedwig auf dem Pachthof weilte, wurde ihr aus der Stadt eine +Zeitung nachgesandt; und eilfertig erhob sich das Mädchen deshalb, um +die Lampe zu entzünden und einen Blick in das Blatt werfen zu können. + +»Hedwig,« rief die Kranke mit zitternder Stimme dazwischen, als das +Mädchen bereits ruhig ein paar Minuten im Schein der Lampe die +Tagesereignisse verfolgt hatte. Dabei war der Leserin allerdings +entgangen, wie ihre Schwester keinen Blick von ihr verwandt hatte, +obgleich sie sich erregt hin und her warf. + +»Willst du jetzt schon deine Medizin nehmen?« fragte die Gerufene +willig, indem sie die Zeitung hinlegte. + +»Nein, mein Kind, noch nicht – ich möchte, – setze dich doch her zu mir +ans Bett, – – Wenn ich nun doch in das Bad soll, dann werden wir ja +nicht mehr lange so sitzen.« + +Schweigend folgte Hedwig dem Wunsch der Schwester und setzte sich auf +einen Korblehnstuhl, der zu Häupten des Bettes stand. + +Die Kranke kauerte sich mit ihrem Kopf ganz in die Nähe der Schwester, +ergriff schließlich Hedwigs Hand und legte sie sich auf die Brust. + +Deutlich fühlte das Mädchen, wie keuchend und rasch der Atem ging. + +Eine Zeitlang verharrte sie so, als jedoch nach einer Weile die Jüngere +von neuem nach der Medizinflasche griff, schüttelte Else nervös den Kopf +und fragte überstürzt, als ob ihr dies schon lange auf der Seele +gelegen hätte: + +»Hedwig, ich wollte dich einmal fragen, gefällt es dir denn bei uns?« + +Es lag etwas so Ängstliches im Ton der armen Frau, daß Hedwig unruhig +wurde. + +»Gewiß,« gab sie rasch zurück, »überdies kam ich doch auch nur, um dich +zu pflegen –« + +Die Kranke richtete sich mühsam auf: »Und was denkst du – von Wilms?« +fuhr sie hastig fort, ohne auf das eben Gehörte einzugehen. + +Hedwig erschrak. Sie wußte selbst nicht warum. Unwillkürlich mußte sie +sich gerade jetzt daran erinnern, wie eisern fest Wilms heute vormittag +ihre Hände umklammert hatte. Dem starken Mädchen wurde plötzlich das +Alleinsein mit der aufgeregten Kranken drückend und unheimlich. + +»Kannst du ihn leiden?« forschte die letztere dringender, und umschlang +in ihrer sitzenden Stellung den Hals der Schwester. + +»O ja« – murmelte diese verwirrt – »dein Mann macht einen braven, +rechtschaffenen Eindruck. Und vor allen Dingen scheint er um dich so +aufrichtig besorgt.« + +»Glaubst du?« seufzte die Kranke erleichtert auf. – Dann drückte sie +sich erregter an die Schwester, so daß ihre Wange an der Hedwigs ruhte. + +Schaudernd empfand die Jüngere die Berührung der feuchten +fiebergeschüttelten Haut, ja ein leiser Widerwille beschlich sie, als +sie von der Kranken jetzt heiß und zärtlich auf die Wange geküßt wurde. + +»Ja, Gottlob,« raunte die Ärmste dabei dicht vor dem Ohr der Schwester. +»Er liebt mich noch immer. – Aber – aber – o Gott, Hedwig, ich will dir +etwas anvertrauen. Sieh, wenn ich dich sehe, so schön und gesund, gerade +wie ich jetzt auch sein könnte, wenn ich mir unsere fröhliche Jugendzeit +vorstelle, dann ist es mir manchmal, als ob ich Wilms – o Gott – +verzeih’ mir die Sünde, rechne es mir nicht an, aus mir spricht ja nur +das Elend« – wimmerte sie dazwischen – »Hedwig, dann ist es mir +manchmal, als ob ich meinen Mann haßte, – hörst du? – der mich zu +alledem gemacht hat. Bitter und giftig, wie ich noch nie einen Menschen +gehaßt habe. Und dabei – ach, du kannst es ja nicht verstehen – dabei +sehne ich mich ja so nach ihm, dabei muß ich immer an die ersten Monate +unserer Ehe denken, wo ich so glücklich bei ihm war und wir uns +herzten,« sie zuckte zusammen und riß die glänzenden Augen weit auf. + +»Nein – nein – nein – ach, du mein Gott, was sag’ ich nur alles – das +ist ja alles Todsünde – Hedwig, glaube kein Wort davon, ich fiebere – +höre nicht darauf.« + +Und unvermittelt hob sie laut an zu beten; wirr durcheinander, mit den +Worten des Psalms: + + »Herr Gott, mein Heiland, wie schreie ich Tag und Nacht vor dir. + Du hast mich in die Grube hinuntergeleget in die Finsternis. + Wirst du unter den Toten nicht endlich ein Wunder tun? – + Erbarm’ dich meiner – Sela – Sela.« + +Nach diesem Ausbruch fiel sie, wie ein lebloser Stein, schwer und dumpf +in ihre Kissen zurück, und blieb mit langsam verlöschenden Augen liegen. + +Kalt durchfröstelt, und doch voller Widerwillen gegen diese ekstatische +Art flößte Hedwig der Erschöpften, welche die Zähne krampfartig +zusammenbiß, einige Tropfen der beruhigenden Medizin ein. Dann wischte +sie ihr den Schweiß von der Stirn, was die Leidende alles mit denselben +erstarrten, ausdruckslosen Zügen geschehen ließ. + +Fast eine Stunde verrann so. + +Kein Laut regte sich mehr in dem großen Zimmer. Traulich dämmernd, wie +immer, verbreitete die große Stehlampe ihr Licht, und Hedwig saß an dem +Bett und sah scheu auf die Frau hin, die ihren Mann als den Zerstörer +ihrer Gesundheit haßte und sich zugleich nach ihm sehnte in einer +wilden, unreinen Leidenschaft. + +»Unrein?« + +Mit schwachem Lächeln zuckte die Pflegerin die Achseln und lenkte ihre +Gedanken wieder auf sich selbst und jene eine Begebenheit zurück, wo +zuerst ein Mann ihren Lebensweg gekreuzt hatte. Nur trat ihr dabei, so +sehr sie sich auch Mühe gab, nicht der freche Brachwitz vor Augen – +nein, seltsam – beinahe lächerlich – immer fort, und je länger desto +deutlicher, drang der starke Wilms auf sie ein, faßte sie an beiden +Armen und beugte sich über sie, immer gewaltsamer – mit seinem ehrlichen +Gesicht, das doch so roh und zornig blicken konnte. O, es war ein so +schmerzhaftes, unselig-frohes Gefühl. – – Und sie sagte sich in ihrem +Hinträumen, daß alles nur der Nachklang von Elses Erzählung wäre, und +sie stellte sich vor, wie warm und weich ihre Schwester wohl an Wilms +Halse gehangen hätte, und dennoch – und dennoch – die Ahnung wurde immer +deutlicher, bis sie sich schaudernd aufraffte und sich schüttelte. + +Verwirrt strich sie ihr braunes Haar zurecht. + +Aus der großen Kastenuhr schlug es achtmal. + +»So spät schon? – Wo Wilms nur bleiben mochte?« Und wieder erschrak sie +darüber, daß sie ihn erwarte. + +Da – sie fuhr auf. + +Sprach ihr zur Seite nicht etwas? + +»Ach, mir ist viel besser,« flüsterte die Kranke leise sich regend und +legte ihre feuchte Hand wieder auf die der Schwester: »Du bist auch so +still und sanft, mein süßes Heting.« + +Wohl eine Stunde hatte die Ärmste vor Ermattung in tiefem Schlummer +gelegen, jetzt erhob sie sich müde und zerschlagen und blickte sich +dumpf im Zimmer um. + +»Ist Wilms noch nicht zurück?« + +»Nein, noch nicht.« + +»Wo fuhr er denn hin?« + +»Nach Grimmen.« + +»So?« murmelte die Kranke in sich zusammensinkend – »Erzählte er dir +das?« Und nach einiger Zeit setzte sie gleichgültig hinzu: »Er hat wohl +viel Vertrauen zu dir?« + +»Ja, ich denke.« + +Die Kranke nahm von Hedwigs Hand ihre Medizin, das Mädchen schlug ihr +die Kissen zurecht, sodaß sich die Leidende besänftigt und ruhiger als +bisher ausstrecken konnte. + +Dann lag sie und blickte ihrer schönen Schwester mehrere Minuten lang +unausgesetzt und grübelnd ins Gesicht. Hedwig schoß das Blut in die +Wangen. + +Sie wußte selbst nicht warum. + +»Wünschst du etwas?« forschte sie rasch. + +»Nein, nein, nichts. Komm, mein Liebling, ich will dich etwas fragen – +Ich bin doch deine Schwester, und du bist nun erwachsen – Sieh, da +möcht’ ich gern wissen, mein Heting, – du darfst es mir aber nicht übel +nehmen – ob du – was du dort drüben so in der Pension erlebt hast?« + +Es klang ein wenig ängstlich, aber doch mehr zudringlich und neugierig. + +Statt einer Antwort lehnte sich Hedwig tief in ihren Lehnstuhl zurück +und schloß die Augen. – Es war ihr, als senke sich die Decke des +niedrigen Zimmers immer tiefer auf sie herab, als fehle es ihr an Luft, +als wäre alles zu eng und öde auf diesem weltverlassenen Pachthofe. – +Was wollte nur die Schwester mit dieser albernen Frage? – Wieviel +Spießbürgerlichkeit lag darin. Was ging sie das alles an? + +»Ah, jetzt verstehe ich dich,« sagte sie endlich mit ihrer klaren +Stimme. »Du denkst an das, was Graf Brachwitz gestern erzählte.« + +Sie zog dabei die Arme hinter das Haupt und schaukelte mit dem Stuhl +leise hin und her. + +»Ja, ja,« pflichtete Else bei, »das geht mir gar nicht aus dem Kopf. Und +daß gerade die beiden Frauen dabei waren. Es klang alles so dunkel, +Hedwig, sag’ mir doch, mein Liebling, was hattest du mit dem Grafen?« + +»Was ich mit ihm hatte?« + +»Ja – du mußt mich recht verstehen – – ach, es regt mich so auf und jagt +mir soviel Angst ein – – du bist ja auch noch so unerfahren – – diese +schreckliche Unruhe hat mich seit gestern vollständig niedergeworfen. – +Wir haben doch beide keine Mutter mehr, Hedwig, und da bin ich –« + +»Was ich mit ihm hatte?« + +Über das Antlitz der Jüngeren glitt ein kaltes, merkwürdiges Lächeln, +das wohl dem häßlichen Ausdruck galt, welchen die Kranke gewählt hatte. +Dann dehnte sie ihre volle, im Sessel ruhende Gestalt und schüttelte den +Kopf, als wollte sie damit das Gespräch ein für allemal abschneiden. + +»Hedwig, peinige mich nicht,« rief die Kranke plötzlich mit spitzer, +gereizter Stimme. »Was hattest du mit ihm?« + +Die Jüngere wollte aufstehen. Die Gewöhnlichkeit des Ausdruckes stach +sie geradezu, aber die Schwüle, die von dieser abgezehrten Frau ausging, +die dumpfe Schwere, die bereits den kräftigen Wilms zermürbt hatte, +preßte auch sie in ihren Stuhl zurück. + +»Willst du mir keine Antwort geben?« + +»Ja,« antwortete Hedwig. + +»Nun also – ich bitte dich.« + +»Ganz einfach, Else. – Der Graf ist, wie du weißt, ein Lebemann –« + +»O Gott – und?« + +»Du hörtest ja gestern. Deshalb drängte er sich, weil er viele hübsche +Mädchen dort vermutete, in unsre Pension ein und versuchte dann allerlei +lockere Tändeleien anzuknüpfen.« + +»Aber mit dir – Hedwig – mit dir?« + +»Mit mir?« + +»Ja.« + +Ein rascher Atemzug wurde hörbar. Der prachtvolle, junge Leib dieses +schönen Weibes wand sich, als ob er eine schmerzhafte Berührung +empfände, ein Schauer rieselte beinahe sichtbarlich über sie hin, dann +aber stürzte es rasch und wie gehetzt über ihre Lippen: + +»Er hat einmal versucht, mich gewaltsam zu küssen – weiter nichts.« + +»Weiter nichts?« + +Zuvörderst ein langer befriedigter Seufzer der gesättigten Neugier. Dann +raffte sich die Kranke mühsam auf und blickte die schlanke, +zurückgelehnte Gestalt der Schwester mit furchtsamen, vor Erstaunen, +Neid und Bewunderung glühenden Augen an. + +»Ja,« schoß es ihr durch die krankhaft erregten Sinne, während sie +beinahe gierig nach dieser frischen Jugend hinstarrte, »ja sie ist +verführerisch schön, dieses hingestreckte Ding mit den lichtbraunen, +goldfunkelnden Haaren.« Und mit heftig erwachender Neigung überflog sie +die blühende Gesichtsfarbe der Schwester, entzückte sich an dem +verschleierten Leuchten und Blitzen der Augen und empfand, wie vornehm +das straffe schwarze Kleid die ganze Gestalt umschloß. + +»Heting, mein süßes Kind,« stammelte sie und überdeckte unvermutet die +Hand der Überraschten mit brennenden Küssen. Eine irre, praktische +Hoffnung dämmerte dabei in ihr auf: »Liebt dich denn der Graf so sehr?« + +Hedwig zuckte zusammen und wurde sehr blaß. + +Else bemerkte es. + +»Laß das,« erwiderte die Jüngere endlich herb, erhob sich und schritt +rasch bis zum Tisch, um an der Lampe zu schrauben. + +»Nein?« rief Else entsetzt, »ja aber aus welchem Grunde?« + +»Er ist einfach frech gewesen.« + +»Frech? – Großer Gott – Hedwig, dreh’ dich doch um – dann – dann +durftest du ja hier gar nicht mit ihm zusammentreffen – wenn ich das +gewußt hätt’ – – Du hast dich doch damals gewehrt? Nicht wahr?« + +»Ja,« flog es halblaut vom Tisch herüber. + +Es klang wie von zusammengepreßten Lippen. + +»Hedwig, du sollst dich umdrehen. – Ich will dich sehen können,« schrie +die Kranke mit durchdringender Stimme. + +Und in demselben Augenblick wendete sich das Mädchen, und die Leidende, +so erschöpft sie war, sah voller Verwunderung, wie Hedwig, die +Medizinflasche in der Hand, mit ihrem sicheren, selbstbewußten Ausdruck +und achselzuckend auf das Bett zuschritt. + +»Heting, mein Liebling,« flüsterte sie, »beruhige mich doch. Weiter ist +zwischen euch nichts vorgefallen?« + +»Nichts,« entgegnete die andere, die Augenbrauen zusammenziehend. +»Siehst du, daß du doch diese ganze dumme Geschichte viel zu ernst +nimmst? Hier trink’ deine Medizin.« + +»Nein, laß noch – Heting – wirklich weiter nichts? – Weiter nichts?« + +War es möglich? + +Die Kranke schluchzte, flehte, bettelte plötzlich halb besinnungslos um +eine Entgegnung und hob ihren mageren Körper weit in die Höhe. + +Eine Pause entstand. + +Die Gefragte blickte starr auf sie hin. Dann glitt von neuem ein +verächtliches Zucken um die aufgeworfenen Mädchenlippen und kurz und +gereizt kam die Antwort: »Ich bitte dich, gib dich nun zur Ruhe. Was +soll denn noch alles vorgefallen sein? – Komm’, Else, du mußt deine +Medizin nehmen.« + +So endete dieses Gespräch. Die Krankheit trat wieder in ihre Rechte. Es +wurde spät. Jeder Laut auf dem Gute erstarb, und noch immer war Wilms +nicht heimgekehrt. Erst als die große Kastenuhr bereits die elfte Stunde +gemeldet hatte, hörten die beiden Schwestern seinen Wagen durch den +Torweg rollen. + +»Wo ist Hedwig?« fragte Wilms noch unter der Tür. Aber er forschte +vergeblich. + +Beim ersten Geräusch war Hedwig bereits aufgesprungen, hatte die +Schwester auf die Stirn geküßt und war dann sofort in ihre Kammer +hinaufgestiegen. + +»Schon zu Bett,« entgegnete die Kranke matt, und es fiel ihr nicht auf, +daß der Pächter, der heute so frisch und froh und stattlich wie selten +aussah, zuerst nach dem Mädchen gefragt hatte. + +Und siehe – eine Stunde später, da war der frohe Schein von seiner Stirn +verschwunden. + +Zusammengeduckt saß der große Mann in dem Lehnstuhl, welchen Hedwig +vorhin verlassen, und lauschte gedankenlos auf die raschen, röchelnden +Atemzüge seines Weibes. Es war ganz dunkel ringsumher. Nur aus einem +Glase flackerte ein auf Öl schwimmendes Nachtlichtchen heraus. + +Und der Mann saß und dachte an das, was ihm sein armes Weib eben +anvertraut hatte. + +»Geküßt hatte sie der junge, lebenstrotzende Mensch?« + +Es war eine grobe Beleidigung – auch für den Landmann. Aber das fühlte +er nicht. + +Er nickte und hockte und das Herz drückte ihm etwas weh und wund. + +»Ob sie sich wohl gewehrt hat?« dachte er müde. + +Ein Ächzen seines Weibes schob sich dazwischen. Er beugte sich leise zu +ihr hinüber und fuhr ihr beruhigend mit seiner groben Hand über Wange +und Hals. + +Und dabei irrten seine Gedanken wieder zu dem jungen Geschöpf, das dort +oben unter dem Dach schlummerte, ebenso wie hier sein Weib, und das sich +vielleicht sehnte und verlangend die weißen Arme nach dem Verführer +ausstreckte. + +Halb betäubt vor Müdigkeit sank sein mächtiges Haupt endlich schwer auf +die Kissen, so daß Else davon erwachte und zärtlich ihre Arme um seinen +Nacken schlang. + +Und mit irrer Sehnsucht und verlöschendem Bewußtsein preßte er seine +Lippen auf den abgezehrten Arm der Bedauernswerten und stöhnte in +verzweifelter Seelenqual tief und markerschütternd auf. + + * * * * * + +Aber als die Wünsche des unglücklichen Mannes scheu in das +Dachkämmerchen drangen, wo er das schönere jüngere Weib auf seinem Lager +ruhend vermutete, da hatte er recht geahnt, beinahe wie wenn sein +geistiges Auge die Mauern hätte durchdringen können. + +Da lag sie, vor Lebensglut und Herzensangst zitternd, und streckte die +weißen Arme aus. Aber nicht nach dem Verführer, nein, nach etwas +anderem, Unbekannten, das sie nicht nennen konnte. + +Der Schlaf wollte sich nicht einstellen, unruhig, schauernd, sich selbst +unerklärlich, warf sie sich herum, stützte den Kopf in die weichen Hände +und schaute regungslos durch das kleine Fensterchen zum Sternenhimmel +empor. Über das Strohdach, dicht über ihr säuselte der Nachtwind. Sie +hörte das heimliche Geräusch, wenn er mit den losen Halmen spielte, und +ihr war es, als schlüge wieder die heiße, glühende Stimme des jungen, +frechen Edelmannes an ihr Ohr. Ihre Brust ging auf und ab. Und da – da +stieg es wieder herauf – da sah sie von neuem das ganze Bild jener +unseligen Stunde vor sich, deren Einzelheiten sie vorhin ihrer Schwester +so sorglich verborgen hatte. + +Da fand sie sich wieder in dem kleinen Pensionsstübchen, ein vor +Überraschung und Angst gelähmtes Geschöpf, das von dem liebestollen +Eindringling mit Küssen überdeckt wird, – das vor Scham nur leise Bitten +hervorstammeln und um Schonung flehen kann, und das, nachdem einmal die +Binde roh von seinen Augen gerissen ist, sich wehrt, – wehrt mit +verzweifelter, glühender, endlich siegreicher Kraft gegen einen +Angriff, von dem sie ahnt, daß er ihr etwas Kostbares, Höchstes rauben +muß! Großer Gott, was ist seitdem aus ihr geworden? – Was!! Sie wirft +sich nieder und preßt ihr Gesicht in die Kissen. Seitdem ringt sie ja +täglich so. Nicht mit dem einen, nein, mit allen, allen. Sie schleicht +sich in ihrer Vorstellung an diese Rohen, Verhaßten heran, wie das +hungrige Meer dort drüben nahe der Insel, das gegen die Felsblöcke +schlägt und donnert, und das die Steine zu sich herabziehen will, um sie +zu küssen, zu umarmen und zu ersäufen. + +»Großer Gott!« – Sie will beten. Aber sie kann nicht beten. Sie verlacht +ja den geoffenbarten Glauben. Das hat sie auch drüben gelernt von ein +paar schwedischen Mitschülerinnen, welche ihr all jene Bücher geborgt +haben, die wie Sturmwind Nebel und Wolken verjagen, aber auch das Meer +der Leidenschaft immer wilder in die Höhe peitschen. + +Jetzt schäumt’s und brandet’s. Hui, der Sturm pfeift. + +Großer Gott – Großer Gott. + +Und dann stößt sie die Decken von sich, daß der Mond ihre weißen Glieder +küßt, und weint bitterlich. + +Frühlingsschauer! + + + + +Zweites Buch. + +I. + + +Wilmshus liegt versunken im tiefen Schnee. Zeitig ist der Winter +hereingebrochen und hat den öden Pachthof völlig verschneit. Und doch +regt sich Leben in der weltabgeschiedenen Besitzung. Seit die Kranke, +von Hedwig begleitet, in dem fernen Solbad weilt, ist der lastende +Zauber von der Wirtschaft gewichen. + +Lichter Rauch steigt aus dem Schornstein in die blaue, kalte Luft, Wilms +steht mit seinen großen Transtiefeln, das Wams bis an den Hals +zugeknöpft, frisch und rüstig auf dem Hof und läßt die Scheunen +ausbessern, Viehzucht und Molkerei gedeihen, überall Tätigkeit in dem +einsamen Winkel, Spuren künftigen, rückkehrenden Wohlstandes. + +Da klingelt ein Schlitten auf der Landstraße heran. Vielstimmiges +Hundegebell wird laut, und da hält auch schon der unförmige Kasten und +enthüllt seine seltsam gemischte Ladung. Es sind der junge Graf +Brachwitz und Förster Eltze, welche zur Jagd fahren, mit dem Pastor +Schirmer, der Wilms aufsuchen will, und deshalb allein aussteigt. + +»Ho, ho – Wilms, hier heran, – hier heran,« brüllt inzwischen der +gutmütige Förster, während er mit seinen Riesenfäusten, die in +kolossalen Pelzhandschuhen stecken, aus Leibeskräften winkt, und als +Wilms an den Schlitten tritt, um den jungen Edelmann befangen und +einsilbig zu begrüßen, wird dem Pächter von dem Weidmann ein großes +Paket unter den Arm geschoben. + +»Hier, Wilms – von meiner Frau. – Ein paar Würste und so was. Na schon +gut. – Bei Ihnen als Strohwitwer wird ja diesmal davon wenig zu spüren +sein, was?« + +»Ja, sagen Sie mal, lieber Nachbar,« wirft der junge Brachwitz +dazwischen, der in seinem pelzbesetzten Jagdkostüm zurücklehnt und eine +Zigarre raucht. »Wie geht es eigentlich Ihrer Frau? – Gute Nachrichten?« + +Einsilbig erzählt der Pächter, daß er kürzlich von seiner Schwägerin +einen Brief erhalten, wonach der Zustand der Kranken sich schon etwas +gebessert hätte. + +»Nun, da gratuliere ich Ihnen von Herzen, lieber Herr Wilms,« entgegnet +der Graf aufmerksam, und nachdem er dem Pächter eine Zigarre angeboten, +erkundigt er sich leichthin: + +»Ihr Fräulein Schwägerin kommt ja wohl in Kürze wieder hierher zurück?« + +Wilms Antlitz verfinstert sich. Er nickt bloß. + +»Und wann, wenn ich fragen darf?« + +»Das ist unbestimmt,« sagt der Landmann düster, und tritt dem Schlitten +etwas näher. + +»So, so,« der Graf mißt den kräftigen Pächter von oben bis unten, wobei +er unwillkürlich an das Gewehr greift, dann gibt er dem Kutscher +lächelnd das Zeichen zum Weiterfahren, nicht jedoch, ohne vorher mit +großer Höflichkeit die Hoffnung ausgesprochen zu haben, den Pächter bald +wieder begrüßen zu können. + +»Vorwärts.« + +Der Schlitten fliegt davon. + + * * * * * + +Pastor Schirmer blieb über den Kaffee da. + +In dem großen Zimmer, in dem noch immer das Krankenbett wie eine düstere +Mahnung stand, dampfte in großen altfränkischen Schalen der braune Trank +auf dem Tische, und die beiden Herren saßen gemütlich dahinter und +plauderten. + +Die Hofarbeit war vollendet, das Tagewerk vollbracht, nun konnte der +emsige Landmann der Ruhe pflegen. Man steckte zwei große, lange Pfeifen +an, die Wilms in den Krankheitsjahren unbenutzt im Schrank verborgen +hatte, und in kurzer Zeit hatten die beiden Herren, jeder behaglich im +Sofa zurückgelehnt, mächtige blaue Wolken um sich verbreitet. + +Ein süßer, angenehmer Tabaksduft füllte die Stube. + +»Ja, ja,« sprach der Landmann nachdenklich vor sich hin, »meine arme +Frau konnte den Geruch nicht vertragen, er verursachte ihr Hustenreiz +und ich – –« kam es unwillkürlich heraus, »hab’ ihn dabei so gern.« + +»Lieber Freund, man muß sich eben fügen,« paffte der kleine Pastor und +nahm einen Schluck Kaffee, »ja, muß sich fügen. Darin besteht +schließlich unser ganzes Christentum. – Was ich sagen wollte – – Ihre +liebe Frau – – – Sie bangen sich doch wohl schon sehr nach ihr?« + +Wilms nickte und rauchte in langen Zügen weiter. + +Ja, es fehlte ihm etwas, er sehnte sich nach irgend etwas, sein Haus +erschien ihm jetzt oft so leer und freudlos, und dennoch zog sich sein +Herz vor Furcht zusammen, wenn er an Elses Rückkehr dachte. Sein +jetziges einsames Dasein schien ihm dann erträglicher. Wenn er nur +dieses schmerzliche Sehnsuchtsgefühl aus seiner Brust hätte verbannen +können. Es galt ja doch bloß seinem Weibe. Nur ihr. + +»Freilich, solch ewiges Leid,« murmelte der kleine Pastor mit seiner +dünnen Stimme weiter, »das schließt die Menschen wie mit eisernen +Ketten aneinander, nicht wahr?« + +»Ewiges – Leid,« wiederholte der andere mechanisch und blickte starr auf +das Bett hinüber. »Ja, Sie haben recht, Herr Pastor.« Eine Zeitlang +schwiegen die beiden Freunde und hingen ihren Gedanken nach. + +Die Pfeifen glimmten, draußen fiel Schnee, es war behaglich warm im +Zimmer. + +So merkten sie nicht, daß sich inzwischen die Tür leise geöffnet und der +dicke Kreisphysikus Dr. Rumpf unbemerkt hereingetreten war. In seinem +Pelz, in Pelzmütze und derben Wasserstiefeln sah er wie ein borstiges +Ungeheuer aus. »’n Abend, Kindtings, ’n Abend,« ächzte er. + +Kaum hatte Wilms seinen muntern Gast erfreut seiner zottigen Hüllen +beraubt, so warf sich der Physikus pustend neben dem Pastor auf einen +Lehnstuhl nieder, nahm dem Geistlichen einfach die Tasse weg, trank dann +mehrere Schalen des heißen Getränks und schien endlich erwärmt zu sein. + +»Verdammter Frost,« schnaufte er zuletzt und schlug sich befriedigt auf +seinen Kugelbauch. »Komme hier bloß ’raus, Wilms, um Ihnen zu erzählen, +daß ich einen Brief vom Anstaltsarzt in Inowrazlaw erhalten habe.« + +»Nun, was denn, Herr Doktor, was gibt es denn?« rief der Landmann +aufgeschreckt und sprang auf. + +»Na, es geht ganz leidlich, schreibt er. Sehen Sie, ich hab’s gleich +gesagt. Nun soll sie nur noch an größere Selbständigkeit gewöhnt werden, +und deshalb schickt er Ihre Schwägerin nach Hause. In diesen Tagen sogar +schon. – Ein reizendes Ding übrigens, die kleine Hete, was?« schmunzelte +der Physikus plötzlich über das ganze Gesicht und kratzte in seinem +Stoppelbart; »ich freue mich ordentlich darauf, daß wir sie bald wieder +nach Grimmen bekommen.« + +Wilms blieb stehen. »Nach Grimmen?« wiederholte er schwerfällig. »Geht +denn – Hedwig zu meinem Schwiegervater zurück?« + +»Na, vermutlich doch; oder haben Sie sie hier nötig, Wilms?« + +»Ich?« + +Eine Unruhe befiel den starken Mann, er strich mit seiner Hand über die +kurzgeschorenen Haare, dann äußerte er auffallend hart und abweisend: +»Nein, ich nicht.« + +»Na, sehen Sie,« sagte der Physikus gemütlich. Dann klopfte er mit der +Hand auf den Tisch. »Vorwärts, meine Herren, jetzt machen wir ein +Skätchen; Karten hab’ ich bei mir, und Sie stecken die Lampe an, +Wilms.« + +»Lieber Doktor, das viele Kartenspielen halte ich für – – –« wollte +Pastor Schirmer kleinlaut einwenden, aber der Physikus schlug noch +energischer auf den Tisch und knurrte: »Ach Unsinn, machen Sie weiter +keine Umstände, Pastor, – und solange Sie gewinnen, ist Ihre liebe Frau +mit allem einverstanden. – Wer gibt? – Na also – Wilms, bringen Sie die +Lampe – Tourné, Pastor? Solettchen auch? Na dann Eichel. Raus mit den +Triümphern, meine Herren, – Wilms, die Lampe blakt – was gibt’s Neues, +Pastor?« + +In bester Eintracht spielten die Herren fort. + +Nur Wilms, der sonst ein vorzüglicher Spieler war, beging einen Fehler +nach dem andern, zuletzt störte er sogar offenbar die Pläne seines +Partners. + +Der Pastor legte sanft die Karten auf den Tisch. + +»Na hören Sie mal, Wilms« – sagte er bedenklich, »so was ist noch gar +nicht dagewesen – haben die Treffzehn blank und werfen Sie mir nicht +’rein?« + +»Ja, und ziehen dem geistlichen Herrn das Geld aus der Tasche?« schrie +der Physikus. + +»Worüber grübeln Sie denn immerfort? Müssen auch nicht zu viel an Ihre +Frau denken.« + +An seine Frau? Ja, er grübelte und quälte sich und sann – – aber die +Hände mit den Karten begannen ihm vor Schreck zu zittern, bleischwer +fiel es ihm aufs Herz, er dachte ja gar nicht an sein unglückliches +Weib, all seine Erinnerung galt der Jüngeren, diesem herrlichen jungen +Geschöpfe, dessen Bild er nicht bannen konnte, das er immer wieder sah, +weiß und rosig, so wie damals als sie ihre junge Schönheit dem Regen +preisgab. Den Sinn verwirrte es ihm noch. + +Und sie wollte zu ihrem Vater zurückkehren, und nicht zu ihm, nicht in +dies Haus, das so leer war? + +Die Herren spielten weiter. Noch ein paar Stunden, dann trennte man +sich. + + * * * * * + +Einige Tage verstrichen, emsig wurde geschafft, nur mit der Molkerei, +die Wilms mit Hedwig eingerichtet, wollte es nicht mehr glücken. Hier +fehlte die anordnende, weibliche Hand. + +»Wenn das Fräulein man wieder da wär,« klagte die Obermagd eines Tages +dem Landmann. + +»Sie geht zu ihrem Vater,« dachte Wilms trübe. »Was kümmern wir sie.« + +Ernst und verschlossen ging er seitdem umher. Der Schnee fiel draußen +immer dichter und legte sich wie ein weißer Wall um das Gehöft. + +Dadurch wurde es wieder so still und einsam, wie je zuvor. Ein Tag nach +dem andern verfloß. In der Landwirtschaft gab es jetzt nichts mehr zu +wirken. Schweigend saß der Pächter oft stundenlang am Fenster, blickte +über den verschneiten Hof und wartete, ob ihm nicht der Landbriefträger +ein Lebenszeichen von den beiden Frauen bringen würde. + +Aber nichts von alledem geschah. + +Und allmählich verfiel er wieder in sein düsteres Hinbrüten; der große +Mann mit den kurzgeschorenen, blonden Haaren verbrachte dann ganze +Stunden im Zimmer. Er wanderte auf und ab, sah dabei auf das reinlich +zugedeckte Krankenlager seines Weibes, oder nahm ihre Bibel in die Hand +und starrte interesselos hinein, während er sich an die von ihr mit +Vorliebe gebrauchten Gebete erinnerte. + +Dann begann er einige der Verse nachzusprechen und schüttelte sich +zuweilen plötzlich, als ob ihn etwas Widerliches überliefe. Oft auch +nahm er ein Bild von der Spiegelkommode, das Else als Braut darstellte, +um es lange und aufmerksam zu betrachten. Wie blond sich ihre Zöpfe +damals ums Haupt ringelten. – Wie ähnlich sie zu jener Zeit Hedwig +gewesen! Rasch stellte er bei solcher Gelegenheit die Photographie +wieder an ihren Platz und lief auf den Hof hinaus, wo er mit seinen +Leuten schalt und haderte. + +Sie wunderten sich über den Herrn. So hatte man ihn selten gesehen. + +Und noch immer langte die erwünschte Nachricht nicht an. + +Da endlich, eines Morgens, – Wilms saß noch beim Kaffee – da schlich der +taube Krischan in die Stube, schielte seinen Herrn an und legte +schweigend einen Brief auf den Tisch. + +Wilms klopfte das Herz. Mit zitternden Fingern erbrach er das Schreiben, +nachdem sich der Alte entfernt hatte, aber es war nur ein gedrucktes +Formular, das eine Einladung zu einer ländlichen Versammlung enthielt, +die der ältere Graf Brachwitz einberief. + +Wilms warf den Fetzen achtlos auf die Erde und seufzte tief auf. Er +interessierte sich nicht für Politik. + +»Jawoll,« meinte der Förster, der nachmittags im Vorbeigehen vorsprach, +indem er das Zirkular bemerkte. »Der Graf will sich ja in den Reichstag +wählen lassen. Dazu soll hier ein Verein gegründet werden. Zur Hebung +der Sittlichkeit auf dem Lande. Na ja, alter Freund, es soll ja bei uns +auch ganz doll zugehen. – Die verdammten Weibsbilder – haben Sie’s nicht +auch schon bemerkt, Wilms? Kaum hat man mal eine für die Hofarbeit in +Lohn genommen – pardauz muß man sie wieder entlassen. – Is da was los +mit so ner Person. – Ne – die Sittlichkeit, – weiß der Deuwel – man kann +den Frauenzimmern nicht trauen.« + +Er kraute sich hinter den Ohren. »Da soll ja neulich auch was mit einer +Verheirateten vorgekommen sein, – warten Sie mal – es war sogar ’ne +Adlige hier in der Nähe. Aber lachen Sie mich nicht aus, ich glaub’s +nicht, weil bei Eheleuten ’ne zu große Portion Schlechtigkeit dazu +gehört – Pfui Deuwel, kann ich bloß sagen.« + +Wilms blickte den gutmütigen Riesen starr an. Seine Lippen bewegten +sich, aber er erwiderte kein Wort. + +»Na guten Morgen, Wilms, wie geht’s Ihrer Frau?« + +»Besser.« + +»Und Ihrer Schwägerin?« + +Wilms rührte sich nicht: »Darüber weiß ich nichts.« + +»Na, denn Adieu!« + +»Adieu auch, Eltze.« + +Aber lange noch, während er über seinen Wirtschaftsbüchern rechnete und +schrieb, tönte es vor seinen Ohren: + +»Bei Eheleuten gehört eine zu große Schlechtigkeit dazu.« + +Der Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Die Zahlen vor ihm fingen an zu +tanzen. – Wenn er nur Kraft finden könnte, sich gegen die bösen Gedanken +zu wehren. Aber da nagte und biß schon wieder solch tückischer Einfall. +»Bei Eheleuten« hieß es – Ja, aber war er denn eigentlich verheiratet? +Besaß er denn ein Weib? – – – oder hatte Gott der Allmächtige nicht eine +Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet? + +»Nur das nicht,« stöhnte er, »nur das nicht. Nur nicht diese +entsetzlichen, verzweifelten Anklagen.« Und er vergrub sich von neuem in +seine Papiere und arbeitete, bis die Lampe zu verlöschen drohte. + + * * * * * + +Am nächsten Tage erhielt er abermals ein gleichlautendes Zirkular. +Zugleich erschien bei ihm der Inspektor Grothe aus Boltenhagen, ein +großer, breitschultriger Mann, der das Hauptgut des Grafen Brachwitz +bewirtschaftete. Er sollte den Pächter noch besonders zu der Versammlung +einladen. + +»Nein, ich komm nicht,« entgegnete Wilms, während sich der Inspektor in +der großen Stube den Schnee abschüttelte, und der Abgesandte räusperte +sich zufrieden und meinte: »Da haben Sie auch recht.« + +»Na, wieso, Herr Grothe, es handelt sich doch eigentlich um einen guten +Zweck.« + +»Schönen guten Zweck,« brummte der andre, indem er den Mund verzog: +»Sittlichkeit – da soll sich der Graf man zuerst um seinen Sohn kümmern. +Aber da werden alle Dirns auf dem Hofe unsicher gemacht, daß es eine +Schande ist, und dann soll so’n Verein gegründet werden.« + +Sobald der Pächter den Namen des jungen Brachwitz vernahm, stieg ihm +langsam das Blut in die Schläfen, so daß er kaum dem anderen seine +Bewegung verbergen konnte. »Lassen Sie man, Grothe,« schnitt er kurz ab, +»ich hör’ so was nicht gern.« + +»I – ich sag ja auch gar nichts gegen den jungen Mann. – Is sogar ein +ganz netter, liebenswürdiger Mensch. Und es is ’ne wahre Dummheit vom +Alten, daß er den Jungen nicht bei’s Militär gelassen. Hier in der +Wirtschaft versteht das natürlich nichts, und weiß das nichts – und +verfällt auf lauter Dummheiten. – Die Förstersfrau kann ihn ja auch +nicht los werden,« setzte er leiser hinzu, »aber sie soll ihm ja neulich +gehörig die Tür gewiesen haben.« + +Wilms konnte nicht länger zuhören. + +»Herr Grothe – ich muß jetzt – ich hab noch notwendig was zu tun – +Grüßen Sie den Herrn Grafen, und – ja ich werd’ woll auch kommen.« + +»Na schön,« verabschiedete sich der Inspektor. »Geht’s Ihrer lieben Frau +gut?« + +»Ja, ich danke.« + +Sie schüttelten sich die Hände, und der Abgesandte des Grafen ritt +langsam vom Hof herunter. + + * * * * * + +Aber der Besuch hatte seine Folge. + +In der langen Zeit, in der sich Wilms in dem schneeverwehten Gehöft so +einsam fühlte und mit all seinen sehnsüchtigen Gedanken an der fernen +Hedwig hing, da hatte er alles vergessen, was er von ihr zu wissen +glaubte, da war sie ihm als die reine, herbe unerreichbar hohe Jungfrau +erschienen. Jetzt, als ihm das wilde Treiben des Junkers geschildert +wurde, da erhoben die häßlichen Zweifel abermals ihr Haupt, da erwachte +er wieder zur Wirklichkeit, ein kräftiges Gefühl der Verachtung gegen +sich selbst regte sich in ihm, und mit aller Macht suchte er die +häßliche aufkeimende Neigung abzuschütteln. + +Zehnmal des Tages las er jetzt die wenigen Zeilen, die ihm Else bereits +wöchentlich schreiben konnte, fuhr dann mit seiner rauhen Hand zärtlich +über das Papier, und legte es schließlich in das Paket, in dem er die +Briefe aus der Brautzeit bewahrte. + +»Mein Elsing – sie wird nun bald ganz gesund sein – und dann werden wir +mit Gottes Hilfe wieder glücklich – ach so glücklich, wie damals, eh’ +die schwere Zeit begann.« Er seufzte. »Wenn sie doch erst da wär.« + + * * * * * + +Immer mehr rückte der Winter vor. Es ging stark auf Weihnachten. Wilms +merkte, daß seine Leute kleine Geschenke für ihre Familien einkauften. + +Das bewegte ihm das Herz. Wieder mußte er an sein fernes Weib denken. + +»Soll ich für den Herrn auch ’ne schöne Tann’ putzen?« fragte die +Obermagd. + +Es klang wie Mitgefühl aus den wenigen Worten, als sie auf den einsamen +Mann blickte. + +Wilms dankte. + +»Ne, laß man, Dörthe – für mich allein. – Es hat keinen Zweck.« + +Aber nachmittags ließ er den Schlitten anspannen und fuhr zur Stadt. Er +wollte Else etwas kaufen, seinem armen, langsam gesundenden Weibe eine +Freude bereiten. + +Über die verschneite, dunkle Landstraße klingelte er endlich in Grimmen +ein und wählte bei dem einzigen Juwelier des Städtchens ein kleines +goldnes Herz an einer dünnen Kette. + +Er stand dabei, als man seinen Namen »Wilms« in das Gold eingrub. + +Mit der Poesie einfacher Naturen wollte er damit dartun, daß sein ganzes +Herz auf ewig seinem Weibe gehöre. In dem Gasthof, in welchem er seinen +Schlitten eingestellt hatte, saß er noch eine Weile bei einem Glase Grog +und plauderte mit dem Wirt in der dunkelbraun verräucherten Gaststube. +Der Pächter erfuhr, daß sein Schwiegervater, der alte Rendant Schröder, +noch allabendlich die Honoratiorenstube besuche. + +»Hedwig ist wohl noch nicht zurück?« erkundigte sich der Landmann +leichthin. + +Der Wirt mit dem grünen Sammetmützchen verneinte. Da bezahlte Wilms und +brach auf. + +Es war dunkel und kalt auf dem Heimweg. Der Wind strich scharf über den +offenen Schlitten und warf dem Landmann spitze Eisnadeln ins Gesicht. +Eine Sehnsucht nach einer warmen, gemütlichen Stube beschlich ihn, wo +ein helles Feuer brannte, und eine liebe weibliche Hand dem Eintretenden +den dick beschneiten Pelz abnahm. + +Die Luft wurde immer schneidender. Hochoben flimmerten ein paar +frostige Sterne. Wilms fror. Manchmal konnte er bei einzelnen +freistehenden Häusern, an denen sie vorbeiflogen, in die trüb +erleuchteten Stuben blicken. Da sah man schon Christbäume, welche +geschmückt wurden. Im Hauptgut Boltenhagen klangen Kirchenglocken durch +die Nacht. Hohl und feierlich läuteten sie das Fest ein. Vorboten der +großen Freude. + +Wilms faßte unwillkürlich an die Brusttasche, in der das Päckchen mit +dem Goldherz verborgen war, und trieb seinen Kutscher zu größerer Eile +an. + +Die Glockentöne verklangen, wieder Schnee, Dunkelheit, Landstraße und +weißes Feld – halb erlahmt vor Nässe und Kälte langten Mensch und Vieh +endlich auf dem Pachtgut Wilmshus an und fuhren in den einsamen, von +dickem Schneewall umgebenen Hof. + +Rings lag alles in Dunkelheit gehüllt. Nur hinter den herabgelassenen +Rouleaux der großen Stube leuchtete Licht. + +»Hübsch von Dörthe,« dachte Wilms, während er über den Flur schritt, +»die Dirn hat Mitleid mit mir.« + +Er öffnete gleichgültig, zuckte zusammen und blieb starr und groß unter +den Pfosten stehen. + + + + +II. + + +Dicht vor ihm stand Hedwig in ihrem einfachen, schwarzen Kleid und +streckte ihm mit froher Herzlichkeit die Hand entgegen. Ein anmutiges +Lächeln umspielte dabei ihr blühendes Antlitz. »Na, Schwager,« neckte +sie leicht, »der neue Gast gefällt dir wohl nicht?« + +In dem Ofen brannte ein flackerndes Feuer, in der hellen, durchwärmten +Stube weilte ein liebes, reizendes Geschöpf, bereit, den großen Mann von +seinem schweren Pelze zu befreien; es war alles so, wie er es sich +gedacht hatte. + +Aber den ungeschickten Mann würgte es zuerst, als ob von unsichtbarer +Hand seine Kehle zusammengepreßt würde. – Halb religiöse Vorstellungen +durchflogen ihn, wie er sie als Knabe gehegt, oder von Else angenommen +hatte. + +Sie war da. + +Die Versuchung war wieder da. + +All die Angst, die er ihretwegen in der langen Zeit erduldet, stürzte in +seine Erinnerung und wandelte seinen Gegengruß, als er sich endlich +aufraffte, zu einem unverständlichen Murmeln. + +»Hedwig – – willkommen – du –« + +Dann bemerkte er, daß sie ihm noch immer die Hand entgegenhielt, und +preßte sie unbeholfen zwischen seinen Fingern. + +»O –« sie verzog schmerzhaft den Mund. + +Von seinem Pelz troff das Eiswasser auf ihr Kleid. + +Er entschuldigte sich und wurde verlegen, als sie ihm beim Ausziehen +behilflich war. + +Der Tisch war weiß gedeckt, ein heißer Grog dampfte schon, alles war für +ein schmackhaftes Abendbrot zubereitet. Sogar die beiden Servietten +waren in anmutige Falten gelegt. Man konnte merken, daß diesmal eine +Frau von guter Erziehung den Tisch besorgt hatte. + +Verblüfft musterte Wilms diese Anstalten. + +Es kam ihm alles so überraschend, er konnte sich so gar nicht in den +neuen Zustand finden. Ungelenk nötigte er endlich den Gast auf das Sofa +und setzte sich dem Mädchen auf einem Stuhl gegenüber. + +Lächelnd über seine Verlegenheit wollte ihm Hedwig einige Speisen +vorlegen, jedoch er hielt plötzlich ihre schon erhobene Hand fest und +begann ungestüm zu fragen: + +»Noch nicht – noch nicht – vor allen Dingen, wie geht es meiner Frau?« + +Das Mädchen nickte ermunternd: »Gut – überhaupt überraschend – so gut, +daß sie schon in acht Tagen hier eintreffen wird.« + +»Was? Gott sei Dank,« murmelte Wilms. »Kann sie denn schon gehen?« + +»Ja, zwar noch auf einen Stock gestützt, aber es wird mit jedem Tag +besser.« + +»Und du, Hedwig?« stockte er und sah sie wieder so verständnislos an, +daß sie in ein fröhliches Gelächter ausbrach. + +»Du willst fragen, was ich nun eigentlich hier bei dir will?« begann sie +endlich. + +»Ja, – das heißt – –« + +»Kannst du dir’s wirklich nicht denken? Was seid ihr Männer doch +schwerfällig. – Vorausgeschickt bin ich – aufräumen soll ich, das +Unterste zu oberst kehren, damit Else alles fein sauber vorfindet. Nicht +wahr, Schwager, das gefällt dir nicht?« + +»Mir? Warum?« + +»Weil du ein so grämliches Gesicht dazu machst.« + +»Bewahre, Hedwig – du weißt doch, daß du uns immer willkommen bist.« + +»Wirklich?« + +Er schlug die Augen nieder und begann zu essen. + +Sie dagegen nippte nur von allem und erzählte ihm unaufhörlich von Else +und beschrieb alle Einzelheiten ihres Aufenthalts. Die halb polnische +Stadt, die Anstalt, den Arzt, die andern Kranken, alle Einrichtungen, +die Bäder, und das Ganze so nüchtern und verständlich, daß Wilms längst +Messer und Gabel hingelegt hatte, um ihr mit lebhafter Spannung zu +lauschen. + +Von Zeit zu Zeit goß sie ihm den angenehm erwärmenden Trank ein und +lächelte liebenswürdig, wenn er ihr zaghaft zutrank. + +Plötzlich trat dennoch eine Beklemmung zwischen beiden ein. Hedwig hatte +aufgehört zu erzählen und lehnte sich in die Sofaecke zurück, da die +Reise sie wahrscheinlich ermüdet hatte. Auch Wilms hielt eine Scheu +davon ab, jetzt irgend etwas Gleichgültiges vorzubringen. + +Er blickte mehrfach rasch zu ihr hinüber, beobachtete dann das +verglimmende Ofenfeuer, faltete umständlich die Serviette, und sah von +neuem unruhig auf das junge Mädchen hin. + +Sie träumte an ihm vorbei, den Kopf in die Hand gestützt, schien sie an +etwas Fernes zu denken. + +Der Pächter wurde unruhig. + +»Hedwig,« räusperte er sich halblaut. + +»Ja, Schwager.« + +Sofort richtete sich das Mädchen auf und drückte flüchtig beide Hände +gegen die Schläfen, als wollte sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den +Fragenden lenken. + +»Warst du noch gar nicht in der Stadt bei deinem Vater?« + +»Nein, ich bin direkt hierher gefahren.« + +»Sofort hierher?« wiederholte Wilms. Eine peinliche Verstimmung stieg in +ihm auf. Was konnte sie nur in dem menschenverlassenen, verschneiten +Gehöft suchen? Hastig gedachte er weiter zu fragen, wie jedoch sein +Blick ihre ruhigen, braunen Augen traf, verstummte er wieder und kratzte +verlegen auf dem Tisch hin und her. + +Eine Zeitlang blieb es still. + +Aber gerade dieses ruhige Beisammensein konnte Wilms nicht ertragen. +Etwas quälte und marterte ihn dabei grenzenlos. + +»Hedwig,« fing er mit Überwindung plötzlich an und zum erstenmal wendete +er ihr ganz sein ehrliches Gesicht zu. »Es muß mal zwischen uns zur +Sprache kommen. Es liegt mir schon zu lange auf dem Herzen. – Weshalb +bist du eigentlich – ich – mein Kind – ich meine, warum bist du +eigentlich so gut zu uns?« + +»Gut?« + +»Sieh, Heting, erst hast du mir eine Summe deines Erbteils geborgt, und +ich hab mir damit helfen können. Das hätt’ mir schon kein anderer getan, +– nein, laß – ich muß es mal sagen, auch meine Frau hast du gepflegt, um +die es nur wenige aushalten konnten. Und nu – nu kommst du wieder +hierher zurück, in diese Einsamkeit, und willst uns wieder helfen und +unterstützen und aufrichten, und das alles soll ich mir gefallen lassen, +ohne eigentlich zu wissen, warum du das alles tust; ich kann’s mir ja +gar nicht erklären, du paßt ja zu so was gar nicht, du bist ja wie eine +vornehme, junge Dame, warum bestehst du also darauf?« + +Das letzte rief der große Mann in einem heftigen, beinahe unglücklichen +Ton. + +Statt einer Antwort erhob sich Hedwig. Ihre Wangen erblaßten etwas, aber +sonst strömte ihr Wesen unveränderlich jene ernste Ruhe aus, die ihr +eigentümlich war. Langsam schritt sie zum Ofen, wärmte sich die Hände, +durchmaß dann mit gesenktem Haupt mehrmals das Zimmer, als ob sie +nachdenke, und blieb endlich an dem Tisch stehen, wo sie ihre Finger auf +die Glocke der Lampe legte, daß Wilms das Blut hindurchrinnen sah. + +Ihre schlanke Gestalt stand dicht neben seinem Stuhl, er konnte das +Webemuster ihres Kleides erkennen. + +Unwillkürlich wandte er den Kopf fort. + +»Siehst du, Schwager,« hob sie nach schwerer Pause klar und bedacht an +zu sprechen, immer den Blick auf ihre durchleuchteten Finger gerichtet: +»Ich habe auch schon darüber nachgesonnen, warum ich so gern hierher +zurückkam in eure Einsamkeit.« + +»Gern?« unterbrach sie der Pächter erstaunt. + +»Ja, ich kam gern,« fuhr sie hastiger fort, »gerade weil es hier so +still ist. – Mir ist diese Stille Bedürfnis. – Ich verabscheute schon +als Kind alles Unruhige und Geräuschvolle. Aber das ist nicht der +Hauptgrund,« setzte sie sinnend hinzu: »ich kam wohl zumeist +deinetwegen, Schwager.« + +»Meinetwegen?« schreckte Wilms auf. Aber es war alles so +leidenschaftslos, so überlegt und ohne eine Spur von Zärtlichkeit +hingesprochen, daß der Pächter fühlte, er müßte ihre Worte falsch +aufgefaßt haben. + +Jedoch das Blut war ihm bis in die Augen geschossen, er scharrte +ungeduldig mit den Füßen und blickte erregt zu ihr auf. + +»Ja, Hedwig, wie meinst du denn das?« murmelte er. + +Sie zog langsam die Hände von dem Glase zurück und ließ sich wieder auf +das Sofa nieder. + +»Ich sagte mir, du bist durch unsere Familie unglücklich geworden, +Wilms.« + +»Das bin ich nicht.« + +»Das bist du doch, Schwager. Bist du nicht, wie jeder andere Mann, eine +Ehe eingegangen, um eine Häuslichkeit zu besitzen? – Nun, und hast du +sie gefunden? – Nein, das ging dir alles durch die lange Krankheit +verloren – und auch jetzt, Schwager, – ich muß es dir sagen, mit vielem +Schmerz, glaub’ mir das – auch jetzt wird dir meine arme Schwester +dieses Glück nicht schaffen können.« + +»Nicht schaffen können?« echote Wilms entsetzt. Eiseskälte durchströmte +ihn, wie vorhin, als er auf dem Schlitten saß. + +Im Moment haßte er das Mädchen, welches ihm das alles so schonungslos +enthüllte. + +»Und warum nicht, Hedwig?« flüsterte er. + +»Weil mir der Arzt bei meiner Abreise vertraute,« schloß Hedwig leise, +als wenn sie ihn nicht noch mehr erregen wollte, »daß Else nach wie vor +aufs äußerste geschont werden muß, und daß sie nie wieder als eine +Gesunde, sondern stets nur wie eine Kranke behandelt werden darf – du +armer Mann.« + +Ein leises Stöhnen unterbrach sie. + +»Sieh,« beendete sie hastig, indem sie auffallend die Farbe wechselte, +»und da stand es bei mir fest, daß ich hier vielleicht den Wirkungskreis +aufnehmen könnte, den meine Schwester nicht ausfüllen wird, damit du +wenigstens nicht allzuviel entbehrst, der du schon so viel gelitten.« + +»Und da wolltest du – –?« stammelte er. + +Er begriff es nicht. + +»Ja, ich sehne mich nach einer ruhigen, gleichmäßigen Beschäftigung.« + +»Aber – aber willst du denn nicht heiraten?« fuhr es ihm heraus. Er +schämte sich, als er es sagte. + +Sie schlug die Augen nieder und zuckte die Achseln: »Schwerlich,« +erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe als Tochter eines kleinen Beamten +den törichten Wunsch nach besserer Erziehung gehegt, aber –« – sie +zögerte und wurde zum erstenmal unruhig – »das ist mir wohl nicht zum +Heile ausgeschlagen. Und deshalb wird auch kaum jemand kommen, dem ich +gefalle, und der zu mir paßt.« + +»O Hedwig, doch – doch –« widersprach Wilms gedankenlos, – »du bist ja +schön und klug, das wird sich schon finden.« Aber während er es sprach, +mußte er plötzlich widerwillig daran denken, daß diese vollen, roten +Lippen schon stürmisch und sündhaft geküßt worden seien. + +Das verdarb ihm den Abend vollends. + +Auch Hedwig schwieg. Sie ruhte wie erschöpft in ihrer Sofaecke. – Nur +als er äußerte, daß sie schön und klug sei, traf ihn ein kurzer, +erstaunter Blick. Dann schlug sie wieder müde die Augen nieder. + +So saßen sie noch eine Stunde zusammen und sprachen über alles, was in +der Umgegend in der Zwischenzeit geschehen sei. Eingehend erkundigte +sich Hedwig nach den Wirtschaftsverhältnissen. + +Er gab über alles genau Auskunft. + +Dann schlug die Uhr in dem Kasten zehn, und Hedwig erhob sich. + +Wilms empfand, daß er gehen müsse. + +Er stand sofort auf. + +»Noch eins,« sagte er, »hier hast du die Schlüssel.« + +Er nahm aus einem Körbchen, das auf dem Nähtisch am Fenster stand, ein +Schlüsselbund und händigte es seiner Schwägerin ein. + +Achtlos empfing das Mädchen die klirrenden Dinger und hing sie sich in +den Gürtel, aber Wilms beschlich ein schmerzliches Gefühl dabei, daß +Elsens Befugnisse damit gleichermaßen auf ihre Schwester übergingen. +Sie erschien ihm auch nicht mehr so schön, wie früher. + +Dann reichten sie sich die Hände und wünschten sich »Gute Nacht«. + +»Schläfst du hier?« fragte Wilms. + +»Ja, in Elses Bett.« + +»Nun, gute Nacht.« + +»Gute Nacht, Schwager.« + + * * * * * + +Wilms betrat seine Dachkammer. Auf dem Tisch brannte ein Licht, darunter +lag ein großes Kuvert, das Elses Aufschrift trug. + +Hastig zerriß Wilms den Umschlag. Drinnen fand er ein Bild und einen +Zettel mit den wenigen Worten: + + + »Lieber, guter, einziger Mann! + + Wie gern möchte ich das Fest mit Dir feiern, denn mir ist so sehr + bange nach Dir, aber bald, bald, wenn es Gott so fügt, bin ich + wieder bei Dir. + + Mit tausend innigen Küssen + + Deine arme Else.« + + +Wilms griff nach dem Bilde. + +Auf einem Polsterstuhl saß die Kranke, das schmale Gesicht mit den +großen Augen ein wenig vornüber geneigt. Neben ihr Hedwig, schlank +aufgerichtet, der vollendete Wuchs zum Greifen deutlich, als wenn +Gesundheit und Verfall gegen einander kontrastieren sollten. + +Der Pächter schauerte, als er es sah. + +Auf dem Antlitz des Mädchens ruhte ein so sicherer, triumphierender +Schein. + +Freut sie sich, daß sie leben wird, und die Schwester dem Tode zuwankt? +dachte Wilms erschüttert. + +In der Kammer war nicht geheizt. Ein Frösteln durchlief den Einsamen vom +Kopf bis zu den Füßen. Mit Abscheu, als ob die Photographie Hedwig +allein darstelle, warf er das Bild von sich auf den Tisch und suchte +müde und zerbrochen sein Lager auf. + +Bald erlosch das Licht. + + + + +III. + + +Am frühen Morgen, als Wilms aufstand, hörte er, wie seine Schwägerin den +Mägden im Hausflur schon etwas auftrug. + +Er sah auf die Uhr. Es war erst sechs. Und noch stockfinster. + +Das lockte ihm den Seufzer ab: »Ach, wenn Else das doch auch vermöchte.« + +Eine Viertelstunde später, er hatte sich kaum völlig angekleidet, +brachte ihm Dörthe Kaffee und Frühstück. Der Landmann erstaunte. + +»Soll ich denn hier oben frühstücken?« fragte er. + +»Ja, Herr, das Fräulein hat schon unten getrunken.« + +»Na, wie sie will. Es is gut.« + +Die Obermagd ging. + +Wilms saß eine Weile allein und wunderte sich, mit welcher Willenskraft +Hedwig ihre neue Aufgabe gleich erfaßte. + +Dann fuhr er sich mit der groben Hand unwillig über die Stirn. + +Immerfort zwang ihn das Mädchen, sich mit ihr zu beschäftigen. Aber er +wollte ihr an Regsamkeit nicht nachstehen. Er hatte ja einige wichtige +Geschäfte in der Nähe abzuwickeln, und deshalb wollte er fortreiten, +damit er erst gegen Mittag wieder zurückzukehren brauchte. + +»Möglichst wenig mit ihr zusammen sein,« dachte er. + +Mit diesem Entschluß trat er an das kleine Kammerfenster und sah auf den +schneebedeckten Hof herunter. + +In einem steinernen Seitengebäude hörte er viele weibliche Stimmen +durcheinander sprechen, lachen und plaudern. Es war die Molkerei, die +solange auf Hedwig geharrt hatte. + +»Sollte sie schon unten sein?« dachte er verwundert. + +Als er etwas später über den Hof schritt, um sich im Stall sein Pferd zu +satteln, machte er den Umweg am Seitenhaus vorbei und warf einen raschen +Blick in den von einer Lampe erleuchteten, ziegelsteingepflasterten +Raum. + +Richtig – umgeben von ihren Mägden sah er Hedwig vor einem großen Fasse +stehen und mit ihren jugendlichen Kräften den großen Klüngel heben und +wieder herunterstampfen. Beifällig murmelten die Mägde und versuchten, +es ihr an zwei anderen Fässern nachzuahmen. + +Sie hatte sich von Dörthe eine gewöhnliche Arbeitsbluse geborgt, an der +die Ärmel fehlten, und nun sah der Pächter, wie ihre vollen Arme vor +Anstrengung sich röteten. Ihr Atem umdampfte sie in der kalten Küche wie +eine Wolke. + +Dem Lauscher fiel wieder jener Abend ein, als er sie allein in ihrer +Kammer getroffen, und augenblicklich war seine Freude an dem +arbeitsfrohen Bild wie fortgescheucht. + +Widerwillig murmelte er etwas vor sich hin, schlug dann mit Geräusch die +Stalltür auf und ritt nach einiger Zeit grußlos vom Hof herunter. Als er +sich auf der Landstraße noch einmal umwandte, glaubte er Hedwig unter +der Tür des Seitenhauses zu erkennen, die ihm nachblickte. + + * * * * * + +»Was ißt der Herr gerne?« befragte Hedwig die Obermagd, ehe sie die +Molkerei verließ. + +Dörthe sann nach. Dann gab sie Kartoffelsuppe an. »Und der Herr hat +gestern selbst einen Hasen geschossen. Der hängt noch.« + +Hedwig war zufrieden. Sie wollte selbst alles zubereiten. Der taube +Krischan wurde ins Dorf nach allerlei Zutaten zum Krämer geschickt. + +Er hinkte unlustig vom Hof herunter. + +Bewundernd lugten die Obermagd und ihre Untergebenen dem Mädchen nach, +als sie eilig dem Hause zuschritt. + +»Die versteht’s,« urteilte Dörthe, »schade, daß die Frau nich auch so +is.« + +Den ganzen Vormittag über revidierte Hedwig das Haus vom Keller bis +unter das Dach. Mit Elsens Schlüsseln öffnete sie alle Schränke, zählte +nach und legte zurecht, als ob alles ihr gehöre. Ihre Wangen röteten +sich dabei vor Vergnügen. Sie erschien sich wie eine Hausfrau, die für +Mann und Heim zu sorgen hat. + +Dann waltete sie in der Küche. Zuletzt gab sie Dörthe den Auftrag, eine +kleine Tanne schlagen zu lassen. + +»Ja, aber Fräulen,« meinte die Magd bedenklich, »der Herr will aber +keine.« + +»Warum denn nicht?« + +»Er sagte, weil er so allein is. – Und – dann – unsre Frau fehlt auch.« + +»Sagte er das?« + +»Ja, so ähnlich sagte er woll.« + +Das Mädchen sah einen Augenblick zu Boden. Dann entschied sie lächelnd: +»Ich bin ja da – höre, Dörthe, es muß eine recht schöne Tanne sein. – +Haben wir etwas zum Putzen?« + +»Ne, Fräulen, daß ich nich wüßte.« + +»Nun, dann machen wir es uns heute selbst. – Und für euch auch,« setzte +sie hinzu. »Christian soll buntes Papier holen.« + +»Sie is zu nett,« sprach die Obermagd dankbar hinter ihr her. + + * * * * * + +Wilms merkte bei Tisch, daß gerade seine Lieblingsspeisen gewählt seien, +und als er sich in seiner ruhigen Weise dafür bedankte, glitt ein +heiteres, selbstzufriedenes Lächeln über Hedwigs schönes Gesicht. + +Es bereitete ihr Freude, für die Bedürfnisse eines Menschen sorgen zu +dürfen, und namentlich für diesen großen, unbeholfenen Mann, dem das +Schicksal schon so grausam mitgespielt hatte. + +Freundlich plauderten sie wieder über allerlei. Das Mädchen erzählte von +ihren Erfahrungen bei der Molkerei. Wilms sagte ihr, daß er ihre Kraft +und Energie bewundere. Dann berichtete er von den Geschäften, die er +vormittags betrieben. + +Es kam ihm ganz selbstverständlich vor, daß er dergleichen mit Hedwig +bespräche. Ja, er glaubte, daß ihm noch einmal so gute Eingebungen +kämen, wenn sie ihn mit ihren klugen, aufmunternden Augen dazu +anblickte. + +Nach Tisch führte er sie in den Pferdestall. Hedwig riet ihm dringend, +einige von den Tieren zu verkaufen. Es war in den nächsten Tagen gerade +Pferdemarkt in Grimmen, und Wilms gestand, daß er selbst etwas Ähnliches +geplant habe. + +Dann trennten sie sich. + +Als der Landmann zum Kaffee erschien, fand er ihren Platz leer. Er +fragte mehrfach nach ihr, endlich erfuhr er von Dörthe, die ein +geheimnisvolles Gesicht aufsetzte, daß das Fräulein beschäftigt wäre. + +Wilms verstand das nicht und trank mit einem merkwürdigen Gefühl seinen +Kaffee allein. + +Er wollte sich nicht eingestehen, daß er ihre stets dienstbereite +Gesellschaft vermisse. + +Zum Abendbrot dagegen erschien Hedwig wieder und zeigte sich so +aufgeräumt und heiter wie selten. Sie erzählte allerhand lustige +Geschichten und Witze und brachte Wilms oft zum Lachen. + +Wenn sie etwas Anzügliches vorbrachte, dann sah ihr Gesicht so reizend +aus, um ihren vollen Mund zuckte dann oft ein so feiner, +liebenswürdig-frecher Zug, daß ihr Gegenüber unwillkürlich mitlachen +mußte. + +Und so fremd dem Landmann zuerst dies alles war, so stark fühlte er sich +bald davon angemutet. Auch er besaß eine Art derben, tiefen Humors, und +es dauerte nicht lange, so ging der Pächter gemütlich auf ihre Scherze +ein. + +Gelassen nickte er, wenn sie ihn mit seiner groben Unbehilflichkeit +neckte. + +Nur als er seine große Pfeife in Brand setzte und ein paar mächtige +Dampfstöße herausjagte, verzog sie die Brauen. + +Wilms hörte auf. »Stört es dich?« fragte er bedauernd. + +Ungern hätte er auf dieses Vergnügen verzichtet. »Sollte sie etwa +dieselbe Abneigung dagegen empfinden wie meine arme Else?« dachte er ein +wenig verstimmt. Allein Hedwig zog ihr parfümiertes Taschentuch hervor +und während sie sich Luft zufächelte, äußerte sie leichthin: »Bis morgen +darfst du so rauchen, lieber Wilms, aber länger nicht.« + +»Bis morgen?« dachte Wilms verwundert. + +Er verstand sie wieder nicht. + +Ferne, langhinhallende Töne mischten sich in ihr Gespräch. Von der +Kirche des Hauptgutes, die fast eine Viertelstunde entfernt lag, +begannen wiederum die Glocken zu läuten, zum letztenmal vor dem Fest. + +Wie ein feiner, verträumter Silberton zog es durch die Luft. Hedwig +erhob sich. Sie trat ans Fenster und zog den Vorhang fort. + +Draußen weißer, blinkender Schnee, die graue Luft ganz erfüllt von +großen Flocken, die langsam und schwer herabfielen. Wie erstarrt +schienen die weichen Daunen manchmal im leeren Raum festhalten zu +wollen. + +Als sie so in das Gestöber hineinblickte, beschlich das Mädchen eine +stille Wehmut: »Morgen ist Weihnachten,« sagte sie leise. Nichts regte +sich hinter ihr. Keine Antwort wurde laut. Langsam wendete sie sich +zurück. + +Am Tisch saß Wilms, den schweren Kopf auf die Hand gestützt, und +betrachtete das kleine Goldherz, das er vor kurzem gekauft. Eine Träne +war auf das Gold gerollt, gerade auf seinen Namen, der dort eingraviert +stand. + +Jetzt sah er auf: + +»In acht Tagen ist sie wieder bei uns,« sagte er weich, als ob er seine +schwere Empfindung zurückdrängen wollte. + +»Else?« fragte das Mädchen rasch. + +»Ja. – Komm, Hedwig – ich will ihr dieses Herz zum Fest schicken. Wir +wollen es einpacken.« + +Das Mädchen richtete sich auf. Langsam schritt sie zum Tisch, langsam +wog sie das kleine Herz in der Hand. Erst als sie den eingeprägten Namen +bemerkte, blickte sie ihrem Schwager, der sich ebenfalls erhoben hatte, +fest und nachdenklich in die gutmütigen Augen. + +»Sie wird sich freuen,« sagte sie schwer und nachdrücklich. + +Das Kästchen wurde verschnürt, Wilms schrieb die Adresse, Hedwig trug +ihm Licht und Siegellack hinzu. Er drückte das Petschaft darauf. + +Mit seltsam starren Blicken verfolgte sie sein Tun. Ein Atom von dem +flüssigen Siegellack fiel auf ihre Hand und lag auf der weißen Fläche, +wie ein runder Blutstropfen. + +»O« – rief Wilms erschreckt, »ich habe dir weh getan.« + +»Mir?« + +Sie hatte kaum etwas gemerkt. + +»Es brennt nicht mehr,« beruhigte sie den Landmann abwehrend. + +Gleich darauf nickte sie ihm freundlich zu und ging zur Tür. – Dabei sah +sie wohl nicht, daß er ihr die Hand entgegengestreckt hatte, wie er es +immer tat, wenn er ihr »Gute Nacht« bot. + +Die Tür schloß sich, bevor sie seinen Wunsch vernehmen konnte. Befremdet +blickte ihr der Pächter nach. Dann ging er noch lange in dem großen +Zimmer auf und nieder, bis er endlich unter das Fenster trat, genau +dort, wo Hedwig vorhin gestanden hatte. + +Und ebenso, wie sie, spähte er in das lautlose Schneetreiben hinein, er +drückte die Stirn an das eisige Glas und regte sich nicht. Dachte er an +sein fernes Weib? + +Er stellte sich vor, wie sie sich das goldene Herzchen um den weißen +abgemagerten Hals schlingen würde, aber während er sich es ausmalte, +wurde draußen das Getriebe immer stürmischer, die Flocken wirbelten und +balgten sich immer toller – das verwirrte seine Gedanken. + +»Was wohl Hedwig sagen würde,« raunte etwas in ihm, »wenn ich ihr morgen +das dünne Kettchen um den Nacken legen würde?« Er wollte den Gedanken +abschütteln, aber im Geist beugte er sich und küßte sie auf diesen +weißen, blühenden Nacken. Und immer heißer und toller braute seine +Phantasie. »Ob sie dann wohl die Arme um ihn schlingen und ihren roten +Mund zu ihm erheben würde, wie ein liebendes Weib, das sich an den Mann +schmiegt?« + +Ein irres Lächeln umspielte seine Lippen. + +Plötzlich fuhr er auf und brach in ein gewaltsames, schmerzliches +Stöhnen aus: + +»Jesus Christus – nicht in Versuchung,« stammelte er, »o Gott, nicht in +Versuchung.« + +Wie im Krampf faltete er die Hände. + +Und draußen klangen noch immer die Glocken, bim – bum – bim – bum, +feierlich leise, wie Gesang mahnender Geister, welche die Botschaft vom +Heiland auch in dies verlassene, im Schnee versunkene Gehöft trugen. + + + + +IV. + + +So war das Fest herangekommen. + +Schon am Nachmittag bat Hedwig den Pächter, er möchte das große +Wohnzimmer verlassen. Irgend etwas Geheimnisvolles bereite sich vor. + +Mürrisch und verdrießlich, wie er sich sonst nie gegen das Mädchen +betragen hatte, ging Wilms hierauf aus der Stube, ohne ein Wort und +indem er es vermied, sie anzusehen. Jedoch mitten in den Vorbereitungen +für den Heiligen Abend fiel Hedwig dies Benehmen nicht sonderlich auf, +sie rief ihre getreue Dörthe und arbeitete mit ihr hinter verschlossenen +Türen. + +Unterdessen saß Wilms in seiner Kammer und schrieb an Else einen Brief. +Heiß und dringend flehte er sein Weib an, zurückzukehren, sobald es ihre +Gesundheit nur irgendwie gestatte. Er freue sich auf ihre Rückkehr, wie +auf ein Fest. Überall fehle sie ihm. Alles erinnerte ihn an sie. Ach, +wenn sie doch erst da wäre. – Ganz am Schluß erwähnte er auch Hedwig. +Sie führe das Hauswesen zu seiner Zufriedenheit, aber sein armes, +geliebtes Weib könne sie natürlich doch nicht ersetzen. Er stockte, da +er es schrieb. Das Blut sauste und summte durch alle seine Adern. +»Gelogen – gelogen,« tönte es deutlich vor seinen Ohren. Hastig schloß +er das Schreiben, und saß dann stundenlang in dem immer dunkler +werdenden Raum. + +Er wußte, daß Hedwig unten einen Christbaum schmücke. Für seine Leute +natürlich, suchte er sich einzureden. Jedoch gleichviel. Bald würde sie +nach ihm schicken, damit er teilnehmen solle an der allgemeinen, großen +Freude. »Und er sollte dann mit ihr zusammen unter den flimmernden +Lichtern stehen?« grübelte er, »und dann allein sein mit dem Mädchen, +während der Baum seinen kräftigen Tannengeruch verbreitete und die +Flämmchen darauf hell und aufrecht in die Höhe züngelten? Würden dann +nicht die aufreizenden Gedanken wiederkehren, die ihn gestern bis zum +Wahnsinn gepeinigt? – Nein, nein – nur das nicht mehr. – Wie wäre es, +wenn er sich still aus dem Hause schliche und den Abend wo anders +zubrächte, vielleicht beim Pastor?« + +Wie gehetzt erhob er sich, warf seinen Mantel um und tappte leise über +die dunkle Treppe nach unten. Er durchschritt den Hausflur, da öffnete +sich die Tür des großen Zimmers, eine Gestalt trat heraus. + +Wilms fuhr zusammen und blieb unwillkürlich stehen. Die Dunkelheit +verhinderte ein Erkennen. + +Unsicher näherte sich Hedwig dem Schweigenden. + +»Du willst noch ausgehen, Schwager?« + +»Ja.« + +»Jetzt?« + +»Ja, ich hab’ noch einen notwendigen Gang.« + +»Aber doch jetzt nicht,« drängte das Mädchen und faßte leicht seinen +Mantel. »Ich wollte dich ja gerade holen; Wilms, du wirst uns doch am +Heiligen Abend nicht allein lassen?« + +Der Pächter wand sich hin und her, je mehr sie ihn bat, desto qualvoller +glaubte er sich gefoltert: »Mir macht das ja aber alles keine Freude, +Hedwig,« brachte er hervor. »Mich peinigt das geradezu.« + +»O – nein, nein,« widersprach sie und ergriff seine Hand. + +Das verwirrte ihn immer heftiger. + +»Hedwig, ich kann’s nicht mehr mit ansehen, wenn andere sich freuen und +ich allein davon ausgeschlossen sein soll. Laß mich lieber fort, mein +Kind, ich will –« + +Aber sie hielt ihn noch. Fest lag ihre Hand in der seinen. + +»Dazu bist du ja viel zu gut,« sagte sie weich und mitleidig, wie +selten ein Mensch zu dem Unglücklichen gesprochen. »Willst du mir denn +auch die ganze Freude rauben?« + +»Dir auch?« + +»Ja natürlich – für dich haben wir doch den Baum geputzt.« Immer noch +ruhte ihre Hand in der seinigen, jedoch mit der anderen riß sie jetzt +hastig die Tür auf. + +Ein breiter, strahlender Lichtschein fiel auf den dunklen Flur und +übergoß das eng beieinanderstehende Paar mit seiner Helle. + +Groß, dunkelgrün, mit weithin reichenden Zweigen stand der Tannenbaum +mitten in der Stube, bunte Papierketten ringelten sich von Ast zu Ast, +unzählige Wachskerzen flimmerten, und hinter ihm harrten die Leute des +Gehöfts, Männer und Frauen, alle sonntäglich gekleidet, daß der Herr des +Hauses das Fest mit ihnen begehen solle. Ganz vorn vor dem Baum aber +hatte Hedwig zwei kleine Mädchen aufgestellt, Kinder, die Hofleuten +gehörten. Sie hielten rote Papierrosen in den Händen und sangen mit +schwachen Stimmen ein Liedchen, das mit den Worten schloß: + +»Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.« + +Als sie ausgesungen hatten und Wilms in den Lichterglanz hineinsah und +in die erwartungsvoll-feierlichen Gesichter seiner Leute, da hielt er +sich nicht länger, er legte langsam die Hand vor die Augen und weinte +bitterlich. + +Und die Hofleute nickten einander zu und stießen sich heimlich an, als +wüßten sie, was ihren Herrn bedrücke. + +Aber nur wenige Sekunden ließ sich Wilms so übermannen. Dann richtete er +sich auf und sah auf das Mädchen, das alles nur für ihn angeordnet +hatte. Das Licht flutete über ihre braunen Haare, ihre großen Augen +hingen fest und fragend an den seinigen. Sie stand noch immer dicht +neben ihm. + +»Ich dank’ dir, Hedwig,« sagte er einfach und preßte ihre Hand mit +verzweiflungsvoller Glut. »So schön haben wir in Wilmshus Weihnachten +noch nie gefeiert.« Er ließ sie voranschreiten und folgte ihr dann in +die Stube. + +Freudig erregt saß der Pächter nachher in seiner Sofaecke und verfolgte +Hedwig, wie sie jedem der Hofangehörigen ein kleines Geldgeschenk +überreichte, das Wilms für seine Leute bestimmt hatte, und für sich +selbst außerdem noch eine Aufmerksamkeit hinzufügte. Dörthe bekam eine +Schürze, der alte Krischan einen Tabaksbeutel, die beiden kleinen +Mädchen küßte Hedwig und band ihnen seidene Halstücher um. + +Hierauf allgemeines Knixen und Handschütteln. + +»Ich dank’ auch, Herr – schönen Dank auch, Fräulen – ne es is auch gar +zu viel – so was hätt’ ich mich nich vermutet – Herrje und was die +Leinwand schön is.« + +Damit entfernten sich die Leute und Hedwig ging mit ihnen. + +Wieder saß der Pächter allein und blickte träumerisch in die ruhig +brennenden Lichter hinüber. + +Da flog die Tür noch einmal auf: »Julklapp,« rief es und dann noch +zweimal »Julklapp – Julklapp.« + +Drei Pakete polterten in das Zimmer, und da nur Hedwig so frisch und +hell rufen konnte, so wußte der Landmann, daß die drei Geschenke für ihn +bestimmt seien. Er wartete, ob Hedwig nicht wieder zurückkehren würde, +aber als er allein blieb, öffnete er die Schachteln. In der ersten fand +er eine Kiste feiner Zigarren, sodann eine Meerschaumspitze, in der +letzten endlich einen ledernen Bilderrahmen, auf dem mit Seide ein Kranz +blauer Veilchen gestickt war. Ein Zettel war mit einer Stecknadel daran +befestigt, darauf stand »von Else«. + +War es möglich? + +Behutsam nahm der Landmann den Rahmen in die Hand. Und diesen +wundervollen leuchtenden Kranz sollte sein armes Weib mit ihren +zitternden Fingern hergestellt haben? Ein Zweifel beschlich ihn. + +Aber wer sonst? + +Hinter ihm näherte sich etwas, ein leises Knistern wurde hörbar, Wilms +kehrte sich um und sah in das liebenswürdige Gesicht Hedwigs. + +Er hob die Stickerei in die Höhe und fragte erregt: »Wirklich von Else?« + +Ein Schatten flog über die Stirn des Mädchens, aber sie bejahte. Allein +den Ungläubigen überzeugte sie nicht. + +»Hedwig – ich glaub’s nicht – Else hat ja so feine Arbeit gar nicht +gelernt – nicht wahr – du – von dir?« + +Wieder schüttelte sie leise das Haupt. + +»So sag’s doch,« rief er dringend. + +Endlich gab sie es zu: »Nun ja, es ist von mir,« gestand sie, »Else +wollte dir gern etwas Derartiges anfertigen, aber sie vermochte es noch +nicht. Da habe ich es übernommen.« + +»Also auch von dir?« murmelte der Pächter mit zitternder Stimme. Eine +Weile stand er in Gedanken versunken unter dem leuchtenden Baum; ohne +ein Wort des Dankes zu sprechen. »Und ich,« überlegte er bei sich, »ich +habe gar nicht daran gedacht, diesem lieben, reizenden Geschöpf eine +kleine Freude zu bereiten. Mit leeren Händen steh’ ich vor ihr, als +gehörte sie gar nicht in mein Haus! Während sie –« + +Es überlief ihn heiß und kalt. Vor Beschämung wagte er gar nicht die +Augen zu erheben. Langsam und beklommen drängte es sich über seine +Lippen. + +»Und die Zigarren und die Spitze, Hedwig, von wem sind die?« + +Aus ihren Augen sprühte ein spitzbübischer Funke, um ihren Mund flog ein +schelmischer Zug. – Die seltsame Unbehilflichkeit des Mannes ergötzte +sie. + +»Von wem sie sind? – Wer weiß?« + +Sie zuckte die Achseln, aber als sein verstörtes Antlitz sie darüber +belehrte, daß er sich härmte und litt, tat es ihr leid, diese +verschlossene Natur, deren tiefes Gemüt sie immer stärker und gewaltiger +anzog, verletzt zu haben. + +Die Lichter brannten noch immer, es war so gemütlich im Zimmer, tiefe +Stille umgab die beiden. + +Wilms fuhr auf. Er hatte in seinem Hinbrüten nicht bemerkt, wie das +schöne Mädchen, nachdem sie lange auf ein Dankeswort geharrt, sich +enttäuscht abgewendet und an das Klavier gesetzt hatte. + +Sie spielte jetzt. Ganz leise klang unter ihren Fingern ein altes +Kinderlied, das sie variierte und umbildete. + +»Schlaf, Kindchen, schlaf.« + +Der Bauer horchte hoch auf. Wie weich das tönte, wie wenn eine Mutter +ihr unruhiges Kind einwiegt. Ja, und dasselbe hatte ja auch seine Mutter +ihm vorgesungen. Eine arme Fischersfrau in der Katenhütte am Strand. Ach +er sehnte sich so nach Ruhe, sein Herz war müde und wollte schlafen, so +traumlos wie damals in Mutters Schoß. + +Hedwig spielte immer ernster und gewaltiger. Alle Saiten brausten, wie +ein Choral tönte es jetzt, das alte Lied. + +Der Pächter schauerte, unwillkürlich fiel sein Blick auf einen einfachen +Silberring, den er seiner sterbenden Mutter vom Finger gezogen und +seitdem an der Uhrkette trug. Verstohlen küßte er den Reif und trat +hinter Hedwigs Stuhl. + +Und das Brausen und Donnern löste sich, der gewaltige Orgelton verlor +sich in der Ferne, wie ein süßer, gestammelter Kindergruß klang es aus. + +Noch spielte sie die letzten ersterbenden Töne, da fühlte sie, wie +Wilms seine Hand auf ihr Haupt legte und leise ihr Haar streichelte. – +Sachte, sachte, eine scheue, zaghafte Liebkosung. + +Sofort brach das Spiel ab, aber sie hob die langen Wimpern nicht auf. + +Noch einmal fuhr er ihr leicht über die Flechten, dann – ihr stockte das +Herz – dann fühlte sie, wie er ihre Hand ergriff und sanft einen +silbernen Ring an ihren Finger schob. + +»Da, Heting,« sprach er weich, »du hast so schön gespielt – ich schenk’ +ihn dir – er is von meiner Mutter.« + +Sie zuckte krampfhaft zusammen, blickte mit ihren braunen, ernsten Augen +zu ihm empor und wollte etwas erwidern, aber die Zunge war ihr wie +gelähmt. Nur eine düsterrote Glut stieg ihr langsam über Hals und +Wangen. + +Da wurde plötzlich seine Hand, die noch liebkosend auf ihren Haaren +ruhte, drückend und schwer, als ob sie sich in Eisen verwandele. + +Hedwig hätte aufschreien mögen, so schmerzte es sie. + +»Was ist dir, Schwager?« + +Oh, es bedeutete nur eine Kleinigkeit, fast gar nichts; es war nur +unheimlich, die hervorquillenden Augen zu sehen, die unverwandt auf das +Bett starrten. Ganz zufällig war der Blick des Pächters über das +reinlich zugedeckte Lager geglitten und da, – da wurde eben seine Hand +so schwer, als würde sie Eisen. + +In dem Bett lag Else, schattenhaft, abgemagert, blaß und streckte die +Arme nach dem Manne aus, der ihre Schwester streichelte. + +»Wilms,« rief Hedwig entsetzt und sprang auf. Ihre kräftige Stimme +verscheuchte den Spuk. + +»Ja, ja – Hedwig – willst du etwas?« + +»Um Gottes willen, Schwager – was ist dir? – fühlst du dich krank?« + +»Nein – ich? bewahre – mir war nur so – seltsam. – Ich glaubte – es ist +lächerlich – mir kam es vor, als läge Else mit einemmal dort drüben in +ihrem Bett,« murmelte er einfach, und doch mit hervorbrechendem inneren +Entsetzen. + +»Else?« stammelte das Mädchen. + +Beide starrten sich an, beide versuchten ein Lächeln zu erzwingen, aber +die Furcht schüttelte sie, wie wenn ein kaltes, graues Gespenst zwischen +ihnen stände. + +Das war das erstemal, daß es sie auseinander trieb. + +Der Landmann faßte sich zuerst. »Wollen ein Ende für heute machen,« +ermannte er sich kurz – »es ist schon spät – gute Nacht, mein Kind.« + +Sie reichten sich wie immer die Hände. Die Finger des Mädchens waren +eiskalt. Dann trat Wilms an den Baum und löschte die Lichter aus. + +Es wurde immer dunkler und dunkler, gleichgültig sah Hedwig zu, wie ein +Flämmchen nach dem anderen unter seinen Fingern erstarb, zuletzt +brannten nur noch die Kerzen zu beiden Seiten des Instrumentes. + +»Gute Nacht,« murmelte Wilms noch einmal, dann hatte er das Zimmer +hastig verlassen. + +Hedwig war es, als müßte sie ihm nacheilen, sich in seine Arme werfen +und Schutz suchen, Hilfe gegen die Traumgestalt dort in dem Bette, das +auch sie jetzt aufnehmen sollte. + +Wenn sie das Phantom dann ebenfalls bemerkte, wenn es neben ihr läge und +sie mit dürren, weißen Armen umfing, um sie zu würgen! + +»Warum?« + +»Weil du denselben Mann begehrst, der mir gehört – mir.« + +Einen leisen Angstschrei stieß Hedwig aus. + +»Gib mir den Ring,« klagte es neben ihr weiter. »Er gebührt dir nicht!« + +»Licht – Licht.« + +Mit zitternden Händen entzündete Hedwig die große Stehlampe und blickte +sich um. Rings lag alles friedlich und still, alles in den traulichen +Schein der Lampe getaucht. Jetzt lächelte Hedwig und setzte sich an den +Tisch, aber es war ein müdes, herzzerreißendes Lächeln, und als das +Mädchen den Reif an ihrem Finger fühlte, war es ihr, als ob er sie +stäche. + +»Weißes Silber bedeutet Tränen, sagen die Leute,« dachte sie. + +Ermattet schritt sie wieder zum Klavier und ließ noch einmal die Finger +über die Tasten eilen. Leise drangen die Töne durch das Haus, und Wilms, +der oben in seinem Bett den Kopf gegen die Wand preßte und den Schlummer +herbeiflehte – ihn umschmeichelte plötzlich die liebe, alte Melodie, das +Lied, mit dem ihn seine Mutter schon eingesungen hatte: + +»Schlaf, Kindchen, schlaf.« + +Aber es hatte seine Zauberwirkung verloren. Er fand keine Ruhe mehr, +sondern dachte unausgesetzt an das wunderbare, schöne Weib, dem er den +Silberring geschenkt. + +So endete der Weihnachtsabend in Wilmshus. + + + + +V. + + +»Komm, Hedwig – willst du nicht mit in die Kirche?« fragte am nächsten +Morgen der Pächter, indem er im Sonntagsrock, das Gesangbuch unter dem +Arm, in das Wohnzimmer trat, in welchem Hedwig vor dem Fenster saß und +las. + +Die Gefragte blickte auf. Sie sah heute abgespannt und blaß aus, und +auch der Pächter mißfiel ihr in seinem langen, schwarzen Gehrock. Die +Tracht ließ ihn altfränkisch, kleinbürgerlich erscheinen. – Früher, in +dem Pensionat würde Hedwig über eine solche Figur gelacht haben. + +Was war nur aus ihr geworden? + +»Guten Morgen, Hedwig, willst du mich nicht in die Kirche begleiten?« +wiederholte der Landmann dringender. Ihm erschien der Kirchgang am +ersten Feiertag als selbstverständlich. + +Hedwig schwieg, drehte an dem Reif, den er ihr gestern geschenkt, und +lehnte dann seine Aufforderung mit kurzen Worten ab. + +»Du willst nicht?« stotterte Wilms, als wenn er es nicht glauben könne. + +Das Mädchen tippte auf ihr Buch und schüttelte den Kopf. »Geh nur +allein, Schwager. In der Kirche ist es mir zu voll. Die vielen Leute +stören mich dort.« + +»Stören dich?« + +»Auch kann ich keine vorgeschriebenen Gebete absagen, weißt du, der +Gott, an den ich glaube, der kümmert sich um das Singen gar nicht.« + +Verständnislos, mit weitaufgerissenen Augen starrte sie der Pächter an. +Eine tiefe Trauer zog allmählich über sein ehrliches Gesicht. – Sie war +so schön, wenn sie so heftig sprach, der kleine volle Mund zuckte so +trotzig dabei. Schwer seufzte der Landmann auf und erwiderte kleinlaut: + +»Ich hab’ dir das Gesangbuch meiner Frau mitgebracht – – ich wußte ja +nicht, daß du – daß du so gesonnen bist – – und also –« er drehte das +kleine Buch hin und her, »du begleitest mich also nicht?« + +Es sprach soviel schwermütige Bitte daraus, daß Hedwigs Herz +unwillkürlich schneller schlug. Aber ein Blick auf den altväterlichen +Bratenrock und das abgegriffene Gebetbuch stimmte sie wieder um. + +Ihre heftig brennende Neigung kam ihr plötzlich wie ein Traum vor. Nach +Liebe sehnte sie sich, nach Sturm und Trotz gegen den Mann, nach irgend +etwas, was sie noch nicht kannte, – und nun dieser schwarzgekleidete, +unbehilfliche Mann mit seiner Atmosphäre von dumpfer Kirchenluft. + +Sie erwachte förmlich. Die Stunde in dem Pensionsstübchen fiel ihr ein, +– und – – + +»Nein, ich gehe nicht,« entschied sie entschlossen. + +Wilms nickte und ließ noch einmal seine blauen Augen voll auf ihr ruhen. +»Wie du willst. – Dann ruh’ dich hier aus, Heting. Und wenn ich +wiederkomm’, singst du wieder so schön wie gestern.« + +Er konnte ihr Erröten nicht mehr wahrnehmen, ebenso wenig wie die +heftige Bewegung, als wenn sie ihn dennoch zurückhalten wolle. + +Langsam schritt er über den Hof in den klaren Wintertag hinein, während +das Mädchen ihm durch das Fenster ernst und düster nachschaute. + +In der Kirche von Boltenhagen, zwischen den hohen Eichenstühlen blieb +ein Platz neben Wilms frei. Hier hatte Else früher gesessen, und der +Pächter hatte es sich reizend ausgemalt, heute am hohen Festtag diesen +Raum von Hedwig eingenommen zu sehen. + +Wie silberhell würde ihre Stimme, die ihm gestern abend das ganze Herz +gerührt hatte, wohl geklungen haben, wenn sie beide zusammen, Haupt an +Haupt, aus dem kleinen Büchlein die Psalmen verfolgt hätten. Und nun +– – – die Orgel rauschte, die Gemeinde stimmte ein, aber Wilms Lippen +bewegten sich nur mechanisch, er dachte immerfort an das schöne, junge +Geschöpf daheim, das an dem Christenglauben keine Freude fand. + +Er wunderte sich, warum er nicht ungehalten auf sie sein konnte, warum +sich nicht zwischen dem Frommen und ihr, der Gottlosen, eine noch höhere +Scheidewand aufrichte – aber seltsam, auch ihn erbaute heute der Dienst +des Herrn nicht, keine Tröstung fand er in den Worten des kleinen Pastor +Schirmer, immer wieder beschäftigten sich seine Gedanken mit dem +Mädchen, er empfand eine heftige Sehnsucht nach ihr und verstand es +nicht, warum er nicht bei ihr geblieben sei. Und doch brauste die Orgel +so herrlich und doch feierte man die Geburt des Herrn. + +Er entsetzte sich. Er dachte schon ganz mit ihren Gedanken. Er besaß +auch keinen Gott mehr, nur ein Weib, das er umfassen und küssen und +immer wieder küssen wollte, sein Heiland war ein Mädchen, das ihn +fortlockte, fort zu Lust und Leben und Arbeit. + +»Wirf die Last von dir,« zuckte es durch seine Sinne. + +Hatte es der Pastor gesprochen? – War es ein Bibelwort? – Er wußte es +nicht. + + * * * * * + +Als Wilms seine Schwägerin verlassen hatte, war Hedwig noch einige Zeit +regungslos am Fenster sitzen geblieben. Bald betrachtete sie den +schmalen, silbernen Reif an ihrem Finger, bald sah sie sich erstaunt in +dem weiten Zimmer um, als begriffe sie gar nicht, wer sie hierher +versetzt hätte. Ihr war plötzlich alles zu eng und dumpf. Die +entsetzliche Angst von gestern drückte noch auf ihr Gemüt, ihr dämmerte +es, als wäre sie bis jetzt von einem häßlichen Zauberschlaf umsponnen +worden. + +»Luft – Licht.« + +Sie spähte an sich herunter. Das einfache, schwarze Kleid kam ihr +ärmlich vor. + +Was war nur in der Zwischenzeit aus ihr geworden? Draußen blitzte und +funkelte die Landschaft. – Die dickbeschneiten Bäume der Straße sahen +wie ungeheure, weiße Korallen aus. + +Das Mädchen befiel ein ungestümer, heißer Drang, dort draußen +hinzustürmen, sich auszutummeln, ihre frische, schwellende Kraft zu +betätigen. Ja, sie wollte ebenfalls das Fest begehen. Es war ja ein +kleiner winziger Schlitten im Hause. Den selbst lenken und dann +hinfliegen auf der glatten Bahn, das würde sie wieder gesund machen. + +Kaum gedacht, war sie in ihr enges, kleidsames Pelzjäckchen geschlüpft, +hatte sich ihr keckes Barett aufgesetzt und lief jetzt über den +einsamen, menschenverlassenen Hof. + +»Ich glaube, ich bin ganz allein in diesem frommen Hause.« + +Jedoch sie täuschte sich. + +Vor dem Stall saß der alte Krischan, der Zauberer des Hofes, und +zitterte vor Frost oder vor Schwäche. Neben ihm hielt der Rabe seinen +beständigen Schlaf und zitterte ebenfalls. + +Hedwig war dieses Paar von Anfang an unsympathisch. + +»Alterchen,« befahl sie, »holen Sie mir mal den Schlitten aus dem Stall +und das braune Handpferd dazu.« + +Der Alte erwachte aus seinem Schlummer und grinste sie an. + +»Willen dat Fräulen utführen?« hustete er. + +»Ja, und nun schnell.« + +Allein der Greis hatte nicht gehört, oder wollte den Befehl nicht +ausführen. Langsam schlich er zur Seite und schüttelte den Kopf. + +Das Mädchen blickte ihn an: »Was soll das heißen? Haben Sie mich denn +nicht verstanden?« + +Der Alte schüttelte wieder und steckte die Hände in die Hosentaschen. +Dann begann er von neuem zu zittern, wie ein Knochengerüst, das im Winde +klappert. + +Ein widerwärtiger Anblick. + +Hedwig stieg das Blut ins Gesicht, sie trat dicht an den häßlichen Alten +heran und sagte scharf und bestimmt: + +»Christian, es wird Zeit, daß Sie vom Hof herunter und in das +Gemeindehaus kommen. – Verstehen Sie mich? Hier können Sie nichts mehr +leisten, dort dagegen können Sie sich ausruhen. – Mein Schwager wird Sie +beköstigen. Wollen Sie?« + +Ganz genau hatte der Alte verstanden. Er zitterte, kaute weiter und +murmelte gelassen: + +»Ick bliew hier. Se sünd nich de Fru. Se hewwen hier nix tau seggen.« + +»Was?« entgegnete Hedwig erblassend, »das wird sich finden.« Mit +schnellem Atem betrat sie den Stall, wo sie einen Hofjungen fand, der +sein flachsblondes Haupt an die Krippe lehnte und eingeschlafen war. Sie +rief ihn an und mit seiner Hilfe war der kleine, blaue Schlitten bald +herausgehoben und mit dem schönen braunen Pferde bespannt. + +Hedwig setzte sich hinein. + +»Aber der Kutscher is in die Kirche,« meinte der Junge. + +»Schadet nicht – ich fahre allein – adieu!« + +Sie hieb mit der Peitsche zu, der Braune, ein Renner mit halbenglischem +Blut, machte einen Seitensprung und flog mit ihr vom Hofe herunter. + +Windschnell ging es über die weiße Landstraße. Die kleinen +Schlittenglocken klangen und klingelten, ringsum war keine Menschenseele +zu erspähen, alle hatten die Kirche aufgesucht, nur sie, sie allein +genoß jetzt die weiße, blitzende Landschaft. + +Wie ihre Wangen sich röteten, wie die Augen vor Lust und Freude +blitzten. Die letzten, dumpfen Wochen waren vergessen, das war wieder +die Hedwig von ehemals. + +Als sie bei der Kirche von Boltenhagen vorbeiglitt, kamen die Gläubigen +gerade heraus, der ganze Platz wimmelte von festlich gekleideten Männern +und Frauen. Ihr war es auch, als hätte sie auf der Portaltreppe ihren +Schwager erkannt, der in seinem langen, schwarzen Rock und seinem +wolligen Zylinder auf den Stufen stand und nach dem Gespann hinübersah. + +Hui! Ein neuer Schlag traf den Braunen, so daß das kleine Gefährt wie +ein Gedanke vorüberschoß. Sie wollte einmal allein sein, alles +vergessen, alles abschütteln. + +»War sie’s? – War sie’s nicht?« dachte Wilms und strengte seine Augen +aufs äußerste an. »Nein, sie hat ja auch versprochen, mich zu erwarten,« +beruhigte er sich dann. Die Sehnsucht von vorhin ergriff ihn immer +heftiger. Mächtig schritt er aus, um heimzugelangen. + +Währenddem war Hedwig auf freies Feld gelangt. Wie ein ungeheures, +erstarrtes Meer dehnte es sich zu beiden Seiten der Chaussee, die +Grenzbüsche und die kleinen eisbereiften Tannenschläge schienen enorme +Sturzwellen, die in der Höhe festgebannt waren. Nur leichte +Schaumflocken trieb der Wind manchmal ab. + +Tief aufatmend fuhr Hedwig dahin und gönnte ihrem dampfenden Braunen +jetzt größere Ruhe. Und Schritt vor Schritt, manchmal mit lautem +Wiehern, zog das Tier den Schlitten durch den tiefen Schnee, wohl zwei +Meilen Wegs, bis sie ein winziges an der Landstraße liegendes Gasthaus +erreicht hatten, das man in dortiger Gegend »Krug« nennt. + +Hier warf das Mädchen dem Braunen eine Decke über, stieg ab und betrat +die niedrige weißgetünchte Gaststube. Ein kolossaler Kachelofen +verbreitete hier eine enorme Hitze. Ein derber, weißgescheuerter +Kieferntisch stand vor dem Fenster, ein paar ungefüge Stühle davor, +sonst bildeten nur noch ein schwarzes, fettglänzendes Ledersofa und +mehrere Öldruckbilder, welche glückliche Familienszenen darstellten, das +Meublement der verlassenen Gaststube. + +Und verödet blieb sie noch eine Weile. Hätte nicht eine unsichtbare +Klingel bei Hedwigs Eintritt hell geläutet, die Krugwirte würden +überhaupt nichts von ihrem Besuch erfahren haben. + +So jedoch erschien nach einiger Zeit ein kleines blasses Weib, an deren +Röcken sich zwei Kinder festklammerten, während es ein drittes, einen +Säugling, auf dem Arm trug, und versprach, auf Hedwigs Wunsch, ein Glas +Milch zu bringen. + +Hedwig ließ sich an dem weißgescheuerten Tisch nieder, streifte sich die +Handschuhe ab und sah durch das kleine pappgeflickte Fenster der +Gaststube auf das blinkende Feld hinüber. + +Draußen stand ihr Brauner, schüttelte sich und wieherte laut. + +Das gab ihren Gedanken die Richtung. + +»Am besten wär’s,« überlegte sie sich, »ich bestieg wieder den +Schlitten, und dann rasch, weit fort von hier in die Stadt und von dort +wieder weiter, viel weiter, wo ich nichts mehr höre von alledem, was ich +hier zurückgelassen. O, es wäre so gut, wenn ich jetzt ginge, bevor – ja +bevor irgend etwas Schlechtes sich ereignet. Denn kommen wird es. Ich +weiß nicht weshalb, aber es ist alles so ungesund in Wilmshus, so +ansteckend, ich wünschte, ich wäre nie dort eingekehrt. – Warum mir das +heut wohl gerade einfällt?« + +Sie stützte den Kopf in beide Hände und saß eine Zeitlang regungslos. +Das eiserne Blech vor dem Ofen knackte und bog sich regelmäßig hin und +her. Durch den Hausflur schallten streitende Stimmen hinein. Hinten auf +dem Hof des Hauses schienen mehrere Männer miteinander zu sprechen. + +Das Mädchen regte sich. Sie war also nicht allein hier? Auch brachte die +Krugwirtin das Verlangte noch immer nicht. Sie wurde ungeduldig. Endlich +erschien das blasse Weib wieder und stellte einen Seidel frische Milch +vor ihrem Gast nieder. Hedwig erkundigte sich, ob sie noch andere Gäste +beherberge. + +»Nein, Fräulein, mein Mann hat bloß Besuch. Wir woll’n Pferd verkaufen.« + +Damit ging sie wieder hinaus. + +Aber während Hedwig an dem Glase nippte, wurde draußen wiederum die +Flurtür geöffnet, und das Mädchen hörte eine kräftige Männerstimme +sprechen. + +Sie griff nach ihren Handschuhen und horchte. Allein sie vernahm nichts +mehr. Das laute Gespräch hatte sich wieder verloren. Dennoch wurde sie +von einer merkwürdigen Unruhe ergriffen. Sie wollte aufbrechen. Rasch +schritt sie zur Tür und rief die Wirtin: die erschien auch +bereitwilligst mit ihrem Säugling auf dem Arm und wischte mit einem Tuch +den Tisch sauber. + +»Nun, ist das Pferd schon verkauft?« fragte Hedwig. + +»Ja, sie sind woll schon einig.« + +»Wer ist denn der Käufer?« + +»Je, ich kenn’ ihm auch nich. Mein Mann sagt ja woll ›Herr Graf‹ zu +ihm.« + +»Graf?« stotterte die andere erblassend, »vielleicht Graf Brachwitz?« + +»Ja, so kann er woll heißen,« antwortete die Wirtin gleichgültig und +trocknete sich die Hand ab, um die Bezahlung entgegenzunehmen. + +»Hier, liebe Frau, hier haben Sie – – hier haben Sie.« Hedwigs +Bewegungen wurden immer hastiger. Vergeblich durchwühlte sie ihre +Taschen, ohne jedoch ihr Portemonnaie finden zu können. Wahrscheinlich +hatte sie bei ihrer eiligen Ausfahrt überhaupt vergessen, Geld zu sich +zu stecken. + +»Na, das schad’t ja nich,« tröstete die Krugwirtin verwundert, »das +Fräulein schickt mich’s dann.« + +»Ja, ja, ich schicke es Ihnen.« + +Nur noch das Barett aufgesetzt, das sie abgelegt hatte, und sie konnte +hinauseilen. Mit hastigen Fingern rückte sie es sich zurecht, da +schallten Tritte den Flur entlang, und gleichzeitig sah Hedwig durch das +Fenster, wie der Krugwirt ein gesatteltes Reitpferd dicht neben ihren +Schlitten hinausführte. + +Jetzt hoffte das Mädchen nur noch, daß der Mann, dem das Roß dort +draußen gehörte, an der geschlossenen Tür der Gaststube vorübergehen +würde. Aber das Schicksal wollte es anders. Die Tür wurde aufgemacht, +ein schlanker Mann, in grauem Wams und Pelzmütze, guckte herein und rief +gutmütig: + +»Sie, Frau Wirtin, ich hab’ doch noch die paar Taler zugelegt – wir sind +jetzt einig. Aber wehe Ihnen, wenn’s nicht wirklich eine Whalebonestute +ist. – Na, guten – – –« + +»Morgen,« wollte er sagen, indessen mitten im Wort fiel sein Blick auf +die Dame, die ihm zuvor den Rücken wandte, deren Gestalt ihm aber so +einzig vorkam, daß er sie sofort erkannte. Da erblaßte auch er und +verlor die Herrschaft über sich. Allerlei Entschlüsse fuhren ihm wild +durcheinander. Sollte er nicht lieber einfach aufbrechen? Oder wollte er +es doch noch einmal wagen, vor das schöne Mädchen, das er so beleidigt +hatte, hinzutreten? + +Wenn sie ihm nun vor der Krugwirtin die Tür wies? + +Er starrte ungewiß auf sie hin und merkte, daß über ihre abgewandte +Figur ein Zittern lief, als wenn sie ebenfalls mit sich kämpfe. +Plötzlich kehrte sie sich hastig um. »Wie gesagt, ich habe das Geld +vergessen – ja, ich – ich schicke es Ihnen aber, liebe Frau,« brachte +sie verworren hervor, um nur irgend etwas zu äußern, und schritt rasch +auf die Tür zu, auf deren Schwelle ihr Bedränger von ehemals noch immer +verharrte. + +Sie blickte nicht auf. Jedoch in ihrer ganzen Art drückte sich soviel +Trotz, Kraft und Selbstbewußtsein aus, sie war in ihrer Verwirrung so +eigenartig schön, daß Brachwitz vollkommen überwältigt zurücktrat und +die Mütze vom Kopf riß. + +»Guten Morgen,« murmelte er mit einer respektvollen Verbeugung, während +sie an ihm vorüberschritt. + +Sie neigte unmerklich das Haupt, und flog dann auf die Landstraße +hinaus. Dort hatte der Krugwirt ihrem Braunen einen Futtertrog +umgehängt, und hielt nun den Rappen seines vornehmen Gastes, so daß er +dem Mädchen nicht behilflich sein konnte, ihr Tier von der umgehängten +Blechbüchse wieder zu befreien. + +Sie stampfte vor Ungeduld mit den Füßen, in der Eile überhastete sie +alles. Auch die Decke konnte sie nicht schnell genug zusammenfalten. + +Am liebsten wäre sie zu Fuß durch den Schnee davongerannt. + +Der junge Graf Brachwitz stand unterdessen auf den niedrigen Stufen des +Gasthauses und beobachtete das Treiben des Mädchens eine Zeitlang +gespannt. Dann strich er unmutig seinen Schnurrbart. Es tat ihm ehrlich +leid, daß Hedwig eine so schlechte Meinung von ihm hatte, und er +verwünschte sein ungestümes Blut, das ihn damals zu dem offenbaren +Frevel gegen sie getrieben. Entschlossen sprang er zu Hedwigs Braunem, +nahm unbeirrt von ihrem Zurückweichen dem Tiere den Trog ab, dann +faltete er die Decke und trat höflich an den Schlitten, den Hedwig +inzwischen ratlos bestiegen hatte. + +»Darf ich die Decke hier hereinlegen?« murmelte er kleinlaut. + +Sie nickte und wandte sich ab, als er ihr den wollenen Fries leicht +über die Füße warf. + +»Keinen Kutscher?« fragte er dann erstaunt, während er ihr die Zügel in +die Hände gab. + +»Nein,« versetzte sie fest, »ich fahre selbst.« + +Sie hob die Peitsche. + +Allein bevor der Braune anzog, war Brachwitz auf die Schwelle des +Schlittens getreten. »Ich möchte Sie bitten – gnädiges Fräulein, daß Sie +mir die Zügel überlassen,« bat er leise und verwirrt. + +Der Ton war ehrlich, die Anrede ehrerbietig. + +Hedwig wandte ihre großen, braunen Augen auf den hübschen Menschen. Ihr +Blick war seltsam. Es schien, als wollte sie sein ganzes Wesen lesen. +Und nach kurzer Frist sagte sie kurz und herb, jedoch mit zitternder +Stimme: + +»Treten Sie dort herunter, Herr von Brachwitz, ich muß Ihre Begleitung +bestimmt ablehnen. – Ein für allemal.« + +»Ein für allemal?« wiederholte er. + +»Vorwärts!« + +Wiederum hob sie die Peitsche, aber die Hand des Grafen legte sich sanft +auf den Griff. + +Hedwig fuhr zusammen und richtete sich schwer atmend auf. + +»Liebes Fräulein,« bat er dringend, »ich bitte Sie – bitte Sie von +Herzen – hören Sie mich doch nur ein paar Minuten an. Sie wissen ja gar +nicht, wieviel mir daran liegt, mich vor Ihnen zu – – nun ja, zu +rechtfertigen. Darf ich denn nicht, wenn Sie mich nicht bei sich im +Schlitten dulden wollen, wenigstens nebenher gehen, natürlich nur so +lange es Ihnen gefällt, langsam zu fahren? – Ich möchte doch gar zu gern +Ihre Verzeihung erhalten, darf ich?« + +Er ergriff die Zügel seines Pferdes, und da Hedwig nichts antwortete, so +hielt er es für Zustimmung und schämte sich nicht, zu Fuß neben dem +langsam gleitenden Schlitten herzuschreiten und sein Tier mit sich zu +führen. + +Hedwig selbst kam es wie eine Art Bußwanderung vor, als wenn der junge +Mann, der sie so beleidigt hatte, sich allein demütigen wollte. Mit +Interesse blickte sie auf ihn hin. In demselben Moment aber fiel ihr +ein, wie heiß und wahnsinnig dieser fremde Mensch sie schon einmal +geküßt hatte. Das empörte sie plötzlich wieder so ungestüm, daß sie der +Szene ein Ende zu machen beschloß. + +»Was wollen Sie also von mir?« forschte sie hart. + +»Endlich Ihre Verzeihung erlangen,« erwiderte der Graf treuherzig. – +»Ich schäme mich aufrichtig, daß ich so häßlich gegen Sie gehandelt +habe; Fräulein Hedwig – gnädiges Fräulein, wollen Sie mir nicht die +Versicherung geben, daß Sie mir nicht mehr zürnen?« + +»Ja, das will ich. Aber unter der Bedingung, daß damit unsere +Unterredung zu Ende ist, und sich unsere Wege nie mehr kreuzen.« + +»Nie mehr?« + +»Nein.« + +»Und warum nicht?« + +»Das wissen Sie doch – weil es zwecklos wäre, Herr Graf.« + +Sein dunkles Gesicht färbte sich höher, er sah sie voll an und empfand +wieder ihre Schönheit. Leicht seufzte er auf und legte die eine Hand auf +die Lehne des Schlittens. + +»Sie haben recht,« gab er endlich in sich gekehrt zu, und über seine +frischen, offnen Züge legte sich ein Schatten. »Ach, Unsinn, Fräulein +Hedwig, ich muß es Ihnen einmal sagen, wir wollen ehrlich miteinander +handeln. Es ist tatsächlich zwecklos. Obgleich ich Ihnen wirklich gut +war – nein, werden Sie mir nicht böse, Ihnen war ich wirklich gut, wenn +ich Sie auch in meiner Tollheit geradezu mißhandelt habe, ich +unterschätzte Sie vielleicht – – aber das ist es nicht allein –« + +»Nun, aber?« fragte das Mädchen hastig. Ihr Herz klopfte. Unvermittelt +blitzte es ihr auf, als ob dieser junge Aristokrat, der ihr eben so +treuherzig seine Liebe gestand, die Hände ausstrecken würde, um sie vor +dem Fall zu bewahren, den sie ahnte. »Nun, aber?« kam es zitternd über +ihre Lippen. »Was wollen Sie mir noch mitteilen?« + +Sie wußte jetzt, sie liebte ihn nicht, aber sie wollte gerettet werden. + +»Aber,« murmelte er widerwillig und riß an dem Zügel seines Pferdes – +»man hat mich da vorige Woche in der Hauptstadt verlobt.« + +»Sie?« + +Sie rief es beinahe entsetzt. Alles Blut entwich ihren Wangen. Und doch +durchschauerte sie es nur deshalb so kalt, weil sie sich jetzt vom +Schicksal zum Untergang bestimmt hielt. + +»Und wer ist Ihre Braut?« wollte sie stammeln, aber in demselben +Augenblick hatte sie ihrem Braunen mit voller Wucht die Peitsche +versetzt, das Tier zuckte in die Höhe und raste dann in voller Wut mit +dem Schlitten die schneebedeckte Chaussee herunter. Kaum hörte sie +noch, was ihr überraschter Begleiter ihr nachrief. + +Mit aller Kraft riß und zerrte sie an den Zügeln, jedoch sie hatte ganz +die Gewalt über das schäumende Tier verloren. Wie jagende Traumbilder +schossen Bäume, Häuser und Menschen an ihr vorüber, die vorübersausende +Luft nahm ihr den Atem. + + * * * * * + +In dem Pachthaus hatte der Landmann die Gesuchte nicht gefunden. Er +fragte den alten Krischan. Der zuckte die Achseln und wies auf die +Landstraße hinaus. + +»Da is sie fortgefahren, Krischan?« forschte Wilms betroffen – »allein? +Saß sie nicht im Schlitten?« + +Der Alte nickte und schlotterte weiter. + +»Fort?« murmelte Wilms, während er in sein Haus zurückschritt. Und er +hatte sich so gefreut, mit ihr zusammen zu sein. Das einsame große +Zimmer schien ihm ohne sie unwirtlich. Als das Mädchen nach einer Stunde +nicht zurückgekehrt war, warf er sich in seine gewöhnliche Joppe, band +den Hofhund los und wanderte die Landstraße nach Boltenhagen zu. + +In dem harten Schnee sah man noch die Schlittengleise, in denen sie +gefahren war. Wilms Herz zog sich zusammen. Da er das Mädchen jetzt +schon entbehrte, wie sollte es werden, wenn sie ihn gänzlich verließ, +sobald sein Weib zurückgekehrt war? + +Kurz vor Boltenhagen hörte er etwas über die Chaussee klingeln. Der +ferne Punkt, den er wahrnahm, wurde größer und größer, schon vernahm er +das Schnaufen und Keuchen des gereizten Pferdes. + +Er sprang zur Seite. + +»Halt!« rief er mit harter Stimme den Anstürmenden entgegen. + +Hedwig sah ihn, hörte ihn, aber dem Durchbrenner konnte und wollte sie +keinen Einhalt tun. Nur vorbei, nur nicht gefragt werden, nur weiter +sich austoben können, hart begleitet von der Gefahr. + +Schon waren sie nahe. + +»Halt,« schrie Wilms noch einmal. + +Sein ganzer Kopf rötete sich. Er hielt dieses Vorübersausen für +beabsichtigt, um ihm zu entgehen. Schon heute früh war sie an der Kirche +so vor ihm entflohen. + +»Ich bin’s, Hedwig,« brüllte er noch einmal. + +Keine Antwort. + +Immer näher. + +Da erhebt sich das Rohe, Gewaltsame in dem Bauern. Er springt vor, seine +gutmütigen Augen drohen, ein mächtiger Faustschlag trifft das Pferd vor +die Stirn, daß es hoch in die Höhe steigt. Der Schlitten wird +umgeschleudert und das Mädchen schlägt hart in den Schnee, wo es mit +weitaufgerissenen Augen liegen bleibt, als hätte sie der Blitz +getroffen. + +»Wilms,« murmelt sie betäubt. + +Er hob sie auf, und noch halb über sie gebeugt, gurgelte er heiser vor +Aufregung: »Hedwig, dir is doch nichts? Sag’ doch, Heting, dir is doch +nichts?« + +Er wußte gar nicht, was er getan hatte. + +»Nein, nein – Wilms, ich will nach Hause.« + +»Ja, wir wollen nach Hause, Heting,« brachte er bestürzt heraus, »komm’, +ich heb’ dich in den Schlitten.« Und während er das Mädchen in das +wieder aufgerichtete Gefährt niederließ, befühlte und betastete er sie +ängstlich, ob sie auch keinen Schaden genommen hätte. + +»Heting, sag’ mir bloß, wo bist du denn gewesen?« + +Allein sie saß wie erstarrt. + +»Frag’ mich jetzt nicht – ich will nach Haus.« + +»Wie du willst, dann will ich dich jetzt auch nicht fragen,« gab er +sofort nach. »Aber nicht wahr, Heting, dir fehlt doch nichts?« + +Sie schüttelte den Kopf. + +»Dann kommt es bloß vom Schreck,« tröstete er sich und sie. Er nahm +neben ihr Platz, ergriff die Zügel, und der gebändigte Braune begann +folgsam im Trabe zu laufen. + +Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt. Gedankenlos saß +Hedwig neben dem Pächter und hörte auf das Läuten der Glöckchen. Nur +einmal stieg ihr schwache Verwunderung auf, warum jetzt das Tier jeder +Bewegung des Lenkers folge, das vorher so wild gewesen. + +Verstohlen blickte sie auf den Mann an ihrer Seite und merkte, daß seine +Augen gleichfalls auf ihr hafteten, voller Angst. + +Er sah jetzt ganz anders aus, wie vorhin, als er das Pferd +zurückgeschlagen hatte. + +Als sie daran dachte, zuckte sie zusammen, als habe sie selbst der +Faustschlag getroffen. + +Was sollte daraus noch werden? + +Es war ihr, als hätte er damit auch sie gebändigt. + + + + +VI. + + +Und die Erkenntnis, daß sie langsam unterlag, rührte ihr ganzes Wesen +auf. + +Kaum waren sie in dem Pachthause angelangt, so setzte sich Hedwig völlig +erschöpft in eine Sofaecke und begann plötzlich heftig zu schluchzen. +Wilms sah bestürzt, daß all ihre Glieder bebten und zitterten wie +Grashalme, über die der Sturm rauscht. + +»Heting – liebes Heting,« murmelte er und fuhr ihr unbeholfen über das +Haar. – »Bist du krank? – Willst du mir nicht sagen, warum du weinst?« + +Immer heftiger flossen ihre Tränen. Wie ein plötzlicher Regenhusch, der +das Gewitter anzeigt. + +»Heting, das kann ich nicht mit ansehen. Bist noch böse auf mich von +vorhin?« + +Er meinte, weil er sie so roh aus dem Schlitten gestürzt. + +»O nein.« + +Sie schüttelte den Kopf und drückte krampfhaft seine Hand. + +»Wilms – ich bitte dich, Schwager,« flüsterte sie dringend. »Geh’ jetzt +hinaus und laß mich allein – ganz allein – nicht wahr, du tust mir den +Gefallen?« + +»Natürlich, Heting, ich tu’ ja alles, was du willst,« erwiderte der +Landmann. »Bloß sag’ mir noch, bist du vielleicht ungehalten, weil ich +heute ohne dich in die Kirche ging? Sieh, wenn du es nicht für recht +hältst, dann will ich ja überhaupt nicht mehr hingehen.« + +Sie machte nur eine stumme Bewegung der Verneinung, und der Pächter +schritt schwer und erschüttert hinaus. Kaum hatte er die Tür hinter sich +geschlossen, so erhob sich Hedwig und warf sich vollkommen durchrüttelt +und kraftlos vor Elses Bett in die Knie, wo sie ihren Kopf in die Kissen +grub. + +»Schwester – Schwester,« murmelte sie halb betäubt vor Seelenangst. + +Unterdessen schritt Wilms in dumpfer Verzweiflung auf dem Hof hin und +her. Und immer wieder richteten sich seine überbuschten Augen auf das +Fenster, hinter dem früher seine kranke Frau gelegen hatte und ihm Qual +bereitete. Jetzt spähte er nach der gesunden Schwester. + +Er griff nach seiner Stirn und wunderte sich. + +Unter ihm lag noch immer die Erde fest und bebte nicht, über ihm +schwamm der Schneehimmel und spie keine Feuerballen aus, um ihn herum +ragten Haus und Scheunen festgefügt wie sonst, und doch brütete der +Mann, der nicht mehr in die Kirche gehen wollte, über eine der Todsünden +nach. + +»Gedankensünden,« hatte der Pastor einmal gesagt, »Gedankensünden.« + +Es sollte noch schlimmer kommen. + +Der kleine Hofjunge trat auf ihn zu und händigte ihm einen Brief aus. Er +enthielt eine Einladung für den heutigen Abend zur Försterfamilie. Die +Försterin hatte ihn selbst mit zierlicher Handschrift geschrieben. + +Als Wilms zur Mittagszeit in das Wohnzimmer trat, fand er seine junge +Schwägerin am Nähtisch emsig mit einem Brief beschäftigt. + +»An wen schreibst du, Heting?« fragte er zaghaft. + +Sie blickte mit trübem Lächeln zu ihm auf. »An Else,« antwortete sie +stockend. + +Der Pächter stutzte. »An meine Frau?« wiederholte er düster und blickte +zu Boden. + +»Ja, ich frage sie an, wann sie wiederkommt.« Sie senkte dabei das +Haupt, schrieb noch ein paar Zeilen und übergab Wilms dann den +geschlossenen Brief zur Besorgung. + +Eine drückende Stille trat ein, wie sie jetzt immer entstand, wenn der +Entfernten zwischen beiden Erwähnung geschah. + +»Wann sie wiederkommt,« dachte der Landmann mutlos. Er reckte sich. »Ist +dir bange nach ihr, Heting?« + +Es sollte gleichgültig klingen, aber seine tiefe Stimme bebte leicht. + +Zitternd wandte sich das Mädchen ab und antwortete nicht. + +»Nur von etwas anderem sprechen,« dachte Wilms, »von etwas anderem.« Da +erwähnte er die Einladung, die er eben erhalten. Natürlich würde Hedwig +ablehnen, glaubte er; auffallend war ja ihre Blässe, und sie hatte noch +eben über ihr Befinden geklagt. Aber zu seinem Erstaunen rief sie +erregt: »Ja, wir wollen hin. Warte, ich kleide mich gleich um.« + +Kopfschüttelnd blieb er zurück. + +Schon nach dem Kaffee fuhren sie vom Hof herunter in demselben +Schlitten, den Hedwig heute vormittag benutzt hatte. + +In dem gemütlichen Försterhäuschen mitten im Walde ging es hoch her. +Vielstimmiger Gesang, Geigen- und Trompetenklang empfingen sie schon +bei ihrer Ankunft. Der Förster hatte von der benachbarten Akademie +mehrere Forsteleven, selbst einen Assessor eingeladen. Der hatte seine +Geige mitgebracht zur Verschönerung des Festes. Auch des Pastors +Töchterlein war da. + +In einer der braungetäfelten Stuben mit den vielen Hirschgeweihen +brannte noch der Tannenbaum. Darunter saß das blonde Töchterchen der +Forstleute in seinem Wägelchen und streckte die Arme nach den Lichtern +aus. + +Hedwig nahm das Kind in die Höhe und küßte es. Als sie sich umwandte, +stand Wilms hinter ihr, dessen Augen mit besonderem Ausdruck auf ihr +ruhten. + +Er hatte sich in tiefster Seele gedacht: »Warum gehört mir dieses schöne +Weib nicht und dieses Kind?« Langsam fuhr er sich über die Stirn und +ging zu den Männern. + +Es wurde spät. + +Der Abend verfloß in lauter Fröhlichkeit. + +Hedwig wurde von den jungen Leuten der Hof gemacht, Paula Schirmer +schmiegte sich an sie, sie mußte singen. Zum Schluß spielte der +Forstassessor zum Tanz auf. Da war es selbstverständlich, daß das +Mädchen von einem Arm in den andern flog. Nur Wilms stand ernsthaft +beiseite, er hielt es für unpassend zu tanzen, solange sein Weib fern in +der Klinik weilte. + +Stirnrunzelnd überkam es ihn, als ob seine Jugend in Trauer verfließe. +Und wie anmutig Hedwig tanzte, sie lenkte aller Augen auf sich, nur zu +wild erschienen ihm manchmal ihre Bewegungen, es lag dann etwas Rasendes +darin. + +Er schüttelte den Kopf. + +»Hören Sie auf, Fräulein Hedwig,« mahnte auch die Försterin, »sonst wird +es zuviel.« + +Sie zog das Mädchen mit sich fort und stäubte ihr in ihrem Schlafzimmer +etwas Kölnisches Wasser ins erhitzte Gesicht. + +»Wie geht es Ihrer Schwester?« fragte sie dabei. + +»Das weiß ich nicht,« versetzte Hedwig geistesabwesend. + +Die Försterin starrte sie an. Sie merkte, daß die Erregung ihres jungen +Besuches unnatürlich sei. Jedoch sie glaubte die rechte Spur gefunden zu +haben. + +»Wissen Sie schon, daß sich der junge Graf Brachwitz verlobt hat?« +forschte sie gespannt. + +»Ja, ich hörte schon davon,« nickte Hedwig gleichgültig und wollte +wieder zu den andern. + +Die Försterin verstand nicht, was sie aus ihr machen sollte. Sie hielt +das Mädchen am Arm fest und klopfte ihr fast mütterlich die Wangen. Eine +Regung des Mitleids überkam sie für dies schöne, fiebernde Geschöpf. +Wenigstens einen guten Rat wollte sie ihr erteilen, geschöpft aus den +Erfahrungen einer reifen Frau. Und ganz ehrlich und aufrichtig kam es +heraus: »Fräulein Hedwig, ich wollte schon immer einmal mit Ihnen +darüber sprechen. Bleiben Sie nicht mehr lange allein mit Ihrem Schwager +in Wilmshus. – Hören Sie?« + +»Warum?« wandte sich Hedwig ruckartig um. + +Sie war leichenblaß geworden, nur die braunen Augen glänzten und +funkelten wie feurige Kohlen. + +»Weil,« fuhr die Frau eindringlich fort, »die Lästerzungen in der +Umgegend sich schon darüber aufhalten. Ich rate Ihnen gut, wenn auch +nichts daran ist, gehen Sie dem Gerede lieber doch aus dem Wege.« + +Da raffte sich Hedwig auf, alles Blut schoß ihr zum Herzen, es war ihr +so weh, daß sie laut hätte schreien mögen, denn sie fühlte, daß sie +jetzt den Scheideweg erreicht habe. + +»Liebe Frau Annchen,« sprach sie dennoch straff aufgerichtet, obwohl die +vollen Lippen in dem bleichen Gesicht bebten, so daß ihr Gegenüber nur +mit Mühe ihre Worte verstand. »Solch müßiges Geschwätz ist mir +gleichgültig. Ich tue das, was ich für recht halte, und scheue niemand.« + +Damit riß sie sich heftig los und ging in der großen Stube mitten durch +die Fröhlichen hindurch, gerade auf Wilms zu, um ihn zum Tanz +aufzufordern. + +Die Försterin wurde rot vor Unwillen, als sie es sah, und flüsterte +aufgeregt mit ihrem Manne. + +»Heting,« sprach Wilms betreten, »ich möchte nicht gern. Solange Else +fort ist – –« + +Sie achtete nicht darauf. »Komm, Schwager, – wenn ich dich bitte?« + +Dabei sah sie ihn an mit ihren fieberigen Augen so heiß, so flehend, als +ob er ihr damit das Leben retten könnte, als ob ihr ganzes Dasein an +diesem einen Tanze hing. + +Da schlug es auch über ihm zusammen. Weib – Ruf – die Furcht vor dem +Gerede, alles ging unter in dem einen Wunsche, dieses lebenstrotzende +Wesen einmal umschlingen und forttragen zu dürfen. + +Er packte sie, gewaltsam, verzweiflungsvoll, als wollte er sie an seiner +Brust zerpressen. + +»Bravo,« riefen der Forstassessor wie die Eleven und ließen ihre +Instrumente noch lauter jubeln. Und unter Geigenspiel und +Trompetenklang schwenkte er sie herum, schwer, wuchtig, als ob es sich +um Leben und Tod handele. + +Er sah auf sie herab. + +Ihr Gesicht war schmerzverzogen, ihr Atem ging stöhnend, wie wenn sie +mit jedem Schritt über spitze Messer dahinglitte, und doch lag sie eng +und voll in seinen Armen, daß er gänzlich die Besinnung verlor. + +»Süßes, liebes, Heting,« flüsterte er. + +Sie zuckte zusammen und schloß die Augen. + +Da war auch der Tanz zu Ende, sie trennten sich hastig und kamen erst +wieder zusammen, als man aufbrach. + +»Adschö auch.« + +»Auf Wiedersehen.« + +Die Förstersleute versprachen bald auf Wilmshus vorzusprechen. »Wenn +Ihre Frau erst zurück ist, Wilms,« meinte der Förster, »das ist doch +jetzt bald.« + +»Ja, das ist bald,« bestätigte Wilms überstürzt, »das ist bald.« + +Wieder saßen sie im Schlitten, der Landmann hatte ein Tuch um das +Mädchen geschlagen, daß man fast nichts von ihr sah. Dann ging es durch +den nächtigen Wald, in dem die Schlittenglocken seltsam wiedertönten. + +»Kling-ling – Kling-ling.« + +Hedwigs Haupt neigte sich leicht gegen seine Schulter. Ihr war so +bleischwer in allen Gliedern, der Schlaf schien sie erdrücken zu wollen. +Wie im Traum zog es ihr durch den Sinn, daß sie mit diesem Mann nicht +länger allein in einem Hause bleiben solle. Aber die silbernen Schellen +verscheuchten den Spuk gleich wieder: + +»Kling-ling – Kling-ling.« + +In dem dunklen Gehöft zu Wilmshus war keine Menschenseele zu erspähen. +Schwärzer als anderswo lag die Nacht auf diesem Ort. Fürsorglich hob der +Landmann seine Schwägerin aus dem Gefährt und sie duldete es, obwohl sie +fühlte, wie seine Arme zitterten. Da erleuchtete sich die Nacht. Aus dem +Hause schlürfte etwas heran, der alte Krischan schlich heraus, seinen +Herrn zu empfangen, eine Stallaterne warf einen breiten Schein über den +Hof. Da machte sich Hedwig ungestüm frei. + +Erst auf dem dunklen Flur vor der Tür des Wohnzimmers, wo sie in Elses +Bett schlief, erreichte der Pächter seine Begleiterin noch einmal. + +Rabenschwärze herrschte hier. + +Zaghaft ergriff er ihre Hand und drängte sich scheu an sie. + +»Heting,« flüsterte er leise und berührte furchtsam ihre Schulter. + +»Wilms, versprich mir was.« + +»Alles, Heting, was du willst.« + +»Dann soll Christian aus dem Hause und ins Altenheim.« + +»Ja, dann soll er fort,« wiederholte Wilms ohne Überlegung. Halb betäubt +beugte er sich zu ihr hinab. + +Und derselbe schlürfende Greis, den sie eben verleugnet hatten, bewahrte +die beiden, die nicht mehr gerettet sein wollten, zum letzten Male. + +An der Schwelle klapperten seine hölzernen Pantoffeln, in den Flur ergoß +sich matter Lichtschimmer, eben als Hedwig, die gegen die Tür lehnte, +fühlte, daß der Boden unter ihr zittere und schwanke und daß sie in jene +Arme stürzen würde, die nach ihr tasteten. + +»Gute Nacht, Wilms,« stotterte sie auffahrend. + +»Ach, gute Nacht, Heting,« klagte der Pächter und starrte sinnlos auf +die Tür, die sich rasch hinter ihr schloß. + +Der Alte war unterdes vorüber geschlichen und hatte seine Schlafstelle +aufgesucht. Stille, webende, undurchdringliche Nacht umgab den Einsamen +wieder. + +Er horchte und lauschte. + +Kein Laut regte sich mehr, alles schlief, nur er stand noch wie ein Dieb +und wollte stehlen. + +Dort drinnen also, dort drinnen. + +Er wußte, es war unverschlossen. + +Die grobe, arbeitsgewohnte Hand reckte sich aus nach der Klinke, aber +über dem Messing, in der Luft blieb sie, wie auf einer unsichtbaren +Mauer, liegen. + +Das vermochte er nicht. Das wagte er nicht. Der Frost schüttelte ihn, +daß ihm die Zähne klapperten. Er schlug die Hände vors Gesicht und stieg +wie vernichtet und zerbrochen in seine Kammer hinauf. + +Er hatte einen schlimmen Traum. + +Da sah er sein Weib auf der Totenbahre liegen, gelb und wächsern. Sie +war endlich gestorben. Fröhlich tönten Geigen und Trompeten dazu, und er +selbst hatte Hedwig im Arm und tanzte jauchzend mit ihr um den Sarg +herum und küßte sie auf den Mund. Die Leiche aber lag im Brautkleid und +öffnete die Augen und Pastor Schirmer predigte über ihr: »Wirf die Last +von dir. Sei mutig.« + +Er wälzte sich im Schweiß und schrie so laut auf, daß er erwachte. + + + + +VII. + + +So war der Winter hingeschwunden. + +Der Schnee schmolz. Frühlingsstürme bogen und peitschten die Pappeln der +Landstraße, in allen Lachen spiegelte sich blendender Sonnenschein, an +den Birkenbüschen begann es grün zu schimmern, und an einem frischen +Morgen vernahm Hedwig, die barhäuptig auf dem Hof stand, rauschenden +Flügelschlag vor ihren Ohren, so daß sie danach ausschauen mußte. + +Mit lautem Gezirp umkreisten die Hausschwalben das Dach und suchten ihr +Nest. + +Das Mädchen, das ganz sonnenüberglänzt dastand, legte die Hand vor die +Augen und blickte hinauf. Ja, es wurde wahr, der Frühling zog wieder ins +Land. Sie wohnte nun bald ein Jahr in diesem Gehöft. + +Und noch immer war Else nicht zurückgekehrt. + +Von Woche zu Woche zog es sich hin. Immer trat wieder etwas dazwischen, +Monate wurden daraus. Wenn Hedwig dem Pächter nicht noch einmal von +ihrem Erbteil vorgestreckt hätte, er hätte die Pension der letzten +Wochen nicht bestreiten können. Zumal er jetzt alles Vorhandene zur +Saatzeit brauchte. Das zog ihm die Stirn oft sorgenvoll in Falten, aber +Hedwig hatte ihm die Summe aufgedrängt, ungeduldig, stürmisch. Da hatte +er sie genommen. Sie gehörten ja zusammen, das Gedächtnis an Else wurde +jetzt seltener. Zwar langten wöchentlich Briefe von der Kranken an, die +von einer immer fortschreitenden Besserung berichteten, doch diese +Mahnungen hatten das Schreckhafte verloren und schienen aus unbestimmter +Ferne zu stammen. Elses Gestalt wurde ihnen allmählich unpersönlich und +verfloß. + +Dafür hatten sie sich gegenseitig immer enger aneinander angeschlossen. +Wilms blickte auf die stillen Wintertage als auf die glücklichsten +seines Lebens zurück. Ja, er hatte wieder ein Heim, in das er beseeligt +zurückeilte. Alles war wieder fest, gemütlich, geordnet. Auch hatte er +die Wintermußestunden benutzt, um von ihr zu lernen. Da hatten sie +zusammen unter der großen Stehlampe gesessen und die modernen Bücher +gelesen, die Hedwig kommen ließ. Selbst seine politischen Ansichten +wurden durch sie geklärt. Und allmählich begann er mit anderen Augen auf +Nahes und Fernes zu blicken. Die sklavische Gottesfurcht, die in dem +Höchsten einen Schergen sieht, einen kleinlichen Späher und Topfgucker, +entschwand ihm, erst zaghaft und scheu, bald aber sicherer fing er an, +nach dem Muster der Geliebten für sich selbst Gutes und Böses zu +unterscheiden. Der schüchterne Mann erwachte, er erhob sich wie aus +einer Gruft und sah sich erstaunt in der Welt um. Frische Luft wehte +überall, dem Starken gehörte überall auch das Recht. + +Ja, der Krankendunst war aus seinem Heim herausgezogen. + +Und Hedwig liebte ihren Schüler. In dem reichen Geben und sich Mitteilen +vergaß sie, daß sie sich nach ihm sehnte. Ihre verschwenderische Natur +fand Befriedigung. + +Oft auch kam Besuch zu ihnen. Einmal die Förstersleute mit ihren Eleven, +dann Pastor Schirmer mit seiner Tochter, zuweilen auch der Inspektor von +Boltenhagen, sehr oft der schmeerbäuchige Kreisphysikus aus Grimmen. Nur +die Frau Pastorin hielt sich zurück. Hedwig fragte nicht nach ihr und +suchte nach keinem Grunde. + +Dann wurde musiziert und gesungen, häufig auch getanzt oder ernsthafte +Gespräche geführt, und alle fühlten sich von dem klugen, liebenswürdigen +Mädchen angeregt. Wilms wurde allmählich stolz auf sie. + +Ihr Widersacher, der taube Krischan, war vom Hofe entfernt worden. Das +hatte sich jedoch nicht so glatt abgewickelt und war jetzt die Ursache +zu vielem Verdruß. + +»Wat soll ick?« hatte der Greis gefragt, als Wilms ihm seinen Entschluß +ein wenig zögernd eröffnete. »Wo soll ick hen?« Dabei hob er das taube +Ohr empor und wackelte kraftlos mit dem Kopfe. + +»Ins Altenheim. Da wirst du’s gut haben.« + +»Ne,« hauchte der Alte und kaute widerwärtig mit dem stoppelbewachsenen +Kinn: »Ick bünn nu all’ fifuntwintig Johr up dit Flag. – De Fru hett mi +verspraken, dat ick hier starwen künn.« + +Wilms wurde ungeduldig. »Meine Frau is aber jetzt fort,« rief er heftig. + +»Sei ward äwer wedderkamen,« grinste der Alte und lachte kauend. + +Das war dem Landmann zuviel. Hedwig hatte auch darin recht. Es wurde dem +Tauben kurz und entschieden ein Termin zum Abzug gestellt. + +Gelassen hörte der Greis die Entscheidung an. + +Aber als der Tag herangekommen war, war der Alte nirgends zu finden. +Knechte und Mägde suchten ihn im ganzen Hause vergeblich, auch seine +Schlafstelle war leer, schon munkelten die Leute, daß der Alte, den +niemand leiden konnte, in den Teich gesprungen sei. Da entdeckte Dörthe, +die Obermagd, ein Zeichen. Sie hörte über sich krächzendes +Rabengeschrei, und als sie aufblickte, sah sie, wie der zerzauste Vogel +des Vermißten in die offene Luke des Heubodens flog. + +Da fanden sie ihn. In dem tiefsten Winkel, verborgen im warmen Heu, lag +er und wehrte sich halb blödsinnig gegen die Knechte. Ein Gensdarm +brachte ihn und seine Habseligkeiten endlich vom Hof herunter und +lieferte beides im Altenheim ab. Dort wurde er krank und man dachte an +seinen Tod. Allein in wenigen Tagen erholte er sich bei der guten Pflege +und unter der Obhut der Ärzte. Und bald sah man ihn täglich die +Landstraße hinunterschlottern, bis nach Wilmshus, wo er sich auf einen +Grabenstein setzte und ins Gehöft hineinstarrte. + +Das konnte ihm niemand verwehren, die Straße war frei. Wenn Hedwig +vorüberkam, schüttelte er sich und grinste in sich hinein. + +»Er wird mir noch mal das Haus über dem Kopf anstecken,« murmelte Wilms +einmal ingrimmig. + +Hedwig redete ihm das aus. + +Auf dem Schlosse zu Boltenhagen war in der Zwischenzeit ein großes Fest +gefeiert worden. Die Braut des jungen Herrn hatte dem alten Grafen +einen Besuch abgestattet. Hedwig sah sie vorüberfahren, und der +Bräutigam, der neben der Erwählten saß, hatte sie ernst und ehrerbietig +gegrüßt. Er wandte sich noch einmal nach ihr um. Am Abend sprühte ein +prächtiges Feuerwerk herüber. Leuchtkugeln und Raketen zischten durch +die winterstille Luft, und Wilms, der neben Hedwig am Fenster lehnte, +kehrte sich ihr beklommen zu, wie wenn er ihre Augen ergründen wollte. +Aber sie lächelte wehmütig und sah ihn groß und ehrlich an. Da beruhigte +sich der Ängstliche wieder. + +Wer nach langer Armut Reichtum erlangt, wird ein Geizhals und fürchtet +das Gewonnene wieder zu verlieren. + +Das Schönste aber, was Hedwig dem öden Besitztum gewonnen hatte, war der +Garten hinter dem Hause. Zur Saatzeit, wo Wilms meistenteils auf seinen +Feldern weilte, hatte sie mit Dörthe von der jahrelangen Verwilderung +Besitz ergriffen. Beete wurden gegraben, mit heimischen, wie +ausländischen Blumensaaten bepflanzt, Gänge abgesteckt, Rasenteppiche +angelegt. Der riesige Apfelbaum in der Mitte ward beschnitten, die +verwilderten Johannis- und Stachelbeerhecken zu ordentlichen Grenzen +gerundet, das schwierigste aber mit den zerstreuten Fliederbäumchen +vorgenommen. Hedwig ließ eine dünne Laube zurechtschlagen und die +Stämmchen rings herumsetzen. Der gute Gärtner im Himmel gab seinen Segen +dazu, er ließ seinerseits in linden Nächten warmen Regen träufeln, und +als die Störche auf dem Schindeldach des Pachthauses erschienen, da +hatten sich die Zweige zusammengeschlossen, da bildeten weiße und blaue +Fliederbüsche ein duftendes Dach, und an hellen Mondscheinabenden sahen +die Zugeflogenen den Pächter und seine junge Begleiterin in der Laube +sitzen und hörten, wie sie beide zusammen heitere und traurige Weisen +sangen. + +Solche Töne waren hier selten vernommen worden. + +Der Flieder streute seine Blüten über sie, und vom blühenden Apfelbaum +quoll ein wundervoller Duft herüber, der Storchvater klapperte im Traum +leise dazwischen. Den beiden Menschenkindern aber unten klopfte das Herz +heiß und voll und sie schwiegen noch immer. + + * * * * * + +Es war an einem Maienabend. Wilms, Hedwig und der kleine Pastor Schirmer +saßen in der Fliederlaube und schwatzten über dies und das. Ein +Windlicht leuchtete auf dem Tisch. Die Luft ging so sacht, daß selbst +der winzige geistliche Herr mit seinen spärlichen Silberlocken +barhäuptig saß. + +Da knirschte ein starker Schritt den Gang entlang. Ein paar Zweige +wurden zurückgeschoben, die mächtige Gestalt des Försters wurde +sichtbar. + +»’n Abend meine Herrschaften,« rief er fröhlich und schüttelte allen die +Hand. »Sie haben hier ein schönes Plätzchen – wahrhaftig. – ’n Abend +Fräulein Hedwig, Ihnen bring’ ich was ganz Besonderes mit –« er +schnalzte mit der Zunge – »hier.« + +Dabei reichte er dem Mädchen ein starkes Bündel grüner Kräuter herüber. +Die strömten einen würzigen Duft aus. + +»Waldmeister?« sprach Hedwig überrascht. + +»Richtig – meine Frau hat ihn selbst gepflückt. Er blüht in diesem Jahr +so prächtig, daß – –« + +»Daß man ihn nicht umkommen lassen darf,« ergänzte die junge Wirtin +anmutig, »wie wär’s, Herr Forstmeister, wenn wir gleich eine Bowle +zusammen brauten? Sie haben doch nichts dagegen?« + +»Dagegen?« schrie der Weidmann und sah sich so triumphierend um, als +hätte er eben ein gutes Werk zustande gebracht. »Deshalb habe ich ihn ja +gerade zu mir gesteckt. Und mit Ihnen in der Küche, Fräulein Hedwig? – +Herrje, wenn meine Frau das wüßte, daß ich mich jetzt noch mit Kochen +abgebe. Aber das soll auch ein Schlückchen werden, passen Sie mal auf, +Herr Pastor, was da rauskommt.« + +Die andern riefen Beifall. Und nach kurzer Zeit erschien Hedwig wieder +mit einer großen Terrine, hinter ihr der Förster, der noch eine Flasche +Rheinwein unter dem Arm trug. »Wenn’s zu dünn sein sollte,« erklärte er +augenblinzelnd. + +Aber es war nicht zu dünn. + +Sie ließen die Gläser klingen, rötlich spiegelte sich das Windlicht in +dem gelben Naß, fein läutete der silberne Ton in die Maiennacht hinaus. + +»Schön,« rief der Förster und legte sich befriedigt die Hände auf den +Leib, »sehr schön.« + +»Ich dank’ dir, Heting,« sprach Wilms mit einem langen bewundernden +Blick und hob das Glas. + +Und der kleine Pastor leckte sich die Lippen und nickte nachdenklich +lächelnd: »Die Bibel hat einen Trinkspruch dafür, meine Freunde,« sagte +er vor sich hin und faltete die Hände um das Glas. »Psalm 65 – 11, 12 +und 14.« + +»Jawohl,« sagte der Förster beifällig, »sehr schön.« Er hielt bereits +beim dritten Becher und man wußte nicht, ob er den passenden Vers oder +Hedwigs gelungene Bowle so sehr bewundere. Dann zog er ein Päckchen der +Stralsunder Fabrik hervor und sprach halb bittend, halb verschämt: »Ein +Skätchen?« + +Und ohne abzuwarten fuhr er fort: »Wilms gibt.« + +Lächelnd griffen die Herren zu den Karten, die Zigarren wurden +entzündet, und bald fielen die bekannten Worte: + +»Tourné? – Solo? – Pastor, zeigen Sie mir Ihre Karten nicht.« + +Hedwig schritt leise aus der Laube hinaus. Langsam wandelte sie im +Garten herum, der Mond stand voll am Himmel und beleuchtete die schmalen +Pfade. An einem blühenden Rotdorn wandte sich das Mädchen und blickte in +die helle Laube zurück. Da saßen die drei unter den weißen und blauen +Fliederbüschen, schlürften den guten Wein und spielten munter fort. + +Es nahm sich aus wie ein Bild der Behaglichkeit. + +»Und das hast du geschaffen,« wollte es in Hedwig auftönen, aber sie +sprach es nicht aus, nur ein Gefühl der Ruhe und des Stolzes überkam +sie. + +Unhörbar öffnete sie die Gartentür, ging leise über den schweigenden +Hof, bis sie die Einfahrt an der Landstraße erreicht hatte. + +Hier war sie vor einem Jahr zuerst eingefahren. Vieles hatte sich +seitdem geändert. + +Ausruhend blickte sie die Landstraße hinunter. Dort atmete alles +tiefste Stille, zwischen den Stämmen der Pappeln spann sich blaugraue +Dämmerung, nur die Grillen in dem Graben zirpten ohne Unterlaß. + +Da tönte ein fernes Rollen dazwischen. Es wurde wieder still, aber dann +– von einer Biegung der Chaussee hörte man deutlich Peitschenklang und +das Nahen eines Wagens. Ein paar Laternen blitzten auf. + +Hedwig trat zurück. Kam das Gefährt nicht aus Boltenhagen? Wohin ging so +spät noch eine Equipage? Sollte in der gräflichen Familie jemand krank +geworden sein? + +Die Chaise hielt an, gerade vor der Einfahrt des Gehöftes, wo das +Mädchen stand. + +Hedwig begann das Herz zu schlagen. + +Aus dem Lederverschlag streckte sich ein unförmlicher Kopf heraus und +eine belegte Stimme rief: »Fräulein Schröder? Sind Sie’s, Fräulein +Schröder? Ich bin’s, Rosenblüt aus Grimmen, Sie wissen schon, ein guter +Freund von Ihrem Herrn Vater.« + +Hedwig trat an den Schlag heran und reichte dem Geschäftsmann die Hand. +Verwundert fragte sie, ob er denn aus der Stadt eine Bestellung an sie +hätte. + +Der Händler wiegte den Kopf: »Wissen Sie’s denn noch nicht? Das heißt +wieso sollen Sie’s wissen?« wiederholte er sich selbst. »Da hab’ ich +heut den Kreisarzt getroffen, Rumpf – behandelt mir auch wegen mein +Steinleiden, macht ümmer faule Witze, sagt ümmer ›Se müssen’s aushalten +Herr Rosenblüt, Sie sind eben ’n steinreicher Mann.‹« + +»Ja, aber Herr Rosenblüt – –« + +Der Händler besann sich: »Da hat mir der Kreisarzt aufgetragen, Ihnen +’ne Überraschung zu machen. Nu, wissen Sie’s noch immer nicht? Ihre Frau +Schwester ist zurück – bei Ihrem Herrn Vater – und morgen wird sie hier +ankommen.« + +»Wer ist zurück?« fragte Hedwig ganz leise. + +»Nu, die Frau Wilms. Und aussehen soll se, ich sag’ Ihnen, so gesund, +wie Sie und ich. Kann mir denken. Es ist ne große Freude für Sie. Na, +grüßen Sie mir den Herrn Wilms – ich lass’ ihm gratulieren. – Gute +Nacht, Fräulein Schröder.« + +»Ich danke Ihnen auch bestens,« sagte Hedwig und reichte ihm die Hand. + +Der Wagen rollte weiter. + +»E seltsam ruhiges Mädchen,« dachte der Händler, während er sich in die +Kissen zurückdrückte. »Sie bleibt sich immer gleich – in Freud und +Leid.« + +Hedwig ging langsam über den Hof zurück und betrat wieder den Garten. +Lange stand sie hinter der erleuchteten Laube und zupfte gedankenlos +einen Zweig des weißen Flieders ab. Drinnen hatten die Herren die Karten +zusammengeschoben, sie stießen noch einmal zum Abschied mit den Gläsern +an und der Förster reckte sich, strich das gewonnene Geld ein und summte +vor sich hin: + + »Im Wald und auf der Heide, + Da such ich meine Freude. + Ich bin ein Jägersmann, + Ich bin ein Jägersmann.« + +Fröhlich klang die Weise in die Nacht hinaus. Und der kleine Pastor, der +nicht viel vertragen konnte, schob seinen Arm unter den des Sängers und +murmelte undeutlich: + +»Lieber Freund – Sie – Sie begleiten mich nach Hause, nicht wahr?« + +»Natürlich – wird besorgt werden, Herr Pastor,« lachte der Förster mit +einem Seitenblick, »wird alles pünktlich abgeliefert. Gute Nacht, Wilms, +grüß die kleine Hedwig. Ein famoses Ding. Donnerwetter, wenn ich jung +wär – wenn ich jung wär –« + +»Gute Nacht.« + +Die beiden Herren zogen ab, Wilms gab ihnen bis zur Einfahrt das Geleit, +und noch auf der Chaussee konnte man den Förster das Jägerlied singen +hören. + +Heiter begab sich Wilms in den Garten zurück. Als er in die Laube trat, +fand er Hedwig dort, die am Tisch saß und den Kopf in die Hand stützte. + +Er stockte. + +»Heting, du? – Ich glaubte, du wärst schon zu Bett gegangen?« + +»Nein, Wilms, ich wollte dich noch erwarten.« + +»Wirklich? – Das ist schön. – Na, da komm, Heting, wir trinken noch ein +letztes Glas zusammen. – Wir haben ja heut noch gar nicht zusammen +angestoßen. – Willst du?« + +Er setzte sich ihr gegenüber und schob ein volles Glas vor sie hin, aber +sie verhielt sich so regungslos, sie hatte das Haupt so trübe gesenkt, +daß Wilms sie befremdet anstarrte. + +»Heting, du bist doch nicht etwa krank?« stotterte er. + +»Nein, nein, Schwager –« sie richtete sich auf und lächelte ein wenig. +»Ich habe dir sogar etwas sehr Gutes mitzuteilen.« + +»Sehr Gutes? – Und dabei siehst du so traurig aus?« + +»Traurig?« entgegnete sie verwirrt, und plötzlich überzog eine tiefe +Blässe ihr Gesicht. Wilms sah, wie ihre Hände sich zitternd bewegten. +»Die Frühlingsluft wohl – ich habe Kopfschmerzen – ich freue mich auch +so sehr – Wilms, Else ist nach Grimmen zurückgekommen und morgen trifft +sie hier ein.« + +Der Landmann ließ sein Glas niedersinken und tat einen tiefen Atemzug. + +Da erzählte sie ihm alles. »Und,« schloß sie unsicher, »sie soll ganz +hergestellt sein. – Gottlob.« Aber sie vermied es, ihn anzublicken. + +Wilms regte sich. »Gottlob,« murmelte er mechanisch. Dann reckte er +sich, legte sich die Hand vor die Stirn und schritt wortlos in den +Garten hinein. Seine Gestalt bückte sich dabei, als ob er etwas trüge. + +Nach einiger Zeit kehrte er langsam zurück. In seinem Gesicht zuckte es, +wie er seinen Platz ihr gegenüber wieder einnahm. Die gutmütigen blauen +Augen schienen ganz überbuscht. Er reckte die Hand aus und ergriff die +ihrige. + +»Ich dank’ dir auch für alles, Heting, was du an mir getan hast,« sprach +er mit zitternder Stimme und umklammerte krampfhaft ihre Finger, »auch +dafür, Heting, daß du wieder ein bißchen Zufriedenheit in mein Haus +gebracht hast. – Ich hab’ mich so wohl gefühlt –« murmelte er leise und +aus seinem Auge drang ein großer, schwerer Tropfen hervor: »Gott geb’s, +daß alles so bleibt.« + +Da senkte Hedwig ihr Haupt auf seine Hand hernieder und blieb unbewegt +so liegen, daß er ihre goldbraunen Flechten im flüchtigen Glanz des +Windlichtes schimmern sah. Ihre Stirn brannte auf seiner Haut. + +Die Brust des Mannes hob sich immer mühsamer. Sanft zog er seine Hand +zurück. + +»Wollen’s uns nich noch schwerer machen, Heting,« sagte er mit +Aufbietung aller Kräfte. »Es is ja so nich leicht. – Komm, Heting, +wollen darauf anstoßen, daß wir immer gute Freunde bleiben, so wie +heut.« + +Langsam erhob sie sich. Schlank und aufrecht stand sie vor ihm, als sie +das Glas ergriff, aber ihre Augen hingen an den seinen, so dringend, so +unabwendbar, so gewaltig ernst, daß er beinahe davor erschrak. + +Die Bibel hat ein Wort für diese Liebe: »Feurig, wie die Flamme des +Herrn und stark, wie der Tod.« + +Die Gläser klangen zusammen, sie sahen sich noch einmal in die Augen, +dann reichten sie sich die Hände und gingen schweigend in das Pachthaus +zurück. + + + + +VIII. + + +»Willkommen« stand über der Haustür geschrieben, und grüne Guirlanden +mit roten und weißen Gartenblumen schmückten die Pfosten, als die Herrin +des Hauses zum erstenmal wieder über die Schwelle von Wilmshus schritt. + +Wilms und Hedwig hatten sie gemeinsam vom Bahnhof abgeholt. + +»Ach, wie schön habt ihr alles für mich gemacht,« flüsterte Else erregt, +als sie an der Hand ihres Mannes den Flur betrat, und warf sich an seine +Brust. + +»O Gott, wie danke ich dir, daß du mich das noch erleben ließest. – +Erwartet mich der Pastor nicht hier?« setzte sie begierig hinzu. + +»Nein, mein Kind,« entgegnete Wilms, »ich dachte, wir wollten zuerst +unter uns sein.« + +Else nickte: »Ja, du hast recht. Kommt nur schnell in die Stube.« Und +als sie in das große Wohnzimmer eingetreten waren, wo bereits ein +festlicher, mit Blumen geschmückter Tisch ihrer harrte, da umarmte sie +ihre Schwester und küßte sie stürmisch auf den Mund: + +»Liebes Heting, das kommt von dir. Nein, wie freue ich mich, daß ich +wieder in meinem eigenen Heim bin. Und noch dazu wieder ganz erholt.« – +Sie stellte sich vor den Spiegel und nahm sich den Hut ab. »Nicht wahr, +Wilms,« fuhr sie hastig fort, »man merkt mir doch gar nichts mehr an? +Ich sehe beinahe wieder so aus, wie zu unserer Hochzeit? – Oder findest +du nicht?« + +»Ja, mein Kind,« antwortete Wilms gedrückt, »du hast dich sehr – sehr +erholt.« + +Hedwig und er warfen sich dabei einen Blick zu. Beide bemerkten, wie +hektisch rot ihre Wangen gefärbt waren und welch tiefe, blaue Ringe die +Augen der Heimgekehrten umränderten. Ihre Gestalt war leicht nach vorn +geneigt und auch die Schultern vornüber gezogen. Und doch ließ das +schmale Gesichtchen noch immer Spuren einstiger Schönheit erkennen. + +Unterdessen hatte Else sich wieder zu ihrem Manne gekehrt, sie legte ihm +beide Hände auf die Brust und rief zwischen Lachen und Weinen: + +»Freust du dich denn gar nicht, Wilms, daß ich wieder da bin? Du bist +ja so still.« + +Zärtlich hob sie den Mund zu ihm empor und schloß die Augen, als Wilms +sich schwer und wortlos zu ihr niederbeugte. Aber während er es tat, +streifte sein Blick ängstlich die Jüngere. Schweigend wandte sich Hedwig +zum Fenster. + +»Und nun wollen wir zu Tisch gehen,« rief Else. »Ihr sollt mal sehen, +wieviel ich jetzt essen kann. Nicht mehr so wie früher.« + +Mit diesen Worten ließ sie sich auf das Sofa nieder, wo Hedwig sonst bei +Tisch gesessen hatte, und zog Wilms neben sich. + +Die Schwester mußte ihr gegenüber auf einem Stuhl Platz nehmen. + +Dann teilte sie selbst in eifriger Geschäftigkeit die Speisen aus, ja +die Heimgekehrte schien an einem Tage alles wieder einholen zu wollen, +was sie in jahrelanger Krankheit in der Wirtschaft verabsäumt hatte. Zum +mindesten wünschte sie dem Gatten ihre frischgewonnene Kraft zu zeigen, +damit er sich daran erfreue. + +Und dann begann sie ihre Erlebnisse in der Klinik zu erzählen. + +Wilms Stirn verdüsterte sich immer mehr. + +Seit Monden schon hatte ihn bei seinem Verkehr mit Hedwig nicht mehr die +leiseste Andeutung daran erinnert, daß sein Heim einmal einem Lazarett +geglichen, in dem nur über Ärzte, Krankheit und Medikamente verhandelt +worden war. Jetzt, während Else umständlich ihre überstandenen Leiden +beschrieb, erhob sich förmlich wieder jener laue Krankheits- und +Verwesungsgeruch, der jahrelang seine Sinne niedergedrückt hatte. + +Hilfesuchend sah er auf Hedwig, aber das Mädchen schien aufmerksam +zuzuhören und auch seine Abneigung nicht zu teilen. Das verdarb ihm das +erste Mittagsmahl vollständig. Nur zum Schein hielt er noch Messer und +Gabel in der Hand, ja er dankte Gott, als seine Frau, die trotz ihres +gerühmten Appetites von allem nur flüchtig genippt hatte, endlich die +Tafel aufhob. + +»Weißt du, Heting,« sagte sie zur Schwester und klopfte ihr beim +Aufstehen mütterlich die Wange: »Du siehst blaß aus. Gewiß hast du dich +in der letzten Zeit hier überanstrengt. Aber jetzt soll das alles anders +werden. Ach, Wilms, wie glücklich bin ich darüber, daß ich jetzt selbst +wieder alles in die Hand nehmen werde. Und paßt nur auf, wie rasch ich +mich wieder hineinfinde. Dann will ich dich auch ordentlich pflegen, +mein kleines Heting.« + +Die Angeredete lächelte wehmütig, und wieder trafen sich ihre und des +Landmanns Augen in einem langen, vielsagenden Blick. + +Es war bereits das drittemal, daß sie so stumm und traurig miteinander +sprachen. + +Bedrückt und nicht fähig, sich länger zu beherrschen, riß sich endlich +Wilms los. Er verabschiedete sich von seiner Frau, um aufs Feld zu +gehen, die Saat weiter zu beaufsichtigen. + +Aber das alte Spiel wiederholte sich, Else haschte rasch nach seiner +Hand. + +»Wilms, du willst mich jetzt schon allein lassen?« rief sie mit leisem +Ton des Unmuts, »gleich den ersten Tag, wo ich hier bin?« + +Dabei wurden ihre Wangen glühend rot, mit den Zähnen nagte sie an der +Unterlippe. »Das wirst du doch nicht tun, nicht wahr?« + +Hier schon war es ersichtlich, daß die Halbgenesene eine Aufregung oder +gar einen Streit nicht würde ertragen können. + +Der Landmann blieb stehen. + +Das also war seine Zukunft? Sollte er wieder gefesselt werden, daß er +der daherfahrenden Not abermals gebunden und widerstandslos überliefert +war? + +Die Angst um seine Existenz, die ihn schon einmal erfüllt hatte, und die +erst seit kurzem gebannt war, von jenem stillen, schweigenden Mädchen +dort, das lähmende Entsetzen wollte ihn von neuem erfassen. Aber nur +einen Augenblick, dann richtete sich der große Mann entschlossen auf, +bereit, endlich, endlich seine Manneswürde gegenüber der Krankheit zu +behaupten. + +Jedoch er sollte zu keinem unvorsichtigen Wort gelangen. Hedwig hatte in +seinen Mienen die heftige Bewegung gelesen und rasch eilte sie, ihm zu +helfen. + +»Elsing,« erklärte sie mit ihrer freundlichen, aber doch so stolzen +Bestimmtheit, als wenn ein Widerspruch von vornherein ausgeschlossen +wäre, und legte ihr leicht die Hand auf den Arm: »Dein Mann hat für uns +gar keine Zeit weiter, du mußt ihn schon gehen lassen. Es steht zu viel +Geldverlust auf dem Spiel, wenn er in diesen Monaten aufgehalten wird.« + +Die Kranke warf der Schwester einen überraschten Blick zu: + +»So?« sprach sie dann, noch immer ein wenig spitz, »du scheinst hier ja +schon viel in der Landwirtschaft gelernt zu haben, Hedwig?« + +Allein ganz unvermittelt gab sie nach und winkte lächelnd mit der Hand, +daß er sich entfernen solle. + +»Geh nur, Wilms – geh. Ihr habt ja recht. Es ist ja wahr. Mir ist es +nur, als ob ich mich jetzt gar nicht von euch trennen könnte – aber geh +nur.« + +Da ging Wilms schwerfällig und bedrückt hinaus. Und als er langsam über +seine Felder schritt, auf denen geharkt und gesät wurde, da war ihm weh +zumute, viel schlimmer als damals, als sein Weib auf dem Krankenlager +gelegen. Wie sollte das enden? + +Mitten in seiner schweren Arbeit tanzte ihm alles durcheinander. Hedwigs +fragende Augen, ihr herrlicher Wuchs, ihre roten Lippen und daneben +wieder das zarte, nervöse Bild der Heimgekehrten, das sich zärtlich an +ihn schmiegte, um ihn zu küssen. + +Er schauderte zusammen, rings lag heißer Sonnendunst auf der Erde, und +doch war es ihm, als hätte eben etwas Kaltes seinen Mund berührt. Ein +heftiger, körperlicher Widerwille beschlich ihn, als er sich an die +Liebkosungen seines Weibes erinnerte. + +»Nein – nein – Gott schütz’ mich – bewahr mich davor. – Das darf ich ja +nicht denken – Karl, Jochen,« rief er laut seinen Leuten zu. + +Er wollte Menschen um sich haben, um die Gespenster mitten in der +Sonnenglut zu scheuchen. + + * * * * * + +Inzwischen waren die beiden Schwestern allein. + +Hedwig riet der Kranken, sie solle sich jetzt etwas niederlegen, allein +Else wollte davon nichts wissen, obwohl ihre Bewegungen seit Wilms +Fortgange sichtlich matter geworden waren. + +»Nein, nein, Heting,« lehnte sie hastig ab, »glaub’ mir, das hab’ ich +jetzt nicht mehr nötig. Wir wollen jetzt lieber die Wirtschaft ein +bißchen durchmustern, vor allen Dingen meine Schränke. Darauf freue ich +mich schon wochenlang. Hast du sie auch hübsch in Ordnung gehalten?« + +Die andere bejahte leidend und schloß im Wohnzimmer einen Wäscheschrank +auf, aber Else ging das alles zu langsam. In der Hast riß sie der +Jüngeren das Schlüsselbund aus der Hand und lief damit von einem Schrank +zum andern. Überall sah sie hinein. Dann hing sie sich die Schlüssel in +den Gürtel. + +»Ich möchte sie jetzt doch lieber wieder selbst behalten,« erklärte sie +Hedwig mit vor Vergnügen gerötetem Gesicht. »Von jetzt an werde ich ja +wieder alles allein beaufsichtigen.« Und sie küßte ihre Schwester +stürmisch auf die Wange: »Nicht wahr, Heting, du freust dich doch +darüber?« + +Die Jüngere nickte ernst. Ein wehmütiges Lächeln spielte um ihre Lippen, +als die klappernden Dinger wieder den Gürtel ihrer Schwester schmückten. + +Jetzt war sie also abgesetzt, sie kam sich überflüssig vor. Mutlos +blickte sie zu Boden. Dagegen gab es keinen Kampf. Der Aufenthalt im +Zimmer wurde ihr drückend. + +»Komm, Else,« nahm sie sich zusammen, »ich habe noch eine Überraschung +für dich. Komm mit.« + +Sie gedachte der Heimgekehrten den Platz zu zeigen, der früher mit +wildem Gestrüpp bedeckt gewesen und sich nun unter Hedwigs Hand in einen +blühenden Garten verwandelt hatte. + +Sie schritten dorthin. + +Und Elses Entzücken war zuerst ganz aufrichtig. Still und selig schlang +sie den Arm um Hedwigs Schulter, und so saßen die beiden Schwestern in +der blühenden Fliederlaube und träumten in den sinkenden, rosigen Tag +hinaus. + +Hedwig erinnerte sich an den vergangenen Abend. In ihrem Ohr klang der +silberne Ton wieder, wie gestern, als sich ihr Glas mit dem des +Landmanns berührt hatte. + +So würde fortan Else mit ihrem Mann hier sitzen, dachte das Mädchen, sie +aber würde gehen. Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und sah über +die Stachelbeerhecken fort auf die angrenzende weite grüne Wiese hin, +auf der zahllose Schmetterlinge im letzten Abendsonnenschein +herumgaukelten. + +»Du bist so still?« fragte Else. + +In demselben Augenblick kehrte Wilms zurück. Er freute sich darüber, die +beiden Frauen an der liebgewordenen Stätte zu finden, und erzählte Else, +wie oft sie hier schon gemütlich gespeist hätten. Zum Schluß bat er, daß +auch heute an dieser Gewohnheit festgehalten werde. + +Else sah erstaunt zu dem vor ihr Stehenden auf. + +»Hier?« fragte sie verwundert. »Aber hier wird es doch bald zu kühl?« + +»Bewahre, Elsing,« widerlegte Wilms, »wir haben ja gestern erst mit +Hedwig hier gesessen, sogar bis spät in die Nacht hinein.« + +»So?« entgegnete Else gedehnt. Eine leichte Wolke zog über ihre Stirn, +die Falten um ihren Mund prägten sich etwas schärfer aus, es war nur +eine ganz leise Andeutung von Verstimmung und ebenso schnell wieder +entschwunden, wie sie entstanden war. + +Noch war kein Argwohn in der Leidenden erwacht. + +»Dann habt ihr euch ja in meiner Abwesenheit ganz gut unterhalten,« +meinte sie achselzuckend. + +Sie lächelte dabei, wie wenn sie das Ganze für einen Scherz hielte, und +liebkoste die Hand ihrer Schwester. Gleich darauf aber verzog sie die +Schultern. + +Eben war die Sonne hinter rotglühenden Streifen verschwunden, ein laues +Lüftchen strich über die Wiesen. + +»Mir wird doch zu kalt,« sagte Else matt und erhob sich rasch, »und ich +denke, wir wollen deshalb lieber im Zimmer essen. Dafür sind wir ja auch +alle drei wieder zusammen.« + +Sofort erhoben sich auch die andern. Der Wille der Kranken war mächtiger +als ihre eigenen Neigungen. Sitte und Gewohnheit geboten immer dieselbe +rücksichtsvolle Unterordnung. + +Sorglich legte ihr Hedwig ein Tuch um die Schultern, Else nahm den Arm +der Jüngeren, und nach all der selbst auferlegten Anstrengung dieses +Tages wandelte sie matt und müde neben der jugendfrischen Führerin her. + +Wilms folgte ihnen. + +Finster sah er auf die beiden so verschiedenen Gestalten, aber er wagte +keinen Vergleich mehr. Nur am Ausgang des Gartens wandte er sich noch +einmal nach der blühenden Fliederlaube zurück. Ein schwerer Duft wehte +herüber. + +»Auch das vorbei,« murmelte Wilms. Verstört riß er sich los. Die +Lebensfreude entfloh von ihm, wie ein vorbeipfeifender Vogel, und der +düstere Geist der Verzweiflung beschattete ihn wieder mit seinen dunklen +Fledermausflügeln. + + + + +IX. + + +Am nächsten Morgen erschien der dicke Kreisphysikus. + +Aus seinem äußeren Gebaren konnte man schwer enträtseln, was er von dem +Zustand der Pächterfrau hielt. Er küßte ihr zwar ein paarmal die +Fingerspitzen, aber doch mit Zurückhaltung. + +Das war ein seltsames Zeichen, denn Patienten, an denen der beleibte +alte Dr. Rumpf Freude erlebte, beehrte er mit seiner stürmischsten +Zärtlichkeit. + +Bei Else jedoch benahm er sich beinahe mitleidig. Er streichelte ihr +nach der Untersuchung das feine blonde Haar aus der Stirn und sagte +begütigend wie zu einem kleinen Kinde: + +»Na, es macht sich ja. Aber schonen, mein Kinding, immer hübsch schonen. +Nur recht still, das ist die Hauptsache.« + +Damit begab er sich in den Garten, wo Wilms und Hedwig seiner schon +harrten. + +»Ja,« meinte er dort mit leisem Kopfschütteln, »es ist ja zum Stillstand +gekommen bei Ihrer Frau, lieber Wilms – wollen ’s Beste hoffen. Aber +keine Aufregungen, hören Sie, davor müssen Sie sie in acht nehmen, ich +sage es Ihnen ausdrücklich, eine Erregung wäre das reine Gift für die +Kranke.« + +Als der Physikus kurz nachher vom Hofe heruntergefahren war, blieben der +Pächter und das Mädchen noch einen Augenblick nebeneinander im Garten +stehen. + +Tiefe Niedergeschlagenheit malte sich in den ehrlichen Zügen des +Landmanns. + +»Heting,« begann er endlich heiser, während er sich scheu umblickte, und +seine Brust hob sich so gewaltsam, als ob er unter Bergesschwere seufze: +»Es ist schrecklich, was mir fortwährend im Kopf herumgeht, aber nicht +wahr, du wirst keinen Abscheu vor mir bekommen? Heting,« er ergriff ihre +Hand und keuchend flüsterte er weiter, als ob’s ein Geheimnis wäre: »Ich +kann das Ungewisse nicht mehr ertragen, es geht über meine Kräfte. Ich +wünschte, es wäre so oder so, biegen oder brechen, entweder sie würde +gesund, oder – sie ginge von uns.« + +Dabei stierte er erhobenen Hauptes verzweifelt in den blauen Himmel +hinauf, wie wenn er von dort oben eine tröstende Antwort erwarte. + +Aber nichts regte sich, nur der Wind führte Wiesenduft in den Garten +hinein. + +Wilms preßte plötzlich mit beiden Händen seinen mächtigen Kopf und +stöhnte laut auf: »Großer Gott – wie kann ich nur an so was denken? – – +Ich bin ja woll selbst schon wahnsinnig geworden – schon wahnsinnig,« +wiederholte er tonlos. + +»Warum soll man nicht einen Wunsch hegen?« sprach Hedwig verloren vor +sich hin. + +Sie hatte bis jetzt wie ein weißes Marmorbild den Jammer des Mannes, den +sie glücklich machen wollte, mitangesehen, jedoch während sie das letzte +sprach, erweiterten sich ihre großen Augen schreckhaft weit. Regungslos +starrte sie in die Ferne. Etwas Rotes, Blutendes flimmerte ihr dort +undeutlich entgegen, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und als sie Wilms +noch einmal anblickte, wurde sie leichenblaß. + +Entsetzen. + +Sie mußte etwas Gräßliches erschaut haben. + +Grußlos gingen die beiden auseinander. Bald darauf betrat Wilms das +Wohnzimmer, um sich von seinem Weibe zu verabschieden. Munter und emsig +fand er Else an ihrem Nähtisch sitzen, eifrig damit beschäftigt, +Leinenzeug zusammenzusticheln. + +»Wo ist Hedwig?« fragte sie rasch bei seinem Eintritt und hob ihre +hellen Augen. + +Wilms stutzte: »Wahrscheinlich in der Küche,« gab er unbeholfen zurück. +Er log. Etwas Unerkanntes, Dunkles zwang ihn dazu. + +Sein Weib ließ ihre Arbeit langsam in den Schoß sinken und sah ihn an. +Eben hatte ihr Dörthe, die Obermagd, erzählt, daß sich Hedwig mit dem +Herrn im Garten erginge. Und doch sagte er, daß er mit ihrer Schwester +nicht zusammengetroffen wäre? + +Sie atmete rasch, ihre Finger erzitterten ein wenig, in der Hast stach +sie sich mit der Nadel, daß ein kleiner Blutstropfen hervorquoll. + +Wilms wollte ihr rasch sein Taschentuch herumwinden. Sie wehrte ihn ab: + +»Laß das. – Es macht nichts,« sagte sie fest, obwohl ihre schwache +Stimme leise zitterte. Dann wandte sie sich und schaute eine Zeitlang +still zum Fenster hinaus. Als sie ihrem Mann ihr Antlitz wieder +zukehrte, hatte es seinen alten Ausdruck zurückgewonnen, nur ihre Augen +blickten nachdenklich und grübelnd vor sich hin. + +»Adieu Wilms,« sagte sie etwas gezwungen, und nachdem sie sich noch die +Hände gereicht hatten, bat sie ihren Gatten: »Schick’ mir doch Christian +einmal herein. Er soll eine Einladung zu Pastors tragen.« + +Wilms stand bereits an der Tür. Er wurde verlegen. »Wen soll ich – –?« +fragte er zögernd. + +»Nun den alten Christian.« + +»Ach so den – – ja – den – Elsing – den hab’ ich entlassen.« + +Wilms wußte, daß er Unrecht auf sich geladen hatte, er hatte den Alten +fortgejagt aus Liebe zu dem schönen Weibe, vor deren Kammer er damals +gestanden. Der Mann hatte ein Menschenalter auf dem Hofe gedient. Der +Schweiß brach ihm aus der Stirn, in seiner Befangenheit scharrte er mit +den Stiefeln auf dem sandbestreuten Estrich der Stube hin und her und +wagte die Augen nicht zu seinem Weibe zu erheben. Aber Else saß zuerst +ganz stumm. »Du hast den alten Christian entlassen?« murmelte sie +endlich ungläubig. »Im Ernst?« + +Der Pächter nickte. + +Die Kranke fuhr auf: »Aber weißt du denn nicht, daß ich dem Alten +versprochen hatte, er könne hier sein Leben beschließen!« rief sie +entrüstet. + +In heftigem Unmut warf sie ihr Leinenzeug von sich und preßte beide +Hände an die Schläfen. Die Augen, die sich immer dunkler umränderten, +begannen krankhaft zu leuchten. + +Auch Wilms bemerkte es. Angsterfüllt trat er näher: »Du sollst dich doch +nicht aufregen, Elsing,« bat er atemlos. »Hörst du, mein Kind, nicht +deswegen.« + +Allein Elses Geduld war erschöpft. Ein Tränenstrom brach hervor, sie +schleuderte die Schere auf den Fußboden, daß sie klirrte, und war ganz +fassungslos. + +»Ich will endlich wissen, was hier hinter meinem Rücken vorgegangen +ist?« rief sie empört, obgleich sie nach Luft rang. »Warum hast du denn +nur den alten Mann entfernt, wie?« + +»Weil er sich ausverschämt benommen hat.« + +»Gegen dich?« + +Da kam die Frage. Wilms stotterte. Das Blut stieg ihm zu Kopfe. + +»Gegen mich – Elsing? – Nein, das gerade nicht.« + +»Gegen wen denn?« + +»Gegen – gegen deine Schwester – gegen Hedwig.« + +Else zuckte schmerzhaft zusammen. Dann schnellte sie empor und machte +ein paar widerspruchsvolle Bewegungen. + +»Und da hat Hedwig wohl auch verlangt,« schluchzte sie wütend, »daß er +fort soll? – Nicht wahr?« + +Jedoch gerade der Ausbruch ihres Zornes verstockte den Landmann. Über +der Nase zogen sich bei ihm ein paar tiefe Falten zusammen: + +»Natürlich,« gab er langsam zurück, »auf Hedwigs Wunsch hab’ ich’s dann +getan.« + +Da verlor die Leidende allen Halt. + +»Aber sie hat hier nichts zu wünschen,« schrie sie jetzt gänzlich +sinnlos. »Was geht dich überhaupt meine Schwester an, während du doch +ganz genau wußtest, daß ich nie und nimmer meine Einwilligung zu dieser +Entlassung geben würde? – Sag mir bloß, was geht dich dabei Hedwig an?« + +Sie wollte noch weiter klagen, aber plötzlich brach sie ab, und ihr +Blick richtete sich verwirrt auf ihren Mann. + +Was ging so schnell mit ihm vor? + +Er sah sie groß an, der ungelenke Riese, als ob er dieses schwache +Frauenbild zum erstenmal sähe. Die Fäuste ballten und öffneten sich +wieder, seltsam schwer ging die Brust. + +»Elsing,« kam es dumpf heraus, indem er schwerfällig auf sie zutrat – +»nu is es genug – nu will ich nichts weiter davon hören, du bist krank, +das halt ich dir zugut.« + +Wuchtig und nachdrücklich wie nie hatte er gesprochen. Es klang hart +und herb, als ob Steine aufeinander geworfen werden. + +Kopfnickend schritt er dann zur Tür. Jedoch eh’ er sie erreicht hatte, +schwankte plötzlich sein Weib auf ihn zu, um mit ihren schwachen Armen +seine Brust zu umklammern: + +»Wilms, ich weiß ja nicht, was ich spreche,« stammelte sie halb +ohnmächtig, und in dem blassen Gesicht schlossen sich müde die Augen, +»ich – ich – ach Gott, ich tu’ ja alles aus Liebe zu dir. – Glaubst du +das denn nicht?« + +Kraftlos lag sie in seinen Armen, Wilms mußte sie aufheben. + +»Ja, ja, das glaub’ ich,« murmelte er durch das eine Wort verwandelt und +bezwungen – »du arme Dirn – komm, Elsing.« + +Er trug sie zum Sofa und bettete sie sanft hinauf. + +Wie er sich aber zu ihr niederbeugte, warf sie die Arme um seinen Hals +und hob ihre Lippen stürmisch zu den seinen. + +»Nicht wahr, du bist wieder gut?« lächelte sie. + +»Ja, ja, Elsing.« + +Ein heißer Kuß brannte auf seinem Munde. Dann befand er sich draußen +und schritt gebeugter, als je zuvor, seinen Feldern zu. + +In einer Furche lag ein Schmetterling, der von einem Sandklos getroffen +war. Mitleidslos stampfte ihn der Landmann mit schwerem Stiefel in die +Erde. + +»Dir is wohl,« sprach er rauh. + + * * * * * + +Und dieselbe Hedwig, auf welche die Kranke eben anfing neidisch zu +werden, trat zur Türe herein und brachte der völlig erschöpft Liegenden +eine Tasse Bouillon. Das rührte die Leidende und stimmte sie um. Zwar +flossen noch immer Tränen aus ihren Augen, aber sie zog dennoch das +schöne blühende Mädchen zu sich nieder und streichelte zärtlich sein +braunes, goldig schimmerndes Haar. »Nicht wahr, Heting,« flüsterte sie +kaum vernehmbar, »du bist nicht schlecht zu mir, nicht wahr?« Und sie +hob das Gesicht der Schwester empor und forschte in ihren dunklen, +sprechenden Augen: »Nein, nein, du wirst mir nicht weh tun,« setzte sie +getröstet hinzu. + +Später, als Hedwig sie schon wieder verlassen hatte, nahm die Leidende, +die da glaubte genesen zu sein, die Bibel und versuchte, ihre bösen +Gedanken durch die heiligen Worte zu bemeistern. Jedoch verständnislos +überflog sie die breiten Zeilen, und ihre Lippen murmelten allerlei +abgebrochene Laute, die nicht hierher gehörten. Zerstreut erhob sie sich +endlich und schritt mehrmals unsicher durch das weite Zimmer. + +»Weshalb er mich wohl belogen hat?« sann sie, ohne eine Antwort finden +zu können. Müde und abgespannt lehnte sie endlich am Fenster und blickte +auf den Hof hinaus, über dem warmer Sonnenschein lag. + +Da wurde sie aufmerksam. Welch eine Gestalt saß dort draußen auf dem +Prellstein vor dem Tor? Ein schlotterndes abgelebtes Menschenkind hockte +dort und richtete seine erloschenen Augen unverwandt auf das Gehöft. + +Die Spähende beugte sich vor. Das war ja der alte Krischan? Eine +merkwürdige Freude befiel die Leidende. Sie fragte sich nicht, ob es +passend sei, mit dem entlassenen Knecht zu verkehren, hastig, mit +fieberischer Eile lief sie auf ihn zu und berührte seine Schulter. + +Mühsam hob der Greis das nickende Haupt, und als er die Frau in dem +einfachen, grauen Kleide erkannte, lief ein schwaches Lächeln über die +vertrockneten Lippen. + +Für Else war er stets ein treuer Kettenhund gewesen. + +»Arm’ Fru,« sagte er und strich mit seiner welken, zitternden Hand an +ihrem Arm herunter. »Arm’ Fru.« + +Das war die Begrüßung. + +»Nein, nein,« rief Else laut, damit er sie verstände. »Ich bin nicht +mehr krank, Krischan, ich fühle mich viel wohler.« + +»Arm’ Fru,« nickte der Alte unverändert, beinahe mitleidig. + +Else erschrak. Was meinte der Taube damit? Ohne Überlegung, mit jähem +Erröten fragte sie ihn, warum er ihre Schwester denn beleidigt hätte? + +»Ick?« flüsterte der Alte und hob das Kinn. Dann raffte er sich auf und +keuchte der Wartenden etwas ins Ohr. + +Ein paar Worte nur, aber Else taumelte zurück und wurde schneeweiß. Nur +ein paar helle, rote Flecken glühten auf ihren Wangen. + +»Du lügst, Krischan,« schrie sie auf. »Das ist nicht wahr.« + +Allein der Greis verstand das unglückliche Weib nicht, oder ließ sich +nicht stören. Denn von neuem streichelte er mit seiner Knochenhand über +ihren Arm und brachte mit Anstrengung hervor: + +»Arm’ Fru – ne, ne, ick heww’s sülwst seihn, as sei tausamen in’n +Schlidden seten hewwen. De beiden täuben [Fußnote: warten] nu all +ungedüllig.« + +»Warten?« stöhnte die Ärmste schwach. Alles drehte sich vor ihr. Sie +mußte sich an die Mauer der Einfahrt lehnen. + +»Dat Sei, min arm’ Fru, starwen süllen. Se luren all up den Dod von de +Fru. Dann willen sei sick friegen.« + +Ein herzzerreißender Schrei, schrill, kreischend gellte über die +Landstraße und wurde von den Mauern des Pachthauses zurückgeworfen. + +Die Gepeinigte glaubte zu ersticken, eine eisige Hand griff nach ihrer +Kehle, das Gesicht des Krüppels tanzte wie hundert Fratzen um sie herum. +Noch gurgelte sie etwas. + +»Hilfe – – Hilfe.« + +Dann ein dumpfer Fall. + +»Arm’ Fru,« ächzte der greise Knecht und beugte sich zu ihr hinab, »arm’ +Kinding, sei hed di ümbracht, de anner Dirn.« + + * * * * * + +Aber Else war nicht gestorben. + +»Klang das nicht wie ein Hilferuf?« fragte Hedwig die Obermagd, mit der +sie gemeinsam in der Molkerei weilte. Auch Dörthe hatte den schrillen +Ruf vernommen. Als sie nachforschten, fanden sie die Herrin des Hauses +unter dem Unkraut des Grabenbords hingestreckt, weiß wie eine +zertrümmerte Statue, die, in Schmutz und Unrat, der Vergessenheit +anheimgefallen. + +Ein zerschlagenes Menschenbild. + +Beim Fall hatte sie einen Stein gestreift, eine blutige Narbe zog sich +davon über die Stirn. + +Da warf sich das schöne Mädchen in die Knie. Ihr Mund öffnete sich: + +»Ist – sie tot – Dörthe?« + +Die Magd schrie auf. »Ne, ne, Fräulein, sie bewegt sich ja – heben Sie +ihr den Kopf.« + +»Ja, ja – sie lebt,« wiederholte Hedwig erwachend. + +Gottlob, was eben vor ihren Ohren gesaust und gebraust hatte, war nicht +wahr. – Sie hatte ihr wohl den Tod gewünscht, aber das war im +Fiebertraum, in einer Vision geschehen. – Sie lebte ja – sie lebte – +Gott sei Dank. Jetzt waren es nur Gedanken gewesen, schlimme Gedanken, +aber kraftlos – großer Gott – sie lebte ja. + +Mit starken Armen umfaßte sie den starren, zuckenden Leib und trug ihn, +wankend und zitternd unter der Last, zum Erstaunen der Magd allein, ohne +Hilfe in das große Zimmer. Dort entkleidete sie die Schwester und +bettete sie auf das Lager, das die Hausherrin wieder aufnahm in seine +weißen Kissen. + +Ja, die Kranke kehrte zurück in die linnene Gruft. + +Ob für immer? + +»Nein, dann gab es ja noch die feuchte, die schwarze Ruhestätte, auf der +Blumen blühen,« dachte Hedwig, die wie früher an dem Bett saß und auf +die sich regenden Atemzüge der Kranken lauschte. Und diese Behausung +hatte sie der Schwester gewünscht, grübelte sie weiter, um allein den +Mann zu besitzen, dessen Herz ihr schon gehörte, den sie erzogen, +gebildet, veredelt hatte, und der sich nach ihr sehnte, wie nach der +Erlösung. Der morsche Körper dort sollte im Grabe liegen, und der junge +blühende Leib bei dem geliebten Manne. Sie fuhr auf und blickte nach der +Kranken hin. Inzwischen hatte sie ihre ganze Kraft und Besonnenheit +zurückgewonnen. Sah das wächserne, bleiche Gesicht der Leidenden nicht +schon aus, wie das einer Leiche? – Ja, Hedwig war sich jetzt völlig +klar. Die Kranke unten – sie selbst oben. Das war das Rechte, keine +Sünde, es zu wünschen, nur der Lauf der Natur. + +Leise erhob sie sich, um durch das Fenster auf die Landstraße +hinauszuspähen; ob Wilms und der Arzt noch nicht kämen, nach denen sie +sofort geschickt hatte. Dabei mußte sie an dem langen Mahagonispiegel +vorüber. Unwillkürlich blieb sie vor ihm stehen und zog sich die Taille +zurecht. + +Das Glas zeigte ein wunderschönes, zur Reife strebendes Weib, ganz dazu +geboren, um zu wirken, zu schaffen und glücklich zu machen. Sie lächelte +schwermütig, als sie sich musterte. Noch sah sie hinein, da befremdete +sie etwas. Auch das Bett hinter ihr spiegelte sich in der Scheibe und +jetzt – täuschte sie sich? nein, die Kissen bewegten sich, die magere +Gestalt richtete sich auf, und ein paar umflorte, düster umschleierte +Augen starrten nach ihr hin. + +»Hed – wig,« stöhnte etwas. + +Die Gerufene flog zu Else hin und ergriff ihre Hand, die Kranke schaute +sie gläsern an, als suche sie sich zu besinnen. + +»Wie komm’ ich hierher?« flüsterte sie und befühlte angsterfüllt die +Kissen des Bettes. + +Plötzlich schob sie sich an Hedwigs Brust, stieß jedoch plötzlich die +Schwester mit heftigstem Abscheu von sich. + +»Else, ich bin es ja,« rief Hedwig befremdet, »erkennst du mich denn +nicht?« + +Allein die Bedauernswerte schien schon zu phantasieren. Sie wälzte sich +stöhnend herum und bedeckte ihre Augen mit einem Kissen, wie wenn sie +dem Anblick der Schwester entfliehen wollte. + +»Ja, ich erkenne dich,« wimmerte sie mit so schriller Stimme, daß es die +Jüngere wie mit spitzen Nadeln durchdrang. »Du hast dich hier +eingeschlichen, um mir mein Glück zu stehlen. – Du wartest nur auf +meinen Tod! – – Aber ich sterbe noch nicht – ich mache dir nicht Platz – +ich will leben – hörst du, ich will leben!« + +Hedwig verstand, um was es sich handelte. Kalt rann es ihr über den +Rücken hinab. Immer den Blick auf das schluchzende, schmerzzerwühlte +Weib gerichtet, tastete sie sich rückwärts zum Tisch und umklammerte +dort fest die Kante. Auch sie mußte sich halten. Alles schwankte und +fiel in ihr, aber während des Hinstarrens biß sie noch immer die Zähne +trotzig zusammen. + +Nie war sie so schön, wie in diesem stummen Ringen mit der Sterbenden. + +Da raffte sich die Fiebernde nochmals auf und krallte beide Fäuste nach +der Schwester. Der höchste Paroxysmus war erreicht. Hedwig grauste. +Gespenstisch sah die Verfallene mit dem schwarzen Schatten im Gesicht +bereits aus, als ob eine Tote noch die Fäuste schüttele. + +»Geh’ mir aus den Augen,« kreischte das arme Weib – »fort – fort – ich +will dich nicht sehen – du willst mich vergiften –! – Meinen Mann hast +du auch verführt, – heut nacht warst du bei ihm – ich weiß alles – Jesus +Christus, Ehebrecherin du! – Jesus – Erbarmen.« Dann ein langes Röcheln, +und sie fiel ohnmächtig auf ihr Lager zurück. + +In demselben Moment betrat Wilms das Zimmer. + + + + +X. + + +Ein sanfter Maientag ging zur Rüste. + +Am Horizont lösten sich prachtvolle Farben ab. Ein Spiel von Gelb, +Tiefblau und Rot wogte durcheinander, und durch die Äste der +Fliederlaube fielen die letzten rötlichen Lichter. Ein leises Lüftchen +wehte durch den Garten, sonst atmete alles Beruhigung und Abendstille. + +Aber zu dieser friedlichen Umgebung paßte schlecht die wilde Bewegung, +die in dem Pachthause ausgebrochen war. + +Scheu und lautlos wie früher schlichen Knechte und Mägde umher, die +Türangeln wurden eingeölt, damit sie die Kranke nicht durch Knarren +störten, alles im Hause hüllte sich wieder in Schweigen, eine dumpfe, +düstere Feierlichkeit drückte abermals auf Menschen und Gehöft herab. + +Am Abend war der Kreisphysikus eingetroffen und weilte jetzt allein in +dem großen Wohnzimmer. Immer stiller wurde es im Haus, nur zuweilen +hörte man einen schrillen Wehruf aus der Krankenstube. + +In der Fliederlaube aber saßen zwei schweigsame Menschen, die fuhren +zusammen, wenn solch ein klagender Laut heraustönte, und hielten den +Atem an, ob er sich nicht wiederhole. + +Immer heimlicher und dämmernder wurde es um sie herum, hinter Baum und +Strauch quollen lichte, weiße Nebel hervor, und die beiden verängsteten +Menschen konnten kaum noch ihre Züge erkennen. + +»Heting, nun geh zu meiner Frau,« forderte endlich der Pächter +undeutlich, indem er noch tiefer in den Schatten der Laube rückte, »und +sieh dich um, warum der Doktor gar nicht zurückkommt.« + +Damit sank die große Gestalt wieder in sich zusammen und brütete so +verloren vor sich hin, daß der Landmann nicht bemerkte, wie Hedwig +seinem Wunsch nicht Folge leistete, sondern still neben ihm sitzen +blieb. + +Endlich strich sie sich das Haar aus der Stirn. Das gewahrte Wilms. + +»Hedwig, wolltest du nicht – –?« + +»Nein, Schwager, ich gehe nicht zu deiner Frau.« + +»Du – gehst nicht?« + +»Nein – nicht – bitte, Wilms – laß mich nicht mehr hinein.« + +»Ja – aber – Heting, warum denn?« + +»Weil – weil ich mich vor ihr fürchte,« kam es bebend über ihre Lippen. + +Der Pächter starrte sie an – verständnislos – und faßte sich an den +Kopf. + +Noch wußte der Hofpächter ja nicht, was sich heute morgen zwischen den +beiden Schwestern abgespielt hatte. Schweigend hatte Hedwig alles in +sich verschlossen; der zartfühlende, weichherzige Mann brauchte es ja +nicht zu erfahren, daß sie entdeckt seien, daß ihre heimliche Sehnsucht, +die sich noch niemals geäußert, die noch Wunsch war ohne Erfüllung, daß +diese bereits belauert und verflucht sei von der Scheidenden, die sie +nun bald nicht mehr stören würde. + +Alles wollte sie kalt und stolz von ihm fernhalten, um selbst zu harren +und zu lauern, bis die Erlösung endlich da wäre – der Anfang des Glücks. + +Aber jetzt – jetzt, wenn die wilden Wehlaute herausdrangen bis in den +stillen Garten, dann ertrug sie es nicht. Dann schreckte sie zusammen +und zitterte. Wie Eis lag es ihr ums Herz. War sie wirklich schuld, daß +ein Menschenleben dort drinnen scheiden mußte? Hatte sie wirklich eine +Verzweifelte in den Tod getrieben? + +Wieder schlug ein Schmerzensschrei an ihr Ohr. + +Das überwältigte sie, dem war sie nicht gewachsen, alles schrie in ihr +nach Trost – Ruhe – Verzeihung. + +Ein Wort der Liebe entbehrte sie, ein einziges Wort von dem Manne, dem +sie ihre Jugend schenken wollte, dem sie sich hingeben wollte, +bedingungslos, jetzt, wo es auch immer sei, weil er sie mit seiner +dumpfen Hilflosigkeit von Anfang an betört hatte. + +Aber der Pächter saß verstört da und regte sich nicht. + +Da ließ Hedwig mutlos die Hände in den Schoß sinken und verzweifelt +murmelte sie: + +»Ich wünschte, ich wäre es, die sich zur ewigen Ruhe legen könnte, und +bei euch bliebe alles beim alten. – Ich stürbe so gern.« + +Aber der Tod hatte noch keine Gewalt über sie, das Leben schlug vielmehr +brausend über ihr zusammen. + +Wilms packte krampfhaft ihre Hand: »Du – Heting?« stammelte er, »nein, +nein – nur nicht du – das könnt’ ich nicht ertragen – nur du nicht – wir +wollen ja zusammen bleiben.« Er umklammerte sie und drückte sie an sich. + +Und dann war es plötzlich da, was sich seit Monden näher und näher +geschlichen hatte. + +Ohne Übergang fühlte sie seine zuckenden Lippen auf den ihren, sie +schlang ihre Arme um den gewaltigen Nacken des Mannes und unter +schmerzhaften Küssen merkte sie, wie seine Tränen ihr Gesicht netzten. +Auch sie schluchzte. Als ob sie sich trösten wollten, lagen sie einander +in den Armen. + +Es war kein freudiges Finden. + + * * * * * + +In dem weiten, ungemütlichen Wohnzimmer war es inzwischen stiller +geworden. Der dicke Kreisphysikus hatte seine Untersuchung beendet und +die Schwerleidende schonend befragt, durch was sie denn so plötzlich in +Erregung versetzt worden wäre. Lange hatte das matte Weib seinem Drängen +widerstanden, endlich jedoch, als der alte Herr sie gar so väterlich und +gut in die Arme nahm, faßte sie sich ein Herz, und wie ein kleines Kind +an den alten Freund geschmiegt, flüsterte sie ihm stockend und weinend +ihre entsetzliche Entdeckung zu. + +»O, Gott, das hätt’ ich nicht geglaubt – aber es ist wahr, Herr Doktor, +Krischan hat es selbst gesehen.« + +Der alte Arzt schüttelte den Kopf und redete ihr aus voller Überzeugung +solche Vermutungen aus. »Ach, Unsinn – mein Kinding – Gesindegeklätsch.« + +»Wirklich?« hauchte sie schwach. Aus ihren Augen brach ein +Hoffnungsstrahl. + +»Selbstverständlich – da kenn’ ich die beiden zu gut.« + +»Ach, ja,« flüsterte die Liegende dankbar, dann hob sie den müden Blick +zur Decke empor, auf welche die brennende Lampe ihren gelben Kreis warf, +und drückte dem Physikus zum Schluß die Hand, »ich glaube es ja auch +nicht,« sagte sie mit zuckenden Lippen, »nein, ich glaub’ es nicht – +glaub’ es nicht.« + +Wilms trat ein. + +Sein Weib lächelte ihn an und bewegte die Lippen. Jedoch es war +unverständlich, was sie verlangte. + +Der Arzt beugte sich über sie. + +»Wilms, Ihre Frau wünscht auch ihre Schwester zu sehen,« erklärte er +sodann und begab sich selbst in den Garten, um das Mädchen zu holen. In +der Laube traf er sie. Es herrschte schon Finsternis. + +»Nach mir verlangt Else?« sprach Hedwig verwirrt, aber den langjährigen +Freund durfte sie die Unruhe, die in ihr stürmte, nicht merken lassen. +»Ja, wir wollen zu ihr.« + +Welch ein Gang. Noch brannten die ersten Küsse auf ihrem Munde, noch +wußte sie nicht, wie das alles möglich war, und was nun folgen sollte. + +»Wird sie noch lange leiden?« forschte sie atemlos. + +Ob der kleine Physikus den nachzitternden Wunsch aus dieser Frage +herausgehört hatte? Vor dem Hausflur blieb er stehen und strich ihr +gedankenvoll über die welligen Haare. + +»Ja, sie kann noch sehr lange leiden,« gab er halblaut zurück, »und +deshalb – Heting, ich glaube, es wäre gut, wenn du jetzt dauernd von +hier fortgingst.« + +»Ich?« Sie erschrak; – wußte er schon etwas? + +»Der Aufenthalt hier ist dir nicht gut bekommen. Du kamst hier als eine +Dame an, und – ich weiß nicht, aber du hast hier draußen etwas Hartes, +Bäuerisches angenommen, und – es wäre wirklich für alle gut, verstehst +du,« brach er ab, »wenn du zu deinem Vater zurückgingst.« + +Keine Antwort. + +Starr und groß blickte das Mädchen durch die Dunkelheit zu dem alten +Freunde hinüber. Es war ihr zumute, als sollte sie ihm jetzt um den Hals +stürzen, um ihm all ihre peinigenden Gedanken, die gierig um den Tod der +eigenen Schwester herumflatterten, zu beichten und anzuvertrauen. Aber +noch war ihre Kraft nicht erschöpft. + +Sie faßte sich und gab dem Doktor ruhig zur Antwort: »Es ist vor allen +Dingen meine Pflicht, hierzubleiben, solange Else mich nötig hat. – Ich +danke Ihnen aber für Ihren Ratschlag,« setzte sie beklommen hinzu, +während sie schon durch den Flur schritten. + +»Es war gut gemeint,« sprach der kleine Physikus nachdrücklich. + +Die Ansicht über die Unschuld des Mädchens stand nicht mehr so +felsenfest bei ihm. Er maß seine Begleiterin mit einem mißtrauischen +Blick. + +Sie traten ein. + +An dem Bette der Kranken saß Wilms, das Haupt mit den kurzgeschorenen +blonden Haaren tief auf die Brust gesenkt. Er hob es auch nicht, als er +den Schritt des Mädchens hörte. Seine große Hand ruhte in der seines +Weibes. + +Die Trostesworte des Arztes mußten der Hingestreckten Linderung +verschafft haben, denn sie lag jetzt still und nickte Hedwig eifrig zu, +näher heranzukommen. + +Die Jüngere gehorchte. Dabei empfand sie, daß die Blicke der Kranken sie +durchdrangen, und obwohl es ihr schien, als ob der silberne Ring, den +ihr Wilms geschenkt hatte, jetzt an ihrem Finger weißglühend würde, und +trotzdem sie glaubte, ihre Lippen würden nun von selbst die heimlichen +Küsse bekennen, so bezwang sie sich dennoch und sah die Kranke groß und +ruhig an. + +Nur ihre Brust hob sich ängstlich. Die Blicke der beiden Schwestern +trafen sich, und als Else in diese stillen, braunen Augen hineinsah, +schien sie Beruhigung zu schöpfen. Wenigstens zog sie Hedwig bis auf den +Bettrand nieder und streichelte ihr stumm die Wange. Aber im +Niederbeugen streifte Hedwigs Gewand den sitzenden Wilms. Ein Schlag +durchzuckte das junge, aufgeregte Weib. Wieder war ein Moment gekommen, +wo sie sich beinahe über die Leidende geworfen hätte, um die Last von +sich zu werfen und all ihre Schuld zu gestehen. Aber der Aufbruch des +Arztes drängte sich zwischen ihre Gedanken. Nachdem der Physikus dem +Pächter noch einige Verhaltungsmaßregeln erteilt hatte, verabschiedete +sich der treue Hausfreund, und bald verkündete ein leises Rollen, daß er +vom Hofe heruntergefahren sei. + +Die drei bedrückten und beladenen Menschen blieben allein. Tiefes, +anhaltendes Schweigen herrschte, nur zuweilen knirschte der Sand auf dem +Fußboden, oder die Uhr in dem Kasten regte sich und schlug. Die Kranke +lag und hatte die Augen geschlossen, aber unter den gesenkten Wimpern +lenkte sie heimlich ihren Blick von Wilms auf Hedwig und von dem Mädchen +wieder spähend auf den Mann. + +Doch ihrem Argwohn wurde keine Nahrung zugeführt. + +Die beiden saßen sich gegenüber, als wären sie sich völlig fremd und +gleichgültig. + +»Sollte der alte Knecht nur aus Haß gesprochen haben?« dachte Else +erleichtert, »ach, wenn das doch wahr wäre.« Eine lange Zeit verging. Da +bemerkte Else, die nach Art der Kranken nervös mit dem kleinen Goldherz +auf ihrer Brust spielte, wie ihre Schwester sich hinüberbeugte, als +wünsche sie mit dem gänzlich in sich versunkenen Manne zu reden. + +»Nein – nein.« Das wollte die Leidende nicht. Mitten in ihrer Qual wurde +sie eifersüchtig auf die junge Schönheit, die so ruhig auf dem Bettrand +saß in ihrem weißen, mit Rosenknöspchen gemusterten Kleide, das leicht +und knapp am Körper herunterfloß. + +Wie voll sie erblüht war. – Nein, nein, sie sollte mit Wilms nicht +reden. Else wollte allein sein mit ihrem Manne. Und jetzt fiel ihr auch +auf, wie sonderbar Hedwig das Goldherz betrachtete. Das flößte der +Kranken Furcht ein. + +»Das Herz – ist – ein Andenken – von Wilms,« brachte sie mit +Anstrengung hervor, indem sie das winzige Kleinod küßte, »und nun, +Hedwig – geh’ schlafen. – Wilms soll heut bei mir bleiben – ich – ich +will allein sein mit – meinem Manne – hörst du?« + +Es war so bezeichnend gesprochen und von so unverkennbarer Abneigung +begleitet, daß Hedwig sich rasch erhob und ohne ein weiteres Wort aus +der dumpfen Krankenstube hinauseilte. Kaum war sie draußen, so atmete +sie erleichtert auf und flog in ihr Kämmerchen empor, das sie seit Elses +Rückkunft wieder bewohnte. + +Dort oben entzündete sie Licht, öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus +und sog den warmen betäubenden Nachtduft ein, der von Wiesen und Äckern +herüberquoll. + +»Wie lange mag sie wohl noch leben?« ging es wieder ungeduldig durch +ihre Sinne. Sie harrte jetzt schon wie eine Verzweifelte. Und während +sie bereits halb entkleidet auf ihrem Bette kniete, streckte sie noch +einmal sehnend die Arme aus, als wollte sie jemand umfangen, +unauflöslich an ihrer Brust verstricken. Glut und Begehren schwemmten +alle Angst fort. Wild, ohne alle Eindämmung, lag sie im Bette und +lauschte, ob nicht Wilms kommen würde, ihr das Abscheiden der +Verfallenen zu melden. + +Ein längstvergessener Liedvers fiel ihr ein. Den summte sie in ihrer +Aufregung vor sich hin: + + »Der schwarze Reiter hält vorm Haus. + Komm’ feine Frau zu mir heraus, + Ein Hemd genügt – mußt eilen, + Daß ich vom ersten Morgenstrahl + Zurück bin über See und Tal; + Wir reiten viele Meilen.« + +Aber der schwarze Reiter hielt noch nicht vor dem Pachthof, das +Stundenglas rann noch weiter. + + * * * * * + +Es schlug eins. + +Die Kranke regte sich. Mit feuchter Hand hielt sie noch immer die Rechte +des Gatten umspannt. »Wilms,« flüsterte sie heiser. + +Aufgescheucht fuhr der Pächter empor. In seiner Betäubung hatte er dem +Schlummer nachgegeben und merkte erst jetzt, daß die erloschnen Augen +seiner Frau schon lange stumpf und starr auf ihm ruhen mußten. + +»Was willst du, Elsing?« + +»Ich glaube – es geht bald – mit mir zu Ende,« röchelte sein Weib, und +es klang, als ob ihr der Tod bereits auf der Brust säße. + +»Elsing – um Gottes willen – bist du denn kränker geworden?« + +»Ja, ich glaub’ wohl. – Wilms – ich dank’ dir auch für alle Liebe – – – +nur zuletzt – aber sag’ mir die Wahrheit; du hast mich nie belogen: – +Wenn ich nun gestorben bin – willst – willst du dann Hedwig heiraten?« + +Es war schon, wie wenn die Stimme von jenseits des Grabes dränge, der +Pächter umklammerte die Lehne seines Stuhls, er konnte kein Wort +hervorbringen, die Zunge klebte ihm am Gaumen, seiner selbst kaum +mächtig, schüttelte er nur den Kopf, während das Bild der immer mehr +sich verfärbenden Frau seine ganze Seele gefangen nahm. + +Langsam hob die Scheidende den Finger und bewegte ihn, wie man einem +kleinen Kinde droht. Dann winkte sie ihm, er solle sich über sie beugen, +und während sie den plumpen Mann mit verendender Leidenschaft küßte, +flüsterte sie ihm vernehmlich zu: »Hör’ auf mich – Hedwig ist nichts für +dich – ihr paßt nicht zusammen, – weil – ach, weil sie viel mehr ist +als du – und erinnere dich, mein armer Mann – erinnerst du dich nicht – +was ich dir – von Hedwig und dem Grafen damals erzählte –« Ein +befriedigtes Lächeln spielte kaum merklich um die Lippen der Liegenden, +diese letzte Rache schien ihr wohlzutun, namentlich als sie empfand, daß +ihr Mann getroffen zusammenzuckte. Noch einmal öffnete sie die Augen, um +dies Bild voll zu genießen, dann hauchte sie noch: »Sie ist nicht rein – +nicht so, wie ich – wie ich – – wie – –« + +Die Worte verklangen im Wesenlosen, eine neue Ohnmacht nahm sie hinweg, +und nur auf Momente erwachte die Gequälte wieder und schrie laut auf. +Kaltes Entsetzen hatte Wilms gepackt, nein, er vermochte es nicht mehr, +mit der Ringenden allein zu bleiben. Er sprang zur Tür und schallend +rief er durch das Haus: »Hedwig – Hedwig.« + +Schlaflos lag das Mädchen noch oben in ihrer Kammer, denn sie erwartete +ja etwas Ähnliches, daß Wilms ihr ein Zeichen geben würde. + +Ob das schon das Ende war? + +Eine nie gefühlte Lust durchdrang sie, ein schauerlich schöner Zustand, +und doch klopfte ihr Herz wie eine Glocke, und die Angst übergoß sie mit +schüttelndem Frost. Es war ihr, als fühlte sie Todeswehen um sich, als +flöhe die Seele der Geschiedenen eben an ihr vorbei. + +»Hedwig – Hedwig.« + +Es klang so flehentlich. Notdürftig hüllte sie sich in Kleider und fuhr +lautlos die Treppe hinab. Am untersten Absatz stand Wilms und starrte +hinauf. + +»Ist sie nun tot?« fragte Hedwig, sich gänzlich vergessend. + +Der Landmann schüttelte den Kopf, jedoch er begriff sie wohl nicht. + +»Noch nicht,« gab er tonlos zurück – »aber ich kann nicht mehr mit ihr +allein bleiben, – komm’ rein.« Er öffnete und ließ das Mädchen +voranschreiten. Dann setzten sie sich dicht nebeneinander an das Fenster +und sahen wortlos zu dem gefolterten Körper hinüber, der nicht leben und +nicht sterben konnte. Dieses jammervolle Bild konnte die Jüngere nicht +ertragen. Instinktiv, und nur ihrem stärksten Trieb folgend, überall +einzugreifen, nahm sie das Fläschchen mit dem giftigen Beruhigungsmittel, +und ließ die Tropfen in den Löffel herabträufeln. Mechanisch zählte +Wilms mit. – Fünf – sechs – sieben.« Das Mädchen setzte ab und flößte +der Leidenden den Trank ein, wonach sie bald einem bleiernen Schlaf +anheimfiel. + +Aber Wilms Gedanken flogen weiter. Wär’s ein Verbrechen gewesen, wenn +man der Kranken die ganze Flasche gereicht hätte? grübelte er. Dann +hätte sie endlich die Erlösung gefunden, sie wäre eingeschlummert, um +nicht mehr aufzuwachen, und Ruhe wäre in das Haus eingezogen und +Frieden. + +Ein scheuer Seitenblick streifte das Mädchen, das müde neben ihm saß, +und jetzt merkte der Pächter erst, wie fest sie sich an ihn lehnte, um +keinen Blick von der Ruhenden zu verwenden. Merkwürdig – Hedwigs Lippen +bewegten sich leise, es war, als ob sie die Atemzüge der Schwester +zähle. Und in diesen Minuten der Stille sah auch der Pächter, daß sie +nur locker und leicht bekleidet war, überall schimmerte ihm ihre +Schönheit entgegen. Er bedeckte die Augen mit der Hand, um es nicht zu +beachten, aber er sah es doch. Die Frau, die sich dort immer tiefer in +den Schlaf hineinwiegte, war im Augenblick, als ob sie schon versunken +und vergessen wäre. + +Leise und weich schmiegte sich Hedwig an ihn, als ob sie einschlummern +wollte. + +Beide Schwestern waren müde, sehr müde. + +Wilms wurde immer seltsamer zumute. Da wurde leise an der Haustür +geklopft. + +Als der Pächter öffnete, sah er draußen in der klaren, sternenhellen +Nacht Pastor Schirmer im vollen Ornat stehen, nach welchem Wilms auf +der Sterbenden Wunsch geschickt hatte. + +Schweigend führte er den späten Gast ins Wohnzimmer. Der Geistliche +mußte irgendwo im Vorüberwandern einen Zweig blühend roten Rotdorns +abgepflückt haben. Den legte er als letzte Gabe auf das weiße Linnen. +Dann wurde das Kruzifix vor das Bett gerückt, die Lichter angesteckt, +und das zitternde Männchen wollte der Schlummertrunkenen die +Sterbesakramente spenden. Jedoch still und starr lag die Wegbereite und +hörte nichts von dem, was sie sonst leidenschaftlich in sich aufgenommen +hätte. Aber die Gebete, die der Geistliche statt der heiligen Handlung +vor sich hinmurmelte, waren doch nicht in den Wind gesprochen. Wenn es +der einen Schwester auch verloren ging, die jüngere und schönere folgte +seit langer Zeit zum erstenmal einer kirchlichen Handlung mit +zurückgehaltenem Atem und brennenden Augen. + +Es war ihr, als wären dies die Hochzeitsweisen, die für sie und den Mann +neben ihr gehalten würden – dicht neben dem Lager der Scheidenden. + +»Amen, – Amen,« schloß der Priester. + +»Amen,« wiederholte Hedwig fest und mutig. + +Der Pastor wollte allein bei Else bleiben, und so gingen die beiden +andern still hinaus. Vor der Tür verharrten sie noch einen Augenblick +und lauschten zurück. Drinnen hörten sie, wie der Priester mit lauter, +erregter Stimme Gebete aufsagte. + +Dann trennten sie sich, ohne sich die Hand zu reichen, ja, ohne Gruß. So +hoch war schon die Spannung zwischen ihnen gestiegen, daß sie sich +nichts mehr zu sagen hatten. + +Es war nur noch ein Hindrängen. + +Müde und gleichgültig suchte Hedwig ihr Lager auf, und Wilms wachte in +der dunklen guten Stube neben Elsens Zimmer die bange, traurige Nacht +durch. + +Drinnen sang das zitternde, greise Männchen immer hingebungsvoller, und +was ärztliche Kunst nie vermocht hätte, das geschah hier. + +Else schlug plötzlich die müden Augen auf, und ein seliges Lächeln +verbreitete sich über ihr ganzes Gesicht. Das Tiefste in ihrem Leben war +getroffen und klang jetzt aus. Ja, sie wollte wie ein Kind Gottes, wie +eine Fromme sterben. Mit unsäglicher Mühe richtete sie sich auf und +klammerte sich vor Freude weinend an den Geistlichen: »Sie – sind – es, +Herr Pastor?« hauchte sie, »o, wie schön – – dann ist mir wohl – o, so +wohl –« + +Und sie legte ihren Kopf andächtig gegen das weiße Greisenhaupt, und +während sie durch das Fenster zu den hellflimmernden Sternen hinaufsah, +sang sie ganz leise mit ersterbender Stimme das Auferstehungslied mit: + + »O selig, der das Heil erwirbt, + Der in dem Herrn, dem Mittler stirbt! + O selig, wer, vom Laufe matt, + Die Gottesstadt, + Die droben ist, gefunden hat. + + Nun, Tor des Friedens öffne dich: + Hinein! Hier schließt die Wallfahrt sich. + Ihr Schlafenden im Friedensreich, + Gönnt allzugleich + Auch mir ein Räumlein neben euch.« + +Im dunklen Nebenzimmer saß ein Mann und hörte alles, was sich drinnen +begab. – Wehmut, Verzweiflung, Leidenschaft stiegen in ihm auf, ein +krampfhaftes Schluchzen drängte sich in seine Kehle; bebend, überwältigt +faltete er die Hände und stammelte das nach, was zu ihm hereinschallte. + +Er wußte nicht mehr, was er betete. + + + + +XI. + + +Der letzte Morgen für die Kranke brach an. + +Pastor Schirmer, der gutmütige, greise Geistliche, hatte seinem +Pfarrkind versprochen, bei ihm auszuhalten, und so fand das einströmende +Tageslicht die blonde Frau in einem tiefen Schlaf, aus dem sie erquickt +erwachte. Zu seinem Erstaunen erfuhr der Pastor, daß die Leidende sich +wohler fühle. Nur das, was sie sprach, erschien ihm gereizt, wirr, +unzusammenhängend, auch funkelten die Augen unruhig über alle +Gegenstände im Zimmer umher. Ihre mageren Finger befanden sich in +beständiger Bewegung und kratzten auf der Bettdecke auf und ab. + +»Hedwig – soll kommen – und mich kämmen – und waschen,« verlangte die +Kranke dann, »und soll – einen Spiegel mitbringen.« + +Der Geistliche schüttelte besorgt das Haupt, aber er schickte doch nach +dem Mädchen hinauf, um sich dann selbst mit herzlichen Worten zu +verabschieden. + +Wilms trat leise in das Wohnzimmer, jedoch sein Weib beachtete ihn gar +nicht und erst, als er ihr scheu »Guten Morgen, Elsing« bot, lächelte +sie sanft und sah vor sich nieder. Sie schien sich mit ihren Gedanken +kurz nach ihrer Hochzeit zu befinden, denn sie flüsterte verschämt: + +»Wenn ich – ein Kind bekomm’, – und es – wird ein Mädchen, dann – soll +Hedwig – Pate stehen. – – Ist Hedwig noch nicht da?« + +Und immer in tiefen Gedanken löste sie ihr Haar, nahm es nach vorn und +wickelte eine Strähne um ihren Finger. Als Hedwig endlich erschien, +blickten sich die beiden Schwestern einen Moment lang seltsam an. Else +sanft und glückselig lächelnd, die Jüngere hingegen erschrak und konnte +sich das Bild nicht erklären. + +»Komm’, Heting,« flüsterte die Kranke, die von allen Schmerzen befreit +schien, »waschen und – kämmen – das viele Haar drückt mich auf den Kopf +– hast du auch so weiches Haar? – Sieh mal, ich kann mich ganz drin +einwickeln – Wilms freute sich immer damit – – – Heting« – hier herzte +sie die jüngere Schwester zärtlich und streichelte ihr die Wange, »wenn +du seine Frau bist, mußt du es auch immer aufmachen. – Dann küßt er +es. –« – Und während sie mit ihrem fahlen Gesicht in den Spiegel sah, +summte sie: + + »Ihr Schlafenden im Friedensreich + Gönnt allzugleich + Auch mir ein Räumlein neben euch.« + +Aber es war eine Tanzmelodie, wonach sie sang, und sie machte ihrem +Spiegelbild ein neckisches Gesicht, als ob sie sich sehr schön fände. + +Kalt durchschauert blickten die beiden anderen auf sie hin. Dies war das +Furchtbarste, was sie mit der Leidenden bis jetzt durchgemacht hatten. + +Hedwig erfüllte mit leichter Hand alle Wünsche der Kranken, bis die +Schwester plötzlich zusammenfuhr, um das Mädchen starr anzublicken. + +Sie hatte etwas entdeckt. + +Dann schaute sie wieder auf Hedwigs Finger hinunter, um endlich von +neuem ihre funkelnden Augen über ihre Pflegerin gleiten zu lassen. + +Einen Moment sann sie nach. + +»Heting,« begann sie mit singender Stimme, »was trägst du da für einen +Ring? – sieh mal, von Silber – den wollte mein Mann mir ja immer +schenken, und nun hat er ihn dir gegeben – – sieh mal – bist du nun +seine Braut?« + +»Else – laß meinen Finger – es tut mir weh.« + +»Bist du seine Braut? – Komm’, Heting, ich will dir was sagen,« sie +beugte sich herab und kreischte plötzlich mit schneidender Stimme: +»Ehebrecherin!« – Ehe der entsetzte Mann das Mädchen noch von den +umklammernden Griffen befreien konnte, führte die Rasende die Hand +Hedwigs zum Munde und biß, wie laut die Vergewaltigte auch schrie, in +den Ringfinger hinein und kratzte sie und zerrte sie an den Haaren. + +»Hilfe – Hilfe,« rief Wilms. Mit einem Sprung war er am Bett, hob das +Mädchen hoch in die Höhe und schleppte die Halbbetäubte ins Nebenzimmer +hinein. Sie zitterte am ganzen Leibe und schlang schluchzend und Hilfe +flehend die Arme um seinen Hals. + +Da vergaß sich Wilms. + +Er raffte das Mädchen, das er noch immer trug, an sich und voll wehen +Mitleids preßte er ihr wütende Küsse auf Mund, Stirn und Hände, als +müsse er alles gut machen, was eben an der Mißhandelten verschuldet war. + +»Heting, mein liebes Heting – großer Gott – wenn’s nur schon vorüber +wär’.« + +Und seinem Wunsch sollte Erfüllung werden. Ein seltsam verröchelnder +Laut tönte hinter ihnen auf, Else war, als man ihr die Jüngere geraubt +hatte, ihrem kranken, delirierenden Gehirn nachgebend, aus dem Bett +gesprungen, hatte mit nackten Füßen die anstoßende Tür erreicht und +geöffnet. + +Da sah sie das Bild und hörte die Küsse. + +Langsam legte sie ihren Arm an das kalte Holz, machte mit der andern +Hand eine matte Bewegung in die Luft hinein, und neigte darauf ihr Haupt +wie müde, gegen den erhobenen Arm zurück. + +Und sie hatte auch genug geschaut. + +Ein Röcheln, ein schwerer, dumpfer Fall, die Augen schlossen sich, und +im weißen Hemde lag eine Leiche auf dem Estrich. + +»Elsing – sie stirbt.« + +Keine Antwort. + +Da schleuderte der Landmann das Mädchen von sich und stierte wie +geistesabwesend auf die starre Hülle seines Weibes herab. + +In der Kastenuhr schlug es die zehnte Morgenstunde, ein Pferd wieherte +gerade im Stall. + +Der schwarze Reiter hatte die feine Frau im weißen Hemde geholt und +jagte donnernd mit ihr über die Brücke, die in die Ewigkeit +hinüberführt. + + * * * * * + +Es war nach dem Begräbnis. + +Die Leidtragenden hatten sich entfernt, und nun wollte sich auch der +Rendant Schröder, der Vater der beiden Schwestern, verabschieden. Er sah +der Verstorbenen sehr ähnlich, der alte Herr, trotz seines würdigen, +schwarzen Gehrocks, des militärisch gescheitelten schneeweißen Haars, +und der winzigen Ordensrosette im Knopfloch. Traurig ging er auf Wilms +zu, der teilnahmslos in der Sofaecke saß, und drückte ihm schwermütig +die Hand: »Gott hat Schweres über uns verhängt,« sagte er unsicher, »wir +müssen uns aber in seinen Willen fügen, mein Sohn – ich hätt’ auch nicht +geglaubt, daß ich das noch erleben würde.« + +Damit zog er ein weißes Taschentuch und weinte bitterlich hinein. +Allmählich ermannte er sich und wandte sich an Hedwig, die +schwarzgekleidet am Fenster saß und träumerisch über den Hof fort auf +die sonnige Landstraße hinausblickte. + +»Komm, Heting, mein Wagen hält schon draußen, deine Sachen können dir +nachgeschickt werden. Ich will jetzt wenigstens meine Einzige um mich +haben.« + +Sie sollte fort? + +Eine lähmende Verwunderung erfüllte das Mädchen; an diese Möglichkeit +hatte sie gar nicht gedacht. – Und doch, es war ja so natürlich, sie +konnte doch vor den Augen der Welt nicht allein mit dem Mann im öden +Pachthof bleiben. + +Sie erhob sich. Unterstützung heischend, sah sie zu Wilms herüber. + +Aber der rührte sich nicht. Er empfand nicht, wie schön sie war, immer +mit demselben unbeweglichen Gesicht saß er geduckt in seiner Ecke und +sah schweigend und gleichgültig vor sich hin. Mit der gleichen Miene +hatte er in den letzten Tagen alles an sich vorüberziehen lassen. Den +Sarg, die Leiche, die brennenden Lichter, die singenden Dorfkinder, den +alten würdigen gebeugten Vater, die in die Gruft polternden Erdschollen, +nichts hatte dieses stumpfe, gelassene Schweigen zu brechen vermocht. + +Aber jetzt – jetzt, wo man ihm die Geliebte entreißen wollte – da +erwartete Hedwig, und ihre Augen begannen immer sehnsuchtsvoller zu +leuchten – jetzt mußte er doch alle Erinnerungen von sich werfen, um +sich das Weib seiner Wahl nicht nehmen zu lassen. + +O, sie war ja überzeugt, nun würde er aufflammen, nun – – sie horchte +und wartete, allein immer dasselbe Schweigen. + +Sie scharrte ungeduldig mit dem Fuß. + +»Wilms,« sagte sie leise. + +Jedoch der Mann in der Ecke bewegte sich gar nicht, düstere Bilder +mußten vor seiner Seele stehen, denn er wandte den Kopf und starrte auf +die Stelle, wo Else im weißen Hemde gelegen hatte. Dann schauerte er +zusammen. + +»Komm, Heting,« drängte der Vater. »Es wird nun Zeit, wenn wir noch vor +Abend zurück sein wollen.« + +Der alte Herr griff nach seinem Hut und sah sich noch einmal still und +betrübt in dem weiten Zimmer um, wo seine Tochter gestorben war. + +Da tat das Mädchen einen tiefen Atemzug, ihre ganze Gestalt reckte sich: +»Vater,« entgegnete sie rasch und bestimmt, »ich kann dich jetzt nicht +begleiten, ich muß noch etwa eine Woche hier bleiben, weil ich Wilms +versprochen habe, ihm alles in der Wirtschaft zu zählen und instand zu +setzen, was durch Elses Krankheit in Unordnung geraten ist. Aber dann« – +und wieder atmete sie seltsam schwer – »dann komm’ ich dir nach.« + +Der Rendant stutzte. »Eine Woche noch?« wiederholte er verlegen und +putzte an seinem Zylinder. »So? – Mein Sohn,« kehrte er sich fragend zu +dem Landmann, »wäre es dir lieber, wenn Hedwig noch – noch hier bliebe? +Ja?« Er wartete noch eine Weile, und da Wilms ihn augenscheinlich gar +nicht gehört hatte, mußte er dieses Schweigen wohl für Zustimmung +halten, denn er fuhr langsam und bedenklich fort: »Nun, wenn du es +verlangst – natürlich – du hast ja auch einen so großen Verlust +erlitten, daß du dich gewiß ein bißchen nach Gesellschaft sehnst, na, +dann kann ja Hedwig auch noch acht Tage hier bleiben, ich habe nichts +dagegen – obwohl, hm, ja, ich wünschte nur, du würdest mit der Zeit ein +wenig ruhiger – und – nun adieu, Wilms – und daß wir uns zu besserer +Gelegenheit wiedersehen, mein Sohn. Immer Kopf oben – hörst du?« + +Hier schwankte die Stimme des alten Beamten doch bedenklich, er kehrte +sich rasch ab, und bald nachher fuhr er als der letzte Leidtragende von +dannen. + +Hedwig und der Pächter befanden sich wieder allein. + +In den ersten Stunden konnte Hedwig ihr Herz klopfen hören, so hell und +erwartungsvoll pochte es. »Was nun wohl folgen würde?« dachte sie. – Der +Weg war frei, die Last abgeschüttelt, versunken, endlich gab es nichts +Trennendes mehr zwischen ihnen, und mit verzehrender Gewalt verlangte es +sie danach, daß der starke Mann sie nun in die Arme nehmen und sie +küssen und wiegen sollte, noch zärtlicher und glühender, als vor wenig +Tagen, da Else darüber gestorben war. + +Aber der Tag verfloß, ohne daß der stille Mann von ihr etwas verlangte +oder begehrte; schweigend nahm er die Mahlzeiten ein, stumpf und +trübsinnig brach er des Abends auf, um sich in seine Kammer hinauf zu +begeben. + +Er hatte während der langen Zeit nicht ein Wort mit dem Mädchen +gewechselt. Wie ein Alp bedrückte es bereits ihre Brust. + +Schon befand sich die große gebeugte Gestalt an der Tür, da rief ihn +Hedwig atemlos an. + +»Wilms.« + +Er blieb stehen, hob aber nicht den Blick. + +»Willst du – willst du morgen nicht auf deine Felder gehen?« + +Der Landmann nickte gleichgültig und legte die Hand auf die Türklinke. + +Jetzt würde er verschwinden. + +Es war die höchste Zeit. + +»Wilms – willst du nicht noch hier bleiben?« + +Ein scheuer Blick streifte das schöne Geschöpf, dann irrte er an ihr +vorüber und fiel auf das große zugedeckte Bett, das einst die Heimstätte +der Kranken gebildet. + +Eine mächtige Bewegung lief durch den riesenhaften, ungelenken Körper, +man sah ihm an, daß er sich beherrschen und bezwingen wollte, dann aber +schlug Wilms beide Hände vors Gesicht, und ein halblautes, ersticktes +Stöhnen drang zu der Erschreckten hinüber. + +Es war das wilde Schluchzen eines verzweifelten Menschen, eine +erschütternde, trostlose Selbstanklage. + +Im nächsten Moment war der Pächter hinter der Tür verschwunden, und die +Zurückbleibende vernahm nur noch, wie seine Tritte auf der knarrenden +Treppe verhallten. + +Da stand sie und starrte mit bangem Entsetzen auf die leere Pforte. + +War es wirklich Wahrheit? – Sie befand sich jetzt allein? Der Mann, den +sie erheben, befreien, glücklich machen wollte, dem sie mit weichen +Händen unter Küssen die Schmerzenslast von den wunden Schultern zu +nehmen gedachte, der flüchtete vor ihr? Der würdigte sie keines Wortes? + +Sie sah sich im weiten, hellerleuchteten Zimmer um. + +Nein, nein, an Schatten, an wiederkehrende Geister, die die Stätten der +Sünde umschweben, glaubte sie ja nicht. Wilms war nur überreizt, unter +ihrer Pflege würde ihm die Gesundheit schon wiederkehren, und die Lust +am Leben, und die Lust an ihr. + +Trotzig zog sie das Goldherz aus ihrem Kleide, das sie der Toten mit +fester Hand abgenommen, und las mit ihren roten zitternden Lippen den +Namen »Wilms«. + +Dann entkleidete sie sich, und ohne Furcht, mit einem seltsamen, fast +übermütigen Lächeln, suchte sie ihr Lager auf und beschloß, von Wilms zu +träumen. + +Nein, nein, der Schatten war beschworen, Gespenster kehren nicht wieder, +die Toten stören die Lebenden nicht, getrost bettete sie ihr Haupt auf +den weißen Arm, und im Traum, der sie zu dem geliebten Manne führte, +lächelte sie wieder ihr stolzes, verführerisches Lächeln. + + + + +XII. + + +Am nächsten Tag feierte man Christi Himmelfahrt. + +Zum erstenmal saßen Wilms und Hedwig in der Fliederlaube beim Kaffee. + +Schwüle, dumpfig-warme Luft strich über die Erde, Bäume und Blumen +standen regungslos, als sähen sie furchtsam zu den grauen Wolken empor, +die sich dort oben zu gewaltigen schwarzen Bergen zusammenballten, die +Hofschwalben umkreisten die Scheunen in schrägem, niedrigem Flug, dumpfe +Gewitterstille ließ Menschen und Vieh verstummen, nur die Heuschrecken +und Frösche auf der Wiese summten und quakten lauter als je. + +Und still und schwül türmte sich auch etwas zwischen den beiden Menschen +auf, die lautlos einander in der Laube gegenüber saßen. Geschäftig und +leidenschaftlich für ihn besorgt, hatte Hedwig dem Pächter alles +bereitet und zurecht gemacht, er hatte auch manchmal wie zum Dank mit +dem Kopf genickt, jetzt aber brütete er wieder, das Haupt in die Hand +gestützt, düster in das brauende Unwetter hinein, das wie an ungeheuren +schwarzen Seilen bereits vom Himmel herunterhing. Schon klatschten +einzelne, schwere Tropfen von der Höhe auf den Rasen. + +Da erhob sich der Landmann, und Hedwig vernahm, wie er nach dem Kutscher +rief, zugleich bemerkte sie auch, daß vor der Einfahrt bereits das +Korbfuhrwerk wartete. + +»Willst du fortfahren?« begann sie befangen. + +Wilms nickte. + +»Geschäftlich?« + +Wieder neigte der Pächter schwerfällig das Haupt. + +»Wirst du lange fort bleiben, Wilms?« + +Noch immer suchten die Augen des Mannes scheu den Boden, aber zum +erstenmal seit Tagen erteilte er doch eine Antwort. Gepreßt kam es +heraus: »Ja, es kann woll – ein paar Tage dauern.« + +Da freute sich das Mädchen, daß sie die erste war, die wieder seine +Stimme vernahm, und im überwallenden Gefühl streckte sie ihm beide Hände +entgegen, um sich von ihm zu verabschieden. + +Aber er rührte ihre Finger nicht an. Düster stand der große Mann vor +ihr. Wohl blieben seine überbuschten Augen groß und starr an ihrer +rosigen Haut haften, wie wenn sie sich von dem Anblick nicht trennen +könnten, als er aber scheu den Kopf hob, da umfaßte er das Mädchen mit +einem so jammervollen, so verängsteten und geistig zerrütteten Ausdruck, +seine breiten Lippen zitterten derartig krampfhaft, daß das Mädchen in +jähem Entsetzen zurückbebte. + +Ein kalter Schrecken rann durch alle ihre Glieder. + +Sah sie nicht, daß der gequälte Mann mehrfach ansetzte, als wollte er +dennoch ihre Hand ergreifen, um bald darauf seine Rechte wieder sinken +zu lassen? + +Was hinderte ihn nur? + +Etwas Unsichtbares, Unerklärliches mußte sich regelmäßig vor ihm +erheben, und mit einem plötzlichen Entschluß riß er sich jäh von dem +Mädchen los und lief, ohne ein weiteres Wort, wie gehetzt zu seinem +Wagen. + +Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, und bald hörte die +Zurückbleibende, wie der Wagen davonrollte. + +Matt lehnte sie sich an die Wand der Laube und sah abgespannt in den +grauumzogenen Himmel hinauf, von dem der Gewitterregen noch immer nicht +auf das lechzende Land niederrauschen wollte. + +»Das also ist das Ende?« dachte sie. Sie griff sich an die Stirn und +fuhr auf. Ihre ganze Umgebung schien ihr plötzlich so fremd; wie konnte +sie nur in diesem öden, verwunschenen Gehöft so lange gesäumt und +geharrt haben, sie, die doch mit ganz anderen Hoffnungen in die Welt +hinausgetreten war? + +Ein langes blendendes Leuchten ging über den Horizont, ein dumpfes +fernes Murren schob sich dazwischen, und ein kurzer Regenguß pfiff über +das Land. + +Die Bäume schüttelten sich und richteten sich auf. Auf Blättern und +Halmen perlten große Tropfen. + +Aber auch Hedwig war aufs neue erfrischt, sie hatte ihre Schwäche +überwunden. – Spielend dehnte sie ihre Gestalt und schritt mit ihrem +kräftigen Gang in die Wirtschaftsgebäude, um ruhig und sicher, wie +früher, das Gesinde zu leiten und in Wilms Abwesenheit die Geschäfte des +kleinen Gutes zu besorgen. + +»Nimm die leeren Säcke dort vor dem Fenster fort, Dörthe,« ordnete sie +mit ihrer frischen Stimme an. + +»Ja Fräulen, die liegen man noch da, damit die sel’ge Frau nich durch +das Wagengerassel gestört werden sollt.« + +»Nun ja – aber meine Schwester braucht sie jetzt nicht mehr, wir aber +könnten die Säcke vielleicht noch nötig haben.« + +Die Leute gehorchten ihr. Unbedingte Ordnung und widerspruchsloser +Gehorsam waren in das Gehöft eingekehrt. + +Und Hedwig selbst hatte ihre ganze Sicherheit zurückgewonnen. + +Sie wußte jetzt, daß über Wilms der finstere Geist der Schwermut +schwebe, daß die Tote dennoch aus dem Grabe auferstanden sei, um +unversöhnt die beiden, die nach einander verlangten, auseinander zu +scheuchen. Aber sie scheute die Frau im weißen Hemde nicht. Die Lebende +war vor ihr gewichen, und deshalb wollte sie alle Kraft einsetzen, um +auch den blutlosen Schatten aus dem Hause zu jagen. + +Draußen schlugen harte Tropfen gegen das Wirtschaftsgebäude, aus den +grauen Nebelwänden rollte und polterte es dumpf heran. + +Eine zischende Windsbraut wirbelte über das Gehöft. + + * * * * * + +Wilms fuhr die Landstraße entlang. Sein Ziel waren ein paar große Güter +in der Umgegend von Greifswald. Als er an der Kirche von Boltenhagen +vorüberkam, schallte Orgelklang und Gesang heraus, so daß er aus seiner +Versunkenheit aufgestört wurde. + +Er wunderte sich. + +»Jochen, was is heut für ein Tag?« fragte er seinen Kutscher. + +»Ja Herr, weiten Se dat nich? Hüt hewwen wi ja unsen Herrn Christ sin +Himmelfahrt.« + +Wilms faßte sich an den Kopf. + +Hatte er denn alle Zeitrechnung verloren, daß er von dem hohem Festtag +gar nichts wußte? Früher hatte er an diesem Tage stets neben Else im +eichenen Kirchenstuhl gesessen und andächtig mitgesungen. – Seitdem aber +Hedwig auf dem Gehöft wirkte – – – nein, nein, er wollte nicht weiter +denken. + +Rasch sprang er vom Wagen herab und schritt hastig über die Treppen in +das Gotteshaus hinein. + +Vielleicht wohnte hier doch das Heil, vielleicht konnte hier die +unselige, feige Angst von ihm genommen werden. + +Die Kirche war gedrängt voll. Eben schwieg die Orgel, und der kleine +Pastor Schirmer begann von der Kanzel zu predigen. Rührend und beweglich +schilderte er die Leiden und göttliche Sanftmut des Gottessohnes, und +wie er nach seiner Auferstehung den Jüngern, die ihn nicht kannten, in +seinem weißen Gewande am See Tiberias erschienen sei, um sie den +gesegneten Fischzug tun zu lassen. + +»Und seine Gestalt war wie der Blitz, und sein Kleid weiß wie der +Schnee.« + +Da zuckte Wilms, der auf der hintersten Bank Platz genommen hatte, +erbleichend zusammen. Das Wahnbild, das ihm vorschwebte, trat wieder vor +seine Augen, es wurde schwarz vor ihm, Kirche und Menschen drehten sich +im Kreise. + +Die stürmische Angst jagte ihn von dannen. + +Nur hinaus – in die Luft – ins Freie, daß er atmen konnte. Schwankend +erhob er sich. + +Allein der Eintritt des Pächters war von seinen Nachbarn bemerkt worden. +Leise flüsterten sie sich zu, wie elend, krank und abgezehrt der +Landmann aussehe, und Förster Eltze, der in seiner Nähe gesessen, folgte +ihm hinaus. + +Und gerade als der nach Luft Ringende seinen Wagen erreicht hatte, +ergriff der gutmütige Riese die Hand des Pächters und hielt ihn zurück. + +»Wilms, sind Sie krank?« + +Der Pächter starrte den andern an. + +»Ja – Eltze – ich kann – in der Nacht nich mehr schlafen.« + +»Ach, Unsinn, alter Freund, warum denn nicht?« + +»Weil – weil meine Frau immer bei mir is.« + +»Wilms – um Gottes willen – alter Freund, das reden Sie sich bloß ein.« + +Der Pächter zuckte die Achseln, und während er sein Gefährt bestieg, +antwortete er wehmütig: »Das kann woll sein,« dann grüßte er den Förster +noch kurz, und im nächsten Moment rollte das Fuhrwerk in das graue +Unwetter hinein. + +»Jochen, gib auf den Herrn Obacht,« rief Eltze voller Besorgnis den +Abfahrenden nach. + +Und er hatte recht mit seiner Warnung, der gutmütige Weidmann. + +Der finstere Geist, der den Unglücklichen mit seinen schwarzen Fittichen +beschattete, senkte sich immer tiefer auf sein Opfer herab, so daß die +Nacht noch düsterer in ihm wurde. + +Am Himmel zuckte und leuchtete es, in langen Linien schossen die +schmalen Feuerstreifen dahin, aus den dunklen Wolkengründen heraus +rollte der Donner und hallte verendend über die weite Ebene. + +So waren die Reisenden an einen unbeträchtlichen Landsee gelangt, der +mit einem Wasserarm die Chaussee unterbrach, so daß sie an dieser Stelle +überbrückt war. + +Aus Binsen und Schilf, die das unbewegte Wasser umgaben, quollen feuchte +graue Dünste empor, fahl und farblos lag die Fläche, nur an der Brücke +erhoben sich ein paar verkrüppelte Silberweiden. + +Eben rasselte das Gefährt über das morsche Holz, als Wilms Blick +gleichgültig über den schweigenden See schweifte. + +Aber dann – der Pächter richtete sich auf und stierte auf das jenseitige +Ufer hinüber. + +Er mußte etwas Furchtbares erschauen, denn kalter Fieberschweiß brach +ihm aus allen Poren, mit der Hand umfaßte er die Schulter seines +Knechtes. + +»Jochen,« schrie er, »kehr’ um.« + +»Herr – Herr Jesus – wat is denn?« + +»Jochen – Jochen – kehr’ um.« + +Der Kutscher begann am ganzen Leibe zu zittern: + +»Herr, Se sünd woll krank? Wat is denn dor äwern See? – Seggen Se mi’s +doch – ick fürcht mi.« + +Aber der Landmann brachte kein Wort hervor. Mit weit aufgerissenen Augen +starrte er über die graue Fläche, denn der düstere Geist, der über ihm +war, malte ein entsetzliches Bild. + +Dort drüben stand eine weibliche Gestalt, ihr Hemd war »weiß wie der +Schnee«, ihre Augen funkelten wie grelle Blitze, und über ihr entlud +sich schmetternd ein krachender Donnerschlag. + +Da begann es dem Knecht vor dem hinstarrenden Manne zu grausen, mit +aller Kraft warf er die Pferde herum und jagte unter prasselndem Regen +mit seinem ohnmächtigen Insassen den Weg, den er gekommen, wieder +zurück. + + * * * * * + +Zwei lange, bange Wochen verstrichen, dann konnte der Pächter das große +Bett in der Wohnstube, an dem Hedwig Tag und Nacht gewacht hatte, +verlassen. + +Es schnitt allen ins Herz, als sich der ehemals so riesenhafte Mann +kraftlos reckte und sich mit einem wehmütig lächelnden Blick im Spiegel +beschaute. + +»Na, Wilms, nu frische Luft,« rief der dicke Dr. Rumpf – »und dann, +Kinding, die Fenster auf und was Ordentliches für den Magen – – paar +Buddeln Rotspohn, und Hauptsache: raus, raus!« + +Und am Arm des Physikus ließ sich Wilms in den Garten leiten, in dem +jetzt die Linden blühten und einen erquickenden, würzigen Duft +verbreiteten. + +»Ach, hier ist es schön,« sagte der Landmann, als er in der Laube saß, +bewundernd, »komm, Heting – und Sie auch, Herr Doktor, wir wollen noch +ein bißchen zusammenbleiben.« + +Die beiden andern warfen sich einen bedeutsamen Blick zu und gedachten +ihn durch ein harmloses Gespräch ein wenig aufzumuntern, jedoch der +Pächter ließ sie nicht zu Worte kommen. + +Er war so gesprächig, wie seit vielen Jahren nicht. Alles, womit ihn die +Natur umgab, erinnerte ihn an Begebenheiten aus seiner Jugend, aus +seinen Lehrjahren und erweckte auch das Andenken an seine Mutter. + +»Trägst du noch den Ring, Heting? – Nicht wahr, den wirst du doch immer +in Ehren halten? Weißt du noch – am Weihnachtsabend?« + +Nur Else erwähnte er nicht. Es schien, als ob das Grab sie nun doch +festhalte, als ob die Erde sich endlich dauernd über ihr geschlossen +hatte. + +Als der Physikus nach einiger Zeit seinen Wagen bestieg, folgte ihm +Hedwig und fragte rasch und verzweifelt: + +»Nun, Herr Doktor, nun?« + +»Ja, was soll ich sagen? – Ernährung, mein Kind, Ernährung. Das ist das +allereinzigste Mittel.« + +»Ja aber, Herr Doktor, er ißt ja fast gar nichts.« + +»Heting,« sprach der Physikus ernst und strich dem Mädchen über die +heiße Stirn, »jetzt hängt alles von dir ab, verstehst du?« + +»Nein.« + +»Der Mann ist seelisch krank,« sagte der Doktor langsam, indem er ihr +fest in die Augen sah, »verstehst du jetzt, warum alles von dir +abhängt?« + +Da wurde das Mädchen blaß und wieder dunkelrot und sah vor dem alten +Freunde zu Boden. + +Sie verstand ihn. + +»Und morgen komm’ ich wieder,« rief der Physikus in anderem Ton, küßte +seiner jungen Freundin im Vorübergehen die Hand und fuhr vom Hofe +herunter. + +Mit glühenden Wangen lief Hedwig in den Garten, jetzt wußte sie es, was +der erfahrene Arzt verlangte, sie sollte den geliebten Mann verlassen. – +Sie – sie selbst hielt man für die Ursache, daß er nicht zur Ruhe kommen +könnte; war es möglich, daß ihre Gegenwart ihn quälte und peinigte? – +Glaubte er sich wirklich sündenbeladen, weil er ihr blühendes Leben der +Todverfallenen vorgezogen? – Die Tote siegte, die Tote ging im Hause +umher, die Tote behauptete den Platz an seiner Seite. – Nein, so konnte +sie sich nicht verscheuchen lassen. – Schmeichelnd setzte sie sich neben +Wilms, und als er sie musternd anlächelte, schlang sie ihre weichen Arme +um den abgezehrten Mann, und flüsterte mit ihrer angsterfüllten bebenden +Stimme: »Wilms, ich liebe dich ja so sehr, nicht wahr, jetzt wirst du +auch wieder gesund werden?« + +Und wie ihre Lippen sich auf die seinen legten, da war es ihm, als ob +ein köstlicher, erfrischender Heiltrank in ihn hinüberströme, der alle +seine Glieder mit einer wohltuenden Schlaffheit erfüllte, so daß er sein +Haupt müde an ihre Brust lehnte und dort zu schlummern strebte. + +»Ja, Heting,« murmelte er erquickt, »nun werden wir bald sehr glücklich +sein.« + +»Und nicht wahr, an Else erinnerst du dich nicht mehr so wie damals?« + +»Nein, nein, Heting – laß das – an meine Frau denke ich nich mehr – will +nich mehr – nur du.« + +Waren es die Lindenblüten, die der leise Wind von den Zweigen +schaukelte, war es Hedwigs Nähe, der müde Mann schlummerte an ihrer +atmenden Brust wie ein beruhigtes Kind sanft und sicher ein. + +Eine Schwarzdrossel nistete oben in der Krone der Linde. Die sang das +Schlummerlied. + +Aber in dem Mädchen zehrte und bohrte der Gedanke an die verlangte +Trennung weiter. + + * * * * * + +Ein andermal sah der Kranke aufmerksam und nachdenklich auf Hedwigs +stolzen, weißen Hals, von dem sich ein schmales, goldenes Kettchen +abhob. + +»Heting, trägst du da nicht – – –?« + +»Ja, Elsens Goldherz.« + +»Das besitzt du?« + +»Ja, ich hab’ es ihr abgenommen.« + +Der Pächter stützte das Haupt und blickte sinnend vor sich hin. + +»Mir is es doch lieb,« sagte er endlich, »daß sie es nicht mitgenommen +hat in die Erde. – Mir wär’ es dann immer gewesen, als wär mein Herz mit +begraben. – So aber liegt es bei dir.« + +Dann streckte er die Arme aus und zog sie an sich. Und beide klammerten +sich aneinander, als ob sie Schutz suchten vor dem weißen Schatten, der +unerbittlich durch das Haus ging. + +Und als sie sich immer leidenschaftlicher in seine Arme schmiegte, da +ging es wie ein Beben durch den kranken Körper. »Heting – Heting,« +stammelte er, »ich werd’ – wohl nie wieder ganz glücklich werden.« + +Da fröstelte das liebeglühende Mädchen zusammen und verstand ihn. + + * * * * * + +Wilms Seelenzustand wurde immer trübsinniger. Oft, wenn Hedwig +unvermutet zur Tür hereintrat, dann traf sie ihn, wie er starr auf die +Schwelle hinblickte, auf der einst Else entseelt dahingesunken, und wenn +sie dann auf ihn zuflog, um ihn durch ihre Liebe zu ermuntern, dann kam +ein Ausdruck von Furcht in seine Augen, als wenn ihn ihre Zärtlichkeit +quäle. + +Und einmal rang er sich schwer die Worte ab: »Heting, küß mich nich so – +mir is es immer, als wenn Else zusäh.« + +Da zuckte das Mädchen zusammen, und so oft sie sich ihm in den nächsten +Tagen näherte, immer glaubte sie etwas Kaltes, Frostiges zu spüren, das +an ihr vorbei strich. + +Sie faßte sich an die Stirn und begann schmerzlich zu lächeln. Sie fing +an, an Gespenster zu glauben. + +Mit der Zeit begann der Kranke auch Elses Namen immer häufiger in seine +Reden zu mischen. Bald erinnerte er sich an Worte seiner Frau, bald an +allerlei Eigentümlichkeiten, und eines Tages, beim Mittagbrot, merkte +Hedwig, daß sie der Pächter mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen +beobachtete: + +»Was hast du denn, Wilms?« + +»Du – du siehst – ihr doch sehr ähnlich,« stammelte der Landmann +fassungslos und ließ Messer und Gabel aus seiner Hand klirren. + +Und am Nachmittag nahm Hedwig aus der Nebenstube wahr, daß Wilms, +anstatt zu schlafen, bitterlich vor sich hin schluchzte. + +Dagegen vermochte sie nichts. Die Tote siegte. + +Ihr wunderbarer, prachtvoller Körper blühte neben ihm, und der Kranke +koste und scherzte mit der Verwesten. + + * * * * * + +»Onkel Doktor,« weinte Hedwig vor sich hin, als sie mit dem weißbärtigen +Physikus, den sie hatte holen lassen, in der Laube saß, »was soll ich +dagegen tun?« + +Sie hatte dem alten Freunde alles gebeichtet, was sie seit dem einen +Jahre auf diesem Gehöft erlebt hatte. + +»Was du tun sollst?« fragte der alte Herr und legte die beiden Hände des +jungen, fiebernden Geschöpfes in die seinen. »Heting, mein Kind, ich +hab’ dich lieb und habe Wilms lieb, und deshalb sag’ ich, du mußt fort.« + +Sie starrte ihn mit ihren großen, braunen Augen an, und der Physikus +fühlte an ihren Händen, wie das Blut in den Adern hämmerte und schoß. + +»Still, Kind, still,« sagte er, »du willst ihn doch nicht zugrunde +richten, und sieh, so oft er dich anblickt, immer wird er in dir die +Ursache sehen, die die Verstorbene in den Tod getrieben. – Nein, nein, +mein Kind, bleib ruhig, ich weiß ja, du liebst ihn sehr, aber eben +deshalb, Heting, bitt’ ich dich, befrei’ den armen Kerl von all’ den +bösen Erinnerungen. Glaub mir, so lange du hier bleibst, bleibt auch die +Tote bei ihm. – Nicht wahr, das hast du doch selbst schon bemerkt?« + +Hedwig senkte das Haupt, aber sie nickte leise. Dann sah sie mit +sehnsüchtigem Blick auf den blühenden Garten hinaus, auf die anstoßende, +saftige Wiese, auf die fernen Äcker, auf denen sonnendurchleuchteter +Staub dahinzog. + +Überall hatte sie hier gewirkt und geschafft. Ordnung und Wohlstand +hatte sie zurückgezwungen. Das hatte die Tote doch nicht vermocht. + +Unter ihren Tränen zog ein trotziges Lächeln über das blasse Gesicht. + +»Nun, Heting,« fragte der Physikus und stand auf: »Weißt du nun, was du +zu tun hast?« + +Sie nahm noch immer das Bild der blühenden Felder in sich auf, mit +bebender Brust sog sie die frische Landluft in sich ein. Ja, sie hatte +alles für eine glückliche Zukunft vorbereitet, aber einwandern sollte +sie nicht in das gelobte Land. + +»Heting?« fragte der Arzt dringender. + +»Sehen Sie, Herr Doktor,« rief das Mädchen, indem sie mit der Hand nach +dem schönen Gut zeigte: »Diese Saat habe ich bestellt, sehen Sie dort +drüben die grünen Halme? Aber ernten mag sie ein anderer,« flüsterte sie +mit erstickter Stimme. + +Da streichelte der alte Herr dem jungen Geschöpf die welligen braunen +Haare aus der heißen Stirn, nahm sie in seine Arme, und während ihr +Schluchzen zu ihm heraufdrang, sagte er wie zu einem kleinen Kinde: + +»Recht – recht – du bist ein tapferes, kleines Ding, es wird auch alles +wieder gut.« + + * * * * * + +»Heting,« sagte Wilms an einem der nächsten Tage, als sie nach dem +Kaffee in der Wohnstube zusammen saßen, »du bist ja so vornehm +angezogen, willst du ausfahren?« + +Das Mädchen sah ihn lange und ernsthaft an, als wollte sie sich jeden +seiner Züge einprägen, dann schüttelte sie trübe lächelnd das Haupt, +aber sie wandte sich ab und ließ ihren Blick lange auf dem Hof ruhen +und sah grüßend zu den Pappeln der Landstraße hinüber. + +Nach einer Weile kehrte sie dem gebeugten Mann ihr schönes Gesicht zu +und fragte einfach und doch voll verschlossenen Wehs: + +»Wilms, hast du mich wirklich ein bißchen liebgewonnen?« + +»Wie kannst du nur so fragen, Heting.« + +»Und mehr – mehr als Else?« + +»Ich bitt’ dich, Kind – daran mußt du nicht rühren – laß sie doch +ruhen.« + +Er verzog die Stirn und schüttelte matt den Kopf. + +»Bist du mir böse?« rief Hedwig plötzlich leidenschaftlich, und während +sie sich vor dem Stuhl des gebeugten Mannes in die Knie warf, umschlang +sie den Kranken und hob sich selbst zu ihm empor: »Nicht wahr, du bist +nicht böse auf mich?« flüsterte sie mit schwankender Stimme und +schmiegte sich an ihn, »ich habe doch alles bloß aus Liebe zu dir getan, +das weißt du doch, Wilms?« + +Der Landmann wurde gerührt. »Ja, mein Kinding, ja,« sprach er liebevoll +und streichelte ihr das goldglänzende, braune Haar. + +Da stand Hedwig langsam auf und sah sich noch einmal aufmerksam in der +Stube um. Dann schritt sie rasch zum Klavier, um Wilms, wie sie das um +diese Zeit schon gewöhnt war, etwas vorzuspielen. Müde und erschlafft, +wie er war, wiegten ihn die Töne noch immer am leichtesten in den +ersehnten Schlummer. + +»Was soll ich spielen?« + +»Ganz gleich, es is ja alles schön.« + +»Nein, was du gern hast.« + +»Nun, dann das von Weihnachten, du weißt ja, Heting.« + +Sie schloß die Augen, ein süßer Schauer durchfuhr sie zum letztenmal. +Und dann spielte sie das alte Volkslied, das schon so unendlich viel +Müde eingesungen. + +Draußen rollte ein Wagen auf der Chaussee heran, Hedwigs Herz klopfte +zum Zerspringen, aber sie ließ sich nichts merken und spielte tapfer den +alten Sang, so leise und wehmütig und klagend, daß dem Kranken, der doch +nicht wußte, was ihm bevorstand, die Tränen in die Augen traten. + +Und er schlummerte wirklich sanft und lächelnd ein, während das +Abschiedslied leise austönte. Als er erwachte, war das Zimmer leer. +Alles war still, nur von der Landstraße hörte man dumpfen Hufschlag und +das Rollen eines enteilenden Gefährts. + + * * * * * + +Der Förster hatte Hedwig in seinem Wagen zur Bahn gebracht, und sah zu +ihr bewundernd in das Coupé hinauf. + +Feurig und blutrot ging am Himmel die Sonne zur Rüste, davon mochte das +Mädchen so rosig übergossen sein, als sie zum Fenster hinaus nach der +Gegend spähte, wo Wilmshus lag. + +Aber das Gehöft war längst hinter dem Tannenschlag versunken, und +merkwürdig, wie Hedwig jetzt am Fenster lehnte, war sie wieder die +vornehme, junge Dame, die vor mehr als einem Jahr an dieser Stelle +angekommen war. + +Sie begriff sich selbst nicht; seit der öde Pachthof hinter ihr +verschwunden war, strömte ihr frischere Luft entgegen, ihr war es, als +hätte sie selbst ein Jahr lang siech gelegen und sollte jetzt zum +erstenmal wieder in die lachende, sonnenfunkelnde Welt hinaus. + +»Wohin gehen Sie jetzt, Fräulein Hedwig?« fragte der Förster. + +»Ich weiß nicht. – Überall, wo es für mich etwas zu tun und zu schaffen +gibt. – Die Welt ist groß.« + +»Da haben Sie recht. – Und kommen Sie vielleicht bald hierher wieder +zurück?« + +»Auch das kann sein. Wir Menschen wissen ja nie, was die nächste Stunde +bringt.« + +Die Glocke klang. – Der Förster schwenkte seinen grünen Hut. + +»Grüßen Sie Wilms,« rief Hedwig mit hervorbrechenden Tränen. + +Der Zug bewegte sich, und rascher und rascher fuhr er in die rotgoldene +Abendglut hinein. + +Hedwig sah nicht mehr zurück. + + + + +Von Georg Engel erschienen ferner: + +Hann Klüth. Roman. +Der Reiter auf dem Regenbogen. Roman. +Der verbotene Rausch. Heitere Novellen. +Zauberin Circe. Berliner Liebesroman. +Die Furcht vor dem Weibe. Roman. +Das Hungerdorf. + + + + +Ullstein-Bücher + + +Bis jetzt sind erschienen: + +#Clara Viebig# Dilettanten des Lebens +#Georg von Ompteda# Maria da Caza +#Heinz Tovote# Frau Agna +#Rudolph Stratz# Arme Thea +#Fedor von Zobeltitz# Das Gasthaus zur Ehe +#Paul Oskar Höcker# Die Sonne von St. Moritz +#Ernst von Wolzogen# Mein erstes Abenteuer +#Georg Engel# Die Last +#Kurt Aram# Violet +#Richard Voß# Der Todesweg auf den Piz Palü +#Otto Ernst# Laßt Sonne herein +#Max Kretzer# Der Mann ohne Gewissen +#Wilhelm Jensen# Unter heißerer Sonne +#Karl Rosner# Sehnsucht +#Wilhelm Hegeler# Der Mut zum Glück +#Peter Rosegger# Die Försterbuben +#Rudolf Herzog# Nur eine Schauspielerin +#Joseph Lauff# Marie Verwahnen +#Rudolf Hans Bartsch# Elisabeth Kött +#Franz Adam Beyerlein# Similde Hegewalt +#Walter Bloem# Sonnenland +#Richard Strowronnek# Bruder Leichtfuß +#Felix Hollaender# Charlotte Adutti +#Heinz Tovote# Mutter!.. +#Karl Rosner# Georg Bangs Liebe +#Korfiz Holm# Thomas Kerkhoven +#Ludwig Ganghofer# Gewitter im Mai +#Georg von Ompteda# Denise de Montmidi + +Jeder Band 1.– Mark + + + + +Musik für Alle + +Jeden Monat erscheint ein Notenheft + + +Bisher sind unter anderen erschienen: + +Tannhäuser, zwei Hefte – Tristan und Isolde – Lohengrin – Meistersinger +von Nürnberg, zwei Hefte – Der fliegende Holländer – Rienzi – +Sommernachtstraum – Carmen, zwei Hefte – Der Evangelimann – Brahms-Heft +– Cavalleria rusticana – Fra Diavolo – Margarethe, zwei Hefte – Die +Geisha – Hänsel u. Gretel-Heft – Dollarprinzessin – Der fidele Bauer – +Der Graf von Luxemburg – Wiener Frauen – Der Vogelhändler – Hoffmanns +Erzählungen – Die Zauberflöte – Die weiße Dame + +Jedes Heft 50 Pf. (60 h) + +Ausführliche Inhaltsverzeichnisse aller bisher erschienenen Hefte stehen +auf Wunsch kostenlos zur Verfügung. Erhältlich in allen Buch- und +Musikalienhandlungen sowie direkt vom + +Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der um 1910 bei Ullstein erschienenen Ausgabe erstellt. Die +nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +p 008: »Wie steht’s mit den Kartoffeln, Korl?« -> Karl +p 009: öffnende Anführungszeichen ergänzt: sprang auf – »nicht wahr? +p 119: Förster Elze -> Eltze +p 148: Dörte -> Dörthe +p 150: schließende Anführungszeichen ergänzt: Der hängt noch.« +p 240: Komma entfernt: Else zuckte schmerzhaft zusammen,. ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the Ullstein +edition, published around 1910. The table below lists all corrections +applied to the original text. + +p 008: »Wie steht’s mit den Kartoffeln, Korl?« -> Karl +p 009: added opening quotes: sprang auf – »nicht wahr? +p 119: Förster Elze -> Eltze +p 148: Dörte -> Dörthe +p 150: added closing quotes: Der hängt noch.« +p 240: removed comma: Else zuckte schmerzhaft zusammen,. ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Last, by Georg Engel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LAST *** + +***** This file should be named 18231-0.txt or 18231-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/8/2/3/18231/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
